Friedrich Lienhard Jugendjahre Dem Andenken meiner Eltern in Dank und Liebe Vorwort »Du bist mein! Und nun ist das Meine meiner als jemals!« Dieses Wort aus Goethes Hermann und Dorothea drängt sich dem Elsässer auf die Lippen, der nun im Weltkrieg seinen Besitz zusammenfaßt. Es ist errungener Besitz: erobertes Deutschtum. Und so erweitert sich das mein zum unser: »Dies ist unser! So laß uns sagen und so es behaupten!« Dieses Buch der Erinnerungen wurde vor dem Weltkrieg begonnen und neben andrem, was das Herz bewegte, im Kriege zu Ende geführt. Man betrachte es als einen Gruß aus dem so viel umstrittenen, so viel entehrten und leider, auch von Deutschen, so viel verkannten Elsaß. Daneben als den Ausdruck eines besondren Menschentums, das manchen Ringenden ermuntern mag, seinen Idealen Treue zu halten. Endlich auch wird das Buch den Freunden meiner Werke eine willkommene Gabe sein und zum Verständnis meines Schaffens beitragen. Weimar , 4. Oktober 1917 Friedrich Lienhard Einleitung Weimar, 22. April 1914. Am Park von Weimar, im altberühmten Hause der Frau von Stein, beginnt der Verfasser die Niederschrift dieser Erinnerungen. Da ich im Elsaß noch vor dem Kriegsjahr 1870 unter französischer Herrschaft, wenn auch in urdeutscher Gegend geboren bin, so muß ich mich amtsgemäß als gebürtigen Franzosen bezeichnen. Und ich darf hinzufügen: es ist ein weiter Weg, aus einem elsässischen Vogesendörfchen französischer Zeit emporzudringen nach Weimar und auf die Wartburg, zu diesen heiligen Hainen deutscher Geistes- und Herzensbildung. Aber das Ergebnis der Fahrt ist groß und schön. Und es war mir einmal ein bedeutsam Siegesfest, als ich meinen alten Vater im Gasthof der Wartburg beherbergen und dem elsässischen Dorfschulmeister unser Deutschland zeigen durfte. In jenen Jahren entstanden meine Wartburgtrilogie und mein Thüringer Tagebuch, zwei meiner wichtigsten Bücher; aus ihnen entfalteten sich die Gedanken und Lebensbilder der sechs Bände »Wege nach Weimar«; hieraus wieder erwuchs mein kulturhistorischer Roman »Oberlin«, und die zehnjährige thüringisch-elsässische Epoche schloß mit dem modernen Roman »Der Spielmann«. So erwuchs mir Leben, Denken und Dichten aus innerer Einheit. Ich war, der ich als Mensch, Dichter und Künstler durchdrungen bin von dem Ideal einfacher Größe, nie darauf erpicht, durch starkes Herausarbeiten einer Sonderbegabung Aufsehen zu erregen. Des werdenden Mannes erst dumpf geahntes, dann klar erkanntes Ziel war organische Einheit zwischen Leben und Schaffen, zwischen Gehalt und Form. In einem Briefe Herders an die Gräfin Maria von Bückebürg steht der bedeutungsvolle Gedanke: »Jeder Mensch hat ein Bild in sich, was er sein und werden soll; solange er das noch nicht ist, ist noch Unfriede in seinen Gebeinen; er ist jetzt so, jetzt anders, widerspricht sich tausendmal in einer Stunde, wird von Phantasie und Sinnen oder, wie die Bibel sagt, von Lüsten getrieben: der Eine helle sanfte Ton ist noch nicht da, in den alle seine Glieder und Kräfte wie eine wohlgestimmte Laute tönen sollen.« Das gilt für jeden von uns, der aus dem Dunklen ins Helle strebt. Ich hoffe von einem ruhigen und ritterlichen Geschlecht der Zukunft, daß es wieder in anmutigen und kraftvollen Bildern das Wunder und die Würde des Lebens veranschaulichen werde. Man wird es dann nicht mehr als genial deuten, wenn fiebernde Sinnlichkeit den Becher des Lebens in gierigen Zügen hinunterstürzt. Man wird seine Kraft und Glut meistern; man wird sie sammeln auf hohe Ziele. Etwas wie Tempelstimmung wird in einzelnen Führern Form gewinnen. Man wird wieder Feiertagsgewänder mit natürlichem Anstand zu tragen wissen, die der Hoheit unserer Lebensauffassung entsprechen. Die festlichen Säulen brauchen nicht kalt und starr zu bleiben; ihr kühler Marmor wird sich gern mit warmen Blumenfarben umwinden; Chorgesang und Flötenklang werden ernst und heiter die Luft beleben, und in den Tiefen der Seele wird sich das Rosenkreuz gut mit der griechischen Anmut und der deutschen Kraft vertragen. Gemeißelte Bilder der Helden, Meister und Götter werden nicht abstechen von den plastischen, edelgewachsenen, lebendigen Menschen, die sich festtäglich zwischen ihnen bewegen. Träume? Man verzeihe diese Träumerei von einem zukünftigen Deutschland! Es ist ein Träumen am Goethepark, der von Elfen und Meistern beseelt ist. And sind es wirklich nur Träume? Ist nicht etwas von diesem Ideal in uns selber lebendig? Denn was auch Deutschland in seiner Gesamtheit tun mag: der einzelne, der das Ideal erschaut, hat unbeirrbar seine Erfüllung zu suchen. Weimar ist mir übrigens als Ort auch durch eine zwiefache Freundschaft lieb geworden: mit Adelheid von Schorn und ihrem edlen Freunde Paul von Joukowsky. Erstere hat in ihren Büchern »Zwei Menschenalter« und »Das nachklassische Weimar« ihre Erinnerungen an Franz Liszt, Fürstin Wittgenstein und andere Zeitgenossen festgehalten. Und der nun verstorbene Joukowsky: ich sehe noch den hochgewachsenen, nur leise gebeugten Edelmann und Künstler vor seiner Staffelei stehen, bedächtig in seinen Bewegungen, gehalten und leutselig in seinen Umgangsformen, von Güte durchleuchtet, wie seine farbenschönen, seelenvollen Gemälde. Auch er war mit Liszt und besonders mit Richard Wagner befreundet, war in den Sterbestunden beider Meister zugegen, kannte persönlich einen Gobineau und Heinrich von Stein, und hat nach Wagners Sinn und Willen die ersten Kulissen zum »Parsifal« entworfen. Nachdem er später in Moskau das Denkmal Alexanders II. gezeichnet und gebaut hatte – sein Vater war des Zaren Erzieher gewesen – zog er sich in Weimars friedliche Freiheit zurück, um die letzten Lebensjahre der Kunst und der Freundschaft zu widmen. Diese beiden wundervoll abgeklärten Menschen wurden mir mehr als nur Einzelpersonen: sie erschienen mir als Typen, sie stellten die Verbindung zwischen Weimar und Bayreuth her. Nicht zufällig habe ich Heinrich von Stein, den Neffen von Adelheid von Schorn, den Erzieher von Siegfried Wagner und früh verstorbenen Vorkämpfer des Meisters von Bayreuth, an die Spitze meiner »Wege nach Weimar« gestellt. Es entspricht nicht meiner Veranlagung, mich auf bestimmte Kunststätten ausschließlich festlegen zu können, sei es Weimar oder Bayreuth. Das Zauberspiel der Phantasie ist ja von so unerschöpflichem Formenreichtum wie die Natur. Aber jene wertvollen Menschen und Orte sind Orientierungspunkte, sind Stätten der Sammlung, sind Aussichtstempel auf unserer Wanderung durch das reizvolle und ernste Gebirge des Lebens. Ohne Seelenwunden freilich kommt man nicht vom Wasgau nach Weimar. Aber Wieland schmiedet aus dem Leid Flügel. Und Hölderlin hat im »Hyperion« das ausdrucksvolle Bild geprägt: »Des Herzens Woge schäumte nicht so schön empor und würde Geist, wenn nicht der alte stumme Fels, das Schicksal, ihr entgegenstünde.« Es ist in uns eine Fähigkeit, persönliches Ungemach in überpersönliches Geistesgut umzuschmieden. Und so wächst uns aus Wahrhaftigkeit und Treue gegen unser höheres Ich nach und nach eine heitere Sicherheit. Denn das »Weimar« oder die »Gralsburg«, die ich meine, sind nicht hier oder dort. Der Gral erglüht zuletzt in uns selber. Wie sagt Novalis? »Einem gelang es: er hob den Schleier der Göttin zu Sais – Abel was sah er? Er sah – Wunder des Wunders, sich selbst! « Wer lebend und liebend sich wacker umgeschaut hat, dem geht eine Ahnung, nach und nach eine Gewißheit auf, daß über der Seele Gesetze walten: Geistgesetze, wie in der Natur und im Gang der Gestirne Naturgesetze bemerkbar sind. Der Idealmensch in uns wächst organisch aus dem Triebmenschen empor. Er wird ein biologisches Gebilde, ein Kunstwerk, ein architektonisches Gefüge; er ringt sich aus der Materie heraus, wie sich Michelangelos oder der attischen Meister Marmorgebilde aus dem Rohblock lösen. Man kann diesen Vorgang eine Geistgeburt oder auch Wiedergeburt nennen. Die leibliche Geburt hat den Stoff gegeben; die geistige Geburt oder der Geist- und Idealmensch ist nun das Ergebnis dessen, was sich aus diesem Stoff in Persönlichkeit umsetzt. Erst durch die Einsicht in die Notwendigkeit dieser Geistgeburt erhält das Menschendasein Sinn, Wert und Wärme.   Kindheit Des Lebens Ursprung ist Liebe. Und so stehe an der Spitze dieser Erinnerungen nicht die Aufzählung von Rasse, Milieu und andern vernünftelnden Erklärungen meiner Herkunft, sondern die Erzählung, wie mein Vater und meine Mutter sich geliebt haben. Denn die Form und Wesenheit ihrer Liebe hat mich angezogen, als ich mich entschloß, gerade dort auf die Erde zu kommen. Das Dörfchen Rothbach liegt am Fuße der nördlichen Vogesen, zwischen Zabern und Niederbronn. Dort war ein Bruder meines Vaters als Schmied und Bauer verheiratet, etwa in der Mitte des Dorfes, nahe bei Schule und Pfarrhaus. Bei ihm fand Taufe statt. Es war im Jahre 1860. Mein Vater, ein Bauernsohn aus Menchhofen, damals noch Schüler in der »Ecole normale« zu Straßburg, wo die künftigen Lehrer ausgebildet wurden, nahm als Pate daran teil. Während des Schmauses erkundigte sich der strebsame ältere Lehrer des Dorfes nach neuen Unterrichtsmethoden und erzählte dem Jüngling mit Stolz von seinen Erfolgen im französischen Unterricht. Schließlich lud er ihn ein, sich in der Dorfschule selbst zu überzeugen, wie Schüler und Schülerinnen die Regeln über das Partizip beherrschten und fast fehlerfreie Diktate schrieben. Wohlan, so wanderten sie denn miteinander in die Schule. Der junge Kandidat stellte selber schwierige Fragen, die vortrefflich beantwortet wurden. »Besonders fiel mir« – so erzählt mein Vater in handschriftlichen Aufzeichnungen – »eine bereits erblühte, schön gewachsene und vornehm gekleidete Schülerin mit roten Pausbäckchen auf. Fehlerfrei schrieb sie die von mir gebildeten Sätze über die Regeln des participes suiviz d'un infinitif auf die Wandtafel. Ich erzählte das meiner Schwägerin und erfuhr von ihr, daß diese tüchtige Schülerin, Elisabeth Gutbub, ihre gegenüber wohnende Nachbarin und die einzige Tochter einer Witwe sei.« Es vergingen einige Jahre. Elisabeth erwuchs zu einer lieblichen Jungfrau. Sie beschäftigte sich nur wenig mit Ackerbau, um so mehr mit Nähen und dergleichen und besuchte fleißig das nahe Pfarrhaus des bedeutenden Pfarrers Huser, mit dessen Tochter sie befreundet war. Nie nahm das religiös veranlagte Mädchen am Tanz oder »Abendmarkt« teil, dem geselligen Treiben der Sonntagsabende, sondern beschränkte sich auf den Verkehr mit Gleichgesinnten. Sie las gute Bücher, schrieb in ihrer freien Zeit des verehrten Seelsorgers Predigten nieder und lebte zurückgezogen, dabei aber immer so freundlich zu jedermann, daß sie des Dorfes Liebling war. So fehlte es denn nicht an gewichtigen Freiersleuten. Der Sohn des Bürgermeisters ward von der Mutter auserwählt, ihre einzige Tochter durchs Leben zu führen. Auch dessen Vater war einverstanden, und der Pfarrer begünstigte die Sache. Nun griff damals eine eigentümliche religiöse Erweckung in das rationalistisch dumpfe evangelische Elsaß ein. Glaubensstarke Kanzelredner, wie Horning in Straßburg, Magnus in Bischheim und Michael Huser in Rothbach, knüpften wieder an die altlutherische Kraft unverwässerten Bibelglaubens an und erzielten überaus belebende Wirkungen durch die einseitige Stoßkraft dieser Orthodoxie des Herzens. Die Missionsfeste am Pfingstmontag zu Rothbach wurden berühmt. Die kleine Kirche war überfüllt bis auf die Straße hinaus. Jedes Haus hatte seine Gäste aus den Nachbardörfern. Es lag ein Geruch von welken Blumen und Festkränzen in der Luft; aus den Nachbarhäusern wurden Stühle und Bänke geholt; die Pfarrer konnten sich kaum durch die Masse der zusammengeströmten Landleute an den Altar hindurchwinden. Und in diese gläubige Menge schollen nun die alten gewaltigen Kirchenlieder; und die Pfarrer predigten kraftvoll und eindringlich in Luthers Art, manchmal in elsässische Mundart übergehend, von Seele zu Seele wirksam das »Eins ist not« verkündend: die Heiligung des Lebens im Sinne der Erlösung durch Jesus. Ich erinnere mich noch aus meinen Kinderzeiten der mächtigen Stimmung, die dort an Pfingstmontagen im umwaldeten, vom Scheibenberg überschatteten Rothbach lag. Das Dörfchen, unter der Seelsorge des herrlichen, kindlich großen Predigers Huser, war der Mittelpunkt dieser Seelenbewegung, die nichts Pietistisches oder Sentimentales an sich hatte, vielmehr Kräfte des Lebens auf den Plan rief. Erst war es ein Häuflein, verlacht von den satten Bauern der Umgegend, denen der trockene Nationalismus genügte; dann wuchs die Zahl und der Bekennermut, der sich in Kämpfen gegen andere Parteien und unduldsame Pastoren bewähren mußte. Auch mein Vater wurde von diesem Geist ergriffen. »Der gemütstiefe Pfarrer Huser sprach so ganz anders als unsre gewöhnlichen Prediger«, heißt es in seinen Aufzeichnungen. »Man war in eine andre Welt versetzt, wo Friede herrscht; und doch war man wieder mit dem Alltagsleben ausgesöhnt, weil man Kraft schöpfte, den Kampf aufzunehmen mit den Mächten, die uns das Leben erschweren. Es war Neues und doch Altes. Ich forschte nach in Büchern wie Arndts ›Wahres Christentum‹, Lentz' ›Gebetskämmerlein‹, Harms ›Predigtbuch\< usw. und war überrascht, daß diese Gottesmänner vollständig mit der Predigtweise unseres lieben Pfarrers übereinstimmten. Ein Wendepunkt war in meinem Leben eingetreten.« Als nun mein Vater Hilfslehrer in einem lothringischen Hochlandsdorfe war und Aussicht auf selbständige Stellung hatte, ging sein sehnlicher Wunsch dahin, eine Lebensgefährtin zu finden, die das Feuer seiner religiösen Anschauungen teilte. Und wer wohl wäre dazu berufener gewesen als jene unvergessene Schülerin mit den roten Wangen, den ernsten und zugleich sanften blauen Augen und dem stillen, tiefen Gemüt! Sie war ja von Kind an zu Hause in dieser Geistesluft; sie war die Gespielin der »Mamsell Lydia« vom Pfarrhause; sie war Schülerin und Jüngerin jenes seelenvollen Pfarrers, der für jeden auf der Straße immer irgendein sinniges und belebendes Wort bereit hatte. Die Schwierigkeiten waren groß. Mein Vater war ein unbegüterter Bauernsohn aus zahlreicher Familie; und ein Schulmeisterlein mit dem damals unglaublich armseligen Gehalt war keine begehrenswerte Partie. Aber mit Unterstützung der Schwägerin gelang es ihm, eine Unterredung mit Elisabeth zu erlangen. Es ergab sich bald ein Briefwechsel zwischen Rothbach und dem lothringischen Dörfchen Altweiler, anfänglich verlegen vom »Lissel von Rothbach«, um so feuriger von meinem Vater geführt, der immer neue Gründe beibrachte, aus seiner Bekannten eine Freundin und noch mehr zu machen. Im Dorfe aber kam es zu einem Gemunkel. Und nach schweren Tagen schickte Elisabeth sämtliche Briefe an den jungen Lehrer zurück mit dem Bemerken, sie wolle aus dem Gerede herauskommen und breche hiermit alle Beziehungen ab. Das war für den Liebenden ein schwerer Schlag! Es war an einem Mittwochnachmittag, als ihm der Brief in die Schule gereicht wurde. Ratlos und bestürzt lief er hin und her; und das Ende seiner schmerzlichen Erwägungen war, daß er sich sofort nach Schulschluß aufmachte und die ganze Nacht hindurch quer durch die Vogesen marschierte, stracks nach Rothbach, um die Briefe persönlich zurückzubringen. Nach zehnstündigem Marsch kam er nächtlicherweile vor dem Hause an, das mitten in Rothbach am Kreuzweg liegt. Er klopft am Fensterladen; Mutter und Tochter erscheinen und sind sprachlos. Verhandlungen beginnen; er wird endlich eingelassen, und der nächtliche Kriegszug endet mit der Zurücknahme der Briefe und der Einwilligung der Mutter. Dann pochte er seinen Bruder wach und legte sich nieder, todmüde, doch mit dem behaglichen Gefühl des Siegers. Am andern Morgen wiederholte der Bräutigam seinen Besuch in aller Form, trank zum erstenmal mit seiner Auserkorenen »den Kaffee«, und nachmittags begleitete ihn Elisabeth durch die staunenden Leute hindurch eine Strecke Wegs über die »Hagholzbuckel« nach Ingweiler zu. Sie versicherte dem Geliebten, daß sie ihm nun, nach dieser Probe von Willenstraft und Liebe, ganz gehöre, und daß niemand sie ihm abwendig machen werde. Durch einen ersten Kuß besiegelten die Glücklichen ihren Seelenbund und trennten sich schweren Herzens. Die Ferien verbrachte der Bräutigam, der bald darauf als Lehrer nach Mattstall bei Wörth ernannt wurde, fortan in Rothbach. Das Dorf gewöhnte sich rasch und gern an die beiden und grüßte freundlich, wenn das Brautpaar durch die idyllische Landschaft spazierenging nach dem nahen Scheibenfelsen oder dem Hohen Kopf. Man fühlte, sie paßten vortrefflich zusammen, und die ernst-freundliche Liesel oder Lisette würde einmal eine tüchtige Schulfrau werden. Im Pfarrhause wurde sie für ihren Beruf vorgebildet. Und im August 1864 fand in der Kirche zu Rothbach die Trauung statt. »Für mich war es ein glücklicher Tag,« schreibt mein Vater, »an der Spitze des Hochzeitszuges den Weg in die nahe Kirche anzutreten. Hinter mir schritt der Brautführer mit der Braut. Wie erstaunt war ich, als ich unterwegs mich umdrehte und von allen Seiten Freundinnen meiner Braut herantreten sah, um ihr – nach damaligem Brauch – bunte Bänder an das Kleid zu heften! So trat sie in die Kirche ein, über und über behangen mit farbigen Bändern, die ihr ein eigentümliches Aussehen gaben. ›Wie Gott mich führt, so will ich gehen‹, sangen die Hochzeitsgäste. Und der treue Seelsorger hielt eine tiefergreifende Predigt. Tags darauf wurde mit den Gästen ein Ausflug nach Schloß Lichtenberg unternommen, und der Wald hallte von den fröhlichen Liedern, die unten in Rothbach in vielen Freundesherzen Widerhall fanden ...« Dann ging die Fahrt auf hochbepacktem Aussteuerwagen nach Mattstall, in meines Vaters Wirkungskreis ... Das ist die einfache, gesunde, religiös durchwehte Seelenstimmung, in der ich zur irdischen Geburt bestimmt war. Als meine Mutter ihrer Niederkunft entgegensah, war es ihr Wunsch, auch dieses ernste Ereignis unter Schirm und Wahrzeichen ihres Pfarrers zu stellen. Zudem überkam sie die Furcht, die schwere Stunde könnte ihre Todesstunde werden; und die kaum zwanzigjährige junge Frau mochte doch lieber in Rothbach als in Mattstall begraben sein. So verbrachte denn mein Vater seine Herbstferien mit der Gattin und deren Mutter in Rothbach. Nun ergab sich das Seltsame und beinahe Symbolische, daß der erwartete Erstling bereits bei der Geburt kein rechtes Heim vorfand. Denn die Großmutter lebte bei den Kindern in Mattstall und hatte ihr Haus verpachtet, das nun besetzt war. Man mußte also im Nachbarhause, einem einfachen elsässischen Fachwerkbau, ein paar Zimmer mieten. Und dort, in der gemieteten Stube eines fremden Bauernhauses, ist der Verfasser dieser Erinnerungen am 4. Oktober 1866 geboren. Wenige Tage danach fand in der Kirche von Rothbach durch Pfarrer Huser die Taufe statt. Dann, als sich meine rüstige Mutter, die ihr Kind selber nährte, rasch erholt hatte, machte der zukünftige Wanderer seine erste Wasgaufahrt: am Mutterherzen, nordwärts, vom Dörfchen Rothbach über Offweiler, Zinsweiler, Reichshofen, Fröschweiler und Langensulzbach ins Dörfchen Mattstall. Die bäuerliche Familie Lienhard saß schon seit Jahrhunderten in jener Ecke. Bischholz, hart bei Rothbach gelegen, scheint ihr Stammsitz zu sein. Der altdeutsche Name Lienhard oder auch Leonhard (der Löwenstarke) ist im Elsaß und in der Schweiz häufig; ein Heiliger dieses Namens (gest. 659) war aus vornehmem fränkischen Geschlecht und widmete sich der Bekehrung der Franken. Im Unter-Elsaß kommt unsre Familie schon vor dem Dreißigjährigen Kriege, der dort übel hauste, in den Kirchenbüchern von Offweiler vor. Es sind Bauern und Schmiede. Durch Rothbach rauscht ein rasches helles Gebirgswasser über roten Sand und Kieselstein. Es schlängelt sich als umbuschter Wiesenbach an Bischholz vorüber und mündet schon bei Pfaffenhofen in die Mother, die sich dann in der Sesenheimer Gegend mit der Zorn vereinigt, worauf beide mutig genug sind, sich hinter Drusenheim in den schwer hinströmenden Rhein zu ergießen. Das Gelände scheint idyllisch und nicht bedeutend. Aber wer einmal im Mai über jene Hügel wandert, der wird überrascht sein von der Triebkraft unsrer fruchtbaren elsässischen Scholle. Die Leute von Rothbach sind ein besonderer Menschenschlag: leichteren Geblütes als die Bauern schon im nahen Bischholz oder Schillersdorf, ein wenig leichtlebig sogar und wohlgemut, im ganzen nicht begütert. Ihr Weinberg hat einen guten Ruf. In der Mundart weicht ja fast jedes Dorf ein klein wenig von den Nachbardörfern ab, so daß der Einheimische einen »Robächer« leicht vom Nachbarn unterscheiden kann. Nach Ingweiler zu stand dort einst die Abtei Selberg. Jetzt noch drängt sich in jener Ecke ein ergiebiger Weinbergbrunnen zutage; aber das Kloster nebst zwei nahen Dörfern ist im Dreißigjährigen Kriege von der Erde verschwunden. Nur ein »Dierkirchlein«, in einem stillen Gebirgstal voll Laubwald, gemahnt noch an die Klosterzeit. Ein unterirdischer Gang soll diese Waldruine mit der Abtei verbunden haben. Und etwas weiter das Gebirge hinauf erhebt sich dann plötzlich die steile Felsenfestung Lichtenberg. Hier sind wir in den Kämpfen der Gegenwart. Im Kriege 1870 wurde dieses Fort von Wörther Rückzugstruppen besetzt und von Württembergern nach kurzer Beschießung zur Übergabe gezwungen. Im eisernen Friedhoftor sieht man heute noch eine Kugelöffnung: ein Schwabe, der dort Deckung gesucht, wurde von einer Chassepotkugel durch das Eisentor hindurch getötet. Als Gegenwirkung war oben an einer Schießscharte noch lange Jahre ein Blutstreifen zu sehen: ein Zuave war dort in den Hals getroffen worden. Und des schwäbischen Oberstleutnants Grabdenkmal überragt auf dem Friedhof die schlichten Gräber. Er war ins Gefecht hinausgeritten und sofort vom Pferd geschossen worden – eine jener vielleicht nicht nötigen Proben ruhigen Mutes, die am Anfang des Krieges so häufig waren. Das Bergschloß wurde von Kanonen in Brand geschossen, die Flammen leuchteten in der Nacht weithin durchs Elsaß. Lichtenberg hatte im Mittelalter als eine der mächtigsten Burgen unsers burgenreichen Landes einen klangvollen Namen. Ansehnliche Landstrecken um die Residenz Buchsweiler gehörten durch Jahrhunderte den Grafen von Lichtenberg, später Hanau- Lichtenberg. Bücher wie Julius Rathgebers »Grafschaft Hanau-Lichtenberg«, Grubers »Wasgauherbst«, Ebells »Sandstein-Vogesen« und Beckers »Wasgaubilder« erzählen von diesen Sandsteinburgen der Nordvogesen manche ritterliche Fehde und manchen unrühmlichen Handel. Und da muß ich nun einer sonderbaren Tatsache gedenken, für die mir jede Erklärung fehlt. Schon in den ersten Kinderjahren, als ich schwerlich jemals eine Burg erblickt hatte, denn das freundliche Waldgelände von Mattstall kennt dergleichen nicht, quälte und ärgerte ich meinen Vater mit der oft wiederholten Frage: »Papa, wo ist denn die Burg, auf der wir einmal gewohnt haben?« – »Eine Burg? Ein Schloß? Aber, dummer Bub, wo sollten wir denn einmal auf einem Schlosse gewohnt haben?« – »Gewiß! Es ging eine weiße, staubige Straße über den Berg, daran war ein Häuschen mit einem Schlagbaum, daneben eine kleine Steintreppe, auf der andern Seite die Burg und gerade darunter das Dorf mit vielen blühenden Obstbäumen. Ich spielte auf dem Felsen, und ihr hattet immer Angst, ich könnte in den Brunnen fallen.« Mein Vater erinnerte sich noch kurz vor seinem Tode an diese häufige Erkundigung des Kindes nach »unserm Schloß«. Eine Erklärung wußte auch er nicht. Ich sah mich übrigens auch im Traum oft an der Seite eines geliebten, mich beschützenden, gleichsam mütterlichen Wesens auf einer umwaldeten Bergstraße wandern, und in der Ferne war der Turm einer Burg bedeutsam sichtbar; oder ich sah mich in einem eigenartigen Traumdorfe, das Mattstall oder dem späteren Obersulzbach glich und doch anders war. Träume dieser Art mit genau demselben Landschaftsbilde wiederholten sich häufig; ich pflegte mit inniger Sehnsucht, ja mit Tränen daraus zu erwachen und hatte manchmal den Namen »Mama« auf den Lippen. Später habe ich mir diese Erinnerung, die sich nicht als Erinnerung nachweisen ließ, in meiner Weise umgedeutet. Jenes Traumschloß ward als Schloß des Geistes empfunden, das zu bauen mir aufgetragen war. Einen gewissen herben Stolz meiner gleichwohl liebebedürftigen Natur, der schon früh in Kinderspielen zutage trat, wo ich immer Feldherr oder König sein wollte, habe ich mir gleichfalls umgeschmolzen und verinnerlicht in ein starkes Gefühl für Seelenadel und Größe der Lebensauffassung. So hat sich der Schulmeistersjunge doch noch sein Schloß erbaut.   Es wird nicht uninteressant sein, auf das Leben und Wirken eines elsässischen Dorfschulmeisters französischer Zeit einen Blick zu werfen. Mit zwanzig Jahren (1860) hatte mein Vater seine Studien beendet und sah sich als Schulamtskandidat nach einer Stelle um. Die Regierung kümmerte sich wenig um diese Anstellungen; die Hauptlehrer pflegten ihre Gehilfen – Aides genannt – selber zu besorgen. Und so wurde der junge Kandidat beim ehrwürdigen »Papa Hauth« in Altweiler, der nur wenig Französisch konnte, mit Genehmigung der Behörde angestellt. Dieser alte Lehrer, ein hoher Siebziger, teilte mit seinem Gehilfen sein Jahresgehalt von 600 Franken (480 Mark!), gab ihm Wohnung, Nahrung und Wäsche im Schulhause und besorgte selbst die Gemeindeschreiberei nebst Orgelspiel, Sakristandienst und Läuten. Pensioniert konnte der Greis nicht gut werden: denn er hätte dann das Schulhaus räumen müssen und jährlich nur 80 Franken Pension erhalten! So behielt man denn den treuen Alten im Amte und überließ den Schuldienst einem Anfänger, der das Französische beherrschte. Bahn oder Postwagen führten damals noch nicht in jene entlegene Ecke. Ein Oheim spannte seine zwei Braunen vor und brachte den neugebackenen Lehrer samt Klavier und Reisekoffer aus dem Elsaß ins Hochland. Am nächsten Tage, einem Sonntag, verkündigte der Herr Pfarrer von der Kanzel, daß am Montag der Unterricht beginnen würde, die Eltern möchten ihre Kinder nur ja recht regelmäßig zur Schule schicken. »So war ich der Gemeinde vorgestellt«, erzählt mein Vater. »Nachmittags wurden einige Besuche gemacht. Mit ›Er‹ wurde ich angeredet, was mich nicht wenig befremdete; doch die Leutseligkeit der Dorfbewohner mit ihrer schönklingenden Lothringer Mundart und die Freundlichkeit, mit der ich im Schulhause behandelt wurde, trugen viel dazu bei, mich in meinem Hochlandsdorfe bald heimisch zu machen. Schon vor sieben Uhr stand ich am Montag vor der Tür, um meine Kinder zu empfangen und zu ordnen. Von achtzig eingeschriebenen Schülern und Schülerinnen kamen freilich – bloß fünfzehn! Ich war von meinem Patron darauf vorbereitet mit dem Hinweis, daß die Eltern noch zuviel Feldarbeit hätten und ihre Kinder also noch nicht entbehren könnten. So wurde denn der Unterricht mit den fünfzehn Schülern und Schülerinnen begonnen. Mein Wochenbuch war vorbereitet. Drei Klassen wurden eingerichtet, und der Unterricht von sieben bis elf Uhr vormittags folgendermaßen verteilt: Gebet mit Gesang – Religion – französische Sprache – Rechnen – Schreiben. Nachmittagsunterricht wurde erst im November erteilt; es kamen dann noch Geographie, Deutsch und die Kollektivlektion hinzu, in welcher der Lehrer ein religiöses, moralisches oder geschichtliches Thema besprach, um den Kindern in der letzten halben Stunde einen guten Gedanken einzuprägen und mit nach Hause zu geben. Bald hatte ich durch liebevolle Behandlung, gepaart mit gerechter Strenge, meine Kinder gewonnen. Neugierig erkundigten sich die Ferngebliebenen bei ihren Mitschülern über die Person des Lehrers und seine Art des Unterrichtens – und nach und nach füllte sich das geräumige Schulzimmer.« Wenn man bedenkt, daß der Schulunterricht damals freiwillig war, so wird man begreifen, daß der Lehrer alle möglichen Mittel anwenden mußte, um seine Schule zu füllen. Die Eltern wurden häufig besucht, und nicht nur ihnen, sondern auch den Schülern selbst wurde der Wert und die Würde einer ordentlichen Bildung bei jeder Gelegenheit vor Augen geführt. Und da war es gerade die französische Sprache, die ein wichtiges Anziehungsmittel bildete; denn zum Vorwärtskommen im Leben war es recht vorteilhaft, die Staatssprache zu beherrschen. Die offizielle Schulsprache war Französisch; alle Unterrichtsfächer wurden in dieser Sprache erteilt. Die kleinen Anfänger begannen mit Sprachübungen. Hierbei wurden die besten unter den reiferen Schülern als » moniteurs « verwandt; diese » moniteurs « halfen auch beim ersten Lese- und Schreibunterricht. Auf diese Weise konnte der Lehrer sein Hauptaugenmerk der mittleren und oberen Klasse widmen. Ich entsinne mich noch dieses gleichzeitigen Unterrichts in demselben Schulraum: wie hier ein » moniteur « uns Knirpse abfragte, während Papa mit den Großen beschäftigt war. Das » Monsieur, permettez-moi de sortir! « war das erste Französisch, das wir lernten: wie oft haben wir die Formel angewandt, um draußen ein Weilchen im Hofe umherzuspringen, bis wir wieder in die französischen Stimmen des Schulzimmers untertauchten! Wandkarten zur Belebung des geographischen Unterrichts gab es in der Altweiler Schule noch nicht. Der junge Lehrer benützte also seine schulfreien Nachmittage, um die Karten von Europa, Frankreich, Elsaß-Lothringen und Palästina mit Farben an die Schulwände zu malen. Er hatte mit seinen Kunstwerken so schönen Erfolg, daß nicht nur die Kinder über diese Zierde der weißen Wände staunten, sondern auch die Vorgesetzten; ja, der Herr Sous-Préfet erteilte dem Maler ein besonderes Lob – aber kein Geld für die Farben. Das hatte mein Vater übrigens auch nicht erwartet. Er machte sich mit seinem guten Bewußtsein und der Freude am schöpferischen Nachahmungsdrang seiner begabteren Schüler bezahlt. Fast vier Jahre war mein Vater in Altweiler tätig, sehr zur Zufriedenheit des Dorfes und seines Schulinspektors. Selbst in den Zeiten der schwersten Feldarbeit besuchten zwei Drittel der eingeschriebenen Schüler die beliebte Schule. Besonders in der Religionsstunde, bei Behandlung des Kirchenliedes oder des Katechismus – wobei übrigens die deutsche Sprache benutzt wurde –, zeichnete sich der lebhafte und energische junge Lehrer früh schon aus, wie später bei Behandlung deutscher Gedichte und Lesestücke. Da war er mit ganzer warmherziger Persönlichkeit dabei und riß seine Zuhörer mit sich fort. Zu Mattstall gab es gesteigerte und nicht minder erfolgreiche, sogar durch einen Preis ausgezeichnete Tätigkeit. Von acht bis elf vormittags und von ein bis vier Uhr nachmittags war Schule, von sechs bis neun abends Privatunterricht. Die Besitzer der nahen Glashütte – »Die Glashüttenherren«, wie man sie nannte – ließen ihre Söhne in Französisch, Physik, Geographie und Geschichte unterrichten. Im übrigen widmete sich der junge Ehemann seiner Gattin: es gab neben gern gepflogener guter Lektüre in jenem waldreichen Gelände Gelegenheit genug zu gemeinsamen reizvollen Spaziergängen. Man überblickt von den Höhen aus die eindrucksvolle Landschaft, die bald nachher durch die Schlacht bei Wörth weltberühmt werden sollte. In dieser Waldecke habe ich die ersten drei bis vier Lebensjahre verbracht. Ich betrachte den Wald als meine Heimat; auch die beiden andern Dörfer, in denen mein Vater nachher wirkte, hatten Wald und Berge in ihrer Nähe. Und zeitlebens ist mir Selbstbesinnung in der ernsten Stille des Waldes Bedürfnis geblieben. Im übrigen ist von den ersten achtzehn Wochen des Kindes Unrühmliches zu melden. Ich war nach schwerer Geburt scheinbar tot zur Welt gekommen, wurde vom Arzt in einen Kübel voll kalten Wassers gesetzt und tüchtig beklopft, worauf ich durch kräftiges Schreien verkündigte, daß ich meine Erdenpflichten zu übernehmen gesonnen war. Diese Versicherung soll ich dann in den nächsten Wochen, ja Monaten so andauernd und ausgiebig wiederholt haben, daß Eltern und Großmutter geradezu verzweifelten. Endlich griff mein Vater zu einem Gewaltmittel. Er jagte die jammernden Frauen hinaus, schloß hinter ihnen ab, hielt dem hartnäckigen Protestler in der Wiege eine Zornrede und warf schließlich das schreiende Bündel mit solcher Wucht in die Kissen, daß die Wiege zitterte. Vor Verblüffung hörte der Kleine mit Schreien auf, betrachtete seinen Herrn und Vater mit verwunderten Augen und war offenbar nun erst ordentlich zu diesem Planetendasein erwacht, denn er benahm sich fortan manierlich. Als ich nach Jahrzehnten an einem stillen, leuchtenden Herbstsonntag den kleinen Ort Mattstall wieder besuchte, mutete mich alles ungemein idyllisch, ja niedlich an. Ein gleichmäßig mit Laubwald bedeckter, nicht hoher Berg schaut in den Dorfplatz hinein; auch nach der Glashütte zu überall Wald. Das Schulhaus grenzt mit einem winzigen Vorgärtchen an Kirchhof und Kirche. In jenem Eckchen zwischen Schule und Kirche bin ich auf allen Vieren umhergekrochen und habe mich mit Busch und Baum, Tier und Pflanze früh befreundet. Es begegnete mir an jenem Sonntagnachmittag ein patriarchalischer Greis, der an einem selbstgeschnittenen Stabe, unter den Nußbäumen von Lembach her, ins Dorf schritt. Ich fragte dies und jenes und stellte mich schließlich als Sohn des Lehrers vor, der vor vierzig Jahren hier gewirkt hatte. Da leuchteten des Alten Augen. Er nannte seinen Namen, der mir bekannt im Ohr klang) er hatte den jungen Feuerkopf von Lehrer nicht vergessen. Ich entsann mich, daß ich bei der festlichen Einweihung der Fröschweiler Friedenskirche noch einmal alle diese guten Leute samt meinen Jugendgespielen gesehen hatte. Wir plauderten natürlich in elsässischer Mundart. Aber wie kann man dem Nicht-Elsässer den gemütlichen Tonfall verständlich machen, in dem wir echten alten Elsässer bei solchem Anlaß gemächlich und ohne Innewerden irgendwelches Standesunterschiedes miteinander zu plaudern pflegen! Und was sind dem Fremden Namen wie Trautmann, Krebs, Knobel und dergleichen, die in meiner Kindheit als Namen getreuer Nachbarn oft in unserm Kreise genannt wurden und sich mit dem Gesamtbilde des Dörfchens Mattstall verbanden. Es will mich bedünken, als wären die Menschen vor 1870 traulicher und gemütvoller gewesen. Unsre unterelsässische Erzählerin Marie Hart aus Buchsweiler hat in ihren Skizzen und Erzählungen jene Zeitstimmung mit warmherzigem Humor allerliebst geschildert. Der Abschied von Mattstall ist meinem Vater – der im Frühling 1869 in das reiche Obersulzbach bei Ingweiler versetzt wurde – nicht leicht geworden. Viele Eltern kamen ins Schulhaus, um dem beliebten Lehrer zu danken für alles, was er an ihren Kindern getan hatte. And eine Schar seiner Schüler lief dem Wagen, der uns entführte, nach bis in den Wald, wo dann mein Vater abstieg und jedem noch einmal die Hand schüttelte. Sie hatten nicht nur tüchtig miteinander gearbeitet, sie hatten auch auf gemeinsamen Ausflügen, besonders in die benachbarte Pfalz, viel Schönes genossen. Drei seiner begabteren Schüler nahm er übrigens mit in seinen neuen Wirkungskreis, um sie durch Privatunterricht für ihren späteren Lebensberuf vorzubereiten.   Der Krieg unterbrach das Idyll. Wir erlebten dieses mächtige Ereignis ein paar Stunden hinter der französischen Schlachtlinie, im Dorf Obersulzbach. Als fast fünfjähriger Junge vermochte ich den Vorgängen bereits mit Spannung zu folgen. Ich konnte schon vor dem Schulbesuch lesen und war ein phantasievoller Knabe, der freilich früh seine Eigenarten, Scheuheiten und Träumereien entfaltete. Unklar entsinn' ich mich noch, mit welchen seltsamen Besorgnissen man damals in unsern evangelischen Kreisen dem Kriege mit Preußen und Deutschland entgegensah: es hieß, wir elsässischen Protestanten würden nach Niederwerfung der Deutschen selber von den französischen Katholiken niedergemetzelt werden! Eine neue Bartholomäusnacht also! Im nahen Ingweiler, besagte das unsinnige Gerücht, hätten die Katholiken bereits Waffen in ihren Häusern verborgen. Von den Preußen aber und ihrem fernen Lande hatten wir die abenteuerlichsten Vorstellungen. Diese ärmlichen und rohen Barbaren hausten in einer Sandwüste und lebten von Kartoffeln, Sauerkraut und Pumpernickel. Daß ein solcher Volksstamm über die Grande nation siegen könnte, war ein lächerlicher Gedanke. Wenn man die farbenbunte Armee Mac Mahons durch unsre Dörfer ziehen sah, diese Zuaven mit den Pumphosen und der Zipfelmütze im Genick, diese schwarzen, zähnefletschenden, augenrollenden Turkos, diese gepanzerten Kürassiere und Dragoner mit dem stattlichen Roßschweif am Helm, und gar diese Mitrailleusen – so hatte man den stolzen Eindruck: Unwiderstehlich! Ein Kavallerieregiment, das dort irgendwo vorbeiritt, hatte noch nicht einmal die Säbel geschliffen, denn man würde ja doch nicht zum Einhauen kommen. In der Tat, die Unglücklichen von Morsbronn kamen nicht zum Einhauen. Die Verpflegung der Soldaten war erbärmlich. Die Hungernden durchsuchten unsre Häuser nach Brot und Trank. Pfarrer Klein hat in seiner »Fröschweiler Chronik« diese Zustände mit meisterhafter Anschaulichkeit bis ins kleinste geschildert. Dann kam der 6. August: die Schlacht von Wörth! Wie oft an jenem Samstag stieg mein Vater mit dem Maire und andern Bürgern auf den Kirchturm, um Ausschau zu halten, während wir andern – Frauen und Kinder – in der Schule saßen und Scharpie zupften! Das Schlachtfeld war reichlich fünf bis sechs Stunden entfernt. Doch der dumpf herrollende Donner der Kanonen und das schwarze Gerücht eines schweren Kampfes drangen rasch in unser entlegenes Bauerndorf. Es stand übel auf den Hügeln von Fröschweiler: ein schweißbedeckter Reiter fragte drüben in Ingweiler, also völlig auf Abwege geraten, nach dem nächsten Wege nach Bitsch! Er sollte de Faillys Hilfskorps aufs Schlachtfeld holen! Und dann kamen die ersten flüchtigen Franzosen das Dorf herab – für uns Kinder ein unheimlicher und unfaßlicher Anblick! Sie drängten sich um den Steintrog des Dorfbrunnens vor Balzers Haus, tranken, wuschen sich, bettelten weiterwandernd um etwas Speise – und hatten auf den Lippen immer das stumpfe, eintönig wiederholte » Tout est perdu! « Alles verloren! Die Bestürzung in unsrer Ecke war unbeschreiblich. Die Preußen – so lief es von Mund zu Mund – schonen weder Mann noch Weib, besonders nehmen sie die jungen Männer mit! Darum auf in die Berge! Das Beste wurde versteckt oder vergraben, das Nötigste aufgerafft und mitgenommen. Für uns Jungens ein Heidenspaß! Ich erinnere mich, einen Laib Brot unterm Arm geschleppt zu haben, meinen unzertrennlichen Kameraden Louis Ruscher zur Seite, den Sohn der ärmsten Witwe. So stäubte die flüchtende Schar aus dem Oberdorf hinaus nach dem waldigen Hoh-Weinburg, wo wir hinter Buschwerk Quartier bezogen, bang oder gespannt in die sommerliche Ebene hinablauschend. Meine Mutter trug meinen jüngeren Bruder Albert auf dem Arm, einen »Einjährigen«, der demnach ebenso wie ich mit einer Flucht in den Wald die neue deutsch-elsässische Epoche begonnen hat. Eines Anblicks entsinne ich mich noch, der uns sehr zu Herzen ging. Ein einzelner versprengter Kürassier wanderte unten neben seinem Pferd auf dem Waldsträßchen dahin, den Helm am Arm, niedergeschlagen. Ich weiß nicht, ob unsre ausgestellten Wachen mit ihm gesprochen haben. Jedenfalls: die verstörte Menschenmenge oben am Berge zwischen Betten und Gegenständen aller Art, unten der besiegte, verwundete, traurig und allein nach Frankreich zurückmarschierende Kürassier – es war ein Eindruck, der sich mir unvergeßlich eingeprägt hat. Hier eine Zwischenbemerkung: es ist in späteren Jahren nicht immer zu entscheiden, ob man solche Dinge unmittelbar selber gesehen oder eindringlich, etwa von einem ausspähenden Bauernburschen, sofort aus dem Erlebnis heraus erzählt bekommen hat. Ich kann es heute nicht mehr reinlich auseinanderhalten, da ja damals tausendfache Eindrücke selbsterlebter oder nur vernommener Dinge durch unsre Herzen und Köpfe gingen. Aber das Bild ist mir geblieben. Bald schickte mein Vater, der inzwischen zu Hause die Sieger erwartete, einen Boten in den Wald: »Kommt nur wieder heim, die Preußen tun euch nichts!« Die ersten preußischen Ulanen ritten am Sonntagvormittag mit gespanntem Gewehr in unser Dorf ein. »Keine Franzosen da?« war ihre stehende Frage vor jedem Haustor. In unserm Schulhause lagen noch zwei französische Offiziere in den Betten. Da kam jemand durch die Obstgärten heruntergelaufen: »Herr Schulmeister, die Preußen kommen!« Mein Vater rasch hinüber, rüttelt die beiden heraus, reißt sie durch den Grasgarten auf den Weg nach Weitersweiler – und als einige Augenblicke später die Ulanen in unsern schöngepflasterten Hof trabten, konnte er ruhigen Gewissens antworten: »Nein, keine Franzosen da!« Nun rollte Tag und Nacht, Nacht und Tag in großartiger Ordnung der endlose Heereszug der deutschen Sieger an uns erstaunten Elsässern vorüber. Himmel, welche unerschöpfliche Nation! Nimmt denn das gar kein Ende?! Immerzu das harte Getöse marschierender Truppen, das Getrappel der Reiterei, das Rollen, Rasseln, Stoßen der Kanonen und Trainwagen. Wir hatten Haus und Scheune gestopft voll Einquartierung. Wie manchem deutschen Offizier hab' ich auf Knien und Schultern gesessen! Einmal stülpte mir einer seinen Helm über, den ich freilich mit den Händchen emporhalten mußte, und schnallte mir seinen Säbel um; so stolperte ich stolz in die Küche zu meiner immerzu kochenden und backenden Mutter, die aus den Aufregungen gar nicht mehr herauskam. Ein andermal versetzte ich die Frauen in Schrecken, indem ich mit einem Arm voll Holz, den ich gerade zu tragen hatte, entsetzt in die Küche stürzte: »Sie schießen!« Es krachte in der Tat im Hofe: die Offiziere hatten sich eine Scheibe angekreidet und übten sich im Pistolenschießen. Dann die unerhörte Neuheit der auf dem Platz vor unserm Hause haltenden, streng bewachten Kanonen und Pulverkarren – für den Dorfknaben unvergeßlich großzügige und fremdartige Eindrücke! Mein lebhafter und gastfreier Vater verstand sich übrigens mit seinen deutschen Gästen prachtvoll. Als freimütiger und temperamentvoller junger Mann, dem gelegentlicher Jähzorn nicht fremd war, verbiß er sich freilich mit den Offizieren in politische Gespräche. »Diese anscheinende Niederlage von Fröschweiler ist eine Finte Mac Mahons,« setzte er auseinander; »er wird Sie in die Vogesen locken, meine Herren, und kein einziger von Ihnen wird wieder zurückkommen!« Er war damals noch ein rabiater Franzose, mein Papa; allein die deutschen Herren hatten Humor genug, bei unserm vorzüglichen Rothbacher Hauswein auf ein gesundes Wiedersehen mit ihm anzustoßen. Erst als der Haupttroß längst vorüber war, ereignete sich ein unerquickliches Nachspiel. Die deutschen Truppen waren im ganzen von musterhafter Zucht. Störungen der Ordnung waren Ausnahmen. Mein Vater war einmal Zeuge, wie eine Nachbarin jammernd in unser Haus gelaufen kam: Soldaten wären über ihren Hühnerstall geraten und wollten die Hühner schlachten; ein Pfiff eines bei uns einquartierten Offiziers genügte, und der Hühnerstall war frei. Aber ein Bayer, der sich von seinem Regiment verlaufen hatte und marodierend von Haus zu Haus strich, machte uns bange Stunden. Das Dorf war nicht mehr von Truppen besetzt; Offiziere konnte man nicht zu Hilfe rufen. Der bayrische Wachtmeister, Feldwebel oder Unteroffizier – irgend so etwas war der Nachzügler – zechte sich durch alle Schnäpse und Weine hindurch und gab sich als Quartiermacher aus. Soviel ich weiß, war er mit einem Revolver bewaffnet und zwang die Bauern, ihm Keller und Küche zu öffnen. Dabei troff der Mensch von unflätigen Schimpfworten; es war eine zornige Aufregung im ganzen Dorfe. Endlich rief man den jungen Schulmeister: er solle als Respektsperson diesen blau uniformierten Grobian mit dem Raupenhelm zur Rede stellen und nach seinen Papieren fragen. Die Unterredung vollzog sich auf offenem Platz vor dem Hause des Maire, das ich mit seinen großen, grün gestrichenen Hoftoren noch deutlich vor mir sehe. In den Türen und Fenstern drängten sich die Leute; es war ein Augenblick der Spannung. Der kleine, rasche Lehrer trat hinaus und ersuchte den derben Kriegsmann um seinen Ausweis. Kaum hatte er zu sprechen begonnen, so flog auch ihm ein unaussprechliches Schimpfwort an den Kopf. »Was bin ich?!« brauste da mein Vater auf, packte den Bezechten sofort und warf ihn mit Wucht ans Tor. Jetzt bekamen die Bauern Mut. Sie stürzten von allen Seiten über den Gefallenen her; einen Mord zu begehen, wäre keinem dieser ehrenfesten Männer eingefallen, aber sie verprügelten ihn herzhaft. Mein Vater hatte Mühe, ihn aus ihren Händen zu befreien, worauf man ihn am Brunnentrog wusch und auf die »Wacht« brachte: ins Dorfgefängnis. Bald darauf ritt eine Ulanenpatrouille die Gasse herauf, wahrscheinlich von Buchsweiler herbeigerufen. Mein Vater nebst Maire und Gemeinderat erzählte dem Offizier den Vorfall. Der Sünder wurde vorgeführt: ich sehe den Offizier noch auf seinem Pferd sitzen und den völlig geknickten Übeltäter andonnern. Dann ward er zwischen zwei Pferde genommen, und sie trabten mit ihm davon. Wer weiß, was aus dem Unglücksmenschen geworden sein mag! Im übrigen brachte der Krieg manchem Fuhrmann Reichtum ins Haus. Die Deutschen bezahlten mit Gutscheinen (»Bons«), die später in gut Geld umgesetzt wurden. So rauschte das große Ereignis wie ein Hagelschlag über uns Elsässer hin, zwar verwüstend, aber auch aufrüttelnd und umgestaltend.   Das reiche Obersulzbach, dessen Schulhaus so ruhevoll abseits zwischen Obstgärten und Wiesen liegt, hat jetzt seine Kirche durch Professor Jordan freundlich ausmalen lassen: in einer blühenden unterelsässischen Lenzlandschaft mit Bauerntypen jener Gegend sitzt predigend der Heiland. In solcher Stimmung sind mir die Hügel der Heimat gegenwärtig geblieben: Blüten, Glockengeläut, Orgelklang und in Sonntagnächten Volkslieder. Reihenweise zogen die Mädchen am Sonntagabend in ihrer schönen elsässischen Tracht vors Dorf hinaus und sangen zweistimmig ihre oft wehmütig-melodischen Lieder vom Lieben und Scheiden. Oft freilich wurde an solchen warmen Sommerabenden mit der Jugend des Nachbardorfes hitzig gerauft. Und am Meßti gab's blutige Köpfe. Die Alten aber saßen in Hemdärmeln und roten Westen vor ihren Haustüren, rauchten ihre Pfeifchen und politisierten miteinander. Heute ist die hübsche elsässische Tracht leider im Schwinden begriffen. Nur die elsässische Mädchen- und Frauenhaube mit den breiten Bändern hat sich behauptet. Wir Kinder lebten leidenschaftlich und innig mit der Natur. Soldatenspiel, Umgehungsmärsche, Verstecke, Überfälle, dann Zusehen beim Schweineschlachten in irgendeinem Hause, Obstraub in irgendeinem Garten, Flucht vor dem Bannwart, Fisch- und Krebsfang, Suche nach Nestern von schädlichen Vögeln, wie Elstern oder Neuntöter, die freilich teils verlockend hoch, teils auch in dicksten Dornen hausten – das beschäftigte unsern jugendlichen Drang nach Taten und Abenteuern. Das Dorf war voll von Kindern und Schwalben, die beide in jedes richtige Bauernhaus gehören. Dazwischen Märchenlektüre im einsamsten Haselgebüsch oder unter dem Tafelklavier mit der lang herabhangenden Decke: mein Lieblingsversteck, wenn Fremde ins Haus kamen. Denn ich war etwas fremdenscheu. Besonders aber das Soldatenspiel »ging« ganz vorzüglich! Ich hatte einen kleinen Ulanenhelm nebst Säbel geschenkt bekommen und war natürlich immer der »General«. Auch erinnere ich mich, das große farbige Bild des Marschalls Mac Mahon, auf einem Pappdeckel aufgezogen, an einer Bohnenstange meiner Kriegsschar vorangetragen zu haben. Außerdem besaß ich eine Trommel, konnte freilich nicht so gut trommeln wie der Nachtwächter, der als öffentlicher Ausrufer seine Wirbel großartig schlug. Ich guckte ihm das ab, wenn er, begleitet von uns Kindern, durchs Dorf marschierte, um durch Trommelwirbel für seine Bekanntmachungen geöffnete Fenster und willige Ohren zu finden. »Es wird bekanntgemacht, daß« usw. – so begann's immer. Diese stehende Formel eignete ich mir dann an und zog nun auf eigne Faust durchs Dorf, trommelnd und ausrufend. Die Bauern lachten nicht wenig über den Ausrufer und die wunderlichen Dinge, die der Knirps nach eignem Ermessen »bekanntmachte«. Die Dorfschulmeister trieben damals ein wenig Landwirtschaft. Wir hatten Kuh, Ziege und eine Anzahl Kaninchen im Stall; ich hatte außerdem an einem Lamm viel Freude. Von meiner Mutter her besahen wir in Rothbach Weinberge. Und der Organist wird ja noch heute durch Abgabe von Weizen und Korn aus der Gemeinde besoldet. Mutter und Großmutter besorgten das Haus ohne Dienstboten. Ich kann einen Knabenstreich nicht vergessen, den ich im Verein mit meinem getreuen Louis Ruscher – der jetzt in Neuorleans Brot bäckt – meiner immer tätigen, immer gütigen Großmutter gespielt habe. Sie hatte unter ihrer Nehweiler »Nebelskappe« – einer sonderbaren Kopftracht jener Zeit – ein so mildfreundliches Gesicht, daß sie zu bösen Streichen wahrlich nicht herausforderte. Wöchentlich besorgte sie das mühsame Brotbacken und pflegte sich dabei einen besonderen Kuchen zu bereiten. Den legte sie gewöhnlich auf ihr hohes, mit Gardinen umgebenes Bett und glaubte das kostbare Gebäck vor uns Taugenichtsen gesichert. Aber wir entdeckten das Kleinod. Himmel, was für ein ungewöhnlicher Kuchen! Erst wurde mit vorsichtigem Finger rund um den Rand herumgeprobt, dann die oberste Schicht abgegessen, hierauf zum Zentrum vorgedrungen, endlich nahezu das Ganze vertilgt. Schuldbewußt und gesättigt versteckten wir uns dann unter gewaltigen Reisigbündeln, die im Hofe getürmt lagen. Oh, der Jammer, als sich die müdgearbeitete Greisin an ihrem Lieblingsgebäck laben wollte! Und schon schallte Papas energische Stimme über den Hof. Wie lange die Belagerung unserer Burg gedauert hat und wie die Übergabe erfolgt ist, weiß ich nicht mehr; wohl aber weiß ich, daß mein Vater im handfesten Hosenklopfen Meister war. In dieser Muskelübung hat mein Vater manchmal zuviel geleistet. Er hatte eine Menge Arbeit zu bewältigen, es gehörte schon Spannkraft dazu, alles gut zu meistern; da schoß das Temperament mitunter über das Ziel. Als Lehrer besaß er den Ehrgeiz des echten Pädagogen, seine Berufsarbeit nicht nur herunterzuhaspeln, sondern eine musterhafte Schule zu haben. Da tanzte noch der Stock auf dem festen Fell der abgehärteten Bauernjungen. Ich erinnere mich, mit welchem respektvollen Grausen ich zusah, wie der unerschrockene kleine Schulherr einmal einen der widerspenstigen »Großen« bändigte: er schleuderte in seinem unwiderstehlichen Zorn den laut heulenden Burschen in der Schulstube herum, daß die Holzstücke flogen, mit denen man damals noch heizte. Im ohrenbetäubenden Heulen waren sie überhaupt talentvoll, die Sprößlinge der Bauern. Der Schulsaal war oft gar unmelodisch belebt. Wie sie mit ihrem Vieh umzugehen pflegen, wie sie am Meßti ins Gebratene einhauen, daß die Kinnladen knacken, wie sie sich selber untereinander in aller Gemütlichkeit zoologische Titel versetzen, vom Stier bis zum Kalb und ähnlichen Gebilden: so mußten sie auch als Schüler unweichlich angepackt werden, wenn es galt, aus diesen gesunden animalischen Gehirnen Geistesfunken herauszuhämmern. Aber es gelang. Die Schule gedieh auch in Obersulzbach. Und mit Lust und Liebe eignete man sich die Grundzüge der deutschen Erziehungslehre an. Ich war ein gesunder, aber feingebauter und zart organisierter Junge, in dessen braunen Augen viel Gemüt und Phantasie schimmerte. Da konnte es nicht fehlen, daß des leicht staunenden Knaben Treuherzigkeit mißbraucht wurde. Spott und Hohn sind mir neben Lüge und Tücke noch heute gemeinste Eigenschaften; denn Hohn ist die Verzerrung jener liebenswürdigen Begabung, ohne die ja Kunst undenkbar ist: der Schelmerei und Neckerei. Was sich neckt, das liebt sich; aber Hohn ist Quälerei. Ich erinnere mich, daß ich einmal mit einigen größeren Burschen beim Schäfer stand und neugierig nach dem Inhalt eines Horns forschte, das er an der Seite trug. Das sei ein Horn zum Blasen, meinte der Schäfer. »Versuch's mal!« – Ich setzte an, und eine abscheuliche Flüssigkeit, womit er wohl seine Schafe einrieb, rann mir in den Hals. Ein belangloser Spaß, nicht wahr – aber das Hohngelächter der Burschen! Die Furcht vor dem Ausgelacht- und Verachtetwerden hat mir häufig die Unbefangenheit geraubt. Besonders wenn an meiner Kleidung irgend etwas auffiel oder hätte auffallen können, oder wenn ich ein unförmliches Säckchen oder dergleichen zu tragen hatte, das sich für mich zu tragen nicht schickte – war ich von einer peinlichen Empfindlichkeit. Ich wollte nicht auffallen, nicht ausgelacht werden. Allmählich wußten die Boshaften unter den Dorfrangen, daß der Schulmeistersjunge von zurückhaltender Gemütsart war, und so suchten sie erst recht Raufereien. Ich saß etwa mit meinem Kameraden Ludwig spielend im Grase des Kirchhofs; es gab dort ausgezeichnete Sauerkirschen. Steine wurden über die Kirchhofsmauer nach uns geworfen. Nachher entwickelte sich unten auf der Straße eine Balgerei, wobei ich im Ringkampf ausrutschte, auf den Hinterkopf fiel und das Hohnlachen der Bande umsonst als Zugabe erhielt. Plötzlich stob alles auseinander: mein Vater blitzte heran, hatte ein eisernes Gardinenstängchen erwischt und prügelte mich braun und blau. Weshalb? Weil ich entgegen seiner Verordnung gerauft hatte! Es ist mir da manches Unrecht geschehen. Denn meines Vaters Energie, hinter der sich viel schaffensfreudiges Gemüt verbarg, ging oft in Reizbarkeit und üble Laune über, während er manchmal in heiterer Stimmung Unarten ohne Züchtigung durchgehen ließ. Sein damals ausgegebener Befehl: »Ein ordentlicher Junge darf nicht raufen!« beruhte auf einem falschverstandenen Christentum. Diese Anordnung machte mich scheu, ja ängstlich im Zusammenstoß mit andern Jungen oder später mit den Buchsweiler »Wackes«, wie wir die Gassenjungen im Gegensatz zu den » collégiens «, den Gymnasiasten, zu nennen pflegten. Rauferei und Kampfspiel in diesem Alter ist ein Austoben des Blutes und der Muskeln, wie sich der Säugling durch Schreien die Lungen dehnt. Zucht muß sein, aber Furchtsamkeit ist vom Übel. »Wehrt euch eurer Haut! Und wenn einer heimkommt und heult, so kriegt er noch was dazu!« Das habe ich später meinen kleinen Stiefbrüdern eingeprägt. Der Jugend soll man den Mut stählen und für Weinerlichkeit hinter die Ohren hauen. Ich war als Knabe schüchtern; erst in späteren Zeiten habe ich durch bewußte Selbsterziehung – indem ich mir zum Ziel setzte, ohne Drückebergerei stracks auf die Kanone loszumarschieren – jenen Mangel in sein Gegenteil verwandelt: in ruhigen Mut. In andrer Beziehung freilich übte mich mein Vater, die Vorspiegelungen meiner lebhaften Phantasie zu bekämpfen. Als Küster hatte er jeden Abend die Kirchuhr aufzuziehen; oft nahm er mich dabei mit hinauf in den Glockenturm. Und sobald ich stark genug war, die schweren Gewichte emporzudrehen – was allerdings erst nachher in Schillersdorf eintrat –, schickte er mich allein hinauf. Da hieß es manchmal bei bereits eingebrochener Nacht: »Jetzt hab' ich die Kirchuhr vergessen! Fritz, en route ! Nimm Schlüssel und Laterne – und marsch!« Mit Grausen schlich der Knabe, öfters vom jüngeren Bruder begleitet, durch die leere, hallende Kirche, umtanzt von den gespenstischen Schatten der Laterne, an der Orgel vorüber, empor in den Turm. Später war ich unerschrocken genug, mich im Finstern hinaufzutasten, nur mit einigen Streichhölzern in der Tasche, um vor dem Aufziehen nach dem Zeiger zu sehen. Ich bin schon als Kind, bei der Eigenart meines Seelenorganismus, der bald zu wild-leidenschaftlichen Spielen, bald zu scheuer Einsamkeit neigte, durch keine leichte Schule gegangen – ich, der ich auf einem Schloß geboren zu sein wähnte! Und gar oft, bis auf die Höhe des Lebens, irrte ich mit meiner Sehnsucht wie ein Fremdling unter den Mitmenschen umher. Da wird man dann begreifen, daß mir die Glocken der Sonntage, die Märchenstimmungen des Waldes, das Lesen und Träumen in stillen Hecken oder die Erwartung vor der Weihnachtszeit ganz besonders wichtige Gegenkräfte geworden sind. An Sonntagen wurde häufig mit den Eltern durch den Menchhöfer Bann und Ingweiler Wald nach Rothbach gewandert zu den Nachmittags-Gottesdiensten des Pfarrers Huser. Der Knabe ging nicht immer gern mit; er war im Pfarrhause und unter all den Menschen beengt. Aber die Wanderungen sind mir doch von bleibender Bedeutung geworden. Sommerkorn, Lerchengesang, das schwere Glockengeläut von Ingweiler, die hellen Glöckchen von Rothbach, die Choräle – das alles stimmte den Knaben auf jenen Hügeln festlich. Duft und Kraft jener Sonntage habe ich im Herzen behalten. Ja, sie blieben mein heimlich Geleit durch mein ganzes Leben. Wenn man jene Kirchenlieder nur liest, mögen sie ja wohl trocken und wunderlich klingen. Aber welch eine Farbe, welch ein Schwung, wenn sie gemeinsam mit Freudigkeit gesungen werden! »Nur frisch hinein! Es wird so tief nicht sein!« – »Jerusalem, du hochgebaute Stadt!« – »Dir, dir, Jehova, will ich singen« – wie beflügelt jauchzte das, von kraftvollen Bauernkehlen hinausgeschmettert, durch das Rothbacher Kirchlein! Im Kaufmann Weyermüller aus Niederbronn besaß die Richtung einen Liederdichter, in Pfarrer Ihme aus dem Bärental einen gründlichen Choralkenner. Ich hatte frühentwickelten musikalischen Sinn. Oft setzte sich mein Vater ans Klavier: »So, jetzt singen wir ein Lied: Eines wünsch' ich mir vor allem andern« – Mutters Lieblingslied – oder abends oft »Nun ruhen alle Wälder«; und Frau Elisabeth trat hinter ihn, und sie sangen miteinander die alten Gesänge der evangelischen Kirche von Luther und Paul Gerhard bis herab zu neueren Dichtern, wie Knapp, Spitta und dem Elsässer Weyermüller, jenem engen Freunde des Hauses Huser. Oder Großmutter saß mit mir in warmen Mondnächten am Fenster und sang mir in altväterischem Deutsch Volks- und Kinderlieder, wie »Güeter Mond, dü gehscht so stille durch die Abendwolken hin!« Und mein Tag schloß während der Abendglocke mit dem Lied »Ach bleib bei uns, Herr Jesu Christ« und mit dem Nachtgebet: »Müde bin ich, geh' zur Ruh«, das wir oft sangen, statt es nur zu sprechen. Zudem war ja mein Platz in der Kirche immer hart neben der Orgel, die ich früh schon spielen lernte. So hat sich, gefestigt durch unweichliche Erziehung, in meinem Innersten von Kind an eine ernste und doch melodische Gemütskraft entfaltet.   Damals waren noch viele altdeutsche Volksgebräuche in unserm Elsaß lebendig. Wir hatten sie auf unsern unterelsässischen Dörfern durch die französische Herrschaft hindurchgerettet. So war die Spinnstube oder »Maistube« (Maidenstube) ein guter alter Brauch. Dieses selber gesponnene und im Hause gewobene Zeug war unzerreißbar, und die fest gearbeiteten und kräftig bemalten Truhen hielten durch Geschlechter. Unsre Frauen und erwachsenen Mädchen trafen sich an Winterabenden beim knisternden Holzfeuer abwechselnd in irgendeiner Bauernstube und saßen nun an ihren Spinnrädern im Kreise um das einfache Öl- oder Talglicht. Auch meine Mutter war eine emsige Spinnerin. Ich durfte sie manchmal begleiten und ihr zwar die Laterne, aber nicht das sorgsam behütete, leicht verhudelte Spinnrad tragen. Dann wurde gebabbelt (geplaudert), gesungen oder vorgelesen; um den Kachelofen herum lungerten Männer und Burschen. Punkt zehn Uhr, wenn die Glocke läutete, wurde Bauernbrot herumgereicht und mit einigen Tropfen Kirsch- oder »Quetschewasser« beträufelt. Dann zerstreuten sich die Laternen wieder nach allen Seiten, und die Holzschuhe verhallten auf den harten Dorfgassen oder knirschten über den Schnee nach Hause. Zu Pfingsten war es Sitte, daß die Schuljugend mit einem buntbebänderten Pfingstmaien von Haus zu Haus zog und in altmodisch gereimten Versen um Eier, Brot und Speck bat. Ich habe noch den Schlußreim im Ohr: »Eier heraus! Oder wir schicken den Marder ins Hühnerhaus!« Große Körbe wurden am Stecken durch zwei Henkel getragen, um die Vorräte zu bergen; Hausherr und Hausfrau traten vor die Tür, hörten unser Sprüchel an und spendeten ihren Beitrag. Dann ergoß sich der buntfarbige Zug unter den großen Schuppen in Balzers umfangreichem Hof, wo denn nach Herzenslust der gebackene Speck-Eierkuchen gemeinsam vertilgt wurde – eine Art Frühlingsfeier und Jugendfest. Wenn eine Braut oder eben vermählte Frau auf ihrem hochbepackten Aussteuerwagen an den Ort ihrer Bestimmung fuhr, so mußte sie mit ihrem Spinnrade vorn neben dem Fuhrmann sitzen. Der Brauch verlangte, daß zumal ärmere Leute, etwa am Eingang oder Ausgang des Dorfes, ein Seil über die Straße spannten und den Wagen zum Stehen brachten. Mit einigen Geldstücken mußte sich die junge Frau loskaufen. Es gab dabei natürlich Auflauf, Lachen und heitere Zurufe genug, wir Kinder fehlten nicht – und kurz: als einmal bei solchem Anlaß Pferde scheu wurden, genügte das der deutschen Behörde, den »Unfug« überhaupt zu verbieten. So wurden auch die uralten Sonnwendfeuer nebst Scheibenwerfen – wonach der über Rothbach hangende Scheibenfelsen benannt ist – als Unfug vom preußischen Beamtentum untersagt. Aber die zähen Offweiler haben es sich bis heutigestags nicht nehmen lassen, ihre Feuerscheiben vom Berg zu schleudern. Wir Knaben der umliegenden Dörfer standen dann auf Anhöhen und spähten hinüber an die Berge, wo die glühenden Lichter durch die Johannisnacht zu Tal flogen. Daß den Mädchen von ihren Geliebten Maien vors Haus gesteckt wurden, daß der »Meßti« (Kirmes, Kirchweihtag) ebenso mit besonderen Bräuchen verbunden war wie die Hochzeit und dergleichen bürgerliche Feste, das ist ja heute noch in allen Volksstämmen üblich. Schön und ergreifend war auch die Silvesternacht: denn da läuteten von zwölf bis ein Uhr sämtliche Glocken der vielen Dörfer. Welch eine Musik! Wir pflegten durch den Schnee nach einem Hügel emporzustampfen und dem gewaltigen Zusammenklang der metallenen Stimmen zu lauschen. Wir kannten die Glocken der Nachbarschaft am Geläut; aber fernere Glocken mischten sich drein, und manchmal, wenn etwa der Nordwind am Wasgenwald entlang brauste, war es eine geradezu großartige Verbrüderung in den Lüften. Auf Erden freilich lieh die Verbrüderung der Herzen zu wünschen übrig. Mein Vater hatte sich mit raschem Entschluß in die deutsche Kultur eingelebt. Aber einige fünfzigtausend Elsässer waren bald nach dem Kriege ausgewandert nach Frankeich; weitere Tausende folgten nach und nach. An ihre Stelle strömten entsprechende Tausende von altdeutschen Beamten und Unterbeamten und füllten die Lücken aus. Viele zurückgebliebene Landeskinder aber gaben die unreife Losung aus: »Protestiert! Dient nicht der deutschen Verwaltung! Wir werden ja doch bald wieder französisch!« So saßen denn diese grollenden Elsässer charaktervoll – hintendran. Und die deutsche Regierung setzte selbstverständlich Eingewanderte an die verlassenen Plätze, weil sie doch nun einmal Leute brauchte. So lebten tätige Eingewanderte und grollende Alt-Elsässer nebeneinander auf derselben Scholle. Zwischen Unterbeamten und Bevölkerung kamen gelegentlich unliebsame Reibereien vor, deren Ursache zum Teil am undurchgebildeten Menschentum lag, das von der deutschen Regierung verwandt werden mußte. Einige dieser kleinen Herren setzten den Anschnauzeton vom Kasernenhof auch im Verkehr mit den Bürgern fort. Ich entsinne mich eines Rentmeisters aus dem nahen Städtchen, mit dessen Grobheit mein Vater siegreiche Zusammenstöße bestand. Einmal zahlte dieser Steuerbeamte meinem Vater, um ihn zu ärgern, das Vierteljahrsgehalt in lauter abgeschliffenen Kreuzern aus; es war ein schwerer Sack, der nicht über Land zu tragen war. Mein Vater stand am Schalter und beschwerte sich über dies »Lumpedings«, aber er wurde schroff und grob hinausgewiesen. Die Bürger brachten ihre Steuern herbei. Da hatte denn Papa Humor genug, sich mit seiner Kupfermasse draußen aufzustellen und sich dafür Silber und Gold einwechseln zu lassen. Unverzüglich wanderte das Kupfer also wieder an den Schalter zurück, wo der Rentmeister nicht schlecht fluchte. Die Sache kam nebst andern Streitigkeiten sogar vor die Behörde. Lehrer Lienhart wurde angeklagt, er hätte Majestätsbeleidigung verübt; denn er hätte die Kreuzer »Lumpedings« genannt! Aber der Schulmeister von Obersulzbach wehrte sich tapfer seiner Haut, und der unliebenswürdige Rentmeister wurde versetzt.   Das achte Lebensjahr brachte dem Knaben die erste große Erschütterung durch körperlichen Schmerz. In meinem linken Auge trat eine rätselhafte Entzündung so heftig auf, daß ich manchmal vor Qual den Kopf wider die Wand stieß. Großmutter war nicht mehr am Leben; eine alte »Bäsel« aus dem Dorfe (»Base« nannte man einzelstehende ältere Frauen) saß ratlos an meinem Bett. Die Eltern waren bestürzt; der Landarzt verordnete Umschläge und ging wieder seiner Wege. Endlich wurde die Sache meinem Vater unheimlich. Er reiste mit mir nach Straßburg, was damals bei den spärlichen Eisenbahnen ziemlich umständlich war. Der Professor in der Blauwolkengasse besah das Auge. »Wären Sie einen Tag früher gekommen, so hätt' ich's geheilt. Jetzt muß der Junge operiert werden – und er wird leider lebenslang eine Verschleierung auf dem linken Auge behalten.« Mir krampfte sich das Herz zusammen, als Papa abreiste und mich allein ließ. Ich litt unter diesem ersten Alleinsein in fremder Stadt unbeschreiblich. Und dann das schmerzhafte Ausreißen der Augenwimpern, das widerliche Chloroform, das ich vor der Operation einatmen mußte, die fremden Leute, die mit mir im Zimmer hausten: kleinbürgerliche Ober-Elsässer mit ganz anderer Mundart und Lebensform – welch ein Zustand für den scheuen Dorfjungen! Aber auch der Jubel, als mich der oft so strenge und im Grunde so gütig besorgte Vater am schulfreien Donnerstag wieder heimholte! Die kleine Narbe ist geblieben. Mein linkes Auge hat seine volle Sehkraft nicht wiedererhalten. Dieser Umstand hat mich übrigens zum Militärdienst untauglich gemacht. Man drückt auf dem Lande seine Liebe zu Kindern oder Eltern selten mit ausgesprochenen Zärtlichkeiten aus. Oft sogar verbirgt sich liebende Sorge unter Schelt- und Mahnworten. Aber man hält doch mit dumpfer Anhänglichkeit fest zusammen. Ich selbst war eine spröde und stolze Natur. Einmal sollte ich meine Mutter wegen irgendeiner Unart um Verzeihung bitten: »Mama, ich will's nicht wiedertun.« Welche Prügel hat es gekostet, bis ich mich zu dieser Demütigung entschloß! Ich »genierte« mich; es vertrotzte, verhärtete sich irgend etwas in mir, das mir den Mund schloß. Ich weiß nicht, ob es überhaupt gelungen ist, die pädagogisch nicht einwandfreien Worte mir abzuringen. Und dabei litt ich selber am allermeisten unter dieser Unbiegsamkeit meines Naturells. Denn mein Herz war voll Bedürfnis nach Liebe. Kinder dieser Art pflegen keine Musterschüler zu werden. Derselbe spröde Stolz, der mir die Kehle zuschnürte, wo mir Unrecht geschah oder wo der Befehl zu verletzend in mein Nervensystem fuhr, ließ mich stumm auf meinem Platz verharren, wenn ich vom Lehrer in hämischer Weise gefragt wurde. Diese Eigenart hat mir während eines Teils meiner Gymnasialzeit bittere Verkennung eingetragen. In der Dorfschule freilich, bei meinem frisch zugreifenden Vater, kam solche Stauung selten auf. Da saß ich immer obenan. Doch mit meinem kaum begonnenen neunten Lebensjahre war diese dörfliche Freiherrlichkeit aus. Ich marschierte mit zwei Bauernsöhnen in die Sexta des Gymnasiums zu Buchsweiler. Es war Anfang Oktober; die knappen vier Kilometer auf guter Landstraße waren leicht zu bewältigen. Mit welchen Segenswünschen wurde der Junge bei diesem ersten Ausmarsch, mit seinem Schulranzen auf dem Rücken, in den Herbstmorgen entlassen! Mutters Ältester, das war ja selbstverständlich, mußte Pfarrer werden wie ihr verehrter Papa Huser, dessen Haare sich inzwischen in Silber verwandelt hatten. Geistlicher Nachwuchs war nötig. Jener geliebte Seelsorger war ein Segen geworden für das Hanauer Ländchen; solcher Segen sollte auch von meiner Mutter Erstling ausströmen. Wie oft sah die Unermüdliche flickend und stopfend über meinen Kleidern und Strümpfen und wog jeden Sou hin und her, ehe sie ihn ausgab! Wie wurde mit Scharfsinn und Enthaltsamkeit für die Kinder gespart, um das teure Studium zu bezahlen und das ferne Ziel zu erreichen – das Ziel meiner frommen Mutter, einst in einer elsässischen Dorfkirche zu den Füßen ihres Sohnes zu sitzen und ihr Leben ausklingen zu lassen, wie es begonnen war: in religiöser Weihe! Es kam anders. Mein Vater wurde um die Mitte der siebziger Jahre in die größere Gemeinde Schillersdorf versetzt, was übrigens meinen Marsch ins Gymnasium erschwerte; denn die Entfernung von Buchsweiler betrug sechs Kilometer, die in Wind und Wetter, in Sommerglut und Winterfrost zurückgelegt sein wollten. Wie oft hat da meine Mutter den todmüde heimkehrenden Knaben liebevoll empfangen, umgekleidet, gefüttert! Aber ihre Stunden waren gezählt. Die regsam-freundliche Frau war auf die Mädchen und Frauen des Dorfes von gutem Einfluß; sie versammelte sie manchmal in unserm Hause und sang mit ihnen oder gab ihnen Anweisung im Sticken und dergleichen. Ich sehe sie noch strickend und zugleich lesend am Fenster sitzen, mit ihrer roten, gesunden Gesichtsfarbe und ihren etwas eckigen Zügen. Im Haushalt war sie rasch und rüstig. Ein Dienstmädchen brauchte sie nicht. Das Haus war ohne diese dem Vater ebenbürtige Gefährtin gar nicht vorstellbar. Und doch! Sie mußte dahin in der Blüte ihrer Kraft. Am 9. März 1877, also in meinem elften Lebensjahre, ist sie einer hitzigen Krankheit erlegen. Ein Mädchen, das sie wenige Wochen zuvor geboren hatte, nachdem bereits in Obersulzbach zwei Brüderchen begraben waren, folgte der Mutter zwei Jahre später. Das Sterbebett dieser tapferen und frommen Frau war eine Erbauung. Sie stärkte sich und die Umstehenden durch ihre Glaubensworte. Ihrem Gatten vertraute sie kurz vor dem Tode an, daß sie zwar schwere Seelenkämpfe bestanden habe: »Satan wollte mir meine Glaubensgewißheit nehmen, ich hab' ihm aber gesagt: Christus ist mein Leben, Sterben ist mein Gewinn – da ist er gewichen, und nun bin ich ganz heiter und glücklich.« Jemand von den Anwesenden holte, als es zum Sterben ging, den Geistlichen des Ortes, einen harmlosen alten Mann, dessen verwaschener Rationalismus gar sehr abwich von der puritanischen Glaubensglut der Schülerin eines Pfarrer Huser. Aber als der Biedere an ihrem Bette stand und von ihren Tugenden zu sprechen anhub, winkte sie ab. »Wir sind alle Sünder«, stieß sie hervor, »und werden durch Jesum allein selig!« Und sie schickte ihn hinaus und vertraute sich ihrem Gott und Heiland ohne Vermittler an. Dann kam die furchtbare Nachtstunde, wo wir zwei Knaben aus dem Schlaf geweckt, angekleidet und an ihr Bett hinübergeholt wurden. »Eure Mutter will euch noch einmal sehen, eure Mutter stirbt!« Sterben?! Der Tod! Was ist denn das?! Ich hatte die beiden Brüderchen und Großmutter im Sarg gesehen; jene waren sehr jung, diese sehr alt. Aber nun unsre lebensvolle Mutter?! Und da standen nun die Frauen weinend um ihr Bett herum, und Papa hob uns zu der Sterbenden empor in die Kissen. Mit fliegendem Atem nahm sie unsre Händchen, und wir mußten ihr das lang in mir nachwirkende Versprechen geben, Pfarrer zu werden und Gottes Wort zu verkündigen. »Der Herr beschütze euch, folgt eurem Papa!« So küßte und entließ uns unsre liebe Mutter. Ihre letzten Worte waren unter freundlichem Lächeln geflüstert: »O wie schön, wie schön!« Halb betäubt legten sich die zwei Knaben im Wohnzimmer nebenan auf das Sofa – und ich hielt Augen und Ohren zu, um nichts mehr von dem unfaßlichen Schauspiel wahrzunehmen. Mein achtjähriger Bruder schlief noch rascher ein als ich. Es war schon nüchternes Tageslicht, als uns der Vater unter Tränen weckte: »Kinder, jetzt habt ihr keine Mutter mehr!« Ich habe das Versprechen, das ich meiner Mutter auf dem Todesbett gegeben habe, nicht gebrochen. Mein Bruder hat es wörtlich ausgeführt; er ist Pfarrer im Elsaß. Ich meinerseits habe mit Zähigkeit die Göttlichkeit meines Sängerberufs festgehalten und durchgeführt, wenn auch nicht auf der bretternen Kanzel einer elsässischen Dorfkirche. Und so möge jenes einfache Gedicht hier stehen, das ich einmal in späteren Jahren der Abgeschiedenen gewidmet habe: Meiner toten Mutter Hab' ich den Wunsch in deiner letzten Nacht, Als sie den Knaben an dein Bett gebracht, Den Wunsch, ein Prediger des Herrn zu sein – Hab' ich ihn treu erfüllt, lieb Mütterlein? Wohl schweif' ich amtlos durch die offne Welt, Der Stift mein Werkzeug und der Wald mein Zelt! O Mutter, dennoch sollst du fröhlich sein: Auf Berge baut' ich meine Kanzel ein! All was da unten lebt – es lebt mir nicht, Schau' ich es nicht in Gottes großem Licht. Und was ich schaute, bring' ich fest und klar Als Sänger meinem ganzen Volke dar. Ihr Sterbliches ruht auf dem Gottesacker zu Schillersdorf, eine kleine Wegstunde von ihrem Geburtsort Rothbach entfernt. »Was ich jetzt tue, das weißt du nicht; du wirst es aber hernach erfahren« – so lautete der Leichentext. Mit zwanzig Jahren zog sie in die Welt und gab ihrem Erstling das Leben; mit wenig über dreißig Jahren war die Ausfahrt vollendet. Sie trug den Namen der Landgräfin und Heiligen von Thüringen, die ich später liebgewonnen habe. Es hätte schwere Kämpfe gekostet, wenn sie sich aus der frommen und tapferen Beschränktheit ihres wunderschönen Waldwinkels hätte umstellen müssen auf ihres ältesten Sohnes weitgespannten Lebens- und Bildungskreis. Davor ist die Gute bewahrt geblieben.   Mit meiner Mutter Tod war meine Kindheit zu Ende. Es begannen herbe Jahre. Aber es fehlte auch nicht an sonnigen Gegenkräften. Ich gehöre nicht zu den weichlich zurückträumenden Naturen, die der Kindheit nachtrauern oder den entschwundenen Frühling beklagen. Der Herbst ist nicht des Frühlings Tod, sondern des Frühlings Erfüllung; denn die Blüte hat sich umgewandelt in Frucht. Und so schau' ich in die Kindheit zurück mit einem Gefühl des Dankes: ich habe sie nicht verloren, ich habe ihre geistigen Kräfte in mir. Die nämliche Sonne, die des Morgens in buntem Farbenspiel emporsteigt, verbreitet auch das klare Tageslicht und geht in neuer Farbenschönheit abends wieder hinab – in das geheimnisvolle Weltall, aus dem sie aufgetaucht ist. Frühe Last und Liebe Aus meinen Knabenjahren tauchen mir Einzelheiten aus, die vielleicht weder wichtig noch besonders reizvoll scheinen. Aber doch erhielt meine erste Liebe durch die Besonderheit des Elsasses eine eigenartige Färbung. Adelheid von Schorn spricht einmal in ihrem Erinnerungswert »Zwei Menschenalter« vom innigen Verhältnis zu ihrer Mutter und äußert dabei ein schönes Erfahrungswort. »Eine glückliche Jugend wirft ihren Schein über das ganze Leben. Ich glaube, daß jeder Mensch sein vollgemessen Teil an Liebe braucht, wenn er mit unzerknicktem Herzen die Kämpfe und Schmerzen des Lebens bestehen soll. Wer kann wissen, wie viel oder wie wenig ihm die späteren Jahre davon noch bringen werden? Alle Liebe, mit der ein Kind überschüttet wird, ist eine Stärkung, eine Aufspeicherung dessen, was wir bedürfen, um nicht zu unglücklich zu werden. Der Vorrat von Liebe, den unser Herz einheimst, kann gar nicht groß genug sein.« An dieser Liebe hat es mir durch den frühen Tod meiner Mutter in wichtigen Jugendjahren gefehlt. Ein Teil meines Wesens war überhaupt lange auf heißer Suche nach gleichgestimmten Herzen, bis sich das im Laufe des Lebens nach und nach ausglich, indem ich selber fähig ward, Liebe und Güte zu geben, nicht nur zu verlangen. Liebe ist Lebenswärme, die man braucht wie das tägliche Brot. Und ich verstehe eine Äußerung des sterbenden Björnson, daß er noch gern ein Buch über die Liebe geschrieben hätte. Ein vielbeschäftigter Vater kann die Herzenskräfte nicht leicht ersetzen, die durch eine gute Mutter in ein Kind einströmen. Auf ihm selber liegt ja nüchterne Last genug. Mein Vater hielt als Haushalter seine Finanzen, als Lehrer seine Schule, als Gemeindeschreiber seine »Mairie« gewissenhaft in Ordnung und saß am Sonntag vor der Orgel. Der Witwer war mit zwei Jungen und einem eben geborenen Mädchen allein. Da gab's viel zu bedenken; die Haushälterin, eine Lehrerswitwe, war eben nur eine bezahlte Angestellte. Der Riß muß für meines Vaters Temperament nach Mutters Tod äußerst schmerzhaft gewesen sein. Oft hallte sein gleichmäßiger Schritt auf den Steinplatten im Garten des Schillersdörfer Schulhauses bis tief in die Sommernacht hinein; er schritt einsam rauchend zwischen den wohlgepflegten Beeten auf und ab und überdachte sein Tagewerk, während die Bauern schon lange in den Federn lagen. Ein Bauerndorf in der Sommernacht ist nach dem geräuschvollen Tagewerk von einer zauberhaften Stille; nur Frösche quarren in den Wiesen, und irgendwo bellt ein Hund. Spät klang das bekannte kurze Pochen durch die nächtliche Stille: Vater klopfte an der Ecke des Hauses sein Pfeifchen aus und blies rasch und kräftig durch das Rohr. Die abendliche Betrachtung war zu Ende; er verschloß Garten, Keller, Hintertor und Haus und ging nun selber zur Ruhe. Sein Wesen erahne ich aus meiner eigenen Natur, da ich ihm in manchem gleiche. In seinem Blut war glutvolle Leidenschaftlichkeit; mächtiger jedoch war sein philosphisch-religiöses Bedürfnis; er vermochte Innen- und Umwelt in Harmonie zu bringen, indem er ordnende Gesichtspunkte fand. So war er in seiner begrenzten Welt ein innerlich rastlos tätiger Baumeister. Bewegliche Phantasie und leichtschwingendes Gemüt im Einklang mit festem Willen und schöpferischem Verstand waren jener Art von Plänemachen und Räsonieren nicht abgeneigt, die ja wohl überhaupt in der süddeutschen Natur liegt. Bei seiner kräftigen Geistesanlage wäre der Dorfschulmeister mit der klaren und hohen Stirn zu größeren Aufgaben berufen gewesen; aber er fühlte sich am Platze in seinem tatkräftig beherrschten Hausstaat und ländlichen Pflichtenbezirk. Er hatte zu viel Natursinn, zu viel Drang nach Geschlossenheit, als daß er nach der zerstreuenden Stadt gestrebt hätte. Die übliche Geselligkeit und gar Skatbrüderschaft jeder Art waren ihm ein Greuel, wenn er auch in Gesellschaft unbefangen heiter sein konnte und für jeden im Vorübergehen einen aufmunternden oder schalkhaften Zuruf bereit hatte. Und nicht vergessen sei die großherzige Gastfreundschaft des sonst sparsamen Mannes. Aber auch in ihm war ein Drang zur Einsamkeit. Nach der Schule nahm er seinen Stock, pfiff dem Hund und marschierte in seiner raschen Gangart durch die Wiesen nach dem Hopfenfeld oder dem Weinberg, band und ordnete dies und das oder lustwandelte sinnend kreuz und quer durch Wald und Flur. Dieser philosophische Zug verdrängte freilich nicht ganz seine meist geistbeherrschte, oft aber auch jähzornig durchbrechende Heftigkeit eines reizbaren Nervensystems. Auch nicht die oft beißende Föppelei und Ironie, mit der sich der spannkräftige Geist des lebensbejahenden Mannes Unliebsames vom Halse schaffte. Sein Grundzug war überhaupt heitergelaunte Lebensbejahung, aber von Gewittern durchzogen. Und da ich selber nicht leicht zu behandeln war, so konnte es nicht ausbleiben, daß zorniggelaunter Vater und querköpfiger Sohn manchmal unschön aneinandergerieten. Was uns aber nicht abhielt, bei passender Gelegenheit wieder eifrig miteinander zu philosophieren über Gott, Welt und einige andere Dinge. Es muß ja drollig genug ausgesehen haben: der lange Junge, um einen Kopf größer als der Vater, schritt zunächst auf dem straßenfernen Pfad des kleinen Gartens zwischen Haselbüschen und Stachelbeeren; Papa seinerseits, rauchend und das Samtkäppchen auf dem Haupt, am andern Ende; allmählich rückten sie einander näher und »diskutierten« schließlich – so lautete der Fachausdruck – einträchtig auf dem Mittelpfad. So geschah es später auch im Leben; wir gingen lange umeinander herum, bis wir uns zusammenfanden. Ich war in den mittleren Klassen des Gymnasiums bedenklich seßhaft. Meine Leistungen ließen an Gleichmaß zu wünschen übrig. Im dumpfen Wogen meiner Gefühle und Phantasien wechselten glänzende Leistungen mit ungenügenden ab; die ungenügenden behielten die Oberhand. So blieb ich denn zwei Jahre in Quarta und abermals zwei Jahre in Obertertia sitzen. Die Schuld lag nicht allein an mir. Meine damaligen Lehrer, von edlen Ausnahmen abgesehen, behandelten den mimosenhaft leicht sich zuschließenden Jungen weder mit Liebe noch mit Verständnis. Von einem Geschichtslehrer weiß ich, daß er mich kaum einmal einer Frage würdigte; er hatte seine Vorliebe für einzelne Schüler und stand als Westfale unserm elsässischen Charakter recht fremd gegenüber; übrigens wußte er oft packend zu erzählen. Mir, dessen Lieblingsfach früh schon Geschichte war, warf er kurzweg eine ungenügende Note aufs Zeugnis; er kannte mich so gut wie gar nicht. Ein andrer wandte sich mitunter mit einem eigentümlich mitleidig-verächtlichen Lächeln an mich: »Weißt du's vielleicht zufällig, Lienhard?« Auf solchen Ton gab der Gefragte meist gar keine Antwort, auch wenn er's wußte. Endlich aber löste sich der Bann der Verkennung. Wir hatten im deutschen Unterricht als Klassenarbeit ein Märchen frei zu erfinden und auszuarbeiten. Der Lehrer, übrigens ein besonnener und gerechter Mann, trug uns den allgemeinen Grundriß vor: drei Söhne werden vom alten Vater auf Taten ausgeschickt, für die edelste Tat wird ein Lohn ausgesetzt. Die Taten und den Lohn aus uns heraus zu ersinnen, war uns überlassen. Ich wählte einen Goldring mit der Inschrift »Des Edlen Lohn«, erfand drei Taten und gab am Schluß etwas Eignes hinzu: indem ich den Jüngsten, der belohnt werden sollte, die Gabe ausschlagen ließ; denn aus Freude an der Tat, nicht um Lohn, habe er so gehandelt, wie er es eben für recht gehalten. Dieser Schluß verblüffte; mein Klassenaufsatz wurde nicht nur den Schülern, sondern auch der Lehrerkonferenz als ungewöhnliche Leistung vorgelesen. Und plötzlich betrachtete man mich mit andern Augen. Ich war nun Jahre hindurch dauernd der Erste. Ein Lehrer, der mir früher deutlich zu Gemüt geführt hatte: »Na, von dir weiß man ja: du bist dumm, faul und –« – das dritte hab' ich vergessen –, versicherte mich jetzt in Sekunda, als ich immer an erster Stelle saß: »Ich hab's noch immer gesagt, Sie sind ein begabter Schüler.« Diese Erlebnisse waren nicht geeignet, meine Achtung vor Menschenurteil zu fördern. Doch von jetzt an bis zur leicht bewältigten Abiturientenprüfung blieb meine Schülerlaufbahn unangefochten und mühelos. Schwer aber, wie gesagt, wurden mir die mittleren Klassen. Man bedenke, daß der Knabe jeden Werktagmorgen gegen sechs Uhr aufstehen und bei Wind und Wetter, Schnee und Hitze mit dem Bücherranzen auf dem Rücken volle anderthalb Stunden von Schillersdorf nach Buchsweiler wandern und abends wieder zurücktraben mußte, oft noch mit irgendeinem Paket oder Säckchen beschwert! Fahrräder gab's noch nicht; Abkürzungen durch den Wiesenweg des Reiherwaldes waren nur bei gutem Wetter ratsam; man marschierte sehr oft über Uttweiler. Da war denn der immerhin zartgebaute, wenn auch gesunde Knabe abends oft unbeschreiblich müde. Und sollte sich dann noch bis in die Nacht hinein seinen Schulaufgaben widmen! Bei heiterem Wetter bot dieser Marsch viel Kurzweil. Da wurde gesungen, solange die Kameraden von Uttweiler und Menchhofen mitmarschierten, im Wald oder an der Mother Indianer gespielt, Geschichten erzählt, Vogelnester und Erdbeeren gesucht, verspätete Äpfel von den Bäumen geholt – und dann im Galopp das Versäumte eingebracht, damit man nicht zu auffallend spät ins Haustor einrückte. Aber bei starkem Schneegestöber oder peitschendem Regen oder Glatteis war es denn doch manchmal ein mühsames Stampfen oder Patschen. Oft schritt uns der besorgte Vater entgegen und holte seine Jungens ab. Ich sage bereits »uns«, denn mein jüngerer Bruder Albert und ein begabter Bauernsohn, Freund Heinrich Peter, hatten sich inzwischen meinen Märschen nach der Bildungsstätte angeschlossen. Ach, es ermüdete wahrlich ungemein, dieses kümmerliche Hin und Her, diese reizlose Unterrichtsweise, die mehr Drill und Dressur als Lebenswärme war! Das ernst-schöne Lebensspiel, das man mit allen Poren um und in sich spürte, schien uns in ein unfruchtbares Schema eingeengt. Und mein Vater war in seinem goldnen Überfluß an Energie und Sorge oft zu falscher Stunde heftig. Er hatte meine Klassenlehrer um schriftliche Mitteilung gebeten, sobald sein Sohn schlapp sei oder Strafe verdiene – und ich Unseliger mußte dann diesen verklagenden Brief meiner Lehrer selber nach Hause tragen und in Vaters Hände legen! Ich entsinne mich eines solchen martervollen Abends. Der Knabe war damals Quartaner, also ein etwa zwölfjähriger Junge. Ich hatte mit der Ablieferung des peinlichen Zettels gewartet, bis alle andern außer Papa und mir zu Bett waren. Was ich verbrochen hatte, weiß ich nicht mehr; vielleicht verbotenerweise in der Klasse ein Buch geöffnet (»gespickt« nannten wir dies heimliche Ablesen) oder ein schlechtes Extemporale geschrieben oder irgendeine Unart begangen, wie sie bei andern reichlicher und geschickter im Schwange waren als bei mir. Mein Vater las, hielt mir eine trauervoll-zornige Rede und zündete dann die Kerze an: er ging in die Schule hinunter und holte die Knute, einen derben Riemen von einem halben Meter Länge, das abgerissene Ende eines Glockenstranges. Einst zauberte dieses Leder melodisches Geläut hervor, jetzt pflegte es im Schulbetrieb unmelodisches Geheul zutage zu locken. Man kann sich die Gefühle des wartenden Knaben ausmalen! Dann kam er herauf, prügelte den Sünder nach Kräften durch, so daß mein Wehgeschrei durch die Nacht scholl – und nun konnten auch wir zwei zu Bett gehen. Unser Tagewerk war vollbracht. Nun, man hatte vortreffliche Nerven und überstand auch diese Äußerungen altspartanischer Zucht, die uns beiden freilich seelisch weh genug tat. Der Knabe wimmerte und schluchzte noch eine Weile unter der Bettdecke, wo der jüngere Bruder bereits lag und den Vorgang bebend mit angehört hatte. Dann schlief er fest – um frühmorgens um sechs Uhr von neuem wohlgemut in die Bildungsanstalt zu trotten mit dem unterschriebenen Briefchen im Schulranzen. Ein andres Mal, als ich in abendlicher Müdigkeit vor meiner Grammatik saß und mit dem Schlaf rang, wandelte meinen Vater die Laune an, mir noch eine Musikstunde zu erteilen. Ich setzte mich ans Klavier, er neben mich) aber ich konnte und konnte nicht in Schwung und Takt kommen. Väter sind ihren Kindern selten geduldige Lehrer. Es regnete Püffe, die mein müdes und zerstreutes Gehirn vollends verwirrten. Schließlich hagelten auf den ungeschickten Klavierspieler solche Nüsse herunter, daß sein Kopf unmusikalisch genug auf den Tasten herumtanzte. Dabei schwor mein Vater Stein und Bein, er werde an einen so dummen Tropf im Leben keinen Unterricht mehr wenden. Ich weinte mich in meiner Stube aus, freute mich aber innerlich über den väterlichen Schwur. Denn von jetzt an hatte ich tatsächlich vor ihm Ruhe; jetzt hatte ich Spielraum. Ich wartete nun einfach immer ab, bis er ausgegangen war; dann setzt' ich mich allein an das mir sehr liebe Instrument und ließ meinem Lerndrang freien Lauf. Lange Zeit später, als Papa einmal unvermutet nach Hause kam und oben ganz geläufig Klavier spielen hörte, fragte er verwundert: »Haben wir Besuch? Wer spielt denn?« Es war kein Besuch, es war nur sein talentloser Sohn, der allein und freiwillig besser in Musik und Bildung eindrang als unter Vaters Fuchtel und unter dem Zwang der Schule. Noch erstaunter war der gute Gestrenge über einen Vorfall am Nachmittag seines Geburtstages. Es mag in meinem vierzehnten oder fünfzehnten Lebensjahr gewesen sein; der kleine Zug ist bezeichnend für die nüchterne Scheu, die ich in allen gemüthaften Regungen meinem geliebten und gefürchteten Vater gegenüber empfand. Es war mir zu seinem Geburtstag ein längeres Gedicht in regelrechten Strophen gelungen, ich wagte jedoch nicht, ihm die Huldigung zu überreichen. Endlich schob ich ihm das Papier, da er bald ausgehen wollte, heimlich unter den Strohhut; dann blieb ich beobachtend in der Nähe. Er nahm den Hut, sah das Blatt, schob die goldene Brille hoch und las. Dann rief er mich heran. »Wo hast du denn das Gedicht da abgeschrieben?« Ich, trotzig-verlegen: »Das hab' ich nicht abgeschrieben, das hab' ich selber gemacht.« »Du?! Red' mir doch kein so dumm Dings daher! Du so ein Gedicht machen?!« »Aber 's ist wahr! Ich hab's selber gemacht!« »Wirklich?« »Ganz gewiß!« Und mein sonst so zurückhaltender Vater war so erstaunt und gerührt, daß er mich umarmte und küßte: »Komm her! Dafür kriegst du einen Kuß!« Ich erinnere mich keines zweiten Kusses dieser Art.   Damals begann durch meine eigne Schuld eine Unterernährung meines Körpers, die mir lange Jahre zu schaffen machte. Das kam so. Wir bekamen gewöhnlich beim Ausmarsch morgens ein Stück trocken Brot mit, das uns in der Zehn-Uhr-Pause kräftigen sollte. Allein dieser eckige Gegenstand in der Hosentasche oder zwischen den Büchern war lästig; ich aß das Labsal meist schon unterwegs auf und hungerte dann eben bis zum Mittagessen. Später gab Vater jedem von uns einen Sou (vier Pfennige); wir sollten dafür einen Weck taufen. Das taten denn auch die andern; kauend standen sie in der Pause beisammen; es war vorn in der Hauptstraße von Buchsweiler beim Bäcker Kaufmann, wo das Seitengäßchen zum alten Gymnasium einsetzt. Ich aber sparte meist mein Geld, bis ich dafür ein Buch kaufen konnte. Denn ich war ein leidenschaftlicher Leser, erst von Indianergeschichten, dann von Reisebeschreibungen und Heldentaten, endlich von Poesie. In meines Vaters kleiner, fast nur französischer Bibliothek fanden sich nur etwa zwei deutsche Bücher, die für mich in Betracht kamen: Schillers Sämtliche Werte in einem Lexikonband und Goethes Werke in drei entsprechenden Bänden und kleinem Druck. Ich verschlang die »Räuber« und den »Götz«. Auch eine Auswahl aus Matthias Claudius war vorhanden. Aber mit jenem ersten erhungerten Geld erstand ich mir ein gebundenes Reclambändchen: Matthissons Gedichte. Freund Heinrich hatte an jenem Nachmittag Arrest; ich erwartete ihn am Waldrand unter einem Birnbaum und schwang ihm mit einem Jauchzen, das er ebenso geheulartig erwiderte, schon von fern mein erstes selbstgekauftes Buch entgegen. Es war ein berauschendes Ereignis. Das feine schmale Bändchen war mir so kostbar, daß ich es gar nicht unmittelbar anzufassen wagte: ich riß zwei weiße Blätter aus einem Schulheft und bettete das Kleinod dazwischen. Was mich an diesem Lyriker entzückte, war der sprachliche Wohllaut und der Silberduft einer feinen Schwermut über den etwas allgemein gehaltenen Naturbildern. Zu meinen frühgekauften Lieblingen gehörte übrigens neben Klopstock auch der herbe Dramatiker Heinrich von Kleist. Solche Schätze und mein eignes Dichten, das damals bereits zu quellen begann, ich weiß nicht wie, wurden vor Papas pädagogischer Strenge sorglich verborgen. So baute sich der Knabe, wie schon das Kind, weiterhin seine innere Burg, von Freund Heinrich mit schwungvoller Teilnahme, vom jüngeren Bruder Albert mit ratloser Verwunderung betrachtet. Was aber auch letzteren nicht abhielt, bei meinen selbsterfundenen, oft auf viele Fortsetzungen ausgesponnenen Erzählungen auf dem Heimweg vom Gymnasium emsig zuzuhören, wobei ich manchmal an spannendsten Stellen abbrach: »So! Morgen wird weiter erzählt!« Inzwischen hat mein Bruder, Pfarrer auf einem elsässischen Dorfe, einige schlichte Erinnerungen an unsere Kindheit in Straßburger Blättern veröffentlicht, die obiges ergänzen mögen. »Unsre gemeinsame Jugendzeit war reich und schön. Der Vater verstand es, im Unterricht äußerst anregend und begeisternd zu wirken, so namentlich in Religion und Geschichte. Sein meisterhaftes Erzählungstalent in Schule und Haus bleibt uns unvergeßlich. Von ihm mag der Dichter diese Kunst ererbt und durch Übung ausgebildet zu haben. Ich entsinne mich, wie mir der an Jahren und Reife Überlegene die spannendsten Geschichten erzählte und ich ganz im Bann der Entwicklung gefangen blieb. Dann liebte er es wohl, mich etwas zappeln zu lassen; und hatte ich das brüderliche Mißfallen erregt, so brach die Geschichte auch einmal jäh ab und wurde, wenn etwa der Erzähler spät nachts zu müde geworden, auf den andern Abend verschoben. Schon als kleiner Knabe war mein Bruder ein Bücherwurm. Er vergaß Raum und Zeit und – Schulaufgaben, wenn er eine schöne Geschichte erhascht hatte, etwa Horn, Nieritz, Caspari und ähnliche Volksschriften. Dann setzte er sich in irgendeinen Winkel. Aber nicht selten wurde er vom Vater aufgesucht und vom Buche weg hinaus zu den Kameraden getrieben, wo er freilich dann auch keine schlechte Figur abgab. Kam Besuch, etwa von Kollegen des Vaters, so ergab sich folgendes Bild: dort der ältere, aber scheuere Bruder, hinter dem Tafelklavier verschwindend, verhüllt durch die schützende Decke, hier der jüngere, keckere, dem Besucher auf den Schoß steigend, um »Ritte, Ritte, Roß« zu spielen. Es wäre jedoch ein Irrtum, anzunehmen, der ältere, stillere und scheuere Sohn sei mit der ungebrannten Asche viel weniger in Berührung gekommen als der herzhaftere jüngere. Im Gegenteil: wo es sich um gemeinsame Vergehen handelte, wurde zwar die Strafportion verteilt, jedoch so, daß der ältere den Löwenanteil wegbekam. Die stramme Erziehung hat uns aber nicht etwa weichlich gestimmt ... Lebhaft steht mir das nächtliche Bild vor Augen, das sich häufig wiederholte. Wir pflegten allabendlich bei einbrechender Dunkelheit gemeinsam die Dorfkirchenuhr aufzuziehen. Schon um gegen Gespenster gewappnet zu sein, schien vereinter Gang ratsam. Traten wir dann aus dem Turm wieder heraus und umfing uns bleicher, milder Mondglanz, so sog wohl die Dichternatur mit allen Poren Mondscheinstimmung ein. Jetzt war für ihn der Augenblick gekommen, mit Klopstockschem Pathos und erhobenem Arm die Ode »Die frühen Gräber« zu deklamieren: »Willkommen, silberner Mond, Schöner, stiller Gefährt' der Nacht!« Derweilen stand ich dahinter oder daneben, erst staunend, dann murrend und mit Ungeduld zur Heimkehr mahnend. »Wie kann man nur! Was hast du denn wieder?!« So kam mitunter ein arger Riß in des jungen Schwärmers Mondscheinstimmung. Doch empfing der langsam Nachgereifte in der Folgezeit vom deklamierenden Bruder dankenswerte Anregung. Noch entsinne ich mich des packenden Gedichts von Platen »Wie rafft' ich mich auf in der Nacht, in der Nacht, und fühlte mich fürder gezogen« und des Geibelschen »Tod des Tiberius«. Ersteres lernte der Poesiekundige zu seinem Privatvergnügen, letzteres diente als freigewählter Klassenvortrag. Von sonstigen Dichtern und Denkern übten schon in früher Jugend Apologeten wie Blaise Pascal und Matthias Claudius, Dichter wie Matthisson, Hölty, Klopstock und Geibel Anziehungskraft und entscheidende Gemüts- und Willensbestimmung aus.«   Die Sonntage von damals hatten zwar noch die Glocken der Kindheit; aber doch veränderten sie ihre Klangfarbe und schienen reizlos zu werden. Ich hatte bereits, wenn auch ohne Pedal, einige Vorspiele und Choräle auf der Orgel gewagt, zunächst unter dem Schutz des nahen Vaters; sehr zaghaft freilich: denn die Orgel in der großen Kirche dröhnte gewaltig, und jede Unachtsamkeit konnte schauerliche Mißtöne ins Gotteshaus hinausschmettern. Nun, es ging. Und so wurde ich denn kurzweg zum Organisten gepreßt, sobald Vater einmal unwohl war und sich der zugigen, ungeheizten Kirche nicht anvertrauen wollte. Das war mir anfangs, der ich einsam vor meiner Orgel saß, nur benachbart dem stramm danebenstehenden Blasebalgtreter – dem einäugigen, nach Schnaps duftenden Nachtwächter des Dorfes –, ein höchst unbehagliches Gefühl. Wie der knabenhafte Organist bei den ersten Malen mit seinem Orgelschlüsselbund – bang und wichtig zugleich durch das Dorf schreitend – in die Kirche und auf die abgenutzte Bank gekommen, die Register gezogen, sein Vorspiel begonnen und dann den unheimlich gedehnten Bauerngesang begleitet haben mag, weiß ich nicht mehr; weiß aber, daß es jedesmal ein herzaufregendes Ereignis war. Einmal geschah mir dabei eine bittere Beschämung. Es war am Reformationsfest; Papa lag erkältet zu Bett und ließ sich durch keine Beschwörungen aus seiner Zipfelmütze herausflehen. »Du gehst und spielst! Abgemacht! En route! « Ich mußte Orgel spielen. Unglücklicherweise beherrschte der Anfänger aber noch nicht das Reformationslied »Ein' feste Burg ist unser Gott«, das doch einzig auf diesen Tag paßte. Ich gestand es dem Pfarrer, einem jungen Vikar, den man ohne Beleidigung gleichfalls noch Anfänger nennen durfte, denn er war als Redner oft noch übler von seinem Papier abhängig als ich von meinem Notenblatt. Wir einigten uns endlich auf das erbauliche Lied »Sei Lob und Ehr' dem höchsten Gut«, das ich geübt hatte; aber er war ärgerlich, denn seine Predigt war mit Recht auf die »Feste Burg« abgestimmt und eingelernt. So sprach er denn auch zum Eingang seiner Festrede mit starker Stimme den ersten Vers des wuchtigen Lutherliedes und fuhr dann boshafterweise fort: »So schallt es heute in allen protestantischen Kirchen!« Ich schrumpfte natürlich auf meiner Orgelbank vor Scham zu einem Nichts zusammen; denn in unserer protestantischen Kirche war nur das kümmerliche »Sei Lob und Ehr'« über die Tasten gekrochen, womit der andächtigen Gemeinde klar bewiesen war, daß an der Orgel ein Stümper saß, der nicht einmal das Lutherlied spielen konnte! Mit dieser bemerkenswerten künstlerischen und schöngeistigen Entfaltung des jungen Gymnasiasten ging gelegentlich auch noch Landwirtschaft freundlich Hand in Hand. Wir besaßen ein Hopfenstück von einigen hundert Stangen, und ich half beim Umlegen der Stangen sowie beim »Hopfenzupfen« wacker mit: zehn Pfennig errang man für den gefüllten Korb! Auch Wiesen hatten wir bei Schillersdorf und Obersulzbach. Eigenartige Heustimmung über dem heißen Lande! Die Sonne über der elsässischen Ebene kann im Sommer kräftig brennen und kocht an den Hügeln einen starken Wein. Wie willkommen waren Trank und Atzung nachher im Schatten! Da konnte man ganze Wasserfäßchen leeren. Auch die Weinlese zu Rothbach wurde mitgemacht, in hohen Stiefeln, an denen manchmal die lehmige Erde so wuchtig klebte, daß man kaum noch von Stock zu Stock stampfen und Trauben schneiden konnte. Wir hatten dort auch ein unvergeßliches Pfirsichbäumchen, das rosige Früchte gab. Oft hatte sich schon die kühle Oktobernacht über das Land gelegt, wenn man mit den vollen Fässern langsam nach Hause fuhr. Himmel, wie schmeckte nach solchem Freilufttag der Imbiß! So wuchs man sehr allmählich aus der Scholle ins Geistige empor: aus der Fron in die Freiheit.   Über all diesem Heranwachsen lag etwas Gehaltenes, ein Druck, der die Kräfte mehr nach innen zwang und einer überschäumenden Lebenslust keinen Vorschub leistete. Wild tobten sich Gluten und Frohsinn zwar in Spielen aus; da hatte man an Sonntagabenden oft Heimweh und Herzklopfen, so berauscht war man noch vom vertobten Tag. Aber im ganzen lag uns eine feste Faust im Nacken. So waren denn auch die ersten Regungen und Reizungen der Liebe kein keckes, offenes Tändeln mit Tanz und Geselligkeit, sondern auch hier etwas Geducktes: mehr Innenwelt als Äußerung. Um diese Zeit erwachen ja die feinsten Lebensorgane. Jeder von uns geht da an Abgründen vorüber, in deren brodelnden Dunst wir mit süßem Grauen hinunterstarren oder hinüberblinzeln. Mit Hamlet mag man da wohl sagen: Ich selbst bin leidlich tugendhaft – muß aber auch sofort hinzufügen, daß man sich jedes Verbrechens für fähig halten könnte, gerade in der Dämonie der Geschlechtsbeziehungen. Wie weit das Dämmergebiet der Geschlechtsgeheimnisse dem werdenden Jüngling mitzuteilen sei, darüber haben sich die Erzieher oft den Kopf zerbrochen. Gesundes Empfinden läßt diese Dinge im Untergrunde, erwähnt sie gelegentlich mit Ernst und Ehrfurcht, hütet sich aber vor Lüsternheit und Witzelei. So wenigstens scheint es mir der deutschen Natur zu entsprechen. Und wo der deutsche Witz dennoch einmal anfaßt, packt er derb zu, nicht lüstern, nicht geistreichelnde oder verbuhlte Werke auf den Geschlechtsreiz berechnend wie der romanische Geist. Eine Summe von Leid, Schmach und Nervenzerrüttung ist heute an dieser Stätte abgelagert, wo doch eigentlich ein Tempel und heiliger Hain sein müßte. Hier bekämpfen sich Gottheiten und Dämonen: seelische Liebe und tierische Triebe. Es kommt darauf an, daß das Göttliche den Sieg behält. Aber eine beschmutzte Vorstellungswelt ist so leicht nicht mehr zu heilen; die Phantasie arbeitet bei jedem Anblick eines Weibes. So geht manch edle Natur mit heimlichen Wunden durch die Welt, bis sie durch eine reinere Gegenkraft geheilt wird. Da ist denn für den gesund empfindenden jungen Menschen das Erlebnis erster Liebe die mächtigste, ja entscheidende Gegenkraft. Keine größere Wohltat kann zu irgendeiner Zeit des Lebens dem Erdenwandrer widerfahren als wahre Freundschaft und echte Liebe. Es lohnt nicht, von dieser oder jener frühen Verliebtheit oder lüsternen Neugierde gegenüber einzelnen Gespielinnen zu sprechen. Als Knabe ist man im allgemeinen stolz und von der Minderwertigkeit des weiblichen Menschen überzeugt. Wer sich zuviel mit Mädchen herumtrieb, wurde verächtlich als »Maideschmecker« gebrandmarkt. Aber nach und nach fing man doch an, sich mit diesem Zauber und Rätsel zu beschäftigen. Und schon in den ersten Gymnasialjahren war ich bis über die Ohren in eine anmutige Töchterschülerin verliebt, eine Juliette, die später irgendeinen französischen Kapitän in Algier geheiratet hat. Diese Liebe war ganz Erröten, Schüchternheit, allerstrengstes Geheimnis, höchstens meinem Busenfreund Heinrich unter schwersten Siegeln anvertraut. Ich wagte kaum mit der Angebeteten zu sprechen, wenn sie einmal in Onkels Haus kam, wo wir zu Mittag aßen. Alles an und in mir war staunende Verehrung dieser graziös, leicht und lieb mit ihren zwei langen Zöpfen dahintänzelnden, französisch gestimmten und fast nur Französisch redenden Städterin. Übrigens witterte um den Onkel von Buchsweiler, den Krämer, einen Bruder meines Vaters, amerikanische Romantik. Er war in Kalifornien Goldgräber gewesen, ein herber, schnurrbärtiger Mann von wenig Worten und wenig Geistigkeit, aber von gutartigem, trockenem Humor. Auch zwei meiner Vettern trieb es nach Amerika, wo sie starben. Es muß ein Stück Ferndrang in unserer Familie liegen. Ein andrer Vetter verkam in Locarno, nach zahllosen Semestern in Träumereien verbummelt. Aber die eben genannte Juliette war nur erst die Rosalinde des schüchternen jungen Romeo. Julia war noch nicht erschienen. Doch schon bereitete sich die neue Lebensbeziehung vor, die dieses Mädchen aus der Fremde in meine Nähe bringen sollte. Mein Vater war im besten Mannessalter, als ihm die geliebte Gattin durch den Tod entrissen ward. Die Zeit milderte den Schmerz des spannkräftigen Witwers; die kostspielige Haushälterin wirtschaftete, so gut es eben ging, und ersetzte eine Mutter nicht. Und so kam es, wie es eben immer in solchen Fällen geht, wenn drei Kinder versorgt und erzogen werden sollen. Er sah sich nach einer neuen Gefährtin um. Eine Gefühlsepoche war zu Ende; eine neue Aufgabe stand vor dem Tor und wollte kühn und fest erledigt werden. Seine Wahl fiel auf die hochgewachsene, rotblonde, als sehr tüchtig und sehr gutartig mit Recht gerühmte Tochter eines nicht unvermögenden Landwirts am vorderen Rande Lothringens, hart hinter den Vogesen, im sogenannten »Krummen Elsaß«. Unser Eckchen zwischen Bastberg und Vogesen ist ja nun zwar ein Paradies, gesegnet mit Fruchtbarkeit und landschaftlicher Anmut; hier aber öffnete sich uns die Welt jenseits der blauen Berge. Meine Mutter war tot; aber erste Liebe besuchte mich nun vom Gebirge her. Denn das unbefangene Kind, das ich durch die neue Lebensbeziehung kennenlernte, war eine Verwandte meiner zweiten Mutter. Die »Waldfrau«, wie ich sie später nannte, war in jener Zeit ein schlankes, gut gebautes Mädchen, einige Jahre jünger als ich, mit einem bewundernswert langen Zopf von der Farbe der jungen Kastanie. Sie war ganz und gar keine Zwitschernatur mit leicht erklingendem Mädchenlachen, sondern eher etwas herb, aber ein gutartiges, wahrhaftiges Kind, oft verschlossen und schweigsam. Ein Hauptreiz an ihrer Erscheinung mochte wohl der Umstand sein, daß sie sich ihrer Weibheit ganz und gar unbewußt war, ohne Ziererei, Koketterie oder dergleichen Getue – und dabei doch Weib von einer anmutig hindämmernden Jungfräulichkeit. Sie schloß sich, ebenso wie ihre Brüder, uns Knaben in herzlicher Unbefangenheit als Spielgenossin an, wenn wir zu den Eltern unsrer zweiten Mutter in die Ferien ausflogen. Um unser Hochlandsdorf Büst bei Pfalzburg war eine Landschaft ausgebreitet, die besonders zur Zeit der Kirschenblüte von überwältigendem Zauber ist. Man sah das Dorf nicht mehr vor Blüten. Hier war eine andre Stimmung als in den schweren elsässischen Bauerndörfern; hier wohnte ein andrer Volksstamm, nach Sprache und Brauch von unsrer Ebene abweichend, von leichterem fränkischem Geblüt. Pfalzburg war nahe; man sah Dagsburg und die Doppelhügel des Donon; der Grenzhof zwischen Elsaß und Lothringen schimmerte abends mit seinem vereinzelten Licht herüber in unser Haus unter dem alten Nußbaum. Oft fuhren wir mit Großvaters Pferd und Kalesche in die Umgegend oder auf den Kleeacker; wir sammelten, rechts und links am Henkel den Korb tragend, herabgefallenes Obst; wir suchten im nahen Bergwald, nach Schönburg zu, Erdbeeren und Himbeeren. Unsre Gespielin besorgte beim Dorfkrämer in der ihr eigentümlichen läßlichen Gangart Grohmutters Einkäufe; und am Sonntag saßen und sangen wir in der kleinen Dorfkirche, deren feine Glockenschläge durch Blütenwald oder Herbstwind herüberklangen in unser letztes Haus. Es war um unsre neue Freundin etwas eigenartig Gelassenes, Gleichmütiges, als ob sie gar nicht gespannt wäre auf die Wunder des Lebens, als ob sie ahnte, daß ihre Lebensaufgabe viel Entsagung und Einsamkeit mit sich bringen würde. Ihre Eltern waren Elsässer; aber der sehr französisch gestimmte Vater, in der Dietrichschen Fabrik zu Reichshofen Beamter, ertrug nur unwillig die deutsche Herrschaft: so wanderten sie, wie so viele andre, nach Frankreich aus. Und mir war es nun beschieden, im eignen Herzen die Spaltung der elsässischen Seele zu erleben. Frankreich! Ein neues Land trat damit in unsre Vorstellung, ein Land, das seinen mächtigen Schatten noch immer über das Elsaß wirft. Aus Frankreich kam die Gespielin mit ihren Brüdern in das Hochlandsdorf zu unsern gemeinsamen Großeltern; wir unserseits, mein Bruder und ich, stiegen aus dem deutschen Elsaß herauf. Wir verlebten miteinander köstliche Tage und kamen uns trotz natürlicher Zuneigung doch nur langsam näher. Sie war mir ein unerlöstes Aschenbrödel. Nach dem Abschied, wenn sie dort nach Rieding und Saarburg in die französischen Sonnenuntergänge davongefahren war, blieb mir lange, lange ein schmerzhaftes Heimweh zurück nach diesem unauffälligen, gleichsam auf Entzauberung wartenden Mädchen aus der Fremde, das aus den etwas scheuen rötlichbraunen Augen eines Waldrehes oder einer Waldfrau in die Welt der Menschen schaute. Es gibt zauberhafte Jugenderlebnisse, die ein ganzes Leben hindurch bereichernd in unserm Organismus bleiben; zu den Glocken der Rothbacher Ecke und den Knabenspielen von Schillersdorf gesellte sich hier die erste Liebe. Das zurückgebliebene kränkelnde Kind unsrer verstorbenen Mutter trug deren Namen Elisabeth und wurde nur zwei Jahre alt. Ich hab's oft auf den Armen getragen oder im Kinderwagen gefahren; das Seelchen hatte nicht Lebenskraft genug, sich auf diesem Planeten zu behaupten. Dafür kam Ersatz: gleich das erste Kind der zweiten Mutter war ein Mädchen, das den Namen Emilie Elisabeth erhielt. Diese Schwester ging den noch nachfolgenden fünf Brüdern voraus, in der weisen und gütigen Ahnung, daß sie uns allen von unersetzlicher Wichtigkeit werden würde, wie etwa die Schwester im Märchen den sieben Brüdern ein Segen ist: arbeitsam wie ihre Mutter, von klarem Verstand und von fürsorglicher Güte; dabei sachlich, einfach und unweichlich, wie es in unsrer Familie Brauch war. Für mich freilich, den Ältesten, brachten jene Jahre eine Hauptlast: die Mitverantwortung für die kleinen Stiefgeschwister. Die neue Mutter war gegen Unarten zu nachgiebig; da sprang ich oft mit Zornmut dazwischen und ergänzte ihre Erziehung. Der Haushalt lag ganz auf ihren kräftigen Schultern; sie hatte keine Magd. Da mußte man denn in der Wartung der vielen Kinder mithelfen. Schwere Jahre! In mir aber waren, durch die Berührung mit dem Mädchen aus Frankreich und die gleichzeitig erweiterte Welt, Kräfte des Gemüts und der Phantasie gesteigert worden, die nun wirksam dem Druck in Haus und Schule entgegenarbeiten konnten. Liebe sucht Einsamkeit und Träumerei. Ich trieb mich, so oft ich entwischen konnte, im Sommerwald herum, in einer unsagbar holden Verzauberung dem leisen Waldwind lauschend, der aus gleichsam überirdischen Fernen kam. Ich verfolgte, abseits vom Pfade, den Lauf eines Wiesen- und Waldwassers und malte mir aus, daß ich an einem Präriefluß im wilden Texas entlangschritt. Wir belegten manche Landstriche mit phantastisch wohlklingenden Namen. Ich erzählte meinen Kameraden erfundene Geschichten mit endlosen Fortsetzungen; ich verfaßte Dramen und hatte noch kein Theater gesehen: wobei der Verfasser bekennt, daß ein Trauerspiel »Konradin« auf etwa fünf Seiten rasch und knapp erledigt war. Wir führten meine bemerkenswert kurzen Dramen selber auf: die Tür zum Hauptzimmer, worin ein paar Zuschauer saßen – Eltern und Bekannte –, bildete den Vorhang; mit Zweigen war leicht ein Wald hergestellt. Und mordsmäßig ärgerte ich mich einst, als bei einem tödlichen Schuß, den ich im Spiel abzugeben hatte, ein Pulverkanönchen im Hintergrund nicht loskrachte. Mein Gewehr bestand nämlich nur aus einem abgebrochenen Harkenstiel; aber Vetter Michel aus Menchhofen, der auch mit ins Gymnasium ging, sollte »hinter der Bühne«, sobald mein Wort erscholl: »Stirb, Verruchter!« besagtes Böllerchen losbrennen. Wir versprachen uns einen Knalleffekt. Allein – die Streichhölzer versagten! Michel strich und strich an seinem Hosenboden, aber es war seiner Sitzfläche kein Feuer zu entlocken. Und ich stand und stand, mein unschuldiges Gewehr an der Backe, und wiederholte vergeblich: »Ha, Schurke, stirb!« Was tun? »Bum« rufen? Zu lächerlich! Ich schmetterte also wütend die Tür zu und fiel über den ingrimmig, aber erfolglos streichenden Michel her. Ich habe mit dem Theater nie viel Glück gehabt. Ein andres Drama, »Walladin«, schritt in Blankversen einher, nur ein Einakter, aber von würdiger Länge; es sollte mit Hilfe einiger Schulkameraden im großen Hause unsers Klassengenossen Petri zu Buchsweiler die Ehre der Aufführung erleben. Alle waren Feuer und Flamme, beklebten auch bereits emsig mit Silberpapier Harnische und Helme aus Pappdeckel. Aber die Lehrer kamen dahinter und verscheuchten Freund Mimus, indem sie das Spiel einfach verboten. Wir waren um eine Freude geprellt und bekamen keinen Ersatz für unsern Spieltrieb. Einmal machten wir sogar eine dichterische Zeitschrift, wobei ich Bilder und Inhalt meist selber malte und schrieb. Auch dies wurde von unsern Lehrern entdeckt und zerstört. Hier muß ich meines idealen Freundes Heinrich Peter mit einigen dankbaren Worten gedenken. Auf Heinrichs großem Kopf wuchsen hellblonde Ringellocken; er war ein lichtes Gemüt, ein hochbegabter Schüler, leider durch eine ererbte Herzkrankheit belastet. Als Knabe war er ein Wildfang, aber nie roh, mein Vertrauter und Mitschwärmer. Und sicherlich nicht ganz unschuldig bin ich durch meine Erzählungen von Piraten und Indianern an einem ungewöhnlichen Streich, den er seinen Angehörigen und uns allen spielte. Er wollte die Poesie, die für uns andre eben schönes Spiel war, in Tat umsetzen: brannte also eines Tags kurzweg nach Paris und Havre durch, um Schiffsjunge zu werden. Nach seiner Heimholung steckte man ihn eine Zeitlang ins Gymnasium zu Hagenau, wo er ein wenig zu verwildern drohte. Bald aber, wie man das ja oft bemerken kann, verinnerlichte sich dieser unruhige Ferndrang in eine überaus ernste Religiosität. Er kam wieder in unser Buchsweiler und reifte rasch. Als ich später in die Berliner Literaturunruhen geriet, war er mir aus der Ferne etwas wie ein ruhiger Pylades, an dem ich mich im Briefwechsel zurechtfinden oder doch zu entlasten suchte. Sein weißes, vergeistigtes Gesicht, als ich von dem schon kranken Studenten Abschied fürs Leben nahm, war wunderbar abgeklärt. In einem Asyl unsrer Ingweiler Ecke, in der Gegend unsrer Knabenspiele und Schwärmereien, liegt der Gute begraben. Um die Zeit von Heinrichs Flucht überkam auch mich ein weltschmerzlicher Reisedrang. Ich war, wie gesagt, in Obertertia sitzengeblieben und beschloß ingrimmig, Missionar in Indien zu werden und dieses schnöde Europa für immer zu verlassen. Papa ging anfangs darauf ein, redete es mir jedoch schließlich wieder aus. Wieviel Sorgen hab' ich auf meinen Vater gebürdet! Aber die Enge war oft kaum zu ertragen. Eines Tags schickte ich meinen stets dienstbereiten Heinrich zu einem unsrer Lehrer: der möge ihm doch gefälligst mitteilen, in welcher Stadt sich eine »Dichterschule« befinde, einer seiner Freunde möchte gern Dichter werden. Die Antwort war natürlich eine schallende Lache; und ziemlich kleinlaut schlich der Getreue zum harrenden Dichterling zurück. So war ich denn auch hier wieder auf meine eigene Kraft zurückgewiesen worden. Und doch lebte in mir die unabweisbare Ahnung, daß ich zu einem der landläufig bürgerlichen Berufe nicht bestimmt sei. Einmal verdichtete sich dem Knaben dieses ungewisse Ahnen und Drängen zu einer seltsamen Vision. Ich ging über die Hagholzhügel nach Rothbach. Da schoß mir das Bibelwort ins Bewußtsein: »Und du, Bethlehem Ephrata, die du klein bist unter den Tausenden in Juda« – mit dem deutlichen Empfinden, daß der Name dieses unscheinbaren Dörfchens noch einmal durch mich bekannt werden könnte. Ich erschrak; es kam mir wie Gotteslästerung vor. Auch verband ich damit keinerlei Eitelkeit, die mir überhaupt nie sonderlich zu schaffen gemacht hat. Es war wie ein tröstend aufblitzender Durchblick durch das Dämmergewölk meiner ungeklärten Wünsche in eine reifere und ruhigere Zukunft. Den wilden, freien Wald konnten sie mir nicht nehmen, meine Bedränger! Wie oft und ruhelos hab' ich den Schnaizwald kreuz und quer durchmessen und bin am Selberg umhergestreift! Man sah dort, und schon am »Kreuzel«, wo die kleine Straße nach Bischholz abzweigt, die westlichen Berge um Hüneburg und Herrenstein. Dort ging's durch das Dossenheimer Tal nach dem Hochland und weiterhin nach Frankreich. Dort hinter den Abendröten wohnte sie, die meine Muse war! Farbenspiel des Himmels, Glockenspiel der Dörfer und Tonspiel der eigenen Seele klangen zusammen. Ich habe die elsässischen Abendröten wie etwas Lebendiges liebbehalten; noch in einem meiner späteren Werke, im »Oberlin«, bilden sie den Einleitungsakkord. Manchmal auch, wenn es zu einem weiteren Spaziergang schon zu dämmerig war, schritt ich die Straße nach dem Nachbardorf Mühlhausen hinauf an die steinerne Ruhebank, die dort oben zwischen beiden Dörfern Ausschau hält über ein weites Gefilde, und träumte in die erlöschenden Himmelsfeuer. Ich hatte immer Musik in mir. Laut deklamierte ich oft Gedichte, etwa Klopstocks Ode an die künftige Geliebte: »Dir nur, liebendes Herz, euch, meine vertraulichsten Tränen, sing' ich traurig allein dies wehmütige Lied« – mit dem stürmisch suchenden: Wo, wo werd' ich endlich dich finden!? Was für eine Welt war dies in mir und um mich her! Die Winde in den Gräsern am Rain hatten raschelnde Füßchen oder flüsternde Stimmen, die Farben des Himmels wirkten auf mich wie Melodien. Ich war der geheimnisvoll den Erdball umtönenden Welt der Geister viel näher als den Menschen des Alltags. Die einsame welke Rose am entlegenen Waldrand, von herben Dornen umschlossen, war eine meiner Lieblingsblumen. Ein einfaches Verschen, das ich damals in Kleinpauls Poetik fand, summt mir heute noch im Ohr: Wie magst du, Rose, blühen Allein in Waldesnacht? Umsonst ist ja dein Glühen, All deiner Schönheit Pracht! »Und siehst du nicht die Tränen Im tiefsten Kelche mein? Und färbt nicht feurig Sehnen Rot meiner Blätter Schein?« So war meine eigne Gemütslage: weltferne Einsamkeit und unermeßlicher Hunger nach Schönheit und Liebe. Auch in unsrer Ecke gab es irgendwo, wie vielfach im Wasgenwald, eine Sage von einer weißen Frau, die dort verzaubert sein soll; ich lief durch den Wald und suchte sie zu finden. Mitunter sprach ich laut mit den Büschen und Quellen oder streichelte Baumstämme wie etwas Befreundetes. Dem Tag entsprach die Verzauberung der Nacht, der Sternenhimmel, die mondhelle Schneelandschaft. Ein andrer Reim, der meiner Stimmung entsprach, stand in derselben eifrig studierten Poetik: Das Licht auf meiner Ampel, das löscht' ich mit Bedacht: Das Licht in meinem Herzen brennt durch die ganze Nacht. So brannte in mir ein Licht, eine Glut, angezündet von erster Liebe. Und das Mädchen dort hinter den Abendröten hatte zunächst keine Ahnung, wie sie auf mich wirkte. Nun brach auch mein Dichten aus allgemeiner Stimmung mehr in persönliches Erleben durch. Hatte ich einige Jahre zuvor als überhaupt ersten Vers einen Biberjäger in Kanada besungen: In dem goldnen Abendlichte, An einem See von Kanada, Unter einer grauen Fichte Sitzt der Biberjäger da usw. – was man nach dem Walzer von der »Schönen blauen Donau« zur Drehorgel singen konnte! –, so brachte jetzt ein einziger Tag ein halbes Dutzend glühender Liebeslieder: »Der Knabe aus Spanien.« Schade, daß mir diese Sachen verlorengegangen sind! Meine ferne, nur in den Ferien erreichbare Gespielin wußte in ihrer langsamen und etwas nüchternen Entwicklung wohl kaum, was Liebe sei. Sie mochte mich gut leiden, das war alles. Im übrigen war ihr mein ungeduldiges inneres Feuer ein Rätsel. Und eigentlich war sie ja gar nicht das Ziel meiner Lebensglut; sie war die Erweckerin, die Muse. Mein Ziel war höher, war weltweit. Es ist ja der Irrtum so vieler Aufgestörten, daß sie das Weib als solches suchen. Nein, nein, das Weib kann lebenswarmer Kamerad, köstliche Wandergenossin sein auf unsrer gemeinsamen Fahrt ins Land der Liebe und Schönheit. Nicht Kondwiramur ist Parzivals Ziel, sondern Hand in Hand mit ihr sucht er den Gral. So hat die Liebe Sinn und Tiefe, als Entflammerin; und so erhält Liebesglück große Horizonte. Daß es dazwischen Tändelei, Verliebtheit, Laune, Leidenschaft und dergleichen Wechselspiel zwischen den Geschlechtern noch genug gibt, das ist ja selbstverständlich und zeugt von der unerschöpflichen Vielgestaltigkeit des Lebens. Es ist mir aus jenen Zeiten ein einziges größeres Gedicht übriggeblieben, ein Bruchstück nur, aber sehr bezeichnender Art. Dieser Versuch des fünfzehn- bis sechzehnjährigen Knaben sollte eine episch-lyrische Dichtung werden; in reimlosen Jamben wird ein Schiffbruch in der Südsee geschildert – also eine elegische Robinsonade. In jener weiten See des schönen Südens Steigt aus dem blauen Meer ein einsam Riff. Die Wolken ziehn um seinen Felsenscheitel, Schroff senkt sich in das Meer die starre Wand. Doch sie umschließet nur ein Paradies, Ein nie betretenes; die Vögel schwanken. Die tausendfältigen, auf den grünen Ästen Und singen ihren Sang dem Schöpfer nur Als Dank für ihre schöne Heimat. Palmen Neigen im Abendwinde leicht ihr Haupt, Und leise rauschen ihre Blätterkronen. Die Bäche fließen und die frischen Quellen Murmelnd zum Meer hinab, und niemand noch Erquickte sich an ihren reinen Wellen ... So begann des Knaben Dichtung. Sie schildert dann ein Unwetter: Der Blitze rote Flammenscheine zuckten. Der Donner rollte schrecklich übers Meer. Gejagt vom wütenden Orkane flogen Die unheilschweren Wolken um das Riff, Gepeitscht vom Sturme schäumten hoch die Wellen Und brachen wild sich an der Felsenwand. Weh, weh dem Schifflein, das dort auf den Wogen usw. Und so denn weiter, in den Schiffbruch hinein, aus dem nur einer ans Land geschleudert wird und betäubt am Strande liegen bleibt. Man könnte in diesem Eröffnungsakkord Symbolik sehen. Schiffbruch des Lebens und fester Strand! Es ist, wie man sieht, Odyssee-Stimmung in dieser ersten größeren Dichtung des Knaben, verwandt den Eingangstönen, die der reife Mann einige dreißig Jahre später in einem seiner Dramen, im »Odysseus auf Ithaka«, geformt hat. Der Schiffbrüchige erwacht wieder zum Leben und dankt dem Schöpfer für seine Rettung; dann schläft er bis zum Morgen. Und er beseufzt erwachend sein Los eines lebendig Begrabenen, bedauert die Unseligen vom Schiff, dessen Trümmer er liegen sieht, will aber doch dieses Felseneiland genauer ins Auge fassen, ehe er es vielleicht ungerecht verdamme. Er stieg den Pfad, den schlängelnden, hinan, Ein trocken Bett des Baches, der sich einst Von droben donnernd in das Meer ergoß. Bald hatt' er sich durch enge Felsenspalten Emporgeschwungen zu der freien Höhe. Da streckte sich im Tale drunten prächtig Im Morgenstrahl das Land vergoldet aus ... Die Landschaft wird nun in diesem Stil eine ganze Seite lang weiter geschildert. »Ha,« rief er, »bin ich in Eden, wo die ersten Menschen in Unschuld, rein und fleckenlos verweilten?! Hier die Felsen ragen wie die Mauer des heil'gen Gartens starr empor! Wie will ich in dieser Pracht hier leben!« Doch bald schlägt Neu- Robinsons Entzücken in Trauer um. Der Einsame gedenkt seiner Gattin, seines greisen Vaters. »O du mit deinem grauen Haar, vergebens ist all dein Hoffen! Ferne lebt dein Sohn, auf diesem Riffe lebt und stirbt er einsam!« Hunger treibt ihn empor; er durchsucht die Insel und labt sich mit Früchten. Plötzlich entdeckt er ein totes Mädchen, von der See angeschwemmt. Mitleidsvoll betrachtet er die schöne Tote, kniet zum Gebet nieder und bestattet dann den Leib unter Steinen. Sehnsucht nach Menschen ist in ihm lebendig geworden. Und so sitzt er mit seinem Kleinod, seiner glücklich geretteten Flöte, auf der hohen Felsenplatte, und seine Sehnsucht klagt hinaus: Wohl blick' ich vom hohen Felsen Hinaus auf das weite Meer: Mir bringt kein einzig Segel Die goldne Freiheit her. Von dieser Felsenhöhe Schau' weinend ich hinab; Bald wird der Gram mich töten, Du, Insel, wirst mein Grab. Du, Felsen, du wirst ragen, Mein hoher Leichenstein; Ihr Vögel, zum ewigen Schlafe Wiegt mich mit Liedern ein! Spät begab er sich gefaßt zur Höhle und entschlief. Die Sterne »erblaßten schon, und in der Ferne verging der Mond im grauen Nebeldunst« ... So verklang dieses Erstlingswerk des fünfzehnjährigen Knaben. Die beiden andern Gesänge – die glückliche Heimkehr – sind nur mit ein paar Worten skizziert, nicht ausgeführt. Wilhelm von Humboldt hat recht (Briefe an eine Freundin, 29. November 1822): »Es ist immer meine Meinung gewesen, daß sich der Mensch, wenn man das Wesentliche seines Charakters nimmt, nicht eigentlich ändert. Er legt Fehler ab, vertauscht auch wohl Tugenden und gute Gewohnheiten gegen schlechte, allein seine Art zu sein ... bleibt gewiß von der Kindheit bis in den Tod die nämliche.« So ist auch die obige Stimmung des Knaben, anfängerhaft geformt, ein Grundton meines Lebens geblieben. Die burghafte Insel der Einsamkeit; und doch Sehnsucht nach verstehenden Herzen, zum Ausdruck gebracht durch Dichtung (Flöte): hier haben wir bereits dieses Eiland Sala y Gomez im Großen oder Stillen Ozean des Lebens.   Nach und nach ging auch in dem geliebten Mädchen mit den wundervoll langen Zöpfen eine leise Veränderung vor. Etwas Befangenheit verdrängte die früher harmlos gutmütige Kameradschaft. Aber wie verschieden waren wir doch im Temperament! Bei mir war alles durchsetzt mit Phantasie und Freiheitsdurst; bei ihr eine gewisse Schwere, eine gewisse Eingeschränktheit. Sie kam mir oft wie ein unerlöstes Wesen vor, das ich ungestüm wachküssen, wachrütteln und mitreißen müßte. Der Gegensatz hat sich später einmal dramatisch geformt: sie ist die Gertrude in »Eulenspiegels Ausfahrt« und die Maria im »Gottfried von Straßburg«. Doch witterte auch um sie etwas wie Einsamkeit; sie war eine dienende Natur, hat wohl etwas Klavier gelernt, aber weder Versemachen und noch viel weniger Salonphrasen. Im äußeren Umgang war sie von unauffälligem Gleichmut, von stillfreundlichem Frohsinn; aber in ihrem Wesen blieb etwas Verschlossenes, das sich nicht einmal einer Freundin offenbarte. Sie war durch und durch wahrhaftig, schlicht und treu. Und der etwas lässige, langsame Gang der ziemlich großen germanischen Gestalt, die Art ihres leisen Räusperns, der Klang ihrer etwas verschleierten Stimme – es war für mich ein unerklärlicher Zauber. Eines Tags kam ich dahinter, daß sie ein – französisch geschriebenes – Tagebuch führte. Das gab zu allerlei halb scherzhaften, halb verlegenen Geständnissen Anlaß. Der Abschied wurde uns diesmal recht schwer. Wir besuchten vor der Trennung noch den Pfalzburger Kirchhof. Dort liegt ein Mädchen begraben, das an gebrochenem Herzen gestorben ist; ich habe den Namen Marie Liebeskind noch im Ohr, deren traurige Liebe uns Großmutter unterwegs im Wagen erzählt hatte. Es handelte sich um einen unversöhnlichen Gegensatz zwischen Deutschland und Frankreich, in den die Elsässerin geraten war. Uns war sehr weh zumute, als die Geliebte über Lützelburg nach Westen fuhr, während mein Bruder und ich ostwärts in die Wälder um Oberhof eintauchten. Erst später einmal, im Weinberg zu Rothbach, fanden sich die Liebenden zu einem scheuen Geständnis – merkwürdigerweise an fast genau derselben Stätte, wo sich einst mein Vater und meine Mutter den Verlobungskuß gegeben hatten. Aber wie anders bei uns! Es war kein Ausbruch all meiner verhaltenen Spannungen und ins Grenzenlose hinausstrebenden Phantasiekräfte; wieder halb verlegen und halb in scherzender Verhüllung berührten sich zwischen reifenden Trauben schüchterne, kühle Lippen. Denn wir trugen schon damals die Ahnung mit uns herum: wir sind nicht zu bürgerlichem Glück bestimmt. Und es zeigte sich bald genug, daß wir andre Lebensaufgaben zu lösen hatten und lange, lange allein wandern mußten. Zudem schattete über uns beiden die elsässische Tragik . Ich war mit ganzer Seele deutsch; ihr Vater aber ein leidenschaftlich französisch gestimmter Elsässer, der unsren Bismarck glühend haßte. Mein Onkel machte denn auch zur Zeit des Theaterhelden Boulanger alle Krisen der französischen Revanchekrankheit gründlich durch, politisch unrettbar dem Deutschtum verloren, persönlich ein gutmütiger Mann. So wuchsen seine Kinder in Lunéville und Nancy in französischer Schule und Denkweise empor. Und wenn ich einmal in Frankreich die Ferien verbrachte, mit elsässischer Gastfreundschaft gern aufgenommen, so konnte ich nicht genug staunen über den Unterschied zwischen meiner deutschen Phantasiewelt und dieser friedlosen Welt der Politik. Anderseits wurden wir ländlichen Elsässer durch dieses Grüßewechseln mit dem französischen Kulturgebiet sehr bereichert. Vettern und Base brachten Bücher mit in unser gemeinsames Feriendorf. Da lasen wir dann Racine, Lamartine, Victor Hugo und andre französische Poeten. Aus Hugos Gedichten »Contemplations« sind mir heute noch Verse lebendig, die mit jener Hochlandsstimmung verwachsen sind: Quand nous habitons tous ensemble Sur nos collines d'autrefois Où l'eau court,où le buison tremble Dans la maison qui touche au bois ... Und so weiß ich heute noch von jenen Zeiten her die ersten Strophen von Lamartines Elegie »Le lac« auswendig. Das erweiterte unsern Blick. Wir sahen von der Höhe des Wasgenwaldes nach zwei verschiedenen Kulturgebieten hinunter. Freilich wäre es uns nicht eingefallen, nun weder Fisch noch Fleisch zu sein, weder deutsch noch französisch, und etwa einen Mischmasch wie die »Doppelkultur« in unser Empfinden einzulassen. Dazu waren wir zu gesund. Wir zwei Jungens vom Hause Lienhard waren gut deutsch, unsre Vettern aber lobten und liebten Frankreich; und wir gerieten manchmal hitzig aneinander. Aber wir verstanden uns auf rein menschlichem Gebiet; unsre gemeinsame Umgangssprache war die elsässische Mundart. Das geliebte Mädchen war weder eine politische noch eine streitsüchtige Natur; doch war ein leises Weh nie ganz zu verwinden, daß sie von deutscher Kultur ausgeschlossen blieb. Sie kam mir wie das unerlöste Elsaß vor: es war mir oft, als müßt' ich sie, dieses französisch gewordene Elsaß, auf deutschen Schwingen liebend mit emportragen. Und so haben wir uns bis heutigentags innerlich nicht getrennt, wenn wir auch in zwei verschiedenen Nationen getrennt gingen. Oft trafen sich die Liebenden, heimlich oder mit andren, im waldigen Grenzgebirge mit den vielen Burgen und Sagen, sie aus Frankreich kommend, ich aus Deutschland. Dann, gab es tagelang jenes romantische, von Wehmut durchflutete Zusammensein mit der Waldfrau, wovon manches Gedicht Andeutung gibt. Da will ich denn auch einen Traum nicht unerwähnt lassen, der in mein Empfinden seltsam tief hereinschattete. Ich sah mich als Grafen Jakob von Lichtenberg und sie als die böse Bärbel, jene ruchlose Geliebte des halb mystischen, halb lüsternen Mittelalterlichen Schloßherrn. Es war mir, als hätten wir vor Jahrhunderten ein Leben vergeudet und hätten es nun gutzumachen. Und wie ich schon in ganz frühen Ahnungen den ernsten Ton meines künftigen Lebensliedes erhorchte, so auch sie: denn schon als Kind träumte sie bedeutsam, es würde ihr eine lange Reihe von Krankensälen gezeigt, durch die sie helfend hindurchgehen müßte. Sie machte dann drüben ein Examen und war zunächst eine Reihe von Jahren Erzieherin auf einem provenzalischen Schloß, wo sie, ebenso wie nachher in Paris und vorübergehend in Wien, bei ihrem reinen, selbstlosen und grundguten Charakter wie Kind im Hause war. Ich aber bekannte mit doppelter Wucht und Schärfe, eben Student geworden, mein Deutschtum. Ein Gedicht, das im Mai 1886 in der »Straßburger Post« erschien und sehr beachtet wurde, mag meinen französisch gestimmten Verwandten übel in die Ohren geklungen haben. Dieses dithyrambische Bekenntnis zu Deutschland begann also: O seht, wie freudig aufwirbelnd In seinem deutschen Gerände Der grünwogende Rhein dahinbraust! O seht, wie heiter der junge Mai Von allen Bergen und Hügeln grüßt Weithin über das blühende Land! Vom Stromrand, hier um die alte Stadt Und ihr ewiges Münster, Bis fernhin zum grünenden Wasgenwald – Überall, überall lächelt der Lenz Auf dein sonnenfrohes Gefilde, Das sich ausdehnt, ein schimmerndes Blütenmeer, Du mein herrliches Heimatland, Liebliches Elsaß! Rückschauend wird dann der Kampf geschildert, der 1870 wie ein Ostwind die französische Macht über das Gebirge zurückgetrieben »bis fern über die welsche Riesenstadt an den ohnmächtig grollenden Ozean«. Nun aber ist neue Zeit: Und du willst säumen, mein trotziger Landsmann?! Du willst dich verschließen dein drängenden Frühling?! O sieh, all deine Dichter und Denker aus grauer Vorzeit, Der Sänger des berauschenden Minneliedes Und der sinnende Mönch von Weißenburg, Wie sie trauernd herüberblicken! Und dies uralte deutsche Münster, Das deine deutschen Ahnen sich türmen sahen, Grollt's nicht herab wie ein steinerner Vorwurf, Wenn du finster, in dein Welschtum verpuppt, An seinem Fuße vorbeischleichst?! ... Das Gedicht klingt in eine Ermunterung aus: Ja, auch unsre Herzen werden sich vollatmend auftun. Dann wird in herrlichem Schaffen Die Mark am Wasgau emporblühn! Dann singen wir, flammenden Feuers voll, In deutschen Weisen und deutschen Lauten Liebe und Vaterland und unsre schöne Heimat; Dann greift ihr mit kundiger Hand zur Kelle, Mitzubauen am Riesentempel Germanischen Geistes! Dann, o dann ...! Ja, komm, Bruder vom seerauhen Ostseegestade, Komm du aus dem herzigen Schwabenland, Kommt alle! Sprühende Begeist'rung drängt mich. Mit diesem germanischen Trank euch Bescheid zu tun! Stoßt an! Stoßt an! Ein Hoch dem germanischen Elsaß! Ein brausendes Hoch Alldeutschland Und dem germanischen Heldenkaiser! Hier war schon im zwanzigjährigen Studenten einer der Lebenstöne gefunden, dem der Erwachsene als Mensch und Dichter treu geblieben ist. Kaum fünf Jahre lagen zwischen diesem herzhaften vaterländischen Gesang und jener Träumerei vom flöteblasenden Einsiedler. Dorfpolitik Die Zeiten des seelenvollen Pfarrers Michael Huser waren dahin. Der Goldrand um die Herzen und Häuser verblich nach und nach. Wohl waren in den Bauernherzen noch edle Nachwirkungen spürbar; aber sie verquickten sich mit Kirchenkämpfen. Und so zog durch einzelne Dörfer die Pest der Parteiwut. Husers Orthodoxie hatte ihre Eigenart vom Herzen aus entfaltet. Um das Dörfchen Rothbach und sein Pfarrhaus blühte religiöse Poesie. Allmählich war die Bewegung gewachsen und kirchlich erstarkt; sie rief also den Widerstand der liberal gesinnten kirchlichen Behörde hervor. Mit inneren Gründen konnte man einer solchen Herzensüberzeugung nicht beikommen; als Sekte war sie nicht zu betrachten, denn sie stand strenger als die Landeskirche auf altlutherischem Verfassungsboden; auch gegen ihre sittlich-religiöse Wirkung war nichts einzuwenden. Statt in wahrhaft freiheitlicher Weise die Leute ihres Glaubens leben zu lassen, ging man der unbequemen und rückständigen Bewegung mit kirchlichen Verwaltungsmitteln zu Leibe, um ihren Einfluß zurückzudrängen. Parteipolitik begann; die Poesie verflog. Hatte ich jene erste Stimmung im schlanken, hellen Kirchlein zu Rothbach durch meine Eltern voll erlebt, so geriet ich jetzt in Schillersdorf wieder in den Mittelpunkt des neuen Zustandes: der Parteikämpfe. Und da lernte ich denn die Theologie von der andren Seite kennen; so gründlich kennen, daß ich in bezug auf Parteiworte, wie liberal und orthodox, für immer geheilt bin. Ich habe nicht bemerkt, daß der Partei-Liberalismus duldsamer sei als die Partei-Orthodoxie. Diese Dorfgeschichten müssen im Zusammenhang erzählt werden; sie sind eine kirchengeschichtliche Merkwürdigkeit. Zugleich kennzeichnen sie meinen Vater; er hat in seinen Aufzeichnungen aktengemäß diese bitter in sein Leben eingreifenden Menschlichkeiten festgehalten.   Im Jahre 1882 starb der freundliche alte Pfarrer von Schillersdorf, ein harmloser Nationalist alten Schlages. Die Gemeinde hatte schon längst die Strahlenwirkung des benachbarten Rothbach empfunden und hatte so gut wie einstimmig das Bedürfnis nach einem Pfarrer der Huserschen Richtung. Da aber diese Richtung »orthodox«, die Kirchenbehörde jedoch »liberal« war: so standen sich zwei Grundsätze gegenüber. Es entspann sich also Kampf zwischen Bauern und grünem Tisch. Der geistliche Inspektor zu Buchsweiler hatte den Vorkampf. Sein bester Helfer war der ihm gesinnungsverwandte Bürgermeister unserer Filialgemeinde Mühlhausen, eines munteren Musikantendorfes, das in seiner Mehrzahl von Huserschem Ernst nichts wissen mochte. Jener greise, hagere Inspektor, mit dem Aussehen eines volksfernen Diplomaten der alten Schule, galt in dem Empfinden unserer hanauischen Bauern als tückisch und gefährlich; ich weiß nicht, ob mit Recht oder Unrecht. Jedenfalls sah der Aufgeklärte mit Besorgnis der Ausbreitung des altlutherischen Sauerteiges in seinem geistlichen Bezirke zu. Ging das so weiter, so bekam die lutherische Richtung womöglich gar noch Stimmenmehrheit. Da mußte etwas geschehen. Es mußte unter allen Umständen ein liberaler Pfarrer nach Schillersdorf. Nicht Wunsch oder Bedürfnis der Gemeinde hatten hier zu entscheiden, sondern die Kirchenpolitik. Und dann: war nicht das Dorf Mühlhausen mit den Schillersdörfern zusammen verpfarrt? Übermäßig gottselig konnte man diese Mühlhäuser Leutchen just nicht nennen; sie hatten übrigens auch eine Anzahl Israeliten mit einem braven Rabbi im Ort; das Wort »Mühlhäuser Musikanten« war eine landläufige Redensart und deutete schon von selber an, daß hier lebenslustige Freiheit den Ton bestimmte. Das schließt nicht aus, daß sich auch dort einige ernste Familien fanden. Jedenfalls war aber hier der Hebel anzusetzen; man mußte von der Filialgemeinde Mühlhausen aus die lutherisch gestimmte Hauptgemeinde Schillersdorf bezwingen. Mit einer kirchlichen Diplomatie, die einem Talleyrand Ehre gemacht hätte, wurde dies ins Werk gesetzt. Es bestand seit dem Jahre 1877 ein vom Direktorium der elsässischen Landeskirche genehmigter Beschluß des Kirchenrates der Pfarrei Schillersdorf-Mühlhausen, daß jede der beiden Gemeinden ihre Kirchenräte aus ihrer eigenen Mitte für sich allein zu wählen hätte. Diese Bauern, meist ältere, kirchlich gesinnte Leute, hatten dann in erster Reihe über die Wahl des Pfarrers zu entscheiden. Nun war in Schillersdorf ein Mitglied gestorben; ein neues war zu ernennen. Blieb jener Beschluß in Kraft, so hatten die Schillersdörfer allein zu wählen; und die Wahl eines »orthodoxen« Mitgliedes war sicher. Damit wäre auch im Kirchenrat der ganzen Gemeinde eine orthodoxe Mehrheit entstanden. Um einen liberalen Pfarrer zu erzielen, mußte also schon jetzt ein liberales Kirchenratsmitglied durchgesetzt werden. Und um dies wieder zu ermöglichen – wurde jener Beschluß einfach umgestoßen! Die Gemeinde Mühlhausen wurde zur Wahl eines Kirchenratsmitgliedes der Gemeinde Schillersdorf mit herangezogen; es gelang, eine winzige Mehrheit für ein liberales Mitglied zu erringen – und damit war die Wahl eines entsprechenden Pfarrers gesichert. Der liberale Pfarrer wurde denn auch gewählt, von dem ganzen Instanzenweg bis hinauf zum Direktorium begutachtet und ernannt; und es fehlte nur noch die Bestätigung durch die Regierung. Jetzt setzte sich Schillersdorf zur Wehre. In einer Eingabe wandten sie sich an den Statthalter Manteuffel; der grauhaarige Charakterkopf des Feldmarschalls tauchte in unsrem Bauerndorfe auf; die Sache wurde hochpolitisch und die Bestätigung hinausgezögert. Aber nach einem einjährigen Kampfe erlagen die orthodoxen Bauern. Der ernannte Pfarrer wurde von der Regierung bestätigt und zog unter eisigem Schweigen der Gemeinde Schillersdorf in sein hohes Pfarrhaus ein. Damit war Zwiespalt in unser vordem friedliches Dorf eingekehrt. Und mit dem Zwiespalt Gehässigkeit die Fülle! Die hartnäckig an ihrer religiösen Überzeugung festhaltenden Bauern von Schillersdorf brachten das unglaubliche Opfer, auf eigene Kosten ein kleines Gotteshaus zu bauen und aus eigenen Mitteln einen Pfarrer zu bezahlen! Man nannte dieses Kirchlein die »Protestkirche« oder auch »Freikirche«. Groß und etwas nüchtern ragte die Landeskirche des Liberalismus auf ihrem Hügel; klein und still stand unter den Birnbäumen das innen sehr trauliche, freilich glockenlose Kirchlein der Orthodoxie, von der größeren Hälfte der Gemeinde besucht. Nicht selten erlebte man nun das erbauliche Schauspiel, daß die Gläubigen auf dem Gang zu oder von ihren Tempeln einander begegneten – und meist mit schweigendem Ingrimm aneinander vorübergingen. Bis in die Familien hinein klaffte der Riß oder die »Feindschaft«, wie man auf dem Dorf zu sagen pflegt; und die verschiedenen Parteien »lebten einander zu Leid«, so trefflich sie eben konnten. Der Lehrer aber stand mitten drin. Mitten zwischen todfeindlichen Parteien! Sein Herz war auf seiten der Huserschen Richtung, wenn er auch mit Bedauern der Spaltung zusah; aber als Lehrer und als Organist hatte er der gesamten Gemeinde zu dienen. Wiederum aber hatte diese gewaltsame und listige Durchsetzung eines nicht gewünschten Pfarrers auch sein Gerechtigkeitsgefühl erbittert. So beschloß er denn schließlich, sich fortan auf seine Tätigkeit als Lehrer und Gemeindeschreiber zurückzuziehen, auf das Einkommen als Organist und Sakristan aber zu verzichten und keiner der beiden Parteien Kirchendienste zu leisten. Gegen diesen Standpunkt war nichts einzuwenden; kein Gesetz konnte den Schulmeister zum Orgelspielen zwingen. Der gutmütige Lehrer des liberalen Mühlhausen übernahm den Dienst in der Landeskirche; und in der Protestkirche setzte sich irgend jemand andres an das freilich nicht majestätische Harmonium, das zum einfachen Kirchlein stimmte. Nun aber kam ein Punkt, wo mein Vater dennoch Entscheidung treffen mußte: nämlich als Familienvater. Er schloß sich mit seiner Familie den Gottesdiensten der Protestgemeinde an und hatte damit Partei genommen; doch auch hier ließ er wieder die Vorsicht walten, gleichsam nur als Gast mit den Seinen zu kommen: denn in die Liste der Mitglieder ließ er sich nicht eintragen. So glaubte er seine innere und äußere Freiheit nach allen Seiten gerettet und gerecht gehandelt zu haben. Das lebendigere religiöse Leben war ohne Zweifel übrigens in der Freikirche; schon allein die rege Einstudierung unsrer alten Choräle, die viel beflügelter gesungen wurden als in der matten Landeskirche, gab dort mehr Schwung. Dorthin hätte die Orgel gehört, nicht das kleine Harmonium. Die Sachlage schien also geordnet zu sein. Aber im geheimen begann sofort die Verfolgung des bis dahin einmütig geschätzten und geliebten Lehrers, der auch jetzt noch jedem ohne Unterschied der Partei gern zu Diensten war. Ich habe als älterer Gymnasiast diese Dorfgeschichten miterlebt; ich habe gesehen, wie sie die Gesundheit meines Vaters untergruben. Oft in der Nacht, wenn wir noch an der Arbeit saßen, zogen unten auf der Straße »liberale« Burschen aus dem Wirtshause heim und sangen Spottverse auf den »orthodoxen« Pfarrer, gedichtet von jenem Mühlhauser Bürgermeister, der zugleich Musikant war! Auch Ungezogenheiten, lässiges oder halbes Grüßen, versuchten sich anfangs gegen meinen wackren Vater einzunisten. Der war nun freilich der Mann nicht, sich dergleichen von unreifen Burschen gefallen zu lassen und stellte gelegentlich den oder jenen derart zur Rede, daß ihm sofort Manieren anflogen. Da sie zudem den Gemeindeschreiber häufig brauchten; da ferner sein Ruf als eines guten Lehrers und braven Mannes nicht zu erschüttern war, so nahmen sich denn auch alle zusammen. Nur in der Bezechtheit, wenn sie unter dem Schutze der Nacht vorbeilärmten, legten sie unter unsren Fenstern durch Singen, Brüllen oder gellende Juchzer ihren liberalen Standpunkt dar. Es war glücklicherweise nicht so häufig; und durch ein gelassenes oder humoristisches »Jetzt horch!« fanden wir uns oben, die wir um die Lampe saßen, damit ab. Mein Vater blieb seiner religiös-philosophischen Natur getreu. Er hatte das Bedürfnis, sich mit mir und andren über diese Dinge auszusprechen, sich auf diese Weise über das Erlebte emporzuheben und die dumpfen Mißklänge in Wohlklang umzuarbeiten. Oft gingen wir unter solchen vertiefenden und klärenden Gesprächen miteinander im Garten auf und ab. Dann schob sich, in der Dämmerung, auch der Nachbar in schweren Holzschuhen langsam ans Gartengitter herüber, das Pfeifchen im Mund, und philosophierte in seiner Art mit. Er ließ es nicht an volkstümlichen, freilich harmlosen Ausfällen wider den liberalen Pfarrer fehlen – »der da oben«, sagte er nur und deutete mit dem Daumen über die Schulter; und es ist nicht zu zweifeln, daß er den geistlichen Herrn, dem Heiland zu Ehren, von Herzen gern durchgeprügelt hätte. Dieser Pfarrer war inzwischen nicht müßig. Er reichte unmittelbar hintereinander zwei Beschwerdeschriften gegen den Lehrer ein und bat um dessen Versetzung. Der Schulinspektor kam, prüfte die Schule und erstattete günstigen Bericht an den Kreisdirektor; dieser an den Bezirkspräsidenten; der letztere hinwiederum teilte dem Kreisdirektor, der Kreisdirektor dem beschwerdeführenden Ortspfarrer »ergebenst mit, daß der Herr Bezirkspräsident sich nicht veranlaßt sehe, die Versetzung des Lehrers Lienhard in Aussicht zu nehmen, da derselbe seinen Verpflichtungen als Lehrer nachgekommen ist«. Der erste Angriff war abgeschlagen. Der Herr Pfarrer, eine stattliche Erscheinung mit wallendem Bart, stets im Zylinderhut, wahrte im übrigen die äußere Form und war überhaupt keine unvornehme Natur. Er vertrat eben das liberale Prinzip, wie sein Gegenpfarrer das orthodoxe, und glaubte demgemäß handeln zu müssen. Sein menschliches Verhältnis zu meinem Vater und dessen Familie klang später in Harmonie aus. In demselben Herbst hatte der Dorfschulmeister von Schillersdorf mit dem Kreisdirektor von Zabern einen Zusammenstoß. Das anmutig gestaffelte Städtchen am Fuß der Berge, einst durch den Bauernkrieg berühmt, hat ja in neuester Zeit durch einen andren Handel europäischen Ruf erlangt. Es ist die Hauptstadt unsres Kreises; dort wohnen sowohl Landrat – im Elsaß Kreisdirektor genannt – als auch Schulinspektor. Landschaftlich ist jenes Tal der Zorn eine ungemein reizvolle Ecke, zumal von den Ruinen der Burg Hohbarr aus betrachtet, die einen wundervollen Blick über Kochersberg und Hanauerland bis hinaus zur Feste Lichtenberg gestattet. Mein Vater erzählt diesen kleinen Strauß in seinen Aufzeichnungen. Der Vorfall ist bezeichnend für elsässische Art und preußischen Ton. »Am 16. November 1883 erhielt ich folgenden Brief von der Kreisdirektion in Zabern: ›Sie wollen sich gefälligst am nächsten Montag, den 19. November, nachmittags 4 Uhr, zu Buchsweiler im Gemeindehause zu einer Rücksprache mit mir einfinden. Der Kreisdirektor.‹ Ich hatte an dem Tage, als der Brief eintraf, des Kirchweihfestes wegen frei; und da ich doch in Zabern zu tun hatte, so beschloß ich, bei der Kreisdirektion vorzusprechen und so den Weg nach Buchsweiler zu sparen. Ich wurde vom Herrn Kreisdirektor unfreundlich empfangen, mit dem Vorhalten, daß er mich nach Buchsweiler bestellt habe, ich also in Zabern nichts zu suchen hätte. Auf meine Begründung hin ließ er mich zunächst einmal Platz nehmen, dann ordnete er die eingelaufenen Schriftstücke, ohne sich um mich zu kümmern. Endlich nahm er die Papiere unter den Arm und ersuchte mich, mit auf sein Zimmer zu kommen. Hier hielt er mir eine Standrede über meine Pflichten als Lehrer in meiner Gemeinde (in der ich angeblich agitatorisch wirkte) und schloß mit den Worten: ›Wollen Sie, ja oder nein, Kirchendienste tun?!‹ Ich versuchte, meine Gründe vorzubringen, aber er unterbrach mich: ›Wollen Sie Kirchendienste tun, ja oder nein?!‹ – ›Nein!‹ – ›So sind wir miteinander fertig!‹ Ich erhob mich und verließ das Zimmer. Aber sofort eilte ich nach dem Bahnhof, und schon vor Mittag stand ich im Amtszimmer des Bezirkspräsidenten in Straßburg, erzählte ihm das Gespräch mit Herrn Kreisdirektor und fragte zugleich, ob das die Antwort sei auf meine Eingabe vom 29. Juni (worin meine Stellungnahme in den Kirchenstreitigkeiten begründet war). ›Nein, nein,‹ erwiderte der Herr Bezirkspräsident, ›der Herr Kreisdirektor hat seine Befugnisse überschritten, ich werde ihn zur Rede stellen. Gehen Sie ruhig nach Schillersdorf, erfüllen Sie Ihre Pflicht wie bisher, und es wird Ihnen niemand was anhaben!‹ So verbrachte ich meinen freien Tag auf der Anklage- und Verteidigungsbank und kam nicht wenig aufgeregt abends nach Hause.« In dieser Erregung schrieb mein Vater folgenden Brief an die Kreisdirektion: ›Hochgeehrter Herr Kreisdirektor! Ich fühle mich gedrungen, Protest zu erheben gegen die mir gestern zuteil gewordenen Anschuldigungen, laut welchen ich agitatorisch in der Gemeinde handeln soll. Ich stehe gut mit Herrn Pfarrer I., mit welchem ich Lutherfeier gehalten habe, und der mir seinen Dank ausgesprochen hat für den herrlichen Gesang, die schönen Vorträge der Gedichte und für meinen eigenen Vortrag. Ich stehe gut mit Herrn Pfarrer L., dessen Gottesdienste ich besuche. Ich stehe gut mit dem Herrn Bürgermeister, dessen Schreibereien für das Bürgermeisteramt ich besorge, wobei ich aber keinen Buchstaben für die Protestgemeinde sowie in der ganzen Pfarrgeschichte geschrieben habe. Ich stehe gut mit den Gemeindegliedern, mit welchen auch nicht mit einem einzigen ich je ein bös Wort verloren habe. Mit tiefem Schmerz habe ich gestern zum erstenmal in meiner dreiundzwanzigjährigen Amtstätigkeit, in welcher ich nur Lob und nie Tadel geerntet habe, einen scharfen, aber meiner innersten Überzeugung nach, ich kann es vor Gott und Menschen offen sagen, unverdienten Verweis hinnehmen müssen. Hochachtungsvoll Ihr gehorsamster Diener Lienhard.‹ »Dieses Schreiben ging am 20. November ab; am 23. erhielt ich von der Kreisdirektion folgende Zuschrift: ›Sie wollen sich nächsten Donnerstag, den 29., vormittags 11 Uhr, gefälligst in meinem Bureau einfinden, um wegen der Ihnen zur Last gelegten ungeziemenden Schreibweise in Ihrer Eingabe an mich vom 20. verantwortlich vernommen zu werden.‹ »Ich stellte mich am besagten Tage pünktlich in Zabern ein. Hier wurde mir vom Assessor ein Schriftstück vorgelegt, das ich unterschreiben sollte. Ich las es aufmerksam und bemerkte, dieses Papier nicht unterschreiben zu können, falls nicht der Zusatz beigefügt werde: nicht gegen meine Behörde, sondern gegen die Verleumder, die mich hier verklagen, richtet sich mein Protest. ›So haben Sie doch nicht geschrieben‹, meinte der Assessor. Ich erwiderte, daß ich allein wissen könne, wie ich es gemeint habe, und bedauerte, mich nicht besser und deutlicher ausgedrückt zu haben. Der Zusatz wurde beigefügt, ich unterschrieb und wurde entlassen. »Kurz darauf kam der Kommissar von Buchsweiler, unterzog mein Bureau im Gemeindehause einer Prüfung, fand aber alles in schönster Ordnung. Er erstattete hierüber Bericht an die Kreisdirektion. Erst nach Monaten, am 6. Februar 1884, ging mir folgendes Schreiben vom Bezirkspräsidenten zu: ›Mit Bezugnahme auf Ihre an den Herrn Kreisdirektor in Zabern gerichtete Eingabe vom 20. November v. J., welche mir mit Ihrer Rechtfertigung vorgelegt worden ist, sehe ich mich veranlaßt, Ihnen meine Mißbilligung über die darin Ihrerseits angewendete Ausdrucksweise und zugleich die Erwartung auszusprechen, daß Sie in Zukunft einer angemessenen Schreibweise gegen Ihre vorgesetzte Behörde sich befleißigen werden. Der Bezirkspräsident.‹ ... Ich klagte gesprächsweise dem Herrn Schulinspektor mein Leid; er tröstete mich, meinte, daß es nicht schlimm stehe, und fügte hinzu: ›Aber um Gottes willen nur nicht mehr schreiben!‹ So lernte ich schweigen.« ... Soweit mein Vater. Sein sachlicher Bericht ist wertvoll. Er ist in mancher Hinsicht ein typisches Beispiel für den Gegensatz zwischen elsässischer Volksseele und preußischem Beamtenton. Dieser Landrat war ein tüchtiger Beamter; aber er rechnete nicht mit der menschlichen Würde eines schlichten, freien, unbescholtenen Mannes: er beschuldigt ihn in persönlichem Gespräch ohne sachliche Unterlage des agitatorischen Wirkens, beleidigt ihn also regelrecht, hört seine Gründe einfach nicht an, sondern will ohne weiteres – Gehorsam! »Ja oder Nein?!« Wir alle aber im Elsaß sind mit einem Tropfen demokratischen Öls gesalbt, das man in diesem Falle besser schlichtmenschlichen Stolz nennen sollte. Ich hätte nicht ein Jota anders gehandelt als mein Vater. Die Sache hinterließ weiter keine Bitterkeit. Derselbe Landrat v. H. hat nebenbei später, drollig genug, im Deutschen Reichstag meine Gedichte als Zeugnisse für das deutschgesinnte Elsaß herangeholt und ausgespielt! Im kleinen Schillersdorf setzten sich inzwischen die Kleinkämpfe zwischen den Parteien fort. Es gab einen juristischen Briefwechsel zwischen Pfarrer und Lehrer über die Verteilung der »Schulfrucht«; man einigte sich endlich über diese freiwilligen Gaben, die dem Lehrer gebracht zu werden pflegten; und schließlich ging man einen versöhnlichen Schritt weiter: beide Parteien baten meinen Vater, auf beiden Seiten Kirchendienste zu tun. Er ließ sich um des Friedens willen bewegen. Und damit nahm der Sonntag auch für mich eine neue Form an; ich wurde als Vizeorganist herangezogen und auf diese Weise nicht wenig in der Weitherzigkeit geübt. Denn während Papa »liberal« die Orgel in der Landeskirche behandelte, begleitete ich in der Protestkirche »orthodox« den Gemeindegesang unsrer Mitbürger. Oder auch umgekehrt. Man sieht aus der leisen Ironie, die mir da in die Feder fließt: das war nicht mehr die Stimmung der Kindheit. Die festlichen Glocken jener hatzlosen Zeit der ersten warmen Liebe zum Ewigen waren in den Menschen unsrer Ecke verklungen. Der Glaube selbst wurde zwar zäh festgehalten; aber bei diesen täglichen Reibungen wurden die Seelen vernüchtert oder verbittert. Ich selbst war von einem Manne konfirmiert worden, der außerhalb der Parteien stand. Dankbar gedenke ich dieses vornehm-stillen Geistlichen. Es war Pfarrer Hermann in Ingweiler, eine würdige Erscheinung, dessen Gestalt und Aussehen an Goethe erinnern konnte, ein ernster und edler Kanzelredner. Wir wanderten oft zu seinen abendlichen Silvester- und Passionsgottesdiensten – die Kirche, die auch von den Katholiken benutzt wurde, duftete so wonnig nach Weihrauch, und es war für uns Kinder äußerst reizvoll, durch den Schnee der Winternacht mitpilgern zu dürfen. Seine Lebensweise war so ruhig und zurückgezogen wie die versteckte Lage seines Pfarrhauses an der alten Stadtmauer. Auf den Missionsfesten der lutherischen Richtung war er nicht zu sehen; ebensowenig auf den Tagungen der liberalen Partei. Er gab mir als Konfirmationsspruch folgende Worte mit: »Wende meine Augen ab, daß sie nicht sehen nach unnützer Lehre, sondern erquicke mich auf deinem Wege! Laß deinen Knecht dein Gebot festiglich für dein Wort halten, daß ich dich fürchte!« (Psalm 119, 37 f.) Dazu den Gesangbuchvers: »Gib meinem Glauben Stärk' und Kraft, Die alles kann vollbringen, Damit durch dessen Eigenschaft Ich ritterlich kann ringen. Und Kreuz und Not, ja gar den Tod Viel lieber woll' erleiden, Als daß ich hier vom Wort und dir Mich ließ' aus Kleinmut scheiden.« Das Neue Testament, das er mir damals schenkte, und in dem seine klar, fest und schön geschriebene Widmung steht, hat mich bis heutigen Tages begleitet. Ich bin diesem ruhig über den Parteien stehenden Manne dankbar. Doch wurde auch dieser würdige Präsident des Ingweiler Konsistoriums – das auch die Gemeinde Schillersdorf umfaßte – in die Niedrigkeiten des Parteigezänks hineingezogen. Trotz seiner Zurückgezogenheit war er doch der Rechtgläubigkeit verdächtig. Die Ernennung des liberalen Pfarrers nach Schillersdorf hatte daher den Nebenzweck, auch im Konsistorium Ingweiler eine liberale Mehrheit zu erhalten und den bisherigen, immerhin der Orthodoxie nahestehenden Präsidenten zu stürzen. Es gelang. An Stelle des bewährten Pfarrers Hermann wurde unser liberaler Pfarrer von Schillersdorf Präsident des Konsistoriums. Das Prinzip war wieder einmal gerettet. Ich wundere mich, daß meine Geschwister und ich damals nicht überhaupt alle Religiosität samt allem Kirchen- und Christenglauben über Bord geworfen haben. Aber wir hatten in uns eine heilige Insel, die für diese Erschütterungen unzugänglich blieb. Wobei ich bemerken muß, daß mir das Wesen reiner Frommheit erst viel später aufgegangen ist, als ich aus dumpfer Unreife und kirchlichem Rechthaberei-Gezänk längst heraus war. Da fingen die Glocken der Kindheit, in vergeistigter Tonart, wieder im Herzen zu läuten an. Auf meinem Vater lastete dies alles recht schwer. Eine Anzahl Stiefbrüder hatte sich nach und nach dem Mädchen zugesellt, das ihnen auf die Erde vorausgegangen war. Wir waren schließlich unsrer acht Geschwister. Welche Bürde für die Eltern! Und auf mir, als dem Ältesten, lag frühe schon die Mitverantwortung für das kleine Gewimmel. Die wackren, lieben Jungens! Sie respektierten den Ältesten gewaltig; er tat ihnen wohl auch manchmal unrecht; aber dann sah doch wieder das getreue Häuflein in der Dämmerung um ihn herum, mit großen Augen und offenen Sinnen, und ließ sich unermüdlich Geschichten erzählen. Als nun der liberale Pfarrer nach Straßburg aufrückte, hielt Papa den Zeitpunkt für gekommen, auch dem orthodoxen Prediger den Rücktritt zu empfehlen. Er fand kein Gehör. »J'y suis, j'y reste« , hieß es dort nach Bazaines bekanntem Wort. So glomm denn die Zwietracht weiter – schlimmer noch als zuvor. Der neue Vertreter des liberalen Prinzips, der in unser Dorf einzog, war ein andrer Typus. Dieser Geistliche grüßte grundsätzlich nur diejenigen, die seinen Gottesdienst besuchten; alle andren waren für ihn Luft. Er besaß nicht die maßvolle Zurückhaltung seines Vorgängers, der zu allen gleich höflich war, besuchte gelegentlich das Wirtshaus; und die Bauern erzählten sich, daß er »nicht viel vertrug«. Zunächst stürzte er den bisherigen Bürgermeister, hatte sich aber in der Person des neuen getäuscht: denn der war und blieb Mitglied der Protestgemeinde. Dann setzte aufs neue der Kampf gegen den unbequemen Lehrer ein, dessen Familie wie bisher in der Protestkirche verblieb. Dieser Kampf gehört so ziemlich zum Niedrigsten und Schmerzvollsten, was meinem Vater auf diesem Gebiete beschieden war. An einem Wintertage starb der bei uns wohnende Vater unsrer zweiten Mutter, jener Großpapa, bei dem wir mit den Verwandten aus Frankreich ehedem die wundervollen Ferien verlebt hatten, dort jenseits der Berge im Lothringer Hochland. Großmutter war schon früher gestorben. Die ganze Poesie der Jugend zerbröckelte, wie die Religion um uns her zu zerbröckeln drohte. Die Mutter, selber noch krank, setzte sich nun an jenem Wintertage vor ihres Vaters Sterbebett, blieb zu lange, bekam einen Rückfall – und folgte dem Toten noch in derselben Woche! Das war für Papa ein furchtbarer Schlag. Da war ihm nun auch die zweite Frau genommen; und mit einem Rudel von unerzogenen Kindern stand er abermals allein. Wie er alle seine Kleinen vom »Protestpfarrer« hatte taufen lassen, so ließ er nun auch Schwiegervater und Gattin von demselben Geistlichen zur letzten Ruhestätte geleiten. Und nun erlebte die Gemeinde Schillersdorf das beschämende Schauspiel, daß die Anhänger des liberalen Pfarrers in Werktagskleidern hinter Tor und Fenstern standen und zuschauten, wie ihr gebeugter, früh ergrauter Lehrer mit seinen Kindern hinter dem Sarge herschritt: – sie selbst aber erwiesen ihm nicht die Ehre, sich am Leichenbegängnis der braven Lehrersfrau zu beteiligen. Denn ihr Pfarrer hatte es ihnen verboten! »Als sie mich sahen,« – schreibt mein Vater mild genug in seinen Erinnerungen – »gebeugten Hauptes mit meinen Kindern dem Sarge der lieben Mutter folgen, wurde manches Auge naß und manches Herz tief bewegt, und die Taschentücher wurden hervorgeholt. Der Herr verzeihe ihnen allen, sie meinten es ja nicht böse. Sie durften eben nicht anders handeln, um der Sache willen, zu der sie sich bekannt hatten. Fritz schrieb mir aus Berlin (ich war damals schon Hauslehrer): ›Ich habe eine zweite Mutter verloren.‹ Ja, zur Ehre der Verstorbenen sei es gesagt, sie hat meine zwei ältesten Söhne geliebt und gepflegt wie die eignen Kinder. Gott lohn's ihr in alle Ewigkeit!« Es war eine durch und durch gute, selbstlose, von früh bis spät fleißige Mutter und Hausfrau, die sie da begruben. Und ich sage heute noch: Schande über jeden im Dorfe, der dieser Frau die letzte Ehre versagt hat! Der liberale Pfarrer selber war am Begräbnistage über Land gegangen. Ein Wort der Anteilnahme hat er nicht gefunden. Und nun kommt es immer noch schöner. Mit Müh und Not hatte man, wie oben berichtet, in der Gemeinde eine Verständigung erzielt, mit der sich alle zufriedengegeben hatten: derart nämlich, daß mein Vater beiden Parteien Kirchendienste tat. Jetzt benutzte der liberale Pfarrer die Notlage des erschütterten Witwers, um ihn plötzlich, ohne jeden Grund, vom Organistendienst in der Landeskirche abzusetzen! Wenige Wochen oder Monde nach Mutters Tod! Er dulde, sagte er, den Lehrer, von dem er Rücktritt aus der Protestgemeinde erwartet hatte, nicht mehr in seiner Kirche. Später begründete er den Schritt damit, daß ihm der neue geistliche Inspektor in Buchsweiler diese Maßregel empfohlen habe. Ein junger Lehrer der Nachbargemeinde war charakterlos genug, den Organistendienst zu übernehmen. Und die Bauern des Kirchenrates nickten zu dem unerhörten Beschluß Ja und Amen. So war denn durch diesen Diener Gottes neue Aufregung und Erbitterung in die Gemeinde getragen. Auch äußerlich bekundete sich dies, gleichsam sinnbildlich. Eine Weile läutete die Dorfglocke damals nicht mehr die Gezeiten, wie das sonst morgens, mittags und abends auf dem Dorfe Brauch ist; denn man konnte sich über die Bezahlung des neuen Glöckners nicht einigen. Lange Zeit hörte dann die Gemeinde überhaupt keine Kirchuhr mehr schlagen: denn derselbe Bauer, der sie an meines Vaters Stelle besorgen sollte, wußte nicht damit umzugehen und verdarb das Werk. Ein Fachmann aus Straßburg mußte kommen und sie um teures Geld wieder in Ordnung bringen – die verhudelte Kirchuhr, nicht die rettungslos verhudelte Kirchengemeinde. Über die Verteilung der Schulfrucht gab es scharfen Briefwechsel zwischen dem Pfarrer und dem Lehrer, der übervorteilt werden sollte. Aber die Freunde meines Vaters, der nun bloß noch in der Protestkirche spielte, brachten ihm doppelt so viel als sonst. Selbstverständlich war es ja auch, daß der Ortsgeistliche den Ortslehrer nicht mehr grüßte, wenn er ihm auf der Straße begegnete, was er übrigens auch dem Bürgermeister gegenüber durchführte. Der Gipfel dieses Zustandes wurde dann erreicht, als der Geistliche an einem Sterbebette den Lehrer zum Lügner zu stempeln versuchte. »Ich hatte nämlich« – heißt es in meines Vaters Aufzeichnungen – »dem Sohn des Sterbenden gesagt, daß ich von der Erkrankung seines Vaters nichts gewußt; das erzählte der Sohn im Krankenzimmer; worauf ihn der anwesende Pfarrer mit der lauten Bemerkung unterbrach: ›Wer's glaubt!‹ Der Bürgermeister, des Sterbenden Schwager, überbrachte mir diese Verdächtigung und fügte bei, daß die Anwesenden aufs höchste überrascht und aufgebracht waren. Ich schrieb nun folgenden Brief an Herrn Pfarrer: ›Herr Pfarrer! Wer's glaubt! So haben Sie sich gestern abend geäußert, als erzählt wurde, daß ich von der Erkrankung des Herrn M. keine Kenntnis gehabt habe. Das läßt tief blicken in das Herz eines von Gott verordneten Predigers und Seelsorgers, im Angesicht des Todes, in einem ernsten Trauerhause, vor Eltern und Kindern, einen im Dienst ergrauten Lehrer als Lügner zu verdächtigen! Mit tiefem Bedauern Ihr Lienhard.‹« Ein Wort der Entschuldigung von seiten des Herrn Pfarrers ist dem verleumdeten Lehrer nicht zugegangen. Wenige Wochen danach verklagte vielmehr der Geistliche meinen Vater aufs neue: er habe den Schulunterricht nicht nachgeholt, den er während der Hochzeit meines jüngeren Bruders in Niederbronn versäumt hatte. Jetzt war des übergeduldigen Schulmeisters Geduld zu Ende. Er bat seine Behörde um die Erlaubnis, gegen den Seelenhirten gerichtlich vorgehen zu dürfen: »Erstens weil er mich an einem Krankenbett als Lügner verleumdet, zweitens weil er mich fälschlich der Pflichtvergessenheit angeklagt hat.« Der Schulinspektor kam, prüfte in Gegenwart des Pfarrers die Schule, fand sie in gutem Stand und sprach dies auch aus. Hernach begab er sich in unsre Wohnung hinauf und ersuchte die beiden Gegner, ihm zu folgen. Hier hielt er nun eine Ansprache des Inhalts, er wolle heute zwischen Pfarrer und Lehrer Frieden stiften, beide möchten sich in seiner Gegenwart aussprechen. Mein Vater packte stürmisch aus; kleinlauter brachte der Pfarrer das Seinige vor, betonend, daß ihm jenes »Wer's glaubt!« auf der Seele gebrannt habe. Nachdem er feierlich versprochen, daß er künftig den Lehrer ein für allemal in Ruhe lassen wolle, gaben sich beide die Hand. »Herr Schulinspektor schied, sichtlich befriedigt von dem Erfolg seines Besuches, aber meine Nerven waren kaput«, schließt mein Vater. »Ich konnte keinen Schlaf mehr finden und mußte mich mit dem Gedanken tragen, um meine Pensionierung einzukommen.« Noch ein Jahr hielt er aus. Dann zog er sich, noch nicht sechzigjährig, nach Straßburg zurück. Zornige Wehmut könnte den Zuschauer überkommen, wenn er die Laufbahn eines begabten und treuen Mannes, dessen Fehler ich nicht verschwiegen habe, derart durch Parteifanatismus vergiftet und vorzeitig beendet sieht. Andrerseits war es wohlgetan, daß der Patriarch seine Zelte abbrach und diese friedlose Lage verließ. Zur Entschuldigung jenes unruhigen Geistlichen kann man noch anführen, daß er zuletzt in peinvolle Nervenkrankheit, ja an den Rand des Irrenhauses geraten und dann gestorben ist. Vielleicht wirft dies ein Licht zurück auf sein Verhalten; vielleicht war auch er ein Opfer der Kirchen- und Dorfpolitik mit all ihren zerreibenden Kleinkämpfen. Im übrigen war er kein schlechter Redner, was mein Vater immer unbefangen anerkannte. In alledem hatte Lehrer Lienhard, in Kämpfen erprobt, den Mut gefunden, zum dritten Male zu heiraten. Es stellte sich dabei heraus, daß die neue Gattin, eine kleine Straßburger Rentnerswitwe, über einiges Vermögen verfügte. So konnte er es wagen, mit seiner sehr bescheidenen Pension in eine einfache Wohnung nahe beim Thomasstift zu Straßburg einzuziehen und sich der Erziehung seiner Söhne aus zweiter Ehe zu widmen. »Die Schule ging mir über alles«, sagt er in seinem Rückblick. »Sie war der Ort, wo ich unbehelligt die Herzen der mir anvertrauten Kinder erwärmen konnte für alles Gute, Schöne und Ideale, und wo ich wahrhaft glücklich war. Mit allen meinen Vorgesetzten stand ich allezeit auf bestem Fuße.« Man bot ihm das Allgemeine Ehrenzeichen bei seinem Rücktritt an; er hat es natürlich abgelehnt. Auch ein Kronenorden wurde erwogen; aber den hätten Bürgermeister und Pfarrer einstimmig befürworten müssen, und das hätte bei den Unstimmigkeiten in der Gemeinde auf Widerstand stoßen oder nach allem Vorgefallenen einen komischen Beigeschmack annehmen können. Mein Vater bat sogleich den Schulinspektor, der mit ihm über die Möglichkeit dieser Ehrung sprach, auch hiervon abzusehen und blieb seiner Auffassung getreu. »Es freut mich von ganzem Herzen«, sprach er, »am Schlusse meiner Lehrtätigkeit zu erfahren, daß meine Behörde mit meiner Dienstführung zufrieden ist. Aber Ehre gebührt nicht mir, sondern dem lieben Gott, der mir Kraft und Freudigkeit gegeben hat. Es genügt mir völlig, wenn in meine Entlassungsurkunde der Vermerk eingefügt wird: ›Mit Anerkennung der geleisteten Dienste.‹« So geschah es. Und nun siedelte also der alte Schulmann, gesegnet mit sieben Söhnen und einer Tochter, nach Straßburg über. Merkwürdigerweise lag die gewählte Wohnung in derselben Gasse, in der er vierzig Jahre zuvor als schüchterner Schüler mit kleinem Koffer in die Lehrerbildungsschule, die Ècole normale , eingetreten war. Und noch eins war merkwürdig. Die Verkettungen der Lebensschicksale sind manchmal geradezu neckisch. Meine junge Verwandte in Frankreich, die Waldfrau, hatte zeitweilig ein wenig die Fühlung mit mir verloren. Im herben Talent des Alleingehens waren wir einander ebenbürtig. Sie wußte – was für eine Frau schwerer ist – die Einsamkeit ebenso zu schätzen wie ich, der ich unendlich viel Einsamkeit vertragen kann: jene verarbeitende Einsamkeit, aus der man verjüngt und liebend zu den Menschen zurückkehrt. So machte sie denn eine wichtige Entscheidung ihres Lebens allein durch; sie beschloß, aus innerstem Antrieb, Krankenschwester zu werden. Erst ihrer Mutter, dann mir teilte sie den fertigen Entschluß mit. Der Zufall fügte es, daß ihr Wanderleben in derselben Straßburger Ecke zum vorläufigen Abschluß kam, wo mein kampfmüder Vater soeben mit seiner Familie eingezogen war. Denn in unmittelbarer Nachbarschaft unsrer dortigen Wohnung erheben sich die weitläufigen Gebäude des Diakonissenhauses. Nun besuchte Schwester Marie in schwarzem Gewand und weißer Haube allsonntäglich des Oheims nahe Familie, in der einst die Waldfrau ihre poesievollsten Ferien verlebt hatte. Das Gymnasialstädtchen Buchsweiler Als ich durch die wechselnden Witterungen des elsässischen Hügellandes ins Gymnasium marschierte, wußte ich noch wenig von den bedeutsamen Beziehungen, die unser ehemaliges Residenzstädtchen mit der Blütezeit der deutschen Dichtung verbanden. Im Jahre 1884 ward das neue Gymnasialgebäude vollendet: auf den Fundamenten des ehemaligen Schlosses. Ich saß dort noch ein Jahr und erledigte dann die Abgangsprüfung unter dem hochbegabten Direktor Deecke, den des Statthalters Ungnade in unsre Ecke gebannt hatte. Buchsweiler ist ein reizvoll altertümliches Städtchen an den Ausläufern des Bastberges, ungefähr in der Mitte zwischen Zabern und der alten Barbarossapfalz Hagenau. Zu Häupten der kleinen Stadt erhebt sich, gemächlich ansteigend, der kahle Kegel des genannten Berges, dessen graugelber Kalkstein, an seinen Hängen mit Reben bewachsen, gänzlich von dem roten Sandstein des nahe vorüberlaufenden Wasgaugebirges verschieden ist. Dieses Landstädtchen war um die Mitte des 18. Jahrhunderts Wohnort der Erbprinzessin Karoline von Hessen-Darmstadt, der späteren »großen Landgräfin«. Sie war eine geborene Prinzessin von Pfalz-Zweibrücken-Birkenfeld und seit ihrem zwanzigsten Jahre (1741) vermählt mit dem Darmstädter Erbprinzen, der von seiner Mündigkeit ab regierender »Graf von Hanau« genannt ward. Noch jetzt heißt unsre anmutige Hügelgegend »das Hanauer Land«. In eben diesem Buchsweiler wohnte also Jahre hindurch jene Fürstin, eine der rühmlichsten Frauengestalten des 18. Jahrhunderts. Der Erbprinz selbst hielt sich, auch später, fast immer in Pirmasens bei seinen Soldaten auf; die gute, kluge, charaktervolle Frau war auf selbständiges Handeln angewiesen. Das Schloß ist heute verschwunden; auf seinen Grundmauern wurde, wie gesagt, unser neues Gymnasium erbaut; rings herum sind in den inzwischen aufgeteilten Gärten noch Spuren von dem ehemaligen im Versailler Stil gehaltenen Schloßpark bemerkbar. Langsam verfließt jetzt das Leben in jenem stillen Städtchen; wir Gymnasiasten hatten kein Bewußtsein von der Tatsache, daß unsre Schulbänke auf der Stelle standen, wo einst – Herzogin Luise von Weimar ihre Kinderjahre verlebt hat! Denn die Gemahlin Karl Augusts von Sachsen-Weimar-Eisenach war eine Tochter jener Erbprinzessin. Dadurch aber wiederum zogen sich Fäden von unserem kleinen Buchsweiler nach Sanssouci und Berlin. Denn Luise war in Berlin geboren (20. Januar 1757). Der Darmstädter Erbprinz, eine soldatische Natur, war 1750 nach Prenzlau in der Uckermark übergesiedelt, um unter Friedrich dem Großen ein Regiment zu übernehmen. Seine Gattin war ihm dahin gefolgt. Es entspannen sich freundschaftliche Beziehungen zum preußischen Königshause, besonders zur Prinzessin Amalie, Friedrichs Schwester, mit der die Erbprinzessin auch während des Siebenjährigen Krieges in lebhaft teilnehmendem Briefwechsel blieb. Bei Ausbruch des Krieges war freilich ein Zwiespalt entstanden: der alte Landgraf in Darmstadt war österreichisch gesinnt und verlangte die Heimkehr des Sohnes. Dieser beharrte noch bis Herbst 1757; dann kehrte er in sein Pirmasens zurück und Karoline in ihr Buchsweiler. Zu Prenzlau und Berlin waren dem erbprinzlichen Paare mehrere Kinder geboren worden, darunter die genannte Prinzessin Luise, deren Paten und Patinnen vom königlichen Hause gestellt wurden. Da waren die regierende Königin nebst Königinwitwe, die Prinzessinnen Heinrich und Ferdinand, Prinzessin Amalie und die Markgräfin von Schwedt (eine andere Schwester des Königs), nebst dem zufällig anwesenden Prinzen von Preußen. Das Herz der künftigen Landgräfin Karoline war begeistert friderizianisch. »Auf ihre kräftige und gesunde, für echte Größe empfängliche Natur übte vor allem die Persönlichkeit Friedrichs II. einen Zauber aus. Sie erkannte in ihm den einzig dastehenden Genius und brachte ihm in diesem Gefühl als ihrem Heros aufrichtige Huldigungen dar. Friedrich bekundete seinerseits durch freundschaftliche Aufmerksamkeiten sein Verständnis für ihre Individualität und bewahrte ihr eine warme Hochachtung, die noch in späteren Jahren durch seine Teilnahme an ihrem und der Ihrigen Schicksal einen tatkräftigen Ausdruck finden sollte. Der Fürstin Herz war und blieb der preußischen Sache gewonnen, ›unsere Sache‹, wie sie in vertraulichen Briefen an Prinzessin Amalie sie bezeichnete.« (E. v. Bojanowski, Luise, Großherzogin von Sachsen.) Als nun der preußische Thronfolger (Friedrich Wilhelm II.) seine Ehe trennen mußte, erinnerte sich der Einsiedler von Sanssouci der vortrefflichen Mutter vieler Töchter und erbat sich Karolinens zweite Tochter für den preußischen Thron. So wurde die Schwester der Herzogin Luise von Weimar – Friederike – Königin von Preußen. »Ich gestehe Ihnen offen,« schreibt Friedrich II. selber, als er diesen Entschluß für seinen Thronfolger der Landgräfin mitteilte (1769), »der vortrefflichste Eindruck, den mir die Mutter gemacht, hat einzig und allein veranlaßt, daß unsere Wahl auf die Prinzessin, ihre Tochter, gefallen ist.« Noch nicht genug damit! Die Verknüpfungen werden noch merkwürdiger. Des Erbprinzen jüngerer Bruder Georg, also der Schwager unserer berühmten Karoline, vermählte seine älteste Tochter nach Mecklenburg-Strelitz; aus dieser Ehe entstand gleichfalls eine Luise. Sie wurde später bei den Verwandten in Darmstadt aufgezogen, lernte von da aus in Frankfurt den preußischen Kronprinzen, späteren Friedrich Wilhelm III., kennen und wurde – Königin Luise. Eine Herzogin von Weimar und eine Königin von Preußen haben also ihre Kinderjahre zu Buchsweiler im Elsaß verlebt. Sie hatten einen zwanglos vertrauten Umgang mit der Mutter, die ihre Kinder frei und unverzärtelt, fest und fromm erzog. Es war, von der Zeitrichtung abweichend, ein menschlich natürliches Verhältnis. Kleinliche Engherzigkeit lag der Fürstin fern; sie war religiös, aber sie war auch befreundet mit Geistern der Aufklärung, z. B. Baron Grimm, und war durch eine tiefe und gesunde Seele vor der Einseitigkeit jenes Zeitalters bewahrt. Dieser Geist, der poetischen Natursinn und Religiosität in Einklang zu bringen suchte, verbreitete sich später auch in Darmstadt. Dorthin siedelte die Erb- Prinzessin im Jahre 1766 über, nachdem sie acht Jahre (1757–1765) mit ihren Kindern in der Buchsweiler Landstille gewohnt hatte. Von 1768 ab bildete recht eigentlich sie selber – leider nicht viele Jahre – den Mittelpunkt des Darmstädter Hofes. Der alte Landgraf war gestorben; und der nunmehrige Landgraf Ludwig IX. konnte sich auch jetzt von seinem Pirmasens nicht trennen. Es ist inzwischen ein gründliches Buch erschienen, das diese Dinge behandelt: Pirmasens und Buchsweiler, Bilder aus der Hessenzeit der Grafschaft Hanau-Lichtenberg. Von Karl Esselborn (Friedberg 19l7). Dieser Darmstädter Hof schien nun gleichsam ein erstes Sammelbecken für den neudeutschen Literaturgeist werden zu wollen: ein Vor-Weimar. Hier schätzte man vor allem Klopstock. Die Landgräfin war die erste, die eine Sammlung und Veröffentlichung seiner Oden veranlaßt hat. Hier schätzte man auch Lavaters Frömmigkeit; versuchsweise wurde hier auch Claudius angesiedelt (1776). Hier weilte der Elsässer Leuchsenring, eine echte Zeiterscheinung, vorweimarisch, noch nicht das Ganze erfassend, Schöngeist in Georg Jacobis weichanmutiger Manier. Hier der derbere Kriegsrat Merck, erst mit Herder, später und enger mit Goethe befreundet, ein ungleicher und nicht glücklicher Charakter, aber energischer Anreger. Und hierher kam 1770, als Reisebegleiter eines Prinzen von Holstein-Eutin, der bereits durch mehrere Schriften bekannte Johann Gottfried Herder. Und wieder spinnen sich nun Fäden nach dem Elsaß. Denn in Darmstadt wohnte eine junge Elsässerin aus Reichenweier (Oberelsaß): Karoline Flachsland. Mit ihr zog ein Stück Elsaß nach Weimar selbst hinüber: sie wurde Herders Gattin. In demselben Herbst 1770 ritt im Elsaß ein junger Studiosus manchen Ritt hinaus zu einer anderen Elsässerin: zu Friederike Brion. Der studentische Freund aber, dem Goethe die Bekanntschaft mit der Sesenheimer Pfarrfamilie verdankte – Weyland –, war aus Buchsweiler. Aus Buchsweiler war auch der Student der Theologie Franz Lerse, dessen Name im »Götz« verewigt worden; er wurde nachher Subdirektor an Pfeffels Militärschule zu Kolmar. Mit Weyland und einem andren Unterelsässer, Engelbach, bereiste Goethe in demselben Sommer 1770 das nördliche Elsaß, übernachtete – von Zabern herkommend – in Buchsweiler und bestieg den Bastberg. »Dieses Städtchen«, so berichtet er über Buchsweiler in Dichtung und Wahrheit, »war der Hauptplatz der Grafschaft Hanau-Lichtenberg, dem Landgrafen von Darmstadt unter französischer Hoheit gehörig. Eine daselbst angestellte Regierung und Kammer machte den Ort zum bedeutenden Mittelpunkt eines sehr schönen und wünschenswerten fürstlichen Besitzes. Wir vergaßen leicht die ungleichen Straßen, die unregelmäßige Bauart des Ortes, wenn wir hinaustraten, um das alte Schloß und die an einem Hügel vortrefflich angelegten Gärten zu beschauen. Mancherlei Lustwäldchen, eine zahme und wilde Fasanerie und die Reste mancher ähnlichen Anlagen zeigten, wie angenehm diese kleine Residenz ehemals müsse gewesen sein. Doch alle diese Betrachtungen übertraf der Anblick, wenn man von dem nahegelegenen Bastberg die völlig paradiesische Gegend überschaute. Diese Höhe, ganz aus verschiedenen Muscheln angehäuft, machte mich zum ersten Male auf solche Dokumente der Vorwelt aufmerksam; ich hatte sie noch niemals in so großer Masse beisammen gesehen. Doch wendet sich der schaulustige Blick bald ausschließlich in die Gegend. Man steht auf dem letzten Vorgebirge nach dem Lande zu; gegen Norden liegt eine fruchtbare, mit kleinen Wäldchen durchzogene Fläche, von einem ernsten Gebirge begrenzt, das sich gegen Abend nach Zabern hin erstreckt, wo man den bischöflichen Palast und die eine Stunde davon liegende Abtei St. Johann deutlich erkennen mag. Von da verfolgt das Auge die mehr schwindende Bergkette der Vogesen bis nach Süden hin. Wendet man sich gegen Nordost, so sieht man das Schloß Lichtenberg auf einem Felsen, und gegen Südost hat das Auge die unendliche Fläche des Elsasses zu durchforschen, die sich in immer mehr abduftenden Landschaftsgründen dem Gesicht entzieht, bis zuletzt die schwäbischen Gebirge schattenweis in den Horizont verfließen.« So wurde dieses bescheidene Buchsweiler, worin aber eine Herzogin von Weimar und eine Königin von Preußen ihre Kinderjahre verlebt haben, auch durch Goethes Schilderung geweiht. Fünf Fahre nach des Dichters Aufenthalt hielt Luise in Weimar Einzug (17. Oktober 1775); und einen Monat danach (7. November) Goethe selber. Vorerst kehrt er auf Umwegen (Lützelstein, Saarbrücken, Niederbronn) nach Straßburg zurück, wo wenige Wochen später (Anfang September 1770) Herder ankommt. Auch diese Begegnung im Gasthof zum Geist mit all ihren Folgen und Früchten hat uns Goethe ausführlich erzählt. Und so ward die fruchtbringendste Beziehung, die sich für die damalige Literatur überhaupt denken läßt, im Elsaß vollzogen. Nun geht das oben aufgezeigte Fadenwerk immer noch weiter. Herder wird durch Goethes Vermittlung aus Bückeburg nach Weimar gerufen (1776); er wird in Thüringen samt seiner elsässischen Gattin eine Seelenkraft, besonders im Freundschaftsverhältnis des Herderschen Hauses zur anfangs einsamen, ernsten, innerlichen Herzogin Luise. Auch Schiller, ein Spätling in dieser ganzen Bewegung, streift den Darmstädter Hof. Charlotte von Kalb, seine Freundin, ruft ihn von Mannheim herüber und stellt ihn am Hofe vor (1783), als gerade der Herzog von Weimar anwesend war; im erbprinzlichen Palais liest Schiller etliche Teile seines »Don Carlos« und erhält nach einer folgenden Unterredung mit dem Herzog den »Charakter als Rat«, einen Titel nur, aber einen ersten Gruß aus dem spät und langsam zu erringenden weimarischen Gelände. Im Jahre l783 schenkt Herzogin Luise von Weimar ihrem ersten Sohne das Leben: Karl Friedrich. Dieser Erbprinz von Weimar wird l804 mit Maria Pawlowna vermählt, wozu bekanntlich Schiller die »Huldigung der Künste« gedichtet hat. Dieses Paares Tochter (1811 geboren), also die Enkelin jener Luise, die ihre Kinderjahre in unserem Buchsweiler verbracht hat, ist Prinzessin Augusta: sie wird die erste deutsche Kaiserin. Die köstliche Symbolik all dieser Verschwisterungen und Beziehungen kann kaum noch überboten werden. Zumal wenn man im Auge behält, daß auch der erste deutsche Kaiser gleichsam durch Darmstadt hindurchgegangen ist: Wilhelm I. war ja der Sohn der Königin Luise. Und diese war, wie wir sagten, mütterlicherseits eine Enkelin eines jüngeren Darmstädter Prinzen, des Schwagers der großen Karoline. So haben sich Weimar und Hohenzollern, Elsaß und Thüringen miteinander versponnen. Es ist, als ob dieser Bund zwischen Preußen und dem Süden, beide sich treffend in der thüringischen Mitte, ein Sinnbild wäre für die Einigung deutscher Kultur und Politik überhaupt. Es sei zum Schluß noch eine reizvolle Tatsache erwähnt, die das Symbolische dieser Beziehungen anschaulich auf einen engen Raum drängt. Im März 1793 hatte sich Kronprinz Friedrich Wilhelm (III.) mit Prinzessin Luise im »Weißen Schwan« zu Frankfurt a. M. verlobt. An derselben Stelle schlossen 78 Jahre später die Vertreter des Sohnes der Königin Luise, Kaiser Wilhelms I., den Frankfurter Frieden ab (10. Mai 1871), der unser Elsaß-Lothringen dem Deutschen Reiche zurückgab.   Wenig von diesen wundersamen Verflechtungen war damals dem Dorfknaben bekannt, der noch in der Hülse des Schülertums steckte. Er seufzte unter dem Drill der Gegenwart, labte sich an Büchern und Träumen, erwarb auch schließlich die Zufriedenheit seiner Lehrer und freute sich auf den Tag, wo all diese kleinstädtische Enge gesprengt wurde. Welch ein Aufatmen, als die Abgangsprüfung leicht und gut bestanden war! Auf einem Acker hinter dem Schulhause ward ein Feuer entfacht; Grammatik und andre unbeliebte Schulbücher loderten in Flammen auf; und der angehende Student stieß mit einer Bohnenstange wuchtig und wonnevoll in das Freudenfeuer, damit nur ja alles Vergangene reinab in Asche verwandelt würde. Das Tor in die Weite war offen. Heute mag man, zumal in der Stadt, schwerlich nachempfinden können, wie leidenschaftlich dieser Übergang in die Freiheit vom Schulmeistersjungen empfunden wurde. Es flogen damals weder Rad noch Eisenbahn so leicht wie heute vom Land in die Stadt. Taschengeld war spärlich. Bis zum Abiturientenexamen, also fast bis zum zwanzigsten Lebensjahre, hatte ich ein einziges Mal ein Theaterstück gesehen, nämlich im Straßburger Stadttheater Webers »Freischütz«. Allerdings waren wir durch unsre französischen Verwandten bis nach Lunéville und Nancy vorgedrungen; Straßburg im Osten, Zabern nebst Pfalzburg in der Mitte, nach Norden die Waldburgen hinter Niederbronn und Mattstall, nach Süden der weihevolle Odilienberg: das war der Kreis meiner Fahrten. Aber was in der Mitte lag, stellte keine pulsierende Geselligkeit dar; es war vielmehr ein abgenutztes Einerlei in Dorf und Kleinstadt mit dem entsprechend eingeengten Gesichtsfeld. Der köstliche Besitz der freien Natur, aber auch das Kleinliche dieses Gemeinwesens, beides war nun gründlich eingesogen und verarbeitet. Weiter nun zu neuen Ufern und Aufgaben! Es gab dort niemanden, wie ich schon mit Bedauern festgestellt habe, der mir über Wesen und Walten eines Schriftstellers und Dichters hätte Auskunft geben können. Mit meinen Lehrern verband mich keine vertrauliche Aussprache. Vom Zeitungswesen machte man sich auf unsren Dörfern eine etwas merkwürdige und ziemlich windige Vorstellung: denn lief nicht ein früherer Schulmeister manchmal als Reporter durch unsre Ecke und notierte fürs Blättel Unglücksfälle und andre dörfliche Weltereignisse? Das war nämlich »d'r Herr Hummel vun Buswiller«. In dieser Richtung ungefähr mußte wohl auch die Schriftstellerei überhaupt zu suchen sein. Und als später die Bauern vernahmen, daß ich »an einer Zeitung angestellt« sei, dachten sie einmütig an den Herrn Hummel von Buchsweiler und schüttelten bedenklich den Kopf. Mir hatte sich der Begriff Schriftsteller schon in Knabenzeiten äußerst eindrucksvoll und bleibend veranschaulicht. Wenn man im Wald hinter dem Karlssprung-Felsen bei Zabern ins kleine Schlettenbachtal hinuntergeht, so findet man dort eine Villa geheimnisvoll eingenistet. Sie kehrt dem Waldweg die fensterlose Rückseite zu, liegt etwas tiefer und kann eigentlich vom Weg aus mehr geahnt als betrachtet werden. Durch das Holzgatter erspäht man im Garten einen Teich, allerlei wertvolle Nadelbäume, vorn auch einen Springbrunnen und überhaupt einen eigentlich nicht großen, aber zauberhaft stillen Park, den von drei Seiten Laubwald umrahmt. Aus dem Zorntal, doch in gemessener Entfernung, donnert manchmal die Gegenwartssprache der Eisenbahn in dieses Traumland herüber; die Glocken von Zabern, wo einst ein Rohan als Bischof gesessen und einen Cagliostro empfangen hat, hallen herein und verfangen sich im ausgangslosen Tal. Man sieht von unten einen hübschen Ausschnitt aus dem Zaberner Stadtbild. Aber alles ist ruhevoll; kein Weltgeräusch beeinträchtigt dieses entzückende Waldidyll. Ich meine die Villa About. Dort wohnte im Sommer – so erfuhr der Knabe – der Pariser Schriftsteller Edmond About; er war mit Napoleon III. befreundet und stammte aus Elsaß-Lothringen. Im Jahre 1870 versteckte er unter den Felsen des oberen Parkes, die heute noch rauchgeschwärzt sind, flüchtige Turkos; er selbst eiferte so heftig gegen die deutschen Sieger, daß er verhaftet wurde, eben als er aus dem hinteren Türmchen zu entweichen im Begriff stand. Jenes Türmchen war damals noch durch einen schmalen Steg mit dem Waldweg verbunden; die Tür hatte ein blaues Fensterchen; alles mutete den Knaben unsagbar romantisch an – romantisch und zugleich unnahbar. Es war ein Klang aus der großen, vornehmen Welt der Freiheit und Schönheit, nach der ich armer Bursche die Sehnsucht immerzu wie ein Heimweh im jungen Herzen trug. Zugleich blieb diese Waldwohnung, die später ein Zaberner Photograph für billiges Geld erstanden hat, wie ein verwunschenes Schloß oder unerlöstes Dornröschen in einem Winkel meiner symbolisch arbeitenden Einbildungskraft. Es war ein Sinnbild der elsässischen Frage; man wußte nicht recht, wie eigentlich diesem Hause, das nicht mehr französisch war, eine Seele zu schaffen sei; es wechselte fortwährend seine Mieter. In eben jenem Zabern brach dann vor einigen Jahren jene gehässige Straßenrevolte durch, ein Sinnbild der elsässischen Krankheit. Die französische Vergangenheit wühlte noch im elsässischen Blute und war bei manchen ein ätzendes Gift geworden; bei einzelnen Reizungen brach sie aus. So verwuchsen im Laufe meines nicht leichten Lebens drei Aufgaben oder Sorgen mit meinem Wesen und gestalteten sich zu dem, was ich als Lebenswerk empfinde: die Arbeit an der eigenen Gesamtbildung und Höhersteigerung, die Einfügung unsres Elsasses in die deutsche Kultur, und der Ausbau unsrer deutschen Reichsseele im Sinn eines künstlerischen und religiösen Idealismus. Es sind drei konzentrische Ringe. Vorerst winkte der ausziehende Jüngling dem Hügelstädtchen Buchsweiler einen Abschiedsgruß zu. Ich habe in diesen Blättern die altertümliche Anmut dieser ehemaligen Residenz nicht liebevoll genug behandelt. Aber Goethes Entzücken wird jeder teilen, der einmal in günstiger Jahreszeit und Beleuchtung vom Gipfel des Bastberges aus das Land ins Auge faßt. Ein Braunkohlenbergwerk raucht zwar an jenen Hängen; und der Berg hat überflüssig viel Gestein in den Schollen seiner Rebstücke. Aber die Aussicht in diese behagliche, satte Landschaft, in diesen wirtschaftlich wohlausgenützten Wechsel von Wald, Feld und Wiesen mit den schönen, weißen, pappelumsäumten Straßen aus napoleonischer Zeit – das ist unvergeßlich. Und wieviel freundliche Gärten umrahmen das Städtchen! Auch ist die Umgebung verlockend. In einer Stunde ebenen Weges ist man drüben in Neuweiler, am Fuße des langen Herrensteins, und gleich danach in Dossenheim, durch dessen Tal, die vielgewundene Zinsel entlang, wir so oft ins Hochland emporgewandert sind. Lichtenberg, Bastberg, Hohbarr: dieses Dreieck bezeichnet mein engeres Jugendland. Wobei ich freilich gestehe, daß ich den waldlosen, nur von Nutzbäumen und heißen Reben umstandenen, dem Philistertum allzu nahen Bastberg am wenigsten bestiegen habe. Der Wald war mein Lieblingsgelände von früh an. Im übrigen hatte Buchsweiler etwas wie ein Residenzgeschmäckle, vornehmer als das benachbarte Ingweiler. Es wohnte da in einzelnen ehrwürdigen, respektvoll von uns Schülern betrachteten Häusern mancher Mann von altem Namen, der zu den Honoratioren zählte, ein Ehrmann, Hartmann oder Kellermann, ein Petri oder Pfersdorff. Ein Gendarmerieoffizier des letzteren Namens, aus Buchsweiler stammend, hatte einst mit seiner Abteilung den unglückseligen Herzog von Enghien auf Napoleons völkerrechtswidrigen Befehl in Baden gefangengenommen. Auch gibt es in den buckligen Gassen malerische Winkel, sei es in der Herrengasse oder auf dem Kornmarkt, sei es unten am Wasser hinter dem Schloßhof oder oben in den Nischen um die Kirche herum. Bis in die siebziger und achtziger Jahre lebten noch allerlei Originale aus älteren Zeiten und gingen verwittert im Städtchen um; die schon erwähnte Marie Hart, eines bekannten Apothekers Tochter, hat solche Gestalten und Stimmungen in ihren reizenden kleinen Bildern voll Gemüt und Humor nachgezeichnet. Auch weiß unser Sammler Stöber von jener Bastberglandschaft viele Sagen zu erzählen. Es ist ein Hexenrevier; und eine lebendige Hexe hat ja einst als Geliebte des Grafen Jakob von Lichtenberg auf dem Schloß gehaust, bis sie im »Buchsweiler Weiberkrieg« vertrieben ward. Die Schlußfeier und Abiturienten-Entlassung endete mit einem Mißklang. Ich habe an jenem Tage eine nicht eben liebenswürdige Notiz niedergeschrieben, die sich noch unter meinen Papieren findet: »So liegen diese elf Jahre eines mühseligen, unfreien, langweiligen, erschlaffenden Gymnasiallebens hinter uns! Und dieses Zeugnis, das ich da in der Hand halte, ist also ein Urteil meiner Herren Lehrer über meine Fähigkeiten, meine Leistungen und Kenntnisse? So viel kann ich daraus ersehen: auf kleinliche, äußere Form habe ich weniger geachtet als auf den Inhalt; Grammatik und Mathematik waren mir verhaßt. Heute war Schlußfeier. Meine Kameraden kamen mir mit der Kunde entgegen, einige von ihnen seien Freitag abend nach der öffentlichen Prüfung im Wirtshause ertappt worden, und zwar von Lehrer T. Sie hätten gleich zum Direktor gewollt, aber rennend im Sturmschritt sei ihnen T. zuvorgekommen: ›Herr Direktor, ich muß Sie sogleich sprechen! Wichtige amtliche Angelegenheit!‹ Der Direktor (Deecke) natürlich weiß nicht, was tun. Zürnend erwähnt er es öffentlich in der Abschiedsrede an die Abiturienten, nimmt aber als edler Charakter ebenso freundlich von uns Abschied, als er es ohne das getan hätte. Herr Oberlehrer P., unser Ordinarius, war sehr betrübt: ›Warum haben Sie das mir getan?!‹ Allgemeine Wut gegen T. Stillschweigend geben wir einander die Hand und gehen heim, ohne irgendwie einen Abschiedsschoppen zu trinken oder uns aufzuhalten. – Mein Hauptbestreben in diesen Ferien soll sein: Förderung und Pflege meiner sehr daniederliegenden Gesundheit. Und dann allmähliches Eindringen in das Studium: in die Theologie. So1i Deo Gloria! « Das Schicksal liebt manchmal Neckereien. So führte es mir einmal später diesen Professor T. in den Weg, mit dem ich übrigens in den oberen Klassen recht gut ausgekommen bin; er war Berliner Israelit, hatte von Rauhbeinen manches auszustehen, war aber ein überaus fleißiger und gewissenhafter Lehrer. Etwa zwanzig Jahre nach dieser unschönen Schlußfeier stand ich mit einem befreundeten Ehepaar in Lugano an einem Schaufenster; schon dunkelte Dämmerung, ein milder Maienabend, und in den Schauläden blitzten die ersten Lichter. Kommt ein unscheinbarer Mann im Lodenhütchen und goldener Brille auf mich zu, grüßt höflich und fragt auf italienisch: » Scusi, signore, dove è l'Albergo Americano? « Ich erkenne ihn auf den ersten Blick und erwidere deutsch: »Das kann ich Ihnen leider nicht sagen, Herr Professor.« In seiner Zerstreutheit bemerkt er weder mein Deutsch noch meine Anrede, sondern dankt abermals italienisch: » Scusi, signore « und will sich entfernen. Ich muß ausdrücklich seinen Namen nennen: »Sie sind doch Herr Professor T., nicht wahr?« und füge meinen eigenen Namen hinzu. Da blitzt er herum: »I, is nich möglich!«, wird meinen Freunden vorgestellt, und wir verabreden einen Abendtrunk im Hotel Walther. Dort lad' ich die Gesellschaft zu einer Flasche Asti spumante ein und spreche beim ersten Glas ein paar Worte des Dankes an meinen ehemaligen Lehrer: »Ich hab' Ihnen einst viel Mühe gemacht, Herr Professor.« Mein Freund läßt eine zweite kommen und äußert einen schicklichen Trinkspruch; Professor T., der von Pästum und Süditalien schöne Eindrücke mitbrachte, eine dritte. Als er die Gläser gefüllt, räusperte er sich feierlich – ganz mein alter Lehrer, wie er in wichtigen Augenblicken vor der Klasse stand, als er mich in Tertia dumm und faul, in Obersekunda hochbegabt nannte – und sprach das stolze Wort: »Ich sage bloß: er war mein Schüler!« Im übrigen will ich nicht undankbar an die Tage des Drills zurückdenken. Ich hatte meine leichtsinnigen Epochen; und mein getreuer Nachbar Karl Oschmann »präparierte« meist gewissenhafter als ich und half listig aus, wenn ich »dran kam«. Meine lässige Sicherheit täuschte die Lehrer über den Umfang und die Gründlichkeit meines Wissens, das einerseits viel bedeutender war, als sie wußten, andrerseits in einfachsten Dingen versagte. Im ganzen waren wir frohgemut. Gern gedenke ich einiger Schulausflüge, wo unsre Lehrer etwas menschlicher und wärmer wurden. Gab es eine wonnigere Labe, als etwa auf den Felsen des Hohbarr zu sitzen, in der Rechten eine »Knackwurst« und in der Linken ein »Soubrot«, vor sich aber eine rosenrote »Framboise«, die köstlichste aller Limonaden? Einmal hatten wir einen solchen gemeinsamen Ausflug in einem Schulaufsatz zu erzählen; es war in Untersekunda. Ich verdanke hierbei dem betreffenden Lehrer des Deutschen eine bleibende Belehrung. Es war ein immer peinlich sauber gekleideter, etwas umständlicher Junggesell, der seine gemessenen, wunderlichen Redewendungen und Manieren wirksam anbrachte, dabei gerecht und sachlich. Ich glaubte eine vortreffliche Arbeit geschrieben zu haben; aber in aller Kühle tupfte Herr Oberlehrer B. mein Selbstgefühl herunter: »Lienhard, stehen Sie auf! Ich muß Ihnen sagen, Sie haben in Ihrer Arbeit drei schwere Fehler. Erstens sprechen Sie da von einem ›schattigen Wald‹. So? Schattig? Der Ausflug fand im Mai statt, der Wald war noch gar nicht sehr belaubt – also? Zweitens: ›blühender Klostergarten‹. Was soll das? Das Klostergärtchen auf Odilienberg ist nicht blühend, sondern ein bescheidener Nutzgarten mit allerlei Krautköpfen. Wie sagt Uhland? ›Im stillen Klostergarten‹ – still, sehen Sie wohl, das paßt auf ein Klostergärtchen. Aber blühend? Nein, lieber Freund! Das haben Sie gedankenlos hingeschrieben, aber es stimmt nicht.« So kam noch ein dritter Fall, den ich jetzt vergessen habe, und er schloß mit der Mahnung: »Achten Sie künftig in der Wahl der schmückenden Beiworte darauf, daß sie genau Ihrer Beobachtung und dem Gegenstand entsprechen! So. Nun setzen Sie sich!« Ich setzte mich und schämte mich, denn der Mann hatte recht. Einen Lebenslauf hatten wir vor dem Examen einzureichen. Hier wurde bereits der Zwiespalt berührt, der bald immer mächtiger und schmerzlicher mein Innerstes ergreifen sollte. »Allmählich« – so schrieb ich dort von meinem Knabenalter – »hatte ich für die Poesie Verständnis bekommen und vertiefte mich mit Begeisterung in die Werke eines Goethe, Lenau, Geibel, später besonders in Herders Volkslieder, in Kleists und Shakespeares Dramen. So oft und so eifrig las ich diese und andre Dichter und Schriftsteller, daß ich z. B. viele Oden Klopstocks und beinahe alle Lieder Goethes auswendig wußte. Wie oft vernachlässigte ich damals meine Schularbeiten aus übertriebener Liebe zu solchen Studien! Wie oft vernachlässigte ich die Pflege meines Körpers, indem ich lange Zeit hindurch den größten Teil der Nacht mit Lesen zubrachte und morgens matt und abgespannt in die Klasse kam! Daß es nicht beim bloßen Lesen blieb, sondern daß schon frühe in mannigfachen Produktionen jene geistigen Eindrücke verarbeitet wurden, ist leicht begreiflich. Je mehr dieses Phantasie- und Traumleben schwand, je mehr der Verstand in den Vordergrund trat, desto größere Freude fand ich an solchen Werken, die das Denken anregen. Anfangs waren es besonders Literaturgeschichten und ästhetische Schriften, die mir zusagten; ich war begierig, die inneren Gesetze und die Geschichte der Werke zu erfahren, die ich gelesen hatte; Vilmars Literaturgeschichte und Lessings Dramaturgie wurden meine Lieblingsbücher. In den oberen Klassen zogen mich Plato und Demosthenes besonders an. Auch mit der französischen Sprache und Literatur suchte ich durch eifrige Lektüre immer tiefer bekannt zu werden. In die Mathematik freilich konnte ich trotz aller Anstrengung nicht eindringen. Um so größere Teilnahme brachte ich dem deutschen Unterricht entgegen; das Anfertigen der deutschen Aufsätze gewährte mir stets besondren Genuß ...« Daß ich in die feine und reine Kunst der geistschärfenden Mathematik nicht erfolgreicher eingedrungen bin, tut mir heute leid. Ich war darin von Natur nicht unbegabt, wie die Dorfschule und die unteren Klassen bewiesen; aber wir hatten auf den mittleren Stufen wechselnde und nicht gleich gute Lehrer; da entstanden Lücken. Und die Mathematik ist ein empfindliches architektonisches Kunstwerk; werden die Zwischenglieder vernachlässigt, so entsteht weiter oben, in der höheren Arithmetik, ein Wirrwarr. Aber ich freue mich, daß mir damals schon der glänzende Charakterkopf Demosthenes das Herz höher schlagen ließ; und übrigens ebenso die granitene Prosa des Tacitus. Das Hochgebirge der griechischen Tragik war mir noch nicht zugänglich. Mein Schriftstück versichert zum Schluß: »An der Theologie habe ich, durch verschiedene Umstände zu ernsterem Nachdenken gebracht, erst in diesen Jahren Freude und Gefallen gefunden. Die Kirchengeschichte und ähnliche Bücher sind mir ebenso lieb und lieber geworden als früher die Literaturgeschichte. Und so kann ich es wohl aussprechen, daß ich nicht allein durch den Lieblingswunsch meines Vaters oder die letzte Bitte meiner sterbenden Mutter bewogen, sondern auch aus innerem Antriebe und aus Liebe zu religiösen Studien Theologie studieren werde.« Diese Worte in einer pflichtgemäß zurechtgeschneiderten Eingabe an die Lehrerkonferenz des Gymnasiums sind zwar ehrlich. Aber es fällt dem Beobachter doch wohl auf, daß die Theologie erst in den Schlußsätzen anrückt. Und so ist in diesem etwas steifleinenen Lebenslauf des unfertigen Gymnasiasten bereits der Kern des Konflikts enthalten, der mir jahrelang schwer zu schaffen gemacht hat. Ich meine den Gegensatz zwischen Theologie und Dichtung . Es ist zugleich der Seelenkampf zwischen strengem Amt und freier Abenteuerlichkeit, zwischen Pflicht und Phantasie – also zwischen zweien der wichtigsten Pole, die sich im Menschen bekämpfen oder ausgleichen. Das amtliche »Zeugnis der Reife« besagte folgendes: Deutsch Er besitzt eingehende Kenntnisse in der deutschen Literatur, doch war er nicht ebenso eifrig bemüht, eine entsprechende Gewandtheit in der Darstellung sich anzueignen. Seine schriftlichen Arbeiten zeigten ernstliches Nachdenken, doch wußte er nicht immer das Richtige zu treffen und erreichte so nicht in allen das Prädikat gut. Die Probearbeit war gut. Gesamtprädikat: genügend . Französisch Er hat sich schriftlich genügende, mündlich fast gut zu nennende Kenntnisse im Französischen angeeignet. Die in den Kreis der Schule fallenden Schriftsteller liest er ohne Schwierigkeit und übersetzt sie mit Verständnis und Geschmack. Die Aszensionsarbeit war indessen mangelhaft. Die mündliche Prüfung fiel gut aus. Gesamtprädikat: gut . Lateinisch Er besitzt befriedigende Kenntnisse in der Grammatik, Stilistik und Phraseologie und übersetzt nicht zu schwere Stellen der Schulschriftsteller mit gutem Verständnis und Ausdruck. Die schriftliche und mündliche Prüfung fielen genügend aus. Gesamtprädikat: genügend . Griechisch Er besitzt die nötigen grammatischen Kenntnisse. Beim Übersetzen zeigte er ziemliche Gewandtheit; da es ihm jedoch mehr um den Inhalt als um die Form zu tun, wandte er nicht immer die nötige Genauigkeit an. Seine Aszensionsarbeit war genügend; ebenso fiel die mündliche Prüfung aus. Gesamtprädikat: genügend . Hebräisch Bei mäßigen grammatischen Kenntnissen übersetzte er leichtere Stellen ziemlich gewandt; weniger leistete er im Analysieren der Formen. Prädikat: genügend . Geschichte und Geographie Er besitzt sowohl hinlängliche Kenntnisse in den Einzelheiten des historisch-geographischen Unterrichts, als auch genügendes Verständnis für den Zusammenhang der Ereignisse. Die mündliche Prüfung fiel gut aus. Prädikat: genügend . Mathematik Er beteiligte sich am mathematischen Unterricht erst in der letzten Zeit mit dem notwendigen Fleiß und Eifer und hat dadurch die vorhandenen Lücken seiner Kenntnisse in genügender Weise ausgefüllt, wie auch seine schriftlichen und mündlichen Prüfungsleistungen genügten. Prädikat: genügend . Religion: Er zeigte für den Religionsunterricht stets lebhaftes Interesse, und seine Kenntnisse sind zu bezeichnen als gut . – – Aus dieser gewiß wohlabgewogenen, mäßigen Anerkennung leuchtet klar hervor, daß ich kein besondres Schul-Genie war. Nebenbei aber auch, daß unsre Lehrer mit guten Zensuren überhaupt nicht eben spendefreudig gewesen sind: denn ich galt in den oberen Klassen als einer der Besten und saß Jahre hindurch an der Spitze. Nun, es war überstanden! Und ich ärgerte mich im stillen nur über eins: über den knurrig-gutmütigen, aber eigensinnigen alten Herrn aus Schwabenland, der sich im Deutschen zu keinem »Gut« aufgeschwungen hatte, obwohl ich darin unbestritten an der Spitze stand. Habeat sibi ! Ich nahm das Papier und zog auf die Universität.   Zwischen Theologie und Dichtung Die Universitätsstadt Straßburg stand im Herbstgewand, als sie den zwanzigjährigen Waldelsässer aufnahm. Ein duftiger, milder, gleichsam von innen leuchtender Herbst kleidet die Münsterstadt nach der lastenden Schwüle oder dem ziehenden Staub der Sommerebene ganz besonders reizvoll. Mein Sinn für die architektonischen Gebilde einer großen Stadt war noch wenig aufgeschlossen. Ehrfurcht vor dem erhabenen Münster war uns ja freilich eingeboren. Wir jungen Studenten umschritten denn auch sofort das riesenhafte, in den wechselnden Beleuchtungen wundersam schimmernde rotbraune Meisterwerk frommer Baukunst. Wir kletterten auf die Plattform; wir betrachteten von oben mit Staunen das wunderliche Gewimmel steiler, gedrängter Giebel und im Duft der Ferne die feinblasse Linie der verlassenen Vogesen. Der Blick hatte Bedeutung: wir schauten an einer Biegung unseres Lebenspfades noch einmal auf das Land der Jugend zurück. Aber mit einem Ruck wandte man sich dann zum Schwarzwald hinüber; dort winkten die Möglichkeiten einer Wanderung durch die deutsche Kultur, in die wir nun eingetreten waren. Die magische Kraft dieser Blickrichtung nach Osten war in mir stärker als die wehmütige Rückschau nach den westlichen Gebirgen. Freilich, die vielgliedrige Kunst dieses zugleich anmutigen und großartigen Münsters verblüffte den unreifen Jüngling eher, als daß der hier verkörperte Rhythmus bereits unser Verständnis entzückt hätte. Das Straßburger Münster ist ja das volkstümlichste Gebäude der südwestdeutschen Ecke. Bei einer Reise nach der Stadt muß man vor allem »'s Münschter sehn«. Und es ist auf den Aussichtspunkten unsrer Wasgauberge immer das Bestreben des Wanderers, womöglich mit Hilfe einer Orientierungstafel die nadelfeine Turmspitze im Dunst der Rheinebene zu erspähen. Aber von da bis zum Begreifen des Genies, das in solchen wohlgefügten Steinen zum Ausdruck kommt, war noch ein weiter Weg. Vorerst begeisterte den Sohn des Dorfes und der Kleinstadt die studentische Form der Freiheit und der historische Duft der alten Reichsstadt. Vom Bahnhof kommend, eingeschluckt vom Menschenstrom der schmalen Langstraße, die sich neben dem Hohen Steg als Hauptader nach dem Zentrum zieht, fühlte man sich magnetisch in die Münstergegend gelockt. In der Nähe des alles beherrschenden Domes, am alten Fischmarkt, war das Haus, aus dessen Fenstern im zweiten Stockwerk der bezopfte Studiosus Goethe auf das Treiben der Hauptstraße herabgeblickt hat. Unweit davon, am Thomasstaden, steht heute noch als geräumiges Privathaus der ehemalige »Gasthof zum Geist«: dort hat der junge Dichter seinen Herder gefunden. Und wie ich früh schon Goethe liebte, so stand ich auch hier vor allem unter dem Eindruck: Straßburg ist Goethes Studentenstadt. Von hier aus ritt er nach Sesenheim; dort in der traulich engen Knoblochgasse war die berühmte Salzmannsche Tafelrunde; von der Plattform dieses einturmigen Münsters aus leuchteten seine herrlichen Augen und sein gefüllter Römer über unsre elsässische Landschaft. Haben wir des Dichters Worte vom Bastberg angeführt, so darf auch seine Begrüßung des Landes vom Münster aus nicht fehlen: »Und so sah ich denn von der Plattform die schöne Gegend vor mir, in welcher ich eine Zeitlang wohnen und hausen durfte: die ansehnliche Stadt, die weitumherliegenden, mit herrlichen dichten Bäumen besetzten und durchflochtenen Auen, diesen auffallenden Reichtum der Vegetation, der, dem Laufe des Rheines folgend, die Ufer, Inseln und Weiden bezeichnet... Denkt man sich nun zwischen diesen üppig ausgestreckten Matten, zwischen diesen fröhlich ausgeführten Hainen alles zum Fruchtbau schickliche Land trefflich bearbeitet, grünend und reifend und die besten und reichsten Stellen derselben durch Dörfer und Meierhöfe bezeichnet und eine solche große und unübersehliche, wie ein neues Paradies für den Menschen recht vorbereitete Fläche näher und ferner von teils angebauten, teils waldbewachsenen Bergen begrenzt: so wird man das Entzücken begreifen, mit dem ich mein Schicksal segnete, das mir für einige Zeit einen so schönen Wohnplatz bestimmt hatte.« Wandte man sich vom Langhaus des Münsters zur Linken, so gelangte man durch die Münstergasse in die goldbraune Herbststimmung des Broglieplatzes mit seinen Kastanienbäumen. Dort hat Türkheim gewohnt, Lili Schönemanns Gatte; dem Bankier-Baron gegenüber der Bürgermeister Dietrich, in dessen Hause am 25. April 1792 Kapitän Rouget de l'Isle zum erstenmal die »Marseillaise« gesungen hat. Weiterschreitend, in die Blauwolkengasse, stehen wir vor dem ehemaligen Tribunalgebäude, jetzt Polizeipräsidium, wo einst der straffe, blasse Doktrinär Saint-Just den Straßburgern die Revolution einbleute, was gleichzeitig der ihm gegenüber am Jung-Sankt-Peterplatz hausende derbere Exmönch Eulogius Schneider mit der fahrbaren Guillotine besorgte. Durchquert man die belebte Meisengasse, so kommt man in wenig Schritten zum Kleber- oder Paradeplatz: dort, vor dem Gasthof »Rotes Haus«, hat einst das erschütterte Straßburg am Ostersonntag 1793 die Guillotine zum erstenmal in Tätigkeit gesehen. Rundete man nun den Kreis und schritt am alten Fischmarkt entlang wieder an den Staden hinab, so konnte man unsern der Rabenbrücke ein heute noch bemerkenswertes altertümliches Haus mit Hinterhof besichtigen, den »Gasthof zum Raben«: dort hat einst Friedrich der Große geherbergt. Und schräg gegenüber erhebt sich die prachtvoll geschlossene Front des ebenso vornehmen wie einfachen Rohan-Schlosses, eines Meisterwerkes aus dem achtzehnten Jahrhundert. An demselben Staden, unweit vom einstigen Gasthof zum Geist, steht das Thomasstift. Dies war das Gebäude, in welchem wir Studenten der Theologie Behausung und Beköstigung fanden. Unmittelbar dahinter öffnet sich eine romantische Ecke, vollständiges Mittelalter: malerische alte Häuser am laut und wuchtig hinbrausenden Wasser. Man nennt dieses Häuserwirrsal das »Kleine Frankreich«. Ill und Breusch haben sich dort, kurz vor den »Gedeckten Brücken«, zu einer ansehnlichen Wassermasse vereinigt, die sich nun an uralten viereckigen Türmen vorüber in die Stadt ergießt und als stärkster Schutz ehedem die Festungsmauern umarmte. Man mußte herzhaft rudern, wenn man bei Hochwasser in einem der schwerfälligen Kähne, die damals dort zu mieten waren, den Wasserandrang überwinden und nach der »Grünen Warte« hinaufgelangen wollte. Viele Altertümer birgt unser kulturaltes Elsaß. Jeder Kunstfreund wird etwa dem Schongauer-Museum in Kolmar mit den berühmten Isenheimer Altarbildern Grünewalds und mancher Abtei, Kirche und heute noch ummauerten Landstadt einen Besuch widmen. Auch unser Museum in Straßburg enthält etliche beachtenswerte mittelalterliche Meister. Aber dem Dorfjungen war dies alles noch ein versiegeltes Buch. Ein halbwüchsiger Pflastertreter der Großstadt, der in einer Gemäldesammlung öfters Strichregen abwarten und bemalte Leinwand kostenfrei betrachten kann, ist in diesem Anschauungsunterricht weiter als der damalige Student. Es galt da, eine ganz neue Welt zu erobern, nachdem man sich bisher wesentlich mit Natur und Büchern gesättigt hatte. Immerhin: man war nunmehr hineingestellt in den Duft und Zauber altreichsstädtischer Kultur, die von französischem Geschmack und französischer Geschichte noch leis überschimmert war. Und kam ich auch wenig in die Salons der Gesellschaft, und mochte ich auch nicht tanzen lernen, da Menuettschritt nicht zu meinem herben Lebensgang paßte: so spürte man doch um sich her ein neuartig flutendes Leben und war mit guten Gesellen munter genug dabei. Die glänzend neue Universität, außerhalb der Altstadt in viel Grün gelegen, war damals von durchschnittlich tausend Studenten besucht. Ein Jahr zuvor war der Bau mit seiner stattlich wirkenden Front, der breiten Freitreppe und der ägyptisch anmutenden Säulenhalle des Inneren eingeweiht worden. Das Fest dieser Einweihung hatte mitten in den wüsten politischen Treibereien – es war die Zeit der Protestler Kablé und Antoine – wie ein Friedensakkord gewirkt. Und einen Wohlklang solcher Art konnte man unserm idealistischen Statthalter Manteuffel kurz vor seinem Tode von Herzen gönnen.   Seltsame Gestalt, dieser Feldmarschall-Statthalter Edwin von Manteuffel! Er hatte sich in den Kämpfen von 1870 bei Amiens und an der Hallue ausgezeichnet und das Bourbakische Korps nach der Schweiz geworfen. Im Herbst 1876 ernannte ihn dann sein greiser Kaiser, den er innig verehrte, zum Statthalter jenes merkwürdigen Gebildes, das man Reichsland Elsaß-Lothringen benannte, anstatt daß man es sofort an einen großen Bundesstaat anschloß. Aus dieser sonderbaren Stellung des »Reichslandes« ergaben sich von vornherein Schwierigkeiten der Verwaltung: wir wußten nicht recht, wir Elsässer, wohin wir denn in Deutschland gehörten, da wir weder selbständiger Bundesstaat noch Teil eines solchen waren, sondern ein allgemeines Reichsding mit zukünftigen Möglichkeiten. Unsre deutsch-elsässische Regierung anderseits horchte mit einem Ohr nach Berlin, sollte jedoch auch den Besonderheiten des neu errungenen Landes gerecht werden. Und so lag in dem hier gegebenen Zustand gleich zu Anfang, durch die Halbheit der Sachlage bedingt, eine verhängnisvolle Unsicherheit. Dies ward eine Hauptquelle der bekannten künftigen Übel. Lebhaft ist mir des Statthalters hohe, aufrechte Soldatengestalt mit dem angegrauten Bartbusch, dem dichten Haar, dem kühnen und ausdrucksvollen, zunächst eher befremdenden als anziehenden Gesicht noch im Gedächtnis. Er besuchte unsre Heimatgemeinde Schillersdorf. Ich war dort zum ersten Male Festdichter – eine Gattung, der man mit Recht ausweicht – und drechselte einen kurzen Reimspruch, den ein Schulmädchen in der damals noch üblichen farbenschönen Bauerntracht aufsagen sollte. Das Kind senkte die Augen vor dem rauhbärtigen, buschigen Kopf und den Glutaugen des grauen Kriegsmannes, blieb stecken und begann zu weinen. Manteuffel nahm das Papier, gab es seinem Adjutanten und half mit einigen leutseligen Worten über das Peinliche hinweg. Ein andermal tauchte seine scharf ausgeprägte Gestalt, die man nach einmaligem Sehen nicht wieder vergaß, im Gymnasium zu Buchsweiler auf. Ich saß in Untertertia, war noch kein Licht und wurde glücklicherweise nicht gefragt. Er trat mit seinem Gefolge in die Klasse, setzte sich auf einen Stuhl neben das Pult und lauschte nun mit der ihm eignen Ernsthaftigkeit dem lateinischen Unterricht. Wir Jungens duckten, soweit wir in Deckung saßen, die Köpfe hinter die Rücken der Vordermänner und verbissen ein krampfhaftes Lachen oder tuschelten einander faule Witze zu. Denn dieser fremdartig in die Klasse blickende Feldmarschall, der da vorn auf seinem einsamen Holzstuhl saß, während das Gefolge achtungsvoll an der Tür verharrte, mutete uns unaussprechlich komisch an. Wie konnte man nur in einer so alltäglichen Schulstube mit solchem feierlichen Ernst unserm Blödsinn lauschen! Alberta von Puttkamer, deren Gemahl damals in hoher Staatsstellung tätig war, hat über die »Ära Manteuffel« aus eigner Anschauung ein menschlich und sachlich lesenswertes Buch veröffentlicht. Wer etwa neben diesem Werk noch die Erinnerungen eines Karl August Schneegans und des Grafen Eckbrecht von Dürckheim zu Rate zieht, dem formt sich von der politischen Stimmung jener siebziger und achtziger Jahre ein ausreichendes Bild. (Vgl. auch Ernsthausens Erinnerungen, 1894.) Manteuffel war eine Persönlichkeit. Er machte Eindruck; er zwang zur Stellungnahme. Frau von Puttkamer schildert in warmer Tonart seine »schlanke, gereckte Gestalt, biegsam und regsam in den Bewegungen, denen aber geistige Kraft mehr die Stählung gab als körperliche; im Auge ein strenger Wille neben einer warmleuchtenden Güte – und dazu diese seltsame Stirn, hochgebaut, wie große Denker und sehr Tatkräftige sie haben; die Stimme hell und hallend, aber in ihren Modulationen den wechselnden Ton der Stimmungen klar gebend ...« Sein Lieblingsdichter war Schiller; ihn zitierte er gern, auf ihn fast allein war er eingestellt. So soll es auf die dabei Anwesenden schaurig und fast übernatürlich gewirkt haben, als der Marschall am Abend des Todestages seiner heißgeliebten Frau sich plötzlich aus tiefer Versunkenheit erhob und mit entrückter Miene Verse aus Wallensteins Tod sprach: »Die Blume ist hinweg aus meinem Leben«. Merkwürdig war es wohl auch, wenn der Statthalter als Gastherr eine seiner programmatischen Tischreden hielt, wobei er meist in die Höhe schaute, groß aufgerichtet, als empfinge er seine Gedanken von oben. Er war eine Natur von edler Offenherzigkeit und nicht ohne Ideenkraft; er gedachte vom reingestimmten Herzen aus das Elsaß für deutsche Kultur zu gewinnen. Aber dieses ritterliche Gefühlspathos vergriff sich oft in den Mitteln; sein Liebeswerben sah sich verschlossener Unfruchtbarkeit gegenüber und erlebte Enttäuschungen; die mild geöffnete Hand mußte sich wieder zur Faust ballen – und so kam etwas Widerspruchsvolles, Sprunghaftes und Unberechenbares in Manteuffels persönliche Politik. Frau von Puttkamer, deren Buch von feiner Einfühlung und persönlicher Bewunderung zeugt, faßt ihr Urteil dahin zusammen: »Es ist dem ersten Statthalter in seiner Politik der Vorwurf des Schwankenden, Schwachen, Unsicheren, eines gewissen experimentierenden Zickzackganges gemacht worden. Es ist auch unleugbar, daß seiner im Grunde genialen Verwaltung des Reichslandes etwas Sprunghaftes und Unsicheres anhaftete. Dies aber allein aus seinem Wesen herleiten zu wollen, aus der schillernden Kompliziertheit seiner Begabung und der spontanen Art seines stark impulsiven, schwunghaften Empfindens, das wäre kurzsichtig und würde wenig Blick für die Psychologie der Verhältnisse und Menschen verraten. Die Unsicherheit und das Schwankende ergaben sich vielmehr aus dem Charakter der Übergangszeit.« Man muß jedoch Dürckheims herbere Meinung mit hinzuziehen. Nach seinem Gefühl hat das System Manteuffel die Notabeln zu sehr umschmeichelt, die deutschgesinnten Elsässer aber nicht genügend an die rechten Stellen gezogen. Ich weiß nicht, ob es unter Manteuffel war: aber ein Wort, das in jenen ersten Jahrzehnten aus den Kreisen der Regierung über unsern verdienten Pfarrer und Dichter Karl Hackenschmidt gefallen ist und das mir dieser selbst erzählt hat, beleuchtet die Sachlage. »Der Mann ist uns zu deutsch«, sagte ein deutscher – ein altdeutscher! – Regierungsbeamter, als man unsren elsässischen Landsmann zu einem einflußreichen Posten heranziehen wollte. Mit andern Worten: dieser »zu deutsche« Elsässer könnte uns Regierungsleuten Unbequemlichkeiten verursachen. Und das liebt man doch nun einmal nicht ... So war es öfters nach dem Abgang des sachlichen Möller; und so war es nicht nur unter dem edlen Manteuffel. Und man sollte nicht einseitig uns Elsässer, sondern mindestens ebensosehr die Regierungsweise und ihren mangelnden Instinkt, ihren mangelnden Mut zur steten und strengen Durchführung eines großzügigen Reichsgedankens für die Mißerfolge der Westmark-Politik verantwortlich machen. Es war im Elsässer weniger ein Widerstreben gegen das Deutschtum; denn unser Stamm ist ja kerndeutsch; aber es war ein Widerstreben gegen die noch nicht ausgeglichene Regierungsweise des jungen Reiches. Graf Dürckheim kommt in seinen Aufzeichnungen (1887) zu dem scharfen Urteil: »Man war verblüfft, einen glorreichen preußischen Soldaten, Statthalter des Deutschen Kaisers, hauptsächlich von Reichsfeinden umgeben zu sehen. Die Leute bemerkten gleich, wie er den frechsten unter ihnen Avancen und Besuche machte, die nicht einmal erwidert wurden, wie er den oft sehr unbescheidenen, ja gesetzwidrigen Begehrlichkeiten dieser Herren willfährig entgegenkam. Mit einem Wort: sie sahen alle räudigen Schafe angelockt und am Herzen gehegt, während der Deutschgesinnte an die Wand gedrückt wurde.« Der ingrimmige alte Schloßherr von Fröschweiler, der dieses mangelnde Gefühl für Reichswürde feststellt, hatte selber in der französischen Kaiserzeit eine bedeutende Stellung ehrenvoll ausgefüllt, sich dann aber mit Entschiedenheit dem deutschen Elsaß eingeordnet. In einer Anmerkung fügt er hinzu: »Meine Meinung über alles das darf ich desto unbefangener aussprechen, als ich dieselbe oftmals dem edlen Feldmarschall gegenüber freimütig und ehrlich kundgetan habe.« Wir leichtmütigen Jung-Elsässer von damals erlebten diese politischen Sorgen und den Tod des Statthalters noch nicht mit Bewußtsein. Aber so viel bemerkten auch wir, daß man im Lande den eigenartigen Vertreter des Kaisers liebte. Oft flüchtete der einfache Bauer oder Bürger über sämtliche Akten der Zwischenbeamten hinüber hartnäckig und geradeswegs »zum Manteuffel«: aus den kalten Paragraphen in die warme Menschlichkeit. Das gab dann freilich auf den übergangenen Stellen viel Verdruß und war politisch jedenfalls kein wünschenswerter Zustand. Mich selbst beschäftigte Politik nur in Form der Poesie und der stets herzlich geliebten Geschichte. Die Übergabe der vordem freien deutschen Reichsstadt Straßburg an Frankreich in jener Septembernacht des Jahres 1681, die der französischen Politik eine so unheilvolle Blickrichtung nach Osten gab, zog mich als dramatischer Stoff an. Das Schauspiel wurde dann auch geschrieben, eingereicht und überall abgelehnt, auch in Straßburg selber. So verwandelte ich denn später dieses dramatische Gebilde, das so viel Studien erfordert hatte und das niemand haben mochte, in eine Erzählung für die reifere Jugend! »Der Raub Strahburgs« heißt dieses Ergebnis meiner politisch-dramatischen Bemühungen. Ich empfehle es einer glücklicheren Hand zur Rückverwandlung in den dramatischen Zustand. Einstweilen rang der Student der Theologie und Philologie mit andern Problemen. Wie konnte Erfüllung werden, was schon dem Knaben dunkel als seine besondere geistige Sendung vorgeschwebt hatte? Dichterische Träume hatten mich gequält; sie waren ein Weilchen zurückgetreten; man saugte nun mit allen Poren die studentische Freiheit ein. Aber wie nun weiter? Konnten mich Thomasstift 113 und Theologie fördern? Auch Hölderlin und andre geniale Schwaben, wie Hegel und Schelling, waren durch theologische Bildung gegangen und hatten dem wohltätigen Zwang jenes altberühmten Tübinger Stiftes geistige Schulung zu verdanken. Manchem freilich blieb ein theologisches Geschmäckle anhaften, das er nie ganz überwinden konnte. Mir schien ein wahrhaft freies, parteiloses, unbefangenes und uneingefangenes Menschentum früh schon ein köstliches Gut, mehr wert als jede gutbesoldete Staatsstellung oder sonstige äußere Ehrung. In einem freirhythmischen Gedicht jener Zeit spielte ich das Bekenntniswort »Christus am Kreuze« gegen die gleiche Silbenzahl »Griechische Schönheit« aus. Im Grunde aber rangen in mir Christentum und Griechentum nach Ausgleich; mein Durst nach Schönheit und Liebe war meinem Hunger nach dem Seelenheil der Erlösung ungefähr gleichwertig. Der Berg Golgatha war mir am frühesten in Sicht gekommen durch meine strengchristliche Erziehung; dann aber kam die erste Liebe, kam die wildschöne Natur unsers Hügelgeländes – und der Berg Akropolis leuchtete in der Ferne auf. Später lernte ich einen dritten symbolischen Berg aus innigem Erlebnis lieben: die Burg im Herzen der deutschen Kultur, die Wartburg. Christentum, Griechentum, Deutschtum: dies etwa waren die Seelenkämpfe, die nun im Studenten gleich im ersten Semester ihren Anfang nahmen. Diese stillen Kämpfe spielten sich zunächst im Thomasstift ab. Es finden in diesem umfangreichen Bau, der sich da im Schatten der Thomaskirche erhebt und in einigen Winkeln noch von Klosterstimmung durchweht ist, etwa fünfzig Söhne meist elsässischer Eltern Kost und Wohnung. Den äußeren Betrieb leitet ein Studiendirektor, der dem anvertrauten Häuflein genügend Spielraum läßt. Um zehn Uhr abends pflegt in Straßburg eine Viertelstunde lang die Münsterglocke gemächlich über die stille Stadt zu läuten. Wenn ihr altvertrautes Schlummerlied verklungen ist, wandert – so war es wenigstens damals – der Herr Studiendirektor mit seinem Laternchen von Zelle zu Zelle, klopft an und vergewissert sich, daß seine Stiftler im Nest sind. Ich habe den damaligen Direktor Erichson in angenehmer Erinnerung. Zu meinen Theaterbesuchen schüttelte er mißbilligend den Kopf und versicherte mit seiner etwas ängstlichen und hohen Stimme glaubhaft: »Dazu hat Sie Ihr Vater nicht auf die Universität geschickt.« Auch überraschte er mich einmal gerade mit seinem freundschaftlichen Besuch, als mein Tisch mit dichterischen Manuskripten bedeckt war. Neugierig reckte der mäßig große, etwas behäbige Mann das rosige Haupt und forschte, was ich denn da gerade studiere; aber ich schob ihm rasch gefaßt den Stuhl derart zwischen Bett und Öfchen, daß er nicht herankonnte, und setzte mich selber noch zwischen ihn und den verfänglichen Tisch. Mitunter gab es auch einmal harmlosen nächtlichen Unfug. Wenn etwa ein Wildfang (die Pfälzer galten als mutwilliger Menschenschlag) mitten in der ersten Nachtruhe ein so dröhnendes Hallo in den langen Korridor hinausdonnerte, daß man aus dem eisernen Bettgestell emporfuhr, so konnte der findigste Kopf nicht herausbringen, aus welcher der zahlreichen Zellen die ärgerliche Störung erschollen war. Oder man kletterte aus einem Gartenstübchen am Blitzableiter hinunter und entwich in die Freiheit, was aber immerhin selten war. Ich hab's scherzweise auch einmal versucht; es ging leicht. Doch im Ernstfall wurde kein Gebrauch davon gemacht. Die Freiheit, die ich meinte, war andrer Art. Die Stiftsbibliothek soll gediegene Sachen enthalten. Auch ein geräumiger Lesesaal steht zur Verfügung; wir benutzten seine Winterwärme, wenn wir im eignen Zimmerchen Holz sparen wollten. Viel saß man auf Freundesbuden und ergab sich einem traulichen Schwatz oder geistigen Gesprächen, wobei es, wie innerhalb jeder Lebensgemeinschaft, zumal unter hitzigen jüngeren Leuten, weder an Anregung noch an Hader und heftigen Kleinkämpfen fehlte, die dann wieder zu feierlich schlichtenden Sitzungen Anlaß gaben. Im Orgelsaal fand Morgenandacht statt, nachdem Meister Obrecht, der Pförtner mit dem grauen Spitzbart – er hatte den raschen, leichten Schritt der französischen Infanterie – den Tag eingeläutet hatte. Freilich folgten meist nur spärlich hinüberhuschende Gestalten dem lockenden Rufe. Nah und gewichtig fielen in unser Tun und Treiben von der ungefügen Thomaskirche herab die ruhigen Schläge der Turmuhr und gaben uns das Gefühl, daß wir in einer behaglich alten Stadt von Kultur und Vergangenheit hausten, in der Stadt des Dominikaners Johannes Tauler, in einer Stadt, die auch in der Reformationszeit bedeutende Prediger an der Arbeit gesehen hat. Der Weg nach der Universität führt an den vielen Wasserpritschen und den Anglern des belebten, im Winter oft recht nebelkalten Wassers entlang. Draußen erwarteten uns helle und hohe Hörsäle, ein geräumiger Lichthof und ein reinliches, feingepflegtes Lesezimmer, das ich ausgiebig benutzte. Wir hatten an der Universität namhafte Lehrkräfte. In unsrer Theologie glänzte noch der bewegliche alte Reuß, Typus des älteren elsässischen Gelehrten, an dessen bartloses Gesicht mit dem lebhaften Mienenspiel und dem gesprächigen Vortrag ich mich noch gern und gut erinnere. Einen berühmten Namen hatte der strengwissenschaftliche Badener Holtzmann, dessen kritische Zerzupfung des Neuen Testaments, etwa in Fortsetzung der alten Tübinger Schule, den Kummer der elsässischen Orthodoxie bildete. Neben ihm trat im Alten Testament der Berliner Nowack wirksam in Tätigkeit, ein scharf hervorstechender Charakterkopf, eindringlicher im Vortrag als der mehr monologisierend vor sich hinmurmelnde Holtzmann und auch als geschickter Debatteredner bekannt. In der Philologie denke ich achtungsvoll an den Historiker Baumgarten, der mit schmalen, bartlosen Lippen einen lichtvollen und ruhigen Vortrag hielt, und an den nicht minder fesselnden Scheffer-Boichorst; an Windelbands lebensvolle und etwas unruhige Behandlung der Philosophie; an Zieglers natürliche und gewinnende Einführung in Psychologie und ähnliche Gebiete, während der Germanist Martin zwar ein seelenguter Mensch und getreuer Kleinforscher war, aber in seiner Umständlichkeit als Dozent geradezu einschläfernd wirkte. Sohm prägte uns mit entzückender Plastik Kirchenrecht ein, Zöpffel sehr anziehend Kirchengeschichte. Es waren vortreffliche Männer. Doch kann ich nicht sagen, daß ihre Tugenden und Kräfte auf mich abgefärbt hätten. Das Spezialistentum hatte sich denn doch zu bedenklich der deutschen Wissenschaft bemächtigt. Der deutsche Gelehrte war nicht mehr geistiger Führer zum Leben im umfassenden Sinne des Wortes, sondern Arbeiter. Herz und Phantasie kamen bei dieser Ausbildung der Begrifflichkeit zu kurz. Ich fror in den Hörsälen. Schon im November trug ich das schwarz-weiß-goldne Band und die dunkle Sammetmütze der Studentenverbindung Argentina. Sie ist bereits 1867, also noch zu französischer Zeit, auf christlicher Grundlage gegründet worden, stellte innerhalb des elsässisch-französischen Studentenlebens eine Neuheit dar und hielt von Anfang an mit dem deutschen Studentenbund »Wingolf« Fühlung, dem sie sich später völlig angegliedert hat. Deutschgesinnt waren bereits die Gründer; in Kehl, auf deutschem Boden, holten sie ihre Bänder hervor und setzten die Mützen auf. Schon in einem Verbindungsbericht aus dem Jahre 1865 stehen die Worte: »Es gehört zum wesentlichen Charakter der Argentina, ein Asyl deutscher Sprache und Sitte zu sein in einer von französischem Wesen völlig durchseuchten Umgebung.« Deutschtum und Christentum: das waren unsre studentischen Grundlagen. Am Eintrittsabend mußte jeder neu aufgenommene Fuchs seine »Pauke« schwingen: eine Rede des Dankes und der Begrüßung. »Ich wollte Dir meine Pauke eigentlich hersetzen« – schrieb ich an meinen Jugendfreund Heinrich Peter –, »aber es wäre zu ermüdend für Dich und mich. So will ich denn nur andeuten, daß ich mit Wendungen wie »keine sentimentalen Gefühlschristen«, »wahrhaft frei, weder knechtisch, noch zügellos«, ,sich eins fühlen auf dem festen Boden des Christentums und in der gleichen Liebe zum Vaterlands« – um mich geworfen habe. Es war ein sehr schöner Abend, diese Rezeptionskneipe am 23. November. Von geselligem Leben habt ihr in eurem winkligen, spießbürgerlichen Taubenschlag Buchsweiler gar keine Ahnung!« So wechselte nun das Dasein zwischen akademischen Studien und akademischer Geselligkeit. Für das kirchengeschichtliche Seminar wurde mir eine Arbeit über Luthers Stellung zum Bauernkrieg aufgetragen; ganze Arme voll gelehrter Werke, besonders Janssen, waren nach Hause zu schleppen. Auch schwebt über den Stiftlern die löbliche Einrichtung halbjähriger Stipendiaten-Examina, im Studententon kurzweg »Stips« genannt. In drei Fächern wird der Musensohn, der im Stift haust, an jedem Semesterschluß geprüft, man durfte also nicht ganz faulenzen; dafür erhielt man dann noch eine Geldunterstützung (»Stipendium«) zu der schon billig berechneten Kost und Wohnung. Ich nahm einmal als Prüfungsgegenstand den griechischen Text des Römerbriefes, Geschichte der griechischen Philosophie, fünfundzwanzig Kapitel der Genesis im hebräischen Urtext; ein andermal Buch der Richter und Ruth – und hier war es ja wohl, wo mich unser scharfsinniger Alttestamentler in die Klauen nahm: er behielt mich nebst Freund Oschmann bis zuletzt, saß vor uns auf dem Tischrand und trieb nun mit mephistophelischem Behagen unsre Feld-, Wald- und Wiesenorthodoxie gehörig in die Enge. Man war lächerlich unreif. Ich lernte für jene Prüfungen die wesentlichen Tatsachen der erhabenen griechischen Philosophie einfach auswendig; vom Sinn verstand ich so gut wie nichts. Immerhin, man erledigte diese Dinge kopfmäßig so gut wie irgendein andrer Fuchs und erhielt sein Stipendium. Hier muß ich einer Beschämung gedenken, die meiner Unreife widerfuhr. Ich hörte ein Shakespeare-Kolleg bei dem früh verstorbenen Wetz, machte mir Notizen und arbeitete diese Notizen im – kirchengeschichtlichen Kolleg aus! Unser Kirchengeschichtslehrer hatte einen angenehmen Vortrag; er ist gestorben, ich habe später meine Abirrung nicht mehr entschuldigen oder erklären können. Der Gute bemerkte meine Unachtsamkeit, da ich zu seinen Füßen saß, geriet in Erregung und sprach immer heftiger; ohne Erfolg; ich war in Stratford am Avon und nicht auf einem Kirchenkonzil. Nach der Vorlesung holte mich der gekränkte Professor ein und hielt mir in seiner baltischen Mundart eine niederschmetternde Rede; den Schmerz einer solchen Mißachtung hätte er in seiner ganzen Dozentenlaufbahn noch nicht erlebt. Von dem bereits in mir gärenden Zwiespalt zwischen Theologie und Dichtung sagte ich nichts; ich bat zerknirscht um Verzeihung und ging meiner Wege. Nebenbei war mir eine ähnliche heilsame Beschämung schon auf dem Gymnasium, in den oberen Klassen, durch unsern hervorragenden Direktor Deecke zuteil geworden. Ich versuchte bei einer Klassenarbeit in die Grammatik zu spähen; er bemerkte den Täuschungsversuch, winkte jedoch nur vornehm ab, kaum merklich, mit dem halblauten Zuruf: »Lassen Sie das, Lienhard!« So ganz gelassen, ganz unauffällig. Ein Menschenkenner! Er appellierte an mein Würdegefühl. Ich saß schamrot und war von solchen Schülerlisten geheilt. Beiden ausgezeichneten Männern bin ich dankbar. Unwahrhaftiges Wesen war mir zuwider. Das hatte uns der Vater eingeprägt; und Aufrichtigkeit entsprach meiner Natur. Nun war ich aber, schon seit dem Erwachen meiner verpönten dichterischen Liebhabereien, leider in die Lage versetzt, mein Tun und Dasein als etwas Unwahres oder doch Halbwahres empfinden zu müssen. Mein Herz war in den Gefilden der Dichtung, nicht auf den Bänken der Dogmatik und der Exegese. Und die Phantasie trieb sich herum, während mein Leib vor der Theologie saß. Die Geselligkeit der Verbindung bot ein Gegengewicht gegen Grübelei und Träumerei. Ich denke an manchen lustigen Abend zurück, an dem ich als »Knödelwart« in Vers und Prosa meiner übermütigen Laune die Zügel schießen ließ. Es war das erstemal, daß wir Alt-Elsässer mit norddeutschen Kommilitonen in engere Lebensbeziehung kamen. Ihre straffere Art wirkte heilsam auf unsre süddeutsche Formlosigkeit. Wir mußten nun auch im alltäglichen Verkehr hochdeutsch reden; das war der Ausbildung und Geschmeidigung unsres deutschen Sprachgefühls sehr gesund. Mit Vergnügen denke ich an einige ältere Verbindungsbrüder, etwa an das ostfriesische Brüderpaar Heiko und Hinrich aus Wybelsum von der Nordsee oder an einen schneidigen hessischen Juristen, dessen Redegewandtheit uns Füchsen keine geringe Hochachtung abzwang. Sonntagsausflüge ins Flußland, manchmal auf Kähnen, oder ins Gebirge; eine Fahrt nach Tübingen und nach dem Uracher Wasserfall im herzigen Schwabenländle; eine Floßfahrt von Augst nach Basel – solche Besuche bei befreundeten Verbindungen schimmern noch heute lebendig in mir nach. Wir hatten ja »Ekkehard« und den »Trompeter von Säckingen« mit Entzücken gelesen, tausendmal »Alt-Heidelberg, du Feine!« gesungen und liebten schon als Knaben Hauffs »Lichtenstein«. Oh, ihr hinreißenden deutschen Studentenlieder! Ihr brausenden Kommersgesänge! Im Quartett unsrer Verbindung schmetterte ich ersten Tenor; wir sangen einmal auf den Schneehöhen des Schwarzwaldes Neßler-Scheffels »Ich kniee vor Euch als getreuer Vasall, Pfalzgräfin, schönste der Frauen!« vor irgendeinem verschlossenen Burgtor in die köstlich klare Winterluft eines Wandertages. Und dann hatte ich die Freude, Alt-Heidelbergs Jubiläum als Abgesandter mitfeiern zu dürfen. Himmel, diese wogende Masse von festlichen Studenten, Philistern und Backfischen aller Gaue, Farben und Zöpfe! Das Städtchen am Neckar hob und dehnte sich ins Ungeheuerliche; in der wildumrankten Schloßruine glaubte man in einen summenden Wespenschwarm geraten zu sein. In den übervollen Straßen geriet ein Kind unter eine zweispännige Kutsche; ich höre heute noch den Aufschrei der Mutter und sehe unter den Hufen das umhergewirbelte Lockenköpfchen. Die Riesenkommershalle war eine dröhnende Volksstadt, an deren einem Ende, oder wo es war, man von Zeit zu Zeit irgend jemand sprechen sah, ohne viel zu vernehmen. Wir suchten in der ersten Nacht überhaupt kein Bett auf, sondern wuschen uns morgens am Marktbrunnen und zogen gleich aufs Schloß zum Frühschoppen. Der Blick von dort oben auf den schön geschwungenen Neckar ist ja unvergeßlich. Aber da kam, etwa am vierten Tage dieser Festwoche, eine unliebsame Aufrüttelung. Ich hatte mein Nachtquartier an einen alten Herrn abgetreten und legte mich auf die Tannenkränze der Kneipe; ein Insekt stach mich am Arm, eine unheimliche Geschwulst war die Folge. Der besorgte Arzt schickte mich eilends nach Hause. Ziemlich gedämpft kam ich zu meinem erschrockenen Vater, der damals zur Kur in Baden-Baden weilte. Wir fuhren selbander recht gedrückt nach Schillersdorf; ich schlief mehrere Tage wie ein Toter. Die Geschwulst, die den ganzen Arm bis zur Schulter ergriffen hatte, heilte nur langsam. Die Stille des Krankenzimmers inmitten eines innigen Blühens der jungen Sommernatur – und hinter mir das verhallte Festgetöse der Neckarstadt: es war ein sehr zur Besinnlichkeit nötigender Gegensatz. Wenn doch die deutschen Universitäten verschont bleiben möchten vom heillosen Zug in die Großstadt! Gewiß bietet die große Stadt Anregungen auf allen Gebieten des Lebens, wenn auch oft solche sehr zweifelhafter Art. Doch »was besagt das alles gegenüber der poesie- und reizumsponnenen kleinen Universitätsstadt, die mit ihrem Zauber bis ins Alter fortleuchtet und den schönsten Begriff des civis academicus geschaffen hat!« (Hillebrandt, Deutschland unter Kaiser Wilhelm II.; Berlin 1914.) Um die Neckarstädte Tübingen und Heidelberg spürte man diesen Zauber. Die Ostertage nach dem ersten Semester hatten mich noch einmal nach dem Lothringer Hochland geführt. Dort im lieben Hause unter dem alten Nußbaum wurde der angehende Pfarrer freudiger als je zuvor bewillkommt. Mit Genugtuung sahen mich die Großeltern am Karfreitag im Amtsrock hinter dem Geistlichen das traute, von Obstbäumen umblühte Gotteshaus betreten und bei der Austeilung des heiligen Abendmahls das Brot reichen. Einige erwarteten sogar, daß ich am Nachmittag predigen würde, wozu ich freilich zu jung war. Der Pfarrer, bei dem ich am Altar gestanden, schenkte mir nachher Luthers Predigten mit der Widmung: »Zum Andenken an den ersten Dienst im heiligen Amt«. Es war das erste- – und das letztemal, daß ich den Talar trug! Meine stillgeliebte Waldfee aus Frankreich war nicht anwesend; sie rückte mir bald überhaupt ein Weilchen ferner. Der gemeinsam verlebte Herbst wurde zwar noch einmal wunderschön. Dann aber zog ich mich in meine Welt zurück, wo weder sie noch sonst jemand meine Seelenkämpfe mitfechten konnte. Es gibt Schicksale und Probleme, deren Wert sich eben darin entfaltet, daß man sie allein durchkämpft. Denn nur dadurch kann man erstarken.   Immer näher bin ich nun dem Zwiespalt gerückt, der sich von Anfang an durch meine Studienzeit zog. Ein Brief an Freund Heinrich (2. März 1886) klingt in Klagen aus: »Ich habe keinen väterlichen Freund Tholuck unter den Professoren gefunden; unter meinen Freunden keinen Goethe, Lerse, Lenz, Herder, Stilling; unter meinen Bekannten keine anregend beeinflussende Persönlichkeit« – was ja freilich ungerecht klingt und auch gewiß ungerecht war, denn ein Mann von Herz und Geist, wie z. B. Hackenschmidt, nahm sich unser liebevoll an. Die Ursachen meiner inneren Einsamkeit lagen tiefer. Und so stöhnt es auch aus einem andern Briefe: »Hier stehe ich mutterseelenallein!« Mutterseelenallein! Ein blutjunger Student, der gleich im dritten Semester Vorsitzender und Fuchsmajor seiner Verbindung wurde, der eine muntere und gutartige Geselligkeit und Bücher die Fülle und Ausblicke genug um sich hatte – und dennoch »mutterseelenallein!« Ich suchte und las auf gut Glück, was mir in die Hände fiel: Herders Briefe über das Studium der Theologie, Thomas a Kempis, Arndts »Wahres Christentum«, die Geschichte Israels nach Kurtz, Stöbers Sagen des Elsasses, Lipperts Kulturgeschichte; dann zehn Gesänge des Klopstockschen »Messias«, Webers »Dreizehnlinden«, Redtwitzens »Amaranth«, Mörike, Lenau, Heine, Geibel, Dickens – – ein Wirrsal! In einem Briefe, dessen Entwurf während einer Vorlesung ins Kollegienheft floß, schrieb ich an Heinrich: »Was mein inneres Leben in diesen letzten Wochen betrifft, so kann ich Dir leider nicht die beruhigenden Worte schreiben: Dichterpläne quälen mich nicht mehr. Ich weiß selber nicht, wie es allmählich wieder gekommen ist: aber das theologische Ziel, das mir vor Augen stand, ist mir wieder ziemlich verrückt, und die Poesie malt mir schwankende, unklare, nebelhafte Ideale vors Auge. Ich habe Andersens »Improvisator« gelesen, mit Entzücken gelesen, viele Kapitel sogar zweimal. Nein, so eine Lektüre, nach vierteljahrlangem trockenem Studium, macht mich wieder auf Wochen lang glücklich! Diese gemütsinnige Darstellung und anschauliche Erzählung hat mich ganz hingerissen, obwohl die Komposition oft etwas märchenhaft und unwahrscheinlich ist. Doch diese Lektüre allein ist es nicht, was die Theologie wieder in den Hintergrund gedrängt hat. Schon seit der Fahnenweihkneipe und unserm Nachtmarsch nach Auenheim verfolgen mich dichterische Gelüste. Acht Tage vor Pfingsten habe ich Byrons ›Manfred‹ mit hohem Interesse durchflogen. Meine gute Theologie aber tritt zurück. Ich erinnere mich, daß mein Vater einmal zu mir sagte, ich bewegte mich immer in Extremen, und in mancher Beziehung hat er recht. Ich muß suchen, die Theologie nicht zu vernachlässigen, aber auch nicht Literatur und Poesie. Statt dessen werfe ich mich bald eine Zeitlang auf dies, bald wieder ganz einseitig bloß auf jenes. Wenn nur mit dem Zurücktreten der Theologie nicht auch die Religion in mir abnimmt!« Damals suchte ich mich von einem Lieblingsdichter meiner Jugend zu befreien: von Lenau. »Ich bin lange nicht mehr so begeistert für Lenau wie vor fünf Jahren. Lenau hat zwar in seinem Wesen und Dichten ein Element, das mir sympathisch ist: das sinnende Sichversenken in seinen Gegenstand, das Wehmütige und Sehnende. Aber meine Melancholie ist nie so stark, so schwarz, meine Phantasie nie so düster, so trostlos umherschweifend wie bei jenem unglücklichen Dichter. Zudem bin ich auch gern heiter, gesellig, lustig, ein Element, das Lenau abgeht... Die ›Modernen Dichtercharaktere‹ [das damals erschienene revolutionäre Sammelbuch der ›Jüngstdeutschen‹, die nun zum erstenmal in meinem Gesichtskreis auftauchten] möchte ich gern einmal durchsehen. Wenn Du irgendetwas über diese Jungdeutschen erfährst, so teile mir's sofort mit. Ich bin überzeugt, daß nächstens ein größerer Dichter auftreten muß, der für unsre jetzige Literatur das wird, was Klopstock bei seinem Auftreten für seine Zeit gewesen. Ernst, Größe, Weihe, Leidenschaft fehlen unsrer jetzigen Literatur ...« Der Jüngling, der nach so erhabenen Geisteskräften in der Dichtung Ausschau hielt, saß mit zerknitterten Gefühlen in der »Genesiszerstückelei«, wie er in einem andern Briefe klagt. Doch versichert er in demselben Schreiben, daß er den Ausgleich zwischen Theologie und Dichtung gefunden habe: »Ich freue mich des Christentums und seines Friedens, ich freue mich aber auch der Poesie und des schriftstellerischen Schaffens.« Wieder aber heißt es: »Wenn ich mein Dichten bis jetzt überblicke, so sehe ich ein, daß ich noch gar nichts zustande gebracht, daß kein einziges meiner Gedichte originell, selbständig, druckreif ist, daß ich meinen Ton noch nicht gefunden habe. Ob ich ihn überhaupt finden werde? Ob ich zum Dichter berufen bin?« Da stand es schwarz auf weiß, was den Theologen insgeheim quälte: Ob ich zum Dichter berufen bin?! Die Summe der Seelenkämpfe in jenen ersten Semestern ist in einem Tagebuch des Studenten niedergelegt, das ich hier gekürzt, aber sonst unverändert wiedergebe.   Tagebuch des Studenten Schillersdorf , den 2. September 1886. Ich will nur sehen, ob ich einmal diese poetischen Pläne und Schwärmereien lassen und mich ganz auf die Theologie sammeln kann! Wie glücklich sind in sich selbst einige, von keinen tiefen Leidenschaften gequälte Menschen! Aber ich werfe mich bald mit Eifer auf die Poesie und vergesse das ruhige, praktische, nüchterne Leben der Theologie – oder umgekehrt. Ich muß etwas haben, das mich ganz an das wirkliche, praktische Leben fesselt. Vielleicht der Gedanke an M. [Waldfrau] kann mir hierbei helfen? Da mag nur Papa lange sagen, ich arbeite nicht! Ach nein, nicht Faulheit oder leichtfertige Auffassung ist es, wenn ich nicht immer hinter theologischen Werken sitze, sondern Entfremdung, weil Poesie und Literatur mein ganzes Interesse wieder vorübergehend in Anspruch nehmen. Wie wohltuend ist der Einfluß, den das liebe Haus im Hochland mit seinen guten alten Bewohnern auf mich ausübt! Und M. darin! Sie kennen an geistigen Interessen fast nur das Religiöse; hierin finden sie Frieden und Ruhe. Hätte ich auch die Einseitigkeit! Hätte ich auch solchen Frieden! Ich will mir alle Mühe antun, mich ganz auf die Theologie zu konzentrieren, immer nur an das praktische Amt zu denken, zu dem ich berufen bin, zu dem mich der Wunsch meiner sterbenden Mutter bestimmt hat, und Gott wird gewiß helfen. Arbeiten kann ich noch nicht. Meine Gedanken sind immer noch auf den lothringischen Hügeln, immer noch bei M. Von den schönen Tagen und jener ereignisreichen Zeit blieb mir nur wehmütige Erinnerung und leise Sehnsucht, ein leeres, unruhiges, sehnendes Gefühl zurück. Meine Gedanken sind immer bei M .... 3. September. Heute mittag war ich bei Pfarrer L. Der Mann ist glücklich, lebt nur in seinem Berufe, in seiner bestimmten Gedankenwelt, hat seine Tätigkeit, sein Ziel fest vor Augen. Ich aber bin so unnüchtern, so schwärmerisch, so unklar, so reiner Gefühlsmensch, Phantast, Poet! Oh, könnte ich so ruhig dahinleben und arbeiten! Freude und Friede und Beruhigung in meiner Berufsarbeit finden! Diese Leute beurteilen einen so verständnislos. Wie unglücklich mich diese zwei inneren Neigungen machen, ahnt keiner! Die Tage im Hochland waren so schön, so poesievoll! Aber ich denke nicht gern daran, weil ich mich sonst wieder zu sehr in diese poetischen Träumereien versenke. Selbst M.s Liebe macht mich unglücklich. Hätte ich mein festes Ziel vor Augen, das Pfarramt, würde ich ruhig und sicher auf dieses Ziel lossteuern: ja, dann wäre ich glücklich und wollte M. glücklich machen. Aber so! Herr, hilf! Ich bin in einer so mißmutigen, unruhigen, innerlich unzufriedenen Stimmung, daß ich weder arbeiten noch lesen kann. Nichts freut mich. Es ist nicht die äußere Beschäftigung mit der Poesie, das Bewundern von Schönheiten des Reimes, der Gedanken oder der Eleganz des Ausdrucks – das ließe sich so nebenbei treiben auch im Pfarramt. Aber die innere, phantastische, poetische, großartige Auffassung der Dinge, wie sie mir in solchen Zeiten eigen ist! Es ist eine bestimmte Beschaffenheit des Gefühls und des Geistes, ein bestimmter Zustand, der ein ruhiges Arbeiten in der Theologie und im nüchternen Amte nicht zuläßt. Wenn ich an M. denke, so werde ich ruhiger, nüchterner, für feste Arbeit begeisterter: denn dieser Gedanke bindet mich an die Wirklichkeit. M. hat gleich nach ihrer Ankunft in Frankreich einen Brief an meine Eltern geschrieben. Ich kann mir wohl denken, wie ihr zumute ist. Die zwei Bilder, die sie mitgeschickt, ließen sich sinnig deuten: die »letzte Rose« und »in Liebe ewig dein«. Der Brief hatte weiter keinen Zweck, aber er beweist, wo ihre Gedanken sind. 4. September. Morgen will ich zum heiligen Abendmahl gehen. Ich werde allmählich wieder ruhiger und lebe mich wieder mehr in die Theologie ein. Ich habe nach all diesen aufregenden Vorgängen und Herzenszuständen ein dringendes Verlangen nach dem heiligen Mahle, ich werde dadurch gewiß mehr Frieden und Ruhe finden. So schön ist das geistliche Amt, so herrlich die Beschäftigung mit geistlichen Dingen! Könnt' ich nur immer dabei bleiben! Ich hoffe, daß es doch noch gelingt. Wenn ich nun mit meinem Heinrich immer zusammenlebe; wenn ich an den Wunsch meiner sterbenden Mutter denke, an den sehnlichen Wunsch meines Vaters, an meine Verwandten, besonders an eine, und ihre Hoffnungen und Erwartungen von mir, an meine lieben, guten, frommen Großeltern – – und vor allem, wenn ich recht bete: dann hilft der Herr gewiß! 6. September. Zum Dichter bin ich nicht bestimmt. Je länger je besser seh' ich's ein. Ich habe zwar Gefühl, Phantasie, Verständnis und Sinn für alles Poetische in Natur und im Menschenleben; aber schöpferische Ideen, poetische Gedanken, Beherrschung der poetischen Sprache – nein! Ich muß suchen, Phantasie und Gefühl zu bändigen, mich nüchtern und verständig zu halten – und vor allem ernst, ruhig und ausdauernd arbeiten zu lernen. Hervorragen werde ich zwar in dieser Hinsicht nicht, aber nötig ist's, wenn ich überhaupt etwas leisten will. So kann ich doch auf theologischem und religiösem und pädagogischem Gebiete vielleicht noch ein Kleines wirken. Daher fort mit der Poesie! Herr Gott, hilf doch! Ich habe zwei Predigten von Luther: Beichtrede und Abendmahlspredigt gelesen und werde mir zur Aufgabe machen, wöchentlich eine Predigt von Luther oder Harms zu lesen. Heute habe ich Galaterbrief [griech. Urtext] angefangen. Wie oft aber schweifen meine Gedanken fort! Nun sehe ich ein, wie recht meine Lehrer hatten, wenn sie mich warnten, meine Phantasie zu sehr auszubilden. Kann ich doch in der Poesie nichts leisten, und für die Theologie war die meiste Zeit, die ich auf Poesie und Literatur verwandte, ach, und so viele Zeit! verloren. 7. September. Habe heute den zweiten Vortrag in Luthardts Apologetischen Vorträgen gelesen: die Sünde. Manches ist mir noch unklar und muß noch besser durchdacht werden, z. B. was er wider die philosophische Auffassung sagt, welche die Sünde aus der Endlichkeit (Jacobi) des Menschen herleitet oder aus der notwendigen Gegensätzlichkeit des irdischen Daseins (Hegel). Wir würden die Begriffe Tugend und Güte nicht kennen, wenn wir nicht auch die Sünde hätten. Tugend – Sünde; Freude – Leid; Tag – Nacht; Frost – Hitze; Schlafen – Wachen; Weinen – Lachen; dumm – klug: alles Gegensätze, die sich wechselseitig bedingen. Existiert eins nicht, so kann ich mir auch das andere nicht denken; existieren könnte wohl das eine ohne das andere, aber der Mensch, der sich nur in dem einen befindet und vom andern keine Ahnung hat, fühlt auch nicht seinen eigenen Zustand. Dann hat er auch keinen Namen für diesen einseitigen Zustand, er lebt unbewußt, naiv, dahin. So allein könnten wir uns eigentlich einen ganz glücklichen Menschen denken – das heißt: wir, die wir auch das Unglück kennen; er selbst aber weiß es nicht, ist sich seines Glückes nicht bewußt. Erst nach dem Sündenfall, wenn der Mensch Sünde, Leid, Ungehorsam und all die Gegensätze zu seinem früheren Zustand erfahren hat, erst da gehen ihm die Augen auf. Einst im Paradiese war alles wechsellos, ewig gleichmäßig, lauter Einheit in Natur und Menschheit. Folglich hätten aber auch keine Menschen geboren werden können als Gegensatz zum Sterben ? Wie konnten die Menschen miteinander verkehren und sich entwickeln, wenn es keine Gegensätze gab? Und was sollte darin das Weib ? Der Mensch ist heute so angelegt, daß er des Wechsels und des Gegensatzes bedarf . Es muß also nach der Vertreibung aus Eden in jeder Beziehung eine Veränderung mit dem Menschen vorgegangen sein – wie ja auch die ihn umgebende Natur anders war. Wo kam nun die heutige Natur mit ihren Gegensätzen auf einmal her? ... Herr, laß meinen Glauben über diesen Fragen nicht irre werden! 8. September. Nun kommt der Herbst mit starken Schritten ins Land. Gestern abend war ein Gewitter. Seitdem regnet es, der ganze Himmel ist umzogen, heute morgen wieder Blitz und Donner. Ich habe gestern nacht während des Gewitters an die schöne und natürliche Christensitte gedacht, daß man bei schwerem Gewitter betet. Es treibt hiezu nicht allein die nahe Gefahr, mit einem Schlage ganz plötzlich vor Gottes Richterstuhl gerufen zu werden, sondern auch die Anschauung, daß Gott selbst im Gewitter gegenwärtig ist (vgl. die Psalmen, Klopstocks Frühlingsode, die griechische Anschauung vom Donnerkeil-werfenden Zeus, die germanische von Donar oder Thor!). Ein wahrer Christ sollte sich aus einem Gewitter nichts machen: soll er sich etwa fürchten vor einem »zürnenden Gott«? Er kennt keinen zürnenden Richter, sondern durch Christum einen liebenden Vater. Ferner mußte ich an die Bekehrungen denken, die durch schreckliche Gewitter manchmal bei Menschen vorkommen (vgl. Luthers Gelübde: »Hilf, heilige Anna, ich will ein Mönch werden!«). Ist das dann rechte »Bekehrung«, wenn ich gleichsam, ob auch indirekt, von Gott dazu gezwungen werde, da ich mich doch aus Angst bekehre? Im Grunde tut's ja jeder aus Angst oder Besorgnis; nicht aus plötzlichem freien Willensentschluß. Das ist der erste Anstoß: Gott sucht den einen durch äußere kräftige Stöße, wie Gewitter, Todesgefahr, Krankheit, den andren durch innerliche Erweckungen aus seinem Sündenschlaf, in dem er von Natur liegt, aufzurütteln und ihm Augen und Ohren für das Ewige zu öffnen. Was Luthardt über Selbstsucht sagt, ist vielleicht etwas einseitig. Selbst in meinem Verhältnis zu Gott herrscht Selbstliebe vor: ich liebe Gott nicht um Gottes willen, sondern weil ich in dieser Liebe meine Freude, meine Befriedigung finde, weil mich diese Liebe selig macht. Christus sagt ja auch, ich solle meinen Nächsten lieben wie mich selbst: daß ich mich von Natur über alles liebe, weiß er wohl... Selig sind die Einfältigen! Wieviel Seelenqualen hat der Nicht-Einfältige durchzumachen! »Ach, ich weiß, daß ich aus Werken nicht selig werden kann – –« gut, so mach' dir also keine Vorwürfe, der Glaube an Christum macht dich selig! »Ja, aber glaube ich auch recht oder ist es bloß Mundglauben – –« mach' dir keine Qualen, denn recht glauben wollen ist schon glauben! »Ja, aber will ich denn recht glauben, oder tu' ich nur so, weil ich einsehe, daß ich eigentlich glauben sollte – –« und so fort! Wie glücklich der Einfältige! 9. September. Gestern war ich in Buchsweiler. Das kleinstädtische, halbgebildete, innerlich unwahre, unfeste, unlautere Benehmen dieser Spießbürger ist mir äußerst zuwider. Da gefallen mir die gediegenen, derben, rohen Bauern besser; nie möchte ich in der Stadt leben, nur auf dem Lande ist mir's wohl. Zwar der Teufel ist überall und macht einem zu schaffen; aber lieber den Teufel aus den Bauern austreiben, als sich mit den Teufeln herumschlagen, die in den Städtern rumoren. Heute mittag habe ich einen schönen Spaziergang, wie gewöhnlich, nach dem Selberg, in unsre Reben gemacht. Welch herrlicher Ausblick von der Höhe des Weinberges durch die reine, ruhige Spätsommerluft! Es steckt mir noch viel von einem Dichter in den Rippen. In solchen Augenblicken strecke ich begeistert die Arme aus nach dem schönen Land, dem Wasgenwald da drüben, und allerlei Dichterpläne fahren mir durch Herz und Sinn. Ich arbeite fleißig am Galaterbrief. – Es ist schon ziemlich spät in der Nacht. Ich habe bei Licht noch bis jetzt am Galaterbrief gearbeitet. Es ist so friedlich, so beruhigend, wenn man in seinen vier Pfählen, hinter seinen Büchern, bei fester Arbeit sitzt, nachdem man draußen ziellos umhergerannt ist. Wahrlich, nur in kleinen Verhältnissen, sagt Jean Paul, gibt es glückliche Leute. Könnt' ich so ruhig bei der Arbeit bleiben! 10. September. Habe den Galaterbrief heute beendigt und den dritten Vortrag Luthardts (Die Gnade) gelesen. Manches im Neuen Testament, gerade die Versöhnungslehre, ist mir noch nicht recht klar. Von Luthardt hätte ich auch einiges tiefer behandelt gewünscht. Einige Fragen, die mir heute gekommen sind, will ich, wenn Zeit und Lust mich lassen, näher durchdenken: 1. Wie verhält sich Gottes Heiligkeit und Gerechtigkeit zu seiner vergebenden Liebe und Gnade? Es widersprechen sich die beiden nicht? Schließen sich nicht aus? – 2. Wer und was ist ein Dichter? Was macht den Wert eines Gedichtes aus? Zwei Besprechungen in einer Zeitschrift haben mir letztere Fragen nahegelegt. Dies Loben und Herausstreichen bei ganz unbedeutenden Talenten! Diese sonderbaren Ansprüche, die man an Gedichte stellt! Wenn ich nur auch recht bei der Theologie aushalte! Herr, hilf mir! Ich fürchte, ich schweife wieder ab. O, Herr Jesu, hilf mir, wenn ich auch die Kraft nicht habe, ganz nur der Theologie und dem Kirchendienst zu leben – – du weißt, Herr, alle Dinge, du weißt auch, daß ich dich lieb habe! 11. September. Habe heute verschiedenes aus A. Knapps Leben wieder gelesen. Die Art und Weise, wie Knapp und überhaupt die älteren Württemberger unsrem Heiland und Gott gegenüberstehen, ist für uns Elsässer und überhaupt für den wahren lutherischen Christen sentimental und krankhaft. Wir fassen viel nüchterner und natürlicher das Christentum auf; auch wir glauben, lieben, hoffen – – aber dieses überschwengliche Gefühlschristentum! Nun wohl, jeder nach seiner Art. Wir fühlen uns dennoch mit ihnen eins, wenn auch ihr äußeres Gebaren uns krankhaft erscheint. Wiederholt lesen wir da: »von besonderem Segen war für mich« – oder: »Ich hatte schüchtern gefragt: wo ist denn der liebe Bruder Felician?, da trat er augenblicklich hervor und umfaßte mich mit sprachloser Innigkeit, so daß mir das Herz vor Wonne zitterte« – oder: »Ich ward durchschnitten vom Gefühl meiner Schlechtigkeit und legte mich bitterlich weinend zu Bett« – oder: »ich empfand peinigenden Neid, der mich als einen noch mit Satan zusammenhängenden Menschen darstellte; ich ging dann von ihm weg und warf mich in meiner Kammer vor dem Herrn nieder, dem ich die Greuel meines Herzens darlegte« – und so weiter! In Hofackers Leben habe ich ganz denselben Ton und Geist gefunden. Wie gesagt, jeder nach seiner Art! ... Ich habe in einer Zeitschrift verschiedene Besprechungen von Gedichten gelesen und abgeschrieben. Wahrlich, wir leben in einer kleinlichen Zeit! Welche Phrasen und Lobhudeleien von Dichtern, die morgen nicht mehr genannt werden, von Eintagsfliegen! »Bedeutender Dichter«, »große Formvollendung« – von ganz gewöhnlichen Reimereien! Kleinlichkeit ist das Zeichen unserer Tage. Nicht auf den Geist, nicht auf das Innere, Große, Ideale wird geschaut, sondern auf den Buchstaben, auf Wissens-Anhäufung. Das freifliegende Gemüt, der denkende und hochfliegende Geist wird unter dieser Masse kleinlichen Wissens wie unter Steingeröll verschüttet. – Die Woche ist zu Ende. Habe den Galaterbrief und den Anfang des Epheserbriefes im Urtext studiert, in Luthardts »Apologetischen Vorträgen«, Band II, drei Vorträge und sonst noch viel durchdacht und innerlich durchlebt. Ich habe soeben als Abschluß der Wochenlektüre ein Stück aus der Leidensgeschichte gelesen. Es ist doch ein herrliches Amt, von diesem Gekreuzigten zu zeugen! 12. September. Wir hatten heute morgen im Dorf ein Leichenbegängnis: ein Mann, den der Tod fast mitten aus seinem Tagewerk abgeholt hat. Es ist etwas Ernstes, mich immer tief Ergreifendes, wenn man so am Grabe steht und an seinen eigenen Tod denkt. Ich möchte wohl wissen, was die kritische Theologie einem Sterbenden, den sein Gewissen foltert, als Trost darreichen will? Wie tröstet sie die Hinterbliebenen? Ein ernster Gang, so hinter dem Sarge! Vielleicht, daß ich einmal eine Skizze darüber ausarbeite. Soeben lese ich in der Betrachtung auf den 12. September den Spruch: »Rufe mich an in der Not« usw. In der Texterklärung heißt es: »Den Befehl, den unser gnädiger Gott hier gibt« – – Ei, wer sagt dir denn, daß Gott diesen Befehl gegeben? Es steht in einem Psalm, den David gemacht; und der konnte vieles dichten und schwätzen! Die grammatisch-historische Methode legt dar, wann und wo und weshalb er so gesungen und sich mit diesem selbstverfaßten Trost getröstet hat. Nun ja, den Spruch können wir uns auch vorsagen und unser religiöses Gefühl damit stärken – aber – in Wirklichkeit –? – – Wahrlich, etwas Nebelhaftes, diese kritische Theologie! »Glauben«? Das ist für einen solchen Christen eine Art ideal-religiöses Nebelgefühl. Alles wird in abstrakte Begriffe und Systeme aufgelöst... 13. September. Sehr warmes, sonniges Herbstwetter! Die Hitze soll von Protuberanzen herrühren, die man an der Sonnenoberfläche beobachtet haben will. Ich studiere am Epheserbrief. Auch lese ich Luthardts Vorträge weiter und habe heute »Elisabeth« von Marie Nathusius angefangen. Die Beschäftigung mit Literatur und Poesie so streng aufgeben zu wollen, ist eigentlich lächerlich von mir. Wenn es mir nur gelingt, über poetischen Schwärmereien nicht das feste Studium zu vergessen ... 15. September. Heute waren wir in Dettweiler, den Kaiser und die Manöver zu sehen. Der Kaiser kam zwar nicht, weil er nicht ganz wohlauf war, aber den Kronprinzen, Moltke, herrliche Triumphbogen, großartige Manöver, viele Bekannte, eine Masse Volks haben wir gesehen! Als wir von dem schön gelegenen Gottesheim herausgingen, trafen wir Pfarrer X. nebst Frau und einer größeren Gesellschaft, darunter Fräulein ... Ich sah hinüber und begegnete ihrem ernsten schönen Blick. Nachher lagerten wir oben an den Reben im Schatten der mächtigen Nutzbäume. Da hatte ich Gelegenheit, sie genauer zu sehen, und auch sie sah mich wiederholt an. Bald aber gingen F. und ich weg, um unsere befreundeten Einjährigen Federlin und Oschmann aufzusuchen, füllten in Geißweiler unsre Wasserflaschen, liefen weit und lange, fanden aber unsre Freunde nicht. Als ich spät und müde nach Gottesheim zurückkam, war nichts mehr von der Gesellschaft zu entdecken. Denkwürdiger Tag! Dieses Schlachtenspiel im schönen Elsaßland, das der nahe Wasgenwald prachtvoll umkränzte! Fast mehr aber noch haftet mir jene Begegnung im Sinne ... Wurde ihr nicht einmal gesagt vor einiger Zeit, sie müsse einen Pfarrer haben, und ich sei es, der für sie passe? Drum mag sie mich auch heute so aufmerksam betrachtet haben? ... Sie ist schön und ernst, hat fromme, tiefe Augen und so einen leisen Zug von Trauer über dem stillen Gesicht ... Ach, ich möchte von allem Lieben nichts wissen! Ich bin zu sehr hin und her gerissen! Was soll noch werden?! Einstweilen will ich arbeiten und mich um nichts kümmern. 22. September. Während dieser Zeit war ich in Kutzenhausen bei Onkel auf Besuch. Von dort aus in den Pfarrhäusern von Sulz unterm Wald und Morsbronn, wo es sehr gemütlich war. Auch in Mattstall, meiner alten Heimat! Aber alles so fremd, so unbekannt! Noch dunkel erinnerte ich mich an das winzige Gärtchen vor unsrer Hintertüre, an die Kirche und sonst noch an dies und das. Aber genau an nichts mehr; alles war mir neu und doch auch wieder alt. Ich wäre schier wehmütig geworden. Aber die prosaische Unterhaltung meines Onkels nebst dem Bürgermeister und Lehrer von Mattstall über Besoldung und dergleichen riß mich in die trockene Wirklichkeit zurück. Der Lehrer versicherte uns übrigens, daß er alljährlich einmal Schiller und Goethe in Auswahl lese: er ist gewiß in dieser Beziehung eine Ausnahme. Auf dem Liebfrauenberg bei Wörth ist ein Landhaus, in dessen Garten wir eine prächtige Zeder bewunderten. Dort hielten wir uns lange auf. Der Anblick des Schlachtfeldes regte die Phantasie an und weckte bedeutende Gedanken. Abends verirrten wir uns auf diesem Waldberge und kamen spät nach Hause. Hier lernte ich einen Pariser Elementarlehrer kennen: etwas phlegmatisch, in einem fort erzählend und nicht unüberlegt. Auch bei ihm guckte der heutige Zeitgeist durch: das zweite Wort bei seinen Geschichten ist gewiß »verdienen«. Bald von dem jungen Mann, der sich soundso viel zusammenverdient hat, bald von jener hoffnungsvollen Dame, die eine soundso reiche Partie gemacht! Alles äußerlich geurteilt, nach dem gewöhnlichen Menschenverstand, dem sogenannt »gesunden«! Sein Urteil über einige Dramen Victor Hugos (Lucrezia Borgia, Maria Tudor) war mir sehr interessant. »Es ist schön zu lesen, manchmal ganz schauerlich«, meinte er! »Die Maria Tudor hatte einen Liebsten, der ein schlechter Kerl war usw. Es ist eben auch eine Geschichte wie die von Alexander Dumas«, meinte er! »Die sind manchmal auch so schaurig zu lesen. Ich habe auch die ›drei Mousquetaires‹ gelesen, sie sind aber unmoralisch!« ... Dem Gefühl nach mag dieses naive »Urteil« schließlich etwas Richtiges enthalten: man hat bei Victor Hugos Dramen tatsächlich mehr den Eindruck, den man von der Lektüre eines spannenden Romans erhält, als den einer tief durchdachten, kunstvoll sich entwickelnden dramatischen Dichtung. 23. September. Daß man den Unterschied nicht beachtet, der zwischen Marie Eugenie delle Grazies Gedichten und den andren der Lieferung besteht (Leimbach, Deutsche Dichter der Gegenwart)! Wie kleinlich fast die Kritik Leimbachs: »Es lassen sich zwar Spuren von Reminiszenzen nachweisen, aber der Hauptsache nach sind es die frischen Klänge eigener Erfahrung; die Form ist geradezu leicht und vollendet« – – freilich, das ist's ja: die frischen Klänge eigener Erfahrung! Man sieht und hört die Dichterin bei jedem Vers, sie packt und ergreift, sie spricht unmittelbar aus, was in ihrem stürmischen Herzen vorgeht. Wie glücklich ein Dichter, das aussprechen zu können! Könnt' ich's! Und doch – diese M. E. delle Grazie lebt »ruhe- und friedlos, sehnend und haltlos« dahin! Nein, nicht um alle Schätze könnte und wollte ich den einen Schatz missen, den Heiland in diesem »elenden Dasein«. Und wenn sich eine Welt zwischen dich und mich stellen will, dann, mein Herr und Gott, reiß mich Schwachgläubigen, Sinnbetörlichen mächtig an dich! 24. September. Wie unreif bin ich noch! Wie wenig ein charakterstarker, wissensreicher, gedankenvoller, glaubensgereifter Mann! Alles so unklar durcheinandergärend! Diese Gymnasialbildung soll der Kuckuck holen, sie verdummt einen nur! Kulturgeschichte, Psychologie, Logik, Geschichte der Philosophie, Kunstgeschichte, Erdkunde – nichts von alledem! Oh, ich muß noch gewaltig lernen! Schon vor Jahren habe ich nach einem Versmaß, nach einer poetischen Form gesucht, in der man seine Empfindungen ausstürmen kann. Es müßte ein Versmaß sein, das ebenso beweglich und wechselnd und biegsam wäre wie die wogenden, wechselnden Empfindungen einer großartigen, schwungvoll sich ergießenden Phantasie selber. Ließen sich die freien Metren noch ausbilden und kunstvoll behandeln? Ich arbeite für das Stipendiaten-Examen weiter. Bin am dritten Kapitel der »Richter« (hebräischer Urtext). Habe Galater- und Epheserbrief (griechisch) beendet. Bleibt mir noch Philipperbrief, Kirchengeschichte, Richter und Ruth zu vollenden. 24. September. Ich arbeite fleißig hebräisch. Die vier ersten Kapitel Richter habe ich gestern gelesen. Heute abend denke ich noch mit Buch Ruth fertig zu werden. Eine liebliche Geschichte, dieses Buch Ruth! Wie naturgetreu, wie seelenwahr, wie anschaulich alles! Den wirklich großen Dichter macht die Herzenserkenntnis, die tiefen Blicke, die er in Menschen und Welt getan, in das Herz, in die großen Taten Gottes, in das Gewissen. Wenn er die Nacht des Menschenherzens beleuchtet, daß alle blitzartig zurückfahren vor den enthüllten Abgründen, wenn er den ernsten Gott und den liebenden Gott den Spöttern wuchtvoll vorhält – dann ist er groß. 27. September. War heute im Pfarrhause zu Gumbrechtshofen zu kurzem Besuch. Das Wetter war sehr mild und spätsommerlich. Schön war der Weg durch den Uhrweiler Wald mit seinen vielen Ausblicken auf die in weitem Bogen umkränzenden Berge. Gestern nacht, vielmehr heute morgen um zwei Uhr ist in unsrer Nähe eine große Scheune niedergebrannt, so daß ich lange aufbleiben und Wasser tragen helfen mußte. Ich kam also heute nicht recht zum Arbeiten. Wie gewaltig dieser Brand mitten in der Nacht! Der ganze weite Umkreis hell von schauerlich roten Flammen! In Obermodern war Meßti; dort gaukelte der junge Eigentümer bezecht herum, während seine Scheune abbrannte! Viele, die, vom Meßti kamen, wo sie gejubelt und gepraßt hatten, standen ernüchtert da und gafften in die lohende Flamme. Geibels »Judas Ischariot« gelesen, den Leimbach in seinem Buch über Geibel als »eine Lösung eines der schwersten Probleme des Neuen Testaments« preist. Ich finde diesen Judas nicht sehr tief. Doch kann ich kein Urteil abgeben, weil ich mich selbst noch nicht in dieses Seelenproblem vertieft habe. Wie konnte es möglich sein, daß einer der Jünger den Meister verriet? Wie konnte in so heiliger Nähe ein so unheiliger Gedanke entstehen? Und dann die andre Frage überhaupt: wie konnte in Gottes heiliger Nähe ein unheiliger Engel sündigen und verstoßen werden: Satan ?! 28. September. Der Tod ... Stelle dir vor, wie du auf dem Sterbebette liegst, wie dein keuchender Atem nur noch mit Mühe durchdringt: bald sollst du fort aus allen deinen Gewohnheiten, von allen Bekannten – es läutet in der Kirche – in einigen Minuten wird auch dir die Sterbeglocke läuten – die Eltern und Kinder und Frau oder Mann stehen leise weinend mit bleichen, überwachten Gesichtern am Bett, andre flüstern mit ernsten Gesichtern im Zimmer: »er macht nimmer lang, in ein paar Minuten ist's fertig« ... Du aber sollst fort, heraus aus deinem Leben, der Atem wird dir genommen, die Sinne schwinden, für immer schläfst du ein – und nie wieder wirst du von der Mutter geweckt werden: »Steh auf, 's ist sechs Uhr!« Für immer fort! Und wohin?! Da zittre nur, Spötter! Weißt du, wohin? Wir aber wissen es. Herr Gott, ich bitt' durch Christi Blut, mach's nur mit meinem Ende gut! Dichter und Priester! Ein priesterlicher, prophetischer Dichter und ein dichtender Priester und Prophet! 30. September. Heute hat mir Albert den ersten Band von Byrons Werten gebracht. Ich hatte bisher bloß seinen »Manfred« und einige Gedichte gelesen. Seine Persönlichkeit ist sehr genial und poesievoll, aber mein Ideal selbstverständlich nicht. Dies ruhelos dämonische Umherschweifen – nein, solche Genialität beneide ich nicht ... Genialer Dämon ... Männlicher Stolz, ja, der jedoch von der christlichen Demut so in Schranken gehalten wird, daß er nicht in Hochmut und Eitelkeit ausschlägt: das ist meine Bestimmung. Ich fühle mich in meinem eigensten Wesen, wenn ich freudig und frisch, phantasievoll, hoffnungsstark und heiter in die Welt schaue. Nicht grübeln, nicht schwermütig über sich selbst hocken! Ei was, der alte Gott lebt noch! Frischauf! Ich habe Galater-, Epheser- und Philipper-Brief fertig. Ebenso Buch »Ruth« sowie vier Kapitel der »Richter«. Gegenwärtig arbeite ich Kirchengeschichte. 2. Oktober. Ich versuche Kirchengeschichte zu studieren, den ganzen langen Tag, komme jedoch über den Versuch nicht hinaus. Ich kann mich kaum ordentlich sammeln. Immer wieder laufen mir die Gedanken von diesen Kirchenvätern fort nach Alt-Ägypten zu den Israeliten, deren Auszug ein vorzügliches Drama liefern müßte: einer bleibt zurück, aus Lust zu hohen Ehren, verleugnet sein Volk und seinen Gott, liebt eine Ägypterin, tötet sich nachher in Verzweiflung ... Dann fliegen meine Gedanken wieder fort in Wald und Berge dahinten, wo ich gern diese letzten milden Sommerblicke kosten möchte, wenn ich nur Zeit dazu hätte ... Oder zu Marie Eugenie belle Grazie und ihren Gedichten oder zu Byron oder zur Poesie überhaupt ... Wieviel, wieviel hab' ich noch zu lernen! Sowohl was meine Kenntnisse als auch meinen Charakter betrifft. Ich muß mich gewöhnen, in meinem ganzen Benehmen immer – nicht nur meistens – mich mutig und fest, ungeniert und frei zu benehmen. Ich will wiederholt hinunter in die Schule gehen, um mich zu gewöhnen, ganz gleichgültig viele Blicke, wenn auch hier nur so viel kleine Augen, auf mich gerichtet zu sehen. Überhaupt keine Einladung abschlagen, um mich zu üben, im Umgang frei und fest und sicher zu werden. Auch Kulturgeschichte, Kunst- und Musikgeschichte studieren – und wieviel noch! In diesem Winter gedenke ich außer der Theologie noch Mittelhochdeutsche Literatur zu hören, vielleicht Kudrun und ähnliches zu lesen; dann Faust von Goethe, von Marlowe und die anderen Behandlungen der Faustsage; auch Miltons Verlorenes Paradies. In den nächsten Osterferien werde ich dann wohl die Synoptiker (drei ersten Evangelien), die ich diesen Winter bei Holtzmann höre, mit Kommentar und überhaupt die ganze Geschichte Jesu durchstudieren. Welch schöner, belebter Abend da draußen im Dorf! Wir dürften noch im Juli sein, so sommerlich ist, die Luft. Wie gern möchte ich nun hinausstürmen in den abendlich ruhigen Wald, in die Berge! Dem Abendrot nachsehen und bei spätem Mondschein nach Hause kommen! Besser aber, wenn ich tüchtig Kirchengeschichte studiere. 2. Oktober. Ein großer Unterschied zwischen den überrheinischen Deutschen und uns Elsässern! Ein noch größerer zwischen den Nord-Deutschen und uns! Dies Beschränktsein auf unsre »gemütliche Ecke« da im Elsaß – links der trennende Rhein, rechts der scheidende Wasgenwald – hat uns zu recht »gemütlichen« Eckenhockern gemacht. Dazu ist in unsren Adern noch manches altkeltische Blut; auch hat die französische Herrschaft etwas Welsches und Undeutsches in uns hereingetragen. Aber im Grunde unseres Herzens sind wir echt deutsch und gut germanisch. Ich verspreche mir viel von meinem nächstjährigen Aufenthalt in Norddeutschland: der gefühlvolle Elsässer muß sich am rauhen Norden stählen und härten! 4. Oktober. Mein Geburtstag heute! Heinrich hat mir ein schönes Bild des Gekreuzigten (Schnorr von Carolsfeld) geschenkt, die beste Gabe, mit der er mich hätte erfreuen können. Möchte es wie mein Zimmer so auch mein Herz zieren! Du freust dich, Freund Heinrich, daß du im Mai, Wenn die Welt erwacht, wenn die Lerchen jubeln, Wenn Frühlingslüfte Sehnsucht wecken – Du freust dich, daß du im Mai geboren, Daß ein heitrer Tag dir entgegengelacht? Ich freilich sah im düstren Oktober diese Erdensonne: Ein trübroter Ball – durch weite verhüllende Nebel Schien sie herunter. Da blühten meine Lieblinge nicht, die vollprangenden Rosen, Da lachte kein Wasser im Himmelsglanz, Da sang kein waldfrohes Vöglein mehr, Kein weißduftiger Schlehbusch umsäumte den Bergwald – In ernst düstrem Schweigen dehnt sich endlos Ein graues Nebelmeer, Und der Wandrer, der trauernd und einsam Durch den nebeltropfenden Wald schleicht, Sieht gedankentrüb auf die leis fallenden Blätter, Auf die schwarzen Krähen, die unheimlich krächzend Durch die Herbstluft fliegen, hochhin über unser Haus fliegen: Dunkle Geschicke meinem Leben weissagend. Dir aber schlug unter Sternenpracht Die Nachtigall vor dem Fenster im Fliederstrauch, Leuchtkäfer flogen flimmernd im Garten hin, Und der Hauch der mildwarmen Frühsommernacht Umrauschte wie Fittiche schirmender Engel Euer fröhliches Haus in deiner Geburtsnacht. Ja, freue dich, glücklicher Freund, Daß du im wonnigen Mai geboren! Zwei Gedichte haben an diesem Tage das Licht der Welt erblickt: ich würde sagen, ein gutes Omen und Vorzeichen, wenn die Gedichte nicht gar so schlecht wären, wie überhaupt alle meine Verse. Da ist keins, das mir auch nur im geringsten gefällt, auch nicht eins! Heute bin ich einundzwanzig Jahre alt! Einundzwanzig Jahre! Und habe noch nichts geleistet! Laßt mich einmal zurückblicken! In meiner Kindheit war es mir der höchste Genuß, mir vom Vater Geschichten erzählen zu lassen oder selbst den ganzen Tag Geschichten und Märchen zu lesen. Und ging ich einmal fort zu den Spielgenossen, so waren es allerlei Geschichten, die wir spielten, wobei ich immer der Leiter und Anführer sein wollte. Im Äußeren war ich schüchtern, viel über mir sitzend, träumend, lesend. Allmählich, in meinem dreizehnten oder vierzehnten Jahre, kam die Poesie: und mit ihr erwachten in meinem Herzen große Ideale und Träume für die Zukunft. Eine meiner Lieblingsbeschäftigungen war es, etwa in meinem fünfzehnten Jahre, mit meinen Kameraden von mir selbst verfaßte Dramen aufzuführen, allerdings kunstlose Drämchen, Trauerspiele und Lustspiele. »Walladin«, vollständig in Blankvers, doch nur ein Akt; »Der verlorene Sohn«, in Prosa und drei sehr kleinen Aufzügen; »Die Hussiten« oder »Maria von Schaumburg«; »Konradin«, das allererste winzige Trauerspielchen, das ich schrieb; »König Hardung«, schon besser angelegtes Bruchstück; »Die unechten Söhne«, Lustspiel. Erst etwas später, in Obertertia oder Untersekunda, schrieb ich ein regelrechtes Trauerspiel in anständig langen fünf Akten: »Die Lichtenberger«, vielleicht nicht zu schlecht. Alles aber habe ich in einer überkritischen Stunde verbrannt. Dann die Geschichten oder Romane, die ich teils Albert, teils und besonders Heinrich auf dem Hin- und Herweg zum und vom Gymnasium erzählte oder selbst schrieb – auch verbrannt glücklicherweise. Und die Gedichte alle! Aber nichts Vollendetes, nichts nur einigermaßen Druckfähiges, Hervorragendes. Oh, mein innerster, höchster Wunsch war es in jenen schönen Zeiten, in die ich mich heute gern zurückversetze, einst mich ganz der Poesie hingeben zu können, einst in der Poesie Großes zu leisten! Waren es Kinderwünsche? Glühen nicht vielmehr heute noch dieselben Ideale in mir?! Ein Hauptunterschied besteht zwischen jetzt und damals: ich habe meinen Heiland gefunden. In Unter- und Oberprima lebte ich zwei Jahre lang nur in religiösen Dingen. Durch diese Epoche mußte ich hindurch, so daß ich nun allmählich beides vereinige: christliche Weltanschauung und Poesie. »Wenn ich ihn nur habe, wenn er mein nur ist!« (Novalis.) Dazu hilf mir, mein Heiland, mein Gott! Diese Bitte tue ich heute zu dir! Gestern war ein sonniger Tag, heute verhüllt sich alles in dichtem Oktobernebel. Heute in drei Wochen Antritt des Wintersemesters! Was wird es alles bringen? Unglücklich geliebt habe ich lange genug in meiner Jugendzeit, nun aber, da ich nur die Hand auszustrecken brauche, ist mein Herz für diese Liebe erkaltet: – nun soll die Poesie meine Geliebte werden. Du hehres Weib Poesie, laß mich leidenschaftlich und mit edler Begeisterung dich lieben – aber Gott nicht vergessen! Viel, viel will ich studieren, wenn Gott mir Gnade und Kraft gibt. Auch in französische Sprache will ich mich tüchtig vertiefen, um von dem abstrakten französischen Geist zu lernen: etwa Fénelons »Telemach«, La Bruyère, Bossuet oder Chateaubriand. Dir, Herr, sei Dank für all das viele Gute, das du mir bisher geschenkt hast, für all deine Lieb' und Gnade! Bleibe du auch ferner bei mir bis an mein Ende! 5. Oktober. Ich arbeite zwar tagtäglich Kirchengeschichte. Aber wie ich die Frische und Erholung des Studentenlebens in Straßburg, die Geselligkeit, die Kneipe, das – bayerische Bier nötig habe und mich danach sehne! ... Es ist ärmlich, nur Minnelieder, Natur- und Kneiplieder zu singen. Dies Leben ist so kurz und ernst. Schöne Äuglein und das Veilchen am Bach zu besingen und sich aus solchem lyrischen Gezirpe einen Beruf zu machen – ?! Eine Menschenseele ist mehr wert als aller Tand der Welt. 6. Oktober. O Poesie, so schön und hehr! Wie oft, wenn ich Kirchengeschichte studierend auf- und abgehe, strecke ich begeistert die Arme aus, vom Ideal, von meinem Liebling, von der Poesie gewaltig gepackt! Wie gerne wollte ich das Drama, das ich im Kopfe trage, »Der Auszug aus Ägypten«, mit Lust und Feuer entwerfen und ausarbeiten! Eine rechte Sturmtragödie: wahr und ernst und groß! Und dann im Roman »Ein Dichter« diesem kleinen Zeitalter das große Ideal eines wahren Dichters hinstellen! Aber ich bin zu unreif, zu unklar, zu unwissend, zu – unbegabt dazu. 7. Oktober. Wir waren heute nachmittag in Pfaffenhofen bei Cousine S. Im Pfarrhause habe ich mich ziemlich unterhalten; wir haben die schöne Kirche besehen, haben über Theater, Musik, Konzerte, Goethe und Faust gesprochen. Wenn ich nur einmal einen träfe, der mir an Wissen und literarischem Blick überlegen wäre! Wie würde ich von dem lernen! Aber Goethe hatte seinen Herder: der dumme Lienhard ist's nicht wert, daß er einen findet. Ich habe dreierlei Menschen in mir: einen nüchternen, verständigen – den Pfarrer; einen verdrießlichen – den Melancholiker; einen phantasie- und schwungvollen, großartigen, erhabenen – den Dichter. Mit dem letzteren stehe ich auf gutem Fuße; er gefällt mir am besten. Gestern abend lief ich im Sturmschritt durch den Wald nach dem Selberg, um dann in klarer Vollmondnacht zurückzukehren. 8. Oktober. O Poesie, du herrliches, stolzes Weib, wie ich dich glühend liebe! Das Trauerspiel »Der Auszug aus Ägypten« habe ich der Idee nach fertig. Ich hab's Heinrich mitgeteilt; er meint, es würde ein großartiges Werk werden. In diesem Winter will ich die Vorstudien unternehmen: Exodus im hebräischen Text lesen, ägyptische Sitten jener Zeit studieren, Shakespeare – und so weiter! Habe heute mittag Steinhausens »Irmela« zu Ende gelesen. Am Schluß konnte ich vor Tränen kaum die Worte sehen. Ich habe die Kirchengeschichte für diesen Nachmittag aufgegeben, bin in Wald und Berge gegangen, habe mich auf dem Kuhberg dem Schloß Lichtenberg gegenüber hingesetzt und mich wehmütigen Betrachtungen überlassen. An meine Jugendliebe dachte ich, an die Seligkeit jener ersten Liebe. Und jetzt? Oh, auch ich sehne mich aus dem »Kloster« heraus in die Welt, die mir deshalb so schön erscheint, weil ich von glühender Liebe zu einer minniglichen Jungfrau erfaßt bin, zu dir, meine Irmela, du schöne Poesie! Aber die Worte, die sich Diether dort zuruft, passen auch auf mich: »Doch wie? Dürft' ich mich überwinden und all dies, was mich abwendig gemacht hatte dem heiligen Stande, ansehen als von dem waltenden Gotte so gefügt? War es nicht vielmehr der Dünkel und Wahn meines unberatenen Herzens, eigenwilliges Entweichen vom Wege, der mir verordnet war? Oh. dann war es ein schuldvoller Ungehorsam!« ... Auch meiner Mutter sehnlichster Wunsch war es, daß ich dem geistlichen Stande all meine Kräfte widmen sollte! Allmählich aber klärte sich meine Wehmut. Nur der eine Wunsch und Gedanke glänzte noch hervor: möchte ich als großer Dichter Edles und Hohes leisten und das Menschenherz in seinen Tiefen ergreifen! Auf dem Heimweg im glänzenden Abendschein las ich Klopstocks Oden und sah auf das herrlich im letzten Sonnenschein sich dehnende Land hinaus: auf jene blauduftigen Berge in westlicher Ferne ... 11. Oktober. Soeben habe ich alle meine früheren Gedichte verbrannt. Sie sind nicht wert, daß ich sie aufbewahre. Entweder gute Gedichte, wie ich sie als Ideal in mir habe, oder gar keine!   Thomasstift , 13. November 86. Wieder im Straßburger Stadtleben, im Studententreiben! Mitten in all den Arbeiten und Sorgen, die den Vorsitzenden einer Verbindung beschäftigen können! Dahinten, weit dahinten die schönen Sommermonde in Wald und Gebirg und freier Natur! Das Stipendienexamen ist recht glücklich bestanden. In meine Geschäfte als Präses der Argentina habe ich mich eingelebt. Aber zum Arbeiten lassen mich eben diese Geschäfte kaum kommen. Die kritische Theologie erbittert mich immer mehr. Ich hätte noch verschiedene literarhistorische Vorlesungen belegt, aber Professor X., Typus eines deutschen Gelehrten, ist zum Sterben langweilig. 25. November. Als ich heute nach der Bibliothek ging, um Viktor Hugo, Georges Sand, Grabbe und sonst allerlei Nicht-Theologisches zu holen, begegnete mir Professor Z. (in dessen kirchengeschichtlichem Kolleg ich einmal unter seinen Augen ein Shakespeare-Kolleg ausarbeitete). Es liegt immer etwas Vorwurfsvolles, Ernstes in seinem Blick, wenn er meinen Gruß erwidert. Mit ihm hab' ich's verdorben auf immer! Und was ist schuld? Dieses leidige Herumträumen in der Literatur! Auch in der Bibliothek, als mich der Beamte fragte, ob wir denn im Thomasstift »solche Sachen« lesen dürften, blieb mir dasselbe Schuldgefühl, ja wurde noch erhöht. Ach, Gott, ich verträume, versäume meine Zeit! Einem ernsten Studium, einer andauernden Arbeit kann ich mich nicht hingeben, die Theologie vernachlässige ich, und in der Poesie bring' ich auch nichts zustande! Und mein Vater zu Hause arbeitet für mich und denkt täglich an mich und gibt sich reichen Hoffnungen und Erwartungen hin. O ihr Träume! Selbst mein beseligender Kinderglaube ist mir ganz umdüstert und umnebelt worden durch diese unselige kritische Theologie der hiesigen Fakultät und überhaupt durch moderne Geisteswerke. Herr, du hörst, du siehst, was ich hier denke und schreibe! Oh, ich meine es aufrichtig oder möchte es doch aufrichtig meinen – gib, daß ich's von Grund aus aufrichtig meine! Hilf mir doch, lieber, lieber Herr! O du schöne Kindheit, du süße erste Liebe, du Traum im Elternhause! Zerronnen wie alle Träume. Nichts mehr bleibt mir als die Sehnsucht nach der lichten Himmelsheimat, wo meine Mutter weilt... Mein Gott, verlaß mich nicht! 1. Dezember. Gestern abend war ich im Theater: Flotows Oper »Martha«. Hat mir zwar gefallen, aber nicht wie der »Trompeter« seinerzeit, der mich mächtig erregte. Die Musik ist viel gleichmäßiger als die Neßlers, die ja stellenweise schrecklich kahle Partien aufweist. Das wehmütig Innige, das manchen Liedern Neßlers anhaftet, fehlt hier. Trotzdem war der Abend genußreich. Das schöne »letzte Rose«! Erinnerungen an jene Hochlandstage, wo dies unser Lieblingslied war, hat sie nicht geweckt. Überhaupt ist jenes alles für mich vorbei. Ich will und kann und darf nicht daran denken. Die Kunst allein! 4. Dezember. Gestern abend in Goethes Faust ! Wie herrlich, wie gewaltig, wie ergreifend! Ich war ganz hingerissen. Oh, ich liebe die große, erhabene Kunst mehr als je! Wenn ich dieses gewöhnliche, dumme, bornierte, kleine Stiftlervolk da ansehe, so kocht mein Herz, ich möchte fort, hinauf – – Es wurde über mein Erwarten gut gespielt. Wie hat mich Gretchens rührend einfache Gestalt ergriffen! Am Anfang diese herrlichen, reinen, kindlichen Liebesgespräche in Frau Marthes Garten – und zuletzt die Kerkerszene, wie ergreifend, wie überwältigend! Welche Tragik! Wie ernst, erhaben, niedergedrückt von der Wucht der Tragödie, und doch groß gemacht, geht man da hinweg! Da schwindet alles kleinliche Liebeln, alles kleinliche Herumschnüffeln und Herumzanken; unser kritischer Professor N. N. kommt mir in solcher Stimmung ganz erbärmlich vor – und dieses Stift und alles! Nur die hohe, gewaltige, tiefpackende Kunst bleibt. Das war kein ergötzlich Phantasiespiel, wie Operette, Posse und derlei – das war eine gewaltige Predigt, gewaltiger, als ein gewöhnlicher Kanzelredner jemals in seiner Art gepredigt hat. So hat mich noch kein Kunstwerk erhoben, bis ins Innerste gepackt wie dieser »Faust«. Der Faust-Drang ist in uns allen. Behüte uns Gott, daß er uns nicht auf falsche Bahnen, nicht ins Verderben treibt! Nein, das war kein Theaterspiel mehr, das war Gottesdienst . Ein lebendig vor uns sich abspielendes, ein aufgeführtes Theaterstück ist das einzig Wahre. Ein aufgeführtes Drama ist gewiß das Höchste, was es geben kann! Ich hatte vorher »Faust« gelesen , aber wie wenig ergriff es mich gegenüber der gestrigen Aufführung! Ich las, bewunderte, durchsann es, sah die einzelnen Schönheiten – aber gestern abend: ich sah und hörte mit eigenen Augen und Ohren, ich dachte und fühlte zugleich – und ich ging wortlos nach Hause, ich war überwältigt, tausend Gefühle durchwogten meine Brust. Oh, so herrlich und schön – und so vernichtend und zugleich erhebend ist eine solche Welttragödie! O Gott, mein Gott, möchten meine glühenden Jugendwünsche sich erfüllen! 10. Dezember. Ach, ich habe mich in diesen Wochen in inneren Kämpfen und Anfechtungen befunden, daß ich – ehrlich gestanden – an allem, total an allem zweifelte! An Gott, Himmel, Unsterblichkeit – geschweige denn erst an der Gottessohnschaft Christi! Und, Herr Gott, ich bin noch nicht ruhig, noch nicht beruhigt! Wenn sich nun die Christenheit achtzehnhundert Jahre lang an diesem Glauben getröstet und in diesem Glauben den Märtyrertod erlitten hat – und alles, alles war umsonst, war Dunst, Schein?! Was wir für eine wirkliche, jenseits alles sinnlichen Schauens liegende, unserer Körperwelt entsprechende geistige Welt hielten – ist nichts als schattenhafter Begriff! Dein eigener Geist hat sie erzeugt, dein eigener Geist zerstört sie nun! ... O du winziges Häuflein Christen, was willst du in dieser allmächtigen Zeitströmung! Du machst dich ja lächerlich mit deinem veralteten einfachen Glauben! »Pah, wir sind Männer geworden, wir brauchen jene Kinderfabeln nicht mehr!« Welch ein Schmerz muß euch durchwühlen, wenn ihr so euren beseligenden Glauben schwinden seht, wenn man euch alles, alles wegbeweist! »Sünde? Subjektiver Begriff! Gibt's nicht!« – »Gott? Phantasieprodukt deines eigenen Geistes!« – »Himmel? Dito! Hölle? Dito!« – Bleibt also nichts als der unendliche Jammer dieses Erdendaseins! Ganz allein stehst du da, deine schönen Gefährten, die holden lieben Engel, der allnahe Gott – alles fortgeflogen als dunstiger »Begriff«! Höchstens, wenn er sich wieder aufgerafft hat, bleibt dem Geist ein stumpfsinniges Phrasenmachen vom »Ideal«! Was ein Newton, Kopernikus, Dante und Unzählige glaubten – lacht, ihr Leute, sie haben alle geirrt ! ... 13. Dezember. Habe vor einigen Tagen mein Drama »Der Auszug aus Ägypten« (Naphtali) begonnen ! Die Form bereitet mir keine kleinen Schwierigkeiten, wie ich merke. Stünde mein Werk so vor mir auf dem Blatt, wie es mir in Kopf und Herzen lebt! Diese Grübeleien über Religion und moderne Weltanschauung will ich lassen . Bei meinem einfachen Christentum will ich bleiben . Aber sie sind mir so ins Gefühl übergegangen, diese modernen Schwindeleien, daß ich Mühe habe, diese Stachel des Zweifels herauszureißen, ohne daß eine schmerzende Wunde zurückbleibt. Herr, wenn du willst, so kannst du mich wohl reinigen und heilen und mir starken, weit-, zweifel- und teufelüberwindenden Glauben geben! Ich habe Augenblicke, Stunden, Tage gehabt, wo ich im eigentlichsten Innern nicht an Gott, an nichts mehr glaubte. Und ich kann nicht behaupten, daß ich von dieser Geistesepidemie wieder genesen bin. 14. Dezember. Gott, laß mich nicht untergehen! Ich laufe Gefahr, meinen Glauben und alles einzubüßen! Das Weihnachtsfest – wie hab' ich mich sonst so kindlich darauf gefreut! Soll diese lebensvolle Welt des Glaubens fortgeflogen, verdunstet sein wie Kindermärchen, die uns Vater und Mutter erzählten? Dann ist die Welt ein unsäglich trauriges Ding! Aber es muß, es muß eine belebte Welt da über uns geben! Ich war in diesen Wochen totaler Atheist, mein Gebet war ein Phrasenmachen, mein Wandel Heuchelei. »Gefühl ist alles?« Den Mann muß ich bedauern, der sich an religiösen »Gefühlen« genügen läßt, ohne zu wissen, auf was er sie gründet , ja, ob er überhaupt ein Recht hat, so verblasene, allgemeine, unbegründete »Gefühle« zu hegen! Wir aber kennen Tatsachen . Wenn die Herzensgeliebte bei dir ist, da fällt dir kein unreiner Gedanke, kein gemeines Tun ein; bei jedem Schritt denkst du an diese dir nahe, auch nur an dich denkende, auf dich blickende Geliebte. So auch ist es, übertragen, wenn Jesus in deiner Nähe weilt. Mit ihm innerlich reden wie mit einem Freunde, durch seine allmächtige Nähe getröstet werden und diese Nähe als etwas Lebendiges unmittelbar spüren: – das heißt glauben . 17. Dezember. Björnsons »Fröhlichen Burschen« und Bauern-Erzählungen gelesen. Wundervoll! Aber diese naturfrischen; keuschen, derben, unverdorbenen Gestalten lassen ein Gefühl der Wehmut in mir zurück. Wo gibt's noch diese idealen Zustände? Und wenn jene Norweger im Hochland noch so sind – wie lange dauert's, so dringt diese verwüstende, verteufelnde moderne Zivilisation auch dort ein – und überall dann Konvention, Lüge, Unnatur! Aber wir müssen durch Bildung und Kultur hindurch zur wahren Unschuld und Einfalt. Das sei unser Ziel! 18. Dezember. Den ganzen Tag fast nur am »Naphtali« gearbeitet. Bis heut abend um acht Uhr kaum aus dem Zimmer gekommen. Nachher im Piton bis zehn Uhr mit den Füchsen exgekneipt. Am Tisch neben uns katholische Studentenverbindung B.; einige von ihnen sind mir vorgekommen (zugetrunken). Es wäre flott, wenn wir eine Exkneipe mit den Leuten einrichten könnten. Aber der Anstoß bei unsren evangelischen Professoren und unsren äußerst lutherischen alten Herren! Schillersdorf , in der Christnacht. Die reine Heiterkeit und Freude, die mich sonst in der Weihnachtszeit erfüllte, hat nun teilweise einer ernsten, bittren Stimmung Platz gemacht. Mein Glaube ist in diesem letzten Vierteljahr stark in Gefahr gewesen: ich war nahe daran, ihn zu verlieren. Ach, und das süße Glaubensgefühl, die volle Glaubensgewißheit habe ich noch immer nicht wiedergefunden. Immer, immer noch diesen bittren teuflischen Zweifel in der Brust! Herr, ich glaube, ich will glauben! Stärke mir –nein: gib, schenke mir den Glauben! Die kalte, leere Phantasiewelt der Dichter und Geistesheroen soll mir den Glauben nicht nehmen. Wie kalt ist's da drin, wo nur öde Trümmer lagern, durch die der Wind seufzt, statt des herrlichen Gottestempels, in welchem ein voller Orgelsang dahinbraust! 5. Januar 1887. Neujahr vorbei. Nichts Bedeutendes vorgefallen. Silvesterabend mit Albert und Michel bis gegen zwei Uhr gewacht, auf dem Hügel an der steinernen Ruhbank zwischen zwölf und ein Uhr das Glockenläuten der Dörfer gehört. Kann nichts, bin nichts, komme zu nichts. Straßburg , 15. Januar. Den ersten Akt meines Dramas vollendet. Lese und tue wenig. Die im Lesezimmer der Universität ausliegenden Blätter und Schriften durchfliege ich täglich, mache mir hie und da Auszüge und überzeuge mich von der Jämmerlichkeit der modernen Schriftstellerei. Ich will niemals mitschwimmen, sondern zeugen von dir, du Gekreuzigter! 24. Januar. Habe vorgestern die erste lange Szene des zweiten Aktes vollendet. Gestern band mich eine Erkältung ans Zimmer. Da konnte ich gründlich nachdenken, warum mir das Drama in der jetzigen Gestalt mißfällt. Ganzen Plan ändern! 27. Januar. Gestern ist mir urplötzlich die Idee gekommen: laß die Theologie und wandre zur Philologie hinüber! So überzeugend hat sich mir dieser Gedanke aufgedrängt, daß ich mich wundre, wie alles so rasch gekommen. Denn es war kein Einfall: selten war ich so ernst in meine Studien vertieft wie gegenwärtig. Früher kam mir zwar dieser Gedanke schon oft; aber ich wies ihn zurück, weil ich meinte, es sei nicht Interesse an der Philologie, das mich hintrieb, sondern bloß – Abneigung gegen das Arbeiten in einem bestimmten Fach. Aber ich bin doch ruhiger geworden; ich sehe, daß ich arbeiten kann. Mein Arbeiten deckt sich aber nicht mit meinen theologischen Aufgaben. Meine Beschäftigung – Drama! – paßt nicht zu meinem Studium und nicht zu meinem späteren Amt. Gestern von drei bis fünf las Holtzmann; von drei bis vier war ich dort, dann aber ging ich ins Lesezimmer, las und machte fleißig Auszüge. So hab' ich's schon oft getan: die andren sitzen bei den Professoren oder in der freien Zwischenzeit im theologischen Seminar – ich sitze allein im Lesezimmer. Da drängte sich's mir auf: warum gehst du nicht zur Philologie? – Bin ich morgen oder übermorgen noch dieser Meinung, so schreibe ich nach Hause. 2. Oktober. Ich habe nach Hause geschrieben, Papa um seinen »väterlichen Rat, Erlaubnis und Gutheißung meines Vorhabens« gebeten. Es hat lange gedauert, bis der Brief fertig war, noch länger, bis er fort kam. 2. Februar. Bis jetzt noch kein Brief, weder von Papa noch von Bruder Albert. Papa wird jedenfalls alle Hebel in Bewegung setzen, um mich zurückzubringen. Daß Pfarrer L. dabei mitwirken und mitphilosophieren und dogmatisieren wird, ist mir jetzt schon sicher. Auch Mama wird wehe! wehe! rufen. Ich habe gestern in Biographien von Schiller und Goethe gelesen. Das waren andre Kerle als wir Zwerglein! Damals übersprudelndes Leben – heute alles matt und verschlafen. Zum Henker! Ich würde wild werden, wenn ich nicht selbst solche Schlafmütze wäre! ... Es sind Kriegsgedanken in der Luft: durch alle Studenten und Spießbürger schwirrt das unheimliche Gerede von einem nahe bevorstehenden Krieg mit Frankreich. Schwüle Stimmung überall! Welche Wonne, wenn ich im nächsten Semester aus diesem schmutzigen Schlaf- und Futterstall von Stift herauskomme! Den unerträglichen Anblick dieser langweiligen Theologengesichter los werde! Die für nichts Interesse haben als für das Quantum Theologie, das sie zum Examen brauchen, und für ein Glas Bier nebst nächtlichem Lärmen und Brüllen ... Wahrlich, »selig, wer sich vor der Welt verschließt« – aber »ohne Haß«! Das will ich mir merken. Ich kann oft die Verbitterung, die sich meiner bemächtigt, nicht unterdrücken. 3. Februar. Gestern kam ein Brief von Bruder Albert über den Aufruhr und den Jammer zu Hause, den mein Brief hervorgerufen. Ich war auf Gegenvorstellung gefaßt; aber auf Tränen, Schmerz, Verzweiflung, als ob ich ein verlorener Sohn wäre, nicht im geringsten. Mein Drama habe ich verbrannt und dabei geweint wie ein Kind. Blatt für Blatt! Ein trübseliger Aschenhaufen ist alles, was davon übrigblieb. 5. Februar. Gestern abend traf endlich Papas Brief ein. Er läßt sich auf eigentliche Gegengründe gegen mein Vorhaben, Philologie zu studieren, nur nebenbei zwischen Klammern ein: »Durch Deinen ersten Brief habe ich Dich schon in irgendeinen Dichterklub verstrickt gesehen ohne feste, sichere Lebensstellung (denn Philologe wirst und darfst Du nie werden, der Lebensberuf ist zu trocken, zu aufreibend)« – War Geibel nicht auch Philologe? – Papa rät mir nun, da der Augenblick gekommen, sich energisch für einen bestimmten Beruf zu entscheiden, mich voll und ganz auf die Theologie zu werfen: »Bitte Gott um Kraft und Beistand, Du wirst sicherlich ein guter Pfarrer und wirst Großes leisten.« Als Ideale stellt er mir Huser, Horning, Hermann hin. »Dies ist Dein Lebensberuf, dazu bist Du als Kind von Deinen Eltern bestimmt und dem Herrn geweiht worden, dazu hast Du Deine Gaben erhalten« usw. Wenn ich dennoch weitere Bedenken haben sollte, so solle ich am Samstagabend nach Hause kommen: »wir wollen dann reiflich überlegen und werden gewiß zu einem entscheidenden Entschlusse kommen«. Gut, gut! Wenn eine bloße Unterredung, ein bloßes Überlegen dazu gehörten, dies oder das zu wählen; aber es handelt sich nicht um zwei Äpfel, von denen ich einen wählen soll, es handelt sich um mein ganzes Wesen , um mein inneres Sein , um meine ganze Gedankenwelt . Die wird durch einen Brief, durch Worte, durch Gegengründe nicht verändert: mach' meine innere Welt anders , dann werde ich von selbst äußerlich auch anders handeln ! Literatur, Poesie, mein ganzes geistiges Sein aufgeben? Nie und nimmer! Es wäre geistiger Selbstmord! Nein, Papa, meine Gedankenwelt ist eine ganz andre als die eure – ich glaube kaum, daß ich Pfarrer werde! Gib du, mein treuer Gott, daß ich immer ein Priester im höheren Sinne des Wortes bleibe! Heißt denn »Gott dienen«: ein elsässischer Dorfpfarrer werden? Oder überhaupt Geistlicher werden?! »Gott dienen« heißt, an der Hand der göttlichen Gebote mittels des Evangeliums sich selbst erkennen und richtig stellen, richtig im Verhältnis zu Gott, zu den Menschen, zum eigenen Gewissen. Dies muß jeder Mensch tun. Nun aber, nachdem du dich erkannt, suche deine Neigungen in irdischer Beziehung, deine Individualität , zu klären und auszubilden. Dann erfüllt sich das Wort: » ein Geist, aber mancherlei Gaben«. Ich bin »Gott geweiht worden«, sagt Papa; freilich, aber in obigem Sinne, nicht in dem mittelalterlichen Sinne von »ins Kloster gehen«, oder in dem alttestamentlichen Begriff von »am Tempel dienen«. Der Tempel von heute ist ein geistiger , die Gottgeweihten von heute sind nicht mehr äußerlich »gottgeweiht« als Tempeldiener, Priester, Mönche, sondern sind geistige Priester in unendlich höherem Sinne. Büst , im Lothringer Hochland . 6. März. Wieder in den Ferien, wieder im lieben Hochland! Wie rasch die Zeit verfliegt, wie voller geistiger Arbeit, Gedanken, Pläne! Am letzten Sonntag in Straßburg war ich in Neßlers Oper »Otto der Schütz«. Obwohl mir die Musik stellenweise wenig gefallen, manche lyrische Partien ausgenommen, so begeisterte mich's doch, wie der Komponist wiederholt herausgerufen und mit Lorbeerkränzen und Beifallsrufen überschüttet wurde. Nun bin ich hier im lieben stillen Büst und ruhe mich geistig und körperlich aus von all diesem wirren Treiben der Stadt. So ein friedlicher Sonntag hier, wo wir alle in der Stube sitzen, draußen im Dorf und hier im Hause Ruhe, und auch in jeder Brust ein himmlischer Friede, jedes über seiner geistlichen Lektüre! Im Ofen summt das kochende Wasser, die Hähne im stillsonnigen Dorf krähen, einzelne Vögel singen dem Frühling entgegen, und alle Herzen sind so feierlich, so sonntäglich gestimmt. Wie wohl mir diese Ruhe, diese Erholung und Sammlung tut! Mein Herz kann sich wieder auf sich selber besinnen, kann mitten in diesem friedlichen Kreise bei meinen lieben Großeltern sich klären und stärken zu neuer Arbeit. Ich hatte vor, mein verbranntes Trauerspiel hier wieder anzufangen. Aber alles ist mir hier zu idyllisch, um die Entstehung einer leidenschaftlich glühenden Tragödie zu begünstigen. 7. März. »Naphtali« angefangen! Bei Pfarrer Wagner gewesen, im Walde da unten umhergestreift, genieße die frische Hochlandsluft und das süße Nichtstun in vollen Zügen, lebe kolossal äußerlich und natürlich drauflos, esse gut, schlafe gut und freue mich behaglich meines Daseins. 12. März. Erste Szene des »Naphtali«, bedeutend verändert und hoffentlich verbessert, zu Ende gebracht. Glückauf! Heute, Montag, den 14. März, Anfang der zweiten Szene. Heute nachmittag wohlbehalten nach Schillersdorf zurückgekehrt. Schillersdorf , 19. März. Die Sache ist also entschieden: ich studiere fortan Geschichte und Literatur . Das nächste Semester werde ich nicht, wie ich vorhatte, in Leipzig, sondern noch in Straßburg zubringen. Die Exmatrikulation muß rückgängig gemacht werden. (Im Herbst 1887 ging ich dann auf zwei Semester nach Berlin.) Wollte Gott, daß ich mich nun ganz auf das werfe, was so lange mein Lieblingsstudium war! Daß ich mit einer Wut studiere, denke, sinne, mit einer Energie und Ausdauer, ja fast Einseitigkeit! ... Überall, wo ich hinkomme – Bischheim, Büst, Schillersdorf – Aufregung wegen meiner Umsattelung. »Fritz wird nicht Pfarrer?!« Ungeheure Neuigkeit für unsre kirchlichen Kreise! Und wahrlich, es ist kein kleiner äußerer Bruch mit meiner Umgebung. Jene Kinderzeit voll leidenschaftlich inniger Liebe – wie war sie selig, so selig! O ihr Erinnerungen, ihr Träume! Das schöne, stille Hochland, diese liebe Ecke, all meine Freunde und Bekannte – alle, alle verlassen, und draußen leben und schaffen! Fürwahr, der an sich unbedeutende, aber von meinen Großeltern abergläubisch gedeutete Zufall, daß dort plötzlich mein Bild von der Wand gefallen, hat eine tiefe Bedeutung. O Jugendliebe! ... Einstweilen ist die Losung: schaffen , denken, forschen, sinnen, dichten und wieder schaffen ! Gelesen habe ich fast nichts, die köstlichen » femmes savantes « ausgenommen. Wenn's geht, so bleibe ich stud. theol . und stud. phil . zu gleicher Zeit. Wenn ich nur das Praktische nicht aus den Augen verliere und den Examinibus mit Macht zustrebe! Ich huldige allzusehr einseitiger Ideologie, lebe und atme in höheren Regionen, so daß ich manchen Strauß mit meinem das Praktische betonenden Vater auszufechten habe. Charfreitag 1887. Der stille Todestag des Herrn! Ich bin zum hl. Abendmahl gegangen, habe die stärkende Himmelsspeise genossen und danke Gott und meinem Versöhner dafür. Laß mich immer dein bleiben, Herr Jesu, und bleibe auch du immer bei mir bis an der Welt Ende! Heute morgen war der Himmel trüb und bedeckt; heftiger, trockener Sturmwind; am Nachmittag brach die Sonne durch. Und nun liegt da draußen auf Flur und Wald und Dorf der heiterste, friedlichste, windstillste Frühlingsabend! Das sind die ersten Osterfeiertage, seit langen Jahren, die ich nicht in Büst, sondern zu Hause zubringe. Dieser ruhige Abend, diese stille Abendröte weckt eine tief innere Wehmut in mir. O die alte, schöne Zeit! Jetzt ist Freund Heinrich dort im Hochlandsdorf und steht beim hl. Abendmahl am Altar! Vor einem Jahre sahen meine Großeltern dort mich voll Freude im Pfarr-Rock! Wie ganz anders kommt es nun! Dieser abendliche Charfreitagsfrieden will mir fast bange machen, wieder in die wilden Strömungen der Zeit hinauszutreten. Möcht' ich immer, immer meinen Glauben behalten! Nun werden wohl meine lieben Großeltern und M. (Waldfrau) und Heinrich miteinander spazierengehen oder sich am Fenster des lieblichen Abends erfreuen – wohlgeborgen, räumlich und geistig, in ihrem Dorf und im Frieden des Christentums, wie auf einem Inselparadies, um das fernher die Brandung, die ruhelose Brandung tost. Mir aber summt ein Vers von Martin Greif im Kopf: Sturm, gestillt zu leisem Hauch, Welch ein Abendfrieden! Wär' einst meinem Leben auch Solch ein End' beschieden! Ende des Tagebuchs. Berliner Anfangsjahre Im Herbst 1887 erging sich der elsässische Student auf dem Pflaster Berlins. Er trug den weißen Stürmer der Berliner Studentenverbindung Wingolf, ließ kunstfertig den Couleurstock durch alle fünf Finger radschlagen und gab sich zunächst einmal unbefangen den Eindrücken hin. Das Losungswort jener akademischen Verbindung heißt: »δί ένός πάντα«, durch einen alles. Ich war zur Philologie übergetreten, blieb aber in der Theologie eingeschrieben: ein Zugeständnis an meinen Vater, der an seinem Wunsche festhielt. Mit prächtigen und reinlich denkenden Kameraden ward ein lebenslustiges Wintersemester begonnen. Unsre Kneipe lag irgendwo in Hintersälen der breiten Hauptstraße Unter den Linden. Ich beteiligte mich mit Lust und Liebe am Verbindungstreiben, auch am Fechtunterricht, wobei ich freilich lieber den kleinen Schweizer »Perkêo« gegenüber hatte als den großen und kräftigen Ostfriesen, vor dessen wuchtigen Hieben der Schläger nur so in die Ecke flog. Seit dem Heidelberger Mückenstich schwoll mir das rechte Handgelenk peinlich rasch an; und so gab es auf diesem Felde nicht viel Ehre einzuheimsen. Im übrigen waren hier die deutschen Gaue auf das anregendste vertreten und bereicherten sich wechselseitig. So blieb man in dieser jugendfrischen Lebenslust vor dem Zigeunertum der Literaten bewahrt und hielt gleichwohl alle Sinne offen, immer bereit, aufzuhorchen, sobald ein Klang aus der Welt der Dichtung herüberflog. Die Universität war mir eigentlich nur noch Vorwand, nicht mehr Mittelpunkt meines tiefsten Strebens. Beim alten Zeller wurde Geschichte der Philosophie belegt, bei Dillmann Jesaias; ich hörte Erich Schmidt und Richard M. Meyer, lauschte Treitschkes hinreißendem Pathos, streckte den Kopf in eine anthropologische Vorlesung von Du Bois-Raymond, in ein Schopenhauer-Kolleg von Simmel – und wo ich sonst noch genascht, doch nicht belegt haben mag. Denn nur das Allernotwendigste wurde bezahlt. Die akademische Methode hatte ich in Straßburg kennen gelernt und bin ihr dankbar. Aber sie war mir nur Mittel, nicht Ziel. Daß ich mich gehörig im Lesezimmer, häufig in den Museen herumtrieb, versteht sich von selbst. Und überaus lieb war mir mein sonniges Dachstübchen in der Karlstraße. Das gewährte verheißungsvolle Weitschau auf die oft vom zärtlichsten Abendrot umspielte goldene Siegessäule vor dem Brandenburger Tor. Wie sparsam lebte sich's da oben! Wie listig teilte ich meine paar Vorräte ein! Denn es galt, den Aufenthalt hier in der Weltstadt, fern vom elsässischen Winkel, solange als möglich auszudehnen. Hier mußte doch wohl endlich die Entscheidung fallen: Theologie oder Dichtung? Die Familie meiner Wirte war von tüchtigem altberlinischem Schlag. Der Vater arbeitete als Schmied in einer Fabrik; er trug den Bart nach dem Schnitt des geliebten alten Kaisers. Sie berlinerten miteinander so flink, und ich meinerseits hielt ebenso an meiner süddeutsch gefärbten Aussprache fest, daß wir einander in den ersten Wochen oft gar nicht verstanden. Das tat unsrer Freundschaft keinen Abbruch. Hübsche, brave Kinder gaben einen angenehmen Begriff von diesem alteingesessenen Bürgertum. Jedermann ging fleißig seinem Tagewerk nach, und abends drängten sie sich in der Küche zusammen. Das massige Stadtgebilde, das sich zu meinen Füßen ausdehnte, wuchs aus einer märkischen Residenz in die deutsche Reichshauptstadt empor. Der Odem und Pulsschlag des Stadtlebens trug alle Zeichen dieses raschen Emporstrebens. Man konnte Berlin wachsen sehen, man spürte die wirkenden Energien in allen Poren. Es waren noch nicht die Lebensstrudel der Gegenwart, noch nicht diese eigentümliche Benzinluft, noch nicht die Fülle und Überfülle von Vergnügungsstätten samt rudelweise umherpirschendem Laster. Doch auch in jener Zeit der Weißbierkneipen mußte man sein Arbeitsfeld und seine seelische Kraft fest umgrenzen, um da nicht mitgewirbelt zu werden wie Staub und trockener Pferdedünger. Dieses unaufhörliche Treiben, dieses Aneinandervorübereilen, diese kalte Teilnahmlosigkeit der zahllos die Straßen durchhastenden Menschen trieb einen seelesuchenden Wanderer ganz von selber wieder in die Einsamkeit. Unsäglich viele Leute, viele bewundernswerte Arbeitskraft: und wenig Seele! Aber da war der Kaisergedanke. In dieser Stadt wohnte der Deutsche Kaiser: sein Palast erhob sich der Universität genau gegenüber. Es war rührend, zu beobachten, wie diese Altberliner ein persönliches Gemütsverhältnis zu ihrem greisen König und Kaiser bekundeten. Auch für uns Kommilitonen war immer eine der ersten Fragen: »Hast du den Kaiser schon gesehen?« Also stellte man sich dann beim Aufzug der nahen Hauptwache in die Volksmenge und sang ein »Deutschland über alles« mit empor zu den Fenstern, wenn dort das gütig vornehme Gesicht des Monarchen auftauchte. Wir gewannen das historische Eckfenster lieb und den Mann dazu, der dort drinnen den Reichsgedanken vertrat. Ein halbes Jahr später, als er im Sterben lag, hielt auch ich lange Stunden und die halbe Nacht in der stummen, dichtgepreßten Menschenmasse aus, bis die Trauernachricht von Mund zu Mund flog. Meine Wirtsleute weinten bitterlich. In jener letzten Nacht sah ich auch einmal Bismarcks großen Schattenriß. Es war eine schwere, naßkalte Stimmung. Kronprinz Friedrich selber todkrank! Wir Studenten, in Vollwichs, bildeten am eisigen Begräbnistage an ebenderselben Stelle vor dem nun verhängten Fenster Spalier, als der majestätische Leichenzug westwärts vorüberzog. Unvergeßliche reichsdeutsche Eindrücke! Sie ließen an edler Größe alles hinter sich zurück, was mir der südwestdeutsche Winkel bis jetzt gespendet hatte. Mochten auch die Wasser der Spree trüb und träge stillzustehen scheinen; mochten für den Waldsohn die gebirgslosen Horizonte schwer zu ertragen sein: man hatte doch seine tiefe Freude an den Reizen der Mark. Diese Kiefernlandschaften mit den fernen feinen Sonnenuntergängen und den einsamen Waldseen waren etwas unbedingt Neues.   Nun aber verlangte das Literaturproblem Lösung. Ein junger Mann, der was taugt, ist von der Christophorus-Stimmung besessen, nur dem Stärksten dienen zu wollen. Wenn nicht einem großen Menschen, so doch einer großen und würdigen Idee. Mit diesem hohen Begriff sah auch ich mich in der Literatur um. Aufgerüttelt hatte mich Bleibtreus Schrift »Die Revolution der Literatur«. Ich widersprach ihr zwar oft ingrimmig, aber in dieser stürmischen Rede glühte Heroismus. Da war etwas vom Tatzengriff des Genies. Es arbeitete in mir, ließ mir keine Ruhe. Feder her: ich schrieb an Bleibtreu! Karl Bleibtreu wohnte damals im nahen Charlottenburg. Mein Brief verschwand nicht im Papierkorb. »Vortrefflich!« war seine Antwort (November 1887): »Ich unterschreibe all Ihre geistvoll ausgedrückten und klar erkannten Anschauungen. Diese Anschauung vertrete ich aber bisher leider ganz allein, was Ihnen durch Leκtüre aller einschlägigen Werκe bekannt werden dürfte. Schwer ist's, wie Sie wünschen, einzelne Werke zu nennen. Ich empfehle Ihnen in erster Linie ›Die Verkommenen‹ von Kretzer und meine Novellen ›Schlechte Gesellschaft‹, überhaupt die Werke der beiden eben Genannten. Die meinen erstrecken sich freilich auf alle Gebiete, und mehreres davon steht mit dem System des sogenannten Realismus in gar keinem Zusammenhang. Irre ich nicht sehr, so dürfte mein Ende November erscheinender dreibändiger Roman ›Größenwahn‹ Ihnen manches bieten, was Sie bisher vermißt haben. Es würde mich ungemein freuen, falls Sie mir sofort nach Lektüre desselben Ihre Eindrücke spezifizieren wollen. Mit bestem Dank für das bewiesene Vertrauen bin ich Ihr ganz ergebener Karl Bleibtreu .« Damit war die Verbindung mit der lebendigen Literatur hergestellt. Bleibtreu veröffentlichte, ohne meinen Namen zu nennen, nur als »Stimme aus dem Publikum«, ein Stück aus meinem Brief im Vorwort zu seinem »Größenwahn«. Daß er den Zukunftsdichter, den er hier schildert, zugleich Friedrich Leonhart nannte, war mir eine überraschende Ermunterung. Er läßt seinen Helden kämpfen gegen den Zeitgeist, äußerlich unterliegen, geistig aber zuletzt den Sieg behalten. Ich hatte im einzelnen künstlerische Bedenken gegen den Roman, war aber doch von dem Zug des Ganzen ergriffen. Das abgedruckte Stück meines Briefes, in Bleibtreus Vorwort, bezeugt in jedem Satz, daß ich aus der Theologie kam. »Was die Propheten dem alttestamentarischen Verheißungsvolk waren« – so heißt es da –, »das müssen unsre wahren Dichter sein. Wie es dort Lügenpropheten gibt, gibt es bei uns Lügendichter. Alle Sensationsfabrikanten, alle sentimentalen Liederdrechsler, alle Verherrlicher der Sinnlichkeit, das heißt der bloßen Erscheinungswelt, alle Blaustrümpfelei mit ihrer übertünchten Alltagssittlichkeit – nenne ich Lügenpropheten. Nur wer im Ewigen webt und atmet, wem alle Erscheinungsformen nur Symbole sind, wer alles Sinnliche aufs Ewige bezieht und im Zeitlichen als solchen keinen Frieden findet – nur dessen Weltanschauung ist eine dichterische. Eine ernste Kunst ist die Poesie, ernst und groß wie das Christentum. Lange genug haben wir eine heidnisch-griechisch-antike Ästhetik und Poesie gehabt. Zeit ist's, daß wir endlich eine christlich-germanischmoderne Dichtung bekommen. Der Realismus ist nicht eine Partei, nicht eine Schule – was der wahre Realismus will, ist ewig. Es ist ein totaler Umschwung in unsern bisherigen Anschauungen, der sich hier vorbereitet. Die antike Ästhetik mit ihrem Schön und Häßlich ist nichts; auf den ewigen Gesichtspunkt, von dem aus man alles auffaßt, kommt alles an.« Das war der Ton, mit dem ich von der Religion her in die deutsche Dichtung einzudringen suchte. Karl Bleibtreu sitzt heute ziemlich bitter in der Schweiz; sein glutvoll in die Literatur eintretender Geist ist trotz zahllosen Arbeiten nur in den Schlachtenbildern durchgedrungen. Mir ziemt kein Urteil über sein Künstlertum; doch sein Verleger-Mißgeschick darf man feststellen. In seiner Großzügigkeit war Heroenstimmung eines Byron, eines Carlyle und Schopenhauer gärend lebendig; er blieb mehr Temperament als Gestalter. Ihn fesselten Genies wie Napoleon, Cromwell, Friedrich der Große; ja, Buddhismus und Theosophie tauchten zuletzt in seinem weiten Gesichtsfeld auf. Die englische Leidenschaftsdichtung um Shakespeare und Byron lag ihm näher als die Verstandeskunst der geschmackvoll abgeklärten Franzosen. Vom Genie sprach er oft; Genie spürte er mit Recht in sich selber. Wenn er den Messias der deutschen Dichtung ankündigte, so glitt ihm das Gefühl in die Feder, daß er selber dieser Messias sei. Er verachtete das Literatengeschmeiß unsäglich; um seine Lippen war immer ein Zug der Verachtung; und doch tauchte seine stämmige, kaum mittelgroße Gestalt immer wieder in den Berliner Literaturcafés auf, wo man den vollbärtigen Mann mit den deutschen Blauaugen oft recht rücksichtslos schimpfen hörte – auf Juden und Christen, was ihm gerade in den Wurf kam. Rasch fiel mir an diesem Dichter ein zwiespältiger Zug auf. Heroismus und männlichen Trotz im Munde und gewiß auch im Herzen – und doch wieder diese Teilnahme am Berliner Kneipen- und Kaffeehaustreiben? Er verachtet das Gesindel – setzt sich aber doch zu ihm und kann vom Kleinkampf nicht loskommen? Er verehrt Napoleon und alles Geniale – schätzt aber auch den Grobnaturalisten Zola als einen Großen und schreibt Kellnerinnen-Novellen? Die Naturalisten schauten und malten, Bleibtreu dachte und trotzte: wo aber blieben dort und hier die Innigkeit und Erschütterung des liebenden Erlebnisses, diese Kernkraft aller Dichtung? Hat nicht einst Klopstock eben dadurch die edelsten Herzen gewonnen? Ich blieb auf meiner Dachkammer. Mein eigenes Programm formte sich unter dem Titel »Reformation der Literatur«, offenbar in Anlehnung an Bleitreu, zugleich aber in milderndem Gegensatz zu dessen Schrift. Bleibtreu las die Blätter in Handschrift, gab sie befürwortend an Wilhelm Friedrich, und dieser veröffentlichte die Gedanken im Sommer 1888 in der Zeitschrift jener Stürmer und Dränger: in der von M. G. Conrad und Karl Bleibtreu geleiteten »Gesellschaft«. Es war, in allem betonten Realismus, ein religiöser Ton, mit dem ich in die Literatur eintrat. Eins ist not! »Ein religiöses Moment ist es, das sich von nun an in der Poesie geltend machen wird ... der Geist des Christentums wird neue Jünger zeugen, wird sich andre Priester erküren und andre Tonarten als das abgeleierte Kanzelpathos. Seid bereit, ihr Poeten von Gottes Gnaden!« Gleichzeitig mit diesem ästhetischen Programm erschien mein Erstlingsdrama »Naphtali«, der Auszug aus Ägypten, dieses Schmerzenskind meiner theologisch belasteten Muse. Naphtali ist ein junger Ebräer, der über der sinnlichen Lust zu einer Ägypterin den Auszug seines Volkes nach Kanaan versäumt, zwischen zwei Völker gerät und sich verzweifelnd ins Rote Meer stürzt. Wieder war Bleibtreu der erste, der sich dazu äußerte (Juli 1888): »Ich sage Ihnen besten Dank für Ihren geistvollen Brief, noch mehr aber für Ihr hochbedeutendes Drama, das ich sofort las. Ich werde es geeigneter Hand zur Besprechung geben und habe dies bereits dem Betreffenden aufgetragen. Da Sie, wie Sie schreiben, Berlin verlassen, so spreche ich den Wunsch aus, daß es Ihnen vergönnt sein möge, sich auf der Bahn Ihres prächtigen Erstlings fortzuentwickeln, und daß ich auch später von Ihnen hören werde. Mit aufrichtiger Wertschätzung Ihr ergebener Karl Bleibtreu .« So war mein Eintritt in die Literatur nach jeder Richtung hin vollzogen: programmatisch und schöpferisch. Und zwar im Zeichen des großgestimmten Anregers Bleibtreu, dessen ich dankbar gedenke. Das Weltwesen um mich her mutete mich immer fremder an. Wenn ich abends aus meiner Kammer in die dicke Luft der vollen Straßen hinaustrat: was für Gesichter waren denn dies?! Sie hatten alle einen sonderbar fremdartigen Einschlag von Spöttelei; den spähenden Zügen schien alles Gemüt zu fehlen. Sie flegelten sich in Kaffeehäusern äußerst lässig auf Sofas herum; sie witzelten in den Pausen der Theateraufführungen; sie schienen sich mit zuckenden Mundwinkeln und blinzelnden Augen immer über irgendetwas lustig zu machen. Über was denn wohl? Und über wen? Über mich etwa und mein Provinzlertum? Sollte dieser piffige oder lüsterne Zug Überlegenheit und Lebensklugheit vortäuschen? Die Witze und Gespräche, die man an geselligen Tischen belauschte, drehten sich um Weiber, Honorare, Theater, Konzert, Geldverdienen, Geschäft und immer wieder Geschäft. Es war ihnen nichts heilig. Auch die Kunst war hier Geschäft. In meinem unberuhigten Herzen war eine Glut, die in Briefen und dichterischen Blättern nur unvollkommenen Ausdruck fand. Sobald die erste Genugtuung über die erweiterten Lebensgrenzen und das erste Entzücken an den großen und neuen Eindrücken verrauscht waren, sah ich mich einer erschütternden Tragik ausgesetzt. Dieses Berlin der Emporkömmlinge, das von Literaten und Geschäftsleuten wimmelte, war dies die Welt, die ich zu suchen ausgezogen war? Um dieser Welt willen lohnte sich wahrlich nicht der schwere Bruch mit den seelischen Reichtümern und ehrwürdigen Überlieferungen des Elternhauses! Über meine persönlichen Stimmungen in jenen ersten Berliner Jahren geben Briefe an meinen elsässischen Jugendfreund Heinrich Peter getreue Anschauung. Berlin , 9. Januar 1888. Lieber Heinrich! Da ich von meinem vielen Arbeiten, Denken, Sinnen, Budesitzen, Lesezimmerhocken gänzlich abgeklappt und fertig bin, benutze ich die wenige Produktionskraft, die mir noch geblieben, um Dir, Du lieber Vernachlässigter, wieder einmal ein kleines Lebenszeichen zukommen zu lassen. Über mein Treiben allhier in der Weltstadt ist nicht Multa, wohl aber Multum zu berichten. Nicht in Berlin lebe ich, sondern in – ja, was weiß ich? In einer andern, unterirdischen Welt. Ein Gedicht vom 19. November, Punkt Mitternacht entstanden, als ich am Fenster lehnte und über die lampenerhellte und sternenbeschienene Riesenstadt blickte, wird Dir meine jetzige Stimmung klarlegen. Ich aber – eure Weisheit lass' ich euch Und ziehe stolz in meine Innenwelt Als König ein, zum Dichter feierlich Gekrönet mit dem Dornkranz der Entsagung. Allein mit mir, allein in meinem Reich! O weiser Pöbel, der da unten sich Im Straßennetz der Weltstadt fiebernd abmüht, Du ahnst nicht, daß der blasse Sonderling, Der droben am Mansardenfenster lehnt, Sich reicher weiß als all die Börsenhelden, Die breit und protzig sich in Kutschen dehnen. Nur zu! Da draußen ist ein stilles Feld, Bauplätze für die Ewigkeit sind dort Zu mieten – oh! Bescheid'ne Plätzchen sind's, Für manch bequemen Fettwanst gar zu eng Und unbehaglich! Toller Tor! Wenn nun Die Würmer dein gemästet Fleisch verzehrt, Was bleibt – so sag' uns doch! – was bleibt von dir? Ich aber – mein Besitz bleibt ewig! Denn Mein Königreich ist nicht von dieser Welt ... Dies meine Grundstimmung. Ich bin am glücklichsten, wenn ich in dieser meiner Innenwelt lebe, das Haupt im Himmel, die Füße auf Erden. Ich habe hier Freunde gefunden, die mich verstehen. N., für Theologie, Philosophie und Poesie sehr begeistert, ein idealer, innerlich gereifter Mensch, nur leider in seinen Anschauungen von der Person Christi ziemlich zum Negativen neigend) ich bin aber auch hierin in meiner Auffassung und Beurteilung milder und weitherziger geworden. Ferner ein cand. phil., Einjähriger, der ein glänzendes Staatsexamen hinter sich hat, ein ruhiger, gleichmütiger, für Literatur sehr interessierter Kerl, besucht mich fast allabendlich, allwo wir – oder vielmehr ich ihm: du kennst ja das geringe geistige Leben eines Einjährigen! – neueste Gedanken und Geschichten austauschen. Auch ein Freund N.s ist mit mir bekannt geworden, hat mich zu seinem Geburtstag nach Steglitz eingeladen, pfuscht gleichfalls den Schriftstellern ins Handwerk. Fühle mich – ohne Eitelkeit! – ihnen allen jedoch in meiner gesamten ethischen und ästhetischen Weltanschauung unendlich überlegen. Auch mit vielen andern läßt sich über geistige Dinge, Soziales, Politisches sehr anregend plaudern, so daß ein geistiger Zug verklärend über diesem Verbindungsleben ruht. Was soll ich von meinem Innenleben erzählen? Ich wüßte kein Ende zu finden. Wie gewachsen bin ich in diesem Semester, hier, wo man sich allen literarischen und sonstigen Ereignissen so nahe fühlt! Hier, wo ich weiß, jeder der Vorübergehenden könnte irgendein berühmter Mann sein: Wildenbruch, Freytag, Bleibtreu usw.! Alle fast wohnen hier in Berlin. Das reißt einen so mitten ins Leben hinein; alles, was ich lese, wird mir so unmittelbar! Zwar verkehre ich mit keinem von ihnen, weder brieflich noch persönlich; auch Bleibtreu habe ich bis jetzt außer jenem einen Male nicht geschrieben. Was soll ich schreiben, wo alle Bände Papier nicht ausreichen, diese wogende Gedankenwelt da drinnen niederzuschreiben?! Wieviel Pläne zu Novellen, Dramen, einem Roman und einem Epos liegen bereit! Hätt' ich aber nur Zeit, Kraft, Talent, Ausdauer – Geld!! Was ich in diesem Semester geschrieben – ich sage Dir's nicht. Ist ja doch alles erfolglos. Auf gedruckte Werkchen warte nur nicht! Erst einen Verleger finden – aber die Jämmerlichkeit unsrer literarischen Geschäfte ist ohne Grenzen. Könnt' ich, ja, könnt' ich euch allen, meinen Verwandten und Bekannten, meinem Vater vor allem, ein gedrucktes Werk – gleichviel ob gut oder schlecht – vorlegen und mich damit als zum Dichter und Schriftsteller bestimmt ausweisen! Aber es soll eben nicht sein. Da liegen meine Fragmente und Pläne und Splittergedanken und Trümmerwerke zerschellt am Strande. Und ich suche immer wieder nach neuen und besseren Schiffen, um ins unbekannte Land der neuen, großen, weltbefreienden Dichtung zu gelangen. Theologie habe ich nichts, nicht einen Pfifferling getan. Alle Kollegs geschwänzt, mich kaum als Student gefühlt. Hier oben in meinem Zimmerchen saß ich, in Büchern und Papieren und meiner Gedankenwelt, oder ging einsam durch die Straßen und besah mir die Menschen und ihr Treiben und machte meine verächtlichen Glossen. Aber mutlos, ziellos, unsicher bin ich nicht. Was festes Amt, was Frauenliebe und Winkelglück? Auch die Riesengestalt des Heilandes hatte nicht, wohin er sein Haupt legte. Wenn uns nur unsre Innenwelt treu bleibt, die ewige Welt da drinnen, und die Liebe zur gesamten Menschheit und ihren Leiden! Auf die Ausbildung der eignen Persönlichkeit kommt es an. Wir müssen allem Winkelglück entsagen, um uns der gesamten Menschheit opfern zu können. Was hab' ich von schönen Geschichten, spannenden Romanen, netten Gedichten! Auf den ewigen Geist , der alles durchweht, was durch eine solche ausgebildete, priesterliche Dichterpersönlichkeit berührt wird, auf das kommt's an! Gib acht, Heinrich, was ich einst sagte: die Religion muß eine Heirat mit der Poesie eingehen . Es wird sich erfüllen! Bitte du Gott, daß dein Freund die Anfänge dieser neuen Literatur erlebe – ja, vielleicht auch ein bißchen mitwirke! Verzeih den flüchtigen Brief, Lieber! Grüße die Freunde! Dein F. Man wird diesen ältesten mir erhaltenen Berliner Studentenbrief gewiß jugendlich-unreif finden, das ist ja selbstverständlich. Aber anderseits: wie scharf ausgeprägt, ja trotzig, tritt hier bereits eine meiner Grundanschauungen völlig fertig in die Erscheinung! Der Zeitgeist hatte vor dreißig Fahren eine andre Grundanschauung. Der Zeitgeist sagte: die Naturwissenschaft muß mit der Poesie eine Heirat eingehen – nicht die Religion; ja, die Wissenschaft muß die Religion geradezu ersetzen . Mit alledem aber war ich selbst in der Lage meines »Naphtali«: nicht mehr in meiner verlassenen Welt der Überlieferung und noch nicht in neuen Formen des Seelenfriedens. Das Stück erregte im Elsaß, wo es zu Pfingsten ankam, bedenkliches Kopfschütteln; auch bei meinem Vater, der im übrigen den ernsten Grundton nicht überhörte. Die Veröffentlichung hatte nicht genügt, meinen Beruf zum Dichter oder Schriftsteller zu erweisen. Und ich selbst war von meiner Begabung keineswegs überzeugt. Im Vorwort versichert der Anfänger, daß er von der Revolution der Literatur bei Niederschrift dieses Erstlingswerks noch wenig vernommen habe. »Nur das eine revolutionäre Element beherrschte mich von jeher(!), ein angeborener Widerwille gegen Pathos und Schönrederei, Jambenpoesie und Theaterphrasen.« Götz und die Räuber – wird weiter versichert – waren »mir von jeher teurer als selbst ein Tasso oder überhaupt eins der tadelfreien klassischen Kunstwerke«. Den Tadel, daß im »Naphtali« die Theatersprache verletzt sei, höre der Verfasser lieber, als wenn ihm »Halmsche Jambenglätte nachgerühmt würde«. Man liest derlei in späteren Jahren nicht ohne Lächeln. Aber der Schluß des unreifen Ergusses war immerhin bemerkenswert: »Man sage jedoch nicht, Stoff und Konflikt sei fern hergeholt – o nein! Greift nur in euer eigen Herz: ihr werdet finden, daß er gar zu nahe liegt!« Hier schon war ich bestrebt, wie auch später und wie in meiner Lebensgestaltung, das persönliche Schicksal erweiternd zu verflechten mit dem Gesamtschicksal der Gemeinschaft: neben Naphtali steht Moses und seine Sendung. Das erkannte und lobte mein erster Kritiker, Conrad Alberti, der das Jugendwerk in der »Gesellschaft« anzeigte: »... Mit einer Kunst, wie sie nur ernsten dichterischen Talenten gegeben ist, hat Herr L. eins der schwierigsten dichterischen Probleme gelöst, welche Aufgaben dieser Art bieten: das Ineinanderweben der großen geschichtlichen Aktion und der individuellen Schicksale des Helden... Diese Klippe, an welcher so viele erfahrene Meister oft genug gescheitert sind – z. B. Wildenbruch im »Fürsten von Verona« – hat unser junger Dichter mit einer verblüffenden Fertigkeit umschifft. Die Charakteristik ist zum Teil meisterlich, die Gegenüberstellung der echt jüdischen nervösen Unbotmäßigkeit Naphtalis und der göttlichen Erhabenheit des großen Propheten äußerst glücklich, und die Sprache erhebt sich nicht selten zu weihevoller und stürmischer Kraft, namentlich in den letzten Akten, welche hoch über den etwas matten ersten stehen. Eine markige Wucht liegt in den Straßenszenen.« Noch ein paar anerkennende Besprechungen da und dort flossen spärlich – und damit war die Sache erledigt. In meiner Studentenverbindung erhielt ich fortan den Kneipnamen Naphtali und, nach Jugendweise, fast noch mehr Neckerei als Anerkennung. Übrigens war inzwischen ein zweiter deutscher Dichter in meinen Gesichtskreis getreten: Ernst von Wildenbruch. Und zwar unter für ihn sehr bezeichnenden Umständen. Wir Studenten führten im Vittoriatheater ein Lutherfestspiel auf; der erste Akt erregte Anstoß und wurde von der Zensur verboten. Was nun? Alles ist eingedrillt, die Öffentlichkeit bearbeitet, ein Komitee und mehrere hundert junge Menschen längst an der Arbeit – die Sache durfte nicht ins Wasser fallen. Also einen neuen ersten Akt her! Wer schreibt uns den? Natürlich Wildenbruch! Einige unsrer Komiteemitglieder fahren hinaus, legen ihm den verzweifelten Fall und das Trümpelmannsche Buch vor; er fängt sofort Feuer, bittet die Herren, zu warten oder nach kurzer Zeit wiederzukommen – und wirft einen ersten Akt zu Papier, der wirklich Hand und Fuß hatte. Gleich in den nächsten Tagen hatten wir Ausschußmitglieder nebst einigen Professoren erst oben im Foyer Sitzung über die Sache und statteten dem anwesenden Wildenbruch unsern Dank ab. Dann führten wir ihn hinunter auf die Bühne, wo die Masse der Studenten und mitspielenden Damen versammelt war. Einen Stuhl auf den Tisch, den Dichter mit kräftigen Armen hinaufgeschwungen – und da thronte nun Wildenbruch und las den Versammelten in seiner ungelenk-stürmischen Art den neuen ersten Aufzug vor. Die dröhnende Begeisterung läßt sich denken!   Das zweite Berliner Semester ging zu Ende. Die qualvolle Stunde nahte, wo ich zurück sollte in heimische Enge! In Staatsexamen und bürgerlichen Beruf! So erklärt sich ein andrer Brief, der dieses Seelenbild abrunden möge. Berlin , Juli 1888. Lieber Heinrich! Über Naphtali will ich nicht mehr schreiben. Ich kenne seine großen Schwächen, seine Unreife, seine ungeschickten Ausdrücke. Ein Jugendwerk, ein Machwerk, eine Scharteke, nicht wert, daß man auch nur das Titelblatt lese! Lassen wir ihn in den Orkus der literarischen Mißgeburten und halbreifen Embryonen auf immer versinken! Auf! Nach Neuerem, nach Größerem! Oder vielmehr – fort mit allem! Talent hab' ich nicht, weder Lust noch Kraft, etwas zu schaffen! Ein ödes, tatenloses Siechen und Sumpfen vom Frühschoppen bis zum späten Kaffee im Café Bauer um ein oder zwei Uhr morgens ist mein verächtlich Tagewerk. Es liegt wie ein Bann über mir, den ich nicht zu brechen vermag. In Gesellschaft komme ich nicht, mit Damen verkehrt man nicht – ich meine: anständigen, feingebildeten Damen der höheren Gesellschaft –, jeder Besuch stürzt mich in Aufregung, Beklemmung, innere Befangenheit. Es ist mir, als preßte man mir bei solchen Fällen beide Lungenflügel zusammen, als müßt' ich mich mit plötzlichem Ruck aus dieser Beklemmung aufreihen, müßte tief aufatmen! Ich bin eben zu sehr Gefühlsmensch, um ein gewandter Gesellschafter zu sein. Und nun, wie Du mit Recht mahnst, mich losreißen, mich auf eigne Füße stellen, energisch überall verkehren – als Journalist?! Ich habe keine Erfahrung, keine Gewandtheit, keine Energie. Als weichlicher Träumer und schlafmütziger Gefühlsmensch schlendre ich in den Straßen umher. Ewig in einem Halbschlaf! Gott besser's! Das Ganze wird wohl mit einer Lungenschwindsucht oder ähnlichem enden – freu' Dich, Lieber, so können wir zusammen sterben! Meine »Reformation der Literatur« nimmt sich allerdings sehr einsiedlerisch aus neben dem Materialismus der meisten übrigen Mitarbeiter der »Gesellschaft«. Ich selbst wundre mich ungemein, daß Bleibtreu mir die Veröffentlichung angeboten. Mit den »Jüngsten« habe ich nicht die geringste Gemeinschaft. Im Gegenteil! Allein bin ich herangewachsen, allein wandre ich weiter – ja so! ich will ja jetzt Pfarrer werden! Aber wie richtig siehst Du ein: »Ich glaube, wenn Du auch jetzt Deine poetische Gedankenwelt in Stücke schlügst, früher oder später wirst Du doch wieder die Trümmer zusammensuchen und Dir eine neue Welt aufbauen.« Ich fürchte das nur zu sehr! Lege doch, lieber Heinrich, den Gedanken, daß ich mich ganz und gar der Literatur – nur den Professor laß fort! – widmen müßte, meinem Vater nahe ! Du tust mir einen großen Dienst damit. Offen gestanden: ich denke gar nicht, kann nicht an Amt und Pfarrer und dergleichen denken! Ich hoffe vielmehr im Laufe des Winters wieder irgend etwas fertig zu machen, wohl ein Drama, und dann wieder vor Papa, vor mich selber und vor das Publikum zu treten: »Bin ich ein Dichter?!« Ich lese eben Bleibtreus »Größenwahn«. Großartig! Der Dichter, den er darin als den erwarteten »Messias« dieser Zeit schildert, heißt Friedrich Leonhart – eine Ähnlichkeit mit meinem Namen, der in mir bittre Wehmut über mein eignes, zerbröckelndes Dichten hervorruft. Leb' wohl, Lieber! Lassen wir den großen Weltenlauf über uns Zwerge hinrollen! Ob der kleine Lienhard 'was wird oder als verkümmerte Alltagspflanze dahinwelkt – gleichviel! Es muß alles geschehen, wie es geschieht. Gott mit Dir und mit mir! In vier Wochen bin ich zu Hause. Dein F. Aber so knirschend und kummervoll dieser Brief auch klang ich war bereits viel zu sehr mit dem Literaturleben verfilzt und verflochten, als daß ich mich gänzlich hätte lösen können. Aus den Lutherfestspielen war ein Akademisch-dramatischer Verein hervorgegangen, mit dem ich Fühlung hatte, wenn ich mich auch nicht selber betätigte. Ich erinnere mich da noch an allerlei lebenslustige und kunsthungrige Gesellen; die Namen und Menschen Rauch, Huth, Grothe, Eichholz sind mir im Gedächtnis geblieben. Der erste leitet jetzt ein hübsches kleines Theater in Wiesbaden; der zweite wurde zu Leipzig ein nicht unbedeutender Charakterspieler und begegnete mir später wieder in meinem dort aufgeführten »König Arthur«; der dritte erwarb sich einen Ruf als Weltreisender; der vierte ist irgendwo ein höherer Jurist, zu dem er damals schon als »Kardinal Cajetan« mit ätzend scharfer Stimme Anlage verriet. Und endlich der Lutherdarsteller selber, Hugo Euler, jetzt Rektor in Berlin, wurde mir ein lieber treuer Freund, mit dem ich hernach im Riesengebirge, auf dem Rennstieg, in Norwegen wanderte, und mit dem sich's vortrefflich plaudern und schweigen läßt. Der literarische Hintergrund, vor dem sich das Erzählte abspielte, war damals bedeutsam genug. Wenige Monate vor meiner Ankunft in Berlin war ein kaum dreißigjähriger Privatdozent dort hinweggestorben, der mir wichtig hätte werden können: Heinrich von Stein. Er war ein Idealist aus dem Bayreuther Kreise, hatte Richard Wagners Sohn vorübergehend erzogen, mit Nietzsche, Gobineau, Malwida von Meysenbug persönliche Beziehungen gehabt. Er stand sehr einsam im zolaistischen Naturalismus Berlins; ein Herzschlag raffte den überarbeiteten schlanken blonden Mann dahin; er starb in einem Krankenhaus, buchstäblich so einsam, wie er dort gelebt hatte; denn auch die Krankenschwester hatte gerade das Zimmer verlassen. Er hatte vom Katheder aus ohne Widerhall gegen den Zeitgeist gerungen. Ich wußte damals nichts von dem Dasein dieses philosophisch und dichterisch gestimmten Geistes; als ich ihn später entdeckte, setzte ich sein Bildnis und eine ausführliche Charakterskizze an die Spitze meiner »Wege nach Weimar«. Unmittelbar nach ihm, in jenem ersten Winter, den ich in Berlin verbrachte, glitt fernab in den Hochalpen Friedrich Nietzsche, ebenso unbeachtet wie der spröde Stein, in den Wahnsinn über. Ein merkwürdiges Jahrzehnt, jene achtziger Jahre! Hintereinander starben bedeutende Vertreter der idealistischen Weltanschauung dahin, gleichsam als ob sie keinen Sauerstoff mehr fänden in der beklemmenden Luft: Wagner, Liszt, Gobineau, Carlyle, Emerson – alle sind innerhalb weniger Jahre gestorben. Dadurch war eine geistige Entwicklungslinie beendet, die niemand bei uns aufnahm, da nun vielmehr von allen Seiten der Naturalismus eines Zola und die vernünftelnde Gesellschaftskritik eines Ibsen in den deutschen Literaturgeist einzogen. An die genannten idealistischen Großen, auch an Stein und an manche Forderung Nietzsches hätte ich mich angliedern und ihr Werk fortsetzen können. Aber mit dem nun einsetzenden Klein-Naturalismus und mit dem sozialen Moralismus Fühlung zu gewinnen, wurde mir grauenhaft schwer. Mein Wesen war nicht auf Kritik und Zergliederung angelegt. Da war es mir oft, als wenn mir jemand tatsächlich – wie es in einem der hier mitgeteilten Briefe heißt – beide Lungenflügel zusammenpreßte. Ich war gewohnt, in Wäldern und Bergen, auf Hügeln und Äckern oder in kosmischen Nächten Atem zu holen, nicht in Spelunken der Entartung – nicht in Hauptmanns »Vor Sonnenaufgang« noch in Ibsens »Gespenstern«. Dies waren die beiden wirksamen Stücke, die nun der von Berlin ausgehenden neuen Dichtung auf Jahrzehnte hinaus das Gepräge gaben. Ich erlebte sie nicht mehr mit. Denn im Spätsommer 1888 verließ ich Berlin, um noch einmal ein ratloses Semester in Straßburg zu verbringen, leidenschaftlich beschäftigt mit neuen dichterischen Plänen. In jenen Jahren vollzog sich ein bemerkenswerter literarischer Wettkampf. Der Verleger der sogenannten »Jüngstdeutschen« um Bleibtreu und Conrad war Wilhelm Friedrich in Leipzig; ihm trat gegenüber der Verleger Samuel Fischer in Berlin. Bei Friedrich erschien die »Gesellschaft«; bei Fischer die »Freie Bühne«. Gründer und Leiter dieser Wochenschrift war gleichfalls ein Anfänger wie Fischer: der kluge und umsichtige Otto Brahm. Dieser gründete mit einigen andern Gesinnungsgenossen, um naturalistische Werke durchzusetzen, gleichzeitig eine Freie Bühne, nach der er dann seine Zeitschrift benannte. Die Berliner Aufführung der »Gespenster« (1889) erregte Aufsehen und Aufregung; sie drang siegreich durch. Noch lärmender und widerspruchsvoller ging die Aufführung des Hauptmannschen Verfallsbildes »Vor Sonnenaufgang« an den Berliner Kunstfreunden vorüber; aber auch hier siegte der Naturalismus. Es begann damit jene Reihe von Erstaufführungen, die für das Berlin der neunziger Jahre bezeichnende gesellschaftliche Ereignisse wurden: wobei nicht nur mit Händen und Kehlkopf, sondern auch mit Hausschlüsselpfiffen gearbeitet wurde. Ich habe, als ich 1890 nach Berlin zurückgekehrt war, manche Theaterschlacht dieser Art miterlebt. Dieser Freien Bühne gegenüber versuchten die um Bleibtreu eine »Deutsche Bühne« hochzubringen. Es war ein harmloses und ohnmächtiges Unternehmen. Hier stand auch mein »Naphtali« auf dem Programm; aber er kam nicht zur Aufführung. Das Stück versäumte ebenso den Anschluß wie der Held an das Volk Israel. Denn die deutsche Bühne verkrachte nach einigen Aufführungen, die freie Bühne blieb. S. Fischer gedieh zu seinem heutigen Ansehen; W. Friedrich machte nach einigen Jahren Bankrott. Ein ungemein reizvolles Schauspiel! Der Heroismus geriet unter die Räder des Naturalismus. Denn jener war unreif, dieser aber besaß Kunst. Die sogenannte »deutsche« Bühne hatte mit Bleibtreus Napoleondrama begonnen, eine Stoffwahl, die bewies, daß man das Deutsche noch nicht kräftig und rein herauszuarbeiten wußte – so wenig wie ich mit meinem altägyptischen Naphtali. Die Freie Bühne ihrerseits war ganz auf Nahblick eingestellt; sie begann mit keinem Geniekultus, sondern mit der genauen Schilderung eines gegenwärtigen Entartungszustandes. Die Leute der Deutschen Bühne waren nicht alle frei von Antisemitismus, der in den Zeiten eines Stöcker und Dühring eine vernehmliche Stimme hatte; die Führer der Freien Bühne aber waren Israeliten. Letztere siegten; jene andern gerieten bedeutungslos in den Hintergrund. Dieser eigenartige Vorgang im Berliner Geistesleben blieb nicht auf die Literatur beschränkt. Wir erlebten gleichzeitig in der Politik die Entlassung Bismarcks. Immer mächtiger aber schwollen Liberalismus, Demokratie und Sozialdemokratie empor und gaben der Reichshauptstadt die bezeichnende rote Parteifarbe. Diese Massen beherrschten den Berliner Lebenston; das Genie Bismarck saß grollend abseits im Sachsenwald. Aber auch in mir wühlte der demokratische Zeitgeist. Ich verbrachte den Winter 1888/89 noch einmal im Straßburger Thomasstift unter lauter Theologen, nunmehr aber Ketzer durch und durch; denn auf meinem Pult lag die Handschrift einer sozialen Tragödie »Weltrevolution«. Und gleichzeitig suchte ich in einem novellistischen Blätterwirrsal »Die weiße Frau« mit den verlebten Berliner Eindrücken fertig zu werden. Was für ein Winter! Wie oft wohl sah ich vor dem winzigen Öfchen, in deren einem ich vor ein paar Jahren unter strömenden Tränen die erste Handschrift des »Naphtali« verbrannt hatte, und starrte ins Nichts! An dieser Stätte, wo ich meine Studentenzeit begonnen hatte, sollte sie auch enden. Nach Schluß des Semesters schlich ich ohne Abschied oder Exmatrikel still nach Hause und erklärte meinem Vater: »Hier bin ich – und kehre nie mehr zur Universität zurück!« Der verzweifelte Seelenkampf zwischen meinem künstlerischen Phantasiedrang und dem väterlichen Wunsche samt letzter Bitte meiner sterbenden Mutter war auf das Höchste gestiegen. Dieser Zwiespalt zwischen dem schrankenlosen Drang zur Ferne und dem dumpfen Zwang der Nähe war kaum noch zu ertragen. Ich hatte keinen einzigen Berater, aber auch keinen. Der schwerkranke Heinrich kam nicht in Betracht. So lief ich in den heimischen Wäldern umher. Die Leute hielten mich für verrückt und bedauerten den Schulmeister von Schillersdorf, der soviel Geld und Hoffnungen an diesen mißratenen Sohn verwandt hatte. Ich hatte also den Winter im friedlichen Thomasstift damit verbracht, ein leidenschaftliches Trauerspiel »Weltrevolution« aufs Papier zu schleudern: die Schilderung einer zukünftigen europäischen Arbeiter-Revolution. Wie Naphtali der Gewalt der Ereignisse nicht gewachsen ist, so erliegt auch dieser moderne Sturmegg, der Held der Weltrevolution, den vulkanischen Mächten, die er heraufbeschworen hat. Die Vertreter der verschiedenen Nationen geraten hintereinander; es war damals schon meine Überzeugung – und der Weltkrieg hat meinem Instinkt recht gegeben – daß der wieder erstarkende Nationalismus einst die europäische Verbrüderung der »internationalen Sozialdemokratie« zertrümmern werde. In abstraktem Freiheitsdrang verachtet mein Revolutionär Sturmegg die Heimat; sein Mädchen heißt Marie, wie meine Waldfrau aus dem Wasgenwald; es ist tragische Ironie, daß er, der die ganze weite Welt befreien wollte, in ihrer engen Kammer stirbt, rettungslos umstellt von der wiedererstarkten Macht des Polizeistaates. So schrieb ich mir die Berliner Demokratie vom Leibe. Daneben hatte ich Tagebuchblätter aus dortigen Gefühlschaos zusammengeflickt, in dürftige Form gebracht und gab sie unter dem Titel »Die weiße Frau« gleichzeitig mit der Tragödie heraus (1889). Auch hier der Gegensatz zwischen chaotischer Welt und dem Drang nach Harmonie und Frieden. Die Blätter sind durchpulst vom Willen zum Sieg, ermangeln aber der formbeherrschenden Kraft in jeder Beziehung. Es war Erlebnis seelischer Art, wie ich überhaupt nur innerlich Erlebtes prägen kann. Auch das, was ich später »Weimar« nannte, ist erlebt und erliebt. Bleibtreu rief mir in jenem Winter noch ein ernstes Wort zu: »Da Sie sich vom Geist getrieben fühlen, wird jede Warnung müßig und nutzlos sein, daß Literatur heute nur Martyrium bedeutet, für den Berufenen wenigstens. Sie werden also fürs erste weiterwandeln auf der betretenen Bahn, um bald genug zu erkennen, warum der Wohlmeindste in diesem Sumpf selbstsuchtvergiftet werden muß.« Das Wort ist mir lange nachgegangen. Und Bleibtreus eigne Verbitterung war mir eine Warnung. Mein Vater las in Sorgen seine zweite Streitschrift »Der Kampf ums Dasein der Literatur« und sprach sie mit mir durch. Lindners Schicksal, der in Berlin in Elend und Wahnsinn untergegangen war, schien – nach Vaters Befürchtung – auch mir zu drohen. Meinen Prosaversuch »Die weiße Frau« lehnte Bleibtreu, mit Recht, auf das unzweideutigste ab. »Man sollte kaum glauben, daß Sie Naphtali vorher geschrieben haben! Kehren Sie zum Drama zurück! Ihr Roman-Tagebuch ist – verzeihen Sie – eine ziemlich unreife Mischung aus meiner schlechten Gesellschaft und meinem ›Größenwahn‹. Seien Sie sicher, daß jeder dies auf den ersten Blick erkennen müßte. Daß sich vielfach echte Gefühlstöne und Schmerzenslaute sowie schwungvolle und tiefgeschürfte Gedanken finden, versteht sich bei Ihnen von selbst. Da ich bis Herbst ins Ausland verreise, wünsche ich Ihnen bis dahin alles Gute. Mit Hochachtung Karl Bleibtreu .« Es war ein deutlicher Abschied.   Auch für mich war eine Epoche zu Ende. Es galt nun, sich in irgendeiner neuen Form überhaupt erst wieder ins Leben hineinzutasten. Denn dieser dumpfe Zustand im Vaterhause konnte nicht andauern. Wie weiter? Versuchen wir als Hauslehrer zunächst einmal dem Leben einen Sinn und eine nicht ganz nutzlose Tätigkeit abzuringen! Es bot sich in Großlichterfelde bei Berlin die schöne und schwere Aufgabe, einen blinden Knaben zu erziehen. Auch war man ja hier noch der Theologie nahe; denn der Vater des etwa zwölfjährigen Jungen war Professor der hebräischen Sprache an der Universität Berlin und ein bekannter Fachmann in judaistischen Fragen, die Mutter eine Hamburgerin echtester Prägung. Es herrschte eine unverkünstelte evangelische Lebensanschauung im Hause, dessen einziges Kind seit einer Gehirnhautentzündung in frühen Lebensjahren von so schwerem Schicksal heimgesucht war. Die Behandlung dieses an sich liebenswürdigen und gutartigen Knaben war von besonderer Schwierigkeit. Er war außer seiner Blindheit mit Epilepsie behaftet. Vor mir hatten rasch hintereinander vier Hauslehrer umsonst die Aufgabe versucht; man sah mit Bangen meinem eigenen Versuch entgegen, dem so von der Außenwelt abgeschlossenen und von persönlichen Launen oder Dumpfheiten abhängigen kleinen Sonderling eine innere Welt beizubringen. Gleich der erste Spaziergang im Garten der Villa mußte entscheiden: »Ob Max sich an Sie gewöhnen wird?« Ich hatte den lieben Jungen am Arm; seine lichtlosen Augen waren durch eine dunkle Brille und eine Schirmmütze verdeckt; er war ganz auf sein Gehör und auf sein Tastgefühl angewiesen, derart, daß er ordentlich die Ohren bewegen konnte. Wir plauderten miteinander; ich in meiner damals noch stärker ausgeprägten süddeutschen Tonart, die dem norddeutschen Knaben neu war. Mich erfüllte rasch unendliches Mitleid. Was ist all unser aufreibendes Literaturtreiben neben solch einem Lebensleid! Die Fluten der Liebe überströmten mein Herz und zeigten mir hier eine erwärmende Aufgabe, die jenes papierne Wesen zurückdrängen konnte. Max schien diesen ganz allgemeinen Zug der Hinneigung zu spüren. Denn es war mir ein unvergeßlicher Vorgang, wie der Kleine plötzlich hinter dem Schutz des Hauses – er hörte das am Schall der Tritte – stehenblieb, meinen Kopf zu sich herabzog und mir in der herzigsten Weise gestand, daß er mir gut sei. Wir sind während der zwei Hauslehrerjahre und später bis an seinen Tod Freunde geblieben. Ich verfertigte für seine tastenden Finger geographische Karten, auf denen die Flüsse mit Leim gezogen, die Städte mit Reißbrettnägeln bezeichnet waren. Rechnen, Geschichte, Religion, Sprachen mußten wesentlich durch das Gehör bewältigt werden; er kannte zwar die Blindenschrift, doch griff ihn das Schreiben leicht an. Und immer mußte man erzählen und anregen, wobei er auch für Heiterkeit und scherzhafte Reimereien viel Sinn besaß. Dazwischen freilich, an manchen Tagen sehr häufig, kamen seine Anfälle, wobei er unter Krämpfen die erloschenen Augen verdrehte und leise wimmernd zu Boden fiel, wenn man ihn nicht rasch auffing. Am unangenehmsten war es für mich schüchternen und scheuen Menschen, wenn dergleichen einmal auf einem Spaziergang vorkam, wo ich dann den Zusammengebrochenen manchmal auf den Armen nach Hause tragen mußte. Wie unsicher stand ich den vielen Abendgesellschaften des Hauses gegenüber! Was war ich? Nichts. Wie sollte ich dieses Nichts den Fragern deuten oder begründen? Die Ankündigung jeder neuen Geselligkeit verursachte mir fast körperliches Unbehagen. Aber es nützte nichts; ich mußte hinunter.   Während der beiden Hauslehrerjahre ging ich vorsichtige Patrouillengänge in das nahe literarische Berlin. Hier war eine Stadt zu erobern. Aber mit welchen Mitteln? Doch wohl mit den Mitteln des Künstlers und Dichters: mit Schönheit, Güte und Geisteskraft. Diese Fähigkeiten waren jedoch in mir selber viel zu kärglich ausgebildet; es reichte, was ich besaß, eben hin, einem blinden Knaben eine Innenwelt zu schaffen, nicht aber eine grotze Stadt zu beseelen. Mit einer Aufruhrtragödie »Spartacus«, einem unendlich düsteren, im Schwarzen Tod endenden Trauerspiel »Tauler« oder einer Unmasse lyrischer Gedichte war nichts zu erobern. Als einst bei einer nächtlichen Feuersbrunst – unsrer Villa gegenüber – gefährliche Funken flogen, beschwor mich unser erregter Hausherr, meine wichtigsten Papiere in Sicherheit zu bringen. »Ich habe keine wichtigen Papiere.« Da er aber nicht nachließ, legte ich das Spartacus-Bruchstück oben auf seine Manuskripte – und so wanderte der ganze Korb in den entfernten Hühnerstall, während ich den Gartenschlauch festschraubte und mit tüchtigen Güssen den Kampf mit den Funken aufnahm. Es ging gut vorüber; Spartacus kam von den Hühnern zurück. Er hätte ruhig dort bleiben können. Wohl wimmelte mein Notizbuch von selbstermunternden Kampfliedern: Auf, nach Berlin! Bestürmt wird nun die schwarze Stadt! Der deutsche Mai wirft seine Blütenwogen In einem weiten, duftig weißen Bogen Rings um den Qualm, der niemals Frühling hat –, aber Aufschwung und Schwermut hielten sich die Wage: Für meine ekle Verbitt'rung Vergessenstrank! Oh, meine Freunde, wie bin ich So krank! Ich höre das Pack dort bespötteln Das Flammengemüt, Das mir auf den Lippen und drinnen Im Herzen glüht. Ich wage nimmer zu reden, Verfolgungskrank – Oh, meine Freunde, gebt mir Vergessenstrank! Nicht diesen höhnisch verzog'nen Modernen Mund! Gebt mir ein Tröpfchen Liebe, So bin ich gesund! Ich suchte keine Literatur, ich suchte Liebe. Die Anklageliteratur jener Zeit gab mir nichts von dieser großen, weltumfassenden, seelenbeglückenden Liebe. Und mein Mädchen war weit. Wenn mein Max zur Ruhe war und nebenan schlief – wie lange noch ging ich hin und her! Tief in der Nacht! Meine Stirne brennt! Ich kann nicht zur Ruhe kommen. Ich hab' den alten Zimmermarsch Mal wieder aufgenommen. Pantoffelschlürfen hin und her, Die Brust voll Wut und Klage – So schleichen meine Nächte hin, So kommen meine Tage. Drüben in Berlin hielt unterdessen der naturalistische Zeitgeist seinen Siegeslauf. Dieser Siegeslauf war berechtigt; denn die Dichter besahen in ihrer Art Kunst und Kraft. Ibsen, Zola, Tolstoi, Hauptmann und Sudermann waren dort die Führer zu neuen künstlerischen Ausdrucksformen. Wer sich nicht anschloß, geriet unter die Räder. Auch Strindberg und andre Skandinavier nebst Polen, Galiziern, Slawen fanden sich dort in Literaturgruppen und Kaffeehäusern zusammen. »Als erst das Schwarze Ferkel entdeckt war« – erzählt ein Teilnehmer (Franz Servaes in Westermanns Monatsheften, September 1915) –, »eine von Strindberg so genannte Probierstube für Weine und zahllose Schnäpse in der Neuen Wilhelmstraße, kam Organisation in die Gelage. Jetzt war ein allabendliches Hauptlager aufgeschlagen, in dem vor allem Skandinavier und Polen den Ton angaben, aber auch trinkfeste Deutsche: Dehmel, genannt der wilde Mann, Scheerbart, Bierbaum, zu finden waren. Natürlich auch Damen. Der Gesamtton an diesen Trinkabenden war ein orgiastischer. Jegliche Art von Umsturz in Kunst und Gesellschaft, und selbst auch im staatlichen Leben, wurde in visionären Predigten verkündet und gefeiert. Dann wurde gebrüllt, gesungen und getanzt. Dann plötzlich von Strindberg oder einem andern unter allgemeinem Stillschweigen hell und zart auf der Laute geklimpert. Dann wieder losgerast. Wer eigentlich bezahlte, ist niemals mit Sicherheit festgestellt worden. Doch scheint der Wirt, trotz zerbrochenen Fensterscheiben und eingeschlagenen Glastüren, allemal auf seine Rechnung gekommen zu sein.« Ein ähnlicher, doch wohl milder gestimmter Kreis scheint sich in Friedrichshagen damals gesammelt zu haben; sie hatten alle miteinander Fühlung: Holz, Schlaf, Bölsche, Wille, die Brüder Hart – und was da sonst noch aufgetaucht und längst wieder verschollen ist. Daneben wurde in der Freien Bühne tüchtig gearbeitet. So wob sich aus gemeinsamen Zügen jener Zeitgeist zusammen. Ich hörte davon, horchte auch öfters hinein, aber ich hielt mich abseits. Und nur eine Begegnung schien plötzlich bedeutsam werden zu wollen: mit Otto Brahm. Brahm war auf meine Tragödie »Weltrevolution« aufmerksam geworden. Er druckte einige meiner Aufsätze, zum Teil unter Decknamen, in seiner »Freien Bühne« ab. Er wünschte mich persönlich kennenzulernen. Wie zwei Jahre früher vor Bleibtreu, so stand ich jetzt vor Brahm. Aber welch ein Unterschied! Bleibtreu sah ich meines Wissens in der lauten Unruhe einer durchqualmten Bierstube; Brahm in einem einfachen Hinterzimmer, wo mir der kleine bartlose Mann in etwas nachlässiger Kleidung die Tür selber öffnete und mit leiser Stimme ein Gesprach begann. Meine revolutionäre Tragödie habe ihm imponiert, sagte er ungefähr; aber sie sei zu sehr mit Gedankenpathos belastet; er stellte mir seine »Freie Bühne« zur Verfügung: ich solle mir darin das Herz leicht schreiben und dann künstlerisch reiner zur Dichtung zurückkehren. So etwa empfing mich dieser kluge Kritiker und umsichtige Organisator. Ja, er bat mich, öfters persönlich zu ihm zu kommen und Gegenstände, die sich literarisch verwenden ließen, mit ihm zu besprechen. Ich hatte hier also die Möglichkeit, nach und nach in den Brahmschen Kreis hineinzuwachsen. Meine Entwicklung wäre dann wohl gänzlich anders geworden. Wie in der Literatur, so geschah es nun auch mit meinem Einzelschicksal: Bleibtreu verschwand aus meinem Gesichtskreis, Brahm stand im Vordergrund. Ich weiß nicht mehr, wie es gekommen ist, daß wir beide, Brahm und ich, trotz diesem freundlichen Entgegenkommen einander nicht näherrückten. Ich war menschlich unbefangen; auch andere Literaten kamen mir unbefangen entgegen, z. B. Jakobowski, der eine literarische Gruppe um sich scharte. Gegenüber Brahms Welt jedoch wuchs in mir geistiges Unbehagen, ohne daß es zu einem eigentlichen Zerwürfnis kam. In einem Brief an Freund Heinrich (27. August 1890) finden sich plötzlich folgende Worte: »Mit Otto Brahm, dem Herausgeber der ›Freien Bühne‹, bin ich nahezu auseinander. Ein längeres Gespräch mit ihm vor einigen Wochen hat mich überzeugt, daß unser Geist furchtbar verschieden ist. Seitdem habe ich ihm keinen Artikel mehr geschrieben. Diese Leute sind so kalt, so nüchtern, so modern-rationalistisch, so undeutsch, so wissenschaftlich, so religionslos!« Es war vorbei. Ich las mit leidenschaftlichem Eifer das damals stark wirkende Buch »Rembrandt als Erzieher« und suchte fortan mit ganzer Kraft, im Gegensatz zum internationalen Naturalismus, ein deutsches Ideal in meinem Dichten und Denken herauszugestalten.   In meinem lyrischen Tagebuch jener Jahre ging ich immer mehr der Tagesmode zu Leibe: Sozialpolitik und Wissenschaft, Mit Ibsens Apothekerkraft In welsche Tiegel ergossen; Dann eine Brühe von Anatomie, Physiologie und Psychiatrie Über die neue Poesie – Dies, dramenweise genossen: Jagt, sag' ich euch, in einem Nu, Dieweil's gewaltig stinkt und beißt, Den letzten Rest von heiligem Geist Dem Teufel zu! Und damals schon, am 1. April 1891, vermerkt mein Notizbuch einen Wunsch, der sich dann immer stärker herausgestaltet hat: Der deutsche Staatenwirrwarr hat Seinen Bändiger gefunden – Nun einen Bismarck dem Seelengewirr, Einen kernigen, gesunden! Wieder und wieder wurde mir die Waldnatur und das Gedenken an Wasgenwald und Jugendliebe, deren Kräfte ich in mir aufgespeichert hatte, eine Seelenstärkung. Wie viel Sorge in den Briefen meines Vaters! Wie mochte er, nach seiner Gewohnheit, tief in die Nacht hinein im mondhellen Garten auf und ab gehen, sein Pfeifchen rauchen und für seine Kinder ein Gebet gen Himmel senden! Er war mir mehr als nur Person, er war mir Vertreter deutschreligiöser Ideale: Ich weiß ein Dorf voll Mondlicht, Da geht ein alter Mann Im Garten spät spazieren Und träumt den Vollmond an. Die Bauern schlafen alle. Er sinnt und raucht und geht, Und für den Fernen schickt er Gen Himmel ein Gebet. Immer kühner und trotziger, ja übermütig, gestaltete sich in der Überfülle meiner lyrischen Ergüsse die innere Welt. Der Drang zum Jasagen und Liebhaben war denn doch zu mächtig. Und ebenso der Glaube an den endlichen Sieg, an den schließlich doch wohl auch mir noch beschiedenen Seelenfrieden. »Wir werden doch einst, o meine Kraft, den Sieg behalten! Wie jenes Abendrot, das seine Klarheit über alle Horizonte wirft, wie diese aufsteigende Mondnacht, die ihre Milde breitet über alle Welt: hellfröhlich und ernst und nachtstill, o meine Kraft du, mein deutsches Gemüt, so werden wir doch einst den Sieg behalten!« ... Erwache, vielgeruf'ner Rotbart, komm! Zersprenge ganz den halbgeborst'nen Berg: Und zu des deutschen Reiches Kraft und Einheit Gib auch den alten markigen deutschen Geist! In diesem Blättergewirr war also schon für den Hauslehrer, wie man sieht, die Richtung deutsch und deutlich vorgezeichnet, die sein Geist einzuschlagen hatte. Es fanden sich auch einige Geistesgesellen nach Freund Heinrichs Tod. Da war mir eines Tages, im Jahre 1889, als ich noch ratlos zu Hause saß, ein Brief aus Worms zugegangen, ich möchte mich an einer Festschrift für das dortige Herrigsche Volkstheater beteiligen. Das geschah gerne. Der Briefschreiber lud mich zur Einweihung nach Worms; er würde mich am Bahnhof erwarten und als Erkennungszeichen ein Taschentuch in der Hand halten. So schüttelten wir uns dort in der alten Nibelungenstadt zum erstenmal die Hand. Wie war er auf mich aufmerksam geworden? Er hatte in der »Gesellschaft« meine »Reformation der Literatur« gelesen, hatte sich einen reifen Mann unter dem Verfasser vorgestellt und war nicht wenig erstaunt, als ein Flaumbart aus dem Wagen sprang. Dieser ernste, unermüdlich arbeitende Hesse kam während meiner Hauslehrerjahre auf einige Semester nach Berlin. Er hatte in kinderreicher Familie eine ähnlich schwere Entwicklung durchgemacht wie ich, aber in katholischen Formen; sein Schicksal hatte ihn sogar einmal vorübergehend nach Nordafrika verschlagen, wo er Zögling des Kardinals Lavigerie war. Nun lebte er sich wieder in das akademische Deutschtum ein. Wir lasen, stritten und darbten miteinander, als ich nach meiner Hauslehrerzeit längere Monate in Berlin verbrachte, jeder zäh seinem freilich noch ungeklärten Ideal getreu und noch nicht befreit von den konfessionellen oder dogmatischen Eierschalen. Ich will nicht sagen, daß ich bei diesen Kämpfen zwischen Katholik und Protestant immer die besseren Gründe hatte, aber ich hatte die besseren Nerven. Nach solchen Nachtgefechten, die sich oft bis zwei und drei Uhr morgens ausdehnten, lag der Freund zermürbt und knurrend zu Bett, ich meinerseits sah tröstend davor. Wir lächelten später über diese jugendlichen Schlachten, als wir uns zu Paris, Straßburg, Einsiedeln, München immer wieder trafen, und blieben lebenslang Freunde, und zwar Freunde jener Art, die auch nach langem getrenntem Wandern sich umarmen, als ob sie gestern erst auseinandergegangen wären. Der Mann, von dem ich spreche, hat übrigens einen literarischen Namen: es ist der Herausgeber des Münchner »Hochland«, Professor Karl Muth. Einem kleinen Kreise jener Jahre gehörte ferner ein heutiger Berliner Arzt an, durchaus nordostdeutscher Typus, auf Schopenhauers wuchtigen Ernst eingestellt und mit der Kraft der Ehrfurcht vor großen Gedanken und Menschen prächtig ausgerüstet. Freund Seeliger wurde gut ergänzt durch einen derb zufassenden Rechtsanwalt, dessen Berliner Schnoddrigkeit sich mit thüringischem Gemüt eigenwüchsig verband und nicht ohne dichterischen Einschlag war. Eng mit Seeliger und Hercher befreundet, eine schlanke, hohe Gestalt neben dem untersetzten Rechtsanwalt, der ihn kräftiglich zu necken pflegte, schritt mit beweglicher Denkart und Heller, unermüdlicher Stimme ein andrer einher, der nachher als Gründer des Harzer Bergtheaters berühmt geworden ist. Ernst Wachler verleugnete nie die Formen der guten Familie und nahm auch gröbere Scherze so leicht nicht übel, da er als elastischer Geist immer zu Plänen bereit war, wobei er in seinen Zeitschriften manches Schöne geboten hat. Einige andre gesellten sich zu diesem wertvollen Grundstamm als Gäste hinzu. Seinen besonderen Weg schritt bummelnd und philosophierend ein Architekt, der bei menschlich vorzüglichen Grundanlagen ein wichtiges Bindeglied war, sein Leben jedoch nur mangelhaft zu bauen wußte. Die Veröffentlichung meines »Naphtali« hatte mir diese Freunde verschafft. Und da jeder von einer anderen Seite kam und sein Päckchen Sondergedanken mitbrachte, der eine von Schopenhauer, der andre von Nietzsche oder vom Wodanskultus, der dritte und vierte aus evangelischer und katholischer Kirchlichkeit, so konnte es nicht ausbleiben, daß wir uns bei unfern Zusammenkünften herzhaft in die Haare gerieten. Es war eine belebende elektrische Reibung. Und der Blick ward erweitert. Einige Hochsommermonate in Partenkirchen, ein weiterer Aufenthalt in München, im Elsaß und zu Paris lüfteten Herz und Hirn aus. Ich kehrte im Frühjahr 1893 zu schriftstellerischem Schaffen nach Berlin zurück. Immer mehr arbeitete sich der deutsche Grundton ins klare. Als ich den Sommer 1895 wieder im Elsaß verbrachte und mit Muth und Euler auf den Vogesenkämmen wanderte, schrieb ich mein erstes eigentliches Buch, die »Wasgaufahrten«, und gab gleichzeitig meine ersten Gedichte heraus, »Lieder eines Elsässers«, die nun in die lyrische Gesamtausgabe hereingenommen sind. Ein Schelmenspiel, »Eulenspiegels Ausfahrt«, war vorausgegangen (1894). Indem ich die zahllosen unveröffentlichten Gedichte jener Jahre, Gedichte der Entlastung und der Ermutigung, wieder durchblättere, fällt mir ein Stimmungsbild aus den bayerischen Hochalpen auf. Ich weiß noch, wie ich in jenem Sommer 1892 todmüde im Hochtal von Partenkirchen ankam. Berlin lag hinter mir; es bedeutete alles in allem, trotz wertvollen Errungenschaften, eine Niederlage. Oft sah ich an einem Waldrand und ertappte mich darauf, daß mir Tränen übers Gesicht liefen, wenn ich in diese Hochsommerstille hinaushorchte. Da meldete sich dann wieder, wie ein Brunnenrauschen aus der Tiefe, das innere Ideal. In einem Gedicht jenes Sommers ist es deutlich geprägt; die zwei mittleren Strophen lauten: ...Tiefblaue Nacht! So schlug um Griechenland Ein reiches Meer die wunderbare Bläue, Daraus der Schönheit Götterbild erstand, Daß sich ein glücklich Volk daran erfreue. Auch ich bin heute Nacht am Griechenstrand: Die Augen auf ein weitblau Meer gewandt Schau' ich das süße Götterbild aufs neue: Mein Attika ist diese Hochlandsruh'! Tiefblaue Nacht, mein Griechenmeer bist du! Sie haben lange Jahre mich gemieden. Die ich als Knabe doch so warm verehrt: Die Griechenklarheit und der Christenfrieden Und deutsche Mannheit , jener beiden wert. Ich meinte schon, sie sei mir nie beschieden, Ein Wahn sei alle Harmonie hienieden, Ein Tor und Schwärmer, wer die drei begehrt: Da warf mich Gott an diesen Alpenstrand, Wo ich im Blau der Nacht sie wiederfand ... Wie auch das Maß meiner Begabung sein mochte: der Ton war gefunden. Es galt nun, diesen Ton, dieses Hand-in-Hand von Bekenntnis und Dichtung, im Laufe der Jahre immer reiner und reifer herauszugestalten. Ausklang Weimar , im Mai 19l7. Am Park von Weimar hat der Verfasser dieses Buch begonnen; er schließt es am Park von Weimar. Nicht mehr als Gast im ehemaligen Hause der Frau von Stein, wohl aber eingebürgert in einer Villa der Belvedere-Allee. Und nicht mehr allein: denn an meiner Seite sitzt die Waldfrau vom Wasgenwalde, jetzt mein Weib Marie Elisabeth. Die Elsässerin stickt, der Elsässer schreibt, und der spät und kühl emporblühende Mai dieses dritten Kriegsjahrs bemüht sich, ein wenig Grün und Vogelsang hervorzuzaubern. Es war eine Pause in meinen Arbeiten, als ich mich zur klärenden Rückschau auf diese ersten fünfundzwanzig Lebensjahre entschloß. Die Stockung hatte ihren Grund. Der Leser meines Romans »Der Spielmann« (Sommer 1913) kennt den Grund: ich empfand den Weltkrieg als eine unmittelbar bevorstehende Völker-Erschütterung und Zeitenwende. Nun spricht der Krieg sein monumentales Wort. Einst dröhnte Kanonendonner von Wörth in meine Kinderjahre; den Mann erschüttelte die schwerere Kanonade vom Hartmannsweiler Kopf. Zwischen einst und jetzt, in diesen vier Jahrzehnten, war Europa eine ununterbrochene Spannung, ein wirtschaftlicher Wettbewerb, ein Wettrüsten zu Land und See, ein lastender Materialismus, ein Netz von Drähten und Schienen, ein Niederwuchten der Seele und Emporpeitschen der Sinne – großartig in der äußeren Aufmachung! Dieser Großartigkeit entspricht nun die Großartigkeit der Vernichtungsmittel und der Vernichtungswut. Ich habe demgegenüber Bund gesucht mit den Meistern der Stille. Jetzt verstehe ich meine Einsamkeit. Und verstehe das Leid und den Unfrieden, die insgeheim durch unsere Dichtung bebten, soweit sie nicht im sinnlichen Flackerfeuer aufging. Es war eine vierzigjährige Wanderung durch Wüste. Die Seele hungerte. Das hat schon den Studenten und Hauslehrer zu Boden gebeugt, wenn er vergebens im Zeitgeist Liebe suchte: der Hunger nach Seele, die Sehnsucht nach den Meistern der Weisheit, nach den Engeln der Güte. »Nach Liebe suchend – und immer die Larven . Die verfluchten Larven finden und zerbrechen müssen!« War es die tiefste Ursache von Nietzsches Zusammenbruch? Saß nicht der Geisteskranke da oben in der Villa am »Silberblick« und blickte mit müden Augen auf Weimar?   Ich erzähle zum Ausklang kurz das Schaffen meiner zweiten fünfundzwanzig Lebensjahre. Das Ringen um Berlin mißlang. Wohl biß der Zeitungsschreiber die Zähne zusammen und schlug sich sorgenfrei durch: verdiente mit der Linken sein Geld, baute mit der Rechten seine Welt. Fernfahrten nach Norwegen, Schottland usw. bewahrten nebst menschlichen Erlebnissen vor Verknöcherung. Die »Heimatkunst« ward als Mittel zur Beseelung begrüßt, doch als zu äußerlich mit Bedauern wieder abgelehnt. Und sobald es der Ertrag meiner ersten Bücher gestattete, wurden die Literatenwirbel der Hauptstadt verlassen und die Flucht in Wald, Freiheit und stilles Menschentum bewerkstelligt (1903). Drei Jahre hindurch war ein Thüringer Waldhaus meine Heimat. Der Wald hat Seele. Der Wald mit seinen Geheimnissen bot dem Erschöpften Balsam. Wald und Welt stellten sich ja schon in meinen Erstlingswerken in Gegensatz. Aus Waldwanderungen ist das erste Buch entstanden, das mein eigentliches Gepräge trägt: die »Wasgaufahrten« (1895); fast gleichzeitig die Dramen »Gottfried von Strasburg« und »Odilia«. Ein Dichter und eine Heilige waren hier behandelt, meine zwei liebsten Lebenszustände. Diesen elsässischen Stoffen entsprachen dann in Thüringer Waldeinsamkeit das »Thüringer Tagebuch« (1903) mit der »Wartburgtrilogie«. Gottfrieds Zusammenstoß kehrt wieder im »Heinrich von Ofterdingen«; das Heiligenproblem der Elsässerin Odilia wiederholt sich in der Thüringerin Elisabeth, ergänzt durch »Luther auf der Wartburg«. So suchte sich, gestaltend und rhythmisierend, meine Seele gegen die Außenwelt auf einer stillen Lebensburg zu behaupten. Im Stich gelassen von einer im Sinnlichen wühlenden Umwelt, suchte der Einsiedler Bestätigung bei den Meistern der Vonvelt. Dies ist der Entstehungsgrund des sechsbändigen Wertes »Wege nach Weimar« (1905–1908). Der Lebensbegriff »Weimar« trat in Gegensatz zum Literaturbegriff »Berlin«. So ist auch mein dramatisches Ringen zum guten Teil Selbstbefreiung. Wie schon »Eulenspiegel« ins Freie gestrebt, ohne »Münchhausens« unbittres Lächeln zu finden; wie »König Arthur« in Entartungszeiten sein königliches Menschentum wahrt: so schmiedet »Wieland der Schmied« seine Flügel, und »Odysseus« erringt sein Ithaka. Im Jahre 1906 war ich nach Straßburg gezogen, um den kränkelnden Vater in der Erziehung der Stiefgeschwister zu unterstützen. Aber die Thüringer Waldklause wurde daneben beibehalten. Und so wechselte, bis in den Krieg hinein, mein Wohnen und Schaffen zwischen Elsaß und Thüringen. Aus diesem Fadenspinnen und den damit verknüpften Erlebnissen ergab sich mein Kulturroman »Oberlin« (1910), dessen Keim schon in den »Wegen nach Weimar« steckt. Mutter Natur ist listig genug, durch Gegnerschaften Kräfte zu üben. Sie hat auch mir gegenüber diesen Kniff in Anwendung gebracht, wofür ich ihr dankbar bin. Ich habe nicht selten die Fäuste geballt, wenn man allenfalls meine Gesinnung gelten lieh auf Kosten des Künstlers; wenn man versuchte, mein Ringen um organisch gewachsenes Denken, um edelnatürliches Dichten, um Geschlossenheit der Lebensgestaltung etwa als eine Art Moralismus zu bemängeln, während man die Moralisten Ibsen und Strindberg anhimmelte. Deutschland war vor dem Kriege durch Ausländerei um seine besten Instinkte geprellt. Nun, wir werden uns nach diesen furchtbaren Erschütterungen mit mehr Anmut und Würde über unser deutsches Geistesgut verständigen. Und ich hoffe, daß neben den Heldenhainen sich Hallen der Freundschaft aufbauen werden, wo man in stillwirtenden Lebens- und Arbeitsgemeinschaften an der Reichsseele mitschaffen und das Gralsgeheimnis verkünden wird.   Ich erlebte die ersten Wochen des Weltkriegs in Thüringen, die nächsten im Elsaß. Alter und Gesundheit erlaubten keine soldatische Mitwirkung. In Schriften und Aufsätzen wurde für die deutsche Westmark gewirkt. Dafür zogen meine jungen Stiefbrüder hinaus. Einer steht als Jägerleutnant in den Karpathen; ein andrer ist bei Ypern gefallen. Daß ein dritter seinem Siechtum erlegen, nachdem uns der Vater schon früher verlassen; daß auch sonst allerlei Menschenleid das muntre Häuflein von einst heimsuchte: das gehört nicht weiter hierher. Tod und Tragik schreiten jetzt mit andrem Schrittmaß über die Erde. Doch von schlichtmenschlichen Freuden möge zur Abrundung noch zu plaudern gestattet sein! Ich habe mir zum fünfzigsten Geburtstag selber das beste Geschenk zugeführt, indem ich die oft in diesen Blättern genannte Elsässerin heimführte. Nach zwölf Diakonissenjahren war sie in Privatkrankenpflege übergegangen und grade in Sedan tätig, als der Weltkrieg sie und mich zu trennen drohte. Mit Mühe gelang es, die elsässische Französin herüberzuholen. In der Elisabethenstadt Eisenach wurden die Trauringe gekauft; auf dem Straßburger Rathause die standesamtliche Trauung vorgenommen: Elsaß und Thüringen grüßten sich auch hier. Am Abend zuvor hatte die Festvorstellung meines »Odysseus auf Ithaka« stattgefunden; unter Geschenken an meine Getreue brachte der andre Tag ein Bild der Penelope. Am gleichen Sonntag trug mir die Universität in feierlicher Lederkapsel den Ehrendoktortitel ins Haus: so wurde der Mißklang, mit dem ich einst Hochschule und Geliebte verlassen hatte, an demselben Tage in Harmonie verwandelt. Die kirchliche Trauung vollzog sich im Pfarrhause von Jung-Sankt-Peter. Und abermals eine sinnige Fügung: derselbe Geistliche, in dessen Kirchlein im Hochlandsdorf Büst ich einst als blutjunger Student zum ersten und einzigen Male den Talar getragen hatte, legte nun unsre Hände segnend ineinander. Dankend nahm ich die Liebe an, die zu jenem Geburtstag von vielen Seiten heranströmte. Denn ich hatte die Empfindung: das gilt nicht deiner Person, das gilt weit mehr einer der Formen und Möglichkeiten des deutschen Ideals, dem ich zu dienen suche. In solchem Sinne ließ ich den Mitarbeitern der Festschrift – die eines jungen Göttinger Gelehrten persönlichstes Werk war –, anknüpfend an einen brieflichen Zuruf des verstorbenen Ernst von Wildenbruch aus seiner »Villa Ithaka« in Weimar, folgendes Dankwort zugehen: Einer schrieb mir einmal, ein Dichter, der sich in Weimar Spät noch ein Ithaka schuf, aber nicht lange genoß: » Ihnen Gutes wünschen, heißt Gutes wünschen den Deutschen «... Freunde, mich rührte das Wort, wie mich kein zweites gerührt. Laßt mir auch heute den Stolz, zu sagen: Indem ihr mich ehrtet, Habt ihr das Ganze geehrt, denn ihr habt Deutschland gemeint!   Ich hatte das Glück, meine Elsässerin noch meiner ältesten thüringischen Freundin und Vertrauten zuführen zu dürfen: Adelheid von Schorn. Die beiden Frauen schlossen sich rasch ins Herz. Doch die Greisin verließ uns schon am 7. Dezember 1916. Gewiß besagt ja der Name der Stiftsdame Adelheid von Schorn, in diese hochgespannte Zeit geworfen, weiter nichts Belangreiches. Ihre beiden Bücher – »Das nachklassische Weimar« und besonders »Zwei Menschenalter« – haben einen Ehrenplatz in unsren Erinnerungswerten. Aber das Wertvollste an ihrer Gesamterscheinung war doch die Seele: das Menschentum. Sie war eine Persönlichkeit. Ich kannte sie seit mehr als sechzehn Jahren. Die Bekanntschaft wurde zuletzt eine enge Freundschaft. Wenn ich nach Weimar kam, war mein erster Gang an den Fernsprecher: Anmeldung bei »Tante Adelheid«. Ihr galt mein erster und mein häufigster, ja fast täglicher Besuch. Ihre Stube war übervoll von Zeichen der Freundschaft erlesener Menschen. Und überall Blumen zwischen den Bildnissen und der sorgsamen Bücherei. Darin sah eine Herrin im wahren Sinne des Wortes. Denn sie wußte ihr Leben zu meistern; und zwar in einfachen, graden Linien, mit einer an das Griechische gemahnenden Architektur. Aber gründlich eingedeutscht; ohne jeden undeutschen Beigeschmack. Sie war ihrer selbst und ihrer ruhig beherrschten Umwelt unbedingt sicher. So weckte sie Vertrauen; es ging Wärme, Festigkeit, Klarheit von ihr aus. Sie war ein Talent des Zuhörens und der klaren Beratung. Durch ihre herüberwirkende Ruhe war man gezwungen, sich deutlich zu fassen; so klärte man sich schon durch die Aussprache. Unbeweglich, ein wenig angelehnt, saß sie in ihrer weiten luftigen Kleidung, hatte ihre feinen, schlanken Hände über der Decke gefaltet, schaute mit unbestechlichen Blicken und geschlossenem, schmalem Munde den Besucher an und lauschte mit Teilnahme. Die Augen hatten, durch die seitliche Neigung, etwas Prüfendes. Dann klang ihre weiche, gute Stimme, die aber manchmal von einem kurzen, harten Auflachen und einer kräftigen Bemerkung durchbrochen werden konnte. Verstiegenheiten lehnte sie ab; Lüge und Umnebelungen jeder Art waren ihr zuwider; Sentimentalität erst recht. Ihr Grundzug war harmonische Geschlossenheit und Beherrschtheit des Charakters; und im Bunde damit eine schöne Güte. Geistig war die Freundin eines Franz Liszt und der Fürstin Wittgenstein auf zwei Lebensmächte eingestellt: auf Bayreuths Kunst und auf den Bismarckschen Reichsgedanken. Ich habe sie als »Tante Adelheid« in meinen »Spielmann« eingeführt. Helene Böhlau hat ihr, unter dem Namen Magelone von Geldern, in der »Isebies« ein Denkmal gesetzt. Daß mir Weimar kein Literaturbegriff wurde, daß ich vielmehr das, was ich unter diesem symbolischen Namen zusammenzufassen pflege, von ganzem Herzen erlebt und errungen habe: daran hat Adelheid von Schorn, die Enkelin der Elsässerin Oktavie von Berckheim und die Tante eines Heinrich von Stein, das wesentliche Verdienst. Das Erbbegräbnis der Familie Schorn auf dem voll und reich hügelan blühenden Friedhof von Weimar grenzt an die Begräbnisstätte der Familie Goethe. Maiglöckchen aus dem Bezirk des edlen Kunsthistorikers und seiner ebenbürtigen Gattin wachsen durch das Gitter hindurch auf das Goethegelände hinüber. Anmutige Huldigung der Gegenwart an die große Vergangenheit!   Und nun noch einmal ins Elsaß zurück! Hat dieses Buch mit meines Vaters Verlobung begonnen, so sei es beschlossen mit einem Blick der Ehrfurcht auf Vaters Tod! Wenige Tage vor seinem Hingang feierten wir noch in stiller Wehmut den letzten Geburtstag des Todgeweihten. Aus dem Nachbarzimmer sangen wir ihm mit gedämpften Stimmen seinen Lieblingschoral »Nun danket alle Gott«; dann versammelten wir uns um sein Bett. Ich setzte mich zu ihm und sprach ihm in unsrer gewohnten elsässischen Mundart unser aller Dank aus, den ich dann in ein Gedicht zusammenfaßte: Manchmal, wenn ich es dankend bedacht, Mein Vater, wie treu du für uns gewacht, Gesorgt, gekämpft, ein tapfrer Mann, Fängt es leise zu läuten an. Vom Walde kommt es, schwer und tief: Ingweiler, das uns zur Kirche rief Nachts um Silvester, wenn weitum schlief Das Mondscheinland, vom Schnee verschönt; Die Schillersdörfer Glocke tönt, Offweiler läutet, ein singender Hauch, Das Glöckchen von Rothbach meldet sich auch – So läuft am beseelten Gebirg entlang Glockenklang: Glocken der irdischen Heimat. Mein lieber Vater, gedenken wir dein, So fallen uns all deine Sorgen ein; Aber zugleich auch, sieghaft schön, Tönt es wie Glocken auf Hügeln und Höhn. Es sind nicht Glocken von irdischer Hand, Nicht Kirchturmstimmen vom Hanauer Land; Wir wußten schon damals und wissen es heut': Vater vernimmt noch ein ander Geläut'; Das wohnt hoch über dem Abendrot, Hoch über der Nacht, hoch über dem Tod. Was dich geführt und beseligt hat, Das sind die Glocken der inneren Stadt, Das sind die Töne von ewigem Klang, Sphärengesang – Glocken der himmlischen Heimat. Der Greis in seinen Kissen war sehr bewegt. Er konnte schon seit Wochen bei aller Geistesfrische, die ihm bis zuletzt treu geblieben, nicht mehr sprechen, nur noch flüstern. So hatte er denn jedem seiner Kinder ein kurzes Abschiedswort mit Bleistift auf ein Zettelchen geschrieben, das er uns nun einzeln mit einem Händedruck überreichte. Dann machte er eine gleichsam segnende Handbewegung in die Runde und flüsterte: »Ich dank' euch allen.« Wir gingen tief ergriffen hinaus; er mußte sich – so schwach wie er war, zum Körper eines Kindes abgemagert – den übrigen Tag ruhig verhalten. Ich hatte ihm die vorausgedruckten zwei ersten Kapitel des »Oberlin« auf die Decke gelegt; er war der erste, der sie las. Mir hat er seinen väterlichen Segen in das für seine Denkart bezeichnende Wort zusammengefaßt: »Du hast dich in den Dienst der höchsten Ideale gestellt und Großes erreicht. Halte aus, und dein Name wird zu hohen Ehren kommen. Immer demütig bleiben. Dein schwer kranker, dir ewig dankbarer Vater.« Als er am Vormittag des 1. August 1909 starb, läuteten die Sonntagsglocken; es war wie ein letzter Gruß von den Hügeln von Rothbach. Ich verlor in ihm meinen besten Freund. Bei meiner einsamen Stellung in der Literatur war mir die Aussprache mit ihm sachlich und menschlich von großem Wert; all mein Schaffen und Sorgen hat er innig mitzuleben sich bemüht. So dehnte sich ein weites Abendrot um sein Lebensalter; Gedanken und Gestalten traten in seinen Gesichtskreis, von denen er auf seinem engen Dorfe nie eine Ahnung gehabt hätte. Diese versöhnlich und dankbar ausklingenden Jahre zähle ich zu den schönsten und seelisch reichsten meines Lebens. Man darf im Werdegang dieses elsässischen Dorfschulmeisters vom Wasgau nach Weimar etwas Vorbildliches ehren.   Heute sehe ich in meinem Pfadsuchen zwischen Elsaß und Thüringen vollends klar die bedeutsame Symbolik. Es war ein Wandern nicht nur vom Grenzland ins Binnenland, sondern zugleich von der Außenwelt zu den Meistern der Stille. Lagarde hat eine tiefe Wahrheit geahnt, als er das Wort schrieb: »Es gibt Augenblicke in jedes Menschen Leben, in welchen er eines Planes gewahr wird, der durch sein Dasein hindurchgeht, eines Planes, den nicht er entworfen hat und den nicht er ausführt, dessen Gedanke ihn gleichwohl entzückt, als habe er ihn selbst gedacht, dessen Ausführung ihn Segen und allereigenste Förderung deucht ... Der Meißel tut weh, der aus dem empfindenden Blocke den Gott herausschlägt: je weiter aber der Stahl in seiner Arbeit vorgeschritten, desto stiller hält der Marmor, der sich schon über die aus der Natur erstehende Geistesgestalt freut.« Dieses »Stirb und werde!« steht als Leitwort über jeder tiefgründigen Lebensauffassung, schon von meinem Landsmann Tauler und seinem Meister Eckehart sprachfein geprägt – und jetzt wieder verstanden in diesem Weltkrieg. Die Gottheit hämmert und meißelt an uns. Gewiß hat sie ihren Plan. Wir wollen ihr vertrauen.