Pierre Loti Auf fernen Meeren Tagebuchfragmente und Briefe 1924 Dies ist nur ein intimes Tagebuch, das nicht zur Veröffentlichung bestimmt war, und in dem übrigens viele Seiten fehlen, die teils von meinem Vater vernichtet wurden, teils vor langer Zeit verloren gegangen sind. S. V. Pierre Loti vor 30 Jahren [1894] im Garten seines Hauses in Rochefort In der Marineschule. In dem schwimmenden Kloster, in dem ganz plötzlich unsere Jugend eingesargt ward, war das Leben rauh und strenge. Durch mancherlei erinnerte es an das der Matrosen, das hier für uns nachgeschaffen werden sollte: gleich ihnen lebten wir viel im Wind, im Nebel und in der Feuchtigkeit, die Salzgeschmack auf unsere Lippen legte. Gleich ihnen kletterten wir an den Wanten empor, um die Segel zu reffen, und zerrissen dabei unsere Hände. Wir bedienten die Kanonen von Anno dazumal, mit ihrer Takelung aus geteerten Tauen, noch von der alten Marine her, und die ganze Zeit, oft gepeinigt von des Ostwinds Stößen, durchkreuzten unsere Boote im Zickzack die ungeheure Reede. In den Studierstunden, wenn wir im Innern unseres Klosters an unseren Schreibpulten saßen, vertieften wir uns täglich lange in die verknöcherten Grundsätze der Arithmetik, in die Entwicklung der Logarithmenlehre oder in die der Astronomie, und solches trug sehr dazu bei, eine Art Beschwichtigung in unser Leben zu bringen; für unsere Phantasie, für unsere Sinne war das eben so beruhigend, wie die gesunde Müdigkeit unserer Muskeln. – Rings um uns, unterm wolkigen Himmel, malten die Nebelschwaden der Bretagne ihre ewig wechselnden Zauberbilder, und wandelten so ohne Ende vor unseren Augen die Landschaft, die Granitfelsen der Küsten und die Wogen des Meeres in ihrer rastlosen Beweglichkeit. Wir waren siebzehn bis achtzehn Jahre alt, wir alle, die wir da mit Herbstanfang ein fast mönchisches Leben begannen. Sehr verschieden nach der Art unseres Geschmacks, unserer Erziehung und unserer Träume, hatten wir uns, vom ersten Tage an, instinktmäßig in kleine Gruppen geschieden, die sich bis zum Ablauf unserer beiden Probejahre fast nicht lösten. Wir sagten uns Sie, selbst unter Busenfreunden, und wir standen derart im Bann althergebrachter Höflichkeitsformen, daß ich mich weder an jemals gereizte Stimmung, noch an irgendeinen Streit erinnern kann. Zwei-, dreimal in jeder Woche setzte uns ein Kanonenboot für einige Stunden an der Küste ab, bald in Brest, dieser großen Stadt, wo man, während der feine Regen niederrieselt, der für die Bretagne so charakteristisch ist, ein ewiges Klappern von Holzsandalen hört, bald in irgendeinem Fischerdorf, von wo aus wir uns in alle Wälder zerstreuten, um uns dort zu ergötzen, wie einfache Matrosen, deren Gewand wir an solchen Tagen trugen. Zweimal wöchentlich hatten wir des Morgens auch Infanterieexerzieren, und das fand im großen düsteren Hof der Marinezöglingsschule statt. Um dahin zu gelangen, verließen wir unser Schiff in militärischer Haltung, mit geschultertem Gewehr und aufgepflanztem Bajonett am Degengurt. Sowie wir das Kanonenboot verlassen hatten, am Eingang des mächtigen Granitfelsspaltes, wo das Arsenal von Brest wuchtet, stellte man uns wie Soldaten in Reih und Glied auf dem Kai auf, und dann marschierten wir im Schritt unter dem Vorantritt von Bläsern und Trommlern. Die Zöglingsschule lag fern am Ende ganz alter Stadtteile, wo Gras zwischen den grauen Pflastersteinen sproßt. Erklang unsere Musik durch die Stille jener Gassen, so lockte sie die Frauen in weißen Hauben an die Fenster, und, wenn sich so die bescheidenen Innenräume dem Blick auftaten, bemerkte man immer, erinnere ich mich, chinesische Vasen oder aus Stein geschnittene Äffchen, und das weckte das Gefühl, daß man sich hier in einer Seemannsstadt befand, und daß die Bewohner dieser Häuser einstmals, ehe sie gekommen waren, um unter dem Nebelhimmel der Bretagne auszuruhen, ferne Meere durchkreuzt hatten. – Dieser Hof der Zöglingsschule, der riesengroß und mürrisch zwischen seinen grauen Mauern lag, erhellte sich nur in einem Moment, während der Pause in unseren Infanterieübungen; denn dann öffnete sich die Pforte für Gruppen von Damen aus Brest, die zum Besuch jener unter uns zugelassen wurden, mit welchen sie verwandt oder befreundet waren. Ach! ich, ich kannte niemand! Niemand kam, mich aufzusuchen, und immer schritt ich einsam auf und nieder. Aber unter den Besucherinnen lenkte ein junges Mädchen immer meine Aufmerksamkeit auf sich, und ich trug hernach, an Bord des großen nüchternen Schiffes, ihr Bild jedesmal lebendiger mit mir. Es war die landläufige Schönheit von Brest, entzückend hübsch, elegant, schnippisch; immer von einem Hofstaat umgeben, kam sie daher wie eine Königin. Dieses unvollendete Kapitel, das viel später geschrieben wurde, sollte den Anfang eines neuen Werkes, einer Fortsetzung der »Prime Jeunesse« bilden.     An Bord des »Jean Bart«. Blidah (Algerien), Januar 1870. Der Tag neigte sich bereits zu Ende, als wir die Herberge von Mr. Paul verließen, die ganz tief in den Schluchten der Chiffa liegt. Der Himmelsstrich, den wir über unseren Häuptern sahen, war von der sinkenden Sonne in Glut getaucht, und das Tal, noch feucht von geschmolzenen Schneemassen, prangte wie ein herrlicher grüner Smaragd. Mr. Paul geleitete uns bis zur Biegung des Weges, dann übergab er uns unsere Reitpeitschen, wünschte uns eine gute Reise und riet uns, unsere Tiere zur Eile anzutreiben, damit wir noch vor Nacht die Schluchten hinter uns hätten. So galoppierten wir denn in schwindelndem Lauf, Seite an Seite, den Abgrund entlang. Breite Palmwedel, buschige Zweige grüner Eichen, der Dunkelheit schon verschmolzen, glitten wie Schatten hoch über uns hinweg. Zuweilen schnellte die traurige Gestalt eines arabischen Hirten im weißen Burnus gespensterhaft aus dem Gesträuch hervor ... Und dann, ganz plötzlich, wurden die Schluchten breit und die Ebene von Medjerdah breitete sich vor uns aus in ihrer Unendlichkeit ... Unsere Pferde, die der weite Raum wild erregte, beschleunigten noch ihren Lauf und gingen in jenen zügellosen Galopp über, den indianische Mären schildern. Die Nacht war gekommen; vom mattroten Horizont, wo Wolken sich zusammenballten, lösten sich die scharfen Umrisse einiger ferner Berge, und unter uns schlängelte sich undeutlich verschwimmend die Chiffa durch die dunklen Massen der Johannisbrotbäume. Ein für Algerien charakteristischer Duft lag in den Lüften. Irrregeführt auf diesem nicht deutlich sichtbaren Weg, erstarrt von Kälte, Wind und rasender Schnelligkeit, überließen wir den Pferden die Führung. Nach einer kurzen Rast in einer Kolonistenfarm erreichten wir Blidah, einer nach dem andern.   An Bord des »Jean Bart«. Syracus (Sizilien), Januar 1870. Klassische Erde, hundertjährige Olivenbäume, und immer glänzt schneegekrönt der Ätna zwischen den Wolken ... Das läßt an die alten Gemälde der Italienischen Schule denken: Uralte Ruinen in ländlicher Gegend, Hirten und Ziegenherden ... Man fühlt hier allen schwermütigen Zauber des Winters. Aber dieser Winter ist so sanft, daß man ohne Staunen ringsum auf Palmen schaut, auf Blumen und Kakteen. Syracus ist wie das Mittelalter: melancholisch und geheimnisvoll ... Heute abend sahen wir im Golf einen »Italienischen Sonnenuntergang« und dort oben glühte der Ätna in loher Glut. Längs der Küste erklang Gesang und Harfenspiel der Pifferari aus ihren Gondeln, die voller Heiligenbilder sind. Ich kehrte an Bord zurück; frühmorgens war ich schon mit einer Schaluppe ans Land gefahren, um Süßwasservorrat aus dem Jupitertempel zu holen. Ich brachte große wilde Anemonen mit, blaßlila Blüten, die ich am Fuß der Tempelsäulen gepflückt hatte.   An Bord des »Jean Bart«. Smyrna, Februar 1870. 9 Uhr abends. Zum erstenmal in meinem Leben bin ich heute abend in Smyrna gewesen. Es war im militärischen Frondienst, und ich blieb nur eine halbe Stunde lang. In Strömen troff der Regen nieder und ringsum war schwarze Nacht. Wilde Hunde, die sich verlaufen hatten, heulten in den engen, finsteren Straßenlabyrinthen. Menschen, die wie Märchengestalten gekleidet waren, und die Stöcke und Waffen trugen, huschten beim Schein ihrer Laternen aneinander vorüber; lange Reihen riesenhafter Tiere wandelten durch die Finsternis und ließen viele tausend Glöckchen klingen ... Ich sah, es waren die Kamele der großen asiatischen Karawanen ... All das war mir wie ein Traum. 4 Uhr morgens. – Immer noch der Eindruck der tiefdunklen Nacht. Kleine Gassen in der Art jener, die in »Tausend und Eine Nacht« abgebildet sind. Die jungen Aspiranten des »Jean Bart« defilieren, mit Kappe und Achselband, Laternen in den Händen. Sie singen im Chor ein Lied von anständigen Mädchen, die Bildung haben usw. Die Hunde heulen jämmerlich dazu, und die Türken, die dieser Sang aus dem Schlaf auffahren ließ, erscheinen an ihren Fenstern, die Nachtmütze auf dem Kopf. –   An Bord des »Jean Bart«. In See, 17. Juni 1870. Die Zeit, da die Sonne unter dem 85sten östlichen Längengrad und dem 2ten südlichen Breitengrad unterging, verbrachte ich damit, die berauschenden Herrlichkeiten dieses äquatorialen Himmels zu betrachten. Meine Schildkröte Suleima erging sich vor mir im vollen goldenen Licht und mein Affe Zoio, der sich auf einer von der Decke niederhängenden Ananas wiegte, schnitt einem alten Seidenaffen Grimassen, der auf einen Wasserkrug gestiegen war. Einer meiner Kameraden ließ die Bemerkung fallen, daß die arme Suleima, einst so gehütet, nun ganz vergessen sei, daß selbst ihre Erziehung völlig vernachlässigt werde, seitdem Zoio, diese wichtige Persönlichkeit, sich hier eingedrängt hätte. Indessen, setzte er in prophetischem Ton hinzu, »auch Suleimas Zeit wird wiederkehren, denn unsere ersten Fröste werden den armen Zoio zu seinen Vätern einberufen, während die Schildkröte sich in Ihrem Garten in Frankreich bald heimisch fühlen und noch in hundert bis hundertzwanzig Jahren dort lebendig und gesund sein wird. Dann werden Ihre Urgroßneffen es ihren Kindern erzählen, daß ein Urgroßonkel, der Seemann war, dies Tier aus Algerien brachte«. Hier wurde mein Kamerad von dem Geschrei seines Papageis unterbrochen. Der Vogel mußte sich gegen einen heftigen Angriff des alten Seidenaffen wehren, der von seinem Wasserkrug herabgestiegen war. Ich aber nahm den Faden jener Gedanken auf und spann ihn allein weiter. Die kleinen unbekannten Wesen, die da eben heraufbeschworen worden waren, die noch ungeboren sind, und die weiß Gott in welchen Winkel Frankreichs leben werden, sie werden in phantastischen bunten Farben das Bild jenes Seemanns, ihres Urgroßonkels leuchten sehen. Sie werden sich ihn bestimmt so vorstellen, wie ich in meiner Kindheit an diesen oder jenen Märchenonkel dachte. Sie werden mich in der Tracht vergangener Tage erblicken, wie ich Suleima fange im fernen Land, und das alles wird ihnen vom unbestimmten Licht der Träume umflossen sein ... Dies zwang mich, traurig der Zukunft zu gedenken und bestimmte mich, für jene Urgroßneffen die ausführliche Geschichte aller jener Begebnisse aufzuschreiben, die den Fang meiner Schildkröte eingeleitet haben. Diese Geschichte, die P. L. viel später erst schrieb, wurde in »Fleurs d'amour« veröffentlicht.   An Bord des »Jean Bart«. Dänemark, September 1870. 8 Uhr abends. – Wir ankern vor einer dänischen Insel, deren Namen ich nicht weiß. Still ist die Luft. Und dunkelviolette Wolken verhüllen einen Teil des blaßgelben Himmels. Die Insel scheint von hohen und dichten Wäldern bedeckt zu sein, die dem Gehölz in Schweden gleichen: Eichen, Fichten und hundertjährige Birken. Die Gestalten der nordischen Mythen treten lebhaft vor meinen Sinn ... Wir waren gestern in Kopenhagen, wo Bazaines Erfolge gefeiert wurden. Die Gärten des Tivoli im Lichterglanz und Blumenschmuck gemahnten mich an unsere »Champs Elysees« in festlichen Nächten ... Wir baten um die Marseillaise. Da erschien eine schöne stattliche Frau, in ihrer Hand flatterte die französische Fahne. Sie kehrte sich uns zu und sang die Marseillaise mit großer Künstlerschaft. Wir hörten stehend, hingerissen zu ... Dann sandten wir der schönen Sängerin Blumen, und das Publikum klatschte Beifall; man hatte unsere Rührung gesehen, und man war zufrieden.   An Bord des »Vaudreuil« In See (Mündung des Amazonenstroms), August 1871. Als ich heute nacht zur Wache antrat, ging mir plötzlich der Bruchteil einer Melodie durch den Sinn, und es machte mir viel Mühe, zu enträtseln, in welchem Winkel der Welt und in welcher Epoche meines Lebens sie mir erklungen sein mag. Es war keiner von den Klängen, die geeignet sind, tausend Erinnerungen in uns wachzurufen. Nur unklar dämmerte mir das Denken an den Chorgesang menschlicher Stimmen in der Ferne. Wie das Vorüberziehen eines Zuges mit Liedern und Musik. Und bis drei Uhr morgens zerbrach ich mir ergebnislos den Kopf, ich wühlte in meinen Erinnerungen (was übrigens eine Nachtwache lang keine unangenehme Beschäftigung ist), ich beschwor alle möglichen Menschen herauf, Festlichkeiten in den verschiedensten Städten an allen Enden der Erde. War es ein Choral, der den Mauern einer Moschee entwich, als ich eines Abends vorüberging? Ward es von Männern im weißen Burnus in den krummen Straßen arabischer Städte gesungen? War es ein wehes Lied nubischer Weiber unter der heißen Sonne am Äquator, kam es mir von den nordischen Völkern aus Dänemark? Oder aus Kanada? Vielleicht war es ein Festgesang von Rothäuten, Polynesien! oder Chinesen? Eine phantastische nächtliche Negersarabande? Oder war es einfach nur ein Chor aus irgendeiner Oper? Und dennoch war unklar in mir das ferne Spiel von Gitarren und Mandolinen, und dazu ein wenig laue Luft von Andalusien oder Portugal ...   An Bord des »Vaudreuil«. Magellan, September 1871. Die Meerenge von Magellan ist ein wichtiger Weg für Dampfschiffe geworden; aber ihre beiden düsteren Ufer tragen nirgends noch Spuren von Zivilisation, und Matrosen, die vorübergehend hier landen, genießen keinerlei Annehmlichkeit in diesem ungastlichen Lande. Fährt man vom Atlantischen Ozean aus in die engen Kanäle ein, die Patagonien vom Feuerland trennen, so wirkt der trostlose Anblick dieser Gegend vorerst überraschend. Der erste Teil der Reise vollzieht sich zwischen zwei ungeheueren Ebenen, die ganz nackt und bloß daliegen, besonders zu dieser Jahreszeit, die der Winter des Südens ist. Überall übereistes Moorland, dessen Eintönigkeit da und dort von weiten Schneeflächen unterbrochen wird. Und es sind ergiebige Jagdgebiete, die strichweise von den Patagoniern ausgebeutet werden. Nach und nach, je weiter man nach Süden zu gelangt, wandelt sich das Antlitz der Landschaft zu andersartiger Traurigkeit. Die Küsten steigen an und sind dicht und dunkel bewachsen. Harzige Baumgruppen mit festen, fast schwarzen Blättern werden immer zahlreicher und bilden schließlich ein undurchdringliches Dickicht. Bald ist ringsum nur finsterer Wald, über welchem sich schneebedeckte Gletschergipfel vom finsteren Himmel abheben. Dann weitet sich der Horizont, und eine Gegend von packender Großartigkeit tut sich auf: ruhig verfolgt das Schiff seine Bahn zwischen einem wahren Labyrinth von Bergen, tiefen Buchten und grünen Inseln. Wolken, die dunkler sind als die des französischen Himmels, schatten auf diese Landstriche nieder, denen, Nebelschwaden ein ewig wechselndes Bild verleihen. Eine unförmige Ruine, die einzige Spur menschlichen Wirkens an Patagoniens Küste, dient den vorbeifahrenden Schiffen als Erkennungszeichen, und das ist alles, was heutigentages übrig blieb von Port-Famine, das eine Art europäischer Niederlassung hätte werden sollen, das aber lange schon verödet liegt und übrigens niemals sonderlich anziehend war. Ein wenig weiter südlich liegt Kap Froward, die äußerste Spitze des amerikanischen Kontinents. An seinem Fuß, in der großen Bucht von St. Nicolaus, warfen wir die Anker aus und konnten, zum erstenmal nach langer Zeit, wieder Festland betreten. Ringsum völlig unberührter, noch unbegangener Boden von ganz unglaublichem Waldgewirr bedeckt, dessen schönes Laub halb von Schnee begraben war. Doch verriet eine dünne Rauchwolke mitten in dieser Einsamkeit die Gegenwart menschlicher Wesen, und wir verfolgten ihre Spur. Seltsame Wilde sind es, die die großen Südseeinseln bewohnen, und deren Art gründlich verschieden ist von der der indischen Völker. Es sind Ichthyophagen, die in jeder Hinsicht auf der untersten Stufe menschlicher Entwicklungsfähigkeit stehen und die von den Patagoniern bei gelegentlichem Zusammentreffen wie schädliche Tiere geächtet werden. Wir trafen sie um ihre Holzhütten versammelt, am Ufer eines klaren Flusses, in entzückender Gegend. Leere Muschelschalen und Überreste toter Fische zeugten dafür, daß die Gesellschaft sich hier wohlbefunden und lange Rast gehalten hatte. Die Leute hatten große Angst vor uns. Erst wollten sie flüchten, dann baten sie uns um Nahrung. Und als wir Zwieback unter sie verteilten, löste dies tolle Freude bei ihnen aus. Die kleinen, armseligen Geschöpfe, die vor Kälte fast erstarrt waren und deren Häßlichkeit die kühnste Einbildung Lügen straft, wurden sofort zutraulich, ja selbst lustig. Dennoch vertrauten wir ihnen nicht über eine gewisse Grenze hinaus, und wir verließen sie bald. Zum Andenken nahmen wir Messer aus Menschenknochen mit, die dazu dienen, Muschelschalen zu öffnen, und die das einzige Erzeugnis ihrer Industrie waren.   An Bord des »Vaudreuil«. Feuerland, September 1871. Die ausgedehnte bergige Insel Feuerland ist in ihrem ganzen östlichen Teil von Urwäldern bedeckt, die sozusagen undurchdringlich sind. Ihr Himmel ist nebelumhangen, ihr Klima dem der kältesten Landstriche in Europa vergleichbar. Es ist ein mühselig Vorwärtsdringen, ein Anklammern an Zweige mitten in diesen zeitlosen Wäldern, wo abgestorbene Bäume den Weg versperren. Der Boden ist bedeckt mit Überresten von vielerlei Vegetation, die Jahrhunderte in regelmäßiger Folge hier aufgehäuft haben, und in welchen man gänzlich zu versinken droht. Moosflechten sind im immerwährenden Waldesschatten zu üppiger Entwicklung gediehen, und ihre wirren filzigen Massen bedecken alles ringsumher. Dies reglose Stück Natur bietet dem Blick an trüben Wintertagen ein sonderbar gespenstiges Bild. Die Einsamkeit und die tiefe Stille weit und breit legen sich beklemmend aufs Herz. Auf unseren weiten, beschwerlichen Streifzügen durch dieses Land stießen wir eines Tages auf etwas, was wir hier weder vermuteten, noch suchten: auf eine Schar Indianer, deren Urzustand alles, was wir bisher ähnliches gesehen, weit hinter sich zurückließ; es war eine Art idealen Wildentums. Schauplatz war der Wald an einem Wintermorgen, nahe einer tiefen Bucht, in welche zweifellos vor uns noch kein Europäer eingedrungen war. Die Gegenwart dieser Lebewesen verriet sich uns durch ein Geräusch von Lauten in unbekannter Klangfarbe. Und als wir mitten im dichten Gezweig langsam vorwärtsschlichen, standen wir bald vor einem Schauspiel, das uns so neu als scheußlich war. Die Wilden saßen oder hockten mit der Gefräßigkeit reißender Tiere vor ihrer Morgenmahlzeit. Furchtbare Hunde, die mit ihnen fraßen, hatten bei unserem Nahen nicht angeschlagen, und so konnten wir sie einen Augenblick lang unbemerkt beobachten. – Der Hauptteil ihres Frühstücks bestand aus Muscheltieren. Doch sahen wir auch, wie zwei Pinguine in Teile gerissen wurden, die diese vom Hunger getriebenen Menschen nicht zuzubereiten für nötig hielten. Junge Weiber von abstoßendem Äußern bissen selbst in ihre noch befiederten Flügel. Unser Erscheinen erschreckte die Familie maßlos. Das gab sich vorerst durch wilde Gesten und lautes Schreien kund; dann aber waren sie alle in einem Augenblick ins Dickicht geglitten und darin verschwunden, und man hörte nur mehr ein ruckweises Geräusch, das, von ihren Kehlen hervorgebracht, den Lauten glich, die gereizte Affen von sich geben. Doch sie waren bald so zahm wie jene andern in der St. Nicolaus-Bai, als wir ihnen Zwieback und Brot reichten. Da wurden wir sofort umringt, neugierig betrachtet und betastet. Man fand uns wunderbar, unsere Kleidung lächerlich. Und sie teilten sich ihre Beobachtungen mit einem undefinierbar komischen Ausdruck in Miene und Gebärde mit. Ihre häßlichen, eckigen, mageren Köpfe zeigten alle dasselbe Gesicht, wie es bei ganz tiefstehenden unvermischten Rassen der Fall ist. Ihr Haar, rötlichbraun wie bei den meisten indischen Volksstämmen, hing lang über dem Hals und stand kurz und struppig über der Stirn. Langhaarige Fellmäntel hingen als einzige Bekleidung von ihren Schultern herab; weder die heftige Kälte, noch irgendeine leise Spur von Schamgefühl konnten sie jemals zwingen, ihre häßlichen, mit Fischtran überstrichenen Leiber zu bedecken. Die Boote, in denen sie gekommen waren, waren aus mehreren Balken roh gezimmert und zusammengesetzt. Wir fanden Netze darin, die aus Binsen geflochten waren, knöcherne Messer, solchen aus der Steinzeit ähnlich, Pfeile und Pinguineier. Ein Fellbündel, das wohl absichtlich dort versteckt worden war, erregte unsere Aufmerksamkeit, doch als wir es berühren wollten, fielen uns schreiend und drohend die Frauen in den Arm. Es waren zwei ganz kleine Kinder, die, in Fuchshäute eingehüllt, schliefen. Da sahen wir, daß in diesen Weibern auch, wie sonst in Mensch und Tier, die Mutterliebe schlief, und das hob sie in unseren Augen höher empor. Die Südseite des Feuerlandes, die unausgesetzt von furchtbaren Schneestürmen gepeitscht wird, ist überall entblößt. Und die südlichsten in der Gruppe dieser Inseln, jene unter anderen, die das Kap Horn einschließt, strecken kahle Felsen in die Luft, die Pinguinen und Robben zum Tummelplatz dienen. Das sind gefährliche Küsten, an die ohne Ende das wütende Meer anschlägt, und die von Seeleuten sehr gefürchtet werden. Mitten in diesen trostlosen Landstrichen liegt das Elend-Eiland, das durch den besonders herzbeklemmenden Anblick, den es gewährt, in jeder Hinsicht seinen Namen rechtfertigt. Es trägt nur spärliche Vegetation in weiter öder Einsamkeit, und überall lagert Moosflechte. Von Zeit zu Zeit erblickt der Wanderer Gruppen zwerghaft verkrüppelter, ja selbst toter Bäume, deren Gerüste, vom Winde gebleicht und gebogen, seltsame Formen angenommen haben. Finstere, feuchte Kälte allenthalben, kein Lebewesen rings zu erspähen, und immerfort die gleiche fürchterliche Stille.   An Bord des »Vaudreuil«. Kap Horn, Oktober 1871. Ein junger Seehund tummelte sich fröhlich längs des Schiffes, ohne daß ein besonderer Grund für solche Fröhlichkeit vorhanden gewesen wäre. Wir lagen zwischen hohen, nackten grauen Steilküsten verankert; auf unsere Häupter pfiff vom Kap Horn her ein furchtbarer Sturm hernieder, der oben große schwarze Wolken aus dem schon verfinsterten Himmel jagte. Hinter den kahlen Felsen, die uns Schutz boten, hörten wir das Getöse der Wogen, das schlecht Wetter ankündigt. Die See wühlte auch diese trübselige Bucht auf, in welcher das kalte dunkle Grün des Meeres von Streifen weißlichen Schaumes durchzogen war. Alles rund um uns sah gespenstisch aus und machte den Eindruck des Verbanntseins, selbst die Pinguinfamilien, die weißbäuchig in schnurgeraden Reihen alle nahen Inselchen besetzt hielten. Aber der junge Seehund machte tolle Sprünge im eisigen Wasser und seine Heiterkeit hatte etwas Rührendes inmitten von solcher Umgebung. Sein Leib war feist gerundet und glänzte wie geschliffener Achat. Vor jedem neuen Untertauchen ragte sein pfiffiges Köpfchen aus dem Wasser, das ein schöner Schnurrbart schmückte, wie große Katzen ihn haben. Er prustete dann und schüttelte sich, wie es Kinder beim Baden tun, um Wassertropfen von ihrer Nase zu beuteln. Die Matrosen warfen ihm Fischreste zu, und er erhaschte sie im Fluge, mit der Geschicklichkeit eines jungen Clowns. Dann aber, gleichsam zum Danke, gab er eine Vorstellung, indem er auf den Wellen artige Sprünge und Kunststücke vollführte. Es sah wirklich aus, als mime er für ein Auditorium, als wolle er seine Wohltäter belustigen. Er hatte sicher niemals ein Schiff gesehen, der arme kleine Kerl: immer näher kam er heran, des Vertrauens voll, und die Mannschaft schmiedete bereits Pläne, ihn zu zähmen, was sicherlich nicht schwer gewesen wäre. Doch da krachte ein Schuß, der junge Seehund sah verwundert auf, und schlug dann seinen letzten Purzelbaum ... Dann sahen wir einige Sekunden lang, wie seine kleinen Flossen das Wasser schlugen, das schnell rot ward von seinem strömenden Blut; und dann war er nur mehr ein armes lebloses Ding, das die See hin und her wiegte. Unter der Schiffsmannschaft erhob sich zorniges Murmeln, das schnell unterdrückt wurde, denn der glückliche Schütze, der eben ein so prächtiges Stück erlegt hatte, war ein Aspirant. Ich wollte jedes Aufsehen vermeiden, und so wartete ich, bis ich mit meinem Kameraden allein war, um ihm zu sagen, wie ich über ihn dachte. Dann hatten wir allerdings eine Auseinandersetzung, die fast mit Faustschlägen geendet hätte.   An Bord des »Vaudreuil«. Oktober 1871. Wichtige, wenn auch sehr wenig bekannte Kanäle gehen von der Meerenge von Magellan aus und münden im Norden, zwischen Patagoniens Westküste und einigen noch unbetretenen Inseln, in den Golf von Penas, etwa 6 Breitengrade unter ihrem Ausgangspunkt. Im Gebiet dieser Küsten verblieben wir einen Monat, mit dem Auftrag, sie zu erforschen. In einer Ausdehnung von hundertfünfzig Meilen durchmaßen wir ungeheuere ausgestorbene Landstriche. Mächtige Waldungen erstrecken sich über beide Ufer, Wälder, in welchen sich wohl nichts geändert hat seit der Erschaffung der Erde. Die ersten Kanäle, in die unser Schiff einfuhr, waren eng und der Fahrt beschwerlich. Es waren gekrümmte Wasserwege, die in schroffe Gebirge gezwängt und stellenweise so in sie eingebaut waren, daß unser Mastwerk im Vorüberfahren die alten Bäume streifte, die ihren Schnee auf unsere Häupter schüttelten. Doch bald weitete sich der Horizont, und nun zogen täglich, von Totenstille umwoben, neue Seen und Berge, Gletscher, hohe Wasserfälle und Flüsse, alle namenlos und unbekannt, an uns vorüber. Je weiter Magellan zurückliegt und je näher die milderen nördlichen Gegenden rücken, um so mehr verliert das Antlitz der Landschaft seine strenge Trübseligkeit; das Laub ist weniger dunkel und weniger einförmig getönt, und den Waldboden bedeckt hohes goldbraunes Heidekraut. In tiefen Tälern, unter dem Dach uralter Bäume, von deren Kronen Wassertropfen stieben, ist das Dunkel fast so wie in finsterer Nacht, und hier unten breitet sich ein Überfluß an Moosen und unbekannten Farnen von nie geahnter Mannigfaltigkeit aus. Oben in den Zweigen singen viele kleine Vögelein. Auch Wasserwild sehen wir in ungeheueren Mengen. Im Vorbeifahren stöbern wir ganze Volksmassen von pompös gefiederten Wildenten und Wildgänsen auf, lauter Tiere, deren Fleisch widerlich schmeckt, die wir aber doch gern hier treffen. Die riesenhaften Muscheln, die den Indianern zur Nahrung dienen, sind auch uns von großem Nutzen: in all ihren Schalen ruhen Perlen, zart blau und rosenrot getönt, die zweifellos bisher von niemandem zu Schmuck und Zier nutzbar gemacht worden sind. Ausbooten und Ausflüge sind hier sehr schwierige Dinge; man dringt in diesem Lande nur vorwärts, indem man sich von Baum zu Baum schwingt, und man bekommt diese düsteren Streifzüge, das tiefe Schweigen ringsum und das völlige Abgeschlossensein bald satt. – Die Matrosen verbringen die Tage im Walde, wo sie Bäume absägen, um aus Mangel an Kohle die Maschine mit Holz zu nähren. Beim Einbruch der Winternacht kommen sie wieder an Bord, durchnäßt und durchfroren, und doch sehr beglückt, wenn sie etliche Pinguine und Muscheltiere für ihr Abendbrot erbeutet haben. Von Zeit zu Zeit begegnen wir Ichthyophagen, und das ist gewöhnlich ein ungutes Zusammentreffen, das keinerlei Vorteile bietet. Die Matrosen haben eine abergläubische Angst, in die sich Ekel mengt, vor diesen Menschen, und lachen über sie, aber mit Vorbehalt, wie man Tieren mißtraut, die bei all ihrer Komik schädlich sind. Es wäre in der Tat unerquicklich, waffenlos in ihre gelben Hände zu geraten. Denn sind auch ihre Sitten noch wenig bekannt, so glaube ich doch mit Bestimmtheit sagen zu können, daß man unter großem Geschrei sofort zerrissen und verspeist würde. Ihre rauchenden Reisigfeuer verraten sie glücklicherweise auf weite Entfernungen, so daß ihrerseits keine Überraschungen zu befürchten sind. Ihre Siedlungen, in welchen sich Reste von Muscheln, Knochen und mancherlei Unrat anhäufen, verbreiten einen Fäulnisgeruch, und alles, was sie umgibt, ist abstoßend schmutzig; es ist bei ihnen übrigens nicht die leiseste Spur einer Industrie zu entdecken, noch stehen ihre Stämme unter geregelter Organisation. Sie leben meistens in Familien zusammen, den Orang-Utans gleich, decken ihren Nahrungsbedarf durch Jagd und Fischerei, und verbringen den größten Teil ihres Lebens auf dem Wasser. Ihre Piroguen Kähne enthalten gewöhnlich vier oder fünf von ihnen, eine gleich große Anzahl Hunde und ein Feuer, das unvorsichtig, mit nur wenig Asche, auf dem Grund der Barke brennt. In der Höhe der Insel Reine-Adelaide wurden wir eines Tages durch eine Pirogue mit solcher Besatzung erschreckt, die mit allen Zeichen des Entsetzens auf unser Schiff zusteuerte. Die Menschen sowohl als die Hunde heulten grauenhaft und wiesen uns weit offene Münder aus Gesichtern, die schon dem Jenseits zugekehrt waren. Jegliche Gefahr verachtend, warfen sie sich gegen unser Schiff, ohne zu bedenken, daß sie im nächsten Augenblick in Stücke gerissen sein könnten. Wir hatten gedacht, sie wären besessen, doch waren sie nur halb verhungert, und im Nu wurde ihre Pirogue von den Matrosen mit Biskuit und Brot gefüllt, das sie gierig verschlangen. Unser Schiff wurde noch zu mehreren Malen die Zuflucht der Eingeborenen, die sich zuweilen sogar erkühnten, an Bord zu kommen, und um Nahrungsmittel zu betteln. Einmal brach sogar eine regelrechte Panik unter ihnen aus, an einem Tage, da etliche von ihnen auf der Schiffsbrücke voller Gefräßigkeit vertilgten, was von der Suppe unserer Mannschaft übriggeblieben war, und sie nicht ahnten, daß zur selben Zeit der Taucher den Kiel der Fregatte überprüfte. Als sie nun den großen runden Kopf dieses unbekannten Ungeheuers aus dem Wasser ragen sahen, war ihr Entsetzen unbeschreiblich; in einem Augenblick stürzten sich alle über Bord, ließen ihre Piroguen und ihre Hunde im Stich und wir sahen, wie sie schwimmend, in heftigen Stößen, dem Ufer wieder zustrebten. Eine solche Bevölkerung fügt sich trefflich in den Rahmen der seltsam wilden Gegenden, die sie bewohnt, und man wähnt sich in ihrer Mitte weit zurückversetzt in Epochen prähistorischer Zeit. Unter ihrem dunklen Himmel, in ihren uralten Wäldern, würden andere Menschen das Bild der Landschaft weniger gut ergänzen, und die Wirkung wäre dann viel weniger packend und gewaltig.   An Bord des »Vaudreuil«. Oktober 1871. Die ersten schönen Tage im Oktober, der der April des südlichen Frühlings ist, brachten nun all dieser Natur einen freundlichen Schimmer. Gegenden von seltener Schönheit spiegeln sich in der stillen Flut. Und die Vögel der Südsee, die großen Möwen und die grauen Sturmvögel, folgen in Scharen dem ruhigen Lauf unseres Schiffes und umgaukeln es in tollem Flug. Noch einmal ankern wir vor Havre-Eden, einer entzückenden Bucht nahe dem Golf von Penas, – dann ist unsere Mission beendet und wir nehmen durch die offene See unsern Weg nach Peru. –   Fregatte »La Flore«. Valparaiso, 23. Juli 1872. Nach rascher Überfahrt kamen wir an diesem Morgen aus unserem lieben Tahiti hier an, und ich war überrascht, hier eine Fülle von Eindrücken wiederzufinden. Dennoch, es ist immer ziemlich das gleiche, man empfindet allerorten gewisse, nicht wiederzugebende Eindrücke, die mit Begleitumständen zusammenfallen und hauptsächlich vom Klima, dem Aussehen des Landes und dem Duft, der jeder Landschaft anhaftet, abhängig sind. Beim Scheiden trägt man einige mit sich; aber immer läßt man welche zurück, die man bei späterer Rückkehr wiederfindet. Diese große, von Möwen durchkreuzte Bucht, diese toten Berge, die schneebedeckten Gipfel der Anden, die so unwahrscheinlich hoch in den Himmel ragen und die im Morgenschein korallenrot im blaßgrünen Himmel stehen – ich grüßte diese ganze Welt, als ob es alte Freunde wären. Und fast vergessene Gefühle wurden, in mir wach, die nur schwer erklärbar sind und sich auf unsere Ankunft in der Südsee beziehen ... Hier war es, vor wenigen Monaten, daß ich den »Vaudreuil« verlassen konnte, wo ich mich niemals wohl befunden hatte, um mich auf der schönen Fregatte »La Flore« einzuschiffen und endlich nach Tahiti zu reisen, wodurch das Träumen all meiner Kinderjahre in Erfüllung gegangen ist. Der Tag ist strahlend, der Himmel rein und wolkenlos. Es ist einer jener hellen Wintertage, in deren lauer Luft schon eine Frühlingsahnung liegt, und nach kaltem Wind und Seestürmen tut es wohl, sich an der Sonne zu wärmen. Heute nachmittag drei Briefe aus der Heimat ...   Brief Pierre Lotis an seinen Freund, den Marineoffizier Jean B... Rochefort, 26. März 1873. Liebes Brüderchen! Ich weiß nicht, was aus Dir geworden ist, seitdem wir uns getrennt haben, ich weiß nicht, wo Dich suchen, noch, wohin Dir schreiben. Nachdem wir letzte Woche im Bahnhof von Juan Abschied voneinander genommen hatten, ging ich traurig zum Golf zurück; es regnete und stürmte, das Wetter war grauenhaft, so recht zum Verzweifeln. Baumstämme waren gebrochen, die Wege dicht bedeckt mit Zweigen und Blüten der Orangenbäume. Ich sah die Leuchtfeuer des Geschwaders, das zur Abfahrt bereit war. Den ganzen Tag bin ich im Freien herumgeirrt, ratlos, durchnäßt bis auf die Haut. Ich frühstückte Eier und schwarzes Brot bei dem alten Fischer in der seltsamen Hütte am Strande, die Du kennst. Da kein Schiffer es wagte, mich bei Einbruch der Nacht in seinem Kahn an Bord zu bringen, nahm ich mein Abendbrot oben in einem Gasthof in Vallauris und suchte mir dann ein Nachtlager in Cannes, wobei mir ununterbrochen der Regen auf den Rücken fiel. Ich erfuhr im Hotel, daß Schwester Christine, in Angst, daß ich ertrunken sein könnte, die Villa verlassen hatte, um Erkundigungen einzuholen. Erst am nächsten Morgen war es mir möglich, an Bord zurückzugelangen. Ich kam gerade zur rechten Zeit, um von 12 bis 4 Uhr die Wache zu übernehmen, die Segel zu Bannern zu raffen, und das Dampfboot auszubooten. Als aber um vier Uhr die Bewilligung für mich unterzeichnet war, schied ich abermals, bei plötzlich wundervoll gewordenem Wetter, und verließ ohne jedes Bedauern die Fregatte. La Flore. Ich ging zum letztenmal nach Vallauris, um dort den Ort wiederzufinden, den wir »die Ecke der Osterinsel« genannt hatten, und jenen andern, an dem unsere Weisen aus Tahiti erklungen sind. Es war ein herrlicher Abend: wie Balsam umfing mich der Duft der Orangenblüten, und ich pflückte riesengroße Sträuße, um sie nach Paris mitzunehmen. Und so verbrachte ich noch einen ruhigen und glücklichem Moment, in dem ich unseren stolzen Plänen nachsann hier in den Wegen von Vallauris, die wir so oft gemeinsam durchschritten hatten. Unsere sechs Ferienmonate, liebes Brüderchen! So lang haben wir danach geseufzt! Nachdem wir zusammen begonnen haben, die Welt zu durchkreuzen, welch Glück, dich jetzt in Rochefort empfangen zu können! Ich habe mich noch in der Nacht nach Cannes und Toulon eingeschifft. Würdest Du glauben, Brüderchen, daß ich mit wirklicher Wehmut aus unserem armseligen Zimmer in Toulon ging, nachdem ich vorher noch eine Skizze der Hauskatze entworfen hatte? Dieses begab sich am Freitag. Samstag Abend kam ich in Paris an, und seit heute morgen bin ich im Schoß der Familie. –   Vom selben an denselben. Rochefort, 25. April 1873. Mein lieber Bruder! Ich bin eben dabei, in unserem kleinen Museum all unsere Korallen und die Andenken aus Tahiti kunstgerecht zu legen und aufzustellen, damit Du bei Deiner Ankunft alles in Ordnung findest. Solltest Du aber nicht kommen, so denke ich, werde ich nie den Mut finden, dies fortzusetzen und alles liegen lassen. Meine Schwester ist gestern fort von hier. Das sommerähnliche Wetter, das wir seit einigen Tagen hatten, ist gleichfalls fort: seit heute morgen haben wir wieder Winter, rings ist es nebelgrau und fast kalt. Du weißt wohl, daß solches nicht dazu beiträgt, mich froh zu stimmen und mir die Zukunft in lockenden Farben zu malen. Und dann, fürchte ich, da ich doch nun Fähnrich bin, Tahiti für immer Lebewohl gesagt zu haben.   Vom selben an denselben. Cherbourg, 27. Juni 1873. Lieber Bruder! Ich schreibe in Deinem Zimmer im »Hotel du Nord«, das ich in einer Stunde traurig verlassen werde, denn noch ist es ganz erfüllt von der Erinnerung an Dich. Die lässige Unordnung, die mit Deiner Gegenwart verknüpft war, ist zwar nicht mehr zu sehen, aber ich habe immer die Reede vor mir, mit Deinem Garten im Vordergrund und der Nymphe in seiner Mitte. Ich hänge an all diesen Dingen um Deinetwillen. Seit Deiner Abreise hatte ich viel zu tun, was letzten Endes ein Glück war, denn so blieb mir nicht viel Zeit, um nachzudenken. Letzten Samstag hatte ich in Paris direkte Nachrichten aus Tahiti durch V..., den Sohn des Missionars, den ich zufällig getroffen habe. Alle Europäer, die wir dort gekannt haben, sind längst wieder fort. – Die kleine Pomare ist gestorben, und das hat das ganze Land in tiefe Trauer versetzt. Die Eingeborenen schnitten ihre Haare ab, die Trauerfeierlichkeiten währten vier Tage, und die ganze indische Bevölkerung der Nachbarinseln war gekommen, ihnen beizuwohnen. Die alte Königin Pomare ließ sich hart am Grabe ihrer Enkelin eine Hütte bauen und schließt sich tagelang dort ein. Gestern besuchte ich die arme Emma, die ich allein antraf. Sie sang mir den Blätterwalzer vor und halblaut auch jenes Lied von den »Schwarzen Augen«, von dem sie sagt, sie habe es nicht mehr singen wollen, seitdem Du von Cherbourg abgereist bist. Und da uns dadurch diese Epoche unseres Lebens deutlich in den Sinn kam, hat nur wenig dazu gefehlt, daß sie ihr Lied mit Tränen beendet hätte ... Ich weiß nicht recht, was ich von ihr denken soll, doch glaube ich, daß es meine Pflicht ist, mit ihr in freundschaftlicher Verbindung zu bleiben.   Vom selben an denselben. Rochefort, 5. Juli 1873. Geliebter Bruder! Dank Herrn von Ségur, der mir sehr lieb geworden ist, folge ich Dir bald in den Senegal. Ich habe offizielle Ordre, mich auf dem »Petrel« einzuschiffen, und die Höhe meiner Bezüge wird demnächst durch eine zweite Depesche vom Ministerium festgesetzt werden. –   Brief Pierre Lotis an seine Schwester Marie. Dakar, Sonntag, am 3. Oktober 1873. Gutes Schwesterchen! Es ist ein Uhr nach Tisch, und Dakar ist ganz versunken in die Süße der Mittagsruhe. Ich allein bin wach und schreibe Dir in Erwartung des Paketbootes, das jeden Augenblick eintreffen kann. Übrigens sitze ich auf meinem Balkon, in einem bequemen Fauteuil, und da kein Gegenüber meinen Blick einengt, überschaue ich die ganze Reede, die spiegelglatt vor mir liegt. Stelle Dir diese Szenerie vor, die mir schon vertraut geworden ist: Im Vordergrund, unbeweglich, der »Petrel«, von Haifischen umschwommen, und dort, am andern Ende der Bucht, so weit das Auge reicht, ausgedehnte Sandwüsten. Die Luft ganz unbewegt, lautlos kreuzen Geier hoch im Blau, fürchterliche Hitze und vollkommene Stille ... All das hat wohl seinen Reiz, aber all das wirkt auch traurig, und die Aussicht, zwei Jahre vor diesen nämlichen Dingen verbringen zu müssen, ist zuweilen schmerzlich. – Es war schön in Saintonge als Du mir schriebst; vielleicht habt ihr heute wieder einen jener milden Oktobersonntage mit bleichem Sonnenlicht, jenen gleich, die mir in so viel lieben Kindheitserinnerungen unvergeßlich sind. Hier in Dakar welken die Blätter und beginnen zu fallen, aber der Winter ist die schönste Zeit im Senegal, und im November, wenn die große Hitze vorüber ist, machen wir wieder unsere jährlichen Streifzüge durch die südlichen Gewässer. Ich lebe faul und unbrauchbar in den Tag hinein. Ich habe noch nichts gezeichnet, trotzdem ich hier genügend Modelle fände. Der Stadtteil der Weißen in Dakar ist kaum so groß als das Dorf Fontbruant; außerhalb dieser Zone ist alles fremdartig und reizt das Malerauge. In der schwarzen Stadt weiß man nicht wohin. Ich werde mich bis zur schönen Jahreszeit gedulden, und dann bin ich auch genötigt, auf die Farben zu warten, die ich bei euch bestellt habe, weil hier keine zu bekommen sind. Heute morgen kam mir die »Illustration« vor Augen und ich kann gar nicht sagen, wie enttäuscht ich war. Nur ein verstümmelter Teil meines Artikels ist darin, mit zwei meiner schlechtesten Zeichnungen, die obendrein unglaublich schlecht reproduziert sind. Das wirkt entmutigend.   An Bord des »Petrel«. Dakar, Oktober 1873. Heute, am 28. Oktober, haben zwei Marineleutnants von unserer Infanterie und ich bei einem gemeinsamen Kameraden diniert, einem Unterleutnant im Schützenkorps. Die Negerinnen Celina und Suzanne servierten bei Tisch und tanzten in den Zwischenpausen. Es war im wahrsten Sinne des Wortes eine gewählte Gesellschaft, und man findet nicht leicht vier verschiedenere Personen von ähnlicher Sympathie füreinander. Und dennoch gab es wohl kaum jemals ein Gelage, das trauriger, unter trüberen Gesprächen verlief. Unser Gastgeber, der Unterleutnant im Schützenkorps, war ein junger Prinz, der mit zwanzig Jahren am österreichischen Hof ruiniert worden war. Von den beiden anderen Offizieren war einer aus dürftigem Hause, ein einstiger Matrose, der aus eigener Kraft mit zweiunddreißig Jahren Leutnant geworden war, der andere ein aalglatter Pariser. Das Haus unseres Gastfreundes stand einsam im Norden des schwarzen Stadtteils nahe der Moschee. Seine Terrasse ragte in die Ebene hinaus und glänzte über das Meer. Nach dem Diner zeichnete ich in das Album des Prinzen seinen Affen, seine Negerinnen und schließlich auch ihn selbst. Eigentümliche Straßenbelustigungen beschlossen diesen Abend. Die gelungenste davon war, vor der Türe des Gouverneurs ein lautes nächtliches Hundegebell zu improvisieren. Um Mitternacht riefen wir auf dem verödeten Kai laut zum »Petrel« hinüber.   An Bord des »Petrel«. An der Mündung von Mellacoree, Guinea, November 1873. An einem herrlich tropischen Abend gehen wir in Benty ans Land, und man führt uns sofort zu Miß Mary Parker. Miß Mary, die Königin des Ortes, befindet sich in einer strohgedeckten Hütte, in der sich die verschiedensten Dinge angehäuft finden, die alle zum Verkauf aufgestapelt sind – übrigens der einzige Laden in der Gegend. Miß Mary, die etwa zwanzig Jahre zählt, ist aus Sierra Leone gebürtig, und, ich gestehe es, sie ist ein sehr gelungenes Exemplar jener Negerrassen, die dort die Engländer in Kleidung und Gehaben imitieren. Miß Mary ist schwarz und hat welliges Haar. Sie ist ein pikantes Gemisch von exotischer Miß und Affenweibchen: ein komisches Geschöpf, aber sie hat Geist und sogar Charme. Der Flecken Benty am Eingang des Flusses Melitacorée besteht nur aus wenigen Indianerhütten und aus einem einzigen weißen Haus, um das herum viel Blumen blühen. Das Ganze ist in Tropenwälder eingebettet. Und nach Senegambiens öden Sandflächen wäre es hier gut zu leben. Doch wird man gleich beim Landen von unerklärlichem Unbehagen befallen, die Hitze wirkt entkräftigend, und Fieberdünste liegen in der Luft. Die Tage vergehen für uns mit Streifungen und Jagdzügen, erfüllt von Müdigkeit und wechselndem Erleben, und jeden Abend ist Gesellschaft im Warenlager von Miß Mary. Es weht durch diesen Raum eine unbeschreiblich drückende Hitze und ein aromatischer Duft sui generis. Miß Mary empfängt mit englischem Zeremoniell, das an jedem anderen Ort unerträglich wäre, das aber hier erheiternd wirkt, in der weltfernen Hütte der jungen Negerin. Sie benützt übrigens diese Abende, um uns eine Unzahl von Dingen zu verkaufen und kredenzt uns Ströme lauwarmen Wassers, die sie mit einem Absud aus bitteren Kräutern vermischt. In Guineas Wälder dringt man auf kaum gebahnten Wegen ein, wo reichlich Schlangen hausen ... Nirgends ein Sichwohlfühlen, niemals ein frisches Lüftchen auf diesen engen Pfaden. Ob morgens, abends oder nachts, – immer die gleiche feuchte Stickluft, man fühlt, wie ungesund der Duft all dieser Pflanzen ist, und wie mit jedem Atemzug das Fieber in den Körper dringt ... Die größere Hälfte das Bodens besteht aus völlig unzugänglichen Sümpfen, die ungezählte Sumpfblüten an ihrer Oberfläche und im Innern Herde tödlichen Giftes tragen. Dies Land bleibt wohl für alle Zeiten verdammter Grund ohne jede Zivilisation, und Europäer werden wohl nur als Flüchtlinge ihren Fuß hierher setzen, um hier ihr Glück zu versuchen, koste es auch Gesundheit und Leben ... Als unser Abschied von Mellacorée herannaht, verfällt Miß Mary in einen Zustand höchster Aufregung, sie kann nicht schnell genug alles verpacken, was sie uns verkauft hat, und die Menge der Pakete verwirrt sie. Unsere Einkäufe waren Zöpfe und Halsketten aus Beeren, deren herber, durchdringender Duft charakteristisch ist für die Küste von Guinea. Besonders viel kauften wir jedoch von den kleinen ebereschenähnlichen Früchten, die hier im Überfluß gedeihen und die einer der Lieblingsleckerbissen der Senegalneger sind. In ihrer Geschäftigkeit verliert Miß Mary ihr Haarnetz, und ihr kurzes Krepphaar steht in steifen Zöpfchen wie eine Unzahl Fühler von ihrem Kopf weg. Das wirkt ungeheuer komisch. Nichts Damenhaftes ist mehr an ihr zu erblicken, das Affenweibchen hat die Oberhand. Doch ist sie drollig und gutmütig dabei, daß man sie fast noch reizend finden könnte. Vor unserer Abreise bittet sie uns, ihr aus St. Louis, dem Ziel unserer nächsten Reise, einen Hut mit rosenroten Blüten mitzubringen, bei dessen Wahl sie das beste Vertrauen zu unserem guten Geschmack hat.   An Bord des »Petrel«. An der Mündung der Minez (Guinea), November 1873. Hafandi ist ein Dorf, das aus runden Hütten besteht, die von spitzen Dächern gekrönt und von fremdartigen Ornamenten überragt werden, auf welchen für gewöhnlich riesenhafte Geier Rast halten. Einige ungeheuere, blätterlose Bäume strecken über den Siedlungen ihre grauen entblößten Umrisse gen Himmel, unnatürlich in ihrer Struktur und ohne jede Proportion zu allem, was sie umgibt. Rings um das Dorf breitet sich eine Ebene voller hoher dürrer Gräser, und überall am Horizont grüßen tropische Wälder in tiefem Grün, mit zur Erde geneigten Palmen, die wie mächtige Farnkräuter aussehen, buschigen Bäumen, Schlingpflanzen, und da und dort aus dem Gewirr hervorschnellenden, schmalen hohen Palmenbäumen, die wie Säulen emporstreben. Wir sind hierhergekommen, um mit Babou Manguil zu unterhandeln, dem Oberhaupt des Ortes, und man führt uns dorthin, wo eine kleine Festung steht, von einer Mauer mit Schießscharten umgeben. Der Machthaber ist übrigens schon von unserer Ankunft verständigt worden und hat uns einen sozusagen offiziellen Empfang bereitet. Wir sehen die schwarze Menge bereits um seine Tür geschart, und Babou Manguil in eigener Person schreitet uns entgegen. Das Fest, das uns zu Ehren stattfindet, beginnt mit Chorgesängen. Diese begleitet der Lärm des Tam-Tam und der einer Art Strohfiedel, deren Klänge einigen Flaschenkürbissen entquellen, die über den Saiten angebracht sind. Die Tasten dieses Instrumentes ergeben richtige Töne in der Reihenfolge der Negertonleiter und von angenehmer Klangfarbe. Dann naht ein Trupp winziger Kinder von drei bis vier Jahren, alle gleich rotbraun, alle gleich rund und mit glänzender Haut. Sie vollführen beim Klang des Tam-Tam einen komplizierten Charaktertanz, mit einstudierten Bewegungen und mit dem Ernst erwachsener Menschen. – Nach beendigtem Empfang müssen wir uns mit Babou Manguil über unsere Einkäufe unterhalten, die aus den feingeflochtenen Matten dieses Landes bestehen sollen, die wir in gutem Silbergeld bezahlen müssen. Die Besprechung dieses Handels währt lang, doch sie vollzieht sich in voller Höflichkeit. Auch Frauen reden mit, und das Publikum ist ganz Ohr. Nach kaum einer halben Stunde ist der Preis um die Hälfte gefallen und das Geschäft ist abgeschlossen.   An Bord des »Petrel«. Dakar, Dezember 1873. Eines Morgens fuhren wir in einem Kahn, der von acht Schwarzen gerudert wurde, nach Dakar N'Bango. Eine komische Idee, in solcher Gegend Landpartien zu machen! Mit uns fuhren drei Französinnen aus Dakar. In der Höhe von Pop N'Kior verlassen wir die gelben Gewässer des breiten Flusses und durchkreuzen das Labyrinth der Meerarme des Senegal. Dakar N'Bango liegt tief eingebettet in ungesundes Sumpfland. Es steht eine verlassene Hütte dort, und ihren Schlüssel hat man uns anvertraut, damit wir uns für heute dort einrichten. Spärliche Lorbeerbäume rings im Kreis. Aber diese Hütte ist mitten in einem Wald gelegen, dessen Boden, wie nirgends sonst im Senegal, aus Felsgestein besteht. Den ganzen Tag verbringen wir hier. Am Abend durchstreifen wir den Wald. Herbstlich glänzt der Himmel, und die Sonne geht hinter stillen rosigen Wolken zur Ruh. Es ist fast wie ein schöner Oktobertag im französischen Land. Auf schönem alten Grund, den dürre Gräser decken, verstreute Baumgruppen, deren Laub das Rot und Gold der Jahreszeit trägt, und man muß sehr genau hinsehen, um zu bemerken, daß es exotische Bäume sind. In den Teichen wächst hohes Schilfrohr gleich dem in unserem Land ... Es sieht ganz so aus, wie in einem Wald nahe von Rochefort ... Die Damen, die uns begleiten, haben, obwohl kreolischen Blutes, lange blonde Locken, sie tragen kleine Krepphüte und lange schwarze Kleider. Die Nacht sinkt nieder, und je weiter wir vorwärtsschreiten, um so täuschender und seltsamer wird das an Frankreich gemahnende Bild. Ein altes Landhaus taucht auf, und mich wundert nicht, daß es, wie einst La Limoise (Das Landhaus, in dem P. L. die Ferien seiner Kinderjahre verlebt hat), in ländlicher Stille vor uns liegt. Ein altes Mädchen in grauem Kleid mit leicht mulattenhaftem Typus empfängt uns. Sie läßt uns im Garten Platz nehmen, unter Blumen und Pflanzen, die sterben, wie in unserm Herbst daheim. Ich wähne mich in der Geißblattlaube der Limoise, die ich kannte, als ich ein Knabe war ... Ein alter Herr kommt, man nennt ihm meinen Namen, und er scheint ergriffen. Er sagt mir, daß er der Kindheitsfreund meines Vaters gewesen ist, er berichtet mir von ihrer gemeinsam verlebten Jugend, von einer Komödie, die sie beide vereint geschrieben haben ... Dann, als er von den Mädchenjahren meiner Mutter spricht, glänzen Tränen in seinen Augen ... Da muß ich urplötzlich der seltsamen Geschichte meines Gastfreundes gedenken, die mir vor langer Zeit von einer meiner Tanten erzählt worden ist. Eine Geschichte aus der Zeit, die die Brautzeit meiner Eltern war. In dieser Zeit, um 1830, war der alte Herr ein junger Schiffsarzt. Er lebte in Rochefort, ganz nahe von meinem Vater. Sie waren beide unzertrennlich und besuchten häufig ihre Nachbarn, die Eltern meiner Mutter, die damals noch ein junges Mädchen war. Meine Mutter war schön, und der junge Doktor verliebte sich leidenschaftlich in sie. Doch als er sich entschloß, um ihre Hand anzuhalten, erfuhr er, daß diese Hand schon lange meinem Vater versprochen war ... Der Arme hat sich nie getröstet. Eilig hat er Rochefort verlassen und sich hier ansässig gemacht, mitten in dieser Einöde, wo, wohl durch besonderes Zufallsspiel, meine Gegenwart nun all seine Erinnerungen wieder lebendig macht. Nun verstehe ich, warum ich soeben, als ich ankam, den Eindruck hatte, einen altbekannten Ort wiederzusehen. Denn ehe noch die Verzweiflung kam, die seinen Aufenthalt beenden sollte, war der alte Kolonist häufiger Gast in La Limoise gewesen. Der unendliche Reiz dieses alten Hauses von Saintonge mag ihn bestrickt haben und ist ihm wohl unwillkürlich beim Bau seiner Einsiedelei Leitstern gewesen. In seinem Garten, wo die Blumen des Landes blühen, pflegt er treulich den Weinstock und mehrere Pflanzen der französischen Erde. Im letzten Tagesglühen, als es gilt, nach Dakar zurückzufahren, erwartet unser Boot uns knapp vor des Doktors Haus. Und vor dem Einsteigen pflücke ich noch Binsen, und sie gemahnen mich an jene in Roche-Courbon. Während der Rückfahrt, im Mondenschein über dem stillen Wasser, muß ich an die Jugend des alten Arztes denken. Sie liegt noch nicht sehr weit zurück und doch scheint ihre Zeit ganz fremd und unbegreiflich, so sehr unterscheidet sie sich von der unseren. Die Zeit der Romantik war es, in der um einer unglücklichen Liebe willen oft ein ganzes Leben in Stücke brach. Heute fällt es uns schwer, solche Gefühle zu verstehen, ja wir lachen sogar ein wenig darüber, denn wir sind zu skeptisch und zu blasiert ... Knapp vor Pop N'Kior springt ein mächtiger Fisch plötzlich einer unserer Freundinnen ins Gesicht, gibt ihr eine furchtbare Ohrfeige und fällt ins Boot zurück. Dieser tragikomische Zwischenfall entreißt mich meinen Träumen.   An Bord des »Petrel«. Dezember 1873. In diesem Moment entdecke ich, daß wir mitten in der Weihnachtsnacht sind. Bei unserem Seemannshandwerk ist es nicht ganz leicht, Monate und Tage auseinanderzuhalten. Aber diese Weihnacht kann mich nicht tiefer ergreifen. Kein Vergleich zwischen ihr und den schönen frostig-klaren heiligen Nächten der Heimat. Die Luft ist lau, der Himmel bewölkt, aber ein wenig Mondsichel ist trotzdem zu sehen. Der »Petrel« nähert sich mit vollen Segeln dem Kap Verd, und die reisenden Negerinnen auf Deck sind jede mit ihrem Schurz bekleidet. Durchsichtige Finsternis lagert über dem stillen Meer, heiße Feuchtigkeit dringt in die Lungen, gemischt mit dem exotischen Duft, der den Negerinnen eigen ist ... ... Ich erinnere mich, daß ich vor einem Jahr zur gleichen Stunde Mutter und Tante Claire zur Kirche von Rochefort begleitete. Wir wollten dort den Weihnachtsbaum betrachten in Erinnerung an meine Kinderzeit. Und plötzlich hörte ich die stillen Straßen entlang ein singendes Rufen wie in alter Zeit: »Frische Kuchen, noch ganz warm!« So lebte sie also noch, die Kuchenfrau, die mir schon uralt erschienen war zur Zeit frühester Jugendtage. O wie trug da dies unveränderte Lied all mein Denken weit, weit zurück! Es schien, als erwachten mit ihm alle Winterabende im Kinderland, im warmen Zimmer rund um den Kamin ... Morgen werden wir zu Dakar erwachen. Dort harren unser unsere Hütten, breite Landflächen und blattlose Riesenbäume, auf denen Geier nisten ...   Dakar, Januar 1874. Eben bin ich an einem Ort, den wir des Abends öfter aufsuchen. Ich schreibe auf einem bestimmten Tisch des Parkes von Dakar. Einst wurde dieser Garten, der gleich einer Oase im sandigen Land liegt, von Missionaren angelegt. Es ist ein weiter Park voller häßlicher Tiere, in dem man, wenn nicht gerade uns, niemandem begegnet; doch er grenzt ans Meer und hat Alleen schöner Bäume, die im Sommer voller Blüten stehen. Es ist auch der einzige Winkel im Land, der Schatten und Kühle spendet. Die Bäume sprießen hier mit Windeseile, und Geier spazieren in Rudeln einher, als wären es Truthühner. An etlichen Orten wurden Kokospalmen gepflanzt, Lorbeerbäume und der hohe rotblühende Hibiscus, der mich an Tahiti erinnert ... Den Sommer über mußte ich so von Tahiti träumen ... Doch jetzt haben wir Winter, den brennenden Winter der Tropen, und alles ist kahl. Mein kunstloser Tisch, von Larven und weißen Ameisen unterwühlt, steckt tief in einem hohen Gestrüpp von langen Bambusstauden mit leichtem Laub und den zarten bodenständigen Palmen, die lange stachelige Blätter tragen. Weder Moos noch Gras auf dieser ausgetrockneten Erde, auf die die hellen Schatten vom Bambus und Palmen fallen ... Nun ist die Sonne zur Ruhe gegangen, die Nacht sinkt nieder, und meine Gedanken schweifen ins Trübe ... In weiter Ferne ruft das Tam-Tam die Neger zur Bamboula ... Kalter Winterwind erhebt sich und schüttelt von den Bäumen über meinem Haupt tote Blätter auf mich herab. Es ist kalt und bald vollständig Nacht ...   An Bord des »Petrel«. Dakar, Januar 1874. Wo sind sie hin, die ersten Monate meines Aufenthaltes im Senegal, wo alles mir neu erschien und ich noch Vergnügen fand an weiten Spaziergängen unter sengender Sonne auf sandigen Wegen, in die mein Fuß bei jedem Schritt versank! Von solchen Wanderungen kam ich in sternenhellen, durchsichtigen Nächten heim, beim betäubenden Konzert der Grillen und Heupferdchen, die Luft war vom glühenden Hauch des Sommers geschwängert, und Glühwürmchen flogen durch die Bambushecken wie tausend leuchtende Funken. Auf dem Kai erwarteten mich die Neger Samba Fall und Damba Taco und geleiteten mich an Bord. Und auf der Flut bezeichnete eine phosphoreszierende Bahn den Weg, den wir genommen hatten. Bei Tisch wurde dann nichts gegessen, aber Gefrorenes und Eislimonade standen uneingeschränkt zur Verfügung. Jetzt haben wir Winter; kein Laub mehr, kein Regen mehr, kein Gewitter mehr, kein Blatt mehr und kein Wassertropfen, vollständige Dürre sechs Monate lang. Die drückenden Tage der Winterszeit sind mir fast die lieberen. Vielleicht hat das Wetter mich heute ermüdet, doch mich dünkt, das alles sich entfärbt. Das ganze Land wird blaß und langweilt mich –   An Bord des »Petrel«. Dakar, Februar 1874. Mahomed Diop, der König von Dakar, ist soeben gestorben. Lange Zeit schon war er ein Todgeweihter. Doch dieser sechs Fuß hohe Greis hatte sich eine seltsame und sehr natürliche Majestät zu bewahren gewußt, und selbst der Gouverneur hatte große Rücksichten für seine Person. Tatsache ist, daß er wirklich imposant wirkte, dieser König, der einer alten schwarzen Mumie glich. Seine eingeschrumpften Züge hatten noch viel von ihrer früheren Regelmäßigkeit, und sein schon erloschener Blick war noch immer eigensinnig und verschlossen. Wohl war er wie geschaffen zum Haupt dieses öden Landes, in dem die Sonne alles ausdorrt, als wollte sie allem ewige Dauer verleihen. Mahomed Diop trug eine Art phrygischer Mütze und, gleich den Weisen des Altertums, lange und weite Gewänder. Er war, wohlverstanden, immer grau in grau gekleidet. An seinem Halse hingen eine Menge sonderbarer Dinge: Hörner von Giraffen und Gazellen, sonstige Teile verschiedener Tiere und mehrere Ledersäckchen, die auf kleine Pergamentrollen geschriebene Koran-Verse enthielten. All diese Amulette, denen Zeit und Hitze ihren Stempel aufgedrückt hatten, schienen ebenso alt zu sein als der alte Diop. Die königliche Hütte bestand, gleich der sämtlicher Untertanen, nur aus vier Balken, die von einer mächtigen Strohkuppel überwölbt waren; Flaschenkürbisse schmückten dies Ganze mit ihren gelben Blättern. Im Innern hing ein Überfluß von Schilden, wild anmutenden Waffen und Fetischen an den Strohwänden, wo hellblaue Eidechsen mit orangefarbenen Köpfen vertrauensselig spazieren liefen. Zu Beginn meines Weilens im Senegal erbat ich vom König die Erlaubnis, sein Bild malen zu dürfen; er erteilte sie freudig und saß mir, umgeben von seinen alten Favoritinnen und seinen Enkelkindern.   An Bord des »Petrel«. März 1874. Wie originell war doch unser großes Haus in Dakar, das ich so sorglich verschönert hatte. Wir hatten uns so sehr daran gewöhnt, ja wir hatten uns selbst an Mademoiselle Marie-Félicité gewöhnt, die alte Mulattin, bei der wir zur Miete waren. Dieses Haus war durch eine Scheidewand in halber Höhe des Gebäudes in zwei Hälften geteilt. Der bescheidene rückwärtige Teil hatte Gartenaussicht und enthielt unsere Ruhebetten. Die Wände bestanden aus kalkgetünchten Balken, die von der Sonne gedörrt waren. Überall liefen blaue Eidechsen umher, auch gab es große flache Spinnen, die mir tiefen Abscheu einflößten. Der vordere Teil des Hauses war prunkvoll, hatte eine Veranda in die öde Straße hinaus und war vollständig mit weißen Matten ausgekleidet, was ungemein luxuriös wirkte. Die Tür im Hintergrund war von grauen Lanzen eingerahmt und von einer langen schreiend bunten Draperie verhüllt. Es gab hier orientalische Sofas, Rüstungen aus Gazellenhorn und Schlachtschwerter. Es war auch eines Flußpferdes Hirnschale da und eine Giraffenhaut, die wir aus Podor mitgebracht hatten. In diesem Raum stand mein Klavier, auf das ich ungeheuer stolz war. Es war ein Instrument, das ich durch Zufall bei Franzosen in der Stadt erstanden hatte. Es stammte von der Yacht Kaiser Napoleon III., und ehe es hier im Senegal gestrandet war, hatte es viele Meere durchfahren. Erst schien mir sein Preis zu hoch für meine Fähnrichsbörse, doch kaum hatte ich meine Hand auf die Tasten gelegt, als ich, hingerissen von der Herrlichkeit des Klanges, nicht umhin konnte, es zu kaufen. Sein Ton klang tief, sehr süß und wie aus weiter Ferne, was mich unendlich anzog, wenn die Melancholie Macht über mich gewann in diesem einsamen Hause. Ich entsinne mich, daß ich, als ich einst abends allein im Zimmer war, versuchte, nach dem Gehör eine traurige Negerweise zu spielen, als ich plötzlich hinter mir ein leises Rascheln vernahm, wie wenn etwas Glattes und Schweres vorsichtig über die Matten geschleift würde. Ein instinktiver Schreck ließ mich heftig den Kopf wenden, und so sah ich noch, wie eine riesige Natter in einem Loch des Fußbodens verschwand. Meine Musik hatte die Schlange herbeigezogen, und in Zukunft gelang es mir noch oft, sie herauszulocken. Dazu mußte es absolut still im Raum sein und ich mußte lange, ohne Unterbrechung, klagende, schrille Melodien spielen. Unter der Gartenveranda stand eine alte Bank im Schutze zweier hoher Lorbeerbäume, und in ihren Kronen nisteten grüne Kolibris, die mit ihren süßen Stimmen leise sangen, wenn alles in Erschlaffung lag. Ich hatte diese Bank zu meinem Ruheplatz erkoren, und rings um mich war in der tiefen Stille nur der ewige Gesang der Grillen. Von Zeit zu Zeit drang auch das Lied irgendeiner Nubierin zu mir: Traurige, durchdringende Laute, die sich gut in den exotischen Rahmen von Sonne und Sand hineinfügten. Was hatten wir für Kindereien in Szene gesetzt, um uns bei dieser alten Marie-Félicité ein Interieur so recht im Stil des Landes zu schaffen! Wir umgaben uns mit exotischen Tieren, wie alle Kolonisten tun, die etwas auf sich halten, und die Hauptsache dünkte uns, uns einen Marabu zu verschaffen. Beim ersten Sehen findet man den Vogel nicht eigentlich dekorativ. Doch nach längerem Verweilen im Senegal kommt man zu dem Schluß, daß dieses altgeheiligte Tier, das traurig und mit gesammelter Andacht in die Welt schaut, recht eigentlich in dies seltsame, unveränderliche und trostlose Land gehört. – Der Marabu war unter unserem Dache froh und glücklich. Er sah in uns vertrauenswürdige Freunde, die ihn nicht quälten, wie junge Offiziere oft mit seinesgleichen tun, denen sie alle möglichen bösen Streichen spielen, um sich am heiteren Anblick der gekränkten Würde zu ergötzen. Er wußte sogar, daß er uns Ehrfurcht einflößte, der große, heilige Vogel. Er sah wohl ein wenig lächerlich aus, mit seinem kahlen Haupt, das stets vorgeneigt war, als sei er tiefem Brüten hingegeben, und den schwarzen Flügeln, die an seinen Seiten herabhängen wie Ärmel an den Schauben der Scholaren. Gemessen schritt er dahin. Das Alltäglichste verrichtete er mit der Gebärde eines zelebrierenden Priesters, und sogar seine Gefräßigkeit trug er mit Salbung zur Schau. – Und so sehr wir ihn auch mit Fleisch und Fischen nährten, so verschwanden doch die absonderlichsten Dinge ebenso in seinem weißen Bauch, wozu er vernehmlich mit dem stumpfen Schnabel schnalzte. Für gewöhnlich ließen wir ihn gewähren, und wir erlaubten uns eine Einmischung nur in seinem Interesse, wenn er etwas ganz Unverdauliches verschlungen hatte, zum Beispiel einen Kupferleuchter mit einer Kerze, was sein Lieblingsgericht war. Er hatte dann einen besorgten Blick, sein Schnabel öffnete sich, die Atmung wurde keuchend, und er widerstrebte nicht, sich einer kleinen, ganz zarten Operation zu unterziehen. Einer von uns ergriff den Vogel bei den Beinen und ließ seinen Kopf zur Erde baumeln, der andere aber schlug ihn mit einem Stock so lange ins Genick, bis der im Schlund steckende Gegenstand zur Erde fiel. Ließen wir dann los, so war der Marabu sofort wieder ganz Würde und Majestät. Unsere andere Errungenschaft war ein wunderschöner Papagei. Er war ein zahmes, träges Tier, das uns sofort zu erobern verstand. Näherte man den Finger, um sein grünes Köpfchen zu krauen, so neigte er sofort den Hals, und sein schönes rundes schwarzes Auge blickte uns freundlich von der Seite an. Ach, seines Weilens bei uns war nur kurze Zeit, denn nur zu bald fiel er dem Heißhunger des Marabus zum Opfer. Es hatte den Anschein gehabt, als ob unsere beiden Vögel sich glänzend miteinander vertrügen, und oft begleitete der Marabu mit einer Geschäftigkeit, als sei er sein großer Bruder und Beschützer, den Papagei über die Gartenwege. Nie hätten wir einen solchen Ausgang erwartet. Eines Tages war der große kahlköpfige Vogel besonders lieb und nett zu seinem Genossen. Er wippte auf seinen breiten Füßen vor ihm auf und nieder, als könne er unmöglich die ganze Größe seiner Liebe ausdrücken, und wir sahen ergriffen auf dieses rührende Schauspiel. Doch plötzlich, ehe wir noch zuspringen konnten, öffnete sich der große Schnabel des Marabu und schloß sich wieder mit seinem gewohnten an trockenes Holz gemahnenden Knacken über dem kleinen Papagei ... Es ist unnötig zu sagen, daß wir das scheußlich falsche Tier sofort an den Beinen in der Luft baumeln ließen, und daß die Schläge, die ich ihm aufs Genick versetzte, diesmal nicht eigentlich mild zu nennen waren. Bald war der arme Papagei wieder sichtbar. Sein Herz schlug noch, aber all seine kleinen Knochen waren zermalmt, und wir konnten ihn nicht retten. Der Marabu mußte in der Folge für sein Verbrechen Buße tun, denn an Stelle des Papageis hielten wir jetzt einen Affen, wie er verschlagener kaum gedacht werden kann. Als er den Ankömmling erblickte, wußte der große Vogel, daß es nun mit seiner unumschränkten Gewalt im Hause zu Ende sei. Und so zog er sich mit großem Pomp auf einen Baum unseres Gartens zurück. Und unser Heim verlor während der Ausruhstunden seine gewohnte eintönige Stille. Statt zu schlafen, mußten wir ohne Unterlaß zwischen unseren Tieren Frieden stiften. Unzweifelhaft hatte der Affe immer unrecht, denn stets war er es, der den Streit begann. Kaum sah er, wie sich nach dem Mahl die alten grauen Lider des Marabus im Schlummer schlossen, so schlich er auch schon auf leisen Sohlen heran und riß ihm plötzlich einige seiner schwarzen Schwanzfedern aus. Der Affe erhielt dann einen kräftigen Schnabelhieb und flüchtete oft mit blutigem Scheitel. Aber die schönen Federn hatten für ihn eine so unwiderstehliche Anziehungskraft, daß er nicht umhin konnte, das Spiel stets von neuem zu beginnen. So trieben sie es durch einige Monate. Der Marabu verfiel schließlich in eine Art herzzerreißender Resignation, sein eingeschrumpfter Kopf sank noch tiefer in seinen weißen Federkragen, sein Gefieder wurde glanzlos und mitleiderregend. Er verließ seine Stange nur mehr des Nachts, wenn sein Feind im Schlummer lag.   Senegal, April 1874. Unsere neuen Freunde, die Touaregs, hatten uns endgültig in ihre Schar aufgenommen, und in ihrer Gesellschaft durchstreiften wir tagsüber unendliche Wüsteneien. Der glühende Wind, der heftig durch die Dünen strich, überschüttete uns mit Sand. Wir wanderten durch eine Wolke von strahlendem Gold. Unsere toll gewordenen Kamele schlotterten noch mehr als sonst, steiften ihre langen Hälse und kamen nur unregelmäßig vorwärts. Überall gab es Sand: In unseren Augen, in den Falten unserer Kleider wie im Fell unserer Tiere. Wir müssen einen eigenartigen Anblick geboten haben mitten in dieser Landschaft. Jeder von uns im weiten dunklen Burnus, der im Winde flog, das Antlitz gebräunt von der afrikanischen Sonne, teilweise vom Schleier verhüllt, wie es die Sitte der Touaregs gebietet. Tatsache ist, daß wir nur schwer von unseren Gefährten zu unterscheiden waren. Als spät abends unsere Karawane vor dem Dorf Touroukambé vorüberzog, kamen die Neger herbei, die in den Touaregs heilige Männer verehren. Sie säumten unseren Weg mit ehrfürchtig erschreckten Mienen, küßten unsere Hände und baten uns um Amulette. –   An Bord des »Espadon«. Senegal, Mai 1874. Am 2. Mai habe ich den »Petrel« verlassen. Man bemannte die Ehrenbarke für mich, wie es Brauch ist, wenn ein Offizier scheidet. Von vier Fähnrichen begleitet, brachte sie mich an Bord des »Archimède«, der mich wiederum nach Dakar führen sollte, zu meinem neuen Schiff, dem »Espadon«. Der »Archimède« war ein alter Kasten der afrikanischen Küste, den man eilig wieder instandgesetzt hatte, nachdem er einige Jahre lang in den Gewässern des Senegal eingesumpft gewesen war. An diesem Tage war er von Passagieren beiderlei Geschlechtes überfüllt, – viel arme Frauen gab es da, die ihren Gatten in die Kolonien gefolgt waren und nun krank nach Frankreich zurückkehrten. Und wie gewöhnlich vor der Abfahrt gab es ein großes Getümmel von Besuchern und Abschiednehmenden. Um fünf Uhr nachmittags lichteten wir die Anker. Die Sonne sank, und wir fuhren rasch den gelben Fluß stromabwärts. Im Vorbeifahren grüßten mich zum letztenmal meine Freunde vom »Petrel«, und das Herz tat mir weh, sie alle verlassen zu müssen. Dann wich hinter mir Saint-Louis, die öde weiße Stadt inmitten dürftiger gelber Palmen und gelbem Sand, immer mehr zurück. Und meinem Blick entschwand dieser Winkel Afrikas, wo ich so heiß geliebt, so schwer gelitten hatte. (P. L. hat einen großen Teil seiner Aufzeichnungen aus dieser Zeit vernichtet.) Hart war die Nacht zur See auf dem alten Schiff, – nichts zu essen, großes Getöse. Ich war wie zerschlagen infolge der vielen aufregenden Ereignisse, die sich in wenigen Tagen in meinem Leben gefolgt waren. Am 26. Mai um ein Uhr ankerte der »Archimède« in der Bucht von Dakar, die ich voll Herzensfreude wiedersah. An Bord des »Espadon« fand ich einige gute Freunde wieder. Das Schiff hingegen war mir nicht sympathisch. Es war der vollendete Typus der alten Schiffe aus dem Senegal. Von der Decke seiner Kajüten baumelten eine Menge getrockneter und ausgestopfter durchweg alberner Tiere nieder, lauter Andenken an viele Reisen nach Galam. Für mich war die Ruhe an Bord niederdrückend nach den vielen schweren Erregungen der letzten Tage in Saint-Louis. Der Anblick des für mich bestimmten Zimmers war nicht gerade erfreulich, besonders wenn ich an das Zimmer des »Petrel« dachte, das ich eben verlassen hatte. Es war ein großer, alter kahler Raum. Der Fußboden war von Alter und Hitze auseinandergetrieben und ein Tummelplatz ganzer Krabbenfamilien geworden. An meinem Bett öffnete sich eine breite Stückpforte, zwei Finger von der grünen Flut entfernt, und während der langweiligen Siestastunden sah ich, wie Fische und Haifische sich draußen überschlugen und sah Negerknaben in ihren Piroguen vorüber gleiten. In den Phasen des Lebens, in welchen das Herz in heißer Leidenschaft glüht, graben sich die geringsten Kleinigkeiten ganz merkwürdig in den Sinn, und die Zeit, die alles verweht, läßt nur die Erinnerung bestehen. So wird jenes große Zimmer auf dem »Espadon« mir lang noch gegenwärtig bleiben. –   An Bord des »Espadon«. Dakar, 20. Juni 1874. Mein erster Weg in Dakar war ein Besuch bei der alten Mulattin Marie-Félicité, bei der wir, während der Zeit auf dem »Petrel« eine Wohnung gemietet hatten. Nun hatte sie das große Haus wieder in Besitz genommen und sich mit all ihren Negerinnen und all ihren Fetzen darin eingerichtet. Doch teilte sie mir mit, daß sie den Gartenpavillon für mich reserviert hätte. Dieser Pavillon hatte ungefähr die Größe einer Schiffskabine. Und er enthielt neben einem sehr reinlichen Feldbett ein schmales Negerlager aus Bambusmatten, für Ruhestunden gedacht. Ich fand auch den Flußpferdschädel und die Giraffenhaut wieder, die ich einst aus Podor hierher gebracht hatte. Dieser letzte in Dakar verbrachte Monat war eine der verstörtesten Epochen meines Lebens. Die, die ich liebe, ist nach Frankreich zurückgekehrt, und mein Herz ist erfüllt von Liebe, Gewissensbissen und Widersprüchen. Mein Schiffsdienst nimmt mich wenig in Anspruch, und ich verbringe die Zeit, indem ich all unsere früheren Spaziergänge wiederhole und auf sandigen Pfaden die rauhe Wildnis des Cap-Verd durchwandere. Am Abend durchstreife ich die dunklen Dörfer und trage, den Indern gleich, einen langen weißen Burnus. Juni ist's. Die Zeit der großen Gewitter naht, die Atmosphäre füllt sich mit den Düften des tropischen Frühlings und überall an den Stechapfelsträuchern öffnen sich breite weiße Blütenkelche. Mein Pavillon steht inmitten von Lorbeerbäumen und den blühenden Akazien der Tropen. Und ihre Düfte wiegen mich nachts in schweren Schlaf mit seltsamen Träumen.   Dakar, Juli 1874. Heute nacht habe ich mich sehr gefürchtet in dem alleinstehenden Pavillon, der ganz am Ende von der alten Mulattin Garten liegt. Es war Bamboula bei den leprakranken Frauen, und ich hörte von weither ihren Lärm und Gesang. Ich lag zu Bett, ich war sogar im Begriff einzuschlummern, als ich inne ward, daß der Lärm immer näherkam ... Eine ungewisse Furcht hielt mich nun wach, und diese Furcht nahm in dem Maße zu, als Trommelwirbel und wüster Stimmenklang deutlicher zu vernehmen waren ... Als die Bande nur mehr zwei Schritte entfernt war, erinnerte ich mich plötzlich mit Entsetzen, daß meine Tür und meine Fenster weit offen geblieben waren. Doch blieb mir keine Zeit, denn schon erreichten die spukhaften Tänzerinnen meine Schwelle, und ich mußte den Hexensabbat miterleben. Beim hellen Schein des Mondes sah ich einige Sekunden lang aussätzig aufgedunsene Leiber sich inbrünstig hin und her bewegen, sah Handstümpfe, von furchtbaren weißen Krusten bedeckt, und Gesichter ohne Nasen und Lippen grinsten mich aus unmittelbarer Nähe mit gespensterhafter Heiterkeit an, als äfften mich böse Träume ... Dann zogen die Aussätzigen mit Sang und Schall weiter, und ich war befreit. Doch lange noch umwehte es mich wie Leichenduft, und alles rings um mich schien mir beschmutzt zu sein ...   Dakar, Juli 1874. Gestern bin ich hierher gekommen, an den Fuß des großen Baumes hier mitten in den Dünen, von wo aus ich die Abfahrt des »Petrel« verfolgte, der meinen lieben Bruder Jean nach Saint-Louis brachte. Dieser hohe Baum mitten in den Dünen ist ein alter Freund, – von drei Jahren und länger her. Als der »Vaudreuil« im Jahr 1871 im Senegal verankert lag, war dies das Ziel all unserer Ausflüge geworden. Wir hatten das einsame schattige Stückchen Land stillschweigend zu eigen genommen. Und dann, als Afrikas Küste mehr und mehr zurückwich, konnten unsere Blicke sich nicht von ihm wenden ... Wir fuhren damals in die Gewässer der Südsee, froheren Mutes als heute und jünger an Jahren. Damals war alles neu und fremd für unsere Phantasie. Die Sonne schien uns lichter zu sein und die Tropennatur noch schöner. Wir kamen des Morgens an den Fuß dieses Baumes, und zu dieser frühen Zeit wimmelte es hier von blauen Eidechsen, Vöglein und Insekten. Ich entsinne mich auch noch eines gewissen eigentümlichen Tieres, das in der Nähe hauste und uns vielfach beunruhigte. Doch trotzdem wir oft auf der Lauer im Hinterhalt lagen, gelang es uns nie, seiner habhaft zu werden. Wir waren alle noch Kinder in unserer Begeisterungsfähigkeit für Reisen und Abenteuer, und das geheimnisvolle Zentral-Afrika versetzte uns manchmal in das Land der Träume, wenn wir in des hohen Baumes Schatten, das Auge dem Innern des Landes zugekehrt, den weiten Wüstenhorizont mit den Blicken absuchten. Aber es ist weniger die Erinnerung an dich, die mich hier äfft, mein lieber Bruder, als der Gedanke an sie, die du nicht kennst ... An dieser Stelle ist es auch gewesen, daß ich dem schnellen Schiff nachblickte, auf dem meine Liebste nach Frankreich fuhr. An jenem Tag bog wilder Sturm über meinem Haupt den Riesenbaum, der heulte und stöhnte, und zu meinen Füßen hob er ungeheuere schäumende Wogen ins Meer hinaus, auf dem ihr Schiff davonfloh. Das war in der mittäglichen Erschlaffungszeit. Die Sonne sengte meine Stirn und grub sich glühend in meine Schultern, doch ich fühlte nichts davon, denn mein Sinn war weit, weit in der Ferne ... Heute abend komme ich zum letztenmal hierher, denn ich verlasse dieses Land. Dieser Abend, er dünkt mich die verkörperte Traurigkeit der Dämmerstunden, mitten in trostloser Einsamkeit ... Vor mir ragt die hohe Masse des dunklen Baumes, und tiefe Dunkelheit steigt aus jeder Falte der Sandhügel empor, und rankt sich um die steifen Stämme der Affenbrotbäume, die fern verschwommen auf den Gipfeln stehen. Mit der Dunkelheit zugleich erwachen die ungesunden Dünste der Nacht, der weiße Stechapfel sendet den schweren Duft aus, der mir so sonderbar zu Kopfe steigt ... Die Luft wird drückend wie in einer schwülen Stube, in der zu viele Blumen zu lange Zeit eingesperrt gewesen sind. – Bald wird der riesengroße Mond, nur unscharf umrissen, aus den Nebeln steigen und dann beginnt ganz nahe, im Friedhof von Dghioloff das Nachtkonzert der wilden Tiere. Die Zeit vermag nichts in einem so trostlosen Land. Seit zehn Jahrhunderten steht bereits der alte Baum in den Dünen und in abermals zehn Jahrhunderten wird sich seine mächtige Krone vielleicht ein wenig mehr ausgebreitet haben. Aber diese unverrückbare Wüste ist mir jetzt gleichgültig, denn all mein Denken gehört nur unserer Liebe, Geliebte. Wir, deren Dasein nur nach Jahren zählt, wohin wird das nächste Jahrzehnt uns verschlagen? Vielleicht gelingt es uns, der flüchtigen Zeit noch einige Stunden zu stehlen, nur einige flüchtige Liebesstunden, ehe es ans Sterben geht ... Noch einige Jahre und wir sind nicht mehr ... Doch hier im fernen Afrika blüht der Stechapfel weiter mit all seinem betäubenden Duft, und so wie sonst hebt auch dann der hohe Baum in den Dünen sein finsteres Haupt aus den Abendstunden hervor ...   An Bord des »Espadon«. In See, Juli 1874. An dem Abend, bevor der »Espadon« die Rückreise nach Frankreich antrat, gab es in Saint-Louis ein Abschiedsdéjeuner bei den Spahis. An dieses Festmahl bewahre ich eine liebe Erinnerung, denn uns alle verband herzliche Freundschaft und das aufrichtige Bedauern, uns vielleicht auf Nimmerwiedersehen trennen zu müssen. Wir alle saßen, der große Affe des Spahi-Leutnants Bremont mit inbegriffen, auf einer hellen Terrasse. Es war ein heißer Julimorgen, und der Himmel strahlte in einem selbst in Italien unbekannten Blau. Wir überschauten die Stadt: Viereckige Häuser, deren maurische Terrassen sich in ihrer strahlenden Weiße vom tiefen Himmelsblau abhoben, und da und dort einige unbewegliche Palmen, die ihre gelben Häupter in die Höhe reckten. Die Sonne stand im Zenit, die Hitze war unbeschreiblich. Nach dem Déjeuner erbat Brémont von unserem Kapitän die Erlaubnis, ihm einen Spahi vorzustellen, der sich im letzten Moment entschlossen hatte, nach Frankreich zurückzukehren. Dieser Spahi war kein anderer als J. Peyral (aus Le Roman d'un Spahi). Er trug einen Ausdruck des Wohlbefindens und ein Lächeln der Heiterkeit zur Schau, so daß ich ihn kaum wiedererkannte. – In der letzten Nacht, die wir auf dem Fluß verbrachten, ging eine Sturmflut nieder, die den »Espadon« überschwemmte. Am nächsten Morgen – es war Sonntag – begannen um 6 Uhr morgens bereits die Abschiedsbesuche an Bord. Da wir sehr bekannt waren, stellten sich alle Offiziere der Kolonie der Reihe nach ein. Mitten in dieses Tohuwabohu brachte Brémont seinen Schützling J. Peyral und legte ihn uns ans Herz. Um neun Uhr morgens liefen wir bei herrlichstem Wetter aus. In großen Mengen standen die Schwarzen am Ufer, um uns vorbeiziehen zu sehen. Bald war Saint-Louis, das alte, unserem Blick entschwunden, und diesmal für immer ... Wir sahen nur mehr noch die ungeheuere Sahara, deren eintönige Flächen uns lange noch begleiten sollten. –   Annecy, 28. Oktober 1874. Nach endlosen Unterhandlungen mit einem alten Herrn und einer alten Dame ward mir endlich mein Platz in der linken Ecke des Gefährts zuteil. Und der Eilwagen, der wie in vergangenen Zeiten von einem Pferde gezogen wurde, raste im Galopp vorwärts. Vor einem recht alten Haus, das eine Schmiedefamilie bewohnte, sagte ich einer alten rechtschaffen aussehenden Savoyardin Lebewohl. Auf der Schwelle ihres Hauses sitzend, verfolgte sie mein Kommen und Gehen mit verschwiegen geheimnisvoller Miene, wie jemand, der zur Hälfte errät, um was es sich handelt, und der die Nachbarn glauben machen will, er wäre ins Vertrauen gezogen. An der anderen Straßenseite stand weit weniger schüchtern, ihr Sohn, mein armer Freund Ermillet, mit seinem sanften, guten Gesicht. (Dies war ein einstiger Matrose des »Petrel«. P. L. hatte geheim jene Frau aufgesucht, die vor ihm den Senegal verlassen hatte, und es war seine letzte Zusammenkunft mit ihr). Er wußte wohl, daß meine Reise eine trübe sei, und daß sich für mich Wichtiges entscheiden solle ... Es waren die letzten Oktobertage, für Savoyen eine vorgerückte Zeit; doch dieser Tag war strahlend warm, die Berge standen rotbraun oder von dunklen Tannen gekrönt gegen den dunkelblauen durchsichtigen Himmel. Die schon vergilbten Bäume hatten den Weg mit toten Blättern besäet. Und der ganze Zauber letzter schöner Tage lag über dieser Landschaft. Kamen Steigungen, so wurden die Reisenden ersucht, den Wagen zu verlassen. Solches vollzog sich wie im Familienkreis, es spielten sich kleine Szenen ab, die mich an die Erzählungen von Rodolphe Töpffer erinnerten und mich sicher heiter gestimmt hätten, hätte nicht bange Sorge mir das Herz zugeschnürt. Langsam ward mir die Gegend um mich vertraut. Ich kannte sie aus Ermillets einfachen, kunstlosen Schilderungen. Er hatte dies Land einmal in seiner Kindheit als Flüchtling ganz durchmessen. Die Nacht kam, und immer noch rollte der alte Eilwagen, rollte über Bergpfade, durch tiefe dunkle Täler, durchquerte da und dort verschwiegene Dörfer, Schmugglerwohnstätten offenbar, die zu solcher Stunde einen phantastischen Anblick gewährten ... Nun war die Kälte scharf und die Nacht nebeldurchzogen. Wir sahen unter uns, in der Ebene, die Lichter einer großen Stadt. Und bald erklang der Hufschlag unserer Pferde auf dem Pflaster einer belebten Straße, in der geschäftige Menschen durch den Nebel eilten. Das war die Stadt, in die ich gekommen war, um, einsam und ein Fremder, hier einen hoffnungslosen Schritt zu tun. Und mir war unbeschreiblich traurig zumute. Ich irrte durch die unbekannten Straßen, fragte Vorübergehende nach der Adresse des Hotels, in dem Briefe mich erwarten sollten. Das Hotel war von Russen und Engländern überfüllt, von Reisenden, deren Fröhlichkeit mir wie ein Mißklang ins Ohr tönte ... Das Abendessen wurde serviert, doch ich berührte die Speisen kaum. Neun Uhr war es ungefähr, als ich aufbrach, nachdem ich mir den Weg hatte genau beschreiben lassen. Es war finstere Nacht, dichter Nebel ringsum, und ich, der ich aus Afrikas leuchtenden Gefilden kam, fühlte mich namenlos bedrückt. Lange schritt ich durch steile finstere einsame Gassen. Endlich kam ich vor das Haus, das ich suchte: es war ein alter palastähnlicher Bau mit einem Wappen über der Pforte. Wie ein Kind habe ich vor dieser Pforte gezittert; nirgends Licht, kein Geräusch in diesem Haus, auf das ich meines Lebens Seligkeit gesetzt hatte ... Ich hob die Hand, um zu klopfen ... wie Schwindel kam es über mich, und ich atmete nicht mehr ... –  –  –  –  –  –  –  –  (Hier fehlen einige Seiten.) –  –  –  –  –  –  –  –  Gemächlich traten wir den Rückweg an, doch kaum hatten wir wieder die breite Straße vor uns, als der Eilwagen in einen beschleunigten Trab überging. Es war ungefähr Mittag, und Savoyens Berge standen in schier unwirklicher Pracht unter dem herbstlich schönen Himmel. Wie gestern, so auch heute ein klarer warmer Tag, – Altweibersommer – einer jener Tage, deren Zauber unbeschreiblich ist, weil er das Scheiden des Sommers einleitet ... Ich empfand die tiefe Stille in mir, wie sie starken Erlebnissen zu folgen pflegt, vielleicht weil das Herz müde ist und ausruhen will. Annecy ward sichtbar, in Sonne getaucht. Ich eilte, dahin zurückzukehren und den Freund wiederzufinden, den ich dort zurückgelassen hatte. Mein armer Freund arbeitete im Taglohn, in einem Eisenwerk, wo er unter Mühen den Lebensunterhalt für sich, seine alte Mutter und seine Schwester erwarb. »Alles ist vorbei, und hier bin ich,« sagte ich zu ihm. »Laß deine Arbeit, komm mit mir, ich fürchte mich, allein zu sein!« Noch fünf Tage blieb ich in Annecy, die mein Freund und ich mit Bergwanderungen ausfüllten, und diese kurze Zeit blieb mir in lieber Erinnerung. An jedem Abend ruderten wir über den stillen See, dessen ruhige, wehmütige Schönheit wunderbar mit meinem Denken in Einklang stand ...   Joinville (Turnschule), 25. Januar 1875. Heute abend, als ein trüber Wintertag zu Ende und unser gewohnt elendes Mahl verzehrt war, fühlte ich mich plötzlich, mitten im Lärm und Gewirr gleichgültiger Stimmen, durch die Macht der Erinnerung auf das bewegte Meer versetzt, in die reine Luft der Tropen. Wie in einem Traum sah ich den alten »Espadon«, an den die Wogen schlugen, und all meine damaligen Eindrücke, die schon fern und vergessen schienen, erstanden mit verblüffender Wirklichkeitstreue aufs neue in mir. Jener Augustabend zunächst, an dem ich, immer vier Stufen auf einmal nehmend, die Schiffsbrücke hinabstürmte und dem Kommandanten meldete: »Der Pic von Teneriffa vom Backbord aus in Sicht!« Ich war damals zweiter Offizier des »Espadon«, dieses kleinen halb zerfallenen Schiffes, das vom Senegal kam. Doch wir liebten uns alle an Bord, all meine Matrosen liebten mich, und es war mir sehr leid, als ich es verlassen mußte. Berny, der lange Steuermann Francis Berny, der ein wenig mein Liebling war, spähte scharf, doch er sah noch nichts ... »Es stimmt,« sagte unser braver Kapitän, als er mit dem Fernrohr die Tatsache festgestellt hatte. »Aber, Leutnant, was haben Sie für gute Augen ...« Und blitzschnell drang die frohe Kunde bis in den untersten Schiffsraum: »Der Leutnant hat Land gesehen, den Pic von Teneriffa, vom Backbord aus! Seit vierzehn Tagen war alles für uns in Frage gestellt, das schlechte Wetter hinderte ohne Unterlaß, und unser alter Kasten stand dauernd unter Wasser. Wir alle waren durchnäßt und ein wenig entmutigt und ganz erschöpft vor Müdigkeit. – Seltsam ist es schon, dies Gefühl, mit wenigen Freunden aufs offene Meer verschlagen zu sein mit schwankem Boden unter den Füßen, und das, was in solcher Zeit die Seele bewegt, kann nur ein Matrosenherz verstehen ... An jenem Abend jagte der Passatwind über unseren Häuptern die kleinen Wolken vor sich her, das Zeichen schlechten Wetters in den Tropen, die Sonne war versunken, der Abend kalt, das Meer bewegt, und feuchte Nebel lagen über uns ... Lange schon suchte mein Auge das Land in der Richtung, in der ich am Tag erwartet hatte, es auftauchen zu sehen ... Fern über einem schmalen Nebelband hob sich kaum sichtbar vom noch hellen Himmel ein hohes Etwas ab, doch brauchte man Seemannsaugen, um es zu erspähen. Ich hatte den unbestimmten Umriß des Pics von Teneriffa erkannt, dessen Silhouette sich mir eingeprägt hatte, als ich, drei Jahre früher, zum erstenmal die Welt durchfuhr. Der heftige Wind, der uns mit salziger Feuchtigkeit überschüttete, wurde kälter und kälter, und das Meer schwoll hoch an beim Nahen der Nacht, doch an Bord war wieder Freude eingekehrt, und laut sangen die Matrosen ... Denn Land war da, ganz nahe vor uns, das Land von Teneriffa. Dieser so sehr umstrittene Punkt der Überfahrt war erreicht, und wir waren am Ende unserer Leiden ... Ganz erstarrt betraten der Kapitän und ich die Kompaßhütte, um trotz des Schwankens den genauen Weg unseres Schiffes in die Karten einzuzeichnen. Diese Erinnerung vom Bord des »Espadon« nimmt unter allen anderen eine besondere Stelle ein ... Die stete Gefahr, der heftige Sturm, die bewegte See, die Ungewißheit des morgen, und damit verbunden, das schöne Wissen um erfüllte Pflicht, ... die Verantwortlichkeit jeder Stunde, jeder Minute, die unumschränkte Notwendigkeit, alle Hilfsmittel meiner Intelligenz und meiner Kenntnisse der Allgemeinheit dienen zu lassen. Hier erfüllte ich meine beschwerlichen Seemannspflichten mit einem Herzen voller Leidenschaft, während in meinem innersten Leben unendliche Wandlungen sich vollzogen. Ich fühlte neue Lebenskraft nach aller Erschlaffung im Senegal, indem ich die scharfe Luft des großen Ozeans atmete, die aus gemäßigteren Zonen zu uns hernieder strich. Die Heimat stand leuchtend am Ziel dieser Reise, zugleich jene Frau, die ich anbetete, und all die lieben Verwandten, die ich nun wiedersehen sollte ... Doch dieser zauberhafte Traum verflog, und rauh fiel ich wieder in die Wirklichkeit zurück, in den rauchgeschwärzten Schiffsraum, die winterliche Erstarrung und den Lärm der derben Gespräche ringsumher. Wieder verwirrten sich meine Gedanken, die ich nur mühsam weiterspinnen konnte ... Dennoch entsann ich mich, daß ich beim Verlassen der Kompaßhütte die dunkle Brücke hinabstieg, bis ich mein Zimmer fand, den einzigen Winkel des Schiffes, in dem noch eine Lampe brannte. Dies einzige Zimmer war verschont geblieben, – sein Wohlstand stach grell ab von all der andern Not. Hinter der Portiere war es da wie in einem exotischen Heiligtum voll leuchtender Farben. Überall glänzende Waffen, blinkende Rüstungen, Rosetten, die aus Perlmutter und den Flügeln der Tropenvögel kunstvoll gefertigt waren ...! All diese Pracht hatte ich hier aufgehäuft, weil sie sie sehen sollte. Auf meinem Streckbett saß bei meinem Eintritt ein Mann. Blutrot war sein Gewand. Es war der Spahi von Cora (Jean Peyral). Als er mich sah, hob er traurig den schönen Köpf: »Leutnant,« sprach er, »ist's wahr, haben Sie Land gesehen? ... Gleichviel, mir wäre recht, wenn wir es nie erreichten!«   Joinville, 1. Februar 1875. Heute sind es genau fünf Monate, daß ich wieder in Frankreich bin ... An einem schönen heißen Sommersonntag bin ich zurückgekehrt. Der »Espadon« fuhr durch die stillen Wasser der Charente, nach einer vierzehntägigen Überfahrt, die wohl zum Schrecklichsten in meinem Leben zählt. Am 20. Juli hatten wir Saint-Louis und den Senegal verlassen. Fünf Monate schon! Wie die Zeit verfliegt, sie rückt Erinnerungen fern und löscht sie aus ... Mein bitteres Leid werden die Jahre vielleicht auch einmal tilgen, wenn ich gleich wünschte, es behalten zu können. Denn lieber noch ist mir dieser Schmerz, der doch noch ein Teil von ihr ist, der alles ist, was in mir lebendig bleibt, und ich ziehe diesen Schmerz dem Vergessen vor, das die Zeit mir vielleicht bringt. Alles ist in meinem Leben farblos und bleich geworden, das Drama ist aus, ich bleibe allein zurück, zermürbt von der Tat, und ich erwarte mit der Ruhe eines Verstorbenen die letzte furchtbare Phase. Dies Jahr 1874 ist wie ein Orkan durch mein Leben gebraust, hat alles verwüstet und alles hinweggeweht, so daß mir ist, als hätte ich bis dahin nicht gelebt und als hätte ich jetzt zu leben aufgehört. Und jetzt, mitten in der Stille und Leere meines Lebens, ist mir, als wäre jene verworrene Zeit, in der ich so heiß geliebt, nur ein wirrer Traum gewesen. Was war doch damals an Leidenschaft in mir und um mich, wieviel Widerspruch und wieviel Liebe ... Ich schritt dahin wie eingeschlossen in einem Wirbelwind von Fieber und Trunkenheit. Wie ein Spiel voll sträflicher Intrigen ist es gewesen, auf welches Afrikas heiße Sonne herniedersah, auf unsere Jugend, die da mimte in tropischer Luft, zwischen einsamen sandigen Kulissen. Doch das war Leben, während ich jetzt gestorben bin. Mein Erinnern ist nicht stärker als das eines Toten sein mag, der des Lebens gedenkt. So ist mir, wenn ich nach rückwärts schaue. Ach, der 1. September der Tag meiner Wiederkehr, – mein Gott, er liegt schon um fünf Monate zurück. Und drei Monate sind es nun bald, daß ich zum letztenmal die geliebte Hand gedrückt habe, die mir mein Leben zerbrach – das war in Savoyen, in einer Nacht im Oktober, einer kalten Nebelnacht, und unser Beisammensein war kurz, dunkel und geheimnisvoll, wie wenn Missetäter sich treffen ... dann war es zwischen uns zu Ende für immer. Ihr dank' ich vermutlich, daß in meinem Erinnern ein solcher Zauber über diesem letzten Jahre liegt, über der öden afrikanischen Wildnis und über meinem alten Schiff ... Mein Gott, schon fühle ich, wie mein Gedenken schwächer wird, und wie es mählich ganz vergeht. Tagtäglich trachte ich, einige Brocken auf dem Papier festzuhalten: Vergebliche Mühe, ich kann es nicht in Worte fassen, und wenn ich später nachlese, ist mir alles fremd und neu: geschriebene Sätze, kalt und machtlos, und bis ins Innere gelangen sie mir nicht. Ach, wenn die unerbittliche Zeit mein Haar gebleicht haben wird, und wenn man dann den Leib der Erde wiedergibt, bleibt dann nichts mehr zurück, keine Spur, kein Erinnern an das, was ich so tief empfand, und was mit fünfundzwanzig Jahren mein Herz so weh erzittern ließ? Fünf Monate sind es heute, an einem schönen Sonntag ist's gewesen, leise kam der »Espadon« die Wasser der alten Charente heraufgefahren, und wir alle überließen uns der stillen Freude unserer Wiederkehr ... Am Abend vorher, während der Wachablösung, war ein großes Fischerboot nahe an uns herangefahren, und die Bemannung hatte uns zugerufen: »Ihr steuert zu scharf gegen Norden, ihr werdet noch in der Bretagne landen!« Hoch ging das Meer, und seine grünen, kurzen schnellen Wogen schüttelten uns fürchterlich. Bellegarde und ich aber sagten nach dem Diner: »Botz, lieber Botz, die Nacht kündigt sich sehr stürmisch an, und unser altes Schiff ist wackelig. Es wäre gebotene Vorsicht, den Malvasier aus Palmas zu trinken, der uns übrig blieb.« Und wir tranken den Malvasier. Dann gewann ich im Ecarté gegen Botz den weißen Mantel, den er für den Spahi gekauft hatte. Ich gewann ihn mit fünf Punkten in dem Moment, als die Schiffswache das Feuer von Rochebonne signalisierte, das erste Feuerzeichen der Heimat. Da sind wir alle auf die Schiffsbrücke gelaufen.–   Joinville, 11. März 1875. Ich bin einen Monat lang krank gewesen, und ich bin noch immer schwach ... Der Kummer hat mich krank gemacht, ich hätte nicht gedacht, daß es möglich wäre. Mein Arzt hat sich übrigens nicht getäuscht, trotzdem ich ihm das Ganze immer verbergen wollte. Viel Qualen hab' ich still erduldet, hab' all meine Verzweiflung hinuntergewürgt, ohne auch nur eine Träne zu vergießen. Dann mußte eben die Reaktion kommen, der Kummer schlug mich nieder und streckte mich auf mein Lager hin, wo ich körperliche Qualen tragen lernte. Ich hatte starke Kopfschmerzen, ununterbrochen Fieber, und zeitweise lag ich im Delirium. Meine Erinnerungen an das Sonnenland erstanden dann in erstaunlicher Greifbarkeit, einer Fata Morgana gleich; ohne Unterlaß sahen meine Augen die Dünen von Dakar, die Sandwüsten von Bobdiarah. Der lange Winter in Joinville hatte auch dazu beigetragen, mich so herabzubringen, denn seine Kälte und seinen Schnee, all seine trübe Öde konnte ich auf die Dauer nicht ertragen... Meine Kameraden, einige Unteroffiziere, wachten bei mir und besuchten mich in regelmäßiger Einteilung. Mein militärischer Diener hingegen verbrachte ganze Tage damit, auf Befehl des Arztes meinen Körper mit Melissensaft einzureiben, damit er sich neu belebe, und alle wähnten, daß ich vor dem Scheiden stehe, man wußte nicht wie, noch warum ... Dennoch geschah es eines sonnigen Tages, daß ich mich erhob und sorgsam ankleidete. Meine Beine trugen mich fast nicht mehr, aber ich konnte mich doch bis ins Freie schleppen. Und von diesem Tage an war ich gerettet. Jetzt fühle ich mich immer wohler, und immer, wenn die Sonne kommt, verlasse ich das Haus ... Ich war bisher nicht gewohnt, zu leiden, ich kannte weder Krankheit, noch diese grenzenlose Schwäche. Nun mir all dies unbekannte vertraut ward, ist es mir ein schmerzliches Verwundern.   Joinville, 15. März 1875. Nach einer qualvollen, schlaflosen Nacht lag ich einen ganzen Tag schier betäubt, umgaukelt von seltsamen Spukbildern. Die Luft ist schwer von herbem Duft, drückend lastet die Hitze, lähmend die tiefe Stille ringsumher. Das Meer liegt regungslos, ein blaßblauer Spiegel, unter der sengenden Sonne, und das Licht ist so grell, daß der Himmel darob erbleicht ... Dort im Weiten glänzt ein bläulicher Streifen, die Küste von Guinea, – am fernsten Horizont die eintönige Linie der grünen Urwälder, die von Wellen umspült sind. Wo ist sie, meine Heißgeliebte? Allein bin ich in dies Land zurückgekehrt, in das ich dir nachgefolgt war, du hast mich verlassen, ich hab' dich verloren. Und ein Abgrund gähnt zwischen einst und jetzt ... Mein Geschick hat sich entschieden, ich blieb Seemann und ging zurück, – doch warum bin ich allein, warum hast du mich verlassen? Die schwüle Luft ist von Gewittern schwer und ganz erfüllt von herbem Duft. Aus tiefen Wäldern steigen Fieberdünste: Das ist die unselige Küste, das Land der Wälder, die kein Ende haben. Unter heißen, giftigen Pflanzen lauern Schlangen, und das unendliche Meer dehnt sich reglos unter dem glühenden Himmel ... Neger locken dumpfe Töne aus dem hölzernen Tam-Tam. Zauberer gleiten auf Piroguen vorüber. Schweißglänzende Männer tauchen ihre Ruder tief ins heiße Wasser, das sich furcht wie eine Ölfläche ... Nun hör' ich ein klagendes Lied von jungen schwarzen Weibern. Dann sehe ich Neger im Sonnenbrand friedlich schlafen in den Wurzeln der heiligen Bäume ... Und dann erwache ich vollends, und meine Blicke weilen auf einem Strauß Schneerosen, der neben mir auf der Decke liegt. Ich selbst bin auf ein Ruhebett gestreckt, bin in meinem Zimmer in Joinville ... Es ist vier Uhr am Nachmittag. Düstere Winterdämmerung dringt durch die Fensterscheiben, und am offenen Feuer sitzt meine Ordonnanz. Es ist die Zeit des ärztlichen Besuches. Und der Doktor findet, daß ich kein Fieber mehr habe, daß ich nur noch sehr entkräftet bin.   Joinville, 20. März 1875. Heute morgens erreichte mich die Kunde, daß mein Freund Brémont, Unteroffizier bei den Spahis, eben in Saint-Louis im Senegal den Verletzungen erlegen ist, die er in der Expedition gegen den König Lal-Dior davongetragen hat. Und diese Nachricht war für mich ein schwerer Schlag. Den ganzen Tag hindurch irrte ich allein ohne Ziel durch die Wälder, und achtete nicht des furchtbaren eisigen Windes. Als ich zurückgekommen war, bin ich dann tief erschöpft in meinem Lehnstuhl eingeschlafen. Viel später erst erwachte ich, beim Anbruch einer gespensterhaften Märznacht, trotz meines Mantels vor Kälte starr, die Füße vor dem erloschenen Feuer. Mein erster Gedanke beim Erwachen: Brémont ist tot. Und wieder einmal ging all mein Denken fort von Joinvilles glanzlosem Himmel in jenes Sonnenland, das erfüllt war von Leben für mich, inmitten der Freunde, die ich dort besessen. Brémont ist tot, er ruht nun auch im Gottesacker von Sorr, er, den ich immer voll von Leben kannte, der so bewunderungswürdig schön gewesen, und der eines Abends beim Liebesmahl fröhlich sein Glas erhob: »Auf jene, die gefallen sind in Bobdiarah und in Mekka!« Und nun ist auch er so gestorben; er war einer jener Ausnahmemenschen, denen in ihrer seltsamen Existenz der Senegal zur Heimat ward, die Sandwüste zum Vaterland. Mein Freund Brémont hinterließ Schulden in Saint-Louis, und darum mußte seine Habe – seine Waffen, sein Affe und sein Hund – an Mulattinnen verkauft werden. Das ist das Ende der Spahis.   Joinville, 21. März 1875. In der Zeitschrift »Le XIXième siècle« lese ich, daß der Schiffsfähnrich und rumänische Fürst Brazza, mein einstiger Kamerad von der Seekadettenschule, am 1. September eine Expedition nach Dakar führt, wo das Transportschiff »Loiret« sie erwartet. Diese Expedition wird den breiten Fluß Ogooué stromauf fahren und von dort aus Zentral-Afrika erforschen. Ein Jahr ist es her, daß Brazza mir in Dakar seinen kühnen Plan auseinandergesetzt hat, und ich war sehr versucht, mich ihm anzuschließen. Ich hatte ihm sogar meine große Hündin Couragai versprochen, von der wir alle wußten, daß sie bei Lagerungen im Freien ein vorbildlicher Wächter war. Heute bin ich in Joinville in Schnee und Reif, – warum bin ich nicht mit meinem Freunde Brazza gegangen! Wer wird mir Afrikas Sonne wiedergeben, und sei es selbst die des Ogooué! ...   Joinville, 20. März 1875. Ich versuche wieder Freude am Leben zu gewinnen, und es gelingt mir nicht ... Man bekommt alles satt, selbst den Schmerz, und der meine geht dahin, doch nichts rückt an seine Stelle, nur ein Gefühl der Leere und ein grenzenloser Ekel vor dem Leben ... Das geliebte Bild der Frau, die mich verlassen, entschwindet mehr und mehr; ich füge mich in die seltsame Rolle, die mir in dieser Welt beschieden ist, und das unheimliche »Menetekel« schreckt mich nicht mehr ... Ich bin übrigens wieder gesund geworden, meine Muskeln entwickeln sich dank fleißiger Turnübungen zu athletischer Kraft und das Leben überschäumt. – Dem düstern klösterlichen Dasein, das ich bisher gelebt, habe ich Valet gesagt, und meine Türe hab' ich weit der Jugend und dem Leben auf getan. Und meine Stube, öde und einsam einst gleich eines Priesters Zelle, ist abends immer nun erfüllt vom frohen Lachen junger Frauen. Ich war meinen Freunden ein dunkler Punkt, ragte wie ein Rätsel in ihre Welt. Jetzt hab' ich die Rolle getauscht und bin ihr Führer geworden. Freies Leben der Bohême. Als ich siebzehn Jahre alt war, wogte es schon einmal um mich. Das war, als ich im Quartier-Latin den Vorbereitungskurs zur Marinezöglingsschule absolvierte, und ich war der einzige, der sich fern hielt von dem munteren Treiben. Eine unbestimmte Traurigkeit, und ein Verlangen nach Luxus und Lebenskunst zwangen mich, am rechten Ufer der Seine nach Liebe zu suchen. Ich fand sie dort bei einem schönen, tieftraurigen jungen Mädchen, das von reichen Freunden ausgehalten wurde. Was nützt es, sich mit Strenge zu umgürten! Jetzt brauch' ich all den Lärm und die Phantastereien, denn ich ertrag' es nicht, allein zu sein. Die, für die ich meine Pforte aufgetan, verlangen nur einzutreten. Ich ward umringt und umjubelt. Denn weil ich ein düsterer Sterbender war, um den leise das Geheimnis webte, drum ist meine Wiederkehr ins Leben der Jugend gefeiert worden. Mein Seemannshandwerk und meine weiten Reisen verfehlen auch nicht ihre Wirkung auf die Menschen dieser Welt. Man drängt sich, mein Freund zu sein oder meine Geliebte. Wohl sah ich, daß mein lieber Bruder Jean ob dieser meiner Umgebung und ob der ungewöhnlichen Art meines Lebens etwas verwundert war. Doch hat er mich verstanden und weiter nichts gesagt. Er weiß übrigens gut, daß alles dies nur Schein ist, und daß meine schier überfeinerte Selbstachtung mich immer hindern wird, ganz tief zu sinken und mich in groben Ausschweifungen zu ergehen. Nein, dennoch, ich vergesse dich noch nicht, Geliebte mein ... noch ward mir nicht die Unbekümmertheit, die ich mir wünsche. Wohl hasche ich nach Freuden, aber das Herz in meiner Brust ist gestorben. Die Reue, die unerbittliche Reue quält mich des Nachts. Verzweifelnd ringe ich die Hände, denk' ich an sie, die mir entschwunden auf Nimmerwiederkehr. Und fürchterlicher Nacht folgt qualvolles Erwachen. O, diese Angst, wenn der Schlummer weicht! Und warum immer diese seltsam fremde Heiterkeit, die diesen Augenblick so schrecklich macht? Ich wohne in einem großen, häßlichen Hause, dem Bahnhof gerade gegenüber. Dieses Haus ist für jene Offiziere reserviert, die, wie ich, Kurse an der Turnschule besuchen. Über mir wohnt ein Unteroffizier vom 57er Regiment. Seine Geliebte, sie heißt Henriette, kommt zweimal wöchentlich zu ihm, – ein schönes, kluges, ziemlich schamloses und lautes, aber immer glanzvolles Weib, das nie zweimal im gleichen Kleid erscheint. Manchmal kommt, gleichsam als Folie, ihre Freundin mit, eine gewisse Bertha, auch sehr herausgeputzt, aber häßlich ... Mir zur Rechten wohnt ein Artillerieoffizier, aber er gehört nicht zu unserer Gesellschaft; seine Geliebte ist heimlich und unsichtbar, und er selbst ist nicht anders. Wir grüßen einander beim Begegnen, – das genügt hier und dort. Links von mir ist die Wohnung von Mutter Julie, unserer Hausfrau, ihrer Katze und ihrer drei Hunde: Toutou, Toutoute und Titine. Im zweiten Stock, linker Hand, wohnt Delguet, von den 30ern, einer unserer »Golos«, (dies Wort, das in der Negersprache »Affe« heißt, dient uns hier, um die Mitglieder unseres kleinen Kreises zu bezeichnen). Delguet ist sogar, nach mir, erster »Golo«. Aus Annecy, wo sein Regiment garnisoniert, brachte er sein savoyardisches Liebchen mit, eine kleine, anständige und nette Arbeiterin: La Fratine heißt sie bei uns, und wir gaben ihr damit den Namen einer alten Verkäuferin in Annecy, deren Geschichte sie uns einst erzählte. Sie ist siebzehn Jahre alt, ist graziös, fein, und gläubig wie ein Kind. Das Paar Delguet-Fratine ist das ärmste von uns allen, und das reizendste außerdem. La Fratine, die ursprünglich recht wild und ungebärdig war, sieht nun in mir ihren besten Freund und betrachtet mein Zimmer als das ihre. Seitdem ich ihr volles Vertrauen genieße, schätze ich auch die Eigenschaften ihres Herzens. Sie arbeitet tagtäglich in Paris, bei sehr minderen Leuten, gegen die ich einige Male, nur ihretwegen, glaubte, leutselig sein zu müssen. (Sie verfertigen Krawatten für die Magasins du Louvre.) La Fratine erscheint allabendlich mit dem Zug um 7 Uhr wie eine kleine Ausgehungerte, und immer bringt sie einen großen Haufen Arbeit für die Nacht, und stets verhindern wir sie, auch nur daran zu rühren. Delguet und ich belauern ihr Kommen auf meinem Balkon. Übrigens kennen wir all die Ankömmlinge des 7-Uhr-Zuges und hatten ihnen schon manchen Streich gespielt. Unsere kleine Freundin sitzt gewöhnlich in ihrem oder in meinem Zimmer und verzehrt, aus Sparsamkeit, Delguets Abendbrot, der seinerseits darauf verzichtet. Die Fratine besitzt, wie einst Mimi Pinson, nur ein einziges Gewand. Sie trägt es am Sonntag, wenn wir mit ihr im Wald von Vincennes lustwandeln. Doch da das Kleid aus Leinen ist, bleibt man zu Hause, wenn es regnet. Ich werde regelmäßig befragt, wenn es sich um Hüte handelt, oder um Reise- und Arbeitskleidung. Das alles wird bei mir verfertigt, während unsere Freundin uns mit verblüffender Unschuldsmiene Schauergeschichten aus dem Atelier erzählt. Tür an Tür mit Delguet, rechts von ihm, wohnt ein vierter Unterleutnant der Dreißiger; er lebt in gemeinsamem Haushalt mit seiner »Dame von Welt«, der pyramidalen Liline, die immer höchst geheimnisvoll erscheint. Eines Tages kam Liline herunter und hat bei mir gefrühstückt. Wir halten sie aber doch in ziemlicher Entfernung. Mutter Juliens Haus besitzt noch eine andere Stiege. Dort lebt im ersten Stock linker Hand der Schiffsfähnrich Roger, mein besonderer Freund, der Fürchterliche, der seinen Gegner im Säbelduell erstochen hat. Nun haben wir einen gemeinsamen Diener und eine gemeinsame Kasse. Dann gibt's dort noch die Zimmer der beiden Kavallerieoffiziere. Der erste, dessen Charakter zuweilen nicht ganz einwandfrei ist, ist der Geliebte der kleinen Maria. Diese ist Geschäftsfräulein im Louvre – hübsch, blutjung, mit einem Anflug von Kindlichkeit, ein wenig übertrieben vielleicht, aber niedlich. Der zweite, mit vielleicht noch unerträglicherem Charakter als der erste, ist dafür seelensgut. Er bringt es zuwege, den um Verzeihung zu bitten und unter Tränen zu umarmen, der ihn in Zorn gebracht hat. Seine Geliebte heißt Louise und ist eine brave Näherin aus der Rue Molière in Paris. (Sie schneidet zuweilen eine recht komische Fratze und nennt diese Leistung »Golo ist froh«. Das ist aber auch alles, was sie kann.) Im Hause gegenüber wohnt ein Offizier vom 3ten Marine-Infanterie-Regiment, ein alter Senegalfahrer und ein entzückender Bursche obendrein. Er war vier Jahre lang Kommandant an der guineischen Küste, und er ist es auch, der die Negersprache im Dialekt bei uns eingeführt hat. Sein Verhältnis, die lange Victoria, ist gleichfalls ein Nähmädchen aus der Rue Molière, aber sie zeigt sich nie. Ihr Gesicht wäre nicht übel, wenn sie nicht gar so viel Sommersprossen hätte. Victorias Zimmer in Paris steht mir zur Verfügung, wenn ich mich einmal verkleiden will. Ein wenig weiter, in der Brauerei, wohnt der letzte »Golo«, ein Jägerleutnant: gut erzogen, sehr nett, aber eng liiert mit Armandine, einem Ladenfräulein, das uns nicht gefällt. Wer von all meinen Nachbarn mich am meisten stört? Zweifellos Henriette und ihr Freund. Henriette vor allem, die mich verfolgt, sowohl mit Blumensträußen als mit Liebe, und dann ihr Freund, der nichts bemerkt. Sowie ich auf dem Balkon erscheine, erhalte ich Blumen an den Kopf, Rosensträuße, Maiglöckchensträuße, und zuweilen sie selbst, denn sie liebt es, sich mit Hilfe ihrer Decken auf meinen Balkon herabzulassen. Schließe ich meine Türe, so kommt sie bestimmt durch ein Fenster herein ... Sie und Berthe sind einmal auf diesem Weg nächtlicherweise in mein Zimmer gedrungen, worüber ich nicht wenig erschrocken war. Und obwohl ich sie mit Faustschlägen empfing, haben sie mir es doch nicht nachgetragen. – Doch ist es nutzlos, vor zwei Uhr morgens einschlafen zu wollen, wenn Henriette die Nacht in Joinville verbringt.   Joinville, 10. April 1875. Wieder haben wir April, und der Frühling ist da. Das Wetter ist mild, die Wiesen stehen in voller Blütenpracht, und die »Golos« führen ein fröhliches Leben. Da gibt es kein ländliches Fest, an dem wir nicht teilnehmen, bei dem unsere kaltblütige Unverschämtheit nicht irgendwie in Aktion tritt. Die Gegend hier, im Stil der Umgebung von Paris nahe verwandt, wird mir langsam unerträglich dank ihrer Heiterkeit und ihrem Blumenflor. An schönen Tagen kommen ganze Wirbelwinde Pariser Leutchen zu Landpartien hergeweht. Schiffer, Schiffermädchen, Grisetten, Ladenjünglinge, – all das hüpft und springt und singt und pflückt Blumen. Zweimal in jeder Stunde speit der Eisenbahnzug aus Vincennes einen solchen Strom vor meinem Fenster aus. In solchen schönen Frühlingsnächten bleiben wir lange auf dem Balkon; Delguet, seine Freundin und ich sind immer die letzten. Dann überschüttet die Fratine in ihrer Art, die schelmisch ist und tief zugleich, mich mit einem Schwall von Fragen: Über den Himmel, über die Welten, über fremde Länder. Sie ist lernbegierig und erfaßt alles mit verblüffender Leichtigkeit.   Joinville, 30. April 1875. Unsere »Golobande« hält treue Freundschaft mit den Organisatoren der Turnschule. Das sind teils Feldwebel, teils Quartiermeister, brave Jungen mit rechtschaffenen Herzen, offenen intelligenten Gesichtern und all der sorglosen Fröhlichkeit, die gesunder Jugend eigen ist. An jedem Abend ist Rendezvous beim »Springenden Kaninchen«, einer Soldatenkneipe tief in einem Garten, der von Rosen und Syringen duftet. Erst aber ordnet sich der Zug bei mir: Man kostümiert sich, tauscht die Kleider, und so entstehen neue Feldwebel, andere Matrosen, aber auch Lumpensammler, lustige Figuren, Zirkusclowns und Kunstreiter, ganz unwirkliche Verkleidungen einer Schar wirklicher Menschen ... Mit den trefflichen Boxerregeln, die wir alle innehaben, und mit der Herkuleskraft unserer Turner dringen wir überall durch, sind überall gefürchtet, überall Herren und Meister. Unser Bundeslied ist eine frohe Weise, und allabendlich klingt sie auf, wenn die Turner über die blühenden Wiesen hinauf zur Festung ziehen. Oft werde ich sie zurückwünschen, diese Zeit voll Jugend und Lebenskraft, und all die frohe Heiterkeit, die wie ein Taumel auf mir liegt, – selbst unserer kindlichen Spiele im Wald von Vincennes werde ich denken, wo die Pariser uns leichtem zwanglosen Völkchen zugejubelt haben. Und stets werde ich mir unsere braven Turner vor Augen halten, die zu jedem meiner abgeschmackten Scherze zu haben sind, und die, gleich mir, beim geringsten Anlaß Freude empfinden, wie sie ähnlich sonst nur Kindern eigen ist. Das »Spiel in vier Winkeln« beispielsweise, das meinem Erfindergeist sein Dasein verdankt, ist ganz besonders gelungen. Um es zu inszenieren, rotten wir uns am Sonntag in zahlreiche Gruppen, mindestens zwölf an der Zahl. Doch muß man für dieses Spiel einen Platz zu finden wissen, an dem bereits zahlreiche Krämerfamilien ihr ländliches Frühstück verzehren. Denn dann das durch uns verursachte tolle Durcheinander dieser Leutchen zu sehen, wirkt ungeheuer belustigend. Jeden Sonntagabend erneut sich das gleiche heitere Schauspiel: Die Ausflügler aus Paris stürzen zur Bahn, um den Zug nicht zu versäumen und dadurch nicht gezwungen zu sein, in Joinville zu übernachten. Von unserem Balkon aus, dem Bahnhof gegenüber, können wir uns herrlich über sie lustig machen. Es freut uns sogar zuweilen, die letzten Nachzügler mit den Resten unseres Abendbrotes zu bewerfen, das sind Spargelstümpfe, Eierschalen und dergleichen liebliche Dinge mehr. Die Leutchen ärgern sich zuweilen, und, im Zweifel darüber, ob Rache hier wichtiger ist als das Erreichen des Zuges, wenden sie sich, drohen mit der Faust, und laufen dann nur um so schneller, was unsere Freude noch größer macht.   Brief Pierre Lotis an seinen Freund Delguet. Annecy, 23. Juni 1873. Lieber Freund! Verzeihen Sie mir vor allem, daß ich Ihnen auf grauem Papier schreibe. Es ist Hotelbriefpapier – zur Entschuldigung sei es gesagt –, aber es hat so ziemlich die Färbung meiner Gedanken. Seit heute morgen bin ich in Annecy, unaufhörlicher Regen strömt nieder, und ich kann diesem Ort keinen Zauber abgewinnen, trotzdem er mich im letzten Jahr so schön dünkte, als keine Wolke am Himmel stand, – und dann stürmen hier zu hart Erinnerungen auf mich ein. Als ich vor einem Jahr hier war, hatte ich eben einen harten Schlag empfangen, doch war mein Innerstes noch des Lebens voll. Heute aber bin ich tot. Sie, der Sie Annecy auch bei Regen kennen, Sie wissen, wie unheimlich es so wirkt. Ich habe meinen Freund Ermillet in seiner Werkstatt aufgesucht, und ich fand ihn so elend, so durch Krankheit verändert, daß ich ihn kaum wiedererkannte. Ich muß gestehen, daß es mich tief bedrückte, ihn so zu sehen, der einst ein so schmucker Matrose war. Doch ist er im Innern der gleiche geblieben, und ich habe ihn von Herzen gern. Ich danke Ihnen für Ihre gute Absicht, ihn um meinetwillen kennenzulernen. Doch scheint mir dies ziemlich unmöglich, denn mein armer Freund hat eine rauhe Außenseite, und es wäre Ihnen bald unangenehm. Ich habe hier Ihr kurzes trauriges Briefchen erhalten. Meine eigenen Angelegenheiten sind auch durchweg trüber Natur. Ich werde wohl gezwungen sein, wieder nach X Immer noch um jener Frau willen, die P. L. in Senegal gekannt hatte. zu reisen, wo mich zweifellos wieder Grausamstes erwartet. Ich habe keinen Sou im Vermögen, aber Sie wissen, daß solche Kleinigkeiten mir niemals nahegehen, und bin ich erst einmal dort, muß ich auch wieder zurückkommen, und bisher habe ich solche Knoten noch immer entwirrt.   Annecy, 30. Juni 1875. An einem wundervollen Sommermorgen schlenderten wir zu dritt das Ufer des Sees von Annecy entlang. Still und klar blaute das Wasser zu unseren Füßen und spiegelte die hohen Berge auf seiner Oberfläche. Das Ufer war es, von dem Töpffer schrieb: »Es ist still, einsam, schattig und zauberhaft!« Meine beiden Weggenossen waren mein treuer Freund Ermillet und die kleine Fratine, die seit kurzem wieder im Lande war. Sie trug noch immer Kleid und Hut, die sie nach meinen Angaben in Joinville verfertigt hatte. Und sie trippelte dahin, halb fröhlich, halb zum Weinen bereit, und auch ein wenig befangen, mit uns beiden allein zu sein. Es schien als hätte sie lange schon diesen Weg vorausgeträumt, und als wäre das Wetter eigens für sie gemacht. Um sie summten fröhlich die Mücken, und auf den Bergwiesen glühte bunter Blumenflor ... Ich aber ahnte, was in dem Herzen meiner kleinen Freundin vorging, und es bekümmerte mich. Ich versuchte, ihr von Delguet zu sprechen, um ihre Gedanken abzulenken, von Delguet, den sie liebte, und der bald wiederkehren sollte ... Doch ihr Denken schweifte anderwärts, sie hörte nicht auf mich ... Da ich Annecy nicht verlassen wollte, ohne der armen Kleinen Lebewohl gesagt zu haben, bat ich Ermillet am selben Abend, mir behilflich zu sein, ihre Wohnung zu ermitteln. Und so haben wir sie an diesem Abend von Tür zu Tür gesucht. Eine elende Schenke im alten Stadtviertel, den Kasernen benachbart, – das war die Residenz der Mutter der Fratine, eine unsagbar schmutzige Behausung voll betrunkener Soldaten, und auch den Hof füllten eine Menge zweifelhafter Gestalten. In einem raucherfüllten Raum kauerte die arme Fratine schamglühend in einer Ecke. Ihr Aussehen, ihre bescheidene Miene und ihre Pariser Kleidung stachen seltsam von ihrer elenden Umgebung ab. Hier im mütterlichen Stall mutete sie wie eine Blüte auf einem Düngerhaufen an. Wir beide waren wie Arbeiter verkleidet. Als sie mich erkannte, spielte ihr Antlitz alle Farben, sie wagte weder vorzutreten, noch die Augen aufzuschlagen. »Wollen Sie den morgigen Tag mit uns in Sévrier verbringen?« fragte ich sie. »Delguet erlaubt es, und mein Freund hier wird Sie abholen kommen ...« Heiß brannte die Sonne trotz der schattenspendenden Eichen und Kastanienbäume, als wir in Sevrier ankamen. Wir verbrachten dort einen schönen Tag, und allem Anschein nach war unsere Fröhlichkeit echt. Wir tafelten in einem Landhaus bei savoyardischen Bauern. Dann liefen wir bergan ... Trauriger war der Rückweg. Die Fratine preßte meinen Arm, zitterte zuweilen und hatte die Tränen sehr nahe ... »Loti, werde ich Sie jemals wiedersehen?« fragte sie. »Ich glaube kaum.« Wir gingen noch weiter, bis der Weg kam, den sie einschlagen mußte, um unbemerkt in ihren Stall zurückzugelangen. »Hier will ich von Ihnen Abschied nehmen, Fratine« ... Da ließ sie sich sanft zu Boden gleiten. Wir setzten sie auf einen Stein, ich küßte sie und wir gingen ... Doch im Weiterschreiten konnten mein Freund und ich sie noch lange sehen. Sie saß immer noch auf demselben Fleck, und ihre Brust hob sich von Zeit zu Zeit, als ob sie von Schluchzen geschüttelt würde ... Dann schob sich eine Baumgruppe wie ein Vorhang zwischen sie und uns ...   Rochefort, Januar 1876. Ich verdiene wohl ein wenig den Vorwurf, den man mir wegen »nächtlicher Ruhestörung« macht, aber ich brauche notwendig eine mich betäubende Ablenkung. In Joinville war mein Tag zu sehr ausgefüllt, als daß mir Zeit zum Nachdenken geblieben wäre, und ich war fast so weit gekommen, meinen Schmerz vergessen zu können, doch hier, in meinem alten Hause, wo jedes Ding mich an Vergangenes gemahnt, steht die furchtbare Wirklichkeit in seiner Ganzheit vor mir auf, Sterbensbangigkeit hält mich umfaßt, und ich fühle, daß mein Leben hoffnungslos zerbrochen ward. Wie sehr hat es mich in der Fremde nach meinem alten Haus in Rochefort gezogen! Seine Stille bedrückt mich jetzt, und wäre nicht mein liebes Mütterlein, ich wäre längst davongezogen, um nicht wiederzukehren. Ich male nicht mehr, musiziere auch nicht. Und habe ich in einer gewissen Zeit meines Lebens gewähnt, ein Künstler zu sein, und hatte ich damals sogar einige Geistesblitze, so ward dies alles wieder sehr verdunkelt, und mehr als je empfinde ich heute mein Unvermögen, dem Ideal nahezukommen, das mir zuweilen noch vorschwebt... Darum verbringe ich meine Abende in Schenken ... Dies Übel ist weniger groß, als es vielleicht den Anschein hat. Die Kameraden, die ich mir wählte, haben, das ist wohl wahr, ein jedes Handwerk gelernt und sind durch viele Meere gefahren. Doch nie haben sie gestohlen, noch gemordet. Brave Seeleute sind es, mit einer genügend großen Dosis Rechtschaffenheit im Herzen. Es ist eine Handvoll Männer, die in meine Hand gegeben ist, und die bereit wäre, für mich durchs Feuer zu gehen. Im Verein mit ihnen gibt es manchmal wohl Lärm, das gestehe ich, auch Plünderungen und Faustschläge. Aber unsere Schläge fallen immer nur auf Leute, die sie verdient haben. – Seitdem Jean nicht mehr mein Freund ist, kommt mir in jeder Nacht der gleiche spukhafte Traum: ich träume, daß er starb. Immer spielt dieser Traum in Magellan. Zweifellos weil dies der Ort ist, an dem wir beide tief unglücklich waren und uns infolgedessen brüderlich aneinandergeschlossen hatten. Ich träume, daß man ihn im Moos ausgestreckt findet, dort in den unheimlich schweigenden Wäldern, die wir so oft zusammen durchstreift haben ... Und alle Nacht kommt dieser Traum zur gleichen Stunde in unheilvoller Regelmäßigkeit ...   Toulon, März 1876. An einem Sonntag im Januar ist meine Einschiffungsordre in Rochfort eingetroffen. Ich fand sie am Abend zu Hause vor, als ich aus Rohan kam, wo ich Onkel Gustav Lebewohl gesagt hatte. Mutter und Tante Claire, die mich im Salon erwarteten, händigten sie mir ein. In Rohan war ich mit meinem guten alten Onkel lange spazieren gegangen. Und die helle Wintersonne, das blaue Meer, der reine Himmel hatten mir Mut gegeben, so daß ich wieder hoffte, es sei noch nicht alles für mich zu Ende, so daß leise Lebensfreude wieder in mir zu keimen begann. Lange noch werde ich dieses letzten Januartages gedenken. Mehr und mehr verflog mein Schmerz, ich hatte nur mehr den Eindruck eines seltsamen Erwecktwordenseins, ein Gefühl des Schwindels und der Leere. Schöne Wintertage kamen, trockenes, kaltes Wetter. Meine Schwester war daheim, und jeder verwöhnte mich nach Kräften. Man brachte mir Blumen, – Christrosen aus Fontbruant. Winterzauber hüllte mich ein, Familienzauber, und der Zauber des häuslichen Herdes. Unsere gute Nachbarin, Madame Besnard, hatte mir nie zuvor so viel Freundschaft erwiesen. Herrlichen Wein sandte sie mir und sogar Süßigkeiten. Es sah gewiß komisch aus, wenn ich so viel aß und trank, und oft mußte ich selbst darüber lachen. Dann schien mir immer, als sei ich von langer Krankheit genesen. Es hieß nun, schleunigst Vorbereitungen für meine Abreise zu treffen, denn mein Befehl war befristet. Meine Kameraden besuchten mich häufig, meine Matrosenfreunde desgleichen. Sie alle mußten sich bald einschiffen, und meine Schar war daran, sich über alle Meere zu zerstreuen. Dann kam der Tag, der mein Gepäck entführte, und eines schönen Abends reiste ich nach Toulon. Hier fand ich, außer der scharfen Seeluft des Mittelmeers und dem strahlenden Himmel des Südens, eine Menge von Freunden, die sich die Aufgabe stellten, mich zu zerstreuen. Und so beginne ich wirklich zu leben ... Ich ließ mich sogar für einen Verein anwerben, der »Lyrischer Verein« heißt und unter dem Präsidium einer alten Seemannsgattin steht. Wir geben Konzerte in den Nachbarstädten, deren Erträgnis der Armenhilfe zufließt, und zuweilen wird uns von den dankbaren Behörden ein Champagnersouper geboten. Die fröhliche Schar reist gewöhnlich in zwei Omnibussen, die Zeit vergeht unter heiteren Spielen, die alte Dame und ihre Tochter führen an. Ich aber habe Freundschaft mit Clowns und Spaßmachern geschlossen, und meine Mußestunden verbringe ich meistens im Zirkus.   Brief Pierre Lotis an seinen Freund Plumkett. An Bord der »Couronne«. Toulon, 24. April 1876. Lieber Freund! Ich wollte, ich könnte gleich Ihnen mich Christus zu Füßen werfen; noch jetzt gäbe ich gern alles, was ich besitze, darum, nur eine Stunde lang den bewunderungswürdigen Irrwahn der Gläubigen zu besitzen, und wie sie in seligem Frieden sterben zu können ... Doch da mir dies versagt ist, mache ich gymnastische Übungen. Das Mittel ist gut, ich versichere es Ihnen. Versuchen Sie auch ein wenig, es anzuwenden. Ich bin den ganzen Tag im Zirkus, in der Gesellschaft von Clowns und schönen Mädchen, die durch Papierräder springen. Ich lerne Possen reißen, erlerne, auf dem Rücken eines Pferdes zu stehen und springe durch Reifen. An Bord habe ich mein Zimmer im Stil des beginnenden vorigen Jahrhunderts eingerichtet. Die Wände sind mit roter Seide bespannt, über das Bett ist eine schwere Stickereidecke aus dem XVII. Jahrhundert gebreitet. Ich habe alte Spiegel in erlesenen Goldrahmen, Waffen und antike Vasen aus Fayence, in denen immer Rosen stehen. Dies Zimmer der »Couronne« liegt neben der Pulverkammer, ist ein schier luftloser Raum. Doch sein Düster mißfällt mir nicht, es legt sich um alle Dinge und läßt sie reich und geheimnisvoll aus dem Halbdunkel treten. Die Ausschmückung erscheint mir gut gewählt. Als ich eines Tages keine zehn Franken mehr hatte, ging ich hin und habe gespielt. Und all der Luxus ist das Ergebnis jener Nacht, in der das Glück mir hold gewesen ist.   Vom selben an denselben. Ohne Datum. Mein lieber Plumkett! Die Etablissements, die Sie mir nennen, Bicêtre oder Charenton, bieten ihren Pensionären nur relatives Wohlbefinden bei nicht genügender Zerstreuung und Ablenkung. Hingegen ist »The Lunatic Asylum« in Halifax (Neu-Schottland), das lieblich zwischen lachenden grünen Hügeln liegt, ein Ort, der Pensionären dank seiner ausgezeichneten Leitung echt englische Behaglichkeit zu bieten vermag. Das »Lunatic Asylum« habe ich vor sechs Jahren gemeinsam mit meinem Kollegen A... J... feierlichst zur Zufluchtsstätte für unsere alten Tage erwählt. Erwarten Sie uns dort, lieber Freund! Ich bin so frei, Ihnen diesen Ort zu nennen und aufs wärmste zu empfehlen. –   Brief Pierre Lotis an Madame d'A. An Bord der »Couronne«. Toulon, April 1876. Gnädige Frau! Morgen trete ich im »Cirque Etrusque« als Clown in Maske auf, mit einem grüngelben Trikot bekleidet. Ich denke, ich werde bestimmt nicht hervorragend sein, weil mich das immerhin Ungewohnte der Rolle ein wenig einschüchtern wird. Ich habe aber Ihrem Fräulein Tochter versprochen, sie zu benachrichtigen, bis es so weit ist und Sie selbst waren so freundlich, mir Ihre Vermittlung dieser Botschaft zuzusagen. Sind Sie so gütig, gnädige Frau, mein verwegenes Beginnen geheimhalten zu wollen und genehmigen Sie die Versicherung meiner ergebenen Verehrung. Pierre Loti. Die Vorstellung beginnt um ½ 8 Uhr. Die besten Plätze sind in den Logen linker Hand, von wo aus man das Auftreten der »Künstler« übersieht.   An Bord der »Couronne«. Toulon, April 1876. Heute nacht ist mein Zimmer ganz angefüllt mit mächtigen, süß duftenden Blumensträußen. Die sind mir gestern Abend im Zirkus zugeworfen worden, wo ich als Clown aufgetreten bin und vor einem begeisterten Auditorium halsbrecherische Purzelbäume schlug. Einige Freunde, die ich ins Vertrauen gezogen hatte, wohnten der Vorstellung bei, um mir einen Erfolg zu sichern. Und einige Damen der Gesellschaft, die gekommen waren, mir Beifall zu spenden, waren äußerst betreten, sich neben anderen zu sehen, die nicht der Gesellschaft angehörten, mir aber doch Blumen zuwarfen. Das gab eine urdrollige Zusammenstellung und wir belachten sie in den Kulissen mit den Kunstreiterinnen, – mit meiner Freundin Pasqualine, genannt »der Stern des Nordens, der unerreicht ist im Salto mortale«. Es war ein prickelndes Erleben, das dieses Auftreten gewährte. Um sieben Uhr kam ich an, als gerade die großen Bogenlampen entzündet wurden. »Herr Regisseur,« sagte ich, »ich fühle mich schwach werden.« »Aber der Herr steht doch auf dem Plakat,« erwidert diese Persönlichkeit, die mich seit zwei Monaten wie zur Familie gehörig betrachtet. Die Vorstellung wird von einer wilden Nummer eingeleitet, die Madame Hortensia auf ungesatteltem Pferd exekutiert. Und gräßlich füllen sich die Reihen. Da sind meine Geladenen, da der »Lyrische Verein« und Marineoffiziere mit ihren Frauen und all ihrem Anhang, und jetzt kommen Damen der Halbwelt in glänzender Kleidung. Unter den Mänteln werden Blumen versteckt gehalten, eine Menge sehr umfangreicher Gebinde, doch bemerke ich auch Pfeifchen und Kasserollen, kurz, all die notwendigen Utensilien, die man braucht, um im Bedarfsfall furchtbare Katzenmusik zu machen. Die alte Vorsteherin vom »Lyrischen Verein« macht beim Kommen ein etwas saueres Gesicht. Bald aber erfaßt sie die Situation und lacht aus vollem Herzen. Ihre Tochter ist die einzige Person im Publikum, deren Anwesenheit mir ein wenig Unbehagen verursacht, denn sie ist reizend und wir sind sehr gute Freunde. Ist meine Leistung nur mittelmäßig, so muß ich ihr ungeheuer lächerlich erscheinen. Die Kulisse des Zirkus steht auf einem weiten Kapernaum, das einst die Arena eines Amphitheaters war, – kleine dunkle Gänge, Leitern, Falltüren und hohe Gerüste. Es ist schwer zu beschreiben, wie lustig manches ist, was sich hier begibt; die Clowns der Truppe sind auch hinter dem Vorhang Spaßmacher und komisch bis jenseits aller Möglichkeiten. Die schöne Pasqualine (sechzehn Jahre alt), die Verlobte des Kunstreiters Massi, wird von einer alten Statistin beschuldigt, mit mir im besten Einverständnis zu sein. Eifersuchtsszene, Nervenkrise, Ohnmachtsanfall ... Rührung, Versöhnung bei einer Tasse Tee. In ihrer Verwirrung stürzt die junge Primadonna angesichts des gesamten Publikums, als ihr Salto mortale kaum begonnen hat. So folgt eine Katastrophe der anderen. Jetzt ist es Zeit, mich anzukleiden, was heftige Ergriffenheit in mir auslöst. Hier ist mein Trikot, es ist gelb und grün und kommt geraden Weges aus Mailand, von Carolo Lorenzi, dem Erbauer aller fashionablen Akrobatengewänder. Ich weiß nicht, wie in das Ding hineinkommen, – zwei Clowns streifen es mir feierlich über. Es ist zum Platzen eng, doch so will es die erlesenste Eleganz. Noch eine Badehose aus schwarzem Samt, von einer Einfachheit, die mich schaudern macht, mächtige Spitzenmanschetten, Spitzenkrause, eine grüne Troddelperücke und eine Handvoll Mehl, – dann bin ich fertig. Die Vettern (Zirkusleute sagen »Vetter« zueinander), behaupten, ich sei prachtvoll. »Vielleicht ein wenig zu dünn, Vetter?« fragte ich besorgt. »O, Monsieur, wo denken Sie hin, so gut gebaut wie Sie sind, mit gewölbter Brust und geraden Schultern! Wie schade, daß Monsieur nicht einer der Unsern sind!« Da muß ich voll Selbstgefälligkeit diesen Körper betrachten, den meine Übungen geformt und umgeformt haben. Überall springen die Muskeln hervor und sind durch das enge Trikot im Relief wahrnehmbar. Ein alter Seiltänzer, der mit allen koketten Geheimnissen des Handwerks vertraut ist, verstärkt diese Wirkung noch, indem er die Konturen meiner Muskeln mit Spindelbaumzweigen leicht verwischt. Diese anatomische Toilette dauert zwanzig Minuten. Der Regisseur kommt uns holen. – »Die Reihe ist an den Herren,« sagt er. Ich bin bestimmt nicht schüchtern, doch diese neue Rolle flößt mir Bangen ein. Jetzt beginnt die Musik ein munteres Präludium, das packt und mitreißt. Ich betrete die Szene. Stürmischer Applaus. Ich grüße dreimal. Acht Vettern folgen mir Schritt für Schritt. Doch meine Füße berühren den Boden kaum. Meine Muskeln schnellen wie stählerne Federn: gleich eingangs ist der Erfolg gesichert. Seiltanz, halsbrecherische Sprünge herüber und hinüber, Menschenpyramide, schwindelerregende Balancierübungen, alles in allem eine Vorstellung, deren Nummern so zusammengestellt wurden, daß mein Können sich im hellsten Lichte zeigen muß ... Das wirkliche Publikum, das einen Moment lang durch diese Kabbala irregeführt war, ist nun seinerseits hingerissen und klatscht wie toll Beifall. Es ist ein richtiger Erfolg, Blumen, Orangen und Kinderspielzeug prasseln unausgesetzt auf mich nieder. Drei Hervorrufe, wüstes Getrampel, Triumph durch eine ganze Viertelstunde. Selbst die Kunstreiterinnen verlassen ihre Logen, um mir zuzujubeln. Die Situation hat ihren Höhepunkt erreicht ... Aus der Rede, die der Herr Regisseur hält, während man mich entkleidet, und die einer tragisch-pathetischen Apostrophierung gleichkommt: »Was hat Sie zu uns verschlagen, Herr Offizier, und was suchen Sie bei uns? Nun sind Sie unseresgleichen, die wir nichts anderes haben als diese unsere Kunst. Doch nach der Vorstellung sind wir arme Tröpfe, die im elenden Reisewagen übernachten. Wie glücklich wäre ich, Herr, könnte ich heute abend an Ihrer Stelle in das seidentapezierte Zimmer an Bord der Fregatte zurück, wo Sie mir die Ehre erwiesen, mich zu empfangen! O schöner Traum, dann morgen früh als Marineoffizier zu erwachen!« Einer meiner Freunde vom Schiff und seine Freundin Rose erwarten mich um Mitternacht am Bühnentürchen. Hinter uns schleppt ein Dienstmann meine Blumensträuße. »Meine liebe Rose,« sage ich, »Sie sind ebenso für Ihr häßliches Handwerk geschaffen wie ich für den Magistratsdienst oder für den Stuhl Petri.« Hierauf schwenkt unsere Unterhaltung in traurige Bahn und schließlich sind wir alle drei in einer Stimmung, als wären wir bei einem Begräbnis erster Klasse. »Amen,« sagt Rose. »Das walte Gott,« fügt der Dienstmann hinzu.   Toulon, 10. April 1876. Als mein Freund in Annecy von meiner Abreise nach dem Orient Die »Couronne« wurde nach Saloniki entsendet, als die Konsuln von Frankreich und Deutschland dort ermordet worden waren. erfuhr, schrieb er mir einen mutlosen Brief des Inhalts, daß er mir um jeden Preis zu folgen bereit wäre und sich als Heizer an Bord verdingen wolle. Mit gleicher Post jedoch erhielt ich einen fast unleserlichen Brief seiner Mutter, die mich anflehte, ihr den Sohn nicht zu nehmen, und da schrieb ich an Ermillet, er möge nicht kommen. Es hat mich viel Überwindung gekostet, um so mehr als die alte Savoyardin mich beschworen hatte, ihren Brief nicht zu erwähnen, und jetzt denkt ihr Sohn vielleicht, daß ich ihn im Stich lasse. Aber die Dankbarkeit und die Segenswünsche einer alten Frau sind hinreichende Belohnung, selbst dort, wo es gilt, ein großes Opfer zu bringen.   An Bord der »Couronne«. Piräus, Mai 1871. Athen ist die Stadt des Orients, die meine Wünsche schon lange suchten: Nun ist es mir gelungen, bis dorthin vorzustoßen, gemeinsam mit meinem Kameraden, dem Ingenieur. Allerdings blieb uns nur eine Stunde für Athen und noch dazu bei Nacht. Zwei Pferde trugen uns in sausendem Galopp durch die Stadt, über die eine der hellen Nächte Griechenlands ihr zauberisches Licht ergoß. Da weckten wir denn in Eile all unser Erinnern an klassische Zeit, und wie im Traum ließen wir während einer Stunde die Zeugen solcher Zeit vor unseren Blicken defilieren: Die Tempel aus pentheleischem Marmor, die Akropolis, die Propyläen, der Parthenon. Rings in den Gärten hauchten blühende Myrthen und Lorbeerbäume balsamische Düfte aus. Dieser sprunghaft kurze Ausflug hinterließ uns einen bleibenden, köstlichen Eindruck, den wir weit weniger mächtig empfangen hätten, hätten wir Athen in Ruhe und am hellen Tag betrachtet, wie es die englischen Touristen tun. –   Brief von Pierre Lotis Mutter an den Sohn. Rochefort, Montag, am 1. Mai 1876. Warum, liebes Kind (wenn ich's auch gern sehe, daß Du rechnest), warum nahmst Du Dir die Mühe, mir die Liste Deiner Ausgaben einzusenden? Ich beanstande keine, versichere ich Dir. Ich glaube sogar, daß es wenig junge Leute gibt, die draußen in der Welt so wenig brauchen, wie Du, und ich beklage nur immer wieder, daß so schwere Lasten auf Dich gelegt worden sind. Dabei kann ich mich doch der Sorge nicht erwehren, wenn ich sehe, daß Du mir manches verbirgst, aber andererseits tut es mir wohl, zu wissen, daß Du Dich Deiner Schwester mitteilst. Es scheint mir ein so gutes Zeichen, daß Du ihr wieder Dein Vertrauen schenkst, daß es mir fern liegt, glaub' es mir, mich über diese Separatbriefe zu beklagen. Nur kann ich Dir nicht oft genug ans Herz legen, Deine Briefe sorgfältigst verschlossen zu senden, besonders wenn Du Deiner Schwester von neuen Sorgen, die Dich drücken, sprichst, oder wenn Du ihr sonst ein Geheimnis anzuvertrauen hast. Wohl weiß ich, daß Du Lehrgeld zahlen mußtest, dafür, daß Du zu vertrauensselig warst. Hat dies Dein Lehrgeld Dich vorsichtiger gemacht? Hüte Dich wohl so zu sein, wie Du es diesbezüglich hier gewesen bist. Es ist mir unmöglich, mein armer Liebling, mich der Erfolge zu freuen, die Du im Zirkus errungen hast ... Das sind nicht jene, muß ich Dir sagen, die meine Träume für Dich hofften ... Der April war hier scheußlich, und der Mai kündigt sich nicht gerade herrlich an. Es regnet noch, und heute ist es bitter kalt. Nichts sprießt rasch, alles ist im Rückstand. Und was wir nie vorher gesehen haben: Hungrige Spatzen haben all unsere Glyzinienknospen abgeweidet, selbst jene, wo noch keine Blätter waren. Hoffentlich wachsen noch welche nach. Die abscheulichen kleinen Fresser haben sogar einen Teil unserer Rosenknospen vertilgt, und alle wären ihnen anheimgefallen, hätten wir nicht eine weiße Fahne gehißt, die jetzt über den Rosen flattert – eine Fahne, die nichts Aufrührerisches an sich hat. Claire und ich bitten Dich, uns endlich mitzuteilen, was mit den Giraffenfellen geschehen soll, die Du aus dem Senegal brachtest. Sie sind fast ganz verfault und sind durchaus kein Schmuck für unseren Hof. Leb wohl, geliebter Junge, all Deine armen Alten umarmen Dich von Herzen. Nadine Nadine ist die Abkürzung für Renaudine, welcher Vorname sich in Pierre Lotis Familie häufig findet in Erinnerung an die Urväter, Renaudin genannt, die nach Holland emigrieren mußten, als das Edikt von Nantes widerrufen wurde. Auch der Kommandant des »Vengeur« hieß Renaudin und entstammte der gleichen Familie.   An Bord der »Couronne«. Saloniki, Mai 1876. In Saloniki erwartete man uns, um uns mehreren Hinrichtungen beiwohnen zulassen. Diese wurden von den Mächten des Abendlandes gefordert und waren die Folge davon, daß der französische und der deutsche Konsul hier hingemordet worden waren. Heute nacht Spazierfahrt auf einem Boot im offenen Meer, in Begleitung eines Toten, der in einen Sack eingenäht war. Befehl, ihn zu versenken, ohne von den Türken bemerkt zu werden, und vor Tagesanbruch zurück zu sein. Um vier Uhr morgens bin ich heimgekehrt, mein Boot war mit Wasser gefüllt, ich selbst völlig durchnäßt und tief verstimmt von solcher Fahrt und solchem Tête-à-tête.   An Bord der »Couronne«. In der Reede von Salonique, Mai 1876. Die drei Tage, die auf die Hinrichtung der Mörder von Frankreichs und Deutschlands Konsuln folgen, sind eine Wartezeit. Rauschendes Lärmen füllt die Reede: Die Admirale und Kommandanten besuchen einander ununterbrochen. Kanonenschüsse werden mit Recht und Fug zu vielen Hunderten im Tag abgegeben, und durch die Ankunft des Großfürsten Alexis von Rußland erfährt dies lärmende Zeremoniell noch eine Verschärfung. Offiziere und Mannschaft gehen nur bewaffnet, nur dienstlich ans Land. In Salonique herrscht Explosionsstimmung, und der neue Pascha ist in arger Bedrängnis. In den Kapellen der Stadt werden die Leichname der ermordeten Konsuln auf Eis aufbewahrt, und man weiß nicht, wann sie beigesetzt werden sollen, da diese Feierlichkeit leicht der Anlaß zu einem allgemeinen Aufstand werden könnte. Endlich, am 19. abends, als alle Vorbereitungen von der türkischen Regierung getroffen waren, wurden die Generalstäbe von den Behörden für den nächsten Morgen zur Leichenfeier geladen. Am 20., um sechs Uhr, setzen zahlreiche Boote Offiziere in großer Gala ans Land. Abordnungen französischer, deutscher, englischer, russischer, italienischer und österreichischer Matrosen kommen in Waffen. Ungeheure Menschenmengen bedecken die Kais, die Straßen, die Fenster und die Dächer. Ein Kordon türkischer Soldaten bezeichnet den Weg, den der Zug nehmen soll, und schließt zugleich vorsichtig die Straßeneingänge ab. Die schweigende Menge scheint nicht sehr befriedigt zu sein, wird aber durch Gewalt niedergehalten. Doch würde ein Nichts genügen, um all dies künstliche Gleichgewicht ins Schwanken zu bringen und ganz unberechenbaren Wirrwarr herbeizuführen. Man begibt sich zuerst zum Trauergottesdienst in die Kapelle der Französischen Schwestern, woselbst unseres Konsuls Leiche aufgebahrt ist. Die griechischen Priester füllen das linke Chorschiff, die Marineseelsorger das rechte. Vorn in der ersten Reihe die Admiräle, der Pascha, die türkischen Würdenträger. Links vom Sarge eine Abordnung deutscher Matrosen. Rechts, gerade gegenüber, die französische Matrosendeputation. Alle mit aufgepflanztem Bajonett und Freunde für heute; doch messen sie sich gegenseitig mit einer Neugier, der das Wohlwollen mangelt. Dann heben Männer der Panzerfregatte »Gaulois« den Sarg auf ihre Schultern und tragen ihn einen langen Weg zum Kai hinab, vor dem die Kähne des Geschwaders warten. Der Klerus, die Stäbe und eine große Schar hoher Beamter wohnen seiner Einbootung bei, die Geschütze donnern den Salut. Dann bringt der Kahn den Sarg an Bord des »Gaulois«, wo er verbleibt, bis das Paketboot nach Marseille abgeht. Und wieder setzt der Zug sich in Bewegung quer durch die krummen Gassen des Judenviertels. Die Franzosen, die bis jetzt an der Spitze geschritten sind, lassen nun den deutschen Offizieren den Vortritt. Auch die Matrosen tauschen jetzt die Rollen, die Franzosen gehen zur Linken, die Deutschen zur Rechten, und so gelangen alle zur griechischen Kapelle der Lazaristenbrüder. – Den Hintergrund dieser Kapelle füllt antike vergoldete Holzschnitzerei, die auf Goldgrund byzantinische Malereien trägt. Vom Plafond hängen geflügelte Heilige und prächtige Kronleuchter nieder. Die Leiche des Konsuls von Deutschland ruht lorbeergeschmückt auf Blumen in einem offenen Sarg. Das Antlitz ist wund und zerrissen. Rund um den Leichnam stehen Popen mit langen, ein wenig schmutzigen Bärten, aber ihre sehr prunkvollen Mäntel sind mit Seide und Gold gestickt. Etwas abseits hält sich der »Despot« (der Erzbischof), in blendender Gewandung. All diese feierlichen Männer tragen brennende Fackeln und Laternen an bändergeschmückten Stangen. Und sie singen lange Litaneien auf eine heitere Melodie und sind selbst voll näselnder Fröhlichkeit. Nach der Einsegnung wird der Leichnam von Männern der »Medusa« (der deutschen Korvette), gehoben, und nun beginnt ein endloses Wandern durch die Stadt, unter dem Vorantritt von Fahnen und Popen. Es ist griechischer Brauch, die Toten so offen durch die Straßen zu führen, und Frauen sollen weinen, wenn sie vorüberziehen. Der lange Zug bewegt sich ungefähr eine Stunde lang durch unmögliche Stadtteile, deren Straßen zuweilen so eng sind, daß kaum zwei Männer nebeneinander Platz haben. Überall seltsame Dinge, wackelnde Terrassen, versengte Fensterrahmen, vorspringende Balkone, und alles erfüllt von Orientalen, die ihre schreiende Farbenpracht schier scheckig wirken läßt.. Die Dächer, die Bäume, jeder Winkel an den Häusern, alles ist zum Brechen voll von neugierigen Türken, Juden und Griechen. Alte Turbanträger wiegen sich auf den Zweigen der Platanen. Wenn die Menge sich auf unsere Köpfe niederfallen ließe, es würde vollständig genügen, uns alle zu vernichten. Zweimal gibt es auch Panik: das Ende des Zuges wird von Neugierigen eingeengt, es setzt Fußstöße und Faustschläge. Die Matrosen ziehen die Bajonette und schon wähnt man, daß dies der Funke sei, die große Feuersbrunst zu entzünden: Doch dank der Polizei des Sultans wird die Gefahr abgewendet. Maueranschläge geben einen Erlaß des Pascha kund. Hier seine Übersetzung: 1. Jedes Haus, aus dem, und sei es selbst durch Zufall, ein Gegenstand zur Erde fällt, wird sofort dem Erdboden gleichgemacht und die Bewohner gehängt. 2. Wer immer es wagt, in der Menge eine Waffe zu tragen, wird sofort nach Betretung aufgeknüpft. Im Hof der griechischen Metropolitankirche wird der Leichnam der Erde wiedergegeben. Fernher donnert eine Salve von sämtlichen Geschützen der Reede. Dann löst der Zug sich auf, man besteigt die Barken, und ein Seufzer der Erleichterung weitet des Pascha Brust: Die große Vorstellung ist zu Ende, und kein unliebsamer Zwischenfall hat sie gestört.   An Bord der »Couronne«. Salonique, Mai 1876. Eben hat der Sultan Mourad V. den Thron bestiegen und seit drei Tagen prangt Salonique im Festesglanz. Die Reede hat Flaggenschmuck angelegt und illuminiert jeden Abend. Beim Einbruch der Nacht erstrahlen die türkischen Schiffe in bengalischem Licht. Unter allen anderen sind sie diejenigen, die die prächtigste Beleuchtung und das stärkste Artilleriefeuer haben. Am Land trägt jedes Minarett einen Feuerkranz, und lange Lichtschnüre säumen die Kais, auf denen erst kürzlich Galgen gestanden haben. In der Stadt gibt es viel Lärm, in allen Moscheen wird inbrünstig zu Ehren Allahs gesungen. Besonders die türkischen Stadtteile sind sehr belebt, die Bewohner ergehen sich in ihren glänzendsten Gewändern, die fürstlichen Goldbesatz tragen, und die Straßen sind, wie bei unseren ländlichen Festen daheim, voller Reisiggirlanden und vielfarbiger Lampions. Heute, am dritten Freudentag, bricht am frühen Morgen plötzlich Feuer in einem Winkel des Bazars aus. Die alten finstern Gäßchen mit ihrer Holzpflasterung, die alten Häuschen aus Holz flammen wie Stroh, und die türkischen Händler, welche die Feuersbrunst vertrieben hat, breiten nun kunterbunt auf dem Boden all ihre kostbare orientalische Ware, Teppiche und Gewürze, aus. Bei Tagesanbruch steht ein ganzer großer Stadtteil in roter Glut, von ungeheueren Rauchsäulen umgeben. Französische und fremde Schiffe entsenden in Eile ihre Mannschaft mit Löschapparaten. Eine Griechenbande, die das Durcheinander zu Diebstählen benützen will, wird von den Matrosen braun und blau geschlagen. Letztere erklimmen die Dächer und beginnen sie abzutragen; so gelingt es ihnen rasch, den Brand einzuschränken und ihn schließlich ganz zu meistern. Um zehn Uhr gibt es nur mehr Rauch und erloschene Glut. Morgen Trauermesse für den Konsul von Frankreich. Übermorgen Seelenamt für den Konsul von Deutschland in der griechischen Kirche. Schwarzgeränderte Maueranschläge an allen Enden der Stadt bringen dies zur allgemeinen Kenntnis.   Brief von Pierre Lotis Schwester. Fontbruant 1876. Lieber guter Bruder! Ich hoffe, daß Du Dich nach und nach auf dem »Gladiateur« eingewöhnen wirst, wie Dir Dein Kellerloch auf der »Couronne« auch langsam zur Gewohnheit geworden war. Du weißt, daß solches fast immer rasch geht. Doch auf phantasiereiche Menschen üben die Dinge der Außenwelt so starken Einfluß aus! Dein theoretischer Humor der Häßlichkeit Deiner Gefährten gegenüber ließ mich erst herzlich lachen. Dann aber mußte ich an Deine Worte eine Fülle praktischer Erwägungen knüpfen. Ich für mein Teil bin ja auch immer stark beeindruckt von physischer Häßlichkeit, die mich ganz seltsam gefangen nimmt, und ich erachte es als eine Wohltat, daß ich in meiner Umgebung nur hübsche Gesichter sehe; denn unter jenen, die wir lieben, sind einige von strenger Schönheit, und andere haben wieder die schönen Augen voll kluger Tiefe, die wir an keinem geliebten Antlitz gern missen würden ... Wie verschönt sich aber physische Häßlichkeit, wenn Schönheit der Seele sie wunderbar von innen heraus belebt! Wie herrlich wurden nicht die Gemälde der alten Meister, wenn sie Häßlichkeit zum Vorwurf hatten, die sich selbst veredelte, sei es durch den Funken des Geistes, der Inspiration oder der Güte. Es scheint, daß sie oft mit Vorliebe nach solchem Vorwurf suchten, besonders Tizian, wenn mein Gedächtnis nicht trügt. Und welche Größe liegt dann stets darin. Hand in Hand damit geht die Schönheit des Himmels. Die Diener Gottes strahlen, ich weiß nicht welches innere Licht aus, das ihnen göttlich im Antlitz leuchtet. Zeuge des ist Tante Adele und andere ihrer Wesensart. Könntest Du Dir Tante Adele als alte schwatzhafte Ungläubige vorstellen? So erbitte ich denn Deine Nachsicht für die armen Leute, die Du mir »voll bleicher Häßlichkeit und mit Krokodilaugen« schilderst. Gib acht, es kommt ein Tag, an dem sie Dich lieben, und dann werden sie Dir auch gefallen, und ich glaube, mit all meinen klugen Reden sage ich Dir doch nur Dinge, die Du längst schon weißt. Marie.   Brief von Pierre Lotis Mutter. Rochefort, Mittwoch, 20. Oktober 1876. Mein lieber Sohn! Vor mir liegt Dein Brief, den die Katze Deines Nachbarn mit Tinte beschüttet hat, wie Du schreibst, und das veranlaßt mich, Dir ein wenig von der Deinen zu erzählen, von der armen Moumoute, die Dir wohl immer noch ein wenig lieb ist, trotz aller zur Schau getragenen Gleichgültigkeit. So magst Du denn wissen, daß besagte Moumoute, die wirklich eine schöne Katze genannt werden muß, nun auch zu vorbildlicher Weisheit herangereift ist; seit mehr als sechs Monaten hat sie uns nicht mehr die Ungelegenheit bereitet, Junge zu bekommen, und es hat auch nicht den Anschein, als ob sie Verlangen danach trüge. Darum erwirbt sie sich auch immer mehr die Zuneigung ihrer gütigen Herrschaft, und oft findet man sie auf den Knien unserer armen alten Tante, die, voller Schwäche für sie, es nicht immer zuwege bringt, sie fortzuschicken, wenn sie ihr auch oft durch ihr Gewicht und ihre Ungeniertheit unbequem wird. Gegen ihresgleichen aber ist Moumoute durchaus nicht wohlwollend, und besonders schwer reizt es sie, wenn eine andere Katze unseren Hof zu betreten wagt. So verfolgte sie kürzlich das arme Kätzchen der Madame Besnard fauchend, kratzend und mit Schlägen bis nach Hause, und wurde von des geängstigten Tieres ergrimmter Herrin mit Schimpf und Schande heimgeschickt ... Man erkundigt sich vielfach nach Dir und fast immer werde ich gefragt, was Du zu den Vorgängen im Orient sagst, wie man dort im Lande von den Dingen denkt, – und nie weiß ich darauf zu antworten. Könntest Du uns nicht einiges darüber schreiben, ohne Geheimnisse preisgeben zu müssen? Erzähle uns doch auch ein wenig von Deinem Kapitän und von den Offizieren des »Gladiateur«. Lebst Du so wenig außerhalb des Schiffes, daß Du auch davon nichts zu berichten weißt? Meine liebe Tochter kommt wohl nicht so bald, und so werde ich heuer Weihnachten, das schöne Fest, ohne einen von Euch feiern müssen. Doch ob Ihr, meine geliebten Kinder, bei mir weilt oder in der Ferne, ich kann doch immer für Euch beten, und hierin liegt ein großer Trost. Ich küsse Dich, mein liebes Kind, aus vollem Mutterherzen. Nadine   Brief von Pierre Lotis Schwester. Fontbruant, 27. März 1877. Liebes Brüderlein! Zu jeder Stunde des Tages denke ich Dein. Ich nehme teil an allen Deinen Schmerzen. Ich weiß und ich verstehe, daß Du sehr leiden mußt. Oft habe ich Tränen vergossen, als ich Aziyadés Geschichte las, denn ich ahne, daß sie wahr ist in allen Einzelheiten. Das arme Kind ist nicht verantwortlich zu machen für Fehler, die es beging, Du aber bist es, und Dir fehlt die Kraft ... So kommt es, daß der große türkische Fatalitätsgedanke Deine Phantasie gefangen nimmt ... Wohl liegt Bestimmung in allen Tatsachen. Doch wir müssen fähig sein, ihre Härten zu mildern und Versuchungen abzuwehren. Der Gedanke der Reinheit, das Gesetz der christlichen Liebe zieht über all diesen Dingen seine ewigen Kreise. Gottes Gnade erleuchtet und läutert. Sie lehrt, nicht zu verzweifeln an allem, was groß und gut und edel ist. Mög' unser guter Gott Dich führen, liebes Brüderlein. Du hast seit einiger Zeit ihm öfter den Blick zugewandt. Du wirst noch mehr nach ihm schauen. Leb wohl und tausend Küsse. Marie.   Rochefort, November 1877. An einem Februarabend dieses Jahres war es, in der Rue Sultan Selim, auf der Höhe von Stambul ... In eisigen Stößen strich der Wind über die osmanische Erde, die alten brüchigen Häuser erzitterten, und kahle Zweige neigten sich stöhnend über Grabstätten aus Marmorstein. Eine enge, menschenleere Straße war es, und rechts und links ward sie begrenzt von alten Säulen längstvergessener maurischer Architektur, einer langen Folge von Arkaden, die der Jahrhunderte Spur im zerbröckelnden Gestein wiesen und unter denen sich niedere, geheimnisvolle Pförtchen auftaten. Alle diese Häuser hatten nur ein Erdgeschoß, und das gemahnte beim Anblick der langen öden Straße ein wenig an Alt-Bagdad. Zwei Männer hockten auf Bastmatten hinter der bleigefaßten Fensterscheibe eines türkischen Cafés, das im Souterrain gelegen und hauptsächlich von Derwischen besucht war. Die beiden jungen Leute entboten den Anwesenden einen guten Abend, erhoben sich und traten in die Nacht hinaus. Von Kälte erfaßt, hüllten sie sich fester in ihre Röcke, aus grober Wolle, die mit schwarzen Zeichen bemalt waren. Sie trugen beide die gleiche Kleidung, braune eingefaßte Beinkleider, die am Knie mit Seidentressen in schreienden Farben gehalten wurden, rote gestickte Gürtel, orangefarbene Seidenhemden. Und jeder trug einen leichten weißen Turban um die Stirn gewunden. Die beiden waren die einzige Spur von Jugend in diesem baufälligen geheimnisvollen Stadtteil. Die Nacht sank nieder in trockener, stechender Kälte, der Wind sang schauerlich, und fahlgelbes Dämmerlicht erlosch am Himmel. Die beiden Männer sprachen die Sprache des Dschingis-Khan. Und plötzlich begannen sie zu lachen, und dies Lachen war so laut, so zügellos, daß drei alte Türken, die eben vorübergingen, sich entrüstet nach ihnen umsahen. Tatsache ist, daß ein solches Lachen in so trübseliger Umgebung befremden mußte. Aber da die Haltung der beiden Burschen vornehme Muselmänner in ihnen vermuten ließ, begnügten sich die Greise damit, schließlich wohlwollend in den Bart zu murmeln: »Tchoudjouk« (das sind Kinder). Dann verschwanden sie im Hause von Selim des Tigers Großwesir und aufs neue erscholl das Lachen der jungen Leute. Diese beiden Jünglinge waren Achmet und ich ... Und Achmet lachte derart in seiner frischen herzlichen Art, daß er sich vorsichtshalber an eine Mauer lehnen ging. Er konnte vor Lachen einfach nicht weiter. Ein Wortspiel, das mir eben ganz unfreiwillig entfahren war, hatte uns beide in solche Lustigkeit versetzt. Es war, ich muß es sagen, ein ganz harmloser Spaß, aber damals brauchten wir nicht mehr, um uns zu unterhalten, und Achmet erzählte ihn noch am selben Abend Eriknaz, seiner Schwester ... Noch oft haben wir seither darüber gelacht, und die kleine Alemshah grüßte mich nie mehr, ohne mich an mein Wortspiel zu erinnern. Und, so er daran denkt, muß Achmet sogar in dieser Stunde darüber lachen, fern am Fuß des Balkans, unter dem Feuer der Russen ...   Rochefort, November 1877. Ich bin in Rochefort, und das Wetter ist trüb. Aber alle Liebe meiner Kinderjahre lebt nach wie vor in meinem Herzen. Ich bete meine Mutter an, ich habe ihr zuliebe mein Leben im Orient aufgegeben, und ich glaube, sie wird das nie wissen. Ich habe mein Zimmer in nahezu türkischer Weise eingerichtet, und es ist angefüllt mit Kissen aus asiatischer Seide und all den kleinen Nichtigkeiten, die mir der Brand meines Hauses in Eyoub und die jüdischen Wucherer übriggelassen haben. Ein wenig gemahnt es nun an den kleinen Raum, dessen Wände mit blauer Seide bespannt waren und der nach Rosenwasser duftete, – fern dort, am Goldenen Horn ... Ich lebe viel in meinen vier Wänden, und das sind die stillen Stunden meines Lebens. Umhüllt von den Rauchschwaden meiner langen Pfeife, träume ich dann von Stambul und von den schönen durchsichtig grünen Augen meiner lieben kleinen Aziyadé. Ich habe niemanden mehr hier, mit dem ich die Sprache des Islam sprechen kann, und langsam, langsam beginne ich, sie zu vergessen ...   Lorient, November 1877. Ein jedes Leben hat Zeiten voller Verdrießlichkeiten, die schlecht und recht überwunden werden müssen, indem man der Wirklichkeit ins Auge schaut. Ein solcher Zeitraum ist mir angebrochen: seit meiner Wiederkehr nach Frankreich rings Schwierigkeiten und Verdruß. Ich hatte geplant, nach Paris zu fahren und diese Reise ist aufs Ungewisse vertagt. Ich hoffte, in Ruhe mich meiner Lieben freuen zu dürfen, meines alten Hauses, meiner Kindheitserinnerungen. Nun ward mir in Rochefort militärischer Dienst ohne Ende, Einschiffungen und unfreiwillige Spazierfahrten durch die Reede der Insel von Aix. Nur ganz wenig streifte ich bisher durch meine lieben Wälder von Fontbruant und La Limoise, die mir nun, und für lange wohl, entrückt sind. Ich habe zwei gute Kameraden aus der Marineschule verloren, und jeder von ihnen läßt eine kleine Leere in meinem Dasein zurück. Und noch einen Verlust beklage ich: In der Ecke meines Hofes habe ich eine schwarz-weiße Katze begraben, die mir treue Gefährtin war auf meinen Wanderfahrten. Das ist das Ergebnis all dessen, was sich in diesem Herbst begab. Meine Bemühungen, in die Türkei zurückzugelangen, führten dahin, daß ich hierher nach Lorient verschlagen wurde, wo ich nun als Spielball des Zufalls hocken muß. Ungenützt schleicht die Zeit. Vom Morgen bis zum Abend vergehen mir die Tage tief im Waldesinnern. So lang ich bin, liege ich im Heidekraut, bis die Nacht kommt und mich verscheucht. Ich habe gehört, daß meinem armen Freund in Annecy vor einiger Zeit bei der Arbeit die Hand zermalmt ward, und ich erfuhr auch auf indirektem Wege, daß er und seine alte Mutter infolge dieses Unglücksfalles in bitterste Not geraten sind. Ich habe versucht, ihm zu dem Schadenersatz zu verhelfen, auf den er ein Anrecht hat, aber vergebens. Was nützt es, daß man sich bemüht, in einem geordneten und gesitteten Lande, wie unseres ist, zu leben, wenn es hier nicht möglich ist, Gerechtigkeit zu erlangen?! Von allen Seiten und überall sehe ich nichts als düstere Bilder.   Brief Pierre Lotis an Plumkett. An Bord des »Tonnerre«. Lorient, 5. Januar 1878. Mein lieber Plumkett! Sie treffen es nicht günstig: ich wollte Ihnen gerade schreiben, um Sie um einen jener langen Briefe zu bitten, wie Sie mir deren einige geschrieben haben, Briefe, denen die Gabe eigen war, mich zu zerstreuen, und die ich deshalb gern immer wieder las. Doch wenn Sie jetzt von mir fordern, Sie, und sei es nur für wenige Minuten, Ihrem düsteren Grübeln zu entreißen, bin ich leider nicht fähig, Ihnen dienen zu können, denn meine Gemütsverfassung ist der Ihren sehr ähnlich. Wenn ich es unternähme, Ihnen über den Orient und Stambul zu schreiben, wo die Hälfte meines Lebens geblieben ist, über das, was ihr, die ich liehe, täglich dort widerfährt, würde ich viele Seiten damit füllen, doch es würde mich entsetzlich abspannen. Mein Dasein ist so sinnlos, wie Sie wohl vermuten werden. Ich bin allein, bin vereinsamt, bin es für einen ganzen langen Winter. Nicht einmal die Aussicht, im Walde leben zu dürfen, sich ins blühende Heidekraut strecken zu können, wenn die fahle Sonne der Bretagne herniederschaut, wie ich es in den letzten lachenden Tagen des Herbstes tun konnte ... Das ist vorbei, und jetzt kommt der Regen, der Nebel, der Blätterfall, alles Traurige des bretonischen Winters, und ich sitze in meinem öden unwirtlichen Zimmer und hänge stundenlang wirren Träumen nach. Glücklicherweise habe ich hier zwei gute Freunde gefunden. Der eine ist Yves Kermadec, Aus »Mon Frère Yves«. ein Quartiermeister in meinem Alter (ein schon alter Seemann, will das sagen), mit dem ich früher schon gefahren bin. Mein anderer Freund ist ein altes Mädchen, reich und verwachsen, intelligent und elegant, mit großen Anforderungen an die Jugend, romantisch, aber gut veranlagt, aufrichtig und gut, und ihr kleiner Buckel verschwindet völlig unter wehenden Locken. Mit einem Wort, ein sehr seltsames Wesen. Ich habe meine beiden Freunde einander vorgestellt. Beide finden es sehr heiter, sich zu kennen, und sie helfen mir, jeder in seiner Art, die Zeit des Lebens hinter mich zu bringen. Wohlverstanden, von diesen beiden ist es Yves, den ich vorziehe. Denn solche, die aus eigener Kraft geworden was sie sind, sagen mir mehr zu als die Halbbildung von meinesgleichen. Ich habe Ihnen übrigens schon einmal meine diesbezüglichen Theorien entwickelt. Und dann ist es unterhaltsam, einen Gefährten zu haben, der mit Bewunderung all meine Gedanken aufgreift, und der in mir ein großes Genie sieht, was Sie zum Beispiel leider nicht tun! – In den ersten Tagen des Monats mache ich gemeinsam mit Yves große Ausgaben, wir essen Konfekt und mit Creme gefüllte Schokoladen. Gegen den 15. fangen unsere Zerstreuungen an, sparsameren Charakter anzunehmen: Da läuten wir nur an fremden Türen oder werfen an Straßenecken den Vorübergehenden Ratten aus Pappendeckel unter die Füße. Ich bekritzle dies Papier für Sie, während ich an Bord des »Tonnerre« Wache habe. Lassen Sie mich wissen, wenn sich irgend etwas in bezug auf das, was Sie bedrückt, verändern sollte, ob Sie mehr oder weniger unglücklich sind; ohne mir Einzelheiten zu erzählen, da wir doch übereingekommen sind, uns keinerlei Geständnisse zu machen. »Fausts Verdammung« in Ihrer Begleitung würde mich sehr locken, und ich danke Ihrer gütigen Einladung; nur fehlt mir leider das Geld, das nötig ist, um nach Paris gelangen zu können. Ich drücke Ihnen aufrichtigst die Hand; ungeachtet meiner Theorien habe ich sehr viel Sympathie für Sie, es ist sogar ein Embryo von Liebe.   An Bord des »Tonnerre«. 15. Januar 1878. An jedem Abend, in winterlicher Dunkelheit durchfahre ich die Reede von Lorient in der Dampfschaluppe, die von Yves gesteuert wird. Zwischen Auswerfen und Hochziehen des Ankers schreit' ich die Länge des Hafens entlang. Betrete Land, den einsamen Kai, und erreiche mein leeres Zimmer. Erklimme die rauchige Treppe, grüße im Vorbeigehen flüchtig meine Hausfrau und ihre Tochter an ihrem bretonischen Kamin, und dann bin ich allein auf meiner Bude. Unter der Türe pfeift der Wind herein, und das Feuer kann nicht zünden. Liebe kleine Aziyadé, so ist's wohl weniger gefährlich als wie einst, nach den Nächten in Stambul, in unser Haus in Eyoub zu gelangen, das niemand uns wiedergibt ... Doch mein Herz erbebt in Jammer, wenn ich dein gedenke ... Hier sind meine glücklichen Abende jene, in denen Yves frei ist und bei mir weilt. Dann entfachen wir ein lustiges Feuer. Seine Intelligenz öffnet sich im Kontakt mit der meinen, einer Fülle von Dingen, von Beobachtungen und Einfällen, die ihm bis dahin fremd gewesen sind. Ich erzähle ihm von Stambul und er hört verständig zu. Glücklicherweise ist wenigstens meine Wohnung nicht armselig. Not zu sehen ist mir ein Greuel, besonders die Not der »Chambre garnie«. Mein kleiner Salon, den außer Yves kaum jemand betritt, ist freundlich in rotem Samt gehalten und bietet alle Bequemlichkeit. Meine gute alte Wirtin füllt meine Vasen mit weißen und rosa Kamelien, Blumen, die hier allenthalben blühen, die jedoch anderwärts selten und kostbar sind. Bei mir geschah es auch, daß Yves zum erstenmal in seinem Leben in einem Lehnstuhl saß und sich darin sehr wohl befand.   Brief von V... L... Paris, 30. Januar 1878. Lieber Loti! Eben habe ich die Lektüre Ihres Romans Das Manuskript von Aziyade. beendet, und das Lesen dieser Seiten hat mich seltsam bewegt, denn ich habe Sie vollständig darin wiedergefunden. Ich beklage Sie aus ganzer Seele, und, da ich Sie nun besser kenne, liebe ich Sie tiefer, falls das noch möglich war. Ich weiß, daß Ihnen nur wenig an Freundschaft liegt, die Ihnen entgegengebracht wird, und ich wundere mich nicht darob, denn ich beobachte Sie schon lange. Sie stellen sich hoch über alles, Ihre Seele, durch Leiden gereift, findet seltsamen Genuß in ihrer Einsamkeit. Die Ihnen, gleich mir, Liebe ohne Grenzen geweiht, haben, leben weiter in der engen bürgerlichen Sphäre, in die ihre Geburt sie verweist. Ihre Freuden sind weniger hehr und ihre Schmerzen werden täglich verwischt durch die Sorge sozialer Pflichten, deren Banalität sie nicht aufkommen läßt. Sie sind weniger empfindsam geboren worden, und da ihr Geist sich eher in Formen bannen läßt, suchte er auch nie, sich von den tausend Fesseln zu befreien, die ihr Denken einengen und ihrer Seele nimmer das Erleben geben, das Sie in so erschütternder Weise ausdrücken konnten. Was haben Sie leiden müssen, mein lieber Freund, um zu den Widersprüchen zu gelangen, die Sie ganz unwillkürlich offenbaren! Was haben Sie leiden müssen, um in sich selbst das Gegenteil all dessen zu finden, was Sie den andern im Licht des Alltags bedeuten! Ihre Seele, die Sie alt und starken Erregungen nicht mehr gewachsen wähnten, ist jung und glühend und höchster Begeisterung fähig geblieben. Sie verzweifeln am Leben und fanden doch ein köstliches Lebenselixier: Gemütsbewegung empfinden und sie anderen mitteilen können. Wir, die wir ein sinnloses Dasein schleppen, dessen jede Stunde eine Pflicht bringt, die die Gesellschaft uns auferlegt, wir, die wir ohne Zaudern in jeder Stunde unseres Lebens diese stets neue Pflicht erfüllen und nicht einen Moment für das übrig haben, was besser ist und reiner, tief in uns, für unser Herz und unsere Phantasie, wir werden einst dieses mönchische Dasein enden, ohne auch nur einen Augenblick gelebt zu haben. Herz, Phantasie und Empfindsamkeit aber werden eingerostet und abgenützt sein, ohne jemals Dienste geleistet zu haben. Glauben Sie mir, lieber Loti, es war ein schöner Traum unten in der Türkei; so wie Sie vordem, glaub' ich, auch schöne Träume hatten. Nun lassen Sie es aber nicht genug sein! Suchen Sie neue Erschütterungen, und kommt in Ihnen einst die Sucht nach Unbekanntem zur Ruhe, dann werden Sie das Joch der Zivilisation auf ihre Schultern nehmen und ein friedliches Austerndasein führen, wie es die Leute Ihres Landes tun. Verzeihen Sie mir, Loti, diesen Brief, der Ihnen wohl sehr unklug scheinen muß, so daß ich besser daran täte, ihn gar nicht abzusenden. Doch hab' ich Ihnen gegenüber keinen Dünkel, und es kränkt mich nicht, wenn Sie beim Lesen lächeln müssen. Ich habe Ihre Autorität immer ohne jede Einschränkung anerkannt, und war stets unendlich dankbar für alle Liebe, die Sie mir nun schon seit zehn Jahren immer wieder zuwenden. In Ihrem Roman beneide ich Achmet um den Platz, den Sie ihm neben sich gönnen. Erinnern Sie sich jenes ersten Abends, an dem ich an Bord des »Borda« mit Ihnen sprach? Ich hatte das Wort an Sie gerichtet, Sie aber hatten, im Banne anderer Dinge, nicht wesentlich auf mich geachtet. Ich sagte Herrn de Jonquières, wie peinlich mir dies sei, und da ging er, mich Ihnen vorzustellen. Ich weiß nicht, was es war, was mich an jenem Tag in Ihren Bann gezwungen hat, doch ich war bezaubert von Ihrem ganzen Wesen, und seit jener Zeit bin ich Ihnen bedingungslos ergeben. Oft sind Sie ähnlicher Zuneigung begegnet, denn ein Zauber lebt in Ihnen, der anziehend wirken muß. Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll, daß Sie die Liebe, die ich Ihnen bot, nie zurückgewiesen haben, und bei jedem Ihrer Briefe, die mich erreichen, fühle ich mich Ihnen mehr und mehr verpflichtet. Ich glaubte, Delguet Ihr Manuskript leihen zu dürfen. Er denkt wie ich, daß Ihrem Werk, wenn es günstig lanciert wird, ein großer Erfolg beschieden sein muß. Ihr Freund V. L. Dies träumte ich heute nacht, während eiskalter Wind draußen wütete: Ich stand im Hofe meines Hauses in Rochefort. Doch dieser Hof schien öd und ausgestorben, und Gras überwucherte ihn wie einen Friedhof. Unklares Bewußtsein durchdrang mich, als sollte dies alles sich in noch ferner, ferner Zeit begeben ... Dämmerstunde war. Gelbe herbstliche Weinranken, und Gras, Gras zwischen den Steinen. Zwei Gestalten saßen auf der Bank: Großmutter, Großtante Lalie, – beide tot, beide Schatten, und ich wußte, spürte das. Sie sagten: »Nun wollen wir in unsere Zimmer hinaufgehen, um auf Tante Claire zu warten, die von der Insel Oléron zurückkommt.« Ich wollte bereits zur Ruhe, denn die Dämmerung bedrückte mich, und, wie die Matrosen an Bord es tun, hatte ich meine Hängematte an dem Pfosten meines alten verfallenen Hauses, knapp unter der Bodenstiege, befestigt. Und ich sprach zu ihnen: »Ich fürchte mich, hier zu sein, denn dies ist ein Durchgang, und ich kann im Vorbeigehen gestreift werden.« Sie antworteten: »Im Vorbeigehen? Und wer geht vorbei, Kleiner, da wir doch allein im Hause sind? Du weißt wohl, daß vom Boden niemand kommen kann!« Ich aber wußte, daß Gespenster von überall her erscheinen können, und Furcht war in mir vor diesem Durchgang. Dennoch legte ich mich in meine Hängematte, und sah die beiden sich durch den Hof entfernen, in lichtloser Dämmerung über tote Blätter und über das dichte Gras zwischen den Steinen. Und gleich darauf hörte ich über mir, vom Boden her, Tante Claires Stimme, die zu ihrer Katze Moumoute sprach. Da wußte ich, daß sie tot sei, tot wie die beiden andern. Bald darauf kam sie herunter, streifte mich, lächelte sanft, und, wohl um mich zu vergewissern, erklärte sie mir: »O ich bin zuerst ›durch die Türe‹ gegangen, als ich von der Insel Oléron kam, doch da ich meine Katze sehen mußte, bin ich direkt hier hinauf; jetzt gehe ich den beiden alten Damen nach!« Ich antwortete nicht, ich wußte wohl, sie war tot und hatte es infolgedessen nicht nötig, durch Türen zu gehen, um hinzugelangen, wohin sie wollte. Und so blickte ich ihr nach, wie sie, bei immer mehr sinkender Dämmerung, sich in der Richtung der beiden andern verlor, über Friedhofsgräser und welke Blätter, von denen unser Hof bedeckt war. –   An Bord der »Tonnerre«. Lorient, 3. Februar 1878. Ich kam vom Friedhof zurück. Dort hatte man einen jungen Artillerieoffizier begraben, der sich unter den Fenstern seiner Angebeteten aus unglücklicher Liebe erschossen hatte. Mein Freund, der Schiffsfähnrich d'Esguiyen, mit dem ich eine Stunde geplaudert hatte, verließ mich plötzlich, um so schnell als möglich, auf einem Querweg, heimzugelangen. »Weil man mich zu Hause erwartet,« sagte er. »Man« waren sein junges Weib und sein blondes einjähriges Töchterchen, die seiner Heimkunft harrten ... Ich aber schlenderte trübselig meinem leeren Zimmer entgegen. Die Winternacht fiel herein, grauer Dämmerdunst umhüllte die Stadt, und die gelben Lichter der Gaslaternen flammten langsam im kalten Nebel auf. Hafenarbeiter kamen aus dem Dienst, müde und froh zugleich, – auch auf sie wartete »man« am heimischen Herd... Arme, liebe kleine Aziyadé, Stambul liegt fern, doch die Februarnacht sinkt düster und geheimnisvoll auch auf die Haremsgebäude nieder und auf die mächtigen Tempel des Islam, die zweifellos bald nicht mehr sein werden. Liebe kleine Aziyadé, ich liebe dich mit meiner ganzen Seele und meinem ganzen Herzen noch ebenso wie einst beim bitteren Scheiden. Vielleicht kommt einst der Tag, wo »man« mich auch daheim erwarten wird, eine andere, eine Unbekannte, deren Dasein mir noch fremd ist, die mir heut' noch nichts bedeutet ... Vielleicht auch Kinder, kleine Kinder, und es werden nicht deine Kinder sein ... Meinst du, ich könnte jemals kleine Kinder lieben, wenn nicht in ihren Adern dein Blut und meines gemeinsam fließt? ...   Februar 1878. Erster Besuch im Kloster La Trappe. Seltsam durchströmte es mich, da ich zum ersten Male an die kleine Pforte der Trappisten pochte, und ich überschritt die dunkle Schwelle als wäre es die Schwelle des Todes ... Lange schon hatte ich von dieser Zuflucht Verzweifelnder geträumt, von der hoheitsvollen Stille klösterlicher Asyle. Und wie gebannt war ich vom kalten düstern Frieden dieses Ortes, an dem alle laute Brandung irdischen Lebens zerschellt. Ewige Stille, nie wird von den geheimnisumwobenen Mönchen ein Wort getauscht, in phantastischen Fresken grinsen die Qualen der Hölle von den Wänden. Und Gräber gibt es, offene Gräber unter dunklen Zypressen an grauen Mauern, die täglich tiefer ausgeschaufelt werden. Von den Gewölben nieder grüßt überall das Wort Salomonis: »Alles ist eitel!« Zwanzig Minuten vom nächsten Dorfe entfernt, einsam inmitten waldiger Hügel, liegt dies melancholische Kloster, das mich zweifellos wiedersehen wird.   Brief der Schwester Pierre Lotis. Fontbruant, Februar 1878. Geliebter Bruder! Seit vielen Tagen frage ich mich, ob ich Dir wohl schreiben soll, um Dir mein übervolles Herz auszuschütten. Ich beginne Briefe zu schreiben und zerreiße sie wieder. Ich habe Angst vor Dir, ich habe Angst vor allem. Aber heute, – o nein! heute kann ich es nicht mehr zurückhalten. Was willst Du tun? Trittst Du in dieses Kloster ein, so kommst Du nicht mehr heraus. In Deiner Überspanntheit werden sie Dich überzeugen, und Du wirst wie gebannt zu ihnen zurückkehren! Denk' nach, ich bitte Dich, ich verlange es auf beiden Knien; nicht für mich, doch Deiner Mutter wegen. Warte zumindest bis sie nicht mehr ist. Das wird vielleicht jetzt nicht mehr lange dauern, denn ich finde, sie ist sehr schwach, und die Aufregungen töten sie. Sie errät unbestimmt, was Du im Sinne führst, ohne ganz zu wissen, was ich weiß, und es zerreißt ihr den Glauben. Ihr Hugenottenherz, ihr Christenbewußtsein, alles leidet entsetzlich darunter – kannst Du Dir das gar nicht vorstellen?! Hörst Du nicht die bangen, schmerzzitternden Schläge des armen Mutterherzens? Mitten unter meinen Lieben allen, in meinem friedlichen beschaulichen Leben, werde ich, die ich mich in wahrem Glück sonnen könnte, ununterbrochen gefoltert, und sehe ich, welchen Kummer Du Deiner armen alten Mutter bereitest, so leide ich zehnmal mehr um ihretwillen. O habe Mitleid mit uns, ich bitte Dich darum! Du hast im Grund ein gutes Herz, bist menschlich gegen alle: Wirst Du nichts tun, uns unser Leid zu nehmen? Was läge schließlich daran, wenn dies alles bestimmt wäre, Dich in Glück und Wahrheit zu geleiten! Aber nein, Du lebst in Qual und Herzensnot. Ich habe Angst, Du spürst es gut, und wohl um mich zu trösten wirfst Du mir mitleidslos Deinen ganzen Zynismus an den Kopf. Freu' Dich wieder, lieber Bruder, versinke nicht in einen Abgrund moralischer Not! Was suchst Du in diesem Kloster? Du weißt wohl, daß dort nicht Wahrheit wohnt. Du wirst Dein Fleisch abtöten, und nur lodernder und ungebändigter werden Deine Leidenschaften aus dieser Kasteiung hervorgehen! Weißt Du nicht, daß ein ruhiges, beschauliches, anständiges Leben mindestens so viel Freude, Intelligenz und Erhebung birgt als Dein friedloses, ungebundenes, romantisches und qualerfülltes Dasein? Armer Liebling Du, der immer genarrt wird von Luftschlössern und Nebelgebilden! Manchmal hab' ich Dir noch folgen können, – im Anfang, als Du noch Ideen nachjagtest. Ich habe sogar Aziyade verstanden und habe um sie weinen müssen. Doch jetzt bist Du mir unverständlich geworden, und ich sehe in Dir nur noch den Eidbrüchigen, dessen sich alle Schrecknisse der Hölle bemächtigen. Ich verbringe schlaflose Nächte, ich sage mir: »Ich will ihn nicht mehr lieb haben,« aber gerade diese Augenblicke sind es, in welchen mich die Sehnsucht heißer packt, Dich an mein Herz drücken zu können. Wirst Du, ehe Du ins Kloster gehst, nach Fontbruant kommen? Komm nicht einzig nur aus Pflichtgefühl; in diesem Fall würd' ich Dich nicht sehen wollen. Doch kommst Du offenen Herzens die Brüder sehen, Deine armen Brüder, für die Du vorzeiten zärtliche Namen zu finden wußtest, die ihnen süß geklungen haben, – o, dann komm, dann sind sie noch dieselben für das geliebte Kind, das sie einst stets so freudig erwarteten! Marie.   Brief Pierre Lotis an seine Mutter. Lorient, Februar 1878. Geliebte Mutter! Meine Schwester hat mir geschrieben, daß jene Geschichte von La Trappe Dir sehr nahe gegangen ist. Wäre dem so, würde es mich sehr betrüben. Ich dachte, daß Du es nicht anders ansehen wirst, als es gemeint ist: Als vorübergehende phantastische Laune ohne jede Weiterung. Ich bleibe, zumindest mit dem Herzen, der Religion der Hugenotten treu verbunden. Sei diesbezüglich völlig ruhig. Ich umarme Dich innigst.   La Trappe, Februar 1878. An einem Winternachmittag habe ich an diesem seltsamen Ort um Gastfreundschaft gebeten. Ein Sonnenstrahl lag über dem Wald, dem Landstrich und dem alten Kloster. Es war wie ein trauriges Lächeln der Natur. Hier ward mir ein brüderlicher Empfang von merkwürdigen Menschen, die vorgeben, nicht mehr zu leiden, und die doch genug gelitten haben, um mich verstehen zu können ... Der Vorsteher des Klosters – ein noch junger Mann im weißen Gewände, mit dem Kreuz und der violetten Bischofsschnur auf der Brust –, führte mich selbst in die für mich bestimmte Zelle. Er öffnete das Fenster und wies mir die öde Landschaft, Hügel, Berge und eine alte, schwarze Schloßruine. Dann setzte er sich zu mir und erzählte mir manches, und ein unbeschreiblicher Zauber ging von ihm aus. Doch fühlte ich gleich, und nur zu deutlich, daß ihre Mittel zu kraftlos sind, um, und sei es auch nur für einen Moment, Schmerzen zum Schweigen zu bringen. ... Und dann ist, selbst für nur kurze Zeit, das Leben hier zu düster, besonders für mich, dem der Glaube fehlt, der die Trappisten selbst mit Mühe aufrecht hält. Tag und Nacht Totengesänge ohne Ende, Gesichte aus der andern Welt, Gespensterprozessionen. Sogar der Schlummer, der sonst überall Unglücklichen Trost und Kraft spendet, flieht diese Stätte ... Nichts als feuchte eisige Kälte, ein schwarzer Himmel und das Heulen des Windes, dessen stöhnende Laute gespensterhaft die langen Gänge entlang irren. Im Refektorium teile ich das Mahl der sündigen Priester, die strafweise eine Bußzeit hier verbringen müssen. An unserem Tisch steht ein Mönch, der mit Grabesstimme die »Selbstverachtung« des heil. Bonaventura für uns liest: »Ich sagte zur Fäulnis: Du bist meine Mutter, »und zu den Würmern: Ihr seid mein Vater »und meine Brüder ... »Was wäret ihr sonst, wenn nicht unreine Saat? »Was würdet ihr, wenn nicht der Würmer Speise? »Wie stund' es dem Staube an, sich im Ehrgeiz zu blähen? »Die Bäume und Pflanzen geben uns Düfte und Frucht; »dem Leib des Menschen aber entquellen Gestank und Kot.«   La Trappe, Februar 1878. Es war während des Nachtgottesdienstes. Anbetend sangen die Mönche im Chor ihre ewigen Litaneien ... Ich war in wesenloses Sein versunken, das weder Schlaf noch Wachen war. Mechanisch lauschte ich den düsteren Weisen. Das seltsame Begrabensein in Klosterluft hielt mich bereits gefangen, Leichenkälte hüllte mich ein. Ein völliges Losgelöstsein vom Leben gewann Macht in mir, über mich. Und der Gedanke, mein Leben im härenen Gewande zu beschließen, hatte fast ganz seine Schrecknis verloren. Bis ein Erinnern, das sehr fern zurückzuliegen schien, mir plötzlich beklemmend im Herzen aufsprang: Mein lichtes Zimmer in Fontbruant, das ich vielleicht nie wiedersehen werde, und das Flöten der Nachtigallen, das dort die Nächte des Frühlings füllt. Dann wanderte ich durch lange Stunden in meiner Zelle auf und nieder, und lange und düster haftete mein Blick in der Vergangenheit. Da waren nur die Kinderjahre, die hell in fernster Ferne leuchteten, – es sind die einzig wirklich frohen, die mir mein Leben geschenkt hat. Ehe ich einst aus dem Leben scheide, möchte ich sie niederschreiben, diese Erinnerungen aus meiner Kinderzeit. Es scheint mir, daß ich mit diesen Aufzeichnungen vermögen werde, mein flüchtiges Dasein ein wenig zu bannen, und gegen die blinde Gewalt zu kämpfen, die uns dem Nichts entgegenträgt ...   Brief Pierre Lotis an seine Schwester. La Trappe, Februar 1878. Liebe Schwester! Dieser öde Ort, gegen den Du einen so heftigen Widerwillen bekundest, hat doch wenigstens ein Gutes: daß man sich hier zutiefst wiederfinden kann. Ich bin nicht, wie Du wähntest, nur aus phantastischer Grille ins Kloster gegangen. Ich brauchte einige Tage tiefsten Friedens. Ich habe viel gegrübelt und selbst ein wenig geweint, was außerhalb der Klostermauern wohl etwas sinnlos ausgesehen hätte. Aber es hat mir wohlgetan. Ich habe mir sagen müssen, daß meine Jugend verfliegt, daß das Leben uns allen vergeht, und daß die Augenblicke des Zusammenseins, die uns noch bleiben, mehr als je gewählt sind. Drum sollen wir, wenn sie uns kostbar sind, sie nicht verlorengehen lassen. Liebes Schwesterchen, willst Du für uns vollständigen Frieden, den schönen Frieden früherer Zeit? Wohl verdiene ich Nachsicht, weil ich durch mehr Versuchungen ging als jeder andere und mehr als jeder andere leiden muß. Meine Bestimmung hier auf Erden ist, wie Du weißt, der Deinen nicht vergleichbar, noch jener all der Leute, von welchen Du umgeben bist. Willst Du, daß alles Böse zwischen uns zu Ende sei? Dann schreib mir einen guten Brief ohne jeden Hintergedanken. Ich habe schon sehr lange keinen solchen gesehen. Ich umarme Dich.   Lorient, Februar 1878. Ich verließ das Kloster mit einem ganz eigentümlichen Verlangen nach Lärm, Bewegung und Freiheit. In den Wäldern war es fast schön. Und ich lief wie ein Kind die Wege entlang, sang laut und sprang über Gräben. Und dann überließ ich mich dem endlich wiedererlangten Glück, Zigaretten zu rauchen, und süßen Most hab' ich getrunken in ländlichen Herbergen am Wege.   An Bord des »Tonnerre«. Lorient, Februar 1878. Mein Freund Hassan schreibt mir: »In Erinnerung an unser Kennenlernen vor genau einem Jahr auf den Felsen des Cap Sigri« ... Ich erinnere mich noch genau jenes seltsamen Séjours, der die letzte Rast unserer türkischen Fahrt bedeutete. Wir waren, Hassan und ich, zum Hochzeitsfest vom Sohne des Scheiks gebeten worden. Dies Hochzeitsfest währte drei Tage und ward durch einen unvorhergesehenen Zwischenfall ins Tragische gewendet, denn mitten in den Festesrausch brachte ein Grieche die Kunde, daß die Franzosen, den Russen verbündet, sich Sigris bemächtigen wollten. Es war eine von den herrlichen Frühlingsnächten des Orients, diese letzte, die sich so bewegt gestaltete. Des Mondes Licht fiel voll auf die mächtigen Felsen von Mytilene, und, so weit das Auge reichte, auf das blaue Mittelmeer. Ich sehe mich noch, wie ich, mitten durch diese Nacht, gelaufen bin wie ein Toller, mit aller Schnelligkeit, deren ich fähig war, von Stein zu Stein gesprungen bin, meinen Turban verlor, meinen Gurt am Gestrüpp zu Fetzen riß. Und hinter mir Hassan, der mir nicht folgen konnte, keuchend und schreiend. Und das Ganze hätte ungeheuer komisch angemutet, wenn nicht einiger Menschen Leben auf dem Spiel gestanden hätte. Während zwanzig Minuten rasender Lauf: Dann erreichte ich ein Häuflein Bergbewohner, die ganze Bevölkerung von Sigri war es. Sie liefen auch, und trugen sämtlich Bogen, Yatagane, Stöcke und Gabeln, kurz alle Waffen, die ihnen beim jähen Aufbruch der Zufall in die Hand gespielt hatte. Ich richtete türkische Worte an sie, – und es war hohe Zeit: vor uns über die Felsen kam eine schwarze Masse nah und näher: Die französischen Matrosen des »Gladiateur«. Als das Mißverständnis aufgeklärt war, endigte alles in heiteren Scherzen, und bei frohen Dudelsackklängen kamen wir ins Dorf zurück, während die Matrosen sich in der Bucht von Aiguade einschifften. –   An Bord des »Tonnerre«. Lorient, 2. März 1878. Dies ist gegenwärtig meine Lage: Ich habe die Türkei verlassen, nachdem ich geschworen hatte, wiederzukehren, und keiner der Schritte, die ich unternehme, meinen Schwur zu halten, führte zum Ziel. Unterdessen wird mein armes Stambul geplündert. Die Nachrichten, die einander folgen, sind voll grauser Schrecknisse. Ich weiß nun, daß die Türken trotz all ihrem Mut den Krieg endgültig verloren haben, und ich muß mich fragen, was aus ihnen allen werden soll. Wieder bin ich dem grauen, eintönigen Leben im Okzident verfallen, nachdem ich geträumt hatte, Bey oder Pascha zu sein. Mein Dasein ist mehr und mehr erfüllt von Unmöglichkeiten und Widersprüchen, und dessen, was mich umgibt, bin ich längst müde geworden. Ich habe zu Beginn dieses Krieges eine Gelegenheit versäumt, die ich gewiß nie wiederfinden werde: Mir in der Türkei eine Stellung zu schaffen, die mir selbst, meinen Neigungen und Fähigkeiten gemäß gewesen wäre, und die ich einzig im Orient hätte finden können. Die Gelegenheit ging vorbei, und sie wird ohne Zweifel nicht wiederkehren, nun ich versäumte, sie im Vorüberfliehen am Schopf zu ergreifen. Jetzt ginge die Sache höchstens aufzuwärmen. Die mächtigen Würdenträger, die mich gestützt hätten, würden sich wohl kaum mehr des jungen »Giaour« erinnern, der sie einen Augenblick lang interessiert hatte. Und dann, wenn die Slawen siegen, und der alte Islam zerbirst, dann folgen meine Zukunftsträume dem Beispiel des Islam. Und zum zweitenmal in meinem Leben wird alles um mich untergehn – Hoffnungen, Träume von Liebe und Glück –, kurz alles, was für mich von dem Geschick Stambuls und des Propheten nicht zu trennen ist. Von Zeit zu Zeit erhalte ich Nachrichten von Aziyadé, leichtes Geschwätz in türkischen Worten, verzweifelte, immer dringendere Briefe, in welchen sie mich beschwört, sie nicht zu verlassen. Im letzten Monat meines Weilens in Stambul haben ihre Ansichten sich gefestigt, und nun ist auch sie unduldsam geworden. Achmet scheint im Kriege gefallen zu sein. Und dies ist für mich ein neuer Anlaß zu Besorgnis und Trauer. Denn jetzt habe ich in Stambul keinen treu ergebenen Boten mehr, ich kann Aziyadé nicht mehr Antwort senden, und, warte ich noch länger, so verliere ich ihre Spur und habe keine Hoffnung, sie wiederzufinden. Samuel ist nach Salonique zurückgekehrt, und ward dort wieder, was er ehemals war: Ein armer Schiffer ohne einen Sou im Vermögen. Kédir-bey, meine Katze aus Eyoub, ist die begünstigste von uns fünfen, denn sie wurde eine der Katzen der Moschee und ist der Liebling der Derwische. Und sie wendete ihr ganzes Wesen einer Art von Heiligkeit zu, die ihr viele Mäuse und das Gnadenbrot für den Rest ihrer Tage sichert. Das Haus jedoch, das einst all unser Glück beschirmte, ist lange schon ein Raub der Flammen geworden. Da ich als französischer Offizier nicht mehr in die Türkei zurückkehren kann, will ich mich als Türke naturalisieren lassen: Nichts verbindet mich mit dem europäischen Okzident, wo ich nur Trauriges erleben mußte. Selbst ehe der Islam mich ganz erobert hatte, wollte ich aus der Heimat fort, und damals dachte ich an Polynesien, von welchem Lande ich einst so bezaubert war. Alles was sich Zivilisation oder theoretische Gleichberechtigung nennt, widert mich an. Der alte Orient ist wohl das Land, das mir Zuflucht bieten könnte, fern von allen Dampfmaschinen, sozialen Maskenscherzen und Fortschrittsideen. Und ist es mir dort verwehrt, ein Herr zu sein, gleichviel, dann werd' ich ein Mann aus dem Volke, ein »Banabak«. Aber ich werde meinen Platz an der Sonne haben und meinen Teil an jener Freiheit, die in Ländern, deren Gesetze nicht für jedermann erfunden wurden, das große Los der Energischen ist. Hier ist die Langeweile, an der ich kranke, tief und hoffnungslos. In aller Aufrichtigkeit: Ich kann an nichts mehr glauben. Mein Leben hat ganz miserablen Zuschnitt und von welchem Gesichtspunkt aus ich es betrachte, überall weisen sich mir unüberwindliche Schwierigkeiten ... Nichts freut mich mehr! Und ich weiß nichts, was diese Welt mir Neues oder Heiteres bieten könnte. Besonders schwer aber drückt mich das Unglück, jedweden Glaubens bar zu sein, und hohen Preis würd' ich jetzt bezahlen, könnte ich den Islam mir zu eigen machen.   Brief Pierre Lotis an einen Freund in Konstantinopel. An Bord des »Tonnerre«. Lorient, 8. März 1878. Mein lieber Pogarritz! Sie behaupten, ich hätte Ihnen einmal das Leben gerettet, und seither gehörten Sie mir ein wenig. Sie behaupten auch, dies Leben, an dem Sie nicht mehr hängen, freudig hergeben zu wollen ... Heute brauche ich Sie, – sind Sie bereit? Es handelt sich um etwas sehr Ernstes und ich rufe Sie aus meiner tiefen Not. Sie haben ein gutes, tapferes Herz, und mir ist, als wären Sie mein Bruder... Zögern Sie nur nicht aus Interesse für mich, halten Sie mir keine Reden, machen Sie mir keine Vorwürfe, denn all das wäre banal und unnütz, wäre meiner und Ihrer nicht würdig. Sie wissen, daß, wenn ich etwas will, ich es ganz will und nichts daran zu ändern ist. Sind Sie bereit, mir ein Opfer zu bringen, dann tun Sie es ohne Zögern, gehen Sie daran, ohne nachzudenken, – und dann wird es um Leben und Tod gehen zwischen Ihnen und mir. Sind Sie einverstanden? Es handelt sich um jenes junge türkische Weib, das Sie »meine Odaliske« nennen, indem Sie über meine Tollheit lächeln ... Dies Lächeln ziemt sich heute nicht mehr. Denn aus dem Liebesabenteuer ward nun für sie und mich eine Angelegenheit voll höchster, schrecklichster Bedrängnis. Gestern, am 7. März, erhielt ich auf ich weiß nicht welchem Wege einen Brief von ihr, von meiner geliebten Aziyadé, – ich hatte Ihnen früher schon ihren Namen genannt. Einen Brief voll tiefster Seelenpein, ein feierliches Appellieren an all meine einstigen Schwüre, an mein Mitleid, an meine Liebe für sie. Die Russen sind rings um Konstantinopel, man organisiert in Eile die Verteidigung von Stambul, den Massenaufstand, den Heiligen Krieg: Alle Greise greifen zu den Waffen und ihr alter Gebieter Abeddin, dessen Herz noch in fanatischer Tapferkeit glüht, wird in den ersten Reihen streiten. Als einer der ersten wird er fallen. Und sie wird Witwe sein ... Sie wissen, welches Los einer türkischen Witwe harrt, wenn sie jung und schön ist: Im voraus schon ist sie dem Freund des Gatten vermählt, der ihrer begehrt. Der Unvermeidliche für Aziyadé wäre Osman Effendi, den Sie einmal mit mir beim Empfang der Magyaren in Séraskérat gesehen haben. Er ist jung, kühn und eifersüchtig, ihn wird man nicht töten, denn er ist bei der Intendanz und kämpft nicht mit. Und würde Aziyadé sein Weib, so wäre sie ebenso verloren für mich, als wenn sie gestorben wäre ... Darum will sie um jeden Preis fliehen; sie weiß, daß die Wirrnis, die Stambul jetzt erfüllt, diese Flucht nur begünstigen kann und daß in solchem Augenblick alles gewagt werden darf. Nur muß der Boden der Türkei so rasch als möglich verlassen werden, und die arme Kleine kann keine einzige christliche Sprache, spricht nicht einmal Griechisch. Sie hat keine Ahnung von unseren Gebräuchen, weiß nicht, wie man reist, kennt weder ein Paketboot noch Geographie. Daher braucht sie einen Begleiter. Mein Freund Achmet, den Sie gekannt haben, der so ergeben als unternehmend war, kann ihr in nichts mehr dienen, denn er hat Stambul längst verlassen, und es ist fast zweifellos, daß er zu dieser Stunde nicht mehr lebt. Einige Male in diesem Winter ließ Achmet mir durch einen Griechen schreiben, der die französische Sprache radebrecht und der keine Ahnung davon hat, wie unsere Monate heißen, noch wie wir Briefe datieren. Ich weiß, er ist gegen Dezember oder Januar in den Krieg gezogen, war mit bei den großen Balkanschlachten, und kam plötzlich mit einem Sanitätszug vom Roten Halbmond zurück, – als armer verwundeter Kranker. Einen Teil des Winters verbrachte er in Stambul, ans Bett gefesselt und in tiefer Not... Von den beiden Pferden, die, wie Sie sich erinnern werden, sein ganzes Vermögen waren, wurde das eine für den Krieg angefordert, das andere ist tot. Am 5. Februar erhielt ich einen Brief von ihm, in welchem er mich um ein wenig Geld bat. Ich sandte ihm, was mir möglich war, und ich weiß, er muß sehr elend daran gewesen sein, wenn es so weit kam, daß er Hilfe suchte. Am 2. März erhielt ich einen letzten Brief in türkischer Sprache. Sein Freund Ali Agha übersandte mir ihn, und er war aus Adrianopel datiert. Denn Achmet war wieder für den Krieg ausgehoben worden, trotzdem er sich nur mit Mühe aufrecht halten konnte; er war verwundet, lag im Sterben und sandte mir seine letzten Grüße. Das ist des armen Achmet Geschichte. Ich hätte ja selbst gehen können; um Aziyadé zu holen. Gestern hatte ich es beschlossen, doch heute habe ich nachgedacht. Kein Mittel steht mir zur Verfügung, um, sei es für jetzt oder für später, die Bewilligung zu einer Reise nach Konstantinopel zu erlangen. Ich habe auch kein Geld, um abzureisen. Sie werden einwenden, daß es immer möglich ist, zu desertieren, und daß man auch ohne Geld auf manche Weise reisen kann. Ich weiß das alles, und gestern war ich bereit, es zu tun. Aber ich habe meine Ehre als französischer Offizier, und das bedeutet mir doch mehr, als ich ursprünglich dachte. Der Jemand, der dort nötig ist, um mich zu vertreten und Aziyadé zu helfen, – wollen Sie, mein Freund, selbst dieser Jemand sein? Ich frage es, Sie beschwörend, in heißer Angst ... mich dünkt, Sie werden es mir nicht abschlagen ... Dann aber, Bruder, werde ich Ihnen mit Leib und Seele zu Diensten stehen, und es wird nichts auf der Welt geben, was ich für Sie nicht zu vollbringen bereit sein werde ... In dem Augenblick der gegenwärtigen Krise ist das, was ich von Ihnen verlange, vielleicht weniger gefährlich, als Sie glauben. Ich werde an die Attachés der Gesandtschaft schreiben, werde Ihnen Verbindungen und Dokumente verschaffen, werde Sie sogar unserem Gesandten empfehlen. Sagen Sie, wollen Sie es tun? Wenn nicht, dann senden Sie mir gleich eine Depesche. Dann werde ich abreisen ... Doch wenn Sie bereit sind, mein Freund, dann verlieren Sie weder einen Tag, noch eine Stunde, noch selbst eine Minute. Denn so müssen Sie es beginnen: Bedecken Sie Ihr Haupt mit einem Fez, und begeben Sie sich über die Brücke von Kara-Keni nach Stambul. Dort mündet die Straße Onu Capou, an der entlang Sie gehen müssen, bis Sie der kleinen Moschee At-Bazar-Bachi ansichtig werden. Knapp ehe Sie sie erreichen, werden Sie eine Sackgasse sehen, und an deren Ende steht ein altes, rotgemaltes Haus (alle anderen Häuser sind gelb). Neben der Eingangstür ist ein vorspringendes vergittertes Fenster. An den Laden dieses Fensters klopfen Sie. Es ist das Fenster der Negerin Kadidja, von der ich Ihnen schon gesprochen habe. Ein altes kluges, listiges Geschöpf und auf Leben und Sterben Aziyadé ergeben, die einst ihre Herrin war. Klopfen Sie sechsmal mit kurzen Schlägen, dann glaubt sie, daß ich es bin. In früherer Zeit waren diese sechs Schläge das zwischen uns verabredete Zeichen. Ist die alte Frau nicht daheim, so werden Sie wiederkommen müssen. Nachbarn oder Nachbarinnen werden Sie ausfragen. Sie sprechen hinreichend gut Türkisch, um sich für einen Muselman ausgeben zu können (und Ihre Physiognomie ist auch typisch). Sie werden sagen, Sie seien gekommen, ein heiliges Amulett zu erstehen. Und da die Alte solche verkauft, wird niemand verwundert sein. Treffen Sie dann Kadidja, so übergeben Sie ihr diesen Brief für Aziyadé. Sagen Sie ihr, daß ich Sie sende, und daß Sie bereit sind, für ihre Herrin alles zu tun, was ich getan haben würde. (Denken Sie daran, daß sie mich unter dem Namen Loti oder Arif Ussam kennt.) Geben Sie ihr Ihre Adresse. Erklären Sie ihr, daß Sie Aziyadé zur Flucht behilflich sein wollen, wenn sie entschlossen ist, zu fliehen. Daß Sie bereit sind, sie in Galata, in Ihrem eigenen Hause aufzunehmen und verborgen zu halten. Dann müssen Sie sich nach Möglichkeit von Stambul fernhalten, um keinen Verdacht aufkommen zu lassen, denn die Alte wird möglicherweise überwacht. Ich vertraue Ihnen Aziyadé an, als ob Sie mein Bruder wären. Sie werden beurteilen können, ob die arme Kleine Aufopferung und Liebe verdient, Sie werden sehen, wie reizend sie ist, und werden verstehen, warum ich so handle. Kadidja wird für Sie eine nützliche Hilfskraft sein, sie ist das pfiffigste Geschöpf, das ich kenne. Befolgen Sie alle ihre Ratschläge. Zögern Sie nicht, mich zu verständigen, wenn Sie irgend etwas brauchen. Und übrigens wird alles, was Sie tun, wohlgetan sein. Sie werden Geld benötigen: gehen Sie nach Pera, zu Villier, dem Gesandtschaftssekretär. Er hat 500 frcs., die ich ihm eben sandte, um meine Schuld an Abdullah Effendi (der mir nach der Feuersbrunst in Eyoub Geld borgte,) zu bezahlen. Er wird Ihnen dieses Geld ausfolgen, denn ich habe ihm geschrieben, es für Sie aufzubewahren. Villier ist auch ein tapferer Bursche, doch weder genug kühn, noch mir so sehr ergeben, um das zu vollbringen, was ich von Ihnen erbitte, mein lieber Pogarritz, worum ich keinen andern bitten würde. Aber er wird sich entschlossen aufraffen, um Ihnen behilflich zu sein. Mir wäre es am liebsten, wenn Aziyadé sich auf einem Paketboot der Compagnie Fraissinet einschiffte, das gegen Marseille steuert. Sie finden sicher jemand Verläßlichen unter den Emigranten, dem Sie sie überantworten können, und außerdem kenne ich fast jeden Kommandanten jener Paketboote, und Sie könnten in meinem Namen sprechen. In Marseille würde ich selbst sie in Empfang nehmen. Fürchten Sie nicht, mein lieber Freund, daß Sie sich hier in ein Romankapitel verwickeln: Dies ist bestimmt kein solches. Ich schwöre Ihnen bei meiner Ehre: Ist sie erst einmal auf französischem Boden, wird Aziyadé meine Frau. –   Brief Pierre Lotis an Mr. Villier, Gesandtschaftssekretär in Konstantinopel. Lorient, 8. März 1878. Mein lieber Freund! Wenn es noch möglich ist, halten Sie die fünfhundert Francs zurück, die der zweite Offizier des »Limois« Ihnen von mir überbrachte. Mr. Pogarritz wird sie in meinem Namen bei Ihnen beheben. Sie werden sie ihm ausfolgen und Abdullah Effendi muß sich gedulden. Sie lieben ihn nicht sehr, diesen Pogarritz, das weiß ich wohl, aber wenn er Sie braucht, um die schweren Aufgaben, die ich ihm aufgebe, zu lösen, verwenden Sie sich für ihn, so weit es irgend möglich ist. Sie helfen mir, wenn Sie ihm helfen. Verteidigen Sie ihn, wenn es nötig ist, bei unserem Gesandten. Der Auftrag, dessen er sich für mich entledigt, birgt viel Gefahr: Im Namen der Freundschaft, die Sie mir oft erwiesen haben: Versagen Sie ihm Ihre Stütze nicht! Vielleicht wird es nötig sein, daß er ohne Aufsehen »fränkische« Frauengewänder ersteht. Dann ist vielleicht Ihre Geliebte so gütig, diesen Einkauf in Erinnerung an mich zu besorgen. Verlangen Sie für heute keine Erklärungen, ich habe weder die Zeit, noch den Mut, sie Ihnen zu geben. Tun Sie, um was ich Sie bitte, mein lieber Freund, und meine große tiefe Dankbarkeit ist Ihnen sicher ... Sie müssen zwischen den Zeilen lesen können, um welch gefahrvolles Beginnen es sich hier handelt! –   Brief Pierre Lotis an Aziyadé. An Bord des »Tonnerre«. Lorient, 8. März 1878. O meine vielgeliebte Aziyadé. Brief in türkischer Sprache. Ich habe Deinen verzweifelten Brief erhalten. Und ich antworte auf Deinen Ruf. Nein, ich habe an nichts vergessen. Nicht an Dich, die ich mehr liebe als Leben und Sonnenlicht, noch an Stambul, noch an meinen heiligen Schwur. Was ich Dir gelobte, gelobe ich aufs neue, beim Christengott und dem der Muselmanen, bei meiner Seele und der Seele meiner toten Eltern: was ich Dir gelobte, werde ich halten. Du hast nur zu sprechen, und ich bin zu gehorchen bereit ... Aber der Augenblick ist ernst und schrecklich für uns beide. In diesem folgenschweren Augenblick, in dem Du unser Schicksal schmieden sollst, höre, eh' Du noch sprichst und ehe Du mich rufst, den Rat, den Dir meine Liebe gibt. Solange jener Greis, der Dich sehr geliebt hat, und dem Du Achtung schuldest, auf Erden weilt, – o Du, solange bleibe bei ihm und erwarte, was uns die Zukunft noch geheimnisvoll verbirgt. Wir sind jung und ein langes Leben breitet sich vor unserm Blick ... Wenn er aber stirbt, wenn er fällt, dann, wenn er stirbt, Geliebte, vernimm auch dies, was ich Dir voll heißen Herzwehs sage, weil es mir die Hälfte meines Lebens nimmt: wenn er stirbt, o Du Geliebte, dann heirate Osman Effendi! Auch er ist jung, ist reich und liebt Dich! Mit ihm wirst Du glücklich sein: Vergiß Loti, der das Unglück jener ist, die ihm nahen. Osman Effendi wird Dir Sklavinnen geben, Gärten voller Pracht, die erste Stelle unter den Frauen des Landes und Deinen Platz als Gattin in der verschwiegenen Welt des Harems. Bei mir hingegen! ... Und wären selbst alle Unmöglichkeiten überwunden, hast Du daran gedacht, was es für Dich hieße, mein Weib zu sein? Allein, als Flüchtige, kämst Du in fernes Land, wo niemand Deine Sprache spricht. Unverschleiert gleich einer »fränkischen« Frau müßtest Du meine Not teilen, müßtest schwere Hausarbeit leisten, wie es nur Dienerinnen tun, und müßtest allein bleiben durch lange Jahre, indes ich ferne Meere durchkreuze. Durch lange Winter hindurch, die länger sind als die Winter in Stambul, sähest Du in dem Lande, das dem Polarstern näher liegt, den blauen Himmel nicht mehr, und Deine Heimat nicht, nicht Deinesgleichen und hörtest nimmer eine Freundesstimme ... Doch willst Du das hinnehmen, meine Geliebte, liebst Du mich so sehr, daß Du all dies ertragen kannst, und willst Du fliehen, – dann komm, ich liebe Dich, und ich erwarte Dich. Vertraue Dich Kadidja an und meinem Freunde Pogarritz, der über Deine Ehre und Dein Leben wachen wird. Ruf mich zu Dir, wenn Du mich bei Dir willst. Ich habe alles für Deine Flucht vorbereitet, und meine Freunde sind verläßlich. Komm, Du Geliebte, nach Frankreich, und ich schwöre Dir bei Deinem Gott und bei dem der Christenheit, daß Du mein Weib sein wirst: mein vor den Menschen und vor den Gesetzen meiner Heimat. Der achte März war in Lorient ein recht düsterer Wintertag. Der Regen, der tags zuvor eingesetzt hatte, währte ohne Unterbrechung bis zum Abend. Seit sechs Uhr morgens schrieb ich Briefe. Um elf Uhr war der Himmel so bedeckt, daß es ganz finster war. Da schloß ich meine Fensterläden, entzündete Kerzen und schrieb an meinem Schreibtisch weiter. Als meine drei Briefe beendet waren, war es fünf Uhr geworden. (Der türkisch geschriebene Brief an Aziyadé hatte allein über den halben Tag in Anspruch genommen.) Da riß ich meine Fenster auf: fahles, düsteres Dämmerlicht drang in mein Zimmer ein. Noch fiel der Regen in der grauen leeren Gasse, Lange stand ich noch am Fenster und sog die feuchte Luft in langen Zügen ein. Ich hatte eine Entscheidung getroffen und hatte gehandelt, wie ich es für notwendig befunden hatte. Erleichterung füllte mich ganz, ich mußte nur noch warten. Als meine drei Briefe im Postkasten lagen und alles unwiderruflich war, holte ich Yves ab und verbrachte den Abend mit ihm.   Brief Pierre Lotis an seine Mutter. Lorient, 22. März 1878. Geliebte Mutter! Heute morgen bin ich nach Lorient zurückgekehrt, wo ich Deinen Brief vorfand. Es wird Dich überraschen, daß ich nicht aus Paris komme, wohl aber aus Plounès-en-Goëlan, einem bretonischen Dörfchen, etwa vierzig Meilen von hier, nahe von Paimpol. Ich hatte vor, am Sonntag nach Paris zu reisen, als ein Brief von V. L. eintraf, der mir meldete, daß aus der Sache nichts würde (die Publikation von Aziyadé). Da schien es mir unnütz, hinzureisen, da ich doch ohnehin bald auf dem Wege nach Rochefort vorüberkomme. Blieb mein Urlaubsschein, den ich ausnützen wollte. Mein Matrose Yves reiste gerade zum Besuch seiner alten Mutter ab und bestand darauf, mich mitzunehmen. Dein blaues Trikot kam gerade zurecht: ein roter Gurt und eine Kappe ergänzten ein Kostüm, das den Umständen angemessen war. So sind wir denn alle beide am Sonntag nach Plounès gefahren, woselbst Yves' Rückkehr gefeiert ward, gleich der des verlorenen Sohnes. Als »ein Bruder von der Küste« eingeführt, verbrachte ich vier Tage fischend und umherstreifend in einem malerischen Land. Charakteristische bretonische Bauernhäuser, gute, alte Mütterchen aus der Vorzeit mit Rad und Spindel, Krabben, Apfelwein und mildes Frühlingswetter. Nach vierundzwanzigstündiger Fahrt kehrten wir heute morgen zusammen zurück. Für alle anderen Leute komme ich aus Paris, nur nicht für meine bucklige Freundin, die die Sachlage kennt.   Paris, März 1878. Für zwei Tage in Paris. Berufung durch ein Telegramm zu Michel Lévy, dem Verleger. Zwei recht bewegte Tage, die wenigstens den Vorteil hatten, mich meinem düstern Grübeln zu entreißen. V. L. und Delguet wetteiferten miteinander, meine wenigen freien Augenblicke recht festlich zu gestalten. Bei Delguet fand ich ein Wesen wieder, dem mehrere Seiten meiner früheren Aufzeichnungen gelten: die »Fratine«. Die kleine Fratine in verbesserter Auflage, als elegante Dame voller Charme, die mir die Honneurs »ihres Hauses« machte. Heute abend gab sie ein Diner für V. L. und für mich, und wir haben in Gemütlichkeit alte Erinnerungen aufgefrischt. Als aber die Rede auf Annecy kam, war die Fratine so verwirrt, als glühte ihr Gefühl für mich noch immer in ihrem Herzen. Sie senkte das Haupt und küßte ihr kleines Kind, das neben ihr saß.   Brief Pierre Lotis an Madame X in Paris. Lorient, April 1878. ... Wenn ich Dir weh getan habe, verzeihe mir. Du weißt, ich habe meine bösen Tage. Da ist mein Herz eiskalt und bleibt für alle verschlossen. Auf jener letzten Reise sah ich Dich wohl in anderem Lichte, aber es war, im Gegenteil, ein weitaus sympathischeres ... Bis dahin hatte ich in Dir nur einen Menschen im Glück gesehen, mit einer gewissen positivistischen Philosophie begabt, die Dir zu genügen schien; ich glaubte Dich relativ ruhig, zufrieden in jenen Kälteregionen. Ich trug es Dir sogar ein wenig nach, daß Du eine Art Frieden fandest jenseits aller Ideen von Erlösung und ewigem Leben, welchen ich trotz meiner tiefen Ungläubigkeit doch mit dem Herzen verbunden bleibe ... Im Gegenteil, als ich kürzlich mit Dir sprach, empfand ich manches voraus, was Du nun so erschütternd niederschriebst. Da sah ich, daß Dein Herz auch voller Wirrnis ist, gequält und verzweifelt wie das meine. Das gleiche Chaos, die gleiche Not, um nichts mehr, um nichts besser, die gleiche furchtbare Leere. Wir brauchen uns gegenseitig nicht mehr zu beneiden. Doch fühlen wir beide zu sehr nach der nämlichen Richtung hin, um wirklich befreundet sein zu können ... Siehst Du, ich, ich bin doch noch jung, aber ich merke schaudernd, daß ich bald dahin gelangen werde, wo Du jetzt bist. »Sich ausstrecken, um das Ende zu erwarten« – der Wunsch steigt manchmal in mir auf. Und dennoch gibt es etwas, was alles im Leben bedeutet. Die Liebe. Ich habe reizende Mätressen gehabt und werde zweifellos noch viele haben. Es sind Frauen unter ihnen gewesen, die ich sehr anbetete. So, daß ich furchtbaren Schmerz empfand, dachte ich daran, daß eines Tages der Tod uns scheiden könnte, und daß dann alles in Staub vergeht ... Ich träumte davon, man möge uns im gleichen Grab begraben, damit unserer beider Asche sich menge. Und diese Frauen habe ich vergessen. Ich habe andere geliebt und habe ebenso geträumt. Die Zeit vergeht, die mich von hinnen trägt, und bald, bald kommt das Alter. An Freunde glaube ich kaum. Und dennoch habe ich ihrer mehr gehabt als sonst wohl jemand auf Erden ... Oft stieß ich auf Zuneigung, auf blinde Ergebenheit. Ich klaubte Seeräuber in den Straßen auf und nahm sie an mein Herz. Bei ihnen fand ich mehr Jugend und Leben, und mächtigere, weniger banale Gefühle als bei meinesgleichen ... Aber alles geht unaufhaltsam vorüber. Wenn die späten Jahre da sein werden, mit Leiden vielleicht, mit Falten und grauen Haaren, wenn mir keine andere Liebe mehr blüht als jene, die käuflich ist, wenn ich wie ein altes, schadhaftes Gerät zur Seite gelegt sein werde, – was, guter Gott, bleibt mir dann außer Selbstmord? Jene, die Du und ich als Einfältige verachten, die anbetend Christus zu Füßen liegen, jene, versichere ich Dir, sind die Glücklichen dieser Erde. Die Not der Zeit, die vorübergeht, die Not des Einsamseins, das Grauen vor dem nahenden Nichts – all dies ist ihnen unbekannt. Sie gehen dahin voll Ruhe und Vertrauen. Mein Leben gäbe ich darum, ihre leuchtende Illusion zu besitzen; würde sie mir selbst nur mit der Geistesverfassung von armen Tollhäuslern, die in dem Glauben leben, die Reichen und Mächtigen der Erde zu sein. Und wenn dieser Glaube fehlt, – wenn wir dann wenigstens nach etwas anderem blicken könnten, nach einem Hoffnungsstern, einer Unsterblichkeit ... Doch nichts! ... Denn außer der noch strahlenden Christusgestalt ist alles Schrecken und Finsternis ...   Brief Pierre Lotis an Plumkett. Lorient, April 1878. Ich verbringe recht traurige Tage, mein lieber Plumkett, unendlich langsam entschwindende Tage mit düsteren, sterbensbangen Abenden. Zwar habe ich noch Bruder Yves bei mir, aber er ist nicht mehr der tolle Junge, der Sprünge macht: Unsere Freunde, die »Brüder von der Küste«, sind alle verstreut, haben sich eingeschifft; der »Lamotte Picquet« hat unsere letzten nach der Südsee entführt. So gibt es denn keine Seeräuberbande mehr, keine nächtlichen Tumulte, und Mutter Hollichon wird nicht mehr der Ehre teilhaftig, uns in ihrer Herberge bewirten zu dürfen. An manchem Abend, wenn die Stadt in die noch kalten Nebel des April versank, hat man uns beide, Yves und mich, im Matrosengewand die dunkle Straße hinabwandern gesehen; wir bogen zum Kai ein und überschritten die Brücke des Kanals. Dann betraten wir sein Heim und saßen dort den Abend lang vor dem flackernden Feuer, während Marie, seine Frau, ihre breiten weißen Kragen plättete und kleine Häubchen nähte für ihr kommendes erstes Kind. Seit dem tragischen Schreiben, das ich am 7. März erhielt, bin ich ohne Nachricht von Aziyadé, und jetzt, da Achmet tot ist, ist auch jede Verbindung zwischen uns abgeschnitten. Ich habe es mit einer Menge von Mitteln versucht, schrieb eine Menge türkischer und französischer Briefe an eine Menge von Leuten, und erhielt keinerlei Aufschlüsse. Ich hatte meine letzte Hoffnung auf einen, namens Pogarritz gesetzt, einen tapferen Jungen, meinen dortigen treuen Freund. Doch habe ich erfahren, daß er in ein Bataillon ungarischer Freiwilliger eintrat, und daß auch er von einer russischen Kugel getötet worden ist. Die Zeit vergeht, ich weiß nicht mehr, was tun. Ich träume davon, nach dem Orient zurückzugehen, und der Boden brennt mir unter den Füßen ... Wehe Angst schnürt mir das Herz zusammen, wenn ich »ihrer« gedenke. Ich liebe sie tief, das schwöre ich Ihnen, – ich liebe sie anders als in den ersten Tagen. Ich würde freudig Jahre meines Lebens darum geben, könnte mich noch einmal einer ihrer kleinen Briefe erreichen, die so schwer zu entziffern waren und so unleserlich ... Ich würde vor Freude weinen, wenn ich einen erhielte ...   An Bord des »Tonnerre«. Cherbourg, Mai 1878. Einen Monat in Cherbourg verlebt. Ich hätte es vorgezogen, dies Land nicht wiederzusehen, das für mich so viel schmerzliche Erinnerungen birgt. Erinnerungen an Jean, an unser beider Leben, Erinnerungen an den Krieg, an die acht trüben Monate, die ich im Jahre 70 hier verbringen mußte, acht Monate einer qualvollen Existenz, acht Monate, während welcher wir viel gelitten haben. Und dann Erinnerungen an Jeans Abreise an Bord des »Petrel«, im Juni 1873. Ich hatte mir vorgenommen, mit keinem Fuß dieses Land mehr zu betreten; während dreier Wochen hielt ich Wort und bin an Bord geblieben, bis ich eines Morgens eine Vorladung zum Bahnhof bekomme. Eines Koffers wegen, den ich gezwungen bin, selbst abzuholen. Ich lasse mich von Yves in seiner Dampfschaluppe hinüberführen und lande an der Stelle, an der ich vor fünf Jahren mit traurigem Herzen Jean zum letztenmal umarmte, bevor er, und ohne mich, nach dem Senegal abging. Heute wieder ist ein so schöner Frühlingstag, einer der ersten heißen Tage des Jahres. Die Gärten stehen voll blühender Fliederpracht, doch trotz des blauen Himmels ist Cherbourg, dies geschmacklose kleine Nest, öde und langweilig. Ich laufe durch die Stadt, blicke weder nach rechts noch nach links, trachte nur, so rasch als möglich, wieder heimzukehren. Dennoch erweckt mir jeder Stadtteil, jede Straßenecke, jeder Geschäftsladen, eine Flut von Erinnerungen. Unsere Pension, unser Zimmer, das Haus, in welchem Emma wohnte, der Zeitungskiosk, wo allabendlich die Nachrichten vom Kriegsschauplatz erschienen, und die breite grüne Eiche am Bahnhof, so selten in ihrer Art, unter deren Krone wir oft saßen im Gedenken an Fontbruant und die Limoise. Jetzt ist alles zu Ende zwischen Jean und mir, und noch suche ich die Auflösung des düstern Rätsels, das ihn unwiederbringlich von mir entfernt hat. Nein, man kann gewaltsam keine Zuneigung töten, wie ich sie für diesen verlorenen Bruder empfand, ohne daß tiefe, schmerzende Wunden zurückbleiben müssen. Die fliehenden Jahre üben ihre Heilkraft, leise legt sich Vergessen über die Dinge und bald wird zweifellos das Erinnern an Jean in meinem Herzen erstorben sein. Doch heute abend steigt sein sanftes Antlitz wieder vor meinem Blick empor, und da verzeihe ich ihm alles, was er mir einst getan.   Brief Pierre Lotis an Yves. Brest, 9. Juni 1878. Mein lieber Yves! Es ist durchaus notwendig, daß Du heute abend ans Land kommst. Geh und sag' dem wachhabenden Offizier, daß ich Dich um sechs Uhr brauche: Mach Dein Denken klar. Ich habe große Pläne, und wir werden einige Straßen auf den Kopf stellen. Es sei Dir erlaubt, ausnahmsweise ein wenig trinken zu dürfen. Ich bin fürchterlich traurig und brauche Lärm. Du sollst mich dazu verleiten, Lärm zu schlagen. Du brauchst diesen Brief nur dem wachhabenden Offizier zu zeigen, wer immer es sei. Verfehlst Du das Boot um halb sechs Uhr, so sende ich Dir ein anderes. Gleich nach dem Landen komme zu mir, hüll' Dich rasch ins Kleid des Bürgers und triff mich um halb sieben Uhr im »Kabarett zur grünen Tinte«. Wir werden unser vier sein; der lange Barada kommt, der ohnehin Dein Freund ist, und ein neuer; er ist Kapitän auf einem amerikanischen Walfischfahrer. Er ist ganz nach unserm Schlag und wird Dir gefallen. Des bin ich gewiß. Leb' wohl, Bruder. Mach Dein Denken klar!   Brief Pierre Lotis an Plumkett. An Bord des »Tonnerre«. Brest, 20. Juni 1878. Mein lieber Plumkett! Seitdem ich aus dem tristen Lorient heraus bin, geht es besser; der Lenz ist gekommen, die Dinge rings um mich sind weniger dunkel und ich finde vielfach ins Leben zurück. Ich hatte zwei Geliebte. Die erste war die Gattin vom Kapitän eines Küstenschiffes; sie verließ mich, da sie in ihre Heimat fuhr. Sie war einundzwanzig Jahre alt, war verliebt, war leidenschaftlich. Der Typus der schönen bretonischen Rasse aus dem Norden. Sie weinte als sie von mir Abschied nahm, und doch, seltsamerweise, hatte sie nie aufgehört, einen zu lieben, und liebte ihn über alles in der Welt: es war ihr Gatte, der Kapitän des Küstenschiffes. Die zweite war die kleine Yvonne, die Sie kennen. Sie teilte einige Zeit hindurch ihre Gunstbezeigungen zwischen Allain, einem Quartiermeister von den Kanonieren, und mir, Ihrem ergebenen Diener Loti; und dann hat sie sich vorgestern entschieden und hat mich verlassen, da Allain sie heiratet. Auch sie war ein echtes Kind der Bretagne, blond, rosig, mit ernstem Blick. Sie überragte die Allgemeinheit, – die Grisetten, ihresgleichen – und wenn sie durch die Straßen ging, das Haupt gesenkt unter den Flügeln ihrer weißen Haube, so waren alle Blicke auf sie gerichtet. »Yves der Seeräuber« ist recht vernünftig geworden, wie ich Ihnen bereits sagte und betrinkt sich fast niemals. Ich bewohne mit ihm zusammen ein sauberes nettes Logis in der Vorstadt Recouvrance bei einer guten alten Bretonin. Sie sagen an Bord, ich hätte mein Eyoub in Brest nochmals gefunden (aber ach, wie anders ist es, als mein Eyoub in Stambul war!). Wir füllen unsere freie Zeit aus, indem wir Ecarté spielen. Dabei sitzen wir ganz ernst in irgendeinem sehr anständigen Winkel. Aber trotzdem sehen wir dabei ein wenig wie zwei Seeräuber im Ruhestand aus. Manchmal besuchen wir auch Ablaßfeste und die Jahrmärkte von Finistère. An langen Juniabenden, wenn die Nebel, grauen Schleiern gleich, den bretonischen Himmel bedecken, gehen wir durch das grüne Gras, die hochbestandenen Wiesen voll rosenroter Blumen, die nur in diesem Lande wachsen, den ländlichen Festen entgegen. Die Luft ist lau und dufterfüllt. An den Rennen und an Seiltänzerproduktionen freuen wir uns, als wären wir Kinder des Volkes. Schlägt es aber elf Uhr, sind wir wieder in unserem bescheidenen Heim in Recouvrance. Dort erwartet uns der Schlaf, der gütige Vermittler, – der ruhige Schlaf des Gesunden, der traumlos ist und in einem Zug vom Heute zum Morgen leitet. Im Laufe von zehn Jahren habe ich mich wohl verändert. Welch Unterschied zwischen dem »Ich« von heute und dem zarten achtzehnjährigen Knaben, der, ein sentimentaler Träumer, alle Freuden mied, sich vom Frohsinn der Jugend fernhielt und seine »poetische Traurigkeit« über dieselben Pflastersteine von Brest schleppte, über welche ich nun meine Lebensfreude spazierenführe. Der Frühling ist eine köstliche Zeit, besonders hier in der Bretagne. Lenze des Nordens, spät im Erscheinen, ein wenig umschleiert und ungewiß zuerst. Und dann mit einemmal, nach drei Sonnentagen, ein Blütenüberfluß, belaubte Bäume, warme Abende und Vogelsang. Es ist Überraschung und Verzauberung. Und es beut um so innigeren Genuß, als der Winter länger und finsterer war. Und man ist durchdrungen von Wohlgefühl, von Frühlingszauber, frischer Wiesenluft und dem Duft der wilden Rose. – Seit meiner Kinderzeit drang mir kein Junimond so berauschend ins Blut als dieser; nie hat der Frühling sich mir so als physisches Erlebnis offenbart, als Erneuerung alles Lebens im Steigen des Saftes und in der mächtigen Wiederkehr aller ewigen Kräfte in der Natur. Glauben Sie mir, mein lieber Freund, gegen alle seelischen Schmerzen gibt es kein besseres Mittel als körperliche Übungen. Gegen alle ungesunden Träumereien gibt es kein wirksameres Narkotikum als Gesundheit und Kraft. Es gibt keine gesünderen Freuden als die des Volkes. Und es gibt keine verläßlichere Zuneigung als die des rohen, ungebildeten Mannes, der rückhaltlos und unberechnet liebt. »Intellektuelle Freundschaft« gibt es nicht, dieser Begriff ist das Gespinst kranker Hirne. Freundschaft ist einfach Freundschaft, – etwas, das der Liebe gleich, die Herzen füllt und nicht zu definieren ist. Sie und ich, wir werden nie vollkommene Freunde sein, denn wir sind wandelbar, ohne jede Konsistenz und ohne Überzeugung. Bauen wir nicht zu fest einer auf den andern; denn nur zu sehr sind wir Kinder unseres Jahrhunderts, zu raffiniert, zu skeptisch. – außerdem aber kennen wir uns zu genau, wir sehen zu hell, unser Blick reicht zu weit. Und finden wir Freude daran, tiefinnere Gedanken zu tauschen, so ist das aber auch alles. Auch gleichen wir ein wenig jenen Auguren, die, ohne lachen zu müssen, einander nicht ins Gesicht sehen konnten. Was könnten wir uns gegenseitig zu erzählen haben, mein Lieber, ohne es wohlbekannt, verbraucht und abgeschmackt zu finden? Aber noch ist das Leben schön, und Gesundheit und Jugend sind die höchsten Güter dieser Erde.   Brest (Recouvrance), Juni 1878. An einem schönen Frühlingstage saß ich, zwei Uhr mochte es gerade sein, in trägem Halbschlummer in einem Lehnstuhl meines lichten Zimmers und wartete auf Yves, der von Bord kommen sollte. Plötzlich ließ eine Stimme, die von der Straße heraufdrang, mich jäh aufschrecken. Ein Bettler war es, der mit leisem Laut einige trübe Töne sang, so trüb, daß sie in die Seele drangen. Was aber daran so seltsam war: Dies Lied rief mir ein anderes wach, ein anderes, das ich vergessen hatte ... Fern dort, im Orient, in Pera, wo ich wohnte, wanderte in den heißesten Stunden des Tages oft ein Bettler an meinen Fenstern vorüber, der so wie dieser sang. In gleicher Klangfarbe, mit fast denselben traurigen Tönen. Nur war er, der dort sang, ein Jüngling asiatischen Blutes, ein Blinder, mit mageren, regelmäßigen und melancholischen Zügen, aus welchen zwei weitaufgetane, weiße Augen blicklos ins Leere schauten ... An jedem Punkte des Bosporus, in Beiros, in Skutari, in Therapis, hörte ich später dann dies gleiche klagende Lied. Und sah denselben Jüngling, wie er, in seinen weißen Burnus gehüllt, durch Nacht und Tag vor sich hin wanderte, mit regelmäßigem, unbeirrbarem Schritt. Sein Stock suchte den Boden ab, und seine Stimme sang die schwermütige Weise. Noch später, als der Winter kam und als Aziyadé bei mir weilte, hörten wir den blinden Bettler an unseren Fenstern in Eyoub vorübergehen. Am Abend war's, beim Sinken der Nacht, und wir schauerten beim Klang seiner Stimme. »Loti,« hatte Aziyadé gesagt, »versprich mir, daß Du ihn stets beschenkst, wo immer Du ihn findest. Es brächte uns Unglück, ließen wir ihn vorüberziehen, ohne ihm eine Gabe zu reichen!« Und sie selbst brachte mir oft ihre Spenden für ihn; kleine weiße Münzen, die sie ihm zugedacht hatte. Dann ging ich hinab, um sie in seine Hand zu legen. (Im Orient wirft man ein Almosen nicht hin, sondern gibt es.) Eines Morgens hatte sie große Angst. Es war im Februar, noch ein wenig vor Tag, die Stunde, wo das Lied der Muezzin erschallt, da ging sie allein fort, in ihren grauen Féredjé eingehüllt. Hoch lag leichter, lichter Schnee auf dem Grund, es schien, als sei ein blendend weißes Tuch über Eyoub gebreitet. Am schmalen Ausgang der Moschee, wo sonst nie jemand zu sehen war zu dieser schweigsamen Stunde, ragte einsam ein menschlicher Schatten. Und in der fahlen Dämmerung, wie sie dem Wintermorgen vorausgeht, erkannte sie den Bettler, der ohne Regung stand, das Haupt zum Himmel erhoben, wie wenn ein Mensch still im Gebet verweilt. Um zu ihrer Betbank zu gelangen, war sie gezwungen, den Burnus des Blinden zu streifen und an dem leeren Blick seiner weißen Augen vorbeizugehen ... Jener jedoch, der unter meinen Fenstern in Recouvrance gesungen hat, war ein alter Bretone in der Tracht der Bauern von Plouegastel ... Und ein Zufall hat es gefügt, daß diesen beiden Männern, dem Bretagner wie dem Tataren, an beiden Enden Europas, von tiefer Not das gleiche Singen eingegeben ward ...   Brest, 10. Juni 1878. Heute morgen hielt ich auf der großen Brücke von Brest Gildas Kermadec, Yves' Bruder, eine lange Standpauke, denn er hatte mir gestern seinen Bruder totbetrunken heimgeschickt. Ich war sehr erbost gegen den langen Seeräuber und habe ihn sogar ein wenig gezaust. Aber er hat es fertig gebracht, daß ich plötzlich alle Haltung verlor und ihm lachend die Hand entgegenstreckte, die er herzlich drückte. Auch hierin hatte die alte Bretonin recht gehabt: er hatte einen harten Kopf, ihr Sohn Gildas, aber er war gut und war treu wie Gold. Am Abend dieses selben Tages, des 16. Juni, wanderten wir zu dreien, alle mit Kerzen in der Hand, einen Waldweg nahe Brest entlang. Drei Freunde: de R., Yves und ich. De R., ein Schiffsfähnrich, war uns acht Monate hindurch ein guter Freund gewesen, und er verdient es wohl, daß ich ihn in diesen Blättern erwähne: Ein nobler Bretone, vielleicht ein wenig zu sehr auf hohem Piedestal, ein wenig zu stolz gegen seinesgleichen, – uns ausgenommen – im übrigen der Vertraute aller unserer Unternehmungen und der beste Junge der Welt. Knapp ehe er nach Japan abgehen sollte, hatte er uns ein Abschiedsessen gegeben. Das hatten wir eben in einem Waldrestaurant absolviert, das reizend am Wasser gelegen war, von grünen Laubkronen überwölbt, in welchen Finken und Nachtigallen schlugen. Und nun gingen wir drei über lenzgrüne Pfade zurück. Der Schein unserer Kerzen überstrahlte die Heckenrosensträucher, die sich schier bogen unter ihrer hellen duftenden Blütenlast, kleine Vöglein und braune Maikäfer schwirrten allenthalben umher. Lind, schwarz und lichtlos war die Nacht. Von keinem Hauch ward die Luft bewegt. Selten nur hatte das Bild des Lebens sich mir in so sanften Farben gewiesen, als an diesem schönen Juniabend. Unmöglich können Worte den Zauber wiedergeben, der die Natur gefangen hielt. Wir schritten singend dahin, und so oft ein Wirtshaus am Wege stand, kehrten wir ein, um auszuruhen. Wie schön war das Leben! Wie gut war's doch, so jung zu sein und doch als alte Freunde durch die blühende Bretagne zu schreiten, oder, gute Zigaretten zur Hand, vor einem Glase süßem Most zu sitzen. Zum Teufel mit allen trüben Träumereien, allen Schwermutsgedanken trauriger Poeten. Noch gibt es schöne Tage im Leben, frohe Stunden voll von Jugendglück und Leidvergessen, noch schlagen gute Herzen unter der Sonne und treue Freunde gibt es auf der Erde.   Brest, Juni 1878. Es gibt Melodien, die in meinem Gedächtnis von Situationen und Epochen meines Lebens nicht zu trennen sind. Und ihnen ist es seltsam eigen, vergangene Eindrücke neu aufleben zu lassen – und wären es die, die am längsten zurückliegen, die am tiefsten vergessen sind! So ersteht mir die qualvolle Zeit, die ich im Frühling 1870 in der Reede von Salonique verlebte, vollkommen wieder, wenn Opheliens Lied erklingt: Blond ruht und bleich Im Wasserreich Die Willis mit dem Blick voll Glut. Hab' jeder acht, Der unbedacht Zu lang weilt an der Wasserflut. Den Winter in Eyroub zaubert mir das Lied des Muezzin zurück: »Allah illah Allah! ve Mohamed recoul Allah.« Das bretonische Lied von den »Drei Matrosen von Groix« charakterisiert für mich den tristen Aufenthalt in Lorient. Den heurigen Frühling in Brest malt mir dieses Lied, das hier im hohen grünen Gras gesungen wird: Unterm span'schen Himmelszelt Ohne Trunk und Speisen Reisen, Sonst nichts haben auf der Welt Außer Durst und Hungerspein, Ist nicht fein! Usw. ...   Recouvrance, 19. Juni 1878. Sturmnacht. Es bläst, als wollte es die Häuser umreißen. Ich bin ein wenig besorgt, wie es wohl an Bord zugehen mag und ob meine Abwesenheit nicht auffällt. Die ganze Nacht hindurch schüttelt der Wind unser altes Haus in Recouvrance. Die Katze meiner Hausfrau miaut vor unserer Tür, bis der Morgen kommt, – klägliche Musik, klägliche Situation. Yves verläßt mich um vier Uhr morgens. Ich bin recht besorgt, wie seine Rückkehr an Bord sich gestaltet. Es regnet in Strömen, und immer stärker heult der Wind. Um sieben Uhr stehe ich bei der großen Brücke. Rings wütet fessellos der Sturm. Aber Yves ist da. Er ist gekommen, mich mit der Schaluppe abzuholen. Viel Leute füllen die Brücke und die Kais, – Matrosen und Weiber, und alle sehen voll Angst auf die Reede hinaus, der ganz weiß ist vor Schaum und Gischt. Yves, der sehr aufgeregt ist, läuft mir entgegen: »Man räumt den Tonnerre,« sagt er. »Eben kam die Depesche aus Paris, und morgen müssen wir im Hafen sein!« – 20. Juni Der »Tonnerre« liegt im Hafen von Brest. Wieder ein beendeter Feldzug. Den ganzen Morgen habe ich Bordwache. Der Regen strömt weiter. Am Nachmittag erwarte ich Yves in der Wohnung von Recouvrance, die wir bald für immer werden räumen müssen. Doch kommt er erst um ein halb sechs Uhr: »Verspätung wegen Ausladen des Schiffsraums« erklärt er. Da ich ein Bild von ihm haben möchte, führe ich ihn zu Bernier, dem Photographen. Yves macht beim Aufnehmen sehr viel Umstände. Sein Gesicht ist ihm zu schwarz und seine Haltung scheint ihm schlecht. Am Abend kommen wir bei strömendem Regen an Bord zurück: Yves in Zivil, was streng verboten ist. – 21. Juni. Bewegter Tag. Schöner und glücklicher Tag für Yves. Ich gehe schon um acht Uhr morgens ans Land und suche den Divisionskommandanten auf. Um zwei Uhr versammelt sich der hohe Rat, der über Avancements zu entscheiden hat, an Bord des »Tonnerre«. Stürmische Debatte. Für Yves stimmen natürlich alle Offiziere, voran ich, – gegen ihn der zweite Kommandant, der von der Mannschaft der »Medée« unter der Hand bearbeitet worden ist. Der Chefkommandant sagt kein Wort in die Diskussion hinein, die voller Leidenschaft und heftig fortgeführt wird. Dann aber wendet er sich lächelnd zu mir: »Kermadec wird trotzdem fünf Stimmen haben, denn er bekommt auch meine.« Die Schlacht ist gewonnen. Yves ist in die erste Klasse seines Ranges vorgerückt. Eine Stunde später erhalte ich noch unerwartet die Erlaubnis für meinen Freund, den »Tonnerre« sofort verlassen zu dürfen. Nun bleibt ihm nichts zu wünschen übrig. Schon morgen kann er nach Toulven abreisen, wo sein kleiner Sohn auf ihn wartet. Um fünf Uhr verlassen wir das Schiff. Yves, der glücklich ist wie ein König, führt seinen Reisesack mit sich. Rendezvous nach Tisch auf dem Jahrmarkt von Brest. Zum letztenmal Ringelspiel, Holzpferde usw. Yves, der sonst so ernste, ist heute heiter wie ein Kind. Er hat eine Menge urkomischer Einfälle und hält jeden zum besten. 22. Juni. Abschied an Bord des »Tonnerre«. Alle Welt zerstreut sich, und das Schiff ist gewesen. Große Inspektion, bei welcher die gestrigen Vorschläge und Avancements verkündet werden. »Yves Kermadec in die erste Klasse seines Ranges vorgerückt.« Nichts für die Herren von der »Medée«. Dann hat ein alter Dienstmann meine zweihundert Kilo Gepäck geholt und hat sie schlecht und recht nach Recouvrance expediert. Das Wetter war strahlend schön. Nach den bangen Tagen voll Regen und Kummer, die eben vorüber waren, war ein jeder neu belebt, und Yves ward nicht müde, das immer wieder zu versichern. Um zwei Uhr ist mein lieber Yves abgereist, glücklich, weil er nun bald Weib und Kind umarmen sollte, weil er im Rang vorgerückt war, und weil er all dies mir verdankte. Beim Abschied von mir war er aber recht traurig, und auch ich hatte ein schweres Herz, auch ich, ich will es gestehen. Wir armen Matrosen wissen nicht, ob das blinde Geschick uns je wieder zusammenführt! Ich habe ihn, Yves Kermadec, sehr liebgehabt. Gar schnell ist unsere Zuneigung gewachsen. Mag sein, daß dies kam, weil ich ihn vor mancher Gefahr bewahrt habe. Jetzt bin ich bald mit dem Kofferpacken in unserer Wohnung in Recouvrance zu Ende. Acht Uhr ist's, ein schöner Juniabend; aber es ist noch schmerzlicher für mich, an einem schönen Abend im Juni allein zu sein: solch lange Abendstunden locken Träume herbei und wecken all meine lieben Erinnerungen aus vergangener Zeit. – Fröhlich kommen Menschen vom Spaziergang heim und Matrosen gehen singend an meinen offenen Fenstern vorüber. Durch den Äther schießen flinke Schwalben, und der Sommer duftet überall. Auf den Möbeln dieses Zimmers, das er nicht mehr betreten wird, liegen noch Yves' Reisesack, seine silberne Quartiermeisterpfeife und seine Mütze mit dem Zeichen 2091 P. Ein Abschnitt unseres Daseins hat unwiederbringlich geendet.   Paris, Juni 1878. Montag, am 23. Juni, Abfahrt von Brest. Immer noch ist das Wetter herrlich. Grün und in Blüte steht die Bretagne. In Lorient zehn Minuten Aufenthalt. Meine Freunde, die ich verständigt hatte, warten auf dem Kai. Ein flüchtiger Gruß nur gilt der grauen Stadt, wo ich so tödlich bange Tage verbrachte. In Redon Zusammentreffen mit einem amerikanischen Ingenieur, der mir bis Paris Gesellschaft leistet. Der gute Mann spricht englisch, ich antworte türkisch. Daraus ergibt sich eine originelle und recht bewegte Konversation. Als ich beim nächsten Tagesgrauen erwachte, hatte sich das Antlitz der Landschaft verändert, und die alte Bretagne war weit. Keine mächtigen Wälder, keine grauen Felsen, keine alten Granitkirchlein, weder Moos noch Moosflechte, kein hohes Gras voll rosa Blüten, nichts als die albern ebene Umgebung von Paris, und die Befestigungen. Mit tiefem Widerwillen streifte mein Auge nun wieder diese menschlichen Bienenkörbe aus Ziegel und Backstein, die Fabrikschlote, empfand ich die dumpfe, ungesunde Luft, dies Element der Vorstädte. Die kleine Hütte, die Yves in Toulven besaß, stand recht einfach, recht arm und wie verloren am Waldpfad fern in der Bretagne. Aber um sie her waren Frische und rechtschaffenes Leben ... Zwar hat der Jardin du Luxembourg lauschige Winkel, mächtige Bäume, gut gepflegte, leuchtend grüne Rasenflächen und Bänke, auf welchen man zur Sommerszeit am frühen Morgen stundenlang träumen kann, ohne von Spaziergängern gestört zu werden. In diesem Garten weben frühe Erinnerungen meines Lebens: mit siebzehn Jahren habe ich sehr oft hier gesessen ... Hier war es also, nahe dem Medicibrunnen, daß ich heute morgen, am 24. Juni, als ich den Zug verlassen hatte, der mich aus der Bretagne hierher gebracht, mir zwei Stunden tiefinnerer Einkehr gewährte, ehe ich es schicklich fand, bei Freunden vorzusprechen. Seltsam schimmernd zog mein ganzes Leben an mir vorbei, mit allen Menschen, die es durchkreuzt, mit allen Situationen, die ich durchlebt und mit den Bühnenbildern von sämtlichen Ländern der Erde, – eine lange Folge, trüben Schauens voll, das mit den Jahren immer trüber wird, und bald durch nichts mehr froh gestimmt werden kann. Ungeheure Sehnsucht nach Frieden, Seelenruhe und Einsamkeit überkam mich da: und selbst des Klosters Stille hätte ich in diesem Augenblick dem lauten Lärmen von Paris vorgezogen.