Heinrich Sienkiewicz Ohne Dogma Einleitung. An diesem Werke lernen wir den gefeierten Dichter Polens von der allgemein menschlichen Seite kennen. Die in der Weichert'schen »Kollektion klassischer Romane« erschienenen zwei andern Werke aus seiner Feder zeigten ihn auf historischem Boden: » Quo vadis? « führte uns in das kaiserliche Rom des Altertums zur Zeit des keimenden Christentums, »Die Kreuzritter« in die Zeit der Kämpfe zwischen dem Deutschritter-Orden und dem Königreiche Polen als der äußersten Vormacht des Slaventums. In den diesen beiden Werken vorausgesandten Einleitungen findet der Käufer der vorliegenden Ausgabe der Sienkiewicz-Romane, was ihm zur Orientierung über den Dichter und seinen Lebenslauf, wie über das Milieu, in welchem die Handlungen spielen, und über die Zeit derselben, zu wissen von nöten ist, um einen richtigen Genuß von der Lektüre dieser hervorragendsten Werke der gegenwärtigen schöngeistigen Literatur zu haben. Der Roman »Ohne Dogma« gehört zu der Gattung der psychologischen Romane: und sein Dichter tritt hier in Rivalität mit den bedeutendsten Meistern dieser Gattung aus der französischen Literatur: Daudet, Zola, Bourget, Balzac ... Gleichwie ich den hochbegabten Polen für den ersten aller lebenden Meister des historischen Romans halten möchte, dem ein Platz unmittelbar neben Walter Scott und Willibald Alexis gebührt, der in der großartigen Wucht seiner Massenbilder Alexandre Dumas den Vater übertrifft, so stehe ich nicht an, ihn in seinen psychologischen Romanen auch über die genannten Franzosen zu stellen; denn Sienkiewicz analysiert wohl das Frauengemüt, seziert es aber nicht, er wird als Analytiker nicht zum Verächter, sondern bleibt Verehrer des Ewigweiblichen; er ist wohl ein slavischer Schopenhauer, aber unendlich verfeinerter, sensitiver als sein – nun, man darf es sagen – sein deutsches Vorbild; und so gibt er uns wohl »eine feine, trefflich durchgeführte psychologische Studie eines weltmännischen, an sich selbst und allem zweifelnden Skeptikers« und »einer absolut reinen und edlen Frauennatur,« hält sich aber »weit, weit fern von dem widrigen Schauspiel der vergnügt in den schmutzigen Wässern der Ehebruchstragödien plätschernden französischen und italienischen Romandichter.« »Ohne Dogma« ist nicht das einzige Werk dieser Richtung aus der Feder des polnischen Dichters, sondern es sind ihm verschiedene Novellen vorausgegangen, die fast durchweg als Kleinode der Erzählungskunst gelten dürfen; es steht ihm ein nicht minder bedeutender Roman zur Seite, der das in »Ohne Dogma« in der Adelswelt skizzierte Thema in die bürgerlichen Verhältnisse hinüberträgt: »Die Familie Polaniecki« ... Was ich in einem buchhändlerischen Fachblatte »Deutsche Buchhandelsblätter« (Verlag: Ohlenroth-Erfurt). vom Jahre 1901 lese: »Von all den Vorzügen, die den Sienkiewicz'schen Roman »Die Familie Polaniecki« zu einem der schönsten machen, die die neuere Literatur gezeitigt hat, ist der höchste, der echt christliche Sinn, der es durchweht, der religiöse Kern, der in ihm steckt; denn sein Dichten wurzelt tief im Glauben, und wie kein zweites Buch so eindringlich und überzeugend, predigt dieses, daß erst dann hohes Glück in das Herz des Menschen einziehen könne, wenn der Glaube an eine Vorsehung, die schon hienieden dem Menschen das Gute lohne und das Böse ihn sühnen lasse, sich gefestigt habe,« – das läßt sich auch unterschreiben für das hier zur Ausgabe gebrachte Werk »Ohne Dogma« ... die tiefe Psychologie, die seine Charakteristik und die hohe Anmut, die über allem schwebt, sichern ihm einen hervorragenden Platz in der Literatur und einen großen Leserkreis ... »Unsre Dichter,« so bemerkt der Held des in Tagebuchform gehaltenen Romanes über die Frau, die er liebt, von der er geliebt zu werden glaubt und die ihm widersteht, »geben ein ganz falsches Bild von den Frauen; sie sehen in jedem Weibe ein Rätsel, eine lebende Sphinx; aber tausendmal rätselhafter, tausendmal sphinxartiger sind die Männer; eine gesunde – nicht hysterische – Frau, ob sie nun gut oder schlecht, stark oder schwach sein mag, besitzt einen weit einfacheren, schlichteren Geist als der Mann; in allen Lebenslagen, zu jeder Zeit genügen ihr die zehn Gebote und werden von ihr hochgehalten, ohne Rücksicht darauf, ob sie sich diesen Geboten fügt, oder ob sie, ihrer schwachen Natur wegen, deren Vorschriften außer acht läßt.« Der Roman »Ohne Dogma« ist, wie bereits bemerkt, allgemeinmenschlicher Natur; die Träger seiner Handlung sind nicht Slaven, sondern nur Menschen mit slavischen Namen, die unter allen Rassen leben und – leiden: darum dürfen sich Deutsche gerade dieses Werkes des nichts weniger als deutschfreundlichen Dichters wohl mit am meisten erfreuen. Adam Kotulski. Erster Teil Rom, am 9. Januar. Es ist noch nicht lange her, da habe ich mich mit meinem Freunde Sniatynski, der sich nach Beendigung seiner Studien der Schriftstellerei zuwandte und bereits einen recht guten Namen besitzt, über Literatur unterhalten. Er schwärmte für das Tagebuch und meinte, ein solches gebe, sofern es die Wahrheit enthalte, nicht bloß ein getreues Zeitbild, sondern auch ein unbedingt verläßliches Zeugnis menschlichen Lebens; wer ein Tagebuch schreibe, erwerbe sich, behauptete er, ein unmittelbares Verdienst um die Menschheit, und nur eine Erzählungsform habe Anwartschaft auf wirkliche Unvergänglichkeit, nämlich die Denkwürdigkeiten. Ich bin nun 35 Jahre alt und habe für meine Mitmenschen noch nicht das geringste geleistet, will es drum einmal probieren, ob ich in dieser Weise etwas für sie vollbringen kann. Den Grund dafür, daß ich noch solche Null darstelle, erblicke ich mit in dem Umstande, daß ich nach Vollendung meiner Universitätsstudien mich immer im Auslande herumgetrieben habe. Man nehme diese Worte nicht als Humor, höchstens als eine Art Galgenhumor, und betrachte auch in solchem Lichte meinen Entschluß, ein Tagebuch zu schreiben, ungeachtet der skeptischen Lebensauffassung, mit der ich mich vollgesogen habe wie ein Schwamm mit Wasser ... Jedes Wort, das ich schreibe, soll wahr sein, und wenn sich meines Freundes Ansicht, der Mensch finde, wenn er sich erst einmal daran gewöhnt habe, seine Gedanken in solcher Form niederzuschreiben, seine Freude daran, bei mir nicht bewahrheiten sollte, dann Gnade der Himmel meinem Tagebuche! es möchte reißen wie eine zu straff gespannte Saite, denn wenn ich schließlich auch ganz gern bereit bin, für die Menschheit etwas zu vollbringen, so wird es mir nun und nimmer einfallen, mich für sie zu »ennuyieren«. Anderseits sollen mich Schwierigkeiten nicht abschrecken; ich denke vielmehr, daß es mir gelingen wird, mich an die Arbeit zu gewöhnen und auch Gefallen an ihr zu finden ... Mein Freund schärfte mir ein, ja nicht zu schreiben nach Literatenweise... er mag ja recht haben, wenn er sagt, man schreibe um so besser, je ungesuchter man schreibe; aber ich bin ja doch nur Dilettant, und wenn es mir wirklich an allen Eigenschaften zur Erfüllung der gestellten Aufgabe fehlen sollte, so doch vielleicht nicht an einer gewissen Dosis Geschmack ... drum denke ich, ich trete ohne weitere Erwägungen an sie heran und erzähle zunächst einiges über meine Vergangenheit. Mein Name ist Leon Ploshowski, mein Alter, wie schon bemerkt, 35 Jahre; ich bin der Sohn reicher Eltern und im Besitz eines recht stattlichen Familiengutes. Mein Sinn steht nicht danach, es zu mehren; es wird mir aber auch nicht einfallen, es zu verwirtschaften. Ich bin nicht darauf angewiesen, mir eine Stellung im Leben zu erringen, ich weiß nichts von kostspieligen Liebhabereien, sondern stehe dem Leben und seinen Genüssen und Freuden mit arger Skepsis gegenüber, halte nicht viel von seinem Werte, sondern bilde mir ein, daß es überhaupt nicht viel wert ist ... Acht Tage nach meiner Geburt hat meine Mutter das Zeitliche gesegnet, während mein Vater, der sie über alles in der Welt geliebt hat, in Trübsinn verfallen ist ... Wiener Aerzten gelang es, ihn zu heilen, aber die Heimat war ihm verleidet, er überließ der einzigen Schwester die Bewirtschaftung seines Gutes Ploshow und zog nach Rom. Dorthin ließ er auch die Asche meiner Mutter bringen, und 30 Jahre lang hat er aus der ewigen Stadt den Fuß nicht gesetzt. Auf der Via Babuino ließ er sich ein Landhaus bauen, das er nach unserem Geschlechtswappen Casa Osoria taufte, und dessen Inneres er zu einer Art Museum gestaltete von allerhand Kunstwerken aus der Zeit des Urchristentums und dessen weiteren Ausbau ich mir zur Lebensaufgabe gemacht habe. Mein Vater war in seinen jüngeren Jahren das Muster männlicher Schönheit, ragte auch hervor durch glänzende Gaben des Geistes, und da ihm Name und Vermögen alle Pforten erschlossen, wurde ihm von aller Welt eine große Zukunft geweissagt. In Berlin hatte er Philosophie studiert, und die dortigen gelehrten Kreise erwarteten viel von ihm; aber der außerordentliche Erfolg, den er in der Damenwelt hatte, lenkte ihn von dem Studium ab; in den Salons hieß er nicht anders als »der Unbezwingliche«, und wenn er auch der Wissenschaft darüber nicht völlig untreu wurde, so sollten sich doch auch die Hoffnungen, die man an seine Fähigkeiten knüpfte, nicht erfüllen. Aber er war auch in seinen späteren Jahren noch immer ein so schöner Mann, daß mehr als ein berühmter Maler gesagt hat, sein Kopf sei einer der edelsten Patriziertypen, die man sehen könne. In wissenschaftlicher Richtung war und blieb er Dilettant, und Dilettantismus scheint mir in unserer Familie erblich zu sein. Als er von seinem Trübsinn geheilt war, warf er sich der Religion in die Arme und lebte eine Zeitlang im Zustande richtiger Ekstase, verbrachte Tag und Nacht im Gebet, kniete vor allen Kirchen, stand bei den einen im Ruf eines Heiligen, bei anderen im Ruf eines geistig Gestörten. Allmählich jedoch fand er die Ruhe wieder und kehrte zu seiner früheren Lebensweise zurück. All seine Liebe wandte er nun auf mich, während er Beschäftigung für seinen Geist in seinem Museum, in der Sammlung von Altertümern aus der Urchristenzeit suchte. Ein Pater Calvi, der mir den ersten Unterricht gab, war ein tüchtiger Archäologe und in jedem Winkel des alten Rom zu Hause. Er und der berühmte de Rossi weckten in meinem Vater die Liebe zu der ewigen Stadt und waren tagelang mit ihm unterwegs, in den Katakomben u. s. w. Mein Vater setzte die beiden gelehrten Herren oft durch sein Wissen in Verwunderung. Hin und wieder versuchte mein Vater wohl auch, etwas zu Papier zu bringen, es blieb aber immer bei den Anfängen, wahrscheinlich weil er seine Studien über ein zu großes Gebiet ausdehnte. Es währte nämlich nicht lange, so ging er von der Zeit des Urchristentums zum Mittelalter über, beschäftigte sich mit den Geschlechtern der Colonna und Orsini, wandte sich vom Mittelalter zum Zeitalter der Renaissance; Bildhauerei, Malerei und die anderen Künste gewannen ihm die gleiche Begeisterung ab, und wenn auch sein ausgedehntes Studium seinen Sammlungen vorzüglich zu statten kam, so nahm es ihm doch soviel Zeit, daß die Abfassung eines großen Werkes über die drei römischen Epochen in polnischer Sprache immer nur Idee blieb und niemals Wirklichkeit wurde. Mein Vater trägt sich mit dem Gedanken, seine Sammlungen als ein »Museum Osoryjow-Ploshowskich« bei seinem Ableben der Stadt Rom zu vermachen mit dem einzigen Vorbehalt, daß die ewige Stadt sich verpflichtet, einen besonderen Saal hierfür herzugeben. Das wird die Stadt natürlich tun; ich aber vermag nicht einzusehen, wie seine Schätze der Menschheit besser zu gute kommen sollen, wenn er sie statt dem Vaterlande der ewigen Stadt vermacht. Ich kann mich seiner Meinung nicht anschließen, daß sie in Polen vermodern würden, während sie in Rom Aussicht hätten, durch die vielen Fremden, die dorthin strömten, zum Gemeingut aller Völker zu werden. Ich vermute, es wohnt dem lieben Vater ein bißchen völkische Eitelkeit inne, ein gewisser Kitzel, unseren polnischen Namen in Marmor gegraben in der ewigen Stadt verewigt zu sehen; will den Fall indessen nicht weiter untersuchen, da es mir im Grunde genommen völlig gleichgültig ist, wo die Sammlungen schließlich einmal bleiben. Meine Tante in Warschau dagegen, die ich übrigens in nächster Zeit einmal heimsuchen muß, kann sich mit solcher Absicht ihres Bruders ganz und gar nicht befreunden und gibt ihrem Verdrusse über solche Vaterlandslosigkeit in jedem Briefe unverhohlenen Ausdruck; als sie vor einigen Jahren einmal eine Zeitlang in Rom bei meinem Vater zu Besuch war, brachte sie dieses Thema tagtäglich aufs Tapet, und wenig fehlte, so wäre es darüber zwischen Bruder und Schwester zum Bruche gekommen. Meine Tante ist ein absonderliches Frauenzimmer, und es ist notwendig, mich eine Weile mit ihr zu befassen. Sie ist ein paar Jahre älter als mein Vater, hat nach dem Tode meiner Mutter das Familiengut übernommen, meinen Vater mit Geld abgefunden und verwaltet nun seit 30 Jahren das Gut aufs musterhafteste; als sie zwanzig Jahre alt war, trug sie sich mit Heiratsgedanken; ihr Bräutigam starb jedoch im Auslande, und die Todesnachricht erreichte sie in dem Augenblicke, als sie zur Reise zu ihm alle Vorbereitungen traf. Da faßte sie den Entschluß, ledig zu bleiben, und hat sich auch durch keinen Bewerber, an denen es ihr nicht fehlte, davon abbringen lassen. Nach dem Ableben meiner Mutter begleitete sie den Vater nach Wien und dann nach Rom, widmete ihm die zärtlichste Fürsorge und schloß später mich mit gleicher Liebe in ihr Herz. Sie ist die vornehme Dame im eigentlichen Sinne, herrisch und hochfahrend, rücksichtslos und derb: Eigenschaften, die sich gern bei Leuten einfinden, die sich im Besitz eines großen Vermögens wissen und in der Gesellschaft eine erste Rolle spielen; dabei ist meine Tante aber eine kreuzbrave Person und von höchster Respektabilität. Unter der Schale sitzt ein goldener Kern: sie beschränkt ihre Liebe und Anhänglichkeit auf ihren Bruder und Neffen, und erstreckt sie, wenn nicht auf die ganze Menschheit, so doch auf alle, die zum Hause Ploshaw gehören. Ihre Wohltätigkeit ist in aller Munde, und während sie die Bettler grob anläßt wie ein Polizist, versorgt und pflegt sie sie wie ein zweiter Vincenz von Paula. Sie ist wahrhaft fromm, lebt nach strengen Grundsätzen und ist infolgedessen nie im Zweifel, wie sie ihr Verhalten einzurichten, was sie zu tun und zu lassen hat, und wird in ihrem Seelenfrieden niemals gestört. In der Gesellschaft genießt sie außerordentliche Beliebtheit; bloß in der Damenwelt macht sich hie und da eine gewisse Abneigung gegen sie geltend ... Ploshow liegt in der Nähe von Warschau. In Warschau besitzt die Tante ein eigenes Haus und verlebt dort in der Regel den Winter. Sie stellt alljährlich alles mögliche auf, mich dorthin zu ziehen, in der stillen Absicht nämlich, mich in das Ehejoch zu spannen. So habe ich erst vor ein paar Wochen wieder eine solche Einladung von ihr bekommen und werde, wie wohl schon bemerkt, in nächster Zeit doch einmal nach Warschau reisen müssen, zumal ich nun schon geraume Zeit nicht mehr auf heimatlicher Scholle war und die Tante in ihrem letzten Schreiben betont, sie sei nun auch schon alt geworden und möchte mich doch vor ihrem Tode noch gern einmal sehen und sprechen. Wenn ich die Wahrheit sagen soll, so folge ich ihrer Einladung nicht gern, weil es nun einmal ihr Steckenpferd ist, mich zu verehelichen, und weil sie jedesmal, wenn ich wieder unverrichteter Sache den Fuß in die Fremde setze, bitter enttäuscht ist. Ich kann es nun einmal nicht ändern, daß ich vor diesem Schritte, der einen neuen Lebensabschnitt bedeutet, einen gewissen Horror empfinde. Ich habe im Grunde genommen mein bisheriges Leben schon recht satt. Obendrein kann ich mich in meinem Verhältnis zu der Tante einer gewissen peinlichen Empfindung nicht erwehren. Sie bildet sich nämlich ein, wie es einst den Freunden meines Vaters mit diesem erging, an mir besondere Fähigkeiten entdeckt zu haben, die mir eine bedeutende Zukunft eröffnen sollen. Ich mag sie aber nicht in diesem Glauben lassen; es kommt mir vor, als beginge ich Mißbrauch mit ihrem guten Glauben: es drängt mich im Gegenteil, ihr zu sagen, daß von meinen Fähigkeiten gar nichts im Leben zu erwarten sei, und das möchte ich auch nicht gern, weil ich der guten alten Frau nicht auf ihre letzten Tage noch ein Leid antun möchte, das ihr ja, unbeschadet meiner Wenigkeit, ganz gut erspart bleiben könnte. Es ist nun aber zu meinem Leidwesen nicht unmöglich, daß die Tante mit ihrer Ansicht über mich nicht allein dasteht, daß vielmehr auch andere Personen meiner Bekanntschaft oder Verwandtschaft sie teilen; und darum wird es gut sein, nun ein paar Worte über mich selbst zu sagen. Das wird mir aber insofern nicht leicht fallen, als ich eine von jenen Naturen besitze, die man als »komplizierte« zu bezeichnen liebt. Ich muß Wohl annehmen, daß ich schon mit der Veranlagung zur Nervosität auf die Welt gekommen bin. Kinder aus Familien, die schon durch Generationen hindurch sich höherer Kultur erfreuen, mögen wohl einen höchst verfeinerten Nervenapparat schon mit auf die Welt bringen. Meine Tante war die Hüterin meiner Kindheit, und als sie, um unser Erbgut zu übernehmen, von meinem Vater schied, traten in ihr Hüteramt, wie es in der vornehmen polnischen Welt Brauch und Sitte ist, verschiedene Gouvernanten oder »Bonnen«. Da mein Vater in Rom lebte, mußte natürlich, um mich meiner Muttersprache nicht allzu sehr zu entfremden, eine dieser Damen aus Polen stammen. Der Vater plauderte frühzeitig mit mir über allerhand Fragen und Dinge in seinem Zimmer, und diesen oft ein wenig lang ausgesponnenen Unterhaltungen mag ich Wohl eine schnellere, vielleicht auch etwas frühzeitige Entwickelung verdanken. Später mögen ihn Studien und Sammlungen zu sehr in Anspruch genommen haben; denn der schon erwähnte Pater Calvi wurde für mich als Lehrer genommen. Es war schon ein älterer Herr, von wahrer Frömmigkeit und doch fröhlichen Sinnes. Die Kunst liebte er schwärmerisch, und ich möchte fast sagen, die Kunst durch ihre Schönheit wurde ihm zur Mittlerin der Religion. Wenn ich ihn in Museen, vor Madonnen- und Heiligenbildern stehen, oder in der sixtinischen Kapelle einer Motette oder geistlichem Konzerte lauschen sah, ist er mir immer vorgekommen wie der Erde entrückt. Ich kann mir nicht helfen, aber mir kommt es immer so vor, als riefe mir die Greisenfigur auf dem raphaelischen Gemälde, die neben der heiligen Cäcilia steht und den Sphärenklängen lauscht, den Pater Calvi in Erinnerung. Mit meinem Vater war der fromme Herr bis zum Tode in freundschaftlichen Beziehungen; und ihre Liebe zu mir und Fürsorge für mich festigte dieselben noch. Sie erblickten beide in mir einen talentvollen Knaben, dem eine schöne Zukunft winke, und in gewissem Sinne wohl eine Art Ergänzungsstück der an Schönheiten so überreichen Umgebung, in der sie lebten ... und die auch auf mich und meine Erziehung von besonderem Einflusse sein mußte. Ich war in den Galerien und Museen sozusagen Stammgast, denn sowohl Vater wie Lehrer besuchten sie niemals ohne mich, und ehe ich noch fest in den vier Grundrechnungen war, habe ich ein paar Engländer, die Caracci mit Caravaggio verwechselten, über diesen Irrtum aufklären können. Im Alter von elf Jahren hatte ich mir bereits eigene Ansichten gebildet über die italienischen und fremden Meister, und wenn sie auch noch harmloser Natur sein mochten, so merkte ich doch an den Blicken, die sich Vater und Lehrer zuwarfen, daß sie nicht wenig darüber erstaunt waren. Ribera zum Beispiel mit seinen grellen Schwarzweiss-Effekten war mir zuwider, dagegen schwärmte ich für Carlo Dolci. Aber Pater Calvi war ein ebenso großer Freund der Natur wie der Kunst, und auf den Spaziergängen, die wir in die Umgebung der ewigen Stadt unternahmen, schulte er mein Auge an den Edelformen der Pinien, an den Bogen und Linien der in Ruinen liegenden Thermen, impfte er meinem Gemüte die wundersam poetische Melancholie der römischen Campagna ein. Ueber der Natur und Kunst wurde aber auch die Philologie nicht vernachlässigt, und sehr früh war ich des Lateinischen mächtig; ich erinnere mich des großen Vergnügens, das mir das zufolge meiner Kenntnis des Italienischen mühelose Studium dieser Sprache immer bereitete, noch heute mit Liebe ... Kurzum, ich kann nicht anders als wiederholt bemerken, daß ich in den Augen meines Vaters und meines Lehrers als eine Art Wunderkind galt, und daß auch meines Vaters Bekannte sich dieser Anschauung anschlossen: kein Wunder, daß das häufige Lob, das mir gespendet wurde, Eitelkeit in mein Gemüt pflanzte, und daß ich unter solchem, wie dem allgemeinen Einflusse der Umgebung, in der ich lebte, in einen Zustand krankhafter Empfindsamkeit geriet, den ich zeitlebens nicht los werden sollte. Daß diese Einflüsse anderseits nicht im stande waren, aus mir selbst einen Künstler zu machen, wird seinen Grund wohl in einem Mangel an eigentlichem Talent haben; mein Zeichen- und mein Musiklehrer waren in dieser Hinsicht freilich anderer Meinung, und daß ich mich eigentlich darüber wundere, daß es weder meinem Vater noch dem Pater Calvi möglich gewesen, die ihnen innewohnende heiße Liebe zur Kunst auf mich zu übertragen, bekenne ich unverhohlen. Während sie beide ihr angehörten mit Herz und Seele, bin ich bloß Nachempfinder; und wenn auch mir die Kunst ein notwendiges Bedingnis zum Leben ist, so doch nur als Vervollständigerin der übrigen seiner Genüsse und Freuden; ich schätze und liebe sie, doch nur als Dilettant; sie ist mir Annehmlichkeit, nicht aber Passion oder Leidenschaft: es wäre mir vielleicht nicht möglich, ohne sie zu leben, aber mit meinem ganzen Leben in ihr aufzugehen, wäre ich ebensowenig im stande ... Da mein Vater mit den Schulen Italiens nicht zufrieden war, gab er mich nach Metz ins Kolleg, das ich »summa cum laude« absolvierte, trotzdem ich im letzten Jahre »abschwenkte« zu den Don Carlosschen Truppen und mich acht Wochen lang mit den Freischärlern unter Tristan in den Pyrenäen umhertrieb. Mein Vater ließ mich durch das französische Konsulat in Burgos dingfest machen; ich wurde zur Strafe wieder nach Metz gebracht, kam aber mit glimpflicher Buße weg, da sowohl der Vater, wie auch die Lehrer im stillen über mein Abenteuer nicht ungehalten, sondern vielleicht eher stolz darauf waren. Meine Mitschüler sahen mich mit großen Augen an, etwa wie einen Helden aus der Ritterzeit, und keinem einzigen von ihnen wäre es eingefallen, mir die bevorzugte Stellung streitig zu machen, die ich nun als der beste Examinandus der Anstalt errang. Auch der Vater verzieh mir den Don Carlos-Abstecher schnell über dem vorzüglichen Zeugnis, das ich »in litteris« wie auch »in moribus« von Metz mitbrachte, und sowohl Lehrer wie Mitschüler waren sich einig darüber, daß ich die Vorzugsstellung, die mich jetzt auszeichnete, auch im Leben weiter inne behalten werde. Hierin täuschten sie sich aber ebenso, wie ich mich; denn während manch einer von ihnen, der sich im Kolleg niemals herausgenommen, mir den allgemein zugesprochenen Vorrang streitig zu machen, in Frankreich in Literatur, Wissenschaft oder Politik, eine hervorragende Stellung bekleidet, stehe ich heute noch als »Wilder« da, der sich keiner einzigen Wissenschaft zugewandt hat, und der, wenn er es jetzt noch tun sollte, in arge Verlegenheit bezüglich der Wahl käme. Meine Stellung in der Gesellschaft ist vorzüglich. Ich bin schon von mütterlicher Seite im Besitz eines Vermögens, das sich, wenn einmal mein Vater die Augen zutut, noch erheblich vermehren wird ... ich denke auch, unser Erbgut später einmal selbst zu bewirtschaften, und schon dieser Umstand muß mich ja hindern, im Leben eine wissenschaftliche oder soziale Rolle zu spielen. Freilich werde ich ja keinen sonderlichen Helden in der Landwirtschaft und Verwaltung darstellen, und vollständig fern liegt es mir, für den Ehrgeiz, der mich erfüllt, auf solchem Boden ein schickliches Betätigungsfeld zu erblicken. Dem Wunsche von Vater und Tante gemäß habe ich die Universität in Warschau besucht, und zwar zusammen mit Sniatynski. Wir fühlten beide Neigung zur Schriftstellerei. Ob ich der Befähigtere von uns beiden war, darüber will ich keine Untersuchung anstellen; aber das darf ich sagen, daß meine ersten Versuche besser ausfielen als die seinen und Besseres für die Zukunft versprachen ... nichtsdestoweniger hat er heut schon Bedeutendes erreicht, und ich bin noch immer Ploshowski »der Vielversprechende«, über den vielleicht dieser oder jener den Kopf schüttelt und bei sich denkt: »wenn der Mensch bloß mal was machen würde!« Ja, wenn solche Leute doch bloß bedenken möchten, daß zum Können das Wollen gehört ... mir ist ja schon oft eingefallen, daß es besser für mich sein möchte, kein Vermögen zu besitzen; denn dann zwänge mich die Not, einen Beruf zu ergreifen, aber auch dann gehörte ich, wie ich bestimmt weiß, nicht zu denjenigen Leuten, die ihre Fähigkeiten voll auszunützen lieben. In anderen Stunden sage ich mir dann aber wieder, daß nicht für alle Menschen Reichtum Behinderungsursache sei zur Kraftbetätigung: Darwin, Buckle, Sir John Lubbock (der reiche Bankier) sind Beweise hierfür genug; und von Frankreichs berühmten Männern lebten und leben viele in den glänzendsten Verhältnissen. Eher ließe sich vielleicht an der Hand solcher Zeugen der Beweis liefern, daß Reichtum den Aufstieg erleichtere. Von mir persönlich kann ich wohl sagen, daß mich Reichtum vor mancher Klippe bewahrte, an der ich als armer Teufel sicher gescheitert wäre. Damit will ich ja nicht sagen, daß ich einen schwachen Charakter besäße, der Kampf ums Dasein hätte wohl auch ihn gestählt; immerhin wird aber wahr bleiben, daß die Gefahr zu stolpern auf ebenem Wege geringer ist als auf unebenem. Wäre ich ein Strohkopf, so ließe sich meine Arbeitsunlust daraus erklären; ich bin jedoch nicht bloß wißbegierig, lese viel und behalte auch viel, sondern es fällt mir auch nicht im geringsten schwer, mir Kenntnisse anzueignen. Es mag wohl sein, daß es mir an der zu einer großzügigen Arbeitskraft unerläßlichen Ausdauer fehlt; man sollte aber meinen, sie müsse zum Teil Ersatz finden durch die mir eigene leichte Auffassungsgabe. Solche dickleibigen Wörterbücher abzufassen wie Littré, bin so wenig wie andere ja auch ich nicht gezwungen; es kann aber doch, wer nicht dauernd strahlen kann wie die Sonne, recht wohl einmal aufleuchten wie ein Meteor ... fürwahr! diese Zuversicht, Null im Leben zu bleiben, ist ein herber Gedanke: so herb, daß mir das Schreiben für heute verleidet wird. Rom, 10. Januar. Gestern war Abendgesellschaft bei dem Grafen Malatesta. Da fiel das geflügelte Wort: »L'improductivité slave!« Als ich es hörte, kam ich mir vor wie ein Nervenkranker, dem der Arzt zu seinem Troste sagt, die Krankheit, an der er leide, sei ein bekanntes und weitverbreitetes Uebel. Es stimmt, an Leidensgefährten fehlt es mir nicht, wenn ich auch nicht weiß, ob sie nur dem polnischen Volke, oder den slavischen Völkern im allgemeinen angehören. Um Bestimmtes darüber zu sagen, kenne ich die Slaven im allgemeinen zu wenig. Aber dieses geflügelte Wort hat mir die ganze Nacht im Schädel rumort, und ich muß sagen, daß es wahrlich kein Esel war, der es auf den Flug gebracht hat. Wir sind wirklich mit solchem Gebreste behaftet: es gebricht uns an der Fähigkeit, die Fähigkeiten umzusetzen, die in uns stecken: ich möchte dieses Gebreste »Lebensuntauglichkeit« nennen. Müßte ich nicht fürchten, eine wunde Stelle zu berühren, so redete ich Wohl einmal mit dem Vater über den Fall: er liebt ja solche Debatten ... ich will aber darauf verzichten, und werde dem Falle statt dessen in meinem Tagebuche einen breiten Raum geben, und das ist schließlich besser, denn es sichert ihm vielleicht wenigstens nach dieser Seite hin einen Wert ... Es ist übrigens wohl auch erklärlich, daß ich in meinem Tagebuche zumeist von Dingen sprechen werde, die mich persönlich angehen. Gleichwie in jedes Menschen Innern sich eine bestimmte Tragik birgt, so in dem meinigen die »Unproduktivität« des Geschlechtes der Ploshowski ... Zur Zeit der Romantik brüstete man sich mit solchen tragischen Mängeln in der Öffentlichkeit, drapierte sich damit wie mit einem Mantel, heute ist das nicht mehr Mode, heute trägt man sie unter der anderen Garderobe, wie das Hemd ... anders in einem Tagebuche: da darf man, ja da soll man die Aufrichtigkeit wahren ... Rom, 11. Januar. Ich halte mich noch ein paar Tage hier auf ... ich will sie zur Niederschrift dessen benützen, was ich noch über meine Vergangenheit zu sagen habe; daraus wird sich zeigen, wer ich bin; und was ich bin, das erspart mir die eigentliche Biographie, die mir schon darum zuwider wäre, weil sie mir wie die langweiligste aller vier Grundrechnungsweisen, die Addierung, vorkommt. Will ich aber von mir selbst die richtige Summe ziehen, so muß ich meiner Skizze wohl oder übel noch ein paar Striche beifügen. Von der Universität Warschau begab ich mich auf eine landwirtschaftliche Lehranstalt Frankreichs; wiewohl ich den Kursus dort durchmachte in dem Bewußtsein, daß ich es tue, um das, was ich dabei lerne, im Leben einmal praktisch zu verwerten, so konnte ich doch der Empfindung nie Herr werden, daß ich mich mit etwas befaßte, das ich unter meiner Würde hielt, das weder meinen Fähigkeiten entsprach, noch meinen Ehrgeiz befriedigte. Meine Gesundheit wurde aber durch die Arbeit im Freien außerordentlich gekräftigt, und insofern war der Aufenthalt in dieser Ackerbauschule nicht unvorteilhaft für mich. Ich lernte auch genug, daß mir der klügste Oekonom kein X mehr für ein U machen kann ... In den nächsten Jahren war ich bald in Paris, bald in Rom, hin und wieder auch, aber immer nur kurze Zeit, in Warschau. In Paris weilte ich immer gern, spielte aber, trotzdem es mir damals doch an Sicherheit wahrlich nicht fehlte, und auch meine Einkünfte reich genug waren, mir nach allen Seiten hin Unabhängigkeit zu sichern, in dieser seltsamen Welt eine ziemlich harmlose Rolle. Ich verliebte mich dort in eine Dame vom Schauspiel, Mademoiselle Richemberg, und wollte sie vom Flecke weg heiraten. Was sich daraus alles an Verwickelungen für mich ergeben hat, bleibt besser verschwiegen. Mir kommt dies alles heute entsetzlich albern vor. Die Französin hat, wie übrigens auch die Polin, Aehnlichkeit mit einem Fechtmeister: so wie dieser, muß sie sich in täglicher Uebung erhalten: der Fechtmeister, um nicht die Gewandtheit des Armes einzubüßen, die Französin und Polin, um nicht die Herzensgewandtheit einrosten zu lassen. Da ich kein übler junger Kerl war und zu der besten Gesellschaft gehörte, bin ich oft zu solchen Fechtmeisterstückchen herangezogen worden, und wenn ich auch bei keinem auf den Tod verwundet worden bin, so ist es doch hin und wieder nicht ohne empfindlichen Schmerz dabei abgegangen. Lehrgeld bleibt eben in dieser Pariser Welt keinem erspart, und ich kann wenigstens noch von mir sagen, daß ich keine lange Lehrzeit durchzumachen gehabt habe. Dann kam für mich die Zeit, in der ich heimzahlen konnte, was mir »ausgewischt« worden war: und ich darf wohl sagen, daß ich niemand was schuldig geblieben bin ... Ich lernte in Paris alle Kreise kennen, denn ich hatte überall Zutritt: die Legitimisten »ennuyierten« mich; in der durch die Bourbonen und Orleans neu geschaffenen Adelswelt, die, wenn nicht in Paris, doch in Plätzen wie Nizza, die erste Geige spielt, aus der sich der jüngere Dumas, Sardou und auch andere noch ihre Heldengrafen und -Herzöge nehmen, die alte Traditionen nicht kennt, aber Geld und Titel, und Titel und Geld in Hülle und Fülle hat, die außer Lebensgenuß keine Ausgabe, kein Ziel kennt, amüsierte ich mich »um der Damenwelt willen«, um jener zarten, nervösen Wesenheit willen, die nach Erregung dürstet, ewig auf der Jagd nach Erlebnissen ist, aber ledig aller Ideale ist, statt dessen meist ebenso verderbt, wie die nach ihnen kopierten Heldinnen ihrer Lieblingslektüre; ich will nicht in die Geschmacklosigkeit verfallen, von »meinen Erfolgen« zu faseln, indessen eines bemerken: daß ich mich ehrlich bemüht habe, wenn auch die Erfolge meines Vaters nicht zu übertreffen, so doch ihnen keine Schande zu machen ... Wer sich in diesem Pariser Leben eine Zeitlang hat herumschleudern lassen, geht unfehlbar mehr oder weniger marode daraus hervor, und lernt erst später erkennen, welche verhängnisvolle Verwandtschaft die darin errungenen »Triumphe« mit Pyrrhus-Siegen haben; so sind denn auch meine Nerven, trotzdem ich über keine von Haus aus unbedingt schwächliche Natur verfügte, von dieser Pariser Lebensführung stark irritiert worden. Indessen haben doch Boudoir, Klub und Salon nicht meine ganze Zeit ausgefüllt, sondern wie ich in meiner Knaben- und Studienzeit der Kunst nicht entraten konnte, und wie ich auch heute noch in ihr lebe und webe, so auch in dieser Pariser Zeit: ich ließ mich auch von der geistigen Strömung tragen, las viel und sorgte, daß ich mit dem geistigen Leben meiner Zeit gleichen Schritt hielt. Von meinem Vater habe ich Wohl die Vorliebe für das »Denken in der Synthese« geerbt und damit den Hang zur Philosophie; ich halte mich indessen für keinen Philosophen von Fach, denn ich habe, wie schon wiederholt bemerkt, keinen eigentlichen Beruf; aber vom Standpunkte des mit der Fähigkeit zu denken ausgestatteten Menschen, der die neueren philosophischen Richtungen kennt und sich ihrem Einflusse nicht entzogen hat, darf ich mir in dem Tagebuche, das ich hier niederschreibe, wohl herausnehmen zu schildern, was bei der Gestaltung meiner geistigen und moralischen Persönlichkeit auf das Konto der Philosophie gesetzt werden muß. In erster Linie muß ich da sagen, daß mein Glaube, den ich aus dem Metzer Kollegium rein und lauter in die Welt mit hinaus nahm, der Lektüre naturphilosophischer Bücher nicht standzuhalten vermocht hat. Darum bin ich aber noch lange kein Atheist. Ueber die Zeit, wo jeder, der den Geist nicht anerkannte, an seine Stelle das Wort »Materie« setzte, sind wir hinweg; heute urteilen wir nicht ohne weiteres ab, sondern sind bescheidener geworden und geben die Antwort: »Ich weiß nicht« ... und wenn auch die Psychologie alle psychischen Erscheinungen analysiert, so bekennt sie doch, wenn es sich um die Unsterblichkeit der Seele handelt, daß »sie nichts weiß«, und anders verhält es sich nun einmal damit nicht: sie weiß nichts hierüber und kann auch hierüber nichts wissen ... Mit diesem »Ich weiß nicht« läßt sich nun der Zustand meines Geistes leicht und bequem definieren. In solch eingestandenem Unvermögen menschlichen Verstandes liegt unbedingt etwas Tragisches. Unser Geist wird nicht allein unaufhörlich nach Lösung dieser Rätsel dürsten, sondern wir stehen hier vor Fragen, die von höchst realer Bedeutung sind und für uns die höchste Wichtigkeit haben. Gibt es ein Jenseits und etwas Ewiges im Jenseits, dann schwinden alle Leiden und Einbußen des Diesseits zu nichts. »Mag sich der Teufel in Schwarz kleiden,« könnte man sich versucht fühlen, mit Hamlet zu sprechen, »ich will in einen Zobelpelz fahren.« »Gegen den Tud,« erklärt Renan, »hätte ich im Grunde gar nichts, bloß wissen möchte ich, daß ich dabei profitierte.« Die Philosophie aber spricht: »Ich weiß nicht.« Solche Unwissenheit ist eine Qual für den Menschen. Wäre es ihm möglich, sich für das eine oder das andere zu entscheiden, so wäre er glücklicher daran und wäre ruhiger. Rom, Babuina, 13. Januar. In vier Tagen will ich reisen. Ich will zusehen, mit meiner Persönlichkeit zu Ende zu kommen. In sozialpolitischer Hinsicht darf ich mich konservativ nennen, bin es indessen nur soweit, wie es durch meine Stellung in der Gesellschaft bedingt wird und wie es mir im allgemeinen behagt. Um vom Scheitel bis zur Sohle Aristokrat oder Demokrat zu sein, dazu bin ich zu zivilisiert, und überlasse es Individuen altmodischer Art in Landstrichen, wo sich die Füchse gute Nacht sagen, wo etwas für neumodisch gilt, was man bei uns schon seit zehn Jahren in die Rumpelkammer geworfen hat, sich mit solchen Grillen zu befassen. Ich kann mir nun einmal nicht helfen: ich liebe nur Menschen mit verfeinertem Sinn und mit empfindsamen Nerven. Ich liebe sie wie ein Kunstwerk, wie eine Naturschönheit, wie eine schöne Frau. Mir bereitet ästhetische Empfindsamkeit nicht nur Genuß, sondern auch Schmerz, aber sie hat mir einen Dienst erwiesen, den ich nicht genug schätzen kann: sie hat mich vor gänzlicher Verderbtheit bewahrt und mir in gewissem Sinne Ersatz für moralische Grundsätze geleistet. Im allgemeinen glaube ich sagen zu dürfen, daß ich ein anständiger Mensch bin, wenn auch nicht unverdorben: ein Geschöpf, genauer gesagt, das in sittlicher Hinsicht insofern in der Luft steht, als es sich weder auf religiöse noch auf gesellschaftliche Dogmen stützt. Ich wüßte übrigens auch keinen Lebenszweck, dem ich mein Leben aus wirklicher Ueberzeugung weihen könnte. Und was hülfe es mir, bei dieser »improductivité« im Besitze genialer Fähigkeiten zu sein? ich bliebe doch, wie es Minister ohne Portefeuille gibt, ein »Genie ohne Portefeuille« ... mir scheint, auf diese Charakteristik sollte ich ein Patent nehmen, so zutreffend erscheint sie! Aber ich bin nicht der einzige, auf den solcher Titel paßt ... nicht wahr? der alte, land- und menschenläufige Trost! nein, ihrer sind Legion! Die »improductivité slave« ist ein Ding für sich, und daneben besitzen wir an der Weichsel noch als eigenstes Produkt unseres Landes das »Genie ohne Portefeuille« ... und ihrer sind, ich betone es nochmals, Legion! in keinem anderen Erdwinkel geht soviel glänzende Begabung so nutzlos und unproduktiv zu Grunde, wie bei uns an der Weichsel... Schon wieder ein Brief von der Tante! nun ja doch, ich komme ja schon, bin ia schon unterwegs! aber, Tantchen, weit, weit lieber bliebe ich hier, das darfst Du mir glauben, und müßte ich es nicht Dir zuliebe tun, so käme ich nicht; denn mein Vater ist seit einiger Zeit gar nicht mehr wohlauf; es befällt ihn von Zeit zu Zeit etwas wie Lähmung, und zwar auf der ganzen linken Körperhälfte ... er hat ja auf meine dringlichen Vorstellungen einen Arzt zu Rate gezogen; aber ich möchte mich hängen lassen, wenn er nicht, wie es immer seine Art war, die Arznei, die ihm der Arzt verschreibt, in den Wandschrank praktizierte, wo schon an die Hunderte von Fläschchen mit Mixturen stehen, die er hat schlucken sollen, und nie geschluckt hat... Was mir die Reise in zweiter Linie verleidet, das sind die Pläne, die Tantchen doch wieder schmiedet! denn ich möchte Gift darauf nehmen, sie will mich verehelichen! ob sie schon eine bestimmte Person für mich in petto hat? ich will's nicht hoffen; aber mit der Absicht hält sie ganz und gar nicht hinterm Berge ... Ich bin aber nicht 35 Jahre alt geworden, ohne allerhand sentimentale Episoden hinter mir zu haben. Bei wem wäre das nicht der Fall, der viel gelebt hat? ... Natürlicherweise haben hierbei auch Polinnen ihren Anteil gehabt, und eben aus diesen mancherlei Episoden hat sich in meinem Gemüte die Meinung gebildet, daß von allen weiblichen Geschöpfen unter Gottes Sonne die Polin das schwierigste und unbequemste ist. Eine Polin zieht das Drama der Liebe im allgemeinen mehr an als die Liebe selbst; in jeder Polin steckt eine Königin und darin unterscheidet sie sich hauptsächlich von den Frauen aller übrigen Völker; die Polin glaubt dem Manne schon damit eine Gnade zu erweisen, daß sie ihm gestattet, sie zu lieben; es genügt keiner einzigen Polin, im Leben des Mannes, das doch noch andere Aufgaben zu erfüllen hat, als Füllsel, als Zugabe zu gelten; sondern sie verlangt, der Mann solle für sie existieren, und für den umgekehrten Begriff hat sie kein Verständnis und sucht nach keinem Verständnis. Zudem liebt jede Polin mehr ihre Kinder als ihren Mann, und erblickt im Manne einzig und allein einen Trabanten ... Ich meine nun aber, daß es für einen Mann wenig Reiz haben kann, alles Streben und jegliches Ideal bloß darum aufzugeben, um tagtäglich auf dem Altare des Weibes – obendrein des eigenen Eheweibes – zu brennen ... und wenn ich mich schließlich in meiner Selbsterkenntnis frage, was ich wohl eigentlich Besseres zu tun hätte, welches mein Streben sei und nach welchen Zielen ich ringe, wenn ich mir in weiterer Selbsterkenntnis zuletzt auch sage, daß, wenn irgend ein Mann hierzu tauge, so ich dieser Mann sei ... so sage ich mir doch wieder mit einer Verwünschung, daß ich dazu nicht die geringste Lust verspüre ... Daß man in der Ehe sein ganzes Leben umwandeln, daß man alle alten lieb gewordenen Gewohnheiten an den Nagel hängen, daß man auf alle Eigentümlichkeiten verzichten müsse ... und daß hierfür doch eben nur eine wahre, eine große Leidenschaft schadlos halten könne! ... nein! mir soll das nicht passieren! ich will mich nicht verheiraten! ich will keinem Weibe ein Vertrauensvotum solch unerhörter Natur aussprechen, und auch nicht meiner Willenskraft! Warschau , 21. Januar. So! seit heute morgen bin ich in Warschau. Die Reise hat mich nicht weiter angestrengt, da ich in Wien Station gemacht habe. Es ist schon spät; aber ich bin zu nervös, um schlafen zu können, und so will ich wieder mich an mein Tagebuch setzen. Das Ding wird mir wirklich zur lieben Gewohnheit. Ei! war das eine Freude heute! und Tantchen ist doch wirklich eine gute Seele! Ich glaube, sie hat sich so gefreut und freut sich wohl auch noch so sehr, daß es ihr gehen mag, wie mir: daß sie nicht einschlafen kann. Zu Mittag wenigstens hat sie keinen Bissen gegessen. Wenn sie in Ploshow ist, hat sie immer ihren Aerger mit Chwastowski, dem Gutsverwalter, denn der ist einer von der alten Schlachta und steckt als solcher kein Wort ein, sondern »vermauliert« sich gehörig. Ist's so weit, daß sie sich gegenseitig den Stuhl vor die Tür gesetzt haben, dann hält die Tante den Mund und läßt sich das Essen schmecken; es scheint, als wenn sie allen Aerger mit hinunterschlinge. Heute bekamen die Dienstboten »ihr Fett«, aber das schien ihr nicht so recht zu genügen. Immerhin war sie bei trefflicher Laune ... Mein Spitzname im Tantenkreise ist »Fetisch«, darüber kann sich Tantchen ganz gehörig »fuchsen« ... Daß sich meine Befürchtungen, die mir die Reise fast verleidet hätten, bewahrheiteten, wird nicht verwundern. Tantchen hat die Angewohnheit, nach dem Essen mit großen Schritten in dem Zimmer auf und ab zu gehen und laut dabei zu denken ... und in solchem Momente von Selbstvergeßlichkeit schlugen die folgenden Selbstgespräche an mein Ohr: »Der Junge ist doch jung und eine stattliche Erscheinung, er ist reich und kein Dummkopf: da müßte sie doch eine Närrin sein, wenn sie nicht zugreifen wollte.« Morgen geben die Herren unserer Gesellschaft ihren Damen ein Picknick. Da fahren wir mit. Es verspricht sehr nett zu werden. Warschau, 25. Januar. Bälle sind mir zuwider: als »homo sapiens« komme ich bei solchem »Vergnügen« um vor Langeweile; als Heiratskandidat sind sie mir geradezu ein Greuel; nur als Künstler – natürlich solcher »ohne Portefeuille« – bereiten sie mir hin und wieder ein gewisses Amüsement. Eine breite Treppe, wenn sie hellerleuchtet und mit Blumen geschmückt ist, und wenn Damen in Balltoiletten, mit nackten Schultern und Armen, die Stufen hinauf steigen, kann schön, kann prächtig sein; die Figuren gewinnen an Größe, wenn man sie von oben sieht, und erinnern in ihren Schleppkleidern an die Engel der Jakobsleiter ... Auch mein Geruchssinn labt sich, denn Parfüm ist mir ein Hochgenuß ... Das Picknick verlief großartig. Dieser Stashewski ist wirklich ein Hauptkerl: auf so etwas versteht er sich ganz ausgezeichnet; kaum kam ich mit der Tante in Sicht, so legte er sie auch schon mit Beschlag und führte sie die Treppe hinauf. Tantchen trägt bei größeren Festlichkeiten immer einen Hermelinkragen von recht großer Länge: sie hat ihn nun einmal und will ihn doch sehen lassen. Davon führt sie nun in der Gesellschaft den Spottnamen »lange Pelerine« ... Am Eingang verweilte ich eine Zeitlang, um unsere Gesellschaft zu mustern: man hat immer solch merkwürdigen Eindruck, wenn man bekannte Gesichter nach jahrelanger Abwesenheit einmal wiedersieht ... es kommt uns dann immer so vor, als seien es Wesen, die uns näher stünden als die, die wir draußen trafen, und doch beobachtet man sie, studiert man sie, als seien es Fremde. Vor allen Dingen interessierte mich die Damenwelt. Kein Zweifel, ich befinde mich in einer erlesenen Gesellschaft: alle Gesichter, gleichviel ob schön oder häßlich, tragen den Stempel alter, verfeinerter Zivilisation: Nacken und Schultern der Damen erinnern mich, trotz ihrer jugendlichen Rundung, an Sevres-Porzellan-Kunst: dieselbe abgeklärte Eleganz, die gleiche tadellose Vollkommenheit! Fürwahr! keine nachgeäffte Kultur, sondern echt europäische Kultur ... Ich mochte ein Viertelstündchen dagestanden und sinniert haben, was für ein Köpfchen, was für ein Schulternpaar, was für einen Busen die Tante wohl für mich ausgesucht haben mochte, als die Sniatynskis zu mir herantraten. Vor ein paar Monaten traf ich ihn in Rom; die Frau hab' ich schon früher kennen gelernt; ich kann sie gut leiden, ihr Gesicht mutet an, und sie ist eine von jenen seltenen Polinnen, die ihr Leben dem Manne weihen und nicht das des Mannes im ihrigen aufsaugen wollen. Nach einem Weilchen glitt ein junges Ding zwischen Sniatynskis und mich, begrüßte Frau Sniatynska, hielt mir ein zierliches Händchen in schneeweißem Handschuh entgegen und rief: »Ei, Leo, kennst Du mich denn gar nicht mehr?« Mich setzte die plötzliche Frage in Verlegenheit: ich wußte wirklich im ersten Augenblick nicht, wohin ich das junge Ding tun sollte. Als ich ihr aber, wie es sich für einen höflichen Mann gehört, die Hand gab und unter Nicken und Lächeln erwiderte: »Gewiß! gewiß! wie könnte ich nicht?« da mochte ich doch ein recht einfältiges Gesicht geschnitten haben, denn Madame Sniatynska rief unter Lachen: »Nein, so was! Sie erkennen sie ja doch nicht: es ist ja Anielka P.!« Cousine Anielka! na, daß ich die nicht erkannte, war doch nicht so verwunderlich, denn zum letztenmal hab' ich sie wohl noch im kurzen Röckchen gesehen ... richtig! jetzt fällt's mir ein: es war in Ploshow, im Garten; sie trug kurze Strümpfe von Fleischfarbe, und weil sie die Mücken jämmerlich stachen, trampelte sie herum wie ein wildes Füllen. Wie sollte ich ahnen, daß diese ausgewachsene junge Dame mit dem vollen Busen, den weißen Schultern und den dunklen Augen eins war mit dem dünnbeinigen Bachstelzchen von damals? Das war ja wirklich ein ganz reizender Schmetterling, der aus dieser Puppe gekrochen war! Es versteht sich wohl von selbst, daß ich sie noch einmal bekomplimentierte, und zwar aufs allerherzlichste ... ja, als sie mir, wie Sniatynskis gegangen waren, sagte, ihre Mama und die Tante hätten sie zu mir geschickt, da gab ich ihr den Arm, und wir schritten weiter hinein in den Saal ... Und da schoß es mir mit einem Male zu Sinne: Anielka war die »faiblesse« meiner Tante! an dies junge Ding sollte ich anbeißen! Tantens Liebling war sie ja immer gewesen, und um die zerfahrenen Geldverhältnisse ihrer Mama hatte sich Tantchen ja immer schon Kopfschmerzen gemacht! Erklärlich, daß sie mich jetzt in ganz anderer Weise interessierte als der sonstige Damenflor ... Während wir durch den Saal promenierten, konnte ich mit ihr plaudern, konnte ich sie mustern: halblange Handschuhe, kaum bis zum Ellbogen hinauf, waren Mode ... ich konnte mithin sehen, daß der Arm, der sich auf den meinigen stützte, um eine Nuance dunkler war als der Flaum weicher Härchen, der ihn ziemlich dicht bedeckte. Auf den ersten Blick meint man, sie sei eine Brünette, ist es jedoch nicht. Während ihr Haar wie Bronze schillert, sind die Augen hellfarbig, erscheinen aber durch den Schatten der langen Wimpern schwarz, wie die Brauen, die tatsächlich schwarz und herrlich geschwungen sind. Ueber der schmalen Stirn übervolles Haar; auch die Brauen und Wimpern sind übervoll, und auf den Wangen wird der Flaum, den ich schon auf ihren Armen sah, zart und weich wie Flockseide ... Ich leugne nicht: dieses warme, lebensprühende, reizvolle Wesen repräsentiert mein Genre, und wenn auch Tantchen von jenem abscheulichen Menschen mit Namen Darwin wahrscheinlich keine Kunde hat und, wenn sie ihn kennen sollte, ganz sicher nichts von ihm hören und sehen will, so ist sie doch, ohne es zu ahnen, seiner Theorie von der natürlichen Zuchtwahl gefolgt ... Entschieden: Anielka ist mein Genre ... Tantchen hat diesmal wirklich einen ganz verflixten Köder an ihre Angel gesteckt! Uebrigens merke ich auch, daß ich ihr nicht mißfalle, und solche Wahrnehmung regt einen Mann ja immer an. Auch die Prüfung vom künstlerischen Standpunkte aus bestand sie mit der Zensur »Vorzüglich«. Es gibt tatsächlich Gesichter, die einen anmuten, wie eine auf menschliche Züge übertragene Melodie oder Poesie: und Anielka hat ein solches Gesicht: in ihrem Gesicht liegt wirklich keine Spur von etwas Gewöhnlichem! Mir kommt es so vor, als sei Anielka bei aller Harmlosigkeit nicht frei von Koketterie: ich glaube bestimmt, sie weiß, daß sie eine Schönheit ist. So senkt sie die herrlichen Wimpern weit öfter als nötig wäre; warum? weil sie weiß, daß sie entzückend wirken! und warum hebt sie, um einen freundlich anzusehen, immer das Köpfchen mit solch anmutiger Bewegung hoch? ... Das muß ich sagen: die Tante mit ihrer Zerstreutheit ist einzig! Kaum hatte ich Anielka zu den Damen geführt, kaum hatte ich ein paar artige Worte mit ihrer Mama gesprochen, so wandte sich Tantchen, der meine animierte Stimmung nicht entging, mit leichtem Achselzucken zu der Frau P.: »Ach, die Veilchen am Busen machen sich wirklich ausgezeichnet! ich glaube doch, daß es ein ganz vortrefflicher Einfall war, das Paar einander auf dem Balle zum ersten Male vorzuführen!« Frau P. geriet in Verlegenheit, Anielka auch, und nun wurde mir auf einmal klar, warum die beiden Damen nicht wie sonst bei meiner Tante abgestiegen waren. Frau P. und die Tante hatten ja sicher schon des langen und breiten über ihre Absicht, aus uns beiden ein Paar zu machen, verhandelt! und Frau P. mochte es nicht merken lassen. Um der verdrießlichen Situation, die sich hieraus für alle Beteiligten ergab, die Spitze abzubrechen, wandte ich mich mit den Worten an Anielka: »Ich will nicht unterlassen zu bemerken, daß ich ein herzlich schlechter Tänzer bin. Du kannst mir aber jeden Augenblick weggeholt werden, und deshalb möchte ich Dich bitten, mir diesen ersten Walzer zu vergönnen.« Anielka gab mir ihre Tanzkarte. »Schreib' ein, was Dir beliebt!« sagte sie resolut ... Ich bin nun aber durchaus kein Freund davon, mich zu etwas drängen zu lassen, und um mir bei dem politischen Spiel der beiden älteren Damen nicht alles Heft aus den Händen nehmen zu lassen, schrieb ich in Anielkas Tanzkarte: »Hast Du durchschaut, daß sie sich an uns einen Kuppelpelz verdienen wollen?« Sie las die Frage und wurde blaß. Der Ausdruck ihres Gesichts wechselte. Sie zog die seidenen Wimpern hoch, sah mir gerade in die Augen und antwortete, im gleichen resoluten Tone, wie sie mich zur Einzeichnung aufgefordert hatte: »Ja.« Dann war es mir, als wenn sie etwas fragen möchte, nicht mit Worten, sondern mit Blicken ... ich habe wohl schon bemerkt, daß ich keinen unbedingt schlechten Eindruck auf sie gemacht hatte, und ihre Gedanken mußten sich ja, seit sie erraten hatte, was meine Tante und ihre Mama vorhatten, in einem fort mit mir befaßt haben ... und nun sagten ihre Augen mir mit nicht mißzuverstehender Deutlichkeit: »Daß Mama und Tante den Wunsch haben, daß wir uns kennen lernen und einander nähern sollen, weiß ich ... was aber folgt daraus?« ... Statt ihr mündliche Antwort zu geben, legte ich den Arm um sie, zog sie leicht an mich und führte sie zum Walzer ... Anielka tanzt ausgezeichnet, selbstvergessen und hingebungsvoll, also ganz, wie es Pflicht der Dame ist zu tanzen. Es entging mir nicht, daß sich die Veilchen an ihrem Busen etwas unruhiger zu bewegen anfingen – diese Unruhe konnte nicht nur vom Tanzen herrühren ... Keine Frage: es begann in ihrem Herzen etwas zu sprießen! Warschau, 30. Januar. Die Damen haben sich bei uns einquartiert. Ich bin gestern den ganzen Tag mit Anielka zusammen gewesen. Ihre Seele ist ein Buch, reicher an Blättern, als sich bei Mädchen ihres Alters im allgemeinen erwarten läßt. Manches Blatt wird ja erst die Zukunft beschreiben; aber es ist Raum für gar viel Schönes vorhanden. Anielka ist aber, wie mir schon einmal auffiel, nicht frei von Koketterie. Heute habe ich sie gefragt, was ihr Herzenswunsch sei, und sie hat mir geantwortet: »Rom sehen« ... dabei hat sie die Lider mit den seidenen Wimpern wieder tief gesenkt und hat dabei wirklich ganz unbeschreiblich schön ausgesehen! O, und sie merkt recht gut, daß sie mir gefällt, denn sie ist sichtlich froh darüber. Schließlich wäre es doch wohl am Platze, zu fragen: »Wenn Du das Mädchen nicht heiraten willst, warum bemühst Du Dich dann so, ihr Liebe einzuflößen?« Aber hierauf zu antworten habe ich nicht Lust; und was mache ich denn im Grunde genommen? ich bemühe mich doch nur, nicht dümmer zu erscheinen, als ich wirklich bin, aber weniger liebenswürdig und weniger sympathisch als ich bin. Das ist alles! Also ... ? Tantchen hat vor, Anielka zu Ehren eine kleine Gesellschaft zu geben; ich mache zu diesem Zwecke Visiten: bei Sniatynskis war ich bereits und bin dort ziemlich lange gewesen; denn die Leutchen gefallen mir; sie liegen in ewigem Zwiste miteinander, aber in anderer Weise, als dies sonst zwischen Eheleuten der Fall ist. In der Regel ist es wohl so, daß, wenn, nur ein Mantel da ist, sich jedes drum reißt; Sniatynskis aber reißen sich darum, wer von beiden ihn nicht haben will. Ich habe die beiden Leutchen gerade darum so lieb, weil ich erst bei ihnen erkannt habe, daß es tatsächlich ein Glück im Leben gibt, das nicht bloß auf dem Papiere steht, sondern wahrhaftig vorhanden ist. Man sieht es: dieser Mensch will glücklich sein und ist es ... ich beneide ihn und plaudere gern mit ihm. Die Madame hat mir einen vorzüglichen »Schwarzen« vorgesetzt, wie man ihn eben nur bei Menschen von der Feder bekommt, und dabei haben sie sich erkundigt, wie es mir in Warschau gefiele, und was ich zu meinen Landsleuten sagte, nachdem ich sie eine so lange Zeit nicht gesehen? Auch auf die kleine Abendunterhaltung kommt die Rede; vorzüglich Madame spricht viel darüber, denn sie wittert, was meine Tante im Schilde führt, und möchte gar zu gern ihre kleine rosige Nase mit in »den Kuchen« stecken, zumal sie Landsmännin von Anielka ist, nämlich gleich ihr Wolhynierin, und Anielka auch sehr gut kennt ... Ich habe natürlich alles Persönliche beiseite gelassen, immerhin haben wir von unserer Gesellschaft ziemlich viel geschwatzt; ich über mein Lieblingsthema: die verfeinerte Kultur dieser Gesellschaft, worüber Sniatynski, der zwar manchmal seine Mitbürger unter eine sehr scharfe Lupe nimmt, dabei aber begierig auf jedes Lob ist, das denselben anheimfällt, in eine sehr vergnügte Stimmung geriet ... und worin er mir lebhaft beistimmte ... 2. Februar. Gestern war kleines Tanzvergnügen bei uns. Anielka war entzückend in der zarten Gazehülle, die ihre weißen Schultern bedeckte; sie erinnerte an die dem Meeresschaume entsteigende Venus. Daß ich sie heiraten werde, weiß schon ganz Warschau. Es ist mir nicht entgangen, daß sie für die Unterhaltung mit ihrem Tänzer so gut wie gar kein Ohr hat, sondern nur Augen für die Bewegungen, die ich beim Tanze mache ... Das gute Ding ist so offenherzig, daß auch ein Blinder sehen müßte, was sie empfindet. Mir gegenüber ist sie die Demut selbst, wenn ich mich ihr nähere; dabei so ruhig, so still und so glücklich! ich werde ihr wirklich von Herzen zugetan und merke, daß mich eine wunderliche Schwäche in ihrer Nähe anwandelt ... Nein! wie zufrieden leben doch diese Sniatynskis! und wahrhaftig nicht zum ersten Male im Leben frage ich mich, wer von uns beiden der Gescheitere und wer der Dümmere ist ... Ganz ohne Frage bin ich der Dümmere! und wenn ich sagen soll, worin der Schlüssel zu dieser Sniatynskischen Philosophie liegt, so kann ich keine andere Antwort finden als: in seinen »Lebensdogmen« ... Ich weiß, daß er kurz vor seiner Verheiratung zu mir sagte: »An ein Ding wagt sich meine Skepsis nicht heran: eins im Leben kritisiere ich nicht und mag ich nicht kritisieren: für mich als Schriftsteller gilt die soziale Gemeinschaft, für mich als Privatmann das Weib, das ich liebe, als unantastbare Dogmen.« Als er mir das sagte, meinte ich, weit kühneren Geistes zu sein, da ich vor der Zergliederung dieser beiden Begriffe nicht zurückscheute. Heute bin ich aber zu der Einsicht gekommen, daß ich von dieser größeren Kühnheit nicht den geringsten Vorteil gehabt habe ... Und dann ... und dann ... mein kleines Dogma mit den seidenen Wimpern ist doch ein gar zu niedliches Dogma! ... Ich werde wirklich schwach: das liegt klar am Tage! aber durch die natürliche Zuchtwahl läßt sich mein außergewöhnlich starkes »faible« für sie nicht erklären! entschieden nicht! darin liegt mehr, weit mehr, und ich weiß auch, welcher Art das »mehr« ist ... Anielka hat mich mit einer Liebe in ihr kleines Herz geschlossen so frisch, so jung, so wahr, wie kein Weib zuvor! und ein Weib, das wahrhaft liebt und dem Manne, dem seine Liebe gehört, Augenweide ist, kann, wenn es ausharrt, des Sieges sicher sein. Nichts bestrickt das Herz der Männer so unwiderstehlich, nichts schlingt so feste Bande wie die Gewißheit, geliebt zu werden. Ich habe eben erst noch allerhand Schnak über die Polinnen geschrieben: wer aber meint, ich täte um eines armseligen Papierblattes willen oder aus Scham davor, inkonsequent zu erscheinen, nicht was mir für richtig erschiene, der ist arg auf dem Holzwege. Es ist wirklich gar nicht zu sagen, in welch vollkommener Weise dieses Mädchen meinen künstlerischen Sinn befriedigt ... Die schönste Stunde für mich kam, als der Ball zu Ende war: wir saßen beim Tee, die Gäste waren gegangen; ich trat, um zu sehen, was im Hofe vorging, ans Fenster und schlug den Vorhang ein wenig zurück: und durch die Scheiben – es war bereits um acht Uhr früh – drang plötzlich ein heller Morgenstrahl, beim Lampenschein im reinsten Blau erglänzend. Ein Blick von wunderbarer Schönheit! aber noch um vieles wunderbarer schön war das Bild, das Anielka in diesem azurnen Zauberlichte zeigte ... mir war es ganz so zu Mute, als sähe ich sie mitten in der Grotte von Capri! war das ein Farbenspiel auf ihrem Schulternpaare! bei diesem Anblick – was vermag der Mensch nun einmal gegen seine sensible Natur? – streckte ich die Waffen; mein Herz war hin, und länger und inniger als sonst drückte ich ihre Hand in meiner Hand, als ich ihr gute Nacht sagte ... »Guten Morgen,« sagte sie neckisch, »nicht gute Nacht!« Ploshow , 5. Februar. Wie gemütlich ist's doch hier in Ploshow! Diese prächtigen altmodischen Kamine! Ihren Wald hütet Tantchen wie ihren Augapfel, aber am Heizen läßt sie es nicht fehlen: in diesen Kaminen prasselt es von früh bis in die Nacht. Gestern haben wir den ganzen Nachmittag an solch traulichem Kamine gesessen. Ich plauderte von Rom und seinen Raritäten und hatte so andächtige Zuhörer, daß ich mir selber fast albern vorkam! Tantchen mustert unausgesetzt Anielkas Gesicht, ob sie meinen Schilderungen auch mit Interesse folgt; aber sie ist beruhigt, denn Anielka zeigt nicht bloß Interesse, sondern gar Begeisterung ... Einen Mißklang in unseren schönen Kreis bringt Anielkas Mama: sie hat in ihrem Leben soviel Kummer erlebt, daß sie vor allem, was die Zukunft birgt, eine schreckliche Bange hat; sie wittert hinter allem, was im Schoße der Zeit liegt, ein Unglück; sie war unglücklich verheiratet, sehr unglücklich, und all ihr Besitztum hat ihr Herzeleid gebracht. Sie hat großen Besitz, aber alles in schlechtem Stande, in schlimmer Verwaltung ... Obendrein leidet sie ewig an Migräne. Dagegen gehört Anielka augenscheinlich zu jener Art Frauen, die sich über Vermögensfragen niemals das Herz schwer machen. Bei uns in Polen ist diese Art weit stärker vertreten, als man meinen sollte ... Ich tadle ihnen diese Eigenschaft nicht, denn ich erblicke in ihr einen Beweis dafür, daß die Frauen in Polen auf bessere Dinge den höheren Wert legen ... Uebrigens gefällt mir an dem Mädchen jetzt schon so gut wie alles: heute morgen lief ich auf dem Flure dem Stubenmädchen in den Weg, das Anielkas Kleid und Schuhe brachte ... die kleinen Schuhe vor allem elektrisierten mich so, daß ich nicht anders meinte, als sei es schon die Krone aller Tugend, solch kleines Schuhzeug zu tragen ... Wir Mannsleute sind doch ein schrecklich schwächliches Korps: ich befühle mir selbst den Puls, um mich über mein Liebesfieber immer auf dem laufenden zu halten. Ich muß leider konstatieren, daß mein Puls schon sehr schnell geht. 8. oder 9. Februar. Tantchen hat wieder ihren Krawall mit dem Verwalter Chwastowski angefangen. Diese Passion der alten Dame ist wirklich so spaßig, daß es der Mühe wert ist, solchen Disput zu vermerken. Wie schon gesagt, für die Tante sind diese Dispute Appetitsbedürfnis, und Herr Chwastowski, ein alter, körniger Schlachzize, läßt sie oft recht böse ablaufen. In der Regel fängt's schon an, wenn sie ins Speisezimmer treten: wenigstens messen sie einander, sobald sie sich sehen, schon mit Blicken, als wollten sie sich gegenseitig »fressen« ... Aber kaum sitzen sie bei der Suppe, so bricht Tantchen die erste Lanze: »Sagen Sie mal, Chwastowski, wie stehen denn die Wintersaaten? Ich habe seit Anno Toback schon nichts mehr davon gehört. Ueber alles mögliche quatschen Sie; bloß darüber nicht!« – »Frau Gräfin! Im Herbst war der Stand brillant. Jetzt liegt der Schnee zwei Ellen hoch. Wie soll ich da wissen, was die Wintersaat macht. Der liebe Herrgott bin ich doch nicht.« – »Aber, Chwastowski, führen Sie doch den Namen Gottes nicht so unnütz im Munde!« – »Ich gucke ihm ja nicht unter den Schnee? trete ihm also auch nicht zu nahe.« – »Ich etwa?« – »Allerdings.« – »Chwastowski, Sie sind nicht mehr auszustehen.« – »Ich Wohl weniger, als das, was Sie dem Menschen zumuten.« So geht's fast jeden Tag: bald über dieses, bald über jenes Thema; zuletzt verhält sich Tantchen still und macht sich über das Essen her, als wollte sie allen Aerger hinunterschlingen. Ihr Appetit läßt niemals zu wünschen, und wenn sie beim dritten oder vierten Gange ist, dann bessert sich ihre Stimmung und wird am Schlüsse der Mahlzeit meist rosig. Wenn die Tafel aufgehoben ist, reiche ich Anielka den Arm und Herr Chwastowski der Tante, und nun geht's in einer »entente cordiale«, wie man sie gar nicht besser wünschen kann, zum »Schwarzen«. Nun erkundigt sich Tantchen, was Herrn Chwastowskis Söhne machen, und er küßt ihr die Hand. Im Grunde genommen wissen beide recht gut, was sie einander wert sind. Als Chwastowskis Söhne noch die Universität besuchten, bin ich ihnen oft begegnet. Wie ich höre, sind es famose Bursche, aber von schrecklich radikaler Gesinnung. Anielka setzte sich in der ersten Zeit immer mit Zagen an den Tisch, weil sie die Dispute als bare Münze nahm; seit ich ihr aber auseinandergesetzt habe, was es damit für eine Bewandtnis hat, lächelt sie mir immer schelmisch zu, wenn sich die beiden Streithammel an den Tisch setzen; und dann sieht sie wirklich so allerliebst aus, daß man sie anknabbern könnte ... Ovid's Metamorphosen regieren die Welt und auch mich: der Frost ist gewichen und mit ihm das schöne Wetter. Es herrscht jetzt eine Dunkelheit, daß man den ganzen Tag Licht brennen könnte. Diese schwere schwarze feuchte Atmosphäre bedrückt das Gemüt, verdüstert unsere Gedanken. Auf mich hat das Wetter eine geradezu verhängnisvolle Wirkung ... Die Tante ist mit Herrn Chwastowski böser als sonst zusammengeraten. Er sagte, der ganze Wald ginge noch zum Teufel, weil sie keinen einzigen Baum fällen ließe. Tante erwiderte, es ginge so genug vom Walde Zum Teufel; sie würde alt, und der Wald könne alt mit ihr werden ... Auch mich hat heute jemand empfindlich verletzt: Anielkas Mutter. Sie tat sich in der Orangerie in recht unästhetischer Weise damit dick, daß sich seit langer Zeit schon ein Herr aus meinem Bekanntenkreise um Anielkas Hand bemühe: ein Herr namens Kromitzki. Ich hatte unwillkürlich die Empfindung, als wenn mir ein Splitter mit einer Zange gezogen würde. Ein richtiger Affe in meinen Augen, dieser Kerl, der aus dem österreichischen Schlesien herstammt. Dort sollen seine Ahnen großen Grundbesitz gehabt haben. In Rom hat er sich damit dick getan, daß seine Familie seit dem 15. Jahrhundert gräflich sei, und in die Fremdenbücher der Gasthöfe schrieb er sich nie anders ein als mit dem Titel »Graf von«. Der Kerl mit seiner käsigen Fratze sieht aus wie ein Totenkopf. Mir war er immer zum Speien ... pfui! Setzt das dieses Mädchen in meinen Augen herunter! Daß sie für diesen Kromitzki und seine Absichten keine Verantwortung trifft, weiß ich freilich, und trotzdem ist ihr Wert hierdurch in meinen Augen gesunken. Ich verstehe nicht, was diese Mutter veranlaßt hat, mir diesen Fall so ausführlich zu schildern: jedenfalls aber hat sie sich gründlich verrechnet, wenn sie gemeint hat, hierdurch mich anspornen zu wollen. »Ich sage unverhohlen,« schwatzte sie, »daß mir der Antrag gar nicht unsympathisch ist. Ich bin eine Frau, die von Geschäften keine Ahnung hat und breche unter den Sorgen, die auf mir lasten, beinahe zusammen. Wäre es nicht um meiner Tochter willen, so hätte ich mich längst rangiert. Herr Kromitzki ist Geschäftsmann vom Scheitel bis zur Sohle. Er hat in Odessa große Unternehmungen entriert, übernimmt bedeutende Kommissionen, auch allerhand große Lieferungen für den Staat, spekuliert in Baku in Naphtha ... que sais-je ? ... daß er Ausländer ist, soll ihm, wie ich vernehme, sehr hinderlich sein. Wenn er nun meine Anielka heiratete, so könnte er, habe ich mir gedacht, alle Schulden tilgen, die auf ihrem Grundbesitze haften, und könnte dann als Grundherr die Staatsangehörigkeit leichter bekommen.« »Und Anielka?« fragte ich ungeduldig. »Nun, Anielka scheint sich freilich nicht viel aus ihm zu machen, ist aber doch ein so herzensgutes Kind, und dann steht sie doch auch, wenn ich einmal das Zeitliche segne, ganz ohne Schutz in der Welt ... also ...« Ich hatte genug und mochte nichts weiter hören ... mich machte dieses Geschwätz fuchswild ... wenn ich mir auch sagte, daß aus der Sache lediglich darum noch nichts geworden sei, weil Anielka nichts davon wissen wollte, so grolle ich ihr doch, weil sie solchem widerwärtigen Subjekt vergönnt hat, sein Auge auf sie zu werfen. 14. Februar. Der garstige Eindruck ist verwunden. Wie diese kleine Anielka doch alles merkt! ich habe mich, obgleich es mir nicht danach zu Mute war, vergnügt gestellt und so getan, als sei nicht das geringste vorgefallen, und doch hat sie herausgefühlt, daß ich nicht mehr der alte bin. Wir saßen heut, wie es ja oft geschieht, denn man stört uns mit Absicht nicht, allein am Fenster und blätterten in einem Album, da wurde sie mit einem Male befangen und unsicher; ich merkte, daß sie etwas auf dem Herzen hatte, aber nicht mit der Sprache herauswollte. Einen Moment lang dachte ich, sie wolle mit einer Erklärung hervortreten; im anderen Augenblick aber lachte ich mich aus, daß ich hatte vergessen können, eine Polin vor mir zu haben, die doch weit eher sich die Zunge abbisse, als ihre Liebe einem Manne zuerst zu bekennen. Dann befreite sie mich von meinen Zweifeln, indem sie das Album plötzlich zuklappte und verwirrt zu stottern anfing: »Aber, Leo, was ist Dir denn bloß? Nicht wahr, Du hast was?« Ich erwiderte, sie müsse sich irren, mir sei gar nichts; sie aber blieb bei ihrer Meinung und schüttelte ernst mit dem Kopfe ... »Ich sehe doch, daß Dir seit zwei Tagen was ist. Ich weiß recht gut, einen Menschen, wie Du bist, kann eine Kleinigkeit verletzen; ich habe mich schon die ganze Zeit über gefragt, ob ich eine Aeußerung habe fallen lassen, oder sonst etwas verbrochen habe ...« – sie blickte mir, trotzdem ihre Stimme ein wenig zitterte, fest in die Augen – »aber zu leide getan habe ich Dir doch nichts?« Ich wollte schon erwidern, daß, wenn mir wirklich etwas fehle, es höchstens sie sein könne; aber mich befiel urplötzlich eine Himmelangst ... nicht vor Anielka, sondern wie vor einem Riegel, mit dem ich mich selbst einsperren wollte ... nichtsdestoweniger küßte ich ihr die Hand und sagte, bemüht, so harmlos wie möglich zu erscheinen: »Du bist ein liebes gutes Ding, Anielka; aber mach Dir meinetwegen keine Gedanken, denn mir fehlt gar nichts; zudem weilst Du ja hier zu Gaste, und meine Pflicht ist es, zu sorgen, daß Du Dich hier wohl fühlst.« Abermals küßte ich ihr die Hand. Immerhin stellte ich mir die Frage: warum schiebst Du die Entscheidung hinaus, wenn sie doch einmal unausbleiblich ist? ... Die Antwort darauf zu finden, fiel nicht schwer: ich will die Blüte meiner Liebe auskosten bis auf den letzten Tropfen. Wir empfindsamen Männer haben nun einmal einen fast weibischen Sinn, und in Empfindungssachen bin ich Epikuräer. 18. Februar. Heut hat mich ein böser Geist nach Warschau geführt, zu einer Herrengesellschaft. Der Geheimrat S. hat sie veranstaltet. Er reitet ein Steckenpferd: alle Parteien bei einem Glas Tee und Butterbemmchen unter einen Hut zu bringen. Dabei weiß er selbst nicht, wie? Mir ging es darum, einmal zu hören, was in den Köpfen meiner Landsleute herumspukt. Für einen Menschen wie mich, der sich beständig im Auslande aufhält, ist das zweifelsohne ein plausibler Wunsch. Es war, wie fast immer bei solchen Zusammenkünften »en masse«: abscheulich voll, abscheulich langweilig; gleich und gleich hockte zimmerweis zusammen, freute sich des allseitigen Einverständnisses, einer bestätigte dem anderen, daß er recht habe, u.s.w. u.s.w. Außer etwelchen Räten wurde ich auch einigen Vertretern der Presse vorgestellt. Mir ist alles, was mit »Presse« zusammenhängt, nicht sonderlich sympathisch, denn ich bin der Meinung, daß die Presse eine Menschenplage ist. Ihre Fixigkeit steht im Kausalkonnex mit ihrer Oberflächlichkeit, und die erstere vermag für den Schaden, den die letztere durch Irreführung der öffentlichen Meinung stiftet, nicht zu entschädigen: das muß jeder vorurteilslose Mensch gelten lassen ... Durch die Zeitungen ist den Menschen die Fähigkeit, das Wahre vom Falschen zu unterscheiden, abhanden gekommen; seitdem wir Zeitungen haben, fehlt uns das Billigkeitsgefühl, ist Schlechtigkeit frech geworden, hat Ungebühr die Stimme der Gerechtigkeit geliehen; mit einem Worte: die Zeitung hat die Menschheit mit seelischer Blindheit geschlagen und alle Moral vergiftet. Ein Herr Stachowski war mit da, dem Rufe nach das größte »lumen« der Partei des äußersten Fortschritts; er sprach »wie gedruckt«, und an diesem Abend war's, wie es immer und überall sein soll: wenn er da ist, riskiert's niemand, eine Meinung zu haben. Ein nicht unwesentlicher Faktor für seine Ueberlegenheit ist seine Eigenschaft, selbst an die Reden zu glauben, die er hält. Stachowski wird zu den Skeptikern gerechnet: aber ungerechterweise. Hätte er in einem früheren Zeitalter gelebt, so hätte er einen Fanatiker abgegeben: das ist sein Temperament... er hätte einen der schlimmsten Inquisitionsrichter abgegeben: einen von dem Schlage, die dem Menschen um einer Gotteslästerung willen die Junge ausreißen ließen ... Was mir unangenehm auffiel, war das Scherwenzeln gerade unserer konservativen Gäste um diesen Menschen herum: es scheint, als habe bei uns diese Partei herzlich wenig Mut ... oder verhält es sich mit ihr überall so? ... Die Kriecherei vor ihm war so arg, daß es richtiges Mißfallen hervorrief, als ich mir die Freiheit herausnahm, mich mit ihm in einen Disput einzulassen, statt seiner Ansicht demütig zuzunicken. Es wurde von den »wirtschaftlich toten« Klassen der Bevölkerung gesprochen. Stachowski erging sich über die Aussichtslosigkeit ihrer Lage, über ihr Unvermögen, sich Schuh zu verschaffen, in einem wilden Phrasenschwall, und der Kreis seiner Zuhörer war schon erheblich gewachsen, als ich ihm mit der Frage ins Wort fiel: »Ach, wenn ich fragen darf, bekennen Sie sich zu der Darwinschen Theorie vom Kampfe ums Dasein?« – »Allerdings,« erwiderte Stachowski, der als Naturforscher von Beruf und Fach mit besonderer Freude auf die Diskussion dieser Frage sich einließ ... »Dann werden Sie mir erlauben müssen, Ihnen Inkonsequenz vorzuwerfen. Sich als Christ der Wehrlosen und Unterdrückten annehmen zu wollen, wäre recht und in Ordnung, denn Christus befiehlt es uns; Sie jedoch müßten sich vom Darwinschen Standpunkte aus sagen: es ist dummes Gesindel, nach dem Naturgesetz zur Beute des Stärkeren verurteilt, also weg damit! Wie kommt es, daß Sie sich das nicht sagen? Vielleicht haben Sie die Güte, mich über diesen Widerspruch aufzuklären?« Ich kann nicht sagen, ob Stachowski über diese Opposition, die ihm, da er nicht daran gewöhnt war, ganz unerwartet kam, sich so entsetzte, daß er kein Wort der Erwiderung fand, oder ob er sich die Frage tatsächlich noch nie in diesem Zusammenhange überlegt hatte: soviel steht fest, daß er nicht einmal das übrigens an sich auch ziemlich hohle Schlagwort Altruismus fand. Die Folge hiervon war, daß, sich viele von den konservativen Herren auf meine Seite hinüberzogen. Ja, wäre es nicht schon so spät gewesen und die Gesellschaft mir nicht gar so schrecklich fade, so wäre es mir gar nicht schwer gefallen, als Held des Abends zu glänzen; aber ich wollte zur Nacht wieder in Ploshow sein ... ich stand schon im Pelze und mußte bloß noch nach meinem Augenglase suchen, das sich irgendwohin versteckt hatte: als Stachowski, der inzwischen wohl sich auf eine Antwort besonnen haben mochte, zu mir herantrat: »Ach, Sie fragten vorhin, warum ich ...« – Ich war verdrießlich über den Verlust meines Augenglases und fiel ihm ins Wort: »Entschuldigen Sie, bitte, ich stehe der ganzen Frage äußerst gleichgültig gegenüber. Und wie Sie sehen, ist es spät; die Herrschaften brechen sämtlich auf, zudem kann ich mir denken, was Sie mir sagen wollen ... Sie gestatten mir also wohl, Ihnen gute Nacht zu wünschen.« Ich glaube gern, daß Herr Stachowski mir diese Antwort schrecklich übelgenommen hat ... aber mag er! Ich kam gegen ein Uhr nachts in Ploshow an. Dort wartete meiner eine frohe Ueberraschung: Anielka mit dem Tee! Im Speisezimmer saß sie, noch in voller Toilette, nur das Haar hatte sie für die Nacht eingeflochten ... Ein prächtiges Weib! und so lieb! und wie allerliebst diese ihr tief in den Nacken hängenden Haarflechten sie kleiden! O, und der Gedanke, daß es mich ein einziges Wort kostet, um in ein paar Monaten dies Haar auflösen und ihr über die Schultern breiten zu dürfen! Sollte es mir wirklich so leicht fallen, solches Glück zu erwerben? es wird mir schwer, das zu glauben ... Ich wollte sie schelten, daß sie noch aufsitze; aber sie sagte, sie sei gar nicht schläfrig und habe deshalb die Mama und die Tante um Erlaubnis gebeten, auf mich warten zu dürfen; Mama habe ja gemeint, es sei nicht recht schicklich, sie habe aber geltend gemacht, wir seien doch Verwandte ... und dann fragte sie plötzlich: »Ei, weißt Du, wer sich auf meine Seite stellte?« Eine kleine Weile sah sie mich still an; dann rief sie: »Die Tante!« – »Die gute Seele!« sagte ich; »trinkst Du noch ein Täßchen mit?« – »O, gern!« und sie fing flink an, den Tee einzugießen und die Tassen zurechtzustellen, und ich sah ihr voll Bewunderung zu und hätte die geschickten lieben Händchen gar zu gern geküßt! Hin und wieder blickte sie auf, senkte aber, sobald sich unsere Blicke trafen, den ihren immer schnell. Sie fragte mich lebhaft, wie ich mich in Warschau amüsiert hätte, welchen Eindruck ich von der Gesellschaft mit nach Ploshow gebracht hätte. Wir unterhielten uns, trotzdem die beiden älteren Damen nicht in der Nähe schliefen, doch mit verhaltener Stimme, herzlich und traulich wie Verwandte, die einander von Herzen zugetan sind. Ich schilderte ihr, was ich gesehen und erlebt hatte, wie einem Freunde, gab ihr ein Bild von der Gesellschaft, in der ich geweilt hatte, wie es sich einem Manne bietet, der aus weiter Fremde zwischen sie hineinschneit. Sie machte große Augen, hörte mir stillschweigend zu; war aber beglückt, auf diese Weise einen Einblick in meine Gedankenwelt zu gewinnen. »Aber warum bringst Du das alles nicht zu Papier?« fragte sie; »daß mir solche Gedanken nicht kommen, ist nicht verwunderlich, es geht wohl allen hier so, wie mir.« – »Warum ich nichts zu Papier bringe?« wiederholte ich; »aus allerhand Ursache! vielleicht erkläre ich Dir später einmal die Gründe ... ein Grund ist wohl der: weil es mir fehlt an jemand, der mir öfter, wie Du Hetzt, die Frage stellt: Warum machst Du nichts, Leo?« – Wir schwiegen beide; aber Anielka senkte die Wimpern tiefer als je zuvor, und mir war es fast, als ob ich ihr Herz unter dem Kleide pochen sähe... Freilich konnte sie jetzt erwarten, daß ich an sie die Frage stellen werde: »Willst Du immer bei mir bleiben und mich immer so fragen?« aber es war mir eine zu große Wonne, die Dinge in der Schwebe zu lassen, dies Herz gleichsam in der Hand zucken zu fühlen ... und ich fühlte noch immer kein Verlangen, die Sache zum Austrag zu bringen ... »Gute Nacht,« wünschte ich endlich ... und ohne Miene der Enttäuschung, ohne einen Schatten von Ungeduld, nur mit einem etwas traurigen Klange der Stimme, sagte auch sie mir gute Nacht ... Mit einem Händedruck gingen wir auseinander: sie dahin, ich dorthin; in der Tür aber blieb ich stehen ... »Anielka!« und wir kehrten beide bis zum Tische zurück. »Anielka, hältst Du mich nicht manchmal für einen Sonderling, für einen Schwärmer?« – »Nein, Schwärmer oder Sonderling bist Du nicht; mir kommt es nur zuweilen vor, als ob Du wunderlich seiest, aber ich meine dann auch immer, daß ein Mensch wie Du gar nicht anders sein könne.« – »Anielka, noch eine Frage: wann bin ich Dir zum ersten Mal als wunderlich vorgekommen?« – Sie wurde rot; ach! wie herrlich sah sie aus mit diesem Flammenspiel auf Hals und Wangen! – Es verging eine Weile ... dann sagte sie: »Ach, das kann ich Dir nicht sagen: es ist so schwer.« – »Willst Du, wenn ich es rate, bejahen? ich brauche bloß ein Wort zu sagen ...« – »Und dieses Wort wäre?« – »Tanzkarte,« sagte ich; »ja oder nein?« – Sie ließ das Köpfchen sinken und sagte: »Ja.« 23. Februar. Nicht bloß das Meer hat seine Ebbe und Flut, sondern auch der Mensch ... und bei mir herrscht heut Ebbe: Willenskraft, Tatkraft, Lebenslust ebben heute bei mir ... ich wüßte keinen Grund dafür zu nennen; Nerven! Nerven! und darum die bitteren Betrachtungen! Habe ich denn als körperlicher und geistiger Schwachmatikus ein Recht zum Heiraten? Hamlet fällt mir unwillkürlich ein: »Warum Sünder in die Welt setzen? Geh in ein Kloster!« ... Hab' ich ein Recht, Anielka zu heiraten? dieses junge, frische Leben an meine Zweifel, meine Impotenz, meine Skepsis, meine Nerven zu ketten? Kann ich an ihrer Seite die Jugendfrische wiederfinden? kann mein Gehirn an ihrer Seite sich wandeln? können sich meine Nerven an ihrer Seite kräftigen? ... Nein! und abermals nein! sondern sie muß verwelken an meiner Seite! ich müßte denn gerade Polyp sein wollen, der neue Kräfte aus dem Blute seines Opfers saugt? – Aber warum ließ ich mich dann bis zu dem Punkte treiben, wo wir jetzt stehen? ... Und warum konnte ich solche' Anielka nicht zehn Jahre früher finden? ... Ha! wenn diese herzensgute Tante die Qualen kennte, in die sie mich gestürzt hat: es würde sie in tiefster Seele schmerzen! Nicht vor Sein oder Nichtsein stehe ich, sondern vor Schlimmerem! 26. Februar. Ich bin gestern wieder in Warschau gewesen. Ich sollte einen gewissen Kw. dort treffen, auf dessen Hause mein mütterliches Erbe als Hypothek eingetragen steht. Nicht ich habe die Zusammenkunft gewünscht, sondern er. Er wolle mir das Geld auszahlen, schrieb er, da es ihm geglückt sei, von der Warschauer Kreditanstalt ein Darlehen zu erhalten ... Diese ewige Bummelei bei uns in Geschäftssachen l Der Teufel müßte mal dazwischenfahren! Den ganzen Tag warte ich nun schon ... Der Mann ist reich; es ist ihm daran gelegen, sein Haus hypothekenfrei zu bekommen ... aber ... ohne Bummelei geht's nun mal nicht! der Pole ist und bleibt in Geldsachen der unzuverlässigste Mensch ... ich habe mich mit diesem Faktum schon wiederholt beschäftigt und meine, den Ursprung dieser völkischen Untugend in unserer überwiegenden Eigenschaft eines Ackerbau-Volkes suchen zu sollen. Der Handel liegt bei uns ausschließlich in Judenhänden, und Juden konnten oder wollten uns Pünktlichkeit nicht beibringen ... Muß der Landwirt nicht häufig unpünktlich, unzuverlässig werden, da doch der Boden, von dem er abhängt, unzuverlässig und unpünktlich im höchsten Grade ist? Was nützt es mir, für die Sache die Erklärung zu finden? den Aerger darüber, einen ganzen Tag durch diese Unpünktlichkeit von Anielka ferngehalten worden zu sein, werde ich dadurch nicht los! ... ich kann mich drauf gefasst machen, daß es mir noch ein paarmal so gehen wird; aber dagegen ist bei uns in Polen nun einmal kein Kraut gewachsen! Bei der Heimkunft finde ich auf Tantchens Tische drei Visitenkarten von Kromitzki: zwei für die beiden älteren Damen und eine für mich. Um ihn an einer Wiederholung seines Besuchs zu verhindern, fällt mir ein, meine Karte bei ihm abzugeben. Ich habe ohnehin gerade weiter nichts zu tun. Leider habe ich ihn zu Hause angetroffen: und hab' eine halbe Stunde bei dem Menschen sitzen müssen! er war sehr nett: aber ich habe ja Geld, und vor Geld hat er den Heidenrespekt, der jedem Geldmenschen eingeimpft ist... wir redeten über die Sorgen, unter denen sich Anielkas Mutter plagt. Kromitzki meint, die Dame müsse sich eben zum Verkaufe entschließen, dann ließe sich manches retten, und sich dagegen so zu wehren, wie die Dame es tue, sei doch eine romantische Grille, die insofern sehr töricht sei, als sich der Verkauf doch nicht aufhalten lassen werde: es müßte denn gerade eine vis major eingreifen! Der Mensch ist ein schrecklicher Schwätzer: die Impotenz der Polen in Geldsachen sei geradezu gemein, denn wenn irgendwo Geld noch auf der Straße läge, nach dem man sich bloß zu bücken brauche, so sei es der Fall in Polen ... er führt sich selbst als lebendiges Beispiel für diese Behauptung an: sein Vater habe es getrieben wie alle großen Herren und Schulden über Schulden gemacht, so daß die Nachlassenschaft allerhöchstens 100 000 Gulden betragen habe ... und wie sähe es heute aus? »Ein Geschäft in Turkestan soll mir glücken: und ich bin glänzend heraus! Juden und Griechen haben durch Lieferungen Millionen verdient: warum sollen wir Slaven nicht auch Millionen schlucken können? Ellbogenraum ist dort auch für uns!« Es kann ja sein, daß der Mensch ein ganz schlauer Geschäftsmann ist; als Mensch aber ist er ein dummes Vieh ... daß wir Polen uns nicht zu helfen wissen, ist eine alte Sache; daß mal ein einzelner es zu Millionen durch Spekulation bringen kann, ist möglich; aber das Volk als ganzes muß in seinen vier Pfählen arbeiten und soll nicht nach Turkestaner Millionen trachten ... Gott hat Anielka vor der Verbindung mit solchem Menschen behütet... soll ich noch immer zögern, statt sie der Möglichkeit, eine schlechtere Wahl zu treffen, zu entrücken? 28. Februar. Mama und Tante werden allmählich darüber unruhig, daß sich die Sache nicht schneller abwickelt. Besonders Tante mag grillig sein, denn sie ist ungeduldig von Haus aus ... Aber die Ruhe, die sich auf Anielkas Gesichtchen spiegelt, stimmt sie besser und hebt ihre Hoffnung ... Anielka glaubt an mich; ich lese in ihren Augen unbedingtes Vertrauen. Von früh bis Abend denke ich an sie, meine Sehnsucht nach ihr wächst ins Unendliche. 4. März. Also: die Würfel sind gefallen, oder doch so gut wie gefallen ... Gut, daß ich das niedergeschrieben habe, denn wer weiß, ob ich es später könnte... Nun eins nach dem andern! Um Mittag herum kamen Sniatynskis ... sehr früh zum Essen; aber sie müssen abends zeitig wieder in der Stadt sein, denn abends ist im Theater die Erstaufführung seines neuen Stückes ... Wir haben uns, wenn wir uns auch in unserer Ploshower Einsamkeit ganz wohl fühlen, doch recht gefreut darüber, daß sie sich wieder einmal haben sehen lassen. Anielka hat die Frau sehr lieb, hat sich wohl auch gratuliert zu der Gelegenheit, einmal ihr Herz auszuschütten; und Frau Sniatynski hat mit echt weiblichem Scharfblick sofort gemerkt, wie hier draußen »die Aktien stehen«, auch frischweg die zarten Schultern unter diese »Kutsche« gestemmt, um sie schneller vom Flecke zu bringen. Zur Tante hat sie, kaum daß sie eingetreten, gesagt: »Ach, wie nett und traut ist es doch hier draußen! da muß sich ja ein junges Paar selig fühlen!« Dass sie mit dem Beiworte »jung« nicht auf unsere Lebensjahre anspielte, war Anielka sowohl wie auch mir auf der Stelle klar. Bei der Tafel wiederholte sie übrigens den Ausdruck noch verschiedene Male, wandte auch zur Abwechslung den Ausdruck »junge Herrschaften« an, gewissermaßen im Gegensatze zu den alten Damen. Dabei sprach aus ihrem Blicke soviel Herzensgüte, und die kleinen Ohren spitzte sie dabei mit so viel Grazie und echt weiblichem Mitgefühl, und sah so nett und allerliebst aus, daß ich ihr um der zwar gutgemeinten, aber unerbetenen Einmischung nicht gram sein konnte ... So weit wäre ich also, daß es mir kein Verdruß mehr, sondern eine Freude ist, unsere beiden Namen in solcher Form zusammengefaßt zu hören. Auch Anielka scheint nicht böse darüber ... in der Art, wie sie die Gäste heute bewirtet, kommt wirklich etwas von Hausfrauenbeflissenheit zum Ausdruck. Tantchen lacht sichtlich das Herz im Leibe darüber. Auch sie ist gegen Sniatynskis die Liebenswürdigkeit in Person ... Uebrigens mache ich heut eine Wahrnehmung, von der ich mir mein Lebtag nichts hätte träumen lassen: die Frau Sniatynski wird puterrot an den Ohren, wenn jemand in ihrer Gegenwart Liebes von ihrem Manne spricht! So etwas nach achtjähriger Ehe! sähe ich's nicht mit eigenen Augen, so glaubt ich's nicht! es ist also wohl schrecklich dummes Zeug gewesen, was ich vordem über unsere Polinnen geschrieben habe! Es war ein allerliebstes Mittagessen: ein glückliches Ehepaar ist wirklich ein großartiger Heiratsvermittler, denn jeder, dem es vor die Augen kommt, muß ja denken, wenn Verheiratetsein so glücklich macht, da muß ich doch auch heiraten! Mir ist's wenigstens so gegangen, daß ich erst durch Sniatynskis von der Ehe einen guten Begriff bekommen habe, denn vorher erschien sie mir immer bloß grau in grau, als etwas höchst Prosaisches, Alltägliches, schlecht-verhüllt Gleichgültiges ... Dass es Anielka nicht anders erging wie mir, sah ich an ihrem strahlenden Gesichtchen ... Nach dem Essen verweilte ich mit Sniatynski, von dem ich weiß, daß er nach dem Kaffee gern ein Gläschen Kognak nippt, in dem Speisezimmer. Die beiden alten Damen verfügten sich nebenan in den Salon, und Anielka bat Frau Sniatynski in ihr Zimmer hinauf, um ihr ein Album von Wolhynien zu zeigen ... »Du, sag' doch bloß,« fragte ich Sniatynski, nachdem wir uns eine Weile über die Zeit unterhalten hatten, als wir beide noch die rechten »Kiek-in-die-Welt« waren ... »was gedenkst Du denn mit Deiner Berühmtheit anzufangen?« – »Was meinst Du damit?« – »Na, Du kannst sie doch nicht wie eine Bischofsmütze auf dem Kopfe oder wie den goldenen Vließorden am Halse tragen? Ich frage ja nur als Mensch, der nicht weiß, was Berühmtheit ist und was man damit anfängt, wenn man sie besitzt.« – »Angenommen, ich besäße, wovon Du sprichst, so müßte ich doch ein recht armseliges Geisteskind sein, wollte ich mich derart brüsten. Geh, wofür hältst Du mich?« – »Lass doch gut sein,« antwortete ich, »ich bin ja auch nicht eitel, aber einer Anerkennung von seinesgleichen bedarf der Mensch doch! das ist nun mal angeboren ... Wie gesagt, ich bin nicht eitel und doch berührt es mich, wie ich offen sage, ganz angenehm, wenn Leute sich von mir etwas versprechen, wenn ich höre, ich besäße Talent, die Freude mag ja einem manchmal versalzen werden; aber Freude ist oder bleibt es doch, wenn mir auch dann immer klarer als je vor die Augen tritt, daß ich eine Null bin.« – »Weil Du Dir selbst leid tust, und mit Recht.« – »Aber auf Berühmtheit folgt doch Achtung, und das ist immer eine sehr angenehme Sache!« Sniatynski, das reine Quecksilber, kann sich nicht still verhalten, wenn er spricht, sondern galoppiert wie ein Pferd im Zimmer herum, um sich dann auf einmal irgendwo hinzuhocken, wie jetzt zum Beispiel aufs Fensterbrett ... »So? Achtung, meinst Du?« rief er, »damit bist Du aber doch im Irrtum, mein Lieber, denn nirgendswo herrscht soviel Neid wie bei uns närrischem Volk. Wenn ich beispielsweise eine Komödie schreibe, so mißgönnt mir den Umstand, daß ich dadurch mir einen Namen mache, nicht der Komödienschreiber, sondern Hinz und Kunz von Leuten, die sich's niemals hätten einfallen lassen, eine zu schreiben, und auch gar nicht die Fähigkeit dazu besäßen, der Eisenbahner wie der Bankbeamte, der Pädagoge wie der Ingenieur u. s. w., und Hinz und Kunz läßt mir und anderen im Umgange merken, daß ihm an mir nichts liegt ... so geht's zu bei uns und das hat man davon, wenn man berühmt ist.« – »Etwas dran muß aber sein, denn die Leute verdrehen sich doch um des Ruhmes willen Genick und Hals.« – »Nun,« versetzte Sniatynski, nachdem er eine Weile überlegt hatte, in einem fast feierlichen Tone: »Nun, meinetwegen, er mag im Privatleben was wert sein, weil man ihn ... als Piedestal brauchen kann für das Weib, das man liebt.« – »Ein Ausspruch, der Dir neuen Ruhm bringen wird!« – Da schoß er wie ein Falke auf mich zu und rief: »Ja! wirf dem Weibe, das Du liebst, Deinen Ruhm vor die Füße und sag' ihr: wonach sich die Menschen die Hälse recken, was der Mensch für das größte Glück hält, was er dem Reichtum gleich schätzt, das gehört mir, das hab' ich mir erobert! da hast Du es! trample mit den Beinen drauf herum! Machst Du's, wird Liebe Dir lohnen Dein Leben lang! So, jetzt weißt Du, was Du wissen wolltest! was Ruhm ist!« Die jungen Damen, auf dem Wege zum Treibhaus, störten unser Gespräch ... Diese Madame Sniatynski ist aber doch wahrhaftig der richtige kleine Satan. Stellt sie sich nicht, als müsse sie ihren Mann erst um Erlaubnis zu dem Gange bitten, und wendet sie sich nicht, als es ihr Mann ihr erlaubt hat, verschmitzt wie eine Katze mit der Frage an mich: »Sie erlauben es doch Anielka auch?« Anielka wurde puterrot, und bei solch jungem, harmlosen Dinge wird das nicht weiter wundern; aber auch ich alter Sünder geriet darüber in Verlegenheit; ich ließ mir, trotzdem ich mir die Schwäche nicht verzeihen konnte, nichts merken, sondern trat zu Anielka, drückte einen Kuß auf ihre Hand und sagte: »Anielkas Wünsche sind in Ploshow Gesetz, und ich bin ihr Diener.« Am liebsten wäre ich den beiden Damen mit Sniatynski gefolgt; aber ich tat mir Zwang an; übrigens drängte es mich auch, von Anielka und meiner Verheiratung mit ihm zu sprechen, und in der Erwartung, daß mein Kamerad doch darauf zu sprechen käme, fragte ich ihn: »Du hältst also noch immer fest am Glauben an Deine Lebensdogmen?« – »Unbedingt!« erwiderte er, »oder unbedingter als je ... Liebe als Wort ist doch so abgedroschen, daß man es nur mit Widerstreben braucht; und doch sage ich Dir: Liebe ist sowohl im allgemeinen wie im besonderen Sinne ein Begriff, den zu kritisieren einfach unmöglich ist. Liebe ist das Grundgesetz des Lebens; meine Philosophie gipfelt darin, über Liebe nicht zu philosophieren, und mich deshalb für dümmer zu halten als andere, fällt mir gar nicht ein. Liebe leiht dem Leben Wert; ohne Liebe ist alles Leben Spreu und Häcksel.« – »So nennen wir doch die Liebe in diesem besonderen Sinne beim rechten Namen: Weib.« – »Meinetwegen.« – »Nun, Verehrtester, dann müßtest Du doch auch sehen, auf welch morschen Pfeilern Du Dein sogenanntes Glück gebaut hast?« – »Sie sind nicht morscher als unser ganzes Dasein an sich.« Hier setzte er sich rittlings auf einen Stuhl, lebhaft fortfahrend: »Das Weib verlangt Liebe. Gib ihm Liebe, trage sie auf den Händen, zeige ihr, daß Du sie nicht bloß begehrst, sondern verehrst, hochhältst, anbetest, dann brauchst Du Dich um die Zukunft nicht zu sorgen, denn das Weib wird sich von Jahr zu Jahr enger an Dich schmiegen ... Verhältst Du Dich selbstisch, versagst Du ihr, was ich Dir eben sage, daß Du ihr geben sollst, dann kannst Du nicht hindern, daß sie Deine niedrige Denkweise erkennt, und daß sie sich von Dir abwendet, ja daß sie nach jeder edleren Hand greifen wird, die sich ihr bietet, weil sie nicht bloß nicht anders kann, sondern weil sie muß, denn sie braucht Achtung und Zuneigung zum Leben, wie Luft zum Atmen.« Er rückte mir mit der Lehne so nahe auf den Leib, daß er mich fast erdrückte. Als er mich bis zum Fenster hingedrängt hatte und ich nicht weiter vor ihm weichen konnte, sprang er mit einem Male auf und rief: »Ihr seid doch mehr als blöde! In einem Zeitalter wie dem unserigen, wo die schauerlichste Dürre herrscht, wo Glück zur Rarität geworden, wo alle Stützen zusammenbrechen, alle Hoffnung weicht, versagt Ihr Euch auch noch das häusliche Glück, diese wichtige Grundlage aller Zufriedenheit? Könnt Ihr in Eurer Torheit noch weiter gehen, als daß Ihr auf dem Markte steht und friert, und kein Feuer in Eurem Hause anzündet? Mensch, ich sage Dir: heirate! heirate!« Bei diesem Zurufe wies er mit der Hand durchs Fenster auf Anielka, die mit seiner Frau eben aus dem Treibhause trat, um ins Haus zurückzukehren. »Dort trippelt Dein Glück in Filzschuhen über den Schnee! ich sag' Dir noch einmal: heirate! Du kannst die Kleine dreist auf die Goldwaage legen und auf ihren Feingehalt prüfen ... Was Dir fehlt, Mensch, ist einzig und allein der feste Sitz, das sichere Domizil, und zwar im spirituellen wie im moralischen Sinne ... Dir gebricht es am Halt, am Frieden ... Anielka aber wird Dir beides geben ... Bloß philosophiere Dir Dein Glück nicht ebenso in Grund und Boden, wie Du Dir Dein Talent und Deine fünfunddreißig Lebensjahre in Grund und Boden philosophiert hast!« Einen besseren und gesitteteren Rat hätte er mir sicher nicht geben können, auch keinen, der meinen Wünschen besser entsprochen hätte; deshalb erwiderte ich, ihm die Hand drückend: »Ich denke nicht daran, sie mir vom Halse zu philosophieren; denn ich liebe sie!« Die jungen Damen traten wieder ein, und Sniatynskis Frau, die auf der Stelle merkte, daß wir in erhöhter Stimmung uns befanden, sagte: »Mir war's doch, als hörten wir Wortwechsel? ich sehe zwar, daß er einen friedlichen Abschluß genommen hat; aber wissen möchte ich doch, um welche Frage er sich gedreht hat?« – »Worum sonst als um die Weiber,« erwiderte ich. – »Und das Ergebnis?« – »Eine gemütliche Umarmung, wie Sie wohl auch gesehen haben werden ... das Weitere wird sich ja bald ausweisen.« Ihr Schlitten stand bereit, es wurde schon Abend, und sie mußten uns verlassen. Das stille, klare Wetter und der in der Allee festgetretene Schnee bestimmten mich, Anielka aufzufordern, unsere Gäste bis zur Landstraße zu bringen ... Dort verabschiedeten wir uns herzlich von den lieben Menschen und kehrten um. Es hatte sich schon zur Dämmerung eingerichtet, aber Anielkas Gesicht war noch deutlich zu erkennen im Scheine der scheidenden Abendröte. Mir kam es vor, als sei Anielka bewegt; ich irrte wohl nicht in der Annahme, daß sie sich der älteren Freundin offenbart haben mochte; sie rechnete vielleicht auf das entscheidende Wort von meiner Seite. Aber, seltsam! ich bildete mir doch immer ein, all meine Empfindungen so unbedingt beherrschen zu können, und war in diesem Augenblicke aufgeregt wie ein Gymnasiast. Ich fand das rechte Wort nicht und schwieg ... und doch fühlte ich, wie sie sich auf dem Wege über den ein wenig glatten Vorplatz auf meinen Arm stützte, mit allen Fasern meines Seins, wie stark ich mich nach diesem Weibe sehnte... Es war niemand im Vorgemach. Halbdunkel herrschte. Schweigend nahm ich Anielka den Pelzmantel ab, schweigend gestattete sie meine Hilfe; aber als die süße Wärme ihres Leibes zu mir hinüberwehte, da umschlang ich sie mit den Armen, preßte sie an mein Herz und preßte die Lippen auf ihre Stirn ... Im Flure nebenan wurden Schritte laut ... ein Diener kam mit der Lampe. Anielka hatte sich nicht gesträubt, sie mag wohl vor Ueberraschung starr gewesen sein ... aber sie war im Nu aus meinen Armen und eilte die Treppe hinauf nach ihrem Zimmer, während ich in einem Aufruhr der Empfindungen, wie ich ihn an mir nie gekannt hatte, den Fuß ins Speisezimmer setzte. Ich hörte kaum, was die Damen zu mir sagten. Merkwürdige Unruhe bemächtigte sich meiner: ich meinte Anielka zu sehen, wie sie die Hände gegen die Schläfen preßte ... wie sie verstört vor sich hinsah ... ach! zu, gern hätte ich gewußt, wie sie über den Vorfall dachte und was in ihrem Herzen jetzt vorgehen mochte ... Sie befreite mich von meinen Zweifeln, denn sie kam bald nachher ins Zimmer ... zu meiner nicht geringen Verwunderung, hatte ich doch gemeint, sie werde sich heute nicht sehen lassen. Röte lag auf ihren Wangen, dem Anschein nach abgetönt durch etwas Puder, wenigstens war es mir, als zeigte die linke Schläfe davon einige Spuren. Sie setzte sich mit einer Handarbeit an den Tisch, aber wenn sie auch den Kopf gesenkt hielt, sah ich doch, daß sie schneller atmete, und einige Male streifte mich auch ein flüchtiger Blick aus ihren Augen. Um sie abzulenken, mischte ich mich in die Unterhaltung. »Sniatynski hielt mir heute vor, ich philosophierte mich in Grund und Boden; ich will ihm aber beweisen, daß er sich irrt, und zwar schon morgen.« Das letzte Wort betonte ich stärker und bemerkte recht gut, daß Anielka mich verstand, denn sie heftete einen längeren Blick auf mich; Tantchen aber fragte ahnungslos: »Wollt Ihr Euch mit den Leuten morgen schon wieder treffen?« – »Aber wir müssen uns doch sein Stück ansehen ... falls Anielka Lust haben sollte, so fahren wir morgen zur Stadt.« – Mit unbeschreiblich weichem Tone: »Ich bin von Herzen gern zu allem bereit.« Es wäre wohl meine Pflicht gewesen, gleich ein Ende zu machen; aber ich hatte nun einmal morgen gesagt, und wollte es dabei auch lassen ... Casa Osoria, Rom, 6. März. Seit gestern bin ich hier. So krank, wie ich nach dem in Ploshow eingegangenen Schreiben fürchten mußte, ist Vater nicht. Er ist auf der linken Seite gelähmt; die Aerzte meinen aber, das Herz sei nicht mit einbezogen, er könne vielmehr noch Jahre lang leben. Rom, 7. März. Ich habe Anielka in Ungewißheit, Erwartung, Trennungsweh in Ploshow zurückgelassen, aber ich konnte nicht anders. Die Frühpost brachte mir an dem auf Sniatynskis Besuch folgenden Tage, an dem ich mir vorgenommen hatte, mich Anielka zu erklären und mit ihrer Mutter zu sprechen, einen Brief aus Rom vom Vater, in welchem er mir mitteilte, daß er krank geworden sei. »Tummle Dich, lieber Junge! denn ehe mich der Kahn, der drüben schon abstößt, holt, möcht ich Dich noch einmal umarmen.« Ich reiste natürlich mit dem nächsten Expresszuge ab und ohne Aufenthalt bis Rom. Ich stieg mit der Befürchtung in das Coupé, den Vater nicht mehr lebend zu treffen, hatte kein Ohr für die Worte der Tante, die mir vorzustellen suchte, daß der Vater doch telegraphiert hätte, wenn es bereits so schlimm um ihn stände ... ich wußte, daß zu den mancherlei Absonderlichkeiten des Vaters auch Abneigung gegen den Telegraphen gehörte; ich durchschaute auch die Tante, die sich ruhig zeigte bloß aus Rücksicht gegen mich, im Grunde genommen aber ganz ebenso erschrocken war wie ich ... In solchem Gemütszustände, wie ihn der drohende Verlust des Vaters hervorrufen mußte, meine Liebe zu erklären, ging mir gegen die Natur: erschien mir als zynische Roheit ... konnte ich wissen, ob nicht im selben Augenblick, da ich süße Liebesworte girrte, mein Vater seinen letzten Seufzer ausstieß? ... Das leuchtete allen ein, auch Anielka ... Als wir von einander Abschied nahmen, sagte ich zu ihr: »Von Rom aus schreibe ich Dir.« Sie erwiderte: »Möge der liebe Gott Dir nur recht bald die Ruhe wiedergeben!« Anielka vertraut mir mit ganzer Seele ... Rom, 10. März. Ich habe schon ein paar Briefe an Anielka geschrieben, aber alle wieder zerrissen ... Nachmittags bin ich beim Vater gewesen. Ich traf ihn in seinem Arbeitskabinett, wo er ein paar Epilychnionen unter dem Vergrößerungsglase hatte, die ihm vom Peloponnes geschickt worden waren und an denen die Erde noch klebte ... Durch die weißen und bunten Scheiben dieses ganz an ein Museum erinnernden Kabinetts fielen die verschiedensten Lichtreflexe, und in dieser Umgebung und Beleuchtung erschien mir das Gesicht des Vaters wie dasjenige des »göttlichen« Plato oder eines anderen Weisen des griechischen Altertums ... Er legte, als er mich sah, sein Mikroskop beiseite, hörte mich teilnahmsvoll an und fragte: »Also noch immer unschlüssig?« – »Nicht unschlüssig,« erwiderte ich, »aber ich überlege: ich möchte doch wissen, warum ich will.« – »Junge,« rief er, »ich war wie Du; auch ich hab' wie Du die Neigung besessen, über alle Vorgänge in meinem Herzen, über alle Erscheinungen des Lebens mit mir zu Rate zu gehen; als ich aber Deine Mutter erblickte, ging mir alle Neigung und Fähigkeit dafür auf einmal flöten, und mich beseelte bloß »ein Verlangen, bloß ein Sehnen, sie zu besitzen: alles andere Verlangen in mir war erstorben.« – »Und daraus folgt für mich?« – »Daraus folgt für Dich: heirate, wenn Du denselben starken Trieb in Dir fühlst; oder vielmehr, denn ich drücke mich hier falsch aus: daraus folgt für Dich, daß Du aus eigenem Triebe, ohne fremden Rat und Zuspruch, heiraten wirst ... und daß Du so glücklich werden wirst wie ich es war, bevor mir Deine Mutter durch den Tod entrissen wurde.« Er schwieg, und ich auch. Es gäbe für mich, wollte ich diese Worte meines Vaters meinem Naturell anpassen, keinen Trost! Ganz ohne Zweifel gehört Anielka meine Liebe; aber ihr gehört meine Liebe doch nicht in solchem Maße, daß mir alle Ueberlegung abgeschnitten wäre. Indessen halte ich das für kein schlechtes Zeichen: ich gehöre eben einer Generation an, die in der Erkenntnis einfach um eine Stufe weiter geschritten ist ... es leben nun einmal in mir die beiden Wesen, die ich als Akteur und als Zuschauer bezeichnen möchte: zuweilen erringt der erstere nicht den Beifall des anderen; momentan aber sind sie beide miteinander zufrieden ... Der Vater begann die Unterhaltung vorerst wieder. »Sag' mir doch, wie sie aussieht,« sagte er. Ich halte eine mündliche Beschreibung für die mangelhafteste Art der Porträtierkunst. Drum reichte ich, ohne zu sprechen, dem Vater eine große Photographie von Anielka. Er studierte sie mit hohem Interesse. Ich sah sogleich nicht bloß den Künstler in ihm aufwachen, sondern auch den einstigen Frauenkenner und Frauenverehrer: »Leo, den Unbezwinglichen« ... Als er die Photographie eine Weile, bald aus der Nähe, bald aus der Ferne, betrachtet hatte, sagte er: »Bis auf gewisse kleine Abweichungen fast ein Gesicht in Ary Scheffers Manier! ständen ihr Tränen in den Augen, so müßte sie himmlisch aussehen! es gibt ja Männer, die diesen engelhaften Ausdruck bei der Frau nicht goutieren; aber ich meine, einen herrlicheren Sieg kann kein Mann erringen, als einen Engel zum Weibe zu wandeln ... Anielka ist hübsch, sehr hübsch, und apart... enfin, tout ce qu'il y a de plus beau au monde, c'est la femme .« Noch einmal betrachtete der Vater das Bild durch seine Lupe. Dann sagte er: »Man gewinnt, wenn man ein Gesicht nach dem Gesichtsausdruck, besonders nach einer Photographie beurteilt, leicht eine irrige Meinung; aber ich habe ein geübtes Auge, und meine sagen zu dürfen, dieses Mädchen ist eine Person von höchster Loyalität ... sie zeigt jenen Typus der Frau, der auf Gefiederreinheit hält ... Junge, Gott mache Dich glücklich! Deine Anielka gefällt mir ausnehmend ... Ich hatte immer die Furcht, Du werdest doch noch eine Ausländerin heimführen ... Anielka ist mir lieber.« Dann legte er, als ich mich zu ihm hinüber neigte, den rechten Arm um meinen Nacken, zog mich an sich und sagte: »Junge, was gäbe ich drum, könnt ich so noch eine Schwiegertochter an mein Herz schließen!« Ich beteuerte ihm, daß das so lange nicht mehr dauern solle, und nun diskutierten wir den Gedanken, Anielka mit ihrer Mutter und mit der Tante nach Rom zu bitten ... Was hinderte mich, meine Werbung brieflich zu erledigen? die Erkrankung meines Vaters rechtfertigte solches Anliegen ... und dann konnte ja die Trauung schon in allernächster Zeit hier in Rom vor sich gehen ... Bei dem Vater fand dieser Gedanke sehr freundliche Aufnahme: alte Leute und Kranke haben ja immer gern Leben und Bewegung um sich. Dass auch Anielka über den Plan sich freuen werde, wußte ich. Freilich verhehlte ich mir nicht, daß mir solcher rasche Entschluss einigermaßen wider den Strich ging; aber anderseits war mir das Bewusstsein, solcher Energie fähig zu sein, in gewissem Sinne eine Freude: und so sah ich mich im Geiste schon als Cicerone des geliebten Weibes durch all die wunderbaren Altertümer der ewigen Roma ... Welche Wonne solche Aussicht bereitet, kann bloß ermessen, wer in dieser erhabenen Umgebung lebt! Die Unterhaltung wurde durch den Eintritt eines Ehepaares unterbrochen, das den Vater täglich zu besuchen pflegt... Herr Davis ist ein englischer Jude, seine Frau die Tochter eines italienischen Adelsgeschlechts. Er sieht aus, als käme er eben, noch ungeheilt, aus einer Kaltwasserkur zurück, jammervoll, ganz entkräftet, von Gehirnerweichung bedroht. Sie hat eine Gestalt wie eine griechische Statue – nur sind ihre Brauen zusammengewachsen. Schon vor einem Jahre habe ich ihr übrigens die Cour geschnitten, doch kam beiderseits nichts dabei heraus. Mein Vater schwärmt für sie, ihre ungewöhnliche Schönheit imponiert ihm als Künstler, ihr Geist imponiert ihm als Denker. Er läßt sich mit ihr in endlose Erörterungen über die Probleme des Lebens ein, aber ich nehme selten daran teil, denn ich zweifle daran, daß Frau Davis es mit ihrem Philosophieren ehrlich meint. Auch heute waren sie beide bald in ein Gespräch vertieft, das sich zu einer Analyse der menschlichen Gefühle gestaltete, wo Frau Davis sehr Zutreffendes äußerte. Nachher gingen wir in unsere Gärten. Der Frühling steht schon in voller Pracht. Warm wie im Juli sind die Nächte, heiß sind die Tage. Es ist hier doch anders als bei uns in Ploshow. Frau Davis erschien mir in ihrer ruhenden Haltung, vom Glanze des Vollmonds übergossen, wie ein hellenisches Traumbild. Auch sie überließ sich der Wonne dieser schönen Nacht in Rom; ihre Stimme war so sanft und leise, wie ich sie noch nie gehört hatte. Mir erschien sie so schön in dieser monderhellten Stille, in dieser vom Duft der Magnolien erfüllten Atmosphäre, daß ich diesem Zauber wohl kaum hätte widerstehen können – hätte nicht Anielka mein Herz besessen. Sie sagte übrigens Dinge, die man aus dem Munde einer Frau wohl kaum zu hören erwartet hätte. 10. März. Ebenso, wie in bläulichem Nebel unserem Auge sich Berge und Türme verlieren können – so gibt es wohl auch eine Art seelischen Nebels, in dem die Gestalten von teuren Personen, von geliebtesten Wesen, wenn wir ihnen fern sind, immer mehr verschwimmen und schließlich nur noch wesenlose Schatten für uns sind. Ich liebe Anielka gewiß noch ebenso innig wie zuvor – aber sie steht mir nicht mehr ganz so leibhaftig vor der Seele wie in Ploshow. Es knüpft mich kein fühlbarer Begriff an sie – sie ist für mich mehr ein Geist, an den ich liebend denke, und weniger ein Weib, das ich liebend begehre. Ist nun dadurch eine Verminderung unserer Beziehungen eingetreten? doch wohl eher eine Besserung – denn ein Weib, das ich liebend begehre, könnte für mich sogar Frau Davis sein. Aber wenn mir jetzt immer das Bild dieser Frau vor Augen steht, so hat das nichts zu sagen und wird vorübergehen, denn wenn ich diese beiden Frauen gegeneinander halte, fällt der Vergleich eigentlich zu Gunsten meiner Anielka aus. Trotzdem aber habe ich die Geliebte in einer Ungewißheit gelassen, die ihr gewiß Schmerz bereitet. Heute hat mein Vater an die Tante geschrieben, um ihr mitzuteilen, daß er sich sehr wohl fühle. Da habe ich ein paar Worte hinzugefügt, aber es hat mich fast Ueberwindung gekostet, Anielka und die Mutter grüßen zu lassen. Ich habe mich nicht einmal soweit aufraffen können, ihr den Trost zu geben, daß in Bälde ein ausführlicher Brief von mir folgen werde. Das war mir einfach nicht möglich. Es ist heute eben Ebbe in meiner Seele. Zweifel am Leben und Ueberdruß an allem martern mich wieder. Der Gedanke, ich dürfe Anielka nur dann heiraten, wenn mein Gewissen sich vollständig darüber klar ist, daß diese Heirat auch für beide Teile ein Glück sein wird – dieser Gedanke drängt sich mir immer wieder auf. Es mag ihr Schmerz bereiten, daß ich sie so in Ungewißheit lasse – ja doch! aber mir macht diese Ungewißheit noch größere Qual, um so größere, je inniger ich sie liebe. 11. März. Liebe ist stärker als der Tod, aber sie schützt nur die Gattung vorm Tode. Was hilft es mir, dem Individuum, daß die Gattung fortbesteht, wenn doch ich trotz all meiner Liebe und mit all meiner Liebe unerbittlich untergehen muß! Dieser Mechanismus, daß ein Gefühl, dessen doch nur das Individuum fähig ist, allein der Gattung zu gute kommen kann, ist eigentlich nichts als eine raffinierte Marter. Wir fühlen in unserem Innern die Regungen einer unsterblichen Macht und müssen selber doch sterben. Kann es ein tieferes Elend geben! Denn die Gattung ist nur ein allgemeiner Begriff – das Individuum allein existiert. Im Vergleich zur Persönlichkeit ist die Gattung ein Nichts! Ich höre immer wieder Sniatynski sagen: »Deine Talente und Deine 35 Jahre hast Du mit Deinem Philosophieren tatsächlich völlig verpfuscht, philosophiere Dich nicht auch noch um Dein Lebensglück!« Ich weiß ja, das Grübeln führt zu nichts und ist verderblich – aber ich kann es nicht lassen – ich kann es nicht lassen! 13. März. Mit dem grauenden Morgen ist mein Vater gestorben. Kaum 24 Stunden war er krank. 22. März, Pegli, Villa Laura. Der Tod ist wie eine tiefe Schlucht. Wir fallen alle einmal hinein, das wissen wir, und doch, wer am Rande zurückbleibt und eine geliebte Person im Abgrund hat verschwinden sehen, dem bricht das Herz. Entsetzen und Verzweiflung ergreifen ihn. Hier ist allem Vernünfteln eine Grenze gesteckt – und man möchte nur noch um Hilfe schreien – und Hilfe kann doch niemand bringen. Hier kann nur der Glaube Trost spenden. Wem aber dieses Licht nicht leuchtet, der versinkt in die Nacht des Wahnsinns. Es ist ja ganz unmöglich, denke ich immer wieder – es kann mit dem Tode nicht völlig alles aus sein – und doch fühle ich es immer wieder, es ist so und nicht anders. 23. März. Während mein Vater im Sterben lag, lebten zwei Wesen in meiner Brust: der liebende Sohn, der sich vor Schmerz den Finger zerbiß, um nicht laut zu schluchzen, und der Grübler, der die Psychologie des Todeskampfes studierte. Diese Erinnerung ist mir jetzt eine Marter. Meine unglückselige gespaltene Natur macht mich unsäglich elend. Mein Vater ist bei vollem Bewußtsein gestorben. Als er sich ein wenig unwohl fühlte, ließ er den Arzt holen. Der verschrieb ihm eine Medizin, über die mein Vater sich sofort mit ihm zankte, weil sie seiner Meinung nach die Sache nur verschlimmern könnte. Der Arzt versicherte mir, mein Vater könnte noch zehn Jahre leben, eine unmittelbare Gefahr sei nicht vorhanden. Er wollte auch meinen Vater damit trösten, aber der winkte verächtlich mit der Hand. »Das wird sich ja zeigen,« sagte er. Indessen hatte mein Vater von jeher sehr wenig von der medizinischen Wissenschaft gehalten, und ich machte mir über seine Zweifel an den Worten des Arztes daher weiter keine Gedanken. Um zehn Uhr aber – wir saßen gerade beim Tee – fuhr er plötzlich auf und rief mich rasch zu sich. Eine Stunde später trat schon der Todeskampf ein. 24. März. Mein Vater starb als gläubiger, reuiger Christ. Als ihm das heilige Sakrament gereicht wurde, sah er aus wie ein Heiliger. Ich werde diesen Anblick nie vergessen. So ruhig werde ich wohl nicht sterben können, denn die Pfeiler, auf denen ich den Bau meines Lebens gegründet habe, sind nicht so fest, daß sie im Tode noch aushalten dürften. Die Macht dieses Glaubens geht noch über die Liebe – denn sie trotzt dem Tode noch in dem Momente, wo er das Leben auslöscht. Was ist dagegen meine Skepsis? Nach der letzten Oelung überkam meinen Vater tiefe Wehmut – er ergriff meine Hand, als wollte er sich so noch am Leben festhalten. Doch geschah dies nicht aus Angst, denn er hegte gar keine Furcht vor dem Tode. Die Augen, die er fest auf mich gerichtet hielt, wurden nach einer Weile trübe. Schweiß trat ihm auf die Stirn, er wurde blässer – schnappte noch ein paarmal nach Luft – seufzte ein letztes Mal tief auf – und war dahin. Das ganze Zeremoniell einer Beerdigung ist mir ein Greuel, der kalte finstere Hauch des Todes weht uns aus allem entgegen. In Santa Maria Maggiore sah ich die edlen Züge des Toten zum letzten Male. Dann bewegte sich der Zug nach dem Campo Santo, dessen weiße Marmorgräber im Lichte der frühen Lenzessonne strahlten. Eine große Menge gab der Leiche das Geleit, denn mein Vater erfreute sich infolge seiner Wohltätigkeit in Rom einer ebenso großen Beliebtheit wie meine Tante in Warschau. Aber die Italiener machen aus allem ein Schaustück, und so war mir diese ganze Menge widerlich. Ich glaube übrigens, auch der gebildete Mann, wenn er zum Begräbnis geht, ist nicht ganz frei von einer gewissen unwillkürlichen Genugtuung, daß nicht er, sondern ein anderer es ist, den man beerdigt – soweit versteigt sich der menschliche Egoismus. Infolge meines Telegramms ist die Tante zur Bestattung gekommen. Als gläubige Seele ertrug sie den Schicksalsschlag weit besser als ich. Freilich weinte sie heiße Tränen, aber ihre Gewißheit eines Wiedersehens im Himmel verhütete eine tiefere Störung ihres inneren Friedens. Von Anielka sagte sie mir nichts. Sie forderte mich nur auf, nach Ploshow zurückzukehren, wo ich innige Teilnahme und warmen Trost finden würde. Dort würde ich mich gewiß nicht so verwaist fühlen. Aber ich vermutete dahinter nur die Absicht, mich zu verheiraten, und angesichts des Grabes erschienen mir derartige Gedanken unpassend. Ich wies ihr Ansinnen daher schroff von mir. Drei Tage nach dem Begräbnis reiste meine Tante wieder ab, und ich ging nicht mit ihr. Statt dessen folgte ich Herrn Davis in sein Landhaus nach Pegli. Hier befinde ich mich nun seit einigen Tagen. Wie es sich mit der Aufrichtigkeit dieser Frau Davis verhält, damit will ich mich gar nicht befassen, aber keine Schwester könnte sich meiner teilnahmsvoller annehmen, als sie es tut. Ihre Güte geht über das alltägliche Maß weit hinaus. 26. März. Von meinem Fenster aus sehe ich auf den blauen Spiegel des mittelländischen Meeres. Die Segel der Schifferbarken leuchten in der Ferne, der Dampfer, der den Verkehr zwischen Marseille und Genua unterhält, kommt täglich vorüber, eine dunkle Rauchwolke hinter sich herschleppend. Wie köstlich ruht es sich hier! Die Riviera ist eine Glanzleistung der Schöpfung. Was mag jetzt wohl für ein gräßliches Wetter in Ploshow herrschen! Da treibt der Wind Schneegraupen vor sich her, gelegentlich huscht ein Streifen Sonne durch die winterliche Nebelluft. Hier aber ist der Himmel hell und klar – lauer Wind liebkost meine Stirn – der Duft von Heliotropen und Rosen ist um mich her – und das Haus, wo ich mich befinde, hat die geschmackvolle Frau Davis mit Hilfe der Millionen ihres Mannes zu einem Märchenpalast ausgestaltet. Seit Frau Davis gemerkt hat, daß die Musik meinen aufgeregten Nerven wohl tut, spielt sie oft bis in die späte Nacht hinein. So sitze ich in meinem Zimmer – ich schaue hinaus auf die stille Flut, über der der Silberschein des Mondes schlummert – und es ist, als ob diese liebliche Musik von den Wogen ausginge. Ich lausche – seliges Vergessen überkommt mich – ich versinke in einen Halbschlummer, der mich all meine Schmerzen vergessen läßt. 30. März. Aber manchmal wird alle Pein in mir wieder lebendig, die eben doch entschlummert zu sein schien, und dann treibt es mich weg von hier. 31. März, Villa Laura. Vor kurzem noch waren alle meine Geisteskräfte angespannt wie eine Bogensehne – jetzt sind sie erschlafft, teils durch den Schmerz über den Tod meines Vaters, der eine Spaltung in meinem Innern hervorgerufen hat, teils durch den Einfluss dieses lauen Klimas. Ich vegetiere – ich ruhe wie ein Mensch, der eine wilde Hetzjagd hinter sich hat. Ich bin müde, wie nach einem warmen Bade. Ich war noch nie so ganz außer stande, etwas zu unternehmen. Mein Losungswort ist jetzt: »Weckt mich nicht auf!« Es macht mir Mühe zu denken, wie weit ich von dem Ploshowski entfernt bin, dessen Herz Anielka angehörte. Angehörte? Warum denn eigentlich? weil meine Lippen einmal flüchtig, kaum merklich ihre Stirn berührt haben – dafür sind wir nahe Verwandte, und diese Zärtlichkeit bleibt gewissermaßen in der Familie. Lächerlich ist es, solche Bedenken zu hegen. Da hatte ich mich doch bei anderen schon viel weiter eingelassen und habe mich doch wieder freigemacht, ohne Gewissensbisse zu empfinden. Ich betrüge mich selber nie und gebe daher ohne weiteres zu, damals hatte ich das wohl anders gemeint – aber mag es kommen, wie es wolle –einen solchen kleinen Nadelstich im Gewissen nehme ich noch in Kauf. Ganz andere Verbrechen geschehen täglich in der Welt, solch eine kleine Täuschung hat überhaupt gar nichts zu sagen. Ich will auch gar nicht in die Zukunft schauen. Nur Ruhe will ich vorläufig haben. Weckt mich nicht auf! Im April, wenn die Hitze hier zu arg wird, wollen wir in die Schweiz reisen. Frau Davis wird ihren Mann in einer Heilanstalt unterbringen müssen. Es zeigen sich Spuren geistiger Zerrüttung. Das wüste Leben und das Morphium haben ihn soweit gebracht. 2. April. Gestern war Sturm, der jedoch schnell vorüberzog. Dennoch standen wir von unserer gewohnten Fahrt auf die See ab, weil die Wellen noch immer sehr hoch gingen. Wir saßen auf dem Balkon, den ein Glasdach schützte, und blickten in den Aufruhr der Elemente – hin und wieder begegneten sich unsere Blicke. Wozu sollten wir uns denn selbst belügen? Es entspinnt sich etwas zwischen uns. Noch ist kein Wort gefallen, das über die freundschaftlichen Beziehungen hinausgegangen wäre. Noch ist kein Geständnis ausgetauscht worden – denn wenn wir über alltägliche Dinge sprechen, verbergen wir nur, was uns doch beide bedrückt. Was es ist, das will keiner aussprechen, und doch ist es immer zwischen uns und steckt hinter allem, was wir sagen und beginnen. Es ist um uns wie unser Schatten. Die Einladung, in die Villa Davis zu ziehen, nahm ich an, weil Frau Davis mit meinem Vater befreundet gewesen war und weil in der Tat in ganz Rom mir niemand innigere Teilnahme bekundete. So lebhaft nun auch der Schmerz über den Verlust des Vaters war, so hatte ich doch neben ihm auch schon das Bewußtsein, daß sich mein Verhältnis zu dieser Frau wohl anders gestalten werde. Ich war empört über mich selbst, daß schon am Tage nach dem Tode meines Vaters ich solcher Gedanken fähig war – aber ich stellte diese Betrachtung an, und was ich damals als möglich empfand, das vollzieht sich jetzt einfach. Ich müßte auch sehr naiv sein, wenn ich glauben wollte, sie sei sich darüber nicht auch völlig klar. Ja, sie hat die Sache vielleicht von Anfang an viel sicherer vorausgesehen und alles am Ende gar nur darauf angelegt. Mit festem Vorsatz und kühler Berechnung hat die Jägerin ihre Netze gestellt und fängt nun das Wild. Aber was verliere ich dabei? Wie jeder Mann bin ich ein gefährliches Wild, das sich wohl jagen läßt, aber im geeigneten Augenblick doch immer die Jägerin überfällt. Frau Davis liebt mich nicht, und ich liebe sie nicht, das weiß ich sehr wohl. Dennoch fühlen wir uns zu einander hingezogen durch unsere Freude am Künstlerischen und durch die Sinnlichkeit zweier heidnischen Naturen, wobei auf ihrer Seite auch noch Eifersucht mitwirkt. Wenn es mich zu ihr hinzieht, so ist dabei keine Rede von irgendwelcher zärtlichen Neigung. Bei mir ist es nichts als Entzücken über eine Meisterschöpfung der Natur und der Trieb, der jeden Mann erfaßt, wenn diese Meisterschöpfung zufällig gerade ein Weib ist. Und dieses Weib ist so schön, wie es sich die blühendste, üppigste Phantasie nur ausmalen kann. Nur ihre zusammengewachsenen Augen erinnern einen daran, daß man ein lebendes Weib und keine Statue einer Phryne vor sich hat. Wenn sie sich mit ihren Haaren zu schaffen macht, dann faßt sie mit beiden Händen an den Hinterkopf – nun hebt sich die Brust, die Schultern wölben sich, die ganze Gestalt reckt sich – und man muß in der Tat alle Kraft zusammenraffen, um sie nicht an sich zu pressen und sie hinwegzutragen, wo kein Mensch sie einem mehr streitig machen könnte. Und wenn ich mir vorstelle, daß sich zwischen mir und dieser wandelnden Juno ein Verhältnis anbahnt, so schließe ich die Augen, die Sinne drohen mir zu schwinden, und ich frage mich, ob mir denn überhaupt etwas Köstlicheres auf der Welt beschert werden könnte? 3. April. Sie erzeigt mir nach wie vor alle Güte, alle Teilnahme, aber diese Güte kommt mir vor wie Mondlicht – sie leuchtet wohl, aber sie wärmt nicht. Das sagt freilich wieder der Skeptiker in mir – aber ich lasse mich nie soweit von meinen Gefühlen hinreißen, daß mich mein Scharfblick im Stiche ließe. Und wenn diese Göttin ein gutes Herz hätte, dann müßte sie gegen alle gut sein. Die Behandlung aber, die sie ihrem Manne erweist, zeigt mir deutlich, was ich von ihrem Herzen zu halten habe. Für sein Elend hat sie kein Erbarmen, sie tut, als sei er gar nicht vorhanden. Und wahrhaft zu bedauern ist dieser Mann, der in Millionen wühlen kann und in einem wahren Paradiese lebt! Aber so sehr er auch gegen alles abgestumpft ist: wenn man ihm Güte erzeigt, so ist er doch noch erkenntlich dafür. Das sehe ich daran, daß er mir dankbar ist, weil ich doch wenigstens ab und zu über seinen Gesundheitszustand mit ihm ein paar Worte spreche. Wenn ich sein leichenblasses Gesicht sehe, das so zusammengeschrumpft ist, daß es kaum größer ist wie meine Faust, wenn ich seine dürren Beine sehe, seine winzige Gestalt, die sich bei der größten Hitze fröstelnd in ein Tuch hüllt, dann tut er mir wirklich leid. Aber ich will mich nicht beschönigen – sobald es sich um ein Weib dreht, hat der Mann mit seinesgleichen kein Erbarmen, und auch mich hält dieses Mitleid mit dem Manne von nichts ab. 12. April. Zehn Tage ist es her, daß ich das letzte geschrieben habe. Vor einer Woche ist es geschehen. Von vornherein dachte ich mir, daß es auf dem See geschehen würde. Ich freue mich jetzt, daß ich ein gewandter Segler bin, denn so konnten wir ohne Begleitung ausfahren. Eine flott aufspringende Brise trieb uns rasch vom Ufer weg, legte sich jedoch bald, und unser Segel hing schlaff am Maste. Obwohl es schon Nachmittag war, herrschte eine erdrückende Hitze. Laura streckte sich auf die Matte nieder, die den Boden des Kahnes bedeckte, und lag regungslos. Wonneschauer ergriffen mich beim Anblick dieses liegenden Weibes, dessen klassische Formen unter einem luftigen Gewande deutlich hervortraten – aber eine große Trägheit hielt mich gefangen, die sie mit mir zu teilen schien, denn sie lag mit halbgeschlossenen Augen, halbgeöffneten Lippen wie ohne Besinnung da. »Sieh doch, wie schwach ich bin!« schien sie mir zuzuflüstern ... 15. April. Wir reisen nicht nach der Schweiz. Frau Davis fürchtet sich nicht vor der Sonne, und Herrn Davis tut sie wohl. Mir ist es einerlei, ob ich in der Schweiz bin oder hier. Wenn ich mir vorstelle, daß dieses herrliche menschliche Tier, Laura, mein eigen ist, mein eigen sein wird, solange es mir beliebt – so erfaßt mich zugleich das Entzücken des Mannes und des Bewunderers alles Schönen – und doch vermisse ich etwas, doch bedrückt mich etwas. Ich weiß: was ich mein nenne, ist etwas in seiner Art Vollendetes, aber diese vollendete Marmorgöttin, die auf dem Altar meiner Sinne steht, wirft einen dunklen Schatten in den Dom meiner Seele. 17. April. Als ich heute zu Lauras Füßen saß, meinen Kopf auf ihrem Schoße, kam Davis dazu. Sein leichenblasses Gesicht und seine lichtlosen Augen blieben teilnahmlos bei diesem Anblick, und kein anderer Ausdruck war auf seinem Gesicht als der stereotype Ausdruck tiefer Niedergeschlagenheit, der ihn nie verläßt. Wie ein Gespenst schlich er auf seinen weichen Pantoffeln vorüber und verschwand in der Bibliothek. Ich wartete, denn ich dachte, er würde vielleicht mit einem Revolver wiederkommen. In diesem Fall hätte ich ihn gepackt und einfach zum Fenster hinausgeworfen mitsamt seinem Revolver. Aber er kam nicht, und ich weiß nicht, ob er in der Bibliothek vor Kummer über sein Unglück geweint hat oder ob es ihn ganz kalt ließ. Als wir uns nachher beim Frühstück trafen, war es jedenfalls, als sei gar nichts vorgefallen. Und vielleicht war es Einbildung von mir, wenn es mir so vorkam, als werfe Laura ihm drohende Blicke zu. Ich muß gestehen, jeder andere Ausgang der Sache wäre mir lieber gewesen; sein bedrücktes Gesicht verfolgt mich noch heute wie eine stumme Klage. Mir war zu Mute, als wenn ich einen Gelähmten mißhandelt hätte, und Widerwillen gegen mich selber ergriff mich. Wie immer, fuhren wir aufs Meer hinaus, aber heute zum ersten Male haben wir uns gezankt. Ich sagte ihr, was mir für Bedenken gekommen seien, da lachte sie laut auf – und da habe ich ihr ins Gesicht gesagt: »Dieses Lachen macht Dich häßlich. Vergiß nicht, Du kannst Dir alles erlauben – nur nichts, was Dich häßlich macht.« Sie runzelte die zusammengewachsenen Brauen. »Freilich!« entgegnete sie. »Nach dem, was zwischen uns vorgefallen ist, kannst Du es wagen, mich zu beleidigen.« Da mußte ich sie natürlich um Verzeihung bitten, und wir waren schnell wieder miteinander gut. Darauf erzählte sie mir ihre Geschichte. Alle Frauen, die ich gekannt habe, fühlten in einer gewissen Lage das Bedürfnis, mir zu erzählen, wie es ihnen im Leben ergangen sei. Dabei haben sie durchweg ein wenig gelogen, um ihre Person dabei in ein möglichst günstiges Licht zu setzen. Ich rufe alle Männer zu Zeugen an und sie werden mir bestätigen, daß diese Geschichten von der verführten Unschuld alle über einen Kamm geschoren und daher entsetzlich abgedroschen sind. Frau Davis gab mir hier jedoch einen neuen Beweis ihres Scharfsinnes, denn sie hielt ihren Bericht durchaus in künstlerisch maßvollen Grenzen und erzählte mit einer Aufrichtigkeit und Wahrheitsliebe, die an Frechheit grenzte. Herrn Davis hatte sie nicht bloß seiner Millionen wegen geheiratet, sondern um sich mit Hilfe seines Reichtums ihr Leben nach ihren künstlerischen Begriffen gestalten und ausschmücken zu können. Verpflichtungen behauptete sie gar keine gegen ihn zu haben, denn sie hätte ihm alles vorhergesagt, und nun brauche sie ebensowenig Rücksicht auf ihn zu nehmen, als wenn er schon tot wäre. Ueberhaupt sei für sie alles, was sich mit der Schönheit und dem Schmucke des Lebens nicht vereinbaren ließe, einfach nicht vorhanden. Gesellschaftliche Formen ignoriere sie, und ich wäre sehr im Irrtum, wenn ich anders von ihr dächte. Es war mir eine Genugtuung, als ihre Ausführungen mir bewiesen, daß ich dieses Weib richtig taxiert hatte, und doch lag in ihren Worten auch etwas, das mir ganz neu war. Soviel ich auch von ihrem Verstande gehalten hatte, so war ich doch der Meinung gewesen, sie handle aus natürlichem Triebe. Dass sie soweit ging, zur Rechtfertigung dieses Naturtriebes ein vollständiges System auszuklügeln: das hatte ich nicht erwartet. Das flößte mir eine noch höhere Meinung von ihr ein, denn ich sah, daß sie ihren Grundsätzen treu geblieben war, die eben Grundsätze waren, mochten sie noch so schlecht sein. Ich hatte sie auch im Verdacht gehabt, daß sie erwartete, nach dem Tode ihres Mannes von mir geheiratet zu werden. Aber sie bekehrte mich eines anderen. Sie sagte, wenn ich ihr die Ehe anbieten würde, so könnte sie freilich nicht widerstehen, denn sie liebe mich weit mehr, als ich ahnte (dabei färbten sich tatsächlich Gesicht und Nacken tiefrot) – aber sie erwarte das nicht, sondern wisse im Gegenteil von vornherein, daß ich ihrer bald überdrüssig sein würde. »Was tut das?« sagte sie. »Ich tauche die Finger ins Wasser – ich fühle die erfrischende Kühle – soll ich auf dieses Gefühl verzichten, bloß weil ich vorher genau weiß, an der Sonne wird die kühle Nässe verfliegen?« Dabei spielte sie mit den Händen im Wasser und reichte mir dann die nassen Finger, durch die die Sonne rosig schimmerte. Ich ergriff diese nassen Hände, und meine Gebärde verstehend und ergänzend, sagte sie leise und liebkosend: »Komm!« 20. April. Gestern habe ich Laura den ganzen Tag nicht gesehen, sie hat sich erkältet, und hat nun Zahnschmerzen. Wie langweilig ist es! Heute nach dem Frühstück gelang es mir endlich, in ihr Boudoir zu gelangen. Darüber war sie ein wenig böse, denn ihr Gesicht ist etwas geschwollen, und in diesem Zustande wollte sie sich nicht sehen lassen. Die Geschwulst war kaum merklich, aber die Augen waren ein wenig gerötet, und die Lider ein wenig dick – und so war, wenn auch nur eine Kleinigkeit – der überaus regelmäßige Schnitt ihres Gesichtes gestört, und darunter litt ihre Schönheit. Ich ließ mir natürlich nichts merken, aber Laura war sehr unruhig, wie wenn sie kein reines Gewissen hätte. Wenn man nun auch die Schönheit an sich zu einem religiösen Kult erheben kann – so muß doch der Kult der eigenen, persönlichen Schönheit einen unglücklich machen. Denn was ist die Religion wert, die vor einer Geschwulst an der Wange, vor einem Pünktchen auf der Nase nicht stand hält? 25. April. Nun müssen wir doch noch in die Schweiz. Es wird zu heiß hier. Der heiße Sirocco, der jetzt oft weht, ist für Herrn Davis das reine Gift. Da der Arzt jetzt scharf darauf aufpaßt, daß er sich kein Morphium einspritzt, so schwankt der Mann jetzt zwischen höchster Aufregung und völliger Apathie hin und her. Trotzdem aber scheint er sich beständig vor mir und Laura zu fürchten. Am Ende leidet dieser Halbirrsinnige schon an Verfolgungswahn und bildet sich ein, wir könnten ihn ums Leben bringen. Dieser Davis ist der dunkelste Punkt in der Rolle, die ich jetzt spiele. Ich sage: der dunkelste, denn ich weiß sehr wohl, daß es hierbei noch mehrere dunkle Punkte gibt. Ich weiß sehr wohl, daß dieses träge Dasein mich ganz erschlafft, und daß ich in den Armen dieser Frau von Stufe zu Stufe sinke. Mir widerte vor mir selber, und ich machte mir die bittersten Vorwürfe, daß ich so rasch nach meines Vaters Tode schon mich einem solchen Sinnentaumel überlassen konnte. Aber jetzt läßt es mich kalt – ich erinnere mich wohl noch meiner Gewissensbisse – aber ich verspüre sie gar nicht mehr. Ich suche Anielka zu vergessen. Bald sage ich mir, ich sei ihrer nicht wert, bald bilde ich mir ein, ich hätte mich bei ihr lächerlich gemacht, denn sie sei ja doch auch nicht mehr als ein Dutzend anderer Mädchen. Ich denke nicht gerne daran, wie ich mich in Ploshow benommen habe. Bis zu einem gewissen Grade geht mir das Gefühl für den Unterschied zwischen Gut und Böse abhanden, ja ich fange an, diesen Unterschied zu ignorieren. Auch noch eine andere Aenderung gewahre ich an mir. Was zuerst empfindlich gegen mein Ehrgefühl ging, daran habe ich mich jetzt gewöhnt: ich mißhandle den Gelähmten in aller Seelenruhe. Seit kurzem fällt mir auf, daß ich mir Verschiedenes herausnehme, was ich wohl kaum wagen würde, wenn Davis Kräfte hätte und seine Ehre und seinen Besitz verteidigen könnte. Wir machen uns schon nicht mehr die Mühe, auf die See zu fahren ... Daß mein Ehrgefühl so abgebrüht werden könnte, hätte ich nie für möglich gehalten. Ich habe manchmal die Empfindung, als sei meine schwarzhaarige Göttin weniger eine Juno als vielmehr eine Circe, die den Menschen, der mit ihr in Berührung kommt, in – wie drücke ich mich möglichst mythologisch aus? – in eine jener Wesen verwandelt, die Eumäos gehütet hat. Die Antwort, die ich auf die Frage: Wie geht das zu? zu erteilen habe, wirft viele meiner früheren Ansichten über den Haufen. Wir lieben nur die weiche Haut – nicht das Gemüt. Die Bezeichnung Liebe paßt überhaupt nicht für unsere Empfindungen. Zwischen uns ist nur von sinnlichem Begehren die Rede, mit Herzensneigung hat das gar nichts zu schaffen. Wir sind bis zum Stall des Eumäos hinabgestiegen. Doch rein geistige Liebe mag ja wohl ein Phantom sein, nur wird die Liebe eben immer, wenn man sie des Geistigen entkleidet, auf eine Erniedrigung hinauslaufen. 30. April. Gestern erhielt ich unvermutet einen Brief von meiner Tante, der zwei Wochen lang in der Casa Osoria liegen geblieben ist. Meine Tante war der Meinung, ich sei in Korfu gewesen, jetzt aber wieder zurückgekehrt, und schrieb mir: »Unruhig und sehnsüchtig warten wir auf Nachricht von Dir. Ich bin nun bei meinem Alter recht standfest, so daß mich nicht gleich jeder Windstoß umwirft. Aber wie Anielka aussieht, das kann einen jammern. Sie hat auf einen Brief von Dir gewartet und grämt sich nun, daß keiner gekommen ist. Nun ist Deines Vaters Tod dazwischen gekommen, und immer wieder habe ich sie damit vertröstet, nach diesem schweren Verlust hättest Du für nichts anderes Sinn, aber nach einiger Zeit würdest Du schon wieder zu ihr zurückkehren. Aber als nun wieder ein ganzer Monat verstrichen war, ohne daß Du etwas von Dir hattest hören lassen, da wurde sie wieder unruhig. Nun habe ich mehrmals nach Korfu postlagernd geschrieben, wie wir besprochen hatten, aber es erfolgte keine Antwort. Da versuche ich denn mein Heil, indem ich an Deine alte Adresse nach Rom mein Schreiben richte. Denn die Befürchtung, Du seiest krank, läßt uns gar keine Ruhe. Schreibe doch wenigstens ein paar Worte – und, lieber Leon, raffe Dich aus dieser völligen Untätigkeit auf und werde wieder, wie Du früher warest. Ich will Dir auch sagen, Anielka grämt sich zum Teil auch deshalb, weil irgendwer ihrer Mutter hinterbracht hat, Du seiest in der ganzen Welt als Don Juan verschrieen. Das hat ihr einen Stoß gegeben, und sie sieht sehr verändert aus. Aber damit die Mutter sich nicht auch noch grämen soll, stellt sie sich immer sehr vergnügt, allein ich durchschaue diese Verstellung, und das betrübt mich alles tief. Mein guter Junge, kannst Du denn nicht ein paar Worte schreiben – das wäre doch eine Beruhigung für uns alle. Habe Mitleid mit dem Mädchen! Ich gestehe Dir offen, ich habe keinen innigeren Wunsch, als daß Ihr, wenn erst die Trauerzeit vorüber ist, ein Paar würdet. Wenn Du einer anderen Meinung bist, wäre es immerhin am besten, Du hieltest nicht damit hinterm Berge. Ich fürchte in der Tat für Anielkas Gesundheit, wenn diese Ungewißheit noch lange dauert. Auch darfst Du doch nicht vergessen, daß es sich um die Zukunft des Mädchens handelt. Kromitzki besucht die Damen jetzt sehr oft – wahrscheinlich hat er Heiratsgedanken. Weil ich ihn im Verdacht habe, derjenige zu sein, der Dich in der erwähnten Weise angeschwärzt hat, wollte ich ihn uns ohne weiteres vom Halse schaffen, aber Celina hat mich gebeten, das ja nicht zu tun. Sie ist eben ganz ratlos und rechnet gar nicht mehr darauf, daß Du Dir noch etwas aus Anielka machst. Also schreibe und löse diese Zweifel. Laß Dich segnen und ans Herz drücken von einer alten Frau, die nichts weiter als Dich auf Erden hat. Alle lassen herzlich grüßen. Der junge Chwastowski hat eine Brauerei gebaut – er hatte selber etwas Geld, und was fehlte, habe ich ihm geliehen.« Im Anfang war mir, als wenn dieser Brief mich ganz kalt gelassen hätte. Aber bald erkannte ich, daß dem anders sei. Und von Minute zu Minute wurde der Eindruck, den dieses Schreiben auf mich machte, stärker, und nach einer Stunde schon rief ich: »Kommt mir denn dieser Brief gar nicht mehr aus dem Sinn?« Ein Meer von Gefühlen war in mir aufgeregt, eine Empfindung jagte die andere, wie Wolken, die vorm Winde herfliehen. Im ersten Drang dieser Aufregung trieb es mich, ohne Säumen hinzufahren, Anielka in die Arme zu schließen und glücklich zu machen. Ich stellte wieder einen Vergleich zwischen ihr und Laura an, bei welchem die letztere sehr schlecht wegkam. Ekel an dem Leben, das ich hier führte, erfaßte mich. Reinere Luft, Stille und Friede und vor allem lautere, keuschere Gefühle, das war's, wonach ich mich sehnte. Und ich empfand große Freude, daß es noch nicht zu spät sei, daß ich noch alles wieder gut machen konnte, wenn ich nur wollte. Aber dann fiel mir plötzlich ein, Anielkas Mutter zweifle an mir und gebe Kromitzki den Vorzug, Da ergriff mich heftiger Zorn, der mich alle anderen Gefühle vergessen ließ. Je mehr ich mir selber sagen mußte, Celina habe ganz recht, wenn sie mich aufgebe, um so mehr zürnte ich ihr darüber, daß sie sich so etwas erlaubte. Und das Ende war, daß ich auf mich selbst und auf alle Welt wütend war, und bei mir dachte: Mag es doch meinetwegen kommen, wie es wolle! Das war gestern. Heute habe ich erkannt, daß die Kränkung noch weit tiefer geht. Dass Anielka sich mit diesem Kromitzki überhaupt einläßt, das kann ich ihr nicht verzeihen. Es kostete sie bloß ein Wort – so würde er im ganzen Leben nicht wieder nach Ploshow kommen. Ueberhaupt hat dieser Umgang mit Kromitzki mir schon öfter den Geschmack an Anielka verdorben – sie sinkt durch diesen Verkehr zu der großen Schar der gewöhnlichen Mädchen herab, die bloß unter die Haube kommen wollen. Meine Stimmung wird immer verbitterter und gereizter – ich will gar nicht mehr daran denken. 1. Mai. Meine Verstimmung gegen die Mutter, gegen Anielka und mich selbst ist zu einem wahren Ingrimm gestiegen. Führe ich denn hier in Pegli nicht ein ganz gemütliches Leben? Laura ist wie aus Marmor gemeißelt, und sie nimmt mich sonst gar nicht in Anspruch – denn ihre körperliche Schönheit ist alles, was sie mir bietet. Mich mit diesen sentimentalen, empfindelnden Seelen abzuplagen, wird mir zum Ueberdruß. Ich überlasse es Kromitzki. 2. Mai. Heute habe ich einen Brief auf die Post gegeben. Ich habe darin meinen Wunsch ausgesprochen, daß Anielka mit Herrn Kromitzki und er mit ihr glücklich werden möchten. Die Tante wollte ja einen bestimmten Bescheid haben. Da hat sie ihn. 10. Mai. Seit einer Woche habe ich nichts mehr geschrieben. Ich war wie vor den Kopf geschlagen. Reue martert mich. Ich kann mich nicht so gleichgültig über Anielka wegsetzen – sie war mir nie einerlei. Die eine Anielka war mir teurer als vierzigtausend solche, wie Laura ist. Und nun habe ich selbst sie von mir gestoßen. Manchmal will ich mich damit trösten, es wäre ja weit schlimmer für sie geworden, wenn sie die Meine geworden wäre – aber das ist nicht wahr. Wenn sie nur erst mein gewesen wäre, ich hätte sie auf Händen getragen. Aber sobald ich daran denke, daß sie auch an Kromitzki ein Genüge finden kann, wallt mein ganzer Zorn von neuem auf, und ich könnte denselben Brief noch einmal schreiben. Für Menschen, wie ich einer bin, gibt es nur den einen Trost: es ist geschehen. Daraufhin können sie wieder die Hände in den Schoß legen und weiter faulenzen. Wenn ich mich dann aber frage, ob ich wohl anders gehandelt hätte, wenn in jenem Briefe nichts von Kromitzki gestanden hätte – so weiß ich in der Tat nicht, ob ich diese Frage bejahen kann. Wohl hätte ich nicht so rasch gehandelt – ob aber schließlich meine Entscheidung nicht auf dasselbe hinausgelaufen wäre – das kann ich nicht sagen. Ein schwacher Charakter will alle Wege glatt und eben vor sich sehen – nur den starken spornen Hindernisse an. Laura, die gewissermaßen wie Moschusduft alles durchdringt, hat gewiß diese Schwäche von vornherein erkannt – deshalb war sie auch gleich so willfährig gegen mich. Was folgt nun daraus? Daß ich ein »schlapper Kerl« sei? Keineswegs! – Ich bin ein Mensch, der sich selber die Wahrheit nicht vorenthält, ich würde mir also auch das ganz ruhig selber unter die Nase reiben, aber es ist nicht der Fall. Ohne Bedenken würde ich bis an den Nordpol reisen – oder als Missionar nach Zentralafrika gehen – ich besitze hartnäckige Ausdauer und angeborenen Mut und könnte mich wohl in alle möglichen Wagnisse und Abenteuer stürzen. Aber wenn es sich darum handelt, eine Lebensfrage zu entscheiden, so lähmt der Skeptizismus die Tatkraft, mein Geist verstrickt sich in Hirngespinsten, nichts greift, dem Willen unter die Arme, und was ich dann beginne, ist zum Teil von äußeren Zufällen bestimmt und abhängig. 12. Mai. Es kommt vor, daß man eine Person liebt, ohne daß man sie gern hat. Sniatynskis haben sich lieb und haben sich auch gleichzeitig gern, darum stehen sie so sehr gut zueinander. Auch Anielka hätte ich so gern gehabt – doch ich will gar nicht erst darauf zurückkommen. Laura habe ich nie geliebt und bin doch noch wie durch einen Zauber an sie gefesselt. Es mag wohl schon mancher in ihr schwarzes Haar, ihre statuenhafte Formen sterblich verliebt gewesen sein, aber ich bezweifle sehr, daß sie jemals schon einer gern gehabt hat. Ich habe Laura seit einiger Zeit weniger gern, als je bisher. Sie hat mir dazu gar keinen Anlaß gegeben, ich habe nur die Verstimmung, die mich bedrückt, auf ihre Person übertragen. Ohne Zweifel wirken zwei Kräfte auf mich ein: eine anziehende und eine abstoßende. Ich möchte in die Schweiz mitreisen – ich möchte aber auch nach Rom. Mein Notar hat mich aufgefordert, nach Rom zu kommen, da in Hinsicht auf das väterliche Testament noch einige Förmlichkeiten zu erledigen seien. Das läßt sich vielleicht auch ohne mich machen – aber es wäre immerhin ein Vorwand zur Reise. Ich weiß noch nicht, was ich tun werde. Es kann ja sein, der Zauber, den Laura auf meine Sinne ausübt, ist stark genug, mich von der Reise nach Rom zurückzuhalten – jedenfalls werde ich ihr morgen oder heute noch sagen, daß ich reisen muß. Wie sie das wohl aufnehmen wird? darauf bin ich wirklich neugierig. Ich kann es mir gar nicht denken. Aber ich hege bereits den Verdacht, daß sie trotz aller heißen Gefühle, die sie für mich hegt und denen übrigens die meinen nichts nachstehen, mich ebenfalls nicht gern hat. Wir haben in seelischer Beziehung manches miteinander gemein – aber in tausend Dingen sind wir auch wieder Gegensätze. Was ich auch tun mag, ich muß immer wieder daran denken, wie mein Brief in Ploshow aufgenommen worden sein mag. Das kommt mir nicht aus dem Sinne – selbst in Lauras Gesellschaft sehe ich im Geiste immer meine Tante und Anielka vor mir. Das ist kaum noch zu ertragen ... Der Gedanke, daß es bald von hier weg geht, tut mir Wohl. Entweder in die Schweiz oder nach Rom – nur weg! lieber irgendwo anders, nur nicht länger hier bleiben! Wir rüsten uns zur Abreise. Herr Davis ist mir seit fünf Tagen nicht mehr vor die Augen gekommen. Ich glaube, er wird binnen kurzem tatsächlich irrsinnig werden. Rom, Casa Osoria, 18. Mai. Einsamkeit war es, was mir not tat. Ich fühle mich hier wieder wie damals, als ich nach Pegli ging. Ich bin traurig, aber mir ist doch so wohl. Auch bin ich hier frei von dem innern Unfrieden, den Lauras Gesellschaft mir von Anfang an verursacht hat. Bei jedem Schritt, den ich in dem stillen, dunklen Hause tue, werde ich an meinen toten Vater erinnert, dessen Gestalt sich mir schon in bläulichem Nebel zu verlieren anfing. Jetzt rufen mir tausend Kleinigkeiten sein teures Andenken wach. Diese Traurigkeit ist eine reinere Empfindung, als alle jenen Gefühle, deren Spielball ich in letzter Zeit gewesen bin. Ich fühle doch, daß ich noch nicht so verderbt bin, als ich schon selber glaubte. Ich glaube, von allen Lebewesen ist nur der Mensch imstande, gegen seinen eigenen Willen zu handeln. Ich bin mir jetzt klar darüber, daß ich längst das Verlangen hatte, von Pegli wegzukommen ... Und noch am Abend vor meiner Abreise war es fast bestimmt, daß ich noch bleiben würde. Aber Laura kam mir unvermutet zu Hilfe. Ich hatte ihr mitgeteilt, daß mein Notar mich zu sich gebeten habe, und daß ich reisen wolle. Wir waren allein, und ich erwartete ein paar Worte des Einspruchs, einen Ausruf des Kummers – doch nichts dergleichen geschah. Sie strich mir nur durch das Haar, kehrte mein Gesicht dem ihren zu und fragte: »Aber Du wirst doch wiederkommen?« Glaubte sie nun wirklich, daß meine Reise unaufschiebbar sei, und vertraute sie so fest auf die Macht ihrer Schönheit, daß sie an meiner Wiederkehr nicht zweifelte – oder benutzte sie mit Freuden diese Gelegenheit, sich meiner zu entledigen? Ich weiß jetzt noch nicht, was ich von ihrem Benehmen halten soll. Das letztere halte ich für das wahrscheinlichere; ich habe das Gefühl, als ob sie mit diesen Worten mir hätte sagen wollen: Nicht Du kündigst mir – sondern ich Dir. Und ich muß zugeben, wenn sie mir hiermit den Abschied hat geben wollen, so hat Laura eine wunderbare Fertigkeit, die um so erstaunlicher ist, als sie mich dabei in durchaus liebenswürdiger, ja zärtlicher Weise behandelte und mich dennoch in Ungewißheit darüber zu lassen verstand, ob sie meiner spotte oder nicht. Wir waren an jenem Abend nicht etwa kühl zueinander, sondern im Gegenteil zärtlicher als sonst. Wir gingen erst sehr spät auseinander. Noch jetzt sehe ich sie vor mir, wie sie die Hand vor das Licht hält und mich mit niedergeschlagenen Augen zur Tür begleitet. Sie war so schön, daß mich mein Vorsatz abzureisen fast gereute. Am folgenden Tage nahm sie auf dem Bahnhofe Abschied von mir. Welch sonderbares Weib! Je größer die Entfernung zwischen uns wurde, um so leichter wurde mir zu Mute, obgleich das Sinnliche in mir von heißer Sehnsucht ergriffen wurde. Ohne Aufenthalt fuhr ich bis nach Rom. Jetzt ist mir wie einem Vogel, der aus seinem Käfig heraus ist! 22. Mai. Von all meinen Bekannten traf ich fast niemand mehr hier. Infolge der Hitze sind sie alle in die Berge gegangen. Man sieht größtenteils nur Fremde. Die Abende sind frisch und klar, und um diese kühle Stunde wimmelt es auf den Straßen von Menschen. Auch ich verliere mich unter diesem Treiben, und das tut mir wohl. Noch nie ist mir Rom so schön erschienen. Ich entdecke täglich neue Schönheiten. Und ich kann jetzt auch wieder schlafen – es ist möglich, daß das auf Erschöpfung zurückzuführen ist – aber ich schlafe wie ein Brett und bin oft sogar noch am Morgen wie schlafsüchtig. Am Morgen war ich mit dem Notar zusammen. Der Vater hat seine reichen Sammlungen nicht der Stadt vermacht, sondern hat mich zum Universalerben eingesetzt, so daß seine Schätze jetzt mir gehören. Von den zahlreichen Klauseln seines Vermächtnisses erfüllt mich ein Nachsatz besonders mit tiefer Rührung. Er lautet: Den Madonnenkopf (Sassoferrato) vermache ich meiner zukünftigen Schwiegertochter. 25. Mai. Der Bildhauer Lukomski arbeitet schon seit einem Monat an der lebensgroßen Statue meines Vaters, und ich gehe des Nachmittags oft zu ihm, um zu sehen, wie er mit seiner Arbeit vorwärtskommt. Sein Atelier ist mir eine neue Welt. Lukomski ist ein talentvoller Künstler, und ich sehe ihm sehr gern zu. Die Statue meines Vaters wächst gleichsam unter seinem Händen – die Aehnlichkeit ist sehr groß. Aber es ist kein bloßes Porträt, es ist ein Kunstwerk. Wenn ein Mensch für Formenvollendung schwärmt, so ist es Lukomski. Schöne Körper sind sein Evangelium. Er betet einen schönen Menschenleib an wie ein Gläubiger sein Heiligenbild. Ich fragte ihn, welche Frau in Rom er für die schönste halte. Und er erwiderte ohne Zaudern: Frau Davis. 29. Mai. Diese Erbschaftsgeschichte wird mir nachgerade langweilig. So lebendig die Italiener von Natur sind, so langsam betreiben sie alle Geschäfte – bloß viel schwatzen, das ist ihr Fall. Mich wenigstens hat das endlose Geschwätz halb tot gemacht. 31. Mai. Gestern habe ich mit Lukomski gefrühstückt, und am Abend bin ich wie gewöhnlich auf dem Pincio umhergeschlendert. Meine Phantasie spielt mir manchmal einen Streich. Mir war, als wenn ich Arm in Arm mit Anielka spazieren ginge, und wir sprachen miteinander wie zwei richtige Liebesleute. Als dann dieser Phantasiespuk verschwand, blieb ein Gefühl ödester Einsamkeit zurück. Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Ich führe doch eigentlich ein schrecklich eintöniges Leben. Wenn man sich immer bloß in das eigene Ich vertieft, wie ist es da anders möglich, als daß man sich furchtbar verlassen vorkommt? Mich nimmt nur das eine wunder, daß ich noch so lebhaft an Anielka denken kann. Und ich habe mitunter die Empfindung, als hätte ich das Glück in der Hand gehabt und als sei es mir nun zwischen den Fingern entschlüpft. 2. Juni. Heute habe ich mich über Lukomski gewundert. Er sagte zu mir: »Hier in Rom lebt sich's gut, aber es stirbt sich schlecht hier. Mir geht es vortrefflich. Da könnte ich ja nicht klagen. Nur das Heimweh verzehrt mich. Wenn des Nachts meine Hunde bellen, dann dünkt mich's, ich sei in unserem Dorfe, und da könnte ich vor Schmerz an den Wänden hinanlaufen. Wenn ich nicht einmal im Jahre in die Heimat könnte, dann hielte ich es einfach nicht aus.« Wie sind doch solche Leute wie Lukomski und Sniatynski ganz andere Kerle als ich! Zu solch einem Gefühl bin ich einfach nicht fähig. Ob sie sich nun wohl in ihrer Haut fühlen oder nicht, im Vergleich zu mir sind sie reich, denn sie brauchen nicht zu befürchten, daß sie in der Wüste verschmachten könnten. Ich hänge wohl auch an meiner Heimat, aber sie ist doch nicht so mit mir verwachsen. Wo für einen Lukomski und einen Sniatynski der Lebensquell springt, da ist für mich nur trockener Sand. Eigentlich sollte man es nicht für möglich halten, daß ein Mann, der solche Qualitäten zum Glücklichwerden hat, nicht nur nicht glücklich sein kann, sondern überhaupt gar nicht weiß, wozu er auf der Welt ist. Aber es ist meine Schuld. Wo andere einfach lieben, da philosophiere ich. Herausgekommen ist bei meinem Philosophieren nichts weiter, als daß mir das Herz dabei verdorrt ist. 8. Juni. Ich trage heute die Ereignisse der ganzen Woche nach. Sniatynski hat mir geschrieben. Er ist sehr betrübt, daß mein Verhältnis mit Anielka auf diese Weise in die Brüche gegangen ist. Er teilt mir mit, seine Frau sei mir bitterböse, sie wolle nichts mehr von mir wissen und halte mich für einen ganz schlechten Kerl, der keine andere Freude kennt, als sich an den Leiden seiner Opfer zu ergötzen. Das nehme ich ihr gar nicht einmal übel, sondern die Warmherzigkeit, die sich in dieser Entrüstung äußert, gefällt mir an ihr sehr gut. Sniatynski scheint die Sache für abgetan zu halten und hat nur noch den Wunsch für mich: »Gott gäbe, Du fändest noch einmal so eine wie sie!« Seltsam! eine ihr ähnliche will ich gar nicht haben, nicht einmal eine bessere als sie – vielmehr einzig und allein nur sie selber. Aber das scheint mir bloß so, das ist kein klares Gefühl. Denn es ist mit meinem Innern jetzt wie bei einem verwirrten Seidenknäuel – ich ziehe wohl an den Fäden, aber ich kann sie nicht abwickeln und in Ordnung bringen. Aber wenn ich nun auch skeptisch veranlagt bin, weshalb sollte ich nicht einmal so handeln können, als wenn ich es nicht wäre? Es geht doch keinen Menschen was an, ob in meinen Handlungen etwas mehr oder etwas weniger Konsequenz liegt. Kann ich nicht einfach meine Sachen einpacken und nach Ploshow reisen? Gewiß! was daraus erfolgen würde, das würde man ja sehen – jedenfalls wäre doch einmal gehandelt worden. Allerdings schreibt mir Sniatynski: »Der Kromitzki, dieser Affe, sitzt den ganzen Tag über bei den Damen in Ploshow.« Am Ende ist es da doch schon zu spät. Aber ich fühle: ein Mensch, der auch nur einen Funken von Tatkraft hätte, würde ohne Zaudern hinfahren. Und bei dem Gedanken wird es licht vor meinen Blicken, und ich sehe ein liebes Antlitz, das mir in diesem Augenblick das allerteuerste auf Erden ist. Ich werde wohl doch reisen! 9. Juni. Es ist gut, sich alles erst mal »zu beschlafen«. Heute weiß ich, daß ich doch nicht aufs Geratewohl nach Ploshow reise. Ich habe dagegen meiner Tante einen langen Brief geschrieben, die Antwort muß in zehn Tagen da sein und je nachdem, wie diese Antwort lautet, werde ich dann reisen oder es bleiben lassen. Dieser Brief ist gewissermaßen eine Patrouille, die auf Kundschaft ausgeht, denn natürlich hat es mein Stolz nicht zugelassen, geradeheraus zu schreiben: »Werft den Kromitzki hinaus, ich bitte Anielka um Verzeihung und werbe um ihre Hand.« Aber so habe ich meinen Brief wenigstens doch gehalten, daß meine Tante mir mitteilen muß, wie es in Ploshow steht und was vor allem in Anielkas Herzen vorgeht. Wenn doch Anielka diesem Kromitzki den Laufpaß gegeben hätte! Mag sie Grund haben, sich von mir verletzt zu fühlen! trotzdem, hätte sie ihn laufen lassen, sie wäre in meinen Augen hoch über die Schar alltäglicher Mädchen emporgestiegen. Niemand betrachtet mich mit kritischerem Blick als ich selbst – aber ich stehe turmhoch über diesem Menschen. Ich besitze mehr Feingefühl, weit edlere Regungen, Herz und Gemüt – und dann ist er weit dümmer. Die Frau, die mich nimmt, wird in meinem Herzen mehr Licht und Wärme und an meiner Seite ein reicheres Leben finden, als die Frau, die ihn nimmt. Wir sind Bewohner verschiedener Planeten, sozusagen. Zu meinem Geiste muß man auf einer Leiter emporklettern, wobei man freilich das Genick brechen kann – zu seinem Geiste aber muß ein Mädchen wie Anielka sich herablassen – und somit sich erniedrigen. Nun denn! ob ihr das sehr schwer fällt? Das Herz tut mir weh, wenn ich mir Anielka so vorstelle. Aber vielleicht wird auch sie einmal mit Achselzucken an die Ideale denken, die ihr als jungem Mädchen vorgeschwebt haben, und wird sich zu der Ueberzeugung bekehrt haben, daß ein flotter Handel mit Turkestan das einzige sei, was des Interesses verlohnt. Bei diesem Gedanken packt mich wilder Grimm, vor allem auch deshalb, weil ich selber daran schuld bin, wenn es dahin kommt. 11. Juni. Ich habe Lukomski gefragt: »Ich verstehe nicht, warum ein Mann, der so sehr an der Heimat hängt, sich nicht eine Lebensgefährtin aus dem Vaterlande holt?« Lächelnd zeigte Lukomski mir einen Ring und antwortete: »Ich bin auch verlobt, meine Braut trauert nur jetzt noch um ihren Vater. Sobald die Frist vorüber ist, heiraten wir. In zwei Monaten fahre ich hin.« »In die Gegend von Sierptz?« »Nein, sie ist aus dem Wikomierzer Kreise. Ich habe sie hier in Rom kennen gelernt.« »Fürwahr! ein glücklicher Zufall!« »Der glücklichste, der mir je passiert ist! Eine Woche lang habe ich sie und ihre Mutter, nachdem ich sie hier auf der Straße kennen gelernt habe, herumgeführt, dann habe ich ihr ein Geständnis gemacht.« »Was? schon nach einer Woche?« »Ja, denn sie reisten nach Florenz.« »Na, da sind Sie jedenfalls einer von denen, die nicht lange fackeln.« »Je nun, zu Hause hätte es wohl länger gedauert, hier aber trieb mich schon der Umstand an, daß es eine Landsmännin von mir war, eine Polin!« »Das ist ja ganz gut und schön – aber eine so wichtige Lebensfrage wie die Ehe –« »Hätte ich denn in drei Wochen vielleicht etwas Besseres ersinnen können, als in einer? Und überdies hatte ich gewisse Bedenken. In meiner Familie ist nämlich die Taubheit erblich. Mein Großvater war als alter Mann vollständig taub, mein Vater verlor schon mit vierzig Jahren das Gehör – als ich das nun meiner Braut sagte und sie fragte, ob sie ihr Schicksal mit dem eines Mannes verknüpfen wollte, der von solch einem Leiden bedroht sei, wissen Sie, was sie mir da geantwortet hat: »Wenn ich Ihnen einmal nicht mehr sagen kann, daß ich Sie liebe, dann werde ich es Ihnen aufschreiben.« Ich denke noch immer an diese Unterredung. Lukomski hat vielleicht nicht eine so scharfe Selbstkenntnis wie ich – aber er ist doch ein sehr vernünftiger Mensch und was für ein beherztes Weibchen muß nicht diese zukünftige Frau Bildhauerin sein. Ich finde ihre Antwort entzückend. So eine ist gewiß auch Anielka. 15. Juni. Ob ich das, was ich für Anielka fühle, nun Liebe nennen mag oder ob es eine andere Bezeichnung verdienen mag – es ist jedenfalls ein ganz neues Gefühl, wie es mein Herz noch nie zuvor empfunden hat. Den ganzen Tag denke ich daran, es ist eine Herzenssache für mich geworden, für die ich mich vor mir selber verantwortlich fühle. Etwas dergleichen habe ich noch nie kennen gelernt. Vordem habe ich zarte Bande angeknüpft und nach einiger Zeit bald mit angenehmen, bald mit peinlichen Erinnerungen, bald mit Bedauern, bald mit Gleichgültigkeit wieder gelöst – aber daß eine zarte Beziehung so ganz mein innerstes Wesen erfüllt hätte, das ist noch nicht dagewesen. Der Gedanke an Anielka verläßt mich überhaupt nicht mehr – aus allem tritt sie hervor – alles endet bei ihr – sie beherrscht ganz meine Seele – Tag und Nacht tickt es in mir, wie der Holzwurm im Schreibtische. Wenn ich die Achseln zucken und diese Verfassung belächeln will, so lassen Skepsis und Ironie mich hier im Stich, und es hilft mir alles nichts, ich befinde mich immer wieder in dem verzauberten Kreise. Dabei beseelt mich weniger das Verlangen, Anielka zu besitzen, als vielmehr die Furcht, sie zu verlieren. Wenn nicht die Gefahr vorhanden wäre, daß ich Anielka an diesen Kromitzki verlieren könnte, ich glaube, ich wäre von Angst und Besorgnis ganz verschont. Unter diesen Umständen aber peinigt mich der furchtbare Gedanke, daß ich binnen wenigen Tagen vielleicht nicht mehr wissen werde, was ich auf der Welt überhaupt noch zu suchen habe. 16. Juni. Der Notar, der nicht nur meine, sondern auch die Angelegenheiten der Familie Davis zu besorgen hat, hat mir mitgeteilt, Herr Davis sei schon in einer Irrenanstalt und Frau Davis befinde sich in Interlaken, am Fuße der Jungfrau. Ich sprach mein Beileid aus, aber als ich die junge Frau bedauerte, die nun verlassen und ohne Schutz sei, beruhigte mich der Notar. Ein gewisser Graf Maleschi aus Neapel, ein Verwandter der Frau Davis, sagte mir der Notar, sei sogleich nach der Schweiz gereist. Diesen Herrn kenne ich – er ist schön wie Antinous, aber ein Spieler und eine Memme. Warum verabscheue ich eigentlich Laura? Was hat sie mir denn getan, daß ich ihr nicht verzeihen kann? Wohl das, daß sie indirekt daran schuld ist, daß ich so viele Niedrigkeiten und Erbärmlichkeiten begangen habe wie nie zuvor. Ich habe mich über die Trauer um meinen Vater weggesetzt, ich habe mit der Krankheit des Herrn Davis kein Mitleid gehabt – ich bin schlecht und faul gewesen – und ich habe jenen verhängnisvollen Brief nach Ploshow geschrieben. Freilich! das alles war meine eigne Schuld. Aber wenn ein Blinder an einen Stein stößt, so verwünscht er den Stein, obschon an seinem Unfall nur seine Blindheit schuld ist. 17. Juni. Heute habe ich Lukomski sein Honorar bezahlt und dem Notar Vollmacht erteilt, alles ohne mich abzuschließen. Meine Sachen sind gepackt, und ich bin zur Abreise fertig. Ich halte es nicht mehr aus in Rom. 18. Juni. Ich habe mir ausgerechnet, daß eigentlich die Antwort meiner Tante schon da sein müßte. Ich mag mir nicht das Schlimmste vorstellen, aber ich versuche zu erraten, was sie mir wohl schreiben wird. Es tut mir jetzt leid, daß ich mich nicht bestimmter erklärt habe. Ich habe wohl die Damen herzlich grüßen lassen und habe gefragt, ob es ihnen angenehm wäre, wenn ich jetzt hinkäme. Aber wenn ich den Brief, als ich ihn wegschickte, auch für sehr verständlich gehalten habe, jetzt meine ich manchmal, ich hätte gar keinen dümmern schreiben können. Ich hatte mir gedacht, meine Tante würde jede Gelegenheit, die Sache wieder einzurenken, mit Freuden ergreifen – und ich könnte nun wie ein wohltätiger König in mein Reich einziehen. Es bleibt mir nun nichts weiter übrig, als die Hoffnung, daß meine Tante verstehen wird, was für Absichten ich habe. FIorenz, 20. Juni. Es ist alles zusammengebrochen. Die Antwort meiner Tante lautete: Anielka sei Kromitzkis Braut und werde in wenigen Wochen seine Frau sein. Sie selbst habe diese schnelle Heirat gewünscht. Kaum hatte ich das gelesen, so machte ich mich auf den Weg nach Ploshow, aber im Wagen fiel mir ein, daß ich ins Blaue reisen würde. Es hat gar keinen Zweck hinzufahren. So bin ich denn nun in Florenz. 22. Juni. Gleichzeitig mit dem Briefe meiner Tante bekam ich die Verlobungsanzeige. Die Adresse war von einer fremden weiblichen Hand geschrieben. Anielka hätte mir das nicht angetan, auch ihre Mutter nicht – vermutlich ist es eine kleine Niederträchtigkeit von Frau Sniatynski. Es ist mir auch ganz einerlei. Ich habe einen Hieb mit einer Keule erhalten und bin betäubt. Aber der Schlag hat mich mehr erschüttert, als geschmerzt. Man soll ja auch eine Kugel zuerst kaum fühlen. Na, erschossen habe ich mich nicht – verrückt bin ich auch nicht geworden – ich sehe mir in aller Ruhe Florenz an – ich könnte sogar getrost Karten spielen, wenn ich mir was draus machte. Mit einem Worte, ich fühle mich ganz wohl. 23. Juni. Wenn ich aufwache, sobald ich die Augen aufschlage, kommt mir der Gedanke, daß eben diese selbe herzensgute, seelenvolle Anielka, die nicht schlafen gehen kannte, wenn ich noch nicht zu Hause war und die bis in die späte Nacht aufblieb, um auf mich zu warten, als ich aus Warschau kam – daß diese Anielka nun den Kromitzki heiratet. Dieselbe, die mir so zärtlich, so vertrauensvoll in die Augen sah, die mir mit jedem Blicke zu verstehen gab, sie sei mein eigen. Sie wird nun bald Frau Kromitzka heißen – ja, sie wird eine Woche nach der Hochzeit schon nicht mehr verstehen können, wie sie nur jemals zwischen einem solchen Ploshowski und einem solchen Kromitzki hat wählen können. Es geht doch schnurrig zu auf der Welt. Das bißchen Lust am Leben, das einem noch verbleibt, geht völlig in die Brüche. Der lange, widerliche Brief meiner Tante lautet: »Ich danke Dir für Dein letztes Schreiben, umso mehr als Dein vorletztes so herzlos war. Ich hatte Dich ja doch nur gebeten, ein paar herzliche Worte für Anielka mitzuschreiben, die hättest Du gar nicht direkt zu schreiben brauchen, es hätte genügt, sie durch mich bestellen zu lassen. Aber was sollte ich nun tun, nachdem Du so deutlich abgeschrieben hattest? Ich konnte Anielka nicht länger in der Täuschung lassen und mußte sie von der Ungewißheit befreien, unter der sie auf die Dauer zu Grunde ging. Als Dein Brief kam, saßen wir beim Tee, sie hatte es gleich gemerkt, daß Du geschrieben hattest. Sie goß mit zitternder Hand den Tee ein, und die kleinen silbernen Löffel klirrten leise in den Tassen. Ich las den Brief für mich allein, und es wurde mir furchtbar schwer, mir nichts merken zu lassen. Aber Anielka verwandte kein Auge von mir. Sie fragte mich jedoch nur, ob Du nicht bald aus Italien wiederkommen würdest. Ich sagte, ja bald, denn die Wahrheit zu sagen, hatte ich noch nicht den Mut. Hättest Du nur gesehen, wie die Aermste sich zusammennehmen mußte, um nicht laut zu schluchzen. Als ich allein war, überlegte ich, was ich zu tun hätte. Du hattest ganz deutlich, ohne alle Umschweife geschrieben: Möge sie mit Kromitzki glücklich werden. Da mußte ich ihr die Augen öffnen. Ich brauchte sie nicht zu rufen, sie kam von selbst. »Anielka,« sagte ich nun zu ihr, »Du bist ein tapferes Mädchen und wirst Dich in Gottes Willen schicken. Ich muß offen mit Dir sprechen. Ich hegte den Wunsch und die Hoffnung, Dich mit Leon zu vereinen, aber es soll nicht sein. Wenn Du selber daran gedacht hast, so schlage es Dir aus dem Sinn.« – Ich drückte sie an die Brust – sie wurde bleich wie die Wand, sank neben mir in die Kniee und fragte immer wieder: »Was läßt er mir denn sagen?« – Ich dachte, es sei für sie besser, wenn sie die ganze Wahrheit hörte und sagte: »Du mögest mit Kromitzki glücklich werden.« – Da stand sie auf und mit veränderter Stimme erwiderte sie: »Sage ihm, ich lasse ihm danken.« – Dir wird es wohl nicht recht sein, daß ich Deine Bestellung so wörtlich ausrichtete, aber für sie ist es besser. Je mehr sie fühlt, daß Du sie beleidigt hast, um so eher wird sie Dich vergessen. Wenn es Dir nun auch unangenehm ist, so denke doch daran, was wir hier alle durch Dich gelitten haben, wir alle – am meisten aber Anielka. Es wundert mich nur, daß sie sich so sehr beherrschen kann. Sie hat ihren Schmerz sogar vor der Mutter verbergen können, deren Kränklichkeit sie sehr ängstigt. Auch Sniatynski, der uns besuchte, hat gar nichts gemerkt, doch habe ich es ihm später gesagt, denn er ist ja mit Dir eng befreundet. Er war fuchsteufelswild auf Dich und hat so sehr über Dich geschimpft, daß ich ihm ordentlich gram wurde. Aber Du kennst ihn ja. Anielka hat nun, wie das ja leicht zu begreifen ist, aus Verzweiflung Kromitzkis Antrag angenommen. Die Mutter wird mit ihr gesprochen haben, und da hat sie sich dazu entschlossen. Ich war bitterböse auf Dich – erst Dein zweiter Brief hat mich etwas milder gestimmt, aber als Du mir bloß ein paar herzliche Worte an Anielka bestelltest, ohne von dem, was Du früher geschrieben, etwas zu widerrufen, da sah ich ein, daß ich keine Hoffnung mehr hegen dürfte. Am 25. Juli soll Hochzeit sein. Die Sache wird ein wenig beeilt, weil Celina in der Tat sehr krank ist und glaubt, sie werde binnen kurzem sterben müssen. Sie will nicht, daß die Trauer um sie dazwischen komme, und wünscht ihr Kind noch vor ihrem Tode unter dem Schutze eines Mannes zu sehen. Auch Kromitzki wünscht, daß die Hochzeit bald stattfinde, denn sein Geschäft im Orient will rasch erledigt sein. Ach, Leon, warum muß denn das arme Mädchen so unglücklich werden? Daß sie diesen Kromitzki heirate, das hätte ich niemals zugegeben, aber nun kann ich kein Wort dagegen sagen, denn dadurch, daß ich Dich mit ihr zu verheiraten wünschte, bin ich mit an ihrem Unglück schuld. Nun bete ich alle Tage für die arme Anielka. Nach der Trauung wollen sie gleich nach Wolhynien fahren. Ich hätte Dich ja gerne hier in Ploshow, aber um Anielkas willen, die jetzt sehr der Schonung bedarf, mußt Du jetzt von einer Herkunft absehen. Wenn alles vorüber ist, kannst Du ja meinetwegen kommen.« Ich spiele keine Komödie vor mir selber! Am liebsten möchte ich mit dem Kopfe gegen die Wand rennen, so wild macht mich dieser Brief! aber es ist nicht Eifersucht – nicht Zorn – es ist Reue! 23. Juni. Ich kann nicht die Hände in den Schoß legen und alles gehen lassen, wie es will. Diese Heirat geschehen zu lassen, wäre ein Frevel. Ich habe an Sniatynski telegraphiert. Ich habe ihn himmelhoch gebeten, mich Sonntag in Krakau zu treffen. Er soll vorderhand reinen Mund halten, aber er soll mir helfen. Denn er hat großen Einfluß auf Anielka, er soll in meinem Namen mit ihr reden. Zuerst wollte ich an Anielka selbst schreiben, aber mein Brief würde nur große Unruhe stiften. Ich hoffe, Sniatynski übernimmt die Vermittelung, so heikel die Sache auch ist. Ich habe schon mehrere Nächte nicht geschlafen. Sobald ich die Augen zumache, steht Anielka vor mir – ich sehe ihr Antlitz, ihr Haar, ihre Augen – sie lächelt mich an, sie spricht zu mir – ich kann dieses Leben nicht länger ertragen! Krakau, 26. Juni. Sniatynski ist hier, er übernimmt die Vermittelung, der gute Kerl! Gott lohne es ihm! Freilich war es nicht leicht, ihn dazu herumzukriegen. Er wollte sich zuerst gar nicht darauf einlassen, schließlich bewog ihn sein Mitleid mit meiner Lage, sich meinen Bitten zu fügen. Ich bin auch wirklich in den letzten Tagen jammervoll elend geworden. Außerdem ist er auf Kromitzki schlecht zu sprechen. Er ist empört, daß Anielka so in ihr Unglück hineinrennen will. Morgen mit dem ersten Zug fährt er hinüber. Uebermorgen will er dann mit seiner Frau in Ploshow sein. Er wird dann dem Mädchen sagen, daß mein Leben in ihrer Hand liege, und ihm wird es gelingen, sie zur Umkehr zu bestimmen. Beim Abschied sagte mir Sniatynski: »Eins mußt Du mir versprechen, daß Du nicht Hals über Kopf nach Ploshow rennst, wenn die Sache ins Wasser fällt. Schreiben magst Du an Fräulein Anielka, aber persönlich darfst Du nicht eher kommen, als bis sie Dir das gestattet.« – Er machte mir wenig Hoffnung, aber ich sah doch, daß er die Sache nicht für ganz hoffnungslos hält. Zum mindesten rechnet er darauf, einen Aufschub der Hochzeit zu erreichen. Und dann hätte ich so gut wie gewonnen, denn Kromitzki würde sich dann wohl von selber wieder zurückziehen. Es ist gewiß nichts Leichtes, sein Schicksal in fremde Hände zu legen, statt selbst den Kampf aufzunehmen. Doch das gilt mir gleich – handelt es sich doch um Anielka! 27. Juni. In aller Frühe hat sich Sniatynski auf die Reise gemacht. Als ich ihn zur Bahn brachte, gab ich ihm noch soviele Verhaltungsmaßregeln mit auf den Weg, als wenn ich es mit einem Blödsinnigen zu tun hätte. Er brachte mich zu guter Letzt noch ganz außer mich, indem er bemerkte, wenn alles wieder im Lote sei, würde ich doch wieder anfangen, zu philosophieren. Aber er reiste doch mit der besten Zuversicht auf ein glückliches Gelingen ab. Und als er fort war, da habe ich, der Skeptiker, mich sogleich zur Marienkirche begeben – und ich – ich mit meinem immerwährenden »ich weiß nicht – ich weiß nicht« – ich habe eine Messe für Leon und Anielka bestellt. Ja, ich bin sogar selber in die Kirche gegangen, wie sie gelesen wurde, und ich schreibe nun hier: Mag alle Skepsis, alle Philosophie und mein ewiges »ich weiß nicht« zum Teufel fahren! 28. Juni. Nun muß Sniatynski schon unterwegs nach Ploshow sein. Zum mindesten müßte Anielka mir doch die Liebe antun, ihre Hochzeit aufzuschieben. Das zu verweigern, wäre unrecht von ihr. Warum sieht sich übrigens Kromitzki, dem es doch darum zu tun ist, Geld und wieder Geld zusammenzuscharren, nicht nach einer reicheren Partie um? Anielkas Besitztum ist zwar groß, aber mit Schulden überlastet. Aber er könnte – wenn er es darauf absieht, Grundbesitz zu erwerben und dadurch dann leichter Staatsangehöriger zu werden, dies alles auch anderswo haben, und obendrein noch eine Mitgift bekommen. Und Anielka hat auf ein Wort von mir gewartet, auf ein einziges Wort, das sie erlösen würde! Eine wahre Angst, daß sie mir das nie verzeihen könnte, schnürt mir die Kehle zu. Und ich bilde mir ein, daß ich selber und alle, die mir gleichen, dem Verderben geweiht sind. 10 Uhr abends. Anielka wird wohl kein Mitleid mit mir haben. Ich fühle das, als wenn es schon gewiß wäre. Die schlaflosen Nächte, die peinigende Unruhe haben mich in einen hypnotischen Zustand versetzt, der mich klar in die Zukunft schauen läßt. Ich weiß schon, wie Anielkas Entscheidung lauten wird, und ich verstehe nicht, wie ich nur noch hoffen konnte. Sniatynski hat mir versprochen, mir sofort zu telegraphieren. Wenn sein Telegramm kommt, wird es nichts Neues für mich enthalten. 29. Juni. Sniatynskis Telegramm ist gekommen. Es enthält nur die Worte: »Alles verloren. Raffe Dich auf und geh Deiner Wege!« Ich befolge seinen Rat. – Meine Anielka! Zweiter Teil Paris, 2. April. Ich habe mich an die Führung meines Tagebuches tatsächlich so gewöhnt, daß mir diese Arbeit fehlt; und doch habe ich ganze zehn Monate keine Feder angerührt. Ich sagte mir: wozu schreiben? Dem Gefühl gegenüber, die Tatsache ihrer Verheiratung nicht aus der Welt schaffen zu können, erlahmt mir die Hand. Es ging mir auch mit anderen Dingen so: wollte ich mich anziehen, in die Stadt oder ins Theater oder in den Klub gehen, dann kam mir wieder das Wozu? in den Sinn, und immer mußte ich mir erst sagen, daß ich doch zu Mittag gegessen, mir den Bart gestutzt und Aehnliches verrichtet hätte, bevor ich sie kannte. Ich bin in den ersten Monaten viel auf Reisen gewesen, habe mich sogar bis nach Island verirrt; aber weder die schwedischen Seen noch die norwegischen Fjorde noch die isländischen Geiser haben einen eigenen unmittelbaren Eindruck auf mich geübt; ich habe mich vielmehr überall gefragt, was Anielka dabei empfinden, was Anielka darüber sagen werde ... kurz: ich habe gesehen mit ihren Augen, gedacht mit ihren Gedanken, empfunden mit ihren Empfindungen. Dachte ich dann daran, daß sie jetzt nicht mehr Anielka, sondern Frau Kromitzka sei, sprang ich im Nu wieder in den Zug oder das Schiff und reiste weiter, weil ich nichts mehr sehen, nichts mehr hören mochte ... Ob mein Zustand in dieser Zeit mehr oder weniger grenzenlose Verzweiflung war, kann ich nicht sagen und mag ich auch nicht ergründen. All mein Wesen und Sein war eben erfüllt von ihr, und mir wurde zum ersten Male klar, wie schrecklich wir jene Leere empfinden, die der Tod einer wahrhaft geliebten Person in uns zurückläßt. Allmählich gewannen indessen die Lebensgewohnheiten wieder ihre Macht über mich: wie mir scheint, wohl ein ziemlich alltägliches Vorkommnis; in dem Bewußtsein, daß sich nichts mehr ändern lasse, liegt ein gewisser Grad von Linderung. Mir fällt immer und immer wieder jener Indianer ein, der in seinem Kanoe in die Strömung des Niagara geriet, und der, sobald er erkannte, daß sein verzweifelter Kampf gegen das Schicksal vergeblich war, die Ruder fallen ließ, sich in sein Kanoe legte und zu singen anfing ... Ich sänge auch am liebsten ... aber nicht alle Wogen haben, wie die des Niagara, die gute Eigenschaft, ihre Opfer zu Atomen zu zermalmen; es gibt auch Wogen, die den Menschen auf eine öde Sandbank werfen, und so erging es mir! Paris, 8. April. Obwohl ich Menschen eigentlich weder liebe nach hasse, fühle ich doch gegen gewisse Menschen einen gewissen Abscheu, und zu ihnen gehört auch Kromitzki: nicht darum, weil er mir Anielka genommen, sondern wegen seiner langen Beine, wegen der häßlichen, an eine Hopfenstange erinnernden Gestalt und wegen seiner, wie eine Kaffeemühle schnarrenden Stimme. Er war mir von jeher zuwider, und wenn ich jetzt davon rede, so nur darum, weil ich immer an diejenigen Menschen denken muß, die meine Nerven in unliebsame Erregung versetzen. Mit meinem Gesundheitszustand hängt das nicht zusammen, denn ich fühle mich so munter wie noch nie in meinem Leben; vielleicht hat es seine Ursache darin, daß der Mensch, so lange er lebt, auch empfindet: mir ist meine Liebe geraubt worden, mein Haß ist mit der Zeit verharscht; ich empfinde also, was ich noch empfinden kann; ich lebe mit dem, was mir zum Leben noch geblieben ist; aber ich muß sagen, daß der Mensch, der so lebt und empfindet, an Glück keinen Ueberfluß leidet ... Von den Sympathien, die ich ehemals gehegt habe, ist so gut wie nichts mehr vorhanden: gegen Sniatynski fühle ich geradezu Antipathie, und es gelingt mir nicht, sie zu beseitigen, soviel ich auch an meine Vernunft appelliere. Dieser Mensch will eben zu aller Zeit und allerorten Sniatynski sein, und das verleiht ihm etwas Gedrechseltes: dieser Pose opfert er alles ihm angeborene Zartgefühl. Außer dem ungehobelten Telegramm, durch das er mir nach Krakau meldete, daß er bei Anielka nichts habe ausrichten können, bekam ich auch nach Christiana einen Brief von ihm, der vielleicht ganz gut gemeint war, aber nicht minder grob und schroff war ... »Fräulein Anielka,« so etwa schrieb er mir, »ist nun Frau Kromitzka – also alles vorbei – Du kannst mir leid tun – Herzlichen Gruß – bloß meine Du nicht, daß darum der Himmel einpurzelt – es gibt noch manches auf Erden, was wichtiger ist – Schwerenot! es muß in Norwegen freilich famos sein – jetzt komm aber mal heim und fange an zu arbeiten ... Für heut Adieu! u. s. w.« Ich wiederhole nicht wörtlich, was er schreibt, aber in diesem Tone ist sein Brief gehalten ... Er hat mich höchst unangenehm berührt, denn ich habe Sniatynski nicht drum angegangen, um mein Malheur sich zu bekümmern, und dann sollte er doch soviel Takt haben, zu fühlen, daß das, was er »manches Wichtigere« nennt, nur für Menschen Sinn hat, die nicht frei sind von Vorurteilen ... Ich wollte ihm antworten, daß er mich besser mit solcher geistigen Vormundschaft verschone; als ich mir die Sache aber reiflicher überdachte, zog ich es vor, gar nicht zu antworten: schließlich noch immer die allerbequemste Manier, eine Beziehung zu lösen. Wenn ich mir den Fall aber schärfer ansehe, so finde ich, daß ich Sniatynski darum nicht mehr leiden mag, weil ich mich eigentlich doch selbst in seine Vormundschaft begeben habe, und weil also auf diese Weise die mir durch Anielkas Abweisung widerfahrene Demütigung, wie auch der Schmerz, den ich erdulden mußte, den Weg zu mir durch seine Hände nahmen. Ich ärgere mich über mich selbst, daß ich ihm solchen Anteil einräumte, aber über ihn nicht minder, weil er solchen Anhalt daran hatte ... und trotzdem ich mir sage, daß ich hiermit eine Ungerechtigkeit begehe, kann ich es doch nicht hindern, daß sich meine Freundschaft verzehrt wie eine abgebrannte Kerze ... Uebrigens besitze ich keine sonderliche Veranlagung zu Freundschaft, denn ich gehöre zu den sogenannten Einsiedlernaturen, und habe mir darauf manchmal sogar etwas zu gute getan, denn ich habe diese Eigenschaft für ein Anzeichen von Kraft gehalten, wenn sich in diesem Falle wohl nicht gerade von den Herdentieren, unter denen sich immer nur die schwächeren Gattungen vertreten finden, auf das menschliche Geschlecht schließen läßt. Noch weniger sympathisch als die Freundschaft unter Männern war mir immer die Freundschaft zwischen Mann und Frau; denn ich kann sie nicht für ehrlich halten. Immerhin gehe ich durchaus nicht so weit, sie für unmöglich zu halten; denn die Welt mit meinem eigenen Maße zu messen, dazu bin ich nicht dumm genug, und immer bloß Schlechtes zu wittern, nicht gemein genug. Für meine Meinung, daß solches Freundschaftsverhältnis zu den Seltenheiten gehört, scheint zu sprechen, daß es nur selten vorkommt ... Warum aber nicht? Das Gefühl der Liebe existiert doch zwischen Geschwistern; warum sollen sich nicht zwei Menschen verschiedenen Geschlechts als Schwester und Bruder fühlen, auch wen sie nicht blutsverwandt sind? Sollte Neigung zu platonischen Freuden nicht gerade das Kennzeichen vornehmer Seelen sein? zur Gattung von Eignern solcher Seele rechne ich Dichter, Künstler, Philosophen, überhaupt Menschen, die über die Durchschnittsplebs der Gattung homo hinausragen ... Es hat eine Zeit gegeben, da es mir so ums Herz war, als ob mir Anielka als Gattin nicht bloß Ehefrau und Geliebte, sondern auch Freundin sein werde; aber denken wir nicht mehr daran! die Geister der Vergangenheit spuken allzu oft bei mir herum, und ich werde Ruhe wohl erst finden, wenn es mir gelungen ist, sie zu bannen. 4. April. Mit Madame Davis treffe ich mich hier ziemlich häufig, ja ich verkehre sogar bei ihr. Von den einstigen Beziehungen keine Spur! alles unter einer dichten Ascheschicht begraben! aber unter ihr hervor lugt viel versteckte Abneigung, ia sogar Verachtung ... sonst das übliche Gesellschaftszeremoniell ... sie ist noch immer schön, aber lieben kann ich sie nicht, und um zu hassen, bin ich zu träge. Sie begriff übrigens diesen Stand der Dinge im Nu und richtete sich danach ein. Wie leicht übrigens eine Frau den Uebergang von den intimsten Beziehungen zu den gewöhnlichen Verkehrsformen findet, darüber muß man sich als Mann tatsächlich verwundern. Sowohl wenn wir allein als auch wenn wir in Gesellschaft sind, findet Laura immer den konventionellen Gesprächs- und Verkehrston, und sichtlich mit Leichtigkeit. Von irgendwelchem Zwang keine Spur! ihr Benehmen durchaus gesetzt: nicht zu kühl, nicht zu animiert, und mich steckt das so an, daß es mir nicht ein einziges Mal in den Sinn gekommen ist, sie mit ihrem Vornamen anzureden ... Ihr Neffe aus Neapel, Maleschi, der erst Gift und Galle wider mich spuckte, ist jetzt mein guter Freund. Den Ruf eines Feiglings, den er in Italien hatte, scheint er nicht zu verdienen, wenigstens hat er hier bereits ein Duell wegen Laura gehabt und gut bestanden. Davis, der arme Schlucker, ist schon vor Monaten in Nirwana versunken. Nach Ablauf der Trauerzeit wird, wie ich vermute, Laura diesen Vetter aus Neapel heiraten. Ein herrliches Paar würden sie abgeben: er mit seiner Antinous-Gestalt und dito Kopf, mit der wie Gold schimmernden Haut, dem rabenschwarzen Haar und dem in seiner Bläue an das Mittelmeer erinnernden Augenpaar ... Laura mag ihn ja lieben; aber sie behandelt ihn manchmal miserabel; sie ist schon so rüpelhaft in meiner Gegenwart mit ihm umgegangen, aus Gründen, die ich nicht kenne, daß ich mich schier verwundert habe, denn solcher Ungezogenheit hätte ich sie in der Tat nicht für fähig gehalten! es hat also den Anschein, wie wenn sie neben einer Aspasia auch eine Xanthippe sei. Eigentümlich übrigens: hier in Paris macht ihre Schönheit nur geringe Sensation: sie ist wohl für die Seine zu klassisch, denn dem hier vorherrschenden krankhaften Geschmacke gefällt pikante Häßlichkeit mehr, auf abgestumpfte Nerven wirkt sie ja besser als vollendete Schönheit. Es ist ja auch bekannt, daß die Pariser Damen der Halbwelt, die berühmtesten voran, eher häßlich sind als schön ... Sie hat, um ihren Salon interessanter zu machen, seit einigen Wochen einen Musiktempel damit verbunden. Sie singt ja selbst, und zwar wie eine Sirene; Klara Hilst, die deutsche Pianistin, jung, blühend, aber von einer Figur, daß vor kurzem ein Maler über sie den Ausspruch getan hat: » C'est beau, mais deux fois grandeur naturelle !« Die Dame hat hier, ungeachtet ihrer deutschen Abkunft, bedeutenden Erfolg. Aber ich muß wohl für die neuere Vortragsweise als Jünger der alten Schule keinen Sinn haben oder kein Verständnis, denn wenn ich diese kräftige Dame auf dem Pianino hämmern höre, ist's mir immer zu Mute, als wenn sie einen Mann verprügeln wollte, der ihre Schwester verführt hat ... Sie ist übrigens auch Virtuosin auf der Windharmonika, und von ihren Kompositionen heißt es allgemein, sie zeichneten sich durch Tiefe aus; ich glaube, sie gehören zu jener Gattung von Musik, von der man, wenn man sie zehnmal gehört hat, beim elften Male vielleicht etwas versteht; was ich hier sage, mag ja boshaft sein, auch wohl keck oder gar dreist, insofern als ich ja doch nur Laie bin; immerhin kann ich der Meinung mich nicht verschließen, daß Musik, die nur Professoren vom Konservatorium oder der Musikakademie verständlich ist, und nicht bloß nicht einfachen Menschenkindern, sondern auch den Musikdilettanten nicht, keinen Anspruch darauf machen kann, was wir unter Musik im eigentlichen Sinne verstehen oder verlangen. Entwickelt sich die Musik in diesem Stile weiter, so kann es nicht ausbleiben, daß die Tonkünstler schließlich eine abgeschlossene Kaste bilden wie im Aegypten des Altertums die Priester, die alle Weisheit und Schönheit für sich in Verwahrsam nahmen. Was mich an Fräulein Hilst wundert, ist, daß sie zu jener Gattung der ausübenden Musik gehört, die wir als »musikalisch-philosophisch« bezeichnen, und zwar darum wundert mich das, weil sie von Gemüt schlicht, richtiger gesagt, sogar harmlos ist: eine Karyatide mit den hellen, unschuldigen Augen eines Kindes und einem Herzen von wahrhaft kindlicher Aufrichtigkeit ... sie wird viel umschwärmt, weil nicht allein ihre Schönheit, sondern auch der Nimbus als Künstlerin bei ihr anzieht. Abgesehen von Laura, die sie wohl nicht recht leiden mag, ist ihr wohl kaum eine Dame gram, denn durch ihre in der Tat seltene Herzensgüte, ihre wirklich einfache Art und ihren heiteren Sinn entwaffnet sie allen Neid. Sie kann lustig sein wie ein Gassenbube und lachen wie ein Pensionsfräulein, was ihr die Gesellschaft verzeiht und nur verzeihen kann, weil sie Künstlerin ist. Sittlich schön ist ihr Typus, aber, abgesehen von ihrer Eigenschaft als Künstlerin, kaum sonderlich begabt. Laura hat mir schon einige Male angedeutet, die Karyatide sei in mich verliebt: ich glaube nicht, daß Laura die Wahrheit spricht; wollte ich mich darum bemühen, so könnte es ja schließlich der Fall sein, denn daß ich ihr nicht unsympathisch bin, will ich schließlich gelten lassen, da sie mir ja auch sympathisch ist; immerhin läge mir an ihrer Eroberung wohl kaum etwas. Kommt mir solcher Gedanke einmal, so ist dieses ganz ohne mein Zutun, und nur auf einen Moment. Ich möchte meinen Standpunkt den Frauen gegenüber mit dem eines Juweliers, der sein Geschäft aufgegeben, vergleichen: was diesem die Edelsteine sind, das sind mir die Frauen; kommt mir ein weibliches Juwel vor die Augen, so kommt mir wohl der Gedanke: das müßtest du haben; fast ebenso schnell aber fällt mir ein: wozu? du hast doch dein Geschäft an den Nagel gehängt, und gehe weiter. Nichtsdestoweniger habe ich ihr, wenn auch nur halb im Scherz, den Vorschlag gemacht, einmal in Warschau zu konzertieren, und mich ihr als »Impressario honoris causa»« angeboten. Ursache, nach Warschau zu reisen, hätte ich ja, denn die Tante hat mir ihr Warschauer Haus überschreiben lassen; bei der Eintragung im Grundbuch muß ich natürlich zugegen sein, und außerdem sind auch jetzt die jährlichen Rennen in Warschau, und der Rennsport ist seit jeher eine Schwäche der alten Dame, so wenig sich eine solche auch mit ihren sonstigen Neigungen: Landwirtschaft, fromme Werke und religiöse Uebungen, zu vertragen scheint. Mag sein, daß sich der alte ritterliche Hang instinktiv bei ihr geltend macht, der den Ploshowskis nachgerühmt wird. Tante beteiligt sich bei jedem Rennen, aber ihre Pferde werden immer geschlagen; und wenn dies wieder einmal der Fall gewesen, dann hat's der arme Chwastowski auszukosten: monatelang muß er's dann mit anhören, daß ihn einzig und allein die Schuld an dem Mißerfolg treffe ... Jetzt bildet sich Tante ein, ein Phänomen von Renngaul gezüchtet zu haben, und verspricht sich Wunderdinge von ihm. Sie hat mir geschrieben, ich solle Zeuge dieses unausbleiblichen Sieges der schwarzgelben Fahnen sein, und so werde ich denn nach Warschau reisen ... Auch andere Gründe bestimmen mich zu der Reise: ich bin jetzt ruhiger geworden, ich erwarte nichts mehr und verlange nichts mehr, sondern habe mich in eine Art geistiger Paralyse gefunden, die meinethalben der leiblichen vorausgehen mag, die mich ja doch einmal, wie den Vater, treffen wird ... aber die Ursache, die mich zu dem gemacht hat, was ich jetzt bin, kann ich jetzt nicht vergessen: daß nämlich jenes einzige Wesen, dem alle meine Liebe gehörte, mir jetzt in zwei Hälften zersplittert ist: die eine Hälfte, Frau Kromitzka, ist mir eine fremde, gleichgültige Person; die andere, Anielka, erscheint mir, um mir meine Schuld, meine Dummheit, meine geistige Impotenz, meine Einbuße, meine Enttäuschung, meinen Schmerz und meine Bitterkeit vor Augen zu rücken. Dann und wann ist es mir zu Mute, als wenn die eine die andere aufheben, vernichten müsse, wenn ich sie als Ehefrau sehe ... als wenn ich eine andere Anielka, eine, die mit der früheren keine Aehnlichkeit aufwiese, sehen würde ... und das eben ist's, was mich bestimmt zu dieser Reise! da sie nun zehn Monate lang ihre kranke Mama nicht gesehen hat, wird sie sie doch in Ploshow besuchen: es ist also wohl zu erwarten, daß ich sie dort treffen werde. Daß es mich abstoßen, überall wo ich sie treffe, verletzen wird, sie als Frau eines Kromitzki zu treffen. darf ich wohl mit Sicherheit erwarten: ceci tuera cela Zu verlieren hätte ich übrigens nichts, wenn ich mich hierin auch irren sollte, und gewinnen will ich nichts dabei, höchstens herausfinden, daß nicht auf meiner Seite alle Schuld liegt, und daß Frau Kromitzka vielleicht doch einen Mißgriff damit getan hat, meine Reue zu verschmähen. Aber ihr das zu beweisen, müßte ich davon erst selber überzeugt sein, und zuweilen fehlt mir diese Ueberzeugung doch: ich bin von A bis Z im unklaren, im Zweifel. 6. April. Es steht fest, daß ich Frau Kromitzka treffen werde. Tantchen hat mir mitgeteilt, Kromitzki habe das Gut seiner Frau verkauft und sich nach dem östlichen Asien begeben, um dort zu spekulieren; der Frau sei also weiter nichts übrig geblieben, als sich zur Mama nach Ploshow zu begeben. Zuerst war mir diese Nachricht so gut wie gleichgültig, und jetzt bekomme ich sie schon nicht mehr aus dem Sinne: das Gut also verkauft, das über vierhundert Jahre im Besitz der Familie war und um dessen Erhaltung sich die Mama Anielkas so viel Last, soviel Kummer und Sorge gemacht hat! keine zehn Monate mit Anielka verheiratet, und schon ihr Gut losgeschlagen! bloß weil er's gut bezahlt bekam, und weil ihm das Geld dafür zu seinen Spekulationen gelegen kam! wie muß es den beiden Frauen zu Mute gewesen sein, als sie das erfuhren? was mögen sie jetzt, was müssen sie jetzt von ihm denken? Tante sitzt viel an Celinas Bette, die infolge des Kummers kränker geworden ist ... Anielka hat ganz sicher gewußt, was sie tat, als sie unter die Verkaufsvollmacht ihren Namen setzte; aber vor den Leuten nimmt sie ihn in Schutz, und Tantchen schreibt in ihrem Briefe, was Anielka darüber gesagt habe: »Die Sache ist ja für uns ein Malheur, ein großes Malheur, aber es ging nun einmal nicht anders, und Karl dafür verantwortlich zu machen, wäre unrecht.« Nun, nimm ihn nur in Schutz, Du getreues, musterhaftes Weib; aber den Gedanken, daß er Dein Herz mit einem zweischneidigen Schwerte verwundet hat, und daß Du ihn jetzt aus tiefster Seele verachtest, nimmst Du mir nicht aus der Seele! die Tatsache, daß er verkauft hat, löscht keine Liebkosung von ihm aus ... und die Mama, die sich in den Wahn hinein geträumt hatte, dieser Mann werde nichts Eiligeres zu tun haben, als seine Millionen in Anielkas Gut zu stecken und alle Schulden, die darauf lasteten, zu tilgen, die ihn eben deshalb immer so protegierte, sie hat nun ihr erträumtes Glück! Nun, meine Damen, ich bin kein Phrasenheld, aber ich hätte nicht verkauft, ganz gewiß nicht! schon aus Zartgefühl nicht, um Euch nicht wehe zu tun, denn ich hätte Euch lieb gehabt und hätte Euch um des Gutes und das Gut um Euretwillen wert gehalten! Spekulanten müssen aber immer Geld flüssig haben und brauchen Halt: ich will nicht den Propheten spielen, aber ich möchte hinter die Millionen Kromitzkischer Provenienz ein paar dicke Fragezeichen setzen. Tante schreibt, er sei gleich, nachdem der Verkauf perfekt geworden, nach Baku gereist und wolle auch nach Turkestan; sie hat sich von den Millionen dieses Mannes niemals viel versprochen und mir wiederholt angedeutet, daß sie Anielka in ihrem Testament bedenken wolle; aber es geschah immer in einem Tone und mit einem Wesen, als ob sie den Gedanken, sie verkürze dadurch ihre eigene Familie, nicht los werden könne. Was Tante besitzt, soll eigentlich, nach ihren bisherigen Bestimmungen, ungeschmälertes Eigentum der Ploshowski bleiben ... aber, ach! wie wenig kennt mich ihr gutes Herz! hätte Anielka heut kein Paar Schuhe mehr anzuziehen und müßt ich, um ihr eins zu geben, ganz Ploshow dafür opfern, so tät ich's, tät's ohne Besinnen ... vielleicht, um mich in recht schroffen Gegensatz zu diesem Kromitzki zu setzen, das will ich dahingestellt sein lassen: aber ich täte es! Der Gedanke, täglich mit Frau Kromitzka zusammenzukommen, regt mich auf: ich bin halb und halb gespannt, wie sich unser beiderseitiges Verhalten gestalten wird. Ich bin nie davon Freund gewesen, mich selbst zu belügen, und bemerke wiederholt, daß ich nach Ploshow fahre, um mich völlig zu kurieren, in der Hoffnung, ihr Bild durch ihren Anblick sicherer aus meinem Herzen zu bannen als durch alle Geiser und Meere und Fjorde; nichtsdestoweniger müßte ich der Lebemann nicht gewesen sein, der ich war, wenn ich mir die Gefahr nicht eingestehen wollte, die in einer derartigen Sachlage doch immerhin verborgen sein konnte. Was hätte mich hindern oder abhalten sollen, mich zu rächen, wenn es mich nach Rache verlangt hätte? würden wir denn in dem stillen Ploshow, das fern von der Stadt lag, nicht beide so gut wie allein sein? die beiden alten Damen waren doch ein Paar harmlose Kinder, die zeitlebens nicht vom Tugendpfade abgewichen waren; in dieser Hinsicht kannte ich sie doch sattsam, von ihnen käme doch sicher keine auf die Idee, daß Anielkas Tugend eine Gefahr drohen könnte, nachdem sie nun einmal verheiratet war ... und Anielka gehörte selbst doch auch zur gleichen Frauengattung: hätte Kromitzki nicht bereits ihr Wort gehabt, so hätte sie doch meine letzte Bitte ganz gewiß nicht abgewiesen! eine Polin dieser Kategorie bricht allemal lieber ein Herz als ihr Wort, und darüber packt mich Zorn. Daß ich gegen Anielka schwer gefehlt habe, kann ich nicht abstreiten; aber ich hatte den ehrlichen Willen, meinen Fehltritt wieder gut zu machen, und das hat sie gewußt, mich aber trotzdem von sich gestoßen ... das ist nicht mehr Tugend, sondern Herzlosigkeit; das ist Dummheit, aber keine Heldentat; so etwas läßt sich nicht vergessen ... 6. April. Anangke: ein herrliches griechisches Wort, und ein verständiges Wort! Friedlos soll ich sein durch dieses Weib, auch wenn mir nichts mehr an ihr liegt ... dieses Sinnieren über den Verkauf des alten Majorats und über ihren Aufenthalt in Ploshow hat mich doch in große Erregung versetzt. Ich habe heut nacht miserabel geschlafen und nach Antwort auf allerhand Fragen gegrübelt; zum Beispiel: ob ich berechtigt sei, Frau Kromitzka von dem Wege der Pflicht abzulenken, oder nicht? Nicht als ob das in meiner Absicht läge! ganz und gar nicht: denn mich reizt das Weib dieses Namens durchaus nicht; aber ich möchte, wie gesagt, wissen, ob ich ein Recht dazu habe? Dergleichen Sinnierereien füllen mein Dasein aus in Ermangelung sonstigen Lebenszwecks ... einen Genuß bilden sie nicht, dazu gleichen sie zu sehr der Passion der Hunde, nach dem eigenen Schwänze zu jagen ... aber wenn ich damit auch nichts erreiche und nichts beweise, sondern mich abquäle, so habe ich wenigstens einen Trost: daß darüber wieder ein Tag und eine Nacht hingegangen ist. Daß ich mir Gewissensskrupel machen kann, die dem Ploshower Pastor zur Ehre gereichen könnten, habe ich mir bei allem Skeptizismus, der mich beherrscht, weiß Gott! nicht gedacht. Immer und immer wieder habe ich mir in der Nacht wiederholt, daß solche Frage doch nur theoretischer Natur sei, daß ich aber ein Recht dazu hätte; es half mir nichts weiter, denn ebenso oft hallte auch immer aus der alten Dorfkirche ein Nein! Nein! Nein! herüber ... Mit solchen Skrupeln muß man immer gleich reinen Tisch machen; es handelt sich dabei um das seelische Gleichgewicht: und reinen Tisch zu machen, paßt mir heut abend gerade in den Kram ... Im Laufe des Nachmittags war ich bei einem bekannten Maler. Dort traf ich die Frau Davis. Sie stellte gerade die Behauptung auf, die Frau müsse schon » pour la netteté du plumage « immer unnahbar bleiben, und Maleschi pflichtete ihr bei: » Oui, oui, pour du plumage !« Mir kam dabei der Gedanke, daß im selben Augenblicke wohl alle Krabben im Mittelmeer auf dem Rücken liegen und ihre Extremitäten zum Himmel recken mochten, um Jupiters Blitz und Donner herniederzuflehen ... Aber ich schnitt das ernsteste Gesicht von der Welt, keine Spur von Lächeln spielte um meine Lippen, trotzdem mich eine Heiterkeit befiel von so zynischer Art, daß ich noch jetzt vergeblich gegen sie ankämpfe: aber solche Heiterkeit ist allemal die verläßlichste Waffe gegen unnütze Skrupel. Weiter: vom Standpunkte der Ehre aus, wie jene Herren sie auffassen, die nicht bloß selbst sich für Gentlemen ansehen, sondern auch in den Augen der Welt als solche gelten, ließe sich kein Paragraph finden, der es mir verböte, die Frau in mich vernarrt zu machen und dann vom Pfade der Pflicht zu locken ... Die Moral dieser Herren ist nun freilich ein wundersames Ding: stehle ich Geld, so fällt nach solchem Sittenkodex die Schmach auf mich; der Bestohlene aber steht frei von Tadel da ... stehle ich aber meines Nächsten Weib, dann stehe ich frei von Tadel da, während alle Schuld auf den Bestohlenen fällt. Wie erklärt sich das? ist das bloß Verirrung unseres moralischen Bewußtseins, oder sollte denn wirklich zwischen dem Diebstahl einer Börse und dem eines Weibes ein so großer Unterschied liegen, daß sich die beiden Verbrechen nicht über einen Kamm scheren lassen? Ich gelange zu dem Schlusse, daß dies letztere der Fall sein muß: man kann ein denkendes Wesen nicht mausen wie eine leblose Sache; der Spitzbube, der seines Nächsten Weib maust, begeht also einen Diebstahl mit Einwilligung des Eigentums, das er maust. Wie komme ich dazu, Ehemannsrechte zu achten, die die Ehefrau selber nicht respektiert? was geht mich der Kerl selber an? Ich treffe ein weibliches Wesen, das mir angehören will, und das nehme ich in Beschlag; der Mann dieses weiblichen Wesens ist für mich a priori nicht da, und die Gelübde, die dasselbe abgelegt hat, scheren doch mich nicht! Soll ich mich abhalten lassen aus Achtung vor dem Sakrament der Ehe? ... vor einer Institution, die mir das Blut aussaugt? die alle Lebenslust in mir ertötet? »Du bist also ein Verehrer der freien Liebe?« höre ich Sniatynski im selbstbewußten Tone, als wenn er seiner Sache, mich mit dieser einzigen Frage abzutrumpfen, sicher sei. Ganz und gar nicht, mein Herr Sniatynski! ich stehe in dem Falle lediglich für mich selbst. Auf landläufige Theorien pfeife ich. Ich möchte sehen, was Dir alle schönen Satzungen unserer Gesellschaft und alle Vorschriften, sie in Ehren zu halten, helfen möchten, wenn es Dir beliebte, ein anderes Weib, oder Deinem Weibe beliebte, einen anderen Mann zu lieben? ... es gibt eben in der Welt nur die einzige Logik: die der Leidenschaft ... da kann Vernunft warnen, soviel sie will: gehen die Rosse durch, so behält sie im günstigsten Falle noch ihren Sitz auf dem Kutschbocke, und wird bemüht bleiben, die Kutsche vorm Zerschellen zu hüten. Liebe ist Element des Lebensmeeres, und ein Element von gleicher Macht, wie Ebbe und Flut des Weltmeeres. Liebt eine Frau ihren Mann, so werden keine Höllenpforten sie überwältigen, denn ihr Schwur vor dem Altar gilt ihr lediglich als Weihe dieser Liebe; hat sie aber den Schwur nur geleistet als Gelöbnis der Pflicht, dann wird sie die erste beste Woge wie einen toten Fisch auf den Sand schleudern. All diese Betrachtungen kommen mir unwillkürlich. Ueber eine Stunde bin ich in meinem Zimmer hin und her gegangen. Absichten, die einer Rechtfertigung vor mir selbst bedürften, verfolge ich nicht, und dennoch haben diese Betrachtungen mich in solche Erregung versetzen können, daß ich nicht mehr im stande war, die Feder zu führen ... Es ist schon spät. Drüben glänzt die Kuppe! des Invalidendomes im Mondenschein, wie ehedem die der Peterskirche in Rom, als ich auf dem Pincio auf und abschritt, in Gedanken an Anielka versunken ... O, und hätt' ich geheime Absichten noch so schlimmer Art, wenn Anielkas Glück in Frage dabei käme, so würde ich die Kraft finden, mich zu überwinden, auch die wildesten Gelüste zu meistern! denn um nichts in der Welt möchte ich ihr Unglück auf meinem Gewissen haben ... Aber, so gewaltig die Zärtlichkeit auch gewesen, die ich für sie in meiner Brust barg, jetzt meldet sich dort der Skeptiker mit einer neuen Frage: würde sie, wenn solcher Fall einträte, auch wirklich so unglücklich sein? Mich hat so manche Lebenserfahrung gelehrt, daß Frauen aufhören unglücklich zu sein, wenn sie zu kämpfen aufhören, und daß sie dann eigentlich bloß noch eins sich zum Vorwurfe machen: so lange gekämpft, so lange widerstanden zu haben. Aber bei all diesen Fragen, bei all diesen Versuchen, eines Rätsels Lösung zu finden, drängt sich mir immer ein Wort wieder in den Sinn: Wozu? die gute alte Zeit, in welcher noch an allem gezweifelt wurde, bloß nicht an der Möglichkeit, Gutes von Bösem, Wahres von Falschem durch den Verstand zu unterscheiden, ist nun einmal überwunden, und wir sind in einen Urwald von Irrungen hinein geraten ... es wäre wirklich gescheiter, ich machte mich auf die Reise ... Die Tatsache schaffe ich doch mit allem Sinnieren nicht aus der Welt: daß Musje Kromitzki das Majorat seiner Frau »verkloppt« hat, und daß er sie mit dieser Handlung in ihrer tiefsten Seele verletzt hat! ... aber hätt' ich das nicht selbst schwarz auf weiß zu Papiere gebracht, so ... weiß Gott! so könnt ich's nicht glauben ... 10. April. Gestern machte ich bei Frau Davis Abschiedsvisite und traf dort Fräulein Hilst, die auf der Windharmonika konzertierte. Laura scheint jetzt Geschmack an Musik zu finden. In einer Pause trat ich zu der Künstlerin und sagte ihr, wieder halb im Scherz, daß ich jetzt nach Warschau reiste; ich möchte sie an ihr Versprechen, mitzukommen, erinnern. Ich war nicht wenig verwundert, aus ihrem Munde zu vernehmen, daß es schon lange ihr Wille sei, in Warschau zu konzertieren; sie benützte ja gern die Gelegenheit, die Reise in meiner Gesellschaft zu machen, ich mußte ihr jedoch erlauben, eine alte Verwandte mitzunehmen, ohne deren Begleitung sie niemals auf Reisen ginge, wie auch ihre stumme Klaviatur, da sie auch unterwegs zu üben gewohnt sei. Mir war das alles insofern jetzt ein wenig unbequem, da ich ja ohne Aufenthalt in Warschau nach Ploshow zu fahren vorhatte; mir fiel jedoch ein, daß ich sie ja, wenn alle Stränge rissen, Sniatynski »zur weiteren Erledigung übermachen« konnte, der ihr ohnehin von weit größerem Nutzen sein konnte als ich; die Dame ist zwar als Tochter eines reichen Frankfurter Industriellen auf Einnahmen nicht angewiesen, immerhin war mir ihr Entschluß, Warschau zu besuchen, verwunderlich. Wenigstens war Paris doch ein weit günstigerer Boden für ihre Konzertabende als Warschau. Laura gab mir zwar neuerdings zu verstehen, daß Fräulein Hilst ein Auge auf mich habe; mir scheint fast, die Unschuld der deutschen Virtuosin macht sie neidisch: ein komisches Wesen, diese Laura. Alles geht bei ihr auf den Dekor hinaus! Klaras Unschuld sieht sie nicht mit anderen Augen an wie eine schöne Spitze oder ein prächtiges Kleinod, und allein aus diesem Grunde möchte sie mir diese schöne Riesin in die Arme zwängen. Um meine Person geht es ihr dabei nicht im geringsten, denn ich gelte ihr nichts weiter als eine getragene Berlocke. Hassen möchte ich dieses Weib um des Ueblen willen, das sie mir angetan hat; aber wenn ich mein Gewissen frage, so antwortet es mir, daß ich auch ohne sie dahin gelangt wäre, wo ich heute stehe; daß ich um mein Glück auch ohne sie, durch ein anderes, doch ebenso wirksames Medium, gekommen wäre; Haß ist ja doch nur aus der Art geschlagene Liebe, wie Satan der gefallene Engel; und geliebt habe ich Laura ja nie ... und wenn ich sie verachte, so ist das doch etwas anderes als hassen, denn sie schenkt mir doch wahrlich auch keine Achtung, ich möchte sogar sagen, sie birgt schlimmeren Groll gegen mich als ich gegen sie. Ob sie über Klaras Empfindungen gut oder schlecht unterrichtet ist, kümmert mich eigentlich nichts; heute möchte ich meinen, sie habe recht, und wenn ich mich hierin nicht irre, so bin ich ihr in gewissem Sinne dankbar, denn es tritt in meinem Leben zum ersten Male der Wunsch an mich heran nach einer Freundin, ohne daß ich dabei etwas von der Regung verspüre, ihr Vertrauen zu betrügen. Es kommt mir so vor, daß mein friedloser Geist in solchem Freundschaftsverhältnis doch noch zur Ruhe kommen könnte. Ich habe mich heute mit Fräulein Hilst, ganz wie es unter Freunden schicklich ist, ausgesprochen: sie ist kein weibliches » lumen ,« sie weiß aber zwischen Schön und Häßlich, Gut und Böse recht scharf zu unterscheiden und ist infolgedessen vor Irrtümern ziemlich sicher. Ihr Temperament vertrüge in gewissem Grade den Vergleich mit der Sonne. Sie ist »geistig gesund«: eine Tugend, die sich bei dem Volke, dem sie von Geburt angehört, nicht selten vorfindet; ich bin öfter mit Deutschen in Berührung gekommen, habe aber immer gefunden, daß es bei ihnen Leute von meiner Art nur wenig gibt; Deutsche und Engländer sind Vertreter des Positivismus: sie wissen genau, was sie wollen; mit dem Begriffe »Denkervolk« hat es nicht mehr viel auf sich, denn ihr »Pessimismus« von heute lind ihr »Weltschmerz« von ehemals sind nur von theoretischem Werte; »Genies ohne Portefeuille« haben sie nicht und lieben sie nicht, denn sie lieben die Praxis, sich den Anforderungen des täglichen Lebens scharf anzupassen; sie nehmen sich Theorien nicht zu Herzen und bleiben deshalb ruhig und kräftig. Auch Klara besitzt diese Ruhe; weil nichts von dem, was Geist und Seele erschüttert, bei ihr ins Blut geht, behält sie den Glauben an sich, erschüttern sie niemals Zweifel an ihrer Ueberzeugung, bleibt ihr die Musik das ein und alles ihres Lebens. Sollte sie tatsächlich für mich fühlen, so ist das ganz ohne Zweifel unbewußt, so verspürt sie ganz sicher dabei weder ein Verlangen noch einen Wunsch. Wenn es sich in dieser Hinsicht anders verhielte, so begänne für ihr Leben das Drama; denn von Gegenliebe wäre bei mir keine Rede, ich könnte also ihre Liebe bloß zu ihrem Unglücke ausnützen. Ich hege nicht die Meinung von mir, daß mir kein Weib widerstehen könne, wohl aber hege ich die Meinung, daß kein Weib dem Manne, den es wahrhaft liebt, widersteht. Das vielgebrauchte Wort, »daß die belagerte Festung schon so gut wie erobert sei«, ist und bleibt nun einmal wahr und bewahrheitet sich, auf das Weib angewendet, um so schärfer, wenn es hinter seinen Tugend-Wällen und -Gräben den Verräter im eigenen Herzen birgt ... Klara kann indessen in Ruhe und Frieden mit mir nach Warschau reisen, ob mit oder ohne Duenna, ob mit oder ohne stumme Klaviatur. 16. April. Ich bin in Warschau mit Zahnschmerzen und einem geschwollenen Gesicht angekommen, und da ich mich so den Damen nicht zeigen mochte, bin ich nun schon drei Tage hier, ohne den Fuß nach Ploshow gesetzt zu haben; dagegen habe ich schon mit Sniatynski gesprochen, und auch die Tante ist schon bei mir gewesen, sie hat mich willkommen geheißen wie einen verlorenen Sohn ... Anielka ist schon seit acht Tagen draußen, denn ihre Mama ist so krank; daß sie es hat aufgeben müssen, eine ihr vom Arzte anempfohlene Reise nach Wiesbaden auszuführen. Anielka soll so lange bei ihr bleiben, bis Kromitzki seine Geschäfte abgewickelt hat und in der Lage ist, sich über ein Domizil schlüssig zu werden. Darüber werden über, wie die Tante meint, noch ein paar Monate ins Land gehen. Es läßt sich mit der alten Dame von der Leber weg sprechen, denn sie wäre gar nicht im stande, den Gedanken zu fassen, daß sich jemand für eine verheiratete Frau in anderem als verwandtschaftlichem Sinne interessieren könnte; dergleichen Vorstellungen liegen ihr so fern wie der Mond der Erde. Infolgedessen hält sie mir gegenüber gar nicht mit ihrem Aerger über Kromitzki hinter dem Berge: sie kann dem Menschen nicht verzeihen, daß er Anielkas Majorat verkauft hat; ja sie geriet schließlich in solchen Ingrimm darüber, daß sie sich die Uhrkette zerriß. »Eine doppelte Gemeinheit ist's von dem Kerl,« rief sie, während ihr die Uhr zu Boden fiel, »und das bekommt er auch noch von mir zu hören. Da hätt' ich ja lieber ihm Geld auf Hypothek geliehen, und wenn's auf dritte, vierte Stelle gewesen wäre. Freilich, Zweck hätte es auch nicht gehabt, denn der Kerl spekuliert und spekuliert, bis er fertig ist. Das ist doch wie das Amen in der Kirche ... mir soll er nicht unter die Augen treten: ich sage es ihm ins Gesicht, daß er Frau und Schwiegermutter ins Grab spekuliert und sich in den Bankerott hinein ... Ein schöner Profit übrigens für die beiden Frauen: solche Millionen, von denen jeder Heller mit Tränen bezahlt ist ... eine Gemeinheit ist's von dem Kerl! diesen vertrockneten Pilz hab' ich nie ersehen können, und mein Gefühl hat mich auch nicht getäuscht.« – Ich fragte, ob sie schon mit Anielka darüber gesprochen habe. – »Ich, mit Anielka?« erwiderte sie; »Gott sei Dank, daß Du wieder da bist! da kann ich mir doch mal ein bißchen Luft machen ... Mit Anielka läßt sich überhaupt nicht reden; einmal war's so weit zwischen uns, daß sie ganz aufgebracht weglaufen wollte und dann wie eine Schloßhündin zu winseln anfing ... »er hat's doch tun müssen,« das war das einzige, was man von ihr hörte ... über den Kerl ein schlimmes Wort zu sagen, möchte man sich in ihrer Gegenwart gar nicht beikommen lassen, denn sie möchte ihn vor der Welt am liebsten als einen Heiligen hinstellen; aber so einem alten Weibe wie mir macht man kein X mehr für ein U, und ich weiß ganz genau, daß sie im stillen über den Verkauf des schönen Gutes kein Tüttelchen anders denkt wie ich.« – »Du bist also der Meinung, sie liebe ihren Mann nicht?« – Sie blickte mich ganz verdutzt an. »Was faselst Du? wen soll sie denn lieben als ihren Mann? Gerade weil sie ihn liebt, geht ihr die Geschichte ja so durch den Kopf. Jemandes schlechte Seiten ins Auge fassen und überdenken, hat doch mit der Liebe nichts zu tun.« – Ueber diesen Punkt denke ich nun freilich anders als die liebe Tante, aber ich hielt es für klüger, meine Ansicht nicht in Worte zu fassen, zumal sie weiter sagte: »Was ich ihm am meisten verüble, ist seine verfluchte Lügerei: er hat den beiden Frauen vorgeschwindelt, daß sich das Majorat in ein paar Jahren wieder zurückkaufen ließe ... kannst Du so etwas glauben? die beiden dummen Geschöpfe bilden sich heute noch ein, der Kerl hätte sie nicht beschwindelt mit solchen Flausen!« – »Nein, Tante, an die Möglichkeit eines Rückkaufs glaube ich so wenig wie Du,« antwortete ich, »denn Kromitzki wird weiter spekulieren.« – »Das weiß doch der Patron so genau, wie wir beide es wissen; er schwindelt den armen Weibern eben blauen Dunst vor, und das wurmt mich, wie gesagt, mit am meisten von ihm!« – »Vielleicht will er sie damit trösten?« Da geriet die Tante aber erst recht in Wut. »Ein schöner Trost!« rief sie; »nicht verkaufen hätte er sollen: das wäre Trost für die armen Geschöpfe gewesen ... Rede bloß Du ihm nicht noch gar das Wort, dem erbärmlichen Wichte! Solche Gemeinheit kann kein Mensch gut heißen. Chwastowski war rasend vor Wut: er hat sich mit der Lage der Güter befaßt und behauptet, in ein paar Jahren hätte er die ganzen Finanzen wieder in Ordnung abwirtschaftet, und wenn er von keiner Seite ein Dittchen dazu bekommen hätte ... Der Kerl hätte Geld haben können von mir, und von Dir doch auch; nicht? Na, jetzt ist's zu spät!« Ich fragte, wie es mit Anielkas Gesundheit stände; fragte mit geheimem Bangen, denn mir graute davor, etwas zu hören, was ja mit dem natürlichen Verlaufe der Dinge im engsten Zusammenhange stehen mußte, was aber, wie ich mir keine Sekunde verhehlte, das reinste Gift für meine Nerven gewesen wäre ... Zum Glück für mich verstand die Tante, wovor mir graute, und was ich meinte; denn sie erwiderte mit ihrer alten Wut: »Nichts zu erwarten, gar nichts! ... das Majorat hat der Kerl verschleudern können; aber sonst gibt's nichts Neues von ihm!« Es wäre mir nicht möglich gewesen, nur eine Sekunde noch bei diesem Gesprächsthema zu verweilen. Ich erzählte deshalb der Tante, die größte Pianistin der Gegenwart sei mit mir im gleichen Zuge nach Warschau gekommen; sie sei eine reiche Dame und wolle nur ein paar Wohltätigkeitskonzerte bei uns veranstalten; die wunderliche alte Frau räsonnierte erst, daß so eine Person sich solche ungünstige Zeit ausgesucht hätte, statt im Winter zu kommen; dann kam ihr der Einfall, es wäre ja vielleicht auch jetzt noch nicht zu spät für solchen Zweck, und sie wollte vom Flecke weg zu der Pianistin hinrennen. Es machte mir einige Mühe, ihr begreiflich zu machen, daß es doch schicklicher sein möchte, wenn ich die Dame auf ihren Besuch vorbereitete; Tante ist nämlich bei allerhand Wohltätigkeitsvereinen und läßt es sich nicht nehmen, für ihre Vereine alle Vorteile auszunützen, ohne die geringste Rücksicht, ob andere Vereine, die die gleichen Ziele verfolgen, dadurch zurückkommen; um alles in der Welt will sie nicht leiden, daß jemand anders als sie bei solchen Sachen die erste Geige spiele. Als wir uns trennten, fragte sie: »Wann kommst Du zu uns nach Ploshow hinaus?« – »Gar nicht,« versetzte ich schroff. Ich habe mir schon auf der Fahrt überlegt, daß es klüger von mir ist, in Warschau zu bleiben; habe ich mal Veranlassung, in Ploshow zu sein, so bin ich ja bald draußen, denn es liegt ja bloß eine Meile von Warschau. Auf diese Weise schneide ich alles Gerede, alle Kombinationen ab. Mir liegt auch nichts daran, bei Frau Kromitzka am Ende den Glauben zu wecken, es möchte mir was daran liegen, mit ihr unter einem Dache zu wohnen ... Sniatynski, dem ich beiläufig über diesen Entschluß einige Andeutung machte, schien ihn gutzuheißen; er schien auch über Anielka reden zu wollen; so klug er ist, so begriff er doch nicht, daß andere Umstände andere Verhältnisse bedingen, selbst bei den besten Freunden; war vielmehr noch genau so mir gegenüber wie damals in Krakau, als ich ihn, am ganzen Leibe zitternd, um seine Intervention bettelte. Genau so schroff fuhr er auf mich ein; aber ich wies ihm auf der Stelle die Wege, und das schien ihn zu verblüffen; er schwenkte indessen um, und so unterhielten wir uns eine Zeitlang, als ob wir uns in Krakau überhaupt nie gesehen, geschweige gesprochen hätten. Dabei bemerkte ich recht gut, daß ihm mein jetziger Gemütszustand nicht uninteressant war; daß er mich sozusagen »ausholen« wollte ... aber er verhielt sich dabei so recht wie der Mann, der er war: wie der Künstler der Feder, der nur so lange Psychologe und Analytiker ist, wie er vor seinem Schreibtische sitzt, aber harmlos wie ein Gymnasiast wird, wenn er's im wirklichen Leben versucht, den Psychologen und Analytiker zu spielen. Hamlet mit der Flöte fiel mir ein. »Wollt Ihr auf dieser Pfeife blasen? Es liegt viel Musik in diesem kleinen Instrument, und doch könntet Ihr's nicht zum Sprechen bringen. Zum Henker! meint Ihr denn, ich sei leichter zu spielen als eine Pfeife? Nennt mich was für ein Instrument Ihr wollt; verstimmen könnt Ihr mich, aber nicht auf mir spielen.« Nachdem ich dem Freunde die Flöte des Hamlet gereicht, erlaubte ich mir, seiner freundlichen Obhut die Pianistin zu empfehlen, dann fing ich an, von seinen Dogmen zu sprechen, sagte ihm, Heimweh und Pflichtgefühl hätten mich nach Warschau getrieben, doch in so leichtfertigem Tone, daß er nicht klug wurde, ob ich es im Ernst oder im Scherze meinte: und ich merkte hier wieder, wie schon in Paris: das moralische Uebergewicht, das er durch die letzten Vorgänge gewonnen hatte, schwand mehr und mehr, und er lernte einsehen, daß er zu anderen Schlüsseln greifen müsse, wenn er mich öffnen wollte. Er blickte nur, als ich ihm die Pianistin beim Auseinandergehen nochmals freundlicher Fürsorge empfahl, scharf in die Augen und fragte: »Es ist Dir also viel an der Sache gelegen?« – »Ja, sehr viel,« versetzte ich, »der Dame gehört meine Freundschaft und meine – Hochachtung.« Infolgedessen mag er ja denken, Fräulein Hilst sei eine neue Passion von mir ... Er verließ mich ganz grimmig, und da er nicht im stande ist, Empfindungen zu verbergen, schlug er die Tür hinter sich zu und nahm, wie ich auf der Treppe hörte, wohin ich ihn gebracht hatte, vier Stufen auf einmal, pfiff auch laut, was immer seine Gewohnheit ist, wenn ihm was nicht behagt. Wenn ich ihm sagte, ich empfände Freundschaft für Klara, habe ich ihm keine Unwahrheit gesagt: ich habe ihr heute ein paar Zeilen geschrieben und mich entschuldigt, weil ich ihr noch keinen Besuch gemacht habe ... Sie hat mir auf der Stelle geantwortet: sie sei von Warschau aufs angenehmste überrascht, habe noch nirgendswo soviel unverhohlene Liebenswürdigkeit gefunden, auch in der Stadt habe sie sich schon viel umgesehen, sie gefalle ihr sehr gut, und die Lazienki finde sie geradezu entzückend; mich hat dieses Lob um so angenehmer berührt, als doch die polnische Landschaft, wenn man die Grenze hinter sich hat, einen recht deprimierenden Eindruck macht; um ihr Geschmack abzugewinnen, muß man eigentlich darin geboren sein. Klara sagte, wenn sie aus dem Wagenfenster hinaussah, zu wiederholten Malen: »Ach, jetzt verstehe ich Chopin!« indessen irrt sie sich doch, denn sie versteht ihn so wenig, wie unsere Landschaft. 17. April. Heut bin ich um sieben Uhr früh hinaus nach Ploshow gefahren; Tante hatte mir gesagt, es würde draußen sehr früh aufgestanden, und so hatte ich gerechnet, gegen acht dort zu sein; auf der ganzen Fahrt bin ich die wüsten Gedanken nicht losgeworden, die mir seit der Ankunft in Warschau im Kopfe herumspuken. Ich hatte mir weder zurechtgelegt, wie ich Anielka begrüßen, noch wie ich mich ihr gegenüber verhalten wollte ... mochte es kommen, wie es wollte ... mir sollte alles recht sein ... Trotzdem fing ich bald an, mich damit zu beschäftigen, wie Anielka aussehen, wie sie mir gegenübertreten, wie sie unseren nunmehrigen Verkehr in die Wege leiten werde; wenigstens nahm ich an, daß sie es tun werde, weil ich selbst nach keiner Seite hin die Initiative geben mochte ... Hierdurch gewannen meine Empfindungen, wenn auch vorübergehend, einen Anstrich von Feindseligkeit gegen sie; bald aber faßte ich Mitleid mit ihr, denn ich sagte mir, daß die Situation ja auch für sie peinlich genug war. Dabei stand sie mir leibhaftig vor Augen; namentlich so, wie sie damals aussah, als sie aus ihrem Zimmer wider Erwarten wieder herunter kam und bemüht gewesen war, die Erregung, in die sie meine Umarmung versetzt hatte, durch Puder zu verhüllen ... Um mich vor diesem Bilde zu retten, das mir gleichsam wie eine Erscheinung vor Augen stand, fragte ich den Kutscher, ob er verheiratet sei: ich hatte alles andere fragen können, denn mir ging es einzig und allein darum, dieses Bild aus meiner Phantasie zu scheuchen; aber die Antwort, die er mir gab: »Ich hab' von solcher Sorte keines auf dem Halse«, verdroß mich doch ... er hatte wohl gar noch etwas an diese Worte gehängt, was ich aber nicht verstanden hatte ... ich achtete wohl auch nicht mehr auf seine Worte, denn ich sah die ersten Pappeln von Ploshow, und merkte nun erst, wie schnell wir die Strecke bis hierher zurückgelegt hatten. Bald sah ich nun Ploshow – meine Unruhe wuchs, und es half mir nicht, daß ich versuchte, mich durch den Blick auf äußerliche Dinge abzulenken, daß ich mir vorredete, es sei heute herrliches Wetter und der Frühling habe dies Jahr außerordentlich früh eingesetzt; der Tag war ja auch wunderschön, der Morgen taufrisch, kein Wölkchen trübte den Himmel, überall schon Baumblüte! da verspürte ich plötzlich die liebliche Frische der Ploshower Lindenallee, und fast gleichzeitig glitzerten mir zwischen den Bäumen hindurch die Schloßfenster entgegen ... meine Gedanken umschwirrten mich wieder im Wirbeltanze; und wenn ich sagen sollte, warum ich statt vor dem Schlosse, schon vor dem Einfahrtstore Befehl zum Halten gab, warum ich zu Fuße weiter schritt und den Kutscher mit seinen Komplimenten dastehen ließ, ahne ihm einen Blick zu schenken, ich wäre es nicht im stande ... Wie erkläre ich mir diese Willenslosigkeit? harrte in dem mir doch so bekannten Hause etwas, das mir unbekannt war und doch in tragischem Zusammenhange mit meiner Vergangenheit stand? Mir wurde, als ich über den Vorhof ging, die Brust so beklommen, daß es mir war, wie wenn ich ersticken müßte ... wie erkläre ich mir bloß dies alles? ... Da ich schon draußen abgestiegen war, statt wie sonst vorzufahren, kam mir niemand entgegen, der Flur war leer, und so trat ich ins Speisezimmer, in der Absicht, dort die Damen zu erwarten. Der Tisch war bereits gedeckt, der Samowar brodelte schon lustig. Da die Saalfenster nach Norden zu gingen, herrschte im Saale eine angenehme Kühle. An drei verschiedenen Stellen spielte das Licht, das zu den Fenstern hereinfiel, auf dem dunkelgetäfelten Fußboden. Meine Blicke fielen auf das Büfett, mir seit meiner Kindheit so wohlbekannt ... dann fiel mir das Gespräch mit Sniatynski ein, das hier in diesem Raume, am mittleren Fenster, stattgefunden hatte, als Anielka und seine Frau nach dem Treibhause gegangen waren und in Filzschuhen wieder über den Schnee zurückkamen ... Eine Empfindung von Leere, von Herzeleid befiel mich ... Um dem Lichte näher zu sein, setzte ich mich auf das Fensterbrett. In all dem Wirrsal von Gedanken wurde ich das Bewusstsein nicht los, daß im nächsten Augenblick sie vor mir stehen, wir uns begrüßen müßten ... daß ich mit ihr reden, daß ich ihr nun täglich wieder vor die Augen treten müßte ... vielleicht monatelang? ... Wie das sein, wie das vor sich gehen, und wie das ausgehen werde: diese Fragen bestürmten mich, jagten einander in meinem Geiste ... es mag Menschen geben, deren Mut durch Angst wächst: ich gehöre nicht zu ihnen; ich werde ungeduldig, zornig, wild, wenn mich die Unruhe der Erwartung quält ... und auch diesmal war es nicht anders ... zu keiner Zeit hat mir der Unterschied zwischen »meiner« Anielka und der jetzigen Frau Kromitzka so auf die Seele gebrannt, wie in diesem Augenblicke gespannter Erwartung ... »und wenn Dich des Mondes milder Glanz umspielte, und wenn Du auch hundertmal schöner und lieblicher wärest als meine Träume Dich vor mein Auge gaukeln,« mußte ich bei mir denken, »so wärst Du mir doch nichts ... nichts! oder höchstens ein Ding, vor dem mir graut oder ... ekelt.« Mein Grimm steigerte sich noch, denn ich bildete mir ein, warum weiß ich nicht, sie käme bloß darum nicht gleich, weil sie mir beweisen wollte, daß ich im Irrtum sei mit solchen abstrusen Ideen, daß sie mir vielmehr in alle Ewigkeit die ebenso begehrenswerte wie unerreichbare »Schöne« bleiben müsse ... »Wollen sehen! wollen sehen!« versetzte ich ihr darauf im Geiste, und nun hatte ich den Eindruck, als stände mir eine Art Zweikampf mit diesem Weibe bevor, aus dem ich zugleich als Sieger und als Besiegter hervorgehen sollte: denn mit der Vernichtung meiner Erinnerungen müßte mir die Ruhe wiederkehren ... in dieser Stimmung hatte ich die Empfindung, daß ich wohl Kraft genug besäße, um jeden Angriff zu parieren. Da ging die Tür auf, leise, und Anielka stand auf der Schwelle. Mir brauste es im Kopfe, und die Fingerspitzen wurden mir eiskalt. Wohl trug die Frau, die ich dort vor mir stehn sah, den Namen Kromitzka, trug aber noch all die holden, mir so teuren Züge, war noch immer umschwebt von all dem unbeschreiblichen Zauber meiner einstigen Anielka. Alles, was in meinem Innern tobte, ward übertönt von einer Stimme, und diese Stimme rief: »Anielka! Anielka! Anielka!« ... Sie sah mich nicht oder, wenn sie mich sah, hielt sie mich für einen anderen, weil ich vom Lichte abgewandt stand. Sie blickte auch erst auf, als ich einen Schritt auf sie zu machte, dann stand sie da wie eine Statue so starr. Den Ausdruck, den in diesem Moment ihr Gesichtchen zeigte, zu beschreiben, dieses Gemisch von Verwirrung, Schrecken, Erschütterung und Demut, wäre mir ganz unmöglich: sie wurde mit einem Male so bleich, daß ich nicht anders dachte, als sie würde ohnmächtig, und als ich sie bei der Hand faßte, fühlte ich, daß die Hand kalt war wie Eis ... Wenn ich auf alles gefasst war, so doch nicht auf einen solchen Empfang ... auf keinen Fall hätte ich gedacht, daß sie sich mir gegenüber nicht als Frau Kromitzka zeigen würde; und doch tat sie es nicht! sie stand vielmehr da, ganz wie meine alte Anielka: so schüchtern, so erschrocken, so gerührt! Mir verdankte sie ihr Unglück, mich traf alle Schuld, und doch schlug sie die Augen jetzt zu mir auf, wie wenn sie mich um Verzeihung bitten wollte ... Liebe, Reue, Mitleid drangen mit solcher Gewalt auf mich ein, daß ich kaum im stande war, an mich zu halten: sie nicht in die Arme zu schließen! sie nicht mit inbrünstigen Worten der Liebe zu trösten! Aber so voll mir das Herz war, so war ich doch sprachlos ob dieser Ueberraschung, Anielka, meine alte Anielka, und keine Frau Kromitzka hier in Ploshow wiederzufinden, und ich drückte ihr stumm die Hand ... und doch drängte es mich, zu sprechen, und mit schwacher, in dem großen Räume verhallender Stimme, die wie fremd klang, fragte ich sie: »Hat denn Tante nichts von meiner Anwesenheit in der Heimat gesagt? nichts Dir davon gesagt, daß ich nach Ploshow kommen wolle?« – »O ja, sie hat es mir – gesagt,« stammelte Anielka ... Beiderseitiges Schweigen. Ich hätte mich schicklicherweise erkundigen müssen, wie es ihr ginge, wie es ihrer Mama ginge; aber ich fand keine Worte und wünschte von ganzem Herzen, daß diese Situation vorbeigehen möge ... Zum Glück kam die Tante herein in Gesellschaft des Doktors Chwastowski, des jüngsten Sohnes unseres Verwalters, der Anielkas Mutter behandelt. Während Anielka an den Tisch trat, den Tee einzugießen, begrüßte ich die eingetretenen Personen und ließ mich mit der Tante in eine Unterhaltung ein, die mir die Herrschaft über mich wiedergab. Als ich mich bei der Tante nach dem Befinden der Frau Celina erkundigte, bezog sie sich fast immer auf die Meinung des jungen Arztes, der sich mir gegenüber in ein gewisses »Air« setzte, entschuldbar bei Männern, die erst kurze Zeit im Besitze ihrer mühsam anstudierten Würde sich befinden, aber auch es liebte, sich mir gegenüber als Aristokrat in der affektierten Arroganz des Demokraten aufzuspielen, was sich selbst dann nicht entschuldigen ließe, wenn ich ihm irgendwie zu nahe getreten wäre ... Immerhin bereitete mir die Unterhaltung mit ihm Zerstreuung, ich lernte ihn im schließlichen Verlaufe derselben als einen verständigen Menschen kennen, im Grunde aber blieb mein Ton ihm gegenüber höflicher als der seinige mir gegenüber ... Hin und wieder sah ich über die Tafel zu ihr hinüber: mit einer Empfindung, halb Wonne, halb Schmerz, sah ich, daß ich die alte Anielka vor mir hatte mit den nämlichen Zügen, dem nämlichen Gesicht, der nämlichen, von dem goldblonden Haar überschatteten Stirn ... die gleiche Anielka mit all dem alten Liebreiz, all dem alten Glück ... die aber nun für mich ewig, ewig verloren war!... Anielka verstand sich zu beherrschen, war aber noch immer wie verschüchtert... In der Absicht, der Situation einiges von ihrem Zwange zu nehmen, erkundigte ich mich jetzt bei ihr nach dem Befinden der Mutter; aber erst nach mehrmaliger Wiederholung der Frage erfuhr ich von ihr, daß die Mama mich gern einmal sehen werde. Mir war das allerdings ein wenig unwahrscheinlich, aber ich scherte mich um die Mama nichts, sondern lauschte ihrer Stimme, die mir wie süße Musik in den Ohren klang... Tantchen war in der besten Stimmung: sie freute sich nicht allein darüber, daß sie mich wieder hatte, sondern sie hatte von der Pianistin schon ein Wohltätigkeitskonzert zugesagt bekommen; und was sie dabei noch am meisten freute, war der Umstand, daß sie zwei anderen Damen, die im Interesse ihrer Vereine in der gleichen Absicht zu der Pianistin gekommen waren und die Tantchen noch auf der Treppe getroffen hatte, um eine Nasenlänge zuvorgekommen war. Fräulein Hilft hatte einen vorzüglichen Eindruck bei ihr hinterlassen. Nachher mußte ich ihr von meinen Reisen erzählen, besonders von Island, und sie meinte, nachdem sie mir eine Weile gespannt zugehört hatte, wer dorthin reisen könne, müsse doch schon an allem gescheitert sein ... »Daß ich mich dort wohlgefühlt hätte, möchte ich auch gar nicht behaupten,« bemerkte ich darauf ... Anielka sah mich an, und wieder kündeten ihre Augen Scheu und Demut. Ihr engelgleiches Mitgefühl erdrückte mich schier. Ich hatte gedacht, sie als Frau Kromitzka wiederzusehen, und nun verriet mir gar nichts, daß sie verheiratete Frau war ... ich mußte mich nachdrücklich zu diesem Gedanken zwingen, der aber keinen Widerwillen mehr in mir weckte, sondern nur tiefen, tiefen Schmerz ... Ich wollte auf Anielkas Mann zu sprechen kommen, denn es ist meine Art, in Wunden zu wühlen – aber ich brachte es nicht übers Herz, es kam mir vor wie eine Entweihung. Ich äußerte also den Wunsch, Frau Celina zu begrüßen. An der Tür zu dem Zimmer der Frau Celina hielt ich einen Moment inne und sagte zu Anielka: »Gib mir die Hand, liebe Schwester.« – Anielka reichte mir die Hand und ich sah, sie war mir dankbar dafür, daß ich sie Schwester nannte. In ihrem Blick las ich die Worte: Wir wollen gut Freund sein und uns alles verzeihen. Frau Celina war sehr kühl zu mir. Das nahm ich ihr aber nicht übel, denn ich mußte mir ja sagen, sie hatte guten Grund dazu. Sie hat sich sehr verändert. Schon seit geraumer Zeit muß sie im Rollstuhl sitzen und wird nun bei schönem Wetter in den Garten gefahren. Ich fragte nach ihrem Befinden und äußerte die Hoffnung, der neue Frühling werde ihr neue Kräfte verleihen. Sie schüttelte den Kopf, zwei große Tränen rollten ihr langsam über die Wangen. »Weißt Du, daß Gluchow verkauft ist?« fragte sie. »Ja, ich weiß es,« antwortete ich. »Aber es läßt sich vielleicht noch gut machen, und es ist noch nichts verloren.« Anielka warf mir einen dankbaren Blick zu, die Mutter aber erwiderte: »Ich habe keine Hoffnung mehr.« Aber damit log sie, denn ich sah es ihr an, sie hatte noch nicht alles aufgegeben. Ja sie erwartete von mir, daß ich ihre heimlichen Hoffnungen – sei es auch nur mit einem Worte – nähren möchte. Und ich sprach von Nichtigkeitserklärungen von Kaufkontrakten und meinte, ein fester Wille kenne keine Hindernisse. Ich nahm indirekt sogar Kromitzki in Schutz, wenngleich weder von mir noch von den anderen sein Name ein einziges Mal genannt wurde. Wenn ich so sprach, so bewog mich dazu teils die Absicht, großmütig zu erscheinen, teils der Wunsch, um Anielkas Gunst zu werben. Sie kam mir denn auch nachgelaufen, als ich mit der Tante ging, reichte mir die Hand und sagte: »Ich danke Dir im Namen der Mutter.« Ich antwortete nicht, sondern drückte nur die Lippen auf ihre Hand. Heute ist Anielka bei ihrer Mutter geblieben und erst zum Mittagessen erschienen, an dem auch Frau Celina teilnahm. Ich bildete mir ein, Anielka wolle sich mir fern halten, obwohl es doch ganz begreiflich war, daß sie ihrer Mutter Gesellschaft leistete. Es ist ja klar, unser Verhältnis muß in der ersten Zeit seine Schwierigkeiten haben, wird aber allmählich wohl in die rechte Bahn einlenken. Anielka hat viel Feingefühl und echte Herzensgüte, es ist ihr nicht möglich, völlig gleichgültig zu bleiben. Aber sie hat noch nicht jene Gewandtheit im geselligen Verkehr, die sich auch in den heikelsten Verhältnissen äußerlich ganz unbefangen zu geben versteht. Diese Routine kommt erst mit den Jahren, wenn der lebendige Quell des Gefühls zu versiegen beginnt und das Gemüt im Konventionellen erstarrt. Ich gab Anielka nicht den mindesten Anlaß zu vermuten, daß ich mich gekränkt fühlte oder ihr böse wäre. Mein Herz trieb mich, das sorgsam zu vermeiden. Was vergangen ist, werde ich nie berühren, auch ging ich nicht darauf aus, mit ihr allein zu sein. Beim Abendessen sprachen wir über allerhand, Tante fragte nach Klara, für die sie sich sehr interessiert, und dann kamen wir auf das Künstlertum überhaupt zu sprechen. Während dieser Unterhaltung fand Anielka Gelegenheit, eine sehr vielsagende Bemerkung zu machen. Sie sagte: »Die Musik gewährt den besten Trost.« Ich entnehme diesen Worten ein unbewußtes Geständnis, daß sie sich nicht glücklich fühlt und sich auch selber kein Hehl daraus macht. Davon wäre ich allerdings auch ohne diesen Ausspruch überzeugt gewesen. Selbst ihr Gesicht ist nicht das einer glücklichen Gattin. Zwar ist es fast noch schöner jetzt – aber bei aller Ruhe und Heiterkeit fehlt die Wärme, die von einem inneren Frieden ausstrahlt. Das Gesicht hat jetzt einen Ausdruck der Sammlung, der ihm früher nicht eigen war. Es ist mir aufgefallen, daß ihre Schläfen jetzt ein eigentümliches Elfenbeingelb angenommen haben. Ich betrachtete sie unausgesetzt und der Vergleich ihrer jetzigen Erscheinung mit dem Bilde, das ich in der Erinnerung von ihr trug, hatte einen so wehmütigen Reiz für mich, daß ich ihn immer wieder aufnahm und fortsetzte. Es mag schönere Frauen geben, Anielka aber ist für mich die reizendste, anziehendste Frau – sie ist für mich das herrlichste Muster dessen, was ein Mann sich erträumen mag, wenn er sich nach einer Gattin sehnt. Ja! ich hoffte, nur eine Frau Kromitzka zu finden – und ich fand Anielka. Gott allein weiß, wohin das für uns noch führen kann. Wenn sie mir zu verstehen gegeben hätte: Ich bin ja froh, daß ich nicht Dich genommen habe – dann wäre es noch gut, denn Zorn und Bitterkeit hätten mir schnelle Heilung bereitet. So aber ist es etwas ganz anderes! Die Frage, wie das enden soll, wage ich nicht zu beantworten. 25. April. Ich gebe mich ganz diesem Leben in Ploshow hin und vergesse ganz, daß Anielka ja einem anderen gehört. Dieser Kromitzki, der da hinten in Baku oder sonstwo sich aufhält, ist fast kein wirkliches Wesen mehr für mich – er ist wie ein Unheil, das noch im Schoße der Zukunft ruht – wie etwa der Tod, der uns einmal bevorsteht und an den wir doch nicht immer denken. Heute aber hat mich doch etwas an ihn erinnert – ein an sich unbedeutender Vorfall. Anielka bekam nach dem Frühstück zwei Briefe. »Schreibt Dir Dein Mann?« fragte die Tante. »Ja,« antwortete Anielka. Ich hatte ein Gefühl wie etwa ein zum Tode Verurteilter, der die Nacht über sanft geschlummert hat und nun aufgeweckt wird mit den Worten, daß es Zeit sei, sich das Haar rasieren zu lassen und den Kopf unters Beil zu legen. Anielka wollte die Briefe nicht sogleich lesen, aber meine Tante schien mich absolut peinigen zu wollen und fragte geradezu nach dem Inhalt. »Wie geht es ihm denn?« fragte meine Tante. »Gott sei Dank,« antwortete Anielka, »über Erwarten gut.« »Wann wird er denn wiederkommen?« »Sobald er könne, schreibt er.« Das war das erste Mal, seit ich in Ploshow bin, daß Anielka mir weh getan hat. Kannst Du nicht Erbarmen mit mir haben und vor mir nicht von diesem Menschen sprechen? Während sie ihre Briefe las – mir war's, als nähme es gar kein Ende – fühlte ich, daß diese beiden, Anielka und Kromitzki, durch unzählige gemeinsame Interessen und Ziele wie mit unzerreißbaren Fesseln miteinander verknüpft seien, und daß ich doch an die Luft gesetzt war, selbst wenn sie meine Liebe noch erwiderte. Bis jetzt hatte ich mein Unglück nur so empfunden, wie man die Tiefe eines Abgrundes ahnt, den ein Nebel dem Blick verdeckt – jetzt aber hatte der Nebel sich geteilt – und ich stand schwindelnd am Rande und sah hinunter in die bodenlose Tiefe. Wenn ein so simples Geschehnis, daß ein Mann an seine Frau schreibt und sie es liest, mich derart aus der Fassung zu bringen vermag, was soll denn dann erst werden, wenn dieser Mann wieder hier ist und ich in jeder Sekunde einen neuen Beweis dafür erhalte, daß diese beiden einander angehören? »Ich töte ihn!« rief eine Stimme in mir – aber ich fühlte sogleich, wie albern dieses Aufbrausen war. Gleich nach dem Tee stand ich auf und sagte, ich wolle nach Warschau fahren. Trotzdem mich die Tante zum Mittag dabehalten und dann mit mir ins Konzert fahren wollte, ließ ich doch gleich den Wagen kommen. »Ich fällte mich doch wohl Fräulein Hilft gegenüber revanchieren,« fügte die Tante. »Ob ich sie auf einen Tag nach Ploshow einlade? was meinst Du?« Gleich darauf fügte sie hinzu: »Wenn ich nur wüßte, ob sie im stande ist –« Da unterbrach ich sie ungeduldig. »Fräulein Hilft ist mit der Königin von Rumänien befreundet,« sagte ich, »also wäre die Ehre wohl auf unserer Seite.« »Na, na, na,« knurrte meine Tante. »Kommst Du mit zum Konzert?« fragte ich Anielka. »Ich muß Mama Gesellschaft leisten,« antwortete sie. »Und dann habe ich auch Briefe zu schreiben.« »Wenn die sehnsüchtige Gattin ihr Herz ausschütten will, so sei es mir fern, zu stören,« sagte ich. Diese ironischen Worte gewährten mir für den Augenblick Erleichterung. Ich dachte, mag sie doch wissen, daß ich sie liebe und Eifersucht hege. Sie gehört zu jenen engelhaften Geschöpfen, für die es nichts Böses gibt – so mag sie den Gedanken in sich aufnehmen, daß ich sie begehre. Wenn dieser Gedanke sie aus der Fassung bringt, wenn sie gegen diesen Gedanken ankämpfen muß, so bedeutet es schon einen halben Sieg, einen derartigen Fremdkörper, der Gärung stiften muß, in ihre Seele hineingedrückt zu haben. Es wird sich zeigen, wohin es führt. Aber schon im Augenblick nachher ärgerte ich mich, daß ich so kleinlich gewesen war. Ich schalt mich selbst ein hysterisches Weib, das sich von seinen reizbaren Nerven hatte hinreißen lassen. Ich hatte eigentlich gleich nach der Ankunft in Warschau zu Klara gehen wollen; da mich aber ein plötzliches Kopfweh plagte, mußte ich davon absehen. Klaras Renommee hatte die ganze gebildete Welt und alles, was irgend etwas von Musik verstand, herbeigerufen, her wohltätige Zweck tat das seine dazu. So war denn der Saal überfüllt. Ich sah mehrere Bekannten, zum Beispiel Sniatynskis, doch war ich verstimmt, und mich verdroß alles. Ich hatte Angst, Klara könnte durchfallen. Als sie im Ballkostüm allein auf dem Podium stand, kam sie mir vor wie eine wildfremde Virtuosin, nicht wie eine gute Freundin. Klara setzte sich an den Flügel und spielte ein Stück von Mendelssohn, das ich auswendig kannte; aber ob es nun daher kam, daß ich fühlte, man erwarte ganz außerordentliche Leistungen von ihr, oder ob es von der sehr freundlichen Begrüßung herkam, die ihr zuteil geworden war, sie spielte schlechter, als ich gedacht hatte. Verwundert sah ich Klara an, und unsere Blicke trafen sich auf einen flüchtigen Moment. Gleichzeitig erklangen ein paar Akkorde, die mir ganz verfehlt vorkamen. Sie wirkten wie die Töne einer zerrissenen Harfe, und nun war mir der Mißerfolg unzweifelhaft. Allerdings gewann Klara rasch ihre Fassung wieder, aber trotz allem mißfiel mir ihr Spiel sehr. Zu meiner großen Verwunderung war jedoch der Beifall rauschend – selbst in Paris, wo Klara gefeiert worden war, hatte ich derartiges nicht erlebt. Rings sah ich strahlende Gesichter und Hände, die nicht müde wurden zu klatschen. Klara trat vor und dankte für den Beifall, aber ich hatte ja schon gelernt, in ihrem Gesicht zu lesen, und ihre Miene sagte mir: »Ihr seid ja sehr gut, liebe Leute, aber ich weiß es am besten, heute habe ich meine Sache so schlecht gemacht, daß mir die Tränen nahe sind.« Auch ich klatschte, sie sah es und ich erhielt einen Blick des Vorwurfs von ihr. Der Beifall verstummte nicht eher, als bis sie noch die Cis-moll-Sonate von Beethoven zugab. Diese musikalische Schöpfung ist der gewaltigste Ausdruck, der je dem Ringen einer tragisch erschütterten Seele verliehen wurde. Man hat hier das Gefühl, als würde man in eine entsetzliche Wüste versetzt, deren Grausen nicht von dieser Welt ist, und als säße hier, von bleichem Mondlicht beschienen, einsam und namenlos traurig, die verkörperte Verzweiflung und schluchzte und raufte sich das Haar. Das Herz krampfte sich mir zusammen, die Kehle war mir zugeschnürt, auf der ganzen Versammlung lag ein schwüler Druck. Als Klara geendet hatte, saß sie ein kleines Weilchen mit aufgeschlagenen Augen und halboffenem Munde – man sah es ihr an, daß diese Versunkenheit, diese Selbstvergessenheit keine effekthaschende Pose, sondern lautere Wahrheit war. Das Publikum regte sich nicht, erwartungsvolle Stille herrschte rings – alle schienen noch im Banne dieser Töne zu sein, schienen auf den letzten Klang dieser wimmernden Verzweiflung zu lauschen. Und dann geschah etwas, das sich in einem Konzert wohl noch nie ereignet hat: es ertönte ein allgemeiner Aufschrei, als breche eben ein schweres Unglück herein. Alles drängte nach der Estrade, um der Künstlerin die Hand zu drücken. Auch ich trat zu ihr. Bisher hatte sie nur Französisch zu mir gesprochen, jetzt sprach sie zum erstenmal Deutsch zu mir. Sie erwiderte den Druck meiner Hand und fragte: »Haben Sie mich verstanden?« »Ja, und ich war tief unglücklich,« antwortete ich. 28. April Die Briefe, die von Kromitzki angekommen sind, bedrücken mich noch immer. Ich sehe immer mehr ein, daß ich kein Recht habe, so unzart zu Anielka zu sein, und damit wird mein Zorn gegen mich selber und meine Zärtlichkeit gegen Anielka immer heftiger. Immer mehr bemächtigt sich meiner die Ueberzeugung, daß diese beiden sich unzertrennlich angehören müssen. Ich sträube mich mit jeder Fiber meines Wesens gegen diese Ueberzeugung, und ich bin doch ganz ohnmächtig dem unabänderlichen Faktum gegenüber. Es ist ganz und gar nichts dagegen zu machen. Sie ist verheiratet, sie heißt Frau Kromitzka, sie gehört zu ihm und wird immer zu ihm gehören – und wenn ich das tausendmal nicht zugeben will, ich muß mich darein finden. Also finde ich mich drein. Wirklich? was hilft mir denn das nackte inhaltsleere Wort, wenn es mir durchaus gegen die Natur geht, mich drein zu finden? Die Vorstellung von einem grenzenlosen Jammer, wo alle Begriffe menschlicher Qual erschöpft sind und das Elend sich ins Unendliche erstreckt wie ein Ozean – eine solche Vorstellung ist mir schon immer gegenwärtig gewesen, doch jetzt, glaube ich, bin ich selbst auf diesen Ozean verschlagen. Und doch, es ist noch nicht alles dahin. Seit ich wieder in Ploshow weile, habe ich mir noch nicht klar und deutlich gesagt, daß es mich danach verlangt, von Anielka wiedergeliebt zu werden. Aber wenn ich es auch nicht in Worte kleidete, so wußte ich doch, daß mich danach verlangte, daß mich schon immer danach verlangt hat. Also in Worte gekleidet: es verlangt mich danach, für Anielka der Inbegriff der Sehnsucht zu sein, von ihr ebenso heiß begehrt zu werden, wie ich sie begehre. Und dies will ich mit allen Mitteln meiner Seele, mit allen Kräften meines Verstandes zu erreichen suchen. Ich will sie diesem Kromitzki soweit, als es irgend möglich ist, entreißen. Ich will sie ihm ganz wegnehmen, wenn sie das zuläßt. Dann habe ich doch wieder einen Lebenszweck, ich weiß doch wieder, wozu ich aufwache, mich nähre und schlafe. Das ist mein Rettungsanker, und alle Bedenken, die ich gehegt habe, blase ich in die Winde. Wenn ich befürchte, Anielka könnte unglücklich werden, wenn sie mich wiederliebe – so hat das nichts zu sagen gegenüber der großen Wahrheit, daß schon das bloße Vorhandensein von Liebe im Herzen des Menschen einem ganzen Leben Gehalt verleiht und tausendmal mehr wert ist als ein ödes Vegetieren. Der Augenblick, da dieses liebe Haupt an meine Brust sinkt, da diese süßen Lippen an meinen hängen, dieser Augenblick kann nicht im Bereiche des Uebels liegen – hier ist alles gut und wahr. Wenn auch Zweifel meinen Geist bedrücken, diese eine Wahrheit überstrahlt alles: ich glaube an die Reinheit und Wahrheit dieser Liebe. Nun habe ich doch etwas im Leben, das festen Halt hat. Ich bin mir sehr wohl bewußt, durch eine wie tiefe Kluft dieser Glaube von der herkömmlichen Alltagsmoral geschieden ist – ich weiß auch, daß Anielka ihn befremdend, ja entsetzlich finden wird – aber in der festen Ueberzeugung, daß hier das Gute und Wahre ist, kann ich sie an der Hand nehmen und in diese fremde Welt geleiten. Nachmittags kam der Doktor Chwastowski zu Frau Celina – auch Anielka bat ihn zu sich, da sie so heftige Kopfschmerzen hatte, daß sie nicht zum Frühstück kommen konnte. Er sprach viel über Anielka, und das war mir lieb, denn wenn ich sie nicht sah, hörte ich doch von ihr. Im Laufe des Gespräches fragte ich ihn nach seinen Absichten für die Zukunft und ob er bald zu heiraten denke. »Später vielleicht, vorderhand noch nicht,« antwortete er. »Als Arzt dürfte es Ihnen bekannt sein,« meinte ich, »daß die Liebe ein physiologisches Bedürfnis ist.« Der junge Chwastowski spielte den kühlen Kopf, dem menschliche Schwächen nichts anhaben. »Das gebe ich wohl zu,« antwortete er, indem er lächelnd die breiten Schultern in die Höhe zog, »aber man soll es nicht überhand nehmen lassen. Vor allem darf man sich ihm nicht widmen – dazu hat man genug anderes, zum Beispiel die Wissenschaften oder die sozialen Pflichten. Gegen die Ehe habe ich nichts einzuwenden. Der Mensch soll heiraten, das ist schon für ihn selber ein Segen, und dann ist es wegen der Fortpflanzung. Aber die Ehe ist keine fortwährende Liebelei.« »Wie meinen Sie das?« »Wir Männer der Arbeit haben keine Zeit, unser Leben bei Frauen und im Dienste der Minne zu vertändeln – das können sich Männer leisten, die nichts zu tun haben oder zu nichts anderem Lust haben.« Mir gefiel dieses gesunde Exemplar des genus homo . Er hatte zwar eine gewisse jugendliche Arroganz an sich, die den eben erst der Schulbank entwachsenen Studenten kennzeichnete, aber seine Bemerkungen trafen doch vielfach das Richtige. Frauen und Frauenliebe nehmen allerdings im Leben der arbeitenden Klasse oder im Leben derer, die nach einem hohen Ziele ernsthaft streben, keinen ersten Platz ein. Der Bauer nimmt sich eine Frau, weil er es nicht anders kennt und weil es für seine Wirtschaft vorteilhaft ist. Der Gelehrte, der Beamte, der Politiker widmen der Frau nur einen geringen Teil ihrer Zeit – nur der Künstler bildet eine Ausnahme – denn bei ihm gehört die Liebe zum Beruf. Die Frau und die Liebe sind der eigentliche Inhalt der Kunst. Vollends die herrschende Macht, die das ganze Leben ausfüllt, bildet die Frau für den vermögenden Müßiggänger, bei ihm ist sie der Brennpunkt alles Denkens und Handelns. Das sehe ich an mir selbst, denn ich bin reich und habe daher nie nach Arbeit getrachtet. Für mich war das Weib und die Liebe stets das schönste Ziel, die einzige Grundlage, der einzige Zweck des Daseins – und mein Unglück ist nur, daß diese Liebe sich nicht gesund auswachsen konnte, sondern verkümmern mußte, weil ich der ungesunde verkümmerte Sproß einer ungesunden Kultur bin. Wenn ich meine Gefühle schlicht und einfach hätte ausleben können, so hätte ich mein Heil gefunden – aber ebensowenig wie der Bucklige sich von seinem Buckel befreien kann, ebensowenig kann ich mich von meinen Abnormitäten losmachen, die meine Abstammung und mein Zeitalter mir aufgebürdet haben – und meine Liebe – mag sie nun gerade oder krumm sein, geb ich nicht auf – ich kann ohne sie nicht sein. 4. Mai. Seit kurzem befinde ich mich wieder in Ploshow, und mein ganzes Reden und Handeln ist seitdem der Liebe gewidmet. Darauf zielt alles hin. Doktor Chwastowski hat vernünftigerweise Anielka empfohlen, oft im Park spazieren zu gehen. Dort traf ich sie nun heute früh. Selbst wenn man sein eigenes Herz genau kennt, manchmal ist man selbst erstaunt, ja erschrocken, wenn ein plötzlicher Lichtblick die ganze Tiefe der Leidenschaft erhellt, von der man erfüllt ist. Als ich mich heute früh Anielka unvermutet im Garten gegenüber fand, war sie mir noch nie so begehrenswert, so eigens für mich geschaffen erschienen. Sie ist das Weib, das kraft jenes geheimen Naturgesetzes, über das noch kein Weiser sich Klarheit verschaffen konnte, mich zu sich hinziehen muß, wie der Magnet das Eisen anzieht, sie ist das Weib, das mich beherrscht und den ganzen Inhalt meines Wesens und meines Lebens bilden muß. Ihre Augen schienen noch von Schlummer befangen – durch das junge Buchengrün fielen goldene Lichter auf ihr Antlitz und auf ihr helles Kleid – ihr Haar war lose aufgeknotet – ihre Bluse hing duftig herab und verriet ihren schlanken Leib und ihre geschmeidigen Schultern – sie sah so morgenfrisch aus, daß sie mir als Verkörperung des jungen Frühlings und all seiner Wonnen erschien. Verlegen erwiderte sie meinen Gruß, denn sie fürchtet sich seit einigen Tagen vor mir. Der fremde Stoff, den ich in ihre Seele gebracht habe, ist schon in Gärung geraten und hat das Gleichgewicht ihres Gemütes gestört. Sie kann sich's nicht mehr verhehlen, daß ich sie liebe, und will sich's doch nicht eingestehen. Ich habe bisweilen das Gefühl, als hätte ich ein Täubchen gefangen, das ich nun in der Hand halte – ich fühle, wie es bebt und zittert, ich fühle, wie ängstlich das Herz des Vögelchens pocht. In verlegenem Schweigen schritten wir weiter – ich unterbrach die Stille absichtlich nicht. Ich weiß, solches Schweigen ist peinlich – aber gerade dadurch mache ich sie zu meiner Mitschuldigen und nähere mich meinem Ziel. Als ich dann doch ein Gespräch anknüpfte, wußte ich es meinen Zwecken entsprechend zu gestalten. Denn für alles, was jetzt mittelbar oder unmittelbar zu meinem Vorhaben gehört, habe ich ein sehr genaues Urteil und eine seine Erkennung, ähnlich wie man im magnetischen Schlaf heller sieht als ein normaler Mensch. Ich sprach von meiner Person, und zwar in einer Weise, wie man nur zu jemand spricht, der uns ganz nahe steht, ja gewissermaßen ein Teil unseres Selbst ist. Ich wußte ein Gespräch zu unterhalten, wie es nur zwischen Mann und Frau geführt werden dürfte – und indem ich sie zwang, mich anzuhören und darauf einzugehen, verleitete ich sie so unmerklich, daß sie es gar nicht gewahr wurde, zur geistigen Untreue. In ihrem Zartgefühl ahnte sie wohl, daß wir auf Abwege gerieten. Indem ich sie weiter und weiter führte, merkte ich, daß sie leisen Widerstand zu leisten begann, und ich erkannte sogleich, dieser leise Widerstand würde stärker, energischer werden, sobald ich sie heftiger fortzureißen versuchen würde. Gleichzeitig aber erkannte sie auch, daß ich die Macht auf meiner Seite hatte, ihren Widerstand zu brechen und sie schließlich doch soweit zu bringen, wie ich wollte. »Wenn ein Mensch wie ich,« sagte ich, »sein Leben ändern und vom Müßiggang zur Tätigkeit übergehen soll, so muß er einen starken persönlichen Antrieb haben, sonst läßt er es bleiben. Du hättest mir einen solchen Antrieb geben können – denn Du bist besser und edler als ich – doch das hat nicht sein sollen. Aber selbst heute noch ist die Erinnerung daran, daß Du einen anderen Menschen aus mir einmal hast machen wollen, noch stark genug –« »Sprich nicht so, ich bitte Dich, Leon, sprich nicht so,« unterbrach sie mich. »Daß Du solche Beziehungen zu mir unterhältst, das kann ich nicht gestatten – das mußt Du doch einsehen –« »Warum solltest Du es denn nicht gestatten können?« erwiderte ich. »Mißverstehe mich doch nicht. Ich sehe in Dir nur eine Schwester, die ich über alles liebe. Weiter meinte ich nichts.« »Eine Schwester will ich Dir immer sein,« antwortete sie und reichte mir fast flehend die Hand, die ich küßte. Das bloße Wort Schwester gab ihr die Ruhe wieder. Als ich ihre Hand mit den Lippen berührte, trieb es mich, sie in die Arme zu schließen und ihr alles zu sagen, aber ich beherrschte mich. »Siehst Du, liebe Schwester,« fuhr ich fort, »ich bin recht einsam – mein Vater ist tot – mit meiner Tante verstehe ich mich nicht recht, so gut sie sonst auch ist – eine Frau mag ich auch nicht nehmen – nun denke Dich an meine Stelle, in dieses Eremitendasein hinein. Ich habe niemand, mit dem ich Gedanken austauschen, mit dem ich über meine Pläne sprechen könnte. Ist es da denn zu verwundern, wenn ich mich an irgendwen wende, von dem ich erwarten könnte, daß er Interesse für meine Angelegenheiten hat? Ich bin wie ein Bettler, der an der Tür auf ein Almosen wartet, und der Bettler klopft nun an Deine Pforte und bittet um ein wenig Teilnahme, um ein bißchen Freundschaft und Barmherzigkeit – mehr will er ja gar nicht. Wirst Du ihm das abschlagen?« »Nein, gewiß nicht, Leon, zumal wenn Du so elend bist –« die Stimme versagte ihr, sie zitterte heftig, und ich mußte alle Kräfte zusammennehmen, um nicht vor ihr niederzufallen. In tiefer Bewegung, dem Weinen nahe, konnte ich nichts weiter stammeln als »Anielka! Anielka!« »Mein Gott, so kann ich nicht ins Haus,« flüsterte sie unter Tränen – »Ich bitte Dich, laß mich –« und sie eilte davon. Ich wollte ihr nacheilen, aber dann sagte ich mir, es sei wohl besser, sie allein zu lassen. Aber ich wollte nicht gehen, ohne sie noch einmal gesehen zu haben, und wartete draußen. Es währte geraume Zeit, bis sie wiederkam. Dann eilte sie an mir vorbei und grüßte mich nur durch ein freundliches Lächeln. »Es ist schon gut,« sagte sie leise. Als sie hineingegangen war, ergriff mich toller, unsagbarer Jubel. Mir war, als wollte mein Herz springen vor Freude, und im Kopfe wirbelte mir nur der eine Gedanke: »Sie liebt mich! sie sträubt sich wohl dagegen, sie täuscht sich noch selbst darüber – aber sie liebt mich doch!« Wenn ich jetzt gelassen über diesen Freudentaumel nachdenke, so erkenne ich, daß sich mein Jubel aus verschiedenen Elementen zusammensetzte. Einesteils war es die Wonne des Künstlers, der sein Meisterwerk gelingen sieht – andererseits war dabei auch etwas von der Freude, die eine Spinne empfinden mag, wenn eine Fliege ihr unrettbar im Netz sitzt – dann mischte sich darein auch Mitleid, Güte, Zärtlichkeit. Am Grunde lag auch noch ein leiser Selbstvorwurf über den Betrug, den ich an ihr übte, und doch war ich mir völlig klar darüber, daß ich im ganzen Leben noch niemals aus innerstem Herzen die Wahrheit gesagt hatte. 10. Mai. Anielka ist ruhig und glücklich. Sie glaubt mir – sie setzt bei mir nur die Zuneigung eines Bruders zur Schwester voraus, und da ihr Gewissen es ihr gestattet, auch mir geschwisterliche Zuneigung entgegenzubringen, so überläßt sie sich dem Zuge ihres Herzens. Aber ich weiß, sie betrügt sich selbst, und sie hintergeht schon damit ihren Mann, denn das, was sie für geschwisterliche Neigung hält, wächst sich zu etwas ganz anderem aus. Ich denke selbstverständlich nicht daran, ihr das klar zu machen. Ehe ich das tun kann, muß dieses andere erst soweit sich entwickelt haben, daß es nicht mehr auszumerzen ist. Das wird in absehbarer Zeit der Fall sein. Und in dieser Gewißheit finde ich Ruhe, so daß ich mich jetzt fast begnügen könnte, ohne mehr zu begehren – wenn nur nicht noch jemand anderes ein Anrecht auf sie hätte! Mein Anrecht ist allerdings das größere, denn meine Liebe ist die größere – das ist logisch und unanfechtbar. In der Ethik aller Nationen und Dogmen hat von jeher der Satz zu Recht bestanden, daß die Frage des Besitzes zwischen Mann und Weib durch die Liebe entschieden wird. Heute aber fühle ich mich so glücklich, daß ich lieber meinen Gefühlen mich überlassen will, statt zu philosophieren. Anielka und ich! wie sind wir doch für einander geschaffen, wie wonnig badet sich das liebe Wesen in dem verräterischen Meere der geschwisterlichen Neigung. Ihr ganzes Wesen lechzt ja nach Liebe, und dieser Kromitzki ist so kalt, liebt sie so wenig, daß sie wirklich mit Shakespeare sagen könnte: »Den armen Toms friert.« – Aber ich gelobe ihr in aller Gut meines Herzens: Solange mein Herz schlägt, soll sie nicht frieren! Nach dem Frühstück fuhr meine Tante nach Warschau, um Sniatynskis und Fräulein Hilst einzuladen. Anielka begann sogleich, mich mit Klara zu necken. Fräulein Hilst, antwortete ich, sei viel zu groß, um in einem Männerherzen allein Platz zu haben, sie müßte mindestens von dreien auf einmal geliebt werden. Aber Anielka drohte mir neckend mit dem Finger und rief: »Sehr verdächtig! sehr verdächtig!« Dann las ich ihrer Mutter und ihr vor, und der Tag verging mir, wie einem sorglosen Schuljungen ein heiterer Ferientag. Wenn ich die Augen von dem Buche aufschlug und Anielka ansah, erfüllte mich stets mächtige Freude, denn ihr Auge ruhte auf mir wie das eines unschuldigen Weibes, das von ganzem Herzen liebt – ohne es noch selber zu ahnen. 13. Mai. Klara und Sniatynskis haben uns nicht besucht, sie wollen morgen kommen, wenn gutes Wetter ist. Heute haben wir ein schweres Gewitter gehabt. Ein heftiger Orkan drückte die Bäume fast bis zur Erde – unser Park war von herabgeworfenen Aesten unwegsam geworden, ganze Wolken von entblättertem Laub wirbelten umher. Eine große Linde hat der Blitz mitten entzwei gespalten. Gegen Mittag wurde es plötzlich ganz still, und nur schwarze Wolken mit kupferfarbenen Rändern rollten dichtgeballt heran. Es war bisweilen so finster, daß Frau Celina erschrocken nach Licht rief. Bisweilen zuckte wieder ein blendender Schein über die Erde hin. Der Verwalter lief zum Vorwerk, um das Vieh vom Felde schleunigst hereinholen zu lassen, doch schienen die Knechte das schon von selbst getan zu haben, denn bald hörten wir das bange Gebrüll der Kühe. Meine Tante nahm sofort das Glöcklein von Loreto Zur Hand und ging durchs ganze Schloß, um überall sein beschwörendes Läuten ertönen zu lassen. Ich gebe es von vornherein auf, ihr klar zu machen, daß das gar nichts nütze – sondern daß das Metall der Glocke eher noch den Blitz anziehen könnte – aber ich begleite sie, denn der Gedanke, daß sie sich dieser Blitzgefahr allein aussetzen solle, beschämt mich. Meine Tante imponierte mir gewaltig, wie sie so mit siegesgewissen Blicken nach den drohenden gelben Wolkenballen blickte und ihre Glocke gegen sie schwang. Dieser Anblick wirkte auf mich wie die Großartigkeit eines symbolischen Bildes. Vor der entfesselten Gewalt der Elemente zitterte sonst alles – nur der Glaube trotzte den bösen Mächten ohne Furcht und schwang läutend seine Glocken. Man mag sagen, was man will, es ist gar nicht zu berechnen, welche Kraft in der Menschenbrust der Glaube zu erzeugen vermag. Als wir zurückkehrten, brach der erste Donner los, und gleich darauf prasselte und krachte es alle Augenblicke. Die Decke dieses Wolkengewölbes barst und seine Wucht stürzte donnernd zur Erde. Der Blitz schlug in den Teich – gleich darauf schlug es noch näher ein, und das Wohnhaus schien dem Einsturz nahe. Die Frauen beteten – ich wußte nicht, was ich tun sollte. Mit ihnen zu beten, wäre Heuchelei gewesen, so unterließ ich es. Dabei wirkten diese vorgeschriebenen Gebetformeln binnen kurzem beruhigend auf sie, und all ihre Furcht war geschwunden – sie sahen gefaßt, ja heiter darein. Und ich fühle wieder, daß ich unter diesen drei Polinnen ein Fremdling bin. Jede einzelne von ihnen weiß zehnmal mehr als ich und ist zehnmal besser. Jede von ihnen ist gewissermaßen ein Buch, dessen Inhalt nur aus ein paar Blättern besteht – aber auf jedem Blatte sind klare schlichte Regeln und Grundsätze – wohingegen die vielen Bände, die den Inhalt meines Wesens bilden, nicht eine einzige Wahrheit enthalten, an der man nicht zweifeln könnte. Der Sturmwind tobte mit furchtbarer Gewalt – der Regen strömte in Fluten hernieder, so daß die Wege im Parke in Gießbäche verwandelt waren. Dabei schwieg der Donner nicht, und es war, als wenn ein Bombardement über uns verhängt worden wäre. Ich trat zu Anielka und fragte sie, ob sie sich das Gewitter ansehen wolle. »O ja,« erwiderte sie. »So komm mit an das venetianische Fenster im anderen Zimmer.« Wir gingen beide hinüber und schauten durchs Fenster. In kurzen Zwischenräumen zerriß der Blitz die Finsternis, und im grellen Lichte sahen wir die von Wasser triefende Welt ringsum und unsere Gesichter. Mit jedem neuen Blitzstrahl erschien mir Anielka verführerischer. »Hast Du keine Angst?« fragte ich leise. »Nein,« sagte sie. »Gib mir Deine Hand.« Sie sah mich erstaunt an – es fehlte nicht viel, so hätte ich sie an mich gerissen und ihren Mund mit heißen Küssen verschlossen, – und jetzt hatte sie Angst, aber nicht vor Blitz und Donner – sondern vor meinen Augen und meiner flüsternden Stimme, und sie eilte wieder zu den älteren Damen. Da stand ich nun. Ich war wohl im Begriff gewesen, Anielkas Vertrauen zu mißbrauchen – jetzt aber fühlte ich mich beleidigt, als wenn sie mir einen solchen Vertrauensbruch auch zugetraut hätte. Ich blieb noch eine Stunde etwa stehen und starrte wie verloren in die zuckenden Blitze. Allmählich ließ das Wetter nach, der Regen hörte auf, der Himmel lichtete sich, die Wassermassen verliefen sich. Ich ging hinaus, um den Schaden zu besichtigen, den das Wetter angerichtet hätte und der übrigens in der Tat gar nicht unbedeutend war. Im Parke fand ich schon ganze Scharen von Dörflern, die die abgefallenen Aeste sammelten und die umgerissenen Bäume zu zersägen anfingen. Sie wollten sich bei dieser günstigen Gelegenheit mit Brennholz versorgen. Da ich aber sehr mißgestimmt war, verdroß es mich, daß sie hierzu nicht erst Erlaubnis eingeholt hatten, und ich jagte sie fort. Da erklang hinter mir die süßeste Stimme, die es für meine Ohren auf dieser Welt gibt. »Was schadet es denn, wenn die Leute hier aufräumen?« fragte Anielka auf französisch. Sie hatte sich ein Tuch über den Kopf geworfen, mit beiden Händen hielt sie ihr Kleid hoch, so daß ihr zierlicher Fuß und die schön geformten Knöchel zum Vorschein kamen. Mein Verdruß war im Augenblick verraucht. »Bedankt Euch bei der Dame,« sagte ich zu den Bauern, »und nehmt Holz mit, soviel Ihr könnt.« Wenn ich Herr von Ploshow wäre, – auf ein Wort von ihr ließe ich den ganzen Park abschlagen. Wir gingen durch die verwüsteten Anlagen und fanden auf der Erde ganze Scharen von Vögeln, die erschlagen waren oder doch vor Nässe sich nicht bewegen konnten. Wir hoben sie alle auf, und dabei berührte ich mehrmals Anielkas Hand und sah ihr tief in die Augen. Wonnige Seligkeit erfüllte mich, und ich erkannte wieder, daß es weit mehr als geschwisterliche Neigung war, was in ihrem Herzen – ihr selber noch verborgen – für mich sich regte. 15. Mai. Das Wetter ist wieder herrlich, die Wege sind wieder trocken, und heute ist denn auch unser Besuch gekommen. An diesen fünfzehnten Mai werde ich lange denken, denn er ist ein Tag von großer Wichtigkeit in meinem Leben geworden. Die Damen waren sehr heiter gestimmt. Klara trug ein helles gestreiftes Kleid, in welchem ihre Figur nicht ganz so groß erschien. Uebrigens war Anielka erstaunt über ihre Schönheit, denn davon hatte ich noch nie gesprochen, wie ich ja manches kaum beachtet hatte, weil eben mein ganzes Sinnen sich auf Anielka konzentriert. So war mir, obwohl ich schon zweimal bei Sniatynskis gewesen bin, noch nicht aufgefallen, daß Frau Sniatynska das Haar kurz geschnitten trägt. Das kleidet sie vorzüglich, denn das blonde Gelock, das ihr so keck in die Stirn fällt, gibt ihr das Aussehen eines rotbäckigen Buben. Sie ist jetzt wieder gut mit mir – ihr Mann hat ihr jedenfalls erzählt, wie schlecht mir selber die Suppe bekommt, die ich mir eingebrockt habe, und da alle Frauen ein Faible für einen unglücklich Verliebten haben, so habe ich nun wieder einen Stein bei ihr im Brett. Trotz aller Herzensgüte war Anielka zuerst ein wenig steif und förmlich gegen Klara, und das ungezwungene, lustige Wesen der Frau Sniatynska half viel, sie einander näher zu bringen. Klara war ganz entzückt von Anielkas Schönheit, und in ihrer Gepflogenheit, alles, was sie denkt, mit künstlerischer Ungeniertheit herauszusagen, sprach sie ihre Bewunderung unverhohlen aus, tat es aber mit so aufrichtiger Begeisterung, daß Anielka es ihr nicht übelnehmen konnte und daß Anielkas Mutter sich vor Freude im siebenten Himmel fühlte. Sniatynski ergriff diesen Gegenstand sofort und ließ sich des näheren über den Typus von Frauenschönheit aus, als welchen man Anielka bezeichnen könnte, und er sprach über die vom ästhetischen Standpunkt vollendete Erscheinung mit so spaßhafter Sachlichkeit, als sei es ein Porträt an der Wand, um das es sich handelte, nicht aber eine Person, die mitten unter uns saß. Anielka aber wurde so verlegen und errötete so tief, daß sie wie ein kleines Mädchen und somit noch viel reizender aussah. Die Tante gab dem Gespräch eine andere Wendung, denn als Wirtin fühlte sie sich verpflichtet, die Rede auf Klaras letztes Konzert zu bringen. Ich wunderte mich hier über meine Tante, erstens bekundete sie so ausgezeichnete Musikkenntnisse, wie ich sie ihr nicht zugetraut hätte, und zweitens konnte sie, die sonst so frisch von der Leber reden konnte und so unverblümte Grobheiten zu sagen verstand, im reinsten Geiste des achtzehnten Jahrhunderts Komplimente machen – eine Kunst, die wir nur noch bei vornehmen Damen der früheren Generationen vorfinden, denn unsere Zeit gibt nichts mehr darauf. Klara gefiel das sehr gut und sie stand an ausgesuchter Höflichkeit nicht hinter ihr zurück. »Mein Bestes,« sagte sie, »gebe ich aber immer gern in einem kleinen Kreise, wo mir jeder einzelne Zuhörer sympathisch ist. Wenn ich so frei sein dürfte, so möchte ich gleich nach dem Frühstück die Probe ablegen.« Meine Tante war sehr erfreut, denn sie hatte sehnlichst gewünscht, Anielka und Frau Celina möchten doch auch einmal die große Künstlerin hören, nur hatte sie nicht recht gewußt, ob sie sie zum Spielen auffordern dürfe, da man sie zu Besuch geladen hatte. Klara spielte dann ein paar Stellen aus Mozarts »Don Juan«. Sobald sie die ersten Töne angeschlagen hatte, war sie eine andere. Sie war nicht mehr das lustige Mädchen, das eben noch sich mit uns unterhalten hatte, sie war eine heilige Cäcilia, und das Gemeinsame zwischen ihrem Aeußeren und ihrer Kunst, die Harmonie ihrer Kunst und ihrer Erscheinung verlieh ihr etwas, wodurch sie über das gewöhnliche Niveau eines Weibes emporgehoben wurde. Und bei diesem Anblick wurde ich mir über etwas Neues klar. Ich verglich Anielka mit der hoheitsvollen Klara, und Anielka saß in der Ecke, klein, schüchtern, fast beklommen. Aber ich fühlte: so wie sie war, so klein und unscheinbar gegen die Künstlerin – so war sie mir die Teuerste, die Liebste! Das Bild, das die Allgemeinheit von einer Frau hat, ist nie das richtige. Nur der Liebende kann ihren vollen Wert ergründen. Ihre absolute Vollkommenheit steht in direktem Verhältnis zu der Größe der Liebe, die sie einflößt. Ich prüfte, was die anderen für Gesichter machten, während Klara spielte, und bemerkte dabei, daß Anielka ihrerseits mich beobachtete. Tat sie das aus Neugierde, oder veranlaßte sie hierzu die ihr selber unbewußte Herzensregung, jenes Bangen, das ihr selber noch unerklärlich ist? Wenn dies der Fall wäre, so hätte ich hierin einen neuen Beweis, daß sie mich liebt. Ich nahm mir vor, noch heute eine Antwort auf diese Frage zu erlangen. Nun wich ich nicht mehr von Klaras Seite und sprach mit ihr mehr und in herzlicherem Tone als je zuvor. Als wir am Morgen im Walde spazieren gingen, war ich neben ihr und blickte nur hin und wieder auf Anielka, die mit Sniatynskis ging. Als sie zu uns traten, bat ich Klara, sie möchte die ganze Schönheit dieses Waldes mit dem Sonnenglanze, den rauschenden Bäumen, den zwitschernden Vögeln, dem lichten und dunklen Grün in Töne übersetzen, und sie sagte gleich, in ihrer Seele erklinge schon ein Lied vom Lenze und sie wolle versuchen, ob sie es zu Hause spielen könne. Dabei strahlte ihr Angesicht und ihre Wangen erglühten, sie glich einer Harfe, in der es von Gesängen und Klängen zitterte. Anielka aber mußte sich zusammennehmen, um ihre Mißstimmung zu verbergen. Sniatynskis waren vergnügt wie Schulkinder und jagten einander, daran nahm auch Klara teil, was ihr freilich gar nicht anstand, denn im schnellen Laufen verlor ihre große Gestalt alle Grazie. Jetzt trat ich zu Anielka, denn es erschien mir am Platze, sie auf ihre Verdrossenheit hinzuweisen. »Du fühlst Dich heute nicht wohl, Anielka?« fragte ich. – »O doch! mir fehlt gar nichts.« »Du bist mißgestimmt, gefällt Dir Klara nicht?« »Sehr gefällt sie mir. Ich kann es wohl begreifen, daß alle Welt für sie schwärmt.« Ich konnte jedoch das Gespräch nicht fortsetzen, denn die anderen kamen hinzu, und es war Zeit zur Heimkehr. Sniatynski fragte, ob Klara wirklich so sehr mit der Aufnahme, die ihr in Warschau bereitet worden sei, zufrieden wäre. »Ei gewiß!« antwortete sie. »Sie sehen ja, ich möchte gar nicht wieder fort.« »Wir werden uns bemühen. Sie für immer hier festzuhalten,« sagte ich. Klara sah mich verwundert an und wußte nicht, was sie vor Verlegenheit antworten sollte. Ich wußte wohl, daß es eigentlich niederträchtig von mir war, Klara durch solche Worte aufs Eis zu führen, aber mir war jetzt nur darum zu tun, zu erproben, wie eine solche Andeutung auf Anielka wirken würde. Aber ich konnte leider die Wirkung nicht erkennen, denn sie bückte sich, ihren Handschuh zuzuknöpfen, und ihr Hut verdeckte mir ihr Gesicht. Aber schon in dieser Bewegung glaubte ich den gewünschten Erfolg zu konstatieren. Wir saßen bis etwa um neun bei Tische, dann gab Klara ihr Lied vom Lenz zum besten, und sicherlich ist in Ploshow noch nie eine derartige Musik vernommen worden, aber ich war nicht bei der Sache, all meine Gedanken weilten bei Anielka. Ich saß neben ihr – das Zimmer war dunkel, denn Klara hatte darum gebeten, kein Licht zu bringen. Anielka saß ganz still und ich hätte darauf schwören mögen, sie dachte über mich und Klara nach und was wohl meine Worte im Walde besagt hätten. Ich erriet unschwer, daß es ihr schmerzlich war, meine Zuneigung zu verlieren, mich eine andere lieben zu sehen, selbst wenn sie mich nicht liebte und keine Ahnung davon hatte, wie leidenschaftlich ich sie in Wahrheit liebte. Denn eine Frau, die in ihrer Ehe nicht glücklich ist, klammert sich an jeden, der ihr ein wärmeres Gefühl entgegenbringt, und sie wäre jetzt vielleicht – ob auch noch so entsetzt – doch außer sich vor Seligkeit gewesen, wenn ich zu ihren Füßen hingesunken wäre und ihr meine Liebe gestanden hätte. Wenn ich mit dieser Vermutung das Rechte traf, so war es am besten, ich machte dieses Geständnis sobald wie möglich. Nun kam es nur noch auf die Form an und sofort sann ich darüber nach, in welcher Form ich es tun könnte. Das war nicht leicht zu entscheiden, denn ich begriff, welch ein entscheidender Wendepunkt mit einem solchen Geständnis meinerseits im Leben Anielkas eintreten müsse, und mir war bange um sie. Um mich selber seltsamerweise nicht. Es war jetzt hell im Salon – der Mond war aufgegangen und warf seinen Schein herein. Ich sah Anielka an, aber ihr Blick hing unverwandt an Klara, die jedoch ihr Spiel nun zu Ende führte, denn Sniatynskis erinnerten daran, daß es Zeit sei, sich auf den Heimweg zu begeben. Wir schickten auf meinen Vorschlag den Wagen ein Stück voraus und gingen bis dahin zu Fuße. Ich hatte damit gerechnet, daß meine Tante nicht mitkommen und ich dann auf dem Rückweg mit Anielka allein sein würde. Ich führte Klara, Anielka ging ganz still mit Sniatynskis. Endlich hatten wir den Wagen erreicht, die Gäste fuhren davon – und ich war mit Anielka allein. Schweigend gingen wir auf das Haus zu. Mit Absicht schwieg ich eine Weile, damit Anielka fühlen sollte, daß etwas Unausgesprochenes zwischen uns liege. Halbwegs begann ich dann: »Was war das heute für ein köstlicher Tag! Meinst Du nicht auch?« »Ja, eine so schone Musik habe ich noch nie gehört!« »Und doch warst Du betrübt. Ich habe es gesehen, denn ich habe für nichts anderes Augen als für Dich.« »Heute hast Du Dich aber den Gästen widmen müssen – es ist ja sehr nett von Dir – aber mir fehlt wirklich nichts.« »Ich habe auch heute nur Dich allein im Auge gehabt. Soll ich es Dir beweisen, indem ich Dir sage, was Du den ganzen Tag über gedacht hast?« Und ich wartete nicht ab, daß sie mich dazu auffordern würde, sondern setzte gleich hinzu: »Du hast bei Dir gedacht, es sei ganz überflüssig von mir gewesen, Dich um Freundschaft und Teilnahme zu bitten, denn ich hätte mich ja früher schon an eine andere gewandt. Sei doch aufrichtig – hast Du nicht das gedacht?« »Allerdings,« antwortete sie unwillig, »wenn Du es durchaus wissen willst – aber darüber kann ich ja nur froh sein.« »Wieso?« »Nun, ich meine, wenn Du mit Klara auf freundschaftlichem Fuße stehst –« »Sie ist mir genau so gleichgültig wie alle anderen Frauen – und weißt Du auch, weshalb?« – Meine Stimme bebte, denn ich wußte, der entscheidende Augenblick war gekommen. – »Es muß Dir doch ganz klar sein,« fuhr ich fort, »daß ich Dir allein gehöre, daß ich allzeit nur Dich geliebt habe, daß ich Dich noch jetzt wahnsinnig liebe!« Wie versteinert blieb sie stehen – aber wenn ihr in diesem Augenblick zu Mute war, als würde aller Boden ihren Füßen entzogen, so setzte ich ja auch meine ganze Seele aufs Spiel. »Antworte nicht,« fuhr ich rasch fort, »denn ich verlange von Dir nichts – hörst Du wohl, gar nichts! Ich wollte Dir nur sagen, daß mein Leben Dir allein geweiht ist – Du kannst mich von Dir stoßen – aber kommen und Dir mein Elend klagen, das mußte ich tun – denn ich habe sonst keinen Menschen – und so sag' ich es denn Dir, Dir, meiner Schwester, wie unglücklich ich bin – unglücklich durch die grenzenlose Liebe zu einer Frau, die einem anderen gehört!« Wir waren nahe am Tore – auf einen Augenblick war es mir, als neige sie sich zu mir – schon wollte ich sie in die Arme schließen – da raffte sie sich auf und rief im Tone einer nervösen Beherztheit, die ich ihr nicht zugetraut hätte: »Laß mich damit in Ruhe, Leon – ich will's nicht hören – ich will nicht!« Damit verließ sie mich und verschwand im Schlosse. Ich blieb zurück – Schrecken, Mitleid, Bestürzung waren meine ersten Empfindungen – dann aber fühlte ich Zufriedenheit, denn die schweren Worte, die für uns beide ein neues Leben anbahnen sollten, waren nun wenigstens gesprochen. Fürs erste hatte ich nichts weiter erwarten können – das Samenkorn, aus dem alles andere sich entwickeln konnte, war ausgestreut. Morgen will ich nach Warschau reisen und dadurch Anielka Zeit lassen, über meine Worte in Muße nachzudenken. Außerdem fürchte ich selber mich ein wenig vor einem Wiedersehen mit ihr, und ich möchte das, was nun kommen muß, noch ein wenig hinausschieben. Manchmal kommt es mir so vor, als hätte ich eine schwere Schuld auf mich geladen, indem ich den Keim meiner Schlechtigkeit in ihre reine Seele gestreut habe. Doch nein! der Kern alles Unheils ist nur ihre Ehe mit einem Manne, den sie nicht liebt. Was ist sittlich reiner: meine Liebe oder ihr Bund mit jenem Manne, der von Liebe nichts weiß? Das rechtlichste Verhältnis wird zum Frevel, wenn es mit Liebe nichts zu tun hat. Uebrigens wirft das eine Wort: Ich liebe! diese eine große erhabene Tatsache, alle theoretischen Bedenken über den Haufen. 19. Mai. Das Fazit, das ich aus meinen Erwägungen ziehe, ist: Ich spiele um mein Leben, aber das Spiel steht so, daß ich es nicht verlieren kann. Ich fuße auf dem Recht, das jedes lebende Wesen hat: dem Recht der Selbstverteidigung. Ich habe nichts, keine Ueberzeugungen, kein Dogma, keine Grundsätze, das alles hat mir mein Skeptizismus genommen – ich habe nur noch den Willen zum Leben, der jedem Menschen angeboren ist, und dieser Wille geht in der Liebe zu diesem Weibe auf. Wie der Ertrinkende nach einer Planke greift, die ihn retten soll, so greife ich nach dieser Liebe. Wird sie mir entzogen, so ist es um mein Leben geschehen. Wenn man dagegen die Frage aufwirft, warum ich denn nicht Anielka zur Frau genommen habe, so kann ich darauf nur antworten, weil ich ein Krüppel bin, – weil meine beiden Ammen, der Hang zum Reflektieren und die kritische Veranlagung, mich zum Krüppel werden ließen. Wenn sie heute frei würde, so heiratete ich sie ohne Säumen – aber wenn sie nicht einen anderen Mann geheiratet hätte – je nun! so wäre ich vielleicht nicht so sehr närrisch nach ihr, und ich würde wahrscheinlich wieder über alle Kleinigkeiten in meinem und ihrem Wesen so lange tüfteln und grübeln, bis mir wieder ein anderer sie weggeschnappt hätte. Der Teufel hole alles Grübeln – ich will lieber gar nicht darüber nachdenken! 20. Mai. Heute habe ich darüber nachgedacht, was Wohl zu tun ist, wenn Anielka mir ihre Liebe gestanden hat. An Ehescheidung in Ploshow auch nur zu denken, erscheint mir unerhört. Eher könnte das Haus einstürzen. Die alten Damen könnte womöglich gleich der Schlag rühren. Und trotzdem bin ich fest entschlossen, die Ehescheidung zu proklamieren, und Anielka muß sich mit dem Gedanken befreunden. Aber freilich werden wir wohl warten müssen, bis die Tante und Frau Celina nicht mehr sind. Ob Kromitzki das recht ist oder nicht, das kommt gar nicht in Frage. Wohl hintergehe ich Anielka, wenn ich ihr versichere, ich begehre nichts von ihr – aber das ließe sich nur dann als Lüge bezeichnen, wenn meine Liebe selber eine Lüge wäre. Sie ist aber die erhabenste Wahrheit – und so ist dieser Vorwand gewissermaßen ein Gefühlskniff, wie sie in der Diplomatie der Liebe erlaubt sind. 21. Mai. Ich beabsichtige, meines Vaters Sammlungen nach Warschau zu überführen und ein Museum der Familie Ploshowski anzulegen. Das wird dann die erste nützliche Tat sein, die aus meiner Liebe zu Anielka entspringt, und somit gewissermaßen ein Verdienst Anielkas. Da fällt mir auch ein – jene Madonna von Sassoferrato hat ja mein Vater seiner zukünftigen Schwiegertochter vermacht. Ich will sie mir gleich schicken lassen – ich kann sie gut gebrauchen. 22. Mai. Ich kann es vor Sehnsucht nicht mehr aushalten – ich muß Anielka vor Augen haben – morgen fahre ich wieder nach Ploshow. Es sieht so aus, als wollte ich mich der Verantwortung entziehen. Wenn es auch in der Ordnung war, nach der Erklärung abzureisen – jetzt muß ich wieder hinfahren. Ich besuchte Sniatynskis und Klara und nachher eine Frau Korytzka – eine berühmte Schönheit, die ein wenig mit mir zu kokettieren anfing. Ich trage mich mit dem Gedanken, irgend etwas zu beginnen, um in Anielkas Achtung zu steigen – sie denkt in diesem Punkte ziemlich verschroben, und ich möchte aus persönlicher Eitelkeit und, um ihr zu gefallen, mich um eine hervorragende Stellung bewerben. Ich werde zusehen, was sich machen läßt, zunächst meines Vaters Sammlungen herüberkommen lassen, dann mehrere öffentliche Einrichtungen unterstützen und zunächst mit meinem Geldbeutel operieren. Was solch eine Frau wie Anielka doch für einen Einfluß übt! Auf einmal erinnere ich mich an allerlei Verpflichtungen, an die ich früher mit keinem Gedanken dachte. Sie ist mein guter Genius – ich will wieder zu ihr eilen. Als ich nach Ploshow zurückkehrte, sah Anielka angegriffen aus, aber sie empfing mich mit Fassung. Ohne Zweifel hatte sie sich ihre Lage bedacht und war sich klar darüber geworden, wie sie mit mir zu verfahren hätte. Du guter Engel Du! wolltest Du Dich darauf einlassen, mit mir zu rechten? ich glaube ja an keine Wahrheit, an kein Gesetz, an keine Gründe – für mich gibt es nur eine Wahrheit: meine Liebe! Du magst gegen mich anführen, was Du willst, ich mag noch soviel Mitleid mit Dir hegen – das alles rettet Dich nicht – denn je engelgleicher, je reiner Du Dich zeigst, um so heißer wird meine Liebe, um so wilder mein Begehren. Als Frau Celina auf der Veranda eingeschlummert war, gab mir Anielka einen Wink, und wir schritten ein Stück in den Garten hinein. Sie war blaß, und es schien sie allen Mut und alle Tatkraft zu kosten, um die Unterredung durchzuführen, die sie sich vorgenommen hatte. »Ich war in diesen letzten Tagen sehr unglücklich,« begann sie. »Nun, meinst Du, ich sei auf Rosen gebettet gewesen?« »Gewiß nicht, und darum will ich Dich um etwas bitten. Du bist sehr verständig und lieb und großmütig – Du wirst daher gern tun, um was ich Dich bitte.« »Nun, was soll ich tun?« »Ins Ausland reisen und nicht zurückkehren, so lange meine Mama gezwungen ist, in Ploshow zu bleiben.« Ich hatte es mir denken können, daß das kommen würde – dennoch stellte ich mich, als sei ich für den Moment um eine Antwort verlegen. »Du hast über mich zu entscheiden,« antwortete ich dann. »Aber Du wirst mir doch wohl sagen, weshalb Du mich ins Exil schickst?« »Von Exil ist doch keine Rede – Du weißt doch allein –« »Gewiß,« versetzte ich mit aufrichtiger Trauer, »weil ich für Dich mein Herzblut hingeben könnte, wenn ich Dein Leben damit retten könnte – weil ich gerne alles Unheil auf mich nehmen würde, wenn ich es Dir damit ersparen könnte – weil ich Dich über alles liebe – weil Du mir teurer bist als mein Leben –« »Nein,« fiel sie mir ins Wort, alle Kraft zusammennehmend, »deswegen nicht – sondern weil ich die Frau eines Mannes bin, den ich lieb habe, den ich hochschätze – und weil ich dergleichen nicht hören mag!« Da ergriff mich heftiger Ingrimm, ich wußte ganz genau, sie belog mich – ich wußte auch, daß alle Frauen, wenn sie an diesem Scheidewege stehen – sich dieser Lüge schuldig machen – doch versetzten mir die Worte Anielkas einen so erschütternden Schlag, daß ich die Lippen aufeinanderbeißen mußte, um nicht zu rufen: »Du Lügnerin! Du liebst ihn nicht. Du schätzest ihn auch nicht!« Doch ich bedachte noch im rechten Moment, daß sie am Ende ihrer Kräfte angelangt sei, und sagte demütig: »Sei mir nicht gram, Anielka, ich werde ja verreisen.« Diese Demut nahm ihr im Nu alle Härte – sie unterdrückte mit fast übermenschlicher Kraft die Tränen, die ihr in die Augen traten, und krampfhaftes Schluchzen zerriß ihr die Brust. »Kann es Dich denn wunder nehmen, wenn ich mich nicht gleich bereit erklärte?« fügte ich hinzu. »Unrecht tust Dir mir damit, trotz alledem. Ich habe Dir ja gesagt: ich verlange nichts – nur die gleiche Luft mit Dir will ich atmen, und ich soll der einzige Mensch auf der Welt sein, der nicht nach Pillshow kommen, Dich sehen, mit Dir sprechen darf – und warum nicht? bloß weil Du diejenige bist, die mir auf der Welt das Allerteuerste ist. Du sprichst mir damit das Todesurteil, denn Du nimmst mir die Möglichkeiten meiner Existenz. Ich kam ja auf Deine Anregung hin ins Vaterland zurück, weil ich hoffte, in der Arbeit fürs Vaterland Ruhe zu finden und wieder gut zu machen, was ich früher gefehlt habe. Eben erst war ich willens, die Sammlungen meines Vaters herschicken zu lassen. Und nun soll ich alles im Stich lassen und wieder in die weite Welt wandern, ohne Ziel, ohne Zweck, ohne Sonnenschein, wie früher? Gut denn! wenn Du nach drei Tagen Deine Forderung wiederholst, so will ich gehen – denn vorläufig glaube ich noch, Du hast Dir nicht vergegenwärtigt, was das für mich heißen will. Gib mir also diese Frist von drei Tagen!« Anielka schlug die Hände vors Gesicht. »O mein Gott! mein Gott!« stöhnte sie. »In einem Falle würde ich sogleich reisen,« sagte ich. »Wenn ich nämlich wüßte, daß Du nicht bloß die Absicht hast, Dir einen unglücklichen Menschen aus den Augen zu schaffen, sondern daß es Dir dabei um Deinen inneren Frieden zu tun ist. Ich spreche jetzt zu Dir als Bruder. Ich weiß ja, daß Du früher mich geliebt hast – und wenn Du mich noch liebst, gut, dann will ich morgen abreisen.« Diese Worte gab mir mein ehrlicher Kummer ein, aber dennoch stellte ich damit Anielka eine Falle, denn sie konnte jetzt leicht mit einem Bekenntnis herausplatzen – aber sie schreckte zurück, als wenn ich eine Wunde mit rauher Hand berührt hätte. Mit der Röte des Zornes auf den zarten Wangen, rief sie leidenschaftlich: »Nein! das ist nicht wahr! bleib meinetwegen oder reise ab – aber das ist nicht wahr!« Aber an diesem Aufbrausen glaubte ich gerade zu erkennen, daß es doch wahr sein könnte – und ich wollte ihr das schon rückhaltlos ins Gesicht sagen, da trat die Tante zu uns. Anielka konnte sich nicht rasch genug fassen, und die Tante bemerkte ihre Aufregung und fragte sogleich: »Was ist geschehen? wovon war die Rede?« »Anielka kann es noch immer nicht verschmerzen, daß Gluchow verkauft ist, weil die Gesundheit ihrer Mutter darunter sehr leidet.« An dieser Lüge mußte sich Anielka nun stillschweigend beteiligen, und das machte das Maß ihres Grames voll. Sie brach in Tränen aus, und die Tante drückte sie an sich und liebkoste sie wie ein kleines Kind. »Anielka,« sagte sie, »man muß sich drein fügen, was Gott schickt. Mir hat letztens auch der Hagel fünf Vorwerke zerstört.« 25. Mai. Der dritte Tag nach unserem Gespräch ist verflossen, Anielka hat ihre Forderung nicht wiederholt, und so bleibe ich. Sie hält sich viel in ihrem Zimmer auf und spricht wenig mit mir, indessen meidet sie mich nicht in auffallender Weise, und die alten Damen merken nichts. Nichtsdestoweniger haben wir aber schon ein gemeinsames Geheimnis vor der Tante und Frau Celina. Soweit haben die Tatsachen uns schon geführt, wenn auch Anielka sich dagegen zu sträuben versucht hat – ein Band besteht schon zwischen uns. Mit der Zeit wird sie sich daran gewöhnen. Aus meiner Liebe webe ich ein tausendfädiges Netz, das ich über sie werfe und das uns immer fester ineinander verstricken muß. 26. Mai. Heute habe ich Sniatynski mitgeteilt, daß ich die Sammlungen meines Vaters nach Warschau kommen lassen will. Er soll die Nachricht in die Zeitungen lancieren – die werden dann von meinem Verdienst um die Nation schwärmen, und Anielka soll dadurch gezwungen werden, mich mit Kromitzki zu vergleichen. Außerdem habe ich durch ein Telegramm die umgehende Zusendung jenes Madonnenkopfes von Sassoferrato angeordnet. Absichtlich im Beisein der anderen Damen sagte ich beim Frühstück Anielka, der Vater hätte ihr testamentarisch einen Madonnenkopf vermacht. Sie wußte, daß der Vater damals in ihr die zukünftige Schwiegertochter erblickt hatte. In der Tat war ihr Name im Testament auch gar nicht genannt, es hieß darin nur: Den Madonnenkopf No. soundso soll meine zukünftige Schwiegertochter erhalten. Und deswegen soll ihn eben nun Anielka bekommen. An diese Madonna knüpfen sich für uns viele schöne Erinnerungen, und es war ja besonders mein Zweck gewesen, Anielka in jene Tage zurückzuführen, da sie mich geliebt hatte. Wenn sie auch im Gedanken daran noch immer Ursache hatte, mir zu zürnen, ich hatte damals ja immer noch im letzten Augenblick Sniatynski geschickt und alles wieder gut zu machen versucht. Und außerdem wußte Anielka ja nun, daß ich sie liebte, daß ich tiefe Schmerzen litt, daß ich schwere Buße tat und daß auch sie mit schuld daran ist, wenn wir nun beide unglücklich sind. Wenn Anielka auch nur noch einen Funken Liebe für mich hat – wenn ihr unsere gemeinsame Vergangenheit noch teuer ist, dann muß sie die Meine werden. Wenn ich mir dieses Glück ausmale, so bin ich nicht imstande, ruhig zu denken. An der Meeresküste gibt es tückische Dünen, die den Wanderer, dessen Fuß sich auf sie wagt, rettungslos verschlingen. Meine Liebe ist so eine Düne – ich ziehe Anielka hinein, aber ich gehe auch selbst unter. Sei es drum – wenn wir nur zusammen sterben! 28. Mai. Heute stand in den Zeitungen die Geschichte von der Ehescheidung der Frau Korytzka. Es ist die größte Sensation von Warschau, und ich benutze den Anlaß, Anielka einige Anschauungen beizubringen, die ihr bisher fremd waren. »Was Frau Korytzka tut,« sagte ich, »ist nach meiner Meinung durchaus rechtlich und vernünftig. Gibt es denn etwas Widersinnigeres und Unnatürlicheres als zu verlangen, daß man dem, den man liebt, eines anderen wegen, den man nicht liebt, entsagen soll? Die Ehe ist nur dann heilig und unantastbar, wenn sie auf der Liebe beruht – im anderen Fall ist sie nur ein Vertrag, der der Religion und der Moral ins Gesicht schlägt und deshalb zu lösen ist. Freilich, Treubruch ist ein häßliches Wort, aber man muß sich darüber klar sein: das Weib begeht einen Treubruch schon in dem Moment, wo sie den Mann nicht mehr liebt – nicht erst dann, wenn sie von ihm geht. Was hinter dem faktischen Treubruch kommt, das hängt nur davon ab, ob die Frau den Mut hat, die logischen Konsequenzen zu ziehen, und ob ihr Herz die Fähigkeit hat zu lieben oder nicht. Frau Korytzka liebte den Mann, um dessentwillen sie sich jetzt scheiden läßt, schon lange, ehe sie die Ehe mit einem anderen einging, und diesen letzteren heiratete sie nur aus Mißverständnis, weil sie in einer Vernachlässigung, die ihr Geliebter ihr nur aus Eifersucht zuteil werden ließ, eine wirkliche Gleichgültigkeit erblickte. Das war freilich ein Fehler, aber sie will ihn nun wieder gut machen, denn sie begreift, daß es Pflicht ist, sich zu ihrer Liebe zu bekennen und sie nicht aus Rücksicht auf gesellschaftliche Formen verkümmern zu lassen. Hieraus können ihr nur Heuchler oder Leute, die die Augen verbunden tragen, einen Vorwurf machen.« Das beruhte teils auf Wahrheit, teils war es erlogen. Frau Korytzka war als leichtfertige Frau bekannt, die man nicht in Schutz zu nehmen brauchte. Die Geschichte von ihrer ersten Liebe war eine Erdichtung von mir, mit der ich nur die Übereinstimmung dieses Falles mit dem Falle zwischen Anielka und mir besser herausarbeiten wollte. Ich merkte auch, daß Anielka mich verstand, denn sie zitterte, ihre Wangen glühten, und als ich schwieg, erwiderte sie: »Beweise find ja ganz gut und schön, aber wenn man etwas Böses vorhat, so warnt einen das Gewissen davor und es läßt sich durch nichts dazu bekehren, das Böse für etwas Gutes zu halten.« Anielkas einfache, im Vertrauen auf ihr Dogma gesprochenen Worte genügten, alle meine Beweise zu entkräften. Die Theorie, daß der Wille da aufhöre, wo die Liebe anfange, läßt sich freilich widerlegen, aber aller Disput hört da auf, wo das Dogma einsetzt, dagegen gibt es gar keine Einwendung. Die Frauen gehen auf alle Logik nur so lange ein, als sie darin keine Gefahr erblicken. Fühlen sie sich aber im mindesten unsicher, dann retten sie sich sofort hinter ihre Glaubenslehren, und dagegen ist dann nichts mehr zu machen. Darin beruht die Schwäche der Frauen – aber auch ihre Stärke – denn wenn sie auch im Denken schwächer sind als der Mann, im Glauben sind sie stärker – ja unter Umständen unüberwindlich. 29. Mai. Heute stand im Speisezimmer Anielka auf einem Stuhl und stellte die Zeiger der Uhr. Der Stuhl geriet ins Schwanken, ich hatte gerade noch Zeit, ihr zuzurufen: »Du wirst fallen!« – dann sprang ich hin und fing sie in den Armen auf. Als sie auf die Füße kam, ließ ich sie sofort los – aber einen Augenblick hatte sie doch an meiner Brust gelegen – Schwindel ergriff mich, ich mußte mich an die Stuhllehne halten, um nicht zu fallen. Sie sah es – und auch hieran hat sie erkannt, wie unbeschreiblich ich sie liebe! 30. Mai. Chwastowski hat Frau Celina empfohlen, nach Gastein zu gehen. Das ist glücklicherweise so weit von Baku, daß Kromitzki wohl nicht daran denken wird, mitzukommen. Ich aber werde mitfahren. Die Bergluft wird mir gut tun – besser aber noch Anielkas Nähe! Ich habe mich bereit erklärt, alles auf mich zu nehmen und die Damen in Gastein aufs beste zu versorgen. Ich will den größten Teil der Kosten auf mich nehmen. Von früh bis spät hört nun Anielka mich von allen Seiten loben. Meine Tante hält von jeher große Stücke auf mich. Chwastowski nennt mich eine erfreuliche Ausnahme unter den Dekadenten. Frau Celina ist mir wieder gut, weil ich so liebevoll für sie sorge. Ja es tut ihr jetzt sehr leid, daß ich nicht ihr Schwiegersohn geworden bin. So wird es Anielka fortwährend indirekt nahegelegt, daß ich ein liebenswürdiger Mensch bin – und Du allein, o Geliebte, solltest Dich dem widersetzen? O, wann wirst Du vor mich hintreten und sagen: »Nimm mich hin – ich bin Dein!« 31. Mai. Man spricht davon, daß ich Absichten auf Klara hätte. Mir ist das ganz recht, aber als ich das letzte Mal mit Sniatynski bei ihr war, endete unser Beisammensein in unerfreulicher Weise. Klara hatte uns eine neue Komposition vorgespielt. Auf unsere Bitte wiederholte sie den Schlußsatz. »Das ist mein Abschied,« sagte sie plötzlich. »So muß auf der Welt schließlich alles Abschied nehmen.« »Sie wollen doch nicht fort von uns?« fragte Sniatynski. »In zehn Tagen muß ich in Frankfurt sein,« erwiderte sie. »Und Du,« wandte Sniatynski sich an mich, »was meinst Du dazu? Hast Du uns nicht Hoffnungen gemacht, Fräulein Hilst solle immer bei uns bleiben?« »Ich wiederhole,« antwortete ich, »in der Erinnerung wird sie immer bei uns weilen.« »So habe ich Ihre Worte auch aufgefaßt,« sagte Klara in naiver Betrübnis. Der Gedanke, Klara könnte mich wirklich lieben und sich Hoffnungen gemacht haben, war mir sehr peinlich. Daß sie Neigung für mich hegte, hatte ich gewußt, aber ich hatte nicht geglaubt, daß diese Neigung zu einem bestimmten Verlangen werden könnte. Es mißfiel mir, daß sie mir mit dieser geplanten Abreise gewissermaßen einen Wink mit dem Zaunpfahle hatte geben wollen. Es bleibt mir nun nichts weiter übrig, als freundlich von ihr Abschied zu nehmen. Ich ging in tiefer Mißstimmung fort und begab mich in eine Buchhandlung, um Lektüre für Anielka auszusuchen. Ich überlege schon eine ganze Woche lang, was ich ihr zu lesen geben soll. Auch in dieser Weise möchte ich auf sie einwirken, wenn auch dieses Mittel, da man nur sehr langsam zu einem Erfolge gelangt, ziemlich illusorisch ist. Ich kann höchstens erwarten, Anielka würde sich durch gewisse Bücher über freie Anschauungen und weitgehende Gefühle unterrichten – mehr will ich wohl auch gar nicht erreichen. 1. Juni. Gestern habe ich Bescheid aus Gastein erhalten, daß eine Wohnung für die Damen gemietet worden ist. Ich habe die Nachricht sofort nach Ploshow weitergehen lassen. Anielka wird wahrscheinlich zum Wettrennen hier sein. Es geht ihrer Mutter einigermaßen besser, und sie will ihr nun diese kleine Zerstreuung gönnen. Anielka hat ja sonst auch gar nichts in Ploshow. Ich freue mich unsäglich darauf. Der bloße Gedanke, daß sie in meinem Hause weilen wird, versetzt mich in Entzücken. In diesem Hause ist ja doch unsere Liebe erwacht, in diesem Hause hat nach jener Abendgesellschaft, die die Tante mir zu Ehren veranstaltete, ihr Herz zum erstenmal für mich geschlagen. Daran wird sie sich nun hier erinnern. 2. Juni. Es ist nur gut, daß ich die Säle noch nicht zum Museum umgewandelt habe – jetzt werde ich ein paar Leute einladen zu einem kleinen Diner nach dem Rennen. Ich will nur solche aussuchen, die Anielka gern hat. Auf diese Weise halte ich sie ein Weilchen länger in meinem Hause, und außerdem soll es ihr nicht verborgen bleiben, daß das Diner nur ihr zu Ehren gegeben wird. 3. Juni. Ich habe die ganze Treppe und zwei Gemächer reich mit Blumen geschmückt. Anielkas Zimmer habe ich ganz so gelassen, wie es damals war, als sie noch darin wohnte. Während ich schreibe, werde ich so recht gewahr, wie segensreich es für mich ist, wenn ich mir eine Beschäftigung mache. Die einfache Arbeit, die Nägel einzuschlagen, an denen die Bilder des künftigen Museums hängen sollen, wäre für mich weit nützlicher, als das fortwährende Grübeln und Sinnieren. Warum kann ich kein einfacher schlichter Mensch mehr sein? Wenn ich es im rechten Zeitpunkt hätte sein können, wäre ich jetzt der glücklichste Mensch auf Erden! 4. Juni. Anielka und die Tante sind angekommen. Anielka sieht sehr verändert aus – blässer und magerer. Bei ihrem Anblick ergreift mich Reue und Erbarmen, denn ohne Frage ist diese auffallende Veränderung auf die Seelenkämpfe zurückzuführen, in die ich sie gestürzt habe. O, wenn sie doch diesem Kampfe ein Ende machen wollte! Ihr Herz spricht für mich – so möge sie doch dem Zuge ihres Herzens folgen – dann würde sie Ruhe und Zufriedenheit finden! Ich führte Anielka und die Tante die Treppe hinauf. Sie waren über meinen prachtvollen Blumenschmuck erstaunt. »Damit wollte ich Euch überraschen,« sagte ich, indem ich leise Anielkas Arm drückte, »ich gebe ein kleines Festessen nach dem Rennen.« Anielka war bei so guter Stimmung, daß sie mir einen flüchtigen Blick zuwarf und sich lächelnd auf die Lippen biß. Das erschien mir wie ein Zug schelmischer Koketterie und entzückte mich umsomehr, als ich sonst keine Spur von Koketterie an ihr entdeckt hatte. Es ist ganz ausgeschlossen, dachte ich nun bei mir, daß sie ganz frei von aller Eigenliebe sein und sich nicht ein bißchen geschmeichelt fühlen sollte, daß ich soviel Umstände ihretwegen mache. Die Tante begab sich sogleich nach dem Rennplatz, um ihr Pferd vor der Entscheidung noch einmal zu besichtigen, denn sie hoffte, daß ihr Renner der Sieger des Tages sein werde. Währenddessen legte ich Anielka das Verzeichnis derer, die ich zu dem Diner geladen hatte, vor. »Es sind nur Leute, von denen ich weiß, daß Du sie gern hast,« sagte ich. »Wenn Du aber sonst noch jemand eingeladen haben willst, so brauchst Du nur zu befehlen, und es kann sofort nachgeholt werden.« »Sprich mit der Tante darüber,« sagte sie. »Nein, die Tante wird auf dem Ehrenplatz sitzen. Du aber sollst die Stelle der Hausfrau einnehmen.« Anielka errötete, und ich gab dem Gespräch eine andere Wendung. »Tante wird sich sehr freuen,« sagte ich, »wenn nun bald die Sammlungen des Vaters in Warschau sein werden, das ist schon lange ihr sehnlichster Wunsch. Es schreiben schon alle Zeitungen darüber. Du glaubst gar nicht, wie ich dafür gelobt werde.« Sofort klärte ihr liebes Gesicht sich auf. »Ei, lies doch mal vor,« sagte sie. Mich ergriff stürmische Freude. Wenn sie sich gar nichts aus mir machte, so würde sie sich nicht so sehr darüber freuen, daß ich öffentlich gelobt wurde. »Nein, wenn Tante da ist, will ich es vorlesen,« antwortete ich. »Ach, wenn ich auch gelobt werde, das Verdienst ist doch das Deine. Wenn ich doch diesen Journalisten zurufen könnte: »Wenn das so eine Großtat wäre, dann pilgert nach Ploshow und huldigt einer gewissen Dame.« »Aber, Leon!« rief sie. Ich sprach nun von den Aenderungen, die im Hause vorgenommen werden sollten, und sagte, daß nur ihr Zimmer im alten Zustande bleiben sollte. Ich führte sie in das Gemach, und sie rief: »Ach, die schönen Blumen!« Ich aber sagte ihr leise ins Ohr: »Die schönste Blume bist doch Du! Du wirst wohl nicht daran zweifeln, wenn ich Dir sage, in diesem Zimmer möchte ich sterben.« Ueber ihr Antlitz flog ein Schatten, Die Worte ergriffen sie tief. Sie zitterte heftig, aber sie faßte sich und sagte ernst: »Mach mir doch keinen Kummer. Ich möchte so gern ohne Zwang mit Dir verkehren.« »Wie Du willst,« antwortete ich. »Ich gebe Dir mein Wort.« Die Tante kehrte in sehr vergnügter Stimmung aus den Rennställen wieder. Als ich ihr die Zeitungsberichte vorlas, strahlte sie vor Freude, sah mich über die Brille weg bewundernd an und murmelte: »Das stimmt alles – da ist kein Wort zuviel – so bist Du immer gewesen.« Das Wettrennen war das große Ereignis des Tages. Es endete mit dem Siege des Pferdes, das meine Tante hatte starten lassen. Anielka war wie berauscht von all dem, was sie an diesem Tage gesehen hatte. Das Festessen mit der sehr belebten Unterhaltung tat noch das seine dazu. Die Damen sind für die Nacht in meinem Hause geblieben. Jetzt ist es drei Uhr, schon graut der Morgen. Meine Tante will den ganzen folgenden Tag noch in Warschau bleiben, und ich werde allein mit Anielka nach Ploshow zurückfahren. Das Herz steht mir still, wenn ich daran denke, daß ich nun die Heißgeliebte bald an die Brust drücken, daß sie mir bald das Geständnis ihrer Liebe ins Ohr flüstern wird! Ich habe dieses Gemüt in meinem Geiste herangeschult. Ich fühle mich in dieser Nacht wie ein Feldherr, der alles bis aufs genaueste berechnet hat und in der Nacht vor der Entscheidungsschlacht noch einmal Musterung hält. Anielka schläft im anderen Flügel. Sie träumt gewiß von mir. Sie sieht im Schlafe mein Bild, sie streckt die Hände danach aus. Unser so von Schlechtigkeiten, Torheiten, Zweifeln und Gefahren ausgefülltes Leben hat in der Tat nur einen Reiz, um den es sich verlohnt zu leben: das ist die Liebe – außer ihr und über ihr gibt es nichts. 4. Juni. Ich bin mit Anielka nach Ploshow zurückgefahren. Ich zweifle daran, ob ich noch bei Sinnen bin. Ich habe Anielka nicht an die Brust gedrückt – sie hat mir auch nicht ihre Liebe gestanden. Vielmehr hat sie keinen Moment gezaudert – sondern mich mit so wilder Entrüstung von sich gestoßen, daß ich aus allen meinen Himmeln herabgestürzt bin. Bin ich denn verrückt? ist sie denn ganz herzlos? Was ist schuld an diesem Mißerfolg? Mein Verstand ist derart durcheinander gerüttelt, daß ich keinen klaren Gedanken fassen kann. Ich kann mich nur immer wieder und wieder fragen: Woher dieser Mißerfolg? 7. Juni. In irgend einem Punkte habe ich mich völlig geirrt – irgend ein Moment im Wesen dieser Frau habe ich ganz falsch beurteilt. Und doch ist es ganz unmöglich, daß sie diesen Kromitzki liebt. Sie hat ihn ohne Liebe geheiratet, und er hat schon ihr Vertrauen gemißbraucht, indem er Gluchow verkaufte und so die Mutter unglücklich machte. Sie fühlt nichts für ihn, was den Namen Liebe verdiente. Sie verwehrt es sich nur, ihn zu verachten. So steht es in Wahrheit mit ihr. Ich müßte mit Blindheit geschlagen sein, wenn mir das nicht ganz klar wäre. Sollte ich mir denn nur eingebildet haben, sie liebe mich? ich sehe doch, wie ihre Seele kämpft – ich fürchte, daß diese Seelenkämpfe sie zu Grunde richten könnten. Und sind diese Kämpfe nicht Beweise, daß sie mich liebt? Und dabei hat sie mich nicht einmal reden lassen – nicht das geringste Zugeständnis hat sie mir gemacht. Ihre Augen flammten vor Zorn – als ich ihre Hände mit Küssen bedecken wollte, entriß sie sie mir, sie drohte, sie werde aus dem Wagen springen, und mit dieser Energie, auf die ich gar nicht gefaßt gewesen war, hat sie mich überrumpelt und aus dem Felde geschlagen. Als ich von Scheidung sprach, war es, als wenn ich sie mit einem glühenden Eisen berührt hätte. Alles, meine Liebe, meine Bitten faßte sie als Beleidigung auf, stieß es von sich und trat es mit Füßen. Und jetzt geht sie wieder so sanft, so lammfromm umher, daß man sich fragt: ist denn das dasselbe Weib, das so wild sein konnte? Ich bin aufs Haupt geschlagen. Wenn ich die Kraft dazu hätte, würde ich heute noch Meilen zwischen mich und sie legen. 8. Juni. Etwas wissen und mit etwas rechnen, das ist zweierlei. Ich hatte wohl gewußt, daß Anielka und ich zwei grundverschiedene Wesen seien, aber ich hatte das außer acht gelassen und vermutet, sie würde unter den gegebenen Verhältnissen nicht anders handeln wie ich. Es ist niederdrückend, aber doch die unumstößliche Wahrheit: wir sind zwei ganz verschiedene Charaktere. Ich habe tausendmal mehr Aehnlichkeit mit einer Laura Davis als mit einer Anielka, und hier liegt der Hase im Pfeffer – das ist's, woran meine Kalkulationen zerplatzt sind wie Seifenblasen. Mir ist es zur zweiten Natur geworden, alle Grundsätze zu zerlegen, zu zerstückeln und so schließlich zu Staub zu zerreiben. Für Anielka aber ist es ganz unbegreiflich, wie man einen Grundsatz, der im Katechismus steht und vom guten Ton anerkannt ist – nicht als unumstößliches Gesetz hochhalten kann. Für sie gibt es kein Zweifeln, kein Schwanken. Mit einer Sicherheit, die sie nie im Stiche läßt, weiß sie Spreu von Weizen zu unterscheiden. Gemäß dieser schlichten Auseinanderhaltung von Gut und Böse gehört die Frau zum Manne, und wenn sie sich einem anderen hingibt, begeht sie eine Sünde. Und gegen diese Festigkeit in den zehn Geboten kann ich mit all meiner Philosophie der Liebe nichts ausrichten. Ein so religiös gesinntes Weib kann sich wohl von einer verbotenen Liebe durchstürmen lassen, als wenn ein Orkan ihr durch die Seele brause, aber daß eine solche Liebe zu Recht bestünde, davon wird sie sich im ganzen Leben nicht überzeugen lassen. Vielleicht ist die Verzweiflung, in der ich jetzt alles aufgebe, nur vorübergehend – vielleicht sehe ich morgen nicht mehr ganz so schwarz – vorderhand aber scheint jede Aussicht auf Erfolg ausgeschlossen. Wenn ich der Meinung bin, daß den Mädchen die Schamhaftigkeit gewissermaßen eingeimpft wird, so gilt das auch von Anielka. Sie wird eher vor mir auf der Totenbahre liegen wollen, als sich einmal mit nackter Brust vor mir sehen lassen. Und dabei erwarte ich von dieser Frau noch etwas? Das ist der reine Wahnwitz. Aber was soll ich denn anfangen? Verreisen? nein, ich bleibe! Und von jetzt ab handle ich aufs Geratewohl. Es ist genug kalkuliert, bedacht, geklügelt worden. Dabei schaut nichts heraus. Von nun an mag es gehen, wie es wolle. 9. Juni. Heute hat uns Herr Zawliowski mit seiner Tochter besucht. Als sie gegangen waren, begann meine Tante mit deutlicher Absicht von der jungen Dame zu schwärmen. Ich war abgespannt und verstimmt und antwortete daher barsch: »Ich weiß, worauf Du hinauswillst. Wenn es Dir mehr am Herzen liegt, mich zu verheiraten, als mich glücklich zu sehen, so kann ich ja meinetwegen morgen schon die Zawliowski heiraten. Mir ist ja doch schon alles einerlei.« Meine Tante war verblüfft und ging hinaus. Anielka aber wurde bleich wie die Wand. Sie hatte doch begreifen müssen, daß ich diese Worte nur im Zorn hinwarf. Durch Kalkulationen zu der Annahme zu gelangen, daß, ich ihr nicht gleichgültig sei, und den Beweis der Tatsache so deutlich vor Augen zu haben, das war denn doch etwas ganz anderes. Dieses jähe Erblassen, dieses Zittern ihrer Hände wird mir unvergeßlich sein. Alle meine Hoffnungen wurden wieder wach, und der Gedanke, daß ihre Energie in kurzer Zeit versiegen und ich sie dann an mich ziehen könnte, belebte mich wieder. »Anielka,« sagte ich, »ich denke im ganzen Leben nicht daran, die Zawliowski zu heiraten. Du allein weißt, daß das niemals geschehen kann.« »Wie froh wäre ich, wenn Du es tätest!« stieß sie mühsam hervor. »Das ist nicht wahr, Anielka – Du erblaßtest, ich sah es wohl ...« »Laß mich gehen –« »Anielka, liebe Anielka, belüge Dich doch nicht – Du liebst mich!« Wieder wurde sie leichenblaß. »Nein!« rief sie, »aber ich fürchte, ich werde Dich noch hassen müssen.« Damit lief sie zur Mutter. Es ist ganz begreiflich, daß ein Weib, das gegen eine verbotene Liebe ankämpft, auf den Gedanken kommt, den Mann, der ihr diese verbotene Liebe einflößt, zu hassen. Aber trotz alledem ist dieses Wort ein arger Dämpfer für die Freude, die mich eben noch ergriffen hatte. Mir kommt der Gedanke: Was würde wohl geschehen, wenn ich zu ihr sagte: »Schließ mich in Deine Arme, oder ich erschieße mich vor Deinen Augen.« Ich glaube, auch dann würde Anielka nicht nachgeben, sondern mich sterben lassen und meinetwegen dann vor Gram selbst sterben. Und eben weil ich das weiß, eben deshalb muß ich sie nur umsomehr lieben, und zu der sinnlichen Glut, die diese Frau in mir auflodern läßt, kommt nun noch eine hündische Anhänglichkeit. Ich kann nicht von ihr los kommen. Ich kann mich an ihren Haaren, ihren Augen, ihrem Nacken nicht satt sehen, aber ich fühle es zugleich im tiefinnersten Herzen, daß ihr Wesen, abgesehen von allen körperlichen Reizen, mir das Teuerste auf Erden ist. In dieser zwiespältigen Weise und so ganz und gar hat mich noch nie ein Weib in Beschlag genommen. Ich verstehe das bisweilen selber nicht – wenn ich dem Problem aber einmal auf den Grund zu gehen versuche, so fallen die Untersuchungen stets sehr zu meinem Nachteil aus. Ich habe den Zenith meines Lebens überschritten – es geht nun bergab – und aus dem dunklen Abgrund weht Kälte mich an. Dieses eine Weib hätte mich wieder mit Lust am Leben erfüllen können. Wenn sie mir verloren geht, so ist auch das Leben für mich wertlos, und der Tod mag kommen. Wenn ich Anielka liebe, so ist es nicht nur Sinnenlust, sondern Selbsterhaltungstrieb – ich liebe sie nicht nur aus ganzer Seele, sondern auch aus dem horror vacui . Anielka kann das freilich nicht wissen, aber dennoch muß sie Erbarmen haben, denn selbst ich, der ich ohne Erbarmen mit ihr umgehe, würde meine Seele hingeben, wenn ich ihr die Last leichter machen könnte. Des Nächsten Weib zu begehren, ist immer ein großes Unglück, denn man kommt dadurch in den Zwang, die Person, für die man das Leben lassen könnte, auf die Folter zu spannen. Und so geht es von einem Labyrinth ins andere. Dabei ist Anielka noch nicht so beklagenswert wie ich – denn sie hat doch noch ihren Glauben, der ihr Halt verleiht – ich aber bin wie ein Kahn, der ohne Steuer und Ruder in den Sturm verschlagen wird. 10. Juni. Heute kamen zwei Briefe an, einer von meinem Notar in Rom, der andere von Sniatynski. Mein Notar schreibt mir, die Hindernisse, die die Regierung der Ausfuhr von Altertümlichkeiten entgegensetzt, seien hinsichtlich meines Vaters Sammlung überwunden, und die Sachen könnten nun abgeschickt werden. Nun muß mein Haus in Warschau dazu hergerichtet werden – und mir liegt jetzt gar nichts mehr daran. Das Interesse ist dahin. Wenn nicht soviel darüber geredet worden wäre, so ließe ich die ganze Geschichte jetzt bleiben. Ich habe schlaflose Nächte – aber meiner armen Anielka geht es nicht anders. Heute ist sie über ihrer Handarbeit eingeschlafen. Sie sah so klein und schwach aus und atmete so schwer. Ich hatte ein Gefühl, als sei sie mein kleines Baby. 11. Juni. Der Madonnenkopf von Sassoferrato ist aus Rom gekommen, ich habe ihn im Beisein der Tante Anielka überreicht als ein ihr ausgesetztes Legat – sie mußte ihn daher Wohl oder übel annehmen. Ich habe das Bild selber in ihrem Schlafzimmer angebracht, es sieht dort sehr hübsch aus. Der Gedanke, Anielka wird, sobald sie ihn ansieht, an mich erinnert werden, tut mir wohl. Auf diese Weise wird der Gedanke an meine Liebe für sie mit etwas Frommem und Heiligem verwoben. Das ist ein alberner Trost – aber wenn man keinen anderen hat, nimmt man damit vorlieb. Als das Bild an der Wand hing, trat Anielka zu mir und sagte: »Ich danke Dir!« Ich hielt ihre Hand einen Augenblick in der meinen. Als sie sie mir entzog, fragte ich leise: »Anielka, hassest Du mich wirklich?« »Ach nein!« antwortete sie kopfschüttelnd. Was lag nicht alles in diesen zwei Wörtchen! 12. Juni. Sniatynskis Brief enthielt eine Einladung zu einem Abschiedsessen zu Ehren Klaras. Ich habe nicht daran teilgenommen, aber ich bin auf den Bahnhof gegangen und habe von Klara Abschied genommen. Sie hat ihren Groll vergessen, und wir sagten uns aufs herzlichste Lebewohl. Ich fühlte, daß sie mir doch ein wenig fehlen würde, daß ich meine Einsamkeit nun noch furchtbarer empfinden würde. Klara hätte mir vielleicht helfen können – nun ist auch sie fort – und ich bin tief traurig. Ich kann nichts denken – ich habe nur den einen Gedanken: weg von hier. Aber dann müßte ich Anielka allein lassen, und das wäre nicht nur feige, sondern auch gemein. Wenn ich auch alles andere tun könnte, abreisen kann ich nicht. Chwastowski ist der rettende Engel. Er sagt, Frau Celina sei jetzt soweit auf dem Posten, daß sie in acht Tagen die Reise nach Gastein antreten könnte. Gott sei Dank! Nur weg von hier – wohin es auch sei! Ich werde ihnen schon zureden – auch die Tante muß mit, dann fällt es weniger auf, wenn ich sie begleite. Wie oft werde ich in Gastein mich um Anielka bemühen können – wir werden uns dort weit näher kommen als in Ploshow. Es ist Regenwetter – das macht mich ganz melancholisch. Nun ist es Nacht. Der Regen fällt noch immer rieselnd auf die Dächer – aber durch die Wolken schimmert doch hier und dort ein Sternlein. 13. Juni. Kromitzki ist wieder da ... Dritter Teil Gastein, 23. Juni. Seit acht Tagen sind wir hier: Anielka, ihre Mama, Tante und ich, und Kromitzki. Wenn ich mein Tagebuch eine Zeitlang ausgesetzt habe, so liegt die Ursache dazu nicht im Mangel an Lust zu dieser Arbeit oder weil ich der mir lieben Gewohnheit überdrüssig geworden sei, sondern daran, weil ich meine Stimmungen nicht in Worte habe kleiden können. Wer gegen eine Macht ringt, die ihn zu erdrücken droht, hat keine Gedanken für etwas anderes und keine Zeit zu etwas anderem. Der Pariser Scharfrichter Sanson erzählt in seinen Denkwürdigkeiten von einem Delinquenten, dem bei lebendigem Leibe die Haut abgezogen und heißes Blei auf die Wunden gegossen worden sei, und der in seinem rasenden Schmerze in einem fort »da capo! da capo!« geschrieen habe, bis ihn Ohnmacht umfangen habe. So komme auch ich mir vor: ohnmächtig vor rasendem Weh, am Ende all meiner Kraft; mir ist, als lägen Zentnerlasten auf meiner Brust, die ich nicht von mir schütteln könnte. Daß es dem Menschen möglich sei, in dem Gefühl seiner Schwäche und seines Jammers so etwas wie Milderung, Besänftigung zu finden, wenn auch nicht Trost: das war mir damals noch nicht bekannt ... Ich wünschte, dieser Zustand hielte recht, recht lange an, und kein Trieb zu neuem Ringen erwachte mehr in mir. 24. Juni. Die wahre Liebe zu des Nächsten Weibe ist das größte Unglück, das einen Menschen treffen kann; als ich diese Worte in Warschau in mein Tagebuch schrieb, habe ich aber wohl kaum gewußt, aus welcher Unsumme von Qual sich dieses Unglück zusammensetzt; denn als ich sie schrieb, war Kromitzki noch nicht wieder zurück ... An der Gurgel könnt ich ihn packen, an die Wand könnt ich ihn drücken und ins Gesicht schleudern könnt ich ihm die Worte: »Dein Weib liebe ich!« und ich muß alles aufbieten, daß er nicht einmal ahnt, welches Gefallen ich an ihr finde ... ist das eine Rolle ihr gegenüber! welche Begriffe muß sie von mir bekommen! 25. Juni. Den Tag von Kromitzkis Ankunft vergesse ich mein Lebtag nicht. Er stieg sans façon bei mir ab. Ich kam erst spät heim, sah im Vorzimmer allerhand Gepäck; aber daß es Kromitzki gehöre, ist mir im ersten Augenblicke nicht eingefallen. Da erblicke ich auf einmal im nächsten Türrahmen seinen mumienhaften Schädel mit den an ein paar Kaffeebohnen erinnernden kleinen funkelnden Augen, und mit dem schwarzen Haarschopfe; dann sehe ich, wie er sein Monocle niedergleiten läßt, wie er die Arme ausbreitet, um mich als neuen Verwandten zu begrüßen. Mir war es ums Herz, als sähe ich den leibhaftigen Tod vor mir; und wie in einem schweren Traume drangen mir die Worte zu Ohren: »Na, wie geht's, Leon?« die mir vorkamen wie das Allerunglaublichste, Allerunwahrscheinlichste von der Welt. Ich mußte mit aller Gewalt an mich halten, denn in dem Grimm, der mich packte, und in dem Schreck, der mich befiel, fehlte nur wenig, so wäre ich über ihn hergefallen und hätte ihn niedergeschmettert. Zorn ist mir so wenig wie Abscheu etwas Neues im Leben, Wohl aber war mir die Beimischung von Schrecken neu, die mich berührte nicht wie Angst vor einem Lebendigen, sondern wie Grauen vor einem Gespenste ... ich war geraume Zeit nicht im stande, ein Wort über die Lippen zu bringen. Daß mich der Mensch wie seinen nächsten Verwandten mit Du anredete, wurmt mich heute noch schändlich. Wohl in der Annahme, daß ich ihn nicht gleich erkannt und deshalb noch kein Wort auf seine Anrede erwidert habe, klemmte er sein Monocle wieder ins Auge, drückte mir nochmals die Hand und fragte neuerdings: »Aber wie geht's Dir denn? was macht denn Anielka? die Mama ist wohl noch krank? wie? und die Frau Tante? äh!« Ich war wieder wie außer mir vor Wut, aus seinem Munde Worte über diese mir so teuren Frauen zu hören, die sich anhörten, als seien sie es ihm nicht weniger; ich dachte wirklich, die Geduld werde mir reißen; um einen Blitzableiter zu haben, rief ich nach der Dienerschaft und bestellte Tee. Endlich fiel es ihm aber doch auf, daß ich ihm gar keine Antwort gab, und er ließ das Monocle wieder fallen, und fragte lebhaft: »Warum sagst Du mir denn gar nichts? was ist denn mit Dir?« – »Es ist alles gesund,« antwortete ich. Da kam mir auf einmal der Gedanke, daß ja meine Erregtheit den verabscheuten Patron in Vorteil gegen mich setzte, und ich tat mir Gewalt an, führte ihn ins Speisezimmer und forderte ihn auf, sich zu setzen ... Dann fragte ich ihn mit aller Ruhe, die ich über mich gewinnen konnte: »Was hast Du denn Neues? gedenkst Du jetzt längere Zeit hier zu bleiben?« – Er erwiderte: »Darüber kann ich noch nichts sagen. Ich habe mich begreiflicherweise auch einmal nach meiner Frau gesehnt, und sie wohl auch nach mir; wir sind nach der Hochzeit bloß ein paar Wochen zusammen gewesen; für ein junges Ehepaar ist das doch knapp ... ist das nicht Deine Meinung auch?« er grinste hölzern und machte noch den Beisatz: »Ich habe übrigens auch hier Geschäfte ... immer Geschäfte, Geschäfte, Geschäfte!« Als wir den Tee eingenommen hatten, brachte ich Kromitzki nach dem für ihn bestimmten Zimmer, wo er mit dem Diener zusammen seine Sachen auspackte. Dabei schwatzte er in einem fort. Manchmal unterbrach er seine Arbeit, um mir irgend eine Rarität zu zeigen, die er aus Asien mitgebracht hatte; z. B. zwei kleine Fußteppiche, die er aus dem Plaidriemen schnallte. »In Batum gekauft,« sagte er, »hübsch, nicht? will ich zu Bettvorlegern haben: einen vor meinem, einen vor Anielkas Bett.« Er war inzwischen müde geworden und schickte den Diener fort. Dann ließ er sich in einen Sessel nieder, um über seine Pläne und die Hoffnungen, die er darauf baute, zu schwatzen. Mich interessierte kein Wort von ihm, denn meine Gedanken weilten ganz wo anders; zunächst beschäftigte mich die Frage, ob Kromitzki mit nach Gastein fahren werde oder nicht. »Ich habe Dich bisher nicht genauer gekannt, aber jetzt die Meinung von Dir gewonnen, daß Du Geld machst; Du scheinst kein Atom von Leichtsinn zu besitzen und wirst wegen Herzensrücksichten niemals Wichtiges verpassen.« Er drückte mir mit Wärme die Hand und sagte: »Du kannst Dir gar nicht denken, wieviel mir gerade an Deiner guten Meinung liegt.« – Ich maß diesen Worten keinen besonderen Wert bei; denn ich stand zu sehr unter dem Eindruck des Vorwurfs, den ich mir darüber machte, daß ich dem Menschen gegenüber mich zum Lügner gemacht hatte: ich glaubte an alles andere eher, als daß er geschäftsmännische Begabung besäße, und während ich ihn am liebsten ersäuft oder vergiftet hätte, hatte ich ihm geschmeichelt ... nichtsdestoweniger gab ich mir auch weiter noch Mühe, ihn von Gastein fern zu halten, watete also weiter in dem moralischen Schlamme. »Die Badereise der Damen kommt Dir also recht ungelegen?« ... Nun jammerte er, daß seine Schwiegermutter aus ihrer ewigen Krankheit nicht herauskäme, daß ihm diese Reise freilich gar nicht gelegen käme, daß sie ganz ebenso gut unterbleiben könnte, ohne daß jemand Schaden davon hätte, daß alles seine Grenzen haben müsse, auch die Kindesliebe, und daß der Mann doch heirate, um eine Frau zu haben, nicht aber, um sich von der Schwiegermutter fortwährend in aller Gemütlichkeit stören zu lassen. »Na, ich bin nun einmal Kaufmann,« sagte er schließlich, »und bestehe auf dem Kontrakte, den ich abgeschlossen habe.« – »Also fährst Du mit nach Gastein?« – »Selbstverständlich, und zwar aus allerhand Gründen: vor allen Dingen müßt Ihr mich doch alle besser kennen lernen, müßt erst Vertrauen zu mir gewinnen; und da ich vier oder sechs Wochen schließlich noch abstoßen kann, wirst Du wohl einsehen, daß man, wenn einem solch Weib wie Anielka beschert worden ist, auch mal längere Zeit mit ihr unter einem Dache Hausen möchte.« Dabei grinste er mich an, daß ich all seine gelben, angefaulten Zähne sehen mußte, und schlug mich mit der Faust aufs Knie, während sich sein Gesicht zu einer Faunsfratze verzog. Mir wurde es zu Mute, als ob mir das Hirn zu Eis gefröre. »Wann fährst Du nach Ploshow?« fragte ich, mich mit Gewalt dazu zwingend. – »Morgen.« – »Gute Nacht!« – »Gute Nacht!« entgegnete er, das Monocle wieder fallen lassend; dann aber hielt er mir beide Hände entgegen und sagte noch: »Ich kann Dir gar nicht sagen, welche Freude mich erfüllt darüber, daß wir einander nun doch näher treten; ich habe ja immer eine Art Faible für Dich gehabt. Jetzt denke ich, wir werden einander ganz gut verstehen.« Wir einander verstehen! Der Kerl ist doch gräßlich dumm! aber je dümmer er ist, desto gräßlicher ist mir das Bewußtsein, daß Anielka ihm gehört, daß sie weiter nichts für ihn ist als ein Artikel, eine Sache. Ich habe mich heute nacht nicht ausgekleidet, es auch gar nicht erst versucht ... es gibt also Situationen, in denen man zu begreifen und zu empfinden aufhört, daß man Qualen leidet, ohne daß sie aufhören? Ich habe das nie vorher gewußt, weiß es jetzt aber sehr genau ... es steht uns also ein famoses Leben bevor! Wie ein Paradies kommen mir im Vergleich zu heute die Tage vor, die ich für das Nonplusultra von Elend hielt, weil Anielka meine Liebe von sich stieß. Träte heute der Teufel vor mich hin und begehrte meine Seele dafür, daß alles bleiben solle, wie es war, bloß Kromitzki solle nicht sich sehen lassen, so verkaufte ich ihm vom Flecke weg meine Seele. Ein Mann, der sich von einem Weibe abgewiesen sieht, gewinnt unwillkürlich die Vorstellung, daß dieses Weib auf so unerreichbarer Höhe stehe, daß er die Augen gar nicht zu ihr erheben dürfe. Mir wenigstens ist es mit Anielka so gegangen. Mit einem Mal erscheint da ein Kerl, wie dieser Kromitzki auf der Fläche, mit zwei Bettvorlegern, die er in Batum in irgend welchem Trödel gekauft hat, und zerrt sans façon dies Weib von ihrem Piedestal herunter auf seine Bettvorleger ... sie! die Unerbittliche, die Unbezwingliche, die Vestalin! ein gräßlicher Gedanke, besonders wenn man selber dabei so greulich banal und albern sein kann! wie habe ich mir den Schädel zermartert, um mir zu beweisen, die Liebe vernichte jeden Ehevertrag, mithin sei Anielkas Liebe mein gutes Recht, und was habe ich jetzt? meine Theorien! und was hat Kromitzki? Anielka! Das Lamm trägt, wie man sagt, soviel Wolle, wie es Wind vertragen muß, und so meine ich, daß auch dem Menschen die Haut platzt, wenn Stürme darüber hin fegen, auf deren Rauheit sie nicht eingerichtet ist. Wie kommt es, daß mir, seit Kromitzki da ist, Anielka verächtlich wird? Daß eine Frau, die verheiratet ist, ihrem Manne gehört, weiß ich so gut, wie jeder andere Esel, und doch erscheint mir diese Wahrheit als eine Herabwürdigung Anielkas. Warum? aber was gehen mich Gründe an? ich verachte sie: und das eben ist es, was ich nicht zu ertragen vermag! das eben ist es, was mir das Leben unleidlich macht, was mir verbietet, unter diesen Umständen weiter zu leben. Es muß anders werden, vollständig anders werden ... aber wie? könnte meine Verachtung meine Liebe erwürgen wie der Wolf das Lamm, so wäre das ja die größte Wohltat; aber die Empfindung, daß dies keine so einfache Sache war, ist mir nicht ausgeblieben. Ich verachte sie ja bloß, weil ich sie liebe; solche Verachtung bildet also lediglich ein neues Glied meiner Kette. Für mich hat alles auf der Welt sein Interesse verloren außer diesem Ehepaare und ihrem Verhältnis: mich kümmert weder Licht noch Finsternis: weder Krieg noch Friede, weder Himmel noch Erde. Außer diesem Anteil am Leben dieses Menschenpaares habe ich keine Berechtigung zum Leben; was aber bleibt mir übrig, wenn ich aus ebendiesem Grunde nicht weiter leben kann? Merkwürdig, daß mir das Einfachste, das Nächstliegende – der Tod – nicht früher eingefallen ist ... welche ungeheure Macht in der Hand des Menschen ist doch diese Möglichkeit, den Faden zu zerschneiden! Schon der Gedanke ist Erleichterung, daß letzter Stunde alles abhängig ist vom Selbstwillen. Eine reichliche Stunde blieb ich noch auf dem Sofa liegen, überlegend, wie ich es tun würde, und wann? Der Gedanke lenkte mich ab von Kromitzki und meinem Hasse, und auch das war eine Erleichterung. Wer sich vornimmt, aus dem Leben zu scheiden, muß sich natürlich mit anderen Dingen befassen als mit seinem Elend. Es gibt allerhand zu ordnen, und auch manches vorzubereiten. Mir fiel zunächst ein, daß mein Revolver zu kleinkalibrig sei; ich erhob mich vom Sofa, um ihn mir anzusehen. Dann beschäftigte mich die Frage, wie sich's am besten einrichten lasse, daß alles den Eindruck eines Zufalls mache. Diese Erwägungen waren jedoch alle theoretischer Natur, denn ich konnte mir nicht verhehlen, daß ich heute und morgen an diesen Schritt nicht denken würde, nicht denken könnte ... aber ich kannte nun doch die Pforte, durch die ich entschlüpfen konnte; jetzt hatte es einen gewissen Reiz für mich, abzuwarten, wie sich das Uebel entwickeln und welche Qual noch über mich kommen werde ... endlich senkte sich der Schlaf auf meine Lider; aber der Schlaf erquickte mich nicht, wirre Träume peinigten mich von Kromitzki und Kromitzkis Monocle und Kromitzkis Gepäck und meinem Revolver und seinem zu kleinen Kaliber und von allerhand anderen Dingen und Menschen sonst ... ich erwachte erst spät, und als mich der Diener hörte, meldete er mir, Kromitzki sei schon unterwegs nach Ploshow. Ich ließ vorfahren, denn ich wollte ihm nach, um Zeuge ihres Wiedersehens zu sein; aber kaum saß ich im Wagen, so überkam mich die Empfindung, daß ich durch diesen Anblick den Weg zu jener Pforte am Ende doch zu schnell finden möchte ... und ich hieß den Kutscher anderswohin fahren. 27. Juni. Es kommt mir oft der Gedanke, daß einst mir Anielkas Liebe gehört hat, und daß ich sie heute als Frau besitzen könnte ... o, wie weit hinter uns liegt dies alles! und ich, der ich heut hätte ein sonniges, wonniges Leben führen können, hab' mir dies alles vernichtet mit meiner unglückseligen – Philosophiererei? nein! mit meiner blöden Lebensuntauglichkeit! ... Aber war mir denn dieses Weib, und sein Besitz, auch wirklich sicher? hätte ich sie wirklich für ewig mein nennen können? oder machen sich vielleicht die Anfänge von Geistesverwirrung bei mir geltend? ... nicht doch! es ist keine Einbildung, kein Wahn! denn ich habe doch dies alles erlebt, ich weiß doch jede Phase noch vom ersten Moment unserer Bekanntschaft an bis zu dem heutigen Tage ... und da ich das weiß, ist mir der Gedanke, daß Anielka jetzt mein sein könnte, daß sie mir so treu sein würde wie diesem Kromitzki ... so treu? nein! treuer, auch im Geiste treu, sein würde, so gräßlich ... wie gesagt, meiner Lebensuntauglichkeit verdanke ich mein Unglück, aber einer Lebensuntauglichkeit, die mir angeboren ist als einem Nachkommen eines verlebten Geschlechtes ... Das entschuldigt mich, ist aber kein Trost! ... Meine Liebe trug den Keim der Tragödie in sich: sie muß schlimm endigen; und dagegen anzukämpfen mag ich gar nicht versuchen, denn auch der Kampf brächte mir Verderben! 28. Juni. Also wir sind in Gastein, und das Bad sowohl wie die kräftige Luft dieser herrlichen Gegend verrichten Wunderdinge im Zustande von Anielkas Mutter, die sich mit jedem Tage wohler fühlt. Ich erweise ihr alle erdenkliche Aufmerksamkeit, wie der eigenen Mutter, und sie gewinnt mich von Tag zu Tag lieber. Sie empfindet Dankbarkeit gegen mich, wie ja auch Anielka, schon aus Rücksicht auf die Mutter, mir solche bezeigt; ich glaube bestimmt, daß sie auch täglich tiefer bereut, denn sie kann sich doch der Erwägung nicht verschließen, daß wir ganz anders leben könnten, weit zufriedener, weit glücklicher, wenn alles sich so verhielte, wie es sich hätte verhalten können; mir schwindet auch jeder Zweifel in betreff ihrer Liebe zu Kromitzki: treu ist sie ihm und wird ihm auch treu bleiben, aber von Liebe zu ihm weiß ihr Herz sicher nichts. Kromitzki mag ja in sie verliebt sein: das kann man aus den Mienen schließen, die er schneidet, wenn er ihr kosend mit der Hand über das Haar streicht oder sie auf die Stirn küßt, vielleicht freilich auch mit aus dem Grunde, sich als liebenden Gemahl und sein Verhältnis zu Anielka als ein recht glückliches erscheinen zu lassen; aber Anielkas Gesichtsausdruck straft ihn dann immer schmählich Lügen: sie sieht dann wirklich immer aus, als sänke sie lieber in die Erde, statt sich von diesem Manne eine Liebkosung in Gegenwart Fremder gefallen zu lassen. Immerhin erträgt sie sie, ja sie lächelt sogar dazu; ich ertrage es auch und auch mit Lächeln, aber ich vergrabe dabei die Fingernägel in der Brust und kratze mir die Brust blutig dabei. Ich frage mich oft, ob diese Priesterin der Diana gegen ihren Mann nicht am Ende doch freundlicher sein mag, wenn sie allein mit ihm ist, verbeiße mir aber diese Gedanken, weil mir mein Gefühl sagt, der geringste Anlaß reiche aus, dem Fasse nunmehr den Boden auszustoßen und mich um den Rest meiner Gewalt über mich selbst zu bringen. Die Situation ist gräßlich für Anielka und gräßlich für mich. Es quält und ängstigt sie, daß meine Liebe sich in Haß und Verachtung zu wandeln anfängt, und daß ich Ironie zu zeigen liebe; es sieht mir oft so aus, als wenn sie sagen möchte, daß sie doch unschuldig an allem sei, und daß sich das ja auch nicht anders verhält, kann ich ja mir selbst gegenüber nicht in Abrede stellen. Aber trotzdem kann ich mich anders nicht gegen sie benehmen, wenn ich auch recht gut weiß, daß ich damit nicht bloß sie, sondern auch mich kränke, mich wohl noch mehr, denn sie kann mir verzeihen, ich mir selbst aber nie. 29. Juni. Dieser Kromitzki hat gemerkt, daß zwischen mir und seiner Frau Verstimmung herrscht, und erklärt sich das auf eine seiner so recht würdige Weise: indem er nämlich meint, ich hasse sie, weil sie ihm den Vorzug gegeben habe. In meinem Verhalten erblickt er nichts weiter als gekränkte Eitelkeit: nun, dazu muß man ein – Ehemann sein ... mir gegenüber benimmt er sich nachsichtig und großmütig à la vornehmer Sieger. Ich meine, so dumm könne bloß ein Mensch sein, der eitel ist wie ein Pfau ... Ein wunderlicher Kauz, dieser Kerl! Tag für Tag läuft er ins Hotel Straubinger, um über die Paare, die sich dort in der Wandelbahn ergehen, die erbärmlichsten Kombinationen zu machen: grinsend über die seiner Meinung »gehörnten« Ehemänner, daß man all seine fauligen Zähne sehen kann; und sobald er meint, eine neue Entdeckung auf diesem Gebiete gemacht zu haben, wird er so fidel, daß er reichlich ein Dutzend mal sein Monocle ins Auge klemmt und wieder niedergleiten läßt; und dabei würde dieser selbe Mensch, in dessen Augen eheliche Untreue bei anderen lediglich Ursache zu faulen Kalauern ist, sie für das gemeinste und verabscheuungswürdigste Verbrechen ansehen, sobald sie ihm passierte ... um Rache zum Himmel schriee er in allen Tonarten; und warum, Du Pinsel? was für ein Kerl bist denn Du? tritt doch vor den Spiegel und guck Dir Deine Kaffeebohnen-Augen an, Dein schwarzes Zottelhaar und Dein langes Knochengerippe, – alles Merkmale dafür, daß Du doch sicher Tatarenblut von irgend einer nach Deinem Heimatsnest in Oesterreichisch-Schlesien versprengten Horde noch in Deinen Adern hast ... führ' Dir die jämmerliche Seele vor Augen, die in Deinem Kadaver steckt, und dann frage Dich, ob ein Weib wie Anielka dazu verdammt sein könne, Dir auch nur auf Zeit von einer Stunde die Treue zu wahren! frage Dich doch, auf welche Weise Du zu diesem Weibe als geistiger und physischer Trottel gekommen bist? ... Ich mußte einhalten, denn so abgestumpft ich auch war, so fühlte ich doch, daß mein Gleichgewicht ins Wanken kam. Aber – er mag sich trösten, denn ich bin ja auch nicht besser als er, meine Handlungsweise ist sogar noch unedler als die seinige, denn er braucht mir gegenüber sich nicht zu verstellen, während ich ihm gegenüber dazu gezwungen bin, denn ich muß mit ihm rechnen, muß mich nach ihm richten. Muß ich mich nicht vor mir selbst schämen, daß ich ihn mit Tinte begeifere, statt ihm die Gurgel umzudrehen? machen nicht Sklaven ihrem Herrn eine Faust in der Tasche? 30. Juni. Heute habe ich den Schluß einer ziemlich lauten Auseinandersetzung zwischen Anielka und Kromitzki von der Veranda aus gehört. »Mit ihm rede ich schon,« sagte Kromitzki, »aber Du mußt der Tante sagen, wie die Sachen liegen.« – »Niemals,« erwiderte Anielka. – »Darum muß ich aber doch sehr bitten,« sagte er darauf mit scharfem Nachdruck. Ich begab mich von meinem Platze weg, um nichts weiter zu hören; aber Anielkas Gesicht verriet einen herben Verdruß, den sie mir jedoch zu verheimlichen suchte; Kromitzki dagegen war bleich vor Wut, reichte mir aber lächelnd die Hand. Zuerst hatte ich gedacht, Anielka habe ihrem Manne bekannt, wie es um uns stände, und es bangte mir nun, wenn nicht vor seinem Zorne, so doch davor, daß er sie anderswohin bringen könne. Was sollte aus mir werden, wenn ich erlöst von meinen Qualen, von meinen Martern wäre? ohne sie müßte ich seelisch verhungern, denn sie sind ja meine einzige Speise! Lieber alles andere als Anielka nicht mehr sehen! ... Ich zermarterte mir die ganze Zeit über den Kopf mit der Frage: wovon mochte Anielka mit Kromitzki gesprochen haben? bezüglich einer Beichte Anielkas mußte ich mich doch geirrt haben, denn wäre es an dem gewesen, so hätte er doch sein Benehmen gegen mich geändert: und ich muß sagen, er ist sogar noch freundlicher geworden ... ja, wäre er mir nicht so zuwider, so hätte ich eigentlich keine Ursache, mich über ihn zu beklagen; er ist wirklich so nachgiebig gegen mich wie gegen eine nervöse Frau: er ist sichtlich bemüht, mein Vertrauen zu gewinnen. Schroffe oder ironische Entgegnungen nimmt er mir nicht übel, auch nicht, wenn ich ihn derb fühlen lasse, daß er keine Bildung, kein feines Taktgefühl besitze. Geduldig läßt er es über sich ergehen, daß ich keine Gelegenheit versäume Anielka von dem geringen Werte seines Geistes und seines Gemütes die richtige Meinung beizubringen. Vielleicht ist dies der Fall aber nur mir gegenüber? Ich vermute, Anielka fürchtet sich vor ihm; aber mir scheint, sie fürchtet sich jetzt vor jedem Manne, auch vor mir ... ich habe Kromitzki übrigens heute zum ersten Male grob gegen Anielka gesehen: er wurde ganz grün im Gesicht; das soll die Farbe sein, die bei innerlich verbissenen Menschen zutage tritt, wenn sie in Wut geraten. Ich habe mich auch in Anielkas Temperament, wie es scheint, geirrt: sie ist nicht jene passive Natur, die ich meinte unschwer mit mir fortzureißen; ich weiß ja nicht, was Kromitzki ihr zumutete, aber es duldet keinen Zweifel, daß sie es nicht tun wird, denn sie hat es ihm abgeschlagen, wenngleich sie vor Furcht zu zittern schien ... O, wenn sie doch mein wäre! wie ein Hund wollte ich ihr anhängen, auf Händen wollte ich sie tragen, jedes Stäubchen wollte ich von ihren Füßchen blasen, und lieben – lieben wollte ich sie bis in den Tod ... 1. Juli. Es muß zwischen den beiden Menschen doch etwas passiert sein; sie mögen es sich nur nicht merken lassen. Schon ein paar Tage lang widmet er ihr keine Liebkosung mehr: mich freut das ungemein; leider verdirbt mir Anielka diese Freude: es kommt mir vor, als ob sie ihm etwas abbitten wolle, als ob sie alles wieder ins alte Gleis führen wolle. Darüber gerate ich in maßlosen Grimm und lasse ihn Anielka fühlen. So hart gegen sie und gegen mich wie jetzt bin ich noch nie gewesen ... 4. Juli Heute habe ich Anielka in der Wandelbahn getroffen. Sie blieb stehen, sprach ein paar Worte, die ich aber nicht hörte, weil die Wasserfälle zu laut rumorten ... ich führte sie, weil mich das ärgerte, von der Brücke auf den Weg, der zu unserer Villa führt, und herrschte sie an: »Ich hab' kein Wort verstanden von dem, was Du in der Wandelbahn sagtest.« – »Ach, ich wollte Dich ja nur fragen, warum Du so garstig gegen mich bist? hast Du denn gar kein Mitleid?« Mir jagte alles Blut zum Herzen. »Erkennst Du denn nicht, daß ich Dich liebe? wahnsinnig liebe? Ich verlange nichts von Dir, nichts, darüber sei ruhig, bloß eins, Anielka! sage mir, daß Du mich liebst ... dann will ich mein ganzes Elend tragen, ohne zu murren, und will Dir dienen, bis der Tod mir naht ... Dies eine Wort sprich, Anielka! rette mich mit diesem einzigen Worte!« – Sie wurde so weiß wie der Wasserschaum der Kaskade, die Stimme versagte ihr eine Weile, dann stöhnte sie: »Um alles in der Welt nicht solche Rede!« – »Du willst es nie sprechen, dieses Wort?« – »Nie! nie!« – »Aber bedenke doch, daß Du keine Spur von ...« aber ich hielt inne, denn mir schoß es zu Sinne, daß sie anders, weicher sein möchte, wenn Kromitzki sie um dieses eine Wort bäte ... und hierüber ging mir alle Besinnung verloren ... es brauste mir in den Ohren, es wurde mir schwarz vor den Augen ... ich wußte nicht mehr, was ich machte ... ich warf ihr gemeine Worte ins Gesicht, rohe, zynische Reden, wie sie kein anderer Mann gegen ein wehrloses Weib zu brauchen gewagt hätte ... O, was für entsetzte Augen meine Anielka machte! wie ein Traumbild stehen sie mir vor den Augen ... ach, und mit welchem wilden Schreck sie mir den Arm schüttelte und rief: »Um Gottes willen, Leon, was ist mit Dir?« – Was mit mir sei? verrückt war ich, komplett verrückt! weiter war nichts mit mir ... ich rannte hinweg, ließ sie stehen. Nur eins begriff ich: die Zeit, ein Ende zu machen, war gekommen! es fuhr mir wie ein Blitz durch das Gehirn ... wenn ich mich vom Felsen in die Tiefe stürzte, das könnte aussehen wie Zufall, und nach solcher Gelegenheit war ich ja auf der Suche gewesen! mich in meinem Zimmer zu erschießen, wäre doch einem Mord an der Tante gleichgekommen, denn wie hätte sie diesen Schlag überleben sollen? ... aber ich entschied mich nicht dafür! alle Verbindung zwischen Gedanke und Willen und Tat schien zerrissen zu sein ... und trotzdem ich erkannte, daß die Kugel dem Sturz in die Tiefe nachstünde, rannte ich doch in mein Zimmer, den Revolver zu holen ... warum? Ich weiß nicht! Als ich im Zimmer den Kofferschlüssel suchte, um den Revolver zu finden, klangen draußen schnelle Schritte: ha! Anielka ahnt, was du willst! sie kommt, deine Tat zu hindern! ... da wurde die Tür aufgerissen, und die Tante stand keuchend auf der Schwelle ... »Anielka ist krank geworden! Leon, renne doch zum Arzte!« Ohne den Hut aufzusetzen, rannte ich die Treppe wieder hinunter, und keine Viertelstunde war verstrichen, so war auch der Doktor zur Stelle. Es war aber schon alles wieder gut, als wir kamen, und mit einigen Worten beruhigte uns der Arzt, als er sich auf der Veranda wieder einfand: »Eine Nervenaffektion, wie wir sie oft zu konstatieren haben in der ersten Zeit nach dem Bädergebrauch. Ich rate, die Dame unterbricht die Kur auf ein paar Tage und bewegt sich recht viel in frischer Luft. Sie ist ja gesund und kräftig und wird die Affektion, die tatsächlich nicht viel auf sich hat, schnell überstanden haben.« Ich gelobte mir, anders gegen sie zu werden und diesen Kromitzki mit Ruhe zu ertragen ... Reue, tiefe Reue: das war jetzt mein Gemütszustand ... o, wie unaussprechlich liebte ich doch dieses Weib! Ich hätte weinen mögen wie ein Kind! 5. Juli. Auf die Aufregung ist Ruhe eingekehrt: es ist, als ob die Wolken ihren ganzen Vorrat von Elektrizität entladen hätten: ich habe eine Empfindung von namenloser Schwäche: körperlicher sowohl wie seelischer! aber mit Anielka ist es besser geworden. Wir trafen uns auf der Veranda. Wir waren allein. Ich rückte ihr einen Schaukelstuhl heran und gab ihr ein Tuch um: es ist in der Frühe noch recht kühl. Dann bat ich sie wegen der bösen Reden von gestern um Verzeihung. »Vergib und vergiß, meine teuerste Anielka! ich selbst kann's mir nie verzeihen.« Anielka streckte mir die Hand entgegen; sie verstand mich, daß ich mir alle Gewalt antun mußte, um nicht laut zu stöhnen, während ich heiß und innig meine Lippen auf diese Hand drückte, denn sie entzog sie mir nicht; auch ihr ward es nicht leid, die Erschütterung zu verbergen, die sie befiel: denn sie begriff die ganze Stärke meiner Liebe, die so ganz abseits von allen anderen Empfindungen des Menschenherzens sich hielt ... Es verging einige Zeit: dann fand sie die Herrschaft über sich wieder, ihr Gesicht fand den heiteren Zug wieder und jenen herrlichen Ausdruck unendlicher Güte und unsagbarer Ergebung, der mich so oft schon so tief ergriffen hatte. »Leon,« sagte sie, »nicht wahr? wir wollen uns wieder vertragen?« – »Ja, Anielka,« antwortete ich, »das wollen wir.« – »Für immer?« – »Was soll ich Dir auf dieses Wort erwidern, mein guter Engel? Du weißt doch, wie es aussieht in meinem Innern!« Es war, als glitte ein Schatten über ihre Augen, aber sie bezwang sich. »Wie gut Du bist!« sagte sie. – »Ich, und gut?« erwiderte ich in ehrlicher Entrüstung, »o, Du weißt nicht, was gestern geschehen wäre, hätte Dich nicht jener Anfall von Krankheit ereilt ... ich hätte mich ...« aber ich vollendete nicht, denn es wurde mir im Nu klar, welche niederträchtige Handlung es wäre, sie ausbeuten zu wollen dadurch, daß ich sie in Angst jagte. – »Was hast Du sagen wollen?« fragte sie mich voll Unruhe, einen erschreckten Blick auf mich richtend ... und ich fühlte, wie mir die Schamröte ins Gesicht schoß ... »Was wolltest Du sagen?« wiederholte sie ängstlicher als vordem. – »Nichts, nichts,« wehrte ich ihr, »oder etwas, vor dem ich mich schämen müßte, das übrigens heute gar keine Bedeutung mehr hat!« – »Leon, ich muß es wissen,« sagte sie, »denn ich fände sonst keinen Augenblick Ruhe mehr.« – »Anielka,« erwiderte ich, »fordere dies Bekenntnis nicht von mir! ich kann es nicht in Worte kleiden. Aber nimm mein Versprechen an seiner Statt, daß Du keinen Grund mehr haben sollst, auch das Geringste nur zu fürchten.« – »Gibst Du mir Dein feierliches Wort darauf?« fragte sie, den Blick zu mir erhebend. – »Mein feierliches Wort!« erwiderte ich, indem ich ihren Blick erwiderte; »Anielka, was geht denn vor in Deinem kleinen, lieben Köpfchen?« Der Postbote kam. Er brachte Briefe für Kromitzki aus dem Orient, für Anielka von Sniatynski – ich erkannte seine Handschrift – für mich von Klara Hilst: sie schrieb von sich selbst so gut wie nichts, die gute Seele, bat mich aber um so lebhafter um Auskunft, wie es mir erginge. Frau Celina, die sich schon so weit erholt hat, daß sie ohne Hilfe gehen kann, trat in die Tür, mit einer Fußbank für Anielka in der Hand. Wir waren gerade mit Lesen fertig. »Aber, Mama!« rief Anielka in vorwurfsvollem Tone, »wie kannst Du bloß ...« – »Nun, ich dächte doch, Du hättest mich doch auch gerade genug während meiner Krankheit bedient?« erwiderte Frau Celina. Aber ich bat sie, mir den Schemel zu geben, und kniete vor Anielka hin, um erst wieder aufzustehen, als sie die kleinen zierlichen Füße darauf gestellt hatte ... Diese Sekunde vor ihr gekniet zu haben, machte mich für den ganzen Tag zum glücklichen Menschen. So geht es nun in dieser armen Welt: der Aermste unter den Armen, der von den Brosamen lebt, dankt noch lächelnd, wenn er sie weinend aufliest. 7. Juli. Wie kann in der Liebe zu solchem Engel von Weib, auch wenn sie pervers ist, der Keim zum Bösen liegen? Für wahnsinnig hätte ich den erklärt, der mir vor zwei Jahren gesagt hätte, ein Kulturmensch, ausgestattet mit ästhetischen Nerven, könne sich mit Gedanken befassen, wie jetzt ich; und doch ist es nicht anders: ich grüble Tag und Nacht darüber nach, wie ich mich, und sei es durch Mord, eines mir unbequemen Menschen erledigen kann. Ja, soweit ist es mit mir! Für Kromitzki und mich hat die Erde nicht Raum: drum trage ich mich unausgesetzt mit Gedanken an seinen Tod, der ja die einfachste, gründlichste Lösung aller Verwicklungen, das unfehlbare Ende alles Jammers und Elends wäre. Der Hypnotiseur kann ein Medium durch die Gewalt seines Willens einschläfern: warum sollte nicht dieselbe intensivere Macht einen Menschen in Todesschlaf versetzen können? ich beschäftige mich jetzt emsig mit Hypnotismus, und wäre solche Suggestion wirksam, so lebte Kramitzki längst nicht mehr, denn jeder meiner Blicke befiehlt ihm: Schlaf ein und stirb! – Ich hab' ihn längst auch zum Zweikampf zwingen wollen; aber was hätte es für Zweck, ihn auf solche Weise aus der Welt zu schaffen? seinen Mörder könnte doch Anielka nicht heiraten! nein, ich mußte, nach Art des gemeinen Verbrechers, auf etwas anderes sinnen. Doch nein! es bleibt bei der Theorie, und Kromitzki braucht sich nicht zu ängstigen; meine Gedanken werden sich nicht in Taten umsetzen ... nein! ich brächte den Menschen nicht um, und wenn wir zusammen auf einer wüsten Insel lebten; und doch zerfrißt mir der Wurm der Mordgier das Gehirn! aber ich bin mit meinen überfeinen Nerven keiner brutalen Tat fähig: das ist die Ursache, daß ich den Mord nicht vollführe, nicht aber das Gebot der Moral und Religion: Du sollst nicht töten! Moralisch morde ich ihn tagtäglich; werde ich für solches Verbrechen einem höheren als menschlichen Gerichte verantwortlich sein müssen? Nicht von außen her kommt mir der Gedanke zum Morde, sondern von innen wächst er heraus und weicht nicht von mir: die Unterlassung ist bloß eine Nervenfrage, denn moralisch bin ich für das Verbrechen reif. Zudem hänselt mich mein Teufel in einem fort und flüstert mir zu, es hinge doch einzig und allein von der Potenz ab: der Wunsch, das Verbrechen zu begehen, sei also ganz ebenso schlimm wie die Tat selbst. Ich hätte nie gedacht, daß ich an solchen Scheideweg gelangen würde. Grausen befällt mich, wenn ich den Blick in diese Tiefe meines Ichs versenke. Ich weiß nicht, ob mein gräßliches Leid meinen Sündenfall zu sühnen vermag; das aber weiß ich, daß man sein Leben in den Grenzen jenes einfachen Gesetzes halten muß, das Anielka einen so sicheren Halt gibt, wenn man nicht will, daß der Geist überschäume und sich mit Staub und Schmutz vermische. 9. Juli. Kromitzki erzählte mir heute von einem Engländer, den ich schon oft in Gesellschaft einer hervorragenden Schönheit gesehen habe, wie es sich mit ihm und ihr verhalte: die Dame sei eine Rumänin und mit einem walachischen Bojaren verheiratet gewesen. Der Engländer habe sie dem Bojaren, als dieser vor seinem Ruine stand, einfach abgekauft. Kromitzki wußte sogar die Summe, die der Engländer für die Schönheit an den Bojaren bezahlt hatte. Da fiel mir ein, es sei ja das vielleicht, wenn auch ein schändlicher, so doch ein praktischer Ausweg aus meinem Dilemma, zumal ja die betreffende Frau von solchem Handel gar keine Silbe zu erfahren brauchte und sich die Schicklichkeit nach außen hin ja leidlich wahren ließ. Ich betrachtete den Fall im Hinblick auf diesen Gedanken von beiden Seiten: Anielka gegenüber erschien er mir im Lichte einer Lästerung, Kromitzki gegenüber für nicht untunlich; jedenfalls schuf er meinem Haß und meiner Verachtung vollkommene Befriedigung ... Ob er darauf eingehen würde? ich mußte mir sagen, daß ich ihn eben darum aller Gemeinheit für fähig hielt, weil ich ihn haßte; immerhin war ich nicht unberechtigt, einem Menschen, der aus Geldgier von seiner Frau die Vollmacht zum Verkauf eines Familiengutes zu erschleichen verstanden hatte, auch solches Abkommens für fähig zu halten. Die Ansicht von ihm, daß er voll Geldgier stecke, hatten außer mir auch Sniatynski, die Tante und Anielkas Mutter, und wen diese krankhafte Eigenschaft befällt, der ist dem völligen sittlichen Zusammenbruche nicht fern ... Jedenfalls will ich es versuchen, denn auseinanderbringen muß ich diese beiden Menschen. 11. Juli. Heute habe ich mit Kromitzki von dem ruinierten Walachischen Bojaren gesprochen, der seine Frau an den reichen Engländer verschachert hat, und erdichtete, um Kromitzki seinen Standpunkt leicht zu machen, eine richtige Fabel ... Wir trafen den Engländer bei den Wasserfällen; ich ließ ein paar Worte über die hohe Schönheit der Dame fallen und sagte zu Kromitzki: »Mir hat ein Gasteiner Arzt erzählt, wie es sich eigentlich um den Handel des Bojaren verhalten hat. Hiernach scheint mir, als beurteiltest Du den Mann zu streng.« – »Der Mensch macht mir vor allen Dingen Spaß,« antwortete Kromitzki. – »Ich meine, man darf die mildernden Umstände doch nicht außer Betracht lassen,« versetzte ich, »der Mann ist nicht bloß Bojar, sondern auch Industrieller: er soll mit geliehenem Gelde große Gerbereien betreiben oder betrieben haben. Es soll von Oesterreich die Einfuhr rumänischer Häute wegen einer Seuche verboten worden sein. Infolgedessen stand der Mann vor dem Bankerotte, sofern er sich nicht bis zur Wiederaufhebung dieses Einfuhrverbots halten konnte. Man ist eben entweder Kaufmann oder nicht; und wer einmal diesem Stande angehört, wird sich auch zur Moral desselben bequemen müssen, darf also gegebenen Falles ...« – »Auch die eigene Frau verkaufen, willst Du sagen? Das ist nun meine Auffassung doch eben nicht; eine Pflicht durch eine andere ersetzen, die heiliger ist als jene, ginge mir wider den Strich.« – Erbost darüber, daß er sich ausdrückte wie ein anständiger Mensch, hätte ich ihn am liebsten stehen gelassen; aber an schönen Redensarten hat ja schließlich auch das erbärmlichste Subjekt immer einen gewissen Vorrat, wenn es ihm darum geht, ein Ziel zu erreichen, und so gab ich die Sache noch nicht auf, sondern erwiderte ihm: »Eins vergißt Du, daß der Mann nämlich auch sein Weib in Mangel und Not hätte bringen müssen, wenn er diesen Ausweg nicht wählte; es will mir als merkwürdige Pflichterfüllung den Angehörigen gegenüber erscheinen, einen persönlichen Grundsatz so starr festzuhalten, daß man das liebe Brot darüber vergißt.« – »In meinem ganzen Leben hätte ich mich solcher nüchternen Denkweise bei Dir nicht versehen,« erwiderte Kromitzki, während ich bei mir dachte: »Esel! merkst nicht einmal, daß ich nicht bloß Ansichten ausspreche, die ich Dir eintrichtern will?« und laut versetzte: »Ich kann mich ganz gut in die Lage dieses Vertreters der Industrie denken. Auch bedenkst Du wohl nicht, daß die verschacherte Frau ihren jetzigen Mann lieber hatte als ihn, und daß er davon ja auch hat wissen können.« – »Na, dann sind sie einander würdig gewesen.« – »Daß der Bojar ein gemeiner Kerl ist, kann ja sein; immerhin weiß ich nicht, ob ein Kaufmann nicht unter solchen Umständen richtig so handelt, wie er gehandelt hat. Man stelle sich doch nur vor: es sitzt jemand bis über die Ohren drin, sieht seinen Ruin vor den Augen, hat aber ein Weib auf dem Halse, das ihn nicht liebt; da tritt nun jemand zu ihm und sagt: Lassen Sie sich von dem Weibe scheiden; dann bezahle ich nicht bloß Ihre Schulden, sondern Sie können auch damit rechnen, daß ich Ihre Frau reich und glücklich machen werde. Kann man so etwas Verkauf nennen? ich meine nicht, wenigstens rettet doch ein Kaufmann, der auf solchen Handel eingeht, all die Leute, die mit ihm gearbeitet haben, vor Verlust, zuweilen wohl gar Ruin, und sichert seinem Weibe eine Zukunft. Wer weiß, ob man solches Verhalten seinerseits nicht richtiger Pflichterfüllung gegen seinen Nächsten nennen sollte.« Kromitzkis Monocle fiel wieder vom Auge. Er besann sich einen Augenblick; dann sagte er: »Von Geschäften schmeichle ich mir mehr zu verstehen als Du, aber zu disputieren verstehst Du besser ... Ich sage ohne weiteres: Du hättest Dir schließlich die Millionen, die Du vom Vater ererbt hast, als Advokat verdient! so wie Du den Fall hinstellst, weiß man wirklich nicht, was man von diesem rumänischen Schlingel denken soll. Ob so oder so: verschachert worden ist die Frau, und so etwas bleibt immer eine schäbige Geschichte, man mag darüber denken und reden, wie man will ... Ich als Kaufmann halte dafür, daß es nur zwei Auswege gibt, wenn man vor dem Bankerott steht: entweder man setzt alle Kräfte ein, um zum zweitenmale Geld und Vermögen zusammenzubringen und seine alten Schulden aus der Welt zu schaffen; oder man greift zum Revolver und schießt sich die erlösende Kugel vor den Kopf. Dann hat man die Schulden mit seinem Blute bezahlt, und die Frau kann nun machen, was sie will: die Möglichkeit zu einem besseren Lose hat man ihr dann wenigstens erschlossen.« Am liebsten hätte ich ihm gesagt: »So liegt der Fall für Dich, denn bankerott bist Du doch in der Hinsicht, daß Deine Frau Dich nicht liebt! Befreie sie von Dir durch einen Sturz in den Wasserfall, der dort in die Tiefe hinunter braust ... gib ihr die Möglichkeit, in einem neuen Leben aufzugehen, das ihr ein tausendmal höheres Glück eröffnet.« Aber ich schwieg und suchte die herbe Entdeckung zu verwürgen, daß Kromitzki doch kein solcher Schurke sei, wie ich gedacht hatte, wenn er sich auch als der richtige Dutzendmensch erwies. Ich stand vor einer neuen Enttäuschung, sah abermals den Boden unter meinen Füßen weichen. Aber noch immer mochte ich die Idee, Kromitzki an den Gedanken einer Trennung von Anielka zu gewöhnen, nicht fallen lassen; freilich wußte ich nicht, wie es um seine Vermögensverhältnisse stand, aber ich sagte mir, jeder Spekulant könne ebenso leicht alles verlieren wie alles gewinnen, und ich klammerte mich an die Hoffnung, er möchte doch noch reif werden für das, was ich wollte ... darum begann ich wieder: »Ich kann ja nicht abschätzen, wie weit Deine Ansicht mit der kaufmännischen Moral zusammengeht, aber gern räume ich Dir ein, daß sie sich mit derjenigen eines anständigen Menschen deckt; und wenn ich Dich richtig verstanden habe, so hat nach Deiner Auffassung ein Mann nicht das Recht, in den Ruin, der ihm droht, die Frau mit zu reißen.« – »Ich habe weiter nichts gesagt, als daß der Schacher, den dieser Bojare mit seinem Weibe getrieben habe, eine Gemeinheit sei. Sodann meine ich, die Frau habe das Los des Mannes zu teilen, möge es sich gestalten, wie es wolle; denn ich bedankte mich schönstens für eine Frau, der die Scheidung recht wäre, weil ihr Mann sein Geld eingebüßt habe.« – »Ich möchte weiter gehen und sagen, es sei gewissermaßen auch Pflicht der Frau, sich in so etwas zu fügen, wenn sie den Mann dadurch vor dem Ruine retten könnte.« – »Ich meine, es ist schon peinlich, von solchen Dingen zu reden.« – »Wieso denn? oder fühlst Du etwa Mitleid mit diesem Bojaren?« – »Fällt mir nicht ein! ich halte ihn für einen Schuft und werde ihn immer dafür halten.« – »Du siehst den Fall eben nicht objektiv an! indessen ist das nicht zu verwundern: wem alles nach Wunsch geht wie Dir, der kann sich in die Situation eines Menschen, der vor dem Ruine steht, nicht hinein denken; Philosophie und Jagd nach Millionen läßt sich eben nicht gut unter einen Hut bringen ...« Mir wurde dieses falsche Spiel selbst zuwider und ich mochte fürs erste weiter nicht gehen, sondern es an dem Keime genug sein lassen, den ich ausgeworfen zu haben meinte; es konnte doch sein, daß er aufginge. Zudem gab mir eine eigentümliche Wahrnehmung einen wenn auch nur geringen Anhalt, wenigstens meinte ich, einen solchen darin zu erblicken oder doch erhoffen zu können: als ich von seinen Millionen sprach, war es mir, als hatte er etwas wie einen Seufzer hören lassen ... ich will ja aus diesem geringen Anzeichen nicht schließen, er stünde selbst vor dem Bankerott; aber ich meine doch, Fühler ausstrecken zu sollen. Sollte es etwa schlecht um ihn stehen, so bin ich Willens, alles daran zu setzen, daß er stürzt; ich will doch sehen, ob ein Mensch, der selbst bankerott ist, für gewisse Anerbietungen einen milderen Ausdruck finden wird als Gemeinheit und dergleichen. Wenn die Tante bisher Zweifel an Kromitzkis guten Verhältnissen äußerte, so war mir dies bisher immer unangenehm: ich hatte die Geldfrage in mein Verhältnis zu Anielka nicht mischen mögen; und heute bin ich so weit gekommen, daß ich nach dieser »Waffe« greife, ganz wie ein Bankier, oder ein Mensch, der an Operationen mit Geld gewöhnt ist. Kein Zweifel, meine Gedanken und Handlungen sind schlechter als ich, wenn ich auch nicht verstehen kann, wie das zugeht. Wer sich nie in einer solchen Situation wie ich befunden hat, hat auch kein Verständnis dafür; Wohl wußte ich, daß dem Menschen aus Liebeshändeln Qualen entstehen, aber ich hatte mir nie im Leben gedacht, daß sie so tatsächlich und so unausstehlich werden könnten. 12. Juli. Es ist heute etwas passiert, was mich noch an allen Gliedern zittern macht. Es war ein wunderschöner Abend, und wir hatten eine Fahrt nach Hofgastein geplant. Bloß Frau Celina wollte zurückbleiben. Am Gartentore wartete ich mit der Tante auf Anielka, während Kromitzki den Wagen aus dem Hotel holte. Anielka ließ auf sich warten; ich wollte ihr entgegengehen und traf sie auf der Treppe, die aus dem ersten Stock nach dem Garten hinunter führt. Die Wendeltreppe ist steil. Anielka ging äußerst behutsam, denn es war schon dunkel, und der Mond erhellte die andere Seite des Hauses. Da kam mein Kopf auf einmal unmittelbar vor Anielkas Füßchen, und wenngleich ich mir im selben Augenblick sagte, daß ich tausend Qualen zu leiden haben würde, so konnte ich doch nicht anders: ich mußte diese Füßchen umfassen und mußte sie küssen. Gott ist mir Zeuge, daß es nur aus tiefer Ehrerbietung geschah, gewissermaßen nur als Ausdruck dafür, daß ich mich für ewig als ihren Sklaven ansähe; und doch entzog sie mir bald die Füße; ich aber rannte hinunter und rief der Tante zu: »Anielka kommt schon.« Jetzt mußte sie kommen. Ich hatte ihr den Weg ja auch frei gegeben. Kromitzki fuhr vor, und Anielka trat zu der Tante: »Ich komme bloß, um Dir zu sagen, daß ich mir die Sache anders überlegt habe. Ich will bei Mama bleiben.« – »Aber Celina war doch ganz munter ...« bemerkte die Tante, »und sie hatte die Partie doch bloß um Deinetwillen angeregt ...« – »Das schon, aber ...« wollte Anielka erklären. Da mischte sich Kromitzki dazwischen und sagte kalt und dürr: »Ich möchte mir ausbitten, daß nicht erst Umstände gemacht werden.« Daraufhin stieg Anielka ein, ohne weiter ein Wort zu sprechen. Sein Ton fiel mir ebenso auf wie ihr stummer Gehorsam; es war mir den ganzen Tag schon vorgekommen, als ob er noch kühler gegen sie geworden sei, als in den letzten Tagen. Ich stand aber noch zu sehr unter dem Eindruck des eben verlebten Augenblickes, um über die Ursache nachzudenken, die diese gespannte Stimmung hervorgerufen haben mochte. Zudem fühlte ich eine seltsame Befriedigung darüber, daß Anielka dadurch, daß sie es nicht hatte verhindern können, daß ich zu ihren Füßen gelegen, meine Mitschuldige geworden, und daß sie, wenn sie das Einvernehmen der Familie nicht stören wollte, es nicht verraten durfte; denn sie mußte sich doch sagen, daß sonst ein Rencontre zwischen Kromitzki und mir sich nicht mehr vermeiden lassen würde ... aber will sie ihn schonen? oder mich? Neben der Befriedigung beschleicht mich auch Angst, denn ich sage mir wieder, daß Kromitzki, sobald es ihm einfällt, sie Gott weiß wohin führen kann ... und der bloße Gedanke hieran jagt mich in Verzweiflung ... Ich kam mir, wenn ich Anielkas gedachte, vor wie ein Hund, der etwas verbrochen hat und nun seine Tracht Prügel erwartet. Ich bemühte mich, ihr von den Augen abzulesen, was ich zu erwarten hatte. Aber sie sah mich nicht an, sondern hörte den Auseinandersetzungen Kramitzkis zu, der der Tante darüber einen Vortrag hielt, was er aus Gastein herausschlagen wollte, wenn es ihm gehörte. Offenbar war es ihm darum zu tun, der Tante eine gute Meinung von seiner Eigenschaft als Geschäftsmann beizubringen, dem die Fähigkeit in großem Maße innewohnt, aus jedem Dittchen einen Rubel zu machen. Er schwatzte in einem fort. Seine Rede floß wie ein Wasserfall und vermischte sich mit dem Rauschen des Gießbachs zu unseren Füßen. Der Kutscher mußte wiederholt den Hemmschuh anlegen, denn der Weg nach Hofgastein führt in zahlreichen Windungen am Abgrunde vorbei. Hätte nicht die warme, helle Nacht beruhigend auf meine Nerven gewirkt, so hätte mich das ewige Knarren des Hemmschuhs verrückt machen können. Es war eine Mondlandschaft von wundersamer Schönheit: der Gipfel des Bockkogl und die Schroffen des Graukogl erglänzten in mildem Silberlichte, und auf den Spitzen glitzerte in grünlich-weißen Reflexen der Schnee, während alle anderen Partieen mit dem nächtlichen Dunkel zu einer grauen Masse verrannen ... In der neunten Stunde kamen wir in Hofgastein an. Es war schon alles still und ruhig im Dorfe, bloß in den Gasthäusern war noch Licht. Wir ließen bei Meger halten, wo ein paar leidliche Männerstimmen jodelten. Ich wollte die Sänger bitten, uns draußen im Freien etwas zum besten zu geben; als ich ins Gastzimmer trat, sah ich, daß es Alpinisten aus Wien waren, an die sich schicklicherweise solches Ansinnen nicht stellen ließ. Ich kaufte zwei Edelweiß-Sträußchen, gab eins davon Anielka und ließ das andere, wie aus Unachtsamkeit, ihr vor die Füße fallen. Sie wollte es aufheben; ich bat sie, es liegen zu lassen, ging in die Gaststube zurück und kaufte ein drittes Sträußchen, um es der Tante zu überreichen. Dabei hörte ich aus Kromitzkis Munde die Worte: »Auch hier ließen sich hundert Prozent herausholen: man brauchte bloß eine vernünftige Badeanstalt aufzumachen.« – »Beschäftigt Dich denn wirklich nie etwas anderes als Deine Prozente?« fragte ich ihn in aller Ruhe, doch in der Absicht, Anielka zu zeigen, daß er auch neben ihr an nichts anderes als Geld und Geld denken könne; mochte sie doch seine Denkweise mit der meinigen in Parallele ziehen! ... Ich glaube bestimmt, daß sie mich verstanden hat. Auf dem Rückwege bemühte ich mich wiederholt, Anielka in eine Unterhaltung einzubeziehen; es wollte jedoch nicht gelingen; Kromitzki ging, während ich den Kutscher bezahlte, mit den beiden Damen hinauf, und Anielka war, als ich sie erreichte, schon verschwunden, weil sie, wie Tantchen sagte, sich nicht recht wohl fühlte. Nun machte ich mir wieder Vorwürfe, sie gequält zu haben; für jemand, der liebt, kann es keine schmerzlichere Empfindung geben. Diese Empfindung gewann solche Macht über mich, daß ich mir vornahm, am anderen Tage zu verreisen: nach Wien, zum Doktor Chwastowski; dann behielte ja, wie ich mit Bitterkeit dachte, Anielka ein paar Stunden Ruhe vor mir ... 15. Juli. Heut abend bin ich von Wien zurückgekehrt, mit mancherlei Neuigkeiten, die Tantchen interessieren werden ... Dieser junge Chwastowski ist wirklich ein ganz tüchtiger Mensch: tagsüber büffelt er in der Klinik wie ein Arbeitsgaul, und nachts schreibt er eine volkstümliche Gesundheitslehre für seinen Bruder, den Buchhändler, ist bei allen möglichen Vereinen und unterhält allerhand fidele Beziehungen zu Kärnthnerstraße, Kumpfgasse u. s. w. Ich frage mich: wann schläft bloß dieser Mensch? und dabei ist er kerngesund, der reine Herkules! ... Ich halte mit dem Zweck meines Besuchs nicht hinterm Berge, sondern richte ohne weiteres die Bitte an ihn, mir zu sagen, was ihm über Kromitzkis Verhältnisse bekannt sei ... »Es ist Ihnen ja nicht fremd, daß meine Tante viel Geld hat, und wenn wir auch nicht nötig haben, uns auf Spekulationen einzulassen, so gehört nun doch einmal Kromitzki zu unserer Familie, und wenn sich etwa ein Geschäft böte, bei dem wir nicht zu Schaden kommen könnten, so wären wir schließlich nicht abgeneigt, ihm durch einen Vorschuß zur Mehrung seines Vermögens behilflich zu sein. Meine Tante wendet sich mit dieser Bitte an Sie, weil sie meint, daß Ihre Familie mit uns länger in Beziehung steht als mit Kromitzki.« – »Bitte, bitte,« erwiderte der Doktor, »ich will an meinen Bruder in der Sache auf der Stelle schreiben. Uebrigens enthält sein letzter Brief an mich einiges, was Ihnen dienen könnte.« Er kramte zwischen einem ganzen Stoße von Briefschaften herum und fand schließlich, was er suchte; aber es waren nur die wenigen Zeilen darin: »Mit Kromitzkis Naphtha ist's doch recht faul, er hätte besser die Hände davon gelassen, denn gegen die Rothschild-Gruppe kann doch keiner was! wir haben uns ja noch herausgefitzt, aber Haare dabei gelassen. Etwas besser steht's ja um die Lieferungen, für die wir ein Monopol besitzen; aber wenn sie auch Millionen einbringen können, so ist doch andererseits das Risiko sehr bedeutend: es gehört eben Geld und immer wieder Geld in die Affäre, da wir nur zu den Terminen reguliert werden, aber alles mit barer Kasse bezahlen müssen. Eine böse Sache ist es dabei noch mit der Betrügerei, die bei allem Material, das uns geliefert wird, an der Tagesordnung ist. Ich hab' den Kram übersatt.« – »Nun, das Geld könnten wir ja geben,« meinte ich, als ich gelesen hatte, und verließ den Doktor. Auf dem Wege zum Hotel gewannen die edleren Regungen in meinem Herzen die Oberhand. »Wäre es denn aber nicht anständiger, richtiger, einfacher, Kromitzki aus der Patsche zu helfen, statt ihn sitzen zu lassen und zu verderben? ich denke, Anielka würde es hoch aufnehmen, wenn ich ihrem Manne unter die Arme griffe. Was nun wird, mag der Vorsehung überlassen bleiben. Es kommt ja schließlich doch, wie's kommen soll!« Daß dahinter sich ein bißchen Egoismus mit versteckte, mochte ich mir gar nicht verhehlen; denn wenn Kromitzki Geld hatte, so ließ sich annehmen, daß er sich bei uns nicht lange mehr aufhalten, sondern mich durch baldige Abreise schnell von meinen Qualen befreien würde. Dann wäre ich allein mit Anielka, sie stände unter dem Einflusse meiner Empfindungen, würde vielleicht Dankbarkeit gegen mich wegen des ihrem Manne erwiesenen Dienstes, Groll wider ihren Mann darüber, daß er meinen Dienst angenommen, empfinden; abgesehen von diesen neuen Aussichten, die sich da vielleicht für mich eröffneten, ging es mir in erster Linie darum, den Menschen los zu sein. Ich war mit diesen Erwägungen so sehr beschäftigt, daß ich gar nicht gewahr wurde, schon in Lendgastein zu sein. Dort war alles in wilder Aufregung über das Eisenbahnunglück, das sich auf der Zweigstrecke nach Zell am See ereignet hatte. Ueberall Tote und Verwundete! ich hatte aber kaum meinen Platz im Kutschwagen inne, der mich von Lendgastein weiter fuhr, als ich auch schon nicht mehr an den schauerlichen Vorfall, sondern nur an mein Verhältnis zu Anielka dachte. Endlich meinte ich die Lösung gefunden zu haben: Anielka mußte sich in unsere Liebe finden, etwa so: »Ich bin Dein und gebe Dir Herz und Seele, auf ewig, Du mußt Dir aber daran genügen lassen; unter dieser Voraussetzung sind unsere Seelen von jetzt ab vermählt.« Ich dagegen wollte ihr darauf sagen: »Mir bedeutet diese seelische Vermählung das gleiche wie die bürgerliche Ehe: ich betrachte Dich hinfort als mein Weib.« War solche Abmachung denkbar? und würden durch sie unsere Leiden ihr Ende finden? mir würde sie eine Art Sonderwelt schaffen, in der Anielka mir ausschließlich gehörte; freilich bedang sie eine erhebliche Kürzung meiner Hoffnungen, Erwartungen, Wünsche ... aber eine Berechtigung erhielt meine Liebe durch sie bei Anielka, und das bedeutete mir soviel, daß ich hierfür unbedenklich meine Gesundheit einsetzte; daraus erkenne ich abermals, wie tief mir die Liebe zu diesem Weibe im Herzen sitzt. Bis Gastein stand ich ganz unter dem Eindruck dieses Gedankens: ich sah mich mit Anielka in ewiger Vereinigung, in seliger Wonne, und war nicht wenig stolz auf diesen Ausweg aus dem Dilemma, auf diese Möglichkeit zu beiderseitigem Glück, fühlte auch nicht den geringsten Zweifel, daß Anielka mir hierzu ihre liebe, süße Hand mit Freuden reichen werde. Da sah ich, daß Blut an meiner Hand klebte ... und im Nu war mein Traum geschwunden. In dem Wagen, in den ich eingestiegen war, hatte man Verwundete gefahren, der Kutscher hatte nicht gesehen, daß an den Seitenpolstern noch Blut sickerte. Ich bin nun nicht Mystiker in solchem Maße, daß ich an die unmittelbare Einwirkung übernatürlicher Kräfte auf das Leben des Menschen glauben möchte; immerhin will ich nicht in Abrede stellen, daß es mich eigentümlich berührte, daß ich mir neues Leben ausgemalt hatte in einem Gefährt, in welchem vielleicht vor wenigen Augenblicken erst ein anderes Leben erloschen war, und daß ich mit Blut an den Händen von Friede und Einigkeit geträumt hatte. Auf den Gedankengang eines nervösen Menschen wirft solches »Vorgefühl« gern finstere Schatten, und wenn ich nicht schon so nahe beim Wildbad Gastein gewesen wäre, dürfte es mir schwerlich anders ergangen sein. Aber als wir jetzt langsam bergan fuhren, kam uns von oben her ein anderer Wagen entgegengerast. Mir bangte schon vor einem neuen Unglück, da es auf diesem abschüssigen Pfade, der nicht sonderlich breit ist, seine Schwierigkeit hat, auszuweichen; da bemerkte ich, daß der Kutscher jenes anderen Wagens mit aller Gewalt bremste, und daß seine Pferde bald nur noch im langsamen Schritte liefen. Im anderen Augenblick aber erkannte ich zu meinem lebhaften Erstaunen die Tante und Anielka, und schon erklang aus beider Munde der freudige Ruf: »Da ist er ja, da ist er! Leon! Leon!« Tante rief: »Gott sei Dank!« und umarmte mich; Anielka nahm meine Hand und hielt sie fest, bis sie mit einem Male ganz erschreckt aufschrie: »Du bist ja verletzt, Leon!« Aber ich beruhigte sie auf der Stelle. »Ich war nicht in dem Unglückszuge; das Blut rührt von Verwundeten her, die in diesem Wagen gefahren worden sind. Ich hab's beim Einsteigen nicht gesehen und der Kutscher vorher auch nicht.« – »Ach, in der Depesche stand,« erklärte die Tante bewegt, »das Unglück sei dem Wiener Zuge passiert; ich bin vor Angst fast umgekommen. Gott sei Dank! Gott sei Dank, daß wir Dich wieder haben.« Sie trocknete sich den Angstschweiß von der Stirn. Anielka war leichenblaß, ließ meine Hand fallen und drehte sich um, damit ich nicht sähe, daß ihr Tränen in den Augen standen. Ich versuchte nun zu erzählen, was ich unterwegs in Lendgastein gesehen hatte, war aber wenig bei der Sache, denn mich erfüllte der freudige Gedanke, daß Anielka zu Hause nicht die Rückkunft der Tante hatte abwarten mögen, und daß sie mir wohl nicht einzig und allein um der Tante willen entgegengefahren war. Hatte ihr Gesicht nicht von Freude förmlich geleuchtet, als sie hörte, ich sei nicht in dem Unglückszuge gewesen! und war sie nicht auch jetzt noch so ergriffen, daß sie vor Freude zu weinen schien? O, jetzt sah ich auch, daß sie weder Handschuhe trug, noch ein Mantelett umhatte: sie war mithin so eilig und erschrocken gewesen, daß sie alles andere vergessen hatte! Ich legte ihr meinen Paletot über die Schultern, da es empfindlich kühl wurde. Sie wollte es zwar nicht leiden, aber Tante bestand darauf, daß sie den Paletot umnahm ... und als wir auseinandergingen, da drückte ich ihr die kleine liebe Hand wie ein Liebender, und sie litt es nicht allein, sondern erwiderte sogar den Druck mit Wärme. 16. Juli. Ich hatte mich kaum angekleidet, da kam die Tante herein. »Du, höre mal: das Neueste! als Du in Wien warst, hat mir Kromitzki den Vorschlag gemacht, mich an seinen Geschäften zu beteiligen.« – »Und Deine Antwort?« – »Rundweg abgeschlagen habe ich es ihm: ich hätte genug, um leben zu können, und wenn ich einmal die Augen zumachte, würdest Du zu den reichsten Leuten in Polen zählen. Also sei es doch Unsinn von uns, wenn wir uns in Abenteuer einlassen wollten. Hab' ich es recht so gemacht?« – »Ohne Frage.« – »Es ist mir erfreulich, daß Du mir beipflichtest,« antwortete sie; »darüber, daß ich seine Unternehmungen über den gleichen Kamm mit Abenteuern schor, war er ja bitterböse; er setzte mir auseinander, wie es sich mit ihnen verhielte, und wenn er mir die Wahrheit gesagt hat, ist's ja nicht ausgeschlossen, daß er Millionen gewinnen wird; na, ich wünsche es ihm von Herzen. Er sagte dann auch noch, es wäre ihm lieber, seinen Profit mit der Familie zu teilen, statt mit fremden Menschen. Darauf sagte ich ihm, das wäre ja sehr nett von ihm, aber es könne an meiner Meinung und meinem Entschlusse nichts ändern. Da fing er zu winseln an, es verstünde bei uns niemand was von Geschäften, es würde bloß alles aufgezehrt, was von den Vorfahren überkommen sei; das sei doch Verbrechen an der Mitwelt. Das wollte mir nun nicht gerade als eine Schmeichelei erscheinen, und darum sagte ich ihm: »Du, weißt Du was? ich hab' freilich bloß so gewirtschaftet, wie es eine Frau verstehen kann; aber ich habe bis jetzt doch noch kein Dittchen verloren; Du aber hast meiner Meinung nach am allerwenigsten ein Recht, von Sünde an der Mitwelt zu schwatzen, denn Du hast unser Gluchow verschleudert! Ich kann's nicht ändern, daß ich Dir die Wahrheit sagen muß: Hast Du es doch nicht anders gewollt ... Wäre das nicht vorgefallen, dann hätte ich eher Zutrauen zu Dir haben können; so ist mir von Deinen ganzen Worten bloß das klar, daß Du weder nötig hättest, Dich nach Teilhabern umzusehen, noch Dir meine Grobheiten anzuhören, wenn Deine Geschäfte wirklich so glänzend verliefen, wie Du es sagst. Was ich nun einmal vor allem am Menschen gern habe, ist unbedingte Aufrichtigkeit, und daß Du es daran hast fehlen lassen, wirst Du wohl nicht bestreiten wollen.« – »Und was sagte er?« – »Gluchow betreffend, sagte er, es wäre doch wunderlich, daß nun gerade er schuld am Verkaufe tragen solle. Die Schuld träfe bloß die, die das Gut so in Grund und Boden verwirtschaftet hätten. Anielka habe, als er sie heiratete, nichts als Schulden gehabt; er habe ihr mehr gerettet als jeder andere im stande gewesen wäre, und statt Dankbarkeit erntete er von allen Seiten bloß Vorwürfe.« – »Ich unterschreibe diese Darlegung, nicht,« versetzte ich, »sondern behaupte entschieden, daß Gluchow noch zu retten war.« – »Ganz dasselbe habe ich ihm gesagt und auch noch beigefügt, auf Gluchow hätte ich Geld geliehen; er hätte doch bloß Anielka zu schreiben brauchen; dann hätte man die Sache zusammen besprochen. Aber da lachte er: er hätte Anielka ein paarmal aufgefordert, mit mir über seine Geldanliegen zu sprechen, und sie hätte es jedesmal rundweg abgelehnt; Anielka sei eben viel zu fein und vornehm, um sich mit gemeinen Geldgeschichten zu befassen; und wie es ihm mit Gluchow gegangen wäre, wenn er sich erst auf langes Verhandeln eingelassen hätte, ließe sich ja an meinem Verhalten seinem jetzigen Anliegen gegenüber am besten ermessen.« Ich wußte nun, welchen Grund die gespannte Stimmung zwischen ihnen gehabt hatte, über die ich mir solchen Kummer gemacht! Die Tante fuhr fort: »Schließlich, als ich ihm zeigte, wie unaufrichtig er vorhin gewesen, als er mein Geld bloß aus Familienrücksichten zu nehmen vorgab, während ihm doch selber so sehr viel daran gelegen sei, sagte er noch, er habe doch Anielka ohne alle Mitgift geheiratet, da sei es ihm wohl nicht zu verargen, wenn er wenigstens in solchem Falle auf die Beihilfe ihrer Familie rechne, wenn es sich um ein Geschäft handle, bei dem dieselbe noch recht guten Profit machen könne ... Als ich ihm daraufhin sagte, auch das entspräche nicht der Wahrheit, da ich doch Anielka eine lebenslängliche Rente aussetzen würde, geriet er in richtigen Zorn; ich erklärte ihm nun rundweg, bares Kapital erhielte er nicht von mir, sondern Anielka die Rente, weiter nichts; sollten Kinder kommen, so sollten diese nach dem Tode der Mutter das Kapital bekommen. Darein hätte er sich zu fügen; und wir seien zusammen fertig.« »Nun, Tante,« warf ich ein, »so schlimm, wie Du es Dir ausmalst, steht es nicht mit ihm; ich war in Wien beim Doktor Chwastowski,« und nun erzählte ich ihr, was ich in Wien ausgerichtet hatte, und betonte nur noch nebenher, daß ich mir schon geraume Zeit gedacht hätte, daß Kromitzki sicher in Geldverlegenheit sei. Die Tante war sehr erfreut von meiner Umsicht, machte wieder ihre Zimmerpromenade, sprach wieder angelegentlich mit sich selbst und brummte einmal über das andere vor sich hin: ein gescheiter Junge in allen Dingen; das muß man sagen! zuletzt erklärte sie, sie gäbe mir Vollmacht; ich möchte die Geschichte ordnen nach meinem Dafürhalten. Dann gingen wir hinunter; wir trafen die Familie beim Tee. Ich sah sofort, daß wieder etwas vorgegangen sein müsse. Anielka, ihre Mutter, die Tante waren allem Anschein nach außer sich; bloß Kromitzki las ruhig seine Zeitung, sah aber sehr schlecht aus, wie wenn er eben eine schwere Krankheit überstanden hätte. Kaum war ich hinter der Tante her in das Zimmer getreten, so zeigte sie mit dem Finger auf Anielka und rief: »Weißt Du, was dem Dinge da in den Sinn kommt?« – Ich setzte mich und sagte: »Ich habe keine Ahnung.« – »Nun, abreisen will sie von Ploshow, in längstens vierzehn Tagen; bloß bis Odessa, weiter nicht, denn mir machte sie mit der Mama doch bloß Umstände, und länger mir zur Last zu fallen, ginge doch wirklich nicht an ... Na, ich brauche ja auch wirklich auf die alten Tage keine Gesellschaft mehr und für mich wird's ja dann erst recht angenehm sein, wenn Du auch wieder fortreisest und ich dann hier mutterseelenallein hause. In der letzten Nacht ist das wieder von ihnen ausgeheckt worden. Es mag ihnen wohl manche schlaflose Stunde gekostet haben.« Dann fuhr sie wie ein Falke auf Kromitzki nieder und schrie ihn an: »Oder hast Du etwa das ihnen eingetrichtert?« – »Ich?« erwiderte dieser ruhig, »wie käme ich denn dazu? es hat mich kein Mensch dazu aufgefordert. Wenn aber meine Herrin und Gemahlin Ploshow verlassen will, um sich mir enger anzuschließen, so habe ich wohl keinerlei Ursache, ihr darüber zu grollen.« – »Ach,« bemerkte Anielka, »es war ja bloß ein Gedanke.« Ich hatte keinen Blick von ihr gewandt, ohne mich daran zu kehren, daß mein Benehmen auffallen mußte; aber sie getraute sich nicht, mich anzusehen, und daraus entnahm ich, daß diese neuen Pläne um meinetwillen geschmiedet würden. Ha! wenn ich mir sage, daß sie doch weiß, daß all mein Leben sich allein um sie dreht und daß ich in ihr aufgehe, und daß sie trotz allem mit solcher Ruhe an Abreise denken kann, dann komme ich mir vor wie ein aufgespießter Käfer, ich möchte ihr ins Gesicht schreien: »Du bist ein kaltes, blutleeres Weib, und Deine ganze Tugend und Unnahbarkeit ist weiter nichts als raffinierte Selbstsucht, die der eigenen Ruhe alles zum Opfer bringt. Nicht die kleinste Labung hast Du mir gereicht! sondern alles hast Du mir entzogen, und wenn Du es in Deiner Gewalt hättest, würdest Du auch meinen Augen wehren, Dich anzuschauen. Jetzt endlich durchschaue ich Dich!« Ich verhielt mich während des ganzen Frühstücks stumm; als ich aber in meinem Zimmer war, sank ich auf einen Sessel, vergrub den Kopf in die Hände und suchte, das Wirrsal meiner Gedanken zu ordnen ... Jetzt haßte ich wirklich Anielka und wenig fehlte, so wäre es mir lieber gewesen, sie hätte ihren Mann wirklich geliebt, bloß um sie weniger verabscheuen zu müssen. Halb außer mir vor Zorn und Grimm, sprang ich auf und griff nach meinem Hute, mich nach Kromitzki umzusehen, denn mir war ganz so zu Mute, als wenn etwas Furchtbares zu erwarten stünde, wenn ich nicht auf diese oder jene Weise meine Rache an Anielka sollte kühlen können. Kromitzki war nicht zu Hause, auch nicht im Garten; ich rannte die Wandelbahn entlang, aber auch dort fand ich ihn nicht; ich blieb einen Moment auf dem kleinen Stege stehen, der über die Wasserfälle führt; ich nahm den Hut ab, und der feine Sprühregen, der mir den Kopf wie mit einer Brause durchfeuchtete, brachte mich einigermaßen wieder zur Ruhe; aber der feste Vorsatz, die Pläne dieses Weibes zu durchkreuzen, blieb in mir haften. Endlich sah ich ihn vor dem Hotel Straubinger sitzen, wieder in die Zeitung vertieft. »Ei,« rief er mir zu, sobald er mich sah, »ich wollte gerade zu Dir.« – »Nun, dann komm mit auf den Kaiserweg,« antwortete ich, und ohne darauf zu warten, was mir Kromitzki sagen werde, begann ich die Unterhaltung mit den Worten: »Die Tante hat mir erzählt, was gestern zwischen Euch beiden gesprochen worden ist.« – »Mir tut's leid, daß wir uns zusammen ausgesprochen haben,« antwortete er. – »Es hat Euch eben beiden an der nötigen Ruhe gefehlt. Die Tante ist die beste Frau von der Welt; man muß sie nur zu nehmen wissen. Sie tut sich gern etwas zu gute auf ihren gesunden Menschenverstand und verhält sich gegen Anträge und Vorschläge immer mißtrauisch: die beste Auskunft hierüber könnte Dir der alte Chwastowski geben, dem sie schon manche Nuß zu knacken aufgegeben hat. Vor allem muß man ihr Zeit zur Ueberlegung lassen und darf sie nicht reizen.« – »Ich habe sie doch nicht gereizt!« – »O doch! warum mußtest Du sagen, Anielka habe Dir keine Mitgift gebracht; das ärgert die Tante jetzt noch.« – »Warum mußte sie wieder von Gluchow reden?« – »Das kannst Du ihr doch nicht verdenken,« sagte ich; »ich kann so wenig begreifen wie sie, warum Du Gluchow eigentlich verkauft hast?« – »Ich konnte jemand damit einen Gefallen tun, an dessen Gunst mir viel gelegen sein mußte, und der obendrein einen sehr guten Preis für das bis unters Dach verschuldete Ding bezahlte. Man muß sich schicken, wenn es die Umstände fordern.« – »Reden wir nicht weiter von Gluchow. Die Tante hat sich gerade darum so geärgert, weil sie Anielka zu bedenken vorhatte.« – »Ja, mit einer Rente. Sie sagte es mir.« – »Ach, sie hat Dir das nur im Aerger gesagt. Sie wollte Dich bloß fühlen lassen, daß sie von Deinen geschäftlichen Kenntnissen nicht viel hält. Ich als ihr Erbe muß ja doch am besten wissen, wie die Sache liegt.« – »Als Erbe,« bemerkte Kromitzki, mich scharf ansehend, »würdest Du dadurch im Nachteile sein.« – »Das wohl, aber ich kann meine Einkünfte ja so wie so nicht verzehren. Mithin läßt mich die ganze Geschichte kalt. Mag sein, daß Du Dich darüber als Kaufmann wunderst, daß Du mich als einen schnurrigen Kauz ansiehst, aber denke, was Du willst, bloß laß Dir sagen, daß ich der Tante kein Wort dazwischen reden werde, eher zu Deinen Gunsten, als zu Deinem Nachteile. Anielka wird also keine Rente erhalten, sondern eine Summe in bar.« Es war mir widerwärtig, den Menschen anzusehen, wie er mit den Armen hantierte, ganz wie eine hölzerne Gliederpuppe. Ganz sicher! er hielt mich wohl noch mehr für ein Schaf als für einen wunderlichen Kauz; aber das war mir jetzt gleichgültig; mir kam es nur darauf an, daß er mir Glauben schenkte, und das durfte er wirklich, denn ich redete doch vollkommen im Ernste mit ihm. Kein Wunder, daß es ihm darum ging, zu erfahren, wann die Tante das Geld geben werde, und in welcher Höhe; aber er mochte wohl fühlen, daß jede direkte Frage im höchsten Grade undelikat erscheinen mußte, und so schwieg er, indem er sich gleichsam wie sprachlos vor Rührung stellte. »Ihr habt eben beide daran festzuhalten, daß alles vom guten Willen oder vielmehr von der guten Laune der Tante abhängt, und ihr legt es doch gerade darauf an, ihr die Laune zu verbittern. Gestern hast Du Dich in dieser Hinsicht bemüht, heute tut es Anielka. Du siehst, ich warne Dich davor, während ich doch als einstiger Erbe mich eigentlich über eure Torheit freuen sollte.« – »Du lieber Gott!« erwiderte er, »ich war eben auch grillig und bekam eine Anwandlung, mich in Gegensatz zu ihr zu sehen. Was Anielkas beständiges Gerede von dem Mißbrauche ihrer Gastfreundschaft angeht, so finde ich das nicht minder unangebracht; mir ist überhaupt nichts so unausstehlich wie Überspanntheit im Leben, und meinen beiden Damen fehlt es daran wahrhaftig nicht. Mit nach Turkestan kann ich sie doch nicht schleppen, und so lange ich in Turkestan bleiben muß, ist es doch für mich völlig gleichgültig, ob sie in Odessa leben oder in Warschau. Bin ich mit meinen Geschäften in Ordnung, werde ich mir natürlich ein Domizil wählen; aber bis dahin muß ich mich drein finden, meine Frauen hier zu lassen. Gäbe es kein Ploshow, so müßte ich es anderswo tun; aber wozu denn in die Ferne schweifen?« Ich fühlte mich wunderbar erleichtert; denn die Pläne, mit denen Anielka sich trug, waren zu nichte gemacht, und ich badete mich schier in Wonne darüber, daß ich meinen Zweck mit verhältnismäßig so geringer Mühe erreicht hatte. Immerhin verriet ich Kromitzki gegenüber keine Spur von Befriedigung; ich meinte im Gegenteil, daß es besser sein möchte, ihm die Sache nicht so leicht zu machen, und so sagte ich noch zu ihm: »Ich kann Dir freilich ein festes Versprechen im Augenblick noch nicht geben; zunächst mußt Du mir doch über Deine Situation und die Art Deiner Geschäfte einige Aufklärung geben.«' Das tat er mit Uebereifer, und ich ersah daraus, daß er sich von diesem Thema mit Vorliebe unterhielt. In der Hauptsache sagte er genau dasselbe, was ich bereits durch den jungen Chwastowski wußte. Ich hörte ihm eine Stunde lang geduldig zu, und wenn ich auch erkannte, daß er mir keine Lügen aufband, so erwiderte ich ihm doch: »Von einem Kompagnie-Geschäft, das laß Dir gesagt sein, kann zwischen uns, so wie Du mir die Dinge darstellst, keine Rede sein.« – Er wurde grün und gelb im Gesicht. Dann stieß er die Frage hervor: »Und warum nicht?« – »Es mag Dir mit Vorsicht und Umsicht ja. noch gelingen, einen Prozeß zu vermeiden, aber selbst in den Vorstadien eines solchen zu figurieren, hat für uns nichts Verlockendes.« – »Wer solche Ansichten hegt, der kann überhaupt keine Geschäfte machen.« – »Das ist ja auch ganz und gar nicht unser Wille. Zum Leben haben wir, wie Du weißt, übergenug. Wenn wir uns aber beteiligen sollten: wieviel Geld einzuschießen wäre dann nötig?« – »Es scheint mir unter solchen Umständen keinen Zweck mehr zu haben, daß wir über den Fall diskutieren,« erwiderte er, »denn unter 75 000 Rubel hätte es für mich gar keinen Zweck.« – »Für uns erst recht nicht. Wie gesagt, vor allem Kompagnie-Geschäft werden wir uns hüten. Du gehörst nun aber zu unserer Familie, und aus dieser Rücksicht will ich mich entschließen, Dir die Summe, die Du nanntest, auf einen einfachen Wechsel hin zu leihen.« Er war so betroffen, daß er augenscheinlich seinen Ohren nicht traute und mit den Augen zu zwinkern anfing, war aber schon in der anderen Sekunde der vorsichtige, berechnende Kaufmann, drückte mir schnell die Hand und fragte: »Und der Prozentsatz?« – Diese Frage war mir gegenüber recht überflüssig, ja sie widerte mich so an, daß ich ziemlich schroff erwiderte: »Darüber sprechen wir noch.« Wir trennten uns. Auf dem Wege zur Tante kam mir der Einfall, ob es ihm nicht am Ende doch auffallen werde, daß die Tante sich so schnell anders hätte entschließen sollen; aber es war überflüssig, daß ich mir solche Gedanken machte. Ehemänner sind ja bekanntlich blind weniger aus Liebe zu der Frau, als aus Eitelkeit, obendrein hält Kromitzki mich und die Tante für verschrobene Narren, während wir ihn, so grundverschieden ist er in seinen Anschauungen von uns, tatsächlich für einen Eindringling in unsere Kreise halten müssen. Anielka stand im Nebengarten und kaufte von einer Bauersfrau Erdbeeren. Als ich an ihr vorbeiging, fuhr ich sie schroff an: »Reisen wirst Du nicht, denn ich will es nicht.« Ich begab mich in mein Zimmer. Bei Tafel machte Kromitzki die Reisegedanken der beiden Damen lächerlich mit jenem geringen Maße von Zartgefühl, das er den beiden Damen gegenüber in der Regel zu zeigen liebte. Ich tat so, als ob mich die Sache gar nicht berührte. Anielka durchschaute jedoch rasch, daß Kromitzki nur eine ihm eingetrichterte Weise nachleierte; sie schämte sich seiner und fühlte sich tief gedemütigt; mir aber war das bei der Stimmung, die mich beherrschte, höchst erfreulich. Immerhin brennt die Wunde nach wie vor, denn für die vielen Opfer, die ich meiner Natur aus Liebe zu ihr auferlege, ist auch das Bewußtsein, diesen Menschen loszuwerden, kein Entgelt; solch schnöde Nichtachtung statt erhofften Lohnes wurmt mich infam. Irgend eine Lösung muß die Zukunft ja bringen; aber sie zu erraten bin ich zu schwach; vielleicht eine Gehirnkrankheit! zu verwundern wäre es nicht, denn sie wäre wohl bloß die natürliche Folge der vielen qualvollen Tage und schlaflosen Nächte und der Unmenge starker Zigarren, die ich oft bis zum frühen Morgen hinein qualme. 30. Juli. Ich bin seit vierzehn Tagen von heftigem Kopfweh geplagt. In Wien habe ich mit Kromitzki die Finanzgeschäfte geordnet, und nach drei Tagen dampfte er ab nach Turkestan. Frau Celina hat ihre Kur beendet; wir verweilen bloß noch in Gastein, weil draußen im freien Lande schreckliche Hitze herrscht ... Seit Kromitzki fort ist, fühlen wir uns alle seltsam erleichtert. Er machte gar kein Geheimnis daraus, daß er ein Darlehen von mir genommen hatte, denn von dem Verhältnis, das zwischen mir und seiner Frau besteht, hat er wirklich keine Ahnung; Anielka ist diese Sache aber unsagbar peinlich. Sie mag ihn wohl insgeheim, wie auch ihre Mutter, für schlechter halten, als er in der Tat ist. Seit er Gluchow verkauft hat, trauen sie ihm wohl nicht mehr über den Weg. Frau Celina wurde schließlich immer nervös, wenn er ihr vor die Augen kam; ohne Frage ertrüge sie ihn keine Sekunde, wenn er nicht ihr Schwiegersohn wäre. Anielka habe ich in letzter Zeit nur wenig gesehen: mein Kopfweh hält mich im Zimmer; ich will sie auch fühlen lassen, daß ich böse auf sie bin und ihr aus dem Wege gehen will. Schwer, sehr schwer fällt es mir freilich, denn ihr Anblick ist für meine Augen Bedürfnis wie das Tageslicht. 2. August. Klara Hilst hat mir geschrieben. Es macht mir den Eindruck, als wisse sie, wie es mit mir beschaffen ist, denn aus ihren Zeilen spricht herzliches Mitempfinden. Ich darf mich darüber nicht irren, daß sie Liebe für mich fühlt, wenn ich auch nicht feststellen möchte, ob es nur schwesterliche oder andere Liebe ist. Ich antworte ihr so wie es einem unglücklichen Menschen möglich ist, der sich mit dem einzigen Geschöpf unterhält, das ihn versteht. Klara will nach Berlin reisen und zu Wintersanfang nach Warschau. Ich möchte, schreibt sie, doch wenigstens auf ein paar Tage nach Berlin kommen. Es ist mir jedoch ganz unmöglich, mich von meinem Kummer loszureißen; aber in Warschau will ich mit Klara wieder zusammen sein. 4. August. Ich hatte mich eine Zeitlang in die Hoffnung eingelebt, der Groll gegen ihren Mann werde mir Anielka in die Arme führen; aber ich habe mich geirrt. Was vielleicht für überspannte Weiber, die ihre Phantasie mit der Lektüre französischer Romane überhitzt haben, ein Ausweg sein mag, sich Ruhe zu schaffen, ist kein Ausweg für eine Anielka! Keine Phrase, kein falsches Pathos, kein künstliches Drama wird sie mir in die Arme treiben, sondern einzig und allein ihr Herz, und darum wird mir ihr Besitz versagt bleiben für immer ... Ein Mann, der seines Nächsten Weibe in wahrhafter Liebe zugetan ist, ist auf alle Fälle ein tief beklagenswerter Mensch; der Kelch seines Leidens fließt aber über, sobald dieses Weib tugendhaft ist. 7. August. Tante, die schon lange nicht mehr böse auf Anielka ist, sagte heute scheltend, es sei unrecht, daß sie sich immer in unserer Villa so ennuyiere, sie hätte wohl außer dem Wege vom Wildbade nach Hofgastein überhaupt noch nichts gesehen; ihr Mann hätte sich schmählicherweise immer bloß allein herumgetrieben; »schade, daß ich so alt bin und verhältnismäßig so schlecht auf den Beinen, sonst wollte ich Dich schon herumführen.« Anielka meinte, es wäre ihr zu Hause am wohlsten; ich aber ließ mir den Fall nicht entgehen, sondern sagte, bemüht, einen recht gleichgültigen Ton zu wahren: »Schließlich könnte doch ich mit Anielka ein paarmal ausgehen; zu tun habe ich ja doch ohnehin nichts. Von Unpassendheit kann wohl keine Rede sein, denn wir sind ja doch Cousin und Cousine.« Anielka sagte nichts dazu; aber die beiden alten Damen gaben mir Recht. Es wird abgemacht, daß es morgen auf die Schreckbrücke gehen soll. 8. August. Wir sind über einen Pakt einig geworden, der freilich nicht so ganz meine Erwartungen befriedigt, der aber doch wenigstens soviel für sich hat, daß alles hinfort klar und geebnet sein wird. Ich darf weder Schönes noch Neues mehr erwarten, aber ich habe doch ein Dach überm Kopfe. 9. August. Gestern gegen Abend sind wir alle vier nach der Schreckbrücke aufgebrochen. Die beiden alten Damen sind aber gleich hinter den Kaskaden auf einer Bank sitzen geblieben, und Anielka und ich sind allein weiter marschiert. Ich versuche Anielka auf die schönsten Punkte aufmerksam zu machen, gebe es aber schon auf dem Schareck auf, denn alles außerhalb unseres Denkens und Fühlens erscheint uns leer, hohl, nichtig. Alles andere als schweigen war für uns ausgeschlossen, und so schritten wir eine ganze Zeitlang stumm nebeneinander her. Es gelang mir, jener nervösen Unruhe Herr zu werden, die ernsten Aussprachen vorauszugehen pflegt. Da ich aus meiner Praxis wußte, daß ein Geständnis an Schwere, an Eindruckskraft verliert, wenn der Mann nicht gleich durch sein ganzes Verhalten verrät, daß er etwas Unerhörtes vorhabe oder tue, so hatte ich mir vorgenommen, von der Leber weg zu sprechen, ganz so, als ob meine Liebe eine anerkannte, feststehende Sache sei. Das wurde mir natürlich um so leichter, als ich mein eigentliches Geständnis ja schon gemacht hatte. Ich brauchte also kaum zu befürchten, daß Anielka sich bei meinem ersten Worte erschrecken würde. Aber reden mußte ich, denn so konnten die Dinge nicht weiter gehen. Irgendwelche Verständigung mußte zwischen uns getroffen werden. Ich begann also gleich von dem eigentlichen Thema. »Ich glaube nicht, Anielka, daß Du Dir denken kannst,« sagte ich, »wie schmerzlich mir Deine Reisegedanken gewesen sind, kenne ich doch den eigentlichen Grund, der Dich darauf führte. Es war unrecht von Dir, mich dabei so vollständig links liegen zu lassen. Es wäre nicht am Platze, sagen zu wollen, Du hättest mich durch diese Trennung heilen wollen, denn es wäre die gefährlichste Arznei gewesen.« – Ihre Wangen glühten: ich hatte sie direkt ins Herz getroffen. Ich kann nicht sagen, denn ich weiß es nicht mehr, was sie mir darauf antwortete; der Faden ihrer Gedanken wurde aber plötzlich durch ein Schreckbild zerrissen, das dicht bei uns auf dem Wege, den wir gingen, aus dem Gestrüpp auftauchte: einen jener in der Gasteiner Gegend so häufig vorkommenden Kretins, mit unförmlichem Schädel, Kropf, platter Nase und krummen Beinen, der mit seiner Hand nach uns hin fuchtelte und bettelte. Anielka schrie ganz entsetzt auf. Ich hatte kein kleines Geld bei mir und ehe ich das ihrige fand, verstrichen einige Sekunden. In dieser Zeit wurde sie ruhiger, der Eindruck jener ersten Worte verlor an Stärke, und nachdem sie noch ein paar Minuten still neben mir hergegangen war, erwiderte sie mir mit trauriger, aber süßer Stimme: »Du bist oft ungerecht gegen mich gewesen, doch niemals so sehr, wie gerade jetzt. Du scheinst zu meinen, als ob mir alles leicht würde, als ob ich gar kein Herz hätte; und dabei ist mir um nichts besser zu Mute als Dir!« Wieder schwieg sie, mein Puls schlug heftig; ich hatte die Empfindung, als bedürfe es nur eines geringen Anstoßes noch, ihr ein unumwundenes Geständnis zu entlocken. »Anielka, was bedeuten Deine Worte? bei allem, was Dir heilig ist, sage es mir!« und sie erwiderte schnell: »Leon! lieber unglücklich als ehrlos! ich flehe Dich an, sei barmherzig mit mir, lieber Leon! ich kann Dir nicht sagen, wie elend ich mich fühle ... alles will ich opfern, alles, bloß meine Frauenehre soll unangetastet bleiben. Diese letzte Zuflucht vergönne mir, denn sie kann und darf ich nicht aufgeben ... Hab' Erbarmen mit mir, Leon! ich bitte Dich darum aus tiefstem Herzen.« Mit Tränen in den Augen blickte sie zu mir auf und erhob bittend die Hände zu mir; hätte ich sie in diesem Augenblick an meine Brust gezogen, so hätte sie keine Kraft gefunden zum Widerstände, wenn sie vielleicht auch nachher vor Scham und Schmerz gestorben wäre. Aber ich fand die Kraft, mich zu bezwingen, alles, Sinnenglut und Leidenschaft und selbstische Sucht, warf ich ihr vor die Füße: was galt mir dies alles ihrem Flehen gegenüber? Jedem wahrhaft liebenden Manne ist das Weib, das ihre Ehre mit der heiligen Waffe ihrer Tränen verteidigt, unverletzlich, sobald er weiß, daß ihre Tränen aus ihrem Schmerz rühren, und nicht der guten Form wegen rinnen. Ich küßte ihre Hände voll Ehrfurcht und doch auch voll Wonne und sagte tief ergriffen: »Bei meiner Liebe, Anielka, schwöre ich Dir, daß es künftig sein soll zwischen uns, wie Du es willst.« Und wieder schwiegen wir beide. Mir war es, als hätte mein ganzes Wesen sich geläutert; ein freudiges Bewußtsein schwellte mein Herz, wie es einen beschleicht, wenn man eine schwere Krankheit überstanden hat und sich dem Leben wiedergegeben fühlt. Jetzt sprach ich mit Anielka nicht mehr wie ein Liebender, sondern wie ein ehrlicher und treuer Freund, der über dem Glück seines teuersten Wesens zu wachen für heilige Pflicht erachtet. »Es sei ferne von mir,« sprach ich, »Dich auf Wege zu führen, die Du nicht wandeln magst; denn Du durch mein Leid, und mein Leid durch Dich, haben aus mir einen anderen Menschen gemacht. Du erst hast mich gelehrt, daß Liebe und Begierde zwei ganz verschiedene Dinge sind. Aber Dir versprechen, daß ich aufhören könne, Dich zu lieben, kann ich nicht; denn in Dir, und allein Dir, beruht mein Leben. Und Du darfst sie nicht bloß dulden, diese heilige, wenn auch schmerz- und kummervolle Liebe, sondern Du darfst sie erwidern, denn auch Engel dürfen so lieben, und ich gelobe Dir diese Liebe aus freiem Willen, ernst und feierlich, wie vor dem Altare. Nie werde ich einem anderen Weibe als Dir Leben und Seele weihen; nie ein anderes Weib zur Gattin nehmen. Ich begehre von Dir keine andere Liebe als wie sie einem Toten geweiht wird; sie aber weigere mir nicht, denn an solcher Liebe haftet keine Sünde. Frage den Beichtvater, und er wird Dir sagen, was ich sage. War nicht auch Dante vermählt? und liebte er nicht seine Beatrice so, wie ich es von Dir erflehe? Kannst Du mir solche Liebe schenken, so gib mir Deine Hand darauf: und Friede und Vertrauen mag hinfort Zwischen uns walten!« – »Ich bin Dir immer zugetan gewesen in Freundschaft,« erwiderte sie nach einer Weile, indem sie mir die Hand reichte; »und ich verspreche Dir die treue Freundschaft, die Du von mir begehrst, aus vollem Herzen.« Das Wort Liebe zu sagen, fiel augenscheinlich Anielka schwer, sie bangte sich wohl auch davor, es auszusprechen, und doch berührte das Wort Freundschaft mich kalt wie Eis. Aber sollte ich den kaum errungenen Frieden um eines bloßen Wortes willen gleich wieder aufs Spiel setzen? Es lohnte wahrlich nicht der Mühe, wir waren beide des Kämpfens müde und der Ruhe bedürftig; darum verhielt ich mich still; war sie nicht trotzdem mein? und mir durch geistige Ehe verbunden? Wer gleich mir Verständnis gefunden hat für alle menschlichen Regungen, der muß auch Verständnis finden dafür, daß nicht immer das rechte Wort für einen Zustand oder Tatbestand über weibliche Lippen den Weg findet oder finden kann, nun gar erst über Anielkas Lippen! es war ja doch alles, was sie gesagt hatte, weiter nichts als ein Einbekenntnis unserer Seelengemeinschaft ... was also wollte ich mehr? Auf dem Rückwege von der Schreckbrücke suchten wir uns in unsere neue Lage hinein zu finden, etwa so, wie in eine neue Wohnung; ein wenig ungewohnt war uns die Sache begreiflicherweise, aber daß wir uns noch nicht so recht heimisch fühlen konnten, bereitete mir eigentlich erst recht Freude; ich malte mir aus, das müsse doch etwa so sein wie bei jungen Eheleuten, die sich zwar für das Leben verbunden wissen, aber in den ersten Stunden nach der Trauung noch nicht recht wissen, wie sie zu einander stehen, was sie miteinander anfangen sollen. Wir plauderten kaum von etwas anderem als uns, und ich gab mir, auf die ideale Schönheit unseres Bundes fußend, alle Mühe, sie ruhig zu stimmen und ihr Vertrauen zu wecken; sie dagegen lieh mir Gehör mit verklärter Miene, und aus ihren schönen Augen leuchtete selige Wonne. Ich reichte ihr den Arm. Wir gingen langsam weiter. Da zuckte sie plötzlich zusammen, wurde leichenblaß, und als ich ängstlich fragte, was ihr sei, wollte sie es erst nicht sagen, sagte aber nach einer kleinen Weile, hier sei ja die Stelle, wo sie sich eben noch vor dem Kretin so schrecklich geängstigt habe ... »Ich muß mich wirklich schämen darüber, daß ich so stark nervös bin; denn wieso das unglückliche Wesen mir ein solches Grauen eingejagt hat, könnte ich nicht erklären, wenn ich danach gefragt würde. Ach, wenn dieses Wesen uns bloß nicht wieder in den Weg kommt!« Trotzdem ich ihr die Versicherung gab, daß das nicht der Fall sein werde, und daß ihr, wenn es der Fall sein sollte, ja doch nichts geschehen könnte, blickte sie sich scheu nach allen Seiten um. Wir kamen erst wieder zu den Wasserfällen zurück, als die Dämmerung schon eingebrochen war. Es herrschte eine ungewöhnliche Wärme, und vor dem Hotel saßen sehr viel Menschen, denn es spielten mehrere Harfenistinnen. Seltsam, wie lebhaft mich heute diese Gasteiner Promenade an Italien erinnert! wie oft war ich in solcher Dämmerstunde, sehnsüchtiges Verlangen nach Anielka im Herzen tragend, in Rom auf dem Pincio promeniert, und jetzt wandelte Anielka, auf meinen Arm gestützt, an meiner Seite; mir vermählt in geistiger Ehe! Berauscht von seliger Wonne, schritten wir unserer Villa zu ... 10. August. Ich habe heute noch einmal nachgesonnen über die Worte, die Anielka auf der Schreckbrücke zu mir gesprochen hat. Vor allem über den in so heftigem Schmerze getanen Ausruf: »Ich kann Dir nicht sagen, wie elend ich mich fühle!« Lag nicht in diesen Worten ein wehmutsvolles Geständnis, daß sie ihren Mann nicht liebte? daß sie diesen Mann niemals würde lieben können?! lag nicht das weitere Zugeständnis darin, daß ihr Herz für mich fühlte?! War Anielka nicht also unglücklich wie ich? ich sage mit Vorbedacht »war«, denn heute ist sie nicht mehr unglücklich, heute ist ihr Gewissen ruhig, heute darf sie bekennen: ich wahre ihm die Treue, meine Frauenehre bleibt unangetastet, alles übrige sei dem lieben Gott anheimgegeben ... 11. August. Nein! zu dem Begehren, sie solle mir alles opfern, habe ich kein Recht besessen, denn es ist töricht zu sagen, der Liebe müsse der Mensch, Mann wie Weib, alles opfern. Wie fiele es mir denn ein, Kromitzki Abbitte zu leisten, wenn ich ernsten Zwiespalt mit ihm hätte und Anielka mich im Namen unserer Liebe darum bäte? Schon bei dem bloßen Gedanken an solche Zumutung empört sich mein ganzer Sinn ... Nein, nein! Du hast recht, Anielka! gewisse Dinge kann und darf man nicht zum Opfer bringen, auch nicht um der Liebe willen. 12. August. Heute bin ich mit Anielka auf der Windischgrätz-Höhe gewesen. Wir hatten einen Zelter gemietet, den Anielka ritt und ich führte. Als sie sich in den Sattel schwang, hatte sie sich meiner Hand als Stütze bedient, und sofort hatte sich wieder der alte Mensch in mir geregt. Was soll ich tun dagegen? Mich meiner Sinne entäußern kann ich doch nicht: das hieße doch aufhören zu atmen; und wenn ich Anielkas Hand berühren könnte ohne alle Empfindung, wie ein Stück Holz, nun, dann hätte ich mich doch überhaupt nicht zu verpflichten brauchen, meine Sinne im Zaume zu halten! Ich habe sie ja nicht belügen wollen, als ich ihr sagte, sie habe mich zu einem anderen Menschen gemacht; ich habe mich da bloß nicht ganz korrekt ausgedrückt. Wer je ein Weib wahrhaft geliebt hat, wird den Sinn meiner Worte verstehen. Ein Dichter hat von unseren Passionen gesagt, sie seien Hunde; nun gut, dann habe ich »meine Hunde« eben angebunden und lasse sie hungern; aber ihnen das Zerren und Winseln auszutreiben, geht über meine Kräfte. » Ultra posse nemo obligatur .« Aber das Wort Freundschaft hat mich doch getroffen wie ein Nadelstich, der zuerst nicht sehr beachtet wird, sich aber mit der Zeit entzündet und zur schmerzenden Wunde wird. Was bei ihr Freundschaft heißt, heißt bei mir Seelenliebe, und besagt mir doch mehr, wesentlich mehr. Der Ausdruck Freundschaft kommt mir jetzt zu vorsichtig gewählt vor, zu klug begrenzt. Es ist doch recht bezeichnend für die weibliche Natur, daß keine Frau die Dinge beim rechten Namen nennen mag. Anielka hat doch recht gut verstanden, was ich will und was ich sagte, und doch gebraucht sie dieses bemäntelnde Wort! Ich muß wirklich zusehen, daß mir das scheue Vögelchen nicht noch wegfliegt. Ich könnte ja mit vollem Rechte zu ihr sagen: »Während ich die Hälfte meines Wesens für Dich hingebe, willst Du mir die Worte zumessen?« Liebe ohne Großmut, ohne Opferwilligkeit ist doch ein Unding, und im Geiste mache ich ihr diesen Vorwurf unzählige Male. Ich hätte doch eben nach solcher Regelung unseres Verhältnisses gemeint, daß ich innerhalb der Vertragsgrenzen volle Freiheit genießen würde, von früh bis Abend in dem lieben Wort »ich liebe« schwelgen und meine Ohren auch an dem lieben Wort aus ihrem Munde würde laben können. Ich hatte gemeint, daß mir dieser bescheidene Genuß die Entschädigung sein sollte für all das Leid, das ich gelitten hatte, und hatte geträumt, daß es mir vergönnt sein würde, König zu sein in diesem meinem Reichlein. Das ist aber nicht allein nicht der Fall, sondern dessen enges Gebiet wird immer enger und enger, und zweifelnd lege ich mir die Frage vor: was hast du denn nun eigentlich profitiert? Nun, etwas doch, und deshalb sei es mir ferne, zu murren: ich sehe doch, daß ihr liebes Gesichtchen wieder von Glück strahlt, daß ihre Augen wieder leuchten, ihre Lippen wieder lächeln! und der Eindruck der Enge, der Unbehaglichkeit, den mir die neuen Räume machen, ist wohl zurückzuführen darauf, daß ich mich noch nicht hineingewöhnt habe ... und sollte ich wirklich nicht viel profitiert haben, so muß ich mir doch sagen, daß ich ja doch gar nichts zu verlieren hatte! Und das, das vergesse ich nie! 14. August. Die Tante beschäftigt sich ernstlich mit dem Gedanken an die Rückreise; sie kommt schier um vor Heimweh nach Ploshow. Auch Anielka will gern wieder heim. Ich fragte sie, und da sagte sie es. Ich war lange der Meinung, eine Ortsveränderung würde Wunder bewirken, aber auch ich sehe ein, daß sich an Ploshow der lieben Erinnerungen gar zu viele knüpfen. Ich freue mich gleichfalls darauf, wieder dort zu sein. 18. August. Gestern habe ich wieder einmal nicht schlafen können. Lange habe ich mich ruhelos hin und hergeworfen? bis ich endlich Trost in der Einbildung fand, Anielka sei mir erschienen: das ist immer wie Balsam für mein wundes Gemüt ... ich kann sie mir so lebendig vors Auge zaubern, daß ich mich in den Gedanken hinein lebe, sie sei wirklich bei mir, und ich könne mit ihr sprechen. Zuerst stand sie vor mir wie damals auf dem Balle, als ich sie zum ersten Male als erwachsenes Fräulein sah und sie mir ihre Tanzkarte zum Einschreiben gab. Ich sah sie ganz deutlich vor mir, wie sie neckisch zu mir sagte: »Schreib ein, was Du willst.« Ich sah sie ganz deutlich in dem weißen, mit Veilchen geschmückten Kleide, und in den entblößten Schultern; ich sah es ganz deutlich, das liebe Gesichtchen mit seiner an den Morgentau erinnernden Frische, mit den kühnen Brauen, den langen Wimpern und dem zarten Flaum auf den Wangen. Ihre Frage: »Ei, Leon, kennst Du mich denn nicht mehr?« klingt mir noch in den Ohren; und ich gedenke dessen, was ich damals niedergeschrieben habe: daß mir dieses Gesichtchen mit seiner wundersamen Vermischung von mädchenhafter Anmut und echt weiblicher Huld den Eindruck von verkörperter Musik mache. Kein Weib hat mich je so berauscht wie Anielka, und bloß einer solchen »Circe im Superlativ« wie dieser Laura konnte es gelingen, mich ihr auf Zeit zu entfremden ... In dieser Nacht war es, daß mir einfiel, es gäbe ja von Anielka noch gar kein Porträt! und diesem Einfall auf dem Fuße folgte der heiße Wunsch, eins zu besitzen. Darüber schwand mir alle Lust zu schlafen. O, jubelte ich laut, so besitze ich Dich dann! so kannst Du mich nicht von Dir stoßen! so werde ich Dir Augen, Lippen, Hände küssen dürfen! Anielka selbst durfte ich freilich nicht sagen: »Komm, laß Dich konterfeien! was es kostet, bezahle ich« ... aber die Tante, die ja doch immer tut, was ich will, die kann's ihr sagen; die kann sich ein Porträt von ihr wünschen; und der Tante schlägt sie den Wunsch ganz bestimmt nicht ab. In Ploshow hängen ja ein paar Dutzend Ahnenbilder: der Tante eine Wonne, und mir ein Greuel, denn es sind gräßliche Schmierereien darunter; aber die Tante will ihre ganze Verwandtensippschaft so vollzählig wie möglich haben; mein Einfall kann ihr also nur sympathisch sein. Aber wer sollte Anielka malen? Zuerst dachte ich an Paris: hier hätte ich die Wahl gehabt zwischen Bonnat mit seiner peinlichen Sauberkeit, Chaplain mit seiner süßlichen Weichheit, Duran mit seiner losen Keckheit. Die Reise nach Paris ließ sich aber meinen Damen nicht zumuten. Zudem würde die Tante doch einem polnischen Maler unbedingt den Vorzug geben. Dagegen wäre schließlich nichts einzuwenden gewesen, denn auf den letzten Ausstellungen in Krakau und Warschau hatte ich Bilder gesehen, die mit jeder berühmten Leistung des Auslandes den Vergleich bestanden hätten. Aber mir lag daran, keine Zeit zu vergeuden. Ich bin nun einmal in mancherlei Dingen das reine Frauenzimmer, und nicht zum wenigster trifft das zu im Punkte der plötzlich sich regenden Gelüste: von heut auf morgen zu warten, dünkt mir schon wie eine halbe Ewigkeit, und da wir nun in deutschem Lande waren, unweit von München und Wien, so dachte ich an Lenbach und Angeli. Von Lenbach habe ich nur männliche Porträts gesehen; aber ich muß sagen, mir gefällt die selbstgewisse Flüchtigkeit darin nicht. Bei den Franzosen lasse ich diese Manier eher gelten, weil ich nun einmal für ihre Malerei schwärme. Von Angeli kann ich auch eben nicht sagen, daß er mich voll befriedige; es läßt sich ihm aber eine zarte Hand in seinen weiblichen Porträts nicht abstreiten, und darauf scheint es mir bei Anielkas Gesicht in erster Linie anzukommen. Sodann haben wir es zu Angeli ein ganzes Stück näher als zu Lenbach; und wenn es auch kleinlich erscheinen mag, hiermit zu rechnen, so kann ich es nun einmal nicht ändern, daß es mir eilt, Anielkas Porträt zu besitzen. Von Balltoiletten bei Porträts bin ich eigentlich kein Freund; aber ich will Anielka gemalt haben, wie ich sie mir am liebsten vorstelle: in dem weißen Kleide mit dem Veilchenschmuck; ich will mir die Illusion nicht trüben lassen, als sei sie noch immer meine einstige Anielka. Ich mag mich durch nichts daran erinnern lassen, daß sie jetzt Frau Kromitzka heißt. Ich schlief erst gegen fünf Uhr ein, war aber um acht schon auf den Beinen und eilte noch vor dem Tee ins Hotel, um im Bureau des Künstlerhauses in Wien telegraphisch anzufragen, ob Angeli zu Hause sei. Unterwegs überlegte ich mir, der Tante das Bild als Geschenk zu ihrem Namenstage anzubieten, der auf Ende Oktober fällt, damit sie nicht auf den Einfall kommen könne, den Auftrag einem polnischen Maler zuzuwenden. Die Damen saßen, als ich zu Hause ankam, schon beim Tee, und ich steuerte ohne weiteres auf mein Ziel los. »Ach, Anielka,« sagte ich, »ich muß Dir bekennen, daß ich heute nacht über Dich in gewissem Sinne disponiert habe, ich komme aber reumütig zu Dir mit der Bitte um Absolution.« Sie sah mich ängstlich an; es machte mir fast den Eindruck, als ob sie im ersten Augenblick dachte, ich sei nicht recht bei Sinnen und vielleicht gar im stande, sie vor den alten Damen zu brüskieren, aber als sie mir ins Gesicht sah, mochte sie wohl gleich anderen Sinnes werden, denn sie fragte ruhig: »Nun, und in welcher Weise hast Du denn disponiert über mich, wenn man fragen darf?« Ich wandte mich an die Tante mit der Antwort: »Es sollte eigentlich für Dich eine Ueberraschung sein, Tantchen,« sagte ich; »aber es geht doch eben nicht zu machen, ohne daß Du etwas darüber erfährst. Darum ist es besser, ich sage Dir gleich, was ich Dir als Präsent zugedacht habe.« Tante war außer sich vor Freude, als sie hörte, um was es sich handle, und sagte, etwas Schöneres hätte ich ihr wirklich nicht aussuchen können: da kämen doch wenigstens Cousin und Cousine in den Bildern nebeneinander. Auch Anielka schien sich sehr darüber zu freuen; und das war mir eigentlich die Hauptsache. Es entstand sogleich eine lebhafte Diskussion über die Wahl des Malers, über die Toilette, in welcher sich Anielka malen lassen solle, denn das sind ja immer Punkte, die für die Damenwelt von außerordentlichem Interesse sind. Ich hatte auf alles die richtige Antwort und machte dabei die Wahrnehmung, daß sich neben dem Bilde für mich noch ein anderer Profit machen ließ. »Ich habe bereits telegraphisch angefragt, ob wir Angeli in Wien treffen; wenn wir Nachricht bekommen, daß dies der Fall ist, so kann ihm Anielka ja vier- oder fünfmal sitzen. Unsere Weiterreise nach Ploshow wird sich dann nur unerheblich verzögern, da wir ja auch den Professor Nothnagel zu konsultieren beabsichtigen. Mehr als fünfmal wird Anielka nicht zu sitzen brauchen; wir können ja ihre Photographie mit dem Briefe gleich mitschicken, auch eine Haarflechte von ihr: Angeli kann dann gleich mit der Skizze beginnen, vielleicht schon untermalen, ehe wir in Wien sind. Das fördert natürlich erheblich. Die Haarflechte kann mir ja Anielka gleich behändigen.« Ich verließ mich dabei darauf, daß den Damen der eigentliche Vorgang beim Porträtieren nicht bekannt war, denn das Haar hätte Angeli nur dann gebraucht, wenn er das Bild direkt nach der Photographie hätte malen sollen. Da sich dazu aber kein Angeli hergegeben hätte, mußte mein Wunsch natürlich einen anderen Grund haben; es kam aber keine der Damen darauf, daß ich die Haare lediglich für mich als Erinnerung haben wollte. Zwei Stunden später kam der Brief von Wien mit der Nachricht, daß Angeli zur Zeit in Wien sich aufhalte, weil er die Fürstin Metternich porträtiere. Ich antwortete auf der Stelle, tat die Photographie Anielkas, die ihre Mama mir brachte, in den Brief und fragte dann Anielka, wo denn die Haarflechte bleibe? der Brief solle noch vor zwei Uhr im Kasten sein. Sie ging nach ihrem Zimmer und erschien nach sehr kurzer Zeit wieder mit dem Haar. Ich nahm es, meine Hand zitterte, ich sah ihr fest ins Auge. »Solltest Du nicht ahnen, daß ich dies Haar bloß haben will für mich? als kostbares Zeichen der Erinnerung?« diese Frage stand in meinen Blicken zu lesen; aber sie gab mir keine Antwort, und doch hatte sie die stumme Frage verstanden, denn sie wurde rot wie ein junges Backfischlein, das zum ersten Male von Liebe flüstern hört ... 22. August. Anielkas Mutter hat ihre Kur beendigt, aber wir warten noch auf besseres Wetter. Erst herrschte krasse Hitze, jetzt stecken wir so tief im Nebel, daß sich der Weg von unserer Villa bis zum Hotel Straubinger selbst zur Mittagszeit nicht leicht finden läßt. Im ganzen Gasteiner Tale herrscht eine richtige ägyptische Finsternis. Wir müssen schon um zwei Uhr nachmittags die Lampe brennen. Immerhin wird von den Damen alles zur Abreise fertig gemacht, und wir brachen vielleicht trotz der Finsternis auf, wäre nicht hinter Hofgastein der Weg zum Teil durch die von den Bergen niederströmenden Gewässer zerstört worden. Frau Celina hat ihren ersten Migräneanfall wiederbekommen. Aus Ploshow ist vom alten Chwastowski ein Brief eingetroffen. Tante rennt wie eine summende Hummel von früh bis spät im Speisezimmer herum, und Anielka sieht heut recht schlecht aus: sie sagt, sie habe in dieser Nacht von dem Kretin geträumt, vor dem sie sich auf der Schreckbrücke so geängstigt hatte. Sie war infolgedessen aufgewacht und hatte nicht wieder einschlafen können. Es ist doch verwunderlich, daß dieser Schreck so nachhaltig auf sie gewirkt hat! Ich gab mir alle Mühe, sie auf andere Gedanken zu bringen. Es fiel mir auch nicht gerade schwer, denn seit jenem Ausflug und der auf ihm getroffenen Aussprache ist Anielka wieder viel heiterer gestimmt als in der ganzen Zeit vorher. 23. August. Morgen reisen wir ab von Gastein. Der Wind kommt jetzt aus Osten und der Himmel fängt an, sich aufzuklären. Der Nebel zieht sich in langen Schleifen, die ganz aussehen wie plumpe Ungetüme, an den Berglehnen hin und über die Schluchten, die sich die Bäche graben, weg. Ich habe mit Anielka eine Promenade auf dem Kaiserwege gemacht. Da ist mir eingefallen, was wohl passieren möchte, wenn Anielka unser jetziges Verhältnis selbst satt bekäme? Den Fuß über die mir durch dasselbe gezogenen Grenzen zu setzen, steht mir kein Recht zu. Wenn sie nun ganz ebenso dächte? wenn sie annähme, daß unsere Absprache sie ganz ebenso binde wie mich? dann kämen wir ja nie zu einem Ziele, sondern quälten uns ganz unnützerweise! Aber nicht doch, das sind ja nur leere Hypothesen! sie kann und wird mir aus freiem Willen nun und nimmermehr ihre Liebe zugestehen; davon hält sie die ihr angeborene Scham und Schüchternheit zurück! dazu bedünkt sie schon unser platonisches Verhältnis für zu freigeistig, und wenn sie auch nur im entferntesten daran dächte, über dasselbe hinauszugehen, so wäre sie doch nicht jetzt so bemüht, mir halb mit, halb ohne Wissen das Recht zu verkürzen, das sie mir durch jene Absprache zugestanden hat! Aber klammert sich die menschliche Seele nicht selbst im Höllenrachen noch an die Hoffnung? Ich nahm mir deshalb vor, mich für jeden möglichen Fall vorzusehen und Anielka darüber aufzuklären, daß die zwischen uns getroffene Absprache wohl mich verpflichtet, ihr aber freie Hand läßt, daß ich demnach alles Weitere als von ihrer Gnade abhängig betrachte. Sie war aber an diesem Morgen so überaus fröhlich und herzlich, daß ich von dem Gedanken wieder abkomme, denn ich mag sie nicht dadurch betrüben. Im Laufe des Tages aber sagte sie Worte, die sie sicher nicht gesagt hätte, wenn ich mich nicht in der ganzen letzten Zeit immer nur in so ganz allgemeinen Worten ausgedrückt hätte. Ich hatte die Aeußerung getan, daß in der Natur der Liebe ein treibendes Agens liege, das unbedingt eine Willenshandlung hervorrufe. Hierauf hatte Anielka mit den wenigen Worten geantwortet: »Oder der betreffende Mensch leidet eben!« Mit diesem so äußerst wahren Worte hat mir Anielka den Mund verschlossen, hat Ehrfurcht in mein Herz gepflanzt! Solche Rede macht selig und elend zugleich, denn sie bekundet, daß Anielka mich ebenso heiß liebt wie ich sie, und daß sie nur strebt, sich vor ihrem Gott, in ihren und meinen Augen rein zu erhalten. Und ich sollte solchen Tempel zerstören? Nein! nein! Diese Zergliederung von Anielkas Herzen und seinen Empfindungen führt mich aber zu keinem Resultate, ich stehe vielmehr unentwegt am Scheidewege, denn zu dem dreifachen »Ich weiß nicht«, zu dem ich es bis jetzt gebracht hatte, dem religiösen, philosophischen und sozialen, ist bis jetzt noch ein viertes gekommen, ein rein persönliches, das jedoch für mich am allergefährlichsten werden kann, insofern als es die selbstgeschmiedete Kette, die mich an Anielka fesselt, noch fester schmieden muß, so daß ich nie mehr wieder von ihr frei werden kann. Ich muß mich aber doch auch fragen, ob meine Liebe zu ihr nicht bloß verzweifelter Natur, sondern ob sie nicht etwa krankhafter Natur ist. Vielleicht könnte ich mich von ihr noch frei machen, wenn ich jünger wäre, wenn ich normaler empfände, wenn ich gesünder an Leib und Seele wäre; vielleicht könnte ich dann wenigstens einen Versuch dazu machen, aber bei der Verfassung, in der ich mich befinde, ist sogar auch das ausgeschlossen. Es kommt mir immer so vor, als sei meine Liebe eine Nervenkrankheit, die schon an Manie streift, ähnlich der späten Leidenschaft eines alternden Menschen, der sich mit allen Fasern an sie klammert, weil sie zur Lebensfrage für ihn geworden ist. So mag jemand empfinden, der in eine Tiefe stürzt und sich an einem Zweige festhält, den er im Sturze noch faßt. Auf meinem ganzen Lebensacker ist eben nichts weiter gewachsen, als diese eine Liebe, und um deswillen eben ist sie so übermäßig gewachsen! es ist eben die Neurose, die allen modernen Erzeugnissen einer im Schwinden begriffenen Epoche im Blute liegt, die den Menschen mit solcher Hysterie behaftet, daß er entweder unfähig wird zur Liebe, oder Liebe mit Wollust verwechselt. Wien, 25. August. Wir sind in Wien. Auf der Fahrt hatte Anielka mit ihrer Mutter eine Unterhaltung geführt, die von eigentümlicher Wirkung auf sie war und darum aufgezeichnet zu werden verdient. Es war die Rede von dem weißen Kleide, das ich für das Porträt wünschte, und auf das verzichtet werden sollte, weil über seiner Anfertigung zu viel Zeit verloren ginge. Da äußerte die Mama, die für Daten ein sehr scharfes Gedächtnis hat, daß gerade heut vor acht Wochen Anielkas Mann nach Ploshow gekommen sei. »Stimmt das nicht, Anielka?« fragte sie ... und Anielka erwiderte: »Ich glaube, es ist so,« während eine tiefe Röte sie übergoß. Sie stand auf und machte sich mit dem Handgepäck zu schaffen. Es machte mir den Eindruck, als ob es ihr darum zu tun sei, diese Röte zu verbergen ... Die beiden alten Damen sahen nichts davon, aber mir machte es, als sie sich wieder umdrehte, ganz den Eindruck, als ob auf ihrem Gesichte ein schrecklich peinvoller Zug stände, die Röte aber noch nicht ganz davon gewichen sei. Es berührte mich aufs widerlichste, daß die beiden alten Damen sich nun gar noch um den genauen Tag von Kromitzkis Ankunft zu streiten anfingen, denn mir stand ganz genau vor der Seele, welche rasende Pein ich empfand, als ich mir ausgemalt hatte, daß an diesem Tage Anielka seine Liebkosungen und Küsse hatte über sich ergehen lassen – müssen! Jetzt schämte ich mich dieser Röte auf ihren Wangen! Bevor aus dem Munde der Mama diese Bemerkung fiel, hatte ich mich beinahe glücklich gefühlt, denn ich hatte mich in die Vorstellung wiegen können, daß wir beide als Brautleute in dem Eisenbahnabteil säßen ... und nun? nun war nicht bloß der Wahn verflogen, sondern Anielkas Benehmen kam mir sogar vor wie eine Kränkung, so daß sich auch mein Benehmen gegen sie mit einem Male vollständig änderte ... Das empfand sie auf der Stelle, und sobald wir im Wartesaale in Wien allein zusammen waren, richtete sie die Frage an mich, ob ich ihr etwa böse sei? – »Nein,« versetzte ich unwirsch, »aber ich liebe Dich.« Während sie darüber betrübt wurde, denn sie mochte meinen, mir sei unsere Absprache leid geworden, und ich sei wieder der alte geworden, geriet ich in hellen Zorn, weil ich mir sagte, daß mich all meine Erkenntnis nicht in stand setzte, die kleinste Widerwärtigkeit zu unterdrücken, daß vielmehr mein innerer Zwiespalt wuchs, und daß ich mit, aller Philosophie keinen Hund hinter dem Ofen hervorlocken könnte. Wir fuhren sofort vom Bahnhofe nach Angelis Atelier, kamen aber doch erst nach sechs Uhr dort an und fanden es natürlich bereits geschlossen. Wir können nun erst morgen hingehen. Ich habe mir die Sache mit dem weißen Kleide überlegt und will darauf verzichten. Nacken und Schultern werden also verhüllt erscheinen; davor werde ich aber Anielka so bekommen, wie ich sie immer sehe, und wie sie mir ja auch schließlich am liebsten ist. Gegen Abend war Doktor Chwastowski bei uns; noch immer der Mann von blühendster Gesundheit, noch immer der Jahrmarktsherkules! 26. August. Ich muß dies heutige Blatt mit einem abscheulichen Traume beginnen, der mich in der Nacht heimgesucht hat. Daß ein gesundes Menschengehirn solch wüstes Zeug träumen könne, will mir nicht möglich erscheinen. Sonst bin ich von Schlaflosigkeit geplagt, und in dieser letzten Nacht habe ich in einem Schlafe schwer wie Blei gelegen. Ich vermute indessen, daß mich der wüste Traum erst gegen Morgen überfallen hat, denn ich bin erst aufgewacht, als es schon hell draußen war, und lange konnte ich nicht geträumt haben ... Ich träumte, Tausende von häßlichen Mistkäfern kröchen aus allen Ritzen und Spalten von Bettwand und Matratze hervor, und mit ihren wie Haken geformten Beinen an der Tapete hinauf, und das Gekrabbel dieser Unmasse von Beinen erfüllte mir die Ohren mit geradezu schrecklicher Musik. Ich sah im Traume zur Zimmerdecke hinauf und sah in dem einen Winkel derselben einen ganzen Klumpen von solchen Käfern, die aber anders gefärbt, weiß und schwarz gefleckt, waren und etwa die Größe einer Streichholzschachtel hatten. Trotzdem mich der Anblick anwiderte, wunderte ich mich doch weder, noch fürchtete ich mich, sondern mir kam vielmehr die ganze Szene recht natürlich vor, und erst als ich wach wurde und wieder bewußt zu denken anfing, wurde mir die Empfindung von Ekel unausstehlich und wuchs zu einer richtigen Todesangst. Noch nie im Leben hatte ich solch unbeschreibliches Grauen gefühlt, und der Gedanke beschlich mich, daß drüben im Jenseits, in seiner grauen Finsternis, dergleichen gräßliches Viehzeug sich breit machen möge. Mit einem Satz war ich aus dem Bett und zog die Jalousie auf. Als es hell im Zimmer wurde, fiel mir ein, daß ich einmal in irgend einem Museum solche gefleckten Käfer gesehen hatte, und das stimmte mich ruhiger. Ich sah, daß auf der Straße unten bereits wieder Leben herrschte. Dienstboten mit Körbchen an den Armen besorgten Einkäufe, Arbeiter in Blusen suchten ihre Werkstätten auf; solches Bild der ewig notwendigen menschlichen Tagesarbeit ist immer das wirksamste Palliativ gegen Hirngespinste und Wahngebilde. Daraus, daß ich nach Licht und Leben jetzt förmlich lechze, muß ich wohl oder übel auf fortschreitende Zerrüttung meiner Gesundheit schließen; die Frucht wird vom Wurme, und ich werde von den traurigen Vorgängen, die sich in meinem Herzen abspielen, ausgehöhlt. In meinem Bart und meinem Kopfhaar zeigen sich die ersten grauen Fäden, mein Gesicht bekommt eine wachsgelbe Färbung, meine Hände werden stark transparent. Die grauen Fäden mögen ja durch die Zeit bedingt sein, die beiden anderen Umstände aber kann ich nicht damit recht in Zusammenhang bringen, daß ich eher dicker werde als mager; mich befremdet übrigens auch das letztere, denn ich weiß ebenso gut, daß ich an Blutarmut leide, wie ich auch einer Psychose nicht mehr fern bin. Es geht eben auch mit meinen physischen Kräften bergab ... Indessen bangt mir jetzt nicht mehr vor Einbuße meines Verstandes; daß es mir jemals an der Fähigkeit fehlen sollte, mich selbst zu beherrschen, kann ich mir nicht vorstellen. Aber vor einem schweren Nervenleiden bangt mir, denn was das heißt, davon habe ich eine ungefähre Vorstellung, und ich muß daraufhin sagen, daß mir jede andere Krankheit lieber wäre. Die Tante dringt in mich, einen Arzt zu konsultieren, aber ich scheine die Abneigung vor ärztlichem Wissen von meinem Vater geerbt zu haben; mir fehlt jegliches Zutrauen zu Aerzten, wenigstens zu denjenigen Aerzten, die auf ihre Medizin schwören. Ich wüßte schon, was mich kurieren würde: dieser Kromitzki müßte das Zeitliche segnen, und Anielka müßte meine Frau werden, da fände ich meine Gesundheit schnell wieder, denn für Nervenkrankheiten von meiner Art gibt's kein anderes Heilmittel als Nervenreize; aber daß Anielka mir würde Arznei sein wollen, und wenn es sich um mein Leben handelte, das kann ich nicht glauben. Tante und ich waren mit ihr bei Angeli. Die erste Sitzung hat also stattgefunden. Ich habe wirklich recht gehabt in meiner Meinung von Anielkas Schönheit; auch Angeli vertieft sich in ihren Anblick, wie in den eines hervorragenden Kunstwerkes. Er ging mit Feuer an die Arbeit und machte von der Begeisterung, die ihn erfüllte, kein Hehl. »Ein so herrliches Modell,« sagte er, »finden wir Maler höchst selten. Hier ist nichts alltäglich. Ausdruck und Züge sind geradezu unvergleichlich.« Dabei kam es mir vor, als sei heute ihre Schönheit beeinträchtigt durch die Schüchternheit oder Verschämtheit, die zuweilen so lebhaft war, daß es ihr nur mit Mühe gelang, eine natürliche Haltung zu bewahren. Aber Angeli fand dies ganz erklärlich und meinte, die zweite Sitzung würde schon viel besser werden, denn der Mensch müsse sich nun einmal erst gewöhnen. Sie trug ein sehr elegantes Kleid von schwarzer Seide, das ihre Figur besonders scharf hervorhob. Ich bin wirklich ganz außer stande, darüber ruhig zu denken, geschweige zu schreiben. Zuerst brauchte Angeli ihr gegenüber die Anredeform »Mademoiselle« und es machte mir den Eindruck, als ob ihr das Freude bereitete. Die weibliche Natur ist und bleibt doch wunderlich, auch wenn sie ans Engelhafte streift. Als Angeli, über seinen Irrtum von mir aufgeklärt, hinzusetzte: »Das wird mir wohl aber noch öfter passieren, die gnädige Frau so zu titulieren, denn der Irrtum liegt so nahe, daß man ihn gar nicht vermeiden kann,« schien Anielka sich noch mehr zu freuen. Tiefe Glut malte wieder ihre Wangen, und sie sah geradezu entzückend aus, so daß ich mich auf dem Heimwege nicht erwehren konnte, ihr zuzuflüstern: »Du ahnst wirklich nicht, Anielka, wie wunderschön Du bist!« Sie sagte kein Wort darauf, zeigte aber an diesem Tage in ihrem Wesen einen leisen Anflug von Koketterie. Die Worte des Malers, vielleicht auch meine eigenen, schienen sie wirklich angenehm berührt zu haben. Sie mußte ja auch empfinden, wie tief ich sie bewunderte ... o, was will das Wort »bewundern« sagen, meiner Empfindung ihr gegenüber sagen? liebe ich sie doch grenzenlos, vorbehaltslos! Abends haben wir uns den »Fliegenden Holländer« angehört. Mich interessierte die Musik nur von dem Gesichtspunkte aus, welche Wirkung sie wohl auf Anielka haben möchte: ob sie ihr zu Herzen dränge? ob sie dies Herz der Liebe zugänglich machte? Aber es scheint, als ob die Frauen überhaupt nicht ausschließlich lieben, als ob vielmehr ein Eckchen in ihrem Herzen immer für das eigene Ich und für die Eindrücke der Außenwelt frei von ihnen gehalten würde. 27. August. Die Tante hat keine Ruhe mehr: sie will nach Ploshow; hier sei sie ja nicht bloß zu gar nichts nütze, sondern eher noch hinderlich; sobald sie wieder zu Hause sei, könnten wir ja dem Bilde soviel Zeit widmen, wie dazu von nöten sei, ohne uns irgendwie beengt oder gestört zu fühlen. Wir rieten ihr ab, da solche weite Reise für eine Dame ihres Alters doch kein Kinderspiel sei; aber sie wollte sich nicht von ihrem Vorhaben abbringen lassen. Nun blieb mir natürlich nichts anderes übrig, als die Erklärung, sie begleiten zu wollen; ich sah mit Bangen ihrer Entscheidung entgegen, ob sie ja zu dieser Erklärung sagen werden oder nein. Aber Tante wollte absolut nichts von meiner Reisegesellschaft wissen und lehnte höchst kategorisch ab. »Was sollte denn aus Anielkas Sitzungen bei Angeli werden, wenn einmal Celina nicht mitgehen könnte? Allein kann man sie doch nicht hingehen lassen! davon kann also gar keine Rede sein, Leon, daß Du mitfährst!« Dann drohte sie Anielka mit dem Finger und sagte neckisch: »Du denkst am Ende gar, ich hätte nicht gesehen, wie eifrig der Maler Dich anguckt? O, Dich kleinen Schalk muß man erst kennen!« – »Aber, Tantchen! er ist doch schon ein alter Mann!« wehrte lächelnd Anielka, küßte aber der guten Tante die Hand. – »Du hast gut reden,« brummte die Tante, noch immer neckisch; »hm, soviel Artigkeiten brauchte er Dir trotz allem nicht zu sagen ... Leon, Du mußt schon hier bleiben, das geht nicht anders, und mußt auf die beiden ein bißchen aufpassen.« Ich bin sehr froh darüber, daß ich nicht mit nach Ploshow fahren soll. Frau Celina bestimmte die Tante, das Mädchen mitzunehmen, das in Gastein bei uns war; zuerst wollte sie Anielka nicht der Dienste der braven Person berauben. Dann aber willigte sie drein, da Anielka sagte, im Hotel ließen sich die Dienste einer Zofe doch recht gut entbehren ... Tante wird also morgen abreisen ... Anielka hatte heut eine lange Sitzung ... es ging wirklich viel besser ... das Gesicht ist bereits untermalt. 28. August. Mit dem Frühzug ist die Tante abgedampft. Anielkas Mama hat von der Malkunst keinen Dunst. Sie war heut mit zur Sitzung und konnte, als sie das erst untermalte Gesicht ihrer Tochter sah, fast einen Aufschrei nicht unterdrücken, denn sie hielt es für ausgeschlossen, daß dies ein Bild und keine Kleckserei sein sollte. Angeli ahnte, wie es zusammenhing, und tröstete die Mama, indem er auseinandersetzte, in seinem jetzigen Zustände sei das Bild der Puppe zu vergleichen, aus der erst der Schmetterling kriechen solle. »Uebrigens,« schloß er, »rechne ich mit Bestimmtheit darauf, daß dieses eins meiner besten Bilder werden wird, denn so con amore wie bei ihm, bin ich schon lange mehr bei keinem Bilde gewesen.« Als wir von Angeli aus nach dem Hotel gingen, holte ich schnell ein paar Billets für das Opernhaus, und als ich später ins Zimmer trat, das wie im Dämmerlichte lag, denn es waren sämtliche Vorhänge zugezogen, fand ich Anielka dort allein. Da brauste die Versuchung über mich wie ein Orkan; all meine Pulse flogen, der Atem versetzte sich mir, und ich fühlte, wie alle Farbe aus meinem Gesicht wich. Wenn Anielka jemals in meinen Armen ruhen will, so jagte es mir durch den Sinn, dann ist jetzt der rechte Augenblick da! es war mir zu Mute, als wenn ich die feurige Glut eines Flammenherdes über mich hingehen fühlte, und als wenn dieses Feuer auch sie mit seiner verheerenden Gewalt träfe – – Alles riß mich zu ihr hin mit einer Gewalt, der ich keinen Widerstand leisten konnte ... o! sie jetzt in meine Arme zu zerren! meine sengenden Küsse auf ihre Lippen, Wangen, Hände zu pressen! das war es, wozu mich alles Empfinden und Denken drängte, widerstandslos, mit rasender Gewalt! Anielka sah, wie furchtbar erregt ich war, angstvoll suchten ihre Blicke mich zu fliehen, jedoch schnell war sie Herrin über sich und über die Situation, denn sie sagte zu mir mit weicher, und doch so energischer Stimme, daß ich unwillkürlich einen Schritt zurücktrat: »Ach, Leon, ich muß Dich um Deinen Schutz bitten, bis Mama wieder da ist; früher hätte ich mich freilich vor Dir gefürchtet, aber jetzt nicht mehr, jetzt fühle ich mich sicher bei Dir, denn jetzt vertraue ich Dir.« Tief erregt küßte ich ihr die Hände. Dann sah ich sie an mit unsäglicher Wehmut und stammelte: »O, Anielka! o wüßtest Du, was hier in meinem Herzen vorgeht!« und voll Trauer, tief gerührt, gab sie die Antwort: »Leon, wohl weiß ich es! doch um so edler, um so besser bist Du ja!« Noch ein kurzes, schweres Ringen mit meiner Sinnenglut: dann hatte Anielka den Sieg über mich errungen. Ich wagte es nicht, sie zu berühren ... Nun, sie hat's mir gelohnt den ganzen übrigen Tag, und in ihrer Stimme hat noch nie soviel Milde und Süße gelegen. Aber wenn ich mir auch sage, daß dies vielleicht der nächste Weg zu ihrem Herzen sei, so ist es mir doch so wirr und wüst im Kopfe, daß ich mir lieber ein Ende ersehnte; denn ist das nicht Entsagung der Liebe um der Liebe willen? 29. August. Heute hat sich während der Sitzung etwas Seltsames, etwas, was mir Angst macht, zugetragen: Anielka saß ganz ruhig da, schreckte dann in sich zusammen, wurde auf einen Moment blutrot, dann leichenblaß. Ich erschrak nicht minder, und auch Angeli erschrak. Er legte sofort den Pinsel beiseite, um Anielka ein Glas Wasser zu reichen. Die Anwandlung ging ebenso schnell vorüber, wie sie gekommen war, und Anielka war bereit, die Sitzung wieder aufzunehmen; es sah mir aber ganz so aus, als ob sie sich Gewalt antun müsse, und da es ein besonders heißer Tag war, und sie vielleicht doch recht angegriffen war, hielt ich es für angezeigt, sie früher als tags zuvor nach dem Hotel zurück zu führen. Unterwegs verhielt sie sich ganz ruhig, und wenn sie vielleicht auch nicht ganz ihre alte Weise wiederfand, so verriet doch ihr Wesen nichts Auffälliges. Beim Essen dagegen wurde sie plötzlich wieder von der gleichen tiefen Röte übergossen; aber als sowohl ihre Mama wie auch ich sie fragte, was ihr denn sei, ob sie sich krank fühle, suchte sie uns zu beruhigen mit dem Bescheide, es habe gar nichts auf sich. Ich meinte, es sei vielleicht gut, einen Arzt zu konsultieren, aber sie wehrte sich mit großer Energie dagegen, ja sie wiederholte gewissermaßen gereizt, sie fühle sich ja doch ganz wohl, und daß ein Mensch einmal ein bißchen rot im Gesicht werde, habe doch nichts Schlimmes auf sich Den ganzen Tag blieb sie sehr blaß, und ihr Gesicht zeigte einen auffälligen Ausdruck von Strenge, den ich noch nie bisher an ihr wahrgenommen hatte. Es machte mir auch den Eindruck, als sei sie gegen mich gleichgültiger, ja als schiene sie meinem Blicke aus dem Wege gehen zu wollen. ... Ich mache wir wirklich recht große Sorge, da ich gar nicht weiß, wie das zusammenhängen mag ... Ich werde Wahl heute wieder keinen Schlaf finden ... wenn ich bloß nicht wieder von solch greulichem Traume heimgesucht werde! Es liegt etwas Schweres in der Luft, etwas, wofür ich keine Erklärung finden kann. Ich klopfte gegen Mittag an Anielkas Zimmertür; die Damen seien, sagte die Dienerschaft, vor zwei Stunden in die Stadt gefahren. Ich wartete ziemlich erregt, und in ungefähr einer halben Stunde fuhr der Wagen wieder vor. Anielka reichte mir, ohne ein Wart zu sprechen, die Hand und ging nach ihrem Zimmer. Ich dachte, sie wolle sich umkleiden, und wartete eine Weile. Dann wandte sich mit einem Male Frau Celina zu mir. »Lieber Leon,« sagte sie, »Du bist Wohl so gut und entschuldigst heute Anielka bei Angeli. Es ist ihr heute nicht möglich, zu dem Porträt zu sitzen. Sie ist wirklich zu nervös heute.« Ich fragte besorgt, was ihr denn fehle? – Ein paar Augenblicke war Frau Celina unschlüssig, ob sie antworten solle oder nicht; dann sagte sie: »Ach, wir waren bereits auf dem Wege zum Doktor, haben ihn aber nicht angetroffen; ich habe ihn ersucht durch ein paar Zeilen, sich zu uns zu bemühen ... ich weiß indessen wirklich selbst noch nicht ...« Mehr von ihr zu erfahren war nicht möglich; ich setzte mich in einen Komfortable und fuhr zu Angeli. Es machte mir den Eindruck, als ob er meine Mitteilung, daß die Sitzung heut ausfallen sollte, mit einem gewissen Mißtrauen aufnähme. Zu verwundern wäre es übrigens nicht gewesen, denn ich war wohl im höchsten Grade beunruhigt. Da fiel es mir ein, er könne ja auch in Sorge um sein Honorar sein; ich sagte ihm, ich wollte dasselbe gleich in Ordnung bringen. Er wehrte sich dagegen, sagte, er sei nicht gewohnt, für Arbeit, die noch nicht vollendet sei, Geld zu nehmen; ich erwiderte hierauf, es sei möglich, daß ich selbst abreisen müsse, und da ich von der Tante beauftragt sei, ihm das Honorar zu überreichen, möchte ich bitten, in diesem Falle eine Ausnahme von der Regel zu machen. Schließlich nahm er das Geld, und die für mich unangenehme Diskussion fand damit ihren Abschluß. Wir trafen noch die Abrede, daß die nächste Sitzung übermorgen stattfinden solle, daß ich ihm aber, falls Frau Kromitzka sich noch nicht wieder wohl genug dazu fühlen sollte, ihn durch ein Billet rechtzeitig in Kenntnis setzen möchte ... Ich fuhr ins Hotel zurück und begab mich sogleich wieder zu den Damen. Aber ich traf Anielka nicht, sondern bloß die Mama, die mir sagte, der Arzt sei dagewesen, habe sich jedoch noch nicht bestimmt geäußert, wie es sich um ihre Tochter verhalte, sondern habe vorderhand nur Ruhe anempfohlen. Wieder machte es mir ganz den Eindruck, als ob sie nicht recht mit der Sprache heraus wollte. Es war indessen wohl nichts weiter als Besorgnis um ihre Tochter, und das kann ich ihr recht wohl nachfühlen, denn ich bin ja doch selbst nicht frei davon ... Ich begab mich in mein Zimmer. Hier sagte ich mir, daß es doch gar nicht zu verwundern sei, wenn sie infolge der ewigen Erregung, als deren schuldigen Teil ich mich doch bekennen mußte, in einen schlimmen Zustand von Nervosität hinein geraten sei, und machte mir deshalb die schwersten Vorwürfe, daß ich mein Verhalten gegen sie nicht anders geregelt hätte ... Es kam mir die Empfindung, lieber zu Grunde zu gehen, als sie in Gefahr einer Erkrankung zu wissen, und ich hatte unsägliche Angst, sie werde vielleicht gar nicht zu Tische kommen. Das war indes vergebliche Sorge, denn sie kam, blieb mir aber während der ganzen Tischzeit ein Rätsel: mein Anblick versetzte sie nicht allein in Verlegenheit, sondern über dem Bemühen, so zu erscheinen wie sonst, konnte sie nicht hindern, daß ich rasch inne wurde, sie bemühe sich, einen ernsten Kummer vor mir zu verheimlichen; sie mußte heut auch um vieles bleicher sein als sonst, denn sie gewann fast Aehnlichkeit mit einer Brünette, wiewohl doch ihr Haar kaum einen Stich ins Dunkle hat. Ob etwa von Kromitzki schlechte Nachrichten gekommen sind? ob etwa mein Geld auch von ihm verwirtschaftet ist? Was schere ich mich darum? soll's doch zum Teufel sein! Aber auch Anielka soll sich nicht darum grämen! keine fünf Minuten! das wäre mein ganzes Geld nicht wert ... aber was kann es bloß sein? morgen muß ich es auf alle Fälle erfahren. Ich bin fast überzeugt, daß wieder dieser Kromitzki die Ursache dazu ist; aber was kann er bloß wieder angestellt haben? einen anderen als einen moralischen Grund kann die Geschichte nicht haben: ein zweites Gluchow an den Mann zu bringen, ist doch ausgeschlossen, denn es existiert ja kein zweites. Berlin, 5. September. Ja, ich bin hier, in Berlin. Zu irgend einem Orte mußte ich doch hin, als ich Wien so schnell den Rücken wandte. Ploshow war mir verschlossen, denn nach Ploshow fährt ja doch – sie! ... Ach, ich hatte doch gemeint, es verbrieft zu haben, daß mich keines Menschen Macht von ihr trennen konnte, und doch ist nun alles aus! mir wäre der leiseste Gedanke an eine Lösung unseres Verhältnisses, an einen Bruch unserer Absprache, als absurd, als verrückt vorgekommen, und nun ist doch beides eingetreten! Ja, in Berlin bin ich, und mir rumort's in meinem Schädel, als wenn zehntausend Brummfliegen drin schwirrten! ach, und wie schmerzt mich dieses Rumoren in meinem Kopfe! es ist zum Rasendwerden! aber ich rase nicht, bin nicht verrückt ... nein! mein Arzt hatte wirklich recht, als er mir sagte, verrückt würden nur schwachköpfige Menschen ... und wie hätte mir so etwas passieren sollen, das unter den Umständen, in denen ich mich jetzt befinde, vielleicht noch ein Glück gewesen wäre? Ich, und Glück! 6. September. Hin und wieder ist's mir doch zu Mute, als ob mir das Hirn überkoche. Es gehört doch wahrlich nicht zu den Ungeheuerlichkeiten, daß eine anständige Frau, die ein paar Monate mit dem ihr angetrauten Manne zusammengelebt hat, guter Hoffnung ist! das ist doch der rein natürliche Vorgang, um nicht zu sagen: das allerwichtigste Naturgesetz! und dabei kommt mir das vor wie eine Monstrosität! läßt sich solcher Widersinn zusammenreimen? kann ihn ein menschliches Gehirn aushalten? Ich kann es ja fassen, daß unglückliche Individuen, wenn sie zermalmt werden, einer vis major von außergewöhnlicher Art unterliegen; mich aber, mich zerschmettert der allergewöhnlichste Weltenlauf! und so etwas ist doch um so gräßlicher, je natürlicher es in der Welt ist! Widersprüche über Widersprüche! daß sie keine Verantwortung dafür trifft, daß sie nicht deshalb zur Rechenschaft gezogen werden kann, ist mir völlig klar, denn ich bin wahrhaftig nicht von Sinnen. Nein! sie hat das Gesetz der Tugend nicht verletzt, und doch verziehe ich ihr jedes, auch das allerschwerste Verbrechen leichter und eher. Nein! ich kann Dir nicht verzeihen, kann's Dir bei Gott nicht verzeihen, kann's Dir nicht verzeihen eben um meiner Liebe willen nicht! Auf dem ganzen Erdenrunde lebt im Augenblicke kein Weib, das ich so unsäglich verachte wie eben Dich! denn Du hattest doch zwei Männer: mich für Deine platonische, und diesen – Kromitzki für Deine eheliche Liebe! Ha! den Schädel könnt ich mir an der Mauer einrennen, und lachen, wahrhaftig! lachen möchte ich auch! O, nun und nimmer hätte ich gedacht, daß mich von Dir etwas scheiden könnte; und nun hat sich das, was uns scheiden mußte, doch gefunden! 8. September. Ja, ich habe Anielka verloren, und alles um mich her ist leer und öde. Ich kann's mir nicht ausmalen, wie es kam, daß ich fort von ihr ging, und daß nun alles zu Ende sein soll! O, ich weiß es nicht, wozu ich noch lebe! Etwa um abzuwarten, ob diesem Kromitzki ein Kind männlichen oder weiblichen Geschlechts geboren werden wird? es ist doch alles nur natürlicher Vorgang, nur Naturgesetz, und mir wird doch zu Mute dabei, als wollte mir der Kopf bersten! Dabei hätte ich darauf doch wahrhaftig vorbereitet sein müssen, während ich mit keinem Atem daran gedacht habe ... da hätte ich wahrhaftig eher gedacht, daß der Blitz mich träfe! fuhr denn aber nicht Kromitzki von Warschau gleich weiter nach Ploshow? hielt er sich nicht in Ploshow ein paar Tage auf? waren sie dann nicht auf der Reise zusammen? in Wien, in Gastein? ... O, und mußte ich nicht selbst die Liebesstimmung wecken? die Nerven der Dame aufregen? ihr das Herz mit Sehnsucht schwellen? Verflucht! die Geschichte hat ja auch noch eine ganz infam lächerliche Seite! Weiß Gott! ich bin dümmer, als es die Polizei erlaubt. Ich hab' das Zusammenleben des Ehepaars ertragen können, und will mich nun sträuben, die Folgen zu ertragen? Nerven und Verstand sollen sich bei vielen Menschen recht gut miteinander vertragen: bei mir beißen sie sich wie zwei aufeinander gehetzte Köter. Ein weiteres Unglück für mich! Es kommt mir ganz so vor, als ob mich das Schicksal mit seinem ausgesuchtesten Hasse verfolgte! Warum aber? es liebt doch mancher seines Nächsten Weib und braucht nicht so schrecklich zu leiden wie ich! sollte die Strafe sich richten nach dem Grade der Liebe, also um so schwerer sein, ie tiefer, je edler, je wahrer diese Liebe wäre? Wo bliebe aber bei solchem Kausalkonnex die Gerechtigkeit? Nein, nein! das ist »Blech«! solche Dinge stehen nicht unter dem Regiment eines zielbewußten Gedankens, sondern hier geschieht alles, wie es eben muß oder eben kommt ... 10. September. Ich komme mir vor, wie ein Mensch, den ein Blitzstrahl getroffen hat: er soll ja nicht sofort zu Boden stürzen, sondern erst ganz steif werden; so hält auch mich die Wirkung des Blitzes, der mich getroffen hat, aufrecht, aber lange werden mich meine Füße schwerlich noch tragen, denn um mein körperliches Befinden steht es recht schlecht. Gegen Abend ist es mir immer, wie wenn ich ersticken sollte; das Atmen fällt mir furchtbar schwer; es scheint mir, als könnten meine Lungen nicht mehr Luft genug aufnehmen. Dann die gräßlichen Beklemmungen bei Tag wie bei Nacht! Ich habe immer die Empfindung, als müsse etwas mit mir geschehen, das schwerer zu ertragen sei als der Tod. Was soll hier, in dieser fremden großen Stadt, bloß werden mit mir, wenn meinem Gedächtnis auf einmal mein Namen und meine Heimat entfallen sollten? wenn ich in geistige Umnachtung verfiele? wenn ich ziel- und zwecklos in den Straßen herumirrte oder immer geradeaus liefe, ohne zu wissen wohin? Ich glaube ja noch, daß das bloß krankhafte Wahngebilde sind: sollten diese Fälle eintreten, so wäre mein Leib ja in der gleichen Verfassung wie meine Seele, und in seelischer Hinsicht irre ich schon lange in dunkler Nacht umher, ohne zu wissen, wohin mein Geist noch geraten wird. Vor allem entsetze ich mich, bloß nicht vor dem Tode, und wenn ich meinen Zustand genauer beschreiben sollte, würde ich sagen, daß mich immer eine Empfindung beschliche, als ob ich mich nicht selbst, sondern als ob sich ein in mir befindliches und doch von mir getrenntes Wesen fürchte, wie etwa die Angst, die mein ganzes Gemüt erfüllt. Sobald es dunkel wird, jagt's mich hinaus auf die Straßen, und in dem elektrischen Lichtschein rase ich herum, bis ich vor Müdigkeit dem Umsinken nahe bin. Das Menschengewühl ist mir Bedürfnis; sollte ich aber einem Bekannten in den Weg laufen, so würde ich im Nu umdrehen, damit er mich nicht erkenne ... werden die Straßen leerer, dann kommt die Angst wieder, und mit Grausen denke ich an die Nacht, die mir immer entsetzlich lang wird. Seltsam, mir ist's immer im Gaumen, als wenn ich Metall schmeckte: diese Empfindung habe ich zum ersten Male gehabt, als ich Klara Hilst auf die Bahn gebracht hatte, und bei der Heimkehr Kromitzki traf. Dann wieder in Wien, als mir Anielkas Mama die »große Neuigkeit« kund tat. O, wenn ich dieses Tages noch gedenke! es war schrecklich! ich war so himmelweit von aller Ahnung des wahren Sachverhalts, daß ich nochmals vorsprach, mich bei den Damen nach Anielkas Befinden zu befragen, als der Doktor zum zweiten Male dagewesen war. Ja, ich begriff auch dann noch nicht, um was es sich handelte, als Frau Celina meinte: »Der Doktor behauptet, es seien bloß nervöse Symptome, die mit ihren Umständen gar nichts zu tun hätten.« Da die Dame endlich begriff, daß ich noch immer nicht merkte, um was es sich handelte, fuhr sie verlegen fort: »Ich muß Dir nämlich eine große Neuigkeit mitteilen ...« und nun sagte sie mir, »was denn eigentlich los sei« ... Da hatte ich auf der Stelle wieder den Geschmack im Munde, als wenn ich an Metall leckte, und im Gehirn das infame Gefühl von Eiskälte, genau wie damals, als ich mich so unvermutet Kromitzki in meiner Wohnung gegenübersah ... Im Nu war ich aus dem Zimmer der Damen heraus, unter allerhand Empfindungen, die auf mich eindrangen, zerrend und reißend an Herz und Hirn, und von denen, wie ich nach recht gut weiß, eine vor allen anderen sich breit machte, nämlich ein unüberwindlicher Lachreiz. Ha! das also war jenes ideale Wesen, dem sogar schon platonische Liebe im Licht einer Übertretung erschienen war, das bloß Freundschaft, aber nicht Liebe empfinden konnte!? ... Zu dem Lachreiz gesellte sich ein anderer, ein unsägliches Jucken und Grimmen im Schädel: ich fühlte den Drang, mir den Kopf an der Wand einzurennen ... Und doch schwand mir die Ueberlegung nicht; aber mein Hirn arbeitete nur mechanisch; ich sah ein, daß alles aus war, daß mir nichts anderes als Flucht übrig blieb; aber wie mein Hirn nur mechanisch arbeitete, so arbeitete mein Leib rein automatenhaft: ich besorgte alles, was für meine Abreise von nöten war; ja ich vergaß auch die Rücksichten nicht, die der äußere Anstand bedang; warum ich das alles tat, und alles so tat, wie ich es tat, weiß ich nicht; ob es geschah oder nicht geschah, war mir völlig gleichgültig, und daß es geschah, beruhte wohl nur auf einer, wie ich sagen möchte, reflexiven Tätigkeit meines Hirns, das sich seit Monaten oder Jahren an die Notwendigkeit, den äußeren Anstand zu wahren, gewöhnt hatte. Ich sagte der Frau Mama, der Arzt habe bei mir eine schwere Herzaffektion festgestellt und mir die sofortige Konsultation eines berühmten Berliner Spezialisten angeraten. Frau Celina glaubte mir, Anielka jedoch nicht ... Der schreckhafte Ausdruck ihrer weitgeöffneten Augen, der mich an den Blick der beschimpften Märtyrerin gemahnte, steht mir noch vor den Augen, und wie damals regt sich auch jetzt noch, in mir der Doppelmensch, zu dem ich geworden bin: der eine davon schreit mir ins Ohr: »Anielka trifft doch aber keine Schuld!« während der andere von dem Verlangen beseelt ist, ihr ins Gesicht zu speien ... Ha! warum habe ich dieses Weib, dieses – Frauenzimmer so rasend geliebt! 12. September. Acht Tage bin ich nun annähernd fort. Die beiden Frauen sind gewiß schon lange in Ploshow. Ich habe heute an die Tante geschrieben, weil ich nämlich befürchte, die Sarge um mein Befinden möchte sie hierher treiben. Manchmal überkommt es mich wie Verwunderung, daß es einen Menschen noch auf Erden geben solle, der sich um mich und mein Befinden kümmert. 13. September. Wie ich schon einmal niedergeschrieben habe, so hat schon mancher vor mir des Nächsten Weib verführt, betrogen, mit Füßen getreten, beiseite geschleudert, und ist dann in aller Ruhe seines Wegs gezogen. Ich habe von alledem nichts getan; und wenn sie mir wirklich zu Willen gewesen wäre, so hätte ich sie auf den Händen getragen, hätte ihr jedes Stäubchen aus dem Wege, den sie wandelte, geräumt, hätte ihr zu Füßen gelegen, und keines Menschen Arm hätte mich von diesem Platze reißen sollen ... Ich meine sohin wohl nicht zu Unrecht, daß meine Gefühle die schlechtesten nicht sind. Und doch erliege ich beinahe unter der Last einer Vergeltung, vor deren Schwere es mich entsetzt, zu deren Verständnis mir aller Skeptizismus nicht verhilft. Muß mir denn nicht auch die höchste Moral zugeben, daß es ein schwereres Verbrechen wäre, ein Weib an sich zu locken, für das man keine Liebe empfindet, und das, was ich aus meines Herzens Tiefe getan, mit kalter Berechnung zu tun? für eine große, überwältigende Liebe kann doch dem Menschen keine schwerere Verantwortung aufgebürdet werden als für eine kleine, alltägliche? ... Nein, nein! meine Liebe ist kein Verbrechen, sondern weit eher ein Unglück! und wie sich ein vorurteilsloser Mensch recht gut in die Lage eines vorurteilsvollen hineindenken kann, so kann auch ein zweifelnder Mensch erkennen, wie ein gläubiger Mensch betet, und sich hiernach vorstellen, wie er selbst, wenn er gläubig wäre, beten würde. Mir mangelt es nicht allein an solcher Erkenntnis nicht, sondern diese Erkenntnis verdichtet sich bei mir zu einer so wilden Empfindung von Schmerz, daß ich mich zu der lästernden Klage gedrängt fühle: »Herrgott! wenn ich gefehlt habe, so habe ich auch schwer gebüßt, und möchte mich wahrlich nicht wundern, wenn ich bei Dir ein bißchen Erbarmen fände!« 14. September. Ganz gewiß sind sie bereits in Ploshow. Ich weile oft noch in Gedanken bei ihnen, denn der Vergangenheit wird nur ein Mensch ledig, der eine Zukunft vor sich hat: und ich habe nichts vor mir ... gar nichts! ... Ich bin weder ein Mensch, welcher an Gottes Existenz glaubt, noch ein Mensch, welcher Gottes Existenz leugnet. Im ersteren Falle würde ich Priester werden, im anderen Falle könnte ich jetzt in die Lage kommen, mich zu bekehren. Da nun aber weder dies noch jenes der Fall ist, weiß ich nur eins: daß nämlich für mich und meine Schmerzen sich in der Religion kein Trost finden läßt. In meiner Seele ist alles verdorrt ... Als ich damals, als Anielka Frau Kromitzka wurde, meinte, es müsse nun alles zwischen uns aus sein, habe ich mich doch geirrt. Ich bin erst jetzt zu der Ueberzeugung gekommen, daß es wirklich aus zwischen uns ist; denn was uns trennt, ist eine unabhängig von uns wirkende Macht der Dinge, und nicht bloß unser Wille, auch nicht die zwischen uns liegende Entfernung. Unsere Wege liegen jetzt weit auseinander, und daß sie je wieder zusammenlaufen sollten, ist ausgeschlossen: dazu könnte selbst unser Wille nichts tun. Anielkas Pfad wird mit Dornen bestreut sein, aber er wird sie zu einer neuen Welt führen, in eine neue Empfindungssphäre, zu einem neuen Leben. Vor mir aber dehnt sich die unendliche Leere, und das weiß Anielka so gut wie ich ... ob ihr wohl manchmal der Gedanke kommt: ich habe den Menschen zu Grunde gerichtet, vielleicht ohne unmittelbare Schuld; aber durch mich zu Grunde gegangen ist er! ... Aber was habe ich davon, wenn sie mich bemitleidet? wie kommt es, daß ich ihr Mitleid trotz allem ersehne? So lange sie noch nicht geboren hat, kann sie ja Mitleid mit mir empfinden; denn wenn sie ein Kind hat, ergießen sich doch all ihre Empfindungen in dieses einzige Strombett ... Und auch das ist ein Naturgesetz: o, ein Gesetz wunderbarer Natürlichkeit! 16. September. Heute habe ich hier ein Riesenplakat an den Säulen gesehen: Klara Hilst in Berlin! – Es ist mir ganz aus dem Gedächtnis gekommen, daß es Klaras Absicht war, in Berlin zu konzertieren; daß sie es mir nach Gastein geschrieben hatte. Also Klara ist hier! im ersten Augenblick berührt mich das weder angenehm noch unangenehm. Ich leide wieder an meiner nervösen Ruhelosigkeit; daher empfinde ich sozusagen alles in doppelter Gestalt. Es ist mir ja beruhigend, zu wissen, daß zusammen mit mir in diesem Häusermeere eine befreundete Seele wohnt; aber ich könnte nicht sagen, warum mich das beruhigt. Jedenfalls genügt es mir, daß ich es weiß. Dagegen empfinde ich kein Verlangen, Klara zu sehen; mir ist es im Gegenteil unangenehm, daß ich ihr einen Besuch werde machen müssen. Sie ist ja eine herzensgute Person; aber ihre Manier, nach allem zu fragen, mag ich nicht leiden, wenn ich mir auch sage, daß sie mehr aus Gutmütigkeit als aus Neugierde fragt. Auch ihr Glaube an die alles heilende Macht der Freundschaft ist mir unsympathisch, ebenso wie ihre Neigung zu romantischen Mutmaßungen ... von dem, was hinter mir liegt, könnte ich aber nun und nimmer sprechen; ich finde ja nicht einmal den Mut, auch nur daran zu denken. 17. September. Wenn ich nur wüßte, wozu ich alle Morgen wieder aufwache? warum ich überhaupt noch lebe? und weshalb ich mich um Bekannte noch kümmere? überhaupt noch um Menschen kümmere? Ich habe bei Klara keinen Besuch gemacht; was könnte sie denn mit mir zu sprechen haben, das mich nicht schon langweilte, noch ehe es gesprochen wäre? mir ist ja doch alles auf der Welt im höchsten Maße gleichgültig, und ich sollte meinen, ich doch auch ihr? 18. September. Es war doch gut, daß ich an die Tante schrieb, sonst wäre sie schon hier. Heute bekam ich den nachstehenden Brief: »Deine Mitteilung ist am selben Tage hier eingetroffen wie Celina und Anielka. Sage mir doch nur, was Du machst, und wie es Dir geht? was meinen die Aerzte denn zu Deinem Befinden? wie lange wirst Du noch in Berlin bleiben? Gib mir doch telegraphisch Bescheid, ob ich Dich in Berlin noch treffe. Ich komme, wenn dies der Fall ist, auf der Stelle. Celina hat mir gesagt, Du seiest so unerwartet schnell abgereist, daß sowohl sie, wie Anielka, sich des Todes erschrocken hätten. Ich wäre ja doch längst bei Dir, wenn Du mir früher geschrieben hättest, daß der Arzt von einer Seereise mit Dir gesprochen hätte. Von Warschau nach Berlin ist's ja gar so weit nicht, und ich fühle mich seit Gastein recht wohl; von den früheren Blutwallungen bin ich bisher verschont geblieben. Du machst mir wirklich recht große Angst, mein Junge; und nun kommst Du mir gar noch mit dieser Seereise? Dir freilich ist ja das Meer nicht fremd; mir aber verursacht schon der Gedanke daran Kribbeln in den Fingerspitzen. Celina befindet sich wohl, Anielka leidlich. Du weißt, wie ich höre, die große Neuigkeit bereits. In Wien ist noch im letzten Augenblick ein Spezialist zu Rate gezogen worden, der sich dem Ausspruche des zuerst befragten Arztes durchaus angeschlossen hat. Es steht also außer Zweifel, daß sich Anielka in anderen Umständen befindet. Celina ist schier außer dem Häuschen vor Freude, und ich kann auch nicht anders sagen, als daß ich mich freue. Kromitzki wird hierdurch vielleicht bewogen, sich dauernd in Polen niederzulassen und mit Spekulieren aufzuhören. Auf alle Fälle bekommt Anielka auf diese Weise eine Lebensaufgabe und wird sich glücklicher fühlen als jetzt. Sie sieht übrigens ziemlich angegriffen aus; ich vermute jedoch, daß dies noch von der Anstrengung der weiten Reise herrühren dürfte.« Für mich ist bei diesen Menschen kein Bleiben mehr: das ersehe ich nur zu deutlich aus diesem Briefe. Es wird nicht mehr lange währen, so wird die Erinnerung an mich auch Anielka nur peinlich sein. 19. September. Wie es in einigen Jahren mit mir aussehen wird? was ich wohl anfangen werde? ich sollte meinen, wenn es zwecklos ist zu leben, sollte man auch die Möglichkeit ausschalten zu leben! Für mich ist wirklich auf der Erde kein Raum mehr. 20. September. Wie schon gesagt, ich habe bei Klara keine Visite gemacht, aber ich habe sie in der Friedrichstraße getroffen. Sie verfärbte sich ordentlich vor Freude und Aufregung, als sie mich sah, und die Art, wie sie mich begrüßte, war so herzlich, daß es mir selbst zum Herzen ging, zugleich aber auch bitteres Weh bereitete, denn ich verhehlte mir nicht, daß ich Klaras Herzlichkeit nicht aufrichtig erwidern konnte. Bald bemerkte sie auch die Veränderung, die mit mir vorgegangen war, mein krankhaftes Aussehen, und mein im Ergrauen begriffenes Haar. Sie fragte, ob meine Gesundheit zu wünschen übrig lasse? ich sagte, die Aerzte hätten mir geraten, ein milderes Klima aufzusuchen. Ich wollte auf diese Weise weiteren Begegnungen, die, wie mir mein Verstand sagte, meine Kräfte übersteigen würden, aus dem Wege gehen. Sie nötigte mich aber in ihre Wohnung, und dort plauderten wir viel von der Tante, von Anielka und ihrer Mutter. Ich hielt mich aber im Rahmen der allgemeinen Redensarten, denn wenn ich auch recht gut weiß, daß Klara wohl das einzige Wesen in der Welt ist, das für mich Verständnis fände, so geht es mir doch wider mein Empfinden, ihr vollen Einblick in mein Herz zu gewähren. Es war mir übrigens unmöglich, vor ihr zu verbergen, daß ich ein anderer Mensch geworden bin; sie erriet, daß ich nur noch mechanisch lebe, und unterließ es hinfort, mich nach irgend etwas noch zu fragen, was mit der Vergangenheit in Beziehung stehen konnte; sie wußte mir zu verstehen zu geben, ohne es in Worte zu fassen, daß es ihr nicht darum ginge, mich ihr geneigt zu machen, sondern daß sie mir nur Gutes erweisen wolle. Ich fühlte mich in ihrer Gesellschaft auch um vieles besser und wurde doch eines Gefühls, als ob sie mich ermüde, nicht ledig; aber ich bin so völlig außer stande in meiner jetzigen Stimmung, meine Gedanken auf einen festen Gegenstand zu sammeln, daß ich schon Müdigkeit verspüre, wenn ich mich ein paar Minuten mit jemand unterhalten habe ... Mir kommt, seit ich meines Lebenszieles verlustig gegangen bin, alles in der Welt so schal und nichtig vor, daß ich mich immer und immer wieder frage: wozu? wozu? 21. September. Das war die schrecklichste aller schrecklichen Nächte meines Lebens! mich befiel plötzlich eine gräßliche Angst und zerrte mich unzählige Stufen hinunter in eine maßlose Finsternis, wo allerhand Schrecknisse grausiger Art meiner warteten. Ich muß weg von hier, denn dieser bleierne Himmel lastet mit unausstehlicher Wucht auf mir. Ich will nach Rom, in mein Haus aus der Via Babuino, dorthin zieht es mich mit allen Fasern meines Herzens, dort will ich mein Leben hinfristen, bis meine Stunde schlägt. Nach Ruhe verlangt's mich, nach weiter nichts als Ruhe, Ruhe, Ruhe! Mein kurzer Aufenthalt gestern bei Klara hat mich gelehrt, daß ich unter den Lebenden nichts mehr zu suchen habe; kann ich ihnen denn irgend etwas noch geben? kann ich ihnen Güte irgendwie vergelten? Nein! ich bin ausgestoßen aus der menschlichen Gemeinschaft und stehe für mich allein, und trotzdem ich mich schrecklich einsam fühle, so will ich doch nicht mehr wieder unter Menschen. Dagegen mutet der Gedanke an Rom und meine Einsiedelei in der Via Babuino mich an, wenn auch matt und traurig. Lieber in Rom sein als irgendwo sonst! von Rom aus ist der junge Vogel ausgeflogen, mag er nun dort wieder einfliegen, freilich flügellahm! mag er dort seines Endes harren! Ich schreibe jetzt immer frühmorgens, denn der Abend führt mich immer in jene maßlose Finsternis, vor der mir so furchtbar graut. Heut will ich in Klaras Konzert gehen, dann ihr Adieu sagen, und morgen abreisen. In Wien will ich aussteigen, vielleicht bei Angeli mit vorsprechen; weiß es aber noch nicht bestimmt, wie ich jetzt überhaupt nicht mit Bestimmtheit weiß, was ich morgen oder übermorgen beginnen werde. Klara hat mir geschrieben, ich solle ihr doch nach dem Konzert ein paar Augenblicke in ihrer Wohnung gönnen; ich werde es aber nicht tun, bloß das Konzert mir anhören, weil ich dort gesunde Menschen sehen werde, deren Nähe mir wohltun wird, ohne mich zu ermüden. Aber in Klaras Wohnung, wie gesagt, werde ich nicht gehen. Klara ist zu nett, zu freundlich gegen mich, und ich ertrage menschliche Güte nicht mehr: denn ich gleiche dem Verhungernden, der ja auch gewisse Zeit vor seinem Tode nicht mehr im stande ist, Nahrung zu sich zu nehmen ... Ich mag übrigens auch noch aus einem anderen Grunde nicht zu Klara: ich mag durch nichts an die Dinge und Menschen, die hinter mir liegen, erinnert werden, denn ich kann auch Erinnerungen nicht ertragen: und Klara braucht dasselbe Parfüm, das ich Anielka aus Wien mitbrachte ...ich habe immer gefunden, daß die Vorstellung einer bestimmten Persönlichkeit durch nichts so greifbar geweckt werde, wie durch den sie umschwebenden Duft. 22. September. Jetzt bin ich richtig krank. Ich muß mich gestern abend, auf dem Heimwege aus dem drückend heißen Konzertsaale, erkältet haben. Ich hatte meinen Paletot nicht mitgenommen und kam ganz durchfroren heim. Sobald ich Atem hole, ist's mir, als ob mich tausend Nadeln stächen. Ich bin bald heiß, bald fröstelt's mich, daß ich am ganzen Leibe zittere, und ein Durst quält mich, daß ich Eimer austrinken könnte. Dabei befällt mich von Zeit zu Zeit eine Mattigkeit, daß ich keinen Fuß setzen möchte. Von Reisen kann bei diesem Zustande nicht die Rede sein, ich käme ja ohne fremde Hilfe in gar kein Eisenbahnabteil. Der Atem fliegt mir förmlich, trotzdem ich eigentlich nicht atme, sondern keuche. Wären meine Nerven nicht so schrecklich abgebraucht, so hätte ich mich wohl kaum so schnell erkältet; wir in Polen sind ja doch an Kälte gewöhnt! aber meine Natur hat eben gar keine Widerstandskraft mehr ... Ich glaube, ich leide an einer Entzündung der Lungen; aber so lange es irgend geht, werde ich mich auf den Beinen halten. Ich habe auch gleich, sobald ich mir über meinen Zustand klar war, an die Tante geschrieben, daß ich mich sehr wohl befände, und in wenigen Tagen von Berlin abzureisen gedächte. Ich habe sie gleichzeitig ersucht, alle Korrespondenz an das Bankhaus B. in Berlin zu dirigieren; und werde, so weit es in meinen Kräften steht, zu hindern versuchen, daß von meiner Krankheit etwas in Ploshow verlautet. Wie gut, daß ich mich von Klara schon verabschiedet habe. 23. September. Ich bin noch auf den Beinen, aber befinde mich doch weit schlechter als gestern. Ich habe starkes Fieber. Zuweilen ist's mir zu Mute, als ob all mein Denken in Phantasie überginge, und wenn ich die Augen schließe, als ob sich alle Grenzen der Wirklichkeit verwischten. Ich bin zwar noch im stande, zu beurteilen, was ich tue, es befällt mich aber immer häufiger die Furcht, das Fieber könnte die Herrschaft über mich gewinnen und mich alles Bewußtseins berauben. Wie traurig doch für einen Menschen, der sich im Besitz eines großen Vermögens weiß, das ihm ein frohes, friedliches Heim sichert, krank und einsam, ohne einen Menschen, der ihm ein Glas Wasser reicht, an fremdem Orte weilen zu müssen! Ach, wenn Anielka ... ach, wer weiß, vielleicht wäre auch Anielka ... Gott! ich kann nicht mehr, es geht ... zu ... Ende ... 14. Oktober. Drei ganze Wochen hat mein Tagebuch geruht. Heute kann ich es endlich wieder vornehmen. Klara ist nicht mehr bei mir. Sie weiß, daß ich außer Gefahr bin, und ist nach Hannover abgereist. In etwa zehn Tagen gedenkt sie wieder hier zu sein. Während meiner Krankheit hat sie den Fuß nicht aus meinem Hotel gesetzt, sondern im Zimmer nebenan gewohnt. Ohne ihre selbstlose Aufopferung wäre ich nicht mehr am Leben. Ich war wohl schon drei Tage krank, als sie kam; ich erkannte sie, wunderte mich aber nicht im geringsten, daß sie kam, sondern verhielt mich so gleichgültig dagegen, als ob es mich gar nichts anginge, ob sie da sei oder nicht. Sie brachte einen Arzt mit, dessen dichte weiße Locken mir auffielen. Ich bin in einem absonderlichen Zustande gewesen, denn ich gab dem Arzt, der mich deutsch und französisch fragte, nach allerhand Dingen, gar keine Antwort, obgleich ich ihn ganz gut verstand. Ich fand die Kraft oder vielmehr den Willen nicht zur Antwort. Mein Geist war also genau so kraftlos wie mein Leib. Der freundliche Doktor hat mich mit Schröpfköpfen drangsaliert. Danach bin ich wohl ruhiger geworden, denn ich habe ganz still gelegen. Hin und wieder ist es mir zu Mute gewesen, wie wenn der Tod mir nahen wollte; es hat mich aber ganz ebenso gleichgültig gelassen, wie alles übrige um mich her. Es wird wohl jedem Schwerkranken die Fähigkeit abhanden kommen, auch wenn ihm nicht alles Bewußtsein geschwunden ist, zwischen Wichtigem und Unwichtigem zu unterscheiden; komisch bleibt es dabei aber, daß einem gerade geringfügige Umstände mehr auffallen als andere, und auch im Gedächtnis haften, während andere, die für den Zustand wichtiger sind, schwinden. So besinne ich mich noch ganz genau auf das volle weiße Haar des Arztes und auf ein Geräusch an der Tür, als wenn ein Riegel hin- und hergeschoben würde, und zwar an der Tür, die zu dem anstoßenden Zimmer, worin Klara sich aufhielt, führte. Von diesem Geräusch ging mir nichts verloren, und ich beschäftigte mich damit, als wenn Gott weiß was davon abhinge. Es war schnell verschwunden, denn gleich nachher kam der Wärter, der mich unter Klaras Aufsicht pflegen sollte. Er wollte gleich mit mir ein Gespräch anfangen, aber Klara untersagte es ihm. Das Schreiben fällt mir doch noch recht schwer. Ich lasse es deshalb heute sein. 16. Oktober. Das eine Gute hat meine Krankheit gehabt: die Nerven sind ruhiger geworden, auch die plötzlichen Furchtanwandlungen sind geschwunden, aber es verlangt mich doch recht nach Klara. Daß es Sehnsucht nach ihr sei, glaube ich ja nicht, sondern wohl nur Selbstsucht, wie sie sich bei Kranken regt, denen eine Pflege fehlt, an die sie sich gewöhnt haben, und die ihnen so leicht nicht ersetzt werden kann. Daß Klara von jetzt ab nicht mehr nebenan wohnen wird, sage ich mir natürlich selbst; aber es würde mich doch recht trösten, sie hier in Berlin zu wissen. Der schwache, hilflose Kranke ist wie ein Kind: so wie diesem die Mutter fehlt, fehlt ihm die Pflegerin. Was Klara an mir getan hat, hätte keine ihrer Geschlechtsgenossinnen getan; das weiß ich recht wohl, es wäre keiner eingefallen, die Rücksicht auf »die Dehors« um eines Menschenlebens willen zu opfern. Dabei ist mir, zumal im Zusammenhange mit einem gewissen anderen Namen, der Gedanke hieran bitter wie Wermut; aber das sind Sachen, an die man besser nicht rührt, so lange es einem an der Kraft gebricht, sie zu bezwingen. Klara hat im Zimmer nebenan in den Kleidern auf dem Sofa geschlafen, immer bei offener Tür, und ist auf der Stelle an meiner Seite gewesen, sobald ich mich bewegt habe; in der Nacht hat sie an meinem Bett gesessen. hat sich über mein Kopfkissen gebeugt, um zu hören, wie ich atmete, hat mich mit Augen gemustert, die sie vor Müdigkeit kaum noch hat offen halten können. Sie hat mir Arznei eingegeben, hat mich in die Höhe gerichtet, hat mir Kissen unter den Kopf geschoben, damit ich sitzen konnte. Wenn ein lichter Augenblick bei mir kam und ich ihr danken wollte, hat sie den Finger auf den Mund gelegt und mir durch Zeichen bedeutet, daß ich nicht sprechen dürfte. In wieviel Nächten mag das Wohl so gewesen sein? sie ist tagsüber manch liebes Mal eingenickt, wenn sie bei mir am Bette saß, hat auch wohl mitten in einem Satze zu reden aufgehört, so erschöpft war sie, und wenn sie dann wieder munter wurde, hat sie mir zugelächelt, um aber bald wieder einzunicken; nachts ist sie, um sich den Schlaf fern zu halten, in der Stube auf und nieder gegangen, aber so behutsam, so geräuschlos, daß ich nicht das geringste gespürt habe: ich könnte nicht einmal sagen, daß ich ihren Schatten an der Wand gesehen hätte. Einmal habe ich, von Dankbarkeit überwältigt, ihre Hand ergriffen und einen heißen Kuß darauf gepreßt; da hat sie sich aber schnell über mich gebeugt und, ehe ich es zu verhindern vermochte, mir die Hand geküßt. Dabei muß ich ganz offen sagen, daß ich nicht immer die volle Dankbarkeit gegen sie empfunden habe, die ich ihr schuldig bin. Einen kranken Menschen ärgert bekanntlich die Fliege an der Wand, und ich konnte mich der ärgerlichen Empfindung hin und wieder nicht erwehren, daß mich ihre große Figur störte. Ja, ich machte es ihr manchmal im stillen zum Vorwurf, daß ihr Anielkas zierlicher Wuchs fehlte. Ich bin eben zu lange gewohnt gewesen, weibliche Schönheit und weiblichen Liebreiz allein nach Anielkas Vorzügen zu messen. Zuweilen regte sich auch etwas wie Bedürfnis in mir, Klara alle Schönheit überhaupt abzustreiten, sie wenigstens nicht für eine Eigentümlichkeit ihrer Rasse, sondern bloß für eine Zufälligkeit zu betrachten. Das ist mir übrigens bei interessanten Frauenköpfen öfter einmal im Leben passiert. Freilich glaube ich ja, daß dergleichen zarte Unterscheidungen nur solchen Männern möglich sind, deren Nervenapparat eine ganz besondere Sensibilität aufweist. Ich habe aber auch auf Augenblicke die Illusion gehabt, »die Andere« zu erblicken, und zwar besonders dann, wenn Klara in der Dämmerzeit sich weiter weg von meinem Bett setzte. Dann schien mir in ihrem von den vielen nächtlichen Wachen bleichen und angegriffenen Gesicht Ähnlichkeit mit Anielka zu liegen. Dann habe ich im halbwachen Zustande, unter der Einwirkung der Fieberträume meines kranken Gehirns, Klara mit dem Namen »der Anderen« gerufen. Darauf besinne ich mich jetzt, als wenn ich geträumt hätte. 17. Oktober. Vom Bankhaus B. habe ich heute ein paar Briefe der Tante übermittelt bekommen. Sie fragt, wie ich mir meine Zukunft dächte, und schreibt von allerhand Zeug, sogar von Drescharbeit, bloß nichts über Menschen ... ob sie noch am Leben oder gestorben sind? ich finde kein Wort darüber in allen ihren Briefen ... Eine merkwürdige Art zu korrespondieren! Was kümmert mich ihr ganzer Wirtschaftskram? ... ich habe auf der Stelle geantwortet, bin aber nicht im stande gewesen, mit meinem Ärger hinter dem Berge zu halten. 18. Oktober. Tante hat mir heute ein Telegramm von Kromitzki im geschlossenen Briefumschlag hierher geschickt. Es war nach Warschau gerichtet. Er ersucht dringend um weitere 25 000 Rubel, sofern mir darum zu tun sei, mein Geld und ihn selbst zu retten. Was liegt mir noch an ihm und meinem Gelde? mag doch beides flöten gehen! Hätte er eine Ahnung, welche Gründe mich seinerzeit bestimmt haben, ihm das erste Darlehen zu geben, so ließe er es sich ganz sicher nicht einfallen, sich mit dieser zweiten Bitte an mich zu wenden. Mag er nun zusehen, wie er mit seinem Verlust zurechtkommt; ich muß und werde mich in den meinigen finden ... Vermutlich findet er Trost in der »großen Neuigkeit«, die ihn inzwischen wohl erreicht haben wird? Seid fidel, so viel Ihr wollt! setzt Kinder in die Welt, soviel Ihr könnt; bloß verlangt nicht von mir, daß ich sie erhalte, denn dafür muß ich doch danken ... sie hätte mich dann wenigstens nicht gar so rücksichtslos den sogenannten »Grundsätzen« opfern dürfen ... aber wozu immer wieder auf diese unerquicklichen Themata zurückkommen? mir fängt es schon wieder im Schädel zu rumoren an ... ich begehre ja weiter nichts, als daß man mich in Ruhe krank sein lasse ... 20. Oktober. Ich finde auch hier die Ruhe nicht. Es rumort mir schon wieder im Schädel, daß ich die Hände gegen seine Wände pressen muß, denn er droht mir schon wieder zu zerspringen ... Ich kriege Ploshow nicht aus dem Sinne, sondern muß schon wieder an diese Wüste meiner Zukunft in einem fort denken. Ob mir meine Krankheit die Fähigkeit geraubt hat, meine Gedanken auf etwas anderes zu richten? Mir fehlt es wirklich an allem Verständnis für mich, und es will mir immer mehr scheinen, ob statt Liebe mich jetzt Eifersucht beherrsche, und zwar Eifersucht doppelter Natur: Eifersucht auf Umstände, und Eifersucht auf Empfindungen! Der Gedanke, daß dieses Kind nach seiner Geburt Anielkas Herz ungeteilt besitzen wird, versetzt mich in eine Art rasenden Grimms, denn ich sage mir, diese Liebe zu dem Kinde werde notwendigerweise sich auch auf Kromitzki, wenn auch nur in gewissem Maße, übertragen. Wahrhaftig, ich möchte von diesem Weibe, wenn es frei wäre, jetzt gar nichts mehr wissen, und doch ist mir diese Möglichkeit, Anielka könnte noch Liebe zu ihrem Manne fassen, unerträglich ... Nur unter einer Bedingung könnte ich noch existieren: ich müßte die Gewißheit haben, daß Anielka keinen Mann mehr lieben, von keinem Manne mehr geliebt werden wird. 21. Oktober. Erfüllt diese Bedingung sich nicht, so verfalle ich sicher wieder in Krankheit oder werde verrückt. Ich bin mit meinem Leben fertig. Es kann mir nichts mehr bieten. Ich habe nichts mehr von ihm zu erwarten. Mithin wüßte ich nicht, was mich hindern könnte, mich an ein anderes Weib zu verschenken, das ich damit glücklich machen kann. Wie gesagt, ich schätze mich selber, mein Leben, meine Potenz, meine Person kaum mehr noch als nichts, liebe übrigens Klara nicht; falls aber sie mich liebt, falls sie in mir das höchste Lebensglück verkörpert sieht, so wäre es doch grausam, ihr zu verweigern, was für mich selbst so gut wie nichts ist! erklären müßte ich ihr allerdings, was sie in mir bekommen wird, und es ihr überlassen, ob sie mich dann noch geschenkt haben will; will sie mich auch dann noch, nun, dann habe ich mir nichts vorzuwerfen, und sie zu bedauern kann sie mir ja nicht wehren. Nun, die Entscheidung steht ja bei ihr. Was mir diesen Gedanken einigermaßen sympathisch macht, ist eigentlich nur die Vertiefung der Kluft, die mich von diesem Weibe scheidet. Da sie es sich hat angelegen sein lassen, die Kluft zu vertiefen, will ich ihr zeigen, daß ich auch nicht davor zurückscheue. Das wird ja doch vom Ende das Ende bringen; denn vorderhand, – das kann ich nicht in Abrede stellen, so zornig es mich auch macht, – weilen meine Gedanken noch immer bei ihr. Es ist ja möglich, daß ich sie jetzt hasse; aber wer haßt, ist doch nicht gleichgültig; diese Kromitzka ist womöglich der Meinung, es wäre mir gar nichts anderes übrig geblieben, als mich von ihr zu trennen; daß es aber mein Wille gewesen, mich von ihr zu trennen, wird ihr dieser Schritt zeigen. Daß ich Klara nicht liebe, steht fest; aber daß sie mich liebt, weiß ich nicht minder bestimmt. Zudem bin ich ihr zu Dank verpflichtet. In ihrer Handlungsweise mag ja Sentimentalität liegen; das habe ich mir während meiner Krankheit im stillen wohl auch hin und wieder gesagt. Aber »die Andere« hätte sich doch im Leben nicht zu solcher Empfindung emporgeschwungen, sondern im Vollgefühl ihrer erhabenen Tugend einen Mann lieber hilflos umkommen lassen, statt ihn ohne Halsbinde zu sehen: es darf sich doch bloß der rechtmäßig angetraute Ehemann erlauben, sich ohne solches Zubehör seiner Würde zu zeigen. Klara hingegen hat auf alles dies keine Rücksicht genommen, hat um meinetwillen ihre Kunst vernachlässigt, hat sich übler Nachrede ausgesetzt, die Ruhe des Tages, den Schlaf ihrer Nächte geopfert, um mich in meiner Krankheit zu pflegen ... Diese Schuld will und muß ich ihr abtragen ... Ich wüßte nicht, wen es außer der Tante interessieren sollte ... ihr werde ich freilich keine Freude damit erweisen: dieser Schritt wird ihren Nationalstolz, ihren Familienstolz verletzen. Wenn sie aber wüßte, was ich in diesen letzten Monaten erlitten habe, dann gäbe ganz sicher auch sie einer solchen Heirat vor einer solchen Liebe den Vorzug. Ich glaube, das leidet keinen Zweifel. Mich selbst schert's doch wahrhaftig nicht, ob Klaras Ahnen Leineweber oder Strumpfwirker waren ... ich rechne bloß noch mit meinen Nerven und nicht mit Grundsätzen. Zudem sind sie nach dieser Richtung hin durchaus liberal, und die vollständige Nichtigkeit all dieser sogenannten Rücksichten erkennt man doch erst im Unglück. Ich kann mir nicht helfen, aber ich werde den Gedanken nicht los, welchen Eindruck diese Nachricht auf Anielka machen wird? Diese schmerzvolle Gewohnheit, an alles diese Frage zu hängen, was sie dazu sagen, wie sie es auffassen werde, kann ich nun einmal nicht loswerden. 22. Oktober. Der Brief an Klara ist unterwegs. Antwort kann morgen da sein. Es kann auch sein, daß Klara heut selbst kommt. Am Nachmittag kam wieder ein Telegramm von Kromitzki, das von maßloser Verzweiflung erfüllt ist. Es scheint sich zum Ruine zuzuspitzen, und daß es damit so schnell gehen würde, habe ich mir doch eigentlich nicht gedacht. Es mögen wohl Dinge vorgegangen sein, die Kromitzki selbst nicht vorausgesehen hat. Ich kann die 75 000 Rubel verschmerzen, denn ich bleibe noch immer ein reicher Mann. Aber wie wird es mit Kromitzki werden? der Mann ist doch nun mit seiner Frau einzig und allein auf das Wohlwollen der Tante angewiesen ... Wozu damit hinterm Berge halten? in einem ganz versteckten Winkel meines Herzens lebt Freude über diesen Zusammensturz aller Geschäfte dieses Menschen ... Soll ich ihm antworten? Wozu? ich könnte ihm doch höchstens zu dem erwarteten Sprößling gratulieren. Vielleicht ändere ich später einmal die Meinung; warum soll ich ihnen nicht später einmal Brot geben? ... Klara ist gestern nicht gekommen. Sonderbar! sonst war sie doch immer pünktlich da? Geschrieben hat sie auch nicht: könnte ich annehmen, daß sie sich den Fall überlegt, und sei es nur zehn Minuten, so möchte mich ihr Schweigen nicht verwundern. Nun, ich werde warten. Leid tut es mir nicht, den Brief geschrieben zu haben; hätte ich ihn nicht schon geschrieben, so täte ich es gewiß noch jetzt. 24. Oktober. Der Brief ist da. Klara schreibt, im ersten Moment sei sie so überglücklich gewesen, daß sie auf der Stelle habe nach Berlin fahren wollen; dann aber sei sie anderen Sinnes geworden; ihre Liebe zu mir säße zu tief, eine Stimme in ihrem Herzen habe ihr warnend zugerufen, sie solle mich ihren Wünschen nicht opfern, denn höchste Liebe dürfe nicht auch zugleich höchste Selbstsucht sein ... »Sie lieben mich nicht, teurer Herr Leon; wie gern opferte ich das eigene Leben, wenn ich Ihr Herz wandeln könnte; aber was Sie mir schreiben, entspringt bloß Ihrem Dankbarkeitsgefühl und einer verhaltenen Verzweiflung. Ich sah ja auf den ersten Blick, als wir uns in der Friedrichstraße trafen, daß Sie nicht allein nicht gesund, sondern auch nicht glücklich waren. Wie sehr mich Ihr Zustand beschäftigte, zeigt Ihnen meine Nachfrage in Ihrem Hotel, ob Sie bereits abgereist seien. Wie Sie wissen, hatten Sie sich schriftlich bei mir verabschiedet. Es hätte mithin eigentlich kein Grund für mich vorgelegen, weitere Erkundigung einzuziehen; aber es machte mich stutzig, daß Sie noch immer da waren. Ich ließ täglich in Ihrem Hotel nachfragen und bekam zuletzt die Nachricht von Ihrer Erkrankung. Daraufhin begab ich mich selbst in Ihr Hotel, und als ich mich überzeugt hatte, daß es recht böse mit Ihnen aussah, blieb ich dort. Da erfuhr ich nun, daß es auch um Ihren Seelenfrieden nicht gut stand; Sie offenbarten mir in Ihren wirren Träumen ein geheimes großes Leid, und ich gewann daraus die Meinung, daß Ihnen eine jener schweren Enttäuschungen widerfahren sein müsse, deren Last uns das Leben verkümmert, wenn nicht unmöglich macht... Das mußte mich zu der weiteren Meinung führen, daß Sie in der Verbindung mit mir nur Vergessenheit und Betäubung suchen ... und kann ich es über mich gewinnen. Ihnen unter solchen Umständen meine Hand zu reichen? Tue ich es nicht, so mache ich höchstens mich fürs Leben unglücklich; aber ich erspare mir den ewigen Vorwurf: du bist ihm Last und Fessel zugleich! Meine Liebe gehört Ihnen von dem ersten Tage an, da wir einander kennen lernten. Schmerz ist mir also nicht neu: ich meine Schmerz, der in Trennung und Hoffnungslosigkeit, in der Gewißheit, ohne Gegenliebe zu lieben, seine Quelle hat; aber er läßt sich ausweinen, läßt sich einschläfern durch die Musik; und der Trost, daß Sie immer an mich als eine gute Schwester zurückdenken werden, bleibt mir; während mir nur der Tod winkte, wenn ich es als Ihre Frau erleben müßte, daß Sie mich um des übereilten Schrittes halber, mich zur Frau zu nehmen, hassen müßten ... Wodurch hätte ich übrigens, so frage ich mich mit Zagen, solch unsägliches Glück verdient? Schon der Gedanke daran erfüllt mich mit Bangen ... Wissen Sie, daß es eine Liebe gibt, die aus vollem Herzen strömt, und doch demütig ist? Ich weiß es, denn meine Liebe ist solcher Art: kommt es mir doch schon als Anmaßung vor, daß ich den Mut, aller Hoffnung zu entsagen, nicht finden kann. Seien Sie mir darum nicht böse! Unser Gott ist ja barmherzig, und dem Menschen ist nun einmal die Sehnsucht nach Glück so tief ins Herz gepflanzt, daß er sie nicht missen kann und mag ... auch ich finde nicht die Kraft dazu ... Ist es Ihnen möglich, in einem halben oder ganzen Jahre oder auch später, den Antrag zu erneuern, so wird mich dieser Augenblick in reichem Maße entschädigen für alles bisher Erlittene, auch für die Tränen, die sich mir jetzt in die Augen drängen. Klara.« Der eine Mensch in mir kann jedes Wort des schlichten und redlichen Mädchens schätzen und würdigen und nachempfinden: und dieser Mensch flüstert mir zu, daß es sich verlohnen möchte, noch einmal bei dem so wahrhaft liebenden Wesen anzufragen; aber der andere Mensch in mir, der müde und erschöpfte, will nichts wissen davon; er kann wohl nachempfinden, aber nicht mehr wiederlieben, weil er sein alles ergossen hat in jenes einzige große Gefühl, das sein Leben ausmachte ... er sieht klarer als der andere ... er kann nicht zu Klara, zurück, nachdem er einmal von Klara gelöst ist. 28. Oktober. Klara liegt daran, meinem Dank aus dem Wege zu gehen. Deshalb ist sie nach Hannover gereist und wird nicht wiederkommen. Das schmerzt mich, vornehmlich darum, weil dies gute Kind gerade an mich hat geraten müssen. Ist das nicht richtige Ironie des Schicksals? Wie hätte ich glücklich sein können, wenn ich für Klara bloß ein Hundertstel der Liebe gefunden hätte, mit der ich an Anielka hänge ... o, warum muß ich noch immer seufzen unter dem Joche dieser Erinnerungen? Anielka schwebt mir vor Augen, wie ich sie sah in Ploshaw, in Warschau, in Gastein, und von diesem Bilde der Vergangenheit vermag ich mich nicht loszumachen. Wie könnte es aber auch anders sein? ist nicht gleichsam all meine Lebenskraft zu ihr geströmt? Keine Aufgabe fällt dem Menschen so schwer zu lösen wie Vergessen! Es hilft mir nichts, daß ich mir in solchen Augenblicken sage, sie sei eine andere geworden, an deren neuen Empfindungen ich keinen Anteil hätte; hieran habe ich sonst immer nur mit Widerstreben gedacht, es regte mich, immer zu sehr auf; heute wecke ich diesen Gedanken absichtlich, denn es ist das einzige Mittel, mich jenes anderen Gedankens zu erwehren, der sich immer häufiger in mir regt: was kann denn sie dafür, daß ihr dieses Kind aufgenötigt wurde? Und dann kommt eine weitere Frage, die mich tief bedrückt: weißt du übrigens, was in ihrem Innern vorgeht? sie müßte kein Weib sein, wollte sie ihr Kind nicht lieben, wenn es erst einmal auf der Welt sein wird; aber wer kann dir sagen, ob sie sich nicht ganz ebenso unselig fühlt wie du dich? ... Zuweilen schleicht dann die Furcht zu mir heran, daß sie am Ende noch weit, weit unseliger sein könne als ich, und dann möchte ich lieber noch einmal die schwere Lungenentzündung durchmachen ... Nein! bloß nicht weiter leben in diesem Wirrwarr von Gedanken! es ist mir wirklich nicht mehr möglich! 30. Oktober. Ich gerate immer mehr in dies alte Gedankenwirrsal, hinein, je mehr ich von meiner Krankheit genese. Der Arzt sagt, ich würde in einigen Tagen reisen können. Ich will auch reisen, denn in Berlin bin ich doch immer Warschau und Ploshow viel zu nahe. In Rom glaube ich' ruhiger leben zu können; oder ist auch das bloß nervöse Einbildung? Daß ich meinen Erinnerungen jemals entrönne, glaube ich nicht mehr. Nein! sie werden mich verfolgen vom Morgen bis in die Nacht; sie werden sich wohl ungefähr decken mit den Bildern, die den büßenden Menschen verfolgen, der sich hinter die Mauern eines Klosters geflüchtet hat ... Gleichviel wie es später einmal wird, hier kann ich es nun einmal unter keinen Umständen mehr aushalten ... In Wien werde ich bei Angeli vorsprechen: ich will nach Rom ihr Bild mitnehmen. 2. November. Ich bin im Begriffe, Berlin zu verlassen, will aber nicht nach Rom reisen, sondern doch wieder nach Ploshow. Es ist und bleibt nun einmal, wie ich vor langer Zeit niederschrieb: Anielka ist nicht bloß dasjenige Weib auf Erden, das ich am meisten liebe, sondern auch die Seele meiner Seele. Mag es beruhen, auf welcher krankhaften Eigenschaft es wolle, Neurose oder Greisennarrheit, mir soll es gleich sein, was schert mich die Ursache einer Empfindung, die mir im Blut und im Herzen liegt? Ich reise also nach Ploshow. Dort will ich ihr dienen. Dort will ich über sie wachen. Ich begehre keinen anderen Lohn dafür, als ihren Anblick ... Daß ich jemals habe meinen können, ohne diesen das Leben fristen zu können, vermag ich jetzt nicht zu fassen. Ich werde mir über mein Inneres jetzt völlig klar. Ein Brief von der Tante hat viel hierzu geholfen. Sie schreibt mir folgendes: »Ich habe Dir über uns keinerlei Mitteilung machen wollen. Frohe Kunde zu übermitteln, war ich nicht in der Lage, und daß ich von Lügen keine Freundin bin, weißt Du ja. Darum habe ich lieber geschwiegen, zumal ich Dir keine Unruhe bereiten wollte, weiß ich ja doch, daß Deine Gesundheit auch zu wünschen übrig läßt. Dieser Kromitzki bereitet mir Sorgen über Sorgen. Ich möchte gern hören, wie Du über diese Sache denkst: Chwastowski hat von seinem Sohne Nachricht bekommen, nach welcher es mit Kromitzki sehr schlecht steht. Nicht nur in finanzieller Hinsicht, sondern es droht ihm ein Prozeß wegen Betrugs: er hatte eine umfangreiche Lieferung übernommen, ist aber von allen Seiten schlecht und unpünktlich bedient worden; der Lieferungstermin ist ihm über den Hals gekommen, er ist nicht mehr in der Lage gewesen, das Material zu prüfen; nachher hat sich herausgestellt, daß alles, was er geliefert hat, minderwertig war; es ist ihm alles zur Verfügung gestellt worden; ja er wird sich sogar wegen Betrugs vor Gericht zu verantworten haben. Wenn sich wenigstens dieses letztere noch vermeiden ließe! es ist mir besonders um deswillen schrecklich, weil Kromitzki ja selbst an dem Betruge keine Schuld hat. Ueber materiellen Verlust läßt sich ja hinwegkommen, aber nicht über Ehrverlust. Mir geht die Sache ganz schrecklich im Kopfe herum, denn ich weiß wirklich nicht, wie da sich helfen ließe. Ich möchte die Summe nicht gefährden, die ich Anielka ausgesetzt habe, und doch muß auf alle Fälle versucht werden, den Prozeß aus der Welt zu schaffen. Du findest vielleicht Rat, lieber Leon, denn Du hast ja in vielen Fällen Klugheit gezeigt. Ich habe zunächst weder mit Anielka über diesen neuen Verdruß gesprochen noch mit ihrer Mutter. Du kannst Dir schwerlich vorstellen, wie es mit Anielka steht. Sie macht mir ebenfalls recht, recht großen Kummer. Celina ist ja eine Frau von höchst respektablen Grundsätzen, aber zeitlebens übertrieben prüde; diese Grundsätze sind auch maßgebend gewesen für Anielkas Erziehung. Anielka wird zweifelsohne eine treffliche Mutter abgeben; aber jetzt bin ich manchmal ganz außer mir. Wer sich verheiratet, muß sich doch auch mit den Folgen dieses Schrittes abfinden können. Anielka aber kommt aus der Verzweiflung gar nicht heraus. Sie muß ja ihren Zustand für die reinste Schande halten: anders kann ich mir diese Stimmung von ihr gar nicht erklären. Von früh bis Abend mit roten Augen herumlaufen, oder vielmehr nicht herumlaufen, sondern herumhocken, das mit anzusehen, geht doch über den Spaß! dabei wird ihr Gesichtchen von Tag zu Tag spitziger, die Kreise um ihre Augen werden von Tag zu Tag hohler und dunkler, dazu dieser jammervolle Ausdruck, als wenn das arme Ding die größte Schurkin wäre, die Gottes Erdboden trägt ... wahrhaftig, Leon, ich halte es kaum noch aus, das mitanzusehen! ich bin doch nun alt genug und habe in meinem Leben schon manche Frau in gesegneten Umständen gesehen; aber eine, wie Anielka, die diese Umstände in dieser Weise getragen hätte, doch noch nicht ... ich habe es auf alle mögliche Weise mit ihr versucht, hab' ihr gut zugeredet, hab' sie ausgezankt, hab' sie zu zerstreuen versucht, es will alles nichts helfen bei ihr: sie bleibt dasselbe vergrämte, verheulte Frauenzimmer, das sie nun schon ist seit ihrer Herkunft von Wien ... Ich habe sie eben, wie ich bekennen muß, viel zu lieb, das kleine Ding, und habe wohl in meinen alten Tagen auch manches von meiner alten Energie eingebüßt ... dann muß man aber auch gelten lassen, daß das arme Ding so herzensgut ist! Wie gesagt, Leon, es kann einen jammern! Du müßtest bloß wissen, wie oft sie nach Dir fragt! ob wieder ein Brief von Dir da sei, ob Du wieder gesund seiest, ob Du von Berlin weg seiest, oder wie lange Du noch dort zu bleiben gedächtest, wohin Du zu reisen vorhättest, und so weiter. Sie weiß, wie gern ich von Dir sprechen höre, und macht mir deshalb diese Freude von früh bis spät. Ach, wenn ihr der liebe Gott bloß die Kraft schenken wollte, das Schwere zu tragen, was ihr bevorsteht. Vorderhand ist es mir noch nicht möglich, über die unglückselige Situation, in die sich ihr Mann gestürzt hat, sie zu unterrichten; denn ich fürchte, es möchte ihr schaden. Aber ewig kann es ihr doch nicht verborgen gehalten werden. Mit Celina darüber zu sprechen, ist auch ausgeschlossen, denn sie sorgt sich ohnehin schon unsäglich um Anielka und kann nicht verstehen, warum sich ihr Kind es so zu Herzen nimmt, daß sie als verheiratete Frau guter Hoffnung ist, während sonst doch Frauen stolz auf solchen Zustand sind.« Warum? wer sollte dafür die Antwort wissen außer mir? niemand, und das ist's, was mich wieder nach Ploshow treibt. Nicht ihre gesegneten Umstände sind es, die Anielka so zu Herzen gehen, sondern den Umstand nimmt sie sich zu Herzen, daß ich aus Wien geflohen, in Verzweiflung aus Wien geflohen bin. Daß mich Verzweiflung jagt, weiß sie! und das Abkommen, das wir in Gastein, auf der Windischgrätz-Höhe, getroffen hatten, war ihr lieb und wert geworden, um jenes Stempels der Lauterkeit willen, den es trug, den wir ihm aufzudrücken vermochten nach so viel Schmerz und Pein und Mühsal. Ach, mir wird es so leicht, mich in ihre Seele hinein zu denken, ihr alles nachzufühlen, nachzuleiden, was sie fühlt und was sie leidet. O, die Tragödie ihres Lebens ist der meinen wohl würdig! Von der Stunde an, da ich wieder in Ploshow auftauchte, loderte in diesem überedlen Wesen der Kampf zwischen Pflicht und Empfindung. Sie wollte ihre Frauenehre wahren, wollte dem Manne, dem sie Treue gelobt hatte, Treue halten; Unlauterkeit und Lüge sind ihr Undinge! ... und doch war sie außer stande, die Neigung zu jenem anderen Manne zu ersticken, dem ihre erste Liebe gehörte; sie war dazu um so weniger im stande, als jener andere in ihrer Nähe blieb, sie liebte, rasend liebte und dadurch rasend unglücklich wurde ... In diesem furchtbaren Empfindungsdilemma lebte sie nun monatelang, bis es endlich zwischen ihr und mir zu einem Frieden kam ... zu jenem Frieden, den das Abkommen auf der Windischgrätz-Höhe schuf oder schaffen sollte: von da ab lebte sie sich in die Auffassung hinein, als sei hinfort keine Rede mehr zwischen uns von einer verbotenen Liebe, sondern nur von einer Gemeinschaft der Seelen, durch die weder die Lauterkeit der Gedanken gefährdet, noch das Gelöbnis der Treue verletzt werde ... und da wurde dieses Band wieder jäh zerrissen, sie stand wieder allein, vor sich die gleiche Leere und Oede, die so lange schon vor mir gähnt! ... Das ist die Antwort auf jenes Warum? in dem Briefe der Tante! das ist der Grund zu ihrem jetzigen Jammer. Ich lese in ihrer Seele wie in einem Buche ... und das eben ist's, was mich wieder – nach Ploshow treibt ... Jetzt weiß ich auch, daß ich sie Wohl kaum verlassen hätte, hätte ich gewußt, daß die Empfindung, die für mich in ihrem Herzen lebt, von solch ausdauernder Kraft sei. Wäre bloß nicht jener Gedanke über mich gekommen, daß ihr Kind mir ihr Herz rauben, sie ihrem Manne näher bringen, mich aber ganz von ihr entfernen werde! das war es ja gewesen, was mich aus Wien verjagte, was diese schreckliche Verzweiflung über mich brachte! die bloße tierische Eifersucht, so schrecklich häßlich auch der Gedanke an jene Rechte, die einem anderen gehören, auf meine Phantasie wirkt, wäre niemals so mächtig in mir geworden, daß ich mich von dem Weibe losgerissen hätte, das mir das teuerste hienieden ist, das meine ganze Welt ausmacht! Und doch werde ich ihr nie wieder sein, was ich war oder hätte werden können, wäre nicht alles so gekommen, wie es nun eben gekommen ist! Aber ich weiche nicht mehr von ihr, so lange nur ein Fünkchen von Empfindung für mich in ihrer Seele lebt ... ich kann sie nicht missen, darum gehe ich nicht mehr von ihr ... und wüßte ich denn übrigens, wohin ich gehen sollte? Also zurück zu ihr! zurück! ich will versuchen, ob sich jenes Fünkchen von Empfindung zur milden Flamme anfachen läßt, an der ich das bißchen Wärme finde, das ich ja haben muß, wenn ich nicht erfrieren, erstarren soll ... »Du müßtest bloß wissen, wie oft sie nach Dir frägt! ob wieder ein Brief von Dir da sei, ob Du wieder gesund seiest, ob Du von Berlin weg seiest, oder wie lange Du noch dort zu bleiben gedächtest, wohin Du zu reisen vorhättest, und so weiter. Sie weiß, wie gern ich von Dir sprechen höre, und macht mir deshalb diese Freude von früh bis spät.« Ich muß sie immer, immer wieder lesen, diese Worte im Briefe der alten Tante, und kann mich gar nicht satt an ihnen lesen ... Ich komme mir vor wie ein Mensch, der dem Verhungern nahe war und dem im letzten Augenblicke unvermutet ein Stückchen Brot zuteil wird. Ich esse von der kargen Speise und fühle, wie sich die Tränen mir in die Augen drängen. Sollte sich Gott in seiner Barmherzigkeit endlich meines Jammers erinnern? die letzten Tage haben, ich fühle es, den alten Menschen in mir vernichtet. Ich werde hinfort alles tragen, werde Anielka trösten und beruhigen – und werde auch ihren Mann aus seiner Not erretten. 4. November. Ich bin doch noch zwei Tage in Berlin geblieben, denn ich habe es nach einiger Ueberlegung für richtiger gefunden, erst zu schreiben, daß ich kommen wolle. Freilich bringe ich damit ein Opfer, denn ich muß noch warten; aber Anielka könnte doch erschrecken, wenn ich so Hals über Kopf nach Ploshow schneie, und mit einem Telegramm wäre es kaum anders bestellt. Ich habe einen ganz vergnügten Brief an die Tante geschrieben, habe Anielka recht schön grüßen lassen und dazu Worte gewählt, als sei gar nichts Besonderes zwischen uns passiert. Ich will, sie soll einsehen, daß ich mich mit meinem Schicksale ausgesöhnt habe und nach Ploshow zurückkehre als ganz derselbe, der ich in den guten Zeiten war. Tante hat, glaube ich, meine Wiederkunft halb und halb erwartet. Warschau , 6. November. Heute bin ich mit dem Frühzuge hier angekommen. Tante war auf dem Bahnhofe. Es scheint mir wirklich, als sei sie auf meine Rückkunft vorbereitet gewesen. In Ploshow geht es leidlich. Anielka ist seit meinem Briefe ruhiger. Kromitzki hat in der letzten Zeit gar nicht mehr geschrieben, auch nicht telegraphiert. »Du lieber Gott, Leon!« rief die arme Tante ganz außer sich, als sie mich nun im Lampenschein der Wartehalle besser sehen konnte ... »was ist denn mit Dir vorgegangen?« ... Sie wußte ja nicht, daß ich eine schwere Krankheit durchgemacht hatte, und es muß wohl sein, daß ich noch recht elend aussehe. An den Schläfen bin ich ja so grau geworden, daß ich schon daran gedacht habe, mir das Haar zu färben: will ich doch jetzt weder alt sein, noch alt aussehen. Tante war übrigens ebenfalls sehr verändert; der Unterschied zwischen heute und dem letzten Male, da ich sie gesehen, ist auffällig. Ihren Zügen wohnt die alte Festigkeit nicht mehr inne, und doch sind sie starrer geworden. Wenn sie aufmerksam zuhört, dann wackelt sie schon recht mit dem Kopfe. Besonders tritt diese Bewegung ein, wenn sie nicht gleich auf das erste Wort hin versteht ... Ich fragte voll Besorgnis, wie es mit ihrer Gesundheit stände, und sie gab mir mit ihrer alten offenen Weise Antwort: »Nach Gastein habe ich mich eine Zeitlang recht wohl befunden; dann ist es wieder schlecht geworden und immer mehr bergab gegangen.« Nach einer Pause setzte sie hinzu: »Bei uns Ploshowskis ist der Schlagfluß erblich, und ich verspüre auch schon alle Morgen die ersten Anzeichen davon in meinem linken Arme, der mir immer steif und erst nach geraumer Zeit bewegungsfähig wird. Aber was hat es für Zweck, darüber viel Sums zu machen? Wie Gott will, muß es uns eben recht sein.« Da sie über sich nicht weiter reden wollte, meinte ich, wir möchten doch einmal zusammen überlegen, welche Schritte sich vielleicht in der Angelegenheit Kromitzkis unternehmen ließen. Wir kamen zu dem Schlusse, daß wir wohl alle Opfer bringen wollten, um den Prozeß hinfällig zu machen; seinen Ruin dagegen könnten wir nicht anders aufhalten als durch unseren eigenen Ruin, und das müsse schon aus Rücksicht auf Anielka für ausgeschlossen gelten. Ich schlug vor, ihn nach Hause zu rufen, sobald die Prozeßfrage abgetan sei, und ihm eins unserer Güter in eigene Verwaltung zu geben. Ein Giftkelch für mich! aber um mein Opfer voll zu machen, will ich ihn leeren, will mich darein finden, daß Anielka mit ihm unter einem Dache weilt ... Wie sehr meine Seele vor diesem Gedanken erbebt, das weiß allein unser Herrgott ... Die Tante meint, sie könne sich um Anielkas willen mit meinem Vorschlage befreunden, und spricht von einem Ploshower Vorwerk, das sie ihm abtreten will; ich erkläre darauf, daß ich bereit sei, ihm das dazu notwendige Kapital zu geben. Das solle, meint Tante, Anielkas Mitgift sein. Dagegen bemerke ich, daß ich Geld nur unter der Bedingung hergeben werde, daß Kromitzki sich in Anielkas Gegenwart ehrenwörtlich verpflichtet, allen Spekulationsgeschäften ein für allemal zu entsagen. Wir werden ihm einen Warschauer Rechtsanwalt nach Baku schicken mit ausreichenden Vollmachten zur Aufhebung des Prozesses. Nach Erledigung dieser Kromitzkischen Punkte erkundigte ich mich nach Anielka. Die Tante erging sich in einer ausführlichen Schilderung ihres Befindens, sagte auch, sie habe sich sehr verändert, und zwar zu ihrem Nachteile. Mir tut sie um deswillen nur noch mehr leid. Mein Herz gehört ihr und kann ihr nichts auf Erden abwendig machen. Sie ist und bleibt die Seele meiner Seele. Ich wollte zwar gleich nach Ploshow fahren, sobald wir alles zusammen durchgesprochen hatten; aber Tante sagte, sie sei zu müde und wolle lieber in der Stadt übernachten. Ich glaube, sie handelt so einzig und allein aus Rücksicht auf mich: ich habe ihr nämlich bekannt, daß ich eben erst von einer Lungenentzündung genesen sei. Da mochte sie wohl die Fahrt im Wagen bei dem schlechten Wetter – es regnet nämlich stark – für nicht so ganz gefahrlos halten. Es geht auch nicht so schnell mit dem Rechtsanwalt für Kromitzki, wir werden wohl noch einige Stunden brauchen, ehe wir den richtigen finden. Er muß auch gleich abreisen können, denn Kromitzkis Angelegenheiten dulden keinen Aufschub. 7. November. Heut abend, kurz nach sieben, sind wir in Ploshow eingetroffen. Es ist jetzt bald Mitternacht, und das ganze Haus liegt bereits im Schlafe. Gott sei Dank! das Wiedersehen hat Anielka nicht allzu heftig erschüttert. Sie kam langsam, unsicher, beschämt, mit einem fast ängstlichen Ausdruck in den verweinten Augen, auf mich zu. Ich tat so ungezwungen, so natürlich, als seien wir erst gestern auseinander gegangen. Ich hatte mir fest vorgenommen, unserer Begegnung jeden Anstrich einer Versöhnung zu nehmen. Darum eilte ich ihr, sobald ich sie sah, mit ausgestreckter Hand entgegen und rief ihr munter zu: »Na, was machst denn Du, liebe Anielka? mich beschlich so starke Sehnsucht noch Euch allen und nach Ploshow, daß ich meine Seereise bis auf weiteres aufgegeben habe.« Anielka begriff auf der Stelle, daß diese Begrüßungsworte Frieden und Ruhe für sie bedeuten sollten, daß ich mich selbst zum Opfer herführte, um wieder bei ihr sein zu können. Ein paar Sekunden stand sie da, von Rührung sichtlich überwältigt; und schon beschlich mich die Furcht, sie möchte die Gewalt über sich verlieren und in Tränen ausbrechen. Ich sah, daß sie sprechen wollte, aber nicht konnte, ihren warmen Händedruck aber fühlte ich, und damit sie nicht weinen müsse, nahm ich hastig wieder das Wort: »Ei, und was macht denn Dein Porträt? Der Kopf war doch fertig, als Du Wien verließest? Nun, so schnell wird es Angeli wohl nicht schicken, denn er sagte ja, es solle sein Meisterwerk werden, und da wird er es, denke ich mir, wohl erst auf ein paar Ausstellungen schicken wollen, vielleicht nach Wien, Paris und München. Ein wahres Glück, daß ich gleich eine Kopie bestellte. Sonst müßten wir vielleicht noch ein ganzes Jahr warten. Aber ich wollte doch nun einmal ein Bild von Dir für mich haben.« Ihre Mama und Tante mischten sich jetzt in die Unterhaltung, und da blieb ihr erst recht nichts weiter übrig, als in meinen heiteren Ton einzustimmen, wenn es ihr auch schwerlich heiter zu Mute war. Auf diese Weise gingen die ersten Augenblicke ganz gut an uns vorüber. Ich hielt auch den ganzen Abend fest an dieser Rolle; leicht ist es mir freilich nicht geworden, ich bin ja auch erst kaum wieder gesund, und dieser Zwang tat mir recht weh. Beim Abendtisch fiel mir ein Blick Anielkas auf: sie hatte die Augen ein paar Sekunden auf meinem mageren, vergrämten Gesicht und auf den stark ins Graue spielenden Haaren an beiden Schläfen ruhen lassen. Da mochte sie erraten haben, was ich gelitten hatte ... Ich plauderte aber munter von allem, was ich in Berlin erlebt habe, und wenn mich einmal eine Schwäche anwandelte, so bekämpfte ich sie energisch, so daß Anielka in meinen Augen weiter nichts lesen konnte als stille Ergebung in das Unvermeidliche. Um sie nicht merken zu lassen, daß mich ihre so völlig veränderte Gestalt mit tiefem Schmerz erfüllte, vermied ich es ängstlich, sie anzusehen, und ich glaube, daß es mir gelang, sie trotz allem Scharfsinn, der ihr eigen ist, über die Empfindungen zu täuschen, die mein Herz wirklich erfüllten. Ja, sie mochte zuletzt wohl denken, daß ich mich zu dem alten Worte bekennte: Glücklich wer vergessen kann, was man nicht mehr ändern kann. Und wenn anderseits ich in dieser Auffassung optimistisch sein sollte, so wird doch eins bestehen bleiben: daß sie nicht daran zweifeln kann, daß ihr nach wie vor all meine Liebe gehört, daß sie mein Abgott, meine alte Anielka auch heute noch ist. Ich durfte mir sagen, daß es ihr jetzt wohler ums Herz war, und daß ich nicht bloß in ihr Herz, sondern in das ganze Haus Freude gebracht hatte durch mein Wiedererscheinen. Das verrieten die Gesichter der beiden alten Damen deutlich genug, und als ich mich bei ihnen zur Nacht verabschiedete, sagte Frau Celina zu mir: »Ich danke unserem lieben Gott von Herzen, daß er Dein Herz wieder hierher zu uns gelenkt hat. Seitdem wir Dich hier haben, ist unsere Stimmung gleich eine viel fröhlichere.« Anielka aber reichte mir die Hand und fragte: »Nun wirst Du uns so schnell doch nicht wieder verlassen?« – »Nein, Anielka,« versetzte ich, den Druck ihrer Hand erwidernd, »ich verlasse Euch nicht mehr!« ... Dann aber eilte ich auf mein Zimmer, denn ich war am Ende meiner Kräfte angelangt. Ich habe in meinem Zimmer den Abend über bittere Tränen geschluckt, und ihrer so viel, daß ich mehr als einmal meinte, ersticken zu müssen. Kleine Opfer kosten eben zuweilen mehr, viel mehr als große. 8. November. Anielka ist die Seele meiner Seele; das schreibe ich darum so oft nieder, weil man wirklich, wenn man unter solchen Umständen nicht auf und davon rennen soll, ein Weib lieber haben muß als sein Leben. Aber ich harre bei Anielka aus und werde nicht von ihr weichen, und wenn ich mir sagen muß, daß mich bei jedem anderen Weibe gewiß physischer Ekel beschliche, so muß ich mir weiter sagen, – und das ist mein alter Gedanke, – daß meine Liebe zu Anielka krankhafter Natur ist, daß sie eine nervöse Verirrung ist, die in einem normalen Gehirn nicht denkbar wäre. Dem modernen Menschen, der alles durch seine Nerven zu erklären sucht und sich jeder Regung seines Gemüts bewußt ist, bleibt nicht einmal der Trost der eigenen Treue, denn da er sich sagen muß: Deine Treue ist ja bloß krankhaft, also gar nicht Dein Verdienst, muß er auch erhöhte Bitterkeit im Herzen empfinden... und wenn uns durch solche Erkenntnis das Dasein nur stärker verbittert wird, warum dann um solche Erkenntnis sich reißen? Heute sehe ich Anielka bei Tageslicht: und heute erst sehe ich, wie sehr sich ihr Gesicht verändert hat... dieser Anblick ergreift mich tief: der Mund ist geschwollen, und die Stirn, ehedem von so idealer Reinheit, ist gewöhnlich geworden. Die Tante hatte recht, als sie sagte, sie hätte sich sehr zu ihrem Nachteil verändert... fast aller Reiz ist von ihr geschwunden; bloß die Augen sind noch die alten... das aber genügt mir! für das Gesicht selbst finde ich nur tiefes, tiefes Mitleid... aber meine Liebe rauben kann es Anielka nicht: ich liebe sie darum nur noch inniger! weit inniger! und sollte sie noch zehnmal häßlicher werden, so änderte auch das an meiner Liebe nichts, denn meine Liebe wird sich ewig, ewig gleich bleiben. Ist das Krankheit, nun, meinetwegen, dann bin ich eben krank und mag gar nicht anders als krank sein, will vielmehr lieber an dieser Krankheit sterben als an einer anderen... 9. November. Es muß ja die Zeit wiederkehren, die sie in neuer Schöne erblühen läßt. Ob unser Verhältnis auch dann keine Aenderung erleiden wird? Ich habe mir heut diese Frage gestellt und meine, sie mit einem Nein beantworten zu müssen. Denn ich habe gelernt, was es für mich bedeutet, das Leben ohne sie, und werde nicht das geringste tun, was sie erzürnen oder auch nur verdrießen könnte. Sie hingegen ändert sich niemals ... wenn ich auch recht gut weiß, daß auch sie mich nicht entbehren kann, so weiß ich auch nicht minder, daß sie die Liebe, die für mich in ihrem Herzen lebt, nie anders kennen, nie anders nennen wird, auch vor sich selbst nicht, denn Schwesterliebe. Mag diese Liebe sein, welcher Natur sie wolle, für Anielka wird sie ewig nur Seelenliebe sein: ideale Verschmelzung meiner mit ihrer Seele ... eine lautere, statthafte Empfindung ... sobald ein anderer Gesichtspunkt bei ihr zum Vorschein träte, würde sie den alten Kampf wieder mit sich selbst beginnen. Darüber besteht bei mir kein Schatten von Zweifel, und ihr Verhältnis zu mir ist ihr erst lieb und wert und teuer geworden, seit es gelungen ist, ihm den Stempel der Lauterkeit aufzudrücken ... möge also nichts geschehen, was diese Lauterkeit stören könnte! 10. November. Ich glaube nicht daran, daß die Sensibilität des modernen Menschen in Abnahme begriffen sei. Mir scheint, das Gegenteil vielmehr ist der Fall. Was ist uns denn von dem allen, worauf unsere Ahnen ihr Leben stützten, geblieben außer den Nerven? aber im Zustande weit größerer Reizbarkeit, weit höherer Empfindsamkeit sind sie uns geblieben! Früher hat die Menschheit für Enttäuschungen in der Liebe Tröstung gefunden in der Religion oder in gesellschaftlichen Pflichten: heute ist davon keine Rede mehr, seitdem durch den Mangel an roten Blutkörperchen anormale Empfindungen geweckt wurden, wodurch die Tragödie der Empfindungen nicht kleiner, sondern größer geworden ist ... und während ehedem ausschweifende Empfindungen durch den Charakter gezügelt wurden, werden jetzt die Charaktere so selten – und müssen es werden – daß von solcher Zügelung gar nicht mehr gesprochen werden kann: der Skeptizismus zersetzt bazillenhaft alles Psychische im Menschen, alle Widerstandskraft büßt er durch ihn ein, und die physiologischen Gelüste werden gesteigert, unsere Nerven selbst geschwächt: sie erkranken, verfallen in Siechtum ... der moderne Mensch ist sich wohl aller Dinge bewußt, er weiß aber gegen die Unruhe keinen Rat! 11. November. Kromitzki hat nichts mehr verlauten lassen – sogar seine Frau hat keine Nachricht von ihm. Ich habe ihm telegraphisch mitgeteilt, ein Rechtsanwalt sei schon bestellt, doch ging dieses Telegramm aufs Geratewohl hinaus, denn wo er sich aufhält, weiß kein Mensch. Auch der Brief, den ich hinterher schrieb, geht ins Blaue hinein. Vielleicht erhält er ihn einmal – aber wann, das mögen die Götter wissen. Der alte Chwastowski hat an seinen Sohn geschrieben, vielleicht erreicht diesen ein Brief eher. Ich bin jetzt viel mit Anielka zusammen, es hindert mich niemand daran. Ihre Mutter hat im Gegenteil den Wunsch geäußert, ich möchte Anielka schon ein wenig darauf vorbereiten, was nun alle Tage eintreten könne, damit eine Nachricht von ihrem Manne sie nicht erschrecke. Ich habe nun Anielka schon zu verstehen gegeben, daß ich die Spekulationen Kromitzkis nicht für sehr glücklich halte, und sie möchte sich nicht allzusehr grämen, wenn er eines Tages endgültig Bankerott mache, dies sei ja eher mit Freuden zu begrüßen, denn dann winke ihr doch endlich eine ruhige Zukunft. Meines Geldes wegen brauche sie sich nicht zu sorgen, sagte ich, denn das stünde auf alle Fälle sicher. Dann deutete ich auch auf die Absichten der Tante, und sie hörte mich ruhig an. Daß sie von allen um sie her geliebt wird, das verleiht ihr Kraft. Ich liebe sie von ganzer Seele, und mein Wesen gibt ihr das deutlich zu verstehen. Und wenn ich das Glück habe, sie zu einem Lächeln zu bewegen, so freut mich das im Innersten. Ich liebe sie jetzt, wie etwa ein alter treuer Diener seine vergötterte Gebieterin lieben mag. Und wenn sie sich noch so sehr verändert, für mich kann sie weder alt noch häßlich werden – ich bin glücklich, wenn ich nur bei ihr sein kann, und am liebsten sitze ich zu ihren Füßen. 12. November. Kromitzki ist tot ... Wie ein Blitz schlug diese Todesnachricht bei uns ein. Gott lasse Anielka gesund bleiben! Ein Telegramm ist gekommen – darin steht, er sei wegen Betruges in Anklagezustand versetzt worden und habe aus Furcht, zu Gefängnis verurteilt zu werden, sich das Leben genommen. Wer hätte sich das träumen lassen? Kromitzki tot – Anielka frei! Wird sie das Entsetzliche überstehen? Ich lese die Nachricht wieder und wieder – und mir ist, als befände ich mich in einem schweren Traume. Aber Chwastowski hat die Meldung unterschrieben, und somit ist an der Zuverlässigkeit nicht zu zweifeln. Ich hatte ja immer vermutet, daß die Sache schief gehen könnte – daß es aber ein so furchtbares Ende nehmen würde, das war mir nie in den Sinn gekommen. Mir ist zu Mute, als hätte mir einer mit der Keule einen Schlag vor den Schädel versetzt. Wenn ich jetzt nicht den Verstand verliere, dann bin ich gegen alles gefeit. Gewissensbisse brauche ich mir keine zu machen. Ich habe Kromitzki schon einmal unter die Arme gegriffen, und jetzt habe ich ihm auch einen Rechtsbeistand geschickt. Allerdings, ich habe einmal gewünscht, er möchte zur Hölle fahren, und das schleunigst – aber um so anerkennenswerter war es ja, daß ich ihn nachher aus der Not habe retten wollen. Und nun, ohne daß ich etwas dazu getan hätte, ja sogar meiner gutgemeinten Unterstützung zum Trotz hat ihn der Tod ereilt. Anielka ist frei! Das alles ist mir klar – Kromitzki stand mir immer im Wege – das Hindernis ist nun beseitigt – und doch! freuen kann ich mich nicht – ich getraue mich nicht, mich darüber zu freuen – meine Angst um Anielka ist zu groß. Als ich das Telegramm erhielt, war mein erster Gedanke: Was wird nun aus Anielka? wird sie diese Schreckensbotschaft ertragen können? Gott stehe ihr bei! Sie hat den Mann freilich nie geliebt – aber so wie es jetzt um sie steht, kann ein so furchtbarer Schlag ihr Tod sein. Ob ich sie von hier wegbringe? Es war nur ein Glück, daß mir das Telegramm auf mein Zimmer gebracht wurde, daß ich nicht gerade im Speisezimmer oder im Salon mich aufhielt. Ich weiß nicht, ob ich mich soweit hätte beherrschen können, mir nichts merken zu lassen. Als ich ein wenig meine Fassung wiedererlangt hatte, ging ich zu meiner Tante. »Ich habe Nachricht von Kromitzki,« sagte ich, »es steht sehr schlecht um ihn.« »Was ist denn los?« »Ich bitte Dich, liebe Tante, erschrick nicht ...« »So sprich doch – hat das Gericht schon ...« »Er befindet sich schon vorm Gericht – aber nicht vorm irdischen –« Meine Tante blinzelte mich an, als glaube sie, nicht recht gehört zu haben – ich reichte ihr das Telegramm – sie las es – und ohne ein Wort zu erwidern, kniete sie bei ihrem Betschemel nieder und betete, das Gesicht in den Händen vergrabend. Nach einer Weile stand sie auf. »Das kann der Anielka den Tod bringen,« sagte sie. »Was sollen wir bloß machen?« »Bis nicht die Geburt vorüber ist, darf Anielka nichts wissen.« »Aber wie sollen wir es ihr denn verheimlichen? Das erfährt doch die ganze Welt, es kommt doch auch in die Zeitungen.« »Da gibt es nur einen Ausweg, Tante. Der Arzt muß Anielka eine Reise verordnen, unter dem Vorwand, daß ihre Gesundheit dies erheische. Dann gehe ich mit ihr und ihrer Mutter nach Rom. Dort werde ich ohne Schwierigkeiten ihnen alle Nachricht vorenthalten können, während das hier allerdings fast unmöglich sein dürfte.« »Wird sie aber reisen können, so wie es mit ihr steht?« »Das kann natürlich nur der Arzt beurteilen, er soll heute noch kommen.« Die Tante stimmte mir bei, und wir beschlossen, Frau Celina in unser Geheimnis zu ziehen, damit sie uns in unserer Absicht, Anielka zu einer Reise zu bewegen, unterstützen könne. Die Dienerschaft erhielt den strengen Befehl, keinerlei Neuigkeiten der jungen Frau zuzutragen, sondern alle Briefe, Zeitungen oder sonstigen schriftlichen oder mündlichen Mitteilungen, an wen sie auch gerichtet sein möchten, an meine Person gelangen zu lassen. Die Tante weiß sich noch gar nicht zu fassen. Sie betrachtet den Selbstmord als ein schweres Verbrechen, als eine Todsünde – wenn sie daher den Toten auch bemitleidet, so denkt sie seiner doch auch mit Entsetzen, voller Schauder. »Das durfte er nicht tun,« sagt sie immer wieder. »Er, der in Kürze Vater werden soll. Aber man muß annehmen, das hat er nicht gewußt. Denn jedenfalls haben seine verwirrten und dem Zusammenbruche nahen Geschäftsmanöver ihn in der letzten Zeit ruhelos von einem Orte zum anderen gejagt, so daß die Mitteilung ihn überhaupt nicht erreicht hat.« Ich kann nicht umhin, ich fühle noch Hochachtung vor ihm. Wie mancher geht ins Gefängnis, nachdem er sich des Betruges schuldig gemacht hat, und führt dort ein herrliches Leben. Und er war schuldlos – er hat es vorgezogen, mit seinem Blute den falschen Verdacht wegzuwaschen. Er wollte so tief nicht sinken. Wenn ihn lediglich der Bankerott in den Tod getrieben hätte, dann wäre mein Mitleid weit geringer. Aber ich glaube wohl, auch der Bankerott allein hätte genügt, ihn zum Selbstmord zu bewegen, denn ich erinnere mich noch immer jener Ansichten von Geld und Leben, die er mir in Gastein auftischte. Wenn man meine Liebe ein Nervenleiden nennen kann, so verdient seine Geldgier noch weit eher diese Bezeichnung. Sein Leben war nur von dem Bestreben erfüllt, Geld zu machen ... als er dieses Bestreben nicht befriedigen konnte, fühlte er sich ebenso haltlos in der Luft, wie ich seinerzeit in Berlin. Was hätte ihn nun davon abhalten sollen, sich das Leben zu nehmen? Der Gedanke an Anielka? Er war ja sicher, daß wir für sie sorgen würden ... und dann mochte er wohl auch gefühlt haben, daß sie ihn nicht liebte? ... Auf jeden Fall hatte ich eine zu geringe Meinung von ihm, denn soviel Energie habe ich in ihm nicht vermutet. Anielka ist frei! Frei! Ich kann noch nicht absehen, was diese Worte alles bedeuten, so oft ich sie mir auch wiederhole. Ich möchte vor Glückseligkeit närrisch werden, und doch auch drückt ein unsagbares Angstgefühl mich zu Boden. Wird nun wirklich ein neues Leben beginnen? Ich habe die Empfindung, als wenn eine Springflut mich und alles um mich her mit sich fortrisse – eine Flut, in der alles, was Menschen wollen und erstreben, untergehen müsse. Der Gedanke, daß Kromitzki tot ist, ist mir immer noch wie unfaßbar. Dieser Schicksalsschlag führt ein ungeahntes Glück für mich herauf. Aber der Mensch besitzt ein gewisses moralisches Taktgefühl, das ihm untersagt, sich über den Tod eines Mitmenschen, und sei er auch unser Feind gewesen, zu freuen. Der Tod erfüllt uns alle mit ehrfürchtiger Scheu. Wenn eine Leiche im Hause ist, spricht jeder Mensch leise. So habe auch ich nicht das Herz, zu frohlocken. 13. November. Meine Pläne sind vereitelt. Heute früh hat sich Anielka vom Arzt untersuchen lassen. Das Ergebnis lautet, daß eine Reise ihr Leben gefährden könne. Ich muß annehmen, daß der Zustand Anielkas anormale Symptome aufweise. Der Doktor erklärte mir die Lage, aber diese termini technici waren mir entsetzlich, denn jeder schien mir eine Falle, hinter der der Tod lauerte. Ich sagte nun dem Doktor, weshalb ich zu reisen wünschte, aber er sagte, es könne keine Rede davon sein – wenn zwischen zwei Gefahren die Wahl zu treffen sei, so wähle er die kleinere. Er gab mir den Rat, Anielka den Tod ihres Mannes mitzuteilen, und ich geriet außer mir über ein solches Ansinnen. »Wenn Sie die Gewißheit haben,« sagte er, »daß Sie der Dame die Wahrheit noch zwei Monate lang verbergen können, dann ist es ja gewiß weit besser, sie erfährt nichts. Wenn dies aber nicht anzunehmen ist, dann ist es besser, sie langsam vorzubereiten und dann ihr alles zu sagen – sonst kann ich für nichts einstehen.« Was ist da zu tun? Ich muß eine wahre Quarantäne über Ploshow verhängen – kein Mensch, kein Schreiben, keine Zeitung darf passieren, die Dienerschaft muß nicht nur darüber, was sie zu sagen hat, sondern auch darüber, was sie für Gesichter zu machen hat, instruiert werden; denn was es nach sich ziehen kann, derartige Wahrheiten einer Leidenden zu sagen, das habe ich heute an Frau Celina gesehen. Vor ihr konnten wir nicht gut noch länger hinterm Berge halten. Sie fiel in Ohnmacht, und kaum kam sie wieder zu sich, so verfiel sie in Weinkrämpfe, die mich zur Verzweiflung brachten, denn sie waren im ganzen Hause zu hören. Ich kann mich mit dem Vorschlage des Doktors unter keinen Umständen einverstanden erklären. Ich will ein für allemal nichts davon wissen. Wenn ich ihnen auch alles andere sagen könnte, eins muß ich ia doch für mich behalten: daß sie Kromitzki nicht geliebt hat, und daß sie gerade deshalb unter der Nachricht von seinem Tode furchtbar leiden wird. Denn sie wird nicht den Schmerz empfinden, der uns beim Verscheiden einer teuren Person erschüttert, sie wird nur sich selbst die bittersten Vorwürfe machen und sich der Schuld an seinem Tode zeihen. Sie wird sich sagen: wenn er sich von mir mehr geliebt gewußt hätte, wäre ihm das Leben auch mehr wert gewesen. Daß dies in Wahrheit unhaltbare Vorwürfe sein werden, wird sie sich nicht klar machen. Daß sie in Wahrheit geleistet hat, wozu der menschliche Wille fähig ist, indem sie meiner Liebe Widerstand entgegensetzte und keusch und treu blieb – das wird die Wucht dieser Selbstanklagen nicht vermindern. Ja, sie wird in ihrer so scharfen Empfindung für Gut und Böse ihre eigene Seele bis in die tiefsten Gründe zu erforschen suchen, ob sie nicht im geheimen diesen Tod herbeigewünscht hätte, um über Kromitzkis Leiche hinweg zur Freiheit, zur Erfüllung ihrer geheimsten Sehnsucht zu gelangen. Wenn ich mir das alles vorstelle, überläuft mich ein kalter Schauer. Die Mitteilung vom Tode ihres Mannes muß wie ein zwiefach zündender Blitzstrahl in ihre Seele schlagen und sie zu Boden werfen. Das kann der Doktor nicht wissen, das können Tante und Frau Celina nicht wissen – aber ich weiß es. Nein! es soll ihr alles geheim gehalten werden, bis sie ihre schwere Stunde glücklich hinter sich hat. Doch daß wir nicht reisen dürfen, ist eine neue Widerwärtigkeit. Sie hier so zu behüten, daß ihr noch auf so lange Zeit die Wahrheit verborgen bleibt, das ist sehr schwierig. Bei der größten Sorgfalt, bei den kompliziertesten Vorsichtsmaßregeln kann ein Blick, ein zufälliges Wort alles zu Schanden machen. Wie soll ich denn die Dienerschaft daran hindern, geheimnisvolle Gesichter zu ziehen? Außerdem müssen sie ja doch alles binnen kurzem erfahren. Und dann kann ich sie doch nicht alle einfach wegschicken. Schon daß so oft Telegramme kommen, sieht sehr verdächtig aus. So fragte heute Chwastowski telegraphisch an, was mit der Leiche geschehen solle. Ich beschied ihn dahin, sie vorläufig an Ort und Stelle bestatten zu lassen. Die gestrigen Zeitungen habe ich durchgesehen. In zweien davon stand die Nachricht vom Tode Kromitzkis. Wenn Chwastowski diese Veröffentlichung lanziert hat, dann muß er einfach verrückt sein. Nun wissen es auch die Diener, und sie schneiden Gesichter, daß ich mich nur wundere, wie es Anielka entgehen kann. Sie war bei Tisch vergnügt und außergewöhnlich aufgeräumt. Aber je lustiger die Tochter war, um so mehr verfinsterte sich das Gesicht der Mutter, bis sie schließlich eine echte und rechte Leichenbittermiene schnitt. Ich habe sie nachher dafür gründlich ins Gebet genommen. 14. November. Dem Rat des Doktors zufolge sind wir alle in Warschau. Wir haben Anielka weisgemacht, in Ploshow würde Dampfheizung angelegt, deshalb müßten wir auf kurze Zeit hinaus. Sie hat unter der Fahrt sehr gelitten. Es ist sehr schlechtes Wetter, aber im Grunde bin ich heilfroh, daß wir uns hierher begeben haben, denn hier weiß ich, daß die Diener zuverlässig sind. Anielka wollte die eben ausgepackten Bilder sehen, und ich war sofort bereit, ihr alle zu zeigen und zu erklären. »Es war einmal mein sehnlichster Wunsch, Dich auch in Rom herumzuführen.« »Ach ja, Rom!« antwortete sie. »Rom schwebt mir auch vor der Seele, aber manchmal habe ich so eine Ahnung, als sollte ich es nie sehen.« Ich habe jetzt vor der nichtigsten Sache Angst – bloße Ahnungen jagen mich ins Bockshorn – überall sehe ich Gefahren, schlimme Vorzeichen. Und so verließ mich auch bei ihren Worten mit einem Male aller Mut. Dennoch zwang ich mich zu einer heiteren Antwort: »Du wirst Rom sehen, ich verspreche es Dir,« sagte ich. »Und wir werden lange dort bleiben.« Ich betrachte Anielka schon als mein unbestreitbares Eigentum. Und als mein Eigentum will ich sie mir erhalten. Die Uebersiedelung nach Warschau war sehr angebracht, denn erstens können wir hier alles, was gebraucht wird, weit schneller haben, und zweitens können wir hier ganz nach Belieben Besuche annehmen oder abweisen, was auf dem Lande nicht gut angegangen wäre. Die düstere Stimmung, die den Aufenthalt in Ploshow unerträglich machte, wird sich zwar auch hier nicht aus der Welt schaffen lassen, aber es bietet sich doch immer mehr Zerstreuung, und das städtische Leben und Treiben, das sich vor unseren Augen abspielt, wird Anielka Ablenkung verschaffen. Sie wird hier selten ausgehen, und nie ohne Begleitung. Bewegung hat ihr der Arzt empfohlen, und ich habe dafür gesorgt, daß sie in einem kleinen Garten an der Rückseite des Hauses im Winter und bei schlechtem Wetter hin und her gehen kann. Das Damoklesschwert hängt beständig über uns ... die Angst, in der wir schweben, ist kaum noch zu ertragen. 15. November. Wie es gekommen ist, daß sie Verdacht schöpfte, das kann ich nicht sagen – aber heute beim Frühstück sah sie uns plötzlich alle an und sagte: »Mir kommt es so vor, als haltet Ihr etwas vor mir geheim.« Ich erblaßte – Frau Celina verlor die Fassung – nur meine gute Tante war geistesgegenwärtig und antwortete: »Gewiß halten wir etwas geheim vor Dir nämlich, daß Du in unseren Augen eine kleine Törin bist – aber nun mag es nur heraus. Leon hat gestern gesagt, Du würdest nie Schach spielen lernen, weil es Dir einfach unmöglich ist, ein paar Züge im voraus zu berechnen.« Inzwischen hatte ich die Ruhe wiedererlangt und fing sogleich über diesen Punkt zu lachen und zu scherzen an. Anielka tat so, als beruhige sie sich bei unserer Ausflucht – aber eine Stimme sagt mir, wir haben ihren Verdacht nicht beseitigen können. Es ist ihr nicht verborgen geblieben, daß wir uns alle zur Heiterkeit zwingen mußten. Die älteren Damen sind nun in steter Angst – und auch ich weiß nun keinen Rat mehr, denn es ist mir mit einem Male klar geworden, daß all unser Mühen umsonst ist. Anielka wird vorläufig nur bei sich denken, eine Spekulation sei fehlgeschlagen und habe einen bedeutenden Geldverlust herbeigeführt – was aber soll werden, wenn Monate vergehen, ohne daß Kromitzki schreibt? Was sollen wir ihr dann sagen? Wie sollen wir es ihr begreiflich machen, weshalb er sich so lange in Schweigen hülle? Der Doktor meinte, Frau Kromitzka würde sich natürlich Kopfzerbrechen machen, weshalb solange kein Brief käme, es sei ja auch ganz gut und schön, ihr die Wahrheit vorzuenthalten, aber es sei doch die Frage, ob die dauernde Ungewißheit sie schließlich nicht mehr mitnehmen würde, als der Schmerz, den die Gewißheit mit sich bringen müsse und für den es schließlich doch auch eine Linderung gäbe. Die Damen haben sich daher fest vorgenommen, es ihr morgen zu sagen. Ich lehne mich energisch dagegen auf. Wo ich gehe und stehe, höre ich eine warnende Stimme, die mir zuruft: Tut es nicht! – Ich habe eine entsetzliche Angst – eine Angst, die mir bisher ganz fremd war, deren Höhe mir bis jetzt bei jedem anderen verächtlich erschienen wäre. Aber auch der Mut eines Menschen hat seine Grenzen – und hier steht ihr Leben auf dem Spiele ... 16. November. Bis zum Abend ist alles gut gegangen ... dann aber kam das Unglück ... Anielka erlitt unerwartet eine Fehlgeburt ... Ich habe es ja vorher gesagt. – – Es ist drei Uhr nachts ... sie schläft ... der Doktor bleibt bei ihr. Ich muß bei Verstand bleiben – einer muß hier sein, der nicht ganz verrückt ist, denn verrückt sind sie nun alle – ich muß bei Verstand bleiben – um ihretwillen! 17. November. Der Doktor sagt, die Krankheit nehme bis jetzt einen ganz normalen Verlauf. Was will er damit sagen? daß sie sterben wird? Sie hat kein starkes Fieber – ist bei Besinnung – leidet an Schwäche und Abgeschlagenheit in allen Gliedern – die Schmerzen sind jedoch nicht sehr heftig. Aber der Doktor hat uns schon darauf vorbereitet, daß das Fieber bis zu vierzig Grad in die Höhe gehen und die Schmerzen sich zu furchtbarer Heftigkeit steigern werden. Uebelsein und Anschwellung der Beine werden sich einstellen – wie nett von ihm, daß er uns das so genau vorhersagt. So mag denn auch der jüngste Tag hereinbrechen. Mein Gott, wenn Du mich durch ihren Tod strafen willst, ich schwöre Dir, heute noch will ich mich auf den Weg machen, sie verlassen, sie nimmer und nimmermehr wiedersehen – nur laß sie am Leben! 18. November. Ich habe sie bis jetzt noch nicht gesehen. Ich wache über ihrer Schwelle, aber ich getraue mich nicht hinein, ich fürchte, es möchte schlimmer mit ihr werden, wenn sie mich erblickt. Ich muß mich zum Schreiben zwingen. Es ist meine einzige Tätigkeit – die einzige Beschäftigung, über der ich ein wenig ruhiger werde. 19. November. Durch die Tür habe ich sie stöhnen hören ... o, diese furchtbaren Schmerzen! Der Doktor sagt, die Schmerzen seien bei diesen Komplikationen stets so heftig – ich aber erblicke darin das blind wütende, grausame Schicksal. Die Arme, so erzählt mir die Tante, wirft die Arme um den Hals ihrer Mutter und wimmert um Hilfe ... und keine Seele kann ihr helfen. Da möchte man mit dem Kopfe wider die Wand rennen. Sie leidet unaufhörlich an Uebelkeit, die Beine sind stark geschwollen – die Schmerzen erreichen eine unerträgliche Heftigkeit – das Fieber ist auf 40 Grad gestiegen – doch ist sie noch bei vollem Bewußtsein. Der Arzt meint, es brauche kein schlimmes Ende befürchtet zu werden ... die Krankheit könne ebenso gut auch in Heilung übergehen. 20. November. Ich weiß es jetzt, – gesagt hat mir's niemand, aber ich habe die Gewißheit, Anielka wird sterben. Ich bin jetzt Herr meiner selbst – ich bin völlig ruhig. Sie stirbt. Als ich heute nacht vor der Tür ihres Zimmers saß, wurde es mir mit einem Male zur festen Ueberzeugung. Es war gegen Morgen, da ging die eigentümliche Umwandlung in mir vor: es war, als wenn mir Schuppen von den Augen fielen, ich erkannte das Unumgängliche, und ich beruhigte mich dabei. Anielka ist dem Tode geweiht – keine Macht der Erde kann ihr helfen – sie ist unrettbar verloren. Alle Aerzte der Welt können mir diese Gewißheit nicht ausreden. Und eben deshalb habe ich mich darein ergeben. Uns beiden ist das Urteil gesprochen. Ich müßte ja mit Blindheit geschlagen sein, wenn ich nicht sehen wollte, daß wir hienieden durch eine Gewalt, die unermeßlich ist wie das Weltall, voneinander getrennt sind. Ich vermag dieser Macht keinen Namen zu geben, und ich könnte wohl Berge durch mein Flehen versetzen, aber nicht diese Macht zur Umkehr bewegen. Zwischen mir und Anielka steht der Tod – der Tod wird sie mir rauben. Das mag ja logisch alles ganz richtig sein – aber ich will mich nun nicht mehr von ihr trennen lassen. 21. November. Heute hat Anielka nach mir verlangt ... Meine Tante vermutete, die Kranke wolle mich bitten, nach ihrem Tode für ihre Mutter zu sorgen, daher hatte sie alle anderen hinausgeschickt. In der Tat hatte Anielka das auch im Sinne gehabt. So sah ich denn meine Heißgeliebte wieder. Sie ist noch bei Bewußtsein – ihre Augen strahlen – ihr Geist arbeitet in fieberhafter Erregung. Sie hat fast gar keine Schmerzen mehr. Ihr Gesicht hat etwas Engelhaftes. Sie lächelte mir zu, als sie mich kommen sah, und auch ich ... lächelte. Ich bin völlig gefaßt, denn ich weiß, was kommen muß, und mir ist zu Mute, als läge sie schon im Sarge. Sie ergriff meine Hände, fing an von ihrer Mutter zu sprechen, sah mich lange an, als wollte sie sich noch ein letztes Mal nach Herzenslust an meinem Anblick werden, und sprach dann: »Laß Dir nicht bange sein, Leon, mir ist wohler, viel wohler – nur – falls mir etwas zustoßen sollte, – so möchte ich Dir etwas von mir hinterlassen. Es ist vielleicht sehr schlecht von mir, schon so rasch nach meines Mannes Tode ein solches Bekenntnis abzulegen – aber, Leon, es kann doch sein, daß ich sterben müßte, und da will ich Dir doch noch sagen ... ich habe Dich über alles geliebt ...« »Das weiß ich, mein einziges Lieb,« antwortete ich, ihre Hände festhaltend. Wir sahen einander lange und zärtlich an. Mit dem Lächeln der Braut grüßte sie mich zum ersten Male, und in diesem Augenblick tat ich ihr das Gelübde, ihr eigen zu bleiben und sollte ich ihr auch in den Tod folgen müssen. Die Schwermut des Todes lastete auf uns beiden, und doch war uns unsäglich wohl. Erst als der Priester angemeldet wurde, ging ich von ihr. Sie hatte mir schon gesagt, ich sollte nicht erschrecken, wenn der Pater käme, sie habe ihn nicht herkommen lassen, weil sie sich dem Tode nahe wüßte, sondern weil es wohl in jedem Falle für einen Kranken besser sei, für den Notfall die Seele beruhigt zu haben. Als der Priester wieder fort war, ging ich noch einmal zu ihr. Sie war sehr erschöpft und schlief bald ein. Sie schläft jetzt noch, aber wenn sie aufwacht, gehe ich wieder zu ihr und bleibe dann bei ihr, bis sie wieder einschläft. 22. November. Es steht jetzt weit besser. Frau Celina ist närrisch vor Freude. Ich allein lasse mich nicht irreführen ... ich weiß, was hinter dieser trügerischen Besserung lauert. Als der Doktor mir sagte, es würde eine Lähmung der Unterleibsorgane hinzutreten, war ich darauf schon gefaßt. 23. November. Heute früh ist Anielka ... gestorben – – – – – – – – – – – – – – Rom , 5. Dezember. Ich hätte Dir Glück bringen können und brachte Dir Verderben. Ich bin schuld an Deinem Tode. Wenn ich mein Leben richtig angefaßt hätte, wenn ich überhaupt ein anderer Mensch gewesen wäre, dann wär' Dir der Gram erspart geblieben, an dem Du zu Grunde gegangen bist. Und als das letzte Flackern Deines Lebenslichtleins erlosch, da bin ich mir klar darüber geworden: ich muß Dir folgen. An Deinem Totenbette habe ich gelobt, der Deine zu bleiben, und dieser Eid führt mich jetzt zu Dir. Deine Mutter soll meine Erbin sein, und der Tante hinterlasse ich – Jesum Christum: die Liebe zu Ihm wird sie bis an ihr Lebensende aufrecht erhalten. Ich aber muß zu Dir! Meinst Du, mir graute nicht vor dem Tode? O doch! weiß ich doch nicht, was hinter ihm liegt! Ich starre in eine undurchdringliche Finsternis – und mir graut! – Aber mein ewiges »Ich weiß nicht« hat Dich in den Tod getrieben – wie soll ich da noch länger hier bleiben? Je mehr mir graut vor dem, was jenseits des Todes harrt, je weniger ich darüber Gewißheit habe, was Dir im Jenseits bevorsteht, um so weniger kann ich Dich allein den Weg ins Jenseits pilgern lassen. Meine Anielka, ich komme mit – – – – – – Ende. –