Michail Kusmin Der zärtliche Jossif Für S. S. Posnjakow Rede von Alexander Blok (1880-1921 Russ. Lyriker) und Aufsatz von Boris Eichenbaum (1886-1959) aus ©-Gründen (Übersetzer unklar) gelöscht. Re Erster Teil I Die Feldwege waren trocken. In gelben Streifen, den auseinandergebogenen Strahlenkränzen dunkelnder Ikonenmäntel Die Ikonen wurden zum Teil durch einen Mantel aus Silberblech geschützt, der Gesicht und Hände frei ließ. gleich, lag der Flachs auf der grünen Wiese, braun in der Mitte, golden schimmernd an den Rändern. Die hoch dahinziehenden Wolken verhießen keinen Regen; der Wind, der von den kristallklaren Seen kam, erfüllte den bunten Wald mit der Vorahnung winterlicher Stille. Laut dröhnten die Räder auf der morgens gefrorenen Straße, und das runde, rosige Gesicht des Fahrenden war von der noch nicht beißenden Kälte noch rosiger geworden. Er bog um die Kapelle und hielt vor einem großen Bauernhaus. Von hier aus sah man das kalte blaue Wasser, das große Herrenhaus in der gelben Birkenallee und die weiten Wälder am Ufer. Der Alte, der ihn durch das schmale Fenster bemerkt hatte, eilte heraus und sagte: »Ach, junger Herr, wir hatten Sie heute gar nicht erwartet! Nun, was hat Tantchen Alexandra Matwejewna beschlossen?« »Ich komme eben in dieser Sache zu Ihnen.« Er sprang aus dem Kabriolett und stand groß, stämmig, in dicker Joppe und hohen Stiefeln da. Sein Gesicht war rund und zart wie bei einem Kind; er nuschelte leicht. Der Bauer fuhr fort: »Ein großes Unglück ist uns geschehen!« »Was ist denn los?« »Den Paschka haben sie gestern auf der Fabrik erstochen.« »Was?« »Er ist tot, der Mörder hat ihn in den Bauch getroffen.« »Wer war es denn, hat man ihn erwischt?« »Wieso nicht! Er ist gar nicht weggelaufen, man packte ihn auf der Stelle.« »Wird es Ihnen unangenehm sein, wenn ich zu Ihnen ins Haus komme?« »Nein, warum denn? Geschäfte hin, Geschäfte her, wir freuen uns immer über Ihren Besuch und sind Ihnen dankbar, Ihnen und der Gnädigen. Ich habe ja noch den seligen Grigori Matwejewitsch gekannt, als er so alt war wie Sie jetzt.« Während Jossif Grigorjewitsch die alten Stufen hinaufging, fragte er aus Höflichkeit nach den näheren Umständen der Mordtat und dachte dabei an den ermordeten Pawel, der in Gesicht und Figur Ähnlichkeit mit ihm, Jossif Grigorjewitsch Pardow, hatte. »Was wird nun Marina anfangen?« fragte er, in die enge Stube tretend, wo ihn der Duft von blauem Weihrauch umfing. »Ich weiß nicht; sie wird wohl vorläufig zu ihrer Tante nach Piter volkstümliche Bezeichnung für Petersburg. ziehen.« Parfen holte schweigend eine Tasse aus einem besonderen Schrank und deckte selbst den Tisch; aus der Stube jenseits des Hausflurs klangen gedämpfte Weiberstimmen herüber. Sie besprachen trocken und ernst das Geschäftliche. Jossif wollte schon aufbrechen, als sich in der Tür eine nicht sehr große Frau in dunklem Kleid mit weißem Kopftuch zeigte. Ohne den Gast zu bemerken, begann sie schnell und aufgeregt zu sprechen: »Parfen Iljitsch, laß mich gleich nach Piter fahren, ich halt's hier nicht aus. Ich bitte dich, wie Mütterchen dich gestern gebeten hat: laß mich fort; hier ist mir alles verleidet: das Haus, der See, die Wege, die Wälder, alles.« »Auch Vater und Mutter?« »Was quälst du mich? Du weißt doch selbst, ob ich gehorsam und freundlich bin, ob ich die Arbeit scheue, und jetzt ist auch nicht die Zeit, davon zu sprechen. Meine Seele geht zugrunde, wenn ich hier bleibe ...« Und sie weinte, ohne mit den Augen zu zwinkern. Parfen stand schweigend da und sah zu, wie Marinas Tränen einzeln ihre Wangen herunterrollten und auf die Enden des Kopftuches fielen. »Auf Wiedersehen, grämen Sie sich nicht zu sehr«, sagte Jossif Grigorjewitsch, nach dem Riegel fassend. »Verzeihen Sie, Herr, daß das Mädel so hereingelaufen ist: sie ist außer sich. Geh zur Mutter: glaubst du, daß es den Herrn freut, eure Weibertränen zu sehen? Die Weiber fangen ja immer gleich zu heulen an«, fügte er hinzu, an den Gast gewandt. »Aber wieso denn, tun Sie sich keinen Zwang an, ich muß längst nach Hause, Tantchen wartet.« Marina fing von neuem an: »Was soll ich meine Tränen verheimlichen? Soll es die ganze Welt sehen, was schert mich das? Meine Seele war ebenso rein wie meine Liebe. Laß mich von hier fort, damit ich nicht ganz verzweifle. Woran denke ich jetzt, was wünsche ich mir? – den Tod! Klopfe, klopfe an die Tür, ersehnter Gast, lieber Tod!« Sie setzte sich auf die Bank neben der Tür, verbarg ihr Gesicht nicht, und wieder rollten karge Tränen auf das Tuch. Plötzlich wurde dreimal hart ans Fenster geklopft. Alle fuhren zusammen, Marina bekreuzigte sich und erstarrte. Draußen stand der dicke grauhaarige Pope. Er klopfte mit dem Peitschenstiel ans Fenster und winkte zum Gruß mit der Hand. Seine laute Stimme drang durch das Glas in die Stube: »Jossif Grigorjewitsch, erweisen Sie mir die Gnade, nehmen Sie mich bis Polischtscha mit; unsere Straßen sind großartig: ich mußte meinen Wagen in der Schmiede zurücklassen. Ich wußte nicht, wie ich weiterkommen sollte, alle sind auf der Arbeit. Da sehe ich plötzlich Ihre Stute vor Parfens Haus stehen und denke mir, vielleicht fährt er nach Hause und nimmt mich mit.« »Gerne, gerne, Vater Pjotr!« sagte Pardow erfreut. Die Räder rollten wieder über die hartgefrorene Erde, die Wälder flimmerten bunt, der Flachs lag einsam auf den Feldern, das Wasser blaute, am Ufer braute man Bier für das nahe Fest. Die beiden Reisenden wechselten ab und zu einige Worte. Sie waren beide etwas dick und fanden auf dem engen Wagen nebeneinander kaum Platz. »Die Leute sind zwar Ketzer, aber menschlich tut mir der Parfen doch leid. Marina wird jetzt wohl zu ihrer Tante nach Piter in die Kolomenskaja-Vorstadt ziehen.« »Ist sie reich, die Tante?« »Sie sind alle reich. Hat man bei Ihnen schon das Kraut geschnitten?« »Gestern.« »Es gibt furchtbar viel Reizker heuer.« »Unser Hengst hat plötzlich zu hinken angefangen.« »Wie geht's Ihrer Tante?« »Danke, nicht schlecht.« »Erwarten Sie Gäste zum Namenstag?« »Es werden wohl welche kommen.« »Haben Sie selten Besuch?« »Selten.« Jossif begann mit hoher, süßer Stimme ein eintöniges Lied zu singen; der Pope hörte gerührt zu. »Sie haben eine seltene Stimme, Jossif Grigorjewitsch, Sie sollten Geistlicher werden!« »Ich weiß nicht, was mit dem Hengst los ist, wir haben nach dem Veterinär geschickt.« »Kommen Sie doch einmal zu uns, wir wollen die Tauben steigen lassen«, sagte Vater Pjotr beim Abschied. »Ja, ich komme sicher«, antwortete Pardow lächelnd. Jossif ging durch den Flur, über die Treppe, durch den Salon, das Eckzimmer und das Kabinett und klopfte an die Tür. Alexandra Matwejewna saß am Toilettentisch und legte Rouge auf die mageren, runzligen Wangen; Jelisaweta stand hinter ihr und kämmte ihr das Haar; der Kutscher Parmen klebte, seine Ochsenaugen gesenkt, an der Schwelle und erstattete Bericht. Die Fenster waren verhängt, obwohl es fast ein Uhr mittags war; Kerzen brannten, und es roch nach Puder. Die alte Dame wandte sich um und sagte: »Ach, du bist schon zurück, Joseph?« Und sie reichte ihm die runzlige Hand zum Kusse. II Tantchen saß im warmen Morgenrock, doch geschminkt und gepudert, klein und aufrecht am Fenster, das auf den Hof hinaus ging. Sie streifte die Asche von ihrer Zigarette ab und fuhr fort, Jossif mit ihrer hohen, dünnen Stimme zu diktieren: »Hast du?... Als er die Wendeltreppe hinaufstieg, erblickte er Lisette, die im aufgeknöpften Mieder vor dem Spiegel stand. Mit bebendem Herzen sah er auf ihre zarte, rosige Brust, die durch das offene blaue Mieder schimmerte. Aber auch er blieb offenbar nicht unbemerkt, denn die Dame lächelte und sagte, ohne sich umzuwenden: ›Da kommt jemand zu uns, Joujou!‹ Im gleichen Augenblick begann das kleine Hündchen unter den Röcken der Herrin den lauernden Kavalier anzubellen...« Die Sonnenstrahlen fielen auf die Gläser mit dem Eingemachten, die unter dem alten Schreibsekretär standen, auf dem Leuchter ohne Kerzen prangten; die zwei großen Uhren standen still; an der Wand hingen der Symmetrie wegen ein und dieselben Photographien der gleichen Person mehrfach. Jossif malte lustlos seine großen, kindlichen Buchstaben und sah zu, wie der Hof nach dem gestrigen Krautschneiden aufgeräumt wurde. Die Hunde bellten und schnappten nach den Besen, die Bauern schimpften verschlafen und rechneten einander alte Sünden vor. Tantchen wurde plötzlich aufgeregt und rasselte mit der Klingel. »Was wünschen Sie, ma tante ?« »Lisaweta soll kommen; die Nichtsnutzige ist nie da!« »Vielleicht kann ich Ihnen irgendwie dienen?« »Schreibe nur, Kind: sie wird schon kommen.« Lisaweta kam hereingerollt und fragte mit lauter Baßstimme: »Was machen Sie für Skandal? Brennt es?« »Was schreien Sie? Wir sind nicht taub; Sie kommen nie, wenn man Sie ruft!« »Nun, was soll ich? Ihnen die Nase schneuzen?« »Wie ertrage ich bloß diese Plage?« seufzte Tantchen, besann sich aber und sagte: »Wo ist der Ami? Sie hören doch die Hundeschlacht draußen? Wie leicht kann Ami hineingeraten! Er ist ja blind, kann nicht einmal auf den Sessel springen, drum haben wir das Bänkchen angeschafft; die zerreißen ihn glatt: er ist alt. Laufen Sie, schauen Sie nach!« »Sie sind alle beide gleich gut: Sie und Ihr Ami!« brummte Lisaweta. »Man bekommt von Ihnen nichts als Grobheiten zu hören.« »Nur Sie mit Ihrer Güte können diese Lisaweta Petrowna ertragen«, sagte Jossif, als jene hinausgegangen war und die Tür hinter sich zugeschlagen hatte. »Beleidige du mich wenigstens nicht, mein Freund: ich habe die guten Menschen nie leiden können – sie sind einfach dumm. Ich hänge an der Lisaweta aus Gewohnheit, sie hat Charakter und Mut, und das schätze ich. Sonst ist sie natürlich ein ekelhaftes Schandmaul und hat vor mir nicht den geringsten Respekt.« Vom Hof klang Lisawetas Baß herauf: »Ihr Schatz schläft im Vorzimmer, Sie können sich freuen!« Tantchen war beruhigt, zog an ihrer Zigarette und diktierte weiter: »... Er ließ den Fuß vom Bette herunter, fand tastend seine weichen Pantoffeln, stieg, da er an der Wand gelegen hatte, über die Schlafende hinweg und trat ans Fenster...« Ein anderes Frauenzimmer, das leise ins Zimmer gekommen war, meldete ehrerbietig: »Ich habe die Äpfel zum Einweichen vorbereitet, wollen Gnädige sie sehen?« Tantchen fuchtelte mit den Händen: »Sag's der Lisaweta Petrowna! Oder willst du vielleicht nachsehen, mein Freund?« »Ganz wie Sie wünschen«, sagte der Neffe, stand auf und packte die Bücher und Hefte zusammen. »Wir arbeiten heute nicht weiter?« »Es ist genug. Du bist zartfühlend, mein Kind, sei aber nie zu gut!« Jossif küßte Alexandra Matwejewna die Hand und verließ, groß und stämmig, das Zimmer. Er stand eine Weile auf dem Hof, blickte zum blauen Himmel hinauf, kletterte auf den Taubenschlag, um nach seinen Lieblingen zu schauen, und begab sich zu den Pferdestallungen und in den Viehhof. Der Besitz war so klein, daß der Rundgang nicht viel Zeit in Anspruch nahm. Am Tor saßen müßig in warme Tücher gehüllte Mädchen. Er leistete ihnen Gesellschaft, versuchte einen Ringkampf mit dem Pferdeknecht, sah sich langsam und träge die zum Einweichen bestimmten Äpfel an und begab sich, als die Dämmerung nahte, nach Hause. Man dinierte auf städtische Manier spät, bei Kerzenbeleuchtung, zu dritt, trank Wein. Tante Sascha ›Sascha‹ und ›Schurotschka‹ sind Koseformen von ›Alexandra‹. vertauschte zum Essen ihren Morgenrock mit einem Kleid; darüber trug sie, ob es warm oder kalt war, eine weite Jacke. Lisaweta Petrowna teilte die Neuigkeiten aus der Zeitung mit, Jossif sprach von Geschäften und Pferden, Tantchen träumte vom Vergangenen und rief die Freundin zu Hilfe. »Wissen sie noch, Lisaweta (oder war es noch vor Ihnen?), wie Graf Pantusen mir den Antrag machte, sich zu erschießen drohte, weinte; aber ich mag solche Verstellungen nicht und schätze die Freiheit über alles; ob einer die Uniform oder den Bauernrock trägt, alle Männer sind im entscheidenden Augenblick gleich roh. Und mich einem für das ganze Leben hinzugeben! So dumm bin ich nicht, par exemple !« »Was wurde also aus ihm?« »Ach, mein Freund, etwas so Grauenhaftes, daß ich es gar nicht aussprechen kann!« »Er nahm sich selbst einen Mann!« tönte Lisaweta mit ihrem Baß. »Ach, Lisaweta, Sie sagen immer alles so direkt!« sprach Tantchen, vom Wein und von der Erinnerung in eine empfindsame Stimmung versetzt. »Und wissen Sie noch, wie wir heimlich auf die Maskenbälle gerannt sind?« »Ja, das war ein Leben!« versetzte Lisaweta Petrowna lächelnd. »Und Oskar Iwanowitsch? Wie ich ihm sagte: Hinfahren will ich mit Ihnen, aber daß Sie mich nachher in Ruhe lassen: ich mag nichts von Dauer!« »Sie mögen nichts von Dauer?« fragte Jossif lachend. »Nein!« erwiderte Tante Sascha hingerissen. Sie gingen in den Salon, und unter Alexandra Matwejewnas Fingern, die vom Wein so zärtlich geworden waren, lebten auf dem klirrenden Klavier uralte Operetten auf. Lisaweta Petrowna saß auf dem Sofa und stimmte mit Baßstimme ein. »Und die Zucchi! Wie sie in der ›Esmeralda‹ über die Bühne schwebte!« Die zittrigen Beine der alten Dame versuchten das luftige Schweben jener andern darzustellen. Als sie sich schließlich zurückziehen wollte, taumelte sie plötzlich und mußte sich am Türpfosten festhalten. »Von Kind auf habe ich Schwindelanfälle!« flüsterte sie lächelnd, sich an Jossif wendend. »Ja, wer's glaubt!« bemerkte Lisaweta lachend und führte die Freundin am Arm hinaus. III Die Uhr ließ zwölf zischende dumpfe Töne erklingen, als Jossif, nachdem er an die zwei Minuten vor dem Heiligenbild gestanden hatte, sich in seinem Zimmer beim Scheine des ewigen Lämpchens auszuziehen begann. Er bekreuzigte sich noch einigemal sehr schnell, schlüpfte ins Bett, das unter ihm knarrte, und die zarten Daunen der Kissen waren schon bereit, ihn mit süßem Schlummer zu umfangen, aber in dem überheizten kleinen Zimmer schlief es sich schlecht, und er begann, wie er es oft nachts tat, den Geräuschen, die durch die dünne Trennwand aus Tantchens Schlafzimmer klangen, zu lauschen. Er sah jenes Schlafzimmer deutlich vor sich: Neben seinem Bett steht eine Truhe, neben der Truhe – Tantchens Nähtischchen, zwischen den Fenstern – der Toilettentisch, in der Ecke – die Heiligenbilder, ferner die Kommode, der Tisch und in der anderen Ecke – Tantchens Bett. Er stellte sich sogar vor, was Tantchen jetzt macht: sie steht im bloßen Hemd vor der Kerze und sucht vor dem Zubettgehen nach Flöhen. Lisawetas Stimme fragte: »Werden Sie heute die Schminke abwaschen?« »Nein...«, gestand die andere etwas zaghaft. »Warum verheimlichen Sie es bloß immer noch? Alle wissen es ja; ich glaube, auch die Arina weiß es längst.« »Glaubst du? Woher soll sie es wissen? Woher soll sie es wissen?« Tante Sascha wurde auf einmal unruhig. »Ich hab's nur so gesagt; vielleicht weiß sie auch nichts.« Tantchen schwieg eine Weile, ließ irgendein Geschirr erklirren und begann von neuem: »Das Gesicht altert früher als der Körper, warum eigentlich?« »Damit der Mensch sich demütigt«, erwiderte die Baßstimme. »Weißt du«, schwatzte Alexandra Matwejewna weiter, »was die Ärzte sagen, ist Unsinn, sie sagen es nur, um uns Angst zu machen, sie stecken mit den Popen unter einer Decke. Und dann sagen sie auch alle zehn Jahre etwas anderes: bald soll man trinken, bald soll man nicht trinken; heute soll man nach dem Essen spazierengehen, morgen soll man liegen. Marie Senkina schminkte sich immer und blieb doch bis zu sechzig Jahren bezaubernd, weißt du noch?« »Ist eben die gleiche Fratze geblieben, die sie war.« »Ach, was redest du, sie war gar nicht übel, sogar pikant. Bind mir mal das da auf...« Bei solchen nächtlichen, intimen Gesprächen pflegte Tantchen sogar ›du‹ zu Lisaweta Petrowna zu sagen. »Und weißt du, diese Marie hatte weder in den Achseln noch sonst irgendwo Haare, verstehst du, nirgends; sie ist sogar zum Arzt gegangen, aber der sagte ihr: ›Aber erlauben Sie, so ist es ja viel interessanter, im Gegenteil, viele Damen wollen, daß ich ihnen die Haare entferne.‹« »Sieh an!« sagte Lisaweta aus Höflichkeit. Sie hörten, wie Jossif sich auf seinem Bett umdrehte, und klopften an die Wand. Tantchens zittrige Stimme fragte: »Schläfst du, Kind?« Jossif meldete sich nicht, und sie gab sich selbst Antwort. »Er schläft!« Jossif schlief auch schon wirklich unter den leisen Geräuschen ein, die zu ihm herüberklangen. Wie durch eine Wasserschicht hindurch hörte er noch die Worte: »Soll ich ihn herschicken?« – »Ja!« Er träumte von Marie Senkina und Schurotschka Pardowa, beide sind geschminkt und tanzen mit hochgerafften Röcken, und er kann sehen, daß die erstere wirklich nirgends, überhaupt nirgends Haare hat, Schurotschka aber schreit: »Schläfst du? Ich schlafe. Soll ich ihn herschicken? Ja!« Da tritt ein langer, hagerer Erzpriester ein und fragt: »Welche von euch ist das Schlachtopfer?« Beide fallen zu Boden, und der Kutscher Pannen steht mit dem Messer in der Hand dabei und meldet: »Eben habe ich ein Kalb geschlachtet, Eminenz!« Er erwachte voller Angst und wußte nicht, ob es Nacht oder Tag oder Abend war; aus Tantchens Schlafzimmer klang Seufzen und schweres Keuchen herüber. Eine Männerstimme flüsterte: »Befehlen Gnädige noch?«, und Tantchen antwortete viel zu laut: »Ja, zum Abschied.« Durch den Korridor schlürften Schritte. Jossif graute es, noch länger im warmen, vom ewigen Lämpchen erleuchteten Zimmer zu bleiben, er warf sich den Schlafrock um und trat in den Korridor. Tastend schlich er sich durch die Finsternis, als seine Hand plötzlich auf etwas Weiches und Warmes stieß. »Wer ist da?« schrie er auf. »Ich!« antwortete eine Flüsterstimme. »Wer, ich?« »Arina«, klang es noch leiser. »Was machst du hier?« »Ich bin wegen der Wäsche gekommen. In aller Frühe wird gewaschen, ich hab am Abend vergessen, sie zu holen.« »Warum machst du kein Licht?« »Ich wollte nicht, daß Lisaweta Petrowna mich sieht, sonst schimpft sie, daß ich die Wäsche nicht gestern geholt habe.« Jossif konnte Arina, die er noch immer festhielt, nicht sehen, aber etwas in ihrem Flüstern erschreckte ihn so, daß er ein Zündholz anriß und es ihr vors Gesicht hielt. Sie war blaß und lächelte still wie immer, wenn sie Wäsche wusch, Äpfel einlegte oder der Tante Meldung erstattete. Jossif zündete in der Wäschekammer eine Kerze an und fragte: »Und was macht dein Mann Parmen?« »Parmen schläft«, antwortete Arina lächelnd, aber ihre Augen funkelten unruhig. »Und du willst Wäsche waschen?« »Und ich will Wäsche waschen.« Schritte ließen die beiden verstummen. Lisaweta Petrowna trat in Unterrock und Nachtjacke in die Wäschekammer und fragte: »Was ist hier für eine Versammlung? Warum schlafen Sie nicht, Jossif Grigorjewitsch? Schämen Sie sich nicht: nachts mit Weibern in der Wäschekammer! Und was hast du hier zu suchen?« wandte sie sich an Arina. Arina schwieg, und Jossif antwortete: »Sie ist die Wäsche holen gekommen.« Lisaweta Petrowna pfiff durch die Zähne und sagte: »Ich kenne diese Wäsche! Mach, daß du fortkommst, du Diebin! Marsch, hinaus!« »Was macht Tantchen?« fragte Jossif. »Was soll Tantchen machen? Der Kerl ist halbtot, und Tantchen schläft.« Die Schlafzimmertür knarrte; Lisaweta blies augenblicklich die Kerze aus. Alle drei hielten den Atem an und sahen Parmen, ohne Stiefel, die Ochsenaugen zu Boden gesenkt, aus dem Schlafzimmer kommen. Tantchen stand im bloßen Hemd an der Schwelle, hielt die Kerze hoch über dem Kopf und reckte sich auf die Zehenspitzen, um den Kutscher auf die Stirne zu küssen. Die Schminke floß ihr übers Gesicht. Parmen schlich sich, leise und schwerfällig auftretend, davon. Die Tür wurde zugemacht, das Licht verschwand. Arina sagte: »Parmen schläft, Tantchen schläft.« »Warte nur, du sollst was erleben!« brummte Lisaweta. IV Jossif fuhr gegen Abend nach Polischtscha. Um das Pferd zurückschicken zu können, hatte er Parmen mitgenommen. Aufmerksam, mit neuem Gefühl musterte er die große Figur des Kutschers und sein rotbackiges Gesicht mit dem langen schwarzen Schnurrbart, den rasierten Nacken und die großen Ochsenaugen, die er fast immer gesenkt hielt. Parmens Gesicht war wie gewöhnlich ernst und voller Würde. Jossif schien sein nächtliches Erlebnis ein Traum zu sein, er wollte gern danach fragen, wußte aber nicht, wie er es anfangen sollte; schließlich fragte er: »Hinkt der Hengst noch?« »Er hinkt.« »Zum Veterinär bist du geritten?« »Jawohl.« »Hast du viel zu tun, Parmen?« »Genug.« »Nun, wir fahren ja bei Nacht nicht aus, wie es die andern tun.« »Nein, das tun wir nicht.« »Wir können nach Herzenslust schlafen.« »Gewiß.« Jossif schwieg eine Weile und begann wieder: »Geht's deiner Frau Arina gut?« »Es geht ihr schon gut. Warum soll es ihr nicht gut gehen?« »Ich habe dich gestern gesehen, Parmen.« »Wie meinen?« »Ich sage, daß ich dich gestern gesehen habe, wie du nachts durch den Korridor von Tantchen kamst.« Parmen errötete und schwieg; Jossif saß dicht neben dem Kutscher und betrachtete unverwandt ihn und seine Lippen, mit denen er gestern Tantchen geküßt hatte. Parmen sagte schließlich: »Wenn Sie es gesehen haben, so brauch ich's nicht zu leugnen. Sagen Sie aber dem gnädigen Fräulein lieber nichts davon, daß Sie mich gesehen haben, Herr: es nützt niemand. Sie bringen sie nur in Verlegenheit.« »Ich denke gar nicht daran, es ihr zu sagen. Sie ist aber schon recht alt, die Tante?« »Ja, jung ist sie nicht«, antwortete Parmen mürrisch und begann von andern Dingen zu reden. Unter schwankenden Brücken rauschten schnelle Bäche dahin, aber auf den Sümpfen und Pfützen schimmerte schon das erste, von einem Kreismuster bedeckte Eis. Jossif Grigorjewitsch, der einen bestimmten Gedanken nicht los werden konnte, begann: »Hör einmal, Parmen, verschaffst du mir vielleicht ...« Er kam nicht weiter. Der Kutscher, als hätte er dasselbe gedacht, lachte auf und fragte mit gesenkter Stimme: »Ein Mädel?« »Ja«, bestätigte der junge Herr kaum hörbar. »Wird schon gehen.« »Gib dir etwas Mühe ...« »Sie können ruhig sein.« »Wer hat dich, du schöner Wald, Aufgebaut so hoch dort droben?« klang es plötzlich aus dem Wald; die Fahrenden hielten an. »Das wird Vater Pjotr sein; man sollte ihn rufen, sonst treibt er sich bis zum Abend hier herum, und wir fahren umsonst hin.« »Geht er so gern spazieren?« »Sogar sehr gern.« »Jagt er?« »Kaum, er streift mehr so umher.« Auf ihre Rufe kam Antwort ganz aus der Nähe, und bald darauf trat Vater Pjotr aus dem Wald, die Kutte hochgerafft, einen Stock in der Hand, grauhaarig und rotbackig; Eis und dünne Zweige knackten unter ihm. »Wir haben Sie schon aus der Ferne singen hören.« »Ja, ich hab wohl gesungen; plötzlich höre ich Pferdegetrappel und Rädergerassel und strebte gerade auf Sie zu.« »Wir wollen zu Ihnen; sind Sie jetzt frei?« »Ich bin frei, frei in Christo; herzlichst willkommen! Lassen Sie den Parmen fahren, wir gehen zu Fuß weiter: es ist nicht weit, ich führe Sie den kürzesten Weg, es sind nur eineinhalb Werst. Wir gehen den Pfad der wilden Tiere, alle Sümpfe sind eingefroren.« Sie gingen durch den stillen, herbstlichen Wald, hier und da schwerfälliges Wild aufscheuchend und auf dem bereiften Boden ausgleitend. Vater Pjotr redete ununterbrochen; er war vom heiteren Himmel, dem frischen Wind, den Hügeln und dem Wald gleichsam berauscht. Er schritt mit seinen schweren Stiefeln rüstig aus, blieb bald, den Kopf in den Nacken geworfen, stehen, brach bald mit seinem Stock das Eis entzwei, dann wieder lauschte er dem niederen Flug eines Auerhahns. »Das liebe ich! Das liebe ich!« sagte er immer wieder, schritt aufs neue aus und sang mit seinem Baß: »Wer hat dich, du schöner Wald ...« Als er über einen Bach sprang, brach er ein, und eine kleine silberne Forelle zappelte, vom Wasser herausgespült, auf dem Eis. Naß stand er im Wasser, haschte mit den Händen nach dem Fisch und schob ihn mit seinen dicken Fingern vorsichtig unter die zarte Eisdecke. »Das liebe ich! Das liebe ich!« wiederholte er. Zu Hause setzte er sich an das Pianino, spreizte die Finger und begann wieder seinen ›schönen Wald‹. In der Tür erschien eine kleine, rundliche Frau und sagte: »Das Klavier nehme ich dir fort, Vater.« »Das ist deine Sache. – Meine Tochter, die verwitwete Jekaterina!« stellte er sie Jossif vor. Die Witwe begann ungezwungen zu sprechen, die runden Augen rollend und mit der Stupsnase schnuppernd. Sie wohnte recht weit, auf der gleichen Fabrik, wo sich auch die andere Tante Jossifs, Marja Matwejewna, aufhielt; auf diese Tante kam auch sofort die Rede. »Wie kommt es, daß ich Sie noch nie beim Vater getroffen habe? Sie besuchen ihn selten, obwohl Sie in der Nachbarschaft wohnen.« »Doch, ich besuche ihn von Zeit zu Zeit; wir gehen überhaupt kaum aus.« »Ich glaube, Ihr Tantchen ist ganz und gar menschenscheu.« Sie aßen bei Tageslicht zu Mittag, einfach, aber gut, und danach setzte sich Jekaterina Petrowna an das Pianino, das sie dem Vater wegzunehmen drohte, und spielte etwas laut, oft mit der linken Hand danebengreifend. Vater Pjotr plauderte beim Kirschschnaps. »Offen gestanden, liebe ich es nicht, bei Alexandra Matwejewna im Haus die Abendmesse zu lesen. Sie ist eine reizende Dame, aber sie glaubt nicht an Gott, nimmt sowieso nicht am Gottesdienst teil, und so fühle ich mich bei ihr immer als Gast, nicht als Priester.« »Woher weißt du, daß sie nicht an Gott glaubt? Daß sie nie in die Kirche kommt, ist noch kein Beweis.« »Ich habe mit ihr mehr als einmal darüber gesprochen: nicht das geringste Interesse.« »Kommen Sie doch trotzdem öfter: wir würden uns sehr freuen.« »Ja, ich werde gern kommen.« Sie gaben sich eine Weile mit den Tauben ab, dann tranken sie wieder Tee, Jekaterina Petrowna spielte, Vater Pjotr sang, und auch Jossif sang mit seiner hohen, süßen Stimme. Katja sagte träumerisch: »Was für eine Stimme! Ich könnte ewig zuhören. Haben Sie niemals Gesangsunterricht genommen? Wie merkwürdig! Warum kommen Sie nie zu uns auf die Fabrik? Bei uns ist es lustig.« »Es hat sich nie ergeben.« »Sie könnten auch mich besuchen.« Vater Pjotr fügte hinzu: »Und mit Viktor spielen.« »Vitja ist ja noch ein Kind!« »Nun, mein Enkel ist fünfzehn Jahre alt. Und Sie, Jossif Grigorjewitsch?« »Achtzehn vorbei.« »Ist's möglich?! Ich hielt Sie für älter.« »Eine kindliche Seele hat er, Alte!« rief Vater Pjotr aus, Jossif aufs Knie klatschend. Jekaterina Petrowna verzog ein wenig das Gesicht, wurde aber bald wieder lustig. ›Wenn ich so eine kriegen könnte!‹ sagte sich Jossif, an sein Gespräch mit Parmen zurückdenkend. Der Kutscher sagte auf der Heimfahrt: »Die Domna wird wohl am besten passen.« »Welche ist das, Arinas Schwester?« »Ja, die Glotzäugige.« V Tante Sascha hatte Migräne und jagte Lisaweta Petrowna aus dem Schlafzimmer, die nun mit Jossif auf dem Sofa saß, offenherzig wie immer in den seltenen Fällen, wo sie sich gekränkt fühlte. »Fünf Jahre lebte ich schon von Alexandra Matwejewna getrennt und fühlte mich im Schwesternheim wie zu Hause. Was schauen Sie mich so an? Sie glauben wohl, mit meinem Charakter war das schwer? Ja, es war sehr schwer, aber mein Charakter ist nicht immer so höllisch gewesen. Da sagt man mir auf einmal: ›Irgendein Herr erwartet Sie im Sprechzimmer.‹ Ich ging hinaus und erkannte meinen Herrn Gemahl im ersten Augenblick gar nicht wieder: einen Bart hatte er sich stehen lassen, war dick geworden und braun wie ein Amerikaner.« »War er denn nicht schon tot?« »Wie Sie hören, war er noch nicht tot. Er fleht mich an, ich soll zu ihm zurückkehren, schwört mir ewige Treue und so. Ich frage nicht viel, wo er diese fünf Jahre gesteckt hat, weigere mich zwar nicht, zu ihm zurückzukehren, bin aber schon durch diesen Besuch so sehr aufgeregt, daß ich nicht mehr die Kraft habe, mich für die andern aufzuopfern. Also schreibe ich an Alexandra Matwejewna; die schreibt gleich zurück, es wäre höchste Zeit: ›Spuck auf alle und komm zu mir.‹ Und so fanden wir uns wieder, als ob wir uns fünf Jahre zuvor nicht entzweit hätten.« »Nun, Sie haben es ja bei Tantchen recht schön: sie liebt Sie und ist an Sie gewöhnt.« »Gewöhnt hat sie sich, aber lieben tut sie nur sich selbst. All das ist nicht von Dauer, und was fang ich an, wenn was passiert?« Ein kleines Mädchen stürzte herein und blieb stehen, als es Lisaweta sah. Diese fragte: »Was ist denn los?« »Parmen prügelt die Arischa.« »Eine nette Beschäftigung. Und weiter?« »Weiter nichts.« »Wenn weiter nichts ist, brauchst du auch nicht ohne Grund hereinzulaufen«, sagte Lisaweta und erhob sich auf ein Klingelzeichen aus dem Schlafzimmer vom Sofa. Das Mädchen berichtete Jossif in großer Aufregung: »Wie er sie prügelt! Das ganze Haar hat er ihr zerzaust, das Blut läuft ihr aus der Nase, und alle schauen zu: auf dem Hof sind sie.« »Wofür prügelt er sie denn?« fragte Jossif, gleichfalls aufstehend. »Er bringt ihr Vernunft bei«, antwortete das Mädel so ernst wie eine Erwachsene und machte dem jungen Herrn die Tür auf. Unten auf dem Hof zerrte Parmen, von Neugierigen umgeben, Arina an den Haaren herum. Bald warf er sie zu Boden, bald hob er sie wieder auf, und die Schläge regneten dumpf auf ihre wattierte Jacke. Die Frau stöhnte und bemühte sich nur, mit der schon blutbefleckten Hand die blutende Nase abzuwischen. Die Zuschauer äußerten weder Mitgefühl noch Empörung. Erst als Parmen Arina endgültig von sich stieß und sie fast auf allen vieren zur Kutscherwohnung kroch, wurde das laute Stimmengewirr der Meinungen und Diskussionen durch den Baß Lisawetas unterbrochen, die aus dem Fenster schrie: »Schert euch vom Hof! Was ist das für ein Rummel da unten? Das gnädige Fräulein ist krank.« »Warum hast du sie so geprügelt?« fragte Jossif Parmen, der schweigend abseits stand. »Sie schwatzt mehr als sie soll«, und nach einer Weile fügte er hinzu: »Kommen Sie doch heute zu unserer Abendunterhaltung.« »Ach ja!« versetzte Jossif errötend. Aus der Kutscherwohnung stürzte ein etwa sechzehnjähriges Mädchen mit blassem Gesicht und großen blauen, übermäßig hervortretenden Augen heraus. Sie schlug die Hände über dem Kopf zusammen, fiel über die verprügelte Arina her und half ihr laut aufheulend auf die Beine. Jossif konnte kaum erwarten, bis das Essen zu Ende war und Parmen ihn abholte; das Unwohlsein der Tante verkürzte zu seiner Freude das Beisammensein nach Tisch. Als die neuen Gäste, sich in der niedrigen Tür bückend, in die enge Bauernstube traten, tanzte man gerade zur Ziehharmonika den ›Sechser‹. Der Gesang und die Musik verstummten; als aber die Leute sahen, daß die Gäste lustig waren und sich einfach gaben, ging es gleich wieder weiter. Jossif sang im Chor mit den andern und sogar solo allerlei bekannte Lieder und schien ganz vergessen zu haben, wozu er eigentlich gekommen war. Domna saß neben ihm, sie trug eine warme Jacke und Filzstiefel. »Komm, wir tanzen!« »Gut, warum nicht?« »Bring mir's bei, ich kann's nicht.« »Versteh ich denn auf städtische Manier zu tanzen?« »Warum hat Parmen heute deine Schwester so geprügelt?« »Woher soll ich das wissen?« »Willst du, daß ich dir Stoff für ein Kleid schenke?« »Und was wird Fomka sagen?« »Was für ein Fomka?« »Der Einäugige.« »Du brauchst es ihm ja nicht zu zeigen.« »Gut, bordeauxrot. Scher dich, Teufel!« schrie sie einen einäugigen Burschen an, der sie am Arm packte und zum Tanz holen wollte. »Diese Prinzessin!« brummte jener, Jossif mit seinem einzigen Auge anfunkelnd. Der junge Herr trennte sich, auf ein Zeichen Parmens, nur ungern von der Gesellschaft und schenkte den Burschen und Mädchen zum Abschied etwas Geld. Sie gingen unter dem dunklen, sternenbesäten Himmel irgendwohin. Parmen sagte: »Es ist abgemacht. Domna wird sofort zur Iwanowna kommen, so haben wir's verabredet.« »Wer ist dieser Fomka? Ihr Bräutigam?« fragte Jossif. »Sie hat viele solche gehabt. Er läuft ihr einfach nach.« Die Iwanowna geleitete ihn schweigend in eine finstere Stube, in der sich die Fenster mit dem Sternenhimmel schwach abzeichneten. Sie zündete keine Lampe an. Jossif sah nichts und hörte nur, wie jemand kam, sich neben ihn setzte und die Arme um seinen Hals schlang. Domnas Stimme flüsterte irgendeinen Unsinn, und Jossif schmolz vor süßer Angst. Er sah weder ihre Glotzaugen noch das andere, einzige Auge, das durch die Türspalte hereinschaute, aber nichts sehen konnte. VI Der Schnee, der am Zweiten gefallen war, blieb zum allgemeinen Erstaunen liegen, und in den Zimmern herrschte auf einmal winterliche Beleuchtung und Abgeschiedenheit. Tantchen im warmen Morgenrock legte am Fenster zerstreut eine Patience und sah, wie ein großer Mann in Pelzmütze mit Ohrenklappen über den weißen Schnee auf das Haus zuging. Sie klingelte aufgeregt der Lisaweta und fragte sie: »Wer ist eben gekommen?« »Niemand, wen wollen Sie denn?« »Nein, eben ist jemand gekommen: ein großer blonder junger Mann.« »Sie haben geträumt«, brummte die Freundin. »Du hältst mich wohl für dumm?« »Vielleicht war es der Schreiber von Trebuschenko, der manchmal unsere Pferde leiht. Ich glaube, er ist groß; ob er aber blond ist oder rothaarig, interessiert mich wirklich nicht. Sie haben viel zu scharfe Augen.« »Wo ist er jetzt?« »Woher soll ich wissen, ob er noch hier oder schon fort ist.« »Gehen Sie hinaus und erkundigen Sie sich, ich muß ihn sprechen.« »Hat Feuer gefangen!« brummte Lisaweta, ging aber hinaus, um sich zu erkundigen. Alexandra Matwejewna folgte ihr eine Minute später, von Ungeduld getrieben, mit leichten, schwankenden Schritten. Nach etwa vierzig Minuten kehrten die beiden zurück, in ein lebhaftes Gespräch vertieft, das sich anhörte, als wenn sie stritten. Jossif hatte Tantchen selten in diesem Zustand gesehen: man konnte selbst durch die Schminke sehen, wie ihr Gesicht vor Zorn oder Begierde glühte. Sie sagte zu Lisaweta ›du‹: »Du redest Unsinn, Lisaweta; er ist viel hübscher als Jean Pogrebin, du siehst ja nie etwas: dieses liebe Lächeln, diese Bescheidenheit, dieses freundliche Wesen. Reizend ist er!« »Von mir aus können Sie ihn abküssen, diesen Schreiber! Was geht's mich an? Ich will es gar nicht sehen.« Tantchen erbleichte plötzlich, so daß ihr Gesicht nur noch von der Schminke allein rot war, und sagte leise: »Das hängt ganz von Ihnen ab.« »Was hängt von mir ab?« »Daß Sie es nicht sehen«, sagte Tantchen noch leiser. »Sie meinen, Sie wollen mich vor die Tür setzen?« »Sie können es auffassen, wie Sie wollen.« Lisaweta Petrowna ging hinaus und schlug die Tür hinter sich zu, Tantchen wandte sich nicht einmal um. Jossif sagte leise: »Was regen Sie sich so auf, ma tante ? Soll ich Lisaweta Petrowna zurückrufen?« »Bemühe dich nicht, mein Freund!« Sie beugte sich zu ihm vor und sagte: »Diese Lisaweta ist schlecht und neidisch; man lernt die Menschen doch niemals kennen, man muß immer auf Gemeinheiten gefaßt sein. Ist es denn meine Schuld, daß ich noch Glück habe? Du verstehst! Schau nicht auf mein Gesicht – sind meine Arme nicht die gleichen wie einst?« Sie streifte mit einem schnellen Ruck die weiten Ärmel zurück und zeigte ihr mageres, gelbes Fleisch, das wie die Haut einer Truthenne von kleinen Pickeln übersät war. Jossif schlug die Augen nieder und sagte: »Gewiß, ma tante , Sie haben recht.« – Er konnte aber nicht wissen, wie diese Arme einst ausgesehen hatten. »Die Arme und alles«, bekräftigte Tante Sascha und versuchte ihren Morgenrock oben am Hals aufzuknöpfen. Durch die Tür, die diesmal von keiner Lisaweta bewacht war, stürzte plötzlich Arina herein und begann mit einer Energie, die man von ihr nicht erwartet hätte: »Ich komme zu Euer Gnaden!« »Geh zu Lisaweta Petrowna!« erwiderte Tantchen, mit den Händen fuchtelnd, aber Arina wiederholte sehr bestimmt: »Zu Euer Gnaden!« Ohne auf die Erlaubnis zu warten, begann sie überstürzt und entschlossen, mit wilden Blicken um sich schauend, zu reden: »Was soll das werden? Domna ist ja noch ein Kind. Geht denn das? Sagen Sie doch dem Jossif Grigorjewitsch, daß er sie in Ruhe läßt! Sie kann ja noch heiraten. Die Leute laufen ihr nach, alle lachen über sie!« »Was spricht sie, Kind? Was hast du damit zu tun? Ich verstehe gar nichts!« stammelte Tantchen. »Ich weiß nichts«, flüsterte Jossif kaum hörbar und errötete. Arina kam noch einen Schritt näher und begann von neuem: »Die Warwara sagte ihr neulich: feile Dirne; das Mädel heulte bis zum Abend, und wer ist schuld?« »Was kommst du zu mir mit jedem Unsinn? Muß ich mich denn um eure Sachen kümmern? Wende dich an den, der Schuld hat!« »Ich wende mich ja auch an Sie, Jossif Grigorjewitsch, daß Sie sie in Ruhe lassen!« Tantchen versetzte erregt und erstaunt: »Du, mein Kind? Was muß ich hören? Die Frau ist betrunken.« »Hab ich vielleicht bei Ihnen getrunken?« schrie Arina. »Beruhigen Sie sich, ma tante , die Frau hat recht.« »Was denn, du? Joseph? Mein Kind, laß mich dich küssen!« Arina schrie nun aus vollem Halse: »Nicht genug, daß sie mir den Mann genommen haben, jetzt bandeln sie auch mit der Schwester an! Und das nennt sich eine Herrschaft!« »Was erzählt sie da? Natürlich ist sie betrunken, ich glaube, sie wird grob. Was für einen Mann? Wer hat ihn dir genommen?« »Arina, mach, daß du rauskommst!« sagte Jossif. »Was für einen Mann? Meinen Parmen. Ein Narr ist er, daß er sich für Geld mit so einer Kuhhaut abgibt!« Tantchen sprang auf, setzte sich wieder hin, schwang die klirrende Klingel und schrie: »Hinaus! Hinaus mit euch, mit dir und Parmen, laßt euch hier nicht mehr blicken!« Als Arina noch einen Schritt näher kam, fiel Tantchen aufs Sofa, hob zum Schutz die nackten Arme und schrie: »Sie wird mich noch schlagen! Mein Gott!« Jossif packte Arina, die sich wehrte und weiter krakeelte, an den Schultern, stieß sie zur Tür hinaus und eilte zu Alexandra Matwejewna, die in einer nicht erheuchelten Ohnmacht lag. Als sie wieder zu sich kam, zog sie die offenen Ärmel herunter und flüsterte mit süßer Stimme: »Es ist also wahr, das mit dem Mädel?« Jossif nickte bejahend. Die Dame setzte sich halb auf und fragte noch süßer: »Wie war es das erstemal? Das mußt du mir erzählen. Warte, ich will Lisanka rufen.« Sie hatte aber noch nicht Zeit gehabt, die Hand nach der Klingel auszustrecken, als Lisaweta selbst mit einem Haufen Kleider in den Händen und mehreren Schachteln unter den Armen ins Zimmer kam. Ohne ein Wort schmiß sie diese Sachen Tantchen vor die Füße, und die schwarzen, blauen und grauen Jacken aus Kattun, Wolle und Satin flogen als bunter Schwarm über den Boden. Ein blaues Satinleibchen fiel Alexandra Matwejewna auf die Knie. Lisaweta hatte die schwarze Schwesterntracht mit weißer Pelerine an. Tantchen flüsterte: »Mein Gott, sie ist ja von Sinnen!« Lisaweta Petrowna ergötzte sich eine Weile an diesem Effekt und sagte schließlich: »Leben Sie wohl! Wünsche Ihnen viel Glück zu Ihrem neuen Galan. Ich will nichts Fremdes haben, da haben Sie Ihre Geschenke wieder; nackt bin ich gekommen, nackt will ich gehen.« »Sie ist wirklich von Sinnen! Mein Kind, lauf ihr nach, sprich mit ihr!« »Wohin läufst du denn wie ein Verrückter? Hast mich beinahe umgerannt!« sagte eine dicke Dame, mit der Jossif im Korridor zusammenstieß. »Ach, Sie sind es, Anna Matwejewna?« »Ja, ich. Auf dem Hof ist kein Mensch, im Vorzimmer kein Mensch, seid ihr in eurem Loch ausgestorben?« »Nein, warum?« »Ich wollte noch zur Abendmesse herkommen, habe die Pferde müde gehetzt. Werdet ihr eine Messe haben? Geht es meiner immerseligen Schwester gut?« »Danke, es geht ihr gut.« »Schläft sie? Malt sie sich an?« Anna Matwejewna stieg als erster Gast mit schweren Schritten die Treppe hinauf und ging auf das ihr angewiesene Zimmer, um sich zu waschen. Auf dem Hofe stand der schneeverwehte Schlitten, um den sich vermummte Gestalten zu schaffen machten. VII Das alte Fräulein hatte nur selten Gäste, doch zwei- oder dreimal im Jahr kamen bei ihr immer dieselben Personen zusammen, die oft nach einfacher ländlicher Sitte auch ihre eigenen Gäste oder auch sonstige Leute mitbrachten, denen sie in der winterlichen Einsamkeit eine Zerstreuung verschaffen wollten oder von denen sie eine solche erwarteten. Oft brachten sie auch Leute mit, die niemand besonderes Vergnügen bereiten konnten, einfach so ›der Gesellschaft wegen‹. So kamen auch jetzt außer dem Vater Pjotr und der Dorfschullehrerin, den sozusagen ›zu Fuß Kommenden‹, noch vier andere Gruppen von Gästen, die im Hause nach geographischen Gesichtspunkten untergebracht wurden: die am nächsten Wohnenden bekamen die Zimmer in der Nähe des Schlafzimmers und die entfernter Wohnenden – die entlegeneren Räume. Da aber die Gruppen in bezug auf Geschlecht und Lebensalter gemischt waren, so kam es freilich wie bei einer Patience, wo sich letzten Endes alle Könige auf einem Haufen finden, alle Damen in einem andern und alle Buben in einem dritten. In Jossifs Zimmer wurden die beiden Schwestern Gambakowa, Pawla und Sinaida, zwei alte Damen von uraltem Adel, die in großer Armut in der Nachbarschaft lebten und nur einen gemeinsamen Mops besaßen, untergebracht. Sie sahen einander zum Verwechseln ähnlich, froren immer und zankten ewig miteinander. Anna Matwejewna bildete zwar eine Gruppe für sich, teilte aber schwesterlich ihr Zimmer mit Marja Matwejewna, die auf der Fabrik wohnte. Anna war die jüngste von den drei Schwestern Pardowa und zeichnete sich durch größere Vernunft und eine üppige Figur, auf die sie nicht wenig stolz war, vor den andern aus. Sie wohnte im Kreisstädtchen und kam in geschäftlichen Angelegenheiten – sie übte den Beruf eines Winkeladvokaten aus – oft sogar in die Hauptstädte. Gemeint sind Moskau und Petersburg. Wie sie ihre Prozesse führte, weiß Gott allein; sie war aber energisch, scheute keinen Papierkrieg, brachte jeden Fall bis vor den Senat und konnte sich nicht über Mangel an Klienten beklagen. Sie hatte immer alle Hände voll zu tun und erzählte einem jeden mit Posaunenstimme lange Geschichten von ihren Prozessen. In der allerletzten Zeit begann sie zu hinken, hielt sich aber königlich. Sie lebte immer allein und war den Menschen gegenüber sehr streng; sie ging nur sehr ungern darauf ein, daß man ihre Schwester Marja für die wenigen Tage im gleichen Zimmer mit ihr unterbrachte. Marja Matwejewna, die von der Fabrik in Begleitung ihrer Tochter Sonja, von Jekaterina Petrowna Oserowa, deren Sohn Viktor und eines gewissen Iwan Pawlowitsch Jegerew kam, war die einzige von den Schwestern Pardowa, die ihren alten Familiennamen mit einem demokratischen und dazu noch unrussischen – Dreistück – vertauscht hatte. Obwohl ihr Mann, der Ingenieur Dreistück, der zwölf Jahre lang auf der Fabrik gelebt hatte, schon vor zehn Jahren gestorben war, wollte sie das alte Nest nicht verlassen. Sie und die andere Witwe, die Tochter des Vaters Pjotr, Jekaterina, führten gemeinsamen Haushalt und unterhielten einen Mittagstisch für die unverheirateten und nicht sehr gut bezahlten Fabrikangestellten. Bei ihnen lebten die Tochter der einen, die bucklige Sonja, die, abgesehen von diesem Defekt, ein gesundes Aussehen hatte, aber an seltsamen Anfällen litt, und der Sohn der anderen, der fünfzehnjährige Viktor, der wegen seiner Streiche und seiner unkindlichen Boshaftigkeit für eine Strafe Gottes galt. Iwan Pawlowitsch Jegerew, der mit ihnen gekommen war, spielte im Leben der Fabrikgesellschaft eine sehr gewichtige Rolle, die zu seiner bescheidenen Stellung, über die kein Mensch etwas Genaues wußte, in keinem Verhältnis stand. Einige wenige Leute hielten ihn für einen unerträglichen Schwätzer und beriefen sich auf sein eigenes Geständnis, daß er eine sehr despotische Großmutter gehabt hatte, die ihre eingeschüchterten Enkel zwang, sie stundenlang zu unterhalten, wobei sie sie ununterbrochen zwickte; dieser Erziehung habe er ein ungemein entwickeltes Mundwerk zu verdanken, das selbst in den ungewöhnlichsten Situationen niemals versage. Die meisten hielten ihn aber – aufrichtig oder aus Denkfaulheit – für einen klugen Menschen mit großer organisatorischer Begabung und für den unersetzlichen Organisator all der Vereine, Klubs, Leseabende und so weiter, deren Einrichtung die große Fabrik der Ispolatowschen Erben für eine Forderung der Zeit hielt. Er war eher jung als alt, hatte ein spitzes Bärtchen, einen edlen Blick, eine melodische Stimme und die Gewohnheit, abstrakte Worte zu gebrauchen. Man erzählte sich, daß er mit Jekaterina Petrowna ein intimes Verhältnis unterhalte; das Gerücht blieb aber unbeglaubigt; auch war dieser Held von seiner gesellschaftlichen Tätigkeit so sehr in Anspruch genommen, daß ihm wohl keine Zeit für einen konkreten Roman blieb. Die beiden voneinander sehr verschiedenen Kinder – der ausgelassene Viktor und die stille Sonja – konnten ihn im gleichen Maße nicht ausstehen. Das große Zimmer, in dem Jekaterina Petrowna Oserowa und Sonja einquartiert waren, teilten mit ihnen eine Adelaïda Platonowna Dmitrewskaja und deren Tochter Ljolja, die sich periodisch auf dem Landgut, das in der Mitte des Weges zwischen der Fabrik und dem Dorf Alexandra Matwejewnas lag, aufhielten. Die Dame zeichnete sich hauptsächlich durch eine unmäßige Geschwätzigkeit aus und sprach ebenso gern wie schnell über was auch immer, mit Vorliebe aber von ihren Bekanntschaften und Beziehungen in literarischen Kreisen, womit sie hier auf dem Land fast niemand imponieren konnte. Sie bekam übrigens tatsächlich ab und zu Besuch bald von dem einen, bald von dem andern Künstler oder Dichter, die sie dann in einem fort von einem ihrer Bekannten zum andern schleifte, wobei sie im Flüsterton die Berühmtheit des Betreffenden erläuterte, sei es auf dem Gebiet der Kunst, sei es auf dem des Skandals. Besonders viel Material lieferte ihr der Schriftsteller Adventow, der sie auch jetzt begleitete und den alle auf Grund ihrer Erzählungen für ein Wunderwesen hielten. Dieser benahm sich aber ebenso wie die andern, sprach wenig und höflich und bevorzugte die Gesellschaft des Studenten Bessakatny, der als Ljoljas Lehrer bei den Dmitrewskis wohnte. Auch im Haus der Tante Sascha trennte man sie nicht voneinander und gesellte zu ihnen als dritten den Herrn Jegerew. Jossif aber schlief im Eßzimmer mit Vater Pjotr und Viktor. Der Schnee, der am zweiten November gefallen war, lag noch immer und wollte nicht schmelzen. VIII Sonja kam aus ihrem Zimmer, schloß hinter sich leise die Tür und sagte: »Ljolja ist eingeschlafen.« »Ist sie müde von der Reise?« fragte Jossif, der am Fenster stand, durch das die schon schrägen Sonnenstrahlen hereinfielen. »Ich fürchte, daß sie krank ist.« »Was hat sie denn?« »Sie ist oft krank. Es ist nicht gefährlich, aber schrecklich.« »Warum schrecklich?« »Bloß so.« Sonja stellte sich neben Jossif und begann mit dem Finger auf der angelaufenen Fensterscheibe Kreise zu zeichnen; sie reichte ihrem Nachbarn gerade bis an den Ellenbogen. »Wer ist denn jetzt bei Ljolja?« »Niemand, sie schläft. Sag es keinem, vielleicht wird auch nichts daraus.« »Warum bist du mit ihr so befreundet? Ihr seht euch ja so selten.« »Ich liebe sie sehr. Auch dich, Joseph, liebe ich, obwohl ich dich selten sehe.« »Du bist sehr gut, Sonja.« »Ich bin nicht gut, ich liebe nur wenige Menschen: Ljolja, dich, Viktor.« »Und die Tante Mascha?« »Mama? Natürlich liebe ich auch sie, aber nicht so, sie ist anders – nicht so zärtlich.« »Ist denn Vitja zärtlich? Ich glaube, er ist ein ausgelassener Bengel.« »Es ist möglich; ich weiß es nicht; er ist sehr böse, aber zärtlich.« »Du sprichst ganz wie eine Erwachsene; das ist komisch.« »Es kommt davon, daß ich ein Krüppel bin.« »Wer hat dir das gesagt? Denk niemals daran, sprich niemals so! Wer hat dir das gesagt? Die Tante, Katerina Petrowna?« »Niemand, weil sie alle Angst haben, aber ich habe keine und weiß es. Mich kann niemand liebhaben.« »Sonja, schweig um Gottes willen! Liebe ich dich denn nicht?« Sie wandte sich mit ihrem Buckel zum Fenster, lachte leise auf und sagte: »Wie dumm bist du doch, Joseph! Spreche ich denn davon? Und dann noch etwas: Kennst du Adventow? Du solltest mit ihm reden: er kann für dich viel mehr tun als ich, viel mehr als alle. Und für dich muß man jetzt etwas tun. Sprich doch mit ihm; willst du es mir versprechen?« »Gut, ich verspreche es. Wozu brauch ich es aber?« »Bloß so, hör auf mich und hör auf ihn, obwohl ich ihn nicht liebe.« »Sonja, ich glaube, du willst mich nur irreführen.« »Nein, nein. Jemand kommt.« »Ich höre nichts.« »Du wirst es schon hören«, sagte die Bucklige etwas gereizt. »Ich will jetzt gehen; ich bin den ganzen Tag noch nicht aus gewesen, der Abend ist so wunderschön, ich will ein wenig durchs Dorf gehen.« »Ich gehe mit.« »Nein, nein, Adventow kommt eben her, sprich mit ihm.« »Warum glaubst du, daß er es ist? Du hast ihn vom Fenster aus gesehen.« »Ja, gewiß, ich habe ihn mit meinem Buckel gesehen. Wenn Ljolja nach mir verlangt, ruf mich herauf, ich werde ganz in der Nähe auf und ab gehen.« Sie ging hinaus, um den Pelzmantel und das warme Tuch anzuziehen. Nach wenigen Augenblicken hörte Jossif tatsächlich leichte schnelle Schritte, und aus den inneren Zimmern kam jemand, in dem er Adventow mehr ahnte als erkannte. Dieser rief beim Eintreten: »Hier ist jemand; sind Sie es, Serjoscha?« »Nein, das bin ich, Jossif.« »Was machen Sie im Dunkeln? Und warum ist es hier so leer? Wo sind alle Leute hin? Oder schlafen schon alle? Ich kenne die hiesigen Sitten nicht.« »Ich weiß selbst nicht, wo alle sind, ich habe nur Sonja gesehen.« »Ach, Sonja Dreistück? Ein seltsames Kind.« »Sie ist ja bald achtzehn.« »Ihr Körperfehler macht sie zu einem Kind, und zugleich ist sie mehr als eine Erwachsene.« Jossif zündete die Lampe an, sah auf Adventows braunes, recht gewöhnliches Gesicht und überlegte, wie er die versprochene Unterredung beginnen sollte. »Wie gefällt es Ihnen im Winter auf dem Lande?« »Was die Natur betrifft, so kann man darüber nur einer Ansicht sein, von einer so unwahrscheinlichen Märchenpracht ist sie im Winter. Und sonst lebe ich ganz nach meinem Geschmack: arbeite viel, habe gute Freunde und kann, wenn ich will, immer verreisen.« »Ich glaube, Sie sind mit den Dmitrewskis sehr intim?« »Ja, zum Teil auch mit den Dmitrewskis.« »Sie sind auch mit Sergej Pawlowitsch eng befreundet – ich glaube es bemerkt zu haben.« Adventow lächelte. »Sie beobachten gut.« »Adelaïda Platonowna hat es auch gesagt.« »So, auch Adelaïda Platonowna?« »Sergej Pawlowitsch ist ja sehr nett.« »Sehr nett.« Sonja kam leise in Pelz und Kopftuch herein und sagte: »Entschuldigen Sie, daß ich Sie unterbreche. Joseph, du mußt mit mir kommen.« »Darf ich mich vielleicht auch anschließen?« mischte sich Adventow ein. Sonja schwieg eine Weile und sagte: »Nein, Sie müssen bleiben.« »Wie Sie befehlen. Können Sie mir aber vielleicht sagen, wo alle stecken? Es ist hier wirklich wie in Dornröschens Schloß.« »Nur Ljolja schläft; Sergej Pawlowitsch spielt mit Viktor Dame, Vater Pjotr schaut ihnen zu, und Herr Jegerew unterhält mit seiner Beredsamkeit alle Damen.« »Ich danke Ihnen, Sie sind gut unterrichtet.« »Ich bin immer gut unterrichtet, das ist meine Spezialität.« »Die für Sie wohl verschiedene Vorteile hat.« »Wie ich sehe, nicht nur für mich allein. Gehen wir doch!« sagte sie zu Jossif, der sich schon fertiggemacht hatte. Sonja ging schnell voraus und schleppte Jossif über die schneeverwehte, noch holprige Straße mit. Sie stieß eine Gartenpforte auf, blieb vor dem erleuchteten Fenster eines der Bauernhäuser stehen und flüsterte Jossif zu: »Schau!« In der Stube standen vor dem brennenden ewigen Lämpchen Parmen, Arina und Fomka. »Kennst du diese Leute?« fragte Sonja, am ganzen Leibe zitternd. »Ist dir kalt? Natürlich kenne ich sie.« »Warum brennt bei ihnen Licht?« »Ich weiß es nicht. Morgen ist Tantchens Namenstag.« »In den andern Häusern ist es dunkel! Kennst du sie gut?« »Und ob!« »Schau nur, was sie tun.« Parmen legte vor die Heiligenbilder irgendeinen Gegenstand hin, und alle drei verneigten sich dreimal bis zur Erde. Arina nahm eines der Heiligenbilder vom Bord, alle küßten es der Reihe nach, stellten es wieder zurück und verneigten sich voreinander bis zur Erde. Sonja zitterte wie im Fieber. »Es ist schrecklich, Joseph! Du kannst dir nicht vorstellen, wie ich mich fürchte.« »Ich verstehe gar nichts; was fürchtest du so, Sonja?« Sie rannten fast über die nun dunkle Straße nach Hause, schweigend. Ein vermummtes weibliches Wesen rief sie an: »Gnädiger Herr, Jossif Grigorjewitsch, sind Sie es?« »Wer bist du?« »Das bin ich, Domna. Gnädiger Herr, lassen Sie mich Ihnen zwei Worte sagen.« »Jetzt nicht, jetzt nicht.« »Joseph, hör sie an, ich bitte dich!« »Nein, nein!« »Sonderbar.« »Gnädiger Herr, haben Sie doch die Gnade, bleiben Sie einen Augenblick stehen«, flehte das Mädel. »Nein, nein, nicht jetzt.« Und sie liefen weiter. Sonja hing schwer an seinem Arm und sagte immer wieder: »Ich hab solche Angst! Warum hast du sie nicht anhören wollen?« »Glaub mir, es ist irgendein Unsinn. Du weißt ja nichts. Parmen, Arina, Domna – das muß man alles wissen.« »Nun, was ist mit ihnen?« »Das kann ich dir doch nicht sagen!« »Warum nicht?« »Es geht ja schließlich nicht nur mich allein an.« »Sehr gut. Wenn du es mir nicht sagen kannst, so sag es Vater Pjotr: du weißt ja, was für ein würdiger Mensch er ist. Und zwar heute noch.« »Ja, Vater Pjotr kann ich es wohl sagen.« »Du kannst nicht nur, du mußt.« Sie kamen nach Hause gerade in dem Augenblick, als sich alle zu Tisch setzten. Nach dem Essen begann die Abendmesse. Alexandra Matwejewna blieb, ihre Migräne vorschützend, dem Gottesdienst fern, wie es Vater Pjotr ganz richtig vorausgesagt hatte. Die Gäste placierten sich vorn und überließen die Tiefe des Zimmers den Bauern und Dienstboten. Als Jossif Vater Pjotr das Weihrauchfaß reichte, flüsterte er ihm zu: »Nach der Messe muß ich Sie sprechen.« Der Geistliche sah ihn erstaunt an und sagte: »Mit Vergnügen; haben Sie etwas auf dem Herzen?« »Ja, so ist es.« Der Geistliche gab Jossif lächelnd den Priestersegen und begann die Litanei mit ungewöhnlichem Pathos. Jossif sang mit seiner süßen Stimme mit und merkte kaum, wie Ljolja Dmitrewskaja plötzlich in Ohnmacht fiel und hinausgetragen wurde. Vater Pjotr legte den Ornat ab und begann sofort Jossif nach seinem Anliegen zu befragen, ohne erst abzuwarten, daß Parmen, der die Kerzen ausblies, sich entferne. Jossif senkte sein errötetes Gesicht und legte sein Geständnis ab; er sah nicht, wie der Geistliche lächelte. Als er ihn angehört hatte, sagte dieser: »Sie dürfen das alles nicht zu schwer nehmen, es sind lauter Dinge, wie sie im Leben jeden Tag vorkommen. Als Priester kann ich es nicht billigen, aber ich verstehe Ihre Schwäche, oder, wenn Sie wollen, Ihren Fehltritt sehr wohl. Wenn Sie die Kraft dazu haben, geben Sie es auf, vor allem aber nehmen Sie sich die Sache nicht zu Herzen und verzweifeln Sie nicht. Und was Ihr Tantchen betrifft, so kann ich Ihnen nur sagen, daß es Angelegenheit ihres Gewissens ist; hätte sie sich selbst an mich damit gewandt, so wüßte ich vielleicht, was ihr zu sagen wäre; Ihnen kann ich aber nur wiederholen, daß es die Sache ihres Gewissens ist und Sie sich darüber keine schweren Gedanken zu machen brauchen.« Zu den Dingen, die Jossif in Parmens Haus gesehen hatte, sagte Vater Pjotr gar nichts. Sonja erwartete Jossif im Korridor, hörte aber seinen Bericht über das Gespräch mit Vater Pjotr seltsam zerstreut an. Sie sagte leise: »Ich glaube, Ljolja wird bald wieder umhergehen.« »Wieso gehen?« Die Bucklige erwiderte nichts und ging lautlos ins Zimmer der Kranken. IX Sonja ging im gleichen Zimmer, in dem sie gestern mit Jossif gestanden hatte, schnell auf und ab und sprach aufgeregt zu Adventow, der in einiger Entfernung vor ihr saß: »Ja, ich liebe Sie nicht, aber ich kenne Sie besser, als Sie es glauben, und bitte Sie sehr, ihm zu helfen.« »Es freut mich sehr, Sofja Karlowna, glauben Sie mir. Warum denken Sie aber, daß ich ihm irgendwie helfen kann? Und woher kennen Sie mich überhaupt?« »Mein Gott, ich habe doch Ihre Werke gelesen! Es handelt sich aber nicht darum. Sehen Sie, er bedarf einer âme sœur , das klingt lächerlich, aber es ist so. Ohne Mitgefühl, ohne Führung, ohne Liebe muß er hier zugrunde gehen. Jossif ist aber eine lebendige Seele, und es ist Sünde, ihn im Stich zu lassen. Alles, was ich sage, klingt wohl dumm, aber Sie verstehen mich doch?« »Zum Teil. Könnten Sie ihm denn nicht selbst beistehen?« »Gewiß. Aber ich bin schwach; außerdem bin ich zwar ein Krüppel, aber immerhin ein Weib: das ist sehr störend.« »Meinen Sie? Was soll ich also tun?« »Die richtigen Worte finden. Ihn beobachten will ich selbst und werde Sie, solange ich kann, solange es irgendwie möglich ist, nicht mehr belästigen. Versprechen Sie mir aber, daß Sie auf meinen ersten Ruf zu ihm kommen und das Nötige tun und sagen werden. Kann man denn immer im voraus wissen, was einmal nötig sein wird?« »Ich glaube, daß Sie die Gefahr ebenso wie meine Bedeutung überschätzen.« »Gott gebe es, ich glaube es aber nicht. Verzeihen Sie, daß ich Sie, einen gänzlich Fremden, in diese Geschichte verwickle. Ich liebe Sie nicht, Sie können es aber besser als alle machen. Was, weiß ich selbst noch nicht. Sie sind mir doch nicht böse?« »Im Gegenteil, ich bin Ihnen sehr verbunden, Sofja Karlowna, und will Ihrem ersten Ruf Folge leisten. Jossif Grigorjewitsch ist auch mir sehr sympathisch, ich wußte nur nicht, daß er in solcher Gefahr schwebt und daß es so um ihn steht.« »Ja, ja, man muß ihm, wie einem angehenden Schwimmer, einen Stoß versetzen.« »Wird vielleicht das Schicksal selbst im gegebenen Augenblick jemand andern als uns beide schicken, der ihm diesen Stoß versetzt?« »Das ist es ja, was ich fürchte, daß ihn jemand mit einem Stein am Hals ins Wasser stößt!« »Wir müssen ihn also einerseits stoßen und andererseits beschützen?« »Ja, so meine ich es. Machen Sie mit. Abgesehen davon, daß wir ein gutes Werk verrichten, kann es auch recht amüsant werden!« sagte Sonja und versuchte zu lächeln. »Es kann tatsächlich amüsant werden«, gab Adventow zu. Ins Zimmer stürzte mit großem Lärm Lisaweta Petrowna, Viktor am Ohr festhaltend. Dieser versuchte sich loszureißen. Tantchen folgte ihnen in großer Toilette, lautlos lachend. Sonja lief auf Lisaweta zu und schrie sie an: »Lassen Sie ihn los! Wie unterstehen Sie sich, ihn am Ohr zu reißen?« »Was für eine Beschützerin! Ich bin so frei und werde solche Bengel immer an den Ohren reißen und auch die, die sie verteidigen!« »Nein, das wagen Sie nicht!« schrie Sonja, die ganz rot geworden war. Lisaweta riß Viktor noch einmal schmerzhaft am Ohr und ließ ihn los. Viktor ging zu seiner Verteidigerin. Lisaweta wandte sich an Tante Sascha, die sich neben Adventow hingesetzt hatte und noch immer lachte. »Was soll das werden? Wird man mich in Ihrem Hause noch lange beleidigen? Geben Sie mir meinen Paß zurück, sonst gehe ich ohne Paß weg.« »Was ist denn geschehen, wenn es kein Geheimnis ist?« mischte sich Adventow ein. »Ach, was geschehen ist!« sagte Tantchen und hielt sich das Taschentuch vor das vor Lachen bebende Gesicht. »Lisaweta hat sich auf ein Huhn gesetzt«, sagte Viktor. »Du erzählst es auch noch, du Mistkerl?!« »Aber erlauben Sie, wie hat sich Lisaweta Petrowna auf ein Huhn setzen können?« fragte Adventow verständnislos. Tantchen begann es zu erklären: »Sie ging also, sie ging ... an einen gewissen Ort ... wollte sich hinsetzen, und das Huhn pickte sie in eine gewisse Stelle ... Sie wissen doch, wie dunkel es an einem solchen Ort ist ... Sie fing also zu schreien an ... ich laufe hin ... es ist zugesperrt ... das Huhn gackert ...« Alexandra Matwejewna verstummte, während Viktor lachte und Lisaweta drohende Blicke um sich warf. »Ja, wie kam aber das Huhn an einen solchen Ort?« »Ich habe das Huhn hineingesetzt«, erklärte Viktor. Tantchen wischte sich die Tränen aus den Augen und sagte: »Lisanka, sei mir nicht böse, ebenso wie ich dir nicht mehr böse bin, söhnen wir uns doch dem Fest zu Ehren aus, schmolle nicht und verlaß mich nicht.« »Fällt mir gar nicht ein!« »Auch ich glaube, daß Sie Alexandra Matwejewna nicht verlassen sollten.« »Sie kennen doch die näheren Umstände nicht, mein Herr.« »Das ist meine prinzipielle Ansicht.« »Lisanka, verdirb mir den Tag nicht: wollen wir uns dem Fest zu Ehren aussöhnen!« Viktor sagte laut hinter Sonjas Rücken: »Heut ist ein doppeltes Fest: Tantchen hat Namenstag, und Lisaweta hat sich auf das Huhn gesetzt – Kyrie eleison!« Mit diesen Worten lief er davon, von Lisaweta Petrowna mit großem Gepolter verfolgt. Auf das allgemeine Gelächter hin erschien in der Tür Jekaterina Petrowna, mit der Pelzpelerine in der Hand: »Hier geht es lustig zu! Und ich wollte vorschlagen, vor dem Essen noch einen kleinen Spaziergang zu machen.« »Kommen Sie her, ich will Sie küssen: Ihr Sohn hat mir solche Freude gemacht! Wie heißt er noch: Wikenti?« lispelte Tantchen. »Viktor«, antwortete die Dame. »Hat er wieder was angestellt?« »Er hat die Lisaweta auf ein Huhn gesetzt!« erwiderte Alexandra Matwejewna geheimnisvoll. Jekaterina Petrowna runzelte die Brauen, sagte nichts dazu und wiederholte nur: »Nun, wollen wir ausgehen?« »Kommt nicht zu spät zum Essen!« rief Tantchen den vier Ausgehenden nach. »Wir kommen nicht zu spät: wir sind gleich wieder da!« antwortete Jossif schon in der Tür. Die Witwe bekam in der kalten Luft gleich ein rosiges Gesicht und schien jung, rundlich und hübsch. Der Schnee knirschte unter ihren festen und schnellen Schritten, obwohl sie Pardow am Arm nahm, mit der Begründung, daß es glatt sei und sie auszurutschen fürchte. Sie redete lustig und laut. Adventow und Sonja folgten ihnen und unterhielten sich leise über etwas. Die untergehende Sonne übergoß den Schnee mit rosa und lila Licht; auf dem Hügel in der Ferne leuchteten die Fenster des nächsten Dorfes. Als es schon ganz dunkel geworden war, kehrten sie zurück, noch immer laut sprechend und lachend. In der Nähe der Korndarren bemerkte Jossif einen Mann, der auf dem Boden kniete und sich mit etwas zu schaffen machte. Er ließ Jekaterina Petrowna vorausgehen und blieb stehen. »Da sieht man gleich das Auge des Hausherrn!« scherzte Jekaterina Petrowna, Adventow und Sonja einholend. »Was machst du hier?« fragte der Hausherr Fomka, der sich vom Boden erhob. Dieser antwortete nichts, und sein einziges Auge leuchtete in der Dämmerung auf. Jossif war irgendwie befangen und wußte nicht, was er weiter fragen sollte. »Und wo ist Domna?« »Ist nicht mehr hier.« »Wo ist sie denn hin?« »Nach Ramenje.« »Wozu?« »Was soll sie hier machen?« »Du, paß auf!« »Was soll ich aufpassen?« Als Jossif sich umwandte und Fomka noch immer an der gleichen Stelle stehen sah, rief er noch einmal: »Und was treibst du?« »Ich putze mich für das Fest«, klang es aus der Ferne zurück. Jossif wußte nicht, warum er nach Domna gefragt hatte, wo er doch nur an die junge Witwe dachte. Im Hause herrschte eine so ausgelassene Freude, wie sie nur selten in Alexandra Matwejewnas Räumen einzukehren pflegte. Nach dem Mittagessen wurde gesungen und gespielt. Auch Jossif und Vater Pjotr sangen mit, während Serjosha Bessakatny mit dem rosigen Gesicht eines etwas aufgedunsenen Amors eine französische Chansonette parodierte. Tantchen hatte an den lustigen Gästen maßlose Freude und nahm an allen Unterhaltungen lebhaften Anteil. Jekaterina Petrowna wählte beim Rekruten- und Pfänderspiel immer Jossif und lächelte ihm zärtlich zu, und er merkte nicht, wie aufmerksam ihn drei Augenpaare beobachteten: Sonja, Adventow und Iwan Pawlowitsch Jegerew. Der letztere versuchte allerlei Stimmungen zu mimen: bald war er finster, bald lustig und bald giftig; als er aber sah, daß das alles zu nichts führte, zog er sich zum Imbiß ins Eßzimmer zurück, wo der Wein und die ländlichen Speisen nicht abgetragen wurden. Adelaïda Platonowna jagte wie eine Schwalbe hin und her und beschleunigte noch das Tempo ihrer ununterbrochenen Rede; Ljolja kam blaß und schweigsam aus ihrem Zimmer, um sich den lustigen Trubel anzusehen. Als die Stimmung ganz ausgelassen geworden war, begann man sich zu kostümieren: bald erschien Jekaterina Petrowna, als Student verkleidet, eine Dame, die einem etwas aufgedunsenen Amor glich, am Arm; bald sah man einen blassen Knaben und ein freches Mädel mit Stupsnase; bald kam Adelaïda in phantastischem Kostüm in Begleitung Adventows, der einen Bauernpelz trug. Tantchen zog sich zurück, nachdem sie mit Bessakatny getuschelt hatte, und die Anwesenden erstarrten nach einigen Minuten beim Anblick einer kreideweißen Gestalt in weißem Gewand und weißem Schleier, die mit fahrigen Gebärden und einem wahnsinnigen Lächeln auf den Lippen nahte. »Tante, was haben Sie?« rief Sonja laut durch den ganzen Saal. »Die wahnsinnige Giselle!« flüsterte Serjosha, der sich ans Klavier setzte und die alte Ballettmusik anspielte. Tantchen streckte die mageren Arme aus, hob ein Bein und begann, das weiße Gewand schwingend, zu tanzen: bald kniete sie mit gesenktem Kopf nieder, bald drehte sie sich mit gespreizten Armen im Kreise. Der Tanz nahm ein recht unerwartetes Ende: Viktor, der sich die ganze Zeit mit Mühe das Lachen verbissen und gegen Lisaweta Petrowna, die neben ihm saß und ihn kniff, gekämpft hatte, rannte plötzlich durch den ganzen Saal und warf unterwegs die tanzende Tante um. Diese setzte sich schnell mit dem letzten Akkord der Musikbegleitung auf den Boden, sah sich erstaunt um und fragte: » Tiens , ich bin anscheinend hingeplumpst? Was lacht ihr so?« Niemand lachte, und Jossif, der blaß geworden war, half Alexandra Matwejewna auf die Beine und sagte: »Ich begleite Sie hinaus, damit Sie sich umkleiden.« Als die Gesellschaft sich ins Eßzimmer zum Souper begab, waren die Witwe und Jossif die letzten. Im Korridor machte Jekaterina Petrowna plötzlich halt und küßte schweigend ihren Begleiter, und im Laufe des ganzen Abends sprach sie kein Wort mehr zu ihm. Auch Tantchen war während des Abendessens schweigsam und blaß: sie hatte noch nicht Zeit gehabt, nach der ›Giselle‹ frisches Rouge aufzulegen. Jegerew begann einen Trinkspruch, der mindestens drei Gänge erkalten zu lassen drohte, glücklicherweise wurde er aber von Viktor unterbrochen, der unter den Tisch gekrochen war und Lisaweta in die Wade kniff. Auch darüber lächelte Tantchen nur schwach. In der Tür ertönte plötzlich ein lautes Flüstern, das Dienstmädchen kam ins Eßzimmer, ging auf Lisaweta zu, die immer noch mit Viktor kämpfte, und sagte ihr etwas ins Ohr. »Was ihm nicht einfällt!« erwiderte jene laut. »Was sagt sie?« fragte Tantchen. »Dummheiten. Geh!« versetzte Lisaweta. »Ich möchte wissen, was sie gesagt hat; was hast du gesagt?« wandte sich Tantchen an das Dienstmädchen, das noch nicht gegangen war. »Parmen möchte Ihnen gratulieren«, stammelte diese. »Parmen?« »Er ist sicher betrunken; Ihre Gäste haben diese betrunkenen Bauern noch nicht kennengelernt!« »Nein, warum denn? Diese patriarchalischen Sitten sind ja entzückend!« zwitscherte Adelaïda. »Wer ist dieser Parmen? Der Kutscher?« »Ja, der Kutscher«, bestätigte Lisaweta finster. »Er ist gar nicht sehr betrunken«, bemerkte das Dienstmädchen. Alle lachten, und Parmen durfte herein. Adelaïda sah durch ihr Lorgnon, wie er sich vor den Heiligenbildern bekreuzigte, das Weinglas, das ihm Tantchen selbst kredenzte, leerte, sich den Mund abwischte und Tantchen die Hand küßte. Er stand eine Weile, seine Ochsenaugen gesenkt, verlegen da und begann plötzlich: »Ich danke Ihnen, gnädiges Fräulein Alexandra Matwejewna, für alle Ihre Wohltaten: gut haben wir gelebt und getrunken, süß gegessen und auf Ihren weichen Federbetten geschlafen.« Alle wurden hellhörig; Tantchen sah sich um und flüsterte: »Was sagt er, was sagt er?« Parmen sprach weiter. »Leben Sie wohl, liebes gnädiges Fräulein, gebe Ihnen Gott, daß Sie wen andern finden, der mit solchem Eifer die Kissen mit Ihnen durchwalkt.« »Gehst du sofort hinaus, du Schuft?« schrie Lisaweta, die sich nicht länger beherrschen konnte. »Ich gehe schon«, sagte Parmen und verließ langsam das Eßzimmer. »Das besoffene Vieh!« erklärte Lisaweta Petrowna. »Nein, warum denn? Es war ein wenn auch etwas unpassendes, aber recht nett vorgetragenes Zitat aus ›Wanka der Kellermeister‹«, ›Wanka der Kellermeister und der Page Jean‹, Drama von F. K. Sologub. bemerkte Adventow. »Und hübsch ist der Mensch!« fügte Adelaïda aufseufzend hinzu. »Gestatten Sie, daß ich mich heute selbst zitiere«, sagte Adventow und begann zu deklamieren: »Hat Alexandra, ach, Matwewna Nicht wie im Märchen die Zarewna Uns hergelockt in ihre Sphäre       Und ihr Geheiß? So namenstaget fröhlich jetzt, Vergeßt das Leid, entsagt der Hetz. Der ekelhaften Spinne Netz       Zerreiß, zerreiß. Getrunken süß und süß gegessen, Ein Lied gesungen unvermessen, Von deinem Tanz sind ganz besessen        Wir hier, Giselle. Wer Liebe unvergessen gibt, Im Abschiedswehen nicht zerstiebt, Denn ewig leben wird, wer liebt,       Im Herzen hell.« Als man sich gute Nacht wünschte, wandte sich Adventow an Jossif: »Wollen Sie schon schlafen?« »Ja, ich bin müde, warum?« »Ich wollte gern mit Ihnen sprechen.« »Sie bleiben ja noch da? Vielleicht morgen, wenn einige abgereist sein werden.« »Sehr gut. Angenehme Ruhe!« Jossif fand aber in dieser Nacht keine Ruhe. Er sah immer das Bild der rundlichen, lustigen Witwe vor sich, und das Schnarchen des Vater Pjotr vermochte es nicht zu verscheuchen. Lange lag er angekleidet auf dem Bett. Plötzlich wurde an die Tür geklopft. Ihm stand das Herz still: ›Sie ist es, sie ist es, ich habe ihre Zusage nicht verstanden!‹ »Sind Sie es, Jekaterina Petrowna?« »Ich bin es, Joseph, verzeih«, antwortete Sonjas Stimme. »Du bist noch nicht zu Bett? Was geschieht bei euch im Hause? Komm mit; zünde eine Kerze an. Warum hast du geglaubt, es sei Jekaterina Petrowna?« »Ich weiß nicht«, antwortete Jossif mit schwacher Stimme und folgte Sonja. X »Es gibt Zimmer, wo man an ein Verbrechen denken muß oder eines vorausahnt. Ich stelle mir vor, daß in Alexandra Matwejewnas Schlafzimmer einst eine junge Frau ihren alten Gatten ermordet hat, oder daß das noch einmal geschehen wird. Ich sehe sie barfuß mit aufgelösten Zöpfen, er aber ist dick und grauhaarig; die ewigen Lämpchen brennen, das Zimmer ist überheizt, durch das eisbedeckte Fenster blickt der Mond herein«, sagte Sonja, mit seltsamer Ruhe den Weg zu Tantchens Schlafzimmer einschlagend. »Es ist auch jetzt überheizt, und durch eisüberzogene Fenster blickt der Mond herein«, wiederholte Jossif, willig der Buckligen folgend. Sie gingen leise durch den finsteren Korridor. Endlich blieb Sonja vor einer halboffenen Tür, aus der das rosa Licht eines ewigen Lämpchens drang, stehen und sagte: »Ich glaube, es ist hier.« »Wo führst du mich hin, Sonja?« Sonja antwortete nicht, und Jossif merkte, daß es das Schlafzimmer Tante Saschas war; er sah plötzlich alles mit seltsamer süßer und schrecklicher Klarheit, und vor seinen Augen stoben unerträglich grelle Funken. Sonja schien etwas davon zu spüren und fragte: »Was hast du, Joseph?« »Nichts«, erwiderte er, um Atem ringend. »Ich glaube, sie ist hier. Tantchen wird doch nicht erschrecken, wenn wir so plötzlich erscheinen? Ruf sie aber bitte nicht an.« Das junge Mädchen sprach vollkommen ruhig und vernünftig. Sie machten die Tür auf und sahen im Schein des ewigen Lämpchens das Schlafzimmer Tante Saschas und Ljolja, die mitten im Zimmer stand. Auf dem Bett lag niemand, das Zimmer war überheizt, und durch das eisbedeckte Fenster fiel Mondlicht herein. Jossif rief erschrocken aus: »Ljolja, wo ist denn Tantchen? Wo ist sie um diese nachtschlafene Stunde? Ljolja!« »Still, Joseph, weck sie nicht...«, flüsterte Sonja, doch Ljolja holte schon tief Atem und fiel weich auf den Boden neben einen Sessel hin. Die Bucklige stürzte zu ihr und knöpfte ihr aus irgendeinem Grunde das Mieder auf, Jossif hingegen wiederholte immer wieder: »Wo ist Tantchen?« und ließ seine Blicke unruhig durch das Zimmer schweifen. Ljolja seufzte, schloß die Augen, wie wenn sie wieder einschliefe, und weinte. »Warum bist du hier?« schrie Jossif plötzlich auf, in die Ecke am Ofen starrend. »Mit wem sprichst du, Joseph?« flüsterte Sonja, die Kranke stützend, ohne den Kopf nach ihm zu wenden. »Du wirst die Tante wecken, die im Sessel vor dem Toilettentisch schläft; ich kann sie von hier aus sehen.« »Im Sessel vor dem Toilettentisch?« fragte Jossif. Er machte zwei Schritte, taumelte plötzlich zurück und stammelte: »Wer hat das getan? Du? Was für ein dummer Scherz!« »Joseph, was hast du? Du machst mir Angst, ich kann aber Ljolja nicht allein lassen. Was hast du entdeckt?« »Tantchen hat wieder das Kostüm der Giselle an, ihre Hände sind ganz blutig, auch das weiße Gewand ist voller Blutflecken.« »Im Spiegel kann ich nichts sehen, aufstehen kann ich aber nicht wegen Ljolja.« Jossif kam ganz nahe an den Sessel heran, in dem Alexandra Matwejewna schlummerte, und schrie plötzlich entsetzt auf: »Sonja, schau, wie schrecklich: die Tante ist ermordet, ihr Hals ist durchschnitten, und der ganze Sessel ist voller Blut! Wer hat das tun können?« Sonja lief schnell herbei und flüsterte: »Schweig, schweig! Das kann sie gewesen sein.« »Ljolja? Wie schrecklich!« »Ich glaube es aber nicht; ihr Kleid ist vollkommen rein.« Jossif rang um Atem; mit brennenden Augen betastete er etwas Unsichtbares mit den Händen und röchelte. Endlich sagte er: »Sonja, ich hasse dich; wie kannst du ruhig bleiben, wo etwas so Grauenhaftes geschehen ist? Du benimmst dich wie ein Polizeibeamter.« »Ich helfe dem, der meine Hilfe braucht; Tantchen bedarf aber ihrer nicht mehr.« »Man kann doch nicht so von Stein sein.« »Ach, dieser Gefühlskult!« Die Chiffoniere, an der Jossif lehnte, krachte, und er stürzte mit Gepolter zu Boden. Er gab keinen Ton von sich, aber aus der Ecke am Ofen erklang ein gepreßtes Stöhnen, und gleich darauf kroch ein menschliches Wesen, sich in Krämpfen windend, zu der Stelle, wo Jossif hingefallen war. »Jossif! Hast du dir weh getan? Jossif! Jossif! Warum kommt denn niemand her!« Sonja fing laut zu weinen an. Das Wesen, das herangekrochen war, beugte sich über Jossif und stammelte leise und sehr schnell: »Das bin ich, das bin ich, junger Herr... Wir haben vorher zu Gott gebetet... Nicht aus Haß, nicht aus Bosheit, sondern aus Mitleid mit meinem Mann Parmen habe ich es getan. Sie sagte mir: ›Arina, was leuchten deine Augen so?‹ Ich sehe mich im Spiegel: ich bin furchtbar blaß, und die Augen brennen. Sie sagt: ›Gib mir das weiße Kleid her!‹ Hinter dem Ofen hatte ich aber die Axt bereit. Sie fragt: ›Was gehst du immer hin und her?‹ Sie schrie gar nicht auf, gab keinen Ton von sich, wie ein kleines Kind sank sie um.« »Sie also haben Alexandra Matwejewna Pardowa ermordet?« fragte laut Iwan Pawlowitsch Jegerew. »Ja, ich. Ich leugne es nicht: ich habe es getan!« antwortete Arina, sich immer noch über den regungslos daliegenden Jossif beugend. Seine Beine waren leicht verkrümmt im Krampf, die Augen quollen hervor, und an den Mundwinkeln schäumte der Speichel in kleinen Blasen. Arina knöpfte ihm, immerfort jammernd, den Kragen auf. Das Zimmer war schon voller Menschen, man hatte bereits nach dem Arzt geschickt, Vater Pjotr hatte der Toten die Absolution erteilt, die Mörderin und ihr Kumpan waren gebunden, als vom Hof her plötzlich Schreie erklangen: »Es brennt! Es brennt!«, was die allgemeine Aufregung noch vergrößerte. Durchs Fenster fiel jetzt statt des blauen Mondlichtes ein blutroter Feuerschein herein, der von den Korndarren kam. Adventow und Bessakatny eilten mit Jekaterina Petrowna hinaus, um die immer stärker um sich greifenden Flammen zu löschen. Durch die offene Fensterluke hörte man deutlich das Knistern des fernen Feuers und die Schreie der Menschen. Jossif, der inzwischen die Besinnung wiedererlangt hatte, wurde ins Nebenzimmer geschafft. »Er darf hier nicht allein bleiben. Ich bleibe bei ihm und werde zugleich achtgeben, daß die Leute nicht alles fortschleppen, gerade diese Lisaweta.« »Das ist sehr schön, Tante Anja, aber ich denke, Sie bleiben hier, und Jossif kommt zu uns oder zu den Dmitrewskis«, meinte Sonja. »Ich will Jossif Grigorjewitsch hinüberbringen«, schlug Jekaterina Petrowna vor, die eben zurückgekommen war, »mit mir ist er am sichersten.« Schnell glitten sie in der Nacht beim Lichte des Schnees und des verhüllten Mondes über die Felder dahin; Domna lief ihnen nach und klammerte sich an die Rückwand des Schlittens; der Kutscher schlug sie mit der Peitsche, sie blieb zurück und lief weiter und glitt auf dem glattgefahrenen Schnee aus. Jossif wandte sich um und sah, wie irgendein Mann sie einholte und wie sie, von dem Mann gefolgt, dem Schlitten wieder nachlief, bis sie wieder in den Schnee fiel, von dem sie sich nicht so bald erhob. Der Schnee war im Widerschein der fernen Feuersbrunst so rosig, wie wenn man ihn mit verdünntem, mattem Blut übergossen hätte. Zweiter Teil I Der grüne Zeisig blickte, das Köpfchen etwas auf die Seite geneigt, mit schwarzen Glasperlenaugen und versuchte nachzuzwitschern, was Sonja, die in ihrem schwarzen Kleid noch kleiner erschien, sang. Ihre blauen Augen wirkten verblichen, und das schwarze Haar war glatt und schlicht gescheitelt. Jossif trat ins Zimmer und sagte: »Ich wußte gar nicht, daß du singst, Sonja.« »Ich singe auch nicht.« »Was machst du denn?« »Nichts. Was soll ich machen? Ich warte auf das Frühstück.« Sie ließ ihre Handarbeit in den Schoß sinken und blickte Jossif an, der nach der Krankheit abgemagert war. »Bald werde ich wohl schon ausfahren dürfen.« »Ich glaube, daß es in der Woche nach Ostern gehen wird.« »Waren gestern wenig Leute auf dem Friedhof?« »Sehr wenig; außer uns war fast niemand da.« Das Zimmer war groß, hell und ungemütlich. Aus dem Fenster sah man unendliche Brennholzstapel und den Teich vor der bergauf führenden Straße. »Jekaterina Petrowna ist so gut; sie hat mich mit solcher Hingebung gepflegt, als ich krank war.« »Ja, sie hat dich gepflegt«, versetzte Sonja zurückhaltend. »Du stehst doch ihrem Kreise nahe?« »Es sind gute und schlechte Menschen dabei; ich kann doch nicht mit allen gleich gut stehen, nur weil sie alle dem gleichen Kreis angehören.« »Ich kenne sie nicht alle, aber die ich kenne, gefallen mir nicht.« »Zum Beispiel?« »Zum Beispiel Iwan Pawlowitsch.« »Der gefällt auch mir nicht.« »Langweilst du dich denn nicht hier?« »Ich? Ich wohne ja hier ständig. Wie soll ich mich langweilen? Dieser Winter war ja entsetzlich, und ich danke Gott, daß er endlich vorüber ist. Das Unglück mit Tantchen, deine Krankheit, die Krankheit Ljoljas – das alles ließ mir gar keine Zeit zum Nachdenken, ob ich mich langweile oder nicht.« »Wie wird nun Tante Anja die Geschäfte entwirren!« »Die Geschäfte sind, glaube ich, nicht sehr kompliziert, machen aber viel Arbeit. Die Schuldner der Verstorbenen sind zum Teil schon tot. Und wer hat auch Lust, Gott weiß wann gemachte Schulden zu bezahlen!« »Es sind doch ehrliche Menschen darunter.« »Es gilt nicht als sehr ehrenrührig, seine alten Schulden nicht zu zahlen.« »Wie dieser Zeisig auf die Nerven fällt!« »Man muß das Bauer verhängen. Wenn wir sprechen, schreit er immer. Du bist nervös geworden.« Sonja nahm das gestrickte Tuch von den Schultern und verhängte das Bauer. »Willst du, daß ich dir etwas vorspiele?« fragte sie, ins Nebenzimmer gehend, das ebenso groß und ungemütlich, aber dunkler war. »Ja bitte, ich habe es gern, wie du spielst.« »Na, was Besonderes ist es nicht, seit meinem vierzehnten Jahr habe ich die Musik arg vernachlässigt, und wenn ich seitdem vom Fleck gekommen bin, so doch jedenfalls nicht voran.« »Ich meine nicht die Technik.« »Ach so, das Gefühl!« Die Bucklige zuckte die Achseln, setzte sich auf den hohen Stuhl und begann ernst und etwas trocken zu spielen. »Wo steckt Jekaterina Petrowna?« Sonja spielte das Stück zu Ende, wandte sich auf dem Drehstuhl zu Jossif um und antwortete: »Wo Katja ist? Ich weiß es nicht. Gleich wird der Pfiff ertönen, und alle versammeln sich sowieso zum Frühstück.« »Auch Iwan Pawlowitsch?« »Auch Iwan Pawlowitsch.« »Ich liebe ihn nicht.« »Das habe ich mehr als einmal gehört.« Sie blickte auf ihre Füße, die den Boden nicht berührten, und fügte lächelnd hinzu: »Ich sah heute auf dem Berg ein Schneeglöckchen.« »Auch ich werde bald welche sehen.« Marja Matwejewna übergab dem Neffen beim Frühstück einen geöffneten Brief und sagte: »Lies selbst, was Anna von deinen Geschäften schreibt. Ich glaube, sie verwirrt sie nur. Hat deine Mutter einmal eine Schwester gehabt?« »Ich weiß nicht; ich glaube, sie hat eine gehabt.« »Nun, diese Schwester soll irgendwo gestorben sein, und du hast Aussicht, irgendwelches Kapital zu bekommen. Die Gerichte und die Banken werden natürlich alle möglichen Gemeinheiten anstellen, aber du darfst immerhin Luftschlösser bauen.« Jekaterina Petrowna legte Jossif seine Lieblingsstücke auf den Teller und hörte lächelnd und aufmerksam zu. Als sie allein mit Herrn Jegerew geblieben war und die Tassen wegräumte, schwieg sie noch immer. »Womit bist du heute so unzufrieden, Katja?« fragte Jegerew, seine Zigarette rauchend und die runden weißen Arme der Witwe betrachtend. »Wie oft habe ich Sie schon gebeten, mich nicht zu duzen. Sie werden es sich angewöhnen und es einmal vor anderen tun – das wird höchst peinlich sein.« »Hab ich mich denn je verschnappt?« »Sie haben sich noch nicht verschnappt, aber Sie können es leicht tun.« »Ihnen beliebt es heute, an mir herumzumäkeln.« »Man muß einfach noch vorsichtiger sein.« »Was ist denn geschehen?« »Was geschehen mußte.« »Was sind das für Rätsel?« Jekaterina Petrowna räumte, ohne ihm zu antworten, das Geschirr in die Kredenz ein, und als sie wiederkam, sagte sie: »Sie wissen doch selbst, Iwan Pawlowitsch, daß die Liebe nicht immer fruchtlos bleibt.« »Weiß der Teufel, was Sie für abgeschmackte Worte gebrauchen! Erwarten Sie etwa eine ›heimliche Frucht unglücklicher Liebe‹?« »Etwas in der Art.« »Das ist zwar unangenehm, aber nicht ganz so unvermeidlich.« »Nein, darauf gehe ich nicht ein!« »Das ist dumm und nicht zeitgemäß!« »Ich bin, wie ich eben bin.« »Was beabsichtigen Sie nun zu tun?« »Interessiert Sie denn das?« »Gewiß, Sie sind mir ja nicht fremd.« »Mein Gott, Sie sind sogar zu Gefühlen fähig!« Sie tippte sich mit dem Finger auf die Stirn und sagte: »Sehen Sie diese Stirn? Unter ihr reift ein genialer Plan, den ich Ihnen noch nicht eröffnen will. Stören Sie mich nur nicht. Vertrauen Sie mir, alles wird gut werden.« »Gedenken Sie auch meiner, wenn Sie Königin werden!« »Oh, Sie werden mein Erster Minister sein.« »Und was soll ich jetzt tun?« »Dasselbe, was Sie bisher getan haben, oder noch besser, nehmen Sie den Ausdruck völliger Gleichgültigkeit gegen mich an. Die Stufen, die ich gewählt habe, werden mit Neugier beobachtet.« »Ich muß aber gestehen, daß mir jede Beobachtungsgabe fehlt, denn ich kann an Ihrer Gestalt nichts Drohendes erkennen.« »Es ist besser später als nie.« »Was denn?« »Seine Fehler einzugestehen.« »Ach so! Liebe Katja, Sie werden mich doch nicht gänzlich vernachlässigen?« Jekaterina Petrowna zuckte die Achseln. »Sie sind wirklich sentimental geworden; das ist ein übles Zeichen.« »Ein Zeichen?« »Daß Sie alt werden.« »Jedenfalls kann ich an Ihnen keinen Überfluß von Empfindsamkeit wahrnehmen.« »Unpassende Scherze!« Iwan Pawlowitsch faßte die Witwe um die Taille; sie befreite sich aber geschickt aus seinen Armen und bemerkte: »Es kann jemand hereinkommen!« »Wen haben wir zu fürchten?« »O Gott, die Rolle eines Romeo steht Ihnen nicht. Und Sie wollen noch, daß ich Sie in meine Pläne einweihe.« »Wenigstens teilweise. Ja, die Papiere gebe ich Ihnen morgen in Verwahrung; es ist vielleicht dumm von mir, mich so auszuliefern, und sei es in Ihre Hände.« In Katjas Augen blitzte etwas auf; sie sagte gleichgültig: »Die Papiere lauten ja nicht auf den Namen; nur der trägt das Risiko, bei dem sie gefunden werden.« »Es sind auch solche dabei, die auf den Namen lauten.« Jekaterina Petrowna küßte Jegerew auf die Stirn und sagte: »Vertrauen gegen Vertrauen: ich will Ihnen meinen Haupttrumpf aufdecken.« Sie ging auf die Kredenz zu und schrieb mit den Fingern auf das staubige Holz: ›J.G.P.‹ »Was sind das für Buchstaben? Jesus von Nazareth, der Juden König?« »Dumm! Jossif Grigorjewitsch Pardow.« »Was, Joseph? Y pensez-vous? Er ist ja so dumm!« »Zufällig heißt er Pardow und außerdem ... Davon aber später. Jekaterina Petrowna Pardowa kann erheblich mehr erreichen als die Popentochter Katja Oserowa.« »Du hast sogar matrimoniale Absichten?« Die junge Witwe nickte bejahend. »Sie müssen sich aber beeilen: das Geld wird ja bald angewiesen werden, und die Papiere dürfen nicht lange liegen.« »Ich muß mich auch um meiner selbst willen beeilen.« »Unsere Interessen stimmen also überein?« »Ja, wie immer.« Jekaterina Petrowna reichte ihm die Hand, auf die Jegerew einen ehrerbietigen Kuß drückte. Dann versetzte er ihr einen Klaps auf die Schulter und bemerkte lachend: »Nun, du mußt dich beizeiten daran gewöhnen, Katja!« »Ihnen möchte ich aber raten, sich manches abzugewöhnen!« sagte die Popentochter durch die Zähne. II Viktor war mit dem glattgekämmten Schopf, in neuer Bluse, sauber gewaschen und pomadisiert kaum zu erkennen. Jekaterina Petrowna band ihm eigenhändig den Schlips zu einer flatternden Schleife; der Blumenstrauß lag schon auf einem Sessel bereit. »Was ist das, eine Hochzeitsfahrt?« fragte Marja Matwejewna, eintretend. »Ich fahre zu den Fonwisins«, erklärte Viktor. »Schau nur, Katja, er macht sich! Wir hatten ihn nicht beachtet, er ist aber gar nicht übel!« fuhr Marja Matwejewna fort, das runde rosige Gesicht des Jungen mit der Stupsnase und den leicht schielenden grünen Augen betrachtend. »Und wie groß er geworden ist!« »Viktor, weißt du noch, was du zu tun hast? Du übergibst den Brief und richtest es so ein, daß man dich zum Frühstück behält. Sprich wenig und nach Möglichkeit nur mit Andrej Iwanowitsch, du kennst ihn?« »Und ob!« »Fährt er denn als Eilbote hin, oder was?« Jekaterina Petrowna machte die Schleife fertig und antwortete ohne Übereilung: »Auf der Fabrik ist niemand Zuverlässiges, den ich schicken könnte, soll er einen Ausflug machen.« »Und er ist zuverlässig?« »Zu Befehl, ja!« antwortete der Junge prompt wie ein Soldat, nahm den Blumenstrauß in die Hand, machte kehrt und verließ das Zimmer. »Wo willst du denn hin, Vitja?« fragte ihn Jossif im Vorzimmer. »Zu den Herrschaften Fonwisin!« antwortete Viktor, die Hand zum Mützenschirm hebend. »Bist du denn mit ihnen bekannt?« »Ich bin zu jung und dieser Ehre noch unwürdig. Ich fahre im Auftrag ihrer Exzellenz.« »Ach so!« Jekaterina Petrowna trat auf die Freitreppe, kniff die Augen vor der Morgensonne zusammen und schrie mit heller Stimme: »Viktor, vergiß nichts!« »Zu Befehl!« kam die Antwort hinter der nächsten Ecke hervor. »Erkälten Sie sich nur nicht, Jossif Grigorjewitsch, wenn Sie so leicht gekleidet aus dem Haus gehen.« »Sie sind zu gütig, Jekaterina Petrowna.« »Worin besteht denn meine Güte? Ich bin Ihnen keine Fremde und glaube es Ihnen während Ihrer Krankheit gezeigt zu haben.« Jossif errötete. »Das meinte ich gar nicht, ich bin nicht undankbar!« »Handelt es sich denn um Dankbarkeit?« sagte die Witwe mit gesenkten Lidern. Sie machte eine Anstandspause und fügte mit ganz anderer Stimme hinzu: »Damit ich Ihnen mit meinen Sorgen um Ihre Gesundheit nicht unerträglich erscheine, schlage ich vor, morgen eine Bootsfahrt durch die Seen zu machen: jetzt ist Hochwasser, und es muß dort herrlich sein!« »Sie sind so lieb, Katja ... Ach, entschuldigen Sie!« »Bitte sehr.« »Wissen Sie, wenn ich mit Sonja oder Tante Mascha über Sie spreche, nennen wir Sie oft Katja.« »Es macht nichts, obwohl ich meinen Kosenamen nicht liebe.« Offenbar war sie aber mit Jossif, mit Viktors Ausfahrt, mit dem Wetter und vor allen Dingen mit sich selbst außerordentlich zufrieden. Mit schnellen, sicheren Schritten, etwas vor sich hin summend, trat sie ins Haus. Marja Matwejewna sagte: »Du siehst wieder frischer aus, Jossif.« »Jossif Grigorjewitsch wird jetzt lustiger sein und sich rasch erholen«, sagte fröhlich Katja, sich an den Schreibtisch setzend. »Soll das eine Prophezeiung sein?« »Nein, warum? Er hat seine Krankheit durchgemacht, hat getrauert, und nun ist es genug. Morgen machen wir eine Bootsfahrt.« »Was, schon?« »Ja.« »Ist es nicht zu früh?« »Nein, Tante, nein, jetzt ist ja in den Seen und Flüssen Hochwasser.« »Es ist sicher schön, das will ich nicht leugnen.« Jekaterina Petrowna sandte in diesen Tagen spürbare Strahlen von Munterkeit, Glück und sogar Gnade aus. Ob sie gütiger geworden war oder ob ihre Geschäfte nach Wunsch gingen – jedenfalls war sie gegen alle und selbst gegen Viktor auffallend gnädig. Dieser kehrte schon nach etwa drei Stunden zurück, offenbar hatte man ihn doch nicht zum Frühstück behalten. Jekaterina Petrowna beeilte sich, ihn auszufragen: »Hast du ihn überbracht?« »Ja«, antwortete Viktor, der schon wieder etwas zerzaust war. Seine Stimme klang auch nicht mehr so keck wie vor der Fahrt. »Mit wem hast du dort hauptsächlich gesprochen?« »Mit dem Lakaien Wanka – er ist ein reizender Mensch.« Die Mutter beherrschte sich, und fragte: »Hast du denn Andrej Iwanowitsch gar nicht gesehen?« »Doch!« »Und was hat er gesagt?« »Nichts; er dankt für den Strauß.« Als Jossif mit Marja Matwejewna allein geblieben war, fragte er sie: »Wozu hat Jekaterina Petrowna Viktor zu den Nachbarn geschickt? Wissen Sie es nicht?« Tantchen seufzte und antwortete: »Ich weiß es nicht; was ich mir aber denke, das fürchte ich zu sagen.« »Ist es denn so schrecklich?« »Es ist immer schrecklich, einen Menschen leichtfertig zu verleumden. Ich denke es mir so: Katja ist jetzt wohl vor lauter Nichtstun außer Rand und Band. Weißt du, als ihr Mann noch lebte, kochte sie wie ein Kessel. Und wenn ihr jetzt auch noch einige Geschäfte geblieben sind, so sind es nur traurige Überreste, die wohl kaum für lange reichen werden. Sie kann nicht ohne Beschäftigung sein – da probiert sie eben alles mögliche: bald macht sie sich an die Wirtschaft, bald versucht sie es mit der Geselligkeit und bald knüpft sie Bekanntschaften.« »Was ist denn Schlimmes dabei, was Sie nicht sagen wollten?« »Manchmal ist es einfach lächerlich. Was für einen Sinn hat es, den Viktor in einer Fabrikangelegenheit zu fremden Menschen zu schicken, und dazu noch mit einem Strauß? Und sie gibt ihm auch noch den Rat, sich an Andrej Fonwisin, einen bekannten Taugenichts, zu halten.« »Ich habe diesen Namen schon einmal gehört«, sagte Jossif aufhorchend. »Vielleicht von Adventow: er ist sein Freund.« »Adventow kann, was man über ihn auch sagen mag, keinen Taugenichts zum Freund haben; in Andrej wird wohl auch noch etwas anderes stecken.« Dieses sagte Sonja, die während des Gesprächs unhörbar ins Zimmer getreten war. »Vielleicht seine Schönheit?« »Auch die Schönheit ist eine Tugend«, sagte Sonja errötend. »Gott weiß, was du sagst«, versetzte Tante Mascha und begab sich ins Vorzimmer, um die Tür, an der eben geläutet wurde, aufzumachen. »Hast du von ihm keine Briefe?« fragte Jossif. »Von wem?« sagte das Mädchen zerstreut und unzufrieden. »Von Adventow«, erwiderte Jossif mit gedämpfter Stimme. Sonja sagte auffallend laut: »Ich habe ihm noch nicht geschrieben; die Zeit ist noch nicht gekommen!« »Kennst du diesen Andrej Fonwisin?« »Ich habe ihn gesehen.« »Ist er schön?« »Sehr schön.« »Du bist heute mit etwas unzufrieden, Sonja: fühlst du dich wohl?« »Gewiß. Mir fehlt nichts.« »Morgen machen wir eine Bootsfahrt. Katja ist auf diesen Einfall gekommen.« »Was für eine Katja?« »Jekaterina Petrowna. Das ist doch nett von ihr, nicht wahr?« »Offenbar braucht sie das zu irgendeinem Zweck, oder sie hat einfach selbst Lust.« »Wie schlecht ihr doch alle von ihr denkt! Sie ist die Selbstaufopferung selbst!« Sonja sah Jossif lange an und sagte zuletzt: »Glaubst du? Soll ich Adventow von dir grüßen, wenn ich ihm schreibe?« »Bitte sehr. Du hast aber, glaube ich, gar nicht die Absicht, ihm so bald zu schreiben?« »Wer kann es wissen? Zu Jekaterina Petrowna« – (sie sagte ausdrücklich ›zu Jekaterina Petrowna‹, und nicht ›zu Katja‹) –, »sind eben Gäste gekommen, und man kann sie nicht gut boykottieren.« »Ich habe nicht die Absicht, aber ich kenne niemand von ihnen.« »Du wirst sie schon kennenlernen!« sagte Sonja mit spöttischem Lächeln. »Du bist wirklich sonderbar, Sonja. Man könnte denken, daß du mich nicht liebst.« »Du kannst denken, was dir paßt, und wer wen liebt und nicht liebt, das werden die Ereignisse zeigen, auf die wir wohl nicht mehr lange zu warten haben.« Viktor stieß mit großem Lärm die Tür auf und meldete: »Ihre Exzellenz läßt Jossif Grigorjewitsch zu den Gästen bitten!« »Oho, wie alles inszeniert ist!« sagte Sonja zu Jossif, der rot geworden war. Er stammelte: »Wie, schämen Sie sich nicht, solche Späße zu machen, Viktor?« »Nun ist er doch gegangen«, bemerkte der Junge, als Jossif verschwunden war. Sonja umarmte ihn und sagte: »Es ist so schrecklich, Vitja, bald kommt die Zeit.« Der Junge schielte sie an und entgegnete: »Es wird nichts kommen, was nicht kommen soll. Hast du noch nicht hingeschrieben?« »Nein, noch nicht.« »Dann warte noch eine Weile. Ich habe mit Andrej gesprochen.« »Was hat er gesagt?« »Alles bleibt beim alten. Er ist einverstanden.« »Gott sei Dank!« sagte Sonja und schloß die Augen. III Das blaue Frühlingswasser der schmalen Seen kräuselte sich im Wind. Das Boot, in dem unsere Ausflügler saßen, schaukelte hin und her; darüber schien sich aber niemand außer Tante Mascha aufzuregen: die anderen waren in Gespräche vertieft oder bewunderten die noch halb durchsichtigen Wäldchen auf den hügeligen Ufern. Die Wälder wechselten mit Landsitzen und diese mit Feldern; die Seen verengten sich zu schnellen, im Winter niemals einfrierenden Flüßchen, die sich rauschend in den nächsten spiegelglatten See ergossen. Jossif und Viktor ruderten, Jegerew steuerte, und die drei Damen saßen in der Mitte des Bootes; Sonja des Gleichgewichts wegen zwischen den beiden andern. Viktor erklärte plötzlich: »Da ist ja Andrej Fonwisin!« Die Damen und Jegerew wandten sich rasch um, so daß das Boot ins Schwanken kam. Tatsächlich folgte ein anderes Boot mit zwei Insassen. »Ist denn Fonwisin Offizier?« flüsterte Jossif. »Wie Sie sehen!« erwiderte Iwan Pawlowitsch lächelnd. »Wer ist dieser Alte mit ihm?« erkundigte sich Tante Mascha. »Das ist ja Parfen!« rief Jossif aus, der ihn plötzlich erkannte. Der Alte im weiten weißen Kaftan trieb mit starken Schlägen das Boot, in dem ein junger, anscheinend sogar sehr junger Offizier in weißer Sommerlitewka saß. Das Gesicht, in dem jedes Rot fehlte, stach seltsam von den hellen Haaren ab; die großen grauen Augen blickten auffallend starr und schienen dabei doch nichts zu sehen. An seinen schmalen Fingern funkelten Ringe. Ohne zu lächeln, führte er die in der Sonne aufleuchtende Hand an den Mützenrand. Sonja und Viktor nickten ihm zu, sogar Jekaterina Petrowna neigte den Kopf. Jossif, der Fonwisin näher sehen wollte, rief den Alten an: »Parfen, guten Tag!« Der Alte hob den Kopf und sagte mit lauter, dumpfer Stimme: »Ach, sind Sie es, junger Herr? Guten Tag!« »Was macht Marina?« »Der Heiland wird sie heilen, so wie Er es kann.« »Ist sie in Piter?« »Ja, in Piter.« Das Boot mit den beiden glitt lautlos vorbei; auch unsere Ausflügler schwiegen. Sonja ließ ihre kleine Hand ins Wasser hinabhängen und begleitete das den Blicken beinahe entschwundene Boot mit den Augen. »Wo sind sie hingefahren?« fragte Jekaterina Petrowna. »Das Fonwisinsche Gut liegt ja hier in der Nähe am See.« »Sofja Karlowna behauptet zwar, daß sie Herrn Adventow und seinesgleichen nicht leiden mag, in der Tat wird es sich aber doch nicht so verhalten. Die Begegnung mit diesem glänzenden Exemplar hat sie in süßeste Träume versetzt.« Dies sagte natürlich Iwan Pawlowitsch. Selbst Jekaterina Petrowna warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu. Sonja sagte zunächst nichts; erst viel später sagte sie, wie als Antwort auf diese Herausforderung: »Es ist besser zu lieben und dabei zu sagen, daß man nicht liebt, als umgekehrt.« Und sie sah Jekaterina Petrowna an. Diese zuckte mit keiner Wimper. Auf dem steilen Ufer leuchteten unter dem frischen Grün der Birken gelbe Blumen hervor; graue Äcker zogen sich links hinter dem Wald hin. Man legte einen Plaid aufs Gras und packte den mitgebrachten Proviant aus. Katja, die auf dem Rücken lag, stand plötzlich auf und sagte: »Jossif Grigorjewitsch, kommen Sie: hier im Walde gibt es eine heilige Quelle und eine Kapelle.« »Ja, ich kenne sie. Gehen wir hin.« »Jekaterina Petrowna, nehmen Sie Jossif Grigorjewitsch als einzigen Begleiter mit?« fragte Jegerew. »Ja, ihn allein.« »Ist das ein neuer Brauch?« »Es soll doch nicht immer alles beim alten bleiben. Ich bin keine Altgläubige!« »In allen Dingen?« »Vorerst nur in der Wahl meiner Begleiter.« »Auch ich will mit!« erklärte Viktor. »Du kannst dableiben!« schrie ihm Jekaterina Petrowna aus dem Waldesdickicht zu. Das Vogelgezwitscher betäubte Jossif, der nach der winterlichen Zurückgezogenheit wohl zum erstenmal im Wald war. Der Himmel war noch ohne die sommerliche Roheit, hatte aber auch die blasse Demut nicht mehr; blendend weiße Wolken jagten, vom Winde getrieben, in rasender Verzückung vorbei. Das dünne Bächlein, das aus der heiligen Quelle bergab rieselte, bemühte sich, die Vögel zu übertönen. Jekaterina Petrowna, die während des ganzen kurzen Weges geschwiegen hatte, beugte sich stumm über die Quelle und schöpfte mit dem Krug aus Birkenrinde vom frischen Wasser; Jossif folgte schweigend ihrem Beispiel. »Hier ist es doch schöner!« sagte sie. »Ich bin lange nicht mehr hier gewesen; ich liebe diese Stelle sehr. Wissen Sie, was das für ein Vogel ist, der so laut schreit?« »Nein, wissen Sie es?« »Auch ich weiß es nicht.« Jekaterina Petrowna trug eine helle Sommerbluse und sah frisch und jung aus. Sie saßen nebeneinander auf einem dicken Baumstamm. Jossif sagte: »Man wird uns suchen.« »Trauen Sie denen wirklich? Sie sind so ungerecht gegen mich. Sogar im Boot – haben Sie bemerkt, wie Sonja mich ansah, als sie von den Menschen sprach, die, ohne zu lieben, von Liebe sprechen?« »Glauben Sie, daß es eine Anspielung war?« »Unbedingt. Sie glauben alle nicht, daß ich Sie liebe, daß mein Gefühl ernst und aufrichtig ist. Und wenn es noch ein anderer gesagt hätte, aber Sonja, die sonst so gerecht ist!« »Was sagen Sie? Sie lieben mich, und Sonja ist dagegen?« »Sie ist nicht dagegen, aber sie glaubt nicht daran.« »Erlauben Sie, ich traue meinen Ohren nicht. Sie lieben mich?« »Gewiß; was ist daran so erstaunlich?« »Aber das habe ich nicht gewußt.« »Und was wäre gewesen, wenn Sie es gewußt hätten?« »Ich weiß nicht.« »Gar nichts hätte sein können. Ich könnte ja Ihre Mutter sein.« »Wer denkt denn daran?« sagte Jossif erregt. »Man muß daran denken.« »Wissen Sie, Katja: wenn ich Sie ansehe, erscheinen Sie mir jünger, gütiger und schöner als alle. Als ich Sie zum erstenmal beim Vater Pjotr sah, dachte ich mir schon...« Er stockte und konnte nicht sagen, was er sich gedacht hatte. Jekaterina Petrowna wandte sich weg, um ihr Lächeln zu verbergen. Jossif rückte näher an sie heran, nahm ihre Hand und begann: »Ich kann mich nicht ausdrücken, was ist uns aber im Wege? Sie lieben mich, ich kenne niemand, der begehrenswerter wäre als Sie – was fehlt uns noch? Warum soll man da vom Alter sprechen, von Sonja und vielleicht auch noch von Iwan Pawlowitsch?« »Ja, wußte ich denn, daß auch Sie mich lieben, Joseph?« »Aber jetzt sehen und wissen Sie es doch?« »Ich sehe und weiß es!« Die junge Witwe umschlang seinen Hals mit den Armen und küßte ihn schallend. Der Bach murmelte und übertönte ihre Küsse und die der Situation angemessenen Worte, die sie dabei sprachen. Jossif sprang auf. »Katja, wenn Sie mich lieben, so müssen Sie mir versprechen...« »Was denn?« Der Blick Jekaterina Petrownas zeigte aber, daß sie schon begriffen hatte, was er von ihr wollte. Ohne seine Antwort abzuwarten und ohne die Augen niederzuschlagen, sagte sie bestimmt: »Ich verspreche es; morgen. Aber auch Sie müssen mir etwas versprechen.« »Was?« Jossif wußte nicht, was seine Dame von ihm verlangen würde. »Was ich von Ihnen verlangen werde, ist sehr schwer, Sie sind aber doch zu allem bereit?« »Ja, zu allem«, erklärte Jossif weniger bestimmt und küßte ihr die Hand. »Sie haben also schon das Versprechen gegeben. Worin es besteht, werden Sie mit der Zeit erfahren.« » À discrétion ! Soll ich jemand umbringen?« »Ach, nein; ich bin nicht so blutrünstig. Leben Sie indessen wohl, gehen Sie allein, ich komme später nach.« Jossif entfernte sich freudig, sich unterwegs mehr als einmal nach ihr umsehend. Jekaterina Petrowna saß noch immer auf dem Baumstamm, den Kopf in beide Hände gestützt, und baumelte leicht mit den Beinen. Als es im Gebüsch von neuem raschelte, blickte sie gar nicht auf. Sie rührte sich auch dann nicht vom Fleck, als sie Jegerew von der anderen Seite kommen sah. »Nun, Katja, wie steht die Sache?« fragte er lässig, sich auf die gleiche Stelle setzend, wo eben Jossif gesessen hatte. Jekaterina Petrowna nahm schweigend die Hand vom Stamm weg, um ihm Platz zu machen. »Was für eine Sache?« fragte sie unzufrieden. »Katja, wenn wir allein sind, brauchst du doch wirklich keine Grimassen zu machen!« »Ich möchte Sie bitten, sich anderer Ausdrücke zu bedienen, wenn Sie mit mir sprechen.« »Pfui, wie zimperlich! Die Sache steht also entweder glänzend oder miserabel.« »Bei mir steht nichts miserabel.« »Selbstvertrauen ist ein Unterpfand des Sieges. Hast du meine Papiere versteckt? Jeden Augenblick können ungebetene Gäste kommen.« »Alles ist versteckt«, antwortete Jekaterina Petrowna unwillig. »Katja, du kommst mir heute so hölzern vor. Der Tag ist so schön: das Gras ist so weich; an einem solchen Tage möchte man Spazierengehen und sich küssen, du aber rümpfst die Nase.« Er küßte sie auf den Mund; sie wehrte sich nicht, erwiderte aber den Kuß nicht. Als sein Benehmen allzu leidenschaftlich wurde, stand sie auf und sagte: »Kehren wir zurück: sie werden uns suchen.« »Wann also?« »Übermorgen.« »Warum nicht morgen?« »Bloß so; keine Zeit.« Und sie gingen den Weg zum Ufer zurück. Iwan Pawlowitsch bemerkte: »Du bist heute schlecht aufgelegt, Katja.« Jekaterina Petrowna lachte auf, erwiderte jedoch nichts. IV Viktor ließ sich seit dem frühen Morgen nicht blicken; niemand war aber darüber erstaunt, da er oft plötzlich zu verschwinden und ebenso plötzlich zu erscheinen pflegte. Viel merkwürdiger war, daß Sonja über sein heutiges Verschwinden so aufgeregt war. Sie konnte keine Ruhe finden und ging immer von Fenster zu Fenster und von einem Balkon zum andern. Selbst Marja Matwejewna bemerkte den sonderbaren Zustand ihrer Tochter und sagte leise zu Jossif: »Sonja ist heute so furchtbar erregt.« »Wirklich? Ich habe nicht darauf geachtet.« »Glaube mir, es ist so.« Gleichsam um die Worte der Mutter zu bekräftigen, huschte Sonja in diesem Augenblick in flatternder Pelerine, die ihr Ähnlichkeit mit einem angeschossenen Vogel verlieh, durchs Zimmer. »Sonja, wo willst du hin?« rief ihr Jossif nach, bekam aber keine Antwort. Sie lief die Treppe hinunter, auf die Terrasse, dann durch den Garten und die Wiese zum Feldweg, auf dem sich Viktor in staubigen Kleidern zeigte. »Hat er dir eine Antwort mitgegeben?« fragte sie atemlos. »Nein.« »Wieso nicht?« »Er will selbst mit ihm sprechen.« »Nicht möglich! Wann denn?« Sie drückte Viktor an ihre schmächtige Brust und bedeckte ihn mit Küssen. »Er ist hier hinter dem Wäldchen; er ist mit mir mitgekommen.« Sonja bekreuzigte sich und ließ sich schweigend auf eine Bank nieder. »Ich kann es noch gar nicht fassen: Andrej Fonwisin ist selbst hergekommen, ich werde ihn gleich sprechen, und dann wird ihn auch Jossif sehen? Gott, richte es ein, wie du es vermagst! Vitja, komm!« »Wohin?« »Zu ihm natürlich.« »Er wird gleich selbst herkommen, er bindet eben die Pferde an, ich bin vorausgelaufen.« »Ehe er mit Jossif zusammenkommt, muß ich ihn sprechen.« »Wie du willst.« Fonwisin näherte sich mit schnellen, gleichmäßigen Schritten. Sonja schloß die Augen und drückte dem Jungen fest die Hand. »Guten Tag!« Seine Stimme schien aus der Ferne zu kommen; als aber Sonja die Augen aufschlug, stand er schon dicht vor ihr. Viktor war verschwunden. »Entschuldigen Sie, daß ich Sie bemühe, aber \…« fing Sonja an; Andrej unterbrach sie: »Sie wissen doch selbst, wie die Sache steht; eine Person, für die Sie und Adventow sich so interessieren, muß etwas bedeuten, da geht es um mehr als um meine Ruhe. Von Adventow bekam ich einen Brief mit der Bitte, Ihnen in dieser Sache nach Kräften behilflich zu sein. Sagen Sie mir kurz alles und – was kann ich tun?« »Blicken Sie ihn nur an, und er wird genesen. Was später auch kommen mag, und wenn auch ›der Hund immer wieder zu seinem Auswurf zurückkehrt‹, der Same wird keimen.« »Was ist jetzt mit ihm los?« »Dieses Frauenzimmer! Ich sah sie gestern nacht aus seinem Fenster steigen. Ich bin keine Puritanerin: von mir aus kann er zehn haben. Sie ist aber keine gewöhnliche Dirne, sie wird ihn nicht loslassen, ehe sie ihn gänzlich zugrunde gerichtet hat. Sie kennen sie nicht. Sie will, daß er sie heiratet; ich weiß nicht, wozu sie es braucht, jedenfalls ihm zum Schaden. Sie verleitet ihn zum Trinken und verdirbt ihn nicht nur (dieses Joch kann man ja leicht von sich werfen und leicht ertragen), sondern fesselt ihn auch mit geheuchelter Güte an sich.« »Ist sie Ihre Verwandte?« »Nein, Gott bewahre!« »Wir sind doch für unsere Verwandten nicht verantwortlich.« »Ich könnte es nicht ertragen. Und er ist ein zärtlicher und edler Knabe.« »Kann ich unbemerkt zu ihm kommen, oder muß es in offizieller Form geschehen? \…« »Es geschieht besser heimlich. Ich will es Ihnen erklären: Sehen Sie dieses Fenster und darunter die Tür? Das Fenster ist das meines Zimmers, die Tür führt hinauf, wo gleich das erste Zimmer das meinige ist. Ich will ihn vorbereiten und zu mir ins Zimmer bringen. Gehen Sie inzwischen zum Teich; dort steht eine alte Laube, in die niemand kommt und von der aus Sie das Fenster meines Zimmers sehen können. Ein weißes Tuch ist das Zeichen. Ich danke Ihnen!« Ehe der Offizier es verhindern konnte, küßte sie ihm beide Hände und flog mit ihrer flatternden Pelerine wie ein Vogel davon. Jossif saß im Salon am Klavier und sang; Jekaterina Petrowna stand hinter ihm und hatte beide Hände auf seine Schultern gelegt. Er blickte zärtlich und etwas geistesabwesend wie ein Angetrunkener. Sonja wartete, bis er mit dem Lied zu Ende war, und sagte: »Joseph, komm zu mir auf mein Zimmer, ich muß mit dir sprechen.« »Warum diese Eile? Und warum bist du so aufgeregt, Sonja?« fragte Jekaterina Petrowna, die sich gar nicht beeilte, ihre Hände von Jossifs Schultern zu nehmen. Sonja gab ihr keine Antwort und wiederholte: »Joseph, komm gleich mit, es ist sehr wichtig!« »Diese Eile ist wirklich sonderbar!« sagte Jekaterina Petrowna, während Jossif stumm der Buckligen folgte. Sonja blieb, ehe sie noch ihr Zimmer erreicht hatte, stehen und sagte: »Gleich wird Andrej Fonwisin mit dir sprechen.« »Andrej Fonwisin?« fragte Jossif verständnislos. »Wie soll er plötzlich herkommen?« »Er ist hier, er wird gleich zu dir kommen, warte auf ihn. Ich bitte dich, wenn du mich noch ein wenig liebst, höre ihn an.« »Sonja, Gott sei mit dir! Ich glaube gar, du willst mich in irgendeine Geschichte verwickeln.« »Ich also will dich in eine Geschichte verwickeln?« sagte Sonja, die blauen Augen zusammenkneifend, und lief in ihrer flatternden Pelerine davon. Jossif ließ sich schwer in das Sofa sinken und stützte den Kopf in die Hände; er hatte den Wunsch, entweder einzuschlafen oder mit wilder Stimme aufzuschreien, in einem Schlitten dahinzusausen, ein Fenster einzuschlagen oder jemand zu schlagen, aber die Schläfrigkeit behielt die Oberhand. Mit einem Lächeln dachte er daran, daß Sonja die Tür, durch die sie soeben eingetreten waren, abgesperrt und den Schlüssel an sich genommen hatte; er ging auf die andere Tür zu, die ins Vorzimmer führte; aber diese war von außen abgesperrt. »Nicht schlecht!« sagte er laut, sich zum Schlüsselloch beugend; im gleichen Augenblick wurde aber ins Loch von außen ein Schlüssel gesteckt, und Jossif hatte kaum Zeit, einen Schritt zurückzuweichen, als die Tür aufging und ein schlanker Offizier ins Zimmer trat, der sie sofort wieder schloß. Andrej blieb vor der Tür stehen und blickte unverwandt auf Jossif, der ihn stumm betrachtete. »Andrej Fonwisin«, sagte endlich der Offizier. »Jossif Pardow«, entgegnete der andere, ohne sich zu rühren. »Ohne mit Ihnen bekannt zu sein, habe ich von Ihnen so viel gehört, daß ich mir die Freiheit nehme, Sie als erster zu besuchen, und ich bitte Sie, mir zu verzeihen, daß meine Antrittsvisite nicht genügend offiziell ist. Ich komme ausschließlich zu Ihnen; Ihre Kusine und Adventow haben mir viel von Ihnen erzählt, und die Empfehlung dieser beiden Menschen, die ich so sehr schätze, mußte in mir den Wunsch wecken, Sie persönlich kennenzulernen.« Jossif schwieg noch immer, den Gast mit den Augen verschlingend. Das ist also dieser sagenhafte Mensch, den die einen für einen Taugenichts und die anderen für einen Gerechten halten! Eines stand aber außer Zweifel: seine Schönheit war tatsächlich sagenhaft, und man mußte sich sagen, daß ein Mensch, den Gott so ausgezeichnet hatte, unmöglich das Ungeheuer sein konnte, als das ihn viele hinstellten. Der Gast wartete eine Weile und fragte: »Haben Sie vielleicht keine Zeit, und ich komme Ihnen ungelegen?« Jossif sagte endlich: »Nein, es freut mich sehr. Ich bin nur etwas schläfrig.« Der Gast fuhr fort, ohne zu lächeln: »Außerdem habe ich gehört, daß Sie diese Gegend zu verlassen beabsichtigen, und ich habe mich beeilt, Sie aufzusuchen, solange Sie noch hier sind.« »Ich habe gar nicht die Absicht, von hier fortzuziehen«, entgegnete Jossif, ein wenig erstaunt. »Um so besser. Aber Sie wollen doch irgendwie Ihre Lebensweise ändern, so daß es mir schwerer fallen wird, mit Ihnen zu verkehren. Sie wissen doch, wie man in der Provinz immer alles übertreibt ...« »Ich weiß selbst noch gar nichts.« »Na wunderbar. Ich glaube, daß Ihnen jetzt jede Veränderung nur schaden könnte. Verzeihen Sie, daß ich das sage. Ich urteile nur auf Grund der Gerüchte, die hier in dieser allwissenden Ländlichkeit verbreitet werden.« »Sie sprechen wie ein Freund.« »Eine Veränderung, bei der man in seinem Innern ein unantastbares Gemach bewahren kann, eine ›wohlbereitete Kammer‹, ist niemals schrecklich. Eine wirkliche Veränderung wird aber meist von solchen Erschütterungen hervorgerufen oder begleitet, daß ich einem jeden wünschte, ihr zu entgehen oder sie wenigstens leicht zu überstehen.« Jossif betrachtete seinen Gast mehr, als daß er ihm zuhörte. Das so seltsam von den hellen Haaren abstechende Gesicht ohne jedes Rot und die riesigen grauen Augen zogen ihn an, regten ihn auf und versetzten ihn zugleich in süßen Schlummer. Die Stimme klang wie aus weiter Ferne, und nur einzelne, anscheinend zufällige Worte leuchteten in Jossifs Bewußtsein auf. »Ja, ein wohlbereitetes Gemach!« An die Tür wurde geklopft, und Jekaterina Petrownas Stimme fragte: »Jossif Grigorjewitsch, darf ich?« Beide schwiegen. Jekaterina Petrowna klopfte noch einmal und zog sich, als sie keine Antwort bekam, zurück. »Jetzt gehe ich. Ich bin überzeugt, daß wir uns noch begegnen werden, und zwar als Freunde. Bleiben Sie nur so, wie Sie sind!« sagte Andrej, ihm unverwandt in die Augen blickend, und plötzlich beugte er sich über den sitzenden Jossif und küßte ihn. »Ja, ja«, antwortete jener, ohne sich zu erheben. »Ich gehe, auf Wiedersehen!« »Warten Sie ... nein ... kommen Sie bald wieder .. Ich brauche Sie ...« »Ich werde Sie besuchen, und Sie mich«, antwortete Fonwisin, die Mütze aufsetzend. »Begleiten Sie mich nicht: Sie werden erwartet.« Sonja kam ins Zimmer, blickte beide prüfend an und begleitete den Offizier hinaus. Gleich nach ihr erschien Jekaterina Petrowna und erklärte, daß eben die Sitzung beginne, der Jossif unbedingt beiwohnen müsse. »Was hat ihnen Sonja gesagt?« »Sonja? Nichts; was sollte sie mir sagen?« »Seltsam: Sie haben doch mit ihr gesprochen!« Alle waren schon um den langen Teetisch versammelt, als Jekaterina Petrowna und Jossif eintraten. Der letztere wohnte zum erstenmal einer solchen Versammlung bei und kannte außer der Lehrerin, Tantchen und Iwan Pawlowitsch niemand von den Anwesenden. Der Redner machte eine Pause, während die Neuangekommenen unter den Blicken aller Platz nahmen. Es war eine Sitzung des Vereins zur Veranstaltung kostenloser Vorlesungen für Arbeiter, und sie fand in der Form aller ähnlichen Sitzungen statt. Obwohl nur zwölf Personen anwesend waren, mußte man sich, wenn man etwas sagen wollte, in die Rednerliste eintragen lassen; eine Rede wechselte die andere ab; es gab eine Rechte, eine Linke und eine Opposition. Jekaterina Petrowna machte den Vorschlag, Jossif nicht nur zum Mitglied zu wählen, sondern auch mit einem verantwortungsvollen Amt zu betrauen. Iwan Pawlowitsch, der den Vorsitz hatte, erklärte, auf diese Frage am Schluß der Tagesordnung zurückkommen zu wollen. Marja Matwejewna, die den Tee einschenkte, versenkte die Zuckerzange in die Zuckerdose und blickte Jossif fragend an. Dieser sagte: »Ohne, ohne...« »Was?« flüsterte Tantchen. »Ohne Zucker!« antwortete Jossif. Der Vorsitzende schwang die Glocke und sagte: »Ich fordere Jossif Grigorjewitsch Pardow auf, seine Gedanken laut auszusprechen, sich aber zuvor auf die Rednerliste setzen zu lassen.« Die Tagesordnung bestand in der Erörterung der Frage, ob man zuerst die Liste der notwendigen Ausgaben zusammenstellen und dann die Fabrikbesitzer um die Anweisung des notwendigen Betrages ersuchen solle oder umgekehrt, obwohl von vornherein genau feststand, welchen Betrag, nicht mehr und nicht weniger, die Direktion geben würde. Es kam zur Abstimmung; fünf Mitglieder enthielten sich der Stimme, weil sie die Frage nicht genau gehört hatten; die übrigen Stimmen teilten sich. Jekaterina Petrowna streifte Jossif mit einem Blick und sagte: »Ich wiederhole meinen Antrag.« Jegerew hielt eine lange Rede, die in den Worten ausklang: »Wir wollen die Gründe, die Jekaterina Petrowna Oserowa bestimmt haben, ihren Antrag zu stellen, nicht näher berühren. Die persönlichen Beziehungen zum Kandidaten dürfen die Wähler in keiner Weise beeinflussen.« »Was redet er von Beziehungen?« versetzte laut und unzufrieden Tante Mascha. Alle blickten neugierig auf Jossif und Jekaterina Petrowna. »Wünschen Sie etwas zu sagen, Jossif Grigorjewitsch Pardow?« »Ich?« fragte Jossif, wie aus dem Schlaf erwachend. »Sagen Sie doch etwas«, flüsterte Jekaterina Petrowna, die an seiner Seite saß. Jossif stand auf und sagte: »Ich... ich möchte sagen, daß ich mich mit Jekaterina Petrowna verlobt habe.« In der Stille, die diesen Worten folgte, hörte man, wie Tante Mascha ihren Teelöffel fallen ließ. V Es war irgendein Feiertag und echtes Feiertagswetter: im Garten und auf den Feldern war es sonnig, hell und warm. Sonja ging mit Jossif und Viktor den Weg entlang und zupfte an einem Grashalm, den sie in der Hand hielt. Der Schatten des Mädchens auf dem rötlichen Sand war kürzer sogar als Viktors Schatten. Sie blickte zum tiefblauen Himmel, an dem kein einziges Wölkchen zu sehen war, und sagte, wie in einem Gespräch fortfahrend: »Nicht wahr?« »Ja, ich hätte es mir niemals gedacht, daß ein Mensch einen so bezaubern kann.« »Nicht wahr?« »Er sagte mir ...« »Jossif, erzähle seine Worte niemand, selbst mir nicht. Bewahre sie in deiner Seele und denke immer an sie. Nicht wahr«, begann sie wieder, »jedes Leid, jedes Unglück und selbst der Tod für ihn muß als eine Freude erscheinen?!« »Er besitzt große Kraft.« »Und dann sein Gesicht! ...« »Ja, was das Äußere betrifft, so kann es Andrej Iwanowitsch mit jedem aufnehmen«, fiel Viktor ein. »Als er mich küßte ...« Sonja blieb stehen: »Er hat dich geküßt, Joseph? So küsse auch du mich!« fügte sie errötend hinzu. Jossif beugte sich zu dem jungen Mädchen, das sich auf den Fußspitzen reckte, und küßte es laut auf die Wange. »Nein, nicht so, nicht so!« sagte sie und drückte ihm einen Kuß auf den Mund. »Dann will aber auch ich dabei sein!« bat der Junge. Sie küßte auch ihn. »Wie gut, Joseph, jetzt fürchte ich nicht mehr für dich! Du bist unser: wir sind drei!« »Sogar vier, und fünf!« zählte Viktor an den Fingern ab. »Wer denn noch?« fragte Jossif. »Es sind viele; du wirst es erfahren«, antwortete Sonja ernst und brachte die Rede wieder auf Andrej. Auf dem Nachhauseweg ließ sie wie nebenbei fallen: »Du hast gestern abend natürlich ritterlich gehandelt, die Sache ist doch aber selbstverständlich noch nicht endgültig beschlossen?« »Wie meinst du das?« »Ich meine das mit dem Heiraten ...« »Warum?« »Nun, das wird sich noch zeigen, die Hochzeit soll doch nicht gleich morgen sein?« »Selbstverständlich nicht.« Als Jossif ins Zimmer Jekaterina Petrownas trat, war seine Braut mit der Durchsicht irgendwelcher Papiere beschäftigt. Auf dem Tisch und auf den Stühlen lagen unordentlich oder vielleicht auch in einer gewissen, nur ihr allein bekannten Ordnung Papiere und Briefschaften verschiedenen Formats, teils zusammengeschnürt und teils lose. Vor dem Ofen war eine Tracht Brennholz vorbereitet. »Katja, was machst du da?« »Ich ordne die alten Papiere meines Mannes.« »Und wozu ist das Holz?« »Gestern abend hatte ich Fieber und wollte für die Nacht den Ofen einheizen.« »Gott bewahre! Es ist ja ohnehin unerträglich heiß.« Jekaterina Petrowna gab darauf keine Antwort, sie hüllte sich in ihr Tuch und band alle Papiere mit Ausnahme von zwei oder drei zu einem Paket zusammen. An die Tür wurde plötzlich geklopft, und sie beeilte sich, den Bräutigam fortzuschicken. »Entschuldige bitte: ich erwarte geschäftlichen Besuch und möchte die Sache noch vor dem Frühstück erledigen.« Die beiseite gelegten Papiere schob sie schleunigst unter die Tischdecke. Iwan Pawlowitsch, der ins Zimmer trat, fragte ebenso wie der erste Besucher: »Katja, was machst du da?« Die Antwort aber lautete anders. Jekaterina Petrowna warf das Tuch von sich, hockte sich auf den Boden und begann das Holz in den Ofen zu legen. »Was bedeuten diese Vorbereitungen?« »Sie wissen doch, daß die von uns erwarteten Gäste bereits eingetroffen sind und mich heute oder morgen besuchen werden?« »Was gedenken Sie zu tun?« »Eigentlich müßte ich alle Ihre Papiere zurückgeben, ich will Sie aber nicht zugrunde richten und habe noch viel weniger Lust, mich selbst einer Gefahr auszusetzen.« »Sie wollen also ein Autodafé veranstalten?« »Das eben ist es, und ich muß mich sehr beeilen, da sie jeden Augenblick kommen und uns überraschen können«, sagte Jekaterina Petrowna, das Feuer anfachend. »Sind das alle Papiere?« »Wollen Sie sich denn etwas zur Erinnerung aufheben?« »Im Gegenteil, ich fürchte, daß Sie etwas vergessen haben.« »Ich weiß es nicht; ich bin nicht neugierig und habe das Paket nicht einmal aufgebunden.« »Woher wissen Sie denn, daß die Gefahr so nahe ist?« »Ich weiß es eben. Obwohl Sie mir immer vorwerfen, daß ich mich allzuviel mit meinen Angelegenheiten abgebe, bin ich doch tätiger und besser unterrichtet als Sie.« »Vielleicht ist es nur ein blinder Alarm.« »Vielleicht. Dann wollen Sie aber alle Ihre Papiere wieder zu sich nehmen, da sie bei mir durchaus nicht so sicher aufgehoben sind, wie wir es dachten.« »Warum? Gibt es denn hier im Hause Verräter?« »Keine Verräter, aber Menschen mit abweichenden Anschauungen.« »Wer ist es denn?« »Nun, zum Beispiel Sonja Dreistück; nicht umsonst ist sie mit Andrej Fonwisin befreundet; und vor einer Uniform soll man sich immer in acht nehmen.« »Ich dachte, Sofja Karlowna ist in Herrn Fonwisin einfach verliebt.« »Um so schlimmer. Entschließen Sie sich schneller: der Ofen brennt schon.« Iwan Pawlowitsch drückte die Hand auf die Augen und versank in Gedanken, während Jekaterina Petrowna die schon zerfallenden roten Holzscheite mit dem Schürhaken bearbeitete. Er seufzte auf und sagte: »Nun, von mir aus, verbrennen Sie alles.« »Ich glaube, das ist wirklich das vernünftigste.« Und sie stopfte mit Mühe das ganze Paket in das Ofenloch. Dicker Rauch zog durch das Zimmer. Iwan Pawlowitsch bemerkte: »Nichts als Rauch! So viele Jahre Leben, Arbeit, Freude und Sorge um viele Menschen, und alles wird zu Rauch!« »Es wird auch Feuer geben!« bemerkte die Witwe auflachend. »Nur kein dauerndes; außerdem noch ein Häuflein Asche.« »Ist hier alles dabei?« fragte Jegerew, auf das Paket, das schon in Flammen stand, zeigend. »Alles«, erwiderte Jekaterina Petrowna bestimmt. »Gehen Sie jetzt: ich muß die Fenster aufmachen und das Zimmer lüften. Es darf Sie hier auch niemand sehen.« Jekaterina Petrowna geleitete auch den zweiten Besucher hinaus, betastete die unter der Tischdecke versteckten Papiere und begab sich zum Frühstück. Der heiße Tag führte zu einem kurzen Gewitter mit lustig rauschendem Regen. Sonja trat in ihrem altmodischen Hut und der ewigen Pelerine, eine Reisetasche in der Hand, ins Eßzimmer und sagte zu Jossif, der am Tisch saß: »Joseph, lebe wohl, ich verreise.« »Du verreist? Wohin?« »Nach Petersburg, zu Ljolja. Ich habe von ihr einen Brief erhalten. Und deinetwegen bin ich unbesorgt.« »Sonja, was fangen wir ohne dich an?« »Du bist auf dem richtigen Wege, ich werde dir schreiben; wenn es einmal nötig ist, komme ich zurück. Andrej wird hier sein.« »Ich kann es gar nicht fassen, daß du so plötzlich weggehst. Das ist doch kein Traum?« »Nein, durchaus nicht. Die Pferde stehen ja schon bereit; der Regen ist vorbei.« Sie traten beide ans Fenster: ein riesengroßer Regenbogen überspannte als siebenfarbige Brücke den ganzen Himmel, und die Sonne funkelte auf den nassen Gräsern und Blättern. »Joseph, bete! Wie herrlich ist das alles!« Und sie klopfte ihm mit ihrem kleinen Händchen so lange auf die Schulter, bis er sich vor der wunderbaren Brücke am Himmel bekreuzigte. Sonja bekreuzigte sich gleichfalls und sagte: »Jetzt lebe wohl. Du wirst nicht verlassen sein.« Als Jekaterina Petrowna nach dem Frühstück auf ihr Zimmer zurückkehrte, waren die Papiere unter der Tischdecke verschwunden. VI Jossif stand im Waldesdickicht und wußte nicht, welche Richtung er einschlagen sollte. Er schien zum erstenmal in seinem Leben an diese Stelle geraten zu sein. Kein Weg, kein Steg war zu sehen; nichts als Fichten auf den runden, an zarte Brüste gemahnenden Hügeln und versteckte, mit Heidekraut und Preiselbeeren bewachsene Lichtungen. Es war so still, daß es seltsam erschienen wäre, hätte er zu singen oder zu sprechen angefangen; selbst der Klang seiner Schritte beleidigte irgendwie das Schweigen ringsum. Er setzte sich auf einen Baumstumpf, nahm den Hut ab und sah zu, wie die Sonne sich gen Westen neigte, den blauen, unbewaldeten Gipfel des hohen Hügels mit tiefrotem Licht übergießend. Aus dem Dickicht trat ein Mann mit einem Korb auf dem Rücken und einem langen Stecken in der Hand; er beugte sich jeden Augenblick, wie wenn er etwas auf dem Boden suchte, blieb manchmal stehen und ging dann wieder langsam weiter. Sein weißer zottiger Hund bellte den regungslos sitzenden Jossif an. Der Alte blickte auf und sagte: »Junger Herr, guten Tag!« »Ach, du bist es, Parfen? Guten Tag!« »Wie sind Sie in unsere Gegend gekommen? Etwa zu Fuß?« »Ist denn Ihr Dorf in der Nähe?« »Bis zu unserem Dorf sind es an die drei Werst, von der Fabrik aber haben Sie sich zehn Werst und vielleicht noch weiter entfernt. Haben Sie sich verirrt?« »Nein, ich ging einfach immer weiter, und so bin ich hergekommen. Was machst du, sammelst du Pilze?« »Ja, Pilze. Zum Abendbrot; das Erntefest steht ja vor der Tür, also ist Fastenzeit; Marina wird eine Suppe kochen.« »Ist denn Marina wieder hier?« »Ja, sie ist für kurze Zeit hergekommen. An eine herrliche Stelle hat Sie Gott gebracht; schön ist es hier, still; hier wäre es gut, eine Klause zu errichten; keine einzige Menschenwohnung in der Nähe, nichts als Wald und Gott.« »Ja, ein wohlbereitetes Gemach!« »Darf ich Sie zu uns bitten, wollen Sie nicht von unseren Pilzen kosten, und abends fahre ich Sie auf die Fabrik.« »Sehr gern. Sind Sie denn mit dem Pilzsammeln fertig?« »Ich habe schon genug, habe keinen Platz mehr, um noch welche hinzutun; alles nur Hüte, die Stiele lasse ich stehen.« So stolz wie ein glücklicher Jäger zeigte er Jossif seinen Korb, in dem lauter Steinpilzhüte mit grünlichen und weißen Unterseiten dicht beieinander lagen. Der Hund legte sich zu ihren Füßen nieder und ließ die Zunge heraushängen; die Sonne, die schon ganz tief stand, leuchtete durch die Zweige. »Ist hier nicht ein Waldsee in der Nähe?« »Ja, eine halbe Werst von hier, wir kommen an ihm vorbei.« »Wohin sind Sie damals im Sommer mit Fonwisin im Boot gefahren? Sie wissen doch noch, wie wir Ihnen begegneten?« »Ich kann mich nicht mehr erinnern. Ich bin ja mit ihm so oft gefahren; wahrscheinlich auf seine Imkerei.« »Ist denn sein Gut hier in der Nähe?« »Gewiß. Es liegt am See.« »Ist er ein guter Mensch?« »Ein sehr braver und guter Herr.« »Man erzählt doch von ihm viel Schlechtes.« »Von wem erzählt man das nicht? Wenn man so in die Welt hinaushorcht, bekommt man wenig Schönes zu hören. Andrej Iwanowitsch ist gut und führt ein gottgefälliges Leben. Über seine Sünden ist Gott der Richter, er tut aber niemand etwas Böses und ist immer bereit, Gutes zu tun.« »Was hat er denn für Sünden?« »Wer kennt sie? Ich bin nicht sein Beichtvater und habe seine Beichte nicht gehört.« »Was sagen aber die Leute?« »Dummheiten. Ich will nicht fremdes Gerede weitergeben und höre niemals darauf. Mir erzählen die Leute Gott sei Dank auch nichts.« »Er ist sehr schön.« Parfen seufzte auf und sagte: »Das ist unwichtig; die Schönheit ist natürlich eine Gabe Gottes, kann aber den Menschen auch zu Bösem verleiten.« »Ach nein, sein Gesicht drückt nichts als Güte aus!« »Er hat ja kein Gesicht, sondern ein Antlitz.« Die Stube war nur von einem Öllämpchen und einer Kerze, die vor dem Bilde des Erzengels brannten, erleuchtet. Im Dämmerlicht konnte man Marina, die vor den Heiligenbildern stand und ab und zu lautlos niederkniete, kaum erkennen. »Marina!« rief der Vater leise. Sie verneigte sich, ohne ihm zu antworten, noch einigemal vor den Heiligenbildern und ging auf die beiden zu. »Wen hast du hergebracht?« »Pawel!!« schrie sie plötzlich auf und taumelte zurück. »Was hast du, Marina? Gott sei mit dir! Es ist ja der junge Herr, Jossif Grigorjewitsch.« Marina stand bestürzt da, die linke Hand mit dem Rosenkranz vorgestreckt. »Zünde die Lampe an und koche uns die Pilze, die ich gebracht habe; der junge Herr wird mit uns essen: hole eine neue Schüssel.« »Mein Gott, mein Gott!« flüsterte Marina, in die andere Stube gehend. »Was hat sie?« fragte Jossif, der sich in der Dämmerung ans Fenster setzte, aus dem er das trübe Abendrot über dem See sehen konnte. »Sie hat Sie für ihren verstorbenen Mann gehalten: Sie sehen ihm ja auch wirklich ähnlich. Nehmen Sie es ihr nicht übel.« »Fühlt Sie sich nicht mehr so unglücklich?« »Sie nimmt sich zusammen und betet. Der Heiland weiß am besten, wie sie zu heilen ist.« Marina kam mit der Lampe. Sie sah weder abgemagert noch bleicher aus, nur ihre Augen brannten stärker als früher, schienen aber ab und zu ganz zu erlöschen. »Marina, guten Tag! Hast du mich nicht erkannt?« fragte Jossif. »Ich hatte mich im Finstern geirrt«, sagte die junge Frau mit niedergeschlagenen Augen. Parfen ging hinaus, den Wagen anzuspannen, Jossif aß schweigend seine Pilze. Marina legte ihren Löffel auf den Tisch und starrte ohne zu blinzeln in die Lampenflamme. Der Gast fragte schließlich: »Nun, wie ist es dir in Piter ergangen?« »Wie es mir gegangen ist? Ist es denn nicht gleich, ob ich hier oder dort zu Gott bete?« »Gehst du also nicht mehr zurück?« »Doch, sobald mich Vater abreisen läßt.« »Es ist dir also doch nicht ganz gleich.« »Ja, dort ist es vielleicht etwas ruhiger.« »Gewöhnst du dich allmählich?« »Woran denn?« fragte sie mit einem Blick auf den Frager. »Hast du ihn schon ein wenig vergessen?« Marina rief aus: »Sie haben noch nie geliebt, Jossif Grigorjewitsch, sonst würden Sie nicht so fragen! Wie kann ich vergessen? Wie kann ich mich daran gewöhnen? Ich bete nur zu Gott, daß er mir schneller den Tod schickt.« Sie wandte das Gesicht vom Gast weg und sagte leise: »Ich darf Sie gar nicht ansehen, es ist Sünde.« »Warum?« »Diese Ähnlichkeit mit Pawel: der Blick und auch die Stimme!« Und sie erhob sich von der Bank und ging, sich an der Wand entlangtastend, hinaus. Der Wagen war schon angespannt, und Jossif kam beim Licht des aufgehenden Augustmondes nach Hause, wo man wegen seiner langen Abwesenheit unruhig geworden war. Jekaterina Petrowna saß, in ihr Tuch gehüllt, auf den Stufen vor dem Haus und rief, als sie den Wagen im Schatten der Bäume vor dem Tor halten hörte: »Jossif Grigorjewitsch, sind Sie es?« »Jawohl!« antwortete Parfen. »Was ist mit Ihnen los? Wo haben Sie gesteckt? Wir dachten uns Gott weiß was.« »Der junge Herr ist heil und gesund«, erklang aus dem Dunkel wieder Parfens Stimme. Jekaterina Petrowna kam Jossif entgegen, nahm ihn am Arm, schmiegte sich eng an ihn und sagte: »Was war das für ein Einfall, so plötzlich zu verschwinden? Man könnte meinen, daß Sie mich und das Haus meiden wollen ...« »Verzeihen Sie, ich war einfach, ohne es selbst zu merken, weit in den Wald gekommen und habe Parfen getroffen, der mich nun nach Hause gebracht hat.« »Sie haben natürlich furchtbaren Hunger?« »Nein, ich danke, ich habe schon bei Parfen gegessen.« »Aber etwas trinken müssen Sie unbedingt: nach der Fahrt ist es direkt notwendig.« »Gern.« Auf der dunklen Freitreppe küßte sie ihn und flüsterte: »Ich habe mich so furchtbar gesehnt!« Beim Abendessen war Jekaterina Petrowna unruhig, und als sie beide allein geblieben waren, ließ sie den Kopf wie weinend in die Hände sinken. Jossif fragte sie, indem er sich selbst Branntwein einschenkte: »Was hast du, Katja?« »Nichts«, sagte sie, ohne die Hände vom Gesicht zu nehmen. »Wieso nichts? Du weinst doch! Hat dich jemand gekränkt?« »Nein. Interessiert Sie denn das?« »Es wird mich wohl interessieren, wenn ich danach frage.« Jekaterina Petrowna nahm die Hände vom Gesicht und sagte ruhig und bestimmt: »Jossif Grigorjewitsch, ich danke Ihnen sehr für Ihren edlen Schritt, muß Ihnen aber sagen, daß es noch nicht zu spät ist und daß Sie durch Ihr Wort keineswegs gebunden sind.« »Was sagen Sie? Werde ich denn mein Versprechen zurücknehmen?« »Es kommt vor, daß man sein Versprechen nicht zurücknimmt, aber zurückbekommt«, versetzte Jekaterina Petrowna gedehnt, auf die Seite blickend. »Ich liebe Sie zwar, habe aber nicht die geringste Lust, Sie mit Ihren Angehörigen und Freunden zu entzweien.« »Mit wem können Sie mich entzweien? Sind das immer noch die alten Chimären wegen Sonja?« »Vielleicht sind es nicht bloß Chimären, und vielleicht handelt es sich nicht um Sonja Karlowna allein!« »Begreif doch: ich will es, und du warst auch nicht dagegen; was kann uns da im Wege stehen?« »In jedem Fall rate ich, nichts zu übereilen und bis zum Herbst zu warten. Ich glaube, daß ich noch gut drei Monate warten kann!« »Was willst du damit sagen?« »Ich will damit sagen, daß ich noch bis zum Herbst Braut bleiben kann, ohne in Schande zu kommen.« Jossif wollte aufstehen, ließ sich aber wieder in den Stuhl sinken und schenkte sich noch ein Glas ein. »Und du wolltest mir erlauben, meinen Antrag zurückzunehmen? Die Fastenzeit ist bald um, und gleich am Sechzehnten wollen wir unsere Hochzeit feiern!« Jekaterina Petrowna errötete und sagte: »So heiß ist es hier!« Und sie knöpfte ihre Bluse auf. Jossif verließ seinen Platz am Tisch, setzte sich neben seine Braut, umschlang sie mit der einen Hand und begann mit der anderen ihre Brust zu streicheln. »Wir werden dann auch Sonja kommen lassen müssen«, sagte sie, auf die Seite blickend. »Ja, ja«, bestätigte Jossif zerstreut, sie noch fester an sich drückend. Jekaterina Petrowna schmiegte sich gleichsam ermattend an ihn und sagte: »Jetzt sind Sie ein echter Mann und kein Kind mehr!« »Erinnern Sie sich noch an Ihren Wunsch à discrétion ?« fragte Jossif. »Er ist schon in Erfüllung gegangen«, flüsterte Katja mit einem Kuß. VII Jossif verbrachte diese Tage fast ausschließlich zu Hause, zurückgehalten vom Geschick und der Zärtlichkeit Jekaterina Petrownas und der Ankunft des Vaters Pjotr, den die Tochter zu der bevorstehenden Hochzeitsfeier eingeladen hatte. Der Geistliche kam früh am Morgen, als das halbe Haus noch schlief. Jossif empfing ihn im Vorzimmer, und sie küßten sich wie Freunde; Vater Pjotr schien wenig froh: entweder war er, obwohl er sonst das Reisen gewohnt war, müde vom Weg oder von einem geheimen Kummer bedrückt. Er küßte Jossif gleichsam mitleidsvoll und sagte: »Ich gratuliere, ich gratuliere! Danke, daß Sie den alten Vater nicht vergessen haben. Eigentlich hätte ich zu der Hochzeit gar nicht kommen sollen, aber mein Herz ließ mich nicht ruhen. Nun werde ich wenigstens zu Hause mit euch feiern.« »Werden Sie denn nicht auch in die Kirche kommen?« »Nein, es ist nicht Sitte.« Katja erschien, ohne sich vor dem Verlobten zu genieren, in Morgenkleid und Hausschuhen, mit nachlässig aufgestecktem Zopf. Sie küßte den Vater und den Bräutigam und sagte zu dem ersteren: »Bist du also gekommen.« »Ja, ich bin gekommen.« »Willst du dich nicht waschen?« »Ich lasse alles herrichten!« sagte Jossif, um Vater und Tochter beim ersten Wiedersehen allein zu lassen. »Ich gratuliere, Tochter! Du trittst also zum zweitenmal vor den Traualtar.« »Ja, wer hätte das erwartet.« »Das kommt öfters vor; der Mensch weiß nie, wo er etwas verliert und wo er etwas findet.« Beide schwiegen. Vater Pjotr sagte nach einer Pause: »Jossif Grigorjewitsch ist für dich eigentlich etwas zu jung.« »Ja, aber das kommt vor. Er liebt mich.« »Das bezweifle ich gar nicht, wenn er dich nicht liebte, würde er dich nicht nehmen. Aber liebst du ihn, Katerina?« »Würde ich ihn nicht lieben, so würde ich ihn doch nicht heiraten.« »Bei dir ist es etwas anderes.« Er kam dicht an Jekaterina Petrowna heran, ergriff ihre Hand und sagte leise: »Er ist ein Kind, Katja, richte ihn nicht zugrunde; du mußt dich vor Gott verantworten.« Jekaterina Petrowna sah den Vater scharf an und flüsterte: »Kann denn, wer liebt, den Geliebten zugrunde richten?« »Schon gut, schon gut. Nimm es mir nicht übel, ich habe es nur so gesagt.« »So darf man weder sprechen noch denken.« Vater Pjotr fragte beim Frühstück: »Wo ist denn Sofja Karlowna, und wo ist mein Enkel?« »Sonja ist in Petersburg, und auch Viktor ist dort: er muß lernen.« »Warum hatte er es denn so eilig?« »Wir wollen ja unsere Hochzeit ganz im stillen feiern, und der Unterricht wartet nicht, was soll er unnütz Zeit verlieren? Sonja haben wir aber benachrichtigt, und sie wird wohl kommen.« »Ich habe nur so gefragt. Man pflegt ja sonst nicht eine so wichtige Sache ohne seine Nächsten zu machen.« »Nach dem Frühstück fahre ich hinüber, Katja«, sagte Jossif schüchtern. »Wohin?« fragte die Braut mit unzufriedener Miene. »Zu Fonwisin.« »Willst du ihn zur Hochzeit einladen?« »Nein, außer den Brautführern werden ja keine Fremden dabei sein.« »Gewiß. Aber selbst wenn Fremde dabei wären, wünschte ich nicht, Andrej bei meiner Hochzeit zu sehen.« »Warum?« »Ich habe meine Gründe.« »Ich dachte auch gar nicht daran, ihn einzuladen, ich wollte ihn einfach besuchen.« »Heute nicht; Vater ist ja da, außerdem möchte ich, daß du diese Tage zu Hause bleibst, Joseph. Schreib ihm einen Brief, wenn es so dringend ist.« »Gut, ich will es gleich tun.« »Sie werden eine strenge Gattin haben, Jossif Grigorjewitsch«, bemerkte Vater Pjotr lächelnd. In Jossifs Abwesenheit wollte keine Unterhaltung zustande kommen, Tantchen schwieg und seufzte, Jekaterina Petrowna räumte geräuschvoll die Tassen weg, und auch der Gast schwieg. »Hast du den Brief schon fortgeschickt? Gib ihn her, ich will ihn besorgen; unser Bursche fährt sowieso hin, um die Blumen zu holen«, sagte Jekaterina Petrowna, sich erhebend. Sie ging zum Hinterausgang und sagte zum Burschen, der bereits mit dem Wagen wartete: »Hier hast du das Verzeichnis der Blumen und einen Brief. Paß auf, daß du das Verzeichnis nicht verlierst; der Brief ist weniger wichtig, wenn Andrej Iwanowitsch nicht zu Hause ist, gibst du ihn irgend jemand.« Und sie schenkte ihm einen Rubel. Der Bursche blickte sie erstaunt mit Spitzbubenaugen an. Jekaterina Petrowna fügte aber hinzu, wie wenn es ihr erst eben eingefallen wäre: »Fahr lieber bei Iwan Pawlowitsch vorbei, er mag die Blumen auswählen und den Brief selbst abgeben; sag ihm, daß ich ihn sehr darum bitte.« Jossif wartete vergebens auf eine Antwort. Die Hochzeit wurde tatsächlich in aller Stille gefeiert, ganz ohne Fremde, selbst ohne Viktor und Sonja, die aus irgendeinem Grunde nicht gekommen war. Der Bräutigam war schweigsam und nachdenklich und schien nicht ausgeschlafen; auch die Braut war schweigsam, aber ruhig und selbstbewußt. Als sie von der Kirche heimfuhren, begegneten sie unterwegs einem Wagen, in dem Parfen und Marina saßen. Der Alte ließ den Wagen halten und zog die Mütze. Jossif rief ihm zu: »Guten Tag! Wo fahrt ihr hin?« »Zur Station. Ich muß Marina hinbringen.« »Geht sie nach Piter?« »Ja, nach Piter.« »Glückliche Reise!« Marina war in Schwarz, ganz eingemummt, und starrte unbeweglich, als nähme sie nichts wahr, vor sich hin. Zu Hause wurden sie ebenso freundlich wie geräuschvoll von Vater Pjotr begrüßt. Bald wurde aber auch er stiller, als er die andern traurig und nachdenklich sah. Auch die Neuvermählte war schweigsam, obwohl sie ab und zu versuchte lustig und sorglos zu sprechen. Jossif trank viel und küßte alle. Als wieder einmal eine Pause eingetreten war, sagte er plötzlich: »Jemand kommt gefahren!« Alle spitzten die Ohren und hörten tatsächlich Schellengeläut, das immer näher kam. Die Schellen verstummten, eine Tür schlug zu, und nach wenigen Augenblicken erschien im Zimmer eine kleine, bucklige Gestalt mit altmodischem Hut und Pelerine, mit einem Ridikül in der Hand. »Sonja!« rief Jossif aus, indem er aufsprang und den Stuhl umwarf. »Ich komme wie Tschazki: Gestalt aus der Komödie ›Verstand schafft Leiden‹ von A.S. Gribojedow. ›vom Schiff auf den Ball‹. Ich gratuliere, Joseph, ich gratuliere, Katja!« »Warum bist du denn nicht zur Hochzeit gekommen?« »Ich habe das Telegramm erst heute erhalten«, antwortete Sonja, der Neuvermählten gerade in die Augen blickend. »Es wurde vor sechs Tagen abgeschickt«, sagte Jekaterina Petrowna, ohne den Blick zu senken. »Und ich habe es doch erst heute bekommen!« erwiderte Sonja ruhig. »Sie haben damit offenbar jemand beauftragt, der erst heute geruhte, das Telegramm aufzugeben«, fuhr die Bucklige lächelnd fort, sich neben Jossif setzend. »Trinkst du mit?« »Gern; es ist ein wenig kalt.« »Bist du nicht erstaunt? Bist du mir nicht böse?« flüsterte der junge Ehemann seiner Tischdame zu. »Nein, ich bin nicht erstaunt. Und warum sollte ich böse sein? Du konntest anscheinend nicht anders.« »Wie gut du bist!« »Genug davon. Ich verliere niemals Zeit damit, daß ich etwas Geschehenes bedaure, sondern bemühe mich, das zu tun, was im gegebenen Augenblick notwendig ist. Lassen wir darum dieses Tuscheln.« Nachdem sie an ihrem Glas genippt hatte, sagte sie: »Bitter!«, und die Neuvermählten küßten sich. »Wie unwahrscheinlich ist doch das alles?« sagte Tantchen, als sie sich im selben Zimmer wie Sonja zu Bett begab. »Wie sich gezeigt hat, war es sogar sehr wahrscheinlich«, erwiderte Sonja, sich vor den Schreibtisch setzend; lange schrieb sie einen Brief nach dem andern, wusch sich dann, blies die Kerze aus, bekreuzigte sich, kniete nieder und ließ den Kopf auf den Bettrand sinken. Dritter Teil I In der Fabrikgegend war es bedeutend stiller geworden, als die jungen Pardows und Sonja sich nach Petersburg begeben hatten, wohin auch Andrej Fonwisin abgereist war; auch Iwan Pawlowitsch Jegerew verließ die Gegend. Der Oktober beraubte die Bäume der letzten Blätter, und alles war wieder demutsvoll still und heiter. Tante Mascha wanderte allein durch die Zimmer und erfuhr aus den nicht allzu häufigen Briefen allerlei Neuigkeiten aus der Hauptstadt: daß die Erbschaft kein Märchen sei, daß die Banken und Gerichte wider jegliches Erwarten nicht die Absicht hätten, unüberwindliche Schwierigkeiten in den Weg zu legen, und daß Tante Anja hoffe, die ganze Angelegenheit noch vor Ostern zum Abschluß bringen zu können, daß alle gesund seien, daß Jekaterina Petrowna sich eine, nach Ansicht der Fabrikbewohnerin etwas zu teure, Wohnung in der Furschtatskaja-Straße gemietet habe, daß Viktor bei dem jungen Paar wohne und seiner Mutter durch sein Benehmen nach wie vor großen Kummer und Ärger mache. Sonja käme oft und mit Vergnügen zu Besuch. Marja Matwejewna versuchte auf Grund dieser Mitteilungen vergebens das zu ergründen, was sie am meisten interessierte – ob das in den Norden entflogene junge Paar glücklich war oder nicht. Das junge Paar hatte sich in der Furschtatskaja tatsächlich auf etwas größerem Fuß eingerichtet, als es ihm seine jetzigen Verhältnisse erlaubten; das hatte seinen Grund in der weisen Voraussicht Jekaterina Petrownas, die nicht nur an den morgigen Tag dachte. Jossif Grigorjewitsch aber kümmerte sich nicht allzuviel darum, wenn man ihn nur in Ruhe ließ, ihm gestattete, mit seinen Freunden zusammenzukommen, durch die noch nicht eingerichteten Zimmer, wo offene Koffer und noch nicht ausgepackte Möbelstücke herumstanden, auf und ab zu gehen und seine Lieder zu singen. Sonja kam ebenso oft wie früher, sie war ebenso freundlich und geschäftig und trug die gleiche Pelerine, den gleichen Hut und in der Hand ihr Ridikül. Jekaterina Petrowna widmete sich ihrer Garderobe und konferierte täglich stundenlang mit der Schneiderin. Zum zwanzigstenmal wurde die Frage erörtert, wie die junge Frau Pardowa am passendsten zu kleiden sei. Auch an diesem Mittag standen sie vor dem Spiegel, die Schneiderin kauerte, den Mund voller Stecknadeln, ihr zu Füßen und ordnete irgendwelche Falten. »Sie meinen also, Madame, daß wir ein Tailleurkostüm machen sollen? Es ist natürlich am zurückhaltendsten, kann aber die Figur allzu sehr unterstreichen.« »Dann nehmen wir einfach eine englische Bluse mit Krawatte.« »Ja, ob das aber zu Ihrer Figur paßt, Madame? Die Farbe sollte nicht lebhaft sein.« »Gewiß, aber heute sind die blassen Töne nicht mehr mode, jetzt sind alle Farben möglich.« Bei dieser Beschäftigung traf sie Sonja an, die sich im Hut auf den Stuhl neben der Tür setzte. »Hast du noch immer damit zu tun?« fragte die Bucklige, auf den Haufen der Modejournale zeigend. »Es bleibt mir nichts anderes übrig. Und was treibst du? Immer beschäftigt?« »Ja, hier bin ich nicht auf der Fabrik, wo ich genug Zeit zum Spazierengehen, zum Schlafen und Träumen hatte.« »Und ich kann immer noch nicht mit der Wohnung und den Plünnen fertig werden. Machen Sie diese Falte tiefer«, wandte sie sich an das auf dem Boden kniende Mädchen. »Hast du Tante Nelli lange nicht gesehen?« »Ich habe sie soeben getroffen, sie wollte dich besuchen.« »Heute?« »Ja, und zwar sehr bald; sie ist ganz in der Nähe: bei den Dmitrewskis.« »Beeilen Sie sich, meine Liebe!« »Sofort, Madame.« Die von einer energischen Hand gezogene Klingel schrillte aber schon durch den ganzen Korridor. »Sei so gut, Sonja, empfange die Tante, entschuldige mich bei ihr und unterhalte sie, bis ich mit der Anprobe fertig bin.« »Gern!« erwiderte Sonja und ging einer korpulenten Dame mit grauen Locken entgegen, die sofort zu reden anfing: »Ach, du bist hier, Sophie! Guten Tag, noch einmal! Und wo ist unsere Popentochter?« »Sie läßt sich entschuldigen, sie hat noch einen Augenblick zu tun und kommt sofort heraus.« »Weißt du, vor dem Besuch bei Adelaïda war ich in der Kirche und sah aus dem Fenster Gräfin Lisa mit wunderbaren Trabern vorbeifahren, die sie vor kurzem gekauft hat. Und ich komme immer nicht dazu, meiner Nastja Pferde zu verschaffen; Iwan Grigorjewitsch aber ist so eine Schlafmütze, er allein kann gar nichts erreichen. Diese sündhaften Gedanken lenkten mich vom Gottesdienst ab, plötzlich höre ich aber, wie der Diakon liest: ›Trachtet nach dem Reich Gottes, so wird euch solches alles zufallen.‹ Es war wie eine Prophezeiung. Ich trachte nach deinem Reich, Herr, und die Pferde werden mir zufallen.« Sonja lächelte und fragte: »Worin liegt denn die Prophezeiung?« »Warte, du wirst es gleich hören. Ich komme nach Hause und denke daran, daß mir heute etwas Unangenehmes bevorsteht. Endlich fällt es mir ein: eine große Wechselschuld ist heute fällig. Ich suche den Wechsel im ›Hilf mir, Herr‹ ...« »Warten Sie: was ist das für ein ›Hilf mir, Herr‹?« »Ach, du weißt es ja nicht! Ich habe je eine Schachtel für die bezahlten und die nicht bezahlten Rechnungen, auf der einen steht: ›Hilf mir, Herr‹ und auf der andern: ›Ich danke dir, Herr‹. Vater Alexej hat mir diesen Rat gegeben. Es ist doch nett, nicht?« »Ich weiß wirklich nicht ...« »Ich schaue also im ›Hilf mir, Herr‹ nach, der Wechsel liegt aber nicht da. Überall suche ich ihn und finde ihn schließlich im ›Ich danke dir, Herr‹. Ich hatte ganz vergessen, daß ich ihn schon vor einem halben Jahr, als ich den Wald verkaufte, bezahlt hatte. Ist es nicht wunderbar?« Und sie fügte ganz unvermittelt in verändertem Tonfall hinzu: »Hast du auch luttes ?«. »Ob ich was habe?« » Luttes , Kämpfe. Wenn ich zu der Stelle komme, ›Dein Wille geschehe‹, so beginnt bei mir immer ein Kampf: ich will, daß mein Wille geschehe. Wo bleibt aber unsere Popentochter?« Die Popentochter trat in diesem Augenblick ins Zimmer, Tante Nelli fiel über sie her und schwatzte bereits von anderen Dingen. Sonja stand auf und sagte: »Ich muß jetzt gehen, Katja, ich wünsche dir Erfolg. Wo steckt Joseph?« »Bei sich oder bei Viktor. Willst du zu ihm?« »Jetzt nicht. Ich esse bei euch zu Mittag, weißt du es noch?« »Und ob! Also auf baldiges Wiedersehen!« Die beiden Damen küßten sich zum Abschied. Als Sonja fort war, fragte Tante Nelli: »Nun, wie steht es? Haben Sie es sich nicht anders überlegt?« »Ach nein, wieso denn! Im Gegenteil, ich lechze danach, aufgenommen zu werden.« »Sie werden aufgenommen, wie es geschrieben steht: ›Wer da anklopfet, dem wird aufgetan.‹« Als der Besuch fort war, schrieb Jekaterina Petrowna auf einen schon fertigen Brief ›Herrn Iwan Pawlowitsch Jegerew‹; und wanderte dann bis zum Essen durch die Zimmer, vor den noch nicht angebrachten, an die Wände gelehnten Spiegeln stehenbleibend und sich etwas überlegend. Aus den inneren Räumen klang schwach Jossifs Gesang. Katja runzelte die Stirn, schloß die Tür ganz zu und ging weiter, die Hände auf dem Rücken. II Viktor ging in seinem kleinen Zimmer auf und ab, während Sonja und Jossif im Halbdunkel, das schon nach zwei Uhr das Zimmer füllte, am Fenster saßen. Der Junge hatte den Wuchs seines Stiefvaters noch nicht erreicht, war aber schon sehr groß und ungelenk. Sonja schwieg, und nur Jossifs Stimme allein klang vom Fenster herüber. Er sprach langsam, mit klagender Stimme davon, daß seine Frau die Freundschaft zwischen ihm und ihrem Sohn nicht gern sehe, ihm nicht erlaube, nach eigenem Gutdünken auszugehen, und ihm sogar verbiete, seine Lieblingslieder zu singen. »Sie sagt, sie müsse sich vor den Dienstboten schämen, ich benehme mich wie ein Küster oder wie ein Zimmermaler.« »Und ist dabei selbst eine Popentochter!« rief Viktor aus, sich auf den Absätzen umwendend. »Der Teufel hat dich geritten, Jossif, daß du dich mit ihr eingelassen hast!« »Nun, Gott mit ihr. Dafür hab ich dich und Sonja«, sagte der Stiefvater versöhnlich. »Ich meine, dafür hättest du nicht unbedingt Katja zu heiraten brauchen«, versetzte Sonja auflachend. »Ich will dich mit Senka dem Schnittwarenkommis bekannt machen, ja? Ein reizender, lustiger Mensch!« »Ein Schnittwarenkommis?« fragte Sonja. »Ja. Was ist denn dabei?« »Nichts. Es ist natürlich kein Unglück, daß er Kommis ist, ich glaube aber, er ist ein übler Rowdy.« »Woher weißt du das?« »Nur aus deinen eigenen Berichten. Woher denn sonst?« Jekaterina Petrowna stürzte geräuschvoll ins Zimmer und begann sofort zu schreien: »Ich habe es dir schon gesagt, Viktor, daß du, wenn du mit uns wohnen willst, dich von deinen lieben Freunden lossagen mußt oder es wenigstens so einrichten, daß sie nicht herkommen. Es sind ja Gott weiß was für Menschen: sie können einen ermorden oder ausrauben. Dieser Verkehr kann auch der Polizei auffallen. Glaubst du vielleicht, daß sie nicht unter Beobachtung stehen?« »Iwan Pawlowitsch besucht uns ja auch.« »Was willst du damit sagen?« »Nur, daß man wohl auch ihn beobachtet.« »Das ist was ganz anderes: er ist ja kein Gassenjunge und kein Dieb.« »Vielleicht noch was Schlimmeres.« »Nun, darüber wollen wir später sprechen. Ich hab dir meine Meinung gesagt. Tu, was du willst.« Mit diesen Worten ließ sie sich geräuschvoll in einen Stuhl sinken. »Katja, warum bist du eigentlich überzeugt, daß alle Leute, die zu Viktor kommen, Rowdys, Diebe und dergleichen sind?« »Weil sie ärmlich gekleidet sind und durch die Küche kommen«, mischte sich Sonja ein, die bis dahin geschwiegen hatte. Katja blickte sie an und sagte durch die Zähne: »Du bist eine heilige Seele, Sonja, und verstehst nichts davon.« »Es ist wahr, daß ich nichts verstehe; ich meine aber, das kommt nicht von meiner Heiligkeit, sondern von was anderem. Außerdem glaube ich, daß es in erster Linie Joseph angeht.« »Joseph ist mit mir gleicher Ansicht«, entgegnete Jekaterina Petrowna schnell, ergriff die Hand des auf und ab gehenden Gatten und drückte sie leise. »Ja, Katja, gewiß«, sagte dieser, stehenbleibend. »Wenn ihr nur wüßtet, wie ich euch alle satt habe!« schrie der Stiefsohn aufspringend. »Wo willst du hin?« fragte Sonja. »Ich jage dich ja nicht hinaus, ich verlange nur, daß zu uns keine verdächtigen Individuen kommen.« »Ich weiß, ich weiß! Macht es unter euch aus: so bald seht ihr mich nicht wieder!« »Wie nervös ihr alle geworden seid«, sagte Sonja, auf die Tür blickend, die Viktor hinter sich zugeschlagen hatte. »Die Petersburger Luft ist euch nicht zuträglich.« Jekaterina Petrowna erwiderte nichts. Sie saß ruhig da und drückte zärtlich die Hand ihres Mannes, die in der ihrigen geblieben war. Die frühe Abenddämmerung begann die Winkel des Zimmers mit Schatten zu füllen. Die Stille erschien nach dem Geschrei von vorhin noch tiefer. Endlich erhob sich Sonja von ihrem Platz und sagte: »Nun, es ist Zeit, ich gehe. Wir sehen uns doch am Abend wieder?« »Wo?« klang die Stimme der Frau Pardowa wie aus tiefem Wasser. »Auf der Moika; heute ist doch eine Versammlung. Bemüht euch bitte nicht, mich hinauszubegleiten: ich gehöre doch zur Familie. Ich bitte dich, Katja, setz dem Viktor nicht so zu!« »Wer setzt ihm zu? Auf Wiedersehen!« Sonja küßte die sitzende Jekaterina Petrowna und Joseph, der neben ihr stand. »Mach Licht!« flüsterte Katja, als ihr Mann sich über sie beugte und ihr Gesicht und Hals mit flüchtigen, leichten Küssen bedeckte. »Warum? Es ist doch so schön!« erwiderte Jossif ebenso leise und küßte sie weiter. »Liebster, mach Licht. Heute nicht, jetzt nicht!« sagte sie, schmiegte sich aber selbst an ihn. »Aber Katja: gestern hieß es ›heute nicht‹, heute heißt es ›heute nicht‹ und morgen wieder: ›heute nicht‹! Wann denn?« »Sei mir nicht böse, Joseph; du weißt wie ich dich liebe, aber ich bitte dich: nicht heute! Ich werde dir schon sagen, wann. Du liebst mich nicht auf die rechte Art.« »Ich liebe dich, wie ich kann. Mich betrübt und verwundert das.« »Alles wird gut, alles wird herrlich sein, Liebster, du vertraust mir doch?« »Ja, ich vertraue dir.« »Also ist alles gut.« Joseph seufzte im Dunkeln. Katja schmiegte sich an ihn, den Knienden, küßte ihn langsam, stand auf, drehte das Licht an und brachte Kleid und Frisur in Ordnung. »Und wie ist es mit deinen Befürchtungen, Katja?« »Mit was für Befürchtungen?« »Wegen des Kindes.« »Ich war gestern beim Arzt; er sagt, es wäre blinder Alarm und käme nur von den Nerven.« »So? Schade!« »Natürlich ist es schade, was soll ich aber machen? Es ist nicht meine Schuld.« »Ich beschuldige dich auch gar nicht.« Jekaterina Petrowna fuhr nach dem Essen in bescheidener dunkler Toilette, von Jossif begleitet, durch den Nebel und Sprühregen. In dem langen Saal waren schon an die fünfzehn unbekannte und wenig bekannte Personen versammelt. Jossif, der durch seine große, massive Figur von den andern abstach, ging, nach rechts und links grüßend, auf den Hausherrn zu, einen kleinen, ausgemergelten Mann mit mächtigem Schädel und grauer Gesichtsfarbe, und sagte: »Pjotr Pawlowitsch, das ist also meine Frau Jekaterina Petrowna, von der Ihnen die Tante schon erzählt hat.« »Es war schon so lange mein Wunsch!« stammelte Frau Pardowa, die mumienhafte, magere Hand ergreifend. »Ich freue mich, daß der Herr an Ihr Herz geklopft hat«, erwiderte der Hausherr mit fremdländischem Akzent, vor die Wand tretend, an der in gleichmäßigen Abständen auf dicke Pappe aufgezogene Texte aus dem Evangelium in russischer und deutscher Sprache hingen. Sie sahen wie die Verbotstafeln an einem Amtslokal aus, und ein Neuling würde glauben, daß die Inschriften ›Nicht ausspucken!‹, ›Bitte nicht rauchen!‹, ›Den Rasen nicht betreten!‹, ›Trinkt kein unabgekochtes Wasser!‹ lauteten; es waren aber Bibeltexte. Jekaterina Petrowna sah sich um und steuerte erfreut auf Sonja zu, die einsam und mit gelangweiltem Ausdruck am Pianino stand und weder mit Ljolja noch mit Adventow und Bessakatny, die in ihrer Nähe waren, sprach. »Endlich habe ich dich gefunden!« begann die Neuangekommene. »Ich glaube, ich stehe sichtbar genug da.« »Ja, ja. Wirst du begleiten?« »Wahrscheinlich.« »Ach, das wird ja herrlich sein!« »Warum? Hier werden gewöhnlich sehr schlechte und unpassende Sachen gesungen.« Sonja kniff die blauen Augen etwas zusammen und blickte über die Köpfe der sich in der Tür Drängenden hinweg. »Ich will neben dir sitzen, ja?« sagte die Dame. »Ich glaube, Ljolja wollte hier sitzen. Frage sie.« »Sie wird mir den Platz abtreten.« »Nein, nein! ...« rief Fräulein Dmitrewskaja erregt. »Wir finden hier alle Platz: Jelena Iwanowna neben Sofja Karlowna, ich neben Jossif Grigorjewitsch, und Ihnen wird Sergej Pawlowitsch die notwendigen Aufklärungen geben«, schlug Adventow vor. Ein schlanker Herr im langen Gehrock, mit glattrasiertem Gesicht, streckte die Hand nach Sonja aus. Diese setzte sich vors Pianino, spielte eine an eine Mendelssohnsche Romanze erinnernde Melodie an und begann mit Ljolja zu singen; die andern fielen mit Gefühl ein: »O Herr, der Du Dich selbst verkündigt, Du bist uns gnädig, bist uns gut: Wenn Du befiehlst, sind wir entsündigt, Uns rettete Dein Heilig Blut!« Der glattrasierte Herr holte ein Evangelium aus der Tasche, schlug es auf, las englisch einige Texte vor, klappte das Buch wieder zu und hielt eine englische Rede, einzelne Worte laut betonend. Ein junges Mädchen mit Brille, das neben ihm saß, übersetzte seine Worte aus dem Stegreif ins Russische, ohne sich im geringsten um den Satzbau zu kümmern. Die Predigt handelte vom verlorenen Sohn und davon, daß jeder, der an die heilbringende Kraft der Passion Christi glaube, jeden Augenblick gerettet werden könne. Dann wurde wieder gesungen. Jekaterina Petrowna litt unter der Hitze und langweilte sich ein wenig. Bessakatny, der neben ihr saß, flüsterte: »Schaun Sie: Tante Nelli wird gleich einschlafen.« Die dicke Dame nickte wirklich selig mit dem Kopf, reckte die korsettgepanzerte Brust und hielt den Mund halb geöffnet. Der Hausherr erhob sich von seinem Platz, was für die andern ein Signal war, dasselbe zu tun. »Was kommt jetzt?« wandte sich Katja an Bessakatny. »Sie werden es gleich hören.« Pjotr Pawlowitsch kniete neben dem Stuhl, auf dem er eben gesessen hatte, nieder, steckte die Nase in die gefalteten Hände und sagte laut: »Herr, erleuchte diejenigen, die die äußere Gewalt über uns haben, mit Deiner Gnade und Deinem Segen, auf daß Dein Licht sie berühre und sie Deine treuen Diener nicht mehr verfolgen.« Die Brüder sagten: »Amen.« Nun knieten alle der Reihe nach vor ihren Stühlen nieder und verkündeten ihr Anliegen. Eine junge Dame im Hut, mit naivem und lustigem Gesicht, stammelte errötend: »Herr, verlängere die Dienstreise meines Mannes!« Der Student lächelte. Ljolja strafte ihn mit einem strengen Blick und flüsterte Jekaterina Petrowna zu: »Lassen Sie sich nicht irreführen: diese Frau ist auf dem rechten Wege. Ihr Mann ist ein äußerlicher, noch nicht erleuchteter Mensch; sie ist schwach und in Herzensaffären verstrickt; wenn der Mann zurückkommt, ehe sie alles in Ordnung gebracht hat, kann ein großes Unglück geschehen. Amen!« schloß sie plötzlich mit ernstem Gesicht, das Amen galt dem Gebet Adventows, das sie überhört hatte. Nun kam die Reihe an Sonja. Sie kniete vor ihrem Schemel nieder, richtete den Blick auf die Blumen, die auf dem Pianino standen, und sagte laut: »Gott, gib Liebe und Frieden der ganzen Welt, gib Liebe und Frieden den Brüdern und allen, die ich liebe, und auch denen, die in der Finsternis wandeln; laß das Böse, das heute gesät worden, morgen umkommen; gib Ruhe meinen Brüdern Jossif und Viktor.« Jekaterina Petrowna sah sich beunruhigt um; Sonja erhob sich aber ruhig von den Knien, während Ljolja errötend und stotternd betete, daß sie bei dem, den sie liebe, Gegenliebe finden möchte. »Was soll denn ich sagen?« fragte Jekaterina Petrowna errötend ihren Nachbarn. »Was Sie wollen: daß Ihr Mann Ihnen einen neuen Hut kauft.« »Sie machen immer Spaß!« »Wie feige Sie sind! Also sagen Sie etwas Allgemeines, was Ihnen gerade einfällt.« Jekaterina Petrowna kniete in ihrer Erregung mit dem Rücken zum Stuhl, ließ die Arme hängen und rezitierte einen Psalm: »Gott, sei mir gnädig nach Deiner Güte«, und so weiter bis zum Schluß. Der Engländer erkundigte sich leise bei seiner Gehilfin, warum diese Dame ein so langes Anliegen habe; diese erklärte es ihm. Frau Pardowa erhob sich schließlich, über und über rot und verschwitzt, von den Knien und hörte gar nicht, wie munter Bessakatny sein Gebet herunterleierte, daß Michail Alexandrowitsch Adventow recht bald sein Geld bekommen möge. Wieder wurde gesungen. Jekaterina Petrowna konnte noch immer nicht zu sich kommen. Nun begann ein anderer Prediger, diesmal in Russisch: »Ihr könnt sagen: ›Gott ist nicht‹, aber Er ist. Ihr sitzen in Zimmer und sagen: ›Der Regen ist nicht‹, aber der Regen ist. Niemand begreift Minute. Da ist die Tür offen, ich schließe, und sie ist zu. Der Herr klopft an eure Wohnung, und ihr empfangt Ihn. Jedes Herz ist fertige Wohnung: man muß sie fegen und Staub wischen. Also traget den Herrn in eure Wohnung und wartet auf den Stunde.« Er verbeugte sich, und man sang wieder. Dann brach man auf. Ein Teil der Gäste wurde gebeten, zum Tee zu bleiben; Tante Nelli sagte zu Jossif, der eben fahren wollte: »Das geht doch wirklich nicht, mein Bester, sie hätte ja den ganzen Psalter heruntergelesen! Natürlich ist das gut, es ist ein heiliges Buch; aber man darf ihn doch nicht sozusagen bis zur Bewußtlosigkeit herunterleiern! Da sieht man das Popenblut; bändige deine Frau!« Jossif küßte ihr die Hand, verbeugte sich und hörte, wie Sonja, die Adventow am Ärmel zog, sagte: »Man darf sie jetzt nicht aus den Augen lassen: Sie sehen ja, in welcher Verfassung sie ist.« Tante Nelli sagte so laut, daß man es im ganzen Vorzimmer hörte: »Unsere Mutter Sofja härmt sich um alle!« Mit diesen Worten ging sie, den einladenden Winken folgend, rasch ins Eßzimmer. III »Was ist das? Ach so, der Kontrakt; gut...«, sagte Jekaterina Petrowna zum Dienstmädchen, das eben ins Zimmer getreten war. Sie sah das Papier an und wandte sich an ihren Mann, der etwas abseits saß: »Ich ließ den Mietskontrakt auf meinen Namen schreiben; das ist ja ganz gleich, und du hast dann weniger Sorgen, außerdem bin ich in solchen Dingen vielleicht tüchtiger als du: man muß dabei sehr auf der Hut sein.« »Gewiß, gewiß«, bestätigte jener. Das Dienstmädchen sagte noch: »In der Küche wartet auf den gnädigen Herrn irgendein Mann mit einem Brief.« »Wer? Ein Dienstmann?« »Ich weiß es nicht, er hat einen Brief und muß ihn persönlich abgeben.« »Geh, schau nach, Joseph, es wird wohl irgendein Wohltätigkeitsbettel sein: ein Taubstummer oder etwas Ähnliches.« »Nein, er hört alles und spricht gut«, bemerkte das Mädchen lachend. In der Küche saß ein schlanker, blonder Bursche in Schaftstiefeln und Schirmmütze auf dem Schemel. Als Jossif eintrat, brach er einen Satz ab, über den die mit den Töpfen klappernde Köchin laut lachte, stand auf und zog die Mütze. »Sie haben einen Brief für mich?« sagte Pardow, näher kommend. Der Bursche fragte, ohne den Brief hervorzuholen: »Sind Sie der Papa von Viktor Michailowitsch?« »Was für ein Papa? Ich habe keine Kinder.« »Ich weiß nicht, aber Viktor Michailowitsch hat mir gesagt, daß ich den Brief seinem Papa abgeben soll.« »Was für ein Viktor Michailowitsch?« fragte Jossif erstaunt. »Ihn hat der junge Herr hergeschickt, Jossif Grigorjewitsch«, bemerkte die Köchin. »Ach so, der Viktor! Ja, ich bin sein Stiefvater.« »Ob Vater oder Stiefvater ist uns ganz gleich«, sagte der Bote, lustig um sich blickend und ein zusammengeknülltes Papier hervorholend. Er reichte es Jossif und fügte mit gedämpfter Stimme hinzu: »Heute abend bittet er Sie in die ›Donau‹ zu kommen: er muß Sie sprechen.« »Ja«, antwortete der Hausherr, aus irgendeinem Grund gleichfalls die Stimme dämpfend, »und wo ist die ›Donau‹?« »In der Jamskaja.« »Ich werde kommen.« »Kommen Sie, bitte. Und nicht zu spät: so gegen neun. Leben Sie wohl. – Wassili Kudrjawzew!« schloß er laut. »Jossif Pardow!« sagte der Hausherr und reichte ihm die Hand. »Sehr angenehm!« entgegnete Wassili, seine Locken schüttelnd. Viktor, der schon seit vier Tagen verschwunden war, teilte in seinem Brief mit, daß er bei einem gewissen Broskin in der Nikolajewskaja-Straße wohne. Er bat Jossif, ihm seine notwendigsten Sachen, die er zu Hause zurückgelassen, hinüberzuschicken und wiederholte die von Kudrjawzew mündlich ausgerichtete Einladung für den heutigen Abend. Jossif hielt es nicht für angängig, den Inhalt des Briefes vor seiner Frau zu verheimlichen, die halblaut mit der eben angekommenen Sonja sprach. Er verschwieg nur seine Absicht, in die ›Donau‹ zu gehen. »Will Viktor gar nicht heimkehren?« fragte Sonja. »Darüber schreibt er nichts.« Katja ging schweigend auf und ab; endlich blieb sie stehen und sagte: »Du kannst dir denken, was du willst, Joseph, aber ich bin sehr froh, daß Viktor nicht mehr bei uns wohnt. Er fühlt sich freier, und wir haben unsere Ruhe; seine Lebensweise würde uns doch nur stören, verstehst du? Das sage ich für dich. Aber ich mache mir Sorgen, wie er sein Leben gestalten wird: daß er nur nicht gänzlich versumpft. Du mußt ihn unbedingt ab und zu besuchen, Joseph, und beobachten. Er liebt dich, und du brauchst dich auch nicht zu genieren, mit ihm an solchen Orten zusammenzukommen, wohin ich nicht gut gehen kann. Du kannst ihn vor Üblem bewahren, und an dir bleibt, wie, ich überzeugt bin, nichts Schlechtes haften.« »Gut.« »Du tust es für mich: ich bin doch immerhin seine Mutter.« »Ich will es auch für mich selbst tun.« »Und für Viktor. Ich danke dir!« Sie küßte ihn, wobei sie die Augen niederschlug und seltsam errötete. Sonja, die mit dem Abpflücken der dürren Blätter von den Blumenstöcken beschäftigt war, sagte, ohne sich umzuwenden: »Sag ihm auch, daß ich ihn bitte, mich möglichst oft zu besuchen; ich weiß nicht, ob es gehen wird, daß ich ohne besonderen Anlaß zu ihm komme. Wenn es aber unbedingt notwendig ist, gehe ich natürlich überallhin.« »Das hätte ich von ihr nicht erwartet«, sagte Jossif, als Katja hinausgegangen war. »Was denn?« »Daß sie mich selbst zu ihm schickt.« »Mir ist diese ganze Geschichte überhaupt sehr unangenehm!« sagte Sonja, das Gesicht verziehend. »Auch Ljolja macht mir große Sorgen...« »Was ist denn mit ihr los?« »Sie ist krank und hat sich eingebildet, daß sie in Sergej Pawlowitsch verliebt sei...« »Vielleicht ist sie tatsächlich in ihn verliebt?« »Das glaube ich nicht, aber im Grunde genommen ist es ganz gleich.« »Und er?« »Es ist sehr schwer, fremde Gefühle zu beurteilen, wenn er sie aber, und wenn auch nur eine ganz kurze Zeit, lieben könnte – dann Gott mit ihnen, obwohl das für andere ein Unglück wäre.« »Für wen?« Sonja seufzte auf und pflückte weiter die gelblichen, trockenen Blätter von den Blumenstöcken. »Eine schwere Zeit ist angebrochen, Sonja. Ich hatte mir das neue Leben in Petersburg ganz anders vorgestellt!« »Werde nur nicht trübselig, Joseph, in jeder Lage muß man das tun, was notwendig ist. Ich werde dich nicht verlassen. Es ist wohl notwendig, daß wir das alles durchmachen.« »Willst du schon fort?« fragte Jossif, als Sonja den Hut aufsetzte. »Ich will zu Ljolja; wirst du heute Viktor sehen?« »Vielleicht.« »Vergiß nicht, ihm auszurichten, was ich dir gesagt habe.« »Du bist so blaß, Sonja! Fehlt dir was?« »Mir fehlt nichts. Es kommt dir nur so vor.« Das Unwohlsein der Frau, die mit Migräne im Schlafzimmer lag, gab Jossif die Möglichkeit, sich ohne Schwierigkeiten in die weitab gelegene ›Donau‹ zu begeben. Als er die ausgetretenen, vereisten Stufen in die im ersten Stock gelegene Abteilung für bessere Gäste hinaufgegangen war, umfing ihn der Geruch von angebranntem Fett und billigen Zigaretten, das Röcheln eines Grammophons und ein Durcheinander vieler Stimmen. Erst nach einiger Zeit entdeckte er Viktor, der mit drei jungen Leuten, die wie Kommis aussahen und unter denen er ohne Mühe Kudrjawzew erkannte, am Fenster saß. Die beiden andern waren ausländisch gekleidet. Der eine von ihnen, ungewöhnlich hellhäutig, mit runzligem und zerknittertem Gesicht, war der Schnittwarenkommis Senka, der andere, ein großer, stämmiger Bursche mit rundem Gesicht und großen grauen, frechen Augen, war Alexander Broskin, bei dem Viktor jetzt wohnte. Sie begrüßten den neuen Gast, auf dessen Erscheinen sie offenbar vorbereitet waren, freudig und ungezwungen. Der Schnittwarenkommis schloß gerade seine Erzählung. »Also sage ich ihm: Was wollt ihr denn noch für Gesindel, wenn die ganze Iwanowskaja sowieso in unseren Händen ist?« Durch den Saal schlendernde Mädchen in Schals und Hüten küßten im Vorbeigehen den flachsblonden Kopf des Erzählenden und sagten: »Senka, Senitschka, Sahnekopf! Und dabei war er lange nicht im Bad, sonst wär er ganz wie Sahne!« Und sie lachten, wobei sie Jossif anblickten. »Setz dich zu uns, Linde!« sagte Broskin zu einem hageren Jungen mit jüdischem Gesicht und roten Flecken auf den Wangenknochen. »Sie gestatten?« wandte sich dieser an Jossif. »Bitte sehr!« »Du schleppst alle Kavaliere an deinen Tisch, Schurka! ›Schurka‹, ›Schura‹, ›Sascha‹, ›Sanja‹ sind Koseformen von ›Alexander‹. Oder lockst du deine Kundschaft in den Gasthäusern an?« schrie ein hochgewachsenes Frauenzimmer im Kopftuch, mit breitem, stark geschminktem Gesicht, großem rotem Mund und grauen, schmachtenden, gleichsam trunkenen Augen. Linde, der sich als Buchdrucker vorstellte, unterhielt sich leise mit Jossif, ohne auf die Schreie der andern zu achten. Broskin hatte aber, ohne es zu zeigen, aufmerksam das Geschimpfe verfolgt. Plötzlich stand er auf, ging mit einem Zeitungshalter in der Hand auf den Nebentisch zu, schlug einen der Männer, die da saßen, auf den Rücken und sagte: »Es ist Zeit, nach Hause zu gehen, bester Herr! Das Aas will ins Bett!« Alle sprangen auf, und im allgemeinen Lärm war nichts mehr zu unterscheiden. Der ganze Saal beteiligte sich, zumindest mit Geschrei, an dem Skandal; das Frauenzimmer hielt sich die Wange, die noch röter geworden war, und der dicke unrasierte Kellner flehte: »Herrschaften, bitte keinen Skandal, Alexander Alexejewitsch, Iraïda Dmitrijewna, das ist wirklich nicht schön!« »Das wird dir nicht geschenkt werden, Schurka!« »Ist schon gut. Wir sprechen später darüber; komm morgen früh: hast lange keine Prügel gekriegt!« »Warum kränken Sie sie?« fragte Jossif, während ein Teil der Männer eine Schlägerei begann. Der Schnittwarenkommis, der jemand verprügelt hatte, stellte sich besinnungslos betrunken und wurde mit den Füßen nach vorn hinausgetragen, während man vergebens versuchte, ihm den eingedrückten steifen Hut in die Stirn zu drücken. Jossif wußte nicht, wie spät es schon war, als sie auf die Straße traten. Er hatte seit langem nicht getrunken und war nicht mehr nüchtern, und nebelhaft wie im Traum entsann er sich, daß sie noch irgendwo gewesen waren, daß er geweint und Viktor ihn getröstet und umarmt hatte. Er ging mit Viktor Arm in Arm durch die nasse, dunkle und leere Straße; Wassili und Broskin folgten, laut singend, hinterher. »Komm unbedingt morgen!« redete ihm Viktor etwas unsicher zu. »Hat sie nicht geschimpft? Hat sie dich gehen lassen? Hast du sie um Erlaubnis gefragt?« »Sie hat mich selbst geschickt.« »Es sieht so aus, als ob sie Hintergedanken dabei hätte; ich weiß aber ein Mittel, um ihr beizukommen! Ich habe dir vieles zu sagen, Joseph, du weißt gar nicht, wie ich dich liebe. Glaub nur nicht, daß ich ein verlorener Mensch bin. Und was ist schließlich ein verlorener Mensch? Sie aber werde ich schon bändigen!« Die beiden hinter ihnen sangen nicht mehr, sondern sprachen davon, daß dem Wassili im vorigen Jahr zu Ostern vom Glockenturm der Wladimirkirche die Mütze vom Kopfe geflogen war; Wassili behauptete übrigens, daß dies nicht ihm, sondern Broskin passiert wäre. »Sonja bittet dich, daß du zu ihr kommst.« »Gut, ich werde kommen.« »Wenn du wüßtest, Viktor, wie schwer ich es habe!« »Macht nichts, Joseph, macht nichts: wir werden nicht verlassen sein.« »Gebe es Gott.« »Fräulein, gestatten Sie, daß ich Sie begleite! Lassen Sie doch Ihren Herrn Papa laufen; wozu diese bemerkenswerte Strenge?« Wassili machte sich an irgendein weibliches Wesen heran, das in Begleitung eines schlanken Greises aus einem Torweg trat. Sie war in einem Kaufmannspelz und im Kopftuch; als sie auf die Straße getreten waren, bekreuzigten sie sich dreimal und beschleunigten ihre Schritte, um der lustigen Gesellschaft zu entrinnen; die jungen Leute blieben aber nicht zurück. Der Alte wandte sich schließlich um und sagte leise: »Soll ich vielleicht einen Schutzmann rufen?« Die Frau hörte nicht auf die Scherze, zupfte ihren Begleiter am Ärmel und sagte: »Lassen Sie, Onkelchen, wir sind ja schon da.« Sie standen schon in einem andern Torweg, der gar nicht weit von ihrem Haus entfernt war; im Hof sah man Gerüste und eine Reihe hölzerner Häuschen, in deren Fenstern Lämpchen brannten. Jossif blieb stehen und sah ein von einem schwarzen Kopftuch eingefaßtes blasses Gesicht mit Augen, die nichts zu sehen schienen. Die Frau fuhr zusammen, blickte ihm ins Gesicht, flüsterte: »Bist du es, Pawel?«, und verschwand mit dem Alten im Torweg. »Da gehen sie, die Langschößigen, ihre Psalmen näseln!« sagte Wassili. »Viktor, mir scheint, es war Marina.« »Was für eine Marina?« »Parfens Tochter.« »Es ist möglich: sie wohnt hier irgendwo in der Gegend«, entgegnete gleichgültig Viktor und brachte die Rede auf etwas anderes. Jossif schwieg und hörte zerstreut seinem Stiefsohn zu. Es regnete nicht mehr; der Wind zerstreute die Regenwolken, und unter der schweren, im Frührot rosig schimmernden Wolkendecke glänzten matt die flachen Kuppeln der Wladimirkirche und des Glockenturmes, von dem am letzten Osterfest Senkas Mütze heruntergeflogen war. IV Die Tüllvorhänge verdeckten die Mauer gegenüber und den dumpfen Hof unten. Das Zimmer war so klein, daß das Bett und die alte Kommode darin kaum Platz hatten; beim Licht des ewigen Lämpchens krochen die Küchenschaben langsam über den heißen Ofen. Viktor hockte auf dem Schemel, den er sich aus der Küche geholt hatte, und sagte zu Jossif, der auf einem wackligen Stuhl am Fenster saß: »Du hast den Tag für deinen Besuch nicht sehr glücklich gewählt: die Wirtsleute haben Gesellschaft. Wollen wir vielleicht in die ›Donau‹ gehen?« »Es ist ganz gleich. Bleiben wir hier.« »Sie werden uns bitten, hinüberzukommen, und wir können ihnen nicht gut absagen.« »Nun, wir können ja auch zu ihnen hinübergehen. Warum bist du von uns fortgezogen, Viktor?« »Was soll ich darüber reden, wenn du es nicht von selbst verstehst? Du wirst natürlich nicht annehmen, daß es mir hier sehr gefällt, es muß aber vorläufig sein. Wir sind wie Wanderer: ist es nicht gleich, wo man Station macht und seinen Tee trinkt? Diese Leute sind jedenfalls viel besser als die Scheusale von Tante Nelli.« »Sag mal, Viktor: kommst du noch mit Fonwisin zusammen?« »Er ist verreist, kommt aber bald zurück. Vor seiner Abreise sah ich ihn oft.« »Ein merkwürdiger Mensch!« »Sprich lieber nicht von ihm, Joseph; man muß ihn sehr gut kennen, um ihn zu verstehen. Sag mir lieber, wie geht's zu Hause: zankst du dich nicht mit Jekaterina Petrowna, bist du glücklich, zufrieden?« »Ja. Mir scheint nur, daß sie mich jetzt weniger liebt.« »Bist du überzeugt, daß sie dich früher geliebt hat?« »Warum hat sie mich denn sonst geheiratet?« »Das ist eine ganz andere Frage; da war mehr die Rede von deiner Liebe. Aber ich will dir etwas sagen: wenn du einmal praktische Schwierigkeiten hast, so sag es nur mir. Außer dem seelischen Beistand, den du bei mir, Sonja und besonders Andrej Iwanowitsch finden kannst, habe ich noch ein Mittel, deiner Frau beizukommen.« »Du, Viktor?« »Ja, ich.« »Ich glaube nicht, daß es notwendig sein wird, außerordentliche Maßregeln zu ergreifen.« »Gebe Gott; aber denk daran.« An die Tür wurde erst leise, dann immer lauter geklopft. Jemand rief hartnäckig: »Ljuba, Ljuba, mach auf! Wen hast du bei dir?« Viktor ging zur Tür und sagte: »Die nächste Tür.« »Merci«, antwortete eine heisere Stimme. Gleich darauf hörte man das gleiche Klopfen und die gleichen Worte etwas weiter: »Ljuba, Ljuba!« »Wer ist das?« fragte Pardow. »Ein Gast der Nachbarin«, antwortete der Stiefsohn ruhig und zündete sich eine Zigarette an. Im Nebenzimmer erklang eine hohe Frauenstimme; der heisere Besucher fiel hier und da mit seinem Baß ein. Broskin klopfte an und kam herein, um Pardow und Viktor zu sich einzuladen; er roch nach Bier, aber im Halbdunkel, das im Zimmer herrschte, sah man nicht, wie zerknittert sein rundes Gesicht war, und der Sechsundzwanzigjährige schien jünger, als er in Wirklichkeit war. Er setzte sich auf Viktors Bett und fuhr fort, die jungen Leute zu bitten, ihm die Ehre zu erweisen. Jossif kannte aus den Erzählungen seines Stiefsohns die Lebensgeschichte Broskins. In Moskau geboren, trat er als lustiger und flinker Junge zu einem gewissen Kaufmann Sholtikow, der einen Handel mit alten Ikonen und anderen Antiquitäten betrieb, in die Lehre. Der verwitwete Sholtikow, der, schon grauhaarig, in zweiter Ehe eine blutjunge Frau geheiratet hatte, nahm den hübschen Sascha auf alle seine weiten Einkaufsreisen mit, und dieser wurde bald zu seiner rechten Hand, neben dem schieläugigen Ersten Gehilfen Sykow. Sholtikow sah ihm sogar seine Gelage und Bummeleien nach, für die er sich auf unbekannte Weise Geld verschaffte. Und als der alte Sholtikow gestorben war und die junge Witwe Sykow geheiratet hatte, behielt Broskin aus alter Verbundenheit seine Stellung, bis der Prozeß, den die Verwandten des Verstorbenen angestrengt hatten, ihn zwang, den dunklen Antiquitätenladen zu verlassen. Die junge Frau Sykowa wurde von der Anklage des Giftmords freigesprochen und führte das Geschäft mit ihrem neuen Gatten ruhig weiter, Sascha aber, der vor Gericht der Hauptzeuge gewesen war, verlor seine Stellung. Er heiratete gleich darauf eine gewisse Marja Iljinitschna, die Zimmer an leichtsinnige Mädchen vermietete, deren Oberaufseherin sie zugleich war, zog in ihr friedliches Heim und fing an, auf eigene Rechnung mit Ikonen zu handeln, die er Bekannten unter der Hand vermittelte. Die Ware erwarb er teils auf Reisen, teils verkaufte er das von Sholtikows Vorräten, das ihm auf irgendeine Weise verblieben war. Man erzählte sich noch manches von jener Zeit, wo Saschas Gesicht vom Trinken und den Weibern noch nicht gedunsen war und wo der kinderlose und lieblose Sholtikow mit Liebe an ihm hing; doch davon soll nicht die Rede sein: was die Menschen vor lauter Bosheit nicht alles schwatzen! Das alles ging Jossif durch den Kopf, während er die wolkenlose Stirn des ihm gegenüber sitzenden Broskin betrachtete; er selbst saß auf dem Ehrenplatz neben Viktor, irgendeinem alten Mann, der auf einem Ohr taub war, und Broskins Mutter, die in einer Generalsfamilie als Kinderfrau diente. Die übrigen Gäste, bis auf zwei Jungen, die aus Kronstadt gekommen waren, kannte Pardow schon von früher her: es waren Kudrjawzew, Linde und der Schnittwarenkommis. Zwischen ihnen thronte mit ihrem breiten, stark geschminkten Gesicht Iraïda. Die Gäste waren schon etwas angeheitert und sprachen laut und offenherzig, und die gesetzten Berichte der Generalskinderfrau über Saschas Kindheit, den Papagei und die Kinder des Generals klangen wie aus tiefem Wasser. Schon klimperten die Balalaikas, und die spitznasigen Jungen, die einander ähnlich sahen, flogen tanzend durchs Zimmer, so daß die Flammen der drei niedrig hängenden Lämpchen bebten, als vom Ofen her plötzlich Iraïda rief: »Wo bleiben deine Damen, Schurka? Sind sie alle beschäftigt?« Marja Iljinitschna fuchtelte mit den Händen und zeigte mit den Augen auf Jossif, Broskin sagte ihr aber: »Laß nur, Iljinitschna, die Gäste nehmen's nicht übel!« Er beugte sich über den Tisch zu Pardow und fragte: »Gestatten Sie, daß ich einen Zigeunerinnenchor kommen lasse? Sie werden sich anständig aufführen.« »Ja, bitte.« »Ich muß gehen!« sagte die Kinderfrau, die Nase rümpfend. »Mama, hören Sie auf, die Gäste nehmen es nicht übel: wir sind ja unter uns.« »Ich sage ja nichts, amüsiert euch nur, ich habe es weit – ich muß ja auf die Inseln.« Ihr folgte stumm der taube Greis. Die drei eintretenden Mädchen wurden mit lautem Jubel empfangen. Zwei von ihnen waren dick und trugen Morgenkleider, die die Arme frei ließen; die dritte war glattgekämmt in dunklem Rock und weißer Bluse. »Tanja, Ljuba und Werotschka: bitte sie zu lieben und zu schätzen!« stellte Broskin die Mädchen vor, die sich sittsam an den Tisch setzten. Die Stimmung wurde immer ausgelassener, und man hatte nicht mehr genug Platz zum Tanzen, da sich am Tisch vor dem Fenster eine Kartengesellschaft gebildet hatte. Die Tanzenden warfen die leeren Flaschen, die auf dem Boden standen, um, die Kanarienvögel erwachten und schmetterten, die Hälse reckend, drauflos. Sascha setzte sich auf eine niedrige Truhe, neben Jossif, der den Platz gewechselt hatte, umarmte ihn halb und begann ihm von seinen Reisen zu erzählen. Der benebelte Jossif sah vor sich fest verschlossene zweistöckige Bauernhäuser, hohe, bewaldete Hügel, die im Winter nicht zufrierenden Seen und Flüsse, vereinzelte Städte, Tolwui und Schunga. Tolwui und Schunga gehören zu den ältesten Siedlungen der Nowgoroder Rus im Onega-Gebiet. »Manchmal stößt man ganz zufällig auf die größten Seltenheiten. Einmal fand ich auf einem Glockenturm ein ganz wunderbares ›Jüngstes Gericht‹, das als Fensterladen diente. Verstehen denn die großrussischen Popen etwas davon? Sie halten die Sachen für Gerümpel, aber man möchte weinen, was für großartige Malerei, was für Heiligenporträts dabei sind! Zum Restaurieren schicken wir die Bilder nach Moskau auf den Preobrashenskoje-Friedhof ...« Auf diesem Friedhof hatte eine wohltätige Gemeinschaft der Altgläubigen oder Raskolniki ihren Sitz. Die Altgläubigen hatten sich Mitte des 17. Jahrhunderts nach der Kirchenreform in Rußland von der orthodoxen, ›rechtgläubigen‹ Kirche abgespaltet. »Kann es denn hier niemand machen?« »Wer? Höchstens der Tjulin, Aus der altgläubigen Familie Tjulin stammten berühmte Meister der Ikonenmalerei. Matwej hat aber schwache Augen, und er war auch in seinen jungen Jahren nicht sehr genau...« Die dicke Tanja hörte zu trinken auf, kam dicht an Pardow heran und sagte: »Täubchen, warum küssen Sie mich nicht?« »Geh fort, Luder! Konntest du keinen andern finden? Weißt du, wen du vor dir hast?« schrie Sascha sie an. Er umarmte Jossif und fügte hinzu: »Lassen Sie lieber mich Sie küssen!« »Sehr erfreut«, stammelte Jossif, während Broskin sich mit dem ganzen Körper an ihn schmiegte und ihn auf die Lippen küßte. Iraïda lachte gekünstelt und gellend auf und rief vom Kartentisch herüber: »Schurka, laß ihn in Ruhe! Du hast es nicht mit Sholtikow zu tun, da wirst du abblitzen!« »Iraïda Dmitrijewna, spielen Sie doch!« bestürmten sie die Partner, Broskin ging scheinbar völlig ruhig auf die Frau zu und sagte, jedes Wort laut betonend: »Wenn Sie nicht sofort weggehen, Iraïda Dmitrijewna, so werden Sie es bereuen!« Sie kniff ihre schmachtenden Augen zusammen und sagte: »Hat wohl gesessen? Bist ein Schuft, Schurka, daß du es weißt! Auf Wiedersehen, meine Herrschaften!« Mit diesen Worten verließ sie das Zimmer. Alles wurde auf einmal still: das Kartenspiel war abgebrochen, das letzte Bier ausgetrunken; die Fräulein hatten sich zurückgezogen, auch die Gäste gingen, und Viktor war irgendwohin verschwunden. Jossif saß unbeweglich auf der Truhe und sagte: »Sascha, du weißt gar nicht, wie unglücklich ich bin: ich liebe meine Frau von ganzem Herzen, sie aber, sie aber...« Er kam nicht weiter. »Sie will nicht mit dir zusammensein, nicht wahr?« flüsterte jener liebevoll. Pardow nickte und fuhr fort: »Ich habe jeden Halt verloren; als ich noch bei Tantchen lebte, wußte ich alles, jetzt aber fühle ich mich wie auf dem Meer; Sonja, Viktor, Andrej Iwanowitsch, alle haben mich verlassen, ich bin ganz allein, meine Frau liebt mich nicht, und ich kann nicht...« Sascha flüsterte, ohne die Lider zu bewegen: »Was soll ich dir sagen: spuck auf sie alle! Das sage ich dir...« »Nimm mich mit nach Nishni, Powenez, in irgendeine Einsiedelei, wenigstens für acht Tage, mein Lieber...« »Das läßt sich wohl machen, aber vor allen Dingen, nimm es nicht schwer! Ich werde dich rausholen, ich will ›deine Seele aus dem Kerker befreien‹.« »Ach, wenigstens für eine Woche, ich bitte dich!« Sascha roch nach Bier, hatte Aufstoßen und schlief beinahe ein. Marja Iljinitschna trat ins Zimmer und begann sofort hysterisch zu reden: »Verzeihen Sie uns, verzeihen Sie uns! Sie sind uns wie der liebe Gott, ich küsse Ihre Hände« – und sie küßte ihm tatsächlich die Hände –, »weil Sie zu uns gekommen sind, obwohl Sie wußten, was Schura ist und was ich bin. Ich weiß, Sie sind ein sittsamer, verheirateter Mann, ein Adliger, und Sie sind aus Herzensgüte zu uns gekommen. Schurka hat mit alledem nichts zu tun. Ich betreibe dieses Geschäft, damit mein Sanja sorglos leben kann. Es ist ja nicht für immer. Wenn wir auf die Beine kommen, geben wir diese Wohnung auf, ziehen in die Provinz und fangen einen Handel an, wir gehen nicht verloren, einstweilen aber verzeihen Sie uns!« Sascha war plötzlich eingeschlafen. Sein Kopf ruhte auf Jossifs Knien, und er knirschte mit den Zähnen. Die Frau sorgte sich: »Sanja, was hast du? Leg dich doch aufs Bett!« Broskin antwortete, ohne die Augen zu öffnen: »Ich schlafe nicht, ich habe Besuch: es ist mein Freund Jossif Grigorjewitsch.« »Er wird sich auch hinlegen, leg dich! Legen Sie sich für einen Augenblick hin«, wandte sie sich an Jossif, »er wird gleich einschlafen.« Sie schob schnell zwei von den vier großen Kopfkissen zur Wand, Jossif legte sich nieder und sah wie durch eine Rauchwolke, wie Saschas ermatteter, weißer, trunkener Körper sich neben ihm aufs Bett wälzte. Er hielt Jossifs Hand fest in der seinigen und knirschte ab und zu mit den Zähnen. In der Küche suchte jemand seinen Geldbeutel und machte dabei großen Lärm. Die Iljinitschna eilte hinaus, und Jossif hörte undeutlich das Zuschlagen von Türen, Schritte und Schreie fern auf dem Hof. »Er hat sie erstochen! Sie atmet nicht mehr!« schrie das Dienstmädchen im Korridor. »Hausmeister! Hausmeister!« Wieder begann ein Türenschlagen, Schreien und Rennen. Sascha schlief, die ewigen Lämpchen flackerten: im Fenster gegenüber wurde eine Lampe mit grünem Schirm angezündet, und zwei Menschen setzten sich an einen Tisch und schrieben. Dort war es so still, ruhig und keusch! Die Hausfrau kam zurück, schob ein paar Stühle vors Bett, nahm eines von den Kissen und legte sich neben ihren Mann auf die andere Seite. »Wen hat man bei Ihnen erstochen?« fragte Jossif leise. »Niemand hat man erstochen, es ist der Nataschka nur so vorgekommen. Glück hat diese Tanka: einmal hat man sie im Bad beinahe ersäuft, ein andermal stieß sie ein Seefähnrich mit seinem Dolch in den Bauch, und heute hätte sie ein Deutscher um ein Haar erstochen. Ist sonst ein gutes Mädel, aber auf die Männer gar zu versessen. Auch mein Sascha gefiel ihr zu gut, da bekam sie es aber mit mir zu tun, hat heute noch kahle Stellen auf dem Kopf. Jetzt wagt sie kaum, sich neben ihn zu setzen...« Und Marja Iljinitschna sprach wieder ungereimt, aber innig von ihrer Liebe zu ihrem Mann; dann schlief sie ein. Die ewigen Lämpchen flackerten, die Lampe gegenüber leuchtete grün. Wie fern waren jetzt Sonja, Ljolja, Adventow, die liebe Katja, wie zärtlich war sie im Sommer, wie warm waren ihre Arme, ihre Brust! Jossif setzte sich auf; Saschas Hand, die ihn festhielt, war warm und feucht. Pardow berührte leise die Brust und die Arme des Schlafenden; sie waren warm, beinahe heiß unter dem Kattunhemd. Broskins Gesicht war eingefallen, seine Stirn schweißbedeckt, der Mund stand offen, er roch nach Bier; Marja Iljinitschna schnarchte leise. Wie widerlich sind doch schlafende Menschen! Sascha erwachte, sah in Jossifs offene Augen, flüsterte: »Das wachende Auge unseres Heilands und Herrn!«, und schlief wieder ein. Als Pardow seine Hand befreien wollte, kratzte ihn der Schlafende und versuchte zu beißen. Plötzlich schrie jemand mit gellender Stimme: »Andrej! Andrej!« Und verstummte. Jossif löste mit der freien Hand Broskins Finger, sprang über die beiden Schlafenden hinweg und ging in die Küche. Aus dem Korridor kam Ljuba und wandte sich direkt an ihn: »Wo ist Andrej Iwanowitsch? Ich brauche ihn wie das Leben!« »Auch ich brauche ihn wie das Leben: er allein kann uns retten!« »Seine Frau wird kommen. Heilige Himmelskönigin, richte es so ein, daß sie nicht kommt!« Jossif rief, ohne auf sie zu hören: »Er wird uns retten, Andrej Fonwisin wird uns retten!« »Ja, ja, Warysin! Andrjuscha, Liebster!« Dann fügte sie ruhig hinzu: »Ist in der Stube kein Bier mehr?« »Ich weiß es nicht.« »Was sollen wir nun anfangen?!« sagte Ljuba tief betrübt und ließ sich, trunkene Tränen vergießend, auf dem Küchenschemel nieder. V Die Herbstsonne strahlte vom frühen Morgen an und ließ die roten Stühle noch röter erscheinen. Jekaterina Petrowna achtete aber nicht auf die Sonne: so sehr regte sie die Unterredung mit Tante Nelli und Pjotr Pawlowitsch auf. Auch die Gäste waren erregt, aber doch nicht so stark und in anderem Sinne als die Hausfrau: sie waren von den Worten Jekaterina Petrownas beunruhigt, die diese selbst kalt ließen, während ein anderer, unausgesprochener Gedanke in ihrem Hirn bohrte. Das Sonnenlicht fiel an den Köpfen vorbei auf die roten Möbelbezüge, brach sich im geschliffenen Rahmen eines fernen Spiegels und lockte ins Freie. Jekaterina Petrowna sprach so, als ob ihr die Lippen brannten, und brachte ganz andere Worte hervor, als sie wollte. Nelli reckte ihren üppigen, enggeschnürten Busen, und Pjotr Pawlowitsch, der noch ausgemergelter aussah als sonst, hatte einen zärtlichen und gerührten Ausdruck. Frau Pardowa senkte ihr mit roten Flecken bedecktes Gesicht und fuhr fort: »Ich weiß es nicht; ich fürchte mich zu irren, urteilen Sie aber selbst: mein Mann hat außer der ersten keine einzige Versammlung besucht. Ich sehe, wie gefühllos er geworden ist – Sie verzeihen, er ist ein Verwandter von Ihnen, aber er ist ja auch mir kein Fremder.« »Sie glauben, daß er erkaltet ist, erloschen?« »Wenn es nur das wäre, aber ob er überhaupt je gebrannt hat? Sie glauben gar nicht, wie sehr mich das betrübt, ich bin der Gemeinde ja so ergeben! Es ist nicht Sitte, von sich selbst so zu sprechen, aber es ist wahr; mein Herz reißt entzwei!...« Und sie drückte die Hand an die linke Seite des enganliegenden schwarzen Mieders. »Sie Ärmste!« flüsterte Pjotr Pawlowitsch voller Mitgefühl. »Um so mehr, als ich selbst zum Teil schuld bin...« »Sie, ma chère ? Sagen Sie das nicht: Sie verleumden sich selbst!« »Nein, nein! Sie wissen, ich habe einen Sohn, Viktor.« »Ja, ja: ein seltsamer Junge.« »Ein ganz und gar verlorenes Wesen. Ich habe mich von ihm trennen müssen, um Jossif zu behüten, und nun fürchte ich, daß ich damit die Sache verdorben habe, denn Joseph verbringt jetzt ganze Tage bei ihm, und ich weiß nicht, was sie dort treiben. Ich kann ihn ja nicht kontrollieren, Sie verstehen?« »Sie haben sehr unüberlegt gehandelt.« »Das sehe ich selbst ein, daß es unüberlegt war.« Pjotr Pawlowitsch sagte gerührt: »Vielleicht ist es aber möglich, nicht nur Ihren Gatten wiederzugewinnen, sondern auch den verlorenen Sohn zu bekehren?« Frau Pardowa schüttelte zweifelnd den Kopf. »Ich glaube kaum! Aber ich will noch einen letzten Versuch machen. Sie wissen, ich bin für die Brüder zu jedem Opfer bereit; wenn ich Geld hätte, würde ich alles der Gemeinde geben.« Nelli blickte Katja, als diese verstummt war, fragend an und sagte etwas trocken: »Das macht Ihrem Eifer große Ehre.« »Wie schön wäre es, wenn dies in Erfüllung ginge: viele Mitglieder leiden so große Not!« versetzte Pjotr Pawlowitsch mit besonders frommer Miene. Die Hausfrau streifte ihn mit einem schnellen Blick und sagte: »Was soll man noch darüber sprechen? Sie wissen ja, daß ich persönlich nicht einen Groschen besitze. Mir macht aber auch noch etwas anderes Angst. Es ist Josephs Krankheit (Sie wissen natürlich davon), sie wird immer schlimmer, und ich fürchte...« »Daß er sie nicht übersteht? Sie haben sich doch an einen Arzt gewandt?« »Selbstverständlich. Alles ist in Gottes Hand: wenn es mir beschieden ist, Witwe zu werden, so wird es wohl eine Prüfung sein, eine schwere Prüfung, aber ich werde sie bestehen. Ich befürchte aber etwas Schlimmeres.« Und sie drückte ihr Tuch an die Augen, als ob sie einen Tränenstrom zurückhalten wollte. Die Gäste wechselten besorgte Blicke, und Pjotr Pawlowitsch sagte ermutigend: »Verzagen Sie nicht, liebste Jekaterina Petrowna: es gibt nichts, was eine Christin in Verzweiflung stürzen könnte!« »Was befürchten Sie denn, Liebste?« fragte Nelli, näher an sie heranrückend. Sie stieß hervor, ohne das Tuch von den Augen zu nehmen: »Ich fürchte, daß Joseph, auch wenn er am Leben bleibt, nicht mehr zu den vernünftig Denkenden zählen wird!« »Sie fürchten für seinen Verstand?« »Ja, das ist es! Ich frage mich sogar, ob er nicht schon etwas gemütskrank ist.« Tante Nelli ließ ihren Busen erzittern und rief aus: »Gott ist barmherzig! Machen Sie sich keine solchen Gedanken.« »Ich wäre froh, wenn ich nicht daran zu denken brauchte, aber ich muß.« »Und machen Sie sich keine Sorgen, wir wollen uns um alles kümmern und werden Sie nicht im Stich lassen.« Die Hausfrau bedankte sich nicht einmal bei den Gästen für das Mitgefühl, sie machte einen sehr bekümmerten Eindruck. Jekaterina Petrowna machte sich das Gesicht frisch, zog ein bescheidenes Kleid an, setzte einen Hut mit langem Schleier auf und wollte gerade das Haus verlassen, als das Dienstmädchen Fräulein Dmitrewskaja meldete. Ljolja, die gleich nach dem Dienstmädchen ins Zimmer trat, war blasser als sonst und schien enttäuscht. »Ach, Katja, du gehst aus, und ich muß dich so dringend sprechen!« »Bitte sehr, Ljolja, für dich finde ich immer Zeit.« Die Hausfrau warf einen Blick auf ihre kleine Uhr, die an einer dreifachen Kette hing, und fügte geschäftig hinzu: »Bis halb sechs, bis fünf stehe ich dir zur Verfügung, aber wir wollen wenigstens in den Sommergarten fahren, solange die Sonne scheint, dort wird uns niemand stören. Oder willst du vielleicht eine Tasse Tee?« »Nein, ich möchte keinen Tee, fahren wir.« Das Fräulein begann schon in der Droschke: »Wunderst du dich gar nicht, daß ich mich nicht an Sonja oder sonst jemand, sondern an dich wende?« »Nein, bin ich denn nicht auch deine Freundin?« Ljolja stemmte den Ellenbogen gegen die Brust Katjas und begann von neuem: »Du mußt mir in meiner schwierigen Lage helfen und mir das Geständnis erleichtern.« »Ja, ja!« »Hat dir vielleicht schon Sonja von mir und Sergej Pawlowitsch erzählt?« »In Andeutungen, aber es ist ganz gleich, ich verstehe alles.« Sie stiegen aus der Droschke und gingen langsam durch die leere Allee. Als Katja sah, daß das junge Mädchen in ihrem Geständnis nicht fortfahren wollte, begann sie selbst: »Ljolja, wenn du meine Hilfe willst, mußt du mir alles sagen.« »Ja, ich will Hilfe und keine Rettung, Glück und keine Heiligkeit, verstehst du, Glück! Darum wende ich mich auch an dich.« Ljolja setzte sich auf eine Bank, schmiegte sich an Jekaterina Petrownas Schulter und verstummte wie ohnmächtig. Nun eröffnete jene selbst die Beichte, behutsam an die Herzenswunden des jungen Mädchens rührend: »Hast du ihn sehr lieb?« »Ja, ja, ja!« rief Ljolja bekümmert aus. »Und er?« »Was?« »Liebt er dich?« »Ich weiß es nicht«, antwortete das Fräulein kaum hörbar, das Gesicht neigend. »Wieso weißt du es nicht? Hat er dir nichts gesagt, nichts angedeutet?« »Angedeutet.« »Hat er dich geküßt?« »Nein, geküßt hat er mich nicht! Nein, nein!« »Aber du fühlst, du glaubst, daß er dich liebt?« »Ich weiß nicht, ich weiß gar nichts, begreif doch, Katja!« »Ljolja, sei mir nicht böse, wenn ich mit dir sehr direkt rede. Was ich dir sagen werde, kann dir roh erscheinen, aber das kommt, weil ich dir helfen und dich nicht bloß mit schönen Worten beruhigen will.« »Ja, ja, gewiß... Sprich es nur...« »Ich werde dich fragen und nur dann etwas sagen, wenn du selbst nicht antworten kannst. Was willst du eigentlich? Daß er dir gehört, nur dir allein, daß dich keine Eifersucht quält, daß du seiner sicher bist und ihn allein besitzt.« Ljolja schwieg. »Oder ist es nicht so? Ohne Eifersucht, ohne den Wunsch zu herrschen, willst du nur, daß er dich liebt und daß du es weißt?« »So ungefähr, aber auch noch nicht ganz.« »Aber in jedem Fall strebst du nicht allein nach geistiger Gemeinschaft?« »Ja«, hauchte das Mädchen kaum hörbar. »Du vertraust mir doch?« fragte die Ältere streng. »Würde ich denn sonst mit dir darüber sprechen? Ich glaube, daß du es bewirken kannst, und bitte dich nur, es zu wollen.« Katja seufzte auf. »Du kränkst mich, Ljolja! Glaubst du denn wirklich, daß ich fähig wäre, nicht dein Bestes zu wollen? Hör auf! Du vertraust mir, und ich sage dir – alles wird gut werden, alles wird, wie wir beide es wollen!« Sie küßte Ljolja, die immer noch gebeugt saß, und erhob sich, als hielte sie das Gespräch für beendet. Vor der Pantelejmon-Brücke sah sie auf ihre Uhr und sagte: »Jetzt muß ich dich verlassen, morgen früh komme ich zu dir, wir haben noch vieles zu besprechen.« Sie fühlte, wie Ljolja, die sich auf ihren Arm stützte, plötzlich erbebte und sich wie eine Saite spannte, und blieb stehen. Das Fräulein streckte die Hand aus und sagte: »Nein, es wird nichts daraus, es wird nichts daraus!« Über das Marsfeld fuhr eine Droschke, in der man das dunkle Profil Adventows und daneben eine breite, flache Studentenmütze erkennen konnte. Frau Pardowa sah sich nach allen Seiten um und sagte: »Sei still, Ljolja, beruhige dich, morgen komme ich zu dir.« Ljolja weinte nur; Jekaterina Petrowna half der Weinenden in eine Droschke, deren Nummer sie sich aufschrieb, stieg auch selbst in einen Wagen und fuhr in die Neue Gasse. Unterwegs sah sie einigemal auf die Uhr und trieb den Kutscher zur Eile an; um so mehr mußte es auffallen, daß sie, als sie am Ziel war, weder hastig zahlte, noch ehe der Wagen hielt, noch die Treppe atemlos, den Mantel im Laufen aufknöpfend, hinaufrannte: vielmehr bezahlte sie den Kutscher sehr bedächtig, holte aus der Tasche einen Zettel, verglich die darauf notierte Hausnummer mit der auf dem Haustor angebrachten, legte ihren ohnehin dichten Schleier doppelt zusammen, ging zweimal bis zur nächsten Straßenecke und klingelte schließlich mit großer Sicherheit nach dem Portier des Nebenhauses. Es war der ziemlich schmutzige Eingang zu einem obskuren Hotel. Ein fauler, verschlagener Bursche in ärmelloser Joppe blickte die Besucherin fragend an; sie erkundigte sich leise: »Ist der Herr auf Nummer 37 schon da?« »Gewiß; er erwartet Sie, treten Sie ein.« Er lief durch den finsteren Korridor mit der qualmenden Lampe voraus und bemühte sich, das Gesicht der Dame durch den dichten Schleier zu erkennen. Auf das Klopfen tönte es: »Ich bitte!« An einem runden Tisch stand ein Mann mit breitem, weißem, etwas zerknittertem Gesicht. Wir würden in ihm unschwer Broskin erkennen, Jekaterina Petrowna aber kannte oder erkannte ihn nicht, denn sie ging einige Schritte auf ihn zu und fragte: »Broskin, Alexander Alexejewitsch?« »Der bin ich«, entgegnete jener schnell. Jekaterina Petrowna entledigte sich der Handschuhe und des Mantels, den Broskin schnell an den Kleiderhaken hängte, behielt aber den Hut auf und lüftete nicht einmal den Schleier. »Wollen wir Platz nehmen«, sagte sie, sich auf das Sofa setzend. »Es kommt doch niemand herein?« Sascha drehte lächelnd den Schlüssel in der Tür um und setzte sich auf das Sofa dicht neben Jekaterina Petrowna. »Sie brauchen weder zu wissen, wer ich bin, noch mein Gesicht zu sehen. Ich will Ihnen sagen, was ich von Ihnen wünsche, und bin überzeugt, daß wir uns verstehen werden. Die Sache hat für uns beide Vorteile.« Sascha schwieg und starrte die Unbekannte an. Diese fuhr mit ruhiger Stimme fort: »Was ich Ihnen sagen werde, geht weder Sie noch mich, sondern eine Person an, mit der Sie nicht schlecht stehen und an deren Schicksal gewisse Menschen, die mir nahe sind, Interesse haben. Ich spreche von Viktor Michailowitsch Oserow, den Sie gut kennen. Sehen Sie, er besitzt Papiere, die für ihn sehr gefährlich werden können. Die Papiere gehören nicht ihm, sondern Leuten, die keinerlei Nachsicht verdienen, die niedrig und vielleicht verbrecherisch sind. Sie werden keine Bedenken haben, Oserow bei Gelegenheit zu verraten, durch diese Dokumente ist er ganz in ihrer Gewalt.« »Er kann doch die Papiere vernichten oder zurückgeben?« »Sie sind ihm zur Aufbewahrung anvertraut worden, und er will nicht als Feigling dastehen.« »So, so. Was wünschen Sie also von mir?« »Ich möchte, daß Viktor Michailowitsch vor Erpressungen und andererseits auch vor der Polizei sicher ist.« »Mit anderen Worten, Sie wünschen, daß sich die Papiere nicht bei ihm befinden?« »Das ist es, Sie haben meine Gedanken richtig erraten.« »Ich will es ganz einfach sagen, meine Dame: Sie möchten, daß ich Viktor Michailowitsch diese Papiere stehle und Ihnen übergebe?« »Wozu solche Ausdrücke! Aber im Grunde genommen wünsche ich natürlich, daß die Papiere sich bei mir befinden oder daß ich wenigstens weiß, wo sie sind.« »Sie sind doch bei Viktor Michailowitsch, wie Sie selbst gesagt haben!« »Ja, aber wo: trägt er sie bei sich oder hält er sie irgendwo verschlossen?« Sascha blickte sie prüfend an und sagte: »Das ist eine sehr schwierige Sache, meine Dame.« »Das heißt, Sie wollen eine ordentliche Bezahlung? Sagen Sie ganz offen, wieviel?« Broskin sagte es. »Hören Sie, bedenken Sie, was Sie sagen! Ihre Forderung ist unerhört. Ich könnte es auch auf anderem Wege erfahren, ich dachte mir, daß es über Sie leichter sein würde.« Katja erhob sich und begann auf dem ausgetretenen Teppich auf und ab zu gehen. »Warum sind Sie so aufgebracht, Jekaterina Petrowna, es ist doch keine Sünde, seine Forderung zu nennen.« Die Dame blieb stehen. »Meinen Sie mich? Wo haben Sie die Jekaterina Petrowna her?« »Wozu diese Kunststücke? Sie sind doch Viktor Michailowitschs Mama?« Durch den Schleier konnte man nicht sehen, wie blaß Jekaterina Petrowna plötzlich geworden war. Sie lächelte und sagte neckisch: »Sie schmeicheln mir wirklich nicht! Halten Sie mich denn für so alt? Beruhigen Sie sich, ich bin nicht die Frau Pardowa und kenne sie nicht einmal. Mich hat Sofja Karlowna Dreistück hergeschickt; vielleicht ist Ihnen auch dieser Name nicht unbekannt?« Sascha schwieg. Jekaterina Petrowna setzte sich wieder hin, legte ihre Hand ohne Handschuh auf seinen Arm und begann: »Wir wollen vernünftig sprechen. Die Personen, die an dieser Sache interessiert sind, können Ihnen die Summe, die Sie verlangen, nicht geben. Ich möchte ihnen aber so gern helfen, daß ich imstande wäre, Ihnen auch meinerseits etwas anzubieten. Irgend etwas. Natürlich kein Geld, wo sollte ich es hernehmen. Vielleicht könnte ich mich für Sie irgendwo verwenden, was weiß ich?« Sie rückte näher an ihn heran und blickte ihm, unzweideutig lächelnd, ins Gesicht. Sascha zeigte mit den Augen auf das elektrische Licht. Katja nickte kaum merklich, und einen Augenblick später war es dunkel. Als er sie aber umarmte, flüsterte die Pardowa ihrem Kavalier doch zu: »Was tun Sie, lassen Sie mich, ich bin nicht dazu hergekommen!« Aber sie rührte sich nicht. Broskin sprach kein Wort und atmete schwer. Katja war sogar gesprächiger als er: zwischen den Seufzern hauchte sie ab und zu: »Lieber Sascha! Lieber!« Als das Licht wieder brannte, fragte Broskin, der mit einer Zigarette im Mund an der Tür stand, mit einem Lächeln: »Sie sind also nicht Viktor Michailowitschs Mama?« Katja brachte vor dem trüben Spiegel ihren Hut in Ordnung und sagte nichts. Sascha fuhr fort: »Uns kann es ja auch gleich sein, ob Sie seine Mama sind oder nicht. Viel Glück!« Mit diesen Worten verließ er das Zimmer. VI Nach einigen Tagen erhielt Jekaterina Petrowna durch einen geheimnisvollen Boten einen nicht weniger geheimnisvollen Zettel, auf dem nur drei Worte standen: ›Stets mit Dir‹, worauf sie ebenso lakonisch antwortete: ›In einer Woche‹. Den Schreibern beider Zettel waren nicht nur diese Worte gleichermaßen verständlich, auch die Gefühle, die sie während des Schreibens beseelten, glichen sich wohl, denn auf ihren breiten und gar nicht dummen Gesichtern spielte das gleiche Lächeln von Menschen, die an einer geschickt eingefädelten und riskanten Sache beteiligt sind. Keiner von beiden hielt sich für betrogen, sogar ganz im Gegenteil, und diese Gewißheit brachte sie einander noch näher. Viktor wunderte sich nicht, als Broskin anfing, noch freundlicher zu werden, öfter zu ihm ins Zimmer zu kommen und ihn zärtlich, gleichsam betastend, zu umarmen. Da Jossif ganze Tage bei seinem Stiefsohn verbrachte, erstreckte sich diese Zärtlichkeit auch auf ihn, wenngleich in etwas anderer Form. Sascha starrte den Gast lange mit vor Trunksucht wahnsinnig scheinenden Augen an, ohne zu zwinkern, sagte etwas leise mit heiserer Stimme, dann plötzlich schüttelte er seine noch nicht schütteren Locken, stand auf und ging hinaus. Einem Unbeteiligten mußten diese drei Gesichter, die durch irgend etwas Gemeinsames verbunden waren, höchst seltsam erscheinen: das Gesicht mit der Stupsnase und den grünen Schielaugen unter dem rotblonden Schopf, das sonnige Antlitz eines nicht mehr jungen Zarenpagen und die gutmütige, verwirrte, rassige Physiognomie des dritten. Sascha sagte eines Tages: »Viktor Michailowitsch, wollen Sie mir einen großen Gefallen erweisen?« »Sehr gern; was soll ich tun?« »Könnten Sie nicht zu den Sykows gehen, eine gewisse Ikone anschauen und, falls sie gut ist, kaufen? Das Geld dazu gebe ich Ihnen mit.« Viktor antwortete lächelnd: »Ich bin gewohnt, Sie für einen vernünftig denkenden Menschen zu halten, Alexander Alexejewitsch; was verstehe ich von Ikonen? Ich weiß, daß Sie selbst nicht gut zu den Sykows gehen können, wollen Sie aber nicht jemand hinschicken, der von der Sache etwas versteht?« »Damit er das Bild sieht und mir das Geschäft verdirbt, nicht wahr? Ich bin durchaus nicht so unvernünftig, wie Sie glauben. Das Bild befindet sich nicht im Laden – was sie im Laden haben, ist Dreck –, sondern in der Wohnung, und ich kenne es gut: es ist ein ›Brennender Dornbusch‹. Sie haben aber zwei Bilder mit dieser Darstellung: das eine ist acht und das andere sechs Werschok Ein Werschok sind 4,4 cm. hoch, kaufen Sie mir das kleinere, das größere ist gar nichts wert. Des Anstands wegen schauen Sie aber alle Bilder an und verhandeln Sie ruhig, ohne Übereilung, als ob Sie das Bild gar nicht so dringend brauchten. Bis fünfhundert Rubel können Sie gehen. Sie wissen wohl, wie so ein ›Brennender Dornbusch‹ aussieht? Der ›Brennende‹ – das ist der mit dem Leiterchen.« Die Muttergottes auf dieser Ikone wurde oft mit einer Leiter auf dem rechten Arm dargestellt. »Ich kenne es, Tantchen hatte auch so ein Bild. Willst du, daß ich mit dir gehe?« schlug Jossif vor. »Das ist ja prachtvoll! Was könnte besser sein?« rief Sascha erfreut aus. Ein paar Tage später läuteten die beiden jungen Leute an einer Wohnung in einem bescheidenen Treppenaufgang. An der Tür war keinerlei Namensschild angebracht. Erst nach dem dritten Läuten wurden die Besucher von drinnen nach ihrem Anliegen gefragt, die Tür ging, von einer Kette zurückgehalten, ein klein wenig auf, ließ einen Schwaden von Fastenöl entweichen (es war ein Mittwoch) und wurde wieder zugeschlagen. »Man hat anscheinend nicht die Absicht, uns hereinzulassen«, sagte Viktor ungeduldig. »Warten wir noch ein wenig, ich glaube, jemand kommt.« Wieder näherten sich Schritte, und ein barfüßiger Bursche ließ die Gäste in ein überheiztes Vorzimmer eintreten. Ohne ihnen aus den Mänteln zu helfen, geleitete er sie ins Zimmer und sagte: »Olga Iwanowna kommt gleich, sie hat Sie erwartet.« »Das ist ja ganz neu! Wer kann uns hier erwartet haben?« sagte Viktor, die roten Samtmöbel, die Öldrucke an den Wänden und die Läufer auf den glänzenden Dielen musternd. Zwei Türen waren fest verschlossen, und ihre geputzten Messingklinken funkelten. Im Nebenzimmer tickten laut mehrere Uhren, und schließlich ertönten in Abständen drei verschiedene Schlagwerke. »Haben die ein Uhrengeschäft? Ich habe das langsam satt! Hören Sie, sind die Herrschaften nun zu Hause oder nicht?!« Der Bursche von vorhin steckte seinen Kopf augenblicklich zur Tür herein, als hätte er draußen gelauert, und flüsterte: »Warten Sie noch, sie kommt gleich.« Und er verschwand lautlos. Im gleichen Augenblick erschien durch die andere Türe eine hochgewachsene, korpulente Frau im offenen Morgenrock; sie hielt ein kleines rotes Seidentuch auf den Schultern fest, das immer herunterrutschen wollte und den Hals und einen Teil der Brust offen ließ. Sofort fing sie leise und in singendem Tonfall zu reden an: »Guten Tag, meine Herren, Sie haben aber gestern kommen sollen; Fjokluscha hat es mir schon längst gesagt, ich habe gewartet. Heute habe ich schon gar nicht mehr gedacht, daß Sie kommen könnten, und bin ein wenig eingeschlafen. Nun, wie war die Reise? Guten Tag, Andrjuscha, mein Lieber... Ach!« schrie sie plötzlich auf, ganz nahe an Jossif herantretend und ihn mit ihren hervorstehenden, kurzsichtigen Augen anstarrend: »Was ist denn das? Wer sind Sie... Herr Jesus! Stepan! Stepan!« Das rote Tuch fiel ganz zu Boden, und die Frau bemühte sich, mit ihren vollen Armen Hals und Brust zu schützen. »Entschuldigen Sie, es liegt wohl eine Verwechslung vor. Wir wollten in einer geschäftlichen Angelegenheit zu Ihnen, wir möchten eine Ikone kaufen, sind aber anscheinend zur ungelegenen Zeit gekommen. Entschuldigen Sie, wir kommen ein anderes Mal, wenn Herr Sykow zu Hause ist.« Olga Iwanowna hatte schon das Tuch vom Boden aufgehoben und befragte verzweifelt und ungeschickt den wiedererschienenen barfüßigen Burschen mit den Augen, was sie nun tun solle. »Was für eine Ikone?... Das ist im Laden, bei Jakow Sacharytsch... Ich weiß von nichts...« »Wenn Sie eine Ikone wollen, so müssen Sie sich auf den Sagorodny-Prospekt bemühen«, bestätigte der Bursche. »Nein, man sagte uns, das Bild befinde sich in der Wohnung und nicht im Laden.« »Gestatten Sie die Frage: wer hat es Ihnen gesagt?« »Das ist ja ganz gleich, jedenfalls wurde es uns gesagt.« Hinter der anderen Tür ertönte ein Zischen, diesmal war es aber keine Uhr. Olga Iwanowna horchte und fragte: »Hat Sacharytsch dir etwas gesagt? Ich weiß von nichts... Wer sind Sie eigentlich? Ich kann es gar nicht fassen... Wer hat Sie hergeschickt?« »Wir heißen Viktor Michailowitsch Oserow und Jossif Grigorjewitsch Pardow«, sagte Jossif. Die Frau wiederholte, wie wenn sie sich an etwas erinnern wollte. »Pardow... Pardow... Mein Gott, wo habe ich den Namen gehört? Sie hob den Blick und fragte unsicher: »Entschuldigen Sie, hat man nicht im vergangenen Jahr Ihr Tantchen ermordet?« »Ja, dieses Unglück hat sich bei uns ereignet.« Die Frau fing plötzlich unpassenderweise zu strahlen an und rief aus: »Das ist ja herrlich! Das ist ja wunderschön! Ich kenne Sie also, ich habe viel von Ihnen gehört.« »Von wem denn?« »Von Parfens Marina, Sie erinnern sich doch noch an sie? Wie froh wäre sie, Sie zu sehen, mit Ihnen zu sprechen! Sie sind ja aus der gleichen Gegend, auch ihr ist dort ein Unglück zugestoßen...« »Wo ist sie denn? Ich würde sie auch gern wiedersehen.« Olga Iwanowna lächelte fröhlich und sagte: »Wo sie ist? Marina! Marinuschka! Komm her: es ist ein Bekannter da!« Sie wandte sich an Jossif und fuhr fort: »Sie wohnt bei uns, Parfen ist mein Bruder und Marina meine Nichte, so sind wir also miteinander bekannt. Trinken Sie eine Tasse Tee mit uns, warten Sie; wenn die Burschen zum Mittagessen kommen, will ich ihnen sagen, daß sie Jakow Sacharytsch benachrichtigen: er wird sofort erscheinen, und Sie können mit ihm vom Geschäft sprechen. Inzwischen können wir uns doch ein wenig unterhalten. Ja, wo ist denn Marina? Stepan, mach schnell Tee!« »Sofort!« tönte Stepans Stimme aus der Küche. Durch die Tür kam hüpfend und trippelnd ein kleines Wesen in grellem Kleid und einem Tuch über der kokett zerzausten Frisur. Das Wesen zischte, fuchtelte grüßend mit den kleinen Händen, tänzelte und knickste. ›Hat sich denn Marina so verändert?‹ fragte, sich Pardow, die Hausfrau unterbrach aber seine Gedanken und erklärte: »Das ist Fjokluscha, unsere Verwandte, habe die Ehre vorzustellen. Geh, meine Liebe, bereite etwas zum Tee vor, die Gäste bleiben da. Vergiß nicht, Madeira zu holen.« Fjokluscha zeigte die Zähne und zischte etwas, worauf Olga Iwanowna erwiderte: »Das hat Zeit, es macht nichts.« »Ist sie stumm?« fragte Jossif, als Fjokluscha hinausgegangen war. »Stumm? Nein; sie hat irgendwie ein Loch im Gaumen, darum zischt sie so und kann die meisten Buchstaben nicht aussprechen; wir verstehen sie aber. Der Arzt sagt, daß man sie heilen kann, dann verheiraten wir sie sofort nach Moskau: wir haben dort schon einen Bräutigam bereit.« Viktor fing laut zu lachen an; der Stiefvater sah ihn streng an, aber auch die Hausfrau selbst lachte mit hoher Stimme mit und sagte: »Ja, lachen Sie nur! Versuchen Sie nur nicht, sie dem Bräutigam abspenstig zu machen; das geht leicht, und Fjokluscha ist eine reiche Partie!« Und sie fing wieder zu lachen an. Dann verstummte sie; erhob sich, verneigte sich artig und sagte: »Ich bitte recht schön zum Tee!« »Wir wollen Ihnen doch keine Umstände machen«, begann Jossif, aber sie verbeugte sich erneut und wiederholte: »Wir bitten recht schön, schlagen Sie es uns nicht ab!« Im Eßzimmer war noch nicht alles fertig, Fjokla und Stepan rannten hin und her und brachten Flaschen und Teller mit Hering, Pilzen, Fruchtkonfekt und Pfefferkuchen herbei. Olga Iwanowna warf einen Blick auf den Tisch, forderte die Gäste auf, Platz zu nehmen, und schickte Stepan hinaus, damit er Marina rufe. Sie aßen und tranken, die Hausfrau schenkte den Gästen und Fjokluscha immer wieder Wein ein, vergaß auch sich selbst nicht, schwatzte und lachte. Sie war um die fünfunddreißig Jahre alt; die Züge ihres sehr blassen, blutleeren Gesichts waren unregelmäßig, aber angenehm; drei kleine Leberflecke, die dunklen, feuchten Augen, der rote Mund und die pechschwarzen Haare ließen ihr Gesicht noch blasser erscheinen, und weder der getrunkene Madeira noch die Hitze, die in der Stube herrschte, vermochten dieser Blässe etwas anzuhaben. Alle paar Minuten zupfte sie mit ihren weißen, dicklichen Händen das rote Tuch zurecht, das herunterrutschen wollte. Das unartikulierte Zischen Fjokluschas wurde den Gästen allmählich verständlicher. Die beiden Frauen lachten und sprachen von irgendwelchen Personen, Ereignissen, Abenteuern, Zufällen und Streichen, ohne sich darum zu kümmern, daß die näheren Umstände, in denen die Komik des Erzählten bestand, den Gästen unbekannt waren. Fast blieb unbemerkt, wie Marina ins Zimmer trat; sie streifte den Tisch mit einem Blick, ging direkt auf Jossif und Viktor zu und sagte: »Sie hätte ich wirklich nicht erwartet! Gott selbst hat Sie hergeführt.« Nach einer Weile fügte sie hinzu: »Wie geht es Ihrer Gemahlin Jekaterina Petrowna, dem Tantchen und Fräulein Sofja Karlowna?« »Ich danke, nicht schlecht«, erwiderte Jossif und blickte Marina, die sich wenig verändert hatte, ohne zu lächeln an. Marina beteiligte sich nicht an der allgemeinen Unterhaltung und trank eine Tasse Tee mit Eingemachtem nach der andern; sonst nahm sie nichts zu sich. Bald kam der Hausherr mit seinem Schwager heim und war etwas erstaunt, eine so lustige Gesellschaft vorzufinden. Sykow war rothaarig, schielte auf einem Auge und war geschäftig und liebenswürdig; in dem Bruder Olga Iwanownas, der sich schweigend ins Innere der Wohnung zurückzog, erkannte Jossif den schlanken Greis wieder, der in jener Nacht Marina begleitet hatte. Vom Geschäft sprach man nur nebenbei; Jossif und Viktor sahen sich die Ikonen an und versprachen wiederzukommen. Die Sykows luden sie herzlich ein, Marina schwieg, begleitete aber die Gäste hinaus und sagte zu Jossif: »Sie haben es nicht leicht, Täubchen!« Als er darauf nichts erwiderte, fuhr sie fort: »Leugnen Sie es nicht! Ich habe es ja auch schwer, kommen Sie recht oft zu uns, dann werden wir es beide leichter haben.« Nach einer Pause sagte sie noch: »Der Heiland selbst wird uns heilen, ich aber werde bald sterben. Kommen Sie wieder, Pawel Grigorjewitsch.« Ihre Stimme und ihr Gesichtsausdruck waren ruhig, sie hatte sich wenig verändert. Aber in ihrer Rede klang eine Überzeugungskraft, die nicht vom Sinn der Worte abzuhängen schien. Als sie Broskin von ihrem Besuch erzählten und Viktor sich lobend über die Frau Sykowa äußerte, sagte Sascha: »Sie ist wohl nicht übel, aber ihren Mann hat sie doch ins Jenseits befördert.« »Sie wurde ja freigesprochen, vielleicht war es nur ein Verdacht.« Sascha hob die Augen und sagte gedehnt: »Glauben Sie es nur.« VII Der ›Brennende Dornbusch‹ war schon längst gekauft und mit Profit weiterverkauft, auch der Winter war lange angebrochen, aber Jossif, der sich nach einer Zuflucht sehnte, besuchte immer noch die Sykows und klammerte sich an sie mit ganzer Seele. Auch die Sykows gewöhnten sich an ihn und genierten sich nicht mehr vor ihm; Jakow Sacharytsch sprach mit ihm von seiner verwickelten und nicht sehr günstigen Geschäftslage; Olga Iwanowna und Fjokluscha erzählten ihm ganz offenherzig von ihren heimlichen Ausfahrten und Gelagen, zu denen sie manchmal auch ihn einluden; die Ladengesellen beklagten sich über die Sykows und einer über den andern, die Sykows über die Gesellen, und selbst der schlanke Greis sah ihn nicht mehr so streng an und unterhielt sich sogar manchmal über Gottesdinge mit ihm. Jossif ging ab und zu auch in den Antiquitätenladen und zu den Abendmessen in die Betstube, spielte mit den Leuten Karten, sang, trank und langweilte sich, wenn er einige Tage nicht in der bescheidenen Wohnung mit den Läufern und den ewigen Lämpchen gewesen war. Marina leistete Pardow seltsamerweise viel weniger Gesellschaft als die andern und kam bei seinen Besuchen manchmal überhaupt nicht zum Vorschein. Sie sprach wenig und von alltäglichen Dingen, aber in ihren Worten tönte immer größeres Mitleid und eine traurige Zärtlichkeit, die Jossif beunruhigte. Er fühlte sich überhaupt unruhig, bemühte sich aber, daran nicht zu denken. Bei sich zu Hause pflegte er jetzt nur zu übernachten, und auch das nicht immer; sogar Sonja hatte er Gott weiß wie lange nicht mehr gesehen; er verkehrte nur mit den Sykows, mit Broskin und in den Wirtshäusern. Sein Gesicht war welk geworden und aufgedunsen, ihm war bang ums Herz, und seine Unruhe wurde zuweilen ganz unerträglich. Der Winter stand nur im Kalender, in Wirklichkeit gab es Regen, Finsternis und feuchte Wärme. An einem besonders feuchten und finstern Tag war Jekaterina Petrowna wohl mit dem linken Fuß aus dem Bett gestiegen – so reizbar und übel gelaunt war sie an diesem Morgen. Übrigens war sie schon am Vortag, als sie von irgendwo heimgekommen, in einer seltsamen Verfassung: auf ihrem Gesicht standen rote Flecken, bei Tisch saß sie da und rührte das Mittagessen nicht an, dem Dienstmädchen, das sich besorgt nach ihrem Befinden erkundigte, gab sie keine Antwort, schrieb einige Briefe, übergab sie eigenhändig einem Dienstmann und schloß sich schon um zehn Uhr in ihrem Schlafzimmer ein. Am Morgen war sie in noch schwärzerer Gemütsverfassung, sie zog sich wie zum Ausgehen an, blieb aber zu Hause und spazierte durch die lange Reihe der Zimmer. Als an der Tür die Glocke ertönte, brach sie diese Wanderung ab, eilte aber nicht ins Vorzimmer, sondern wartete, bis Ljolja selbst zu ihr kam. Frau Pardowa zog das junge Mädchen, fast ohne es zu begrüßen, in eine entfernte Zimmerecke aufs Sofa und begann sofort mit gedämpfter Stimme: »Ljolja, nimm deine ganze Kraft zusammen; ich habe alles festgestellt. Gleich nach der Zusammenkunft mit dir habe ich gestern Sergej Pawlowitsch gesprochen; ich weiß nicht, wer von euch beiden den andern mehr liebt, du mußt dich aber entschließen, für ihn einen entscheidenden Schritt zu tun.« Das junge Mädchen schien nichts weiter zu hören; es errötete und wiederholte immer wieder: »Er liebt mich! Er liebt mich! Ist das möglich?« »Beruhige dich und höre, was ich dir noch sagen werde: Du mußt mit ihm fliehen und abwarten, bis alles in Ordnung kommt. Du mußt es für ihn tun: verstehst du? Ich bin bereit, euch behilflich zu sein. Bist du einverstanden?« »Ja, ja! Er liebt mich, mein Gott!« »Aber, Ljolja, Gefälligkeit gegen Gefälligkeit: gestern ist bei dir nichts vorgefallen! Verstehst du, was ich meine? Gar nichts!« Ljolja erlosch gleichsam, sie blickte in Katjas starr auf sie gerichtete Augen und wiederholte: »Es ist nichts vorgefallen.« »Es ist nichts vorgefallen. Ich, Viktor und Iwan Pawlowitsch sind bei dir gewesen, es ist aber nicht das mindeste vorgefallen. Ich hatte Viktor zu dir bestellt, weil ich ihn bei mir zu Hause nicht empfangen wollte; wir sprachen miteinander, und sonst nichts.« »Und sonst nichts«, wiederholte Ljolja wie ein Echo. »Ljolja, ich meine es ganz ernst«, fuhr Frau Pardowa fort, ohne den Blick von ihr zu wenden, »gestern ist nichts vorgefallen. Wenn du willst, kann ich dich und Sergej Pawlowitsch auch in Ruhe lassen: tut, was ihr wollt.« »Was! Nein! Nein: was sollen wir allein anfangen! Gestern ist nichts vorgefallen«, fügte sie mit einiger Anstrengung hinzu. »Denk daran!« »Ich denke daran.« »Jemand kommt«, sagte Frau Pardowa, als wieder die Klingel ertönte. Sie ging ins Vorzimmer und kehrte von dort erst nach längerer Zeit mit Jegerew zurück; er schien nicht der Gast zu sein, für den Jekaterina Petrowna sich aufgeputzt hatte. Ins Zimmer tretend, beendeten sie ein wohl noch im Vorzimmer begonnenes Gespräch: »Sie glauben also, daß es keine Folgen haben wird?« fragte Herr Jegerew. »Gewiß, niemand hat es ja gesehen!« »Und Ljolja?« Katja antwortete darauf nichts. Nach einer Weile sagte sie: »Mich beunruhigt mehr, daß aus der Sache nichts geworden ist, als das, was daraus noch werden könnte.« »Ich verstehe trotzdem nicht, wie kommen sie zu Viktor, wenn Sie sie verbrannt haben?« »Er hat sie vorher an sich genommen; ich habe es Ihnen schon gesagt.« Jetzt wurde Herr Jegerew schweigsam. Ljolja saß, über und über rot, unbeweglich da und drückte beide Hände an das rasend pochende Herz. Ohne daß man ein Klingelzeichen gehört hätte, trat Jossif ins Zimmer, er war offenbar erregt, begrüßte flüchtig die Gäste und sagte laut zu seiner Frau: »Katja, ich muß dich sprechen.« »Warte, wir finden später Zeit.« Jossif gab aber nicht nach. »Ich bin zu beunruhigt, um es hinauszuschieben; wenn es irgendwie geht, bitte gleich.« Sein Gesicht war geschwollen, seine umherirrenden Augen glänzten ungut. Iwan Pawlowitsch sagte: »Jekaterina Petrowna, tun Sie sich keinen Zwang an; Jelena Iwanowna und ich wollen gern warten.« »Unsinn! Ich weiß, daß es keine Eile hat.« Jossif sagte, um Atem ringend: »Katja, ich bitte dich, gib mir sofort Antwort.« Sie unterbrach ihn aber mit erhobener Stimme: »Ich habe es satt! Sie treiben sich Gott weiß wo herum, lassen sich ganze Tage und Nächte nicht blicken und kommen nach Hause, nur um mir in Gegenwart von Fremden Szenen zu machen.« »Wenn ich die Tage außerhalb des Hauses verbringe, so doch nur darum, weil ich es hier nicht länger aushalten kann! Jeder Mensch hat Anrecht auf Ruhe und liebevolle Behandlung.« »Nun, suchen Sie diese Behandlung, wo Sie wollen, wenn Sie zu Hause nicht genug davon haben.« »Katja, ich bitte dich, hör auf, laß mich eine halbe Stunde mit dir sprechen.« »Nein.« Ljolja versuchte sich einzumischen, gab es aber gleich wieder auf. Pardow ließ seinen Blick über die Wand schweifen und sagte: »Nun, um so besser: ich will Sie also jetzt alle fragen, was ist gestern bei den Dmitrewskis vorgefallen?« »Gar nichts!« erwiderte Frau Pardowa schnell, ihrem Mann gerade in die Augen blickend. »Gar nichts?« Katja lachte auf und sagte: »Ich ließ Viktor dorthin kommen, weil ich ihn hier nicht empfangen wollte, und ich habe mit ihm gesprochen; zufällig war auch Iwan Pawlowitsch da, zu Hause war nur Ljolja. Das ist alles.« Jossif rief mit einer ihm sonst nicht eigenen Wut: »Das ist alles? Du sagst, das ist alles? Hast du denn nicht Viktor in eine Falle gelockt, ihm irgendwelche Papiere gewaltsam zu entreißen versucht, wobei ihr beide ihn beinahe erwürgt habt? Gestehe!« »Unsinn, Erfindung!« erwiderte Katja ruhig, als ob sie die Erregung ihres Mannes gar nicht sähe. »Sie sind nicht ganz richtig informiert«, bemerkte Jegerew. Nun stürzte Jossif zu Ljolja hin, die noch auf dem Sofa saß, sank vor ihr in die Knie, ergriff ihre Hände, die sie an das pochende Herz drückte, und sagte keuchend: »Ljolja, du wirst nicht lügen! Erlöse mich, sag, wie sich alles zugetragen hat, du warst ja dabei, du mußt es wissen.« Ljolja blickte an Jossif vorbei zur Decke und sagte mit großer Anstrengung: »Ich weiß nichts, ich erinnere mich nicht, ich sterbe – laß mich, Joseph.« »Wieso erinnerst du dich nicht? Es war ja erst gestern. Besinne dich!« »Katja hat nur mit Viktor gesprochen, sonst ist nichts vorgefallen.« »Dein Ehrenwort?« »Das ist alles«, wiederholte Ljolja und schloß die Augen. Jossif wandte sich ohne aufzustehen an Sonja, die eben ins Zimmer trat: »Sonja, was machen sie mit mir! Nachdem sie an Viktor so niederträchtig gehandelt haben, wollen sie ihn auch noch verleumden und mit mir entzweien!« Sonja ging leichten Schrittes zu ihm und flüsterte: »Glaub es nicht. Viktor ist hier. Ich weiß alles, aber du, was ist mit dir, Joseph?« Jossif begann sich in Krämpfen zu winden; Jekaterina Petrowna schrie auf: »Wer hat Viktor erlaubt, herzukommen? Das ist meine Wohnung! Ich kann es nicht länger ertragen! Man beleidigt mich und kommt her, nur um mir Szenen zu machen!« Jossif schrie mit heiserer Stimme: »Auch ich ertrage es nicht! Katja! Kehr zurück, sei nicht so schlecht! Ach, Andrej!...« Plötzlich schrie er mit einer Stimme auf, die ganz fremd war, aber seine eigentliche Stimme zu sein schien, und stürzte mit Schaum vor den Lippen zu Boden. Ljolja sprang auf, da sie sich aber nicht entschließen konnte, über den um sich schlagenden Jossif zu steigen, ließ sie sich wieder aufs Sofa fallen und zog die Beine an. In der Tür erschien Viktor, auch sein Gesicht zuckte. Die Mutter schrie ihn an: »Hinaus! Noch ein Besessener! Wer hat dich gerufen? Das ist ja ein Irrenhaus!« Viktor ging auf Jekaterina Petrowna zu, zog einige Papiere hervor und zeigte sie, die Blätter fest in den Händen haltend, der Mutter: »Sind es diese?« fragte er halblaut. »Woher soll ich das wissen?« schrie Frau Pardowa auf, warf aber dennoch einen Blick auf die Papiere. Viktor begann sie schweigend in kleine Fetzen zu zerreißen und trug diese zum geheizten Ofen. Während er die Ofentür aufmachte, ließ er einige Fetzen fallen; Iwan Pawlowitsch beugte sich rasch, sah sie an und sagte: »Es sind die richtigen.« Alle sahen schweigend zu, wie das leichte Papier verbrannte, sich zu schwarzen Röhren mit grauen Zeilen zusammenrollend. Sonja knöpfte indessen Jossif den Kragen auf und bedeckte sein Gesicht mit einem Tuch. Viktor erhob sich und sagte: »Ja, Broskin erwartet Geld von dir.« »Er hat sein Versprechen nicht gehalten.« »Er hat die Wahrheit gesagt, ich hatte nur heute auf seinen Rat die Papiere nicht bei mir.« »Schuft!« flüsterte Katja. »Leben Sie wohl; ich hoffe, daß Sie mich jetzt in Ruhe lassen werden?« sagte Viktor, die Türklinke ergreifend. »Gott befohlen!« erwiderte die Mutter. Sonja, die bis dahin geschwiegen hatte, wandte sich an die Hausfrau: »Schicken Sie nach einem Arzt, und außerdem kann Joseph nicht länger hier bleiben, Sie verstehen?« »Ich will es selbst nicht; ich ertrage es nicht.« Sonja blickte sie an und sagte: »Er zieht vorläufig zu mir, dann werden wir sehen.« An der Tür wurde wieder geläutet; es waren Tante Nelli und Pjotr Pawlowitsch. Katja zeigte stumm und traurig auf den liegenden Jossif und auf Sonja, die neben ihm kauerte, und schmiegte sich, bitter weinend, an Nellis Schulter. Ljolja starrte auf das weiße Tuch, das Josephs Gesicht bedeckte, hielt mit der einen Hand ihre Beine umschlungen, damit sie nicht vom Sofa rutschten, und fuhr sich mit der andern über die Stirn, wie wenn sie ein unsichtbares Spinnengewebe wegwischen oder sich auf etwas besinnen wollte. Das Dienstmädchen, das angeklopft und keine Antwort bekommen hatte, rief durch die Tür: »Gnädige Frau, das Essen ist aufgetragen.« Alle aber verharrten in ihren bisherigen Stellungen. Vierter Teil I Jossifs Krankheit, die diesmal mit besonderer Wucht zum Ausbruch kam und zu der sich auch noch eine Erkältung und ein eigenartiges Fieber gesellten, fesselte ihn für längere Zeit ans Bett, als er und Sonja erwartet hatten. Er blieb bis zur Fastenzeit in der kleinen Wohnung seiner Kusine, was ihn sehr genierte und in der es ihn, soviel ihm Sonja auch zuredete, nicht litt. Schließlich mußte sie nachgeben, und Jossif, der sich noch nicht ganz erholt hatte, zog zu den Sykows, die ihm Fjokluschas Zimmer abtraten, diese war nämlich, wenn auch mit unausgeheiltem Gaumen, nach Moskau abgereist. Sonja ging einigemal zu den Sykows, um sich zu vergewissern, ob er es da bequem und ruhig haben werde. Obwohl sie diese Gewißheit nicht endgültig hatte gewinnen können, willigte sie dennoch in die Übersiedlung des Kranken ein, bei dem sie nun den größten Teil der Tage verbrachte. Sonja verstand sich recht gut mit Olga Iwanowna, Marina aber hielt sich abseits, obwohl sie Jossif während seiner Krankheit recht oft in Sonjas drei kleinen Zimmern besucht hatte. Nun hatte sich auch Sonja von allen zurückgezogen und erfuhr von den neuesten Ereignissen nur selten und aus dritter Hand. Es gab zwar nicht viel Neuigkeiten, aber einige doch immerhin. Ljolja war plötzlich verschwunden; einmal kam von ihr aus Deutschland ein Brief, in dem sie bat, sie nicht zu suchen, sie teilte auch ihre Adresse nicht mit; auch Adventow war fort; dafür kehrte Andrej Fonwisin zurück, besuchte Jossif aber nur ein einziges Mal, blieb bei ihm kaum eine halbe Stunde, sagte zum Abschied: »Seien Sie unbesorgt, alles geht, wie es gehen muß«, und kam nicht wieder. Man berichtete, daß er sich nirgends außer im Regiment sehen lasse, immer zu Hause sitze und in alten Büchern geistlichen Inhalts lese. Jekaterina Petrowna ließ sich dagegen überall, wo sie nur konnte, sehen, war lebhaft und geschäftig, bewahrte dabei aber eine gekränkte und ernste Miene; besonderen Eifer zeigte sie für die Angelegenheiten von Nellis Gemeinde; mit der Tante verband sie jetzt eine dicke Freundschaft. Die Erbschaftsangelegenheit stand unmittelbar vor dem Abschluß, so daß Jossif jeden Augenblick das Vermögen bekommen konnte, aber auch ein anderes Verfahren, das Jekaterina Petrowna eingeleitet hatte, machte schnelle Fortschritte, obwohl weder Sonja noch Pardow genau wußten, um was es sich handelte. Jossif war überhaupt ein anderer geworden, zeigte für nichts Interesse, lag immer öfter nur da, starrte in die rote Flamme des ewigen Lämpchens und ließ Fragen unbeantwortet; er war aber still, stritt nicht, sprach von seiner Frau entweder überhaupt nicht oder sehr ruhig und sang auch nicht mehr. Viktor wurde beim Anblick des Stiefvaters trübsinnig; auch Sonja sah ihn oft besorgt an, wenn er, die Hände im Nacken verschränkt, ohne zu blinzeln auf den Mantel des alten Erlöserbildes starrte. »Was hast du?« fragte er sie mit zärtlichem Lächeln, ihren Blick auffangend. »Ich habe nichts: langweilst du dich, Joseph? Willst du, daß ich dir etwas vorlese?« »Gut, aber ich langweile mich nicht, ich fühle mich wohl; sitz lieber so bei mir.« Wenn Marina zufällig eintrat und ihn so liegen sah, bekreuzigte sie sich stumm und freudig und verließ unhörbar das Zimmer, ohne merken zu lassen, daß sie dagewesen war. Jeden Nachmittag gegen fünf kam Marina mit einem ›Prolog‹ Sammlung von Heiligenlegenden. mit Schließen und las ihm mit singender Stimme das Heiligenleben für den nächsten Tag vor, ohne zu fragen, ob er ihr zuhören wolle, und ohne sich zu kümmern, ob er ihr zuhörte. Obwohl er oft unbeweglich und teilnahmslos dalag, zeigte er manchmal nach einigen Tagen durch irgendeine Frage, daß er alles gehört und sich gemerkt hatte. Sonja besuchte ihn um diese Stunde fast nie, wenn sie aber kam, so las Marina auch in ihrer Gegenwart. Manchmal kam der Alte, Olga Iwanowna oder jemand von den Gesellen. Marina setzte kein einziges Mal aus, obwohl es ihr gesundheitlich von Tag zu Tag schlechter ging, was man nur dann, wenn man sie täglich sah, nicht bemerken konnte. Der lange tägliche Gottesdienst in der Fastenzeit nahm ihr noch mehr Kraft; schließlich wurde sie ernsthaft krank, und der trotz ihrer Proteste herbeigerufene Arzt hieß sie im Hause zu bleiben und sagte, sie werde in vierzehn Tagen wieder gesund sein. Als er gegangen war, sagte Marina leise mit einem Lächeln: »Seltsam, Onkelchen, er sagt, daß in vierzehn Tagen alles vorüber ist, und er sieht nicht, daß ich bis Ostern am Leben bleibe und dann sterbe, ob ich nun ausgehe oder nicht.« Der Alte erwiderte: »Das weiß niemand.« »Nun, du wirst es sehen«, sagte Marina, und wandte sich zur Wand, um zu schlafen oder um zu weinen. Um fünf Uhr kam Jossif zu ihr, trat von einem Bein aufs andere und sagte etwas. Nachdem ihm die Kranke eine Weile zugehört hatte, fragte sie lächelnd: »Soll ich den ›Prolog‹ lesen?« »Wird es Ihnen nicht zu schwer sein?« »Das ist nicht der Rede wert. Holen Sie das Buch aus der Truhe.« »Wie schön ist es hier bei Ihnen!« sagte Jossif, der das erstemal in ihrem Zimmer war, wo alle die großen, für die Paraderäume zu sperrigen Ikonen und Truhen untergebracht waren. »Sieht es nicht ganz wie in einer Klosterzelle aus?« erwiderte Marina. Sie setzte sich im Bett auf und begann vorzulesen. Als sie fertig war, fragte sie: »Sie hatten wohl Verlangen nach dem Buch?« »Ja, ich habe mich daran gewöhnt, wissen Sie, und dann wirkt es auch so beruhigend.« »Sie sagen nicht das Richtige, Jossif Grigorjewitsch! Ach, wenn ich zu reden verstünde... Vielleicht werden Sie mich aber auch so begreifen. Wie ist es denn in einem Kloster? Alle stehen zugleich auf, der Gottesdienst ist immer zur gleichen Stunde, alle arbeiten und essen zusammen – darum ist das Leben dort so leicht und schön wie im Paradies. Und ist es bei unseren Alten nicht ebenso? Auch sie sind nicht allein. Der Eifer im Gebet ist bei allen verschieden: wieviel Menschen es gibt, soviel Seelen gibt es auch, und alle sind verschieden, aber die Worte, die Umstände und die Zeit sind dieselben, alle stehen fest zusammen und niemand verliert sich selbst; und so ist es in allem. Ist es nicht wunderbar? Und wenn man für sich beten will, so zieht man sich zurück, oder man seufzt für sich, während man mit den anderen sitzt, herumgeht oder arbeitet, aber das ist etwas ganz anderes und genügt allein noch nicht. ›Wo aber zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin auch Ich dabei.‹« Marina wurde müde, da sie nicht gewohnt war, so viel zu sprechen, und verstummte; auch Jossif schwieg. Nach einer Weile sagte er mühsam: »Ich suche, ich suche, wo ich Kraft finden kann, ich bin ja wie ein Strohhalm im Wind. Schwer ist das, Marina Parfenowna! Früher hatte ich es leichter ... Ich spreche nicht von meiner Frau, sondern vom Leben.« »Und auch von der Frau könnte man vieles sagen ... Gewiß ist es schwer, dann aber ist alles so leicht und freudig.« »Marina, wie beten Sie?« »Wie meinen Sie das?« »Nun, wie stehen Sie dabei, wie halten Sie die Hände, was für Gebete sprechen Sie?« »Ach, das wollen Sie wissen! Ich will es Ihnen zeigen.« Da sie angekleidet im Bett lag, stand sie auf, nahm den Rosenkranz, warf ein kleines Polster auf den Boden und begann sich leicht und lautlos zu verneigen, als berühre sie den Boden gar nicht, und sprach halblaut Gebete. Jossif fragte leise: »So?« Und er nahm aus Marinas Hand den Rosenkranz und begann sich selbst zu verneigen; sie sah ihm ernst zu und korrigierte hie und da: »Mit beiden Knien zugleich ... Schlagen Sie nicht auf den Boden auf ... Ja, so...« Als er verschwitzt aufstand, sagte Marina: »Sie sind wohl müde? Das kommt, weil Sie noch nicht die Übung haben; wenn man so die vierzig Verbeugungen gemacht hat, schmerzt anfangs der Rücken, aber später wird der Körper so leicht, daß man ihn überhaupt nicht fühlt, wie wenn man Flügel bekommen hätte.« In diesem Augenblick kam Sonja, die sonst den Vorlesungen aus dem ›Prolog‹ wie absichtlich fernblieb; sie war erstaunt, Marina auf den Beinen zu sehen, diese aber sagte, aus dem Zimmer gehend: »Ich will nach der Wirtschaft schauen, Olga Iwanowna hat es ohne Fjokluscha schwer; morgen müssen wir die Kreuzkuchen backen.« Olga Iwanowna hatte es nach der Abreise der zischenden Fjokluscha tatsächlich in vielem schwerer, während ihr aber in der Wirtschaft Marina half, hatte sie für ihre Vergnügungstouren in einer gewissen Kapa oder Kapitolina Fjodorowna, der Frau eines der Ladennachbarn Sykows, einen nahezu vollkommenen Ersatz für die Freundin gefunden. Der Unterschied war nur der, daß Olga Iwanowna jetzt öfter aus dem Haus ging, weil Kapa nicht immer die Möglichkeit hatte, zu ihr zu kommen. Als Jossif einmal, auf dem Sofa sitzend und nicht im Bett liegend, in einem Typikon geistliches Buch der Vorschriften. las, das ihm Marina gegeben hatte, kam Frau Sykowa zu ihm ins Zimmer, die offenbar eben von einem Spaziergang heimgekehrt war. Erst in der Tür fragte sie: »Darf ich?« »Bitte«, antwortete Jossif und rückte etwas zur Seite, wie wenn er die Besucherin zum Sitzen auffordern wollte. Sie setzte sich auch und begann mit singender Stimme: »Was hocken Sie immer zu Hause, Jossif Grigorjewitsch? Früher gingen Sie mit uns aus, und jetzt niemals mehr.« »Sie wissen ja selbst, Olga Iwanowna, daß ich krank war und außerdem viele Unannehmlichkeiten hatte. Kann mir da der Sinn nach Zerstreuungen stehen?« »Ach, hören Sie auf, spucken Sie auf alle diese Unannehmlichkeiten! Als ob das was Besonderes wäre! Darf vielleicht deswegen ein junger Mann wie Sie zu Hause sauer werden? Was ich an Ihrer Stelle alles anfangen würde! Sie sind ja im Grunde ein freier Mann. Nicht wahr?« »Ich denke an ganz andere Dinge, Olga Iwanowna, und langweile mich nicht.« »Das glaube ich nicht! Ist es denn nicht langweilig, den ganzen Tag allein auf dem Bett zu liegen und mit alten Jungfern zu reden?« »Mit was für alten Jungfern?« »Nun, mit Sofja Karlowna und unserer Marina.« »Sonja ist nicht alt, und Marina Parfenowna ist keine Jungfer, sondern eine Witwe.« »Das ist ganz gleich: beide gehören Gott. Entschuldigen Sie, ich habe ein wenig getrunken.« »Aber bitte, das macht doch nichts.« »Wenn Sie nur wüßten, wie sehr Sie mir leid tun! Wenn es nach mir ginge...« »Nun, was würden Sie da tun?« »Ich weiß schon, was ich tun würde.« Beide schwiegen. Olga Iwanowna starrte lange, die dunklen, glanzlosen Augen zusammenkneifend, in die Lampe und sagte schließlich ärgerlich: »Sie glauben wohl, daß die Leute nicht über Sie reden werden, wenn Sie wie ein Mönch leben? Was schwatzte man nicht alles von meinem verstorbenen Mann!« »War denn alles nur Geschwätz?« fragte Jossif mit einem durchdringenden Blick auf Olga Iwanowna. Diese aber wiederholte nur: »Was schwatzte man nicht alles von ihm! Und dasselbe wird man auch von Ihnen sagen.« »Mir ist es ganz gleich, ob die Leute von mir schwatzen und was sie sagen.« Olga Iwanowna erhob sich, ging einmal durchs Zimmer, kam wieder zu Jossif, der sitzen geblieben war, und sagte: »Täubchen, lassen Sie uns morgen ausfahren!« »Haben Sie denn niemand, den Sie mitnehmen könnten?« »Aber Sie tun mir so leid, kommen Sie doch mit, mein Lieber; Sie haben ja sogar zu trinken aufgehört, ganz wie ein Mönch!« Sie lachte auf, umschlang plötzlich seinen Hals und küßte ihn auf den Mund. Jossif schob sie sanft von sich weg und sagte: »Lassen Sie es, Olga Iwanowna.« Sie ging noch einigemal auf und ab, drehte sich hart auf den Absätzen um und fragte: »Lieben Sie noch immer Ihre Frau, Jossif Grigorjewitsch?« »Nein«, erwiderte er ruhig. Olga Iwanowna fragte ebenso ruhig: »Was denn aber? Ich verstehe nicht, wen lieben Sie denn?« »Niemand«, lautete die Antwort. Olga Iwanowna lachte wieder auf und sagte: »Das sind ja Neuigkeiten! Niemand würde das sagen, der Sie sieht!« Jossif bemerkte ernst: »Es ist mir wirklich ganz gleich, was man von mir sagt und was nicht.« Die Besucherin ließ ab und sagte zum Abschied: »Nun, wie Sie wollen, Sie haben mir leid getan, nehmen Sie es mir nicht übel.« »Es macht nichts, Olga Iwanowna, es macht nichts; gute Nacht!« sagte Jossif und vertiefte sich wieder in das Buch. II Sonja, Jossif und alle Sykows saßen in friedlicher Unterhaltung am Teetisch, als plötzlich Viktor in Mütze und Mantel ins Zimmer stürzte und erregt meldete: »Wissen Sie, meine Herrschaften: Adventow hat sich erschossen.« Der Alte bemerkte, auf die Heiligenbilder zeigend: »Die Mütze sollten Sie doch abnehmen!« Viktor schniefte, zog aber die Mütze. Jossif fragte, als hätte er nicht gehört: »Um Gottes willen, was sagst du, Viktor: Adventow hat sich erschossen? Wo? Wann?« »Ich las es in der Zeitung; ich glaube nicht, daß es aus der Luft gegriffen ist.« »Es ist wahr«, bestätigte Sonja leise. »Wir lesen keine Zeitungen«, bemerkte der Alte. »Ja, gewiß, es stand heute im ›Tageblatt‹; er war Schriftsteller, im Ausland ist es geschehen«, mischte sich Jakow Sacharytsch ein. »Es kann nicht sein, es kann nicht sein! Ich glaube es nicht«, murmelte Jossif. »Doch, Jossif, es ist wahr, ich weiß es, ich will dir später alles erzählen«, sagte Sonja. »Warum hast du es mir nicht gesagt?« »Ich wollte dich jetzt nicht aufregen.« »War er ein Verwandter?« fragte Olga Iwanowna. »Nein, aber ein guter Bekannter.« »War der Herr krank, oder war es eine geistige Umnachtung?« ließ Olga Iwanowna nicht locker. »Ja, eine Umnachtung. Er war überhaupt sehr unglücklich«, antwortete Sonja. »Wie ein Zweig im Winde«, flüsterte Marina. »Schade, schade! Wenn nicht der Herr das Haus behütet, so wacht der Wächter umsonst«, sagte der Alte. »Er war ein gläubiger und in seiner Art gottesfürchtiger Mensch«, entgegnete Sonja. »Welcher Kirche gehörte er denn an?« »Der rechtgläubigen.« »Wir sind alle Rechtgläubige«, bemerkte der Onkel lächelnd und fuhr fort: »Hat er denn keinen Geistlichen finden können, dem er vertraute und der ihm verboten hätte, so kleinmütig zu sein?« »Ich weiß es nicht; wohl nicht; er war ja im Ausland und hatte es sehr schwer.« »Entschuldigen Sie, Fräulein, es ist nichts als Feigheit und eine große Sünde.« »Es ist schwer, einen andern zu richten«, sagte Sonja irgendwie verschämt. »Gewiß, Gott allein ist sein Richter, verzeihen Sie mir.« »Sie sprechen, wie es sich gehört: was soll ich Ihnen verzeihen? – Joseph, laß uns zu dir gehen, wenn es möglich ist.« »Ich kann es immer noch nicht fassen!« wiederholte Jossif aufstehend. »Wahrscheinlich hat irgendein Frauenzimmer Ihrem Bekannten das Leben sauer gemacht!« rief Olga Iwanowna ihnen nach. »Sie meinen wohl, alle sind wie Sie?« entgegnete Viktor. Als sie zu dritt unter sich waren, fing Jossif sofort an, Sonja nach den Gründen von Adventows Tod auszufragen. »Ich wußte es; es ist vor fünf Tagen geschehen, dieser Tage wird er überführt.« »Und du konntest schweigen? Das war eine Sünde, Sonja!« Sie fuhr aber fort: »Er schrieb mir von seinem ... bevor er den Entschluß faßte. Er schrieb, daß er sich sehr darin getäuscht habe, worauf er sein ferneres Leben und Glück hatte gründen wollen, und daß ihm in der Zukunft nichts mehr winke. Daß durch diese Täuschung auch alles Vergangene ausgemerzt sei.« »Wie ist denn das? Wie ist denn das?« rief Jossif. »Und seine Kunst? Und dann war er ja auch noch nicht alt.« »Ja, er war nicht alt, aber auch nicht mehr so jung. Außerdem war ihm sein Privatleben mehr wert als seine Kunst; in der letzten Zeit war er sehr einsam. Ich rechtfertige ihn nicht, aber ich verstehe ihn. Denke dir nur den Fall, daß du jemand liebtest und auf diesem Gefühl deine ganze Zukunft gründetest, und es sich dann herausstellte, daß man dich nicht nur nicht liebte, sondern auch nicht lieben konnte.« »Sonja, Sonja, schweig, was sagst du mir da?« »Verzeih, Joseph, ich dachte gar nicht an dich; bist du denn in derselben Lage?« »Michail Alexandrowitsch war einfach schwächer, als wir annahmen«, erklärte Viktor. »Was weißt du davon, Viktor? Ihm fehlte eines, ohne das wir alle zugrunde gehen müssen«, sagte Jossif. »Der Glaube?« fiel Sonja ein. »Ja, der Glaube wird uns retten und bewahren!« »Dich wird der Glaube retten und bewahren, Sonja, denn du bist stark, mir aber genügt der Glaube nicht, für mein Glück, für meine Rettung brauche ich auch noch ...« »Was?« fragte Sonja leise. »Ich weiß nicht, wie ich es nennen soll ... Etwas, was ich umfassen könnte, was mich hielte und was auch ich halten könnte ... und was außerhalb meiner selbst läge ...« »Die Kirche?« fragte Sonja noch leiser. »Vielleicht«, bestätigte Jossif. Sonja verstummte, nur Viktor rannte unruhig auf und ab. Nach einer Weile sagte das Mädchen nachdenklich: »Vielleicht überschätzt du auch meine Kraft, Joseph?« »Ich wäre sehr froh.« »Warum?« »Dann wären wir einander näher und verwandter.« Sonja sagte nichts und küßte ihn lächelnd. Jossif war zu aufgeregt, um zu Hause bleiben zu können. Obwohl er seine Erregung durch nichts äußerte, begab er sich mit seinem Stiefsohn zu Sascha. Unterwegs fragte er ihn schüchtern: »Weißt du nicht, Viktor, ob bei diesem Unglück mit Adventow nicht Sergej Pawlowitsch mit im Spiel war?« »Wie denn nicht? Ich wollte davon nur in Sonjas Gegenwart nicht sprechen, obwohl sie es natürlich weiß. Adventow hat ja mit Bessakatny zusammengelebt; wie es sich später herausstellte, hat deine Frau diesen mit Ljolja verkuppelt und ihre Flucht arrangiert.« »Sie liebten doch einander ...« »Ach, hör bitte auf! Als ob ich Serjosha Bessakatny nicht kennte! Er liebt Ljolja ebensowenig wie vorher Michail Alexandrowitsch.« »Wen liebt er denn?« »Dirnen!« »Es ist also doch gut, daß die Wahrheit zum Teil ans Licht gekommen ist?« »Wozu soll es gut sein?« »Ich verstehe gar nichts.« »Du bist bei deinen Betschwestern ganz verrückt geworden!« Da sie vor Broskins Tür angelangt waren, brachen sie dieses Gespräch ab. Bei den Broskins herrschte Aufregung, anscheinend keine unangenehme. »Was ist geschehen?« erkundigte sich Viktor. Sascha schwieg, Marja Iljinitschna aber rief aus dem Nebenzimmer. »Ja, was geschehen ist! Man hat Wasja, Linde, Senja und die Iraïdka verhaftet, und sie werden sich wohl nicht so leicht herauswinden: werden wohl hinter schwedischen Gardinen sitzen müssen und vielleicht auch eine Reise nach Sibirien machen.« »Was haben sie denn angestellt?« »Anscheinend etwas sehr Schönes.« »Sie haben irgendein Muttersöhnchen bestohlen.« »Wann hat man sie verhaftet?« »Erst heute früh.« »Können sie wirklich nicht freikommen?« fragte Jossif aus Höflichkeit. »Ausgeschlossen!« erklärte Broskin freudestrahlend. »Worüber freuen Sie sich denn so?« fragte Viktor böse. »Ich freue mich gar nicht; ich muß nur über ihre Dummheit lachen.« »Sie sind ja so klug!« »Wieso nicht?« »Jekaterina Petrowna hat Ihnen jedenfalls das Geld noch immer nicht gezahlt.« »Sie wird schon bezahlen«, sagte Sascha überzeugt. Seine Frau fügte hinzu, wie um dem Wortwechsel ein Ende zu machen: »Der Wasja wird vielleicht doch freikommen.« »Warum?« »Weil er beim Bund Gemeint ist die monarchistische, judenfeindliche Schwarzhunderterorganisation ›Bund des russischen Volkes‹. ist.« »Das gibt heute keinen Schutz mehr, meine Liebe!« »Sind Sie auch beim Bund, Alexander Alexejewitsch?« fragte Jossif. »Gewiß«, antwortete jener. »Warum, um sicher zu sein?« »Nein, das dürfen Sie nicht denken. Ich will Ihnen erklären, warum ich beim Bund bin.« »Bitte sehr.« »Weil ich frei sein will und der Ansicht bin, daß man bei der alten, festen Ordnung viel freier leben kann.« »Ich verstehe Sie nicht ...« »Wie soll man solchen Unsinn verstehen?« versetzte Viktor. »Das müßte ich lange erklären, aber ich weiß es. Wenn Sie einen Paß haben und es nicht gar zu arg treiben, so rührt Sie niemand an, und es kann Ihnen gegen Ihren Willen nichts geschehen.« »Und wie wäre es bei der neuen Ordnung?« »Heute geht es noch, aber wenn einmal alles so wird, wie die es wollen, so werden alle nach dem gleichen Maßstab gestutzt, alle werden gleich sein wie abgewetzte Kupfermünzen, und man wird keinen Schritt ohne Bevormundung machen können. Das wird aber nicht geschehen. Und wenn jemand klüger ist oder sonst irgendwie hervorragt, werden sie ihn vernichten.« »Warum stehen dann so oft hervorragende Menschen an der Spitze?« »Das ist nur vorläufig so. Oder sie treiben falsches Spiel: befreien uns von der einen Gewalt, um selbst eine noch viel schlimmere zu errichten.« »Sie reden Unsinn, Alexander Alexejewitsch; Joseph, laß uns lieber in die ›Donau‹ gehen.« »Warte noch. Sie verprügeln also auch Juden?« »Warum denn nicht, wenn man damit nichts riskiert? Dazu sind wir immer bereit, ganz gleich wen.« Viktor wollte immerzu in die ›Donau‹, während Broskin sie bat, noch zu bleiben; schließlich einigte man sich zu bleiben, aber von Politik sollte nicht mehr gesprochen werden. Sofort erschienen auf dem Tisch Wein und Zuspeisen, und Jossif, der lange gefastet hatte, war bald beschwipst. Als Ljuba ins Zimmer trat, wandte er sich an sie: »Nun, wie geht es Ihrem Warysin?« Sie gab keine Antwort, aber Sascha flüsterte ihm zu: »Fragen Sie lieber nicht; seine Frau ist gekommen, er hat ganz aufgehört, uns zu besuchen.« Marja Iljinitschna knackte Nüsse und schimpfte immerzu auf die Sykows; Jossif fragte Sascha: »Kennen Sie auch die Marina?« »Nur vom Sehen, sonst bin ich mit ihr nicht bekannt; gehört sie auch zu den Popenlosen?« ›Popenlose‹ wurden verschiedene Sekten der Altgläubigen genannt, auch die ›Gleichgläubigen‹ oder ›Gesegneten‹ waren eine altgläubige Sekte. »Ja, ich glaube.« »Warum traf ich sie denn neulich bei einem Popen der Gleichgläubigen?« »Sie haben sich wohl geirrt.« »Ganz sicher nicht, darauf können Sie Gift nehmen.« Jossif schenkte sich ein Glas nach dem andern ein, um durch einen schnellen Rausch die Gedanken an Adventows Tod, an Katja und vieles andere, was ihn die letzten Tage gequält hatte, zu vertreiben, aber statt süßen Vergessens fühlte er nur Schläfrigkeit. Die Broskins wollten ihn bei sich behalten, doch er setzte seinen Willen durch und begab sich beim Morgengrauen zu Fuß heim. Marina machte ihm die Tür auf. Er zog verlegen den Mantel aus und wandte sich von ihr weg. Marina schwieg aber, so daß er doch als erster sprach: »Warum schlafen Sie noch nicht?« »Ich bin schon aufgestanden, muß den Teig bereiten.« »Wo machen Sie das?« fragte Jossif dumm. »In der Küche«, antwortete Marina, ohne zu lächeln. Jossif setzte sich auf einen Stuhl im Vorzimmer und fragte weiter: »Sie gehören doch zu den Popenlosen, Marina Parfenowna?« »Ja. Warum?« »Wie können Sie ohne Abendmahl leben? Das ist nicht schön!« »Was soll ich machen!« entgegnete Marina errötend. »Gehen Sie jetzt schlafen, Jossif Grigorjewitsch, wir wollen nachher darüber reden.« »Ich gehe schon schlafen, werde Ihnen aber auch nachher sagen, daß es nicht schön ist.« III Adventows Beerdigung fand an einem Vorfrühlingsmorgen statt. Ein lustiger Wind trieb über den tiefblauen Himmel blendend weiße Wolken, blähte die Ornate der Priester und die Schabracken der Pferde auf und zerrte an den Schleiern und Frisuren. Es waren nur wenige Leute dabei, ein paar Schriftsteller, einige plötzlich aufgetauchte entfernte Verwandte und die nächsten Bekannten. Sonja und Jossif gingen im Zuge nebeneinander, während Jekaterina Petrowna, Tante Nelli, die Dmitrewskis und einige andere Leute eine größere Gruppe bildeten, in der lebhaft gesprochen wurde; die mit niemand bekannten Verwandten gingen voran, Andrej Fonwisin aber war ganz allein; hochgewachsen und kerzengerade, schien er noch jugendlicher und schöner als sonst. In der Kirche kamen noch einige alte Frauen hinzu, die aus Liebhaberei allen Beerdigungen beiwohnen, zufällig hineingeratene einfache Leute und Kinderfrauen mit ihren Pfleglingen. Niemand weinte, es ging zeremoniell und trocken zu; in die kleine Kirche drang nur die Sonne herein, aber weder der Wind noch die Kälte, man konnte meinen, daß im Freien schon richtiger Frühling sei: mit Gras, Bächen und Vogelgezwitscher. Als schon alle Abschied genommen hatten, erschien, die gerührten alten Frauen zur Seite schiebend, ein korpulenter junger Mann von mittlerem Wuchs und rosiger Gesichtsfarbe. Da er Zivil trug, erkannte man in ihm nicht sogleich Bessakatny. Als er den freien Raum vor dem Sarg erreicht hatte, kniete er nieder und begann sich schnell zu bekreuzigen; durch sein Gesicht ging ein Zucken, und sein Zwicker fiel mit leisem Klirren auf den Steinboden. Dann trat er zurück und gesellte sich, ohne jemand zu begrüßen, zu der tuschelnden Trauerversammlung; alle wichen zurück, und das Tuscheln wollte schon in ziemlich lautes Gerede übergehen, als es plötzlich ganz verstummte: Fonwisin ging von der anderen Seite der Kirche auf Bessakatny zu, umarmte und küßte ihn, während dieser in Tränen ausbrach. Der Offizier führte ihn zum Fenster, durch das das Sonnenlicht hereinflutete, und sprach leise und offenbar tröstend auf ihn ein; so blieben sie beieinander bis zum Schluß der Trauerzeremonie. Jekaterina Petrowna wählte einen passenden Augenblick, ging auf Bessakatny zu und fragte leise: »Und wo ist Ljolja?« »Sie ist dortgeblieben.« »Was heißt, sie ist dortgeblieben?« »Sie ist dortgeblieben«, wiederholte Serjosha. »Sie wird aber natürlich bald kommen?« »Ich weiß es nicht.« Jekaterina Petrowna zuckte die Achseln und sagte: »Sonderbar! Ist sie wenigstens wohlauf?« »O ja, gewiß.« »Das Ganze gefällt mir nicht, Sergej Pawlowitsch. Sie werden mich natürlich aufsuchen und mir alles genau berichten?« »Ich danke Ihnen, ich werde aber in den nächsten Tagen keine freie Zeit haben.« Frau Pardowa gesellte sich wieder zu den Dmitrewskis, die sie sofort ins Verhör nahmen; Sonja und Jossif aber zogen Bessakatny ins Gespräch. Aus der Nähe betrachtet, sah er verändert aus: sein rosiges Gesicht war trotz des flüchtig aufgetragenen Puders nicht mehr so rosig, es war gelb und schlaff geworden und hatte einen irgendwie verwirrten Ausdruck, die Augen schweiften unruhig umher, sein Gang war schwerfällig und unsicher. »Sie haben sich verändert, Sergej Pawlowitsch; sind Sie gesund?« »Ja, ja, ich bin vollkommen gesund; wie kommen Sie darauf?« fragte er erregt. »Na Gott sei Dank; Sie sind sicher noch müde von der Reise? Wann sind Sie angekommen?« »Heute früh, ich komme direkt vom Bahnhof.« Sonja fragte nicht nach Ljolja. Der Wind hatte sich nicht gelegt und jagte noch ebenso lustig die Wolken und riß den Passanten die Hüte von den Köpfen. In glänzender Paradeuniform holte Andrej unsere Freunde ein; er stieg aus dem Wagen, ging auf Jossif zu und fragte ihn, ob er ihn nicht in etwa drei Tagen empfangen könne. »Sie reisen ja bald fort?« fügte er hinzu. »Wohin denn? Ich habe nicht die Absicht.« »Wirklich? Sie haben es wohl vergessen, oder vielleicht irre ich mich auch.« »Ich weiß nicht, jedenfalls habe ich keine Reise vor.« »Auf jeden Fall möchte ich Sie, wenn Sie gestatten, am Sonnabend besuchen.« »Ich bitte sehr.« Jossif bemerkte eine Weile später: »Andrej Iwanowitsch hat sich irgendwie verändert.« »Wie meinst du das?« fuhr Sonja auf. »Er sieht auf einmal so wichtig aus.« »Nein, Joseph, es ist nicht so; er ist nur noch mehr durch irgendein Leuchten ausgezeichnet.« »Es war gut, daß er heute auf Bessakatny zuging.« »Ja, es war sehr schön. Andrej kann keine unschöne, folglich auch keine schlechte Handlung begehen; das Unsittliche liegt ja eben darin, daß wir irgendeine Harmonie stören.« »Er strömt aber immer eine seltsame Kälte aus.« »Nein, er ist gütig.« »Ich sage ja nicht, daß er schlecht ist, aber liebt er jemand?« »Andrej?! Alle liebt er, alle.« »So meine ich es nicht, Sonja; aber liebt er jemand einfach so?« Sonja war verwirrt und wurde rot. »Ich weiß es nicht, Joseph; ist es denn nicht ganz gleich, ist das wichtig?« »Es ist sehr wichtig, Sonja; wieso verstehst du das nicht? Außerordentlich wichtig! Wie kann man ohne Liebe leben? Ohne Liebe ist alles tot, und auch der Glaube ist tot.« »Du sagst etwas, was mir ganz neu ist.« Jossif widersprach nicht und brachte die Rede auf andere Dinge. In Sonjas Wohnung wurden sie von Viktor erwartet. »Warum warst du nicht bei der Beerdigung, Viktor?« fragte Jossif. »Ich wollte nicht mit Jekaterina Petrowna zusammenkommen. War Andrej da?« »Ja. Auch Bessakatny.« »Wo kommt der her?« »Eben angekommen.« »Auch Ljolja?« »Nein; es heißt, daß sie dortgeblieben ist.« Viktor pfiff und sagte: »Nun, was habe ich gesagt, Joseph? Genau so ist es gekommen; als ob ich Serjosha Bessakatny nicht kennen würde!« »Ja, Katja hat etwas angerichtet mit dieser Flucht«, versetzte Sonja. »Was hat Katja damit zu tun?« »Sie hat ja das Ganze arrangiert.« »Es wäre auch ohne sie so gekommen.« Sonja war beim Teetrinken zerstreut, sprach sehr wenig, trommelte mit den Fingern auf die Teekanne und sah aufs Fenster, durch das die Sonne schien, als ob draußen richtiger Frühling wäre. »Was für eine Reise prophezeit mir wohl Andrej Iwanowitsch?« Sonja blickte ihn ernst an und erwiderte nichts. »Es würde dir gar nicht schaden, irgendeine Reise zu machen und neue Luft zu atmen, Joseph«, sagte Viktor. »Wohin denn?« »Man kann schon einen Ort finden; hattest du nicht die Absicht, mit Broskin irgendwohin zu reisen?« »Nun, das ist eigentlich keine hervorragende Gesellschaft«, bemerkte Sonja. »Man soll nicht so wählerisch sein; Sascha liebt den Joseph, und mit ihm geht man unterwegs nicht verloren, er ist in unseren Bärenhöhlen ein unersetzlicher Begleiter. Und noch eins, Joseph: schau, daß du dein Geld schnell bekommst; ich fürchte nämlich, daß deine Frau wieder etwas im Schilde führt.« »Es sind noch einige Formalitäten zu erledigen«, bemerkte Sonja. »Was führt denn Jekaterina Petrowna im Schilde?« fragte Jossif. »Ich weiß es nicht bestimmt, aber ich hörte, daß sie dich für geisteskrank erklären, unter Kuratel stellen und dein ganzes Geld einstecken will.« »Was fällt dir ein, Viktor? Du solltest dich schämen!« rief der Stiefvater aus. »Warum? Es klingt sehr wahrscheinlich«, bestätigte Sonja. »Liebst du denn noch immer Jekaterina Petrowna oder glaubst an ihre Liebe?« fragte Viktor. »Nein, aber ich habe meinen Glauben an die Menschen nicht ganz verloren.« »Na, bei ihr kannst du gerade auf Mitleid rechnen!« »Sprechen wir nicht mehr davon.« »Es lohnt auch nicht, mit dir darüber zu sprechen, aber Sonja und ich werden auf der Hut sein.« »Tut, was ihr wollt.« Auf dem Heimweg schwiegen sie, erst kurz vor dem Ziel fragte Jossif, gleichsam seine Überlegungen abschließend: »Was glaubst du, Viktor, liebt Fonwisin jemand fleischlich?« Viktor blickte ihn verwundert an. »Was fällt dir plötzlich ein, danach zu fragen?« »Nein, was denkst du darüber?« beharrte Pardow. »Ich denke nicht, ich weiß, daß er unberührt ist.« »Ist das wahr?« »Es ist wahr!« Jossif fing nach einer Weile von neuem an: »Und wenn er nicht unberührt wäre, wie wäre er dann?« »Hör einmal, Joseph, du bist ganz dumm geworden: woher soll ich das wissen?« »Ich habe mich falsch ausgedrückt ... Wenn ihm sinnliche Regungen nicht fremd wären, so wäre er noch besser, gütiger, heiliger.« Viktor blieb sogar stehen. »Joseph, man könnte meinen, daß es deine selige Tante ist, die so spricht, und nicht du. Daß es dir nur nicht einfällt, dasselbe deinen Christusbräuten zu predigen!« »Wer soll denn die Liebe kennen, wenn nicht die Bräute? ... Ich wollte dich noch fragen, ob Andrej Iwanowitsch dann nicht ebenso wie Adventow wäre?« »Ich weiß es nicht, Joseph. Was willst du eigentlich von mir? – Joseph, laß mich endlich in Ruhe!« Beim Abschied sagte Viktor leise: »Vielleicht hast du auch recht, Joseph: vielleicht ist Andrej ebenso wie Adventow und aus diesem Grunde jungfräulich, überhaupt ist alles, was du sagtest, gar nicht so dumm: verzeih mir!« »Ich verstehe ja nicht, ordentlich zu sprechen«, rechtfertigte sich Jossif schuldbewußt. In den folgenden Tagen war er unruhig in Erwartung des angekündigten Besuches; am Freitag wurde sein Zimmer gewischt, er stand in aller Frühe auf, entzündete die ewigen Lämpchen, wusch und kleidete sich besonders sorgfältig, brachte seine Bücher und sonstigen Sachen in Ordnung und ging, ohne zu rauchen, auf und ab. Das Rauchen wurde bei den Sykows nur ungern geduldet, und Jossif war es zu dumm geworden, wegen jeder Zigarette ins Stiegenhaus hinauszulaufen oder sich einzuschließen, und so hatte er sich das Rauchen fast gänzlich abgewöhnt. Marina kam, die Hände im Rücken, zu ihm ins Zimmer. Sie hatte ein rosa Kleid und ein weißes Kopftuch an und strahlte vor Freude. »Gott hat mir seine Gnade erwiesen!« sagte sie an der Schwelle, ihm eine große Rose reichend, und fügte hinzu: »Die ist für Sie.« »Woher haben Sie diese Prachtrose?« fragte Jossif, die großen, feuchten, rosa Blütenblätter betrachtend. »Ein Geschenk von mir. Heute ist ein großer Tag! Ihnen will ich es sagen: verraten Sie mich nicht.« Marina sah sich um, ging auf Jossif zu und flüsterte ihm ins Ohr: »Ich habe heute den Leib und das Blut des Herrn empfangen!« Sie wurde vor Aufregung selbst ganz rosa und rief laut aus: »Ach, den Leib, den Leib und das Blut des Herrn!« Jossif fragte flüsternd, noch immer die Blume betrachtend: »Wo denn?« »In der Nikolajewskaja-Straße.« »In der Kirche der Gleichgläubigen?« »Ja.« »Ich gratuliere Ihnen; ich bin sehr froh.« »Und wie froh bin ich erst, daß ich dieser Gnade teilhaftig wurde!« Jossif merkte erstaunt, wie schön und jung Marina, obwohl sie stark abgemagert war, an diesem Morgen aussah. »Nun leben Sie wohl; Sie erwarten Besuch?« »Es ist noch zu früh.« »Noch etwas«, sagte Marina, an der Schwelle stehenbleibend: »Ich muß ja sowieso sterben, darum will ich es Ihnen an diesem großen Tag sagen: Ich liebe Sie, Jossif Grigorjewitsch, ich liebe Sie heiß, nicht wie einen Bruder, sondern so, wie ich meinen Mann liebte, wenn er noch am Leben wäre. Sagen Sie nichts, antworten Sie nichts, lassen Sie uns nur einander wie die Mönche küssen.« Und sie legte dreimal leicht ihre Wange an die Jossifs und ging wie durch die Luft schwebend hinaus, den Duft von Weihrauch und Rosen zurücklassend. Jossif stand lange unbeweglich da, tat dann die Rose in ein Glas mit Wasser, stellte dieses aufs Fensterbrett, setzte sich und wartete. Er hatte an diesem Morgen, ohne es zu bemerken, nichts gegessen und nichts getrunken. Als er die Klingel hörte, wollte er aufspringen und dem Gast entgegenlaufen, seine Beine waren aber wie gelähmt und wollten ihm nicht gehorchen. Er blieb sitzen und drückte die Hand an das klopfende Herz. Er hörte, wie der Besucher fragte, ob Herr Pardow zu Hause sei, wie er im Vorzimmer verweilte, dann durch den Salon ging, leicht an seine Tür klopfte und fragte: »Darf ich?« Und dann noch einmal. Auch die Zunge wollte nicht gehorchen; schließlich gelang es Jossif mit Mühe, diese plötzliche Stummheit zu überwinden, und er rief laut und heiser: »Herein!« Fonwisin trat ins Zimmer. »Sie haben mich wohl nicht erwartet und sind erschrocken?« fragte der Gast. »Nein, ich habe Sie erwartet ... Sehen Sie ...« »Was für eine herrliche Rose. Es riecht bei Ihnen nach Weihrauch: waren Sie in der Kirche?« »Nein, ich nicht.« »Glauben Sie nur nicht, daß ich Sie vergessen, daß ich Sie verlassen und an Sie nicht gedacht habe. Wissen Sie, was Ihnen fehlt?« »Ja, o ja! Die Kirche, ein wahres Leben und eine lebendige Liebe, aber wo kann ich sie finden?« »Wo? Da ist eine Kirche«, sagte der Offizier, durch das Fenster auf das nächste Kirchenkreuz zeigend. »Aber welche? Ihrer sind so viele.« »Es gibt viele Riten, aber nur eine christliche Kirche.« »Und lebendige Liebe! ... Ich habe viel geliebt, und was wurde daraus? Tod und Trauer! Wem soll ich meine Seele geben? Man kann wohl fleischlich lieben, ohne seine Seele hinzugeben.« »Es gibt nur eine Liebe! Wenn Sie fleischlich lieben, geben Sie vielleicht etwas Größeres und Schrecklicheres her. Fürchten Sie nicht, das zu verlieren, was wiedergeboren wird; ohne zu verderben, können Sie nicht erretten. Es gibt nur eine Liebe: zu Gott, zur Braut, zum Bräutigam!« »Und Sie? Und wie ist es mit Ihnen?« »Die Rede ist nicht von mir, sondern von Ihnen. Ich bin ein Mensch und kein körperloser Geist, kein geistiger Kastrat.« »Verlassen Sie mich nicht! Ich gebe mich in Ihre Hand.« »Geben Sie sich in Gottes Hand.« »Aber durch Sie, durch Sie! Führen Sie mich!« Jossif wußte kaum, was er sagte, was ihm der Gast antwortete, wie er vor Andrej niederkniete und warum ihn jener aufhob und küßte, er wußte kaum, daß die Unterredung nicht einen kurzen Augenblick, sondern volle zwei Stunden dauerte, und hörte nicht, wie die Kirchenglocken traurig und süß zur Abendmesse läuteten – aber ohne das alles zu wissen und zu verstehen, wußte er doch gut, was in ihm vorging und was er wissen mußte. Marina kam ins Vorzimmer und sagte mit einer tiefen Verbeugung: »Andrej Iwanowitsch, lassen Sie sich anschauen.« »Ach, Marina! Wie geht es Ihnen?« »Gut, sehr gut.« »Grämen Sie sich nicht?« »Nein.« Sie kam einen Schritt näher und fügte leise hinzu: »Andrej Iwanowitsch, verlassen Sie Jossif Grigorjewitsch nicht, lieben Sie ihn, um des Herrn willen!« »Sie brauchen mich nicht erst darum zu bitten, Marina!« »Wir lieben ihn so sehr!« »Wie sollte man ihn nicht lieben! Auf Wiedersehen.« »Leben Sie wohl. Verzeihen Sie mir, um Christi willen.« IV Es wurde immer wärmer und wärmer, die Tage wurden länger, und in den hellen Abenden und den Trauergottesdiensten der Karwoche lag schon die Verheißung der Freude des nahen Osterfestes. Es war noch kühl, aber heiter, und Marina saß lange am Fenster, ohne Licht zu machen, auf die langen Reihen der Häuser, Dächer und Kreuze und auf den Himmel hinausblickend, der aus Rosa allmählich in ein zartes Grün überging, in dem als bebender Punkt der erste Stern strahlte. Sie war allein zu Hause, denn auch Jossif war zur Abendmesse gegangen, und als die Klingel ertönte, mußte sie selbst aufmachen; nirgendwo war Licht, nur die ewigen Lämpchen brannten in allen Zimmern, und sie erkannte Sonja nur an der Stimme und der buckligen Figur. »Darf ich zu Ihnen? Sie sind allein, wie bin ich froh, ich muß mit Ihnen so vieles besprechen.« »Bitte, ich freue mich sehr.« Sie traten in den Salon, und Sonja fragte: »Können wir zu Ihnen gehen, Marina?« »Gewiß, kommen Sie.« Sie setzten sich und Sonja begann: »Ich habe eine Frage oder eigentlich eine Bitte an Sie, Marina: wenn Sie wiederhergestellt sind, so nehmen Sie doch mich und Jossif in eines Ihrer Klöster mit: er muß von hier fort, um zu Kräften zu kommen und auszuruhen. Sie sind ja in den Klöstern bekannt, und ich verspreche Ihnen, daß wir das klösterliche Leben durch nichts stören werden.« Marina antwortete mit einem Lächeln: »Davon ist natürlich nicht die Rede: schon nach einigen Tagen werden sich alle sehr über Sie freuen, warum wollen Sie aber nicht in ein rechtgläubiges Kloster?« »Wir möchten gern mit Ihnen sein, und dann ist es ja doch nicht dasselbe.« »Ja, vielleicht. Aber, liebe Sofja Karlowna, Sie mögen mir glauben oder nicht, vielleicht sündige ich auch, aber ich muß Ihnen sagen, daß es mir kaum beschieden sein wird, die Reise mit Ihnen zu machen.« »Warum? Weil Sie noch zu schwach sind? Man kann ja auch noch warten, obwohl, je früher, je besser.« »Nein, ich gehe ganz weg, ich sterbe bald. Aber ich will Ihnen einen Brief an die Äbtissin mitgeben, damit man Sie aufnimmt. Eine der Nonnen wird hier die ganze Osterwoche verbringen, und wenn es Ihnen nichts ausmacht, können Sie mit ihr hinfahren.« »Sehr gut, aber ich hoffe dennoch, daß Sie mit uns mitkommen.« Marina sagte darauf nichts. Nach einer Weile begann sie leise: »Sofja Karlowna, lieben Sie Jossif Grigorjewitsch? Verlassen Sie ihn nicht, damit mir das Herz nicht weh tut; wenn er sich an Andrej Iwanowitsch und an Sie hält, wird ihm Gott seinen Frieden schenken.« »Ich liebe Joseph, das wissen Sie, Marina.« Marina beugte sich zu ihr und fragte noch leiser: »Würden Sie ihn, wenn Sie mit ihm nicht so nahe verwandt wären, heiraten?« »Was fragen Sie danach? Ist es denn wichtig? Ich liebe ihn von ganzem Herzen.« »Das ist nicht das Richtige. Ob man heiratet oder nicht heiratet, ist vielleicht nicht wichtig, vielleicht ist es auch besser, unverheiratet zu bleiben, wie Andrej Iwanowitsch, aber zur Heirat bereit zu sein. Man muß ohne Scheu lieben. Viele heilige Frauen waren ja in der Jugend Buhlerinnen, andere bewahrten ihre Jungfräulichkeit von Geburt an, Gott aber machte sie alle reich an der Liebe, die einen den Grashalm, das Morgenrot, den Menschen und den Schöpfer mit Leib und Seele lieben läßt. Jeder hat seinen Weg, wenn nur ein lebendiges Feuer im Menschen brennt. Dann hat man auch Freude. Jossif Grigorjewitsch ist so einer; er kannte nur seinen Weg nicht und tastete blind wie ein neugeborenes Kätzchen herum, aber er wird sehend, gelobt sei der Herr Jesus.« Sonja flüsterte: »Auch ich kannte den Weg nicht, ich glaubte, ich sei stark, war aber schwächer als der Schwächste. Ich habe absichtlich mit meinem Herzen gekargt, ich fürchtete mich und wußte nichts.« Marina streichelte Sonja und sprach: »Es wird alles kommen, der Herr sieht Sie.« »Ich liebe Jossif so sehr, daß ich auch dazu bereit wäre, wovon Sie sprechen. Ich liebe auch Andrej, und Sie, und Viktor.« Marina kniete vor Sonjas Sessel nieder, küßte sie und sagte: »So ist es gut, der Frühling wird das Eis zerschmelzen, auch ich liebe Jossif Grigorjewitsch und Sie, Sonja, und ich weiß, daß ich Sie nicht verlasse, auch wenn ich sterbe, ebenso wie mich mein Pawluscha nicht verlassen hat.« Sonja beugte sich über Marina, schmiegte sich mit ihrer kleinen Brust an ihren hageren und heißen Körper und sagte unter Tränen: »Es ist geschmolzen, es ist geschmolzen, der Herr verzeihe mir! Ich aber glaubte, daß Sie mich nicht lieben und mich verurteilen.« »Wofür denn, Sonjuschka?« »Weil ich bei jener Gemeinde war, Sie wissen doch?« »Was soll man daran zurückdenken? Nicht jeder kennt seinen Weg – wer kann seinen Nächsten richten? Das Leben ist aber ohne die Sakramente tot, und die Sakramente sollen von Priestern, die in der Kirche dazu geweiht sind, vollzogen werden.« Sonja fragte: »Kennen Sie unsere Priester?« »Ich kenne sie, aber die göttliche Gnade wird dadurch nicht verringert. Wir lesen ja auch im ›Prolog‹, daß ein unwürdiger Priester gefesselt in einer finsteren Ecke lag, während ein feueräugiger Engel die Sakramente an seiner Statt vollzog, der Gemeinde aber schien es, daß ihr Priester, den sie als einen sündigen und schwachen Menschen kannten, sich erdreistete, ihnen den Leib und das Blut Christi zu reichen. Die Unwürdigkeit des Priesters ist eine Sache zwischen ihm und Gott, aber die Sakramente, die er vollzieht, sind unabänderlich und heilig!« »Dann sind die Gebete dasselbe wie Beschwörungen, und Sakramente wie Zauberei, sie kommen nicht von der Heiligkeit und der Offenbarung?« »Was ist größer, weiser und heiliger als Jesus? In den Gebeten liegt eine große anrufende Kraft, und wenn sie auch ein Zauber ist – was ist dabei? Sie ist heilig und geheimnisvoll: ein Sakrament. Man bedenke nur: Der Mensch wird durch die Taufe zum Leben geboren, durch die zweite Taufe – die Sühne – wiedergeboren, durch die Ehe für die Liebe bereitgemacht, durch die Kommunion für die Vereinigung mit Gott, das ist so groß und wahr und freudvoll! Wenn Sie Rat suchen, wenden Sie sich an gute und kluge Menschen, wenn Sie geistige Aufklärung wollen – an jemand, der in den Heiligen Schriften belesen ist, und wenn Sie das Lebensnotwendige, die Sakramente, brauchen – an einen dazu geweihten, den Segen besitzenden Priester. Die Verantwortung des Priesters vor Gott ist groß, aber für uns ist seine Kraft grenzenlos.« Sonja weinte nicht mehr und schwieg, dann entgegnete sie: »Sie haben aber wohl auch gelesen und wissen, daß die Gnade zuweilen auch den nicht Geweihten zuteil wird, so daß sie sehend werden und prophezeien können.« »Das schon, aber sie können keine Sakramente vollziehen! Es ist gut, wenn solche Auserwählte auch noch die priesterliche Gewalt bekommen, dann ist ihre Heiligkeit unsagbar, aber durch das Prophetentum allein kann man sich nicht retten.« »Und Sie glauben, daß es auch heute solche Auserwählte geben kann?« »Die Gnade versiegt nicht. Es gibt sie auch heute, man muß nur einen scharfen Blick haben.« »Unter den Priestern?« »Wohl auch unter den Priestern, und unter den Laien ebenfalls. Der Geist weht, wo er will und wo er ein bereitetes Gefäß findet.« Sonja schwieg wieder, dann küßte sie Marina, die müde geworden war und gleich ihr schwieg, und flüsterte: »Danke, liebe Schwester, Mutter Marina.« »Was sagst du da, Sonjuschka, der Herr sei mit dir!« »Du hast mich lieben, leben und glauben gelehrt!« »Hör auf; lieben hat dich dein Herz gelehrt, und leben – der Wille Gottes. Jossif Grigorjewitsch wird den Weg anfangs schwankend gehen, wie ein kleines Kind von Stuhl zu Stuhl trippelt, dann aber voller Freude zu seiner Mutter läuft und ruft: ›Ich kann gehen!‹, und die gute Mutter lacht, ohne ihm entgegenzukommen, damit seine lieben, flinken Beinchen kräftig werden, damit ihm die Angst vergeht.« Marina verstummte und sagte nichts, als Sonja sie beim Namen rief. Sonja zündete eine Kerze an, die Kranke saß blaß, mit geschlossenen Augen da. »Was ist mit dir? Soll ich dir Wasser geben?« »Es ist nichts, ich bin sehr müde, und noch etwas ...« »Sprich nicht mehr. Es ermüdet und regt dich auf und kann dir schaden. Ich danke dir für alles.« »Nein, es ist etwas anderes. Sag, leidet Jossif Grigorjewitsch keine Not?« »Wie meinst du das?« »Hat er eigenes Geld außer jener Erbschaft?« »Ja, ein wenig, warum?« »Dann sollte er die Erbschaft seiner Frau abtreten – er hätte seine Ruhe und würde sie nicht zur Sünde verführen.« »Ja, ich will es ihm sagen, er hat etwas Geld, auch ich habe etwas: für uns drei und Viktor wird es reichen.« »Das wäre sehr gut, denn von diesen Dingen kommt besonders jetzt eine große Unruhe, er braucht aber Frieden.« »Gut, ich will es ihm sagen. Warum kam es uns nicht selbst in den Sinn?« »Sprich mit ihm, Täubchen. Da kommen schon die Unsern, ich will mich hinlegen.« Aus dem Nebenzimmer erklangen wirklich Stimmen, und ein Lichtschein drang herein. Sonja ging durch die andere Tür und den Korridor hinaus. Sie war ganz zerschlagen, aber glücklich, und spürte ihre Müdigkeit gar nicht. Jekaterina Petrowna war nach einigen Tagen nicht wenig erstaunt, als man ihr Jossifs Visitenkarte überreichte; sie saß gerade über den Papieren und Briefschaften der Gemeinde, in der sie jetzt eine führende Rolle spielte und sogar Tante Nelli etwas verdrängt hatte. Sie blickte den Eintretenden etwas unruhig an und sagte: »Nehmen Sie Platz.« Jossif begann stotternd: »Ich möchte Ihnen einen Vorschlag machen: die Erbschaft, die ich dieser Tage bekommen soll ...« »Ja?« sagte Frau Pardowa gespannt. »Ich habe die Absicht, dieses Geld auf Ihren Namen einzutragen, oder, wenn Sie es vorziehen und wenn es weniger Formalitäten erheischt, auf die Erbschaft zu Ihren Gunsten zu verzichten.« Der Vorschlag kam Jekaterina Petrowna sehr unerwartet, und sie schien eine Falle zu wittern. Sie hörte unruhig zu, was ihr Mann sagte; stammelnd, aber mit der gewohnten Naivität entwickelte er seinen Plan. Als er endlich fertig war, ging Katja auf ihn zu und fragte: »Sie wollen sich von mir scheiden lassen?« Jossif blickte sie erstaunt an. »Nein, daran habe ich nicht gedacht, aber wie Sie wollen; ich werde mich kaum zum zweitenmal verheiraten.« »Sie sind ein edler Mensch, Jossif Grigorjewitsch, und ich bin tief in Ihrer Schuld. Ich weiß und sehe, daß ich Ihrer unwürdig bin, aber was soll man machen, wer hat in seinem Leben nie geirrt? Auch ich möchte Ihnen etwas vorschlagen und Sie um etwas bitten: ich weiß, daß Sie das Geld selbst brauchen.« »Nein, nein, genieren Sie sich nicht«, versuchte sie Jossif zu unterbrechen. »Nein, ich weiß es; behalten Sie also von der Erbschaft einen gewissen Teil, der Ihre finanzielle Lage etwas erleichtern könnte. Außerdem möchte ich, daß dies alles unter uns bleibt.« »Gut, mir ist es ganz gleich.« »Ich wußte, daß Sie darauf eingehen würden und daß Sie nicht deshalb großmütig handeln, damit alle von Ihrer Großmut sprechen. Ich danke Ihnen. Ich hörte, Sie verreisen bald?« »Es ist noch sehr unbestimmt ...« »Gebe Gott, daß sich Ihr Leben so gestaltet, wie Sie es wollen und wie Sie es verdienen. Reist auch Fonwisin mit Ihnen?« »Ja, auch Sonja, wahrscheinlich auch Marina.« »Ach, auch sie?« »Was wundert Sie daran?« »Nein, nichts.« Jekaterina Petrowna sollte nicht so bald aus dem Staunen herauskommen, denn bald nach Jossifs Besuch erschien unerwartet Ljolja bei ihr, die sehr krank und elend aussah und weder von ihrem Aufenthalt im Ausland noch von den Gründen ihres Zerwürfnisses mit Bessakatny vernünftig zu erzählen wußte. Sie sprach zusammenhanglos und unterbrach ihre Rede mit Tränen und Aufschreien. Als Ljolja fort war, versank Jekaterina Petrowna in tiefes Nachdenken, und als später Nelli und Pjotr Pawlowitsch erschienen, ließ Frau Pardowa die Bemerkung fallen: »Wir sollten unsere Aufmerksamkeit Ljolja zuwenden.« »Warum?« »Sie kann leicht ein nützliches und tatkräftiges Mitglied unserer Gemeinde werden.« »Glauben Sie?« Jekaterina Petrowna nickte mit Kennermiene. »Ich vertraue Ihrem Scharfblick, meine Liebe«, sagte Nelli. Beim Abschied versetzte Katja wie nebenbei: »Ja, ich werde die Klage gegen meinen Mann zurückziehen – soll er leben, wie er will, und fremdes Geld brauche ich nicht.« »Sie sind gar zu großmütig«, bemerkte Nelli trocken. Pjotr Pawlowitsch wollte fragen: »Wie ist es dann mit Ihren guten Vorsätzen?« Frau Pardowa unterbrach ihn aber: »Der Mensch denkt, und Gott lenkt.« Nach einer Pause fügte sie hinzu: »Zu Ostern spende ich den Armen unserer Gemeinde tausend Rubel, ich werde das Geld durch Sergej Pawlowitsch schicken, er ist ja jetzt unser Sekretär.« »Gewiß, gewiß, Ihr Sekretär«, entgegnete Pjotr Pawlowitsch. Nelli kam erst auf der Straße zur Besinnung und fragte laut: »Was sagt man dazu?« »Ja, allerdings«, erwiderte jener gedehnt. V Das Osterfest mit seinem ununterbrochenen Glockengeläut war vorbei; vor der Stadt flossen die Bäche von den Hügeln, die Zieselmäuse tollten umher, die Auerhähne hatten auf schneefreien Lichtungen gebalzt und die Schneeglöckchen geblüht, und unsere Freunde saßen noch immer in der Stadt. Marina saß nicht einmal, sondern lag, bald dahindämmernd, bald wachend. Man konnte ihr aber unmöglich die Absicht ausreden, zum Totengedenktag auf den Friedhof hinauszufahren; sie war am Vorabend so aufgeregt, daß der Arzt achselzuckend sagte: »Versuchen Sie es, man kann ihr diesen vielleicht letzten Wunsch nicht gut abschlagen.« Marina war fröhlich und schien auch rüstiger; man mußte vor ihren Augen einige rote Ostereier und ein Stück trockenen Osterkuchen in ein Tuch einbinden, und sie fuhr, von Jossif und Sonja begleitet, in einer Mietskutsche zum Friedhof. Als man sie die Stiege hinuntertrug, lachte sie und scherzte: »Wartet, wenn wir zurückkommen, lauf ich die Treppe schon selbst hinauf.« »Schön, wir werden Ihnen nicht helfen, merken Sie sich das!« Sie ließ die Wagenfenster öffnen und blickte gierig auf die Häuser, die trockenen Bürgersteige, Straßenlaternen und Passanten hinaus, als sähe sie dies alles zum erstenmal. »Mein Gott, wie lange war ich nicht mehr auf der Straße! Hier, wo früher ein Wurstladen war, ist jetzt ein neumodisches Friseurgeschäft: die Gehilfen sind Geschäftsteilhaber und nehmen keine Trinkgelder an.« Marina lachte plötzlich auf: »Alles macht man jetzt auf neue Manier!« Sooft sie an einer Kapelle oder Kirche vorbeifuhren, wollte sie sehen, was für Heiligenbilder innen hingen, und ärgerte sich, wenn es ihr nicht gelang. »In Petersburg kennt man nicht die Sitte, die Ikonen draußen auf der Straße anzubringen wie in Moskau, auch alte Bilder sind dabei. Mir gefällt das!« Als der Wagen sich dem Stadtrand näherte, fiel Marina entkräftet in die Lehne zurück und schloß die Augen. »Bist du müde, Marina?« fragte Sonja. »Ja, ein wenig.« »Wir sind bald da.« »Ich weiß.« Jossif sagte: »Weißt du noch, Sonja, im vorigen Jahr um diese Zeit fing ich eben an, mich zu erholen, und ging zum erstenmal aus.« »Ja, und dann machten wir eine Fahrt durch die Seen.« »Ich sah damals zum erstenmal Andrej. Und bald darauf begann mein Roman mit Katja. Um Maria Schutz und Fürbitte, kurz davor, hatte man den Pawel ermordet. Und vier Wochen später die Tante.« »Es war eine schwere Zeit«, sagte Sonja. »Wie seltsam doch alles ist: meine Heirat, dieser Winter und alles andere, und alles scheint zum gleichen Ziel zu führen! Wenn Katja eine andere wäre, wer weiß, wie es jetzt stünde.« »Dann würde Jossif Grigorjewitsch ruhig und ohne Sorge leben, würde mit uns nicht verkehren und wäre glücklich.« »Bin ich denn jetzt unglücklich?« Der Wagen hielt schon vor einem schmalen, von einem achtendigen Messingkreuz Das ›Russische Kreuz‹ der Altgläubigen hat drei Querbalken, also acht Enden. bekrönten Tor. Marina bekreuzigte sich und wollte selbst, ohne fremde Hilfe aus dem Wagen steigen, als ob sie an ihre Krankheit gar nicht dächte; man mußte sie aber an den Armen führen. Vor Schwäche bewegte sie die Beine mit großer Mühe und ärgerte sich, daß sie nicht so, wie sie wollte, über das grüne Gras laufen konnte. Sie wiederholte einigemal »Gra-as, Gra-as!« und verstummte. Sie blieb lauschend stehen und blickte unverwandt auf das erste frische Grün der Grabhügel. Auch ihre Begleiter standen schweigend an ihrer Seite. »Wie wunderbar: wenn man ein Wort immer wiederholt, wenn es einem in die Seele dringt, so begreift man alles an ihm. Schau einmal, Sonja, auf die Blume, wiederhole hundertmal ihren Namen und richte auf sie alle deine Sinne, dann wirst du begreifen, was sie bedeutet, wirst wissen, wie sie lebt, als ob du alle Bücher durchgelesen hättest, wo diese Blume beschrieben ist, nur wiedererzählen kannst du es nicht. Ebenso muß man die Gebete verstehen, ihre Worte und was sie bedeuten, aber auch ein Drittes, was ihnen die Kraft gibt. Wenn du tausendmal ausrufst: ›Herr, Jesus Christus, Gottes Sohn, erbarme Dich unser‹, so wirst du darum auch die ganze Kraft der Worte erfassen und wirksam die Gnade herbeirufen. Gras, Gras, Himmel, Erde, Grab!« Als sie das Grab ihrer Mutter erreichte, verneigte sie sich ohne fremde Hilfe siebenmal bis zur Erde, band schweigend das Tuch auf, holte ein rotes Ei heraus, berührte damit dreimal die Erde und rief laut: »Mütterchen, Christ ist erstanden!« Dann schälte sie das Ei, zerkrümelte es ebenso wie den Osterkuchen und verneigte sich wieder, während die Vögel auf den noch nackten Zweigen tschilpend flatterten und warteten, daß die Menschen endlich weggingen. Da Marina sich lange nicht erhob, berührte Sonja sie und sagte leise: »Marina, das ist für dich zu ermüdend, steh auf, setz dich auf die Bank.« Marina antwortete nicht und rührte sich nicht. Sonja versuchte ihr auf die Beine zu helfen und sagte: »Jossif, geh zum Wächterhäuschen und hole Wasser, sie ist ohnmächtig.« Jossif suchte lange und aufgeregt nach Wasser, und als er endlich mit einer Karaffe zurückkam, sah er Marina noch immer auf dem grünen Grabhügel liegen. Sonja aber war kreidebleich, hielt einen Finger vor die Lippen und flüsterte: »Still, Joseph, sie ist tot!« Die Karaffe fiel ohne zu klirren auf den Boden. Als die Vögel sahen, daß die drei Menschen sich nicht rührten, flogen sie zu den Krümeln herab und begannen, die Hälschen reckend und ab und zu fein piepsend, sie aufzupicken. VI Die längst beschlossene Abreise unserer Freunde wurde durch die zweite Beerdigung nicht verzögert, sondern beschleunigt, denn Jossif bedurfte nun noch mehr der Ruhe. Andrej, der auch Marinas Beerdigung beigewohnt hatte, besuchte jetzt Jossif jeden Tag, tröstete ihn und sprach mit ihm stundenlang. Eines Abends, als in Jossifs Zimmer schon Sonja saß, die einen Brief von Marinas Onkel an die Äbtissin mitgebracht hatte, kam Andrej Iwanowitsch später als sonst und erklärte etwas feierlich und plötzlich: »Meine Freunde, wir müssen noch warten und nicht ins Kloster, sondern an einen vielleicht noch heiligeren Ort fahren – nach Rom.« »Nach Rom?« riefen Jossif und Sonja wie aus einem Munde. »Ja, nach Rom. Ein Verwandter von mir, der dort erkrankt ist, will, daß ich zu ihm komme, und ich kann ihm diesen Wunsch unmöglich abschlagen; ebensowenig kann ich euch hier allein zurücklassen, und es fiele euch zu schwer, auf meine Rückkehr zu warten.« »Ja, viel zu schwer«, bestätigte Jossif. »Was denn, das kommt für uns ganz unerwartet«, begann Sonja; aber Jossif unterbrach sie: »Nein, Sonja, wir müssen mit Andrej reisen. Es ist undenkbar, daß wir hier ohne ihn zurückbleiben.« Andrej ging einmal durchs Zimmer und sagte: »Ich glaube, ja, ich bin überzeugt, daß es kein bloßer Zufall ist, was uns nach Rom führt. Würde es Sie übrigens nicht interessieren, diese Stadt kennenzulernen: Sie waren noch nie im Ausland?« wandte er sich an Jossif. »Nein.« »In Rom war ich auch noch nicht«, gestand Sonja. Andrej fügte hinzu: »Je gewaltiger die Ortsveränderung, um so größer wird auch Ihre innere Erneuerung sein.« »Vielleicht haben Sie recht.« »Wie schade, daß Marina es nicht erlebt hat, daß sie nicht mit uns reisen kann«, flüsterte Jossif. Andrej ging auf ihn zu und sagte laut und streng: »Sie ist mit uns! Sie ist mit uns! Fühlen Sie es denn nicht?« »Ich spüre den Duft von Weihrauch.« »Ich rieche nach Weihrauch, Joseph: ich war eben in der Kirche. Aber Marina ist mit uns, kannst du denn anderes denken?« »Sie ist mit uns!« wiederholte Fonwisin. Nach einer Weile begann er wieder: »Haben Sie denn noch nie gehört, wie in der Kirche für die Verstorbenen gebetet wird, und hatten Sie dabei nicht den Eindruck, daß alle diese unbekannten Iwans, Pjotrs, Pawels und noch einmal Iwans in dichter Schar mit uns vor Gott treten? Haben Sie die Monatsikonen gesehen, wo die Engel, Propheten, Märtyrer, Apostel, Ehrwürdigen, Gerechten, heiligen Könige, Jungfrauen und Styliten in ihrer ganzen Herrlichkeit dastehen, und hatten Sie dabei nicht den Eindruck, daß sie uns wie ein strahlender Chor in der Kirche umgeben? Die Heiligen, wir und die Entschlafenen bilden eine einzige Kirche, die in allen lebendig und wirksam ist. Und wenn wir beten, übergeben die armen, lieben, uns verwandten Hände unser Gebet den heiligen Fürbittern, damit sie es vor den Thron bringen. Alle, ganz gleich, wer sie waren und wie sie lebten, auch Marina, auch Ihr Tantchen, haben dort untrüglich und freudvoll erfahren, was wir hier nur suchen und woran wir glauben. Sie sind mit uns, sie helfen uns und lieben uns.« Als Fonwisin verstummte, schwiegen auch Sonja und Jossif, gleichsam lauschend, ob nicht leichte Schritte ertönten, ob die Tür nicht aufginge und eine Gestalt in weißem Kopftuch, mit einer Blume in der Hand, wie sie Marina am Morgen ihrer Kommunion gesehen hatten, einträte. »Also nach Rom?« fragte Sonja ernst. »Man schickt uns nach Rom«, bestätigte Andrej leise, aber bestimmt. Er stand am Ofen, an der einzigen Stelle, die von den Strahlen der scheidenden Sonne noch erreicht wurde. Jossif erhob sich, ging auf den Offizier zu, ergriff seine Hand und fragte kaum hörbar: »Andrej, haben Sie die Liebe?« Jener antwortete, ohne die Augen von der nicht mehr blendenden Sonne zu wenden: »Ich bin ein Mensch, ich lebe, ich habe den Glauben wie sollte ich nicht auch die Liebe haben?!« »Sie sind aber an niemand durch fleischliche Bande gebunden, Sie sind unberührt?« »Ich bin unberührt, aber durch unlösbare, irdische, sinnliche Bande gebunden.« »An wen?« fragte Sonja noch leiser, von der anderen Seite auf den Offizier zugehend und seine freie Hand ergreifend. »Ich liebe Sie und Joseph, am meisten aber Den, Welchen auch Sie mehr als alles Lebende lieben.« »Von ganzem Herzen, mit ganzer Seele, mit allen Sinnen!« sagte Sonja. »Von ganzem Herzen, mit ganzer Seele, mit allen Sinnen!« bestätigte Fonwisin. »Amen!« schloß Jossif. »Alle, die geliebt haben, und alle, die lieben, sind mit uns«, sagte Fonwisin und küßte beide auf den Mund. So standen sie nebeneinander, bis das Abendrot erlosch. Als man Viktor den Entschluß, nach Rom zu reisen, mitteilte, war er nicht erstaunt, weigerte sich aber entschieden mitzufahren. »Auch ins Kloster wollte ich nicht fahren, um so weniger ins Ausland; glaubt nur nicht, daß ich nicht mitfahre, weil ich euch nicht liebe, nur weiß ich und sehe ich, daß es für mich noch zu früh ist, euren Weg zu gehen.« »Bin ich denn viel älter als du, Viktor? Doch kaum um drei Jahre?« suchte ihn der Stiefvater zu überreden. »Geht es denn um das Alter?« entgegnete jener und begann mit ihnen die Einzelheiten der bevorstehenden Reise zu besprechen. Jossif fragte plötzlich: »Sonja, wie heißt auf italienisch ›Rom‹?« »Roma.« »Roma? Das klingt schön; rund wie eine Kuppel.« Und später, als Sonja und Viktor gegangen waren, trat Jossif ans Fenster und blickte auf die langen Reihen der Dächer und Häuser, die Kreuze der nahen und fernen Kirchen und den weiten Himmel hinaus. Er wiederholte: »Roma, Roma«, bis die Laute ihre Bedeutung verloren und etwas Riesengroßes seine Seele erfüllte, etwas wie der Himmel oder die Kuppel eines Domes, wo die Engel und Märtyrer als strahlender Chor standen, auch Päpste und Kirchengelehne, und die liebe Marina, das arme Tantchen, Sonja und Viktor waren da, auch Jossif selbst, und Andrej als Erzengel, der Schnee auf den Bergen, das Gras auf dem Grab und die Kreuze auf den fernen, wunderbaren und den nahen, von Kind auf vertrauten Kirchen.