Kapitän Marryat Der Flottenoffizier Erstes Kapitel. Das sind die Irrthümer und die Früchte der Vergeudung unserer ersten Jugend auf den Schulen und Universitäten, daß wir entweder blos Worte lernen oder hauptsächlich solche Dinge, welche besser ungelernt blieben. Milton. Mein Vater war ein Mann von Stand und beträchtlichem Vermögen. In meinen Kinder- und Knabenjahren war ich schwach und kränklich; demungeachtet aber begünstigten mich meine Eltern vor allen meinen Brüdern und Schwestern, weil sie sahen, daß mein Geist sich bei weitem über meinen kränklichen Körper erhob, und weil sie fürchteten, ich möchte nicht bis zum Mannesalter ausdauern. Ihren Voraussichten zum Trotz überwand ich jedoch alle diese ungünstigen Anzeichen, erregte Aufmerksamkeit durch meine Lebhaftigkeit, durch Schlagfertigkeit mit witzigen Antworten und durch Unverschämtheit – Eigenschaften, die mir mein ganzes Leben lang gut zu statten gekommen sind. Ich kann mich noch erinnern, daß ich ebenso memmenhaft als prahlerisch war; doch habe ich oft bemerkt, daß die Eigenschaft, welche wir im Kinde mit dem Namen Feigheit belegen, weiter nichts als ein lebhafter Sinn für die Gefahr, und somit ein hervorstechender Verstand ist. Von Natur find wir alle Memmen: Erziehung und Beobachtung lehrt uns den Unterschied zwischen wirklicher und scheinbarer Gefahr; Stolz lehrt uns die Furcht verhehlen, und Gewohnheit macht uns gleichgültig gegen Alles, aus dem wir uns schon oft ungestraft herausgewunden haben. Man sagt von Friedrich dem Großen, daß auch er sich in der ersten Zeit, wenn's in die Schlacht ging, nicht als Held gezeigt habe; und so viel bleibt wahr, daß ein Neuling in einer ähnlichen Situation eben so wenig über alle seine Kräfte verfügen kann, als ein kaum in die Lehre gegebener Schusterjunge fähig ist, ein paar Schuhe zu machen. Alles muß gelernt sein, gleichviel ob es gelte, als Held vor dem Feinde zu stehen oder einen Schuh zu flicken: Uebung allein kann uns zu einem Hoby oder einem Wellington machen. Ich komme auf meine Schulzeit, die in mir bei weitem die dauerndsten Eindrücke zurückließ. Der Grund zu meiner sittlichen und religiösen Erziehung wurde zwar von meinen vortrefflichen Eltern mit Sorgfalt gelegt, aber ach! von der Zeit an, als ich das Vaterhaus verließ, kam auch nicht ein Stein mehr zu dem Gebäude, und selbst die ersten Spuren der Anlage wurden durch eine Fluth von Lastern, die mich alsbald zu verschlingen drohte, fast vernichtet. Allerdings bemühte ich mich manchmal schwach, doch ohne Erfolg, dem Strome entgegenzuarbeiten; zu andern Malen ließ ich mich aber von all' seinen unglücksschwangeren, reißenden Fluthen mitnehmen. Ich war offen, freigebig, lebhaft und muthwillig; doch muß ich hinzufügen, daß eine gute Portion von dem, was die Schiffer »Satan« nennen, sich augenscheinlich zeigte, während eine weit größere Portion davon in meinem Hirn und Herzen verborgen schlummerte. Meine herrschende Leidenschaft, schon in diesem frühen Lebensalter, war Stolz. Selbst Lucifer, wenn er je sieben Jahre alt war, besaß nicht mehr, und wenn mein Name im Dienste einen guten Klang gewann, wenn ich es dahin brachte, zu kommandiren, statt zu gehorchen, so muß ich es dieser meiner herrschenden Leidenschaft zuschreiben. Die Welt hat mir oft bessere Gefühle, als die Quellen meiner Handlungen zugetraut, doch ich schreibe nicht, um zu heucheln, sondern um die Wahrheit an's Licht zu fördern. Ich wurde in die Schule geschickt, um Lateinisch und Griechisch zu lernen, was auf gar verschiedene Arten gelehrt wird. Einige Lehrer versuchen das suaviter in modo ; mein Schulmeister zog das fortiter in re vor und keilte – um ein Bild vom Seeleben zu entnehmen – durch die Aufmunterung eines großen Knotenstockes Kenntnisse in unsere Köpfe, wie der Kalfaterer das Werg in die Ritzen eines Schiffes. Bei einer solchen Methode machten wir erstaunliche Fortschritte; und was auch sonst immer meine minder wünschenswerthen Talente gewesen sein mögen, so hatte doch mein Vater keinen Grund, über die Mangelhaftigkeit meiner klassischen Bildung zu klagen. Fähiger, als die meisten meiner Mitschüler, nahm ich mir selten die Mühe, mein Pensum früher, als bis es zur Klasse ging, zu lernen. Freilich siel auch »des Herrn Segen«, wie wir es nennen, gelegentlich auf mein geweihtes Haupt, doch war mir das eine Kleinigkeit, denn ich besaß zu viel Stolz, um nicht mit meinen Mitschülern gleichen Schritt zu halten, und zu faul, um mehr zu thun. Wäre mein Schulmeister ein unverheiratheter Mann gewesen, so hätte ein längeres Bleiben unter seiner Aufsicht zu meinem Vortheil ausschlagen können; doch zum Unglück sowohl für mich, als ihn selbst, hatte er eine Lebensgefährtin, deren durchaus unglückliche Gemüthsbeschaffenheit zur Verderbniß der Sitten beitrug, über welche mit der gewissenhaftesten Sorge zu wachen ihre Pflicht gewesen wäre. Ihre herrschenden Leidenschaften waren Argwohn und Geiz, die sich in ihren stechenden Augen, wie in ihrer scharfgespitzten Nase auf's Deutlichste ausprägten. Nie hielt sie uns für fähig, die Wahrheit zu sprechen; natürlich gaben wir uns deßhalb auch keine Mühe, eine nutzlose Tugend auszubilden, und hielten uns nur an dieselbe, wenn sie uns zweckdienlicher erschien, als die Lüge. Diese Eigenschaften der Frau Higginbottom verkehrte unsere Offenheit und Ehrlichkeit in Betrug und Verstellung. Da man uns nichts glaubte, lag uns auch wenig an der Genauigkeit unserer Aussagen, und da die geizige Bestie uns halb verhungern ließ, so waren wir nicht gar zu ängstlich in der Wahl von Mitteln und Wegen, unsern Appetit zu stillen; wir wurden deßhalb unter ihrer Leitung eben so große Meister in der eleganten Kunst, zu lügen und zu stehlen, als unter der ihres Gemahls im Lateinischen und Griechischen. Ein großer Obstgarten, Felder, Gärten und ein Hühnerhof, welche zum Hause gehörten, standen unter ihrer Oberaufsicht, und sie erwählte einen von uns Jungen zu ihrem ersten Minister und vertrauten Rathgeber. Dieser Junge, für dessen Erziehung seine Eltern sechzig bis achtzig Pfund jährlich zahlten, durfte seine Zeit damit hinbringen, nach dem abgefallenen Obste zu sehen, die Hühner zu überwachen und ihre Eier einzusammeln, wenn ihre gackernden Kehlen die glückliche Zutageförderung derselben verkündeten; er durfte die Brut der jungen Hühner und Enten, et hoc genus omne , beaufsichtigen – kurz, die Pflicht desjenigen thun, den man auf einem Pachthofe in der Regel den guten Michel nennt. In wie weit die Eltern mit dieser Einrichtung zufrieden gewesen waren, überlasse ich dem Urtheile meiner Leser; aber uns, die wir lieber mit den Händen, als mit dem Kopfe arbeiteten, uns lieber herumtummelten, als still da saßen, kurz, jedes Feld lieber bearbeiteten, als das unseres Geistes, behagte dieses Leben ungemein, und gewiß war nicht leicht ein Staatsamt Gegenstand so vieler Bemühungen und Intriguen, als für uns Schuljungen die Stellung des Sammlers und Oberaufsehers über Eier und Aepfel. Ich hatte das Glück, bald für diesen wichtigen Posten erwählt zu werden, und das Unglück, es bald darauf durch die Umtriebe und den Neid meiner Mitschüler, wie durch den Argwohn derer, die mich angestellt hatten, wieder zu verlieren. Als ich das Amt übernahm, hatte ich mir auf's Aufrichtigste vorgenommen, ehrlich und wachsam zu sein; aber was sind gute Entschlüsse, wenn sie auf der einen Seite durch argwöhnische Herabsetzungen entmuthigt und auf der andern von hungriger Lüsternheit bestürmt werden? Die Morgeneinsammlung wurde mir bis auf die letzte Nuß abgepreßt, und die gierigen Augen der Frau Lehrerin schienen immer noch nach mehr zu forschen. So unschuldig beargwohnt, wurde ich aus Rache schuldig, endlich aber ertappt und meines Amtes entsetzt. Mein Nachfolger ward ernannt; ich übergab ihm alle mir übertragenen Funktionen, und da ich vollkommene Muße hatte, so machte ich es mir zum einzigen Geschäfte, ihn auszustechen. Ich beschäftigte mich damals mit einem mathematischen Lehrsatze, der, obgleich er nicht im Euclid stand, die Wahrheit aussprach: wo du deinen Kopf hineinbringen kannst, folgt auch der ganze Körper nach. Um mir diesen Satz praktisch zu veranschaulichen, steckte ich meinen Kopf durch das runde Loch der Hühnerhausthüre, und indem ich einigen Unrath bei Seite scharrte, ward es mir möglich, hineinzukommen und schnell alle Eier in meinen Koffer zu spediren. Kam der neue Aufseher, so fand er einen Bettel, und auch seine Wanderungen im Obstgarten waren aus demselben Grunde ebenso fruchtlos . Den Raub im Obstgarten betrachtete ich als mein rechtmäßiges Eigenthum, doch wenn ich eine hinreichende Anzahl von Eiern gesammelt hatte, um ein Nest damit ausstatten zu können, so benachrichtigte ich die Frau Lehrerin von der angeblichen Entdeckung. Jetzt glaubte sie, keine gute Abänderung getroffen zu haben: mein Nachfolger wurde entlassen und ich wieder zu Gnaden angenommen. Es ging mir, wie manchem größeren Manne: ich wurde sogleich wieder in mein Amt eingesetzt, als man sah, daß man ohne mich nicht existiren konnte. So ward ich denn noch einmal und mit größerer Macht, als ich sie vor der Ungnade besessen, Lordkanzler des Hühnerhauses und oberster Direktor des Obstgartens. Hätte die Frau Schulmeisterin nur halb so scharf in mein Gesicht, als in meinen Hut voll Eier gesehen, so würde sie darin meine Schuld gelesen haben, denn in jenem ungeheuchelten Alter konnte ich erröthen, eine Gewohnheit, welcher ich seitdem im Verlauf meiner Berufsgeschäfte längst den Laufpaß gegeben habe. Um mir meinen Kredit und meine Stellung zu bewahren, begnügte ich mich nicht länger mit dem abgefallenen Obste: ich unterstützte die Natur in ihren Arbeiten, indem ich manchem Obstbaum ein Bedeutendes von seiner wuchtenden Last abnahm und auf diese Weise nicht nur den Geiz der Frau Lehrerin auf ihre eigenen Kosten befriedigte, sondern auch für meinen eigenen Gebrauch einen Vorrath anlegte. Bei meiner Wiedereinsetzung in's Amt hatte ich einen hinreichenden Fonds in meiner Schatzkammer, um alle laufenden Bedürfnisse zu befriedigen, und durch eine vorsichtige und fleißige Vorausnahme war ich in den Stand gesetzt, sowohl den Argwohn meiner Mandaten einzuschläfern, als auch jeder Opposition Trotz zu bieten. Man wird wohl voraussehen, daß einem Burschen von meinem Scharfsinn kein technischer Handgriff zu betrügerischen Zwecken verborgen blieb. Ich beschmutzte die Stiele derjenigen Früchte, welche ich ablieferte, mit Erde, daß man glauben mußte, sie seien von selber heruntergefallen. So ward ich in wenigen Monaten durch die verkehrte Behandlung von Seiten derer, denen ich zur Befestigung in der Religion und Tugend übergeben war, ein ausgemachter Spitzbube. Zum Glück für meine weitere Erziehung behielt ich dieses ehrenvolle und einträgliche Amt nicht zu lange. Eines von jenen unglücklichen Wesen, welche man Unterlehrer nennt, guckte in meinen Koffer und denuncirte mich alsbald bei den höhern Behörden, um sich bei der Frau Lehrerin sowohl als bei den Schülern beliebt zu machen. Die Beweise meines Unterschleifes waren zu augenfällig, und der Betrug zu bedeutend, als daß man die Sache mit Stillschweigen übergehen konnte; ich wurde im Verlauf einer halben Stunde verhört, überführt, für schuldig erklärt, verurtheilt, gepeitscht und meines Amtes entsetzt. Meine Schmach wurde sogar noch dahin erhöht, daß man mich für unwürdig erklärte, jemals bei irgend einem Geschäfte, sei es nun im Garten oder im Pachthofe, einen Dienst zu verrichten. Auf der Liste bekam ich den letzten Platz, und man hieß mich den schlechtesten Jungen in der Schule. Von manchem Gesichtspunkte aus betrachtet, war dieß nur zu richtig; doch gab es noch einen anderen Jungen, der sich wohl anließ, auf dem Felde der Spitzbüberei mein Rival zu sein; er hieß Tom Crauford und wurde von Stund an mein Busenfreund. Tom war ein geistreicher, für Alles fähiger Knabe; er liebte, obgleich nicht bösartig, den Unfug und zeigte sich stets bereit, bei allen Gelegenheiten mit mir durch Dick und Dünn zu gehen; auch muß ich zur Steuer der Wahrheit gestehen, daß ich Beschäftigung genug für ihn fand. Ich warf die Verstellung von mir und verlachte jetzt jede Ermahnung zur Besserung, die ich nicht nur für unnütz erklärte, sondern sogar für das sicherste Mittel hielt, mir den Spott und die Verachtung meiner Kameraden zuzuziehen, indem ich mich fortan zu dem Motto irgend eines großen Mannes bekannte: »Lieber sein, als scheinen.« Ich leitete jedes gefahrvolle Unternehmen, erklärte allen Gimpeln und halben Maßregeln den Krieg und stahl alles Eßbare aus Obstgarten und Hühnerhaus, denn ich wußte zum Voraus, daß der Verdacht jedenfalls auf mich fiel, ich mochte es gethan haben oder nicht. Von jetzt an wurde jede verschwundene Frucht, jeder auf Tauben abgeschossene Pfeil, jeder in ein Fenster geworfene Stein, jede Bespritzung der zum Trocknen aufgehangenen Wäsche Tom und mir auf Rechnung geschrieben; und bei der gewohnten Raschheit der willkürlichen Polizei war der Zeitraum zwischen Verdächtigung und Züchtigung sehr kurz – wir wurden stets vor den Schullehrer gebracht und regelmäßig mit »seinem Segen« entlassen, bis wir denn endlich gegen Schläge und Schande gänzlich abgehärtet waren. So wurden durch die Habgier dieses Weibes, welche wie ein Alp auf uns lastete, und durch die Dummheit des Lehrers, der in Allem, das Griechische und Lateinische ausgenommen, ein Esel war, meine guten Grundsätze beinahe mit der Wurzel ausgerottet und an ihre Stelle Samen ausgestreut, der sehr bald eine reiche Ernte trug. Vor Kurzem war ein junger Mensch aus Ostindien in unsere Schule eingeführt worden, dem wir den Spitznamen Johnny Pagoda gaben. Dieser Bursche, der ungefähr neunzehn Jahre zählte, war durch nichts ausgezeichnet, als durch Unwissenheit, Unverschämtheit, große persönliche Stärke und, wie wir wenigstens glaubten, durch Entschlossenheit. Eines Tages brachte er den Schulmeister durch den Mangel seines Begriffsvermögens und durch seine Unaufmerksamkeit gegen sich auf, und der Knotenstock fiel auf sein Haupt. Diese Ermunterung, obgleich an den am wenigsten empfindlichen Theil seines Selbstes erlassen, weckte den schläfrigen Asiaten aus seinem gewöhnlichen Phlegma. Im Nu war die Waffe dem verblüfften Pädagogen aus der Hand gerissen und schwebte über seinem Haupte, so daß er, als er das Blatt so plötzlich gewendet sah, um Hülfe rief. Ich klatschte in die Hände und schrie aus Leibeskräften: »Bravo! schlag zu, Johnny – es gilt – du hast einmal angefangen – 's ist eins, ob du für ein Schaf oder für ein Lamm gehangen wirst!« aber die Unterlehrer rannten von allen Seiten herbei, die Schüler hielten sich im Hintergrunde, und Pagoda, der nicht wußte, auf welche Seite die Neutralen sich schlagen würden, streckte das Gewehr, auf Gnade und Ungnade sich ergebend. Hätte der Ostindier seiner Widersetzlichkeit auch eine Züchtigung des Oberhauptes der Schule folgen lassen, so ist es mehr als wahrscheinlich, daß ein allgemeiner Aufruhr, dem des Masaniello vergleichbar, daraus entstanden wäre; doch die Zeit war nicht gekommen. Der Indier entfaltete die weiße Fahne, ward ausgelacht, gepeitscht und seinen Eltern zurückgeschickt, die ihn zu einem Rechtsgelehrten bestimmt hatten; doch da sie voraussahen, daß sie, nach diesen Ereignissen zu schließen, den Bock zum Gärtner setzen würden, wenn sie auf ihrem Entschlusse beharrten, so schickten sie ihn auf die See, wo seine Bravour, falls er welche besaß, vorteilhaftere Beschäftigungen finden konnte. Dieser erfolglose Versuch des jungen Orientalien war der ursprüngliche Grund zu meinem späteren Namen und Ruhme. Stets hatte ich die Schulen gehaßt, doch diese schien mir vor allen andern hassenswürdig. Johnny Pagoda's Emancipation überzeugte mich, daß auch meine Befreiung sich in ähnlicher Art bewerkstelligen ließe. Die Mine war gelegt, ein Funke ließ sie sprengen. Diesen Funken trugen die Thorheit und Eitelkeit eines fetten französischen Tanzmeisters herzu. Die Franzosen sind doch stets die Quelle alles Uebels. Die Frau des Schulmeisters, Mrs. Higginbottom, hatte mich Monsieur Aristide Maugrebleu als ein mauvais sujet bezeichnet, und er, eine Creatur dieser Dame, quälte mich deßhalb, um bei ihr einen Stein im Brette zu gewinnen. Dieser Mensch war ungefähr fünfundvierzig Jahre alt und hatte mehr Erfahrung als Behendigkeit, denn das Roastbeef und Ale von England hatte ihm etwas Massenhaftes gegeben. Neben den Rigadons seines Vaterlandes, die er uns lehrte, verleitete ihn seine Eitelkeit auch zu Uebungen, die sich mit seiner Schwerfälligkeit nicht vertrugen. Ich trat mit ihm in die Schranken, und schlug ihn in seinem eigenen Handwerk, wofür er seinen Fidelbogen an meinem Kopfe zerschlug. Darauf schickte er sich zu einem glorreicheren Versuch an; er wollte zeigen, daß er sich nicht besiegen lasse, fiel aber leider, da ihm die Achillessehne überschnappte, zu Boden und war von Stund' an als Tanzmeisters hors de combat . Man fuhr ihn in seinem Gig fort, um ihn curiren zu lassen, mit mir aber fuhr man in die Schulstube, um mich zu peitschen. Dieß kam mir so ungerecht vor, daß ich davonlief. Tom Crauford half mir die Mauer hinaufklettern, und als er glaubte, ich wäre weit genug gekommen, um vor Verfolgung sicher zu sein, zeigte er meine Flucht an, um jeden Verdacht der Mithülfe von sich abzuwenden. Als ich eine Meile gelaufen war, legte ich, um einen Seemannsausdruck zu gebrauchen, bei und begann in meinem Geist eine Rede auszuarbeiten, die ich zur Vertheidigung meines plötzlichen und unerwarteten Erscheinens vor meinem Vater zu halten gedachte, wurde aber auf einmal von dem verwünschten Unterlehrer und einem halben Dutzend der älteren Jungen, worunter Tom Crauford, in meinem Geschäfte gestört. Sie kamen, als ich auf einem Stegholze saß, hinter mir her, machten durch einen Schlag auf die Schulter meinen Meditationen ein schnelles Ende, packten mich beim Kragen und zogen mit mir im Eilmarsche davon. Tom Crauford war einer von denen, die mich hielten, und er übertraf sich selbst im Eifer seiner Vorwürfe über meine abscheuliche Undankbarkeit, dem besten aller Schulherren und der liebevollsten, zärtlichsten und mütterlichsten aller Schuldamen also zu entlaufen. Der Unterlehrer verschluckte dieß Alles, und ich gab ihm bald noch mehr zu schlucken. Unser Weg ging an einer Pferdeschwemme vorbei, deren Tiefen und Untiefen mir wohl bekannt waren. Ich blickte Tom aus dem Winkel meines Auges an und veranlaßte ihn, mich loszulassen; dann schoß ich, wie eine Makrele aus eines Fischers Hand, in's Wasser, ging bis zum halben Leibe hinein und machte sofort mit vieler Kälte, denn es war November, Front, um meine Escorte zu betrachten, die am Ufer stand und Maulaffen feil hielt. Gleich einem niederträchtigen Köter, wenn er nicht länger bellen kann, legte sich der Unterlehrer auf's Schmeicheln; er bat, er beschwor mich, »an Papa und Mama zu denken; wie unglücklich sie wären, wenn sie mich jetzt sehen könnten, und wie sehr ich durch die Ungeberdigkeit meine Strafe selbst schärfe.« Ueberredung und Drohungen wechselten beständig mit einander ab; kurz, er versprach Alles, nur nicht eine Amnestie, auf welche ich das größte Recht zu haben glaubte, weil man mich durch die grausamste Verfolgung zum Aufruhr getrieben hatte. Da seine Reden nichts fruchteten und keine Freiwilligen sich zeigten, um mich aus dem Wasser zu holen, so sah sich der arme Unterlehrer ganz gegen seine Neigung gezwungen, das Wagniß selbst zu unternehmen. Er zog Schuhe und Strümpfe aus, krampte seine Hosen auf und wagte es, erst den einen und hernach den andern Fuß in's Wasser zu setzen. Ein kalter Schauer ergriff ihn, und seine Zähne klapperten; endlich aber nahte er sich mir mit vorsichtigen Tritten. Da ich einmal im Wasser war, so kam es mir auf einen oder zwei Schritte weiter nicht an, zumalen ich wußte, daß ich jedenfalls tüchtige Prügel bekommen würde. Unter allen Umständen war dieß eine ausgemachte Sache, und so beschloß ich denn, in der Rache meine Freude zu suchen. Ich trat zurück, er folgte mir, und als er einen Schritt gegen mich that, fiel er plötzlich bis über die Ohren in ein Loch. Mir ging bereits das Wasser über den Kopf, aber ich konnte schwimmen trotz einer Ente; sobald er daher wieder heraufkam, kniete ich ihm auf die Schultern, legte die Hände auf seinen Kopf, und schickte ihn hurtig zum zweiten Mal hinunter. Ich hielt ihn so lange unten, bis er mehr Wasser geschluckt hatte, als jemals ein Pferd, das zur Tränke geführt wurde. Dann erlaubte ich ihm, so gut es gehen wollte, an's Land zu kriechen; und da es sehr kalt war, gab ich den Bitten Tom's und der andern Knaben nach, die da standen und sich vor Lachen über des armen Unterlehrers hülfloses Elend die Seiten hielten. Nachdem ich meine Freude gehabt hatte, kam ich heraus und übergab mich freiwillig meinen Feinden, die mir die gleiche Gnade gewährten, wie der Türke dem Russen. Triefend naß, frierend und mit Schlamm bedeckt, wurde ich zuerst den Schülern als Inbegriff alles Bösen in der Natur gezeigt; dann kam eine Vorlesung über die Unermeßlichkeit meines Verbrechens an die Reihe, und feierliche Prophezeihungen meines zukünftigen Schicksals beschlossen die Rede. Von dem schüttelnden Froste, den das kalte Bad herbeigeführt hatte, wurde ich durch eine so tüchtige Geißelung, als sie nur möglich war, befreit. Zwei Unterlehrer hielten mich, doch ihre Anstrengungen waren nicht im Stande, mir auch nur einen einzigen Seufzer zu erpressen. Meine Zähne bissen sich in dem festen Vorsatz der Rache zusammen; grimmige Wuth brannte in meinem Busen und setzte mein Gehirn in Flammen. So furchtbar streng aber auch diese Züchtigung war, so hatte sie doch eine gute Folge – sie stellte meine beinahe erstorbene Lebensthätigkeit wieder her, und auf's Ernstlichste rathe ich, allen den jungen Damen und Herren dieses Mittel angedeihen zu lassen, die sich aus verschmähter Liebe oder wegen anderer derartigen Lappalien in's Wasser stürzen. Hätte man den unglücklichen Unterlehrer nach dieser Vorschrift behandelt, er wäre dem kalten und rheumatischen Fieber entgangen, das ihn beinahe auf den Kirchhof brachte, von wo er aller Wahrscheinlichkeit nach zur Sektion im St. Bartholomäus-Hospital erstanden wäre. Um diese Zeit kam Johnny Pagoda, der zwei Jahre auf der See gewesen war, in das Schulhaus, um seinen Bruder und seine Kameraden zu besuchen. Ich pumpte an diesem Burschen, und er mußte mir Alles erzählen, was er wußte. Er versuchte mich weder zu täuschen, noch zu bekehren, denn er hatte genug vom Leben des Seekadetten gesehen, um nicht zu wissen, daß der Krankenverschlag kein Paradies ist; indeß gab er mir doch auf meine Fragen bestimmte und deutliche Antworten, aus denen ich entnahm, daß auf dem Schiffe kein Schulmeister sei, und daß man dem Seekadetten täglich eine Pinte Wein verabfolge. Das Kriegsschiff und der Galgen, sagt man, verschmähen nichts; und da ich nach den neuesten Ereignissen eine starke Ahnung hatte, ich werde, wenn ich mich nicht freiwillig für das Eine erklärte, aller Wahrscheinlichkeit nach für den Andern gepreßt werden, so wählte ich das kleinere von zwei Uebeln. Sobald ich mit mir selbst im Reinen und entschlossen war, in diesen glorreichen Stand zu treten, theilte ich auch ehestens meinen Eltern diese Absicht mit. Von dem Augenblicke an, als ich diesen Entschluß gefaßt hatte, machte ich mir nichts daraus, jede Unthat zu begehen, in der Hoffnung, aus der Schule geworfen zu werden. Ich schrieb Pasquille, stiftete eine Meuterei an, und schloß mit den andern Knaben einen Bund, jeden nur erdenklichen Unfug durch Wasser, Feuer und Zertrümmerung zu begehen. Tom Crauford war Kindsmagd eines zweijährigen Sprößlings des Schulmeisters; er ließ ihn, jedoch nicht absichtlich, fallen, aber der arme Balg wurde Zeitlebens ein Krüppel. Unter andern Umständen hätten wir diesen Unfall bedauert, hier hatten wir beinahe unsere Freude daran. Die grausame Behandlung von Seiten dieser Leute hatte mich dermaßen demoralisirt, daß Leidenschaften, welche bei einer geschickteren und gütigeren Leitung mir entweder unbekannt geblieben wären oder blos im Keime geschlummert hätten, zu unbeschränkter und boshafter Thätigkeit geweckt wurden; ich war als ein gutherziger Knabe in die Schule gekommen und verließ sie als ein Kannibale. Der Unfall mit dem Kinde ereignete sich zwei Tage vor den Ferien, und wir wurden deshalb sammt und sonders schon am folgenden Tage entlassen. Als ich nach Hause kam, erklärte ich meinen Eltern, wie dies schon früher brieflich geschehen war, jetzt auch mündlich, daß ich entschlossen sei, zur See zu gehen. Meine Mutter weinte, mein Vater zankte. Fühllos und mit kalter Gleichgültigkeit hörte ich sowohl auf die Bitten des einen, als auf Gründe und Beweisführung des andern Theiles. Man ließ mir die Wahl zwischen andern Schulen, wo ich als Hospes eintreten und dann die Universität beziehen könnte, wenn ich nur meine unglückselige Verblendung aufgebe – aber umsonst; der Würfel war geworfen und der Wurf hatte für die See entschieden. Welcher Narr war es doch, der die Schulzeit die glücklichste des Lebens nannte? Es mag wohl Ausnahmen geben, aber allgemein anwendbar ist dieser Ausspruch nicht, denn so stürmisch auch mein Leben war, den elendesten Theil desselben (mit sehr wenigen Ausnahmen) durchlief ich in der Schule, und nie wurde mein Gefühl durch irgend eine Scene des Lasters und Unfugs aus meinem späteren Leben so tief gekränkt, als durch jene schamlose Behandlung, wie durch das böse Beispiel, das mir dort gegeben wurde. Wenn mein Busen in teuflischen Leidenschaften entbrannte, wer war Schuld daran? Wie hatte der Schullehrer sein feierlich gegebenes Versprechen gehalten? Wurde ich nicht zuerst dem schmutzigsten Geize geopfert und später aus Rache fast lebendig geschunden? Ueber die unfläthige Art und Weise, wie unsere Speisen bereitet wurden, kann ich nur sagen, daß schon die Erinnerung daran mir Ekel erregt; bis auf diese Stunde sind mir Brod und Milch, Schmalzpudding und Hammelschultern Gegenstände eingefleischten Widerwillens. Das Betragen der Unterlehrer, die entweder tyrannische Blutigel oder die Mitschuldigen unserer Verbrechen waren – der durch Unredlichkeit und Fahrlässigkeit der Dienstboten herbeigeführte beständige Abgang an unsern Kleidungsstücken – die Entwendung unserer silbernen Löffel, Bett- und Handtücher, die man bei unserem Abgange unter dem Vorwande der Herkömmlichkeit zurückbehielt – die Anrechnungen für Fensterscheiben, die ich nie zerbrochen, für Bücher, die ich nie empfangen – der schamlose Unterschied zwischen den von dem Schulmeister anfänglich bestimmten Kosten und der später in Rechnung gebrachten Summe – Alles dies hätte meinem Vater denn doch die Augen öffnen sollen. Ich weiß es wohl, wie ausgezeichnet manche dieser Anstalten sind, und daß es wenige so schlechte gibt, als die, in welche ich geschickt wurde. Meine Lebensgeschichte wird indeß einen Beweis liefern, von welch' wesentlicher Wichtigkeit es ist, den Charakter des Schulherrn und dessen Frau auch in andern Beziehungen zu prüfen, als im Griechischen und Lateinischen, ehe man ein Kind ihrer Fürsorge anvertraut. Ich muß noch bemerken, daß ich während meines Aufenthalts in dieser Schule einige Fortschritte in der Mathematik und Algebra machte. Nachdem mein Vater mir einen Platz auf einer schönen Fregatte, die vor Plymouth lag, verschafft hatte, wurde von meinen Eltern die Zeit bis zu meiner Einschiffung dazu benützt, mir gute Lehren zu geben und verschiedenen Kaufleuten Aufträge in Beziehung auf meine Equipirung zu ertheilen: der große Koffer, der Säbel, der aufgekrempte Hut, die Halbstiefel wurden eins um's andere bestellt, und ich erwartete die Ankunft irgend eines dieser, sei es nun zum Gebrauch oder Zierrath bestimmten, Artikel, mit einer Ungeduld, die nur mit der einer Schiffsmannschaft verglichen werden kann, die nach dreijähriger Station in Indien auf der Höhe von Dennose angelangt ist und noch vor Sonnenuntergang bei Spithead zu ankern hofft. Meinen Vater beunruhigte mein Entschluß, zur See zu gehen, nur insofern, als derselbe durch den namenlosen Kummer meiner armen Mutter seine häusliche Behaglichkeit beeinträchtigte, da ihn die Wahl meines Standes in keiner andern Beziehung betrübte. Ich hatte einen älteren Bruder, der die Familiengüter dereinst übernehmen sollte. Er befand sich damals in Oxford, wo er eine standesgemäße Erziehung genoß und sein Geld wie ein Gentleman ausgeben lernte. Jüngere Brüder hat man in solchen Fällen gern weit weg, besonders einen von meinem aufbrausenden Temperamente, und ein Kriegsschiff hat dann nicht minder seine guten Seiten, wie ein gewisses anderes Stück Zimmerholz. Mit philosophischem Gleichmuthe bezahlte mein Vater alle Rechnungen und setzte mir einen für mein Alter ansehnlichen Jahresgehalt aus. Die Stunde der Abreise rückte immer näher heran; mein Koffer war mit dem Plymouther Wagen abgeschickt und die Miethkutsche, die mich nach dem Weißen-Pferd-Keller bringen sollte, fuhr vor. Das Aufschlagen des rasselnden Wagentrittes überwältigte vollends den geringen Rest von Festigkeit, den meine Frau Mama bis zum Abschiede aufbewahrt hatte, und mit einem Schmerze, der an Wahnsinn gränzte, schlang sie ihre Arme um meinen Hals. Ich betrachtete die Ausbrüche ihrer Rührung mit einem Gesichte, so regungslos wie das Kopfbild eines Schiffes; sie aber bedeckte mein stoisches Antlitz mit Küssen und wusch es mit ihren Thränen. Ich wunderte mich beinahe, was dies Alles bedeuten sollte, und wünschte nur, die Scene wäre vorüber. Mein Vater half mir aus dieser Verlegenheit, indem er mich beim Arme faßte und zur Stube hinausführte: meine Mutter sank auf das Sopha und hüllte ihr Gesicht in ihr Taschentuch; ich aber schritt so langsam, als es die Schicklichkeit nur erlaubte, auf die Kutsche zu. Mein Vater sah mich an, als wollte er meine innerste Seele prüfen, ob ich wirklich menschliche Gefühle im Busen habe. Obgleich noch jung, verstand ich diesen Blick, und mein Gefühl für Schicklichkeit ging so weit, daß ich in jedes Auge eine Thräne preßte, was, wie ich hoffte, dem beabsichtigten Zwecke entsprach. Der Seemann sagt: »Wenn du nicht wirklichen Anstand besitzest, so heuchle ein Wenig;« und ich glaube wahrhaftig, ich hätte mit weniger Kummer meine arme Mutter im Sarge erblickt, als den lustigen, reizenden Scenen entsagt, in deren Vorgenuß ich schwelgte. Wie oft ist mir dieser Mangel an Gefühl gegen eine zärtliche Mutter vor die Seele getreten, und wie streng ist er in den bewegten Wechselfällen meines Lebens gestraft worden. Zweites Kapitel. Unrecht kann man sühnen und verzeihen, Beschimpfungen aber lassen sich nicht wieder gut machen. Sie erniedrigen den Menschen in seinen eigenen Augen und zwingen ihn, sich durch Rache wieder Selbstachtung zu erwerben. Junius. Es gibt gewisse Ereignisse in unserem Leben, welche Moore dichterisch schön als »Oasen in der Wüste der Erinnerung« bezeichnet. Zu diesen gehören die Gefühle, welche aus der Erreichung eines lang erstrebten Lieblingsgegenstandes, der Liebe oder des Ehrgeizes, erwachsen: mag nun auch der Besitz späterer Erlebnisse uns beweisen, daß wir unser Glück überschätzt haben, und die Erfahrung uns zeigen, daß »Alles in der Welt eitel ist,« so weilt doch die Erinnerung mit Freudigkeit in dem klopfenden Herzen, wenn wir nur die Gegenwart genossen und uns in sanguinischer Jugendlust das Gemälde in glühenden und entzückenden Farben vorgemalt haben. Nur die Jugend kann dies empfinden: das Alter ist zu oft getäuscht worden – zu oft hat sich in seinem Munde die Frucht in Asche verwandelt. Das Alter blickt mißtrauisch und zweifelhaft in die Zukunft, kummervoll und betrübt in die Vergangenheit. Einer von den roth bezeichneten Tagen meines Lebens war der, an welchem ich zuerst die Uniform eines Midshipman anzog. Mein Stolz, mein Entzücken war unbeschreiblich. Ich hatte die Schule und die Schullivree hinter mir – hinter mir eine beinahe versumpfte Existenz. Wie ein Schmetterling, der eben der Puppe entkrochen, flatterte ich, meine neuen Kräfte zu prüfen, umher; ich fühlte, daß ich ein fröhliches, schönes Geschöpf war, das über den Reichen der Natur umherschweifen durfte, von den Fesseln der Eltern und Schulmeister befreit, und mein Herz hüpfte mir bei dem Gedanken, daß ich mich nach meinem eigenen Belieben meines Lebens freuen durfte – in meinen Augen der höchste Gipfel des Genusses, welchen die menschliche Existenz gewähren konnte; übrigens bemerke ich zum Voraus, daß mich hier, wie in den meisten andern Fällen, das gewöhnliche Loos traf, mich getäuscht zu sehen. Allerdings ist es wahr, daß ich mich meiner Jugendzeit erfreute: ich war eine Zeitlang glücklich, wenn man es Glückseligkeit nennen kann, doch ich habe es theuer bezahlt. Ich contrahirte eine Schuld, an welcher ich seitdem von Termin zu Termin stets abgezahlt habe, und bin noch nicht fertig damit. Selbst der bescheidene Theil von Glückseligkeit, der mir an diesem denkwürdigen Morgen zu Theil ward, war von kurzer Dauer und bald folgte der hinkende Bote nach. Doch ich kehre zu meiner Uniform zurück. Ich hatte mich mit derselben geschmückt, den Degen um den Leib gegürtet, den aufgestutzten Hut von ungeheuerem Umfange auf den Kopf gedrückt und war bei der letzten Musterung vor dem Spiegel durch mein Aeußeres ungemein befriedigt. Jetzt klingelte ich zuerst dem Stubenmädchen unter dem Vorwande, ihr die Aufräumung meines Zimmers zu befehlen, doch in der That nur deshalb, daß sie mich bewundere und mir Complimente mache, was sie auch sehr weislich that, und ich war dumm genug, ihr eine Krone zu geben und einen Kuß, denn ich fühlte mich ganz als Mann. Hierauf erschien der Kellner, dem das Stubenmädchen aller Wahrscheinlichkeit nach den Umstand mitgetheilt hatte, verbeugte sich tief; rückte mit denselben Complimenten heraus und empfing dieselbe Belohnung, den Kuß abgerechnet. Höchst wahrscheinlich hätte auch der Stiefelputzer seinen Theil geholt, wenn er bei der Hand gewesen wäre, denn ich war albern genug, alle ihre schönen Redensarten als eine Art schuldigen Tribut aufzunehmen und sie gleichwohl mit klingender Münze zu bezahlen. Ich war der Gründling, sie die Haifische, und bald würden mich ihrer noch mehrere umgeben haben, denn, als sie das Zimmer verließen, hörte ich sie rufen: »Stiefelputzer! Stallknecht!« offenbar blos um ihnen bei Erleichterung meiner Börse beizustehen. Ich war indeß zu ungeduldig, meinem Kapitän aufzuwarten und mein Schiff zu sehen, weßhalb ich die Treppe herunterstürzte und im Nu auf dem Wege nach Stonehouse war, wo meiner Eitelkeit in einer andern Art geschmeichelt wurde, indem nämlich ein junger Marinerekrut im Vorbeigehen seine Hand an seinen Kopf erhob. Ich nahm es auf, wie es gemeint war, lüpfte meinen Hut und bewegte mich mit großer Gravität weiter. Ich muß übrigens gestehen, eine Bemerkung kränkte mich, daß nämlich die Einwohner mich nicht halb so sehr bewunderten, als ich mich selbst, denn es kam mir nicht in den Sinn, daß es in Plymouth-Dock so viele Midshipmen gebe, als in Port Royal Negerknaben, wenn gleich erstere vielleicht ihrem Herrn nicht so viel werth sein mögen. Ich will den zarten Sinn meinen schönen Leserinnen nicht durch Widerholung all der Anspielungen beleidigen, womit meine neu gebackene Erscheinung begrüßt wurde, als ich an den Ladies von North Corner, denen ich in Fore-street begegnete, Revue passirte. Unverdorben, wie ich damals in manchem, wenigstens diesem Punkte war, hielt ich sie für Frauenzimmer von äußerst schlechter Erziehung. Zum Glück für mich werden die Gebete einer gewissen Raçe von Menschen nicht erhört, sonst würde ich sogleich einem Orte anheimgefallen sein, von welchem mich, fürchte ich, alle Messen von Frankreich und Italien nicht erlöst haben würden. Ohne, wie Ulysses, an den Mast gebunden zu sein, entrann ich diesen Syrenen; doch, gleich ihm, wäre ich beinahe einem modernen Polyphem zum Opfer gefallen; denn obgleich dieser nicht, wie sein Vorbild, ein Auge mitten auf der Stirn hatte, so vereinigten sich doch die Strahlen seiner beiden Augen auf der Spitze seiner Nase. Unwissenheit, gänzliche Unwissenheit war hier, wie auch in andern Fällen, mein Unglück. Einige Offiziere kamen nämlich in voller Uniform aus einem Kriegsgerichte. »Oho!« sagte ich, »hier kommen einige von uns.« Ich ergriff so, wie ich sah, daß sie ihre Seitengewehre trugen, meinen Degen mit der linken Hand und steckte meine Rechte in den Busen, wie einige von ihnen gethan hatten. Sodann bemühte ich mich, ihre aufrechte, offiziersmäßige Haltung anzunehmen, und rückte meinen Stutzhut so von vorne und hinten, daß die goldene Troddel mir zwischen den Augen baumelte, und ich also nothwendig schielen mußte. Meine Nase streckte ich, wie ein Schwein beim Donnerwetter, hoch in die Luft, Alles in dem süßen Glauben, ihnen ebenso ein Gegenstand der Bewunderung zu sein, wie mir selbst. Wir lavirten in verschiedenen Richtungen an einander vorüber, und unsere respektive Geschwindigkeit hatte uns bis auf eine Entfernung von zwanzig bis dreißig Ellen von einander getrennt, als einer von ihnen mir mit einer offenbar in den Diensten Seiner Majestät gebrochenen Stimme nachrief: »Hollah', junger Herr, kommen Sie zurück.« Ich schloß daraus, sie wollten mir über den Schnitt meines Rockes Complimente machen, mich um die Adresse meines Schneiders fragen und den verwogenen Sitz meines Hutes bewundern. Ich begann jetzt zu glauben, es werde sich ein Wettstreit unter diesen Herren des Oceans erheben, wer mich zum Musterkadetchen auf seinem Hinterdecke bekommen solle, und sann schon auf eine Entschuldigung gegen den Freund meines Vaters, daß ich nicht auf sein Schiff komme. Aber welche Ueberraschung und Kränkung, als der älteste Offizier in einem zornigen und drohenden Tone mich fragte: »Heda, Sir! zu welchem Schiffe gehören Sie?« »Sir,« sagte ich stolz, so befragt zu werden, »ich gehöre zu Seiner Majestät Schiff, dem Le – –« (da es einen französischen Namen führte, so setzte ich, um dadurch mehr Eindruck zu machen, beide Artikel, den französischen und englischen, vor denselben). »So, so,« sagte der Veteran mit der Miene bewußter Superiorität; »dann werden Sie so gut sein, umzukehren, nach Mutton Cove herunter zu gehen, ein Boot zu nehmen und Ihre Person mit der möglichsten Geschwindigkeit an Bord von Seiner Majestät Schiff dem Le – « (er ahmte mein Stottern nach) »bringen zu lassen; ferner dem ersten Lieutenant meinen Befehl zu überbringen, daß man Ihnen, so lange das Schiff im Hafen liegt, keinen weiteren Urlaub bewillige; und Ihrem Kapitän will ich's sagen, er solle seinen Offizieren bessere Manieren beibringen, damit sie nicht mehr am Hafenadmiral vorüber gehen, ohne an den Hut zu greifen.« Während dieser Rede stand ich in einem Kreise, dessen Mittelpunkt ich war und dessen Peripherie der Admiral und die Kapitäne bildeten. Das bischen Luft, das noch da war, nahmen sie mit ihrer Masse weg, so daß ich mich nicht blos in einem Schwitzbade befand, sondern auch noch obendrein wie niedergedonnert dastand. »Sie haben mich gehört, Sir – Sie können gehen.« »Ja ich habe Sie gehört,« dachte ich, »aber wie zum Teufel kann ich von euch wegkommen?« denn die verdammten Kapitäns standen, wie Schulknaben um eine Mäusefalle, so dicht um mich herum, daß ich mich nicht vom Flecke rühren konnte. Glücklicherweise rettete mich dießmal diese Blokade, mit der sie sich ohne Zweifel nur einen Spaß hatten machen wollen. Ich faßte mich wieder und sagte mit erkünstelter Einfalt, »ich habe diesen Morgen meine Uniform zum erstenmale angezogen, habe meinen Kapitän noch nie gesehen, und sei meiner Lebtage an keinem Bord eines Schiffes gewesen.« Bei dieser Auseinandersetzung verzog sich das Gesicht des Admirals zu Etwas, was ein Lächeln vorstellen sollte, die Kapitäns aber lachten alle hell auf. »Nun, junger Mann,« sagte der Admiral – der im Grunde ein gutmüthiger, aber sonderbarer Kauz war – »nun, junger Mann, wenn Sie noch nie auf der See gewesen sind, so entschuldigt dieß einigermaßen Ihre Unkenntniß guter Manier; dann brauchen Sie dem Lieutenant meine Botschaft nicht zu überbringen; doch gehen Sie an Bord Ihres Schiffes.« Nachdem die Kapitäns mich so hatten braten sehen, öffneten sie sich rechts und links und ließen mich passiren. Als ich sie verließ, horte ich Einen sagen: »Gerade erwischt, trägt vom Hundszahn die Spur in der Ferse, dafür stehe ich.« Ich hielt mich nicht auf, um eine Antwort zu geben, sondern schlich gekränkt und gedemüthigt weg, und gewiß führte ich diesen ersten Befehl, den ich im Dienste erhalten, mit größerer Pünktlichkeit aus, als je einen nachher. Auf meinem weiteren Wege stach ich für jeden, der mir begegnete, an den Hut. Ich beehrte mit meiner Begrüßung Midshipmen, Steuermannsmaten, Marinesergeanten und sogar zwei Korporale. Auch wurde ich meine übertriebene Höflichkeit nicht inne, bis ein junges, anständig gekleidetes Frauenzimmer, die mehr vom Seewesen wußte, als ich, mich fragte, ob ich gekommen sei, um als Kandidat für den Marktflecken aufzutreten. Ohne zu wissen, was sie meinte, sagte ich »Nein.« »Ich dachte nicht anders,« fuhr sie fort, »da ich sehe, wie Sie gegen Jedermann so verdammt höflich sind.« Ich glaube wahrhaftig, ohne den freundlichen Wink hätte ich beinahe vor einem Tambour salutirt. Nachdem ich diese Feuerprobe überstanden hatte, kam ich im Gasthofe zu Plymouth an, wo ich meinen Kapitän fand und meines Vaters Brief überreichte. Er musterte mich vom Wirbel bis zu den Zehen, und bat sich das Vergnügen aus, um sechs Uhr in meiner Gesellschaft zu speisen. »Da es jetzt eilf ist,« sagte er, »so können Sie inzwischen an Bord gehen und sich dem ersten Lieutenant, Mr. Handstone, vorstellen. Er wird dafür sorgen, daß Ihr Name in die Bücher eingetragen wird, und Ihnen erlauben, daß Sie zum Essen wieder herkommen.« Ich verneigte und entfernte mich, und auf dem Wege nach Mutton Cove wurde ich von Frauenzimmern mit dem Namen »Königlicher Reffer« (Seekadett) und »Zwiebacknager« begrüßt; doch verstand ich dieß weder, noch kümmerte ich mich darum. Ich kam glücklich in Mutton Cove an. Zwei Frauenzimmer, die mein forschendes Auge und meine nagelneue Uniform bemerkt hatten, fragten mich, auf welches Schiff sie »Meiner Gnaden« bringen sollten. Ich nannte ihnen das Schiff, an dessen Bord ich zu gelangen wünschte. »Das liegt unterm Obelisk,« sagte die ältere, die ungefähr vierzig Jahre alt zu sein schien; »für einen Schilling wollen wir Euer Gnaden hinfahren.« Ich war damit zufrieden, sowohl der Neuheit der Sache wegen, als auch aus angeborner Galanterie und Vorliebe für weibliche Gesellschaft. Die ältere Weibsperson verstand sich auf ihr Handwerk und schlug das Ruder mit großer Gewandtheit; doch Sally, die jüngere und ihre Tochter, war noch in der Lehre. Sie war hübsch, sauber gekleidet, hatte weiße Strümpfe an und zeigte einen niedlichen Fuß. »Sieh dich vor, Sally,« sagte die Mutter. »Acht auf's Ruder, oder du wirst einen Krebs fangen.« »Ohne Sorgen, Mutter,« erwiederte die zuversichtliche Sally. Und in demselben Augenblicke, just als wenn die Warnung dagegen die Ursache davon gewesen wäre, tauchte ihr Ruderblatt nicht in's Wasser. Da der Riem keinen Widerstand fand, fuhr der Handgriff gegen den Busen der unglücklichen Sally, drückte sie rücklings zu Boden, die Fersen flogen in die Luft, und der Kopf fiel in den Boden des Boots. Wie sie so das Ruder mit Gewalt nach sich zog, berührten ihre Füße beinahe die Troddel meines Stülphuts. »Da hast's, Sally,« sagte die schlaue Mutter, »ich sagt' dir's, wie's kommen würd' – ich wußt' du würd'st 'nen Krebs fangen.« Sally faßte sich schnell; sie erröthete ein wenig und legte wieder Hand an's Werk. »Das nennt man hier zu Land 'nen Krebs fangen,« sagte die Alte. Ich erwiederte, dieß scheine mir ein recht hübsches Vergnügen zu sein, und bat Sally, noch einen zu fangen; allein sie schlug es mir ab, und inzwischen hatten wir die Seite des Schiffs erreicht. Nachdem ich meine Najaden bezahlt hatte, ergriff ich, wie sie mir's zeigten, die Hauptmastleine und erstieg die Seite. Ich erreichte die Laufplanke und wurde von einem Midshipman in runder Jacke und Pumphosen, einem Hemde, das just nicht zu den reinsten gehörte, und einem schwarz seidenen Tuch, lose um den Hals gewunden, angeredet. »Wen suchen Sie, Sir?« »Ich wünsche den ersten Lieutenant, Mr. Handstone, zu sprechen,« erwiederte ich. Er sagte mir, derselbe sei hinuntergegangen, um die Briefe zu überschreiben; doch sobald er auf's Deck käme, wolle er ihm mein Hiersein melden. Nach diesem Zwiegespräche überließ man mich auf der Backbordseite des Hinterdecks meinen eigenen Betrachtungen. Das Schiff wurde gerade ausgebessert und befand sich, wie wir zu sagen pflegen, in den Händen des Dock-Yard, worin das Schiff einen liebenswürdigen Anblick gewährt. Die Karonaden des Hinterdecks waren vorn und hinten zusammengefahren, die Travehölzer von den Seiten losgeriegelt, die verschiedenen Decken mit frisch in die Planken eingelassenem Pech bedeckt, und die Kalfaterer saßen auf ihren Brettern, bereit, ihre geräuschvolle Arbeit von Neuem zu beginnen, sobald die Mittagsstunde vorüber sein würde. Indessen nahmen von der Steuerbordseite des Hinterdecks aus die Midshipmen meine Höhe und stellten Vermuthungen auf, ob ich wohl ihr Tischgenoß werden würde und was für eine Art von Kerlchen ich sein möchte – ein paar Punkte, über die sie bald Gewißheit erhalten sollten. Der erste Lieutenant kam auf's Deck, und der Midshipman von der Wache stellte mich ihm vor, worauf ich meinen Namen nannte und den Auftrag des Kapitäns ausrichtete. »'s ist Alles richtig, Sir,« sagte Mr. Handstone. »Hier, Mr. Flyblock, nehmen Sie diesen jungen Herrn an Ihren Tisch; Sie können ihn, sobald Sie wollen, hinunterführen und ihm zeigen, wo er seine Hängematte aufzuhängen hat.« Ich folgte meinem neuen Freunde die Leiter hinab unter das Halbdeck, wo ein Weib saß, das den Matrosen Brod, Butter und Bücklinge feilbot; auch hatte sie Kirschen, gestandene Milch und ein Faß starkes Bier, welches sehr in Anspruch genommen wurde. Wir gingen an dieser Frau vorbei und stiegen eine zweite Leiter hinunter, die uns in das Zwischendeck und das Volkslogis führte, woselbst ich an der Backbordseite des Sternes, dem Hauptmaste gegenüber, meine zukünftige Residenz fand – ein enges Loch, das sie eine Schlafstelle nannten; es war zehn Fuß lang, sechs Fuß breit und ungefähr fünf Fuß vier Linien hoch; eine kleine Oeffnung, ungefähr neun Linien im Quadrat, führte uns das, was wir am meisten brauchten, nämlich frische Luft und Tageslicht, nur sehr sparsam zu. Ein hölzerner Tisch nahm einen bedeutenden Raum dieses engen Gemaches ein. Auf demselben stand ein kupferner Leuchter mit einem gegossenen Lichte, dessen Docht einer voll aufgeblühten Nelke glich. Das Tischtuch war aufgedeckt, und Portwein und Fettflecken zeigten, wie das schmutzige Hemde des Midshipman, nur zu sichtlich, daß der Sonntag herannahe. Ein Negersklave war damit beschäftigt, den Mittagstisch zu serviren, und man zeigte mir den Platz, den ich einnehmen sollte. »Gütiger Himmel,« dachte ich, als ich mich zwischen die Schiffswand und den Speisetisch quetschte, »und dieß soll mein künftiger Aufenthalt sein? – Lieber zur Schule zurückkehren; da gibt es doch wenigstens frische Luft und weiße Wäsche.« Ich würde sogleich an meine theure, tief betrübte Mutter geschrieben und ihr gemeldet haben, wie gern ihr verlorner Sohn in ihre Arme zurückkehren möchte, wenn mich nicht erstens mein Stolz, und zweitens der Mangel an Schreibmaterialien davon abgehalten hätte. Ich beschwor deßhalb meine ganze Philosophie herauf, als ich an der Tafel meinen Platz einnahm, und erheiterte meinen Geist durch die Reflexion des Gil Blas, als er sich in der Räuberhöhle befand, »siehe da den würdigen Neffen meines Onkels, Gil Perez, gefangen gleich einer Ratte in der Falle.« Die meisten von meinen Gefährten waren im Dienste abwesend. Das Zwischendeck war mit Fässern, Kisten und Kasten, Säcken und Hängematten angefüllt; der Lärm der Kalfaterer hatte über meinem Kopfe und rund um mich herum wieder begonnen; der Gestank des Raumwassers, verbunden mit dem Rauch von Tabak und der Ausdünstung des Genevers und Bieres; das Braten von Beafsteaks, Zwiebeln und Bücklingen – das Drückende einer dunkeln Atmosphäre und ein schwerer Regenschauer, Alles dieß vereinigte sich, meinen Geist herabzustimmen, und mich zur elendesten Kreatur zu machen, die jemals lebte. Ich wollte beinahe verzweifeln, als ich mich der Einladung des Kapitäns erinnerte und Flyblock davon in Kenntniß setzte. »Gerade recht,« sagte dieser; »Murphy speist auch mit ihm: ihr könnt miteinander hingehen. Ich bin überzeugt, Ihre Gesellschaft wird ihm sehr angenehm sein.« Ein Kapitän wartet selten auf einen Midshipman, und wir trugen daher Sorge, daß er es nicht nöthig hatte. Das Essen war in jeder Beziehung ein Dienstessen. Der Kapitän sprach sehr viel, die Lieutenants sehr wenig, und die Midshipmen gar nichts; aber gerade umgekehrt ging es beim Zusprechen mit Messer und Gabel und Weinglas zu (so weit man dessen habhaft werden konnte). Die Gesellschaft bestand aus meinem Kapitän, zwei andern, unserm ersten Lieutenant, Murphy und meiner Wenigkeit. Sobald das Tischtuch abgenommen war, goß der Kapitän mir ein Glas Wein ein, sagte mir, ich solle trinken und dann sehen, wie der Wind stehe. Diesen ersten anmahnenden Wink nahm ich in seinem buchstäblichen Sinne, und da ich einen in der That sehr mangelhaften Begriff von den Linien des Kompasses hatte, so muß ich gestehen, daß ich mich ein wenig verlegen fühlte, wie ich mir die nothwendige Notiz verschaffen sollte. Glücklicherweise befand sich auf dem alten Kirchturme ein Wetterhahn; er hatte vier Buchstaben, die, wie ich wußte, die vier Hauptgegenden vorstellen sollten. Einer davon schien mir so genau mit dem Zeiger übereinzustimmen, daß ich mich davon überzeugt hielt, der Wind komme von Westen, und sogleich zurückkam, um meinem Kapitän die gewünschte Nachricht zu bringen, nicht wenig stolz auf den so schnell gewonnenen Erfolg. Aber wie groß war mein Erstaunen, als ich erfuhr, daß man meiner Bemühung keinen Dank wußte; die Gesellschaft lächelte, und winkte einander, der erste Lieutenant schüttelte den Kopf und sagte: »Doch noch gar zu grün;« der Kapitän aber brachte die Sache nach den in solchen Fällen auf der See gebräuchlichen Sitten und Gebräuchen wieder in's Geleise, indem er sagte: »Hier, junger Herr, ist ein anderes Glas für Sie: trinken Sie, und Murphy wird Ihnen bedeuten, was ich meine.« Murphy war also mein Begleiter; auf Einen Zug stürzte er seinen Wein hinunter, setzte das Glas mit Energie auf den Tisch, verbeugte sich und verließ das Zimmer. Als wir die Halle erreicht hatten, entspann sich folgendes Zwiegespräch: »Was zum Henker brachte Sie denn wieder zurück, Sie verdammter Grünschnabel, Sie? Konnten Sie den Wink nicht verstehen und sich aus dem Staube machen, wie es der Kapitän wollte? So muß ich durch ein so verwettertes, junges Kalb, wie Sie, um meinen Wein kommen. Aber warten Sie, ich will's Ihnen heimgeben, mein geschniegeltes Herrchen, ehe wir noch viele Wochen beisammen sind.« Ich hörte diese zierliche Anrede mit einiger Ungeduld, aber mit noch weit mehr Indignation an und sagte dann: »Ich kam zurück, um dem Kapitän zu melden, wie der Wind stehe.« »Der Teufel soll Sie haben,« erwiederte Murphy; »glauben Sie denn, der Kapitän wisse nicht, wie der Wind steht? Und wenn er es nicht wüßte, meinen Sie nicht, daß er einen Seemann, wie mich, geschickt haben würde, und nicht ein so lümmelhaftes Kalb wie Sie?« »Was der Kapitän meinte,« sagte ich, »weiß ich nicht. Ich that, was er verlangte – aber was meinen denn Sie damit, wenn Sie mich ein Kalb nennen? Ich bin so wenig ein Kalb, als Sie?« »So, also nicht?« erwiederte Murphy, indem er mich bei einem Ohre nahm, und es so unbarmherzig herumzerrte, daß es um ein Beträchtliches seine Gestalt veränderte und ungefähr die Form des Leebords einer holländischen Schuyte annahm. Dieß war nicht zu ertragen. Zwar zählte ich nur dreizehn, er aber siebenzehn – auch war er ein handfester Bursche, weßhalb ich also keine Händel mit ihm hätte suchen sollen. Er hatte jedoch selbst angefangen: meine Ehre stand auf dem Spiele, und ich wundere mich nur, daß ich meinen Degen nicht zog, und ihn todt zu meinem Füßen niederstreckte. Zu meinem Glücke vergaß ich in der Wuth, daß ich etwas der Art an der Seite hatte, dachte aber doch an meine Uniform und an die Schande, die ihr widerfuhr, an die Bewunderung des Stubenmädchens, an die Honneurs der Schildwache, und dieses Alles setzte mein Gehirn in Feuer und Flammen. Wie der Blitz fuhr ich auf und schnellte meine Faust, die Waffe, die ich am besten zu führen gewohnt war, mit einer Gewalt und Bestimmtheit, der selbst Crib seinen Beifall gezollt haben würde, in das linke Auge meines Gegners. Murphy taumelte bei diesem Schlage zurück und ich schmeichelte mir einen Augenblick, daß er genug daran hätte. Aber nein – ach, dieser Tag war ein Unglückstag: er hatte sich blos zurückgezogen, um einen Ansatz zu nehmen; dann kam er auf mich zu, wie die Leibgarden vor Waterloo, und sein Angriff war unwiderstehlich. Ich wurde niedergeworfen, mit Fäusten zerbläut, gestoßen, getreten, und würde aller Wahrscheinlichkeit nach einen Gegenstand für den Leichenbeschauer abgegeben haben, wären nicht der Kellner und das Stubenmädchen zu meiner Rettung herbeigeeilt. Die Zunge der Letzteren war besonders thätig zu meinen Gunsten; nur hatte sie unglücklicherweise keine andere Waffe bei der Hand, sonst würde es Murphy schlecht ergangen sein. »Pfui!« rief sie, »pfui, ein so großer Lümmel einen armen, kleinen, unschuldigen, wehrlosen jungen Burschen schlagen. Was würde wohl seine Mutter sagen, wenn sie ihn so behandelt sähe?« »Der Teufel hole seine Mutter und Sie dazu,« sagte Pat, »da sehen Sie mein Auge an.« »Ich pfeife auf Ihr Auge,« versetzte der Kellner; »'s ist Jammer und Schade, daß er Ihnen das andere nicht ebenso bedient hat: es wäre Ihnen gerade recht geschehen, da Sie ein Kind schlagen. Der Knabe ist guter Leute Kind und das ist mehr, als Sie von sich rühmen können; er ist so viel werth, als alle Bursche von Ihrem Gelichter, die zwischen hier und dem Eisenstuhle von Barbican Platz haben.« »Ich möchte ihn nur darin untertauchen sehen,« sagte das Mädchen. Inzwischen hatte ich meine verteidigende Haltung wieder angenommen. Ich hatte keine einzige Klage laut werden lassen und mir dadurch das Wohlwollen aller Umstehenden gewonnen, unter welchen nun auch mein Kapitän mit seinen Freunden erschien. Das Blut strömte mir aus dem Munde, und ich trug die deutlichsten Spuren der Züchtigung eines mir überlegenen Feindes an mir, der für sein Alter als ein guter Faustkämpfer bekannt war und den Hieb von mir nicht bekommen haben würde, wenn er mir die Frechheit eines Angriffs hätte zutrauen können. Murphy erzählte den Hergang nach seiner Weise: er sagte Alles, nur nicht die Wahrheit. Hierin hätte ich ihn auch wohl überwinden können, doch da bei dieser Gelegenheit die Wahrheit meinem Zwecke mehr entsprach, als die Lüge, so erzählte ich, nachdem er geendet, die Sache einfach, wie sie sich zugetragen hatte, und sah, obgleich auf dem Felde geschlagen, doch bald klar und deutlich, daß ich im Kabinete den Vortheil hatte. Murphy wurde in Ungnaden entlassen und befehligt, so lange an Bord zu bleiben, bis sein Auge wieder hell sei. »Ich hätte Ihnen Schiffsarrest gegeben.« sagte der Kapitän, »doch der Knabe hat es für mich gethan: Sie können sich mit diesem blauen Auge am Lande nicht blicken lassen.« Sobald er gegangen war, wurde ich ermahnt, in Zukunft vorsichtiger zu sein. »Sie sind,« sagte der Kapitän, »wie ein junger Bär. Die Welt liegt vor Ihnen mit allen ihren Sorgen. Wenn sie für jedes harte Wort, das man Ihnen sagt, einen Hieb austheilen, so kann man Ihnen Ihr Schicksal voraussagen: sind Sie schwach, so wird man Sie zur Mumie schlagen – sind Sie stark, so wird man Sie hassen. Ein händelsüchtiges Gemüth wird Ihnen in jedem Range, den Sie einnehmen, Feinde machen; man wird Sie mit mißtrauischem Auge überwachen, da wir alle wohl wissen, daß derselbe Geist von Trotz und Auflehnung, den Sie in dem Krankenverschlag zeigen, Ihnen auf das Hinterdeck folgen und mit Ihnen im Dienste zunehmen wird. Zu Ihrem eigenen Besten gebe ich Ihnen diesen Rath – nicht daß ich mich in dergleichen Dinge mischte, denn Alles findet sein Gegengewicht auf einem Kriegsschiffe; ich wünsche bloß, daß Sie einen Unterschied machen zwischen Widerstand gegen Unterdrückung, den ich bewundere und hochschätze, und zwischen händelsüchtiger Raufsucht, die ich verachte. Jetzt waschen Sie Ihr Gesicht und gehen Sie an Bord. Geben Sie sich alle Mühe, ihre übrigen Tischgenossen für sich zu gewinnen, denn auf den ersten Eindruck kömmt Alles an, und Sie können sich darauf verlassen, daß Murphy nicht zu Ihren Gunsten repontiren wird. Dieser Rath war sehr gut, nur kam er leider um eine halbe Stunde zu spät. Den ganzen Streit hatte ich dem ungeeigneten Benehmen des Kapitäns, so wie den Seemannssitten und Gebräuchen des neunzehnten Jahrhunderts zu verdanken. Die Tischgespräche unter den Personen höheren Dienstranges waren dazumal, wenn nicht gerade Damen zugegen waren, größtentheils der Art, daß ein Knabe sie ohne Verletzung seiner besseren Gefühle nicht anhören konnte. Ich wurde deshalb weggewiesen; aber, allen Respekt vor meinem Kapitän, der noch lebt – man hätte mich an Bord meines Schiffes schicken und vor den schlechten Gewohnheiten der Einwohner von North-Corner und Barbican warnen sollen. War ich nicht befähigt, der mysteriösen Unterhaltung einer Kapitänstafel beizuwohnen, so hätte man mich in klaren und deutlichen Ausdrücken wegschicken können, ohne mich durch jenen Wink, den ich nicht verstand und nicht verstehen konnte, unnöthigerweise in Verlegenheit zu bringen. Um acht Uhr kam ich wieder an Bord, wo mir Murphy einen nichts weniger, als angenehmen Empfang bereitet hatte. Anstatt in meinem Speisezimmer bewillkommt zu werden, empfing man mich mit Kälte. Ich ging auf's Hinterdeck zurück, wo ich so lange umherschritt, bis ich müde war und mich dann an eine Kanone lehnte. Aus dieser vorübergehenden Erholung wurde ich durch ein donnerndes Geschrei: »Weg von der Kanone!« aufgeschreckt. Ich fuhr zusammen, faßte an den Hut und setzte meinen einsamen Spaziergang fort, indem ich dann und wann auf den zweiten Lieutenant blickte, der mich so rauh angelassen hatte. Es überkam mich eine Niedergeschlagenheit, ein Gefühl der Verlassenheit und des Elends, das ich nicht beschreiben kann. Ich hatte nichts Böses gethan und doch litt ich, als wenn ich ein Verbrechen begangen hätte. Ich wurde gekränkt und hatte mich gerächt, so gut ich konnte. Ich glaubte mitten unter Teufeln, nicht unter Menschen zu sein, und meine Gedanken wandten sich heimwärts. Ich dachte an meine arme Mutter, wie sie in ihrem unbeschreiblichen Kummer auf dem Sopha lag; mein gefühlloses Herz empfand jetzt, daß es liebevoller Tröstung bedurfte. Ich hätte weinen mögen, doch wohin gehen? denn ich konnte mich doch nicht an Bord eines Schiffes in Thränen erblicken lassen. Mein Stolz fing an sich zu demüthigen: ich fühlte das Elend der Abhängigkeit, obgleich es mir nicht an pecuniären Mitteln mangelte, und gerne hätte ich alle meine Aussichten dafür hingegeben, noch einmal mit Seelenruhe zu Hause sitzen zu können. Bald kam der erste Lieutenant an Bord und ich hörte ihn mein Abenteuer dem zweiten Lieutenant erzählen. Jetzt wandte sich die Fluth augenscheinlich zu meinen Gunsten. Ich wurde in die Offizierskajüte hinab eingeladen, und nachdem ich alle Fragen zur Befriedigung beantwortet, schickte man nach Flyblock, dessen Schutz ich nochmals empfohlen wurde. Ich schmeichelte mir, die Gunst des ersten Lieutenants würde mir wenigstens für kurze Zeit ordinäre Höflichkeit zusichern. Ich hatte nun mehr Muße, meinen neuen Aufenthaltsort, wie auch meine neuen Genossen zu betrachten. Letztere, aus dem Arsenal, wo sie Dienst gehabt hatten, zurückgekehrt, waren alle im Speisezimmer versammelt, rings um den Tisch auf Kasten sitzend, welche dem doppelten Zwecke von Sesseln und Behältnissen entsprachen. Um jedoch zum Sitzen zu kommen, mußte man entweder über die Rücken der Andern steigen oder sich dem Quetschen des später Kommenden aussetzen. Solch eine nahe Berührung ist selbst bei guten Freunden eben nicht wünschenswerth, aber bei warmem Wetter, eingeschlossener dumpfer Luft und offenbarem Mangel an reiner Wäsche, wurde sie im höchsten Grade unangenehm. Die Masse der hier Speisenden überstieg für die Enge des Raumes wohl alle sonst gewöhnlichen Grenzen, und ich glaube nicht, daß Menschen in andern nur denkbaren Lebensverhältnissen, ausgenommen auf einem Sklavenschiffe, je so eng auf einander gepreßt wurden. Die Midshipmen, acht ältere und vier jüngere, saßen ohne Jacken und Westen da; einige von ihnen hatten ihre Hemdärmel aufgestreift, um dadurch entweder die Beschmutzung derselben am Aermelpreischen zu verhindern oder den bereits daselbst befindlichen Schmutz zu verdecken. Das Mahl bestand aus einer Kanne oder einem weiten Schleifkruge Dünnbier und einem lackirten Brodkorbe voll Schiffszwieback. Um diese einfache Kost zu verherrlichen und zugleich die drückende Atmosphäre zu kühlen, war der Tisch durch einen großen, grünen Teppich mit gelbem Rande und noch manchen anderen gelben Flecken bedeckt, wo sich die Farbe durch umgegossenen Essig, heißen Thee u. dgl. verändert hatte; in einer Ecke stand ein Sack mit Kartoffeln und die dicht über unsern Köpfen befindlichen Gesimse waren vollgestopft mit Tellern, Gläsern, Quadranten, Messern und Gabeln, Zuckerhüten, schmutzigen Strümpfen und Hemden, noch schmutzigeren Tischtüchern, aufgestülpten Hüten, Degen, Querpfeifen, Mahagonischreibpulten, einem Teller gesalzener Butter und zwei bis drei Paar Halbstiefeln. Ein einziges Licht diente dazu, die Finsterniß zu beleuchten, und der Gestank überwältigte mich beinahe. Der Empfang, den man mir angedeihen ließ, war nicht geeignet, diese schrecklichen Eindrücke zu mildern. Ein Neger, bloß mit einem schmutzigen Hemde und Hosen bekleidet und durchaus nicht nach Ambra duftend, stand mitten in der Thür, bereit, den verschiedenen Befehlen zu gehorchen, die man ihm aufbürdete. Das stinkende Handtuch in seiner Hand, womit er die Teller und Gläser abwischte, vollendete meine Unbehaglichkeit, und ohnmächtig fiel ich auf den mir zunächst stehenden Stuhl. Nachdem ich mich wieder, ohne die Hülfe eines rettenden Engels, erholt hatte, zog ich meine Pupillen zusammen und wagte es, um mich zu blicken. Der erste, auf den mein Blick fiel, war mein neuer Feind; er trug die Spuren des Kampfes an sich, denn über sein Auge war ein Stück Löschpapier gelegt, welches von einem darüber gebundenen schmutzigen seidenen Schnupftuche gehalten wurde; das andere richtete er lebhaft auf mich, und mit wilder und brutaler Unverschämtheit schwur er mir die grausamste Rache. Hierin unterstützte ihn ein anderer bösaussehender Bursche mit einem großen Knebelbarte. Es wird nicht nöthig sein, alle die eleganten philippischen Reden zu wiederholen, mit denen ich beehrt wurde. Genug, ich fand die Großen sämmtlich gegen mich und die Kleinen neutral. Der Proviantmeister, welcher sich dachte, ich hätte hinreichende Ermahnungen für meine künftige Aufführung bekommen und sei gehörig eingeschüchtert, um Frieden zu halten, schickte alle jüngeren aus dem Speisezimmer. »Und Sie, Mr. Raufbold,« sagte er zu mir, »Sie mögen auch mit der Brut gehen und sich selten machen, wie Hochländer Hosen.« Die Knaben gehorchten stillschweigend dem Befehle, und es war mir nicht unangenehm, ihnen zu folgen. Als ich hinausging, rief er mir noch nach: »So, Mr. Rumbusticus, Sie können gehorchen, wie ich sehe, und das ist Ihr Glück, denn ich hatte schon einen Zwiebacklaib für Ihren Kopf in Bereitschaft.« Nach Allem, was ich schon erduldet hatte, war ich wohl gezwungen, diese Beschimpfung einzustecken; aber das konnte ich nicht begreifen, was der Admiral damit meinte, wenn er sagte, die Leute gehen zur See, »um Manieren zu lernen«. Mit den jüngeren meiner Tischgenossin wurde ich bald bekannt. Wir zogen uns auf das Vorderschiff zurück, den einzig geeigneten Theil des Fahrzeuges für die Natur der Unterredung, die wir pflegen wollten. Nach einstündiger Berathung wurde ich, obgleich es die erste Nacht war, die ich am Bord eines Schiffes zubrachte, einstimmig zum Anführer der kleinen Bande erwählt. Ich wurde der Wilhelm Tell der Gesellschaft, weil ich der erste gewesen war, welcher sich der Tyrannei der Aelteren und besonders des Tyrannen Murphy widersetzt hatte. Ich wurde in alle Geheimnisse der Tischgenossenschaft eingeweiht, welcher der Kapitän die Jüngeren zugetheilt hatte, um belehrt und in Ordnung gehalten zu werden. Aber ach! was konnten wir hier lernen, als fluchen, und in welcher anderen Ordnung wurden wir gehalten, als daß wir unsere Kost bezahlten und uns derjenigen Artikel enthielten, die man mit unserm Geld gekauft hatte! Mein Blut kochte, als meine Kameraden mir erzählten, was sie alles ausgestanden, und ich schwur, eher zu sterben, als mich einer solchen Behandlung zu unterwerfen. Die Stunde des Schlafengehens war gekommen. Man zeigte mir, wie ich in die Hängematte gelangen könne, und lachte, als ich auf der andern Seite herauspurzelte. Wohl oder übel mußte ich mir diesen Stolz selbstbewußter Ueberlegenheit von solchen Krabben gefallen lassen, die sich bloß mit ein paar Monaten längerer praktischer Erfahrung brüsten konnten, und mich deshalb Grünschnabel nannten. Doch alles dies thaten sie auf eine gutmüthige Art, und nachdem meine Kameraden mich ein paar Mal herzlich ausgelacht hatten, gewann ich den Mittelpunkt meines hängenden Bettes, in welchem ich sehr bald in einen gesunden Schlaf verfiel. Ich konnte mich jedoch dessen bloß bis vier Uhr Morgens erfreuen, um welche Zeit das Kopfende meiner Hängematte heruntersank und ich auf's Deck fiel, mit den Füßen noch in der Luft, wie die arme Sally, als sie einen Krebs fing. Dumpf und betäubt vom Falle, verwirrt durch den heftigen Stoß und die unbekannten Gegenstände um mich herum, blieb ich in einer Art von Traumleben liegen, und es vergingen einige Minuten, bis ich mich wieder zurecht fand. Die Schildwache an der Thüre der Constabelkammer, welche meinen Unfall mit angesehen und auch die Person bemerkt hatte, der ihr diesen Genuß verdankte, kam mir freundlich zu Hülfe. Der Mann knüpfte die Hängeschlinge wieder an und hing mein Bett an seine vorige Stelle, konnte mich aber nicht überreden, daß ich mich auf's Neue solch tückischen Bettpfosten anvertraute; denn ich glaubte, die Stricke wären gerissen, und hatte dergestalt Angst vor einem zweiten Falle, daß ich eine Decke nahm, mich in einiger Entfernung auf eine Kiste niederlegte und mein schlafloses Auge unverwandt auf den Schauplatz des so eben überstandenen Ungemachs heftete. Dies war mein Glück, denn nach einigen Minuten kam Murphy, der von der Mittelwache abgelöst worden war, herunter. Als er sah, daß meine Matte wieder eingehängt war, zog er in der Meinung, ich liege darin, sein Messer heraus und schnitt sie durch. »So,« sagte ich zu mir selbst, »du warst es also, der meinen Schlaf störte und mir beinahe das Gehirn zerschmetterte – und jetzt hast du den zweiten Versuch gemacht.« Dem Himmel schwur ich es zu, daß ich Rache haben wollte, und ich hielt diesen Schwur. Wie ein nordamerikanischer Wilder kauerte ich mich, damit er mich nicht gewahre, zusammen und wartete geduldig ab, bis er sich in seine Hängematte gelegt hatte und in einen tiefen Schlaf gefallen war. Dann rückte ich leise einen Kugelkasten unter das Kopfende seiner Matte und stellte die Ecke desselben so, daß sein Kopf darauf fallen mußte, denn ich war so erbittert und voll Rache, daß ich es mit Ruhe hätte ansehen können, wenn er den Schädel daran zersplittert hätte. Vorsichtig und leise schnitt ich dann die Hängeschlinge durch: er fiel und sein Kopf stürzte gegen die Ecke des Kugelkastens, worauf er tief aufächzte und liegen blieb. Ich zog mich augenblicklich nach meinem Kasten unter die Decke zurück und that, als wenn ich schnarchte, während die Schildwache, die zu meinem Glücke gesehen, daß Murphy mich zuerst herunter geschnitten hatte, mit einer Laterne kam und, da sie ihn für todt da liegen sah, den Kugelkasten auf die Seite rückte; sie eilte sodann zum Sergeanten und bat denselben, den Wundarztgehülfen herbeizuholen. Als der Sergeant gekommen war, wisperte mir die Schildwache leise zu: »Nur ruhig geblieben; ich sah Alles. Wenn man Sie hier außen fände, so könnte es Ihnen schlecht ergehen.« Wie es schien, hatte Murphy wenig Freunde auf dem Schiffe, denn Alle freuten sich über den Unfall. Ich hielt mich ruhig in meiner Decke, während der Chirurgengehülfe die Wunde verband und nach Verfluß einer geraumen Zeit den Patienten wieder zur Besinnung brachte, obschon derselbe noch vierzehn Tage lang das Bett hüten mußte. Entweder warf man keinen Argwohn auf mich oder wußte man, daß ich nicht angefangen hatte. Das Geheimniß wurde wohl bewahrt, dem Soldaten gab ich eine Guinee und nahm ihn als valet de place in meinen Dienst. Und nun, lieber Leser, erlaube mir zu meiner Rechtfertigung einige wenige Bemerkungen: sie mögen bis auf einen gewissen Grad das ausgelassene Treiben beschönigen, wovon die folgenden Seiten melden werden. Die unseren gefallenen Naturen eingepflanzten Leidenschaften – Stolz und Rache, die durch meine Erziehung, wenn auch nicht ausgerottet, doch wenigstens so lange, als möglich im Schlummer hätten erhalten werden sollen – waren durch den Unverstand derer, denen man mich anvertraut hatte, schon in sehr frühem Alter zur vollständigen Thätigkeit geweckt worden. Das von meinen Eltern ausgestreute Samenkorn, welches vielleicht gekeimt und Früchte getragen hätte, war weder begossen noch sonst im Mindesten gepflegt worden. Unkraut hatte sich an dessen Stelle gedrängt und den Boden eingenommen, welcher jenes hätte nähren sollen, und in welch' eine Lage wurde ich gerade in der Periode geworfen, in welcher die sorgfältigste Pflege nothwendig gewesen wäre, um eine erfreuliche Ernte zu gewinnen? In ein Schiff mit dreihundert Mann, von denen nahezu Jeder mit einem unglücklichen Weibsbilde auf der niedrigsten Stufe der Entwürdigung zusammen lebte – wo jeder Ausspruch von Flüchen und Lästerungen begleitet, wo die Religion gänzlich vernachlässigt wurde und die einzige Ehre, die man dem Allmächtigen erwies, in einem weißen Hemde am Sonntage bestand – wo unbedingter Gehorsam gegen einen Offizier für wichtiger galt, als die Beobachtung der zehn Gebote, ja wo Gottes Gebote sogar in gewisser Art durch die Kriegsartikel abgeschafft waren, da man den ersteren ungestraft zuwider handeln durfte und sogar noch dafür gepriesen wurde, während auf jeden Verstoß gegen die letzteren die strengste Strafe gesetzt war! So viel vom Schiffe im Allgemeinen; jetzt wollen wir einen Blick in das Speisezimmer der Midshipmen werfen. Hier finden wir dieselbe Sprache und dieselben Sitten, die kaum einen Schatten mehr von feinerer Bildung an sich tragen. Ihr einziges Thun und Treiben am Lande war Berauschung oder noch schlimmere Ausschweifungen, auf die sie sich bei ihrer Rückkehr an Bord sehr viel zu Gute thaten. Mein Kapitän sagte, daß auf einem Kriegsschiffe Alles sein Gegengewicht finde. Wohl wahr; aber auf einem Kadettenzimmer war dieses Gegengewicht dasselbe, wie bei den Wilden, wo Körperkraft die Bedingung sine qua non ist und entscheidet, ob man die Rolle eines Tyrannen oder Sklaven spielen wird. Die Zucht der öffentlichen Schulen, so schlecht und verderblich sie auch sein mag, ist, mit der Tyrannei in einem Kadettenspeisezimmer von 1803 verglichen, noch golden. Er herrschte lange die irrige Meinung, daß es den Knaben Nutzen bringe, wenn sie in den Schulen tyrannisch unterdrückt wurden, und wir müssen beständig öffentliche Schulen und Seekadettenstuben namentlich dafür loben hören, daß »die Bürschchen hier zur Besinnung gebracht werden«. Ich will nicht läugnen, daß die Vornehmen durch Reibung mit den Geringeren sich bessern und daß ein aristokratisches Kerlchen durch eine tüchtige Prügeltracht von einem Handwerkersohne oft zur Vernunft kommt. Aber wer als Sklave erzogen wird, wird zum Tyrannen, sobald er zur Macht gelangt; die niedrigsten unserer Leidenschaften sind diejenigen, Andern das Uebel fühlen zu lassen, das wir selbst erduldet zu haben uns brüsten. Der Muth und der unerschrockene Geist eines edelherzigen Jungen wird entweder durch Mißhandlung, welchen zu widerstehen er nicht die Macht hat, gebrochen, oder wenn sein Stolz derselben trotzt, in den finstern Geist tückischer Widersetzlichkeit und unversöhnlicher Rache verwandelt, der ihm sein ganzes künftiges Leben vergiftet. Letzteres war mein Loos, und meine Leser mögen nicht erstaunen noch unwillig werden, wenn sich im Verlauf dieser Abenteuer einige Früchte von diesem unglückseligen, so früh und so reichlich in meinem Busen gestreuten Samen zu Tage fördern. Wenn mich bei meiner ersten Ankunft auf dem Schiffe Schauder und Entsetzen vor den erwähnten Lästerungen und Unfläthereien ergriff – wenn ich meine Augen dem ungebührlichen Zusammenleben beider Geschlechter verschloß, so dauerte dieß nicht lange. Unmerklich wurde ich mit dem Laster vertraut, verstockt gegen seine Berührung und in wenigen Monaten war ich beinahe eben so verdorben, wie die Andern. Allerdings hätte ich länger widerstehen können; doch wenn auch die Festung der Tugend offenen Stürmen zu begegnen im Stande gewesen wäre, so vermochte sie doch den Minen des Spottes nicht zu widerstehen. Meine jungen Kameraden, die, wie ich schon bemerkte, bloß sechs Monate Dienstzeit vor mir voraus hatten, waren in der Verworfenheit bereits alt geworden. Sie lachten über meine Zimperlichkeit, nannten mich eine Milchsuppe und Schulmamsell, und machten mich bald so schlecht, als sie selbst waren. Wir hatten allerdings noch nicht das ausübende Alter erreicht, doch waren wir vollkommen darauf vorbereitet. Ich befand mich noch nicht zwei Tage an Bord, als die Jüngeren mir den Vorschlag machten, den Hauptmast zu ersteigen. Ich war stets ein guter Kletterer gewesen und klomm daher mit voller Zuversicht an den Tauen hinauf; doch war ich noch nicht weit, als der Topkapitän mit noch einem Andern mich ergriff und mit vieler Gelassenheit an das Tauwerk festband. Alle meine Vorstellungen wurden verlacht. Auf meine Frage, was dies bedeuten solle, sagte der Topkapitän sehr höflich, indem er den Hut dabei abnahm, so ergehe es allen jungen Herren, wenn sie zum erstenmale hinaufkämen, und ich müsse mich auslösen. Ich sah mich auf dem Hinterdeck nach Hülfe um, doch alles lachte mich aus und selbst den kleinen Spitzbuben von Midshipmen, die mich verführt hatten, gefiel der Spaß. Da ich sah, wie die Sachen standen, fragte ich nur nach, was ich zu zahlen hätte. Der Topkapitän sagte, ein Siebenschillingstück würde recht sein. Ich versprach ihnen dies und auf meine Versicherungen hin wurde ich losgebunden. Als ich auf das Hinterdeck kam, bezahlte ich das Geld. Bis jetzt hatte ich am Bord nichts als Grausamkeiten und Erpressungen erfahren, und bereute schmerzlich den unglücklichen Gedanken, zur See zu gehen, wobei mich nichts zu trösten vermochte, als daß ich Murphy mit verbundenem Kopfe in der Hängematte liegen sah. Dies war Balsam für mich. »Ich harre meiner Zeit,« sagte ich, »und werde mich noch an euch Allen rächen.« Und so kam es auch. Keiner entschlüpfte mir; ich bekam sie Alle nach der Reihe und kühlte an ihnen meinen Muth. Ich war drei Wochen an Bord, nach welcher Zeit das Schiff als segelfertig gemeldet wurde. Durch die anhaltende Aufmerksamkeit in der Leistung der kleinen Dienste, die mir der erste Lieutenant übertrug, hatte ich mir dessen Gunst erworben. Ich war einer Wache zugetheilt, im Vortop postirt und lag auf dem Hauptdeck bei dem Vordermastgeschütze. Die Kleinen hatten mir gesagt, der erste Lieutenant sei ein barscher Offizier und unversöhnlich, wenn er einmal einen Groll auf Jemanden fasse; doch war sein Wesen, selbst bei der größten Aufregung, stets das eines vollendeten Gentleman, und ich stellte mich vortrefflich gut mit ihm. Aber mit dem zweiten Lieutenant war ich nicht so glücklich. Er hatte mir befohlen, eine Yolle zu nehmen und ein Weibsbild an's Land zu bringen, die er unterhielt; ich machte Gegenvorstellungen, weigerte mich förmlich, und von diesem Augenblicke an waren wir nie mehr gut Freund. Inzwischen hatte sich Murphy von seinem Falle erholt und trat wieder in den Dienst ein. Sein Zorn gegen mich hatte sich gesteigert und ich fand weder Ruhe noch Frieden in seiner Gegenwart. Eines Tages warf er mir einen Zwieback an den Kopf und gab mir dabei einen Namen, der die Gesetzlichkeit meiner Geburt in den gemeinsten und niedrigsten Ausdrücken zweifelhaft machte. In diesem Augenblicke waren alle Ermahnungen, die ich empfangen, und Alles, was ich der Heftigkeit meines Temperaments wegen schon erduldet hatte, vergessen; das Blut kochte mir in den Adern und träufelte von meiner verwundeten Stirne. Schwindelnd und beinahe blind vor Wuth, ergriff ich einen messingenen Leuchter, dessen Boden (um ihn auf der See stehend zu erhalten) mit Blei ausgegossen war, und warf ihn mit aller Macht gegen Murphy. Hätte er, wie ich es beabsichtigt, getroffen, so wäre dieß seine letzte Beleidigung gewesen. Er verfehlte jedoch das Haupt meines Gegners und traf den dienenden Neger an die Schulter; der arme Kerl lief heulend zum Wundarzt und blieb lange Zeit in Behandlung. Murphy sprang auf, um augenblicklich Rache zu nehmen, doch die Aelteren hielten ihn zurück, indem sie einstimmig erklärten, daß solch' eine Beleidigung mit mehr Feierlichkeit bestraft werden müsse. Ein Scheingericht, das auf die mir zugefügte Beleidigung keine Rücksicht nahm, fand mich der Insubordination »gegen die Aelteren« und des bösen Beispiels, das ich den Jüngeren gäbe, schuldig. Ich wurde verurtheilt, mit einem Strumpfe voll nassen Sandes bearbeitet zu werden. Vier kräftige Midshipmen drückten mir das Gesicht auf den Tisch, der Wundarztgehülfe mußte mir dabei fortwährend den Puls fühlen, ob er Erschöpfung andeute, und Murphy wurde nach seinem ausdrücklichen Verlangen der Exekutor. Wäre es ein Anderer gewesen, so hätte ich durch Geschrei meiner Todespein Luft gemacht, doch, einem grimmigen Eber gleich, beschloß ich, eher den Tod zu erdulden, als ihm mit irgend einer Aeußerung von Schmerz Freude zu machen. Nach einer höchst derben Strafe wurde der Wundarzt endlich durch einen kalten Schweiß und eine Ohnmacht etwas unruhig. Man ließ mich los, gab mir aber den Befehl, vierzehn Tage lang allein auf meinem Kasten zu essen. Sobald ich wieder stehen und Athem schöpfen konnte, erklärte ich auf das Feierlichste, daß die Wiederholung eines ähnlichen Angriffes mich zu der That, um deren willen ich gelitten habe, treiben und ich den Kapitän um Gerechtigkeit anflehen würde. Dann wandte ich mich an Murphy und sagte zu ihm: »Ich war es, der Ihre Hängematte herunter geschnitten hat, so daß Ihr Gehirn beinahe zerschmettert wurde. Ich that es, um Ihren feigen Angriff auf mich zu erwiedern, und ich werde es wieder thun, sollte ich auch als Märtyrer dafür büßen: für jeden Akt der Tyrannei, den Sie an mir verüben, will ich Rache nehmen. Probiren Sie wieder einmal eine ungerechte Kränkung, und Sie werden sehen, ob ich mein Wort halte.« Er grinste und wechselte die Farbe; doch unternahm er nichts mehr gegen mich, denn er war ein Feigling. Man befahl mir, das Zimmer zu verlassen, und als ich ging, hörte ich Einen sagen: »Gott straf' mich, ein eingefleischter Teufel.« Dieser Akt der Gewaltthätigkeit führte eine Art Einstellung der Feindseligkeiten herbei. Murphy wußte, daß er eine Karaffe an den Kopf oder ein Messer in die Seite zu erwarten hatte, wenn er mich reizte, und die Ruhe, die ich seinem Mitleiden nicht abgewonnen, zwang ich seiner Furcht ab. Die Sache machte auf dem Schiffe Aufsehen. Bei den Offizieren büßte ich ein, weil sie falsch berichtet wurden; bei den Untergebenen dagegen gewann ich, da sie Murphy haßten. Sie wußten, wie es hergegangen war, und bewunderten meinen entschlossenen Widerstand. Die Ungnade der Offiziere veranlaßte mich, die Gesellschaft der Matrosen zu suchen. Schnell lernte ich den praktischen Theil meines Dienstes, und zog aus dem ungehobelten Urtheil dieser rauhen Kriegsleute über die mangelhafte Seefahrerkunde ihrer Vorgesetzten manchen Vortheil. Wir hatten eine Art Bündniß mit einander geschlossen: sie versprachen mir, daß, wenn sie je desertirten, dieß nicht von dem Boote aus geschehen sollte, auf welchem ich den Dienst hätte, und ich versprach, sie in Wirthshäuser gehen und trinken zu lassen, so lange ich sie entbehren könnte. Trotz dieses gegenseitigen Einverständnisses brachen zwei von ihnen Tags zuvor, eh' wir in die See stachen, ihr Versprechen und desertirten von meinem Boote, und da ich durch meine Nachsicht, sie in's Wirthshaus zu lassen, Ungehorsam bewiesen hatte, so wurde ich bei meiner Rückkehr auf das Schiff vom Hinterdeck weggeschickt und erhielt Befehl, meinen Dienst auf dem Vordertheil zu verrichten. Drittes Kapitel. Es rauschet Englands Macht herauf, Den Kampfplatz zu erreichen; Doch schneller noch in ihrem Lauf Sieht man der Vorhut Zeichen. »Auf. Bravo!« ruft der Hauptmann. Die Kanonen Entsenden aus dem ehrnen Mund Des Todes Schatten um die Schiffe rund, Dem Orkan gleich, der aus der Tiefen Grund Sein Dunkel breitet bis hinauf zur Sonnen. Campbell. In Betracht meiner Jugend und Unerfahrenheit, so wie der geringfügigen Nachlässigkeit, deren ich beschuldigt wurde, wird es wohl selbst unter den strengsten Eiferern der Disciplin wenige geben, welche es nicht gestehen, daß ich vom ersten Lieutenant ungerecht und rücksichtslos behandelt wurde, indem er sich (allen Respekt sonst vor ihm!) auf die Seite meiner Feinde stellte. Der zweite Lieutenant und Murphy verhehlten bei dieser Gelegenheit ihre Gefühle durchaus nicht, sondern frohlockten über meine Ungnade. Plötzlich wurde unser Schiff nach Portsmouth beordert, wo der Kapitän, der in Urlaub war, zu uns kommen sollte. Dieß geschah auch bald nach unserer Ankunft, und der erste Lieutenant machte seinen Rapport über die gute und schlechte Aufführung der Leute während seiner Abwesenheit. Ich hatte meinen Dienst ungefähr zehn Tage im Vortop versehen, und Mr. Handstone beabsichtigte – auch der Kapitän schien dieser Maßregel durchaus nicht abgeneigt – mich wegen der zwei verlorenen Matrosen an der Kanone durchpeitschen zu lassen. Diese Exekution unterblieb jedoch. Ich fuhr fort, die Midshipmensmenage zu beziehen, durfte aber nicht in's Speisezimmer kommen: man schickte mir die Mahlzeiten, die ich allein auf meinem Kasten verzehrte. Die Jüngeren sprachen mit mir, jedoch nur verstohlen, weil sie die Aelteren fürchteten, die den strengsten Verruf gegen mich verordnet hatten. Mein Dienst im Vortop bestand im Grunde nur dem Namen nach. Beim Verlesen, oder wenn ich die Wache hatte, stieg ich hinauf und unterhielt mich mit einem Buche, bis wir wieder herabkamen, soferne ich nicht irgend einen kleinen Dienst zu thun hatte, der meine Kräfte nicht zu übersteigen schien. Die Matrosen liebten mich als einen Märtyrer ihrer Sache, und machten sich ein Vergnügen daraus, mich in der Kunst des Knotenschlingens und Einflechtens, im Takeln, Reefen, Aufrollen u. dgl. m. zu unterrichten; ich gestehe daher redlich, daß ich meine glücklichsten Stunden auf diesem Schiffe während meiner Verweisung unter die Topmannschaft verlebte. Ob meine Feinde dies entdeckten oder nicht, kann ich nicht sagen; aber bald nach unserer Ankunft ließ mich der Kapitän nach seiner Kajüte bescheiden, wo mir wegen meiner üblen Aufführung, das heißt, wegen meinem angeblich reizbaren und händelsüchtigen Charakter, wie auch wegen Verlustes zweier Matrosen aus meinem Boote, tüchtig der Text gelesen wurde. »Wenn Sie sich nicht sonst im Allgemeinen gut betragen hätten,« fügte er bei, »so wäre Ihnen eine weit schärfere Strafe zu Theil geworden; ich zweifle jedoch nicht, daß diese kleine Strenge zur rechten Zeit Sie veranlassen wird, sich in Zukunft passender zu benehmen. Der schimpfliche Dienst, zu dem Sie verurtheilt wurden, soll Ihnen fortan erlassen sein, und ich erlaube Ihnen, zu Ihren Verrichtungen auf dem Halbdeck zurückzukehren.« Thränen, wie sie mir keine Rohheit oder Mißhandlung hätten erpressen können, strömten reichlich über meine Wangen, und es stand einige Minuten an, bis ich mich hinreichend erholt hatte, um ihm für seine Güte zu danken und den Grund meiner Ungnade namhaft zu machen. Ich theilte ihm mit, daß ich, freilich ohne sein Vorwissen, seit meiner Anwesenheit auf dem Schiff, wie ein Hund behandelt worden sei, und daß er allein mit Menschlichkeit sich gegen mich benommen habe. Ich erzählte ihm sodann meine ganze Leidensgeschichte, von dem verhängnißvollen Glas Wein an bis zu dem gegenwärtigen Augenblicke, ohne ihm zu verhehlen, daß ich Murphy's Hängematte durchschnitten und ihm den Leuchter an den Kopf geworfen hatte, versicherte ihm aber zugleich, daß ich nie der erste Angreifer gewesen sei, sondern nur Genugthuung genommen habe, wenn ich zuerst schimpflich behandelt wurde. Ferner erklärte ich, daß ich mir nie einen Schlag oder einen ungebührlichen Namen gefallen lassen würde, ohne nach Kräften Rache zu nehmen; dies liege einmal in meiner Natur, und ich könne nicht anders, selbst wenn ich dafür todtgeschlagen werden sollte. »Seit ich am Schiff bin,« fügte ich bei, »und auch schon früher, sind viele Matrosen desertirt, ohne daß die Offiziere, deren Obhut sie anvertraut waren, mehr als einen Verweis erhalten hätten, während ich, der ich kaum erst zur See gekommen bin, die größte und beschimpfendste Strenge erfahren mußte.« Der Kapitän hörte meine Verteidigung aufmerksam an, und es kam mir vor, als ob sie einen nicht unbedeutenden Eindruck auf ihn geübt hätte. Ich erfuhr nachher, daß Mr. Handstone wegen seines harten Benehmens gegen mich einen Verweis erhalten und er darauf bemerkt habe, wenn ich mich mit der Zeit nicht auszeichne, so solle ich zum Teufel fahren. Ich sah nun ziemlich klar, daß ich mir doch einige mächtige Freunde, darunter namentlich den Kapitän, erworben hatte, wie sehr auch der Stolz meiner älteren Tischgenossen durch meinen Widerstand gegen ihre Willkür gereizt und zur Rachsucht angespornt worden sein mochte. Viele von den Offizieren bewunderten den störrischen, durch nichts zu bewältigenden Geist, mit dem ich mir ohne Unterlaß Genugthuung zu verschaffen wußte, und sahen sich zu der Anerkennung genöthigt, daß das Recht auf meiner Seite sei. Wie sehr sich die Stimmung zu meinen Gunsten änderte, ersah ich aus den häufigen Einladungen zur Mahlzeit in der Kajüte und in der Konstabelkammer. Die jüngeren Midshipmen rechneten sich zur Ehre, mich wieder offen als einen der Ihrigen anerkennen zu dürfen, während die älteren mich eben so eifersüchtig und argwöhnisch bewachten, wie etwa eine unpopuläre Regierung einen beliebten, radikalen Parlamentsredner. Ich entwarf bald mit den jungen Leuten von meinem Alter einen Plan zum Widerstand, oder vielmehr zur Selbstvertheidigung, der in unserem künftigen Kriege große Bedeutsamkeit gewann. Ein paar hatten Kraft genug, ihn in Ausführung zu bringen, während die übrigen schöne Versprechungen machten, aber in der Stunde der Prüfung abfielen. Mein Codex enthielt nur zwei Verpflichtungen: die erste lautete, schnell eine Flasche, einen Krug, einen Leuchter, ein Messer oder eine Gabel Jedem an den Kopf zu werfen, der es wagen sollte, einen von uns zu schlagen, es müßte denn sein, daß der Angreifer an Kräften nicht so weit überlegen war, um eine ehrliche Boxerei mit ihm zulässig zu machen. Der zweite Artikel bestimmte, daß wir uns nie unbilligerweise um unsere Rechte verkürzen lassen sollten; was wir wie Andere bezahlten, wollten wir auch ebenso haben, und brauche man gegen uns Gewalt, so müßten wir uns durch List helfen. Ich setzte meinen Genossen auseinander, daß wir uns durch Befolgung des ersten Grundsatzes wenigstens Höflichkeit sichern würden, denn da Tyrannen in der Regel Feiglinge seien, so würden sich unsere Quäler wohl in Acht nehmen, Jemand zu einem Zorne zu reizen, der in einem unglücklichen Augenblicke verhängnißvoll für sie werden und ihnen wohl gar an's Leben gehen könnte. Durch Handhabung unseres zweiten Artikels wahrten sie sich einen gleichen Antheil an jenen Lebensannehmlichkeiten, welche die Mehrzahl der älteren für sich in Anspruch nahmen. In letzterer Hinsicht bestand auch größere Einmüthigkeit, als in Artikel Nummer Eins, da man dabei weniger persönliche Gefahr zu besorgen hatte. In Betreff der Beischaffung von Lebensmitteln entwarf ich sämmtliche Pläne, die auch in der Regel zu ihrem Ziele führten. Endlich segelten wir ab, um uns der unter Nelson's stehenden Flotte vor Cadix anzuschließen. Ich will es nicht versuchen, die Fahrt durch den Kanal und über die Bay von Biscaya zu schildern, denn ich war so seekrank, wie eine Dame in einem Dower-Packetboot, bis ich, durch die unbarmherzige Verwendung zum Dienst sowohl im Mast oben, als bei Ablösung der Deckwachen, an die Bewegung des Schiffes gewöhnt wurde. Wir erreichten unsere Station und schlossen uns dem unsterblichen Nelson nur wenige Stunden vor der Schlacht an, in welcher dieser Held sein Leben verlor und das Vaterland rettete. Die Geschichte jenes denkwürdigen Tages ist so oft und so umständlich geschildert worden, daß ich dem bereits Veröffentlichten nicht viel weiter beizufügen weiß; überhaupt kann ich mich auch nicht genug wundern, wie in Anbetracht der Verwirrung und des ewigen Wechsels während einer Seeschlacht nur so viel bekannt werden konnte. Eine Bemerkung fiel mir jedoch damals auf, an die ich seit jener Zeit mit immer größerer Ueberzeugung oft gedacht habe – daß nämlich der Admiral nach Beginn der Schlacht aufhören mußte, als Admiral thätig zu sein, denn er konnte weder selbst sehen, noch gesehen werden, und war daher eben so sehr außer Stande, von der schwachen Seite des Feindes Vortheil zu ziehen, als seine eigene zu vertheidigen; sein Schiff, die Victoria, eines unserer schönsten Dreidecker, war so zu sagen gefesselt an die Seite eines französischen achtzig Kanonen-Schiffes. Da ich dieselben Wahrnehmungen auch in irgend einem nautischen Werke gelesen habe, so findet diese meine Angabe auch noch weitere tatsächliche Bekräftigung. So jung ich auch war, konnte ich mich doch, als ich die edlen Führer unserer zwei Reihen dem vereinigten Feuer so vieler Schiffe ausgesetzt sah, eines ängstlichen Gefühles um den Ruhm meines Vaterlandes nicht erwehren. Ich meinte, daß Nelson zu sehr bloßgestellt sei, und bin auch jetzt noch dieser Ansicht. Die Erfahrung hat bestätigt, was mir mein jugendliches Vorstellungsvermögen eingab. Das feindliche Centrum hätte durch unsere sieben Dreidecker macadamisirt werden sollen, nun aber befanden sich einige davon so weit in der Nachhut, daß sie nur wenig Antheil am Gefecht nehmen konnten und, wäre es nicht um ihres einschüchternden Anblicks gewesen, eben so gut in Spithead hätten liegen können. Ich beabsichtige übrigens durchaus keinen Tadel gegen die Offiziere, die dieselben befehligten, denn die Zufälligkeiten eines leichten Windes und ihrer Stellung in der Linie, warfen sie so weit von dem Feinde zurück, daß sie den größten Theil des Tages im Hintergrunde bleiben mußten. Andere dagegen waren in beneidenswerthen Positionen, benahmen sich aber nach den Aeußerungen der Offiziere nicht ganz so, als es hätte sein können. Dieser Mangel auf unserer Seite wurde jedoch durch gleiche Nachtheile, welche bei dem Feinde aus ganz ähnlichen Ursachen erwuchsen, hinreichend überwogen, und so blieb uns ein glänzender Sieg. Die Gesammtheit der brittischen Flotte ist gut und tapfer; wir können daher mit Recht sagen, daß nur wenige die Hoffnungen ihres Vaterlandes täuschten, wenn England erwartete, daß jeder einzelne Mann seine Pflicht thue. Nie und nimmer werde ich der elektrischen Wirkung vergessen, welche das ewig denkwürdige Signal auf die ganze Flotte übte. Ich kann sie mit nichts vergleichen, als mit der einer Lunte, die an eine lange Linie von Schießpulver gelegt wird. Da in Vaterlandsfragen alle Engländer sich gleich sind, so verbreitete sich dasselbe Gefühl, dieselbe Begeisterung durch alle Schiffe, und manchem edlen Streiter rannen Thränen über die Wangen, als der ergreifende Aufruf bekannt gemacht wurde. Er erinnerte an alle vergangene Siegestage und erfüllte das Heer mit frohen Vorahnungen, die für viele leider nicht verwirklicht werden sollten. In besonnener Ordnung begab man sich an die Geschütze, und ein ruhiger, überlegter Muth schien von diesem Augenblicke an auf dem Gesichte eines Jeden, den ich sah, zu ruhen. Obgleich mein Kapitän nicht in der Linie stand, so ließ er doch sein Geschütz nicht unthätig sein; es gehörte zwar nicht zu seinem Berufe, in die Schußweite des Feindes zu laufen, bis er durch Signal aufgefordert wurde, hielt es aber demungeachtet für seine Pflicht, sich so nahe als möglich an unsere im Kampfe begriffene Schiffe zu halten, um ihnen im Nothfalle Beistand zu leisten. Ich stand an den vordersten Kanonen des Hauptdeckes und das Schiff wurde für das Treffen geräumt; aber obschon der Maßstab nur klein zu nennen war, so kann ich mir doch kaum einen feierlicheren, großartigeren oder eindrucksvolleren Eindruck denken, als jene Vorbereitungen in einem solchen Augenblicke. Die edlen Geschützreihen, die sich in einer sanften Krümmung von dem Centrum abbogen, das Takel quer über dem Deck, Kugeln und Kartätschen nebst Patronen und Propfen in reichlicher Masse aufgehäuft, die Pulverjungen, jeder auf einem gefüllten Kasten sitzend und mit vollkommener Gleichgültigkeit dem Beginnen des Kampfs entgegensehend; die Constabler mit um den Leib geschnallten Zündbüchsen neben ihrem Geschütze; die um die Kanonen befestigten Spannstricke und Aufholer, und endlich die Offiziere, welche mit gezogenen Degen bei ihren Abtheilungen standen! Auf dem Halbdecke führte der Kapitän das Kommando; ebendaselbst befand sich der erste Lieutenant, der Lieutenant der Seesoldaten mit einer Abtheilung seiner Leute, der Mate, eine Partie Midshipmen und ein Matrosenhaufen, um die Brassen und die Halbdeckkanonen zu bedienen. Der Hochbootsmann war in der Back, der Geschützmeister theilte in der Pulverkammer den Schießbedarf aus, und der Zimmermann beobachtete und rapportirte von Zeit zu Zeit die Tiefe des Wassers in dem Pumpenfond; deßgleichen durchwandelte er die Flügel oder freien Räume zwischen den Schiffsseiten und den Ankertauen oder andern Vorräthen, während seine Gehülfen stets mit Schußpropfen, Werg und Talk zur Hand waren, um sogleich jedes durch eine Kugel gemachte Leck zu verstopfen. Der Wundarzt befand sich mit seinen Gehülfen in dem Krankenverschlag und hatte Messer, Sägen, Tourniquet, Schwämme, Becken, Wein und Wasser bereit, um ohne Zögerung sein Werk an dem ersten besten unglücklichen Verwundeten beginnen zu können. Von Allem übte dies den unheimlichsten Eindruck auf mich. »Wie bald,« dachte ich, »liegst auch du verstümmelt und blutend auf diesem Tische ausgestreckt und hast Gelegenheit, die Geschicklichkeit des Mannes und den Werth der Instrumente, die du jetzt vor dir siehst, zu erproben!« Ich wandte mich ab und gab mir Mühe, die schreckliche Schaustellung zu vergessen. Sobald die Flotte dem Feinde näher rückte, um mit ihm anzubinden, zogen auch wir nach, und hielten uns dabei so nah wie möglich an den Admiral, dessen Signal wir weiter zu verbreiten hatten. Ich war nicht wenig erstaunt über die Geschicklichkeit, mit welcher dies ausgeführt wurde, denn mit wunderbarer Schnelligkeit wehten dieselben Flaggen, welche das Admiralschiff aufgehißt hatte, von unseren Mastspitzen – nur um so wunderbarer, da die Flaggen des letzteren in runden Bällen in die Höhe stiegen und nicht eher zu flattern begannen, bis sie die Topenden erreicht hatten; die Signaloffiziere eines Repetirschiffs mußten also die maskirte Flagge schon während des Aufhissens an der Nummer erkannt haben. Dies war nur durch gute Teleskope und häufige Uebung möglich, wobei allerdings hin und wieder auch durch eine Divination des nächsten Signals das Werk gefördert wurde. Der Leser weiß vielleicht nicht, daß in den Seekriegen gebildeter Nationen Linienschiffe nie auf Fregatten feuern, wenn letztere nicht selbst angreifen oder eine derartige feindliche Demonstration durch Eindringen zwischen die im Kampf begriffenen Schiffe herbeiführen; ersteres war auf dem Nil der Fall, als Sir James Saumarez, der den Orient kommandirte, sich genöthigt sah, die Verwegenheit der Artemise dadurch zu bestrafen, daß er sie mit einer einzigen vollen Lage in den Grund schoß. Vermöge dieser friedlichen Uebereinkunft im Kriege hätten wir schußfrei ausgehen können, wenn uns nicht allzufreigebig die Kugeln zugekommen wären, die größeren Schiffen zugedacht waren, aber demungeachtet ernstlichen Schaden unter unserer Mannschaft anrichteten. Der großartigste Anblick, dessen ich Zeuge gewesen, waren die zwei parallel laufenden britischen Linien, welche beinahe senkrecht gegen den offenen Halbmond der feindlichen Flotte standen. Sobald sich unsere Vorhut in dem Bereiche der gegnerischen Schußweite befand, wurde das Feuer gegen den Royal Souvereign und die Victoria eröffnet; als aber das erstere dieser beiden edlen Schiffe, unter dem Stern der Santa Anna umholte, und die Victoria sich urplötzlich an den Bord des Redoutable festlegte, hüllte eine Wolkenmasse beide Flotten ein, so daß man wenig mehr erkennen konnte, als hin und wieder das Fallen eines Mastes und, wenn sich der Pulverdampf verzog, ein völlig abgetakeltes Schiff. Zu den letzteren gehörte auch ein englisches Schiff, das zwischen zwei feindlichen stand, weßhalb unser Kapitän hinan segelte, um es in's Schlepptau zu nehmen. Zu gleicher Zeit eröffnete eines unserer Linienschiffe ein schweres Feuer auf ein französisches, das unglücklicherweise in gerader Linie zwischen uns lag, weßhalb die Kugeln, die den Feind fehlten, bisweilen zu uns an Bord kamen. Ich sah eben zu der Bugpforte hinaus, als ein Schuß den Spiegel unseres Schiffes zwischen Wind und Wasser traf. Nie zuvor war ich Zeuge der Wirkung einer schweren Kugel gewesen; sie machte, wie mich damals dünkte, ein ganz entsetzliches Geräusch und spritzte mir eine Masse Wasser in's Gesicht. Natürlich fuhr ich zurück, und es wäre wohl manchem braven Kerl ebenso ergangen; indeß wurde ich dafür von zwei Matrosen, welche bei meinem Geschütze aufgestellt waren, ausgelacht. Dies beschämte mich und ich faßte den Entschluß, künftig keine Schwäche mehr zu zeigen. Genanntem Schuß folgten bald einige andere, die nicht so ganz unschädlich abliefen. Eine Kugel flog durch die Bugpforte herein und tödtete die beiden Männer, welche Zeugen meines Schreckens gewesen waren. Ihr Lachen hatte meinen Stolz verletzt und ich gestehe, daß ich mich heimlich freute, als ich sah, wie sie jetzt nichts mehr ausplaudern konnten. Es würde schwer sein, meine Gefühle bei dieser Gelegenheit zu schildern. Noch vor sechs Wochen war ich der Dieb im Hühnerhof und Garten – der Held in einer Pferdeschwemme, der einen Unterlehrer tauchte – und nun befand ich mich mit einemmale in der Mitte eines Gemetzels, ein mitwirkendes Glied an einem jener großen Ereignisse, durch welches das Schicksal der civilisirten Welt zur Entscheidung gebracht werden sollte. Der beschleunigte Kreislauf meines Bluts, vielleicht auch die Furcht vor einem plötzlichen Tode und die noch größere vor Schande, zwang mich zu einem öfteren Wechsel meiner Stellung; auch bedurfte es einiger Zeit und der kräftigsten Selbstermuthigung, um mich in eine Stimmung zu versetzen, die mich so gleichgültig und sicher sein ließ, wie wenn ich im Hafen gewesen wäre. Ich brachte es übrigens endlich so weit, und schämte mich bald der Angst, die mich bei dem Beginnen des Feuers ergriffen hatte. Es ist zwar wahr, daß ich betete – doch war es nicht das Gebet des Glaubens, des Vertrauens oder der Hoffnung, da es blos Abwendung einer plötzlichen und unmittelbaren Gefahr betraf: auch bestand es nur aus ein paar kurzen, inbrünstigen Stoßseufzern, ohne eine Spur von Reue über die Vergangenheit, oder einem Gedanken an Besserung für die Zukunft. Als wir jedoch einmal tüchtig im Feuer standen, fühlte ich keine derartige Anwandlungen mehr, denn ich konnte jetzt mit derselben Kaltblütigkeit durch eine Kugel einen armen Nebenmenschen entzwei reißen sehen, als ich sonst Zeuge war, wenn ein Fleischer einen Ochsen schlachtete. Ob mein Herz schlecht war oder nicht, kann ich nicht sagen; so viel aber ist richtig, daß die Befriedigung meiner Neugierde die Erschütterung meiner Gefühle überwog, als einmal ein Schuß sieben Mann tödtete und drei weitere verwundete. Es that mir zwar Leid um die Leute, und ich hätte ihnen nicht um die Welt etwas Böses gewünscht, aber ich hatte einige Anlage zum Philosophen, verglich gerne Ursache und Wirkungen, und war es in meinem Innern nicht unzufrieden, Zeuge von dem Effekte eines scharfen Schusses zu sein. Gegen vier Uhr Nachmittags begann das Feuern nachzulassen; der Pulverdampf verzog sich und die ruhige See wurde durch eine stärker und stärker werdende Brise gekräuselt. Die beiden feindlichen Flotten betrachteten jetzt die gegenseitigen Verheerungen. Wir hatten neunzehn oder zwanzig Linienschiffe genommen. Einige der feindlichen Fahrzeuge flüchteten sich nach Cadix, während vier andere windwärts von unserer Flotte Reißaus nahmen. Ich sprang in ein Boot, das von uns aus zu einem benachbarten Schiffe ging, und erfuhr daselbst Lord Nelson's Tod, welchen ich meinem Kapitän rapportirte. Nachdem derselbe dem Andenken des großen Mannes den gebührenden Zoll abgetragen hatte, betrachtete er mich sehr wohlgefällig. Ich war der einzige von den jüngeren Cadeten, der sich besonders thätig erwiesen hatte, und er entsandte mich alsbald mit einem Auftrage nach einem nahe gelegenen Schiffe. Der erste Lieutenant fragte, ob er nicht einen Offizier von mehr Erfahrung schicken solle. »Nein,« versetzte der Kapitän, »dieser soll gehen. Der Junge weiß recht wohl, was er zu thun hat.« Ich entfernte mich daher mit nicht geringem Stolze auf das auf mich gesetzte Vertrauen. Weitere Einzelnheiten über diesen bedeutungsvollen Tag finden sich in unseren vaterländischen Geschichtsbüchern; es wird daher zwecklos sein, sie hier zu wiederholen. Als ich zum Nachtessen nach der Midshipmen's-Back ging, that es mir sehr leid, unter meinen Tischgenossen auch noch Murphy zu sehen. Ich hatte mir geschmeichelt, daß mich irgend ein glücklicher Schuß um seinetwillen aller Sorge entheben würde; doch seine Zeit war nicht gekommen. »Der Teufel hat heute eine schöne Ernte gehabt!« sagte ein alter Schiffmeistersmate, als er ein Glas Grog leerte. »Schade, daß ihm du und einige Andere, die ich nennen könnte, nicht gleichfalls unter die Sichel geriethen!« dachte ich in meinem Innern. »Ich hoffe, es ist ein hübsches Häuflein Lieutenants auszufüllen,« sagte ein anderer, »daß es doch einige Aussicht auf Beförderungen gibt!« Sobald die Mannschaft verlesen wurde, stellte es sich heraus, daß wir neun Todte und dreizehn Verwundete hatten. Bei dieser Kunde sah es aus, als ob sich eher ein allgemeines Lächeln der Beglückwünschung, nicht aber ein Bedauern wegen des Verlustes der Gefallenen über alle Anwesenden verbreite. Die Eitelkeit der Offiziere schien durch das unverhältnißmäßige Gemetzel auf einer Fregatte von unserer Größe, wenn man es mit dem verglich, was die Linienschiffe gelitten hatten – gekitzelt zu werden. Ich begleitete den Wundarzt in das Zwischendeck und nach dem Platze, wohin die Verwundeten gebracht wurden. Mit Gelassenheit sah ich daselbst den vorgenommenen Amputationen zu, während Männer, die sich bei dem Gefechte äußerst brav benommen hatten, bei dem Anblicke fast ohnmächtig wurden. Ja, ich fürchte sogar, daß ich beinahe ein Vergnügen an den Operationen des Wundarztes fand, ohne auch nur ein einziges Mal an die Schmerzen zu denken, welche die Patienten auszustehen hatten. Die Gewohnheit hatte bereits angefangen, mein Gemüth zu verhärten. Von Natur war meine Sinnesart nicht grausam, aber ich liebte es, verborgenen Dingen auf den Grund zu gehen, und die Schlacht dieses Tages verschaffte mir eine sehr klare Einsicht in die menschliche Anatomie, da ich bald einen Leib durch eine Kugel entzweireißen, bald durch Splitter zerfleischen, mit Messern zerschneiden oder mit Sägen zertrennen sah! Kurze Zeit nach dem Treffen erhielten wir Befehl zu einer Eilfahrt nach Spithead. Eines Morgens hörte ich einen Midshipman sagen, er wolle seinem alten Papa neues Rüstzeug abzwacken. Ich fragte ihn, was er damit sagen wolle, und wurde zuerst für meine Unwissenheit ein Grünschnabel genannt, worauf er mir die Sache auseinander setzte. »Weißt du nicht,« sagte mein Lehrer, »daß nach jedem Treffen in den Schiffsrechnungen weit mehr Segeltuch, Tauwerk und Farbe aufgeführt ist, als durch den Feind verderbt wurde.« Ich bejahte dies auf Treu und Glauben, ohne zu wissen, ob sich's so verhielt oder nicht, worauf er fortfuhr: »Wie könnten wir weiße Hängemattenzeuge, Wolkensegelmasten und sonstigen Zierrath, außerdem auch alle sechs Wochen einen frischen Anstrich haben, wenn wir nicht sämmtliche derartige Dinge im Treffen verlören und angäben, sie seien über Bord gefallen oder zerstört worden. Die Defektenliste wird dem Admiral übergeben, der dieselbe unterzeichnet, und dann muß der Arsenalkommissär damit ausrücken, mag er nun wollen oder nicht. Ich war einmal auf einer Kriegsschaluppe, als eine große Vierundvierzigkanonenfregatte gegen unsern Bord rannte, und unsern Klüverbaum abstieß, so daß das große, schöne Luvklüver an unserer Fockraa hängen blieb. Es war aus schönem russischen Segeltuch gemacht, aber wir gewannen dabei nicht nur eine hübsche Ausstattung von Hängemattenzeug für das Vorder- und Hinterschiff, sondern auch weiße Beinkleider für die Mannschaft. Du siehst nun, wie wir Onkel George für unsere Beschädigungen büßen lassen, und so gedenke ich es auch mit meinem eigenen Geräthe zu halten. Ich habe im Sinn, meine Koffer mit meinem gesammten Rüstzeug über Bord fallen zu lassen und zu meinen werthgeschätzten Eltern in einem Zustande zurückzukehren, daß sie mich ganz nach neuester Mode herausstaffiren lassen können.« »Du gedenkst also wirklich, deinen Vater und deine Mutter in dieser Weise zu täuschen?« versetzte ich mit scheinbarer Unschuld. »Ob ich gedenke? warum sollte ich nicht, du Einfaltspinsel? Wie kann ich meine Equipirung in Ordnung halten, wenn ich von einer Schlacht, wie die war, welche wir mitgemacht haben, nicht den geeigneten Nutzen ziehe?« Ich schrieb mir diesen Wink hinter's Ohr, denn es fiel mir nie ein, daß meine Eltern mit Freuden Alles bestritten haben würden, was ich zu einem anständigen Auftreten auf dem Halbdeck nöthig hatte, wenn ich ihnen offen und ehrlich meine Bedürfnisse namhaft gemacht hätte. Ich hatte aber bereits die Schule der Verschmitztheit durchgemacht, und obgleich ich wohl auch die Wahrheit sagen konnte, wenn sie meinen Zwecken dienlich war, so hielt ich doch in dem gegenwärtigen Falle die Täuschung für ein Verstandespröbchen, auf das ich mir etwas zu Gute thun konnte, weßhalb ich beschloß, sie in Anwendung zu bringen, wäre es auch nur, um mich in der guten Meinung meiner unwürdigen Kameraden ein wenig zu heben. Die Gewohnheit hatte mir eine Vorliebe für den Betrug eingeflößt, und ich zog es vor, meinen Witz in Ueberlistung meines Vaters zu üben, obschon ich durch offene und ehrliche Mittel das gleiche Ziel erreicht haben würde. Das Schiff bedurfte einiger Ausbesserungen, und da der Kapitän mit meinem Betragen sehr zufrieden war, so erwies er sich nachsichtsvoll genug, mir Urlaub zu ertheilen, obgleich mir meine Anwesenheit während der Reparatur um der dabei zu erlangenden technischen Kenntnisse willen, weit besser zu Statten gekommen wäre. Dadurch verlor ich die Gelegenheit, zu lernen, wie ein Schiff ab- und aufgetakelt wird, wie man die Vorräthe, die Masten und den Ballast herausnimmt, und wie man es angeht, ein Schiff in die Docke zu bringen – deßgleichen auch, wie der Kiel beschaffen sein muß, um die Bewegung eines Schiffes zu beschleunigen oder zu verzögern. Doch all dies opferte ich der Ungeduld, meine Eltern wieder zu sehen, der Eitelkeit, mich mit einer Schlacht zu brüsten, bei der ich gegenwärtig gewesen war, und vielleicht auch der Aussicht, über Dinge zu lügen, die ich nie gesehen, oder von Heldenthaten zu sprechen, die ich nie verrichtet hatte. Ich liebte es, Aufsehen zu machen, und da ich mit meiner Schwester in Korrespondenz stand, so wurde es mir möglich, für die Rückkehr in das Vaterhaus eine Zeit abzupassen, in welcher eben eine große Gesellschaft zu einer üppigen Mittagstafel geladen war. Allerdings hatte meine Fahrt nur drei Monate gedauert, aber es war meine erste , und dann »hatte ich ja so viel gesehen und mich in so höchst interessanten Lagen befunden«. Viertes Kapitel. Es wird Zeit sein zur Heimkehr. Was soll ich von meinen Thaten sagen. Es muß eine recht plausible Erfindung sein, wenn ich damit ausreichen soll. Ich finde jedoch, mein Zeuge ist zu tollkühn. Shakespeare. An der wohlbekannten Wohnung meines Vaters angelangt, klopfte ich leise an die Vorderthüre, erhielt Einlaß und eilte, ohne dem Diener ein Wort zu sagen, in den Speisesaal. Dort warf ich mich meiner Mutter um den Hals, die nur ausrief: »Gütiger Himmel, mein Kind!« und in Krämpfe verfiel. Mein Vater, der eben damit beschäftigt war, sich Suppe zu schöpfen, sprang auf, um mich gleichfalls zu umarmen und meiner Mutter Beistand zu leisten. Die ganze Gesellschaft erhob sich wie eine Kette Rebhühner; eine Dame verderbte sich ihr neues, nelkenfarbiges Atlaskleid, weil ihr nächster Nachbar sie an die Ellenbogen stieß, als eben ein Löffel voll Suppe »die rosige Pforte ihres Mundes« erreicht hatte. Der kleine Wachtelhund Carlo begann ein lautes Gebelle, und in einer Minute befand sich das ganze stattliche Festmahl in Anarchie und Verwirrung. Die Ordnung war jedoch bald wieder hergestellt. Meine Mutter faßte sich – mein Vater nahm mich bei der Hand – die Gesellschaft war der einmüthigen Ansicht, ich sei ein sehr schöner Knabe – die Damen nahmen wieder Platz, und ich hatte die Beruhigung, zu bemerken, daß mein plötzliches Erscheinen Niemand den Appetit genommen hatte. In letzterer Hinsicht überzeugte ich jedoch in Bälde alle Anwesenden, daß auch ich nicht hinter ihnen zurückzubleiben gedachte. Meine Midshipmanslaufbahn hatte mich durchaus nicht für die Genüsse einer üppigen Tafel unempfänglich gemacht oder mir dieselbe entleidet, und ich zögerte auch nicht im Geringsten, wenn mich einer der Herren einlud, mit ihm Wein zu trinken. Ich beantwortete jede Frage mit einer solchen Zungengeläufigkeit und so reichlichem Wortschwalle, daß der Fragende oftmals bedauern mochte, mich in die Mühe des Sprechens versetzt zu haben. Ich gab von der Schlacht eine sehr schwunghafte Schilderung, lobte einige Admirale und Kapitäne wegen ihrer Tapferkeit, stichelte auf andere, und legte etlichen geradezu Feigheit oder Ungeschicklichkeit zur Last. Um meine Zuhörer recht nachdrücklich zu überzeugen, betheuerte ich hin und wieder meine Ausfälle mit einem Eide, worüber mein Vater ein ernstes Gesicht machte, meine Mutter ihren Finger erhob, die Herren in ein Lachen ausbrachen, und die Damen mit einem Lächeln riefen: »Ein köstlicher Knabe! – wie viel Lebhaftigkeit! – welch ein Verstand! – welches gesunde Urtheil!« Für mich selbst aber dachte ich: »Ihr seid doch eine so hübsche Heerde Gänse, als nur je eine Hafer verspeiste!« Des andern Morgens, noch in der ersten Wärme des Empfangs, brachte ich bei Gelegenheit des Frühstückes meinem Vater und meiner Mutter das meine Equipirung betreffende Anliegen vor, wozu eigentlich mein Vater selbst Bahn brach, da er mich fragte, wie es mit meinen Kleidern aussehe. »Schlimm genug,« versetzte ich, als ich eben über das dritte Ei verfügte, denn auch beim Frühstück ließ es mein Appetit an nichts fehlen. »Wie so?« versetzte mein Vater. »Du warst doch mit Allem vortrefflich ausgestattet.« »Wohl wahr,« entgegnete ich, »aber Sie wissen nicht, wie es auf einem Kriegsschiff zugeht, wenn es für die Schlacht geräumt wird. Alles, was nicht zu heiß, oder zu schwer ist, fliegt mit so wenigen Umständen über Bord, als ich diese Semmel verschlucke. ›Wem gehört diese Hutschachtel?‹ Mr. Spratt, Sir. ›Den soll doch der Teufel holen; ich will ihn lehren, ein andermal seine Hutschachtel besser aufzuheben – hinüber damit!‹ Und dann ging's über das Lee der Laufplanke. Spratt's Vater ist ein Hutmacher in Bond-Street, und so lachten wir Alle.« »Aber, lieber Frank,« fragte meine Mutter, »machte deine Hutschachtel denselben Weg?« »Sie leistete freilich Gesellschaft. Mit Thränen in den Augen sah ich beiden nach, denn ich dachte mir wohl, daß Sie zürnen würden.« »Aber dein Koffer – was ist aus deinem Koffer geworden? du sagtest doch, daß diese Vandalen noch einigen Respekt vor schweren Gegenständen hätten, und der deinige – ich habe es auf meine Kosten erfahren – besaß ein ansehnliches specifisches Gewicht.« »Das ist richtig, Vater, aber Sie haben keinen Begriff, um wie viel er schon am ersten Tage, als ich in die See stach, leichter wurde. Ich war seekrank und lag darauf wie ein Wallfisch – der erste Lieutenant und der Mate des Unterdecks kamen herab, um zu sehen, ob die Barken auch rein gehalten würden, und da lag ich eben mit meinem Noaskasten in dem Weg. ›Was haben wir da?‹ fragte Mr. Handstone. ›Nur Mr. Mildmay und seinen Koffer, Sir‹ versetzt der Sergeant der Seesoldaten, in dessen Gebiet ich, wie ich zugeben muß, sehr beträchtliche Eingriffe gemacht hatte. ›Nur?‹ wiederholte der Lieutenant. ›Ich hielt's für einen der großen Steine für die neue Brücke, und den Eigentümer für einen betrunkenen irischen Handlanger.‹ Ich fühlte mich zu unwohl, um mich viel an ihre Reden zu kehren.« »Du vergißt dein Frühstück,« sagte meine Schwester. »Nun, ich lasse mir wohl noch eine Semmel und eine weitere Tasse Kaffee gefallen,« entgegnete ich. »Der arme Junge!« sagte meine Mutter. »Was er nicht ausgestanden haben mag!« »O, ich habe Ihnen noch nicht die Hälfte erzählt, meine liebe Mutter; es wundert mich nur, daß ich noch am Leben bin.« »Da sehe man!« entgegnete meine Tante Julia. »Hier, mein Lieber, hast du eine Kleinigkeit, um dir wieder zu der Equipirung zu verhelfen, die du im Dienste deines Vaterlandes verloren hast. Tapferer kleiner Mann, was wollten wir anfangen, ohne Seeleute?« Ich steckte die kleine Bescheerung – sie bestand aus einem Zehnpfünder – in meine Tasche, beendigte mein Frühstück damit, daß ich dem bereits eingenommenen Mundvorrath eine Schinkenschnitte und einen halben Weck nachfolgen ließ, und fuhr in meiner Geschichte fort: »Mr. Handstone's nächste Worte waren, daß mein Koffer zu groß sei; dann ließ er den Zimmermann vor sich bescheiden. ›Da, Mr. Adze,‹ sagte er, ›faßt diesen Koffer und nehmt ihm am Höhe und Länge je einen Fuß.‹ ›Sehr wohl, Sir,‹ versetzte Adze; ›kommen Sie, junger Herr – aufgestanden und geben Sie mir Ihren Schlüssel.‹ Ich war so krank, daß ich kaum zu sprechen vermochte, wußte aber ohnehin, daß Vorstellungen fruchtlos sein würden. Ich kroch daher herunter und händigte dem Zimmermann meinen Schlüssel ein, der sehr bedächtig aufschloß und mit großer Behendigkeit alle meine Schätze auskramte. Die Midshipmen standen um mich her und haschten mit großer Gier nach den Töpfchen mit Eingemachtem und nach dem Pfefferkuchen, welche die Mutter so hübsch eingepackt hatte, um sie vor meinen Augen zu verzehren. Einer davon steckte seine schmutzige Pfote in einen Topf mit schwarzem Johannisbeersaft, den Sie mir für's Halsweh mitgaben, und hielt mir eine Handvoll vor den Mund, obschon er wußte, daß ich ihn mit einem Erguß von Seekrankheit begrüßen würde.« »Ich werde nie wieder einen Saft ansehen können,« sagte meine Schwester. »Die abscheulichen Thiere!« rief meine Tante. »So ging es mit allen meinen Leckerbissen,« nahm ich wieder auf. »Da ich krank war, so machte ich mir auch nichts daraus; aber als das Volk lachte und sich achtungswidrige Ausdrücke über meine liebe Mutter erlaubte, hätte ich aufspringen und ihnen die Augen ausreißen mögen.« »Laß dich das nicht kümmern, mein liebes Kind,« entgegnete meine Mutter. »Ich will schon Sorge tragen, daß Alles wieder recht wird.« »Das müssen wir freilich,« erwiederte mein Vater; »aber wenn ich bitten darf, meine Liebe, nur keine Säftchen und keine Pfefferkuchen mehr. Fahre fort in deiner Geschichte, Frank.« »Nun, in einer halben Stunde wurde mir mein Koffer wieder zugestellt; man hätte jedoch immerhin noch einen Fuß weiter wegnehmen können, ohne daß es mir an Raum gebrochen hätte, das aufzubewahren, was mir die Plünderer gelassen hatten. Die leeren Safttöpfe wurden natürlich den Seesoldaten gegeben, und da mir noch einige andere schwere Artikel abhanden gekommen waren, so setzte mich das Unterbringen meiner Habe in keine Verlegenheit. Später kam dann, wie Sie wissen, die Schlacht, und da gingen Koffer, Bette und Alles zum – –« »Wirft man denn bei solchen Gelegenheiten alle Kisten und Betten über Bord?« fragte mein Vater, mich mit einem festen Blicke ansehend, den ich nur mit Mühe zu erwiedern vermochte. »Alles, was im Wege ist, und mein Koffer war im Wege, weßhalb er hinaus mußte. Ich konnte natürlich den ersten Lieutenant nicht zu Boden schlagen, da man mich sonst an eine Raa gehängt haben würde.« »Dem Himmel sei Dank, daß du es nicht thatest,« rief meine Mutter. »Was geschehen ist, läßt sich wieder gut machen, aber ein solches Unglück hätte sich nie mehr verschmerzen lassen. Und deine Bücher – was ist aus diesen geworden?« »Alle fort. Sie liegen irgendwo in der Nähe der Straße von Gibraltar – Alles dahin, meine Bibel ausgenommen; diese habe ich gerettet, weil ich zufälligerweise den Abend vor der Schlacht auf meiner Bank darin las.« »Vortrefflicher Knabe!« riefen Mutter und Tante zumal; »ich bin überzeugt, daß er die Wahrheit spricht.« »Ich hoffe, daß es so ist,« sagte mein Vater trocken, »obgleich ich gestehen muß, daß diese Seeschlachten, wie ruhmvoll sie auch für Altengland sein mögen, doch sehr kostspielige Unterhaltungen für die Eltern junger Midshipmen sind, wenn nicht allenfalls die theuren Söhnlein vor den Kopf geschlagen werden.« Ob mein Vater Lunte zu riechen begann, oder ob er keine weiteren Fragen stellen mochte, um nicht noch weitere Windbeuteleien zu hören, weiß ich nicht; indeß bedauerte ich es nicht, daß das Verhör zu Ende war und ich mit fliegender Fahne entlassen wurde. Zu meiner Schande muß ich gestehen, daß die Bibel, welche mir in der guten Meinung meiner Mutter so wesentliche Dienste geleistet hatte, seit meinem Abgang aus dem elternlichen Hause nur ein einziges Mal geöffnet worden war, und damals geschah es aus dem einfachen Grunde, um mich zu überzeugen, ob nicht Banknoten zwischen den Blättern lägen, denn ich hatte gehört, daß etwas der Art schon öfters vorgekommen, weil die Eltern sehen wollten, ob die jungen Gentlemen auch »in der Schrift forschten«. Ich wurde mit allen meinen Anliegen zufrieden gestellt, und zwar, wie ich glaube, um so schneller, da ich sehr lästig zu werden begann, denn meine Seemanieren wollten sich durchaus nicht mit dem Gesellschaftszimmer vertragen. Meine Mutter, Tante und Schwester waren ganz andere Frauenzimmer, als diejenigen, welche ich am Bord der Fregatte zu sehen gewohnt war. Mein Fluchen, wie auch die Barschheit, womit ich die männliche und weibliche Dienerschaft behandelte, kurz Alles trug dazu bei, die ganze Familie mit meiner Abreise zu versöhnen, und man sah mit Freude dem Tage entgegen, an welchem mein Urlaub ablief. Aber auch ich machte mir, sobald ich erhalten hatte, was ich wünschte, nichts daraus, wieder fortzukommen, und als die Kutsche vor der Thüre anlangte, sprang ich heiter hinein und fuhr nach Golden-Croß, um am andern Morgen wieder auf meinem Schiffe einzutreffen. Ich wurde von den meisten meiner Schiffsgefährten, Murphy und einige seiner Spießgesellen ausgenommen, mit großer Herzlichkeit und Freude bewillkommt, und fühlte nicht die geringste Reue wegen der Lügen und der Heuchelei, womit ich meine Eltern getäuscht und betrogen hatte. Der Leser wird wahrscheinlich bereits bemerkt haben, daß außer der Verkleinerung meines Koffers und des Ueberfalls, womit meine Safttöpfchen und Pfefferkuchen heimgesucht wurden, kaum ein Titelchen Wahrheit in meiner Geschichte lag. Allerdings hatte es seine Richtigkeit, daß ich um das Meiste meiner Effekten gekommen war; indeß lag der Grund davon nur in meiner eigenen Nachlässigkeit, nicht aber in dem Umstande, daß sie über Bord geworfen wurden. Ich hatte nämlich den Tag nach meinem Eintritt auf dem Schiffe meinen Kofferschlüssel verloren, und die Schnelligkeit, womit meine Vorräthe abnahmen, überzeugte den ersten Lieutenant, daß für den Rest ein weit kleinerer Behälter zureichen dürfte; dieß war der einzige Grund, warum mein Koffer auf einen kleineren Maßstab reducirt wurde. Meinen neuen Kleidervorrath brachte ich in einem Mantelsacke mit, der sehr bequem eingerichtet war, und ich gab mir Mühe, mein Eigenthum besser als bisher zu Rathe zu halten. Das Geld, welches man mir mitgegeben hatte, damit ich mir mehr Bettzeug anschaffen könne, steckte ich in meine Tasche, und ich begann jetzt mich überhaupt schlauer zu benehmen. Ich hatte bemerkt, daß man den am besten uniformirten Midshipmen stets die angenehmsten Aufträge ertheilt; es kam daher jetzt auch die Reihe an mich, die Damen, welche an Bord stiegen, um das Schiff zu besichtigen oder mit dem Kapitän und den Offizieren zu speisen, wieder an's Land zu bringen. Ich hatte ein ziemlich gutes Mundwerk, galt als ein hübscher Junge, und obgleich ich für mein Alter ziemlich stämmig war, so gestatteten mir die Damen doch ziemlich viele Freiheiten, weil ich ein herziger kleiner Middy und in meinem Sinn und Wesen so gar unschuldig sei. In Wahrheit wurde ich an Bord meines Schiffes weit besser in Ordnung gehalten, als dieß im Vaterhause der Fall war – dieß war die Wirkung der Disciplin, die sich freilich nur auf das Aeußere bezog. Mein Vater war ein talentvoller Mann, der wohl die Welt kannte, aber nichts davon wußte, wie es auf einer Flotte zuging, und sobald ich diese seine schwache Seite aufgefunden hatte, bediente ich ihn, wie vormals den Unterlehrer: das heißt, ich tauchte ihn und seine Freunde Hals über Kopf in die Roßschwemme ihrer Unwissenheit. Solche Ueberlegenheit bietet Lokalkenntniß und Verschmitztheit über abstrakte Kenntnisse und Erfahrungen. Mein letztes erfolgreiches Auftreten in der Stadt hatte mir eine solche Zuversichtlichkeit gegeben, daß ich meine Dreistigkeit zu einer unglaublichen Höhe steigerte. Meine scheinbare Offenheit, meine Keckheit und die Gewandtheit, mit welcher ich auf Alles Rede stehen mußte, verschaffte den Produkten meines Gehirns den Werth klingender Münze, die noch obendrein weit höher angeschlagen wurde, als das langweilige Haften am Tatsächlichen von Seite meiner minder verschmitzten Kommilitonen. Von meinen Knabenjahren habe ich nun beinahe genug gesprochen. Die Abenteuer eines Midshipman während der ersten drei Jahre seines Probedienstes dürften, wenn sie ausführlich erzählt würden, weit mehr anwidern, als unterhalten, und sind eher geeignet, zu verderben, als zu belehren. Ich gehe daher zu meinem sechzehnten Lebensjahre über, um welche Zeit meine Persönlichkeit sich so ausgebildet hatte, daß ich mit Grund stolz darauf sein konnte, denn ich war oft Zeuge, wie sich das schöne Geschlecht lobend darüber äußerte, und derartige Behauptungen sogar von meinen Gefährten bekräftigt wurden. Mit Ausnahme der Moral und der Religion hielt die Ausbildung meines Geistes gleichen Schritt mit der meines Körpers – freilich wurden aber erstere mit jedem Tage mehr und mehr mangelhaft, bis ich sie auf eine Weile ganz außer Gesicht verlor. Der männliche, kräftige Bau und die edle Physiognomie, womit ich beglückt war, diente nur dazu, mich mit den getünchten Gräbern parallel zu stellen – innen war Alles Moder. Wie bei einer schönen Schlange, deren Gift sich unter dem Gold und Azur ihrer Schuppen birgt, war mein innerer Mensch von Stolz, Rachgier, Hinterlist und Selbstsucht aufgebläht, und meine besten Geistesgaben wurden häufig für die schnödesten Zwecke verwendet. In der Kenntniß meines Berufes machte ich rasche Fortschritte, weil ich Freude daran hatte und mein Geist, der eben so thatkräftig und schwunghaft war, als mein Körper, der Nahrung eines wissenschaftlichen Strebens bedurfte. Ich wurde bald zu einem tüchtigen Praktiker und Theoretiker, was ich rein meinem eigenen Fleiße verdankte; denn wir hatten keinen Lehrer, und da mich die älteren Midshipmen, von welchen die jüngeren den gewöhnlichen Tagesdienst lernen mußten, nicht leiden konnten, so war ich natürlich von ihren Coterien ausgeschlossen. Ich nahm mir jedoch vor, diesem Mangel durch eigene Kräfte abzuhelfen, wozu mir mein guter Schulsatz sehr zu Statten kam. Ich hatte nämlich einen guten Grund in der Mathematik gelegt, war in der Algebra weit vorgerückt, und konnte mich deßhalb einer großen Ueberlegenheit über meine Gefährten rühmen. Die größte Schwierigkeit bestand darin, mich nach dem Müssiggange vieler Monate wieder an Fleiß zu gewöhnen. Es gelang mir jedoch, sie zu bewältigen, und nachdem ich ein Jahr zur See gewesen war, fühlte ich mich in der Lage, gute Rechnung über unsere Fahrten abzulegen, welche ich auch jeden Abend dem Kapitän zur Prüfung einhändigte. Der Umstand, daß ich allen Unterrichts in der Schifffahrtskunde entbehrte, kam mir später, so sehr ich ihn auch anfangs beklagte, ungemein zu Statten. Ich mußte emsiger studiren und nach den Grundsätzen forschen, nach welchen ich meine Theorie bildete, so daß ich durch mathematische Demonstration nachzuweisen vermochte, was Andere nur mit einem unwissenschaftlichen »man sieht's ja« belegen konnten. Der Stolz, es den älteren Midshipmen zuvorzuthun und die Hoffnung, ihre Unwissenheit bloß zu stellen, steigerte meinen Eifer und spornte meinen Fleiß. Die Bücher, welche ich meinem Vater als verloren gemeldet hatte, wurden aus meinem Koffer hervorgeholt, und mit einer wahren Gier verschlungen; auch borgte ich viele andere von den Offizieren, welchen ich die Gerechtigkeit wiederfahren lassen muß, daß sie mir nicht nur mit Bereitwilligkeit ihre Bibliothek zur Verfügung stellten, sondern mir auch zum Zwecke meiner Studien die Benützung ihrer Kajüten anboten. So gewann ich Sinn für Lektüre. Ich erneuerte meine Bekanntschaft mit den alten Klassikern. Die verlockende Leichtfertigkeit des Horaz und Virgil bewog mich auf's Neue zum Studium des Lateinischen, und verschaffte meinem Geiste auf Kosten meiner Sittlichkeit die Kenntniß einer todten Sprache. Die Entscheidung der Frage, ob der Tausch vorteilhaft war oder nicht, muß ich reiferen Köpfen überlassen, als der meine ist; hierorts habe ich es blos mit Thatsachen zu thun. Während mich also die engherzige Bosheit der älteren Midshipmen zu kränken glaubte, indem sie mich in Unwissenheit zu lassen gedachten, erwuchs mir daraus der größtmögliche Dienst, weil ich mich jetzt genöthigt sah, Zuflucht zu meinen eigenen Hülfsquellen zu nehmen. Mein Verhältniß zu den Schiffsgenossen verblieb bis zum Ablauf meines Midshipman-Curses fast stets das gleiche. Bei einigen Offizieren stand ich noch immer in Ungnade, und die älteren meiner Tischgenossen konnten mich nicht leiden, während ich der Liebling der jüngeren Midshipmen und der Mannschaft des Vordermastes war. Ich hielt es unter meiner Würde, den Tyrannen zu spielen, und ein gleicher Stolz gestattete es mir nicht, daß ich mir eine tyrannische Behandlung gefallen ließ. Je größer und kräftiger ich wurde, desto entschiedeneren Widerstand leistete ich gegen willkürliche Gewalt. Die gelegentlichen Ringkämpfe mit Knaben von meiner Größe (denn auch die besten Freunde streiten sich hin und wieder) und den überzähligen Midshipmen, die allenfalls zur Ueberfahrt an Bord geschickt wurden, endeten in der Regel damit, daß sie entweder meine Herrschaft bekräftigten oder mir eine friedliche Neutralität sicherten. Dadurch wurde ich zu einem wissenschaftlichen Faustkämpfer, und nun unternahm ich auch hin und wieder einen Strauß mit den älteren. Bei solchen Gelegenheiten entwickelte ich, wenn ich auch besiegt wurde, so viel Tapferkeit, daß meine Feinde sich lieber in Acht nahmen, ehe sie sich abermals in einen Streit einließen, der, wie sie bemerkten, mit jedem Tage heißer verfochten wurde, bis zuletzt mein Spiel, gleich dem eines jungen Löwen, aufhörte, Scherz zu sein, und ich mich jener Ruhe erfreuen durfte, welche nur wenige, und dann jedenfalls zu ihrem eigenen Nachtheile, zu stören wagten. So stellte sich allmählig das Gleichgewicht der Kräfte her, und selbst Murphy bequemte sich zu einem höflichen Schweigen. Neben der hinreichend bekannten Zunahme meiner persönlichen Kraft erlangte ich eine noch größere Ueberlegenheit über meine Gefährten durch meine geistige Ausbildung, die ich sie bei jeder Gelegenheit fühlen zu lassen bemüht war. In allen Fällen eines wissenschaftlichen Streites berief man sich auf mich, wie ich denn überhaupt einmüthig als Schiedsrichter des Zwischendecks anerkannt war. Man bezeichnet mich als »einen guten Gesellschafter,« – eine Eigenschaft, die nicht immer ihrem Besitzer zum Vortheil gereicht, da sie, wie es bei mir der Fall war, oft in recht schlechte Gesellschaft führt. Ich hatte eine schöne Stimme und spielte ein paar Instrumente. Dadurch wurden mir nicht selten Einladungen nach der Constablekammer und Befreiung vom Dienste zu Theil; bei solchen Gelegenheiten trank ich dann mehr Wein oder Grog, als mir gut war, und mußte Gespräche mit anhören, mit denen meine Ohren besser verschont geblieben wären. Wir erhielten Auftrag, an der französischen Küste zu kreuzen, und da der jüngere Admiral einen Groll gegen unsern Kapitän hatte, so schwor derselbe bei allen Teufeln, wir müßten fort, ob wir nun segelfertig seien oder nicht. Wir erhielten das Signal zum Lichten, während die Proviantkähne und das Pulverboot mit unserer Munition neben uns lagen, deßgleichen auch noch keine von den Halbdeckkanonen befestigt oder auch nur auf den Lafetten war. Schuß um Schuß beantwortete der Gladiator, das Flaggenschiff des Hafenadmirals, die Signale des Royal William, welche uns zur Abfahrt aufforderten. Der Kapitän, welcher nicht wußte, wie eine allenfallsige Weigerung von seiner Seite durch den Telegraphen nach London berichtet werden könne, und vielleicht auch fühlte, daß er ein wenig zu viel dem ersten Lieutenant überlassen hatte, riß das Schiff so zu sagen an den Haaren fort, ließ aus den Nachen Alles in bunter Verwirrung auf das Verdeck werfen, schaffte alle Weibspersonen, mit Ausnahme von fünf oder sechs der verworfensten, fort, lichtete die Anker und lief in einem Zustand von Verstörung, wie ich nie einen ähnlichen wieder zu sehen hoffe, bei starkem Nordwinde nach Yarmouth-Road's hinab und durch die Needles in die See hinaus. Der Contreadmiral, Sir Sturmbrand Windmacher, sah uns, wie ich später erfuhr, von der Plattform aus nach und rief: »Hol' ihn der Teufel (er meinte damit unsern Kapitän), da geht er endlich! Ich fürchtete, der Kerl möchte an seinen Ochsenknochen zu Grunde gehen, ehe wir ihn noch draußen hätten!« Das Sprüchwort »allzugroße Hast ist schlimmer oft, als Rast« erwahrt sich auf der See weit öfter, als in jeder andern Lebenslage: für unser Schiff hätte es sich um ein Haar sehr verhängnißvoll erwiesen. Wären wir auf einen Feind getroffen, so hätten wir entweder schimpflich Reißaus nehmen oder uns ergeben müssen. Wir hatten kaum die Needles hinter uns, als die Nacht einbrach und zugleich eine schwere Kühlte von Nord-Nordwest aufsprang. Offiziere und Mannschaft waren bis Morgens um vier Uhr beschäftigt, um die Boote und Anker zu befestigen, die Decken vom Mundvorrath zu räumen, und das untere Takelwerk aufzusetzen, das sich durch die Anstrengung des Schiffes auf eine beunruhigende Weise anzuspannen begonnen hatte. Mit vieler Mühe war dies endlich zu Stande gebracht, und auch die Kanonen festgemacht, ehe die Kühlte sich zu einem Orkane steigerte. Um neun Uhr des andern Morgens fiel unglücklicherweise ein armer Seesoldat, ein Rekrute von Portsmouth, über Bord. Im Nu sprangen viele wackere Bursche in eines der Schanzboote und baten den Kapitän, er möchte sie hinunter lassen, um den Verunglückten zu retten; dieser war aber ein besonnener Rechner und dachte, die Wahrscheinlichkeit sei weit größer, daß seine sieben Mann gleichfalls zu Grunde gingen, als daß der einzige gerettet würde, weßhalb der arme Teufel seinem Schicksal überlassen werden mußte. Das Schiff hatte allerdings beigelegt; es triftete jedoch weit schneller leewärts ab, als der Unglückliche schwimmen konnte, obgleich er einer der besten Schwimmer war, die ich je gesehen habe. Es war ein herzbrechender Anblick, wie muthig sich der junge Mensch abkämpfte, um das Schiff wieder zu erreichen; aber alle seine Anstrengungen dienten nur dazu, sein Elend zu verlängern. Wir sahen ihn noch eine Meile windwärts von uns, den einen Augenblick auf der Spitze einer berghohen Welle, im andern sich wieder in das tiefe, dazwischen liegende Thal versenkend, bis wir ihn endlich aus dem Gesicht verloren! Sein trauriges Schicksal wurde in dem Boote lange beklagt. Ich dachte damals, der Kapitän handle grausam, weil er kein Boot nach ihm aussehen ließ, jetzt aber bin ich durch Erfahrung belehrt, daß er sich nur einer schweren Nothwendigkeit fügte, und von zwei Uebeln das kleinere wählte. Das Ende dieses jungen Menschen diente mir zu einer ernsten Warnung. Die Gewohnheit hatte mich außerordentlich rührig gemacht, und ich war so sehr darauf erpicht, meine neu erworbenen gymnastischen Fertigkeiten. von dem Matrosen »Lerchenflug« genannt, zur Schau zu stellen, daß mir die alten Quartiermeister und sogar die Offiziere oft einen plötzlichen Tod voraussagten. Sie meinten damit klärlich, daß ich entweder ertrinken oder den Hals brechen müsse, und letzteres hatte eine besondere Wahrscheinlichkeit für sich, da ich wie ein Affe an den Takelwänden auf- und abkletterte. Wenige von den Topgasten konnten es mir an Fertigkeit gleich thun, und noch wenigere waren im Stande, meine wagehalsige Heldenthaten zu übertreffen. Ich konnte auf den Topsegelraaen bis zu der Nocke hinauslaufen, auf den Stagen von einem Mast zum andern klettern, oder in einem Nu an den Topsegelziehtauen auf das Verdeck hinunterschießen. Aus der Aussicht des Ertrinkens machte ich mir nicht so viel, da ich ein sehr rüstiger Schwimmer war; das Schicksal des armen Seesoldaten jedoch, der so gut, wo nicht besser, schwimmen konnte, als ich, lehrte mich Vorsicht. Ich entnahm daraus, daß Fälle eintreten konnten, in welchen meine Fertigkeit nutzlos war und auch die Matrosen nichts zu meiner Rettung beizutragen vermochten, wie sehr sie auch, da ich bei allen sehr beliebt war, dazu geneigt sein mochten. Von Stunde an wurde ich daher viel behutsamer in meinen Bewegungen, wenn ich mich in dem Takelwerk herumtrieb. Kurz nachdem wir in See gestochen, ereignete sich ein Umstand, der mir ungemein viele Freude machte. Murphy, den sein Charakter veranlaßte, gegen Jeden den Eisenfresser zu spielen, den er meistern zu können glaubte, fing Streit an mit einem sehr ruhigen, anständigen Supernumerar-Midshipman, welcher an Bord gekommen war, um nach seinem eigenen Schiffe überzufahren, welches damals in der Bai von Biscaja lag. Der junge Mann, den dieses unschickliche Benehmen ärgerte, forderte Murphy zum Boxen heraus, was denn auch angenommen wurde. Da jedoch der Supernumerar zu dem Diner des Kapitäns eingeladen war, so machte er den Vorschlag, den Kampf nach Tische auszufechten, weil er an der Tafel des Kapitäns nicht mit einem blauen Auge erscheinen mochte. Murphy betrachtete dies für eine Ausflucht und fügte eine weitere Kränkung bei, indem er sagte, sein Gegner werde wohl Holländer-Muth bedürfen und überhaupt gar nicht boxen, wenn er nicht in der Kajüte genug Wein zu trinken bekomme. Der hochherzige Jüngling gab auf diese Unverschämtheit keine Antwort, sondern verfügte sich, sobald er angekleidet war, zum Diner. Nach dem Verlesen aber rief er Murphy in's Volkslogis und regalirte ihn mit einer so tüchtigen Tracht Schläge, als ihm wohl je in seinem Leben zu Theil geworden war. Der Kampf dauerte nur eine Viertelstunde; der junge Supernumerar entfaltete jedoch während desselben eine so wissenschaftliche Fausttaktik, daß die rohe Kraft seines Gegners daran ganz zu Schanden wurde, denn derselbe konnte ihm gar nicht auf den Leib kommen und war froh, als er wieder nach seiner Back abziehen durfte, wohin ihn das Zischen und Grunzen aller Midshipmen, mich natürlich nicht ausgeschlossen, verfolgte. Nach einem so klaren Beweise von den Vortheilen eines wissenschaftlichen Vertheidigungssystems entschloß ich mich, gleichfalls Unterricht im Boxen zu nehmen, und in der Schule des jungen Fremden machte ich bald so gute Fortschritte, daß ich recht wohl im Stande war, mit Murphy und seinem Anhange anzubinden. Unter den dienstlichen Verrichtungen, die mir oblagen, gab es eine, die mir besonders zuwider war – nämlich das Wachen bei Nacht. Ich liebte den Schlaf und konnte, sobald es zehn Uhr geschlagen hatte, meine Augen nimmer offen erhalten. Weder die Wassereimer, welche die Midshipmen unter der scherzhaften Bezeichnung »den Nordkaper tränken« reichlich über mich ausgossen, noch die Vorwürfe und Strafen des ersten Lieutenants waren im Stande, meine schlummernde Thatkraft anzufachen, wenn einmal die erste Hälfte meiner Wache vorüber war. Ich war einer der entschiedensten Morpheusverehrer, und hatte um der Huldigungen willen, die ich diesem süßen Gotte zollte, alle Arten von Märtyrerthum zu erdulden. Der erste Lieutenant nahm mich zur Wache, und gab sich alle Mühe, mir sowohl durch milde, als durch strenge Maßregeln meine üble Angewöhnung zu entleiden. Indeß wußte ich ihm stets zu entkommen, um mich in irgend einer Ecke zu verbergen, wo ich den Rest der Wache verschlief. Freilich wurde ich dann des andern Morgens nach dem Mastkorbe geschickt, um für meine in der Dunkelheit verübte Unthat den größten Theil des Tages über in röstender Sonnenhitze Buße zu thun. Ich glaube, daß ich in den ersten zwei Jahren meines Dienstes wohl die Hälfte meiner wachen Stunden in der Höhe verbrachte. Ich säumte jedoch nicht, mich mit Büchern zu versehen, und so war ich auch an meinem Strafplatze im Ganzen weit besser beschäftigt, als dies in meiner Back unten möglich gewesen wäre. Mr. Handstone war zwar äußerst strenge, aber doch ein Mann von Bildung, der sich sehr für die Kadeten seines Schiffes interessirte, und sich mit ihrem Unterrichte viele Mühe gab. Wenn er mir dann über die große Ungebührlichkeit meines Benehmens ernste Vorstellungen machte, lautete meine Antwort unabänderlich, ich fühle das so gut, als irgend Jemand, könne aber nicht anders, und so bleibe mir keine Wahl, als mich seiner Gnade anheimzugeben und die wohlverdiente Strafe geduldig hinzunehmen. Um mit mir über etwas zu sprechen, was mich seiner Ansicht nach interessiren oder unterhalten konnte, pflegte er mich oft auf die Luvseite des Deckes zu rufen, fragte mich, da ich leidlich in der Geschichte bekannt war, um meine Meinung und theilte mir dann die seinige mit vieler Tiefe und Umsicht mit; aber die Schwere meiner Augenlider war so unüberwindlich, daß ich gewöhnlich, mitten in einer langen Abhandlung, auf die Laufplankenleiter niederglitt und es ihm überließ, seine Rede an die Winde zu richten. Wenn etwas der Art vorfiel, wurde ich weit strenger bestraft, als bei jeder andern Gelegenheit, denn zu der Vernachlässigung meines Dienstes kam dann auch noch Respektswidrigkeit gegen seinen Rang und Mißachtung der Belehrung, die er mir zudachte. Wenn er dann gar erst durch das Kichern der Midshipmen oder des Quartiermeisters an der Kanone auf mein Verscheiden aufmerksam gemacht wurde, so steigerte sich natürlich sein Zorn nur um so mehr. Eines Abends zog ich mir seine völlige Ungnade zu, obgleich sich viel zu meinen Gunsten hätte sagen lassen. Er hatte mich Morgens um sieben Uhr nach dem Fockmastkorbe geschickt und, entweder absichtlich oder aus Vergeßlichkeit, den ganzen Tag dort gelassen. Als er das Deck verließ, um sein Diner einzunehmen, kam ich nach dem Mars herunter, machte mir in einem der Bramoberleesegel ein Bette zurecht, bat den Ausluger, mir zu rufen, ehe der Lieutenant voraussichtlich wieder aufs Deck komme, und schickte mich in aller Ruhe an, meiner Lieblingsgottheit das ehrerbietige Opfer zu bringen. Da jedoch der Ausluger den Lieutenant nicht heraufkommen sah, so schlief ich eben ruhig fort, bis mir Mr. Handstone die Ehre erwies, sich zu erinnern, wo er mich gelassen hatte. Er sah nach dem Fockmastkorbe hinauf und rief mich auf das Deck. Gleich Milton's Teufeln, die »schlafend gefunden wurden von einem, den sie fürchteten,« sprang ich auf und klomm an der Topsegelschleife nach meinem Strafplatze, meinend, oder vielmehr hoffend, er würde mich in der Dunkelheit des Abends vor dem Maste nicht sehen können; er hatte jedoch die Augen eines Luchses und nicht Takt genug, um nicht zu bemerken, was er eigentlich nicht hätte sehen sollen. Er rief den drei Topgasten zu, wo ich sei, und ihre Antwort lautete: »Im Mastkorbe.« »Was?« rief Mr. Handstone mit einem Fluche; »habe ich ihn nicht erst in diesem Augenblick an der Topsegelschleife emporklimmen sehen?« »Nein, Sir.« versetzten die Männer. »Er schläft im Mastkorbe.« »Herunter mit Euch, Ihr lügnerischen Schufte –« rief der erste Lieutenant. »Herunter mit Euch Allen! Ich will Euch die Wahrheit sprechen lehren!« Ich hatte in der Zwischenzeit ruhig meinen Posten wieder eingenommen und erhielt gleichfalls Befehl, hinunter zu kommen. So standen wir nun alle vier auf dem Halbdecke, um folgendes Verhör über uns ergehen zu lassen: »Nun, Bursche,« begann der erste Lieutenant gegen den Kapitän des Tops, wie kannst du dich unterstehen, mir zu sagen, dieser junge Gentleman sei im Mastkorb gewesen, während ich ihn doch selbst an der Topsegelschleife hinaufklettern sah?« Es that mir um die Männer leid, die sich um meinetwillen in Gefahr begeben hatten, und ich war eben im Begriffe, die Wahrheit zu bekennen und so das Gewitter auf mich abzuleiten, als der Mann zu meinem größten Erstaunen keck entgegnete: »Bei meiner Ehre, Sir, er war auf dem Mastkorbe.« »Ha, Eure Ehre!« rief der Lieutenant verächtlich und wandte sich dann an die andern Männer, welchen er dieselbe Frage vorlegte. Beide antworteten jedoch mit derselben Entschiedenheit in dem Sinne ihres Vorgängers, so daß ich wirklich zu glauben anfing, ich sei die ganze Zeit über im Mastkorbe gesessen und habe von meinem Ausfluge nach dem Mars nur geträumt. Endlich kehrte sich Mr. Handstone zu mir um und sprach: »Nun, ich frage jetzt Sie auf Ihr Ehrenwort als Gentleman und Offizier – wo sind Sie gewesen, als ich Ihnen zum erstenmale rief?« »Im Mastkorbe, Sir,« erwiederte ich. »So sei's d'rum,« versetzte er; »da Sie Ihr Wort als Offizier und Gentleman gegeben haben, so muß ich Ihnen glauben.« Dann wandte er mir den Rücken und entfernte sich in größerer Wuth, als ich je an ihm bemerkt hatte. Ich bemerkte deutlich, daß er mir nicht glaubte, und daß ich seine gute Meinung gänzlich verscherzt hatte. Wenn man übrigens den Fall vorurtheilsfrei und unparteiisch betrachtet, so wird man begreifen, daß ich nicht anders handeln konnte. Ich war viel zu lange nach dem Mastkorbe verbannt gewesen – so lange, daß man in der Zwischenzeit mit Postpferden von London nach Bath hätte kommen können – war außerdem um alle meine Mahlzeiten gekommen, und nun sollten auch noch diese armen Bursche wegen der kecken Lüge, die sie in meinem Interesse gesprochen hatten, an der Laufplanke gepeitscht werden! – denn dieses wäre zuverlässig geschehen, wenn ich sie nicht unterstützt hätte. Außerdem würde ich auch noch die Zuneigung sämmtlicher Matrosen an Bord verscherzt haben – eine verfängliche Lage, die mir die Wahl nicht lange schwer machte: ich sah mich als Mann von Ehre genöthigt , eine Lüge zu sagen, um den armen Teufeln eine grausame Züchtigung zu ersparen. Ich fühle, daß dies ein Fall ist, der eigentlich einer Synode vorgelegt werden müßte, denn obgleich ich nicht anmaßend genug bin, um mir die Festigkeit eines Märtyrers zuzutrauen, so würde ich doch keinen Augenblick Anstand genommen haben, die Wahrheit zu gestehen, wenn die Folgen blos mich allein betroffen hätten. Dagegen verdiente der Lieutenant zwiefachen Tadel, einmal wegen allzugroßer Strenge, und dann wegen der rigorosen Untersuchung einer Sache, die gar nicht der Mühe werth war. Demungeachtet sagte mir mein Gewissen, daß ich Unrecht gethan hatte, und sobald sich der Zorn des Lieutenants so weit gemildert hatte, daß ich hoffen durfte, die Strafe bleibe den Männern vom Top erspart, nahm ich der ersten Gelegenheit wahr, ihm die Beweggründe meines Benehmens namhaft zu machen und ihm meine damalige peinliche Lage vorzustellen. Er hörte jedoch nur mit Kälte auf meine Entschuldigungen, und von Stunde an wurden wir nie wieder Freunde. Unser Kapitän, ein wackerer Seemann, war bemüht, die feindlichen Posten an der Küste von Frankreich zu zerstören. Bei einer von unserer Bootsexpeditionen, in welche ich mich einschmuggelte, gingen wir an's Land, nahmen eine feindliche Batterie und vernagelten das Geschütz. Die Franzosen nahmen aus Leibeskräften Reißaus, worauf wir die Hütten einiger armen Fischer plünderten. Auch ich machte mit, traf aber, statt Beute zu finden, auf eine tüchtige Züchtigung. Ein großer Engelfisch lag da, in dessen offenes Maul ich meinen Zeigefinger steckte, um ihn mit fort zu nehmen; das Thier war jedoch nicht todt, sondern schnappte zu und durchbiß mir meinen Finger bis auf den Knochen. Dies war das einzige Blut, welches bei dieser Gelegenheit vergossen wurde. Obgleich ich auch mich selbst nicht freisprechen konnte, that es mir doch leid, sehen zu müssen, wie sehr die Plünderungssucht unter uns vorherrschend war. Die Matrosen nahmen sogar Dinge mit, die sie durchaus zu nichts brauchen konnten, und wenn sie dieselben eine Strecke weit mitgeschleppt hatten, warfen sie ihre erste Beute weg, um nach einer andern, eben so nutzlosen zu greifen. Ich habe seitdem oft darüber nachgedacht, mit wie großem Recht ich für meinen Fehler gezüchtigt wurde, und wie unnöthigerweise man gerne die Schrecken des Krieges, harmlosen und unglücklichen Mitmenschen gegenüber, erhöht. Unser nächster Versuch hatte einen ernstlichen Charakter und brachte noch größeres Elend auf die gewöhnlichen Opfer des Kriegs, die unschuldigen Gewerbetreibenden, während die Anstifter ruhig und wohlbewahrt in ihren Daunenbetten schlafen. Fünftes Kapitel. Mein Leben ist bereits gemessen; Folgt mir, wie gute Engel, hin zum Tode. Heinrich VIII. Ganz leise faßt, wie Fieber, uns Gefahr, Selbst wenn wir müssig in der Sonne sitzen. Troilus u. Cressida. Seit der unglücklichen Angelegenheit auf dem Mastkorbe war es mir nie wieder gelungen, das Vertrauen und die Achtung des ersten Lieutenants zu erringen. Er war allerdings ein vortrefflicher Offizier, nur allzugenau, und konnte namentlich nie ein Benehmen vergessen, das er für einen Ehrenwortbruch hielt. Deßhalb konnte ich mich auch leicht in die Trennung finden, die sich sehr bald nachher zutrug. In der Bai von Arkasson machten wir auf ein Schiff Jagd, das, nach Franzosenbrauch, unter einer Batterie Schutz suchte, und der Kapitän war entschlossen, englischer Gewohnheit zu Folge, die Prise herauszuholen. Zu diesem Zwecke wurden die Boote bemannt, bewaffnet und Alles zum Angriff für den nächsten Morgen vorbereitet. Der erste Lieutenant erhielt das Kommando und begab sich, hoch erfreut über diesen Auftrag, der ihm Gelegenheit gab, am andern Tage Ehre und Gewinn zu erholen, nach seinem Lager. Seine Bravour und Besonnenheit im Kampf war zum Sprüchwort geworden, so daß ihm die Matrosen mit einer Zuversicht folgten, als ginge es zu einem gewissen Siege. Ob in selbiger Nacht ominöse Träume seine Ruhe störten oder Betrachtungen über die Schwierigkeit und Gefahr des ihm bevorstehenden Dienstes eine ernste Stimmung zur Folge hatten, weiß ich nicht zu sagen – jedenfalls erschien uns Allen das Benehmen des ersten Lieutenant merkwürdig verändert. Keine Spur von seinem sonstigen Feuer – er ging mit langsamem und gemessenem Schritte auf dem Decke hin und her, augenscheinlich in tiefe Gedanken versunken; dabei war er – ganz gegen seine Gewohnheit – stumm, schwermüthig, zerstreut und achtlos gegen die Anforderungen des Schiffsdienstes. Die für die Expedition bestimmten Boote waren bemannt und die Offiziere auf ihre Posten eingerückt. Man hielt die Ruder in Bereitschaft, die Augen der jungen Krieger strahlten vor Kampflust, und wir warteten nur noch auf Mr. Handstone, der in tiefe Gedanken versunken auf dem Decke hin- und herging. Endlich wurde er durch den Kapitän aus seinen Träumereien geweckt, der ihn mit ungewöhnlich lauter Stimme fragte, ob er das Kommando der Expedition zu übernehmen gedenke. »Zuverlässig,« lautete seine Antwort, worauf er mit festen, kräftigen Schritten über die Schanze ging und in sein Boot stieg. Ich folgte ihm und nahm an seiner Seite Platz; er blickte mich mit vorbedeutungsvoller Gleichgültigkeit an, denn wenn er in seiner gewöhnlichen Stimmung gewesen wäre, würde er mich ohne Zweifel nach einem andern Boote kommandirt haben. Wir mußten ziemlich weit rudern, bis wir den Gegenstand unseres beabsichtigten Angriffs erreichten, da derselbe, zu unserem Empfange gut vorbereitet, dicht am Ufer vor Anker lag. Die erste Begrüßung, welche uns zu Theil wurde, bestand aus einer vollen Kartätschenladung, welche übrigens auf unsere Mannschaft nur die Wirkung hervorbrachte, die der Sporn auf ein feuriges Roß übt. Wir ruderten an die Seite des feindlichen Schiffes und begannen so gut wie möglich daran empor zu klettern. In einem Nu hatte Mr. Handstone seine ganze frühere Thatkraft wieder gewonnen; er ermunterte seine Leute und erklomm mit dem Degen in der Faust die Schiffsseite, während unsere Mannschaft zu gleicher Zeit eine Musketensalve gab und ihrem unerschrockenen Führer folgte. Unser Boot hatte sich zuerst dem Feinde genähert; von seinen vierundzwanzig Mann waren bereits eilf getödtet oder kampfunfähig gemacht. Ohne jedoch hierauf Rücksicht zu nehmen, eilte der Lieutenant hinan. Ich folgte ihm auf der Ferse. Er sprang von der Brüstung auf das Deck; aber ehe ich mein Seitengewehr zu seiner Verteidigung ziehen konnte, stürzte er gegen mich zurück, riß mich in seinem Falle mit zu Boden und war verschieden. Dreizehn Musketenkugeln hatten ihm Brust und Magen durchbohrt. Ich hatte keine Zeit, den Leichnam von mir abzuwälzen, denn im Nu war ich niedergetreten und fast erstickt von meinen Kameraden, welche in ihrem Eifer, unsern Fall zu rächen und sich die Prise zu sichern, mit furchtloser Tapferkeit vorwärts stürmten. Man hielt mich für todt und behandelte mich auch demgemäß, denn man betrachtete meinen armen Leichnam nur als eine Treppe nach der Laufplanke, deren Leiter weggenommen war. Da lag ich, ohnmächtig von dem Druck und fast erstickt von dem Blute meines tapfern Führers, auf dessen Brust mein Gesicht ruhte, während meine Hände über meinem Hinterhaupte gekreuzt waren, um dasselbe wo möglich gegen die Fersen meiner Freunde und die Säbel der Feinde zu schützen. Auch konnte ich mich, so lange mein Denkvermögen noch andauerte, der Betrachtung nicht erwehren, ich liege ebenso gut hier, als anderswo, und ein Wechsel meiner Lage dürfte leicht noch schlimmer ausfallen. Der Kampf währte etwa acht Minuten, obgleich mir in den unbehaglichen Umständen, in welchen ich mich befand, diese Zeit wie eine halbe Ewigkeit vorkam. Ehe sie noch abgelaufen, war ich, wie gesagt, ohnmächtig geworden, und als ich wieder zur Besinnung kam, lag das Schiff außer Schußweite der Batterie vor Anker. Sobald das Gemetzel vorüber war, schickte man sich alsbald an, die Todten und Verwundeten zu untersuchen. Ich wurde unter die ersteren gerechnet und neben Handstone wie auch neben einigen andern Leichen zwischen die Kanonen gelegt. Eine frische Brise, die durch die Stückpforten blies, belebte mich wieder ein wenig, obgleich ich in meinem Schwächezustande weder die Kraft noch die Neigung hatte, mich zu bewegen. Mein Gehirn war wirre – ich konnte mich nicht erinnern, was vorgegangen war, und lag in einer Art von Betäubung da, bis die Prise neben unserer Fregatte anlangte und ich durch den Siegesjubel derjenigen, welche am Bord geblieben waren, geweckt wurde. Jetzt ward ein Boot ausgesetzt, um den Wundarzt und dessen Gehilfen auf das genommene Schiff zu schaffen, damit sie die Todten besichtigen und den Verwundeten Beistand leisteten. Murphy brachte sie heran. Er war nicht bei der Partie der Enterer gewesen, und als er meines leblosen Körpers ansichtig wurde, gab er demselben einen leichten Fußtritt, dazu sprechend: »Da liegt auch ein Schnapphahn, der ausgekräht hat! Schade, daß der Galgen so um sein Eigenthum betrogen werden mußte!« Die Stimme dieses verhaßten Kerls würde hingereicht haben, mich aus dem Grabe zu wecken, falls mich Freund Hain bereits seiner Rekrutenliste hätte einverleibt gehabt. Ich rief daher mit mattem Tone: »Du bist ein Lügner!« was, ungeachtet der schauerlichen Umgebung, ein allgemeines Gelächter auf seine Kosten veranlaßte. Ich wurde nach dem Schiff gebracht, zu Bette geschafft und reichlich mit Aderlaß behandelt, wodurch ich bald in die Lage kam, die Einzelnheiten meines Abenteuers zu berichten; indeß blieb ich noch geraume Zeit gefährlich krank. Murphy's Monolog über meiner vermeintlichen Leiche und meine lakonische Antwort erregte auf dem Schiffe viele Heiterkeit. Die Midshipmen ärgerten ihn damit, daß sie behaupteten, er habe mir das Leben gerettet, denn nur seine verhaßte Stimme sei im Stande gewesen, mich aus dem Todesschlafe zu wecken. Das Schicksal des ersten Lieutenants wurde von uns Allen nach Gebühr beklagt, obgleich ich nicht in Abrede ziehen will, daß ich mich recht ergebungsvoll in den Willen der Vorsehung fand – ebenso, wie bei einer früheren Gelegenheit, als es ihr gefiel, mir die Zeugen meiner Schwäche für immer aus dem Wege zu räumen; denn da ich sah, wie unmöglich es war, mir seine gute Meinung wieder zu gewinnen, so dünkte es mir nicht beklagenswerth, daß unsere gegenseitigen Beziehungen aufgelöst waren. Augenscheinlich hatte er eine Vorahnung von seinem Tode gehabt, und obgleich ich oft von ähnlichen Beispielen hörte, so hatte ich doch nie zuvor mir einen derartigen Fall so deutlich vorstellen können. Die Prise hieß L'Aimable Julie und war mit Kaffee, Baumwolle und Indigo beladen; sie hatte vierzehn Kanonen und führte bei dem Beginne des Kampfes siebenundvierzig Mann, von denen acht gefallen und sechszehn verwundet waren. Die Zeit unserer Rückkehr in den Hafen fiel so ziemlich mit dem ebenerwähnten Glückswurfe zusammen, und wir segelten sofort nach Spithead, wo unser Kapitän von dem Admiral herzlich bewillkommnet wurde. Nachdem die »Fleischersrechnung« – das heißt, die Liste der Getödteten und Verwundeten – nebst einem Rapport über unsere Beschädigungen übergeben war, erging die betreffende Meldung an die Admiralität, welche uns mit umgehender Post Befehl ertheilte, uns für weiteren auswärtigen Dienst zu rüsten. Obgleich übrigens Niemand am Bord, nicht einmal der Kapitän, den Strich, für den wir bestimmt waren, kannte, so theilten uns doch die Mädchen von Spithead mit, daß es nach dem mittelländischen Meere gehe, was sich auch später als richtig erwies. Man hatte uns zu unserer notdürftigen Ausrüstung nur zwei Tage Zeit gelassen, während welcher Frist ich an meine Eltern schrieb. Die Antwort darauf war das Gewünschte – nämlich ein hübscher Wechsel, für den ich noch gebührendermaßen in ein paar Zeilen meinen Dank abstattete, als wir bereits die Anker lichteten. Wir fuhren aus und langten bald, ohne irgend eine Zufälligkeit zu befahren, vor Gibraltar an, wo wir einen Generalbefehl für jedes englische Schiff, das in diese Gegend kommen sollte, vorfanden, vermöge deß uns Auftrag ertheilt wurde, uns bei Malta dem Admiral anzuschließen. In ein paar Stunden hatten wir den nöthigen Mund- und Wasservorrath eingenommen; doch that's uns nicht so eilig, Malta zu erreichen, als Gibraltar zu verlassen, da wir uns gerne an die spanische Küste hielten – in der Hoffnung, etwas aufzufinden, was uns zu la Valette einen ebenso herzlichen Willkomm bereiten könnte, als der gewesen war, der uns bei unserer letzten Rückkehr nach Portsmouth zu Theil wurde. Früh am Morgen des zweiten Tages nach unserer Abreise kamen wir in die Nähe des Kaps von Gaete, und mit dem Grauen des Tages entdeckten wir in der Richtung des Windes vier Segel, die dicht unter der Küste lagen. Der Wind war leicht, weßhalb wir alle unsere Leinwand ausbreiteten, um auf die Schiffe Jagd zu machen. Es währte viele Stunden, bis wir denselben an Fahrt einigen Vortheil abgewannen, und gegen Abend trat Windstille ein. Jetzt erhielten die Boote Befehl zum Nachsetzen; sie stießen in verschiedenen Richtungen ab, oder um mich des französischen Ausdruckes zu bedienen, deployirten, um desto besser mit den Fahrzeugen des flüchtigen Gegners zusammenzutreffen. Ich befand mich mit dem Schiffsmeister in dem Gig, und da dieses der beste Läufer unter unseren Booten war, so stießen wir bald mit einer der Felucken zusammen. Wir gaben ihr eine Musketensalve, konnten sie aber, da eine leichte Brise wehte, nicht zum Beilegen bringen. Jetzt nahmen wir den Steuermann auf's Korn und trafen ihn auch richtig; er aber schob das Ruder nur aus der rechten Hand in seine linke und fuhr in seinem Kurse fort. Demungeachtet aber unterhielten wir unser Feuer auf diesen unerschrockenen Burschen, obschon mir das Ganze wie ein eigentlicher Mord vorkam, da er keinen Widerstand leistete, sondern unablässig zu steuern fortfuhr. Endlich gelangten wir unter den Stern der Felucke und schlugen unsere Bootshaken ein. Die Spanier machten sich jedoch wieder los und wir blieben zurück, weil unsere Ruder bereits eingelegt waren. Da jedoch mit Einem Male der Wind völlig aufhörte, so wurde es uns möglich, das feindliche Fahrzeug wieder einzuholen und davon Besitz zu nehmen. Der arme Steuermann saß noch immer, aus vielen Wunden blutend, auf seinem Posten. Wir boten ihm allen Beistand an und fragten ihn, warum er sich nicht schon früher ergeben hätte, erhielten aber nur die Antwort, daß er ein alter Castilianer sei. Ob er meinte, eine frühere Unterwerfung würde ihn beschimpft haben, oder ob er früheren Erfahrungen zufolge der Ansicht war, man müsse bis auf den letzten Augenblick hoffen, weiß ich nicht zu sagen. Soviel ist übrigens gewiß, daß sich nie ein Mann wackerer benommen hat, und ich würde gerne meine ganze Habe geopfert haben, wenn dadurch die Wunden des geduldigen und furchtlosen Alten geheilt worden wären, der keinen Klagelaut äußerte, sondern sich mit einer Seelengröße, die sogar einem Sokrates Ehre gemacht hätte, in sein Schicksal ergab. Sein Körper war von vier Musketenkugeln durchbohrt, und er überlebte seine Gefangennehmung nur wenige Stunden. Zu unserer Ueberraschung fanden wir, daß dieses Fahrzeug, wie auch die drei andern, von denen unsere Boote noch eines genommen hatten, von Lima kam. Sie waren nur mit einem einzigen Maste versehen, führten etwa dreißig Tonnen Last an Kupfer, Häuten, Wachs und Cochenille, hatten zwölf Mann an Bord und befanden sich etwa fünf Monate auf dem Wege. Ihr Bestimmungsort war Valencia, von dem sie nur noch eine Tagfahrt entfernt waren, als sie von uns aufgegriffen wurden. So ist das Geschick des Krieges! Jener tapfere Steuermann würde nach einer Reise voll unglaublicher Mühen und Beschwerden in wenigen Stunden seine Familie umarmt und sie mit dem Erwerbe seines ehrlichen Fleißes und einer glücklich durchgeführten Unternehmung erfreut haben; diese Hoffnung sollte aber in einem Nu vernichtet werden durch unser gesetzliches Mord- und Raubsystem. An dem Prisengeld, das in unsere Taschen kam, klebten die Thränen, wo nicht gar die Flüche und Verwünschungen von Wittwen und Waisen! In Folge einer Kunde, welche der Kapitän von einer der Prisen erhielt, mußten wir nach den balearischen Inseln steuern. Wir segelten auf Ivika zu und daran vorbei, um in die Palmenbai an der Insel Macorka einzulaufen, fanden aber zu unserem großen Verdrusse nichts, weßhalb wir unsern Kurs um das Eiland fortsetzten. Hier trug sich ein Vorfall zu, der so sonderbar war, daß man ihn kaum glauben kann; indeß ist die Thatsache genügend verbürgt, da außer mir noch viele andere Zeugen zugegen waren. Die See war ruhig und der Tag merkwürdig schön. Wir standen ungefähr vierundfünfzig Meilen von der Küste ab, als der Kapitän, der die Schußweite seiner Hauptdeckkanonen, die aus Achtzehnpfündern bestanden, probiren wollte, weßhalb er dem Geschützmeister befahl, eine derselben zu richten und gegen das Land abzufeuern. Der Geschützmeister fragte, ob er irgend einen Gegenstand zum Ziele nehmen solle. Wir bemerkten auf dem weißen, sandigen Gestade einen Menschen, und weil nicht die geringste Wahrscheinlichkeit vorhanden war, daß man ihn treffen könnte (denn er sah mir wie ein Punkt aus), so gab der Kapitän Befehl dorthin zu feuern. Der Geschützmeister gehorchte und der Mann fiel. In demselben Augenblicke sahen wir eine Heerde Stiere aus den Wäldern herunterkommen, weßhalb man einige Boote mit Mannschaft ausschickte, die einige Stücke davon für den Schiffsbedarf schießen sollten. Als wir landeten, fanden wir, daß die Kugel den armen Mann mitten entzwei gerissen hatte. Der Umstand wurde um so verdrießlicher, da der Getödtete augenscheinlich den besseren Ständen angehörte. Er war gut gekleidet, trug schwarze Beinkleider mit seidenen Strümpfen und hatte eben in Ovid's Metamorphosen gelesen. Ich nahm ihm das Buch aus den erstarrten Händen. Wir hatten schon oft von den wunderbaren Kräften gehört, die man Zufallsschüssen zuschreibt, hätten aber nie geglaubt, daß diese teuflische Kugel so weit reichen oder ein solches Unheil anrichten würde. Wir begruben die Ueberreste des Unglücklichen in den Sand, nahmen dann zwei oder drei Stücke von der Heerde auf's Korn, schoßen sie, zerlegten sie in Viertel, beluden unsere Boote damit und kehrten an Bord zurück. Außer dem Buche hatte ich dem Getödteten das Miniaturporträt eines schönen Frauenzimmers, das ihm um den Hals hing, abgenommen, deßgleichen auch eine Busennadel, was ich sammt und sonders dem Kapitän einhändigte, welchem ich über das Vorgefallene Bericht erstattete. Er gab mir die Gegenstände wieder zurück und forderte mich auf, ich solle sie behalten, bis ich einen von den Verwandten des Hingeschiedenen träfe. Ueberhaupt war er über den ganzen Vorgang so sehr betrübt, daß er desselben nie wieder erwähnte, und im Laufe der Zeit kam er bei ihm und fast bei Allen in Vergessenheit. Die Hinterlassenschaft des Unglücklichen blieb viele Jahre in meinem Besitze, ohne daß ich ihrer weiter gedachte. Zwei Tage nachher trafen wir auf ein Schiff von verdächtigem Aussehen, und da eben Windstille herrschte, mußten die Boote Jagd machen. Als man sich demselben näherte, entdeckte man eine Schebecke unter französischer Flagge, die jedoch bald gestrichen wurde, ohne daß andere Farben aufgezogen worden wären. Sobald wir uns in Rufweite derselben befanden, wurde uns die Drohung entgegengeschickt, daß man Feuer auf uns geben würde, wenn wir näher kämen oder entern wollten. Dieß war jedoch nicht die Art und Weise, um einen britischen Offizier, namentlich aber so rüstige Kämpfer, wie die unsrigen waren, abzuschrecken. Wir ruderten daher darauf zu und nun erfolgte ein verzweifelter Kampf, da die Streitkräfte von beiden Theilen ziemlich gleich waren, der Feind aber noch den Vortheil des eichenen Deckes und der Brüstungen hatte. Demungeachtet gelangten wir aber an Bord und bemächtigten uns des Schiffes mit einem Verlust von sechszehn Mann, während der Gegner sechsundzwanzig Todte und Verwundete zählte. Zu unserem großen Leidwesen mußten wir aber jetzt entdecken, daß wir außer unserem eigenen auch das Blut unserer Freunde vergossen hatten. Die Schebecke war ein Kaper aus Gibraltar, der uns für Franzosen gehalten hatte, weil die Ruderklampen unserer Boote nach französischer Manier angefertigt waren, während wir aus den Farben und der Sprache, in welcher wir angeredet wurden, einen gleichen Schluß zogen. Wir zählten bei diesem Gefechte drei Offiziere und einige unserer besten Leute unter die Todten oder Verwundeten. Die Mannschaft des Kapers bestand aus einem Gemische von allen Nationen, hauptsächlich aber aus Griechen; obgleich er übrigens Ostentations halber mit einer Vollmacht des Gouverneurs versehen war, so unterlag es doch keinem Zweifel, daß er es mit den Flaggen der Schiffe, die ihm begegneten, nicht sonderlich genau nahm, falls sie ihm nicht zu stark waren. Nach diesem unglücklichen Irrthum setzten wir unsere Fahrt nach Malta fort, und der Kapitän sah einer strengen Rüge von Seite des Admirals entgegen, weil er in seiner Uebereiltheit die Boote abgeschickt hatte, um ein Schiff anzugreifen, dessen Stärke ihm nicht bekannt war. Zum Glück war jedoch der Admiral eben nicht anwesend, und ehe wir ihn trafen, war die Anzahl unserer Prisen als hinreichend erfunden worden, um in seinen Augen der Sünden Menge zu decken, weßhalb denn auch nachher die Sache nicht weiter zur Sprache kam. Während wir im Hafen von Malta waren, fiel mein Feind Murphy eines Abends, nachdem die Boote schon hereingehißt waren, über Bord. Da er nicht schwimmen konnte, so würde er ohne Zweifel ertrunken sein, wenn ich ihm nicht nachgesprungen und ihn so lange emporgehalten hätte, bis ein Boot zu unserem Beistande niedergelassen wurde. Die Offiziere und Geschützmannschaft schlugen diese That weit höher an, als sie es in Wirklichkeit verdiente. Sie meinten, es sei schon vornweg eine edle That, wenn man unter solchen Umständen was immer für einer Person das Leben rette; aber die Gefährdung der eigenen Person um eines Menschen willen, der seit meinem Eintritte auf das Schiff mein bitterster Feind gewesen, überschreite alle Erwartung und sei ohne Frage die edelste Rache, die ich habe nehmen können. Sie waren jedoch im Irrthum – sie kannten mich nicht. Nur meine Eitelkeit und der Wunsch, meinen Feind unter der unerträglichen Last einer derartigen Verbindlichkeit zu erdrücken, hatten mich veranlaßt, ihm nachzustürzen. Als ich von der Laufplanke aus zusah, wie er um sein Leben kämpfte, fühlte ich noch außerdem, daß ich all der Rache verlustig gehen würde, die ich ihm längst vorbehalten hatte – mit einem Worte, ich konnte ihn noch nicht entbehren und rettete ihn nur, wie etwa die Katze der Maus schont, um ihn zu quälen. Murphy erkannte seine tiefe Verpflichtung gegen mich an und gestand, daß die Schrecken des Todes ihn bereits erfaßt hätten; da er jedoch schon nach wenigen Tagen Alles, was ich für ihn gethan, vergessen hatte, so drückte er in den Augen der ganzen Schiffsmannschaft seiner Schmach die Krone auf und hob meinen Charakter zum Nachtheile seines eigenen. Bei einem ganz geringfügigen Anlaß schleuderte er mir, als ich durch das Volkslogis ging, einen Becken voll schmutzigen Wassers in's Gesicht, was mir eine so schöne Gelegenheit verschaffte, meiner Lieblingsleidenschaft Raum zu geben. Ich hätte längst gerne mit ihm angebunden, da er aber während unserer ganzen Fahrt von Gibraltar nach Malta krank gewesen war, so ließ es schon mein Stolz nicht zu, angreifend gegen ihn zu verfahren. Jetzt hatte er sich wieder erholt und befand sich im vollem Besitze seiner früheren Kraft, weßhalb ich ihn mit dem ersten Schlage überraschte. Es folgte nun ein Kampf, in welchem ich meine angelernten Fertigkeiten im Vereine mit meiner persönlichen Stärke zur Anwendung brachte, und natürlich wurde der Nachdruck meiner Hiebe durch die Erinnerung an die erlittenen Unbillen noch gesteigert. Ich muß ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß er sich auf's Ernstlichste anstrengte – es stand aber auch bei ihm Alles auf dem Spiele; denn wenn ich geschlagen wurde, blieb ich nur, was ich zuvor gewesen, während sich's bei ihm ganz anders verhielt. Ein gefallener Tyrann hat keine Freunde. Die erfolgreichen Streiche, die ich nach seinem Gesichte führte, reizten ihn bis zum Wahnsinn und brachten ihn ganz außer Fassung, während ich völlig ruhig blieb. Er boxte mit wilder Leidenschaft, aber ich fing alle seine Streiche auf und gab sie ihm mit Wucher zurück. In dreiundvierzig Gängen hielt er Stand, dann aber ergab er sich: seine Augen waren ganz zerbläut, und sein Gesicht so aufgeschwollen und blutrünstig, daß ihn nicht einmal seine Freunde mehr erkannten, wenn er welche hatte. Ich hatte kaum eine Spur von Beschädigung erlitten. Die meisten unserer Midshipmen befanden sich auf den Prisen und nur die zwei Aeltesten unserer Back, ein alter Schiffsmeistermate, der seine Beförderungsperiode bereits überlebt hatte, und der Chirurgengehülfe, der mir bei Gelegenheit meiner früheren Züchtigung den Puls fühlte, waren während des Kampfes als Murphy's Sekundanten zugegen. So oft ich eine Schlacht gewonnen hatte, pflegte ich die daraus erfolgten Vortheile zu verfolgen. Ein Siegesjubel erscholl in der Back – die jüngeren stimmten in meinen Triumphgesang ein und erregten dadurch bei dem Kleeblatt argen Anstoß. Der junge Aeskulap, ein blaßgesichtiger, ungesund aussehender, pockennarbiger, einfältiger Mensch, vermaß sich zu sagen, wenn ich auch Murphy überwunden habe, so solle ich ja nicht glauben, daß ich in der Back den Meister spielen dürfe. Ich antwortete ihm nur damit, daß ich ihm zum Zeichen der Herausforderung einen Zwiebacklaib an den Kopf warf. Dann schoß ich, ehe er sich noch unter dem Tisch hervorarbeiten konnte, herzu, steckte meine Finger in seine Halsbinde und drehte sie so fest zu, daß er beinahe erstickte, indem ich zu gleicher Zeit seinen Kopf etliche Male gegen die Schiffswand stieß. Als ich fand, daß er im Gesicht ganz schwarz wurde, ließ ich ihn mit der Frage los, ob er noch weiter Satisfaktion verlange; er antwortete mit Nein und erwies sich von Stund an gegen mich sehr ergeben und unterthänig. Der bejahrte Mate, ein stämmiger Kauffahrer-Matrose, schien sich über die Niederlage seiner Verbündeten höchlich zu entsetzen, und hätte, wie ich glaube, wohl gerne einen Separatfrieden geschlossen. Er that nicht ein einziges Mal dergleichen, als ob er dem Doktor Beistand leisten wolle, trotzdem dieser ihn mit den kläglichsten Geberden darum anflehte. Dieß machte mir im Innern viel Vergnügen, und ich würde um so lieber einen Strauß mit ihm angefangen haben, je mehr ich seine Abneigung dagegen bemerkte. Ich hatte mir jedoch vorgenommen, das Haupt meiner Tischgenossenschaft zu werden. In selbiger Nacht wurde ich um zwölf Uhr von der ersten Wache abgelöst, und als ich herunter kam, fand ich den alten Maten in einem Zustande viehischer Betrunkenheit. Er schleppte sich nach seiner Hängematte und schlief ein. Während er so da lag, nahm ich ein Stück Höllenstein, feuchtete es an, zog Linien und Figuren in sein verwittertes Gesicht und vermehrte seine natürliche Häßlichkeit in einem so abschreckenden Grade, daß er wie ein neuseeländischer Krieger aussah. Am andern Morgen, als er seine Toilette machen wollte, hatte sich meine Partie bereits versammelt, um die nun folgende Scene mit anzusehen. Er öffnete seinen schmutzigen, kleinen Koffer, zog ein altes Rasiermesser ab, machte in einer hölzernen Seifenschale, die gleichfalls sehr antik aussah, Schaum an, lehnte ein dreieckiges Spiegelfragment gegen den offenen Kofferdeckel und begann die Operation des Bartscheerens. Aber nun das entsetzte Zurückfahren, als er sein Gesicht erblickte – nein, ich werde es nimmer vergessen! Wahrhaftig, es machte die Mimik des Roscius zu Schanden, wenn derselbe des Geistes von Hamlet's Vater ansichtig wird. Der alte Mate netzte seinen Zeigefinger mit der Zunge an und versuchte die Spuren des Aetzmittels zu vertilgen, aber die »verdammten Flecken« wollten nicht weichen, und wir umtanzten ihn, wie eben so viele junge Kobolde, mit brüllendem Gelächter. Ich erklärte ihm keck, daß er jetzt meine Denkzeichen eben so gut trage, als Murphy und der Doktor, und fügte mit einem grausamen Hohne, der eigentlich hätte unterbleiben können, bei, es habe mir passend geschienen, heute alle meine Diener in Schwarz zu kleiden. Ich fragte ihn noch ferner, ob er sich mit dieser Maßregel zufrieden gebe, oder ob er gegen meine Entscheidung appelliren wolle, worauf er erwiederte, daß er nichts mehr zu sagen habe. So bändigte ich in 24 Stunden die große Allianz, die mich geraume Zeit so schwer bedrückt hatte, und bewirkte dadurch eine entschiedene Revolution. Der Doktor wurde sofort des Dienstes eines Proviantmeisters überhoben und ich übernahm selbst diese Stelle, die ich mit unparteiischer Gerechtigkeit verwaltete. Die älteren mußten mir jetzt so gut, wie die jüngeren, ihre Menage bezahlen, was bisher nicht sehr regelmäßig gehandhabt worden, und alle Bequemlichkeiten, welche sich früher die Senioren ausschließlich angemaßt hatten, wurden jetzt gleichförmig vertheilt. In dieser Weise stellte ich, wie ich mir schmeichelte, einigermaßen das goldene Zeitalter einer Midshipmens-Back wieder her. Es gab keine Kämpfe mehr, da sich Niemand an mich wagte und Nichts mehr da war, was man mit der Faust hätte erringen müssen; auch machte ich von meiner Kraft nie einen weiteren Gebrauch, als zum Schutze der jüngern. Damit bewies ich, daß ich nicht streitsüchtig war, sondern nur um meine Emancipation kämpfte. Sobald diese errungen war, gab ich mich zufrieden. Mein Benehmen kam auch zu den Ohren des Kapitäns und der Offiziere, und da es nach allen Seiten beleuchtet wurde, so kam mir gedachte Meldung sehr zu statten. Man erwies mir jetzt Achtung und behandelte mich mit Merkmalen des Vertrauens, wie sie gewöhnlich nicht an so junge Personen verschwendet werden. Wir verließen Malta in der Hoffnung, unsern Oberbefehlshaber in der Höhe von Toulon zu finden; indeß trifft sich's selten, daß ein Fregatten-Kapitän pressirt, wenn es gilt, seinem Admiral sich anzuschließen, es müßte denn sein, daß er wichtige Depeschen zu besorgen hätte. Da letzteres bei uns nicht der Fall war, ließen wir uns von einem starken Levanter im mittelländischen Meere hinunter treiben, und dann mußten wir uns wieder an der spanischen und französischen Küste zurückarbeiten, 's muß ein schlimmer Wind sein, der Niemand was Gutes zuweht, und wir fanden es auch an uns bewährt, denn wenn wir vor Toulon mit der Flotte Prisen machten, so waren diese nicht sonderlich anzuschlagen, da sie in gar viele Theile gingen. Unser Kapitän war in Kriegslisten geübter, als irgend einer, den ich je gesehen oder von dem ich gehört habe, und hatte zwei gute Gründe, um seine Prisen nach Gibraltar zu schicken – denn einmal hielt er es für wahrscheinlich, daß wir dahin gesendet würden, um unsere Mannschaft vollzählig zu machen, und so den Vortheil eines Kreuzzugs aus dem Rückwege hätten, und dann kannte er nur zu gut die bestechliche Praxis des Admiralitätshofs zu Malta. Die Fahrzeuge, welche wir bisher gekapert hatten, wurden daher sammt und sonders zur Abschätzung nach Gibraltar geschickt, und wir boten nun Allem auf, ihre Anzahl zu vergrößern. Wir hatten das Glück, ein großes, mit spanischer Soda beladenes Schiff und eine Brigg, deren Cargo aus Tabak und Wein bestand, zu nehmen. Mit der Escorte des letztern wurde ich beehrt, und kein Premierminister hat wohl je bei einem schwer verantwortlichen Posten so heillose Untergebene gehabt. Die Mannschaft der Fregatte war durch ihre früheren Prisengefechte und durch den unglücklichen Kampf mit dem Malteser-Kaper so gemindert worden, daß man mir nur drei Leute geben konnte. Mein erstes Kommando entzückte mich jedoch dermaßen, daß ich mich, glaube ich, glücklich geschätzt haben würde, wenn man mir nur einen Hund und ein Schwein mitgegeben hätte. Das Fregattenboot brachte uns an Bord. Der Wind blies steif aus Osten und ich hob alsbald das Steuer auf, meinen Kurs nach dem alten Felsen richtend. Die Brise verstärkte sich bald zu einer Kühlte, vor der wir herliefen; doch fanden wir es bald nöthig, die Oberbramsegel einzuziehen. Wir kamen allmählig damit zu Stande. Wir hielten es dann für räthlich, die Marssegel zu reffen, fanden dieß aber unmöglich, weßhalb wir es mit einem spanischen Reff versuchten – d. h. wir ließen die Raaen auf das Eselshaupt nieder, und die Brigg flog nun vor der Kühlte dahin, die sich nun zu einer sehr ernstlichen Höhe gesteigert hatte. Unser Wein und Tabak war aber unglücklicherweise von einem Spanier und nicht von einem Engländer geladen worden, was für mich einen sehr wesentlichen Unterschied ausmachte, denn ein Brite würde, weil ihm die schwache Seite seiner Landsleute nicht unbekannt ist, den Wein unten und den Tabak oben verpackt haben. Leider fand jedoch bei dem meiner Obhut anvertrauten Schiffe das Gegentheil statt, und meine Mannschaft bediente sich bald so reichlich, daß sie mir beinahe ganz nutzlos und auf dem ganzen Wege betrunken war. Wir kamen indeß ziemlich gut vorwärts – bis gegen 3 Uhr Morgens, um welche Zeit der Mann am Steuer, welcher die beiden andern Matrosen nicht zu wecken vermochte, damit sie ihm ein Tröpflein brächten, der Meinung wurde, er könne die Brigg wohl eine Minute sich selbst steuern lassen, während er hinginge, um an dem Weinfasse seinen Durst zu löschen. Er hatte sich aber kaum vom Steuer entfernt, als das Schiff beidrehte, d. h. seine Breitseite Wind und Wellen bot, und im Nu ging der große Mast über Bord. Zum Glück blieb der Fokmast stehen. Der Steuermann hatte nicht Zeit gehabt, völlig betrunken zu werden, und die beiden Andern machte jetzt der Schrecken nüchtern. Wir räumten die Trümmer so gut ab, als es ging, brachten die Brigg wieder vor den Wind, und verfolgten den Kurs weiter. Ein britischer Matrose ist jedoch, obschon der Waghalsigste unter allen Sterblichen, in gleicher Weise äußerst rücksichtslos gegen verwarnende Winke und die Folgen seiner Handlungen. Statt daß der Verlust des großen Mastes meine Leute auf das Unsinnige der Trunkenheit hätte aufmerksam machen sollen, bewirkte er gerade das Gegentheil. Wenn sie sich schon mit zwei Masten betrinken konnten, um wie viel mehr durften sie es nicht jetzt thun, da sie nur nach der Hälfte der Segel zu sehen hatten? Gegen eine derartige Regel de tri half keine Vorstellung; sie hausten darauf los, was das Zeug hielt, und wurden die ganze Fahrt über nicht nüchtern. Indeß verfolgt uns das Glück oft, wo wir es am wenigsten verdienen. »Der kleine Cherub in den Lüften«, wie Dibdin sagt, hatte ein Auge auf uns. Ich wußte, daß wir nicht leicht durch die Straße von Gibraltar kommen konnten, ohne es zu merken, und demgemäß wurden wir am dritten Morgen nach unserer Abfahrt von der Fregatte des Felsens ansichtig. Nachmittags um 2 Uhr umschifften wir die Spitze von Europa. Ich hatte Befehl ertheilt, das Ankertau bereit zu haben, und bildete mir nach der Weise aller andern jungen Offiziere ein, es sei geschehen, weil man mir so meldete und weil ich Auftrag dazu gegeben hatte. Es fiel mir nicht ein einziges Mal ein, selbst nachzusehen, ob mein Geheiß befolgt worden sein, da ich auch, um die Wahrheit zu sagen, anderweitig hinreichend in Anspruch genommen war. Ich hatte von Nachts 12 Uhr bis Morgens 6 Uhr am Steuer gesessen und nach Land ausgesehen; dann ließ ich mich durch einen meiner Leute ablösen, gab ihm die nöthige Anweisung, wie er steuern solle, und verfiel in einen tiefen Schlaf, der bis 10 Uhr währte, nach meinem Erwachen mußte ich jedoch meinen ganzen Scharfsinn aufbieten, um in die Bay zu gelangen und nicht in's weite Meer hinausgeblasen zu werden, so daß ich das Kabel ganz vergaß und mich desselben erst wieder erinnerte, als man es für den Anker brauchte. Wie ich mit fliegender Prisenflagge unter dem Stern eines der in der Bucht liegenden Kriegsschiffe vorbeikam, breyete mich der Offizier vom Deck aus an und sagte mir, ich würde gut thun, die Segel zu kürzen. Und das war auch mein Gedanke, aber wie sollte ich es angreifen? Meine ganze Schiffsmannschaft war viel zu betrunken für ein solches Geschäft, und obgleich ich mir von Sr. Majestät Schiff einigen Beistand erbat, wehte doch der Wind so steif und die Brigg flog so schnell vorwärts, daß man mich nicht hören konnte, selbst wenn man bereit gewesen wäre, mir zu helfen. Die Noth kennt kein Gesetz. Unter andern Schiffen sah ich in der Bay ein großes Transportfahrzeug, von dem ich glaubte, es sei besser im Stande, den ihm zugedachten Stoß auszuhalten, als jedes andere, denn ich hatte gehört, daß alle Eigenthümer solcher Lieferungsschiffe die Regierung um viele Tausende jährlich betrögen – eine Wahrheit, von der ich mich mit der Zeit völlig überzeugte. Das Fahrzeug lag gerade in jenem Theile der Bay, welcher den Prisen angewiesen war, und da ich keine andere Möglichkeit absah, das Schiff vor Anker zu bringen, so steuerte ich auf die Hummersmacke los, gegen deren Bord ich zum größten Erstaunen des Schiffsmeisters, des Mate und der Mannschaft, anrannte. Die gewöhnliche Explosion von Flüchen und Verwünschungen, die wie Kartätschenhagel auf unsere tölpelhaften Köpfe niederregneten, folgten dem Anpralle. Ich hatte dieß erwartet und war völlig darauf gefaßt, desgleichen auch auf den Sturz meines Fokmastes, der die Fokraa des Transportschiffes zertrümmerte, über unsern Steuerbord fiel und mir alles weitere Segelkürzen ersparte. In dieser Weise war meine nette Brigg zunächst in eine Schaluppe und dann in einen Hulk umgewandelt worden, dessen Boden übrigens zum Glücke noch kerngesund war. Ich hatte mich bald von dem Transportschiffe losgemacht, und rief nun mit gar mannhafter Stimme: »Anker aus!« Dem Befehl wurde alsbald Folge geleistet und der Anker ging allerdings hinunter – aber zum Teufel! es war kein Kabel daran, und da meine Leute sich in einem Zustande völliger Trunkenheit befanden, so mußte ich es geschehen lassen, daß meine Brigg vor den Ankertauen einer Fregatte vorbei triftete. Der kommandirende Offizier derselben sah, daß ich kein Ankertau ausgeworfen hatte, weßhalb er mir gar freundlich ein paar Matrosen zum Beistand schickte. Um fünf Uhr lag ich wohlbehalten in der Rhede von Gibraltar und stolzierte, in meiner eigenen Meinung so groß als Kolombus, nachdem er die amerikanischen Inseln entdeckt hatte, auf meinem Halbdecke auf und ab. Aber wie gar kurz währte meine Macht! Schon am nächsten Morgen langte meine Fregatte an. Der Kapitän ließ mich rufen, und ich erstattete meinen Bericht über den Verlauf und das Unglück meiner Reise. Er tröstete mich sehr freundlich wegen meines Mißgeschicks, und weit entfernt, daß er mir wegen des Mastenverlustes gezürnt hätte, sagte er, es sei unter allen Umständen ein Wunder, daß es mir gelungen sei, das Schiff zu retten. Wir lagen erst vierzehn Tage bei Gibraltar, als die Kunde anlangte, daß die Franzosen in Spanien eingedrungen waren, und sehr bald nachher lief von England aus Befehl ein, alle Feindseligkeiten gegen die Spanier einzustellen. Dieß war uns sehr ärgerlich, weil uns dadurch fast jede Möglichkeit, Prisengelder zu gewinnen, benommen wurde. Gleichwohl mehrten sich jedoch unsere Anstrengungen, und unsere Thätigkeit wurde in einer sehr überraschenden Weise gespornt, da sich uns jetzt weit interessantere Scenen boten, als eine Fortsetzung des Krieges gegen Spanien je hätte liefern können. Wir erhielten Befehl, uns dem Admiral vor Toulon anzuschließen, zugleich aber auch auf unserm Wege von dem Hafen Carthagena Einsicht zu nehmen, und über den Zustand des spanischen Geschwaders in dem dortigen Arsenale Bericht zu erstatten. Wir wurden von dem Gouverneur und den Offizieren der daselbst liegenden spanischen Flotte mit großer Höflichkeit aufgenommen. Wir fanden in ihnen überhaupt Männer von Talent und Bildung; ihre Schiffe waren meist abgetakelt, und es fehlte an Mitteln, sie wieder auszurüsten. Sechstes Kapitel. Parolles : Ihr bietet mir eine ganze ausgezeichnete Beschimpfung. Lafeu. Allerdings, und zwar von ganzem Herzen, denn du bist derselben werth. Ende gut, Alles gut. Wir sehnten uns natürlich, ein Land zu sehen, von welchem wir so viele Jahre ausgeschlossen gewesen, weßhalb wir Alle Urlaub nachsuchten und denselben auch erhielten. Sogar den Matrosen wurde die gleiche Nachsicht zu Theil, und sie durften in Partien von 20 oder 30 zumal an's Land. Die Leute liefen uns gaffend nach, scheuten aber zu gleicher Zeit die »Ketzer«. Seit den Tagen des unsterblichen Gil Blas haben sich die Wirthshäuser dieser Stadt, so wie auch die in dem ganzen übrigen Spanien nicht verbessert. Sie waren sämmtlich mehr oder weniger mit dem gemeinsten Gesindel und ganzen Banden von Bravos angefüllt, die aus dem Raube ein Gewerbe machten, und sich wenig darum kümmerten, ob dasselbe auch hin und wieder von einem Morde begleitet war. Die Hauptingredienzen der abscheulichen Küche bestanden aus Knoblauch und Oel. Die Olla Potrida und deren beständige Begleiterin, die Tomato Sauce, waren unausstehlich, der Wein übrigens für einen Midshipman ganz vortrefflich. So oft wir in einem dieser Häuser einsprachen, suchten die Bravos Streit mit uns anzufangen, und da diese Kerle stets mit Stileten bewaffnet waren, so sahen wir uns genöthigt, gleiche Vorsichtsmaßregeln zu treffen: Wir ermangelten nämlich nie, wenn wir uns an einem Tische niederließen, unsere Pistolenschafte blicken zu lassen, wodurch sie in gebührender Ordnung erhalten wurden, denn sie waren eben so feig, als diebisch. Unsere Matrosen, die weniger vorsichtig und nicht so gut mit Waffen versehen waren, als wir, wurden von diesen Schuften häufig beraubt, und hin und wieder auch einer meuchelmörderischer Weise ermordet. Bei einer Gelegenheit wäre ich um ein Haar gleichfalls ihr Opfer geworden. Ich spazierte eines Abends mit dem zweiten Schiffsmeister umher, und hatte eine hübsche kleine Spanierin am Arme, denn zu meiner Schande muß ich gestehen, daß ich bereits der leichtfertigen Schwesterschaft nicht mehr fremd war; da redeten uns vier dieser Halunken an. An der Art, wie sie ihre Mäntel hielten, merkten wir bald, daß sie ihre Stilete bereit hatten, weßhalb ich meinen Begleiter aufforderte, seinen Dolch zu ziehen, sich dicht an mich zu halten, und die Bursche nicht zwischen uns und die Mauer kommen zu lassen. Als sie bemerkten, daß wir vorbereitet waren, wünschten sie uns »buena noche« (gute Nacht); dann suchten sie unsere Aufmerksamkeit dadurch abzulenken, daß sie ein Gespräch mit uns anzuknüpfen suchten und uns um Cigarren baten, worin auch mein Begleiter eingewilligt haben würde, wenn ich ihn nicht verwarnt hätte, seinen Dolch nicht aus der Rechten zu lassen, denn dieß allein hatten sie gewollt. In dieser defensiven Haltung verblieben wir, bis wir beinahe die Plaza erreicht hatten, wo viele Personen nach der Sitte des Landes im Mondschein lustwandelten. »Wir wollen jetzt sehen,« sagte ich zu meinem Freunde, »daß wir dieser Kerle los werden. Wenn ich zu laufen anfange, so folgen Sie mir und halten nicht eher, bis wir die Mitte der Plaza erreicht haben.« Dieses Manöver führte zum Zweck; wir entkamen den Spitzbuben, welche unsern Plan nicht merkten, und durch ihre schweren Mäntel am Nachsetzen gehindert wurden. Als sie fanden, daß wir entwischt waren, wandten sie sich an das Mädchen und raubten demselben seinen elenden Verdienst. Wir sahen dieß mit an, konnten es aber nicht verhindern. So war damals die Polizei in Spanien, die sich seitdem um kein Haar gebessert hat. Dieß war das letzte Mal, daß ich mich Nachts ans Ufer wagte – einen einzigen Besuch bei dem spanischen Admiral ausgenommen, der eine Partie unserer Offiziere eingeladen hatte. In seinem Hause befand sich ein sehr hübsches Mädchen, seine Nichte, und er selbst war freisinnig genug, uns arme Ketzer zuvorkommend zu behandeln. Die Nichte war in der That ein äußerst liebenswürdiges Geschöpf – ihre schönen schwarzen Augen, die langen Wimpern und die rabenschwarzen Locken ließen auf maurisches Blut schließen, während zugleich der alte Familienname ihr die beneidenswerthe Bezeichnung einer Vieja Christiana sicherte. Dieses schöne Wesen geruhete, meiner jugendlich kräftigen Gestalt und meiner schönen Uniform einen heimlichen Blick des Beifalls zu schenken. Dieses kitzelte meine Eitelkeit. Ich redete sie in französischer Sprache an, die sie nur unvollkommen verstand: überhaupt drückte sie sich nur ungern in derselben aus, was wohl von dem Hasse herrühren mochte, welchen in jener Periode alle Spanier gegen die französische Nation unterhielten. Indessen benutzten wir die uns zugemessene Frist nach Kräften, und ehe wir schieden, hatte sich ein vollkommenes Verhältniß zwischen uns hergestellt. Es war mir, als könnte ich um ihretwillen alle meine Aussichten aufgeben und mit ihr in einer spanischen Wildniß glücklich leben. Die Zeit unserer Abfahrt rückte heran, und ich mußte mich von meiner Rosaritta losreißen, nicht ohne daß der Kapitän und meine Schiffsgefährten muthmaßten, ich sei ein zu hoch begünstigter Jüngling gewesen. Sie hatten aber Unrecht, denn ich liebte den holden Engel und war ihrer Reinheit nie zu nahe getreten. In einer Stimmung, die mich an den Rand der Verzweiflung brachte, ging ich wieder zur See; indeß ist Salzwasser ein wunderbares Specificum gegen die Liebe – wenigstens gegen eine Liebe, wie meine damalige. Wir trafen vor Toulon mit dem Admiral zusammen, und erhielten Befehl, zwischen Perpignan und Marseille zu kreuzen, weßhalb wir schon am folgenden Tage die Flotte verließen und die Küste ohne Unterlaß beunruhigten. Kein Schiff durfte sich aus dem Hafen herauswagen, ohne daß wir es bedrängten. Ueber die Batterien lachten wir, denn wir brachten sie mit unseren langen Achtzehnpfündern zum Schweigen, oder gingen an's Land und sprengten sie in die Luft. In einem dieser kleinen Scharmützel wäre ich beinahe gefangen worden, wodurch ich alle die Ehre, den Ruhm und das haarscharfe Entkommen, wovon ich in den folgenden Blättern sprechen werde, verloren hätte. Entweder wäre das Recht der Wiedervergeltung an mir geübt und ich niedergehauen worden, oder ich hätte für die übrigen sechs Jahre des Krieges nach Verdun marschiren müssen. Wir hatten gelandet, um zu stürmen und eine Batterie in die Luft zu sprengen, zu welchem Ende wir einen Pulversack und eine Zündröhre von Segeltuch mit uns führten. Alles ging glücklich von statten. Wir kamen an einen Kanal, den wir übersetzen mußten, und die besten Schwimmer wurden auserlesen, um das Pulver hinüberzuschaffen, ohne daß es naß würde. Die Wahl hatte auch mich getroffen. Um meine Schuhe und Strümpfe zu schonen, zog ich sie aus, und nachdem wir die Batterie genommen hatten, vertiefte ich mich so in ein Begaffen der telegraphischen Signalhütte, daß ich der bevorstehenden Explosion ganz vergaß, und erst durch den Ruf: »Lauft!« von Seite derjenigen, welche die Zündröhre in Brand gesteckt hatten, daran erinnert wurde. Ich befand mich in diesem Augenblicke auf der Mauer des Forts, die beinahe dreißig Fuß hoch war, aber schräg ablief. Zum Theil springend, zum Theil kletternd enteilte ich mit möglichster Schnelle, während ein Schauer von Steinen, wie bei einem Ausbruche des Vesuvs, um mich niederfiel. Zum Glück wurde ich nicht getroffen, hatte aber beim Sprung meinen Fuß verletzt und litt große Schmerzen. Ich mußte über ein Stoppelfeld gehen, und da meine Schuhe und Strümpfe auf der andern Seite des Kanals lagen, so stachen die scharfen Stoppeln dermaßen in meine Wunde, daß ich hätte toll werden mögen; und mich sehr versucht fühlte, niederzusitzen und das Schlimmste über mich ergehen zu lassen. Ich hielt jedoch aus und hatte die Boote, welche eben abstoßen wollten, da man meine Abwesenheit nicht bemerkte, beinahe erreicht, als ein Ton, wie ferner Donner, an mein Ohr schlug. Ich fand bald, daß derselbe von einem Kavallerietrupp herrührte, der von Cotte heraufsprengte, um die Batterie zu vertheidigen. Ich bot meine letzte Kraft auf und stürzte in's Meer, um den Booten nachzuschwimmen; die Zeit war mir jedoch so kurz zugemessen; daß mir einige der feindlichen Jäger auf ihren Rappen nachschwammen und ihre Pistolen nach meinem Kopfe abfeuerten. Die Boote waren schon eine Viertelmeile vom Ufer entfernt; die Offiziere bemerkten jedoch zum Glücke die Kavallerie und wurden zu gleicher Zeit auch meiner ansichtig, weshalb eines der Boote auf mich zuruderte. Mit Mühe erreichte ich dasselbe und wurde eingenommen, war aber jetzt vom Schmerz und Blutverlust so erschöpft, daß ich beinahe todt an Bord gebracht wurde. Mein Fuß war bis auf den Knochen verwundet, und ich mußte einen vollen Monat unter ärztlicher Behandlung bleiben. Ich hatte mich so ziemlich von diesem Unfalle wieder erholt, als wir ein Schiff fingen, auf welches Murphy als Prisenmeister gesetzt wurde. Am nämlichen Abend kaperten wir einen Schooner, den wir von seinem Ankergrunde fortrissen. Das Kommando des letzteren wurde mir übergeben – es war schon spät am Abend und die Eile so groß, daß das Branntweinfäßchen, das mir und meiner Mannschaft zugedacht war, nicht an Bord geschafft wurde. Dießmal hatte ich also ein anderes Extrem – in meinem letzten Schiffe war zu viel, in diesem zu wenig geistige Flüssigkeit. Von Natur aus schon durstige Kehlen, bedurften wir nicht des Reizes von Salzfisch und Pökelfleisch, woraus unsere Ladung und unsere Kost bestand, und wir beklagten sehr, daß wir um unseren Branntwein gekommen waren. Am dritten Tage, nachdem wir die Fregatte verlassen hatten, traf ich auf meinem Wege nach Gibraltar an der spanischen Küste mit einem Schiffe zusammen, in welchem ich an dem auffallenden weißen Fleck in dem großen Marssegel das von Murphy kommandirte erkannte. Ich setzte alle Segel bei, um es einzuholen, weil ich hoffte, einigen Branntwein von ihm zu erhalten, denn ich wußte, daß er mehr hatte, als er verbrauchen konnte, selbst wenn seine Leute und er sich jeden Tag betranken. Als ich ihm nahe kam, nahm er mit allen Segeln Reißaus. Bei Einbruch der Dunkelheit befand ich mich beinahe in Rufweite; er aber steuerte fort, weshalb ich einen von den paar kleinen Dreipfündern, die ich an Bord hatte, blind laden ließ und als Signal abfeuerte. Dieß wiederholte ich etliche Male; er wollte jedoch nicht beilegen, und als es dunkler wurde, verlor ich ihn aus dem Gesicht. Ich traf ihn erst in Gibraltar wieder. Am andern Morgen stieß ich auf drei spanische Fischer. Sie hielten mich für einen französischen Kaper, zogen ihre Leinen an und nahmen Reißaus. Ich setzte ihnen nach und feuerte eine Kanone ab, worauf sie beilegten und sich ergaben. Sie mußten neben meinem Schooner anlegen, und als ich fand, daß jedes der Boote ein Faß Wein an Bord hatte, erklärte ich diesen Theil ihrer Ladung für Contrebande, obgleich ich ihnen für das Abgenommene ehrliche Zahlung anbot. Diese wollten sie jedoch nicht nehmen, denn sie fühlten sich überglücklich, nicht in die Hände der Franzosen gefallen zu sein, sondern es mit den Ingles zu thun zu haben. Ich gab sodann Jedem der Leute ein Pfund Tabak, wodurch sie nicht nur sehr erfreut, sondern auch in der neugefaßten Ansicht, die sich unter ihren Landsleuten geltend machte, bekräftigt wurden, daß nämlich die Engländer sowohl der tapfersten, als der großmüthigsten Nation angehörten. Sie boten mir den ganzen Inhalt ihrer Boote an, was ich jedoch vornehm ablehnte, da ich jetzt Alles hatte, was ich brauchte. Als wir in gegenseitigem, gutem Einvernehmen schieden, jubelten sie ein »Viva Ingleterre! « und wir tranken ihnen eine gute Fahrt in ihrem eigenen Weine zu. Wir brauchten viele Tage, bis wir Gibraltar erreichten. Die Winde waren leicht und das Wetter schön; da wir aber jetzt die Entdeckung gemacht hatten, daß die Fischerboote Wein führten, so trugen wir Sorge, unsern Keller zu füllen, ohne einen Mauthbeamten zu bemühen; und dabei handhabte ich ein so billiges Tauschsystem, daß ich mit Grund annehmen zu dürfen glaube, Seine Majestät der König Georg habe durch unser Benehmen auch nicht ein Titelchen von seiner verdienten Popularität verloren. Bei unserer Ankunft vor Gibraltar hatte ich noch ein paar hübsche Fäßchen übrig, womit ich meine Tischgenossenschaft zu regaliren gedachte. Indeß that es mir doch leid, finden zu müssen, daß die Fregatte und die übrigen Prisen vor uns angekommen waren – den einzigen Murphy ausgenommen, der erst einen Tag nach uns eintraf. Bei der Ankunft des letztern befand ich mich eben auf dem Halbdecke. Da vernahm ich denn zu meinem größten Erstaunen, wie er rapportirte, er sei von einem französischen Kaper verfolgt worden und habe den Angriff desselben nach einem vierstündigen Gefechte abgeschlagen; sein Takelwerk habe zwar dabei sehr Noth gelitten, aber keiner seiner Leute Schaden genommen. Ich ließ ihn in seinem Zuge fortmachen; Viele glaubten ihm, Einige aber erhoben Zweifel. Beim Diner in der Constabelkammer kannte seine Anmaßung keine Grenzen, und in halber Trunkenheit vergrößerte er meine drei Matrosen zu einer wohlbemannten Brigg, mit Leuten und Geschütz, soviel sie nur faßte. Da mich dieser Unsinn anwiderte, berichtete ich einfach den Vorgang, wie er sich zugetragen, und rief den Quartiermeister, der mich begleitet hatte, zum Zeugen auf, welcher dann auch meine Angabe bestätigte. Von diesem Augenblick an war er ein Gegenstand der Verachtung für das ganze Schiff, und sein Name eine Bezeichnung für Lügen und Lügner. Er wagte es nicht, für die Verachtung, welche ihm zu Theil wurde, Rache zu nehmen, und fand seine Stellung unter uns so unbehaglich, daß er nichts dagegen einzuwenden hatte, als ihm der Kapitän eine Versetzung nach einem andern Schiffe vorschlug; aber auch dort wurde sein Charakter bald erkannt und er brachte es nie zur Beförderung. Der Gedanke machte mir Freude, daß ich mich nicht nur voll an diesem Menschen gerächt, sondern daß ich auch als Werkzeug gedient hatte, um ihn einer ehrenvollen Laufbahn zu entrücken, welcher er doch nur Schande gemacht haben würde. Es war keine Zeit, in der die Fregatte müssig liegen bleiben durfte, und wenn ich den Namen meines Schiffes und meines Kapitäns nennen wollte, so würde die Geschichte der Seekämpfe jener Zeit einen Beweis liefern, daß unser Fahrzeug zu denjenigen gehörte, welche sich in dem Streite um Spaniens Befreiung am meisten auszeichneten. Der Süden von Spanien wurde der Schauplatz des grausamsten und verheerendsten Krieges. Unsere Station befand sich in der Höhe von Barcellona, von wo aus wir gegen Perpignan hin – der spanisch-französischen Küste – kreuzten. Unser Dienst, für den man keinen Bessern hätte finden können, als unsern Kapitän, hatte die Unterstützung der Guerilla-Führer zum Zweck; auch sollten wir die feindlichen Zufuhren zur See oder auf den Küstenwegen abschneiden, deßgleichen die Franzosen aus jeder festen Position, die sie gewählt hatten, vertreiben. In solchen Diensten mußte ich oft drei bis vier Wochen vom Schiffe abwesend sein, da ich einer Abtheilung unter dem Kommando des dritten Lieutenants beigegeben war. Wir hatten bei solchen Gelegenheiten Entbehrungen aller Art zu bestehen, da wir in der Regel nur auf eine Woche Mundvorrath mitbekamen und oft drei Wochen warten mußten, ohne daß wir Zufuhr erhielten. In Betreff unserer Kleidung war das »negative Register«, wie ein gefeierter Autor sich ausdrückt, »sehr inhaltschwer«; wir hatten keine Schuhe und Strümpfe, kein Weißzeug, und zum Theil keine Hüte, welche gewöhnlich durch ein Schnupftuch ersetzt wurden. Dabei mußten wir über Felsen klettern, und in Gesellschaft unserer neuen Verbündeten, der abgehärteten Gebirgsbewohner, durch steinige oder schlammige Schluchten wandern. Die spanischen Kriegsleute achteten uns und unsere Tapferkeit, liebten aber weder unsere Religion, noch unsere Gebräuche. Sie theilten mit Freuden ihren Mundvorrath mit uns, waren aber stets unerbittlich in ihrer Grausamkeit gegen die französischen Gefangenen, und keine Vorstellungen von unserer Seite waren im Stande, sie zu bewegen, daß sie das Leben dieser Unglücklichen schonten, deren Bitten und Flehen, wir möchten uns für sie verwenden oder sie retten, stets erfolglos waren. Sie wurden entweder vor unsern Augen erdolcht, oder nach einer Bergspitze geschleppt, die von einem französischen Fort aus gesehen werden konnte, wo man ihnen, Angesichts ihrer Landsleute, die Kehlen abschnitt. Der christliche Leser verdammt mit Recht diese entsetzliche Barbarei, darf aber dabei nicht vergessen, daß die Gefühle dieser Leute auf's Schmerzlichste verletzt worden waren. Raub, Brand, Mord und Hunger folgten stets den Schritten der wilden Eindringlinge, und obgleich wir ihr Schicksal beklagten und es abzuwenden bemüht waren, so konnten wir uns doch nicht bergen, daß sie eine derartige Wiedervergeltung einigermaßen verdient hatten. Während dieser unregelmäßigen Kriegszüge schwelgten wir das eine Mal im Ueberflusse, während wir zu andern Zeiten den äußersten Mangel litten. Eines Tages, als wir ganz ausgehungert waren, trafen wir auf einen wohlgemästeten, rothbäckigen Kapuziner, welchen wir baten, er möchte uns angeben, wo wir durch Kauf oder anderweitig Nahrungsmittel auftreiben könnten. Er wußte uns nicht zu rathen und meinte auch, sich nicht mit Geld befassen zu können, weil ihm durch seine Ordensregel verboten sei, welches mit sich zu führen. Als er sich von uns abwandte, und einen Abhang hinabging, meinten wir etwas klimpern zu hören. Da nun die Noth kein Gesetz kennt, so nahmen wir uns die Freiheit, den Pater zu visitiren, und fanden 40 Dollare bei ihm, die wir ihm mit der Versicherung abnahmen, wir thäten ein gutes Werk, weil ihm ja doch der Besitz von Geld durch seine Regel verboten sei; auch werde man ihn an Nichts Mangel leiden lassen, sintemalen er unter guten Christen lebe. Er verfluchte uns, aber wir lachten ihn aus, weil er sein Unglück durch Heuchelei und Lüge selbst verschuldet hatte. Aehnlicherweise benahmen sich überhaupt die spanischen Priester gegen uns, und wo es anging, zahlten wir sie auf dieselbe Art. Das Erbeutete behielten wir für uns und setzten es in Lebensmittel um. Da wir bald nachher uns dem übrigen Haufen wieder anschlossen, so hielten wir die Sache für abgethan, aber der Mönch war uns in der Entfernung nachgefolgt, und wir sahen, wie er den Hügel hinaufkam, auf welchem wir postirt waren. Um eine Entdeckung zu vermeiden, tauschten wir unsere Kleider, und zwar in einer Weise, daß er uns nicht mehr erkennen konnte. Der Mönch trug seine Klage dem Guerillahäuptling vor, dessen Augen vor Entrüstung über die Behandlung funkelten, welche seinem Priester zu Theil geworden, und wahrscheinlich wäre Blut geflossen, wenn der Beraubte im Stande gewesen wäre, die Schuldigen anzugeben. Obgleich ich meinen Anzug umgetauscht, hatte ich doch nicht ein Gleiches mit meinem Gesicht thun können, und der Mönch sah mich mit einem Blicke an, der etwas mehr als Argwohn verrieth. Ich stierte ihm mit der ganzen Macht meiner beispiellosen Unverschämtheit voll in's Gesicht und fragte ihn mit lauter, drohender Stimme auf französisch, ob er mich für einen Straßenräuber halte. Diese Frage sowohl als die Art, in welcher ich sie stellte, brachte den Pfaffen zum Schweigen, wenn sie ihn auch nicht befriedigte. Er schien der Andeutung einiger unserer Leute, daß er durch eine andere Abtheilung beraubt worden sein müsse, Glauben zu schenken und machte sich auf den Weg, dieselbe zu verfolgen. Ich war seiner Aufdringlichkeit müde und sah ihn daher mit Freuden abziehen; aber wie er sich abwandte, warf er mir noch einen spähenden Blick zu, den ich mit einem andern voll gut gespielten Zornes erwiederte. Mein lockiges Haar hatte ich mit einem Stückchen Seife, das ich in der Tasche trug, niedergestrichen, so daß ich eher einem Methodistenprediger, als einem Taschendiebe gleich sah. Einige Zeit vor diesem Vorfalle war die Fregatte, zu welcher ich gehörte, zu einem andern Dienste beordert worden, und da ich keine Gelegenheit fand, an Bord derselben zu kommen, wurde ich vorderhand einer andern beigegeben. Da jedoch dieses Kapitel bereits zu lange ausgesponnen ist, so muß ich den Leser wegen der weitern Einzelnheiten auf das nächste verweisen. Siebentes Kapitel. – – – Jetzo begann Das Schlachtgebrülle und des Angriffs Tosen, Ein enger Raum nur zwischen Heer und Herr! Milton. Der Kapitän, dessen Fregatte ich beigegeben war, hatte seinem verdienten guten Rufe zu danken, daß er von Lord Collingwood zu den geheimsten und vertrautesten Diensten verwendet wurde. Dermalen hatten wir den Auftrag, den Spaniern in ihrer Vertheidigung der wichtigen Festung Rosas in Catalonien Beistand zu leisten. Des Einfalls der Franzosen ist bereits gedacht worden, und da ihr General Saint-Cyr Figueras und Verona bereits genommen hatte, so warf er jetzt sein sehnsüchtiges Auge auf das Kastell von Trinity an der Südostküste, dessen Eroberung er sich als das Vorspiel von Rosas' sicherem Falle betrachtete. Mein Kapitän beschloß, das Kastell zu vertheidigen, obschon es eben erst von einem andern britischen Flotten-Offizier als unhaltbar aufgegeben worden war. Da ich nur ein Supernumerarkadett war, so schloß ich mich als Freiwilliger der Expeditions-Mannschaft an: indeß muß ich anerkennen, daß der Offizier, welcher den Platz verlassen, nur ganz vernünftig gehandelt hatte. Das ganze Kastell lag in Trümmern. Zerbröckelnde Steinhaufen und Gesträuch, zerschlagene Kanonenläufe und geborstenes Geschütz dünkten mir ein gar ungünstiges Schlachtfeld zu sein. Der einzige Vortheil, den wir über unsere Gegner hatten, bestand darin, daß die Bresche, welche sie in die Mauer geschossen hatten, über einer gähen Ansteigung lag, und die losen Steine entweder auf sie niederfallen, oder unter ihren Füßen ausgleiten mußten, während wir ihnen mit allen erdenklichen Wurfgeschossen zusetzten. Dies war unsere einzige Verteidigung; weiter konnten wir nicht thun, um den Feind abzuhalten, daß er nicht in die Werke einrückte, wenn man sie anders Werke nennen konnte. Unser Posten hatte noch einen andern, und zwar ernstlichen Nachtheil. Das Castell lag an einem steilen Hügel, dessen obern Theil die Franzosen im Besitze hatten. Der Feind stand daher fast in gleicher Höhe mit dem höchsten Punkt der Veste; es befanden sich daselbst dreihundert Schweizer Scharfschützen, die fünfzig Ellen von uns eine Schanze vor uns aufgeworfen hatten und ein beharrliches Feuer gegen uns erhielten. So oft sich ein Kopf über den Mauern blicken ließ, sauseten im Nu ein paar Dutzend Büchsenkugeln um ihn her, und dieselbe unermüdliche Aufmerksamkeit wurde unsern landenden Booten erwiesen. Auf einem andern mehr nördlich, folglich auch weiter landeinwärts gelegenen Berge hatten die Franzosen eine Batterie von sechs Vierundzwanzigpfündern aufgepflanzt; die liebenswürdige Nachbarin war nur 300 Ellen von uns entfernt und bestrich uns vom Morgengrauen an bis zum Einbruch der Nacht ohne Unterlaß, die kurzen Zwischenräume etwa abgerechnet, in welchen man das Geschütz sich abkühlen ließ. Ich hatte mir in meinen Knabenjahren nie vorgestellt, daß eine Zeit kommen könnte, in welcher ich den Fastnachtshahn beneiden würde, und doch war dieß in diesem höllischen Castell der Fall. Es war zuverlässig kein gleicher Kampf, und wir hatten keine Aussicht gegen eine solche Uebermacht; doch mein Kapitän war ein irrender Ritter, und da ich mich als Freiwilliger gestellt hatte, stand mir kein Recht zu, mich zu beklagen. Das Feuer des Feindes spielte mit solcher Sicherheit, das wir schon aus der Richtung des letzten Schusses den Stein bezeichnen konnten, welcher das nächste Mal getroffen werden würde. Unsere Leute wurden oft durch den splitternden Granit der Mauern verwundet, und andere wie die Rebhühner von dem Schweizerkorps weggeschossen, das auf dem uns zunächst gelegenen Hügel stand. Unsere in dem Castell befindlichen Streitkräfte bestanden aus 135 englischen Matrosen und Seesoldaten, einer Compagnie Spanier und einer Abtheilung Schweizertruppen in spanischem Solde. Nie wurden Soldaten schlechter gespeist und bezahlt, dafür aber um so besser in's Feuer genommen. Wir lagen alle zusammen auf einer Streue von schmutzigem Stroh, das voll von Flöhen stak, und unsere Kost stand auf der gleichen Höhe des Luxus, ohne daß dabei mit irgend einem, vom Kapitän abwärts, eine Ausnahme gemacht worden wäre. Der Kampf ist bisweilen eine recht angenehme Ergötzlichkeit, im Uebermaße aber lähmt er die Sinne, und im gegenwärtigen Fall hatten wir das Letztere im reichhaltigsten Grade, ohne uns dabei dessen erfreuen zu können, was ich stets für ein unerläßliches Erforderniß gehalten hatte, nämlich eines Magens voll kräftiger Speise; auch wollte mir nicht recht einleuchten, wie man ohne einen solchen Begleiter seine Pflicht gehörig erfüllen könne. Ich sah mich indeß hierorts genöthigt, einen Versuch zu machen, und wenn die Boote nicht landen konnten, was oft der Fall war, ließen wir pro forma zum Diner pfeifen (denn unser Kapitän liebte die Regelmäßigkeit) und füllten uns den Magen mit kaltem Wasser. Ich habe oft meinen seligen Onkel sagen hören, daß Niemand wisse, was er zu leisten im Stande sei, bis er es versucht habe, und der Feind gab uns reichliche Gelegenheit, unsern Scharfsinn, unsern Fleiß, unsere Wachsamkeit und unsere Enthaltsamkeit zu üben. Von dem Gewebe der armen Penelope sagt der Dichter: »Die Nacht zerstörte, was der Tag begann;« bei uns war es aber der entgegengesetzte Fall, denn der Tag vernichtete alle unsere nächtlichen Bemühungen. Die Stunden der Dunkelheit wurden zum Füllen von Sandsäcken, welche man in die Bresche legte, zum Abräumen von Schutt und zu Vorbereitungen verwendet, um dem feindlichen Feuer Stand zu halten, dem wir mit derselben Gewißheit, wie dem Tage entgegensehen durften. Derartige Beschäftigungen, zugleich mit einer beharrlichen und höchst sorgfältigen Wache, damit wir nicht überrumpelt wurden, nahm unsere Zeit so sehr in Anspruch, daß uns zum Schlafen nur wenig Frist verblieb, und unsere Mahlzeiten ließen sich noch viel kürzer abfertigen. Eine von unseren Schutzmaßregeln war ziemlich originell, und hätte wohl, da sie nicht lege artis construirt war, das Lächeln eines Ingenieurs erregen können. Der Kapitän hatte sich nämlich von dem Schiffe eine Partie glatter Dielen verschafft, die er mit Fett einschmieren ließ und schräg in der Bresche anbrachte, so daß die Feinde, welche in unseren Raum zu kommen suchten, darauf springen mußten; die Bretter schnappten dann ein und ließen die naseweisen Gäste in den unten liegenden sehr tiefen Graben fallen, wo sie liegen blieben, bis sie der Doktor aufsuchte, oder wenn sie's vermochten, ihre Arbeit von neuem begannen. Dieß war eine vortreffliche Wanzenfalle, denn damals machte ich mir ebenso wenig daraus, einen Franzmann zu tödten, als ich Bedenken getragen haben würde, einen der gedachten, garstigen, nächtlichen, kleinen Plagegeister umzubringen. Außer diesem schlüpfrigen Possen, den wir ihnen mit gutem Erfolge spielten, bedienten wir sie auch noch mit einigen anderen. Wir hatten an Bord der Fregatte eine Menge von Fischangeln, welche wir nicht nur in die schmierigen Dielen, sondern auch überall hinsteckten, wo die Eindringlinge möglicherweise mit Händen und Füßen hinkommen konnten. Die Bresche selbst war unterminirt, die Mine aber mit Bomben und Handgranaten garnirt, während zugleich maskirte Kanonen, die bis an die Mündung mit Flintenkugeln angefüllt waren, die Stelle nach allen Richtungen bestrichen Dieß war unser Wehrsystem, und man darf sich allerdings wundern, daß wir während der drei Wochen, welche wir unter so gewaltiger Bedrängung in dem Castell verbrachten, nur zwanzig Mann verloren. Indeß näherte die Krisis heran. Eines Morgens ganz frühe hatte ich zufälligerweise den Dienst des Auslugers. Der Nebelstreifen, welcher die Nacht über zwischen den Hügeln jener Gegend hängt und in die Thäler hinabdrückt, hatte eben angefangen sich zu heben, und die Sterne verbleichten am Himmel, als ich über die Castellmauern nach der Bresche hinsah. Der Kapitän kam heraus und fragte mich, ob ich etwas sehe, worauf ich ihm antwortete, ich wisse es selbst nicht recht, doch scheine mir in dem Thal, unmittelbar unter der Bresche, etwas Ungewohntes vorzugehen. Er lauschte einen Augenblick, blickte aufmerksam durch sein Nachtglas und rief dann in gedämpftem, aber festem Tone: »Zu den Waffen! – sie kommen!« In drei Minuten war sämmtliche Mannschaft auf ihrem Posten; aber trotz dieser Behendigkeit hatten wir doch keine Zeit zu verlieren gehabt, denn jetzt wurde eine schwarze, feindliche Colonne sichtbar, die sich wie eine riesige Assel durch das Thal hinwand und mit der furchtlosen Entschlossenheit, durch welche sich Napoleons Truppen auszeichneten, schweigend die Bresche zu ersteigen begann. – Es war ein banger und verhängnißvoller Augenblick; aber die Ruhe und Entschiedenheit der kleinen Garnison war des Anlasses würdig. Das Signal zum Zielen erscholl und die maskirten Kanonen, wie auch unsere Musketen entsandten einen dichten Kugelregen auf die Feinde. Sie machten Halt: man vernahm ein tiefes Stöhnen! Dann zogen sie sich einige Schritte verwirrt zurück, sammelten sich wieder und rückten abermals zum Angriff vor. Nun wurde von beiden Seiten ein unaufhörliches Feuer unterhalten. Die Kanoniere von der Bergbatterie und die noch näheren Schweizerscharfschützen entsandten reichliche Salven nach uns, ihre Kameraden mit lautem Zuruf zum Angriff ermuthigend. Sobald sie auf unserer Mine standen, wurde die Zündröhre angesteckt; sie flog auf und begrub die Stürmenden unter dem Schutte! Aechzen, Schreien, französisches Gezeter und britische Hurrahs durchschnitten die Luft! Die Berge hallten wieder von unserem Siegesjubel! Wir schickten ihnen Handgranaten im Uebermaß zu und zerfetzten ihnen die Haut in großartigem Style. Ich muß sagen, daß sich die Franzosen tapfer benahmen, obgleich mancher kräftige Kanonier oder Pionier durch die Waffe den Tod fand, welche ihre Bärenmütze zierte. Ich schrie vor Kampfwuth und Begeisterung, und wir alle hielten aus wie Bullenbeißer, denn wir wußten wohl, daß wir keinen Pardon zu gewärtigen hatten. Seit dem Beginn des Feuers waren zehn Minuten verstrichen, die manchem tapfern Burschen das Leben kosteten. Die vordere Abtheilung ihrer Angriffscolonne war durch die Explosion unserer Mine vernichtet worden. Doch hatten sie sich bald wieder gesammelt und schon befanden sie sich auf dem halben Wege nach der Bresche, als der Tag aufzudämmern begann. Wir erkannten ein etwa tausend Mann starkes Elitenkorps, das, seinen Oberst an der Spitze, über die eben gefallenen Todten vorrückte. Der tapfere Führer schien so gefaßt und kaltblütig zu sein, als ob es zu einem Frühstück ginge. Er deutete mit gezogenem Degen auf die Bresche, und wir hörten ihn rufen: »Suivez-moi!« Ich fühlte Eifersucht gegen diesen Braven und ärgerte mich, daß er ein Franzose war. Eine angezündete Handgranate, die ich ihm zwischen die Füße warf, hob er auf und schleuderte sie auf eine beträchtliche Entfernung fort. »Ein kaltblütiger Bursche das!« sagte der Kapitän, der dicht neben mir stand; »ich will ihm eine andere geben.« Gesagt, gethan; aber der Offizier stieß sie mit der gleichen Gelassenheit und Würde auf die Seite. »Der Bursche ist durch nichts Anderes zu kuriren,« nahm der Kapitän wieder auf, »als durch eine Unze Blei in den leeren Magen, 's ist freilich Schade, einen so braven Kerl todt zu schießen – aber wir können da nicht anders.« Mit diesen Worten nahm er die Muskete aus meiner Hand, welche ich eben erst geladen hatte, zielte und gab Feuer. Der Obrist wankte, griff mit der Hand nach seiner Brust und sank in die Arme einiger seiner Leute zurück, welche ihre Musketen niedersetzten und ihn auf ihre Schultern nahmen, ohne auf die Sichel des Todes zu achten, die rings um sie mähete. Wir verdoppelten unser Gewehrfeuer gegen diese kleine Gruppe, bis jeder einzelne derselben getödtet oder verwundet war. Der Obrist, der sich jetzt wieder allein sah, wankte ein paar Schritte weiter, bis er einen kleinen Strauch erreichte, kaum zehn Schritte von der Stelle, wo er seine Todeswunde empfangen hatte. Hier fiel er. Sein Degen, den er noch in der rechten Hand hielt, fing sich in den Zweigen und deutete gen Himmel, als wollte er den Weg anzeigen, den der Geist seines tapferen Herrn genommen. Mit dem Leben des Obristen endigten auch für diesen Tag die Hoffnungen der Franzosen. Soviel wir bemerken konnten, thaten die Offiziere zwar ihre Pflicht, indem sie die Mannschaft aufmunterten und antrieben – aber vergeblich! Wir sahen, wie sie den Flüchtigen den Degen in den Leib rannten; aber die Gesammtheit ließ sich dadurch nicht anfechten – die Soldaten wollten nur in ihrer eigenen Weise getödtet sein, und für ein Frühstück hatten sie schon genug gekämpft. Der erste ungestüme Anlauf war durch den Fall ihres wackeren Führers gehemmt worden, und der Strauß endigte mit einem allgemeinen »Sauve, qui peut!« worauf wir ein wenig zu Athem kamen, um unsere Todte zählen zu können. Sobald die Franzosen von ihren Batterien aus bemerkten, daß der Angriff abgeschlagen und der Zugführer gefallen war, eröffneten sie ein furchtbares Feuer auf uns. Ich pflanzte meinen Hut auf das Bajonett einer Muskete und hob denselben über die Mauer. In einer Minute war er von einem Dutzend Kugeln durchbohrt; »ein Glück für mich, daß mein Kopf nicht darin gesteckt hatte.« Sobald das Batterienfeuer ein wenig nachließ, was in der Regel zu bestimmten Zeiten geschah, benützten wir die Gelegenheit, um die Angriffsstelle zu untersuchen. Sturmleitern und Leichen lagen in wilder Verwirrung umher; die Verwundeten waren fortgeschafft worden, aber welch ein großartiges »Futter für Pulver« sahen wir nicht vor uns ausgebreitet! Es schien lauter auserlesene Mannschaft zu sein – keiner unter sechs Fuß, einige sogar darüber. Sie waren in ihre grauen Kaputröcke gekleidet, damit man sie im Zwielicht des Morgens weniger unterscheiden könnte; und da das Wetter während der Nächte kalt war, so entschloß ich mich, einen dieser Ueberröcke an mich zu bringen, um mich auf den Nachtwachen warm zu halten. Desgleichen nahm ich mir vor, den Degen des Obristen meinem Kapitän zum Geschenke zu machen. Sobald es dunkel war, ging ich nach der Bresche hinunter, holte eine der Sturmleitern herauf, die ich im Fort niederlegte, und schickte mich an, nachdem ich so viel für den König gethan hatte, auch Einiges für mich zu thun. Die Nacht war pechfinster. Ich stolperte weiter. Es blies ein eigentlicher Orkan, der mir Staub und Mörtel in die Augen trieb, aber ich wußte mich demungeachtet auszufinden. Freilich lag in dieser nächtlichen Wanderung unter den Todten etwas Schakalartiges, und ich fühlte ein gewisses Grausen über meine Lage. Zwischen den Windstößen trat eine furchtbare Stille ein, welche in der Dunkelheit der Nacht einen eigenthümlich-schreckhaften Eindruck auf ein schwaches Gemüth bewirkt haben müßte. Aus diesem Grunde würde ich nie zu nächtlichen Angriffen rathen, wenn man sich nicht auf seine Leute vollkommen verlassen kann. Sie schlagen in der Regel fehl, weil ein Soldat, der sich am hellen Tag tapfer genug benimmt, bei Nacht doch leicht zaghaft wird. Furcht und Finsterniß sind stets treue Verbündete gewesen und spielen einander gegenseitig in die Hände. Letztere ist ein Deckmantel für die erstere, und der Furchtsame liebt die Nacht, weil sie auch der Memme Beschämung erspart; wo daher Furcht vor Schande der einzige Sporn zum Kampfe ist, wird das Licht zu einem wesentlichen Erforderniß. Ich schritt vorsichtig weiter und betastete die Leichen: die Erste, welche meine Hand berührte, ließ mir das Blut eiskalt durch die Adern rinnen. Ich hatte den zerfleischten Schenkel eines Grenadiers ergriffen, der durch eine Handgranate grausam verstümmelt war. »Freund,« sagte ich, »der Beschaffenheit deiner Wunde nach zu schließen, kann dein Kaputrock keinen sonderlichen Werth haben.« Der nächste Gefallene war besser getödtet. Eine Musketenkugel durch den Kopf hatte alle seine Schulden bezahlt, und ich säumte nicht, seine Hinterlassenschaft an mich zu bringen, da ich überzeugt war, sein übriger Nachlaß dürfte mehr als hinreichen, um seine Leichenkosten zu bestreiten. Die Leiche war jedoch kalt und steif und wollte ihre Hülle nicht so leicht fahren lassen. Endlich gelang es mir, meinen Zweck zu erreichen. Ich steckte mich in den Rock und ging weiter, um den Degen des Obristen aufzusuchen, aber hierin war mir ein Franzose schon zuvorgekommen. Der Obrist lag allerdings noch starr und steif da, aber seine Waffe war fort. Ich wollte eben wieder zurückkehren, als ich keinem todten, sondern einem lebenden Feinde begegnete. ,, Qui vive! « sagte eine gedämpfte Stimme. » Anglais, bête! « antwortete ich eben so leise und fügte dann bei – » mais les Corsairs ne se battent pas. « C'est vrai, « entgegnete er brummend; » bon soir! « Und bald war er mir aus dem Gesichte. Ich kletterte nach dem Castell zurück, gab der Schildwache die Parole an und zeigte ihr mit großer Freude meinen neuen Kaputrock. Einige meiner Kameraden machten sodann einen ähnlichen Ausflug und erzielten einen mehr oder minder guten Erfolg. Nach ein paar Tagen waren die Leichen an der Küste durch nächtliche Gäste beinahe ganz entkleidet, aber die des Obersten blieb geachtet und unberührt liegen. Die Hitze des Tages hatte sie geschwärzt, sie war jetzt aller ihrer männlichen Schönheit beraubt und nichts weiter mehr, als ein ekelhafter Leichnam. Die Gesetze des Kriegs sowohl, als der Menschlichkeit heischten eine ehrenvolle Beerdigung der Ueberreste dieses Helden. Unser Kapitän, der die wahre Blume aller Ritterlichkeit war, trug mir auf, als Waffenstillstandsflagge ein weißes Schnupftuch an eine Picke zu stecken, um die Leichen zu begraben, wenn es der Feind gestatten würde. Ich vollstreckte den Auftrag und zog mit Spaten und Hauen hinaus; aber die Tirailleurs auf dem Berge eröffneten ein Feuer auf uns, welches einen meiner Leute verwundete. Ich sah nach dem Kapitän zurück, als wollte ich fragen: »Soll ich fortmachen?« Er winkte mir mit der Hand, weiter zu gehen, und nun begann ich neben einer Leiche ein Loch auszugraben, worauf der Feind, als er unsere Absicht merkte, sein Feuer einstellte. Ich hatte bereits mehrere beerdigt, als der Kapitän gleichfalls herauskam und sich uns anschloß, um die Lage des Feindes zu recognosciren. Er wurde von dem Fort aus gesehen und erkannt; auch errieth man ohne Zweifel seine Absicht. Wir standen jetzt neben dem gefallenen Obristen, den wir zu beerdigen gedachten. Da der Kapitän einen Diamantring an der Leiche bemerkte, sagte er zu einem der Matrosen: »Du kannst ihn abziehen; denn jetzt nützt er ihn doch nichts mehr.« Der Mann machte den Versuch, konnte ihn aber nicht von dem im Tode erstarrten Gliede herunterbringen. »Der arme Bursche wird dein Messer nicht spüren,« sagte der Kapitän, »und ein Finger mehr oder weniger ist jetzt für ihn von keinem sonderlichen Belang mehr. Herab damit!« Der Matrose begann mit seinem Messer das Fingergelenke zu durchsägen, als ein so gut gezielter Vierundzwanzigpfünder heranflog, daß demselben der Schuh abgestreift und einem andern die Schaufel aus der Hand geschlagen wurde. »Hinunter mit ihm und zugeworfen!« rief jetzt der Kapitän. Wir waren eben damit fertig geworden, als eine andere nicht ganz so gut gerichtete Kugel heranflog, uns den Sand in's Gesicht spritzte und den Boden zu unsern Füßen aufwühlte. Der Kapitän befahl nun seinen Leuten, nach dem Castell zu rennen, was sie sich natürlich nicht zweimal sagen ließen; er selbst aber ging ganz gemächlich durch den Kugelregen, welchen die verwünschten Schweizerhunde uns zuschickten. Ich wünschte sie aus dem Grunde meines Herzens zum Teufel, denn für mich, als den Adjutanten des Kapitäns, wurde es ein Ehrenpunkt und zugleich auch Pflicht, an dessen Seite zu bleiben, obgleich ich jeden Augenblick zu gewärtigen hatte, daß mich eine Büchsenkugel an einer Stelle treffen würde, wo ich mich hatte schämen müssen, die Narbe zu zeigen. Ich hielt diesen Leichenmarsch, nachdem die Beerdigung vorüber war, für verhenkerten Unsinn, aber mein muthiger Kapitän war in seinem Leben noch nie vor einem Franzosen davon gelaufen, und wünschte nicht erst jetzt den Anfang damit zu machen. Unter solchen Betrachtungen ging ich hinter ihm her, und da der Kugelregen dichter zu pfeifen begann, machte ich mich allmählig so an seine Seite, daß er zwischen mich und das Feuer kam. »Sir,« sagte ich, »da ich nur ein Midshipman bin, so kümmere ich mich nicht soviel um die Ehre, als Sie; wenn es Ihnen also gleichgültig ist, so will ich mir die Freiheit nehmen, unter ihren Lee zu gehen.« Er lachte und entgegnete: »Ich wußte nicht, daß Sie hier sind, denn ich meinte, Sie seien mit den Anderen abgezogen; aber da Sie nicht auf ihrem Posten sind, Mr. Mildmay, so will ich von Ihnen den Gebrauch machen, zu dem Sie mich so sinnreich bestimmt haben. Mein Leben ist vielleicht hier von einiger Bedeutung, was sich von dem Ihrigen nicht rühmen läßt, und einen andern Midshipman kann ich jeden Augenblick von dem Schiffe haben. Treten Sie also zurück, wenn's beliebt, und versehen Sie für mich den Dienst einer Brustwehr.« »Zuverlässig, Sir – ohne Widerrede,« versetzte ich und nahm demgemäß meine Stellung. »Nun,« sagte der Kapitän, »wenn Sie etwas abfangen, will ich Sie auf meine Schultern nehmen!« Ich drückte meinen verbindlichsten Dank nicht nur für die erwiesene, sondern auch für die mir zugedachte Ehre, zugleich aber auch die Hoffnung aus, daß ich nicht Anlaß geben werde, ihn zu bemühen. Ob der Feind Mitleid mit meiner Jugend und Unschuld hatte, oder ob er uns absichtlich fehlte, kann ich nicht sagen. Ich weiß nur, daß ich mich sehr glücklich schätzte, als ich mich wieder mit heiler Haut im Kastell befand, und daß ich mich mit Bereitwilligkeit in jede Maßregel gefunden haben würde, welche mich wieder auf ein Kriegsschiff zurückversetzt hätte – wäre es auch nur zu den Annehmlichkeiten und Bequemlichkeiten des Krankenverschlags. Alle Erdenseligkeit kann nur beziehungsweise als solche erscheinen – eine Thatsache, von der ich nie so nachdrücklich und zwingend überzeugt war, als bei Gelegenheit der Begebnisse während dieser denkwürdigen Belagerung. Das Glück und die wohlbekannte Feigheit retteten uns aus unseren Nöthen. Letztere übergaben die Citadelle, und da das Kastell jetzt nutzlos war, so eilten wir mit möglichster Geschwindigkeit nach unseren Booten hin, welche wir, trotz des beharrlichen Feuers der wachsamen Tirailleurs auf dem Berge, ohne Unfall erreichten. Diese ganze Affaire zeichnete sich durch einen sehr seltsamen Zug aus. Die Schweizer Miethsoldaten in französischen und spanischen Diensten, die sich feindlich gegenüberstanden, benahmen sich mit der größten Tapferkeit und versahen ihren Dienst mit unübertroffener Treue. Da sie sich jedoch sehr nahe standen und oft in gegenseitige Berührung kamen, so pflegten sie hin und wieder für eine Viertelstunde einen Waffenstillstand auszurufen, während dessen sie Erkundigungen nach ihren gegenseitigen Verwandten und Freunden einzogen. Bei solchen Gelegenheiten trafen sich oft Väter und Söhne, Brüder und nahe Verwandte, die in den entgegengesetzten Reihen kämpften. Sie lachten und scherzten mit einander, erklärten dann den Waffenstillstand geschlossen und nahmen mit derselben Gleichgültigkeit ihr Ziel, als ob sie sich völlig fremd gewesen wären. Jedoch, wie schon früher bemerkt, der Krieg ist ein Gewerbe. Von Rosas aus setzten wir uns in Bewegung, um uns dem vor Toulon liegenden Admirale anzuschließen. Da wir jedoch erfuhren, daß eine Batterie von sechs metallenen Kanonen im Hafen von Silvia liege, die sich gegen die Franzosen kaum noch ein paar Stunden halten könne, so liefen wir ein, und ankerten auf Pistolenschußweite von dem Geschütze. Wir sorrten Blöcke an unsere untern Mastköpfe, zogen Halsen durch dieselben, brachten die Enden an's Ufer, befestigten sie an die Geschütze und hoben drei davon, eines nach dem andern, vermittelst des Gangspills an Bord. Die Enden der Taue befanden sich bereits wieder am Lande, um auch die anderen nachzuholen, als unsere Marinevedetten von den Franzosen überrascht und gegen die Bucht zurück getrieben wurden; einer der Seesoldaten gerieth in Gefangenschaft. Da wir nicht kräftig genug waren, um Widerstand zu leisten, so schifften wir unsere Leute wieder ein, während die Franzosen, die ihre Stellung hinter den Felsen nahmen, ein schweres Musketenfeuer gegen uns eröffnen. Wir erwiederten dasselbe, und lösten hin und wieder eine große Kanone; sie waren jedoch durch ihre Position im Vortheile und verwundeten zehn oder eilf der Unserigen. Mit Sonnenuntergang hörte das Schießen auf, und nun stieß ein Boot vom Lande ab, das von einem einzigen Spanier gerudert wurde. Dieser überbrachte unserm Kapitän einen Brief des kommandirenden Offiziers der französischen Abtheilung, in welchem er unserm Kapitän sein Kompliment vermeldete, sein Bedauern ausdrückte, daß er unsere Beschäftigung habe unterbrechen müssen, und die Bemerkung beifügte, es sei kalt Wetter, und da er in der Eile aufgebrochen sei, so habe er keine Zeit gehabt, sich gehörig vorzusehen; weil nun unter tapferen Leuten stets die Gesinnungen eines höflichen Anstandes obwalteten, so bitte er um einige Gallonen Rum für sich und sein Gefolge. Dieses Gesuch wurde mit einem höflichen Schreiben und dem gewünschten Branntwein beantwortet. Der britische Kapitän sprach die Hoffnung aus, der Kommandant und seine Leute möchten sich's dabei wohl sein lassen, und wünschte ihnen angenehme Ruhe; doch gedachte er, die Franzosen, wenn auch nicht an Geld, dafür zahlen zu lassen; und schickte ihnen gegen Morgen um ein Uhr die Rechnung zu. Um diese Stunde herrschte eine Todesstille. Der französische Wachposten hatte sich erfrischt, und erfreute sich des frommen Wunsches, den ihm unser Kapitän hatte vermelden lassen, in seiner vollen Ausdehnung. Da meinte Letzterer auf Einmal, es wäre doch Schade, wenn wir das Boot, das wir an der Küste gelassen, wie auch die drei andern Kanonen verlieren müßten, und machte uns den Vorschlag, wir sollten den Versuch machen, Beides zu holen. Fünf oder sechs der Unsrigen entkleideten sich, worauf wir uns in's Wasser niederließen und so leise hinüberschwammen, daß wir sogar dem Stamme der Pawnee-Loup-Indianer Ehre gemacht haben würden. Das Wasser war so kalt, daß es mir anfangs fast den Athem benahm. Wir stiegen unter der Batterie an's Land, und nachdem wir uns zuerst ohne alles Geräusch unseres Bootes versichert hatten, krochen wir sachte nach der Stelle hinauf, wo die Halsenenden noch neben den Kanonen lagen. Etwa ein Dutzend französische Soldaten lagen in der Nähe und hielten in festem Schlafe ihre Wache. Wir hätten leicht alle tödten können; da wir jedoch bedachten, daß sie unter dem Einflusse unsers Rums standen, so wollten wir unsere Gastfreundschaft nicht so gewaltsam beschließen, und begnügten uns, nachdem wir die Halsen an das Geschütz befestigt hatten, die nahe gelegenen Musketen aufzugreifen und ganz ruhig wieder in das Boot zu gehen; dann stießen wir ab und ruderten mit zwei Rudern dem Schiffe zu. Das dadurch veranlaßte Geräusch weckte einige der Soldaten; sie sprangen auf, feuerten uns alle Waffen nach, die ihnen noch übrig geblieben waren, und verschafften sich auch bald Verstärkung, denn die Schüsse folgten schnell aufeinander und umflogen uns dicht genug, da es sternhell war, und unsere nackten Körper sich leicht unterscheiden ließen. »Untergetaucht ist nicht geflohen,« sagte ich, und so sprangen wir alle, mit Ausnahme der beiden Ruderer, über Bord. Ich schoß hinab wie ein Braunfisch und kam nicht wieder zum Vorschein, bis mein Kopf den Kupferbeschlag unsers Schiffes berührte. Dann schwamm ich um den Spiegel und wurde auf der dem Feinde gegenüberliegenden Seite eingenommen. Mein Kapitän würde freilich eine solche Vorsichtsmaßregel verschmäht haben, aber obschon ich so stolz war, als er, so theilte ich doch stets Fallstaffs Ansicht, daß nämlich Klugheit der bessere Theil des Muthes sei – zumalen bei einem Midshipman. Die Männer, welche im Boote geblieben waren, brachten dasselbe wohlbehalten an Bord. Da Alles vorbereitet war, so handhabten die Unserigen im Augenblicke, als unsere Ruder in's Wasser plätscherten, lustig den Gangspill, und die Kanonen galoppirten den Felsen herunter, wie junge Känguruhs. Sie befanden sich bald unter Wasser, noch ehe es den Franzosen möglich war, die Halsen abzuhauen. Sie feuerten mit ihren Musketen darnach; aber auch diese Hoffnung, die Taue zu zertrümmern, schlug fehl. Wir holten die Kanonen an Bord, lichteten vor Tagesanbruch die Anker und steuerten unserer Flotte zu, mit welcher wir nachher bald zusammentrafen. Hier erfuhr ich, daß mein eigenes Schiff ein muthiges Gefecht mit einer feindlichen Fregatte bestanden und dieselbe genommen, im Kampfe aber dermaßen Schaden gelitten hatte, daß es nach Hause geschickt wurde und von Gibraltar bereits nach England abgegangen war. Ich hatte Empfehlungsschreiben an den Contre-Admiral, der der zweite Befehlshaber war. Unter solchen Umständen hielt ich es für passend, mich »rein zu machen«, wie man es damals zu nennen pflegte, an Bord des Admiralschiffes zu gehen und meine Briefschaften zu überreichen. Der Flaggen-Kapitän übernahm die Besorgung meiner Papiere, und brachte mir die mündliche, nicht sehr höfliche Antwort zurück, ich könne, wenn es mir beliebe, auf dem Schiffe des Contre-Admirals eintreten, bis mein eigenes anlange. Da ich dies zufällig bequem fand, so ließ ich es mir auch wirklich belieben, und die Art, wie mir diese Gunst erwiesen wurde, enthob mich aller drückenden Dankesverpflichtung. Die Aufnahme war nicht so wie ich sie erwartet hatte, und wenn die Briefe nicht von hochgestellten Personen, welche Freunde des Contre-Admirals waren, hergerührt hätten, so würde ich es vorgezogen haben, auf der Fregatte zu bleiben, deren Kapitän gleichfalls diesen Wunsch äußerte, obschon derselbe keine Genehmigung fand. In dieser Weise kam ich auf das Flaggenschiff: warum ich aber dahin versetzt wurde, habe ich nie entdecken können, es müßte denn sein, daß ich eine Menagerie vervollständigen sollte, denn ich traf hier bereits zwischen sechzig und siebzig Midshipmen. Diese waren meist jünger als ich, gehörten zum Gefolge des Contre-Admirals und hatten vom Dienste nur wenig oder gar nichts gesehen, während ich mich rühmen konnte, in der kurzen Dauer meiner Laufbahn schon sehr viel erlebt zu haben. Das junge Volk horchte auf meine »Fäden« begierig, und ihr Eifer wurde dadurch so sehr angefacht, daß sie sich sehnten, meinen Thaten nachzueifern. Die Folge davon war, daß die Midshipmen zahlreiche Gesuche eingaben, um den Stationsfregatten einverleibt zu werden; und sobald der Kapitän entdeckt hatte, daß ich die Tarantel war, welche sie gebissen, warf er seinen Haß auf mich, den ich eben so nachdrücklich erwiederte. Der Kapitän war ein sehr großer, unförmlich gebauter, breitschultriger Mann, mit glanzlosen Augen, dicken Lippen, und einem nichtssagenden Gesichte. Er trug ein paar große Epauletten, war sehr zornmüthig und benahm sich, wenn er aufgebracht wurde (was sehr leicht geschehen konnte), ungemein heftig und hochtrabend. Seine Stimme tönte wie ein Donner, und wenn er sie gegen die armen Midshipmen vom Stapel ließ, so konnte ich mich des Gedankens an die zitternden Vögel nicht erwehren, welche, vom Blicke der Schlange gebannt, allen ihren Muth verlieren und kraftlos in den Rachen des Ungeheuers fallen. Wenn er sehr gereizt war, so pflegte er die Schulter auf und nieder zu ziehen, und bei solchen Gelegenheiten flappten seine Epauletten, wie die ungeheuren Ohren eines galoppirenden Elephanten. Sobald er sich nur zeigte oder seine Stimme laut werden ließ, nahm jeder Midshipman, dem nicht durch seinen Dienst zu bleiben auferlegt war, Reißaus, wie eine Landkrabbe in den westindischen Buchten. Mich verhöhnte er ohne Unterlaß, und ich durfte darauf zählen, daß er stets einen oder den andern Fehler an mir traf, bei welchen Gelegenheiten er mich spöttisch den »Fregatten-Midshipman« nannte. Durch eine so ungerechte Behandlung aufgebracht, antwortete ich ihm eines Tags, daß ich allerdings ein Fregatten-Midshipman sei, daß ich aber hoffe, eben so gut meine Pflicht thun zu können, als irgend Einer von einem Linienschiff, der mit mir in gleichem Dienstalter stehe. Wegen dieser unklugen und etwas unartigen Bemerkung wurde ich nach dem Halbdeck kommandirt, worauf sich der Kapitän zum Admiral begab und die Erlaubniß nachsuchte, mich peitschen zu lassen. Letzterer versagte jedoch seine Einwilligung mit der Erklärung, er sei kein Freund von dem Systeme, welches für junge Gentlemen die Peitsche empfehle, und außerdem sehe er im gegenwärtigen Falle durchaus keinen Grund ein. So wurde ich denn verschont, hatte aber von Stund' an ein gar trübseliges Leben, so daß ich oft um baldige Rückkehr meines eigenen Schiffes zum Himmel flehte. Unter anderen Flotten-Uebungen pflegten wir stets im Sonnenuntergang die Topsegel zu reffen, was gewöhnlich auf allen Schiffen im gleichen Augenblick geschah, sobald von dem Admiralschiffe aus das Signal dazu gegeben wurde. Dies erweckte eine thörichte Eifersucht, und hatte sowohl ernstliche Unfälle, als zahlreiche Strafen zur Folge, weil jedes Schiff das andere zu übertreffen suchte. Bei solchen Gelegenheiten tobte und schäumte unser Kapitän wie ein toller Stier auf dem Halbdecke herum. An einem schönen Abende wurden auf das gegebene Signal die Topsegel niedergelassen und die Matrosen streckten sich auf den Raaen aus, als mit einem Male ein armer Teufel, wie er eben auslangen wollte, von der großen Marssegelraa stürzte und, da er im Fallen gegen die Hauptauskehlung anprallte, den Arm brach. Ich bemerkte, daß er außer Stande war, zu schwimmen, und daher untersinken mußte, weßhalb ich über Bord sprang und ihn hielt, bis ein Boot herankam und uns aufnahm. Da das Wasser glatt und nur wenig Wind vorhanden war, desgleichen auch das Schiff nicht mehr als zwei Meilen in der Stunde zurücklegte, so lief ich wenig Gefahr. Als ich auf das Deck kam, fand ich den Kapitän in einem Zustand, der ihn für das Tollhaus qualifizirt hätte, denn der Unfall hatte gehindert, daß sich die Topsegel so schnell an den Mast anlegten, als es bei den übrigen Flottenschiffen der Fall war. Er drohte den Matrosen für sein Ueberbordfallen peitschen zu lassen, und hieß mich das Halbdeck verlassen. Dies war eine große Ungerechtigkeit gegen uns Beide. Von allen Charakteren, die in einem so hohen Dienstrange standen, war dieser Mann der widerlichste, der mir je vorkam. Bald nachher erhielten wir Befehl, unser Schiff zu Minorka ausbessern zu lassen. Dort fand ich zu meiner großen Freude meine eigene Fregatte; ich schüttelte den Staub von meinen Füßen und verließ das Flaggenschlff mit leichtem Herzen. Während der ganzen Zeit, die ich an Bord gewesen, hatte mich der Admiral nie gefragt, wie es mir gehe, und eben so wenig entließ er mich mit einem »Gottbefohlen«, als ich schied. In der That würde ich auch das Schiff verlassen haben, ohne je mit seiner Aufmerksamkeit beehrt worden zu sein, wenn nicht zufälliger Weise sein Lieblingsdachs mein Schiffsgenosse gewesen wäre. Ich erinnere mich, von einem Manne gehört zu haben, der sich rühmte, vom König angeredet worden zu sein, und auf die Frage, was er denn gesprochen habe, die Antwort gab: »Er sagte: Schlingel, packe dich aus dem Wege!« Mein Verkehr mit dem Admiral war ungefähr ebenso freundlich und schmeichelhaft. Ich befand mich mit Pompey auf der Kajüte und warf ihm ein Stück Haut hin, daß er sich mit Nagen die Zeit vertreibe. Der Admiral erschien gleichfalls auf der Kajüte und als er bemerkte, wie Pompey beschäftigt war, fragte er, wer ihm die Haut gegeben habe. Der Signalwärter denuncirte mich. Der Admiral schüttelte sein langes Fernrohr gegen mich, und sagte: »Wenn Sie je Pompey wieder etwas der Art hinwerfen, bei Gott! so lasse ich Sie peitschen, Sir.« Dies ist Alles, was ich von dem Admiral zu berichten habe, und Alles, was ich je aus seinem Munde vernahm. Achtes Kapitel. Da doch für jeden Stand Gesetze sind der Zaun, Wie kömmt's, daß reicher nicht die Frucht an Tyburus' Baum? Die Bettleroper. So lange ich mich an Bord des Flaggenschiffs befand, waren zwei arme Teufel wegen Meuterei hingerichtet worden. Dieser Auftritt war für mich weit feierlicher als Alles, was ich je zuvor gesehen; freilich war es auch das erste Mal, daß ich einer Exekution angewohnt hatte. Wenn man am Lande von Hinrichtungen hört, so ist man immer darauf vorbereitet, von irgend einem schnöden, verruchten Verbrechen, von einem frechen, nicht entschuldigbaren Vergehen gegen die Gesetze einer civilisirten Gesellschaft zu lesen, das eine gerechte und gnädige Regierung nicht ungestraft hingehen lassen kann. Zur See gibt es dagegen mancherlei Abschattungen, und gerade das, was das Dienstregiment als ein sehr ernstliches Verbrechen betrachtet, ist oft weiter nichts, als eine augenblickliche Aufwallung, die sich in einigen Fällen zügeln, in andern aber durch eine zeitgemäße Festigkeit und Milde gänzlich unterdrücken ließe. Die Schiffe waren lange auf der See gewesen, ohne daß ein Feind zum Vorschein kam – und es zeigte sich eben so wenig Aussicht, denselben zum Schlagen zu bringen, als in den Hafen zurückzukehren. In der That gibt es auch nichts Langweiligeres und Einförmigeres als einen Blokadekreuzzug »in Masse«, wie man es nennt, das heißt, wenn eine Anzahl von Linienschiffen den Auftrag hat, einen Feind zu bewachen. Die Fregatten haben in dieser Hinsicht weit mehr Vortheile, da sie stets an der Küste beschäftigt sind, oft in's Gefecht kommen und sich nur um so wohler befinden, je größer die Anzahl ihrer Gefallenen ist. Eine beklagenswerthe Gährung an Bord des Flaggenschiffs, auf welchem ich mich befand, brach endlich in offene Meuterei aus. Natürlich war sie bald gedämpft und die Rädelsführer wurden vor ein Kriegsgericht gestellt, welches über zwei davon das Urtheil fällte, daß sie an die Nocke ihres eigenen Schiffes gehangen werden sollten. Die Hinrichtung sollte zwei Tage nach dem erlassenen Spruche statthaben. Unsere Kriegsgerichte werden stets in sehr feierlicher Weise abgehalten, und sind ohne Frage ganz darauf berechnet, die Gemüther Aller, selbst den Kapitän nicht ausgenommen, mit Ehrfurcht zu erfüllen. Das Schiff, auf welchem das Gericht zusammentritt, pflanzt Morgens am Besanmaste die britische Flagge auf und löst eine Kanone. Ist das Wetter schön, so wird das Schiff auf's Zierlichste herausgeputzt; die Decken sind so weiß wie der Schnee, die Hängematten sorgfältig weggestaut, die Taue angespannt, die Raaen hängen unter rechten Winkeln am Mast, die Geschützmündungen blicken durch die Pforten und ein Piquet von Seesoldaten steht unter dem Befehle eines Lieutenants bereit, jedes Mitglied des Kriegsgerichts mit den seinem Range gebührenden Ehren zu empfangen. Vor neun Uhr sind Alle versammelt, die Offiziere in Halbuniform, da Staatsuniform nur dann angelegt wird, wenn über einen Admiral Gericht gehalten werden soll. In der großen Kajüte befindet sich eine lange, mit grünem Tuche bedeckte Tafel, auf welcher Federn, Tinte, Papier, Gebetbücher und die Kriegsartikel zur Benützung eines jeden Richters umhergelegt sind. »Eröffnet das Gericht!« beginnt der Präsident. Damit ist das Gericht eröffnet und für die Zuschauer, Offiziere und Soldaten, die bunt durcheinander stehen, Raum gegeben. Die Gefangenen werden von dem Profos, der den gezogenen Säbel in der Hand hat, eingeführt und erhalten ihre Plätze an dem untern Ende der Tafel, von welcher links der Gerichtsadvokat sitzt. Die Mitglieder der Kriegsjury werden darauf beeidigt, ihre Pflicht gewissenhaft zu erfüllen und zweifelhafte Fälle zu Gunsten des Gefangenen gelten zu lassen. Sobald dies geschehen ist, lassen sich die Geschworenen nieder und setzen, wenn sie wollen, ihre Kopfbedeckungen auf. Sodann wird der Gerichtsadvokat beeidigt und der Erlaß, welcher ein Kriegsgericht anordnet, verlesen. Der Gefangene hat nun das Verhör zu bestehen, und wenn er etwas sagt, wodurch er sich selbst bloßstellt, unterbricht ihn das Gericht mit der freundlichen Bemerkung: »Wir verlangen nicht, daß Ihr wider Euch selbst Zeugniß ablegt, sondern brauchen blos zu wissen, was Euch Andere beweisen können.« Dem Unglücklichen wird sodann ein Rechtsbeistand angeboten, und wenn die Verteidigung vorüber ist, muß Alles die Kajüte verlassen, deren Thüren jetzt geschlossen werden. Man prüft nun sorgfältig die Notizen des Gerichtsadvokaten und die Glaubwürdigkeit der Zeugen, worauf der Präsident zuerst an das jüngste Mitglied des Gerichts die Frage stellt: »Erwiesen oder nicht erwiesen?« Sobald Alle ihre Antwort abgegeben und sieben den Beweis anerkannt, sechs aber denselben verworfen haben, so wird das Urtheil der Mehrzahl als maßgebend zu Protokoll genommen. Die nächste Frage – wenn sich's um Meuterei, Desertion oder ein anderes Capitalverbrechen handelt – lautet: »Peitsche oder Tod?« Die Stimmen werden in der früheren Weise abgegeben. Spricht sich die Mehrzahl für Todesstrafe aus, so schreibt der Gerichtsadvokat das Urtheil, das von allen Mitgliedern dem Alter nach unterzeichnet wird; nur der Präsident und der Gerichtsadvokat machen hievon eine Ausnahme, indem der Eine zuerst, der Andere zuletzt die Namensunterschrift beifügt. Jetzt wird die Kajüte wieder geöffnet und der Gefangene hereingebracht. Allenthalben herrscht ehrfurchtsvolles, tiefes Schweigen. Die Mitglieder des Gerichts bedecken ihre Häupter und nehmen Platz; alle Uebrigen, mit Ausnahme des Profos, haben keine Kopfbedeckung. Sobald der Gerichtsadvokat das Urtheil verlesen hat, wird der Gefangene vermöge Präsidialmandats dem Profos zur Haft überantwortet, in welcher Letzterer denselben bis zur Zeit der Urteilsvollstreckung zu halten hat. Nachmittags um drei Uhr ließ mich einer der Gefangenen bitten, ich möchte zu ihm kommen, da er mit mir zu sprechen wünsche. Ich folgte dem Profos nach dem Verschlage in der Constabelkammer, wo die Verurtheilten in Eisen lagen. Die Fessel besteht aus einer langen Stange und einer Reihe von Ringen, die sich öffnen lassen, damit man sie dem Beine über dem Knöchel anlegen kann. Die Stange wird vorn durch ein Oehr geschoben und mit einem Schlosse festgemacht. Ich fand die armen Bursche auf einer Munitionstruhe sitzen. Ihr kleines Mahl stand noch unberührt vor ihnen und Einer davon weinte bitterlich, während der Andere, der Strange hieß, sich ruhiger benahm, obschon er augenscheinlich gleichfalls tief ergriffen war. Der Letztere hatte in seiner Jugend eine ziemlich gute Erziehung genossen, war aber auf Abwege gerathen, die ihn in sehr verfängliche Lagen brachten; um sich einer schweren Züchtigung zu entziehen, war er seinen Verwandten entlaufen und an Bord eines Kriegsschiffes gegangen. Hier fand er in dienstfreien Stunden Gelegenheit, zu lesen und nachzudenken, wurde düster und verschlossen, so daß er sich ganz von den Belustigungen seiner Kameraden zurückzog, und wahrscheinlich hatte sein finsteres Temperament zuerst zu den meuterischen Bewegungen Anlaß gegeben, um deren willen er den Tod erleiden sollte. Dieser Mann bat mich, wegen der Freiheit, die er sich gegen mich genommen, um Entschuldigung, indem er beifügte, daß er mich nicht lange aufhalten wolle. »Sie sehen,« fuhr er fort, »daß mein armer Freund von dem Entsetzen seiner Lage ganz überwältigt ist und ich wundere mich nicht darüber; welch' großer Unterschied zwischen ihm und den verhärteten Uebelthätern, die am Lande hingerichtet werden! Wir fürchten uns nicht, zu sterben, aber ein Tod wie dieser, Mr. Mildmay – wie ein Hund aufgehangen zu werden, zum abschreckenden Beispiel für die ganze Flotte und zur Schande und Schmach für unsere Freunde, – das ist's, was uns am Herzen zehrt! Ich habe Sie um meiner armen Mutter willen zu mir bitten lassen. Ich sah, wie Sie über Bord sprangen, um einen armen Teufel dem Tode des Ertrinkens zu entreißen, und so glaubte ich, es würde Ihnen auch nicht darauf ankommen, an einem andern unglücklichen Matrosen ein gutes Werk zu üben. Ich habe mein Testament aufgesetzt, und Sie darin als den Vollstrecker desselben namhaft gemacht. Haben Sie die Güte, als mein Sachwalter zu handeln, meinen Sold, wie auch meine Prisengelder einzuziehen und diese Hinterlassenschaft meiner guten Mutter einzuhändigen, deren Adresse Sie hier aufgeschrieben finden. Ich sehe mich zu dieser Bitte veranlaßt, weil ich nicht wünsche, daß sie etwas von der Geschichte meines Todes höre. Sie können ihr sagen, ich sei für das Wohl des Vaterlandes gestorben, was auch ganz richtig ist, denn ich erkenne die Gerechtigkeit meines Urtheils an und weiß, daß ein strenges Beispiel nöthig ist. Ich habe England seit eilf Jahren verlassen und diese ganze Zeit über treu gedient; auch ließ ich mir nie eine üble Aufführung zu Schulden kommen, als in diesem einzigen Falle. Wenn unser König meine traurige Geschichte kennen würde, so glaube ich, daß er Gnade für Recht ergehen ließe – – doch Gottes Wille geschehe! Ich hätte nur noch einen einzigen Wunsch, daß wir nämlich auf die feindliche Flotte treffen könnten, und ich sterben dürfte, wie ich gelebt habe – in Verteidigung meines Vaterlandes. Jetzt muß ich aber noch eine wichtige Frage an Sie stellen, Mr. Mildmay – Glauben Sie, daß es ein zukünftiges Leben gibt?« »Zuverlässig,« versetzte ich, »obgleich wir Alle leben, als ob wir nicht an Etwas der Art glaubten. Doch, warum zweifelt Ihr daran?« »Ich war einmal Dienstmann eines Offiziers,« entgegnete der arme Kerl, »und als ich eines Tages den Tisch der großen Kajüte beschickte, hörte ich den Kommandanten einer Kriegsschaluppe, welcher mit seinem Sohne bei uns an Bord dinirte, die Behauptung aufstellen, es sei Alles Unsinn, denn es gebe kein zukünftiges Leben und die Bibel sei nichts als ein Lügenbuch. Seitdem bin ich meines Lebens nicht wieder froh geworden.« Ich erwiederte ihm, es thue mir außerordentlich leid, daß ein Offizier, namentlich in seiner Gegenwart, solche Ausdrücke habe brauchen mögen; ich sei übrigens außer Stande, ihm seinen Seelenfrieden wieder zu geben, und wolle ihm daher empfehlen, alsbald nach dem Kaplan zu schicken, der ihm, wie ich nicht zweifle, jeden Trost, dessen er bedürfe, zu verschaffen im Stande sei. Er dankte mir für meinen Rath und machte sich denselben, wie er mir in seinen letzten Augenblicken betheuerte, zu Nutzen. »Und jetzt gestatten Sie mir, Sir,« entgegnete er, »daß ich auch Ihnen einen kleinen Rath ertheile. Wenn Sie einmal Kapitän sind, wozu Sie's zuverlässig bringen, so quälen Sie Ihre Leute nicht bis zur Meuterei, indem Sie allzusehr auf ein sogenanntes ›schmuckes‹ Schiff halten. Reinlichkeit und gute Ordnung hat der Matrose gern, aber das Schniegeln und Bügeln, das Poliren der Eisenstangen, der Ringbolzen und andere derartige Arbeit ist ihm ärger verhaßt, als die neunschwänzige Katze. Wenn Sie im Reffen der Topsegel etwa eine Minute später daran sind, als ein anderes Schiff, so lassen Sie das hingehen, wenn nur die Segel gut gerefft und in der Lage sind, einem Sturme Stand zu halten. Wie vieles Tuch geht nicht durch schlechtes Reffen zu Schanden, und mancher brave Matrose hat durch jene thörichte Hast, welche in der Flotte schon unglaublichen Schaden stiftete, sein Leben verloren. Was kann grausamer und ungerechter sein, als daß man den, der zuletzt von der Raa herunterkömmt, peitschen läßt? Ohne Frage ist er wohl der thätigste gewesen, und er kann nicht zurückkommen, ohne die größte Halsgefahr, abgesehen davon, daß doch Einer der Letzte sein muß. Verlassen Sie sich darauf, Sir, daß nichts gut ausgeführt werden kann, was so in der Eile gefertigt werden soll. Ich habe Sie aber schon zu lange aufgehalten. Gott behüte Sie; vergessen Sie meine arme Mutter nicht! Vielleicht sehen wir uns morgen früh noch einmal in der Back.« Der verhängnißvolle Morgen kam. Es war acht Uhr. Die Kanone wurde gelöst und das Exekutionssignal an den Mast gehißt. Die Unglücklichen riefen mit einem tiefen Seufzer: »Herr, habe Erbarmen mit uns! – unsere Erdenmühen werden jetzt bald vollendet sein!« Der Profos kam herein, öffnete das Schloß an dem Stangen-Ende, löste die Fußschellen und forderte die Schildwachen auf, die Gefangenen nach dem Halbdeck zu führen. Nun trat ein feierlicher Augenblick ein, den ich kaum zu schildern mich getraue. Der Tag war schön und klar; die oberen Bramraaen standen auf allen Schiffen in's Kreuz und die Wimpeln flatterten. Sämmtliche Matrosen, welche weiße Beinkleider und blaue Jacken trugen, hingen wie Bienenschwärme in jener Seite des Takelwerks, welche unserem Schiffe zugekehrt war, und eine Wache von Schiffssoldaten unter dem Gewehr stand auf jeder Laufplanke, während auf unserem Schiffe ein ähnliches Piquet statt des Ganges nach dem Halbdecke beordert war. Jedes Schiff hatte zwei Boote, je mit einem Lieutenant und einer Corporals-Wache, die ihre Bajonette aufgepflanzt hatte – an unsere Seite geschickt. – Der Hochbootsmann und seine Maten versammelte durch einen schrillenden Pfeifenton und durch den Ruf durch die Lucken hinunter – »Alles Volk hat bei der Exekution zu erscheinen!« die Mannschaft des Flaggenschiffs. Man hörte rasches Fußgetrappel auf den Leitern, aber keine Sylbe wurde gesprochen. Die Gefangenen standen mitten auf dem Halbdecke, während der Kapitän das Urtheil des Kriegsgerichts und den Exekutionsbefehl des Oberbefehlhabers verlas. Nachdem der Kaplan mit viel Andacht und Gefühl die geeigneten Gebete gesprochen hatte, wurden die Unglücklichen gefragt, ob sie bereit seien, worauf Beide mit Ja antworteten, aber zuvor noch um ein Glas Wasser baten, das ihnen alsbald gereicht wurde. Nachdem sie getrunken, verbeugten sie sich achtungsvoll gegen den Kapitän und die Offiziere. Der Admiral erschien nicht, da es gegen die Etikette war; die Verurtheilten baten aber, man möge ihm ihren Dank für früher genossene Güte vermelden. Dann ersuchten sie den Kapitän und alle Offiziere um die Erlaubniß, ihnen die Hände drücken und eine Anrede an die Schiffsmannschaft halten zu dürfen. Der Kapitän ertheilte Befehl, daß sich die Matrosen hinten auf dem Mars und auf dem Halbdecke versammeln sollten. Tiefe Stille herrschte und kein Auge war thränenleer. William Strange, der Mann, der mich hatte zu sich bitten lassen, begann mit lauter Stimme: »Brüder, Matrosen! hört auf die letzten Worte eines Sterbenden. Wir befinden uns hier in Folge Verlockung von Einigen unter euch, die sich jetzt sicher unter der Menge bergen. Ihr habt uns bethört und wir fallen als Opfer der Gerechtigkeit. Was hätten die Folgen einer glücklichen Durchführung unseres verbrecherischen Anschlags sein können? Elend und Verderben – endloses Verderben für uns und unsere Familien! Wir hätten unserem Vaterlande Schande gemacht und die Verachtung derjenigen Fremdlinge auf uns gezogen, denen wir das Schiff auszuliefern gedachten. Danken wir Gott, daß er nicht gelang! Aber laßt unser Schicksal euch zur Warnung dienen, und bemüht euch, durch euer künftiges Benehmen zu zeigen, wie sehr ihr die Vergangenheit bereut. Jetzt, Sir,« fügte er gegen den Kapitän bei, »sind wir bereit.« Diese schöne Rede aus dem Munde eines Matrosen wird den Leser ebenso überraschen, als sie damals den Kapitän und die Offiziere des Schiffs in Erstaunen setzte. Indeß habe ich bereits bemerkt, daß Strange kein gewöhnlicher Mensch war, sondern sich einer guten Erziehung erfreut hatte, leider aber, wie viele Rädelsführer in der Meuterei von Nore, durch das Gefühl, zum Befehlen geboren zu sein, zu dem Irrthum verleitet wurde, den Gehorsam zu verweigern. Die Arme der Gefangenen wurden nun gebunden; der Kaplan ging, Gebete lesend, voran, und der Profos, nebst zwei Seesoldaten, führte sie über die Laufplanke des Steuerbords nach der Back. Hier war zu jeder Seite über dem Katzenkopf ein Gerüst aufgeschlagen, zu welchem Stufen hinaufführten. An der Bügel für die Leesegelspieren, außen am fernsten Ende einer jeden Focknocke, befand sich ein Sterzblock, durch welchen ein Seil gegen das Gerüst hinunterlief, während das andere Ende desselben längs der Raa in die Schwigtingen der Wand und von da nach dem Hauptdecke führte. An der Vorderseite des Schiffes, unmittelbar unter dem Schaffote, stand eine bereits mit Zündkraut versehene Kanone und ein Constabler mit brennender Lunte daneben. Ich wich bis zum letzten Augenblicke nicht von der Seite des armen Strange. Er bat mich, ich möchte Acht haben, daß der Strick, welcher ungefähr die Dicke eines Wäscheseils hatte, gehörig um seinen Hals befestigt werde, denn er habe mit angesehen, wie mancher Unglückliche aus Vernachlässigung dieser Vorsichtsmaßregel entsetzlich gelitten habe. Nun setzte man Beiden eine weiße Mütze auf, die man ihnen, sobald sie auf der Plattform standen, über die Augen zog. Sie drückten mir, ihren Kameraden und dem Kaplan die Hand, indem sie zugleich dem letztern versicherten, daß sie in der zuversichtlichen Hoffnung auf die Verheißungen ihres Heilandes gerne stürben. Dann blieben sie ruhig stehen, bis die Nockentaue vermittelst eines Knebels an dem laufenden Knoten des Strickes befestigt waren; die anderen Enden der ersteren wurden zu beiden Seiten des Hauptdeckes von etwa zwanzig oder dreißig Mann gehalten, denen zwei Lieutenants des Schiffs beigegeben waren. Wie Alles bereit war, schwenkte der Kapitän ein weißes Schnupftuch; die Kanone wurde abgefeuert und in einem Nu sah man die Unglücklichen an den beiden Nocken pendeln. Sie trugen blaue Jacken nebst weißen Beinkleidern und waren überhaupt ein Paar ausgezeichnet schöne junge Leute. Ihr Tod schien nicht sehr schmerzlich zu sein. Nach Ablauf einer Stunde wurden die Leichen herabgenommen, in Särge gelegt und zur Beerdigung an's Land geschickt. Als ich neun Monate später wieder in England anlandete, entledigte ich mich meines Versprechens, indem ich an William Strange's Mutter den Sold und die Prisengelder des Unglücklichen, welche gegen fünfzig Pfund betrugen, ausbezahlte. Ich sagte der armen Frau, ihr Sohn sei wie ein Christ und für das Wohl des Vaterlandes gestorben; nach dieser Mittheilung verabschiedete ich mich jedoch alsbald von ihr, weil ich fürchtete, sie möchte weitere Fragen stellen. Daß die Hinrichtung eines Menschen an Bord eines Kriegsschiffes auf die Gemüther der Schiffsjungen nicht immer eine geeignete Wirkung übt, ist aus folgender Thatsache wahrzunehmen. Auf unserem Schiffe befanden sich zwei kleine Knirpse, von denen der eine der Sohn unseres Zimmermanns, der andere der des Hochbootsmannes war. Die Exekution setzte Beide in großes Erstaunen, wirkte aber nicht in gleichem Grade erschütternd. Am andern Morgen saß ich in einem der Flügel und las eben bei der dünnen Hellerkerze des Zahlmeisters ein Buch, als die genannten Jungen an einer der Kabeln durch die Hauptlucke herunterrutschten. Ob sie mich sahen und der Meinung waren, ich würde sie nicht angeben, oder ob sie mich für schlafend hielten, weiß ich nicht zu sagen; kurz, sie setzten sich mitten in den Kabelring hinein und schienen sich eine Weile angelegentlich zu unterhalten. Sie hatten einige Gegenstände in ein schmutziges, gewürfeltes Hemd und in ein Taschentuch eingeschlagen und blickten jetzt nach den Latten hinauf, an welchen die Hängmatten befestigt waren; dann brachten sie eine lange Schnur zum Vorschein und machten den Versuch, es über eine der Latten wegzuschlingen; da sie aber nicht so weit reichen konnten, kletterte der eine Knabe dem andern auf den Rücken, machte das eine Ende der Leine fest und stieg dann wieder herunter. Jetzt rollten sie das Hemd auf und nahmen zu meinem großen Erstaunen das etwa drei Monate alte Kätzchen des Hochbootsmannes heraus; die Vorderpfoten waren demselben auf den Rücken gebunden, die Hinteren gleichfalls zusammengefesselt, und an letzteren ein Stück Blei von einem Fischnetze angebracht; auch war dem armen Thierchen ein weißer Lappen als Mütze um den Kopf geknüpft. Es war nun ziemlich klar, welch' ein Schicksal dem armen Kätzchen zugedacht und warum das Blei an seine Füße befestigt worden war. Die Schnur wurde ihm um den Hals gelegt, worauf Jeder eine der Pfoten ergriff und sich anstellte, als weine er Abschiedsthränen. Einer der Buben hatte eine Pfeife in der Hand, in welche er aus seinem Schnupftuche so viel Mehl schüttete, als hineinging, während der andere das Ende der Schnur hielt. Nun wurde jede Ceremonie durchgemacht, deren sie sich erinnerten. »Bist du fertig?« fragte der Henker oder derjenige, welcher die Leine hielt. »Alles bereit,« versetzte der Knabe mit der Pfeife. »So feuere die Kanone ab,« sagte der Henker. Der Knabe brachte das eine Ende der Pfeife an seinen Mund und blies alles Mehl hinaus. Während dieser bescheidenen Nachahmung des Pulverdampfes wurde das arme Kätzchen nach der Latte hinaufgezogen, wo es hängen blieb, bis es todt war. Ich schäme mich, gestehen zu müssen, daß ich keinen Versuch machte, das Leben des armen Thieres zu retten, obgleich ich Sorge dafür trug, daß sein schnöder Mord durch die Katze gerächt wurde. Nachdem die Leiche eine Weile gehangen hatte, wurde sie wieder heruntergenommen und in dem Kugelkasten begraben; dies war ein unbestreitbares Verbrechen, wie wir namentlich auch auf Kosten unserer Nasen erfahren haben würden, weßhalb ich den Vorgang zur Anzeige brachte. Das todte Thier wurde gefunden, und da die Thatsachen klar erwiesen waren, so nahm das Gesetz seinen Lauf zur großen Belustigung aller Umstehenden, welche die Bälge an eine Kanone anbinden und tüchtig durchpeitschen sahen. Der Hochbootsmann aß das Kätzchen, einmal, wie er sagte, weil er in Spanien gelernt hatte, Katzenfleisch zu speisen, und zweitens, weil das Thier keines natürlichen Todes gestorben wäre. Sein letzter Grund war jedoch noch der auffallendste von allen: er hatte nämlich in einer spanischen Kirche ein Gemälde gesehen, die Vision des heiligen Petrus darstellend, in welcher etliche Thiere in einem Tuche vor ihm niedergelassen werden, und unter diesen hatte sich auch eine Katze befunden. Als er den skeptischen Blick meines Auges bemerkte, hielt er es für passend, seine Behauptung mit einem Eide zu bekräftigen. »Könnte es nicht auch ein Kaninchen gewesen sein?« fragte ich. »Ein Kaninchen, Sir? Hole mich Dieser und Jener – meinen Sie denn, ich wisse nicht eine Katze von einem Kaninchen zu unterscheiden? Die eine hat kurze Ohren und einen langen Schwanz, und bei dem andern ist's gerade wice wersa, wie wir's nennen.« In Minorka sollte zu Ehren der Engländer eine große Carneval-Maskerade abgehalten werden. Der für die Schaustellung auserkorene Ort war die etwa eine Meile von der Stadt entlegene Kirche, denn eine derartige Wertschätzung eines heiligen Gebäudes schien sich mit dem Katholicismus der Spanier recht gut zu vertragen. Ich maskirte mich als Narr und begegnete an dem Orte, wo die Festlichkeit abgehalten wurde, vielen anderen Offizieren. Es war ein komischer Anblick, wie die wunderlichen Gruppen nach den Bildnissen der Jungfrau Maria und sonstiger Heiliger hinstierten, deren Altäre für den gegenwärtigen Anlaß mit Wachskerzen erleuchtet waren. Der Admiral, der Contreadmiral und die meisten Flottenoffiziere waren anwesend. Da ich mir einen Narrenanzug zugelegt hatte, so machte ich mich auch mit dem geeigneten Thiere, nämlich mit einem Esel, beritten, und hinter mir drein zog ein jubelnder Haufe von tausend schmutzigen Gassenjungen. Bei meiner Ankunft fing ich an, Burzelbäume, Sprünge und alle Arten von praktischen Spaßen zur Schau zu stellen. Die Art, wie ich meine Rolle durchführte, verursachte ein kleines Gedränge um mich her. Einen Admiral oder Kapitän redete ich nie an, wenn er es nicht zuerst that, dann fing er aber auch in der Regel seinen Treffer ab. Ich kannte die Verhältnisse der Schiffe auf der Station ganz genau, und als mich einmal ein Kapitän, der seine Leute tüchtig schor, fragte, ob ich nicht auf seinem Schiffe eintreten wolle, antwortete ich: »Nein, denn du würdest mir gleich drei Dutzend aufzählen lassen, wenn ich meine Hängematte nicht gehörig aufgebunden hätte.« »Kommt mit mir!« sagte ein Anderer. »Nein,« entgegnete ich, »deine Klingelschur ist zu kurz – du kannst sie nicht erreichen, um eine weitere Flasche Wein zu bestellen, bis alle Offiziere deinen Tisch verlassen haben.« Ein Anderer versprach mir eine gütige Behandlung und Wein in Fülle. »Bewahre,« erwiederte ich; »aus deinem Schiffe würde ich sein, was die Kohlen zu New-Castle; außerdem ist dein Koffer zu schwach – dein Aufwärter nimmt nur zwei Loth auf sechs Tassen.« Diese Stiche verbreiteten viel Heiterkeit unter der Gesellschaft, und selbst der Admiral beehrte mich mit einem Lächeln. Ich verbeugte mich achtungsvoll gegen seine Herrlichkeit, welche blos sagte: »Was willst du von mir, Narr?« »O nicht viel, Mylord; ich hätte mir nur eine kleine Gunst von dir zu erbitten.« »Und die wäre?« fragte der Admiral. »Ich wünschte weiter nichts, als daß du mich zum Kapitän machst, Mylord.« »Nichts da,« sagte der Admiral; »wir machen nie Narren zu Kapitänen.« »Der Tausend,« erwiederte ich, meine Arme recht unverschämt in die Seite stemmend, »vermuthlich also ein ganz neuer Erlaß? Seit wann hat der Geheimrath dieses Dekret ausfertigen lassen?« Der gutgelaunte alte Krieger lachte über dieses Pröbchen von Unverschämtheit recht herzlich, aber der Kapitän, dessen Schiff ich erst kürzlich verlassen hatte, war einfältig genug, die Sache als beleidigend zu nehmen. Er erkannte mich und beschwerte sich am anderen Tage bei meinem Kapitän, der ihn jedoch nur auslachte und sich dahin äußerte, daß er den Einfall für einen vortrefflichen Witz halte. Er lud mich desselbigen Tages zum Diner. Unser Schiff wurde nach Gibraltar beordert, wo wir bald nachher landeten und ein englisches Paketschiff trafen, durch welches ich Briefe von meinem Vater erhielt. Sie brachten mir die Kunde von dem Tode meiner lieben Mutter. Ach, wie bedauerte ich jetzt all' den Kummer, den ich ihr bereitet. Wie unablässig folterte mich mein Gedächtniß mit meinen boshaften Streichen, indem es mir zugleich den Augenblick zurückrief, in welchem ich sie zum letzten Mal gesehen hatte! Nie hätte ich geglaubt, daß ich ihren Verlust nur halb so sehr beklagen würde! Mein Vater theilte mir mit, sie sei in ihrer Sterbestunde noch sehr wegen meiner Wohlfahrt bekümmert gewesen. Sie fürchtete, die Laufbahn, welche ich angetreten, sei nicht sehr geeignet, mein ewiges Heil zu fördern, wie günstig sich auch meine zeitlichen Vortheile dadurch gestalten möchten. Auf ihrem Sterbebette hatte sie mir noch eingeschärft, die Grundsätze der Religion, in welcher sie mich erzogen, nie zu vergessen, und unter Ertheilung ihres mütterlichen Segens bat sie mich dringend, fleißig in der Bibel zu lesen und sie zur Richtschnur meines Lebens zu machen. Meines Vaters Brief enthielt eine eben so rührende als nachdrückliche Ermahnung, und in meinem ganzen späteren Leben fühlte ich mich nie so ergriffen, als bei dieser Gelegenheit. Mit schmerzendem Kopfe und fast gebrochenem Herzen begab ich mich nach meiner Hängematte; ein Rückblick auf mein Leben gewährte mir keinen Trost. Die zahllosen Ausbrüche von Verderbtheit, Hochmuth, Rachsucht oder Hinterlist, deren ich mich schuldig gemacht hatte, stürmten durch meine Seele, wie ein Orkan durch das Takelwerk, und weckten in mir die ernstlichsten und wehmüthigsten Betrachtungen. Es stund eine geraume Weile an, ehe ich meine Gedanken sammeln und meine Gefühle zergliedern konnte; als ich mir aber alle meine Unthaten in's Gedächtniß rief – als ich bedachte, wie sehr ich abgewichen war von dem Pfade der Tugend, den mir die zärtliche Mutter so oft und klar vorgestellt hatte, da wurde ich von Schmerz, Scham und Reue überwältigt. Ich erwog, wie oft ich am Rande der Ewigkeit gestanden hatte, und wenn ich in allen meinen Sünden weggerafft worden wäre, welch ein Loos hätte ich zu gewärtigen gehabt? Ich schrak entsetzt vor der Gefahr zurück, der ich entgangen war, und blickte mit düsterer Besorgniß auf diejenigen, welche mir noch bevorstanden. Umsonst spähete ich in all' meinem Treiben, seit ich der Obhut meiner Mutter entnommen war, auch nur nach einer einzigen Handlung, die aus einem löblichen Sinne ihren Ursprung genommen hätte. Allerdings fehlte es mir nicht an äußerer Politur für das Auge der Welt, aber in meinem Innern herrschte Finsterniß und ich fühlte, daß ein schärferes Auge, als das der Sterblichkeit – ein Auge, vor dem keine Täuschung bestehen konnte, meine Seele durchforschte. Ich hatte noch kein Auge geschlossen, als ich um Mitternacht auf das Deck gerufen wurde, da die Mittelwache von Mitternacht bis Morgens um vier Uhr an mich kam. Wir hatten Tags zuvor einen Quartiermeister begraben, der den Eckelnamen »Tabakskäuer« führte. Er war ein alter Seemann, der sich – was in Sr. Majestät Dienste nicht selten vorkommt – durch Trinken zu Grund gerichtet hatte. Die Leiche eines Menschen, der seine Säfte durch Unmäßigkeit verderbt hat, geht in der Regel unmittelbar nach dem Tode in Fäulniß über, welche, namentlich in warmen Klimaten, sehr rasch um sich greift. Der Tabakskäuer war kaum ein paar Stunden todt, als sein Körper eine Ausdünstung verbreitete, welche seine alsbaldige Bestattung nöthig machte. Er wurde daher in eine Hängmatte genäht; und da das Schiff in tiefem Wasser lag, desgleichen eine Brandung um die Bay fegte und die Boote sämmtlich in dem Arsenal beschäftigt waren, so ließ der erste Lieutenant ein paar Stückkugeln an den Beinen der Leiche befestigen, worauf sie nach Verlesung der Begräbnißgebete von der Laufplanke aus über Bord gelassen wurde. Ich ging in einem nicht sehr glücklichen Gemüthszustande auf dem Decke hin und her und stellte ernstliche Verachtungen über einzelne Stellen jener Bibel an, die ich seit mehr als zwei Jahren nicht ein einziges Mal angesehen hatte – da lenkten sich denn meine Gedanken plötzlich unter anderem auch auf den Tod des armen Quartiermeisters und auf die Schönheit des Gebetes, welches über seiner Leiche verlesen worden war: »Ich bin die Auferstehung und das Leben.« Der Mond, welcher bisher verdunkelt gewesen, trat nun auf Einmal hinter einer Wolke hervor, und der Ausluger auf der Laufplanke des Steuerbordes stieß einen lauten Schrei aus. Ich eilte nach der Stelle hin, von wo aus der Ruf erschollen, um nach der Ursache zu fragen, und traf den Mann in einem so aufgeregten Zustande, daß er nur das Wort »Tabakskäuer« hervorbringen konnte, während er zu gleicher Zeit mit dem Finger auf das Wasser deutete. Ich blickte über Bord und sah dort zu meinem Erstaunen die Leiche des genannten Mannes »ganz eingehüllet in die grause Matte« wie sie, mit dem Kopf und den Schultern über das Wasser erhaben, in völlig aufrechter Stellung einherschwamm. Ein leichtes Wogen der Wasserfläche gab ihr den Anschein, als ob sie mit dem Kopfe nicke, während die Strahlen des Mondes uns in den Stand setzten, die Umrisse des Körpers im Wasser zu unterscheiden. Ein paar Augenblicke fühlte ich mich über alle Beschreibung entsetzt, so daß ich den Gegenstand mit stummem Grausen betrachtete. Das Blut rann mir eiskalt durch die Adern und es war mir, als stünden mir alle Haare zu Berge. In dem Uebermaße meiner Ueberraschung meinte ich, der Verschiedene habe sich aufgerichtet, um mich zu warnen; in Bälde sammelte ich mich jedoch wieder, und es stand nicht lange an, bis ich den Grund dieses Wiederauftauchens der Leiche entdeckte. Ich ließ den Kutter bemannen und begab mich in der Zwischenzeit nach der Constablekammer hinunter, um dem ersten Lieutenant den Vorgang zu melden. Er lachte und entgegnete: »Vermutlich sagt dem alten Knaben das Salzwasser nicht ganz so gut zu, als der Grogg. Binden Sie ihm noch ein paar Kugeln an die Füße, daß er wieder seinen Ankergrund erreicht, und sagen Sie ihm, wenn er das nächste Mal abtrifte, solle er nicht mehr gegen unsern Bord laufen. Er hat seine regelmäßige Gebetration gehabt und soll auch kein Titelchen weiter kriegen, da Alles, was im Buche stand, über ihn verlesen wurde.« Mit diesen Worten legte er sich auf die andere Seite. Dieser scheinbar auffallende Umstand läßt sich leicht erklären. Körper, die sich in rascher Fäulniß zersetzen, erzeugen eine Menge von Gas, durch welches sie zu einem ungeheueren Umfang angeschwellt und schwimmend erhalten werden. Die Leiche dieses Mannes war über Bord geworfen worden, als sich der Entmischungsprozeß im besten Fortgange befand, und die an seinen Füßen befestigten Kugeln hatten eben zugereicht, sie zum Sinken zu bringen. Nach ein paar Stunden vermochten sie jedoch nicht mehr den Körper auf dem Grunde zu erhalten, weßhalb er in der genannten senkrechten Stellung nach der Oberfläche stieg. Die Strömung in der Bay war gerade schwach oder unregelmäßig, weßhalb er sich an der Stelle wieder hob, wo man ihn in's Wasser gelassen hatte. Der Kutter wurde niedergelassen und die Mannschaft beauftragt, die Leiche durch Anhängen von noch mehr Kugeln zu versenken. Als man sie mit dem Ende der Haken fassen wollte, wich sie der Berührung aus, drehte sich etliche Male, tauchte unter und kam wieder zum Vorschein, als ob sie mit den Matrosen des Bootes nur ihr Spiel treiben wolle. Indeß wurde Letzteren durch einen Zufall alle weitere Mühe erspart, denn der vorderste Ruderer, welchem die Uebrigen Vorwürfe machten, daß er den Körper nicht fasse, wurde unwillig und stieß ihm die Spitze des Bootshakens in den Bauch, worauf das angesammelte Gas mit einem lauten Zischen entwich und die Leiche augenblicklich wie ein Stein untersank. Bei dieser Gelegenheit fielen manche Scherzreden; aber ich war nicht in der Stimmung, über ernste Gegenstände zu spaßen, und ehe die Wache aus war, hatte ich mir vorgenommen, nach Hause zu gehen und den Dienst zu verlassen, da ich andern Falls keine Möglichkeit absah, den Einschärfungen meiner sterbenden Mutter zu gehorchen. Des anderen Morgens trug ich dem Kapitän meine Wünsche vor, ohne jedoch meiner Absicht, aus der Flotte auszutreten, zu erwähnen, indem ich nur sagte, daß ich wegen Familienangelegenheiten in die Heimath reisen müsse. Diese war nun für mich gerade eben so unerläßlich, als eine Pilgerfahrt nach Jerusalem. Der Kapitän hatte bereits von der traurigen Post, die mir zugegangen, Kunde erhalten, und nachdem ich ihm Alles mitgetheilt, was ich zu sagen wußte, antwortete er, es wäre besser für mich, wenn ich mich anders besinnen und bei ihm bleiben wollte. »Sie sind jetzt an meine Art und Weise gewöhnt,« fügte er bei, »kennen Ihren Dienst und finden sich gut in Ihre Obliegenheiten; auch habe ich in meinem letzten, öffentlichen Bericht an die Admiralität ehrenvoll Ihrer gedacht. Freilich müssen Sie selbst am besten wissen, was Sie zu thun haben;« (hier war er im Irrthum, denn wegen der von mir angegebenen Gründe hätte er mich nicht abreisen lassen sollen) »indeß rathe ich Ihnen als Freund, zu bleiben.« Ich dankte ihm für seine Güte – da ich aber fest entschlossen war, nach Hause zu gehen, so willfahrte er meinem Gesuch, indem er mir Urlaub ertheilte und mir ein sehr gutes Zeugniß über mein Wohlverhalten ausstellte, in welchem er die gewöhnlichen Formen weit überschritt; auch sagte er mir, er wolle, falls ich auf sein Schiff zurückzukehren gedächte, eine Stelle für mich offen halten. Nicht ohne Schmerz verabschiedete ich mich von den Offizieren, meinen Tischgenossen und der ganzen Mannschaft. Ich war nun schon mehr als drei Jahre an Bord gewesen und mein stürmischer Anfang hatte einer ruhigen und friedlichen Anerkennung meiner Ueberlegenheit in der Back Platz gemacht; auch war ich durch mein Benehmen der allgemeine Liebling geworden, weßhalb ich, als ich das Schiff verließ, von den herzlichsten Wünschen für mein Wohl begleitet wurde. Der Kutter brachte mich an Bord eines Linienschiffs, welches mich nach England zurückführen sollte. Neuntes Kapitel. Wie glücklich könnt' ich sein mit Einer, Wär' nur das and're Schätzchen nicht! Die Bettleroper. Es heißt, die Hölle sei mit guten Vorsätzen gepflastert. Wenn es wahr ist. so hat sie ein weit besseres Pflaster, als sie verdient, denn »wir alle hängen im Schlepptau der Schlange«. Warum also den deutlichsten Beweis von unserer Vollkommenheit vor dem Falle und von unserer darauf folgenden Schwäche nach der Hölle verbannen? Aufrichtige Besserungsvorsätze müssen vor dem Throne der Gnade als eine kräftige Empfehlung gelten, selbst wenn wir durch die Verlockungen der Sinne und die Schlingen der Welt wieder auf Abwege geleitet werden. Wenigstens müssen unsere Zerknirschungs- und Reue-Thränen, unser Schmerz über die Vergangenheit und unser festes Vornehmen, in Zukunft anders zu sein, im Himmel Freude wecken, weßhalb sie unmöglich zu einem Pflaster für den Tummelplatz der Teufel passen. Bei der Jugend üben Schmerz und Freude meist nur vorübergehende Eindrücke, gleichviel ob sie aus dem Besitze oder dem Verluste eines Erdenguts, aus dem Bewußtsein, recht oder unrecht gehandelt zu haben, entspringen. Wie kräftig auch die Aufregung sein mag, sie ist nicht nachhaltig und ein Gleiches war auch bei mir der Fall. Ich hatte mich kaum vier Tage an Bord des Linienschiffs befunden, das mich nach England mit nahm, als sich mein Geist wieder aufschwang, und mein Leichtsinn in weit höherem Grade zurückkehrte. Die Stunden der Betrachtung wurden anfangs abgekürzt, und dann gänzlich verabschiedet. Die Freude meiner neuen Schiffsgenossen, wieder einmal ihr liebes theures Heimathland besuchen zu dürfen, und der Vorgenuß einer sinnlichen Bachus- und Venus-Verehrung bildeten unter den Midshipmen das unablässige Unterhalten. Dies, nebst dem lauten, unsinnigen Beifall, welcher der rohesten Zotenreißerei gezollt wurde, trug dazu bei, die ernste Gemüthsstimmung zu zerstören, in welcher ich meinen Kapitän verlassen hatte, und ließ mich fühlen, wie thöricht ich gehandelt hatte, ein Schiff zu verlassen, auf dem ich nicht nur das Oberhaupt meiner Tischgenossen, sondern auch auf dem besten Wege zur Beförderung war. Ich machte mir Vorwürfe, einen solchen Tollhäuslerstreich begangen zu haben, und begann auf's Neue meine Laufbahn voll Sünde und Thorheit, nur ein klein wenig durch die kürzlichen Ereignisse gemildert. Wir langten nach der gewöhnlichen Fahrzeit in England an. Ich ließ mir's gefallen, mit meinen neuen Gefährten ein Paar Tage in Portsmouth zu verbringen, die alten Tummelplätze zu besuchen, und dieselben Ausschweifungen zu begehen, an welchen lobhudelnde Thoren und Schurken auf meine Kosten Theil nahmen, und die ich schmerzlich bereute, nachdem ich mich von denselben getrennt hatte. Indeß war ich doch entschlossen genug, meinen Koffer zu packen. Nach einem schwelgerischen Nachtessen in der Fontaine legte ich mich betrunken zu Bette, um mich am andern Morgen mit schmerzendem Kopfe in eine Postkutsche zu werfen und nach London abzufahren. Einem allzu heiter verbrachten Tage folgt in der Regel ein Zustand von Herabstimmung. Dieß ist auch ganz in der Ordnung, denn wenn wir allzu reichlich an unsern Vorräthen zehren, und unsere Lust ebenso wie unser Geld verschleudern, so muß am andern Tage der Kopf leer und der Beutel noch leerer sein. Eine stumpfsinnige Niedergeschlagenheit folgte der geräuschvollen Lust der letzten Nacht. Ich schlief in einer Ecke des Wagens bis gegen ein Uhr, zu welcher Zeit wir Godalming erreichten. Hier stieg ich aus, genoß eine kleine Erfrischung und nahm meinen Sitz wieder ein. Während der Fahrt hatte ich mehr Muße, wie ich mich denn auch in einer geeigneteren Gemüthsstimmung befand, um über mein Benehmen, seit ich mein Schiff zu Gibraltar verlassen hatte, Betrachtungen anzustellen. Meine Selbstprüfung führte wie gewöhnlich zu keinem befriedigenden Resultat. Ich bemerkte, daß das Beispiel schlechter Gesellschaft jede Spur der guten Vorsätze, welche ich nach dem Tode meiner guten Mutter faßte, verwischt hatte, und grämte mich über meine Schwäche. Meine Entschlüsse, meine heiligen Besserungsgelübde – Alles hatte ich vergessen, um der ersten Verlockung, die mir in den Weg trat, nachzugeben. Vergeblich vergegenwärtigte ich mir alle schwarzen und drohenden Wolken der Familientrauer, die mich bei meinem Eintritte in das Elternhaus erwarteten – die schreckliche Leere, welche durch den Tod meiner Mutter herbeigeführt war – den Schmerz meines Vaters – den Gram meiner Brüder und meiner Schwester – die Stelle, an welcher ich die beste der Mütter verlassen hatte, als ich mich gedankenlos abwandte von ihrer Herzensangst, um in die Fremde zu ziehen. Ich erneuerte meine Besserungsgelübde und fand einen geheimen Trost darin. Als ich an der Thür der väterlichen Wohnung anlangte, grüßte mich der Diener, welcher mich einließ, mit einem lauten und herzlichen Willkommen. Ich eilte in das Besuchszimmer, wo ich fand, daß meine Geschwister eine Kindergesellschaft zusammengebeten hatten, mit welcher sie den Abend verbrachten. Sie tanzten zur Musik eines Pianos, welches meine Tante spielte, während mein Vater in höchlich guter Laune auf seinem Armsessel saß. Wie ganz anders war die Scene, als ich sie erwartet hatte. Ich hatte mich auf ein rührendes Wiedersehen gefaßt gemacht, und meine Gefühle befanden sich in einem entsprechenden Zustande. Man denke sich also, welche Umwandlung in meiner Seele vorging, als ich auf Heiterkeit und gute Laune traf, wo ich Thränen und Weheklagen entgegensah. Ich hatte ganz vergessen, daß der Tod meiner Mutter, der mir noch so neu war, um sechs Monate vor die Zeit fiel, als ich Kunde davon erhielt, und daß dem gemäß der Schmerz durch die Zeit ertödtet worden war. Ich empörte mich über diese augenscheinliche Gefühllosigkeit, während sie ihrerseits erstaunt mich und die Trauerabzeichen, die ich trug, betrachteten. Mein Vater bewillkommnete mich überrascht, fügte aber alsbald die Frage bei, wo mein Schiff sei und was mich nach Hause gebracht habe. Freilich hatte ich mich so plötzlich entschlossen, nach England zurückzukehren, daß ich mir nicht einmal die Mühe nahm, meine Angehörigen brieflich mit meinen Absichten bekannt zu machen, und wenn ich auch geschrieben haben würde, so wäre ich jedenfalls so früh als mein Brief angelangt, ich hätte nur von Portsmouth aus Kunde von mir ertheilen müssen, was ich aber leider unterlassen hatte, um meine Zeit in den allerschlimmsten Ausschweifungen zu vergeuden. Da ich indeß nicht im Stande war, im Beisein so vieler Zeugen meinem Vater die Erklärung zu geben, welche er mit Recht verlangen konnte, so litt ich eine Zeit lang sehr in seiner guten Meinung, weil er dadurch auf die ganze natürliche Vermuthung kam, meine üble Aufführung sei der Grund meiner plötzlichen Rückkehr. Seine Stirn umwölkte sich, und sein Geist schien sich in tiefem Nachsinnen zu ergehen. Dieses Benehmen meines Vaters, zugleich mit der geräuschvollen Heiterkeit, in der sich meine Geschwister durchaus nicht unterbrechen ließen, fiel mir ungemein schmerzlich. Ich dachte jetzt, ich habe bei der traurigen Kunde von dem Tode meiner Mutter doch zu viel Empfindsamkeit gezeigt und durch das Verlassen meines Schiffes ein allzu großes Opfer gebracht. Als ich meinem Vater unter vier Augen den Beweggrund meiner Handlungsweise mittheilte, wollte es mir auch nicht recht glücken, ihn zu überzeugen, denn er konnte nicht glauben, daß der Tod meiner Mutter der einzige Anlaß zu meiner Rückkehr nach England sei. Er stellte viele ernste und zornige Fragen an mich, und meinte, was denn Gutes dabei herauskommen könne, daß ich mein Schiff verlassen habe; auch wurde er nur noch ärgerlicher, als ich ihm das gute Zeugniß meines Kapitäns zeigte. Umsonst entschuldigte ich mich mit dem Drange meiner Gefühle; er setzte mir ein Argument entgegen, dem ich allerdings nichts zu erwiedern vermochte, indem er mir sagte, ich sei von meinem Schiffe gegangen, als ich eben auf der Glanzhöhe der Gunst und auf dem Wege zu meinem Glücke stand. »Was müßte überhaupt aus dem Vaterlande und aus der Flotte werden,« fügte er bei, »wenn jeder Offizier nach Hause wollte, so oft er Kunde von dem Tode eines Verwandten erhält?« In demselben Maße, als mich meines Vaters Vorstellungen überzeugten, verwischten sie auch die Eindrücke, welche die Ermahnungen meiner sterbenden Mutter auf mich geübt hatten. Wenn ihr Tod so gar nichts besagen wollte, so mußte es mit ihren letzten Worten derselbe Fall sein, und von diesem Augenblick an entschlug ich mich aller weiteren Gedanken darüber. Mein Vater behandelte mich nun ganz anders, als bei Lebzeiten meiner Mutter, denn meine Bitten wurden mir mit Härte abgeschlagen, und ich mußte mir Vorlesungen gefallen lassen, wie sie etwa für ein Kind paßten, nicht für einen jungen Menschen von achtzehn Jahren, der schon so viel von der Welt gesehen. Ich setzte seiner Kälte den Geist des Widerstands entgegen, worin mir mein Stolz zu Hülfe kam. Eines Abends kam es zu einem Wortwechsel, in welchem ich ihm schließlich bemerkte, daß ich sein Dach verlassen wolle, wenn ich nicht friedlich darunter leben könne, worauf er mir ganz ruhig anempfahl, ich solle dies thun. Er ließ sich wohl wenig träumen, daß ich ihn sogleich beim Worte nehmen würde. Indeß geschah dies; ich verlies das Zimmer, schlug die Thüre hinter mir zu, packte meine Siebensachen zusammen, nahm mein Bündel auf die Schulter und entfernte mich, ohne von Jemand bemerkt zu werden, mit ungefähr sechszehn Schillingen in der Tasche. Das war nun freilich ein großes Versehen von Seite meines Vaters, aber ein noch größeres von mir. Er wünschte sehnlich, mich wieder zur Flotte zu bringen, und auch ich hatte nicht das Mindeste dagegen einzuwenden, aber seine Ungeduld und mein Stolz verdarben Alles. Allerdings kam bei mir die Ueberlegung hinterdrein, leider aber zu spät. Die Nacht brach herein, ich hatte kein schützendes Dach über meinem Haupte, und meine Börse befand sich in keinem sonderlich blühenden Zustande. Nachdem ich mich etwa sechs Meilen von meines Vaters Wohnung entfernt hatte, fing ich an, müde zu werden. Es wurde dunkel und noch immer hatte ich mir keinen festen Plan gebildet. Da fuhr der Wagen einer Herrschaft an. Ich setzte mich hinten auf, und war in dieser Weise vier Meilen weiter gekommen, als die Pferde an einen Berg kamen, wo es langsamer ging, und ich von den in der Kutsche Sitzenden entdeckt wurde. Der abgestiegene Postillon wurde von meinem Vergehen in Kenntniß gesetzt und begrüßte mich mit etlichen tüchtigen Peitschenhieben, die mir andeuteten, daß ich hier nichts nütze, sondern eher eine Last sei, die man recht gut entrathen könne. Meine Leser wissen, daß ich mir schon seit langer Zeit den Wahlspruch unserer nördlichen Nachbarn – Nemo me, etc. – angeeignet hatte, weßhalb ich ganz ruhig zuwartete, bis der Postillon auf dem Berge droben sein Pferd wieder bestieg. Sobald er nun in dieser Weise mehr in meinen Händen war, entsandte ich einen Stein nach seinem Kopf, in Folge dessen er seinen Sattel räumte und unter den Bauch seines Thieres fiel. Die Rosse scheuten über seinen Sturz, machten, um nicht über ihn wegzugehen, rechts um und rasten den Berg hinunter. Der Postillon half sich wieder auf die Beine und rannte seinen Thieren nach, ohne an den Urheber dieses Unfalls zu denken, und ich machte mich in aller Hast in der entgegengesetzten Richtung davon, höchst gleichgültig gegen das Schicksal der im Wagen befindlichen Personen, da ich noch immer die erhaltenen Peitschenhiebe nicht verschmerzt hatte. »Ihr einfältigen Unmenschen,« murmelte ich, als ich zusah, wie sie unten an dem Berge mit furchtbarer Geschwindigkeit verschwanden, »euch ist recht geschehen. Ich hatte allerdings kein Recht, hinten auf eurem Wagen zu sitzen, aber eine höfliche Aufforderung würde allen euren vernünftigen Wünschen entsprochen und mich heruntergebracht haben; doch mir eine Peitsche – !« Und mit vor Entrüstung kochendem Blute setzte ich hastig meinen Weg fort. Bald nachher erreichte ich das Städtchen A.., dessen Lichter ich bereits gesehen hatte, als die Pferde umwandten und Reißaus nahmen. Ich trat in das erste Wirthshaus an der Straße und fand in der großen Gaststube unten eine Bande wandernder Komödianten, welche eben bei gefülltem Hause Romeo und Julie aufgeführt hatten; auch war aus der Aufregung, die unter ihnen herrschte, leicht zu entnehmen, daß der Kassen-Ertrag völlig ihren Erwartungen entsprochen hatte. Es waren ihrer 14, die um einen runden, mit würzigen Speisen gesetzten Tisch saßen; sie trugen sämmtlich ihr Theatercostüme, was neben dem raschen Kreisen der Flasche der ganzen Scene einen Anstrich von romantischer Freiheit gab, die wohl geeignet war, das Interesse eines gedankenlosen Halbsoldmidshipmans zu wecken. Da ich nach meiner Wanderung hungrig war, so gedachte ich, mich beim Nachtessen dieser Gesellschaft anzuschließen, was sich leicht bewerkstelligen ließ, da nicht nach der Karte gespeist, sondern Gasttafel gegeben wurde. Eine der Schauspielerinnen, ein hübsches, wohlgewachsenes Geschöpfchen mit großen, schwarzen Augen, ließ sich mit augenscheinlicher Gleichgültigkeit die Schmeicheleien der kleinstädtischen Zierbengel und der jungen Pächter aus der Nachbarschaft gefallen. Sie lächelte hin und wieder, und ließ dabei eine wunderschöne Reihe kleiner Perlenzähne blicken; wenn sie aber ihre sinnige Haltung wieder einnahm, war ihr Wesen so bezaubernd melancholisch, daß ich von dem armen Mädchen ganz hingerissen wurde, das augenscheinlich eine weit niedrigere Stellung im Leben einnahm, als ihr durch ihre Erziehung angewiesen war. Der Mensch, welcher ihr zunächst saß, räumte seinen Platz – sobald er bemerkte, daß seine Aufmerksamkeiten weggeworfen waren, ein Umstand, den ich mir augenblicklich zu nutze machte, indem ich mich an ihre Seite setzte und alsbald ein achtungsvolles Gespräch mit ihr anfing. Ob ihr meine Unterhaltung und Sprache mehr gefiel, weil sie besser waren, als das, was sie gewöhnlich anhören mußte, oder ob ihr meine beharrliche Aufmerksamkeit schmeichelte, weiß ich nicht; jedenfalls aber wurde sie teilnehmender und lebhafter – und ich erstaunte mit jedem Augenblick mehr, sie in einer derartigen Stellung zu finden, da sie viele Talente und einen sehr gebildeten Geist verrieth. Unsere Unterhaltung hatte ziemlich lange gedauert, und ich sah eben einer Antwort entgegen, die sie mir, augenscheinlich mit einer verborgenen Rührung kämpfend, schuldig geblieben war, als wir durch das Anfahren eines Wagens am Hause und durch den Ruf: »Hülfe! Hülfe!« unterbrochen wurden. Ich stand alsbald auf, um der Aufforderung des Unglücks Folge zu leisten. In dem Wagen befand sich ein Herr, der eine anscheinend leblose junge Dame mit seinen Armen unterstützte. Unter meinem Beistande wurde sie alsbald in das Haus geschafft und in ein Schlafzimmer geführt. Man schickte nach einem Wundarzte, der aber nicht zu finden war. Der einzige Praktikus des Städtchens war in diesem Augenblicke abwesend, um in einem jener Fälle Dienste zu leisten, die, wie Mr. Malthus meint, viel zu häufig sind für das Wohl des Landes. Ich erfuhr nun, daß die Equipage umgeschlagen hatte, und die Dame von dem Augenblicke des Sturzes an besinnungslos gewesen war. Es war keine Zeit zu verlieren und ich wußte, daß man in derartigen Fällen augenblicklich eine Aderlässe vorzunehmen pflegt – eine Verrichtung, in welcher ich mir während meiner dienstlichen Laufbahn einige Erfahrung erworben hatte. Ich setzte dem Herrn meine Ansicht auseinander und erbot mich, die Operation vorzunehmen. Der Vater der Dame, denn dieses war er, ging mit Freuden darauf ein, worauf ich mit meinem scharfen Federmesser an einem der weißesten Arme, die ich je gesehen, eine Vene öffnete. Nach einigem Reiben entströmte das Blut reichlicher, der Puls kündigte die Wiederkehr des Lebens an, und mit Einem Male öffneten sich ein paar große, blaue Augen, die den Eindruck einer maskirten Batterie auf mich übten. Ja, mein Herz war so erstaunlich empfänglich für die zärtliche Leidenschaft, daß ich bei dem Anblicke solcher Liebessterne die kleine Schauspielerin, welche ich unten am Tische gelassen hatte, ganz vergaß, obgleich sie noch kaum vor ein paar Minuten alle meine Gedanken gefesselt hatte. Nachdem es mir gelungen war, die schöne Patientin wieder in's Bewußtsein zu rufen, verordnete ich ein warmes Bette, etwas Thee und sorgfältige Pflege. Meine Anordnungen wurden pünktlich befolgt; sobald ich mich davon überzeugt hatte, verließ ich das Zimmer der Kranken und begann, über die seltsamen, Schlag auf Schlag sich folgenden Ereignisse des Tages nachzudenken. Ich hatte kaum Zeit gehabt, in meinem Innern über die beziehungsweisen Verdienste meiner rivalisirenden Schönheiten Betrachtungen anzustellen, als der Wundarzt anlangte. Er wurde sofort in das Krankenzimmer geführt, wo er erklärte, die Kranke sei sehr geschickt behandelt worden und verdankte wahrscheinlich meiner Geistesgegenwart ihr Leben. »Erlauben Sie mir jedoch die Frage,« fuhr der Doktor gegen den Vater fort; »wie hat sich dieser Unfall zugetragen?« Der Herr versetzte, ein Schlingel habe sich hinten auf den Wagen gesetzt und sei von dem Postillon heruntergepeitscht worden; aus Rache habe nun derselbe seinen Züchtiger mit einem Stein von dem Pferde heruntergeworfen, wodurch die Thiere scheu wurden, umwandten und den Berg hinunter ihren Ställen zurannten; nach einem Jagen von etwa fünf Meilen sei der Wagen gegen einen Pfosten angeprallt und umgestürzt, durch welchen Unfall seine arme Tochter beinahe um's Leben gekommen sei. »Welch' ein Halunke,« rief der Doktor. »Ja wohl ein Halunke!« wiederholte ich, und es kam mir aus der Fülle meines Herzens. Mir schwindelte bei dem Gedanken, wie weit meine ungezügelte Leidenschaft hätte führen können, und mein Schmerz wurde nicht wenig durch die Reize meines liebenswürdigen Opfers erhöht. Ich erholte mich jedoch bald wieder, namentlich als ich bemerkte, daß auf mir durchaus kein Verdacht haftete. Mit gebührender, schüchterner Bescheidenheit nahm ich die Lobeserhebungen des Herrn und des Doktors hin; dann drückte mir der dankbare Vater herzlich die Hand und wünschte mir gute Nacht, worauf ich mich zu Bette begab. Als ich vor dem Spiegel stand, meine Uhr und die erschöpfte Börse auf den Ankleidetisch legte und gemächlich mein Halstuch abband, konnte ich mir's nicht versagen, einen beifälligen Blick auf den Reflex meines, wie mich dünkte, eben so schönen, als unverschämten Gesichtes zu werfen. Ich ließ die Ereignisse des Tages Revue passiren und fand, wie gewöhnlich, daß die Totalsumme ganz und gar nicht zu meinen Gunsten stand. »Das also,« sprach ich mit mir selber, »ist der Weg, den du zur Reue und Besserung einschlägst. Du beleidigst deinen Vater, verlässest sein Haus, steigst, wie ein Landstreicher, hinten auf den Wagen eines Gentlemans, wirst heruntergepeitscht, zerbrichst einem ehrlichen Manne; der von seinem sauren Verdienste Weib und Kinder ernähren muß, die Rippen, gibst Anlaß zu dem Umwerfen eines Wagens und bist beinahe Schuld an dem Tod eines liebenswürdigen Mädchens! Und dieses lange Sündenregister umfaßt den kurzen Zeitraum von sechs Stunden, deiner Absichten gegen die kleine Schauspielerin gar nicht zu gedenken, die aller Wahrscheinlichkeit nach auch nicht die allerehrbarsten waren. Wohin kann Alles dies führen?« »An den Galgen,« gab ich mir selbst zur Antwort, »und zwar um so wahrscheinlicher, da deinen Finanzen auf keine andere Weise abgeholfen werden kann, als durch ein Wunder oder durch Straßenraub. Ich bin in zwei Mädchen verliebt und besitze nur zwei reine Hemden – folglich besteht durchaus kein Verhältniß zwischen dem Bedarf und den Mitteln.« Unter derartigen gemischten Betrachtungen schlief ich ein. Früh am Morgen weckte mich das Zwitschern der Schwalben an den Fenstern, und die erste Frage, welche mein Gehirn beunruhigte, betraf die Auskunft, die ich dem Vater der jungen Dame geben wollte, falls er mich, wie höchst wahrscheinlich vorauszusehen war, über meine Persönlichkeit befragte. Ich hatte die Wahl zwischen Wahrheit und Lüge, und letztere würde wohl, der Macht der Gewohnheit zufolge, den Sieg davon getragen haben, wenn ich mich nicht dafür entschieden hätte, die Sache ganz der Eingebung des Augenblicks anheimzustellen und zu handeln, wie es mir die Umstände als passend erscheinen lassen würden. Meine Erwägungen wurden durch die Aufwärterin unterbrochen, welche an meine Thüre klopfte und mir mittheilte, »der Herr, der zu der jungen Dame gehöre, gegen welche ich so freundlich gewesen sei, erwarte mich beim Frühstück.« Der Gedanke, an Einem Tische mit dem holden Wesen zu sitzen, dessen Gehirn ich Tags zuvor auf der Landstraße beinahe zerschellt hatte, überwältigte mich ganz und gar; ich überließ die Fabrikation meiner Geschichte dem Zufall oder der Inspiration, und eilte aus meinem Schlafgemache nach dem Zimmer, wo der Fremde meiner harrte. Er empfing mich mit großer Herzlichkeit, drückte mir wiederholt seinen Dank aus, und sagte, daß er Mr. Somerville von D .. sei. Ich meinte, diesen Namen schon aus dem Munde meines Vaters gehört zu haben, und sann eben nach, ob ich mich nicht eines Weitern erinnern könne, als ich von Mr. Somerville durch die höfliche Aeußerung unterbrochen wurde, er hoffe das Vergnügen zu haben, den Namen des jungen Gentlemans kennen zu lernen, dem er sich so sehr verpflichtet sehe. Ich antwortete, daß ich Mildmay heiße, denn ich hatte noch nicht Zeit gehabt, über eine Lüge nachzudenken. »Es würde mich ungemein freuen,« versetzte er, »wenn ich glauben dürfte, daß Sie der Sohn meines alten Freundes und Schulkameraden, des Mr. Mildmay von M.. wären; doch das kann nicht wohl sein,« fügte er bei, »denn er hat nur zwei erwachsene Söhne, den einen aus dem College und den andern unter der Flotte: Letzterer ist dem Vernehmen nach im mittelländischen Meere und ein so braver Seemann, als je einer lebte. Sie sind übrigens vielleicht mit dieser Familie verwandt?« Noch ehe ich Zeit hatte, ihm zu antworten, ging die Thüre auf und Miß Somerville trat ein. Wir haben Alle schon viel von einer »Liebe beim ersten Anblick« gehört, aber ich betheure, daß der Mann, welcher Emilie Somerville zum ersten Male sah und nicht sterblich in sie verliebt wurde, weder Herz noch Seele haben konnte. Wenn sie mir schon so bezaubernd vorkam, als sie in einem Zustande von Besinnungslosigkeit da lag, wie mußte sie mir nicht erst erscheinen, nachdem ihre Gestalt die gewohnte Lebhaftigkeit und ihre Wange das natürliche Roth angenommen! Das Bild einer vollkommenen Schönheit zu schildern, war nie meine starke Seite, weßhalb ich nur sagen kann, daß Miß Somerville meiner Ansicht nach alle Bestandteile der schönsten englischen Dame in sich vereinigte; auch hatte die gewandte Hand der Natur bei ihr Alles in eine so schöne Harmonie gebracht, daß ich hätte vor ihr niederstürzen und sie anbeten mögen. Wie sie ihre weiße Hand gegen mich ausstreckte und mir für meine freundlichen Dienste dankte, war ich von dem plötzlichen Erscheinen und der Anrede dieses herrlichen Frauenbildes so sehr überrascht, daß ich nicht wußte, was ich sah. Ich stammelte etwas heraus, erinnerte mich aber nicht mehr, ob es französisch oder englisch war. Meine Geistesgegenwart war ganz dahin, und das schuldbewußte Erröthen meines Antlitzes in diesem Augenblicke konnte recht wohl für das der ungekünstelten Unschuld genommen werden. Daß man solche äußerliche Anzeigen oft mißdeutet, und daß dieß namentlich bei dem gegenwärtigen Anlaß der Fall war, kann keinem Zweifel unterliegen. Meine Verlegenheit wurde auf Rechnung jener Bescheidenheit geschrieben, welche stets das wahre Verdienst begleitet. Man hat behauptet, der wirkliche Werth erröthe, wenn er aufgefunden werde, indeß habe ich manchen Mann von Verdienst kennen gelernt, der nicht zu erröthen verstand, während die Werthlosigkeit diesen Kunstgriff los hatte und alle Ehren davon trug, welche dem Erstern gebührten. Die Glut, die in jenem Augenblicke auf meinen Wangen brannte, würde einem Verbrecher in Old Bailey zu seiner Verurtheilung verholfen haben, während sie auf dem Gesichte eines schönen jungen Mannes als das unfehlbare Merkmal einer »reinen, edlen Seele« galt. Ich war zu lange in der Schule gewesen, um mich zu scheuen, Lorbeeren zu tragen, die ich nicht gewonnen hatte; und da ich oft die Peitsche fühlen mußte, ohne sie verdient zu haben, so hielt ich mich ebenso gut auch für berechtigt, aus den Vortheilen, welche mir das Kriegsglück in den Weg warf, Nutzen zu ziehen. Nachdem ich mein zartes Gewissen also zu Ruhe gebracht, nahm ich zwischen der neuen Gebieterin meines Herzens und ihrem Vater Platz, um ein entzückendes Frühmal einzunehmen. Der Doktor hatte zwar Miß Somerville außer aller Gefahr erklärt, so daß sie die Reise recht gut fortsetzen konnte; indeß war sie noch immer sehr erschöpft, und da das Ziel ihrer Fahrt nur wenige Meilen entlegen war, so beschloß Mr. Somerville, noch ein paar Stündchen zu verweilen. Nach beendigtem Frühstück verließ er das Zimmer, um wegen des Aufbruchs die geeigneten Vorkehrungen zu treffen, und ich befand mich jetzt mit der jungen Dame allein. Während der kurzen Abwesenheit des Vaters erfuhr ich, daß sie die einzige Tochter, und daß ihre Mutter todt war; sie lenkte das Gespräch wieder auf meinen Familien-Namen, bei welcher Gelegenheit ich die weitere Entdeckung machte, daß mein Vater vor Mrs. Somerville's Ableben auf einem sehr innigen Fuße mit Emiliens Eltern gestanden hatte. Auf Mr. Somerville's Fragen war ich die Antwort schuldig geblieben; jetzt aber wurde mir eine ähnliche von der Tochter vorgelegt, und wer hätte wohl in einem Verhöre von so schönen, korallrothen Lippen und so spähenden blauen Augen eine Lüge sagen können? Es war eine abscheuliche Erschwerung meiner Schuld gewesen, weßhalb ich ehrlich zugestand, ich sei der Sohn von dem Freunde ihres Vaters. »Ach du mein Himmel!« rief sie, »warum haben Sie dieß nicht auch meinem Vater gesagt?« »Weil ich mich dann auf weitere Erörterungen hätte einlassen müssen,« fügte ich bei, indem ich sie zu meiner Vertrauten machte. »Ich bin nämlich der Midshipman, den Mr. Somerville im mittelländischen Meere wähnte, und bin erst gestern Abend aus dem Hause meines Vaters entlaufen.« Obgleich ich meine Geschichte so kurz als möglich zusammendrängte, war ich doch noch nicht zu Ende, als Mr. Somerville eintrat. »O Papa!« rief die Tochter, »dieser junge Gentleman ist doch Frank Mildmay.« Ich warf ihr einen vorwurfsvollen Blick zu, weil sie mein Geheimniß verrathen; ihr Vater war erstaunt, sie machte eine verlegene Miene und mir erging es ebenso. Jetzt blieb mir nichts mehr übrig, als offen und ehrlich zu bekennen, wobei ich jedoch wohlweislich die Rolle, die ich bei dem gestrigen Steinwurfe gespielt hatte, verschwieg. Mr. Somerville ertheilte mir einen sehr scharfen Verweis, was ich für eine gewaltige Anmaßung hielt; indeß milderte er den unangenehmen Eindruck, indem er beifügte: »Wenn Sie wüßten, wie theuer mir die Interessen Ihrer Familie sind, so würden Sie sich nicht wundern, daß ich im Tone eines Vaters mit Ihnen spreche.« Ich blickte Emilie an und verbiß meinen Aerger. »Wenn ich Ihnen außerdem sage, Frank,« fuhr er fort, »daß ich, obgleich die Entfernung der Güter Ihres Vaters von den meinigen unsern langen und vertrauten Verkehr einigermaßen unterbrochen hat, Ihre Laufbahn im Dienste mit Interesse bewachte, so nehmen Sie vielleicht meinen Rath an und kehren nach Hause zurück. Ersparen Sie mir den Schmerz, von einem jungen Manne, dem ich so sehr verpflichtet bin, glauben zu müssen, er sei zu stolz, um einen Fehler anzuerkennen. Hoher Sinn in einer guten Sache ist achtenswerth, aber nie läßt sich's rechtfertigen, wenn man an seinem Vater zum Ritter werden will. Ich kann wohl glauben, daß der Schritt Ihnen schwerfällt; indeß will ich Ihren Vater schriftlich darauf vorbereiten, und Sie bleiben hier, bis Sie Weiteres von mir hören. Es würde mir zwar ein Vergnügen machen, Sie nach D . . mitzunehmen, aber Ihr Vater hat ältere Ansprüche, und ich brauche Ihnen kaum zu sagen, daß ich einen möglich langen Besuch von Ihnen erwarte, sobald das gute Einvernehmen mit Ihrer Familie wieder hergestellt ist. Ueberlegen Sie sich, was ich Ihnen gesagt habe, und da ihre Finanzen vermuthlich in nicht sehr blühendem Zustande sind (»du bist ein Zauberer,« dachte ich), so erlauben Sie mir, Ihnen mittelst dieser Zehnpfundnote Beihülfe zu leisten.« Auf den letzteren Theil seines Ansinnens ging ich weit bereitwilliger ein als auf den ersteren. Er verließ das Zimmer, wie er sagte, um die Rechnung zu bezahlen, obschon ich glaube, daß er seiner schönen Tochter Gelegenheit geben wollte, die Wirkung ihrer Beredsamkeit an meinem stolzen Sinn zu erproben, da derselbe keine sonderliche Fügsamkeit in Aussicht stellte. Ein paar Minuten mit ihr allein erzielte mehr, als beiden Vätern möglich gewesen wäre; auch lag der mächtigste Hebel für meine Nachgiebigkeit in dem Umstande, daß ich das Haus ihres Vaters nicht besuchen konnte, bis die Versöhnung zwischen mir und den meinigen stattgefunden hatte. Ich sagte ihr daher, daß ich mich ihrem Zureden fügen und alle billigen Bedingungen eingehen wolle. Sobald dieß unter uns bereinigt war, bemerkte Mr. Somerville, daß der Wagen vor der Thüre stehe, worauf er mir die Hände drückte und seine liebenswürdige Tochter wegführte, deren Scheideblick und letztes Nicken alle meine guten Entschließungen bekräftigte. Leser, was du auch von den geringfügigen Vorfällen der letzten vier und zwanzig Stunden denken magst, du wirst finden, daß sie in der Folge eine ungemein wichtige Bedeutung für den Erzähler dieser Geschichte hatten. Der Stolz veranlaßte mich, das Haus meines Vaters zu verlassen, und Rachsucht spornte mich zu einer That, welche die Heldin meiner Memoiren, denn als solche wird man Emilie Somerville kennen lernen, auf die Bühne brachte. Aber ach! welche Bethörung konnte Mr. Somerville bewegen, mich mit zehn Pfund in der Tasche in einem Wirthshause zu lassen, während es doch weit besser gewesen wäre, wenn er mich nach seiner Wohnung genommen und bei sich behalten haben würde, bis er von meinem Vater Nachricht erhalten hätte! Die klügsten Menschen irren oft in Punkten, die auf den ersten Blick als unbedeutend erscheinen, in der Folge aber viel Schlimmes mit sich führen. Mir selbst überlassen stellte ich eine Zeitlang Betrachtungen über das Erlebte an; da aber jetzt die schöne Emilie Somerville meinen Blicken entrückt war, so erinnerte ich mich wieder der kleinen herzerobernden Schauspielerin, welche ich Tags zuvor so plötzlich verlassen hatte. Indeß muß ich sagen, ich war noch so sehr von den Reizen ihrer Nachfolgerin bezaubert, daß ich die Gesellschaft der jugendlichen Melpomene mehr in der Absicht aufsuchte, mir die Zeit zu kürzen, als aus einer eigentlich ernstlichen Zuneigung. Ich fand sie in der großen Gaststube, wo die ganze Schauspielergesellschaft versammelt war. Sie kam mir freundlich entgegen und zeichnete mich in einer Weise aus, die meiner Eitelkeit schmeichelte. Nach drei Tagen erhielt ich einen Brief von Mr. Somerville, der einen zweiten von meinem Vater enthielt. Letzterer theilte mir einfach mit, ich sollte nach Hause zurückkommen und es ganz so halten, als ob gar nichts Unangenehmes vorgefallen sei. Hiezu entschloß ich mich auch; indeß hatte ich mich nun schon so lange in der Gesellschaft Eugenias (dieß war nämlich der Name der Schauspielerin) umgetrieben, daß ich mich nicht so leicht losreißen konnte. Ich war in der That nach meiner Weise bis über die Ohren in sie verliebt, und obgleich sich dies von ihr nicht mit gleichem Rechte sagen ließ, so konnte mir doch nicht entgehen, daß sie sich in meinem Umgange gefiel. Sie erzählte mir die Geschichte ihres Lebens, welches ich im folgenden Kapitel mit ihren eigenen Worten wiedergeben werde. Zehntes Kapitel Sie ist zwar hinter den Coulissen erzogen, aber doch tugendhaft, und wie sehr es ihr Freude machen mag, sich auf der Bühne bewundert zu sehen, so zieht sie es doch bei Weitem vor, für ein sittsames Mädchen, als für eine gute Schauspielerin zu gelten. Gil Blas. »Mein Vater war der Direktor dieser Schauspielergesellschaft,« begann Eugenie, »und meine Mutter eine junge Dame von achtbarer Familie. Sie hatte ihn, wie sie noch in einer Kostschule war, in der Rolle des \>Rolla\< kennen gelernt und liebgewonnen. Natürlich sagten sich ihre Verwandten verdientermaßen von ihr los und sie wurde Prima-Donna. Ich war die einzige Frucht dieser Verbindung und der einzige Trost meiner Mutter in ihrem Kummer, denn sie bereute bitterlich den voreiligen Schritt, den sie eingeschlagen hatte. »Als ich fünf Jahre alt war, verlangte mein Vater, ich solle die Rolle des Cupido in der Oper Telemach übernehmen, wogegen jedoch meine Mutter die entschiedenste Einsprache that, indem sie erklärte, ich dürfe nie die Bretter betreten. Dieß gab Anlaß zu Zwistigkeiten, welche die Stimmung meines Vaters mit jedem Tage mehr und mehr vergällten und ihn veranlaßten, meine Mutter und mich noch unfreundlicher zu behandeln. Aus Furcht vor Fußstößen wich ich nie von ihrer Seite, denn auf eine ähnliche Begrüßung durfte ich zuverlässig zählen, wenn ich mich nicht unter ihrem Schutze befand. Sie verwandte alle ihre freie Zeit auf meinen Unterricht, und war auch, ungeachtet der Thorheit, deren sie sich schuldig gemacht, dieser Aufgabe vollkommen gewachsen. »Als ich sieben Jahre alt war, starb eine Verwandte meiner Mutter, und hinterließ 15.000 Pfund, welche unter sie und ihre zwei Schwestern gleich vertheilt werden sollten; im Testamente war die Bedingung angefügt, der Antheil meiner Mutter müsse so angelegt werden, daß mein Vater keine Macht darüber habe. Sobald meine Mutter diese Kunde erhielt, verließ sie meinen Vater, der viel zu klug war, um Zeit und Geld an ihre Verfolgung zu verschwenden. Freilich wenn er eine Ahnung von einem so plötzlichen Glückswechsel gehabt hätte, würde er sich wahrscheinlich ganz anders benommen haben. »Wir langten in London an und nahmen Besitz von dem Vermögen, das in den Fonds angelegt war. Da jedoch meine Mutter fürchtete, mein Vater könnte Kunde von ihrem Reichthume erhalten, so begab sie sich nach Frankreich, und nahm mich mit sich. Hier verbrachte ich die glücklichsten Tage meines Lebens, meine Mutter scheute in Betreff meiner Erziehung keine Mühe und keine Kosten. Sie ließ mich durch die besten Lehrer im Singen, Tanzen und in der Musik unterrichten, und da ich meine Lehrstunden gut benützte, so erregte ich bald unter den Engländerinnen Aufsehen und wurde demgemäß beachtet. »Von Frankreich begaben wir uns nach Italien, wo wir zwei Jahre lang blieben und ich meine Ausbildung im Gesang vervollständigte. Meine arme Mutter hatte die ganze Zeit über von ihrem Kapitale gelebt, weil sie der Meinung war, es könne gar kein Ende nehmen. Endlich erkrankte sie an einem Nervenfieber und starb. Dieß geschah vor ungefähr zwölf Monaten, als ich kaum sechzehn Jahre alt war. Da sie viele Tage vor ihrem Tode fortwährend im Delirium befangen war, so konnte sie mir über mein zukünftiges Verhalten und über den Ort, wo ich Nachschüsse holen mußte, keine Weisung ertheilen. Da ich jedoch wußte, wie ihr Bankier in England hieß, so schrieb ich ihm alsbald, erhielt aber die Antwort, daß ein Ueberschuß von vierzig Pfund Alles sei, was sich noch in seinen Händen befinde. »Ich glaube, daß er mich betrog, aber was konnte ich machen? Ich ließ mich durch diese Nachricht nicht niederschlagen, sondern verkaufte alles Möbelwerk, bezahlte die kleinen Rechnungen der Gewerbs- und Handelsleute, nahm einen Platz in der Dilegence und brach mit neun Pfund in der Tasche nach London auf, wo ich ohne Unfall anlangte. In dem Gasthause, in welchem ich abgestiegen war, ersah ich aus einer Zeitung, daß eine Provinzial-Schauspieler-Gesellschaft eine erste Liebhaberin suchte. Die ursprüngliche Leidenschaft fürs Theater hatte meine Mutter nie verlassen, und während unseres Aufenthalts in Frankreich haben wir uns oft mit Aufführung von Kinder-Komödien vergnügt, in welchen ich stets eine Rolle zugetheilt erhielt. »Da ich aller eigenen Hülfsquellen beraubt war, so erwog ich bei mir, daß ein nothdürftiger Unterhalt doch besser sei, als ein lasterhafter; ich beschloß daher, mein Glück auf den Brettern zu versuchen, bestellte eine Miethkutsche und fuhr nach dem in der Zeitungsankündigung namhaft gemachten Commissionsbureau. Ich fand einigen Trost, als ich die Entdeckung machte, daß das Ausschreiben von meinem Vater herrührte, obgleich ich fest überzeugt war, daß er mich nicht wieder erkennen würde. Der Commissionär engagirte mich, der Vertrag erhielt die Genehmigung des Direktors und ein paar Tage später erging die Weisung an mich, ich solle alsbald in einer etliche Meilen von London entlegenen Landstadt eintreffen. »Ich langte an. Mein Vater erkannte mich nicht, was auch durchaus nicht in meinem Wunsche lag, da ich nicht lange bei der Gesellschaft zu bleiben beabsichtigte. Ich strebte nach einer Londonerbühne, fühlte aber wohl, daß es mir noch an Uebung fehlte, ohne die alle meine Anerbietungen vergeblich gewesen wären, weßhalb ich die gedachte Stelle ohne Zögerung annahm und mich mit großem Fleiße dem Studium meines neuen Berufes widmete. Mein Vater hatte aufs Neue geheirathet und mein Engagement für die Gesellschaft trug nicht dazu bei, sein eheliches Glück zu erhöhen, da meine Stiefmutter über die Maßen eifersüchtig war. »Ich bewahrte jedoch mein Geheimniß und benahm mich so, daß kein Schatten von Argwohn auf meinen Charakter fallen konnte, denn bisher ist, Gott sei Dank, mein Ruf rein geblieben, obschon ich tausend Versuchungen ausgesetzt war, und auch von den Schauspielern ohne Unterlaß bedrängt wurde, bald die Gattin, bald die Geliebte des einen oder des andern zu werden. »Unter denjenigen, welche mir den letzteren Vorschlag machten, befand sich auch mein ehrenwerther Herr Papa, und ich war sogar eines Tages auf dem Punkte, ihm das Geheimniß meiner Geburt zu enthüllen, da ich hierin das einzige Mittel zu sehen glaubte, mich vor seiner Zudringlichkeit zu schützen. Endlich legte sich jedoch der Himmel ins Mittel, denn er erkrankte und starb vor etwa drei Monaten, nachdem ich zuvor meinen Contrakt erneuert und meinen Gehalt bis auf anderthalb Guineen wöchentlich erhöht hatte. Ich gedenke, nach Ablauf meines gegenwärtigen Engagements, also nach etwa zwei Monaten, die Gesellschaft zu verlassen, denn ich fühle mich hier sehr unglücklich; aber dann weiß ich freilich nicht, was für die Zukunft aus mir werden soll.« In Erwiederung ihres Vertrauens theilte ich ihr soviel von meiner Geschichte mit, als ich für räthlich erachtete. Indeß verstrickte ich mich immer tiefer und tiefer in die Netze der Liebe, so daß ich Mr. Somerville ganz vergaß. Den Brief meines Vaters beantwortete ich mit kindlicher Hochachtung. Er hatte mir mitgetheilt, er sei dafür besorgt gewesen, daß mein Name in die Bücher des Wachschiffs zu Spithead eingetragen würde; um jedoch noch länger an Eugenias Seite weilen zu können, bat ich ihn um Erlaubniß, nach meinem Schiffe zurückkehren zu dürfen, ohne zuvor nach Hause zu kommen, indem ich als Grund angab, ein Aufschub des Wiedersehens würde die Bitterkeit verwischen, die aus dem letzten Streite erwachsen sei. Mein Vater ließ sich dies gefallen und legte seiner Antwort einen schönen Wechsel bei; dieselbe Post brachte mir aber auch eine dringende Einladung nach D., welche Mr. Somerville an mich ergehen ließ. Meine kleine Actrice theilte mir mit, daß die Schauspieler nach zwei Tagen in die Nähe von Portsmouth aufbrechen würden, und da ich fand, sie würden mehr als vierzehn Tage auf dem Wege sein, so entschloß ich mich, vorgenannte Einladung anzunehmen und Eugenia vorderhand zu verlassen. Ich hatte mehr als eine Woche in ihrer Gesellschaft zugebracht. Beim Scheiden machte ich ihr meine Liebeserklärung. Sie schwieg und antwortete mir nur mit einem Strom von Thränen. Ich sah, daß sie über meine Dreistigkeit nicht mißvergnügt war und verließ sie daher mit frohen Aussichten für die Zukunft. Aber welcher Art waren die Vorgefühle, in denen ich mich erging, als ich sorglos in meiner Postchaise auf D.. zurollte? Befriedigung meines Sinnenkitzels auf Unkosten einer armen, schutzlosen Waise, für deren Zukunft aus einem Verhältnisse mit mir nur Elend erwachsen konnte! Ich sah wohl das Schändliche meiner Begierden ein und machte mir deßhalb Vorstellungen, aber der Teufel triumphirte in meinem Innern und ich tröstete mich mit dem gewöhnlichen Sprüchworte: »Wo der Teufel treibt, hilft kein Widerstreben. Damit entschlug ich mich dieses Gegenstandes, um an Emilie, deren Wohnung jetzt bereits in meinem Gesichtskreise lag, zu denken. Ich langte zu D.. an und wurde sowohl von dem Vater, als von der Tochter freundlich bewillkommt; ich darf jedoch nicht bei diesem Besuche verweilen. Wenn ich darüber nachdenke, so möchte ich mich selbst und das ganze menschliche Geschlecht hassen! Konnte man mir Vertrauen schenken? und doch genoß ich desselben in schrankenloser Ausdehnung. War ich nicht so lasterhaft, als ein Mensch von meinem Alter nur sein konnte? und doch wähnte man in mir einen Tugendspiegel zu sehen. Verdiente ich, glücklich zu sein? und doch war ich es – glücklicher sogar, als je in meinem früheren oder späteren Leben. Ich glich der Schlange im Paradiese, obschon ich mir nicht die tückischen Absichten derselben vorzuwerfen hatte. Schönheit und Tugend vereinten sich, meine Sinnlichkeit im Zaume zu halten, und da sie keine Nahrung fand, so barg sie sich in den innersten Winkel meines Herzens. Ein beständiger Umgang mit Emilie hätte mich der Tugend wieder gewinnen können; mit meinem Scheiden von ihr wichen jedoch alle guten Eindrücke und Entschlüsse wieder. Demungeachtet hatte aber das strahlende Bild der Tugend in meinem Innern eine heilige Flamme angefacht, welche nie wieder ganz erloschen ist. Wenn sie auch oft trübe aufzuckte, so strahlte sie doch nachher wieder mit erneuter Klarheit und führte mich oft, wie ein Leuchtthurm, durch Gefahren, in denen ich sonst zu Grunde gegangen wäre. Als ich endlich dieses Erdenparadies verlassen mußte, erklärte ich ihr beim Scheiden, daß ich sie liebe und anbete; sie schenkte meinen Versicherungen Glauben und beglückte mich mit einer Haarlocke, die ich als Erinnerungszeichen tragen sollte. Ich hatte jetzt freilich im Sinne, der Verabredung mit meinem Vater zufolge nach meinem Schiffe zurückzukehren, aber die Versuchung, mein Glück bei der schönen unglücklichen Eugenie zu verfolgen, war zu groß, als daß ich hätte widerstehen können; wenigstens redete ich mir dies ein, und gab mir daher auch nicht die mindeste Mühe, sie zu besiegen. Allerdings zeigte ich mich pro forma an Bord des Wachschiffes und schrieb meinen Namen in die Bücher ein, um an meiner Dienstzeit nichts zu verlieren und zugleich auch meinen Vater zu täuschen; dann aber ließ ich mich von dem ersten Lieutenant, den ich von früherher kannte, beurlauben. Er erfüllte mein Gesuch um so bereitwilliger, da es auf dem Schiffe von überzähligen Midshipmen wimmelte und er deßhalb froh war, meiner und meines Koffers los zu sein. Ich eilte nach dem Orte, wo ich Eugenie zu treffen hoffte, und fand die Gesellschaft in voller Thätigkeit. Erstere hatte bei unserem Scheiden den Wunsch ausgedrückt, daß unsere Bekanntschaft nicht wieder erneuert werden möchte, denn sie war sowohl um ihren, als um meinen Ruf besorgt und glaubte, meine Aussichten im Dienste könnten durch ein Verhältniß mit ihr nothleiden; ich war aber fest entschlossen, allen ihren Einwürfen eine Antwort entgegenzuhalten. Sobald ich an Ort und Stelle angelangt war, machte ich dem Direktor meine Aufwartung und bat ihn um Aufnahme in seine Gesellschaft. Aus diesem Schritte erkannte Eugenie, daß meine Zuneigung zu ihr kein Hinderniß scheute und ich bereit war, ihr jedes Opfer zu bringen. Ich wurde gegen ein Salair von einer Guinee wöchentlich und weiteren sieben Schillingen, wenn ich auch als Flötenbläser Dienste thun wollte, engagirt. Diese Bereitwilligkeit verdankte ich meiner Stimme, da der Theaterunternehmer eines ersten Sängers bedurfte. Mein Talent in dieser Kunst fand viele Bewunderung, und ich unterzeichnete am selbigen Abend einen Contract für zwei Monate, worauf ich meinen Kollegen in gebührender Form vorgestellt und zu der gemeinschaftlichen Abendtafel eingeladen wurde, welche mehr Ueberfluß als Leckereien bot. Ich saß neben Eugenie, und die entschiedene Auszeichnung, welche sie mir zu Theil werden ließ, weckte die Eifersucht meiner neuen Kunstgenossen; eine flüchtige Musterung des Häufchens überzeugte mich jedoch bald, daß ich, wenn ehrliches Spiel gehandhabt wurde, entschieden das körperliche Uebergewicht behauptete. – Die Theaterzettel kündigten das Trauerspiel Romeo und Julia an. Ich sollte die Rolle des Helden übernehmen und erhielt vier Tage Zeit zur Vorbereitung. Diese ganze Frist verbrachte ich in Eugeniens Umgang, die mir zwar unzweideutige Beweise ihrer Liebe gab, aber nichtsdestoweniger durchaus keine Freiheiten erlaubte. Der Tag der Probe kam heran; mein Spiel wurde gut erfunden und von der Gesellschaft laut applaudirt. Um sechs Uhr erhob sich der Vorhang, und sechzehn Talkkerzen beleuchteten meine Person vor einem etwa hundert Personen starken Publikum. Wer nicht selbst in einer ähnlichen Lage gewesen ist, kann sich keinen Begriff von den bangen Gefühlen machen, welche einen Schauspieler bei seinem ersten Auftreten begleiten. Die Gesellschaft selber bestand, Eugenien ausgenommen, aus den verächtlichsten Personen, und das Publikum größtentheils aus Tölpeln, welche kaum lesen und schreiben konnten. Demungeachtet benahm ich mich schüchtern und führte meine Rolle schlecht durch, bis die Balkonscene herankam, in welcher ich durch die Gegenwart meiner Geliebten belebt und angefeuert wurde. In der Kunst, die Liebe darzustellen, fühlte ich mich, namentlich der Julie dieses Abends gegenüber, auf heimischem Boden. Mit einem Male ging ich ganz in den Geist des großen Dramatikers ein, und der Vorhang senkte sich unter donnerndem Beifall. Ich wurde gerufen; der Vorhang ging auf und ich wurde hervorgezerrt, um mich bei den Gewürzkrämern, Lichterziehern, Käsekäuflern und Bauern für die große Ehre, die sie mir erwiesen hatten, zu bedanken. Himmel! wie tief empfand ich diese Herabwürdigung – aber es war zu spät. Das Ergebniß meines beständigen Verkehrs mit Eugenie läßt sich leicht denken. Ich versuche nicht, meine Schuld milder darzustellen: sie war unverantwortlich und führte ihre Strafe mit sich; aber für die arme verlorene Eugenie muß ich das Wort nehmen – ihre Tugend unterlag meinem Drängen und meiner gewinnenden Persönlichkeit. Sie fiel als ein Opfer der unglücklichen Verhältnisse, die ich heilloser Weise benützte. Nachdem ich ein paar Monate mit ihr wie im Ehestande gelebt, hatte ich die Meinigen, meine Bestimmung und sogar Emilie vergessen. Mein Name stand noch in der Flottenliste, und obgleich daselbst Niemand etwas von mir wußte, so blieb doch meinem Vater der Umstand, daß ich von meinem Schiffe abwesend war, völlig unbekannt. Ich hatte Alles für Eugenie geopfert. Mit ihr betrat ich die Bretter, mit ihr streifte ich durch die Felder, und ihr gelobte ich in den schwülstigsten Betheurungen unverbrüchliche Treue. So oft wir auftraten, füllten wir das Haus, und einige der achtbareren Bewohner der Stadt erboten sich, uns ein Engagement auf einem Londoner Theater zu verschaffen, was wir jedoch Beide ablehnten. Was kümmerte uns alles Andere, wenn wir nur beisammen sein konnten. Und nun, nachdem die jugendliche Gluth, welche mich hinriß, . abgekühlt ist, muß ich diesem unglücklichen Mädchen Gerechtigkeit widerfahren lassen. Sie war das natürlichste, ungekünsteltste und talentvollste Wesen, mit dem ich je zusammentraf. Sie besaß einen treffenden Witz, eine entzückende Lebhaftigkeit, einen kräftigen Geist und hing mit einer aufopfernden Liebe an mir – dem ersten und, wie ich fest glaube, einzigen Gegenstande ihrer Neigung, die erst mit ihrem Leben endigte. Obgleich sich ihre Mängel nicht rechtfertigen lassen, so fallen sie doch vorzugsweise ihrer Erziehung zur Last, weßhalb sie in einem milderen Lichte erscheinen und Mitleid verdienen. Die Tage ihrer Kindheit hatte sie unter Scenen häuslichen Zwistes, unter Zügellosigkeit und Armuth verlebt, während ihre reiferen Jahre unter der Leitung einer schwachen Mutter entschwanden, die sich 's nur angelegen sein ließ, das Gebäude ihres Geistes zu glätten, nicht zu befestigen; und eben dieses äußere Schmuckwerk diente zu weiter nichts, als den Einsturz des Ganzen zu beschleunigen und das Unglück zu vergrößern. In Frankreich und fast im Gluthmeere der Revolution erzogen, hatte sie Manches von den leichtfertigen Ansichten jenes Volkes eingesogen; namentlich betrachtete sie die Ehe für einen bürgerlichen Vertrag, der, wenn man ihn überhaupt eingehen wollte, je nach der Willkühr der einen oder beider Parthien wieder aufgelöst werden konnte. Diese Idee fand noch in den Beispielen von ehelicher Zwistigkeit, welche sie insbesondere in ihrer eigenen Familie erlebt hatte, eine kräftige Bestätigung. Wenn ein Paar, das sich zu lieben wähnt, durch einen unauflöslichen Knoten aneinander geknüpft wird, so fühlen Beide von Stund an das Lästige des Zwanges, der ihnen nie einfallen würde, sobald es in ihrer Macht stünde, sich wieder zu trennen; sie könnten glücklich mit einander leben, wenn nicht eben dieses Zusammenleben die Eigenschaft einer Fessel trüge. »Wie lange du mich lieben wirst, mein lieber Frank, weiß ich nicht,« sagte Eugenie eines Tages zu mir; »wenn aber deine Zärtlichkeit einmal ein Ende nehmen sollte, so wäre es besser, wir trennten uns.« Dies waren allerdings überspannte Ansichten; indeß lebte Eugenie lange genug, um ihren Irrthum einzusehen und die bedauerlichen Folgen desselben auf ihren Seelenfrieden zu beklagen. Ich wurde aus meinem Wonnetraume durch einen seltsamen Umstand geweckt. Damals hielt ich ihn für ein großes Unglück, jetzt aber bin ich überzeugt, daß der Vorfall zu meinem Heile diente, denn er führte mich zu meinem Berufe zurück, ließ mich meine Pflichten erkennen und zeigte mir das Schimpfliche meiner Stellung in seiner vollen Ausdehnung. Mein Vater, der noch immer nichts von meiner Beurlaubung wußte, war in die Gegend gekommen, um einen Freund zu besuchen, und da er von dem »interessanten jungen Manne« hörte, der in der Rolle des Apollo und des Romeo so großes Aufsehen machte, so entschloß er sich, das Schauspiel zu besuchen. Ich sang eben die Arie – »Ich bitte, meine Gute,« – als meine Augen plötzlich denen meines Vaters begegneten, welche mich wie ein Gorgonenhaupt anstierten, denn wenn sein Blick mich auch nicht geradezu in Stein verwandelte, so fühlte ich mich doch in einer Weise gelähmt, daß ich hätte umsinken mögen. Mit einem Male war meine ganze Rolle vergessen; ich eilte von der Bühne fort und überließ es der Musik und dem Schauspieldirektor, sich fortzuhelfen, wie sie konnten. Mein Vater, der kaum seinen Augen traute, fühlte sich jetzt überzeugt, nachdem er Zeuge meiner Verwirrung gewesen war. Ich stürzte in das Garderobezimmer und hatte noch nicht Zeit gehabt, mein Apollonisches Gewand sammt Krone abzulegen, als mein wüthender Erzeuger hereintrat. Man denke sich das Kostüme, in welchem ich mich befand, und man wird sich vorstellen können, wie über alle Beschreibung albern ich aussah. Mein Vater fragte mich strenge, wie lange ich mich schon mit dieser ehrenvollen Beschäftigung abgebe. Auf dies hatte ich mich gefaßt gemacht, weßhalb ich ohne Anstand antwortete: »Erst zwei oder drei Tage: ich habe Portsmouth verlassen, um einen kleinen Ausflug zu machen, und amüsire mich ganz vortrefflich.« »Ja wohl vortrefflich, junger Mensch!« rief mein Vater. »Darf ich aber nun auch fragen, ohne eine Lüge befürchten zu müssen, wie lange dieser Ausflug, wie du es nennst, noch dauern soll?« »Bis morgen geht mein Urlaub zu Ende,« entgegnete ich, »und dann muß ich zu meinem Schiffe zurückkehren.« »Du erlaubst mir doch, daß ich mir die Ehre gebe, dir Gesellschaft zu leisten?« erwiederte mein Vater. »Ich muß wohl deinen Kapitän bitten, daß er dir fürderhin in Betreff der Zeit und der Entfernung deiner Ausflüge einigen Zwang auferlege.« Dann fügte er in zornigerem Tone bei: »Ich muß mich deiner schämen, denn der Sohn eines Mannes von Stande ist doch wohl nicht in der Lage, aus der Gesellschaft landstreicherischer Komödianten und liederlicher Weibspersonen Nutzen zu ziehen. Deinen letzten Briefen aus Portsmouth zufolge glaubte ich dich ganz anders beschäftigt.« Auf diesen sehr vernünftigen, väterlichen Vorwurf antwortete ich mit ganz gesetztem und unschuldigem Gesichte (denn ich hatte meine ganze Geistesgegenwart wieder gewonnen): »Ich glaube nicht, daß ich etwas Schlimmes thue, wenn ich dem Beispiele der meisten Flottenoffiziere folge, die sich zu einer oder der anderen Zeit etwas Aehnliches erlauben (beiläufig bemerkt eine viel zu allgemeine Behauptung). Wir führen oft an Bord unserer Schiffe Schauspiele auf, und da hatte ich mir einige Uebung verschaffen wollen. »So übe dich mit deinesgleichen,« versetzte mein Vater, »nicht aber mit Spitzbuben und Gassendirnen.« Ich fühlte, daß er mit dem letzteren Ausdrucke Eugenie bezeichnen wollte, und gerieth darüber in hohe Entrüstung; zum Glück behielt ich jedoch meinen Zorn an Bord, denn ich fühlte das Bewußtsein meiner Schuld, und ließ daher meinen Vater fortfeuern, ohne einen einzigen Schuß zu erwiedern. Er beschloß seine Vorlesung damit, daß er mir befahl, am nächsten Morgen um zehn Uhr zu ihm zu kommen, und entfernte sich dann, damit ich meinen Anzug wechseln und wieder zu Troste kommen möge. Ich brauche nicht beizufügen, daß ich an selbigem Abend nicht wieder auf die Bretter zurückkehrte, sondern es dem Direktor überließ, nach Gutdünken mit der Zuhörerschaft seinen Frieden zu machen. Eugenie war auf die Mittheilung von dem Vorfalle dieses Abends ganz untröstlich. Um sie zu beruhigen, erbot ich mich, meiner Familie zu entsagen, meinen Beruf aufzugeben und bei ihr zu bleiben. Bei diesem Vorschlage faßte sie sich jedoch plötzlich. »Frank,« sagte sie, »es ist ganz gut, daß es so gekommen ist; wir Beide haben Unrecht. Ich fühle, daß ich zu glücklich war, und verschloß meine Augen gegen die Gefahr, der ich nicht in's Angesicht zu sehen wagte. Dein Vater ist ein verständiger Mann, der nichts weiter will, als dich vom unausbleiblichen Untergange retten. Was mich betrifft, so könnte er mich nur verachten, wenn er von unserem Verhältnisse Kunde erhielte. Er sieht seinen Sohn in der Gesellschaft von wandernden Schauspielern und hat daher die Verpflichtung, deine Fesseln zu zerreißen, gleichviel, welche Mittel er dabei in Anwendung bringen muß. Dir ist eine ehrenvolle Laufbahn vorgezeichnet, und ich will nie dem gerechten Ehrgeize deines Vaters oder deinem Glücke als Hinderniß im Wege stehen. Freilich hoffte ich eine schönere Zukunft, aber die Liebe hatte meine Augen geblendet, und jetzt ist mir die Binde abgenommen. Wenn mich auch dein Vater nicht achten kann, so soll er doch wenigstens die Seelenstärke der unglücklichen Eugenie bewundern. Ich habe dich zärtlich geliebt, mein theuerster Frank, und werde nie einen Anderen wieder lieben; aber wir müssen scheiden – nur der Himmel weiß, auf wie lange. Ich bin bereit, deinem Rufe und deiner Ehre jedes Opfer zu bringen – der einzige Beweis, den ich dir von meiner gränzenlosen Liebe geben kann.« Ich erwiederte diese Worte mit einer Umarmung; dann verbrachten wir einen großen Theil der Nacht mit Vorbereitungen für meine Abreise und trafen Verabredungen wegen eines künftigen Briefwechsels oder eines möglichen Wiedersehens. Der Abschied fand am andern Morgen früh statt, und mit schwerem, ich hätte fast gesagt, gebrochenem Herzen erschien ich vor meinem Vater. Vermutlich war er von meiner Liebe unterrichtet, und da er meine ungestüme Leidenschaftlichkeit kannte, so suchte er sie klüglicherweise zu beschwichtigen. Er nahm mich sehr freundlich auf, berührte den Vorgang des letzten Abends gar nicht, und wir standen bald wieder auf einem innigen Fuße. In meiner Trennung von Eugenie erwahrte sich das französische Sprüchwort: » Ce n'est que la première pas qui coûte .« Mein Herz wurde leichter und leichter, je mehr sich die Entfernung zwischen uns vergrößerte. Um meinen Geist noch mehr von dem unglücklichen Gegenstande abzuwenden, sprach er von Familienangelegenheiten, von meinem Bruder und meinen Schwestern, bis er zuletzt Emiliens und Mr. Somervilles gedachte. Damit berührte er die rechte Saite. Der Rückblick auf Emilie fachte die erglimmende Asche der Tugend auf's Neue an, und der Gedanke an die reine, herrliche Gebieterin von D.. verdrängte für eine Weile das Bild der unglücklichen Eugenie. Ich sagte zu meinem Vater, ich wolle ihm die feierliche Versicherung geben, ihm oder mir nie wieder Schande zu machen, wenn er mir verspreche, gegen Mr. Somerville und seine Tochter von meiner kürzlichen Thorheit zu schweigen. »Das verspreche ich ohne Bedenken,« versetzte mein Vater, »und um so lieber, da ich in dieser deiner Bitte den nachdrücklichsten Beweis erkenne, wie sehr du deine Verirrung einsiehst.« Dieses Gespräch fand auf unserem Wege nach Portsmouth statt und wir waren kaum an letzterem Orte angelangt, als mein Vater mich im Gasthof zum Georg zurückließ, um den Hafenadmiral aufzusuchen, mit dem er bekannt war. Das Ergebniß dieses Besuches lief darauf hinaus, daß ich ehestens unter einem »scharfen Kapitän« wieder in See gehen sollte. Ein Mann, auf den das gedachte Prädikat paßte, war eben im Begriffe, nach der Baskischen Rhede auszufahren, und nahm mich auf des Admirals ausdrücklichen Wunsch als Supernumerar an Bord, da die Stellen auf seinem Schiffe sämmtlich besetzt waren. Mein Vater, der jetzt ein wachsames Auge auf meine Sprünge hatte, blieb, bis er mich an Bord sah, und erst jetzt verabschiedete er sich von mir in der Hoffnung, daß ich nunmehr gut aufgehoben sei. Ich fand auch bald, daß ich unter Embargo lag, denn ich konnte unter keinen Umständen Urlaub bekommen. Freilich hatte ich dieses ziemlich vorausgesehen, indeß standen mir immer noch meine eigenen Hülfsquellen zu Gebot. Ich hatte nun gelernt, über Kleinigkeiten zu lachen und machte mir wenig aus diesem entschiedenen Schritte, den mein ehrenwerther Papa einzuschlagen für gut fand. Eilftes Kapitel »Ein Segel führt das Boot, Der Steuermann ist todt. Wer ist der Lootse kühn, Mit uns dahin zu ziehn?« Rief er aus. Spricht's, und des Todes Pfeile strecken Die Opfer hin, die See zu decken. »Und fürchtest du, und fürchtest du? Und sähest du, und hörtest du? Und treiben wir nicht frei Den Grimm der See vorbei. Ich und du?« Shelley. Der Leser denkt vielleicht, ich sei übertrieben empfindsam, wenn ich ihm sage, daß ich den Ekel nicht beschreiben kann, den mir jetzt das liederliche Treiben in der Midshipmen's-Back einflößte; denn wenn auch meine Verbindung mit Eugenien nicht durch die Religion oder Moral geheiligt war, so blieb sie doch in andern Beziehungen rein, uneigennützig und, wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf, patriarchalisch, insofern sie durch keine Unbeständigkeit, keine Rohheit im Gespräch und keine Völlerei befleckt wurde. Lasterhaft war ich, ich gestehe es zu meiner Schande; aber meine Lasterhaftigkeit war wenigstens durch Eugenien, welche nur Einen Fehler hatte, veredelt. Sobald ich mich an meinem neuen Bestimmungsorte niedergelassen und so behaglich, als es die Umstände erlaubten, eingerichtet hatte, schrieb ich einen langen Brief an Eugenie, der einen genauen Bericht über Alles enthielt, was seit unserer Trennung vorgefallen war. Ich bat sie, nach Portsmouth zu kommen, um mich dort zu sprechen, und bestellte sie in den »Stern und Orden,« weil dieses Haus zunächst der Küste lag und ich daher, sobald ich am Land war, den Leuten auf dem Schiff am schnellsten aus dem Gesicht kam. Sie schrieb mir zurück, daß sie am folgenden Tage eintreffen wolle. Die einzige Schwierigkeit war die Aufgabe, an's Land zu kommen. Ich wußte, daß meine ganze Beredsamkeit nicht hinreichen würde, um den ersten Lieutenant zu bewegen, seine Cerberuswache über mich zu mäßigen. Indessen machte ich doch den Versuch und bat ihn sehr angelegentlich um die Erlaubniß, an's Land zu gehen, weil ich mir gewisse Gegenstände verschaffen müßte, die zu Vollendung meiner Einrichtung unumgänglich nothwendig wären. »Nein, nein,« erwiederte Mr. Talbot, »ich bin zu lange im Dienst, um mich auf diese Weise fangen, zu lassen. Ich habe meine Befehle und würde meinen Vater nicht an's Land lassen, wenn mir der Kapitän die Weisung gegeben hätte, ihn an Bord zu behalten; ich sage Ihnen daher treuherzig, daß Sie das Schiff nicht verlassen, es wäre denn, daß Sie an's Land schwämmen, und das werden Sie wohl nicht versuchen. Um Ihnen übrigens zu beweisen, daß es nicht böser Wille von meiner Seite ist, so lesen Sie hier das Schreiben des Kapitäns.« Es war kurz, zart gehalten und in Bezug auf mich sehr schmeichelhaft. Der Inhalt lautete, wie folgt: »Halten Sie den verfluchten jungen Vagabunden Mildmay an Bord.« »Wollen Sie mir unter diesen Umständen nicht erlauben,« sagte ich, das Schreiben ohne weitere Bemerkung zurückgebend, »wollen Sie mir nicht erlauben, unter Begleitung des Marine-Sergeanten an's Land zu gehen?« »Das würde,« antwortete er, »eben so sehr gegen meine Verhaltungsbefehle sein, als wenn ich sie allein gehen ließe. Sie dürfen nicht an's Land, Sir.« Diese Worte äußerte er im Tone des kategorischen Imperativs, worauf er das Verdeck verließ, um mich meinen eigenen Gedanken und meiner Erfindungsgabe zu überlassen. Einem schriftlichen Verkehr mit Eugenien lag durchaus kein Hinderniß im Wege, aber ich bedurfte mehr. Ich hatte versprochen, sie um neun Uhr Abends zu besuchen, und jetzt war es Sonnenuntergang. Die Boote waren alle aufgezogen, kein Küsten-Kahn in der Nähe, und es blieb mir nichts anderes übrig, als das Mittel zu ergreifen, welches mir Herr Talbot selbst aus dem einfachen Grunde empfohlen hatte, weil er es für völlig unausführbar hielt, nämlich à la nage zu meinem Zweck zu gelangen; aber er kannte mich damals nicht halb so gut, als er mich später kennen lernte. Das Schiff lag zwei Meilen vom Lande entfernt, der Wind kam aus Südwesten, und die Fluth trieb nach Osten: beides war mir günstig, und ich rechnete darauf, South Sea Castle zu erreichen. Nach Einbruch der Nacht nahm ich meine Stellung in den Vorderrinnen. Es war am 20. März, und sehr kalt. Ich zog mich aus, packte meine Kleider fest zusammen, band sie auf meinen Hut, setzte denselben auf und ließ mich leise in das Wasser hinab, durch das ich mich wie ein zweiter Leander kämpfte, um die Umarmungen meiner Hero zu erobern. Noch war ich keine zwanzig Ellen vom Schiffe, als mich die Schildwache bemerkte. Sie hielt mich natürlich für einen gepreßten Matrosen, der zu entkommen suchte, und rief mich zurück. Da ich dem Rufe nicht Folge leistete, so ließ der wachhabende Offizier auf mich feuern. Eine Kugel pfiff über meinem Kopfe hin, und schlug zwischen meinen Händen in's Wasser. Ein Dutzend andere folgten: sie waren alle ziemlich gut gezielt, aber ich griff ordentlich aus, und die befreundete Schatten der Nacht, nebst der zunehmenden Entfernung vom Schiffe, brachten mich bald in Sicherheit. Ein Kahnführer, der den Blitz des Feuers sah und den Knall der Kugeln hörte, glaubte sich zu dem Schlusse berechtigt, einen Passagier zu bekommen. Er ruderte auf mich zu; ich rief, und er nahm mich in seinen Kahn, als ich kaum eine Achtelsmeile vom Schiffe entfernt war. »Ich zweifle, Bursche, ob du auf diesem Gange je das Land erreicht hättest,« sagte der alte Mann. »Du verließest dein Schiff zwei Stunden zu früh; die Ebbe wäre dir stark aus dem Hafen entgegen gekommen, und hättest du deinen Kopf über dem Wasser erhalten können, so wärest du an einem ganz andern Orte gelandet.« Während der Alte ruderte und schwatzte, zitterte ich und kleidete mich an, ohne ihm eine Antwort zu geben; ich bat ihn nur, mich an den ersten Landungsplatz der Southseabucht zu bringen, den er erreichen könnte. Es geschah. Ich gab ihm eine Guinee, worauf ich ohne eine weitere Störung in die Garnison und nach Pointstreet, in den »Stern und Orden« eilte, um von Eugenien empfangen zu werden, welche mich mit großer Gegenwart des Geistes, so lange uns die Leute im Hause hören konnten, ihren lieben, theuren Gatten nannte. Meine nassen Kleider zogen ihre Aufmerksamkeit auf sich, und ich sagte ihr, was ich gethan hatte, um sie zu sehen. Sie schauderte vor Entsetzen, und mir klapperten die Zähne vor Frost. Ein behagliches Feuer, ein heißes und ziemlich starkes Glas Grog, verbunden mit ihren Thränen, ihrem Lächeln und ihren Liebkosungen stellten mich jedoch bald wieder her. – Der Leser wird sich hier ohne Zweifel des minder angenehmen Gegenmittels erinnern, welches bei mir angewendet wurde, als ich den Unterlehrer tauchte, und das ich für ähnliche Fälle selbst empfahl, weil ich seine guten Wirkungen erfahren hatte. Wie viel mehr ich es bei dieser Gelegenheit verdiente, als bei jener frühern, brauche ich nicht zu erwähnen. Diese verstohlene Zusammenkunft war so süß, daß ich in meinem Innern das feierliche Gelübde that, mich in der folgenden Nacht derselben Gefahr auszusetzen. Unsere Unterhaltung handelte bald von unsern künftigen Aussichten, und da unsere Zeit kurz zugemessen war, so hatten wir uns viel zu sagen. »Frank,« sprach das arme Mädchen, »ehe wir uns wiedersehen, werde ich wahrscheinlich Mutter sein, und nur diese Hoffnung lindert den tödtlichen Schmerz der Trennung; denn wenn ich dich auch nicht besitze, so wird mich wenigstens dein Bild beglücken. Wollte Gott, es wäre ein Knabe, um in die Fußstapfen seines Vaters zu treten, und kein Mädchen, um so elend zu sein, wie seine Mutter. Du trittst jetzt in weiter Ferne einen gefahrvollen Dienst an; das natürliche Feuer deines Geistes vergrößert die Gefahren zehnfach. Wir werden uns vielleicht nie wiedertreffen, oder wenn es geschieht, in einer sehr fernen Zeit. Ich bin dir stets treu gewesen, und werde dir treu bleiben bis in den Tod; aber von deiner Seite erwarte – ja verlange ich nicht einmal eine solche Erklärung. Andere Scenen, neue Gesichter, jugendliche Leidenschaften werden sich vereinigen, um mich für einige Zeit aus deinen Gedanken zu verdrängen. Wenn du in die Jahre der Reife getreten sein wirst und einen Rang in der Flotte bekleidest, wie er deinen Verdiensten und Verbindungen angemessen ist, so wirst du dich in deinem Kreise der Gesellschaft vermählen; auf alle diese Dinge mache ich mich gefaßt, als auf Ereignisse, welche Statt haben müssen. Deine Person kann ich nicht besitzen, das weiß ich – aber verbanne mich nicht – ich bitte, verbanne mich nicht aus deinem Herzen. Ich werde nie eifersüchtig sein, so lange ich weiß, daß du glücklich bist, und deine unglückliche Eugenie immer noch liebst. Dein Kind soll dir nicht zur Last fallen, bis es ein Alter erreicht haben wird, in welchem es in die Welt eingeführt werden muß: ich weiß, um seiner Mutter willen wirst du es dann nicht verlassen. Lieber Frank, mein Herz ist gebrochen, aber dich trifft kein Vorwurf; und wenn es der Fall wäre, so würde ich noch im Tode Segen auf dich herabstehen.« Bei diesen Worten weinte sie bitterlich. Ich versuchte jedes Mittel, das mir zu Gebot stand, um das bezaubernde, außerordentliche Mädchen zu trösten und zu ermuntern, indem ich weder Schwüre, noch Versprechungen versäumte, die ich auch damals durchaus zu halten im Sinne hatte, zugleich ihr ein baldiges und, wie ich hoffte, glückliches Wiedersehen versprechend. »Des Herrn Wille geschehe,« entgegnete sie, »komme, was da will. Und nun, mein lieber Frank, lebe wohl – setze dein Leben und deine Aussichten nicht mehr um meinetwillen auf's Spiel, wie gestern Nacht. Ich war selig in deiner Gesellschaft, und selbst wenn ich das Elend meiner Zukunft in's Auge fasse, so kann ich die Vergangenheit nicht bereuen. Ich umarmte sie zärtlich, sprang bei Point in einen Kahn und ersuchte den Schiffer, mich nach Spithead an Bord der J.. zu bringen. Der erste Lieutenant war auf dem Verdeck, als ich an der Schiffswand hinaufstieg. »Vermuthlich waren Sie es, auf den wir gestern Abend feuerten?« fragte er lachend. »Ja, Sir,« antwortete ich, »die unumgängliche Notwendigkeit zwang mich, an's Land zu gehen, sonst würde ich zu keinem so außerordentlichen Mittel gegriffen haben.« »O hätten Sie mir gesagt, daß Sie an's Land zu schwimmen gesonnen seien,« erwiederte der Offizier, »so hätte ich Ihnen nicht das Mindeste in den Weg gelegt; ich hielt Sie für einen Gepreßten und befahl der Wache, Feuer auf Sie zu geben.« »Die Gepreßten sind Ihnen außerordentlich verbunden,« dachte ich. »Fanden Sie es nicht verzweifelt kalt?« fuhr der Lieutenant in einem Anflug guter Laune fort, die ich durch den Ton meiner Antworten noch mehr ermunterte. »Allerdings, Sir,« erwiederte ich. »Und die Bursche feuerten ziemlich brav, nicht wahr?« »Recht brav, Sir; ich wollte nur, sie hatten sich etwas Besseres zur Zielscheibe gewählt. »Ich verstehe Sie,« versetzte der Lieutenant; »aber da Sie Ihre Zeit noch nicht ausgedient haben, so wäre die Erledigung für Sie von keinem Nutzen gewesen. Ich muß die Sache dem Kapitän melden, wiewohl ich nicht glaube, daß er Notiz davon nehmen wird; er liebt den Unternehmungsgeist an sich selbst zu sehr, um ihn bei Andern zu unterdrücken. Zudem ist eine Dame stets eine annehmbare Entschuldigung, obschon wir hoffen, Ihnen bald ein höheres Wild zu zeigen.« Bald nachher kam der Kapitän an Bord. Er nahm von meinem wilden Urlaub keine Notiz und machte, während er sein Auge auf mich heftete, eine Bemerkung, die, wie ich später erfuhr, nicht ungünstig für mich war. Nach wenigen Tagen gingen wir unter Segel und kamen bald auf Basque-Rhede an. Die britische Flotte hatte längs der Insel Aix in einer Linie vor den französischen Schiffen geankert. Das Fahrzeug, zu welchem ich gehörte, nahm einen thätigen Antheil an der Arbeit, welche die Flotte vor sich hatte, und die meisten von uns sahen mehr, als wir gern besprachen; aber da es bei dieser Gelegenheit viel böses Blut gab und einige höchst unangenehme Kriegsgerichte gehalten wurden, so will ich versuchen, bei meiner persönlichen Geschichte stehen zu bleiben und Alles zu vermeiden, was den betreffenden Theilen Anstoß geben könnte. Einige Tage gingen mit Ausrüstung der Brander dahin, und nachdem Alles zum Versuche einer Vernichtung des feindlichen Geschwaders vorbereitet war, begannen wir in der Nacht des 11. April 1809 den Angriff. Ein verwegeneres Unternehmen ist noch nie ausgeführt worden, und wenn es zum Theil fehlschlug, so sind diejenigen unschuldig, welche es leiteten, da sie Alles thaten, was Menschen zu thun vermochten. Die Nacht war sehr finster, und eine frische Brise wehte gerade gegen die Insel Aix und die feindliche Flotte an. Zwei von unsern Fregatten waren vorher so vor Anker gelegt worden, daß sie als Leuchtfeuer für die Richtung der Brander dienten. Beide verbreiteten ein Helles, strahlendes Licht, und die Brander mußten zwischen ihnen hindurchsteuern. Der Weg nach der Vorbarre des feindlichen Ankergrundes war offen und konnte nicht leicht verfehlt werden. Ich erbat mir die Erlaubniß, an Bord eines der Explosionsschiffe zu gehen, welche den Brandern vorausgingen. Sie waren mit Lagern von Haubizen und Pulverfässern angefüllt, die auf einander gehäuft lagen; die Menge dieser Zerstörungswerkzeuge war ungeheuer. Ein weiterer Offizier, drei Matrosen und ich bildeten die ganze Bemannung unseres Fahrzeugs. Wir nahmen ein vierrudriges Gig, ein kleines, schmales Ding, das die Matrosen spottweise »Sarg« nannten, mit uns, um vermittelst desselben unsern Rückzug zu bewerkstelligen. Nachdem Alles vorbereitet war, stießen wir ab. Es war ein furchtbarer Anblick. Der Wind wurde frisch und pfiff durch unser Takelwerk; auch war die Nacht so finster, daß wir unser Bugspriet nicht sehen konnten. Wir hatten nur unser Vordersegel gesetzt; aber mit einer starken Fluth und einem günstigen, überreichen Wind schossen wir wie ein Pfeil zwischen den voraussegelnden Fregatten durch. Es dünkte mich, als ging es durch die Pforten der Hölle; und wie wir so reißend dahin flogen und unsere Schiffe in der dichten Finsterniß verschwanden, gedachte ich der Inschrift Dante's, über dem Eingangsthor der Hölle: – »Die ihr hineingehet, lasset die Hoffnung hinter euch.« Wir hatten den Befehl, das Schiff an der Barre anzulegen, welche die Franzosen an den äußersten Ankern ihrer Linie befestigt hatten, und kaum waren wir einige Minuten lang an den Fregatten vorübergefahren, als wir uns dicht vor derselben befanden. Unser Boot war am Spiegel in's Tau genommen und hatte drei Matrosen an Bord, von denen der eine das Tau führte, jeden Augenblick bereit, es loszulassen, während der andere steuerte, und der dritte das Wasser ausschöpfte, welches bei der reißenden Geschwindigkeit unserer Fahrt das Boot versenkt haben würde. Der Offizier, welcher mich begleitete, steuerte das Schiff, und ich hielt die Lunte. Mit entsetzlichem Krachen fuhren wir an der Barre an; mein Begleiter drehte das Steuer und legte uns breit. Die Gewalt der Fluth, welche gegen den Rumpf andrang, und die Stärke des Windes, der auf das Vorsegel drückte, hatte die Wirkung, daß das Fahrzeug aufsprang, und ich vermochte mich nur mit Mühe auf den Beinen zu halten. In diesem Augenblicke lief unser Boot die größte Gefahr, neben uns zu versinken. Er war am Spiegel angelegt und die Fluth hätte es beinahe über die Barre gehoben; die Mannschaft machte es mit großer Anstrengung los und legte sich auf ihre Ruder. Fluth und Wind bildeten eine wallende kurze See, welche es fast begrub. Mein Begleiter bestieg es und gab mir die Weisung, das Portfeuer anzuzünden und ihm zu folgen. Wenn ich je das Gefühl der Furcht kannte, so war es in dem Augenblicke, als ich dieses Portfeuer angezündet hatte, das mit dem Zündlien in Verbindung stand. Meine Gefühle, die ich aus dem Bereiche der unvermeidlichen Explosion, welche mit jedem Nu erfolgen konnte, gekommen und sicher im Boote war, lassen sich nicht beschreiben. Ich stand auf einer Mine. Irgend ein Fehler am Portfeuer, der bisweilen vorkommt, oder die geringste Menge Schießpulver, die etwa in den Ritzen des Verdecks liegen konnte, würde das Ganze in einem Augenblicke gesprengt haben; und wenn meine Hand gezittert hätte – aber ich sage es mit Stolz, sie zitterte nicht – so wäre dasselbe erfolgt. Für das Portfeuer waren nur anderthalb Minuten bestimmt; ich hatte also keine Zeit zu verlieren. In dem Augenblicke, als ich es angezündet hatte, legte ich es ganz behutsam nieder und sprang mit einer Behendigkeit in das Gig, welche der Gelegenheit entsprach. In einem Nu waren wir abgestoßen. Ich führte das Streichruder, und, zwar in meinem Leben nie mit größerem Eifer. Nicht zweihundert Ellen waren wir vom Fahrzeuge entfernt, als die Explosion erfolgte. Einen schrecklicheren und schöneren Anblick kann man sich nicht denken; aber wir waren nicht sicher genug, um ihn mit Muße genießen zu können. Die Haubizen flogen zu einer ungeheuren Höhe empor. Einige zerplatzten beim Aussteigen, andere beim Niederfallen. Der Feuerregen floß rings um uns her; aber wir entgingen ihm ohne Verletzung. Wind und Fluth waren uns so stark entgegen, daß wir nur langsam vorwärts kamen, und wir hatten das Vergnügen, zwischen allen übrigen Brandern Spießruthen zu laufen, welche ebenfalls angezündet worden waren und, vorn und hinten in Flammen stehend, auf uns eintrieben. Ihr Takelwerk war mit kongrevischen Raketen behangen, und wenn diese Feuer fingen, schössen sie gleich großen, feurigen Schlangen, mit einem betäubenden Krachen nach allen Richtungen durch die Luft. Dennoch kamen wir wohlhabend an Bord. Wir meldeten uns beim Kapitän, der die Brander von den Hängematten aus beobachtete. Einer derselben war zu früh entzündet worden; das Steuer war nicht fest gebunden, und er hatte sich dicht neben unserer Fregatte breit gelegt. Obgleich ich für diese Nacht schon genug Abenteuer bestanden zu haben glaubte, waren mir doch noch mehr vorbehalten. »Herr Mildmay,« sagte der Kapitän, »Sie scheinen den Spaß zu lieben; springen Sie noch einmal in Ihr Gig, wählen Sie sich vier frische Matrosen (ein frischer Midshipman wäre auch nicht übel, dachte ich), gehen Sie an Bord jenes Schiffes und setzen Sie ihm den Schnabel zurecht.« Diese Anmuthung behagte mir gar nicht. Das Schiff stand vom Klüverbaum bis zum Topsegel in Flammen, und ich gestehe, ich hätte lieber den bereits gewonnenen Ruhm genossen, als einem weitern und dazu so unsichern nachgejagt. Indessen machte ich nie Schwierigkeiten, und dieß war nicht die Zeit, von meinem Grundsatze abzugehen. Ich rührte an meinen Hut, erwiederte »sehr wohl, Sir,« und forderte vier Freiwillige auf. In einem Augenblick hatte ich deren fünfzig. Ich las mir die vorgeschriebene Zahl aus, und fuhr zu meiner neuen Expedition ab. Als ich mich dem Schiffe näherte, konnte ich anfangs gar keine Stelle entdecken, die nicht von Flammen ergriffen war, deren Hitze auf zwanzig bis dreißig Fuß selbst in dieser kalten Nacht nichts Behagliches hatte. Die Wetterseite war am wenigsten ergriffen, aber aus den Kajütenfenstern schlugen die Flammen mit Wuth empor. Mit der größten Schwierigkeit erklomm ich an einer noch nicht brennenden Stelle das Verdeck. Einer der Matrosen folgte mir. Der Hauptmast stand in Feuer und die Flocken, die vom brennenden Giekbaumsegel auseinander trieben, fielen gleich einem Schneegestöber auf uns nieder. Der vordere Theil des Handgriffes war zu Kohlen verbrannt, aber um den mittlern schlang ich ein Seil, wodurch ich das Steuer mit Hülfe des Matrosen drehte und das Schiff vor den Wind brachte. Während dieses Geschäftes erinnerte ich mich unwillkürlich an mein Vorbild Don Juan. Beinahe wäre ich vor der Vollendung meines Werkes erstickt. Wir stießen wieder ab, und dahin flog der Brander vor dem Winde. »Dießmal gehe ich nicht mit,« sagte ich; »J'ai été , wie der Franzose meinte, als er zu einer englischen Fuchsjagd eingeladen wurde.« Als ich an Bord zurückkehrte, war ich schwarz, wie ein Mohr, und verschmachtete vor Durst. »Sehr gut gemacht, Mildmay,« sagte der Kapitän; »fanden Sie es warm?« Ich deutete auf meinen Mund, der so trocken war, daß ich nicht sprechen konnte, und eilte nach der Wassertonne, um einen Zug daraus zu thun, mit dem ein Nachen flott gemacht werden konnte. Als ich wieder zu sprechen vermochte, waren meine ersten Worte: »Verflucht sei der Brander und der Tölpel, der ihn anzündete.« Am andern Morgen erblickten wir das französische Geschwader in einem höchst zerrütteten Zustande. Die Schiffe hatten ihre Kabel abgehauen und rannten in jeder Richtung nach der Küste. Nur die Flaggenschiffe des Admirals und Contre-Admirals lagen noch auf ihren Ankern und konnten sich nicht eher entfernen, bis die Höhe der Fluth eintrat. Wir hatten damals das erste Viertel, und so mußten sie noch fünf gute Stunden warten. Ich verweise meine Leser in Betreff einer Geschichte dieser Ereignisse auf das Kriegsgericht; auch Zeitgenossen haben in ihren Schriften mit mehr oder weniger Strenge darüber geurtheilt. Nur bemerke ich, daß, hätten die Kapitäne Sr. Majestät mehr nach Gutdünken verfahren können, weit mehr versucht worden wäre – aber mit welchem Erfolg, wage ich nicht zu bestimmen. Was unsern Kapitän betrifft, so hatte er kaum sein Ziel entdeckt, als er die Anker lichtete, darauf zusegelte und die Batterien beschoß, indem er zugleich seine Kanonen gegen die Boote der feindlichen Schiffe richtete, welche am Strande auf der Seite lagen. Die Insel Aix bereitete uns einen warmen Empfang. Ich stand im Vorderschiffe und sah, wie dem Vortopkapitän von einer Kanonenkugel der Kopf weggerissen wurde. In diesem Augenblicke kam der Schiffskapitän auf das Vorderschiff und sagte: »Der arme Bursche! werft ihn über Bord, wir haben hier keine Zeit zu einer Leichenschau.« Der Kampf mit den Batterien und den nahe gelegenen Schiffen dauerte lange, bis wir endlich von unsern Schiffen Beistand erhielten. Während desselben erlebte ich ein höchst merkwürdiges Beispiel von Muskelthätigkeit. Ein Bursche von achtzehn Jahren war eben in der Back, als ihm eine Kugel den ganzen Unterleib zerriß; die Gedärme flogen einem andern Midshipman und mir in's Gesicht und blendeten uns beinahe. Der Getroffene stürzte und lag kaum einige Sekunden am Boden, als er plötzlich wieder aufsprang, uns mit einem gräßlichen Blicke anstarrte und todt niedersank. Der Rückgrath war nicht durchschossen, aber sonst der ganze Oberleib vom Unterleib getrennt. Als unsere Schiffe uns in einem so heißen Kampfe begriffen sahen, setzten sich endlich einige derselben zu unserm Beistande in Bewegung. Dabei hielt sich ein Linienschiff so ritterlich, daß es wirklich einen glorreichen Anblick gewährte. Es war ein schönes Fahrzeug, »hoch gepreßt,« wie wir es nennen, und erschien wie ein lebendiges Wesen, das sich seiner Ueberlegenheit über seinen Gegner bewußt ist. Es verachtete den dichten Kugelregen und nahm kaltblütig eine bewunderungswürdige Stellung zur Schlacht an. Nachdem es die Segel gesetzt und die Raaen gerichtet, als wäre es zu Spithead, kamen die Matrosen vom Gestänge herab, traten zu ihren Kanonen und eröffneten ein solches Feuer auf die feindlichen Schiffe und Batterien, daß sich selbst der große Nelson, wenn er hätte Zeuge sein können, darüber gefreut haben würde. Die Ergebnisse dieses Gefechtes sind bekannt, und es ist unnöthig, sie hier zu wiederholen. Es war eines von den Ereignissen, welche das Ende des Krieges herbeiführten. Die Franzosen, welche so lange gezaudert hatten, ihren untergeordneten Rang auf der See anzuerkennen, unterwarfen sich jetzt schweigend, und von dieser Zeit an traf der Sturm des Krieges das Landheer. Die Vertheidiger des Fatalismus oder der Prädestination können zum Beweise ihrer Lehre ein auffallendes Beispiel an dem Tode des Kapitäns eines der vernichteten französischen Schiffe anführen. Dieser Offizier war von einem unserer Boote auf unsere Fregatte gebracht worden; plötzlich erinnerte er sich, daß er nautische Instrumente von großem Werthe an Bord zurückgelassen habe, weßhalb er unsern Kapitän ersuchte, mit ihm im Gig hinzufahren, um sie abzuholen, ehe das Schiff verbrannt wäre. Sie bestiegen das Boot und setzten sich, da es sehr schmal war, auf einem kaum zwei Fuß langen Brette, das aus Mangel an geeigneten Bänken über den Spiegel gelegt wurde, dicht neben einander. Eines von den französischen Schiffen brannte; seine Geschütze gingen in dem Augenblicke los, als sie vom Feuer erreicht wurden. Eine Kugel riß das Brett unter den beiden Kapitänen fort, der englische Kapitän wurde nicht verletzt, aber dem französischen fuhren die Splitter in den Leib und tödteten ihn. Spät Abends wurden die übrigen französischen Linienschiffe, die an der Küste lagen, in Brand gesteckt, und gaben uns eine prachtvolle Beleuchtung. Wir lagen hart vor ihnen, und die Splitter und Bruchstücke ihrer Wracke flogen auf unsern Bord. Unter unsern Tobten befand sich ein holländischer Bootsmannsgehülfe, der sein Weib an Bord hatte und wegen gewisser Fälle von Untreue den Stock, den er vermöge seines Dienstes zu tragen berechtigt war, häufig auf den Schultern seiner Ehehälfte tanzen ließ, wobei ich, ungeachtet meiner großen Achtung für das schöne Geschlecht, nicht zu läugnen vermag, daß sie diese Strafe gewöhnlich verdiente. Als sie die Kanonenkugel ihres gesetzlichen Beschützers und Ehrenretters beraubt hatte, setzte sie sich neben die verstümmelte Leiche und machte einige erfolglose Anstrengungen, zu weinen; eine Thräne lief aus dem einen Auge über die Wange hinunter und verlor sich in ihrem Mund, eine zweite brach zu gleicher Zeit aus dem andern Auge, blieb aber aus Mangel an Zufluß auf ihrem Wangenbeine sitzen, zog den uns umgebenden Rauch und Pulverdampf an sich, formirte eine kleine, schwarze Halbinsel und Landzunge auf ihrem Gesicht, und bildete sich zur wahren Trauerthräne, die ihren Heldenschmerz ausdrückte. Von diesem Beweise ehelicher Zärtlichkeit trennte sie sich erst am folgenden Tage; als sie den irdischen Ueberresten ihren treuen Achilles die letzte Ehre erweisen sah, wusch sie ihr Gesicht, nahm ihr Lächeln wieder an, und bewies der Schiffsmannschaft ihre Dankbarkeit für die ihr bewiesene Theilnahme. Wir wurden mit Depeschen nach Spithead beordert, und lange vor unserer Ankunft hatte sie den Marinesergeanten zum Glücklichsten unter den Männern gemacht, nachdem er ihr zuvor versprochen, sie noch vor unserm Absegeln zum nächsten Kreuzen in der Kirche zu Kingston mit ihr trauen zu lassen, ein Versprechen, das auch gewissenhaft gehalten wurde. An Bord der Fregatte wurde eine Midshipmanstelle frei, die der Kapitän mir anbot, und ich mit Freuden annahm. Der Kapitän war in guter Laune, und ich bat ihn um eine Woche Urlaub. Er willfahrte mir mit dem Zusatze: »Nur keinen französischen Abschied mehr, wenn ich bitten darf.« Ich brauche nicht zu sagen, daß ich keine Stunde desselben meinem Vater oder auch meiner theuren Emilie bestimmte; nein, Eugenie, die Geliebte, in ihren interessanten Umständen forderte meine ungetheilte Aufmerksamkeit. Ich flog nach G . . und traf daselbst die Schauspielergesellschaft; aber sie , – ach sie hatte dieselbe schon vor vierzehn Tagen verlassen, und Niemand wußte, wohin sie sich gewendet hatte. Durch diese traurige Nachricht betäubt, sank ich beinahe bewußtlos auf einen Stuhl, als mir eine von den Schauspielerinnen einen Brief brachte. Ich erkannte die Hand, er war von Eugenien. Sogleich eilte ich in ein leeres Zimmer, erbrach das Siegel und las: »Glaube mir, mein theuerster Mildmay, nur die Dringendste Nothwendigkeit konnte mich bestimmen, dir den Kummer zu verursachen, den du, wie ich bestimmt weiß, beim Lesen dieser Zeilen empfinden wirst. Umstände haben sich seit unserer Trennung ereignet, die es nothwendig machen, daß ich dich nicht nur verlasse, sondern auch einige Zeit lang nicht wiedersehen darf, und daß du über meinen Aufenthalt in Ungewißheit bleiben mußt. Unsere Trennung kann lange dauern, aber ich hege die gewisse Zuversicht, daß sie nicht ewig währen wird, wiewohl Jahre verfließen mögen, bis wir uns wiedersehen. Das Opfer ist groß für mich, aber eine Ehre und Wohlfahrt erfordern es. Ich hege noch dieselbe glühende Liebe, die ich stets für dich empfand, und um deinetwillen werde ich auch dein Kind lieben. Eine Hoffnung tröstet mich in meiner Trübsal, die Hoffnung der Wiedervereinigung. Gott im Himmel segne dich und kröne alle deine Unternehmungen mit Erfolg. Folge deinem Berufe, ich werde beständig von dir hören und Kunde von allen deinen Bewegungen erhalten. Ich werde den Himmel bitten, dich aus allen Gefahren zu erretten, zu deren Bestehung dein Muth dich drängen wird. Lebe wohl und vergiß diejenige nicht, welche dich keinen Augenblick aus ihren Gedanken verliert. Eugenie.« Nachschrift. »Du bist vielleicht nicht immer bei Kasse – ich weiß, du bist in dieser Beziehung äußerst sorglos. Ein Brief unter der beigefügten Adresse wird stets berücksichtigt werden und Alles zu deiner Verfügung stellen, was du zu deiner Einrichtung bedarfst. Stolz kann dich bestimmen, dieses Anerbieten auszuschlagen, aber bedenke, daß es Eugenie ist, die es dir macht: und wenn du sie liebst, wie sie glaubt, so wirst du es von ihr annehmen.« Hier hatte ich Geheimnisse und Widersprüche in verworrener Fülle. Durch Umstände gezwungen, mich zu verlassen – mir ihren Aufenthaltsort zu verheimlichen – und doch nicht blos für sich selbst über Geldquellen zu gebieten, sondern auch mir jede Summe anzutragen, deren ich bedürfte! Ich begab mich zu Bette, aber der Schlaf floh mich, und ich fühlte auch kein Bedürfniß darnach, denn ich hatte zu viel zu denken und keinen Schlüssel zur Lösung meiner Zweifel. Ich betete zum Himmel für ihr Wohlergehen, gelobte ihr ewige Treue und fiel endlich in Schlaf. Am nächsten Morgen nahm ich von meinen ehemaligen Genossen Abschied und kehrte nach Portsmouth zurück, indem ich weder meinen Vater, noch meine Verwandte, noch auch nur meine sanfte Emilie sehen mochte. Indessen fiel mir ein, daß derselbe Agent, welcher Geld vorstrecken konnte, auch einen Brief zu befördern im Stande war, und so schrieb ich denn einen solchen, worin ich alle meine Gefühle ausdrückte. Es erfolgte keine Antwort, aber da der Brief nicht wieder zurückkam, so war ich überzeugt, daß sie ihn erhalten hatte, und sandte ihm von Zeit zu Zeit andere nach, mit deren Inhalt ich jedoch den Leser verschonen will; er wird mir's auch gewiß Dank wissen, denn Liebesbriefe sind für Jeden, der nicht dabei betheiligt ist, das Albernste, was es in der Welt geben kann. Da ich Eugenien nicht sehen konnte, so vernahm ich mit Freuden, daß wir wieder zum aktiven Dienste ausgesendet werden sollten. Man bereitete damals die Schelde-Expedition vor, und unsere Fregatte erhielt den Befehl, zuerst unter Segel zu gehen, aber unser tapferer und beliebter Kapitän durfte uns nicht begleiten; es wurde ein Stellvertreter angestellt, und Alles auf die gehörige Ausrüstung des Schiffes verwandt. Die Stadt war damals so gedrängt voll Soldaten, als Spithead mit seinem Hafen voll Transportschiffe. Wir segelten gegen Ende Juli's ab und nahmen zwei Kanonenboote in's Tau, die wir zu bemannen hatten. Ich erbat mir den Befehl über eines derselben, denn ich war gewiß, daß ich hier mehr vom Dienste sehen, und folglich auch mehr Vergnügen haben würde, als wenn ich an Bord der Fregatte bliebe. Vierzig bis fünfzig Transportschiffe mit Reiterei wurden unter unsern Schutz gestellt, und wir brachten sie auch alle sicher bei Cadsand vor Anker. Das Wetter war schön und das Wasser still. Kein Augenblick wurde verloren, die Truppen und Pferde auszuschiffen, und ich erinnerte mich, daß ich weder vorher noch nachher je ein anziehenderes Schauspiel genossen habe. Zuerst wurde die Mannschaft mit Sattel und Zeug an's Land geschickt; dann die Pferde in Schlingleinen in's Wasser hinabgelassen, wo die letzteren im Augenblicke gelöst wurden. Die Thiere fühlten sich kaum frei, als sie an die Küste schwammen, welche sie beim Landen mit lautem Gewieher begrüßten. Im Raum von einer Viertelmeile sah man drei- bis vierhundert Pferde im Wasser, die alle zu gleicher Zeit an's Land schwammen, wahrend die Reiter ihre Ankunft begierig am Ufer erwarteten. Der Anblick war für mich ebenso neu als malerisch. Ich fand den Dienst auf dem Kanonenboot sehr hart. Wir waren vor Batz stationirt und wurden in beständiger Bewegung erhalten; doch mit der Uebergabe von Vließingen erhielten wir mehr Muße, die wir zur Anschaffung einiger Bedürfnisse für unsern Tisch verwandten, welche uns so lange fremd geblieben waren. Unser Geld hatten wir für Champagner und Claret ausgegeben, und da wir mit diesen Kostbarkeiten nicht sehr haushälterisch umgingen, konnten wir nur wenige Gulden auf den Ankauf von Geflügel und frischem Fleisch verwenden; wir mußten uns also diese Nahrungszweige durch dieselben Mittel verschaffen, womit wir uns die Insel Walcheren verschafft hatten, nämlich durch Pulver und Blei. Die Landleute waren etwas knurrig und durchaus nicht aufgelegt zum Tauschhandel, und da wir überhaupt nichts zu tauschen hatten, so vermieden wir nutzlose Erörterungen. Truthähne wurden von uns kurzsichtigen Sterblichen häufig für Fasanen, Hähne und Hühner für Rebhühner, zahme Enten und Gänse für wilde gehalten; kurz, wir übersprangen Gräben, erklommen Dämme und durchwateten Sümpfe mit einer Eile und Verwirrung, daß selbst Buffon den Unterschied zwischen einer Gans und einem Pfauen nicht mehr hätte angeben können. Unsere Jagdtaschen waren so geräumig als unsere Gewissen, und unsere Sicherheit im Treffen so groß als unser Appetit. Die Bauern verschlossen all' ihr Geflügel in ihren Scheunen und ließen sehr freigebig allen ihren Flüchen freien Lauf. So blieben uns alle Hülfsmittel abgeschnitten und das Fouragiren war zuletzt nicht nur mit Beschwerden, sondern auch mit Gefahr verknüpft. Ich ging mit unserer Mannschaft an's Land, lud eine Kugel in meine Vogelflinte, und schoß meiner Meinung nach ein Reh, aber bei näherer Untersuchung ergab es sich, daß es ein Kalb von vier Monaten war. Ein solcher Mißgriff hätte jedem Menschen begegnen können. Da das Thier zu schwer zum Tragen war, schnitten wir es in zwei Hälften, nicht von vorn nach hinten die Rückenwirbel entlang, wie unsere dummen Fleischer, sondern quer über das Kreuz: eine weit kürzere und für das Tragen förderliche Methode. Wir nahmen die Keulen, das Kreuzstück sammt dem Nierenstück mit uns, gebrauchten aber zuvor noch die Vorsicht, das Kopf- und Schulterstück mit den beiden Bugen im Felde zu vergraben, indem wir gesonnen waren, den Schatz in der folgenden Nacht abzuholen. Wir wurden zum Theil gesehen und von einem nahen Kanonenboote, dessen Mannschaft ohne Zweifel eben so hungrig war, als wir selbst, bei unserer Arbeit aufmerksam belauscht. Unsere Leidensgefährten ergriffen einen von den Unserigen, und dieser ließ, wie der Narr die Katze aus dem Sack, als man Grog hineingoß. Der Bursche deutete ihnen an, wo die andere Hälfte liege, und die pflichtvergessenen Schurken gingen hin, mit dem festen Entschlusse, sich dieselbe anzueignen, wurden aber ertappt, wie sie es für ihre Treulosigkeit verdienten. Der Pächter, welchem das Kalb gehörte, hatte Wind bekommen, und da er fand, daß wir die andere Hälfte desselben vergraben hatten, verschaffte er sich eine Abtheilung Soldaten, die auf unsere Rückkehr lauerten, um uns zu greifen. Die Mannschaft des anderen Kanonenbootes machte sich nach Einbruch der Nacht auf den Weg, ermittelte den Ort, wo der Schatz begraben lag, und war eben eifrig beschäftigt, ihren Raub auszuscharren, als sie überfallen, ergriffen und in's britische Lager abgeführt wurden, ohne das Thier mitnehmen zu können. Wir wußten von all' dem nichts, gingen bald nachher auf unsere Beute aus, fanden das Kalb und nahmen es mit. Mittlerweile waren die Gefangenen an Bord des Flaggenschiffes gebracht und des Raubes angeklagt worden, eine Anklage, die um so stärker gegen sie zeugte, als sie in Flagrantri ergriffen worden waren. Vergebens behaupteten sie, daß sie nicht die Schlächter gewesen seien, sondern nur gesucht haben, was Andere getödtet. Der Admiral, ein herzensguter Mann, meinte, das sei eine recht hübsche Erzählung, aber sie möchten alten Schelmen nichts dergleiches vorlügen. Er ließ sie sämmtlich einsperren, zugleich aber in dem Vorrathsraume des anderen Kanonenbootes eine strenge Nachsuchung anstellen, um wo möglich den Rest des Kalbes zu entdecken. Wir hatten dieß vorausgesehen und steckten es deßhalb in einen von den Matrosensäcken, den wir an einem Bleilien drei Faden tief versenkten. Als die Nachsuchung vorüber war, zogen wir es hervor, bereiteten es zu und hielten eine vortreffliche Mahlzeit, wobei wir auf den guten Erfolg der Waffen Sr. Majestät zu Wasser und zu Land tranken. Ob ich mich mit Speise und Trank überlebt hatte, weiß ich nicht, kurz, ich bekam das Walcherenfieber und wurde auf einem Linienschiffe nach Hause geschickt; und vielleicht gereichte mir dieß zum Besten, wie Pangloß sagt, denn ich wußte, daß ich meine eingewurzelten Gewohnheiten nicht lassen konnte, und es wäre höchst unangenehm für mich und betrübend für meine Freunde gewesen, wenn diese Denkwürdigkeiten beim Beginne des zweiten und anziehendsten Theiles durch den Uebelstand abgebrochen worden wären, daß man den Verfasser mitten in seiner glänzenden Laufbahn unter der Leitung des schändlichen Profos wie eine Vogelscheuche aufgehangen hätte, und zwar aus keinem andern Grunde, als weil er auf dem Gute eines Walcherenpächters jagte. Ueberdieß schienen mir die Holländer der Freiheit unwürdig, wie schon daraus hervorging, daß sie den Männern, welche sie aus der Knechtschaft zu befreien gekommen waren, ein paar Hühner oder eine Kalbskeule mißgönnten. Und dann gar ihr Wasser; wer hat je so etwas getrunken! Ich für meine Person habe es nie gekostet, wenn ich irgend etwas Besseres bekommen konnte. Ihre gräulichen Sümpfe und Moräste – nun die waren freilich für solche quackende Gesellen gut genug; aber wie könnte sich ein Engländer entschließen, unter ihnen zu leben, wenn es nicht des Vergnügens wegen wäre, Franzosen todt zu schießen, oder Wildpret! Wurden uns diese Erholungen geraubt, was durch die Uebergabe von Vließingen wirklich geschah, so war Walcheren mit seinen Augenentzündungen und Wechselfiebern kein Aufenthaltsort mehr für einen Gentleman. Zudem sah ich deutlich, daß, wenn man je die Absicht gehabt hatte, nach Antwerpen vorzudringen, die Zeit vorüber war; und da uns die Franzosen verlachten, und ich nie große Lust hatte, Andern, besonders solchen verzwickten Burschen zur Zielscheibe zu dienen, so verließ ich den Schauplatz Unserer Beschwerden und Schmach ohne Bedauern. Der Abschied Voltaire's kam mir in den Sinn: Adieu Canaux, Canardes et Canaille. Ich kehrte in das Haus meines Vaters zurück, um mich von meiner Schwester pflegen zu lassen, und unsere Nachbarn mit der Erzählung unserer Wunderthaten in Erstaunen zu setzen. Zwölftes Kapitel. Vor allen Andern wird Neptun erblickt, Vor dem die Fluthen niederfallen; Vom Diadem, das seine Stirne schmückt, Sieht man die grünen Locken niederwallen: Zur Seite Amphitecte schön vor Allen. Mit ihrer Kron' .... Und hinter ihnen ihre Dienerschaar. Spenser. Ich blieb nicht länger zu Hause, als nöthig war, um mich von dem heftigen Fieberanfalle herzustellen, den ich von Walcheren mitgebracht hatte. So freundlich mich auch mein Vater empfing, so hatte er doch, wie es mir wenigstens vorkam, meine früheren Ausschweifungen nicht vergessen; eine gegenseitige Spannung vernichtete die Innigkeit, die zwischen Vater und Sohn immer stattfinden soll. Der Faden war zerrissen – es ist vergeblich, das Wie zu untersuchen, – und deßhalb wurde der Tag meiner Abfahrt zu einer Fregatte auf der nordamerikanischen Station von mir mit Freude bewillkommt und von meinem Vater ohne Bedauern gesehen. Das Schiff, an dessen Bord ich gehen sollte, stand unter dem Befehl eines jungen Mannes von Adel, und da die Patrizier zu jener Zeit auf der Flotte nicht so häufig gesehen wurden, als es seitdem der Fall ist, so wurde ich wegen meiner Anstellung glücklich gepriesen. Ich wurde mit etwa dreißig anderen überzähligen Midshipmen zum Behufe meiner Ueberfahrt an Bord eines Linienschiffes geschickt, das nach Bermuda unter Segel ging. Zur Wohnung wurde uns die Constabelkammer angewiesen, indem die beiden freundlichen Berthplätze im Verbandraume von den Midshipmen eingenommen waren, die zum Schiffe gehörten. So viele junge Männer von verschiedenen Gewohnheiten und Verhältnissen, die alle zu verschiedenen Zeiten an Bord gekommen waren, konnten sich nicht zu einer gemeinschaftlichen Tafel vereinigen. Das Schiff segelte bald nach unserer Ankunft ab, und unsere Gesellschaft wurde während der Fahrt gewöhnlich vom Stewardraume des Zahlmeisters mit ihren Bedürfnissen versehen. Ich habe mich schon oft sehr darüber gewundert, wie eine Tischgesellschaft von acht bis zwölf Matrosen oder Marinesoldaten mit ihrem Vorrath von einer Woche zur anderen ausreichen und dabei noch etwas ersparen kann. Mit der gleichen Anzahl Midshipmen ist es ein ganz anderer Fall, und je größer die Gesellschaft ist, desto mehr häufen sich die Schwierigkeiten. Sie haben nie genug, und wenn ihnen der Zahlmeister verabreicht, was sie wollen, so sind sie stets für Mehl, Rindfleisch, Schweinefleisch und Branntwein im Rückstande –ein Umstand, der seinen Grund in ihrem natürlichen Leichtsinn hat. Deßhalb gelangte auch unsere Tischgesellschaft nie zum Frieden. Die Regierung desselben war demokratisch; aber der Proviantmeister wurde bisweilen mit diktatorischer Gewalt bekleidet, die er entweder mißbrauchte oder zu mißbrauchen verdächtigt wurde, weßwegen er nach Verfluß von zwei oder drei Tagen entweder abgesetzt wurde oder aus Ueberdruß abdankte. Die Meisten von meinen Tischgenossen waren junge Männer, die mir dem Dienstalter nach vorgingen, ihre Prüfungen erstanden hatten und nun in Amerika Beförderung suchten; aber ich weiß nicht, wie es kam, wenn wir auf dem Hinterdeck gemustert wurden, zeigten sie sich entweder weniger männlich, oder waren in der That in ihrer Pflicht weniger erfahren; so viel ist gewiß, daß mich der erste Lieutenant als Gehülfen einer Wache anstellte und mehrere dieser Aspiranten zu meinen Untergebenen machte. Unsere Anzahl war so groß, daß wir einander im Wege standen, wenn wir auf dem Verdeck Wache hielten, da wir unserer selten weniger als siebenzehn oder achtzehn waren. In der Constabelkammer vertrugen wir uns sehr schlecht, und die Hauptsache lag in der Unzulänglichkeit des Mundvorrathes. Täglich fielen Scharmützel, nicht selten ordentliche Gefechte vor, aber ich spielte dabei nie eine Rolle, sondern machte stets den Zuschauer, und meine Beobachtungen brachten mich zur Ueberzeugung, daß es mir nicht so schwer fallen dürfte, Alle zu bemeistern. Das Amt des Proviant Meisters war weder mit Ehre noch Vortheil verknüpft. Es wurde freiwillig angenommen, und beim ersten unbedeutenden Verdruß feige niedergelegt. Kein Wesen, das nicht wenigstens ein Engel war, konnte, in Bezug auf den Mundvorrath, Zufriedenheit herstellen. Die Austheilung des Rindfleisches und Schweinefleisches in eben so viele Stücke, als angesprochen wurde, erzeugte stets Einsprachen, Vorwürfe und Balgereien. Ich war nie streitsüchtig und nahm den mir zugewiesenen Theil ruhig hin, bis meine Tischgenossen meine friedliche Gemüthsart entdeckten, und ich meinen Antheil täglich kleiner werden sah. Deßhalb bot ich bei der Abdankung des dreizehnten Proviantmeisters freiwillig meine Dienste an. Sie wurden mit Freuden angenommen. Mit der Gefahr und Schwierigkeit meiner Stellung vertraut, hatte ich mich gehörig vorbereitet. Am ersten Tage, an dem ich den Vorrath austheilte, nahm ich besondere Rücksicht auf Nr. 1, und, wie ich vorausgesehen hatte, wurde ich wegen meiner Löwentheilung von zwei oder drei Anderen angegriffen. Ich hielt eine kurze Rede, worin ich bemerkte, wenn sie vermuthen, daß ich die Mühe der Vertheilung umsonst übernehme, so haben sie sich sehr getäuscht; der geringe Unterschied zwischen ihren Portionen und der meinigen fülle, wenn er gleichmäßig unter sie vertheilt werde, keinen hohlen Zahn, und nach Ausscheidung meines Antheiles werde ich alle mit der strengsten Unpartheilichkeit und gewissenhaftesten Gerechtigkeitsliebe behandeln. Die sehr vernünftige Rede befriedigte sie jedoch nicht. Ich wurde aufgefordert, die Sache á la Cribb , d. h. mit der Faust auszumachen. Zwei Bewerber um diese Ehre traten zugleich hervor. Ich ersuchte sie, aufzuwerfen, und nachdem ich den gewinnenden Theil bald besiegt hatte, empfahl ich ihm, sich auf seinen Sitz zurückzuziehen. Der nächste Mann trat vor und hoffte nach der Anstrengung des kaum bestandenen Kampfes einen leichten Sieg zu erlangen, aber er täuschte sich und schlich mit derselben Züchtigung davon. Am folgenden Tage nahm ich meinen Präsidentenstuhl wieder ein, und zwar ohne Rock, Weste und Halsbinde, denn ich war auf ein Gefecht vorbereitet. Ich bemerkte, daß ich meine Theilungsmethode beibehalten werde, und bereit sei, abermals das Gottesurtheil entscheiden zu lassen; aber es zeigten sich keine Bewerber, und ich behielt von diesem Tage an bis zu dem letzten, den ich an Bord dieses Schiffes zubrachte, das Amt des Proviantmeisters, vermöge der beiden stärksten aller denkbaren Ansprüche, der Wahl und des Rechtes der Eroberung. Wir waren noch nicht viele Tage zur See, als wir die Entdeckung machten, daß unser erster Lieutenant ein höchst verabscheuungswürdiger Tyrann, ein roher Bengel, ein Trunkenbold und ein Freßmagen, mit einer langen rothen Nase und einem großen Kürbisbauche war. Häufig schickte er ein halb Dutzend erwachsene Midshipmen zu gleicher Zeit auf die Mastspitze. Diesen Menschen beschloß ich aus dem Schiffe zu treiben, und theilte meinen Tischgenossen meine Absicht mit, indem ich ihnen einen glücklichen Erfolg versprach, wofern sie nur meinem Rathe Gehör schenken wollten. Sie verlachten mich wegen des Einfalls, aber ich beharrte darauf, und gab ihnen die Versicherung, daß sie zum Zwecke gelangen würden, wenn sie sich täglich einen Fehler zu Schulden kommen ließen, wodurch sie sich eine leichte Strafe oder Nase vom Näser zuzögen. Sie waren's zufrieden, und es verging kein Tag, wo nicht Einer oder der Andere auf die Mastspitze oder Strafwache geschickt wurde. Sie berichteten mir Alles und baten mich um einen Rath. »Beklagen Sie sich beim Kapitän,« sagte ich. Sie thaten es und erhielten zur Antwort, der erste Lieutenant habe seine Pflicht gethan. Am folgenden Tage dieselben Ursachen, dieselben Wirkungen. Die Midshipmen fielen stets mit ihrer Klage durch. Nun bemerkten sie auf meine Einflüsterung dem Kapitän: »unser Klagen, Sir, hilft nichts; Sie sind stets auf der Seite des Herrn Clewline.« Der Kapitän unterstützte wirklich aus einem allgemeinen Gefühle der Rechtlichkeit stets die Offiziere, weil er wußte, daß die Midshipmen unter zehn Fällen neunmal Unrecht haben. Die Sache ging ganz, wie ich wünschte; die Midshipmen machten beharrlich Fehler, legten Gegenvorstellungen ein, und erklärten, der erste Lieutenant entstelle die Wahrheit. Viele von ihnen verloren eine Zeitlang die Gunst des Kapitäns, aber ich ermuthigte sie, sowohl diese Ungnade, als auch den vermehrten Groll des alten Näsers zu tragen. Eines Tages boxten sich zwei Midshipmen verabredetermaßen auf dem Leegangwege. Zu jener Zeit war dieß ein Verbrechen, wofür man beinahe gehangen wurde. Sie wurden für drei Stunden auf die Mastspitze geschickt, und als sie wieder herunter kamen, fragten sie mich um Rath. »Beklagt Euch,« erwiederte ich, »und wenn der erste Lieutenant behauptet, ihr habt geboxt, so sagt dem Kapitän, ihr habt nur zeigen wollen, wie der erste Lieutenant gestern Abend die Matrosen beim Hissen der Topsegel herumgepufft und den Marinesoldaten, den er die Hauptluke hinabgestoßen, den Kopf zerschlagen habe.« Alles geschah, wie ich es angeordnet hatte. Die Midshipmen erhielten einen Verweis, aber dem Kapitän stieg denn doch der Gedanke auf, den beharrlichen Klagen, welche täglich an Gewicht und Zahl zunahmen, könne vielleicht auch etwas zu Grunde liegen. Endlich waren wir in den Stand gesetzt, ihm den Gnadenstoß zu geben. Ein nichtsnutziger Schiffsjunge, der wegen seiner schmutzigen Gewohnheiten häufig vor die Kanone kam, war dergestalt verhärtet, daß er über alle Streiche lachte, welche ihm der Bootsmann auf Befehl des ersten Lieutenants mit seiner Katze aufzählte. »Ich will ihm Empfindung beibringen,« sagte der Offizier wüthend, ließ einen Topf Salzwasser bringen und besprengte zwischen jedem Streiche das zerfetzte Fleisch des Jungen. Diese unmenschliche, der Würde eines Offiziers und Gentlemans so sehr widersprechende Handlung brachte uns Alle auf. Wir zogen uns in die Constabelkammer zurück und stöhnten dreimal aus tiefer Brust. Die Wirkung war furchtbar, das Stöhnen wurde im Offiziersraum gehört, und der erste Lieutenant schickte hinab und ließ uns zur Ruhe verweisen. Wir beantworteten den Befehl alsbald durch ein wiederholtes dreimaliges Stöhnen. Wüthend lief der Lieutenant auf's Hinterdeck. Wir wurden alle vorgerufen und über den Grund unseres Lärmes befragt. Bis jetzt war ich stets im Hintergrunde geblieben; ich hatte mich damit begnügt, auf eine unsichtbare Weise das primum mobile zu spielen. Stets hatte ich meinen Dienst gewissenhaft versehen und mich nie beklagt. Jetzt trat ich auf: dieses Auftreten brachte eine Bühnenwirkung hervor und hatte ein großes Gewicht. Ich sagte zum Lieutenant, wir haben über den armen Jungen gestöhnt, der eingepöckelt worden sei. Dies vermehrte seine Wuth und er schickte mich auf die Mastspitze. Ich weigerte mich zu gehen, bevor ich den Kapitän gesprochen hätte, der in diesem Augenblicke auf dem Verdeck erschien. Sogleich trat ich vor, erzählte den ganzen Auftritt und vergaß auch die wiederholten Handlungen der Tyrannei nicht, die der Lieutenant an uns Allen verübt hatte. Im Augenblicke sah ich, daß der Sieg unser war. Der Kapitän hatte die bestimmtesten Befehle gegeben, daß ohne seine ausdrückliche Erlaubniß Niemand bestraft werden sollte. Diesem Befehl hatte der Lieutenant zuwider gehandelt, und dieser Ungehorsam, verbunden mit seiner Unbeliebtheit, entschied sein Schicksal. Der Kapitän ging in seine Kajüte, und am folgenden Tage erklärte er dem Lieutenant, er müsse bei der Ankunft im Hafen das Schiff verlassen, wenn er nicht vor ein Kriegsgericht gestellt werden wolle. Vor dem letzteren wußte er, daß er nicht bestehen konnte. Ich hätte meinen Lesern mittheilen sollen, daß wir den Befehl hatten, das Ostindien-Convoy bis zum zehnten Grad nördlicher Breite zu begleiten und von da nach Bermuda zu segeln. Dies war an sich eine angenehme Fahrt, und gab uns nebenbei noch die Aussicht, auf einen Feind oder eine weggenommene Prise zu stoßen. Die Schiffe, welche die Linie nicht passiren wollen, geben gewöhnlich der Mannschaft, wenn sie an den Wendekreis des Steinbocks kommen, ein Saturnalienfest, um ihren Geist aufzufrischen und die Eintönigkeit der Fahrt zu unterbrechen, auf welcher die Zeit so eben und gleichmäßig dahinfließt, daß nie ein Tag vom andern zu unterscheiden ist. Unser Kapitän, ein junger Mann und vollendeter Gentleman, verweigerte dem Schiffsvolke nie eine Bewilligung, welche mit der Mannszucht und Sicherheit verträglich war, und da die regelmäßigen Passatwinde wehten, so hatten wir keine plötzlichen Stürme zu befürchten. –Ich weiß, das das Fest der Ueberschreitung der Linie schon oft geschildert worden ist; aber derselbe Fall findet bei Italien und dem Rheine statt, und die Art und Weise der Handlung, so wie der Beschreibung ist verschieden; unser Fest hatte seine Eigentümlichkeiten und endete, wie ich mit Schmerz sagen muß, mit einem höchst tragischen Vorfall, den ich nie vergessen werde, »so lange das Gedächtniß seinen Sitz behält.« An einem schönen Morgen bereitete sich die Mannschaft gleich nach dem Frühstücke zu der Feierlichkeit vor. Die Matrosen entkleideten sich völlig bis an die Hüften und trugen nur ein paar Trilchhosen. Der Wächter auf der Mastspitze rief, er sehe etwas über dem Wetterbug, das er für ein Jibbaum das Schiff an. Der Offizier von der Wache antwortete, und die Stimme befahl ihm, beizulegen, weil Neptun an Bord komme. Ob es gleich gerade sieben Meilen in einer Stunde machte, wurde das Schiff dennoch mit aller Feierlichkeit beigelegt, die Hauptraa gerichtet und die Vorder- und die Hinterraaen aufgebracht. Sobald man beigelegt hatte, kam ein junger Mann (einer von den Matrosen) in seiner schwarzer Kleidung, Kniehosen mit Schnallen, gepudertem Haar und in dem ganzen zierlichen Putze eines sogenannten Elegant auf das Hinterdeck und nahm sich mit einer äußerst höflichen Verbeugung die Freiheit, sich als Gentleman's Gentleman des Herrn Neptun vorzustellen, der von seinem Herrn vorausgeschickt worden sei, um dem Befehlshaber des Schiffes seinen beabsichtigten Besuch anzukünden. Ein Segel war wie ein Vorhang quer über das Vorderschiff ausgespannt worden, und hinter diesem kam bald darauf Neptun und sein Gefolge in voller Gala hervor. Der Wagen des Gottes bestand aus einer Lafette und wurde von sechs schwarzen Männern gezogen, welche zur Schiffsmannschaft gehörten. Es waren große, starkgebaute Bursche. Ihre Köpfe waren mit Seegras bedeckt und sie trugen sehr kurze baumwollene Hosen; sonst waren sie völlig nackt, ihre Haut jedoch über und über mit rothen und weißen Punkten besprenkelt. In ihren Händen hielten sie Muscheln, womit sie einen entsetzlichen Lärm machten. Neptun war, wie viele von seinen Begleitern, verlarvt, und keiner von den Offizieren wußte genau, von welchem der Matrosen der Gott vorgestellt wurde; aber er war ein gewandter Bursche und spielte seine Rolle sehr gut. Auf seinem Kopfe ruhte eine Schiffskrone, die vom Rüstmeister gemacht war, und in seiner Rechten hielt er einen Dreizack, auf dessen Spitzen ein Delphin steckte, den er, wie er sagte, diesen Morgen angespießt hatte. Er trug eine ungeheure Perücke aus Werg und einen Bart aus demselben Stoffe, der bis auf den Nabel hinabfloß. Außerdem war er durchaus gepudert und sein nackter Leib mit Farbe überzogen. Der Gott hatte einen glänzenden Hof im Gefolge: seinen Staatssekretär, dessen Kopf mit den Federn des Seevogels jener Breiten ganz besteckt war; seinen Wundarzt mit Lanzette, Pillenschachtel und Riechflasche; seinen Barbier mit einem Rasiermesser, dessen Klinge zwei Fuß maß und aus einem eisernen Reife gemacht war, und den Barbiergesellen, welcher eine kleine Bütte als Seifenbüchse trug, deren Inhalt ich nicht zergliedern konnte, wiewohl mich meine Nase überzeugte, daß keiner ihrer Bestandteile aus Smith's Laden in Bondstreet kam. Auf einem ähnlichen Wagen, der von sechs weißen Männern in derselben Tracht mit den schwarzen gezogen wurde, folgte Amphitrite. Diese Göttin war durch einen athletisch gebauten, von den Pocken gezeichneten, häßlichen Matrosen dargestellt, der eine weibliche Kleidung trug und eine Nachthaube auf dem Kopf hatte, welche mit Seegras geschmückt war. Sie hatte eine Harpune in der Hand, auf welcher ein Seevogel befestigt war, und auf ihrem Schoße lag einer von den Schiffsjungen als Säugling gekleidet, mit langem Umwurf und einer Haube; derselbe hielt einen Spatel in der Hand, der an einer um seinen Hals geschlungenen Lien befestigt war: er war zur Schärfung seiner Zähne bestimmt und vertrat also den Dienst der bei den Kindern auf dem Lande gebräuchlichen Korallen. Ihn begleitete seine Amme mit einem Eimer voll Brei oder Kinderpudding, womit sie ihn gelegentlich mit einem eisernen Kochlöffel fütterte. Zwei oder drei vierschrötige Matrosen waren als Meernymphen gekleidet und bildeten die Kammerbedienung der Göttin; sie trugen einen Spiegel, ein paar Roßstriegel, einen birkenen Besen, und einen Topf mit rother Farbe zur Schminke. Sobald die Prozession auf das Vorderschiff kam, trat der Kapitän, von seinem Steward begleitet, der einen Teller mit einer Flasche Wein und etlichen Gläsern trug, aus seiner Kajüte hervor, und die Wagen der Meergottheiten wurden auf das Hinterdeck gezogen. Neptun senkte seinen Dreizack und reichte dem Kapitän den Delphin, so wie Amphitrite ihren ungeheuren Vogel zum Zeichen der Unterwerfung und Huldigung vor dem Vertreter des Königs von Großbritannien. »Ich bin gekommen,« sprach der Gott, »um Euch auf meinem Gebiete zu begrüßen und Euch mein Weib und Kind vorzustellen.« Der Kapitän verbeugte sich. »Erlaubt, mich nach dem Befinden meines Bruders und rechtmäßigen Souveräns, des guten alten Königs Georg zu erkundigen.« »Sein Befinden,« antwortete der Kapitän, »ist nicht so gut, als ich und seine sämmtlichen Unterthanen wünschen.« »Das schmerzt mich,« versetzte Neptun, »und was macht der Prinz von Wales?« ..Der Prinz ist wohl,« antwortete der Kapitän, »und leitet die Staatsgeschäfte im Namen seines königlichen Vaters als Regent.« »Und wie treibt er's mit seiner Frau?« sagte der fragelustige Gott. »Schlimm genug,« erwiederte der Kapitän; »sie leben mit einander wie Wallfisch und Schwertfisch.« »Ach, das dachte ich mir,« bemerkte der Meergott. »Seine Königliche Hoheit sollte ein Blatt aus meinem Buche nehmen: er sollte nie gestatten, daß die Leute nicht wissen, wer kommandirender Offizier ist.« »Möchten mir Ihre Majestät nicht das spezifische Mittel sagen, womit Sie eine böse Frau kuriren?« fragte der Kapitän. »Jeden Morgen vor dem Frühstück eine Viertelstunde und am Sonntag eine halbe Stunde lang drei Fuß von der Kreuzjackbrasse.« »Aber wozu am Sonntag mehr, als an einem andern Tage?« fragte der Kapitän. »Wozu?« wiederholte Neptun, »nun, weil sie sicherlich Samstags Nacht gehalten hat; und zudem hat sie am Sonntag weniger zu thun und mehr Zeit, an ihre Sünden zu denken und Bußwerke zu üben.« »Aber Sie werden doch nicht meinen, daß ein Prinz eine Dame schlagen könne?« »Nicht meinen? Nein, sicherlich mein' ich das nicht, wenn sie sich aufführt, wie eine Dame – keineswegs; aber wenn sie ihrer Zunge den Lauf läßt und nicht nüchtern bleibt, so würde ich sie traktiren; wie meine Amphy – nicht wahr, Amphy?« die Göttin unter dem Kinn streichelnd. »Wir haben keine bösen Weiber auf dem Grund des Meeres: und also wenn Ihr nicht wißt, wie Ihr sie in Ordnung halten sollt, so schickt sie nur uns.« »Aber das Mittel Eurer Majestät ist gewaltsam; wir würden eine Rebellion in England erleben, wenn der König seine Frau schlüge.« »So laßt es durch die Kammerherren besorgen,« bemerkte der grimmige Gott; »und wenn die zu träge dazu sind, wie ich von ihnen überzeugt bin, so schickt nach einem Bootmannsgehülfen von der königlichen Flotte, – der wird ihr ordentlich auswischen, dafür stehe ich, und um eine halbe Gallone Rum würde er überdies auch noch die Yeomen von der Leibwache den Compaßhäuschen-Hornpipe tanzen lehren.« »Seine Königliche Hoheit soll Ihren Rath gewiß vernehmen, Herr Neptun; ob er ihn aber befolgen wird, oder nicht, das kann ich nicht sagen. Würden Sie vielleicht die Güte haben, auf das Wohlergehen Seiner Königlichen Hoheit zu trinken?« »Von Herzen gern, Sir, ich war stets ein treuer Unterthan meines Königs, und weigerte mich nie, seine Gesundheit zu trinken, und für ihn zu fechten.« Der Kapitän reichte dem Gott und der Göttin, Jedem einen Römer voll Madeira. »Gute Gesundheit und langes Leben unserm gnädigen König und der ganzen königlichen Familie. Die Straßen sind entsetzlich staubig, und wir haben unsere Lippen nicht mehr benetzt, seit wir diesen Morgen St. Thomas unter der Linie verließen. Aber wir haben keine Zeit zu verlieren, Kapitän,« sprach der Meergott weiter; »ich sehe hier viele neue Gesichter, die das Waschen und Schaben bedürfen, und wenn wir eine Aderlässe und Pille für sie hinzufügen, so wird's um so besser für sie sein.« Der Kapitän nickte bejahend; Neptun schlug nun mit dem Ende seines Dreizacks auf das Verdeck, gebot Stille und redete seinen Hof also an: »Hört, meine Tritonen, ihr seid hieher berufen, um Alle, die es bedürfen, zu schaben, zu tauchen und abzuführen, aber ich befehle euch, macht's artig. Ich kann keine Mißhandlung leiden. Wenn wir uns einen bösen Namen machen, so verlieren wir unsere Zölle, und den Ersten von euch, der meinen Befehlen nicht gehorcht, binde ich an einen zehnzölligen Mörser und senke ihn zehntausend Faden tief in den Ocean, wo er sich hundert Jahre lang vom Salzwasser und Seegras nähren kann: thut, was eures Amtes ist.« Alsbald begaben sich zwölf Konstabel an die Hauptluke und schickten Alle, die noch nicht eingeweiht waren, unters Verdeck, wo sie strenge bewacht wurden, bis man einen um den andern herauf rief. Der Kuhraum war schon vorher zum Bade eingerichtet worden, indem man ihn mit doppeltem Segeltuch ausgeschlagen und gedielt hatte, um ihn wasserdicht zu machen. Er faßte ungefähr vier Bütten, und sein Inhalt wurde beständig durch die Pumpe erneuert. Viele von den Offizieren kauften sich vom Scheeren und Einnehmen durch eine Flasche Rum los; aber dem Besprengen mit Salzwasser konnte keiner entgehen, da es mit großer Verschwendung umhergegossen wurde; selbst der Kapitän erhielt seinen Antheil, aber er nahm ihn mit der besten Laune hin und schien sich des Scherzes zu freuen. Der Grad der Strenge, womit die Leute behandelt wurden, gab einen sichern Maßstab für ihre größere oder geringere Beliebtheit unter der Mannschaft. Der Uneingeweihte wurde auf den Rand des Kuhraumes gesetzt und um den Ort seiner Geburt befragt. In dem Augenblicke, wo er seinen Mund öffnete, wurde ihm der Rasierpinsel des Barbiers – ein sehr großer Anstreichepinsel – mit seiner ganzen Schmiermasse hineingestoßen, und dann Gesicht und Kinn überstrichen, die man sofort mit dem ungeheuren Rasiermesser unsanft genug abkratzte. Hierauf fühlte ihm der Doktor den Puls und verschrieb ihm eine Pille, welche ihm mit Gewalt in den Rachen gestoßen wurde; dann wurde ihm die Riechflasche, deren Stöpsel mit kurzen Nadelspitzen bewaffnet war, so freundlich an die Nase gehalten, daß das Blut hervorspritzte. Endlich stieß man den Patienten rücklings in das Bad, und gestattete ihm, sich herauszuwinden, so gut er konnte. Der Geschützmeister, die Schiffskorporale und der Steward des Zahlmeisters wurden strenge behandelt. Die Midshipmen sahen sich nach dem ersten Lieutenant um; aber er hielt sich so nahe unter den Fittigen des Kapitäns, daß wir lange nicht an ihn kommen konnten. Endlich veranlaßte ihn ein ordentlicher Aufruhr im Mitteldecke, eilends hinabzugehen. Sogleich umringten wir ihn Alle, und begossen ihn so kräftig mit unsern Wassereimern, daß er froh war, die Hinterlucke zu gewinnen und in der Constabelkammer eine Zufluchtstätte suchte. Aber während er hinabeilte, warfen wir ihm die Eimer nach, und er fiel, gleich der römischen Jungfrau, mit den Schilden der Soldaten bedeckt. Der Zahlmeister hatte sich in seiner Kajüte verschanzt und gelobte, Schwert und Pistolen in den Händen, Jedem Rache, der sich eindrängen würde; aber Midshipmen lassen sich durch Schwert und Pistolen nicht einschüchtern. Wir holten ihn heraus und wässerten ihn ordentlich ein, weil er sich geweigert hatte, uns mehr Branntwein zu geben, als uns zugetheilt war. Er wurde in feierlichem Zuge auf das Hauptdeck hinaufgeführt, sein Schwert über seinem Kopfe gehalten, seine Pistolen in einem Wassereimer vor ihm hergetragen, und nachdem er ordentlich geschoben, mit seiner Pille regalirt und im Kuhraume untergetaucht war, wurde ihm gestattet, wie eine nasse Maus in seine Kajüte zurückzukehren. Der erste Marinelieutenant war ein höchst aufdringlicher Mensch. Er quälte uns unaufhörlich mit seiner deutschen Flöte. Weil er selbst kein Gehör hatte, so hatte er auch kein Mitleiden mit dem unsrigen. Wir übergaben ihn dem Bader, und gewährten ihm nicht nur alle übrigen Genüsse des Tages, sondern gossen ihm auch noch durch seine eigene Flöte, die als Leitröhre diente, eine halbe Pinte Salzwasser in den Mund. Jetzt erinnerte ich mich erst, daß es das Geschrei dieses armen Kriegers war, welches den ersten Lieutenant herunterrief, der uns gebot, von ihm abzulassen, worauf wir ihn bedienten, wie bereits erzählt ist. So weit war alles herrlich und in Freuden – aber urplötzlich änderte sich die Scene. Einer von den Vortopmatrosen, der in den Puttingen Wasser schöpfte, fiel über Bord; augenblicklich wurde Lärm gemacht und das Schiff beigelegt. Ich eilte auf die Hütte, und als ich sah, daß der Mann nicht schwimmen konnte, sprang ich über Bord, um ihn zu retten. Weil ich von einer sehr großen Höhe herabgesprungen war, ging ich sehr tief unter Wasser, und als ich wieder auftauchte, gewahrte ich eine von den Händen des Matrosen. Ich schwamm zu ihm hin, aber Gott, welches Entsetzen, als ich mich auf einmal von seinem Blute umflossen sah! Sogleich erkannte ich, daß ihn ein Hay ergriffen hatte und erwartete im nächsten Augenblicke das gleiche Schicksal. Es ist mir unbegreiflich, daß ich aus Schrecken nicht untersank. Ich war beinahe gelähmt. Das Schiff, welches sechs bis sieben Meilen in der Stunde machte, war bereits ziemlich entfernt, und ich gab mich verloren. Die plötzliche, fürchterliche, und wie ich glaubte, unvermeidliche Nähe des Todes in seiner entsetzlichen Gestalt raubte mir beinahe die Besinnung; doch in einem Augenblicke kehrte mein Bewußtsein zurück; und ich glaube die Handlungen von fünf Jahren drängten sich in eben so vielen Minuten in meinem Geiste zusammen. Ich betete inbrünstig und gelobte Besserung, wenn es Gott gefallen sollte, mir das Leben zu erhalten. Mein Gebet ward erhört und ich sehe in dieser Rettung aus dem Rachen des Fisches eine besondere Fügung der Vorsehung. Ich war beinahe noch eine Meile vom Schiff entfernt, als ich vom Boote in Empfang genommen wurde, und als dieses mit mir ankam, waren drei große Hayfische unter dem Spiegel. Diese hatten den armen Matrosen verschlungen und waren, zum Glück für mich, dem Schiffe gefolgt, um weitere Beute zu suchen. Also entkam ich. Ich wurde von dem Kapitäne und den Offizieren auf die schmeichelhafteste Weise empfangen; der Kapitän dankte mir in Gegenwart der Schiffsmannschaft für mein preiswürdiges Benehmen, und ich wurde von Allen als ein Gegenstand der Bewunderung angestarrt; aber wenn Andere so von mir dachten, so war es bei mir nicht der Fall. Ich zog mich mit einem Schmerz, einer Verachtung und Selbstanklage, die ich nicht beschreiben kann, in meinen Berthplatz zurück; denn ich fühlte mich der erhaltenen Gnade unwürdig. Das schändliche und lasterhafte Leben, das ich geführt hatte, stand in seiner ganzen entsetzlichen Wahrheit vor mir. »Coelo tonantem credidimus Jovem regnare« sagt Horaz, und nur die Aufregung einer so eigenthümlich entsetzlichen Lage konnte in mir, dem verhärteten und unverbesserlichen Sünder, den Gedanken an eine waltende Allmacht erwecken. Ich wechselte meine Kleider und bewillkommte die Nacht, die mich mir selbst überließ, mit inniger Freude; aber ach wie unendlich entsetzlicher schien mir jetzt meine Lage! Ich schauderte bei dem Gedanken an das, was ich begangen hatte, und gelobte feierlichst, ein neues Leben anzufangen. Doch ach, wie vorübergehend waren diese Gefühle! Wie lange dauerten diese guten Vorsätze? Nicht länger, als bis zur Stunde der Versuchung, nicht länger, als es an Lockungen zur Sünde und an Mitteln zur Befriedigung meiner Lust fehlte. Meine guten Gedanken waren in den Sand geschrieben. Ich war bald wieder so leichtsinnig und ruchlos, wie je, ob mich gleich häufig die Erinnerung an das Wunder der Vorsehung erfaßte, und noch Jahre lang nachher der Gedanke an den Hayfisch, der mich beim Beine ergriffen hatte, mit dem Gedanken verknüpft war, daß mich der Teufel auf dieselbe Weise ergreifen werde, wenn ich mich nicht bessere. Wäre mir nach jenem Ereignisse, das meine innere Stimme geweckt hatte, das Glück des Umganges mit nüchternen und frommen Menschen zu Theil geworden, so zweifle ich nicht, daß ich jetzt weit weniger zu verantworten hätte; aber da dies nicht der Fall war, so erneuerte die Macht der Gewohnheit und des Beispieles ihre Herrschaft über mich, und ich wurde beinahe wieder so schlecht, als vorher. Unsere Belustigungen in der Constabelkammer waren von roher Natur. Eine von denselben bestand darin, daß wir uns unter das Steuer auf den Speisetisch legten und an dem über uns hängenden Steuertau hielten, während wir alle, welche den Versuch machten, uns aus unserer Lage zu verdrängen, entweder auf dem Wege der Gewalt oder List mit unsern Füßen abtreiben. Wer im Besitze war, hatte das Neunfache vor den Angreifenden voraus und konnte sich leicht gegen Alle halten. Eines Tages war ich der Beneidete und wehrte Alle von mir ab, als unglücklicher Weise Einer von den geprüften Midshipmen, der sich mit dem Kanonier vollgetrunken hatte, hereinkam und einen wüthenden Angriff auf mich machte. Ich gab ihm einen Tritt in's Gesicht, welcher ihn mit großer Heftigkeit rückwärts zwischen die Teller und Platten warf, die man vom Speisetische entfernt und zwischen die Geschütze gestellt hatte. Durch das Gelächter, das über ihn erhoben wurde, sowie durch den Schlag, den er empfangen hatte, in Wuth gesetzt, erfaßte er eine Vorschneidegabel, und ehe irgend Einer seine Absicht errathen konnte, stach er mich viermal damit. Ich sprang auf, um ihn zu züchtigen, aber in dem Augenblicke, wo ich mich auf die Beine stellte, waren diese so steif, daß ich in die Arme meiner Tischgenossen zurücksank. Der Wundarzt untersuchte die Verletzungen: sie waren ernster Natur, denn zwei derselben hätten beinahe eine Arterie getroffen. Ich wurde zu Bett gebracht und mußte drei Wochen lang die Back hüten. Der Midshipman, der sich auf diese Art gegen mich vergangen hatte, bereuete es bitter, als er wieder nüchtern war. Er bat mich inständig um Vergebung. Von Natur gutmüthig, verzieh ich ihm von Herzen, denn Unterwürfigkeit entwaffnete mich stets. Nie trat ich einen niedergeworfenen Feind mit Füßen. Der Wundarzt meldete mich fieberkrank, und dies hatte seine Richtigkeit. Hätte der Kapitän die Wahrheit erfahren, so würde der Midshipman, dessen Patent bereits unterzeichnet im Schiffe lag und ihm bei seiner Ankunft in Bermuda zugestellt werden sollte, seine Beförderung sicher verloren haben. Meine Güte verwundete ihn, glaube ich, mehr, als es meine Rache gethan haben würde. Er wurde schwermüthig und gedankenvoll, gab das Trinken auf und zeigte später eine große Anhänglichkeit an mich. Ich rechne mein Benehmen gegen ihn unter die wenigen guten Handlungen meines Lebens, und bekenne, daß ich mit großem Vergnügen darauf zurückblicke. Bald darauf kamen wir in Bermuda an, nachdem wir das Convoy in der nördlichen Breite von zehn Graden verlassen hatten. Die Ueberzähligen wurden ihren betreffenden Schiffen zugetheilt, und bevor wir uns trennten, hatten wir noch das Vergnügen, den ersten Lieutenant in einem nach England bestimmten Schiffe absegeln zu sehen. Aufrichtigen Herzens wünschten wir einander Glück zum Erfolg unserer Intrigue. Dreizehntes Kapitel. Wo die fernen Bermuda's liegen. An des Oceans Busen. Andrew Marvelt. Diese Inseln haben eine ganz eigenthümliche Schönheit, die sie beinahe zu einer Feenwohnung stempelt. Sie bestehen aus einer Gruppe von Felsen, welche von Zoophyten oder Korallen gebildet sind. Es sollen ihrer so viele sein, als Tage im Jahr. Sie sind mit einem kurzen Rasengrün, dunkeln Cedern und niederen weißen Häusern bedeckt, was ihnen einen unbeschreiblichen Zauber der Anmuth verleiht. Die Häfen sind zahlreich, aber seicht, und ob sie gleich eine Menge Einfahrten haben, so gibt es doch für große Schiffe nur ein einziges Fahrwasser zum Hauptankerplatze. In jedem Theile der Insel finden sich zahlreiche Höhlen, an deren Decke Zacken von Stalactiten funkeln, welche von dem Tropfwasser gebildet sind. Sie enthalten Quellen von entzückender Kühle, die eben sowohl den Durst löschen, als zum Baden geeignet sind. Nach der Vorstellung der Matrosen schwimmen diese Inseln, und die Kruste, aus der sie bestehen, ist so dünn, daß sie mit leichter Mühe durchbrochen wird. Ein Matrose, der im Wachthause eingesperrt war, weil er sich betrunken und schlecht aufgeführt hatte, stampfte auf den Boden und brüllte der Wache zu: »Laß mich heraus, oder deine verdammten Augen werden sehen, daß ich ein Loch in den Boden trete und euere Inseln versenke, um euch alle mit einander in die Hölle zu schicken!« Beinahe in jeder Richtung, hauptsächlich aber auf der Nord- und Westseite, finden sich Felsen und Untiefen, die den eingeborenen Lootsen wohl bekannt sind und die Bewohner vor nächtlichen Ueberfällen und Angriffen sichern. Die Inseln sind reich an verschiedenen Gattungen von Fischen, die eben so schön für das Auge, als köstlich für den Geschmack sind; die beste derselben ist der rothe Grouper. Wenn man an einem stillen klaren Tage auf seinem Boote zwischen diesen lieblichen Eilanden einhergleitet, so glaubt man über einem unterseeischen Blumengarten zu schweben, worin Baumgruppen, Gebüsche, Blumen und Sandpfade sich in wilder, aber regelmäßiger Verwirrung durchkreuzen. Meine Hauptbeschäftigung führte mich auf's Wasser, und meiner Gewohnheit gemäß kannte ich kein Vergnügen, das nicht mit Gefahren verbunden war. Diese Neigung fand auf dem Wallfischfang, dessen Zeit eben jetzt herannahte, ein reiches Feld der Befriedigung. Die Wildheit dieses Fisches in den südlichen Breitegraden scheint sowohl durch die Hitze des Klima's, als auch durch die Sorge für sein Junges vergrößert; und aus diesem Grunde ist noch mehr Gefahr mit dem Fange verknüpft, als in den Polarmeeren. So viel ich von der Naturgeschichte des Wallfisches zu lernen im Stande war, so gebiert das Weibchen sein Junges, und zwar selten mehr, als eines auf einmal, in den nördlichen Gegenden, und sucht dann mit demselben einen geeigneteren Himmelsstrich, um es zur Reife zu bringen. Gewöhnlich kommen sie in die Mitte des Monats März nach Bermuda, wo sie jedoch nur wenige Wochen bleiben; dann besuchen sie die westindischen Inseln. Von da wenden sie sich nach Süden, umschwimmen das Kap Horn und kehren über die Aleuten durch die Behringsstraße wieder in's Polarmeer zurück, welches sie im folgenden Sommer erreichen, nachdem der junge Wallfisch durch die südliche Breite Umfang und Stärke genug gewonnen hat, um seine Feinde im Norden zu bekämpfen. Dort trifft auch das Weibchen wieder mit dem Männchen zusammen. So viel ich selbst gefunden oder von Anderen erforscht habe, ist dies so ziemlich die richtige Reisebeschreibung dieser Thiere. Die Weibchen machen jährlich in Begleitung ihrer Jungen die Runde um die beiden großen amerikanischen Continente. Die ›mütterliche Sorgfalt‹ des Weibchens macht dasselbe zu einem gefährlichen Gegner, und manche ernste Zufälle ereignen sich in der Zeit des Wallfischfanges. Eines Tages hätte ich die Befriedigung meiner Neugierde beinahe mit dem Leben bezahlt. Ich befand mich in einem Wallfischboote, das von farbigen Männern. Eingeborenen der Insel, gerudert wurde, welche ebenso kühn, als erfahren in dieser Beschäftigung sind. Wir sahen einen Wallfisch mit seinen Jungen an den Korallenfelsen spielen; die Aufmerksamkeit, welche die Mutter ihrem Jungen bewies, und die Sorgfalt, womit sie dasselbe vor Gefahren warnte, war wirklich rührend. Sie führte es von den Booten weg, schwamm um dasselbe herum, umarmte es gleichsam mit seinen Flossen und überschlug sich mit ihm in den Wellen. Wir ›übervortheilten‹ sie dadurch, daß wir seewärts ruderten, und trieben sie durch dieses Mittel in das seichte Wasser zwischen den Felsen. Endlich kamen wir dem Jungen so nahe, daß der Harpunier seine Waffe richtete, indem er wohl wußte, daß, wenn einmal das Junge getroffen war, auch die Mutter unser wäre, weil sie es nie verlassen würde. Bekannt mit der Gefahr und dem drohenden Geschick ihres unerfahrenen Sprößlings schwamm sie in immer kleineren Kreisen schnell um dasselbe herum, wobei sie die äußerste Unruhe und Angst verrieth; aber die mütterlichen Ermahnungen blieben unbeachtet, und es ward von dem Pfeil des Schicksals getroffen. Das Boot fuhr an die Seite des jungen Fisches an und der Harpunier begrub seine furchtbare Waffe tief in seinem Rücken. Sobald sich das arme Thier verwundet fühlte, schoß es hundert Klafter Lien von uns fort; aber ein junger Fisch ist bald überwältigt, wenn er einmal gut getroffen ist, und so war es auch hier der Fall. Nicht sobald wurde er von dem Lien festgehalten, als er sich auf den Rücken drehte und, den weißen Bauch nach oben gewendet, ein lebloser Körper einhertrieb. Die unglückliche Mutter folgte einem Instinkt, der stets mächtiger wirkt, als die Vernunft, und ließ nicht von dem Körper. Wir holten das Boot mit dem Lien heran und erreichten unsere Beute in dem Augenblick, als ein zweites Boot der Mutter eine Harpune in den Leib schoß. Mit unwiderstehlicher Gewalt traf das wüthende Thier mit seinem Schwanze unser Boot gerade in der Mitte, schlug es entzwei und tödtete zwei von den Matrosen; die Ueberlebenden zerstreuten sich schwimmend nach allen Richtungen, um sich zu retten. Der Wallfisch verfolgte das dritte Boot, wurde aber vom Lien desjenigen festgehalten, das ihn harpunirt hatte; und dieses zog er nun mit einer Geschwindigkeit hinter sich her, daß er zehn bis elf Meilen in der Stunde zurücklegte: hätte er tiefes Wasser gehabt, so würde er das Boot in den Grund gezogen haben, oder es wäre genöthigt gewesen, sich von ihm los zu kappen. Die beiden Boote waren so sehr beschäftigt, daß sie lange Zeit nicht zu unserem Beistande herbeikommen konnten, und wir waren weit länger unserer eigenen Kraft überlassen, als mir lieb war. Ich wollte nach dem jungen Wallfische hinschwimmen, aber einer von den Matrosen warnte mich, indem er sagte: die Haifische würden sich so dicht um ihn herumschaaren, wie die Advokaten um Westminsterhalle, und ich würde gewiß verschlungen werden, sobald ich nahe käme. Zu meiner Beruhigung fügte er jedoch hinzu, »wenn sie etwas Besseres haben könnten, so gingen diese Teufel selten an einen Menschen.« Dies mochte wahr sein; aber ich muß gestehen, ich war herzlich froh, als ich eines der Boote zu unserem Beistande herbeikommen sah, während der alte Wallfisch – durch die Schwere der Harpune und des Lines gedrückt, und durch den Springquell schwarzen Blutes, den er in die Höhe blies, erschöpft – an sein Junges herantrieb und an seiner Seite verendete, in den letzten Augenblicken offenbar mehr mit der Erhaltung des Jungen, als mit der Rettung seiner selbst beschäftigt. Sobald er sich auf den Rücken gedreht hatte, gewahrte ich, wie viel Grund für mich vorhanden war, dem »Mudian« für seinen guten Rath zu danken; wenigstens dreißig bis vierzig Haifische waren um die todten Körper versammelt und folgten ihnen, als wir sie hereintauten. Nachdem wir sie im seichten Wasser gegen das Ufer auf den Grund gelegt hatten, wurde der Speck herausgehauen, woraus wir das Fleisch den Schwarzen überließen, die sich schaarenweise versammelten und es mit ihren Messern in großen Stücken herausschnitten. Ebenso gierig zerrten auch die Haifische mit ihren Zähnen daran, aber wenn auch die Leute oft zwischen sie und den Wallfisch kamen, so fielen die Haie merkwürdigerweise doch nie einen Menschen an. Es war ein eigentümliches Schauspiel: die Schwarzen, mit ihren weißen Augen und Zähnen, jubelnd, lachend und schreiend unter einer Unzahl von Haifischen – den gefräßigsten Ungeheuern der Tiefe, und doch in Gegenwart eines dritten Gegenstandes eine Art von Waffenstillstand bewahrend. Si licet exemplis in parvo grandibus uti – es erinnerte mich an die Theilung von Polen. Ich fand, daß bei dieser Unterhaltung weder Ehre noch Vortheil für mich zu gewinnen war; darum gab ich den Wallfischfang auf und fuhr an Bord eines Schooners nach Halifax. Es war eines von jenen Schiffen, die während des Krieges nach dem Muster der virginischen Lootsenboote gebaut worden waren, aber wie die Mehrzahl unserer Nachbildungen mit dem Vorbilde ungefähr eben so viel Ähnlichkeit hatten, wie eine Kuh mit einem Hasen, welches Verhältniß besonders auch in Bezug auf die Geschwindigkeit statt fand. Und als wäre es vom Schicksal bestimmt gewesen, daß durch diese Schiffe die britische Flagge in jeder Beziehung entehrt werden sollte, wurden sie unter den Oberbefehl von Offizieren gestellt, deren Betragen von der Art war, daß sie ein Kapitän der Flotte nicht in seinen Dienst aufgenommen haben würde, weßwegen sie sehr unkluger Weise auf kleine Schiffe geschickt wurden, wo sie ihre eigenen Herren waren, und viele derselben niemals nüchtern gesehen wurden. Das Letztere war auch bei unserem Befehlshaber der Fall, denn von der Zeit an, als ich unter Segel ging, bis wir Halifax erreichten, war er unaufhörlich betrunken. Dem Beispiele des Lieutenants folgten sein Gehülfe und drei Midshipmen. Die Mannschaft, welche aus fünfundzwanzig Köpfen bestand, wurde nüchtern gehalten, weil sie auf ihre Rationen beschränkt blieb. Ich hatte sehr hoffnungsvolle Aussichten. Unter meine Laster gehörte glücklicherweise die Trunkenheit nicht. Wenn ich mich in guter Gesellschaft befand und durch Witz und Laune aufgeregt war, so konnte ich wohl auch »bespitzt« werden, wie wir es nennen, aber nie kam es bis zur Betrunkenheit, und als ich in den Jahren vorgerückt war, hießen mich Stolz und Schlauheit noch mehr auf der Hut sein. Ich bemerkte den ungeheueren Vortheil, den mir Nüchternheit über einen Betrunkenen gab, und nie unterließ ich es, mir denselben zu Nutze zu machen. Weil ich beinahe Tag und Nacht beständig auf dem Verdeck war, leitete ich den Lauf des Schiffes sowohl, als die Anordnung der Segel, die es führte, wobei ich mir niemals die Mühe nahm, den Lieutenant um Rath zu fragen, der gewöhnlich besinnungslos in seiner Kajüte lag. Wir erreichten den Sambroleuchthurm, der am Eingange des Hafen von Halifax steht, am Abend. Einer der Midshipmen, welcher mehr als halbbetrunken war, behauptete, er sei genau mit dem Strich bekannt, und sein Anerbieten, das Schiff einzulootsen, wurde angenommen. Da ich noch nie hier gewesen war, konnte ich von keinem Nutzen sein; aber höchst zweifelhaft über die Geschicklichkeit unseres Lootsen beobachtete ich sein Verfahren mit einiger Neugierde und Aengstlichkeit. In einer halben Stunde befanden wir uns, wie ich nachher erfuhr, an der Cornwallis-Insel, wo wir auf den Strand liefen. Die über uns hinspülende See machte den Lieutenant und seine Offiziere nüchtern, und als die Ebbe eintrat, lagen wir hoch und trocken. Das Schiff legte sich auf die Seite, und ich ging an's Land, denn ich war entschlossen, mich einer solchen Bestienbrut nicht länger anzuvertrauen. Mit Tagesanbruch kamen Boote vom Dockhofe und brachten mich und einige Andere, die meinem Beispiele gefolgt waren, mit unserem Gepäcke an Bord des Flaggenschiffes. Nach zwei Tagen harter Anstrengung wurde das Schiff wieder flott gemacht und in den Hafen geführt. Der Admiral wurde von dem ganzen Vorfalle unterrichtet, und einer der Kapitäne gab ihm den Rath, den Lieutenant vor ein Kriegsgericht zu stellen, oder wenigstens aus dem Schiff zu entfernen und nach Hause zu schicken. Unglücklicherweise befolgte er diesen Rath nicht, sondern sandte ihn mit Depeschen wieder in See. Man wußte, daß die ganze Mannschaft beim Auslaufen aus dem Hafen betrunken war; der Schooner rannte auf ein Felsenriff, die Schwestern genannt, wo er scheiterte und das gesammte Schiffsvolk zu Grunde ging: am anderen Morgen sah man noch die Mastspitzen über das Wasser hervorragen. Die Fregatte, an deren Bord ich zu gehen hatte, lief bald nach meiner Ankunft zu Halifax in den Hafen ein. Weil ich mich bereits in trefflichen Verhältnissen befand, so konnte ich dies blos bedauern. Ich hatte Empfehlungsbriefe an die ersten Häuser. Die Stadt ist durch ihre Gastfreundschaft zum Sprüchwort geworden, und der Umgang mit den jungen Damen, die ebenso tugendhaft, als liebenswürdig sind, besserte und verfeinerte einigermaßen die rohen und liederlichen Sitten, die ich in meiner Laufbahn angenommen hatte. Ich hatte eine Menge Liebchen, aber sie glichen mehr Emilien, als Eugenien. Von der einen flog ich zur andern, und gerne hätte ich noch längere Zeit in ihrer Gesellschaft zugebracht; aber mein Verhängniß oder Schicksal mußte erfüllt werden, und ich ging an Bord der Fregatte, wo ich meine Empfehlungsschreiben dem Edelmann überreichte, der sie befehligte. Ich erwartete einen verweichlichten jungen Mann zu finden, der zu fein gebildet wäre, um seinen Beruf zu lernen; aber ich hatte mich getäuscht. Lord Edward war ein Seemann mit Leib und Seele. Er kannte ein Schiff vom Vorstagen bis zum Spiegel, verstand die Matrosen zu behandeln und erwarb sich ihr Zutrauen. Außerdem war er ein guter Mechaniker – ein Zimmermann, ein Seiler, ein Segelmacher und ein Faßbinder. Er konnte handen, reffen, steuern, Knoten schlingen und splissen; aber Redner war er nicht. Er las wenig, sprach noch weniger und war durchaus nicht für die Ostentation gemacht; dabei aber frohmüthig, redlich und bieder, und besaß einen sehr gesunden Verstand. Gegen seine Offiziere war er gut und offen, aber wenn er beleidigt wurde, stürmte er, wurde jedoch bald wieder ruhig, und verrieth nie irgend einen Stolz, der sich auf seinen Adel gegründet hätte. Meine Erfahrung im praktischen Theile der Schifffahrtskunde gefiel ihm sehr, und ehe wir den Hafen verließen, hatte er mich sehr liebgewonnen. Ich gab mir Mühe, mich in seiner Gunst zu befestigen, denn abgesehen von dem Vortheile, den es mir gewährte, mit dem Kapitän auf gutem Fuße zu stehen, liebte ich ihn sowohl wegen seiner selbst, als auch wegen seiner guten Eigenschaften. Wir durften nicht lange in diesem Paradiese der Seefahrer verweilen; plötzlich erhielten wir Befehl, nach Quebek abzusegeln. Ich flog in der Runde umher, um allen meinen geliebten arkadischen Freundinnen Lebewohl zu sagen. Ein thränenvolles Auge, eine Haarlocke, der herzliche Druck einer schönen Hand, waren die Spolien, die ich mit an Bord nahm, und manchen sehnsüchtigen schmachtenden Blick warf ich hinter mich, als das Schiff aus dem Hafen glitt. Weiße Taschentücher wehten vom Gestade her und stille Gebete für unsere glückliche Rückkehr drängten sich aus manchem schneeweißen Busen, aus manchem brechenden Herzen. Ich vertheilte beim Abschied mein gewöhnliches Quantum Schwüre ewiger Liebe und Treue, und von wenigstens sieben oder acht Paar blauen Augen wurde der Tag meiner Abfahrt im Kalender von Halifax schwarz gezeichnet. Wir waren noch nicht lange in See, als wir einen irischen Guineafahrer von Belfast trafen, der mit Auswanderern nach den vereinigten Staaten beladen war – wenn ich nicht irre, mit etwa siebenzig Familien. Dies war Contrebande. Unser Kapitän besaß auf der St. Johns oder Prinz Edwards-Insel, wie sie jetzt genannt wird, etliche zwanzig tausend Acres Land, die einem seiner Ahnen verliehen und an ihn vererbt worden waren, aus denen er aber noch nie einen Schilling Einkünfte bezogen hatte, und zwar aus dem trifftigsten Grunde von der Welt, weil keine Pächter da waren, die den Boden bebaut hätten. Nun fiel es unserem edlen Kapitän ein, dies sei gerade eine Ladung, wie er sie bedürfe, und die Irländer seien zur Urbarmachung und Verbesserung seines Landes trefflich geeignet. Er machte ihnen seinen Vorschlag, und da sie keine Aussicht hatten, die vereinigten Staaten je zu sehen, auch es für sie höchst gleichgültig sein konnte, wo sie sich niederließen, wenn sie nur ihren Familien Brod verschafften, so wurde das Anerbieten angenommen. Der Kapitän erhielt vom Admiral die Erlaubniß, sie nach der Insel zu begleiten, um sie dort angesiedelt und unter Obdach gebracht zu sehen. Wirklich konnte für alle Betheiligte nichts erwünschter sein; die Irländer vermehrten auf diese Art nicht die Anzahl unserer Feinde, sondern die sparsame Bevölkerung unserer Colonie. Wenige Stunden, nachdem wir die Bewilligung des Admirals erhalten hatten, segelten wir wieder von Halifax ab, fuhren durch die schöne Straße zwischen Neuschottland und der Insel Cap Breton, bekannt unter dem Namen »Gut of Canso,« und bald erreichten wir die Prinz-Eduards-Insel. Wir ankerten in einem kleinen Hafen in der Nähe des Landgutes, auf welchem ein Mann mit Frau und Familie wohnte. Dieser Bursche nannte sich Verwalter, und schien mir, soviel ich während unseres dreiwöchigen Aufenthaltes von ihm sehen konnte, Schurke genug zu sein, um die Verwalterschaft auf jedem Adelsgute in England zu übernehmen. Der Kapitän landete und nahm mich als seinen Adjutanten mit. Im Hause des Verwalters wurde für Seine Lordschaft ein Bett bereitet, aber er zog es vor, auf reinlichem Heu in der Scheune zu schlafen. Dieser edle Lord war ein Mann, dessen Gedanken seiner Zunge selten viel zu schaffen gaben: er hörte lieber Andere sprechen, als sich selbst, und wer immer sein Begleiter war, er mußte die Kosten der Unterhaltung tragen. Uebrigens drückte sich seinem Geist bei der gewöhnlichen Art der einfachen Erzählung das Bild, das man ihm darzustellen beabsichtigte, nicht vollkommen ein; er forderte von derselben Geschichte oder Bemerkung drei verschiedene Wendungen oder Umschreibungen, und dafür hatte er auch drei verschiedene Ausrufungen, nämlich: Hm! He! und Ah! Die erste bezeichnete seine Aufmerksamkeit, die zweite ein theilweises Verständniß, die dritte Zustimmung und völlige Billigung, welch letztere dadurch noch bestimmter ausgedrückt wurde, wenn er die Sylbe ah zu unmäßiger Länge und mit einer Art von Halblachen begleitete. Ich will hier ein Beispiel unseres dialogischen Zeitvertreibs geben. Nachdem wir auf dem weichen, trockenen Heu unser Nachtlager aufgeschlagen hatten, begann Se. Lordschaft also: »Hören Sie« – eine Pause. »Mylord?« »Was würde man wohl in England über ein solches Nachtlager sagen?« »Ich glaube, Mylord, was mich betrifft, so würde man nichts sagen; was aber Ihre Lordschaft betrifft, so dürfte es wohl heißen, es sei eine höchst unangemessene Lagerstätte für einen Edelmann.« »Hm.« Ich wußte, daß dies das Signal zu einer neuen Wendung war. Ich bemerkte: »Mylord, wenn ein Mann von Ihrem Rang sein Nachtlager in einem Heuschuppen aufschlägt, so würde dies unter Ihren Freunden in England Verdacht erregen.« »He,« rief Se. Lordschaft. Es war also noch nicht genug – entweder muß Ihrer Lordschaft Kopf oder der meinige etwas dick sein, dachte ich. Ich will's noch einmal versuchen, wiewohl ich zum Sterben schläfrig bin. »Ich meine, Mylord, wenn die Leute in England wüßten, welch ein guter Seemann Sie sind, so würden sie sich über nichts wundern, was Sie thäten, aber diejenigen, welche nichts davon wissen, würden es seltsam finden, daß Sie sich mit einer solchen Lagerstätte begnügen.« »Ah,« rief Seine Lordschaft triumphirend. Welche ferneren Bemerkungen er an diesem Abende noch zu machen beliebte, weiß ich nicht, denn ich fiel in einen festen Schlaf und erwachte nicht früher, als bis die Hühner von ihren Stangen herabflatterten und mit einem verdammten Geschrei ihr Frühstück forderten. Seine Lordschaft sprang auf, schüttelte zuerst sich, dann mich – nur auf etwas andere Weise – und kündigte dadurch seine Absicht an, mich dem Gebrauche der Vernunft zurückzugeben, für welche durch das Gegacker des Geflügels nur erst eine schwache Morgendämmerung angebrochen war. »Kommen Sie, kommen Sie doch, stehen Sie auf, verdammte Schlafhaube,« rief mein Kapitän. »Wollen Sie den ganzen Tag schlafen? Wir haben eine Masse zu thun.« »Ja, ja, Mylord,« antwortete ich und sprang in die Höhe, während in derselben Zeit und durch dieselbe Operation, wie das Fell eines Neufoundländer Hundes, nämlich durch ein tüchtiges Schütteln, meine Toilette in Ordnung gebracht wurde. Eine starke Abtheilung der Schiffsmannschaft kam mit dem Zimmermann an's Land und brachte alle Gerätschaften mit, die zum Baumfällen und Häuserbauen nöthig waren; dies war unsere Beschäftigung, da wir die armen Auswanderer unter Dach und Fach zu bringen hatten. Unsere Leute begannen ihre Arbeit mit Fällung einer Anzahl Tannenbäume, aus denen beinahe ausschließlich der Wald bestand, und nachdem wir eine Stelle für die Gründung der Kolonie ausgesucht hatten, zu welcher der Zugang gelichtet worden war, legten wir vier Baumstämme in ein Parallelogramm, die an jedem Ende einen tiefen Einschnitt hatten, um wechselseitig in einander gefügt zu werden, eine Operation, welche so lange wiederholt wurde, bis die Wände hoch genug waren, um die Dachsparren aufzusetzen, die wir sodann mit Tannenzweigen und Birkenrinde bedeckten, und die Zwischenräume mit Moos und Schlamm ausfüllten. Durch Uebung wurde ich ein sehr erfahrener Baumeister, und mit Hülfe von dreißig bis vierzig Mann war ich im Stande, ein sehr wohnliches Haus zu bauen. Hierauf machten wir durch Brennen und Ausreiten so viel Land um, als die kleine Kolonie für ihren Unterhalt bis zur nächsten Ernte bedurfte, und nachdem wir das nöthige Getreide eingesäet, desgleichen auch die erforderlichen Kartoffeln gesteckt hatten, versahen wir die Ansiedler mit einer Menge Gegenstände, die ihnen in ihrem neuen Wohnorte von Nutzen waren; dann zogen wir ab, um, unsern Verhaltungsbefehlen gemäß, zu meiner großen Freude nach dem lieben Hallifax zurückzukehren, wo ich durch das Wiedersehen meines unschuldigen Harems entzückt wurde. Ich erinnere mich noch wohl, daß ich vom Kapitän wegen Achtlosigkeit auf die Signale einen strengen Verweis erhielt. Das Flaggenschiff hatte uns ein solches aufgesteckt, aber statt mein Fernrohr auf den alten Centuno zu richten, wandte ich es nach einer gewissen jungen Calypso, deren schöne Gestalt ich auf dem blumigen Rasen einherwandeln sah. Wie lange würde ich nicht in diesem glücklichen Arkadien geweilt haben, hätte mich nicht ein zweiter Mentor die Felsen hinabgestürzt und wieder auf die Meerespfade geschickt, um mich auf den salzigen Fluthen zu wiegen. Ganz gegen die Ansicht jedes vernünftigen Wesens dachte der Präsident der vereinigten Staaten auf Krieg wider England, und jedes Schiff im Hafen von Halifax bereitete sich zum Kampfe gegen die Yenkees. Das Geschwader ging im September unter Segel, und ich sagte den Nymphen Neuschottlands mit mehr Gleichgültigkeit Lebewohl, als mir zustand, oder der Empfang, den sie mir hatten angedeihen lassen, zu verdienen schien, denn ich war immer noch das gleiche selbstsüchtige und undankbare Wesen. Ich kümmerte mich um Niemand, als um mein eigenes theures Ich, und so lange dieses befriedigt wurde, fragte ich wenig darnach, wie manches gebrochene Herz ich zurückließ. Vierzehntes Kapitel. Die Winde springen plötzlich auf, Die Blitze zucken und die Donner krachen. Vergebens gibt der Schiffherr hier Befehle, Vergebens regt die Mannschaft alle Hände: Der grimme Sturm vernichtet, was sie schaffen, Und die Verzweiflung steht am Steuerruder. Drydeus' Fabeln. Halifax ist ein reizender, gastfreier Ort. Sein Name ist mit so vielen angenehmen Erinnerungen verknüpft, daß er jedesmal aus der bereits zugepfropften Flasche, die schon dazu bestimmt war, die Nacht im Keller zuzubringen, ein neues Glas hervorlockt. Man sage nur das Wort »Halifax«, so ist das so viel als »Sesam, thu' dich auf« – denn heraus fliegt der Kork und nieder strömt ein Römer »auf die Gesundheit aller guten Mädchen!« Ich erzählte in dem letzten Kapitel eine Geschichte mit einem irischen Guineafahrer, dessen Ladung mein sehr ehrenwerther Kapitän zu seinem und seines Landes Nutzen verwendete. Ein anderes dieser Fahrzeuge war einem unserer Kreuzer in die Hände gefallen, und der Befehlshaber des königlichen Schiffes »Kolibri« wählte sich dreißig bis vierzig Hibernier aus, um seine Mannschaft vollzählig zu machen; die übrigen wollte er dem Admiral übergeben. Kurzsichtige Sterbliche, die wir Alle sind, selbst die Kapitäne von Kriegsschiffen nicht ausgenommen! Wie viele Tropfen fallen nieder zwischen dem Kelch und den Lippen! An Bord des Kauffahrers befanden sich zufälligerweise zwei recht hübsche irische Mädchen aus der besseren Bürgersklasse, die ihre Verwandte in Philadelphia besuchen wollten; die Eine nannte sich Judy und die Andere Mary. Nicht sobald war den armen Irländern der Wechsel ihrer Bestimmung angekündigt, so stimmten sie ein Geheul an, welches laut genug war, um die schuppigen Ungeheuer der Tiefe in ihre finsteren Höhlen zurückzuscheuchen. Das Herz der armen zartfühlenden Mädchen wurde zerrissen, und als der tiefe Baß der Männer durch den Sopran und Tenor der Weiber und Kinder unterstützt wurde, hätte sich selbst Orpheus mit Erstaunen umgewendet. O Miß Judy, o Miß Mary, könntet ihr uns arme Kreaturen auf ein Kriegsschiff wegschleppen sehen, ohne hinzugehen und ein gutes Wort für uns einzulegen? Ein Wort von euren schönen Lippen an den Kapitän – und er müßte uns losgeben. Obgleich die Macht ihrer Zauberreize bezweifelnd, entschlossen sich die jungen Damen doch, den Versuch zu machen. Sie baten den Lieutenant der Schaluppe, ihnen an Bord zu verhelfen, um mit seinem Kapitän zu sprechen, fügten dann ihrem Anzuge noch einigen Putz bei, und stiegen gleich einem Paar Bergziegen in das Boot, ohne sich an die Bloßstellung ihrer Beine, oder an das Spritzen des Salzwassers zu kehren, welches zwar ihre schönen Locken auflöste, aber ihren Wangen eine Rosenblüthe mittheilte, die vielleicht nicht wenig zum Erfolg ihrer Verwendung beitrug. Es liegt etwas in dem Anblicke eines Weiberrockes zur See, was nie verfehlt, einen Mann in gute Laune zu versetzen, wenn er überhaupt richtig gebaut ist. Als sie an Bord des Kolibri kamen, wurden sie vom Kapitän empfangen und in die Kajüte geführt, wo er ihnen sogleich Erfrischungen bereiten ließ, und jede Art von Aufmerksamkeit erzeigte, welche ihr Geschlecht und ihre Schönheit fordern konnten. Der Kapitän war eine von den besten Seelen, die je gelebt haben: er hatte ein paar kleine funkelnde Augen, welche Jedermann anlachten. »Darf ich fragen, meine jungen Damen,« sagte er, »was mir die Ehre Ihres Besuches verschafft?« »Wir möchten Euer Gnaden um eine Gunst bitten,« antwortete Judy. »Und Seine Gnaden wird sie auch gewähren,« bemerkte Mary; »denn sein Blick gefällt mir.« Durch diesen Pfeil Mary's geschmeichelt, sagte der Kapitän, »er kenne kein höheres Vergnügen, als Damen zu verpflichten, und wenn die Gunst, die sie sich erbitten wollen, mit seiner Pflicht nicht durchaus unverträglich sei, so werde er sie ihnen gewähren.« »Wohlan denn,« versetzte Mary, »wollen mir Euer Gnaden Pat Flannadan zurückgeben, den sie so eben gepreßt haben?« Der Kapitän schüttelte den Kopf. »Er ist kein Matrose, Euer Gnaden, sondern ein armer Torftreter und wird Ihnen niemals nützlich werden.« Der Kapitän schüttelte abermals den Kopf. »Verlangen Sie irgend sonst etwas,« bemerkte er, »und ich will es Ihnen geben.« » Gut,« versetzte Mary, » so geben Sie uns Felim O'Shaughnessy.« Der Kapitän war eben so unbeugsam. »Bitte, bitte, Euer Gnaden,« sprach Judy, »wir dürfen in unsern Tagen nicht auf Kleinigkeiten bestehen. Ich gebe Ihnen einen Kuß, wenn Sie mir Pat Flannadan geben.« »Und ich Ihnen auch einen für Felim,« sagte Mary. Das eine der beiden Mädchen saß auf der rechten, das andere auf der linken Seite des Kapitäns. Sein Kopf drehte sich, wie die Wetterfahne beim Sturm; er wußte nicht, was er machen sollte. Das unaussprechliche Vergnügen tanzte in seinen Augen, und die Damen sahen sogleich, daß sie den Sieg errungen hatten. Die Schönheit hat eine solche Gewalt, daß selbst dieser Beherrscher des Oceans mit Freuden die Flagge vor ihr strich. Judy drückte einen Kuß auf seine rechte, Mary einen andern auf seine linke Wange, und der Kapitän war der Glücklichste unter den Sterblichen. »Wohlan denn,« sagte er, »Ihr Wunsch ist erfüllt, nehmen Sie Ihre beiden Freunde hin, denn ich muß schleunigst unter Segel gehen.« »Unter Segel wollen Sie gehen? Und Sie gedenken alle diese hübschen Kreaturen mit sich zu nehmen? Nein, wahrhaftig, nein! Noch einen Kuß und einen Mann.« Ich will nicht erzählen, wie viele Küsse diese lieblichen Mädchen dem beneidungswürdigen Kapitän noch gegeben haben. Wenn dies die Gebühren eines Kapitäns sind, wer möchte nicht Kapitän werden? Es reicht hin, wenn ich dem Leser sage, daß sie ihre sämmtlichen Landsleute loskauften, und im Triumphe an Bord zurückkehrten. Die Geschichte kam nach Halifax, wo der gutherzige Admiral nur bemerkte, er bedaure, daß er nicht Kapitän sei, und in allen Zirkeln erzählte man sich die Sache mit vieler Heiterkeit. Der Kapitän, ein eben so braver, als guter Mann, wurde bald darauf befördert, wiewohl, nicht in Rücksicht auf dieses Treffen, in welchem ihm Wahrheitsliebe und Freundschaft die Niederlage zuerkennen muß, sondern rein aus Rücksicht auf sein tatsächliches Verdienst. Der Lordkanzler pflegte zu sagen, er habe immer über die Aussetzung von Nadelgeldern gelacht, weil sie den Damen gewöhnlich entrissen oder entküßt würden, aber in seiner ganzen Praxis kam wohl Seiner Lordschaft nie ein Kapitän eines Kriegsschiffes vor, der sich durch zwei hübsche irische Mädchen vierzig Mann entküssen ließ. Wer möchte hier nicht ausrufen: »Erin go bragh!« Mit der schönsten Brise flogen wir aus dem Hafen, und ich sah mit Freuden das Feld des Glückes vor mir offen, das mir Ruhm und Reichthum verhieß. »Lebt wohl,« sagte ich in meinem Herzen, »lebt wohl, ihr lieblichen Töchter Neuschottlands! Lernet in Zukunft zwischen falschem Flitter und wahrem Werth unterscheiden. Mich prieset ihr als einen schönen Jüngling von süßen Worten, während ihr thöricht genug Männer von zehnmal größerem Werth zurückwieset, weil sie des äußern Schimmers entbehrten.« Unser Schiff war zunächst nach Bermuda bestimmt, und sobald wir den Hafen verlassen hatten, steuerten wir mit einem günstigen Nordwestwind gegen Süden. Die Brise frischte bald zu einer Südostkühlte auf, die anfangs ziemlich heftig war, aber nach und nach in vollkommene Windstille dahinstarb und eine schwere See zurückließ, in welcher das Schiff unaufhörlich auf- und niederschaukelte. Gegen eilf Uhr bewölkte sich der Horizont, und ehe es Mittag war, hatte er sich mit einer sehr drohenden, furchtbaren Finsterniß umzogen. Die Seemöven, welche ängstlich an uns vorüberflogen, warnten uns durch ihr Gekrächze, uns auf den herannahenden Orkan vorzubereiten, dessen Vorzeichen nicht mehr zu verkennen waren. Wir überhörten die Warnung nicht, zogen die meisten unserer Segel ein und trafen überhaupt solche Anstalten, daß wir uns für versichert hielten, dem Sturme Trotz bieten zu können. Um Mittag brach er mit einer so plötzlichen und schreckenerregenden Gewalt los, daß sich die ältesten und erfahrensten Seeleute unter uns entsetzten; sein Gebrüll war furchtbar, und seine Verheerungen unglaublich. Der Wind kam aus Nordwest – und das Wasser, das er über Bord und über die Mannschaft hintrieb, war warm, wie Milch. Die Schwüle und der beengende Dunst der Luft wichen bald, aber die Heftigkeit des Windes war so groß, daß er das Schiff in dem Augenblicke, als er es erfaßte, auf die Seite legte, wobei die Leekammern unter Wasser gingen. Was beweglich war, taumelte leewärts, die Kugeln flogen aus den Geschützkästen, und unten herrschte die größte Verwirrung und Noth, während es oben auf dem Verdecke noch schlimmer stand. Der Besanmast und der Vor- und Haupttopmast stürzte, aber der Sturm lärmte so sehr, daß wir sie nicht einmal fallen hörten. Ich stand in jenem Augenblicke hart am Besanmast und wußte nicht eher, daß er gebrochen war, als bis ich mich umwandte und den Stumpf desselben wie eine Carotte abgeschnellt sah. Das Brausen des Windes wurde lauter und lauter; es glich einem ununterbrochenen Donnergerolle. Die ungeheuren Wogen hatten sich kaum aufgethürmt, als sie durch seine Wuth zerrissen wurden, und ihren rauschenden Gischt über den Busen der Tiefe dahintrieben; die Sturmstagsegel zerrissen in Atome. Kapitän, Offiziere und Mannschaft standen betäubt und erwarteten mit starrem Entsetzen den Ausgang des schreckensvollen Ereignisses. Das Schiff lag so schwer auf seiner Steuerbordseite. daß die Stückpforten und die Netze der Hängematten im Mitteldeck eingedrückt wurden, und der ganze Rumpf zu versinken schien, während ungeheure Wassermassen durch die Gewalt des Sturmes in die Luft gewirbelt wurden, und andere die Lucken hinabstürzten, zu deren Bedeckung wir keine Zeit gehabt hatten; ehe es uns gelang, sie zu schließen, war das Unterdeck schon halb voll, und Kisten und Hängematten trieben in grauser Unordnung auf den Wogen umher. Schafe, Kühe, Schweine und Geflügel waren aus dem Schiffsbauche über Bord gespült und ertrunken: keine Stimme wurde gehört, kein Befehl konnte gegeben werden; alle Mannszucht hatte aufgehört; Jeder war gleich seinem Nachbar; Kapitän und Deckfeger klammerten sich in der Angst um ihr Leben an das gleiche Tau. Der Zimmermann meinte, man solle die Masten kappen, aber der Kapitän wollte es nicht zugeben. Ein Matrose kroch nach dem Hinterdeck und schrie dem Kapitän in's Ohr, einer von den Ankern sei über Bord getrieben, und hänge in seinem Kabel unter den Bugen. Ihn lange in dieser Lage zu lassen, mußte dem Schiff den sichern Untergang bringen, und ich wurde nach vorn geschickt, um ihn wo möglich zu kappen; aber Sturm und See waren in wenigen Minuten zu einer solchen Höhe angewachsen, daß kein Weg zum Vorderschiffe mehr zu finden war; auf der Wetterseite waren beide so stark, daß ihnen kein Mensch Stand halten konnte. Ich ward gegen die Boote geworfen und mit Mühe gelang es mir, zum Hinterdeck zurückzukriechen. Nun wendete ich mich leewärts, schwamm unter dem Schutze der Boote längs der Laufplanke hin, und überbrachte den Befehl, der endlich mit ungeheurer Schwierigkeit ausgeführt wurde. Auf dem Vorderschiffe sah ich die ältesten und kräftigsten Seeleute an der Wettertakelung festgeklammert, wo sie weinten, wie Kinder. Ich war erstaunt und fühlte mich stolz, über eine solche Schwäche erhaben zu sein. Während die Männer, welche älter und erfahrener waren, als ich, unter ihrer Angst zusammen sanken, erkannte ich unsere Gefahr; ich sah deutlich, daß wir Alle verloren waren, wenn die Fregatte nicht auf's Schleunigste hergerichtet würde, denn trotz unserer Vorkehrungen nahm das Wasser im untern Raume immer mehr überhand. Ich schwamm daher zum Hinterdecke zurück, wo der Kapitän, ein so wackerer Seemann, als nur je einer über die Planken schritt, mit drei unserer besten Matrosen am Steuerrade stand; aber die Stöße, welche das Ruder von der See erhielt, waren so heftig, daß sie alle Kräfte aufbieten mußten, um nicht über Bord geschleudert zu werden. Die Kanonen auf der Leeseite des Hinterdecks waren unter Wasser; man machte den Vorschlag, sie über Bord zu werfen, und weil es sich um Leben und Tod handelte, so erreichten wir unsern Zweck. Aber dessenungeachtet blieb das Schiff in der gleichen Lage; es wollte sich nicht aufrichten und sank auf eine höchst beunruhigende Weise. Die Wuth des Orkans war noch nicht gebrochen, und allgemein schien die innere Stimme zu sagen: »betet – betet – Alles ist verloren!« Vorder- und Hauptmast standen noch und trugen das Gewicht der Takelung und der Wracke, die an ihnen hingen und wie ein mächtiger Hebel das arbeitende Schiff auf die Seite drückten. Diesen ungeheuern Topwust abzunehmen, war mehr ein Gegenstand des Wunsches, als der Hoffnung. Doch unsere Lage war verzweifelt, und eine verzweifelte Anstrengung mußte gemacht werden, oder wir mußten in einer halben Stunde unser Gebet einem römischkatholischen Priester überlassen. Die Gefahr, einen Mann hinaufzuschicken, war so drohend, daß der Kapitän den Befehl zu diesem Dienste gar nicht geben wollte; aber er versammelte die Schiffsmannschaft auf dem Hinterdeck, deutete auf das überhängende Wrack und überzeugte sie durch Zeichen, Geberden und überlautes Rufen, daß sie untergehen müßten, wenn das Schiff nicht sogleich von dieser Last befreit würde. In diesem Augenblicke schien jede Woge einen tiefern und unheilbringendem Eindruck auf die Mannschaft zu machen. Mit reißender Geschwindigkeit versank das Schiff in die Höhlen der See, und erhob sich nur mit träger und kraftloser Bewegung, als fühlte es, daß es nicht mehr thun könne; es war im Kampfe erschöpft und im Begriffe, sich, wie eine wackere, aber in den Grund geschossene Festung der überwältigenden Macht ihrer Feinde zu übergeben. Die Matrosen schienen von der Gefahr betäubt, und hätten sie zum Branntwein gelangen können, so würden sie sich ohne Zweifel betrunken und in diesem Zustande ihr unvermeidliches Schicksal erwartet haben. Mit jedem Wellenstoße schien der Hauptmast die gewaltsamste Anstrengung zu machen, sich des Schiffes zu entledigen: die Luvlienen streckten sich zu der Straffheit von Eisenstangen, während die Leetaue in einem Halbkreise leewärts niederhingen, oder mit den Wetterrollen gegen den Mast schlugen und in jedem Augenblicke durch die krampfartigen Stöße plötzlichen Untergang drohten. Wir glaubten, der Mast müsse in diesem Augenblicke fallen und die Schiffswand einschlagen. Trotz des Aufrufs des Kapitäns fand sich Keiner, der tollkühn genug gewesen wäre, sich hinauszuwagen, und das Wrack des Hauptmastes und die Hauptraa loszukappen, die mit dem auf ihr ruhenden Gewichte des Topmastes und der Topsegelraa auf- und niederschwankte. Es entstand eine furchtbare Pause der Erstarrung, während die Wuth des Orkans immer zunahm. Ich bekenne es, daß ich mich über diese Anerkennung einer Gefahr freute, welcher Keiner in's Angesicht zu blicken wagte. Einige Sekunden wartete ich, ob vielleicht ein Freiwilliger vortreten würde, und schwur einem solchen lebenslänglichen Haß, weil er mich der Befriedigung meiner glühendsten Leidenschaft – des unbändigsten Stolzes beraubt haben würde. In Gemeinschaft mit Andern hatte ich schon viele Gefahren bestanden, und war oft der Erste gewesen, der ihnen entgegen ging; aber zu wagen, was die tapfere, sturmgehärtete Mannschaft einer Fregatte abgelehnt hatte, war eine Höhe der Ueberlegenheit, deren Erreichung ich mir nie hatte träumen lassen. Ich ergriff einen scharfen Tomahawk und gab dem Kapitän ein Zeichen, daß ich die Loskappung des Wracks versuchen wolle, möge mir nun folgen, wer den Muth dazu habe. Alsbald erstieg ich die Wettertakelung; fünf oder sechs sturmgehärtete Seeleute folgten mir; Matrosen bleiben selten zurück, wo sie sehen, daß ein Offizier vorangeht. Die Stöße der Takelung hatten uns beinahe über Bord geschleudert, oder an dem Wrack zerschmettert. Wir waren gezwungen, die Lien mit Armen und Beinen zu umklammern; mit ängstlicher Neugierde und athemloser Bangigkeit für unser Leben starrten Kapitän, Offiziere und Mannschaft unserem Hinaufklimmen nach, und begrüßten jeden Streich der Tomahawke mit lautem Zuruf. Die Gefahr schien vorüber, als wir die Schwigtingen erreichten, wo wir festen Fuß fassen konnten. Wir theilten unsere Arbeit; Einige nahmen die Taljereepen der Topmasttakelung, ich die Schlingen der Hauptraa. Die gewaltigen Hiebe, die wir austheilten, wurden durch ein entsprechendes Krachen beantwortet, und endlich fiel das furchtbare Wrack über die Steuerbordseite. Das Schiff fühlte eine augenblickliche Erleichterung; es richtete sich auf, und unter dem Jubelgeschrei, dem Glückwünschen, und ich darf hinzusetzen, den dankbaren Thränen der meisten unserer Schiffgenossen stiegen wir hinab. Jetzt wurde die Arbeit leichter, und der Sturm mit jedem Augenblicke schwächer. Wir schafften das Wrack allmählig weg und vergaßen unsere Noth. Dies war der stolzeste Augenblick meines Lebens, und keinen irdischen Besitz würde ich gegen das Gefühl eingetauscht haben, das meine Brust durchdrang, als ich meinen Fuß wieder auf das Hinterdeck setzte. Das schmeichelnde Lächeln des Kapitäns – der herzliche Druck seiner Hand – das Lob der Offiziere – die gierigen Augen der Mannschaft, welche mich mit Erstaunen betrachtete und mir mit Eifer, gehorchte, war an sich betrachtet schon Etwas für mich, aber nichts glich dem Gefühle des befriedigten Ehrgeizes – einer Leidenschaft, die so innig mit meinem Dasein verwoben war, daß sie nicht ausgerottet werden konnte, ohne den ganzen Bau meines Wesens zu zertrümmern. Ich fühlte gerechtfertigten Stolz. Orkane sind selten von langer Dauer; diesem folgte eine Kühlte, die, wenn auch stark genug, im Vergleich mit dem, was wir erlebt hatten, schön Wetter genannt werden konnte. Wir fielen gleichsam über die Arbeit her, takelten unsern Nothmast und zeigten uns in wenigen Tagen dem begrüßenden Anstarren der Einwohner von Halifax, welche die ganze Gewalt des Orkans erfahren und eine außerordentliche Angst für unsere Sicherheit ausgestanden hatten. Meine Arme und Beine litten noch einige Zeit an den Folgen der Quetschungen, die ich bei Ersteigung des Takelwerks erhalten hatte, und ich blieb mehrere Tage lang an Bord. Als ich wieder hergestellt war, ging ich an's Land, und wurde von meinen zahlreichen Freunden gütig und liebevoll aufgenommen. Ich war noch nicht lange in Halifax, als sich das Benehmen des Kapitäns gegen mich plötzlich änderte. Die Ursache konnte ich nicht bestimmt entdecken, wiewohl ich einigen Muthmaßungen Raum gab. Mit Bedauern muß ich gestehen, daß ich, trotz seiner mir bei jeder Gelegenheit erwiesenen Güte und trotz meiner hohen Achtung gegen ihn als Offizier und Gentleman, ein Gelächter über ihn erhoben hatte. Aber er war ein zu gutherziger Mann, um sich über eine solche harmlose Aeußerung des jugendlichen Leichtsinns beleidigt zu fühlen, und in Fällen, wie ich einen zu erzählen im Begriff bin, dauerte der Zorn dieses liebenswürdigen Mannes gewöhnlich nicht länger, als fünf Minuten. Die Sache verhielt sich folgendermaßen. Mein edler Kapitän trug ein paar merkwürdig weite blaue Hosen. Ob er dies wegen seiner Eigenschaft als Seemann that, oder ob ihn sein Schneider aus Furcht vor Entzündungen nicht in zu enge Kleider einzwängen wollte, weiß ich nicht; kurz, so breit das Hintertheil Se. Lordschaft war, so waren doch die Falten dieses wesentlichen Theiles seiner Draperie verhältnißmäßig noch weit breiter und voller, und würden die doppelte Masse Menschenfleisch in sich aufgenommen haben, so umfangreich auch diejenige war, die sie bereits enthielt. Daß »ein Stich zur Zeit neun erspart«, ist ein weiser Spruch; unglücklicher Weise wird er jedoch gleich vielen andern derselben treffenden Gattung in unsern Tagen wenig beachtet. Dies war bei Lord Edward der Fall. Durch irgend ein Mißgeschick hatte die Mittelnaht einen Riß bekommen, der am Morgen des Orkans noch nicht ausgebessert war. Der aufspringende Wind suchte mit jedem Gegenstände, an den er kommen konnte, Streit anzufangen; auch die harmlosen Beinkleider Lord Edwards wurden der Gegenstand seiner gewaltigen und unwiderstehlichen Verheerung; der tobende Boreas drang durch die besagte Naht ein und schwellte die Beinkleider, wie die Backen eines Trompeters. Yorkshire-Wolle vermochte dem aufblähenden Drucke nicht Stand zu halten. – Das Kleidungsstück zerriß in Bänder und geißelte denselben Theil, den es zu verbergen bestimmt war. Was konnte er thun, »in süße Verwirrung verloren und in verfängliche Netze verstrickt?« – Der einzige Schutz gegen den rohen Wind war sein Hemde (denn das Wetter war so warm, daß man die obere Gewandung von sich gelegt hatte), und da auch dieses alt war, so flatterte es bald in Streifen vor dem Winde her. Kurz, werft dem Gladiator in Hydepark eine Matrosenjacke über, so habt ihr das vollendete Bild Lord Edwards im Orkan. Die Sache war unangenehm genug, aber da das Schiff in Noth war, und wir Alle in einer halben Stunde unterzusinken glaubten, war es nicht der Mühe werth, das Verdeck zu verlassen, um ein Kleidungsstück zu ersetzen, das ihm in der Tiefe des Meeres doch von keinem Nutzen gewesen wäre, besonders da es nicht wahrscheinlich war, daß wir dort mit Damen zusammenkommen würden; und selbst wenn dieses der Fall gewesen wäre, so war es keine Sache von Belang, ob wir mit oder ohne Hosen in Davy's Schrein kamen. Als aber die Gefahr vorüber war, kam der Spaß zur Sprache, und ich ergötzte eine große Gesellschaft mit der Erzählung desselben, als eben Seine Lordschaft eintrat. Das Gekicher der Damen nahm zu und erhöhte sich durch regelrechte Steigerung zu einem lauten und unaufhaltsamen Gelächter. Bald entdeckte der Kapitän, daß er der Gegenstand und ich die Ursache desselben war, und ein paar Minuten lang schien er ergrimmt zu sein; aber es ging bald vorüber, und ich kann nicht glauben, daß dies der Grund seiner veränderten Gesinnungen war: denn ob es gleich bei einem Midshipman für Hochverrath galt, dem Hunde des Kapitäns ein saures Gesicht zu machen, oder gar noch unter irgend welchen Umständen über den Kapitän zu lachen, so wußte ich doch von dem einigen, daß er ein zu gutes Gemüth hatte, um sich durch eine solche Kleinigkeit beleidigt zu fühlen. Ich vermuthe vielmehr, daß der erste Lieutenant und die Offiziere der Constabelkammer meine Entfernung aus dem Schiffe wünschten, und sie hatten Recht, denn wo ein untergeordneter Offizier bei der Mannschaft beliebt ist, muß die Disciplin leiden. Lord Edward gab mir durch einen freundlichen Wink zu verstehen, daß ein anderer Kapitän auf einer größeren Fregatte sich glücklich schätzen würde, mich an Bord zu bekommen; ich verstand ihn; wir trennten uns als gute Freunde, und ich werde stets mit Achtung und Dankbarkeit an ihn denken. Mein neuer Kapitän gehörte zu einer ganz neuen Gattung von Menschen; er war sein gebildet in seinem Benehmen, ein Gelehrter und ein Gentleman. Liebreich und freundlich gegen seine Offiziere stellte er seine Bibliothek Jedem zur Verfügung; die Vorkajüte, worin er seine Bücher gewöhnlich hatte, stand Allen offen: sie war die Schulstube der jüngern und das Studierzimmer der ältern Midshipmen. Der Kapitän war ein vortrefflicher Zeichner, und ich zog keinen geringen Vortheil aus seinen Belehrungen. Er liebte die Gesellschaft der Damen und ich gleichfalls; aber da er verheirathet war, hielt er sich an gewähltere Zirkel, und war rücksichtsvoller in seinem Benehmen, als ich von mir rühmen konnte. Wir hatten den Befehl, nach Quebeck zu segeln, weshalb wir durch die schöne Enge von Canso den großen majestätischen St. Lorenzo hinauf- und an der Insel Antikosta vorbeifuhren. Während unserer Fahrt ereignete sich nichts Besonderes; nur bedurfte ein schottischer Wundarztgehilfe, der sich gewisse aristokratische Begriffe angeeignet hatte, eine demokratische Belehrung, die denn auch gebührendermaßen seinem Kopfe zu Theil wurde. Er behauptete, er sei durch Geburt und Erziehung (in Edinburg) dazu berechtigt, an unserer Tafel obenan zu sitzen. Ich widersetzte mich und belehrte den ehrgeizigen Sohn Aesculap's bald, das die Kriegskunst ebenso wichtig sei, als die Heilkunst, und daß ich ihm, wenn er in dieser letzteren erfahren sei, Gelegenheit geben wolle, sie an seiner eigenen Person in Anwendung zu bringen. Nach dieser Einleitung brachte ich an seinem Sinciput, Occiput, Os frontis, Os nasi und allen übrigen verwundbaren Theilen seines Körpers gewisse Concussionen an, die darauf berechnet waren, sein Sensorium zu betäuben, zu umnachten und unter jedem Auge ein ordentliches Extravasat schwarzen Blutes anzubringen, während zu gleicher Zeit ein beträchtlicher Strom carmoisinrothen Fluidums aus jedem Nasenlochs hervorstürzte. Es war nie meine Gewohnheit, den Uebermüthigen zu spielen, oder auf Kosten der Billigkeit einen Vortheil zu benützen. Nachdem ich von seiner Seite einen Waffenstillstand bemerkte, legte ich ihm die übliche Frage vor, »ob der kämpfende Theil befriedigt sei?« und auf die bejahende Antwort verwies ich meine Handwurzelknochen so lange zur Ruhe, bis sie vielleicht durch eine erforderliche Zurechtweisung oder Besserung wieder in Thätigkeit gebracht werden möchten. Wir ankerten auf der Höhe des Kaps Diamond, das den St. Lorenzostrom von dem Flüßchen St. Carlos scheidet. Die Fortsetzung dieses Kaps nach dem Lande bildet die Höhen von Abraham, auf welchen der unsterbliche Wolfe im Jahre 1759 Moncalm schlug, wobei beide Generale ihre ruhmbedeckte Laufbahn auf dem Schlachtfelde beschlossen. Die Stadt liegt auf der äußersten Höhe des Kaps und gewährt einen sehr romantischen Anblick. Die Häuser und Kirchen sind gewöhnlich mit Zinn bedeckt, um den Brandfällen vorzubeugen, welchen diese Stadt auffallend ausgesetzt war, so lange man die Häuser mit Rohr oder Schindeln deckte. Wenn die Sonnenstrahlen auf die Gebäude fielen, gewannen sie den Anschein, als wären sie in Silber gefaßt. Unter Anderem hatte unsere Fahrt nach Quebek den besonderen Zweck, Matrosen zu holen, an denen das Geschwader großen Mangel litt. Unsere Mannschaft und Marine wurde plötzlich in aller Stille in Preßtruppen umgewandelt, und eine ihrer Abtheilungen unter mein Kommando gestellt. Die Offiziere und Seesoldaten gingen verkleidet an's Land, nachdem sie zuvor geheime Erkennungszeichen und Sammelplätze verabredet hatten. Matrosen, auf die wir uns verlassen konnten, wurden als Lockvögel gebraucht. Sie gaben sich für Angehörige von Handelsschiffen aus, die unter der Leitung ihres Offiziers stünden, und verleiteten die jungen Leute dazu, sich für zehn Gallonen Rum und dreihundert Dollars zu der Fahrt nach England zu verpflichten. Auf diese Weise wurden Viele gefangen und nicht eher enttäuscht, als bis sie an der Seite der Fregatte ankamen, wo sie Flüche und Verwünschungen ausstießen, die man sich leichter denken, als beschreiben und wiederholen kann. Es dürfte hier der Ort sein, zum ferneren Verständniß zu bemerken, daß die Holzhandelschiffe im Monat Juni ankommen, sobald der Strom wieder offen ist, und wenn sie nicht vor oder am Ende Oktobers absegeln, gewöhnlich festfrieren, den Winter auf dem St. Lorenzo zubringen, ihre Reise verlieren und sieben bis acht Monate müssig liegen. Mit diesem Umstande bekannt, reißen die Matrosen gleich bei ihrer Ankunft aus und werden von Winkelwirthen verheimlicht und gefüttert, welche dann gegen Ende des Jahres einen Handel mit ihnen treiben und sie an die Kapitäne verkaufen, wodurch sie den Matrosen eine ungeheure Summe zur Heimfahrt und sich ein hübsches Trinkgeld für ihre Bemühung sowohl vom Kapitän, als auch vom Matrosen verschaffen. Wir erhielten die Weisung, die Matrosen nicht aus den Handelsschiffen zu holen, sondern in solchen Winkelkneipen zu suchen; und dies war für uns eine Quelle mancher Belustigung und manches eigentümlichen Abenteuers; denn die sinnreiche Art, womit diese Leute verborgen wurden, kam nur der List und Verschlagenheit gleich, womit wir die Entdeckung ihrer Schlupfwinkel betrieben. Keller und Dachböden waren außer Gebrauch und veraltet; wir fanden mehr Wild in Heuschobern, auf Kirchtürmen und in Verschlägen unter Feuerstätten, worauf das Feuer brannte. Einige fanden wir in Zuckertonnen begraben, Andere unter zugeschnittenem Reisholz versteckt. Bisweilen trafen wir auch Matrosen, die wie Gentlemen gekleidet waren und sich mit weit vornehmeren Leuten, welche bei ihrer Verheimlichung betheiligt waren, beim Wein sehr vertraulich unterhielten. Die Berichte unserer Kundschafter leiteten uns zur Entdeckung eines solchen sehr entschuldigbaren Betrugs. Ich ging ungefähr fünfzehn Meilen weit in's Innere des Landes, wo ich von einem größeren Schlupfwinkel gehört hatte, den ein solcher Wirth angelegt haben sollte. Nach langem vergeblichem Suchen entdeckte ich auf dem Dachboden eines Nebengebäudes, der nur zur Räucherung und Einsalzung des Speckes bestimmt war, einige treffliche Matrosen. Das Feuer brannte und der Rauch stieg empor; es war unbegreiflich, wie hier ein menschliches Wesen weilen konnte. Wir würden sie auch nicht entdeckt haben, wenn nicht einer von ihnen gehustet hätte, worauf dieser die Verwünschungen aller Uebrigen auf sich lud, und die ganze Sippschaft alsbald in unsere Hände fiel. Sogleich ließ ich ihnen die hintern Hosenbunde abschneiden, um ihrem Entweichen vorzubeugen (dies sollte man nie unterlassen), worauf wir mit ihnen den Wagen des Pächters bestiegen und nach Quebek fuhren, wobei die Neugepreßten bald in die derben Scherze einstimmten, welche von unsern Leuten über die Art ihrer Entdeckung gemacht wurden. Ich erstaunte über die Leichtigkeit, mit der sich diese hübschen Bursche mit dem Gedanken an ein Kriegsschiff aussöhnten; vielleicht trug der bevorstehende Kampf mit den Yankees sehr viel zur Erhaltung ihrer guten Laune bei. Ich war damals für die Menschenjagd begeistert, wiewohl mich später nüchternes Nachdenken überzeugte, daß sie nicht nur grausam und ungerecht, sondern auch unzweckmäßig ist, welche sie mehr als irgend eine andere Maßregel, welche die Regierung ergreifen könnte, dazu geeignet ist, Matrosen aus dem Lande zu treiben; doch ich will keine Abhandlung über die Matrosenpresse schreiben. Die Freiheit des Menschen kümmerte mich damals so wenig, als ein Heller, wenn ich nur mein Schiff zum bevorstehenden Kampfe gut bemannte; und da meine Liebe zu Abenteuern dadurch befriedigt wurde, dachte ich so wenig an die Folgen, als wenn ich in England über den Rübenacker eines Pächters ritt oder in Verfolgung eines Fuchses durch seine Hecken brach. Ein Kaufmann in Quebek hatte mich beschimpft, indem er mir die Diskontirung eines Wechsels verweigerte, der auf meinen Vater lautete. Ich besaß kein anderes Mittel, um ihn für die Waaren zu bezahlen, die ich von ihm gekauft hatte, und war durch seine Weigerung in nicht geringe Verlegenheit versetzt. Zudem begleitete er sie mit einer persönlichen Beleidigung und einer Beschimpfung meiner Uniform, welche ich nicht vergessen konnte; er drehte nämlich das Papier hin und her und sagte: »Eines Midshipman's Wechsel ist keinen Heller werth, und ich bin ein zu alter Vogel, um mich durch solche Spreu fangen zu lassen.« Im Bewußtsein, daß der Wechsel gut war, schwur ich ihm Rache. Meine Vollmacht zur Aufsuchung von Matrosen gab mir das Recht, überall hinzugehen, wo ich Kunde erhielt, daß welche versteckt wären – diese konnte ich von einem Bruder Mid leicht erhalten, und den armen Mann hatte keine heilige Bruderschaft zu schützen vermocht. Mein Freund sprach seine feste Ueberzeugung aus, in dem Hause des Kaufmanns seien Matrosen versteckt. Ich meldete es dem Kapitän, und erhielt eine besondere Vollmacht, alle Mittel aufzubieten, um meine Pflicht zu erfüllen. Der Kaufmann galt in Quebek als Mann von Bedeutung, und war, was sie dort einen Großhändler nennen, wiewohl man ihn in England einen Kleinhändler genannt haben würde. Um ein Uhr des Morgens hämmerten wir etwas unsanft an seine Hausthüre, und begehrten Einlaß im Namen unseres souveränen Herrn, des Königs. Als uns dieser verweigert wurde, schlugen wir sofort die Thüre ein und kehrten das Haus um, wie ein Krähennest. Sans cérémonie drangen wir in Keller, Böden, Magdkammern, Damengemächer (ohne irgend eine Rücksicht auf das mediceische Kostüm der schönen Bewohnerinnen zu nehmen), zerbrachen einige der unentbehrlichsten Gerätschaften in den Schlafzimmern, warfen in der Küche Töpfe und Pfannen durch einander, und als wir die beiden Söhne des Hausherrn fanden, befahlen wir ihnen, sich anzukleiden und mit uns zu kommen, denn wir wüßten gewiß, daß sie Matrosen wären. Als der alte Kaufmann mich erblickte, begann er den Braten zu riechen, und drohte mir mit strenger Bestrafung. Ich wies ihm meine Vollmacht und fragte ihn, ob das ein guter Wechsel sei. Nachdem ich jeglichen Theil des Hauses untersucht hatte, entfernte ich mich und ließ die beiden Jungen halbtodt vor Schrecken zurück. Am folgenden Tage war bereits eine Klage auf dem Gouvernement eingereicht; aber Untersuchung ist ein langes Wort, wenn ein Kriegsschiff auf den Dienst beordert ist. Es kamen Depeschen von Albanien nach Quebek, welche die Nachricht mitbrachten, der Präsident der Vereinigten Staaten habe England den Krieg erklärt; in Folge dessen nahm der Kapitän Abschied vom Gouverneur und eilte so schnell wie möglich den Strom hinunter; und so hörte ich nie mehr etwas von meinem Kaufmann. Wir langten vollständig bemannt in Halifax an und erhielten Befehl sogleich in See zu gehen und »zu sengen und zu brennen.« Wir segelten nach Boston-Bay, und an dem gleichen Morgen, sobald wir das Land erblickten, sahen wir zehn bis zwölf Kauffahrteischiffe. Das erste, das wir anriefen, war eine Brigg; wir ließen eines unserer Boote nieder; ich sprang hinein und erstieg das Verdeck des Yankee, während die Fregatte Jagd auf die andern machte. Der Schiffsherr saß auf einem Hühnerstall, und ließ sich nicht so weit herab, bei meinem Erscheinen aufzustehen, oder mich auch nur des geringsten Grußes zu würdigen; es war ein stämmiger, pausbackiger Geselle. »Sie sind vermuthlich ein Engländer?« »Vermuthlich, ja,« erwiederte ich, seinen näselnden Ton nachahmend. »Ich dachte mir's, daß wir nicht lange in unseren Gewässern sein würden, bevor wir einer von euch altländischen Schlangen begegneten. Sie nehmen mir's hoffentlich nicht übel, was ich sagte?« setzte der Schiffsherr hinzu. »O nein,« erwiederte ich, »nicht im Mindesten; es wird in Bälde ziemlich gleichgültig sein, was Sie sagen; doch woher kommen Sie und wohin gehen Sie?« »Ich komme von Smyrna, und gehe nach Boston, wo ich mit dem Segen Gottes und einem guten Gewissen morgen früh anzukommen hoffe. Aus dieser Antwort ersah ich, daß er noch nicht mit der Kriegserklärung bekannt war, und deßhalb beschloß ich, noch eine Zeit lang meinen Scherz mit ihm zu treiben, ehe ich ihm die traurige Mittheilung machte. »Und aus was besteht denn Ihre Ladung, wenn ich fragen darf? Sie scheinen leicht zu haben.« »Nicht so leicht vermuthlich,« versetzte der Mann, »wir haben Oel, Rosinen und was wir Begriffe nennen.« »Ich habe keinen Begriff von solchen Dingen,« versetzte ich, »erklären Sie sich doch deutlicher.« »Nun, sehen Sie, Begriffe, das sind so eine Art Allerlei. Sie wissen, der Eine liebt dies, der Andere das: der Eine liebt süße Mandel, der Andere Seide, der Dritte Opium und der Vierte,« setzte er mit schlauem Grinsen hinzu, »Dollars.« »Und das sind die Begriffe, die Sie an Bord haben?« fragte ich. »Vermutlich ja,« versetzte Jonathan. »Und was hatten Sie von Hause mitgenommen?« fragte ich. »Pöckelfleisch, Mehl und Tabak,« war seine Antwort. »Und ist dies Alles, was Sie dafür zurückbringen?« fragte ich. »Ich glaubte, der Smyrnaer Handel wäre sehr gut.« »Das ist er auch,« sprach der friedliche Yankee. »Dreißigtausend Dollars in der Kajüte, außer dem Oel und den übrigen Waaren, ist kein bös Ding.« »Es freut mich, von den Dollars zu vernehmen,« sagte ich. »Was haben Sie damit zu schaffen?« meinte der Schiffsherr, »Ihnen werden wohl nicht viele davon zufallen.« »Mehr als Sie vielleicht denken,« antwortete ich. »Haben Sie vielleicht die Neuigkeit unterwegs schon vernommen?« Bei dem Worte »Neuigkeit« bekam das Gesicht des armen Mannes eine ganz ikterische Färbung. »Welche Neuigkeit?« fragte er, dergestalt zitternd, daß er kaum einen Laut hervorbringen konnte. »Nun, nichts weiter, als daß Ihr Präsident, Herr Madison, beliebt hat, England den Krieg zu erklären.« »Sie scherzen,« sprach der Schiffsherr. »Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich im Ernst rede,« sprach ich, »und Ihr Schiff ist eine Prise der – – eines Schiffes Seiner britischen Majestät.« Der arme Mann holte einen Seufzer unter dem Gürtel seiner Beinkleider. »Ich bin ein verlorener Mann,« sagte er. »Hätte ich nur früher etwas von dem Kriege gewußt, von dem Sie sprechen; ich habe zwei hübsche Kanönchen im Vorderschiff, Sie hätten mich nicht so leichten Kaufes bekommen.« Ich lächelte bei dem Gedanken an Widerstand gegen eine schnell segelnde Fregatte von fünfzig Kanonen, ließ ihn aber im Vollgenusse seines Dünkels und veränderte den Gegenstand des Gesprächs, indem ich ihn fragte, ob er uns nicht etwas zu trinken geben könnte, denn es war heiß. »Nein, das habe ich nicht,« erwiederte er verdrießlich, »und wenn ich es hätte« – »Lassen Sie das, mein Lieber,« unterbrach ich ihn, »Sie vergessen, daß Sie eine Prise sind; Höflichkeit ist ein wohlfeiler Artikel und durfte Ihnen eine schnelle Vergeltung bringen.« »Das ist wahr,« erwiederte Jonathan, der an der empfindlichsten Seite, an seinem Selbst angegriffen war; »das ist wahr, Sie erfüllen blos Ihre Pflicht. He, Junge, hole einmal Madeira; und ich kann mir denken, der junge Offizier sind vielleicht auch ein Freund vom Langkork. Bring' uns einige Gläser, und eine von den Claretflaschen aus dem Hinterverschlag am Steuerbord.« Der Junge gehorchte – und schnell erschien das Bestellte. Während dieses Zwiegespräch gehalten wurde, machte die Fregatte Jagd, feuerte aus dem groben Geschütze und brachte im Vorbeisegeln die verschiedenen Schiffe zum Beilegen, indem sie an Bord des einen ein Boot schickte, und ein anderes verfolgte. Wir setzten alle Segel bei, welche die Brigg führen konnte, und eilten der Fregatte nach. »Darf ich Ihnen etwas zu essen anbieten?« sprach der Schiffsherr. »Sie haben vermuthlich noch nicht gespeist, da es noch nicht ganz zwölf Uhr ist.« Ich dankte und nahm sein Anerbieten an. Augenblicklich eilte er in die Kajüte hinunter, als wollte er sie zu meinem Empfange vorbereiten, aber ich vermuthete vielmehr, er wünsche irgend welche Artikel meinem Auge zu entziehen, und es ergab sich, daß dies auch wirklich der Fall war, denn er stahl einen Beutel Dollars aus der Ladung. Kurze Zeit darauf wurde ich ersucht, hinabzukommen. Eingesalzene Schweinskeulen und gebratenes Geflügel sind einem Midshipman zu jeder Zeit willkommen, besonders aber waren sie's mir damals; und als sie von ein paar Gläser Madeira begleitet wurden, stieg der Barometer meiner guten Laune in demselben Maße, in welchem der Barometer der seinigen fiel. »Kommen Sie, Kapitän,« sprach ich, mein Glas mit Claret füllend, »auf einen langen und blutigen Krieg.« »Verdammt sei der Hund, der dazu nicht Amen sagt,« erwiederte der Schiffsherr, aber wohin gedenken Sie mich zu führen? Vermutlich nach Halifax? Bekomme ich nicht meine Kleider und meine Privatbedürfnisse?« »Ihr ganzes Privateigentum,« erwiederte ich, »soll unangetastet bleiben, aber Schiff und Ladung sind unser.« »Gut, gut,« erwiederte der Mann, »ich weiß das, aber wenn Sie mich gut behandeln, so will ich nicht undankbar sein. Lassen Sie mir meine Sachen, so sage ich Ihnen was Neues, das Ihnen von Nutzen sein wird.« Nachdem ich ihm sein Privateigentum zugesichert hatte, sagte er, »wir hätten keinen Augenblick zu verlieren, denn ein Schiff, das eben am Horizonte herauftauche, komme reich beladen von Smyrna; es gehöre einem seiner Mitbürger, und habe ebenfalls die Bestimmung nach Boston. Mit Verachtung wandte ich mich von ihm und gab in demselben Augenblicke das Signal, daß ich die Fregatte zu sprechen wünsche. Ich ging an Bord und theilte dem Kapitän mit, was ich vom Herrn der Prise vernommen, und was ich ihm zugesagt hatte. Er billigte es. Sogleich wurde die geeignete Anzahl Matrosen auf die Brigg geschickt und die Gefangenen in Empfang genommen; dann machte die Fregatte auf das bezeichnete Schiff Jagd, welches denn auch an demselben Abend um neun Uhr genommen wurde. Ungern möchte ich glauben, daß eine solche Treulosigkeit unter den Amerikanern gewöhnlich sei. Beim Abschiede von dem Herrn meiner Brigg fiel noch ein schneidendes Gespräch zwischen uns vor. »Vermutlich werde ich einen Kaper ausrüsten und etliche von Ihren Kauffahrteischiffen nehmen.« »Nehmen Sie sich in Acht, daß Sie nicht fest genommen werden,« sagte ich, »und Ihre Zeit an Bord eines unserer Gefangenen-Schiffe zubringen müssen; aber was immer auch vorfallen mag, bedenken Sie, daß es euer eigener Fehler ist. Ihr habt dem Boney zu Gefallen den Streit mit uns vom Zaune gebrochen, und wenn ihr euer Bestes für ihn gethan habt, so spuckt er euch doch nur in's Gesicht. Ihr weiser Präsident hat dem Mutterlande den Krieg erklärt.« »Verdammt sei das Mutterland,« murmelte der Yankee; »Stiefmutterland wollen Sie vermuthlich sagen, – daß es die Pest kriege!« Wir begleiteten unsere Fregatte fortwährend, und als es Nacht war, hatten wir acht Prisen gesichert. Da eine von ihnen eine Ballastbrigg war, so wurden die Gefangenen, darunter auch mein Yankeefreund, an Bord derselben gebracht und der offenen See überlassen, um ihren Weg selbst nach Hause zu finden. Wir trugen Sorge, daß ihnen sämmtlich ihr Privateigenthum und ihre Kleider blieben. Ich hoffte die Erlaubniß zu bekommen, mit meiner Prise nach Halifax zu gehen, aber der Kapitän wußte, wie ich wahrscheinlich meine Zeit dort zubringen würde, und behielt mich bei sich. Zwei Monate lang kreuzten wir und nahmen manchen Kaper, große und kleine; einige wurden verbrannt, andere versenkt. Eines Tages hatten wir eines dieser Fahrzeuge, nachdem wir Alles herübergenommen, was des Auslandens werth war, unvorsichtiger Weise in Brand gesteckt, ehe wir uns von ihm klar gemacht hatten, und weil wir beim Winde fuhren, dauerte es einige Minuten, bis wir uns von ihm lösen konnten. Mittlerweile begann das Feuer auf eine sehr beunruhigende Weise unter den Besanputtingen emporzulodern, und durch die Anziehungskraft zweier schwimmender Körper gehalten, schien das Schiff entschlossen, uns zu begleiten; doch als wir das Steuer drehten und das Fahrzeug in entgegengesetzter Richtung abstießen, waren wir so glücklich, vor den Wind zu kommen, und entfernten uns zu unserer großen Freude von dem feindlichen Schiffe, welches bald einer schwimmenden Feuermasse glich. Wir hatten es deßwegen an unserer Seite in Brand gesteckt, weil wir Zeit ersparen wollten, da wir auf ein anderes Schiff Jagd zu machen hatten, welches von der Mastspitze aus gesehen worden war; ein Boot niederzulassen, um das Fahrzeug zu verbrennen, hätte uns zu lange aufgehalten. Gegen das Ende unseres Kreuzens jagten wir einen Schooner, der auf die Küste lief und strandete; wir stiegen an Bord und schafften seine Mannschaft und einen Theil seiner sehr werthvollen Ladung herüber. Er kam von Bordeaux und war nach Philadelphia bestimmt. Ich ward abgeschickt, um ihn zu untersuchen und noch mehr von seiner Ladung hinüberzunehmen. Die Fluth stieg in dem Fahrzeug, und wir waren genöthigt, seine Verdecke aufzubrechen, wobei wir fanden, daß er mit Seidenballen, Tüchern, Taschenuhren, Wanduhren, Spitzen, seidenen Strümpfen, Wein, Branntwein, Stahlstangen, Olivenöl u.s.w. beladen war. Ich ließ dem Kapitän die Meldung machen; er schickte den Zimmermann mit der erforderlichen Anzahl Matrosen, die ihm helfen mußten, und wir retteten eine große Masse Waaren vor der Tiefe oder den Yankeebooten, welche bald an Bord gekommen wären, nachdem wir das Schiff verlassen haben würden. Im Raume gewahrten wir einige Kisten, aber sie waren wenigstens vier Fuß unter dem Wasser. Es war entsetzlich kalt; doch ich vermuthete, sie möchten etwas enthalten, was des Untertauchens werth wäre. Ich ließ mich hinab und wußte mich so lange unter dem Wasser zu halten, bis ich eine Kiste an ihrem Ende angehakt hatte; es gelang uns, sie herauszubrechen und emporzuziehen. Sie enthielt vortrefflichen Claret, und wir ließen uns durch keine Gewissenszweifel abhalten, ihn zu kosten, denn wäre ich nicht getaucht, so wäre er nie in den Mund eines Engländers gekommen. Wir stachen unserer drei Dutzend eben so viele Flaschen aus, welche die Kiste enthielt, und zwar in mäßig kurzer Zeit, denn es war Oktober, und wir verspürten keine Übeln Wirkungen von der öfteren Wiederholung dieser Dosis. Ich hatte noch nie stärker gefroren, und wenn man unter Wasser geht, so bedarf man bedeutende Reizmittel. Durch Uebung hatte ich es im Untertauchen so weit gebracht, daß ich auf klarem, sandigen Boden Nähnadeln auflesen konnte; und trotz der Dichtigkeit des Mediums vermochte ich es unter dem Wasser auszuhalten, wie ein Biber, aber ich forderte reichlichen Ersatz für meine Mühe. Als wir an Bord zurückkehrten, waren wir ganz durchnäßt und erfroren, und der Wein äußerte keine Wirkung auf uns; sowie wir aber aufthaueten, glichen wir dem Hörnchen des großen Münchhausen; das Geheimniß entschlüpfte uns, denn wir waren sämmtlich betrunken. Am andern Tage fragte der Kapitän nach der Ursache, und ich erzählte ihm aufrichtig die ganze Geschichte. Er war vernünftig genug, darüber zu lachen; andere Kapitäne hätten vielleicht die Matrosen gepeitscht und die Offiziere beschimpft. Bei unserer Rückkehr in den Hafen bat ich um die Erlaubniß, nach England zu gehen, um die Lieutenantsprüfung zu machen, da meine Dienstzeit als Midshipman beinahe abgelaufen war. Man schlug mir vor, zu bleiben und meine Beförderung auf dem Flaggenschiffe zu erwarten; aber ich hatte mehr Gründe, als ich anzugeben geneigt war, um eine Prüfung in einem englischen Seehafen vorzuziehen. Ich erhielt meine Entlassung und kehrte nach Hause zurück. Der Leser wird mir gewiß Glauben schenken, wenn ich ihm versichere, daß ich einige Dutzend Briefe an Eugenie geschrieben hatte; Jugend, Schönheit und vorübergehender Besitz hatten meine Neigung ungeschwächt erhalten. Von Emilien hatte ich gehört und liebte sie mit reinerer Flamme. Sie war meine Sonne, Eugenie mein Mond, und die schönen Liebchen der westlichen Halbkugel ebenso viele schimmernde Sterne erster, zweiter und dritter Größe; ich liebte sie alle mehr oder weniger, aber alle ihre Reize verschwanden, wenn die schöne Emilie mit ihrem strahlenden Glanze in meiner Brust lachte. Ich hatte Briefe von meinem Vater erhalten, welcher meine Rückkehr wünschte, um mich einigen Großen der Nation vorzustellen, und mir eine Beförderung zu den höchsten Würden in der Flotte zu sichern. Dieser Rath war gut, und weil er mit meinen Ansichten übereinstimmte, befolgte ich ihn. Ich schied von meinem Kapitän unter den besten Verhältnissen, nahm auf dieselbe freundliche Weise von allen meinen Tischgenossen und den Offizieren Abschied, machte endlich bei den Damen die Runde, und küßte, und schluchzte und weinte, und schwur Liebe und ewige Neigung. Nichts, erklärte ich, sollte mich von Halifax zurückhalten, sobald ich promovirt haben würde; die eine wollte ich heirathen, wenn ich Lieutenant wäre; mit der zweiten wollte ich den Eheknoten schlingen, wenn ich Kommandeur würde, und mit der dritten wollte ich mich vermählen, wenn ich Kapitänsrang bekleidete. Wie ähnlich war ich dem Don Galaor – ach, und wie unähnlich dem treuen Amadis von Gallien; aber du mußt mich nehmen, Leser, wie ich war, nicht wie ich hätte sein sollen. Nach einer Fahrt von sechs Wochen kam ich zu Plymouth an, und hatte jetzt genau meine sechs Dienstjahre vollendet. Fünfzehntes Kapitel. Prüfe ihn genau, guter Dry; schone ihn nicht, lege ihm unmögliche Fragen vor. Wir wollen ihn über's Eis führen, wir wollen ihn über's Eis führen. Beaumont und Fletcher. Bald nach meiner Ankunft zu Plymouth erschien eine Generalordre vom Flaggenschiffe, daß an Bord des Salvador del Mondo in Hamoaze eine Prüfung für Midshipmen in Betreff ihrer Fähigkeiten zu Lieutenantsstellen gehalten werde. Ich verlor keine Zeit, diese Nachricht meinem Vater mitzutheilen, und sagte ihm, daß ich mich völlig vorbereitet fühle und zu erscheinen gesonnen sei. Demgemäß begab sich am festgesetzten Tage des Lesers gehorsamer Diener mit vierzehn oder fünfzehn anderen jungen Aspiranten an Bord des Flaggenschiffes. Jeder trug eine ganz vorschriftmäßige und unverkennbare Nummer-Eins-Uniform und hatte einen großen Pack Logbücher unter dem Arme. Wir waren in eine kleine Segeltuchkajüte zusammengepfercht, und glichen insofern eben so vielen Schafen, welche dem Schlächter verfallen sind. Um eilf Uhr erschienen die Kapitäne, die unsere Minos und Rhadamantus sein sollten, und wir waren sämmtlich der Meinung, daß uns der »Schnitt ihrer Auslieger« nicht sehr gefalle. Um zwölf Uhr wurde der erste Name aufgerufen. Der »verzweifelte Junge« machte den Versuch, etwas Muth zusammen zu raffen – er räusperte sich, zog seinen Hemdkragen hinauf, zupfte an seiner Halsbinde, ergriff seinen Stülphut und seine Tagebücher, und folgte kecken Schrittes dem Abgesandten in die Kapitänskajüte, wo ihn drei Herren mit strenger Miene und in Halbuniform erwarteten. Sie saßen an einem runden Tisch; unmittelbar neben dem Präsidenten war ein Schreiber; Moore's Schifffahrtskunde, die furchtbare Weisheit, lag vor ihnen, nebst einem nautischen Kalender, einer Schiefertafel, einem Stift, und Tinte und Papier. Der bebende Middy näherte sich dem Tische, und nachdem er mit einer ehrfurchtsvollen Verbeugung seine Tagebücher und Zeugnisse über Nüchternheit und gutes Betragen vorgelegt hatte, ward er aufgefordert, Platz zu nehmen. Die ersten Fragen waren rein theoretisch, und ob er sie gleich in der Constabelkammer oder in jeder andern Gesellschaft mit Leichtigkeit beantwortet haben würde, so war er doch hier so befangen und verwirrt, daß er gänzlich den Kopf verlor, bei der ersten Frage zitterte, bei der zweiten stierte, und weil er auf die dritte nichts zu antworten wußte, mit der Weisung »noch sechs weitere Monate in See zu gehen« entlassen wurde. Er kehrte mit einem wahren Jammergesichte zu uns zurück. In meinem Leben habe ich keinen armen Teufel so zerknirscht gesehen; ich nahm um so größeren Antheil an ihm, und da ich wußte, wie bald derselbe Schlag mich treffen könnte. Ein zweiter wurde vorgerufen und kehrte bald mit demselben Erfolge zurück. Die Schilderung, die er von dem unfreundlichen Benehmen des Jüngsten unter den examinirenden Kapitänen entwarf, mußte den Geist niederdrücken, und so unerfahrene junge Leute, wie wir waren, vollends um ihre Vernunft bringen, während doch so vieles vom Erfolge der Prüfung abhing. Doch dieser Wink gereichte mir zu großem Nutzen. Ich sah, daß die Theorie die Klippe war, an der sie gescheitert waren; in diesem Theile meines Berufes war ich mir meiner Kenntnisse bewußt und entschlossen, mich von dem jungen Kapitän nicht überrumpeln zu lassen. Aber kaum hatte ich meinen Entschluß gefaßt, kehrte ein dritter Kandidat ebenfalls re infecta zurück; und dieß war ein junger Mann, auf dessen Talente ich Alles gebaut hatte. Ich begann zu fürchten. Als aber der vierte mit lächelnder Miene zurückkam, und uns die Mittheilung machte, daß er bestanden sei, schöpfte ich wieder ein wenig Athem; aber ach! diese Stärkung war im Augenblick wieder verflogen, indem er sagte, daß einer der examinirenden Kapitäne ein Freund von seinem Vater sei. Da war also das Räthsel gelöst; denn dieser Bursche hatte mir während der kurzen Zeit unserer Bekanntschaft Proben gegeben, daß er nicht viel mehr, als ein Einfaltspinsel sei. Bei der Ausrufung meines Namens fühlte ich eine Beengung um's Herz, die ich weder in der Schlacht, noch im Sturme, noch bei jenem verzweifelten Sprung zu Spithead, der meiner theuren Eugenie zu lieb geschehen war, empfunden hatte. »Mächte der Unverschämtheit und Algebra,« sagte ich, »kommt mir zu Hülfe, oder ich bin verloren!« Augenblicklich flog die Kajütenthüre auf, die Schildwache zog sie hinter mir zu, und ich stand vor dem entsetzlichen Triumvirat. Mir war wie Daniel in der Löwengrube. Man forderte mich auf, Platz zu nehmen, und zwischen den Richtern entspann sich ein kurzes Gespräch, das ich weder hörte, noch zu hören wünschte; aber so lange es dauerte, hatte ich Zeit, meine Gegner von Kopf bis zu Fuß zu betrachten. Ich faßte Muth, denn ich glaubte dem einen von ihnen die Wage zu halten, und wenn ich einmal diesen neutralisirt hätte, die beiden Anderen ohne große Mühe »dielen« zu können. Einer von diesen Offizieren hatte ein Gesicht wie ein bemalter Kürbis; seine Hand, wie sie so auf dem Tische lag, glich der Flosse einer Schildkröte, und seine Nägel waren so kurz abgebissen, daß sich ihre Ueberreste aus Furcht vor weiterer Verstümmelung, welche so eben der andern Hand widerfuhr, unter das Fleisch verkrochen zu haben schienen. Ich dachte bei mir selbst, wenn ich je eine »leere Wohnung zu vermiethen« sah, so ist sie in dieser Kokosnuß oder Kürbisflasche zu suchen. Der ihm zunächst sitzende Kapitän war ein kleiner, hagerer, schwarzer, trockener, verschrumpfter Bursche, mit schlauen Aeuglein und scharfer Nase. Die Midshipmen nannten ihn den »alten Chili-Essig« oder den »alten Sauerampfer«. Er war, was wir einen Preß-Driller nennen. Zwei Monate lang konnte er einen Matrosen auf der schwarzen Liste haben, wobei er ihm einen Kanonenreif zum Glätten gab, und ihm nie Zeit ließ, seine Kleider zu sticken, oder sich selbst zu putzen, wahrend er dasjenige putzen mußte, was für alle kriegerischen Zwecke besser schwarz geblieben wäre. Selten ließ er einen Mann peitschen, aber er quälte ihn in einen finstern Mißmuth hinein, indem er ihm, wie er es nannte, »den Teufel aus dem Leib trieb.« Dieser kleine Nachtmahr, der einer getrockneten Aalhaut glich, war, wie ich bald ausfindig machte, Anführer der Bande. Der dritte Kapitän war ein hochgewachsener, schöner pomphafter Mann (er war der Jüngste von den dreien), mit einer gebietenden und hochmüthigen Miene. »Er würde seinen Mund zum Lächeln nicht geöffnet haben, und hätte Nestor selbst geschworen, der Scherz sei Lachens werth.« So eben hatte ich meine Musterung vollendet, und mir die Eigenschaften meiner Examinatoren in rohen Umrissen gezeichnet, als ich zur Eröffnung meines Verhöres vom Präsidenten also angeredet wurde: »Ich setze voraus, Sir, daß Sie mit der Theorie der Schifffahrt vollkommen vertraut find, sonst wären Sie nicht Hieher gekommen.« Ich erwiederte, »daß ich die Hoffnung nähre, Sie werden dies finden, wenn es Ihnen beliebe, mich zu prüfen.« »Ziemlich fertig mit der Antwort,« bemerkte der hochgewachsene Kapitän. »Ich wette, dieser junge Mann war Generalzeugmeister im Cockpit – wo dienten Sie Ihrer Zeit, Sir?« Ich nannte die verschiedenen Kapitäne, unter welchen ich gedient hatte, besonders auch Lord Edward. »Oh, das ist genug; dann müssen Sie ein tüchtiger Mann sein, wenn Sie unter Lord Edward gedient haben.« Ich verstand die mißgünstige und sarkastische Weise, in welcher diese Worte ausgedrückt waren, und machte mich auf einen harten Strauß gefaßt, denn ich war überzeugt, daß sich dieser Mensch, der gar kein Seemann war, zu glücklich geschätzt haben würde, wenn er einen von Lord Edwards Midshipmen hätte abweisen können. Sie legten mir verschiedene Fragen vor, die ich ohne Mühe löste und ihnen zurückgab. Meine Logbücher und Zeugnisse wurden, wie es schien, mit großer Genauigkeit durchgemustert, und dann wagten sie sich an eine Frage aus der höhern Mathematik. Auch diese beantwortete ich, aber ich sah, daß es nicht gerade Kenntnisse waren, was sie suchten. Die kleine Aalhaut schien vielmehr verdrießlich, daß sie keinen Tadel an meinen Antworten finden konnte. Sie hatten eine schwierige Aufgabe aus der sphärischen Trigonometrie vor sich liegen; sie war sorgfältig ausgerechnet, und das Resultat unten genau angemerkt, aber ich durfte es natürlich nicht sehen. In Kurzem beantwortete ich ihre Frage; sie verglichen meine Arbeit mit derjenigen, welche für sie angefertigt war, und als sie fanden, daß sie nicht genau damit übereinstimmte, erklärten sie meine Rechnung für falsch. Ich ließ mich nicht aus der Fassung bringen, sah meine Arbeit noch einmal kaltblütig durch und sagte, ich könne keinen Irrthum darin entdecken und sei im Staude, es durch Inspection, Rechnung und Zeichnung zu beweisen. »Sie haben eine sehr große Meinung von Ihrer Geschicklichkeit,« bemerkte der kleine fette Kapitän. »Ein zweiter Euklid!« rief der Hochgewachsene. »Können Sie mir wohl auch sagen, was Pons asinorum heißt?« »Eselsbrücke, Sir,« antwortete ich, ihm mit halb unterdrücktem Lächeln fest in's Gesicht sehend. Jetzt wurde es mir klar, daß der kleine fette Kapitän vorher nie etwas von der Eselsbrücke gehört hatte und deshalb vermuthete, ich verhöhne den Hochgewachsenen, der sein ganzes Leben lang ein sogenannter »Hafendienstmann« gewesen, und deshalb von der Eselsbrücke zwar gehört hatte, aber nicht wußte, welcher von den Sätzen Euklids es war, und wie er auf die Schifffahrt angewendet werden konnte. Der fette Kapitän brach in ein heiseres Gelächter aus und sagte: »Ich glaube, der setzt Ihnen hart zu, lassen Sie ihn lieber in Ruhe; er könnte Sie aufs Eis führen.« Durch diese Bemerkung seines Mitoffiziers aufgebracht, erklärte der Hochgewachsene, die letzte Frage sei nicht befriedigend beantwortet, und schwur bei Gott, er werde mein Zeugniß nicht unterschreiben, bevor dies geschehen sei. Ich beharrte auf meiner Behauptung. Die beiden Arbeiten wurden verglichen, und man drohte mir mit Abweisung, als zum Unstern für die Prüfungskommission der Fehler in ihrer eigenen gefunden wurde. Der fette Kapitän, ein wohlmeinender Mann, lachte herzlich, die beiden andern machten verlegene, saure Gesichter. »Genug davon, Sir,« sagte der Preß-Driller. »Stehen Sie auf und lassen Sie uns sehen, was Sie mit einem Schiffe anzufangen wissen.« Man nahm an, ein Schiff befinde sich auf der Werfte. Es ward von Stapel gelassen, und ich mußte es als erster Lieutenant unter Segel bringen. Ich nahm es in die Docken, ließ es kupfern, setzte den Rumpf an, richtete die Maste auf, brachte es an die Ballastwerfte, nahm den eisernen Ballast und die Wassertonnen ein und staute sie; führte es zu einem Rumpf- oder Empfangschiff, tackelte es vollständig auf, setzte die Segel, nahm Kanonen, Vorräthe und Proviant ein, meldete es segelfertig, steckte das Lootsensignal auf, brachte es aus dem Hafen und hatte den Befehl, es nach andern Häfen zu führen, wobei ich die Untiefen und gefährlichen Stellen von Portsmouth, Plymouth, Falmouth, den Dünen, der Yarmouthrhede und sogar von Shetland angab. Aber der kleine Preß-Driller und der hochgewachsene Kapitän hatten mir die Richtigkeit meines Rechnung noch nicht vergeben, und meine Prüfung dauerte fort. Sie brachten mein Schiff in jede mögliche Lage, welche die zahllosen Wechsel des Seelebens in so unendlicher Mannigfaltigkeit darbieten. Ich setzte jedes Segel vom Wolkensegel bis zum Versuchsegel, und zog sie wieder ein. Die Mäste wurden mir abgeschossen, und ich tackelte Nothmaste auf, setzte Segel an dieselben, und gewann glücklich den Hafen, als der kleine Preß-Driller mit einemmale auf eine höchst grausame Weise mein Schiff in einer schwarzen Nacht durch einen Orkan auf eine todte Leeküste warf und auf die Seite legte, um mir die Aufgabe zu stellen, mich herauszuarbeiten, wenn ich könnte. Ich erwiederte, wenn Ankergrund vorhanden sei, so werde ich ankern und meine Maßregeln ergreifen, wenn aber dieß nicht der Fall sei, könne ohne einen Umsprung des Windes oder die besondere Vermittlung der Vorsehung weder er noch sonst irgend Jemand das Schiff retten. Dies befriedigte den alten Chili-Essig nicht. Ich sah, daß man mich »reiten« wollte, und daß das Ende von dem Allem meine Hoffnungen vernichten würde. Ich wurde gleichgültig, denn ich war der endlosen Fragen müde und gab, zum Glück für mich, wenigstens so viel der Hochgewachsene dafür hielt, eine unrichtige Antwort. Man hatte mir eine Frage vorgelegt, worüber damals auf der Flotte vieles für und wider gesprochen wurde, nämlich, ob man beim Grade-Rückwärts-Treiben das Steuer einmal oder zweimal leewärts drehen, oder im Mittelstrich halten müsse. Ich entschied für das Letztere, aber der Hochgewachsene behauptete das Erstere und nannte seine Gründe. Da ich auf bestrittenem Boden stand, gab ich nach, dankte ihm für seinen Rath und versprach, wofern mir der Fall vorkommen sollte, denselben gewiß zu befolgen: nicht als hätte ich mich überwiesen gefühlt (fand ich doch nachher, daß er Unrecht hatte), sondern um durch meine scheinbare Nachgiebigkeit seiner Eigenliebe zu schmeicheln. Ich erreichte meinen Zweck und hatte ihn gewonnen. »Er grinst entsetzlich ein gespenstisch Lächeln« und fragte die beiden andern Kapitäne, ob sie befriedigt wären. Diese Frage endete gleich dem Streich des Versteigerungshammers alle weitere Erörterung; denn bei solchen Gelegenheiten stehen die Kapitäne nie einander ab. Man sagte mir, daß mein Prüfungszeugniß unterzeichnet werde. Ich machte meine schönste Verbeugung und entfernte mich, indem ich auf meinem Rückwege nach dem »Schafpferch« darüber nachdachte, daß ich durch Verwundung ihrer Eitelkeit beinahe meine Beförderung verloren und nur durch Schmeichelei wieder Grund und Boden gewonnen hatte. Dies ist der Lauf der Welt, und von meinen frühesten Tagen an wurde mein Geist in jedem Laster durch das verderbliche Beispiel meiner Obern bestärkt und befestigt. Weit leichter wäre mir die Prüfung außerhalb England geworden. Ich erinnere mich, daß in Westindien an einem schönen Tage ein Boot niedergelassen und mit einem jungen Midshipman (der seine Zeit noch nicht ganz ausgedient hatte und seinem Aeußern, wie seinem Alter nach, Alles, nur nicht nautische Kenntnisse verrieth) nach einem Schiff unserer Begleitung geschickt wurde. In einer Viertelstunde kehrte der Mensch mit seinem Prüfungszeugnisse zurück. Wir waren Alle erstaunt und ersuchten ihn, uns doch die Fragen zu nennen, die man ihm vorgelegt hätte. »Man legte mir gar keine Fragen vor,« antwortete er, »als wie sich meine Eltern befänden, und ob ich rothen oder weißen Wein trinken wollte. Beim Abschiede.« setzte der Einfaltspinsel hinzu, »bat mich einer der Kapitäne, wenn ich wieder nach Hause schriebe, Lord und Lady G. seine besten Empfehlungen auszurichten. Er habe einen Truthahn schlachten lassen und für mich in's Boot gelegt. Zuletzt wünschte er mir glücklichen Erfolg.« Dieser Knabe wurde bald darauf zum Postkapitän gemacht, starb aber zum Glück für den Dienst auf seiner Ueberfahrt nach England. Meine Prüfung war doch eine ganz andere; aber nachdem ich sie einmal überstanden hatte, freute ich mich über die Strenge meiner Examinatoren. Mein Stolz, das Schoßkind meines Herzens, war durch den Triumph meiner Talente gekitzelt, und als ich mir den Schweiß von der Stirne wischte, sprach ich von den Schwierigkeiten, den Fragen und dem Erfolg mit einem Grade von Selbstgefälligkeit, den ich bei jeder andern Person für ungemessene Eitelkeit erklärt haben würde. Die lange Dauer meiner Prüfung, auf welche anderthalb Stunden verwendet wurden, hatte die treffliche Wirkung, daß alle übrigen Midshipmen mit sehr wenig Fragen wegkamen und ihre Zeugnisse erhielten. So waren also die armen Teufel, welche die erste Begeisterung des Morgeneifers der Examinatoren abkühlen mußten, die einzigen Opfer des Tages, und unter den »Durchgefallenen« gab es weit geschicktere Leute, als viele unter denjenigen waren, die mit fliegenden Fahnen aus dem Kampfe hervorgingen. Ein Umstand ergötzte mich höchlich: als die Kapitäne auf's Verdeck kamen, rief mich der kleine Chili-Essig vor sich und fragte mich, ob ich ein Verwandter von Herrn – – sei; ich erwiederte, er sei mein Oheim. »Gott helfe mir, Sir! das ist ja mein vertrautester Freund. Warum sagten Sie mir's nicht, daß Sie sein Neffe wären?« Ich antwortete mit erkünstelter Demuth, die sehr viel mit Unverschämtheit gemein hatte, »ich hätte es nicht auf seiner Stirne lesen können, daß er meinen Oheim kenne, und wenn ich es auch gewußt hätte, so würde ich zu viel Zartgefühl gehabt haben, um die Sache in einem solchen Augenblicke zu erwähnen, da es nicht nur einen Mangel an Vertrauen auf meine Fähigkeiten verrathen, sondern auch den Verdacht, als wollte ich ihn durch eine solche Mittheilung vom strengen Pfade der Pflicht verlocken, erweckt haben würde, und deßhalb als persönliche Beleidigung hätte aufgenommen werden können.« »Das ist Alles sehr schön und wahr; aber wenn Sie einen ältern Kopf auf Ihren Schultern tragen und etwas bekannter mit unserm Dienste sind, so werden Sie wenigstens eben so viel auf Verbindungen, als auf Verdienste vertrauen lernen; und glauben Sie nur sicher, daß Sie um so besser fahren, wenn Sie ausfindig machen können, daß Sie ein Geschwisterkind des alten Katers der Admiralität sind. Dem sei jedoch, wie ihm wolle, es ist jetzt Alles vorüber; aber richten Sie Ihrem Oheim meine Empfehlungen aus und sagen Sie ihm, Sie hätten Ihre Prüfung auf eine Weise bestanden, die Ihnen sehr viel Ehre mache.« Mit diesen Worten berührte er seinen Hut vor der Sergeantenwache und glitt an der Wand hinunter in sein Gig. Während er das Schiff verließ, sagte ich bei mir selbst: »Verdammt sei dein Affengesicht, du kleiner kaffeebrauner Schurke – dir danke ich es nicht, wenn ich bestanden bin: dein Vater war vermuthlich Hosenflicker beim Kellermeister des ersten Lords der Admiralität, oder du theiltest deine Muttermilch mit einem Lordkammerherrn, sonst wärest du nie Befehlshaber der – – geworden.« Stolz über den Erfolg des Tages warf ich mich Abends in die Mail und erreichte bei Zeiten meine väterliche Wohnung. Mein Empfang war zärtlich und liebreich, aber der Tod hatte während meiner letzten Abwesenheit eine reiche Ernte in unserer Familie gehalten. Mein älterer Bruder und zwei Schwestern waren nach einander zu meiner armen Mutter in den Himmel abgerufen worden, und Alles, was meinem Vater zu seinem Trost noch übrig geblieben, war eine jüngere Schwester und ich. Ich muß gestehen, daß mich mein Vater mit großer Bewegung empfing; sein Gram über den Verlust seiner Kinder, die Gefahren, die ich bestanden hatte, so wie die authentischen Zeugnisse über mein gutes Betragen waren mehr als hinreichend, um alle meine früheren Irrthümer in den Strom der Vergessenheit zu versenken. Er schien, und ich zweifle nicht im Mindesten, er war zärtlicher und stolzer auf mich, als je. Was meine eigenen Gefühle betrifft, so will ich keinen Versuch machen, sie zu verschleiern. Ich bedauerte allerdings den Tod meiner nächsten Verwandten, aber zu der Zeit, als ich die Nachricht davon erhielt, war ich mitten im thätigsten Dienste begriffen. Indem war ich mit dem Tod in allen seinen Gestalten vertraut geworden, und der Trauerfall machte einen so geringen Eindruck auf meinen Geist, daß ich den Faden meiner Erzählung nicht unterbrechen mochte, um von demselben zu reden. Ich schäme mich über einen solchen Mangel an Gefühl; aber dieses Beispiel in meinem eigenen Leben gibt mir die Ueberzeugung, daß unsere Gefühle im Verhältnisse mit der Vergrößerung des uns umgebenden Elendes abgestumpft werden: daß ein Vater, der in Zeiten des Friedens und der häuslichen Ruhe über den Verlust eines Kindes beinahe verzweifeln würde, umringt von Krieg, Pest oder Hungersnoth, zehn seiner Kinder mit verhältnißmäßiger Gleichgültigkeit dahin sterben sehen könnte. Meine Gefühle, die in dieser Beziehung nie sehr reizbar gewesen, waren durch den Gang meines Lebens völlig abgestumpft. Jene freundlichen Erinnerungen, welche mir in einer ruhigen Umgebung einige Thränen zu ihrem Gedächtniß ausgepreßt haben würden, waren jetzt durch die Verwüstung, Zügellosigkeit und Zerstreuung des Krieges verschlungen und aufgezehrt; und soll ich hinzusetzen, daß ich mich leicht mit meinem Verluste aussöhnte, der meinen weltlichen Vortheil so sehr beförderte? Meinen ältesten Bruder hatte ich, wie ich gestehen muß, von Kindheit an mit Eifersucht und Widerwillen betrachtet, und durch das Benehmen meiner Eltern waren diese Gefühle auf eine gewissermaßen unkluge, und zum Theil unüberlegte Weise befestigt worden. In allen Fällen, wo es sich um Vorrang und Auszeichnung handelte, hatte Tom den Vorzug, weil er das älteste war. Dies dünkte mir hart genug, aber wenn er um Pfingsten oder Weihnachten neue Kleider bekam, und seine alten zu meinem Gebrauche zugerichtet wurden, so muß ich redlich bekennen, daß ich ihn zum Teufel wünschte. In ökonomischer Rücksicht mochte dies vielleicht unvermeidlich sein; aber es erzeugte einen Haß gegen ihn in meiner Brust, der mich in meinem kleinen, tückischen Herzen oft Entschuldigungen für Kain's Brudermord finden ließ. Tom war gewiß ein sogenannter »guter Knabe«; er beschmutzte seine Kleider nie, wie ich, der ich stets als ein Wildfang betrachtet wurde, für den Alles gut genug war. Aber wenn ich meinen Bruder mit neuen Kleidern herausgeputzt, und mich wie eine Vogelscheuche mit seinen alten Lappen bedeckt sah, so berufe ich mich auf jedes ehrliebende Gemüth, ob es in der menschlichen Natur lag, andere Gefühle zu nähren, als ich, ohne die Denkungsart eines Engels zu besitzen, auf welche ich nie Anspruch machte, und ich bekenne es aufrichtig, daß ich nicht den fünfzigsten Theil der Thränen über Tom's Tod weinte, welche ich über seine schmutzigen Hosen geweint hatte, die ich anzulegen gezwungen wurde. Was meine Schwestern betrifft, so kannte ich sie zu wenig, um mich viel um sie zu bekümmern; wir waren während der Ferienzeit bei einander, und nachdem wir uns einen Monat lang herumgezankt hatten, trennten wir uns ohne Bedauern. Als ich zur See ging, verschwanden sie ganz aus meinem Gedächtniß, und ich schloß daraus, daß mein Herz nichts dabei verlor; als ich aber erfuhr, daß mir der Tod zwei derselben auf immer geraubt hatte, fühlte ich den unwiderruflichen Verlust. Ich warf mir Kaltsinn und Vernachlässigung vor, und übertrug die Liebe, die ich ihnen versagt hatte, nun in dreifachem Maße auf meine überlebende Schwester. Ehe ich sie bei meiner Rückkehr gesehen hatte, strömte die Fluth der brüderlichen Liebe mit unwiderstehlicher Gewalt auf mich ein. Alles, was ich für die andern hätte thun sollen, vereinigte sich nun in ihr und gewann eine solche Stärke, daß ich mich selbst davon überrascht fühlte. Der Leser dürfte wohl erstaunt sein, wenn nach meinem Besuche im väterlichen Hause meine erste Nachforschung in London nicht der armen Eugenie gegolten hätte, welche ich, und welche mich unter so ganz besondern und Theilnahme erweckenden Umständen verlassen hatte. Indessen kann ich keine großen Ansprüche auf Gewissenhaftigkeit machen, wenn ich diese Pflicht erfüllte. Ohne Zeitverlust ging ich zu ihrem Agenten, aber Alles, was ich durch meine dringendsten Bitten erlangen konnte, war die Mittheilung, daß sie sich wohl befinde, und daß ich jede nicht alles Maß überschreitende Summe bei ihm beziehen könne, daß aber ihr Aufenthaltsort bis auf Weiteres für mich ein Geheimniß bleiben müsse. Da es meinem Vater nicht an Einfluß fehlte, und sich meine Ansprüche auf gute Zeugnisse gründeten, erhielt ich ungefähr vierzehn Tage nach meiner Ankunft in London meine Bestallung als Lieutenant bei Seiner Majestät Flotte; aber weil ich noch keinem Schiffe zugetheilt war, beschloß ich, mein Otium cum dignitate zu genießen und mich für den beschwerlichen Feldzug, den ich kürzlich in Nordamerika gemacht hatte, einigermaßen zu entschädigen. Der Gedanke, daß ich nun etwas sei, entzückte mich. Konnte ich doch jetzt im schlimmsten Falle unabhängig von meinem Vater leben; und nie werde ich es vergessen, daß mir diese Anstellung weit mehr wirkliches Vergnügen machte, als eine der beiden Beförderungen, die mich noch erwarteten. Nicht sobald hatte ich meinen Bestallungsbrief erhalten, als ich meine Gedanken auf meine Emilie richtete; zwei Tage darauf theilte ich meinem Vater meinen Entschluß mit, meinen Besuch in – – Hall zu machen. Er war gerade sehr guter Laune; nach einem trefflichen Mittagessen, das wir tête-à-tête eingenommen hatten, saßen wir bei unserer Flasche Claret. Ich hatte ihm durch die Erzählung einiger meiner letzten Abenteuer sehr viel Unterhaltung gewährt. Bei der Schilderung meiner Gefahr während des Orkans schauderte er; aber meine Querzüge in Quebeck und auf der Prinz-Eduards-Insel erheiterten ihn so sehr, daß er sich vor Lachen die Seiten halten mußte. Jetzt sprach ich von Miß Somerville, und er bemerkte, daß sie sich ohne Zweifel sehr glücklich schätzen würde, mich zu sehen; sie sei jetzt zu einer vollendeten Jungfrau herangewachsen und die Zierde der Grafschaft. Mein Herz pochte bei dieser Nachricht, aber trotz der Wonne, die mich entzückte, nahm ich sie mit anscheinendem Kaltsinne hin. »Sie kann,« sagte ich, in den Zähnen stochernd und im Spiegel eines kleinen, elfenbeinernen Etui's meinen Mund betrachtend – »zu einem hübschen Mädchen herangewachsen sein; sie versprach dies schon, als ich sie das letzte Mal sah, aber seitdem die Blattern durch die Impfung bekämpft worden sind, gibt es viele hübsche Frauenzimmer. Zudem haben die Mädchen schon deßwegen mehr Aussicht auf eine schöne Gestalt, weil sie frische Luft schöpfen dürfen, und nicht mehr den ganzen Tag auf ihren Stuhl fest gebannt sind, um ihre schönen Näschen unter die Zuchtruthe einer französischen Gouvernante auf eine französische Grammatik niederzubeugen.« Warum ich mir so viel Mühe gab, den wahren Zustand meines Herzens vor dem besten der Väter zu verbergen, weiß ich nicht, es müßte denn die Gewohnheit gewesen sein, die mir den Betrug weit näher legte, als die Aufrichtigkeit; wenigstens konnte mir die Neigung zu diesem schönen und tugendhaften Wesen über nichts anderes das Blut in die Wangen treiben, als über meine Verdorbenheit, die mich des Besitzes einer solchen Vortrefflichkeit unwürdig machte. Mein Vater verrieth den Mißmuth getäuschter Erwartung in seiner Miene. Ich erfuhr nachher, daß seit meines Bruders Tode eine Vermählung mit Emilien zwischen ihm und Herrn Somerville besprochen und festgesetzt worden war, und daß sie nur so lange verschoben werden sollte, bis ich den Kapitänsrang erlangt haben würde; indessen war dabei vorausgesetzt, daß wir beide damit übereinstimmten. »Ich glaubte, du hegtest in dieser Beziehung tiefere Gefühle?« »Tiefere Gefühle, Sir?« wiederholte ich mit der Miene des Erstaunens. »Ich hege zwar die größte Achtung vor Miß Somerville, aber ich hoffe, daß kleine Aufmerksamkeiten von meiner Seite nicht als Beweise von Liebe ausgelegt wurden. Ich habe ihr nicht mehr Aufmerksamkeit erzeigt, als jedem schönen Mädchen, das ich kennen lernte.« (Dies war richtig, nur zu richtig.) »Gut, gut,« sagte mein Vater, »es war ein Mißverständniß von mir.« Damit ließen wir das Gespräch über diesen Gegenstand fallen. Es ergab sich, daß Herr Somerville und mein Vater, nach geschehener Anordnung und nach meinem Abgang auf die amerikanische Station, eine Unterredung mit einander gehabt hatten, worin Herr Somerville meinem Vater eröffnete, daß ihm seine Tochter, auf seine Frage nach unserm Verhältnis, aufrichtig gestanden habe, ich sei ihr nicht gleichgültig, wobei sie mit hohem Erröthen hinzugesetzt, ich habe mir eine Haarlocke von ihr ausgebeten und erhalten. Dies sagte Herr Somerville meinem Vater im Vertrauen, und dieser hatte also kein Recht, es mir mitzutheilen; doch erklärt sich sein Erstaunen über meine scheinbare Gleichgültigkeit hinlänglich daraus, denn die beiden würdigen Väter hatten sich natürlich zum Schlusse berechtigt geglaubt, daß wir mit einer Vermählung einverstanden seien. Bestürzt und verwirrt über meine Aeußerung, wußte mein Vater nicht, wessen Wahrhaftigkeit er bezweifeln sollte; aber er hatte Herzensgüte genug, um meiner Zweideutigkeit ein Mißverständniß zu Grunde zu legen, weil er mich nicht gerne für denselben flatterhaften und leichtsinnigen Menschen hielt, der ich früher gewesen war; und er glaubte es seiner Ehre schuldig zu sein, Herrn Somerville den Inhalt unseres Gespräches mitzutheilen. Nicht sobald hatte dieser sein Schreiben erhalten, als er es Emilien einhändigte – eine sehr empfehlende Art von Avantcourier für einen Liebhaber nach einer Abwesenheit von drei vollen Jahren. Voll glühender Sehnsucht, das holde Mädchen zu sehen, zu welcher sich mein Herz mit einer weit innigeren Zuneigung hingezogen fühlte, als ich je geahnet hatte, kam ich in der Halle an. Ich sprang aus dem Gefährt und flog in das Unterhaltungszimmer, wo sie gewöhnlich ihren Morgen zubrachte. Damals stand ich in meinem zweiundzwanzigsten Jahre; meine Gestalt war entschieden schön zu nennen, mein Gesicht von der Art, wie es die meisten Weiber bewundern, meine persönlichen Vortheile hatte ich durch die äußerste Sorgfalt, die ich auf meine Kleider verwandte, erhöht; meine Sitten hatte der Umgang mit den schönen Arkadierinnen ungemein verfeinert, und ich hatte von dem rohen Wesen eines Seemannes gerade nur so viel, daß es der Rinde des Portweins glich, welche ihm die angenehme Blume gibt; meine Züge waren eben so offen und redlich, als mein Herz voll Trug und Tücke. Emilie erhob sich mit großer Aufregung und im Augenblicke hatte ich sie mit meinen Armen umschlungen; allein die Bewegung war von ihrer Seite keine freiwillige, sondern ging einzig und allein von mir aus. Sie suchte sich mir zu entziehen, und nur für einen Augenblick schien sie die verhängnißvolle Mittheilung vergessen zu haben, die sie erst vor zwei Stunden von ihrem Vater erhalten hatte. Weil sie es nicht verhindern konnte, gestattete sie mir, sie an's Herz zu drücken, indessen hatte sie ihre Geistesgegenwart bald wieder gewonnen, und sich sanft aus meinen Armen wendend, machte sie ihren Gefühlen in einer heiligen Fluth von Thränen Luft. Ich dachte im Augenblicke nicht an das Gespräch mit meinem Vater, und noch entfernter lag mir die Vermuthung, daß Emilie damit bekannt gemacht worden sei; deßhalb muß ich gestehen, daß mich dieser Empfang nicht wenig überraschte. Meine Liebkosungen wurden zurückgestoßen, als kämen sie von einer Person, die durchaus nicht berechtigt wäre, sich eine solche Freiheit herauszunehmen. Sie nannte mich sogar nicht mehr Frank, sondern Herr Mildmay. »Was soll das alles bedeuten, meine theuerste Emilie?« fragte ich. »Wie soll ich mir das nach einer so langen Abwesenheit erklären? Was kann ich gethan haben, um eine so große Veränderung in Ihren Gesinnungen hervorzubringen. Ist dies der Lohn der Liebe und Beständigkeit – habe ich dieses theure Unterpfand Ihrer Zuneigung deshalb in Sturm und Schlacht auf dem Herzen getragen, um bei meiner Rückkehr, wie ein Elender, verstoßen zu werden?« Ich fühlte, daß ich das größte Recht hatte, mich mit meiner Beständigkeit zu brüsten, denn meine Tändeleien in Halifax und Quebeck waren mit dieser Erklärung durchaus nicht unverträglich. Das schöne Geschlecht wird über diese Behauptung staunen, aber sie ist nichts desto weniger wahr. Emilie war mir, was dem Holländer sein bester Anker – er ließ ihn zu Hause, um ihn nicht zu verlieren; in den verschiedenen Häfen bediente er sich anderer Anker, welche seinem Zwecke so ziemlich entsprachen; aber diesen, seinen besten Schatz, wandte er nur in dem Nieudeep an, nachdem er allen Gefahren und allem Triebsande entfernter Küsten entgangen war. Dies war Emilie mir. An sie dachte ich, als ich im Rachen des Haifisches war; an sie dachte ich, als ich im Orkane das Takelwerk erstieg; an sie dachte ich, als mich die Prüfungskapitäne bis zum Wahnsinne quälten; Alles, Alles, was ich an Ruhm gewinnen konnte, war für sie. Warum aber verläugnete ich sie, gleich einem Verräther? Ich vermag mir keinen andern Grund zu denken, als jene endlose Liebe zu Trug und Heuchelei, welche mit mir groß geworden war. Madame Staël hat die Liebe eine Episode im Leben des Mannes genannt, und sie hat in dieser Beziehung Recht. Es gibt im Leben eben so viele Episoden, als in Novellen und Romanen, aber wenn sie auch unsere Aufmerksamkeit auf einige Zeit zerstreuen oder vom Hauptgegenstand ablenken, so zerreißen sie doch den eigentlichen Faden der Geschichte nicht. Man muß zwischen Leidenschaft und Liebe unterscheiden. Für Eugenien fühlte ich Leidenschaft, für Emilie Liebe; denn ob ich gleich durch meine eigenen Ueberredungskünste und flehentlichen Bitten Eugeniens Gewissenszweifel überwältigt hatte; ob es gleich blos ihre Liebe war, was ihr nicht erlaubte, mir nichts, gar nichts, nicht einmal das Opfer ihrer selbst zu versagen, so war sie doch in den Augen der Gesellschaft gefallen, und demjenigen, was nicht mehr für rein anerkannt wurde, konnte ich keine reine und heilige Liebe weihen. Ich war undankbar genug, mich auf diese Weise dem herzlosen Urtheile der Welt anzuschmiegen. Emilie war im Heiligthume der Sittsamkeit und besaß alle Talente und eben so große, wo nicht größere Reize, die zudem noch von Rang und Verbindungen geschützt waren. Sie war eine Blume, welche sicher auf dem Stengel der Tugend blühte, und schon der Versuch, sie pflücken zu wollen, wäre Gotteslästerung gewesen, ja, er hätte an Wahnsinn gekränzt, da ihm durchaus alle Hoffnung auf Erfolg mangelte. Jedes meiner Gefühle, das sich an Emilien knüpfte, war rein, und zwar schon aus Selbstsucht. Um keine Welt hätte ich sie beleidigen mögen, weil ich durch Zerstörung ihres Seelenfriedens meinen eigenen für immer verscheucht hätte. Wenn ich an unsere endliche Verbindung dachte, erröthete ich über meine innere Werthlosigkeit, und sehnte mich nach dem Tage, wo ich durch Reue und Besserung würdig gemacht würde, sie zum Altare zu führen. Ich hatte keine Zeit, diese Betrachtungen weiter zu verfolgen. Emilie hörte die Berufung auf meine Liebe und Beständigkeit, erhob sich auf die würdevollste Weise von ihrem Sitze und redete mich in der gebieterischen Sprache der beleidigten Unschuld und des Bewußtseins der Tugend also an: »Ich hoffe, Sir, daß ich zu redlich bin, um Sie oder irgend Jemand täuschen zu wollen; auch habe ich nichts gethan, dessen ich mich zu schämen hätte. Welche Gründe ich immer auch haben mag, mein falsch angewendetes Vertrauen zu bereuen, so will ich doch kein Geheimniß aus der Ursache machen, die mich jetzt nöthigt, meine Meinung von Ihnen zu ändern: Sie werden sie in diesem Papiere klar auseinandergesetzt finden.« Mit diesen Worten reichte sie mir einen Brief, den mein Vater an Herrn Somerville geschrieben hatte. Im Augenblicke war das Geheimniß enthüllt, und der Beweis meiner Schuld flammte mir, wie der Pulverblitz einer Muskete, in die Augen. Schuldig und durch das klarste Zeugniß überwiesen, blieb mir nichts übrig, als mich an ihre Gnade zu wenden; aber während ich noch unentschlossen dastand und nicht wußte, was ich thun sollte, trat Herr Somerville ein und bewillkommte mich mit freundlicher, aber kalter Gastfreiheit. Emiliens Thränen und meines Vaters Brief in ihrer Hand, sagten ihm, daß ein Eclaircissement Statt gefunden hatte oder bevorstand. In dieser Lage wäre Aufrichtigkeit und ein redliches Geständniß, daß ich meine Leidenschaft nur aus falscher Scham meinem Vater verborgen hätte, ohne Zweifel meine erste Zuflucht gewesen; aber mein höchst zuverlässiger Freund, der Teufel, lieh mir seinen Beistand und sprach von Betrug oder Verlängerung der Kette, an die er mich schon so lang gefesselt hielt, indem er sich alle Mühe gab, auch nicht ein einziges Glied derselben ausbrechen zu lassen; und zum Glücke für mich entsprach dieser Plan damals meinen Zwecken besser, als Aufrichtigkeit. »Ich muß bekennen, Sir,« begann ich, »daß der Schein gegen mich spricht. Ich habe nur die einzige Hoffnung, daß Sie mir ein geduldiges Ohr schenken, während ich Ihnen den Thatbestand auseinander setze. Erlauben Sie mir vorerst die Bemerkung, daß meines Vaters Folgerungen durch das Gespräch, welches zwischen uns Statt hatte, kaum begründet sind; und wenn Sie vor allem bedenken wollen, daß dieses Gespräch aus der Eröffnung meines Wunsches und meiner Absicht hervorging, Sie zu besuchen, und Ihrer Tochter das während meiner langen Abwesenheit mit so großer Sorgfalt bewahrte Andenken zu zeigen, so müssen Sie zwar auf den Gedanken kommen, daß in meinem Betragen eine schwer zu erklärende Ungleichheit liegt; aber ich hege das Vertrauen, daß im Hintergrunde aller dieser Irrgänge und Labyrinthe Wahrheit und Beständigkeit gefunden werden wird. Sie lachen wahrscheinlich über mich, aber die Lobsprüche meines Vaters, die er so verschwenderisch über Miß Somerville aussprach, machten meine Eifersucht rege, und weil ich nicht voraussetzte, daß er von meiner Neigung wisse, stieg die Besorgniß in mir auf, als könnte er selbst Absichten auf sie haben. Er ist Wittwer, erfreut sich einer guten Gesundheit und ist noch nicht sehr bei Jahren; es schien mir, als warte er nur auf meine Bewunderung, seine Wahl zu rechtfertigen und mir und meiner Schwester eine Stiefmutter zuzuführen. Ich stand zwischen der Liebe der Miß Somerville und der Achtung vor meinem Vater, und wußte kaum, wie ich mich benehmen sollte. Mit Beschämung gestehe ich es, daß ich einen Augenblick eifersüchtig auf meinen Vater war, aber von der irrigen Voraussetzung seiner Neigung zu dem einzigen Gegenstände meiner Bewunderung gepeinigt, konnte ich mich nicht entschließen, eine Erklärung herbeizuführen, in welcher ich den Grund einer Erneuerung unserer Mißverständnisse und das unüberwindlichste Hinderniß einer künftigen Versöhnung fürchtete. Dieser Gedanke brannte in meinem Gehirn und trieb die ermatteten Postpferde zur größten Eile an. Wenn Sie die Postillone fragen wollen, so werden sie Ihnen sagen, daß ich auf dem ganzen Wege von der Stadt mit einem spanischen Dollar an das Wagenfenster schlug, um sie anzuspornen. Ich fürchtete, mein Vater möchte mir den Vorsprung abgewinnen, und die geschäftige Einbildungskraft malte ihn meinem erhitzten Gehirn immer in der Stellung, wie er zu den Füßen meiner geliebten Emilie lag. Verdammen Sie mich deshalb nicht zu streng, gönnen Sie mir vielmehr jenes nachsichtige Urtheil, welches Sie damals über mich fassten, als ich das hohe Glück genoß, Ihre Bekanntschaft zu machen.« Die letzte Aeußerung erinnerte auf eine zarte Weise an den Auftritt im Gasthofe und an die Umstände, unter denen ich ihnen zuerst vorgestellt wurde. Die Rechtfertigung war nicht übel, es fehlte ihr nur eine einfache Eigenschaft, um vortrefflich zu sein: die Wahrheit. Aber da die Richter schon zum Voraus zu Gunsten des Gefangenen gestimmt waren, wurde ich freigesprochen und ermahnt, in Zukunft vorsichtiger zu sein. Die Versöhnung entlockte meiner geliebten Emilie noch einige weitere Thränen, und bald darauf schlüpfte sie aus dem Zimmer, um sich von ihrer Aufwallung zu erholen. Als ich mit Herrn Somerville allein war, theilte er mir die harmlose Verschwörung mit, welche zu einer Verbindung zwischen seiner Tochter und mir angezettelt worden war. Wie wahr ist es, daß ein Mißverständniß zwischen den Liebenden die Erneuerung der Liebe ist! Ich küßte die schöne weiße Hand, die mir Emilie reichte, mit um so größerem Entzücken, weil ich gefürchtet hatte, sie für immer zu verlieren. Niemand freut sich der Genüsse eines sicheren Hafens, als wer von Stürmen umhergeworfen wurde und in Gefahr schwebte, Schiffbruch zu leiden. Dieser Mittag und Abend gehörten zu den glücklichsten, deren ich mich erinnern kann. Nur kurze Zeit saßen wir bei unserem Weine, denn ich zog es vor, der Gebieterin meines Herzens in das kleine Besuchzimmer zu folgen, wo Thee und Kaffee zubereitet wurden, und wo sich die musikalischen Instrumente befanden. Emilie spielte und sang, und ich begleitete sie. Alle Uhren im ganzen Hause, glaubte ich, gingen wenigstens um drei Stunden vor, denn ehe ich daran dachte, schlug es zwölf Uhr, und man gab das Zeichen zum Rückzug. Nicht sobald hatte ich mein Haupt niedergelegt, als ich mich wegen meiner Doppelzüngigkeit zu einer strengen Rechenschaft zog; denn man mag sagen, was man will, das Gewissen ist, ich weiß nicht, wie es kommt, ein höchst schwer zu befriedigender Gläubiger. Einer Schneidersrechnung kann man durch die Ueberfahrt über den Kanal entgehen, aber die Mahnungen des Gewissens verfolgen uns bis zu den Antipoden und lassen sich nicht abweisen. Ich führte die Vorfälle des Tages an meinem Geiste vorüber und bedachte, daß ich auf dem Punkte gestanden hatte, durch eine eben so unnöthige, als unverantwortliche Lüge und Doppelzüngigkeit meine Emilie zu verlieren. Früher oder später mußte diese Seite meines Charakters offenbar werden, und Schmach und Strafe mich in das tiefste Verderben stürzen. Der Erfolg, den ich bis jetzt errungen hatte, kam in Vergleich mit der Gefahr, in welcher ich schwebte, dieses liebenswürdige Mädchen und die Achtung ihres Vaters zu verlieren, gar nicht in Anschlag, deßhalb gelobte ich mir um ihretwillen, dieses höllische System für immer aufzugeben. Ich erwähne dies um so ausdrücklicher, als es das erste gesunde Symptom von Besserung war, welches ich entdeckt hatte; und das ich, wenigstens in so weit es Gewohnheit und Beruf gestattete, so lange als möglich festzuhalten suchte. Ich vergaß damals, daß Aufrichtigkeit nothwendig Tugend erforderte; wenn wir nicht schlecht handeln, haben wir keinen Grund etwas zu verheimlichen. Herr Somerville erklärte meinem Vater mein Betragen in einem Briefe, und dieser bemerkte in seinem Antwortschreiben, ich müsse wenigstens wahnsinnig geworden sein. Dagegen hatte ich nichts einzuwenden, indem ich die Worte Shakspeare's anführte – »Der Rasende, der Liebende, der Dichter u.s.w.« Wenn ich mich nur einmal herausgewunden hatte, bekümmerte ich mich wenig darum, was man von meinem Verstande dachte. Die Tage auf dem Landsitze flogen, wie alle Tage glücklicher Liebenden, mit rascher Eile dahin. Je öfter ich Emilie sah, desto fester schmiedete sie meine Ketten. Ich war ihr Sclave; aber was das Beste dabei – ich bekehrte mich zur Tugend, weil sie tugendhaft war, und weil ich wußte, daß ich ihr, um ihren Besitz zu erlangen, so ähnlich werden mußte, als es mein verdorbenes Herz und meine ungeregelten Gewohnheiten gestatteten. Mit Scham und Zerknirschung blickte ich auf meine Vergangenheit zurück. Wenn ich das holde, liebenswürdige Wesen Sonntags in die Kirche begleitete und voll Andacht vor ihrem Schöpfer knieen sah, erschien sie mir wie ein Engel, und ich glaubte mich durch ihre Nähe in den Himmel versetzt. Durch ihr Beispiel und ihre Gegenwart schienen alle meine Gedanken und Empfindungen verändert und veredelt, und die Funken der Religion, die so lange unter der Asche weltlicher Verderbniß und Ungläubigkeit begraben waren, glimmten auf's Neue. Ich rief mir meine geliebte Mutter und die Bibel wieder in's Gedächtniß, und wäre mir gestattet gewesen, länger unter der Obhut meiner Erzieherin zu weilen, so zweifle ich nicht, daß ich die Reinheit meines Herzens, wie meiner Sitten, wieder gewonnen haben würde. Dem Laster und der Thorheit hätte ich Lebewohl gesagt, weil sie mit Emilien nicht unter demselben Dache wohnen konnten; und Bibel und Religion hätte ich liebgewonnen, weil sie von ihr geliebt wurden: aber mein unglückliches Schicksal führte mich auf eine andere Bahn. Sechzehntes Kapitel. Seine Flammenwangen strafen Seine glatte Zunge Lügen; Aus den Schwachen macht er Sclaven, Um dem Starken sich zu fügen. Shelly Sobald mein Vater meine Beförderung erlangt hatte, suchte er auch um eine Anstellung für mich nach, und nachdem er von der Admiralität das Versprechen ausgewirkt, wurde dieses im Widerspruche gegen tausend ihm vorangegangene und nachfolgende nur zu schnell erfüllt. Ich erhielt einen Brief von meinem Vater und mit derselben Post ein dringendes Schreiben von der Admiralität, welches mir eine Anstellung auf der Achtzehn-Kanonen-Brigg D – – – zu Portsmouth meldete und mir befahl, alsbald an Bord zu gehen und meinen Dienst anzutreten. Bald nachher fand ich, daß hier geheime Triebfedern gewirkt hatten, die ich aus Mangel an Erfahrung damals nicht gewahrte; die weisen Köpfe der beiden Papa's waren darin überein gekommen, daß eine Trennung zwischen beiden Liebenden unumgänglich nothwendig, und eine lange Zögerung für beide verderblich sei; kurz, daß von einer Vermählung keine Rede sein könne, bis ich meinen Rang erlangt haben würde. Da der Leser ohne Zweifel mit der ganzen Sprache scheidender Liebenden vertraut ist, will ich seine Geduld nicht mit einer Wiederholung dessen prüfen, was schon zu oft wiederholt und dem Prinzen, wie dem Ackerknechte gleich bekannt ist. Ich könnte ebenso leicht auf den Gedanken kommen, des Teufels Punschbowle auf der Straße nach Portsmouth zu beschreiben, wo ich zwei Tage nach meiner Anstellung eintraf. Ich stieg natürlich bei Herrn Billett im George ab, weil dies der Versammlungsort der Flottenaristokratie war und dem Admiralitäts-Büreau gegenüber lag. Die erste Person, welcher meine freundlichen Erkundigungen galten, war der Kapitän, den mir das Schicksal zugetheilt hatte, aber er herbergte nicht bei seinen Epaulettenbrüdern. Er wohnte nicht im George und speiste nicht in der Krone; er war nicht im Brunnen und nicht im Parade-Kaffee; auch die blauen Pfosten wußten nichts von ihm, aber im Stern am äußersten Ende von Portsmouthspitze konnte man von ihm hören. Doch auch dort wohnte er nicht; er blieb gewöhnlich an Bord. Das bedeutet nichts Gutes, dachte ich: mir gefallen die Kapitäne nicht, welche im Hafen an Bord bleiben; kein Schiff kann sich behaglich fühlen, denn man kann nicht thun, was man will, und darin besteht doch das eigentliche Leben eines Kriegsschiffes im Hafen. Ich ging in den Stern und fragte nach Kapitän G. Indessen hoffte ich nicht, ihn hier zu finden, denn seit undenklichen Zeiten ist dieses Haus der Sammelplatz der Unteroffiziere, Gehülfen und Midshipmen. Und dennoch war er hier. Ich schickte meine Karte hinauf und wurde vorgelassen. Er saß in einem kleinen Gemach und hatte ein Glas Grog, oder wenigstens die Ueberbleibsel eines solchen vor sich. Seine Füße ruhten auf dem Kamingitter, und auf dem Tische lagen verschiedene amtliche Schreiben, die er diesen Morgen erhalten hatte. Bei meinem Eintritt erhob er sich und zeigte mir einen kurzen, stämmigen Körperbau mit einer hübschen Vorlage, welche die Spanier bariga nennen. Diese Rundung wurde jedoch von einem so schönen Paar Atlasbeinen getragen, als je ein Sänftenträger in Bath führte. Sein Gesicht streifte an Schönheit, seine Züge waren regelmäßig, und auf seinen Lippen spielte ein gefälliges Lächeln, während sein Kinn mit einem tiefen Grübchen geschmückt war. Aber der merkwürdigste Theil seines Antlitzes war sein Auge; es war klein, aber durchdringend und schien das langgesuchte Disideratum einer unaufhörlichen Bewegung zu besitzen, denn es war ihm rein unmöglich, es auch nur einen Augenblick lang auf einen und denselben Gegenstand zu heften; dabei hatte er einen lauernden Ausdruck, den ich trotz meiner physiognomischen Kenntnisse nicht zu entziffern vermochte. »Herr Mildmay,« sagte mein Vorgesetzter, »ich schätze mich außerordentlich glücklich, Sie zu sehen, und es freut mich um so mehr, weil Sie auf meinem Schiffe angestellt sind. Wollen Sie sich setzen?« Als ich gehorchte, wandte er sich um und rieb sich die Hände, wie wenn er eben eine Seife weggelegt hätte; dann fuhr er fort: »Ich mache es mir stets zur Regel, bei meinen Kollegen Erkundigungen über den Charakter eines Offiziers einzuziehen, der zu mir an Bord kommen soll; es ist dies eine Vorsichtsmaßregel, die ich ergreife, weil ich der Ansicht bin, daß das Sprüchwort: \>ein räudiges Schaf (?).\< genau auf unseren Dienst anwendbar ist. Ich will gute Offiziere und vollendete Gentlemen um mich haben. Es gibt ohne Zweifel eine Menge Offiziere, die ihren Dienst auf's Beste verrichten und sich nicht das Mindeste zu Schulden kommen lassen, aber es gibt eine gewisse Art, seine Pflicht zu thun – ein modus in rebus , den sich nur der Gentleman eigen zu machen weiß; rohe Sitten, Flüche und Schimpfreden erregen Unzufriedenheit unter der Mannschaft, entehren den Dienst und sind deßhalb im zweiten Kriegsartikel weislich verboten. Unter solchen Offizieren arbeiten die Matrosen stets nur mit Widerwillen. Ich habe mir die Freiheit genommen, einige Erkundigungen über Sie einzuziehen, und kann nur so viel sagen, daß Ihnen Alles, was ich gehört habe, zur Ehre gereicht. Ich zweifle nicht, daß wir gut zu einander passen werden, und Sie können versichert sein, daß ich mir Mühe geben werde, es Ihnen so behaglich als möglich zu machen.« Diese ebenso verständige, als höfliche Anrede erwiederte ich durch eine entsprechende Antwort. Dann eröffnete er mir, er wolle in den nächsten Tagen unter Segel gehen; der Offizier, den ich ersetzen solle, habe seinen Wünschen nicht durchaus entsprochen, wiewohl er ihn für einen höchst würdigen jungen Mann halte; in Folge dessen habe er eine andere Anstellung für ihn gesucht und erhalten, welche er sogleich antreten müsse; aber natürlich sei es nöthig, daß ich ihn zuvor ablöse. »Deßhalb,« fuhr er fort, »halte ich es für's Beste, Sie kommen Morgen früh um neun Uhr an Bord, damit ich Ihre Anstellung verlese, und nachdem dies geschehen ist, ersuche ich Sie, sich auf einige Tage als Ihren eigenen Herrn zu betrachten, da ich vermuthe, daß Sie noch einige kleine Anordnungen zu treffen haben, bevor wir unter Segel gehen. Ich weiß,« setzte er mit einem höchst gütigen Lächeln hinzu, »daß es viele kleine Bequemlichkeiten gibt, welche sich die Offiziere wünschen, wie z. B. die Einrichtung ihrer Kajüten, die Sorge für ihren Tisch und tausend andere namenlose Dinge, welche dazu beitragen, die Zeit zu kürzen und die Einförmigkeit des Seelebens zu unterbrechen. Seit vierzig Jahren schreite ich als Knabe und Mann auf den Planken des Königs einher, ob ich es gleich noch nicht weit gebracht habe, wie Sie aus dem Range, den ich begleite, und aus dem Leben, das ich führe, ersehen können. Anstatt mit meinen Kollegen in der Krone Claret zu trinken, sitze ich hier bei einem bescheidenen Glas Grog; aber ich habe zwei Schwestern zu unterstützen, und die Erfüllung meiner Bruderpflicht macht mir mehr Freude, als die Befriedigung meines Appetits, wiewohl ich auch ein Glas Claret nicht ausschlage, wenn es nicht in abschreckender Gestalt vor mir erscheint, d. h. wenn ich nicht dafür zu bezahlen habe, weil ich es nicht aufbringen kann. Jetzt bitte ich Sie, Ihre Zeit nicht länger zu verschwenden. Sie haben ohne Zweifel eine Menge Bekannte, die Sie noch zu sprechen wünschen, und was meine Fäden betrifft, so kann ich die ein andermal spinnen, um uns eine Wache zu kürzen, wenn wir sonst keine bessere Unterhaltung finden können. Mit diesen Worten reichte er mir seine Hand und drückte die meinige herzlich. »Morgen um neun Uhr,« wiederholte er, und sehr zufrieden mit unserer Unterredung verließ ich ihn. Ich ging in meinen Gasthof zurück und pries mich glücklich, bei meiner ersten Anstellung einen so redlichen, biedern, freimüthigen britischen Helden und Kapitän gefunden zu haben. Vor allem bestellte ich mein Mittagessen im George und streifte dann in der Stadt umher, um meine Einkäufe zu besorgen und einige Artikel für den Seedienst zu bestellen. Ich traf einige meiner früheren Tischgenossen; sie wünschten mir zu meiner Beförderung Glück, und meinten, ich müsse ihnen einen Schmaus geben, um mein Patent einzuweihen, was ich gern bewilligte; der Tag wurde festgesetzt und die Mahlzeit bei Herrn Billet bestellt. Nachdem ich allein gespeist hatte, schrieb ich meiner geliebten Emilie einen langen Brief, und unter dem Beistande einer Flasche Wein gelang es mir, ein ziemlich warmes und zärtliches Dokument abzufassen, welches ich siegelte, küßte und auf die Post sandte. Hierauf baute ich Schlösser in die Luft, bis die Zeit zum Schlafengehen heranrückte; in jedem derselben war Emilie die alleinige Gebieterin. Ich ging zu Bett und »that einen gesunden Schlaf.« Am andern Morgen um sieben Uhr war ich bereits mit einer funkelnagelneuen Uniform aufgeputzt, und eine ungeheure Epaulette paradirte auf meiner rechten Schulter. Nach eingenommenem Frühstück verließ ich meinen Gasthof und hielt mich für einen so schönen Burschen, als je einer mit einer Degenkoppel umgürtet war. Leichten und kühnen Fußes schritt ich Highstreet hinunter. »Boot, Euer Gnaden?« rief ein Dutzend Stimmen auf einmal, als ich New-Sallyport erreichte; aber ich hatte beschlossen, daß Pointstreet eben sowohl mit meinem Anblicke beglückt werden sollte, als Highstreet. Ich beobachtete ein tiefes, geheimnißvolles Schweigen, und die Kahnführer folgten mir nach Point, wie ebenso viele Saugfische einem Hay. Unterwegs wurden mir zwei oder drei Anerbietungen zu freiwilligem Dienste unter mir gemacht, aber die Leute waren nicht vom rechten Schlag, weßhalb ich sie von mir wies. »Boot nach Spithead, Euer Gnaden?« fragte ein ergrauter Schiffmann. »Ja, das will ich!« rief ich, und sprang in den Kahn. Wir stießen ab. »Zu welchem Schiffe, Ihr Gnaden?« fragte der Mann. »Zu der Brigg D ...« »So, dahin wollen Sie? Gehören Sie vielleicht zu diesem Schiffe?« »Ja,« erwiederte ich. Der Kahnführer seufzte, setzte sein Ruder ein und wir sprachen kein Wort mehr, bis wir an's Schiff kamen. Ich bedauerte sein Schweigen nicht; denn es war mir von jeher lieber, mich mit meinen Gedanken zu beschäftigen, als mit ungebildeten Leuten zu reden. Die Brigg war ein sehr schönes Fahrzeug; sie führte achtzehn Kanonen und saß auf dem Wasser, wie eine Ente. Ich sah den Strafwimpel aufgezogen: ein ungewöhnlicher Anblick zu Spithead; es muß ein schweres Verbrechen, vielleicht Diebstahl oder Meuterei vorgekommen sein. Die Leute sahen, daß ich ein Offizier war, und gestatteten mir die Anfahrt. Ich bezahlte den Kahnführer und entließ ihn. Als ich an der Schiffswand hinanklimmte, sah ich einen armen Teufel »nach den Sitten und Gebräuchen der Eingeborenen« am Gitter ausgestreckt, während Kapitän, Offiziere und Mannschaft als Zeugen der athletischen Gewandtheit eines Bootsmannsgehülfen umherstanden, der nach den ebenmäßigen, gleichlaufenden und tiefen Spuren seiner Katze auf dem weißen Rücken und Schulterblatte vollkommen Meister seines Geschäfts schien. Dies alles überraschte mich nicht, denn ich war daran gewöhnt; aber nach der Rede, die ich am vorhergehenden Tage vom Kapitän gehört hatte, überraschte mich die Sprache, die ich jetzt vernehmen mußte, und die eine unmittelbare Verletzung des zweiten Kriegsartikels war. Flüche und Verwünschungen strömten mit einer Geläufigkeit über seine Lippen, an welcher sich die vollendetste Dame der Halle nicht zu schämen gehabt hätte. »Bootsmannsgehülfe,« brüllte der Kapitän, »thut Eure Schuldigkeit, oder bei Gott ich lasse Euch binden und vier Dutzend aufmessen. Verfluchter Hurensohn, man sollte glauben, Ihr wedelt Fliegen von einer schlafenden Venus, statt einen Halunken zu züchtigen, der ein Fell hat, wie ein Büffelochse, Gott verdamme ihn – thut Eure Pflicht, Bursche, verflucht sei Eure Seele.« Während dieser zierlichen Anrede hatte der unglückliche Verbrecher vier Dutzend furchtbarer Hiebe erhalten, welche der Geschützmeister laut herzählte und dem Kapitän angab. »Ein anderer Bootsmannsgehülfe!« rief er. Mit einem flehenden Blicke drehte der Gepeinigte seinen Kopf über die Schultern, aber es war vergeblich. Ich beobachtete das Gesicht des Kapitäns, und jenen besonderen Ausdruck, den ich bei unserem ersten Zusammentreffen nicht zu entziffern vermocht hatte, konnte ich jetzt deutlich lesen. Es war teuflische Grausamkeit und Lust an der Marter seiner Mitmenschen. Er schien an der gehässigen Operation, die wir mit ansehen mußten, ein entsetzliches Vergnügen zu finden. Der zweite Bootsmannsgehülfe erschien mit einer frischen Katze und versetzte dem Gefangenen einen Streich über den Rücken, der mir das Blut erstarren machte. »Eins,« rief der Geschützmeister, mit dem Zählen begriffen. »Eins!« brüllte der Kapitän; »nennt ihr das eins? nicht ein Viertel ist's. Der Bursche taugt zu nichts, als zu einem Fliegenwehrer an einer Fleischbude! Zum Teufel mit Euch, verdammtes Milchgesicht; heißt das eine Katze führen, wenn Ihr ihm nur den Staub von dem Rücken wischet? Wo ist der Bootsmann?« »Hier,« rief ein vierschrötiger, riesenhafter, linkhändiger Bursche mit einem großen blauen Uniformsrocke und einem einfachen Ankerknopfe, der mit dem Hut in der Linken vortrat, indem er sich mit der Rechten das Haar aus der Stirne strich. Ich betrachtete diesen Mann, als er sich umwandte, und zog den Schluß, daß sein Schneider mit einer Probe seiner Kunst bedroht worden wäre, wenn er ihn im Tuche verkürzt hätte, denn seine Rockschöße waren außerordentlich breit und endeten in eine geneigte Ebene, indem die vorderen Ecken weit niederer waren, als der hintere Theil des Rockes; die Knöpfe an der Taille waren beinahe eine Pistolenschußweite von einander entfernt. »Gebt dem Burschen ein Dutzend, sagte Kapitän G., »und wenn Ihr ihn begünstiget, so stecke ich Euch ein und lasse Euch keinen Branntwein verabreichen.« Der zweite Theil der Drohung brachte bei Herrn Pipes eine größere Wirkung hervor, als der erste. Er schalte sich, wie die Boxer sagen, d. h. er legte seinen ungeheuren Rock ab, zog eine rothe Weste aus, welche für einen Ochsen auf dem Smiethfeldmarkte Raum genug gehabt hätte, knöpfte dann eine schwarzseidene Halsbinde los und zeigte eine Kehle, die, wie bei einer Ziege mit langen braunen Haaren, so dick wie Packfäden bedeckt war. Hierauf stülpte er seine Hemdärmel über die Ellbogen und zeigte einen Arm, wie der farnesische Herkules, den ohne Zweifel meine sämmtlichen Leser am Fuße der Treppe von Somersethouse gesehen haben, wenn sie bei der Ausstellung zugegen gewesen sind. Dieser hoffnungsvolle Ausleger der Kriegsartikel ergriff seine Katze, deren Stiel zwei Fuß lang, sieben Viertelfuß dick, und mit rothem Wollenzeug überzogen war. Die furchtbare Waffe hat neun Schwänze, von denen jeder drei Fuß maß und die Stärke der Schnüre hatte, womit die Federn eines Reisewagens umwickelt sind. Herr Pipes, dessen scientivische Kenntnisse in diesem Theile seines Berufes ihm ohne Zweifel die Stelle eines Bootsmanns verschafft hatten, kraft welcher er jetzt als Rächer der Gesetze seines Vaterlandes dastand, handhabte seine Katze wie ein Adept. Er betrachtete sie von oben bis unten, kämmte ihre Schwänze mit seinen zarten Fingern, streckte sein linkes Bein vor – denn er war eben sowohl linkbeinig, als linkhändig – maß seine Entfernung mit dem geübten Auge eines Ingenieurs, hob seine Katze mit der Linken hoch in der Luft, während er mit der Rechten noch die Enden der Schwänze hielt, als wollte er ihre Ungeduld zeigen, gab seinem Arme und Körper einen Schwung, der einen Dreiviertelskreis beschrieb, und versetzte dem unglücklichen Verbrecher einen furchtbaren Hieb auf den Rücken. Diese Probe schien den gefühlvollen Kapitän zu befriedigen; er beantwortete den fragenden Blick des sentimentalen Bootsmannes mit einem Winke des Beifalles. Der Arme verlor durch die Gewalt des Streiches den Athem, und da die Katzenschwänze jetzt von einer anderen Richtung fielen, als bei den ersten vier Dutzend, zerschnitten sie das Fleisch in Rauten, so daß bei jedem Streiche das Blut hervorspritzte. Um die Gefühle meiner Leser zu schonen, unterlasse ich es, den Zustand des Unglücklichen zu schildern; sogar nach einem so langen Zeitraume schaudere ich noch und klage bitter über die peinliche Notwendigkeit, in die ich mich oft versetzt sah, eine ähnliche Strafe zu verhängen; aber ich hoffe und vertraue, daß es nie ohne Ursache oder zur bloßen Schaustellung willkürlicher Gewalt geschah. Nachdem das letzte Dutzend aufgezählt war, meldete der Geschützmeister die Gesammtsumme »fünf Dutzend.« »Fünf Dutzend!« wiederholte Kapitän G..; »es ist genug – bindet ihn los und nun, Sir,« sprach er zu dem Ohnmächtigen, »hoffe ich, werdet Ihr Euch das zur Warnung dienen lassen, daß Ihr nicht mehr auf mein Hinterdeck spuckt, wenn Ihr wieder Euern bestialischen Mund reinigen wollet.« »Himmel,« dachte ich, »das Alles, weil er auf das Hinterdeck spuckte? Und zwar von demselben Moralisten, der gestern nichts von Schwüren und Verwünschungen wissen wollte, und in den letzten zehn Minuten mehr Gotteslästerungen ausstieß, als ich in den letzten zehn Wochen gehört habe?« Des Kapitäns Augen waren noch nicht auf mich gefallen – seine Unterhaltung nahm ihn zu sehr in Anspruch. Als der Gefangene losgebunden war, befahl er, die Mannschaft hinunterzupfeifen, d. h. mit andern Worten, zu ihren gewöhnlichen Beschäftigungen zu entlassen. In diesem Augenblicke trat ich zu ihm und berührte meinen Hut. »Ah, Sie sind angekommen? Pfeift sie wieder zusammen; die ganze Mannschaft auf's Hinterdeck.« Meine Bestallung wurde verlesen, und aus Ehrfurcht vor dem Souverän, in dessen Namen sie ausgestellt war, waren alle Köpfe entblöst. Durch diese feierliche Einsetzung war ich zum zweiten Lieutenant der Schaluppe erhoben. Ohne mich weiter eines Wortes oder Blickes zu würdigen, gab der Kapitän den Befehl zur Bemannung seines Gigs, um an's Land zu gehen. Er stellte mich keinem der Offiziere vor, ob es ihm gleich schon die gewöhnliche Höflichkeit geboten haben würde; indessen wurde diese Versäumniß von dem ersten Lieutenant eingebracht, welcher mich in die Constabelkammer einlud, um mich bei meinen neuen Tischgenossen einzuführen. Wir überließen das Hinterdeck dem Tiger zum Auf- und Abschreiten. Der erste Lieutenant war von mittlerer Statur, einer angemessenen Größe für eine Kriegsschaluppe und einem hageren Körperbau. Sein Alter mochte gegen vierzig Jahre betragen. Er hatte nur Ein Auge, und dieses eine Auge war so seltsam in seiner Art, als die beiden Augen des Kapitäns; aber im Gegensatze gegen die letzteren lag ein unendlicher Schatz von Humor darin, und wenn er es rasch bewegte, was fast unaufhörlich geschah, war es beinahe sprechend! nie sah ich drei solche Augen in zwei solchen Köpfen. Ein lauerndes Lächeln spielte in den Zügen des Lieutenants, als ich ihm mittheilte, der Kapitän habe gewünscht, daß ich an Bord komme, um meine Bestallung verlesen zu lassen, und mir dann zwei bis drei Tage freigegeben, um mich für die Seereise einzurichten. »Nun,« sagte er, »es wird gut sein, wenn Sie jetzt zu ihm gehen und ihn fragen; aber Sie werden einen sonderbaren Kauz in ihm finden.« Ich ging hinauf. »Haben Sie etwas dagegen, Sir, wenn ich an's Land gehe?« »An's Land, Sir!« belferte er; »und wer Teufels soll den Dienst verrichten, wenn Sie an's Land gehen? An's Land, he? Ich wollte, es gäb' gar kein Land, und dann straf' Gott den Hund, der nicht schwimmen könnte! Nein, Sir; Sie haben Land genug gehabt. Der Dienst geht zum Teufel, Sir! Eine Rotte Buben mit Lieutenantspatenten, ehe sie die Ammenstube hätten verlassen sollen! Nein, Sir, Sie bleiben an Bord, oder ich will verdammt sein, wenn ich Sie nicht wie eine Eierschale zerbreche, bevor noch diese schöne neue Epaulette ihren Glanz verloren hat! Nein, nein, bei Gott; nicht mehr Katzen hier, als der Mäusefang erfordert. Sie bleiben an Bord und verrichten ihren Dienst. Jedermann thut seinen Dienst hier, und ich will den Hundsfott sehen, der ihn nicht verrichtet!« Ob ich gleich einigermaßen auf diese seine Rede vorbereitet war, hatte doch mein Geist noch Raum genug, um eine große Verwunderung über diesen plötzlichen Temperaturwechsel in sich aufzunehmen. Ich erwiederte, daß er mir gestern Urlaub versprochen, und daß ich im Vertrauen auf dieses Versprechen meine sämmtlichen Habseligkeiten auf dem Lande zurückgelassen habe, also keineswegs dazu vorbereitet sei, in See zu gehen. »Ich versprach Ihnen Urlaub, sagen Sie? Nun, es ist möglich; aber es geschah blos, um Sie an Bord zu locken. Ich kenne euere Schliche, ihr verdammten jungen Bursche; wenn ihr an's Land geht, hat man euch gesehen. Nein, nein, \>den Teufel halte, wer ihn hält; er wird ihn nicht zum zweiten Mal fangen\< – Sie hätten sich vor drei Tagen nicht blicken lassen, wenn ich die Pille nicht überzuckert hätte. Nun ich Sie habe, will ich Sie auch halten; Gott verdamme meine Augen!« Ich wiederholte meine Bitte um die Erlaubniß, an's Land zu gehen, aber ohne sich herabzulassen, mir weitere Gründe anzugeben, erwiederte er: »Ich will Sie lieber verdammt wissen, Sir! Und merken Sie sich's, ich dulde keinen Widerspruch. Nichts macht mir mehr Vergnügen, als meine Offiziere in allen vernünftigen Dingen zu verpflichten; aber nie dulde ich eine Gegenrede.« »Du bist gewiß der Hölle entlaufen,« dachte ich bei mir selbst, »und es ist mir unbegreiflich, wie das Reich der Finsterniß ohne dich regiert werden kann. Du hättest einen der sinnreichsten Quälgeister für die Verdammten abgegeben. Domitian würde dich zu seinem Admiral und deinen Bootsmann zu seinem Flottenkapitän gemacht haben.« Während ich diese Betrachtungen anstellte, ging ich ein paarmal auf dem Verdeck auf und ab, und dachte darüber nach, was wohl hier zu machen sei, denn ich wußte, »daß der König niemals Unrecht thun kann.« Da kam der Offizier, an dessen Stelle ich getreten war, durch die Hauptlucke herauf, berührte ehrfurchtsvoll seinen Hut vor dem Kapitän und fragte, ob er an's Land gehen dürfe. »In die Hölle können Sie gehen und verdammt sein, Sir,« versetzte der Kapitän, der die Rohheit der Sprache haßte; »Sie sind nicht im Stande, einem Bären das Fressen zu bringen; Sie verdienen das Salz an Ihre Suppe nicht, und je schneller Sie fortkommen, desto eher wird das Schiff rein! Glotzen Sie mich nicht so an, wie der Ochse das Thor! Machen Sie, daß Sie fortkommen, und packen Sie Ihre Lumpen zusammen, oder ich will Ihnen den Weg erleichtern!« Mit diesen Worten erhob er seinen Fuß, als wollte er ihm einen Tritt versetzen. Der junge Offizier, ein sanfter, gebildeter und muthiger Jüngling, that, wie ihm befohlen war. Mein Erstaunen kannte keine Gränzen. Ich war gewohnt, mit Leuten von Bildung umzugehen. Wenn ich auch von Preß-Drillern, Schiffsdespoten und Fluchmäulern von Kapitänen gehört hatte, sah ich jetzt doch Alles übertroffen, was ich mir je vorstellen konnte, und glaubte, dieß sei weit mehr, als irgend ein Offizier von Ehre dulden könnte. Empört über das Benehmen des Kapitäns, und fest entschlossen, mich nicht auf diese Weise behandeln zu lassen, trat ich wieder vor ihn und bat um Erlaubniß, an's Land zu gehen. »Sie haben Ihre Antwort erhalten, Sir.« »Ja, Sir, ich habe sie erhalten,« erwiederte ich, »und zwar in einer Sprache, die ich nie zuvor auf Seiner Majestät Hinterdeck vernommen habe; als Offizier und als Mann von Bildung bin ich an Bord dieses Schiffes gekommen, und als solcher will ich behandelt sein.« »Meuterei, bei Gott!« brüllte der Kapitän, »pochen auf ihr neues Patent, ehe die Tinte trocken ist.« »Sie mögen's nennen, wie Sie wollen, Sir,« erwiederte ich; »aber ich werde einen Brief an den Hafenadmiral schreiben, worin ich ihm die Verhältnisse auseinandersetze und um Urlaub nachsuche; und Sie werde ich bemühen, diesen Brief zu befördern.« »Ich will verdammt sein, wenn ich's thue,« versetzte er. »In diesem Falle, Sir,« erwiederte ich, »werde ich das Schreiben, dessen Beförderung Sie in Gegenwart aller Offiziere und der ganzen Schiffsmannschaft verweigert haben, unmittelbar befördern und Sie nicht bemühen.« Der letzte Pfeil schien dieselbe Wirkung auf ihn hervorzubringen, wie der letzte Ringschlag auf einen unterliegenden Boxer; er verlor die Fassung, murmelte etwas vor sich hin, und ging die Schiffstreppe hinunter in seine Kajüte. Der erste Lieutenant trat zu mir und wünschte mir Glück zu meinem Siege. »Sie haben den Bären gebändigt und geknebelt,« sagte er; »schon lange vermißte ich einen Beistand, wie Sie. Wilson, der uns jetzt verläßt, ist der beste Mensch, der je gelebt hat; aber obgleich vor dem Feinde tapfer, wie ein Löwe, läßt er sich von diesem eingefleischten Teufel in's Bockshorn jagen.« Unsere Unterhaltung wurde durch eine Botschaft vom Kapitän unterbrochen, welcher mich in seiner Kajüte zu sprechen wünschte. Ich ging hinab. Er empfing mich mit dem wohlwollenden Lächeln unseres ersten Zusammentreffens. »Herr Mildmay,« sprach er, »ich nehme stets einen etwas rauhen Ton gegen meine Offiziere an, wenn sie zum ersten Male an Bord kommen (»auch wenn sie zum letzten Male an Bord sind,« setzte ich in Gedanken hinzu), nicht nur, um ihnen zu beweisen, daß ich Kapitän auf meinem Schiffe bin und es sein will, sondern auch um der Mannschaft ein Beispiel zu geben, die mit ihrem Loose zufriedener ist und bereitwilliger gehorcht, wenn sie sieht, was die Offiziere zu dulden haben; aber, wie ich Ihnen früher gesagt habe, ist meine erste Sorge, es meinen Offizieren so bequem als möglich zu machen – von Herzen gern erlaube ich Ihnen, an's Land zu gehen, und Sie haben vierundzwanzig Stunden Urlaub, um Ihre Bedürfnisse herbeischaffen zu lassen.« Ich gab keine Antwort, berührte meinen Hut und verließ die Kajüte; denn ich fühlte eine solche Verachtung gegen den Menschen, daß ich aus Furcht, über die Schranken zu treten, nicht sprechen durfte. Bald darauf verließ der Kapitän das Schiff und sagte dem ersten Lieutenant, ich hätte Erlaubniß, an's Land zu gehen. Ich hatte jetzt Zeit und Muße, mit meinen Leidensgefährten Bekanntschaft zu machen, und nichts erweckt mehr Vertraulichkeit, als gemeinschaftliches Elend. Meine Widersetzlichkeit gegen das rohe Benehmen unsers gemeinsamen Zuchtmeisters hatte ihnen gefallen; sie sagten mir, welch' ein Tyrann und Schandfleck für den Dienst er sei, und bedauerten es unendlich, daß ihm der Befehl eines so schönen Schiffes, oder überhaupt irgend eines Schiffes, mit Ausnahme eines Deportations-Fahrzeuges, anvertraut werde. Was sie von ihm erzählten, grenzte an's Unglaubliche, und nur die gegründete Ueberzeugung, daß ein Offizier, welcher seinen Kapitän vor ein Kriegsgericht zieht, für immer in's schwarze Register kommt und, wie die Erfahrung lehrt, nie mehr eine Beförderung zu hoffen hat, konnte diesen Menschen vor der so reich verdienten Strafe schützen; kein Offizier, sagten sie, sei länger als drei Wochen im Schiffe geblieben, und sie hätten alle um Versetzung nachgesucht. Bei meinem Berichte über die Vorfälle, die ich auf diesem Schiffe erlebte, muß ich zur Rechtfertigung der Kapitäne und Commandeure von Seiner Majestät Flotte bemerken, daß dieser Fall einzig in seiner Art war. Ein Charakter, wie der des Kapitän G.., war damals eine seltene Erscheinung in der Flotte, und wird aus Gründen die ich später anführen werde, in Zukunft eine noch seltenere sei. Der erste Lieutenant sagte zu mir, daß ich sehr weise gehandelt habe, mich gleich anfangs der ungebührlichen Ausübung seiner Macht zu widersetzen; denn er sei nicht nur ein Tyrann und Großsprecher, sondern auch eine Memme, und werde sich wohl hüten, mich wieder anzugreifen. »Aber nehmen Sie sich in Acht,« fuhr er fort, »er wird Ihnen nie vergeben, und wenn er am süßesten thut, so haben Sie seine Tücke am Meisten zu fürchten. Er wird Sie in Sicherheit einschläfern und, wenn er Sie irgendwie fassen kann, vor ein Kriegsgericht stellen. Sie thun am besten, sogleich an's Land zu gehen, Ihre sämmtlichen Geschäfte in Ordnung zu bringen, und wo möglich noch vor Ablauf der Frist wieder an Bord zu kommen. Nur Ihre Drohung, an den Hafenadmiral zu schreiben, hat Ihnen den Urlaub ausgewirkt, ihm haben Sie nicht dafür zu danken; wenn er es wagen würde, hätte er Sie an Bord behalten. Ich habe das Schiff noch nie verlassen, seit ich es zum erstenmal betreten, und nie ist ein Tag vergangen, an dem ich nicht einen Auftritt erlebt hätte, wie Sie ihn diesen Morgen mit angesehen haben. Dessenungeachtet,« fuhr er fort, »wenn nur seine Grausamkeit gegen die Matrosen nicht wäre – er ist der unterhaltendste Lügner, den ich je gehört habe. Ich fühle oft mehr Neigung, über ihn zu lachen, als zu zürnen; er hat eine reiche Ader an Witz und Laune, welche sich durch sein ganzes Wesen zieht und ihn nie verläßt. Selbst seine Tücke hat etwas Drolliges, und wenn wir nicht von ihm loskommen können, so müssen wir das Beste aus ihm machen, was möglich ist.« Ich ging an's Land, holte meine Kleider und übrigen Bedürfnisse und war des andern Morgens vor acht Uhr wieder an Bord. \</leer\> Siebenzehntes Kapitel. Er lügt, Sir, mit einer Geläufigkeit, daß Ihr glauben könntet, die Wahrheit wäre eine Närrin; Trunkenheit ist sein Hauptvorzug; denn er besäuft sich wie ein Schwein, und am bravsten ist er, wenn er schläft. Shakespeare. Als sich Kapitän G .. zeigte, schien er in der besten Laune von der Welt; sobald er mich sah, rief er aus: »ah, so gefällt mir's; nie über Urlaub ausgeblieben, und wären's auch nur fünf Minuten! Weil ich jetzt sehe, daß ich Ihnen trauen darf, können Sie wieder an's Land gehen, sobald es Ihnen gefällig ist.« Gegen einen Mann vor dem Maste wäre diese Sprache vielleicht sehr angemessen gewesen; aber an einen Offizier gerichtet, schien sie mir roh und ungebildet. Der Proviantmeister hatte in der Constabelkammer ein Gabelfrühstück zubereitet; es bestand aus Beafsteaks und gebackenen Ochsennieren, mit gedämpften Zwiebeln; der köstliche Geruch stieg in süßen Düften durch die Luftlöcher empor und kitzelte die Nase des Schiffskapitäns. Sein scherzhaftes Geplauder kannte keine Gränzen; er lehnte sich über den Gitterrand und sagte hinuntersehend: »Ich glaube, da unten wird etwas teufelmäßig Gutes zugerichtet.« Der erste Lieutenant faßte den Wink und lud ihn ein. »Nun, es liegt mir nichts daran, ich beiße gern in die Angel.« Er blinzelte mit einem seiner schalkhaften Augen und war bei diesen Worten bereits die Hauptluke hinunter, weil er die Besorgniß hegte, die besten Leckerbissen möchten verschwinden, ehe er in's Treffen käme. Wir folgten ihm Alle, und als er sich setzte, sagte er: »Ich hoffe, meine Herren, dies ist nicht das letztemal, daß ich in der Konstabelkammer sitze, und daß Sie Alle meine Kajüte als die Ihrige betrachten. Ich mache es meinen Offizieren gern bequem; nichts ist entzückender, als Harmonie auf einem Schiffe, wo jeder Matrose und Schiffsjunge bereit ist, für seine Offiziere zum Teufel zu gehen. Das nenne ich gute Kameradschaft – leben und leben lassen – die gehörige Rücksicht auf die Gefühle seiner Gefährten nehmen; wir werden es bedauern, wenn die Zeit herankommt, wo wir uns trennen müssen. Indessen fürchte ich, daß ich nicht mehr lange bei Ihnen sein werde; denn so theuer mir diese Brigg ist – der Herzog von N .. und Lord George .. haben dem ersten Lord eine verdammte Nase gegeben, daß er mich nicht früher befördert hat; und unter uns gesagt, ich möchte nicht, daß es weiter käme – meine Bestallung als Postkapitän geht mit mir nach Barbados.« Der erste Lieutenant zuckte mit seinem Auge; aber so schnell auch diese Bewegung war, bemerkte sie der Kapitän doch mit dem Seitenblicke eines von den seinigen, ehe er es auf den Centralgegenstand, die Beafsteaks, Nieren und Zwiebeln richten konnte; aber er ließ es stillschweigend hingehen. »Ein Kapitalsteak das! Darf ich Sie um etwas Fett und ein wenig Sauce ersuchen? Wir wollen uns noch ein wenig lustig machen, bevor wir unter Segel gehen; aber zuerst wollen wir in's blaue Wasser, dann haben wir weniger zu thun. Weil wir gerade von der Zubereitung der Steaks reden – als ich in Egypten war, brieten wir unsere Beafsteaks auf den Felsen – brauchten kein Feuer – Thermometer auf 200 – heiß wie die Hölle! Ich sah viertausend Mann für die ganze Armee zwanzig- bis dreißigtausend Pfund Steaks auf einmal zubereiten, alle zischend und schmorend auf einmal – just um Mittag, natürlich Sie wissen – kein Funke Feuer! Einige von den Soldaten, die zu Leith als Glasbläser gearbeitet hatten, schworen, sie hätten nie eine solche Hitze erlebt. Ich ging auf einen Augenblick leewärts und dachte an Alt-England; das ist aber doch ein Land, wo man denken und sagen kann, was man will. Aber das Ding dauerte nicht lang, wie Sie sich einbilden können; den Leuten die Augen ausgebraten, Gott straf' mich, in drei bis vier Wochen. Ich war krank gewesen und hatte das Bett hüten müssen, denn ich gehörte zum 72sten Regiment, es war siebenzehnhundert Mann stark. Ich hatte ein Kommando Seeleute bei mir; aber die Augenentzündung wüthete so heftig, daß das ganze Regiment, Obrist und Alle, stockblind wurden – Alle, mit Ausnahme eines Korporals. Sie mögen staunen, meine Herren, aber es ist die reine Wahrheit. Gut, dieser Korporal hatte eine hübsche Aufgabe. Er mußte das ganze Regiment an's Wasser führen–er ging voraus, und auf beiden Seiten hielten sich zwei oder drei an den Flügeln seiner Jacke; diese wurden wieder von eben so vielen gefaßt; und so verdoppelte sich die Anzahl bis zum letzten. Jeder hielt sich am Andern, bis sie Alle am Brunnen getrunken hatten; und nun wollte der Teufel gar, daß wir nur einen einzigen Brunnen hatten. – So pflegte dieser Korporal das Regiment zu tränken, wie ein Reitknecht seine Pferde; Alle ausgespreizt, müssen Sie wissen, wie ein Pfauenschwanz.« »Wovon der Korporal der Rumpf war,« unterbrach ihn der Doctor. Der Kapitän warf ihm einen strengen Blick zu. »Sie fanden es warm in jenem Lande?« fragte der Arzt. »Warm?« rief der Kapitän? »ich will Ihnen was sagen, Doctor, wenn sie hinfahren, wohin Sie schon so manchen Patienten geschickt haben, und wohin sie aus eben diesem Grunde gewiß kommen, so hoffe ich um Ihrer und um Ihres Standes überhaupt Willen nur, daß Sie es dort nicht ganz so heiß finden mögen, wie wir es in Egypten gefunden haben. Was meinen Sie? Neunzehn meiner Soldaten wurden durch die concentrirten Lichtstrahlen getödtet, welche auf die blanken Flintenläufe der Schildwachen fielen und das Pulver entzündeten. Ich befehligte eine Mörserbatterie zu Acre und fügte den Franzosen mit den Haubitzen einen teufelmäßigen Schaden zu. Wahrend sie am Essen saßen, pflegte ich unter sie hineinzuschießen; aber wie meinen Sie, daß mir endlich die Schurken den Wind abgewannen? Gott straf' mich, sie richteten ein Rudel Pudelhunde ab, auf die Haubitzen Acht zu geben, wenn sie niederschlugen, und dann hinzurennen und die Zündlunten abzubeißen. Haben Sie je von solchen verfluchten Schurken gehört? Durch dieses Mittel retteten sie hunderte von Menschen, und verloren nur ein halb Dutzend Bestien – Thatsache, bei Gott; fragen Sie nur Sidney Smith, der wird Ihnen das Gleiche sagen, und noch verdammt viel weiter.« Der Geläufigkeit seiner Zunge kam nur die Raschheit seiner Erfindungsgabe und die Fertigkeit seines Kauorgans gleich, denn während dieses ganzen unterhaltenden Monodramas waren seine Zähne gleich der Transversalstange eines Dampfbootes in beständiger Bewegung; und da er sowohl unser Kapitän, als unser Gast war, nahm er sich zum wenigsten den Antheil des Löwen von unserem Mahle. »Aber Soundings,« sagte er, sich vertraulich an den Steuermann wendend, der noch nicht lange an Bord war, »laßt uns einmal sehen, was für eine Art von Stoff Ihr dort vorn gestaut habt. Ihr wißt, ich bin ein Wassertrinker, gebt mir nur das reine, klare Element, und ein Kind kann mich leiten; wenn das Wasser gut ist, rühre ich selten geistige Getränke an.« Mit diesen Worten goß er einen Becher voll und hielt ihn an die Nase; »stinkt wie der Teufel! Wißt Ihr auch gewiß, Meister, daß Ihr an Euren Fässern die Spunten eingeschlagen habt? Die Katzen haben ihren Beitrag zu dem Fluidum gegeben, wir müssen es qualificiren;« nachdem er die Hälfte des Wassers ausgegossen hatte, welches, beiläufig gesagt, sehr gut war, füllte er die dadurch entstandene Lücke mit Rum, kostete das Getränke und sagte: »Kommen Sie jetzt, Miß Puß, das wird Sie jedenfalls heraustreiben.« Es entstand eine Pause von einem Augenblick, während welcher er das Glas vor sein Auge hielt, und den Inhalt desselben hinuntergoß, ohne ein anderes Zeichen von Bewegung zu verrathen, als einen tiefen Seufzer. »Beiläufig gesagt,« bemerkte er sodann, »da fällt mir eben der Gedanke ein, wir wollten keine Katzen an Bord haben, mit Ausnahme derjenigen, deren Gebrauch dem Bootsmann unglücklicher Weise durch die Verderbniß der menschlichen Natur aufgezwungen wird. Herr Wolkensegel, wollen Sie dafür Sorge tragen, daß alle Katzen über Bord geworfen werden.« Er ergriff seinen Hut, erhob sich vom Tische und trat auf die Schiffsleiter. »Wenn ich es recht bedenke,« sagte er, sich wieder an Wolkensegel wendend, »will ich die Katzen doch nicht über Bord werfen lassen; die Matrosen haben einen dummen Aberglauben in Bezug auf diese Thiere – es ist verdammt fatal. Nein – stecken Sie dieselben lebendig in einen Brodsack, um sie im Hafenboote an's Land zu schicken.« Ich erinnerte mich, daß an diesem Tage mein Patentschmaus im Georg stattfinden sollte, und in Rücksicht auf das Versprechen des Kapitäns, ich könnte an's Land gehen, wann es mir beliebe, hielt ich nichts weiter für nöthig, als meinem Vorgesetzten die herkömmliche Meldung davon zu machen. Mit bescheidener Zuversicht trat ich zu ihm, und theilte ihm meine Verbindlichkeit und meine Absicht mit. »Auf Ehre, Sir,« rief der Kapitän, seine Arme in die Seite stemmend, und mir starr in's Gesicht blickend: »Sie haben einen ordentlichen Vorrath an bescheidener Zuversicht. Kaum find Sie an Bord, als Sie auch schon wieder um Erlaubniß nachsuchen, an's Land zu gehen, und zugleich haben Sie die Unverschämtheit, mir, der ich, wie Sie wissen, das Laster so sehr verabscheue – mir zu sagen, Sie wollen Ihr Patent einweihen, und sich natürlich bestialisch betrinken, sowie auch Andere in denselben gemeinen Zustand versetzen. Nein, Sir, ich muß Ihnen zu wissen thun, daß ich als Kapitän dieses Schiffes, und so lange ich die Ehre habe, es zu befehligen, magister morum bin.« »Das ist's eben, worauf ich kommen wollte, Sir,« versetzte ich, »als Sie mich unterbrachen. Weil ich weiß, wie schwierig es ist, junge Leute ohne die Gegenwart eines Mannes in Ordnung zuhalten, vor welchem sie Ehrerbietung hegen, und auf welchen sie als auf ein Muster blicken können, war ich im Begriff, mir die Ehre Ihrer Gesellschaft als Gast auszubitten. Meines Erachtens könnte nichts geeigneter sein, jede Neigung zur Ausschweifung zu unterdrücken.« »Sie sprechen wie ein Kind aus meiner eigenen Schule,« versetzte Kapitän G.., »hätte nicht so viel gesunden Verstand hinter Ihnen gesucht. Ich bin weit entfernt, eine nasse Decke über unschuldige Freuden zu werfen. Es sei, wie ihm wolle, Mensch ist Mensch: gebt ihm blos die nackten Bedürfnisse des Lebens, und er ist nicht weiter, als ein Hund; ein wenig Fröhlichkeit bei einem solchen Anlaß ist nicht nur zu entschuldigen, sondern sogar zu loben. Die Gesundheit eines guten Königs, wie des unsrigen, Gott segne ihn, sollte immer in gutem Weine getrunken werden, und da Sie sagen, daß die Gesellschaft eine auserlesene ist und die Einweihung ihres Patentes feiert, so habe ich nichts dagegen, hinzugehen und den Brautführer zu machen. Aber merken Sie sich 's, keine Saufgelage – keine Unanständigkeit – und ich will mein Bestes thun, nicht nur das junge Blut in Ordnung zu halten, sondern auch mein bescheiden Theil zur Heiterkeit des Abends beizutragen.« Ich dankte ihm für seine gütige Herablassung. Er gab dem ersten Lieutenant Wolkensegel einige Verhaltungsbefehle, ließ sein Gig bemannen und bot mir zur Ueberfahrt an's Land einen Platz darin an. Dies war eine Gunst, die er noch keinem Offizier im Schiffe erzeigt hatte, und die sämmtliche Mannschaft erschien unaufgefordert auf dem Verdeck, um den seltenen Anblick zu genießen. Der erste Lieutenant zuckte mit seinem Auge, und sagte damit mehr als deutlich, »das ist zu viel, um lange zu dauern.« Wir bestiegen das Boot und ruderten nach Altsallyport. Die Hafenebbe trieb uns entgegen, und wir kamen hart an der Boje der Boyne vorüber. »Erinnere mich noch wohl an das alte Schiff; war Midshipman darauf, als es aufflog. War Signal-Midshipman. Stand eben im Begriff, das Nothsignal zu geben, als ich in die Luft geschleudert wurde. Tod und Verdammniß! Dachte nie mehr herunterzukommen.« »Wirklich, Sir,« bemerkte ich, »ich dachte, es wäre damals Niemand an Bord gewesen.« »Niemand an Bord?« wiederholte der Kapitän mit einem verächtlichen Zucken seiner Oberlippe; »von wem haben Sie das?« »Ich hörte es von einem Kapitän, unter dem ich in Amerika diente.« »Dann richten Sie Ihrem Kapitän einen schönen Gruß von mir aus, und sagen Sie ihm, er wisse keinen Pfifferling von der ganzen Sache. Niemand an Bord! Gott straf' mich, Sir, die Hütte war so gedrängt voll, wie ein Schafpferch, und Alle blöckten nach mir um Hülfe. Ich sagte zu ihnen, sie sollen sammt und sonders in die Hölle fahren, und just in diesem Augenblicke fuhren wir Alle in die Luft. Besinnungslos wurde ich aufgefangen. Ich ließ mir nachher sagen, es sei irgendwo in der Stockesbay gewesen. Sie brachten mich in das Hospital zu Haslar, wo man mich drei Monate lang verloren gab – sprach kein Wort. Endlich wurde ich wieder gesund; und das erste, was ich that, war, ein Boot zu nehmen, nach dem Vorderraume meines alten Schiffes unterzutauchen, und nach hinten in den Brodraum zu schwimmen.« »Was sahen Sie dort, Sir?« fragte ich. »Oh, nichts, als ganze Haufen menschlicher Skelette und eine Anzahl Weißfische, die zwischen ihren Rippen umherschwammen. Ich holte meinen alten Quadranten vom Steuerbordflügel, wo ich ihn eben zurecht gesetzt hatte, als der Lärm entstanden war. Er lag just noch auf derselben Stelle, wo ich ihn gelassen hatte. Nie werde ich es vergessen, welch' einen verdammten Streich wir der alten Königin Charlotte mit unserem Steuerbordgeschütze spielten; jede Kanone platzte mit doppelter Ladung hinein. Gott verdamme meine Augen, ich glaube, wir schossen wenigstens hundert Mann zusammen.« »Wie, Sir,« bemerkte ich, »man sagte mir immer, sie habe bei dieser Gelegenheit nur zwei Mann verloren.« »Wer sagte Ihnen das?« fragte Kapitän G ... »Ihr alter Kapitän?« »Ja, Sir,« erwiederte ich, »er war Midshipman auf der Königin Charlotte.« »Gott verdamme ihn,« sagte mein Kapitän, »ich weiß gewiß, daß drei Lauschenladungen Leichname herausgenommen und nach dem Hospital zur Beerdigung geschafft wurden.« Als das Boot am Landungsplatze ankam, hatte der vollendete Lügner Zeit, Athem zu holen, und ich hegte in der That die Besorgniß, er möchte seinen Lügenvorrath noch vor der Tafel erschöpfen und nichts mehr zum Nachtische übrig behalten. Er ging in sein altes Gasthaus, den Stern, und ich in den Georg. Beim Scheiden erinnerte ich ihn, daß wir um sechs Uhr zusammenkommen würden. Seien Sie unbesorgt,« erwiederte er, »ich werde erscheinen.« Vor seiner Ankunft versammelte ich meine Tischgesellschaft, und sagte meinen Freunden, ich habe die Absicht, ihn betrunken zu machen, sie möchten mir beistehen. Sie versprachen es. Hatte ich diesen Zweck einmal erreicht, so war ich vollkommen überzeugt, daß ich seinen künftigen Reden zu Gunsten der Mäßigkeit ein Ziel gesetzt haben würde. Meine Gefährten, welche ihren Mann kannten, behandelten ihn bei seinem Eintritte mit den schmeichelhaftesten Beweisen der Achtung. Ich stellte ihm alle nach der Reihe auf die förmlichste Weise vor, wie es bei Hofe eingeführt ist – wenn ich Großes mit Kleinem vergleichen darf. Seine gute Laune war auf der Höhe der Springfluth. Sämmtliche Gäste baten sich in der größten Ehrerbietung, jeder einzeln, die Ehre aus, ein Glas Wein mit ihm zu trinken, und auf die herablassendste Weise ward sie ihnen zugestanden. »Kapitalsache das,« bemerkte der Kapitän, »woher mag sie Billet haben? Beiläufig gesagt, weil wir eben davon sprechen, haben Sie je von den eingepöckelten Lachsen in Schottland gehört?« Wir bejahten es Alle. »Oh, Sie verstehen mich nicht recht. Gott straf mich, ich meine nicht todte eingepöckelte Lachse, ich meine lebendige eingepöckelte Lachse, die in den Weihern umherschwimmen, lustig wie Aale, und hungrig wie Ratten.« Wir drückten Alle unser Erstaunen aus und erklärten, daß wir vorher nie davon gehört hätten. »Dachte mir's wohl,« versetzte er, »ist erst seit neuester Zeit in diesem Lande eingeführt worden, durch einen speciellen Freund von mir, Doctor Mac – ich kann mich des verfluchten, kinnbackenverrenkenden schottischen Namens nicht entsinnen; war ein großer Chemiker und Geognost, und was dergleichen Geschichten mehr sind – ein gescheidter Kerl, das kann ich Ihnen sagen, wenn Sie auch darüber lachen. Gut – dieser Kerl, Sir, nahm die Natur bei den Fersen, und überbaumelte sie, wie wir sagen. Ich glaube steif und fest, er hatte sich dem Teufel verschrieben. Gut – was thut er? Er fängt Lachse, setzt sie in Weiher und schüttet jeden Tag mehr Salz hinein, bis das Wasser so dick ist, wie ein Gerstenbrei, und die Fische kaum noch mit ihren Schwänzen wackeln können. Dann warf er ganze Pfefferkörner hinein, ein halb Dutzend Pfund auf einmal, bis es reichte: dann verdünnte er die Brühe mit Essig, bis die Einpöckelung vollendet war. Die Fische konnten dem Ding anfangs gar keinen Geschmack abgewinnen; aber 's ist Alles nur Gewohnheit, und als er mir seinen Weiher zeigte, schwammen sie so lustig d'rinn herum, wie ein Rudel Barben; er fütterte sie mit klein gehacktem Fenchel und schwarzen Pfefferkörnern. ›Gehen Sie, Doctor,‹ sagte ich, ›ich traue keinem Menschen auf's Wort; wenn ich sie nicht koste, so glaube ich meinen eigenen Augen nicht, meiner Zunge kann ich stets glauben.‹ (Wir sahen einander an.) ›Das sollen Sie sogleich,‹ sagte er, und schnellte einen Lachs mit einem Hamen heraus. Ich steckte mein Messer hinein und die Salzbrühe spritzte aus ihm heraus, wie der Wein aus einer Claretflasche; aß wenigstens zwei Pfund von dem Kerl, während er mir mit dem Schwanz in's Gesicht klatschte. Nie habe ich einen Lachs gekostet, wie der war. 's ist der Mühe werth, daß Sie nach Schottland reisen, und wäre es nur, um lebendige eingepöckelte Lachse zu essen. Will jedem von Ihnen einen Brief an meinen Freund mitgeben, er wird eine verdammte Freude haben, Sie zu sehen; dann können Sie sich selbst überzeugen. Geb' Ihnen mein Wort darauf, wenn sie einmal einen solchen Lachs gegessen haben, wollen Sie nie mehr etwas von einem andern wissen.« Wir sagten Alle, daß wir dies für höchst wahrscheinlich fänden. Die Champagnerpröpfe flogen so rasch und laut, wie seine Haubitzen in Acre; aber wir verhielten uns Alle leidend und beschränkten unsere Unterhaltung rein auf die Geläufigkeit seiner Zunge; und als ich fand, daß eine frische Brise in derselben aufsprang, lenkte ich schlauer Weise das Gespräch auf Egypten, indem ich einen meiner Freunde bat, eine vor ihm stehende Pyramide Gefrorenes zu demoliren und dem Kapitän etwas davon zu schicken. Dies war genug. Er begann mit Egypten, und die Zahl und Großartigkeit seiner Lügen wuchs im Verhältnisse mit unserem Beifall. Ein Schnellschreiber hätte bei der Hand sein sollen, denn ein menschliches Gedächtniß konnte diesem modernen Münchhausen keine Gerechtigkeit widerfahren lassen. »Weil wir eben vom Nilwasserreden,« sagte er; »als ich als erster Lieutenant auf dem Bellerophon war, lief ich mit nur sechs Tonnen Wasser in Minorka ein, und in vier Stunden hatten wir 350 Tonnen an Bord, alle weggestauet. Ich ließ die ganze Mannschaft arbeiten; der Admiral selbst stand mit den Uebrigen bis an den Hals im Wasser. ›Gott straf' mich, Admiral‹, sagte ich, ›nur kein Blindekuhspiel‹. Gut – am andern Tage segelten wir, und einen solchen Sturmwind habe ich in meinem Leben nicht gesehen – alle unsere Masten gingen über Bord, und wir wären von der Wetterfluth beinahe ertränkt worden. Eines unserer Boote wurde aus den Barren fortgeblasen, und war uns aus den Augen gekommen, ehe es das Wasser berührte. Sie mögen darüber lachen; aber das war noch nichts gegen die Kriegsschaluppe »Schwalbe«, die uns begleitete. Sie wollte gegen den Wind ankämpfen, aber beim Zeus, er schleuderte sie zwei Meilen weit in's Land hinein – Kanonen, Matrosen und Alles; und am andern Morgen ergab sich's, daß ihr Klüverbaum durch's Fenster geflogen und einem Bilde der heiligen Jungfrau in die Wange geschossen war. Die Eingebornen schworen alle, die verfluchten Ketzer hätten es mit Fleiß gethan. Der Kapitän war genöthigt, seine Mannschaft zu bewaffnen und schlagfertig gegen das Gestade anzurücken, indem er das Schiff dem Volke überließ, welches so erbittert war, daß es dasselbe in Brand steckte, ohne an das Pulver zu denken, das wir an Bord hatten. Alle Geistlichen hatten ihre priesterliche Kleidung an, und sangen in die Wette, um ihre Kirche zu reinigen; es war aber verlorene Mühe, denn in einem Augenblicke fuhren Kirche, Priester, Gemälde und Volk, Alles mit einander zum Teufel.« Nun begann er, auf eine ganz gemeine Weise, über die Religion und ihre Diener zu schimpfen. Alle Priester waren heuchlerische Schurken. Wenn er überhaupt eine Religion hätte, sagte er, so würde er die römisch-katholische allen übrigen vorziehen, »denn Sie wissen,« fügte er hinzu, »da kann man sündigen, so viel man will, und für ein paar Schillinge bringt man Alles wieder weg. Ich verdanke der Religion meine Anstellung, Gott straf' mich; fand, daß mein alter Admiral ein Psalmensänger war. ›Ha, alter Knabe,‹ dachte ich, ›dann soll dir's nicht fehlen.‹ Ließ mir durch den Bootsmann ein Kissen ausstopfen, und das trug ich überall mit mir herum, denn ich wollte meine Hosen schonen und meinen Knieen nicht wehe thun. So fing ich denn an, betete den ganzen Tag lang und hielt die ganze Nacht durch die Leute durch Psalmensingen wach. Kniete nieder und betete auf dem Hinterdeck, auf dem Hauptdeck und auf dem Unterdeck; predigte der Mannschaft auf den Bugen, wenn sie die Kabeln aufzog, und seufzte tief und laut, wenn ich einen Fluch hörte. Das Ding ging prächtig; der Admiral sagte, ich sei von der guten Art, und machte aus dem größten Gottesläugner auf dem Schiffe einen Kommandeur. Nicht sobald hatte ich mein Schiffspergament, als ich Kissen und Bibel zum Teufel warf.« Wie lange er noch mit diesem Kauderwälsch fortgemacht hätte, ist schwer zu sagen, aber wir wurden ihn satt, und ließen die Flasche kreisen, bis er mit seinen Erzählungen aufhörte und sich den Aufwallungen der Zärtlichkeit überließ. »Nun, ich behaupte, – Schluck – Sie sind ein teufelmäßig guter Kerl; aber jenen einäugigen Sohn einer Kanone, den will ich vor ein Kriegsgericht stellen, sobald ich ihn einmal in einem Rausch ertappe; will ihn an die Nocke hängen, und Sie sollen mein erster Lieutenant und custos rottorum sein, Gott straf' mich. Kommen Sie nur und sagen Sie es mir, wenn er einmal zu viel Branntwein unter dem Dach hat; ich will ihm dann schon eine Suppe einbrocken, Gott verdamme sein Schielauge – ein schmutziger Polyphem, der Sohn einer – – (Schluck) eines – Vogelfängers – von Whitechapel.« Hier verließ ihn sein Gedächtniß; er begann mit sich selbst zu reden und mich mit dem ersten Lieutenant zu verwechseln. »Ich will ihn lehren, an den Hafen-Admiral zu schreiben – den Sohn eines Schiffskoches.« Jetzt kam das Finale, und er sang: »Der Koch wurde trunken, Fiel die Luke hinab. Zerbrach seine Flasche Wachholder.« Sein Kopf sank zurück, er taumelte über den Stuhl hinunter und lag regungslos auf dem Fußteppiche. Ich hatte schon vorher beschlossen, ihn in diesem Zustande nicht auf die Straße zu lassen, und ihm ein Bett im Gasthofe bestellt. Jetzt zog ich die Glocke, und ließ ihn durch den Hausknecht dahin befördern. Nachdem er sicher untergebracht war, lösten wir ihm die Halsbinde auf, zogen ihm seine Stiefel aus, legten seinen Kopf etwas höher, und kehrten zu der Tafel zurück, wo wir unsern Abend in großer Heiterkeit beschlossen, ohne ein weiteres Beispiel von Trunkenheit zu erleben. Am andern Morgen besuchte ich ihn; er schien nicht sehr erfreut, mich zu sehen, indem er glaubte, ich wollte ihm seine Unmäßigkeit vorwerfen; aber dies war nicht meine Absicht. Ich fragte ihn, wie er sich befinde, und bedauerte, daß die Heiterkeit des Abends auf eine so unglückliche Weise unterbrochen worden sei. »Wie meinen Sie das, Sir? Wollen Sie etwa damit andeuten, ich sei nicht ganz nüchtern gewesen?« »Keineswegs, Sir,« erwiederte ich; »aber wissen Sie, daß Sie mitten in Ihrer anziehenden und köstlichen Unterhaltung in einem epileptischen Anfalle vom Stuhle taumelten? – Sind Sie solchen Zufällen unterworfen?« »Ja, mein Werthester, das bin ich wirklich; aber ich habe schon so lange keinen mehr gehabt, daß ich mich ganz davon befreit glaubte. Viermal bin ich deßwegen auf der Invalidenliste gestanden, und allemal gerade zu einer Zeit, wo ich meiner Beförderung sicher gewesen wäre, wenn ich hätte ausgehen können.« Hierauf gab er mir die Erlaubniß, den Tag über am Lande zu bleiben. Ich pries die glückliche Fassungskraft, womit er den Wink über den Anfall aufgefangen, und sobald ich ihn verlassen hatte, stand er auf, ging an Bord und ließ zwei Matrosen peitschen, welche sich am Abend vorher betrunken hatten. Ich ermangelte nicht, meinen Tischgenossen den ganzen Vorfall zu erzählen, und wenige Tage nachher gingen wir nach Barbados unter Segel. Am ersten Sonntage, den wir auf der See waren, speiste der Kapitän mit den Offizieren in der Constabelkammer. Bald ließ er seine gewöhnliche Ladung Lügen und Prahlereien vom Stapel, welche unsern Doctor, einen verständigen jungen Walliser, jedesmal ärgerten. Bei diesen Gelegenheiten ermangelte er nie, auf Kosten des Kapitäns ein Gelächter hervorzurufen, indem er am Schlusse jeder Anekdote ein paar Worte einstreute, und zwar in einem so ernsten und bescheidenen Tone, daß wer ihn nicht kannte, nothwendig glauben mußte, es sei ihm wirklich Ernst. Der Kapitän gab wieder seine Geschichte mit den Pudeln zum Besten, welche die Zündlunten abbissen. »Ich hoffte, auch unter uns ein solches Korps gebildet zu sehen,« bemerkte er, »und wenn ich der Oberst desselben wäre, so würde ich bald einen Stern auf der Brust tragen.« »Das wäre ein Hundsstern,« fiel der Doctor mit dem kaltblütigsten Ernste ein. »Danke Ihnen, Doctor, nicht übel, machen mich zu Ihrem Schuldner.« Wir lachten; der Doctor behielt seine ernste Miene bei, und der Kapitän sah sich mit einem strengen Blicke um; aber er fuhr in seinen Lügen fort, und berief sich bei seinen Behauptungen, wie gewöhnlich, auf Sir Sidney Smith. Wenn Sie mir nicht glauben wollen, so fragen Sie nur Sir Sidney Smith; er wird Ihnen 36 Stunden lang in einem Zuge von Acre erzählen, ohne nur einmal Athem zu schöpfen. Sein Beischiffführer bekam endlich die Sache so satt, daß er ihm den Spitznamen »Acrelang« beilegte. Der arme Doctor mußte es entgelten. Am folgenden Tage bemerkte er, daß das Verdeck über seiner Kajüte einen Leck hatte, und ihm das Wasser in's Bett lief. Er begann, ein Stück getheerten Segeltuchs zum Abhalten des Wassers festzunageln, als der Kapitän die Hammerschläge hörte und auf die Meldung, daß der Doctor so lärme, Ruhe gebot. Der Doctor versetzte, er wolle nur einige Löcher über seinem Kopfe vernageln; allein der Kapitän meinte, sie dürfen nicht verstopft werden, ein Loch oder Lauchbett sei für einen Walliser eine köstliche Lagerstätte. »Jetzt sind wir quitt, Doctor, das ist nur für Ihren Hundsstern. Sie glauben vermutlich, es könne auf dem Schiffe Niemand außer Ihnen Pulver oder Pillen machen?« »Wenn meine Pillen nicht besser wären, als Ihr Pulver, so wären wir übel daran.« Hierauf verbot der Kapitän dem Zimmermann, den Doctor mit Nägeln oder irgend einem Werkzeuge zu versehen; ja er sagte dem armen Arzte, er wisse nicht einmal, wie man eine Pille mache, und sei so unnütz, als die Flottencommission. Auch in anderen Theilen seines Berufes beschuldigte er ihn der Unwissenheit, und ließ alle Kranken auf's Verdeck führen und mit Tau-Enden peitschen, um ihr Blut in raschere Bewegung zu bringen und sie etwas lebendig zu machen. Ich habe manchen armen Kranken auf die unbarmherzigste Weise peitschen sehen, und wundere mich nur, warum die Matrosen ihren Kapitän nicht über Bord warfen; aber ich glaube, blos die Ehrfurcht und Liebe gegen die Offiziere konnte sie davon abhalten. Wir waren nicht sobald in blaues Wasser gekommen, wie er es nannte – d. h. in eine See, wo man mit dem Loth keinen Grund mehr fand – als er seine Quälereien begann, mit denen er nicht mehr aufhörte, bis wir Carlislebay erreichten. Offiziere und Matrosen wurden auf gleiche Weise mißhandelt, und mußten sich Alles gefallen lassen, denn Keiner von uns wagte es, ihn vor ein Kriegsgericht zu stellen. Es war sein steter Grundsatz – »treibet die Matrosen zur Arbeit an, so treibet ihr ihnen den Teufel aus – die ganze Mannschaft muß die ganze Tagwache thun und die ganze Nacht wachen.« »Kein Mensch,« sagte Jacky – so nannte ihn das Schiffsvolk, »soll an Bord meines Schiffes müßiges Brod essen; die Arbeit treibt den faulen Schlingeln den Scharbock aus den Knochen.« Die ganzen ersten drei Wochen über durfte kein Offizier oder Matrose während des Tages unten Wache halten. Sie wurden beinahe zu Tode geplagt und ein Geist der Meuterei und Unzufriedenheit herrschte im ganzen Schiff. Einer der besten Matrosen sagte vor den Ohren des Kapitäns, seit das Schiff in See sei, habe er nur drei Wachen unten gehabt. »Und wenn ich es gewußt hätte,« versetzte der Kapitän, »so hättet Ihr auch die nicht gehabt.« Er ließ die Mannschaft auf's Verdeck pfeifen, und ihm vier Dutzend aufzählen. So oft er die Matrosen peitschen ließ, worin er unermüdlich war, beschuldigte er sie stets des Undankes, und warf ihnen die Nachsicht vor, die er mit ihnen hätte. »Bei Gott, es gibt kein Schiff bei der Flotte, welchem so viel nachgesehen würde,« sagte er. »Alles, was ihr zu thun habt, ist, das Schiff rein zu halten, die Raaen zu setzen, euren Mundvorrath an Bord zu nehmen und zu essen, euren Grog an Bord zu nehmen und zu trinken, und die leeren Fässer auf die Seite zu schaffen; aber der Himmel selbst könnte es einer solchen Bande verfluchter, fetter, fauler, mißvergnügter Schurken nicht recht machen.« Seine Sprache gegen die Offiziere übertraf Alles, was ich jemals aus dem Munde eines Menschenkindes vernehmen zu können glaubte. Eines Tages erregte der Steuermann seinen Zorn, und er sagte auf die gemeinste Weise zu dem Armen, er solle in die Hölle fahren. »Ich hoffe, Sir,« erwiederte der Steuermann,« »ich habe so viel Aussichten auf den Himmel, als Sie.« »Sie auf den Himmel?« rief der Kapitän. »Sie auf den Himmel! Lassen Sie sich dort blicken – sogleich will ich hergehen und Ihnen einen Tritt versetzen, daß Sie hinausfliegen.« Dadurch bewies er offenbar, wie weit er seine Tyrannei treiben würde, wenn er könnte; aber unser Gemüth kann durch diese erklärte Gotteslästerung nicht sehr erschüttert werden, wenn wir bedenken, daß der Arme ein Atheist war, und sich den Himmel wie ein Zimmerchen im Stern vorstellte, worin es nicht an einem freundlichen Feuer, einer gehörigen Menge Grog und Pfeifen und Tabak fehlte. Er hatte keinen Tisch, und trank niemals Wein, außer wenn er mit uns speiste; aber im Schiffsbranntwein betrank er sich jeden Abend mehr oder weniger in seiner Kajüte; deßhalb war er auch Abends am heftigsten. Die einzige Rache, die wir an ihm nehmen konnten, war das Gelächter über die Lügen, die er uns aufband, wenn er Sonntags bei uns zu Gast war. Eines Abends kam sein Diener und sagte dem Midshipman, der die Wache hatte, der Kapitän läge in seiner Kajüte bewußtlos am Boden. Ich erfuhr es und beschloß, es so gut als möglich zu benutzen. Mit dem wachhabenden Midshipman, dem Deckmeister und zwei verläßlichen Matrosen ging ich in die Kajüte, und nachdem der Wassertrinker zu Bett gebracht war, schrieb ich den Zustand, in welchem wir ihn fanden, sammt dem Datum und den Namen der Zeugen auf, um davon Gebrauch zu machen, sobald wir den Admiral treffen würden. Am folgenden Tage schien er zu argwöhnen, was ich gethan hatte, und beinahe wäre es mir übel bekommen. Es wehte ein frischer Passatwind, und das Schiff rollte sehr tief. Da befahl er die Barren loszukappen und neu zu stauen. Dieß war nichts Anderes als Mord und Wahnsinn, aber trotz aller Einsprache beharrte er darauf, und die Folgen waren fürchterlich. Nicht sobald waren die Schlingen gelöst, als ein überzähliger Topmast herabfiel und einen Matrosen tödtete: genug Unheil für einen Tag; aber der Teufel war noch nicht fertig. Die Barren waren wieder angelegt, und die Matrosen erhielten Befehl, das Takelwerk niederzulassen, eine Arbeit, die bei dem schweren Rollen des Schiffes noch gefährlicher und wo möglich nutzloser war, als die erste. Er wurde gewarnt, aber vergeblich, und die Leute waren noch keine zehn Minuten oben, als ein Mann über Bord fiel. Warum ich mein Leben wieder auf's Spiel setzen wollte, weiß ich mir um so weniger zu erklären, als ich auf meiner letzten Seereise eine so ernste Warnung bekommen hatte; vielleicht war es Eitelkeit, was ich im Wasser zu leisten vermöchte. Ich kannte meine Kräfte, und in der Hoffnung, dieses unglückliche Opfer der Tollheit und Grausamkeit des Kapitäns zu retten, stürzte ich mich in die See, indem ich mir bewußt war, daß ich beinahe einen Selbstmord beging. Ich ergriff den Matrosen und hielt ihn eine Zeitlang empor; wenn der geringste Eifer und seemännische Geist gezeigt worden; so hätte ich ihn auch gerettet. Aber auf die Meldung, daß ich über Bord sei, schien der Kapitän fest entschlossen, sich meiner zu entledigen, um sich selbst zu erhalten; er bot Alles auf, um die Aussetzung des Bootes zu verhindern. Der Matrose war erschöpft. Ich hielt mich frei von ihm, während ich um ihn herumschwamm, und schob ihn von Zeit zu Zeit in die Höhe, wenn er sinken wollte; endlich aber sah ich, daß er unwiderruflich verloren war – denn so fest ich ihn immer hielt, sank er doch immer tiefer und tiefer – und als ich in die Höhe blickte, fand ich mich selbst schon so tief unter der Oberfläche, daß das Wasser über meinem Kopfe dunkelte. Da stemmte ich meine Kniee auf die Schultern des Mannes, gab mir durch den Widerstand einen kleinen Stoß und tauchte über dem Wasserspiegel empor. Aber ich war so sehr erschöpft, daß ich mich keine halbe Minute mehr hätte halten können. Glücklicherweise kam endlich das Boot heran und nahm mich auf. Die Zögerung mit dem Beilegen des Schiffes schrieb ich dem Auftritte zu, welchen ich den Abend vorher mit angesehen hatte, und hierin bestätigte mich das Zeugniß der Offiziere. Nachdem der Kapitän durch sein unseemännisches Betragen zwei Matrosen verloren hatte, wollte er seine Schuld noch durch den überlegten Mord eines dritten Mannes vergrößern, um der Strafe zu entgehen, welche, wie er wußte, seiner wartete. Er setzte seine Tyrannei fort, und ich hatte fest beschlossen, ihn in dem Augenblicke, wo wir den Admiral treffen würden, vor ein Kriegsgericht zu ziehen, mochte daraus entstehen, was da wollte; ich glaubte meinem Vaterlande und der Flotte einen Dienst zu erweisen, wenn ich sie von einem solchen Ungeheuer befreite. Einige von den Offizieren hatten Arrest, und trotz der Hitze ihrer Kajüten in diesem warmen Klima beständig eine Schildwache vor der Thüre. In Folge dieser grausamen Behandlung verlor einer von ihnen den Verstand. Wir kamen nach Barbados; und als wir die Needham-Spitze umfuhren, um in die Carlisle-Bay einzulaufen, sahen wir zu unserem großen Schrecken, daß weder der Admiral, noch überhaupt irgend ein Kriegsschiff da war, und folglich unser Kapitän im Hafen befehligte. Aus diesem Grunde wurde er außerordentlich freundlich, indem er sich mit der Hoffnung schmeichelte, wenn der böse Tag hinausgeschoben werde, so könne er ihn auch ganz abwenden; mich behandelte er mit besonderer Aufmerksamkeit, indem er hoffte, wir würden uns einen Spaß am Lande machen. Weil der Admiral noch nicht gekommen sei, sagte er, wollen wir ihn erwarten; müde, sich ewig auf der See herumschaukeln zu lassen, schaffe er seine Siebensachen aus dem Schiff, und lege sich am Lande vor Anker, um nicht eher auszulaufen, als bis wir die Admiralsflagge begrüßen würden. Weder der erste Lieutenant noch ich glaubten ein Wort von dem Allem. Ja wir nahmen immer das Gegentheil von dem an, was er sagte, und in diesem Falle thaten wir wohl daran. Nachdem wir Anker geworfen hatten, ging er an's Land, und kehrte nach einer Stunde mit der Meldung zurück, der Admiral werde erst im folgenden Monate erwartet; er nehme deßhalb seine Wohnung bei Jemmy Kavan und werde das Schiff vor der Ankunft des Admirals nicht mehr mit seiner Gegenwart belästigen. Hierauf verließ er uns, und nahm seinen Koffer und all seine schwarze Wäsche mit, die denn freilich schwarz genug war. Unglücklicherweise glaubten es Einige von den Offizieren, daß wir längere Zeit hier bleiben würden, und folgten dem Beispiele des Kapitäns, indem sie ihr Leibweißzeug an's Land schickten, um es waschen zu lassen. Wolkensegel und ich ließen uns nicht hinter's Licht führen. »Verlassen Sie sich darauf, Kamerad,« sagte der Lieutenant, mit seinem Auge zuckend; »es ist etwas im Wind. Ich habe ein Hemde an's Land geschickt, um es waschen zu lassen, und wenn es kommt, schicke ich wieder eines hin. Verliere ich das auch, so ist's doch nur eine Kleinigkeit.« Um zehn Uhr Abends kam Kapitän Jacky an Bord, und brachte seinen Koffer und sein Leibweißzeug wieder mit. Er ließ die Mannschaft auf's Verdeck pfeifen, lichtete die Anker und ging in See; die meisten Offiziere mußten ihre Wäsche zurücklassen. Dieß war eine von seinen Tücken. Als er am Morgen landete, fand er seine Befehle vor; sie warteten auf ihn, und er holte seine Habe nur deßhalb an's Land, um uns treuherzig zu machen und durch den Verlust unseres Weißzeuges zu zwingen, eben so schmutzig zu erscheinen, als er selbst einherging, denn er hatte ja den Grundsatz, seinen Offizieren so viel Bequemlichkeit als möglich zu verschaffen. Wir kamen zu Nassau, in Neuprovidence, an, ohne etwas Besonders zu erleben, wiewohl der Dienst immer in der gleichen unangenehmen Weise verrichtet wurde. Ich ließ nicht ab, bis ich Urlaub bekam, an's Land zu gehen, und da ich keine Aussicht hatte, den Kapitän der Gerechtigkeit zu übergeben, beschloß ich, wo möglich das Schiff zu verlassen. Ein Zufall kam mir zu Hülfe, sonst hätte es wohl viele Mühe gekostet, mich los zu machen. Beim Landen fiel ich zwischen das Boot und die Werfte, und in Folge des plötzlichen Stoßes sprang ein kleines Blutgefäß in meiner Brust. Die Verletzung hatte an sich wenig zu bedeuten, aber in diesem Klima erforderte sie eine besondere Pflege, und ich vergrößerte sie gewaltig. Man wollte mich wieder an Bord führen, aber ich bat, in den Gasthof getragen zu werden. Der Wundarzt des hier liegenden Regimentes behandelte mich, und ich ersuchte ihn, die Sache so schlimm als möglich zu machen. Der Kapitän kam zu mir und fand mich sehr krank. Seine Theilnahme glich dem Mitleiden eines Inquisitors vom heiligen Gericht, der sein Opfer nur deßwegen herstellt, um es in Stand zu setzen, weitere Martern zu ertragen. Die Zeit der Abfahrt rückte heran, und ich wurde zu krank gemeldet, um eine Ortsveränderung mit mir vornehmen zu lassen. Fest entschlossen, mich an Bord zu nehmen, verlängerte er seinen Aufenthalt. Ich wurde besser; der ärztliche Bericht lautete günstiger, aber ich hatte immer noch den gleichen Widerwillen gegen meine Einschiffung. Endlich schickte er mir eine zärtliche Botschaft, und ließ mir sagen, wenn ich nicht käme, werde er mich durch ein Kommando Marinesoldaten holen lassen; ja er kam sogar selbst und drohte mir. Allein, da wir unter vier Augen waren, sagte ich ihm offen, es sei sein eigenes Verderben, wenn er darauf beharre, mich an Bord zu nehmen, denn ich sei fest entschlossen, ihn in dem Augenblicke, wo wir den Admiral treffen würden, wegen Trunkenheit und gemeinen Benehmens vor ein Kriegsgericht zu stellen. Hierauf erzählte ich ihm, in welchem Zustande ich ihn gefunden habe, und hielt ihm seine Gotteslästerungen und seinen Wahnsinn vor, wodurch er den Verlust der beiden Matrosen veranlaßt hatte. Er starrte mich an und bat mich um nähere Erklärung, aber ich war kurz und bündig, und als er sah, daß ich ihn in meiner Gewalt hatte, brach er in Thränen aus und wurde kleinlaut. »Wohlan denn, mein Werthester,« sagte Jacky, »da Sie so bedeutend krank sind, so muß ich mich, so sehr ich auch Ihren Verlust bedaure, in Ihr Bleiben fügen. Es wird mir schwer fallen, Sie zu ersetzen; aber weil ich die Bequemlichkeit und das Wohlergehen meiner Offiziere stets zum Hauptgegenstande meiner Sorge mache, so will ich lieber mir selbst wehe thun, als Ihnen.« Mit diesen Worten reichte er mir die Hand, und ich drückte sie mit aufrichtiger Theilnahme, indem ich die zuversichtliche Hoffnung hegte, daß wir uns weder in dieser, noch in jener Welt wieder begegnen würden. Später wurde er, wegen wiederholter Trunkenheit und Mißhandlung seiner Untergebenen vor ein Kriegsgericht gestellt und endlich seines Dienstes entlassen. Bei dieser Schilderung der Eigentümlichkeiten G .. 's darf man sich nicht zur Vermuthung verleiten lassen, als ob damals solche Charaktere auf der Flotte häufig gewesen wären. Ich habe bereits gesagt, daß er einzig in seiner Art war. Das Preßsystem und der Offiziersmangel im Anfange des Krieges hatten ihm Gelegenheit verschafft, eine Lieutenantsstelle zu erhalten. Er faßte den Admiral an seiner schwachen Seite und erlangte durch wiederholte Bewerbung bei der Admiralität und Berufung auf seine vieljährigen Dienste die Commandeurstelle auf seiner Schaluppe. Durch die Zulassung von Matrosen auf dem Hinterdeck waren dem Flottendienst wesentliche Nachtheile erwachsen. Es gab zwei Klassen von Seeoffizieren – Männer von Rang und Geburt, und Leute, die, wie man sich ausdrückte, durch die Kabellöcher hinaufgeschlüpft waren. Die ersten wurden in ihrer Jugend begünstigt und erwarben sich nicht die hinreichenden Kenntnisse in ihrem Berufe; die letztern zeigten sich mit wenigen Ausnahmen, aus Mangel an Erziehung, je weiter sie vorrückten, desto untauglicher für ihre Stellen. Diesen Mängeln ist jetzt abgeholfen; und da alle jungen Männer, welche in den Flottendienst treten, eine regelmäßige Erziehung genossen haben, folglich aus dem gebildeten Stande hervorgegangen sein müssen, so ist dadurch ein Gleichgewicht hergestellt, welches die Begünstigung in gewissem Grade ausschließt und Männern, wie Kapitän G.. war, den Zutritt gänzlich versagt. Nach der Schlacht von Trafalgar, wo die brittische Flotte die Sicherheit Englands und Europa's rettete, wurde der Seedienst volksthümlich, und die Aristokratie drängte sich zu der Flotte. Dieß war von der erfreulichsten Wirkung, und unter der folgenden Marineverwaltung wurden in Beziehung auf Mannschaft, Offiziere und Schiffe, allmählig und ohne irgend ein Aufsehen dauernde Verbesserungen vorgenommen. Die Flotte wurde noch glücklicher, als ein Offizier in den Admiralitätsrath kam, der durch vieljährigen aktiven Dienst vor dem Frieden von Paris mit den Mängeln und Mißbräuchen der Marine vertraut geworden war. Keiner Partie angehörig und durch keine Gewalt eingeschüchtert, wagte er es, seine Pflicht zu thun, und es gereicht dem ersten Lord, welcher so lange den Vorsitz bei der Flottencommission führte, zur größten Ehre, daß er den Vorschlägen dieses Offiziers die erforderliche Aufmerksamkeit schenkte. Ich kann deßhalb meinen Lesern die Versicherung geben, daß sie nicht zu befürchten haben, einen Kapitän G.. zu treffen, so lange man diesem Manne Gehör schenkt. Achtzehntes Kapitel. Da geht sie hin voll Galle und Eifersucht. Gott sei dem armen Manne gnädig! Die eifersüchtige Frau. Der fürchterliche Fisch, der sich den Namen Des Tod's erwarb. Spenser. Als die Brigg aus dem Hafen von Nassau ausfuhr, verließ ich das Bett; und als sie ihre Königssegel entfaltete und in See ging, setzte ich meinen Hut auf und ging in die Stadt. Die Offiziere der Besatzung luden mich freundlich zu ihrer Tafel ein, und der Obrist des Regiments erhöhte den Werth des Anerbietens dadurch, daß er mir schöne Zimmer in der Kaserne einräumte. Sogleich bezog ich die saubere und bequeme Wohnung. Ich erlangte bald meine Kräfte wieder und konnte meinen Platz am Tische einnehmen, wo ich fünfunddreißig junge Offiziere traf, welche in den Tag hinein lebten, ohne je an den andern Morgen zu denken, und überhaupt irgend einen ernsten Gedanken zu beherbergen. Es ist eine sonderbare Thatsache, daß der Mensch gegen die Erhaltung des Lebens um so gleichgültiger wird, je unsicherer dasselbe ist, und daß er selten an die Ewigkeit denkt, wo er, wie in diesem Lande, unaufhörlich den Tod vor Augen hat; aber es ist nun einmal so, und diese Regel findet in despotischen Ländern ihre strengste Anwendung. Wo das Schwert des Tyrannen die Verbindung zwischen Kopf und Schultern in einem Augenblicke aufhebt, verliert das Leben seinen Werth und der Tod seine Schrecken, und mit Gleichmuth und Gefühllosigkeit betrachtet der Bewohner eines solchen Staates seinen Henker. Es scheint, als ob das Leben, wie das Land, im Verhältnisse zu der größern Kraft der Rechte, auf denen seine Erhaltung beruht, an Werth gewänne. Doch ich will nicht weiter abschweifen. Ob ich gleich sogar von der alltäglichen Tugend, welche mit der absoluten Ruchlosigkeit so ziemlich auf gleicher Stufe steht, noch weit entfernt war, so war ich doch nicht mehr der gedankenlose Mensch, der ich seit meinem Austritte aus der Schule gewesen. Der Umgang mit Emilien und ihr Bild in meinem Herzen, das abgesperrte Leben auf der Brigg, und meine Rettung aus der drohendsten Todesgefahr bei meinem zweiten Versuche, das Leben eines armen Matrosen zu erhalten, hatte jedes in seiner Art zu einer zeitlichen Besserung, wo nicht zum Abscheu gegen größere Laster beigetragen. Der Verweis, den mir Emilie wegen meiner betrügerischen Handlungsweise gegeben, und das verabscheuungswürdige Benehmen meines letzten Kapitäns hatten, wie ich mir schmeichelte, meine Besserung beinahe vollendet. Ich fühlte, daß ich bis jetzt schlecht gehandelt hatte, ohne die Kraft zu besitzen, gut zu handeln, vergaß aber dabei, daß ich nie den Versuch gemacht hatte. Der erklärte Atheismus Kapitän G.'s war so weit entfernt, mich einzunehmen, daß ich von diesem Augenblicke an ernster als je an die Religion dachte. Meine Verachtung gegen seinen Charakter war so groß, daß ich Alles für falsch hielt, was er sagte, und gleich dem betrunkenen spartanischen Sklaven flößte er mir den größten Abscheu vor dem Laster ein. So dachte, so urtheilte ich, ehe ich auf's Neue in Sünde und Thorheit verfiel. Ich wußte, wie hassenswerth sie ist, und wenn ich die Schranken überschritt, so bereuete ich; aber die Gewohnheit übte eine unwiderstehliche Gewalt über mich aus, und die einzige feste Stütze, an die ich mich hätte halten können, wurde unglücklicherweise von mir übersehen. Die Religion hatte ich aus guten Gründen aus meinen Gedanken verbannt. Mein System war eine Art sokratisch-heidnischer Philosophie – eine gewisse Moral, welche darauf berechnet war, einen Menschen so ziemlich erträglich durch eine ruhige Welt zu führen, aber nicht aus den Irrgängen des lange geübten Lasters herauszuwinden. Das leichtsinnige und sündhafte Benehmen meiner neuen Freunde wurde eine Quelle des ernsten Nachdenkens für mich. Ich war weit entfernt, ihrem Beispiele zu folgen, und fühlte mich um einige Grade besser, als sie; aber im Dünkel meines Herzens dankte ich Gott, daß ich nicht war, wie diese Zöllner. Meine pharisäische Anmaßung verbarg mir die demüthigende Wahrheit, daß ich viel schlechter war, als sie, und sehr wenig Hoffnung zur Besserung versprach. Demuth hatte noch keine Stelle in meiner Seele gefunden, und doch war sie die einzige Grundlage, auf welcher eine religiöse Wiedergeburt – die erste Bedingung meiner Rettung, möglich war. Ich verfeinerte blos meine Lasterhaftigkeit, ohne ihr zu entsagen. Rohe Sinnlichkeit, die in Westindien so leicht zu befriedigen ist, ekelte mich an; aber ich machte mir kein Gewissen aus einem Angriffe auf die Unschuld, wobei mir die Verfolgung meiner Pläne weit mehr Freude machte, als der Genuß, dessen ich bald überdrüssig wurde, um andern Gegenständen meiner Begierde nachzujagen. Indessen fand ich auf den Bahama-Inseln wenig Gelegenheit, meine Gewandtheit in dieser Kunst auszuüben. In Westindien gibt es eine Klasse von Frauen, die, von weißen Vätern gezeugt und von Mulattenmüttern geboren, eine Farbe haben, die der europäischen nahe kommt; viele derselben sind Brünetten, mit langem, schwarzem Haar, sehr hübschem Gesicht, schönen Augen und sehr zierlichem Wuchse. Diese Damen sind zu stolz auf das europäische Blut in ihren Adern, um eine Verbindung mit einem Manne einzugehen, dessen Stammbaum eines schwarzen Blattes verdächtigt werden könnte; in Folge dessen heirathet man sie selten aus andern Gründen, als aus Eigennutz; wenn sie durch Erbschaft ein großes Vermögen erlangen, werden sie häufig von den weißen Ansiedlern zur Ehe gesucht. Unter solchen Umständen ziehen diese Mädchen ein Liebesverhältniß mit dem Gegenstande ihrer Wahl einer gesetzlichen Verbindung mit einem Manne von untergeordnetem Range vor, und haben sie einmal gewählt, so ist ein Treubruch ein seltener Fall bei ihnen. Ihre Zuneigung und Beständigkeit hält die Probe der Zeit und langer Trennung; sie sind freigebig bis zur Verschwendung; aber eifersüchtig und reizbar in ihrer Eifersucht bis zur Anwendung von Gift und Dolch. Eine von diesen jungen Damen fand meine Person reizend genug, um sich mir hinzugeben, und wir standen in jenem vertrauten Verhältnisse mit einander, welches in Westindien von den Betheiligten als eine Sache der Notwendigkeit und von jedem Dritten als gleichgültig betrachtet wird. Auf diesem epikuräischen Fuße lebte ich mehrere Monate lang, bis meine chère amie unglücklicherweise in der Tochter eines hochgestellten Offiziers auf der Insel eine Nebenbuhlerin fand. Von meiner Persönlichkeit eingenommen, besaß die Schöne nicht Klugheit genug, ihre Neigung zu verbergen; meine Eitelkeit fühlte sich zu sehr geschmeichelt, um aus ihren Gefühlen für mich keinen Vortheil zu ziehen; und wie gewöhnlich nahmen die Tändeleien der Liebe meinen ganzen Morgen, bisweilen auch meinen Abend, in Gesellschaft dieser schönen Amerikanerin in Anspruch. Scandal ist ein Gott, der überall regiert, nicht nur in Großbritannien, sondern auch in Seiner Majestät Kolonien, und seine Leibdiener erwählten mich bald zur Zielscheibe ihrer Pfeile. Meine hübsche Carlotta wurde eifersüchtig; sie warf mir Unbeständigkeit vor. Ich läugnete die Beschuldigung, und ließ mir zum Beweise meiner Unschuld das Versprechen entlocken, das Haus ihrer Nebenbuhlerin nicht mehr zu betreten; aber ich trug Sorge dafür, dieses Versprechen zu umgehen und zu brechen. Vierzehn Tage lang wurde mein Hausfrieden durch Thränen oder die freigebigsten und beleidigendsten Solo's gestört, denn nach dem ersten Tage gab ich ihr keine Antwort mehr. Eines Morgens gab wir ein kleines Sclavenmädchen ein Zeichen, ihm nach einem entlegenen Theile des Gartens zu folgen. Ich hatte diesem armen Geschöpfe zuweilen einige Beweise freundlicher Zuneigung gegeben, wofür es mich jetzt in reichem Maße belohnte. Hier und da hatte ich ihm einen Feiertag ausgewirkt und bald eine Züchtigung erspart, bald eine Kleinigkeit an Geld geschenkt. Dadurch wurde es sehr anhänglich an mich, und da es den Zorn seiner Gebieterin täglich wachsen sah, so wußte es, wie das wahrscheinlich enden würde, und wachte über meine Sicherheit, wie eine freundliche Fee. »Nicht trinken Kaffee, Massa,« sagte das Kind, »Missy hineinwerfen Obi.« Kaum hatte sie dieß gesagt, als sie verschwand. Ich trat in's Haus. Carlotta bereitete eben das Frühstück und hatte eine alte Frau bei sich, die sich mit etwas zu beschäftigen schien, was sie nicht gerne sehen lassen wollte. Unbefangen setzte ich mich nieder und summte ein Liedchen. Mein Gesicht hatte ich einem Spiegel und meinen Rücken Carlotten zugekehrt, so daß ich ihre Bewegungen beobachten konnte, ohne von ihr bemerkt zu werden. Sie stand am Herde, und hatte den Kaffee neben sich auf dem Tisch; die alte Frau kauerte in der Kaminecke und starrte mit ihren Triefaugen in die Asche. Carlotta schien zweifelhaft; sie drückte ihre Hände krampfhaft gegen die Stirne, ergriff den Kaffeetopf, um mir eine Tasse vollzugießen und stellte ihn wieder nieder. Die Alte murmelte etwas in ihrer Sprache; Carlotta stampft mit ihrem kleinen Fuße und schenkte ein. Sie brachte mir den Kaffee – zitterte, während sie ihn hinstellte – schien ihn ungern aus der Hand zu lassen und umklammerte die Tasse, als wollte sie dieselbe wieder wegnehmen. Die Alte brummte und murmelte etwas, von dem ich nur den Namen der vorerwähnten Nebenbuhlerin verstand. Dieß war genug. Carlotta's Augen leuchteten wie eine Flamme; sie ließ die Tasse los, ging an den Herd zurück, setzte sich und bedeckte ihr Gesicht, indem sie mich meiner letzten irdischen Mahlzeit überlassen glaubte. »Carlotta,« rief ich auf einmal heftig. Sie fuhr erschrocken auf, und das Blut flammte über Gesicht und Nacken – die Röthe schlägt sehr deutlich auf der Haut dieser Mulattinnen durch. »Carlotta,« wiederholte ich, »gestern Abend hatte ich einen Traum, und wer glaubst du, daß mir erschien? Obi! (Sie schrak bei dem Namen zusammen). Er sagte mir, ich sollte diesen Morgen keinen Kaffee trinken, sondern ihn der alten Frau geben.« Bei diesen Worten sprang die Alte in die Höhe. »Komm her, du alte Hexe,« rief ich; sie näherte sich zitternd, denn sie sah, daß sie mir nicht entrinnen konnte, und ihre Schuld entdeckt war. Ich nahm ein scharfes Messer und sagte, sie bei ihren wenigen noch übrig gebliebenen Wollenhaaren ergreifend, »Obi's Auftrag muß vollzogen werden; ich befehle es nicht, aber ich will's haben; trink' im Augenblicke diesen Kaffee.« Der Name Obi klang der Hexe so gebieterisch in die Ohren, daß sie ihn mehr fürchtete, als mein gezücktes Messer. Es fiel ihr nicht einmal ein, um Gnade zu flehen, denn sie hielt es nach der Entdeckung für fruchtlos und glaubte, ihre Stunde sei gekommen. Eben erhob sie die Tasse an ihre welken Lippen und war im Begriff, ihr Schicksal zu erfüllen und zu trinken, als ich ihr das Gefäß aus der Hand schlug, daß es auf dem Fußboden in tausend Stücke zerbrach. Zugleich warf ich Carlotten einen furchtbaren Blick zu; sie stürzte sich zu meinen Füßen und bedeckte sie im wilden Kampfe ihrer Leidenschaften mit glühenden Küssen. »Tödte mich, tödte mich,« rief sie, »ich habe es gethan. Obi ist groß – er hat dich gerettet. Tödte mich, und ich werde mit Freuden den Tod umarmen, nun ich dich gerettet weiß – tödte mich!« Mit vollkommener Kaltblütigkeit hörte ich diese Ausbrüche des Wahnsinns an. Als sie wieder etwas ruhiger war, bat ich sie, aufzustehen. Sie gehorchte und stellte das Bild der Verzweiflung dar, denn sie glaubte, ich werde sie augenblicklich verlassen und in die Arme ihrer glücklicheren Nebenbuhlerin eilen, wiewohl sie meine Unschuld durch Erscheinung der Gottheit völlig erwiesen glaubte. »Carlotta,« sagte ich, »was würdest du gethan haben, wenn es dir gelungen wäre, mich zu tödten?« »Das will ich dir zeigen,« erwiederte sie, trat an einen Kasten, nahm eine andere Tasse Kaffee, und ehe ich ihr dieselbe von den Lippen wegschleudern konnte, wie der alten Negerin, hatte das wahnsinnige Kind bereits einen kleinen Theil ihres Inhaltes verschluckt. »Was kann ich anders thun?« sagte sie; »mein Glück ist für immer verloren.« »Nein, Carlotta,« versetzte ich, »ich will deinen Tod nicht, ob du gleich den meinigen gewollt hast. Ich war dir treu und liebte dich bis zu dem Augenblicke dieses Versuches.« »Willst du mir vergeben, bevor ich sterbe?« rief sie, »denn sterben muß ich, nun ich weiß, daß du mich verlassen wirst!« Mit diesen Worten warf sie sich heftig auf den Boden. Da ihr Kopf mit den Stücken der zerbrochenen Tasse in Berührung kam, verwundete sie sich und blutete so stark, daß sie ohnmächtig wurde. Die Alte war entflohen und ich allein bei Carlotten, denn die arme kleine Sophie hatte sich aus lauter Angst versteckt. Ich hob sie vom Boden auf, setzte sie auf einen Stuhl, wusch ihr das Gesicht mit kaltem Wasser, stillte ihr das Blut und legte sie auf's Bett, wo sie zu athmen und krampfhaft zu schluchzen anfing. Wie ich an ihrer Seite saß und ihr bleiches Gesicht betrachtete, versank ich bei dem Anblicke ihres Schmerzes in trübes Nachdenken und stellte Betrachtungen über meine zahllosen Sünden und Thorheiten an. »Wie viele Warnungen,« sagte ich, »wie viel Lehren muß ich noch erhalten, ehe ich mich bessere! Wie nahe war ich daran, unversöhnt und unvorbereitet zu meiner Rechenschaft abgerufen zu werden! Wie würde es mir ergangen sein, wenn ich in diesem Augenblicke vor meinem beleidigten Schöpfer erschienen wäre! Wenn ich die Vortheile der Erziehung auf meiner Seite und den Mangel derselben auf der ihrigen bedenke, so ist die Arme, in Vergleich mit mir, rein und unschuldig. Woher kommt all dieses Elend und die furchtbaren Folgen, die daraus entstehen konnten, als von meinem frevelhaften Spiele mit den Gefühlen eines unschuldigen Mädchens und von der Eitelkeit, die ich durch die Gewinnung ihrer Liebe schmeicheln zu müssen glaubte, während ich zugleich ein Verhältniß mit diesem unglücklichen Wesen anknüpfte, das ich ohne das geringste Bedauern abzubrechen bereit bin, um es dem Elend zu überlassen, und aller Wahrscheinlichkeit nach seine ganze Zukunft zu verbittern. Was soll ich thun? Vergeben, wie ich selbst Vergebung hoffe; die Schuld lag mehr auf meiner Seite, als auf der ihrigen.« Ich fiel auf meine Kniee und sprach mit Inbrunst das Gebet des Herrn, indem ich einige Worte des Dankes für die unverdiente Rettung meines Lebens hinzusetzte. Dann stand ich auf und küßte ihre kalte feuchte Stirne; sie war für meine Güte empfänglich, und ihr zerrissenes Herz erleichterte sich in einer Fluth von Thränen. Mit dem flammenden Ausdrucke des Dankes und der Liebe hatte sie ihre Augen auf mich geheftet. Ich suchte sie zu beruhigen. Der Blutverlust äußerte eine gute Wirkung, und nachdem der Kampf ihrer Leidenschaften ausgetobt hatte, versank sie in einen tiefen Schlaf. Leser, welche die westindischen Inseln, oder die menschliche Natur kennen, werden ohne Erstaunen vernehmen, daß ich dieses Verhältniß so lange fortsetzte, als ich mich auf dem Eilande befand. Carlotta hatte ihren Anschlag so wenig berechnet und eine Aufregung an den Tag gelegt, daß ich völlig überzeugt war, sie sei noch Neuling in dieser Art von Verbrechen, und ich könne bei einem etwaigen Rückfalle in einen Paroxysmus der Eifersucht leicht jeden weiteren Versuch auf mein Leben entdecken. Indessen hegte ich in dieser Beziehung keine Besorgniß, indem ich meine Besuche bei der jungen Dame, welche diesen Sturm herbeigeführt hatte, nach und nach einstellte, und so lange ich noch auf dem Eilande war, Carlotten nicht den entferntesten Grund mehr zu einem Verdacht gegen meine Treue gab. Ueber mein Benehmen gegen die junge Dame wurde ich streng gerichtet, denn die Aufmerksamkeiten, die ich ihr erwies, und der Vorzug, den sie mir gab, hatten Bewerber abgeschreckt, welche reine Absichten hatten und jetzt nie mehr zurückkehrten. Auf diesen Inseln findet der Naturforscher einen reichen Lohn für seine Mühe; sie sind voll von den mannigfaltigsten Pflanzen, Vögeln, Fischen, Schalthieren und Mineralien. Auf ihnen setzte Columbus zuerst seinen Fuß an's Land, aber auf welcher derselben, vermag ich nicht mit Bestimmtheit anzugeben, wiewohl ich überzeugt bin, daß sie ihm nicht so sehr gefielen, als mir, denn er verließ sie bald wieder und steuerte nach St. Domingo. Es ist vielleicht nicht allgemein bekannt, daß Neuprovidence die Insel war, welche der berüchtigte Seeräuber Barbanera zu seinem Aufenthaltsorte gewählt hatte; die Citadelle, welche sich auf der Höhe über der Stadt Nassau erhebt, steht neben den Trümmern der Festung, worin jener bekannte Freibeuter seine Schätze aufspeicherte. Während meines Aufenthaltes auf dieser Insel ereignete sich ein sonderbarer Vorfall, welcher ohne Zweifel mit den Abenteuern jener außerordentlichen Menschen in Verbindung stand, die unter dem Namen Bukanier bekannt sind. Arbeiter, die am Fuße des Hügels unter dem Fort gruben, entdeckten einiges Quecksilber, und bei näherer Untersuchung fand man eine bedeutende Menge von diesem Metall; offenbar hatte es zu den erbeuteten Schätzen der Piraten gehört, und war von ihnen in Kisten oder Schläuchen vergraben worden, nach deren Zerstörung die Flüssigkeit natürlich den Hügel hinabrollte. Obgleich den Genüssen der Tafel nicht abhold, überließ ich mich doch keineswegs dem circäischen Leben, das die meisten jungen Offiziere auf den Bahamainseln führen. Meine Erziehung, die mich weit über die gewöhnlichen Kreise der Gesellschaft der Kolonien erhob, erweckte das Bedürfniß nach einem Freunde von gleicher Geistesbildung in mir. Einen solchen fand ich in Charles – –, einem jungen Lieutenant im – – Regimente, das in Nassau stand. Je näher wir die Beschränktheit und Unwissenheit unserer Umgebung kennen lernten, desto enger schloßen wir uns an einander an. Unsere Morgenstunden brachten wir gewöhnlich in Gesellschaft der Klassiker zu, mit denen wir Beide vertraut waren, wir wiederholten unsere lateinischen Verse, stellten Fechtübungen mit einander an, und vergnügten uns zuweilen mit einer Partie Billard, wobei wir jedoch unsere Freundschaft nie durch Geldspiele in Gefahr setzten. Wenn die Hitze des Tags vorüber war, schlenderten wir umher, machten Besuche oder durchstreiften die Insel, indem wir die Kaserne so sehr als möglich vermieden, weil das Leben der Offiziere mit unsern Begriffen keineswegs übereinstimmte. Diese begannen ihr Tagwelk um Mittage mit dem Frühstück und zogen sich nach demselben in ihre verschiedenen Wohnungen zurück, um sich mit den Novellen zu unterhalten, womit die englische und französische Presse diese Inseln zum großen Verderben der Sittlichkeit überschwemmt. Diese Schriften, welche sie auf dem Bette lasen, oder neben sich hinlegten, um darüber einzuschlafen, befreiten sie von den heißesten Stunden des Tages, während die Zeit bis zur Tafel auf Besuche, Geplauder oder einen zur Beförderung der Eßlust unternommenen Ritt verwendet wurde. Bis vier Uhr Morgens heiligten sie ihre ganze Zeit dem Rauchen und Trinken, und legten sich endlich mehr oder weniger berauscht zu Bett. Um neun Uhr zwang sie die Parade zum Aufstehen. Mit brennendem Gehirn und vertrockneter Zunge stürzten sie sich in die See und wurden durch das kalte Wasser so weit erfrischt, daß sie vor der Fronte ihrer Leute aufrecht stehen konnten; nachdem diese Förmlichkeit vorüber war, legten sie sich wieder zu Bett, und erhoben sich endlich in der Stunde des Mittags zum Frühstück. So floßen ihre Tage dahin. Kann man sich verwundern, daß unsere Inseln nachtheilig auf die Gesundheit der Europäer einwirken, wenn sie ein solches Leben in einem Klima führen, das sich an jeder Ausschweifung rächt? Die Soldaten folgten nur zu bereitwillig dem Beispiele ihrer Offiziere und wurden ebenso schnell dahin gerafft. Eines der gewöhnlichen Morgengeschäfte war die Bereitung von Gräbern für die Opfer der Nacht. Vier oder fünf solcher Behältnisse hielt man für eine mäßige Anzahl. Die Gefühllosigkeit, welcher sich die Offiziere hingaben, war so groß, daß die Nähe, ja die Gewißheit des Todes gar keinen sichtlichen Eindruck auf sie machte, gar keine Vorbereitung hervorrief, gar keinen ernsten Gedanken erweckte. Sie begleiteten die Leiche eines Mitoffiziers in militärischem Zuge zu Grabe. Die Beerdigungen wurden immer Abends vorgenommen, und oft sah ich die gedankenlosen jungen Leute Steine nach den Laternen werfen, die ihnen vorangetragen wurden, um ihnen zum Begräbnißplatze zu leuchten. Ich hatte die Gewohnheit, früh aufzustehen, und schreibe die Erhaltung meiner Gesundheit hauptsächlich diesem Umstande zu. Mit einer Cigarre im Mund ging ich auf den Markt, um den herrlichen Tropenmorgen zu genießen. Was würde Sir William Cartis oder Sir Charles Flower gesagt haben, wenn sie die Menge üppiger Schildkröten gesehen hätten, wie sie so verführerisch auf ihrem Rücken lagen und dem epikuräischen Käufer ihre leckeren Reize enthüllten! Wohl konnte es Apicius Schatten beklagen, daß man zu seiner Zeit noch nichts von Amerika und den Schildkröten wußte. Auch Leguans, denen man die Mäuler vernäht hatte, um sich vor ihren Bissen zu schützen, sah ich im Ueberflusse; so sehr sie auch dem Alligator und seinem europäischen Diminutiv, der harmlosen Eidechse gleichen, bilden sie doch ein vortreffliches Gericht. Muskowy-Enten, Papageien, Affen, Tauben und Fische; Ananas, Pomeranzen, Granatäpfel, Citronen, Bavarina, Plantanen, Liebesapfel, Abogadabirnen (bekannter unter dem Namen Subalternbutter) und eine Menge anderer Früchte sind auf einem Markte in Neuprovidence aufgethürmt, und um einen geringen Preis zu bekommen. Von dem menschlichen Geschlechte gab es an Käufern und Verkäufern Schwarze, Braune und Blonde; von der weißesten Haut mit lichtblauen Augen und flächsenen Haaren bis zum pechschwarzen Sohn Äthiopiens; von der lieblichsten Form aus der Werkstätte der Natur bis zur ekelhaften Schlampe, deren schlotternde Brüste, gleich umgekehrten Flaschen, am Gürtel herabhingen, oder über die Schulter geworfen waren, um einem jungen Kobold Nahrung zu geben, der auf ihrem Rücken saß, wo er den lieben langen Tag hockt, während die Mutter alle Geschäfte im Felde, im Hause, oder auf dem Markte besorgt. Die babylonische Verwirrung war gewiß nicht größer, als das Geschnatter auf einem westindischen Markte. Das laute unaufhörliche Geplapper der jungen und alten Negerinnen (denn schwarze Damen können ebenso gut reden, als weiße); das Geschrei der Kinder, Papageien und Affen; die schwarzen Knaben und Mädchen à la Venus , mit ihren weißen Zähnen und rothen Lippen, ihrer schwarzen Haut und ihren Elephantenbeinen bildeten ein Schauspiel, das wohl der Betrachtung werth ist; und seitdem die Dampfschiffe eine so große Geschwindigkeit erreicht haben, dürfte meines Erachtens eine Fahrt nach Westindien kein unangenehmer Ausflug für die ekeln ennuyes von Frankreich und England sein. Die Schönheit und Frische des Morgens, der klare Himmel und die Fröhlichkeit der Sclaven, denen unsere kranken Philantropen das Heil zu verkündigen meinen, indem sie ihnen Unzufriedenheit einflößen, würde den Leuten, welche Muße oder Geld genug haben, um die tropischen Inseln zu besuchen, die Mühen und Kosten einer Reise reichlich ersetzen. Das entzückende und in der That unerläßliche Vergnügen des Badens ist in diesen Ländern besonders gefährlich. In den Untiefen läuft man Gefahr, von dem Stechrochen, einer Art Plattfische mit scharfem Stachel auf der Mitte des Schwanzes, gestochen zu werden, und die Wirkung der Wunde ist von so ernster Natur, daß ich einen Menschen gesehen habe, den sie beinahe achtundvierzig Stunden lang in eine Art von Wahnsinn versetzte. Im tieferen Wasser sind die Haifische nicht nur zahlreich, sondern auch gefräßig, und ich befriedigte ihren Hunger und meine Liebe zur Aufregung häufig durch den Ankauf einer todten Kuh, oder eines gefallenen Pferdes, die ich in's Schlepptau nahm und mit einem Schiffsseile und einem großen Steine vor Anker legte, um mich sodann von meinem Boote aus mit der Anspießung der gefräßigen Teufel zu belustigen, die sich um ihre Beute schaarten. Die Leser werden mich, wie ich fürchte, einer zu großen Vorliebe für die Erzählung von Abenteuern beschuldigen, die ich mit diesen unternehmenden Meerbewohnern bestanden, aber folgenden Zufall hören sie vielleicht nicht ohne Theilnahme. Ich streifte an einem schönen Nachmittage mit Charles zwischen den Felsenklippen im Hintergrunde der Insel umher, und wir kamen an eine Stelle, wo uns die Ruhe des Ortes und die Klarheit des Wassers zum Baden einlud. Es war nicht tief; oben auf dem Vorgebirge konnten wir überall den Grund sehen. Unter der kleinen Landspitze, welche die entgegengesetzte der Bucht bildete, bemerkten wir eine Höhle, zu der man wegen der Abschüssigkeit des Ufers nur durch Schwimmen gelangen konnte. Wir beschloßen, sie zu untersuchen. Bald hatten wir den Eingang erreicht und waren von ihrer großartigen und wilden Schönheit bezaubert. Sie erstreckte sich, wie wir fanden, weit in die Felsen hinein und enthielt verschiedene natürliche Bäder, die wir alle untersuchten und immer kälter fanden, je weiter sie sich vom Eingange der Höhle entfernten. Die Fluth hatte offenbar freien Zutritt und erneuerte das Wasser alle zwölf Stunden. Harmlos gaben wir uns lange Zeit dem Vergnügen des Bades hin, riefen Acis und Galathea, Diana und ihre Nymphen, und erschöpften den ganzen Vorrath an classischer Gelehrsamkeit, der dem Schauplatze entsprach. Endlich erinnerte uns die scheidende Sonne, daß es Zeit war, die Höhle zu verlassen, als wir in geringer Entfernung von uns den Rücken eines ungeheuren Haifisches auf der Oberfläche des Wassers und seine ganze Länge unter dem Spiegel desselben erblickten. Starr vor Schrecken sahen wir zuerst das Ungeheuer, dann einander selbst an, indem wir nur die einzige Hoffnung hatten, er werde sich bald entfernen und eine andere Beute aufsuchen; aber gleich einer Fregatte, die einen feindlichen Hafen belagert, schwamm er hin und wieder, und es war uns, wie es im letzten Kriege bei Brest und im Texel den Franzosen und Holländern gewesen sein mochte. Ungefähr zehn bis fünfzehn Ellen kreuzte die Schildwache vor der Höhle, und wartete nur darauf, einen von uns, wo nicht alle Beide zu verschlingen, wie wir eine Krabbe oder eine Auster verschlucken. Indessen hatten wir durchaus nicht die Absicht, uns dem Feinde auf Gnade und Ungnade zu ergeben. Vergebens sahen wir uns nach allen Seiten um Rettung um. Der Felsenüberhang war unersteiglich; die Fluth schwoll an, und die Sonne berührte den klaren blauen Rand des Horizontes. Als Anführer behauptete ich etwas von Ichthyologie zu verstehen, und sagte meinem Gefährten, der Fisch könne eben so wohl hören, als sehen; je weniger wir also sprechen, desto besser sei es, und je bälder wir aus seinem Gesichtskreise uns zurückziehen, desto bälder werde er sich entfernen. Dies war die einzige Aussicht auf Rettung und eine höchst entfernte; denn der Andrang der Fluth würde es ihm bald möglich gemacht haben, in die Höhle einzudringen und zuzugreifen, da er mit der Oertlichkeit völlig bekannt schien und folglich wußte, daß wir uns auf keinem anderen Wege zurückziehen konnten, als auf dem wir gekommen waren. Wir begaben uns aus seiner Sehweite in den Hintergrund, und ich weiß nicht, ob ich je eine peinlichere Viertelstunde zugebracht habe. Ein Prozeß im Kanzleigerichte, oder sogar eine Frühlingskur in Newgate wäre Seligkeit gegen die Gefühle gewesen, die mir das Blut starren machte, als die Schatten der Nacht die Mündung unserer Höhle zu umdämmen begannen und das höllische Ungeheuer gleich einer Strompolizei vor der Thüre Wache hielt. Endlich sah ich den Rücken des Haifisches nicht mehr über dem Wasser. Ich bedeutete Charles durch ein Zeichen, daß wir coûte qui coûte schwimmen müßten; denn die Fluth nöthigte uns zum Ausfluge, weil sonst die Hinrichtung im Hause erfolgen mußte. Sorgfältig hatten wir jedes Wort vermieden, und schweigend drückten wir uns die Hände, als wir in's Wasser glitten. Wir empfahlen uns der Vorsehung (was ich für meinen Theil selten vergaß, wenn ich mich in drohender Gefahr befand), und griffen wacker aus. Ich muß bekennen, daß ich mich der Vernichtung nie gewisser glaubte; ich hatte selbst damals, als ich im Blute des armen Matrosen schwamm, noch mehr Hoffnung gehabt, weil die Haifische dort etwas zu ihrer Beschäftigung hatten, hier aber nur von uns in Anspruch genommen wurden und wir also den Vortheil ihrer ungetheilten Aufmerksamkeit genoßen. Mein Entsetzen war unbeschreiblich. Ich kann bisweilen in leichtfertigem Tone von dem Vorfalle schreiben, oder reden, aber so oft ich ihn meinem Geiste zurückrufe, zittere ich bei der bloßen Erinnerung an das furchtbare Schicksal, welches unvermeidlich schien. Mein Gefährte war in der Schwimmkunst nicht so erfahren als ich, und blieb einige Fuß hinter mir zurück, als ich ihn auf einmal einen schwachen Schrei ausstoßen hörte. Ich war überzeugt, der Hai hätte ihn ergriffen, und wandte mich um, aber es war nicht also: sein Zurückbleiben hatte seine Angst gesteigert und ihn veranlaßt, meine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Ich kehrte zu ihm zurück, schob ihn in die Höhe und sprach ihm Muth ein. Ohne meinen Beistand wäre er sicher gesunken. Meine Hülfe gab ihm neues Leben, wir erreichten wohlbehalten das sandige Gestade und waren unserem Feinde entwischt; wie ich vermuthet hatte, mußte er seinen Posten verlassen haben, als er nichts mehr von uns sah und hörte. Auf der terra firma angekommen, lagen wir einige Minuten lang nach Athem ringend auf dem Sande, bevor wir eines Wortes mächtig waren. Welche Gedanken mein Gefährte hegte, weiß ich nicht; mein Herz war mit Dank gegen Gott erfüllt und erneuerte seine Gelübde der Besserung; und ich habe allen Grund zur Annahme, daß Charles, wenn er auch einer Sinnesänderung nicht so sehr bedurfte, als ich, in seinen Gefühlen völlig mit mir übereinstimmte. Wir wiederholten dieses Vergnügen später nie mehr, und ob wir gleich häufig von unserem Entrinnen sprachen und über unseren Schrecken spotteten, nahm doch unsere Unterhaltung bei dieser Veranlassung stets eine ernste Wendung; auch hege ich die gegründete Ueberzeugung, daß das Abenteuer uns Beiden sehr zum Frommen gereichte. Ich war jetzt ein halbes Jahr auf diesen Inseln. Meine Gesundheit war vollkommen wieder hergestellt und ich sehnte mich nach aktivem Dienste. Die glänzenden Thaten unseres Contre-Admirals zu Washington riefen den Wunsch in mir hervor, die Ehre und den Ruhm meiner Waffenbrüder an der Küste von Nord-Amerika zu theilen, aber mein feindliches Schicksal schlug mich nach einer ganz entgegengesetzten Richtung. Neunzehntes Kapitel. Miranda. Wie kommen wir an's Land? Prospero. Durch Gottes Fügung. Seid still und hört den letzten unserer Schrecken: Auf dieses Eiland wurden wir verschlagen. Der Sturm. Eine Fregatte landete an der Insel, um Schildkröten zu holen. Nachdem ich dem Kapitän derselben meine Lage mitgetheilt hatte, stellte er mir das Anerbieten, mich an Bord zu nehmen, indem er mir zugleich eröffnete, daß er noch viel weiter südwärts steuern werde, um einen andern Kreuzer abzulösen, der nach England zurückkehre und mich ohne Zweifel als Passagier aufnehme. Sogleich traf ich meine Vorbereitungen zur Abreise. Ich nahm von allen meinen guten Freunden in der Kaserne Abschied, denn gut waren sie wirklich gegen mich, wiewohl sie gegen sich selbst leichtsinnig und thöricht handelten. Hierauf sagte ich den Familien Lebewohl, in deren Häusern und an deren Tafeln ich die freigebigste Gastfreundschaft erfahren hatte, und endlich, wiewohl mit dem gerührtesten Herzen, nahm ich Abschied von der armen Carlotta. Es war eine schwierige Aufgabe, aber meine Pflicht gebot. Ich sagte ihr, mein Kapitän habe mir befohlen, an Bord zu kommen, und da er ein ganz anderer Mann sei, als mein letzter, so könne ich ihm den Gehorsam nicht verweigern. Dabei versprach ich ihr eine baldige Rückkehr und bot ihr Geld und Geschenke an, aber sie wollte nichts annehmen, als ein kleines Geschmeide, um es zu meinem Andenken zu tragen. Der armen Sophie, die mir das Leben gerettet hatte, kaufte ich die Freiheit; die kleine weinte bitterlich über meine Abreise, aber ich konnte nichts weiter für sie thun. Von Charlotten vernahm ich später, daß sie an Bord eines jeden ankommenden Schiffes gegangen sei, um Nachrichten von demjenigen zu erhalten, der ihr selten oder nie einen Gedanken weihte. Wir gingen unter Segel, steuerten mit mäßigen Winden und bei schönem Wetter südostwärts, und kaperten am Ende dieses Zeitraumes ein großes amerikanisches Schiff, das von der französischen Küste herkam und einen Umweg gemacht hatte, um unsern Kreuzern zu entgehen. Es führte ungefähr vierhundert Tonnen, und war mit einer schweren und werthvollen Ladung nach Laguira bestimmt. Der Kapitän ließ mich rufen und sagte mir, wenn ich das Schiff als Prisenmeister unter meine Befehle nehmen wolle, so könne ich unmittelbar nach England fahren. Dieser Vorschlag entsprach meinen Wünschen vollkommen; ich nahm ihn an und bat mir blos einen Bootsmannsgehülfen, Namens Thomson, als Begleiter aus. Er war ein alter Schiffsgenosse von mir und hatte bei dem Treffen auf der Basque-Rhede zur Mannschaft meines Gig's gehört; ein zuverlässiger, entschlossener, nüchterner, starkknochiger Caledonier von Aberdeen, ein Mann, von dem ich wußte, daß er mir in der Stunde der Gefahr zur Seite stehen würde. Er mußte mit mir an Bord gehen und wir schafften den nöthigen Branntwein hinüber. Ich empfing meine Verhaltungsbefehle und nahm Abschied von meinem neuen Kapitän, der ein ebenso trefflicher Seefahrer, als ausgezeichneter Offizier war. Als ich an Bord der Prise kam, fand ich alle Gefangenen in voller Thätigkeit. Sie packten rasch ihre Habseligkeiten zusammen und schafften sie in das Boot, welches sie an Bord der Fregatte bringen sollte. Mit ungewöhnlicher Eilfertigkeit drängten sich alle hinein, aber dieser Umstand fiel mir im Augenblicke nicht besonders auf. Ich hatte Befehl, den Kapitän und einen Matrosen vom Schiffe an Bord zu behalten, um es vom Admiralitätsgerichte verurtheilen zu lassen. Mit einer Menge Gegenstände zugleich beschäftigt, die mir alle wichtig waren, erinnerte ich mich bei meiner Abfahrt von der Fregatte nicht sogleich an diesen Theil meiner Verhaltungsbefehle, und vergaß, daß ich das Boot aufhielt, bis der junge Midshipman, der es führte, die Frage an mich stellte, ob er an Bord zurückkehren und die Gefangenen mitnehmen dürfe. Jetzt ging ich auf das Verdeck, und da ich die sämmtliche Mannschaft mit Kisten und Mantelsäcken ruhig im Boote sah, welches im Begriff stand, abzustoßen, verlangte ich den Kapitän nebst einem von den amerikanischen Matrosen, und befahl, daß sie mit ihren Kleidern an Bord kommen sollten. Ich bemerkte den Widerwillen des Kapitäns gegen diesen Befehl nicht eher, als bis mir der Midshipman die Mittheilung machte. Sogleich wurde sein Koffer sammt seinen Habseligkeiten auf das Verdeck geschafft, und als die Fregatte das Signal zur Rückkehr des Bootes wiederholte und durch ein Licht am Mäste verstärkte (denn es war bereits finster), stieß es eiligst ab, und hatte sich bald aus unsern Augen verloren. »Um Gottes Willen, halten Sie das Boot auf!« rief der Kapitän. »Warum soll ich das Boot aufhalten?« fragte ich, »meine Befehle sind bestimmt, und Sie müssen an Bord bleiben.« Ich ging auf ein paar Minuten hinab, und der Kapitän folgte mir. »So wahr Sie Ihr Leben lieben,« rief er, »halten Sie das Boot auf!« »Warum denn?« fragte ich hastig. »Weil das Schiff von der Mannschaft angebohrt ist,« erwiederte er, »und in wenigen Stunden sinken wird; Sie können es nicht retten, denn Sie können nicht an die Lecke gelangen.« Jetzt sah ich in der That die Notwendigkeit ein, das Boot aufzuhalten, aber es war zu spät; schon hatte es sich aus unserem Gesichtskreise verloren. Das Lichtsignal zu seiner Rückkehr war niedergeholt, ein Beweis, daß es an Bord gekommen. Ich hißte zwei Lichter an den Besanmast und befahl, eine Flinte abzufeuern, aber unglücklicherweise waren die Patronen entweder gar nicht in das Boot geschafft worden, welches mich herüber geführt hatte, oder sie hatten mit demselben wieder den Rückweg angetreten. Eines meiner Lichter erlosch; das andere wurde von der Fregatte nicht bemerkt. Wir hißten ein drittes, aber es erregte ebenso wenig Aufmerksamkeit. Das Schiff war offenbar unter Segel gegangen. Ich eilte ihm so schnell als möglich nach, indem ich die Hoffnung nährte, es werde uns in dieser Nacht noch sehen, oder am nächsten Morgen an Bord nehmen, falls wir noch flott wären. Aber mein schwerbeladenes Fahrzeug war bereits wassertief geworden und machte im Winde nicht mehr als vier Meilen in der Stunde. Alle Hoffnung von dieser Seite verschwand. Ich suchte aus dem Kapitän herauszubringen, wo sich die Lecke befänden, um sie zu verstopfen; aber er hatte sich im Getränk so sehr übernommen, daß er nur noch zum Saufmuth und zur Prahlerei fähig war. Nun fragte ich den armen Neger um Rath, der mit dem Kapitän zurückgelassen worden war. Er wußte nur so viel, daß der Kapitän schon in Bordeaux Löcher in die Schiffsböden gebohrt habe, um die Zapfen nach Belieben ausziehen zu können, wobei er zugleich geschworen, das Fahrzeug solle nie in einen britischen Hafen kommen. Er wußte nicht, wo sich die Lecke befanden, wiewohl es mir völlig klar war, daß sie sowohl im Spiegel, als im Vordertheile des Schiffes, und zwar ganz unten im Raume, auf der äußeren und inneren Seite angebracht waren, und jetzt tief unter Wasser standen. Der Kapitän habe das Wasser selbst eingelassen, setzte der Schwarze noch hinzu, und dieß sei Alles, was er wisse. Ich wandte mich abermals an den Kapitän, aber er war zu betrunken, um folgerichtig denken zu können; er wollte im Rausche sterben, weil er sich vor einem nüchternen Tode fürchtete – ein Fall, der bei Matrosen häufig vorkommt. »Sprechen Sie mir nichts; Gott straf' mich, wer fürchtet sich vor dem Tod? Ich nicht. Ich habe geschworen, es solle in keinen britischen Hafen kommen, und ich habe mein Wort gehalten.« Er stieß Flüche und Verwünschungen aus, und stürzte endlich in einem Anfalle trunkenen Wahnsinnes auf das Verdeck. Ich rief meine ganze Mannschaft zusammen, und nachdem ich ihnen die Gefahr unserer Lage auseinandergesetzt halte, faßten wir gemeinschaftlich den Beschluß, augenblicklich ein großes Boot, das auf den Barren lag, auszusetzen und mit allen zu einer Fahrt nothwendigen Bedürfnissen zu versehen. Wir schafften unsere Kleider, Brod, Pökelfleisch und Wasser nebst meinem Sextanten und Fernrohre hinüber. Den Branntwein, der sich in der Kajüte vorfand, übergab ich dem Midshipman, der mit mir herüber geschickt war, zur Bewachung, und nachdem wir unser Boot vollständig ausgerüstet, mit vier Matrosen bemannt und mit einem guten Marssegel versehen hatten, befestigten wir es mit ein paar starken Tauen am Spiegel des Schiffes, mit dem wir bis Tagesanbruch die muthmaßliche Spur der Fregatte verfolgten. Die ersehnte Zeit kam, aber selbst von der Mastspitze aus war keine Fregatte zu sehen; das Schiff ging immer tiefer und tiefer, und wir schickten uns an, das Boot zu besteigen. Ich berechnete, daß der nächste Hafen von Südamerika siebenhundert Meilen von uns entfernt war, und wir nach Rio-Janeiro mehr als doppelt so weit hatten. Indessen verzweifelte ich keineswegs, denn wir waren mit allem Nöthigen versehen, und ich flößte der Mannschaft so viel Zuversicht ein, daß sie mir, mit Ausnahme eines einzigen Punktes, in allen Stücken mit der größten Bereitwilligkeit und Freude gehorchte. Da ich fand, daß das Schiff aller Wahrscheinlichkeit nach keine zwei Stunden mehr flott bleiben konnte, beschloß ich es zu verlassen und befahl, das Boot heranzuholen. Die Matrosen bestiegen es, richteten den Mast auf und hakten das Segel ein, um es sogleich aufzuhissen, wenn ich die Weisung dazu geben würde. Ohne meine Aufforderung abzuwarten, hatten sie meinen Bootmantel auf die Spiegelbänke gebreitet, um mir eine behagliche Lagerstätte zu verschaffen. Der Herr des Schiffes machte Anstalt, in's Boot zu steigen, aber die Matrosen trieben ihn mit Fußtritten, Faustschlägen und Geschrei zurück und gelobten mit einem furchtbaren Eidschwur, ihn über Bord zu werfen, sobald er es versuchen würde, sich einzuschiffen. Ob ich gleich ihren Grimm einigermaßen theilte, konnte ich mich doch nicht mit dem Gedanken versöhnen, ein Mitgeschöpf auf eine solche Art dem Untergange zu weihen, und wenn es auch nur die Grube war, die er andern gegraben hatte; ich konnte es um so weniger, als wir selbst der Gnade des Allmächtigen bedurften und seines ganzen Beistandes benöthigt waren, um in einen Hafen zu gelangen. »Er verdient den Tod; Alles ist sein Werk,« sagten sie. »Kommen Sie in's Boot, Sir, oder wir müssen ohne Sie abstoßen.« Der arme Kapitän, der durch einen vierstündigen Schlaf seiner Sinne wieder mächtig geworden war und das Entsetzliche seiner Lage in seinem ganzen Umfange kannte, weinte, schrie, raufte sich die Haare und hielt sich an meinem Rock, von dem ihn meine Leute nur mit Gewalt losreißen konnten. Er klammerte sich mit einer Leidenschaftlichkeit an's Leben, die ich noch an keinem verurtheilten Verbrecher gesehen hatte; er fiel auf die Kniee vor mir nieder und rief alle insgesammt und jeden einzelnen um Gnade an, sprach von seiner Frau und seinen hungernden Kindern in Baltimore und beschwor uns, an sie und an unsere eigenen Angehörigen zu denken. Ich war bis zu Thränen gerührt; aber meine Matrosen hörten ihm mit stoischer Gefühllosigkeit zu. Zwei von ihnen warfen ihn auf die entgegengesetzte Seite des Verdecks, und ehe er sich von der Heftigkeit des Falles erholen konnte, trugen sie mich in's Boot und stießen ab. Der Elende war jetzt nach der Stelle hingekrochen, die wir so eben verlassen hatten, und rief auf seinen Knieen liegend: »Gnade, Gnade, Gnade! – Um Gotteswillen habt Barmherzigkeit, wenn ihr auf Barmherzigkeit hofft! – O Gott, mein Weib und meine Kinder!« Mit Bedauern sage ich es, daß seine Bitten nicht die geringste Wirkung auf die ergrimmten Matrosen äußerten. Der Unglückliche war offenbar seiner Sinne beraubt. Er stieß Flüche und Gotteslästerungen aus und verharrte mehrere Minuten in diesem Zustande des Wahnsinns, während wir noch an der Seite des Schiffes lagen, wo uns der Bugmatrose nur noch mit dem Bootshaken festhielt. Ich hatte insgeheim beschlossen, ihn nicht zu verlassen, wiewohl ich voraussah, daß daraus eine Meuterei im Boote erfolgen würde. Endlich gab ich den Befehl zum Abstoßen. Der arme Kapitän, der bis zu diesem Augenblick aus dem geheimen Mitleiden, das er an mir bemerkte, eine schwache Hoffnung geschöpft hatte, überließ sich jetzt der entsetzlichsten und finstersten Verzweiflung. Er setzte sich auf einen der Hühnerkasten und starrte uns mit einem geisterhaften Blicke nach. Ich kann mich nicht erinnern, jemals ein erschütternderes Gemälde menschlichen Elendes gesehen zu haben. Während meine Blicke auf ihn gerichtet waren, sprang der Neger Mungo, der zum Schiffe gehörte, aus dem Boote und schwamm nach dem versinkenden Fahrzeuge zurück. Er ergriff ein Tau, das vom Gangwege herabhing, erklimmte die Schiffswand und stieß zu seinem Herrn. Wir forderten ihn auf, umzukehren, weil wir ihn sonst zurücklassen würden. »Nein, Massa,« erwiederte das treue Geschöpf; »mich nit brauch' zu leb'! nit nehm' Massa Green, nit nehm' mich! Mungo leb' gute Menge Jahre mit Massa Kappän. Mungo sterb' mit Massa und geh' zurück nach Guinea!« Jetzt glaubte ich dem Kapitän eine hinreichende Lehre für seine Verrätherei und seine mörderischen Absichten gegeben zu haben: und selbst, wenn ich wirklich im Sinne gehabt hätte, ihn zurückzulassen, so würde mich das Benehmen des armen Mungo zu meiner Pflicht zurückgerufen haben. Ich befahl Thompson, der das Steuer führte, Steuerbord zu halten und das Voot wieder anzulegen. Nicht sobald war dieser Befehl gegeben, als drei oder vier Matrosen mit drohenden Geberden aufsprangen und schworen, daß sie nicht nach ihm zurückfahren würden; er sei an allen ihren Leiden schuld, und wenn ich Lust habe, sein Loos zu theilen, so stehe es mir frei, aber er solle nicht in's Boot kommen. Einer von den Verwegensten suchte Thompson den Handgriff herauszudrehen; aber der wackere Matrose faßte ihn beim Kragen und schleuderte ihn über Bord. Die übrigen traten nach dem Spiegel, um ihren Anführer zu rächen; aber ich zog meinen Degen, richtete ihn auf die Brust des nächsten Meuterers und befahl ihm, bei Strafe des augenblicklichen Todes, sich zu seinem Sitze zurückzubegeben. Er hatte von meinem Charakter vernommen, daß mit mir nicht zu spielen war. Ein Meuterer wird leicht mit gewöhnlicher Festigkeit bezwungen. Er gehorchte; aber es geschah mit finsterem Widerwillen, und ich mußte manche aufrührerische Reden von der Mannschaft vernehmen. Einer von den Matrosen sagte, ich sei nicht ihr Offizier – ich gehöre nicht zu der Fregatte. »Dies ist eine Sache,« erwiederte ich, »worüber euch kein Urtheil zusteht. Ich habe ein Patent von des Königs Lord-Groß-Admiral oder der seine Stelle vertretenden Kommission in der Tasche, wie es euer und mein Kapitän auch hat. Unter dieser Vollmacht handle ich. Ich möchte den Mann sehen, der es mir streitig zu machen wagt – an der Nocke dieses Wracks will ich ihn aufhängen, bevor es untergeht.« Und meine Blicke auf den Mann richtend, der, von Thompson über Bord geschleudert, sich noch am Rande des Bootes festhielt, ohne sich wieder hereinzuwagen, fragte ich ihn, ob er mir gehorchen wolle oder nicht. Er versprach zu gehorchen, und drückte die Hoffnung aus, daß ich ihm verzeihen werde. Ich erwiederte ihm, meine Verzeihung hänge ganz von seinem und der übrigen Mannschaft Benehmen ab; er solle bedenken, daß er, wenn wir von unserer Fregatte oder irgend einem andern Kriegsschiff aufgenommen würden, nebst drei oder vier Andern wegen Meuterei zum Strange verurtheilt werden müßte, und daß sie nichts, als künftiger Gehorsam im nächsten Hafen von dieser Strafe retten könnte. Diese Rede brachte die Mannschaft zur Ruhe. Die Meuterer baten sämmtlich um Verzeihung und versprachen mir, dieselbe durch künftige Unterwürfigkeit zu verdienen. Dies Alles ging in einiger Entfernung vom Wracke, aber in dessen Hörweite, vor sich. Mittlerweile starb der Wind, der bei unserem Abstoßen günstig gewesen war, allmählig dahin und sprang nach Südwest um. von wo aus er schwach gegen das sinkende Schiff anwehte. Diesen Umstand benützte ich, um der Mannschaft den Text zu lesen. Als ich sie unterwürfig gemacht und ihre Gefühle etwas angeregt hatte, sagte ich noch, ich habe noch nie gesehen, daß auf Grausamkeit etwas Gutes erfolgt sei; wenn immer ein Schiff oder ein Boot einen Mann zurückgelassen habe, welchen es hätte retten können, sei eine solche Handlung stets mit dem Elende oder Untergange der Schuldigen bestraft worden; und ich sei völlig überzeugt, daß wir der gegenwärtigen Gefahr nimmer entrinnen würden, wenn wir unserm Mitgeschöpfe keine Barmherzigkeit erzeigten. »Gott,« sprach ich, »hat uns Barmherzigkeit erzeigt, indem er uns dies vortreffliche Boot gab, um uns aus der drohenden Gefahr zu retten; und jetzt scheint er uns zuzurufen: »steuert zurück zu dem Wrack, und rettet euren Leidensgefährten. Der Wind weht gerade auf dasselbe zu, und ist der Richtung, die wir verfolgen wollten, entgegengesetzt. So beeilet euch denn,« fuhr ich fort, »gehorchet dem göttlichen Willen, thut eure Pflicht und vertrauet auf Gott, dann werde ich stolz darauf sein, euch zu befehlen, und zweifle nicht, euch in einen sichern Hafen zu bringen.« Dies war die »rechte Stunde«. Sie ergriffen rasch ihre Ruder und fuhren munter dem Wracke zu. Der arme Kapitän hatte Alles mit angesehen und erwartete die Entscheidung mit banger Angst. Nicht sobald berührte das Boot die Wand des Schiffes, als er hineinsprang, auf seine Kniee fiel und Gott laut für seine Erlösung dankte. Dann warf er sich an meinen Hals, umarmte mich, küßte mich auf die Wange und weinte wie ein Kind. Die Matrosen, welche nie lange zürnen, sprangen gutmüthig hinzu, und halfen ihm seine Habseligkeiten in's Boot schaffen, und als Mungo seinem Herrn folgte, drückten ihm alle die Hand und schworen, er sollte Negerfürst werden, wenn er nach Guinea zurückkomme. Wir nahmen noch einige Gegenstände von allgemeinem Gebrauche ein, die wir bei unserer frühern Eile vergessen hatten; dann stießen wir wieder ab und waren noch keine zweihundert Ellen von dem Schiffe entfernt, als es auf der einen Seite plötzlich tief einsank, worauf es sich wieder erholte, um auf der andern Seite eben so tief niederzuschwanken. Als wäre es mit Leben und Instinkt begabt, machte es noch eine Anstrengung und tauchte kopfüber in die bodenlose Tiefe. Kaum hatten wir Zeit, diesen furchtbaren Auftritt mit anzusehen, als der frühere günstige Ostwind wieder aufsprang. »Siehe,« sprach ich, »der Himmel hat sich bereits zu euern Gunsten erklärt; ihr habt euern schönen Wind wieder bekommen.« Wir dankten Gott, und nachdem wir unser Segel gerichtet hatten, drehte ich das Steuer gegen das Cap St. Thomas; frohen Muthes und dankbaren Herzens genossen wir sodann unser bescheidenes Mahl. Das Wetter war schön – die See ziemlich ruhig – und da es uns nicht an Lebensmitteln und Wasser fehlte, hatten wir nicht viel zu leiden; nur die Furcht vor einem Windwechsel, und das Bewußtsein unserer unsichern Lage machte uns bange. Fünf Tage, nachdem wir das Wrack verlassen hatten, entdeckten wir in großer Entfernung Land. Ich wußte, daß es die Insel Trinidad und die Felsen von Martin Bas waren. Dieses Eiland, welches unter dem zwanzigsten Grad südlicher Breite und dem dreißigsten westlicher Länge liegt, ist mit der gleichnamigen Insel, dermalen einer britisch-westindischen Kolonie, an der Küste des Festlandes, nicht zu verwechseln. Ich schlug in Horsebergs Werk nach, das ich im Boot hatte, und fand, daß das Eiland, dem wir uns näherten, einst von Portugiesen bewohnt, aber schon seit langer Zeit verlassen war. Die Nacht über ließ ich gegen dasselbe ansteuern, bis wir das Gebrüll der Brandung an den Felsen hörten, worauf ich bis Tagesanbruch windwärts vom Lande beilegte. Der Morgen zeigte unsern Blicken eine abschüssige, zackige, eisenumgürtete Küste mit hohen, spitzigen Felsen, welche die Wuth der unbändigen Wellen herausforderten, die sich unaufhörlich an ihrem Fuße brachen, und wieder zurückrollten, um den Angriff auf's Neue zu versuchen. Jahrhunderte lang haben sie so getobt, und Jahrhunderte lang werden sie noch so toben, ohne auf die Felsen einen Eindruck zu machen, der dem Auge des Menschen sichtbar wäre. An demjenigen Theile der Insel zu landen, den wir vor Augen hatten, war unmöglich, und wir steuerten an der Küste hin, indem wir die Hoffnung hegten, irgend einen Hafen zu entdecken, in welchem wir einlaufen könnten. Das Eiland schien gegen neun Meilen lang und war offenbar eine vulkanische Bildung, ein Felsengebirge, das sich mehrere hundert Fuß über die Meeresfläche erhob. Es war nackt; nur die Gipfel der Berge waren mit einigen Bäumen gekrönt, deren Anblick eben so schön und erquicklich, als mit Tantalusqualen verbunden war: denn das Ufer schien durchaus unzugänglich, und selbst wenn ich vermuthet hätte, daß ich einen Landungsplatz entdecken könnte, stand ich noch sehr im Zweifel, ob ich ihn nur benützen wollte, da die Insel nichts hervorzubringen schien, was einigen Werth für uns gehabt hätte, während ein Verzug unsere Vorräthe zwecklos erschöpfte. Kein lebendiges Geschöpf schien auf der Insel zu wohnen, und nur mit der augenscheinlichsten Gefahr konnte man sich der Küste nähern. Dieser so wenig versprechende Anblick bestimmte mich zu dem Vorschlage, unsere Fahrt nach Rio-Janeiro fortzusetzen. Die Mannschaft war anderer Meinung. Sie sagten, daß sie schon lange genug in diesem Pferchkarren umhertrieben, und lieber auf der Insel bleiben, als ihr Leben noch länger in einem so gebrechlichen Boote auf dem weiten Ocean auf's Spiel setzen wollten. Wir besprachen die Sache noch mit einander, als wir zu einer kleinen Sandstrecke kamen, auf welcher wir zwei wilde Schweine sahen, von denen wir vermutheten, sie seien vom Gebirge herabgekommen, um sich von den Schaalthieren zu nähren. Dies entschied, und ich gab meine Einwilligung, nach der Leeseite zu steuern und einen Landungsplatz zu suchen. Wir folgten den Angaben Horseberg's, untersuchten die Westseite der Insel und steuerten nach der Bucht des Kegelfelsen. Noch nie hatte ich ein großartigeres Schauspiel gesehen, und schwerlich wird die Schöpfung ein Seitenstück davon aufzuweisen haben. Ein ungeheurer Felsen stieg beinahe senkrecht aus dem Meere und erreichte eine Höhe von hundertfünfzig bis hundertsechszig Klaftern. Am Fuße so schmal als auf dem Gipfel, hatte er ganz die Gestalt eines Kegels, und verdankte dieser Aehnlichkeit auch seinen Namen. Die Wände zeigten sich bis zum Gipfel glatt und kahl. Dieser aber war mit Grün bedeckt und stand so hoch über uns, daß die Seevögel, die ihn schaarenweise umkreischten, kaum bis zu zwei Drittheilen seiner Höhe sichtbar waren. Die Wogen peitschten seinen Fuß mit entsetzlicher Gewalt – seit Jahrhunderten ist das gefiederte Geschlecht in endloser Mannigfaltigkeit im ungestörten Besitze dieses Monumentes der Natur; alle Spitzen und Vorsprünge sind mit ihrer weißen Losung bedeckt, und ich bewunderte die Riesenkraft der Natur, welche diese Masse hier aufpflanzte und gegen die Wuth der Winde und Wogen des weiten Oceans vertheidigte. Eine andere merkwürdige Naturerscheinung sahen wir am andern Ende der Bucht. Die Lava war in die See geströmt und bildete ein Lager, über welches sich ein zweiter Strom geschmolzener Lava ergoß, der so schnell erkaltete, daß er in der Luft hängen blieb, ehe er die erste Schichte erreichte. Dadurch entstand zwischen beiden ein leerer Raum, in welchen nun die See mit ungeheurer Gewalt hineinstürzt und ihr Wasser, gleich dem Springquelle eines Wallfisches, aber mit unendlich größerer Kraft und einem hohlen entsetzlichen Getöse durch Löcher im obern Lavalager in prachtvollen Säulen bis zur Höhe von sechszig Fuß emportreibt. Unwillkürlich betete ich die Werke des Schöpfers an, und der Muth entsank mir bei dem Gedanken über mein eigenes Nichts, über meine Thorheit und Ruchlosigkeit. Wahrend wir an der Küste hinfuhren, um unfern Landungsplatz zu suchen, schien der amerikanische Kapitän, welcher hart an der Seite des Steuermanns saß, einen Gegenstand am Backbordbug aufmerksam zu betrachten; plötzlich rief er: »Dreht Euer Steuer, guter Bursche, hart Steuerbord!« Diese Worte begleitete er mit einer so heftigen Umdrehung des Steuers, daß er beinahe den Mann auf der Backbordseite über Bord warf. In demselben Augenblicke wurde das Boot von einer schweren Woge erhoben und mehrere Ellen weit rechts an einem spitzigen Felsen vorbeigeschleudert, der gerade die Höhe des Wassers hatte und unserer Aufmerksamkeit völlig entgangen wäre, wenn ihn nicht der amerikanische Kapitän an dieser Stelle vermuthet hätte, denn die See bricht sich an diesen Felsen nicht in jeder Minute, sonst würden sie leicht zu vermeiden sein. Zuversichtlich wären wir zerschmettert worden, hätte der Amerikaner die Gefahr nicht gesehen und durch die plötzliche geschickte Umdrehung des Steuers abgewendet; noch einen Augenblick, noch einen Fuß näher, und wir waren verloren. »Barmherziger Gott,« rief ich aus, »zu welchem Schicksale hast du mich noch bestimmt! Wie kann ich dir für eine so überschwengliche Gnade genug danken!« Ich sagte dem Amerikaner für seine Aufmerksamkeit Dank, und belehrte meine Leute, wie sehr wir ihm verpflichtet wären, und wie reichlich er uns für seine Erlösung aus dem Schiffe belohnt hätte. »Ach, Lieutenant,« sprach der Arme, »was ich gethan habe, ist eine geringe Vergeltung der Güte, die Sie mir erwiesen.« Das Wasser war sehr tief und die Felsen steil; deßhalb ließen wir unser Segel nieder und arbeiteten uns bloß mit den Rudern in die Bucht, um einen Landungsplatz zu suchen. Im Hintergrunde derselben gewahrten wir die Trümmer eines gescheiterten Schiffes auf dem Strande, das einen Kupferboden zu führen schien. Dies steigerte die Sehnsucht der Mannschaft nach dem Lande, und wir ruderten hart an der Küste, fanden aber, daß unser Boot zertrümmert werden müßte, wenn wir die Landung versuchen würden. Der Midshipman machte den Vorschlag, es soll einer von uns an's Ufer schwimmen und eine Anhöhe ersteigen, um von dort aus nach einer Stelle zu sehen, wo wir anlegen könnten. Ich gab meine Einwilligung, und sogleich warf der Deckmeister seine Kleider von sich. Um ihn hereinziehen zu können, falls ihn die Kräfte verlassen sollten, band ich ihm ein Bleilien unter die Arme. Mit Leichtigkeit schwamm er über den ersten Wogenschwall weg, aber als er an die eigentliche Brandung am Ufer kam, war er nicht im Stande, sich hindurch zu arbeiten; denn im Augenblicke, wo er seinen Fuß auf den Grund setzte, warf ihn der Rücktritt der See und das von den Matrosen sogenannte »Untertauen« über die äußerste Welle zurück. Dreimal machte der Wackere den Versuch, und stets mit dem gleichen Erfolge. Endlich sank er, und wir zogen ihn beinahe leblos in's Boot. Indessen wurde er durch sorgfältige Pflege wieder hergestellt und kehrte zu seiner gewöhnlichen Arbeit zurück. Jetzt erbot sich der Midshipman, sich ohne das Lien in die Brandung zu werfen, denn dadurch allein wäre es dem Deckmeister unmöglich geworden, seinen Zweck zu erreichen. Dies hatte seine Richtigkeit; aber ich gestattete es ihm nicht, sich der Gefahr auszusetzen, und wir ruderten längs der Küste hin, bis wir in die Nähe eines Felsen kamen, an welchem die Brandung sehr hoch emporschlug, und welchen wir aus diesem Grunde vermieden. Wir machten die Entdeckung, daß dieser Fels vom festen Lande getrennt war, und sahen zu unserer großen Freude innerhalb des Zwischenraumes stilles Wasser. Ohne große Schwierigkeit gelang es uns, hier zu landen. Nachdem wir unser Boot festgelegt hatten, überließen wir es zwei zuverlässigen Matrosen zur Bewachung, und ich entfernte mich mit der übrigen Mannschaft, um die Bucht zu untersuchen. Natürlich richtete sich unsere Aufmerksamkeit zuerst auf das Wrack, an welchem wir vorbeigerudert waren, und nachdem wir eine Viertelstunde lang über große Trümmer zerbrochener Felsen geklettert, die sich von den Seiten der Anhöhe losgerissen hatten und den Weg am Ufer versperrten, erreichten wir den Gegenstand unserer Neugierde. Wir erkannten aus dem Wrack, daß es einst ein schöner kupferbodener Schooner von ungefähr hundertundachtzig Tonnen gewesen war; er mußte mit großer Gewalt an's Ufer geschleudert worden sein, denn er lag mehrere Ellen hoch über dem Zeichen des höchsten Wasserstandes. Masten und Stangen lagen in allen Richtungen auf dem Strande umher, der mit der Ladung bedeckt war. Diese bestand aus einer Menge von Spielsachen und Holzwaaren, musikalischen Instrumenten, Geigen, Flöten, Pfeifen und Vogelorgeln. Einige Ueberbleibsel von Büchern, die ich aufhob, erwiesen sich als französische Romane mit unzüchtigen Kupferstichen und noch verderblicherem Text. Daraus ergab sich, daß es ein französisches Schiff war. In kurzer Entfernung von dem Wrack, auf einer Art von Erdwall, fanden wir drei oder vier rauh gezimmerte Hütten, die aus den Trümmern errichtet waren; und etwas weiter nach hinten eine Reihe von Gräbern, auf deren jedem ein Kreuz stand. Ich untersuchte die Hütten. Sie enthielten einige rohe, einfache Ueberreste menschlicher Wohnungen; ein paar Bänke und Tische, die kunstlos aus den Schiffsplanken gehauen und zusammengenagelt waren; Knochen von Ziegen und wilden Schweinen und einige Stücke halbverbrannten Holzes. Aber von dem Namen des Schiffes oder seines Eigenthümers vermochten wir keine Spur zu entdecken; selbst auf den Planken war kein Name bezeichnet oder eingeschnitten, wie man hätte erwarten sollen, um anzuzeigen, wem das Schiff gehört hätte, und was aus den Ueberlebenden geworden wäre. Indessen leitete uns diese geflissentliche Verheimlichung auf die zuverlässige Kunde von seinem Auslaufshafen, seinem Bestimmungsort und seinem Handelsgegenstande. Da es auf der Südwestseite der Insel lag und das Vordertheil gegen Nordost kehrte, so war es ohne Zweifel von Rio Janeiro nach der afrikanischen Küste ausgefahren und während der Nacht hier gescheitert. Ebenso deutlich war es, daß es eine Ladung Sclaven an Bord nehmen wollte; dafür zeugten nicht nur die Spielsachen, mit denen es befrachtet war, sondern auch die ganze innere Einrichtung des Fahrzeuges und eine Menge Hand- und Fußschellen, welche wir unter den Trümmern fanden, und von welchen wir wußten, daß sie einzig und allein zur Ankettung der unglücklichen Opfer dieses Handels dienten. Wir schlugen unser Nachtlager in den Hütten auf und trennten uns am folgenden Morgen in drei Abtheilungen, um das Eiland zu untersuchen. Wie ich schon oben bemerkte, hatten wir zwar Flinten, aber kein Pulver, und sahen deßhalb wenig Wahrscheinlichkeit vor uns, einige von den Ziegen oder wilden Schweinen zu erlegen, an denen die Insel Ueberfluß hatte. Eine Abtheilung schlug sich in das Gebirge, um den höchsten Punkt der Insel zu suchen. Eine andere ging die Küste entlang gegen Westen, wahrend ich mich mit zwei Matrosen ostwärts wandte. Mit großer Schwierigkeit arbeiteten wir uns durch die verschiedenen Schluchten, bis wir ein langes Thal erreichten, welches die ganze Insel zu durchschneiden schien. Hier wurde unsere Aufmerksamkeit durch eine ebenso wunderbare, als düstere Naturerscheinung in Anspruch genommen. Tausende und Tausende von Bäumen bedeckten das Thal. Sie waren im Durchschnitt ungefähr dreißig Fuß hoch; aber sämmtlich abgestorben, streckten sie ihre kahlen Aeste gegen einander – ein Wald des Todes, als hätte die Natur in einer schwarzen Stunde ihre schöpferische Kraft verloren. Man sah weder Unterholz, noch Gras. Auf den untersten Zweigen der verdorrten Bäume hatten Meergänse oder andere Seevögel ihre zahllosen Nester gebaut. Sie waren so zahm, daß mich schauderte, wie sich Cooper ausdrückt, und schienen an den Anblick von Menschen so wenig gewöhnt, daß die Mütter, die über ihren Eiern brüteten, nur in drohender Haltung ihre Schnäbel gegen uns aufsperrten, als wir an ihnen vorübergingen. Es dürfte höchst schwierig sein, das gleichzeitige Absterben dieser ungeheueren Menge von Bäumen auf eine befriedigende Weise zu erklären, denn ihren Wurzeln fehlte es nicht an fruchtbarem Erdreich. Meines Erachtens mußte es entweder einem plötzlichen, anhaltenden Auswurf vulkanischer Schwefelmassen, oder einem ungewöhnlich heftigen Sturme, der die Wurzeln durch das hereingeschleuderte Salzwasser tödtete, zugeschrieben werden. Eine von diesen beiden Ursachen mußte gewirkt haben. Der Physiker oder Geognost mag entscheiden. Wir hatten wenigstens den Trost des Bewußtseins, keinem Mangel an Nahrung ausgesetzt zu sein, denn die Vogelnester boten uns einen reichen Vorrath an Eiern und jungem Geflügel jeden Alters; wir kehrten daher schwer beladen zu der Bucht zurück. Die Abtheilung, welche westwärts gezogen war, berichtete, daß sie mehrere wilde Schweine gesehen hätte, aber nicht im Stande gewesen wäre, eines derselben zu fangen; die Leute, welche das Gebirge erstiegen hatten, kehrten höchst ermüdet zurück und vermißten einen der Ihrigen. Sie machten uns die Mittheilung, daß sie den Gipfel des Gebirges erstiegen hätten, wo sie eine große Ebene gefunden, die von zwölf bis achtzehn Fuß hohen, baumartigen Farrenkräutern eingefaßt wäre. Auf dieser Ebene sahen sie eine Heerde Ziegen, die von einem ungeheuren Bock von der Größe eines Kleppers angeführt wurde. Sie machten alle möglichen Versuche, eine von den Ziegen zu fangen, aber vergeblich; der Mann, den sie vermißten, war den Thieren weiter gefolgt, als die übrigen; lange hatten sie auf seine Rückkehr gewartet, und endlich aus seinem Ausbleiben den Schluß gezogen, er werde einen andern Weg nach der Bucht eingeschlagen haben. Die Geschichte gefiel mir gar nicht, denn ich fürchtete, dem Armen möchte irgend ein entsetzlicher Zufall begegnet sein. Die ganze Nacht hielten wir Wache und ließen ein Feuer brennen; unser Lager schlugen wir, wie in der vorhergehenden Nacht, in den Hütten auf. An Feuer ließ es uns das Wrack nicht fehlen, und Wasser floß in einem hellen Strom an unserem Dörfchen vorüber. Am andern Morgen wurde eine Abtheilung nach dem Vermißten ausgeschickt; eine zweite suchte junge Meergänse für unser Mittagessen. Die letztere brachte einen hinreichenden Vorrath auf zwei bis drei Tage mit; aber von den drei Matrosen, die nach dem Vermißten ausgegangen waren, kehrten nur zwei zurück. Sie berichteten, daß sie durchaus nichts von ihm in Erfahrung gebracht, und selbst einen Mann verloren hätten, der ohne Zweifel weiter gegangen sei, um seinen Schiffsgefährten zu suchen. Diese Nachricht machte uns viele Unruhe, und gab zu manchen Vermuthungen Anlaß. Die Meisten schienen der Meinung zu sein, es gebe wilde Thiere auf der Insel, und unsere armen Freunde seien ein Opfer derselben geworden. Ich beschloß, am anderen Morgen selbst auf Nachsuchung auszugehen, und einen oder zwei auserlesene Männer mit mir zu nehmen. Schon früher hätte ich erwähnen sollen, daß wir bei der Einschiffung auf unserem Boote aus dem versinkenden Schiffe einen Pudel herübernahmen, denn ich wollte das arme Thier nicht gern zu Grunde gehen lassen und hoffte, aus ihm ein gutes Mittagessen zu bereiten, wenn wir keine bessere Nahrung mehr hätten. Dies war nicht mehr als billig, denn die Mildthätigkeit beginnt bei sich selbst. Dieses treue Thier wurde sehr anhänglich an mich, weil es ausschließlich von mir seine Nahrung erhielt. Nie verließ es mich und nie folgte es einem Anderen; auch auf diesem Ausflüge begleitete es mich. Wir erreichten den Gipfel des ersten Berges, wo wir die Ziegen auf dem zweiten grasen sahen; dort wollten wir die Gegenstände unserer ängstlichen Nachforschung suchen. Ich war einige Ellen vor meinen Gefährten voraus, und in einiger Entfernung vor mir lief der Hund auf einer überhängenden Felsbank, die gegen eine furchtbare Tiefe abstürzte. Diese Bank, die ich zu überschreiten hatte, war ungefähr sechs bis sieben Fuß breit und zehn bis zwölf Fuß lang; dabei neigte sie sich in einer kaum bemerkbaren Böschung gegen den Abgrund, so daß ich sie für vollkommen sicher hielt. Eine unbedeutende Wasserquelle rieselte von einem über ihr stehenden Felsen herab und verlor sich zwischen dem Moose und Rasen, von welchem es in den Abgrund niederfiel, der wirklich eine furchtbare Tiefe hatte. In Vergleich mit vielen Stellen, die ich bereits überschritten hatte, war dieser Uebergang allem Anschein nach völlig sicher, und ich war eben im Begriffe, ihn zu betreten, als mir mein Hund voranlief und auf die unglückliche Stelle sprang. Sein Fuß gleitete unter ihm aus. Er fiel und verschwand über dem Abgrund. Ich fuhr entsetzt zurück und hörte ein Angstgebell und Gewinsel; ein schwächeres folgte, und Alles war still. Mit der größten Vorsicht näherte ich mich dem Rande des Abgrunds, wo ich die Entdeckung machte, daß jenes Wassergerille ein kurzes Moos nährte, welches so dicht und glatt wie Sammt war und vermöge seiner Schlüpfrigkeit nicht den leichtesten Fußtritt gestattete; dies erklärte mir das plötzliche Verschwinden, und wie ich muthmaßte, den unvermeidlichen Tod meines Hundes. Mein erster Gedanke war ein Dankgebet für meine wunderbare Rettung; mein zweiter schweifte unwillkürlich zu dem Schicksale meiner armen Matrosen über, welche nun wahrscheinlich entseelt am Fuße dieses Berges lagen. Ich theilte meine Besorgniß den beiden Matrosen mit, die mich begleiteten und in diesem Augenblicke herankamen. Das Ganze trug zu sehr das Gepräge der Wahrheit, um einen Zweifel zuzulassen. Wir stiegen auf einem schlangenförmigen Umwege die Felstrümmer hinab, und nachdem wir eine Stunde lang mit allen Schwierigkeiten und Gefahren gekämpft hatten, erreichten wir die Stelle, wo unsere Besorgnisse nur zu sehr bestätigt wurden. Hier lagen die beiden Leichen unserer Gefährten neben dem todten Körper meines Hundes, alle auf eine furchtbare Weise verstümmelt; ohne Zweifel hatten beide die Bank auf dieselbe sorglose Weise zu überschreiten gesucht, in welcher auch ich sie zu betreten im Begriffe stand, als die Vorsehung zu meinem Besten den Hund in's Mittel treten ließ. Diese eigentümliche Rettung ging nicht spurlos an mir vorüber. Ich hatte in der neuesten Zeit so drohende Gefahren bestanden, und war ihnen mit so genauer Noth entgangen, daß ich einen ganz veränderten, ernsten Charakter gewann. Gedankenvoll und düster kehrte ich zu meinen Leuten in der Bucht zurück; ich erzählte ihnen das Geschehene, und da ich ein Gebetbuch in meinem Koffer hatte, machte ich ihnen den Vorschlag, das Abendgebet vorzulesen und dem Höchsten für unsere Rettung zu danken. Hierin stimmte der amerikanische Kapitän, der sich Green nannte, von Herzen mit mir überein. Seit dieser Arme in's Boot aufgenommen worden war, hatte sich sein Charakter durchaus verändert. Er war nicht mehr der Mann, für den ich ihn anfangs gehalten hatte; fortwährend schlug er seinen Branntwein aus und vertheilte ihn unter die Matrosen. Er war still und nachdenklich; oft fand ich ihn im Gebet, und bei diesen Gelegenheiten störte ich ihn nie. Zu andern Zeiten sann er darüber nach, wie er sich am nützlichsten machen könnte. Er flickte den Matrosen ihre Kleider und Schuhe, und zeigte ihnen, wie sie es selbst thun könnten. So oft es eine schwere Arbeit gab, war er stets der Erste und der Letzte; auch war sein freundliches Wesen und seine Aufmerksamkeit von der Art, daß wir ihn nach und nach Alle liebgewannen und mit großer Achtung behandelten. Wenn wir in die See stachen, übernahm er die Wache, und schloß kein Auge, so lange seine Verpflichtung dauerte. Auch war dies nicht die Wirkung der Angst, oder die Folge der Furcht vor Mißhandlung unter so vielen Engländern, die durch seine Verirrung in ein so großes Unglück versetzt worden waren. Er fand bald eine Gelegenheit, uns zu überzeugen, daß die Veränderung seines Betragens die Wirkung des Kummers und der Reue war. Am nächsten Morgen schickte ich eine Abtheilung Matrosen nach dem Thale, um die Leichen unserer unglücklichen Gefährten zu begraben. Meine beiden Begleiter vom vorhergehenden Tage gab ich ihnen als Wegweiser mit. Als sie zurückkehrten, machte ich sie darauf aufmerksam, wie verderblich unser Aufenthalt auf diesem unseligen Eiland für uns gewesen sei, und wie viel besser wir gethan haben würden, wenn wir unsere Fahrt nach Rio-Janeiro fortgesetzt hätten, wo wir wahrscheinlich jetzt wären, da es nur noch zweihundertfünfzig bis zweihundertsechzig Meilen entfernt liege. Ferner machte ich ihnen begreiflich, daß wir jetzt den werthvollsten Theil unseres Vorraths – Branntwein und Tabak verzehrten, während unsere einzige Hoffnung und Hülfsquelle, unser Boot, nicht einmal in Sicherheit sei, da es von einem Sturmwinde zertrümmert werden könne. Deßhalb machte ich ihnen den Vorschlag, sogleich Vorbereitungen zu unserer Abfahrt zu treffen, und Alle stimmten mir einmüthig bei. Wir theilten die verschiedenen Arbeiten. Einige holten den gehörigen Vorrath an jungen Vögeln, die wir tödteten und einsalzten, um unser Pöckelfleisch zu schonen; Andere füllten unsere Wassertonnen. Kapitän Green besorgte die Takelung, die Segel und die Ruder des Bootes, und war darauf bedacht, daß in dieser Beziehung nichts versäumt wurde. Der Branntwein hatte stark abgenommen, und Kapitän Green, der Midshipman und ich kamen miteinander überein, unsern Antheil nicht zu trinken, sondern für dringende Nothfälle aufzusparen. Drei Tage nach dem Beginne unserer Vorbereitungen, und sieben Tage nach unserer Landung schifften wir uns ein, entgingen mit Mühe der Gefahr, von der Brandung verschlungen zu werden, und setzten wieder auf der weiten Fläche des atlantischen Oceans unsere Segel bei. Diesmal sollten wir keine großen Gefahren bestehen und eben so wenig die Küste von Südamerika erreichen. Wir waren noch nicht viele Stunden in See, als ein Schiff emportauchte, das sich als eine amerikanische Kaperbrigg von vierzehn Kanonen und hundert und dreißig Mann erwies, welche auf der Höhe des Kaps zu kreuzen hatte. Sobald sie uns bemerkte, segelte sie auf uns zu, und in einer halben Stunde waren wir glücklich an Bord. Wir schafften unsere geringen Vorräthe auf die Verdecke und überließen das Boot den Fluthen. Meine Leute wurden nicht eher gut behandelt, als bis sie ihre Einwilligung gaben, an Bord des Kapers Dienste zu nehmen. Ich machte ihnen die ernstesten Vorstellungen und wendete Alles an, was in meiner Gewalt stand, um sie von einem unseligen Schritte zurückzuhalten; allein die Überredungskünste und Drohungen der Amerikaner gewannen die Oberhand. Mit Ausnahme Thompson's ließen sich Alle einschreiben. Ich machte dem Kapitän des Kapers Vorwürfe über das, was ich Verletzung der Gastfreundschaft nannte. »Sie fanden mich auf dem weiten Ocean,« sagte ich, »in einem gebrechlichen Boote, das in einem Augenblicke von einer hohen Welle überwerfen oder von irgend einem Fisch in die Luft geschleudert werden konnte. Mit aller Güte und Freundschaft, die wir wünschen konnten, nahmen Sie mich und meine Leute an Bord, und jetzt vernichten Sie Ihre Wohlthat, indem Sie die Mannschaft ihrem rechtmäßigen Souverän abspannen, zur Rebellion verleiten und der Gefahr des Todesstrafe aussetzen, der sie nicht entgehen können, wenn sie, wie es höchst wahrscheinlich ist, ihrer eigenen Regierung in die Hände fallen.« Der Kapitän, ein rauher, aber denkender und aufgeklärter Yankee, erwiederte, daß es ihm sehr leid thue, wenn ich ihm irgend etwas übel deute; er habe durchaus keine Beleidigung gegen mich beabsichtigt und mit meinen Leuten nicht das Mindeste zu thun gehabt, bis sie sich freiwillig angetragen hätten, und auf seinem Schiffe in Dienste getreten seien; er könne nur zugestehen, daß sie vielleicht von einigen seiner Matrosen zu diesem Schritte überredet worden seien. »Und nun, Lieutenant,« fuhr er fort, »erlauben Sie mir eine Frage: Gesetzt, Sie befehligten ein britisches Schiff, und falls ich unglücklicher Welse von Ihnen genommen werden sollte, erböten sich zehn oder zwölf meiner Matrosen zu freiwilligem Dienst auf Ihrem Fahrzeug, wobei sie sich für Leute aus Newkastle ausgäben, würden Sie dieselben abweisen? Zudem machten Sie schon vor dem Ausbruch des Krieges gar keine Umstände, auf unsern Kauffahrern, ja sogar auf unsern Kriegsschiffen Matrosen zu holen, wo sich Gelegenheit dazu darbot. Jetzt bitte ich Sie, mir zu sagen, worin der Unterschied zwischen Ihrem und unserem Verfahren besteht?« Ich erwiederte, es sei nicht sehr leicht, und führe jedenfalls zu nichts Gutem, jetzt eine Frage zu erörtern, welche in den letzten zwanzig Jahren die weisesten Häupter seines und meines Landes verwirrt habe; mein gegenwärtiger Fall sei ein ganz eigenthümlicher und müsse ohne alle Vergleichung betrachtet werden; das Kriegsglück habe mich ihm in seine Hände gegeben, und er mache einen schlechten Gebrauch von dem augenblicklichen Vortheile seiner Lage, indem er es dulde, daß meine Leute, welche doch nur arme, unwissende Geschöpfe seien, zu der Pflichtvergessenheit verleitet würden, ihre Flagge zu verlassen und einen Hochverrath zu begehen, durch den sie ihr Leben verwirkten und ihre Familien in's Unglück stürzten: was immer auch die Verfahrungsweise seiner oder meiner Regierung sei, welches System immer auch dieser oder jener Kapitän verfolge, kein Vorgang könne das Unrecht zum Rechte machen; und ich berufe mich auf sein eigenes Urtheil, weil ich mich auf nichts anderes berufen könne, ob er handle, wie er selbst behandelt zu werden wünsche.« »Was diesen Punkt betrifft,« erwiederte der Kapitän, »so zerbrechen wir Kaperleute uns den Kopf nicht; wir sorgen stets für Nummer Eins , und wenn es Ihren Leuten beliebt, sich für geborene Bostoner auszugeben und auf meinem Schiffe in Dienst zu treten, so muß ich sie nehmen. Sehen Sie einmal,« fuhr er fort, »hier ist der beste Ihrer Matrosen, Thompson; ich setze eine Flasche alten Jamaikarum, daher ein Yankee von ächtem Blut ist, und wenn er von der Leber wegreden wollte, so würde er lieber unter den Streifen der vereinigten Staaten, als unter der Flagge der Union kämpfen.« »Verdammt sei der Hund, der das von Jock Thompson sagt,« versetzte der Caledonier, welcher dabei stand. »Ich habe meine Farbe noch nie gewechselt und gedenke sie auch in Zukunft nie zu wechseln. Nur ein einziges Stück Rath wünschte ich Ihnen und Ihren Offizieren zu geben, Kapitän. Ich bin ein höflicher Mann, der mit sich sprechen läßt, und habe noch keine Seele beleidigt, außer im redlichen Gefechte; aber wenn Sie oder irgend Einer Ihrer Matrosen mich zu bestechen oder zur Untreue geg'n meinen König und mein Vaterland zu verleiten suchen, so lege ich ihn so platt auf seinen Rücken, wie eine Scholle, wenn ich es vermag, und wenn ich es nicht vermag, so will ich es wenigstens versuchen.« »Wohl gesprochen,« bemerkte der Kapitän, »und ich ehre Euch darum. Ihr könnt Euch darauf verlassen, daß ich Euch nie zu verleiten suchen werde, und wenn es Jemand von meinen Leuten thut, so mag er zusehen, wie es ihm geht.« Kapitän Green hörte die ganze Unterhaltung mit an, nahm aber keinen Theil an derselben, sondern ging wie gewöhnlich nachdenkend auf dem Verdeck hin und her. Als der Kapitän des Kapers hinunterging, um seine Rechnung zu stellen, begann dieser unglückliche Mann ein Gespräch mit mir, das er mit der Bemerkung eröffnete: »Welch ein treffliches Muster eines britischen Matrosen haben Sie bei sich.« »Ja,« erwiederte ich, »das ist einer von der rechten Gattung – er kommt aus dem Lande, wo die Erziehung der Armen zur Sicherheit der Reichen beiträgt, wo man einen Menschen deshalb nicht für schlechter hält, weil er seine Bibel liest, und wo man im Allgemeinen die unteren Volksklassen in der redlichen Einfalt des ursprünglichen Christenthums erzieht.« »Sie haben vermuthlich nicht viele seines Gleichen auf Ihrer Flotte?« fragte Green. »Mehr, als Sie glauben,« erwiederte ich, »und Sie werden erstaunen, wenn ich Ihnen sage, daß sie niemals oder wenigstens höchst selten desertiren, ob sie gleich gepreßt werden, und vielleicht einen weit geringeren Verdienst haben, als derjenige ist, aus welchem sie herausgerissen wurden, oder den sie sich erwerben könnten; denn sie haben einen offenen Sinn für sittliche und religiöse Gefühle, welche sie unauflöslich an ihre Pflicht binden.« »Bei dem Allen aber müssen sie nothwendig unzufrieden sein,« bemerkte Green. »Nicht so nothwendig,« erwiederte ich; »der Dienst auf der Flotte gewährt ihnen manchen Vortheil, dessen sie sich bei einem anderen Berufe nicht erfreuen würden. Sie bekommen Jahrgelder für vieljährige Dienste oder für erhaltene Wunden, werden in ihren alten Tagen stets versorgt, und die Regierung sowohl, als andere öffentliche Vereine und reiche Privaten erzeigen ihren Wittwen und Kindern manche Wohlthat. – Doch wir müssen dieses Gespräch ein andermal beenden,« fuhr ich fort, »denn ich sehe, daß man das Mittagessen in die Küche trägt.« Ich erhielt vom Kapitän des Kapers jeden Beweis der Achtung und des Wohlwollens, den ihm seine Mittel gestatteten, was ich hauptsächlich Green und seinem schwarzen Diener, Mungo, verdankte, welche ihm erzählten, wie ich das Leben desjenigen rettete, der mein und meiner sämmtlichen Begleiter Leben in Gefahr gesetzt hatte. Green's Dankbarkeit kannte keine Gränzen; er bewachte mich Tag und Nacht, wie eine Mutter ihr geliebtes Kind, befriedigte jedes Bedürfniß, ehe ich es ausgesprochen hatte, und fühlte sich nie glücklich, so lange ich noch einen Wunsch hegte. Die Matrosen an Bord des Schiffes waren eben so freundlich und aufmerksam gegen mich, weil sie es mir zum größten Verdienste anrechneten, ihren Landsmann gerettet und zur Dämpfung einer Meuterei mein eigenes Leben auf's Spiel gesetzt zu haben. Wir kreuzten südlich vom Kap und nahmen ein paar Prisen, die jedoch von geringer Bedeutung waren. Eine derselben, ein Kauffahrer aus Mozambique wurde versenkt; aus dem anderen, einem Sclavenschiff von Madagaskar, mit welchem man nichts anzufangen wußte, nahm der Kapitän acht oder zehn der stärksten männlichen Neger an Bord, um auf seiner Brigg zu helfen, und überließ die Prise ihrem Schicksale. Zwanzigstes Kapitel. Doch was ist dies? Welch' Meeresungeheuer Kommt hier auf diesem Striche hergesegelt, Ein stattlich Schiff mit allem Takelwerk Und allem Segelwerk ... Ramson Agonistes. Der Kaper nannte sich Vollblut-Yankee, er war vorerst nach der Insel Tristan d'Acunha bestimmt, wo er einen anderen Kaper zu treffen erwartete, der demselben Eigenthümer gehörte und ihm einstweilen vorausgefahren war, so lange er selbst zwischen dem Kap und der Insel Madagaskar nach gewissen zurückkehrenden Extraindienfahrern zu kreuzen hatte, von denen er hoffte, daß einer oder zwei die Mühe und Kosten der Ausrüstung völlig bezahlen würden. Wir erreichten die Insel ohne einen bedeutenden Zufall. Ich hatte mit Bedauern bemerkt, daß der zweite Gehülfe, welcher sich Peleg Oswald nannte, ein mürrischer, trotziger, zänkischer Mann war, und daß ich, so freundlich mich der Kapitän Peters und der erste Gehülfe, Methusala Salomo, behandelten, niemals den Untersteuermann, Peleg Oswald, gewinnen konnte. Der Kapitän Green, der mit mir an Bord gekommen war, hatte sich seit der Zeit seiner Rettung durchaus verändert. Wie ich mir hatte sagen lassen, war er vorher ein liederlicher Trunkenbold; aber von dem Augenblicke an, als ich ihn in mein Boot aufnahm, schien er in seinem Betragen und seinen Gewohnheiten ein durchaus umgewandeltes Wesen; er trank nie mehr, als nöthig war, seinen Durst zu stillen – fluchte nie – sprach nie ein anstößiges Wort – las unaufhörlich in der heiligen Schrift, hielt regelmäßig seine Morgen- und Abendandacht und machte bei jedem Streit oder Zank, die sehr häufig auf der Brigg vorkamen, den Schiedsrichter und Friedensstifter. Dadurch ersparte er dem Kapitän und dem ersten Steuermann unsäglich viel Mühe, denn immer seltener hörte man Flüche und Schimpfreden an Bord; immer seltener und milder wurden die Strafen. Die Matrosen waren glücklich und verrichteten ihren Dienst mit Eifer, nur Peleg Oswald störte die Eintracht. Am 15. December erreichten wir die Insel; das Wetter war so schön, als wir es um diese Jahreszeit – im Sommer – nur erwarten konnten. Wir stießen wieder ab und segelten auf die Nord- oder Windseite der Insel, wo wir uns ungefähr auf zwei Meilen der Küste näherten, denn weiter wagten wir uns aus Furcht vor den sogenannten »Rollern« nicht: einer ebenso großartigen, als furchtbaren Naturerscheinung auf diesem abgesonderten Erdwinkel. Ueber diese außerordentliche Wirkung verborgener Kräfte sind schon viele Muthmaßungen aufgestellt worden, aber nicht eine der gegebenen Erklärungen schien mir treffend genug, um meinen Geist zu befriedigen, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil dieselben Ursachen bei St. Helena, bei Ascension oder bei jedem andern von einer großen Wasserfläche umspannten Eilande oder Vorgebirge dieselben Wirkungen hervorbringen müßten. Ich will die Erscheinung zu schildern suchen, die durch eine Reihe Roller hervorgebracht würde, welche, wie es wirklich schon der Fall gewesen ist, ein Schiff an der Küste träfen. Das Wasser ist vollkommen glatt; kein Lüftchen rührt sich; plötzlich rollt eine ungeheure Woge mit glänzender Oberfläche von Norden herbei; sie bricht sich nicht eher, als bis sie auf den Widerstand des Landes stößt, wo sie mit einem entsetzlichen Getöse und einer Gewalt zerschmettert, der keine menschliche Kunst oder Anstrengung zu widerstehen vermag. Andere Wogen folgen. Kein Anker hält, wenn überhaupt hier Ankergrund zu finden wäre; aber dies ist nicht der Fall; das Wasser ist neunzig bis hundert Faden tief, und Anker und Kabel können einem Fahrzeuge bei einem solchen Angriff kaum einen vorübergehenden Halt geben; doch wenn dieses auch möglich wäre, so würde sich die Woge gerade wegen dieses Widerstandes spalten, über Bord rollen und das Schiff versenken. Dies war das Loos des unglücklichen – – einer britischen Kriegsschaluppe, welche nach der Landung des Kapitäns mit sechs Matrosen von den Rollern erfaßt und an die Küste getrieben wurde, wobei die sämmtliche Mannschaft, die an Bord war, umkam und nur der Kapitän mit seiner Bootsmannschaft entrann. Dieses unglückliche Fahrzeug ging nicht etwa durch einen Mangel an Geschicklichkeit oder Seemannskunde von Seiten des Kapitäns oder der Mannschaft – noch nie schwamm eine trefflichere Mannschaft auf der Salzfluth – sondern durch ihre Unbekanntschaft mit dieser Eigentümlichkeit verloren: einer Erscheinung, von der ich bei andern Inseln, wenigstens in dieser furchtbaren Ausdehnung, noch nie gehört habe. An's Land getrieben, ehe sie Grund finden konnten, ließen sie endlich drei Anker fallen, aber nichts vermochte der Gewalt der Roller Stand zu halten, welche das Fahrzeug auf den Strand warfen, wo es im nächsten Augenblicke zerschellte und das ganze Schiffsvolk im Angesichte des bestürzten Kapitäns und seiner Bootsmannschaft umkam. Letztere begrub die Leichen ihrer unglücklichen Gefährten, sobald sie das Meer ausgeworfen hatte. Dieses Eiland hatte noch eine andere merkwürdige Eigentümlichkeit; es ist bis zu einer beträchtlichen Erstreckung in die See von dem sogenannten Fucus maximus umgürtet, von dem schon Kapitän Cook spricht. Die Pflanze wächst bis zu einer Tiefe von sechzig Faden oder hundertundachtzig Fuß und erreicht in einem langen Stengel die Oberfläche, wo sie bis zur ungeheuren Länge von drei- bis vierhundert Fuß emporsteigt, während sie je in Fuß langen Entfernungen kurze, abwechselnd ständige Nebenstiele treibt. Also bringt der stürmische Ocean ein höheres Gewächs hervor, als irgend ein Theil des Landes; selbst der Bananenbaum macht hievon keine Ausnahme, wenn gleich seine Aeste den Boden berühren, um neue Wurzeln zu treiben und gleichsam neue Bäume zu bilden. Diese Meergewächse widerstehen den vereinigten Angriffen der beiden mächtigsten Elementen; vergebens verbinden sich Wind und Wellen zu ihrer Vernichtung; ihr Laubwerk am Busen der Gewässer in einander schlingend, spotten sie des Orkanes und trotzen seiner Wuth. Die Blätter sind wechselständig; und wenn der Wind das Wasser aufrührt, so schlägt eines nach dem andern mit einem dumpfen Tone um, der uns wegen der düsteren Ideenverbindung und der Einsamkeit des Eilandes doppelt schauerlich vorkam. Die Zweige oder Schößlinge dieser Pflanzen sind so stark und fest, daß kein Boot durch ihre Verschlingung hindurchzudringen vermag. Ich machte mit meinen Füßen den Versuch, welch eine Last sie zu tragen vermöchten, und überzeugte mich, daß man mit ein paar Schneeschuhen darauf wandeln könnte. Kapitän Peters lud mich freundlichst ein, mit ihm an die Küste zu gehen. Mit vieler Mühe landeten wir und gingen nach der Hütte eines Mannes, der aus eigener Wahl hier zurückgelassen worden war. Er bewohnte das Eiland mit seiner Familie und nannte sich nach dem Vorgange einer andern großen Persönlichkeit auf einer weiter nördlich gelegenen Insel »Kaiser«. Eine Abtheilung britischer Soldaten war vom Kap der guten Hoffnung auf das Eiland geschickt worden, um es in Besitz zu nehmen, hatte sich aber bald wieder zurückgezogen. Seine Kaiserliche Majestät hatten zur Zeit meines Besuches eine schwarze Ehehälfte und eine Menge schnupftabakfarbener Prinzen und Prinzessinnen. In andern Beziehungen war er ein zweiter Robinson Crusoe; er besaß einige Stück Rindvieh und ein paar Schweine, welch' letztere sich auf der Insel bedeutend vermehrten. Zahmes Geflügel besaß er in Menge, und ein großes Stück Land hatte er mit Kartoffeln angepflanzt, welche sonst nirgends auf der südlichen Halbkugel in ihrer heimischen Vollkommenheit hervorgebracht werden. Das Land ist fruchtbar und großer Veredlung fähig; zahlreiche Bäche durchschneiden seinen Boden. Es war unmöglich, diese Einöde zu betrachten, ohne an die schönen Worte Cowper's zu denken: O Einsamkeit, wo sind die Reize, Die Weise sah'n in deinem Antlitz? Und doch war Aufruhr und sogar Rebellion in diese wilde Stätte gedrungen. Der Kaiser hatte nur Einen Unterthanen, und dieser Kaliban hatte es gewagt, gegen einen ausdrücklichen kaiserlichen Befehl ein Huhn zum Mittagessen zu schlachten. »Rebellion,« rief der ergrimmte Kaiser, »ist eine Tochter des Teufels, und ich bin entschlossen, an dem Verbrecher ein Exempel zu statuiren.« Ich erbot mich zur Vermittlung zwischen beiden kriegführenden Mächten und stellte seiner kaiserlichen Majestät vor, daß ein Exempel, wenn es auch noch so abschreckend sei, hier seine Wirkung verlieren müsse; denn seine Kinder seien noch zu jung, um sich verderben zu lassen, und überdies müsse er als ein vertrauter Freund der heiligen Schrift wissen, daß es seine Pflicht ist, zu vergeben. »Zudem,« fuhr ich fort, »hat Ihre Majestät, die Kaiserin, einen kräftigen Arm und kann stets Beistand leisten, wo es Abwendung oder Bestrafung irgend einer künftigen Handlung der Widersetzlichkeit oder des Ungehorsams gilt.« Ich vermuthe, seine Majestät erkannte das gleiche Sittengebot an, wie ich, daß man sich in die Notwendigkeit schicken müsse. Er mußte es höchst unbequem finden, kein Wort mit seinem ersten Minister und Exkanzler zu wechseln, den er bei Todesstrafe auf die entgegengesetzte Seite der Insel verwiesen hatte. Der Spruch lautete ursprünglich auf sechs Monate, aber durch meine Vermittlung erhielt der Delinquent Verzeihung und wurde wieder zu Gnaden angenommen. Ich dachte über diesen erfolgreichen Beweis meines Vermittlungstalentes nach, welches vielleicht einen Bürgerkrieg in seiner Geburt erstickt hatte, und war sehr mit mir zufrieden. Der Kaiser machte mir die Mittheilung, daß sich ein amerikanischer Wallfischfänger an der Ostseite der Insel befinde, um Wallroßthran einzunehmen, und daß er bereits sechs Wochen vor Anker liege und seine Ladung bald vollendet habe. Ich ersuchte ihn, mir die Stelle zu zeigen, wo der – – scheiterte. Er führte mich zu seinen düsteren Trümmern, welche zerstreut auf den Felsen umherlagen. Unweit derselben erhob sich ein Erdhügel, auf welchem ein bemaltes Stück Planke als Grabmal aufgepflanzt war. In rohen, aber scharfen Charakteren war das Schicksal des Schiffes nebst der Zahl der Verunglückten darauf eingegraben. Ich erinnere mich der Worte nicht mehr genau, aber im Ganzen besagten sie so viel, daß hier die irdischen Ueberreste von hundert so trefflichen Burschen ruhten, als je über eine Planke schritten, und daß sie wie britische Seeleute ihre Pflicht bis zum letzten Augenblicke erfüllt hätten und in ihrem Berufe gestorben wären. Es war ein trauriger Anblick, besonders für einen Seefahrer, der nicht wußte, wie bald ihn dasselbe Loos treffen mochte. Wir hißten an diesem Tage einige Tonnen Wasser ein und vervollständigten unseren Wasserbedarf am folgenden; dann steuerten wir nach dem östlichen Ende der Insel, um in der Nähe des Wallfischfängers Anker zu werfen und auf seine Abfahrt zu warten. Der Kapitän desselben war mit seinem Boote herübergekommen, um uns zu besuchen; ich unterhielt mich mit ihm und wurde von einer seiner Bemerkungen besonders betroffen. »Ihr Engländer greift die Sache verkehrt an,« sagte er; »ihr bevölkert eine Insel mit Soldaten, wo nur Matrosen von Nutzen sein können, und hört auf Alles, was euch diese Rothröcke sagen, welche es nirgends aushalten können, wo auf Büchsenschußweite keine Branntweinbude ist; und weil nun ihnen die Insel nicht gefällt, so gebt ihr sie wieder auf. Ein Soldat liebt seine Bequemlichkeit, so gern er auch andere Leute in der ihrigen stört, und es ist nicht sehr wahrscheinlich, daß er einen günstigen Bericht von einem Eilande macht, wo es weder Weiber noch Rum gibt, und wo er es nicht viel besser hat, als ein Gefangener. Hätte Bruder Jonathan diese Insel genommen, so hätte er sich auch für seine Mühe bezahlen lassen; er hätte zwei oder drei Mannschaften von Wallfischfängern mit ihren Weibern und Familien und all ihren kleinen Bequemlichkeiten nebst einer Anzahl geschickter Ackersleute zur Anbauung des Landes, und einem Offizier zur Leitung des Ganzen übergesiedelt. Wie Sie bemerken, vermag sich die Insel selbst zu nähren, und Alles würde, sich vortrefflich gemacht haben. Es ist eben so leicht, die Fischerei von der Küste aus zu treiben, als mit einem Schiffe, ja noch viel leichter. Bringen Sie nur Ihre Kessel und Tonnen nebst ein paar Dutzend guter Wallfischboote mit, so wird diese Insel einen Ertrag abwerfen, welcher das Geld, das auf sie verwendet wird, mit Zinsen zurückzahlt, denn die Wallrosse oder Seepferde haben keinen andern Platz, um im Herbst ihre Haut abzustreifen, oder im Frühling ihre Jungen zu werfen. Die Fischerei und die übrigen Arbeiten würden für die Matrosen eine Quelle der Erholung sein, die gelegentlich auch mit den Schiffen nach Hause fahren könnten, welche die vollen Thrantonnen holen und die leeren zurückbringen.« Der Kapitän des Wallfischfängers kehrte auf sein Schiff zurück, vergaß es aber vermuthlich, unserem Kapitän besondere Weisungen über den Ankerplatz zu geben. Wir liefen nach der östlichen Küste und wollten eben beilegen, als Peters in der Meinung, dem Wallfischfänger zu nahe zu sein, noch etwas weiter laufen ließ. Ich hätte bemerken sollen, daß in dem Augenblicke, wo wir die Nordostspitze umfuhren, die Brise auffrischte und aus den Schluchten und Thalrinnen des Eilandes heftige Windstöße hervorbrausten. Deshalb kürzten wir unser Segel und wurden vom Wallfischfänger angerufen, während wir ganz nahe an ihm vorüberfuhren; aber der Wind war so heftig, daß wir ihn nicht hörten; und nachdem wir uns so weit, als wir es für geeignet fanden, von dem andern Schiffe entfernt hatten, ließen wir den Anker fallen. Neunzig Faden Kabel liefen wir im Augenblicke ab, ehe das Schiff mit seinem Vordertheile in den Wind sprang, und zu unserem Bedauern fanden wir, daß wir die Bank überfahren hatten, auf welcher der Wallfischfänger vor Anker lag, und daß unser Anker in einen Brunnen gefallen war, denn unter den Bugen hatten wir neunzehn und unter dem Spiegel nur sieben Faden Tiefe. In diesem Augenblicke zeigte uns der Mond sein Antlitz, und wir genossen die weitere Freude, ungefähr fünfzig Ellen hinter uns ein Felsenriff zu gewahren, das seine schmutzigen schwarzen Köpfe über das Wasser emporstreckte. Mit nicht geringer Ueberraschung bemerkten wir, daß wir, trotz der Tiefe des Wassers, während der Zwischenräume der Windstille auf schlaffem Kabel lagen; und gegen zwei Uhr des Morgens verloren wir gar das Ankertau, weil es durch den fressenden Grund durchschnitten worden war. Sogleich wurden alle Segel beigesetzt, denn die Felsenriffe hinter uns waren so nahe, daß wir einen Zwieback hätten hinaufwerfen können, und wir glaubten, der Vollblut-Yankee hätte ausgekreuzt! Aber das Schicksal wollte es anders; die gleiche Ursache, welche unser Kabel schlaff machte, rettete das Fahrzeug. Der Fucus maximus war als Vermittler zwischen uns und unsern Untergang getreten; wir hatten unsern Anker in den unterseeischen Wald geworfen und uns gleichsam auf den Gipfeln der Bäume niedergelassen. Blätter und Aeste waren so dicht in einander verschlungen, daß sie uns fest hielten und uns nicht an's Land treiben ließen, als wir das Kabel verloren hatten. Langsam schleppten wir uns durch die Pflanzen und waren äußerst froh, als wir uns endlich aus dieser erbärmlichen Lage herausgearbeitet hatten. »Lieber mitten unter Schrecken wohnen. Als am Orte des Entsetzens herrschen.« Doch ich wünsche dem kleinen Kaiserreiche allen möglichen Erfolg; wiewohl ich hoffe, daß mich mein böser Stern nicht wieder dahin führen wird. Wir richteten unser Steuer gegen das Kap der guten Hoffnung, denn Kapitän Peters wollte sich durch das Warten auf seinen Berufsgenossen keinen weitern Gefahren aussetzen. Der arme Thompson hatte, ungeachtet meiner unaufhörlichen Verwendung für ihn, wegen seiner festen und unerschütterlichen Treue an Bord des Schiffes Manches zu leiden; indessen beklage er sich selten bei mir, rächte sich aber bisweilen durch eine sanfte Zurechtweisung mit seinen breiten Fäusten, die er dem beleidigenden Theil auf die Nase oder das Auge setzte, womit die Sache gewöhnlich endete; denn seine Sinnesart war so schlicht und friedlich, daß ihn alle Besserdenkenden auf dem Schiffe liebten. Eines Abends fiel ein Mann über Bord – das Wetter war schön und die Brigg segelte sehr langsam. Man ließ die Dölle hinab; da brach plötzlich einer von den Haken, mit welchen sie am Spiegel hing, und vier Matrosen wurden mit einem heftigen Stoße in die See geschleudert. Zwei von ihnen konnten nicht schwimmen, und so bald sie herauftauchten, schrieen alle laut um Hülfe. Kaum bemerkte es Thompson, so stürzte er sich gleich einem Neufoundländer-Hund vom Spiegel, schwamm zu dem Schwächsten hin, schob ihn bis zu den Steuerruderketten, ließ ihn dort, wandte sich nach einem andern, brachte ihn an den Spiegel des Schiffes und befestigte ein Tau unter seinen Armen. Auf diese Weise gelang es ihm, die sämmtlichen Verunglückten zu retten. Ohne seinen frühzeitigen Beistand wären wenigstens zwei von ihnen ertrunken, denn es dauerte ziemlich lang, bis ein anderes Boot bereit war; auch die drei übrigen erklärten, daß sie sehr zweifelten, ob sie das Schiff ohne Beistand erreicht haben würden. Das gesammte Schiffsvolk lobte Thompson wegen seines Benehmens, und einige fragten ihn, wie es käme, daß er sein Leben für Leute gewagt hätte, die ihn so schlecht behandelten. Er antwortete, seine Mutter und seine Bibel hätten ihn gelehrt, jede Gelegenheit zum Guten zu ergreifen, die sich ihm darböte, und da ihm Gott einen kräftigen Arm gegeben habe, so hoffe er ihn stets dazu gebrauchen zu können, einem Bruder aus der Noth zu helfen. Man hätte vermuthen sollen, eine Handlung, wie diese, sollte jeder ferneren Beleidigung vorgebeugt haben, aber je mehr die Amerikaner Thompsons Werth kennen lernten, desto eifriger bemühten sie sich, ihn für sich zu gewinnen. Der Untersteuermann, den ich bereits als einen rohen und anmaßenden Burschen geschildert habe, machte ihm eines Tages den Vorschlag, sich auf ihrem Schiffe einschreiben zu lassen, und fügte hinzu, er würde ganz sicher durch Wegnahme zweier oder dreier Extraindienfahrer, von deren Ankunft man sichere Nachricht hätte, sein Glück machen. Thompson sah dem Manne starr in's Gesicht und sagte: »Habt Ihr gehört, was ich einmal dem Kapitän erwiederte?« »Ja,« versetzte der Gehülfe, »ich habe es gehört, aber das ist nichts weiter, als was wir in unserem Lande ›all mein Auge‹ nennen.« »In meinem Lande nennen sie es nicht so,« erwiederte der Caledonier, seine volle Faust dem Gehülfen so derb auf das linke Auge pflanzend, daß er die Worte » procumbit humibos « praktisch erklärte und einen bedeutenden Theil des Verdeckes mit der Länge seines Cadavers maß. Als er sich wieder erhob, bemerkte er, daß sein Gesicht stark blutete und sein Auge zugepfropft war, aber anstatt die Beleidigung selbst zu rächen, beklagte er sich bei dem Kapitän. Eine Menge Amerikaner begleiteten ihn und verlangten aus Haß oder Eifersucht, der Engländer sollte gestraft werden, weil er einen Offizier geschlagen hätte. Als jedoch die Sache untersucht wurde, sagte der Kapitän, er müsse bekennen, daß der zweite Gehülfe der angreifende Theil gewesen sei, in so fern er es zugestanden habe, die Strafe der Übertretung zu kennen, bevor er die Handlung begangen; daß er (der Kapitän) Thompson bei seiner damaligen Erklärung vollkommen Recht gegeben habe und folglich verbunden sei, ihn durch jedes Gebot der Gastfreundschaft sowohl, als der Dankbarkeit gegen den Retter seiner Landsleute zu schützen. Dies befriedigte die Mannschaft nicht; sie forderte lärmend Bestrafung, und wirklich leitete der zweite Steuermann eine Meuterei. Inzwischen waren auch Leute genug an Bord, welche keine Lust hatten, einen Engländer so unwürdig behandelt zu sehen; aus welchem Land sie stammten, läßt sich leicht absehen. Der Streit wurde heftiger, und ich fürchtete ernste Folgen; denn er hatte bereits bei der Austheilung des Grogs um zwölf Uhr begonnen und dauerte nun schon beinahe bis zwei Uhr. Auf einmal warf ich meine Augen nach der Backbordseite, erblickte ein Segel und sagte es dem Kapitän; sogleich rief er den Späher auf der Mastspitze an; allein dieser war durch die Vorgänge auf dem Verdeck so sehr in Anspruch genommen worden, daß er bis zum großen Mars herab gekommen war, um zu lauschen. »Seht Ihr das Segel auf der Backbordseite nicht?« fragte der Kapitän. »Ja, Sir,« erwiederte der Matrose. »Und warum habt Ihr es nicht gemeldet?« Der Matrose hatte aus sehr nahe liegenden Gründen keine Antwort auf diese Frage. »Kommt herab!« sprach der Kapitän. »Laßt ihn ablösen, Salomo; wir wollen Euch ein wenig in der Yankeezucht unterweisen.« Doch bevor wir zur Untersuchung des Verbrechens oder zur Verhängung der Strafe fortschreiten, müssen wir unsere Blicke nach dem großen Gegenstande richten, der alle fünf Minuten immer deutlicher und deutlicher über den Horizont emporstieg. Der Kaper führte zu dieser Zeit Topsegel und Topgallantsegel, Jib und Vordersegel, und lief mit einer trefflichen Brise bei stillem Wasser nach Nordost. »Lieutenant,« sagte der Kapitän, »was halten Sie davon?« »Ich halte es für einen Extraindienfahrer,« erwiederte ich, »und wenn sie ihn anzurufen gedenken, so werden Sie wohl daran thun, ihm unter leichten Segeln entgegen zu fahren; dann können Sie ihm, wenn er vor Ihnen herläuft, mit Sonnenuntergang so nahe sein, daß Sie ihn mit ihrer überlegenen Segelkraft die ganze Nacht im Auge zu behalten im Stande sind.« »Ich glaube, daß Sie hier nicht weit fehl treffen,« bemerkte der Kapitän. »Und ich meine, daß er in seinen Hals hinein lügt,« sagte der Obersteuermann, welcher eben vom Haupttopmars herabkam, auf dem er während der letzten Viertelstunde den Schnitt der fremden Segel mit der gespanntesten und ungetheiltesten Aufmerksamkeit betrachtet hatte. »Wenn ich je Holz und Segeltuch in der Gestalt eines Schiffes zusammengefügt sah, so ist es eines von John Bull's brüllenden Seekälbern, und führt nicht weniger als vierundvierzig Kanonen.« »Was sagen Sie dazu, Lieutenant?« fragte der Kapitän. »Oh was das betrifft,« bemerkte der Steuermann, »so ist's nicht sehr wahrscheinlich, daß er uns die Wahrheit sagen wird.« »Weil Sie es in der gleichen Lage auch nicht thun würden,« erwiederte ich. »Eben das ist's,« versetzte der Steuermann. Und wirklich muß ich gestehen, daß ich keine besondere Lust in mir spürte, einige Monate lang mit diesem Schiffe zu kreuzen und nach Tristan d'Acunha zurückzufahren, um Wasser einzunehmen. Deßhalb wendete ich auch nicht meine ganze optische Gewandtheit auf, als ich meine Meinung abgab; wie ich jedoch sah, daß uns das fremde Segel sehr schnell näher kam, während wir ihm doch entgegen steuerten, gewann ich die Ueberzeugung, ich werde dieses Schiff bald verlassen und mich in Kurzem auf dem Rückwege nach England befinden, wo sich meine ganze Seligkeit und alle meine Aussichten in Einem Punkte vereinigten. Der Obersteuermann warf noch einmal seine Blicke auf das nahende Segel, und der Kapitän folgte seinem Beispiele; dann sahen sie einander an und bemerkten, sie hätten jetzt ausgekreuzt. »Wir sind verloren, Sir.« sagte der Steuermann, »und das verdanken wir dem verfluchten englischen Renegaten, den Sie als Matrosen in die Schiffsbücher eingeschrieben wissen wollten. Aber laßt uns über ihn kommen und ihm einen ordentlichen Abschied geben.« »Vor Allem,« erwiederte der Kapitän, »wollen wir es mit der Flucht versuchen. Wir pflegten sonst hübsch auszugreifen, und noch nie sah ich eine kupferbodene Schlange, die uns eingeholt hätte. Die Oberbramsegelraaen auf – die Beisatzsegel weggeklärt, und im Winde gehalten, genau zwei Striche hinter dem Baum, das ist ihre Lieblingsstellung – und ich denke, wir könnten dem englischen Teufel im Laufe der Nacht entwischen.« Ich sprach kein Wort, betrachtete aber Alles, was vorging, mit der gespanntesten Aufmerksamkeit. Das Schiff war gut bemannt, und mit außerordentlicher Geschwindigkeit wurden alle Segel gesetzt. »Das Log heraus!« rief der Kapitän. Man gehorchte und bei der Messung ergab es sich, daß sie neun und sechs liefen. »Wie viel glauben Sie, daß Ihr Schiff laufe?« fragte mich der Kapitän. »So viel ich schätze, läuft es ungefähr eilf Knoten; und da es sechs Meilen hinter Ihnen ist, so wird es in weniger als vier Stunden auf Kanonenschußweite herankommen.« »Wir wollen einen Theil dieser Zeit auf die Bezahlung unserer Schulden verwenden,« bemerkte der Kapitän. »Meister Salomo lassen Sie den Ohne-Nation-Schurken an die Haupttakelung binden und zwei Ihrer hungrigsten Katzen heraufkommen. Wo ist Dick Twist, der einst Bootmannsgehülfe auf der Station war, und der rothhaarige Bursche, – Sie kennen ihn wohl – der im Rappahanook von Maidstone fortschwamm.« »Sie meinen vermuthlich den Carrotten-Sam – Sam Gall soll heraufkommen.« Bald erschienen die beiden Vollstrecker des Gesetzes mit den Werkzeugen ihres Amtes bewaffnet, welche in der Tücke ihrer Gestaltung denjenigen vollkommen glichen, die bei ähnlichen Gelegenheiten von Kapitän G– – in Anwendung gebracht wurden. Der Schuldige wurde vorgeführt, und zu meiner Ueberraschung war es derselbe Matrose, welchen Thompson im Boote wegen Meuterei über Bord geworfen hatte. Ich könnte nicht behaupten, daß ich die Ursache, oder die voraussichtliche Wirkung des an diesem Tage vorgefallenen Streites bedauert hätte. »Bindet ihn auf,« sprach der Kapitän. »Ihr war't nach der regelmäßigen Dienstordnung auf die Mastspitze geschickt, und habt Euren Dienst vernachlässigt, so daß wir jetzt wahrscheinlich genommen werden; deßwegen will ich Euch noch einen Yankeestreich zeigen, ehe meine Gewalt zu Ende geht.« »Ich bin ein Engländer,« sagte der Matrose, »und nehme den Schutz meines Offiziers in Anspruch.« Der Kapitän warf einen Blick auf mich. »Wenn ich der Offizier bin, dessen Schutz Ihr in Anspruch nehmet,« versetzte ich, »so sage ich Euch, daß ich Euch nicht anerkenne; Ihr habt die Pflicht gegen Euer Vaterland abgeworfen, als Ihr es für zweckmäßig fandet, und jetzt wollt Ihr Euer Recht auf dasselbe geltend machen, um Euch von einer Strafe zu retten, die Ihr in reichem Maße verdient habt. Ich werde nicht zu Euren Gunsten in's Mittel treten.« »Ich bin in Carlstreet, Sewen-Dials geboren,« schrie der Bürger von London – »meine Mutter hält eine Trödelbude – ich bin ein ächt geborner Britte, und Ihr habt kein Recht, mich zu peitschen.« »Gestern waret Ihr noch ein Yankee-Matrose aus Neu-London, und heute seid Ihr ein Trödler aus Alt-London; ich hatte also wohl Recht, wenn ich Euch einen Ohne-Nation-Schurken nannte; aber wir wollen ein andermal über das Recht sprechen,« fuhr der Kapitän fort, »gehet einstweilen an's Werk, Dick Twist.« Twist gehorchte seinem Befehl eben so gewandt, als gewissenhaft; und nachdem er dem Gefangenen drei Dutzend aufgezählt hatte, welche der Handfertigkeit meines Freundes, des farnesischen Herkules auf der Brigg, keine Schande gemacht haben würden, mußte Sam Gall seine Stelle ersehen. Sam bezahlte ihn à merveille mit dergleichen Summe; und nach einem verhältnißmäßigen Geheul wurde der Verbrecher losgebunden. Ich dachte unwillkürlich darüber nach, wie gerecht die Strafe war, welche der Kapitän mit seinem Schiffe erlitt, indem er einen Menschen zuerst seiner Pflicht gegen sein Vaterland abtrünnig gemacht und ihm nachher Vertrauen geschenkt hatte. »Jetzt laßt uns einen Blick auf unsern Verfolger werfen,« sagte der Kapitän. »Beim Teufel, er kommt immer höher. Schon kann ich seine Bugsprietspitze sehen, wenn er steigt, und vor einer halben Stunde sah ich nur erst seine Vorderraa. Kappen Sie die Jolle vom Spiegel, Salomo.« Der Obersteuermann nahm ein Beil, führte einen kräftigen Hieb auf das Ende der Zugrollen, und das Boot stürzte in die See. »Werft die beiden Hinterkanonen über Bord,« rief der Kapitän, »ich glaube, wir gehen hinten zu tief, und zur Verteidigung werden sie uns doch nicht viel helfen, denn der Bursche hinter uns ist ein Feger.« In wenigen Minuten waren die Kanonen zu ihrer ewigen Ruhe eingegangen, und in der nächsten halben Stunde gewann ihnen der Feind nicht mehr so viel ab. Es war ungefähr halb vier Uhr Nachmittags; die Yankee's faßten wieder Muth, und der Untersteuermann erinnerte den Kapitän, daß für sein blau geschlagenes Auge noch keine Abrechnung an der Haupttakelung gehalten worden sei. »Dies soll auch nicht geschehen,« erwiederte der Kapitän, »so lange ich den Vollblut-Yankee befehlige. Was Recht ist, das ist Recht; es soll Niemand wegen ordentlicher Selbstvertheidigung bestraft werden, wenn er vorher gewarnt hat. Thompson, kommt auf's Hinterdeck.« Er war im Begriff, dem Befehl Folge zu leisten, als er von sechs bis acht der lärmendsten Matrosen ergriffen wurde, die ihm ohne weiteres seine Jacke herunter reißen wollten. »Zurück, Kameraden,« rief Twist und Gall in einem Athem. »Mit kaltem Blute konnten wir einen Burschen, wie diesen Trödeljuden, streichen, aber dem Thompson soll auf diesem Schiffe kein Haar gekrümmt werden. Er ist einer von den Unsrigen; ein Seemann mit Leib und Seel', und uns müßt ihr peitschen, und noch fünfzig Andere, wenn ihr einmal den Anfang machet; denn verdammt seien meine Augen, wenn wir den Untersteuermann nicht mit dem Log versenken, und dann beilegen, bis die Fregatte heraufkommt.« Einige Sekunden lang standen die Meuterer wie gelähmt, aber der zweite Steuermann sprang auf eine Kanone und rief: »Wer ist auf unserer Seite. Sollen wir uns von diesen verfluchten Britischern herumpudeln lassen?« »Das sollt ihr,« erwiederte ich, »wenn Gerechtigkeit üben bei euch so viel als herumpudeln ist. Ihr schwebt in einer großen Gefahr, und ich warne euch davor. Ich sehe die Stärke derjenigen, die ihr mit Gewalt Amerikaner nennen wollt; und ob ich gleich der letzte Mann in der Welt bin, der eine Handlung der Verrätherei, wie das Beilegen des Schiffes, billigen würde, so warne ich euch doch vor einem Angriff auf den Kettenhund, der nur ›um einer Lerche willen‹ abgerissen hat, und zur Rückkehr zu seinem Herrn bereit ist. Ich bin euer Gast, und deßwegen euer treuer Freund. Bietet alle eure Kräfte auf um eurem Feinde zu entkommen. Ich weiß, was diese Fregatte vermag, denn ich kenne sie genau, und wenn ich nicht sehr irre, so habt ihr bei all euern Anstrengungen kaum noch Zeit genug, um eure Habseligkeiten zusammen zu packen; denn ihr dürft versichert sein, daß ihr keine zwölf Stunden mehr unter eurer Flagge segelt.« Diese Rede beruhigte die Mannschaft. Der Kapitän Peters, Green und Salomo gingen auf's Hinterdeck, und erkannten zu ihrem großen Bedauern die Fährlinie ihres Verfolgers ganz deutlich. »Was ist zu machen?« sagte der Kapitän. »Während das Schiffsvolk seinen höllischen Streit hier ausmachte, hat uns die Fregatte so viel abgewonnen. Noch zwei Hinterkanonen über Bord.« Mit derselben Geschwindigkeit, aber nicht mit demselben Erfolg, wie der erste Befehl, wurde dieser zweite vollzogen. Der Kapitän begriff jetzt, was ich schon vorher deutlich erkannt hatte, daß er das Boot mit Recht von dem äußersten Ende des Schiffes hinabgeworfen hatte, wo es gleich der Erbse an einer Schnellwage hing. Auch die Erleichterung des Fahrzeuges um die zwei hintersten Kanonen, welche über dem todten Holze lagen, leistete treffliche Dienste; aber dabei hätte er stehen bleiben sollen. Das Ueberbordwerfen der beiden andern Kanonen hatte verderbliche Folgen; das Schiff sank mit seinem Vordertheile ein, während der Spiegel aus dem Wasser hervorragte. Er steuerte regellos und wild, und verminderte die Geschwindigkeit seiner Bewegung augenscheinlich. »Die Buganker losgekappt,« rief der Kapitän. Die Halter wurden durchhauen, und die Anker fielen. Augenblicklich erholte sich die Brigg von ihrem Drucke und nahm ihre frühere Geschwindigkeit wieder an; aber der Feind war mittlerweile entsetzlich nahe gekommen. Die einzige Hoffnung des Kapitäns und seiner Mannschaft beruhte auf der Dunkelheit; und als diese hereinbrach, entsank mir der Muth, denn ich fürchtete sehr, wir möchten entkommen. Die Sonne war seit einiger Zeit unter den Horizont gesunken, die Umrisse der Segelwolke, die wir hinter uns hatten wurden allmälig unbestimmter und schwankender, und verschwammen endlich ganz in einem schwarzen Wettergewölke; beinahe zwei Stunden lang sahen wir nichts mehr von der Fregatte. Ich ging mit Green und dem Kapitän auf's Verdeck. Der Letztere schien in großer Gemüthsbewegung. Er hatte die Hoffnung genährt, sich ein Vermögen zu erwerben, um sich dann aus den Mühen und Sorgen des Seelebens in irgend einen behaglichen Winkel der westlichen Niederlassungen zurückzuziehen, wo er ein kleines Landgut bebauen, und sein Brod redlich verdienen könnte, »denn dieses Leben,« sagte er, »ist nun ein für allemal wenig besser als Straßenraub, das muß ich offen bekennen.« Ob die Moralphilosophie des Kapitäns eine Folge der gegenwärtigen Gefahr war, wage ich nicht zu behaupten; aber so viel weiß ich, daß mich der Leser bei einem Rückblicke auf gewisse Abschnitte meines Lebens in ähnlichen Fällen oft in ähnlichem Trübsinne finden wird. Die beiden Kapitäne und der Obersteuermann zogen sich jetzt zurück. Ich blieb und lehnte mich, in meine Gedanken versenkt, gerade vor der Haupttakelung über die Backbordwand hinaus. Die Berathung schien von großer Wichtigkeit zu sein; es handelte sich, wie ich nachher erfuhr, um die Frage, welchen Steuerstrich sie halten sollten, da sie offenbar ihren Verfolger aus dem Gesichte verloren hatten. Alle meine Hoffnungen auf Erlösung verschwanden, als ich meine Blicke auf sie warf, und ich machte mich darauf gefaßt, nach Neu-York zu segeln. In diesem Augenblicke trat ein Mann hinter mich, als wollte er die Bramsegelschotten straffen, und während er sich mit dem leisen Zurufe »Joho« darauf herabbeugte, flüsterte er mir in's Ohr: »Sie können den Befehl der Brigg haben, wenn Sie wollen. Wir sind unserer fünfzig Engländer: wir wollen beilegen und ein Licht aufhissen, wenn Sie nur ein Wort sprechen und uns volle Verzeihung zusichern.« Ich stellte mich anfangs, als hörte ich nichts, endlich aber drehte ich mich um, und erblickte Meister Twist. »Halt, Schurke,« sagte ich, »glaubst du einen Verrath durch einen andern abzukaufen, und wagst es, die Ehre eines Flottenoffiziers durch einen so schändlichen Vorschlag zu verhöhnen. Geh' augenblicklich auf deinen Posten, und preise dich glücklich, wenn ich dich nicht dem Kapitän melde, der das vollkommenste Recht hätte, dich über Bord zu werfen – ein Schicksal, welches du durch eine Kette von Verbrechen in vollem Maße verdient hast.« Der Matrose schlich davon; ich ging zum Kapitän und erzählte ihm das Vorgefallene, indem ich ihn bat, sich vor Verrätherei zu hüten. »Sie handeln, Sir,« erwiederte der Kapitän, »wie ich es von einem britischen Flottenoffizier erwartete; und da Sie sich als Mann von Ehre gezeigt haben, so will ich ihnen offen gestehen, daß ich Top- und Vorsegel zu kürzen, und mit todtem Winde südwärts in jene schwarze Wetterwolke zu fahren beabsichtige.« »Wie es Ihnen beliebt,« erwiederte ich; »von mir können Sie keinen Rath erwarten, und wenn ich Ihnen guten Erfolg wünschen wollte, so würden Sie mir nicht glauben; aber verlassen Sie sich darauf, daß ich mich mit allen Kräften, die mir zu Gebot stehen, jedem widerrechtlichen Mittel, Ihnen den Oberbefehl abzunehmen, widersetzen werde.« »Ich danke Ihnen, Sir,« versetzte der Kapitän düster; und ohne noch einen Augenblick mit fruchtlosen Worten zu verschwenden, fuhr er mit tiefer, aber fester Stimme fort: »Segel gekürzt – das unterste und oberste Beisatzsegel eingezogen – Mannschaft hinauf – Topgallant-Beisatzsegel eingezogen und Topgallantsegel aufgerollt.« Sogar mir, der ich an trefflich geleitete Kriegsschiffe gewöhnt war, schien dies Alles mit überraschender Eile von Statten zu gehen. Aber es fiel ein Mißgriff vor. Anstatt das unterste Beisatzsegel auf's Verdeck herein zu holen, ließ man es über Bord fallen und eine Zeitlang unter dem Backbordbug schleppen, bevor es den Offizieren gemeldet wurde. »Die Backbordbrassen eingeholt – scharf aufgebraßt – Steuer über, und an den Wind gebracht, Deckmeister.« »Es ist über, Sir,« rief der Mann am Steuerruder, und das Schiff ward auf dem Steuerbordumlege-Lien dicht an den Wind geholt; aber es bewegte sich doch nicht sehr schnell, ob es gleich Geviert-Hauptsegel, Besan-Hauptsegel und Jib führte. »Jetzt haben wir's, denke ich, endlich gewonnen,« sagte der Kapitän; »was meinen Sie, Leftenant?« mir einen derben, aber höchst freundschaftlichen Schlag auf den Rücken versetzend. »Was sagen Sie dazu? Wollen wir nach den Anstrengungen des Tages eine frische Flasche Londoner Extra trinken?«' »Warten Sie ein wenig,« versetzte ich; »warten Sie ein wenig.« »Was sehen Sie denn dort windwärts?« fragte der Kapitän, als er bemerkte, daß mein Auge auf einen besondern Gegenstand gerichtet war. Ehe ich Zeit hatte, seine Frage zu beantworten, trat Thompson auf mich zu und sagte, auf den Ort deutend, den ich im Auge hatte: »dort ist das Schiff.« Der Kapitän hörte es, und weil die Furcht immer scharfsichtig ist, bemerkte er den Gegenstand im Augenblicke. »Das Reien hilft jetzt nichts mehr; wir haben sie mit unserem besten Segeltuche vor dem Winde geprüft. Die Fregatte überbietet uns hier, im Winde vermag es ihr unsere Brigg nicht zuvorzuthun. Aber doch sollte sie bei dem stillen Wasser und der trefflichen Brise schneller vorwärts kommen, Salomo. Es ist nicht Alles in der Ordnung, schaut einmal um.« Salomo ging vorwärts nach der Steuerbordseite, bemerkte aber nichts; dann trat er auf die Leeseite des Vorschiffes, blickte über Gangweg und Bug hinunter und sah ein Stück Segeltuch an einem der Nachtköpfe hängen – »Was haben wir da?« rief er. Es antwortete Niemand. Er sah über die Fockputtingen hinunter und erblickte das ganze untere Beisatzsegel im Wasser. »Kein Wunder, daß es nicht vorwärts geht,« sagte der Steuermann; »das würde hinreichen, um die Konstitution aufzuhalten. Wer hat das untere Beisatzsegel eingezogen – doch dieß ist jetzt gleichgültig, wir wollen die Sache morgen untersuchen. Hieher, Vorschiffmatrosen.« Einige von den Amerikanern kamen herbei, aber sie hatten keine gar zu große Eile. Das Segel konnte nicht eingezogen werden, weil das Fahrzeug zu schnell lief; und während sich die Matrosen noch vergeblich abmühten, sah man windwärts plötzlich den Blitz einer Kanone, und wie der Schall unsere Ohren erreichte, pfiff auch die Kugel über unsern Köpfen weg und schlug gleich einem Blitze durch die Besanhauptsegel. »Hurrah, für Altengland l« rief Thompson. »Der Bursche, der den Schuß abgefeuert hat, soll morgen meinen Grogantheil haben.« »Halt dein Maul, verfluchter englischer Schurke,« sagte der Untersteuermann, »oder ich will es dir stopfen, daß dir der Grog für immer entleidet.« »Das wirst du wohl bleiben lassen,« versetzte der Nordbritte; »und wenn ich dir gut zum Rathe bin, so wirst du es gar nicht probiren.« Thompson stand auf der kleinen Runde oder Hütte; der ergrimmte Gehülfe sprang hinauf und faßte ihn am Kragen. Mit Blitzesschnelle machte sich Thompson frei und versetzte ihm mit seiner rechten Hand einen solchen Stoß auf die Magengrube, daß er leewärts rollte; er fiel – griff nach dem Baumlien – fehlte es und taumelte in's Meer, aus dem er nicht wieder hervorkam. »Jetzt war Alles in Verwirrung. »Ein Mann über Bord!« – Ein zweiter Schuß von der Fregatte – ein dritter und vierter in rascher Folge. In der allgemeinen Bestürzung wurde der Verunglückte vergessen. Ein Schuß zerriß das hinterste Hauptlien; ein anderer fuhr durch das Boot auf den Besanbäumen. Die Fregatte war uns offenbar sehr nahe. Die sämmtliche Mannschaft eilte hinab, um ihre Mantelsäcke und Koffer zu holen. Der Kapitän ergriff mich bei der Hand und sagte: »Ich ergebe mich Ihnen, Sir, und erlaube Ihnen nach Gutdünken zu handeln.« »Thompson,« sagte ich, »löset das Hauptsegel und die Hauptbrasse. »Ich eilte selbst nach dem Vorderschiff und löste das Hauptsegel und die Bugliene; die Hauptraa richtete sich von selbst; Thompson holte eine Laterne und hielt sie auf dem Steuerbordrand in die Höhe. Die Fregatte fuhr hart unter unserem Spiegel vorüber und zeigte uns eine schöne weiße Seite mit einer hübschen Reihe Kanonen. Sie rief uns an und fragte nach dem Namen des Schiffes. Ich erwiederte, es sei der Vollblut-Yankee von Boston; er habe jedoch beigelegt und sich ergeben. Einundzwanzigstes Kapitel. Es ist, sagt Blacke, nicht das Geschäft eines Seemannes, sich um Staatsangelegenheiten zu bekümmern, sondern nur darauf bedacht zu sein, daß uns die Fremden nicht für Narren halten. Blacke's Leben von Dr. Johnson. Die Fregatte kam dicht unter unserer Leeseite an den Wind, und in wenigen Minuten lag das Boot an unserem Schiffe. Der Offizier, welcher die Prise in Besitz nehmen sollte, eilte die Schiffswand hinauf und war im Augenblick auf dem Verdeck. Ich empfing ihn, sagte ihm mit wenigen Worten Namen und Bestimmung des Schiffes, und stellte ihm den Kapitän und Herrn Green vor, die ich wegen der Güte, welche sie mir erwiesen hatten, seiner besonderen Aufmerksamkeit und Berücksichtigung empfahl. Dann ersuchte ich ihn, in die Kajüte hinabzugehen. Er übergab das Verdeck einem Midshipman, den er mit sich gebracht hatte, und befahl ihm, einstweilen das Hauptsegel aufzuziehen und das Schiff in den gehörigen Stand zu setzen. Die Gefangenen erhielten die Weisung, sich in einer Stunde bereit zu halten. Nachdem Licht in die Kajüte gebracht worden war, erkannten der Lieutenant und ich einander augenblicklich. »Gott sei meiner Seele gnädig, Frank,« rief er aus, »wie kommen Sie hieher?« »Das ist eine lange Geschichte,« erwiederte ich, »mit der ich wohl vor Morgen nicht zu Ende käme; aber sagen Sie mir doch, welches Schiff hat den Yankee genommen? Vermutlich die R – – und welchen Rang bekleidet mein Freund Talbot auf ihr?« »Ihre Vermuthung ist richtig,« erwiederte er, »es ist die Fregatte R.; wir kreuzen auf der Kapstation. Ich bin erster Lieutenant und hiehergeschickt, um für das Gefecht auf der Basque-Rhede Beförderung zu holen.« »Hart,« erwiederte ich, »daß Sie so lange auf das warten müssen, was Sie so redlich verdient haben; aber kommen Sie, wir haben viel zu thun. Lassen Sie uns nach den Gefangenen sehen; wenn Sie an Bord zurückkehren und den Kapitän, den Steuermann und einige der unruhigsten und saumseligsten Matrosen, die ich Ihnen bezeichne, mitnehmen wollen, so werde ich Alles thun, was in meinen Kräften steht, um diese Prise mit Tagesanbruch segelfertig zu machen, worauf ich dann Herrn Kapitän T – – meine Aufwartung machen werde, wenn er es gütigst erlauben will.« Der Vorschlag wurde angenommen. Die von mir bezeichneten Leute mußten das Boot besteigen, wogegen vier Matrosen von der Bootsmannschaft an Bord der Brigg kamen, um mir bei meiner Arbeit zu helfen. Bald hatten wir das Schiff in Stand gesetzt und waren auf Alles vorbereitet. Ein Boot kehrte mit neuer Verstärkung zurück und nahm gegen zwanzig weitere Gefangene mit sich. Der Midshipman, welcher es befehligte, brachte mir einen höflichen Gruß vom Kapitän, und sagte mir in seinem Namen: er freue sich , die Prise in so guten Händen zu wissen, und erwarte mich Morgen um acht Uhr zum Frühstück; inzwischen ersuche er mich, sobald das Schiff segelfertig sei, an der Haupttakelung zwei Lichter in gleicher Höhe aufzuziehen, worauf wir dann mit einfachem Segel nordwärts an den Wind steuern wollten. Es war eben vier Uhr Morgens vorüber, als wir das Signal gaben. Wir hielten uns auf der Wetterseite der Fregatte. Ich legte mich auf ein paar Stunden schlafen, wurde um sechs Uhr geweckt, kleidete mich an und war um halb acht Uhr bereit, an Bord zu gehen. Als ich mit Trommeln und Pfeifen das Signal auf die Wache geben hörte – nächst der himmlischen Stimme Emiliens die süßeste Musik, die je mein Ohr entzückt hatte – rannen Thränen der Dankbarkeit gegen Gott über meine Wangen, weil ich mich wieder unter den Schutz meiner geliebten Flagge gestellt sah. Die Fregatte legte bei, und bald darauf wurde das Gig niedergelassen, um mich abzuholen. Ein reiner weißer Mantel wurde auf den Spiegelbänken ausgebreitet, die Matrosen trugen Fräcke und Hosen von weißer Farbe, so rein, als man sie mit Wasser und Seife nur machen konnte, nebst niedlichen Strohhüten und Segeltuchschuhen. Ohne Verzug bestieg ich das Boot, und mein Herz pochte vor Entzücken, als der Bootsmannsgehülfe auf dem Plankengange das Signal zur Schiffswand für mich pfiff. Ich war von dem Kapitän und den Offizieren mit der ganzen Herzlichkeit bewillkommt, die wir einander bei solchen Gelegenheiten erzeigen. Der Kapitän richtete tausend Fragen an mich, und die Lieutenants und Midshipmen drängten sich herzu, um meine Antworten zu hören. Die Schiffsmannschaft war eben so begierig, unsere Geschichte zu vernehmen, und ich ersuchte den Kapitän, das Gig nach Thompson zurück zu schicken, welcher zur Befriedigung der allgemeinen Neugierde beitragen könne. Dieß geschah, und der Brave kam an Bord. Seine erste Frage war: »Wer feuerte den ersten Schuß auf die Prise ab?« »Der erste Marinelieutenant, Herr Spears,« antwortete einer der Matrosen. »Dann soll Herr Spears für heute meinen Grog haben,« sagte Thompson, »denn ich gelobte es gestern Nacht, und ich werde meinem Worte nie untreu.« »Das kann ich beschwören,« bemerkte der Kapitän des Kapers. »Ich habe Leute von guten Grundsätzen gekannt, und davon seid Ihr einer, aber ich habe auch Leute von schlechten Grundsätzen gekannt, und davon war derjenige einer, den Ihr gestern Abend zur ewigen Rechenschaft abgeschickt habt; und es war ein Glück für Euch, daß Ihr es thatet; denn so gewiß Ihr jetzt hier stehet, so gewiß würde Euch dieser Mann entweder mit dem Dolch, oder durch das Wasser, oder mit Gift aus der Welt befördert haben. Ich habe noch nie von einem Menschen gehört, welcher Peleg Oswald ungestraft geschlagen oder beleidigt hätte. Er war ein Mann aus Kentucky im Ohio-Staate, wo er sich ›niedergekauert‹ hatte, wie wir es nennen. Zwei Männer erschoß er mit seinem Stutzer, weil sie sich geweigert hatten, Grund und Boden mit ihm zu tauschen. Einem Dritten schlug er ein Auge aus, weil er nicht völlig mit seiner Meinung übereinstimmte. Diese Handlungen nöthigten ihn, das Land zu verlassen, denn er wurde nicht nur von den Dienern der Gerechtigkeit verfolgt, sondern auch von dem Manne, dem er ein Auge ausgeschlagen hatte, mit dem andern um so schärfer auf's Korn genommen, und eine Büchsenkugel wäre ihm gewiß gewesen, wenn er sich nicht ostwärts geflüchtet hätte und wieder in See gegangen wäre, wozu er ursprünglich erzogen war. Wir waren schon lange mit einander an Bord, als ich seine Geschichte erfuhr. Er wäre auf Tod und Leben angeklagt worden, aber weil er sich einige Prisengelder erobert hatte, gelang es ihm, sich von seinen Verfolgern loszukaufen. Wenn es Gott gefallen hätte, uns eine Rückkehr zu gestatten, so würde ich ihn bei meiner nächsten Expedition aus meinem Schiffe entfernt haben.« Während Peters diese kurze Schilderung aus dem Leben seines hingeschiedenen Untersteuermannes entwarf, wurde das Frühstück des Kapitäns angesagt, und die beiden amerikanischen Kapitäne dazu eingeladen. Als wir die Treppe hinab unter das Halbdeck gingen, warfen Peters und Green unwillkührlich einen Blick der Bewunderung auf das reine und blanke Verdeck, die schöne Form der Kanonen, und die vollkommene, unnachahmliche Verschmelzung des Nützlichen mit dem Schönen, die man bisweilen auf unseren Kriegsschiffen findet. Des Kapitäns Frühstück zeichnete sich durch nichts, als durch Reinlichkeit, Fülle, Herzlichkeit und Frohsinn aus. Die Unterhaltung drehte sich um den Charakter, die Eigenschaften und die Zahl der Matrosen auf dem Kaper. »Sie sind sämmtlich Seeleute,« sagte Peters, ausgenommen die zehn Schwarzen.« »Vermutlich sind sie zum Theil Engländer,« bemerkte ich. »Es ist nicht meine Sache, aus der Schule zu schwatzen,« erwiederte der schlaue Amerikaner. »Es hält immer schwer, zu erfahren, ob ein Mann, der sich in beiden Ländern viel herumgetrieben hat, aus Boston in Linkolnshire oder aus Boston in Massachusetts gebürtig ist, und bisweilen wissen Sie es vielleicht selbst nicht. Wenn sich ein Matrose auf einem unserer Schiffe einschreiben läßt, vergeuden wir unsere Zeit nicht mit Fragen.« »Sie haben eine Menge englischer Matrosen sowohl bei Ihrer Seemacht, als auf Ihren Kauffahrteischiffen,« sagte unser Kapitän. »Ja,« versetzte Green, »und wir werden auch nicht sobald Mangel leiden, so lange Sie für uns pressen.« » Wir für Sie pressen?« sagte der Kapitän T. .; »wie wollen Sie das beweisen?« »Ihr Preßsystem füllt unsere Schiffe,« erwiederte der Amerikaner. »Ihre Matrosen wollen sich demselben nicht aussetzen, und von zwei, die Sie mit Gewalt nehmen, bekommen wir einen freiwillig, verlassen Sie sich darauf.« Peters widersprach dieser Behauptung heftig und schien über Green erzürnt, daß er sie aufgestellt hatte. »Ich sehe keinen Grund ein, dieß zu bezweifeln,« sagte Green. »Ich weiß, wie unsere Kriegsschiffe sowohl, als unsere Kauffahrer bemannt werden, und will einen Eid darauf ablegen, daß mehr als zwei Drittheile unserer Matrosen von der britischen Flotte desertirt sind, weil sie gepreßt wurden. Sie haben es vor meinen Ohren selbst gesagt, Peters. Betrachten Sie nur Ihre eigene Mannschaft.« Peters war überwiesen; er gerieth in den heftigsten Zorn über Green und beschuldigte ihn, Dinge an den Tag gegeben zu haben, die man nie einem britischen Offizier hatte gestehen sollen. Es sei wahr, fuhr er fort, daß Amerika das englische Preßsystem als den Hauptanker seines Seewesens betrachte; aber es schmerze ihn, daß einem Amerikaner ein solches Geheimniß habe entschlüpfen können. »Was mich betrifft,« begann Green auf's Neue, »so fühle ich mich diesem wackeren jungen Engländer für die Güte, die er mir erzeigt hat, so tief verpflichtet, daß ich für immer sein und seines Landes Freund bin, und gelobt habe, nie mehr die Waffen gegen Großbritannien zu ergreifen, es sei denn zur Abwehrung eines Einfalles in mein eigenes Vaterland.« Nachdem das Frühstück beendet war, gingen wir Alle auf das Verdeck! das Schiff und seine Prise war beigelegt, die Mannschaft wurde heraufgepfiffen, alle Boote ausgesetzt, die Gefangenen mit ihrem Gepäcke aus der Prise geführt, und als sie an Bord kamen, auf dem Hinterdeck versammelt, wo viele von ihnen als Engländer erkannt und überwiesen wurden. Als man ihnen Vorwürfe über ihr schändliches Benehmen machte, rechtfertigten sie sich mit der Angabe, ihnen verdanke man die Wegnahme des Kapers, denn sie halten das untere Beisatzsegel absichtlich an dem Nachtkopf hängen und im Wasser schleppen lassen, um den Lauf des Fahrzeuges dadurch zu hemmen. Kapitän Peters war erstaunt, als er dieses Geständniß hörte, und der Kapitän der Fregatte bemerkte ihm, er habe von einem Verräther an seinem Lande kein anderes Benehmen erwarten können; dann wandte er sich zu den Gefangenen mit den Worten: »Die Schändlichkeit eures ersten Verbrechens konnte kaum überboten werden; aber eure Verrätherei an der neuen Regierung, unter die ihr euch gestellt habt, macht euch des Namens Männer unwürdig. Auch habt ihr nicht einmal das elende Verdienst, auf das ihr Anspruch macht, zur Wegnahme des Schiffes beigetragen zu haben, denn von dem ersten Augenblicke an, wo wir die Brigg sahen, verloren wir sie nie mehr aus den Augen, und sobald sie ihren Wind anholte, wußten wir, daß sie unser war.« Sie ließen die Köpfe sinken, und als sie entlassen wurden, um hinunter zu gehen, wollte sie keine von den Tischgenossenschaften der Fregatte annehmen, aber die wirklichen Amerikaner wurden freundlich behandelt. Wir richteten unsern Lauf nach der Simonsbay, wo wir eine Woche nach der Wegnahme des Schiffes anlangten. Der Admiral der Station weigerte sich, die Gefangenen vor ein Kriegsgericht zu stellen; er sagte, dieß sei mehr eine Staatsfrage, und er wolle sie insgesammt nach England schicken, wo die Lords der Admiralität mit ihnen verfahren könnten, wie sie es für Recht fänden. Der Vollblut-Yankee wurde im Vice-Admiralitäts-Gerichtshofe der Kapstadt als gesetzliche Prise verurtheilt und zum Dienste angekauft. Es war in seiner Art ein schönes Schiff, und der Admiral war so gütig, mir zur Entschädigung für die vielen Unfälle, die ich erlitten, den Befehl desselben zu übertragen und mich mit einigen Depeschen, die ihrer Beförderung schon lange entgegenharrten, nach England zu schicken. Dieß war eine weit vorteilhaftere Anordnung für mich, als ich erwarten konnte; aber noch annehmlicher wurde sie dadurch, daß mein Freund Talbot, welcher der erste gewesen war, der mir an Bord der Prise die Hand gedrückt hatte, um die Heimfahrt mit mir nachsuchte, indem er mit dem letzten Packetboote seine Commandeurs-Bestallung erhalten hatte. Auf meine Verwendung gab der Admiral auch den beiden Kapitänen Peters und Green die Erlaubniß, mit mir nach England zu fahren. Auch der Neger Mungo und der Deckmeister Thompson nebst dem Midshipman, der mit mir im Boote gewesen war, gehörten zu meiner Mannschaft. Uebrigens kann man sich vorstellen, daß diese keineswegs aus den besten Matrosen bestand; aber ich war nicht im Falle, Schwierigkeiten zu machen, und ergänzte mit einem halben Dutzend weiterer Neger, die ich aus dem Kauffahrer genommen hatte, ein Schiffsvolk, dem ich die Möglichkeit zutraute, Spithead zu erreichen. Am Kap nahmen wir einen ordentlichen Vorrath Lebensmittel ein. Die Amerikaner baten um die Erlaubniß, ihren Antheil zu bezahlen, aber ich schlug es auf's Bestimmteste aus und erklärte ihnen, daß ich mich höchst glücklich schätze, sie als meine Gäste zu bewirthen. Ich kaufte dem Kapitän Peters seinen gesammten Vorrath an Wein und Proviant ab, und bezahlte ihm den vollen Werth dafür. Mungo wurde als Steward angestellt, denn ich hatte ihn sehr lieb gewonnen. Nachdem mein Freund Talbot seine sämmtlichen Habseligkeiten an Bord geschafft, und mir der Admiral meine letzten Verhaltungsbefehle gegeben hatte, verließ ich die Simonsbay und ging nach England unter Segel. Eine derartige Heimfahrt ist gewöhnlich mit wenig Abenteuern verbunden. Ich hatte keine Weisung bekommen, bei St. Helena anzuhalten und fühlte keine Neigung, meine Reise zu verzögern. Tag und Nacht hielt ich alle Segel aufgespannt, die ich führen konnte. Talbot und ich wurden unzertrennliche Freunde, und unsere Tischgesellschaft in der Kajüte war vollkommen einig. Wir vermieden alle nationalen Anspielungen und sprachen so wenig, als möglich von Politik. Ich machte Talbot zum Vertrauten meiner Liebe zu Emilien. Von der armen Eugenie hatte ich ihm schon längst vorher Vieles erzählt. Eines Tages kamen wir über Tisch auf das Schwimmen zu sprechen. »Ich glaube,« bemerkte Talbot, »daß mein Freund Frank ein so guter Schwimmer ist, als irgend einer von uns. Erinnern Sie sich noch, wie Sie von der Fregatte zu Spithead fortschwammen, um Ihrer Freundin Melpomene zu Point einen Besuch zu machen?« »Allerdings,« erwiederte ich, »und ich erinnere mich auch noch, mit welcher Freigebigkeit Sie mir einen Kugelregen dafür um die Ohren sausen ließen.« »Daß Sie unter so vielen Andern auch bei dieser Gelegenheit weder ertranken, noch erschossen wurden,« bemerkte der Commandeur, »ist mir ein trübes Vorzeichen für Ihr künftiges Schicksal.« »Das mag sein,« erwiederte ich, »aber ich bestreite die Gesetzlichkeit Ihres Verfahrens, indem Sie mich zu tödten suchten, bevor Sie wußten, wer ich war, oder was ich im Sinne hatte. Sie wußten ja nicht, ob ich nicht wahnsinnig war, oder vielleicht zu einem andern Schiffe gehörte, und wenn Sie mich getödtet hätten, und mein Leichnam wäre gefunden worden, so würde jedenfalls die Todtenschau ziemlich hart und das Schwurgericht noch härter mit Ihnen verfahren sein.« »Ich hätte sie ausgelacht,« sagte Talbot. »Sie würden die Sache nicht sehr lächerlich gefunden haben,« bemerkte ich. »Wie so?« versetzte Talbot, »wozu werden denn Schildwachen ausgestellt und ihre Gewehre scharf geladen?« »Um das Schiff zu vertheidigen,« erwiederte ich; »um vor herannahender Gefahr zu warnen; um die Matrosen zu verhindern, das Schiff ohne Erlaubniß zu verlassen; aber nie um einem Manne das Leben zu nehmen, es sei denn zur Verteidigung ihres eigenen, oder wenn es die Sicherheit des Schiffes Seiner Majestät erfordert.« »Ich läugne Ihre Schlußfolge,« versetzte Talbot; »die Kriegsartikel sprechen über alle Deserteure den Tod aus.« »Ganz richtig,« bemerkte ich, »auch noch gegen eine Menge anderer Verbrecher verhängen sie die Todesstrafe: aber vor Allem müssen diese Verbrechen vor einem Kriegsgericht erwiesen sein. Nun können Sie aber nicht erweisen, daß ich desertirte, und wenn Sie es könnten, so hatten Sie kein Recht, den Tod über mich zu verhängen, wenn ich nicht zum Feinde überging. Ich gestehe es, daß ich Ihrem Befehle ungehorsam war, aber dieß würde mir nur eine leichte Strafe zugezogen haben, wahrend Ihre willkührliche Handlung den König eines Unterthanen berauben konnte, der, wie ich mir schmeichle, zu den treuen und nicht ganz unbrauchbaren gehört. Und wenn man meinen Leichnam nicht aufgefunden hätte, so wäre aus dieser Strenge auch dem Dienste nichts Gutes erwachsen; im Gegentheil, es hätten manche geglaubt, ich sei entkommen, und waren dadurch zu dem gleichen Versuche ermuthigt worden.« »Es thut mir jetzt mündlich leid,« sagte Talbot, »daß ich Ihnen kein Boot nachschicken ließ, indessen gereichte es mir, so oft ich daran dachte, zur Beruhigung, daß die Kugeln fehlten.« Damit endete das Gespräch über diesen Gegenstand. Wir gingen noch eine Zeitlang auf dem Verdecke auf und nieder, sprachen von unseren Liebchen, richteten den Lauf des Schiffes für die Nacht, um Fayal zu erreichen, von dem wir nicht mehr fern waren, und gingen endlich zu Bette. Ich fiel in einen festen Schlaf, und es war natürlich, daß die Unterhaltung des Abends meinem Geiste vorschwebte. Eine seltsame Mischung unzusammenhängender Gedanken, ein Gemenge von Vernunft und Wahnsinn beängstigte mich bis zum Morgen. Trinidad und Emilie, der Kegelfelsen und die geheimnißvolle Eugenie mit ihrem muthmaßlichen Sohne; das sinkende Wrack und der gescheiterte Schooner – Alles zog einzeln und im Gesammtbild vor meinem inneren Auge vorüber. »Ruft die Natur. So wacht statt ihrer das Gebild des Traumes.« Emilie stand auf der Spitze des Kegelfelsen, wie Nelson auf dem Denkmal in Dublin oder Buonaparte auf der Vendomesäule; aber ihre Gestalt übertraf beide Statuen in demselben Maße an Grazie, als der Kegelfelsen diese Werke der menschlichen Kunst an Majestät und Naturgröße übertrifft. Sie war in die tiefste Trauer gehüllt, aber so schwermüthig auch der Ausdruck ihrer Züge war, so strahlte sie doch in der Fülle der Gesundheit und des Liebreizes. Das theure Bild schien mir zuzurufen: »ohne deinen Beistand werde ich nie von dieser Kuppe herabkommen.« »In diesem Falle,« dachte ich, »wirst du nie herabkommen.« Dann war Eugenie Königin von Trinidad, und sie hatte Emilie aus meinem Bereich auf den Felsen verbannt; ich flehte sie an, Emilie herunter zu lassen; da pochte Thompson an meiner Kajütenthüre und sagte, der Tag sei angebrochen, und man könne die Insel Fayal in einer Entfernung von etwa sieben Meilen gegen Nordost sehen. Ich kleidete mich an und ging auf's Verdeck, wo ich das Land und ein fremdes nach Westen steuerndes Schiff sah. Der verdammte Traum spuckte mir noch immer im Kopfe. Es ging mir, wie Adam, »es gefiel mir nicht,« und doch schalt ich mich einen Narren, daß ich die dummen Gedanken nicht los werden konnte; alle meine Bemühungen waren vergeblich. Bald darauf kamen die Amerikaner auf's Verdeck, und als sie das westwärtssegelnde Schiff sahen, fragten sie mich, ob ich es anzurufen gedenke. Ich gab eine bejahende Antwort. Wir hatten damals alle Segel beigesetzt, die wir führen konnten; und da uns das Schiff nicht auszuweichen suchte, sondern seinen angenommenen Strich verfolgte, so lagen wir bald an seiner Seite. Es ergab sich, daß es ein Cartelschiff war, welches mit amerikanischen Gefangenen nach Neu-York segelte. Für den Fall, daß wir ein nach den vereinigten Staaten fahrendes Schiff treffen sollten, hatte mir der Admiral die Erlaubniß gegeben, meine Gefangenen in ihre Heimath zurück zu schicken, ohne sie nach England zu führen. Ich hatte dieses Umstandes aus Furcht, eine eitle Hoffnung in ihnen zu erwecken, weder gegen Peters noch gegen Green erwähnt, aber nun ich sah, daß ich so befriedigend über sie verfügen konnte, machte ich sie mit meiner Absicht bekannt. Ihre Freude und Dankbarkeit übertrafen jede Beschreibung. Tausendmal wiederholten sie ihre Dankbarkeit für die Güte, die Talbot und ich ihnen erwiesen hätten. »Lieutenant,« sagte Peters, »ich bin an die Gesellschaft von euch Engländern nicht sehr gewöhnt, und wenn ich euch stets für eine Rotte Tyrannen und Eisenfresser hielt, so war es nicht meine Schuld. Ich glaubte, was man mir sagte; aber jetzt habe ich mich mit meinen eigenen Augen überzeugt, und finde, daß der Teufel nie so schwarz ist, als man ihn malt.« Bei dieser Yankeeschmeichelei machte ich eine Verbeugung. »Dem sei jedoch, wie ihm wolle,« fuhr er fort, »es würde mich jedenfalls freuen, im ordentlichen Kampf ein paar Dutzend Kugeln mit euch zu wechseln. Bringen Sie diese Brigg in unsere Gewässer; ich hoffe wieder eine andere zu bekommen, die ihr ganz gleich ist, und weil ich weiß, daß Sie ein verdammt wackerer Bursche sind, und eben so gern Pulverdampf einathmen, als sich 's an der Tafel wohl sein lassen, wäre es mir recht lieb, einen Versuch zu machen, ob ich den Vollblut-Yankee nicht wieder unter meine Befehle bekäme.« »Wenn Sie Ihre nächste Brigg ebenso bemannen, wie Ihre letzte bemannt war, und Ihre besten Matrosen alle Engländer sind,« erwiederte ich, »so fürchte ich, daß mir meine Verteidigung nicht gar leicht werden dürfte.« »Das möchte der Fall sein,« sagte der Kapitän; »kein Mensch wehrt sich besser, als wer einen Strick um den Hals hat, und erinnern Sie sich, was Nachbar Green gesagt hat, denn er hat ›die Katze bereits aus dem Sack gelassen‹, wir würden keine Engländer auf unserer Flotte haben, wenn Sie nicht auf die Ihrige gepreßt würden.« Ich konnte diese Begrüßung nicht erwiedern, denn es ging mir, wie dem Feuerwerker auf dem Landguardfort – ich hatte kein Pulver und fühlte den Vorwurf in der That. Green stand neben uns, aber kein Wort kam über seine Lippen, bis der Kapitän ausgesprochen hatte; dann reichte er mir die Hand und seine Augen füllten sich mit Thränen. Mit bebender Stimme sagte er: »Leben Sie wohl, vortrefflicher Freund; ich werde Sie nie vergessen. Sie haben einen Elenden gefunden und unter dem Beistande Gottes einen ehrlichen Mann aus ihm gemacht. Nie, nie werde ich den Tag vergessen, an dem Sie mit Gefahr Ihres Lebens einen Menschen retteten, der Ihres Schutzes so unwürdig war; aber Gott segne Sie! Und wenn Sie je der Wechsel des Kriegsglücks als Gefangenen in mein Vaterland schicken sollte, hier ist meine Adresse – was mein ist, gehört Ihnen – und so sollen Sie es finden!« Der Matrose, welcher die Meuterei im Boote angestiftet hatte und nachher an Bord des Kapers in Dienst getreten war, jetzt aber mit mir nach England geschickt wurde, um vor Gericht gestellt zu werden, streckte nach Kapitän Green, der eben an ihm vorüber ging, seine Hand aus, aber dieser wandte sich weg und sagte: »ein Verräther an seinem Vaterlande ist ein Verräther an seinem Gott. Ich vergebe Euch, was Ihr an mir zu thun beabsichtigtet, und zwar um so bereitwilliger, als ich fühle, daß ich es selbst verschuldet hatte, aber ich kann mich nicht so tief herabwürdigen, Euch die Hand der Genossenschaft zu reichen.« Mit diesen Worten folgte er dem Kapitän Peters in's Boot. Ich begleitete sie auf das Cartelschiff, und nachdem ich mich überzeugt hatte, daß sie mit allen Bedürfnissen versehen waren, verließ ich sie. Green war so sehr ergriffen, daß er nicht sprechen konnte, und der arme Mungo vermochte blos hervorzubringen: »Leb' wohl, Massa Leftenant, mich dünkt Euch sehr gut Mann.« Ich kehrte an Bord meines Schiffes zurück und verfolgte meinen Lauf nach England. Bald begrüßten wir die weißen Küsten von Albion, die jedem treuen englischen Herzen so theuer sind. Nur wer von der geliebten Heimath verbannt war, vermag das Entzücken der Freude bei einer solchen Gelegenheit zu würdigen. Wir liefen durch die Nadeln, und nach einer Abwesenheit von vierzehn Monaten ankerte ich wieder zu Spithead. Ich machte dem Admiral meine Aufwartung, zeigte ihm meine Papiere, und erhielt den Befehl von ihm, die Gefangenen auf das Flaggenschiff zu schicken. »Und nun,« sagte er, »will ich Ihnen nach Ihrer wunderbaren Rettung Urlaub geben, damit Sie in die Stadt fahren und Ihre Familie besuchen können, für die Sie ohne Zweifel ein Gegenstand großer Theilnahme sein werden. Hier ist eine kurze Abschweifung nöthig. Zweiundzwanzigstes Kapitel. So war mein Bruder auch, In solcher Tracht stieg er in's feuchte Grab; Und kann ein Geist Gestalt und Kleidung borgen, So kommt Ihr, uns zu schrecken. Der Dreikönigsabend. Bald nachdem sich die Fregatte, welche mich von Neu-Providence mitgenommen, von der amerikanischen Prise getrennt hatte, an deren Bord ich geschickt worden war, prahlte die Mannschaft der ersteren gegen die amerikanischen Gefangenen mit den Prisengeldern, die sie erhalten würden. »Eure Prise werdet Ihr nie mehr sehen,« erwiederten die Yankees, »und eben so wenig irgend Einen, der ihre Planken betreten hat.« Diese Worte wurden dem Kapitän der Fregatte hinterbracht, der sodann den Gehülfen und die Mannschaft befragte und die ganze Schandthat erfuhr. Sie sagten, das Schiff sei bereits eingesunken, als sie es verlassen hatten, und sie hätten sich aus diesem Grunde so eilig in's Boot gedrängt. Der Steuermann bemerkte, es wäre unmöglich, an die Lecke zu gelangen, weil sie sich im Vorderschnabel und im Raume unter dem Kajütenboden befänden; es nähme ihn wunder, daß es ihnen Kapitän Green nicht gesagt hätte, aber vermuthlich wäre er betrunken gewesen. »Das Schiff,« fuhr der Steuermann fort, »muß zwölf Stunden nach unserer Abfahrt untergegangen sein.« Dieß wurde von meinem Kapitän der Admiralität berichtet, welche meinem armen Vater amtlich von dem traurigen Vorfall in Kenntniß setzte. Fünf Monate waren verflossen, seit man nichts mehr von mir gehört hatte, und folglich jede Hoffnung verschwunden. Aus diesem Grunde fand ich den Diener in Trauerkleider gehüllt, als ich an die Thüre pochte. Er war erst seit meiner Abreise angenommen worden und kannte mich nicht. Natürlich drückte er keine Ueberraschung aus, mich zu sehen. »Gott im Himmel!« rief ich, »wer ist denn gestorben?« »Meines Gebieters einziger Sohn, Sir,« antwortete der Mann, »Herr Frank, auf der See ertrunken.« »Oh, ist das Alles?« sagte ich, »freut mich, daß es nichts Schlimmeres ist.« Der Mensch mußte mich für ein gefühlloses Stück Vieh halten, und starrte mir mit einem dummen Gesichte nach, als ich an ihm vorüberflog und die Treppe hinauf nach dem Gastzimmer eilte. Ich hätte vorsichtiger sein sollen; aber ich folgte, wie gewöhnlich, dem Drang meiner Gefühle. Als ich die Thüre öffnete, sah ich meine Schwester in tiefer Trauer mit einer andern jungen Dame am Tische sitzen, die mir den Rücken zukehrte. Meine Schwester stieß bei meinem Anblicke einen lauten Schrei aus. Die andere Dame wandte sich um, und ich erblickte meine Emilie, meine theure, theure Emilie. Sie war ebenfalls in tiefe Trauer gehüllt. Nach dem Schrei fiel meine Schwester ohnmächtig nieder. Emilie folgte ihrem Beispiele, und da lagen sie beide am Boden, wie zwei versteinerte Königinnen in der Westminster-Abtei. Es war ein schöner Anblick, »reizend, aber qualvoll.« Ich war äußerst bestürzt, und vermuthete, daß ich recht thöricht gehandelt hätte; aber da ich keine Zeit zu verlieren hatte, zog ich heftig die Glocke, und als ich einige Gefäße mit frischen Blumen sah, ergriff ich sie, und goß den jungen Damen reichliche Libationen auf Gesicht und Nacken; aber Emilie bekam bei weitem den größten Theil davon – ein Beweis, daß ich weder meine Geistesgegenwart, noch meine Liebe zu ihr verloren hatte. Meiner Schwester Kammermädchen, Higgins, war die erste, die auf den Ruf der Glocke erschien, deren heftiges Stürmen einen ernsten Unfall andeutete. Wie eine Riccochetkugel prallte sie in's Zimmer. Sie war eine alte Bekannte von mir; ich hatte sie als Knabe oft geküßt, und sie mir dagegen eben so oft eins auf die Ohren gegeben. Bisweilen hatte ich ihr auch ein Band gekauft, um ihr den Mund zu verbinden, indem ich ihr sagte, sie bedürfe eines Maulkorbes. Als diese Abigail mich, den sie für einen Geist hielt, bolzgerade dastehen, und die beiden Damen, die sie todt glaubte, am Boden liegen sah, stieß sie gleich einer ächten Kammerjungfer einen lauten und höchst liebenswürdigen Schrei aus und rettete ihr Leben durch die Flucht, indem sie aus dem Zimmer stürzte und beinahe den Bedienten über den Haufen rannte, der eben herein kam. Dieser Bursche, der Sohn eines von meines Vaters Pächtern, ein Bauernlümmel, steckte nur den Kopf durch die Thüre, als er die Damen auf dem Teppiche liegen sah. Die Art und Weise, in welcher ich die Nachricht von meinem eigenen Hintritt aufgenommen hatte, mochte ihm nicht die vorteilhafteste Meinung von mir beigebracht haben, und er verrieth einen sehr starken Reiz, auch die Rolle eines Mandarins zu spielen, d. h. mit dem Kopf zu wackeln und still zu stehen. »Ruft sogleich einige Frauen her,« sagte ich; »Frauen, die hier von Nutzen sein können; sagt ihnen, sie sollen Salzgeist, Eau de Cologne und alles Mögliche herbeibringen. Lauf, Holzkopf, Esel, was stehst du hier und gaffst mich an?« Der Bursche starrte mir in's Gesicht und richtete seine Blicke von mir auf die vermeintlichen Leichen, die er ohne Zweifel für Opfer meiner Mordgier ansah; und entweder war er vom Donner gerührt, oder zweifelte er, ob er das Recht hätte, mir zu gehorchen – kurz er steckte den Kopf in's Zimmer und blieb mit dem Körper vor der Thüre, als wäre er in den Bock gespannt. Ich sah, daß er eine Erklärung verlangte, und rief: »Ich bin Herr Frank! \>\>willst du mir gehorchen, oder soll ich dir dieses Geschirr an den Kopf werfen?« dabei schwang ich eine von den Porzellanvasen. Hätte ich wirklich Neigung gehabt, den Burschen zu werfen, so würde ich ihn verfehlt haben, denn er stürzte fort, wie ein verwundeter Braunfisch, und rannte zu meinem Vater in die Bibliothek: »O Sir – gute Neuigkeiten– böse Neuigkeiten – gute Neuigkeiten –« »Welche Neuigkeiten, Tölpel?« rief mein Vater hastig vom Stuhle aufspringend. »O Sir, ich weiß nicht, Sir; aber ich glaube, Sir, Herr Frank ist wieder lebendig, und beide Damen ist todt.« Mein armer Vater, dessen wankende Gesundheit sich noch nicht von dem Schlage erholt hatte, welchen ihn mein vermeintlicher Tod beigebracht, lehnte sich zitternd über seinen Tisch, um sich mit beiden Händen festzuhalten, und ließ sich den Bericht von seinem Diener wiederholen. Halbweinend gehorchte der Bursche; mein Vater errieth leicht den Stand der Dinge und kam heraus. Ich hätte in seine Arme fliegen mögen, aber die meinigen waren zu sehr in Anspruch genommen. Auf der einen Seite hielt ich meine süße Emilie umschlungen und auf der anderen lag meine Schwester bewußtlos in meinem Arme; denn Clara's Geliebter war nicht bei der Hand, und sie hatte sich noch nicht von ihrer Ohnmacht erholt. Jetzt war die ganze Mannschaft auf dem Verdeck. Alles war in Bewegung, und jedes lebendige Geschöpf im Hause, selbst der Hund, hatte sich in das Gastzimmer verfügt. Die Mägde, welche mich gekannt hatten, weinten und schluchzten kläglich, und die später angenommenen leisteten ihnen aus Mitgefühl Gesellschaft. Der Kutscher, der Bediente, der Reitknecht, Alle heulten und gafften. Der Eine brachte Wasser, der Andere ein Becken, und der Pinsel von Bedienten ein Ding, das ich gar nicht nennen darf; in seiner Eile hatte er das erste Geräthe ergriffen, das ihm von Nutzen schien; ich lobte seinen Eifer, winkte ihm aber zum Rückzug. Zum Unglück für ihn bemerkte die Hausmagd den Streich, den ihm seine Geistesabwesenheit gespielt hatte; sie riß ihm das geheimnißvolle Gefäß mit der Linken aus der Hand und barg es unter ihrer Schürze, während sie dem armen Burschen mit der Rechten einen Backenstreich versetzte, der mich an den Schlag erinnerte, womit der Wallfisch bei Bermuda unser Boot zertrümmert hatte. »Dummkopf,« rief sie, »das braucht Niemand.« »In diesem Backenstreich steckt eine Ehe,« sagte ich; und die Folgezeit bewies, daß ich recht hatte – sie wurden am nächsten Sonntage in der Kirche aufgeboten. Man wandte eine Menge Riechsalz, kaltes Wasser und verbrannte Federn an, rieb den jungen Damen die Schläfe, öffnete ihnen die Halskrausen und Schnürleibchen und erzielte endlich den erwünschten Erfolg. Alle Hände und Zungen waren in Bewegung, und diese Mittel erschlossen mir die Augen der bezaubernden Emilie. Sie warfen ihre Strahlen auf mich und großen Freude und Heiterkeit über das Antlitz der Schöpfung, wie die Sonne, die nach einem Orkan aus dem Schooße des atlantischen Meeres emportaucht, um die Bewohner der Antillen zu erquicken. Nach einer halben Stunde war Alles in Ordnung; die Kanonen waren untergebracht, – wir schlugen zum Rückzug.« Die dienstbaren Geister entfernten sich; ich wurde der Mittelpunkt des Gemäldes. Emilie hielt meine Rechte, mein Vater meine Linke, und meine theure Clara hing an meinem Halse. So schnell es Schluchzen und Weinen zuließen, wurden Fragen gestellt und beantwortet. Die Zwischenzeit wurde mit den süßesten Küssen von den rosigen Lippen ausgefüllt, und in einer halben Stunde war ich für alle Leiden entschädigt, die ich seit dem verhängnißvollen Augenblicke erfahren hatte, wo ich von England aus mit der teuflischen Brigg nach Barbados unter Segel ging. Ich muß gestehen, es war höchst unrecht von mir, das Haus gleichsam im Sturm zu nehmen, während ich doch wußte, daß man um mich trauerte; aber ich vergaß es, daß andere Naturen nicht der gleichen Aufregung bedurften, wie die meinige. Ich bat um Verzeihung und ward geküßt und wieder geküßt und der Verzeihung gewürdigt. Es lohnte sich der Mühe zu beleidigen, um von solchen Lippen, Augen und Grübchen Verzeihung zu erhalten. Doch ich fürchte, dieser Gedanke ist aus irgend einem prosaischen oder poetischen Werk entlehnt; wenn das der Fall ist, muß mir der Leser, so wie der Verfasser verzeihen, indem ich den Letzteren sein Eigenthum wieder zurückstelle, da ich es nach einmaligem Gebrauche nicht mehr benütze. Ich gab meine Erzählung mit so viel Bescheidenheit und Kürze, als es Zeit und Umstände erlaubten. Der Kutscher wurde auf einem der besten Wagenpferde als Eilbote zu Herrn Somerville geschickt, und die Postkutsche mit Briefen an alle Freunde und Bekannte der Familie beladen. Nach Beendigung dieser Geschäfte zogen sich Alle zurück, um sich zur Tafel anzukleiden. Wie groß war der Wechsel, welchen eine Stunde in diesem Hause der Trauer hervorgebracht hatte, das Plötzlich in ein Haus der Freude verwandelt worden war! Ach, wie oft ist dieses Gemälde im menschlichen Leben umgekehrt! Die Damen erschienen bald wieder in fleckenlosem Weiß, dem Sinnbilde ihrer reinen Herzen. Mein Vater hatte seine schwarze Kleidung abgelegt, und die Bedienten trugen ihre gewöhnliche Livree, welche sehr glänzend war. Das Essen war angesagt, und mein Vater führte Emilie zu Tisch; ich folgte meiner Schwester. Emilie warf einen Blick über die Schulter und sagte: »Frank, sei nicht eifersüchtig.« Mein Vater lachte, und ich gelobte Rache für diesen satyrischen Hieb. »Du kennst die Strafe für dieses Vergehen,« bemerkte ich, »und sollst sie bezahlen.« »Ich bin so glücklich, behaupten zu können, daß ich dazu eben so fähig als bereitwillig bin,« erwiederte sie. Bevor wir uns zur Tafel setzten, sprach mein Vater mit ungewöhnlich feierlichem und ergreifendem Tone das Gebet. Diese wesentliche Andachtsübung, die so häufig vernachlässigt wird, lockte Thränen in Aller Augen. Emilie sank auf ihren Stuhl, bedeckte das Gesicht mit ihrem Taschentuch und erleichterte ihr volles Herz durch einen Strom von Thränen. Clara that deßgleichen. Mein Vater drückte mir die Hand und sprach: »Unser heutiges Mahl, Frank, ist ein ganz anderes, als das gestrige. Wie wenig wußten wir von dem Glück, das uns aufbehalten war!« Die jungen Damen trockneten sich die Augen; aber mit der Eßlust war es vorüber: vergebens suchte Emilie ein Stück von einer kleinen Forelle zu bemeistern. Ich goß Jedem ein Glas Wein ein und sagte: »Kommt! wir Seeleute sagen, Getränke sind immer leichter wegzustauen, als trockener Mundvorrath; laßt uns auf unser gegenseitiges Wohl trinken, dann werden wir besser fortkommen.« Mein Rath wurde befolgt und der Zweck erreicht. Unsere Mahlzeit war heiter, aber diese Heiterkeit durch die Erinnerung an die kummervolle Vergangenheit und durch ein tiefes Gefühl für die große Barmherzigkeit des Himmels gedämpft und geregelt. Wär' der Himmel jeden Tag wie heute, Wär' er nichts als Seligkeit und Freude. Leser, ich weiß, du hast mich lange für einen eiteln Menschen – für einen leichtsinnigen, ausschweifenden Don Juan gehalten, der zum Gebet bereit ist, wenn er in Gefahr schwebt, und zur Sünde, wenn die Gefahr vorüber ist; aber da ich dir stets die Wahrheit gesagt habe, selbst wenn meine Ehre und mein Ruf auf dem Spiele waren, so hoffe ich, wirst du mir auch jetzt glauben, wenn ich ein Wort zu meinen Gunsten rede. Ich erkläre feierlich, daß ich Gott in meinem Innern für meine Befreiung und glückliche Rückkehr Dank wußte; und dieses Gefühl drohte mein Herz zu sprengen, wiewohl ich sonst nicht zu den weichen Naturen gehörte. Ich unterdrückte es aus falscher Scham, denn ich war zu stolz, das, was ich Schwäche nannte, vor den Bengeln von Bedienten zur Schau zu tragen. Wären wir für uns gewesen, so wäre ich vor dem Gott auf die Knie niedergefallen, der so oft von mir beleidigt wurde – der mich zweimal aus dem Rachen des Haifisches errettete – der mich aus dem Abgrunde des Meeres hervorzog, als mich bereits die Schatten des Todes bedeckten – der mich vor Gift und Schiffbruch bewahrte, und den Felsen von Trinidad unschädlich machte – der endlich den Hund voranschickte, um mich vor einem entsetzlichen Tode zu schützen. Dieß war nur ein kleiner Theil von der Reihe der Erbarmungen, die mir Gott erwiesen hatte; aber es war gerade der neueste, und hatte folglich den tiefsten Eindruck in meinem Gedächtnisse zurückgelassen. Ich würde selbst einen Theil von Emiliens beifälligem Lächeln, das einen so großen Werth für mich hatte, für die Möglichkeit hingegeben haben, meinem gepreßten Herzen durch eine Fluth von Thränen und ein feierliches und andächtiges Dankgebet Lust zu machen; doch ich fühlte das Bedürfnis und ich hoffe, daß mir dieses Gefühl zur Gerechtigkeit gerechnet werden wird. Zum ersten Male in meinem Leben war meine Liebe zu Gott mit einer reinen und irdischen Liebe zu meiner Verlobten und meiner Familie vermischt. Nachdem das Tafeltuch bereits entfernt war, blieben die Damen noch eine Zeitlang sitzen, und lauschten den Schilderungen der Gefahren, denen ich mit so genauer Noth entkam. Als ich von meinem Versuche sprach, den Armen zu retten, der von der Brigg über Bord gefallen war – wie ich ihn beim Kragen nahm, und von ihm in die Tiefe gezogen wurde, bis die See über meinem Haupte dunkelte – vermochte es Emilie nicht länger auszuhalten; sie sprang von ihrem Sitze auf, fiel auf ihr Knie, barg ihr liebliches Gesicht im Schoße meiner Schwester und rief mit leidenschaftlichem Tone: »O erzähle uns nichts mehr, mein theuerster Frank, erzähle uns nichts mehr – ich kann es nicht ertragen – nein, ich kann es nicht ertragen.« Wir sammelten uns um sie und führten sie in das Gesellschaftszimmer, wo wir uns mit fröhlicheren und leichteren Anekdoten unterhielten. Emilie setzte sich an's Pianoforte und versuchte sich mit einem Gesang, aber es wollte nicht gehen: ein heiteres Lied konnte sie nicht singen, und ein trauriges überwältigte ihre Empfindungen. Um zwölf Uhr zogen wir uns auf unsere Zimmer zurück, und ehe ich einschlief, weihte ich einige Minuten dem Gebet und den Gelübden der Besserung, die ich im vollen Ernste zu halten gesonnen war. Am andern Morgen erschien Herr Somerville zum Frühstück. Dieß war eine neue Prüfung für die Gefühle der armen Emilie. Sie warf sich ihrem Vater in die Arme und schluchzte laut. Herr Somerville drückte meine Rechte voll Wärme mit seinen beiden Händen und äußerte den sehnlichsten Wunsch, die Erzählung meiner außerordentlichen Abenteuer zu vernehmen, von denen ich ihm sofort einen kurzen Abriß gab. Ich benützte die Gelegenheit, die uns Clara vor dem Frühstücke zu verschaffen wußte, mit Emilien tête-à-tête zuzubringen, um von unserer beabsichtigten Verbindung zu reden, und da ich keine andere Hindernisse fand, als die gewöhnlichen Einwendungen »des Mädchenstolzes und der spröden Scham«, die bei dem schönen Geschlechte so natürlich, so anziehend und so liebenswürdig sind, beschloß ich, über diesen Gegenstand mit den Graubärten zu sprechen. Ich mußte Emilien an die Gefahren erinnern, denen ich mit so genauer Noth entronnen war, bis sie endlich ihre Zustimmung gab. Sobald sich die Damen aus dem Speisesaal entfernt hatten, bat ich meinen Vater, ihre Gesundheit meinem vollem Glase auszubringen; und nachdem ich meinen Römer mit der ganzen Gluth der schrankenlosesten Liebe geleert hatte, legte ich ihnen die große Frage vor. Die beiden Väter sahen einander an, und Herr Somerville sprach: »Sie scheinen in großer Eile zu sein, Frank.« »In keiner größern, Sir, als der Gegenstand verdient,« antwortete ich. Er verbeugte sich, und mein Vater sagte: »Ich könnte nicht behaupten, daß ich der Vermählung meinen vollen Beifall schenken würde, bevor du Kommandeur bist: wenigstens bist du nicht dein eigener Herr, so lange du es nicht so weit gebracht hast.« »O, wenn ich mich bis dahin gedulden soll, Sir,« erwiederte ich dem guten alten Herrn, »so kann ich noch lange warten; kein Mensch ist sein eigener Herr auf unserer Flotte, oder in unserem Vaterlande überhaupt. Dem Kapitän befiehlt der Admiral, dem Admiral die Admiralität, der Admiralität der geheime Rath, dem geheimen Rath das Parlament, dem Parlament das Volk, und dem Volk die Buchdrucker und ihre Preßbengel. »Ich bewundere deine logische Kette von Ursachen und Wirkungen,« bemerkte mein Vater; »aber dem sei, wie ihm wolle, wir müssen in die Spitzenfabrik Charing-Croß gehen, um uns zu erkundigen, ob wir nicht ein paar Epauletten für deine Schultern finden können. Wenn wir einmal sehen, daß du deine eigene Kriegsschaluppe befehligst, so werde ich und, wie ich überzeugt bin, auch mein Freund Somerville es für ein großes Glück halten, wenn wir auch noch sehen, wie du seine Tochter, das schönste und wackerste Mädchen in der Grafschaft – – befehligst.« Kein Beweisgrund war stark genug, um die beiden alten Herren zu vermögen, auch nur einen Zoll breit von dieser Conditio sine qua non abzugehen. Man kam dahin mit einander überein, daß man sich sofort wegen Beförderung an die Admiralität wenden wolle, und wenn dieser ersehnte Zweck erzielt wäre, sollte Emilie während des Honigmondes über meine Person verfügen. Dieß Alles machte der Klugheit der beiden Alten sehr viel Ehre, entsprach aber keineswegs den Ansichten eines glühenden Liebhabers von einundzwanzig Jahren; denn, wenn ich gleich wußte, daß mein Vater einen sehr bedeutenden Einfluß auf der Admiralität hatte, so wußte ich auf der andern Seite auch, daß erst vor kurzer Zeit die sehr zweckmäßige Anordnung getroffen worden war, daß kein Lieutenant mehr den Rang eines Kapitäns erlangen sollte, bevor er von seiner ersten Bestallung an zwei Jahre auf der See gedient hätte, und daß gleicher Weise auch kein Kommandeur befördert werden sollte, bevor er ein Jahr lang in dieser Eigenschaft Dienste gethan. Dieß war ohne Zweifel sehr nützlich für den Dienst, aber ich hatte noch nicht den hinreichenden amor patriae gewonnen, die öffentliche Wohlfahrt meiner persönlichen vorzuziehen, und wünschte die Anordnung sammt ihren Urhebern in die Höhle von Neu-Providence, und zwar gerade zur Zeit der Springfluth. Ich berufe mich auf das Urtheil der Damen, ob es nicht höchst grausam war, nach allen meinen Mühseligkeiten und allen Proben meiner Beständigkeit mit einer solchen Entschuldigung hinausgeschoben zu werden. Die Antwort der Admiralität war insofern günstig, als sie mir die Zusicherung gab, daß ich nach Ablauf meiner Dienstzeit, an der damals noch zwei Monate fehlten, befördert werden sollte. Ich wurde einem Schiffe zugetheilt, das zu Woolwich seine Ausrüstung betrieb; ehe es segelfertig war, mußte meine Zeit um sein, und ich sollte meine Bestallung als Kommandeur erhalten. Dies war nicht das Mittel, seine Ausrüstung zu beschleunigen, insoweit sie von mir abhing; allein es war nun einmal nicht anders; und weil das Schiff zu Woolwich lag, und die Wohnung meiner Schönen nicht gar zu weit entfernt war. suchte ich meine Zeit einstweilen zwischen den Pflichten der Liebe und den Pflichten des Krieges, zwischen dem Gehorsam gegen meinen Kapitän und dem Gehorsam gegen die Gebieterin meines Herzens zu theilen, und ich hatte das ausgezeichnete Glück, Beide zu befriedigen, denn mein Kapitän bekümmerte sich nichts um das Schiff oder seine Ausrüstung. Bevor ich an Bord ging, machte ich noch einen Angriff auf die Unbeugsamkeit meines Vaters. Ich stellte ihm vor, ich hätte Herkules-Arbeiten verrichtet, und sagte ihm, wenn ich wieder auf eine entfernte Station abginge, könnte mich irgend eine junge Dame, die ich treffen würde, mit einem Becher Gift aus der Welt schicken, oder durch irgend einen unseligen Zauber die magische Kette zerreißen, die mich an Emilie fesselte. Diese dichterische Bildersprache hatte keinen bessern Erfolg, als meine prosaischen Reden. Ich wandte mich an Emilien selbst. »Du kannst gewiß nicht so hartherzig sein,« sagte ich, »als unsere unerbittlichen Eltern!. Du wirst gewiß bei dieser Gelegenheit für mich sprechen! Wirf nur einen Blick der Mißbilligung aus deinen himmlischen blauen Augen auf meinen Vater, und so wahr ich lebe, er wird die Flagge streichen.« Aber der schelmische Mund erwiederte mit einem Lächeln, zu welchem ihm ohne Zweifel die Weisung vom Hauptquartiere aus zugekommen war, sie könne sich nicht mit dem Gedanken befreunden, ihren Namen in der Morning-Post als Braut eines Lieutenants zu lesen. »Was ist heutzutage ein Lieutenant?« sagte sie. »Nichts. Als ich zu Fareham auf Besuch war, ging ich bisweilen nach Portsmouth, um die Werfte und die Schiffe zu betrachten; da traf ich denn auch euren großen Freund, den langen Admiral, den ihr, glaube ich, Sir Sturmbrand Windmacher nennt, als er die armen Lieutenants, wie der Hund seine Schafe, vor sich hertrieb; einer von ihnen folgte ihm überall auf den Fersen nach, wie ein Livreebedienter, der den Laufbuben macht, und ein anderer war wie ein Bullenbeißer vor der Thüre seines Geschäftszimmers angekettet und wurde nie losgelassen, als wenn der Admiral mit seiner Familie ausging, wo er dann mit der Gouvernantin den Nachtrab bildete. Nein, Frank, ich werde mich mit all' meinen Reizen Keinem auf Gnade und Ungnade übergeben, der nicht wenigstens Kapitän ist und ein paar goldene Epauletten auf seinen Schultern trägt.« »Sehr wohl,« erwiederte ich, mit einer ordentlichen Dosis Selbstgefälligkeit in den Spiegel sehend; »wenn es dir beliebt, dein Glück auf die Versprechungen eines ersten Lords der Admiralität und auf ein paar Epauletten zu bauen, so kann ich nichts weiter sagen. Für den Geschmack der Frauen haben wir keinen Maßstab; es gibt Damen, welche Goldborten und Runzeln der Jugend und Schönheit vorziehen – und es bleibt mir nichts anderes übrig, als sie zu bedauern.« »Frank,« bemerkte Emilie, »du mußt bekennen, daß du eitel genug bist, um wenigstens Admiral zu sein.« »Die Admirale sind dir für diese Artigkeit sehr verpflichtet,« versetzte ich. »Ich hege das Vertrauen, daß ich die Flagge nicht entehren würde, ich möchte sie zu führen bekommen, wann ich wollte; aber um dir die Wahrheit zu gestehen, liebe Emilie, so kann ich nicht gerade sagen, daß ich der Beförderung zu dieser Rangstufe mit großer Sehnsucht entgegensehe. Drei Sterne auf jeder Schulter, und drei Reihen goldener Borden an den Aufschlägen sind in meinen Augen kein Ersatz für abgezehrte Beine, einen gekrümmten Rücken und einen Kirchhofhusten, wobei man noch obendrein von allen Schönen des Landes verlacht und bemitleidet wird.« »Es thut mir leid um dich, mein Held,« sprach die junge Dame, »aber du mußt dich darein schicken.« »Nun, wenn ich muß, so muß ich,« erwiederte ich; »aber einstweilen gib mir einen Kuß.« »Ich bat um einen, und nahm ihrer hundert; auch würde ich noch hundert genommen haben, aber der verdammte Kellermeister unterbrach mich und übergab mir einen Dienstbrief, der nichts mehr und nichts weniger von mir verlangte, als ich solle mich ungesäumt an Bord meines Schiffes verfügen. Sic transit gloria mundi. Ich schob meinen Verdruß mit so viel sang froid in die Tasche, als ich aufbieten konnte, verscheuchte die lange Weile und tröstete mich für die Leiden der Vergangenheit mit so viel Genüssen, als sich in den kleinen Zeitraum zusammendrängen ließen, der mir noch vergönnt war. Glücklicher Weise war der erste Lieutenant der Fregatte, was wir einen harten Offizier nennen; er ging nie an's Land, weil er wenig Freunde und noch weniger Geld hatte. Seinen Sold bezog er jedesmal am Tage des Verfalls, und reichte damit bis zum nächsten Zahltage; und weil ich fand, daß er eine spanische Cigarre und ein correktes Glas Cognac-Grog liebte – denn er trank nie im Uebermaß – machte ich ihm ein Kistchen solcher Cigarren und ein Dutzend Cognac-Flaschen zum Geschenk, um ihn in den Stand zu setzen, meine nächtliche Abwesenheit mit christlicher Fassung zu tragen. Sobald des Tages Last und Hitze vorüber war, sagte gewöhnlich der gutmüthige Lieutenant: »Kommen Sie, Herr Mildmay, ich weiß, wie's bei den Verliebten ist; war auch einmal verliebt, wiewohl seither schon viele Jahre dahingeschwunden sind, und ich bin überzeugt, daß ich mich bei Ihrer Polly (so nannte er Emilie) in Gunst setze, wenn ich Sie in ihre Arme schicke. Dort ist die Yolle für Sie; senden Sie das Boot zurück, sobald sie gelandet haben, und kommen Sie morgen früh um neun Uhr wieder, um die Midshipmen und die Arbeiter im Dockenhofe zu treffen.« Dies war mir höchst erwünscht. Gewöhnlich kam ich in Somerville's einstweiliger Wohnung zu Blackheath an, wenn die Glocke das Zeichen zum Ankleiden gab, und traf jedesmal eine angenehme Tischgesellschaft. Mein Vater und Clara waren ebenfalls Gäste des Hauses. Mit Herrn Somerville's gütiger Erlaubniß führte ich auch Talbot ein, den ich als einen Mann von vollendeter Weltbildung, von klarem Verstand, guter Erziehung und vornehmen Verbindungen unter der Aristokratie des Landes mit Stolz meinen Freund nannte. Meiner Schwester stellte ich ihn besonders vor und legte in Emiliens Ohr, wo ich wußte, daß es nicht lange bleiben würde, mit flüsternder Stimme das Geheimniß nieder, daß er die unerläßliche Bedingung der zwei Epaulette besitze; »deßhalb bitte ich dich,« setzte ich hinzu, »traue dich nicht zu sehr in seine Nähe, er könnte dich sonst durch Ueberfall nehmen, wie den Vollblut-Yankee.« Talbot wußte, daß Emilie verlobt war, und bewies ihr nur die gewöhnlichen Aufmerksamkeiten, welche die Höflichkeit erfordert. Gegen Clara benahm er sich ganz anders; die Anziehungskraft, die sie von Natur hatte, wurde in seinen Augen durch die Freundschaft bedeutend erhöht, welche wir seit meiner denkwürdigen Schwimmübung zu Spithead mit einander unterhielten. (Von jener Zeit an nannte er mich scherzweise Leander.) Doch bevor ich mit diesem Theile meiner Geschichte fortfahre, muß ich den Leser bitten, eine Minute lang anzuhalten, während ich eine Schilderung von meiner lieben kleinen Schwester Clara zu entwerfen suche. Sie hatte eine sehr weiße Haut, ein schönes, kleines, ovales, ebenmäßiges Gesicht, funkelnde, sprechende, schwarze Augen, schöne Zähne, kirschrothe Lippen, und ein schwarzes, üppiges Haar, das in Locken jeder Größe über Gesicht und Nacken herabfloß; Arme und Brustbild hätten einem Phidias und Praxiteles zum Muster dienen können; der Wuchs war schlank und Hände und Füße klein und schön. Ich hatte schon oft gedacht, daß es äußerst Schade wäre, wenn ein so liebliches Wesen nicht mit einer eben so guten Probe unseres Geschlechtes vermählt würde, und schon lange war mir mein Freund Talbot als derjenige Mann erschienen, der am besten dazu geeignet sein dürfte, diese hübsche, kleine, sichere, schnell segelnde, gut getakelte Schmacke zu führen. Unglücklicher Weise hatte Clara bei all' ihren Reizen einen Fehler, und zwar, wie es mir vorkam, einen höchst bedenklichen: sie mochte keinen Seemann leiden. Die Soldaten fanden Gnade vor ihren Augen. Clara's Vorurtheile waren nicht leicht zu überwinden; was einmal Wurzel gefaßt hatte, wuchs empor und trieb Blüthen. Sie war der Meinung, die Seeleute haben keine Erziehung und denken zu viel an sich selbst oder an ihre Schiffe, kurz, sie seien eben so rauh und ungehobelt, als in sich selbst verliebt. Bei so hartnäckigen und tiefgewurzelten Vorurtheilen gegen unsern ganzen Stand war es höchst verdienstlich von Talbot, sie zu überwinden; aber da ihre Liebe zur Landmacht mehr dem Ganzen als dem Einzelnen galt, so hatte Talbot ein freies Schlachtfeld. Er eröffnete seinen Operationsplan damit, daß er sie zu Tische führte und sich mit bescheidener Zuversicht an ihre Seite setzte. Aber er war mit ihrer schwachen Seite so genau bekannt, daß er unseres unglücklichen Elementes nicht mit einer Sylbe gedachte; ja er wußte sie mit allen Arten von Gegenständen, die er ihrem Geschmacke am angemessensten fand, so sehr in Anspruch zu nehmen, daß sie endlich zu dem Geständnisse genöthigt war, er dürfte denn doch eine Ausnahme von der Regel bilden, und ich nahm mir die Freiheit, mich der Hoffnung hinzugeben, eine zweite Ausnahme zu begründen. Eines Tages nannte mich Talbot bei Tisch Leander, und erregte dadurch augenblicklich die Aufmerksamkeit der Damen. Sie verlangten eine Erklärung; wir wichen derselben aus und brachten einen andern Gegenstand zur Sprache. Allein Emilie reihte gewisse unvollkommene Berichte, die ihr durch die Güte einiger Hausfreunde zu Ohren gekommen waren, an einander, und bildete sich daraus die Traumgestalt einer Nebenbuhlerin. Am folgenden Morgen nahm sie mich so scharf in's Verhör über diesen Gegenstand, daß ich mich aus Furcht, die Sache möchte von anderer Seite erörtert werden, zur Beichte genöthigt sah. Ich erzählte ihr die ganze Geschichte meiner Bekanntschaft mit Eugenien, und sagte ihr von unserer letzten Zusammenkunft und ihrem geheimnißvollen Verschwinden. Ja, ich verschwieg ihr sogar den Umstand nicht, daß sie mir Geld angeboten hatte, aber von der Wahrscheinlichkeit, daß sie Mutter sei, glaubte ich nichts erwähnen zu müssen. »Es sind jetzt fünfthalb Jahre verstrichen,« sagte ich, »seit wir uns das letzte Mal gesehen haben, und da sie mein Verhältniß zu dir kennt, so ist es höchst unwahrscheinlich, daß wir uns jemals wieder sehen. Auf jeden Fall werde ich sie nie aufsuchen, und sollte mich ihr der Zufall in den Weg führen, so hege ich das Vertrauen zu mir, daß ich mich als Mann von Ehre benehmen werde.« Ich hielt es nicht für nothwendig, sie mit dem Kugelregen bekannt zu machen, den mir Talbot nachgeschickt hatte, denn ich fürchtete, ihm dadurch in der Meinung Emiliens und Clara's zu schaden. Als ich meine Erzählung geschlossen hatte, seufzte Emilie, und ihr Antlitz umschattete sich mit einer düstern Wolke. Ich fragte sie, ob sie mir vergeben hätte. »Bedingungsweise,« erwiederte sie, »wie du zu den Meuterern gesagt hast.« Dreiundzwanzigstes Kapitel. In allen Staaten Europa's gibt es eine Klasse von Menschen, welche sich von ihrer Kindheit an einen Vorrang anmaßen, der von ihrem sittlichen Charakter unabhängig ist. Die Aufmerksamkeit, die ihnen vom Augenblicke ihrer Geburt an erzeigt wird, bringt ihnen den Begriff bei, als seien sie zum Befehlen geschaffen; bald lernen sie sich als eine besondere Menschengattung betrachten, und einer gewissen Rangstufe und Stellung gewiß, geben sie sich keine Mühe, sich derselben würdig zu machen. Raynal. Es ist jetzt Zeit, meinen Leser mit meinem neuen Schiffe und neuen Kapitän bekannt zu machen. Das Schiff war eine Fregatte von der größten Art, ausdrücklich dazu erbaut, um sich mit den großen, doppeltgebankten Fregatten der Yankees zu messen, und führte dreißig lange Vierundzwanzigpfünder auf dem Mitteldeck, desgleichen dieselbe Anzahl zweiundvierzigpfündiger Carronaden auf Hinterdeck-Plankengängen und im Vorderkastell. Bereits war ich eine Woche lang an Bord, wo ich den Tag über meinen Dienst verrichtete, und die Abende bei Herrn Somerville zu Bleakheath den Freuden der Geselligkeit widmete. Noch hatte ich keinen Kapitän gesehen, und der erste Lieutenant war eines Morgens an's Land gegangen, um seine Beine zu strecken. Ich war jetzt kommandirender Offizier. Die ganze Mannschaft saß beim Mittagessen; ein feiner Regen rieselte auf die Erde nieder, und ich ging allein auf dem Hinterdeck auf und ab, als ein Küstenboot anfuhr, worin ein einfach gekleideter Herr saß. Ich schenkte ihm keine Aufmerksamkeit, weil ich ihn für einen Wein- oder Schnapshändler ansah, der um die Erlaubniß nachsuchen würde, das Schiff zu bedienen. Der Fremde betrachtete die schmutzigen Matrosentaue, welche ihm die Wandjungen hinhielten, und fragte, ob sie kein neues Paar hätten. Der Angeredete gab eine verneinende Antwort, und während der Fremde bemerkte, daß dann nichts anderes zu machen sei, faßte er die schmutzigen Taue und erstieg die Schiffswand. Auf dem Hinterdecke angelangt, trat er auf mich zu und zeigte mir ein paar schwefelgelbe, mit Theer und Schmutz überzogene Handschuhe, indem er in ärgerlichem Tone bemerkte: »Bei Gott, Sir, ich habe ein neues Paar Handschuhe ruinirt.« »Ich ziehe jedesmal die Handschuhe aus, wenn ich die Wand ersteige,« versetzte ich. »Aber ich behalte die Handschuhe an,« erwiederte der Fremde, »und warum konnte ich keine neuen Taue bekommen?« »Weil ich den Befehl gegeben habe,« erwiederte ich, »sie nie hinabzureichen, als wenn ›die Seite gepfiffen‹^ wird.« »Und warum wurde die Seite nicht für mich gepfiffen, Sir?« »Weil wir die Seite niemals pfeifen, Sir, wenn wir nicht wissen, für wen.« »So gewiß ich im Oberhause sitzen werde, will ich Sie dafür bei Ihrem Kapitän melden.«. »Wir pfeifen die Seite nur für Offiziere in Uniform,« bemerkte ich, »und ich habe noch zu erfahren, mit welchem Rechte Sie diese Ehre in Anspruch nehmen.« . »Ich bin ...., Sir,« sagte er, mir seine Karte zeigend; »kennen Sie mich jetzt?« »Ja, Sir,« erwiederte ich, »als einen Gentleman; aber ehe ich Sie in Kapitänsuniform sehe, kann ich Ihnen die Ehre nicht erzeigen, die Sie ansprechen.« Bei diesen Worten berührte ich ehrerbietig meinen Hut »Dann werde ich Ihnen mehr von dieser Sache zu wissen thun,« sagte er, »so wahr ich im Oberhause sitzen werde.« Und nachdem er noch die Frage gestellt, ob der Kapitän an Bord sei, und eine verneinende Antwort erhalten hatte, drehte er sich um und stieg die Schiffsseite hinab in sein Boot, ohne mir Gelegenheit zu geben, ihm ein paar neue Taue reichen zu lassen. Er ruderte an's Land und ich hörte nie mehr etwas von den schmutzigen Tauen und den ruinirten Handschuhen. Wie ich nachher erfuhr, hatte dieser Offizier die Gewohnheit, seine Worte mit diesem Lieblingsgegenstande seines Ehrgeizes zu spicken; aber da er jetzt Mitglied des Oberhauses ist, so läßt sich vermuthen, daß er diese Schwurformel gegen eine andere vertauscht hat. So lange er ein Schiff befehligte, pflegte er zu sagen: »So wahr ich im Oberhause sitzen werde, lasse ich dich peitschen, Kerl;« und wenn diese Zusicherung einmal über seine Lippen getreten war, so wurde die Strafe unerläßlich vollzogen. Wir machten die Verneinung dieses Kernspruches zu unserem Sprüchwort; Lieutenants, Midshipmen, Matrosen und Seesoldaten machten ihre Ansprüche auf Wahrheit durch die Betheurung geltend: »So wahr ich nicht im Oberhause sitzen werde.« Dies war der vornehme Lord, der sich als Befehlshaber eines der Schiffe Sr. Majestät in China von einem Landeseingeborenen abzeichnen ließ. Da die Aehnlichkeit nicht sehr schmeichelhaft war, erhielt der Künstler einen scharfen Verweis von seinem Gönner. Der arme Mann erwiederte: »O weh, Meister, wie kann schön Gesicht machen, wenn schön Gesicht nicht hab' empfangen.« Diese Anekdote wurde gleich einer Menge anderer Erzählungen gestohlen und auf andere Fälle angewendet; aber ich nehme sie als das rechtmäßige Eigenthum der Flotte in Anspruch und vermag ihren Ursprung, wie ich ihn angab, zu verbürgen. Meine Tischgenossen trafen nach einander ein, bis unsere Anzahl vollständig war. Endlich kam eine Note in einem Umschlage mit der Aufschrift: »An den Unterlieutenant im Dienst,« und mit dem Namen des adeligen Schreibers unten in der linken Ecke; sie meldete die Ankunft des Kapitäns auf den folgenden Tag. Wir erwarteten ihn natürlich in voller Uniform mit Stülphut und Degen, während die Marinewache unter dem Gewehr stand. Er kam um halb ein Uhr, wo die Mannschaft am Mittagessen saß, an die Schiffswand – eine ungewöhnliche Stunde für einen solchen Besuch, da man nicht gewohnt ist, sie bei ihren Mahlzeiten zu stören, wenn es irgend vermieden werden kann. Er erschien in einem rockartigen Frack mit niederfallendem Kragen und Ankerknöpfen; auf dem Kopfe trug er eine Schützenmütze mit einem breiten goldenen Band; Epaulette hatte er nicht. Dies war nicht ganz in der Ordnung, aber da er ein Lord war, sprach er ein derartiges Vorrecht an, und auf diesen Felsengrund stützte er sich, wie wir nachher fanden, bei jeder Gelegenheit. Wir wurden ihm alle vorgestellt, und er ließ sich gegen Jeden zu einer Beugung des Kopfes herab. Seine Fragen waren sämmtlich an den ersten Lieutenant gerichtet und bezogen sich alle auf die Behaglichkeit seines Privatlebens. »Wo schläft mein Steward? Wo liegt mein Bedienter? Wo ist mein Kuhstall, und wohin kommen meine Schafe? Nachdem er eine Stunde lang in unserer Gesellschaft gewesen, hatten wir bereits die Entdeckung gemacht, daß sein adeliges Selbst der Gegenstand seines Götzendienstes war. Was die Einzelnheiten des Schiffes und seiner Mannschaft betraf, wie Maste, Takelung, Stauung, Munition, Wasservorrath und Fahrtiefe – dies waren Dinge, womit er seinen Geist nicht ermüdete. Eine Stunde lang war er an Bord, dann verlangte er sein Boot und kehrte an's Land zurück. Wir sahen ihn erst bei unserer Ankunft in Spithead wieder, wo seine Lordschaft in Begleitung einer Person erschien, in welcher wir bald einen auf halben Sold gesetzten Flottenzahlmeister entdeckten, einen Mann, welcher sich durch die größte Schmeichelei und zahllose kleine Aufmerksamkeiten bei seinem Beschützer so sehr in Gunst gesetzt hatte, daß er ein eben so notwendiger Anhang seiner Reisebedürfnisse geworden war, als der Mantelsack oder der Kammerdiener. Dieser verächtliche Speichellecker war der Doppelgänger seiner Lordschaft, der lebendige Abguß des terenzischen Gnatho; nie konnte ich ihn ansehen, ohne an die Stelle zu denken, welche mit den Worten endet: si negat id quoque nego . Diesem Tropfen war schwarz weiß und weiß schwarz, je nachdem es Seiner Herrlichkeit genügte. Er speiste in der Kajüte, stiftete viel Unheil im Schiff und entging einem Hundstritte blos deswegen, weil er zu verächtlich war, um einen solchen zu verdienen. Meine schönen Leserinnen werden ohne Zweifel begierig sein, wie ich mich von Emilien trennte, und ich bin wirklich nicht ungeneigt, sie zu verpflichten, wiewohl dies ein zarterer Gegenstand ist. Sobald wir unsere Befehle erhielten, nach Spithead abzugehen, traf Herr Somerville die nöthigen Vorbereitungen zum Umzuge, denn er hatte sich in der Hoffnung, meine Beförderung werde noch vor unserer Abfahrt stattfinden, während der Ausrüstung des Schiffes in seinem Hause zu Blackheath aufgehalten. Auf die erneuerte Anfrage meines Vaters bei der Admiralität wurde mir die Antwort, ich müßte meine Beförderung auswärts holen. Dies bestimmte Herrn Somerville, seine Sommerquartiere sogleich abzuschlagen, denn er war klug genug, um es einzusehen, daß ohne diese Veränderung meine Dienste für mein Schiff verloren wären, und daß ich wahrscheinlich von meinem Kapitän zurückgelassen würde, wenn er und Emilie mich nicht in Woolwich zurückließen. Aus diesen Gründen eröffnete er mir, daß er binnen vierundzwanzig Stunden abzureisen gedenke. Emilie bedauerte dies in eben so hohem Grade, wie ich selbst. Ich machte ihr freundliche Vorwürfe über ihre Grausamkeit, aber sie antwortete mir mit einer Festigkeit des Charakters und einer Klarheit des Verstandes, die ich nur bewundern konnte: ich habe nur Einen Rathgeber, ihren Vater, und bis sie sich vermähle, gedenke sie, auch nie einen andern zu nehmen; auf seine Ermahnung habe sie die Verbindung aufgeschoben, »und da wir Beide noch nicht über die Jahre hinaus sind,« fügte sie hinzu, »so vertraue ich auf Gott, daß wir einander wiedersehen.« Ich bewunderte ihren Heldenmuth, gab ihr einen Kuß, hob sie in den Wagen, und wir drückten einander die Hände zum Abschied. Ich brauche kaum zu sagen, daß ich ein paar Thränen in ihren Augen erblickte. Herr Somerville sah, daß eine ganze Fluth hereinbrechen wollte, zog das Wagenfenster in die Höhe, nickte mir noch einmal freundlich zu und ließ die Pferde dahintraben. Das Letzte, was ich von Emilien sah, war ihre rechte Hand, welche ihr Taschentuch an die Augen hielt. Nachdem die theuren Bewohner das Haus verlassen hatten, wandte ich voll Verdruß der Thüre den Rücken und rannte nach meinem Boote, wie ein Hund, der gestohlen hat. Als ich an Bord kam, war mir der Anblick jeder Person und der Geruch jeder Sache verhaßt. Pech, Tünche, Raumwasser, Theer und Rum hatten sich zu einem furchtbaren Vereine gegen mich verschworen, und ich war so krank und elend, wie nur ein liebekranker Seefahrer sein kann. Ich habe vorhin bemerkt, daß wir zu Spithead angekommen waren, und da ich von diesem Orte nichts mehr zu sagen weiß, will ich sogleich in See stechen. Wir gingen nach Nordamerika unter Segel – der angenehmsten Station, die ich finden konnte, nachdem ich einmal von Emilien getrennt war. Unsere Ueberfahrt war verdrießlich, und wir wurden auf kurze Wasserportionen gesetzt. Nur wer es selbst erfahren hat, weiß, was das ist. Alle hatten darunter zu leiden, blos der Kapitän fühlte keinen Mangel; er sprach sein Vorrecht an und verwendete täglich ein Dutzend Gallonen zu seinen Fußbädern, welche er kaum beendigt hatte, als die Matrosen schon gierig über das Wasser herfielen. Es entstand ein Gemurmel, welches dem Kapitän zu Ohren kam. Mit der zu Almack einheimischen Gefühllosigkeit bemerkte er: »Gut; Sie wissen aber, wenn man kein Vorrecht hat, wozu nützt es dann, Kapitän zu sein?« »Sehr wahr, Mylord,« sagte der Speichellecker mit einer tiefen Verbeugung. Ich will hier eine kurze Beschreibung Seiner Lordschaft versuchen. Er war ein schmucker, gelenkiger, schön gewachsener Mann, mit einem hübschen, aber nicht sehr geistreichen Gesicht, verwandte eine besondere Sorgfalt auf seine Person, und verdankte den Aufmerksamkeiten Herrn »Kriechers« eine sehr hohe Meinung von seinem Selbst; dabei war er stolz auf seine aristokratische Geburt, aber noch viel eitler auf seine Persönlichkeit. Seine Kenntnisse waren beinahe in allen Stücken Stückwerk – die vornehme Welt und verschiedene Anekdoten, die sich daran knüpften, bildeten die gewöhnlichen Gegenstände seines Gesprächs. An seinem Tische führte er meistens die ganze Unterhaltung allein, und während ihm seine Gäste den Wein abtranken, »lachten sie mit nachgeahmter Laune« u.s.w. Seine Forschungen in der Literatur beschränkten sich auf zwei Oktavbände, die Denkwürdigkeiten des Grafen von Grammont – ein anziehendes, aristokratisches Werk, das nie aus seiner Hand kam. Er war eine Reihe von Jahren auf der See gewesen, aber unerklärlicherweise verstand er nichts – buchstäblich nichts von seinem Berufe. Im Seewesen; in der Schifffahrtskunde und in allen Fächern des Flottendienstes war er völlig unwissend. Ehe er zu uns an Bord kam, hatte ich oft von ihm als einem guten Offizier reden hören, und ich muß ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß er von Natur ein gutes Herz hatte und, wie ich glaube, eben so viel Muth besaß, wie irgend Einer, der je den Degen zog. Selten machte er eine Bemerkung im Dienste, denn er war sich seines Mangels an Kenntnissen bewußt und besaß Klugheit genug, sich nie über seine Tiefe hinauszuwagen. Wenn er auf's Hinterdeck kam, sah er gewöhnlich nach der Wetterhauptbrasse, und war diese nicht so straff, wie eine Streckstange, so befahl er sie so zu straffen. Dabei konnte er sich nicht leicht bloßstellen. Aber dieses straff wurde bei uns ein stehendes Beiwort, wenn wir unten über ihn lachten. Er hatte die seltsame Gewohnheit, die Namen der Personen und Sachen zu vergessen, oder vergessen zu wollen, vermutlich weil sie zu tief unter ihm standen, und statt der Namen gebrauchte er dann die zierlichen Redensarten: »Was für einen Namen,« »wie nennen Sie es,« und »Dings da«. Eines Tages kam er auf's Verdeck und gab mir buchstäblich folgende höchst verständliche Weisung. »Herr, wie ist der Name, haben Sie die Güte, das – wie nennen Sie es – das – das Dings da –« »Aha Mylord,« erwiederte ich, »Hinterwache! die Wetterhauptbrasse angestrafft.« Dies war es genau, was er gewollt hatte. Er war höchst eigen und empfindlich, wenn er nicht gehörig angeredet wurde. Nicht ungewöhnlich antwortet man auf den Befehl eines kommandirenden Offiziers: »Sehr gut, Sir,« um damit anzudeuten, daß man ihn vollkommen verstanden habe und freudig gehorchen wolle. Ich hatte mir diesen Ausdruck angeeignet und bediente mich einst seiner gegen den Lord, indem ich auf eine Weisung, die er mir ertheilt hatte, die Antwort gab: »Sehr gut, Mylord.« »Herr Mildmay,« bemerkte Seine Lordschaft, »ich vermuthe keineswegs, daß Sie absichtlich die Ehrerbietung aus den Augen setzen, aber ich werde es Ihnen Dank wissen, wenn Sie mich in Zukunft mit dieser Antwort verschonen; der Ausdruck ›sehr gut‹ geziemt sich für mich, nicht für Sie, denn Sie heißen dadurch meinen Befehl gut, und das gefällt mir nicht; ich bitte Sir, es nicht wieder zu thun – Sie verstehen mich.« »Sehr gut, Mylord,« versetzte ich – so tief wurzelt die Gewohnheit, »ich bitte Eure Lordschaft um Vergebung, ich wollte sagen ›sehr wohl‹.« »Der junge Mann gefällt mir nicht sehr,« bemerkte Seine Lordschaft zu ihrem Speichellecker, der auf dem Hinterdeck neben ihm auf- und abschritt, während er gleich dem »stumpfgeschwänzten Affen« seinem Herrn in's Gesicht sah. Ich hörte die Antwort nicht, aber natürlich war sie ein Echo. Wir refften zum erstenmale in See die Topsegel ein. Der Kapitän war auf dem Verdeck; er sah dem Geschäfte zu, ohne ein Wort zu sprechen. Das zweitemal fanden wir, daß er die sämmtlichen Worte des ersten Lieutenants aufgefangen hatte, denn er wiederholte sie mit lauter, pomphafter Stimme, ohne zu wissen, ob sie auf den gegebenen Fall anwendbar waren, oder nicht. Das drittemal glaubte er schon allein gehen zu können, und stürzte; er machte wirklich einen traurigen Mißgriff. »Das Vortopsegel gehißt,« rief der erste Lieutenant. »Das Vortopsegel gehißt,« sagte der Kapitän. Die Matrosen stampften im Hinterschiffe, und die Topsegelraaen erhoben sich schnell gegen die Mastspitze, als sie durch ein plötzliches Zusammenstoßen mit den Vortopsegelfallen aufgehalten wurden. »Wo fehlt's?« rief mir der erste Lieutenant zu, denn ich stand auf meinem Posten im Vorderkastell. »Am Topsegellien ist etwas nicht in der Ordnung,« erwiederte ich. »Was fehlt dort vorn?« fragte der Kapitän. »Das Topsegellien ist nicht in der Ordnung, Mylord,« antwortete der erste Lieutenant. »Verdammt sei das Topsegellien! Schneidet es ab. Heraus mit dem Messer, da oben, ich will, daß das Topsegel gehißt werde; schneidet das Topsegellien ab«« Für diejenigen Leser, welche mit dem Seewesen weniger vertraut sind, muß ich hier bemerken, daß das Topsegellien gerade das Tau war, an welchem in diesem Augenblicke die Raa hing. Wurde nun dasselbe abgeschnitten, so wurde dadurch das Schiff so lange außer Thätigkeit gesetzt, bis es wieder hergestellt war, und hätte man dem Befehle Folge geleistet, so wären aller Wahrscheinlichkeit nach die Topsegel selbst auf der Kappe gesprungen, oder abgebrochen. Wir kamen nach Halifax, ohne mit einem feindlichen Schiffe zusammen zu treffen, und sobald wir in den Hafen gelaufen waren, ging ich an's Land, um meine sämmtlichen Herzallerliebsten zu besuchen und jeder derselben die Versicherung zu geben, daß ich einzig und allein um ihretwillen meinen ganzen Einfluß aufgeboten hätte, um wieder auf diese Station geschickt zu werden. Zum Glück für sie und für mich war es mir nicht lange gestattet, meine Zeit zu vertändeln. Wir erhielten den Befehl, an der nordamerikanischen Küste zu kreuzen. Es war Winter und sehr kalt; wir hatten manchen wilden Sturm auszuhalten, wobei wir von den häufigen und plötzlichen Nordoststößen mit Schneegestöber und durchdringender Kälte viel zu leiden hatten. Es fror wirklich so stark, daß unsere bewegliche Takelung beinahe nicht mehr gehandhabt werden konnte, und wir siedendes Wasser in die Blockscheiben gießen mußten, um das Eis zu schmelzen und den Tauen den Durchzug zu öffnen. Der Kapitän war gegen den Frost so sehr empfindlich, daß er uns nie mehr als einmal innerhalb vierundzwanzig Stunden die Ehre seiner Gegenwart auf dem Verdeck schenkte. Wir warfen auf der Höhe eines Küstenstriches Anker, der nicht in Vertheidigungsstand gesetzt war. Da die Leute von ihrer Regierung nicht geschützt wurden, so betrachteten sie sich als neutral und lieferten uns Fische, Geflügel und Vegetabilien, so viel wir verlangten. Während wir hier lagen, gingen Kapitän und Offiziere häufig auf kurze Zeit an's Land, ohne irgend eine Belästigung zu erfahren. Eines Abends erhob sich nach der Rückkehr des Kapitäns ein Sturmwind mit Schneegestöber. Man vergaß des Kapitäns Gig aufzuhissen; das Bindsel riß und das Boot trieb in See; es dauerte einige Zeit, bis man es vermißte. Am andern Morgen stellte man Nachforschungen an und erfuhr, daß es wenige Meilen von unserm Ankerplatze an's Land getrieben, von Amerikanern in Besitz genommen und zweiundzwanzig Meilen weiter nach einem feindlichen Theile der Küste geführt worden war. Den Kapitän verdroß der Verlust seines Bootes nicht wenig, da er es als sein Privateigenthum betrachtete, wiewohl es von des Königs Leuten und mit des Königs Planken und Nägeln auf dem Schiffe erbaut worden war. »Als mein Privateigentum,« bemerkte Seine Lordschaft, »muß es herausgegeben werden, wie Sie wissen.« Ich sagte nichts davon, daß ich mit angesehen hatte, wie der Ankerstempel in der Planke, aus der man es erbaut hatte, von der Säge durchschnitten, und die besagte Planke in dem Ausgaben-Verzeichniß auf einen andern Gebrauch eingetragen worden war. Dies war nicht meine Sache; auch ließ ich mir nicht träumen, daß der Verlust dieses kleinen Bootes mich selbst an den Rand des Verderbens führen würde, was wirklich geschah, wie überhaupt dieser Zufall sehr ernste Folgen nach sich zog. »Sie müssen Privateigentum achten, wie Sie wissen,« sagte der Kapitän zum ersten Lieutenant. »Ja,« antwortete der erste Lieutenant; »aber sie wissen nicht, daß es Privateigenthum ist.« »Sehr wahr, deßhalb will ich Jemand hinschicken und es Ihnen sagen lassen.« Mit diesen Worten ging er in seine Kajüte hinab, um sein Mittagessen zu sich zu nehmen. Wir erhielten Befehl, die Dolle auszurüsten und mit Tagesanbruch hinabzulassen, und mir wurde die Weisung ertheilt, mit ihr abzufahren. Um neun Uhr des andern Morgens ward ich in die Kajüte beschieden; Seine Lordschaft lagen noch im Bett, und die grünseidenen Vorhänge am Rahmengestell waren fest zugezogen. »Herr Dings da,« sagte seine Lordschaft, »Sie werden das, wie nennen Sie's, holen, wie Sie wissen.« »Ja, Milord,« erwiederte ich. »Und Sie werden nach der Stadt fahren und mein Dings da verlangen.« »Ihr Gig, Mylord,« erwiederte ich. »Ja, weiter nichts.« »Aber, Mylord, gesetzt, sie wollen's mir nicht geben?« »Dann nehmen Sie's.« »Gesetzt, das Gig ist nicht dort, Mylord, und wenn es dort ist, sie weigern sich, es herauszugeben?« »Dann nehmen Sie jedes Schiff, das im Hafen ist.« »Sehr wohl, Mylord. Soll ich eine Kanone in's Boot nehmen, oder bloß Kleingewehr?« »O nein, keine Waffen – nehmen Sie eine Friedensflagge – Nro. 8.(eine weiße Flagge) ist hinreichend.« »Gesetzt, sie wollen die Friedensflagge nicht anerkennen, Mylord?« »O sie wollen: Sie achten die Friedensflagge jederzeit, wie Sie wissen.« »Ich bitte Ihre Lordschaft um Vergebung, aber ich meine, ein paar Musketen im Boote könnten nichts schaden.« »Nein, nein, nein – keine Waffen. Sie würden sie umsonst anwenden; Sie haben Ihre Befehle, Sir.« »Ja, die habe ich,« war mein Gedanke. »Wenn's glückt, so bin ich ein Räuber, und wenn's nicht glückt, so hängen Sie mich an den nächsten besten Baum.« Ich verließ die Kajüte und ging zum ersten Lieutenant, dem ich meine Befehle mittheilte. Dieser Offizier hatte, wie schon oben bemerkt, keine Freunde, und da in Folge dessen seine Beförderung rein vom Kapitän abhing, scheute er sich, den Befehlen Seiner Lordschaft, wenn sie auch noch so albern waren, zuwider zu handeln. Was immer auch der Kapitän befohlen haben möge, erklärte ich ihm, keinesfalls werde ich ohne Waffen abfahren. »Die Befehle Seiner Lordschaft müssen befolgt werden,« sagte der Lieutenant. »Wenn das ist,« erwiederte ich, über seine Tollheit ergrimmt, »so sind Sie eben so pfiffig, als der Befehlshaber des Schiffs.« Dies betrachtete er als eine so grobe Beleidigung, daß er mit den Worten in seine Kajüte lief: »Darüber sollen Sie mir noch Rede stehen, Sir.« Ich schloß aus dieser Aeußerung, er sei gesonnen, mich vor ein Kriegsgericht zu ziehen, dem ich mich durch das unüberlegte Wort ausgesetzt hatte, und ging einstweilen auf's Hinterdeck, um während seiner Abwesenheit so viel Flinten und Kriegsbedarf in's Boot zu schaffen, als ich bedurfte. Kaum war dieses geschehen, als der Lieutenant wieder herauf kam und mir einen Brief in die Hand steckte, worin nichts weiter und weniger enthalten war, als die höchst tröstliche Nachricht, daß er nach meiner Rückkehr von der Expedition, auf die ich ausgeschickt wäre, Genugthuung für den Schimpf erwartete, den ich ihm angethan hätte. Ich war froh, daß es nichts schlimmeres war, und lachte über seine Drohung, denn da das Wesentliche meiner Beleidigung bloß darin bestand, daß ich ihn mit dem Kapitän verglichen hatte, so konnte er aus Furcht, seinem Gönner zu mißfallen, seinen Verdruß nicht öffentlich an den Tag legen, da er dadurch dem Manne, von dem er seine Beförderung erwarten mußte, keine größere Beleidigung zufügen konnte, und folglich alle seine goldenen Aussichten selbst zertrümmerte. Ich steckte die zeitgemäße Ausforderung in die Tasche, stieg an der Schiffseite hinunter in mein Boot und stieß ab. Eine Stunde vor Sonnenuntergang erreichte ich die Stelle, an der man das satanische Gig vermuthete; am Himmel stiegen finstere Vorzeichen eines nahenden Sturmes auf und ich glaube, daß auf der ganzen Flotte kein Kapitän mehr zu finden gewesen wäre, der in einer solchen Jahreszeit ein Boot so weit von seinem Schiffe fortgeschickt und wegen eines so werthlosen Gegenstandes einem feindlichen Land und einer Leeküste preisgegeben hatte. Meine Mannschaft bestand aus zwanzig Matrosen und einem Midshipman. Als wir vor der Einfahrt des Hafens anlangten, sahen wir vier Schiffe vor Anker liegen und steuerten geradenweges hinein. Wir hatten jedoch keine Zeit, einen Versuch mit unserer Friedensflagge zu machen, denn sobald wir in den Bereich der feindlichen Kugeln kamen, schickten uns zweihundert im Hinterhalt liegende Landwehrsoldaten eine Salve zu, welche vier meiner Matrosen niederstreckte. Es blieb uns nichts übrig, als die Schiffe zu entern und aus dem Hafen zu führen. Zwei von diesen Fahrzeugen saßen auf dem Grunde, denn wir hatten diesen Morgen mit der Abfahrt so lange gezögert, daß wir gerade zur Zeit der todten Ebbe ankamen. Wir steckten sie in Brand, und während dieses Geschäftes wurden noch einige weitere Matrosen verwundet. Die beiden andern Schiffe nahm ich in Besitz und übergab eines derselben dem Midshipman, einem ganz jungen Menschen, mit der Weisung, seine Anker zu lichten. Auch das Boot überließ ich ihm und behielt von dessen Mannschaft nur vier Matrosen für mich. Der arme Bursche verlor wahrscheinlich noch mehr Leute, denn er kappte sein Kabel und fuhr vor mir aus dem Hafen. Ich wand meinen Anker auf und verlor während dieses Geschäftes noch einen von meinen Matrosen durch eine feindliche Kugel. Bald fuhr ich meinem Midshipman nach, und wir hatten uns ungefähr vier Meilen von der Küste entfernt, als sich ein deftiger Sturm mit Schneegestöber erhob. Die Segel, die zu dem Schiffe gehörten, waren alle sehr alt und im Augenblicke zerfetzt. Es blieb mir nichts übrig, als beizulegen; ich ankerte auf einer Sandbank in fünf Faden Tiefe. Das andere Schiff verlor ebenfalls seine sämmtlichen Segel, und da es keinen Anker hatte, wie ich damals vermuthete und später erfuhr, trieb es an den Strand und scheiterte, wobei die Mannschaft entweder erfror oder verwundet und gefangen genommen wurde. Am andern Morgen sah ich das Wrack des zerschellten Schiffes mit einer Eisrinde bedeckt am Strande liegen. Der Anblick war um so trauriger für mich, da ich nicht wußte, was aus der Mannschaft geworden war. Meine eigene Lage fand ich jedoch kaum beneidenswerther. Das Schiff war gebrechlich und hatte eine schwere Ladung Salz an Bord; was, wenn es irgend naß wird, noch schlimmer ist, als Wasser, da es nicht ausgepumpt werden kann und schwerer als Blei wird. Nichts konnte uns in diesem Falle flott erhalten, und wir hatten nicht einmal ein Boot, um uns bei eintretender Gefahr zu retten. Außer der Leiche in der Kajüte hatte ich drei Mann bei mir und eine leere Vorratskammer, nicht Ein eßbarer Gegenstand befand sich an Bord. Von der Küste waren wir vier Meilen entfernt, und der heftige Sturm, der sich gegen uns erhoben hatte, vollendete das Unangenehme unserer Lage durch sein Schneegestöber und die bitterste Kälte, die ich je erfahren habe. Wir untersuchten das Schiff näher und fanden, daß es eine Menge Segel und Segeltücher an Bord hatte, die nicht für das Schiff paßten, aber in der Absicht angekauft schienen, um sie für dasselbe zurecht zu machen, wenn man ihrer bedürfen sollte. Auch fanden wir eine Menge Segelmacherhandschuhe, Nadeln und Zwirn, aber nichts zu essen als Salz, und nichts zu trinken als eine Tonne süßes Wasser. Wir zündeten ein Feuer in der Kajüte an und wärmten uns, so gut wir konnten, indem wir dann und wann auf dem Verdecke nachsahen, ob das Schiff trieb oder der Wind nachließ. Das Fahrzeug kippte schwer, das Vorderschiff wurde mit ganzen Wogenbergen überfluthet und das Wasser gefror auf dem Verdeck. Am andern Morgen fanden wir uns eine Meile näher an die Küste getrieben; der Sturm hatte noch nicht von seiner Heftigkeit verloren. Das andere Schiff lag ohne Mast zertrümmert am Strande und starrte uns gleichsam in terrorem in's Gesicht. Wir empfanden den nagendsten Hunger. Brennstoff hatten wir am zweiten Tage nur noch so viel, als wir von dem Getäfel der Kajüte abschlugen. Nun beschäftigten wir uns unten mit Anfertigung einer Segelgewandung für das Schiff und tranken dabei warmes Wasser, um die Kälte abzuhalten; aber dies konnte nicht mehr lange dauern. Der Frost wurde immer grimmiger, und bei unserer Freigebigkeit gegen den Ofen, der uns erwärmen mußte, hatten wir die Prise schon zweimal in Brand gesteckt. In unserem Kessel gefror der obere Theil des Wassers, und das Eis schmolz erst durch die von unten eindringende Hitze. Die zweite Nacht brachten wir auf dieselbe Weise zu, wie die erste, und am folgenden Morgen fanden wir, daß wir nur noch zwei Meilen vom Lande entfernt waren. Wir wurden an diesem Tage mit der Anfertigung unseres kleinen Segelwerks fertig, und mit vieler Anstrengung gelang es uns, dasselbe zu befestigen. Jetzt war die Mannschaft von Kälte und Hunger erschöpft; sie machte den Vorschlag, unser Kabel zu kappen und an's Land zu segeln, aber ich bat sie, noch bis zum folgenden Morgen zuzusehen, da diese Stürme selten lange anhielten. Sie waren es zufrieden, und wir kauerten uns wieder zusammen, um uns warm zu halten. Der Matrose auf der Außenseite schmiegte sich an die Leiche an, um sie als Schutzwehr zu benützen. Während der Nacht ließ der Sturm nach und gegen Morgen hatten wir schönes Wetter, wiewohl uns der Wind entgegenblies und es uns unmöglich machte, zum Schiffe hinauf zu laviren. Weil das Wasser fortwährend gefror, waren die Wasserstagen und das Takelwerk mit einer fünf bis sechs Zoll dicken Eisrinde überzogen, und das Vordercastell mit einer zwei Fuß dicken Eisdecke bekleidet, welche so durchsichtig war, daß man alle Taue sah, die darunter lagen. Jetzt war nichts mehr anzufangen; ich ließ das Kabel kappen und entschloß mich, an's Land zu segeln und mich zu ergeben. Ich ließ das Vordersegel hissen und steuerte auf die Küste zu, in der Absicht, mich und die Mannschaft in einer großen Stadt zu ergeben, die, wie ich wußte, ungefähr zwölf Meilen weiter oben an der Küste lag. Mich auf dem Platze zu stellen, wo ich die Schiffe genommen hatte, hielt ich nicht für klug. Als wir am dritten Morgen die Segel spannten, waren wir noch eine halbe Meile vom Lande entfernt und befanden uns ganz in der Nähe des Hafens, von dem wir ausgelaufen waren. Man hatte grobes Geschütz zur Stelle geschafft, das uns in der Schußlinie aber nicht erreichen konnte. Ich setzte immer mehr Segel bei und steuerte die Küste entlang, bis ich auf ein paar Kabellängen dem Damme nahe war, auf welchem sich Männer, Weiber und Kinder versammelt hatten, um uns landen zu sehen. Plötzlich erhob sich wieder ein Sturm mit Schneegestöber; der Wind sprang um und blies mit solcher Heftigkeit, daß ich weder den Hafen sehen, noch windwärts hineinsteuern konnte, und da ich wußte, daß ich mein Eigenthum nicht erhalten konnte, beschloßen wir, den günstigen Wind zu benützen, das Steuer umzuwenden und auf unser Schiff loszusegeln, das ungefähr vierzig Meilen entfernt sein mochte. Alles ging prächtig von Statten; um eilf Uhr Nachts riefen wir die Fregatte an und verlangten ein Boot. Sie hatten uns herankommen sehen; das Boot erschien im Augenblicke, führte uns Alle an Bord der Fregatte und ließ frische Leute auf der Prise zurück. Ich war wahnsinnig vor Hunger und Kälte, und meine ganze Mannschaft so erschöpft und entkräftet, daß wir kaum die Schiffswand hinaufkamen. An Bord angekommen, ward ich in die Kajüte beschieden, denn es war dem Kapitän zu kalt, um sein holdes Antlitz auf dem Verdecke zu zeigen. Seine Lordschaft saß vor einem behaglichen Feuer, seine Füße gegen das Kamingitter gestützt; eine Krystallflasche Meideira stand nebst einem Weinglase auf dem Tisch, und zu meinem großen Glück, wiewohl nicht zu meinem Gebrauche bestimmt, ein großer Pokal daneben. Mit der einen Hand ergriff ich den Becher, mit der andern die Flasche, goß ihn bis an den Randvoll und stürzte in einem Augenblicke den Inhalt hinunter, ohne nur Seiner Lordschaft Gesundheit zu trinken. Er starrte mich an und hielt mich ohne Zweifel für wahnsinnig; auch muß ich gestehen, daß meine Kleidung und meine ganze äußere Erscheinung meinen Handlungen völlig entsprach. In den drei Tagen meiner Abwesenheit hatte ich mich weder gewaschen noch rasirt noch gesäubert. Mein Bart war lang, meine Wangen hohl, meine Augen eingefallen, und über meinen Magen mögen die unglücklichen Franzosen urtheilen, welche aus dem russischen Feldzug zurückkamen, denn sie allein vermögen meine Leiden zu schätzen. Mein ganzes hageres Knochengerüste war in einen weiten blauen Vließinger Rock eingewickelt, der gleich einer Gußtorte mit Eis und Schnee überdeckt war. Sobald ich der Sprache mächtig war, sagte ich: »Um Vergebung, Mylord, so lange ich vom Schiffe abwesend war, habe ich nichts zu essen und nichts zu trinken gehabt.« »O dann sind Sie mir willkommen,« erwiederte Seine Lordschaft; »ich glaubte, Sie nicht mehr zu sehen.« »Wenn dies der Fall ist, weßhalb schickten Sie mich denn fort?« dachte ich bei mir selbst. Während dieses kurzen Zwiegesprächs hatte er mir weder einen Stuhl noch irgend eine Erfrischung angeboten, deren ich doch so sehr bedurfte; und wenn es mir möglich gewesen wäre, so hätte ich ihm stehend Bericht über meine Abenteuer erstatten müssen. Ich war im Begriff, zu beginnen, als mir der Wein in den Kopf stieg, und ich gegen die Rückenlehne eines Stuhles taumelte, um mich zu halten. »Lassen wir das,« sprach der Kapitän, durch meine Lage augenscheinlich aus seiner stumpfen Gefühllosigkeit emporgerüttelt; »gehen Sie und machen Sie sich's bequem, ich kann das Alles morgen hören.« Dies war der einzige Beweis von Güte, den er mir je gegeben hatte, und er kam so sehr à propos , daß ich mich ihm dafür verpflichtet fühlte. Ich dankte ihm und ging in die Constabelkammer hinab, wo ich trotz Allem, was ich von den Gefahren der Ueberfüllung nach langem Fasten gehört und gelesen hatte, Speisen und Getränke mit heißhungriger Gier verschlang, während ich in den einzelnen Zwischenräumen meinen Tischgenossen, welche mir mit Erstaunen zusahen, erzählte, wie nahe wir daran gewesen, den Leichnam zu zerschneiden und zu kochen. Als Augenzeugen meines Appetits setzten sie nicht das geringste Mißtrauen in meine Glaubwürdigkeit. Die drei Matrosen, welche ich zurückgebracht hatte, empfahl ich der Pflege des Schiffsarztes und gab mit seiner Erlaubniß jedem derselben eine Pinte reichlich versüßten Grogs zum Schlaftrunk. Nachdem ich diese Vorsichtsmaßregel ergriffen und die Forderungen der Natur von meiner Seite, sowie die Forderungen der Neugierde von Seiten meiner Tischgenossen befriedigt hatte, ging ich zu Bett und schlief einen gesunden Schlaf, der bis an den folgenden Mittag anhielt. Also endete diese ungereimte und verhängnißvolle Expedition – ein Gesandter mit der heiligen Friedensfahne ausgeschickt, um unter ihrem Schutze eine Handlung der Feindseligkeit zu vollführen! Unter solchen Umständen gefangen zu werden, wäre unser Todesurtheil gewesen; man hätte uns wie Hunde am ersten besten Baume aufgehängt, und unbewaffnet abzufahren, wäre Tollheit gewesen; deßwegen hatte ich es auch über mich genommen, einem ungerechten und vernunftwidrigen Befehle entgegen zu handeln. Dies müssen jedoch nicht die niedereren Offiziere als ein nachzuahmendes Beispiel, sondern die höheren als eine Warnung betrachten; für jene ist Gehorchen stets der sicherste Weg, für diese ist es Pflicht, keinen Befehl zu geben ohne zuvor die Folgen genau erwogen zu haben. In gegenwärtigem Falle verlor die Flotte Seiner Majestät achtzehn wackere Bursche unter den grausamsten Leiden, und zwar wegen eines Bootes, das der Kapitän ein Privateigenthum nannte und Jedermann für zwanzig Pfund zu theuer gefunden hätte. Kaum war ich angekleidet, als mir der erste Lieutenant sagen ließ, daß er mich zu sprechen wünsche. Ich erinnerte mich an die unbedeutende Geschichte mit der Ausforderung, und sagte bei mir selbst: »Ein köstliches Nachspiel der Tragödie, vom ersten Lieutenant erschossen zu werden, weil ich ihn eben so pfiffig fand, als den Kapitän.« Der Lieutenant hatte jedoch keine solche barbarische Absichten; er hatte die Wahrheit meiner Bemerkung eingesehen und anerkannt, und da er ein gutmüthiger Nordländer war, reichte er mir seine Hand. Ich hatte genug durchgemacht, um sie nicht freudig zu ergreifen. Vierundzwanzigstes Kapitel. Bell. Sie haben jetzt Gelegenheit, Madame, sich für die Beleidigung zu rächen, die er Ihrem Eichhörnchen angethan. Belin. O, das gemeine, rohe Vieh! Aram. Dies ist ein ewiger Zank. Der alte Hagestolz. Am nächsten Tage gingen wir unter Segel, und nachdem wir noch einen weiteren Monat ohne Erfolg gekreuzt hatten, liefen wir wohlbehalten in Halifax ein, wo ich die Nachricht erhielt, daß ein alter Freund von meinem Vater, Sir Sturmdrang Windmacher, von dem ich in diesem Werke bereits gesprochen habe, so eben angelangt sei. Er war nicht im Dienste gekommen, sondern wollte nur nach seinen Besitzungen sehen. Es ist hier unumgänglich nothwendig, daß ich den Leser mit mehr als gewöhnlicher Förmlichkeit bei Sir Sturmdrang einführe, um ihn mit dem Charakter dieses Mannes genau bekannt zu machen. Sir Sturmdrang hatte sich durch seinen Scharfsinn und durch die Gönnerschaft eines reichen Mannes im südlichen England emporgeschwungen. Er hatte ein hitziges Temperament und war ein bewundernswürdiger Friedensrichter, wo es sich um Anwendung des Argumentum baculinum handelte: ein Vorzug, dem er den ehrenvollen Auftrag verdankte, ein paar widerspenstige Niederlassungen zur Ruhe und Ordnung zu verweisen, was ihm auch durch Festigkeit und gute Laune gelang. Er verstand von Allem Etwas, und seine Kenntnisse erstreckten sich nicht wie das Wissen Salomo's vom Ysop bis zur Ceder, sondern vom Kartoffelkessel bis zum Dampfkessel, und vom Grundelnfang bis zum Wallfischfang. Er wußte Schweine und Geflügel zu mästen, und hatte eine besondere Methode, die letzteren im Volumen zu erweitern, nicht aber in der Zucht zu veredeln; kurz, er war »Hansdampf in allen Gassen und Herr in keiner.« Ich will jedoch in seinen Denkwürdigkeiten nicht weiter zurückgehen, als bis zu dem Tage, wo er es für nöthig fand, ein altes Weib in der Bereitung der Hammelsbrühe zu unterweisen. Durch redliche Erfüllung seiner Pflicht hatte er sich in einer gewissen, sehr schmutzigen Seestadt das Mißfallen der niederen Stände im Allgemeinen zugezogen. Nichtsdestoweniger versäumte er keine Gelegenheit, den Armen Gutes zu thun und seinen Rath gratis zu ertheilen. Eines Tages sah er ein Weib den siedenden Inhalt eines Kessels unter ihrer Hausthüre auf die Straße gießen. Er trat hinzu und entdeckte einen Hammelsfuß auf dem Boden des Kessels. »Gute Frau,« sagte der haushälterische Baronet zu dem minder ökonomischen Weib, welches die kostbare Flüssigkeit wegwarf; »wißt Ihr auch, was Ihr thut? Ein Stück Fleisch, ein paar Carrotten und ein paar Rüben, in Würfel geschnitten und mit etwas Sellerie in die Flüssigkeit geworfen, würde für Eure Familie eine vortreffliche Hammelsbrühe geben.« Die Alte sah empor, erblickte den Dämon der Schiffsdocke, und goß entweder aus Mangel an Geistesgegenwart oder aus Bosheit einen Theil des siedenden Wassers Sir Sturmdrang in die Schuhe. Der Baronet sprang in die Höhe, schrie, hüpfte, stampfte, warf seine Schuhe weg, rannte nach Hause, und verfluchte das alte Weib und sich selbst wegen seines Versuches, sie in der Bereitung der Hammelsbrühe zu unterweisen. Während er davon lief, rief ihm die undankbare Hexe nach: »Geschieht Euch Recht; wird Euch eine Warnung sein, Eure Nase nicht in anderer Leute Geschäfte zu stecken.« Am folgenden Tage befahl er als obrigkeitliche Person, die Verbrecherin vorzuführen. »Nun, Madame,« sagte er, »womit kann Sie es rechtfertigen, einen Friedensrichter Seiner Majestät gebrüht zu haben? Weiß Sie nicht, daß ich Macht habe, Sie wegen Hochverrath in's Gefängniß nach Maidstone zu schicken?« »Ich bitte Euer Ehren demüthig um Verzeihung,« erwiederte das Weib, »wußte nicht, daß es Euer Ehren war, sonst hätte ich's gewiß nicht gethan; zudem muß ich Euer Ehren nur gestehen, daß ich einen Tropfen zu viel getrunken hatte.« Der gutmüthige Baronet entließ sie mit einer unbedeutenden Vermahnung, die das gute Weib ohne Zweifel in demselben Willen und Glauben hinnahm, wie diejenige, die sie in Bezug auf die Hammelsbrühe erhalten hatte. Meine Bekanntschaft mit Sir Sturmdrang hatte zu Plymouth begonnen, als er aus Furcht, wir möchten an unsern Rindfleischknochen ersticken, unser Schiff in einem Sturmwind in die See stieß. Ich vergaß es ihm nie. Mein Vater hatte ihm viel Höflichkeit erwiesen und mich ihm vorgestellt. Zu Halifax wohnten wir in dem gleichen Hause bei einem gemeinschaftlichen Freund, der mich stets wie sein eigen Kind aufgenommen hatte. Er hatte einen Sohn von meinem Alter, mit dem mich schon lange eine innige Freundschaft verband. Wir verschworen uns gegen Sir Sturmdrang, und nachdem ich en passant einige Besuche gemacht hatte, landete ich an der Königswerfte, drückte ein paar hübschen Mädchen die Hände, empfing ihre Glückwünsche über meine Rückkehr und mein Wohlbefinden, ging nach dem Hause meines Freundes und trat ohne Umstände in das Besuchzimmer. »Wissen Sie, Sir, daß Sir Sturmdrang in seinem Zimmer ist?« fragte der Bediente, und fügte dann lächelnd hinzu, »aber er ist sehr beschäftigt.« »Beschäftigt oder nicht,« war meine Antwort, »ich weiß gewiß, daß er mich empfangen wird.« Mit diesen Worten trat ich ein. Sir Sturmdrang war wirklich sehr beschäftigt, aber ich konnte nicht ausfindig machen, womit. Er hatte einen Stiefel zwischen seinen Knieen und streckte seine Waden gegen denselben. Als er seinen Kopf nach mir wandte, bemerkte ich, daß er ein Messer zwischen den Zähnen hatte. »Lassen Sie die Thüre offen, Kamerad,« rief er, ohne mir die geringste Aufmerksamkeit zu schenken. Er erhob sich, zog einen großen schwarzen Kater aus dem Stiefel hervor und schleuderte ihn auf eine große Entfernung von sich, welche durch eine freiwillige Kraftanstrengung des Katers, der wie wahnsinnig davon rannte, mit reißender Geschwindigkeit noch vergrößert wurde. »So,« sprach er, »Gott verdamme dich, du hast mir mehr zu schaffen gemacht, als ein ganzer Pachthof in Kentucky, aber jetzt wirst du mich mit deinem verdammten Gemauz nicht mehr um den Schlaf bringen.« Dies wurde Alles auf eine Weise vorgetragen, als hätte er mich gar nicht gesehen, und es war in der That auch ein Soliloquium, denn der Kater war nicht stehen geblieben, um es mit anzuhören. »Aha!« sagte er, seine Hand nach mir ausstreckend, »was machen Sie? Ihr Gesicht ist mir bekannt, aber ich will verdammt sein, wenn ich Ihren Namen nicht vergessen habe.« »Mein Name, Sir,« erwiederte ich, »ist Mildmay.« »Ah, Mildmay, mein edler Freund, was machen Sie? Wie verließen Sie Ihren Vater? Ich kannte ihn sehr gut – führte eine teufelmäßig gute Tafel – habe manchen Teller an seinem Tische geleert – wollt', ich könnte meine Beine bald wieder unter denselben stecken; – nehmen Sie sich in Acht, sehen Sie sich vor, nach welchem Reich Sie Ihr Steuer richten – werden mir meine jungen Kickerickis entern – rennen Sie doch nicht quer über's Kabel.« Ich blickte auf den Boden und sah mich in eine Schnur verwickelt, womit ein Küchlein an den Tisch gebunden war; zugleich bemerkte ich noch mehrere dieser kleinen Geschöpfe unter den Stühlen, an denen sie im Tau hingen; aber zu welchem Zweck, vermochte ich nicht zu entdecken. »Gehören diese niedlichen Küchlein zu Ihren Lieblingsthierchen, Sir Sturmdrang?« »Nein,« erwiederte der Admiral, »aber ich denke sie nach und nach zu niedlichen Kapaunen umzugestalten, weil sie für den Tisch bestimmt sind. Ich habe diesen Morgen anderthalb Dutzend unter der Kur gehabt, und noch überdies den verdammten alten Kater.« Jetzt war das Geheimniß enthüllt, und ich bemerkte später, daß dieser Offizier, wie jeder Mensch, sein Steckenpferd reitet, die Idiosynkrasie hatte, das männliche Geschlecht der Vögel und vierfüßigen Thiere aller Art zu neutralisiren, um sie für die Tafel schmackhafter zu machen. »Nun, Sir,« fuhr er fort, »wie gefällt Ihnen Ihr neues Schiff, wie gefällt Ihnen Ihr alter Kapitän? – Ein guter Bursche, nicht wahr? – Gott verdamme seine Augen – ein Landsmann von mir – kannte ihn, als sein Vater noch nicht so viel Geld hatte, um auf einem Grabsteine damit zu klimpern. Der Bursche verdankt mir Alles. Ich stellte ihn dem Herzoge von ... vor – dadurch schwang er sich hinauf, aber was meinen Sie von den Halifaxmädchen? – Hübsch! Nicht wahr? Ich bewunderte sie. »Ja, ja, das sind sie, nicht wahr? Sollen uns viel Spaß machen – wollen die Mädchen zu einer Parthie auf die Georgsinsel einladen – Heuernte – grüne Kleider – ha, ha, ha! Ihr Kapitän soll uns in der Schildkrötenbucht regaliren. Wir sind im Begriff, dem alten Kommissär auf dem Rinckingham einen Schmaus zu geben – wollen ihm den Deckel seines Hirnschädels mit Champagner sprengen – speisen Sie heute in der Birkenbucht? Nein, Sie sind vermuthlich versagt bei Miß Marie, oder Miß Susanne, oder Miß Isabelle – ja, ein böser Hund, ein böser Hund – haben ein gut Theil Unglück angerichtet.« Bei diesen Worten maß er mich vom Kopf bis zur Ferse. Ich nahm mir die Freiheit, ihm die Artigkeit zurückzugeben. Er war ein großer Mann mit starken Knochen, scharf markirten Zügen und einem Lächeln auf dem Gesicht, das kein sittsames Weib ertragen konnte. Seine Person erinnerte mich an einen entlassenen Leibgardisten, sein Gesicht brachte mich auf den Gedanken, er könnte zu einem von Rubens Satyrn gesessen sein. Er gehörte zu denjenigen Menschen, mit denen man im Augenblicke bekannt wird; und noch war ich keine Stunde in seiner Gesellschaft, als ich schon herzlich über seine Scherze lachte. Sie waren jedoch nicht sehr zarter Natur und setzten ihn in meiner Achtung bedeutend herab, wiewohl er mir stets Unterhaltung gewährte, da wir im gleichen Hause wohnten. Ich war eben im Begriff, das Zimmer zu verlassen, als er mich aufhielt. »Wie meinen Sie,« sagte er, »wenn ich Sie bei einigen teufelmäßig hübschen Yankeemädchen, Verwandten von mir aus Philadelphia, einführen würde? Und würden mich verbinden, wenn Sie Ihnen Aufmerksamkeit erwiesen; sehr schöne Mädchen, kann ich Ihnen sagen; und werden einmal ein hübsches Vermögen bekommen – können weiter gehen, werden's schlechter treffen; der Alte ist reich, wie ein Jude – hat die Gicht in beiden Beinen – kann's nicht mehr lange treiben – hübsches Zwicken an seinen Geldsäcken, während der Teufel an seinen Knochen zwickt.« Diesen Versuchungen war nicht zu widerstehen, und ich willigte ein, mich am folgenden Tage vorstellen zu lassen. Unser Gespräch wurde durch den Herrn des Hauses und seinen Sohn unterbrochen, die mich herzlich bewillkommneten. Der Vater war seit einigen Jahren Wittwer, und sein einziger Sohn, Ned, wohnte bei ihm, um später seine Handlung zu übernehmen. Wir zogen uns zurück, um uns zur Tafel anzukleiden. Unsere Schlafzimmer stießen an einander und wir begannen von Sir Sturmdrang zu sprechen. »Er ist ein sonderbares Gemisch,« sagte Ned. »Ich liebe ihn wegen seiner frohen Laune, aber ich grolle ihm wegen des Unfriedens, den er zwischen mir und Marien stiftet; zudem plaudert er zu viel vor den Damen und fällt ihnen sehr zur Last.« »Ich grolle ihm auch wegen einer Grille, in der er mich einst während eines Sturmes in die See schickte.« »Wir wollen bald mit ihm abrechnen,« versetzte Ned, »aber jetzt laß uns gehen und ihn bei Tische treffen. Morgen will ich die Haushälterin hinter ihn schicken, um ihn für seine Grausamkeit an ihrem Kater zur Rede zu stellen, und wenn ich mich nicht sehr irre, so wird sie ihm ordentlich heimgeben.« Wir ließen uns das Mittagessen trefflich behagen. Der Admiral war in der besten Laune, und da keine Damen dabei waren, widerfuhr seinem Wein alle Gerechtigkeit. Am andern Morgen trafen wir uns beim Frühstück. Nachdem wir es eingenommen hatten, zog sich der Herr des Hauses in seine Schreibstube zurück, oder that wenigstens dergleichen. Ich wollte mich entfernen, aber Ned meinte, ich solle noch ein paar Minuten bleiben, er habe mir was zu sagen. Und in der That hatte er ohne mein Wissen einen Scherz vorbereitet. »Wie haben Sie heute geschlafen, Sir Sturmdrang?« fragte der schlaue Ned. »Nun, so ziemlich gut,« erwiederte der Admiral, »insofern ich vor dem alten Kater Ruhe hatte. Will verdammt sein, Sir, der Bursche trieb's wie der Großherr, und hielt auf der Bodenkammer, gerade über meinem Schlafgemach, sein Serail, statt in der Küche auf seinem Posten zu bleiben und die Ratten umzubringen, die wie Wagenpferde dahertraben.« »Sir Sturmdrang,« sagte ich, »es bedeutet nichts Gutes, wenn Seefahrer mit Katzen zu thun haben. Wird nicht lange anstehen, so wird es einen Sturm setzen, sei es auf die eine oder die andere Weise.« Diese Worte waren kaum ausgesprochen, als sich, wie verabredetermaßen, die Thüre öffnete und die Haushälterin, Frau Jellybag, eintrat, eine Dame, die so einen Breitegrad von fünfundfünfzig bis sechszig Jahren erreicht haben mochte. Mit einer tiefen Verbeugung und einem verächtlichen Aufwerfen des Kopfes redete sie Sir Sturmdrang Windmacher also an: »Was haben Sie mit meinem Kater angefangen, Sir Sturmdrang?« Der Admiral setzte einen Stolz darein, die Leute, die sich an ihn wandten, auf eine falsche Fährte zu bringen, wie er es nannte, und suchte auch Mrs. Jellybag hinter's Licht zu führen. »Was ich mit Ihrem Kater angefangen habe, meine liebe Frau Jellybag? Nun, meine liebe Madame,« fuhr er mit der Miene der Ueberraschung fort, »was soll ich mit Ihrem Kater angefangen haben?« »Sie sollten ihn in Ruhe gelassen haben, Herr Admiral; der Kater war mein Eigenthum; wenn mein Herr Ihnen erlaubt, das Geflügel zu mißhandeln, so ist das seine Sache; aber der Kater war mein, Sir Sturmdrang – mein mit Haut und Haar. Das Thier ist mißhandelt worden; es sitzt im Winkel hinter dem Herd, und hängt den Kopf, als wollte es sterben; es wird nie mehr der Kater werden, der es war.« »Bin auch der Meinung, meine liebe Frau Haushälterin,« antwortete der Admiral trocken. In der Brust der Dame begannt zu kochen. Die kalten Antworten des Admirals wirkten wie Wasser, das, auf eine starke Flamme gesprengt, die Gewalt derselben vermehrt, anstatt zu dämpfen. » Lieben Sie mich nicht, Sir Sturmdrang. Ich bin keine von Ihren Lieben – Ihre Lieben sind alle in der Holländerstadt – sollten sich schämen, so ein alter Mann, wie Sie sind.« »Alter Mann?« rief Sir Sturmdrang, seine Ruhe etwas verlierend. »Ja, alter Mann, betrachten Sie nur Ihre Haare – so grau wie das Gefieder einer Schneegans.« »Nun, was mein Haar betrifft, so beweist das nichts, Frau Jellybag, denn ist auch Schnee auf den Bergen, so ist es doch heiß in den Thälern. Was halten Sie von dieser Figur ?« »Ich bin eben so wenig eine Figur , als Sie, Sir Sturmdrang, aber wissen Sie was? Sie sind ein Koppen-Admiral , ein lahmer Hund im Zwangsstall, waren eifersüchtig auf meinen armen Kater, weil – – ich will nicht sagen, was. Ja, Sir Sturmdrang, den lieben langen Tag liegen Sie unter unsern Fenstern und schielen nach jedem jungen Weibsbild, welches vorübergeht – und so ein alter Mann; sollten sich vor sich selbst schämen – und dann gehen Sie am Sonntag in die Kirche und schreien, Herr Gott, erlöse uns.« Die Haushälterin trat jetzt so dicht an den Admiral heran, daß sich ihre Nasen beinahe berührten. Sie stemmte die Arme in die Seiten und hatte alle Vorbereitungen zum Entern getroffen. Der Admiral befürchtete, sie möchte es nicht bei dem Vokalsolo bewenden lassen, sondern bald mit den Fäusten den Takt dazu schlagen, und hielt es für zweckdienlich, eine Position anzunehmen. Mit vieler Gewandtheit zog er sich zwei Schritte zurück und bestieg ein Sopha. Seine linke Seite war durch ein aufrechtstehendes Piano, seine rechte durch den noch mit allen Theegeräthschaften beladenen Kaffeetisch gedeckt; im Rücken hatte er die Wand, und seine Fronte mußte er persönlich vertheidigen. Von diesem erhabenen Standpunkte sah er jetzt auf die Haushälterin nieder, deren Nase nicht höher reichte, als bis an das Uhrencachet ihres Gegners, und in gleichem Maße mit der Sicherheit des Baronets wuchs auch ihr Zorn. Der Admiral war viele Jahre lang Prorector auf den großen Universitäten von Pointstreet und Bluetown, so wie Mitglied des Barbion und Nordcorner gewesen; und folglich mit dem klassischen Dialekt vertraut genug, um die Würde seines Berufes zu behaupten. Auch der Dame fehlte es nicht an Beredsamkeit. Hatte sie auch nicht graduirt, so hatte doch ihre Zunge durch den beständigen Gebrauch eine Fertigkeit erlangt, wie sie die Natur nur der unausgesetzten Uebung gestattet. Man wird nicht erwarten, und es würde auch nicht mehr schicklich sein, hier Alles wiederholt zu finden, was in der Schlußscene vorging. Die Haushälterin gab uns allen Grund zur Vermuthung, daß sie in Bezug auf die Natur der vorgenommenen Verwandlung nicht so unwissend sein dürfte, als sie uns gern glauben gemacht hätte. Nachdem die Schlacht eine halbe Stunde lang heftig getobt hatte, setzten beide Theile aus Mangel an Athem oder Munition aus. Das Feuer schwieg nach und nach, und die Fahrzeuge trennten sich – der Admiral behielt wie Lord Howe am ersten Juni, obwohl äußerst zerschossen, seine Position bei, und die Haushälterin lief gleich den Montague's hinunter, um sich mit ihren Verbündeten zu vereinigen. Während des Rückzugs fielen noch einige Schüsse in's Blaue, und je nach zwei oder drei Treppenstufen legte Frau Margaretha bei und gab Feuer, bis sich beide außerhalb der Schußweite befanden. Man hörte noch dumpfes Getöse, das allmählig in der Ferne verhallte, und der Admiral schloß die Handlung mit dem Gemurmel: »Hol' dich der – –,« aber das Wort blieb ihm in der Kehle. »Sagt' ich's Ihnen nicht, daß sich ein Sturm erheben würde?« bemerkte ich. »Sturm! Ja, Gott verdamme mein Blut,« versetzte der Admiral, den Schweiß von der Stirne wischend; »wie der Gischt aus der alten Hexe spritzte! Bei Gott, meine Hosen sind ganz naß. Wer hätte je geglaubt, daß eine alte Schnurre solche Klauen zeigen könnte! – Krieg auf Tod und Leben! Beim Himmel, sie soll mir daran denken.« Trotz der Drohungen des Admirals wurden die Feindseligkeiten noch an dem gleichen Tage eingestellt. Der »Koppen-Admiral« fand es für zweckmäßig, eine weiße Feder aufzustecken; er stand unter dem Scepter des Eigennutzes und mußte ihm seine Sache opfern. Mrs. Jellybag war eine treue Dienerin, und unser Wirth hatte keine Lust, ihr etwas geschehen zu lassen oder sein Haus zum Tummelplatze für solche Gefechte herzugeben; und der Admiral, der einen besondern Widerwillen gegen die Erleichterung seiner Börse hatte, fand es nicht unangemessen, den ersten Schritt zu thun. Die Sache wurde also freundschaftlich beigelegt, der Kater aber in Betracht seiner Leiden zum Baronet erhoben und von nun an mit dem Titel Sir Sturmdrang Windmacher beehrt, denn der Admiral war doch gewiß die geeignetste Person, die man zu Pathen wählen konnte, da er die wirksamsten Mittel ergriffen hatte, seinen Täufling von der Hoffahrt und Eitelkeit dieser sündigen Welt zu entwöhnen. Es war jetzt ungefähr ein Uhr – denn der Kampf hatte den größten Theil des Morgens in Anspruch genommen, – als Sir Sturmdrang sagte: »Vergessen Sie Ihre Zusage nicht, Junkerchen – Sie wissen, ich habe mich verbindlich gemacht, Sie meinem hübschen Bäschen vorzustellen – Sie müssen sich aber mit ihren P und Q bei dem Oheim in Acht nehmen, denn er ist ein gescheidter alter Kauz – hat ein gut Theil gelesen und hält Amerika für das erste und größte Land der Welt.« Wir verfügten uns nach der Wohnung der schönen Fremden, die nach der Versicherung des Admirals unter dem Schutze ihres Oheims und ihrer Muhme blos der Neugierde halber nach Halifax gekommen waren. Nachdem wir an die Thüre geklopft hatten, fragte der Admiral, ob Madame M'Flinn zu Hause sei. Wir erhielten eine bejahende Antwort. Der Diener fragte nach unsern Namen. »Viceadmiral Sir Sturmdrang Windmacher und Herr Mildmay,« erwiederte ich. Die Thüre des Besuchzimmers wurde aufgestoßen, und der Diener meldete unsere Namen mit feierlichem Tone. Wir traten ein. Eine große, ernst aussehende, ältliche Dame, die uns empfing, stand bolzgerade mitten im Zimmer; die Fräulein saßen an ihrer Arbeit. »Meine liebe Madame M'Flinn,« sprach der Admiral, »was machen Sie? Ich bemerke mit Entzücken, wie lieblich Sie und Ihre Nichten diesen Morgen aussehen.« – Die Dame neigte bei dieser Artigkeit den Kopf – zu einer Verbeugung schien sie sich nicht herablassen zu können – »erlauben Sie mir, Ihnen meinen tapfern jungen Freund Mildmay vorzustellen – junge Damen, nehmen Sie Ihre Herzen in Acht – ich versichere Sie, er ist ein großer Schelm, wenn er Sie gleich so süß anlächelt.« Madame M'Flinn neigte den Kopf gegen mich, hoffte, ich befinde mich wohl und fragte, wie lange ich schon in der Gegend weile. Ich antwortete ihr, daß ich so eben erst vom Kreuzen zurückkehre, aber kein Fremder in Halifax sei. »Kommen Sie, Herr Offizier,« sagte der Admiral, meinen Arm ergreifend, »ich sehe, Sie sind verschämt – ich muß Sie mit meinen hübschen Bäschen bekannt machen. Dieß, Sir, ist Miß M'Flinn – ihr Taufname Deliberantia. Sie ist eine junge Dame, deren Schönheit ihre geringste Empfehlung ist.« »Eine sehr zweideutige Artigkeit,« dachte ich. »Dieß, Sir, ist Miß Jemima; dieß Miß Temperantia, und jenes Miß Deborah. Nun Sie die Damen alle bei Namen kennen und ihnen ebenfalls bekannt sind, wird es Ihnen, hoffe ich, gelingen, sich eben so nützlich, als angenehm zu machen.« »Eine sehr hübsche Sinecure,« dachte ich bei mir selbst, als hätte ich nicht bereits alle Hände voll zu thun. Da es mir jedoch nie an der Fertigkeit mangelte, vor schönen Gesichtern den Beredten zu spielen, begann ich mit Jemima zu plaudern. Alle waren schön, aber sie war holdselig – und doch bemerkte ich eine Unbehülflichkeit an ihnen, die mich überzeugte, daß sie nicht zum bon ton von Philadelphia gehörten. Ihre Antworten auf alle meine Fragen waren schnell und abgebrochen und wurden mit der Miene angemaßter Wichtigkeit ertheilt, während sie zugleich Ausdrücke enthielten, die zwar englisch, aber der gebildeten Sprache fremd waren. »Kamen Sie durch die vereinigten Staaten oder zu Wasser in das englische Gebiet?« fragte ich. »O, zu Wasser,« kreischten alle vier auf einmal, »und hatten beinahe die › Güte ‹ von den garstigen Roachen aufgefressen zu werden.« Ich wußte nicht, was sie unter Roachen verstanden, es wurde mir aber bald klar. Unter anderem fragte ich sie auch, ob sie schon ein britisches Kriegsschiff gesehen hätten, und ob sie die Güte haben würden, mich an Bord des unsrigen zu begleiten? Sie kreischten alle im gleichen Augenblick. »Nein, wir haben noch keines gesehen und würden gar zu gern die Güte haben, auf Ihren Vorschlag einzugehen. Wann wollen Sie uns mitnehmen?« »Morgen,« erwiederte ich, »wenn es einen schönen Tag gibt.« Der Admiral, der mittlerweile mit der alten »Schachtel«gekost hatte, wandte sich um und sagte: »Nun, Herr Frank, ich sehe, Sie wissen auch ohne meinen Beistand umzuspringen.« »O, wir haben alle sehr viel Güte für ihn,« bemerkte Temperantia, »er sagte, er wolle uns mit an Bord seines Schiffes nehmen.« »Sachte, mein Schatz,« sprach die Muhme, »wir dürfen dem Herrn nicht so viel Mühe machen, so lange unsere Bekanntschaft noch so jung ist.« »Ich kann Sie versichern, Muhme,« erwiederte Deborah, »wir haben schon lange Bekanntschaft mit ihm.« »Wenn dieß der Fall ist,« versetzte die Muhme, welche einsah, daß sie in der Minorität war, »wäre es gut, wenn Sie und Sir Sturmdrang morgen früh um eilf Uhr zu uns kämen, um mit uns zu frühstücken, worauf wir Ihnen dann alle zu Diensten ständen.« Hier warf mir der Admiral einen seiner unverschämten Blicke zu und brach in ein lautes Gelächter aus; aber ich beherrschte meine Züge und wies ihn durch einen festen, ernsten Blick zurecht. »Ich werde mir ein großes Vergnügen daraus machen,« antwortete ich der Dame, »von eilf Uhr Morgens bis zur Stunde des Mittagessens zu Ihren Befehlen zu sein; später bin ich versagt.« Mit diesen Worten verneigten wir uns beide, wünschten ihnen einen guten Morgen und verließen das Zimmer. Die Thüre wurde hinter uns geschlossen, und ich hörte sie alle ausrufen: »welch' ein entzückender junger Mann!« Ich ging an Bord und erzählte dem ersten Lieutenant, was ich gethan hatte. Er sagte im freundlichsten Tone, er wolle sein Bestes thun, wiewohl sein Schiff gerade nicht in derjenigen Ordnung sei, um es sehen zu lassen; morgen um ein Uhr soll uns ein Boot an der Dockhoftreppe erwarten. Zur bestimmten Stunde ging ich zum Frühstück. Der Admiral kam nicht, aber die Damen waren bereit, und ich wurde ihrem Oheim vorgestellt – einem schlichten, höflichen Bürger, der stark durch die Nase sprach. Das Mahl war sehr gut, und da ich ein hübsches Stück Arbeit vor mir hatte, machte ich mein Heu, so lange die Sonne schien. Nachdem die erste Wuth des Hungers etwas gebändigt war, benützte ich die erste Gelegenheit, eine Schöne zu fragen, ob eine gewisse Dame, die ich früher zu kennen die Ehre gehabt hätte, eine Verwandte von ihnen wäre, da sie denselben Namen führte und ebenfalls aus Philadelphia stammte. »Bei Gott, ja wahrhaftig, es ist eine Verwandte von uns,« riefen alle Damen zugleich: wir haben sie seit sieben Jahren nicht mehr gesehen; wann trafen Sie dieselbe zuletzt?« »Ich habe sie schon längere Zeit nicht mehr getroffen,« erwiederte ich; »aber das letzte Mal, daß ich von ihr hörte, begegnete sie einem meiner Freunde in Turin am Po. Nicht sobald war die letzte Silbe über meine Lippen getreten, als Thee, Kaffee und Chokolade über die ihrigen traten, und sie gleich eben so vielen jungen Nordkapern die Flüssigkeiten nach allen vier Winden spritzten. Sie sprangen vom Tische weg und rannten unter krampfhaftem Gelächter nach ihren Zimmern, mich mit ihrem Oheim allein lassend. Völlig bestürzt und gekränkt, fragte ich, ob ich etwa einen großen Verstoß begangen, oder irgend etwas Lächerliches oder Unzartes gesagt hätte; wenn dieß der Fall wäre, so würde ich es mir nie vergeben.« »Sir,« antwortete Herr M'Flinn, »ich bin fest überzeugt, daß Sie durchaus nichts Unzartes beabsichtigten; aber die höheren Cirkel in Philadelphia, in welchen diese Damen erzogen worden sind, verbinden mit gewissen Worten ganz andere Begriffe, als ihre Landsleute in Altengland. So nennen wir z. B. die Niederlassungen, welche unsere Vorfahren die hinteren genannt haben, die westlichen, und wenden diesen Ausdruck nach den Gesetzen der Analogie auch auf die menschliche Gestalt und Kleidung an. Dieß ist blos eine kleine Erläuterung, die Sie gewiß aufnehmen werden, wie sie gemeint ist. Wir können natürlich nicht erwarten, daß Fremdlinge die Feinheiten unserer Sprache verstehen sollen.« Ich bat wegen meiner Unwissenheit um Verzeihung und versicherte ihn, daß ich in Zukunft vorsichtiger sein würde. »Aber sagen Sie mir doch,« fuhr ich fort, »was lag denn in meiner letzten Bemerkung, das eine so große Heiterkeit auf meine Kosten hervorrufen konnte?« Nun, Sir,« erwiederte Herr M'Flinn, »Sie setzen mir hart zu, aber da Sie mich zu einer Erklärung nöthigen, so muß ich Ihnen sagen, daß Sie ein Wort gebrauchten, welches wir ausschließlich auf Schlafzimmer beschränken.« »Aber Sie werden mir doch zugeben, Sir,« versetzte ich, »daß der Name eines berühmten Stromes, der in der ältesten Geschichte genannt wird, wegen eines so verfeinerten Begriffes falscher Sittsamkeit nicht geändert werden kann?« »Hier sind Sie nicht recht daran,« bemerkte Herr M'Flinn, »die Franzosen, die uns in allen Stücken vorangehen, belehren uns auch, wie wir die Dinge zu benennen haben, und Sie werden mir hoffentlich zugeben, daß sie die ächte Höflichkeit verstehen.« Ich verbeugte mich bei diesem Dictum, und bemerkte blos, daß es einen Punkt in unserer Sprache gebe, auf welchem Zartheit zur Unzartheit werde, und daß meines Erachtens der edle Strom Ansprüche auf den Vorrang vor einem verächtlichen Geschirr habe. Dann kehrte ich zu dem ersten Theile des Gespräches zurück und sagte, in England schämen wir uns nicht, das Kind bei seinem rechten Namen zu nennen, und betrachten es als ein sicheres Zeichen von schlechter Erziehung, sich nach einem stellvertretenden Ausdrucke für ein gewöhnliches Wort umzusehen, dessen gemeine Bedeutung einem wohlerzogenen und sittsamen Frauenzimmer gar nicht bekannt sein dürfe. Dieser Vorwurf beschämte den alten Herrn ein wenig; um ihn aus seiner Verlegenheit zu reißen, änderte ich den Gegenstand des Gesprächs, indem ich die Hoffnung ausdrückte, die Damen werden mir für dießmal noch vergeben und zu ihrem Frühstück zurückkehren. »Nun, was das Frühstück betrifft,« erwiederte der Gentleman, »so haben die Damen von Philadelphia einen sehr jungfräulichen Appetit, und ich glaube behaupten zu dürfen, daß sie bereits gesättigt sind. Da ich es höchst unwahrscheinlich fand, auf diesem Wege festen Grund zu gewinnen, steuerte ich meinen eigenen Strich und beendigte mein Frühstück, indem ich mich damit tröstete, daß die Damen im Kommissariats-Departement schon vor der Erscheinung des »Po« eine nicht geringe Thätigkeit an den Tag gelegt hatten. Eben war ich mit meinem Geschäfte zu Ende, als sich die Damen wieder gesammelt hatten und der frühere Heiligenernst wieder um den lieblichen Mund der schönen Jemima spielte. Mit Shawls und Hüten aufgetakelt, drückten sie die größte Ungeduld zum Aufbruch aus. Wir gingen zu Fuß bis an den Dockhof, wo uns ein Midshipman mit einem Boote erwartete und in wenigen Minuten an die Schiffsseite führte. Eine angestrichene Tonne, die wie ein Stuhl gestaltet war, wurde vom Hauptraaenarme in das Boot herabgehaspelt, und ich packte die Schönen je zu zweien sorgfältig auf und schickte sie in die Höhe. Das Gekicher, Gekreisch und Gelächter, das sie erhoben, war mir ziemlich verdrießlich; denn weil sie keine Verwandten von mir waren, wünschte ich nicht, daß sie von meinen Tischgenossen für Angehörige der Familien in Halifax gehalten werden sollten, die mich so freundlich empfangen hatten. Endlich waren alle wohlbehalten auf dem Hinterdeck gelandet, ohne ihre Knöchel dem Tageslicht blosgestellt zu haben; vielleicht schienen diese nicht ganz so klein, als mir Herr M'Flinn ihren Appetit zu schildern gesucht hatte, denn sie hüteten sich sorgfältig, dieselben vor einem profanen Blick zu entweihen. »O, Tante,« sagte Deborah, »als ich in die Höhe blickte und Sie und Deliberantia über unsern Köpfen schweben sah, dachte ich an den Pflumpf , den es setzen würde, wenn das Seil bräche; ich bin überzeugt, Sie hätten uns gepantscht .« Begierig auf die philadelphische Übersetzung dieses zierlichen Ausdrucks, fragte ich nach seiner Bedeutung, und ließ mir sagen, daß man in jenem Lande unter dem Wort pantschen die Ausquetschung der Gedärme verstehe. »Nun, wenn ihr so sprecht,« dachte ich, »so hättet ihr auch den Po hinunterschlucken können, ohne euch das Frühstück zu verderben.« Die Musikanten spielten: »Yankee-Dudel;« die Damen waren entzückt und sprangen auf dem Hinterdeck herum, wie junge Böcke. »Ach, Jemima,« rief Deborah, »was hast du mit der Westseite deines Kleides gemacht? Es ist über und über weiß.« Die Flecken waren bald abgebürstet, aber der Ausdruck wurde auf dem Schiffe nie vergessen und stets in muthwilliger Weise angebracht. Nachdem ich ihnen das Schiff mit allen seinen Wundern gezeigt hatte, war ich froh, sie wieder an's Land zurückführen zu können. Dem Admiral sagte ich bei unserem Zusammentreffen, daß ich bei den Damen die Honneurs gemacht hätte und die Hoffnung nährte, wenn er wieder weibliche Verwandte verbinden wolle, würde er seine Zusage halten und sie selbst begleiten. »Nun, nun, wofür halten Sie denn diese Damen?« erwiederte der Admiral. »Wofür ich sie halte?« wiederholte ich; »nun, wofür anders, als für Ihre Yankeebäschen!« »Ei, ei, waren Sie denn ein so verdammter Flachkopf, daß Sie glaubten, was ich sagte? Ihr Vater hat einen Laden in Philadelphia und handelt mit kurzen und langen Waaren; sie waren auf einer Fahrt nach Neu-York begriffen, um Verwandte zu besuchen, als ihr Schiff genommen und hier in den Hafen geführt wurde.« »So gehören sie also nicht zum bon ton von Philadelphia?« »So wenig, als Nancy Denis zum bon ton von Halifax,« erwiederte der Admiral; »obwohl der Oheim, wie ich Ihnen sagte, in seinem Fach ein gescheidter Bursche ist.« »Ganz gut,« versetzte ich; »für dießmal haben Sie mich gefangen; aber warten Sie nur, ich will's wieder hereinbringen.« Ich blieb nicht lange sein Schuldner. Ohne seine Erklärung hätte ich einen ganz falschen Begriff von den Damen von Philadelphia behalten und eine Ungerechtigkeit gegen sie begangen, die ich mir nie vergeben haben würde. Die Zeit unserer Abfahrt rückte heran. So schwermüthig auch dieselbe stets in Halifax ist, so war doch meine letzte Handlung am Lande heiter genug, um den Schmerz des Abschiedes zu mildern. Mein Freund Ned und ich hatten noch keine Gelegenheit gehabt, Sir Sturmdrang Windmacher für seine Zwischenträgereien bei Marien und seine Einführung bei den Yankee-Damen zu bestrafen. Eines Morgens traten wir beide in demselben Augenblicke aus unsern Zimmern, und waren im Begriff, zum Frühstück hinabzugehen, als wir den Admiral bei einem organisch-chemischen Experiment erspähten. Zum Unglück für ihn hatte er seine Position gerade im Bereiche eines Schutzdaches angenommen, wo wir ihn sehen konnten; zugleich mußte sein Rockkragen genau das Kreissegment schneiden, den eine Flüssigkeit beschrieb, welche wir über das Wetterdach hinablaufen ließen, das uns somit als Conduktor auf den Mittelpunkt seines Nackens dienen konnte. Die Magd (Mägde sind aus Absicht oder Nachlässigkeit stets die Urheberinnen oder Werkzeuge muthwilliger Streiche) hatte einen Eimer, der beinahe ganz voll Schmutzwasser aus den Waschbecken u.s.w. war, am Fenster stehen lassen. Wir sahen zuerst einander, dann den Eimer, dann den Admiral an. Ned dachte an seine Marie – ich an meine Bekanntschaft mit den Yankee-Damen. Ohne ein Wort zu sprechen, legten wir Hand an den Eimer, und im Augenblicke sauste sein ganzer Inhalt auf den Admiral nieder. »Was soll das?« brüllte er. »O, ihr verfluchten Schurken!« Er wußte, daß es Niemand anders sein konnte, als wir. Unser Gelächter war so unmäßig, daß wir uns weder rühren, noch sprechen konnten; und der arme Admiral spuckte und räusperte und hustete, als wollte er seine Lungen ausschütten. »Ihr infernalischen Schurken! Keinen Respekt vor einem Flaggenoffizier? Dafür sollt ihr mir büßen.« Thränen rollten über unsere Wangen hinunter; aber es waren keine Thränen des Kummers. Sobald sich der Admiral hinreichend erholt hatte, um Jagd auf uns zu machen, hielten wir es für zweckmäßig, die Anker zu lichten. Wir wußten, daß wir entdeckt waren, und da die Sache nicht mehr schlimmer werden konnte, so beschlossen wir, ihm zu sagen, wofür wir ihn bestraft hätten. Ned begann. »Was machen Sie, Admiral? Sie haben diesen Morgen ein Sturzbad genommen?« Er knirschte mit den Zähnen und sah in die Höhe – »ah, sind Sie's, nicht wahr? Ja, ich dachte mir's; es konnte Niemand anders sein, als Sie. Ja, ich habe ein Sturzbad genommen, und Gott verdamme Sie und den Meerteufel, Ihren Freund, mit. 's ist weit mit dem Dienst gekommen, wenn Offiziere meines Ranges auf diese Weise behandelt werden. Ich will Euch – Ihr sollt mir den Kater beneiden.« »Hüten Sie sich vor der Haushälterin, Admiral,« sagte Ned. »Marie hat sich mit mir ausgesöhnt, Admiral, und läßt sich Ihnen empfehlen.« »Gott verdamme Ihre Marie.« »Sehr schön, ich will's ihr sagen,« bemerkte Ned. »Admiral,« sagte ich, »erinnern Sie sich noch, wie Sie die – – in einem Sturm in See schickten, als ich Midshipman darauf war? In jener Nacht wurde ich eben so naß, als Sie jetzt sind. Haben Sie etwas an die Fräulein M'Flinn zu bestellen, Admiral?« »Das will ich Ihnen sagen, wenn ich Sie einmal unter den Klauen habe,« erwiederte Sir Sturmdrang, als er triefend, wiewohl nicht so süß duftend, als Popes Lodona, die Treppe hinauf nach seinem Zimmer ging. Der Lärm zog die Haushälterin und die ganze Familie herbei. Alles bedauerte den durchnäßten Admiral, theilte aber im Herzen unsere Freude. Indessen mußten wir die Sache theuer bezahlen. Der Admiral gelobte mit einem Schwur, drei Tage lang keinen von uns im Hause essen oder trinken zu lassen; und Ned's Vater sah sich, so gern er auch in ein Gelächter ausgebrochen wäre, durch die Gesetze des gewöhnlichen Anstandes genöthigt, nach einer so groben Verletzung des Gastrechtes die Anordnung des Admirals gut zu heißen. Ich speiste an Bord meines Schiffes; Ned ging in ein Kaffeehaus; aber am dritten Morgen nach dem Sturzbade steckte ich den Kopf in's Frühstückzimmer und sagte: »Admiral, ich habe Ihnen eine herrliche Geschichte zu erzählen, wenn Sie mich hineinlassen wollen.« »Will Sie lieber verdammt wissen, junger Fischlaich. Packen Sie sich, oder ich werfe Ihnen diesen Schinken an den Kopf.« »Nein, aber in der That, mein werthester Admiral, es ist eine sehr hübsche Geschichte – ganz nach Ihrem Geschmack.« »Nun gut, so bleiben Sie hier stehen und erzählen Sie; aber ich sage Ihnen, kommen Sie mir nicht herein, oder – –« Ich blieb an der Thüre stehen und erzählte ihm die Geschichte. »Nun ja.« sagte er, »es ist eine schöne Geschichte, und ich will Sie deswegen wieder zu Gnaden aufnehmen.« Mit herzlichem Lachen über meine Erfindungsgabe versprach er uns Beiden zu verzeihen, und ich eilte fort, um meinen Freund Ned zum Frühstück zu holen. Dieß war der sicherste Weg, uns beim Admiral wieder in Gunst zu setzen, denn er war ein gewaltiger Riese und würde uns ordentlich »gequetscht« haben. Der Friede wurde redlich gehalten, und am folgenden Tage ging das Schiff unter Segel. Fünfundzwanzigstes Kapitel. Sie lenkten in eine lange und breite Straße ein, in welcher auch nicht ein einziges lebendiges Wesen die Perspektive unterbrach. Die Einsamkeit ist nie so überwältigend, als wenn sie unter den Werken der Menschen auftritt. In uralten Wäldern oder auf den Gipfeln der Berge ist sie reizend und wohlthätig, denn dort ist sie zu Hause; aber mitten unter dicht gedrängten Wohnungen hat sie ein geisterhaftes Aussehen. Inesilla. Wir hatten den Befehl, das amerikanische Geschwader aufzusuchen, welches unsern Handel so sehr beeinträchtigt hatte, und steuerten zu diesem Zwecke auf die afrikanische Küste los. Ungefähr zehn Tage waren wir in See, als wir vom Mastkorbe aus ein Segel erblickten. Wir mochten gegen hundertundachtzig Meilen von den Inseln des grünen Vorgebirges entfernt sein. Sogleich setzten wir alle Segel zur Jagd bei und erkannten in dem Fahrzeuge bald eine große Fregatte, welche durchaus keinen Widerwillen verrieth, mit uns zusammenzutreffen, aber von Zeit zu Zeit augenscheinlich mit uns in die Wette segelte. Ihre Bewegungen ließen uns nicht in Zweifel, daß es ein amerikanisches Schiff war, und wir rüsteten uns zum Gefechte. Der Kapitän hatte vermuthlich noch keinem Seetreffen beigewohnt, oder wenn dieß der Fall war, Alles vergessen, was er gelernt hatte. Um sein Gedächtniß aufzufrischen, legte er die berühmte Epitome von John Hamilton Moore, – einem Schriftsteller, der zwar jetzt veraltet ist, aber damals für einen der einsichtsvollsten Männer galt, die jemals über Seeschlachten geschrieben hatten – vor sich auf den Kapstankopf. John, der über jeden Gegenstand eine Menge Rathschläge ertheilt, belehrt uns unter andern schätzenswerthen Anleitungen, wie wir auf die beste und erprobteste Weise ein Schiff in's Gefecht bringen und, wenn wir können, später den Feind nehmen sollen. Aber besagter John muß entweder der Meinung gewesen sein, die Kugeln können durch den gleichen Proceß, durch die er seine Nase entflammte, in Rothglühhitze versetzt werden, oder er muß die in solchen Fällen in See »üblichen Sitten und Gebräuche« gänzlich vergessen haben, denn er empfiehlt uns als Vorspiel, oder ersten Gang der bevorstehenden Mahlzeit, eine gute Dosis rothglühender Kugeln, um die Gäste damit zu bewirthen, sagt uns aber nicht, wo dergleichen Gerichte zubereitet werden. Es steht gar nicht zu bezweifeln, daß eine volle Lage solcher Ingredienzien ein hübsches Desideratum zu Gunsten des Sieges abgeben würde, und zwar besonders unter der Voraussetzung, daß sie vom Feinde nicht erwiedert werden könnten. So dachte auch Seine Lordschaft. Er ging zum ersten Lieutenant und sagte: »Herr Dings da, meinen Sie nicht, man sollte eine volle Ladung roth glühender, wie nennen Sie's, auf das Ding's dort loslassen?« Roth glühende Kugeln, meinen Sie, Mylord?« »Ja,« erwiederte Seine Lordschaft; »meinen Sie nicht, die würden der Sache bald ein Ende machen?« »Wo Teufels sollen wir aber die her bekommen, Mylord,« erwiederte der erste Lieutenant, welcher nicht mehr derselbe war, von dem ich einst heraus gefordert wurde, weil ich ihn mit seinem Kapitän verglich. (Die Umtriebe Herrn Kriechers hatten diesen aus dem Schiffe entfernt.) »Sehr wahr,« bemerkte Seine Lordschaft. Wir näherten uns jetzt dem fremden Fahrzeuge sehr schnell, als es sich zu unserem großen Bedauern herausstellte, daß es eine englische Fregatte war. Wir wechselten das Privatsignal und zeigten einander unsere Nummern, worauf der Kapitän der Fregatte, welcher jünger war, als der unsrige, zu uns an Bord kam, um seine Ehrfurcht zu bezeigen und seine Befehle vorzuweisen. Er war erst vor drei Wochen von England abgefahren und brachte die Nachricht vom Frieden mit Frankreich mit, so wie unter andern Neuigkeiten auch eine Flottenliste, welche dem Seeoffizier in fernen Zonen, nächst einer Flasche Londoner Porter, der größte Genuß ist. Begierig durchliefen wir Alle das anziehende kleine Buch, und ich war überglücklich, unter den neuernannten Kommandeuren auch meinen Namen zu finden. Er war zwar der letzte auf der Liste, aber dies bekümmerte mich wenig. Ich empfing die Glückwünsche meiner Bekannten; wir trennten uns von der fremden Fregatte und steuerten nach dem Eiland St. Jago, weil unser Kapitän die Absicht hatte, in Port Praja-Bay seine Wassertonnen zu füllen, bevor er das amerikanische Geschwader aufsuchen wollte. Wir trafen ein Sklavenschiff im Hafen, das von einem Flottenoffizier nach England geführt werden sollte, und ich hielt es für eine gute Gelegenheit, mein Schiff zu verlassen, denn nun ich wußte, daß ich Commandeur war, hatte ich keine große Neigung als Lieutenant zu dienen. Aus vielen Gründen, unter denen die Hand meiner Emilie oben an stand, sehnte ich mich nach England. Ich bat den Kapitän um die Erlaubniß, das Schiff zu verlassen. Weil er einem seiner Günstlinge einen aktiven Officiersdienst zuzuweisen wünschte, willfahrte er mir. Ich nahm Abschied von meinen Tischgenossen und meinem Kapitän, der zwar ein fühlloser Geck und nichts weniger als Seemann war, aber dennoch auch seine guten Seiten hatte. Seine Lordschaft war in der That ein Gentleman, und hätte sich sein Schiff mit einem Feinde zu messen gehabt, so wäre es heiß hergegangen, denn er hatte gute Offiziere und war sich seiner eigenen Unfähigkeit hinreichend bewußt, um guten Rath anzunehmen; auch besaß er einen Heldenmuth, der auf der Flotte vielleicht seines Gleichen suchte. Am dritten Tage nach unserer Ankunft segelte die Fregatte ab. Ich ging auf das Sklavenschiff, fand jedoch nur vier Sklaven an Bord, welche Matrosendienste verrichteten. Es war in einem schmutzigen Zustande, aber was konnte ich machen? Am Lande war kein Gasthof, Port-Praya ist der einzige gute Ankerplatz des Eilandes; die alte Stadt St. Jago war verödet, weil bloß eine offene Rhede vor ihr lag, wo man nur mit Gefahr ankern konnte. Die Stadt Port-Praya ist eine erbärmliche Sammlung von Lehmhütten; die Wohnung des Gouverneurs und außer ihr noch ein anderes Haus sind besser gebaut, aber schlechter eingerichtet, als ein englisches Bauernhaus. Nicht zehn Portugiesen befanden sich auf der Insel; dagegen war sie von mehr als zehntausend Schwarzen bewohnt, die ursprünglich sämmtlich Sklaven waren. Dennoch ging alles friedlich zu, obgleich täglich neue Sklavenschiffe ankamen. Die verschiedenen Stämme waren leicht zu unterscheiden. Die Yattoffe sind große, nicht sehr kräftig gebaute Menschen, welche meistentheils Soldaten sind. Ich sah zehn von ihnen neben einander stehen, und der Kleinste maß nicht weniger als sechs Fuß, zwei bis drei Zoll. Die Fulahs aus dem Ashantilande, die einen andern Stamm bilden, haben einen starken muskelkräftigen Körperbau, abstoßende Züge und einen heimtückischen, verräterischen Charakter. Die Mandingus sind kleiner, als die übrigen Stämme, aber gutartig und lenksam. Die Insel wird blos durch Sklaven in Unterwürfigkeit erhalten. Sie werden als Soldaten ausgehoben und bekommen eine erbärmliche Ausrüstung. Eine Mütze und eine Jacke war Alles, was sie der Kunst verdanken, für den übrigen Theil ihrer Uniform sorgte die Natur. Nur die Ordonnanz des Gouverneurs hatte ein paar Hosen, und dieses war fortwährend im Dienst, indem es nach der Reihenfolge von einem zum andern überging. Ich machte dem Gouverneur meine Aufwartung. Obgleich ein Portugiese, folgte er der Mode, die auf der Insel herrschte, und war so schwarz, als die meisten seiner Unterthanen. Nach einigen französischen Komplimenten verabschiedete ich mich. Ich war begierig, die alte verlassene Stadt Jago zu sehen, und nach einem zweistündigen heißen Gange über unangebauten Boden, der mit schönen Ziegen, der Stapelwaare des Eilandes, bedeckt war, erreichte ich den öden Ort. Er gewährte einen düstern Anblick; das menschliche Geschlecht schien ausgestorben. Die Stadt liegt auf einer breiten Anhöhe, die sich gegen das Meer hinabsenkt; die Häuser sind massiv und schön, und die regelmäßigen und gepflasterten Straßen beweisen, daß die Stadt einst von einiger Bedeutung war; aber höchst auffallend ist es, wie ein so unfruchtbares Land, als diese Insel im Allgemeinen ist, je einen blühenden Handel haben konnte. Auf jeden Fall muß dies vor der Zeit Statt gewesen sein, in welcher die Portugiesen das Kap der guten Hoffnung umschifften; und die Festigkeit und sogar Zierlichkeit der Bauart rechtfertigt diese Muthmaßung. Die Mauern waren massiv und standen noch unverletzt; die Kirchen waren zahlreich, aber gleich den Wohnhäusern größtenteils abgedeckt. Mitten in den Straßen standen Bäume von beträchtlicher Höhe, welche das Pflaster durchbrochen und die Steine emporgehoben hatten; und die Klostergärten waren zur bloßen Wildniß geworden. Die Kokosnußbäume streckten ihre langen Wipfel aus einer Menge von Dächern und Giebeln hervor, und die Banana hatte die Fenster mit ihrem üppigen Laubwerk durchbrochen. Die einzigen Bewohner der Stadt, die eine Bevölkerung von zehntausend Seelen zu fassen vermochte, waren einige wenige Mönche, die in einer erbärmlichen Ruine hausten, welche einst ein schönes Kloster gewesen. Es waren die ersten Neger-Mönche, die ich je gesehen hatte; ihre Kutten waren so schwarz, als ihre Gesichter und ihr Haar grau und wollig. Ich vermuthete, sie hätten diesen Stand erwählt, weil er der trägste ist, konnte aber nicht ausfindig machen, wodurch sie ihren Lebensunterhalt gewannen, denn es war Niemand hier, der ihnen Almosen geben konnte. Das Aeußere der armen Mönche erhöhte den nekromantischen Charakter, welche der ganzen Umgebung aufgedrückt war, und die ehrwürdigen Trümmer trugen das Gepräge einer Schönheit und Anmuth, die mich unwiderstehlich anzog. Eine feierliche Stille herrschte in der Stadt; aber eine leise Stimme flüsterte mir zu: »So mag seiner Zeit auch London und Paris aussehen; und du und deine Kindeskinder werden alle gelebt und geliebt und ihre Abenteuer bestanden haben; aber wer wird der Unglückliche sein, der von dem Gipfel des Primrose-Hill auf die öden Trümmer der ungeheuren Stadt hinabsieht, wie ich jetzt von dieser kleinen Anhöhe auf das einst so blühende St. Jago?« Ziegen weideten auf dem Abhange des Hügels und die Jungen hüpften in luftigen Sprüngen um ihre Mütter. »Vielleicht bilden sie.« dachte ich, »die einzige Speise und Nahrung der armen Mönche.« Ich ging nach Port-Praya und kehrte auf mein schwimmendes Gefängniß, das Sklavenschiff, zurück. Der Offizier, der es als Prise nach England zu führen hatte, war ein Mann von abstoßendem Charakter, der mir nicht gefiel; wir hatten keinen weitern Verkehr mit einander, als die gewöhnliche Höflichkeit erforderte. Er war ein alter Steuermannsgehülfe, der seine Zeit wohl dreimal durch gedient hatte; aber da es ihm eben sowohl an persönlichem Verdienst, als an Freunden fehlte, welche diesen Mangel ersetzen konnten, war er nie befördert worden, und betrachtete also natürlich einen jungen Commandeur mit Neid. Bloß Gründe, denen er nicht widerstehen konnte, hatten ihn dazu bestimmt, mich an Bord zu nehmen; erstens war er genöthigt, den Befehlen meines früheren Kapitäns zu gehorchen, zweitens konnte meine Börse die Kajüte mit den nöthigen Erfrischungen in Gestalt von Obst, Geflügel und Vegetabilien versehen, welche zu Port-Praya zu haben sind, und folglich sah er sich in die Nothwendigkeit versetzt, die Last meiner Gesellschaft zu ertragen. Ich fand, daß das Schiff am folgenden Tage noch nicht unter Segel gehen konnte, wie er es beabsichtigt hatte. Deshalb nahm ich mit Tagesanbruch meine Flinte und durchstreifte die Thäler mit einem Führer, um wilde Truthühner oder Guineahühner zu schießen, an welchen das Eiland Ueberfluß hat; aber sie waren so scheu, daß ich nie zum Schuß kommen konnte. Ich machte den Rückweg über die Hügel, weil mir mein Führer versicherte, daß dies der kürzeste sei. Von meiner Wanderung ermüdet, war es mir nicht unerfreulich, in ein schattiges Thal zu gelangen, wo die Palmette und Platane einen freundlichen Schutz gegen die brennende Sonne gewährte. Mit bewunderungswürdiger Behendigkeit erkletterte mein Führer einen Kokosnußbaum und warf mir ein halb Dutzend grüne Nüsse herunter, deren Milch mir der erfrischendste und köstlichste Trunk dünkte, den ich je gekostet hatte. Eben riefen die Vesperglocken in Port-Praya die armen Negermönche zum Gebet, und zugleich machte sich unter den kleinen schwarzen Buben und Mädchen, von denen ich bis jetzt noch nichts gesehen hatte, ein rührendes und lärmendes Treiben bemerkbar. Sie stürzten aus den Gebüschen hervor und versammelten sich vor der einzigen Hütte, die meinem Auge sichtbar war. Ein großer bejahrter Neger trat aus der Thüre und setzte sich auf einen Rasenhügel, der nur wenige Fuß entfernt lag. Ihm folgte ein Bursche von ungefähr zwanzig Jahren, der eine furchtbare »Kuhhaut« in der Hand trug. Zur Belehrung meiner Leser muß ich bemerken, daß eine Kuhhaut eine große, aus dem Fell der Seekuh oder des Hippopotamus bereitete, reitgertenartige Peitsche ist, welche sich durch die furchtbaren Streiche, die damit ausgetheilt werden können, einen gegründeten Ruf erworben hat. Hinter dem Repräsentanten der vollziehenden Gewalt folgten mit langsamen und abgemessenen Schritten die armen kleinen Verbrecher, fünf Knaben und drei Mädchen, die sich mit dem Ausdrucke des Jammers auf ihren Gesichtern in einer Linie vor dem alten Manne aufstellten. Bald bemerkte ich, daß die Mannschaft hier zum Peitschen versammelt war, aber das Verbrechen sollte ich erst noch erfahren; auch wußte ich nicht, ob Befehl zur Entkleidung gegeben war. Bei den Knaben wäre dieser überflüssig gewesen, da sie ganz nackt waren. Die Mädchen hatten baumwollene Hemden an, welche sie nur langsam und mit Widerstreben aufrollten, bis sie dieselben dicht unter ihren Achselhöhlen zusammenhielten. Jetzt befahl der Greis dem ältesten Knaben, sein Paternoster zu beginnen, und zugleich schwang der Peitschenmeister zur Aufmunterung seine Kuhhaut. Der Arme schielte aus dem Winkel seines Auges nach dem furchtbaren Werkzeug und begann: »Pateri nobstor, qui, qui, qui (hier empfing er einen schweren Hieb mit der Kuhhaut) – »aes in Sellis,« heulte der Knabe, als hätte die Anwendung der äußeren Gewalt auf seinen Rücken durch die Stärke der bewegenden Kraft die Fortsetzung aus seinem Munde herausgeschlagen – sangti fiseter nom tum, ad veni regnum tum, fi notuntass, ta, ti tu, terror« heulte der arme Bursche, als die Ruthe der Zucht auf seinen wehrlosen Rücken niederfiel. »Allerdings terror ,« dachte ich. »Pannum nossum quotiddi hamminum da nobs hoddi; e missi nobs debitti nossa si cut nos demiddimissibus de petoenibas nossimus e, ne, nos hem-duckam in, in, in templationemum, sed lilliberi nos a mal – mal –« hier trieb ein schwerer Hieb die Ergänzung des Satzes, das O , vollends heraus. Meine Leser dürfen nicht glauben, daß die übrigen Schüler ihre Aufgabe mit eben so viel Geschicklichkeit lösten, wie ihr Anführer, der in Vergleich mit ihnen ein wahrer Gelehrter war. Sie erhielten beinahe vor jedem einzelnen Worte einen Peitschenhieb. Zuerst wurden die Knaben vorgenommen; vermuthlich sollten sie in den vollen Genuß der Muskelkraft ihres Zuchtmeisters gesetzt werden; während die armen Mädchen noch das besondere Vergnügen hatten, die Zurechtweisung mit anzusehen, die bald an sie selbst kommen sollte. Daß sie vollkommen wußten, was ihrer wartete, ging aus den Vorbereitungen hervor, die sie im Anfange des Schauspieles mit der Gewandung getroffen hatten. Eines um das andere wurde vorgerufen, um sein Ave Maria , als das ihrem Geschlechte angemessenere Gebet herzusagen; aber kaum konnte ich meine Wuth bändigen, als die scheußliche Kuhhaut auf sie angewendet wurde, oder mein Gelächter unterdrücken, wenn sie unter ihren Streichen benedicta mulieribus heulten, indem sie den beleidigten Theil krampfhaft mit ihren kleinen Händchen drückten. Ich hätte dem jungen Neger die Peitsche aus der Hand reißen und ihn sammt seinem alten Schurken von Herrn, dem Vater der armen Kinder, wie ich nachher erfuhr, aus Leibeskräften damit züchtigen mögen. Meine Geduld war beinahe zu Ende, als das zweite Mädchen für ihr plena gratia einen Hieb erhielt. Es kreischte und tanzte und hob ihre Beine krampfhaft in die Höhe, während es sich seine West seite, wie es die Damen in Philadelphia nennen, mit einem solchen Eifer rieb, als hätte der Arzt eine Friktion verordnet. Doch die Hauptsache sollte noch kommen. Ehe der Vorhang fiel, mußte noch ein Bühneneffekt hervorgebracht werden. Das jüngste Mädchen hatte seine Aufgabe so schlecht auswendig gelernt, daß selbst die Kuhhaut kein Wort aus ihm herausbringen konnte; ein durchdringendes Geschrei, das mein Herz zu zerreißen drohte, war Alles, was das arme Schlachtopfer zu äußern vermochte. Ergrimmt über die Unfähigkeit des Kindes, im Gedächtniß zu behalten, was es nicht verstand, sprang der Alte von seinem Sitze auf und streckte es bewußtlos zu Boden. Ich konnte es nicht länger mit ansehen. Mein erster Gedanke war, dem Neger die Kuhhaut aus der Hand zu reißen und das arme Kind zu rächen, welches blutend und ohne Bewegung am Boden lag; aber ich sann einen Augenblick nach und begriff, daß ein solcher Schritt dem Unglücklichen nach meiner Entfernung eine doppelte Züchtigung zuziehen würde. Deßhalb nahm ich meinen Hut, wandte mich mit Abscheu weg und ging langsam der Stadt und Bucht Port-Praya zu, während ich darüber nachdachte, welch' heitere Begriffe die armen Geschöpfe von der Religion bekommen müssen, wenn sich an den Namen Gottes unwandelbar der Gedanke an die Kuhhaut knüpfte. Ich parodirte den Ansang einer von Watt's Hymnen: »Herr, wie lieblich ist's zu hören, Wie die Deinen Dich verehren!« Der Unwille, den ich gegen den rohen und unwissenden Neger fühlte, war mit schmerzlichen Erinnerungen an meine eigene Kindheit vermengt, wo man in meinem christlichen und protestantischen Lande Bibel und Gebetbuch zu Gegenständen des Schreckens für mich gemacht hatte; Aufgaben, welche meine Fassungskraft überstiegen, und entsprechende Züchtigungen waren nicht sehr geeignet, Geist und Herz eines starrköpfigen Jungen für religiöse Belehrung empfänglich zu machen. Am Ufer angekommen, ging ich an Bord meines Sklavenschiffes, und am folgenden Tage traten wir unsere Fahrt nach England an. Wir hatten den günstigsten Wind, bis wir den Eingang in den Kanal erreichten, wo ein Nordost aufsprang und uns so weit nach Süden trieb, daß sich der Prisenmeister in die Nothwendigkeit versetzt sah, in den Hafen von Bordeaux einzulaufen, um sein Schiff auszubessern und den Wasservorrath zu ergänzen. Ich bedauerte es keineswegs, denn ich war der Gesellschaft dieses Offiziers müde. Er besaß eben so wenig Bildung, als Gemüth, und war weder Seemann noch Gentleman. Gleich vielen andern Angestellten der Flotte, welche am lautesten über Hintansetzung schreien, war er meines Erachtens selbst in seinem gegenwärtigen Rang, was wir einen »schlechten Handel für den König« nennen – d. h. sein Salz nicht werth. Leute seines Gelichters zu befördern, heißt nur dem Staate das Geld aus der Tasche stehlen. Sobald wir in der Gironde auf der Höhe der Stadt Bordeaux Anker geworfen und der betreffenden Behörde unsere Aufwartung gemacht hatten, verließ ich das Schiff und seinen Kapitän, und ging an's Land. Ich schlug meine Wohnung im Hôtel d'Angleterre auf, bestellte vor Allem ein gutes Mittagessen, und nachdem ich dieses verzehrt und mit einer Flasche vin de Beaune – ich bin kein übler Kenner und empfehle allen Reisenden dringend, sich diesen Wein geben zu lassen, wenn sie ihn bekommen können – hinuntergeschwemmt hatte, fragte ich meinen valet de place , wie ich für den Rest des Abends über mich verfügen könne? »Mais, Monsieur,« erwiederte er, »il faut aller au spectacle.« »Allons« sagte ich, und nach wenigen Minuten saß ich in einer Loge des schönsten Theaters der Welt. Welch' seltsame Ereignisse – welch' unerwartete Zusammenkünfte und plötzliche Trennungen knüpften sich an das Loos eines Seefahrers – welch' rasche Uebergänge von Schmerz zur Freude, von der Freude zum Schmerz, vom Mangel zum Ueberfluß, vom Ueberfluß zum Mangel! Die sechs letzten Monate aus der Geschichte meines Lebens liefern hiezu die schlagendsten Beweise. Sechsundzwanzigstes Kapitel. Geliebt von vielen, um auch sie zu lieben, Darfst du die Luft der Welt noch mehr genießen; Mir ist auf dieser Erde nichts geblieben. Als mich in Gram und Schande zu verschließen. Don Juan. Ich schenkte der Vorstellung wenig Aufmerksamkeit, denn in dem Augenblicke, als ich in das Haus trat, fielen meine Augen auf einen Gegenstand, von dem ich sie unmöglich wieder abwenden konnte. »Sie ist's,« sagte ich, »aber es kann nicht sein; und doch warum sollte es nicht?« In einer der Logen saß eine junge Dame, welche höchst geschmackvoll gekleidet war und die vereinigte Aufmerksamkeit einer Menge Franzosen zu beschäftigen schien, die mit einander wetteiferten, ein Lächeln von ihr zu erhaschen. »Entweder ist dies Eugenie,« dachte ich, »oder ich bin auf den Trümmern von St. Jago eingeschlafen und träume von ihr. Dies ist Eugenie, oder ich bin nicht Frank. Ist sie's selbst, oder ist's ihr Geist?« Noch fehlte mir die moralische Ueberzeugung von ihrer Identität, um zu ihr zu gehen und sie anzureden. Und wäre ich auch meiner Sache gewiß gewesen, so mußte, genau betrachtet, die Lage, in der wir uns befanden, einen solchen Schritt als höchst unangemessen verdammen. »Wenn es Eugenie ist,« dachte ich wieder, »so hat sie sich sowohl in ihrem Benehmen als in ihrem Aeußern zu ihrem Vortheile verändert. Sie hat ein embonpoint und ein air de bonne societé gewonnen, welche sie bei unserer Trennung noch nicht gehabt hat. Je aufmerksamer ich sie betrachtete, desto mehr fand ich meine Vermuthung bestätigt. Die unveränderliche Richtung meiner Augen zog die Aufmerksamkeit eines französischen Offiziers auf sich, welcher neben mir saß. »C'est une jolie femme, n'estce pas, Monsieur!« »Vraiment.« erwiederte ich. »Ist Ihnen ihr Name bekannt?« »Elle s'appelle Madame de Rosenberg.« »Dann bin ich im Irrthum,« sagte ich zu mir selbst. »Ist sie vermählt, Sir?« »Pardonnez-moi, elle est veuve, mais elle a un petit garçon de cinq ans, beau comme un ange.» »Sie ist's,« dachte ich, wieder auflebend. »Ist sie Französin?« »Du tout, Monsieur, elle est une de vos campatriotes; c'est un fort joli exemplaire.« Als mir mein gefälliger Nachbar noch ferner mittheilte, sie sei erst seit drei Monaten in Bordeaux und habe eine sehr gute Verbindung ausgeschlagen, überzeugte ich mich vollkommen, daß Madame de Rosenberg keine andere Person sein konnte, als Eugenie. Allein jeder Versuch, einen Blick von ihr zu erhaschen, schlug fehl, und mir blieb keine andere Hoffnung, als ihrem Wagen zu folgen. Ich wartete mit der Ungeduld eines begeisterten Jägers, der seine Hunde anschlagen hört, auf das Ende des Stückes. Endlich schwieg das höllische Geschrei der Vokalisten, nachdem ich ihnen alle Wachskerzen des ganzen Hauses in den Hals gewünscht hatte, um ihnen die Kehlen zu verbrennen. Einer von den Herren in der Loge legte ihr mit der sorgfältigsten Aufmerksamkeit den Shawl um die Schultern, während die Umstehenden bereit schienen, ihn aus Neid in Stücke zu reißen. Mit Riesenschritten lief ich zur Thüre, und sah sie gerade noch in den Wagen steigen, der in rascher Eile davon rollte. Ich rannte ihm nach, sprang auf den hinteren Fußtritt und faßte neben dem Bedienten Posto. »Descendez donc, Monsieur,« sagte der Mensch. »Lieber will ich verdammt sein,« erwiederte ich. »Comment donc?« fragte der Bediente. »Tais-toi, bête, ou je te brulerai la cervelle.« »Vous f– –e,« erwiederte der Andere, der sich sehr wacker benahm und augenblicklich Anstalt machte, mich vi et armis aus meiner Stellung zu treiben; allein ich gab ihm einen Magenstoß auf den fünften Knopf, der ihn auf einige Minuten hors de combat setzen mußte, nach deren Verfluß ich bei der Geschwindigkeit, womit der Wagen dahinrollte, meinen Zweck erreicht haben konnte. Der Bursche verlor den Athem – konnte sich weder halten, noch ein Wort vorbringen, baumelte über Bord und lag mitten in der Straße. Da er auf trockenen Grund fiel und kein englischer Matrose war, sprang ich ihm nicht nach, sondern überließ ihn seiner eigenen Gewandtheit, und im Augenblicke sahen wir nichts mehr von ihm, denn wir fuhren unsere zehen Knoten, wahrend er von Windstille befallen ohne Athem dalag. Dies war eine der glücklichsten Usurpationen, welche die neuere Geschichte kennt; allein wenn sie auch ihre Parallelen hat, so kann ich mich jetzt nicht aufhalten, um sie mit meiner Thorheit und Uebereilung zu vergleichen. Es ist genug, daß ich meines Postens hinter dem Wagen so gewiß war, als Buonaparte nach der Schlacht von Eylau der französischen Thrones. Wir hielten in einem geräumigen Hofe vor einer weiten porte cochère , die mit Lampen erleuchtet war und den Eingang zu einem sehr großen Haus bildete; sie wurde geöffnet und wir fuhren hinein. Der Wagen stand still. Im Augenblicke war ich unten, öffnete den Schlag und ließ die Tritte herab. Die Dame stieg aus, legte ihre Hand auf meinen Arm, ohne zu bemerken, daß sie ihren Bedienten gewechselt hatte, und schwebte leichten Schrittes die Treppe hinauf. Ich folgte ihr in einen schönen Salon, wo ein anderer Livreebedienter Lichter auf den Tisch gestellt hatte. Sie wandte sich um, wurde mich gewahr, und fiel ohnmächtig in meine Arme. Es war Eugenie, und mit aller Ehrfurcht, die ich meiner geliebten Eugenie schuldig war, raubte ich ihr tausend Küsse, während sie im Zustande der Erstarrung in einem Lehnsessel saß, zu welchem ich sie geführt hatte. Erst nach Verfluß von etlichen Minuten öffnete sie die Augen. Der Bediente, welcher die Lichter gebracht hatte, ging sehr angemessener Weise nicht aus dem Zimmer, war aber höchst ehrerbietig in seinem Benehmen, indem er ganz richtig voraussetzte, daß ich ein Recht zu meinem Benehmen haben mußte. »Mein geliebtester Frank,« sagte Eugenie, »welch' ein unerwartetes Zusammentreffen! Im Namen des Schicksals, was führte dich hieher?« »Dies ist eine zu lange Geschichte für einen so kostbaren Augenblick, Eugenie,« erwiederte ich, »ich könnte dieselbe Frage an dich stellen, aber es ist bereits 1 Uhr Morgens und zu spät zu einem Verhör; doch Eine Frage muß ich thun – bist du Mutter?« »Ja,« erwiederte Eugenie, »Mutter des lieblichsten Knaben, der je die Augen eines Vaters entzückte; er ist gesund und stark, aber im Augenblicke liegt er in tiefem Schlafe – komm morgen früh um zehn Uhr, dann kannst du ihn sehen.« »Morgen,« fragte ich überrascht, »morgen, Eugenie? Warum soll ich dein Haus verlassen?« »Auch das sollst du morgen erfahren,« erwiederte sie, »aber jetzt sollst du thun, um was ich dich bitte. Morgen bin ich für Niemand zu Hause, als für dich.« Ich kannte Eugenie und wußte, daß es genug war, wenn sie entschieden hatte. Vorstellungen waren fruchtlos. Ich küßte sie, wünschte ihr eine gute Nacht und kehrte in meinen Gasthof zurück. Welche Stürme tobten in meiner Brust! Gleich einem Schiff in der Sturzsee war ich zwischen Emilie und Eugenie hin und her geworfen. Eugenie hatte noch nie so lieblich geblüht; die angeborenen Reize ihrer Person waren durch Anmuth und Bildung erhöht, und verbreiteten einen Glanz über sie, der es Emilien nicht viel besser machte, als ich es dem Bedienten gemacht hatte. Ich schloß die ganze Nacht kein Auge – kleidete mich in aller Frühe an, schlenderte umher, betrachtete Chateau Trompette und die römischen Ruinen – gab die Hoffnung auf, daß es jemals zehn Uhr schlagen würde, und als es endlich doch schlug, klopfte ich bei dem ersten Hammerstreich an Eugeniens Thüre. Der Mensch, welcher mir öffnete, war derselbe, dem ich am Abend vorher so übel mitgespielt hatte. Im Augenblicke, wo er mich sah, nahm er eine Stellung an, die zugleich offensiv und defensiv, remonstrativ und vindicativ war und die Angelegenheit der vergangenen Nacht erörtern zu müssen glaubte. »Ah, ah! vous voilà donc! Ce n'était pas bien fait, Monsieur.« »Oui,« erwiederte ich, »très-nettement fait, et voilà encore.« Damit ließ ich ihm einen Napoleon in die Hand gleiten. »Ça s'arrange trés joliment, Monsieur,« versetzte der Bediente, den Mund bis an beide Ohren verziehend, und sich bis zur Erde verbeugend. »C'est Madame, que vous voulez donc?« »Oui,« erwiederte ich. Er führte mich die Treppe hinauf und öffnete die Thüre eines Frühftückszimmers – »Tenez, Madame, voici le Monsieur, qui m'a renversé hier au soir.« Eugenie saß auf einem Sopha und hatte ihren Knaben neben sich. Es war das liebenswürdigste Kind, das ich je gesehen hatte. Er hatte ein Gesicht, wie man es häufig in Schilderungen, aber selten im Leben findet; es war von schwarzen Ringellocken umschattet; Mund, Augen und Gesichtsfarbe hatten sehr viel von der Mutter, aber wie mir meine Eitelkeit zuflüsterte, weit mehr von mir. Ich setzte mich auf das Sopha, nahm den Knaben auf meine Kniee und faßte die Hand der neben mir sitzenden Eugenie, während sie mir die Ereignisse ihres Lebens erzählte, die seit unserer Trennung vorgefallen waren. »Wenige Tage nach deiner Abfahrt zur Expedition nach Vließingen,« begann sie, »las ich in den öffentlichen Blättern, daß, wenn sich die nächsten Verwandten meiner Mutter bei – – in London melden wollten, sie etwas sehr Vorteilhaftes hören würden. Ich schrieb an den Agenten und erfuhr, nachdem ich meine Identität nachgewiesen hatte, daß die beiden Schwestern meiner Mutter, denen, wie du dich erinnern wirst, nach dem letzten Willen ihres Verwandten gleiche Summen mit ihr zugefallen, im ehelosen Stande verblieben seien, daß vor vier Jahren die eine derselben das Zeitliche gesegnet und der Andern ihr gesammtes Vermögen hinterlassen habe, die denn vor zwei Monaten ebenfalls gestorben sei und Alles meiner Mutter oder deren nächsten Erben, oder in Ermanglung eines solchen einem entfernten Verwandten vermacht habe. Dadurch kam ich in den Besitz von zehntausend Pfund nebst Zinsen, und vernahm außerdem, daß noch ein Großoheim von mir am Leben sei, der, weil er keine Erben habe, nichts sehnlicher wünsche, als meine Mutter oder deren Erben aufzufinden. Deßhalb erging eine Einladung an mich, meine Wohnung bei ihm aufzuschlagen. »Zu dieser Zeit waren die Folgen meines Vergehens nur zu deutlich sichtbar und rechtfertigten meines Erachtens eine Täuschung. Ich legte Wittwentrauer an und gab vor, mein Gemahl sei ein junger Offizier gewesen, den das verheerende Walcherenfieber weggerafft habe, unsere Vermählung sei heimlich geschlossen worden und keinem seiner Freunde bekannt. Mit dieser Tracht und Erzählung erschien ich vor dem Agenten und er schenkte mir Glauben. Dieses Mährchen wurde meinem Großoheim vorgetragen und hatte den gleichen Erfolg. Mit väterlicher Liebe ward ich in seinem Hause aufgenommen und in demselben Hause gab ich dem theuren Knaben, welchen du in deinen Armen hältst, das Dasein. – Deinem geliebten Kinde – mein Frank – dem einzigen, das ich je gebären werde. Ja, mein lieber Eugen,« fuhr sie fort, und preßte ihre rothen Lippen auf den breiten weißen Nacken des Kindes, »du sollst meine einzige Sorge, mein Trost, meine Beruhigung und meine Freude sein. Der Himmel schickte in der Fülle seiner Barmherzigkeit der unglücklichen Mutter in der Doppelqual der Schuld und Trennung von Allem, was sie einst liebte, den Cherub zum Tröste; und durch meine Rückkehr zu seinen beleidigten und entweihten Gesetzen soll ihm vergolten werden. Ich fühlte, daß mir meine Sünde vergeben ist; denn mit bitteren Zähren habe ich Tag und Nacht um Vergebung gefleht und der Himmel hat mein Gebet erhört. ›Gehe hin und sündige Hinfort nicht mehr,‹ ward zu mir gesagt, und unter dieser Bedingung habe ich Vergebung erhalten. »Du wirst mich ohne Zweifel fragen, warum ich dich nicht von diesem Ereignisse in Kenntniß setzen ließ und mich so sorgfältig vor dir verbarg? Ich kannte die Heftigkeit deines Charakters, darauf stützten sich meine Gründe. Von einem Manne, welcher dem Tode trotzen und alle Folgen der Desertion von einem zu Spiethead liegenden Schiffe herausfordern konnte, ließ sich nicht wohl erwarten, daß er den Eingebungen der Klugheit Gehör schenken würde, wenn seine Geliebte für ihn zu finden war. Und nachdem ich mich einmal für eine Wittwe ausgegeben hatte, beschloß ich auch um meiner, um deiner und um dieses theuren Kindes willen – des einzigen Tropfens, der meinen bittern Leidenskelch versüßte – meinen Charakter zu behaupten. Hättest du durch irgend ein Mittel meinen Aufenthaltsort erfahren, so war der Friede im Hause meines Oheims und die Zukunft meines Kindes für immer vernichtet. »Jetzt sage mir, Frank, habe ich, oder habe ich nicht wie eine römische Mutter gehandelt? Mein Großoheim hatte mir seine Absicht mitgetheilt, mich zur Erbin seines Vermögens einzusetzen; um seiner, um deiner und um meines Kindes willen wich ich keinen Schritt vom Pfade der Tugend, und Gott wird mir in seiner unendlichen Barmherzigkeit die Gnade schenken, daß ich auch ferner nie wieder davon weiche. Zuerst beschloß ich, dich nicht eher zu sehen, als bis ich selbstständiger geworden wäre; und nachdem ich durch den Tod meines verehrten Verwandten nicht nur von jedem Zwange in Bezug auf seine Gefühle befreit, sondern auch in meinen Verhältnissen unabhängiger geworden war, wirst du es vielleicht nicht befremdend finden, daß ich dich nicht sogleich von der Veränderung meiner Lage in Kenntniß setzte, um uns den Genuß eines ungehinderten Umgangs zu verschaffen. Aber Zeit und Nachdenken, sowie der Verkehr mit meinem Oheim und seinen auserlesenen Freunden, zugleich auch die Sorge für mein Kind und das Lesen trefflicher Bücher hatte eine große Veränderung in meiner Denkungsart hervorgebracht. Nachdem ich das Vergnügen des Umganges mit tugendhaften Frauen gekostet hatte, gelobte ich dem Himmel, daß hinfort keine meiner Handlungen mehr seinem heiligen Willen widersprechen sollte. Die Vergangenheit konnte nicht mehr zurückgerufen werden; aber die Zukunft war mein. »Nachdem ich mich durch vieles und angelegentliches Lesen vorbereitet hatte, ging ich zum heiligen Abendmahl; und da ich nun meine Gelübde vor dem Altare abgelegt habe, werden sie mit Gottes Hülfe unverbrüchlich sein. Dramatische Schriften, die verderbliche Nahrung meiner Jugend und das Gift meines glühenden Geistes, hatte ich schon lange bei Seite gelegt; und ich war entschlossen, dich nicht eher wieder zu sehen, als bis deine Verlobung mit Miß Somerville gefeiert sein würde. Erschrick nicht! Auf dem einfachsten und leichtesten Wege bin ich von allen deinen Handlungen, deinen Gefahren, der wiederholten Rettung deines Lebens, den unerschrockenen Thaten deines Heldenmuths und deiner Selbstaufopferung für Andere in Kenntniß gesetzt worden. »Soll ich nun, sprach ich zu mir selber, die Aussichten des Mannes meiner Liebe – des Vaters meines Kindes zertrümmern? Soll ich die Hoffnungen und das Glück des Freundes und seiner Familie, soll ich den Lohn der Tugend deiner Braut opfern, um den elenden Ehrgeiz zu befriedigen, das Weib desjenigen zu werden, der mich einst sein Liebchen nannte? Ich hoffe, du wirst hierin eine Spur von Selbstverleugnung bemerken. Manche, manche Ströme bitterer Thränen der Reue und des Grames habe ich über meine Vergangenheit vergossen, und ich hege das Vertrauen, daß mir, was ich gelitten habe und noch leiden soll, vor dem Throne der Gnade zur Sühne angerechnet werde. Ich gestehe es, daß ich mich einst nach der seligen Zeit sehnte, wo ich mich dir nicht als vermögenslose Braut zur Gattin anbieten könnte; aber ein brennender, unvertilgbarer Gedanke, der mich dem Wahnsinne nahe brachte, schreckte mich von der Verbindung zurück. In der Gesellschaft, zu welcher du berechtigt warst, konnte ich nicht erscheinen. Ich fühlte, daß ich dich liebte, Frank, daß ich dich zu sehr liebte, um dich zu betrügen. Das Weib, welches so wenig Achtung vor sich selbst gehabt hatte, konnte unmöglich die Gattin Frank Mildmay's werden. Wie konnte ich überdieß die Ungerechtigkeit gegen mein theures Kind begehen, ihm Brüder und Schwestern zu geben, die den Vorzug der rechtmäßigen Geburt vor ihm hätten? Ich empfand, daß unsere Verbindung, solltest du auch trotz meinen Zweifeln damit einverstanden sein, unmöglich eine segensreiche werden konnte; und als ich durch meine Korrespondenten erfuhr, daß du auf dem Punkte stündest, dich mit Miß Somerville zu vermählen, fühlte ich, daß dieß das Beste wäre, und daß ich kein Recht hätte, mich zu beklagen, zumal da ich es war (ich gestehe es mit Erröthen), die dich verführt hatte. »Aber, Frank, wenn ich nicht dein Weib sein kann – und ach, ich weiß nur zu gut, daß dieß unmöglich ist – willst du mir erlauben, als Mutter deines Kindes, oder wenn du lieber willst, als deine Schwester, dir Freundin, liebende Freundin zu sein? Aber hier ist die geheiligte Grenze gezogen: es besteht ein Bündniß zwischen meinem Gott und mir. Du kennst meinen festen und entschiedenen Charakter; einmal reiflich überlegt, ist mein Entschluß unerschütterlich. Mache also keinen Versuch, ihn zu bekämpfen, er würde nur mit deiner unvermeidlichen Niederlage und Schande enden, und ich würde mich auf immer deinem Anblicke entziehen. Du wirst mich gewiß nicht so tief verachten, um mir die Erneuerung der Thorheiten meiner Jugend zuzumuthen. Wenn du mich liebst, so achte mich; versprich mir bei den Gefühlen, die du gegen Miß Somerville hegst, und bei der Liebe zu diesem armen Kinde, daß du handeln willst, wie ich es wünsche. Sowohl deine, als meine Ehre und Ruhe fordern es.« Diese Strenge von einer Seite, von der ich sie am wenigsten erwartet hatte, erfüllte mich mit Scham und Verwirrung. Wie in einem Spiegel erblickte ich meine Häßlichkeit. Ich sah, daß Eugenie nicht nur ihre, sondern auch meine Ehre und die Wohlfahrt Miß Somerville's bewahrte, gegen die ich jetzt des gemeinsten Betruges und der schmählichsten Täuschung überwiesen war. Ich bekannte mein Vergehen und gab Eugenie die Versicherung, daß ich durch jegliches Band der Ehre, Achtung und Liebe an sie gefesselt sei, und daß unser gemeinsames Kind der Gegenstand unserer gemeinsamen Sorge sein solle. »Ich danke dir, mein Lieber,« sagte sie, »du hast mir eine schwere Last vom Herzen genommen; erinnere dich von nun an, daß wir Bruder und Schwester sind. Ich werde jetzt im Stande sein, das Vergnügen deiner Gesellschaft zu genießen; und nun dieser Punkt in's Reine gestellt ist, laß mich auch wissen, was dir seit unserer Trennung begegnet ist. Erzähle mir die Einzelheiten deiner Erlebnisse, mit dem allgemeinen Umriß derselben bin ich schon vorher bekannt.« Ich berichtete ihr Alles, was mir seit der Stunde unserer Trennung bis zum Augenblicke, wo wir uns im Schauspielhause sahen, begegnet war. Entsetzen, Erstaunen und Lachen wechselte bei meiner Zuhörerin mit einander. Ueber die Leichen Klara's und Emiliens sprach sie unter lautem Schluchzen den Zaubersegen, aber bald erholte sie sich von ihrem Jammer über die Unglücklichen, die ohne Bewußtsein am Boden lagen, und brach in ein krampfhaftes Gelächter aus, als ich von dem Mißgriff des Bedienten und dem ihm von der Magd versetzten Backenstreiche sprach. Mein Herz war nicht von Natur verderbt. Blos bisweilen konnten es besondere Verhältnisse vergiften; aber stets blieb ich edelmüthig und wurde leicht zum Gefühl meiner Pflicht zurück geführt, wenn man mir meinen Fehler vorstellte. Nicht um einen Kaiserthron hätte ich Eugenie überreden mögen, ihr Gelübde zu brechen. Ich liebte und achtete die Mutter meines Kindes um so mehr, als sie es gewesen war, die mich in meiner Treue gegen Emilie erhalten hatte. Der Gedanke entzückte mich, daß meine Freundschaft für die eine und meine Liebe für die andere nicht unverträglich mit einander waren. Zugleich schrieb ich an Emilie und kündigte ihr meine baldige Rückkehr nach England an. »Da ich das vollkommenste Vertrauen auf deine Ehre sehe,« sprach Eugenie, »so nehme ich jetzt deine Begleitung nach London an, wo gegenwärtig meine Anwesenheit vonnöthen ist. Pierre soll uns begleiten – es ist ein treues Geschöpf, wenn du ihm gleich so übel mitgespielt hast.« »Dieß ist in's Reine gebracht,« erwiederte ich, »und Pierre wird um diesen Preis herzlich gern noch einmal über Bord springen.« Unsere Vorkehrungen waren schnell getroffen. Das Haus wurde zurückgegeben – eine geräumige Reisebarutsche nahm unser Gepäck auf. Mit dem Kinde zwischen uns fuhren wir über die Gironde und nahmen unsern Weg über Poitiers, Tours und Orleans nach Paris, wo wir uns eine Zeitlang aufhielten. Wir fanden beide keinen Gefallen an den Sitten und Gewohnheiten der Franzosen; aber da sie von den Schwärmen englischer Reisender, welche Frankreich mit ihrer Gegenwart und ihr Vaterland mit den Früchten ihrer Anstrengungen gezüchtigt haben, auf's Vollständigste beschrieben sind, so werde ich so ruhig durch Frankreich gehen, wie ich einst durch den Themse-Tunnel zu gehen hoffe, d. h. wenn er vollendet ist, früher nicht. Eugenie fragte mich über die Wahl ihres künftigen Aufenthaltes um Rath; und hier beging ich einen großen Fehler, doch erkläre ich feierlichst, daß es ohne alle verbrecherische Absicht geschah. Ich wagte ihr den Vorschlag zu machen, sie sollte ihre Wohnung in einem sehr schönen Dorfe, wenige Meilen von – – Hall, dem Landsitze Herrn Somerville's aufschlagen, wo ich mich nach meiner Vermählung mit Emilien selbst niederzulassen gedachte, indem ich ihr zugleich die Versicherung gab, daß ich sie öfters besuchen würde. »So große Freude mir auch deine Gesellschaft machen würde, Frank,« erwiederte Eugenie, »so ist dieß doch eine Maßregel, die für alle Betheiligte verderblich und gegen deine künftige Gattin ungerecht ist.« Unglücklicherweise hatte mich trotz der Warnungen, die ich erhalten, und trotz der Gelübde der Besserung, die ich gethan hatte, jener Hang zur Doppelgängigkeit noch nicht verlassen, der mir in meiner frühesten Kindheit eingepflanzt worden war. Im Bewußtsein, daß ich nichts Arges beabsichtigte, überwand ich die Gewissenszweifel der trefflichen Eugenie. Sie schickte eine vertraute Person in das Dorf, die ihr in der nächsten Umgebung desselben eine bequeme und sogar geschmackvoll ausgestattete Wohnung verschaffte, und während sie mit ihrem Kinde und Pierre'n diese Wohnung in Besitz nahm, ging ich zu meines Vaters Hause, wo meine Erscheinung als das Signal zu einem großen Familienfeste begrüßt wurde. Ich fand Klara durch das einnehmende Betragen meines Freundes Talbot von ihrer krankhaften Abneigung gegen Seeoffiziere so von Grund aus geheilt, daß sie, wie ich mit Entzücken vernahm, im Begriff stand, dem jungen Manne ihre schöne, weiße, kleine Hand am Altare zu reichen. Dieß war ein großer Triumph für die Flotte, denn ich sagte immer mit Lachen zu Klara, daß ich ihr es nie vergeben würde, wenn sie den Dienst hintansetzte; und da ich die reinste Achtung gegen Talbot hegte, erschien mir die Zukunft meiner Schwester äußerst heiter und freundlich. Ich glaubte, sie hätte eine Wahl getroffen, die ohne Zweifel ihr Glück sichern müßte. »Rule Britannia,« sagte ich zu Klara; »Blau für immer!« Am andern Morgen eilte ich nach Herrn Somerville's Landhaus, wo ich natürlich mit offenen Armen empfangen wurde; und da die Gesellschaft wenige Tage später durch meinen Vater, meine Schwester und Talbot vermehrt wurde, war ich so glücklich, als ein menschliches Wesen zu sein vermag. Eine Frist von sechs Wochen wurde von meiner Geliebten als der kürzeste Zeitraum angesetzt, in welchem sie getakelt, mit neuen Segeln versehen und zur langen, bisweilen auch langweiligen Ehestandsfahrt ausgerüstet sein könnte. Ich beschwerte mich über den übermäßig langen Verzug. »So lange die Frist auch scheinen mag,« erwiederte sie, »so ist sie doch noch weit kürzer, als die Zeit, welche du zu Ausrüstung deiner schönen Fregatte nach Nordamerika in Anspruch nahmst.« »Mit der Ausrüstung der Fregatte hatte ich für meine Person nicht die geringste Eile,« sagte ich, »und wenn ich je erster Lord der Admiralität werden sollte, so würde ich ein scharfes Auge auf die jungen Lieutenants und ihre Herzliebsten zu Blackhead werfen, besonders wenn es mit der Ausrüstung eines Schiffes in Woolwich Eile hätte.« Solche Wortwechsel fielen zu großer Belustigung aller Betheiligten häufig vor. Mittlerweile beschäftigten sich die Damen mit Veranlassung, und ihre Väter mit Bezahlung langer Rechnungen bei Modehändlern. Mein Vater war gegen Emilie besonders freigebig mit Silbergeschirr und Kleinodien, und Herr Somerville bewies sich nicht minder großmüthig gegen Klara. Emilie erhielt ein Schmuckkästchen, welches so schön gearbeitet und so reich ausgestattet war, daß keine geringe Summe erfordert wurde, um nur den Juwelier zu befriedigen; ja, meines Vaters Güte war so groß, daß ich mich zur Bitte genöthigt sah, seiner Freigebigkeit Schranken zu setzen. Ich war so beschäftigt und glücklich, daß ich drei Wochen über meinem Haupte hingehen ließ, ohne Eugenie zu sehen. Endlich träumte ich von ihr und glaubte mit Vorwürfen überhäuft zu werden. Voll von den Bildern meines Traumes bestieg ich unmittelbar nach Beendigung des Frühstücks mein Pferd, um zu Eugenien hinüber zu reiten und empfahl die jungen Damen der Sorge Talbot's. Eugenie empfing mich freundlich, aber sie war leidend und niedergeschlagen. Ich fragte nach der Ursache, und sie brach in Thränen aus. »Mir wird besser sein, Frank,« sprach sie, »wenn Alles vorüber ist, aber jetzt muß ich leiden, und meine Leiden sind um so schmerzlicher, weil ich die Ueberzeugung habe, daß ich blos für mein eigenes Verbrechen büße. Wäre ich nie vom Pfade der Tugend abgewichen,« fuhr sie fort, »so würde ich vielleicht in diesem Augenblicke die beneidete Stelle Miß Somerville's in deinem Herzen einnehmen; aber da es die Gerechtigkeit der Vorsehung so bestimmt hat, daß der Schuld die Strafe auf der Ferse folgt, so werde ich jetzt für meine Verirrungen bestraft, und eine gewisse Ahnung sagt mir, daß dieser Kampf, so schwer er auch ist, in Kurzem vorüber sein wird. Gottes Wille geschehe; und mögest du, mein theuerster Frank, viele, viele glückliche Jahre im Umgange mit derjenigen erleben, welcher du vor der unglücklichen Eugenie deine Liebe schuldest.« Mit diesen Worten sank sie auf ein Sopha und weinte bitterlich. »Ich fühle es jetzt,« begann sie wieder auf's Neue, »aber es ist zu spät – ich fühle es jetzt, daß ich Bordaux nicht hätte verlassen sollen. Dort war ich geliebt und geachtet, und wenn auch nicht glücklich, doch wenigstens ruhig. Zu große Zuversicht zu meiner Charakterstärke, und der eitle Wahn, an Hochherzigkeit über meinem Geschlechte zu stehen, verleiteten mich zu der Unbesonnenheit, mich deiner Gesellschaft anzuvertrauen. Ach, theuer, theuer habe ich dafür bezahlt. Nachdem ich den unwiderruflichen Entschluß ausgesprochen hatte, gab es keine Rettung mehr für mich, als Flucht; weil ich dieses einzige Mittel nicht anwandte, fand das Gift auf's Neue den Weg zu meinem Herzen. Ich fühle, daß ich dich liebe, aber ich weiß, daß ich dich nicht besitzen kann, und daß bald der Tod meine unerträglichen Leiden enden muß.« Diese ergreifenden Worte schnitten mir durch die Seele, und gleich einem Strome, der den Damm durchbricht, stürzten die Folgen meiner Schuld und meiner Doppelzüngigkeit auf mich ein. Ich wollte Emilien entsagen; ich wollte mit Eugenien in ein fernes Land fliehen, wo wir unser gepreßtes Herz gegen einander ausschütten konnten; und von einer unwiderstehlichen Aufregung fortgerissen, machte ich ihr diesen Vorschlag. »Was höre ich, mein Geliebter?« rief sie, voll Entsetzen von dem Ruhepolster aufspringend, auf welchem sie, das Gesicht auf die Kniee herabgebeugt, gesessen war. »Was! Du wolltest Heimath, Freunde, Charakter und den Besitz eines tugendhaften Weibes opfern – opfern dem schuldvollen Lächeln einer – – « »Halt! halt, Eugenie,« sagte ich, »nicht also; ich beschwöre dich! erschüttere meine Ohren nicht mit einem Namen, den du nicht verdienst. Mein, mein ist alle Schuld; vergiß mich, und du wirft noch glücklich werden.« Sie warf ihre Blicke auf mich, dann auf den lieblichen Knaben, der aus dem Fußteppiche spielte. Aber sie gab keine Antwort. Plötzlich stürzte eine Fluth von Thränen über ihre Wangen. Es war wirklich eine ganz eigentümliche, entsetzliche Lage, in welche das schöne junge Wesen versetzt war. Sie stand erst in ihrem dreiundzwanzigsten Jahre, und so lieblich sie war, hatte doch die Natur kaum Zeit gehabt, ihr Bild zu vollenden. Die Qualen, die meinen Geist an diesem verhängnißvollen Morgen niederdrückten, können nur diejenigen begreifen, welche gleich mir ein zügelloses Leben führten, eine Zeitlang alle moralischen und religiösen Gefühle erstickten, und auf einmal zum vollen Bewußtsein ihrer Verbrechen und des über die Unschuld verhängten Elendes gelangen. Ich setzte mich und stöhnte; ich kann nicht sagen, ich weinte, denn weinen konnte ich nicht; aber mein Kopf brannte und mein Herz war voll Bitterkeit. Während ich in mich selbst versenkt war, saß Eugenie in nachdenklicher Stellung, die Stirn in die Hand gestützt. Wäre sie zu ihren früheren Studien zurückgekehrt und hätte die denkbar schönste Stellung der tragischen Muse angenommen, so wäre ihre Erscheinung nicht halb so reizend und ergreifend gewesen. Ich glaubte, sie bete, und glaube es noch. Die Thränen rollten still über ihr Antlitz hinunter; ich küßte ste auf und vergaß beinahe Emilie. »Jetzt ist mir besser, Frank,« sprach das arme, kummervolle Weib; »komm nicht eher wieder, als bis die Hochzeit vorüber ist. Wann wird sie stattfinden?« stammelte sie mit zitternder Stimme. Mein Herz wollte brechen, als ich diese Frage beantwortete, denn mir war, als unterzeichnete ich den Befehl zu ihrer Hinrichtung. Ich nahm sie in meine Arme und umschlang sie zärtlich, während ich ihre Gedanken von dem düsteren Schicksale abzuziehen suchte, welches nur zu augenscheinlich über ihrem Haupte schwebte. Sie wurde ruhig, und ich schlug ihr einen Spaziergang im anstoßenden Park vor, indem ich die Hoffnung hegte, die frische Luft werde sie wieder beleben. Sie war's zufrieden, ging in ihr Zimmer und kehrte nach wenigen Minuten zurück. Ihre natürliche Schönheit war an diesem verhängnißvollen Tage durch ein Morgengewand gehoben, welches sie besser kleidete, als jedes andere; es war weiß, reich eingefaßt und von einer berühmten französischen Putzmacherin nach der neuesten Mode gefertigt. Ihre Haube war aus weißem Nesseltuche gemacht und mit hellblauen Bändern eingefaßt; und eine Schärpe von derselben Farbe umschloß ihren schlanken Leib. Der kleine Eugen sprang voraus und war bald auf meiner, bald auf seiner Mutter Seite. Wir wandelten eine Zeitlang umher und sprachen über Pläne der Zukunft und die Erziehung, die wir dem Kinde geben lassen wollten, auf welch' letzterem Gegenstande sie mit besonderem Vergnügen verweilte. Ermüdet von unserer Wanderung, setzten wir uns unter eine Gruppe Birken an einem ansteigenden Rasenwege, der sich durch das dichte Schlagholz emporwand und von dem reichen Eigenthümer angelegt worden war, um den Reitpfaden auf seinem schönen Landgute mehr Ausdehnung und Abwechslung zu geben. Eugen spielte in unserer Nahe, indem er wilde Blumen pflückte, um sie mir zu zeigen und nach ihren Namen zu fragen. Der Knabe stand dicht neben mir, als er, durch ein Geräusch aufgeschreckt, sich mit dem Rufe umwandte: »O sieh, Mütterchen, sieh, Väterchen, dort ist eine Dame und ein Herr zu Pferde.« Ich wandte mich um und sah Herrn Somerville und Emilie kaum sechs Schritte von mir entfernt; sie saßen stumm und regungslos auf ihren Pferden, athmeten nicht und rührten sich nicht. Ich hätte Emilie für eine Wachsfigur halten können; selbst die Thiere schienen versteinert, oder wenigstens stellte sie mir die unglückliche Lage so vor, in welcher ich mich befand; denn sie waren eben so unerwartet in unsere Nähe gekommen, als wir uns von ihrem Anblick überrascht sahen. Der weiche Rasen hatte den Eindruck der Pferdehufe in sich aufgenommen, ohne den Schall zurückzugeben; und wenn die Rosse schnoben, so hatten wir es in der Wärme unseres Gesprächs entweder nicht beachtet, oder nicht gehört. Hastig sprang ich auf – erröthete tief, stammelte, und war im Begriff zu sprechen; aber ich fand keine Zeit, und vielleicht war es besser, daß ich nicht zum Worte kam. Gleich Geistererscheinungen waren sie gekommen, gleich Geistererscheinungen verschwanden sie wieder. Der Baumgang, aus welchem sie so stille hervorgekommen waren, nahm sie wieder auf, und ehe Eugenie ihre Gegenwart gewahr wurde, waren sie fort. Siebenundzwanzigstes Kapitel. Lebe wohl; und sei's auf immer – Auch auf immer lebe wohl! Und vergibst du mir auch nimmer, Heg' ich dennoch keinen Groll. Byron. Dieser contre temps machte mich so sehr bestürzt, daß ich besinnungslos zu Boden fiel. Es dauerte lange, bis mich die freundliche Aufmerksamkeit und Sorgfalt Eugeniens wieder herzustellen vermochte; und als es ihr endlich gelang, vergalt ich ihre Liebe mit einer niederträchtigen Handlung des Undanks, der Tyrannei und Ungerechtigkeit. Ich stieß sie von mir und machte ihr den bitteren Vorwurf, daß sie an meiner unglücklichen Lage schuld sei. Sie antwortete blos mit Thränen. Ohne Lebewohl verließ ich sie und das Kind; ich dachte nicht daran, daß ich sie nie wieder sehen würde. Ich flog nach dem Gasthof, wo ich abgestiegen war, setzte mich auf's Pferd und ritt zurück nach – – Hall. So eben war Herr Somerville mit seiner Tochter angekommen; man mußte Emilie vom Pferde heben und in ihr Zimmer führen. Klara und Talbot eilten herbei und fragten, was vorgefallen wäre. Ich konnte ihnen keine Rechenschaft geben, und bat inständig um die Erlaubnis Emilie zu sehen. Sie ließ mich abweisen. Noch im Laufe dieses Tages, der an Seelenqual Alles übertraf, was ich je bei den größten Beschwerden meines Berufes erduldet hatte, kam es zu einer Erklärung zwischen mir, meinem Vater und Herrn Somerville. Was ich gleich Anfangs aus freiem Willen hätte thun sollen, that ich jetzt aus dem gebieterischen Zwang der Nothwendigkeit. Ich ward in meiner eigenen Schlinge gefangen. »Die Fäden des Teufels sind lang,« sagte ich bei mir selbst, »aber endlich ziehen sie sich doch zusammen.« Die Folge dieser Erklärung war meine völlige Verabschiedung und die Zurückgabe aller Geschenke, welche Emilie von meinem Vater und mir erhalten hat. So tadelnswürdig mein Benehmen war, so erschien es doch weder meinem Vater, noch Herrn Somerville in demselben gehässigen Lichte; und beide wendeten Alles an, um die Eintracht wieder herzustellen. Auch Klara und Talbot vermittelten, aber mit gleich schlechtem Erfolge. Der jungfräuliche Stolz der unerbittlichen Emilie war durch eine schöne Nebenbuhlerin mit junger Familie im nächsten Dorfe in Unruhe gesetzt worden. Der Eindruck, den diese Entdeckung auf ihr fleckenloses Gemüth gemacht hatte, konnte nicht mehr vertilgt werden. Sie sah in mir das falsche, flatterhafte und betrügerische Herz, und erklärte, ihr Zimmer nicht mehr zu verlassen, so lange sie nicht von ihrem Vater die Versicherung erhielte, daß ich nicht länger Gast im Hause sei. Unter diesen peinlichen Verhältnissen war ein längerer Aufenthalt in der Halle eben so zwecklos als trübselig, – eine Quelle des Elendes für uns Alle. Am folgenden Morgen bestellte mein Vater seine Pferde, und mehr todt als lebendig ward ich nach London zurückgebracht. Ein hitziges Fieber tobte in meinem Blute; in dem Augenblicke, als ich mein väterliches Haus erreichte, brachte man mich zu Bette und übergab mich einem Arzte und einigen Wärterinnen, die mich Tag und Nacht bewachten. Drei Wochen lang lag ich im Zustande der Betäubung, und als ich endlich meine Sinne wieder erlangte, geschah es nur, um die Qual zu erneuern, durch welche meine Krankheit veranlaßt worden war. Ich fühlte nichts weniger als Dankbarkeit für meine Genesung. Meine liebe Klara war während meiner ganzen Krankheit nicht von meiner Seite gewichen. Ich hatte keine Arznei genommen, als aus ihrer Hand. Auf meine Bitte, mir zu erzählen, was inzwischen vorgefallen sei, sagte sie mir, Talbot sei abgereist; auch habe mein Vater Herrn Somerville gesprochen und von ihm erfahren, daß Emilie einen langen Brief von Eugenien erhalten, worin ihr diese alle Verhältnisse genau auseinandersetzte, mich entschuldigte und sich allein anklagte; indeß beharre meine gekränkte Braut noch immer fest auf ihrem Entschluß, mich nie wieder zu sehen. »Und ich fürchte, mein lieber Bruder,« fuhr Klara fort, »daß dieser Entschluß nicht leicht zu ändern sein wird. Du kennst ihren Charakter und solltest auch einigermaßen unser Geschlecht kennen; Seeleute, heißt es, fahren um die Welt herum und kommen niemals hinein. So sehr ich dich liebe und achte, so ist dieß der einzige Schatten von Entschuldigung, den ich für dich finden kann. Du hast Emilie an der empfindlichsten Seite verletzt, an der Seite, auf der wir alle eine Beleidigung am schmerzlichsten fühlen. Du hast ihren Stolz verwundet, und dieß vergibt unser Geschlecht nie, oder höchst selten. In demselben Augenblicke, wo sie sich schmeichelte, du lebest blos in ihr, du schwelgest im Vorgenusse des namenlosen Glückes, sie dein zu nennen, und zählest mit Ungeduld die Minuten bis zu diesem seligen Tage – in demselben Augenblicke erblickt sie dich, wie der Wanderer, der plötzlich aus dem Gehölze hervorkommt, die giftige Schlange, auf seinem Pfade schaut, und ihr nicht mehr aus dem Wege gehen kann – findet dich vierzehn Tage vor der Hochzeit, Hand in Hand mit einer Andern und die Frucht verbotener Liebe in deinen Armen. Welches Weib könnte dieß vergeben? Ich nicht das versichere ich dir. Wenn mir dieß Tal – wenn mir dieß irgend ein Mann thäte, ich würde sein Bild aus meinem Herzen reißen, und sollte das ganze Gerüste meines Körpers darüber zertrümmert werden. Ich halte es für einen Freundschaftsdienst, dir zu sagen, Frank, daß es keine Hoffnung für dich gibt. Aber so viel du auch gelitten hast und noch leiden wirst, die Arme leidet weit mehr, und ob sie dich gleich nie mehr annehmen wird, so wird sie doch deine Stelle durch keinen Andern ersetzen, sondern gebrochenen Herzens in's Grab sinken. Du wirst es vergessen, wie es alle Männer vergessen, aber welch' eine Warnung muß in dem Gedanken für dich liegen, daß die Schuld früher oder später Elend nach sich zieht! Dieß hast du in vollem Maße bewiesen. Dein strafbarer Umgang mit diesem Weibe hat Emiliens Frieden für immer gemordet, und die Rache der Gottheit den Becher, der so viel Seligkeit enthielt, als diese Welt zu gewähren vermag, von deinen Lippen weggerissen; ja die Strafe hat nicht allein dich getroffen – auch die Unschuldigen, welche keinen Antheil am Verbrechen haben, büßen mit dir. Wir sind Alle eben so elend als du selbst, aber des Herrn Wille geschehe.« Sie küßte meine schmerzende Stirne, und ihre Thränen fielen auf mein Antlitz. Wie himmlisch ist die Liebe einer Schwester zu einem Bruder! Klara war mir jetzt Alles. Nachdem sie sich einmal über meine Schuld ausgesprochen (und man muß bekennen, daß sie nicht sehr karg mit den Worten war) erwähnte sie der Sache nie mehr, sondern bot alle Mittel auf, die in ihrer Gewalt standen, um mich zu beruhigen und aufzuheitern. Sie schenkte meiner Entschuldigung Gehör; sie gab zu, daß unser Zusammentreffen in Bordeaux eben so unerwartet als unselig war, und verdammte nur die Unbesonnenheit, mit einander zu reisen, und noch mehr die Wahl des Aufenthaltsortes für Eugenie und ihren Sohn. Klara's liebevolle Aufmerksamkeit und Bemühung war vergeblich. Ich sagte ihr dieß und erklärte, in dieser Welt habe ich nichts mehr zu hoffen. »Lieber, lieber Bruder,« rief das zärtliche Mädchen, »beantworte mir eine Frage. »Hast du jemals gebetet?« Meine Antwort wird den Leser völlig in's Klare sehen, von welcher Art meine Religion war. »Um dir die Wahrheit zu sagen, Klara,« erwiederte ich, »wenn ich auch nicht gerade bete, wie du es nennst, so sind ja die Worte von keiner Bedeutung. Ich fühle mich durch die Wohlthaten, die mir der Allmächtige erzeigt, zum Danke gegen ihn verpflichtet; und ich glaube, ein dankbares Herz ist Alles, was er verlangt.« »Wie fühlst du dich aber, Bruder, wenn er dich mit Drangsalen heimsucht?« »Dafür glaube ich ihm keinen Dank schuldig zu sein,« antwortete ich. »Dann hast du keine Religion, mein lieber Frank.« »Mag sein,« erwiederte ich; »aber ich bin jetzt nicht in der Laune, andere Gefühle zu nähren, darum bitte ich dich, den Gegenstand fallen zu lassen.« Sie brach in Thränen aus und sagte: »Das ist schlimmer, als Alles. Sollen wir das Gute aus der Hand des Herrn empfangen, und das Böse nicht annehmen?« Da sie aber sah, daß ich verstimmt und unlenksam war, brachte sie die Sache nicht wieder zur Sprache. Sobald ich im Stande war, das Zimmer zu verlassen, hatte ich eine lange Unterredung mit meinem Vater, der mir ungeachtet seiner feurigen Wünsche für mein Glück unumwunden erklärte, er sei fest überzeugt, daß jeder Versuch zu einer Aussöhnung fruchtlos sein würde. Er machte mir deßhalb zwei Vorschläge, und ersuchte mich, denjenigen auszuwählen, von dem sich am sichersten eine Erleichterung meines gramgepreßten Herzens erwarten ließe. Entweder wollte er seine Freunde auf der Admiralität bitten, mir den Oberbefehl einer Kriegsschaluppe zu übertragen, oder sollte ich mich auf das Festland begeben und nach einem Aufenthalte von einem Jahre nach England zurückkehren, indem man nicht wissen könne, welche Veränderung Zeit und Entfernung in den Gefühlen Emiliens zu meinen Gunsten hervorbringen würden. »Denn,« fuhr er fort, »zwischen dem Herzen eines Mannes und dem Herzen eines Weibes findet ein merkwürdiger Unterschied statt. Jenes wird durch Entfernung sehr oft von seiner Liebe geheilt, dieses aber häufig darin bestärkt und befestigt. Während deiner Abwesenheit wird Emilie bei den Lichtseiten deines Charakters verweilen, und seine Mängel vergessen. Es verlohnt sich der Mühe, den Versuch zu machen, und er ist der einzige Weg, der eine Aussicht auf Erfolg darbietet.« Ich war damit einverstanden und bemerkte blos: »Da jetzt der Krieg mit Frankreich vorüber ist, und wir auch mit ziemlicher Gewißheit einem baldigen Frieden mit Amerika entgegen sehen, so fühle ich keine Lust, Ihnen die Kosten und mir die Mühe zu verursachen, in Friedenszeiten eine Kriegsschaluppe auszurüsten, um die vornehme Welt zu Lustfahrten einladen zu können, und nichts mehr und nichts weniger als den Maître d'Hôtel zu machen, damit ich mir nach der Verschwendung Ihres und meines Geldes und meines ganzen Vorrathes an Höflichkeit sagen lasse, ich sei bei Almacks zum Dank für meine Bemühungen für ein ›ziemlich erträgliches Seethier‹ erklärt worden. Von einem Schiffe will ich also nichts wissen,« fuhr ich fort, »und da ich glaube, daß mir das Festland jedenfalls etwas Neues darbieten wird, so will ich mit Ihrer Erlaubniß den zweiten Vorschlag annehmen.« Nachdem diese Bestimmung getroffen war, sprach ich mit Klara darüber. Der Schmerz des armen Mädchens kannte keine Gränzen. »Dich soll ich verlieren,« sagte sie, »mein theurer Bruder; allein soll ich auf dieser Welt zurückbleiben. Dein leidenschaftliches und ungeregeltes Herz ist nicht in der Verfassung, um sich den fröhlichen und leichtfertigen Franzosen anvertrauen zu können. Du wagst dich ohne Kompaß auf die See – du hast die Religion über Bord geworfen – und was soll dich leiten in der Stunde der Prüfung?« »Besorge nichts, meine theuerste Klara,« erwiederte ich; »die Spannkraft meines Geistes wird mich aus den Gefahren retten, welche du fürchtest.« »Ach, eben diese Spannkraft ist es, welche ich fürchte,« bemerkte Klara; »aber ich hege das Vertrauen, daß sich Alles zum Besten kehren wird. Nimm dieses kleine Buch von der armen Klara, welche Dich mit gebrochenem Herzen scheiden sieht, und wenn du sie liebst, so lies bisweilen darin.« Ich nahm das Buch, umarmte sie zärtlich, und versprach, um ihretwillen darin zu lesen. Als ich die Anordnungen zu meiner Abreise getroffen hatte, beschloß ich noch einen letzten Blick auf – – Hall zu werfen, bevor ich England verließe. Ohne Wissen meiner Familie machte ich mich auf den Weg und kam zur Zeit der Dämmerung in die Nähe des Parks. Ich hieß den Postillon eine halbe Meile vom Hause halten und meine Rückkehr erwarten, sprang über die Einfriedigung und gelangte auf Nebenwegen an's Haus. Das gewöhnliche Wohnzimmer der Familie war im Erdgeschoß. Ich näherte mich vorsichtig dem Fenster. Herr Somerville und Emilie waren beide im Zimmer: er las laut, und sie saß am Tisch und hatte ein Buch vor sich liegen, aber ihre Gedanken weilten augenscheinlich wo anders. Die schönen Finger strichen durch die Lockenhaare und die Stirne ruhte in den Handflächen; der Kopf war gegen den Tisch gebeugt, und stützte sich auf die Ellbogen. Sie schien in die schwermüthigsten Gedanken versenkt. »Auch dieß mein Werk,« sagte ich; »die ansteckende Berührung meiner fluchbeladenen Hand hat diese schöne Blume gebleicht und gemordet. Gott im Himmel! Welch ein Elender bin ich! Wer mich liebt, wird mit Jammer belohnt; – und was habe ich durch die ungeheure Oede gewonnen, welche meine Ruchlosigkeit rings um mich her verbreitet hat? Glück? Nein, nein, das habe ich auf immer verloren. Wollte Gott, ich hätte nichts zu beweinen, als meinen Verlust! Wollte Gott, es gäbe einen Trost für die Seele dieses schönen Wesens und für die andere. Aber ich darf nicht, ich kann nicht beten; ich bin mit Gott und den Menschen zerfallen. Und dennoch will ich zu Gunsten dieses Opfers meiner Niederträchtigkeit einen Versuch machen. O Gott,« fuhr ich fort, »wenn das Gebet eines Verworfenen Erhörung finden kann, so bitte ich dich nicht für mich, sondern für sie um den Frieden, den die Welt nicht geben kann; gieße deine Segnungen auf sie herab, erleichtere die Last ihres Kummers, und tilge das Dasein eines Wesens, wie ich bin, aus ihrem Gedächtniß. Laß den schönen Körper nicht durch den Anblick meines hassenswürdigen Bildes vergiftet werden.« Herr Somerville schwieg; Emilie nahm ihr Buch wieder auf und wischte sich eine Thräne von ihrer Wange. Die Aufregung, welche dieser Anblick in mir hervorbrachte, verbunden mit meiner vorhergehenden Krankheit, von deren Folgen ich mich noch nicht völlig erholt hatte, umwölkte meine Sinne. In der Hoffnung, der Anfall werde vorüber gehen, setzte ich mich unter das Fenster; aber ich hatte mich getäuscht, denn ich fiel bewußtlos auf den Rasen, und blieb wohl eine halbe Stunde lang liegen. Klara sagte mir später, Emilie habe das Fenster – es war ein französisches – geöffnet, um in den Garten zu gehen, und sich zu sammeln. Im hellen Mondlichte sah sie mich am Boden liegen. Ihr erster Gedanke war, ich hätte einen Selbstmord begangen; sie schloß das Fenster, wankte nach dem Hintergrunde des Zimmers und sank in Ohnmacht. Ihr Vater eilte ihr zu Hülfe, sie fiel in seine Arme. Man trug sie auf ihr Zimmer und übergab sie der Sorge ihrer Kammerfrau, von welcher sie zu Bett gebracht wurde. Erst am folgenden Tage vermochte sie über ihren Zustand, oder die Ursache ihres Anfalls Rechenschaft zu geben. Ich für meinen Theil kam allmählig wieder zur Besinnung und erreichte mit Mühe mein Gefährt; der Postillon sagte, ich sei ungefähr eine Stunde lang ausgeblieben. Ohne die entfernteste Ahnung, daß ich von irgend Jemanden und gar von Emilien bemerkt worden sei, fuhr ich nach der Stadt. Als sie ihrem Vater erzählte, was sie gesehen hatte, schenkte er ihr entweder keinen Glauben, oder stellte sich wenigstens so, und nannte die Erscheinung eine Wirkung des verstimmten Gemüths, ein Phantom der überspannten Einbildungskraft, und zuletzt stimmte sie ihm selbst bei. Einige Tage später reiste ich nach dem Kontinent ab. Talbot, welcher Klara seit meiner Verstoßung von Emilien und meiner darauf folgenden Krankheit wenig mehr gesehen hatte, machte meinem Vater das Anerbieten, mich zu begleiten. Klara kannte keinen sehnlicheren Wunsch; denn sie war entschlossen, keinem seiner Worte Gehör zu geben, ehe ich von meinem Gram genesen sei; so lange ich leide, könne sie nicht glücklich sein, sagte sie, und gab ihm keine Gelegenheit mehr, über die Vermählung mit ihr zu sprechen. Wir kamen nach Paris; aber ich war so sehr in Gedanken vertieft, daß ich weder sah, noch hörte. Vergebens erzeigte mir Talbot alle mögliche Aufmerksamkeit. Ich verharrte in meinem dumpfen Trübsinne und vergaß das Buch, welches mir Klara gegeben, und ich um ihretwillen zu lesen versprochen hatte. Bei meiner Ankunft schrieb ich an Eugenie und entlastete mein Gemüth einigermaßen durch das Geständniß meiner Schändlichkeit; ich flehte sie um Verzeihung an und erhielt dieselbe mit der umgehenden Post. Ihre Antwort war zärtlich und trostreich; aber ihr Geist, schrieb sie, sei niedergedrückt und ihre Gesundheit angegriffen. Viele Tage lang verharrte ich in dem Zustande träger Gefühllosigkeit. Talbot wendete das verderblichste Reizmittel an, mich aus meinem Schlummer zu rütteln, oder gestattete Andern, es anzuwenden. Harmlos umhergehend begegneten wir einigen seiner Freunde und willigten in ihren Vorschlag, die Säle des Palais royal zu besuchen. Es war ein verzweifeltes Mittel, und nur durch ein Wunder wurde ich vom gänzlichen und unwiderruflichen Untergange gerettet. Ich wage es nicht auszusprechen, wie viele meiner Landsleute schon den Künsten zum Opfer gefallen sind, die in dieser entsetzlichen Schule des Lasters geübt werden. Selbst unsere Küsten sind von diesem verderblichen Gifte angesteckt worden, und die Großen des Landes haben es unter ihren Schutz gestellt. Sie hatten die Folgen empfunden und waren zum Voraus vor der Gefahr gewarnt worden; für sie gibt es keine Entschuldigung; ich aber habe wenigstens das für mich, daß ich von der Gesellschaft derjenigen ausgeschlossen war, die ich liebte. Immer in Aufregung lebend war es kein Wunder, daß ich bei dem Anblicke der Schätze eines Spieltisches auf einmal gefangen war. Zum erstenmale seit meiner Krankheit war ich für irgend etwas empfänglich, und legte mein Geld auf die verabscheuungswürdigen Tafeln. Der Erfolg war veränderlich; aber ich wünschte mir Glück, endlich ein Reizmittel gefunden zu haben, und mit Sehnsucht wartete ich auf die Rückkehr der Stunde, wo die Thüren wieder geöffnet und die Zimmer zum Empfange der Gesellschaft erleuchtet würden. Ich gewann bedeutend; und Nacht um Nacht brachte ich am Spieltische zu; denn der Geiz ist unersättlich. Auf einmal kehrte mir das Glück den Rücken, und der gleiche Beweggrund bestimmte mich zur Fortsetzung des Spieles, denn ich hoffte wieder zu gewinnen, was ich verloren hatte. Aber das Glück blieb mir ungünstig, und ich verlor bedeutend. Die Verzweiflung machte mich tollkühn, und ich zog große Summen auf meinen Vater. Er bat mich, ich möchte mich doch mäßigen, da das Doppelte seines Einkommens zu einem solchen Aufwande nicht hinreichen würde. Zugleich schrieb er auch an Talbot, der ihn von der Verwendung des Geldes und seinen vergeblichen Versuchen, mich von der unseligen Leidenschaft zu heilen, in Kenntniß gesetzt hatte. Da er jedoch sah, daß wenig Aussicht vorhanden war, meiner Tollheit Schranken zu stecken, weigerte er sich natürlich, irgend einen ferneren Wechsel zu bezahlen. Ich wurde wahnsinnig über diese Erklärung, die ich in meinem Herzen Talbot zuschrieb, und zog nun auf Eugenien's Banquier Wechsel auf Wechsel, bis die Summe zu einem Betrage angewachsen war, der dasjenige noch überstieg, was mein Vater bezahlt hatte. Endlich kam ein Brief von Eugenien, er enthielt nur wenige Zeilen. »Ich weiß nur zu gut, mein theuerster Freund,« schrieb sie, »was aus dem Gelde wird, das Du gezogen hast. Wenn Du mein ganzes Vermögen bedarfst, so kann ich es Dir nicht verweigern; aber bedenke, daß Du das Eigenthum Deines Kindes verschleuderst.« Dieser Brief trug mehr dazu bei, mich zur Erkenntniß meines schändlichen Benehmens zu bringen, als Talbots Vorstellungen und meines Vaters Ermahnungen. Ich fühlte, daß ich wie ein Schurke handelte, und beschloß, das Spiel aufzugeben. »Noch eine Nacht,« sagte ich; »und verliere ich, so ist's aus, ich gehe nicht mehr hin.« Talbot begleitete mich; er fühlte, daß er gewissermaßen meine Einweihung in dieses verderbliche Vergnügen veranlaßt hatte, und beobachtete meine Bewegungen unaufhörlich mit der ängstlichsten Neugierde. Man spielte rouge et noir . Ich setzte eine große Summe auf roth, gewann, ließ den Satz stehen, doppelte, und gewann wieder. Der Goldhaufen war zu einer bedeutenden Größe angewachsen und blieb immer stehen, um die Beständigkeit des Glücks herauszufordern. Wieder und wieder, und ich hatte das Doppelte von mir. Siebenmal war Roth aufgeschlagen worden, und siebenmal hatte sich mein Gold verdoppelt. Talbot stand hinter mir und bat mich dringend, mein Gold einzuziehen. »Welche Folgen kann eine Karte haben, die gegen Sie entscheidet! Vertrauen Sie dem Glück nicht länger; seien Sie mit dem zufrieden, was Sie gewonnen haben.« »Das hilft mir nichts, Talbot,« murmelte ich ihm zu, »ich muß mehr haben.« Zum Erstaunen der Umstehenden wurde abermal Roth aufgeschlagen; und zu ihrem noch größeren Erstaunen blieb mein Gold, das zu einem ungeheuren Haufen angewachsen war, abermals stehen. Talbot drang auf's Neue in mich, das Glück nicht länger so thöricht zu versuchen. »Die Thorheit, Talbot,« erwiederte ich, »ist schon längst begangen; und noch eine Karte, so kann sie wieder gut machen. Es muß sein.« Nachdem Roth achtmal gewonnen hatte, wußten die Banquiers, wie groß die Wahrscheinlichkeit war, ihren gesammten Verlust durch Quit à double wieder an sich zu bringen. Sie willigten in die neunte Karte. Talbot zitterte wie Espenlaub; die Karte wurde aufgeschlagen. Roth gewann, und die Bank war gesprengt. Das Spiel hatte für diese Nacht ein Ende. Die Verlierenden machten ihren Gefühlen durch die gotteslästerlichsten Verwünschungen Luft, während ich ruhig meinen Gewinn einstrich. Ich fuhr in Begleitung zweier Gensd'armen, welche sich Talbot aus Vorsicht zur Begleitung erbeten hatte, in einem Fiaker mit meinem Freund nach Hause. Von unsern Begleitsmännern erhielt Jeder einen Napoleon zur Belohnung. »Nun, Talbot,« sagte ich, »so wahr ich in den Himmel zu kommen hoffe, ich werde nie wieder spielen.« Und dieses Versprechen habe ich auf das Gewissenhafteste gehalten. Ich war ein Glücklicher gegen zehntausend Verlorene, die sich in jenem Hause zu Grunde gerichtet haben. Am andern Morgen gab ich Alles zurück, was ich auf Eugenie gezogen und von meinem Vater bekommen hatte, und noch eine bedeutende Summe blieb mir übrig. Entschlossen, nicht länger in diesem Strudel der Zerstreuung zu verweilen, wo mein Vorsatz in jeder Stunde auf die Probe gestellt wurde, kamen wir mit einander überein, nach Brest zu reisen, um das dortige Arsenal einzusehen, auf das wir beide sehr begierig waren. Achtundzwanzigstes Kapitel. Pal. Arcit. Du bist Verräther, und Dein Herz Ist falsch, wie Deine Werbung. Blut und Freundschaft Und alle Bande zwischen uns zerreiß' ich. Arc. Du rasest. Pal. Ich muß, Bis Du Dich würdig zeigst, 's ist meine Sache! Und fordr' ich Dich in dieser Raserei Und nehme Dir Dein Leben, thu' ich recht. Arc. Pfui über Dich! Zwei edle Vettern. Zwei Tage darauf verließen wir Paris, und eine Reise von drei Tagen durch eine reizlose Gegend brachte uns nach der kleinen Seestadt Granville am Canal. Wir blieben einige Tage an diesem entzückenden Orte, und da uns unsere Briefe regelmäßig zugeschickt wurden, erhielten wir Nachrichten aus England. Mein Vater war über meine Zurückzahlung des aufgenommenen Geldes erstaunt, und so wenig er sich auch dieselbe zu erklären wußte, drückte er doch die Hoffnung aus, daß ich mich nicht beleidigt finden, sondern auf seinen Kredit ziehen würde, so viel ihm sein Einkommen und seine Lebensweise vorzustrecken gestattete. Eugenie machte sich in ihrem Schreiben Vorwürfe über den Brief, den sie mir geschickt hatte, und schloß aus meinem Benehmen daß ich bloß deßhalb so bedeutende Summen auf sie aufgenommen hätte, um die Aufrichtigkeit ihrer Gesinnung auf die Probe zu stellen. Sie versicherte mich, sie habe mich keineswegs aus Selbstsucht sondern bloß aus Rücksicht auf unser Kind gewarnt. Klara schrieb mir, daß man jeden Versuch, selbst die demüthtigendste Unterwerfung angewendet hätte, Emilie zu einer Aenderung ihres Entschlusses zu vermögen, und daß, weil Alles fehlgeschlagen, eine gegenseitige Kälte und beinahe gänzliche Unterbrechung des vertrauten Verhältnisses zwischen den Familien eingetreten wäre. »Ich fürchte,« fuhr sie fort, »Dein Freund ist noch schlimmer, als Du, denn ich höre, daß er schon seit Jahren mit einer Andern verlobt ist. Weil ich nun weiß, daß sich eure Freundschaft hauptsächlich auf seine vermeintliche Anhänglichkeit an mich gründet, und weil ich bemerke, daß Du Dich in Bezug auf seine Aufrichtigkeit in einem groben Irrthum befindest, so halte ich es für meine Pflicht, Dich mit Allem bekannt zu machen, was ich weiß. Es ist unmöglich, daß Du den Mann achten kannst, der mit den Gefühlen Deiner Schwester sein Spiel getrieben hat; und ich nähre die zuversichtliche Hoffnung, daß mir Dein nächster Brief die Nachricht von Eurer Trennung bringen wird.« Wie wenig dachte die arme Klara, als sie diesen Brief schrieb, an die Folgen, die daraus entstehen würden; wie wenig dachte sie daran, daß sie durch ihre Klagen eine Mine grub, welche zehnmal traurigere Ergebnisse herbeiführen würde, als Alles, was uns bisher begegnet war! Mein Gemüthszustand war damals feindselig gegen das Menschengeschlecht gestimmt. Ich haßte mich und Alle, die in meiner Nähe waren. die Gesellschaft Talbots hatte ich lange geduldet, aber sie war mir lästig und mit Freuden hätte ich jede nur irgend scheinbare Gelegenheit ergriffen, mich von ihm zu trennen. Er war zwar mein Freund, dies hatte er bewiesen; aber ich befand mich nicht in der Laune, Wohlthaten anzuerkennen. Verstoßen von derjenigen, die ich liebte, verstieß ich selbst jeden Andern. Talbot war eine Bürde und Fessel für mich, und ich glaubte, mich nie zu bald von ihm lossagen zu können. Dieser Brief gab mir eine treffliche Gelegenheit, meinem Verdruß Luft zu machen; aber statt einer kalten Trennung, wie sie Klara verlangte, beschloß ich, entweder ihn oder mich in eine andere Welt zu schicken. Nachdem ich meinen Brief gelesen hatte, legte ich ihn nieder und äußerte kein Wort. Mit der gewöhnlichen Miene des Wohlwollens und der Freundschaft fragte mich Talbot, »ob ich Neuigkeiten bekommen hätte?« »Ja,« erwiederte ich, »ich habe die Entdeckung gemacht, daß Sie ein Schurke sind!« »Das ist allerdings etwas Neues,« versetzte er, »und seltsam, daß mir gerade Klara's Bruder diese Botschaft überbringen muß; allein dies ist eine Sprache, Frank, welche selbst Ihr unglücklicher Gemüthszustand nicht zu entschuldigen vermag. Nehmen Sie Ihre Worte zurück.« »Ich wiederhole sie,« sagte ich. »Sie haben mit meiner Schwester Ihr Spiel getrieben und sind ein Schurke.« Wäre dies auch wirklich der Fall gewesen, so hätte er nicht mehr verbrochen, als ich selbst; nur hatten meine Schlachtopfer keine Brüder, die sie rächen konnten. »Klara's Name läßt mich ruhig,« erwiederte Talbot; »glauben Sie mir, Frank, Sie sind im Irrthum. Ich liebe Klara und hatte stets nur die ehrenvollsten Absichten.« »Ja,« sagte ich mit beißendem Hohnlachen, »zu derselben Zeit, wo Sie schon seit Jahren einer Andern verlobt sind. Gegen die Eine oder die Andere haben Sie den Schurken gemacht; das werden Sie selbst anerkennen; deßhalb nehme ich meine Worte nicht zurück, sondern wiederhole sie; und da Sie Beleidigungen so geduldig hinzunehmen scheinen, so erkläre ich Ihnen hiemit, daß Sie mich entweder auf dem Strande treffen müssen, oder mit einem andern Namen gebrandmarkt werden, der die Gefühle eines Engländers noch tiefer verletzt.« »Genug, Frank,« sagte Talbot mit einer Miene, in der sich das Bewußtsein der Unschuld mit der Festigkeit des Mannes paarte; »Sie haben mehr gesagt, als ich je von Ihnen zu hören erwartete und mir die Sitten der Welt hinzunehmen erlauben. Was sein muß, muß sein; aber ich sage Ihnen noch einmal, Frank, daß Sie im Irrthum sind, daß Sie in einer unseligen Verblendung leben und daß Sie den Wahnsinn dieses Tages bitter bereuen werden. Sie selbst sind es, mit dem Sie zürnen, und diesen Zorn lassen Sie an Ihrem Freunde aus.« Die Worte waren an mich weggeworfen, ich fühlte eine geheime Schadenfreude, die mich blindlings fortriß, und hatte die Gewißheit, meine Rache entweder durch die Ermordung meines Gegners, oder meinen eigenen Untergang zu sättigen. Meine ganze Vorbereitung auf diesen furchtbaren Kampf bezog sich auf meine Pistolen. Andere Dinge, selbst die Möglichkeit meinen Freund und Mitmenschen, oder mich selbst vor den Richterstuhl des Allmächtigen zu schicken, kamen mir nicht in den Sinn. Ich hatte nur Einen Gedanken – die geheime Freude über die Gefühle, welche Emilie martern würden, wenn ich den Tod von Talbot's Hand empfinge. Ich begab mich an Ort und Stelle. Talbot wartete bereits. Er kam auf mich zu und sagte noch einmal: »Frank, ich rufe den Himmel zum Zeugen an, Sie sind im Irrthum! Sie haben Unrecht; verschieben Sie wenigstens Ihr Urtheil, wenn Sie Ihre Worte nicht zurücknehmen wollen.« Völlig vom Teufel besessen, war ich nicht zu überzeugen, bis es zu spät war, und erwiederte die freundliche Anrede mit dem beleidigenden Hohn: »Sie scheuten sich nicht, auf einen armen Jungen im Wasser zu schießen,« sagte ich, »aber einem Gegenschuß wollen Sie nicht Stand halten. Kommen Sie, nehmen Sie Ihre Stellung, seien Sie ein Mann, stehen Sie aufrecht, fürchten Sie sich nicht.« »Für meine Person,« erwiederte Talbot mit fester, aber ruhiger Ergebung in seiner Miene, »fürchte ich nicht, aber Sie, Frank, flößen mir große Besorgniß ein.« Mit diesen Worten ergriff er die geladene Pistole, die ich ihm hinwarf. Wir hatten keine Sekundanten, kein Mensch war in der Nähe, der uns sehen konnte. Der Mond schien hell, und wir gingen an den Rand des Wassers hinab, wo der Sand, den die Ebbe trocken gelegt hatte, trittfest war. Wir stellten uns Rücken an Rücken, um die gewöhnliche Entfernung von vierzehn Schritten zu messen. Talbot weigerte sich, die seinige abzuschreiten, und blieb unbeweglich stehen. Ich ging zehn Schritte vorwärts, wandte mich um und sagte mit dumpfer Stimme: »fertig!« Beide erhoben wir unsere Waffen; aber Talbot senkte alsbald die Mündung seiner Pistole mit den Worten: »ich kann nicht auf Klara's Bruder schießen.« »Aber ich auf ihren Beschimpfer,« erwiederte ich, zielte ruhig und gab Feuer. Die Kugel drang ihm in die Seite. Er sprang auf, drehte sich zur Hälfte herum und stürzte mit dem Gesicht auf die Erde. Wie rasch sind die Uebergänge der Gefühle des Menschen! Wie schnell folgt die Reue auf die Befriedigung der Rachsucht! Der Schleier fiel von meinen Augen; ich sah im Augenblicke die falsche Vorspiegelung, das trügerische Traumgebilde, wodurch ich zu dem verleitet wurde, was die Welt eine »Ehrensache« nennt. Ehre? Gott im Himmel! sie hatte mich zum Mörder gemacht, und meines Bruders Blut schrie um Rache. Die männliche, kräftige Gestalt, welche noch vor einer Minute meinen schadenfrohsten Haß erregt hatte, wurde in dem Augenblicke, wo sie sprachlos am Boden lag, ein Gegenstand wahnsinniger Zärtlichkeit für mich. Ich sprang zu Talbot hin, und nun es zu spät war, sah ich das Unheil, das ich gestiftet hatte. Mord, Grausamkeit, Ungerechtigkeit und vor Allem der abscheulichste Undank stürmte mit einem Male auf meine überreizte Einbildungskraft los. Ich drehte den Körper, und untersuchte, ob noch Leben in ihm sei. Ein schmaler Blutstreifen rann ihm aus der Seite und sickerte neben ihm auf den Boden, während sich Mund und Nase durch die Heftigkeit des Falls mit Sand angefüllt hatten. Ich reinigte sie, setzte mich neben den Körper, verstopfte, weil das Blut mit jedem Athemzug reichlich hervorquoll, die Wunde mit meinem Taschentuch und nahm den Unglücklichen in meine Arme, wahrend ich ausrief: »Wollte Gott, der Haifisch, das Gift, das feindliche Schwert oder der Abgrund auf Trinidad hätte mich vor dieser unseligen Stunde vernichtet.« Talbot öffnete seine matten Augen und richtete sie mit einem gläsernen Starrblick auf mich, ohne ein Wort zu sprechen. Plötzlich schien sein Gedächtniß auf einen Augenblick zurückzukehren. Er erkannte mich, und, o Gott, sein liebevoller Blick durchbohrte mein Herz. Nachdem er viele vergebliche Anstrengungen zum Sprechen gemacht hatte, sagte er endlich unter langen schmerzvollen Zwischenräumen mit gebrochenen Worten: »Brief nehmen – Schreibpult – Alles lesen – erklären – Gott segne –.« Sein Haupt sank zurück. Er war todt. Oh, wie sehr beneidete ich ihn! Hätte ich ihn zehntausendmal schuldiger gefunden, als ich je von ihm geargwohnt hatte, so wäre dies keine Beruhigung für meinen Geist gewesen. Ich hatte ihn gemordet, und zu spät erkannte ich seine Unschuld. Warum, oder nur wie es geschah, weiß ich nicht. Ich nahm mein Halstuch ab und band es ihm fest um den Leib über der Wunde. Das Blut hörte auf zu strömen. Ich verließ die Leiche und kehrte in einem Zustande geistiger Schlaffheit und Qual in meine Wohnung zurück, welcher der Hitze und Aufregung entsprach, womit ich sie verlassen hatte. Mein erstes Geschäft war die Durchsicht der Briefe, auf welche mein armer Freund hingewiesen hatte. Bei meiner Ankunft waren unsere beiderseitigen Diener auf. Meine Hände und Kleider waren mit Blut bedeckt, die Diener starrten mich mit Bestürzung an. Ich lief hastig die Treppe hinauf, um ihnen auszuweichen, und eilte an den Schreibpult. Da ich wußte, daß er den Schlüssel an seiner Uhrkette trug, ergriff ich das Schüreisen, sprengte auf und zog das erwähnte Päckchen hervor. In diesem Augenblick trat sein Diener in's Zimmer. »Et mon maître, Monsieur, où est-il?« »Ich habe ihn ermordet,« antwortete ich, »Ihr werdet ihn auf dem Strande in der Nähe des Signalpfostens finden, und jetzt beraube ich ihn!« Meine äußere Erscheinung und meine Handlungsweise schienen die Wahrheit meiner Worte zu bestätigen. Der Bediente flog aus dem Zimmer, aber ich war gegen Alles gleichgültig und muß mich sogar darüber wundern, wie ich nur den Briefen meine Aufmerksamkeit schenken konnte; zumal, da ich mich bereits von Talbot's Unschuld überzeugt hatte. Ich las eine Reihe von Briefen, die Talbot mit seinem Vater gewechselt hatte. Ohne ihn um Rath zu fragen, hatte ihn dieser mit einer jungen Dame von Rang und Vermögen verlobt – eine Verstandesheirath, der sich Talbot wegen seines Verhältnisses mit Klara widersetzt hatte. Ich habe bereits bemerkt, daß Talbot's Familie dem hohen Adel angehörte. Diese Vermählung wurde von den beiderseitigen Eltern gewünscht, und sie hatten schon als von einer beschlossenen Sache davon gesprochen, die bei der Rückkehr Talbot's nach England vor sich gehen sollte. Im letzten Briefe gab sein Vater seinen Vorstellungen zu Gunsten Klara's nach, und verlangte bloß soviel von ihm, daß er sich mit der Bewerbung nicht übereilen sollte, weil er einen Vorwand zu finden wünschte, unter dem er die verabredete Verbindung hintertreiben könnte. Er machte ihm aber unglücklicher Weise vor Allem die Bedingung, das tiefste Stillschweigen zu beobachten, bis die Angelegenheit in's Reine gebracht wäre. So war also Alles erklärt; aber noch ehe ich die Briefe gelesen hatte, bedurfte ich diesen verdammenden Beweis seiner Unschuld und meines Verbrechens nicht mehr. Eben hatte ich mein Geschäft beendigt, als Gensd'armen und Gerichtsdiener in's Zimmer traten und mich in's Gefängniß führten. Ich folgte gedankenlos und ward in ein kleines Gebäude im Mittelpunkte eines öffentlichen Platzes gebracht. Es war ein Kerker, der an allen vier Seiten eiserne Gitter ohne Glasfenster hatte, weder Bank noch Tisch war im Gemach, nichts als die kahlen Wände und der steinerne Boden. Der Wind pfiff schneidend hindurch. Ich hatte nicht einmal einen Ueberrock, aber ich fühlte weder Kälte noch körperliches Unbehagen, denn mein Geist war vom Elende überwältigt. Die Thüre ward hinter mir geschlossen, ich hörte den Riegel einfallen. Niemand hatte ein Wort gesprochen, und ich war allein. »Gut,« sagte ich, »das Verhängniß hat jetzt sein Aergstes vollendet, und das Schicksal wird endlich müde sein, einen Elenden zu martern, der nicht mehr tiefer sinken kann! der Tod hat keine Schrecken für mich, und nach dem Tode – – –!« Aber selbst in meinem Jammer hatte ich kaum einen Gedanken für ein künftiges Leben. Bisweilen drängte sich mir wohl etwas Derartiges auf, aber ich warf es sogleich wieder aus meinem Geiste hinaus; ich hatte mir den Atheismus der französischen Revolution angeeignet. »Tod ist ewiger Schlaf, und je früher ich schlafengehe, desto besser!« dachte ich. Das Einzige, was mich drückte, war die Furcht vor einer öffentlichen Hinrichtung; mein Stolz empörte sich dagegen; denn mein Stolz war wieder zurückgekehrt und übte seine Herrschaft selbst im Kerker über mich aus. Mit der Morgendämmerung weckte mich das Geräusch der Karren und Landleute, welche die Erzeugnisse des Bodens hier zu Markte brachten, aus meiner Träumerei, denn geschlafen hatte ich nicht. Das Gefängniß war von Menschen jeden Alters und Standes umringt, denn Alles wollte den englischen Mörder sehen, und die Menschenköpfe drängten sich so dicht an die Gitter, daß sie weder Licht noch Luft hereinließen. Man begaffte mich, wie ein wildes Thier, und die Mütter hoben ihre Kinder empor und gaben ihnen Lehren und Warnungen auf meine Kosten. Wie ein gefangener Tiger, der die Augen durch unaufhörliches Drehen und Wenden ermüdet, schritt ich in meinem Kerker auf und ab, und hätte ich einen von den unverschämten Gaffern durch die schmale Oeffnung in der drei Fuß dicken Wand erwischen können, ich würde ihn zermalmt haben. »All' diese Menschen,« sagte ich, »und tausend Andere werden Zeugen meiner Hinrichtung auf dem Schaffot sein.« Durch diesen furchtbaren Gedanken in Wuth versetzt, durchsuchte ich meine Taschen nach einem Federmesser, um mich mit einem Male von meinen Qualen und Befürchtungen zu befreien; und, wenn ich eines gefunden hätte, so wäre ich sicherlich Selbstmörder geworden. Glücklicherweise hatte ich es zu Hause gelassen, sonst würde ich es in dem Augenblicke des Wacheseins in der Arteria carotis begraben haben; denn ich wußte so gut, als Andere, wo ich sie suchen mußte. Endlich zerstreute sich die Menge; die Fenster wurden wieder frei, und nur dann und wann zeigte ein Tagedieb von einem Buben seinen struppigen Kopf am Gitter. Durch körperliche Anstrengung und geistige Qual erschöpft, war ich eben im Begriff, mich auf die kalten Steine niederzuwerfen, als ich das Gesicht meines Bedienten erblickte, der eiligst an das Kerkerfenster gelaufen kam und freudig ausrief – » Courage, mon chére maître; Monsieur Talbot n'est pas mort. « »Nicht todt!« rief ich, bewußtlos auf die Kniee sinkend und meine gefalteten Hände und erstorbenen Augen zum Himmel emporhebend: »nicht todt! Gott sei gepriesen! So hab' ich doch wenigstens die Hoffnung, das Verbrechen des Mordes von mir abgewälzt zu sehen.« Ehe ich weiter reden konnte, trat der Maire mit den Polizei-Offizieren in meinen Kerker und benachrichtigte mich, man habe einen proces-verbal angestellt, mein Freund sei im Stande gewesen, auf alle ihre Fragen die klarsten Antworten zu geben, und aus der Aussage Monsieur Talbot's gehe deutlich hervor, daß es eine affaire d'honneur gewesen sei, was auch durch die im Wasser gefundenen Pistolen bestätigt werde. »Und deßhalb, Monsieur,« fuhr der Maire fort, »Ihr Freund mag leben oder sterben, tout a été fait en regle et vos êtes libre .« Bei diesen Worten verbeugte er sich höflich und deutete nach der Thüre. Ich bat nicht lange, mir den Weg zu zeigen, sondern rannte hinaus und flog auf Talbot's Zimmer, der mir durch meinen Bedienten hatte sagen lassen, daß er mich sehnlichst zu sprechen wünsche. Ich traf ihn im Bette und er streckte mir die Hand entgegen; ich bedeckte sie mit Küssen und badete sie in Thränen. »Talbot,« sagte ich, »können Sie mir vergeben?« Er faßte mich bei der Hand und ließ sie aus Erschöpfung fallen. Der Wundarzt führte mich aus dem Zimmer und sagte: »Alles hängt jetzt davon ab, daß wir ihm Ruhe lassen.« Zugleich erfuhr ich, sein Leben sei durch die beiden Umstände erhalten worden, daß ich seine Wunde mit meinem Taschentuch verbunden und der Zweikampf unter dem Markzeichen des hohen Wasserstandes Statt gehabt hatte. Wie ich ihn verließ, erhob sich die Fluth, und die kalten Wellen, die den Körper bespülten, riefen ihn in's Leben zurück. In diesem Zustande wurde er von seinem Diener gefunden. Noch ein paar Minuten, und das Wasser hätte ihn bedeckt, denn er besaß die Kraft nicht, sich zurückzuziehen. Die Kugel war ihm durch die Leber gedrungen, und ohne weitere Verletzung hinten wieder hervorgekommen. Ich kleidete mich um, dankte Gott inbrünstig für seine wunderbare Erhaltung, und setzte mich neben das Bett meines Freundes, um es bis zu seiner völligen Genesung nicht mehr zu verlassen. Als diese glücklich erfolgt war, schrieb ich an meinen Vater und Klara, und erstattete beiden einen genauen Bericht von dem ganzen Vorfall. Einmal enttäuscht scheute sich Klara nicht mehr, ihre Liebe zu gestehen. Talbot ward von seinem Vater aufgefordert, nach Hause zurückzukehren; ich begleitete ihn bis Calais, wo wir schieden; und wenige Wochen daraus erhielt ich die erfreuliche Nachricht, daß meine Schwester seine Gattin geworden sei. Mir selbst überlassen kehrte ich langsam und muthlos in Quillacs Gasthof zurück, bestellte Postpferde und warf mich in meinen Reisewagen, welchen mein Diener auf meinen Befehl bereits mit meinen Habseligkeiten bepackt hatte. »Wohin fahren Sie, Monsieur,« fragte der Bediente. »A diable,« erwiederte ich. »Mais les passe-ports?« sagte der Mensch. Ich fühlte, daß ich zu der vorgeschlagenen Reise hinreichend mit Pässen versehen war, doch verbesserte ich mich und setzte hinzu: »in die Schweiz.« Es war der erste beste Name, der mir in den Kopf kam, und ich hatte mir sagen lassen, dieses Land sei die Zufluchtsstätte aller meiner Landsleute, die am Kopf, am Herz, an den Lungen, oder am Beutel krank seien. Indessen sah und hörte ich während meiner ganzen Reise nichts, und schrieb folglich auch keine Bemerkungen nieder, worüber meine Leser sich freuen werden, indem ihnen dadurch die unerschöpfliche Redseligkeit einer Reise durch Frankreich und der Schweiz erspart wird. Ich war Tag und Nacht unterwegs, denn ich konnte nicht schlafen. Die Allegorie von Io und der Bremse in der heidnischen Götterlehre hatte sicherlich keinen andern Zweck, als das Wesen darzustellen, das von einem bösen Gewissen gemartert wird. Gleich Io floh ich, gleich Io ward ich auf all meinen Wegen von der ewigen Bremse verfolgt und suchte ihr vergebens zu entrinnen. Ich bestieg den großen Bernhard zu Fuße. Je näher ich kam, desto anziehender wurde er mir. Die Gehänge unter mir und die Alpen über mir bildeten eine Schnee- und Eismasse, und mit Verachtung sah ich auf die Welt nieder, die zu meinen Füßen lag. Ich nahm für einige Zeit Wohnung im Kloster. Meine reichlichen Beiträge zur Fremdenbüchse der Kapelle sicherten mir einen längeren Aufenthalt, als den Reisenden gewöhnlich gestattet wird; und immer weniger und weniger war ich geneigt, den Schauplatz zu verlassen. Von den großen treuen Hunden begleitet, überkletterte ich die furchtbarsten Abgründe und betrachtete die Natur in ihrem rauhesten und erhabensten Gewände. Wenn körperliche Ermattung Ruhe forderte, setzte ich mich im krankhaften Trübsinn in dem Gemache nieder, worin die Leichen der Unglücklichen aufbewahrt wurden, die im Schnee umgekommen waren. Stundenlang blieb ich dort und träumte über ihr Schicksal. Die Reinheit der Luft läßt lange weder Fäulniß noch Auflösung zu. Und wie die Todten so daliegen, sehen sie aus, als hatten sie eben erst ihren Athem verhaucht: wiewohl diejenigen, welche schon Jahre lang hier sind, bei der Berührung häufig in Staub zerfallen. Es ist bekannt, daß die römischen Katholiken sehr gern Proseliten machen. Der Prior fragte mich, ob ich nicht Protestant sei. Ich erwiederte ihm, ich habe gar keine Religion, und diese Antwort lag meines Erachtens der Wahrheit näher, als jede andere, die ich hätte geben können. Für die Hoffnungen der Mönche war sie weit günstiger, als wenn ich mich einen Ketzer oder Muselmann genannt hätte. Sie gingen von dem Glauben aus, ich werde mich um so leichter zu ihrer Religion bekehren, weil ich keine eigene entgegenzusetzen hätte. Alsbald stellten sie sich mit der ganzen Rüstung des Glaubens in theologische Schlachtordnung und belagerten mich ununterbrochen von allen Seiten; aber ich fühlte keine Neigung zu irgend einer Religion, und am wenigsten zu einer Religion, die ich verachtete; lieber wäre ich Türke geworden. Ich erhielt einen Brief von der armen Eugenie – es war der letzte, den sie schrieb. Sie meldete mir den Tod ihres lieben Knaben. Er hatte sich von Hause entfernt und war in einen Forellenbach gefallen, wo man nach einigen Stunden seine Leiche fand. In ihrem zerrütteten Gemüthszustande vermochte sie nichts weiter hinzuzufügen, als ihren Segen und die feste Ueberzeugung, daß wir uns in dieser Welt nicht wieder sehen würden. Ihr Brief schloß ohne Zusammenhang, und ob ich gleich an jenem Morgen noch gesagt hätte, mein Herz habe für keinen anderen Kummer mehr Raum, so fand doch der Verlust des süßen Kindes und der Zustand seiner unglücklichen Mutter nicht nur für einige Zeit eine Stelle in meiner Brust, sondern verdrängte alle übrigen Gedanken aus derselben. Sie bat mich, ohne Verzug zu ihr zu eilen, wenn ich sie noch am Leben zu treffen wünschte. Ich nahm Abschied von den Mönchen und reiste so schnell wie möglich nach Paris, und von da nach Calais. In Quillacs Gasthof erhielt ich eine Nachricht, die mich ohngeachtet meiner Besorgnisse völlig unvorbereitet traf und auf's Tiefste erschütterte. Ich fand einen Brief von Eugeniens Agenten, der mich von ihrem Tode in Kenntniß setzte. Sie war von einem Gehirnfieber befallen worden und in einer kleinen Stadt in Norfolk gestorben, wohin sie sich nach unserem letzten unglücklichen Zusammentreffen zurückgezogen hatte; das Schreiben schloß mit der Meldung, Eugenie habe mir ihr ganzes sehr beträchtliches Vermögen vermacht und mit ihren letzten vernehmlichen Worten die Versicherung ausgesprochen, daß ich ihre erste und einzige Liebe gewesen sei. Jetzt war ich unempfindlich gegen das Leiden. Meine Gefühle hatten sich zum Stumpfsinn abgemagert. Ich glich einem Schiff im Orkane, von dessen Verdeck der letzte furchtbare Wogensturz Alles fortgerissen. Ein Wrack trieb ich richtungslos umher, ein Spiel der Stürme und Wellen. Mitten in dieser Zerstörung sah ich mich um, und der einzige Gegenstand, welcher der Betrachtung würdig schien, war das Grab, das die irdischen Ueberreste Eugeniens und ihres Kindes enthielt. Dahin beschloß ich zu reisen. Neunundzwanzigstes Kapitel. Zitternd und voll Reu' und Schmerzen Flieh' ich zu des Vaters Herzen. Lied. Ich kam in die Stadt, wo die arme Eugenie ihren letzten Athem verhaucht hatte. In der Nähe lag der Kirchhof, der ihre irdischen Ueberreste barg. Ich fuhr am Gasthof an, entließ den Postillon, schickte mein Gepäck auf Mein Zimmer und ging zu Fuß an Ort und Stelle. Man sagte mir, der Weg führe zwischen der Kirche und dem bischöflichen Palaste durch. Bald fand ich ihn, fragte nach dem Todtengräber, der in einem anstoßenden Häuschen wohnte und ersuchte ihn, mich zu einem gewissen Grabe zu führen, das ich nur zu deutlich bezeichnen konnte. »Ach, Sie meinen die sanfte junge Dame, die aus Gram über den Verlust ihres Knäbleins starb. Dort ist es,« fuhr er, mit seinem Finger auf ein Grab deutend, fort; »jetzt sitzt der weiße Pfau auf dem Leichensteine; neben ihr liegt das Knäblein begraben.« Ich nahete mich, und der bescheidene Todtengräber zog sich zartfühlend zurück, um mich ohne Zeugen dem Schmerze nachhängen zu lassen, der auf meinem wunden Herzen lastete. Ohne den Ausdruck der Ueberraschung und Wachsamkeit, den das zahme Geflügel gewöhnlich annimmt, wenn es in seinem Schlupfwinkel gestört wird, ohne nur sein Gefieder aufzurichten, blieb der Vogel sitzen. Das arme Thier mauserte; seine Federn waren verstört und in Unordnung, sein Schweif verstümmelt. Ich sah durchaus nichts Schönes an dem Thier, und wahrscheinlich wurde es blos deßwegen gehalten, um eine Varietät seiner Species zu repräsentiren. Mir war es, als hätte man es absichtlich Hieher versetzt, um mir eine Lehre zu geben. In seinem schmucklosen Gewand, in seiner düsteren und träumerischen Stellung schien es mir mit seinem bunten Gefieder auch die Welt und ihre Eitelkeit abgeworfen zu haben, während es in tiefem, Schweigen die zahlreichen Denksteine der Ewigkeit betrachtete. »Dieß ist meine Aufgabe, nicht die deinige,« redete ich den Vogel an, der durch meine Annäherung erschreckt, seinen Posten verließ und zwischen den umliegenden Gräbern verschwand. Ich setzte mich nieder, heftete meine Augen auf den Namen, der auf dem Steine eingegraben war, und überflog schnell den ganzen Theil meines Lebens, der mit Eugeniens Geschichte in näherem Zusammenhang stand. Ich rief mir ihre vielen Tugenden zurück; ich erinnerte mich, wie sie sich für meine Ehre und mein Glück geopfert hatte, wie sie sich vor mir verborgen hielt, um nicht durch die Fortdauer eines Verhältnisses, in welchem sie meinen Untergang erblickte, meine Aussichten zu zerstören; ich gedachte ihrer Charakterfestigkeit, ihrer großmüthigen Uneigennützigkeit und ihrer reinen Freundschaft, in welcher sie Elend und Verlassenheit dem Umgange mit dem Geliebten ihres Herzens vorzog. Ach, sie hatte nur Einen Fehler, und dieser Fehler war ihre Liebe zu mir. Ich konnte den Gedanken nicht los werden, daß ich durch meine unselige und unerlaubte Verbindung mit ihr Alles verloren hatte, was mir das Leben werth machte. In diesem Augenblicke fiel mir mein sonderbarer Traum ein. Seit dem Morgen, als ich aus ihm erwacht war, hatte ich mich nie mehr seiner erinnert. Die Gedanken, welche mir während meiner ereignißvollen Reise von den Bahamainseln bis zum Kap und von da nach England nie im wachenden Zustande vorgeschwebt waren, mußte mein Gehirn wenigstens im Schlafe beherrscht haben. Wie wäre es sonst möglich gewesen, daß es meiner Vernunft nie klar wurde, mein Verhältniß zu Eugenien müsse nothwendig meine Verbindung mit Emilien gefährden? Eugenie war es, welche Emilie in Trauerkleider hüllte, aus meinem Bereiche entfernte und gleichsam auf die Spitze des Kegelfelsens stellte. So hatte also mein Traum seine Auslegung gefunden, und ich fühlte jetzt alle Schrecken der Wirklichkeit, in denen ich damals nur die Wirkungen einer zerrütteten Einbildungskraft erblickt hatte. Dennoch konnte ich Eugenien keine Vorwürfe machen; das arme Mädchen war als Opfer der beklagenswerthen sinnlichen Erziehung gefallen, die ich im Kadettenraume eines Kriegsschiffes erhalten hatte. Ich, ich allein war der Schuldige. Sie hatte weder Freunde noch Eltern, welche die Schritte ihrer Jugend leiten konnten; sie fiel als ein Opfer meiner zügellosen Leidenschaften. Eine entsetzliche Angst erfüllte meinen Kopf und mein Herz; ich warf mich heftig auf das Grab, stieß meinen Schädel gegen das Gestein, rief in wildem Wahnsinn den Namen Eugeniens und sank endlich in einem Zustande von Betäubung und Erschöpfung zwischen die beiden Gräber auf den Rasen. Ein Strom von Thränen erleichterte meine Brust einigermaßen. Rädergerassel und Hufschlag riefen mich in die Wirklichkeit zurück. Ich hob die Augen auf und sah den vierspännigen Wagen des Bischofs, von Reitern begleitet, vorüberfahren. Die Livree der Diener und die Farbe des Wagens war zwar, was wir »schlecht« nennen, aber doch war ein gewisser Prunk sichtbar, woran man bemerkte, daß der Eigenthümer der Hoffahrt und Eitelkeit dieser sündigen Welt noch nicht ganz entsagt hatte. Dieß brachte meine Galle in Aufruhr. »Fahre nur dahin,« murmelte ich bitter, »würdiger Nachfolger der Apostel! Ich liebe den Stolz, der sich in Demuth kleidet. Ist dieß der Weg, auf dem ihr eurer Heerde nachrufet: ›Verlasset Alles und folget mir nach‹! Auf einmal sprang ich auf und sagte bei mir selbst: »Ich will diesen Mann in seinem Palaste aufsuchen und sehen, ob er mich gütig empfangen und trösten, oder durch einen Diener abweisen lassen wird.« Ich war noch im Zustande des halben Wahnsinnes, als ich auf einmal den Gedanken faßte und eben so schnell in die That übergehen ließ. »Laßt mich einmal sehen,« sprach ich, »ob ein Bischof ein krankes Gemüth eben so zu behandeln vermag, als ein Landgeistlicher.« Mehr in einem Anfall von Verzweiflung, als in der Absicht, den Frieden meiner Seele zu suchen, lief ich nach dem Palaste. Ich zog heftig die Glocke und fragte, ob der Bischof zu Hause sei. Ein ältlicher Diener, der mich mit Erstaunen zu betrachten schien, antwortete bejahend und ersuchte mich, in ein Vorzimmer zu treten, während er mich seinem Herrn melden würde. Jetzt begann ich, meine zerstreuten Sinne zu sammeln und von ihren Irrwegen zurück zu rufen. Ich erkannte die Albernheit meines Benehmens und stand eben im Begriffe, den Palast, in welchem ich auf eine so rauhe Weise eingedrungen war, wieder zu verlassen, ohne die Audienz abzuwarten, als der Diener die Thüre öffnete und mich ersuchte, ihm zu folgen. Auf welch' unerforschlichen Wegen erreicht die Vorsehung ihre Absichten! Während ich blindlings den Eingebungen meiner Leidenschaften zu folgen wähnte, wurde ich rein durch die untrügliche Weisheit geleitet. Ein Raub überreizter Gefühle, eine Beute von Verzweiflung, kostete ich im Vorgenuß die schadenfrohe Hoffnung, einen Heuchler zu entlarven – einen Mann, der Andern als Muster voranleuchten sollte, auf meiner Wage zu leicht zu finden; aber statt dessen taumelte ich meiner Erlösung entgegen. Wo ich Stolz und Hochmuth zu finden erwartete, fand ich Wohlwollen und Demuth. Nachdem ich mich in dem ganzen großen Kreise meines sichtbaren Horizontes umgesehen hatte und nirgends einen freundlichen Hafen erblicken konnte, um mein zerschelltes Fahrzeug darin zu bergen, sah ich die Zufluchtsstätte plötzlich vor mir. Mit einer Art stumpfer Gleichgültigkeit folgte ich dem Diener, der mich vor einen Greis zwischen sechzig und siebenzig Jahren führte. Sein Gesicht hatte den Ausdruck des Wohlwollens, und seine ganze äußere Erscheinung, sowie seine weißen Haare forderten Ehrerbietung, die beinahe an Bewunderung gränzte. Ich war nicht darauf vorbereitet, mich gegen ihn auszusprechen. Er bemerkte es und begann freundlich: »Da Sie mir fremd sind, so besorge ich, nach Ihren gramgefurchten Zügen zu urtheilen, es sei kein gewöhnlicher Fall, der Sie hieher führt. Setzen Sie sich. Sie scheinen sehr angegriffen, und wenn es in meiner Gewalt steht, Ihnen Erleichterung zu verschaffen, so dürfen Sie versichert sein, daß ich es thun werde.« In seinem Benehmen und in seiner Sprache lag ein Ausdruck der Herzlichkeit, der mich entwaffnete. Ich konnte weder reden, noch ihm in's Auge blicken, legte den Kopf auf den Tisch, barg mein Gesicht in den Händen und weinte bitterlich. Der gute Bischof ließ mir hinreichend Zeit, mich zu sammeln, und fragte mich mit der Zartheit der feinen Bildung auf die freundlichste Weise, ob es mir nicht möglich sei, die Ursache meines Kummers zu entdecken. »Lassen Sie sich weder durch Furcht noch durch Scham abhalten,« sagte er, »mir mitzutheilen, was Ihr Herz drückt. Wenn wir mit zeitlichen Gütern gesegnet sind, vergessen wir nicht, daß wir nur die Armenpfleger des Herrn sind, und suchen seinem Beispiele nachzufolgen; doch nach Ihrem Aeußern zu urtheilen, ist es nicht Geldunterstützung, die Sie suchen.« »Nein, nein,« erwiederte ich, »Geld ist es nicht, was ich bedarf;« aber vom Sturme meiner Gefühle überwältigt, vermochte ich nicht weiter zu reden. »Es ist offenbar ein wichtigerer Fall, als bloßer körperlicher Mangel,« sagte der gute Mann, »ihm könnten wir leicht abhelfen; in Ihrem Zustande glaube ich etwas zu sehen, das eine ernstere Aufmerksamkeit erfordert. Ich danke dem Allmächtigen, daß er mich zu diesem Dienste berufen. Unter seinem Segen hoffen wir des Erfolges nicht zu verfehlen.« Er ging an die Thüre, rief eine junge Dame, die, wie ich später hörte, seine Tochter war, lehnte die Thüre an, um mich in meinem traurigen Zustande ihren Augen zu entziehen und sagte: »Liebe Caroline, schreibe an den Herzog, und bitte ihn, er möchte mich entschuldigen, wenn ich heute nicht mit ihm speise. Sage ihm, ich müsse wegen eines Geschäftes von Wichtigkeit zu Hause bleiben, und gib die nöthigen Befehle, daß ich auf keine Weise unterbrochen werde.« Hierauf drehte er den Schlüssel, setzte sich dicht an meine Seite und bat mich auf die einschmeichelndste Weise ihm Alles zu vertrauen, damit er die Mittel anwenden könnte, die der Fall zu erfordern schiene. Zuerst bat ich um ein Glas Wein, welches augenblicklich gebracht wurde. Er nahm es dem Diener unter der Thüre ab und überreichte es mir eigenhändig. Nachdem ich es getrunken hatte, entwarf ich eine kurze Schilderung meines Lebens im Allgemeinen, und erzählte ihm zuletzt Alles beinahe so ausführlich, als ich es dem Leser erzählt habe. Er hörte mir mit gespannter, schmerzlicher Theilnahme zu und fragte mich bei manchen wichtigen Veranlassungen um meine Gefühle. Nachdem ich ihm endlich eine aufrichtige und redliche Beichte ohne alle Bemäntelung abgelegt hatte, sprach er: »Mein junger Freund, Ihr Leben war eine Reihenfolge besonderer Versuchungen und Ausschweifungen. Sie haben Vieles zu beklagen, Vieles sich vorzuwerfen und Vieles zu bereuen; aber der Zustand Ihrer Gefühle, der Sie zu mir geführt hat, ist ein Beweis, daß Sie jetzt nur dasjenige suchen, was ich Ihnen mit Gottes Hülfe geben zu können hoffe. Es ist spät, und wir bedürfen beide einiger Erfrischung. Ich will das Mittagessen bestellen, und Sie müssen in Ihren Gasthof schicken und sich Ihren Mantelsack holen lassen.« Als er bemerkte, daß ich im Begriff war, mich zu entschuldigen, setzte er hinzu, »ich nehme keine abschlägige Antwort an. Sie haben sich meiner Seelsorge anvertraut und müssen meinen Verordnungen Folge leisten. So hoch die Seele über dem Körper steht, so hoch steht meine Pflicht über der Pflicht des Arztes.« Nachdem das Mittagessen aufgetragen war, entließ er die Diener sobald als möglich, und legte mir manche Frage über meine Familie vor, die ich ihm alle ohne Rückhalt beantwortete. Unter anderem erwähnte er auch einmal Miß Somerville; aber ich wurde so tief ergriffen, daß er meine Qual bemerkte und, mir ein Glas Wein eingießend, auf einen andern Gegenstand überging. Wenn ich glauben könnte, daß Worte von mir die überzeugende Beredtsamkeit dieses würdigen Bischofs erreichen könnten, so würde ich der Welt durch die Veröffentlichung seiner Gespräche eine Wohlthat erweisen; aber es ist unmöglich für mich, und hoffentlich wird keiner von meinen Lesern des Trostes so sehr bedürfen, als ich desselben bedurfte. Deßhalb will ich nur kurz anführen, daß ich in der vollkommensten Abgeschiedenheit zehn Tage lang im Palaste verweilte. Jeden Morgen widmete der gute Bischof zwei bis drei Stunden meiner Belehrung um Besserung. Zugleich gab er mir einige Bücher, worin er die Stellen bezeichnet hatte, die ich lesen sollte. Er wollte mich seiner Familie vorstellen, aber ich bat ihn, es vor der Hand ablehnen zu dürfen, weil ich zu niedergeschlagen und schwermüthig sei. Er willfahrte mir, und ich durfte ungestört in den Zimmern bleiben, die er mir eingeräumt hatte. Am siebenten Morgen kam er zu mir und sagte nach einem kurzen Gespräche, daß er auf zwei bis drei Tage durch Geschäfte abgerufen sei, und daß er mir eine Aufgabe zutheilen wolle, die mich so lange beschäftigen könne, bis die kurze Zeit vorüber sein werde. Er gab mir eine Schrift über das heilige Abendmahl in die Hand und sagte: »ich bin überzeugt, Sie werden sie mit besonderer Aufmerksamkeit lesen, so daß ich Sie bei meiner Rückkehr zu der heiligen Feier einladen darf.« Mit zitternder Hand öffnete ich das Buch. »Fürchten Sie nichts, Herr Mildmay,« fuhr er fort: »nach den Merkmalen zu schließen, die ich in Ihrem Zustand entdecke, sage ich Ihnen, daß die Heilung vollständig sein wird.« Nach diesen Worten gab er mir seinen Segen und ging. Am Ende des dritten Tages kehrte er zurück, und nach einer kurzen Prüfung erlaubte er mir, das heilige Sakrament zu empfangen. Weil er wußte, wie tief ich dadurch erschüttert werden würde, nahm er die heilige Handlung in seinem eigenen Zimmer vor. Er brachte das Brod und den Wein, und nachdem er sie in der vorgeschriebenen Form geweiht und selbst davon genossen hatte, sprach er ein kurzes Gebet aus dem Herzen für mich. Hierauf trat er auf mich zu und reichte mir das Brod. Mein Blut erstarrte, wie ich es in den Mund nahm; und als ich den Wein gekostet hatte, das Blut des Erlösers, dessen Wunden ich auf meiner verbrecherischen Laufbahn so oft auf's Neue geöffnet hatte, und von dessen Verdiensten ich jetzt meine Vergebung erwarten mußte, fühlte ich zugleich Liebe, Dankbarkeit, Freude und eine Leichtigkeit und Schwungkraft der Seele, als könnte ich, der schweren Bürde entledigt, die mich bis jetzt zu Boden gedrückt hatte, die Erde unter mir zurücklassen. Ich fühlte, daß ich glaubte – daß ich ein neuer Mensch geworden war – daß ich Vergebung meiner Sünden erlangt hatte, und verharrte, den Kopf auf den Tisch gelehnt, mehrere Minuten lang in glühendem Dankgebet. Nachdem der Gottesdienst vorüber war, beeilte ich mich, gegen meinen verehrungswürdigen Freund den innigsten Dank auszusprechen. »Ich bin das demüthige Werkzeug, mein theurer, junger Freund,« sagte der Bischof; »lassen Sie uns beide dem Allmächtigen danken, welcher die Herzen erforscht. »Lassen Sie uns hoffen, daß das Werk vollendet ist – denn in diesem Falle wird Freude im Himmel sein! Und nun erlauben Sie mir noch eine Frage,« fuhr er fort, »fühlen Sie sich in der Gemüthsverfassung, einen Kummer, der Sie treffen könnte, ohne Murren zu ertragen?« »Ich hege das Vertrauen, Sir, daß ich ihn nicht nur freudig, sondern auch dankbar hinnehmen werde, und ich erkenne es jetzt an, daß es zu meinem Besten diente, wenn mir ein Unglück widerfuhr.« »Dann ist Alles recht,« sprach er; »wenn Sie solche Gefühle hegen, so wage ich es, Ihnen einen Brief zu geben, den ich Ihnen eigenhändig zu überliefern versprochen habe.« Als ich meine Blicke auf die Aufschrift richtete, rief ich aus: »Barmherziger Himmel! Von Emilien!« »Von ihr ist er,« sagte der Bischof. Ich riß ihn auf. Er enthielt nur fünf Linien, welche also lauteten: »Unser gemeinschaftlicher liebevoller Freund, der Bischof hat mir bewiesen, wie stolz und thöricht ich gewesen bin. Vergib mir, mein theuerster Frank, denn ich habe zu viel gelitten und komm so bald als möglich zu deiner dich ewig liebenden Emilie.« Dieß war also der Zweck der Abwesenheit des ehrwürdigen Bischofs gewesen. Von Alter und Kränklichkeit gebeugt, hatte er eine Reise von dreihundert Meilen unternommen, um einem Menschen, der ihm völlig fremd war, die zeitliche und ewige Wohlfahrt zu sichern – um eine Versöhnung zu Stande zu bringen, von welcher er wußte, daß mein irdisches Glück ohne dieselbe nie vollständig werden konnte. Ich erfuhr später, daß er ungeachtet des Gewichtes, das ihm sein Charakter und sein heiliges Amt gab, Emilien weit entschiedener bei ihrer Verwerfung fand, als er erwartet hatte. Erst nachdem er ihr strenge Vorwürfe über ihren Stolz und ihre Unversöhnlichkeit gemacht hatte, konnte sie dazu vermocht werden, seinen Worten ein geduldiges Gehör zu schenken, und als er sie endlich überzeugt hatte, daß die Erfüllung ihrer eigenen Hoffnungen von der Verzeihung abhange, die sie Andern angedeihen lasse, ward sie erweicht, erkannte die Wahrheit seiner Bemerkungen an, und gestand, daß ihre Liebe gegen mich noch immer die gleiche sei. Wahrend dieses Bekenntnisses lag sie, wie ich beim Empfang ihres Briefes, weinend vor dem Bischof auf den Knieen. Er gab mir die Hand und richtete mich auf. »Und nun, mein junger Freund,« sagte er, »lassen Sie sich eine Warnung geben. Ich hoffe und vertraue zu Ihnen, daß Ihre Reue aufrichtig ist. Wäre dieß nicht der Fall, so müßte die Schuld auf Ihrem Haupte bleiben; aber ich vertraue zu Gott, daß Alles ist, wie es sein soll. Deßhalb will ich Sie nicht länger aufhalten. Sie müssen voll Ungeduld Ihrer Abreise entgegensehen. Erfrischungen sind für Sie bereit, meine Pferde sollen Sie bis zur ersten Station führen. Sind Sie hinreichend mit den Mitteln zu der Reise versehen? Denn sie ist lang, das können meine alten Beine bezeugen. Ich versicherte ihn, daß ich keines Geldes benöthigt sei, dankte ihm auf's Gerührteste für seine Güte, und drückte den Wunsch aus, es möchte in meiner Gewalt stehen, meine Dankbarkeit zu beweisen. »Stellen Sie mich auf die Probe, Mylord,« sagte ich, »wenn es Ihnen möglich ist.« »Gut, das will ich,« erwiederte er: »wenn der Tag Ihrer Vermählung mit Miß Somerville festgesetzt ist, so erlauben Sie mir das Vergnügen, Ihre Hände in einander zu legen, sofern es Gott gefällt, mich so lange zu erhalten. Die Krankheit habe ich gehoben, aber die Pflege, die der Genesene erfordert, um vor Rückfällen gesichert zu werden, muß ich Andern überlassen. Und glauben Sie mir, mein theuerster Freund, so freudig entschlossen ein Mann auch nur sein mag, auf dem rechten Wege zu bleiben, so leistet ihm die Leitung und das Beispiel eines liebenswürdigen und tugendhaften Weibes keinen geringen Beistand. Ich versprach Alles bereitwillig, was er verlangte; nachdem ich ein leichtes Frühstück zu mir genommen hatte, drückte ich dem würdigen Prälaten noch einmal die Hand, sprang in meinen Wagen und fuhr von bannen. Ich reiste die ganze Nacht hindurch, und befand mich am folgenden Tage in der Gesellschaft derjenigen, die ich liebte, und die mich liebten, und trotz meiner Verkehrtheit und Thorheit stets geliebt hatten. Wenige Wochen darauf wurden Emilie und ich von dem ehrwürdigen Bischof getraut, der uns mit großer Rührung seinen Segen gab; und da das Gebet des Gerechten viel vermag, so empfand ich in meinem Herzen, daß es im Himmel für uns erhört wurde. Herr Somerville führte die Braut zum Altare, mein Vater wohnte mit Talbot und Klara dem Feste bei, und wir Alle waren nach den vielen seltsamen Wechseln meiner Laufbahn bei dieser Versöhnung und Vereinigung auf's Tiefste ergriffen.