Richard Kralik Die Argonauten an der Donau Ein Heimatspiel Personen. Kaspar als Prolog und als Strandhüter an der Donau. Markgraf Nero von Österreich . Limma seine Gattin. Jason. Medea. Orpheu . Absyrtos Ein Kolchier. Mehrere Argonauten und Kolchier . Ostara . Erster Akt. Prolog von Kaspar vor dem Vorhang gesprochen Es wird den meisten von euch, verehrte Herrschaften, nicht unbekannt sein, daß unser lieber und großer vaterländischer Dichter Franz Grillparzer in drei Bühnenstücken dargestellt hat, wie vor alter Zeit die griechischen Argonauten, geführt von Jason, ins Kolcherland am Schwarzen Meer gerudert und gesegelt sind, um dort das berühmte goldene Vlies zu holen. Das ist ihnen gelungen, weil sich die dortige Königstochter Medea in den Jason verliebt hat und sich von ihm mitsamt dem goldenen Vlies hat entführen lassen. Heut aber wollen wir euch vorführen, was diesen Argonauten auf der Rückfahrt geschehen ist, wie sie vom Schwarzen Meer die Donau herauf bis an den Leopoldsberg gekommen sind, wo damals auf der Burg der Markgraf der Österreicher regiert hat. Diese Österreicher, eure Vorfahren, haben damals auch Phäaken geheißen, wie ihr auch wohl aus einem Distichon unseres deutschen Klassikers Schiller wißt, der also die Donau in Österreich sprechen läßt: Mich umwohnt mit glänzendem Aug' das Volk der Phäaken; Immer ist's Sonntag, es dreht immer am Herd sich der Spieß. Das war derselbe Schiller, der den schönen Spruch getan hat: Der Österreicher hat ein Vaterland Und liebt's, und hat auch Ursach' es zu lieben. So, das mag einstweilen genügen. Alles andere wird euch bald aus dem Gang der Handlung klar werden. Nun zieh ich mich ganz einfach hinter den Vorhang zurück, der wird sogleich in die Höhe gehen und ich werde nun sofort selber in diesem alten Heimatspiel meine Kasperlrolle spielen. Der Vorhang geht auf und zeigt die Ufer der Donau. Kaspar tritt sofort wieder auf und spricht: Ja, ja, ich Kaspar bin hier angestellt als Strandhüter an der Donau. Ich wohn' in diesen Häuserln, die das Kahlenbergerdörfl heißen. Ich bin im Dienst des Markgrafen von Österreich, der da oben auf dem Kahlenberg residiert. Ich muß den Strom bewachen, daß nit etwa Seerauber oder gar Piraten daherkommen und uns geruhsame Phäaken überfallen, weder solche von der oberen Donau, von Linz, Passau, Regensburg, noch die gefährlicheren von der unteren Donau, von Preßburg, Ofen, Belgrad oder gar vom Schwarzen Meer her, oder von noch weiter her. Aber schon seit Menschengedenken sind keine andern Piraten hiehergekommen, als solche, die in den nächsten Bierdörfern das Nußdorfer, Schwechater oder Liesinger Bier haben verkosten wollen, und diese Bieraterei, so hat man früher gesprochen, war unserm Land nur einträglich. Darum hat der Markgraf die kostspielige Strandhut immer mehr abgebaut und schließlich auf mich, den Kaspar, allein beschränkt. Und ich bin Manns genug, mein Amt auszufüllen. – Da sich heut wieder nix besonderes auf der Donau zeigt, so stell' ich also für heut meine Beobachtungen ein und geh' ins Dörferl zum Essen. – Aber halt! Kommt dort nit von der untern Donau her so was wie ein Schifferl. A was, das ist kein Schifferl, das ist ein mordsmäßiges Trumm von einem Schiff, mit Segel und vielen Rudern. Jetzt kommts bei den Auen um Aspern und ums Gänsehäufel hervor. Ha, die Leut verstehns ganz gewaltig, gegen den Strom aufwärts zu rudern. Jetzt wird's immer deutlicher! Das ist ja ein ganz herrliches Prachtschiff mit einem Purpursegel, mit mindestens fünfzig Rudern, ganz vergoldet und bemalt; die runden Schilde der Helden hängen wie zum Schmuck im Glanz rings um den Bord. Der Schiffsschnabel is ein hochgebogener Drachenkopf, hinten am Steuerruder steht hoch aufgerichtet der heldische Steuermann neben dem Kommandanten und einem reich geschmückten Frauenzimmer. Sie hält eine Stange mit einem goldenen Widderfell. Jetzt sind sie ganz nah. Sie haben offenbar die Burg auf dem Berg gesehn. Einer stoßt ins Horn. Ich muß ihm antworten. Er tutet Hallo! Daher! Da is der Landungsplatz! Dader, am Fuß der Burg! Bei mir herbei! A bisserl mehr links! Noch hinauf! So, da is recht! – Sie landen. Das Schiff steht. Sie steigen aus. Das Schiff ist sichtbar auf dem sichtbaren Strom im Hintergrund vorbeigefahren, von rechts nach links, wo es in den Auen am Fuß des Burgberges verschwunden ist . Sie binden das Schiff an, ein Teil bleibt zur Bewachung zurück, ein Teil nähert sich dem Dörferl. Voran einer im weißen Gewand, der schwenkt einen grünen Ölzweig zum Zeichen des Friedens. Ihm folgen andre, einer immer schöner und glänzender, zum Schluß der Hauptheld, er trägt in einer Hand auf ragendem Speer das goldne Widderflies wie eine Standarte; an der andern Hand führt er ein hohes, aber ein bisserl wild dreinschauendes Weib. – Aber sieh da, da kommt auch schon von der Burg herab der Markgraf mit seinen Leuten, die schon meinen Hornruf gehört und das Schiff gesehn haben müssen. Sie stehn sich gegenüber, und der Markgraf wird gleich die Konversation beginnen. Nero. Wer seid ihr, fremde Helden, die ihr das Österreicherland aufgesucht habt? Ihr scheint von weither zu kommen. Euer Aussehen ist stattlich. Nicht Krieg scheint ihr uns, den Friedlichen, anbieten zu wollen. Ich bin Nero, der Markgraf dieser deutschen Mark. Jason. Du vermutest recht. Wir bringen dir nicht Krieg, sondern wir kommen als Schutzflehende. Ich bin Jason, der griechische Königssohn, und dies sind meine Gefährten, Königssöhne gleich mir. Dies wunderbare Kleinod, das Vlies eines goldenen Widders, mit dem ein großes und grauses Schicksal verbunden ist, hab ich im Auftrag meines strengen Oheims aus dem östlichen Lande der Kolchier nach vielen Todesgefahren glücklich erbeutet, dank meiner und meiner Gefährten Kühnheit, dank der Liebe Medeas, der zaubergewaltigen kolchischen Königstochter. Ihr Vater aber wollte mir weder das einem Drachen abgerungene Kleinod, noch die Braut gönnen, die mir freiwillig gefolgt ist. Ihr Bruder Absyrtos setzt mir mit dem ganzen Flottenheer der Kolchier in feindseliger Absicht nach. Nur der Schnelligkeit unseres Schiffes, der hochberühmten Argo, verdanken wir Argonauten bisher unsere Rettung. Wir dachten die Feinde abzulenken, wenn wir aus dem Schwarzen Meer, statt durch die Dardanellen zurückzufahren, die Donau heraufzögen. Aber sie drängen uns immer nach. So kamen wir bis hierher. Wir kennen nicht den weiteren Oberlauf dieses Stromes, darum können und wollen wir nicht weiter, sondern bitten dich, den Herrn dieses Landes, um gerechten Schutz gegen unsere Feinde. Vorerst aber laß uns nach der Sitte unseres frommen Volkes die Schutzgeister dieses Landes feierlich begrüßen, um sie uns hold zu stimmen! Orpheus, du trefflicher Sänger, beginne! Orpheus : 1.             Wir begrüßen das Land, das Volk und die Götter des Landes, Daß sie günstig uns sei'n, den kommenden, Hilfe begehr'nden. Seht im Purpurgewand den Sänger, den Priester euch flehen! 2. Seht mich, den Lorbeerkranz, den geweiheten, hier auf den Locken? Hört mich zum Schalle der Zither, der goldenen, heilige Worte Euch, den Geheiligten singen in zaubergewaltiger Weise! 3. Lauscht mir, ihr Wellen des Stroms, o neigt euch, ihr Wipfel der Bäume! Haltet, o Winde, den Atem, und senkt euch hernieder, ihr Wolken! Folget, o Götter, der Bitte, o folgt ihr, Heroen des Landes! Kaspar. Meiner Seel, ein solches Gsangerl, a solche Musi hab ich noch nie gehört, selbst nit bei den stoansteirerischen Sennerinnen und Jodlern. Da möchte man frei glauben, die Bäum und Felsen könnten anfangen, darnach einen himmlischen Wallizer zu tanzen, die Donau könnt umkehren und zu fließen aufhören. Man vergißt ganz, daß man auf der Welt da ist. Sogar der Herr Markgraf ist nur mit Mühe wieder zu sich gekommen. Nero. So heiß ich euch denn willkommen, weitberühmte Helden, hier in meinem Gebiet. Ihr sollt unter meinem Schutz sein und euch soll Recht und Gerechtigkeit werden. Jason. Du hast uns den Schutz des Rechtes zugebilligt. Dafür danken wir dir. Auch wir berufen uns auf das Recht und die Gerechtigkeit, die über allem steht mit unbeugsamer Macht. Aber neben dem Recht steht für uns Helden auch der Ruhm als gleichhohes Ideal, und zum dritten die der Barbarei entgegengesetzte Kultur. Diese Dreiheit von Recht, Ruhm und Kultur vertreten wir Griechen und erhoffen so deinen Schutz gegen Unrecht, Niedrigkeit und Barbarei. Dies goldene Vlies, das wir aus dem Besitz der Barbaren wieder dem Griechentum gewonnen haben, ist das Symbol dieser unserer Ideale. Kaspar. Donnerwetter, diese Griechen können, wie es scheint, große Mäuler machen! Darin kommen wir bescheidenen Österreicher ihnen nicht gleich. Aber es wird sich bald zeigen, was wirklich hinter ihnen steckt. Denn schau, Herr Markgraf, mir scheint, ich seh schon dort auf der Donau das Schiff heraufsegeln, das unsern Griechen nachsetzt. Ja, ja, das werden wohl die Kolchier sein. Schau, das Schiff ist ganz schwarz angestrichen, auch die Schilder am Bord sind schwarz lackiert, das Segel ist schwarz, schwarz das Banner, schwarz die Rüstungen und Helme der Krieger. Ha, die haben's aber auch eilig! Jason. Ja, ich erkenne Schiff, Flagge und Wappen. Das sind unsere Feinde, unsere Verfolger, die kolchischen Barbaren. Erkennst du sie nicht auch, Medea, deine Landsleute, deinen Bruder Absyrtos? Medea. Wohl muß auch ich sie erkennen, und eben weil sie meine Landsleute sind, schauert mich vor dem endlichen, so lange gefürchteten Zusammenstoß zwischen meinen Verwandten, meinem lieben Bruder und dir, o mein noch mehr geliebter Jason! Jason. Fürchte dich nicht, o Medea, wir werden ihnen zu begegnen wissen. Ich werde deinen Bruder entweder mit Worten überwinden, oder – Nero. Kein oder! Wir Österreicher werden friedliebend jeden blutigen Kampf zu verhindern wissen. Aber sieh, schon biegt das kolchische Schiff in die Au ein. Kaspar. Zum Glück an einer andern Stelle als das Griechenschiff; sonst würden sich am End auch die beiden feindlichen Schiffe gegenseitig zu Tod beißen. Nero. Sie haben bereits das Schiff verlassen. In aller Eile kommen sie hierher. Sie dürfen noch nicht ihre Feinde sehen. Jason und ihr andern Argonauten, zieht euch zurück! Meine Leute werden euch einen verborgenen Platz zum sicheren Lager anweisen. Jason. Lieber würde ich jenen schon jetzt entgegentreten. Medea. Vielleicht kann auch ich meinen Bruder sofort besänftigen. Nero. Nein, Jason, nein, Medea, widerstrebt nicht meinem guten Rate! Überlaßt es mir, jene zu empfangen. Jason. Wir gehorchen dir. Komm, Medea, komm, Orpheus! Die Argonauten ab. Es kommt Absyrtos mit den Kolchiern . Nero. Halt, Verwegener, was willst du hier im friedlichen Land, mit gezücktem Schwert, mit drohenden Mienen? Absyrtos. Wo hast du, Räubergeselle, die Räuber und Entführer versteckt? Steh Rede! Sonst! – Nero. Ha, Jüngling, redest du so mit dem Herrn dieses Landes? Achtest du nicht meine Würde, mein Alter, so achte doch die Speere meiner Heldenschar, die bereit ist, jeden Friedensbruch in unserem Gau blutig zu rächen! Absyrtos. Bist du der Herr des Landes, so übe Gerechtigkeit und schützte nicht das Verbrechen! Gib meine entführte Schwester Medea, gib das geraubte Vlies heraus! Nero. Ich kenne eure Streitsache. Ich habe sie von den Argonauten vernommen, und ich werde auch dich anhören. Aber hier ist nicht der Ort dazu. Du rufst das Recht an, jener auch; ich will nach Recht entscheiden. Ich lade euch beide an meinen Gerichtshof dort oben auf meiner Burg. Die Stunde wird euch zu rechter Zeit bekanntgegeben werden. Einstweilen beruhigt euch und laßt euch von meinen Leuten den Ort zu einem Lager anweisen in einer der Schluchten des Kahlengebirgs am Weidlinger Bach. Absyrtos. Ich nehme deine Rechtsentscheidung an; denn ich habe auf der Herfahrt überall dich, den Markgrafen der Ostmark, rühmen hören als einen gerechten, biederen Fürsten, als den Herrn eines friedliebenden, gerecht gesinnten Volkes. Wir werden also auch deine Anordnungen befolgen und deinen Richterspruch zuversichtlich erwarten, denn ich weiß, er kann nicht anders als zu unseren Gunsten ausgehen. Laß uns also an den uns bestimmten Lagerplatz führen! Verzögere aber nicht zu lange die sichere Entscheidung! Ab mit den Kolchiern . Kaspar. Ah, das sind aber grobe Leut, die Kolchier! Da sieht man, was die Bildung macht. Die müssen ja in Kolchis keine ordentlichen Schulen haben, daß die Burschen so roh aufwachsen wie dieser freche Lackl da. Nero. Genug für jetzt. Ich kehre auf meine Burg zurück, um alles für das Gericht vorzubereiten. Du, Kaspar, sieh dich noch um die beiderseitigen Gäste um, zuerst, der Reihe nach, um die zuerst gekommenen griechischen Argonauten! Ab mit den Seinen . Kaspar. Sehr wohl, Herr Markgraf, werde alles gut besorgen. – Aha, da kommen schon die Herrn Argonauten hervor, weil sie bemerkt haben, daß ihre wütigen Gegner von unserm guten Markgrafen im Guten beiseite geschafft worden sind. Jason mit den Argonauten . Ich komme, um von dir, dem Strandhüter, nähere Auskunft über dies Land zu erhalten, als mir bisher gegeben ward. Ich sehe ein schönes, herrliches Gelände, wie Griechenland kein schönres hat; ich sehe Helden, die an Aussehen unseren Heroen gleichen, sehe eine mächtige wohlgeordnete Herrschaft. Kaspar. O, da solltet ihr erst unsre Kavallerie sehn, denn wir haben in unserer Rossau eine weithin berühmte Rossezucht. Und erst das Schwechater Lager. Da würdet ihr staunen! Unsere Gegend ist auch von unsern Barden höchlich gepriesen und besungen worden. Soll ich euch eine Probe davon geben? Er singt . 1.             Zur lieblich prangenden Flur, o Freunde, Kamt ihr hier zu der Ostmark bestem Wohnsitz, Dem glanzvollen Kahlenbergerhain, Wo hinflatternd die Nachtigall in helltönenden Lauten klagt Aus den grünenden Schluchten, wo weinfarbiger Efeu rankt, Tief im heiligen Laubesdach, hier in dem schattigen, früchtebeladenen, Dem stillen, das kein Sturmwind bewegt, wo der begeisterte Freudengott Gambrinus stets herein zieht, Im Chor himmlischer Einherier schwärmend. 2. Hier in schönem Geringel blüht Ewig unter des Himmels Tau das Veilchen, Das altheilige Kranzeslaub unserer Göttinnen. Golden glänzt Krokos. Nimmer verfliegen hier schlummerlose Gewässer, Die vom Sievringer Brünnlein her irren. Ewig von Tag zu Tag Wallt es mit lauterem Regengusse durch der breiten Erde Fluren, Das Land schnell zu befruchten uns, Das sie Chöre der Walküren nie verschmähten, Noch auch Freia mit goldnen Zügeln. 3. Hier auch blüht ein Gewächs, wie im Gefild Asias keines, Noch auf dorischer Flur dort in dem weit prangenden Eilande des Pelops erwuchs. Von selbst und durch Pflege keimt es, der Feindesspeere Schrecken ist's, Das herrlich aufblüht in dieser Landschaft: Mein sproßnährender, blau schimmernder Weinstock, Den kein bejahrter, kein junger Heerfürst Je mit feindlicher Hand tilgend verheert, Denn mit dem ewigen wachen Blick Sehn Gott Donners Augen ihn, und helläugig Frau Ostara. 4. Noch ein anderes Lob meiner Geburtserde, das beste, Des großwaltenden Donaugottes Geschenk, nenn ich, Des Landes edelste Gabe, des Stromes Herrschaft, der Roß und Füllen. O Donaufürst, du hobst es ja zu diesem Preis, Hehrer Gott des Stromes, der dem Rosse den wutstillenden Zügel Umwarf am ersten auf diesen Wegen. Sieh, hineilend mit Macht nieder zum Meer, hüpft in den Händen geschwungen das Ruder, Das Donauweibchen rings hundertfüßig umtanzen. Orpheus. Ich höre schöne Töne zum Preis eures Landes und sie klingen, so deucht mich, ganz ähnlich den unsern. Kaspar. Freilich; das kommt aber daher, weil alle Musik und Poesie, wie in unsern Chroniken steht, von hier aus zu euch Griechen gekommen ist. Auch der Rudersport, wie wir euch morgen zeigen werden, wenn Zeit dazu ist. Aber jetzt muß ich von euch Abschied nehmen und zu den Kolchiern schaun, ob sie auch gute Ordnung halten. Denn wir dulden hier keine freche Schnoddrigkeit. Nein, das gibt's nit bei uns, nur Gemütlichkeit! Zweiter Akt. Saal in der Burg auf dem Kahlenberg. Markgraf Nero . Markgräfin Limma . Limma. Also erzähl mir, lieber Mann, wie hast du dich denn den vornehmen fremden Griechen und Kolchiern gegenüber benommen als schlichter, deutscher Markgraf über unsere bescheidene Ostmark? Nero. O meine liebe Gattin, holde Limma, ich habe mich eben, wie es uns österreichischen Phäaken zukommt, ganz schlicht, ganz einfach, ganz gemütlich benommen, bescheiden in dem stolzen Bewußtsein, doch auch wer zu sein und ein Land zu vertreten, das einst die Göttin Ostara, die Göttin des Frühlings und des Sonnenaufgangs, die Göttin des lenzlichen Osterfestes sich zum Eigen erwählt und nach sich benannt hat, ebenso wie etwa die griechische Göttin Athene ihr griechisches Athen. Auch unser Land ist voll göttlichen und heroischen Adels, seit der edelste Stamm der Menschheit, der Deutsche, aus der Verwirrung vom babylonischen Turmbau hierher gezogen ist, wie unsere Chroniken künden. Limma. Ich habe doch eine gewisse Angst vor dem Ausgang dieser Sache. Beide Teile verlangen ihr Recht, beide Teile glauben im Recht zu sein; wie werden wir uns da ohne Schaden heraushelfen können? Nero. Sei nur ganz ruhig, meine liebe Gemahlin! Es gibt sich alles auf dieser Welt ganz von selbst, das ist die höchste Regierungsweisheit. Sieh, unser Leben verläuft so, wie wenn es bereits in einem Buch von Anfang bis zu Ende aufgeschrieben wäre. Wir glauben es zu erleben und blättern doch nur ein Blatt nach dem andern in diesem Lebensbuche um. Auch der Leser eines Buches regt sich darüber auf, wie die Sache ausgehen wird, ob der Held den Schwierigkeiten entgehen, ob er seine Braut doch noch erringen wird; man möchte ihm helfen, die Gegner unschädlich machen, und man bedenkt nicht, daß ja alle Sorge nichts hilft, denn der Ausgang aller Ereignisse ist ja schon aufgeschrieben und kann nicht geändert werden. Man kann nur gefaßt und ergeben mit den Ereignissen mitgehen bis ans Ende des Buches, bis ans Ende des Lebens. – Aber wo die vorgeladenen Parteien so lange verziehen? Limma. Da kommt Kaspar mit seiner Meldung. Nun was gibts? Kaspar kommt . Herr Markgraf und Frau Markgräfin, ich habe pünktlich meine Vorladung an die Griechen wie an die Kolchier ausgerichtet. Die Griechen, die Argonauten haben sie sehr höflich angenommen, und Jason hat sogleich seine Medea bei der Hand genommen, um sich auf den Weg hierher zu machen, obwohl die Medea noch ihren Putz und Schmuck hat zurecht richten wollen, um anständig vor der Frau Markgräfin zu erscheinen. Da ist es dann fast zu einer Zankerei zwischen beiden bekommen; der Jason hat sie gescholten, daß sie nie nit fertig wird, sie aber wär ihm vor Zorn fast ins Gesicht gesprungen, so hat sie sich über ihn gegift. Ich glaub, der gute Jason hat kein gutes Leben mit ihr. Limma. Und doch will er sie nicht den Ihrigen zurückgeben. Kaspar. Ich glaub, sie will nicht von ihm lassen und übt auf ihn eine hexenmäßige Zaubergewalt aus. Nero. Und was ist es mit den Kolchiern? Kaspar. Die haben meine Botschaft ziemlich brutal aufgenommen, und gedroht, wenn ihnen nit Recht wurd, sich das Recht mit Gewalt zu nehmen. Limma. O, ich habe wohl so Schlimmes von jenen Barbaren geahnt. Kaspar. Aber horch, da kommt schon das Argonautenpaarl! Mir scheint, sie streiten noch im Vorzimmer miteinander. Man hört beide hinter der Szene . Jason. So komm doch weiter, Medea! Man wartet auf uns! Wozu die Tändelei? O, über diese Unpünktlichkeit der Weiber! Medea. Kannst du denn nicht warten, mein lieber Jason, bis ich meinen Schleier zurecht gesteckt habe? Es ist wichtiger, anständig bei Hof zu erscheinen als pünktlich. Beide treten auf . Nero. Seid uns gegrüßt, edle Gastfreunde, Jason und Medea! Ihr seht, daß eure Gegner sich noch verzögert haben. Medea. Das dacht ich wohl, denn ich kenne meinen Bruder Absyrtos, der ebenso lässig wie losfahrend ist. Limma. Ich heiße euch als die Hausfrau dieser Burg willkommen. Wir wollen Freundschaft miteinander schließen, Medea! Medea. Wie sehr weiß ich als Schutzflehende deine Güte zu würdigen. Jason. Warum zögert der Kolchier, sich vor Gericht zu stellen? Hat er vielleicht schon den Mut verloren, und die Zuversicht auf sein Recht? Ist er mit den Seinen schon zurückgefahren, indem er auf seinen ungerechten Anspruch verzichtet? Nero. Das wäre wohl das Vorteilhafteste für uns alle. Wir wären des leidigen Streites los und könnten euch Argonauten das Recht zuweisen und euch friedlich nach Hause entsenden. Aber ich höre Lärm im Vorraum? Sind das die Kolchier? Kaspar. Meiner Seel, das sind sie in der Tat! Nero. Kommen sie denn in so großer Zahl, daß sie solchen Lärm machen? Kaspar. Keine Spur! Sie kommen nur paarweis, wie die Würsteln oder die Ohrfeigen. Es ist der junge Herr Absyrtos mit einem Begleiter. Absyrtos kommt . Nur mit Widerwillen erscheine ich, der Königssohn Absyrtos, vor einem Gericht eines bloßen Markgrafen; denn bei uns Kolchiern ist es der Gebrauch, daß der Starke und Mächtige sich sein Recht selber nimmt, und durch seinen Mut sein Recht erweist. Nero. Dennoch aber kommst du hierher, mein Prinz, und ehrst so unser Recht, da dir dein Rechtsgefühl eingibt, daß wir hier nicht nach kolchischem Recht, sondern nach österreichischem vorgehen. Ihr habt alle über dem Eingang unseres Burgtores den Spruch gelesen: Gerechtigkeit ist das Fundament aller Herrschaft. Das heißt, daß nicht bei uns Gewalt vor Recht geht, wie vielleicht bei euch. Absyrtos. Nun meinetwegen mag das hier so gelten; dann gelte aber auch nicht der Grundsatz jener Griechen, daß List vor Recht geht, denn nur mit List haben sie sich des Raubes bemächtigt. Nero. Laßt uns das in der Ordnung des Rechtes betrachten. Es rede zuerst der Kläger, dann antworte der Beklagte. Absyrtos. Der Kläger bin ich als Vertreter der beraubten Kolchier. Jener Jason ist mit seinen Argonauten bei uns eingebrochen, hat sich beim König und bei seiner Tochter listig eingeschlichen und hat nicht durch Recht, nicht durch Mut, sondern nur durch List, durch Verführung meine Schwester Medea und durch sie das goldene Vlies errungen. Jason. O nein, der Kläger bin vielmehr und eigentlich ich. Nicht um das goldene Vlies zu stehlen, bin ich so weit nach Kolchis gefahren, sondern um den uns Griechen von Anfang an als Recht zustehenden Schatz zurückzufordern. Denn der goldenfellige Widder war ein Geschenk des Meergottes Poseidon an den Griechen Phrixos, der auf dem Rücken des göttlichen Widders hin nach Kolchis flüchtete, um den Nachstellungen seiner Stiefmutter zu entgehen. In Kolchis aber wurde sowohl Phrixos wie sein goldener Widder vom wütigen König erschlagen und das goldene Fell wurde in einem Hain der Bewachung eines nie schlafenden Drachen anvertraut. Absyrtos. Das sind Fabeln; wir wissen die Sache anders! Jason. Wir wissen die Wahrheit von Argos, dem Sohne des Phrixos, der uns das nach ihm benannte Schiff Argo erbauen half. Dies Schiff führte uns, die Argonauten, nach Kolchis, wo wir vom König die Rückgabe des goldenen Felles forderten. Er sagte es nur unter der Bedingung zu, daß ich zwei feuerschnaubende Stiere vor den Pflug spanne und jene Drachenzähne aussäe, aus denen Krieger erwuchsen, die mich töten sollten, die ich aber überwand. Absyrtos. Nicht durch eigene Kraft erfülltest du die Bedingung, sondern mit Hilfe meiner Schwester Medea, die dir eine Zaubersalbe gegen Feuer und Waffen gab und dich belehrte, durch einen Steinwurf die aus den Drachenzähnen erwachsenen Krieger zu entzweien und also zu überwältigen. Darum hat dir der König, mein Vater, mit Recht die Herausgabe des goldenen Vlieses abgeschlagen. Aber wieder war es Medea, meine pflichtvergessene Schwester – Medea. Halt ein, Bruder, mich und Jason so zu beschimpfen, da doch wir beide viel mehr Grund haben, euch anzuklagen. Ich gesteh es, mich hat der verzweifelte Mut Jasons zur Bewunderung, zur Liebe hingezogen. Ich sah sein Recht, ich sah das Unrecht unseres Vaters, der das goldene Vließ bedingungslos herausgeben mußte. Aber er hat grausamerweise Bedingungen gestellt, die ohne meine Hilfe notwendig zum Untergang Jasons führen mußten. Es war meine Pflicht, den Helden vor der ungerechten Grausamkeit meines Vaters zu beschützen, ihm zu helfen, ihm sein Recht zu verschaffen. Darum hab ich ihm die Zaubermittel gegen Feuer und Waffen, den klugen Rat gegen die Drachensaat gegeben. Und als meine Bitten und Vorstellungen beim Vater auch weiter nichts fruchteten, als ich vielmehr erfuhr, daß der König dem Helden nach dem Leben strebe, verhalf ich ihm zum goldenen Vlies, indem ich den Drachen einschläferte, und begleitete ihn auf der heimlichen Flucht aus dem Kolcherland. Jason. So ist es, o Markgraf; du siehst, daß ich, Jason, das Recht habe zu klagen, nicht aber ein anderer. Ich klage den König an, sich nach der Ermordung des Phrixos des goldenen Widderfelles bemächtigt zu haben; ich klage ihn an, daß er das unrechtmäßige Gut uns, den berechtigten Griechen, nicht ausgeliefert, daß er vielmehr mir und uns allen Argonauten tückisch nach dem Leben gestrebt hat, daß er seine eigenen Bedingungen nicht festhielt! Ich habe nur unser Recht zurückgenommen, als ich das Vlies auf meiner Flucht mitnahm. – Absyrtos. Und die Entführung der Medea, meiner Schwester? Medea. Ich bin dem Helden freiwillig gefolgt, und ich bin ihm nur dankbar dafür, daß er mich so Verhältnissen im Kolcherland entzogen hat, die mir bereits unerträglich geworden sind. Jason. Ich Jason will dem allen nichts mehr hinzufügen. Entscheide du, Markgraf, über die Sache! Ich nehme deinen Urteilsspruch an, wie er auch ausfallen mag, denn ich habe das Zutrauen in deine gerühmte Gerechtigkeit. Auch mein Gegner Absyrtos hat durch sein Herkommen sich deinem Spruch unterworfen. Absyrtos. Ho, nur unter der Bedingung, daß mir der Spruch günstig ist! Von deinem Richterstuhl gibt es noch eine Berufung an höhere Gerichte, an die Macht, an den Mut, ans Schwert! Nero. Nein, Absyrtos, das ist hier ausgeschlossen! Das werden wir Ostmänner zu verhindern wissen. Aber allerdings steht über dem Rechtsspruch noch etwas anderes: ein friedlicher Vergleich. Es ist unser Rechtsgebrauch, daß wir erst dann ein richterliches Urteil sprechen, wenn es uns nicht gelingt, einen Ausgleich in gutem Einvernehmen zwischen den streitenden Parteien herbeizuführen. Ich glaube, gerade in diesem Falle läge ein Vergleich sehr nahe. Könnte sich Jason nicht mit dem goldenen Vlies begnügen und die Königstochter dem Bruder zurückstellen? Oder umgekehrt: das Vlies zurückgeben, um Medea zu behalten? Was würdest du, Absyrtos, als Vertreter des kolchischen Standpunktes, dazu sagen? Ich befrage dich zuerst. Absyrtos. Das Vlies und die Königstochter lassen sich in keinem Fall trennen. Denn nur durch Medea hat Jason das goldene Vlies. Ohne Medea wäre sein freches Unternehmen nicht geglückt. So gut aber das Vlies uns, den Kolchern, zu eigen ist, so gut auch die kolchische Prinzessin. Sie gehört unter die Gewalt des Vaters, unter meine, des Erbprinzen, Gewalt. Sie hat zudem nicht freiwillig gehandelt, sondern verwirrt von den Lockungen des Fremdlings. Sie gehört schon darum unter unsere männliche Vormundschaft. Sie geht mit Jason, ohne es zu wissen, in ihren Untergang. Sie glaubt ihn zu lieben, sie hält sich von ihm geliebt. Beides ist Täuschung. Nein, ich gehe nicht von hier, ohne Medea, meine verwirrte Schwester, und ohne das goldene Vlies, den Raub der Argonauten. Das schwör ich bei meinem Schwert! Nero. Diesen Schwur kann ich nicht anerkennen. Aber nun äußere dich, o Jason, über meinen Vorschlag! Jason. Das goldene Vlies ist für uns Griechen und durch uns für die ganze Welt das Symbol des höchsten Ruhmes geworden, und uns ist der Ruhm, die Ehre, das höchste Ideal des Lebens. Davon ist aber auch die weibliche Hand unzertrennlich, die uns dies Symbol des Ruhmes und der Ehre gereicht hat. Ich darf nicht nach Griechenland zurückkehren ohne Medea; ich würde sonst ruhmlos und als Ehrloser, als Schurke dastehen vor dem ganzen Volk, vor der ganzen Zukunft. Limma. Laßt auch mich, die Markgräfin, die zumeist betroffene Medea fragen, ob sie sich nicht davor scheut, einem fremden Manne in ein fremdes Land, in ein ungewisses Schicksal zu folgen, ob sie der Treue dieses Mannes sicher ist, ob sie sich nicht doch schon nach Heimat und Sippe zurücksehnt, wo sie im höchsten Aufsehen der zauberkundigen Weisen stand? Medea. Nein, o edle Frau, wie es auch ausgehe, Medea muß bei ihrem Schicksal beharren. Ich wäre nicht ich, nicht Medea, wenn ich schwankte. Wohl war ich zuhause zaubermächtig als Schülerin meiner Vaterschwester Kirke, aber allen Zauber hab ich für die Liebe hingegeben. Mag auch meine Liebe ein Wahn sein; der Wahn ist das einzig Wirkliche in dieser Welt des Grauens; ich bin selig in diesem Wahn und werde diese Seligkeit nie mehr verlieren können. Ich gehöre zu Jason so unbedingt, wie denn auch das goldene Vlies ebenso untrennbar bei uns bleiben muß. Nero. Somit hab' ich eure Reden und Gegenreden angehört, und es liegt mir als Richter des Landes ob, auf Grund aller vorgebrachten Rechtsgründe mein Urteil zu fällen. Ich hebe demnach die heutige Tagung auf, da ich nach altem Recht die Urteilfällung erst beschlafen muß, und lade euch also alle für morgen mit Tagesanbruch vor mein Tribunal, die Entscheidung, die ich bis dahin gefällt haben werde, zu vernehmen. Kehrt jeder an eure Lagerstätten zurück! Es ist für Ordnung, Frieden und Ruhe durch die Meinen wohlgesorgt. Auf Wiedersehen allerseits! Jason, Medea, Absyrtos und Kolchier ab . Ein peinlicher Fall! Limma. Äußerst peinlich. Kaspar. Hoffnungslos! Nero. Völlig verwirrt! Limma. Unauflösbar. Kaspar. Zum Kopfzerbrechen! Mir tut schon jetzt der Schädel weh. Herr Markgraf, wißt ihr, was ich euch raten würde? Da gibt's kein anderes Mittel, als die beiden streitenden Parteien zipfeln zu lassen, wer von ihnen das Lampelfell, wer das umstrittene Frauenzimmer mitnehmen därf. Nero. Ha, ich habe einen Einfall! Limma. Das wäre ja herrlich. Kaspar. Ein Einfall? Wenn nur nicht die ganze Burg darüber einfallt! Nero. Das allein kann uns retten! Limma. So sprich, was ist es? Kaspar. Heraus damit, geschwind, eh' Sie's wieder vergessen! Nero. Das Entscheidende, woran wir gar nicht gedacht haben, ist doch das, ob Medea mit Jason in rechter, heiliger, feierlicher, priesterlicher Ehe vermählt ist. Denn dann kann die Verbindung nicht mehr gestört werden, dann darf Medea dem rechten Gatten nicht mehr entrissen werden. Ist aber das Paar noch unvermählt oder nicht rechtmäßig vermählt, dann ist die Verbindung unerlaubt und muß getrennt werden. Limma. Aber Gemahl, ich fürchte – Nero. Halt, keine Widerrede! Es bleibt dabei! Ich ziehe mich zurück, um diesen meinen Entscheidungsspruch noch richtig zu formulieren. Man störe mich nicht mehr! Ich will bis zur Tagung niemand mehr sehen. Ab . Kaspar. In den seinen Schädel hats wirklich wie der Blitz eingeschlagen, so daß man sich völlig fürchten muß, man bekommt auch noch einen Streifer, wenn man ihm zu nah kommt. No, wir wollen halt sehen! Limma. Ach, ich zweifle sehr, daß das Paar auf seiner raschen Flucht schon daran gedacht hat, sich ordentlich trauen zu lassen. Kaspar. Freilich, wo sollten sie in der Geschwindigkeit einen Pfarrer aufgetrieben haben; nicht einmal zu einer Zwifelehe oder Zuvielehe wird die Zeit gelangt haben. Limma. Aber weißt du was, Kaspar, du mußt mir einen Gefallen tun, denn mir liegt sehr daran, der armen Medea nach Kräften zu helfen. Wir Frauen müssen wenigstens zusammenhalten. Du mußt, sobald die Nacht hereinbricht, ganz heimlich, so daß es weder der Markgraf noch etwa ein Kolchier merkt, den Berg hinunter gehen ins Lager der Argonauten und ihnen die Absicht meines Gatten verraten. Dann ist es noch immer Zeit, vor Tagesanbruch die feierliche Eheschließung vorzunehmen, so daß die Kolchier das Nachsehen haben. Kaspar. Gilt schon, Frau Markgräfin, da bin ich dabei! Solche Sachen mach ich selber für mein Leben gern. Ja, der Kaspar kann da auch ein bisserl Weltgeschichte spielen. Also, Sie können sich darauf verlassen. Ich zieh mich jetzt noch zurück, zieh mich um, um mich zu vermummen und geh dann noch vor Mitternacht als leibhaftes Schicksal auf. Ich küß derweil die Hand. Ab. Limma allein. Ja, ja, so kann der Mensch doch das Schicksal leiten. Es ist nicht ganz so, wie mein allzu weiser Gemahl meint, daß alles so geschieht, wie's geschehn muß, und daß alles vorbestimmt und unausweichlich sei. O nein, wir können doch mit unsern zarten Fingern ein bißchen drein pantschen und die Dinge so lenken, wie wir wollen. Man muß nur wollen! Denn wozu hat man denn seinen Willen? Besonders wir Frauen? Sie singt. Was auch der Weisen Meinung sei, Der Mensch hat seinen Willen frei Zum Guten oder Schlechten, Zum Bösen und zum Rechten, So wie's ihm sein Gewissen kündet Und sein Gefühl den Geist entzündet. Des Menschen Wille lenkt die Tat Und Gottes Rat. Sie spricht. Hahaha, wie freu ich mich schon im voraus, daß ich meinem Mann das Steuerruder des Staates ein wenig aus der Hand geliftet hab, ohne daß er's merkt. Dritter Akt. Dieselbe Szene wie im ersten. Tiefe Nacht. Kaspar stolpert herein in Weibertracht. Blitz, Donner- und Hagelwetter! Jetzt wär ich aber bald hergetatscherlt weil man da auf dem Weg vom steilen Burgberg herunter aber auch schon gar nix sieht. Ich bin ja schon längst auf keinem Weg gewesen. sondern hab mich nur so durch die Bäume durchgetappt, denn die Nacht ist so finster und schwarz, wie wenn im schwärzesten Weltteil ein schwarzer klerikaler Neger um Mitternacht bei Mondesfinsternis im tiefsten Keller einen ungezuckerten Schwarzen, der von Schwärzern ins Land geschwärzt worden ist, in seinen schwarzen Schlund hinunterschluckt. Dabei hindert mich auch mein Weiberkittel; denn damit man mich nicht als den Kaspar erkennt, den Dienstmann des Markgrafen, hab ich mich als Weib vermummen müssen und geb mich für die Fee vom Sieveringer Brünnl aus. Mir scheint, ich bin jetzt schon ins Tal hinuntergekommen und aus dem Wald heraus, denn ich stoß mir den Schädel da an keine Bäum mehr an. Es is merkwürdig, daß die Bäum bei der Nacht viel härter sind als bei Tag. Das muß eine Boshaftigkeit von der Natur sein, damit die Beulen, die man sich stößt, mehr ausgeben. Aber wohin nun? Ha, da leuchten schon ein paar Stern, und da geht der Herr Mond auf, natürlich nur halb. Und da seh ich ein Licht zwischen den Sträuchern leuchten. Das muß das griechische Lager sein. Der Mondschein scheint auch schon schön schief scheangelnd daher. Ja, ich irr mich nicht. Ich werd rufen, damit mich die Wächter nit für ein feindlichen Späher halten. Dabei muß ich aber eine sanfte Weiberstimm anwenden, damit man mich wirklich für das halt, was ich vorstellen will. Wie tut man denn da? sehr grob Hö, hö! Oha, das war nit recht, ich muß es noch feiner machen! sehr hoch He, he! Noch höher! He, heda! Medea kommt. Hab ich hier nicht einen schrecklichen Schrei gehört? Oder war es ein Nachttier? Kaspar. Nein, ich bitte schön, ich bin kein Tier, sondern ein Mensch, und zwar ein weiblicher Mensch, wenn's erlaubt ist. Und zwar kein gewöhnliches Waldweiberl sondern die Jungfrau Fee vom Sievringer Jungfernbrünnl. Ich bin so zu sagen allwissend. Ich weiß, daß du die Medea, die kolchische Königstochter bist. Medea. Das ist allerdings richtig. Aber wenn du wirklich allwissend bist, du rätselvolles Wesen, so wirst du auch in die Zukunft sehen können und wissen, wie mein künftiges Schicksal sich gestalten wird. Kaspar. Um alles zu wissen, müßt ich erst in meinem Jungfernbrünnl hineingucken und die Runen darin ententräseln. Das ist keine so einfache Prozedur. Aber in die nächste Zukunft kann ich schon jetzt ums Eck herum schauen, freilich auch nur mit der den Propheten angemessenen Vieldeutigkeit, denn es liegt im Wesen der Zukunft, daß sie entweder so oder so ausgehen kann, aber das ist sicher. Medea. Davon hätte ich freilich nicht viel zur Beruhigung meines unruhigen Herzens, höchstens eine Vermehrung meiner unerträglichen Unruhe. Darum unterlasse ichs, dich, du Vieldeutige, zu fragen, ob du nur mein Schicksal des nächsten Tages kennst, ob du mir sagen kannst, wie das Urteil des Markgrafen darüber ergehen wird, ob ich bei Jason bleiben darf oder mit dem Bruder zurückkehren muß. Kaspar. O das könntest du mich immerhin fragen, du unruhiges Herzerl, und ich wüßte dir unfehlbare Antwort zu sagen. Aber wer nit fragt, kriegt keine Antwort. Medea. Nun denn, so frage ich. Kaspar. Nun denn, und so antwort ich. Der hochweise Urteilspruch des Markgrafen wird unweigerlich sicher also lauten. Ist Prinzessin Medea dem Helden Herrn Jason als eheliches Weib nach aller Umständlichkeit angetraut, so ist das Eheband nicht mehr zu trennen und sie g'hört ihm schon. Hat man aber bisher, ich bitt um Verzeihung für meine Indiskretion, eine gültige Eheschließung vergessen oder unterlassen, hat Herr Jason die Jungfer Medea nur so mitgenommen, und ist sie ihm nur so so nachglaufen, dann hat der Vater König und der Bruder Prinz der ehrsamen davonglaufenen Maid das Recht, sie wieder in den Schoß der väterlichen Familie zurückzufordern, ob sie mag oder nit und ob Herr Jason mag oder nit. Verstanden? Medea. Ich habe allzuwohl verstanden. Kaspar. Nun dann weißt, liebes Herzerl, was dir bevorsteht. So oder so, wie ich schon zu sagen die Ehre hatte. Denn du wirst ja wohl wissen, ob Ehe oder Nichtehe. Medea. Nein, das weiß ich eigentlich nicht recht. Wohl hab ich mich als Jasons Weib gefühlt und die Eheschließung schon in gegenseitigem Einverständnis vollzogen gesehen. Aber weitere Zeremonien sind dabei nicht gemacht worden. Kaspar. Ich versteh: also keine Brautwerbung, keine Brautschau, kein Aufgebot, feierliches, doppeltes Ja vor versammelten Zeugen, Familiengliedern und Priestern oder staatlichen Standespersonen, keine Eheringe, kein Hochzeitsmahl, keine Gratulationen, keine Toste. Medea. Du siehst ein, daß zu dem allen keine Zeit war. Wir mußten heimlich fliehen. Kaspar. Also wenigstens die Zeremonie der Hochzeitsreise ist streng eing'halten worden. Das is schon was, aber es is doch a bisserl wenig. Medea. Das seh' ich ein. Mir selber schafft das große Sorge, auch abgesehen von den Folgen des Urteilspruches. Denn ich weiß nicht, ob ich mich auf die Treue Jasons verlassen kann. Kaspar. Freilich, da wär schon ein Ehekontrakt oder so was dergleichen gut, eine bedingte Mitgift. O wir Weiber kennen ja die flatterhaften Männer; nit wahr, Herzerl? Medea. Ich kenne nur meine eigene Sorge. Wie wenig kenne ich Jasons Art. Er denkt edel, heldenhaft; er scheint mir aber leicht neuen Eindrücken zugänglich zu sein. Er verdankt mir wohl das goldene Vlies, das Ziel seines Heldenstrebens; ist das nicht Mitgift genug, die ihn schon aus Dankbarkeit an mich fesseln sollte? Kaspar. Freilich, freilich, aber so was vergessen halt die Männer zu leicht. Medea. Ich glaube zu fühlen, daß ich ihm schon jetzt fremd werde als eine Barbarin, die wohl in manchem nicht seinem Ideal des griechischen Weibes entspricht. Kaspar. So, so, also so steht es schon mit euch beiden? Nun, dann sag, Herzerl, wärs nit am besten, du tätst den lüftigen Griechen laufen lassen, nähmst dein goldnes Vlies, sagtest, es war nix, bedanktest dich für die Unterhaltung, du hättest genug, du möchtest nun wieder zu Haus in geordnete, gewohnte Verhältnisse? Medea. Das stünde mir freilich noch immer frei, nach dem, was du mir über den zu erwartenden Richterspruch des Markgrafen sagst. Aber wird das ohne Kampf ausgehen? Wird Jason, wenn er schon auf mich verzichtete, auf den Siegspreis des goldenen Vlieses verzichten? Auch meine Ehre verlangt, daß ich auf dem einmal eingeschlagenen Wege bestehe, daß ich mich für wohl verheiratet ansehe und fordere, daß man mich als ehrsame Ehegattin betrachte. Kaspar. Ja, wird denn das geschehn, nach allem, was du mir da anvertraut hast? Der Markgraf wird euch beide streng examinieren, und wenn sich herausstellt, daß ihr gar nit verheiratet seid, dann – Medea. So rate mir, du weises Weib! Gibt es da kein Mittel? Kaspar. Es gibt immer Mittel, auch in den verwuzeltsten Fällen. Die Sache läßt sich auch ganz einfach drechseln. Willst du, Herzerl, die Frau des Jason nach allen Rechten unzweifelhaft sein, so müßt ihr eben die feierliche, ordentliche Eheschließung nachholen. Medea. Wie ist das möglich noch vor dem so bald zu erfolgenden Richterspruch? Kaspar. Alles is möglich, wenn man gleich dran geht. Medea. Aber ich schäme mich, vor allen Argonauten zuzugestehn, daß ich mich bisher noch nicht für vermählt gehalten habe. Kaspar. Da gibt's keinen Schenierer! Man muß sich daraus eine Ehre machen! Medea. Und wird Jason wollen? Wird er sich so binden wollen? Kaspar. Heut noch; morgen vielleicht nit mehr, mein liebs Herzerl. Drum nur schnell dazuschaun! Ruf deinen Jason! Ruf alle Argonauten! Medea. Ich glaube, ich sehe sie da kommen mit Fackeln und Lichtern. Jason kommt mit Orpheus und anderen. Hier bist du, Medea? Wir suchen dich schon lange. Medea. Wirklich, mein Jason? Du hättest mich leicht finden können, denn ich war nicht so weit von dir, wie du von mir. Jason. Das ist spitz gesagt und unmöglich zugleich. Mit wem sprichst du da? Medea. Sie ist die Jungfrau Fee vom Jungfernbrünnlein, wie sie sagt. Es scheint, daß sie so eine Art Sibylle ist. Kaspar. Sibylle? Ja; aber keine von den bösen Sieben? Ich bin gekommen, euch kraft meiner Weissagungskunst guten Rat zu geben? Jason. Guten Rat? Das wäre? Sie kommt mir nicht ganz richtig vor. Medea. Sie weiß voraus, welchen Urteilspruch der Markgraf morgen ergehen lassen wird. Jason. Das wüßte sie? Durch ihre Weissagekunst? Und wie wird der Spruch lauten? Medea. Daß ich mit dem goldenen Vlies als meiner Mitgift dir angehöre, wenn ich dir rechtlich und förmlich verehlicht bin, sonst müßte ich und das Vlies den Kolchiern zufallen. Jason. Nun, du, Medea, gehörst doch zu mir, ebenso wie das Vlies! Wer kann daran zweifeln? Medea. Vielleicht der Richter. Gewiß mein Bruder Absyrtos. Man wird uns fragen, einen Eid von uns verlangen, ob wir in heiliger Ehe verbunden sind, wo, wie und wann die Ehe geschlossen wurde. Jason. Du weißt, daß eine förmliche Festlichkeit unmöglich war. Medea. Sie könnte aber nachgeholt werden, um uns so einander und unsern Gegnern gegenüber fester und unlöslicher zu verbinden. Jason. Wie wäre das möglich? Jetzt, unter diesen Umständen? Orpheus. O ja, mein Jason, es wäre wohl rätlich und auch möglich. Du weißt, daß ich, Orpheus, nicht nur heiliger Sänger, sondern auch geweihter Priester des höchstens Gottes Zeus bin, oder wie er sonst lieber genannt sein will, des Gottes, der bei den Kolchern wie bei den Phäaken hier ebenso gelten muß wie bei uns Griechen; denn es gibt nur Einen höchsten Gott, die andern sind nur seine Söhne, seine Kinder, seine Diener, seine Boten, seine Engel. Jason. Ich kenne ja wohl deine Lehre, die orphische Geheimlehre von der Einheit und Einzigheit der höchsten Gottheit. Orpheus. Nun denn, so hab ich auch als deren Prophet, deren Verkündiger, Sänger, Prediger und Priester das Recht, an jedem Ort, zu jeder Zeit, auch nun bei Nacht und im Walde den Fels hier als den Altar dieser Gottheit zu erklären, ihm, dem höchsten Gott, Brot und Wein zu spenden und zu opfern, seinen Segen herabzuflehen und euch, dieses vom Gott für einander bestimmte Paar, zu unlöslichem, heiligem Bunde zu verbinden, indem ich eure Erklärungen dazu hinnehme. Jason. Mir widert ein solches Gaukelspiel. Medea. So weigerst du dich, o Jason, dem heiligen Bunde? Jason. Nein, Medea, aber wozu das? Orpheus. Des Rechtes und der Gerechtigkeit wegen. Kaspar. Meine verehrten Herrschaften, ich rat euch zur Eile! Schon dämmert es dort im Osten vom Marchfeld her. Es ist nit mehr viel Zeit zu verlieren. Wollt ihr nicht vor dem markgräflichen Gericht als blamierte Europäer dastehn, so müßt ihr euch schnell entschließen und euch den günstigen Rechtsspruch durch gültige Eheschließung versichern. Orpheus. O Jason, zögere nicht länger! Sieh, ich bin bereit, das Opfer zu bringen, den bindenden Segensgesang zu sprechen. Jason. So zwingt ihr mich dazu? Orpheus. Alles zwingt dich dazu: die Pflicht, die Ehre, der Ruhm, die Liebe. Willst du erfolglos mit Schmach von hinnen ziehn? Tretet vor diesen Stein, der uns Altar sein soll und der bereits die Opferspeisen trägt! Reicht euch die Hände und vereinigt euch im Geist meinem Gebete, das den ganzen Himmel und die Erde zu Zeugen des unlösbaren Bundes beruft! Er singt nach der 1. Melodie. 1.             Einiger Schöpfer der Welt, o Vater des Alls und der Menschen, Komm als der Stifter der Ehe nun auch zu der heiligen Feier! Hymen, o Hymenaios, o Hymen, o Hymenaios! 2. Komm mit all deinen Scharen der Himmlischen, komm aus den Himmeln, Komm zur Erde herab, gib Segen dem Mann und dem Weibe! Hymen, o Hymenaios, o Hymen, o Hymenaios! 3. Seid uns Zeugen, auch ihr, ihr Geister der Berge, der Bäume, Geister der Quellen und Bäche, der Flüsse, der Ströme des Landes! Hymen, o Hymenaios, o Hymen, o Hymenaios! 4. Zeugt es allen, daß bindend sich Jason der edlen Medea Hat in Treue verbunden, und Fluch sei dem Brecher des Bundes! Hymen, o Hymenaios, o Hymen, o Hymenaios! Kaspar. Da muß ich doch auch als weise Jungfrau Fee vom Jungfernbrünnl meinen Spezialsegen dazu geben: Gschehn is gschehn! Wers gsehn hat, kann gehn, und kann es sagen den spätesten Tagen, was er hier hat gesehn: Gschehn is gschehn! Orpheus. Somit gratuliere ich euch, meine Freunde, daß ihr ein leidiges Versäumnis gut gemacht habt zu eurem Heile. Ihr seid stumm? Ihr schlagt die Augen nieder? Ihr wagt es nicht einmal, einander in die Augen zu sehen? Nicht so! Empor die Herzen und die Augen! Seht, die Sonne geht schon auf und freut sich eurer Tat! Und wir, alle Argonauten, begrüßen euch mit den Heilsrufen: Heil Jason und Medea! Alle. Heil! Vierter Akt. Saal wie im zweiten Akt. Limma allein . Meine Unruhe wird mir immer unerträglicher. Ich habe die ganze Nacht kein Auge geschlosseu. Meine Phantasie hat sich alles ausgedacht, was zu dieser Zeit im Lager der Kolcher wie in dem der Argonauten sich ereignet haben mag. Ob diese, ob jene geflohen sind, ob diese oder jene die andern etwa angegriffen und überfallen haben, die Kolcher, um Medea und das Vlies mit Gewalt zu erbeuten, die Argonauten, um dem Richterspruch meines Gatten, des Markgrafen, auf andere Art zuvorzukommen. Oder ist alles ruhig geblieben? Ist es dem klugen Kaspar gelungen, die Griechen zu finsterer Nachtzeit aufzufinden? Hat er sich ihnen verständlich machen können? Haben sie ihm getraut, oder sein Vorgehen als eine Falle angesehen und ihn vielleicht gar als einen Spion getötet? Es wäre mir unerträglich, wenn mein Plan mißlänge, wenn er verraten würde, wenn mir daraus Schimpf und Vorwurf erwüchse. Ha, meine Seele würde sich gerne zum Gebet an meine Schutzgöttin, die Göttin des Landes aufschwingen, wenn nicht solche Erdensorgen wie Lasten sie zu Boden drückten. O komm, Ostara, Schutzfrau des Landes, und rette meine Ehre, wenn ich dir je hold war! Ha, was ist das? Erscheint sie mir leibhaftig, dort, dort? Kaspar kommt durchs Fenster herein . Nein, Frau Markgräfin. Ich bin nicht die verehrliche Göttin des Landes Österreich, sondern nur die Jungfrau vom Sievringer Jungfernbrünnl, und auch die nur als Verkleidung, denn in Wirklichkeit bin ich gar nur der Kaspar, den Euer Gnaden zu den Argonauten ausgeschickt haben. Trotz der schaurigen Nachtzeit hab ich den Weg hingfunden und hab euren hohen Auftrag ausrichten können. Ich hab die Herrschaften alle richtig vorgefunden, ihnen alles deutlich gemacht, und sie waren so gütig, meinen bieder gemeinten Worten zu glauben und zu vertrauen und darnach zu handeln. Limma. Darnach zu handeln? Wie meinst du das, Kaspar? Kaspar. Nun, Frau Markgräfin, es hat sich wirklich so herausgstellt, wie wir alle beide gefürchtet haben, daß der Junker Jason und die Prinzessin Medea nur sehr oberflächlich mit einander verheiratet sind oder eigentlich gar nit verheiratet sind. Es is weder die Red von einer kirchlichen Ehe noch von einer Zwifelehe oder Zuvielehe, oder wie man's heißt, die Red gwesen. Der Jason hat auch nit recht anbeißen wollen, der Schlankl, weil er sich doch als blutjunger Bursch schon vor dem allzufrühen Ehekrüppeltum gefürchtet hat. Aber wir andern haben ihn doch so fest bei seinem Gewissen, seiner Pflicht, seiner Ehre, seinem Dankbarkeitsgefühl und sonstigen Schlafitteln gepackt, daß er endlich eingewilligt hat, die versäumte religiöse Zeremonie nach der Hand nachzutragen. Sehr hochzeitlich war freilich die ganze Hochzeitsgesellschaft nicht grad gestimmt. Limma. Das ist mir einerlei. Ich hab mir einmal in den Kopf gesetzt, diese Ehe zu stiften und will, daß die Sache nach meinem Kopfe gehe. Aber sage mir noch, Kaspar, ich verstehe, warum du dich als Weib, als Jungfrau vom Jungfernbrünnl vermummt hast, um weder von den Argonauten noch von etwaigen Wachen meines Gemahls erkannt zu werden. Aber warum behältst du diese Vermummung und Verkleidung noch weiter bei? Kaspar. O gnädige Frau Markgräfin, das geschieht aus guten Gründen. Ich muß doch als eine Standesperson, die bei der schnellen Hochzeit dabei war, und Kraft meiner Autorität als angebliche Fee Zeugnis ablegen können über die wirklich stattgehabte ordnungsgemäße Eheschließung. Darum bin ich auch gleich in selber Gestalt daher kommen. Limma. Das war wirklich sehr klug von dir. Aber sieh, da kommt mein Gemahl. Nun nimm nur wieder deine Frauenstimme an, damit er dich nicht trotz der Vermummung erkennt! Kaspar. O daran fehlt sich nix! Ich kann so hoch reden wie ein junges Mädichen, zu geschweigen wie eine alte Hex. Nero kommt . Guten Morgen, Frau Gemahlin! Schon längst auf, wie ich merke? Nun, ich sehe auch mit Spannung den Entwicklungen des heutigen Tages entgegen. Die Sonne ist schon längst herauf; aber noch zögern unsere Gäste, die Argonauten wie die Kolcher. Ach, wie viel lieber würde ich sie als Freunde, denn als gegenseitige Gegner bei uns empfangen! Eine böse Ahnung sagt mir, dass ihr Streit ein schlimmes Ende für beide Teile nehmen müsse. – Aber was ist denn das für eine sonderbare Erscheinung? Kaspar. Ja bitt, gnädiger Herr Markgraf, ich bin die bekannte Jungfer Fee vom Sievringer Brünnl, zu der von weit und breit die Leut kommen, um sich wahrsagen zu lassen. Ich hab auch die polizeiliche Lizenz dazu. Nero. Ich habe davon gehört, aber wie kommst du daher? Hat dich vielleicht meine Frau gerufen, um sich wahrsagen zu lassen? Limma. Allerdings, mein lieber Mann, ich wollte von dieser weisen und klugen Person erfahren, wie die verwickelte Angelegenheit mit den Argonauten und Kolchiern ausgehen wird, die mir so große Unruhe schafft. Du wirst ja nichts dagegen haben? Nero. O keineswegs, aber ich zweifle sehr, daß dir von dieser Seite irgend eine förderliche Auskunft kommen könnte. Kaspar. O, i bitt, gnädiger Herr Markgraf, unterschätzen Sie nit die Bedeutung der von unser einem ausgeübten Wahrsagekunst! Diese Kunst ist es allein, die die Staaten erhalt, ja man kann sagen, daß wir es sind, die die Weltgeschichte machen, denn die Ereignisse erfolgen genau so, wie wir sie voraussagen. Fragt mich einer, ob er über einen Graben springen oder hineinfallen wird, so geschieht das, was ich ihm prophezei. Denn prophezei ich ihm, daß er glücklich drüber springt, so springt er wirklich im festen Vertrauen darauf, kühn hinüber; prophezei ich ihm aber, daß er in den Graben fallen wird, so fürchtet er sich so sehr davor, daß er aus lauter Furcht zu kurz springen und in den Graben fallen wird. Das ist nur ein kleines Beispiel für alle Staatssachen, Kriegssachen, Heiratssachen, Handelssachen und was es sonst überhaupt für Sachen gibt. Nero. Haha, da magst du recht haben. Anders ausgedrückt, ist das Vertrauen oder Mißtrauen in uns und unsere Sache alles. Nun, und was hast du denn über die in Frage kommende Frage zu prophezeien gehabt? Kaspar. Wozu soll ich das sagen? Es wird sich ja gleich weisen. Ich bleib nur mit Ihrer Erlaubnis noch ein bisserl da, um zuzuschauen, ob die Dinge meiner Prophezeiung gehorsam folgen oder nit, und wenn's nötig sein sollt, ein wenig nachzuhelfen. Nero. Das sei dir immerhin erlaubt, denn es kann nichts schaden. Aber da kommen ja schon die Kolchier herein mit gar unziemlichem Ungestüm. Absyrtos und ein Kolchier. Absyrtos. Wir haben uns beeilt, um etwaigen Quertreibereien der Argonauten vorzubeugen. Wir haben von unsern Spähern erfahren, daß die ganze Nacht hindurch das Lager der Griechen in Bewegung war, und daß da verdächtige Dinge vorzugehen schienen. Aber wir haben auch vorgesorgt, daß sie uns nicht etwa bei Nachtzeit mit dem Raub entwischen. Nero. Das war bei so biederen Leuten nicht zu fürchten. Wir hatten ja ihr Wort! Absyrtos. In solchen Dingen bricht die Not und die List alle Ehrlichkeit. Nero. Das ist hier nicht der Fall, denn seht, da kommen sie schon: Jason mit Medea und Orpheus. Jason. Ja, erlauchter Markgraf, wir zögern nicht, uns deinem Urteilsspruch zu stellen und ihm, wie er auch falle, zu gehorchen. Absyrtos. Das will ich für mein Teil nicht unbedingt zugeben, denn der Tapfere kann noch immer an sein Schwert appellieren. Doch rede, Markgraf, laß uns hören, was du uns zu sagen hast! Nero. So hört denn! Ich habe der Sache reiflich nachgedacht und folgende Entscheidung aus dem Innersten meines Rechtsbewußtseins geschöpft. Medea gehört nur dann dem Jason, wenn sie ihm als eheliches Weib durch rechte Eheschließung verbunden ist, und wenn also auch das goldene Vlies als ihre rechtlich dargebotene Mitgift gelten kann. Wenn nicht, nicht! Seid ihr, beide Teile, mit diesem Spruche zufrieden? Absyrtos. Vollkommen, ehrlicher Markgraf; denn es ist zweifellos, daß Medea dem Jason nicht als dessen Eheweib folgt, sondern unrechtmäßiger Weise und unehrenhafter Weise dem Familienhaus entlaufen ist, ohne Werbung, ohne Ehevertrag, ohne Mitgift des Vaters, ohne die geheiligten Zeremonien, ohne den Segen der Gottheit. Das ist keine Ehe, sondern ein Raub! Nero. Und du, Jason, bist du auch mit dem Richterspruch zufrieden? Jason. Vollkommen, denn Medea ist mir auf meine Liebeswerbung freiwillig gefolgt, sie hat mir des zum Zeichen das goldene Vlies als Mitgift mitgegeben; ich habe also weder sie noch das Vlies geraubt, und die geheiligten Zeremonien sind auch mit dem Segen der Gottheit erfüllt worden. Nero. Ja, was ist denn das? Da wäre also durch meinen Richterspruch, der so klug ausgedacht ist, gar nichts entschieden, und die Streitfrage bliebe wie vorher in Schwebe? Limma. Mit nichten, mein Gatte, es kommt auf die Auslegung an und auf die Zeugen, die beide Teile zur Rechtfertigung ihres Anspruchs vorbringen können. Nero. Du hast recht; also nenne du, Absyrtos, deine Zeugen für deine Behauptungen! Absyrtos. Was da Zeugen? Das sind ja offenkundige Tatsachen, die niemand ableugnen kann, auch Jason und Medea nicht. Jason. O ja doch! Ich leugne alles ab und ich bin es, der jenen zeugenlosen leeren Behauptungen wohlbezeugte Tatsachen entgegenstellen kann. Zeugen sind alle meine fünfzig Mitargonauten. Absyrtos. Das gilt nicht, sie sind Partei! Jason. Zeuge ist hier der Sänger und Priester des höchsten Gottes, Orpheus, der mich mit Medea getraut hat. Absyrtos. Das ist nur ein Zeuge und schon darum verdächtig. Wo ist der notwendige zweite Zeuge? Kaspar. Der ist da, mit Verlaub, meine Herrschaften! Ich bin, wie mich alle hier kennen und anerkennen, die berühmte wahrsagende Jungfer Fee vom Sievringer Brünnl, ich war Zeuge bei der Eheschließung. Absyrtos. Haha, damit deckst du die Schwäche deiner Zeugenschaft auf. Wenn auch andere leichtgläubige Leute deine wahrsagende Jungfernschaft anerkennen, vor Gericht zeugt kein Weib, und aus deinen Worten ergibt sich, daß die Eheschließung erst vor kurzem nachträglich, und um dem Spruche zu genügen, erfolgt ist. Kaspar. Hoho, nur keine Beleidigungen! Ich bitt, ich bin sozusagen eine geistliche Autorität, und dann bin ich kein Weib, sondern ein Mannsweib oder Weibsmann, wie es sich für so eine heilige Person geziemt. Und ob die Ehe vor einer Stund, vor einer Wochen oder vor einem Monat oder vor 100 Jahren abgeschlossen worden ist, das is nach dem Urteilsspruch ganz gleichgültig. Ehe ist Ehe und geschehn is geschehn. Und wer's nit glaubt, dem geb ich meinen Original-Sievringerischen Brünnlfluch, daß er nächstens vom Teufel geholt werden soll! Absyrtos. Was soll denn das für ein lächerliches Zwischenspiel in einer ernsthaften Gerichtssache sein? Ist das hier in Österreich so üblich? Kannst du, o Markgraf, nicht den Ernst des Gerichtes gegen solche Possen aufrecht erhalten? Dann tust du mir höchlich leid. Nero. Das sind keine Possen, übermütiger Kolchier! Bei uns wird eben auch in der Regierung, in der Rechtspflege die möglichste Gemütlichkeit gepflegt, für die du freilich als Barbar kein Verständnis zu haben scheinst. Und somit erfolgt der entgültige ernsthafte Spruch, daß Jason die Gattin und ihre Mitgift zu eigen haben soll. Er mag ungekränkt mit allen Argonauten von hier abziehen! Ihr Kolchier könnt entweder bei uns bleiben als Kolonisten oder frei nach Hause zum Schwarzen Meer zurück fahren. Kaspar. Ja, dort wo's am schwärzesten is! Absyrtos. Ich schelte deinen ungerechten Richterspruch, o Markgraf; und da du mir das Recht verweigert hast, so werde ich mir's selber holen! Jason mag sich vor meinem Schwerte hüten! Nero. Nach deutschem Recht hat der im Rechtstreit Unterliegende das Recht, nach Herzenslust seinen Zorn über den Richter und das Gericht auszulassen; es wird ihm nicht übel genommen; dazu sind wir zu gemütlich. Du, Absyrtos, schilt und schimpfe also nur darauf los; du hast das Recht dazu, weil du eben unterlegen bist. Wir aber werden uns vorsehen, daß dein Zorn niemand zum Schaden gereich. Mein Volk wird die Abfahrt beider Schiffe überwachen und jeden Streit zu verhindern suchen. Absyrtos. Bildet euch nur das nicht ein, ihr allzu gemütliche Ostmärker! Ihr werdet noch heut etwas erleben! Ab. Nero. Hüte dich, Jason! Er sinnt dir Unheil. Er will dir einen Hinterhalt legen. Wir werden dich aber zur Donau begleiten. Jason. Wir werden uns selbst zu schützen wissen. Auf Wiedersehen unten an der Donau! Orpheus. Dank dir, Markgraf! Der Segen des Himmels bleib auf deiner Burg! Das wünscht euch Orpheus, der heilige Sänger! Limma. Dem Himmel sei Lob, daß es bis jetzt so gut ausgegangen ist. Alle ab außer Kaspar. Kaspar. So, jetzt kann ich mich wieder bald aus einer Jungfrau in ein Mannsbild verwandeln. So eine Abwechslung is zur Abwechslung nit so übel, um die Leut zu vexieren; aber von nun an muß ich schon das bleiben, wozu mich die Natur geschaffen hat. Er singt. 1.             Natur hat unter Mann und Weiben So hold geteilt die Menschenwelt, Der Mann hätt' Mannestat zu treiben, Dem Weibe ward sein eignes Feld. Der Mann sei Mann, das Weib sei Weib, Daß jedem seine Ehre bleib. 2. Heut aber leuchtet, wie wir sehen, Das Weib in Staat und Politik. Wird's so auf Erden besser gehen? Ist's für die Menschheit bess'res Glück? Wir wollen's hoffen meinetweg'n: Der Kaspar gibt dazu sein Seg'n. 3. Zur Abwechslung bin ich ja gerne Für die verkehrte bunte Welt. Mir is das Spaßverderben ferne, Weil mir der Spaß ja selber g'fällt. Und wenn die Frau'n dem Mann befehl'n, In Gottes Nam', so kann's nit fehl'n. 4. Der beste Staat ist dann zu hoffen, Wenn's Weib regiert und schafft und kriegt, Und wenn den Mann das Los getroffen, Daß er die kleinen Kinderln wiegt. Wann bisher Übel g'nug is gscheh'n, So wird's auf die Weis besser geh'n. 5. Ich gratulier euch, holde Frauen Und holde Mädchen, auf die Zeit, Wo wir durch euch so werden schauen Der neuen Welt Glückseligkeit. Verzeiht mir dann mit mildem Sinn, Daß ich doch nur ein Manderl bin! Fünfter Akt. Gegend an der Donau wie im ersten Akt. Nero kommt mit kriegerischem Gefolge . Die Drohung des kolchischen Königssohnes beunruhigt mich immer mehr. Ich fürchte, daß er Ernst macht, und in der Tat einen Streit mit Jason hervorrufen wird, um ihm trotz meines Urteilsspruches die Gattin und das goldene Vlies abzunehmen. Es ist meine Pflicht und mein Recht, als Markgraf derlei Gewalttat in meinem Bereich zu verhindern. Laßt uns eine günstige Stellung aufsuchen, von der aus wir die Abziehenden beobachten können! Alle ab. Absyrtos kommt mit den Kolchiern. Absyrtos. Ich habe den Markgrafen mit seinen Kriegern hier vorbeizieh'n geseh'n. Er will wahrscheinlich das verhindern, was ich im Sinne habe und was meine Ehre mir befiehlt. Ich habe euch, meine tapfern Kolchier, auf Waldespfaden hierher an den Ort geführt, wo Jason sich mit den Seinen und mit seinem Raub einschiffen wollen wird. Ihr werdet das mit mir zu verhindern wissen. Haltet eure Waffen bereit und versteckt euch hier in diese Büsche, um den argen Griechen aus dem Hinterhalt zu überfallen, ihn zu töten, uns des Vlieses und der Prinzessin zu bemächtigen. Unsere Schiffsleute sind bereits angewiesen, die Segel und Ruder bereit zu halten, so daß wir in der zweifellos entstehenden Verwirrung uns sofort einschiffen und alsobald als Sieger nach Kolchis zurückkehren können. Ein Kolchier. Als Sieger? Aber mein Prinz Absyrtos, wenn dein Anschlag mißglückt? Ist es nicht frefelhaft, also den Landesfrieden in diesen fremden Gebieten zu brechen? Die Griechen werden sich nicht so leicht überraschen und überwinden lassen. Du hast sie selber durch deine Drohung gewarnt. Absyrtos. Schweig und gehorche! Ich weiß, was ich getan habe und was ich tun will. Aber still, ich glaube, da kommen schon unsere Feinde. Ha, kaum ertrag ich's, sie zu sehen. Zurück da! Verbergt euch und wartet in Ruhe auf mein Vorgehen und auf meinen Befehl zum Angriff! Sie verstecken sich; die Argonauten kommen: Jason, Medea, Orpheus und Krieger. Jason. Ha, es war nur eitle Prahlerei von Absyrtos. Siehe, meine Medea, er wagt es nicht, uns in den Weg zu treten. Und wenn auch, so bin ich auf der Hut und werde seine Frechheit abzuwehren wissen. Medea. Ach, mein Herz ist voll Unruhe. Ich ahne Schlimmstes. Mein Bruder Absyrtos wird nicht ermangeln, das auszuführen, was er gedroht hat. Ich kenne ihn. Du irrst dich, wenn du meinst, weil er gedroht, werde er nicht so unvernünftig sein, es auch wirklich zu tun. Du kennst nicht den barbarischen Geist der Kolchier, den ich selbst nur mit Überwindung meiner selbst abgelegt habe, ach, vielleicht noch nicht ganz abgelegt habe; denn ich fühl' es, auch ich wäre zu äußersten Taten bereit, wenn, wenn ich etwa an dir, o Jason, irre werden müßte, wen du, ach, wenn du mich von dir stoßen könntest, wenn du, hörst du, wenn du dich einem anderen, lieblicher scheinenden Wesen zuwenden würdest, wenn – Jason. Aber Medea, wie erschreckst du mich! In welche grauenvolle Tiefen läßt du mich schauen! Aber nein! Dich reißt nur das Ungeklärte unserer jetzigen Lage fort zu solchen Einbildungen. Laßt uns zu Schiffe eilen! Schon wartet alles dort auf uns. Das gute Schiff Argo ist bereit zur Abfahrt! Du bist mein! Mein ist der Siegespreis dieser abenteuerlichen Fahrt, das goldene Vlies! Laß uns schnell meine Heimat, das schöne Griechenland erreichen, wo alle schreckenden Gespenster durch unsere Liebe und durch den uns umleuchtenden Ruhm hinweggebannt sein werden! Absyrtos stürzt mit den Kolchiern hervor . Halt ein, Räuber und Verführer meiner Schwester! Räuber unseres Königsschatzes, des goldenen Vlieses! Laß beides fahren und kehre, mit Schmach bedeckt, als beschimpfter Abenteurer in deine Heimat zurück, die dich ausgespien hat, dir selber zum Verderben! Sie wollte deinen Tod, deinen Untergang; so hab' ihn denn, wenn du nicht auf deinen Doppelraub verzichten willst! Jason. Wie, Absyrtos? Du wagst es, die Heiligkeit dieses gastlichen Landes zu verletzen? Hältst du etwa mich und die Meinen für wehrlos und unfähig, einem so frevelhaften Angriff zu widerstehen? Gib uns die Bahn frei! Wag es nicht, mich, Medea oder das golden Vlies zu berühren; sonst erfahre, wie wir Griechen in gerechter Verteidigung unserer Ehre und unseres Rechtes euch Barbaren widerstehen können! Absyrtos. Ha, mit Worten glaubst du, feiger Grieche, mir widersteh'n zu können? Vorwärts, meine tapferen Kolchier! Zeigt dem Griechen, was wir Barbaren leisten können, wenn wir jenen Dieben in offenem Kampf gegenüberstehen! Jason. Du willst es, Absyrtos! Du rufst dein eigenes Verderben herauf! So renne denn in mein Schwert und stirb durch eigenen Frevel und Torheit! Absyrtos. Weh, ich bin verwundet! Ich bin zu Tode getroffen! Mein Fluch treffe dich, Jason, Räuber, und dich, Medea, entartete Schwester! Rächt mich, o meine Kolchier! Ich sterbe. Stirbt. Jason. Versucht nicht weiter zu kämpfen, verführte Kolchier! Euer ungerechter Anführer büßte seinen tollen Frevel durch seinen Tod. Laßt in Frieden vom Kampf, der zu nichts mehr führen kann! Kolchier. Das sehen wir ein, edler Jason. Nur ungern folgten wir dem Königssohn zum Kampf. Nun, da er tot ist, bleib uns kaum anderes übrig, als seine Leiche dem trauernden Vater zurückzubringen. Nero, Limma, Kaspar und andere Österreicher kommen. Nero. Was muß ich hören? Absyrtos hat es doch gewagt, meiner markgräflichen Gewalt zu spotten und den Frieden des Landes so frevelhaft zu brechen? Kam ich zu spät? Wo ist er, daß ich ihn nach Recht bestrafe? Jason. Seine eigene Tat hat ihn bereits gerichtet! Er wollte mich töten und rannte sinnlos in mein Schwert. Hier liegt er tot inmitten der Seinen, die jeden weiteren Kampf aufgegeben haben. Nero. So straft sich jede Übeltat und jeder Rechtsbruch von selbst. Sieh' es, o Welt! Seht es, o Götter, die ihr auf unser Osterland mit Huld herniederschaut! Die Göttin Ostara erscheint in den Wolken. Ostara. Ja, wir schauen auf euch nieder! Hör es, alles Osterland! Seht, ich komme heute wieder, Ostara mit Heil genannt, Ostara, die traute Freundin Der Athene Griechenlands. In des Himmels Namen bringe Ich den Völkern neuen Glanz. Bringe ihnen neue Mahnung, Daß nur wahres Recht besteht Und daß aller arge Frevel Durch sich selber untergeht. Merkt es euch, ihr Österreicher, Merkt es, wenn in später Zeit Wieder wird von bösen Feinden Euer heilig Recht entweiht! Denn durch alle Götter, hört es, Ist an allen Ehren reich Ausgezeichnet eure Heimat, Euer holdes Österreich! Darum hört, was heut im Namen Aller Himmlischen mein Wort Euch verkündet, und behaltet Es im Sinne immerfort! Jason, kehre mit Medea Nun nach Griechenland dahin, Aber hüte dich, einst treulos Dir zu schaffen Ungewinn! Und so wills das strenge Schicksal: Laß das heil'ge Gold'ne Vlies Hier im Land; den spätsten Herrschern Sei zum höchsten Zeichen dies Ihres Ruhms! Sie sollen stiften Einst des Goldnen Vlieses Bund, Der als höchste Ehre gelte Auf dem ganzen Erdenrund. Eine Vorbedeutung sei es Jenes Gotteslammes traut, Das dereinst als Heil der Welten Göttlich waltend wird geschaut. Wahre dies, du edler Markgraf! Deine Enkel werden noch Eines heilgen deutschen Reiches Fürsten sein, in Frieden doch Alles Erdreich zu beherrschen. Drum, o Kolchier, bleibet hier, Lasset euer Angedenken Stets lebendig sein, daß ihr Östreich seiner Sendung mahnet, Bis ans ferne Schwarze Meer, Still dem Lauf der Donau folgend, Zu verbreiten Ruhm und Ehr'! Also sei der Argonauten Zug auch allen nur zum Heil, Die da meinen Worten folgen. Lebet wohl! Ich flieg in Eil' Wieder zu des Himmels Höhen, Wo bei Gott ich ewig weil'. Sie verschwindet. Nero. Dank dir, o Himmlische! Österreich wird nie der Göttin des Ostens, des Lichtes, des Frühlings, der Osterfreude vergessen. So lebt also wohl, ihr Argonautenhelden! Kommt glücklich nach Hause, mit Ruhm gekrönt! Limma. Dir, Medea, wünsche ich vor allem Glück! Möge deine Ehe dir und deinem Gemahl zum Heil ausgehen! Kolchier. Wenn du uns Kolchier hier also in der Ostmark aufnehmen willst, so wollen wir, den Worten der Göttin gehorsam, als deine Untertanen dableiben. Nero. Ihr seid uns als Ansiedler willkommen. Jason. So will ich denn dir, o Markgraf, dem Gebote der Göttin Ostara gemäß, das goldene Vlies hier übergeben. Mir genügt der Ruhm der Tat. Lebt wohl, und so stimme denn, mein Sänger Orpheus, das Abschiedslied an, in das wir Argonauten alle einstimmen werden! Orpheus singt . Wohlan, laßt uns die Fahrt vollbringen! Unser Sieg, schwer erkämpft, schalle laut durch die Welt, Daß sich der Ruhm, den wir erringen, Noch in spätester Zeit bei den Enkeln erhält! Kaspar. Sie laufen schon im Sturmschritt zur Donau hinunter! Sie springen ins Schiff, sie ergreifen die Ruder, sie spannen das Segel auf, sie winken uns zu. Und heidi, schon zerteilt der schäumende Schnabel der Argo die weißen Wellen der blauen Donau. Auf d'Reis viel Glück! Wir bleiben zurück Im Österreicher-Land, Als das beste bekannt. Is uns auch keine Schand!