Hermann Kurz Denk- und Glaubwürdigkeiten – Jugenderinnerungen – Abenteuer in der Heimat Einleitung des Herausgebers Dieser Band enthält diejenigen Erzählungen, in welchen Kurz von seinen eigenen Jugenderlebnissen berichtet. Vorangestellt sind die »Denk- und Glaubwürdigkeiten« . Sie sind als zweiter Band der »Erzählungen« 1859 erschienen unter dem Titel »Neun Bücher Denk- und Glaubwürdigkeiten. Erster Teil.« Bei der Zahl neun hat Kurz die neun Bücher des Herodot als Vorbild im Auge gehabt, mit dem er sich gerade um jene Zeit auch sonst beschäftigt hat. Es sind aber im zweiten Bande der Erzählungen nur sechs Bücher enthalten; außerdem als Intermezzo »zwischen dem sechsten und siebenten Buch« die Geschichte von den beiden Tubus, die unsere Ausgabe im zwölften Bande bringen wird, weil sie mit dem Vorhergehenden keinen inneren Zusammenhang hat. Aus den Büchern 7 - 9 ist offenbar nur der eine Abschnitt »Jugenderinnerungen« zustande gekommen, der am Schluß des dritten Bandes der »Erzählungen« 1860 veröffentlicht wurde und in unserer Ausgabe dem sechsten Buch der Denkwürdigkeiten folgt. Heyse hat in Band 8 seiner Ausgabe die vier ersten Bücher abgedruckt, den Anfang der »Jugenderinnerungen« als fünftes Buch angereiht, die zweite Hälfte des fünften Buchs aber, welche die Satire auf Auerbach enthält, unter dem Titel »Auch eine Dorfgeschichte« im neunten Bande gegeben. Unsere Ausgabe kehrt zu der ursprünglichen Anordnung des Verfassers zurück. Im Unterschied von denjenigen Erzählungen des Dichters, welche sich mit fremden Personen beschäftigen, herrscht in diesen Denkwürdigkeiten eine mehr sprunghafte, humoristisch-satirische Darstellung, wie sie sich mit der Betrachtung der eigenen unvollkommenen Anfänge gern verbindet. Bei Kurz kommt hinzu, daß diese Erinnerungen in der schwersten Zeit seines Lebens geschrieben sind, so daß ihr Humor recht ein Galgenhumor genannt werden kann. Mit der Beschauung der eigenen Vergangenheit verbindet sich zugleich ein zumeist satirischer Rückblick auf die Literatur, mit der der Knabe sich genährt hatte, wobei nach Art solcher Humoresken auch die spätere Literatur nicht zu kurz wegkommt. Wenn Kurz in Buch 4, Kap. 4 erzählt, daß Hauffs Lichtenstein anregend und bestimmend auf seine eigene Poesie eingewirkt habe, was in der Biographie des Dichters und in den Vorbemerkungen zu »Schillers Heimatjahren« näher ausgeführt ist, so kann man auch bei diesen literarischen Satiren an Hauff erinnern, der in seinen »Skizzen«, sowie in dem in die Memoiren des Satans eingeschobenen »Festtag im Fegefeuer« ähnliche Satiren verübt hatte; nur tritt bei Hauff das erzählende Element mehr in den Vordergrund, bei Kurz ist die literarische Satire schärfer und überlegener. Auch die poetische Empfindung, die bei Kurz durchbricht, ist reifer und bedeutender. In diesem Feuerwerk von Witz sind nicht alle Einzelheiten für uns mehr ganz verständlich. Im folgenden einige Erläuterungen. Buch 1: Die buckligste aller Universitätsstädte ist Tübingen, wo der Vater von Kurz' Mutter, der akademische »Buchdruckerherr« Schramm wohnte. Das Dorf Ofterdingen liegt etwa drei Stunden von Tübingen entfernt; eine Viertel- bis halbe Stunde von Tübingen, nicht weit über die Lindenallee hinaus, liegt Derendingen. Buch 3, Kap. 1: Der Großvater war der Reutlinger Glockengießer und Senator Joh. Kurtz, 1737–1824; vgl. »Wie der Großvater usw.« in Band 9. – Kap. 3: »List« ist der Nationalökonom Friedrich List, 1789–1846. Buch 4, Kap. 2: Zu den Bemerkungen über die Spiesschen Romane vgl. Hauff, Ein Festtag im Fegefeuer. Buch 5, Kap. 3: »Friedrich d. Gr. von Schwaben«, ein Name, den Auerbach für Schiller gebraucht hatte. – Kap. 5: Satire auf Auerbach, seine Volkskalender, sein beständiges Schulmeistern und Philosophieren. Während sich nicht mehr ausmachen läßt, wie sich in der Darstellung der literarischen Pläne des Knaben Dichtung und Wahrheit zueinander verhalten, so sind die in den »Jugenderinnerungen« erwähnten Werke, die Auswahl aus englischen Poesien (1832) und der Neudruck des alten Faustbuches (1834) wirklich erschienen; s. die Biographie. Diesen späteren Aufzeichnungen über die Jugendjahre reihen wir eine weit früher entstandene Skizze eines kleinen Erlebnisses an: die im Juni 1836 geschriebene harmlos lustige Erzählung »Abenteuer in der Heimat« . Sie ist in den »Genzianen« 1837 erschienen und von Interesse nicht nur wegen ihrer Schilderungen aus der Landschaft und der anekdotarischen Geschichte des Landes, sondern auch, weil sie in ihrem Beginne zeigt, wie ganz erfüllt der junge Dichter von den Eindrücken der Romane Walter Scotts gewesen sein muß. Denk- und Glaubwürdigkeiten. Erstes Buch. Erstes und einziges Kapitel. Nicht allein die Großen haben ihre Denkwürdigkeiten, auch die Kleinen haben sie. Beginnen wir also, weil es die Laune des Schicksals will, oder fahren wir vielmehr fort, denkwürdige Begebenheiten und nachdenkliche Erinnerungen eines kleinen deutschen Reichsbürgers an das Licht zu stellen, von dessen Leben und Taten, Freuden und Leiden wir schon in den vergangenen Winterabenden ein langes und auch ein breites, wie man sagt, zu reden unternommen haben. Dieser kleine Biedermann wurde eines Tages, zum erstenmal ohne elterliche Begleitung, im alten Postwägelein nach der buckligsten aller Universitätsstädte gesendet, nicht um allda zu studieren, was für seine dritthalb Fuß Höhe zu hoch gewesen wäre, sondern sich von den mütterlichen Großeltern ein wenig hätscheln zu lassen. War er doch als erster Enkel dort ein vielgeehrter Gast; der Großvater versah ihn freigebig mit Taschengeld, damit er sich seinen Nachtisch nach Gefallen besorgen könnte, falls die Großmutter es je einmal daran hätte fehlen lassen, die jüngeren Schwestern der Mutter erzählten ihm nachts vor dem Einschlafen schöne Märchen vom Schneeweißchen und Aschenbrödel, und wenn er morgens die Augen auftat, so bemühte sich eine Windmühle, die im Fenster surrte, ihn aufs gemütlichste zu unterhalten. Das Leben, das ihn hier umgab, war zwar nichts weniger als neumodisch, aber doch viel moderner als das Leben in der vormaligen Reichsstadt, in welcher er zu Hause war; denn da trug alles einen tief altertümlichen und, trotz der hohen finsteren Mauern, etwas ländlichen Schnitt. So behaupteten wenigstens die benachbarten Universitätsbürger, die ihr Deutsch mit überfließendem Latein vermischt sprachen und sich nachts durch die »Pauper«, wie sie einen Chor von armen Kurrendeschülern nannten, aus dem Schlaf wecken ließen. Diese neue Welt, die ihm aufgegangen war, stimmte ihn sehr unternehmend, so daß er bald noch höher und weiter trachtete. Es ging ihm nämlich im großväterlichen Hause zu stille her; auch hatte er noch keine Gespielen in der fremden Stadt. Da wurde es ihm auf die Länge immer länger, und eines schönen sonnigen Nachmittags war es ihm ganz eng um die Brust. Eh' er selbst recht wußte, was er eigentlich im Schilde führe, war er schon vor der Stadt draußen. Dort führt ein hoher hölzerner Steg über den Neckarfluß. Man ersteigt ihn auf steinernen Stufen, kann sich bequem an das Geländer lehnen und zusehen, wie die graue Stadt, eitel auf ihre Runzeln, sich im Neckar spiegelt. Auf der anderen Seite geht's wieder einige Stufen hinab. Ein kecker Student ist einmal darüber geritten. Unser junger Herr marschierte frischweg über den Steg und dann weiter auf einem sanften Pfade unter breiten, uralten Linden fort. Wohin? In die Welt. Die Spaziergänger, die ihm begegneten, schienen sich über ihn zu wundern, getrauten sich aber nicht, ihn zu fragen noch zurechtzuweisen, so martialisch sah er aus. Er trug nämlich ein blaues Wämschen mit mächtigen Puffärmeln, und blaue rotgestreifte Höschen, welche, in das Wämschen eingeknöpft, bis über die Brust heraufgingen, auf dem Kopfe aber ein stattliches Samtbarett. Ferner hatte er sich ein Bandelier umgeschnallt, an welchem ein gewaltiger Säbel hing. Man hatte die Wahl, ob man ihn für einen Ritter oder Räuber halten wollte. Wo die Lindenallee zu Ende ging, da kam eine breite mit Pappeln besetzte Fahrstraße daher, die bequem und lustig zu wandeln war. Unser Held bedachte sich lang, fand sie aber endlich zu breit für seine kleine Person, und da er bemerkte, daß der Fußpfad jenseits in den Feldern fortlief, so schritt er getrost über die Straße hinüber und verfolgte den eingeschlagenen Weg. Der Fußpfad ging gerade mitten in die Welt hinein, und in geringer Entfernung war bereits ein Dorf zu sehen. Wenn der kleine Herr größer gewesen wäre, so hätte er es schon von der Lindenallee aus erblickt; so aber mußte er noch eine Strecke gehen, bis es ihm zuletzt ganz vor der Nase lag. Auch hatte er die Gewohnheit, die Augen abwechselnd auf den Boden und an den Himmel zu werfen, weshalb er oft das Allernächste übersah, so zum Beispiel den Stock mit der Tafel, worauf der Name des Dorfes geschrieben war. Den entdeckte er erst, als er ihm so nahe kam, daß er mit dem Kopf dagegen stieß und das Samtbarett verlor. Er hob das Barett vom Boden auf und blickte den Stock verwundert an. Zwar merkte er wohl, daß auf der Tafel etliche Hühnerfüße gemalt waren, aber er hatte seine Gründe, sich nichts um diese zu bekümmern. Auf einmal sah er das Dorf, welches gar nicht weit von dem Stocke stand. Wer konnte froher sein als er? Jetzt hatte er schon die erste Station auf seiner Weltreise erreicht, und alsbald beschloß er in seinem Sinne, das sei Ofterdingen . O ihr, der Heimat dunkelste und verlorenste Sagen, flüstert es leise, was ihn dort Halt zu machen bewog! Wollte er etwa nach dem großen Unbekannten, nach dem nie erforschten Heinrich von Ofterdingen spähen? Nein, der war ihm noch viel verborgener, als er es den gelehrten deutschen Männern, der deutschen Sprache Kennern, bis zur Stunde geblieben ist. Sein Dichten und Trachten war nicht auf den Heinrich, sondern auf das » Appele « von Ofterdingen, oder vielmehr auf ihren Vater gerichtet, denn sie selbst hatte er daheim zurückgelassen an seinem elterlichen Herd, wo sie in Treuen und Ehren den Besen führte. Eigentlich hieß sie Apollonia; aber dieser schöne Name wurde ihr nicht gegeben, sondern man nannte sie in der Volkssprache die Appel oder etwas zarter das Appele. Da man nicht immer sicher war, ob sie das Gesicht im Morgentau gewaschen hatte, und da ihre Hände meist die Farbe der Küche trugen, die nicht vorherrschend weiß ist, so hieß er sie wohl auch zuweilen seine Schmutzappel Er mochte sie jedoch ungemein gut leiden, denn sie tat alles was sie ihm an den Augen absehen konnte. Nur küssen durfte sie ihn nicht. Dagegen ließ er sich gern von ihr versprechen, daß sie ihn, wenn sie einmal auf ein paar Tage Urlaub erhalte, nach Ofterdingen zu ihrem Vater mitnehmen und mit Butterbrot, Honig und Kirchweihkuchen bewirten wolle. Somit hatte der kleine Mann gewiß triftige Gründe, zu wünschen, daß das vor ihm liegende Dorf die Heimat seines guten Hauskobolds sei. Vom Wünschen aber zum Glauben ist es oft nur ein Schritt. Er ging also fürbaß und hielt mit majestätischem Säbelklirren seinen Einzug in das Dorf. Die Leute machten große Augen über den angehenden Wandersmann, er aber fragte keinen. Hie und da rief ihm ein unartiger Bube ein Spottwort nach, aber er achtete nicht darauf. Sorgsam musterte er die Häuser, eines nach dem andern, und erwog, welches wohl das rechte sei. Leider jedoch war dies den Häusern nicht anzusehen. Auch stand an keinem geschrieben: »Hier wohnt des Appeles Vater!« und wenn das auch der Fall gewesen wäre, so würde es ihm doch nichts geholfen haben, da er, wie schon bemerkt, sich aus Geschriebenem nicht viel machte. Und hätte auch der bewußte Vater in Lebensgröße zu einem Fenster herausgesehen, so wäre dem kleinen Forscher abermals im geringsten nicht gedient gewesen; denn er kannte denselben ja nur aus Appeles Erzählungen, aber nicht von Angesicht. So war er nach und nach durch das ganze Dorf gewandert, und stand bei den letzten Häusern, an welchen ein Bach vorüberfloß. Das Bächlein war so hell; er weidete die Augen an dem unaufhörlichen Geriesel und konnte sie nicht abwenden. Endlich kam ein Mann, kniete hin und wusch etwas im Wasser. Er erblickte den jungen Herrn und sah von Zeit zu Zeit mit neugieriger Teilnahme an ihm hinauf. Der junge Herr wurde ebenfalls aufmerksam auf ihn, sein Gesicht flößte ihm Zutrauen ein, und er beschloß daher ohne Zaudern, dies müsse der Mann sein, den er suche. Er ging auf ihn zu und redete ihn an: »Seid Ihr meines Appeles Vater?« »Wer ist das Appele?« fragte der Mann. »Das Appele von Ofterdingen!« erwiderte der junge Herr indem er sich auf den Säbel stützte. »Ich bin keines Appeles Vater,« sagte der Mann, »und hier ist auch kein Ofterdingen. Das liegt noch drei starke Stunden von da.« Über diese Rede wurde der junge Herr nachdenklich. Er hatte schon so einen großen Weg gemacht, und nun sollte er noch drei starke Stunden wandern? Ein dunkles Gefühl sagte ihm, daß hinter diesem Zeitmaß ein ziemliches Stück Unendlichkeit stecken möge. Und dann von Ofterdingen erst noch vollends in die Welt hinein! Er hatte sich die Welt nicht so weitläufig vorgestellt. Der Mann fragte ihn nun, woher er sei und was er vorhabe. Der junge Herr gab ihm hierüber einen zwar mangelhaften, aber in der Hauptsache vollkommen deutlichen Bescheid. Da erschrak der Mann, und schüttelte den Kopf, und hieß ihn geschwind wieder umkehren; die Welt sei viel zu groß für seine dreijährigen Beine; er solle froh sein, daß er Eltern und Verwandte habe, die für ihn sorgen. Endlich gab er ihm zu bedenken, daß die Seinigen wahrscheinlich schon jetzt in großer Angst um ihn seien. Dem jungen Herrn leuchtete das ein. Der gutherzige Mann brachte ihn auf den Weg, der ihn hergeführt hatte, wünschte ihm glückliche Heimkunft, und so pilgerte er denn in Gottes Namen wieder nach der Stadt zurück, aber nicht so stolz, wie er von ihr ausgezogen war. Ein Student hätte den ganzen Weg hin und her in weniger als einer Stunde gemacht. Unser Held brauchte den ganzen Nachmittag dazu; denn er blieb alle Augenblicke stehen, um den Wolken und den Vögeln nachzuschauen. Auch wurde er oft müde, und mußte dann immer wieder ausruhen. Als er zu dem Stege kam, der über den Neckar führt, da war es schon ziemlich dunkel, und als er das großväterliche Haus erreichte, war es sinkende Nacht. Er hatte die Zeit zum Ausfliegen zweckmäßig gewählt. Seine Mutter war diesen Nachmittag angekommen, um nach ihm zu sehen, und hatte sich mit der Neuigkeit begrüßen lassen müssen, daß er spurlos verschwunden sei. Man schickte bei allen Bekannten in der Stadt herum. Niemand wußte etwas von ihm. Es wurde Abend und Nacht, schon sprach man von Austrommeln, der Großvater wollte ihn mit Fackeln im Flusse suchen lassen – da klirrte auf einmal, mitten in der größten Not, sein Säbel auf der Treppe, und herein trat er, der junge Herr! Der Empfang war etwas stürmisch. Er gestand jedoch unbefangen, daß er eine Reise in die Welt hineingemacht habe und beinahe nach Ofterdingen gekommen wäre. Die Mädchen fingen an zu lachen, und die Großmutter rief, er sei ein ganzer Held. Zwei aber verbargen ihre Freude, die Mutter und der Großvater. Der letztere ließ die Unterlippe tiefer und immer tiefer hängen, was, wie dem jungen Herrn nicht unbekannt war, böses Wetter bedeutete. Endlich sagte er: Du kleiner Landstreicher, wart, ich will dir nachträglich das Viatikum verabreichen, damit du in Zukunft weißt, wo es zu haben ist, wenn du wieder in die Fremde gehen willst. Er faßte ihn am Fittich, und – das war aber grobe Münze, dieses Reisegeld. Nachdem er dasselbe eingestrichen, führte die Mutter den kleinen Abenteurer in die alte Reichsstadt zwischen den Bergen zurück, wo er hinter den hohen Mauern viele Wissenschaften und Tugenden, darunter auch im Lande zu bleiben und sich redlich zu nähren, lernen sollte. So endete meine erste Ausfahrt – denn es wird nunmehr an der Zeit sein, die welthistorische dritte Person, in welcher ein Cäsar von seinen Taten reden durfte, mit dem in solchen Dingen verhältnismäßig bescheideneren Ich zu vertauschen. Der alte Satz, daß das Reisen erfahrene Leute macht, halte sich auch an mir bewährt; aber der Erfahrung war, mit jenem verstörten Grübler zu reden, »des Gedankens Blässe angekränkelt.« Ich weiß nun zwar nicht, ob es mir in der Wiege gesungen war, durch heroische Fahrten, Abenteuer und Entdeckungen zwischen dem Nord- und Südpol die Zahl der großen Weltreisebilder zu vermehren, und ob ich somit, wie mancher hienieden, meinen Beruf verfehlt habe. Doch ist es vielleicht nur dem tragischen Ausgang meiner Reise nach Ofterdingen zuzuschreiben, daß ich oft von vielbewanderten Freunden hören muß, ich habe mich mehr als billig in die Heimat eingesponnen, und daß auch in der Tat alle meine Wanderungen auf diesem Erdenrunde bis jetzt nicht sehr weit über den zweiten Postkreis hinausgegangen sind. Streiten kann man bei alledem, ob nicht die erste derselben, die ich hier gewissenhaft beschrieben habe, mit immerhin größerem Recht, als wie es auf einer gewissen Bibliothek Nielaus Klims unterirdischen Reisen widerfahren ist, in das Fach der geographischen Schriften eingereiht werden dürste. Zweites Buch. Erstes Kapitel. Indessen habe ich gleichwohl auf der Stätte des soeben erzählten Mißgeschicks, wodurch mir ein ehrwürdiges Fach des Schriftentums versperrt worden sein mag. eine Weihe erhalten, die mich wenigstens im allgemeinen auf die druckpapierene Geisterwelt, auf ihre Werke und ihr Wesen vorbereitete. Dort habe ich nämlich die erste Bekanntschaft mit dem Kienruße gemacht, dessen dunkler Boden Lorbeeren, ja dann und wann sogar Dornen tragen soll, und habe die Befangenheit, welche ein junger Schriftsteller bei dem erstmaligen Anblick seines gedruckten Namens empfindet, frühzeitig ablegen gelernt. Noch hatte ich nichts von einem Goethe und Jean Paul gehört, kannte Schiller kaum dem Namen nach, wußte höchstens ein paar Gellertiche Fabeln, vom Hut und vom grünen Esel, auswendig, und war doch schon ein gesetzter und gedruckter kleiner Mann. Dies ging so zu. Im oberen Stockwerk des mütterlichen Elternhauses in der buckligen Universitätsstadt lag ein geheimnisvolles Heiligtum, das mich bei meinen Besuchen dort noch mehr als die Leckerbissen der Großmutter anzog, und aus welchem ein wundersames Schüttern und Beben das ganze Haus durchdrang. Ich hatte die Quelle dieses verborgenen Lebens bald ausgespürt, so daß dem alten Buchdruckerherrn, denn diesen wohlachtbaren Titel führte der Großvater, nichts anderes übrig blieb, als seine nachgängige Genehmigung zu meinem Eintritt daselbst zu erteilen. Man stieg eine steinerne Wendeltreppe empor, kam an verschlossenen düstern Magazinkammern vorüber, und dann befand man sich in den heiligen Hallen, aus welchen die akademischen Lehrbücher, Festreden, Preisschriften und Doktorthesen hervorgingen. Hier wurde ich nun sehr heimisch, und erfreute mich einer Nachsicht, die nicht immer mit der feierlichen Würde und Stille des Orts im Einklang war. Wenn ich unten im Familienzimmer vermißt wurde, so durfte man bestimmt darauf rechnen, daß ich, nicht mehr ans Reisen denkend, in der Druckerei zu finden sein würde. Stundenlang konnte ich den Pumpenbewegungen des noch in der Wiegenzeit der Kunst schwebenden Preßbeugels, dem Zusammenpochen der Ballen, dem wunderschnellen Letternfluge über dem Setzkasten zusehen, und der eigentümliche Geruch der frischgedruckten Bogen hatte für mich einen Reiz, der mir bis zu diesem Augenblicke geblieben ist. Nun weiß ich nicht, ob ich von selbst auf den Einfall kam, oder ob er mir von einem Gnomen der Druckerei eingegeben wurde: kurz, eines Tages erschien ich triumphierend in den unteren Gemächern und wies meine rechte Hand vor, in deren innerer Fläche mein Vor- und Zuname mit stolzen roten Lettern gedruckt zu lesen stand. Aber diese erste literarische Auszeichnung fand wenig Beifall, und alle Toilettenkünste wurden angewendet, um das auftauchende Gestirn wieder auszulöschen. Ich hielt stille wie ein Lamm; sobald es jedoch gelungen war, die Buchstaben bis auf einige unkenntliche Flecken zu vertilgen, so schlich der kleine Unsterblichkeitsaspirant in die Druckerei zurück, deren mutwillige Vasallen ihm alsbald zur Wiederholung des Preßvergehens behilflich waren. Auf diese Weise entstand eine lebhafte Gegenwirkung zwischen Ober- und Unterhaus. Oben suchte sich der jugendliche Produktionsdrang, das kecke Streben nach Öffentlichkeit geltend zumachen; unten lauerte die Kritik mit ihren ätzenden Mitteln, um den kaum gedruckten Namen der Vergessenheit zu übergeben. Aber bald rot bald schwarz gedruckt, immer wieder strebte der Name an den Tag, und er war eben im besten Zuge, die Totschweigekunst zu ermüden, als die guten Mädchen sich endlich hinter den alten Herrn steckten, der denn auch sofort sein kategorisches Non imprimatur an die Druckerei erließ. Zu spät! Farbe und Öl brachten sie zwar durch Bürsten und Reiben wieder weg, nicht aber die Vorbedeutung, die in dem kindischen Spiele lag, nicht das unverlöschliche typische Gepräge, mit welchem meine Schreibehand in der akademischen Druckerei gestempelt worden ist. Zweites Kapitel. Daß es jedoch mit den Dornen , die nicht selten am Buchstaben kleben, seine Richtigkeit hat, das habe ich in etwas späterer Zeit zwar, doch früh genug im Leben erfahren müssen. Ich hatte das Abc nach guter alter Methode gar vergnüglich erlernt – noch stehen sie mir vor den Augen, die großen mit den einzelnen Buchstaben bedruckten Würfel, die, eigens als Lernspiel in usum Delphini von der großväterlichen Presse geliefert, sich zu jeder beliebigen Silbenbildung zusammensetzen ließen – hatte längst die »deutsche Schule« hinter mir, wo der alte republikanische Schulmeister vom vorigen Jahrhundert her, der Herrscher im Hochsitz, unbeweglich thronte, hatte mich, »nicht immer froh«, durch Mensa und Amo zur Syntax heraufgedient, und lernte nun »im engen Kämmerlein vom dicken Cicero verschimmeltes Latein« – da wurde ich einst zu Weihnachten mit einer kleinen Handpresse überrascht, die der Großvater zur Aufmunterung des lernenden Enkels herübergesendet hatte. Noch der Weihnachtsabend sah die edle freie Kunst in Arbeit gesetzt, und unverzüglich ging eine in den Bahnen der Hogarthschen Schönheitslinie laufende, also tiefgebückte lateinische Danksagung aus der kleinen Presse hervor. Aber auch noch an dem gleichen Abend regte sich der Geist, der da nimmer ruht noch rastet, und gab mir den Gedanken ein, das Geschenk zu einem Werkzeuge der Schalkheit zu benutzen. Sorgfältig verbarg ich die Presse vor den Schulgenossen, aber um so lebhafter entfaltete sie im stillen ihre Wirksamkeit, welche schon nach wenigen Tagen die ganze Schule in Aufruhr setzte. Da und dort, hin und wieder fand man auf den Schultischen Blätter liegen, die trotz der allsogleich erregten Neugier und trotz des grimmigsten Aufpassens immer wieder ihren Weg vor die Plätze des einen und des anderen Kameraden zu finden wußten. Dieselben waren mit lateinischen Unzialen, dem einzigen Alphabet, das ich besaß, gedruckt und enthielten neckende Verse, die, wie harmlos sie auch gemeint sein mochten, doch als entsetzliche Pasquille aufgenommen wurden. Wenn auch fast nichts weiter darin stand, als die Mißnamen, die sich die liebe Jugend ohne sonderlich böses Blut ins Gesicht zu sagen pflegte, so war es schon das bloße Schicksal, sich gedruckt zu sehen, was in dem kleinen Kreise so heftig wirkte, wie unter großen Kindern oft ein Zeitungsartikel rumoren kann. Auch diese nahmen Anteil an der Sache, und man sprach endlich in der ganzen Stadt von der unkonzessionierten schlechten Presse wie von einem gemeinschädlichen Ungeziefer. Man fragte in den Druckereien, natürlich ohne auf eine Spur zu kommen; auch hütete ich mich wohl, mit meinen Ausfällen den Horizont der Kameradschaft zu überschreiten. Der Krug jedoch, wie man weiß, geht so lang zum Brunnen, bis er bricht. Wenn ich aber nun den Anlaß erzählen soll, der dem Kruge den Boden ausschlug, so bringt mich das in eine eigentümliche Verlegenheit, und ich sehe mich daher genötigt, einem alten Freunde, mit dem ich schon einmal in unseren Bergen ein Hühnchen gerupft habe, wiederum, obwohl in redlicher Absicht, über Berg und Tal mit der Tür' ins Haus zu fallen. Es ist mir nämlich, lieber Dicker, von den mancherlei kleinen Früchten, welche damals in unserem Krautgärtchen wuchsen, nur eine einzige haften geblieben, eine Klette, von der ich bei unparteiischer Betrachtung gestehen muß, daß sie mich heute noch ergötzt, gleichviel, ob ich sie zu jener Zeit handelnd oder leidend genossen habe; und das gerade ist die Frage, die ich an dich richten muß. Du wirst wohl nicht in Abrede ziehen, daß du damals mit einem recht wackeren Appetit begabt gewesen bist, gleichwie auch ich mich entsinne, von dir in jenen Tagen je und je das Lob eines rüstigen Arbeiters an der Auferbauung meines Knochengerüstes entgegengenommen zu haben. Allein eben darum vermag ich jetzt nicht mehr genau zu unterscheiden, ob das Epigramm, das in meiner Erinnerung fortlebt, von dir auf mich oder von mir auf dich gemacht worden ist. Ich möchte keinen Raub an dir begehen und will dir somit das Protokoll offen behalten. Einstweilen aber nehme ich mir die Freiheit, den Vers so zu geben, wie er mir vorschwebt, das heißt ohne alle Unterscheidungszeichen, welche meiner Presse abgingen, wie sie meinem Gedächtnis abgehen: SEHET DOCH DES DICKEN VHR IHR ZEIGER WEIST AVF MITTAG NVR MAG AVCH DIE SONNE WEITER GEHEN DER ZEIGER BLEIBT AVF MITTAG STEHEN Dieser oder ein ähnlicher Pfeil war es nämlich, den ich, nachdem ich ihn mehrmals beäugelt und wieder in den Köcher gesteckt hatte, doch endlich eines Tages gegen eine sterbliche Ferse eines ehrenwerten Freundes richtete. Nun mag man freilich sagen, den Schützen reize oft mehr die harmlose oder wenigstens unbedachtsame Lust des Treffens, als die Mordgier oder Beutelust, und so könne auch aus einem nicht ganz bösen Herzen ein schlechter Witz hervorgehen. Der Dicke aber gab sich keiner so milden Betrachtung hin. Er geriet in einen Erzzorn. Der Schuß, nun er gefallen war, tat mir aufrichtig leid, jedoch es blieb nichts übrig, als nur um so mehr auf die Verheimlichung des Geschützes bedacht zu sein. Da mußte es sich eines Tages fügen, daß ich im Kämmerlein saß, das ich leider zu schließen vergessen hatte, beschäftigt mit dem neuesten Erzeugnis meiner stichelnden Feder, wenn ich mich uneigentlich ausdrücken darf; denn meine Eingebungen nahmen keinen so weitläufigen Weg vom Kopfe zu der Presse, sondern ich vertraute sie unmittelbar, wie Retif de la Bretonne, den stumpfen Lettern an. Eben handhabte ich die Ballen, königlich vergnügt, nicht sowohl über die Bosheit als über das wohlbewahrte Geheimnis, – da ging die Türe auf, und mein Dicker trat herein. Er kam ohne Argwohn, lediglich in der Absicht, einen freundschaftlichen Besuch zu machen, aber er sah die unverkennbaren Verräter meines Treibens, teils in meiner Hand, teils auf dem Tische, und sie sprachen laut zu seinem zähen Merkersinn. Er warf mir einen Blick zu, einen einzigen, dann wandte er sich rasch genug für sein langsames Temperament, schlug die Türe hinter sich zu und ließ mich ziemlich ratlos. Als ich am anderen Morgen mich mit wohlbegründetem Zaudern der Schule näherte, sah ich die ganze Volksversammlung vor derselben aufgestellt, und ihre Haltung sagte mir nur allzu deutlich, um was es sich handle. Es war ein heller, lustiger Wintertag, der Schnee lag hoch in den Straßen. Ach, ich stand auf demselben Schlachtfelde, wo erst den Tag zuvor ein heißes Treffen zwischen den Deutschen und Lateinern vorgefallen war. Die Wurfgeschosse waren dicht geflogen, die Helden in weiße Wolken hüllend, und ich hatte mich in den Reihen meiner Quinten mit Ruhm und Schnee bedeckt. Diesmal aber waren es die eigenen Volksgenossen, die mir drohend gegenüberstanden, und mich überkam jenes trostlose Gefühl, das den Menschen ergreift, wenn ihm der Augenschein sagt, daß er sich dem Geiste seiner Partei entfremdet, daß sie mit ihm gebrochen habe. Ich nahm einen eiligen Rückzug. Die Schule durfte ich nicht versäumen, aber ich wartete wenigstens, bis die Stunde schlug, der Lehrer an der Straßenecke erschien, und meine Belagerer genötigt waren, den Platz zu räumen. Einzelne hielten noch hartnäckig Stand, aber um den Preis einer tüchtigen Nase, die ich wegen langen Ausbleibens erhielt, wußte ich sie mürbe zu machen. Es war wahrlich eine unbehagliche Stunde, die ich jetzt, umgeben von finstern Mienen, in der Schule aushalten mußte; ich kann nur so viel versichern, daß mir von dem Kapitel des Bellejus Paterculus, das wir in der Chrestomathie lasen, rein nichts im Gedächtnis geblieben ist. Die Glocke schlug abermals, die Schule war aus, und eine zweite Belagerung stand bevor. Noch hoffte ich von einer Kriegslist auf Entsatz. Der Lehrer, der soeben den Unterricht erteilt hatte, ein wohlerhaltener Pfeiler unseres weiland reichsbürgerlichen Ministerii, auf dessen gut protestantischen Schultern ein prächtiger mittelalterlicher Mönchskopf saß, war von einer Leutseligkeit, die es wahrlich nicht verdiente, daß sie, wie mitunter geschah, von den jungen Ungeheuern mißbraucht wurde. Ich trat zu ihm, während er seinen Hut von dem Kasten nahm, der die kleine Schulbibliothek enthielt; die Türen desselben waren mit großen, grellen Bildern nach einem der alten Propheten bemalt, und wir hießen ihn wegen dieser biblischen Gemälde den Gotteskasten. In diesem Gotteskasten nun befand sich unter anderen Büchern ein alter Virgil mit Holzschnitten, auf welchen Troja mit Kanonen beschossen wurde; in einem Anhange war gar noch eine Reihe sächsischer Kurfürsten abgebildet. Die wunderliche Gesellschaft hatte meine Naseweisheit schon längst beunruhigt, und bot mir jetzt, so gleichgültig sie mir auch in der Stunde der Not sein mochte, einen willkommenen Vorwand, mir eine Erklärung auszubitten, dieselbe so viel als möglich hinauszuziehen, mich dabei an den fortgehenden Lehrer anzunesteln und unter seinem Schutze das Weite zu suchen. Der Anschlag schien nach Wunsch zu gelingen, und während das ganze wilde Heer rechts und links mit stechenden Blicken an mir die Treppe hinuntersauste, fühlte ich mich bei dem lieben Manne geborgen. Da mußte der Unstern einen anderen Lehrer aus einer anderen Klasse daherführen, die beiden Kollegen begrüßten einander, blieben im Gespräche stehen, ich stand begreiflicherweise höchst überzählig dabei und wurde auch, als ich dies nicht von selbst einsehen wollte, mit einer Vertröstung auf spätere Auskunft dispensiert. Agamemnons Kanonen und die Kurfürsten von Sachsen hatten mich im Stich gelassen. Ich mußte die Treppe hinab, zum Hause hinaus; nach keiner Seite gab es ein Entrinnen mehr. Meine List war zu nichts gut gewesen, als meine Pein zu verlängern, und dazu hatte ich noch meinen Peinigern eine schöne Zeit gegönnt, um ein Arsenal von wohlgeformten Schneeballen anzulegen. Mit fest zugedrückten Augen stürzte ich hinaus. Sie hatten eine ordentliche Gasse gebildet, die ich durchlaufen mußte. Es ist kein Spaß um eine solche Exekution, und doch, »ehrlich fallen« von Kameradenhänden, das war bei dem bösen Handel in allweg noch das beste. Die kühlen Bomben, die so empfindlich brennen können, flogen von allen Seiten, und untadelhaft gezielt waren sie. Der Dicke sah müßig zu; er kannte seine Leute und wollte seine Hände schonen. Endlich traf mich einer, der keine feinere Kugel zu versenden wußte, mit einem Stein, den er in den Schnee geballt hatte. Dieser Bruch des Völkerrechts machte mich wütend, so daß sich trotz der hoffnungslosen Ungleichheit der Streitkräfte ein hitziges Handgemenge entspann, welches jedoch mit einem eigentümlichen Unfall für mich endigte. Einer meiner Gegner nämlich, klein, aber behend wie ein Wiesel, der sich wegen meiner beträchtlichen Länge vergebens angestrengt hatte, an mir aufspringend mich bei den Haaren zu fassen, ergriff mich am Rock und suchte mich zu Boden zu reißen, was ihm zwar gleichfalls fehlschlug, doch nicht zu meinem Glück; denn unter dem Zerren und Raufen blieb ihm auf einmal ein Rockflügel in der Hand, und ich stand wie ein gerupfter Vogel in dem lachenden Schwarme da. Wir ahnten nicht in jener Stunde, mein Beschädiger und ich, wie er in späteren Jahren den Schaden vergüten und mir, im freundschaftlichsten Sinn des Worts, am Zeuge flicken würde. Damals empfand ich nur die Tücke des Schicksals und der Menschen, die mich zu wer weiß wie grausen Tathandlungen eines rasenden Roland gestachelt haben würde, wenn nicht jetzt die langsam nachkommenden Lehrer in der Türe des Schulhauses erschienen wären, wodurch die politische Lage eine plötzliche Wendung erhielt. Meine Widersacher umgaben und deckten mich wie eine Leibwache, um meinen fragmentarischen Zustand, freilich zum Teil in eigennütziger Absicht, vor höheren Augen und strafenden Händen zu verbergen, und so kam ich in Frieden, aber übel zugerichtet, nach Hause, wo mir erst noch das Entsetzlichste widerfuhr. Ich wurde meiner schlecht bewahrten Toga verlustig erklärt und auf die abgelegte Tunika zurückgesetzt. Wenig wußte ich dich zu schätzen, ehrbares, altdeutsches Wams, in deiner schlichten biedern Würde, und härmte mich bitterlich. Zu meiner Entschuldigung muß übrigens gesagt werden, daß dieser Umschwung eine soziale Bedeutung von großer Tragweite hatte. Wer nämlich in dem Alter stand, in welchem er zum erstenmal einen Rock tragen durfte, war um eine hohe Stufe auf der gesellschaftlichen Leiter emporgerückt und wurde von dem Lehrer, der die alte reichsstädtische Etikette in die Neuzeit herübergenommen hatte, mit Er angeredet, daher der Rock für den Primaner etwas ebenso Insignes wie für die flügge Schöne das erste Ballkleid war. Es ging dem menschenfreundlichen Manne selbst kaum besser als mir, da er mich in meiner Erniedrigung erblickte, und er schien, am Gotteskasten lehnend, in trübem Sinnen einen Augenblick zu schwanken und mit sich zu Rat zu gehen, ob ich nicht nach strengem Rechte meinen Rang eingebüßt habe. Doch siegte bei ihm die Billigkeit, vielleicht gepaart mit dem Sinn für das Altertümliche – denn wie hätte er als Geschichtschreiber der guten alten Stadt nicht besondere Pietät für das Wams fühlen sollen? – und ich blieb Er. Wie nun aber alles unter dem Monde vergänglich ist, so nahm auch diese meine Prüfung in der Demut ihr Ende, und ich wurde nach etlichen Wochen wieder in meine bürgerlichen Ehrenrechte eingesetzt. Schon viel früher war, bei der glücklichen Gemütsart der Knaben, die allgemeine Versöhnung eingetreten; denn die Erkenntnis, daß meine Preßfrechheit doch gar zu hart bestraft worden sei, hatte längst die öffentliche Meinung zu meinen Gunsten umgestimmt. Gerührte Teilnahme meiner halbgewachsenen Mitbürger empfing mich, als ich eines wahrhaft schönen Morgens wieder im Rock unter ihnen erschien. Der Dicke aber schenkte mir zur Feier dieses Ereignisses einen ausgezeichneten Apfel. Ob darin eine leise zerknirschende Anspielung auf mein unglückliches Epigramm liegen sollte, das habe ich ungeachtet vielen Nachdenkens niemals mit Sicherheit erforschen können. Meine Winkelpresse diente von da an den gelehrten Übungen der ganzen Schulzunft, und es ist im Laufe der Zeit manches Monumentum aere perennius , sofern es nämlich meine Lettern überdauerte, von ihr ins Leben gefördert worden. Seitdem habe ich mit der großen deutschen Presse eben- und unebenteuerliche Berührungen gehabt, auch Preßprozesse und derlei Heimsuchungen sind mir nicht ganz fremd geblieben; aber in keiner dieser Trübsale ist es mir so schwül ums Herz gewesen, wie bei jenem ersten Volksgerichte, das wegen meiner schlechten Verse über mich erging. Daher rate ich jedem, der etwas von einer Nessel in sich verspürt, sich's zeitig zur Warnung gesagt sein zu lassen, was einer meiner Freunde, der die Literaturgeschichte in Fibelform zu bringen unternahm, in einem seiner leider unvollendet gebliebenen Reime singt: Gellert, ja du warst ein Christ Und ein zarter Moralist, Aber – dein Freund Rabener, Der war ein Satyriker! So mißbilligend urteilt eine gerechte Nachwelt über jenen unseligen Hang, der auf Kosten achtbarer mitbürgerlicher Lebensfülle und Lebensfreude zum Tempel des Nachruhms emporsteigen will. Und läßt sich denn dieser Preis nicht auch durch menschlichere Mittel erringen? Gewiß, die Unsterblichkeit ist nicht bloß, wie Klopstock sagt, »ein großer Gedanke und des Schweißes der Edlen wert«, sondern sie ist obendrein sehr wohlfeil zu haben in einem Staate, der darauf hält, daß von jedem im Land gedruckten Buche ein Pflichtexemplar in die allgemeine Büchersammlung abgeliefert wird. Drittes Buch. Erstes Kapitel. Meine Verewigung brauchte ich ohnehin weder auf diesem noch auf einem anderen Wege mehr zu suchen; dafür war gesorgt; denn zu der Zeit, da der eine meiner beiden Großväter, der akademische Druckerherr, mir das Reisen verleidete, hatte mir der andere, der reichsstädtische Senator und Glockengießermeister, schon längst ein Denkmal errichtet. Und was für eines! Zwar nicht ganz so hoch wie die Pyramide des Cheops, aber doch etwas mehr als halb so hoch. Wem dies unglaublich erscheint, der kann sofort die Überzeugung gewinnen, daß es sich gleichwohl ganz einfach begeben hat. Auf dem Münsterturme der alten Reichsstadt steht ein goldener Engel, der die Stelle des Hahns vertritt, indem er sich mit der Wetterfahne in den Händen nach allen Seiten im Kreise dreht. Eine dumpfe Sage will behaupten, der Engel sei eigentlich die heilige Jungfrau selbst, die erst infolge der Reformation den Namen gewechselt habe; indessen gehört diese These zu den bestrittenen. Gewiß ist nur das, daß die Kirche einst zu Mariens Ehre gebaut worden ist, und daß die Städter sie auch in der nachkatholischen Zeit immer mit Stolz ihre Frauenkirche genannt haben, mit begründetem Stolze, da sie, wenn auch zu den kleinsten, doch zu den wenigen vollendeten Münsterbauten gehört. An der etwas zu raschen Verjüngung der Turmspitze erkennt man zwar die allmähliche Ebbe der Baugelder, aber auch zugleich den körnigen Sinn unserer Vorfahren, welche lieber ein minder vollkommenes Werk fertig bringen, als ein vollkommenes Bruchstück hinterlassen wollten. Dieser Engel nun war wieder einmal im Laufe der Jahrhunderte schadhaft geworden, und man mußte ihn herabholen, um ihn seiner kreisamtlichen Berufstätigkeit zurückgeben zu können. Ein kecker Maurer, die ärmste aber lustigste Haut in der Stadt, erbot sich zu dem Unterfangen, das – so windstill und leer an Begebenheiten waren die Jahre nach den Befreiungskriegen – als ein ungeheures Schauspiel betrachtet wurde. Man hielt eine Betstunde für den Wagehals und ließ ihn dann unter großem Zulaufe die Spitze des Turmes ersteigen. Mit sicherer Hand leitete er dort die Vorrichtungen, durch welche der Engel herunterbefördert wurde, worauf derselbe bei mehreren Meistern die Runde machte und so auch unter den Lötkolben des alten Senators kam. Da hätte ich nun Gelegenheit genug gehabt, in der Streitfrage über seine Gestalt Untersuchungen anzustellen; aber meine Beobachtungsgabe war noch sehr unentwickelt und daher auch die Ehre, die mir bei diesem Anlaß widerfuhr, gar wenig verdient. Der Großvater legte nämlich zu den Urkunden, die sich im hohlen Innern des Engels befanden, ein Blatt, worauf er nach altem Herkommen seinen Anteil an der Reparatur, sowie Zahl und Namen seiner vielen Kinder und Enkel verzeichnete, und da ich unter den letzteren damals der jüngste war, so schlüpfte ich gerade noch mit in den Engel hinein. Die anderen, die später nachkamen, können sich dafür, daß es an ihnen ausgegangen ist, leicht mit dem Gedanken trösten, daß das Prytaneum, das wir Bevorzugtere bewohnen, wetterlaunisch ist und obendrein bloß vergoldet; ich aber lasse es mir trotzdem gefallen, eine Strecke, die immerhin den Ehrgeiz beschäftigen darf, da sie auf zweihundertfünfundfünfzig Werkschuh geschätzt wird, den Sternen näher gekommen zu sein. Soviel beträgt die Höhe des Turms, und wenn ich den Engel mit einrechne, so werde ich eher noch ein Paar Schuh zulegen dürfen. Die Auffahrt ging gleichfalls glücklich von statten. Der fröhliche Maurer verabschiedete sich feierlich von dem wieder aufgesetzten Engel, schwang eine Fahne, leerte eine Flasche, die er sodann herunterwarf, und tat einige Schüsse, daß die Dohlen und Krähen entsetzt um den Turm flatterten. Hierauf trat er den Rückweg an; droben aber bei den anderen Auserwählten blieb mein Name, und es kann daher nicht dem leisesten Zweifel unterliegen, daß er auf die Nachwelt kommen wird. Zweites Kapitel. Mein Denkmal hatte ich also, und brauchte mich nur noch zu fragen, wie ich die früh erlangte Auszeichnung abverdienen wollte. Irgend eine große Wohltat mußte der Menschheit erwiesen werden, eine von jenen, deren Urheber mit Recht gepriesen sind, obgleich man meist vergessen hat, wie sie geheißen haben. Nur waren mir leider die vornehmsten Artikel in der Geschichte der Erfindungen schon längst vorweggenommen, als da sind Pflug, Sense, Sichel, Mühle, Backofen, Nähnadel, Webstuhl, Rumfordsche Suppe, und wie die Heiligtümer menschlicher Nahrung und Bekleidung sich nennen; auch Rebe und Hopfen waren schon gepflanzt, und die Kartoffel ließ ihren Bringer im Liede leben. Da ich somit überall das Feld besetzt fand, so blieb mir nichts übrig, als eine der bereits vorhandenen Erfindungen mit einer Verbesserung zu beschenken, die ihr erst den rechten Wert gäbe und den Dank der kommenden Geschlechter verdiente. Dazu ward auch bald Rat, denn als ich mir eines Tages beim Essen den Mund verbrannte, so stellte ich in plötzlicher Erleuchtung den Satz auf, es wäre gescheiter, die Suppe am Bach zu kochen ; denn, demonstrierte ich meinem laut auflachenden Vater, durch das Feuer würde sie zubereitet und durch das Wasser zugleich abgekühlt werden, so daß man sie nicht erst zu blasen brauchte. Dieser Fortschritt, den ich heute noch in der Welt vermisse, wäre obendrein technisch ganz gut zu bewerkstelligen gewesen, da der vom Flüßchen in die Stadt geleitete Bach neuerdings sämtliche Straßen in je zween Kandeln an den beiden Häuserreihen durchfloß, so daß jegliche Haushaltung, gleichwie sie den Abend auf der Steinbank vor dem Hause für sich und doch zugleich im Verkehr mit der Nachbarschaft verbrachte, auch am Mittag ihre Suppe in ähnlicher gemeinsamer Selbständigkeit hätte regulieren können, hiernach also die Schwierigkeiten, die bekanntlich der Einführung des Gemeindebackofens im Wege stehen, völlig vermieden geblieben wären. Ich gestehe, der Gedanke bestach mich sehr, und es ist auch einzuräumen, daß es Gebiete gibt, in welchen die Verbindung zweier Gegensätze, wie Hitze und Kälte, nicht genug empfohlen werden kann. Ermahnt man nicht füglich die ungestüme Jugend, mit Weile zu eilen? Ist nicht besonnene Vorsicht eine Zierde des Mutes, ja sein »besserer Teil«? Und wie dem Krieger, dem Staatsmann die Beherrschung entgegengesetzter Pole ansteht, so ist sie vollends dem Künstler unentbehrlich, der in dem mächtigen Herzensdrange, womit er das Herz des Hörers, Lesers oder Beschauers ergreift, doch nie die leitende Besinnung verlieren und »mitten in dem Sturm, Strom und, wie ich sagen mag, Wirbelwind der Leidenschaft« das nüchterne kritische Bewußtsein sich erhalten soll, in allen Tiefen seines Wesens bewegt und doch zugleich »kühl bis ans Herz hinan«. Gewiß, da rechtfertigt sich die Forderung, »die Suppe am Bach zu kochen«. Dagegen hat freilich dieses irdische Leben, besonders da, wo es praktisch und handgreiflich wird, sehr viele andere Gebiete, in welchen die Ausgleichung der Gegensätze nur dadurch möglich ist, daß sie aufeinander folgen und einander ablösen, nicht aber durch gleichzeitiges Ineinandergreifen. Diese Wahrheit wird häufig verkannt. So erinnere ich mich, in politisch unruhiger Zeit von einem Geschäftsmann die Worte gehört zu haben: »Die Leute können mir Revolutionen machen so viel sie wollen, denn die Staatsform kümmert mich nicht, aber sie sollen ihre Revolutionen so machen, daß die Geschäfte dabei ohne Stockung fortgehen.« So dieser; andere anders. Wenn ich ein Philosoph wie Franklin wäre, so würde ich mir die Gelegenheit nicht entwischen lassen, an einer Reihe von Beispielen, der Geschichte von der zu teuer gekauften Pfeife ähnlich, den Beweis zu führen, daß es nicht immer tunlich ist, »die Suppe am Bach zu kochen«. Die Eindringlichkeit solcher Beispiele wird in dem Verhältnis zunehmen, als das Bild sich der Sache selbst nähert und endlich mit ihr zusammenfällt. Das war auch meines Vaters Meinung, und er gab sich aufrichtige Mühe, mir begreiflich zu machen, daß die Suppe zuerst einen scheinbar überflüssigen Grad von Hitze erreicht haben müsse, wenn sie nachher im abgekühlten Zustande genießbar sein solle. Ich aber, der ich in meiner Kombination den Stein der Weisen gefunden zu haben meinte, setzte allen Gründen einen starren Widerspruch entgegen, ereiferte mich immer mehr und wurde zuletzt im Fanatismus meiner Überzeugung »unangenehm«, worauf sich der Urheber meiner Tage bewogen fand, gleichfalls »unangenehm« zu werden, aber in einer Sprache von stärkeren Flexionsformen und nachdrücklicheren Kasusbildungen, in einer Kernsprache, worin ich den kürzeren zog. Drittes Kapitel. Auf diese Weise ist aus mir auch der Weltverbesserer – ich glaube, noch etwas früher als der Weltumsegler, oder ungefähr zur gleichen Zeit – ausgetrieben worden, und so besaß ich denn eben mein Denkmal gerade mit so gutem Rechte, wie mancher Prinz sein mit auf die Welt gebrachtes Husarenregiment. Unterschiedliche alte Basen aber, männlichen und weiblichen Geschlechtes, riefen, da sie von meinem Neuerungsversuche hörten, mit zusammengeschlagenen Händen aus: »O Herr, meine Güte,« – oder vielmehr ohne Komma und mit verlegtem Akzente, denn so wird diese gelinde Schreckensformel gesprochen: »O Herr meine Güte, das gibt einen zweiten List!« Man enthalte sich jedoch, etwa zu glauben, daß der Glanz, der jetzt auf diesem Namen ruht, schon damals meine Eitelkeit zu berauschen die Kraft gehabt hätte. O nein, der Name List war zu jener Zeit in seiner und meiner Vaterstadt kein Schmeichelwort, wenigstens bei der großen Mehrzahl nicht, vielmehr bezeichnete er in ihrem Munde einen unruhigen Projektmacher, der alles bewährte Alte »umzuorgeln« suche und sich und andere, die ihm nachtreten, nur in Schaden bringe. Hatte er doch schon als Knabe am Schabbaum seines Vaters, des dicken Weißgerbermeisters, den »überhirnischen« Einfall gehabt, zu behaupten, das Häuteschaben sei keine Arbeit für Menschen, man sollte das durch Maschinen verrichten und diese durch das vorbeiziehende Flüßchen in Bewegung setzen. Was Wunder, daß einer, der seine Häute durch die Schatz schaben lassen wollte, und einer, der seine Suppe am Bache kochen zu können meinte, auf den ersten Blick, besonders im Auge alter Basen, zween ziemlich verwandte Geister schienen. Ich habe die ungeahnte Ehre dieser Vergleichung auch in meinen späteren Knabenjahren, nachdem ich längst auf alle Weltvervollkommnungsplane verzichtet hatte, noch jezuweilen, doch aus einem anderen Grunde, über mich ergehen lassen müssen. Wenn ich nämlich Miene machte, mich nicht in die Welt fügen zu wollen, so hieß es von derselben Seite, von der ich erstmals mit dem verkannten Ehrentitel beschenkt worden war: »Gib nur acht, dir wird's noch gehen wie dem List!« Er war inzwischen, »weil er sich auch nicht in die Welt fügen wollte«, auf der Festung gesessen, und diese politische Strafe galt in jenen unpolitischen Tagen, nicht bei den wenigen, aber bei den vielen, für eine non levis notae macula . Noch recht gut ist sie mir erinnerlich, jene einst so berüchtigte Petition , die ihn »auf den Asberg gebracht hat«, und zwar kenne ich sie noch in ihrer ursprünglichen Form, obwohl nicht von der Zeit ihres Ursprungs her, zu welcher Zeit ich noch in den Kinderschuhen gegangen war. Manches Jahr war seitdem verflossen, und die meisten gedachten nicht mehr des Mannes, den in Amerika die Sehnsucht nach dem dankbaren Deutschland verzehrte, da saß ich eines Sonntagmorgens, aus dem Kloster in die ersten Ferien heimgekehrt, über allerlei Reliquien meines verstorbenen Vaters. Es waren Briefe, ein Tagebuch einer Schweizerreise voll jugendlicher Begeisterung, und andere dergleichen Papiere mehr. Das Herz war mir voll geworden im Anblick der hellen und dunklen Bilder, die aus dieser Verlassenschaft aufstiegen, als mir ein Bogen mit gedruckter Kursivschrift, sehr primitive Lithographie, in die Hände fiel und mich durch seinen Inhalt alles andere vergessen machte. Das Geschlecht, das in den Jahren vor der Julirevolution zu den ersten größeren Eindrücken des Lebens heranwuchs, hatte keine Ahnung von einer Politik der Gegenwart. Wir waren Bürger in Athen, Sparta und Rom, diskutierten lykurgische und solonische Gesetzgebungen, fühlten uns in unserer alten Kaisergeschichte mehr oder weniger zu Hause, der Dreißigjährige Krieg und der Abfall der Niederlande war uns durch Schiller geläufig, wie denn überhaupt die allgemeinen Weltbegebenheiten von unseres Geschichtsprofessors ägyptischen Steckenpferden bis zu den Welthändeln Napoleons kein Geheimnis für uns geblieben waren. Hiemit aber schien uns alle Geschichte abgesponnen, die Zeit stand still, und wir dachten entfernt nicht daran, daß von jetzt an je noch etwas geschehen könnte. In dieser Verfassung befanden sich wenigstens alle diejenigen, die nicht durch persönliche Verhältnisse in den Stand gesetzt waren, aus den Gesprächen Erwachsener etwas von dem leisen Dröhnen einer nahen Zukunft zu vernehmen. Wie aus einem Traume wachgerufen war ich daher, als ich auf dem lithographierten Bogen von bürgerlicher Freiheit und Selbstverwaltung las. Daß es keinen Oberamtmann und keinen Kameralverwalter mehr geben sollte, Würdenträger, die ich täglich über den Klosterhof gehen sah, welch eine Überraschung war mir das, aber mehr noch überraschte es mich, daß in unserer Zeit von einem Ding die Rede sein konnte, das ich höchstens in den alten Republiken suchte oder vielmehr mit ihnen begraben glaubte, nämlich von einer Einwirkung des Bürgers auf den Staat. Ich wußte nicht, von wem der Entwurf herrührte, noch was er unter meines Vaters Papieren zu schaffen hatte; doch das bloße Dasein dieser Beschwerden und Forderungen sprach mächtig zu mir und eröffnete mir einen Blick in eine neue Welt. In diesem Augenblicke kam meine Mutter aus der Kirche, sah die längst beiseite geschaffte Lithographie in meinen Händen und erschrak. »Tu' das Unglückspapier weg!« rief sie, »es hat den List unglücklich gemacht, und dein Vater, der Feuer und Flamme dafür war, hat auch keine Seide dabei gesponnen. Tu's weg, ich bitte dich!« So erfuhr ich die Geschichte der Petition und ihres Verfassers. Er war damals so gut wie vergessen. Aber so weit die öffentliche Stimmung in der einen Zeit zurückweichen kann, so weit und noch weiter kann sie in einer anderen wieder vorwärts gehen, denn im öffentlichen Leben wechseln Ebbe und Flut. Ich gehorchte meiner Mutter und tat den Bogen weg, aber ich tat ihn in gute Verwahrung, denn ich gedachte ihn mit in das Kloster zu nehmen und meinen Freunden zu zeigen. Als ich jedoch mein Ränzlein dort auspackte, war die Petition verschwunden; meine gute Mutter hatte sie vor dem Abschied heimlich wieder herausgenommen, um das »Unglück« von mir fernzuhalten. Nun, ob die Regiminalgeschäfte besser durch freigewählte Landräte oder durch Regierungsbeamte besorgt werden, das ging uns hoffnungsvolle »Alumnen« allerdings blutwenig an. Dagegen war auch der Windstille der Restaurationszeit ihr Ziel gesteckt; denn unversehens kam uns der Sturz der Bourbonen zwischen den peloponnesischen Krieg und den ezechielischen Tempelbau, um uns zu belehren, daß auch die Gegenwart ihren politischen Puls habe und daß der Prozeß der Geschichte noch nicht völlig zu Ende sei. Und dennoch ist mir unter dieser ganzen bewegteren und vielbewegten Zeit, so nötig sie es gehabt hätte, die Rechtfertigung meines Denkmals nicht gelungen. Man wird mir das aufs Wort glauben, denn sonst müßte ja die Welt ganz anders aussehen. So blicke ich denn je und je aus der Ferne mit Kopfschütteln nach der Turmspitze, auf welcher der goldene Engel steht. Noch weniger aber als mit mir selbst bin ich mit der Welt zufrieden, wenn ich zurückdenke, wie ich in der Frühe meiner Tage als ein dummer Junge, und zwar eben weil ich ein dummer Junge war, mit einem unserer ersten Männer verglichen worden bin. Viertes Buch. Erstes Kapitel. Bescheidenheit ist übrigens durch ein bekanntes hohes Mandat gegen die Lumperei verboten. Nur die Lumpe sind bescheiden. Daher erkläre ich, daß ich mich jetzt gar nicht mehr so klein sehe, wie ich mir im ersten Buche meiner Denkwürdigkeiten vorgekommen bin. Ich habe mich ja zu einer ganz besonders ausgezeichneten Menschenklasse zu rechnen, zu jener großen Generation nämlich, welche in dem für uns größten Jahre des Jahrhunderts auf dem Wahlplatz dieses Lebens erschienen ist, um durch ihr Kriegsgeschrei dem Feinde Furcht und Schrecken einzujagen. Freilich sitze ich hier weit unten auf der Bank, weil ich nicht rechtzeitig mehr zur Leipziger Schlacht eingetroffen bin. Zwar fühlte ich mich anderthalb Jahre nachher Manns genug, persönlich in die große Zeit mit einzugreifen, verscherzte aber dabei das eiserne Kreuz, weil ich mich an einem unserer Alliierten vergriff. Ich hatte nämlich den unzeitgemäßen Einfall, einem Kosaken, einem guten kinderfreundlichen Mann, der bei uns im Quartier lag und mich auf den Arm genommen hatte, mit beiden Händen dermaßen in seinem großen Barte zu arbeiten, daß er »nach Gott geschrieen« haben soll. Aber diese Tat kenne ich nicht aus eigener Erinnerung, daher ich auch keine Helenamedaille für sie in Anspruch nehme. Die Ruhe, die, wie schon gesagt, auf die großen Völkerkämpfe folgte, und von der man sich heute, wo es doch auch wieder ein wenig ruhig geworden ist, kaum noch eine Vorstellung machen kann, hat nur eine leise Spur von den Stürmen jener weltgeschichtlichen Tage in mir zurückgelassen, und obendrein in märchenhafter Gestalt. Das Märchenbild ist dieses. Als ich mich zum ersten Gebrauch meiner Sinne und Gliedmaßen entpuppt hatte, kam ich hie und da in das Haus eines benachbarten Schreinermeisters, der ein bitterer Hasser des längst vom Bellerophon nach dem Felsen der Verbannung entführten Weltherrschers geblieben war und oft in meiner Gegenwart Spottlieder auf ihn zum besten gab, wie sie zurzeit seiner Erniedrigung gesungen worden waren. Aus diesen Liedern und den sie begleitenden Gesprächen konnte mein kindlicher Verstand wenigstens so viel entnehmen, daß sie eine höchst lächerliche und zugleich verabscheuungswürdige Erscheinung darstellen wollten. Was mit der in den Liedern häufig wiederkehrenden Bezeichnung des »Korsen« gesagt sein sollte, begriff ich nicht, um so fester aber erfaßte ich einen anderen Laut, aus dessen dunklem Abgrunde meine Einbildung ein wundersames Ungeheuer ausbrütete. Wer nämlich dem gefallenen Imperator den dynastischen Namen Napoleon nicht zugestehen mochte, bei dem war er einfach »der Bonaparte«, und so hieß er auch im Munde meines Nachbars; aber die verzweifelt breite Aussprache des trefflichen Hobelführers ergab einen Klang, in welchem weder der Italiener noch der Franzose seinen Helden erkannt haben würde. Kurz und gut, in meinem Ohr und meiner Seele blieb ein Bohnenbart zurück. Dieses Phantom war nicht durch den Blaubart hervorgerufen, von dem ich damals noch nichts wußte; und dennoch war's gleichsam sein leiblicher Vetter, den ich mir jetzt noch vor Augen stellen kann, wie er in meinen Träumen aussah, im grünen Frack, nach einem Zerrbild, das in der Stube des Schreiners, aber hoch an der Wand, unter einem erblindeten Glase hing, und mit der Zutat meiner Phantasie, nämlich mit einem Schnurrbart, der aus kleinen, seinen, grünen Bohnen bestand. Ich kann nicht schildern, welche Verheerungen dieses Gespenst in meiner nächtlichen Ruhe angerichtet hat, bis es von anderen Schauerwesen oder auch von den traulichen Geistern der Küche und Speisekammer abgelöst wurde. Zweites Kapitel. So hatte schon die erste Gestalt meiner aufdämmernden Gedankenwelt die Umrisse eines Dämons angenommen, der gleichzeitig, und zum Teil in kaum minder queren Erscheinungen, zum Teil aber auch in glänzenden Wundergebilden, jung und alt in seinen Bann zu nehmen begann, des Dämons der Romantik . Während jedoch der romantische Phantasus den vom Schicksal begünstigteren Seelen jene Wolkenräume eröffnete, die, gefährlich und fruchtbar zugleich für das keimende Gemüt, die Wirklichkeit umgeben, ist es mir nicht so gut geworden, in dem abgeschlossenen Bildungskreise des feineren Geschmacks zum Bewußtsein zu erwachen, sondern die Nahrung, die meinem ersten geistigen Hunger begegnete, glich dem Inhalt jenes Tuches, welches Petro herabgelassen ward, und an manchem dieser von mir gierig verschlungenen Lesebissen haftete, mit dem Epigrammatiker zu reden, »unendlicher Schmutz«. In der Tat, ich habe von der Pike auf dienen müssen, nämlich vom Spies . Unser alter Buchdrucker, bei dem wir unser Licht anzündeten, hatte stets eine volle Lampe. Er erzählte uns die Geschichte des alten Überall und Nirgends, des Petermännchens, und anderer solcher Potentaten, natürlich mit angemessener Redaktion. Durch diesen Anstoß zur Leihbibliothek geführt, studierten wir die zwölf schlafenden Jungfrauen und, der Symmetrie wegen, die zwölf schlafenden Jünglinge dazu. In meinem unbändigen Eifer hatte ich es bald so weit gebracht, daß der dickste Band in ein paar Stunden durchgepeitscht war. Oft lief ich nur wenig Schritte vom Verleiher weg, lehnte mich an eine Ecke oder an ein Scheuerntor, oder setzte mich in einer öden Hofstatt auf das Gemäuer eines verfallenen Kellers, las und las, bis ich fertig war, eilte mit dem Buche zurück und holte ein anderes. Diese Übung im Schnelllesen, die mir seitdem manchen guten Dienst geleistet hat, verdankte ich damals dem Umstände, daß mir vieles böhmisch war. So erinnere ich mich, daß bei einer Gelegenheit, wo ein Geist und eine Geistin ihrem Erlöser die Geschichte ihrer schuldbelasteten Vergangenheit erzählen, die Stelle vorkam: »Eine laue Sommernacht brachte uns zum Gleiten.« Nun standen mir alsbald unsere Winterfreuden vor Augen, das »Schleifen« auf dem Eise und die Fahrten von den umliegenden Anhöhen, wobei unsere hölzernen Schlittenpferde gewöhnlich kopfüber kopfunter mit uns herabgeschossen kamen; nur begriff ich nicht, wie eine solche Partie im Sommer vor sich gehen und wie sie so schwere Strafe und Verdammnis nach sich ziehen konnte. Das ließ ich mich aber nicht anfechten, sondern las fort, bis die schwarzen Gewande der Geister im Instanzenzuge des Erlösungsprozesses grau und endlich weiß geworden waren, worauf denn auch bei mir »die arme Seele Ruhe hatte«. Überhaupt war mir die nicht gerade nützliche Gewohnheit eigen, nie oder selten zu fragen, wenn ich etwas nicht verstand, sondern auf gut Glück das Unerklärliche zu verdauen, woher es kam, daß ich mit vielen Ausdrücken und Redensarten einen selbstgemachten, oft recht denkwürdigen Sinn verband, den gute Freunde stets »überzwerch« nannten, und den ich, wie sie versichern, zum Teil glücklich in meine späteren Jahre herübergerettet habe. Aber welche schwungvolle Sprache trug ich bei dieser fanatischen Leserei davon! Ich mochte acht Jahre alt sein, als man mich erstmals die Straße zu den mütterlichen Großeltern in apostolischem Wandel ziehen ließ. Das Unternehmen lief glücklich ab; als ich aber nach einigen Tagen mutterseelenallein auf dem Rückwege war, wurde ich von einem ziemlich heftigen Gewitter überfallen. Meine Eltern eilten mir besorgt entgegen, lobten mich, daß ich die Warnung, unter keinem Baume unterzustehen, befolgt hatte, und brachten mich sehr durchnäßt nach Hause. Das bestandene Abenteuer umwob mein jugendliches Haupt mit einem gewissen Nimbus, und ich war mir dieser Verherrlichung vollkommen bewußt. Kaum hatte man mich in trockene Kleider gesteckt, so setzte ich mich sehr gehoben hin und schrieb den Großeltern einen langen Brief, worin ich meine verhängnisvollen Erlebnisse schilderte. Unter anderen großartigen Wendungen hieß es da: » Fürchterlich rollte der Donner in den Wipfeln der Bäume .« Der Erfolg, den dieses Meisterstück hatte, ließ nichts zu wünschen übrig. Mein Vater aber, durch den sublimen Stil auf meine Privatstudien aufmerksam gemacht, spielte mir erkleckliche Reise-, Länder- und Völkerbeschreibungen in die Hände. Schlingfertig, wie das große Publikum, trieb ich auch diese zu Paaren; aber mein Pilgerstab hatte nun einmal in Ofterdingen Wurzel geschlagen, und mein Ideal von Menschentum ging vorerst nicht über die Löwenritter hinaus. Und nun verirrte sich auch noch Tiedges Urania hinzu, worin unser Nachbar Mond – ich weiß nicht mehr »wie eine stille Seligkeit« oder »wie eine glänzende Unsterblichkeit« aufging und Öl in das Feuer meiner Rhetorik goß. Drittes Kapitel. Zu einer glücklichen Stunde geriet ich an die »zwölf schönsten altdeutschen Geschichten« von Benedikte Naubert, die in der neueren Literatur den ersten namhaften Versuch gemacht hat, das trockene Brot der Geschichte durch erfundene Zutaten in wohlschmeckende Kuchen umzuwandeln, und die durch ihre bekannte Einwirkung auf Walter Scott, den Vater des historischen Romans, gewissermaßen die Ahnfrau dieser Gattung geworden ist. Weihen wir also eine Gedenktafel ihrer stillen Klause; denn der historische Roman, wenn er auch zur Zeit seiner Sendung durch das vorherrschend phantastische Interesse verweichlichend und zerstreuend wirkte, hat doch in der Lesewelt den Sinn für die Geschichte und in der Geschichtschreibung selbst den Sinn für das früher vernachlässigte Menschen- und Volksleben in der Geschichte, für dasjenige Element, das man jetzt das kulturgeschichtliche heißt, geweckt. Einem kleinen Leser, der von Spies-Cramers Rüdengebell und Veit Webers Unkengeschrei herkam, war es jedenfalls eine wahre Erlösung, zu den menschlicheren Lauten, die in der Thekla von Thurn ertönten, überzugehen. Etwas beängstigt fand sich zwar mein schüchternes historisches Gewissen, als in einem dieser Romane, ich glaube im Hermann von Unna, Graf Eberhard der Greiner von den Schleglern zu Wiesbaden statt im Wildbad überfallen wurde; aber meine Lesewut galoppierte über die ganze Legion Zollschranken hinweg, und weiter ging's zum Hatto von Mainz, dem die Mäuse noch auf dem Bücherbrette keine Ruhe gönnten. Eine Verklärung kam über mich, freilich nicht vom Lichte der Geschichte, als mir sodann im Konrad und Siegfried von Feuchtwangen die Geheimnisse der ägyptischen Pyramiden geoffenbart wurden. Aber »alle Lust hat Leid«, und ein dunkler Augenblick war es, als mir eines Abends der Walther von Montbarry um die Ohren sauste und hierauf zerblätternd in einen Winkel des Zimmers fuhr. Das erst halbgelesene Buch wurde der Leihbibliothek mit einer stark motivierten Tagesordnung »heimgeschlagen«, und mit eisernem Szepter trat der Romantik die Grammatik in den Weg. Das arme Buch war mir wohl zwölf Jahre lang aus dem Gesicht und aus der Erinnerung gekommen, da fand ich es zufällig einmal in einem alten Bücherkrame, schlug es an der Stelle auf, wo die Katastrophe eingetreten war, und las es pflichtlich vollends durch. Bei dieser Gelegenheit entdeckte ich, daß Goethes Ausspruch: »Anders lesen Knaben den Terenz, anders Grotius«, nicht bloß in dem von ihm gemeinten, sondern auch in einem anderen Sinne richtig ist, in dem nämlich, daß die selbsttätige, durch das Lesen angeregte Phantasie des Kindes in das Gelesene tausend Dinge hineinlegt, wovon kein Wort darin steht, daß ihr aus einer halben Seite Bilder aufsteigen, die nicht auf einen Bogen zu bringen gewesen wären. Erschien mir nun aber auch Frau Benediktens Muse jetzt etwas magerer, so sagte ich ihr dennoch Dank für die lebhafte Anregung, die ich einst aus ihr geschöpft, und noch manches Dutzend Jahre später brachte ich einmal ihren Frauen von Sargans die gebührende Huldigung an Ort und Stelle dar. »Haben Sie Geschäfte dort?« fragten meine Mitreisenden, drei Schweizer mit exemplarischen Geschäftsmienen. »Nein,« antwortete ich, »ich will dort gar nichts tun, als einem alten Buch zu Ehren ein Glas Veltliner trinken.« Die drei Geschäftsgesichter legten sich in unbeschreibliche Falten und Linien, doch kehrten sie in dem kastellartigen Bergneste mit mir ein; denn wenn die Geschäfte auch die Romantik verachten, den Durst und den Veltliner lassen sie zu. Hätte aber mein Vater bedacht, daß in dem Reisebuche, dem ich noch am liebsten oblag, nämlich in Le Vaillants Hottentottenbildern, auch nicht alles bare Münze ist, so würde er bei der Ethnographie kein unbedingt bewährtes Gegengift gegen die Romane gesucht, und hätte er ahnen können, welcher Ersatz mir für den Walther von Montbarry blühe, so würde er mir diesen vielleicht nimmermehr weggenommen haben. Der Nachfolger des konfiszierten Buches war nichts Geringeres als der Zauberring. Hei! wie stürmte ich da so rasch die Klippen hinab, das heißt, ich sprang die Treppen oder die steinernen Staffeln vor den Häusern hinunter und nahm dabei womöglich immer sechs Stufen zusammen, um vor der erkorenen »Herrin der Hulden«, einem zwei Jahre älteren Backfisch, in leuchtender Ritterlichkeit zu erscheinen. Das war nämlich eine der einfachsten und darum beliebtesten Turnierarten, worin sich die Knaben miteinander maßen. »Sarazene, mußt nicht wetzen dein gebogenes Schwert!« sang ich vom Morgen bis zum Abend. Diese Berserkerwut hat mancher Distel den Kopf gekostet und dem alten Senatordegen des Großvaters nicht wenig Scharten zugefügt. Nur der »Halsberg«, der in der Rüstkammer wie im Kampfkreis eine so wichtige Rolle spielt, gab mir verzweifelt viel zu raten und zu grübeln; aber meine Siebenmeilenstiefeln trugen mich auch über diesen Berg hinweg. Die Erinnerung malt mir jene Wunderwelt mit brennenden Farben und herrlich, wie sie mir damals erschien; ich werde mich daher wohl hüten, jene Farben erblassen zu machen, und habe mir das Wort gegeben, den Zauberring in diesem Leben nicht wieder zu lesen. Wohl aber darf man es für Fouqué und die Poesie beklagen, daß er mit einer dichterischen Erfindungskraft, die an Reichtum nicht sehr viele ihresgleichen hat, in die abgeschmacktesten Rückschrittsjahre fallen mußte. Wie sich Schillers erhabene und doch so rationelle Muse mit diesen irrationalen Größen vertrug, kann ich mir nicht mehr vorstellen. Ich weiß nur, daß ich ihn fleißig las; aber er war mir eine Welt für sich, die mit den Romanen nichts zu schaffen hatte. Viertes Kapitel. Was jedoch unter allen Erzeugnissen der mir damals zugänglichen Romanliteratur den mächtigsten Eindruck auf mich machte, das war der Lichtenstein. Ich stand eben auf dem Punkt, die Grenze der Knabenjahre zu überschreiten, als dieses Buch die Lesewelt überraschte. Daß ich es fast gleich nach seinem Erscheinen zu sehen und zu lesen bekam, ist ein Beweis von dem Aufsehen, das es erregte; denn – ausgenommen ein mit dem Mantel von Marengo und der Sonne von Austerlitz illustriertes Ehrendenkmal Napoleons, das ein Freund meines Vaters aus dem Französischen übersetzt hatte, waren die Bücher, die ich in meiner beschränkten Umgebung kennen lernte, längst über Wunsch und Furcht der ersten Aufnahme weg und nicht mehr von den »trüglich wankenden Planeten« der öffentlichen Meinung abhängig. Daß nun im Lichtenstein die Erfindung leicht abgetan und die Geschichte sorglos behandelt ist, was verstand ich davon, und wer kümmerte sich darum in der ersten freudigen Ergriffenheit? Hier erschien mir zum erstenmal die Heimat in dem Lichte, in welchem unsere anderen Erzähler meist nur die Ferne zu zeigen bestrebt gewesen waren. Während diese den Zuruf Goethes, in das Land des Dichters zu gehen, buchstäblich nahmen und am überseeischen Tische eines reichen Mannes fremde Brocken mit fremdem Munde kauten, hat der jugendliche Dichter des Lichtenstein, zwar nach dem Vorbilde der Waverleynovellen, aber zugleich in Uhlands und seiner Freunde epischen Spuren gehend, für unsere Dichtung zuerst wieder recht eigentlich die Heimat entdeckt, der er nur allzufrüh durch den Tod entrissen wurde, um in den Wirklichkeiten der Welt so dichterisch-heimisch werden zu können, wie er im Wunderreiche des Märchens zu Hause war. »In dem gesegneten Schwabenlande« – so hatte zwar auch der Zauberring begonnen; doch die Burg und Aue an der Donau schwebten in einer unbestimmten Dämmerung, in welcher sich Traumgestalten bewegten. Im Lichtenstein aber sah ich Bekanntes und Unbekanntes im hellen Tageslichte, und schien der Mond einmal, so war er selbst dann, wenn er etwa aus den Memoiren des Satans im Osten Vgl. Gesamtausgabe von 1840, Bd. 3, die geographisch-astronomische Kombination von S. 159, Z. 11 v. o., mit S. 162, Z. 10–8 v. u. unterzugehen gelernt hatte, doch immer unser guter alter geschichtlicher Mond. Unter dem Unbekannten verstehe ich das, was ich noch nicht gesehen hatte, und dessen war viel, so zum Beispiel das ganze Donaugebiet der Erzählung, und mehr als das halbe Tal des Neckars, den ich zwar seit der Reise nach Ofterdingen an diesem und jenem Punkte schon überschritten hatte. Fremd war mir namentlich unsere stolze Schwesterstadt Ulm, und welchen Reiz der Ferne übte der Bankettwein, den sie schenkte! Aus dem Witwenkrüglein meiner »Frau Dote« stoß zwar ein goldheller »Häsliwein«, den selbst ein Herzog Ulrich nicht verschmäht hätte; aber an dem Uhlbacher des Ulmer Rathaussaales las ich mich in einen magischen Rausch hinein, als ob das flüssige Feuer zu Malvasia, auf Cypern oder bei der Zaubergrotte von Kreta gewachsen wäre. Und doch waren meine Lippen diesem tropischen Gewächse bereits mehr oder weniger nahegekommen; landschaftlich einmal gewiß, ja zweimal, denn so oft war ich schon die »Weinsteige« hinabgezogen, um die für mich zur Herrin gewordene Hauptstadt oder vielmehr den in ihr gelegenen schwäbischen Olymp, den Sitz des Prüfungsreichen »Landexamens«, zuerst mit einer »Petition« und dann mit einer »Prima-Exspektanz« zu stürmen; Für das chinesische Publikum, dem diese Verhältnisse unbekannt sind, ist hier zu bemerken, daß die Herbstlesen des obengenannten Berges drei Jahrgänge und drei Prüfungsgrade umfaßten, so daß, wer fernd zum Petone gereift war, heuer als Expectans prima vice und übers Jahr desgleichen secunda, also in zweiter, dritter und letzter Erwartung, zum Examen kam. vielleicht aber auch einmal körperlich, denn als »Petent« war ich nebenbei aus dem Stande reichsunbemittelter Niedrigkeit in den alt- und neuwürttembergischen »Verwandtschaftshimmel«, ja, in den gastfreien Schoß eines jovialen Herrn Prälaten erhoben worden, der einen sehr guten Tisch und einen noch besseren Keller führte. Daher dürfte die Konjektur nicht zu gewagt sein, daß meiner persönlichen Bekanntschaft mit dem Junker Dietrich von Kraft die seines Leibweins vorausgeeilt sein möchte, wiewohl ich in diesem Fall das edle Getränke nicht als Kenner, sondern, wie man zu sagen pflegt, als »unwissender Ignorant« verkostet haben würde, und zudem einen Jahrgang, der vermutlich älter, gewiß jedoch preiswürdiger war als der, mit dem der gute alte Herr von Breitenstein sich »anstreichen« ließ, nämlich einen in der Kelter gedruckten. Überhaupt kann ich nicht im vollen Sinn des Worts von unbekannten Gegenständen reden, weil ich – mit Ausnahme des Uhlbachers, der mich übrigens durch seinen wiewohl schuldlosen Namen eher ein bißchen an den Kasper a Spada, als an den Zauberring hätte erinnern sollen – auch das Unbekannte vom Lesen und Hörensagen beinahe so genau kannte, wie wenn ich es gesehen hätte. Des Bekannteren war aber auch nicht wenig. Lichtenstein und Nebelhöhle traten nicht bloß an das Ohr, sondern auch an das Auge heran. Im Hirsch zu Pfullingen hatte ich bei einem und dem andern kleinen Ausflug der Familie mit eingekehrt, und auf dem Tübinger Schlosse war mir sozusagen jeder Stein befreundet. Dieses Schloß bewahrte ja noch, wie oft von mir gelesen! die schwarze Tafel mit den Namen der vierzig Ritter, die ihr Lehnsherr dort hatte aufhängen lassen, die Namen nämlich, und aus dieser kitzlichen Geschichte war für mich ein Silberstück erblüht, weil ich durch die unschuldige Frage, warum denn diese vierzig im Kalender ohne Namen stehen, dem Zwerchfell des dortigen Großvaters eine kleine Wohltat erwiesen hatte, die der alte Herr als solider Mann honorieren zu müssen glaubte. Und alle diese Gegenstände, die mir, mit der schon genannten Ausnahme, teils vom Sehen, teils vom Hören alltäglich waren, sah ich nun auf einmal »romantisch« verklärt, und wurde gewahr, daß das Bekannte – vielleicht jedoch etwas mehr in der Beleuchtung der Vergangenheit, als im Lichte der Gegenwart – die dichterische Wirkung befördert, anstatt sie aufzuheben, oder, anders gesagt, daß das Heimatgefühl für sich selbst schon eine Quelle der Dichtung ist. Daß wir der Dichtung nun, besonders wenn sie aus dieser Quelle schöpft, noch immer einen fremden Namen geben, das beweist eben, daß wir uns ihres Ursprungs, wie unserer eigenen Ursprünglichkeit noch immer nicht ganz vollbewußt geworden sind. Oder beweist es vielleicht noch etwas mehr? Jedenfalls ist und bleibt es mir lieb, daß ich früher aus dem Uhlbach, als aus der Tweed und Themse getrunken habe, so reinlich und unerschöpft bei dem »Ariost des Nordens« diese Ströme fließen; denn wenn sie mich auch für einen Augenblick halb zum Briten und beinahe ganz zum Schotten machten, so wirkte doch gerade in diesem ihrem Zauber am stärksten ein leiser Nachklang jener Heimseligkeit, die ich einst über dem Lichtenstein empfunden hatte. Fünftes Buch. Erstes Kapitel. Doch mein liebes Ich zupft mich, zürnt mir und meint, ich sei auf eine bedenkliche Weise von meinem Wege abgekommen. Ich hatte mir in den Kopf gesetzt, daß diese meine Denkwürdigkeiten ausschließlich von mir allein handeln sollten, und jetzt habe ich, unter meiner Person zwar, bei Licht besehen eine ganze Völkerwanderung kleiner und großer Leser geschildert, die mehr oder weniger den gleichen Weg mit mir durch die Wüste des Geschmacks und ihre Oasen gezogen sind. Was kommt dabei für mich heraus? Die Anmaßung des Memoirenschreibens wird mir darum doch nicht verziehen, und ein Tor ist, wer, der sichern Pön verfallen, dieselbe nicht vorher noch nach Herzenslust zu verdienen sucht. Kehren wir also zu mir selbst zurück. Wenn ich sagte, die Lorbeeren des Lichtenstein haben mich nicht schlafen lassen, so würde ich mir unrecht tun; denn mein Epos hat ja einen Helden, der über Raffs Naturgeschichte nur ein ganz klein wenig hinaus und höchstens so weit fortgeschritten ist, um Erd- und Himbeeren, diese »Blumenblumer,« jenen »Fruchtlaubern,« wie sie dazumal in Meißen wuchsen, vorderhand noch vorzuziehen. Vgl. Naturgeschichte für den öffentlichen und häuslichen Schulunterricht, nach Oken, von M. Joh. Gottl. Mauke, Meißen 1824. Dennoch aber ließen mir die Geister des in das Echatztal hereinragenden Felsenschlößchens keine Ruhe, sie spukten Tag und Nacht um mich, und der nächste Regensonntag, den ich vermutlich im dunklen Gefühl gewählt hatte, daß sotanes Zauberwerk nicht von der Sonne beschienen werden dürfe, sah – mit ehrerbietigem Grauen vor mir selbst erzähle ich es – mein erstes Kapitel eines historischen Romans entstehen. Wer sich meiner früheren Erzählungen aus jener großen Epoche meines Lebens erinnert, wer also weiß, wie mir damals Kopf und Herz vor reichs- und vaterstädtischer Romantik zu springen drohten, der errät den Titel des Romans von selbst; denn selbstverständlich hieß er: » Die Belagerung von Reutlingen «. Zweites Kapitel. Freilich ließ schon der Titel des genannten Romans etwas zu wünschen übrig, nämlich was die Kritik eine präzisere Fassung nennt. Wir haben ja zweimal das Vergnügen gehabt, 1247 und 1519. Dortmals wurde uns »die Suppe am Bach gekocht«, diesmal aber bekamen wir sie gar. Das letztere Erlebnis, durch welches uns die Ehre zuteil wurde, ein Blatt, und ein sehr romantisches, in der Geschichte des jungen Fürsten zu füllen, der nicht bloß, wie er uns gedroht hatte, sein halbes, sondern sein ganzes Herzogtum an uns verschoß, hätte sich vielleicht nicht übel geeignet, in der objektiven Kunstform eines verunglückten Romans dargestellt zu werden, und würde in dieser Gattung dem Verfasser den Ruhm eines tüchtigen, wenn auch unbewußten Humoristen zugezogen haben. Ich aber war mehr für den Ruhm meiner Republik als für meinen eigenen besorgt; oder wenn ich je an diesen dachte, so mußte ich mich dreimal bedenken, Genosse des schwäbischen Bundes, Freund oder gar Helfershelfer des Truchsessen von Waldburg, ja, was sage ich, politischer Gegner eines Georg von Sturmfeder zu werden. Denn alle diese rauhen Notwendigkeiten des Lebens wären mir, dem treuen Sohne meiner Stadt, durch das dunkle politische Schicksal des sechzehnten Jahrhunderts auferlegt gewesen. Da hätte man ja aus der Haut fahren mögen; und »fürsichtig«, wie meine Mitbürger von 1519, nur soweit mit besserem Erfolg, indessen, wie ich denn doch zu meiner Rechtfertigung hinzufügen muß, noch etwas mehr Vor der Klinge meines Ideals, denn vor den »Stucken und Schlangen« des Herzogs von Württemberg, zog ich mich aus dem sechzehnten Jahrhundert in das dreizehnte zurück, wo mir die konkreten Verhältnisse günstiger schienen, und jedenfalls eine konzentriertere Stellung zu nehmen gestatteten. Dort ist nämlich, wie man im gemeinen Leben sagt, alles ganz nah beieinander. Der gegenstaufische Pfaffenkönig Heinrich Raspe, geborener Landgraf von Thüringen, belagert uns im ersten Bande, im zweiten schlagen wir ihn ab und behalten ihm seinen Sturmbock im Versatze, über welchen »Torten« er sich in der Fortsetzung zu Tode grämt, worauf wir aus gedachtem feudalem Zahnstocher, in der bekannten kunstphilosophischen Konstruktionsweise und in der zweiten Hälfte des dritten und letzten Bandes, die Idee der »gotischen« Architektur entwickeln. Das geht Schlag auf Schlag bis zu den Hammerschlägen bei der Legung des Grundsteins unserer widdergetragenen Marienkirche. Den Grundstein meines Romans habe ich leider seitdem eingebüßt, oder den Eckstein wenigstens, da von einer strengeren Geschichtschreibung jetzt nachgewiesen ist, daß der hohe Gegner, der so lang unser Stolz gewesen, nicht in Person an unsere Mauern gepocht hat, sondern nur durch sein Aufgebot, wonach das Vergnügen von 1247 gegen die Ehre von 1519 etwas zusammenschrumpft. Damals aber war der Raspe noch unser unbestrittenes geschichtliches Eigentum, das wir in unserer Juwelenkammer um so eifersüchtiger hüteten, weil ihm sein Sturmbock, trotz der besten Behandlung und treusten Pflege, vor hundert Jahren aus dieser Zeitlichkeit in die reine Abstraktion vorangegangen war. Günstiger noch als die Zeit der Handlung war mir der Ort derselben; denn dieser lag ja in meiner allernächsten Nähe, oder vielmehr ich befand mich mitten darin. Auch die Nachbarschaft und Umgegend hatte ich mir einigermaßen zu eigen gemacht; besaß ich ja dort sogar, wie man weiß, eine Domäne, zwar nicht die vormalige Reichsburg Achalm, diesen alten, lehnsrechtlichen und sprachgeschichtlichen Zankapfel, aber doch einen ganz artigen Wald mit Bäumen, durch deren Wipfel ich meine Donner rollen lassen konnte. Und dennoch mußte mir gerade in dieser beneidenswertesten Lage, die ein »historischer Romanschreiber« sich wünschen oder träumen kann, ein Abenteuer begegnen, denkwürdiger und wundersamer noch als meine erste Reise in die Welt. Drittes Kapitel. In meiner vermeintlich so festen Stellung nämlich fand ich mich, keines Überfalls gewärtig, mit einem Schlag auf allen Punkten alarmiert. Der Angreifer, der mir so unversehens über den Hals kam, war nicht der Pfaffenkönig, denn auf diesen mußte ich ja gefaßt sein, sondern, zur Vermehrung meines Schreckens, eine durch und durch befreundete Gestalt. Es war, kurz gesagt, kein anderer Degen als der vorgenannte, die freundliche Lichtgestalt, die mir höher als Otto von Trautwangen, näher als der Truchseß mit samt dem ganzen Bunde, aber doch immer noch etwas ferner als meine Stadt und ihre Sache stand, und vor welcher ich daher in einer Mischung von ästhetischer Ehrfurcht und politischer Unzufriedenheit das sechzehnte Jahrhundert geräumt hatte. Dieser Held war mir unvermerkt auf meinem ganzen Rückzüge nachgerückt, trat mir nun überall mit gefiederter Waffe stürmend und verfolgend auf die Fersen, und drängte mich, trotz seiner den Bundesobersten gegebenen Versicherung, er sei in dieser Gegend nicht viel auf die Jagd gekommen, aus allen meinen Positionen zwischen Hohentübingen und der Alblinie hinaus. Der Instinkt, der einen berühmten, dicken Ritter bei Shrewsbury rettete und einen hocherhabenen Heros dreimal um die Mauern seiner Polis trieb, kam mir zu Hilfe; aber er wirkte so stark, daß ich allen Heimatpflichten und Heimatrechten treulos wurde, daß ich selbst die Eindrücke meiner ersten Ausfahrt vergaß, und von der Troja, die ich schirmen sollte, mich weit, weit über Ofterdingen hinaus, ja bis in den Bodensee hinein, jusque dans sage ich, versprengen ließ. Die Flucht ging, wie ich später lernte, zum Teil durch dieselben Gegenden, die dreißig Jahre zuvor einen noch größeren Rückzug gesehen hatten, nur daß der gefeierte Held desselben festen Grund behielt und im folgenden Jahre wieder zu kommen verstand. Das hatte ich nun gleichfalls im Sinn, denn ich wollte bloß für einen Augenblick auf einem geschützten Punkte meine Kräfte sammeln, um alsdann plötzlich wie ein Gewitter zum Entsatze meiner hartbedrängten Ghibellinen zurückzueilen. Zu diesem Behuf ließ ich sofort aus den Wellen des Bodensees eine Insel steigen, auf welcher zween Ritter mit geschlossenem Visier zusammentrafen und unverzüglich haarscharf aneinander gerieten. Der eine dieser beiden Ritter war natürlich niemand anderes als unser erb- und eigentümlicher Blaubart Heinrich Raspe höchsteigenselbst; vorerst jedoch im Feierkleide der Romantik, im strengsten Inkognito. Diesen Kunstgriff hatte ich meinem Vorbilde so glücklich abgelauscht, daß ich ihn nicht früh genug an den Mann bringen konnte. Auch der andere Ritter trug den romantischen Staatsfrack, Inkognito geheißen, und zwar dieser mit dem besten Fug. Er war nämlich ein völlig unbekannter, junger Gutedel aus den Bergen und Burgen unserer Nachbarschaft, die eine so reiche Auswahl von romantischen Namen bietet, daß ich nicht mehr sagen kann, ob er Otto von Sondel-, Trochtel- oder Holzelfingen, Kuno von Degerschlacht, oder etwa Guntram von Bronnweiler hieß. Auch weiß ich nicht mehr, ob ich es vielleicht gewissen kirchlich-politischen Erwägungen vorbehalten hatte, ob er schon jetzt oder erst später der hohenstaufischreichsstädtischen Sache angehören sollte; indessen vermute ich das erstere. Über seine Haupt- und Schlußbestimmung war ich jedenfalls mit mir im reinen. Von diesen beiden Unbekannten nun führte sich der größere gleich im ersten Auftreten als entschiedener Herodes und Nebukadnezar in die Geschichte ein, tat auf der Insel zu Hause, als ob sie seine »güldene Aue« wäre, und fuhr den anderen mit der Frage an, was er hier zu schaffen habe. Dieser gab, wie billig, die unbillige Frage zurück, und da keiner dem anderen seinen Paß vorzeigen wollte, so entwickelte sich alsbald ein lebhafter Dialog. Ich gäbe etwas darum, wenn ich das Protokoll dieser Verhandlung noch besäße; denn da es, wie mir dünkt, eine ziemliche Zahl von Druckseiten, vielleicht einen halben Bogen, gegeben haben würde, so muß es doch wohl außer der Paßfrage noch etliche andere Staatsangelegenheiten des dreizehnten Jahrhunderts berührt haben, wohl gar ein und das andere in Helldunkel gehüllte Staatsgeheimnis, dessen Enthüllung mir der auf Quellen, die wahre Hungerbrunnen sind, verwiesene Geschichtforscher jetzt mit Gold aufwägen würde. Aber ich muß gleich im voraus bemerken, daß die vielen literarischen Schätze, deren Verlust wir beweinen, auch den in Rede stehenden Kodex zum Genossen haben: ein dunkles Fatum hat die Hand auf ihn gedeckt. Daß ich jedoch mein »historisch-romantisches Tableau« mit einem wie aus der Pistole geschossenen Wortwechsel eröffnete, mag wohl einem abermaligen unbewußten Drange zugeschrieben worden, der übrigens gar nicht zu verwerfen war; denn ich fühlte vermutlich, daß der Dialog meine stärkste Seite sei. Meine schwächste war jedenfalls die »malerisch-romantische«: da ich den Bodensee und seine Umgebungen nie mit Augen gesehen hatte, so mußte ich die Farbenschachtel, der ich mein Landschaftsgemälde entnahm, sorgfältig, ja geizig zu Rate halten. Doch fehlte es auch hier nicht an allem und jedem Effekt, indem das bewegte Element, in dessen Schoße mein Eiland ruhte, durch die wiederholte Erinnerung an »See«, »Gestade« und »Wellenschlag« vergegenwärtigt und die Insel selbst mit einer Provision von Grün ausgestattet war, das immerhin zur Lämmer- oder wenigstens Gänseweide hingereicht haben würde. Lebhaft, sage ich, war der Dialog, scharf war er, und das ist nicht zu verwundern. Das Jahrhundert, das so farbenhell begonnen, nähert sich ja bereits seiner dunklen Mitte, das Reich hochdeutscher Herrlichkeit zerfällt, und immer eiserner klingt der Tritt der Zeit. Auch an dem feinen Musenhofe von Wartburg-Eisenach ist das Lied der Nachtigallen, die in Landgraf Hermanns Tagen das Herz erfreuten, den Mut erhöhten, längst verstummt; selbst das Heiligmilde, das dem Weltlichschönen folgte, hat nicht Raum gefunden in der argen, harten Welt; rauhhärige Schwäger, unartige Hausväter, unglückliche Königs- und Kaiserstöchter, sturm- und drangvolle Hohenstaufenenkel schreiten dort jetzt über den entweihten Boden hin, den Boden uralt-südnördlicher Sprachvermählung, der noch zweimal im Laufe der Jahrhunderte die kräftigste Saat, die goldenste Blüte des deutschen Geistes tragen soll. Jetzt aber ist vorerst ein habsüchtiger Pfaffengeist dort eingezogen, und der Minnesang hat sich scheu vor dem politischen Liede geflüchtet, das schon Herr Walther von der Vogelweide – eine fröhliche Urständ verleihe ihm Gott, in dem er nun seit etwa zwanzig Jahren ruht! – so spitz und schneidig zuzuschleifen wußte. Schärfer noch mag's bei einem Raspe stechen oder hauen, wenn er's nämlich mit seiner Stahlfeder schreibt; über die Lippen jedoch kommt ihm vermutlich nur schlichte Prosa, und auch diese, wie der Name gibt, etwas geraspelt. Indessen wer sie dereinst in die Zunge des neunzehnten Jahrhunderts übertragen will, der wird den Mund wohl ziemlich voll nehmen müssen. Ob ich nun bei diesem Geschäfte Betrachtungen solcher Art angestellt habe, weiß ich nicht mehr zu sagen. Übrigens stand mir ein Handbuch des Sprachschatzes zu Gebot, woraus ich den nötigen Vorrat in Fülle schöpfen konnte, nämlich Schlenkerts Friedrich mit der gebissenen Wange, bei welchem gleichfalls der Dialog die vorherrschende Seite ist. Wofern jedoch mein Raspe auch nur im Ulmer Bundeskriegsrat von 1519 beim Truchseß von Waldburg in die Schule gegangen sein sollte, so lautete sein Deutsch für meine Zwecke schon grob genug. Aber auch du, mein biderber kleiner Held, gewiß hattest du vom Heimatboden etliche der »starken Wurzeln deiner Kraft« auf unseren Rückzug mitgenommen, Sprachwurzeln und Sprachformen, deren zum Teil weit über das Mittelalter hinaufreichende knorrige Eichenkraft eine Germanistenversammlung entzücken und einen romantischen Teetisch zur Verzweiflung bringen könnte. Aber eben aus letzterem Grunde wirst du, der du ja, wenn auch nur in Gedanken, zur Einführung in die »elegante Welt« bestimmt warst, gerade die verdienstlichsten dieser Wurzeln und Formen unterschlagen haben. Als unreifer Gutedel magst du inzwischen hinreichend herb gewesen sein, zumal im heimlichen Bewußtsein deiner Prädestination, den Störer deines insularischen Friedens dereinst an geeigneterer Stelle vor deinem Siegerschwerte weichen zu sehen. Ha, wie schwungvoll mag er aus deinen Reden herausgeklungen haben, der stolze Ruf: Ihr, ihr dort außen in der Welt, Die Nasen eingespannt! Auch manchen Mann, auch manchen Held, Im Frieden gut und stark im Feld, Gebar das Schwabenland! So hat ja er, der jetzt auch der unsere ist, uns in jenen Tagen zugesungen, da wir ihm noch »Ausland« waren, in jenen Tagen, da auch der Seinen noch kaum einer ahnte, daß er dereinst in der Meisterschule als »Friedrich der Große von Schwaben« besungen oder besaget werden würde. Beiläufig übrigens, bei Gottes Zorn, der Titel ist zu hoch für meinen beschränkten Untertanenverstand! Ich brauche den Ausdruck mit Bedacht, weil es ja ein Potentatentitel ist. Auf welchen Potentaten soll denn die Vergleichung gehen? Ich weiß nur einen, der ganzen Anspruch auf den Titel hat, nämlich den mit der Nr. 1 und der Ziffer 1152–1190, sofern sein gleichfalls großer Enkel, der an einem berüchtigten Bluttage geborene Tyrannensohn, in all seiner Würde und Anmut mehr Italiener als Schwabe gewesen ist. Ruhm und Ehre, aber auch Friede und Ruhe dem Gedächtnis, das um den Namen unseres ersten Friedrich schwebt! Volkskaiser, wie vor ihm nur Karl der Große und nach ihm keiner mehr, »demütig edel deutsches Blut«, das Romanorum Imperator , doch nicht ungermanischer Großmann sein wollte, dabei aber auch ein Donnergott über Groß und Klein, Deutsch und Welsch, der den Bart aufblasen konnte, daß man gern vor ihm drei und dreimal drei Jahrhunderte, der Völkerwanderung zum Trutz, zurückgewichen wäre! Nun mag ihm unser Dichter nach beiden Seiten etwas gleichen. Volkstümlich darf man ihn in hohem Maße nennen, da seine Werke, wie die Anzeige mit Wahrheit sagen kann, »in den Händen eines jeden sind«; nur brachte es bei dem Rotbart die Sitte seinerzeit sowohl, als der Beruf des Heerführers, Reichsvogts und Gerichtsstuhlherrn mit sich, daß er dem Volk persönlich noch um sehr viel näher stand. Die Neigung, das furchtbar strenge Gericht zu üben, das man im Mittelalter nach dem ersten und später nach dem fünften Karl benannte, mag wohl auch unseren Dichter dann und wann beschlichen haben; doch selbst im heißesten Drange des Xenienkampfes, riefen er und sein großer Kriegsgenosse einander zu, des Geistes Durindane dürfe nicht zur Karolina werden; weswegen es dahinsteht, ob er als Geschichtschreiber die Verurteilung deutscher Reichsfürsten zum Hundetragen gebilligt haben würde. Mit einer Demut, die keinen falschen Blutstropfen kannte, beugte er sich dem älteren und noch begabteren Mitoberhaupt im Reich der Geister; doch auch die geistige Unabhängigkeit, die persönliche wie die Freiheit der Völker, wahrte er nach jeder Seite hin, und wie würde er als Zeitgenosse des gewaltigen Kaisers für die Lombarden gesprochen haben! Der Mantel unseres kaiserlichen Schwabenfriedrich ist somit unserem großen Dichter nicht gerecht. Oder gilt die »Pointe« seinem »pointiertesten« Zeitgenossen, dem »alten Fritze«, den man auch, und in mehr als einer Hinsicht mit Recht, den Großen nennt? Der würde sich denn doch wohl in seiner bekannten und pikanten Weise für den »gnädigen Spott« zu bedanken wissen, da er längst eingesehen haben wird, daß ihn, den größten nicht bloß, sondern auch den geistreichsten deutschen Fürsten seinerzeit, der Geist der deutschen Dichtung, der neuen wie der alten, stark am Zopf gerissen hat. Ebenso würde hinwiederum eine Vergleichung von anderer Seite, von politischer, bei dem Dichter übel ankommen, der als Geschichtschreiber, in welcher Eigenschaft ich gleichfalls ihn zu lieben mir erlaube, so helle politische Blicke in die deutsche Geschichte getan hat, daß er die politische Romantik des großen hohenzollerisch-brandenburgischen Regenten und Soldaten, sowohl in der mittelalterlichen Gestalt eines vorgeschobenen Gegenkaisertums, als in der modernen Form des Siebenjährigen Krieges, zwar bis zu einem gewissen Grade bewundert und zurechtgelegt, aber, was ja auch seine epische Desertion aus Friedrichs, wie aus Gustav Adolfs Lager andeutet, schwerlich geliebt haben kann. Das wird wohl keinen Streit mehr geben. Indessen stehet dieses alles geschrieben in den Büchern der Könige wie auch in der Chronika, und was dort geschrieben steht, »das steht eben da«. Alles wiederholt sich nicht im Leben, wenigstens nicht buchstäblich, und man wird daher einigermaßen der paritätischen Hoffnung Raum geben dürfen, daß gewisse kaiser- oder gegenkaiserromantische Phantasieen, die schon einmal in diesem Jahrhundert sich an Preußen die Milchzähne ausgebissen haben, jetzt noch gesündere Nüsse in Preußen wie in Österreich zu beißen finden werden. Wie jedoch dem sein möge, in unserem Dichter sehe ich, bei allem Heldengeist und manchem »Friedrichsblick«, mit dem alten Preußenhelden wenig Ähnlichkeit. Geistesverwandte sind sie, wie alle großen Geister der Geschichte. Da aber zur Vergleichung ein möglichst volles Maß von Gleichheit gehört, so würde, ungeachtet der großen Zeitenferne, ein Äschylos von Deutschland und Schwaben immer noch um ein Gutes näher liegen, als ein Friedrich von Schwaben oder Preußen. Ich hab's also immer noch nicht heraus, wo der Witz der Vergleichung liegt. Und in der Meisterschule macht man keine Vergleichung ohne Witz. Das würde über der Lade gerügt werden, und davor nimmt man sich in acht. Doch jetzt glaub' ich eine Spur zu haben: ein großer Friedrich aus Schwaben! Das ist nun freilich ein Punkt, der mich gerade so berührt, wie mich nur in meinen grünsten Tagen die Affäre von Döffingen berühren konnte. Freilich ist's der Welt bekannt: wir Schwaben sind ein Menschenschlag, der nicht bloß selbst witzig, sondern Ursache ist, daß auch andere Leute witzig werden. Schlagen wir da im dreizehnten Jahrhundert einen Heinrich Raspe seinen Thüringern heim, die uns dafür und dazu im achtzehnten unseren Friedrich Schiller behalten! Es ist ein Schwank übrigens, bei dem man das Lachen unterdrücken kann. Zwar, eben wenn man ernsthaft davon sprechen will, mag man wohl nicht mit Unrecht sagen, die Schwaben seien damals im Herzog Karl aufgegangen und die Thüringer im Herzog Karl August. Dann läßt sich geltend machen, daß die Schwaben damals noch nicht einmal die Räuber bei sich auf der Bühne gesehen hatten, geschweige denn Wallenstein und Tell. Auch soll es unvergessen bleiben, daß das übrige deutsche »gebildete Publikum« dem großen edlen Geist, von dem wir reden, im Leben mäßige Ehre und kärgliche Treue bewiesen hat. Warum ist er denn so früh gestorben? Wenn man die Stücke, die dem ausgereiften Wallenstein auf der Ferse folgten, an einzelnen Stellen unbefangen in das Auge faßt, so erkennt man den ebenso bewunderns- als beweinenswerten Flug eines gehetzten Edelwilds; und wiederum, betrachtet man die Fülle geistiger Kraft, die im Tell, die vornehmlich noch in den Reliquien des Demetrius, »den Widerstand der stumpfen Welt besiegen« wollte, dann ruft man unwillkürlich mit dem alten Eckart aus; Jetzt kommen erst die herrlichsten Geschichten! Aber es hat anders kommen sollen: Da folgt der gute Sänger schnell, Er hat den Zug beschlossen! Es ist ein öffentliches Geheimnis, daß er, obwohl es nicht an gutem Freundeswillen und beschränkten Freundeskräften für ihn fehlte, sein Leben der Nation und Menschheit geopfert hat, daß er, wenn auch nicht eben bei Brot und Wasser, den Keplerstod gestorben ist. Darum soll bei dem großen Festzuge, zu dem die Welt sich schon zu rüsten beginnt, neben den erhebenden Weiheklängen, den stolzen Posaunenstößen, auch neben den muntern Neckliedern, womit die unverwüstliche Schalkheit des Volks von jeher nicht bloß seine Edelinge und Könige, sondern selbst den hammerschleudernden Wagenlenker im Donnergewölk am roten Bart zu zupfen wagte, neben all dem Widerstreit der Feiertöne soll nicht der dumpfe, tiefe Wirbel des Heldentrauermarsches fehlen! Denn ganz aller Frömmigkeit bar ist ja der Deutsche nicht, und wenn er sie auch nur als »Pietät« zu hegen wagt. Doch hat ein unbewußter Fridolinszug, gleichwie ihn selbst zuzeiten, so auch uns zur Kirche hingeleitet. Haben wir nicht dem mit gemeinsamen Kräften errichteten ehernen Denkmal auch noch die geweihte Nachbarschaft des Gotteshauses erkämpft und für die Enthüllungsfeier jene Glocken herausgeschlagen, die einst Napoleon dem Großen, dem Wiederhersteller und Mehrer einer von Aachen bis nach St. Helena reichenden karolingischen Weltmonarchie, zum festlichen Einzuge läuteten? Und es war wohlgetan: denn auch die Frommen müssen wissen, daß der große Dichter und Denker eine Obrigkeit ist, die sie zu fürchten und zu ehren lernen sollen. Aber halt ein – nun bist du von selbst darauf gekommen! Der Titel wird ihm gegeben, weil auch er ein Potentat gewesen ist. Das war er, ja. Hat er doch selbst es gewußt und ausgesprochen, daß der Dichter mit dem König auf der Menschheit Höhen stehe, der Denker ein König und Bauherr sei, der vielen Kärrnern zu tun gebe. In diesem Bewußtsein konnte er seiner Mitwelt hochfahrend gegenübertreten, oder auch großmütig, wie jener Amor bonorum, Terror malorum , von dem die Inschrift des Hohenstaufenkirchleins spricht. Allein sie sind nicht zu zählen, die Beinamen, die man ihm alle geben müßte, um sein Wesen ganz zu bezeichnen: der Strenge und auch der Milde, der Jugendliche und der Weise, der Sprühende und der Geduldige, der Eiserne, zumal gegen sich selbst, der Große, Größere und Größte für alle, die sich groß fühlen, der Vielgeliebte, und in jedem Sinn der Einzige. So hätte uns endlich doch der Titel das Verständnis aufgetan, und wir könnten nunmehr weiter gehen. Doch nein, noch einmal stehe still, o Wanderer! »Schon warnt mich was, daß ich dabei nicht bleibe.« Auch diese letzte Auslegung wird durch die Größe seines Reichs zuschanden. Es umfaßt ja mehr, als was Karl der Große in Austrien und Neustrien, was das römisch-deutsche Reich jeweils in Germanien, Francien oder Gallien, Lothringen, Burgund, Arelat und Italien besaß. Auf der Briteninsel huldigen ihm, die nie diesem Reich sich unterworfen, schöne und stattliche Provinzen; in der vormals unbekannten neuen Welt besitzt er Sonnenlehen, deren Grenze wir nicht ermessen, und mit jedem jungen Jahre fallen ihm in allen Himmelsstrichen neue Lande zu. Der Königs- oder Kaisermantel eines Potentaten ist zu eng, zu klein für ihn. Von jeder Seite hab' ich nun den Titel umgangen und darauf angesehen, ob ich mit ihm fertig werden könnte. Vergebens, da steh ich immer noch, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor. Da ich nun aber doch nicht mein Lebenlang vor dem Titel stehen bleiben kann, so muß ich mich vorderhand, vielleicht auf Wiedersehen, beurlauben und für meine Beschränktheit um Nachsicht bitten. Es ist ohnehin jetzt hohe Zeit, daß ich das erste Kapitel meines historischen Romans zu Ende bringe. Viertes Kapitel. »Wo bleibt mein lieber Geheurer?« ruft Wolfram von Eschenbach einmal hinter seinem Parzival her, als dieser junge Held in gewohnter Zerstreuung etwas zu weit von seinem Sänger schwärmen gegangen ist. Dem meinigen brauche ich nicht so ängstlich nachzusetzen, denn der steht noch immer auf dem alten Flecke, wo er dem widerborstigen Unbekannten im schwarzen Helm und Harnisch die Meinung sagt und sich, gleichfalls unbekannterweise, von demselben hinwiederum dieselbe sagen läßt. Von Worten und Reden aber muß es, besonders wenn sie nachgerade einen halben Bogen füllen, im natürlichen Laufe der Dinge zuletzt zu Handlungen und Taten kommen. Demgemäß war ich denn auch nunmehr entschlossen, die annoch gedämpfte Sprache der Herablassung, wie ich sie wohl nennen mag, da sie durch herabgelassene Helmstürze kam, zu noch stärkeren und schrilleren Lauten fortschreiten zu lassen. Allein bei diesem Vorhaben stieß ich auf ein neues großes Bedenken, und zwar ohne Zweifel auf ein gedoppeltes. Einmal hatte ich nämlich, wie bereits angedeutet, meinem Helden eine hohe Bestimmung zugedacht, nämlich ein entscheidendes Einzelgefecht, an dessen Schluß der Raspe »die Nase einspannen« und sein Roß zum Heimritt nach der Hörsel satteln sollte. Dieser Zweikampf aber war keineswegs schon jetzt an der Zeit, er durfte vielmehr erst zu Ende des zweiten, vielleicht zu Anfang des dritten Bandes stattfinden, und bei voller Parade, das heißt unter den Augen der Belagerer und Belagerten, wie auch in Gegenwart des Sturmbocks, der als Unparteiischer assistieren sollte, sofern ja der Rest des Jahrhunderts von Parteiwut zerrissen war. In Berücksichtigung nun dieses wichtigen Bestallungsbriefes mußte ich meinen Helden vor jeder überflüssigen Gefahr behüten und unversehrt der guten Sache zu erhalten suchen. Einen nicht zu verachtenden Gegner aber, wie Heinrich Raspe, zweimal in die Pfanne zu hauen, das verbot mir der angeborene Sinn für Gerechtigkeit. Noch bedenklicher mußte mir die Entdeckung sein, daß ich auf meiner Insel nicht so ganz sicher verschanzt war, wie ich mir eingebildet hatte. Georg von Sturmfeder zwar ließ weit und breit nichts mehr von sich blicken; dagegen hatte mich aus dem Zauberring, dessen Geister sich den Geistern des Lichtenstein beigesellt hatten, eine abermals befreundete und hochgeschätzte Gestalt begleitet, zu der ich mich am wenigsten solcher Tücke versah. Der Seekönig Arinbiörn war es, der sich's nicht nehmen lassen wollte, an dem Ehrentanze teilzunehmen. Ein Recht hierauf war ihm auch in der Tat nicht abzusprechen, da er ja den Holmgang, das heißt den Zweikampf auf einem Eilande, diese einzige hochromantisch-normale Form des Duells, als sein ausschließliches, durch Erfindungspatent gefeites Eigentum in Anspruch nehmen konnte. Ohne nun seiner Degenhaftigkeit und seinem Hochgemüte im mindesten zu nahe treten zu wollen, erinnerte ich mich doch, daß ihm gar wunderbare Grillen und Mucken zu Kopfe steigen konnten, und war daher bald zu der Einsicht gelangt, daß diese Paukerei um jeden Preis verhindert werden müsse. Ich wußte mich auch um so leichter in die unvermeidliche Notwendigkeit zu fügen, als sich mir zur Durchführung der gebotenen Vorsichtsmaßregel ein weiterer Apparat der Romantik darbot, welchen gleichfalls schon im ersten Kapitel anzuwenden ich mit Vergnügen die Gelegenheit ergriff. Rasch somit, und unter immer stärkerer Spannung, eilt das Kapitel seinem Schlusse zu. Die beiden unbekannten Ritter ziehen vom Leder und wollen eben ihre Klingen kreuzen, als ein unerwarteter Umstand dazwischen kommt, den der Verfasser im nächsten Kapitel zu berichten verspricht. Fünftes Kapitel. Schrieb's, machte den Strich darunter, las es durch, sahe an, daß es außerordentlich gut war, setzte die Überschrift über das zweite Kapitel, warf einen großen Blick ins Weite, Blaue oder Graue, und schickte mich an, die Geschichte im vollen Fluß und Zuge des Gelingens fortzusetzen. Als ich aber dazu schreiten wollte, das »unerwartete« Ereignis, das ich angekündigt hatte, zu Papier zu bringen, so mußte ich entdecken, daß ich nicht sowohl der Verfasser meines Romans, als vielmehr der erste Leser desselben war, und daß ich als solcher mich jetzt in der gleichen Lage befand, die ich so manchmal kennen gelernt hatte, wenn ich, um einen über die Felsen hinabgestürzten Helden aus dem Abgrunde oder eine von einem Wüterich entführte Heldin aus dem Verließe ziehen zu helfen, die Türe des Bücherverleihers gestürmt hatte und auf das Donnerwort, daß der rettende nächste Band vorerst noch ausgeliehen sei, in wissenschaftlicher Verzweiflung abgezogen war. Keine Ahnung hatte ich, worin der Vorgang bestehen könnte, durch welchen die blitzenden Flamberge meiner beiden Ritter so unerwartet aufgehalten werden sollten. In diesem Drang und Verwirrung bot ich, wie ich mir bezeugen darf, meinen ganzen Scharfsinn zur Untersuchung einer Frage auf, deren entscheidende Bedeutung mir erst in diesem Augenblicke klar vor die Seele trat. Wenn nur dieser Punkt einmal ausgemittelt war, so mußte sich zugleich ein Weg eröffnen, um dem einen oder dem anderen der Kämpfer, die getrennt werden sollten, oder auch beiden zusammen die zu ihrem Fortkommen unentbehrlichen bewegenden Kräfte zuzuführen. Aber da begegneten mir unüberwindliche Schwierigkeiten. Was nun zwar der Raspe am oder im Schwabenmeere zu suchen haben sollte, das konnte man zur Not vermuten. Dort hatte er ja den Südwind aus ziemlich unmittelbarer Hand: wenn er irgendwo eine günstige Gegend zu einer vermummten Zusammenkunft mit einem verkappten römischen Sendling und zur Einholung geheimer Instruktionen für seine deutsche Politik finden konnte, so war es dort, im sichern Bann der Konstanzer Fischgerechtsame. Nur hatte ich vor übergroßem Eifer vergessen, auf der Höhe des Sees oder in einem nahen Hafen ein Inkognito von Hofhaltung, Gefolge oder auch nur einen einzelnen Reisigen zu stationieren, damit die pfaffenkönigliche Seeverschwörungskonferenz, falls es nötig würde die Klingel zu ziehen, wenigstens über etwas Dienstpersonal verfügen könnte. Noch lud zwar den bereits gerühmten Scharfsinn ein und das andere Mittel zur Ergreifung ein. Dem Wellenschlage, den ich mit so schönem Erfolg in Szene gesetzt, war ein Ruderschlag zu benachbart, als daß er mir hätte entgehen können. An diesen einige Hände hinzuschaffen und die Schöpfung zu einem oder zweien bemannten Nachen zu erweitern, auch das überstieg meine Kräfte nicht. Wer aber konnten die Rudernden sein, als etwa Schiffer aus Konstanz, Meersburg oder Buchhorn, wackere, doch unbekannte Deutsche aus der römischen Reichsuneinigkeit germanischer Nation? Meine ganze Insel voll lauter unberechenbarer Charaktere, bedroht mit Verwicklungen, deren Folgen nicht abzusehen waren! Bei solchen Aussichten zog ich vor, die guten Schiffer zu Hause zu lassen und meine beiden Ritter, die ja doch ohnehin in irgend einer Weise beritten sein mußten, nachträglich jeden mit einem am Ufer liegenden Kahne zu versehen, den er freilich allein zu regieren hatte, so gut es eben ging. Dabei wagte ich vielleicht nicht einmal zu viel, wenn ich die landgräfliche Majestät mit jener republikanischen Einfachheit großer Konsuln oder Präsidenten ausstattete, die sich selbst rasieren und eigenhändig ihre Stiefeln putzen. Auf der anderen Seite war meinem jungen Degen in der Fouquéschen Reitschule der Grundsatz eingeprägt worden, daß ein rechter Rittersmann sein Roß nicht anders als in Person besorgt und verpflegt. Ließ ich nun etwa noch einen unvermuteten Strahl vom Himmel fallen und einen furchtbaren Donnerschlag über die Insel hinrollen, so konnte, wenn nur der Raspe zuerst in seinen Nachen sprang, auch mein junges Heldenblut mit Ehren auf den Abzug denken. Beseitigt schienen auch die stärksten Hindernisse, und schon wog ich die Feder in der Faust, um den unvorhergesehenen Schlag zu führen, als ein noch viel unerwarteterer Blitz mich selbst erleuchtete und mir zeigte, daß ich die allergrößte Klemme, in der ich mich befand, bis daher völlig übersehen hatte. Jetzt erst erkannte ich sie in ihrer ganzen Hoffnungslosigkeit. Was hatte denn meinen jungen Gutedel auf diese Insel hergebracht? Keine Folter der Welt hätte mir einen Aufschluß über diese Frage entreißen können, und doch dachte ich billig genug, um mir zu sagen, daß der Leser höchst gerechten Anspruch auf ihre Lösung habe. Wohl war mir nicht gänzlich unbewußt, daß meine Landsleute in Stadt und Nachbarschaft häufig über den See in Handelsangelegenheiten schifften; aber ein Motiv dieser Art blieb einem Edeln aus der Sippe derer von Degerschlacht oder Bronnweiler fremd. Auch hätte die Geschichte zur Not einen Vertrag zwischen den schwäbisch-rheinischen Reichsstädten und der helvetischen Eidgenossenschaft dargeboten, einen gar nachdenklichen Vertrag, der die Städter verpflichtete, den Schweizern in deren Händeln gegen reelle Verköstigung zuzuziehen, während die Eidgenossen im umgekehrten Fall »bi Huuse« bleiben durften; allein derselbe war mir ein Geheimnis, weil ich damals den Tschudi noch nicht gelesen hatte; und da dieser Vertrag erst 1385, drei Jahre vor Döffingen und eins vor Sempach, geschlossen worden ist, so hätte er 1247 für einen Schwaben in Wirklichkeit so wenig wie für einen Schweizer praktischen Wert gehabt. Daß endlich gar eine Reisebeschreibung die Phantasie des jungen Ritters, wie zuweilen die meinige, entzündet haben könnte, ließ sich in einem so dunklen Jahrhundert vollends nicht vermuten, und doch war diese Vermutung die letzte Frage, die ich an das Schicksal stellen konnte. Lassen wir denn an diesem verhängnisschweren Wendepunkte meinen historischen Roman mit einem großen Schritt ans Ziel gelangen. Zween volle Bände, ehe der Raspe mit Fug und Recht von meiner Vaterstadt abziehen durfte, zog ich die Hand von ihm selbst, seinem Sturmbock und seinem Gegner ab, und meine beiden Ritter blieben verdammt, ihren Holmgang auf der Insel im Bodensee miteinander fortzusetzen bis auf glücklichere Zeiten oder aber bis zum jüngsten Tag. Um mich, wenn es möglich wäre, von dieser schweren Schuld zu reinigen, habe ich hernachmals eine Wallfahrt durch ganz Oberschwaben gemacht, nicht auf gekochten Erbsen, wie unser alter katholischer Simplizissimus, da er mit seinem Herzbruder wallen ging, aber doch zu Fuße, und auch nicht ohne Mühsal und manche Fährlichkeit. Um ein Haar wäre ich angesichts der gastlich rauchenden Schornsteine von Buchau spurlos im Moor versunken, weil die biederen Landleute der Umgegend auf meine noch so deutlichen Erkundigungen unterlassen hatten, mir zu sagen, daß ein Spaziergang am Federsee auch für den nüchternsten Magen unverdaulich sei. Buchstäbliche Wahrheit, und doch zugleich sinnige Allegorie! Indessen wusch mir die Spuren dieses Mittagabenteuers ein endloser nächtlicher Regen im Argentale wieder ab, und was etwa noch an meiner Fußbekleidung haften mochte, das blieb unter den entschlossenen Händen des grimmsten aller altdeutschen Hausknechte am Brunnen einer freundlichen Herberge unter Montforts Trümmern im Wassertroge zurück. Meergeuse zu Lande schon geworden, befuhr ich nun auch den Bodensee, und überzeugte mich, daß mir die Uferstaaten in der Tat eine dritte Insel zu danken haben, über welche sie sich gütlich vergleichen mögen; denn weder in der schönen Mainau noch in ihrer berühmten Schwester habe ich meine eigene Schöpfung wieder finden können. Auf der Reichenau aber habe ich, am Grabe eines dicken Mannes, meine Buße verrichtet. Dort in der Kirche ruht ja von seinen Sünden und ihren Folgen der letzte Karolinger aus, der seitdem in einer vertraulichen Stunde, im tiefsten Inkognito und unter dem nachdenklichsten Prügelregen auf seinen gleichfalls inkognito anwesenden verantwortlichen Minister, am Busen eines jovial-sentimentalen Mönchs und humoristischen Zeitbuchführers von St. Gallen sein murrendes Herz ausgeschüttet hat. Mir blieb er bei jenem meinem Besuche stumm; aber was hätte er mir auch in der Hauptsache Neues sagen können? Daß und wie man ein Römisches Reich zugrunde zu richten vermag, das hatte ich nicht bloß an seinem Beispiel gelernt, sondern noch an einer Reihe anderer, die sich streng genommen wohl auf ein halbes Dutzend oder mehr berechnen lassen mögen: was ich aber ihm zu erzählen hatte, das war ihm ohne Zweifel noch fremd, nämlich, daß man ganz nach denselben Kunstgesetzen auch ein romantisches Opus fertig machen kann. Hätte ich sie noch, jene denkwürdigen Blätter, so würde ich ihnen jede Ehre erweisen, die ein seltenes Bruchstück irgend in Anspruch nehmen darf. Den besten und teuersten Buchbinder wollte ich nicht scheuen, um ihr Äußeres zu einem Prachtwerke von monumentalem Charakter zu erheben, weil sie, wo nicht für diese schnöde Welt, so doch für mich eines ewigen Gedächtnisses würdig sind. Und auf den reichverzierten Vorderdeckel mühte er mir mit goldenen Lettern die stolze Inschrift setzen: Tantae molis erat, Romanum condere –! Warum jedoch in dieser Weise fortfahren, erbarmungslos gegen die eigenen Eingeweide wütend? Ist es gerecht, wegen eines mißglückten Versuchs aus der Zeit der Knabenspiele sich selbst die Schellenkappe aufzusetzen? Haben wir nicht jenen Fehler in reiferen Jahren vielfältig gut zu machen uns bestrebt, und verdienen diese unsere Bestrebungen nicht, in einem höheren, ja ernsthaften Ton besprochen zu werden? Denn ist es uns jemals wieder begegnet, im ersten Kapitel stecken zu bleiben? Haben wir uns nicht den Kunstmechanismus unserer Tage bis zu einem Maße eigen gemacht, um aufrecht über Berg und Tal zu schreiten? Brauchen wir nicht den Finger bloß aufzuheben, um die entlegensten Gestalten einer Zeit, die wir schildern wollen, durch unseren wohlbestellten Diener, den Zufall, um einen Mittelpunkt zu sammeln, »Volk, Fürsten und Dryander?« Verstehen wir nicht die unerwartetsten Begebnisse sicher vorzubereiten, die schwierigsten Verwicklungen einfach zu lösen? Und wem anders verdanken wir dies, als dem gemeinnützigen Wetteifer unserer Mitstrebenden, von welchen wir täglich lernen, sowohl die richtige Wahl des Stoffes, als die göttliche Freiheit, mit welcher der Geist den Stoff beherrschen soll, und die sich dann am schönsten manifestiert, wenn Helden, die in der ersten Publikation den Schluß mit ihrem bitteren Tode krönten, in der zweiten zur süßen freundlichen Gewohnheit des Daseins und Wirkens zurückkehren, in der dritten zwar nochmals sterben, in der vierten aber wiederum, und für immer vielleicht, von den Toten auferstehen! Haben wir nicht an diesen Vorbildern abgesehen, daß man gleich zu Anfang mit ganz besonderer Voraussicht und Zurückhaltung zu Werke gehen muß, um das Heft bis zu Ende und durch alle künftigen Auflagen (oder »Ausgaben«) in der Hand zu behalten? daß der Anfang, der, wie die »Ratt' im Kellernest« ihr Gift, seinen Schluß bereits im Leibe hat, zwar keineswegs allezeit der schlechteste, aber ein dem Verhängnis unwiederbringlich verschriebener Tyrann seines Urhebers ist? daß man aber selbst den schwersten Prüfungen des Lebens, das uns oft so unerwartet in diesen verwünschten Erfindungen über den Kopf wächst, durch ein nie trügliches Kunstmittel trotzen oder ausweichen kann, nämlich – wie auch Goethe bei einer gewissen Gelegenheit sich ausdrückte – durch ein »vernünftiges Räsonement«. Freilich, der Dialog, gestehen wir's nur, ist noch immer unsere stärkste Seite. Im übrigen sind wir etwas zurückgeblieben, und vorzüglich im beschreibenden Fache, wir dürfen's nicht leugnen, geht uns unsere Insel mit ihrem bißchen Saftgrün und Wasserblau immer noch ein wenig nach. Wir haben daher bei unserem ersten größeren Gesellenstücke einen sehr weislichen Einfall gehabt, indem wir dasselbe einem damals namhaften Literaten mit der freundnachbarlichen Bitte zuzusenden gedachten, er möchte uns das mehr innerlich als äußerlich zustande gebrachte Werk etwas weniges tapezieren und möblieren; und nur das Bedenken, daß wir in einer Welt der Mißverständnisse und Mißdeutungen leben, hielt uns von der Ausführung dieses löblichen Vorsatzes zurück. Um jedoch dem klar erkannten Mangel abzuhelfen, haben wir von Stund an jedweder Art von Kunstschreinerei in ihre Mysterien zu blicken gesucht, und seit einer unserer Leser uns geklagt hat, wir haben ihm einen Stuhl am Wirtstische so täuschend hingemalt, daß er in seiner Illusion und Zerstreuung, nicht ohne Schaden seines Leibes, auf ermeldetes Möbel niedergesessen sei, seit jenem feierlichen Augenblicke, sagen wir, ist, bei vollem Bewußtsein zwar noch nicht völlig überwundener Unvollkommenheiten, eine erhabene Ruhe bei uns eingekehrt. Wozu also, fragen wir wiederholt, wozu dem armen guten Jungen, der wir in unseren vielleicht besseren Tagen waren, seine fehlgeschnitzte Weidenpfeife mit der Kunstwichtigkeit eines Stadtzinkenisten um den Kopf zu schlagen? Darum erhebe dich, o Herz, von der Armseligkeit damaliger Versuche und auch von dem bescheidenen Wohlstande damaliger Vorbilder, von ihrer Dürftigkeit, darfst du wohl sagen, besonders wenn du an so manche Gegenstände der Szenerie, Drapierung und Utensiliengruppierung denkst, erhebe dich zu dem fürstlichen Glanz und Reichtum unserer heute aufschießenden und aufgeschossenen Romantik, der du so viel verdankst! Betrachte aber nicht allein den niederschlagenden Abstand, sondern auch dem aufrichtenden, ja hinreißenden Fortschritt und Aufschwung weihe einige deiner Empfindungen. Beugen wir uns denn an dieser Stelle vor ihr, die den Orbis pictus des seligen Amos Comenius aus dem Staube gezogen, nein, mehr, die ein Polytechnikum aufgetan hat, wiederum nein, eine enzyklopädische Hochschule aller und jeder Wissenswürdigkeiten dieses und des zukünftigen Lebens! Denn was ist es, was sie, die realistische Muse, nicht zu lehren und, süßkräftig, sauerstofflich, bittersalzig, doch immer mit unendlichem Geist und Geschick, einzugeben wüßte? Nenne mir Astronomie, Börsenlehre, Kabbala, oder, um nicht geistlos im Abc fortzufahren, Juristerei, Strategie, Politik und Medizin in gegenseitigem Durchdringen, Philosophie in viererlei Tracht, im zerrissenen Mantel des Zweifels oder im geschonten Glaubens- und Kirchenrock, im psychologischen Paletot oder im moralischen Talar, Naturgeschichte der entdeckten und unentdeckten Reiche, von der Zeder bis zum Ysop, vom Diluvium bis zum Totliegenden und so fort, vom Urliteraten Pterodaktylus und Urkritiker Mammut bis herab zum kleinsten mikroskopischen Tropfen unserer Tage mit seiner Fusions- und Infusionswelt, Naturwissenschaft jeder Art, Länder- und Völkerkunde von »Humboldts des Sohnes« Leben bis zur vollendeten Eskimographie hinauf, Historie und ganz insonderheitlich Kulturhistorie in Vor-, Mit- und Nachwelt, vor allem aber in den modern-romantischbengalisch-gegensätzlich-brennenden Arbeits- und Genußlebensaktienfragen der Jetztzeit, und zwar wo oder wie nur Gegensätze genossen und verarbeitet werden können, in Soll und Haben, Taler und Gulden, Heller und Pfennig, Handel und Wandel, Kommerz und Industrie, Produktion und Konsumtion, Realitätenbesitz und Proletariat, in unseren Strafanstalten wie sie sind und wie sie sein sollten, in männlichen und weiblichen Rettungshäusern für behaltene oder entlassene Verbrecher, in barmherzigen Schwestern und unbarmherzigen Brüdern, geistreichen Jünglingen und herzarmen Jungfrauen, Europa- und Amerikamüdigkeit, Roman und Drama, Theater und Parlament, Galerie und Tribüne, kurz, in Kraft und Stoff, Dorf und Stadt, Sansara und Sahara, Sonnen- und Mondwirtschaft, zwischen Himmel und Erde, in Moni und Brost, Hans und Grete, »Müller und Schulze«, »Schiller« und »Goethe« – – – zähle mir alles und jegliches auf, tue dieses und noch anderes mehr hinzu, und wenn dir der Atem darüber ausgeht, so hast du erst noch gar nichts gesagt! Mit Lachen denke ich jetzt der Zeit, wo mein Kopf ein »Allotrion« aus Frau Benediktens Küche nur äußerlich in »Ruck und Eck« genießen durfte, weil er über seinem Berufe, mir als Mauerbrecher den Weg in eine Fakultät zu bahnen, keine Zeit für Allotria übrig haben sollte. Wie anders jetzt, seit die Allotrien zu Wissenschaften geworden sind und die Wissenschaften sich auf die Poesie geworfen haben! Dieses vormalige Mädchen aus der Fremde, das einst, wie die Sage geht, mit kleinen Gaben nur ins Tal zu armen Hirten kam, jetzt steht sie mitten auf dem weiten breiten Forum, wo die große Welt sich um sie drängt, von allen Fakultäten bewundert und umworben: allerseits regnet es Geschenke, Prunksachen und Prachtstücke auf sie herab; und siehe da, selbst unsere höchste Reichszentralfakultät, die volkswirtschaftsschulrätliche, die tugendheftige, die strenge und etwas genaue Hausmutter, reicht Stück um Stück ihr aus dem mächtigen Kasten dar, würdig-mild, wie es der gebildeten Hausfrau zukommt, die da denkt, daß Geben nicht bloß seliger denn Nehmen sei, sondern auch »honoriger«, zumal gegen ein Mädchen oder Weib aus den niederen Schichten. Aber unsere kluge Fremde hat unvermerkt, die kleine Hexe, ihren Wohltätern und Wohltäterinnen das Fell über die Ohren gezogen. Antiquiert sind alle Fakultäten, absorbiert alle Fachstudien nunmehr. Zu ihr mußt du gehen, Knabe, zu ihr, der Muse, die ich meine. Was auch dein jetziges oder späteres Fach sein möge – acht Tage nur in ihrer Schule – eine mehr als billige Frist für drei bis vier, auch neun bis zwölf Leihbände – und du weißt alles, ja nicht bloß was du brauchst, sondern auch womit du glänzen kannst. »Mit welcher Freude, welchem Nutzen, wirst du den Kursum durchschmarutzen!« Nur glänze mir nicht zu stark mit den davongetragenen Lichtern, denn ganz vollkommen in dieser Welt der Mängel kann auch sie nicht sein. Besonders ihren Gestirnen, so populär-astronomisch sie über Gerechte und Ungerechte scheinen, vertraue du nicht allzu blind, dieweil sie, dieser Gestirne Lenkerin, mit Fräulein Gerda, Vertreterin der Naturphilosophie im »Zauberring«. das heißt mit der alten Zauberlaune, westöstliche Himmelswirren anzustiften, noch nicht radikal gebrochen hat. Mit Umsicht betritt ihre Gewächshäuser, in welchen es ihr manchmal wie großen Herren geht, die ihren eigenen Kopf haben und nicht auf den Gärtner hören wollen; und auch in ihrer freien Natur möchte ich dir, falls du dort dein Futter suchen müßtest, nicht jedes Gräschen und jedes Hälmchen unbedingt empfehlen. Ruhig aber magst du dich in ihrem zoologischen Garten niederlassen, selbst wenn der Zeiger dort auf Mittag weist; denn diese wählerischen Tiere fressen wunderselten, was ihnen Gott beschieden hat, vielmehr können sie Geschmackseigenheiten blicken lassen, um deren Befriedigung sie ein Römergaumen des bas empire beneidet haben würde. Im Technischen und Technologischen wirst du mit ihr nicht schlechter fahren als in mancher Fabrik und auf mancher Eisenbahn; sei daher stets auf Allfälligkeiten gefaßt, und bedenke namentlich, daß es ihr plötzlich in den Sinn kommen kann, launisch wie Nero, nur großartiger noch als er, ihre ganze Schöpfung, das Werk ihrer eigenen Hand, eine Errungenschaft also von Millionen und Milliarden, zu guter Letzt am Ziele aller ihrer Anstrengungen in Rauch und Dampf aufgehen zu lassen. Trachte jedoch vor allem häuslich zu werden in ihren Salons und Geschäftslokalen, wo du gründlich lernen wirst, mein Kind, wie wichtig es in dieser besten aller Welten und Gesellschaften ist, Monde und Demimonde , ehrliche Leute, die ihr Glück zu schmieden wissen, und ungeschickte Spitzbuben, die das Nachsehen haben, gedämpften Altersgang und geriebenen Jugendschwung, kurz, Idealismus und Realismus, oder richtiger, vielleicht auch ebenso richtig gesagt, Realismus und Idealismus, will sagen altfränkisch-behäbige und neumodisch-imposante Spekulation, voneinander unterscheiden zu können, und das zu allermeist in jenen lichterloh brennenden Fragen von Kopfes-, Herzens- und Geldeswert, in welchen dir »unserer Brust geheime tiefe Wunder« sich öffnen werden, die Seelenwunder unserer Gegenwart meine ich, die so wunderreich ist an moralisch-psychologisch-poetischer Ökonomie, ökonomisch-poetisch-moralischer Psychologie, poetisch-ökonomisch-psychologischer Moral, mit einem Wort also, an psychologisch-moralisch-ökonomischer Poesie, und die eben darum, wie selbst französische Kritiker uns zuschwören, sich so ganz ausschließlich für die Romantik eignet. Die wahre Heimat aber und den ganzen Frieden, o Sohn dieser Kulturwildnis, findest du doch erst dann, auch bei ihr erst dann, wenn du an ihrer ebenso leutselig als gebieterisch anklopfenden Hand in die Gemütswelt jener edeldenkenden, weichgeschaffenen, zart- ja zärtlichfühlenden Dorfbewohner herniedersteigst, die bei der ersten Regung auf ihren Wink die langvergrabenen Kapitalien, auch Haus und Hof, wo nicht gar das Hemd vom Leib herschenken, in eine Welt, worin die schöne alte Sitte der Heiraten zwischen Prinzen und Gänsemägden, Prinzessinnen und Pferdeknechten, diese höchste soziale Hinterlassenschaft eines unvordenklichen Altertums, so alt vielleicht wie das verlorene Paradies, zum ewigen Heil der Menschheit wieder in Schwang gekommen ist. Unabsehbare Wirkungen werden und müssen aus dieser Revolution hervorgehen, so wie sie nur einmal in dem harten zähen Holze unserer zwar christlich-germanisch gewordenen, dabei aber etwas sehr alt- und uralemannisch gebliebenen Bauern zu leben, zu arbeiten und umzulaufen begonnen haben wird. Man kann über das alles frei mit ihnen reden, wofern sie nämlich zum Hören oder Lesen zu bringen sind. Aber nur um so größer ist ja eben deshalb das Verdienst, so tief-rural-moralische Ideale hingestellt, so wahrhaft-national-romantische Stoffe aufgeschlossen zu haben. Darum öffne ihnen, Volksfreund, öffne ihnen weit die Gasse in das Dorf, und schilt den trägen Staat, daß er noch nicht daran gedacht hat, auch nur vorerst die Steuerwilligkeit der Landgemeinden, oder, weil für diese Tugend auf anderem Wege schon gesorgt ist, zunächst wenigstens den Silbertrab ihrer Witwen-, Waisen- und Armenvereinstaler durch landsittenlehrmeisterliche Prämien aus mehrbelobtem Prägstock aufzumuntern. Habe ich nun aber der Gerechtigkeit den schuldigen Zoll entrichtet, so mag die Freiheit, die im Reich der Geister herrschen soll, meine Fürsprecherin sein, wenn ich jetzt unumwunden beizufügen mich erkühne, daß es der didaktischen Ruralmoralromantik, bei aller Meisterschaft, nach meinem unmaßgeblichen Dafürhalten immer noch an etwas fehlt. Kunst ist es nicht, was ich an ihr vermisse, o nein, sie gebietet über einen Kunstmechanismus, vor dem ich, klassisch zu reden, omnem respectum habeo , das heißt, allen Respekt habe, beides nämlich, buchstäblich und auch ein wenig figürlich. Der Herr Obermeister dieser unserer großen und ehrsamen Zunft versteht schon, wie ich's meine, denn es ist ihm von alter Zeit her bekannt, wie ich zu reden pflege, bald laut, bald leise, wie es kommt und so stark oder so schwach ich's eben geben kann. Wir sind ja in unseren Gesellenjahren gut Freund gewesen, und er hat viel Liebes und Gutes an mir getan, besonders indem er mich gleichfalls zur Meisterschaft erziehen wollte. Das eigentliche Kunstgeheimnis hat er mir zwar trotz vielen Bittens beharrlich vorenthalten; allein dem Menschen ist, wie jeder von sich selber weiß, das Hemde näher als der Rock, und ich müßte nicht bei Troste sein, wenn ich ihm darum grollen wollte. Was kann er dafür, daß seine Erziehung keine besseren Früchte getragen und daß die Zunft jetzt ihn zu ihrem Sprecher erkoren hat? Aber amicus Socrates, amicus Plato, sed magis amica veritas . Damit will ich sagen, daß ich, bei allem Respekt vor der Kunst, der Wahrheit die Ehre geben und mir eine Bemerkung erlauben muß, in den bekannten »zwei Worten«, die ich dem Inhalt nach an die ganze Zunft, mich selbstverständlich mit eingerechnet, der Form nach aber und der Sitte gemäß, die in gebildeten Zunftversammlungen herrscht, an unseren hochgeehrten Vorstand zu richten mir die Ehre gebe. Seit wieder einmal eine längst ersehnte Meisterhand das Zunftszepter so kräftig als gedeihlich schwingt, haben sich alsbald die unausbleiblichen Folgen jeder persönlichen Regierung – qui règne et qui gouverne – fühlbar hervorgetan, sofern alles um den unveränderlichen Gedanken sich sammelte und sammelt, der an leitender Stelle herrscht. Hierin liegen Keime freudigsten Wachstums, aber auch Keime von Gefahren und Verkümmerungen, und nach Kräften diese zu wenden, jene zu fördern, dazu eben habe ich das Wort ergriffen. Sei es mir denn nunmehr gestattet, offen auszusprechen, was mir an dieser unserer mehr und mehr und immer erfreulicher fortschreitenden Poesie des Volksunterrichts noch zu gebrechen scheint. Den Hauptnerv vermisse ich, nämlich eben den didaktischen selbst. Nicht daß er ihr gänzlich fehle, sage ich; das wäre eine schreiende Ungerechtigkeit; aber ich finde ihn nicht stark genug von ihr in Mitleidenschaft gezogen. Sie ist unterrichtend, ja! sie ist viel- und mehrseitig, gewiß! aber sie ist nicht didaktisch, nicht enzyklopädisch genug – mit einem Wort, sie ist nicht universell. Das muß anders werden. Man hat mit Glück begonnen, das Volk durch die Steuergesetzgebung zu einer wirtschaftlicheren Betriebsamkeit zu erziehen: sollte man nicht mit gleichem und noch besserem Erfolge durch Sonntagsschulromantik seine beschränkte Bildung nachbessern und neben Veredelung des Herzens auch seinen Geist auf diejenige universelle Höhe, die ja von allen Seiten gewünscht und erstrebt wird, emporheben können? O ja gewiß und freilich, wir arbeiten ja alle daran, und ich selbst habe soeben erst den Vorschlag – einer Erzielung des postulierten, in der angeregten Form jedoch noch einseitigen Reformzweckes auf dem Wege der Prämienausteilung – gemacht. Hieran reiht sich denn nun eine zweite Proposition, die ich sofort stelle, nämlich diese Prämien selbst zuvor noch durch größere Erweiterung nach der lehrhaften Seite hin ins unendliche zu vervollkommnen. Mein Antrag lautet daher wie folgt: Die Dorf-Kalender-Familien- oder Volksgeschichte muß eine Akademie werden, aber auch dieses nur als Vorschule zu weiteren Fortschritten – mit einem Wort: ihre Gasse muß sich nach dem Universum öffnen! Mit wenigen Strichen nur wage ich anzudeuten, was in dieser Richtung seit den letzten fünfzehn Jahren von uns allen verabsäumt worden ist, was fortan geschehen soll und muß. Der Entwurf, den ich hier vorlege, mag statt meiner sprechen. Wenn ich denselben aber nach der doktrinellen Seite hin im tiefbegründeten Hoch- und Vollgenuß eines in den Turmknopf der Unfehlbarkeit eingemauerten Selbstgefühls betone, so muß ich doch zugleich in vorurteilsfreister Bescheidenheit nach der anderen Seite wahrnehmen und bekennen, wie nachdrücklich Poesie und Kunst in diesem meinem Nachtstück nur durch ihre nahezu vollkommene Abwesenheit an sich erinnern. Indessen sollte es, denke ich, mir zum Vorstand gereichen, wenn ich befürwortend den Aufschluß folgen lasse, daß ich hier nicht schöngeistigen Belangen nachgestrebt, sondern meine Stoffe als rohgesägte Naturbretter zum Gestelle der gesuchten Volksbibliothek buchstäblich dem Leben entnommen habe, wie sie auf alemannischem Boden, einige Tagmärsche südlich vom Rayon der »Schwarzwälder Dorfgeschichten«, gewachsen sind. Von dieser Seite gebe ich sie als bloße Materialien der unbeschränktesten Erschließung, Entfaltung und Benützung durch Meisterhände preis, mit ausdrücklichem Beifügen jedoch, daß ich mein Verdienst, das nicht von mir entdeckte Gebiet durch allseitig kulturfahnenschwenkende Erweiterung zu einem gedanklichen Kalifornien aufgeriegelt zu haben, als unveräußerlichen Bisamknopf im Schatzkästlein meines geistigen Eigentums verwahrt haben will. Dieser kurzen aber unerläßlichen Vorbemerkung schreite denn nun der angemeldete Entwurf auf den Fersen nach. Seine gedrängte Stammhaftigkeit legt sich in fünfundzwanzig Zweigen, Bretterabschnitten oder Kapiteln auseinander, die ich der Raumersparnis halber mit unseren volkstümlichen arabischen Ziffern bezeichnen will: 1. Ein alter Feudalbauer, seine Söhne Nazi und Peter, nebst der Base Frenz, sind mit Honigauslassen beschäftigt. Idyll im Daphnis- und Chloe-Geschmack der von Theokrit, Longus, Geßner u. a. aufgeschlossenen nationalen Stoffe. Eine städtische Doktors- und Professorsfamilie erscheint zu Besuch und vertilgt einen fabelhaften Vorrat von Wabenhonig, worauf sie sich ohne Umstände wieder empfiehlt. Die geretteten Waben werden nach ausgelassenem Honig noch besonders ausgesotten und das Wasser davon abgegossen, um im Zustande der Gärung getrunken zu werden. Hiebei führt sich der Schulmeister ein, erhält gleichfalls ein Glas, und beginnt durch einen einleitenden Vortrag über gärende Getränke, Brennereien im allgemeinen, große und kleine Brenner, Branntweinsteuer, Branntweintyphus, amerikanische Temperenzbewegungen und verwandte Gegenstände, sein Dasein zu rechtfertigen. 2. Frenz lenkt den Schulmeister durch ein zweites Glas auf den zunächst zu verarbeitenden Stoff zurück. Er verbreitet sich über das Staatsleben der Bienen und macht Exkurse in das Gebiet der höheren Politik. Die politischen Meinungen in der Gesellschaft schattieren sich: der Alte ist seiner Stellung gemäß Absolutist, Nazi als Majoratserbe konservativ, Frenz als gutes Ding und armes Mädchen liberal, Peter als jüngerer Sohn ultraradikal mit »Nix Pardon«. Der Schulmeister nimmt eine nach allen Seiten vermittelnde Stellung ein. 3. Der gärende Trank beginnt zu wirken. Peters Schattierung nimmt zu, die anderen Farben beginnen sich der seinigen gegenüber zu verschmelzen. Der Alte tut seinen Leibfluch. Über das Fluchen einerseits vom moralisch-sozialen, andererseits vom sprachlichen und mundartlichen Standpunkte. Peter scheidet unfreiwillig aus der Gesellschaft. Über Tumulte im allgemeinen, insbesondere aber mit Beziehung auf die idyllische Poesie. Woran es dem deutschen Tumult im allgemeinen und besonderen fehlt. 4. Nachdem sich die Gegensätze in der Exposition ausgesprochen haben, werden die Charaktere, vornehmlich die des Alten und seines zweiten Sohnes, entwicklungsmäßig dargelegt. Jener hat diesem einmal in früheren Jahren eine unvorsichtige Ohrfeige »hingeschlagen«, wodurch der Junge etwas »hintersinnig« geworden ist. Der Gedanke an diese Tat furcht dem Vater das Gesicht und nagt ihm am Herzen, so daß er vor heimlichem stillen Jammer seinen Peter nicht mehr »schmecken« kann. 5. Feudaler Volksfamilienrat über den Peter, zu welcher Beratung der Schulmeister beigezogen wird. Votum des Alten: Peter, ein Taugenichts. Votum des Nazi: dem des Alten konform, mit unbewußter Hinneigung zu feudal-brüderlich-fruchtlosen Franz von Moorschen Milderungsgründen. Votum der Frenz: unklar angedeutetes geheimes Leid abseiten Peters, worüber sie sich als »dumme Gans«, wie sie sagt, ohne hierin bei den anderen einen Widerspruch zu finden, nicht näher auslassen will. Votum des Schulmeisters: ein in der Entwicklung gestörtes peterliches Exanthem, und zwar höchstwahrscheinlich zurückgetretene Krätze. 6. Peter trinkt einen Rausch. Geschichte des deutschen Wirtshauslebens älterer Zeit, teilweise noch in abgelegeneren Kreisen der Gegenwart lokalisiert. Das deutsche Wirtshaus des Erasmus von Rotterdam, in welchem auch Sir Walter Scott auf der Reise zu Herzog Karl dem Kühnen von Burgund sein Einlager gehalten, mit der notwendigen Berichtigung jedoch, daß keine bessere Herberge des echten süddeutschen Mittelalters ein heimliches Femgericht mit Versenkung besessen hat. 7. Eine Katze stiehlt einen Schinken und entflieht mit ihm unter das Dach. Peter, Frenz und Nazi verfolgen sie. Kunstgrifflich-tendenziöse Beschreibung eines Bauernhauses, dessen Bauart so eingerichtet ist, daß der Rauch, ob nach neuerer Konstruktion mit oder nach älterer ohne Schornstein, alle oberen Räume durchziehen kann. Das konservative Prinzip in der Architektur. Peter geht ab, Nazi und Frenz fangen in der Vogelperspektive des Feudalhofes eine Liebschaft an. 8. Peter trinkt einen Rausch. Über die Weinerzeugung in den deutschen Bundesstaaten und über das Ungeld. Der Zollverein, seine Gegenwart und – nach Österreichs Beitritt – seine Zukunft. 9. Peters Unzufriedenheit mit dem Bestehenden führt zu einer Wirtshausprügelei. Er wird auf einige Zeit zur Haus- und Feldarbeit untüchtig. Über die Zustände der Landchirurgie. 10. Peter wird vom Amt eingesperrt. Über die Amtsgewalt und ihre Grenzen. 11. Häusliche Folgen dieser Einsperrung. Der Schulmeister bemüht sich, der Familie das fehlende Mitglied durch Vorträge über Landwirtschaft, nationalökonomische Raubsysteme und landwirtschaftliche Wandervereine zu ersetzen. 12. Von der Arbeit überhaupt. Feierabende. 13. Peter wird aus dem Gefängnis entlassen. Aufnahme zu Hause. Die Gegensätze steigern sich. Er verlangt eine Ausstattung, um nach Algier zu gehen. Abgelehnt. 14. Peter trinkt einen Rausch und fällt von der Leiter. Über das Turnwesen. Die Turnfeste und die deutschen Regierungen im Vor- und Nachmärz. Fortschritt Zur schwedischen Heilgymnastik. 15. Weinlese. Peter bekommt einen Weinwagen zu führen. Das Frachtfuhrwesen und die Eisenbahnen, oder Weile mit Eile und Eile mit Weile. Der südwestdeutschen Regierungen und des ozeanischen Telegraphenkabels Anschlüsse und Isolierungen. 16. Peter trinkt keinen Rausch, wirft aber seinen Weinwagen um. Der Alte schießt nach ihm, trifft ihn aber nicht. Peter verschwindet aus der Dorfgeschichte. 17. Die Liebschaft zwischen Nazi und Frenz nimmt ein Ende mit einer vorsichtigen Ohrfeige, von seiten des alten Feudalbauern, welche die Köpfe ganz läßt und nur die Herzen bricht. Über das Kiltgehen. Über Natur und Sitte. Über die Volkslieder. Über Liederkränze und Liederfeste. 18. Nazi heiratet zur Zufriedenheit des Alten eine Erbin. Idyllische Beschreibung der Hochzeit, wobei Frenz Brautjungfer ist. 19. Vorträge des Schulmeisters über Ehe und Liebe in den verschiedenen Perioden der Menschheit. Gemischte Ehe. Zivilehe. Staat und Kirche. Konkordat. 20. Winterabende. Vermutungen über die Richtung von Peters Verschwinden. Alle vereinigen sich dahin, daß der verlorene Sohn in Algier sei. Dazwischen häuslich-idyllische Szenen, Schinken und Räucherungsapparate im großen, welche teleologisch-technisch in Bewegung gesetzt werden, um die Aufmerksamkeit des Lesers wiederholt auf die Bauart des Hauses hinzulenken. 21. Der Schulmeister gibt unterhaltende Belehrungen über Abd-El-Kader in seinen Heimatjahren, in Frankreich und Brussa, über Bugeauds Militärkolonialsystem und über die seitherigen Freuden und Leiden der algerischen Kolonie bis zu den Reformplanen des Prinzen Napoleon v. B. Geschichte anderer neuerer Kolonien. Kolonisation oberschwäbischer Lehenshöfe durch schwarzwäldische Teilgemeinden. Kolonialwesen im Altertum und Mittelalter. Zugewandte Orte. Die Reichskolonie Stuttgart unter der Regierung der Reichsstadt Eßlingen, romantische Ulrichshöhle von Anno 1312, bei dem Geschichtschreiber Sattler in den Beilagen. Geschichte Möhringens auf den Fildern, von Konrektor Dr. Karl Pfaff, – eine Dorfgeschichte im wahren Sinn des Worts, nämlich historische Denkwürdigkeiten einer alten, vormals leibeigenen Dorfschaft, von einem anerkannten Geschichtsschreiber bearbeitet, und zwar auf den Wunsch der Gemeinde selbst, die Sinn für ihre Geschichte hat. 22. Der in die Weltgeschichte dahingeschwundene Peter lebt fort in der frenzlichen Seelenwelt. Der Nachtseite dieser Welt entsteigt ein Baum eigensten Gewächses, Grundes und Bodens, daran ein vergoldeter Apfel hängt. Frenz pflückt ihn und findet in seinem Innern unzählige andere hölzerne Äpfel, immer einen im anderen, im Innersten aber einen Brief, darin geschrieben steht, der Peter sei Kaiser von Marokko geworden. Ein Mondregenbogen spannt sich über ihre nächtliche Seelenlandschaft aus. In seiner Beleuchtung erblickt man zu Füßen des Baumes einen einsamen selbstbeschaulichen Grashalm mit zahllosen Seiten voll naturphilosophischer Gefühle und Betrachtungen, und nicht weit davon das Leben eines Ameisenfamilienvolks, ein Stillleben, welches durch das Vorüberschweben eines verklärten Hirschkäfers, weiland Hornschröters, nicht sowohl unterbrochen, als vielmehr nur sanft bewegt und leise gehoben wird. 23. Frenz erzählt ihren Traum. Der Schulmeister gibt belehrende Unterhaltungen über das Kaiserreich Marokko, von statistischtopographischem, maritimem und nasologischem Standpunkt, nicht ohne auf letzterem mit dem Behagen eines Aristoteles zu verweilen, der von seinem Alexander mindestens einen Zentner Schnupftabak erwartet. Der orientalische Krieg bricht aus Man verzeihe den kleinen poetischen Zeitfehler mit Rücksicht auf die anerkennenswerte Tendenz, den Strom der Belehrung ununterbrochen fließen zu lassen. und setzt die Familie, wie das übrige Europa, in morgen- und abendstündliche Konfusion, am meisten jedoch das christliche Herz der Frenz und die nordostmächtliche Nase des Schulmeisters, welche beide nicht mit Marokko brechen können. 24. Ein Doktor und ein Professor bewegen sich, auf einer Frühlingsreise begriffen, vom nächsten Bahnhof nach dem Schauplatz der Erzählung hin, in lebhaftem Gespräche über das Verhältnis zwischen Kartoffelkrankheit und Volksschriftenliteratur. Der alte Lehnsbauer muß ihnen einen Tisch und zween Stühle nebst den erforderlichen Erfrischungen in die schöne Natur stellen lassen. Fortsetzung des Gesprächs, vielfach durch Hammerschläge vom Dache, welches repariert wird, gestört. Ein rheinländischer Hausfreund gesellt sich zu ihnen, der die Unterredung von neuem belebt. Urkalender von 1811. Hof- und Staatskalender bis 1840. Volkskalender, durch Holzschnitte verstärkt, fortschreitend bis 1848. Familienkalender auf 1858, Volkskalender auf 1859, durch Illustrationen gemäßigt. Librationen dieses Kalenders. 25. Das Gespräch wird plötzlich durch einen Verwunderungsruf des Zimmermanns vom Dache, durch ein starkes Gepolter im Hause und ein gellendes Weibergeschrei aus der Küche abgeschnitten. Die beiden Freunde lassen den Hausfreund zurück und eilen hinein. Der Knoten löst sich. Der Zimmermann hat unter dem Dach in der mehrfach vorausmotivierten Finsternis einen Strick, woran ein schwerer Gegenstand, entdeckt und durchhauen, worauf der Gegenstand unversehens inmitten des Küchenpersonals am häuslichen Herd erschienen ist und sich als Peter aus der Fremde, der jedoch den ganzen Winter dem Rauche seines Heimwesens nahe war, zu erkennen gegeben hat. Streng historisch! Furchtbare Folgen dieser Katastrophe. Frenz will in Ohnmacht fallen, wirft sich aber wahnwitzig lachend in die Arme eines eben eintretenden Franziskanermönchs, der aus Schrecken hierüber zur Barfüßernonne wird. Der Alte will sich bekehren und begehrt nach einem Spinozistenkloster. Nazi »hintersinnet« sich gleichfalls, hält nicht nur seine Frau, sondern auch sich selbst für eine Kuh, und will dem Doktor Impfgift zur Heilung des Toten aufdringen. Doktor und Professor salvieren sich aus dem verrückt gewordenen Hause und nehmen den geräucherten Peter mit, geraten aber unterwegs in einen heftigen Tendenzstreit über die Frage, was mit der Mumie zu beginnen sei. Der Doktor will sie mit Gewalt sezieren, der Professor entreißt sie ihm. Rasende Verfolgung und Flucht. Der Professor entkommt, stürzt aber unaufhaltsam durch die Lande fort und fort, von Landschaftsbildern zu See- und Flußgemälden weiter, endlich durch Kaktusgehege, Kautschukbaumalleen, Bambusstauden, staubigen Palmenwald, blühenden Reps, frischgrünes Weizenfeld, das der schneeweiße Ibis bevölkert, durch Überschwemmungslachen zuletzt und tiefen Wüstensand, unter einem ewig wolkenlosen Himmel, an dem schon der Kanopus leuchtet, gerade auf die Pyramiden los, Vgl. Geschichte der Kunst in ihrem Entwicklungsgang durch alle Völker der alten Welt hindurch, auf dem Boden der Ortskunde nachgewiesen von Julius Braun , 1. Band, S. 1, 13, 14ff. lehnt oder knüpft vielmehr an die höchste von ihnen seine Reisegenossin, die Mumie an, studiert eine Weile die älteste, einfachste und vollständigste Dorfgeschichte, die ägyptische, bestehend aus photographisch treu gemalten Abbildungen nationaler Stoffe und Verrichtungen in Haus und Feld, klettert hierauf an der Pyramide empor, berundschaut sich die dunkle Geschichte der frühesten Kolonisation des Delta, läßt ein Blatt, worauf eine urkulturhistorische Novelle, niedersäuseln, und schwingt sich endschließlich von der Zeituhr, die ihm nur noch leise und unbestimmt nachschlägt, in die Urzeit auf. Geheimnisse der Entstehung von Stadt und Land, Land und Meer, Flut und Ebbe, Tag und Nacht, Tier und Pflanze, Baum und Blatt, Mein und Dein, Kind und Kegel. Blick ins All. Sechstes Buch. Aber, Menschenkind, was hast du da jetzt wieder angerichtet? Du, der selbstgefühlvollste, eifersüchtigste Sondergänger unseres mehr als dreißigspältigen literarischen Reiches, machst diesem für die Freiheit so wohltätigen Interregnum durch den gedankenlosesten aller Handstreiche ein Ende mit Schrecken, hebst noch obendrein einen anderen als dich selber auf den Schild und rufst ihn vor allem Volke zum ersten deutschen Klassiker unserer zweiten Periode aus! Denn sieh nur den Schluß des vorhergehenden Buches an, und du wirst dir keine Täuschung darüber machen können, daß du wieder einmal ein Sic von non vobis geliefert hast. Deinen Senf als Urgewächs nachzuweisen, das würde dir schöne Mühe kosten, und gesetzt auch, dies gelänge dir, so hast du ihn in eine Bannmühle getragen, deren Zwingen und Bannen er unwiderruflich verfallen ist. Und dann betrachte dir die Form, die du dieser deiner Feudalleistung gegeben hast. Weißt du denn nicht mehr von der Schule und vom Kloster her, welche Art Autores durch diese Einteilung und Numerierung bezeichnet und ausgezeichnet werden? Hast du die kleinen Kapitel des Herodot vergessen, die oft nur aus einem einzigen Satze bestehen, aber eben darum oft so verzweifelt groß für eine unvorbereitete Schülerseele sind? Hast du sie gänzlich abgeschüttelt, die Erinnerung an das Kapitelchen von der Gallwespe, durch dessen seltene Bemeisterung du den lieben Kommilitonen in collegio ungeheuere Heiterkeit und dem Herrn Professor noch ungeheure Indignation bereitet hast? Schau, Männlein, einen Autor mit solchen Kapiteln und solchen Kapitelzahlen nennt mau einen Klassiker. Ein solcher ist soeben aus deiner Mache hervorgegangen, und du hast das Nachsehen. Ja, wenn es nur mit dem Nachsehen getan wäre! Aber eine noch weit bitterere Strafe hast du über dich verhängt, nämlich das Nachtreten. Du kannst und darfst nicht zugeben, daß unsere gegenwärtige Periode nur einen einzigen Klassiker haben sollte; das bist du nicht bloß dir selbst schuldig, sondern noch weit mehr der Klassizität. Einen Schriftsteller, der nicht nach dieser ringt, sollte man ja mit einem Mühlstein um den Hals ins Wasser werfen, wo es am tiefsten, oder vielmehr, wo nur überhaupt Wasser zu finden ist. Überdies würde das Gleichgewicht Deutschlands darunter leiden, wenn jetzt nicht alles sattelte, was irgend beritten ist, um dem Vorgang, der nun einmal leider nicht mehr ungeschehen gemacht werden kann, zu folgen. Du darfst noch froh sein, daß du die Neuigkeit aus erster Hand hast und den übrigen um eines Pferdes Länge zuvorkommen kannst. Aber nicht wahr, etwas schmerzhaft ist es doch, bei dieser Gelegenheit der Worte Cäsars gedenken zu müssen, die man immer so besonders gut gefunden hat, er möchte lieber Dorfschulz als in Rom nicht der Erste sein? Und nun darf man fest im Sattel sitzen, wenn man in Stadt und Dorf auch nur der Zweite bleiben will. Doch – wunderbare Fügung, deren Finger jetzt eben sichtbar wird. Ist es nicht –? ja, wahrlich, es ist dieselbe Nummer, die man einst im großen Examen am Schlusse der theologischen Universitätslaufbahn davongetragen hat, II, b! Das geistliche Wahlreich, das aus dieser Schlußprüfung hervorgeht, zerfällt in drei Klassen mit je zwei Abteilungen, die in etwas den Ständen des weiland heiligen römischen Reiches entsprechen. Kl. I vergleicht sich dem Kurfürstenkollegium, und zwar, je nachdem's in I, a aussieht, mit keinem, einem oder mehreren Häuptern; II, a, umfaßt die Reichsfürsten, II, b die andern Reichsstände mit Inbegriff der Reichsstädte, III, a die Ehrbarkeit in Stadt und Land, III, b, mit einer Unterabteilung »unter dem Strich«, den gemeinen Mann, auch Herr Omnes u. dgl. geheißen. Es gibt am Ende doch so etwas wie eine Prädestination, einen Stempel, den man nicht los werden kann. Ich mag die Sache überdenken wie ich will, ich scheine recht zu haben. Und doch empört sich gegen diese zweite Violine mein ganzes musikalisches Gefühl. O ihr meine opera quae supersind omnia , Literarhistorischer Ausdruck für die auf dem Lager befindlichen Vorräte. ihr in so manchen schönen Träumen mich umschwebende, was sagt ihr dazu? Und du, stolzbescheidene Anzeige, Die Bücheranzeigen halten sich in der Regel an das Programm: »Die Herren reiten selbst«, wenigstens die Lebenden; und dies ist so gebräuchlich, daß man eine Selbstanzeige von einer verlegerischen meist ziemlich genau unterscheiden kann. die schon so lang in meinem Pulte ruht, die ein gedoppeltes nonum prematur schon überschritten hat, wirst du, ach wirst du je noch in diesem Jahrhundert an das Licht gelangen? Doch wenn das Schicksal gebietet, so hilft kein Sorgen und kein Grämen, noch selbstgemachte Pein; da gilt es, die Zähne übereinander zu beißen und die Zügel zu verhängen, wie Marcus Curtius tat, als er in den Abgrund sprengte. Also nach! 1. Im Weinberg der Erinnerungen eines kleinen Lesers, wie man etwa meine beiden vorigen Bücher betiteln könnte, ließe sich noch eine reiche Nachlese halten. Beinahe reut es mich, daß ich »Gumal und Lina« übergangen habe, ein Buch, dem ich die erste Bekanntschaft mit dem Worte »Wüterich« verdankte, welcher Wortlaut in mir eine sonderbare, höchst verworrene Vorstellung, etwa dem Begriffe eines höheren Gänserichs ähnlich, hinterließ. Der Kreuz- und Querzüge des Ritters von A bis Z, des Junkers Kyx von Kaxburg und verwandter Blau-, Rot- und Bohnenbärte des seligen Humors unserer Großväter will ich nur aus dem Grunde Erwähnung tun, weil mir beifällt, daß ich im gleichen Zug mit ihnen zufällig auch den Don Quixote, und zwar in der Übersetzung von Tieck, zu lesen bekommen habe, eine Tatsache, die kaum wohl meine damalige Urteilskraft und Unterscheidungsfähigkeit erprobt, dafür aber einen dankenswerten Maßstab mir geliefert hat, der mich begreifen lehrt, wie ein gutes tolerantes und neutrales Publikum Kraut und Rüben, Hasenschrot und Koriander als gleich vortrefflich durcheinander genießen und in einem Magen zusammen verdauen kann. Greife ich aus der Menge jener Schatten, die sich um mich drängen, endlich noch den Heinrich von Eichenfels heraus, so ist es weniger darum, daß ich durch ihn etwa zu einer besonders klaren Erkenntnis Gottes gekommen wäre, sondern weil ich aus ihm die seltsame Kunde schöpfte, daß man auf dem Hackbrett musizieren könne, wiewohl mir dieses Wissen wenig half und manche derbe Ausweisung aus der Küche zuzog, bis ich mit der Erfindungsgeschichte der Musikinstrumente vertrauter wurde. 2. Hiemit aber bin ich bereits in der Vorhalle eines Literaturschatzes angekommen, dessen ich nicht vergessen darf, weil er trotz seines dürftigen, verschlissenen und armutseligen Aussehens einen hohen Rang behauptet, und von dem ich um so ausdrücklicher handeln muß, weil ich mir ein nicht gemeines Verdienst um ihn erworben zu haben glaube. Die Literatur, die ich meine, gehörte gewissermaßen in die Familie, denn sie erschien, allezeit »gedruckt in diesem Jahr«, bei einem Vatersvetter, der einen Buchhandel für das Volk mit den beliebtesten geistlichen und weltlichen Schriften betrieb. Seine Offizin arbeitete auf einem etwas bescheideneren Fuße, oder, fachmäßig gesprochen, auf einem etwas kleineren Kegel als die Universitätsbuchdruckerei, daher ich auch erst später ihre Bekanntschaft machte, die aber dafür eine um so innigere wurde. Ich darf daher mit einem selbstbewußten Rückblick auf meinen Stammbaum sagen, daß ich sowohl von der Schwert- als Kunkelseite her mit Johann Gensfleisch zum Guttenberg verwandt und gewissermaßen für seinen Kultus geboren bin. Die kleine reichsstädtische Presse, von der ich rede, hatte mit dem Nachdruck nichts gemein, oder vielmehr, der Nachdruck, den sie sich gestattete, war ohne Furcht und Tadel. Neben wenigen Originalartikeln reproduzierte sie lauter Schriften, deren Verfasser seit Jahrzehnten und Jahrhunderten kein geistiges Eigentumsrecht mehr in Anspruch nahmen, Schriften jedoch, die von dem anhänglichen Landvolke und von den spekulativen Hausierern an Markttagen fleißig gekauft wurden. Da war vor allen Arndts wahres Christentum und Paradiesgärtlein nebst Brastbergers Predigtbuch, dessen Titelbild die Inschrift trug: Brastbergers Augenlicht strahlt hell aus diesem Schatten, Wo Ernst und Liebe sich in edler Großmut gatten. Dieses geistliche Magazin hatte jedoch auch weltliche Nachbarkammern. Ich erinnere mich einer alten Länderbeschreibung, worin unter anderen Bildern ein Tartarkhan sehr grausam in Holz geschnitten war, mit einer Unterschrift, die das Gegenstück zu der vorigen bildete: Dies ist der Oberste der ungemenschten Tartern, Die Christen bringen um, erwürgen, quälen, martern. Ferner schwebt mir noch ein Roman aus dem vorigen Jahrhundert vor Augen, von einem Landsmann handelnd, mit Namen Hektor, der bei dem großen Brande unserer Stadt als Kind verloren ging, noch um sehr viel weiter als bis an den Bodensee geriet, und allerlei »wunderliche Fata« zu Land und Meer erlebte, bis er schiffbrüchig in ein fernes Land kam, eine Art Insel Felsenburg, wo er die Witwe des Königs heiratete und das Geschäft fortsetzte. Es schmeichelte mir doch ein wenig, einen König in meiner Sippschaft zu haben, was kaum zu bezweifeln schien, da dieselbe die ganze Stadt in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft umfaßte; allein das Ausbleiben der Apanage enttäuschte mich zuletzt. Freilich wären es der königlichen Vettern und Basen an die zehntausend gewesen. 3. Der Hauptschatz aber, auf den ich jetzt eigentlich zu reden kommen will, bestand in den geliebten Volksbüchern. »Eine wunderschöne Historie von dem gehörnten Siegfried, was wunderlicher Abenteuer dieser teure Ritter ausgestanden, sehr denkwürdig und mit Lust zu lesen«; »Kaiser Octavianus, das ist: eine schöne anmutige Historie« etc.; »Historische Wunderbeschreibung von der sogenannten schönen Melusina« etc. etc. – wem geht bei diesen Erinnerungen das Herz nicht auf? Der Rationalismus meines Vaters lag beständig mit den armen alten Historien in Fehde. Er verbot sie mir zwar nicht, da er sie nicht für schädlich hielt wie die Romane, aber er verspottete mich unbarmherzig wegen meiner Neigung zu dem »erlogenen absurden Zeug«. Ich glaubte ihm jedes Wort, und doch, so oft ich mich frei machen konnte, schlich ich nach einem verborgenen Plätzchen und erbaute mich in tiefster Andacht an dem »dummen Zeug«. Der Fortunat war mein Lieblingsbuch; wie oft bin ich mit seinem Wünschhütlein in Gedanken durch die Lüfte gefahren und dem langsamen Erforscher der Behringsstraße, den ich gerade unter den Händen haben mochte, in die immer noch unentdeckte Atlantis vorausgeeilt! Nach dem Fortunat kamen die Haimonskinder, denen ich in ihrem Kampfe gegen Kaiser Karolus von Herzen beistand. Destomehr war ich mit dem Ausgang unzufrieden, bittere Tränen kostete mich die Versenkung des treuen Rosses Bayard, ich konnte dem Reinald diese seine Undankbarkeit nicht verzeihen, selbst sein Einsiedlerleben stimmte mich nicht versöhnlich, und noch als Heiliger war er mir verhaßt. Ich hätte anders mit dem Kaiser gesprochen! meinte ich. Am meisten aber gefielen mir die lustigen Streiche des Zauberers Malegys, die eine gewisse Verwandtschaft mit cartouchemäßigen Gaunerstücklein haben, wodurch die Erzählung einen modernen Zug erhält, den auch der Fortunat mit seinen Reiseabenteuern und seiner Geldwirtschaft hat. 4. In der Reihe dieser Volksbücher fehlte damals der größte aller Zauberer – ich nenne ihn so, weil er zur Entstehung des größten unserer Dichterwerke den Anstoß gegeben hat – der Faust; und diese Lücke gab mir Anlaß zu dem erwähnten Verdienst, das ich im Verfolge ruhmredig genug herausstreichen werde. Die erste Gestalt, in der ich Faustum kennen lernte, war das einst vielverbreitete Drama von Klingemann. Eine wandernde Schauspielertruppe, die modernste Erscheinung in unseren puritanischen Mauern, hatte ihren Sitz bei uns aufgeschlagen, und ich wurde, ich weiß nicht mehr durch welche Vergünstigung, ihr täglicher Theatergast. Die Teufelsmühle am Wienerberge, das Donauweibchen und dergleichen Zauberpossen waren ihre beliebtesten Vorstellungen, aber auch der tragische Kothurn, meist nach Kotzebueschem Leisten, polterte über die Bretter der kleinen Bühne im Gasthause zur Post. Der Schutzgeist wankte in silbernen Flittern umher, die Kreuzfahrer rumorten in ihren papiernen Blechharnischen, und Armut und Edelsinn preßten die Tränendrüsen bis auf den letzten Tropfen aus. Einen besonderen Sturm erregten die Hussiten vor Naumburg unter der Schuljugend, deren eine Hälfte, zum Mitspielen abgerichtet, auf der Bühne »Genade! Genade!« schrie und von der anderen, den Gründlingen im Parterre, mit wieherndem Gelächter empfangen wurde. Die Verhöhnungen und Stichelreden führten nachher noch zu mancher Balgerei, bis endlich die sieben Mädchen in Uniform mit dem Jubel, den sie hervorriefen, das Andenken der gnadeflehenden Naumburger Bethlehemiten verwischten. 5. Nun verkündigte ein ungewöhnlich pompöser Zettel das Trauerspiel Faust. Noch heute meine ich ein Klingen von dem tragischen Gebrüll zu verspüren, womit das Bullenkalb, das seine Frau Käthe, seinen Vater Diether, und ich weiß nicht mehr wen sonst noch ermordet, die Kulissen stürmte. Aber mehr als die Reden, die ich kaum verstand, nahmen mich die Dekorationen in Anspruch, ja sie zogen mich so unwiderstehlich an, daß ich, nachdem der Vorhang zum letztenmal gefallen war und ein hoher Adel (wir hatten damals noch einen Kreisregierungspräsidenten) samt verehrungswürdigem Publikum sich entfernt hatte, mich mit einem meiner Schulgenossen auf die Bühne schlich. Die Schlußdekoration war stehen geblieben, und wir befanden uns somit in der Hölle, wo wir's uns häuslich behagen ließen. Den meisten Spaß machten uns zwei sehr muntere Teufelchen mit roten Zungen und funkelnden Glasaugen; sie hingen an Schnüren einander gegenüber, und wir wurden nicht müde, sie tanzen zu lassen. Über diesem Spiel hatten wir uns ganz vergessen, bis zufällig jemand von den Schauspielern dazukam, uns im Licht einer noch glimmenden Lampe entdeckte und uns – sonderbarerweise in Ansehung des Ortes, wo wir waren – zum Teufel gehen hieß. Es war mehr als eine Stunde seit der Beendigung des Schauspiels vergangen, und unsere Eltern schwebten in keiner kleinen Angst; denn das Posthaus lag jenseits des Flüßchens, und obgleich eine breite steinerne Brücke hinüber führte, so glaubte man uns, die wir nirgends zu finden gewesen waren, auch wieder einmal zur Abwechslung ins Wasser gefallen. Die Strafe, die auf mein Vergehen folgte, war eindrücklicher und nachhaltiger als das Reisegeld des alten Buchdruckerherrn; denn sie bestand in der Entziehung der Theaterfreiheit, die ich genossen hatte. Den ganzen Winter über mußte ich von den Herrlichkeiten erzählen hören, ohne teil daran zu haben, und so hatte ich, wie Gretchen, Zeit genug, an den Faust zu denken. 6. Dieser ersten schicksalsreichen Bekanntschaft mit dem Zauberer folgte später eine zweite von heiterer Art, nämlich nichts geringeres als ein Besuch bei ihm selbst, zu dessen Schilderung wir jedoch auf einige Zeit seinen Zaubermantel entlehnen müssen, um unsere Reichsstadt zu verlassen und nach der altpfälzischen Grenze hinabzuschweben. Jugenderinnerungen. 1. Hätte ich den Wink des Genius verstanden, so möchte es vielleicht gut gewesen sein, denn er erschien mir als Gespenst am hellen Tage, und obendrein in der Kirche. Eines Sonntags in der letzten Zeit meiner Schuljahre wohnte ich dem Vormittagsgottesdienste bei, zu welchem wir Schüler regelmäßig erscheinen mußten, um Thema und Disposition der Predigt, womöglich auch einen Auszug aus derselben, nachzuschreiben. Wir hatten dieser Aufgabe eine Zeitlang in der für die Katholiken eingerichteten Kapelle obgelegen, weil dort viel kürzer und kurzweiliger gepredigt wurde, waren aber, nach einer Konnivenz von etlichen Wochen, wieder zur Kirche unserer Konfession herbeigezogen worden. Der Prediger, der an diesem Sonntag auf die in dem großen Kirchenschiffe freistehende Kanzel trat, war keine der an dieser Stätte gewohnten Erscheinungen: eine jugendliche lange Gestalt mit totenbleichem Gesicht, glühenden Augen und wilden Locken. Er begann. Wir Knaben saßen mit aufgehobenem Bleistift da, um bei den bekannten hergebrachten Wendungen das Nötige für unsern Hausbedarf festzuhalten. Aber verlegen und immer verlegener sahen wir einander an; es kam kein Signalzeichen, und wir fuhren, vor uns und hinter uns Unendlichkeit, mit der Stange im Nebel herum, ohne etwas auf das Papier zu bringen. Die Sprache war deutsch, soviel verstanden wir, aber sonst faßten wir nichts davon. Als wir unglückliche Berichterstatter am Montag in die Schule kamen und unsere Aufzeichnungen sehen lassen sollten, hatte keiner einen Buchstaben aufzuweisen. Der Lehrer aber ließ die Sache mit einem stummen vielsagenden Nicken und ohne den gefürchteten Verweis bewenden. Die biderben Bürger waren wütend über den jungen Prediger, und schwuren ihn von der Kanzel herabzureißen, wenn er noch einmal ihre Marienkirche zu verheidnigen wage. Er hatte, wie man sich heimlich in die Ohren sagte, Philosophie gepredigt. Dieser Jüngling, der meines Wissens nur das eine Mal, und zwar diesfalls invita Maria wie invita Minerva , persönlich an mir vorübergegangen ist, war Wilhelm Waiblinger, dessen Vater, ein Regierungsbeamter, in unserer Stadt ansässig war. Sein Schicksal führte ihn bald darauf nach Italien, von wo er nicht wieder in das Vaterland zurückkehren sollte. Ungewarnt durch dieses Gesicht, eilte ich kurze Zeit hernach gleichfalls der Prophetenschule zu, um in verschiedenen mehr oder weniger heidnischen Fächern den Grund zum künftigen geistlichen »leider auch« zu legen. Die Pflanzstätte, in die ich mit meinen Altersgenossen »eingeliefert« wurde, war das berühmte Kloster im Kraichgau, das aus dem mißverstandenen Mühlbrunnen, an dem es gegründet ist, den durch die nachträgliche Sage aufgeschmückten Mauleselnamen geschöpft hat. Es bot uns bei unserem Eintritte nicht wenige Gegenstände der Ehrfurcht und des Staunens dar. Die Kirche, deren Bauart damals noch byzantinisch hieß, war zwar gewöhnlich geschlossen, stand uns aber dessenungeachtet offen, da der Meßner, zugleich unser Hausschneider, uns mit seinem großen Schlüsselbunde allezeit hold und gewärtig war. Mit frommer Scheu betrachteten wir im Chor die steifen, von den Franzosen entnasten Steinbilder des Ritters, der das Kloster gestiftet, und des Bischofs, der es geweiht und begabt. Noch mehr als das Schnitzwerk der Stühle bewunderten wir die tiefen Kniespuren, welche die Andacht der alten Mönche in Holz und Stein hinterlassen hat. Die Grabsteine mit ihren Inschriften gaben Beschäftigung für Monate. Eine in der Seitenhalle des Schiffs am Boden liegende Steinplatte erzählte uns, wie man im zwölften Säkulo Wort und Eid vorteilhaft zu halten wußte, indem die Mönche, von den bösen Nachbarn beim Bau des Klosters betroffen und zum Schwur der Nichtvollendung gezwungen, den letzten Stein uneingemauert ließen und den verblüfften Räubern diesen Stein liegen zu lassen versprachen bis auf den jüngsten Tag. Zwei einander gegenüberstehende Kontroverskanzeln erinnerten an die Wandelbarkeit nicht bloß weltlicher, sondern auch geistlicher Dinge, an die Bewegungen der Reformation, die Religionsgespräche, die von den benachbarten Fürsten und ihren Theologen in Maulbronn gehalten wurden, und an die wiederholte Austreibung der hartnäckigen alten Konventualen. Noch flüsterte die Sage von den ungeheuren Schätzen, die sie bei ihrer Flucht vergraben haben sollten, und von geheimen, aber vergeblichen Anstrengungen sowohl der besitzenden als der vertriebenen Partei, dieser Schätze habhaft zu werden. Auch wir stöberten fleißig nach Schätzen, aber nicht nach solchen, welche die Goldgier reizten. So oft wir's möglich machen konnten, trieben wir uns in dem Kreuzgang umher, aus dem man in das von Kirche und Kloster umgebene schattige Gärtchen blickt. Da schwelgten wir in der Schönheit der alten Bauformen, und hatten unsere besondere Lust an dem prächtigen Bacchus, der an einer der Säulen als tonsurierter Mönch, aber nicht im Mönchsgewande, sondern in der ungenähten Bacchustracht, auf einer Traube reitend und Trauben schmausend ausgehauen ist. An den Kreuzgang stieß das Refektorium mit seinen Gemälden und seinem Wald von schlanken Säulen, alles mit schnödem Gerumpel erfüllt. Ein glücklicher Zufall fügte es, daß bei einer Plattenlegung im Kreuzgang eine steinerne Mulde, vermutlich der Sarg eines alten Abtes, ausgegraben und aufrecht an das hohe Fenster des Refektoriums angelehnt wurde, so daß wir eine Art Freitreppe, aus einer Riefenstaffel bestehend, zum Einsteigen in die versperrte Halle hatten. Wir lernten sie bald auch in der entgegengesetzten Richtung benützen, um nächtliche Befreiungsflüge aus unserer Klausur zu machen. Es konnte uns nämlich nicht lang entgehen, daß vom großen Hörsaal eine steinerne Wendeltreppe in die herrliche Rumpelkammer hinabführte, aus welcher wir sodann mit Hilfe des Sarges ziemlich geräuschlos in den Kreuzgang gelangten, der mit dem einen Ende frei nach dem großen Platze mündete. Eine schadhafte Stelle in der Ringmauer hatte sich unserem Forschungseifer längst bei Tage dargeboten, und so glückte es uns, im Zwinger die Wasserleitung zu ersteigen, die vom See nach der Mühle ging. Hier ließen wir, »von allem Wissensqualm entladen«, das Kloster tief unter uns, um »auf Bergeshöhn mit Geistern zu schweben«, im Mondlicht durch die wundervollen Buchenwälder zu gehen, oder an den stillen Seen zu lagern, auf deren Spiegel die Gestirne ruhten. Dieweil aber »zwei Seelen, ach!« in der Brust des sündigen Menschen wohnen, so wußte die zweite den nächtlichen Zauberflug der ersten nach ein paar Jahren paradiesischen Hausens an Wald und See immer mehr abzukürzen und nach einem Orte zu lenken, wo sie, die Doppelseele, »in derber Liebeslust«, »mit klammernden Organen«, einen schlanken Hals umspannen und entkorken konnte. Warum aber hatte auch Bischof Günther unsern heiligen Vorgängern die Villa Elfingen, Hof und Berg, vergabt, warum hatte Kaiser Rotbart lobesan dem Kloster dieses Reichslehen überlassen, auf welchem die Perle aller Schwabenweine, der milde und doch so geistreiche Elfinger, wächst! Doch nicht allein in die Weite und Breite, auch in die steile Höhe sind unsere Entdeckungsfahrten gegangen. Nachdem wir alles Erforschbare im Kloster durchforscht – nicht zu vergessen der Schätze hinter der schweren eisernen Türe der Klosterbibliothek, besonders der Chronik Turpins, und des sechsten Buches Mosis, das wir aber bloß von weitem an der Kette zu sehen bekamen – verstiegen wir uns in jene luftigen Regionen, wo man sonst nur melancholische Kater wandeln sieht. Wir lernten nämlich einen Teil des Vierecks, das die Kirchen- und Klostergebäude bildeten, zu Dache begehen. Schon hielten wir uns für die ersten Entdecker einer neuen Welt, als eine sehr unerwartete Entdeckung, nämlich ein in dieser Höhe wohlverwahrter und mit einer Widmung an die Nachwelt begleiteter Bücherschatz, uns erzählte, daß andere vor uns an dieser Stelle gewesen seien. Uns war wie Reisenden zu Mute, die an einem fernen Strande, oder auf einer unzugänglich geglaubten Gebirgsspitze Spuren menschlicher Geschichte finden. Auch feierten wir das glorwürdige Ereignis nach Gebühr. Wir brachten die Stiftung, nachdem wir treulich von ihr Gebrauch gemacht hatten, mit anderen Büchern vermehrt und mit einer neuen Widmungsurkunde für die folgenden Generationen versehen an den alten Ort zurück, und begingen diese Handlung mit einem auserlesenen Stiftungsfeste. Die Kirche hat eine schöne Vorhalle mit sechs Portalen, Paradies genannt; auf dieser ruht, unter dem Frontispiz der Kirche, ein ziemlich flaches Dach. Hierher kamen wir vom Kloster herüber mit Geigen und Flöten gestiegen; ein anderer Teil stellte sich mit seinen Instrumenten unten auf dem vor dem Paradies gelegenen Turnplatze bei den breiten Linden auf, und so veranstalteten wir, in Wechselchören einander erwidernd, ein gewiß nicht oft dagewesenes Konzert. Aber noch ein ganz anderer Fund sollte unsere Dachstudien krönen. Oberhalb des Fensters, das unsern Operationen als Ausgangspunkt diente, erhoben sich die Dächer der Klostergebäude amphitheatralisch übereinander zu einem Labyrinth, das notwendig den Unternehmungsgeist reizen mußte. Kletternd und rutschend, einer vom anderen geschoben oder gezogen, strebten wir durch eine aufrechte Dachrinne zu unbekannten Höhen empor, und gingen dann in einer anderen wagrechten, zwischen einem hohen Dach und der Wand eines anstoßenden Gebäudes eingemauerten Rinne hintereinander hin. Da fesselte eine Öffnung in der Wand unsere Aufmerksamkeit. Wir wußten nicht, war es ein Fenster oder eine kleine Türe. Einer um den anderen sah hinein, aber unsere Blicke sanken haltlos in ägyptische Finsternis. Ebenso merkte der prüfende Fuß alsbald, daß es nicht sowohl hineinging, als vielmehr hinab. »Hinab also!« rief das Haupt der Schar, dem wir auf unserer Polarfahrt Gehorsam geschworen hatten. Aber »wer wagt es, Rittersmann oder Knapp?« Das Gemäuer da konnte hohl sein bis auf die Grundmauern, und dann mochte der Sprung übel bekommen. Unser Anführer jedoch war nicht der Mann, sich von Bedenklichkeiten aufhalten zu lassen. Er verdiente seine Wahl. Hatte er doch erst gestern auf der höchsten der Linden, die den Turnplatz beschatten, sein Meisterstück gemacht: er hatte sie bis in den Wipfel erklettert; so schlank und leicht er war, so brach dennoch der dünne Wipfel mit ihm, aber in der Hälfte des Falls ergriff er gleichmütig einen Zweig, an dem er soeben vorüberschlug, hielt sich fest und kletterte noch einmal hinauf. Seine redlichen Gemütseigenschaften abgerechnet, konnte man ihn durchaus mit einer Katze vergleichen. »Hinab!« rief er und war in der Nacht verschwunden; doch hörten wir zu gleicher Zeit, daß der Sprung nicht allzu tief gegangen war. »Höchstens sechs Schuh hoch!« rief er lachend herauf, und wie die Heruler oder die sieben Schwaben ins blühende Leinfeld, hüpften wir einer um den anderen nach. Wer ungeschickt aufsprang, der fiel – Verfasser dieses kann es bezeugen – auf weichen Schutt. Unsere schwarzen Kleider, die seit nicht allzulanger Zeit an die Stelle der protestantischen Klosterkutten getreten waren, mögen bei diesen archäologischen Bemühungen wohl auch zu Altertümern geworden sein. Durch eine schmale Luke fiel ein Streifen vom Tageslicht auf eine Stelle an der Wand, und in dem Lichtschimmer erschien – ein dunkelroter Flecken. »Salve, Fauste!« ertönte es im Chor, und ein dumpfer Widerhall antwortete von den Wänden. Wir wußten nämlich wo wir waren. Daß wir uns in unserem Kloster auf klassischem Boden der Faustsage befanden, hatte uns die dort fortlebende Überlieferung längst gesagt. Nur eine Stunde von hier geboren, wenn die Angabe richtig ist, wurde Faust (der aber halbwegs Sabel geheißen zu haben scheint, wovon an seinem Ort das Weitere) vom Abt Entenfuß, einem Jugendfreunde, aus seinem fahrenden Scholastenleben erlöst und in das Kloster aufgenommen, wo er ein Gemach zu seinem Laboratorium angewiesen erhielt. Der Gastfreundschaft soll jedoch einiger Eigennutz beigemischt gewesen sein, sofern der von einem starken Baugeist besessene und deshalb in steter Geldklemme schwebende Prälat auf die Goldküche seines Gastes gerechnet habe. Jedenfalls vergalt ihm der Doktor Drudenfuß sein Vertrauen mit großem Gestank, denn er beging die Unanständigkeit, sich mitten im Kloster vom Teufel holen zu lassen, worauf sein hoch würdiger Freund sich auch nicht länger halten konnte, sondern »wegen üblen Hausens« den Krummstab niederlegen mußte. Dieses Teufelholen scheint beiläufig, in Betracht der Örtlichkeit, nicht so einfach gewesen zu sein, wie man vielleicht im täglichen Handel und Wandel meint: denn abgesehen von den anatomischen Weitläufigkeiten, die es der Sage nach den Teufel kostete, bis er dem Doktor seine arme Seele ausgerupft hatte, wie muß er sich nur abgearbeitet haben, ihn durch die enge Fensterluke hindurchzubringen, um ihn, was doch vermutlich im Kloster nicht erlaubt war, in den Lüften herumzuwirbeln und zu zerreißen. Die Gelehrten des sechzehnten Jahrhunderts müssen sehr mager gewesen sein: ein Marder von nur einigermaßen günstiger Lebensstellung fände wohl den Ausgang zu schmal. Auch muß ihn der Kopf gehindert haben, da er sich, sowohl nach der Sage als nach dem Augenschein, bemüßigt fand, denselben vorher an der Wand zu zerschmettern. Von dieser Maßregel nämlich rührt der dunkle Flecken her, welcher, ebenfalls der Überlieferung zufolge, sich unvertilgbar bis auf den heutigen Tag erhalten hat. Das Wahrzeichen schlug jeden Zweifel nieder: wir standen in Doktor Fausti Gemach! Die Dämmerung, in welche sich die Nacht allmählich für unsere Augen verwandelt hatte, ließ uns in der öden, nicht sehr geräumigen Zelle nur nackte verfallene Wände und über uns ein flaches Gewölbe erkennen. Was die Augen nicht unterscheiden konnten, das fühlten wir um so deutlicher unter den Füßen, nämlich einen unebenen, reichlich mit Schutt bedeckten Boden. Dennoch war gerade dieser dunkelste Teil des Orts bestimmt, uns zu neuen Entdeckungen zu leiten. Mit Schrecken bemerkte einer in der Mitte des Gemachs ein viereckig ausgemauertes Loch, in das er beinahe hineingetreten wäre. Er kniete nieder und streckte den Kopf hinab, ob in dem Abgrund etwas zu erspähen sei. Auch dort, tief unter uns, hatten ein paar verlorene Strahlen vom Tageslicht irgend woher Zutritt gefunden, und schienen unschlüssig in der Finsternis umherzuhuschen. Eine Weile hatte unser Forscher seiner Untersuchung obgelegen, da sprang er plötzlich auf, holte tief Atem und beobachtete ein rätselhaftes Stillschweigen. Neugierig kauerte ein anderer nieder, stieß aber bald einen Schrei aus und fuhr mit Entsetzen auf. »Totenköpfe!« rief er: »ein ganzer Haufen gebleichter Totenköpfe liegt da unten!« Einer um den anderen drängte sich jetzt herzu und jeder sah die Totenköpfe. Das war nun freilich eine schauerliche Entdeckung, aber eben darum nicht ohne Reiz. Wir mußten uns um jeden Preis Gewißheit verschaffen, und selbst der Gedanke, die Schätze der alten Mönche in dem Verließ zu finden, hätte uns schwerlich mehr beschäftigen können, als die Anwesenheit der Totenköpfe. Der Behendeste von uns kroch den Rückweg an, um eine Laterne und eine lange Schnur zu holen, während die anderen ahnungsvoll zur Stelle blieben. Als er zurück war, wurde mit zitternder Ungeduld Licht gemacht und die Laterne in den geheimnisvollen Schlund hinabgelassen. Anfangs beleuchtete sie einen Mantel von schönen Quadern, dann schwebte sie in der unendlichen Nacht, unkenntliche Mitteldinge zwischen Sein und Nichts tauchten in ihrem flackernden Schimmer auf, endlich erreichte sie den Grund und blieb unbefangen auf dem Hügel stehen, den wir für einen Haufen Totenköpfe gehalten hatten, und der sich jetzt, durch das Licht der Wahrheit auf natürliche Gestalt und richtiges Maß des Daseins zurückgeführt, in ein Lager von frischen, kerngesunden Krauthäuptern verwandelte. Ein das Gewölbe erschütterndes Gelächter brach los, das eine ohnehin schon schmerzlich gestörte Kolonie von Fledermäusen vollends zur Verzweiflung brachte. Bald aber kam die Reihe der Bestürzung an uns selbst, denn auf einmal wurden in dem Verließe unter uns Stimmen laut, und wir glaubten sogar einen herzhaften Fluch zu vernehmen. Eilig zogen wir die Laterne herauf, die uns nun einen zuvor nicht geahnten Ausweg zeigte, nämlich eine steinerne Wendelstiege, dergleichen in alten Gebäuden so manche zu finden sind. Mit freudigem Gepolter salvierten wir uns hinab, aber die Freude endete samt dem Rettungsweg an einer vermauerten Türe. So leise als möglich, denn die Stimmen schienen immer näher zu kommen, schlichen wir in das verwünschte Mauerloch zurück, wo wir uns zur geordneten Flucht entschließen mußten, die trotz alles Herzklopfens nur langsam zu bewerkstelligen war. Vor der mannshohen Öffnung, durch die wir hereingesprungen waren, mußte sich der längste aufstellen; an diesem kletterte der Turnmeister hinaus, und nun konnte den anderen von außen und von innen Hilfe geleistet werden, bis auf den letzten, der mit vereinten Kräften heraufgezogen werden mußte. Alles lief glücklich ab, wir hörten nichts mehr, verfolgten unseren Katzenweg nach dem Dorment zurück und verhielten uns mäuschenstill. Den anderen Tag war am Tore, dem einzigen, das in die damals noch ungebrochenen Klostermauern führte, ein Plakat angeschlagen, besagend, daß gestern durch eine Rotte Banditen ein ausgezeichnet frecher Einbruch im Keller des Oberrichters versucht worden sei; bei Annäherung der Hausgenossen seien die Diebe auf unbegreifliche Weise verschwunden, und da man sonach vermuten müsse, daß der Keller einen geheimen Zugang habe, so werde hiemit ein Preis von X Gulden auf die Entdeckung gesetzt. Die Totenköpfe drohten uns unsere eigenen zu kosten. In unseren Ringmauern hatten nämlich außer den Klosterangehörigen auch die Gerichts-, Verwaltungs- und Rechnungsbehörden des Amtes ihren Sitz, und einige der Klostergebäude waren ihnen eingeräumt. Unser Justizmann aber war ein strenger dicker Potentat aus der alten inquisitorischen Schule, an dem es gewiß nicht lag, wenn die Tortur nicht wieder hergestellt wurde. Er war so dick, daß, wenn er sich ins Fenster legte, ihm das Umdrehen beschwerlich fiel. Wurde also in einem solchen Augenblicke ein Delinquent vor ihn oder vielmehr hinter ihn gebracht, so sprach er seine Rolle mit dem Rücken gegen das Gericht zum Fenster heraus, und da dieses auf den Platz ging, so konnte man hier der Untersuchung anwohnen und aus der hörbaren Hälfte des Protokolls den ganzen Gang der Verhandlung erraten. Er war somit gegen seinen Willen ein Vorbote der Öffentlichkeit und Mündlichkeit. »In den Hosenträger mit dem Kerl!« das war gleichsam sein Feldgeschrei. »Ach was!« hörten wir ihn manchmal sagen, vermutlich auf eine Entschuldigung, die besonders den Delinquentinnen geläufig ist: »Dummheit ist die größte Sünde!« Mit der Romantik wäre ihm wohl noch weniger beizukommen gewesen. Ein Charakter von so gedrungenem Korn ließ nicht mit sich scherzen. Ohnehin konnte ein scharfsinniger Kommentator wittern, die »Banditenrotte« sei bereits auf die Studenten gemünzt. Wir machten uns zum Tor hinaus und eilten in den Wald, wo wir uns eine gar zierliche Hütte erbaut hatten, in der wir die karge Stunde der sogenannten Rekreation zubrachten. Dort lachten wir ins Fäustchen, und als das Kampusglöcklein uns mit seinen weitgellenden Tönen ins Kloster zurückrief, schritten wir ehrbarlich wieder durch das Tor, und wagten dem Proskriptionsdekret nur flüchtig im Vorübergehen zuzublinzeln. Einige Zeit hernach fiel der Besitzer der Totenköpfe in eine Krankheit und starb. Wir sangen ihm vierstimmig am Grabe und erhielten diese Ehrenbezeugung durch eine große Amphora seines edlen Weins erwidert, dessen Geister unsere unschuldige Laterne in ihrer Ruhe gestört hatte. Jetzt fanden wir auch den Mut wieder, unsere Dachreisen zu erneuern und das Faustianum, wie wir das Gelaß benannt hatten, aufmerksam zu besuchen. Die vermauerte Türe ließ uns durch ein Loch in einen Holzstall blicken, in welchem wir sofort einen Teil des Rebentals erkannten, zur Bestätigung, daß wir unsere Entdeckung richtig getauft hatten; denn die Sage beharrt darauf, daß das Laboratorium des Höllendoktors an den Speisesaal der Mönche gestoßen habe. Vielleicht ist ihnen aus seiner magischen Küche eins und das andere jener Gerichte zugeflossen, die zu seiner Zeit oft so sonderbar von fürstlichen Tafeln verschwunden sein sollen. Das Wahrzeichen, das wir nun mit der Laterne näher zu beleuchten wagten, war ein großer, dunkler, braunroter, rostiger Flecken, der einen Teil der Wand bedeckte. Wir beschäftigten uns lang damit, seine Entstehung zu erklären, und wurden endlich eins, daß er entweder vom Doktor Faustus herrühre oder nicht. Im letzteren Falle, beschlossen wir, sei der Gegenstand nicht weiter zu verfolgen; im ersteren erkannten wir das Wandgemälde für eine der interessantesten Visitenkarten im Geschmack des sechzehnten Jahrhunderts, besagend nämlich: »u. A. z. n.« Daß dem Kloster, dem ein solches Zerebrum hinterlassen worden, unter allen unseren Prophetenschulen der erste Rang gebühre, stand für uns fest. Den Keller ließen wir fortan unbehelligt, doch wandelten wir nicht allzu knapp die Pfade des Gesetzes; denn wenn mich meine Erinnerung nicht gänzlich trügt, so hat die Zelle des Magus manchen verbotenen Duft geatmet, nach der Weise: »Knaster den gelben hat uns Apollo präpariert.« Unsere Wiederentdeckung der Faustküche aber ist seit dem großen Spuk von 1659, wo der Teufel leibhaftig im Kloster umging, »vornen niederträchtig wie ein Katz, hinten aber hoch und dick wie ein zottiger Hund«, das größte dämonologische Ereignis daselbst gewesen. Wir wagten nach und nach unser Geheimnis weiter zu verbreiten, und die Kunde davon drang zuletzt selbst in die Kreise der ehrwürdigen Sagenforschung ein, die sodann in rechtsgültiger Form seitdem das gute Kloster in sein halbvergessenes Anrecht auf den Lieblingshelden der deutschen Zaubersage wieder eingesetzt hat. Und im Hinblick auf dieses löbliche Vollbringen, wovon ich ein kleiner Teil gewesen bin, will ich mich's doch lieber nicht gereuen lassen, in die Prophetenschule gegangen zu sein. 2. So war man denn zu einer unserer hervorragendsten Größen in eine Beziehung getreten, deren Bewußtsein immerhin sich mit dem Beziehungsbewußtsein jenes Schulmeisters messen durfte, welcher in das Schillersbuch zu Marbach schrieb: »Herrn Vater hab' ich auch gekannt.« Allein das Verhältnis zu dem großen Nekromanten sollte noch ein engeres werden; doch leitete sich dies auf einem ziemlichen Umwege ein. Ein junger Vorgesetzter, der freundlichste und treuherzigste, dem jemals die Aufsicht über junge Geister übergeben war, hatte uns in den Freistunden die Anfangsgründe des Englischen beigebracht, und bald hatten wir uns auf den Schultern des Unterpfarrers von Wakefield zu dem düsteren Turm des Korsaren und zu der Prachthalle des verschleierten Propheten von Khorassan emporgeschwungen. Der mächtige Eindruck des dichterischen Genius in Verbindung mit dem eigentümlich fremdartigen Reiz der Sprache weckte den Trieb des Nachstammelns. Was angeklungen, was ergriffen hatte, das mußte sofort, gleichwie mit Naturnotwendigkeit, übersetzt sein, und die Übersetzungen schossen wie Pilze auf. Das ganze junge Volk war überhaupt sehr produktiv; es führte seinen eigenen »Dichterwald«, einen handschriftlichen Musenalmanach, der unter allgemeiner Teilnahme auf mehrere Bände angewachsen ist. Doch war dies lauter Originalpoesie, die Übersetzungen aber blieben vorerst das unverbrüchliche Geheimnis ihrer beiden Verfasser. Beinahe wäre dasselbe verraten worden, als unser guter alter Vorsteher mich einst am Childe Harold ertappte und nachher in der Lektion über den Euklid auf gewisse Leute anspielte, die sich mit »Allotriis«, ja gar mit dem »Harro Harring« befassen. Er hatte diesen Zeitgenossen mit Byrons düsterem Wanderer verwechselt, und schien ihn obendrein für eine Art Ritterroman zu halten, was mich viel von seiner guten Meinung einbüßen machte. Die Übersetzungen hatten nach und nach den Umfang einer kleinen Sammlung gewonnen und deuchten dem Verfasserpaare gegenseitig gelungen zu sein, daher die anfängliche Verschämtheit, zumal bei dem schon mit Druckerschwärze geimpften Teil, kühneren Regungen Platz machte und wir immer tiefer von der Überzeugung beseelt wurden, die »Dinger« würden gar kein übles Bändchen geben. Aber wohin damit? Das war für zwei junge Klosterschüler eine kaum aufzuwerfende Schicksalsfrage. Hätte mein Großvater, der Universitätsbuchdrucker, noch gelebt, so würden wir an dem alten Herrn einen splendiden Verleger gefunden haben. In dieser Verlegenheit fiel mir der Herr Vetter zu Hause ein, der Verleger der Volksbücher, die mich auch in das Kloster begleitet hatten. Ich schrieb ihm, und er ließ sich umgehend vernehmen, mit Wohlgefallen habe er aus dem Briefe seines jungen Vetters ersetzen, daß wir fleißig seien, auch in neueren Sprachen nicht zurückbleiben, und sei er gerne bereit, unser Werkchen in Debit zu nehmen, wie auch nach Erfolg zu honorieren. »Glücklich ist, wem sogleich die erste Geliebte die Hand reicht!« Wir waren es nicht minder, da wir gleich bei dem ersten Versuch, ohne die vergeblichen Schritte, die den wenigsten Anfängern erspart sind, unsern Mann gefunden hatten, und sahen, wo nicht den Himmel offen, doch die Bahn des Lebens von allen Schranken und Hemmnissen befreit. Das druckfertige Manuskript ging unverzüglich ab, versehen mit einer Vorrede aus der Feder meines Freundes und Mitarbeiters, der ich mit Recht einen vollendeteren Satzbau und feinere Wendungen zutraute als der meinigen. Es war aber auch eine Vorrede, die sich gewaschen hatte, eine Vorrede, die dem Leser sagte, daß man ihm hier »goldene Früchte, wenn nicht in einer silbernen, doch wenigstens in einer angemessenen Schale anzubieten wünsche.« Ich gestehe, daß ich sie nicht ganz neidlos bewundert habe. In kurzem ging das Büchlein, nicht sehr modisch ausgestattet, in Gesellschaft des gehörnten Siegfrieds und des Paradiesgärtleins aus der reichsstädtischen Presse hervor. Es trug den Titel: »Ausgewählte englische Poesien in teutschen Übertragungen.« Man schrieb Deutsch damals noch, besonders wenn es eine höhere Gesinnung ausdrücken sollte, mit dem T. Auf den Fakturen und in den Handlungsbüchern des Verlegers, sowie in unserem brieflichen Verkehr mit ihm wurde dieser Titel einfach in »Poesien« abgekürzt. Das Kindlein ging, von den Segenswünschen der beiden jungen Väter begleitet, seinen Weg in die Welt. Wir fürchteten nicht eben von unserem Ruhm erdrückt zu werden, obwohl wir vorsichtigerweise anonym geblieben waren, – aber, o Himmel, wie lautete der Rechenschaftsbericht der ersten Messe! Ein Dutzend Exemplare waren abgesetzt, die übrigen als Krebse, zum Teil in beißenden Bemerkungen gesotten, zurückgekommen. So hatte unter andern ein Buchhändler erklärt, es sei ein »Jammerwerk«; ein anderer hatte beigeschrieben, man solle ihn künftig mit solchem »Schund« verschonen. Ein dritter hatte gemeint, es gebe Übersetzungen genug, man brauche keine neue. Dieses und noch anderes mehr berichtete der Herr Vetter gewissenhaft und sein Schreiben schloß: »So stehet es mit den Poesien!« Unter den verschiedenen Gattungen von Briefen, die im menschlichen Verkehr gewechselt werden, bietet die Abteilung, welcher der soeben erwähnte angehört, ohne Zweifel die denkwürdigsten Beispiele, und man könnte besonders aus den Schubladen angehender Schriftsteller eine auserlesene Sammlung von Kabinettsstücken zusammenstellen. So erinnere ich mich eines Briefes (ich verrate aber nicht, an wen er geschrieben ist), worin ein Verleger einem Verfasser das Schicksal seiner Produkte gar in unwillkürlichen Distichen auseinandersetzt, die nur leichte Nachhilfe, hier die Weglassung, dort die Zugabe eines Fußes erfordern, um für zwei vollkommen tadellose Verse zu gelten. Man urteile. »Fruchtlos setzten wir endlich den Preis auf ein Drittel herunter, / Aber sie rühren sich nicht, / und nur die Hälfte verkauft, / Würde (lies: würd') uns zufrieden und sohin in eine Lage versetzen, / Welche zur Zeit noch (lies: annoch) / unsere Firma nicht kennt.« Gewiß darf man die Stelle erhaben nennen, um so mehr, als der Schreiber keine Ahnung davon hatte, daß mitten in der reellen Prosa eines Geschäftsbriefes die Muse ihn im Nacken zupfte. Ich glaube mich aber nicht zu irren, wenn ich diesem wie allen ähnlichen Stammbuchblättern das Schlußwort, zu welchem sich der Bericht meines ersten Verlegers zuspitzte, um seiner gediegenen Kürze, seines prägnanten Gedankenausdrucks willen vorziehe. Er hat sich mir fest eingeprägt, dieser Denkspruch, und in manchen Unbilden mich getröstet, denn bei aller elegischen Tiefe ist Humor in ihm. Ja, heute noch, wenn mich über das Getreibe des »geistigen« Marktes ein Kopfschütteln ankommt, wenn ich zusehen muß, wie die Industrie des Tages der Menschheit Schnitzel kräuselt und die große Kinderstube dem Trödelkrame nachläuft, – wenn – und wenn – und wenn – doch still, ich habe ja weder Gevatter noch Gevatterin, denen ich's klagen könnte – da gedenke ich eben des nun längst im Frieden ruhenden Herrn Vetters und sage mir: »So stehet es mit den Poesien!« Damals aber wurmte es mir, daß ich den guten Mann in Schaden gebracht haben sollte, und ich sann daher auf einen Verlagsartikel, der ihm denselben zu ersetzen geeignet wäre. Da wurde ich eines Tages bei einem Universitätsfreunde – wir waren inzwischen auf die Hochschule befördert worden – der alten Fausthistorie in der Bearbeitung von Rudolf Widmann und Nicolaus Pfitzer habhaft. Ein anderer Freund übertrug mir auf meine Bitte eine Anzahl Umrisse von Retzsch und Thäter in volkstümliche Zeichnungen, und fügte noch einige Bilder aus eigener Eingebung hinzu, worin besonders die Darstellung, wie Faust den Wirtsjungen frißt, »der ihm allewege zu voll einschenkete«, ein Muster von Naturwahrheit war. Sofort ließ ich mir mein Dänenroß, eine der damals gefeierten akademischen »Katzen«, satteln, ritt zu dem Herrn Vetter hinüber, der auch ohne Zaudern den Zuwachs seiner Volksbücher zu würdigen verstand, gab Anweisung, was abzudrucken und was wegzulassen, bis zum letzten Kapitel, wo Doktor Faustus geschildert ist als »ein hockruckerigs Männlein, eine dürre Person, habend ein kleines grawes Bärtlein«, und diktierte dann dem Setzer an seinem Kasten frischweg die Vorrede in die Lettern. Ich wollte mir's nicht nehmen lassen, auch einmal selbst eine Vorrede an das Licht zu geben. In dieser bot ich, gleichfalls auf eine angemessene Schale bedacht, den rostigen Stil nämlich des alten Buches nachahmend, dasselbe »dem freundlichen Leser« dar »zur Ergötzung, aber auch zur Warnung und abschreckendem Exempel, wie es denn auch in unserer Zeit solche leichtfertige Leute geben mag, welche, wann nur der Teufel herhalten wollte (er wird aber wohl wissen, warum er's bleiben lasset), gleich mit Feder und Papier bei der Hand wären, um eben auch so einen Kontrakt mit ihm abzuschließen, gleichwie der unglückselige Doktor Faustus« usw. usw. Dixi , schwang mich wieder auf mein Roß und ritt stolz nach der Universität zurück, welche vor dritthalb Jahrhunderten, 1588, das gleiche Unternehmen nicht so straflos hatte durchgehen lassen. Damals war soeben durch den Frankfurter Verleger unseres Frischlin das erste Faustbuch, angeblich nach einem aus Speier erhaltenen Manuskript, »der ganzen Christenheit zur Warnung« in die Welt befördert und von einem christlichen Publikum mit wonnevollem Grausen aufgenommen worden. Dem akademischen Buchdrucker von Tübingen aber, Alexander Hock, schien das Büchlein wert, »noch mehr divulgiert und an Tag geben zu werden.« Um sich keines Nachdrucks schuldig zu machen, wählte er eine »kurzweiligere« Form, indem er zwei Studenten beredete, die Frankfurter Prosa fast wortgetreu in Reime zu bringen, und schon ein halb Jahr nach dem Erscheinen der Frankfurter Ausgabe kam das Tübinger Reimwerk in den Druck, das mit den resoluten Versen begann: Es ist der Doktor Faustus nun gewesen eines Bauren Sun. Die Vorrede aber ermahnte alle Christen, dies Büchlein zu kaufen und mit allem Fleiß zu lesen, damit sie sich vor dem Teufel hüten lernen, oder, falls sie schon in seine Klauen geraten sein sollten, sich wieder auf den rechten Weg und zur wahren Erkenntnis Gottes reizen lassen möchten. Diese Warnung, die dem jungen Herausgeber im neunzehnten Jahrhundert ein romantisches Spiel mit alten Stilformen war, hatte im sechzehnten ihren guten praktischen Grund, nämlich das Büchlein und seine Urheber rückenfrei zu halten. Die Absicht schlug jedoch fehl. Es waren ohnehin zu der Zeit an der Universität ärgerliche Händel vorgelaufen und Komödien aufgeführt worden, durch welche den ›Adversariis‹ (der katholischen Partei) »groß Verdruß beschehen.« Die Regierung schickte Kommissarien von Stuttgart herauf zur Visitation, und der Senat ließ den Verfasser der Komödie, die den größten Anstoß gegeben, »durch Meister Samuel in carcerem setzen oder legen.« Bei dieser Gelegenheit brachte die Regierung auch das »Traktätlein vom Faust« zur Sprache, und der Senat beschloß: » Hockium wölle man sampt denen Authores , so historiam Fausti (geschrieben), einsetzen und darnach einen guten Wiltz geben.« Damals ging es bei uns zu Lande nicht an, den Teufel auch nur »über die Türe zu malen.« Gleichwohl verbreitete sich die Fausthistorie, »wunderlich daherrauschend,« über die ganze abendländische Welt, und wurde in allen Sprachen Europas, immer mit den »treuherzigsten« Warnungen ausgestattet, an die kauflustige Christenheit abgesetzt. Auch der Herr Vetter fuhr mit dem Büchlein gar nicht schlecht, denn es gewährte ihm vollständige Entschädigung für die verunglückten »Poesien«. Er konnte es mehrmals auflegen; es überlebte ihn, und ist, wie ich zufällig sehe, erst kürzlich wieder in neuer Auflage erschienen. Auf diese Weise habe ich den Freunden meiner Jugend, den Volksbüchern, ihren langentbehrten Gesellen wieder zurückgebracht, und andere Herausgeber und Verleger haben das Beispiel seitdem häufig nachgeahmt. Indem ich mich nun meines Verdienstes rühme, darf ich mir freilich nicht bergen, daß der Verkleinerungsgeist, der unter den Menschen herrscht, mich fragen kann und wird, ob es im Vergleich mit den dichterischen und gelehrten Behandlungen der Sage eine große Tat genannt werden könne, ein altes Buch, obendrein nicht einmal das beste unter den Faustbüchern, zum Wiederabdruck befördert zu haben, und will ich unparteiisch sein, so muß ich gestehen, daß ich auf diese Frage nichts zu antworten weiß. Doch – Doch Homeride zu sein, auch nur als letzter, ist schön. 3. Aber das Verdienst, den Faust wieder unter das Volk gebracht zu haben, ist es nicht aus einem anderen als dem genannten Grunde noch ein zweifelhaftes? Wer mag sich rühmen, dem alten Aberglauben, der im Volke herrscht, neue Nahrung geboten zu haben? Man wird erwidern dürfen, daß die Sagen, die das Volk sich nun einmal geschaffen oder angeeignet hat, ihm als unveräußerliches Eigentum gehören. Und was den Aberglauben betrifft, so ist derselbe nicht bloß in den sogenannten unteren Ständen, sondern in allen Schichten des Volkes weit verbreiteter und weit mächtiger, als es öffentlich zugestanden wird. Unter den »Gebildeten« zwar ist mit dem Glauben an den Teufel – der im christlichen Dogma eine Rolle gespielt hat, die der oberflächlichen Betrachtung entgeht, und seit dessen Erschütterung sich unter der Decke des Bestehenden eine unaufhaltsame Verwandlung vollzogen hat, welche, vergebens übertüncht, einst unerwartet an den Tag treten wird – mit diesem Glauben ist die frühere Form des Aberglaubens samt Furcht und Hoffnung zusammengestürzt. Der aufgeklärte Teil der Welt sucht die Quelle der Übel, die ihn treffen, nicht mehr im Kessel der bösen Nachbarin, für ihn haben die Clavicula Salomonis und der Höllenzwang ihre Kraft verloren. Allein, mag auch der Aberglaube seine Formen ändern und teilweise reinigen, sein Wesen wird dauern so lang die Welt dauert; ja selbst wenn die ausschließliche geistige Regierung der Menschheit einmal der Naturwissenschaft anheimfallen sollte, so hüllt er sich in ihr Gewand und versenkt sich in Vorahnungen noch unentdeckter Naturgesetze, deren freilich auch wohl noch manche zu entdecken sein werden. Das Wunderbare mag aus seiner Dämmerung hervor in noch so dürftiger und trüglicher Form ein Lebenszeichen von sich geben, und gleich schickt sich die ganze Gesellschaft an, so ungesehen als tunlich der weisen Minerva aus der Schule zu entlaufen, die immer wieder von neuem ihre Flüchtlinge unter die Disziplin des mathematischen Beweises zurückführen muß; denn aus Geheimem ist der Mensch gemacht, und man kann mit eben so gutem Rechte sagen, daß das Geheimnis, wie daß die Gewohnheit seine Amme sei. Es ist unfruchtbar, hiegegen zu eifern, und man täte besser, den dunklen Trieb in wenigst schädliche Bahnen zu locken. War es wohl bloß der dankbare poetische Stoff, war es nicht noch ein besonderer Zug, der so viele unserer Dichter angereizt hat, die Faustsage zu behandeln? Bei Goethe wenigstens – wenn man auch nicht von ihm wüßte, daß er in seiner Jugend mystischen und magischen Studien lebhaft ergeben war, daß er noch in reifen Jahren seinen Freund Schiller ermahnte, mit der Astrologie säuberlich zu fahren – bei Goethe verraten es die ersten Szenen seines Faustgedichts, daß er die Sehnsucht des Menschen nach dem Verborgenen und Geheimnisvollen kaum mit jener Gewalt zu schildern vermocht hätte, wenn er nicht selbst zu Zeiten von einem ähnlichen Drang ergriffen gewesen wäre. »O wäre nur ein Zaubermantel mein!« Gestehen wir's nur, wer möchte den Wunsch nicht teilen? Ein bißchen Hexerei in möglichst rationeller Form, ein abgekürztes Verfahren statt des langen und oft so vergeblichen Weges, auf welchem die Menschen nach ihren Zwecken kriechen müssen, ein wenig Nerventelegraphie etwa oder irgend eine den physiologischen Möglichkeiten nicht allzu fremde Art von magischer Projektion und Spiegelung, von geistischem Hinaus- und Hereinragen – das möchte doch das Wissen und Wollen reizen. Ein genügsamer Sinn würde wohl gar schon mit etwas Nummernprophetie vorlieb nehmen, zumal seit die Hexenkünste der Kreditanspannung sich abgenützt haben. Vor allen traue man den Spöttern nicht: gerade diese sind innerlichst in dem Spitale krank, das sie mit ihrem Witz in die Luft sprengen möchten. Würde die Geschichte davon schweigen, Tausend Tische würden klopfend zeugen. Steht es nun bei den »Gebildeten« so, wie mag man sich wundern, daß das »Volk«, wenigstens der von der industriellen Kultur noch nicht ergriffene Teil desselben, allen Gegengiften der Aufklärung zum Trotz in seinem alten Aberglauben verharrt? So lang man diesen Gläubigen aber zumal das Romanusbüchlein läßt, worin, wie der mythologischen Fakultät besser als der theologischen bekannt zu sein scheint, noch immer Phol und Wodan fein christlich maskiert zu Holze fahren, so lang kann man ihnen den Faust zweimal lassen und gönnen. Er wird wenig Nachfolge finden; denn wenn auch Görres in seiner »christlichen Mystik« ein genaues – fast möchte man sagen exaktes – metaphysisches Rezept für den »Verbund mit dem Bösen« gab, woraus man lernen kann, wie man mit dem Dämon »anbindet und an ihm in den negativen Exponenten sich potenziert,« so wird das Experiment doch meist, wie ich in meiner bereits zur Ungebühr zitierten Vorrede anzudeuten gesucht habe, seinen eigentümlichen Mangel behalten, nämlich eine unbefriedigende Einseitigkeit. Überdies strebt bei dem Volke der männliche Telesmus nicht gar hoch hinaus, er beschränkt sich auf Hausmittel, und setzt seine Hauptaufgabe darein, Vieh und Menschen – nach der herkömmlichen Rangordnung, in welcher bekanntlich der »haarige Fuß« vorangeht – von Krankheiten zu befreien. Zwar ist noch eine höhere Sphäre vorhanden, in welcher besonders die »Diebsstellung« eine große Rolle spielt, aber wenn man den Erzählungen darüber nachfragt, so weisen sie immer in einige Ferne. Anders ist es mit dem weiblichen Zauberwesen. Dieses hat der Volksglaube so ziemlich auf der gleichen Stufe festgehalten, wie zurzeit, da Paracelsus vergebens predigte, man solle die Hexen in ärztliche Behandlung nehmen, da selbst ein Fischart gegen das »Ausgelasne Wütige Teuffelsheer« eine Lanze brechen zu müssen meinte. Damals war es ein gefährlicher Versuch, dem Hexenhammer den Stiel ausdrehen zu wollen, und das Äußerste, was seine Gegner Weier und »Lercheimer« wagen durften, war die Behauptung, das Hexen sei ein ohnmächtiges Blendwerk, das der leidige Teufel den unseligen zaubersüchtigen Menschen vormache. Welch eine Zeit, da der eine dieser beiden Menschenfreunde selbst der Hexerei verdächtig wurde und der andere unter angenommenem Namen sich wenden und drehen mußte, um sein »christlich bedenken und erinnerung von Zauberey« zu begründen, worin er unter anderem forscht, »warumb der Sathan mehr weiber dann männer zaubern lehre,« und die Ursache »anzeigt«, »nemblich daß sie leichtgläubiger, fürwitziger vnd rachgiriger sind dann die Männer, und derhalben desto bequemer und bereiter dem teuffel, daß er sie betriege, verführe und verderbe.« Auf der Oberfläche nun hat freilich die Zeit sich geändert, und der seufzende Wunsch jener wackern Männer, man möchte an den armen Betrogenen »das Brennholz sparen«, ist längst in Erfüllung gegangen; in der Tiefe aber lebt, wie noch ganz jüngst vorgefallene Geschichten beweisen, der alte Hexenglaube unzerstörlich fort, er wird ja selbst von »Gebildeteren« unterhalten, und wenn man ihn gewähren ließe, so würden leicht wieder da und dort Scheiterhaufen flammen. Oder ist ihm durch die herrschenden Mächte der natürlichen Magie unserer Tage, Dampf und Elektrizität, die Axt an die Wurzel gelegt? Wird in der Umwälzung der Geister auch das Volk nach und nach den dumpfen Spuk abstreifen, und die Ansicht des Aristoteles, daß zwischen der Überzeugung der denkenden Köpfe und dem Volksglauben ewig eine Kluft, »zur Aufrechthaltung der Gesetze und der öffentlichen Wohlfahrt dienlich,« meint er, klaffen werde, aufhören eine Wahrheit zu sein? Wird einmal eine Bildung hoch und niedrig umfangen, wird der Bauer von den Gespenstern seiner Spinnstube zu den Geistern der psychographischen Abendsitzung emporsteigen, wo im Kreise intelligenzverwaltender Staatsbeamten und schicksalskundiger Generale Heinrich Heines heraufgerufener Schatten, den buchstabenfressenden Zauberhahn des kaiserlichen Roms womöglich an Esprit überbietend, sich dem Beschwörer als »ein Narr aus dem fabelhaften Jenseits« zur Verfügung buchstabiert? Sollte denn unserer teuren Nation eine so hohe Zukunft beschieden sein, so laßt uns, sie noch zu erhöhen, und damit den Enkeln die Vergangenheit nicht wie eine Fabel klinge, mit der Erinnerung in unsere Kinderjahre zurückgehen, zum Spiegel für die neuen Geschlechter, die aus unseren Erzählungen lernen mögen, welch tiefe Geistesnacht ihre Vorfahren gefesselt und wie sie es dann »so herrlich weit gebracht.« 4. Hexengeschichten und Schauermären umgaben meine Kindheit wie ein finsterer Wald. Meinen Eltern war der Aberglaube fremd, und mein Vater verfolgte ihn mit allen Waffen des Spottes; aber wer will die Mägde und ihr heimlich Reden und Raunen hüten? Ein Vater kann im sorglosen Rationalismus dahinleben, während die Kinder unvermerkt in die dunkle Kammer geraten, in welcher das Grauen wohnt. Und wo konnte der strengste Rationalist die Dienstboten zweckmäßig auswählen, wenn der größte Teil der Umgebung selbst das nämliche glaubte, wie sie? »Was wahr ist, bleibt wahr,« denken die Fanatiker jedes Glaubens, und zu der Wahrheitspflicht; die der Mensch in theoretischen Dingen manchmal nur allzu gewissenhaft beobachtet, kam in diesem Falle noch eine starke praktische Verpflichtung hinzu. Wie hätte es eine gewissenhafte Seele vor Gott verantworten können, die Kinder ungewarnt den Lockungen gewisser alter Frauen, verführerischen Lockungen mit Butterbrot, Äpfeln und Kuchen, zu überlassen, und sie auf diese Weise den Gefahren der greulichsten Behexung blindlings bloßzustellen? Es ist mehr als einmal vorgekommen, daß ein Kind einem alten Weibe die dargereichte Gabe vor die Füße warf; brach die Geberin darüber in Tränen aus, so mußte sie Triefaugen haben; war sie aber härteren Sinnes und ging schimpfend und fluchend von dannen, so hatte der Verdacht vollends freie Bahn. Eine meiner frühesten Erinnerungen dieser Art ist eine Geschichte, die etwas traurig Rührendes hat. Eine Frau war bei ihrem ersten Kirchgang »von einer Hexe angegangen worden« und kam krank nach Hause; sie konnte noch erzählen, wie ihr die Unholdin beim Herausgehen aus der Kirche begegnet sei und »einen einzigen Haucher an sie hin getan« habe, dann bat sie die Ihrigen, die Rache Gott zu überlassen, legte sich nieder und starb. Freilich, wo man an eine von der Hölle verliehene Macht glaubt, die uns das Liebste in der Blüte des Lebens knicken kann, da ist die Volkserbitterung zu begreifen, die einst den Arm des Richters oft noch über seinen Willen hinaus beflügelt hat. Diesen konnte man nun freilich nicht mehr anrufen; aber noch immer gab es außergerichtliche Hexenprozesse, worin alte Weiber eine zänkische Gemütsart oder ein unheimliches Aussehen bitter zu büßen hatten. Ob in dem Witwenstüblein, von welchem ich meinen früheren Zuhörern erzählt habe, an Hexen geglaubt worden ist, weiß ich nicht bestimmt zu sagen; jedenfalls war die alte »Frau Dote« zu christlich, um einem Nebenmenschen etwas Böses nachzureden. An eine dämonische Welt aber glaubte sie felsenfest. Überhaupt spielten ihre Geschichten nicht ungerne ins Grauerliche; das kleine Zimmer mit dem warmen Ofen gewann dadurch sehr an Behagen. Welche Schauer durchrieselten mich, wenn sie von dem Krokodil erzählte, das aus fernen Meeren seinen Weg in den Neckar fand, um in einem Keller zu Eßlingen die Küfer zu fressen! Doch dieses Monstrum gehörte, freilich nicht gerade buchstäblich, immer noch einigermaßen der Naturgeschichte an. Anderer oder auch gleicher Natur – wenn man nämlich in dem Schuppentiere einen rationalistisch fortgeschrittenen Drachen von älterem Datum erkennen will – waren die drei »Frälen« (Fräulein), die zu den Kindern der Menschen in den »Kaarz« oder »zu Stuben« kamen, mit ihnen spannen und Winterlang sich stumm verhielten, bis sie endlich nach einigen äußerst kindsköpfischen Reden, die ihnen entschlüpft, auf Nimmerwiedersehen verschwanden. Diese Überbleibsel alter Mythen, die durch so viele Jahrhunderte sich erhalten haben, ragten selten in die Gegenwart, sondern meist nur in die nächste Vergangenheit herein; sie wurden fast immer als Erlebnisse der nächst vorhergegangenen Generation erzählt, aber die Worte oder Verse, die jenen elfischen Wesen in den Mund gelegt waren, wurden mit einer Art von liturgischem Tonfall vorgetragen, aus welchem das höhere Alter sprach. Wunderbar war es zu hören, mit welcher Unbefangenheit jene geschichtliche Bezeugung festgehalten wurde. So hat unser Buchdrucker, so oft er uns die Mär' von der Jungfrau des Urschelberges erzählte, jedesmal am Schlusse versichert, daß er diese Geschichte aus dem Munde seiner Mutter habe, die als ganz junges Mädchen beim Begräbnis des wortbrüchigen Geistererlösers zugegen gewesen sei und mit allem Volke den jammernden Geist in Gestalt eines weißen Vogels um die Kirchhofmauer flattern gesehen habe. Hiebei ist zu erwägen, daß in älteren Zeiten eine solche Sage als Gemeinbesitz der Gegend, an der sie haftete, gehütet wurde, gleich einem ruhmbringenden Wahrzeichen, für dessen Behauptung und Verwertung klein wie groß ein übriges zu tun imstande war. Wiederum anderer Natur als jene Nachzüglinge einer untergegangenen Elfenwelt, waren die eigentlichen Gespenster. Diese lebten in der unmittelbaren Gegenwart, hatten sich dem einen oder anderen Bekannten gezeigt, und die Namen solcher Gewährsmänner oder Gewährsfrauen mußten für die Wahrheit der Erzählung bürgen. Ja, die gute alte Erzählerin selbst konnte sich auf eigene Erfahrung berufen. Sie hatte sich einst als junge Pfarrfrau eines Abends mit ihrer Magd in der Küche befunden, als an einem entfernten Waldsaum ein Irrwisch, cidevant Felduntergänger und Betrüger, spazieren ging. Die Magd stieß ängstlich und zugleich kichernd ihre Gebieterin an. Die junge lebenslustige Frau konnte sich's nicht verwehren, das Küchenfenster zu öffnen und den Lichtkobold bei dem Namen Vitzliputzli zu rufen. Doch kaum war ihr das Wort entfahren, da kam er husch! durch die Luft herangesaust, und sie hatte kaum noch Zeit, ihm das Fenster vor der Nase zuzuschlagen. Beide flüchteten sich mit Geschrei, während er ihnen »ganz feurig durch die Scheiben nachsah«, ins Zimmer zu dem ernsthaften, nicht mehr so jugendlichen Pfarrherrn, von dem sie mit einem rechten Verweise wegen ihres Fürwitzes empfangen wurden. Was hätte es nun da gefruchtet, über den Aberglauben zugunsten der Kinder eine Zensur auszuüben? Hatte doch eines der glaubwürdigsten Familienmitglieder selbst dem Vitzliputzli das Fenster aufgetan! Und wenn sie nachts beim Niederlegen sich mit Seufzern und Gebeten wider die bösen Geister unter dem Himmel waffnete, wie mußte es dem lauschenden Knaben zu Mute sein! Er glaubte sich auf einer Friedensinsel mit goldenen Dämmen geborgen, und in jedem Sausen der Luft, bei jedem Klirren der Fenster meinte er den andringenden Flügelschlag jener feindseligen Scharen zu vernehmen. Wenn man die harmlose Glückseligkeit der Jugend gegen den kühlen Gleichmut späterer Jahre wieder einzutauschen wünscht, so darf man nicht vergessen, in die Wagschale auch die Angst einer armen Kinderseele zu legen, die nackt und bloß dem Entsetzen preisgegeben war. Der Sinn für das Unheimliche ist mir in der Kindheit so tief eingeprägt worden, daß es mich nachher manchen nächtlichen Gang in Wald und Öde gekostet hat, um über törichte Anwandlungen Meister zu werden. Vergebens, daß die geistige Ursache derselben längst aus dem Wege geräumt ist, die ersten Eindrücke sitzen im Gemüte fest, und in diesem Sinne darf man wohl gelten lassen, was vom Reich der Geister gesagt ist: »Sie liegen wartend unter dünner Decke, und leise hörend stürmen sie herauf.« 5. Indessen habe ich die Erfahrung gemacht, daß der Geisterglaube doch auch seine nützliche Seite haben kann. Dies ereignete sich infolge des sonderbaren Unfalls, daß ein müdes Studentenpferd einmal in der Nacht mit mir durchging. Es war ein abgelebtes Tier, eine harmvolle Kreatur, die das leichte Fuhrwerk, dem sie vorgespannt war, im Schneckentrott bewegte, auf einmal aber, unwissend warum, einen verzweifelten Galopp anschlug und mit einer Gewalt, die man diesem Schatten eines Pferdes nicht hätte zutrauen sollen, dahinjagte, bis das Gefährt auf einen Steinhaufen geriet und umschlug. Das Abenteuer endete damit, daß ich einige Wochen übel zugerichtet im Bette zubringen mußte und alle Nachtwächter meiner Vaterstadt mit ihren verschiedenen und zum Teil sehr eigentümlichen Modulationen nachahmen lernte. Zu den körperlichen Schmerzen aber gesellte sich das Seelenleiden, daß mein guter Ruf im Rosselenken höchlich gefährdet war. Hier nun kam mir ein Umstand zustatten, der mir eine starke Partei verschaffte. Die Stelle, an der ich »verunglückt worden« war, gehörte zu den Orten, wo es »nicht mit rechten Dingen zuging«, und das arme Pferd, mit dem den Tieren eigenen Seherblicke begabt, hatte etwas erschaut, was meinem profanen Auge verborgen geblieben war. An jener Stelle pflegte nämlich ein überaus höflicher Partikulier, der den Kopf wie einen Claquehut unter dem Arme trug, aus Mangel an sonstiger Beschäftigung umzugehen. Hatte doch erst etliche Monate zuvor ein Herr Gevatter seine Bekanntschaft gemacht, als er nachts von der Frau Rosenwirtin, der besten Menschenverpflegerin der Umgegend, den Heimweg suchte. Das Muster aller Höflichkeit trat ihm am »Rank«, d. h. an der Biegung der Straße, mit abgezogenem Kopfe in den Weg. Der Herr Gevatter wollte in der Courtoisie auch nicht der letzte sein und wich von der Straße. Der andere aber ließ nicht nach, bis er ihn ein gutes Stündchen seitab durch dick und dünn auf den Gipfel einer Anhöhe hinauf komplimentiert hatte, von wo sich der Herr Gevatter erst am kühlen Morgen mit etwas flauem Gemüte in die Stadt herunterfand. Hätte er zu rechter Zeit daran gedacht, die Schuhe zu wechseln und den Hut verkehrt aufzusetzen, so würde er den ungebetenen Zivilkondukteur gleich wieder losgewesen sein. Diese Spukgeschichte rettete meinen Kredit, und ich gewann vertrauensvolle Kunden für eine Spazierfahrt, die ich zur Feier meiner Genesung veranstaltete. Da ich bei diesem Unternehmen so geschickt war, über einen Eckstein wegzufahren, ohne umzuwerfen, so konnte kein Zweifel mehr aufkommen, daß es mit jenem Unfall seine »besondere Bewandtnis« gehabt haben müsse. Eine gleiche hatte es, wenigstens nach der Ansicht meines alten Buchdruckers, mit einem anderen Abenteuer gehabt, das ich früher, jedoch nicht auf eigene Kosten, erlebte. Über der Kammer, in welcher ich einen Teil meiner Kinderjahre verschlief, auf dem freien Boden, den man die »Bühne« heißt, befand sich die nächtliche Ruhestätte der uralten Dienstmagd, an die ich, da zu jener Zeit noch die Hausverfassung des alten Attinghausen galt, große Anhänglichkeit hatte. Eine schmale, sehr steile Treppe, oben mit einer Falltüre versehen, führte zu ihr empor. In der hintersten Ecke stand das magdliche Lager, auf welchem meine runzliche Freundin von Butter und Schmalz zu träumen pflegte. Da das Dach auf der einen Seite sich an dasselbe anlehnte, so konnte man ihre Ruhestatt mit einem offenen Zelt vergleichen, in dessen Hintergrund die Dachschindeln eine Art von Mosaiktapete bildeten. Und nicht schmucklos war die Umgebung. Durfte die meinige sich einer blanken Dekoration von Zinnflaschen erfreuen, so prangte dafür die ihrige mit einer ebenso ansehnlichen Garnitur von Sieben, groß und klein, welchen eine Menge ehrwürdiger, zur Ruhe gesetzter Hausgeräte Gesellschaft leistete. Es mochte um die Mitte der Nacht sein, als ich auf einmal aus festem Schlaf erwachte und mich bei glockenheller Besinnung fand, ziemlich verwundert über die jähe Flucht des sonst immer getreuen Freundes und ein wenig schaurig angeregt durch die nächtliche Einsamkeit. Während ich vergebens der Ursache dieses plötzlichen Aufwachens nachsann, hörte ich etwas mir zu Füßen leicht auf die Decke springen und glaubte zu fühlen, wie diese in Wellenbewegungen über mich herflutete. Mit einer Mischung von Schreck und Zorn fuhr ich in dem großen Himmelbett empor und schüttelte die schwere Decke, aber es fiel nichts zu Boden. Eine Maus weiß sich immer zu helfen. Ich legte mich etwas unbehaglich zurück; kaum aber hatte ich die Decke einige Zoll näher gegen das Kinn gezogen, so hörte ich auf dem Boden über mir in der bekannten Ecke ein Geräusch, das mir die tröstliche Kunde gab, daß zu dieser Geisterzeit außer mir noch ein zweites menschliches Wesen wache. Es stand auf, es ging mit langsamen Schritten vor, aber wehe, auf einmal kommt es die steile Bodentreppe heruntergepoltert und schlägt auf dem Estrich mit einem gellenden, Zerschmetterung verkündenden Krachen auf. Zugleich erhob eine wohlbekannte Stimme ein Jammergeschrei, welches das ganze Haus in Aufruhr brachte. Entsetzen lähmte meine Schritte, da ich die alte Anna Marei mit zertrümmertem Schädel draußen zu finden fürchtete; ich bedachte nicht, daß ein Kopf, der mit solchem Gekrach in Stücke geht, schwerlich viel Laut auf Erden mehr geben wird. Alles lief herbei. Da lag nun die Arme, sehr nachlässig angetan, zu Füßen der treulosen Treppe, und schrie so fürchterlich, daß wir kaum Hand an sie zu legen wagten. Allein der Kopf erwies sich unversehrt, auch war sonst nichts ab noch aus den Fugen, nur hatten ihr die Staffeln der Stiege eine beträchtliche Anzahl von Quetschungen beigebracht. Als man sie aufhob, zeigte sich denn auch bei Licht der Gegenstand, dessen schauervolles Krachen alle Herzen, die für die Gute schlugen, vor Entsetzen stillstehen gemacht hatte. Nein, es war nicht der Sitz ihrer wirtschaftlichen Gedanken, es war ein ganz anderes Geräte, aus Lehm gebrannt, dessen Scherben traurig auf dem Ziegelpflaster umherschwammen, Ursache und Verlauf des Ereignisses klar berichtend. Die arme Bühnenkünstlerin war gegen ihre Gewohnheit im Schlafe aufgestanden, hatte sich ohne Zweifel nach der Dachrinne bewegen wollen, war aber, ungeübt in somnambulen Rollen, nach der Treppe hingeraten, wo die offene Falltüre leider ihrem abschüssigen Vordringen kein Hindernis in den Weg legte. Was sie in der Hand trug und beim Herabfahren mit Macht auf den Estrich schlug, hatte ihr als Opfer gedient, die finsteren Schicksalsmächte zu versöhnen. Ihr Geschrei aber entsprang aus mehreren Gründen. Einmal war sie, wie begreiflich, während der Fahrt noch schneller als ich vorhin aufgewacht und über die Maßen erschrocken. Sodann hatte sie sich auf einem Anfluge von Mondsucht ertappt, und obgleich sie zum Glück nicht mit triefenden Augen ausgestattet war, so schien jener Umstand doch einigermaßen geeignet, den Charakter einer Person ihres Alters in ein zweifelhaftes Licht zu setzen. Vornehmlich aber fürchtete sie durch den Fall zur Arbeit untauglich und für das Spital gereift zu sein, was dem reichsstädtischen Selbstgefühle, auch in einer alten Dienstmagd, so viel als Tod und Vernichtung war. Kaum hatte man sie über diesen Punkt beruhigt, so verbiß sie ihre Schmerzen, hörte zu schreien auf und ließ sich in ihr Bett zurückbringen. Nach einigen Schmerzenstagen war sie wieder vollständig im Geschirr; im Nachtwandeln aber hat sie keine Probe mehr abgelegt. Das war nun zwar an und für sich eine ganz natürliche Begebenheit, aber mein alter Freund und Grübler, dem ich sie erzählte, hatte alsbald ein mystisches Haar darin gefunden. Freilich nicht ohne mein Zutun, denn ich hatte ihm, damals vielleicht wichtig genug, erzählt, daß ich unmittelbar vor der Katastrophe auf eine mir sonderbar scheinende Weise aufgewacht sei. Dies war seiner Dogmatik zufolge kein gewöhnliches Erwachen, sondern eine »Erweckung« gewesen. Auch ließ er die Maus keineswegs gelten, belehrte mich vielmehr, es gäbe eine Klasse von hilfreich gesinnten, für sich selbst jedoch hilflosen Geistern, die gerne Untaten und Unfälle von den Menschen abwenden möchten, zu diesem Behufe aber, da sie nur halb in die Wirklichkeit hereinragen, also weder Hände noch Füße haben, nur einem in der Nähe befindlichen, der Körperwelt angehörigen Geschöpfe einen Wink geben können, damit es, falls es Merks genug hätte, zum Werkzeuge der Rettung würde. Offenbar schwebte meinem Alten hier derselbe Gedanke vor, den der Zeichner jener Gespenster ausdrücken wollte, welche die Ermordung des gnadenreichen Duncan durch ihr lautlos gellendes Geschrei vergebens zu hindern suchen. Seine Geistertheorie hatte ferner große Ähnlichkeit mit der Lehre von der Seelenverknöcherung, die ich hernachmals im Hörsaal eines eigenbrödlerischen Philosophen habe vortragen hören. Es gäbe Seelen, dozierte dieser, welche durch Hingebung an das Materielle unfähig werden, die Kruste ihres irdischen Daseins im Sterben zu zerbrechen, und daher in dem engen Durchgang nach dem körperlosen Jenseits stecken bleiben. Ohnmächtig kleben sie dann in endloser Langweile an den Gegenständen ihrer einstigen Leidenschaft, an Schätzen, die ihnen jetzt nichts mehr nützen, an den Stätten unaustilgbarer Freveltaten, oder treiben sich zwecklos schlurfend und polternd umher. Bei dieser sinnreichen Erklärung ließe es sich wenigstens begreifen, warum die Geister, nach allem, was man in der Regel von ihnen hört, so herzlich geistlos sind. 6. Wieder ein anderes Abenteuer, von lustigerer Art und schmerzlosen Angedenkens, trug sich auf dem nämlichen Schauplatze während meiner Universitätszeit in den Ferien zu. Ich hatte wieder mein altes Nachtlager, die Himmelbettlade in der ziegelgepflasterten Kammer bei den Zinnflaschen. Die alte Anna Marei nahm noch immer mit Ehren ihren alten Posten ein und schlief ebenfalls noch am alten Plätzchen, nämlich in ihrem offenen Zelte bei den kleinen und großen Sieben. Außer mir war noch ein Gast im Hause, ein geistlicher Vetter vom Gebirge her, der sich, da er nachts an Gesellschaft gewöhnt war, zu der Frau Dote ins Vorderzimmer einquartiert hatte. Nach Mitternacht hatte ich abermals die Unannehmlichkeit, plötzlich aufgeweckt zu werden, aber durch keine unerforschliche Ursache, sondern durch ein höllisches Getöse über mir. Es rasselte auf dem Boden hin und her, als ob alle bösen Geister ledig wären. Die alte Anna Marei konnte es nicht sein, die den Lärm verursachte, denn sie übertönte ihn noch mit ihrem gellenden Hilferuf. Ich enteilte so schnell als möglich dem Himmelbette, fand die Insassen des Hauses versammelt, und da standen wir nun, nicht eben im Sonntagsputz, an der Bodentreppe, Rat miteinander haltend, während das Gepolter und mit ihm das Hilfegeschrei immer stärker wurde. Ehrenhalber stellte ich den Antrag, dem geistlichen Herrn den Vortritt einzuräumen. Er wollte aber nichts davon wissen. Ich habe Weib und Kinder, die meiner jetzt noch nicht entbehren können, sagte er, aber ein leichtsinniger Student wie du, der kann sein Leben eher in die Schanze schlagen. Ich erinnerte ihn an seine geistlichen Waffen. Vergebens; die Welt liegt im argen, sagte er, meine Bauern haben mir letzten Sonntag nachts den Kohl aus dem Garten gestohlen, nachdem ich ihnen morgens über das siebente Gebot gepredigt hatte; wer kann nun vollends wissen, an was der Poltergeist da droben glaubt! Unter allgemeiner Zustimmung ergriff ich das Licht, und mit Allons enfants de la patrie , dessen Klänge eben damals wieder die Welt erschütterten, klomm ich an der Spitze meines zaghaften Heeres die Bodentreppe empor. Längst hatte ich an Gespenster zu glauben verlernt; als ich aber auf der obersten Sprosse stand, und, auf die Bühne hineinleuchtend, ein unerhörtes Schauspiel sah, da wurde es mir denn doch auch ein wenig ungewöhnlich zumut. Die anderen, die mich stutzen sahen, wichen mit einem Schrei zurück, noch ehe sie etwas gesehen hatten. Der Poltergeist war ein großes Sieb, das, nicht eingedenk der Bürgerpflicht, die man als die erste preist, seinen Nagel verlassen hatte und wie besessen auf dem ganzen Umkreis des Bodens hin und wieder fuhr. Daß dies ein gewaltiges Gepolter verursachen mußte, ist einleuchtend. Das war aber noch nicht genug, sondern der Störenfried riß, wenn er an den Wänden hinstreifte, auch noch seine ruhigen Mitsiebe, ja selbst die gemäßigtsten Invaliden von Gerätschaften herab, schleppte sie, wenn sie ihn am Spuken hinderten, mit sich fort und vermehrte dadurch das Getöse ins Unbillige. Die alte Anna Marei schrie jedesmal »wie ein Dachmarder« – die Umgebung rechtfertigt den Ausdruck –, wenn das wahnsinnige Sieb an ihrem Bett vorüberfuhr, hinter welchem sie sich so gut wie möglich verschanzt hatte. Sie bat uns kläglich, über den Boden zu ihr zu kommen, aber das war mit heilen Glieder kaum zu bewerkstelligen. Was den Naturgesetzen schnurstracks zuwiderläuft, das bringt den Menschen in eine gewisse Art von Wut. Die Spazierfahrt muß aufhören, sagte ich, gab dem Pfarrer das Licht und suchte das fahrende Sieb, so wie es in meine Nähe kam, mit dem Fuße in seinem Lauf zu hemmen. Dies gelang auch, aber das Sieb, das nicht nach Menschenweise ging, raste alsbald in der entgegengesetzten Richtung fort und gab gleich darauf unserer Kammersängerin Veranlassung, einen ihrer gelungensten Triller zu versenden. Was der Fuß nicht durchgesetzt hatte, wagte ich jetzt mit der Hand, und als der neue Planet nach kürzester Umlaufszeit wieder in meiner Erdennähe war, griff ich rasch hinunter, um ihn zu halten. Da ich hierbei wohlweislich mit der anderen Hand das Stiegengeländer gefaßt hatte, also keinen sehr langen Arm machen konnte, so wurde das Sieb auf der Seite, wo ich es ergriff, etwas emporgehoben. Kaum war dies geschehen, so rauschte eine große schwarze Katze mit zornigen Augen unter ihm hervor, schoß der Treppe zu, fuhr dem Pfarrer, ohne Achtung vor seinem Stande, doch nicht so gefährlich wie Reinekes Hinze, zwischen den Beinen durch, und brachte ihn so sehr aus dem Gleichgewicht, daß er das Licht fallen ließ und beinahe samt seiner Hintermannschaft die Treppe hinuntergefallen wäre. Finsternis – Geschrei vorn und hinten – nur das Sieb lag mäuschenstill zu meinen Füßen und rührte kein Glied. Nachdem Ruhe und Ordnung hergestellt waren, setzten wir uns, da es nicht ferne vom Tagesgrauen war, zu einem dampfenden Kaffee, den die erlöste Anna Marei mit großer Bereitwilligkeit kochte, indem sie ihren Schlafkumpanen, den Sieben, nicht mehr ganz zu trauen schien. Die Besessenheit des Rädelsführers derselben war leicht zu erklären. Eine unternehmende Katzenseele, die das Sieb auf einer nächtlich empfindsamen Reise angestreift und auf sich herabgeworfen hatte, war eine Zeitlang seine widerwillige Bewohnerin gewesen. Da es groß genug war, um die Katze unverletzt zu bedecken, so war es begreiflicherweise auch schwer genug, um ihr das Entkommen unmöglich zu machen, aber nicht so schwer, daß sie es nicht hätte umhertummeln können wie ein Kind seinen Gängelwagen, und von dieser Freiheit hatte sie denn auch leidenschaftlichen Gebrauch gemacht. Unter solchen historisch-pragmatischen Erörterungen schlürften wir unseren Morgentrank, und er wurde uns gemütlich gewürzt durch seine Brauerin, die zu tief in seinem Satze gelesen hatte, um nicht steif und fest dabei zu bleiben, daß die schwarze Katze, die Siebläuferm, eine Hexe vom ersten Rang gewesen sei. »Wer weiß?« sagte mein alter Buchdrucker mit schlauem Lachen, als ich ihm die Begebenheit dieser Nacht erzählte. Zu meiner desto größeren Verwunderung trat jedoch dieser mein Geisterphilosoph ein andermal, und zwar gerade in einem Falle, der ihm Wasser auf seine Mühle hätte liefern sollen, durchaus rationalistisch auf. Ich kam von einem vielbesprochenen Gespensterhause zurück, dessen unsichtbarer Tyrann durch eine Reihe jener »spiritualistischen« Töne, die bei den Eingeweihten ihre eigenen technischen Benennungen haben, vom »Papierknistern« an bis zu einem höchst unschicklichen Sägen, Husten, Röcheln, Blöken und Grölzen, sein Dasein zu vernehmen gegeben hatte. Der Tatbestand war an sich selbst unleugbar, und es blieb nichts übrig, als das ehrliche Bekenntnis, zwar nicht etwas gesehen, aber doch einiges gehört zu haben. Darum zweifelte ich jedoch keineswegs an einer natürlichen Ursache dieser Töne, obgleich sich eine bestimmte Erklärung nicht mit Sicherheit geben ließ. Auf der anderen Seite ergötzte es mich indessen auch wieder, mich von meinem alten Geisterseher, als ich ihn nach Gewohnheit besuchte, als Sonntagskind begrüßen zu lassen. Er aber legte das Gesicht in tiefe Falten, wiegte den Kopf und erwiderte, es tue nicht not, solche nächtliche Töne immer auf die »Nachtseite der Natur« zu beziehen. Einmal sei in dem Gebälke alter Häuser ein gar wunderliches Leben, Knistern und Krachen, und dann gebe es, zumal auf dem Dorfe, eine wenig beachtete Zunft von nächtlichen Musikanten, welche häufig bei derlei Fällen im Spiele sein mögen. Dies seien die Eulen, deren Schnauben und Schnarchen so täuschend in die Häuser dringe, daß man es oft aus der nächsten Nähe zu hören glaube. Ich fand diese Erklärung vernünftig und dankenswert, mußte aber im stillen über den Widerspruchstrieb des menschlichen Geistes nachdenken, der im schwächsten Strohhalm eine Stütze für eine Meinung suchen und dann wieder wie in einer Art von Großmut einen ganz einladenden Fund von sich weisen kann, um der Wahrheit auf der anderen Seite gerecht zu werden. Dankenswert nenne ich die Erklärung, die ich übrigens später noch einmal aus bedeutendem Munde vernommen habe; denn sie dient dazu, Erscheinungen, die sich doch nicht wegleugnen lassen, ihrer Seltsamkeit zu entkleiden. Einer solchen Erklärung, die nicht bloß »natürlich«, sondern auch befriedigend wäre, wartet ohnehin noch dieses und jenes zwischen Himmel und Erde, um sodann mit besserer Sicherheit an seinem gebührenden Ort, in den Sagenbüchern nämlich, untergebracht werden zu können. Dahin gehört vor allen Dingen der alte Kriegsgeist des Odenwaldes, den man zwar mythologisch eingesargt zu haben meint, was ihn aber nicht abgehalten hat, noch jüngst in voller Lebens- und Geistergröße sich an Flut und Ebbe unserer Bewegungsjahre zu beteiligen. Bekanntlich hat man seinen Auszügen schon früher zu wiederholten Malen auf Befehl der Regierung amtliche Aufmerksamkeit geschenkt, und so ist auch diesmal, im Januar 1851, bei einer Hessischen Behörde ein Protokoll über die Vorgänge aufgenommen worden. »In der Nacht vom 2. auf den 3. März 1848« – so lautet die amtlich beglaubigte Sage – »hat der Burggeist von Rodenstein unter Waffengeklirr und Pferdegetrapp den kriegverkündenden Auszug nach seiner Kriegsburg Schnellert gehalten; am 31. Dezember 1850, Morgens zwischen 7 und 8 Uhr, ist er mit dem gewöhnlichen Geräusche nach der Friedensburg Rodenstein heimgekehrt.« Er konnte füglich zu jener Zeit wieder nach Hause gehen, der geriebene alte Politikus, der auch in den Tagen seines Glanzes mit allen Winden zu fahren gewohnt war, er hatte die richtige Witterung gehabt, und seine alte Rabenzeitung besser gelesen, als mancher Publizist damals die seinige zu schreiben verstand: denn der Tag von Bronnzell war vorüber, und am 23. Dezember, neun Tage vor seinem Friedensmarsche, hatten die Dresdener Konferenzen begonnen. Wenn er nun auch gleichwohl hier einigermaßen im Schlepptau der politischen Gezeiten erscheint, denen er sonst vorangeritten, in allerlei Vermummung die Geister aneinanderhetzend, der von der Kirche erfolglos abgesetzte und von der Sagenforschung längst wieder entlarvte altfränkisch-sächsisch-schwäbische Kriegsgott – so ist es doch bei der trotz Kirche, Staat und Polizei nichts weniger als tröstlichen Lage des in zwei Halbganze und eine Anzahl Bruchteile zerspaltenen Vaterlandes hochbedenklich, daß der alte wilde Händeljäger noch immer unbeschworen sein Wesen treiben darf. Suche man ihn daher eiligst, ehe er wieder losbricht, zu bannen, einerseits durch eine naturwissenschaftliche Erklärung aller jener sonderbaren, nicht bloß dem Winde zuzuschreibenden Lufttöne von der Teufelsstimme auf Ceylon bis zu unserem Muotisheer, andererseits aber und ganz insbesondere durch eine politisch-rationale Rechnungsformel, die aus den Bruchteilen, statt die Zweiheit mit ihnen zu nähren, die in ihnen gegebene Grundlage zur Ausgleichung des Zwiespalts und zur Einigung der Gesamtheit schafft: dann erst wird er sich, in den Lehrbüchern der Mythologie und auch in den Tafeln der Geschichte, für immer zur Ruhe setzen. Endlich aber muß die Naturwissenschaft, wenn sie mit dem Aberglauben fertig werden will, auch nicht vergessen, der lebendigen Natur selbst gerecht zu werden. Mancher Aberglaube, der zum Beispiel mit den Mondphasen getrieben wird, ist nur ein scheinbarer, oder vielmehr, er ist es nur der Form und nicht dem Wesen nach; aber zuzugestehen, daß der Mond im Volllicht eine gewisse Wirkung auf Triebkraft und Wachstum ausübt, das kommt die moderne Wissenschaft sauer an. Ist mir doch einmal ein gelehrtes Haupt in den Weg getreten, das gar die Irrlichter leugnen wollte! Wenn nun diese Feuerschwaden, die ich in Menge gesehen habe, meist einzeln auf der Erde oder auf dem Wasser schwebend, bergauf oder bergab mit einer jeden Laternenträger hundertfach überholenden Geschwindigkeit wandelnd, einmal auch auf weiter Ebene gleichwie in einem Parlament versammelt, das an Zahl die größten Reichstage und Konzilien weit hinter sich ließ, – wenn sie aus der Reihe der natürlichen Dinge gestrichen werden müßten, dann bliebe mir wahrhaftig nichts anderes übrig, als wieder an Gespenster zu glauben. Zwar der Schade würde durch eine ganz artige Errungenschaft aufgewogen, sofern dann das Geschichtchen von dem Bauer und dem Irrwisch nicht bloß heiter wäre, sondern auch wahr, oder möglich wenigstens. Der Bauer begegnete nämlich nachts einem feurigen Manne, der aber weiland kein bloßer Feldsteußler, sondern etwas viel Vornehmeres, nicht vom besten Angedenken, gewesen war. »Halt ein wenig«, rief er ihn an, »ich will mir nur die Pfeif' an Ihm anzünden.« Se. Gnaden schüttelte sich und schnob, daß die Funken stäubten, mußte sich aber geduldig zum Fidibus hergeben. »So, schön' Dank,« sagte der Bauer, als sein Stummel brannte. »Nichts für ungut. Herentgegen aber, Er ist eigentlich doch ein schlechter Kerl gewesen, das bißle Brennen schad't Ihm nicht die L....« 7. Einen anderen und stärkeren Antrieb zum Geisterglauben, als den Gewinn einer schnurrigen Geschichte, hatte ein gewisser Freund, den ich zu den ziemlich dicken rechnen darf. Dieser pflegte förmlich auf die Geister Jagd zu machen – aus Unsterblichkeitsbedürfnis. Ihm wäre mit der Doktrin von der Seelenverknöcherung schlecht gedient gewesen, denn eine solche Knorpelbildung würde mehr für das Diesseits als für das Jenseits gezeugt und somit eine elende Bürgschaft für die persönliche Fortdauer im höheren Sinne abgegeben haben. Zwar glaubte er felsenfest an diese, aber man weiß ja, der Glaube hat keine Ruhe, er sehnt sich immer nach Beweisen. So war denn unserem Freunde kein Weg zu weit und keine Nacht zu finster, wenn ihm verkundschaftet wurde, daß »einer« auf dieser Heide »laufe« oder an jenem Waldeck »schwebe«. Ich bin mehrmals mit ihm auf die Gespensterjagd gegangen, nicht weil ich dabei die Unsterblichkeit auf dem Korn hatte, auch nicht etwa weil ich die Seelenleberverhärtung unter das Seziermesser zu nehmen wünschte, sondern aus freundschaftlicher Teilnahme. Wir sind aber jederzeit ohne Weidmanns Heil nach Hause gekommen, was mich eben nicht verdroß. Einmal in einer Neujahrsnacht zog ich mit ihm und ein paar anderen guten Gesellen nach einem öden Steinbruche, wo es spuken sollte. Während die übrige Menschheit sich beim Jahresabschiede gütlich tat, tappten wir uneigennützige Forscher – so kann ich wenigstens das Gefolge im vollsten Sinn des Wortes nennen – in der äußersten Finsternis und mit Gefahr, Hals und Bein zu brechen, die schlimmsten Pfade auf und ab, um unserem Ungeduldigen zu dem gewünschten Solawechsel auf die Ewigkeit zu verhelfen. »Alles wieder vergebens!« seufzte er zuletzt, nachdem wir die ganze Örtlichkeit ohne Erfolg durchstöbert hatten; da, siehe, im gleichen Augenblick loderte eine blaue Flamme unmittelbar zu seinen Füßen empor. »Ich hab' ihn!« rief er gierig und warf sich mit ausgebreiteten Händen auf die Erscheinung, wie man tut, wenn man einen Schmetterling am Boden haschen will. Aber die Flamme erlosch, und der Geruch von Kunstfeuerwerk, der ihr folgte, verriet alsbald, daß ein mutwilliges Mitglied der Gesellschaft mit gewandter Hand eine bengalische Täuschung hervorgezaubert hatte. Wir kamen noch eben recht zur Silvesterbowle heim, bei der wir es uns zur angenehmen Pflicht machten, den unbefangenen Mut unseres Geisternimrod, der ohne Stutzen und Grausen die andere Welt am Fittich gefaßt hätte, mit gebührendem Gläserklange zu ehren. »Auf die Fortdauer der Persönlichkeit, ohne die es nicht der Mühe wert wäre, hienieden zu leben!« erwiderte er mit uns anstoßend. Wir taten ihm gerne Bescheid. »Es ist jetzt nicht die Stunde zu metaphysischen Kontroversen«, bemerkte sodann einer von der Gesellschaft, »ich will daher die Frage selbst ruhen lassen, aber, ist es denn auch wirklich ein so großes Glück um die Unsterblichkeit, daß sie uns wünschenswert erscheinen sollte?« »Wie?« rief unser Freund, »und sollte es den Guten nicht wünschenswert sein, drüben den Lohn zu empfangen, der ihnen diesseits meist vom Schicksal verkümmert, von den Menschen unterschlagen wird?« »Die Auffassung ist nicht ganz uneigennützig,« bemerkte der andere. »Indessen, wie dem sein möge, die Seligkeit dürfte denn doch gar sehr getrübt werden durch das Herniederschauen auf die Hinterbliebenen, die gleichfalls vom Schicksal verfolgt, von den Menschen mißhandelt werden. Denke ich mir vollends Eltern, welche, um den stärksten Fall zu setzen, zusehen müssen, wie ihre verlassenen Kinder hilflos durch die Welt irren, im Elend verwildert, zu schrecklichen Entschlüssen geführt, so muß ich in der persönlichen Fortdauer, besonders für ein Mutterherz, eher eine Strafe als einen Lohn erkennen, und zwar eine Strafe, die man, mitten unter den himmlischen Freuden, den Höllenstrafen gleich achten darf.« »Es ist aber,« wurde eingewendet, »ein reinerer Zustand möglich, denkbar wenigstens, worin dem Abgeschiedenen das Weh der Erde verborgen bleibt.« »Das wäre ein sehr unzureichendes Auskunftsmittel,« entgegnete der Redner. »Um bei dem Gleichnis von den Eltern stehen zu bleiben, so würden sie mir in diesem Falle über dem Genusse der ewigen Seligkeit entweder nicht besser vorkommen, als so manche irdische Eltern, die dem Vergnügen auf Bällen und Lustbarkeiten nachziehend ihre Kinder in fremden Händen verwahrlosen lassen, oder nicht glücklicher als Eltern, die durch eine traurige Fügung von den Ihrigen verschlagen sich in Angst um das unbekannte Los derselben verzehren. Da würde also eine Hauptbedingung der Glückseligkeit, die doch körperlosen Geistern vorzugsweise unentbehrlich sein müßte, die innere Freude und Ruhe nämlich, fehlen.« »Welche Bedenken!« rief der Kämpe der Unsterblichkeit. »In jenen seligen Gefilden übersehen wir das Ganze des Weltlaufs, dort lösen sich dem erschlossenen Auge die scheinbaren Widersprüche, die Rätsel, Wirrnisse und Trübsale des Menschengeschickes, dort werden wir, wenn der Ausdruck noch erlaubt ist, den göttlichen Ratschluß verstehen lernen, der aus dem Dunkeln ins Helle, durch das Übel zum Guten führt.« »Damit ist nicht viel gewonnen,« erwiderte der Gegner. »Unsereiner wird's dort drüben doch schwerlich weiter bringen, als hier schon die Frömmsten der Frommen, und wenn diese bei schweren Schicksalsschlägen sich nicht enthalten können, dem »unerforschlichen Gott,« wie sie ihn dann, mit aufgehobenem Finger gleichsam, anreden, ein in ein »Warum?« gehülltes konstitutionell-loyales Tadelsvotum auszusprechen, so würden auch wir im himmlischen Schauspielsaale als Zuschauer der Welttragödie die kritische Frage nicht zu unterdrücken vermögen, ob denn das Stück nicht auch ohne die vielen Grausamkeiten durchzuführen wäre, ob denn die Führung der Völker nur durch Blut und Tränen möglich sei, ob der Triumph der Gewalt und Ungerechtigkeit, der Verrat am Edelsten, und, was ärger ist als alles physische Übel, die Seelenfolter, die geistige Verzweiflung unvermeidlich in den Weltplan gehören.« »Wenn aber diese Übel notwendig und diese Notwendigkeiten gut sind?« »Das ist ja eben der Jammer! Ich mag das noch so sehr glauben, oder glauben müssen, so bin ich damit um nichts besser dran. Wenn ich auf Erden hier, wo Gott vor sei, einem meiner Lieben eine grausame Operation und schreckliche Verstümmlung angetan sähe, so könnte ich mich, bei aller Einsicht in die Notwendigkeit und Heilsamkeit, so weit nämlich Krüppelei heilsam ist, gewiß nicht sonderlich freuen. Drüben aber wäre es ganz der gleiche Fall, nur unendlich erweitert, denn als ein vollkommeneres Wesen, viel reiner und inniger fühlend, müßte ich ja, weit über die mehr oder minder egoistische Teilnahme an meinem engeren Kreise hinaus, allen Jammer des Universums von den höchsten Geistesschmerzen bis zu den Windungen des zertretenen Wurmes mitempfinden, müßte also unrettbar dem Weltschmerz verfallen, den wir mit Recht hienieden aus unserem Denken und Dichten verbannen, der aber wohl einer geläuterten Gestalt fähig sein mag, als Keim einer neuen Religion vielleicht, einer Religion des absoluten Mitleids, wie sie in den gesamten heidnischen und christlichen Religionsformen nicht dagewesen, wenn auch etwa hie und dort angedeutet ist.« »Auf was für Grillen kommt man nicht, wenn man von einer falschen Voraussetzung ausgeht! Drüben brauchen wir kein Mitleid mehr, da sind alle irdischen Leidenschaften abgestreift, und der beschränkte Maßstab menschlicher Eintagsweisheit bleibt diesseits des Grabes zurück.« »Das heißt mit anderen Worten: es wird eine Zwiebelhaut um die andere abgeschält, bis von der Zwiebel selbst zuletzt gar nichts mehr übrig ist. Die gröberen Leidenschaften will ich gerne der Verwesung übergeben; wenn aber auch die feineren und edleren den Würmern verbleiben, alle die Nahrungsstoffe des Feuers, das in jedem einzelnen gerade so und nicht anders brennt und ihn unbefriedigt und ruhelos an der Befreiung und Verschönerung des Menschenlebens arbeiten heißt, wenn der Schmerz über das unendliche Weh der Welt, der seine Berechtigung einfach in unserem Dasein hat, und der mit dem Schwinden des abstumpfenden Leichtsinns, mit dem Versiegen der mildernden Träne nur um so tiefer werden müßte, wenn die innige Teilnahme am Lose geliebter Wesen, wenn das alles uns nicht hinüber begleitet, was wäre dann der Rest? Entweder das Nichts oder etwa ein Fortdämmern im All, ohne Erinnerung, ohne Bewußtsein, jedenfalls ohne Mitgefühl für die verlassene Heimat, als ob sie keine Stätte des Geistes wäre, ein Zuschauen, wenn's hoch kommt, des kaltlächelnden Sternes, der gelassen auf das Elend von Tausenden scheint. Nennt mir das eher alles andere, als eine Fortdauer der Persönlichkeit. Freilich verlassen uns die Leidenschaften, und gerade die edleren, oft mit zunehmendem Alter schon, die Persönlichkeit entblättert sich gleichsam auf langem Lebenswege, und das läßt uns schließen, was das Ende sein mag.« »Genug!« rief ein anderer. »Lassen wir das dunkle Jenseits, und halten uns an das Wort, das unser Freund, der Dichter des Alexander, seinen jugendvollen Helden in diesem Falle sprechen läßt: Füllen wir indes Mit unvergänglichem Gehalt dies Leben, Dann komme was da will.« Ludwig Bauer, Schriften, Seite 50. Alle erhoben die Gläser und stießen, wenn auch nicht gerade auf das Vollbringen, doch auf den Vorsatz und den guten Willen an. Freund Himmelsstürmer wollte jedoch seine Fahne behaupten. »Nicht alle Zwiebelhäute gehen ab,« rief er, »es bleibt ein Kern zurück, nicht die ganze Flamme erstirbt, sie reinigt sich nur vom Rauch –« »Halt ein!« unterbrach ihn ein lustiger Rat, der das Disputieren satt hatte, »mich dünkt, der Punsch räuchelt ohnehin schon ein wenig, und wenn er auch noch vollends beharrlich in Gefahr gebracht wird, nach Zwiebeln zu schmecken, dann wehe mir, Alhama!« »Vertagen wir also den platonischen Dialog,« erwiderte er lachend. Doch gab er sich noch nicht ganz zufrieden, sondern wendete sich zu mir und belobte den Eifer, mit dem ich ihm Jagdgenossenschaft geleistet, wobei er zu verstehen gab, daß dergleichen wohl nicht ganz ohne Neigung und Glauben geschehen sein könne, ja gar vielleicht gewisse Erfahrungen im Hintergrunde stecken. Ich verwahrte mich. »Ich bin nur ein Feiertagskind,« sagte ich. »Nicht einmal meine unbekannte Zukünftige hat mich bis jetzt zu sich auf die Vorschau entrückt. Am Reich der Schatten anzuklopfen habe ich außer unseren Streifzügen wenig Beruf gespürt, und noch weniger hat mir dasselbe Veranlassung gegeben, ihm ein Herein! zuzurufen. Zwar gehe ich gern mit abgeschiedenen Geistern um, aber ich kann dabei des Stechblicks entraten, denn teils läßt mir die Erinnerung ihre Gestalten aufsteigen, teils sind die Beschwörungsformeln, deren ich mich zum Geisterverkehr bediene, jedem zugänglich, der sich durch das Alphabet so weit durchgeschlagen hat, um die Errungenschaften genießen zu können, die ihm durch die gesegnetste aller schwarzen Künste bereitet sind. Und dennoch,« setzte ich hinzu, »kann ich Geister beschwören, die der Acheron besser verschlingt.« »Rezensentengeister?« fragte einer spöttisch, auf das Schicksal anspielend, das einem armen kleinen Bündchen Gedichte – leibliche Kinder diesmal – rauh und kalt in den Weg getreten war. »Nein, o nein! Es sind zwei wirkliche Gespenster, die ich wohin getragen habe.« »Unsinn! In einem Steinbruch oder unter eine Glasglocke?« »Auf eine öde Insel sind sie gebannt, die in keinem Reisehandbuch verzeichnet steht, und die niemand kennt als ich.« »In der Südsee?« »Nein, im Bodensee.« »Das wäre!« Die Gesellschaft wurde neugierig, und unser Freund rückte unwillkürlich näher, obgleich seine Hoffnung auf einen Gewinn, den er in seinem Sinn einen geistigen hätte nennen können, schwach genug sein mochte. Was ich jetzt beichtete, das habe ich seitdem einem kleinen, aber, wie sich von selbst versteht, gewählten Kreise ebenfalls erzählt. Nachdem ich jedoch in meinem gegenwärtigen Vortrage schon einmal die Schwachheit gehabt, statt des Teufels oder wenigstens eines klassischen Autors mich selbst zu zitieren, darf ich mir diesen allen Gesetzen der Literaturwelt hohnsprechenden Unfug nicht noch einmal beigehen lassen. Ich muß daher denjenigen ehrsamen Leser, der sich etwa hieher verirren sollte, ohne jener vertrauten Minderheit anzugehören, zu meinem Leidwesen auf seine eigene Gefahr nach der aufschlußgebenden Stelle, Band X, Seite Y, Zeile Z ff., tasten lassen. Ob er sie nun findet oder nicht, – so viel kann ich ihm verraten, daß ich von der Silvestergesellschaft wegen meiner Beichte weidlich ausgelacht worden bin. 8. In der Nacht nach jenem Abend oder vielmehr am Morgen nach jener Nacht hatte ich einen schweren Traum. Ich befand mich wieder einmal im Stübchen meines Buchdruckers. In der Wirklichkeit hatte dies vor einiger Zeit bei einem Besuche stattgefunden, der mir ihn mit schnellen Schritten seinem Ziel entgegengehend zeigte. Die bewegliche Gestalt war in sich zusammengedrückt, das furchenvolle Antlitz war ganz zurückgetreten und hatte durch die weit vorstehende Nase jenen Ausdruck bekommen, der die Nähe des Todes ankündigt; die Augen lagen erloschen in den tiefen Höhlen. Doch sprach aus seinen Zügen noch derselbe Geist des Wohlwollens, der ihm alle Menschen befreundet hatte, und heiter rief er mir mit seiner verwitterten Stimme und seinem intelligenten Lächeln zu: »Ei sieh doch, das ist schön, daß Sie mich auch noch besuchen! Schond lange« – als gebildeter Buchdrucker wählte er seine Ausdrücke – »habe ich mich in meinen Gedanken darüber ergangen, wie Sie sich doch befinden möchten. Wissen Sie denn auch noch, wie wir auf dem Roßberg waren, wo ich Ihnen die Schwedenschanze zeigte, wie wir auf der Achalm hin und wieder stiegen und von der goldenen Kette im Grund des Berges sprachen, denkt es Ihnen noch, wie wir auf dem Urschelberg am verschütteten Schachte saßen und ich von dem verwunschenen Fräulein erzählte? Du guter Gott, wie viel vergnügte Tage haben wir zusammen genossen, und wie aufmerksam haben Sie immerdar auf meine Geschichten gehört! Jetzt ist das nicht mehr so, die heutige Jugend fragt nimmer so viel nach dem alten Buchdrucker, und ich bin auch nicht mehr so alert wie ehedessen.« Ich suchte ihn durch Auffrischung der alten Erinnerungen zu vergnügen, und wollte ihm Hoffnung machen, das milde Wetter könnte uns doch vielleicht noch eine oder die andere der alten Fahrten zu wiederholen erlauben. »Geht nicht,« sagte er, indem er sein rotgewürfeltes Taschentuch aus dem langen Wamse zog, das er der altherkömmlichen Sitte gemäß an Werktagen trug. »Geht nicht mehr! Meine Uhr ist im Ablaufen, es ist über dreiviertel, ich sage Ihnen, es hat schond gewarnt. Mein Lebensbuch ist auf dem letzten Blatte, noch einmal umgeschlagen, und es heißt Punktum. Ich werde nun bald aus Press' und Druck dieses mühseligen Lebens erlöst, meine Typen seynd abgenutzt, meine Kolumnen« – er deutete auf seine Beine – »tragen mich nicht mehr. Diese ausgebrauchte Form wird nun bald auseinandergenommen werden, und was mag wohl Neues daraus entstehen? Ich habe mich oft schond in Gedanken darüber ergangen. In diesem meinem Leben, so hoch ich es in Jahren gebracht, habe ich immerdar unter der Makulatur gelegen, jetzt werde ich als Korrekturbogen durch die Hände meines großen Autors gehen, und ich verhoffe, er soll nicht den ganzen Bogen mit einem d. anstreichen«. – Bei diesen Worten machte er lächelnd mit dem Griffel das technische Zeichen des Deleatur auf die Schieferplatte seines alten Tisches. Ich drückte ihm die Hand und nahm Abschied so gut ich's vermochte. Nach wenigen Tagen hörte ich eines Abends ein Trauerlied vom Turme blasen: er war gestorben. Das Bild dieses Auftritts war es, was mir jetzt der Traum zurückführte. Mein Alter saß wieder an seinem Tische und schrieb sein Zeichen auf die Schieferplatte, ich sagte ihm wieder Lebewohl und ging der Türe zu. Da klopfte er barsch mit dem Griffel auf die Platte, und wie ich mich befremdet umwandte, winkte er mich mit dem Finger noch einmal zu sich zurück. »Und weiter haben Sie mir nichts mitzuteilen?« fragte er. »Wie?« Er kam mir in diesem Augenblicke vor wie der Herr Professor in der Prophetenschule, der, wenn er eine Übertretung des Gesetzes zu rügen hatte, echt inquisitionsmäßig statt mit einem bestimmten Vorhalte mit der allgemeinen Frage, ob man sich nicht schuldig fühle und wessen man sich anzuklagen habe, begann, um auf diese Weise vielleicht noch weiteren Untersuchungsstoff zu gewinnen. Auffallend war mir das gebieterische Wesen, das er, der sonst so ausnehmend Höfliche, jetzt auf einmal in Blick, Stimme und Haltung entwickelte, aber im Traume kommt man auch mit dem Ungewöhnlichsten schnell zurecht. Während ich jedoch nachsann, was für ein Geständnis er etwa verlangen möge, kam er mir zuvor. »Und Ihre beiden armen Ritter, die Sie auf der Geisterinsel gelassen haben, wie geht es ihnen?« »Vermutlich schlecht genug,« antwortete ich betreten. »Und der alte Überall und Nirgends, haben Sie nie daran gedacht, was er zu dieser Untat sagen werde?« »Mein Gott, mein Gott,« rief ich, »der alte Überall und Nirgends! Der Rächer jedes Unrechts! Der wird freilich sehr ungehalten sein.« Er sah mich mit einem richterlichen Blicke an und schwieg. Unter diesem Stillschweigen kam mehr und mehr das Bewußtsein über mich, daß ich einem Gesetz und einer Verfassung verfallen sei, wovon ich in den langen Jahren, seit ich den Geistergeschichten der Leihbibliothek untreu geworden war, nichts geträumt hatte. »Was ist über mich beschlossen?« rief ich ängstlich. »Ich ahne wohl, daß Ihr, der Waltbote jener unsichtbar waltenden Mächte, bestellt seid, mir mein Schicksal zu verkündigen.« Sein Gesicht nahm einen immer feierlicheren Ausdruck an. »Du hast zwo arme Seelen auf dem Gewissen,« sprach er endlich, »die seit Jahren in unaussprechlicher Pein auf ihre Erlösung harren. Tritt zu meiner Linken, blicke mir über die rechte Schulter und sieh her.« Ich tat wie nur geheißen war. Er deutete mit dem Griffel auf die Tafel, die sich in einen Spiegel verwandelt hatte. Fernher aus dem tiefsten Hintergrunde schwebte ein Bild, das immer näher kam und mich mit Grauen erfüllte. Die beiden Ritter, deren ich mich nur allzuwohl erinnerte, standen im Trauerharnisch, Helm und Helmbusch, Wappenrock, Armschienen und Beingewand, alles kohlschwarz, mit unbehilflich aufgehobenem Schwert und Schild, jedoch ohne Bewegung, nah und näher und zuletzt lebensgroß vor mir. Zu ihren Füßen grünten ein paar verkrüppelte Hälmchen, den Strand, auf dem sie standen, umgab ein bleiernes Gewässer. Das ganze Bild war regungslos, die Bewegung bestand nur im Heranschweben, das so überhandnahm, daß die Gestalten sich in mein Auge zu drängen drohten. Entsetzt trat ich hinweg, das Bild verschwand. »Bist du des Anblicks schon überdrüssig?« sagte er vorwurfsvoll. »Und jene Unglücklichen harren jahrelang, müssen vielleicht Ewigkeiten harren.« »Ich fühle namenloses Mitleid mit ihnen,« rief ich aus. »Könnt' ich sie retten!« »Du kannst es, kannst und mußt sie erlösen, um dein selbst willen mußt du es. Denn höre, was dir der alte Überall und Nirgends auferlegt: wenn du, so lautet sein Spruch, dereinst von hinnen gehst, ohne zuvor diese deine Geister erlöst zu haben, so mußt du zu ihnen auf die Insel, mußt bei ihnen schweben oder vielmehr stehen bleiben, bis –« »Halt ein!« rief ich. »Ich will. Was muß ich tun, um ihnen die ewige Ruhe zu geben?« »Deine Strafe ist hart, aber gerecht. Sie ist dir obendrein wegen deines langen Ausbleibens verschärft worden. Ich darf dir nämlich nicht sagen, was deine Aufgabe ist, du mußt sie erraten.« »Das ist aber himmelschreiend!« rief ich empört. »Lästere das Schicksal nicht,« sprach er mit ernster Stimme. »Und die beklagenswerten Geister, warum müssen sie mit mir büßen?« »Ehre, wie sie, den Willen des Schicksals!« »Darf ich fragen?« »Drei Fragen sind dir gestattet, halte sie wohl zu Rate.« » Per quod quis peccat, per idem punitur et idem. Mit der Feder hab' ich das Unheil angerichtet, so werd' ich es wohl auch mit der Feder gutmachen müssen?« »Die erste Frage ist gelöst,« sagte er. »Zur Strafe,« fuhr ich fort, »eine gute Tat an einem besonders schwierigen Stoffe, dessen nicht leicht ein anderer sich erbarmt –« »Erforsche den Willen des Schicksals!« rief er dumpf und versank plötzlich hinter dem Tische, der sich an der Seite, wo er verschwunden war, ein wenig in die Höhe richtete. Es war kein Tisch mehr, es war ein halb eingesunkener Grabstein, der sich mit dem einen Rand über den Boden erhob. Auf dem Rande lag Schnee. Das Stübchen war gleichfalls verschwunden, ich stand auf einem weiten Schneefeld, allein mit dem Leichensteine, in welchen eine Platte mit unleserlichen Schriftzeichen eingelassen war. Über dem vergeblichen Bemühen, die Buchstaben zu entziffern, erwachte ich. Ein klarer Neujahrsmorgen blickte über die Dächer und lachte mich wegen des wunderlichen Traumes aus. Aber eine Lage weißen Papiers, die einer Frage an das Schicksal glich, sah mir ernsthaft vom Tischchen entgegen, sie wollte den Traum nicht völlig abschütteln lassen, und mit zweifelndem Herzen trat ich meine Wanderung durch die Welt der Stoffe und Formen an. 9. Der jugendliche Traum hat sich seitdem zu manchen Malen wiederholt. Er führte mich immer wieder in das Hinterhöfchen, wo neben dem Gärtchen und dem kleinen Zaune das halbe Häuschen wie in der Mitte entzweigeschnitten steht. Dort im engen Stübchen, am Tische mit der Schieferplatte, saß jedesmal mein alter Freund, freundlich wie er im Leben gewesen war. Ich erzählte ihm von meinen Wanderungen, machte ihn zum Vertrauten meiner Freuden, und schüttete meine Klagen bei ihm aus, Klagen, von denen ich keine Abschrift behalten habe. Aber wenn ich nach meinen beiden Rittern fragte, so zeigte er mir kopfschüttelnd das Bild im Spiegel, und es war immer das alte Bild. Endlich wagte ich die zweite Frage. »Über dem Versuche eines historischen Romans,« sagte ich zu ihm, »habe ich mich an den beiden armen Seelen vergriffen. Muß ich zur Buße einen historischen Roman schreiben?« »Getroffen!« antwortete er und verschwand samt seiner Umgebung schnell, wohl um mir eine Voreiligkeit im Weiterfragen zu ersparen. Wiederum kam ich im Traume zu ihm, gab Rechenschaft von meinen Fahrten und vertraute ihm manches Unmaßgebliche, das nicht zu den Akten gekommen ist. Aber mit meinen beiden Rittern stand es immer noch beim Alten. »Du wirst weder Glück noch Stern haben,« sagte er, »bis du das Rechte triffst. Bis dahin wird es immer bei dir heißen: Wir haben euch gepfiffen und ihr wolltet nicht tanzen, wir haben euch geklaget und ihr wolltet nicht weinen.« Nun brach mir die Geduld, und ich wurde lustig, wie man es zuweilen wird, wenn man die Geduld verloren hat. Die dritte Frage war mir nur noch ein Spaß. »Jener verhängnisvolle Versuch,« sagte ich, »hatte die Belagerung meiner Vaterstadt zum Gegenstande – ich werde also ohne Zweifel die Belagerung von Reutlingen schreiben müssen?« »Du sagst es. Hätte dir das nicht früher einfallen können? Per quod quis peccat, per idem punitur et idem. « Sprach's und blieb ruhig an seinem Tische sitzen, da es jetzt keine Frage mehr zu verscherzen gab. In seinem sonst so wohlwollenden Gesichte glaubte ich jedoch eine leise Schadenfreude zu erkennen. »Schrecklich, schrecklich!« rief ich, »als ich den Spaß zum Ernste werden sah. Das liest nun vollends kein Mensch. Nein, ich tu' es nicht, und wenn die Geister darüber noch schwärzer werden als sie sind.« »Dann mußt du ihnen später Gesellschaft leisten, bis ein anderer diese Belagerung schreibt.« »Da könnte ich eine schöne Weile warten!« rief ich verzweiflungsvoll, und stieß Reden aus, womit ich nicht einmal unsere alten Chronisten, die einzeiligen Geschichtsklitterer, geschweige unsere modernen Akuten, die dreibändigen Romanflitterer, verschonte, Reden, die glücklicherweise nicht gefroren sind, da sie sonst bei einem unvermuteten Tauwetter zu meinem eigenen Schrecken wieder losgehen könnten. Der Alte ließ mich eine Weile wüten, dann versank er in der gewohnten Art. Dieser letzte Traum machte mir noch mehr zu schaffen als die früheren. Zwar fand ich es, besonders bei Tage, allen meinen Grundsätzen zuwider, daß ich nach meinem Tode auf einer nicht einmal geographisch anerkannten Insel spuken sollte, doch beherzigte ich das warnende schwäbische Sprüchwort, das da sagt: »Nichts Gewisses weiß man nicht.« Auf der anderen Seite aber, indem ich den Sicheren zu spielen gedachte, ließ mir die angeborene Widerspenstigkeit nicht zu, mich dem eigensinnigen Schicksal blindlings zu fügen, und ich sann deshalb darauf, ihm ein X für ein U zu machen. Endlich ging ich her und begann die mein Strafpensum buchstäblich enthaltenden neun Bücher meiner Denkwürdigkeiten zu schreiben, wovon, vielteurer Leser derselben, hiemit das neunte und letzte vor dir liegt. Zwar, ehe ich es schließe, sollte ich dir, wie es sich unter getreuen Freunden ziemt, noch Kunde geben, wie ich mit Wilhelm Meister bekannt wurde, wie sein Freund Biribinker von weiten kühnen Flibustierzügen zurückkam, wie beide, unbefriedigt durch die bisherigen Erfindungen, die es nicht höher gebracht, als Romane zu weben, zu stricken oder höchstens auf dem Zirkularstuhl zu verfertigen, eine dem längst gefühlten Bedürfnis der Neuzeit über alle Erwartung entgegenkommende, noch nie dagewesene, den menschlichen Scharfsinn auf seinem Gipfelpunkte zeigende Schnellromanerzeugungsanstalt errichteten, wie sie zu diesem Behufe aus Berlin einen Psychographen verschrieben, dessen Gedankenflug jede Maschinenkonkurrenz niederschmetterte, wie sie seine Geschwindigkeit noch durch Anwendung der Stenographie ins Hundert- und Tausendbändige beflügelten, wie sie sodann unter den schmeichelhaftesten Anerbietungen mir den Eintritt in ihr psychostenographisches Workinghouse eröffneten, zugleich aber auch die entsetzliche Ungeschicklichkeit, durch die ich mich ihrer Gunst unwürdig machte, und endlich die traurigen Folgen dieses Fehltritts – das alles und noch viel anderes mehr sollte ich dir erzählen, allein ich bin froh, daß meine Denkwürdigkeiten hier zu Ende gehen, und du bist es wahrscheinlich auch. Freilich, ob ich das Orakel überlistet und meine Geister erlöst habe, kann ich bei alledem noch nicht für ganz gewiß versichern. Indessen ist mir der Traum in Jahr und Tag nicht mehr vorgekommen, und so meine ich mich denn doch beinahe dem Glauben hingeben zu dürfen, daß, abermals eine schwäbische Redeweise zu brauchen, die arme Seele Ruhe hat, oder vielmehr diesmal hoffentlich alle beide. Einen freudigen Schrecken erregte es mir, als ich einstmals einen Brief mit dem Postzeichen »Sion« auf meinem Tische fand, aber der Befund ergab sogleich, daß derselbe nicht aus dem himmlischen kam, sondern aus dem irdischen, und der Freund, von dem er zeugte, war einer der da lebet. Obwohl ich nun so sehr, ja mehr als mein Geistersucher, der es sich um Bürgschaften aus dem Jenseits sauer werden ließ, Grund gehabt hätte, eine beruhigende Post von dort willkommen zu heißen, so begrüßte ich dennoch die Enttäuschung mit selbstloser Freude. Und da ich von dem anderen Freunde, von dem, wie er sagte, zu seinem großen Autor heimgegangenen, weder im Traume noch im Wachen mehr ein Zeichen erhalten habe, so will auch ich seine wohlerworbene Ruhe, benebst der mir noch kostbareren einer schwergeprüften, lesegepeinigten Oberwelt, nicht fürder behelligen, und sage, meinen Weg allein weiter gehend, ihm und anderen Schatten meiner Jugend Lebewohl. Abenteuer in der Heimat. Vor einigen Jahren machte ich in den Frühlingsferien einen Ausflug, auf dem mich mein Bruder begleitete. Ein Dörfchen auf dem Aalbuch und dessen gastliches Pfarrhaus waren das nächste Ziel der Reise. Eine Abspannung, die mir von einer Krankheit zurückgeblieben war, und der Wunsch, recht ungestört miteinander plaudern zu können, veranlaßte uns zu dem Luxus, ein Bernerwägelchen zu nehmen, das mit einem sehr zweifelhaften Rosse bespannt war. Ich hatte mich ritterlich erboten, die Lenkung der Equipage zu übernehmen, aber mein Bruder redete mir's aus: es gebe keine schlechtere Art zu reisen, sagte er, als wenn man sich dabei zum Kutscher erniedrigen müsse, man dürfe weder links noch rechts sehen und habe von der ganzen Reise so wenig Genuß, als wenn man zu Hause mit einem Paar Zügel in der Hand sitzen geblieben wäre. Ich las durch diese Vorstellung hindurch noch eine tiefere Besorgnis, denn freilich war es mir erst wenige Wochen zuvor widerfahren, daß ich, der mutwilligen Laune eines Pferdes unterliegend, mich und meinen Bruder samt der Chaise in den Graben fallen ließ. Ein gegründetes Mißtrauen macht mich immer demütig: ich gab nach und wir nahmen einen Knecht an, der, in jeder Beziehung von der Natur stiefmütterlich behandelt, mit dem Pferde zusammengerechnet ungefähr die Summe eines gerade noch zulässigen Menschenverstandes betragen konnte. Frühmorgens fuhren wir zur Vaterstadt hinaus, frühstückten in Nürtingen und waren mittags in Göppingen auf der Post; dort erfuhren wir, den Tag zuvor sei Sir Walter Scott durchgereist. Er war auf jener eiligen Rückkehr nach Schottland begriffen, wo er allein sterben zu können meinte. Übrigens soll er damals noch ziemlich rüstig gewesen sein; er habe, sagte man im Posthause, sich mit einem zufällig anwesenden Pfarrer aus der Nachbarschaft lebhaft unterhalten. Soeben kam dieser Pfarrer selbst und erzählte mir auf mein heftiges Befragen die ganze, freilich nicht überschwängliche Konversation mit einer Gleichgültigkeit, die mir alle Nerven aufregte; ich wußte damals nicht, daß Gelassenheit eine Tugend ist und sah den Pfarrer mit Seitenblicken an, als ob er mir ein Kleinod gestohlen hatte. Aber der akademische Leichtsinn verwischte bald jede Spur von Verdruß; kaum saßen wir wieder auf dem Wägelchen, als ich wieder in der besten Laune war und zu plaudern anfing. Ich bin am mitteilendsten im Fahren, es rüttelt eine Masse von Empfindungen und Gedanken in mir zusammen. Ernst war auch nicht maulfaul: »da ging es fort in einem Fluß, als ob ein Waldstrom rauschte!« Wir waren uns die nächsten und einzigen Verwandten, einer dem anderen übrig geblieben, und wenn unsere Situation auf dem Bernerwägelchen auch nicht so pathetisch war, wie die der beiden Königsknaben bei Shakespeare, so waren wir doch in einer Lage, die in jedem das tiefste Vertrauen zum andern, die herzlichste Ergebenheit aufregte. Wir ließen alle unsere Verhältnisse die Revue passieren und hatten Weg und Richtung und alles vergessen. Der Weg führt über Weißenstein, wo damals noch das berühmteste Bier im Lande gebraut wurde, und ich freute mich, meinen Bruder hier an der Quelle trinken zu lassen, aber es war in den Sternen beschlossen, er solle den Weißensteiner Nektar diesmal nicht zu kosten bekommen. Im zweiten Dorfe, wenn man von Göppingen kommt, in Süßen scheiden sich die Wege, was ich von einer früheren Reise durch dieselbe Gegend noch recht gut wissen konnte; man muß, wenn man nach Weißenstein will, an einem Wirtshause links vorbeifahren. Aber wir waren eben im tiefsten Gespräch, und der Kutscher fuhr, ohne zu fragen, geradeaus: wahrscheinlich dachte er, Weißenstein sei wie Arkadien überall, wo man eine gute Einkehr finde, oder noch wahrscheinlicher dachte er gar nichts. Daß wir am Hohenstaufen vorbeikamen, lag ganz im Lauf der Dinge; billig aber hätte es mir auffallen sollen, daß wir immer auf derselben Seite blieben und den Rechberg und Streifen in der gleichen Richtung hinter uns ließen; ich wunderte mich jedoch so wenig, daß ich vielmehr meinen Bruder auf die schöne Lage und Gestalt dieser Berge, das Gespräch von Zeit zu Zeit unterbrechend, aufmerksam machte. So kamen wir eine gute Strecke fort, ohne zu sehen, wohin es ging, denn wir teilten einander Beobachtungen aus dem Menschenleben mit, und die Erfahrung war noch so neu! Und doch erinnere ich mich ganz deutlich, dabei ein unheimliches Gefühl gehabt zu haben, als ob nicht alles sei wie es sein sollte. Endlich versagte die Unterhaltung und es trat ein gewisses Mißbehagen ein, wie es immer einem lebhaften Gespräche zu folgen pflegt. Ich fing an, mich zu wundern, daß der Weg nach Weißenstein so weit sei und die Gegend kam mir immer unbekannter vor. In einiger Entfernung stieg der Weg bergan. Das wird die Weißensteiner Steige sein, dachte ich, und hieß den Kutscher sein müdes Pferd ermuntern. Als wir die Steige erreicht hatten, sprangen wir herab und gingen zu Fuß. Wir hatten etwa die Hälfte des Berges zurückgelegt, da erblickten wir auf einer vor uns liegenden Spitze einen alten Turm; seitwärts schob sich zwischen den Bergen eine Stadt hervor. Das konnte Weißenstein unmöglich sein. In dieser Not kam ein Mann den Berg herunter auf uns zu. Ich fragte, was das für ein Ort da drüben sei. Es war Geislingen! Wir waren also etwa vier Stunden fehlgefahren. Der Mann lachte uns aus und sagte: Ihr habt wahrscheinlich in Groß-Süßen nicht aufgepaßt; es ist anderen auch schon so gegangen. Wie kommen wir aber jetzt nach Weißenstein? fragte ich. Wir mußten eben den Weg wieder zurück, den wir gekommen seien, hieß es. Mein Bruder aber, der ein praktischerer Kopf ist als ich, vermutete, wir werden jetzt gar nicht mehr nötig haben über Weißenstein zu gehen. So war es denn auch: wir wurden angewiesen, gleich an der Stelle, wo wir uns befanden, einen Weg links hinabzufahren; dann zeichnete uns jener Wegweiser die Richtung vor und nannte die Ortschaften, die wir zu passieren haben würden. Wir dankten ihm und traten die neue Route an. Ein steiniger, halsbrechender Weg führte uns in ein enges Tälchen hinab; Berge, die im Verhältnis zum Tale sehr hoch waren, hingen auf beiden Seiten herein, sie waren bis zum Gipfel dicht mit Wald bewachsen und zwischen den Bäumen schimmerten starke Felsstücke hervor. Es war eine so wilde Schönheit über diese Gegend verbreitet, daß ich anfing, unsere Unachtsamkeit und den Einfall des Kutschers zu segnen, die uns in diese angenehme Irre geführt hatten. In dieser Wildnis liegt Eybach, ein Gut des Grafen von Degenfeld. Wir fuhren am Schlosse vorbei: eine schwarzgekleidete Dame stand davor, die unsern Gruß freundlich erwiderte. Der Weg führte sogleich wieder bergan und ich erinnerte den Kutscher, daß das Pferd seinen Göppinger Hafer wahrscheinlich verdaut haben werde; aber er meinte, es ginge schon noch. Mir ist's gleichgültig, sagte ich, ich habe noch keinen Hunger. Aus seiner Zuversichtlichkeit schloß ich, er werde in dieser Gegend wieder bekannt sein; aber dem war nicht so: der Esel wußte so wenig als wir, welch ein Berg vor uns lag. Wir waren sogleich ausgestiegen und gingen zu Fuß voraus. Der Weg wurde immer steiler, wir stiegen rüstig fort und waren eben wieder im besten Plaudern, als wir den Knecht hinter uns schreien und fluchen hörten. Wir gingen zurück und nun fand sich die Bescherung: das Pferd war stehen geblieben und er konnte es weder mit Güte noch mit Gewalt von der Stelle bringen. Es war ein altes Tier und eins von denen, die immer im gleichen schwerfälligen Tritt bleiben und Hunger und Müdigkeit lang ertragen, endlich aber, wenn ihre Geduld am Rand ist, ihren Kopf aufsetzen und sich den Eigensinn auf keine Weise vertreiben lassen. Der Bursche hieb eben wie besessen auf die arme Kreatur ein, als wir bei ihm ankamen. Ich riß ihm sogleich die Peitsche aus der Hand und hielt ihm eine tüchtige Predigt, wobei ich die ganze vierfüßige Naturgeschichte ausbreitete. Eigentlich, sagt' ich, hättet Ihr verdient, daß man jetzt Euch einspannte und den Berg hinauf triebe. – Was war zu tun? Sollten wir nach Eybach zurück oder vorwärts? Nach der Strecke, die hinter uns lag, zu urteilen, mußten wir bald oben sein. Wir ließen das Pferd eine volle Viertelstunde ruhen, dann nahm ich es am Zügel und wollte es weiter führen: Vergebens! es tat keinen Schritt von der Stelle. Nun entschlossen wir uns, Vorspann von Steinenkirch zu holen, welches uns als das nächste Dorf von jenem Wegweiser bezeichnet worden war. Dem Knechte schärften wir ein, mit der ganzen Equipage hier zu bleiben und sich nicht von der Stelle zu rühren, und nun gingen wir eilig miteinander aufwärts. Das Abenteuer kam uns eigentlich sehr spaßhaft vor. wir gerieten in die beste Laune und scherzten über das dumme Gesicht unseres trefflichen Wagenlenkers. Diese gute Laune kam uns wohl zustatten, denn der Berg wollte gar kein Ende nehmen; in meinem Leben ist mir keine Steige so lang vorgekommen. Es war Abend, als wir in Steinenkirch ankamen. Wir besorgten sogleich Vorspann und erlabten uns dann an einer Flasche Wein, die dem unscheinbaren Wirtshaus gar keine Schande machte: kleine geräucherte Bratwürste wurden uns, als der höchste Leckerbissen, der in Steinenkirch aufzutreiben war, dazu vorgesetzt. Unser Wägelchen kam ziemlich bald nach und der Kutscher, mit dem wir nun wieder ausgesöhnt waren, erhielt auch seinen Schoppen; die beste Pflege aber wollten wir dem abgequälten Rößlein zuteil werden lassen, als es hieß, Hafer sei in Steinenkirch nicht zu haben – nun mußte das arme Tier mit Heu und Brot vorlieb nehmen. Aber der alte Hippogryph war kein Kostverächter, er verschlang seine kümmerliche Nahrung mit ungemeinem Appetit. Aus Mitleiden ließ ich ihm noch etwas Wein daran gießen und beschwichtigte meinen Bruder, der sich dieser Prozedur widersetzen wollte: siehst du, sagte ich, er ist ja nicht mehr so jung, in seinem Alter kann ihm ein Gläschen nicht wohl schaden. Als wir in Böhmenkirch ankamen, war es elf Uhr in der Nacht. Bis hierher hatte man uns gesagt, dürften wir nur dem gebahnten Wege folgen, dann aber hätten wir eine Heide vor uns, durch welche, zumal bei Nacht, nur ein Kundiger den Pfad finden könne. Nun fing die Sache ganz romantisch zu werden an. Das kleine stille Felsental, die abgeschlossene Gebirgswelt, die nächtige Reise, alles dies versetzte mich in einen Zauberkreis, den ich mit Elfen und Gnomen bevölkerte; ja es war offenbar, irgend ein Bergkobold hatte uns den Weg nach Steinenkirch versperren wollen und wer weiß, wenn unser Pferd einen klügern Knecht gehabt hätte, ob nicht vielleicht noch seltsame Dinge zutage gekommen wären! vielleicht hätte das gute Tier gesprochen, wie Bileams Eselin: Peter, du Sohn Michels, was hab' ich dir getan, daß du mich schlägst? Es steht ja einer im Weg und läßt mich nicht vorwärts! – Und nun vollends der Name Böhmenkirch: dieser Name hat so einen fremden, phantastischen Klang, es ist etwas von den böhmischen Dörfern darin oder gar von den böhmischen Wäldern. Doch nein! an Räuber konnte man hier nicht denken, es war mehr eine Atmosphäre von Kobolden und Gespenstern; übrigens bin ich ganz der natur-philosophischen Ansicht, die mein geistreicher Freund G***t einmal aufstellte: die Räuber (versteht sich bei Nacht) seien nichts anderes als reale Gespenster. Auch sind Räubergeschichten, die Märchen vom Räuberhaus im Walde, wo man vom Betthimmel erschlagen wird oder mit dem Bett in eine Blutgrube hinunterstürzt, – diese sind im Grunde ganz dieselben mit den Sagen vom verlassenen Schloß, wo böse Geister hausen und dir im Schlafe den Hals umdrehen oder mit den alten Märchen vom Riesen und Oger, der den grauenhaften Geschmack fürs Menschenfleisch hat. Mein Bruder ließ mich nicht weiter phantasieren: es kommt darauf an, sagte er, ob wir in diesen böhmischen Wäldern ein schwäbisches Herz finden, das uns den Weg durch die Wüste zeigt. Einen Lotsen, rief ich, durch das weite Meer der Heide, einen großherzigen aber rätselhaften Cooperschen Lotsen! Geh' einmal, Peter, und mach' Lärm; ich glaube, es wacht keine Seele mehr in dem böhmischen Dorf! Peter knallte und wir riefen in allen Formen des Vokativs. Endlich steckte ein verschlafener Junge den Kopf durchs Fenster und fragte, was es gebe. Wir trugen ihm unsern Wunsch in gutem verständlichen Schwäbisch vor und boten ihm eine billige Belohnung, wenn er uns begleiten würde. Der Akkord war bald geschlossen, der junge Mensch, ein stämmiger Bursche von 16 Jahren, kam angekleidet heraus, setzte sich zu dem Kutscher und wir fuhren fort. Nun gerieten wir aber auf einmal mitten in die Szene, womit Walter Scott seinen schwarzen Zwerg eröffnet. Eine weite Heide lag vor uns, deren Farbe im ungewissen Mondlicht zwischen Braun und Schwarz wechselte. Finstere Wolken lagerten sich vor den Mond, dieser aber brach von Zeit zu Zeit durch eine Lücke mit dem vollen Glanze seiner Scheibe hervor. Eins dieser plötzlichen Lichter zeigte uns, um die Ähnlichkeit wirklich täuschend zu machen, in der Ferne einen großen Steinhaufen, der wie von Menschenhand übereinander getürmt zu sein schien. Nun war es mir, als vollends unser Weg sich dorthin wendete, ganz unzweifelhaft, der mißgeschaffene Einsiedler würde, sobald wir bei seiner Wohnung angelangt wären, auf dem höchsten Steine erscheinen, mit seiner seltsamen Behendigkeit herunterklettern und all seinen Menschenhaß über uns ausgießen. Aber wir kamen unangefochten an den Steinen vorbei; es ließ sich nichts hören, nur der Ruf unseres Lotsen: Links! rechts! gradaus! unterbrach zuweilen die Stille der Nacht. Es gibt ein Behagen, vor dem man nicht zu Worte kommen kann; in dieser Stimmung waren wir beide, wir lagen schweigend im Gefährt, aber an Schlaf war nicht zu denken: mit offenen Augen sahen wir in die fremde Gegend hinaus, und alles fiel mir wieder ein, was ich je von Hochschottland gelesen und geträumt hatte. Die Heide neigte sich abwärts; drüben in Irmansweiler schlugen die Hunde des Försters an. Wir waren ungefähr noch eine Viertelstunde gefahren, da erschreckte uns eine schwarze Masse, die plötzlich vor uns stand. Der Lotse sprang ab und sagte: Wir sind zur Stelle. Wir hielten vor dem Pfarrhaus. Der Bursche erhielt seinen Lohn und verließ uns, um wieder nach Böhmenkirch zu gehen; ich folgte ihm in Gedanken weit über die Heide. Mitternacht war vorüber und wir mußten mehrmals die Klingel ziehen, bis wir die Leute aus dem Schlaf geschüttelt hatten. Man sollte auf dem Lande und zumal in Pfarrhäusern nur bei Nacht ankommen; eine solche Reveille macht die Leute rührig und rüstig, und der Empfang ist doppelt so lustig als bei Tage. Die sorgsame Pfarrerin bereitete sogleich etwas Warmes und der Pfarrer holte Wein herauf. Übrigens dauerte unser Schmaus nicht lange und unsere Reisebeschreibung war kurz, denn wir fingen nachgerade doch zu empfinden an, daß wir einen langen und zum Teil beschwerlichen Tag hinter uns hatten, oder unverblümt gesprochen, wir fühlten uns müde und schläfrig. Der Pfarrer führte uns ins Gast- und Studierzimmer, einen großen Saal, denn das Pfarrhaus ist eine Art von Schloß, ein uraltes Herrenhaus, in dem, weil es einem Patronatsdienst angehört, seit vielen Jahren nichts repariert worden ist. Die Türen und Fenster schließen nicht gut, die Wände sind transparent und der Boden hat Löcher, durch welche man in alte Burgverließe hinabzustürzen fürchten muß. Aber demungeachtet und trotzdem, daß dieser Saal noch überdies der nächtliche Spielraum eines Kapuzinergeistes sein soll, schliefen wir fest bis an den Morgen. Bälder, als es unseren müden Gliedern behagte, wurden wir von dem Pfarrer geweckt: da ihr einmal zu uns gekommen seid, sagte er, so müßt ihr euch gefallen lassen, auch für uns da zu sein. Während man den Kaffee trank, kam der benachbarte Förster, ein lustiger Mann und morgens wie abends ein willkommener Gast. Ich befreundete mich schnell mit ihm, und erbot mich, während Ernst im Pfarrhause zurückblieb, ihn auf die Jagd zu begleiten. Bei meiner mönchischen Erziehung war mir dieses Vergnügen, nach dem ich große Sehnsucht empfand, niemals zu teil geworden. Der Förster nahm mich als Jägerburschen an und beschloß sogleich ein Examen mit mir anzustellen, denn auf edlere Tiere, sagte er, laß' ich Euch nicht so mir nichts dir nichts schießen, wenn Ihr's nicht wert seid; seht einmal da droben auf dem Dache (wir waren mittlerweile unters Haus gekommen), da sitzt ein Sperling, den schießt mir herunter, und wenn's geht, so lass ich Euch zu Hasen und am Ende gar zu Hirschen avancieren; oder Ihr braucht ihn nicht einmal zu treffen; ich bin zufrieden, wenn Ihr Euch nur anstellig mit dem Gewehre zeigt. Nun wies er mir, wie ich mich stellen, anlegen und zielen sollte. Ich nahm den Sperling, der sich gar nicht rührte, sehr genau aufs Korn und zielte lange, lange. Na zum Teufel, so laßt brechen! rief der Förster. In der Angst meines Herzens schloß ich die Augen und drückte los, der Schuß krachte gewaltig und die Büchse stieß mir wider die Wange: es war die erste Kugel, die ich in meinem Leben verschossen hatte. Als ich die Augen wieder auftat, saß der Sperling nicht mehr da. Fehlgeschossen! rief der Förster. Ich aber behauptete, der Vogel sei auf der anderen Seite heruntergefallen. Wie wir nun gehen wollten, um nachzusehen, erhob sich ein mächtiges Geprassel auf dem Dache, wir sprangen links und rechts auseinander und ein Ziegel schoß zwischen uns auf den Boden. Er Wildschütz! donnerte der Förster: wer heißt Ihn seinem Vetter den schönsten Ziegel vom Dache schießen? Und da seh' Er einmal hin, wo sich das Loch im Dache befindet, und mess Er von da bis zu dem Orte, wo sein Wildbret saß! O weh, es war eine Entfernung von wenigstens acht Schuh! Er ist nun degradiert, fuhr der Förster fort, und darf mir höchstens das Gewehr nachtragen, aber keinen Schuß soll Er mir nicht mehr tun. Einen Bock hat schon mancher geschossen, aber einen Ziegel zu schießen, das ist ein eigener und sehr abnormer Geschmack! Wir gingen nun weiter und kamen über die Heide, die mir in ganz anderem Licht als gestern abend erschien. Eine öde ungenießbare Wildnis lag vor meinen Augen. Wir kamen in einen Wald, aber ich muß die Wälder, die auf der Vorderseite der Alb liegen, um Verzeihung bitten, wenn ich einer Gruppe von kleinen verkrüppelten Bäumen diesen Namen gebe. Die Jagd stand im angemessenen Verhältnis zur Gegend, es stieß uns auch nicht das geringste Wild auf. Der Förster fluchte und wetterte, wir gingen wieder zurück; endlich zeigte sich in der Ferne ein Vogel, der unruhig und schreiend hin und her flog. Ich habe in meiner Jugend zwar viel in Raffs Naturgeschichte studiert, bin aber so ziemlich bei dem Elefanten, Walfisch und Hunde stehen geblieben, welche mich als offenbar romantische Tiere interessierten. Auf meine Frage belehrte mich mein Freund, es sei ein Specht, und schalt mich einen Gelehrten, was in seinem Munde nicht schmeichelhaft klang. Der Specht kam näher und setzte sich zuletzt auf einen Baum. Der Förster schlich hinzu und schoß; ich sah einige Blätter aus dem Baume fliegen, der Vogel stieß einen krächzenden Schrei aus und flog davon. Haha, großer Nimrod, lachte ich, an wem ist jetzt das Degradieren? Ich habe ihn getroffen, replizierte er, so wahr meine Seele lebt; haben Sie nicht gesehen, wie ein Haufen Federn von ihm stäubte? und sehen Sie, wie matt er fliegt, was er für Kreise zieht? jetzt muß er fallen. Aber er fiel nicht, in weiteren und immer weiteren Kreisen entzog er sich unseren Blicken. Wir suchten noch unter dem Baume, es fand sich keine Spur von Federn, und jetzt hielt ich dem unbarmherzigen Jäger eine eindringliche Predigt über den Text: rezensiert nicht, auf daß Ihr nicht rezensiert werdet. Hiermit entließ ich ihn. Als ich nach Hause kam, rief mir die Pfarrerin entgegen: Nun, wo hast du deine Beute? Ich hoffe, du hast meine Küche nicht leer ausgehen lassen. Ich zuckte die Achseln und erwiderte: Wir haben im Tau uns gequälet Und beide geschossen schlecht: Ich habe den Spatzen gefehlet, Der Förster aber den Specht. Aber was ist denn das für ein Lärm? unterbrach ich mich und trat ans Fenster: eine Menge geputzter Leute, Bursche und Mädchen mit Bändern, auch Erwachsene, und zwar nicht bloß Bauern, sondern sogar Städter zogen unter dem Schall einer rauschenden Musik vorbei; viele von diesem Haufen waren durch Tracht und Gesichtsbildung als Söhne Israels unverkennbar bezeichnet. Wie, Ludwig! rief ich zu dem Pfarrer gewendet: sollte ich deine Absicht und den Zweck dieser Prozession erraten? Hast du die Frage, über welche gegenwärtig ganz Europa sich den Kopf zerbricht, auf deinem Dörfchen glücklich gelöst, hast du eine Versöhnung des Alten und Neuen Testaments zustande gebracht und diese Bundesfeier auf den heutigen Tag verlegt, um mich daran teilnehmen zu lassen, mich, den du als einen Kosmopoliten vom Wirbel bis zur Zehe kennst? Wahrhaftig, sagte der Pfarrer, deine Vermutung ist nicht ungegründet und deine Teilnahme ist dir ebenfalls unverwehrt, denn es ist heute ein Tag, wo alle Konfessionen sich in dem Kultus einer kosmopolitischen Religion, alle Gottes- und Götzendiener sich in der Verehrung eines Gottes vereinigen, wo der Jude zum Christen und der Christ zum Juden wird, wo der Mammon den »eifrigen« wie den »väterlichen« Gott verdrängt, mit einem Wort: es ist ein Markttag. So etwas habe ich mir gedacht, entgegnete ich: nur ist es mir verwunderlich, wie ein so abgelegenes Dörfchen eine solche Institution genießen soll. Unser Dorf, belehrte mich der Pfarrer, hat eine alte Marktgerechtigkeit, vielleicht aus besseren Zeiten, und da, wie du weißt, der Mensch ein Geschöpf der Gewohnheit ist, so wird dieser Markt, wie vor uralter Zeit, noch ganz unbefangen gehalten, ohne daß jemandem eine Abänderung eingefallen wäre, am allerwenigsten aber meinen Bauern. Soit! sagte ich darauf: aber wie bringen wir den Tag hin? Denn ich muß dir nur ehrlich gestehen, daß mir solche Lustbarkeiten recht herzlich entleidet sind. In meinen Schuljahren hatte ich von den Märkten meiner Vaterstadt manchen Spaß: ich mischte mich unter das Gedränge mit einer Schar Kameraden, so kühn wie die Verschworenen an der Frankfurter Messe; wir trieben, an den Käufern und Verkäufern vorüberschlüpfend, allen möglichen Schabernack, banden einer Kuppel stattlicher Bauermädchen die Zöpfe zusammen oder begaben uns auf den obersten Boden eines Hauses, von wo wir mit dem Blasrohr in die dichtesten Haufen feuerten und Streit und Handgemenge dadurch erregten, indem jeder vom andern gezwickt zu sein vermeinte; manchmal trieben wir auch den Scherz ins Unbillige und schossen einen friedfertigen Landmann auf den dreispitzigen Hut, wodurch wir ihm die nach uralter Sitte daselbst aufbewahrten teuren Arzneigläser zertrümmerten, oder wir warfen aus Lehm verfertigte Pasteten, die wir mit einem selbsterfundenen romantischen Namen »Kügelitzen« benannten, ebenfalls haushoch auf einen menschenleeren Platz herab, wo die künstliche Höllenmaschine mit einem Kanonenknall zerplatzte und die Umstehenden unter gräßlichem Geschrei auseinanderjagte. »Andere Zeiten, andere Musen«: ich habe den Kelch dieser Vergnügungen bis auf die Hefe geleert und bin ihrer so satt geworden, daß ich mich nachher nicht einmal entschließen konnte, an dem berühmten jährlichen Marktdienstag in der Universitätsstadt zu bleiben, sondern diesen Tag jedesmal zu einem Ausflug in die Nachbarschaft benutzte. Der Pfarrer erwiderte: Wenn dir dieses Fest der Vereinigung des alten und neuen Bundes so sehr zuwider ist, so schlage ich vor, nach Tisch einen Spaziergang zu machen. Einen Spaziergang! rief ich: und wohin in dieser öden freudlosen Gegend, die mir wie die ruppige Glatze eines Kapuziners vorkommt? Nur Geduld, junger Mann, versetzte der Pfarrer mit Würde: ich werde Euch heute noch an Stellen führen, wo Ihr mir für die hiesige Gegend wegen Eures vorlauten Verdammungsurteils fußfällig Abbitte tun sollt. Indessen war die Suppe gekommen und wir setzten uns unter lustigen Gesprächen zu Tische: die Pfarrerin entschuldigte sich bei jedem Gericht aufs zierlichste mit der ländlichen Lebensart und setzte hinzu: das wäre freilich alles viel stattlicher ausgefallen, wenn du heute mehr Jagdglück gehabt hättest. Nun aber keinen Augenblick gezaudert, kommandierte der Pfarrer, als das Essen abgetragen war, und machte sich mit uns beiden auf den Weg. Es war freilich ein überraschender Anblick, als wir nach ungefähr viertelstündiger Wanderung über den steinigen unwirtbaren Boden in ein wunderbares Tal hinunterstiegen, in dem eine Menge Felsstücke von den verschiedensten Gestalten durcheinander gesäet lagen. Sie sind zwar nicht so hoch wie die berühmten Adersbacher Felsen, aber das Unvermittelte im Anblick dieser Blöcke, welche vereinzelt gegen allen Lauf der Natur aus dem Boden hervorgewachsen scheinen, macht im kleinen denselben Eindruck, nur daß freilich beim großen noch das Imposante hinzukommt. Ich benutzte die Ecke eines dieser Felsen, welche so ziemlich einem Betschemel glich, um darauf vor dem Pfarrer die ausbedungene fußfällige Abbitte zu leisten. Er absolvierte mich mit den Worten: Gehe hin und lästere hinfort nicht mehr. Dann zeigte er uns die auffallendsten Formationen und führte uns unermüdlich links und rechts, die Kreuz und Quere. Aber wie verwundert war ich, als ich, an eine Wendung des Tals gelangt, das ich schon zu Ende glaubte, eine ebensolange Strecke, ebenso mit Felsen bevölkert vor mir sah! und auch diese war nicht die letzte, eine weitere Biegung eröffnete uns denselben reichen Anblick. Das Tal ist wohl eine halbe Stunde lang und ebensoweit erstrecken sich die Felsstücke. In der Bauernsprache heißt dieses Tal von seinen Krümmungen »die Ränklen«, sein hochdeutscher Name, so dozierte der Pfarrer, sei »das Wiental«. Aber ich kann ihm dies nicht so ohne alle Kritik nachsprechen, denn der Pfarrer ist ein Humorist, und diese Leute nehmen es mit der Wahrheit nicht allzugenau. Ich selbst verstehe von der Geographie so wenig als von der Kabbala; einige geographische Handbücher, die mir zu Gesichte gekommen sind, erwähnen dieses Tales nicht. Schwab hat sich streng an seinen vorgezeichneten Plan gebunden, und wirft, an dieser Grenze der Alb angelangt, nur einen freundlichen Scheideblick auf den Aalbuch herüber. Ich wünsche nur, daß auf einen künftigen Besucher dieses Tales, das um so angenehmer überrascht, je weniger man es in der unbedeutenden Gegend erwartet, etwas von der Fröhlichkeit und guten Laune übergehen möchte, womit unser vagierendes Kleeblatt es durchwandert hat. Ein schroffer Block, auf dem ein Mensch gerade zum Stehen Raum hat, erhob sich am Ende des Tals. Ich kletterte mit vieler Mühe hinauf und als ich oben war, fing ich an zu predigen und drohte meinen beiden Zuhörern, wenn sie nicht andächtig wären, so würden die vielen Steine Amen sagen. Dies hieß den Pfarrer an seiner stärksten Seite angreifen, unversehens kam sein Kopf durch die Spalte eines gegenüberliegenden Felsen zum Vorschein, durch eine kleinere arbeitete sich sein rechter Arm hervor und nun war es possierlich anzusehen, wie er gegen mich agierte und eiferte; er war hinten in das Gestein gekrochen und benützte diese Öffnung, die sich wenige Fuß über dem Boden gebildet hatte. Wir hielten förmliche Kontroverspredigten gegeneinander, Goethe und Schiller waren das Thema, der Pfarrer erhob den ersteren, ich den letzteren, und das abgelegene Winkelchen auf dem Aalbuch widerhallte von den Stich- und Schlagwörtern der deutschen Literatur. Ernst stand unten und stellte das ungewiß schwankende Publikum vor, indem er, je nach dem Gewicht der Argumente, bald dem Lobredner der idealistischen, bald dem Advokaten der realistischen Poesie applaudierte. Dann tauschten wir die Rollen aus: der Pfarrer sprang auf einmal um und parodierte sehr glücklich die eben damals wieder auftauchende »platte Litanei von Goethes Immoralität«. Dagegen nahm ich dessen Freunde auf mich und plädierte nach Schubarthschen und Goetheschen Prinzipien. Als mir der Pfarrer die vielen Frauen im Wilhelm Meister vorwarf, erklärte ich sie samt und sonders für Allegorien. Marianne bedeute die dramatische, die schöne Seele die geistliche, Therese die idyllische, Natalie die didaktische und Mignon die eigentliche Poesie; ich hatte sagen wollen, die lyrische. Aber der Herr Respondent hat Philinen vergessen, rief der Pfarrer triumphierend aus seiner Luke herauf und schwenkte den Arm. Nun war guter Rat teuer: in der Eile demonstrierte ich, Philine sei das Symbol der Form und der Prosodie, ihre Pantöffelchen seien auf die Metrik zu deuten, und daß sie diese einmal habe stehen lassen, sei ein scherzhafter Angriff Goethes auf sich selbst, er wolle damit auf einige mißlungene Hexameter in Hermann und Dorothea anspielen. Erlogenes, phantastisches Zeug! rief der Pfarrer dazwischen: er hat ja Hermann und Dorothea viel später geschrieben! Aber eben diese Verlogenheit, welcher der Herr Respondent huldigt, hat auch seinen Herrn und Meister beseelt. Also resümierte er, an der Moralität hat es diesem Dichter gänzlich gefehlt, er hat auch gar nichts für sie getan, er hat sie nirgends weder direkt noch indirekt empfohlen, und aus allen seinen Werken zusammen läßt sich nicht halb so viel Nutzen ziehen, als zum Beispiel aus den Beispielen des Guten. Ja, wenn er auch ein solches Buch geschrieben hätte, dann hätte er sich um Mit- und Nachwelt verdient gemacht; ach, wieviel Gutes hätte er gestiftet, wenn er sein schönes Talent dazu verwendet hätte, durch anziehende Erzählungen den Nutzen der Moralität darzutun! Hier muß ich dem geneigten Leser das Pittoreske dieser rednerischen Attitüde wieder ins Gedächtnis rufen: aus einer Felsenspalte ragt ein Arm hervor und macht die heftigsten Gestikulationen, in einer andern steckt ein Kopf, der Urheber dieser donnernden Philippika. Zweitens, fuhr der Pfarrer fort, war er ein schlechter Christ. Ich protestierte feierlich und war sogleich mit Göschelschen Interpretationen bei der Hand; ich versuchte die Helena nach Art der alten Kommentatoren des hohen Liedes auszudeuten und für eine Bekehrung des Heidentums zu erklären, aber der Pfarrer ließ mich nicht lange reden. Firlefanz, rief er herauf: am Christentum hat's ihm ganz und gar gefehlt, das ist klar und braucht nicht bewiesen zu werden; denn hat er je etwas angefertigt wie die Stunden der Andacht oder die Christoterpe? Ja, ich wäre zufrieden, wenn er neben seinem weltlichen Dichten und Trachten auch nur ein einziges geistliches Lied verfaßt hätte, wozu sich doch Thümmel, dieser leichtsinnige Poet, auf Bitten einer sächsischen Gemeinde hergegeben hat; wenn er nur die Unsterblichkeit, die in unseren Gesangbüchern ohnehin etwas zu kurz gekommen ist, in so gehaltvollen Liedern besungen hätte, wie »Ich sterb' im Tode nicht, mich überzeugen Gründe!« Hier kann ich mich jedoch kürzer fassen, da alle diese Vorwürfe schon längst aufs genügendste von einem christlichen Dichter ausgeführt worden sind, dessen Stanzen, mit Goethes Dichtungen verglichen, den Unterschied des heiligen Geistes und des bloßen Geistes schlagend beweisen. Drittens aber hat es ihm am Patriotismus gefehlt, an der Gesinnung, am Charakter. Man will zwar behaupten, er sei entschieden gewesen in Liebe wie in Haß und habe, wenn er einmal für etwas Partei nahm, unerschütterlich daran festgehalten; aber, lieber Gott, die Partei, die er nahm, war eben charakterlos. Man erzählt, zur Zeit der Jenaer Schlacht sei er entschlossen gewesen, mit dem Herzog von Weimar ins Elend zu ziehen, aber es ist ja nichts daraus geworden; und warum ist er nicht auch mit in den Krieg gezogen wie so viele edle deutsche Männer? Vielleicht, könnte man einwenden, weil er nicht in der Kriegskunst bewandert war; aber es wäre genug gewesen, wenn er sich für das Vaterland hätte totschlagen lassen von den fränkischen Schergen. Oder er hätte ja mit der Feder der guten Sache dienen können; ja, wahrlich, meine lieben Freunde und Zuhörer, der Faust (in dem zwar der innerste Kern des deutschen Denkens und Lebens ausgesprochen ist, in dem zwar alle Elemente des deutschen Dramas liegen, mit dem er aber doch sein Volk zu verzärteln, zu verweichlichen und zu entsittlichen gesucht hat), dieser Faust ist nicht so viel wert als ein einziges Quartierbillet, in den Befreiungskriegen geschrieben! oder hätte er nicht auch begeisterte Kriegslieder singen können, wie der Tyrtäos jener Tage, der unsterbliche Körner? Was uns bleibt, wenn Deutschlands Säulen brechen? deklamierte der Pfarrer mit unaussprechlichem Pathos, hielt aber auf einmal inne und wurde käsebleich; auch wir schrien auf. Er hatte mit seinem Gestikulieren einen Stein losgemacht, dieser fiel herab und riß einige andere Stücke aus der dünnen, locker zusammengehaltenen Wand mit sich, der ganze Pfarrer kam auf einmal zum Vorschein, er wollte sich links und rechts an dem Gestein halten, aber alles ging mit, und er prasselte mit einem Haufen leichten Gerölles auf den Boden hinab. Ernst sprang sogleich hinzu und half ihm auf; er hatte außer dem Schrecken nicht den mindesten Schaden gelitten und wollte sich halb tot lachen, daß er so aus der Rede gefallen sei. 's war ein Stern, die Sterne können fallen! rief ich und begab mich ebenfalls, nur langsamer, von meiner Kanzel herab. Und weiter ging's, mit Sturm- und Feuerschritten! Als wir aus einem Walde heraustraten, hatte die Gegend jenes herrliche Aussehen, welches der Vorderseite der schwäbischen Alb eigen ist; welch ein Kontrast, wenn man von dem öden, steinigen Plateau an den reichen waldbewachsenen Rand kommt! und noch dazu die Aussicht in die Lande! Nur eine Viertelmeile hält hier die Wüste und das gelobte Land auseinander, und das ohne allen Übergang. Ein ziemlich unbedeutender Hügel lag vor uns, wir erstiegen ihn, und nun sah ich freilich, daß wir auf einem hohen Berge standen, vor dem sich eine herrliche Landschaft ausbreitete. Es ist in diesem Stück mit der Alb, wie mit den Häusern auf dem Marktplatz zu Tübingen: man tritt auf der Hinterseite zu ebener Erde herein, und wenn man im Zimmer ans Fenster kommt, so sieht man einige Stock hoch auf den Marktplatz hinab. – Städte, Dörfer, Täler und Berge lagen schön gruppiert vor unseren Blicken, rechts dunkelten die melancholischen Tannenwälder, hinter denen Ellwangen liegt, hinter uns breitete sich der Aalbuch aus, linkshin verfolgten wir die Kette der lieben Alb und gerade vor uns hatten wir den kühn geformten Rechberg, den einsamen Hohenstaufen und zuletzt den kleinen, naiven Eichelberg, der trotz seiner unbedeutenden Höhe eine der schönsten Aussichten im Vaterlande gewährt. Das ist ein Berg, rief ich, um die Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit zu schauen! So hat das Volk auch gedacht, entgegnete der Pfarrer: denn seine Sagen versetzen noch bis auf diesen Tag die Versuchung des Herrn an diese Stätte. Nun wußte ich, wo wir waren. Also dies ist der Rosenstein? fragte ich. Beliebe der Herr nur auf den Boden zu schauen, sagte der Pfarrer: er trägt seinen Namen nicht umsonst. Und wirklich! Der triviale Wunsch, den man in Stammbücher zu schreiben pflegt, hatte sich an uns erfüllt: wir wandelten auf Rosen. Wilde Rosen blühten in üppiger Fülle umher; erst jetzt empfand ich die Wellen von Düften, für die ich vorhin über der köstlichen Aussicht keinen Sinn gehabt hatte. Wir lagerten uns in die Rosen: mit einem leichten Anflug von Müdigkeit ruht man am besten, und es war einer jener Frühlingstage, welche die Sonnenwärme durch eine erquickende Frische mildern. Der Pfarrer belehrte uns über die Örtlichkeit: hier, wo wir ruhten, hatte Satan dem Herrn die verlockende Schönheit der Welt gezeigt, dieser aber, nicht zufrieden ihn bloß abzuweisen, in einer Anwandlung von echt deutschem Grimm den Versucher ergriffen und in die Schlucht dort drüben geworfen, wo er noch immer vergebliche Anstrengungen sich zu befreien macht; dann war er mit einem mächtigen Schritt auf den Scheuelberg hinüber gegangen und hatte an beiden Stellen seine Fußstapfen zurückgelassen, die das Volk noch jetzt unter dem Namen Herrgottstritte kennt. Die Schlucht aber, in welcher der Böse gefangen liegt, heißt die Teufelsklinge. Diese Sage drückt einen köstlichen Stolz auf die Heimat aus: »um die Welt in all ihrer Herrlichkeit zu schauen, wo kann man anders hingehen als zu uns?« – Man hat ein gutes Stück Arbeit, wenn man den Rosenstein nicht nur so kursorisch mitnehmen, sondern gründlich betrachten will, aber wir waren nun einmal im Zuge, und wahrlich, dieser schöne Grenzwächter der Alb verdient eine liebevolle Untersuchung: wir stiegen auf alle Spitzen, um uns der Fernsicht von jeder Seite zu bemächtigen, genossen die Schauer der Teufelsklinge und krochen in die vielen Klüfte und Höhlen, welche der Berg enthält. Eben saß ich mit dem Pfarrer in der Scheuer, der größten dieser Höhlen, und ließ mir von ihm eine darauf bezügliche Sage erzählen, als wir auf einmal entdeckten, daß Ernst fehlte. Wir stiegen wieder den Berg hinauf und fürchteten schon, er möchte zwischen den Steinen einer Höhle eingeklemmt sitzen, oder gar, der Bewohner der Teufelsklinge habe seine Krallen nach ihm ausgestreckt, als er um eine Ecke herumgesprungen kam und seine Kappe voll Erdbeeren hatte. Er rief uns, ihm zu folgen, und führte uns zu einem ganzen Lager dieser würzigen Frucht. Hier fiel mir auf einmal der gute Rat ein, welchen Schwab den Wanderern auf diesen Berg mitgibt: meuchelmörderischer Pfarrer, rief ich aus, warum hast du mir dein Vorhaben nicht gleich entdeckt? Jetzt haben wir das Beste vergessen! Weißt du nicht, was Schwab sagt? Wenn der Reisende so vernünftig sei, versichert er, Wein und Zucker mit hieher zu bringen, so könne er die vortrefflichste kalte Schale in loco einnehmen. So? sagte der Pfarrer und führte einige Erdbeeren zum Munde. Nach einer Pause fuhr er fort: sie schmecken auch so gar nicht übel: nicht wahr? Ich wollte vor Ärger vergehen, er nahm aber keine Notiz davon und sprach nachdenklich weiter: freilich jedoch mit Wein und Zucker sind sie vollends ganz deliziös. Und nun begann er eine so nervendurchzuckende Beschreibung dieses meines Lieblingsgerichts, daß auch Ernst, der kein Mann der Leidenschaft ist, in Verzweiflung geriet und ihm gebot, seine lose Rede zu schließen, wenn sie Freunde bleiben sollten. Was ist jetzt zu tun? sagte der Pfarrer: Nostradamus wäre uns jetzt viel nützlicher als Schwab und sein guter Rat: versteht sich keiner der Herrn auf eine kleine Verschwörung? Was mich betrifft, so hab' ich mich während meiner theologischen Studien aus Langeweile etwas auf die Magie gelegt, aber ich werde das so ziemlich wieder verschwitzt haben, und dann bin ich auch in Verlegenheit, an wen ich die Zauberformel richten soll: mit dem, der da unten in der Teufelsklinge hauset, ließe sich wohl schon ein spekulativer Handel abschließen, aber das würde für einen Pfarrer sehr unschicklich sein. Doch gibt es ja überall gute Genien in der Welt, mit denen man so etwas versuchen kann. Nun also: Ariel oder Puck, ihr fröhlichen Geister, wenn ihr etwa aus eurem lustigen Alt-England ein wenig in die Ferien gegangen sein solltet, um zu sehen, wie sich's bei uns leben läßt, oder du, benachbarter edler Kloppferle, so du nicht etwa ganz an den Rechberg gebannt und gebunden bist, oder welch anderes angenehmes Gesindel hier in der Luft herumschwebt, sei einer von euch so gefällig, sich in mein Haus zu begeben, meiner Frau über die Zuckerschachtel zu gehen, so viel oder so wenig darin ist, in der Küche klein zu reiben, sodann die zinnerne Weinflasche, auf welche dieser vornehme Geist heut so verächtliche Blicke geworfen hat (dabei deutete er auf mich), aus dem Wandschrank zu nehmen und beides mir in die Tasche zu stecken! Fiat! fiat! Abracadabra! Hocus pocus! Er griff in seine beiden Rocktaschen und zog aus der einen eine Tüte mit geriebenem Zucker nebst einem kleinen Zinntellerchen und aus der anderen die bewußte, jetzt unschätzbare Weinflasche hervor. Das gelungenste Kunststück eines Taschenspielers ist gewiß noch nie mit solchem Jubel aufgenommen worden wie diese wunderbare und doch ganz natürliche Hexerei. Ehe wir aber uns anschicken, über die bescherten Erquickungen herzufallen, sprach der Pfarrer weiter, lasset uns unsern Geist zu einer kurzen Betrachtung erheben und das Fabula docet aus dieser Begebenheit aushülsen. Erstens: nichts ist so gering, daß du es verachten darfst. Ich habe schon vorhin darauf angespielt, daß die arme Zinnflasche hier das Unglück gehabt hat, meinem edlen Vetter zu mißfallen, und doch ist es eben diese Zinnflasche, der wir unser heutiges Glück verdanken – Versteht sich, unterbrach ich ihn, aber eine Kristallflasche hätte dasselbe Verdienst um uns. Mitnichten, demonstrierte der Pfarrer; unsere Wege sind nicht immer ganz eben gewesen, und wenn ich dies sage, so wißt ihr schon, daß ich auf eine Fatalität angespielt haben will, welche heute einer ehrwürdigen Person aus unserer Mitte zugestoßen ist. Wie wäre es nun, frage ich, einer Kristall- oder auch einer ganz ordinären Glasflasche bei der plötzlichen Unterbrechung unserer Kontrovers-Predigten ergangen? Ich zittre, indem ich daran denke: die jetzige Überraschung wäre zwar früher, aber doch viel zu spät erfolgt. Zweitens (dies ging ebenfalls auf mich): was du siehst, sollst du nicht immer auf das Nächste beziehen, sondern erwägen, daß es auch Mittel für entfernte Zwecke gibt. Ein hoffnungsvoller Jungling, den ich hier unter uns erblicke, – ich sage hoffnungsvoll, und der Sinn dieses Wortes wird sich sogleich herausstellen – dieser hat heute vor dem Essen meine Frau Zucker reiben sehen, und selbiger Anblick hat ihn in einen Zustand versetzt, der mich zu dem soeben gebrauchten Prädikate berechtigt. Ich beobachtete ihn über Tisch; er aß sehr mäßig, und eine stille Fröhlichkeit belebte seine Züge, welche gegen das Ende der kurzen Mahlzeit immer mehr zunahm. Sogar als der Tisch aufgehoben wurde und wir anderen aufstanden, blieb er sitzen und spielte mit seinem Messer. »O zarte Sehnsucht, süßes Hoffen!« dachte ich und überraschte ihn mit dem Vorschlag, jetzt ohne längeres Zaudern den Marsch anzutreten. Er tat es, wie ein tapferer Soldat einen ehrenvollen Rückzug unternimmt, bedächtig und immer von Zeit zu Zeit nach dem nicht erschienenen Kuchen zurückblickend. Nun frage ich aber, ob es nicht vernünftiger war, den Nachtisch hierher zu verlegen? Ich lachte von Herzen und gestand ihm, daß er recht habe; seine Beobachtung war in der Tat nicht ganz ungegründet gewesen; aber bin ich denn so sehr zu tadeln, wenn ich aus dem Zuckerreiben einer wohlwollenden Pfarrerin einen angenehmen Schluß ziehe? Der Rosenstein war mir zwar wohlbekannt, aber in jener sterilen Gegend des Aalbuchs hatte ich ihn nicht so nahe gedacht, daß ich ihn mit der Beschäftigung der verständigen Frau hätte verknüpfen können; denn über geographische Verhältnisse und namentlich über Distanzen bin ich immer ein großer Ignorant gewesen. Daß aber der Pfarrer mein längeres Sitzenbleiben auch für ein Symptom genommen hat, dagegen muß ich feierlich protestieren: es ist meine Gewohnheit, ich liebe das Nachtischeln, auch das trockene. Wir setzten uns, und der Pfarrer bereitete mit der Feinheit eines erfahrenen Apicius die leckerhafte Kost; wir hielten eine unvergleichliche Schwelgerei, denn die Erdbeeren waren groß und voll, wie man sie selten findet, und die Zutat kam so unverhofft! Ich wünschte die begeisterte Rede, womit der Pfarrer schon vorher unserer Hoffnungslosigkeit dieses Göttermahl geschildert hatte, besser im Gedächtnis behalten zu haben, um eine würdige Beschreibung desselben geben zu können: jetzt kann ich nur noch sagen, es war uns so wohl, daß wir hätten Zelte bauen und dort oben wohnen bleiben mögen. Nachdem wir genug Erdbeeren gegessen hatten, ließen wir die Flasche herumgehen und tranken auf das Wohl aller realen und idealen, sichtbaren und unsichtbaren Stifter dieses Festes. Ich goß die letzten Tropfen, die mir zuteil geworden waren, als Libation auf den Boden, schwenkte die Flasche und wollte sie eben gegen Heubach hinabschleudern, als mir der Pfarrer in den Arm fiel, das zinnerne Kleinod ergriff und schnell wieder in die Tasche schob: Schlemmer und Phantast! rief er: meinst du, ein Pfarrer auf dem Aalbuch habe so viel überflüssige Zinnflaschen, daß er eine davon ruhig zugrunde gehen lassen könnte? Ich glaube überhaupt, Ihr habt etwas zu viel Haber im Kopf; dagegen weiß ich ein gutes Mittel: marsch! aufgestanden, ungesäumt vorwärts! wir haben noch einen stattlichen Weg zurückzulegen. – Der Rückweg zeigte uns das Schloß Lauterburg in geringer Entfernung, aber wir hatten keine Zeit, es zu besuchen, und mußten uns mit dem flüchtigen Anblick desselben begnügen. Wir konnten zufrieden sein: hatten wir ja doch heute so vieles gesehen, was einer bleibenden Erinnerung würdig war. Geigen und Pfeifen tönten uns entgegen, als wir nach Hause kamen: der Markt war für heute zu Ende, der Feierabend und die Lustbarkeiten waren angegangen. Im Pfarrhofe liefen unter dem anderen Geflügel zwei weiße Pfauen umher, sehr schöne Tiere, die ihren Stand und Rang vor den übrigen nicht bloß durch ihre ausgezeichnete Gestalt, sondern auch durch ihr ganzes Wesen, ich möchte sagen, durch ihren Charakter behaupteten. Alle ihre Bewegungen drückten eine sanfte Würde ohne Grandezza aus; wenn man Brot hinstreute, so war ihnen wohl anzusehen, daß sie gern davon gehabt hätten, aber sie fuhren nicht gierig darauf los, wie der andere geflügelte Pöbel, sondern warteten eine Weile und dann pickten sie darnach, freilich erst, nachdem ihnen die Hühner schon alles vor dem Schnabel weggefischt hatten. Man sah deutlich, daß sie nicht aus natürlicher Langsamkeit und Schwerfälligkeit zu spät kamen, sondern aus Edelmut: sie wollten nicht gar zu bettelhaft und hungrig erscheinen. Man mußte die impertinenten Hühner verjagen, um die Pfauen nicht ganz leer ausgehen zu lassen. Wo kommen denn die schönen Tiere her? fragte der Pfarrer seine Frau. Diese lächelte und sagte: ich habe sie heut auf dem Markt gekauft. Geh, Frau, was willst du mir aufbinden! Seit wann bietet man auf einem Dorfmarkt weiße Pfauen feil? Geh nur ins Zimmer hinauf, versetzte sie; du wirst den Mann, von dem ich sie habe, noch oben finden, ich hab' ihm soeben ein Glas Wein eingeschenkt. Wir stiegen hinauf und fanden einen Arzt aus der Nachbarschaft, einen vieljährigen Freund des Pfarrers, der wie dieser ein großer Liebhaber von edlen Geflügel war und ihm die Vögel zum Geschenk gebracht hatte. Der Pfarrer hatte kaum Gruß und Dank gesagt, als sich auch der Förster einfand; es war ihm geglückt, einen Hasen zu schießen, den er herübergesandt hatte mit der Bedingung, beim Nachtessen ein kochkünstliches Examen mit der Pfarrerin anstellen zu dürfen. Das Essen wurde sogleich aufgetragen, und es war auch nötig: wir Wanderer hatten das lebhafteste Gefühl der menschlichen Schwachheit in Magen und Kehle. Aber kaum war der erste Hunger gestillt, so begann eine lustige Unterhaltung, zu der jeder nach Kräften sein Kontingent beitrug. Der Förster war besonders unerschöpflich: er trank keinen Schluck Wein, ohne eine Schnurre vorzubringen, und brachte keine Schnurre vor, ohne einen Schluck Wein dazu zu trinken. Auch sprach er ein geläufiges Jägerlatein, das heißt, er erzählte seine Geschichten mit bedeutendem Agio: so behauptete er unter anderem, er habe eine Doppelflinte, die ihm immer sogleich anzeige, ob der Schuß getroffen habe oder nicht, indem auf dem Laufe, woraus er ein Tier geschossen, sich jedesmal ein heller Blutstropfen zeige. Schade, versetzte ich, daß ich heute nicht Gelegenheit gehabt habe, mich von diesem merkwürdigen Phänomen zu überzeugen, aber leider waren wir allzumal Abc- und Ziegelschützen und mangelten des Ziels, der eine des Sperlings und der andere, o gewaltiger Nimrod, des Spechts. Teufel! murmelte der Förster dumpf, denn er hatte ein mächtiges Stück Braten in den Mund geschoben, und die Blätter des Endiviensalates standen ihm wie ein grüner Schnauzbart in beiden Mundwinkeln: laßt mich mit dem Specht ungeschoren, und mit dem Nimrod auch! Wißt Ihr mir keinen anderen biblischen Namen beizulegen? O ja, Nebukadnezar könnte man Euch auch heißen. Warum? Weil Ihr so ein greulicher Salatesser seid. Pah! von Nebukadnezar heißt es, er habe eigentliches und wahrhaftiges Gras gefressen, und zwar in Gesellschaft der Tiere auf dem Felde. Wollt Ihr gefälligst auch diesen Punkt Eurer Vergleichung einverleiben? Nein! man muß es mit Vergleichungen nicht so genau nehmen und auch mit dieser Erzählung nicht, welche das mythische Gepräge unverkennbar an der Stirne trägt. Es ist ganz klar, wie man sich die Sache deuten muß. Nebukadnezar war ein aufgeklärter, durchgreifender Monarch und führte den Salat, eine bisher noch unbekannte Speise, in Babylonien oder wenigstens an seinem Hofe ein. Dies war eine Neuerung und somit ganz den Absichten der Priesterpartei entgegengesetzt. Diese erfanden, um sein Charakterbild in der Geschichte zu verzerren, das Märchen, er sei wahnsinnig geworden und habe Gras gefressen, oder vielleicht waren sie auch wirklich der Meinung, das Salatessen sei ein Gedanke des Wahnsinns, und dieser bildliche Ausdruck wurde im Laufe der Zeit zur Sage. Der Pfarrer erhob drohend den Finger, ich aber sagte: sei ganz ruhig; ich habe im Sinn unserer heutigen Felsenpredigten gesprochen. Das Gespräch kam wieder auf die beiden Pfauen, man pries ihre Schönheit und scherzte über die allegorische Bedeutung, die ihnen in früheren Zeiten beigelegt wurde. Dann sprach man von der Liebhaberei fürs Geflügel, wie diese an fürstlichen Höfen früher auf verschwenderische Weise herrschend gewesen, jetzt aber wieder abgekommen sei, und der Förster erzählte folgende Anekdote: Der Fasanenschwanz. Meine Lehrjahre brachte ich am Hofe des Herzogs von *** als Jägerbursche zu. Dieser Herr hatte außer der Wildjagd eine besondere Passion fürs Geflügel und vergeudete unsinnige Summen, um jederzeit das Kostbarste und Seltenste dieser Gattung zu haben. Wehe dem, der einen ausgezeichneten Vogel irgend einer Art besaß! sobald der Herzog davon hörte, mußte der Vogel herbei, um teures Geld, wenn der Besitzer so klug war, sich die Leidenschaft des Fürsten zu nutze zu machen; wenn aber einer hartnäckig auf seinem Eigentum bestanden wäre, so wär' es ihm, glaub' ich, nicht besser gegangen als dem Naboth mit seinem Weinberg. Doch war dies nur mit geringeren Vögeln der Fall; vornehmeres Geflügel konnte gar niemand blicken lassen, wenn er sich nicht der Gefahr aussetzen wollte, geradezu eines Diebstahls bezichtigt zu werden, und freilich geschah es auch meist auf diesem Wege, daß die Vogelhäuser und Käfige der Residenz sich mit seltenen Gästen bevölkerten; aber nur die vertrautesten Freunde des Besitzers, gewöhnlich seine Mitschuldigen, wußten etwas von deren Dasein, sie waren streng verwahrt, eine geheime Augenweide bis zum Todestage des Herzogs, wo die Residenz auf einmal zum Staunen aller, die mit den Verhältnissen nicht näher bekannt waren, ihre naturgeschichtlichen Schätze ans Tageslicht hervorgehen ließ. Der Herzog wurde unerhört hintergangen, oder vielmehr war es das Land, das dies sein Steckenpferd mit Schweiß und Blut bezahlen mußte. Von dem, was er hatte, nahmen seine Diener das Beste und verkauften es; vergebens hatte er auf alles ein wachsames Auge: wenn er nach einer vermißten Brut fragte, so war sie eben krepiert, und er mußte sich mit einigen Flüchen über das Unglück begnügen. Nicht minder wurde er bei seinen Einkäufen betrogen, und es hat sich oft ereignet, daß er eine Nachtigall schlagen hörte, die ihm gefiel, so sprach er: die Nachtigall muß ich haben, und sandte einen Diener zu ihrem Herrn, dem er, je nachdem sich dieser nachgiebig oder zäh benahm, fünfzig bis hundert Gulden dafür bezahlen ließ. War nun der Vogel in einen der herzoglichen Käfige gebracht, so nahm ihn ein Diener wieder heraus und steckte ein anderes auf dem Markte gekauftes Exemplar, das zwar nicht singen konnte, aber sehr proper aussah, mit umgedrehtem Hals in den Käfig. Dann fragte der Herzog: was Teufels hat denn die Nachtigall, daß sie nicht singt? und erhielt zur Antwort: Sie ist verreckt, Ew. Durchlaucht, – wo dann die Sache mit einem Donnerwetter abgetan war. Nach einigen Tagen hörte er wieder eine Nachtigall in der Nähe des Schlosses singen, die ihn um so mehr anzog, da sie in der Stimme so viele Ähnlichkeit mit der vorigen hatte; und er ruhte nicht, bis sie auf dieselbe Weise erworben und wieder verloren war. Doch kommt dies alles in keinen Vergleich mit folgendem Betruge, der ihm einmal gespielt wurde. Am meisten hielt er auf Fasanen; aber, wie es überhaupt seine Art war, nicht sowohl auf eigentlich schöne, als vielmehr auf sonderbare Gattungen, die durch irgend ein auffallendes Merkmal zur Seltenheit wurden. Solche anzuschaffen war er unersättlich und konnte sie mit den übertriebensten Preisen bezahlen. Ich war im Hause des Fasanenmeisters wohl gelitten und traf daselbst oft mit einem Gewürzkrämer zusammen, der ebenfalls ein großer Liebhaber des Geflügels war und als Kenner häufig zu dem Herzog berufen wurde, um bei neuen Ankäufen mit Rat und Tat zur Hand zu sein. Da saßen wir nun oft alle drei beieinander und machten unsere Glossen über die Leidenschaft des Herrn. Eines Tages kam der Fasanenmeister vom Herzog, und als er uns beide in seinem Zimmer fand, rief er uns entgegen: Eine große Neuigkeit! Dem Herrn ist ein weißer Fasan mit einem bunten Schweif angeboten worden. Ein weißer Fasan mit einem bunten Schweif? sagte der Gewürzkrämer. Dann muß er aber auch einen bunten Federbusch an den Ohren haben. Grade das ist die Seltenheit! rief der Fasanenmeister: er ist am ganzen Leibe weiß, ohne den Schatten einer anderen Farbe, nur daß er einen prachtvollen bunten Schweif haben soll. Das ist gegen den Lauf der Natur, meinte der Gewürzkrämer: wer hat ihn denn dem Herzog angeboten? Ein Kaufmann in L., im Namen eines Freundes, ich weiß nicht wo, in der Krim, glaub' ich. So, so! und wenn der Herzog die Bedingungen eingeht, so reist der Fasan zuerst aus der Krim nach L., und von da aus hierher? Versteht sich; der Kaufmann hat sich erboten, den Handel und den Transport zu übernehmen. Das ist sehr vernünftig von dem Kaufmann. Was macht er denn, oder vielmehr, was macht sein Freund für Bedingungen? Er verlangt hundert Louisdor, weil der Vogel eine so große Seltenheit sei. Freund, ich bin sehr neugierig, wo der Betrug steckt. Ich auch: wir wollen die Sache abwarten. Der Herzog ging den Preis ein, unter der Bedingung, daß der Vogel der Beschreibung völlig entspreche. Der Kaufmann verhieß, ihn kommen zu lassen, und nach einigen Monaten kam ein Prachtexemplar von einem Fasan, weiß am ganzen Leibe, mit schneeweißem Federbusch, auch unter dem Halse weiß, und hinten mit dem herrlichsten Pfauenschweif, der in allen Farben spielte. Der Herzog war außer sich vor Freude und ließ sogleich den Fasanenmeister und den Gewürzkrämer kommen. Der Fasanenmeister teilte aufrichtig das Entzücken des Herrn, aber der Gewürzkrämer hatte ein unbestechliches Urteil, und wußte im Augenblick, was er davon halten sollte; da er jedoch ein kluger Mann war, wollte er die Gunst des Herrn nicht verscherzen, und begnügte sich zu sagen, ein solches Tier sei ihm noch nie weder leibhaftig noch in der Beschreibung vorgekommen. Mit diesem Ausspruch war der Herzog sehr zufrieden, er band dem Fasanenmeister den Vogel auf die Seele und entließ beide in Gnaden. Der Gewürzkrämer begleitete seinen Freund in dessen Wohnung. Hier forderte er Feder und Papier und setzte ein Schreiben auf, das er dem Fasanenmeister versiegelt übergab. In diesem Briefe, sagte er, steht eine Wette von mir gegen Euch. Ihr dürft keinen Kreuzer darauf setzen, ich aber setze hundert Louisdor, gerade soviel, als der Fasan gekostet hat, und will sie verloren haben, wenn nicht alles so ist, wie es im Briefe steht. Dagegen gebt Ihr mir Euer Ehrenwort, das Schreiben nicht eher zu öffnen, als bis sich gewisse Dinge ereignen, die ich Euch mit der Zeit näher bezeichnen werde. Mit diesen Worten schieden sie. Als nun die Zeit erfüllet war und die Mause eintrat, da geschah ein groß Wunder in der herzoglichen Fasanerie. Der bewunderte Fasan verlor sein buntes Gefieder und trieb weiße Federn nach. Der Fasanenmeister wußte sich vor Verwunderung und Schrecken nicht zu helfen. Um diese Zeit kam der Gewürzkrämer zu ihm, der mich unterwegs mitgenommen hatte. Der Mann des Jammers führte uns zu einem abgelegenen Verschlage, wo er das treulose Federvieh eingesperrt hatte, und machte uns mit der unerhörten Geschichte bekannt. Der Gewürzkrämer lachte und gebot, sein Schreiben herbeizubringen. Ehe es eröffnet wurde, fragte er den Fasanenmeister, ob er keine von den ausgefallenen Federn aufbewahrt habe. Dieser holte sogleich einige herbei, und nun zeigte uns der Gewürzkrämer – kann sich einer von Ihnen, meine Herren, einen Begriff machen, wie dieser Betrug angelegt war? Ganz wohl, sagte ich: die Federn waren gefärbt, und nach der Mause wuchsen wieder weiße nach. Larifari! wer wird Federn färben können, daß sie jedermann für Pfauenfedern halten muß? So dumm sind die Leute nicht, es waren echte Pfauenfedern, wie uns der Gewürzkrämer deutlich zeigte. Ein so mühsamer Betrug ist gewiß noch nie vorgekommen. Der Verkäufer hatte dem Fasan seinen Schweif, dicht an der Haut, einzeln, Feder um Feder, mit einer feinen Schere abgeschnitten und in den Rumpf jeder Feder eine Pfauenfeder geleimt. Bei Gott! rief der Pfarrer, der hat seine hundert Louisdor redlich verdient mit all seiner Unredlichkeit. Dazu gehört ja eine schmähliche Geduld! Aber der Herzog wird doch über diese Spitzbüberei gelacht haben? Der Herzog hat nicht gelacht, erwiderte der Förster; denn der einsichtige Gewürzkrämer war nicht gesonnen, ihn zum Lachen zu bringen. Als der Fasanenmeister fragte: was machen wir denn jetzt? antwortete er: der Fasan muß aus der Welt, eher heute denn morgen; dem Herzog darf man nichts von der Sache sagen, oder Ihr seid um den Dienst, Freund, und ich falle in Ungnade. Hätten wir's ihm gleich anfangs gesagt, so hätte er's uns nimmermehr verziehen, und wollten wir's jetzt gestehen, so wären wie strafbar, weil wir zuvor geschwiegen haben. Dies leuchtete dem Fasanenmeister ein. Der Gewürzkrämer mischte dem Fasan das Futter, und nach einigen Tagen wurde dem Herzog gemeldet, daß er seine hundert Louisdor umsonst ausgegeben habe. Er tobte und wütete, hieß den Fasanenmeister manches, was er nicht war, und verdaute an diesem Tage besser als seit drei Wochen; der Fasanenmeister aber verblieb unangefochten in seinem Amt, und der Gewürzkrämer ging nach wie vor beim Herzog aus und ein. Es war doch eine schöne Zeit, begann der Arzt, nachdem der Förster geendet hatte: es war eine romantische Zeit, als die Fürsten noch grob waren, sich's auf ein paar Gewalttätigkeiten und Mißhandlungen nicht ankommen ließen und ihre Untergebenen mit Er anredeten; die Leute wurden dadurch zu einem indirekten Benehmen genötigt, welches oft die anmutigsten Verwicklungen herbeigeführt hat. Ich könnte hundert Beispiele erzählen, welche beweisen, wieviel mehr Poesie in jener kaum erst verflossenen, hagebuchenen Zeit gelegen ist, als in unserer papierenen. Ich erinnere mich hier an einen Kollegen, der noch ganz von der Derbheit und Roheit jener Periode duftet: dieser würdige Mann hat sich bei dem Rückzug aus Rußland in die Gefahr eines schimpflichen Todes gestürzt, um seinem Fürsten etwas von dem Rest der Truppen zu retten. Als man dieses bewährte Korps in Polen zur Deckung der Reserve verwenden wollte, gab er einen um den anderen für nervenfieberkrank aus, und die Soldaten, die freilich in sehr übeln Umständen waren, glaubten ihm, halb im Ernste, halb weil es ihnen dienlich war, so daß bald die ganze Mannschaft aus Malades imaginaires bestand. Er erhielt Befehl, sie in die Lazarette der nächsten Station zu bringen; unterwegs teilte er dem Inhaber der Regimentskasse seinen Plan mit, und dieser schwor ihm seinen Beistand zu. Wie sie voraussehen konnten, wurden sie mit Geld und Pässen weiter gewiesen und kamen so, weil niemand sich der gefährlichen Krankheit preisgeben wollte, von Station zu Station bis in die Heimat. Dort mußten sie an der Grenze kampieren, und es wurde eine Untersuchungskommission zu ihnen geschickt, welche freilich sehr verwundert war, die Kranken in so leidlichem Zustand und vom Nervenfieber keine Spur zu finden. Aber ein wohlunterrichteter Arzt aus ihrer Mitte führte an, daß starke Bewegung vorzüglich dazu diene, das Nervenfieber zu heben. Diese Hypothese wurde von der Kommission adoptiert, und mein Freund erhielt als Retter der Landestruppen eine Medaille und den Adel. »Ich kann diese Auszeichnung mit Recht tragen,« sagte der treffliche Mann, »wenn ich sie gleich auf andere Weise verdient habe, als mein Fürst geglaubt hat; allein wenn ich die Wahrheit bekannt hätte, so wäre ich vor ein Kriegsgericht gestellt und erschossen worden.« Aber ich meine nicht bloß solche abenteuerlichen Fälle, fuhr der Arzt fort, denn das Kriegsrecht ist noch heute dasselbe und macht eine Ausnahme vom Verfahren in Zivilverhältnissen. Damals jedoch wurden auch diese in einer martialischen Weise behandelt, und ich war einmal in einem Bade zugegen, wie der Landesfürst den dortigen Oberamtmann, der es auf der Straße an etwas hatte fehlen lassen, eine ganze Stunde lang, auf offener Straße, vor einer großen Menschenmenge, mit einer demosthenischen Beredsamkeit, aber nur nicht mit attischer Feinheit einweichte. Gegenwärtig, sagte der Pfarrer, geht man mit den Untergebenen viel eleganter um. Wenn einer etwas pecciert hat, so läßt man seinem nächsten Vorgesetzten den Befehl zukommen, ihm einen Verweis zu erteilen, oder vielmehr »ihm das höchste Mißfallen zu erkennen zu geben und ihm zu eröffnen, man erwarte, daß er in einem ähnlichen Falle künftig sich mit mehr Umsicht und namentlich mit mehr Überlegung benehmen werde«. Dann, fuhr der Arzt fort, hat er nichts zu tun als die Insinuation zu unterschreiben, und so hat am Ende niemand gescholten und niemand ist gescholten worden. Ein Beispiel, wie sehr das Feierliche aus unseren öffentlichen Verhandlungen verschwunden ist, hab' ich an mir selbst erlebt. Ich, meine Herren, bin als Arzt mit der Tabakspfeife im Munde beeidigt worden. Ein schallendes Gelächter unterbrach ihn; keiner wollte ihm glauben. Dies trug sich folgendermaßen zu, erzählte er: ich hatte mit vorläufiger Erlaubnis bereits einige Wochen praktiziert, als ich ein Schreiben des Oberamtmanns erhielt, worin er mir meldete, er werde nächstens in meinem Ort ein Ruggericht halten und bei dieser Gelegenheit meine Beeidigung vornehmen. Der Tag erschien, und ich erfuhr, daß der Oberamtmann da sei, der mich jedoch diesen Vormittag nicht rufen ließ. Nach Tische ging ich wie die anderen Honoratioren auf die Post, trank eine Tasse Kaffee und rauchte eine Pfeife dazu. Der Oberamtmann saß ebenfalls mit einer mächtigen Pfeife da, und das Gespräch ging seinen Gang: endlich stand er auf, sagte: Herr Doktor, auf ein Wort! und nahm mich ans Fenster. Dort sprach er: Sie werden ohne Zweifel meinen Brief erhalten haben, worin ich Ihnen Ihre bevorstehende Beeidigung ankündigte; ich kann voraussetzen, daß Sie den Brief gelesen und die Sache überdacht haben, ich fordere Sie daher auf, mir die Hand zu geben und dadurch Ihre Verpflichtung anzuerkennen. – Dies ging so schnell vor sich, daß ich nicht dazu kam, die Pfeife aus dem Mund zu nehmen, der Oberamtmann behielt sie ebenfalls, und so gab ich ihm denn die Hand, und wir standen da und pafften einander ins Gesicht. Der Frühling ist eine unbeständige Jahreszeit: als wir uns spät und nach großen Libationen trennten, um zu Bette zu gehen, war Regen eingefallen, ein heftiger Wind pfiff durch die schlechtverwahrten Blößen des Hauses, riß die Fensterläden hin und her, und der Regen schlug einförmig aufs Dach und an die Fenster. Ich war zu aufgeregt, um sogleich schlafen zu können, alle Heiterkeit des Tages und die lauten Stimmen der soeben verlassenen Gesellschaft summten in mir nach. Es hat etwas Unheimliches, wenn man aus einer lebhaft bewegten Gesellschaft in tiefer Nacht auf ein einsames Zimmer versetzt wird, und einsam war für mich das Studierzimmer, in dem wir schliefen, denn Ernst hatte sich schon beim Auskleiden vom Schlaf überwältigen lassen, und als ich ihn mit Mühe ins Bett gebracht, konnte er nicht mehr unter die aktiven Glieder der Hausgenossenschaft gerechnet werden. Ich untersuchte die kleine Bibliothek des Pfarrers und hoffte etwas Erbauliches für mich zu finden, denn es ist meine große Untugend, bei Nacht zu lesen und oft länger zu lesen als zu wachen; dieser Hang war heute um so gefährlicher, da ich dem Pfarrer die Ehre erwiesen hatte, tief in den Geist seines schätzbaren Weines einzudringen. Deshalb war es vielleicht ein richtiger Instinkt, der mich trieb, aus der mageren Büchersammlung, die sich seit seiner wissenschaftlichen Periode nicht vermehrt hatte, Bretschneiders Dogmatik hervorzulangen: ich wollte mich nüchtern lesen und noch obendrein aufgeklärt, denn der Kapuziner, an den mir meine Müdigkeit in der vorigen Nacht nicht zu denken erlaubt hatte, spukte mir heute doch ein wenig im Kopf herum, da im Verlauf des Abends auch auf ihn die Rede gekommen war und der Pfarrer trotz aller Mißbilligungen seiner Frau den unsichtbaren Hausbewohner geschildert hatte, wie er nachts im Hause hin und her tappe, die Türen aufreiße, die Treppen hinaufstapfe und dann mit einem gräßlichen Gepolter einem Sack ähnlich wieder herunterstürze, an die Wände klopfe und in der Küche alle Gerätschaften rasselnd auf den Boden werfe, welche sich jedoch bei näherer Besichtigung unverrückt an Ort und Stelle befinden. Alles dies schwebte mir vor, als ich im Bette lag und den jedem Geiste widerstrebenden Rationalisten zu lesen versuchte. Ich konnte nicht umhin, von Zeit zu Zeit einen Blick über das Buch zu werfen, ob nichts Fremdartiges im Zimmer zu sehen sei; dort, hinter dem Bücherschrank in der Ecke, stand eine schwarze Gestalt, die sich zu bewegen schien. Ich sprang mit gesträubtem Haar aus dem Bette und ging verzweiflungsvoll dem Gespenst auf den Leib; es erwartete mich ruhig und wies sich, als ich herankam, als der schwarze Kirchenrock des Pfarrers aus. Ich legte mich wieder zu Bette und las beruhigt in Bretschneiders Dogmatik weiter. Seine Ideen wurden mir immer unansehnlicher, sie krochen wie Ameisen vor meinen Augen umher, ich gab mir zuletzt nicht mehr die Mühe, sie zu verstehen – – – Die Sonne strahlte hell durch die Fenster und weckte mich auf. Das erste Gefühl beim Erwachen hat etwas Unbeschreibliches, ein Bewußtsein von Kraft und Leben; der Mensch wird mit jedem Morgen wieder neu geboren. Wehe dem Morgen, wo auf diesen stolzen Moment ein zweiter vernichtender folgt, wo der Tod das Leben angrinst und seine Sense nach ihm ausstreckt, wo zu dem freudigen Gefühl der Wiedergeburt sich der Gedanke gesellt: All's not well! Something is rotten in the state of Denmark! Die Sonne, die mir beim ersten Anblick so wohl tat, verursacht dir Schmerzen, der Tag kommt dir grau und unerquicklich vor, und nun! dein Blick fällt auf den geschwärzten Leuchter neben dem Bette, dessen Schale von dem herabgebrannten geschmolzenen Lichte voll ist, du besinnst dich auf die Vergangenheit: welch eine bittere Buße für einen fröhlichen Abend! Alles wäre noch zu verschmerzen, wenn du nur das Licht nicht hättest herunterbrennen lassen, aber dieses Bild der tiefsten Unordnung ist nicht auszulöschen, es verfolgt dich, du malst dir das Unglück, das aus dieser Unvorsichtigkeit hätte entstehen können, mit den grellsten Farben aus, der ganze Tag ist dir so gut wie verloren. Der gute Humor des Pfarrers und der starke Kaffee der Pfarrerin stellten die leibliche und geistige Zerrüttung wieder her. Auf den Sturm und Regen der Nacht folgte das herrlichste Wetter, und wir schickten uns zum Weiterreisen an. Wie ist es dir mit dem Kapuziner ergangen? fragte der Pfarrer. Ich habe alle Ursache, mit ihm zufrieden zu sein, erwiderte ich: kaum lag ich im Bette, so rasselte es unheimlich draußen, und auf einmal mit einem heftigen Stoße sprang die Türe auf. Ich hielt ihm eine derbe Strafrede und hieß ihn die Türe wieder zumachen, aber er gehorchte nicht. Das hatte er auch nicht nötig, denn er war unschuldig. Das Haus ist baufällig, und ein einziger Windstoß kann alle Türen zumal aufsprengen. Weiter nichts? O, jetzt kommt es erst. Kaum war mein Ärger gestillt, so entstand ein Geräusch hinter dem Bücherschrank. Dort stand er leibhaftig, er hatte deinen Kirchenrock an; in diesem kam er hervor und ging im Zimmer auf und ab, nicht ohne über die vielen Löcher im Boden zu stolpern. Auf einmal schritt er auf mich zu, das Licht neben mir knisterte und brannte schnell herab – Aha! Jetzt beugte er sich über mich, und ich schlief aus Schrecken ein. Lebe wohl, du Held, sagte der Pfarrer, indem er mir die Hand zum Abschied reichte, und denke zuweilen an den Kapuziner, deinen Freund, mit dem du gerungen hast und bist schlafend obgelegen.