Julius Wolff Das schwarze Weib Roman aus dem Bauernkriege Erstes Kapitel. Wenn man der ungeheuren Bewegung gedenkt, die in den zwanziger Jahren des sechzehnten Jahrhunderts ganz Deutschland ergriff und in der Geschichte unseres Volkes nicht ihresgleichen hat, so reizt ihre gewaltige Erscheinung zu dem Wunsche, sich ihre Ursachen und dauernden Triebkräfte in Kürze klarzumachen. Der Bauernkrieg war das blutige Ende jener großen Revolution. Was aber war ihr Anfang? Luthers über alle Maßen kühnes Auftreten und seine völlige Lossagung von Rom war es nicht. Wohl aber gab seine Lehre und sein Walten und Wirken mit Wort und Tat dem in allen Schichten des Volkes bereits gärenden und sich kundgebenden Drängen nach einer anderen Gestaltung der politischen und sozialen Zustände einen neuen, mächtigen Anstoß und fügte dem bisher überwiegenden nationalen Gedanken das die Gemüter noch viel tiefer erregende religiöse Element hinzu. Nacheinander erprobten erst die Fürsten, dann die Ritter und endlich die Bauern ihre Kraft, an dem zur Zeit Bestehenden zu rütteln und ihre staatsrechtliche Stellung oder ihre wirtschaftliche Lage zu verbessern. Die anderen beiden Stände, die Geistlichen und die Bürger, wurden nur widerwillig in Mitleidenschaft gezogen. Die wenigsten von ihnen beteiligten sich an dem kriegerischen Werke aus eigenem Antrieb, die bei weitem meisten wurden erst durch die Ereignisse dazu gezwungen. Freilich hatten beide, die Kleriker und die Städter, am wenigsten Ursache, eine Änderung ihrer Lebensverhältnisse zu wünschen. Doch fand der von Luther ausgestreute Same des Evangeliums gerade bei der deutschen Bürgerschaft den empfänglichsten Boden. Die Fürsten strebten längst nach einer neuen Reichsverfassung, welche die Machtbefugnisse des Kaisers einschränken, die der Fürsten aber beträchtlich erweitern sollte. Nur zu einem geringen Teile erreichten sie dies mit der Karl dem Fünften aufgedrungenen Wahlkapitulation. Man hatte von dem jungen Herrscher, der eine Macht und einen Reichtum mit auf den Thron brachte wie kein Kaiser vor ihm, viel erwartet. Er aber mit seinem kühlen Herzen und seinem nüchtern rechnenden Verstande war und blieb ein Fremdling im deutschen Volke, und so wenig er dessen Sprache verstand, so wenig oder noch weniger begriff er den nationalen Gedanken und vollends die religiöse Bewegung, die er beide hätte lenken und leiten können, wenn er der Mann dazu gewesen wäre. Die Ritter erstrebten andere Ziele. Sie gönnten dem Kaiser alle Machtvollkommenheit, wollten aber von den Reichsfürsten unabhängiger sein als sie waren. Sie begehrten nach der vollen Adelsfreiheit alter, längst verklungener Zeiten und wollten sich der weltlichen und geistlichen Territorialherrschaft entledigen. An ihrer Spitze stand Franz von Sickingen, der mächtige Baron mit dem lebendigen, offenen Sinn für großartige Ideen, und ihm zur Seite mit Schwert und Feder sein kühner Freund Ulrich von Hutten, der poeta laureatus . Aber ihre Macht war zur Erreichung ihrer Zwecke nicht groß genug. Mit manchen anderen fielen auch sämtliche siebenundzwanzig Burgen Sickingens in die Hände der Fürsten. Er selber sank nach heißen Kämpfen und tapferm Widerstande auf seiner Burg Landstuhl, zu Tode getroffen, dahin; Hutten starb im Elend, und so wurde auch der Versuch der Ritterschaft, eine neue Ordnung der Verhältnisse im deutschen Reiche herbeizuführen, zu Boden geschlagen. Wie die Fürsten gegen den Kaiser und die Ritter gegen die Fürsten, so erhoben sich nun die Bauern gegen ihre Unterdrücker, die Ritter, um ein schier unerträgliches Joch von sich abzuschütteln und sich wieder des Daseins zu freuen, das ihnen jetzt durch grausame Knechtung, harte Fronen und unerschwingliche Abgaben verbittert und verkümmert wurde. Wie sah die Zeit aus, der Hutten zurief: »O Jahrhundert! es ist eine Lust zu leben!«? Die Künste entfalteten in Italien und Germanien eine bis dahin unerreichte Meisterschaft und prangten in herrlichster Vollendung. Die ihnen verwandten Handwerke folgten ihnen nach und bereiteten den alten Schönheitsformen des klassischen Hellenentums und der glorreichsten Römerzeit eine Herz und Sinn befreiende und erquickende Wiedergeburt. Die Wissenschaft schlug mit dem Humanismus trotz im Finsteren nebenher schleichendem Teufel-, Hexen- und anderem Aberglauben neue Bahnen ein, und auf allen Gebieten menschlichen Forschens und Erkennens erwachten und regten sich die Geister. Ja, es war eine Lust zu leben für den freien Mann, der nicht mit Not und Drangsal zu kämpfen hatte. Hochauf blühte der Handel. Und das ward das Unglück der Bauern. Aus der kürzlich entdeckten neuen Welt strömten unermeßliche Schätze auch in die deutschen Lande. Mit dem schnell wachsenden Reichtum aber stieg auch der Luxus in der Lebensführung der vornehmen Stadtgeschlechter, sich in immer weitere Kreise ausdehnend, zu einer ganz erstaunlichen Höhe. Die Fugger, die Welser und andere große Handelsherren gewöhnten sich an eine mehr als fürstliche Pracht und brachten damit das Geld auch unter die Leute, ihre Mitbürger, die ihnen mit ihrer Arbeit und Kunstfertigkeit zu dieser Pracht verhelfen mußten. Kamen nun die Ritter aus ihren engen, bescheiden eingerichteten Burgen in die reich geschmückten Häuser und zu den üppigen Gastmählern der Patrizier oder zu den städtischen Festlichkeiten im Rathause, so verdroß sie der dort sich breit machende Glanz und Prunk, den sie den Pfeffersäcken nicht gönnten, und die Ritterfrauen blickten mit Neid auf die kostbaren Gewänder und blitzenden Geschmeide der stolzen Kaufmannsfrauen. Begreiflicherweise trachteten die Ritter danach, es den Bürgern mindestens gleichzutun, und weil ihnen die Mittel dazu fehlten, suchten sie sich diese auf jede Weise zu verschaffen. Da ihnen aber der ewige Landfriede des Kaisers Maximilian das Plündern der Städte und der Städter verbot, setzten sie den Bauern den Fuß auf den Nacken, preßten sie unbarmherzig aus und trieben sie dadurch in Jammer und Elend. Die Bücher der Geschichte, die Chroniken, Prozeßakten, Urgichten haben haarsträubende Dinge zutage gefördert, in welcher schaudererregenden Weise die Bauern von ihren Herren gedemütigt und getreten wurden, wie ihnen gegen alles Herkommen widerrechtlich und planmäßig unter dem ungeheuren, sich fort und fort steigernden Drucke von Abgaben jeglicher Art, Zehnten, Fronen und Lasten Mark und Blut ausgesogen wurden. Recht fand der Arme nirgend im deutschen Reiche; das alte, volkstümliche war längst verloren gegangen, und auf die Schlangenwindungen des römischen verstand sich der Bauer nicht; darum haßte er die Rechtsverdreher, die doctores juris von ganzem Herzen. Da, in der höchsten Not und Angst der Verzweiflung erhob sich der gemeine Mann endlich und griff zur ersten besten Waffe, die ihm zur Hand war, um sich seiner Bedrücker zu erwehren und sich vor dem Verhungern zu bewahren. Und nun kam Martin Luther, vollbrachte die größte Tat seines Lebens mit seiner deutschen Bibelübersetzung und gab damit, nach der Meinung der in ihren Rechten Verkürzten, dem allgemeinen Aufstande Brief und Siegel von oben. Im Christentum liegt ein sozialistischer Zug, denn es lehrt: alle Menschen sind vor Gott gleich. Der Arme, der Mühselige und Beladene legte und legt sich heute noch dieses Wort aus als einen ihm durch göttliche Offenbarung verbürgten Anspruch auf Gleichberechtigung zu allen Ehren und Genüssen des Lebens, während der, aus dessen Munde kommend uns dieses bedeutsame Wort überliefert ist, es doch nur auf das geistige und sittliche Gebiet angewandt wissen wollte, denn er fügte an anderen Orten hinzu: Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist, und jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat, denn es ist keine Obrigkeit ohne von Gott. Und vom Christentum haben sich die Bauern niemals abgewandt. Sie haben sich auf ihren Streifzügen, bei ihren wüsten Plünderungen und Mordbrennereien zu den größten Ziellosigkeiten hinreißen lassen, aber niemals zur Gottlosigkeit. Am Glauben und am christlichen Bekenntnis hielten sie fest und nannten ihre weitverzweigte Verschwörung den »evangelischen Bund« und ihre Streitkräfte das »evangelische Heer«. Luther aber, ein Feind aller Ausschreitungen und Auflehnungen, rechtfertigte die auf ihn gesetzten Hoffnungen der mit ihrem Lose Unzufriedenen, daß er ihr Anwalt und Führer in dem Kampfe werde, nicht. Er sagte den Bauern ebenso streng und derb seine Meinung, wie er sie unerschrocken den Fürsten und dem Adel deutscher Nation gesagt hatte, und wies sie mit ihren Forderungen ab. Was wäre wohl geschehen, wenn er sich mit der vollen Wucht seiner ganzen Persönlichkeit an die Spitze der mächtig aufflammenden Bewegung gestellt hätte? Seit langen Jahren schon war sie im stillen vorbereitet, wurden ihr heimlich Anhänger geworben. Verkleidete Sendlinge, nur den schon Eingeweihten kenntlich, durchzogen das Land, verteilten Flugschriften, wühlten und hetzten zum Aufstande. Und endlich im Frühjahr 1525 brach der Sturm los. In allen Gauen Süddeutschlands rotteten sich die Bauern zusammen, setzten sich Führer, ließen ihr Fähnlein fliegen, stürmten Schlösser und plünderten Klöster. Aus den vielen Tausenden aber, die siegvertrauend in den Kampf um die Freiheit hinein und geschlagen, gefallen, gerichtet in ihm zugrunde gingen, ragt manch ein schlichter Held hervor, dem die Geschichte den ehrenden Nachruf versagt, dem keine Hand den verdienten Lorbeer auf das zerschmetterte Haupt gedrückt hat. Solch einem Helden, einer Heldin – denn es ist ein weibliches Wesen – sind diese Blätter gewidmet, die nicht den Gang und die Ereignisse des ganzen Krieges, sondern nur das Leben und die Schicksale der wenig bekannten Freiheitskämpferin zur Darstellung bringen sollen. In der Dämmerung eines dunstigen, naßkalten Frühjahrsabends geschah es, daß sich an schicklich ausgewähltem Orte zahlreiche Scharen von Bauern zu einer allgemeinen, aus weitem Umkreis einberufenen Versammlung einfanden. Von Dorf zu Dorf, von Hütte zu Hütte war es durch Landfahrer und Aufbieter heimlich bestellt, geraunt und geflüstert oder durch Zierholdgeschrei verkündet worden: am Sonntag Lätare stellt euch ein im Schüpfergrund mit Wehr und Waffen! es soll losgehen, und keiner fehle, der gut bäuerisch ist! Da waren sie gekommen zu Tausenden, aus den Dörfern des Odenwaldes, des Neckartales und des Taubertales und lagerten oder standen umher auf den breiten Wiesen des Schüpfergrundes am östlichen Rande des Odenwaldes, wo Pfalzgräfliches, Kurmainzisches, Württembergisches, Deutschherrisches und andere, kleinere Herrschaftsgebiete zusammenstießen, und warteten der Losung, die ihnen die Aufrührer und Führer hier geben wollten. In Landsmannschaften und einzelnen Dorfschaften hielten sie sich zusammen, die Nachbarn begrüßend mit stummem Nicken oder derbem Handschlag wie mit ungesprochenem Schwur, der eine Verwünschungen, der andere einen Seufzer tiefster Beschwernis auf den blutlosen Lippen. Ihre Kleidung war so bunt gemischt wie die Gestalten selber aus allen Altersstufen vom bartlosen jungen Burschen bis zum fast gebrechlichen Greise. Dünne, zerfetzte Bauernkittel trugen sie, geflickte Lodenwämser mit verschossenen Zattelkragen, manche wohl ein speckglänzendes Lederkoller, einzelne sogar einen beuligen Küraß. Nicht alle waren mit plumpen Nagelschuhen versehen, die mit Riemen um Knöchel und Bein gebunden waren und daher Bundschuhe hießen, viele waren barfuß gekommen, weil sie kein Schuhzeug mehr hatten. Zwischen all den lappigen grauen Filzhüten und verwitterten Gogeln blinkte hier und da eine eiserne Sturmhaube. Die Waffen waren meistens kurze Spieße, verrostete Schwerter und lange Messer, auch alte Morgensterne, Heugabeln und Dreschflegel, doch fehlte es auch nicht an Schießgewehren, mit denen ihre Besitzer wohl umzugehen verstanden. Ihre Gesichtszüge waren teils wettergebräunt, teils bleich und abgezehrt von Hunger und Elend. Die einen zeigten eine finstere Entschlossenheit, die anderen eine verzweifelte Ratlosigkeit oder ein dumpfes, stumpfes Vorsichhinstarren, gleichgültig gegen Leben und Sterben. Manche trugen ein Brandmal auf der Stirn, auf Befehl eines Ritters ihnen aufgedrückt, weil sie sich eines Frondienstes geweigert hatten. Etliche waren verstümmelt. Diesem fehlte ein Ohr, jenem eine Hand, auf Befehl eines Ritters ihm abgehauen, weil er ein Wild getötet hatte, das ihm sein Stückchen Ackerland verwüstete. Andere hatten nur noch ein Auge, denn das zweite war ihnen wegen irgendeines Vergehens gegen die Gebote ihrer Herrschaft ausgestochen worden. Und das alles war ohne Richterspruch und Urteil geschehen, nur aus eigener, willkürlicher Gewalt ihrer Zwingherren, die mit so grausamen Strafen von jedem Ungehorsam abschrecken wollten. Aus den nächsten Ortschaften waren auch Frauen mitgekommen, von Neugier getrieben, was die Männer hier beschließen würden. Einige von ihnen trugen ein blasses Kind auf dem Arm, in Lumpen gehüllt, manches weinend oder hüstelnd, andere fröstelnd und stumm mit großen, tiefliegenden Augen verwundert um sich schauend. Die Dämmerung war bereits hereingebrochen; von den Wiesen stiegen Nebel auf, an den Ästen der Bäume am Waldessaum, an denen schon die Blattknospen schwollen, hingen Tropfen, und an den Stämmen sickerte Feuchtigkeit nieder. Hie und da hatte man ein Feuer angezündet, dessen Glut sich bald mit gedämpftem, bald wieder hoch aufsteigendem Schein im Nebel spiegelte. Um diese Feuer standen die Bauern dicht gedrängt zu Haufen herum, erzählten sich ihre Erlebnisse und sprachen von ihrer Not. Einer klagte, daß man ihnen nimmer Rast und Ruhe gönnte. Am Feiertage mitten in der Ernte müßten sie für ihre Gräfin Schneckenhäuslein suchen, Garn darauf zu wickeln, und Erdbeeren und Schlehen sammeln. Bei gutem Wetter müßten sie für ihre Herren scharwerken mit Spann- und Frondiensten, nur die Tage des Unwetters ließe man ihnen, und das Gejaid und die Hunde liefen ihnen durch die Saaten ohne einige Achtung des angerichteten Schadens. Ein anderer vermeldete, daß Graf Helfenstein auf Weinsberg ein Bäuerlein hätte greifen und ihm den Kopf abschlagen lassen, weil der Arme sich in einem Bache ein paar Krebse gefangen hatte. Schreie des Unwillens und der Entrüstung wurden laut über die Grausamkeit des verhaßten Grafen, von dem nun noch andere, fast ebenso entsetzliche Geschichten im Kreise hier erzählt wurden. »Wißt ihr denn,« sprach darauf ein Bauer, »was geschehen ist, als die Ritter das Dorf Thayingen verbrannten und alles, was ihnen begegnete, niederstachen? Dreißig Bauern verschanzten sich in der Kirche, aber die Ritter legten Feuer an, daß die dadrinnen erstickten. Ein Bauer, sein Kind auf dem Arm, flüchtete sich auf den Turm, und als die Flammen auch da hinaufschlugen, warf er sich vom Kranze hinab mit seinem Kinde. Die Ritter streckten ihm ihre Speere entgegen und spießten den Bauer im Sturze; das Kind aber kam ohne Schaden davon.« So ging das von Mund zu Mund. Der eine wußte immer noch Schlimmeres zu berichten als der andere, und wie die Nebel von den Wiesen, so stiegen Grimm und Erbitterung in den Gemütern derer empor, die sich hier die Zeit des Wartens in so grauenhafter Weise vertrieben. Nahe dem Walde erhob sich ein Hügel; da brannte das größte Feuer, und daneben war eine Stange in den Boden gepflanzt, auf deren Spitze ein Bundschuh steckte, das Wahrzeichen des evangelischen Bundes. Das war die Stelle, von der die Redner zu dem versammelten Volke sprechen sollten. Aber nicht nur Wort und Weisung der Führer und Hauptleute verlangte man zu hören, man erwartete auch einen Prädikanten und seine Feldpredigt hier unter Gottes freiem Himmel. Viele von den Anwesenden waren der Meinung, Thomas Münzer, der große Apostel und Verteidiger der unterdrückten Menschenrechte, der Mann mit der Feuerzunge, das Schwert Gideons, wie er sich nannte, würde selber kommen, um ihnen das Evangelium der Freiheit und Gleichheit zu verkünden und ihnen, wie er es anderswo getan hatte, mit flammender Begeisterung zurufen: »Lasset euer Schwert nicht kalt werden vom Blut, schmiedet Pinkepank auf dem Amboß Nimrod, werft den Turm zu Boden, weil ihr Tag habt!« Aber der Prophet ließ lange auf sich warten, die Bauern fingen an ungeduldig zu werden, weil ihnen noch immer niemand sagte, was geschehen sollte, und gar mancher dachte schon daran, wie er mit Fug von dannen käme. Einer der Führer und zwar der, der den größten Haufen zur Stelle gebracht hatte, war Georg Metzler, ein Gastwirt aus dem Städtchen Ballenberg in der Nähe von Krautheim an der Jaxt. Er war ein Mann von vierschrötigem Körperbau und rücksichtslosem Auftreten, hatte in Saus und Braus gelebt, besaß aber im ganzen Odenwald gute Bekanntschaft und genoß viel Vertrauen. In seinem Wirtshause waren schon öfter Bauernversammlungen abgehalten worden, und auch der geistige Leiter der Verschwörung, Wendel Hippler, hatte sich manchmal mit den in seine Pläne am tiefsten Eingeweihten zu geheimer Beratung bei ihm eingefunden. Ihm ordneten sich daher die anderen Führer hier willig unter und wählten ihn zum obersten Hauptmann. Aber auch er geriet durch das Ausbleiben des Prädikanten den Bauern gegenüber in Verlegenheit, denn er selber war weit mehr ein Mann der Tat als des Wortes. Ging die Versammlung hier ratlos und beschlußlos auseinander, so wurde dem Aufstande ein schwer wieder gutzumachender Schaden zugefügt. Der Prädikant sollte ja den bewaffneten Tausenden hier keine Verhaltungsmaßregeln vorschreiben, ihnen keinen Kriegsplan entwickeln, er sollte sie durch seine Rede nur zum Handeln begeistern und aufstacheln; dann, einmal in Feuer und Flammen gebracht, ließen sie sich leicht lenken und bewegen, wohin Georg Metzler sie haben wollte. Er harrte und hoffte noch auf einen anderen, einen jüngeren Gesinnungsgenossen, der sein Erscheinen bestimmt zugesagt, freilich auch den weitesten Weg hatte. Vielleicht brachte der den Prädikanten, den wortgewandten Priester Veltelin von Massenbach, mit, dessen Predigt den kriegerischen Beschlüssen und Befehlen Metzlers vorausgehen sollte. Aber den Bauern ward allmählich Zeit und Weile lang, der Mißmut unter ihnen griff immer weiter um sich. Sie wollten sich nicht narren lassen, murrten sie. »Was meinst du, Melchior?« sprach ein Ohrenbacher zum anderen, »die Hohenloheschen wollen abziehen; laß uns mitgehen und einen Unterschlupf suchen für die Nacht! ich halt' es nimmer aus hier. Daheim ist des Schindens und Schabens kein Ende, und hier stehen und stehen und warten, auf was? Von der Nässe faulen einem die paar Lumpen am Leibe; komm, laß uns fort!« »Nein, Hans, wir bleiben,« erwiderte der Angeredete. »Wir haben den Brüdern Verspruch und Gelübde getan, und Jörg Metzler wird schon wissen, was er mit uns vorhat. Nur Geduld! er wartet noch auf Zuzug, und die Hohenloheschen wird man auch nicht fortlassen.« »Bei Sankt Velten, ich kann den Zorn nicht verdrucken! wozu haben sie uns herbestellt?« grollte der andere und stieß seinen Speer ärgerlich in den feuchten Boden hinein. Auf dem einen Flügel des Lagers, nach Unterschüpf zu, ward es immer lauter. Man schien dort zu streiten und zu unterhandeln zwischen den Haufen der einzelnen Landsmannschaften. Die einen wollten fort, die anderen suchten sie zum Bleiben zu bereden, und die Führer hatten Mühe, die Mißvergnügten zu beschwichtigen. Dies schien auch zu gelingen, denn es ward wieder ruhiger dort, kein Schimpfen und Schreien ward mehr laut, sondern nur das dumpfe Brausen einer großen, mehr oder minder erregten Volksmenge hallte in der breiten, flachen Talmulde der von Wald umsäumten Wiesen. Eine desto geräuschvollere Bewegung entstand mit einemmal auf der entgegengesetzten Seite, nach Eppingen zu. Es ließ sich in der Mitte des Lagers, wo Metzler mit anderen Anführern stand, nicht unterscheiden, ob es Unwillen und Zank oder laute Freude war, was sich plötzlich dort kundgab. Aus dem allgemeinen Lärm wurden jetzt einzelne Rufe vernehmbar, die sich gegenseitig zu beantworten schienen, bald näher, bald ferner, als wenn neue Ankömmlinge dem Lager zuströmten. Zweites Kapitel. Georg Metzler schuf sich Raum durch das Gedränge und eilte dorthin, wo der Tumult, statt sich zu legen, noch zu wachsen schien. Da kam ihm raschen Schrittes ein junger, kräftiger Mann entgegen, mit einem wild trotzigen Ausdruck in den grobgeschnittenen Zügen, aber gut gekleidet und gut bewehrt, der ihm die Hand hinstreckte und ihm lebhaft zurief: »Da bin ich, Jörg! konnte nicht früher eintreffen, denn meine Lieben alle wollten in Osterburken erst einmal trinken, und ehe die Fässer nicht leer waren, die sie erwischt hatten, kriegt' ich sie nicht von der Stelle. Jetzt hat die Feuchtigkeit von außen die innere niedergeschlagen; sie sind beinahe ganz nüchtern wieder.« »Muß denn immer erst gesoffen sein, auch wenn es gilt, der Losung zu folgen?« sagte Metzler halb zornig, halb erfreut über die endliche Ankunft des längst Erwarteten. »Bringst du den Veltelin mit?« »Nein! der Teufel mag wissen, wo er steckt! vermutlich in Würzburg.« »Da schlag' ein Donnerwetter drein!« »Nun, wir werden auch ohne ihn fertig. Hast du die Artikel verlesen lassen?« »Nein! ist auch nicht nötig, sie kennen sie alle.« »Hättest es immerhin tun können; es steckt eine Kraft darin, die mehr eint und bindet als alles Prädikantengewäsch.« Der so mit Metzler sprach, war Jäcklein Rohrbach, ein Weinwirt aus dem Dorfe Böckingen bei Heilbronn, der sich im Neckartal eines weit verbreiteten Rufes erfreute, denn er war ein gescheiter, anschlägiger Kopf, vor keinem Wagnis zurückschreckend und wegen mancher bösen Händel berüchtigt. Er hatte im ganzen Neckartale Mahnbriefe ausgeschrieben, alle, die eine Waffe tragen könnten, sollten ohne Verzug zu ihm stoßen und ihm helfen, das Evangelium zu handhaben. Sonst würde er kommen und sie mit Gewalt holen und ihnen alles nehmen und verbrennen, was sie hätten. Da waren sie zu Hunderten ihm zugeströmt, und er brachte einen großen Haufen Bauern und verdorbener Leute mit, die er gut im Zügel hatte, weil er ihnen manchmal alle Freiheit ließ, wenn sie plündern oder schlemmen und demmen wollten, die er aber auch straff zusammenzuhalten wußte, wenn es ihm darauf ankam, denn sie kannten den Gewalttätigen, Jähzornigen und fürchteten ihn. Auch mit Barmitteln war er reichlich versehen, denn er hatte sich von den Stiftsherren zu Wimpfen seinen Besuch bei ihnen mit schwerem Gelde abkaufen lassen. »Kommst eben recht,« sagte Metzler, »sie wollen auseinander, wollen auf und davon, des Wartens überdrüssig.« »Oho! das fehlte gerade!« rief Jäcklein, »laß die Artikel verlesen! bist doch der Hauptmann hier?« »Sie haben mich gewählt,« erwiderte Metzler, »wenn du einverstanden bist.« »Wie sollt' ich nicht? Du bist der ältere; brauche dein Ansehen, daß sie bleiben!« »Sprich du zu ihnen, Jäcklein! Dort, wo der Bundschuh steckt neben dem Feuer, ist die Stelle zum Reden.« »Reden, reden! ich mache nicht gern viel Worte; aber eines wüßt' ich, das sie bannen würde. Welches ist die nächste Ritterburg von hier?« »Die nächste Ritterburg? – der Boxberg, das feste Schloß der Junker von Rosenberg, ganz nahe hierbei,« sagte Metzler. »Das ist zu fest für uns, das kriegen wir nicht ohne Karthaunen.« »Nun, dann Giebelstadt.« »Giebelstadt?« sprach Jäcklein, »richtig, Giebelstadt! und da sitzt ja –« doch ehe er weiterreden konnte, fühlte er sich am Ärmel gezupft, und als er sich umwandte, stand hinter ihm in der tiefen Dämmerung eine dunkle, gänzlich verhüllte Gestalt. »Laß mich zu ihnen reden!« kam es erregt von bebenden Lippen. »Judika, du!?« sprach Jäcklein verwundert. »Ja, ich! ich halte sie, – verlaß dich drauf!« entgegnete die Vermummte, und ein durchdringender Blick flammte unter der Kaputze ihres Mantels hervor, die sie über den Kopf gezogen hatte. »Was meinst du, Jörg?« fragte Jäcklein, »was Dummes sagt sie nicht, dafür steh' ich dir ein.« »Weiberzungen!« brummte Metzler nach einem forschenden Blick auf die geheimnisvolle Erscheinung, »aber meinetwegen, wenn sie ihrer Sache so sicher ist.« »Komm!« sprach Jäcklein und schritt voran, dem Hügel zu, sich Bahn brechend und beiseite schiebend und stoßend, wer ihm im Wege stand. Die Bauern murrten über diese Behandlung, die sie wohl von ihren Herren, aber nicht von ihresgleichen gewohnt waren, doch der ungestüm vorwärts Drängende achtete der Äußerungen ihres Unwillens nicht. Die tief Verhüllte folgte ihrem Führer und Beschützer auf dem Fuße, und bald standen die beiden, allem Volke sichtbar, auf der Kuppe des Hügels. Die sie dort erblickten, glaubten, der im Mantel und Kapuze wäre ein Prädikant in langem, geistlichem Gewande und der kriegerisch Gekleidete neben ihm einer der Führer, der dem Sprecher zum Worte verhelfen wollte. Jäcklein Rohrbach zog das Schwert, hielt es hoch empor, daß es im Widerschein des Feuers blinkte, und gebot der tausendköpfigen Versammlung Ruhe für den Redner. Das laute Stimmengewirr ward gedämpfter, alles drängte näher an den Hügel heran, um besser hören zu können, und dann ward es ringsum still. Jäcklein trat zurück in den Schatten. Der vermeintliche Prädikant begann mit kräftiger, klangvoller Stimme: »Bauern, Brüder und Freunde!« Die Bauern stutzten, – was ist das? ist das eines Mannes Stimme? Einer rief: »Wer spricht zu uns? Mann oder Weib?« Mit einem schnellen Ruck warf der auf dem Hügel die Kapuze vom Haupte. Ein bleiches, edelgeformtes, von üppigem, kohlschwarzem Haar umwalltes Frauenantlitz zeigte sich, vom Feuer beleuchtet, auf der hochgewachsenen Gestalt, und die Nächststehenden erkannten auch den strengen, stolzen Blick der großen, dunklen Augen, die von schwarzen Brauen überschattet waren. Mutig, fast herausfordernd klang auch die Antwort auf die Frage, ob Mann oder Weib: »Ein Weib spricht zu euch, weil unter euch allen kein einziger Mann ist, der des Wortes begehrt hat oder seiner mächtig ist. Wollt ihr mich hören?« »Nein! nein! ja! nein! was da! Weiber haben hier nicht mitzureden! Warum nicht? laßt sie reden! nein! herunter vom Platze! wo ist der Prädikant? Ruhe!« So schrie alles wild und wüst durcheinander, während die Umstrittene regungslos auf das Toben hinabsah. Jäcklein Rohrbach trat wiederum vor, packte die aufgepflanzte Stange und rüttelte daran, daß der Bundschuh oben an ihrer Spitze herumwirbelte, und rief: »Ruhe verlange ich bei diesem Zeichen hier!« Auch auf die, denen die Worte bei dem allgemeinen Lärm nicht verständlich geworden waren, machte das Schwenken des Bundessymbols Eindruck, so daß sich das Tosen legte und Jäcklein nun fortfahren konnte: »Die hier neben mir steht, ist die Jungfrau Judika Hofmännin aus Böckingen, sie spricht zu euch im Namen und im Auftrag eurer Hauptleute. Darum schweigt und hört, was sie euch zu sagen hat!« Tiefe Stille ward, und Jäcklein trat wieder zurück. »Brüder!« fing nun Judika von neuem an, »wißt ihr denn nicht, was uns vor allen Dingen am meisten Not tut? – Eintracht! Einigkeit! Wenn der eine ja sagt und der andere nein, wenn der eine bleiben und der andere abziehen will, wo es gilt, fest zusammzuhalten wie ein Sack voll verrosteter und verbogener Nägel, – ja dann ist unsere Sache von vornherein eine verlorene, dann könnt ihr zu Hause bleiben und euch weiterschinden und weiterducken, wie ihr es bisher getan habt. Ihr seid Tausende hier, aber ihr müßt ein Ohr sein, das rechte Wort zu hören, ein Mund, das rechte Wort zu sprechen, ein Wille, ein Geist muß in euch leben und weben. Ihr habt vorher gemurrt, habt gefragt, wozu ihr herbestellt wäret, was ihr hier solltet. Ja, ich frage euch: was wollt ihr? was verlangt ihr?« Sie machte eine Pause, als wartete sie auf Antwort, und durch die atemlose Stille drangen aus der Menge zwei vereinzelte Rufe: »Brot! – Freiheit!« Und – Brot! Freiheit! kam es im Widerhall von der Berglehne zurück, daß es fast schauerlich klang. »Freiheit wollt ihr?« sprach Judika weiter, »ja, schafft sie euch doch! glaubt ihr, daß ihr sie geschenkt kriegt oder euch kaufen könnt? womit denn? Habt ihr noch irgend etwas, womit ihr außer den Gülten und Beden noch etwas zahlen könntet? Nehmen sie euch denn nicht alles, alles, was ihr mit saurem Schweiß und blutender Hand erringt? Sie nehmen euch den Zehnten und mehr als den Zehnten von der kümmerlichen Frucht eures Ackers, das beste Gewand beim Todfall, das letzte Stück Vieh aus dem Stalle, sie nehmen euch das Mark aus euren Knochen für die Frondienste, die ihr euren Unterdrückern leisten müßt, sie nehmen euch die Zeit, in der ihr für euch selber schaffen könntet, wenn ihr nicht für eure Tyrannen roboten müßtet, ja, sie nehmen euch die rechte Hand zum Arbeiten, weil ihr euch erfrechtet, euer gutes Recht zu schützen, euer altes Herkommen zu wahren. Das Auge im Kopfe ist nicht sicher vor dem glühenden Eisen, und von Sonnenaufgang bis Untergang tönt es euch fort und fort ins Ohr: gib! gib! O es ist erbärmlich, davon zu reden! Was ist euch denn geblieben, um die Freiheit zu erlangen, die ihr begehrt? Nichts, als die harte, schwielige Bauernfaust und Schwert und Spieß und was ihr sonst noch an Waffen habt oder euch nehmt, wo ihr sie findet. Also braucht die Kraft, die in euch liegt, wenn ihr einig seid und zu Hunderttausenden aufsteht, alle für einen, einer für alle! Ihr müßt reine Bahn machen mit Gewalt, müßt draufgehen mit Knütteln und Keulen und den Junkern solche Ritterschläge geben, daß sie davon zu Tod geschlagen werden; es muß Menschenblut fließen wie Wasser auf der Erde; nur das ist eure Rettung, die letzte, die einzige!« – Jauchzender Zuruf stieg von unten tausendstimmig zu ihr empor. »Gottes Fleisch! sie hat recht; nieder mit den Schelmen und Bösewichtern! wir müssen Köpfe haben!« Und dann wieder: »Ruhe! Ruhe! weiter, weiter, Hofmännin!« »Gott hat es mir im Schlafe gegeben, was ich euch zu sagen habe, und es steckt mir im Herzen,« fuhr Judika fort. »Ihr seid ein arm, erschrocken, ganz zaghaft, einfältig Volk; wo wollt ihr euer Recht finden, wenn ihr es euch nicht selber nehmt? Bei den doctores juris ? o die drehen euch aus jedem Wort eine Schlinge um den Hals, daß wahrlich das Lachen darum teuer ist. Nichts als bestochene Richter seht ihr auf den Stühlen sitzen, denn es ist heutzutage kein Amt so klein, daß es nicht hängenswert wäre. Nein, Brüder, ihr müßt euch selber helfen, müßt euch mit handgebender Treue geloben, einander männiglich beizustehen bei euren Briefen und Rechten und dem alten Herkommen, und wenn die Glocken gehen, so soll ein Nachbar dem anderen klopfen und mit ihm ausziehen zu bequemer Malstatt, und wenn die Dörfer so leer würden, daß nur die Goggelhahnen darin blieben, den Tag anzukrähen. Wer aber nicht mittun und helfen will, daß die Gerechtigkeit einen Fürgang gewinne, den müßt ihr einen Pfahl vors Haus setzen oder einen Galgen ankreiden und ihn brandmarken vor aller Welt. Denn was wollt ihr denn? nichts denn die Gerechtigkeit Gottes! Und wo findet ihr die? wie sind die Gaben verteilt auf Erden, die doch allen Kindern Gottes gemeinsam sein sollen? Wie leben die Ritter und Pfaffen? und wie lebt ihr? Seht sie euch an! Scharlachwämser tragen sie oder seidne, mit silbernen Knöpfen besät und mit dicken Straußenfedern am zottlichen Hut. An brechenden Tafeln schmausen und schwelgen sie Tag für Tag in Üppigkeit und Überfluß und nehmen's hin ohne Dank und Segen, als wenn's so sein müßte. Und ihr? Nicht einmal euer eigen Brot essen dürft ihr, während jene vom Schweiße der Armen sich mästen. Ihr seid preisgegeben gleich den Feldgänsen, zu denen man des Jahres zweimal ein gutes Ansehen hat: einmal am Sankt Johannistag, wo man sie soll bis auf die Haut berupfen, und einmal am Sankt Martinstag, wo man sie gar soll braten; dazwischen wagt man sie auf die Weide zu den Füchsen und Wölfen. Ihr aber werdet von euren Peinigern tagtäglich berupft, so lange es an euch noch was zu rupfen gibt. Denkt an eure Frauen daheim! was ist ihr Schicksal? Ein noch traurigeres als das eure. Sie haben nicht Zeit, für ihr bißchen Häuslichkeit zu sorgen, die Kinder zu pflegen und dem Manne, wenn er abends todmüde heimkommt, im reinlichen Stübchen und am Herde, dem noch so bescheidenen, dürftigen Herde eine wohlige Stätte der Ruhe und des Friedens zu bereiten. Denn sie müssen sich gleich euch mit schwerer Arbeit plagen und werden zu Diensten entwürdigt, die nicht ihres Amtes sind und über ihre Kräfte gehen. Das bohrt sich tiefer und schmerzlicher in das Gemüt der Frauen als in das der Männer, die ihr zum Schaffen und Erwerben geboren seid und euren Groll austoben könnt, wäre es auch nur mit dem fühllosen Werkzeug, mit dem ihr für eure Herren ackern und roden, säen und ernten müßt. Die Frau duldet und schweigt, wenn sie nicht weint, und geht vor euren Augen zugrunde an körperlicher und seelischer Qual. O daß sie nicht schweigen wollten, eure Frauen, sondern euch Tag und Nacht aufwiegeln, das Joch abzuschütteln, und euch bohren und stacheln und hetzen wie ich! Seht euch eure Kinder an! verwahrlost, verkümmert und verhungert sind sie, und ein noch schlimmeres Los steht ihnen bevor, als ihr jetzt zu tragen habt, wenn ein schlimmeres überhaupt noch denkbar ist. Das ist das einzige Erbe, das ihr ihnen hinterlaßt. O es ist ein Jammer, kläglich zu beweinen, daß sich ein frommer Heid', geschweige denn ein Christenmensch, in sein Herz hinein schämt. Da müßt ihr einmal dreinstoßen, mein' ich, sterben muß alles, was nach einem Rittersporn schmeckt, und ihr braucht euch darum kein Absoluz vom Ablaßkrämer zu kaufen. Nehmt den Spieß auf die Achsel und laßt die Bundesfahne fliegen, – nichts denn die Gerechtigkeit Gottes!« »Nichts denn die Gerechtigkeit Gottes! die Hellebard in die Rippen! es muß Köpfe regnen! nichts denn die Gerechtigkeit Gottes!« so brüllten die Massen und schwenkten die Hüte und rasselten mit Schwertern und Spießen. »Weiter, weiter, Hofmännin! Du sagst uns das Rechte, dir wollen wir folgen!« »Nicht aus den Bauern kommt der Pfeil und das mordliche Verderben,« fuhr Judika fort. »Freiheit und Wahrheit sind zu den Menschen herabgekommen, damit Knechtschaft und Irrtum ein Ende haben und alles frei wird, was Gott der Allmächtige gefreiet hat in Christo, seinem eingeborenen Sohn. Im Evangelium steht es geschrieben und verbrieft: alle Menschen sind gleich im Leben, wie sie es im Tode sind, und keiner soll vor dem anderen etwas voraus haben. Aber die Pfaffen wollen es nicht Wort haben; sie belügen und betrügen uns und wollen uns die heilige Schrift vorenthalten, die uns der große, gottbegnadete Mann, Doktor Martin Luther, gegeben hat, daß wir erlöst werden von allem Jammer und Elend, die zum Himmel schreien! Darum fort auch mit den Pfaffen! Wenn ein Mönch kommt und einen Käse fordert, so werft ihm einen vierpfündigen Stein an den Kopf und fegt ihn selber mit einem Besen über die Schwelle. Schickt die Schlösser in Feuer und Flammen gen Himmel und die Klöster hinterdrein, und wer euch daran hindern will, dessen Dank laßt ein warmes Blei sein! Wir sind die Bauern, die den Adel strafen und die Sünden des Volkes an den Sünden der Priester und Prälaten rächen wollen, und wenn der Papst sich zu seinen drei Kronen noch eine vierte auf den Kopf setzte! Nun, hoff' ich, wißt ihr, was ihr zu tun habt. Zündet Kreitfeuer auf den Höhen an, und beim Glockenstreich rottet euch zusammen zu Tausenden und aber und aber Tausenden, schafft euch Kartaunen und Schlangen und Falkonetlein, fordert Pulver und Blei von den Junkern, womit ihr ihnen die Zwingburgen niederlegt! Und welche Stadt euch die Tore nicht öffnen will, der fliegt wie Kraniche über die Mauern und schreibt der wohlweisen Ehrbarkeit und der Gemeinheit euren Willen vor! Und welcher Junker sich nicht auf die zwölf Artikel in den Bund schwört, den laßt über die Klinge springen oder schickt ihn durch die Gasse und rennt ihm den Spieß in die Rippen! Denn der Teufel des Übermutes, der in den Junkern steckt, ist nicht zu bannen ohne den Henker, und wenn ihr das Übel nicht an der Wurzel heilt, so werdet ihr niemals wieder für euren sauer erworbenen Pfennig ein geschmalztes Brot zu essen kriegen. Was ihr aber auch tut, liebe Brüder, im Glauben dürft ihr nicht baufällig werden. Haltet fest am Wort Gottes und seinem heiligen Evangelium, das uns die Freiheit und Gleichheit aller Menschen auf Erden verkündet. Verpflichtet euch mit schweren Eiden zu heimlichen Anschlägen, und dann zieht herum wie die Krähen in der Luft, wohin der Geist und die Notdurft euch weisen, zur Rache, zur Rache und noch einmal zur Rache! Legt Feuer auf die Büsche und schwingt die Brandfackel, bis es im Reiche keine anderen Häuser mehr gibt als Bauernhäuser auf dem Lande und Bürgerhäuser in den Städten. Ziehet hin mit großer Furie und mit der Losung: Nichts denn die Gerechtigkeit Gottes! denn Gottes Wort bleibet in Ewigkeit!« Damit schloß die Rednerin und ihre Worte hatten gezündet. Endloser, stürmischer Jubel scholl ihr aus dem ganzen Lager brausend und donnernd, die Luft erschütternd entgegen. Die Tausende alle waren in wildester Erregung; sie schüttelten sich die Hände, schlugen sich derb auf die Schulter und riefen wie berauscht einander zu: »Die kann's! die hat's uns gesagt, wie's einem ums Herz ist. Nieder mit den Rittern und Junkern, den Schlössern und Klöstern! Die Hofmännin soll uns führen, sie soll uns die Bundesfahne vortragen auf dem Wege zur Freiheit, und Blut soll fließen wie Wasser auf der Erde, Blut, Blut, Blut!!« So tobten sie fort und fort, als Judikas schwarze Gestalt schon nicht mehr sichtbar war im Scheine des Feuers auf dem Hügel. Sie war einige Schritte zurückgetreten; ihre Brust wogte, und ein tiefes Beben ging durch ihren Körper vom Scheitel bis zur Sohle. Jäcklein Rohrbach reichte ihr die Hand und nickte ihr zu: »Hast's gut gemacht, Judika! Thomas Münzer hätt' es nicht besser machen können, wie du das Eisen geschmiedet hast auf dem Amboß der Not und der Rache. Jetzt gehen sie mit dir durch dick und dünn, gehen durchs Feuer für dich, und allen voran einer, – du weißt, wer!« Und er sah sie prüfend an, umschlang ihre ganze Gestalt mit einem glühenden Blicke. Sie antwortete ihm nicht, bei seinen letzten Worten und dem begehrlichen Blicke runzelte sie die schwarzen Brauen, und zwischen ihnen zeigte sich eine tiefe Falte auf der Stirn. Als sich der Lärm auf den Wiesen noch immer nicht legte, schaute sie auf die durcheinander wirbelnde Menge da unten ein Weilchen sinnend hinab. In ihren Augen lag jetzt etwas Schwärmerisches und auf ihren sonst so ernsten Zügen eine stolze Anmut, die ihnen für gewöhnlich fehlte und ihre eigentümliche Schönheit noch erhöhte. Plötzlich sprang aus dem Gedränge ein Bauer auf die Stelle, wo eben noch Judika gestanden hatte. Es war ein riesenhafter, nicht mehr junger Mensch in zerlumpter Kleidung und von einem verzweifelt wüsten Ausdruck im Gesicht und in den blutdürstig flackernden Augen. Er schwang eine wuchtige Keule über dem von zerzaustem Haar und Bart umflatterten Kopfe und schrie mit gewaltiger, weithin dröhnender Stimme: »Brüder! hört mich! Was uns das schwarze Weib da gesagt hat, das geht zu Herzen, das ist die wahre Losung. Jetzt sind wir einig. Hand hoch, wer sich zuschwört zum Dreinstoßen, zum Brennen und Niederreißen, zur Rache bis aufs Blut!« Alle hoben sie die Hände hoch und die Waffen und brüllten: »Ja, ja! wir sind einig! Rache bis aufs Blut! Hurrah das schwarze Weib! hurrah! hurrah!« Da hatte Judika Hofmann einen neuen Namen erhalten, sie hieß fortan im ganzen Bauernheere »das schwarze Weib«. Georg Metzler war mit den meisten anderen Führern in die Nähe des Hügels gekommen, wo sich Jäcklein und Judika befanden, um mit ihnen zu beraten, was nun geschehen sollte. Die Verlesung der zwölf Artikel war jetzt nicht mehr möglich; dazu waren die Massen viel zu erregt. Es ward daher beschlossen, die Versammlung bei der späten Stunde aufzuheben. Jeder sollte suchen, wo er für die Nacht ein Unterkommen fände. In den nächsten Wochen sollten die einzelnen Landsmannschaften auf eigene Faust und Willkür hausen und umherziehen, um Waffen und Mundvorrat zu erbeuten, vor allem aber bemüht sein, sich durch Zuzug zu verstärken und soviel wie möglich Ritter und Städte durch Schwören auf die zwölf Artikel zum Eintritt in den Bund zu bewegen. Wer sich des weigerte, mit dem sollte kurzer Prozeß gemacht werden. Zum nächsten Vollmond aber – bis dahin waren noch zwölf Tage – sollten sich alle in dem reichen Cisterzienserkloster Schöntal an der Jaxt zu einer gemeinsamen großen Aktion wieder zusammenfinden und einen kriegserfahrenen obersten Feldhauptmann wählen. Die Führer der größeren Haufen, denen sich kleinere anschlossen, einigten sich über die Gebiete, die sie, um sich nicht gegenseitig zu behindern, getrennt voneinander, aber durch Boten und Kundschafter in Verbindung bleibend, durchziehen wollten, und teilten ihren Landsleuten den Beschluß mit. Darauf begann der allgemeine Aufbruch. Einzelne Haufen machten sich, manche schweigend, andere lärmend, singend und johlend, auf den Weg zu benachbarten Dörfern, um ein Obdach für die Nacht zu finden. Andere suchten Schutz unter den Bäumen des Waldes oder blieben um die Feuer gelagert, diese aufs neue anschürend, um sich an ihnen zu wärmen. An Judika trat eine Frau, ihr Kind auf dem Arm, mit ihrem Mann heran und sagte schlicht und treuherzig: »Du hast auch für unsere armen Kinder gesprochen; komm mit zu uns und schlafe bei uns! wir wohnen in Unterschüpf, und eine Lagerstatt findet sich schon noch für dich in unserer Armut, wenn du auch aussiehst, als hättest du schon besser, viel besser geruht.« Judika nickte still vor sich hin und unterdrückte einen aufsteigenden Seufzer in ihrer Brust. Dann nahm sie das Anerbieten dankend an und ging mit dem Paare. Jäcklein Rohrbach sah ihnen mit finsterem Blicke nach, wie sie im Dunkel verschwanden. Dann rief er die Seinigen alle zu einem weiten Kreise um sich her und gebot ihnen kurz und streng: »Wir bleiben zusammen, niemand trennt sich vom Haufen, morgen ziehen wir weiter.« Auf den Wiesen des Schüpfergrundes ward es allmählich still. Die Feuer loderten hell oder schwelten im Verlöschen, wenn sie niemand mehr mit frischem Reisig nährte. Von dem einen tönte deutliches Schnarchen, von dem anderen halblautes Gespräch durch die Nacht hin. Das Feuer auf dem Hügel aber, wo Judika gestanden und geredet hatte, blieb einsam und erstarb in verglimmenden Kohlen und zerstiebender Asche. Drittes Kapitel. Es war ein ärmliches Lager, das Judika von ihrer gutmütigen Wirtin in einem engen Raume bereitet wurde, wo ein kleiner Herd stand, eine Küche konnte man's nicht nennen, denn außer einem schwarzberußten Kessel, der über dem Herde hing, war fast kein anderes Gerät darin zu sehen. Die Frau legte ihrem Gast einen spärlich gefüllten Strohsack auf den Lehmboden, gab ihr den alten Mantel ihres Mannes als Decke, wünschte ihr gute Nacht und ließ sie allein. Judika streckte sich auf dem Strohsack aus, wickelte sich in ihren eigenen Mantel ein und breitete sich den des Bauern über die Füße, aber trotz der körperlichen Müdigkeit konnte sie nicht schlafen vor seelischer Erregung. Im Rauchfang über dem Herde summte der Wind, doch es war nicht das jubelnde Sturmlied des nahenden Frühlings, sondern eine langgezogene. schwermütige Weise, die manchmal wie das Weinen eines Kindes, manchmal wie das Stöhnen und Schluchzen eines Weibes klang, Töne, die zu der Stimmung der unwillkürlich Lauschenden besser paßten, als Lerchentriller und Nachtigallensang. Kalt zog es durch den Raum, daß es die auf dem harten Lager Ruhende fröstelte. Ach ja! sie hatte schon besser geruht, viel besser; aber daran mochte sie jetzt nicht denken, wie gut sie es bis zu ihrem zweiundzwanzigsten Lebensjahre gehabt hatte; sie grübelte auch nicht darüber, wie es jetzt mit ihr bestellt war, wo sie ganz allein in der Welt stand, ohne Vater und Mutter, ohne Freundschaft und Verwandtschaft, fast ohne Heimat. Ihr heiß klopfendes Herz durchstürmten ganz andere Gedanken und Gefühle. Der heutige Tag hatte sie mit einem Schlage mitten in den mächtig anschwellenden Strom der Volksbewegung geworfen und sie hier im Schüpfergrunde auf einen erhöhten, weit sichtbaren Platz gestellt, wo all die Tausende dort auf sie geschaut, ihren Worten gelauscht hatten und nun etwas von ihr erwarteten, das mehr war, als Worte. Fühlte sie Beruf und Kraft genug in sich, das zu leisten? Sollte sie, das alleinstehende, jungfräuliche Weib, den um ihr Recht, ihre Freiheit und ihr Leben kämpfenden Scharen die Fahne des Aufruhrs vorantragen? Konnte sie mit dem Hauch ihres Mundes, nein, ihrer Seele wie mit Sturmesgewalt die Flammen zum ungeheuren Brande der Empörung anblasen, daß er sich, alles verheerend, das unterste zu oberst, das oberste zu unterst kehrend, von einem Ende des Reiches zum anderen wälzte? Ihr war zumute, als stünde, wie aus dem Boden getaucht, ihr künftiges Schicksal vor ihr als eine schwarz verhüllte Gestalt, wie sie selber gewesen war, ehe sie zu reden begann, und aus der Vermummung bohrte sich durch die Augenlöcher ein glühender, drohender Blick des unbekannten, geheimnisvollen Wesens in ihr Antlitz, daß sie innerlich davor erschauerte. Wie eine Eingebung von oben war es plötzlich über sie gekommen, zu dem versammelten Volke zu reden von dem, wovon ihr längst das Herz randvoll war, denn sie kannte die Not und das Elend, die Schmach und Schande des Volkes besser, als alle anderen, hatte beides nicht nur bei den Unterdrückten, sondern auch bei den Unterdrückern selber gesehen und erfahren. Was war ihre Vergangenheit? wie hatte sich ihr Leben bisher gestaltet? Sie war die natürliche Halbschwester des Grafen Ludwig von Helfenstein auf Schloß Weinsberg. Ihre Mutter war die bevorzugte Gürtelmagd der Gräfin Mutter gewesen, deren Gemahl, Graf Helferich, die hübsche Zofe verführt hatte, so daß sie eines Töchterleins genas. Die Gräfin aber, eine Frau von mildem Herzen, nicht wissend und nicht wissen wollend, wer der Verführer war, und an die gewandten Dienste der vertrauten Kammerfrau gewöhnt, behielt Mutter und Kind bei sich, und die kleine Judika wuchs mit den gräflichen Kindern als deren Gespielin auf, wurde mit ihnen erzogen, vom Burgkaplan unterrichtet und ihnen in jeder Beziehung fast gleich gehalten. Selbst bei Gesellschaften und Festlichkeiten auf dem Schlosse durfte sie, zierlich gekleidet, mit zugegen sein, und wenn sie bei solchen Gelegenheiten in einer halb dienenden Stellung den Trunk umreichte, so ruhte manches Junkers Auge wohlgefällig und begehrlich auf der reizvollen Gestalt und der auffallend schwarzhaarigen und dunkeläugigen Schönheit des geistig und körperlich früh entwickelten Mädchens. So genoß sie in ihrer Kindheit und Jugend ein reiches und üppiges Leben und wurde noch obenein verwöhnt durch manches Schmeichelwort, manche offene oder versteckte Huldigung von denen, die wohl ahnen mochten, daß sie ein gräflicher Bastard war. Jedoch die alte Gräfin sowohl wie Judikas Mutter hielten ein wachsames Auge auf sie und ließen es an leisen Mahnungen, Tugend und Sitte zu wahren, nicht fehlen, und so blieb sie rein und unberührt von den gefährlichen Lockungen, denen sie in der leichtlebigen Umgebung ausgesetzt war. Aber sie lernte auf dem Schlosse und in den nächsten Dörfern, in die sie kam, auch Dinge kennen, die sie mit Trauer, ja mit Schauder und Schrecken erfüllten. Das war die unmenschliche Härte und Grausamkeit, mit der die Grafen Helfenstein, Vater und Sohn, die Bauern behandelten. Und nicht genug, daß sie dies mit eigenen Augen sah, sie mußte es auch oft genug mit anhören, in welch höhnischem und wegwerfendem Tone der Graf und seine vornehmen Gäste von ihren Dienstleuten und Hörigen sprachen und einander mit haarsträubenden Erzählungen und Prahlereien überboten, in welcher ausgesuchten, erfinderischen Weise sie mit List und Gewalt die Armen zur äußersten Ausbeutung ihrer Arbeitskraft und Zahlungsfähigkeit plagten und schröpften. Da wuchs in ihrem Herzen ein starker Widerwille gegen alles adlige Wesen und Treiben, der durch ein schreckliches Ereignis neue Nahrung finden sollte. Sie hatte noch ein viel jüngeres Brüderchen, – der gleichen Abstammung wie sie selber – mit dem sie eines Tages, als sie zwölf Jahre alt war, sich auf einem Anger unterhalb des Schlosses spielend erging. Da kam der Graf geritten und sagte: »Gib mal her den Jungen! er soll mit mir reiten.« Er nahm das Kind vor sich in den Sattel und galoppierte mit ihm um Judika im Kreise herum. Dann rief er ihr vom Pferde aus zu: »Jetzt paß auf! – fang!« und den Kleinen am Kamisol packend, schleuderte er ihn der Schwester in hohem Bogen zu. Aber wie schnell auch Judika herzusprang, sie konnte das vierjährige Brüderchen nicht mit den Armen auffangen. Es fiel hart zu Boden, überschlug sich und brach das Genick. Der Graf ritt laut lachend davon ohne sich darum zu kümmern, wie die Sache abgelaufen war. Judika trug ihr totes Brüderchen zum Schlosse hinauf und erzählte weinend der Mutter die Ursache des Todes. Vor dem Grafen Helferich empfand sie seitdem ein unüberwindliches Grauen, und lange Zeit konnte sie das gräßliche Bild des im Bogen auf sie zufliegenden und sich dann überstürzenden Kindes nicht aus dem Gedächtnis verbannen. Trotzdem schloß sie sich nun dem jungen Grafen Ludwig, der nur wenige Jahre älter war als sie und zu dem sie schon von kleinauf eine schwesterliche Zuneigung gefaßt hatte, noch enger an. Auch er fühlte sich zu der schönen, allzeit fröhlichen Gesellin, die in ihrem ganzen Wesen etwas Außergewöhnliches hatte, so hingezogen, daß sie bald tagsüber gar nicht mehr voneinander lassen konnten. Er tummelte sich mit ihr im Schlosse, in Burghof und Baumgarten, schweifte und ritt mit ihr durch Wald und Berg und Tal, und auch in den regnerischen und kalten Jahreszeiten waren sie fast untrennbar beisammen. Die gräflichen Eltern sahen das keineswegs ungern, denn mehr als jeder andere hatte sie Einfluß auf den wilden, verzogenen Jungen und wußte seinen schnell aufflammenden Jähzorn mit ein paar Worten zu beschwichtigen. Zur Jungfrau herangewachsen, wurde sie zurückhaltender, und er gewöhnte sich ihr gegenüber an eine gewisse neckisch höfliche Artigkeit, in der er jedoch die Grenzen des Gefälligen und Erlaubten nicht immer streng innehielt. Nach seiner frühzeitigen Verheiratung übernahm sie bei seiner jungen Gemahlin dasselbe Amt, das ihre Mutter bei der alten Gräfin innehatte, und zeigte sich auf ihrem leichten Posten, der mehr eine Vertrauensstellung als ein Dienst war, ebenso gewandt und zuverlässig wie jene. Als aber Graf Helferich gestorben, auch seine Gemahlin ihm bald nachgefolgt und der junge Graf Ludwig nun Alleinherrscher in dem alten Welfenschlosse und den dazu gehörigen Ländereien war, kam seine tyrannische, zur Grausamkeit geneigte Sinnesart in einer wahrhaft erschreckenden Weise zum Vorschein. Er fing an, seine Untertanen noch mehr zu quälen und zu mißhandeln, als sein Vater getan hatte, und wurde bald im weitesten Umkreise als der erbarmungsloseste Bauernschinder verrufen, gefürchtet und gehaßt. Auch seine junge Gemahlin hatte viel von ihm zu leiden, weil er sich immer barscher und rücksichtsloser gegen sie benahm und sich einer verletzenden Ungebundenheit in seinen Sitten ergab. Und einmal hatte Judika selber eine unverzeihliche Kränkung ihrer Ehre von ihm erfahren. Er war eines Nachts in ihre Kammer gekommen, hatte sie heiß umschlungen, ihre Hingebung erst leidenschaftlich flehend, dann trotzig fordernd von ihr begehrt und endlich mit roher Gewalt erzwingen wollen, so daß sie sich kaum hatte seiner erwehren können und ihm beinahe zum Opfer gefallen wäre. Von Stund an war sie vom tiefsten Abscheu gegen ihn erfüllt, wich ihm aus, wo sie konnte, und würdigte ihn keines Wortes und keines Blickes mehr. Bald darauf fiel ihre Mutter in eine schwere Krankheit, und es ging rasch mit ihr zu Ende. Auf dem Sterbebette enthüllte sie der Tochter das Geheimnis ihrer Abkunft, dessen Offenbarung Judika mächtig erschütterte. Und als die Mutter ihr Bekenntnis mit den Worten schloß: »Nicht durch Verführung und Liebe hat er mich gewonnen, sondern gezwungen hat er mich gegen meinen Willen, weil er mein Herr und Gebieter und ich seine Leibeigene war, mit der er machen konnte, was er Lust hatte,« da krampfte sich Judikas Herz vor Schreck zusammen. O Schimpf und Schande! Was der Vater an ihrer Mutter verbrochen, das hatte der Sohn auch bei der Tochter versucht, die seine Schwester war, was der Verruchte vielleicht gar wußte! Das brachte die Schale ihres Zornes zum Überlaufen, und sich gegen die Stimme des Blutes verschließend, die ihr zuraunte, daß sie dem verstorbenen Grafen ihr Dasein verdankte und der gegenwärtige ihr Bruder war, faßte sie einen tödlichen Haß gegen die Helfensteiner und gegen alles, was Ritter und Junker hieß. Nach dem Tode der Mutter hielt Judika nichts mehr auf dem Schlosse zurück; der Aufenthalt hier war ihr durch die Vorgänge und Erfahrungen der letzten Zeit, hinter denen die frohen Erinnerungen langer Jahre verblaßten, gründlich verleidet. Obwohl sie nichts, gar nichts besaß und mit klarem Blicke das Elend nun auch über sich selber hereinbrechen sah, um dessentwillen sie oft andere tief bemitleidet hatte, nahm sie doch Abschied von der Gräfin und dem Grafen, dankte ihnen für alles genossene Gute und ließ sich durch kein Zureden zum Bleiben bewegen. Des Grafen letzte Worte zu ihr waren: »Judika, wenn du einmal einen besonderen Wunsch hast oder einmal in Not geraten solltest, so komm hierher zu mir; du sollst immer mein Ohr und meine Hand für dich offen finden.« Auch dafür dankte sie ihm, fügte aber mit schlecht verhehltem Stolz hinzu, sie wünsche und hoffe, niemals in die Lage zu kommen, von dieser gnädigen Erlaubnis Gebrauch machen zu müssen. Dann ging sie auf Nimmerwiederkehr aus dem Tore der Burg hinaus, in der sie ihre sorgenfreie Jugend verlebt hatte. Sie suchte und fand Zuflucht in dem nahegelegenen Böckingen, dem Heimatsdorf ihrer Mutter, und mühte sich redlich, ihren bescheidenen Lebensunterhalt durch allerlei Dienste zu erwerben, besonders durch fleißige Hilfleistung in der Acker- und Weinwirtschaft von Jäcklein Rohrbachs Mutter, die schon seit Jahren Witwe war. Anfangs wurde sie von den Dorfbewohnern scheel angesehen und gemieden, weil sie aus einem Ritterschlosse kam, wo sie sich ein üppiges Leben hatte gefallen lassen, an dessen Wohltaten und Freuden der Schweiß der Armen klebte. Schweigend ertrug sie die Abgeschiedenheit und die Mißgunst, die sie zuerst kränkte, die sie aber bald begriff und den sich von ihr Fernhaltenden nachfühlen konnte, denn jetzt stand sie ja selber mit beiden Füßen mitten drin in der allgemeinen Not, die ihr nun auch an den eigenen Leib ging, und konnte jetzt den Vergleich des bäuerlichen Daseins mit dem ritterlichen anstellen. Sie sah die Angst und den Jammer der Friedlosen in der unendlichen Drangsal des täglichen Lebens, sah die Leere und den Schmutz der Hütten, das Elend der Krankheiten, die Schrecken des Winters und lernte, was hungern und darben heißt. Aber sie hungerte nicht nur mit den anderen Hungerleidern, sondern half ihnen, wo sie wußte und konnte, mit ihrer Hände Arbeit, auch ohne Entgelt, und brachte ihnen obenein den Segen des Evangeliums. Sie besaß ein Neues Testament, verdeutscht von Dr. Martin Luther, das ihr die junge Gräfin Helfenstein zum Andenken geschenkt hatte. Damit ging sie umher im Dorfe, las den Leuten abends daraus vor und suchte, die an der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit des Allgütigen Verzweifelnden damit aufzurichten. Fromm und ehrfürchtig klangen dann die Worte des Erlösers von ihren Lippen: »Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.« Oder der Spruch aus der Bergpredigt: »Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden.« Wenn sie dann aber weiterlas: »Liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen, betet für die, so euch beleidigen und verfolgen,« und »So dir jemand einen Streich gibt auf den rechten Backen, so biete den anderen auch noch dar,« so konnte sie dabei in ihrem Herzen nicht mehr mitkommen. Sie konnte die nur hassen, konnte denen nur fluchen, die dieses schaudervolle Elend verschuldeten. Viel geneigter war sie, einen empfangenen Schlag doppelt und dreifach zurückzugeben, als noch einen zweiten zu erdulden, und das drohende Wort »Auge um Auge, Zahn um Zahn!« gefiel ihr weit besser, als die sanftmütige Mahnung: »Liebet eure Feinde!« – So hatte Judika, halb ritterliches, halb bäuerliches Blut in den Adern, ritterliche Erziehung und Bildung besitzend und nun allen Genüssen, die ihr früher daraus erblüht waren, in der Dumpfheit und Beschränktheit der sie hier umgebenden Verhältnisse entsagen müssend, jetzt drei Jahre lang unter denen, die nur äußerlich, nicht innerlich ihresgleichen waren, dahingelebt, freudlos, wunschlos, hoffnungslos. Niemand konnte ihr etwas Übles nachsagen. Sie hielt sich still und tapfer in Arbeit, Zucht und Sitte und gewann allmählich in der ganzen Umgegend Achtung, Liebe und Vertrauen. Die Leute merkten, daß in der hochgewachsenen, ernsten Jungfrau eine mitleidvolle, aber in sich gefestete Seele von dem stolzen Grafenschlosse in ihr ärmliches Dorf herabgestiegen war, um ihre drückende Not und ihren glühenden Haß mit ihnen zu teilen. Wie es in ihrem Herzen sonst noch aussah, das wußte außer ihr kein Mensch auf Erden. Einer bewarb sich um ihre Gunst, – Jäcklein Rohrbach. Sie hatte manchen Tag von früh bis spät neben ihm zu schaffen und zu wirtschaften, und da fanden sich in gelegentlichen Gesprächen der Unabhängigkeitsdrang des Mannes und das Gefühl der aufgezwungenen Erniedrigung des Weibes auf dem gemeinsamen Boden der Erbitterung und Auflehnung gegen Unfreiheit und Knechtschaft, gegen das Demütigende, Vergewaltigende der schmachvollen Zeit. Judika selber war es, die Jäcklein unaufhörlich zum Aufruhr reizte und schürte durch die Schilderung dessen, was sie in Weinsberg gesehen und gehört hatte. Ihre Entrüstung darüber gab sie als einzigen Grund ihres Wegganges vom Schlosse an und behauptete auf Jäckleins Frage, wer ihr Vater sei, dies nicht zu wissen. Aus ihren Reden schloß er jedoch, daß sie noch eine besondere Ursache zu Groll und Verwünschung gegen die Helfensteiner haben müsse, die sie ihm verschwieg. Allmählich gestaltete sich zwischen beiden ein freundschaftliches Verhältnis, aus dem auf seiner Seite bald eine leidenschaftliche Zuneigung zu dem hochgemuten und schönen Mädchen erwuchs. Sie aber wich jeder vertraulicheren Annäherung, die er wiederholt versuchte, behutsam und beharrlich aus und ließ sich auch nicht bewegen, eine Unterstützung oder einen höheren Lohn anzunehmen, als für ihre Dienstleistung ausbedungen war. Als es aber zur eigenmächtigen Erhebung und zum allgemeinen Aufgebot des Landvolkes kam, um an den verhaßten Unterdrückern blutige Rache zu nehmen, trat sie vor ihn hin und sagte: »Jäcklein, es läßt mir keine Ruh; ich ziehe mit und werde meinen Mann im Kampfe stehen trotz einem von euch!« Er war hoch erfreut über ihren Entschluß, von dem auch alle Vorstellungen seiner Mutter sie nicht abzubringen vermochten. Nun war sie mit ihm und seinem Haufen aus dem Neckartale nach dem Schüpfergrunde gezogen, und als sie dort das Gespräch zwischen ihm und Metzler hörte, in dem von einem Unternehmen gegen Giebelstadt die Rede war, hatte sie sich schnell eingemischt und in einem unwillkürlichen Drange ihres Herzens gebeten: »Laß mich reden, ich halte sie!« Warum sie das gerade in dem Augenblicke getan hatte, – das mußte sie sich jetzt auf ihrem elenden Lager hier selber fragen. Und erschöpft und müde wie sie war, mußte sie sich mit schon halb unklaren und verworrenen Begriffen eingestehen, daß es eigentlich und zunächst nur geschehen war, um die beiden von dem möglichen Beschlusse eines nächtlichen Überfalles des Schlosses Giebelstadt abzubringen, weil – weil dort – auf der Burg – einer saß – einer, der . . . Die Gedanken schwanden ihr, sie konnte sich auf nichts mehr besinnen, und in einen wohltätigen Schlummer sinkend verlor sie Erinnerung und Bewußtsein. Viertes Kapitel. In ihrem späten, oft unterbrochenen Schlafe hatte Judika gegen Morgen hin einen merkwürdigen Traum. Sie sah eine lichterloh brennende Burg, die heftig angegriffen und tapfer verteidigt wurde. Sie selber war unter den Stürmenden, doch als sie im Burghof auf den um sein Leben fechtenden Ritter mit dem Spieß in den Händen zusprang, um ihn niederzustechen, erkannte sie auf der Stelle sein Gesicht. Vor seinem sie ganz durchdringenden, vorwurfsvollen Blick entfiel ihr die Waffe; machtlos sank sie in seine Arme, und die Flammen schlugen hoch über beiden zusammen, so daß sie einen lauten Angstruf ausstieß, von dem sie erwachte. Was sollte der Traum bedeuten? wollte er ein Bild der Zukunft sein, das ihr weissagte, auf welche Weise sie in der Bewegung, in die sie sich Hals über Kopf gestürzt hatte, einmal untergehen würde, untergehen in den umfangenden Armen eines von denen, denen sie Tod und Verderben geschworen hatte? Gegen diese Auslegung sträubte sich ihr Inneres mit aller Gewalt. Allein wenn sie auch keine von den empfindsamen Naturen war, die sich durch Träume bestimmen oder beängstigen lassen, so hatte doch die Deutlichkeit und Lebhaftigkeit des bildlichen Vorganges und besonders die Erscheinung des dabei die Hauptrolle spielenden, ihr wohlbekannten Ritters sie so ergriffen, daß sie sich von dem nachhaltigen Eindruck nicht so schnell freimachen konnte. Sie schüttelte heftig das Haupt und strich sich mit der Hand über die Stirn, um die sich ihr aufdrängenden Gedanken zu verscheuchen, aber immer noch standen, von Feuersglut beleuchtet, der bannende Blick und die ausgebreiteten Arme des Ritters vor ihren erregten Sinnen. Da sprang sie auf vom Lager, wusch mit kaltem Wasser das heiße Antlitz, ordnete ihre Kleider und das aufgelöst lang flutende Haar und verließ den engen Raum, der ihr durch das schreckhafte Traumgesicht noch unheimlicher geworden war. Als sie dann, durch eine magere Morgensuppe wenig gestärkt, sich von ihren Wirten dankend verabschiedet hatte und aus der Hütte heraustrat, sah sie dort Jäcklein stehen, der ausgekundschaftet hatte, in welcher Behausung sie genächtigt hatte, und ihrer hier schon wartete. Er begrüßte sie freundlich und teilte ihr mit, daß die anderen Haufen bereits abgezogen seien, der Odenwalder unter Georg Metzler nach dem Jaxttale und die Rotenburger und Ohrenbacher unter Ehrenfried Kumpf nach Ingelfingen und Langenburg. »Komm,« sagte er, »wir müssen auch weiter.« Sie mochte nicht fragen wohin und ging schweigend mit zu der Stelle, wo sich der Haufen aus dem Neckartale schon gesammelt hatte, um unter Jäckleins Führung abzumarschieren. »Du bist noch waffenlos, Judika,« sprach er. »Wir werden aber bald eine Rüstkammer finden, aus der du dir einen Jagdspieß wählen kannst, der dir zugleich als Wanderstab dient; vorläufig nimm dieses Messer, für alle Fälle!« »Für alle Fälle!« murmelte sie vor sich hinnickend und steckte das dolchartige Messer mit der Scheide in ihren Gürtel. Es war ein heiterer Frühlingstag heute. Wolken und Nebel waren verstoben, und die Sonne schien warm vom blauen Himmel herab. Judika hatte ihren Mantel über den Arm geworfen, und im rüstigen Vorwärtsschreiten kam die elastische Kraft und Schönheit ihrer hohen, schlanken Gestalt zur vollen Geltung. Die halb schlummerlos verbrachte Nacht hatte ihr nichts anhaben können; sie sah frisch und gesund aus trotz der bleichen, etwas dunklen Gesichtsfarbe. Das starke, schwarze Haar umschlang wohlgeordnet den ausdrucksvollen Kopf, der auf breiten Schultern und einem kräftigen Nacken saß. Ihre Brust hob und senkte sich, wie sie mit tiefen Atemzügen durch die leicht geöffneten Lippen die würzige Luft einsog. Mit großen, festen Schritten ging sie neben Jäcklein an der Spitze der bewaffneten Schar. Alle in ihrer Nähe blickten mit Bewunderung, die sich in mancherlei, nicht immer zarten Bemerkungen äußerte, auf das schöne Weib, das so mutig den Männern voranging, als wollte es sie in prophetischer Begeisterung von Sieg zu Siege führen, und noch unter dem Eindruck der gestrigen Rede war ihnen, als stünden sie mehr unter den Befehlen Judikas, als unter denen Jäcklein Rohrbachs. Das jungfräulich Spröde, Unnahbare, das sie, jede Zudringlichkeit fernhaltend, umgab, erschien heute mit einer frauenhaft gereiften Sicherheit und Entschlossenheit gepaart, die Alten wie jungen Scheu und doch zugleich Vertrauen einflößte. Es befanden sich aber in Jäckleins Haufen neben den ehrsamen Bauern auch viel verdorbene Leute, die sich ihm in den letzten Tagen angeschlossen hatten, wüste, rohe Gesellen, die nichts zu verlieren hatten und denen es weniger um die zu erringende Freiheit zu tun war, als um ein abenteuerliches Leben und die Plünderung von Schlössern und reichen Klöstern, ein Gelüst, das sie unter dem gewalttätigen Jäcklein am ehesten befriedigen zu können hofften. Es bedurfte daher großer Willenskraft seinerseits, dieses Gesindel im Zügel zu halten, daß sie nicht hierhin und dorthin abschweiften, sondern ihm gehorchten und nur nach seinen Plänen handelten. Er hatte allerdings aus den verschiedenen Ortschaften zuverlässige Vertrauensmänner zu seiner Unterstützung, die ihre Leute kannten und zu nehmen wußten, so daß er seiner Gefolgschaft sicher zu sein glaubte. Judika jedoch, bei all ihrer Unerschrockenheit, fühlte sich als einziges weibliches Wesen inmitten dieser verlotterten und verwegenen, zu jeder Schandtat fähigen Menschen nicht ganz ungefährdet. Sie wußte zwar, daß Jäcklein auch nicht die kleinste ihr zugedachte Unbill dulden würde, aber in Anbetracht der Leidenschaftlichkeit, mit der er selber nach ihrem Besitze trachtete, und der keine Regung in ihrem eigenen Herzen entgegenkam, mochte sie sich seiner schirmenden Gunst und Aufsicht allein nicht anvertrauen, sondern stellte sich unter den besonderen Schutz eines älteren verheirateten Bauern, Klaus Hornschuh aus Böckingen, eines rechtschaffenen Mannes, dessen väterlicher Obhut sie sich getrost überlassen durfte. »Hast du an meinem Schutze nicht genug?« herrschte Jäcklein sie an, als er von dem Abkommen hörte. »Wozu brauchst du noch einen Vormund außer mir?« »Du hast anderes zu tun, als für mich zu sorgen,« gab sie ihm entschieden zurück. »Ich bin das einzige Weib unter euch Männern, und wenn ich euch etwas nützen soll, so muß ich unverdächtig und unanfechtbar bleiben. Deine Gehilfin will ich sein, aber nicht als dein Trautliebchen angesehen werden, das ich nicht bin und niemals sein werde.« Da zog er mildere Seiten auf. »Judika,« sprach er mit warmem Tone, »wer dir zu nahe treten, dich nur mit einem Worte antasten wollte, der kriegte es mit Jäcklein Rohrbach zu tun; ich denke, das weißt du!« »Ja, Jäcklein, das weiß ich, aber ich möchte auch, daß es in allen Ehren so bliebe,« erwiderte sie und reichte ihm freundlich die Hand. Das ging vor sich während einer kurzen Rast, die man auf dem Marsche machte, um den weit auseinander geratenen Haufen wieder fester geschlossen zu sammeln. Einer von denen, die den Handdruck gesehen hatten, sagte zum anderen: »Was mag unser schwarzes Weib mit dem Händedruck dem Jäcklein wohl versprochen haben?« »Du!« lautete die Antwort, »das schwarze Weib sieht mir nicht danach aus, als ob es mit sich spielen ließe.« »Meinst du, daß Jäcklein viel Federlesens macht bei dem, was er will?« sprach der erste wieder. »Sie sind seit Jahren gut Freund miteinander,« mischte sich ein Dritter in das Gespräch. »Ich kenne die Schwarze; sie hat mehr Stacheln und Dornen als Distel und Rose zusammen.« »Aber auch heißes Blut in den Adern,« fügte noch einer hinzu. »Seht ihr mal in die Augen hinein, da werdet ihr was merken! Ich stand gestern dicht bei ihr, als sie die Rede hielt, – heiliger Florian! wie Wetterleuchten zuckte und flammte das in ihren Blicken. Wenn die im Land umherzöge, so brauchten wir keine Prädikanten; wie das Läuten von Sturmglocken klingen ihre Worte, ihre Stimme schon greift einem mitten ins Herz.« »Beim Helfensteiner, dem dreimal Verfluchten auf Schloß Weinsberg, hat sie den Haß in sich eingesogen. Gnade Gott jedem Ritter und Junker, der ihr in die Hände fällt!« »Ja, sie paßt zu Jäcklein Rohrbach, wie Dolch und Schwert miteinander verschwistert sind.« »Vorwärts!« tönte jetzt Jäckleins befehlender Ruf, und der Zug setzte sich langsam wieder in Bewegung. Judika ging jetzt nicht an Jäckleins Seite, sondern schritt, ohne mit jemand zu reden, für sich allein dahin, und die Männer hielten sich alle in einem kleinen Abstand von ihr, um sie in ihrem Sinnen nicht zu stören. Das Gespräch der vier Bauern über sie während der kurzen Rast hatte sie nicht gehört, dagegen zufällig ein anderes aufgefangen, das sie be[un]ruhigte. Einer der Unterführer hatte Jäcklein gefragt. »Wo wird uns heute der Tisch gedeckt werden? den Leuten fängt der Magen an zu knurren, und Durst haben sie natürlich auch; ist kein Kloster in der Nähe?« Da hatte Jäcklein geantwortet: »In Bütthard wollen wir haltmachen und sehen, ob es dort etwas zu brechen und zu beißen gibt; das ist die gute Hälfte des Weges.« Nun blieb Judika kein Zweifel mehr, daß der Zug nach Giebelstadt ging, der Burg des Ritters Florian Geyer von Geyersberg. Welch ein widriger Zufall! Gestern abend hatte sie mit zündenden, hinreißenden Worten die Tausende zur blutigen Rache gegen den Adel aufgestachelt und sie aufgefordert, keinen zu schonen, der den Rittersporn trüge, und heute schon ging der erste Kriegs- und Raubzug, den sie mit den Beutegierigen unternahm, gerade zur Burg dessen hin, den sie von allen einzig und allein so gern geschont hätte. Sie kannte den ritterlichen Mann von mehreren Begegnungen her, aber besonders ein kleines, an sich unbedeutendes, jedoch für sie erinnerungswertes Ereignis hatte sein Bild und Wesen ihr unauslöschlich eingeprägt. Es war auf Weinsberg beim Ballspiel im Baumgarten des Schlosses gewesen. Sie bot den Junkern und Fräulein zur Erfrischung Orangen in einer Schale dar, und einer der Spielenden, Junker Achaz von Rosenberg, hatte sie bei einer raschen Bewegung unversehens hart angestoßen, so daß ihr die Orangen aus der Schale in das Gras fielen. Statt sich zu entschuldigen, hatte der Hochmütige sie heftig angefahren: »Geh mir aus dem Wege, Schwarzhaarige! Du gehörst nicht hierher!« Da hatte ihm Junker Florian zornig zugerufen: »Schäme dich, Achaz!« war schnell herzugesprungen und der Erschrockenen behilflich gewesen, die entfallenen Orangen wieder aufzusammeln. Seine Partnerin im Spiel aber, Agathe von Rosenberg, Achaz' Schwester, hatte ihm höhnisch zugeflüstert: »Wie könnt Ihr Euch so tief herablassen, Florian! hier nehmt den Ball und werft ihn dem ungeschickten Balg fest an den Kopf, daß es sich schleunig von dannen trollt!« Florian aber hatte ihr mit einem verweisenden Blick darauf erwidert: »Nein, Fräulein, das tu' ich nicht.« Sie hatte trotz ihrer Verwirrung alles gehört, und nach dem Spiel war Florian noch einmal zu ihr gekommen und hatte so recht treuherzig zu ihr gesprochen: »Laßt es Euch nicht kränken, liebe Judika, was die beiden Rosenbergs vorhin gesagt haben! es geschah in der Hitze des Spieles und war nicht bös gemeint.« Und dabei hatte er ihr leise die Hand gedrückt, daß ihr vor Dank und freudiger Rührung die Tränen in die Augen gekommen waren. Sie hatte das alles Wort für Wort treu im Gedächtnis behalten und dem Junker Florian Geyer seine Gutherzigkeit nie vergessen. Und noch eines anderen, späteren Vorfalles erinnerte sie sich. Bei einem Ringelrennen auf Weinsberg war Florian der Sieger über alle geblieben, und Agathe von Rosenberg wieder war es, die ihn als Preis dafür mit einem Kranze schmückte. Judika aber, damals schon eine in voller Schönheit erblühte Jungfrau, bot, zum eifersüchtigen Mißfallen Agathes, dem Erhitzten ein Glas Wein dar. Er blickte ihr tief in die Augen und bat mit zutraulichem Lächeln: »Kredenzt ihn mir, Judika!« Zitternd nippte sie daran. Er nahm ihr darauf das Glas aus der Hand, leerte es und gab es ihr herzlich dankend zurück. Sie schlich sich damit beiseite, setzte den Mund an dieselbe Stelle, die seine Lippen berührt hatten, sog die letzten Tropfen aus dem Glase und zerschmetterte es dann durch einen Wurf gegen die Mauer. Daß Florian dies alles beobachtet hatte, wußte sie jedoch nicht. In den nächstfolgenden Jahren, nachdem sie schon das Schloß verlassen, hatte sie ihn noch dreimal wiedergesehen. Einmal auf der Jagd im Walde mit ein paar anderen Adligen, wobei sie sich aber im Gebüsch versteckt hatte, um nicht gesehen zu werden, weil sie sich ihrer Dürftigkeit vor ihm schämte. Das zweite Mal, wie er als geächteter Freund und Bundesgenosse Franz von Sickingens verwundet aus heißen Kämpfen und schweren Niederlagen heimkehrte. Da hatte er sie trotz ihrer ärmlichen Kleidung erkannt und ihr freundlich grüßend zugenickt, daß sie sich heiß erröten fühlte. Das dritte Mal war er wieder hoch zu Rosse gewesen, fröhlich und übermütig zu seiten der schönen, blonden Agathe von Rosenberg und ihres Bruders Achaz. Da hatte er sie nicht beachtet, weil er nur Sinn und Aufmerksamkeit für seine stolze, mit ihm liebäugelnde Begleiterin hatte, und das hatte Judika – es war im letzten Herbst gewesen – einen Stich ins Herz gegeben. Als ihr jetzt die Erinnerung daran kam, sagte sie sich selbst: wie töricht! wie sollte er ihrer noch gedenken, er, der Hochgeborene, ihrer, der Tochter einer hörigen Magd! Und war er nicht ein Ritter wie die anderen alle? Also fort mit ihm! es darf keiner gespart werden! Aber er war doch einmal gut und liebevoll zu ihr gewesen und hatte mit ihr aus einem Glase getrunken, und nun sollte sie diese Bande hier auf ihn hetzen wie die blutlechzende Meute auf ein edles Wild und sie anfeuern, seine Burg zu stürmen, zu brennen und zu plündern, ihn niederzuschlagen oder gefangen zu nehmen und in die Spieße zu jagen! Und das war der Anfang ihres Mittuns im heiligen Kampf um die Freiheit! Sie mußte des Traumes gedenken, den sie diese Nacht auf dem Strohsack des Bauern in Unterschüpf gehabt hatte. Herr Gott im Himmel! war das ein Wink von oben gewesen? Wie, wenn sie ihn zu retten suchte? sich mit ausgebreiteten Armen vor sein Burgtor stellte: »Hier kommt niemand hinein, – ich will es nicht!« »Was willst du nicht?« sprach eine Stimme neben ihr. Judika erschrak, sie hatte laut gedacht, und Jäcklein Rohrbach, der unbemerkt an ihre Seite gekommen war, hatte die letzten Worte gehört und verstanden. Aber schnell entschlossen und fest erwiderte sie: »Ich will nicht, daß dem Ritter Florian Geyer ein Leid geschieht!« Jäcklein lachte hell auf und sah sie groß an. »Kennst du ihn denn?« frug er mißtrauisch. »Ja, ich kenne ihn,« sagte sie in einiger Verwirrung. »Ich auch,« sprach Jäcklein, und nach einer kleinen Pause fuhr er fort: »Judika, ich werde stets und gern alles tun, was du für dich selbst von mir verlangst und ich vermag. Im übrigen erwart' ich Gehorsam auch von dir; also sage niemals wieder: ich will oder ich will nicht! der einzige, der hier im Haufen einen Willen haben darf, bin ich, sonst niemand!« Sie maß ihn nur mit einem erstaunten Blick und verzog den Mund zu spöttischem Lächeln. sich ihrer Macht über ihn wohl bewußt. Fünftes Kapitel. Gegen Mittag langte der Zug hungrig und durstig in dem Marktflecken Bütthard an. Die Bürger hier waren gut bäurisch gesinnt, als sie aber den großen Haufen mit teilweis sehr verdächtig und drohend ausschauenden Gestalten erblickten, der gleich einem Wespenschwarm unvermutet in ihren stillen Ort eindrang, erschraken sie wie bei einem feindlichen Überfall, von dem sie sich des Schlimmsten zu versehen hatten. Die Bäcker und Schlächter sowie die wenigen Kaufleute schlossen eilig ihre Läden, deren Plünderung fürchtend. Das machte böses Blut bei den Ankömmlingen, weil sie daraus entnahmen, daß man ihnen hier nicht Speise und Trank gönnen wollte. Sie drangen in die Häuser und forderten beides, was man ihnen auch wohl oder übel gewähren mußte, und Jäcklein wehrte seinen Leuten nicht, sich zu sättigen, wo sie Gelegenheit dazu fanden, so lange es nur einigermaßen in Ruh und Frieden abging. Er selber begab sich mit dem Bürgermeister, der sofort erschienen war und nach seinem Begehren gefragt hatte, und mit einigen Ratmannen in das Gemeindehaus, wo er mit ihnen eine geheime Unterredung pflog. Judika war in Sorge, daß die verwegensten der Gesellen, jetzt nicht unter den Augen ihres strengen Befehlshabers und von den Unterführern noch nicht genügend im Zaum gehalten, Zuchtlosigkeiten begehen könnten, und fühlte eine gewisse Verantwortlichkeit in sich mit der Verpflichtung, Übergriffe einzelner Beutelustiger soviel wie möglich zu verhüten. Sie trat daher, das eigene Bedürfnis nach Erquickung unterdrückend, nirgend ein, sondern durchwandelte beobachtend die Gassen, um bei vorkommenden Ausschreitungen zur Stelle zu sein. Bald genug sollte sie Gelegenheit haben, ihren Einfluß zu erproben. Eine Bande von Nimmersatten hatte sich, nachdem sie schon vollauf gegessen und getrunken, zusammengetan und war eben im Begriff, die verschlossene Tür einer Schenke zu erbrechen, um sich an den vorrätigen Getränken noch weiter gütlich zu tun und jedenfalls mitzunehmen, was sie nicht vertilgen konnten. Schnell drängte sich Judika, als sie dies sah, durch den Knäuel hindurch bis an die gefährdete Haustür, stieß die Vordersten mit Gewalt davon zurück und trat ganz allein ihnen mutig entgegen. »Die Streiter des evangelischen Heeres,« hielt sie ihnen zornig vor, »dürfen sich nicht wie Straßenräuber aufführen, die friedliche, ihnen wohlgesinnte Bürger für ihren guten Willen, sie nach Kräften gelabt zu haben, nun noch weiter plündern und brandschatzen. Wenn ihr noch Durst habt, so seht ihr dort einen Brunnen; hier in der Schenke hat niemand von euch etwas verloren; zahlen könnt ihr nicht, und stehlen sollt ihr nicht!« Hohngelächter und freche Zurufe antworteten ihr. sie hätte ihnen nichts zu befehlen; Schürzenregiment ließen sie sich nicht gefallen; ob sie etwa hier den Profossen spielen wollte, und dergleichen mehr. Ein kecker Bursche sprang auf sie zu, um sie von der Tür wegzureißen. Im Nu hatte sie das Messer gezogen und es mit umspannender Faust am steif ausgestreckten Arm haltend, rief sie mit durchbohrendem Blick: »Rühre mich einer an!« daß der Eingeschüchterte stutzte und zögerte, Hand an sie zu legen. Da kamen zur rechten Zeit ein paar Rottmeister dazu, packten den frechen Burschen, drängten ihn zurück und suchten auch die anderen zu beruhigen und von ihrem Vorhaben abzubringen. Dies wäre ihnen indessen schwerlich gelungen, wenn nicht Judika selber sie noch einmal mit drohender Strenge zurechtgewiesen hätte, indem sie die Unverschämten heftig anfuhr: »Wer sich nicht auf der Stelle seines Weges schert, wer sich nur noch muckst, der wird heute noch mit Schimpf und Schanden aus dem Haufen gestoßen, dafür sorg' ich! Übrigens werden sich ja hier in Bütthard wohl noch haltbare Stricke auftreiben lassen, und an Bäumen fehlt es ja auch nicht, ihr versteht mich wohl!« Da kehrten sie grollend und scheltend dem Hause den Rücken, zumal sie bemerkten, daß von rechts und links mehr Bauern zu Judikas Beistand herzueilten. Jetzt traten Wirt und Wirtin, die von innen dem Vorgang mit Angst und Bangen belauscht hatten, heraus, wandten sich mit vielen Dankesworten an Judika, forderten sie auf, sich bei ihnen zu ruhen und zu pflegen, und als Judika dies dankend ablehnte und nur um eine kleine Labung bat, brachten sie ihr eine Schüssel schmackhafter Speise und einen Krug Bier, wovon Judika, sich auf der Steinbank vor dem Hause niederlassend, so viel genoß, als sie zu ihrer Stärkung notwendig bedurfte. Sie war durchaus zufrieden mit ihrem Erfolge, denn sie erkannte daraus ihre Macht und Stellung im Haufen und wußte nun, was sie selbst als einzelnes Weib mit einem entschiedenen Auftreten auch den Verwegensten gegenüber ausrichten konnte. Endlich kam Jäcklein mit dem Bürgermeister daher. Dieser hatte, nachdem er sich in die Auslieferung des geringen Pulvervorrates und der wenigen vorhandenen Waffen gefügt hatte, den obersten Anführer eingeladen, bei ihm zu Mittag zu essen, in der Hoffnung, ihn dadurch zur möglichsten Schonung des Ortes und seiner Bewohner zu veranlassen. Nun suchten beide Judika auf, die an dem Mittagmahle teilnehmen sollte. Sie erwiderte jedoch, daß sie bereits gesättigt sei und vor den anderen nichts voraushaben, sondern da bleiben wolle, wohin sie gehöre, bei ihresgleichen. »Sie hat recht,« sagte Jäcklein, »es muß Gleichheit unter uns herrschen.« Er verabschiedete sich vom Bürgermeister, diesem für die ihm zugedachte Gastfreundschaft dankend, und ging in die Schenke hinein, um sich dort Speise und Trank zu fordern. Judika blieb draußen auf der Steinbank allein. Während Jäcklein aß und trank, kamen zwei Bauern zu ihm und meldeten ihm, eine verräterische Absicht dahinter witternd, sie hätten gesehen, daß ein Reiter in schnellem Trabe den Ort in der Richtung auf Giebelstadt zu verlassen hätte. »Gut!« sprach Jäcklein, »geschieht auf meinen Befehl. Wenn der Bote zurückkommt von da, wohin ich ihn geschickt habe, will ich ihn sofort sprechen.« Als er dann seine Zeche bezahlen wollte, war der Wirt nicht zu bewegen, von ihm Geld zu nehmen. Er ging hinaus vor die Tür und setzte sich neben Judika auf die Steinbank, wo es jetzt still und einsam war. Eine Weile saß er schweigend, nachdenklich vor sich hinstarrend, und auch sie sprach nicht. Dann sah er sie mit einem langen, forschenden Blick an, daß sie fragen mußte. »Was hast du, Freund? sprich dich aus!« »Ich möchte in deinem Herzen lesen, Judika!« kam es ihm zögernd von den Lippen. »In meinem Herzen lesen?« sprach sie verwundert. »Ich dachte, du wüßtest, wovon es erfüllt ist.« »Das meine ich nicht,« erwiderte er, »ich meine, ob sich nicht ein wärmeres Gefühl der Zuneigung zu mir darin findet.« »Jäcklein,« sagte sie ruhig, »wir sind gute Freunde, und ich hoffe, daß wir es zeitlebens bleiben. Ich habe dir soviel Vertrauen geschenkt wie noch keinem anderen Menschen auf der Welt außer meiner Mutter. Mehr aber erwarte nicht von mir.« »Judika, liebst du einen anderen?« frug er leise, aber dringend, zitternd. »Ich? lieben?! wen könnte ich wohl lieben?« versetzte sie mit einem bitteren Lächeln, und ein Schatten flog über ihr Antlitz. »Mit unserem geknechteten Volke habe ich Mitleid und Erbarmen, das ist meine einzige Liebe. – Desto besser weiß ich zu hassen!« fügte sie scharf hinzu. »Ja, das kann ich auch,« lachte er, »aber dem einen den Haß, dem anderen die Liebe! Wenn dir nun ein Mann ein ganzes Herz voll Liebe entgegenbrächte, ein Mann, der sich auf Werben, auf Bitten und Betteln schlecht versteht, was würdest du dem erwidern, Judika?« »Dem würde ich erwidern, wer es auch immer sei: jetzt ist nicht Zeit zum Lieben, jetzt heißt es handeln, kämpfen, Vergeltung üben, Gerechtigkeit schaffen auf Erden, und wer in seinem Herzen jetzt für andere Wünsche und Gefühle Raum hat, den würde ich für keinen echten und rechten Bauern halten.« »Sage das nicht!« entgegnete er, »wenn wir fester, inniger miteinander verbunden wären, als bloß durch die Gefühle der Freundschaft –« »Sind wir das denn nicht?« unterbrach sie ihn, »bindet und vereinigt uns nicht etwas Hohes und Heiliges? Der Geist der Freiheit und der Wunsch und Drang, unser armes Volk aus Elend und Verzweiflung zu erlösen und zu einem glücklichen Dasein zu verhelfen? Dazu sind wir ausgezogen aus unserem Dorfe, eines Herzens und eines Sinnes, um Schulter an Schulter dafür zu kämpfen. Für uns selber hatten wir es beide nicht nötig. Du saßest behäbig und sorgenfrei auf deinem Erb und Eigen, wo es dir an nichts gebrach, was unsereins vom Leben verlangen kann, und mich ernährte meiner Hände Arbeit zur Genüge, denn auf so außerordentliche Vorteile und Bequemlichkeiten, wie ich sie in meiner Jugend kennen gelernt und genossen habe, erhebe ich keinen Anspruch, weil ich kein Recht darauf habe.« »Kein Recht? kein Recht darauf? Haben denn die ein Recht darauf, die sich diese Vorteile im Übermaß auf Kosten ihrer notleidenden Untertanen in erbarmungsloser Weise verschaffen und gegen deren Trotz und Übermut wir jetzt zu Felde ziehen? Alle Menschen sind gleich, steht im Evangelium, und wo sie es zwischen Rhein und Donau, vom Harzwald bis zur Schweiz noch nicht sind, da wollen wir sie eben gleich machen.« »Gewiß!« erwiderte sie ihm lebhaft, »und solltest du bei diesem Werke jemals lässig oder müde werden, so wirst du an deiner Seite stets einen Mund finden, der die Glut des Hasses und das Schmiedefeuer der Rache wieder zu hellen Flammen in deiner Seele anbläst. Das laß mein Amt sein neben dir! ich will mit Eifer seiner walten.« »O tue das, Judika!« rief er, »sei du mein Rache- und Würgengel, der mich anspornt, und du sollst Wunder erleben! Du kannst mich zu allem bringen, was du willst und wünschst, für dich stürm' ich die Hölle, und wenn du einen Feind hast, nach dessen Blut dich lechzt, so nenn' ihn mir! ich will ihn in Stücke reißen und dir seinen Kopf als Morgengabe meiner Liebe vor die Füße legen. Sage mir, was ich für dich tun kann, was du für dich selber begehrst!« »Wenn alle frei werden, werde ich auch mit frei. Aber ich bin es schon, habe für niemand zu sorgen als für mich selbst, und satt werd' ich schon noch, solange ich diese zwei gesunden Arme habe und mir das Herz auf der rechten Stelle schlägt. Jetzt gehört es der Sache der Freiheit und nicht –.« Sie brach ab und verschluckte das letzte Wort. »Und nicht der Liebe, willst du sagen,« ergänzte er. »Lockt es dich denn nicht, als Hausfrau am eigenen Herde zu sitzen und in Ruh und Frieden dein gutes Auskommen zu haben?« »An mein gutes Auskommen werd' ich denken, wenn der Kampf beendet ist,« erwiderte sie, in der unleidlichen Vorstellung, ihr Leben an Jäckleins Seite verbringen zu sollen, immer erregter werdend. »Wenn du mein wärst und ich dein, Judika, so wüßten wir jeder noch etwas Besonderes, etwas Lieberes, für das wir zu kämpfen hätten, ich für dich und du für mich,« drang er in sie, ihr näher rückend. »Ich will aber nicht dein sein! hörst du, Jäcklein Rohrbach? ich will nicht!« rief sie trotzig aus. »Für die Befreiung unseres Volkes zu kämpfen und, wenn es sein muß, zu sterben bin ich bereit und entschlossen, zu etwas anderem nicht!« »Judika, läßt du mir keine Hoffnung?« fragte er mit kaum verhaltenem Grimm. »Nein! nein! ich will nichts weiter davon hören! laß mich in Ruh!« wies sie ihn zornig ab, erhob sich schnell und machte ein paar Schritte von ihm fort. Auch er sprang auf von der Bank, ballte die Faust, und der üppig schlanken Gestalt mit einem finster drohenden Blicke nachschauend knirschte er zwischen den Zähnen: »Du sollst noch müssen, schwarzes Weib.« Judika war dieses Gespräch außerordentlich peinlich gewesen, und es ließ eine unbehagliche Stimmung in ihr zurück. Jäcklein hatte ihr schon öfter mehr oder weniger versteckte Andeutungen über seine Wünsche gemacht, ihr aber seine Leidenschaft noch niemals so rückhaltlos bekannt wie heute. Sie war dem heißblütigen Manne bis zu einem gewissen Grade freundschaftlich zugetan, wußte sich völlig eins mit ihm in Ansehung der ihnen beiden vorschwebenden Ziele und war auch über die Mittel und Wege zu deren Erreichung ganz derselben Meinung wie er. So wenig wie Jäcklein scheute sie vor blutigen Taten zurück, wo es galt, unerhörten Frevel zu rächen oder hartnäckigen, der Freiheit hinderlichen Widerstand zu bezwingen, und wie sie in ihrem Kraftgefühl ihm und sich selber schon vor dem Auszuge gelobt hatte, ihren »Mann« im Kampfe zu stehen trotz einem, so vergaß sie jetzt ihr Geschlecht und fühlte sich fast als Mann unter Männern, gewillt, Jäcklein auf Schritt und Tritt zu folgen oder ihm voranzugehen, nicht aber, sich ihm zu unterwerfen und ihm mit Leib und Seele anzugehören. Er war aus einem uralten reichsfreien Geschlecht und sehr stolz auf seine Abstammung. Aber er war und blieb ein Bauer, roh in seinen Empfindungen, wüst in seinen Sitten, häßlich in seinem Äußeren. Der klotzige Bauernschädel mit dem struppigen Haar, den stieren, frech blickenden Augen, dem breiten, groben Mund, seine ganze, derb gewöhnliche Erscheinung hatte für ihr jungfräuliches Empfinden etwas Abstoßendes. Ihr schauderte vor seiner Berührung, ihr graute vor seinem Kuß, und es war ihr ganz undenkbar, jemals die Seine zu werden. Mißmutig über die ihm widerfahrene Abweisung suchte sich Jäcklein seinen Spielmann auf, wie er den jungen Bauer nannte, der auf einer Querpfeife einige einfache Signale zum Sammeln und Antreten, zum Marschieren und Haltmachen zu geben verstand, und hieß ihn, als er seinen Mann gefunden hatte, zum Sammeln zu blasen, um eine Musterung über den Haufen abzuhalten und Befehle zu erteilen. Mit schrillem Pfeifen durchschritt der Spielmann die Gassen, aber es dauerte lange, bis sich die Leute aus den Häusern, in die sie sich als ungebetene Gäste eingenistet hatten, auf dem Marktplatz zusammenfanden. Inzwischen hatte Jäcklein Zeit, über sein Verhältnis zu Judika nachzudenken. Er hatte es, fast zu seiner eigenen Verwunderung, verstanden, sich während seiner Unterredung mit der geistig weit über ihm Stehenden einer Sprache zu bedienen, die für alltäglich nicht die seinige, sondern eine solche war, die er nur von Judikas Lippen lernen konnte, und er gab sich, wenigstens im Gespräch mit ihr, auch alle Mühe damit. Dennoch hatten seine wohlgesetzten Worte nicht bei ihr verfangen. Sollte er es auf andere Weise versuchen, ihre heißbegehrte Liebe zu gewinnen? ihr den Herren zeigen? Er war aber nicht ihr Herr, er mußte sich sagen, daß er selbst über die Widerspenstigsten in seinem großen Haufen mehr Macht besaß als über dieses einzige Weib, und fühlte sich viel mehr unter ihrer Gewalt stehend als sie in der seinigen wissend. Trotzdem gab er die Hoffnung auf Erfüllung seiner Wünsche nicht auf und nahm sich vor, der Unnahbaren stets mit der größten Freundlichkeit und Rücksicht zu begegnen und mit Geduld die Gelegenheit abzuwarten, die dazu angetan war, sich in ihrer Gunst zu erhöhen und zu befestigen. Aber daß er, der immer dreist Zupackende, jeder Laune Nachgebende, sich gedulden sollte, das wurmte ihn und erfüllte ihn mit Groll gegen die Spröde, die sich ihm so stolz versagte. Der reitende Bote, den er am Nachmittag nach Giebelstadt gesandt hatte, um auszukundschaften, ob der Burgherr, mit dem sich Jäcklein im Guten oder Bösen auseinandersetzen wollte, zu Hause wäre, war noch immer nicht zurück. Er hatte den Ritter vielleicht nicht angetroffen und war auf der Suche nach ihm weitergeritten. Aber Jäcklein mußte unbedingt seine Rückkehr hier erwarten, denn ohne des Ritters Anwesenheit auf der Burg hätte ein Zug nach Giebelstadt seinen Zweck verfehlt, würde vielleicht mehr geschadet als genützt haben. Der unfreiwillige Aufenthalt in diesem Neste hier, wo nichts zu holen war, brachte Jäckleins ohnehin schon hochgestiegenen Unmut zum Überschäumen, und er ließ seiner verdrossenen Stimmung freien Lauf in heftigen Ausbrüchen des Zornes über die beim Sammeln Säumigen und besonders über den ihm von einem Rottmeister gemeldeten Auftritt vor der Schenke. Den frechen Burschen, der dabei auf Judika losgegangen war, ließ er die Nacht über an einen Baum binden; am liebsten hätte er ihn gleich aufhängen lassen. Weiter kündigte er dem Haufen an, daß sie heute nicht weiterziehen, sondern in Bütthard bleiben würden, bedrohte jeden mit den schwersten Strafen, der sich die geringste Gewalttätigkeit zuschulden kommen lassen würde, und ging dabei bis an die Grenze dessen, was er den störrischen Gesellen gegenüber wagen durfte. Murrend schüttelten sie die Köpfe über den Tyrannen, der sie in den Kampf für Freiheit und Gleichheit führen wollte. Sechstes Kapitel. Erst am Abend war der reitende Bote zurückgekehrt und hatte Jäcklein befriedigende Nachricht gebracht. Nun ging der Zug am andern Morgen von Bütthard, dessen Bewohner, ohne Anlaß zu einer Klage zu haben, froh waren, mit den lieben evangelischen Brüdern noch so leidlich fertig und sie glücklich wieder los geworden zu sein, über Höttingen und Euerhausen und dann in gerader nördlicher Linie nach Giebelstadt zu. Der Haufen marschierte unterwegs weit auseinandergezogen; die Leute wußten jetzt das Ziel, waren auf Kampf und Erstürmung der Burg gefaßt und freuten sich schon auf Plündern und Beutemachen. Mitten im Haufen, einsam und schweigsam, schritt Jäcklein Rohrbach, in tiefen Gedanken sich überlegend, ob er seine wenigen Vertrauten und Unterführer in das, was er hoffte und plante, einweihen oder ob er das Kommende still abwarten und je nach Gestaltung der Dinge seinen Entschluß fassen und sein Handeln einrichten sollte. Er zog das letztere vor, seiner Kraft und seiner Entschiedenheit vertrauend. Mehrere Schritte hinter ihm, ebenso allein und schweigsam wie er, ging Judika, die bei der ihr dankbaren Schankwirtin wieder ein leider nur dürftiges und unbequemes Nachtlager gefunden hatte und deshalb von dem unruhigen, spärlichen Schlafe wenig erquickt war. Stirn und Antlitz waren ihr wie von Sorgen verschleiert; sie sah und hörte nichts um sich her; den starren Blick vor sich auf den Weg gerichtet, dachte sie nur an das, was die nächsten Stunden bringen würden und in welcher Weise sie dabei handelnd eingreifen konnte und sollte. Jäcklein hatte auch ihr nicht gesagt, was er mit dem Ritter auf Burg Giebelstadt im Sinn hatte, ob Verhandlungen oder Kampf, und nach den wenigen Worten, die sie gestern morgen über Geyer von Geyersberg mit ihm gewechselt und wobei sie von Jäcklein keine bestimmte Antwort, sondern nur eine scharfe Zurechtweisung erhalten hatte, mochte sie ihn nicht danach fragen. Wenn Jäcklein die Burg belagern und stürmen wollte, so hatte er dabei den ganzen Haufen hinter sich, dem es in Kampf und Raub gar nicht wild und toll genug hergehen konnte. Sollte sie als Weib dem allein die Stirn bieten? Das wäre viel gewagt, denn sie setzte damit ihren kaum gewonnenen Einfluß aufs Spiel und konnte ihn vielleicht für immer dabei verlieren. Freilich, wenn sie mit ihrem Willen gegen das Gelüst des ganzen Haufens obsiegte, so war sie mehr als Jäcklein die Herrin und Führerin, der man folgte und gehorchte; wenn sie aber unterlag, so war ihre Macht gebrochen und sie selbst dem Argwohn preisgegeben, daß sie zwar große Worte machen, aber wenn es sich um Taten handelte, ihren kühn ausgesprochenen Grundsätzen nach wechselnder Neigung und weibischer Laune treu bleiben oder abtrünnig werden könnte. Das machte sie sich beim einsamen Schreiten mitten in dem lärmenden Haufen vollkommen klar und kam trotz allem Überlegen doch nicht zu einem Entschluß, was sie tun oder lassen sollte. Aber die Entscheidung war, auch ohne ihr Dazutun, näher, als sie ahnte. Als der Zug nicht weit mehr von dem Dorfe Herchsheim war, erhob sich an seiner Spitze plötzlich ein lautes, wüstes Geschrei. Ein Drängen und Laufen nach vorwärts entstand, und Rufe tönten: »Da vorn haben sie einen! einen Junker! kommt! kommt! der soll dran glauben!« Jäcklein wandte sich nach Judika um und rief ihr zu: »Judika, – rasch!« Dann stürmte auch er vorwärts und war bald im Gewühl verschwunden. Über den Köpfen der sich vorn immer dichter Ansammelnden erblickte Judika drei Reiter emporragen, einen Ritter mit zwei Knechten. Sofort erkannte sie ihn, – es war Florian Geyer von Geyersberg. Mit starren, weit aufgerissenen Augen stand sie wie angewurzelt, die Füße versagten ihr den Dienst. Da sah sie des Ritters Klinge über seinem Haupte blitzen, und nun stürzte sie ohne jedes Besinnen mitten in den Haufen hinein, um eilig zu dem Bedrohten vorzudringen. Der Ritter war in schwieriger Lage. Die Bauern umtobten ihn, die Waffen schwingend, die Fäuste gegen ihn schüttelnd, und schrien durcheinander: »Herunter vom Gaul! stoßt ihn nieder! in die Gasse mit ihm! in die Spieße! Dein Blut her, du Blutsauger!« so daß er nicht zu Worte kommen konnte, weil seine Entgegnungen von dem gewaltigen Lärm verschlungen wurden. Zwei wilde Gesellen hatten dem Roß in die Zügel gegriffen, da holte er mit dem Schwert zum Schlage aus und rief: »Zügel los! oder –« doch er haute noch nicht zu, sondern ließ das Roß steigen, daß es mit den Vorderfüßen in der Luft schlug und die Bauern loslassen und zurückweichen mußten. Nun bekam er selber mit seinem Pferde zu tun, das scheu gewordene Tier zu beruhigen, und niemand wagte sich jetzt an ihn heran. Aber seine beiden Knechte wurden von den Pferden heruntergerissen, und in dem Raufen und Kämpfen floß auf beiden Seiten Blut, bis die Zwei von der Überzahl bewältigt und entwaffnet waren. Jetzt kam Jäcklein und sprang dazwischen. Mit dem Schwertknauf rechts und links um sich schlagend, bahnte er sich den Weg, stellte sich, ihn deckend, vor den Ritter und schrie: »Zurück! es ist der Ritter Geyer von Geyersberg! wer ihn anrührt, ist des Todes!« Aber die Wütenden hörten nicht auf ihn, sie streckten die langen Spieße gegen ihn vor, daß er mit dem Schwert nichts gegen sie ausrichten konnte, und es kam zur offenen Empörung gegen den eigenen Führer. »Weg da!« schrien sie ihn an, »sonst spießen wir dich selbst! Willst du einen Junker beschützen? Verräter! nieder mit dem Junker! wir wollen sein Blut sehen!« Andere riefen dazwischen: »Halt! halt! noch nicht! laßt ihn in den Bund schwören!« und dann wieder: »Nein! nein! er muß sterben!« Einige wenige, die den Ritter kannten, stellten sich auf Jäckleins Seite, und nun kam es zum Ringen unter den Bauern selber. Jäcklein schlug blind um sich, und ein paar Angreifer wurden von seinen Streichen verwundet. Da spornte der Ritter sein Roß in den Haufen hinein, daß alle mit lauten Flüchen und Verwünschungen zur Seite wichen; aber plötzlich riß er es jäh zurück, daß es sich noch einmal bäumte. Er hatte dicht vor sich in dem Knäuel ein Antlitz gesehen, dessen Erscheinen ihn aufs höchste überraschte: Judika unter den Bauern! Ihre Blicke hatten sich getroffen; erschrocken und streng war der seinige gewesen, angstvoll und verlegen der ihrige; sie war marmorbleich. In seinem Erstaunen hatte er auf nichts anderes geachtet und nicht bemerkt, wie ein Bauer auf ihn lossprang und heftig mit der Hellebarde nach ihm stach. Mit Blitzesschnelle aber und mit überweiblicher Kraft hatte Judika im Augenblick den Schaft des Spießes gepackt und mit einem Ruck aus seiner Richtung gerissen, so daß die Eisenspitze des Ritters ungepanzerte Brust nicht traf, sondern dicht daran vorüberfuhr. Von der Wucht des Stoßes war Judika zu Boden geworfen. Jäcklein sprang herzu, sie aufzuheben, aber viele, die den Vorgang nicht genau gesehen hatten, glaubten, sie wäre schwer verwundet oder gar getötet. Sie schrien unwillkürlich auf und umringten mit dem klagenden Ruf: »unser schwarzes Weib! unser schwarzes Weib!« die fast Bewußtlose, deren Brust in der furchtbarsten Erregung wogte. Jäcklein bemühte sich fast zärtlich um sie, aber sie wies mit einem Wink der Hand seine Sorge als unnötig ab, und er hatte jetzt nicht Zeit, sich länger mit ihr zu beschäftigen, denn die Bauern wandten sich aufs neue erbost gegen den Ritter, den sie mehr als den Angreifer, der den Stoß geführt hatte, für den Vorfall verantwortlich machten und an dem sie Judikas Verwundung auf der Stelle blutig rächen wollten. Der äußerst Gefährdete aber hielt das Schwert hoch und rief laut in den wütenden Haufen hinein: »Gebt Frieden! ich gehöre zu euch und eurem Bunde!« Da standen sie starr und stumm, keiner rührte sich, keine Waffe erhob sich mehr gegen ihn. Er schwang sich vom Pferde, schritt auf Jäcklein zu, und ihm die Hand bietend sprach er halb zu ihm, halb zu den nächsten Umstehenden gewandt: »Ihr braucht seltsame Mittel, Bundesgenossen zu werben. Kennt ihr mich denn nicht? ihr habt keinen besseren Freund eurer Sache als mich, euren Bruder Florian Geyer!« »Verzeiht, Herr!« erwiderte Jäcklein. »Ich hatte Euch gestern einen reitenden Boten gesandt, Ihr möchtet mich heut auf Eurer Burg erwarten. Ich hätte nicht stürmen lassen, sondern wäre zu Euch gekommen, mit Euch zu verhandeln, denn ungefähr wußte ich, wessen wir uns zu Euch zu versehen hatten.« »Recht so, Jäcklein Rohrbach!« nickte der Ritter. »Ich wollte Euch auf halbem Wege entgegenkommen, und zu verhandeln brauchen wir nicht mehr. Hört mich, ihr Bauern!« fuhr er mit erhobener Stimme zum Haufen gewendet fort, »hier recke ich meine rechte Hand zum Himmel empor und schwöre mich auf die zwölf Artikel mit Leib und Leben in den evangelischen Bund, mit euch für die Freiheit unseres Volkes zu kämpfen, solange dieser Arm ein Schwert schwingen kann!« Da jauchzten und johlten und brüllten ihm die rauhen Bauernkehlen zu, als hätten sie einen großen Sieg errungen, und Jäcklein Rohrbach schüttelte ihm kräftig die Hand. Manche aber, die sich schon auf die Plünderung seiner Burg gefreut hatten, blickten mißmutig und scheel zu dem Ritter hinüber und raunten sich zu: »Traut ihm nicht! er ist ein Junker wie alle; heute gelobt er sich uns, weil er nicht anders kann, um sich zu retten, und in ein paar Tagen wird er mit seinesgleichen über uns herfallen, wenn sie die Macht dazu haben.« Florian Geyers Blicke schweiften umher, als suchten sie etwas, was sie nicht fanden. »Wo ist Eure Frau?« sprach er zu Jäcklein, »ich muß ihr danken.« »Sie ist nicht meine Frau,« antwortete Jäcklein verlegen. »Nicht Eure Frau?« – was denn? schwebte die Frage auf Florians Lippen, aber er sprach sie nicht aus, sondern schaute finster vor sich nieder. Judika war wie in den Boden gesunken und nirgends zu finden. Sie hielt sich absichtlich verborgen, weil sie dem Ritter hier nicht vor Augen treten wollte, geleitet von einem Gefühl der Angst und Scheu, über dessen Ursachen sie sich keine Rechenschaft geben mochte. In Jäcklein wühlte ein unbändiger Grimm über die im Haufen gegen ihn ausgebrochene Empörung während des Streites um den Ritter. Er wollte ein abschreckendes Gericht halten. »Stricke her! an die Bäume mit den Schuften!« rief er wütend, »ich kenne sie, ich finde sie heraus, die niederträchtigen, die verlotterten Gesellen!« Die Unterführer und einige ältere Bauern boten alles auf, ihn zu besänftigen und ihm zu raten, die Strenge nicht bis zum alleräußersten zu treiben; die Leute hätten den Ritter nicht gekannt und nicht gewußt, daß er mit ihnen gemeine Sache machen wolle. »Was da!« rief Jäcklein, »wer es wagt, sich mir zu widersetzen, wer mir den Gehorsam weigert, der hat das Leben verwirkt.« Florian Geyer legte sich ins Mittel und suchte den Aufgeregten zur Milde zu bestimmen. »Ich möchte meinetwegen keinen gehenkt sehen,« sprach er, »jagt die Meuterer von dannen, und damit laßt es gut sein.« »Das ist das wenigste, und nur Euch zu Gefallen!« erwiderte er heftig, drängte sich ungestüm in den Haufen hinein, suchte sich mit rachefunkelnden Augen die Übeltäter heraus, packte diesen und jenen am Kragen und im Genick und trieb sie, einen auf den anderen stoßend, mit Püffen und Fußtritten vor sich her. »Weg mit euch Schandbuben! fort aus dem Haufen!« schrie er, »und daß mir keiner von euch noch einmal begegne!« Nicht einer von den Ausgestoßenen wagte es, sich dem in seinem Jähzorn Furchtbaren tätlich zu widersetzen, zumal sie merkten, daß sie keinen Beistand von den anderen zu erhoffen hatten. Ihrer Zwanzig etwa nahmen den Spieß auf die Achsel und zogen brummend, höhnend und fluchend ab, dem Walde zu, eine Räuberbande auf eigene Faust bildend, – wehe dem Hof und Herd, wo sie einfielen! »So! nun beruhigt Euch!« sprach Florian Geyer zu Jäcklein, als sich dieser, immer noch sehr erregt, wieder zu dem Ritter gesellte. »Kommt in das Dorf! für einen Trunk habe ich dort gesorgt, denn in meiner Burg ist nicht Platz für euch alle; bin auch ein lediger Mann und habe keine Hausfrau, die euch bewirten könnte.« Das Wort von einem Trunk hörten alle gern, die es vernommen hatten, und der Zug wandte sich nun dem Dorfe Herchsheim zu. Einer von des Ritters Knechten führte dessen Pferd am Zügel, und Florian schritt an Jäckleins Seite dem Haufen voran. Florian Geyer von Geyersberg, ein Mann ungefähr in der Mitte der Dreißig, war eine stattliche, echt ritterliche Erscheinung, von hoher, kräftiger Gestalt mit klar und fest blickenden Augen in dem freien, offenen Antlitz, das von hellbraunem Haar und kurzgehaltenem Bart umgeben war. Über seine linke Schläfe lief eine Narbe, die er aus einem Gefecht unter Franz von Sickingen davongetragen hatte. Aber diese Narbe war nur das äußere Denkzeichen seiner ehemaligen Verbindung mit dem bedeutenden Manne, denn tiefinnere seelische Beziehungen hielten beide miteinander verknüpft. Florian war öfter Gast auf der Ebernburg gewesen, wo Sickingen, den man, wie Kaiser Max den letzten Ritter, den letzten wahren deutschen Freiherrn nannte, einen mit großem Reichtum geführten, geradezu fürstlichen Hof hielt und viele der neuen Geistesrichtung angehörende Gelehrte um sich versammelte. Von den dort geführten religiösen und philosophischen Gesprächen, denen er zwar nicht überall folgen konnte, mächtig angeregt, von Sickingens hochfliegenden Plänen zur nationalen Wiedergeburt des deutschen Reiches hingerissen und von Huttens glühender, poetischer Begeisterung für dieselben Ziele berauscht, hatte Florian Geyer die Ideen in sich eingesogen, die ihn jetzt zu einem ehrlichen und entschlossenen Mitkämpfer für die geistige und wirtschaftliche Befreiung seines Volkes machten. Einem alten adligen Geschlecht entstammend, war er für den ritterlichen Kriegsdienst erzogen worden und hatte sich in ihm von Jugend auf geübt und bewährt. Eine Zeitlang hatte er unter Georg von Frundsberg ein Fähnlein Landsknechte befehligt, die für ihren jugendlichen Führer durch Feuer und Flammen gingen. Dann hatte er sich freudigen Mutes an dem von Sickingen angestifteten und geleiteten Aufstande der Ritter gegen die Reichsfürsten beteiligt und alle die schweren Kämpfe mitbestanden, deren Ende die Niederlage der Ritterschaft und der Heldentod Sickingens sowohl wie der in Elend und Siechtum verlöschende Hingang Huttens gewesen war. Verwundet und geächtet hatte er sich danach auf seine feste Burg Giebelstadt zurückgezogen, hatte mit Schonung und Milde gegen seine Untertanen sein ererbtes Gut verwaltet, immer wieder die packenden Schriften Huttens und die zahllosen kleinen Druckwerke Luthers gelesen, ohne jemals die Hoffnung auf eine gründliche Besserung der gegenwärtigen Verhältnisse und den Plan zu eigener tatkräftiger Mitwirkung daran aufzugeben. Nachdem er den vergeblichen Versuch der Fürsten, die Befugnisse des Kaisers zu beschränken, erlebt hatte und selber mit den anderen Rittern der Übermacht der Fürsten unterlegen war, erkannte er nun auch die Natürlichkeit in der die Ketten zerreißenden, sich mit elementarer Gewalt aufschwingenden Empörung des Volkes, deren dumpfes Rollen gleich dem unterirdischen Donner eines vulkanischen Ausbruches er schon längst zu hören glaubte. Und als der Sturm endlich aufbrauste und die Blitze aus dem Boden hervorzuckten, da erhob sich der für die Freiheit begeisterte Held, der Schüler Sickingens, der Freund Huttens, warf den Rittermantel von sich, stieg herab von seiner Burg, ritt den Bauern entgegen und reichte dem gewalttätigsten, blutdürstigsten ihrer Führer, Jäcklein Rohrbach, die Hand zum Bunde. Leicht war es ihm nicht geworden, sich innerlich und äußerlich von denen loszusagen, zu denen er nach Geburt und Erziehung gehörte, und unter denen er ehedem manch einen fröhlichen Kumpan hatte, dem im Kampf auf Leben und Tod gegenüberzustehen er gern vermeiden würde. Nun aber saß er hier mit Jäcklein Rohrbach unter einer breitästigen Linde im Dorfe Herchsheim, während ringsumher die Bauern lagerten und sich an dem Trunke labten, den ihnen der Bruder Ritter auf seine Kosten darbieten ließ. Welch ein Gegensatz, diese beiden Männer! so verschieden in Aussehen, in Haltung und Bewegung und noch mehr in Bildung und Gesinnung, und doch vereinigt und verbrüdert in einer Sache, für deren nationale Bedeutung und verheißungsvollen Fortgang eben diese seltsame Verbrüderung beredtes Zeugnis ablegte. Jäcklein hütete sich, seinem neuen Bundesgenossen gegenüber die geringste Unterordnung oder gar Unterwürfigkeit durchblicken zu lassen. Dennoch fühlte er sich durch Florians vornehmes Wesen innerlich bedrückt, obwohl dieser dem Manne des Volkes seine Überlegenheit in der äußeren Lebensstellung, im Denken und Empfinden so viel wie möglich zu verbergen suchte. Er forschte ihn in zutraulichem Gespräch über seine nächsten Pläne und vorhabenden Unternehmungen aus, und diese fanden bei dem kriegskundigen Ritter nur geringen Beifall. Es waren auch eigentlich keine anderen Pläne, als der Überfall und die Zerstörung und Plünderung einzelner Ritterburgen und Klöster, also nicht viel anderes als die Befriedigung lange gehegter Rachegelüste und unter dem mißbrauchten Symbol der Freiheit beabsichtigte Greueltaten eines halbwegs organisierten Räuberwesens. Florian machte den Bauernführer auf den verderbenbringenden Mangel einer erfahrenen strategischen Leitung aufmerksam und daß solche einzelnen, verstreuten und verzettelten Haufen wie der seinige wohl hie und da das Land verwüsten könnten, aber gegen eine geschlossene Kriegsmacht der Ritter und vollends der Fürsten nichts ausrichten würden, was zu dem erstrebten Ziele der allgemeinen Befreiung von drückenden Lasten und verdammenswerten Übelständen führen könnte. Der Berechtigung dieses Einwurfes konnte sich auch Jäcklein nicht verschließen und teilte nun dem Ritter mit, daß eine unbeschränkte, bewaffnete Bauernversammlung zum nächsten Vollmond nach Kloster Schöntal einberufen wäre, um eine große, gemeinsame Unternehmung unter einem dort zu wählenden kriegsverständigen Feldhauptmann zu beraten und ins Werk zu setzen, mit welchem Verfahren sich Florian Geyer vollkommen einverstanden erklärte, indem er zugleich sein Erscheinen an Ort und Stelle und seine Mithilfe dabei zusagte. Die um die Bierfäßchen herumliegenden Bauern unterhielten sich in einzelnen Gruppen, in denen der Krug von Mund zu Munde ging, über das alle überraschende Ereignis, einen Ritter durch freiwilligen Eintritt in ihren Bund gewonnen zu haben. Rat und Bürgerschaft mehrerer Städte hatten sich der Sache der Bauern bereits angeschlossen, wenigstens mit Versprechungen und zeitweiligen Unterstützungen, indem sie anderswo schweifenden Haufen Zufuhr von Lebensmitteln und Lieferung von Waffen gewährt hatten, vielleicht aus Angst vor Brandschatzung und Plünderung, aber es war doch geschehen und den Aufständischen eine willkommene Hilfe gewesen. Einen Ritter aber konnten sie noch nicht zu ihren Bundesgenossen zählen, und daß gerade Geyer von Geyersberg, von dem sie wußten, daß er mit der übrigen Ritterschaft unter dem stolzesten und mächtigsten aller Burgherren gegen die Fürsten für junkerliche Unabhängigkeit und Vorrechte gekämpft hatte, der erste sein würde, der sich mit ihnen verband, daran hatten sie wahrlich nicht gedacht. Sie hatten ihre Hoffnung von Anfang an auf einen anderen gesetzt, auf den tapferen Ritter Götz von Berlichingen, der auf Burg Hornberg am Neckar saß und weit und breit im Lande bekannt war. Er galt zwar für einen der gefährlichsten Raubritter und stand mit Städtern und Prälaten auf nichts weniger als gutem Fuße, aber dem kleinen Manne tat er nichts und nahm er nichts, und es ging das Gerücht von ihm, daß er jedem Armen hülfe, wie er wüßte und könnte. Ja, wenn sich der Ritter mit der eisernen Hand und dem goldenen Herzen an die Spitze des großen evangelischen Heeres stellen wollte, dann hätte es an ihm einen obersten Feldhauptmann, unter dem es getrost den heiligen Kampf um die Freiheit wagen könnte. Nun war Herr Florian Geyer von Geyersberg, dessen Burg sie hatten stürmen wollen und den sie, als er ihnen entgegengeritten kam, um ein Haar ermordet hätten der Ihre geworden durch einen Eidschwur, den sie staunend mit eigenen Ohren gehört hatten. War er auch keiner von den Gewaltigen und Reichbegüterten, so hatte man doch auch nie Böses, nie Klagen über ihn vernommen. Viele von denen, die vor einer Stunde mit todfeindlicher Absicht auf ihn eingedrungen waren, knüpften jetzt schon mancherlei Hoffnungen an ihn. Zunächst die, daß er sie aus eigenen Mitteln und, durch seinen Einfluß auf andere seines Standes mit Karthaunen, mit Pulver und Stein versehen und ihnen mit wohlgerüsteten Knechten eine wertvolle Unterstützung zuführen könnte, denn eine der vielen Schwächen des Bauernheeres war besonders auch der Mangel an Reiterei und Geschützen. Trotzdem war im Haufen das Mißtrauen gegen den Neueingeschworenen keineswegs schon ganz geschwunden. Manche der näher Liegenden beobachteten scharf, wie der ritterliche Mann mit den vornehmen, klugen Gesichtszügen neben dem bäurisch protzigen Jäcklein dort unter der Linde saß und den Heißblütigen, der immer das Herz auf der Zunge hatte, über seine Pläne auszuforschen schien. »Mit den paar Fäßle Bier denkt er sein Leben und seine Burg von uns losgekauft zu haben,« meinten sie. »Aber nun lauert er dem Jäcklein Weg und Steg ab und spinnt List und Verrat, wie er mit anderen seines Gelichters über uns herkommen mag.« Mit List und Verrat von Rittern und Fürsten hatten die Bauern allerdings schon üble Erfahrungen gemacht, und die blutigen Tücken des tyrannischen Herzogs von Württemberg waren noch in aller schauderndem Gedächtnis. »Säße wenigstens unser schwarzes Weib mit bei ihnen dort!« sprach einer. »Wie würde sie dem feinen Herren auftrumpfen gegen sein Kundschaften und Schmeicheln und Schöntun!« »Wer weiß!« sagte ein anderer. »Ohne ihr Dazwischentreten lebte der Sporenträger jetzt nicht mehr.« »Und daß sie die Kraft hatte, dem starken Luz seinen Speerstoß aufzuhalten!« meinte ein dritter. »Die Kraft, Martin? O die Schwarze versteht sich selber gut auf Hilpartsgriffe,« lachte ein Landsmann Judikas. »Hört zu, was ich mit eigenen Augen in Böckingen von ihr gesehen habe! In Peter Keidel seinen Acker war nachts öfter eine Wildsau aus dem Forste gekommen und hatte gewühlt. Wir beschlossen, dem Biest aufzulauern, und Judika, die überall hilft, wo sie helfen kann, wollte durchaus mit dabeisein. Eines Nachts trafen wir die Sau und umstellten sie. Peter Keidel ging auf sie los, aber sie nahm ihn wütend an, und er wäre verloren gewesen, wenn nicht Judika zugesprungen wäre und das Untier mit ihrem kurzen Spieße abgestochen hätte. Keiner von uns Männern hätte das so mit einem Stoße fertig gebracht. Oh die hat Kraft in den Armen, sag' ich euch!« »Wo sie nur stecken mag?« fragte wieder einer. »Sie ist nirgends zu sehen. Schämt sie sich vor uns, einem Ritter beigestanden zu haben?« »Ja, ja, sterben muß alles, was nach einem Rittersporn schmeckt! waren ihre Worte, und dem ersten, dem wir begegnen, rettet sie das Leben! sonderbar! höchst sonderbar!« höhnte ein anderer. »Sie muß gewußt haben, daß er sich zu uns schlagen wollte.« »Oder sie steckt unter einer Decke mit ihm. Ich fing einen Blick auf, der danach aussah, als verstünden sich die beiden.« »Sachte, sachte! die Schwarze ist keine Verräterin; da kenn' ich sie besser. Wartet's ab, ehe ihr sie anklagt!« sagte der Böckinger. So ging unter den Bauern das Gespräch hin und her über Judika, und manch einem war sie durch ihre heutige kühne Tat verdächtig geworden. Siebentes Kapitel. Judika war, als sie sich mit rascher Entschlossenheit zwischen Florian und den ihn angreifenden Bauer warf, um dessen Hellebardenstoß nach des Ritters Brust von ihm abzulenken, in der Tat verwundet worden. Der lange, spitze Haken an dem unteren Teil der Klinge hatte ihren linken Oberarm getroffen und nicht unerheblich verletzt. Schnell und unbeachtet hatte sie sich aus dem Getümmel entfernt, sich ins Dorf und dort in ein Bauernhaus begeben, um sich die Wunde notdürftig verbinden und das Loch im Ärmel flicken zu lassen. Als sich der Ritter nun von seinem Sitz unter der Linde erhob, um bei dem Schankwirt die Zeche für das gelieferte Bier zu berichtigen, begegnete ihm Judika in der Dorfgasse. Sie erschrak, als sie ihn erblickte, und blieb stehen, als besänne sie sich, ob sie nicht umkehren sollte, um ihm auszuweichen. Er aber schritt auf sie zu, bot ihr die Hand und sagte: »Ich hab' Euch zu danken, Judika! Ihr habt mir das Leben gerettet.« »Ich wollte nur einen Mord verhüten,« entgegnete sie verlegen. »Ihr werdet das nicht immer können bei dem, was Ihr unternommen habt, – vielleicht auch nicht immer wollen,« sprach Florian. Sie zuckte die Achseln und schwieg. Jetzt bemerkte er den gestopften Riß an ihrem Ärmel und ein paar Blutflecken auf dem dunklen Gewande. »Seid Ihr dabei verwundet worden?« frug er bestürzt. »Eine Schramme, weiter nichts. Auch das werde ich nicht immer vermeiden können, bei dem, was ich unternommen habe,« sagte sie gleichmütig. »So wollt' ich, ich könnte Euch davor schützen, wie Ihr heute mich geschützt habt!« rief er aus. »Der, unter dessen Schutz ich mich gestellt habe, behütet mich schon,« erwiderte sie. »Ja so! Jäcklein Rohrbach!« sprach er, und dabei traf sie ein Blick aus seinen Augen, der ihr das Blut in die Wangen trieb. Sie hatte den Schutz des Allmächtigen gemeint, und der Ritter deutete es auf Jäcklein, hielt sie wohl gar für dessen Geliebte. Zu stolz, sich gegen solchen Verdacht zu verteidigen, wollte sie sich von dem losmachen, der sie so niedrig schätzte, und sich an ihm vorbei zu dem lagernden Haufen wenden. Doch ohne sie zu berühren, hielt er sie fest: »Erlaubt mir eine Frage, Judika! Was hat Euch bewogen, Euch als einziges Weib unter die kämpfenden Bauern zu mischen? Geschah es nur, um Euch von Eurem – Beschützer nicht zu trennen?« »Und wenn es so wäre, was kümmerte es Euch?« brauste sie auf, durch die zweite Frage, die seinen unwürdigen Verdacht offen aussprach, tief beleidigt. Er antwortete darauf nur mit einer spöttischen Miene und einer Handbewegung, die besagen mochten: o bitte! durchaus nicht! Dadurch noch mehr gereizt, fuhr sie fort: »Übrigens kann ich Euch die Frage zurückgeben. Was bewegt denn Euch, als einziger Ritter gemeinsame Sache mit uns zu machen?« »Ich bin niemand Rechenschaft und niemand Dank schuldig – wie Ihr!« sprach er streng. »Den Helfensteinern, meint Ihr!« und ihre Lippe kräuselte sich hochmütig. »Überlaßt es mir, wie ich meine Schulden bezahle!« »Ihr habt auf Schloß Weinsberg Gutes genossen.« »Ja! viel!« »Und nichts Übles.« »Hm!« »Aber doch tausendmal mehr Gutes, nicht wahr? – und wollt es nun mit Bösem vergelten?« »Ja! – und Ihr? Ihr seid ja des Grafen und vieler anderer Edlen Freund, Herr Ritter! nicht wahr?« »Was Fragen über Fragen!« sprach er unwillig. »Ihr seid mir ein Rätsel.« »Gebt Euch keine Mühe, es zu lösen!« »Ihr gehört nicht zu den Bauern!« »Doch mehr als Ihr!« rief sie erregt. »Ich kämpfe mit und für meinesgleichen, Ihr aber wollt das Schwert gegen Euresgleichen ziehen. Der Bauer ist des Ritters natürlicher Feind, wie der Ritter der Feind des Bauern ist und ewig bleiben wird. Darum stehe ich hier auf meinem angeborenen Platze; sie nennen mich alle das schwarze Weib und folgen mir; ich kann mit ihnen machen, was ich will. Ihr aber seid ein Überläufer, ein Abtrünniger Eures Standes.« »Meines Standes, ja!« erwiderte er. »Aber mein Trachten geht dahin, daß es künftig im Reiche nur noch einen Stand gibt, Gemeinfreie. Darum habe ich meine Ritterschaft von mir abgetan und beschlossen, mein Leben fortan der Sache der Freiheit zu widmen. Ihr habt meinen Schwur gehört, und von dem, was ich gelobt habe, soll mich kein Ritter und kein Pfaff jemals wieder abbringen.« »Gott lohn' es Euch, was Ihr für uns Arme tun werdet!« erwiderte sie, »auf Euer Wort verlass' ich mich.« »Das könnt Ihr!« sprach er. »Aber sagt mir doch: Wenn dieser mordgierige Haufen hier meine Burg gestürmt hätte, hättet Ihr dann mitgestürmt?« Rasch entzog sie ihm ihre Hand und antwortete nach kurzem Besinnen: »Ja!« »Und wenn sie Feuer angelegt hätten, hättet Ihr Reisig herzugetragen, den Brand zu schüren?« – »Ja!« Sie war bei diesen Fragen plötzlich wieder eine ganz andere geworden, herb und zurückhaltend, und beide Male hatte ihr Ja hart und rauh geklungen, doch zugleich wie mit Anstrengung und Überwindung aus der Brust hervorgebracht. Der Ritter schüttelte langsam das Haupt und sprach mit einem kaum merklichen Lächeln: »Ich glaub' es nicht, Judika, wenn Ihr es auch selber sagt. Das hättet Ihr nicht getan!« Sie bewegte die Lippen, als wollte sie etwas erwidern, schwieg aber still und blickte seitwärts in die Dorfgasse, wo nichts zu sehen war als ein paar neugierige Gesichter, die aus Türen und Fenstern schauten. »Ihr schweigt. Judika, ich frage noch einmal: Hättet Ihr das wirklich getan?« Sie kämpfte schwer, aber dann brach es heftig hervor: »Nein!! ich hätt' es nicht getan. Ich habe versucht, Jäcklein von dem Zuge hierher zurückzuhalten, doch es gelang mir nicht. Wenn sie gestürmt hätten, so hätt' ich Euch geschützt, wie ich es vorhin getan habe.« »Ich wußt' es wohl, wollt' es nur aus Eurem eigenen Munde hören,« sprach er. »Habt Ihr mich bei den Bauern vermutet?« fragte sie. »Nicht im entferntesten. Als ich heute morgen Jäcklein Rohrbach und seinem Haufen entgegenritt, ahnte ich nicht, daß ich Euch begegnen würde, und als ich Euch plötzlich im Gedränge dicht vor mir erblickte, war ich so betroffen, daß ich der Schreihälse um mich her nicht mehr achtete und in die Gefahr geriet, aus der Ihr mich errettet habt.« »So ist es doch gut, daß ich mitgezogen bin,« sagte sie lächelnd. »Mußte das sein, Judika?« »Ja, Herr, es mußte,« erwiderte sie. »Wenn Ihr, der hochgeborene Ritter, Euch der Armen, Unterdrückten hilfreich annehmt, soll ich, die ich unter ihnen lebe und ihre Not, ihr unsägliches Elend besser kenne als Ihr, daheim bleiben? Was tu' ich dort? nichts als mich plagen, und nur für mich selbst. Hier kann ich, auch als Weib, wirken für alle. Es zog mich hinaus mit Übergewalt, ich mußte mit, wie Ihr, wie Ihr!« »Ich bringe den Bauern ein kriegskundiges Auge und einen waffengeübten Arm zu.« »Und ich eine haßerfüllte Seele und ein rachedürstendes Herz! Ich will das Eisen schmieden, solang es warm ist, und es mit dem Hauche meines Atems zur Gluthitze anblasen, will mit Wort und Blick die Alten und die Jungen entflammen und selber kämpfend in ihren vordersten Reihen sie fortreißen zu Taten, die wie Zeichen und Wunder die Welt erschrecken sollen. Und wo sie ein Weib voranstürmen sehen, da werden Männer nicht zurückbleiben.« »Ihr werdet die einzige Eures Geschlechts sein, die sich das unterfängt,« sprach Florian. »Oh wär' ich die einzige nicht!« rief Judika. »Ich wollte, zu jedem Haufen fände sich eine wie ich, die mit den Bauern einherzöge, die Fahne in der Hand oder die Brandfackel, und ihnen zujauchzte: Vorwärts! nieder mit den Feinden der Freiheit! nichts denn die Gerechtigkeit Gottes!« Mit Bewunderung blickte der Ritter auf die von Begeisterung Lodernde und Sprühende, und doch schüttelte er mißbilligend das Haupt und sagte: »Und Ihr seht in allen Adligen nur Feinde der Freiheit?« »Bis sie sich anders ausweisen, ja!« erwiderte sie. »Die Tausende, die im Schüpfergrunde versammelt waren, habe ich beschworen, keinen Ritter und Junker zu schonen, der sich nicht in unsern Bund gelobt. Heiß und blutig wird es hergehen bei dem Werke, das wir begonnen haben, aber anders ist's nicht möglich.« »Euer Werk!« nahm er ihr Wort unmutig auf, »kopflos und sinnlos habt ihr es begonnen, ohne festen, einheitlichen Plan, ohne obersten Befehlshaber, der die Kräfte zusammenhält oder verteilt je nach Lage der Dinge –« »Der soll in Schönthal gewählt werden,« warf sie ein. »Ich weiß und werde dort sein. Aber,« fuhr er eindringlicher fort, »wollt Ihr einen guten Rat von mir hören, Judika?« Sie sah ihn erwartungsvoll an. »Geht nach Hause! Überlaßt uns Männern allein das blutige Handwerk! Ihr seid zu gut zur Mordbrennerin und Kriegsfurie. Im Gewühl des Kampfes, in den Greueln der Plünderung, in den Roheiten des Umherschweifens und des Lagerns bei Tag und Nacht geht Euch Euer Bestes und Edelstes verloren. Ihr verderbt Euch Euer ganzes Leben damit. Darum noch einmal. Geht nach Hause, Judika!« »Wie könnt Ihr mir das noch raten, nachdem ich Euch gesagt habe, was mich bewegt und treibt, was in mir grollt und gärt!« rief sie in zorniger Ungeduld aus. Stolz aufgereckt, fast so groß wie er, mit glühendem Blick und tiefer Falte zwischen den dunklen Brauen stand das furchtlose Weib des Volkes vor dem ritterlichen Mann, und ihre breite, hochgewölbte Brust drohte ihm förmlich entgegen in der wogenden Empörung verletzter Gefühle. »Das Leben aber,« fuhr sie in wachsender Erregung fort, »dieses Leben, wie ich es seit drei Jahren führe, gilt mir nichts. Entweder ich erkämpfe mir ein besseres, oder ich werfe es hin. Eine Kugel oder ein Speer wird es zur Ruhe bringen; im Notfall tu' ich es mit eigener Hand; um mich weint niemand. Solange ich aber lebe, kämpfe ich mit; das hab' ich dem Jäcklein versprochen; er kann mich nicht entbehren, und ich halte mein Wort, wie Ihr das Eure halten werdet!« »Er kann Euch nicht entbehren, – Schade, Judika! Schad' um Euch!« Es klang so bitter und traurig und zugleich wie ein schwerer Vorwurf, als hätte er gerufen: Schimpf und Schande über Euch! Da schrie es in ihrem Innern auf: Ihr irrt Euch! ich bin nicht, was Ihr glaubt! Aber sie brachte die Worte nicht heraus; sie preßte die Lippen zusammen und schloß beinahe ganz die Augen wie bei der Niederkämpfung eines brennenden Schmerzes. Jetzt trat Jäcklein Rohrbach an die beiden heran. Mit der ganzen, unverfrorenen Derbheit seines täppisch bäurischen Wesens, das sich im Bewußtsein seines eingebildeten Wertes und Gewichtes protzenhaft fühlt, redete er sie breit lachend an: »Nun? Freundschaft geschlossen? oder vielmehr alte Bekanntschaft erneuert? Mir ist's recht, wenn Harnisch und Schürze einen Pakt schließen, bei dem wir drei nur gewinnen können.« Keiner von den beiden antwortete ihm, und mißtrauisch blickte er vom einen zur anderen. Wie ungebärdig und garstig erschien er Judika in seiner vorlauten Zudringlichkeit gegenüber dem Ritter, der ihr doch eben erst mit seinem halb spöttischen Mitleid viel weher getan hatte als dieser ungeschliffene Bauer mit seinem plumpen Scherze. Und dieses Menschen Geliebte sollte sie sein! ihr schauderte. Da konnte sie sich doch nicht enthalten, ihm zu bemerken: »Du wählst deine Worte schlecht. Wir haben auch keinen Pakt miteinander geschlossen. Was uns eint, ist dieselbe heilige Sache, die mich und dich zusammengeführt hat.« »Das mein' ich ja!« erwiderte er barsch. »Sind deine Ohren auf einmal so zimperlich geworden, daß sie keinen Spaß mehr verstehen? Du bist hier nicht in einem fein ausstaffierten Ritterschloß, sondern im Bauernlager, – das merke dir!« Oho! was für ein Ton? dachte sie. Wollte er hier vor dem edlen Bundesgenossen mit einer Gewalt über sie prahlen, die er gar nicht besaß? Dem mußte gesteuert werden, und mit einem stolzen, verweisenden Blick erwiderte sie scharf: »Ich kenne den Unterschied zwischen Ritterschloß und Bauernlager besser als du, und wenn ich jetzt das letztere zum Aufenthalt wähle, so war dies mein freier Entschluß und Wille, nicht deine Anziehungkraft oder gar die Folge eines Gebotes von dir.« Ihm schwoll die Stirnader, aber bevor er antworten konnte, nahm Florian das Wort und sagte ruhig: »Auf einem Ritterschlosse war es, wo ich Judika vor Jahren kennen lernte. Ich habe ihr soeben geraten, sich von den blutigen Händeln fernzuhalten und nach Hause zu gehen.« »Da kennt Ihr sie schlecht!« lachte Jäcklein laut auf. »Ich bin ein sanftmütiges Lamm gegen diese Löwin, die nach Rache brüllt, als hätte man ihr die Jungen geraubt, die sie noch gar nicht hat.« Judika wandte sich, von Jäckleins Roheit angewidert, schnell ab und begab sich zum Lagerplatz, wo sie nach Klaus Hornschuh ausspähte. »Wenn Ihr Einfluß auf sie habt, – und ich vermute, Ihr habt ihn, Jäcklein Rohrbach,« sprach der Ritter, als die beiden nun allein waren, »so bewegt sie heimzukehren in ihr Dorf und –« »Einfluß hat niemand auf sie, auch ich nicht,« unterbrach ihn Jäcklein. »Wenn ich sie aus meinem Haufen verstieße, was ich jedoch keineswegs zu tun gedenke, so würde sie schnurstracks zu einem anderen laufen, nur um sich mit aller Leidenschaft an dem Aufstande zu beteiligen, den sie schürt und nährt wie das Öl die Flamme, denn in ihr steckt eine ganz unbändige Willenskraft. Darum passen wir auch so gut zusammen,« schloß er selbstbewußt und übermütig lachend. »Ihr habt sie vorher hart angelassen,« sagte Florian. »Das scheint mir nicht die rechte Art, mit ihr umzugehen; sie ist an eine höflichere Behandlung gewöhnt, und Ihr würdet mit Ruhe und Freundlichkeit gewiß weit mehr bei ihr erreichen.« »Oh, ich stehe auf dem besten Fuße mit ihr. Wir wissen beide, was wir aneinander haben, und sie geht nicht von meiner Seite,« erwiderte Jäcklein mit dünkelhafter Miene. Florian wollte mit seiner Mahnung den von sich selbst sehr Eingenommenen nur über sein Verhältnis zu Judika ausforschen und blickte ihn nun nachdenklich prüfend darauf an. Aber aus den groben Zügen ließ sich nichts lesen als prahlerischer Trotz und hinterhältige Verschlagenheit. »Kommt,« sprach er dann, »ich will mit dem Wirt des Bieres wegen abrechnen.« Nachdem dies geschehen war, gingen die beiden selbander zurück zur Dorflinde, wo des Ritters Knechte mit den Pferden seiner warteten. Auf dem Wege dahin sagte Florian: »Noch einmal warne ich Euch, Euch mit Eurem Häuflein nicht in große Unternehmungen einzulassen. Wartet, bis wir größere Streitkräfte beisammen haben und vor allem, bis wir einen obersten Feldhauptmann und einen regelrechten Kriegsplan haben.« »Schon recht,« erwiderte Jäcklein, »zuvörderst muß ich trachten, Waffen zu erbeuten zur besseren Ausrüstung meines Haufens, nebst Feldschlangen und Scharfmetzen mit Pulver und Stein. In Bütthard habe ich leider wenig gefunden. Außerdem, von der Luft können die Leute nicht leben; sie sind ausgehungert, und wo sie einfallen, da merkt man's, daß sie dagewesen sind, wenn sie wieder abziehen. Jetzt wollen wir nach Tauberbischofsheim, wenn wir heute noch so weit kommen. Dort habe ich mich ansagen lassen, daß sie uns Quartier geben und was zu des Leibes Notdurft gehört.« Die werden sich freuen! dachte Florian. Bei der Linde reichte er dem Bundesgenossen die Hand: »Also auf Wiedersehen im Kloster Schönthal!« »Am nächsten Vollmond, – vergeßt es nicht!« erwiderte Jäcklein und fügte leise hinzu: »Metzler hofft, den Ritter Götz von Berlichingen mit zur Stelle zu bringen und ihn zur Annahme des Oberbefehls zu bewegen.« Als sich Florian in den Sattel geschwungen hatte, sah er sich noch einmal nach Judika um, konnte sie aber nicht entdecken. Langsam ritt er mit den Knechten von dannen, seiner festen Burg Giebelstadt zu. Seine Gedanken aber blieben bei Judika zurück. Sie war eine andere geworden, als sie auf Schloß Weinsberg gewesen war. Sie erschien ihm noch voller erblüht und höher, als wäre sie noch gewachsen, und reifer geworden, trotziger und von einem unnahbaren, streitsüchtigen Stolz erfüllt, den er früher nicht an ihr bemerkt hatte. In ihrem Wesen lag etwas Mannhaftes, das ihm nicht sonderlich an ihr gefiel. Was mochte sie für Schicksale gehabt haben, daß sie sich als einzelnes junges Weib unter die kämpfenden, blutlechzenden Bauern mischte, deren Bundesgenosse freilich nun auch er selber heute geworden war, er, der Ritter und Burgherr! Sie war in höfischen Sitten erzogen worden, und die Folgen dieser Erziehung und langjährigen Gewohnheit hatten sich auch bei der heutigen unerwarteten Begegnung keineswegs in Judikas Benehmen verleugnet, aber etwas von dem früheren Schimmer war von ihr abgestreift, wie bestaubt und berußt von einer anderen, niedrigeren Art zu leben und zu denken. Besonders im Ton ihres Sprechens hatte sich dies gezeigt und in einer gewissen vorbeugenden Schroffheit. Dazu gesellte sich in ihrem Blick und in ihren sonst so schönen Zügen ein finsterer Ausdruck, der von inneren Kämpfen, von Grimm und Haß und kampfbereiter Entschlossenheit Kunde gab. Er wußte, daß sie seit länger als drei Jahren nicht mehr auf Schloß Weinsberg, sondern anderswo lebte, vielleicht in Dürftigkeit und Not. Und wo immer es war: mitten unter dem armen Landvolke mußte sie Jammer und Elend in erschreckender Größe gefunden haben. Das Unterdrücken und Mißhandeln hatte sie bei den Helfensteinern mit angesehen, das Unterdrückt- und Mißhandeltwerden aber nun wohl selber in irgendeinem Dorfe erlebt, und so kannte sie die furchtbaren Schäden der Zeit von der einen wie von der anderen Seite. Da mochte ihr das Herz von Haß gegen die Unterdrücker geschwollen sein, und allein und einsam stehend in der Welt, hatte sie sich mit ihrem leidenschaftlichen Sinn und ihrer trotzigen Willenskraft in den Strudel der Bewegung hineingestürzt, um selbst mit Hand anzulegen am gewaltsamen Niederreißen alles zu Unrecht Bestehenden. So erklärte sich Florian Geyer Judikas tätliche Teilnahme an dem beginnenden Kampfe. Aber wenn er sich auch sagte, daß es nicht des Weibes Pflicht und Aufgabe sei, selber mit in den Krieg zu ziehen und sich mit Rittern und Knechten herumzuschlagen oder die bewaffneten Horden zu blutigen Taten aufzustacheln, so konnte er ihr doch im Grunde seines Herzens nicht grollen darüber. Warum sollte die Begeisterung für die Befreiung des niedergetretenen Volkes nicht ebenso heiß in Weibes Brust erglühen wie in der der Männer, zumal ja die Frauen unter den gegenwärtigen Zuständen mindestens ebenso schwer zu leiden hatten wie jene? Und Judika war kein gewöhnliches Weib. Sie zeigte sich jetzt als eine Auserwählte ihres Geschlechts, die ihre Genossinnen an Einsicht, an Tatkraft und an heiliger Zornglut hoch überragte. Zudem konnte sie durch ihren Einfluß und durch ihr Verhalten in den kriegerischen Aktionen Gutes wirken, wenn sie einerseits gleich einer verführerischen Bannerträgerin des Freiheitsgedankens den Scharen voranzog und sie durch Wort und Beispiel zu Mut und Tapferkeit entflammte, und andererseits mit der angeborenen Milde und Zurückhaltung echter Weiblichkeit, soviel die Stahlherzige davon noch besaß, unnütze Grausamkeiten zu verhüten suchte. Aber in diese Erwägungen des Ritters mischte sich eine vermeintliche Entdeckung, die ihm, wie dem Auge ein dunkler Fleck auf einem sonst reinen Gewande, ein tiefes Bedauern weckte, ja eine innere Unruhe und Verstimmung erzeugte. Vorläufig war es nichts weiter als ein Verdacht, der sich ihm jedoch so unabweislich aufdrängte, daß er ihn nicht wieder loswerden konnte. Der Verdacht nämlich, daß Judika sich mit Leib und Seele Jäcklein Rohrbach ergeben hätte. Eine zwiefach peinliche Empfindung war es, die sich bei dieser Einbildung jetzt seiner bemächtigte. Traf sein Vermuten zu, so waren Judikas Beweggründe zur Teilnahme an den Kämpfen nicht lauter und rein, nicht bloß Mitleid mit ihrem Volke und begeisterter Drang nach Freiheit, sondern auch und vielleicht noch mehr eine leidenschaftliche, ihrer unwürdige Neigung zu jenem rohen Menschen. Und ferner war es ihm ein widerlicher, ein ganz entsetzlicher Gedanke, sich das schöne, junge Weib in den Armen, unter den Liebkosungen dieses Bauern vorzustellen. Fort und fort mußte er an sie denken während seines Rittes, an sie, die in ihrem Wesen bald etwas Unnahbares, Abstoßendes, bald etwas mächtig und geheimnisvoll Anziehendes hatte, ohne daß sich mit Worten sagen ließ, worin dieser Zauber bestand, denn die Kraft und Schönheit ihrer Gestalt und der fesselnde Ausdruck ihres Antlitzes allein waren es nicht, was ihr alle Herzen gewann. Er hatte ihrer fast völlig vergessen, seit er sie zum letzten Male gesehen, und nun war sie plötzlich wieder in seine Kreise getreten, hatte sogar mit eigener, rascher Hand in sein Schicksal eingegriffen, denn wenn sie heute nicht im rechten Augenblick an seiner Seite gewesen wäre, so lebte er vielleicht jetzt nicht mehr. Und immer noch ging ihm die Frage im Kopfe herum. gehörte sie dem Jäcklein zu eigen? oder gehörte sie ihm nicht? Sie selber hatte ihm auf seine dahin zielenden Anspielungen keine bestimmte Antwort gegeben, hatte ein vertrautes Verhältnis mit Jäcklein weder offen zugestanden, noch entschieden bestritten. Jäckleins hingeworfene Äußerungen waren schon belastender für Judika, aber sie konnten aus bloßer Ruhmredigkeit getan sein und boten daher keinen festen Inhalt. Auch die heftige und geringschätzige Art, mit der sie seine übel angebrachten Scherze zurückwies, ließ keineswegs auf innige Beziehungen zwischen beiden schließen. Florian nahm sich vor, sich beim Wiederbegegnen mit ihr Gewißheit darüber zu verschaffen und die Alleinstehende womöglich vor dem Unglück, das er in dieser widerspruchsvollen Vereinigung als unabwendlich für sie vor Augen sah, zu bewahren. Beruhigter ritt er nun seines Weges fürbaß, und bald erblickte er vor sich auf bewaldeter Höhe die Burg seiner Väter, Schloß Giebelstadt. Es war ihm, als schaute sie verwundert und vorwurfsvoll auf ihn herab, als bewegte der hohe Bergfried sein steinernes Haupt mißbilligend hin und her über den heimkehrenden Herrn. Denn ein freier Mann war er heute morgen von der Burg herabgeritten, und ein gebundener ritt er jetzt wieder zu ihr hinan. Der Ritter, der Lebensgenosse der Helfenstein, Rosenberg., Hohenlohe, Löwenstein, Gemmingen und vieler anderer hatte sich in den evangelischen Bund der Bauern eingeschworen und war nun ihr Mitstreiter und Mitempörer. Wie Kletten würden sie sich an ihn hängen, nie wieder konnte er sie von sich abschütteln. Aber das wollte er auch nicht, denn nicht nur sein Arm, auch sein Herz gehörte fortan ihnen und ihrer gerechten Sache. Wie sein gutes Schwert einst für die Unabhängigkeit der Ritter gefochten hatte, so wollte er es jetzt ehrlich und tapfer für die Freiheit des Volkes ziehen. Und als ob diesem Gelübde ein Siegel untergedrückt würde, begrüßte ihn in diesem Augenblick von oben herab der schmetternde Hornruf seines Türmers. Achtes Kapitel. Während seiner Rast im Dorfe Herchsheim hatte es Florian Geyer nicht der Mühe wert gehalten, die wahre Stimmung der Bauern gegen ihn nach seinem Schwure, dem sie ja stürmisch genug zugejauchzt hatten, zu erforschen und sich zu vergewissern, ob sie von der Aufrichtigkeit seiner Gesinnung und der Treue seiner Bundesgenossenschaft überzeugt wären. Was der einzelne über ihn dachte, war ihm ziemlich gleichgültig, er sah in ihnen nur die Gesamtheit oder einen Teil der Gesamtheit, die sein tiefes Mitleid erregte und ihm seines Beistandes dringend bedürftig schien. Für alle wollte er kämpfen, aber nicht mit jedem einzelnen sich verbrüdern. Die Meinung der Bauern über ihn war indessen eine gute, ihm durchaus günstige und zugetane. Nicht des gespendeten Bieres wegen, das bald ausgetrunken war, denn der Vorrat im Dorfkruge war nicht groß gewesen, obwohl ihn der Wirt, so gut er es in der Eile vermochte, durch schnelle Zufuhr aus den Dörfern Allersheim und Wolkshausen verstärkt hatte. Auf diese einfach denkenden Menschen hatte das ganze Wesen und Auftreten des ritterlichen Mannes den, ihnen bei einem seinesgleichen sehr ungewohnten Eindruck eines wahrhaften, inneren Wohlwollens mit ihnen und einer vertrauenswerten Zuverlässigkeit gemacht, und als sie sein dem Jäcklein gegebenes Versprechen hörten, sich in Schönthal wieder zu ihnen gesellen zu wollen, da wich, mit wenigen Ausnahmen, bei den so oft Betrogenen auch der letzte Argwohn und machte der Überzeugung Platz, daß Florian Geyer von Geyersberg es ohne Hintergedanken und Verstellung ehrlich mit ihnen meinte. Sie gaben ihrer Freude darüber einen jubelnden Ausdruck und sahen dem guten Fortgange ihres Unternehmens nun mit noch einmal so großen Hoffnungen entgegen wie bisher. Denn mit des Ritters Eintritt in ihren Bund kam ihnen die Nutzanwendung der Lehre von der Gleichheit aller Menschen, die sich seit Ausbreitung des neuen Evangeliums schon unausrottbar in ihren Köpfen festgesetzt hatte, endlich einmal tatsächlich und handgreiflich entgegen. Dieser Gedanke war ein Zug der Zeit, der wie Sturmeshauch durch die Lande flog und alles erschütterte und erfaßte. Die einen freilich, die von den oberen Schichten der Gesellschaft, suchten ihn von sich abzuwehren, sich gegen ihn zu verschließen. Die breiten Massen des Volkes aber fingen ihn freudig auf, sogen ihn gierig ein wie die Kunde von einer neuen, vielversprechenden Entdeckung. Ihnen ward er zur Losung, die alle verband und einte, ja zum Hauptinhalt des ihnen mit der verdeutschten Bibel geoffenbarten Christentums. Wie die Armen, die Mühseligen und Beladenen dieses Leib und Seele befreiende Gesetz verstanden und sich auslegten, wie sie es angewandt und ausgeführt wissen wollten, darüber bestand bei ihnen selber nicht der geringste Zweifel. Worüber sie anfänglich stutzig, erstaunt, ganz verblüfft gewesen waren, das schien ihnen jetzt schon selbstverständlich und unerläßlich. Aus den Unwissenden, Unterwürfigen, an Dulden und Leiden Gewohnten waren schnell trotzig Fordernde geworden, die sich dieses Stück Christentum zu einem Grundstock ihres Katechismus machten und den Kampf darum einen dafür zu leben und zu sterben würdigen, von dem allmächtigen Schöpfer des Himmels und der Erde gesegneten und geheiligten nannten. Zum allgemeinen Schlachtruf wurde der christliche Gedanke, und der evangelische Bund, das große evangelische Heer der Bauern sollte sein Vollstrecker sein, der ihn aller Welt aufdringen und mit Gewalt zur Wahrheit und Wirklichkeit machen sollte. Es war eine furchtbare Waffe, die ihnen Martin Luther, ahnungslos der unabsehbaren Folgen, in die zornbebende Faust gegeben hatte. Wie zur Zeit der Kreuzzüge, wo es galt, das heilige Grab aus den Händen der Ungläubigen zu befreien, eine schwärmerische, überschwengliche Begeisterung das ganze Abendland in Feuer und Flammen setzte, den Mann von Weib und Kind, den Ritter aus der Burg, den Mönch aus dem Kloster, den Bürger von seinem Gewerbe, den Bauer vom Pfluge fortriß und nach dem gelobten Lande entführte, so hatte sich auch jetzt ein Wirbelsturm der Leidenschaften, ein wilder Rausch und Taumel der Gemüter von all den vielen, vielen Tausenden Darbender und Entbehrender bemächtigt. Auch sie verließen ihre Hütte und ihre Scholle und scharten sich in hell aufloderndem Kampfmut zusammen, um nach rachgieriger Vergeltung der gehäuften Blutschuld ihrer Peiniger sich etwas zu erstreiten und zu erobern, was sie kurzweg Freiheit nannten und worunter sie die Gleichheit aller Menschen in Lust und Leid, in Besitz und Genuß verstanden, ohne sich zu fragen, ob die ihnen unklar vorschwebenden Ziele erreichbare wären und ob die ersehnten Zustände auch nur die Möglichkeit der Dauer hätten. Die Bauerschaft im großen und ganzen wußte ja nicht, was sie wollte, jeder hatte seine eigenen Wünsche, die sich oft mit denen anderer kreuzten, bis es ihnen von klugen Leuten gesagt wurde, was sie alle insgesamt fordern sollten. Denn während in Franken und Schwaben, im Breisgau und Thurgau, im Schwarzwald und Odenwald, in der Schweiz, in Thüringen und im Harz, am Rhein und an der Donau blutige Kämpfe stattfanden, Burgen gebrochen, Klöster eingeäschert und Ritter und Städte zum Eintritt in den Bund gezwungen wurden, standen hinter jenen stürmenden, sengenden Scharen und ihren Führern vom Schlage Georg Metzlers und Jäcklein Rohrbachs andere, gebildete und besonnene Männer, die sich in Verborgenheit hielten, aber die leitenden Fäden der ganzen Bewegung in geschickten Händen hielten und die Forderungen zu einem klaren und bestimmten Ausdruck brachten. In Heilbronn hatte man eine geheime Bauernkanzlei errichtet, von der die Losungen ausgingen und deren Haupt der ehemalige hohenlohesche Kanzler Wendel Hippler war. Dieser war ein vornehmer Mann, der sich dem nationalen Gedanken mit Begeisterung völlig hingab, von scharfem Verstand, mit großen und kühnem Entwürfen, niemals um die Mittel verlegen, sie auszuführen, leise, fein anspinnend, ohne daß seine Hand sichtbar wurde, »eine Ente, die das Untertauchen versteht«, sagte Götz von Berlichingen von ihm. Sein treuester Gehilfe war der kurmainzische Kellermeister Friedrich Weigand aus Miltenberg im Odenwalde, ein Mann vom reinsten, edelsten Willen, sein Volk zu heben, und voll tiefer Einsicht in dessen Bedürfnisse, aber nicht veranlagt zu Umtrieben und Ränken. Der Dritte im Bunde war Hans Berlin, Ratsherr zu Heilbronn, ein schmiegsamer Diplomat, der eine Zeitlang den Unterhändler zwischen dem schwäbischen Bunde und den Bauern machte, der Sache des armen Mannes aber mit ganzem Herzen zugetan war und darum das volle Vertrauen der so leicht mißtrauischen Bauern genoß. Diese drei bauten auf den längst schon hier und da laut gewordenen Vorschlägen weiter, die das Reich und seine Verwaltung von Grund aus reformieren sollten und von denen einige bereits auf früheren Reichstagen zur Sprache, jedoch niemals zu Beschluß und Ausführung gekommen waren. Sie verlangten die Säkularisation aller geistlichen Güter, um damit die weltlichen Herrschaften für die geforderte Abtretung gewisser Rechte, Einkünfte und Privilegien zu entschädigen und außerdem noch die öffentlichen Bedürfnisse des Reiches zu bestreiten. Groß genug für diese Zwecke war die Masse jener Güter. Alle Zölle und Geleite sollten wegfallen, nur alle zehn Jahre eine Steuer an den Kaiser gezahlt werden, vierundsechzig Freigerichte sollten im Reiche bestehen mit Beisitzern aus allen Ständen, sechzehn Landgerichte, vier Hofgerichte und ein Kammergericht, und im ganzen Reiche sollte eine Münze, ein Maß und ein Gewicht gelten. Das waren die Entwürfe im großen. Für den Bauern und gemeinen Mann wurden andere Forderungen aufgestellt, die ihn näher angingen, sein Leben unmittelbarer berührten und seinem Begriffsvermögen leichter faßlich waren. Diese wurden in den berühmten »zwölf Artikeln« niedergelegt, die als gedrucktes Flugblatt blitzschnell im ganzen Reiche verbreitet wurden. Es war nur ein Stück Papier, aber ein Manifest, das, im rechten Augenblick erlassen, zu ungeheurer Macht und Bedeutung gelangte. Die Überschrift lautete: »Die gründlichen und rechten Hauptartikel aller Bauerschaft und Hintersassen der geistlichen und weltlichen Obrigkeiten, von welchen sie sich beschwert vermeinen.« Darauf folgte eine Einleitung, die mit den Worten begann: »Dem christlichen Leser Friede und Gnade Gottes durch Christum!« und in der es weiter unten hieß: »Das Evangelium ist nicht eine Ursache der Empörung oder Aufruhren, dieweil es eine Rede ist von Christus, dessen Wort und Leben nichts denn Liebe, Friede, Geduld und Einigkeit lehret, also daß alle, die an Christus glauben, lieblich, friedlich, geduldig und einig werden.« Die zwölf Artikel selbst waren mit zahllosen Hinweisen auf Bibelstellen gespickt, zum Zeugnis, daß nichts gefordert wurde, was im Evangelium nicht gerechtfertigt und in der heiligen Schrift nicht beglaubigt wäre. Ihr Hauptinhalt war folgender. Jede Gemeinde soll das Recht haben, sich ihren Pfarrer selber zu wählen und ihn unwürdigen Benehmens oder unlauterer Lehre wegen auch absetzen zu können. Der rechte Kornzehnten soll gegeben, die kleinen Zehnten aber und die Abgaben beim Sterbefall sollen von Witwen und Waisen nicht mehr erhoben werden. Die Leibeigenschaft soll gänzlich aufhören, weil sie der Erlösung der Menschen durch Christum widerstreitet; aber diese christliche Freiheit soll den Gehorsam gegen die rechtmäßige Obrigkeit nicht aufheben. Frondienste sollen nicht mehr geleistet, Gerichtsstrafen nicht willkürlich erhöht werden. Das Wild in Wald und Feld, die Vögel in der Luft, die Fische im Wasser sollen für jedermann frei sein. Alle Waldungen, die nicht durch Kauf Eigentum geworden sind, sollen den Gemeinden zu unentgeltlicher Benutzung überlassen werden. Die Herrschaft soll vom Bauern nicht Dienste verlangen, die über vertragsmäßige Verpflichtung hinausgehen. Zu stark beladenen Gütern soll der Zinsfuß herabgesetzt werden. Das alles wurde mit knappen, eindringlichen Worten erläutert und begründet, und es waren keine unbescheidenen und übermäßigen Forderungen. Ihr Verfasser war und blieb unbekannt, von Oberschwaben gingen sie aus, mochten aber wohl nicht aus einem Gusse entstanden, nicht aus einer Feder geflossen sein, sondern erst allmählich ihre endgültige Gestalt erhalten haben. Aber diese Satzungen zündeten wie ein Funke im Pulverfaß und riefen überall, wohin sie kamen, eine unbeschreibliche Aufregung im Volke hervor, denn es sah in ihnen Hoffnungen und Verheißungen, die es mit einem Schlage aus Jammer und Elend zu einem menschenwürdigen Dasein verhelfen und erheben und ihm ein zwar arbeitsvolles, gewiß nicht sorgenfreies, aber doch gesichertes, zufriedenes, mehr oder minder behagliches Leben verschaffen sollten. Die Armen wurden nicht müde, die zwölf Artikel zu lesen oder sich vorlesen zu lassen; die meisten trugen das Flugblatt beständig bei sich in der Tasche, auch solche, die es nicht lesen konnten. Und alle glaubten an die Verwirklichung dieser ungeheuren Umwälzung, stritten über Wortlaut und Inhalt, deuteten aus und legten hinein, was jedem am besten in seinen Kram paßte, und schwelgten in Träumen von einer glücklichen Zukunft, vor deren glänzenden Bildern die traurige Gegenwart auf Nimmerwiederkehr versank. Auf diese zwölf Artikel nun hatte sich der tapfere Ritter Florian Geyer von Geyersberg in den evangelischen Bund geschworen. Er kannte sie Wort für Wort, wußte also, daß er dabei nichts gewinnen, sondern nur verlieren konnte. Denn mit ihrer bedingungslosen Annahme entsagte er einer Anzahl von Vorrechten, die gleich den anderen Adligen auch seine Vorfahren sich allmählich angemaßt und angeeignet hatten. Das war das erste Opfer, das er seinem Volke brachte; das zweite, größere, war vielleicht sein Blut und Leben. Die Florians Schwur gehört hatten, rechneten ihm seine Hingebung hoch an und wollten dafür sorgen, daß die Nachricht von seinem Eintritt in den Bund im ganzen Lande Verbreitung fände, den Bauern zur Ermutigung und den Rittern zur Nachahmung. Einer aber von den wenigen immer noch Mißtrauischen warf dazwischen: »Laßt uns abwarten, wie er die erste Probe bestehen wird und ob er Stich hält, wenn er gegen seinesgleichen fechten und die Schlösser seiner guten Freunde stürmen soll.« »Ja, ja! trau, schau, wem! Ritterrecht ist anders als Bauernrecht, nur nicht so leichtgläubig!« stimmten ihm einige Gleichgesinnte zu. Judika saß auf einem großen Steine etwas abseits von der Gruppe Unzufriedener, in der diese Reden gefallen waren, und hatte sie vernommen. Schnell stand sie auf, trat herzu und sprach erregt: »Ihr zweifelt noch an dem Ritter und seinem Wort? Dazu habt ihr keinen Grund und kein Recht. Schämt euch eures niedrigen Verdachtes!« »Nun, man wird ja wohl noch seine Meinung sagen können,« versetzte der, der damit angefangen hatte. »Er wäre der erste nicht, der uns mit Versprechungen hingehalten und betrogen hat.« »Aber von allen der letzte wäre er, der das fertig brächte,« erwiderte Judika. »Nein, nein! dieser eine tut es nicht, dafür bürg' ich euch, denn ich kenne ihn. Hätt' ich ihn sonst ebenso wie Jäcklein geschützt, als er in unsere Hand gegeben war?« »Das haben wir gesehen,« rief ihr ein Bauer zu, »aber wie ist mir denn? Du wolltest ja wohl keinen gespart und geschont wissen, der den Rittersporn trägt, schwarzes Weib?« »Ja, das hab' ich gesagt, Hans Kolbenschlag!« entgegnete sie. »Und wenn ihr mich nun doch einen von ihnen sparen und schonen seht, so könnt ihr euch auch darauf verlassen, daß er dessen würdig ist, und es steht zu hoffen, daß er nicht der einzige bleibt, mit dem wir eine Ausnahme machen. Im übrigen will ich wünschen, daß ihr eure Proben von der ersten bis zur letzten so gut besteht, wie es dieser ehrenwerte Ritter tun wird.« »Kennst ihn wohl sehr genau?« höhnte ein Dritter aus dem Kreise, und die anderen lachten dazu. »Besser als euch!« sprach sie, einen nach dem anderen mit durchbohrenden Blicken messend. »Euer Lachen kann mich nicht beleidigen, mögt ihr doch von mir denken, was ihr wollt! Ihr freilich hättet lieber des Ritters Burg geplündert, denn nur um zu rauben seid ihr mit ausgezogen.« »Und du wärst wohl am liebsten mit dem seinen Herrn auf seine Burg geritten, wenn er dich vor sich in den Sattel genommen hätte, heißblütige Schwarze?« spottete ein frecher Geselle, worauf wieder ein schallendes Gelächter folgte. »Das nicht!« gab ihm Judika zornbebend zur Antwort, »aber ich merke, Jäcklein hat noch einem Dutzend von euch zu wenig den Laufpaß gegeben; trollt euch den Ausgestoßenen lieber nach, statt hier Hader und Zwietracht zu stiften!« Von dem lauten Wortwechsel angelockt, hatte sich eine Schar anderer herzugedrängt, und einer der Vordersten, ein großer, ungeschlachter Mensch, schrie das Häuflein Mißvergnügter hart an: »Die Schwarze hat recht. Der Ritter Florian Geyer hat sich als unser Bruder zu uns in den Bund geschworen; wir anderen alle vertrauen ihm, und wenn ihr jetzt nicht das Maul haltet, so stopfen wir es euch – hiermit!« Dabei hielt er ihnen drohend eine nicht zu verachtende Faust entgegen. »Recht so! wir stehen zum Ritter und zu unserem schwarzen Weib! drauf! schlagt zu!« riefen die Hintermänner. »Fort mit den Schelmen, die Fried' und Eintracht stören!« Die Angegriffenen brummten noch ein paar unverständliche Worte in den Bart, wagten aber der großen Mehrzahl gegenüber keinen entschiedenen Widerspruch, und der Streit war damit beendet. »Judika, halt' dich zu uns! wir setzen Leib und Leben für dich ein!« wandte sich jetzt der Große zu der von Beschützern allseitig Umringten. »Ja, das wollen wir! wir wissen, was wir an dir haben! unserem schwarzen Weib soll keiner etwas antun!« riefen die anderen, und der Blick manch eines ruhte wohlgefällig auf der hohen, blühenden Gestalt Judikas, die in ihrem Zorn doppelt schön und verführerisch aussah. Sie aber sprach: »Ich danke euch, ich werde schon allein mit ihnen fertig werden.« Dann suchte sie schnell Jäcklein auf, den sie mit einigen Unterführern vor dem Dorfkruge fand, und sagte zu ihm: »Laß uns aufbrechen! sonst geraten sie sich da hinten in die Haare, des Ritters wegen.« »Der Teufel soll sie holen, wenn sie sich mucksen!« fuhr Jäcklein auf. »Was wollen sie?« »Laß nur! es ist schon alles in Ordnung,« erwiderte sie, »nur vorwärts!« Da gab er den Befehl zum Abmarsch, der sich auch ohne Säumen und Ungebühr vollzog. Vor dem Aufbruch aber entsandte er einen Bauern mit dem Auftrage, Georg Metzler aufzusuchen und diesem, von dem er selber Nachrichten in Tauberbischofsheim zu erhalten hoffte, die frohe Botschaft von dem Eintritt des Ritters Geyer von Geyersberg in den evangelischen Bund zu überbringen. Neuntes Kapitel. Den durch seine Tapferkeit und Kriegführung bekannten Ritter für den Aufstand zu gewinnen, war der Zweck gewesen, den Jäcklein Rohrbach bei seinem Abstecher von Schüpf nach Giebelstadt oder wenigstens in dessen Nähe im Auge gehabt hatte. Er hatte ihn durch Florians Entgegenkommen über Erwarten leicht und schnell erreicht und konnte sich nun wieder westlich aus dem bayrischen ins badische Land wenden, um sich allmählich dem Kloster Schönthal zu nähern, das auf württembergischem Gebiete lag. Sein Zug ging über die Dörfer Allersheim, Gützingen, Wittighausen und Zimmern zunächst auf Grünsfeld zu. Die armen Bewohner dieser Dörfer teilten den Hungernden von ihrer geringen eßbaren Habe so viel mit, wie sie irgend entbehren konnten, aber durch das häufigere Einkehren entstand überall Aufenthalt, und so war im Wittigbachtale die Dämmerung schon tief herabgesunken, als der Haufen endlich vor den festen Mauern des Städtchens Grünsfeld anlangte, das ihm nach kurzen Verhandlungen und den friedlichen Versicherungen des Anführers vertrauend das schon geschlossene Tor zum Einzug öffnete. Jäcklein entschied sich, die Nacht hierzubleiben, denn an einen Weitermarsch in der Dunkelheit über die bewaldeten Berge war nicht zu denken und der Weg über Lauda zu weit. Die Einwohner von Grünsfeld hießen den Haufen, dem sich noch viele Bauern aus den durchzogenen Dörfern angeschlossen hatten, zwar nicht gerade freudig willkommen, gewährten ihm aber doch gutwillig Speise und Trank und Herberge unter Dach und Fach für die Nacht. Jäcklein sorgte dafür, daß Judika ein besonderes gutes Unterkommen in einem der angesehensten Bürgerhäuser fand, und folgte dann selber der Aufforderung eines Ratsherrn, bei ihm zu wohnen, der sich ihm als einen aufrichtigen Freund der Volksbewegung zu erkennen gegeben hatte. Judikas Wirt, namens Haberkorn, war ein Kaufmann, der mit allerhand einheimischen und ausländischen Waren Handel trieb und sich, seinem ganzen Hausstande nach zu urteilen, in guten Verhältnissen zu befinden schien. Seine Familie bestand aus einer verständigen, freundlichen Frau, einem fast zum Manne gereiften Sohn, der ihm in den Geschäften tätig zur Hand ging, und zwei blühenden Töchtern von zwanzig und achtzehn Jahren. Mutter und Töchter, anfangs gleich allen übrigen Bewohnern über das Eindringen bewaffneter Scharen in die Stadt erschrocken, dann aber von deren friedlichen Absichten unterrichtet und beruhigt, waren darauf gefaßt gewesen, daß ihnen der Vater einen oder ein paar grobkörnige Bauern als Einquartierung ins Haus bringen würde, und waren nun nicht wenig erstaunt, als er mit einem hochgewachsenen weiblichen Wesen ankam, in dem sie im ersten Augenblick eine dem Zuge der Bauern folgende Landstreicherin vermuteten, dessen äußere Erscheinung in den Gesichtszügen sowohl wie in Haltung und Bewegung sie dann aber, bei näherer Betrachtung, mit den umherschweifenden, aufrührerischen Banden gar nicht in Einklang zu bringen wußten. Vollends nach der gegenseitigen Begrüßung, bei der Judika eine Sicherheit und Gewandtheit zeigte, die einen achtunggebietenden Eindruck auf ihre Wirte machte, ward es ihnen klar, daß dies nicht die Frau oder Tochter eines gewöhnlichen Bauern sein konnte, und Frau Ursala Haberkorn war geneigt, die Fremde für eine von den Bauern aufgegriffene vornehme Gefangene zu halten, die sie vielleicht als Geißel mit sich herumschleppten, bis Judika ihren langen Mantel ablegte und nun in dem schlichten schwarzen Kleide dastand, das ihre kräftige Gestalt eng anliegend umschloß und nichts ritterlich Prunkendes und Schmückendes hatte. Während sie von der jüngeren Tochter in eine reinliche Kammer geleitet wurde, wo sie ein gutes Bett und Waschgerät fand, berichtete der Mann seiner Frau und der älteren Tochter, was er in der Eile von Jäcklein Rohrbach über Judika erfahren hatte. Dann wurde der Abendtisch gedeckt, und als sich die Familie mit Judika daran niederlassen wollte, kam auch Vinzenz, der Sohn, nach Hause, der sich auf Markt und Gassen unter die Bauern gemischt und von ihnen Neuigkeiten zu erkunden gesucht hatte, die er nun den Seinigen hier mitteilen konnte. Auch er stutzte, als er Judikas ansichtig wurde, und während er bei Tische das draußen Vernommene vortrug, haftete sein Blick unablässig an dem schönen, ausdrucksvollen Antlitz und dem herrlichen Wuchs der ihm gegenübersitzenden Jungfrau, die sich so taktvoll und schicklich benahm und mit ihrer tiefen, klangvollen Stimme so fesselnd sprach, wenn sie das, was er erzählte, bestätigte oder berichtigte und ergänzte. Ihr Wesen hatte allerdings etwas Unwiderstehliches an sich, das bestach, ohne daß sie bestechen wollte, denn sie war eine andere hier in der Gesellschaft wohlgesitteter Bürgersleute, als wenn sie unter freiem Himmel den tobenden Bauern Aufruhr und Rache predigte oder sich deren unbotmäßigem Treiben und wüsten Reden furchtlos und derb widersetzte. Das Gespräch drehte sich anfangs hauptsächlich um das große Ereignis des Tages, um den Eintritt des Ritters Geyer von Geyersberg in den Bund der Bauern, und Judika mußte alle Einzelheiten des Vorganges, dessen Zeugin sie gewesen war, zum besten geben, wobei ihre Augen manchmal wunderbar aufleuchteten und ihre Stimme zuweilen leise bebte, als würde sie dabei unwillkürlich von einer inneren Bewegung ergriffen. Dann aber, auf eine dahin tastende Frage der Hausfrau, berichtete sie auch von ihrem bisherigen Leben und von ihrer auf dem Helfenstein'schen Grafenschlosse verbrachten Kindheit und Jugend so viel, wie ihr davon mitzuteilen gut deuchte. Ihre Beweggründe und ihren Entschluß, mit den Bauern in den Kampf um die Freiheit zu ziehen, tat sie mit kurzen Worten ab und deutete nur flüchtig an, daß sie ihre Zeit zu handeln und ihre wahre Aufgabe erst dann für recht gekommen erachte, wenn die einzelnen Haufen zu einem einzigen großen Heere unter tüchtiger Führung vereinigt sein würden. Man drang auch nicht in sie, sich darüber näher zu erklären und erschöpfte sich nicht im Auskramen von Schauergeschichten und von Beschwerden und Klagen. Doch vergaß Judika nicht, ihre völlige Unabhängigkeit zu betonen, um ihren ehrbaren Wirten zu verstehen zu geben, daß sie zu keinem der Bauern, auch nicht zu deren Anführer in einem unerlaubten Verhältnis stünde. »Aber alle nennen sie mich ihr schwarzes Weib, und mein Herz gehört doch keinem einzigen von ihnen,« schloß sie lächelnd und leerte dann mit hohem Schwunge ihren Zinnbecher, als tränke sie in Gedanken auf das Wohl eines Abwesenden. Seit Jahren zum ersten Male wieder saß Judika hier in einem behäbig eingerichteten Zimmer, an einem appetitlich gedeckten, mit Speis' und Trank reichlich besetzten Tisch unter Menschen, mit denen sie in ihrer anerzogenen Sprache reden konnte und deren Augen teilnahmsvoll an den Lippen ihres ungebetenen und doch so freundlich aufgenommenen Gastes hingen. Welch ein Lichtstrahl war dies gegen die Dunkelheit ihres kümmerlichen Unterkriechens in den letzt vergangenen Tagen und ihres armseligen Daseins im Dorfe Böckingen! Ein warm anheimelndes, lange nicht mehr gekanntes Gefühl von Behaglichkeit und Lebensfreude durchströmte sie und ließ sie fast vergessen, daß sie zu den Unterdrückten gehörte, die mit hungrigem Neid das Wohlleben der Besitzenden sahen und ihnen die Vorrechte des Genießens mit rücksichtsloser Gewalt nehmen wollten. Diese einträchtige Familie hier wohnte sorgenfrei und zufrieden am eigenen Herde, unberührt von der Not des Lebens und unangefochten von den Händeln der Parteien, sich ihrer Liebe und ihres Glückes freuend und nach besserem Lose nicht verlangend. Wenn Judika nun auf ihre trauliche Umgebung hier und in die frohmutigen Gesichter blickte, so fühlte sie doch wieder den schweren Druck, der auf ihrer Seele lastete, und fragte sich im stillen: warum können es nicht alle so gut haben wie diese hier? oder wenigstens warum haben nicht alle ihr bescheidenes, genügendes Auskommen als Lohn für ihre Müh und Arbeit? ja, warum? Dann stieg der Haß wieder in ihr auf und wühlte und bohrte in ihrem Innern, und der Vergleich ihres eigenen Schicksals mit dem ihrer friedfertigen Wirte drängte sich ihr unabweislich auf. Seit länger als einer Woche zog sie mit den Bauern und zum Teil recht rohen Gesellen rastlos und unstet umher, harten Anstrengungen und Entbehrungen unterworfen, allerlei schmählichen Verdächtigungen und Spottreden ausgesetzt, die ihr an die Ehre gingen, und das alles bis jetzt noch ruhmlos und erfolglos. Wenn sie sich aber erinnerte, wofür sie das tat, mit welchen Hoffnungen und zu welchen Zwecken, – daß es geschah, um der Freiheit den Sieg zu erringen und das Los der Armen zu erleichtern und zu verschönern, dann schlug ihr das Herz wieder höher in der Brust, und sie gelobte sich, nicht abzulassen von dem, was sie freiwillig auf sich genommen, sondern sich mit freudiger Hingebung und unermüdlicher Tatkraft bis zum letzten Atemzuge der heiligen Sache zu weihen. So wechselten während des Mahles, das sich unter lebhaften Gesprächen bis in die Nacht ausdehnte, die Stimmungen in Judika und mit den Stimmungen, denen sie manchmal zornsprühende, manchmal hoffnungsvolle, begeisterte Worte lieh, wechselte auch der Ausdruck ihres Gesichtes und der Klang ihrer Stimme. Oft flammten ihre Augen, oft bebten ihre Lippen, und das glänzende, rabenschwarze Haar wallte ihr in starken Ringeln ums Haupt, daß sie schön und herrlich aussah in ihrer jugendlich stolzen Kraft und Entschlossenheit, womit sie alle hier in dem kleinen Kreise bannte und bezauberte. Zuweilen jedoch, wenn sie sich unbedacht und von den Gefühlen des in ihr gärenden Hasses überwältigt, gehen ließ, kam das Verwegene und Abenteuerliche, das ihrem Wesen von der Gewöhnung ihres Zusammenlebens mit den Bauern anhaftete, in einer erschreckenden Weise zum Vorschein und ein paarmal selbst eine ungezügelte Wildheit in ihr zum Ausbruch, die ihren Wirten ein heimliches Grauen vor ihr einflößten. Aber diese fast dämonische Leidenschaftlichkeit hatte etwas Naturwüchsiges, das ihre Hörer mit fortriß und zugleich mit ihrer herausfordernden Kühnheit versöhnte, so daß sich alle sagen mußten: Ja, der werden die streitbaren Männer folgen, wohin dieses wunderbare Weib voranschreitend sie führt! Endlich erhob man sich vom Tische und begab sich zur Ruhe. Die beiden jungen Mädchen geleiteten Judika in ihr sauberes Stübchen, wünschten ihr eine gute Nacht und ließen sie allein. O mit welch unsagbar wohligem Gefühl streckte sie sich zwischen den weißen Linnen ihres Bettes aus, das ihr köstlicher deuchte, als das, in dem sie so lange Jahre auf Schloß Weinsberg geschlafen hatte! Nach den letzten unruhig verbrachten Nächten und dem heutigen anstrengenden Marsche verlangte die Natur ihr Recht und versenkte die Müde schnell in einen tiefen, erquickenden Schlummer, der bis an den lichten Morgen währte. Als sie vom Schlafe erwachte und um sich schaute, mußte sie sich erst besinnen, wo sie sich denn eigentlich befände und wie sie hierhergekommen wäre. In den nächsten Augenblicken aber wurde sie sich über alles klar, dehnte und reckte den Körper und die Glieder in den wonnigen Empfindungen der genossenen Ruhe und der gesammelten Lebenskraft und lächelte glückselig vor sich hin wie in der süßen Erinnerung an einen soeben gehabten entzückenden Traum. Da es noch ganz still im Hause war, rückte sie sich noch einmal recht bequem und schmiegsam auf dem warmen Lager zurecht und durchdachte die Erlebnisse des vorangegangenen Tages. Da trat vor ihre geschlossenen Lider, alles andere verdeckend und verdrängend, eine hohe, männlich blühende Gestalt, von der sie den inneren Blick nicht wenden konnte. Es war Florian Geyer, den sie gestern vor tödlichem Stoße geschützt und der ihr zum Dank dafür den Rat gegeben hatte, nach Hause zu gehen und dem großen Kampfe fernzubleiben. Sie sann jetzt nicht darüber nach, warum er ihr diesen Rat erteilt hatte, ob er sie wirklich für zu gut hielt, wie er sagte, oder ob er sie als Weib für zu schwach ansah, das Höchste zu wagen. Jedem anderen Rat aus seinem Munde hätte sie vielleicht ein williges Ohr geliehen, nur diesem nicht. Nimmer und nimmer wollte sie von dem Kampfe lassen, und nun er selber, der Ritter, mit der Wucht seines Schwertes und seines Namens mit in ihn hineinging, – nun erst recht nicht! An seiner Seite zu kämpfen schien ihr das schönste Los, das ihr auf Erden zuteil werden könnte. Etwas, nein vieles an ihm zog sie mächtig an, und wenn sie sich auch noch hart dagegen sträubte, so fühlte sie doch, ahnte sie wenigstens, leise davor erschauernd, einen kommenden Einfluß von ihm auf sie und ihr Tun und Denken, dem sich zu entziehen sie vielleicht nicht lange mehr die genügende Kraft haben würde. Eines bereute sie tief aus ihrem gestrigen Gespräch mit ihm: daß sie seinen Verdacht, als stünde sie in einem vertrauten Verhältnis zu Jäcklein, nicht sogleich mit entschiedenen Worten beseitigt hatte. Immer noch klang ihr sein mitleidiges »Schade, schade um Euch, Judika!« vorwurfsvoll in den Ohren. Es empörte sie jetzt noch, und sie beschloß, seinen sie verletzenden Irrtum bei der nächsten Begegnung aufzuklären. Er sollte wie ihren Mut und ihre Kraft so auch ihr reines, unbezwungenes Herz kennen lernen, sollte ebensoviel Respekt vor ihr haben, wie sie vor ihm hatte. Nach diesem Entschlusse kam wieder eine ruhigere Stimmung über sie, und das Bild des ritterlichen Mannes schwebte nun wieder mit freundlicheren Zügen vor ihrer Seele, bald näher, bald ferner, als sähe sie ihn wieder wie gestern langsam von dannen reiten. Sie hatte seinen sie vom Sattel aus vergeblich suchenden Blick wohl bemerkt und sich dadurch still beglückt gefühlt, und auch sie hatte von ihrem Versteck aus ihm gedankenvoll, beinah sehnsüchtig nachgeschaut, ohne daß er es ahnte. Zum Vollmond in Schönthal sollte sie ihn wiedersehen; – wird er bis dahin wohl auch einmal an sie denken wie sie jetzt an ihn? Aus dem halbwachen Dahinträumen, in das sie schmeichelnde Wahngebilde sanft eingewiegt hatten, weckte sie Geräusch im Hause. Schnell verscheuchte sie die flitternden Hirngespinste und kehrte mit klaren Sinnen zu Gegenwart und Wirklichkeit zurück. Dann kleidete sie sich an und ging hinab ins Wohngemach. Die Familie war hier bereits vollzählig versammelt, und als Judika erschien, allseitig begrüßt und nach ihrer nächtlichen Ruhe befragt war, kamen auch zwei Gehilfen des Kaufmanns und die Dienstboten herein, um nach altem, gutem Brauch am Morgenimbiß teilzunehmen. Alle reihten sich um den Tisch, und der Hausherr sprach ein Gebet, dem sie stehend mit gesenktem Haupt und gefaltenen Händen zuhörten. So tat auch Judika. Als Haberkorn aber am Schlusse seines Gebetes mit einigen besonderen Worten ihrer gedachte und in ihrem gefahrvollen Unternehmen den Schutz des Höchsten für sie erflehte, hob sie das Haupt mit einem dankbaren Blick zu dem Redenden. Dann setzte man sich und sprach dem einfachen Frühmahle wacker zu. Judika war, während sie aß und trank, meist still und in sich gekehrt; auf ihrem Antlitz lagerte ein tiefer Ernst, und sie schien mit ihren Gedanken weit ab zu sein von diesem häuslichen Kreise, aus dem sie nun wieder scheiden sollte. Die Familienglieder begriffen dieses Schweigen und ehrten es. Mußte doch die unerschrockene, kampfmutige Jungfrau, die unter diesem Dache nur eine Nacht den Schutz und behaglichen Frieden des Hauses genossen hatte, nun wieder hinaus in feindliches Treiben, inmitten einer wüsten Gesellschaft tausend unberechenbaren Zufälligkeiten, Widerwärtigkeiten und Gefahren preisgegeben. Allein es war ihr Wille und fester Entschluß, für den sie erglühte, und mochte sie sich auch fragen: wann wirst du einmal wieder eine so Leib und Seele erquickende Aufnahme finden wie hier? so war doch das Endziel all ihres Wagens kein anderes, als den Dürftigen, den hart Entbehrenden ein annähernd so freies, friedliches und wohliges Dasein zu verschaffen, wie sie es in so hoch erfreulicher Weise in diesem Hause hier gesehen hatte. Das Gesinde hatte längst das Zimmer wieder verlassen, und die Familie saß noch in ruhiger, öfters stockender Unterhaltung, als der schrille Ton einer Querpfeife durch die Gassen tönte und die Bauern zum Sammeln und zum Aufbruch rief. Mit warmen Dankesworten verabschiedete sich Judika von ihren gütigen Wirten, doch Vater und Sohn ließen es sich nicht nehmen, sie zum Sammelplatz zu geleiten. Es war heut ein kühler, trüber Tag. Dunkle Wolken jagten am Himmel dahin; durch die engen Gassen, um Dächer und Giebel brauste der Wind, daß die Wetterfahnen auf ihnen knarrten und kreischten. Auf dem Marktplatz war schon ein krauses Durcheinander und lautes Streiten. Jäcklein Rohrbach hatte es beim Rate der Stadt nach heftigen Auftritten und zornigen Erklärungen durchgesetzt, daß ihm aller Vorrat an Pulver, Blei und Steinen, alle Waffen und alles sonstige Rüstzeug, das die Bürgerschaft besaß, ausgeliefert werden mußte. Das wurde nun widerwillig herbeigeschafft. Jäcklein aber war wenig zufrieden mit der gemachten Beute, die er sich größer gedacht hatte, argwöhnte, daß man ihnen noch vieles heimlich vorenthielte, und drohte, die Häuser nach Waffen durchsuchen zu lassen, wenn man ihm nicht alles herausgäbe, was er sich beim Rate ausbedungen, und was ihm dieser teils aus Furcht, teils in stiller Anhängerschaft an die Sache der Bauern auch zugesagt hatte. Da wurde nun noch manches an Waffen und Rüstung herbeigeschleppt, und es begann die Verteilung an die Bauern, die nicht ohne Hadern, Schelten und Streiten abging, so daß Jäcklein oft mit aller Strenge gegen die Unzufriedenen einschreiten mußte. Mit Spießen, Schwertern, Hakenbüchsen, mit einzelnen Brustharnischen und Sturmhauben wurden sie versehen, die sie nun prüften und anlegten und sich gleich noch einmal so kriegstüchtig damit vorkamen, sich demgemäß prahlerisch gebärdend. Das wichtigste, was man erwischt hatte, waren zwei Feldschlangen und ein paar Karren mit Pulver und Steinen nebst sechs Pferden als Bespannung, die von der Stadt zwangsweise gestellt werden mußten, ein Gewinn, auf den Jäcklein besonders stolz war. Als Judika mit ihren Begleitern kam, trat ihr Jäcklein entgegen und reichte ihr einen Spieß mit schlanker, stahlblitzender Klinge und eiserner Spitze am Fußende, der leicht und doch fest war und ihren Scheitel mehr als eine Spanne lang überragte. »Da! hier hast du einen schönen Spieß, mit dem du dich deiner Haut wehren kannst, wenn es darauf ankommt!« sprach er lachend. Sie wog den Spieß in der Hand, schwang ihn mit kräftigem Arm und entschied: »Gut, der gefällt mir!« »Und hier,« fuhr er fort, einem jungen Bauern ein Kettenhemd aus der Hand nehmend, »hast du auch einen Panzer, zieh ihn einmal an, ob er dir paßt und – vorn um das stolze Gewölbe hier weit genug ist.« Sie warf den Mantel ab und ließ sich den Panzer anlegen. Er verschönte ihre schlanke Gestalt keineswegs, saß aber gut, nur daß er ihr über der Brust allerdings zu eng war. Sie zog und zerrte daran herum und sprach dann: »Nein, den trag' ich nicht, ich kann nicht atmen darin.« Und ihn schnell wieder abtuend und zurückgebend, fügte sie hinzu: »Ich brauche auch keinen Panzer, mich schützen höhere Mächte.« »Die liebe Eitelkeit steckt doch in jedem Weibe,« spottete Jäcklein. »Hier ist doch kein Spiegel, der dir das Stahlhemd verleiden könnte? Nun, wie du willst! ich habe nicht Zeit, dir lange zuzureden.« Damit wandte er sich ab. Einer der umstehenden Bauern flüsterte dem anderen zu: »Hast du's gehört, was sie sagte, Fritz Fischediek? Mich schützen höhere Mächte!« »Ja, ja,« erwiderte der Angeredete, »die weiß mehr als unsereins, Barthel Klughammer! ich wette, was du willst: das schwarze Weib steht mit Geistern im Bunde, die sie fest und gefroren machen.« Die Rotten waren zum Abmarsch bereit, und auf das gegebene Zeichen setzten sie sich in Bewegung. Nach einem nochmaligen kurzen Abschied von den beiden Haberkorns schloß sich Judika dem Haufen an. Frank und frei, erhobenen Hauptes schritt sie dahin, den Speer in der Hand, eine siegessichere Göttin des Krieges. Der Wind spielte mit ihrem Haar, daß es ihr anmutig um Stirn und Schläfen flatterte; ihr Antlitz aber hatte einen unnahbar strengen, entschiedenen Ausdruck, als hätte sie in ihrem Innern mit etwas abgeschlossen, das hinter ihr lag und ihr den steten, scharfen Blick auf das Kommende nicht mit rührenden Erinnerungen oder blendenden Hoffnungen verschleiern sollte. Der Zug ging zu einem anderen Tore hinaus, als durch welches er gekommen war, auf der Straße nach Lauda zu; an seinem Ende, unter Bedeckung, rasselten die beiden Feldschlangen mit den Stein- und Pulverkarren. Die Haberkorns folgten Judika mit den Blicken, solange sie sie sehen konnten. »Ein tüchtig Weib!« sprach der Vater, »die hat das Herz auf dem rechten Flecke!« »Ja, Vater!« erwiderte der Sohn, »hätte sie zu mir gesagt: komm mit! – ich wäre mit ihr gezogen bis an das Ende der Welt!« Zehntes Kapitel. Als Florian Geyer von Herchsheim her in den Hof seiner Burg einritt, fand er dort in seiner Abwesenheit eingetroffene Gäste, die, durch den Hornruf des Türmers von der Rückkehr des Burgherrn benachrichtigt, ihn schon hier, wo er vom Pferde stieg, zu seiner großen Überraschung begrüßten. Es war der Junker Achaz von Rosenberg mit seiner Schwester Agathe, also gute Freunde des Ritters. Aber der ihm allzeit willkommene Besuch war ihm zu dieser Stunde, da er sich soeben in den Bund der Bauern geschworen hatte, wenig erfreulich, weil die Rosenbergs zu den entschiedensten Gegnern des Aufruhrs gehörten. Die Geschwister mochten wohl seine Verlegenheit bemerkt haben, denn als sie mit ihm, der sich in seiner Beklemmung dabei schweigend verhielt, die Treppe hinaufstiegen, sagte Achaz: »Wir kommen dir ungelegen; gesteh's nur!« »O nein!« entgegnete er, »es ist mir lieb, daß ihr hier seid, besonders eurer selbst wegen.« »Aha!« machte Achaz, »du warst wohl auf Kundschaft geritten? hast du etwas von dem Gesindel gesehen?« »Jawohl!« versetzte Florian, »sie sind ganz in der Nähe hier.« »Also wirklich!« sprach Agathe, »da ist es doch gut, daß wir bei Euch eingekehrt sind. Ich war dagegen und wollte mich dem Vorschlage meines Bruders erst nicht fügen.« Das war gelogen; gerade sie, größere Angst vor den Bauern erheuchelnd, als sie empfand, hatte dem sorglosen Bruder gegenüber darauf gedrungen, auf Burg Giebelstadt Zuflucht zu suchen. Inzwischen hatten alle drei Florians Wohngemach betreten, und als freundlicher Wirt sagte er nun: »Laßt es euch bei mir gefallen, als wäret ihr hier zu Hause, denn in den nächsten Tagen könnt ihr nicht von hinnen.« Sie widersprachen nicht, denn er wußte wohl besser als sie, wie die Dinge in der Umgegend hier standen. Achaz von Rosenberg, eine kernige, geschmeidige Gestalt von etwas über Mittelgröße, mit offenem, freiblickendem Gesicht und heiterem, lebhaftem Wesen, war Florians Freund und Waffenbruder aus den Sickingenschen Fehden. Sie hatten immer treu zusammengehalten in den Freuden der Geselligkeit und des edlen Weidwerks wie auch in Kampf und Gefahr, und Florian war auf dem Rosenbergischen Schlosse Boxberg ein häufiger und gern gesehener Gast der Eltern seines etwas jüngeren Freundes gewesen, die dort inmitten eines großen Grundbesitzes mit unbeschränkter herrschaftlicher Willkür hausten. Achaz selber war noch nicht einer der schlimmsten von den hochmütigen Junkern und hatte, vielleicht unter dem wohltätigen Einflusse Florians, manche Härten des alten Ritters, seines Vaters, gegen seine Hintersassen zu mildern gesucht. Aber von den innehabenden, in Brauch oder Mißbrauch stehenden Rechten und Vorrechten des adligen Besitzes sich etwas abdingen zu lassen, war auch er, der Sohn, mit nichten geneigt. Viel hoffärtiger, anspruchsvoller und daher auch bei den Untergebenen verhaßter war seine Schwester Agathe. Sie war über die erste Jugendblüte hinaus, aber immer noch eine sehr anziehende Erscheinung von schlanker, etwas zarter Gestalt, mit wohlgeformtem Antlitz und hellblondem Haar. Ihr Gesicht hätte etwas Liebliches gehabt, wenn nicht die kalten, grauen Augen und ein spöttischer Zug um die feine Nase und den sonst so hübschen Mund gewesen wären. Bei aller Klugheit war sie launenhaft und gefallsüchtig, konnte sich aber in Gesellschaft von ihresgleichen mit vollendeter Anmut benehmen. Schon mehr als einen Bewerber um ihre Hand hatte sie, die eines reichen Erbes sicher war, zurückgewiesen, weil sie sich mit einer immer noch hoffnungsvollen, manchmal ihm gegenüber wenig verhohlenen Neigung zu Florian Geyer trug, die aber bis jetzt keine, wenigstens keine genügend starke Erwiderung seinerseits fand, um ihn zur Eingehung eines Ehebundes mit ihr zu veranlassen. Sie spürte, so viel sie konnte, eifersüchtig seinem Verkehr und seinen Verbindungen nach, um zu entdecken, ob ein und welches andere Bild dem ihrigen den Platz in seinem Herzen streitig machte. Wehe der Bevorzugten, wenn sie diese ausfindig gemacht hätte! Florian saß mit seinen beiden Gästen in dem schlicht und einfach gehaltenen Gemach, und Achaz erklärte nun dem Freunde: »Ich war mit meiner Schwester einige Zeit in Würzburg, und nun sind wir auf der Heimreise nach Boxberg. Aber unterwegs machte mir ein mir bekannter Wirt die warnende Mitteilung, daß es hier in der Gegend nicht recht geheuer wäre, und darum sind wir bei dir eingeritten, um von dir Näheres über die Sicherheit der Straße zu hören.« »Und habt recht daran getan,« sprach Florian, »ihr kommt nicht durch nach Boxberg, denn ringsum wimmelt es von Bauernhaufen, die euch nicht unangefochten eures Weges ziehen lassen würden?« »Weißt du das gewiß?« frug Achaz, »und glaubst du, daß sie uns aufgreifen würden?« »Sicherlich! kaum mit dem Leben kämet ihr davon,« erwiderte Florian. »Mich hätten sie heute, vor ein paar Stunden erst, um ein Haar vom Pferde gestochen, wenn nicht eines mutigen Weibes Hand den tödlichen Hellebardenstoß von meiner Brust abgelenkt hätte.« »Eines Weibes Hand?« frug Agathe gespannt. »Ja, denkt Euch,« sprach Florian, »die schöne Judika, die bei den Helfensteinern auf Weinsberg war, ist unter den Bauern, in dem Haufen, den Jäcklein Rohrbach aus Böckingen führt.« »Das schwarze Ding?« höhnte Agathe. »Ja, freilich, wenn ich der in die Klauen fiele –!« »Das schwarze Weib heißt sie jetzt in ihrem Haufen und nicht bloß in ihrem.« »Und die hat Euch das Leben gerettet, Herr Ritter?« Florian nickte. »Nun, sie ist Euch ja Dank genug schuldig,« spottete Agathe weiter. »Ihr habt Euch in Weinsberg oft genug sehr ritterlich ihrer angenommen; mich zu lieben hat sie weniger Ursach'.« Florian antwortete darauf nicht, und Achaz frug: »Wie sind dir denn die Schufte so nahegekommen? konntest du ihnen denn nicht entreiten?« »Das wollt' ich gar nicht, bin ihnen geraden Weges entgegengeritten,« erwiderte Florian. »Viel gewagt, Freund!« sprach Achaz. »Tollkühn, ganz tollkühn!« fügte Agathe erregt hinzu. »Und wie hast du dich denn von der Bande gelöst? durch allerhand schöne Versprechungen, nicht wahr?« lachte Achaz übermütig. »Wie man' s nehmen will,« versetzte Florian, erhob sich und sagte mit ruhigem Ernst: »Achaz, – ich habe mich in den evangelischen Bund geschworen.« Stumm, mit starren Mienen und weit aufgerissenen Augen saßen sie da wie bei einer Botschaft, die sie weder glaubten noch begriffen. Agathe fand zuerst wieder Worte und sagte: »Aber Ihr denkt doch natürlich nicht daran, den mit Gewalt erpreßten Eid zu halten?« »Er ist nicht erpreßt, und ich gedenke ihn zu halten, Fräulein Agathe!« erwiderte Florian sehr bestimmt. Da sprang Achaz auf und stieß unwillig heraus: »Florian, laß den schlechten Spaß mit diesen Dingen! wir reden hier ernsthaft miteinander.« »Sehe ich so aus, als wenn ich meinen Spaß mit euch triebe?« »Du? – du hast dich in den Bund der Bauern gelobt? Du willst mit den Bauern gehen, unseren Todfeinden?« schrie Achaz. »Ja, Freund, das will ich, und ich hoffe, du tust es auch.« »Agathe, komm! er hat den Verstand verloren.« »Das schwarze Weib hat ihn behext,« murmelte Agathe. »Kennst du die zwölf Artikel?« frug Achaz. »Ja!« sagte Florian. »Und die willst du unterschreiben?« »Ich habe sie beschworen.« »Florian! Florian! – ach, es ist nicht möglich, oder du bist von Sinnen!« rief Achaz. »Was würden unsere einstigen edlen Waffenbrüder, Franz von Sickingen, Ulrich von Hutten, Dietrich von Kronberg und mancher andere dazu sagen, wenn sie noch lebten und das von dir hörten!« »Auf sie gerade berufe ich mich als meine leuchtenden Vorbilder,« sprach Florian. »O daß sie noch lebten! sie würden mit uns gehen und uns zum Siege führen. Ein Funke von ihrem Geist und Willen lebt und webt in mir, in ihrem großen Sinne handle ich, als wär's ein mir von ihnen übernommenes heiliges Vermächtnis. ›Wach' auf, du edle Freiheit!‹ schrieb Hutten an Luther. ›Mut, Mut, ihr Deutschen, hindurch! es lebe die Freiheit!‹ Achaz, wir haben unter Sickingen für unsere Unabhängigkeit von den Fürsten gekämpft; willst du's den Bauern verdenken, wenn auch sie danach trachten, sich von dem unsäglichen Drucke zu lösen, unter dem sie elend verkommen? Hast du kein Herz im Leibe, daß du das mit ansehen kannst, ohne vor dir selber schamrot zu werden und ohne zum Schwerte zu greifen und die Ketten durchzuhauen, mit denen unsere Mitmenschen grausamer gefesselt sind als das Vieh in unseren Ställen?« »Es hat jeder seine Plag und seine Sorge. Sie haben kein Recht, sich zu empören. Selbst Luther hat ihnen abgesagt.« »Traurig genug! darum müssen wir ihnen helfen.« »Was wollen sie nicht alles? Freiheit und Gleichheit! so geht das wüste Geschrei hier und dort und überall im Lande um. Freiheit und Gleichheit, hohle, blöde Worte, die keinen Sinn haben und gar keinen Eindruck auf mich machen. Frei sein, das heißt keine Frone mehr tun, keinen Zehnten mehr geben, das Weidwerk wollen sie uns nehmen, das edle Wild in den Forsten soll nicht mehr unser sein, sondern ihnen gehören; die Herren wollen sie spielen und faulenzen.« »Nein, sie wollen eben auch leben, haben Hunger und Durst wie wir, sind Gottes Geschöpfe wie wir, auch für sie scheint die Sonne am Himmel, auch für sie wächst das Korn auf dem Felde. Richtet den Bauer zugrunde, und ihr seid selber verloren!« Achaz schwieg ein Weilchen nachdenklich; dann begann er etwas ruhiger, aber sich schnell wieder in die Hitze hineinredend: »Ich sehe mit Staunen und Betrübnis, wie du schon von dem fressenden Gift der Büberei angesteckt und durchtränkt bist, das Menschen wie der verrückte Schwarmgeist und Lügenprophet Thomas Münzer und der hinterlistige, heimtückische Verräter Wendel Hippler, der bei den Hohenlohe in Brot und Amt und Würden stand, ausgestreut haben wie der böse Feind das Unkraut unter den Weizen. Man kennt sie ja, die Wühler und Hetzer, die Führer und Verführer, die bald von allgemeiner, sogenannter christlicher Menschenliebe faseln, bald nach blutiger Rache schreien und Freiheit und Gleichheit bald mit der mißverstandenen Bibel, bald mit Feuer und Schwert herstellen wollen. Und zu diesen gehörst du nun auch! Ich sehe dich schon mit Metzler und Jäcklein Rohrbach den geraubten Klosterwein aus einem Glase trinken, sehe dich schon mit der brüllenden, lechzenden Meute von Mordbrennern und Kirchenschändern die Burgen deiner einstigen Freunde stürmen und die der Übermacht Erliegenden in die Spießgasse der rasenden Bauern stoßen. Auch nach dem Boxberg werdet ihr kommen und ihn berennen; da weißt du ja gut Bescheid, kennst Wall und Wehr und Turm und Tor! Florian, ich frage dich: wie willst du mir ins Auge sehen, wenn wir in diesem Kampf auf Tod und Leben unsere Klingen kreuzen?« »Das wolle Gott verhüten!« sprach Florian dumpf und düster. »Das wird er nicht verhüten!« rief Achaz. »Du kannst es nicht vermeiden, deine alten Freunde niederzuschlagen oder dich von ihnen niederschlagen zu lassen. Und wenn du Einwendungen erhebst, von Schonung und Gnade sprichst, wenn du zauderst, nur mit einer Wimper zuckst, so wirst du verdächtig, sie schelten dich Verräter und reißen dich in Stücke, dich, den Führer, zuallererst. Denn du wirst ja wohl der Feldhauptmann des großen evangelischen Heeres werden.« »Ich nicht,« erwiderte Florian, »eine andere, eine eiserne Hand wird es führen.« »Götz? Götz von Berlichingen?! Das sieht ihm ähnlich, dem kecksten aller Buschklepper und Schnapphähne! Das Handwerk auf der Straße und hinter der Hecke versteht er, aber eine Burg hat er noch nie gestürmt, eine Feldschlacht nie geschlagen. Das wird ein lustiger Tanz mit dem schwäbischen Bunde werden!« »Bist du nun endlich fertig?« wallte Florian zornig auf. »Glaubst du mit all den vielen Worten mich von meinem fest gefaßten Entschluß abzubringen, mit dem ich wochenlang Tag und Nacht gerungen habe? Ich kann die Menschenschinderei nicht mehr mit ansehen, ohne mit der Faust dreinzuschlagen.« »Das ist nicht deine Sache,« entgegnete ihm Achaz streng. »Laß sie ihre Beschwerden an den Reichstag oder vor den Kaiser bringen.« »Der Kaiser! der Kaiser!« lachte Florian bitter auf, »als ob der sich um Wohl und Wehe der deutschen Nation bekümmerte, als wenn der auch nur das leiseste Gefühl und Verständnis dafür hätte! Und der Reichstag? Ach du lieber Himmel! da kann noch viel Donauwasser an Regensburg vorüberfließen, ehe der Reichstag eine Reformation des deutschen Reiches zustande bringt. Das alte Herkommen, der Väter geheiligter Brauch ist längst mit schnöder List und erbarmungsloser Gewalt abgetan, mit dem römischen Recht der bestochenen Advokaten kommt der gemeine Mann nicht durch. Gegen Bitten und Vorstellungen bleibt der Adel taub oder antwortet darauf mit noch größeren Härten und Grausamkeiten. Was bleibt den Bauern übrig? Niemand hilft ihnen, wenn sie sich nicht selber helfen und Leute wie ich und Götz und andere, die offene Augen und ein warmes Herz für die Not des armen Volkes haben. Keinem Ritter und keinem Junker wird ein Haar gekrümmt werden, der sich ehrlich zu den zwölf Artikeln bekennt, und sie sind eine brauchbare Grundlage, über die sich verhandeln und auf der sich weiterbauen läßt. Man wird die Forderungen der Bauern in Ruhe sichten und ordnen und auf das nötige, beiderseits ersprießliche Maß beschränken, obwohl sie kein ungerechtes und übermäßiges Begehren enthalten. Wir können sie vorläufig annehmen und damit Frieden machen.« »Niemals! niemals, solang' ich das Leben habe, bringst du mich dahin!« schrie Achaz zornrot. »Achaz, bei unserer alten Freundschaft beschwör' ich dich –« »Du hast sie gebrochen durch deinen Eid, den du den Empörern schwurst und mit dem du zum Verräter an den Privilegien unseres Standes wirst.« »Ruhig, ruhig, Freund!« mahnte Florian, die Hand erhebend. »Überleg' es dir, du hast hier Zeit genug dazu.« »Nicht eine Nacht bleib' ich unter deinem Dache!« »Du wirst wohl müssen,« erwiderte Florian, »denn ihr kommt jetzt nirgend durch nach dem Boxberg.« Aber Achaz hörte nicht mehr auf ihn, sondern rannte in höchster Erregung im Zimmer auf und nieder. Florian stellte sich ans Fenster und starrte sinnend in das Tal hinab, wo der erwachende Frühling mit Wehen und Weben, mit Wachsen und Knospen im lachenden Sonnenschein sein Wesen trieb, unbekümmert um alles das, wozu in seiner fröhlichen Auferstehungszeit die Menschen sich rüsteten, und ob es Krieg oder Frieden gab in der Welt. Niemand sprach, und außer dem Geräusch von Achaz' dröhnenden Schritten war es jetzt ganz still im Gemache. Agathe hatte in einem hölzernen Armstuhl den heftigen Auseinandersetzungen der beiden Männer schweigend zugehört, aber auf ihrem Antlitz spiegelten sich die wechselnden Eindrücke, die sie davon empfing. Bald hingen ihre Augen mit angstvoller Spannung an Florians Lippen, bald blickte sie finster vor sich hin und schüttelte, den Freund nicht begreifend oder seine Aussprüche mißbilligend, das Haupt. Ihr Herz krampfte sich dabei zusammen, und die Hoffnung auf den einstigen Besitz des heimlich Geliebten, die noch darin lebte, sank tiefer und tiefer, je mehr sie einsah, wie weit er sich von allem ritterlichen Empfinden, nach ihren Begriffen, abkehrte und sich dadurch der Rechte und Vorzüge seines Standes verlustig machte. Und einem Abtrünnigen, einem Empörer, einem Feinde des Adels konnte sie niemals angehören. Er war für sie verloren, mochte er nun als Sieger oder als Besiegter aus dem großen Kampfe hervorgehen, wenn er ihn überlebte. Bittere Gefühle überkamen sie, nicht das einer aufopfernden Entsagung, sondern der harte Trotz und der nagende Grimm verschmähter Liebe, die sich so leicht in Haß, wenn auch nur in eingebildeten, sich selber eingeredeten Haß verwandelt. Denn hätte Florian sie geliebt, so hätte er – meinte sie – ihr das nicht angetan, zu den aufrührerischen, mordbrennerischen Bauern überzugehen. Was zog ihn hin zu diesen? nur das Mitleid? war nichts anderes im Spiele? nicht etwan ein Weib? ha! das schwarze – das schwarze Weib, die Judika, die er auf Weinsberg so auffallend bevorzugte! hatte die ihn gefangen und gefesselt? das mußte sie wissen! Und mit hochmütigem, spöttischem Tone begann sie: »Sagt doch, Herr Florian, das Weib, das Euch heute vor dem Tode beschützt hat, – wie sah sie denn aus, Eure Retterin?« Wie von einer Feder geschnellt, fuhr Florian an seinem Fenster herum, denn seine Gedanken weilten eben bei der, nach der Agathe ihn fragte. Seine Überraschung und Verwirrung mit Mühe bekämpfend antwortete er: »Wie sie aussah, fragt Ihr? Nun, etwas bleich, aber schön und stolz, wie ich sie früher nie gesehen habe. Ihre dunklen Augen leuchteten im Feuer der Begeisterung für die von ihr erwählte Sache. Sie erschien mir wie das schön verkörperte Siegesbewußtsein einer heldenmutigen Frauenseele.« »Oh! oh! Herr Ritter! Ihr geratet ja selber ganz in Begeisterung für das schwarze Weib,« versetzte Agathe bissig. »Wer ist denn ihr – ihr Beschützer? oder hat sie deren mehrere, vielleicht viele im Haufen?« Um Florians Brauen zuckte es, und auf den Lippen schwebte ihm eine scharfe Entgegnung. Er bezwang sich indessen und sprach mit ruhiger Entschiedenheit: »Alle sind sie ihre Beschützer, doch kein einziger kann sich einer Gunst von ihr rühmen. Aber sie folgen ihr, wohin sie sie führt, und tun, was sie ihnen gebeut, denn sie hat eine unbegrenzte Gewalt über die Geister, der niemand widerstehen kann.« »Der niemand widerstehen kann!« wiederholte Agathe, auf jedes Wort einen Druck legend. Dann erhob sie sich und machte ein paar hastige Schritte auf und ab; ihr Atem flog, und der spöttische Zug um den Mund prägte sich deutlich aus. »Man sollte einen Preis auf ihren Kopf setzen!« sprach sie wie zu sich selbst, jedoch hörbar. Florian blickte die Erboste fest an. »Von Eurem Standpunkt aus ist der Vorschlag nicht übel erdacht,« sprach er mit unverkennbarem Hohn; »denn wenn man die Judika so sieht und hört, so sollte man allerdings beinahe glauben, sie wäre das Haupt der Verschwörung.« »Würdet auch Ihr sie schützen?« »Mit Leib und Leben!« »S–o!« machte Agathe gedehnt, »also hat sie's auch Euch angetan mit der Unwiderstehlichkeit ihrer dunkle Augen, die schwarze – Hexe. Auf den Scheiterhaufen mit ihr!« fügte sie wutbebend hinzu. »Es soll auch blonde Hexen geben, Fräulein Agathe! doch hält man ihren Zauber für weniger wirksam,« sagte Florian gereizt. Nur ein giftiger Blick aus den kalten, grauen Augen war ihre Antwort. Nicht unbemerkt von Florian preßte sie die geballte Faust auf die Brust wie zu einem geheimen Racheschwur. Jetzt trat Achaz auf Florian zu, legte ihm beide Hände auf die Schultern und sprach: »Florian, höre noch ein letztes Wort von mir! Kehr' um, bleib, wo du bist und wo du nach Geburt und Stand hingehörst; sage dich los von den Rebellen, bei deiner ritterlichen Ehre fordere ich es von dir! vergiß nicht, was du dir und uns allen schuldig bist!« Aber Florian schüttelte langsam das Haupt und erwiderte: »Spare die Mühe, Freund! mein Herz gehört dem Volke, du wendest es ihm nicht wieder ab. Ehre und Gewissen habe ich ernster und strenger gefragt, als du mich fragen kannst. Auf der Seite der Bauern werde ich in diesem Kampfe stehen oder fallen, – mich bringt nichts in der Welt mehr zum Schwanken. Aber laß mich noch einen Sturm auf dein Herz wagen. Achaz, Achaz! komm herüber zu uns, geh mit uns –« »Halt! nicht weiter!« unterbrach ihn der Freund. »Laß unsere Pferde satteln und dann –fahrewohl für immer!« »Die Pferde satteln?« frug Florian, »du willst wirklich fort? Aber ihr könnt ja nicht, alle Wege sind euch verlegt, ihr rennt in euer Verderben; du darfst deine Schwester nicht den Gefahren aussetzen –« »O sorgt Euch nicht um mich, Herr Ritter!« warf Agathe bitter ein, »ich rechne nicht auf Euren Schutz, Hexen helfen sich selbst.« »Laß satteln!« mahnte Achaz noch einmal kurz und bündig. »Wenn wir nicht nach dem Boxberg können, so gehen wir nach Weinsberg zu Ludwig von Helfenstein, und wenn wir nur des Nachts reisen sollten.« »Zu Helfenstein? und da glaubt ihr sicher zu sein, bei dem Verhaßtesten von allen?« »Dort sind wir wenigstens bei unsersgleichen,« gab ihm Achaz barsch zur Antwort. Da ging Florian hinaus und gab den Befehl zum Satteln. Keinen Imbiß, den ihnen Florian anbot, keinen Becher Wein nahmen die Geschwister von dem Abtrünnigen noch an. In düsterem, peinlichem Schweigen vergingen die Minuten, bis gemeldet wurde, daß die Pferde gesattelt im Burghof ständen. »Gib mir die Hand, Achaz!« bat Florian. »Hier hast du sie! – lebewohl!« »Auf Wiedersehen, Achaz!« Der schüttelte das Haupt und kehrte sich ab. »Wie wird Ludwig von Helfenstein lachen, wenn ich ihm von Euch und Eurer Schwarzen erzähle!« war die letzte Bemerkung, die Agathe, fast erstickend vor Bosheit, dem ins Gesicht warf, auf dessen Liebe sie Jahre lang gehofft hatte. Florian begleitete die Scheidenden in den Burghof hinab. Dort stiegen sie mit ihren Knechten zu Pferde und ritten schweigend in der Richtung gen Ochsenfurt ab. Florian blickte ihnen unter dem Burgtor nach; sie wandten sich aber nicht mehr nach ihm um. Elftes Kapitel. Die Tage gingen dahin, und wenn die Sonne versank, so hatte sie im deutschen Reiche blutige Kämpfe, schaudervolle Taten der Verwüstung, des Hasses und der Rache und Erschlagene und Verwundete gesehen, schuldige und unschuldige Opfer des immer weiter um sich greifenden Aufstandes. Und der nächtliche Himmel war fort und fort gerötet vom Widerschein lodernder oder verglimmender Brände, von denen Schlösser und Klöster bis auf die schwarzen Mauern zerstört wurden. Da ging viel edler, kunstvoll gearbeiteter Hausrat, manche wertvolle Bücherei, manche wichtige pergamentene Urkunde in Flammen auf; unschätzbare und unersetzliche Dinge fielen der Vernichtung anheim, und die Erde trank das Blut von Tausenden erbitterter Streiter. Was alles geschehen war, davon hatten – die einen mit wildem Frohlocken, die anderen mit Entsetzen – die im Klostergarten der Abtei Schönthal Versammelten soeben den ausführlichen Bericht aus Wendel Hipplers Munde vernommen, kühl und geschäftsmäßig wie die Rechnungslegung vor den Teilhabern eines gewagten Unternehmens. Er wußte alles, ihm war alles übermittelt, jede Eroberung und Erstürmung, jeder Zuwachs an Macht durch gewonnene Städte oder in den Bund gezwungene Adlige, jeder Gewinn und Verlust, und mit keinem Worte der Anerkennung oder Mißbilligung verriet er, ob er mit den Erfolgen zufrieden oder unzufrieden war. Das sehr weitläufig gebaute Kloster hielt Georg Metzler bereits seit einigen Tagen mit seinem Haufen besetzt und hatte dafür gesorgt, daß von den überreichen Vorräten an Lebensmitteln nichts unnütz vergeudet wurde, damit auch die Späterkommenden noch ihren Unterhalt finden sollten. Aber nicht zu hindern hatte er vermocht, daß der Silberschatz des Klosters, kostbares Kirchen- und Tafelgerät, geraubt, das Innere der prächtigen Kirche zerstört, der Altar, die geschnitzten Chorstühle, die schöngemalten Fenster zertrümmert wurden und besonders eifrig, wenn auch vergeblich, nach den Zinsbüchern des Klosters gesucht wurde, um durch ihre Verbrennung alte Schulden ohne Zahlung zu tilgen. Heute war der Tag des Vollmonds, der zu der allgemeinen Versammlung in Schönthal bestimmt war, und die Bauernhaufen aus Franken, Schwaben, dem Breisgau, dem Oden- und Schwarzwald, dem Neckar- und Taubertal hatten sich pünktlich eingefunden und lagerten innerhalb und außerhalb der weiten Klostermauern. Da waren wenig Hände, die noch rein von Blut gewesen wären; auch die Judikas waren es nicht mehr. In Tauberbischofsheim hatte sie die Feuertaufe empfangen. Der Rat, durch die vorherige Ansage Jäckleins auf seine Ankunft vorbereitet, war, Brandschatzung und Plünderung fürchtend, verblendet genug gewesen, ihm die Tore der Stadt, sich auf ihre noch schnell verstärkten Verteidigungsmittel verlassend, zu verschließen und den Einzug zu verweigern. Da war es zum Kampfe gekommen, und Judika hatte sich in heldenmütiger Weise daran beteiligt. Die Wälle wurden erstürmt, eines der Tore wurde von den aus Grünsfeld entführten Feldschlangen eingeschossen, ein anderes durch Verrat von innen geöffnet, so daß die Bauern von zwei Seiten zugleich in die Stadt eindrangen und sich ein Straßenkampf Mann gegen Mann entspann, der mit der Niederwerfung der Bürger und einer zügellosen Plünderung und Zerstörung ihrer Wohnungen endete, wobei die junkerlich gesinnten Mitglieder des Rates ihren törichten Widerstand am schwersten, zum Teil mit dem Leben büßen mußten. Da hatten die Bauern ihr schwarzes Weib zum erstenmal im Kampfe gesehen und selbst in der Hitze des Gefechtes mit Bewunderung wahrgenommen, mit welcher hinreißenden Gewalt und wahrhaft ansteckenden Begeisterung sie nicht nur die Ihrigen mit zündenden Worten und lauten Zurufen zum Vordringen angefeuert, sondern wie sie sich selber todverachtend in das Handgemenge gestürzt hatte, daß die Gegner, erschreckt und verblüfft von dem Anblick eines ungestüm kämpfenden Weibes, vor ihr zurückgewichen waren. Als der Kampf entschieden war, wußte sie selber kaum, was sie getan hatte. Mit bleichem Antlitz und starrem Blick betrachtete sie die blutige Spitze ihres Speeres und winkte wie geistesabwesend mit der Hand denen Schweigen zu, die sie umringten und ihre mannhafte Tapferkeit mit hellem Jubel preisen und feiern wollten. Seitdem waren auf den Märschen mehrere Tage vergangen, an denen sie sich auffallend schweigsam und nachdenklich verhalten hatte, oft unruhig und düster gestimmt, als fühlte sie reumütig auf ihrem Herzen das Rieseln des durch ihre Hand vergossenen Blutes. Aber ihr Ruf und Name wuchs im Bauernheere. Die Tausende hier in Schönthal frugen und forschten, wer das seltsame, so gebieterisch aussehende Weib im Haufen der Neckartaler wäre, und diese, auf ihre schöne und kriegerische Landsmännin stolz, vergrößerten und übertrieben ihre Taten und die Macht ihres Wesens, so daß alle mit Staunen und Ehrfurcht auf Judika blickten, ihr einen übernatürlichen Einfluß auf Menschen und Dinge zuschreibend. Jetzt stand sie, an eine Säule des Kreuzganges gelehnt, dicht hinter Jäcklein, von diesem halb verdeckt, doch in nächster Nähe der Gewalthaber in der Versammlung, die hier Kriegsrat halten wollte. Außer allen Hauptleuten, Führern und Unterführern hatten sich so viel Bauern in den Klostergarten hineingedrängt, als das vom Kreuzgang umschlossene, längliche Viereck zu fassen vermochte. An seiner Schmalseite, der hohen Kirchenwand mit den zerbrochenen Fenstern gegenüber, erhob sich ein mächtiges steinernes Kruzifix, an dessen oberem Teil man die Bundesfahne befestigt hatte. Diese war halb weiß, halb blau, in der Mitte das Bild des Gekreuzigten, rechts davon ein kniender Bauersmann und links ein großer Bundschuh, ringsherum aber die Inschrift: »Nichts denn die Gerechtigkeit Gottes!« Unter diesem Kreuze befanden sich, von der Menge durch einen kleinen freien Raum geschieden, die obersten Leiter und Befehliger des Aufstandes: Wendel Hippler, Hans Berlin, Georg Metzler, Hans Reyter von Bieringen, Ehrenfried Kumpf und andere Führer selbständiger Haufen. Ein wenig seitwärts aber, Judikas Platz gegenüber, standen zwei vorzüglich gewappnete Herren in Helm und Harnisch: Florian Geyer und Götz von Berlichingen. Florian war nicht allein gekommen; er hatte eine stattliche Anzahl gerade beschäftigungsloser Landsknechte geworben und mit zur Stelle gebracht, die er seine »schwarze Schar« nannte. Diese anspruchsvollen und großsprecherischen Draufgänger waren bei den Bauern eigentlich nicht beliebt, ihnen aber wegen ihrer Kriegserfahrung und Waffentüchtigkeit jetzt eine willkommene Unterstützung. Florian und Judika hatten sich noch nicht gesprochen, aber längst gesehen, und ihre Blicke begegneten sich zuweilen, denn Judika wandte nicht die Augen von dem, den sie hier zu treffen sehnlichst gehofft hatte. Es sollte zur Wahl eines Feldhauptmanns geschritten werden. Herrn Götzens gute Freunde, Wendel Hippler und Hans Reyter, der einen großen Einfluß im Bauernheere besaß, hatten schon vorher mit dem Ritter über die Annahme dieser Würde verhandelt, und er hatte sich auch nach langem Zureden und halb gezwungen dazu bereit erklärt unter der Bedingung, daß man seine Brüder, namentlich seinen Bruder Hans auf dem nahen Jaxthausen, in Ruhe ließe. Nun schlug Hippler den Ritter mit der eisernen Hand der Versammlung zum Feldhauptmann vor, wies mit wenigen Worten auf seinen weitverbreiteten Ruhm als tapferer Kriegsmann hin und fügte hinzu, daß Götz sich anheischig mache, den gesamten fränkischen Adel dem evangelischen Bunde zuzuführen. Ein Gemurmel und Geräusch von Stimmen, bei dem sich nicht recht unterscheiden ließ, ob es Beifall oder Widerspruch bedeuten sollte, erhob sich im Kreise, und dann folgte eine tiefe Stille. Judika flüsterte Jäcklein ins Ohr: »Wir sind Bauern und bedürfen des Adels nicht.« Und laut wiederholte Jäcklein: »Wir haben einen Bauernkrieg; wozu bedürfen wir des fränkischen Adels?« »Nein! nein! wir brauchen die Adligen nicht, wir wollen ihnen unseren Willen schon selber vorschreiben,« klang es von allen Seiten aus der Versammlung heraus. »Der Beistand des Adels ist nicht so kurzer Hand abzuweisen,« bemerkte Hans Reyter. »Wenn er sich uns freiwillig anschließt, so brauchen wir keine Zeit damit zu verlieren, seine Burgen zu belagern und ihn zu zwingen. Vor allen Dingen würde er uns Geschütze und Reiterei zuführen, die wir so nötig haben.« »Würden uns teuer genug zu stehen kommen. Nein, nichts da vom Adel! wir trauen den Junkern nicht,« lauteten rechts und links die Antworten. »Wenn Herr Götz von Berlichingen die Verhandlungen führt, so kann von Mißtrauen keine Rede sein,« erwiderte Hans Berlin. »Der Ritter ist gut Freund mit all den vermögenden Herren.« »Mit Ulrich von Württemberg auch,« flüsterte Judika. »Jawohl! mit dem Herzog Ulrich von Württemberg – Gott verdamm' ihn!« rief Jäcklein. »Herzog Ulrich wird uns nicht mehr schaden,« versetzte Hippler mit lächelndem Munde. »Laßt uns bei der Sache bleiben, Brüder!« nahm Metzler das Wort. »Wißt ihr einen besseren Feldhauptmann, als den ehrenwerten Ritter Götz von Berlichingen, so nennt ihn! ich wüßte keinen.« Ein kurzes Schweigen folgte. »Florian Geyer!« raunte Judika. »Ich schlage den Ritter Florian Geyer von Geyersberg vor,« rief Jäcklein, während sich Judika hinter ihrem Nachsprecher möglichst zu verbergen suchte. Der Vorschlag fand vielseitige und laute Zustimmung in der Versammlung. Aber Florian Geyer trat einen Schritt vor und sagte: »Nein, Freunde! kein anderer als Herr Götz von Berlichingen muß unser Feldhauptmann werden, ich werbe für ihn, und wenn er die Wahl annimmt, wie ich hoffe, so werdet ihr an ihm einen Obersten haben, dem ihr mit Freuden folgen könnt. Er wird euch in keiner Gefahr im Stich lassen, dafür möcht' ich euch bürgen.« »Gut! was Florian Geyer sagt, lassen wir gelten. Er versteht sich auf den Krieg. Wenn er selber nicht will, so wählen wir den Ritter Götz,« sprach einer zum anderen in der Versammlung, und das Stimmengewirr schwoll mächtig an im Klostergarten. »Jetzt ein Wort von Euch, Götz, und die Sache ist abgemacht,« sagte Hippler halblaut zu dem Ritter. Götz von Berlichingen trat vor, und es ward wieder still. Er sprach mit ruhiger, fester, tiefer Stimme: »Wenn ihr mich haben wollt, so will ich das Amt für die nächsten vier Wochen annehmen.« »Vier Wochen? eine Hintertür!« flüsterte Judika schnell. »Warum nur auf vier Wochen?« frug Jäcklein laut, »in vier Wochen ist der Krieg nicht beendet.« »Auf vier Wochen hab' ich gesagt!« antwortete Götz sehr bestimmt. »Wir müssen uns erst kennen lernen, ich euch und ihr mich. Nun macht es kurz mit ja oder nein! ich bettle nicht um meine Wahl.« »Bedenkt euch nicht länger!« rief Metzler. »Stimmt alle zu!« unterstützte ihn Reyter, und Hippler nickte nach allen Seiten den immer noch Zögernden aufmunternd zu. Da trat Florian Geyer neben seinen ritterlichen Genossen und sprach: »Ich erhebe zuerst meine Stimme und rufe zum Feldhauptmann aus – Herrn Götz von Berlichingen!« »Und Götz von Berlichingen! Götz von Berlichingen!« brauste nun der allgemeine Ruf innerhalb des sonst so stillen Kreuzganges, hallte an den Wänden der Kirche und des Kapitelsaales wider und pflanzte sich außerhalb der Klostermauern durch das ganze Bauernlager fort: »Götz von Berlichingen! Götz von Berlichingen unser Feldhauptmann!« Götz reckte seine eiserne Hand empor und sprach: »Hiermit gelobe ich mich euch auf vier Wochen zum Hauptmann. Vertrauet mir, wie ich euch vertraue!« Dann reichte er Florian, Hippler, Metzler, Reyter und den anderen Nächststehenden die linke Hand, und die Wahl war beendet. Jetzt handelte es sich um den Entwurf des für die nächste Zeit zu befolgenden Kriegsplanes. Götz von Berlichingen wollte vor allem den geistlichen Fürsten und den Klöstern zu Leibe, um sich ihrer großen Reichtümer zu bemächtigen, deren man zur nachdrücklichen Führung des Krieges dringend bedürfte. Die Mönche sollten arbeiten, graben und reuten wie die Bauern. Metzler stimmte dem zu und riet, mit dem trutzigen Würzburg, der Hochburg des fränkischen Adels, den Anfang zu machen. Götz aber, an kecke Reiterstücklein gewöhnt, wollte sich auf eine langwierige Belagerung des festen, fast uneinnehmbaren Frauenberges bei Würzburg nicht eher einlassen, als bis man über eine genügende Anzahl großer Kartaunen zur Beschießung verfügen könnte; und schlug vor, Metzler solle sich zunächst mit seinen Odenwäldern mit dem großen Gaildorfer Haufen vereinigen und dann die Reichsstadt Schwäbisch Hall überziehen. Diese Meinung vertrat auch Florian Geyer mit dem Hinzufügen, daß man nach erfolgter Vereinigung von Hall aus dem in der Bildung begriffenen Heere des schwäbischen Bundes entgegenziehen und diesem eine offene Feldschlacht liefern sollte, wozu man alle Kräfte fest zusammenschließen müßte. Nun teilte aber Wendel Hippler der Versammlung mit, daß ein Schreiben der Grafen Albrecht und Georg Hohenlohe von Schloß Neuenstein eingegangen sei, in welchem die Grafen in hochfahrendem Tone ihre Versprechungen, Geschütze und Pferde zu stellen, wieder zurückzögen oder wenigstens nichtige Ausflüchte dagegen machten. Diese Mitteilung erregte großen Unwillen bei den Versammelten, und Jäcklein Rohrbach, nachdem ihm Judika wieder etwas zugeflüstert hatte, rief mit mutwillig siegessicherem Tone: »Die Hohenlohe und Schloß Neuenstein überlaßt mir! ich hole heraus, was drin steckt!« »Recht so!« sprach Florian Geyer, über den Wortbruch empört, »und ich ziehe mit Euch, Jäcklein Rohrbach!« »Ich auch!« rief Ehrenfried Kumpf, »und ich biete hiermit dem Herrn Florian Geyer den Oberbefehl über uns Rothenburger an; der Ritter mit seinen tapferen Landsknechten versteht sich aufs Stürmen noch besser als wir.« »Angenommen, Ehrenfried Kumpf!« sprach Florian und schüttelte dem biederen, bescheidenen Manne dankbar die Hand. Bei diesen Beschlüssen blieb es. Florian Geyer und Jäcklein Rohrbach sollten mit den Rothenburgern und Neckartalern und allem, was aus weiterem Umkreis noch dazu gehörte, nach Schloß Neuenstein ziehen, Metzler und Reiter aber sich mit ihren und den übrigen noch verfügbaren Haufen der Reichsstadt Hall zuwenden, und Götz von Berlichingen wollte sich ihnen nach einem kurzen Besuche bei seinem Bruder auf Jaxthausen unterwegs anschließen. Damit war auch der Kriegsrat beendet, und die Versammlung im Klostergarten löste sich auf. Metzler ließ die Bundesfahne vom Kreuze abnehmen und wollte sie Götz überantworten. Aber der Ritter sprach: »Behaltet sie, Jörge! sie ist bei Euch in guten Händen.« Jäcklein wandte sich zu Judika um und sagte: »Klaus Hornschuh wird ja wohl für dich sorgen; sollte es dir an irgend etwas fehlen, so schicke ihn zu mir, dann werde ich schon Rat schaffen.« Darauf schloß er sich Hans Reyter und Ehrenfried Kumpf an und wandelte mit ihnen den Kreuzgang entlang. Nun trat Florian Geyer auf Judika zu, begrüßte sie mit herzlichem Händedruck und sagte: »Ich möchte Euch heute noch sprechen, Judika!« »Sprecht, Herr Ritter!« erwiderte sie leicht errötend. »O nicht jetzt, nicht hier.« »Wo sonst? und wann?« fragte sie schüchtern. »Später, wenn der Mond herauf ist und sie alle beim Weine sitzen,« antwortete er. »Aber wo? hier im Kreuzgange? nein, dort in der Kirche, – sie ist offen, die Tür ist ja eingeschlagen.« »In der Kirche? vielleicht im Beichtstuhl, Herr Ritter?« lächelte sie und fügte dann leise hinzu: »Ich werde Eurer harren. –« In den Klosterkellern lagerten, kleinere Gebinde nicht gerechnet, einundzwanzig Fuder Wein, die auf Befehl Metzlers – und mit Metzlers Befehlen war nicht zu spaßen – möglichst geschont waren. Jetzt aber gab er sie den tausenden von durstigen Bauernkehlen preis und behielt nur zwei Fässer, nach Aussage des Bruder Kellermeisters die edelsten Sorten, für die Tafel der Befehlshaber und Anführer zurück, die im Refektorium bereits hergerichtet war. Vor den Keller aber stellte er eine Wache mit stündlicher Ablösung, die Aufsicht zu führen hatte, daß die Verteilung des Weines in gerechter und ordentlicher Weise vor sich ging. Bald saßen die Führer schmausend und zechend um die Tafel herum. Die Mönche mußten sie bedienen, aber dem Abte wurde die zweifelhafte Ehre erwiesen, an dem Gelage als Gast im eigenen Hause teilnehmen zu dürfen. Er wagte nicht die Einladung auszuschlagen und hatte seinen Platz zwischen Götz von Berlichingen und Wendel Hippler. Viele der Bauernführer tranken aus den silbernen Bechern der Mönche, und Metzler überreichte Götz von Berlichingen den kunstvoll getriebenen, mit Edelsteinen besetzten Pokal des Abtes mit den Worten. »Hier, Herr Feldhauptmann, Euer Beuteteil vom Kloster Schönthal!« Es wurde viel getrunken, gelärmt und getobt, und es war schon spät, als der Abt, ein alter Herr, bat, sich zurückziehen und zur Ruhe begeben zu dürfen, was ihm bereitwillig gestattet wurde. »Auch ich bin müde,« sprach Götz, »füllt mir noch einmal halb den Pokal zum Schlaftrunk und dann – gut' Nacht!« Es geschah nach seinem Wunsch. Er bog mit der linken die eisernen Fingergelenke seiner künstlichen rechten Hand um den Becher, daß sie ihn fest umspannte, und erhob sich. In dem mattbeleuchteten Gange, der zum Dormitorium führte, holte er den Abt ein und sprach zu ihm: »Hier, hochwürdiger Herr, nehmt Euren schönen Pokal wieder! nur so konnt' ich ihn Euch retten. Betrachtet ihn nicht als entweiht, weil eine fleisch- und blutlose Hand ihn umklammerte.« Gerührt dankte der greise Prälat dem gutmütigen Raubritter. Zwölftes Kapitel. Der volle Mond war über dem Wald emporgestiegen, ergoß in der lauen Frühlingsnacht sein friedliches Licht über die große klösterliche Ansiedlung und sandte es auch in die hochgewölbte Kirche hinein, in der überall steinerne und hölzerne Trümmer zerschlagener Bildwerke umherlagen. Auf einer Bank an der Wand, unter einem unbeschädigten Steinbilde, das, viereckig umrahmt und mit einer fortlaufenden Inschrift versehen, einen geharnischten Ritter in Lebensgröße darstellte, saß Judika und harrte dessen, der sie hierher bestellt hatte. Es war einem hohen, halb zerbrochenen Fenster gegenüber, durch das der Mond hereinschien; aber sein Licht traf Judika nicht, sondern glitt in einem breiten Streifen dicht an ihr vorbei und fiel auf die Flächen der Wand und des Fußbodens, so daß sie im Dämmer saß. Noch niemals war sie in einem so schönen Gotteshause gewesen, wie dieses war, dessen großartige bauliche Verhältnisse sie mit frommen Schauern erfüllten, wenn nur nicht durch die Stille von außen, manchmal lauter, manchmal gedämpfter, das wüste Lärmen der trinkenden Bauern zu der Einsamen hereingedrungen wäre und sie in der spannungsvoll gehobenen Stimmung, in der sie sich befand, widerlich gestört und verletzt hätte. Was konnte Florian ihr zu sagen haben? Wollte er noch einmal versuchen, ihr von der ferneren Beteiligung am Kampfe abzuraten? Schwerlich; sie hatte es ihm deutlich genug gezeigt, daß das vergeblich wäre. Aber was konnte er sonst von ihr wollen? Sie mußte es in Geduld abwarten und am Ende war es nichts Wichtiges und Besonderes. Jedenfalls aber hatte sie etwas ihm zu sagen, etwas, das er wissen mußte um ihrer Ehre willen und um – ja, warum denn noch? Ein Seufzer hob ihre Brust; sie stand auf, stellte sich in den vollen Schein des Mondes und schaute eine Zeitlang gedankenvoll in die goldblanke Scheibe hinein. Aber das Licht des verschwiegenen Freundes der Nacht, des Mitwissers so vieler Geheimnisse, schien ihr zu hell, zu durchdringend; er blickte ihr zu tief in das klopfende Herz und weckte darin schlummernde, träumende Gefühle, die sie nicht zu nahrungverlangendem Lebendigwerden und eigenmächtigem Wachsen gebracht wissen wollte. Schnell trat sie in den Schatten zurück und nahm wieder Platz auf der Bank, den Arm auf die steinerne Seitenlehne und das sinnende Haupt auf die Hand stützend. Ihr war dieses Stelldichein mit Florian, einen so abenteuerlichen, beinah verdächtigen Anstrich es immerhin hatte, herzlich willkommen. Sie fühlte sich unter allen den Tausenden hier völlig einsam; die wenigen gebildeten Männer unter ihnen, wie Wendel Hippler und Hans Berlin, waren ihr fremd, und sie war es ihnen. Florian Geyer war der einzige, der ihr geistesverwandt und zugleich von früherher bekannt war; gern hätte sie mit ihm die halbe Nacht durchplaudert, gern wüßte sie mehr von seinen Erlebnissen, seinen Hoffnungen und Plänen. O dürfte sie teilnehmen an allem, was seine Seele bewegte, dürfte sie dem Herrlichen etwas sein, ihm etwas geben, das den Inhalt flüchtiger Stunden überdauerte! Plötzlich schreckte sie ein Geräusch aus sehnenden Gedanken auf. Wenn es nur nicht ein anderer, vielleicht gar ein Betrunkener war, der hereintaumelte, um seinen Rausch hier auszuschlafen! Sie rührte sich nicht, horchte und spähte. Vorsichtige Schritte, leise klirrend wie von Sporen, kamen näher und näher. Jetzt tauchte aus dem Dunkel eine hohe Gestalt; schon im gebrochenen Mondlicht glaubte sie ein Spiegeln und Blinken wie von einem Harnisch zu bemerken, und als er nun durch eine hell beleuchtete Stelle der Kirche schritt, erkannte sie ihn, den Erwarteten. Auch er entdeckte sie jetzt auf der Bank und wandte sich ihr zu; aber sie ging ihm nicht entgegen, erhob sich erst, als er ihr schon ganz nahe war. »Dank, Judika, daß Ihr gekommen seid!« begrüßte er sie. »Wartet Ihr schon lange?« »O nein!« erwiderte sie, ihre Hand in die seine legend. Er brachte einen Becher, keinen silbernen, voll Wein mit und hielt ihn ihr hin: »Hier, zur Erquickung ein Trank, so herrlich, wie ihn meine Lippen und wohl auch die Eurigen noch niemals berührt haben.« Ehe sie den Becher nahm, blickte sie den Darbietenden nachdenklich an. »Trinkt ohne Sorge!« sprach er lächelnd, »es ist kein anderer Zauber in dem Wein als der, den erst die Sonne und dann die läuternde Zeit darin ausgebrütet haben.« »O Herr Ritter! daran dachte meine Seele nicht,« versicherte sie treuherzig, tat einen Zug – »Köstlich!« und gab ihm den Becher zurück. »Das ist nur für Euch,« sagte er und stellte, nach einem Blick auf das Steinbild darüber, den Becher auf die Bank, auf die er sich nun selber niederließ, Judika mit einer Handbewegung an seine Seite ladend. »Was dachtet Ihr denn, als Ihr zu trinken zögertet?« frug er dann. »Ich dachte daran,« entgegnete sie, »wie ich Euch auf Weinsberg einmal nach einem Ringelrennen einen Becher Wein bot, weil Ihr der Sieger waret.« »Ich erinnere mich genau,« sprach er, »aber es war ein Glas, Judika! Ihr tranket nach mir die letzten Tropfen daraus und warft es dann gegen die Mauer. Warum tatet Ihr das?« »Ein alter Brauch,« gab sie mit abgewandtem Gesicht verlegen zur Antwort, »wenn ein Wunsch in Erfüllung gehen soll, den man bei einem Trunke hegt. Aber ich wollte nicht, daß Ihr es sehen solltet.« »Darf man den Wunsch wissen, den Ihr in jenem Augenblicke hegtet?« »– Daß Ihr immer siegen möchtet, wo Ihr zu kämpfen haben würdet,« sprach sie leise. »Ein guter Wunsch! nur daß er leider nicht immer in Erfüllung gegangen ist,« sagte Florian. »Geächtet und geschlagen habt Ihr mich einst heimkehren sehen aus vergeblichen Kämpfen. Wißt Ihr es noch?« »Als wär' es gestern gewesen!« erwiderte sie lebhaft. »Und verwundet wart Ihr auch. – Auf daß wir diesmal die Sieger sind!« fügte sie mit leuchtendem Blick hinzu, trank und reichte ihm den Becher. Er tat ihr Bescheid und fragte dann: »Wißt Ihr auch, wo wir hier sitzen? – Unter dem Grabstein eines Berlichingen. Ja! der Ritter hier über uns ist ein Vorfahr Herrn Götzens; sie haben seit alter Zeit ihre Ruhestätten in diesem Kloster; ich kenne hier jeden Winkel.« »Da wird es unsern Feldhauptmann freuen, daß die Bauern das Bild seines Ahnes mit ihrer Zerstörungwut verschont haben,« sprach Judika. »Unsern Feldhauptmann!« wiederholte Florian lächelnd. »Mit Eurem Willen ist er es nicht geworden, Judika! Ihr gabt Eure Stimme heut' einem anderen.« »Meine Stimme?« »Ja, Ihr wähltet – mich , Judika! ich hab' es wohl bemerkt.« Sie erschrak. »Habt Ihr so scharfe Ohren?« »Ich habe es mehr gesehen als gehört und freute mich, wie gehorsam Jäcklein Euch alles nachsprach, was Ihr ihm zuflüstertet. Ist er Euch in allen Dingen so willfährig?« »Seht mir ins Gesicht, Herr Florian!« sagte Judika. »Eure Frage soll anders lauten, und ich will sie Euch beantworten, ehe Ihr selber sie richtig stellt. Ich stehe zu Jäcklein Rohrbach in keinem, in gar keinem anderen Verhältnis, als daß ich seine Mitstreiterin in unserem Kampf um die Freiheit bin. Als mutiger, zu jedem Wagnis entschlossener Kampfgenoß ist er mir wert und schätzbar, im übrigen aber als Mensch ist er mir seinem ganzen Gehaben nach widerlich und schier unerträglich. Euch dies bei unserem nächsten Wiedersehen so unumwunden zu erklären, wie ich es eben getan habe, war meine Absicht von dem Augenblick an, da wir in Herchsheim voneinander schieden.« Sie hatte ziemlich erregt, aber mit fester Stimme gesprochen und fühlte sich nun so leicht, als wäre ihr mit diesem Bekenntnis eine Last vom Herzen herunter. Dasselbe Gefühl hatte Florian; auch er atmete erleichtert auf, und in seiner Freude über das Gehörte scherzte er. »Nun sitzen wir doch hier wie im Beichtstuhl, nur daß ich Euch nicht zu absolvieren brauche von etwas, um derentwillen ich allerdings – ich will Euch nun auch beichten – ernste Sorge hatte. Ihr habt den Sinn meiner Frage richtig erraten; gerade das wollte ich von Euch wissen, darum wünschte ich Euch zu sprechen. Und nun dank' ich Euch herzlich, daß Ihr mich von der peinlichen Ungewißheit erlöst habt.« Und er nahm ihre Hand und hielt sie in der seinigen fest. »Ich wußte, was Ihr argwöhntet, und war empört darüber,« erwiderte sie. »Wie konntet Ihr nur denken, daß ich mich einem Menschen wie Jäcklein Rohrbach ergeben hätte! Könntet Ihr mit ihm gut Freund sein?« »Gut Freund? nein, wahrlich nicht!« lachte er. »Nun seht Ihr! und doch drückt Ihr ihm die Hand wie jetzt mir. Und –« »Nicht ganz so,« unterbrach er sie lächelnd. »– und so geht es mir mit den meisten, mit denen ich auf Schritt und Tritt die gleichen Ziele verfolge.« »Aber daß Ihr ihnen auf Schritt und Tritt folgt, das ist es, was mich wundert,« sagte er. »Ist Euer Verlangen, selber mitzukämpfen, so unbezwinglich groß, daß Ihr Eure Weiblichkeit darüber vergeßt und wie ein Mann die mordliche Waffe schwingen wollt?« »Was Mann oder Weib!« entgegnete sie heftig, ihm ihre Hand entziehend, »im Kampf um die Freiheit macht das keinen Unterschied. Wenn ich die Kraft des Armes und die Kraft des Hasses in mir fühle, so vergesse ich, daß ich ein Weib bin.« »Die Kraft des Hasses!« sprach er ihr mit leichtem Stirnrunzeln nach, »immer nur Haß und Rache! Kennt Ihr keine höheren Ziele in diesem Kampfe, als nur zu strafen und zu rächen?« »O ja,« erwiderte sie erhobenen Hauptes, »aber den Weg zu ihnen müssen wir uns erst in blutiger Arbeit mit dem Schwerte bahnen, es müssen erst viele Tote rechts und links zur Seite liegen, ehe wir dahin gelangen, daß die zwölf Artikel nicht bloß geschriebene Wünsche, sondern gehandhabte Wahrheit und erfüllte Wirklichkeit werden.« »In den zwölf Artikeln ist von Haß und Rache keine Rede,« warf Florian ein. »Das nicht, aber ein haßgenährter Trieb, himmelschreiendes Unrecht zu beseitigen, hat denen die Feder geführt, die sie niedergeschrieben haben,« versetzte Judika. »Ihr seid in Euren Rechten nie gekränkt, Herr Ritter! Euch ist das Leben nie vergällt, das Herzblut nie vergiftet worden durch Hohn und Grausamkeit, durch Schmach und Schande, Ihr seid nie mit Füßen getreten wie wir! Jetzt sollen sie ernten, was sie gesät haben, die Schacher und Schelme, die das arme Volk viele Jahre lang ruchlos geknechtet und gepeinigt haben und es in Hunger und entsetzlichem Elend erbarmungslos verkommen lassen. Das wollen wir ihnen jetzt heimzahlen, Aug' um Auge, Zahn um Zahn. Am Boden liegen und bluten sehen will ich die Schuldigen; eher ruh' und rast' ich nicht!« Die Wangen glühten, die Augen rollten ihr, wie sie, mit dem Gesicht ihm nahe zugewandt, so neben ihm saß und ihren heiß aufwallenden Gefühlen Worte lieh. Halb graute ihm fast vor dem rachsüchtigen Weibe, halb war er hingerissen und bezwungen von dem seltsam bestrickenden Wesen der leidenschaftlichen Jungfrau, die ihm hier in dem geisterhaften Lichte des Mondes schöner, größer, gewaltiger vorkam, als er sie je gesehen hatte. Ein Weilchen schwiegen beide. Er nahm wieder ihre Hand, in der ihre innere Bewegung noch nachzitterte, in seine beiden Hände, um die tief Erregte zu besänftigen. »Judika,« begann er dann milde, »steigt Euch in Eurer gegenwärtigen Lage, in der auch Euch die gemeine Not der Armut umsponnen hält, nicht manchmal bange Sorge um Eure Zukunft auf? Habt Ihr keine Aussicht, keine Hoffnung, Euch ein freundlicheres Dasein zu verschaffen?« Langsam schüttelte sie das Haupt und sagte schwermütig: »Keine Hoffnung! Mein Leben ist ein verfehltes, und je früher es endet, desto lieber ist mir's, wenn es dann nur kein ganz vergebliches war für die Sache, deren Dienst allein ich es noch geweiht habe.« »Ihr seid zu jung, um allem Glück zu entsagen.« »Glück?« lächelte sie bitter, »ich erwarte kein Glück mehr. Woher sollte mir's kommen?« »Judika!« rief er mit dem wärmsten Klange seiner Stimme, »Ihr seid zu stolz, um das Geringste von mir anzunehmen, was Euch das Leben behaglicher und erträglicher machen könnte, aber Ihr habt einen ehrlichen Freund an mir, der Euch nicht in Not und Elend untergehen lassen wird, des seid versichert! Hätte ich Einfluß auf Euch, so würde ich Euch aus diesem wüsten Kriegsgetümmel entfernen so weit, daß Ihr nichts mehr davon zu sehen und zu hören bekämet.« »Das Kriegsgetümmel ist ja meine Rettung,« erwiderte sie eifrig, »meine Rettung vor trüben, verzweifelten Gedanken. Daheim im Dorfe verkümmere ich, wenn ich mich auch notdürftig durchschlage und nicht verhungere. Aber das Herz verdorrt in lechzendem Durste nach allem, was zu leben verlohnt. Hier klopft es noch lebendig und laut für etwas, das wenigstens einen freien Tod wert ist.« »Glaubt Ihr unerschütterlich fest an den Sieg dessen, wofür Ihr das Leben einsetzt?« »Unerschütterlich!« sprach sie. »Und das weiß ich: nur als Siegerin werde ich diesen Kampf überleben; in das Elend zurück, aus dem ich komme, gehe ich nun und nimmermehr!« Florian nickte still vor sich hin. »Auch ich bin einsam. Der anhänglichste Freund, den ich hatte, ist im Groll von mir geschieden. Schlimmer als damals unter der Reichsacht, die ich mit vielen teilte, werde ich jetzt von allen meinen Standesgenossen verdammt, die es mir nie verzeihen werden, daß ich gegen sie kämpfte. Mein Los wird einst kein glücklicheres sein, als Eures, Judika.« »Einem Manne, zumal einem Ritter sieht die Welt offen, er ist seines Glückes Schmied,« sagte Judika. »Mein festes Haus ist mir das Liebste von der Welt,« erwiderte er. »Ich habe genug gekämpft, und wenn mir das Mitleid mit meinem Volke nicht das Schwert in die Hand drückte, so blieb' ich daheim, bestellte mein Stückchen Land in Ruh' und Eintracht mit meinen Lehnsleuten und lebte den Segnungen des Friedens. Und wenn ich ein treues Herz fände, das solch' einfaches glanzloses Leben gern und traulich mit mir teilte, so wüßt' ich auch ihm wohl ein bescheidenes Glück zu schmieden.« Sie erwiderte nichts darauf. Schmerzlich heiße Empfindungen bemächtigten sich ihrer bei seinen Worten, wirbelten ihr ungestüm durch Herz und Hirn und brachten sie in Verwirrung. Weshalb sagte er ihr das? konnte er an sie dabei denken? er, der Edelgeborene, an sie, die – – Ach! nicht die Niedrigkeit ihres Standes, vielmehr der Makel ihrer Abkunft war der Fluch, der ihr das Leben verdarb und zerstörte und ihr vor die Eingangspforte zum Himmel auf Erden einen unlöslichen Riegel schob. O wäre sie echt und recht geboren, wenn auch kein Ritterfräulein oder Geschlechterkind, nur ehrlich und ehelich! Dann dürfte sie die Augen zu dem erheben, der dann wenigstens durch nichts Unübersteigliches von ihr getrennt war und, wenn er sie liebte, sie auch aus ihrer Hütte in seinen Armen zu sich emporziehen könnte. Aber er hatte gewiß nicht an sie gedacht bei der freundlichen Vorstellung geteilten Glückes am heimischen Herde, er durfte seinen ritterlichen Schild nicht beflecken mit einer Verbindung, die Vornehm und Gering verdammen und verspotten würden. Zu trostlos grauem Nebel zerfloß die zauberschöne Luftspiegelung eines blütenreichen Paradieses, die einen Augenblick sinnberückend vor ihr aufgetaucht war. Um aber doch etwas zu sagen, damit Florian ihr Schweigen nicht mißdeute, sprach sie mit erzwungener Kälte, in die sich unwillkürlich ein Tropfen Bitterkeit mischte: »Euch hindert ja nichts, Euch diesen Wunsch zu erfüllen. Die zwölf Artikel habt Ihr angenommen; man würde also Euren Burgfrieden nicht stören.« »Meinen Burgfrieden nicht stören, – wie Ihr das sagt, Judika!« versetzte er, von ihrer scheinbaren Gleichgültigkeit unangenehm berührt. »Mein Herz und meine Ehre gebieten mir, als Mann und Ritter für das einzustehen, was ich als recht und wahr erkannt habe, und ich werde nicht zögern, Gewalt und Strenge zu gebrauchen, wo sie nötig sind. Von Euch aber erwartet niemand, daß Ihr den Spieß nehmt und mit den Männern ins Feld zieht. Die Frauen haben schönere, edlere Pflichten und Aufgaben im Leben, Pflichten, die den Beweis hingebender Liebe fordern. Und wenn Euch die gegenwärtigen Verhältnisse daran hindern, sie freudig und würdig zu erfüllen, so überlaßt es uns Männern, bessere Zustände zu schaffen, und hoffet und harret in Geduld, bis wir das vollbracht haben. So tut auch Ihr, Judika. Besinnt Euch auf Euch selbst und auf das Gute, Reine, Hohe, das in Euch lebt und webt, und denkt an Eure Zukunft! Auch Ihr werdet Wünsche haben, werdet Euch sehnen –« Weiter ließ sie ihn nicht kommen; mit zuckendem Munde, zitternd im Aufruhr der Gefühle, hatte sie ihm bis hierher zugehört und unterbrach ihn nun in überströmender Glut: »Wünsche? ach! nur nichts denken, nichts wünschen! vergessen will ich im Kampfe, nicht mich besinnen! Ich bin froh, wenn mich mein törichtes Herz mit Wünschen in Ruhe läßt. Bei den Bauern verschont es mich damit; mit ihnen will ich hassen, mit ihnen will ich kämpfen, ihre Kriegsfurie will ich sein, wie Ihr in Herchsheim sagtet, dazu allein bin ich noch gut genug.« »Nein! Ihr seid zu etwas Besserem geschaffen,« sprach er entschieden. »Ihr seid noch jung, seid gesund und schön und liebenswert und werdet einst das Glück der Liebe in den schirmenden Armen –« »Schweigt!« rief sie bebend aus. »Hier innen haust etwas, das schwer zu bändigen ist und das ich nicht gern herauslassen möchte!« Dabei drückte sie die Hand fest auf die hoch schwellende Brust. »Ach was!« gab er ihr streng zurück, »ein rechter Mann wird schon bändigen, was in Euch tobt.« Wütend sprang sie auf. »Herr Ritter! – das war nicht ritterlich gesprochen!« »Judika!!« – Auch er war aufgestanden. Das volle Mondlicht beleuchtete jetzt sein Haupt, und so sah sie seinen großen, erstaunten Blick, der vorwurfsvoll und doch mit inniger Teilnahme auf ihr ruhte. Vor diesem Blick zerschmolz sogleich ihr Trotz. »Verzeiht! verzeiht mir!« keuchte sie, griff mit beiden Händen nach seiner Rechten und machte eine Bewegung, als wollte sie sie küssen. Aber sie bezwang sich noch. »Ich wollt' Euch nicht kränken, von allen Menschen auf Erden keinen so wenig wie Euch. Ich hab' Euch falsch verstanden und nicht bedacht, was ich sagte. O könntet Ihr einen Blick in mein Herz tun! – da sieht es traurig aus.« Wie er sie nun so gänzlich außer Fassung sah, wußte er sie nicht anders zu beruhigen, als daß er sie schweigend an die kalte Stahlbrust seines Panzers zog. Sie ließ es willenlos geschehen und lag eine Minute lang mit geschlossenen Augen, in heftiger Erregung nach Atem ringend, an seine Schulter gelehnt. Dann hatte sie ihre Selbstbeherrschung wieder. »Laßt uns scheiden!« sagte sie wie mit gebrochener Stimme, »wir ziehen ja nun zusammen weiter; im Kampfe sollt Ihr mich wiederfinden als die, die ich bin und sein will. Ihr sollt Euch meiner nicht zu schämen haben.« »Gewiß nicht, meine tapfere Waffenschwester!« sprach er freundlich ernst, tief ergriffen von dem Gespräch, das ihm Judikas Denken und Fühlen in so rückhaltloser Weise enthüllt hatte. Überraschend und unbegreiflich war ihm, daß die Löwenmutige, die mit tatkräftiger Entschlossenheit das Los ihrer Mitmenschen verbessern wollte, so mutlos und verzagt, so ganz entsagend und verzweifelnd ihrem eigenen Schicksal gegenüber war. Welche Gründe konnte sie haben für den völligen Verzicht auch auf alle künftige Lebensfreude? Doch er wollte nicht weiter in sie dringen. Er sah ein, daß er sie weder bekehren noch trösten noch von dem rachgierigen Vorwärtsstürmen auf der betretenen Bahn zurückhalten konnte. Darum brach er mit ihr auf und fragte nur noch: »Habt Ihr ein sicheres Unterkommen für die Nacht? und erlaubt Ihr, daß ich Euch dahin geleite? Es könnte trunkenes Bauernvolk umherschwärmen.« »Gern nehme ich den Ritterdienst von Euch an,« erwiderte sie. »Ich weiß, wo Klaus Hornschuh meiner wartet, denn ich habe ihm gesagt, daß ich eine Unterredung mit Euch haben würde. Er schläft nachher wie ein treuer Hund vor der Tür der Zelle, die mir für die Nacht eingeräumt ist.« »So kommt denn!« Sie gingen zusammen aus der Kirche. Aber kaum waren sie ins Freie getreten, als sie laute Stimmen hörten und sich nähernde Schritte. Sie verbargen sich in dem Säulenschatten des Kirchenportals und sahen nun im Mondschein drei Bauern daherkommen, die einen gebundenen Mönch an einem Stricke mit sich führten. Einer sagte mit von Trunkenheit schwerer Zunge. »Hilft dir a–lles nichts, gehängt, gehängt, gehä–hängt wirst du, du – Glatzkopf, verdammter Be–Becherdieb!« »Um Gott! das ist Jäcklein!« flüsterte Judika erschrocken. »Still!« machte Florian. »Schenkt mir das Leben,« jammerte der Gebundene, »und ich zeige euch, wo noch ein paar Fäßlein eingemauert sind vom allerbesten Wein.« »So? noch – noch besseren?« lallte Jäcklein stehenbleibend, aber auf unsicheren Beinen schwankend. »Sag's! sag's! wo sind sie eingem–?« »Erst bindet mich los und schwört mir das Leben zu!« sagte der Mönch. »Soll ich ihn losbinden?« frug einer der Bauern. »Ich ha–habe noch Durst.« »Ich auch, furcht–furchtbaren Durst,« stotterte der andere. »Wir binden ihn los.« »Nicht rühr' an, ihr Schafsköpfe! er lügt! b–baumeln soll er, der D–Dickwanst!« lachte Jäcklein. »Ja, er lügt, er lügt, er soll baumeln,« sagte nun der erste wieder. »Na ja, dann hängen wir ihn lieber – lieber erst auf,« stimmte der zweite in seinem Rausche zu. Dann packten sie den Mönch an den Schultern und schoben ihn vorwärts. Florian wollte auf sie los. Schnell umspannte Judika seinen Arm, preßte ihn an sich und flehte: »Um Gotteswillen! es sind ihrer drei!« »Ich hab' ein Schwert, und sie können nicht fest auf den Füßen stehen,« erwiderte Florian. »So helf' ich Euch.« »Nein! bedenkt, wenn uns Jäcklein hier beide zusammen fände!« Das leuchtete ihr ein. Sie ließ Florian los, und dieser hatte mit wenigen Schritten die kleine Gruppe eingeholt. »Was geht hier vor?« herrschte er die Bauern an. »Was? wer ist da?« frug Jäcklein verdutzt. »Ei! ei, sieh da! Bruder Florian Geyer! Bruder, wir haben hier einen, den wir hängen müssen. Er hat mir meinen silbernen – silbernen Becher gestohlen.« »Es war meiner, aber ich hab' ihn nicht und weiß nicht, wo er geblieben ist,« beteuerte der Mönch. »Hier wird niemand gehängt ohne Befehl des Feldhauptmanns,« sagte Florian streng. »Du – du bist doch aber nicht der Feld–Feldhauptmann, Bruder Florian!« stammelte Jäcklein. »Bindet ihn los!« befahl Florian. »Nein! nein! nicht – nicht losbinden! hängen! hängen! widersprach Jäcklein und trat dazwischen. Aber Florian gab ihm einen Stoß vor die Brust, daß er zurückflog. »Bruder Florian, du stehst einer Glatze bei? das–das–« »Losgebunden! oder es setzt Hiebe!« donnerte Florian die zögernden Bauern an und zog das Schwert. Da banden sie den Mönch los, der, so schnell er laufen konnte, davonlief. »Bringt ihn zur Ruhe!« befahl Florian. Die beiden Bauern nahmen Jäcklein in die Mitte und zogen den Widerstrebenden, der seiner Kraft und Besinnung noch mehr beraubt war als sie, mit sich fort. Als ihre Schritte verhallt waren, kehrte Florian zu Judika zurück. »Der Elende!« sprach sie schaudernd. »Laßt uns von ihm nicht sprechen,« erwiderte Florian. Sie gingen nun um die Kirche herum und kamen in einen Hof, wo sich in einer Mauer eine durch Gesträuch halbverdeckte Vertiefung mit einer verschlossenen Tür befand. Hier trat ihnen eine männliche Gestalt entgegen. »Seid Ihr's, Klaus?« fragte Judika. »Bin's,« antwortete der Mann. »Klaus Hornschuh nennst du dich?« sprach Florian. »Ja, Herr!« »Behüte Judika gut, und wenn ihr die geringste Gefahr droht, so meld' es mir sofort!« »Ja, Herr! das will ich tun,« erwiderte Klaus Hornschuh. Florian reichte Judika die Hand: »Gute Nacht, – liebe Judika!« »Gute Nacht, Herr Florian!« sagte sie und sah ihn an mit Augen, aus denen aller Schmerz und Jammer hoffnungsloser, verzweifelnder Liebe sprach. So schieden sie voneinander. Florian blieb noch stehen und schaute sinnend den sich Entfernenden nach, bis sie seinem Blick entschwunden waren. Judika schritt stumm neben ihrem Beschützer dahin. Ihr schlug das Herz bis zum Hals hinan. Und er – er ahnte nichts von dem, was in ihr schluchzte und schrie! Ach! mochten die andern, die Männer, die Rache vollstrecken, auch die für ihre Pein und ihre Schmach! sie glaubte vor Leid nicht mehr leben zu können. Dreizehntes Kapitel. Als die von Kloster Schönthal vereint ausgezogenen Führer mit ihren beiden starken Haufen vor Schloß Nierenstein anlangten, um die Grafen Hohenlohe für ihren Wortbruch zu strafen und ihnen mit Gewalt zu nehmen, was sie gutwillig zu liefern sich nachträglich trotzig geweigert hatten, fanden sie es verschlossen und still wie ausgestorben. Auf ihr Rufen und ihre schärferen Herausforderungen kam zu ihrer Verwunderung keine Antwort, und so beschlossen sie denn den ungesäumten Angriff. Es begann zunächst eine allerdings ziemlich erfolglose Beschießung mit den Feldschlangen, die aber vom Schlosse aus ebensowenig eine Erwiderung fand wie die wörtlichen Drohungen. Da schritt man unter Florian Geyers Befehl zur Bestürmung der Wälle und Mauern, auf denen sich nur eine, wie es schien, sehr schwache Besatzung zeigte und sich tapfer wehrte. Unterdessen machte sich Jäcklein Rohrbach an die Überbrückung des Grabens und die Berennung des Burgtores, selber einer der Vordersten dabei. An seiner Seite war Judika, den Speer in der Hand und auf ernsten Kampf gefaßt, ja ihn wünschend und erhoffend. Sie war auf dem Marsche gleichgültig gegen alles um sich her und noch schweigsamer als sonst gewesen und hatte sich sowohl von Florian wie von Jäcklein möglichst ferngehalten. Ihre sehr bleichen Züge hatten eine finstere Gespanntheit, als wäre sie mit sich zu einem besonderen Entschlusse gekommen, der keiner Mitteilung bedurfte oder zu seiner Ausführung vielleicht keinen gestattete. Jetzt aber, vor dem Beginn des Kampfes, ergriff sie eine auffallende Unruhe. Sie schaute sich oft um, als suchten ihre Augen etwas, was sie nicht fanden, so daß Jäcklein mehr als einmal warnte: »Judika, gib acht! bleib noch zurück!« Doch sie hörte nicht auf ihn. Als aber die ersten dröhnenden, splitternden Axtschläge gegen das Burgtor fielen, rief innen eine Stimme: »Haltet ein! wir öffnen schon selber.« Schnell sandte Jäcklein die Nachricht an Florian, er solle vom Stürmen ablassen und hierherkommen. Inzwischen hörte man jenseits des Tores das polternde Wegräumen der Verrammlung. Jäcklein, eine List vermutend, bereitete sich mit seinen zuverlässigsten Leuten auf einen Ausfall der Besatzung vor und suchte Judika aus der vordersten Reihe, in der sie immer noch stand, zurückzudrängen, was ihm nur einen verächtlichen Blick von ihr eintrug. Endlich öffnete sich das Tor und es erschien, von einigen Knechten umgeben, ein halb gepanzerter Graubart, den Spieß verkehrt geschultert als Zeichen der Ergebung oder des Überganges zum Feinde, und erklärte den erstaunten Angreifern, daß die Handvoll Verteidiger den nutzlosen Widerstand nicht länger fortsetzen, sondern das Schloß übergeben wollte. Judikas Gesicht nahm bei dieser Kunde den Ausdruck einer großen Enttäuschung an, wie sie der Empfang einer höchst unwillkommenen Botschaft verursacht. Seufzend und wortlos wandte sie dem Tore den Rücken. »Wo sind die Grafen?« frug Jäcklein den alten Reisigen, nachdem er sich von seiner Überraschung erholt hatte. »Auf und davon!« war die kurze Antwort. Ein Fluch platzte von Jäckleins Lippen. Dann rief er den Seinigen zu: »Kommt! wollen mal hinschauen!« Sie drangen in den Burghof und in das Schloß selber hinein, in dem sie keinem Menschen begegneten, durchsuchten alle Räume, nahmen mit sich, wozu sie Lust hatten und was sie brauchen oder verwerten zu können glaubten, und zertrümmerten den Hausrat und alles, was nicht niet- und nagelfest war. Geschütze, Pulver und Stein fanden sie nicht. Judika hatte sich inzwischen über den zum Übergange mit Strauchwerk, Balken und Brettern ausgefüllten Graben zurückbegeben und schritt dem Lager zu. Auf dem Wege dahin begegnete ihr Florian: »Was ist geschehen, Judika?« »Das Schloß ist übergeben,« erwiderte sie verdrossen. »Sie sind schon drin.« »Und die Grafen gefangen?« Sie zuckte die Achseln und schwieg. »Ihr scheint unzufrieden,« sprach er. »Ja, ich hatte mich auf den Kampf gefreut,« gab sie ihm in einem Tone zur Antwort, dem er eine unheimliche Verstimmung anmerkte. »Was habt Ihr, Judika?« frug er besorgt. »Nichts, – geht hin, wo Ihr nötig sein werdet,« erwiderte sie schroff. Kopfschüttelnd verließ er sie und eilte dem Schlosse zu. Da kam ihm, von einer Rotte Bauern geleitet, die gefangene und entwaffnete Besatzung entgegen. Es waren kaum zwanzig Mann, die den Ritter höflich grüßten, ihre Begnadigung von ihm erhoffend, weil sie ihn für den obersten Anführer hielten. Jetzt stieg aus dem Schlosse eine dunkle Rauchwolke empor. Die Bauern hatten es nach der schnell beendeten Plünderung in Brand gesteckt. Dennoch schritt Florian weiter und traf im Burghof Jäcklein Rohrbach mit dem Führer der kurzen Verteidigung. Der Alte war offenbar erbost, daß ihn seine Herren mit so wenigen Leuten im Stich gelassen und, statt sich mutig bis zum Äußersten zu wehren, das Schloß preisgegeben hatten. Aus seinen mürrischen und widerwilligen Geständnissen ging folgendes hervor. Die beiden Grafen Ludwig und Friedrich von Löwenstein waren es gewesen, die die Grafen Hohenlohe gegen die Bauern wieder aufgehetzt und zur hochmütigen Zurücknahme ihres gegebenen Wortes bewogen hatten. Während der Ansammlung des Bauernheeres im Kloster Schönthal waren die Grafen Albrecht und Georg von Hohenlohe mit Pferden und Geschützen und mitsamt allen weiblichen Bewohnern des Schlosses ausgerückt und hatten sich nach Schloß Löwenstein begeben, um dieses mit vereinten und verstärkten Kräften gegen die etwa anziehenden Bauern zu behaupten. »Na, die wollen wir kriegen!« lachte Jäcklein, und auch Florian war über die feige Flucht der beiden Grafen entrüstet. Sie begaben sich in das Lager, und die Besatzung wurde auf dringende Fürsprache Florians, den Ehrenfried Kumpf dabei gegen Jäcklein unterstützte, begnadigt und, nachdem sie Urfehde geschworen, ohne Waffen entlassen. Die Führer wollten nun beschließen, was weiter zu tun sei, und Jäcklein winkte Judika, daß sie an der Beratung teilnähme. Zögernden Schrittes kam sie heran, immer noch in der niedergeschlagenen Stimmung, die den Männern ein Rätsel war. Jäcklein Rohrbach hatte eine dunkle Ahnung davon, daß er sich in der Nacht zu Schönthal Florian gegenüber ziemlich erbärmlich aufgeführt hatte. Nicht seine Trunkenheit reute ihn, die er sich selber sehr leicht verzieh, zumal er öfter Veranlassung dazu hatte; wohl aber wurmte es ihn, daß er sich von Florian so schnell unterkriegen lassen und diesem dadurch ein gewisses Übergewicht über sich eingeräumt hatte. Diese Scharte mußte er auswetzen, entweder durch ein einschmeichelndes Entgegenkommen oder durch ein doppelt sicher tuendes und selbstbewußtes Auftreten. Er wählte das seiner Natur näherliegende letztere Mittel ohne zu überlegen, ob es bei einem Manne wie Florian Geyer seinen Zweck erreichen würde. Daß Judika Zeugin seiner Schwäche gewesen war, wußte er ja nicht. Florian riet, der geflüchteten Grafen Hohenlohe nicht weiter zu achten, es bei der Strafe der Einäscherung ihres Schlosses Neuenstein bewenden zu lassen und sich mit der gesamten Streitmacht auf die Städte Neckarsulm und Heilbronn zu werfen. »Fällt mir gar nicht ein!« trumpfte Jäcklein protzig dagegen auf, »die sollen nicht denken, daß sie mit uns spielen können. Jetzt ziehen wir nach Schloß Löwenstein und machen mit der ganzen Gesellschaft da kurzen Prozeß. Und wenn der Herr Ritter bei dem Tanze nicht mittun will, so führe ich ihn mit meinen Neckartalern allein auf!« »So!« lachte Florian, mehr belustigt als beleidigt von Jäckleins prahlerischem Benehmen. »Nun, der Herr Ritter wird mittun, wenn Ihr erlaubt, Jäcklein Rohrbach. Dagegen erwarte ich, daß Ihr nach der Einnahme von Löwenstein, die uns ja nicht allzulange aufhalten wird, mit mir zusammen Heilbronn besetzt, was viel wichtiger ist, als ob wir hie und da ein Schloß mehr oder weniger zum Himmel schicken.« »Einverstanden!« erklärte Jäcklein, »aber eins müßt Ihr mir noch als Draufgeld zugeben außer Löwenstein, und es liegt so bequem auf unserem Wege von dort nach Heilbronn, – Schloß Weinsberg. Da müssen wir erst noch ausräuchern und dem Helfenstein, dem schändlichsten, verruchtesten und verhaßtesten aller Bauernschinder, den Garaus machen. Das stell' ich als Bedingung.« Florian krauste die Stirn, und Judika, auf seine Entschließung äußerst gespannt, blickte ihn erwartungsvoll an. »Nun, Ritter Florian, Ihr besinnt Euch?« fuhr Jäcklein fort, »steht der gräfliche Kumpan doch Eurem Herzen noch näher als das arme Volk, dem Ihr Euch in Herchsheim gelobtet? Das wäre nicht gut für Euer Ansehen im Bauernheere.« »Erspart mir und Euch die Antwort auf so ungeziemende Bemerkungen!« verwies ihm Florian streng. »Entscheidet Euch und bekennt Farbe!« »Und Ihr wartet, bis ich mich entschieden habe!« entgegnete Florian zornig aufwallend. »Dazu ist Zeit, wenn wir mit Löwenstein fertig sind.« »Unnützer Aufschub!« brummte Jäcklein. »Was sagst du zu meinem Vorschlage, Judika?« wandte er sich nun an diese. »Brauchst du etwa auch noch Bedenkzeit?« »Was ist da noch groß zu bedenken?« nahm statt ihrer Ehrenfried Kumpf das Wort. »Die Gerechtigkeit verlangt es, daß wir mit dem Helfensteiner abrechnen, und das Fazit –« ein kräftiger Lufthieb mit der Faust von oben nach unten, von einem grimmigen Blicke begleitet, ergänzte die Rede. »Aha! da hört ihr's! der wird also nicht geschont! es muß Köpfe regnen, Judika!« rief Jäcklein mit einem häßlichen Grinsen, kehrte sich ohne weiteres ab und ging langsam davon. Ehrenfried Kumpf schloß sich ihm an. »Judika, wie retten wir Helfenstein?« sprach Florian leise, als die beiden nun allein standen. »Den wollt Ihr retten?« frug sie erstaunt und unwillig. »Er ist mein Freund, Judika, und war auch der Eure von Kindheit an,« sprach Florian und fügte, als sie nichts darauf erwiderte, dringender hinzu. »Wir können ihn doch nicht in Unwissenheit lassen über das, was ihm droht.« Judika starrte, das Haupt an den Speer gelehnt, düster zu Boden. Ihr stiegen Jugenderinnerungen auf, genossene Wohltaten, freundliche, aber auch schreckliche Bilder, und stritten in ihr um Spruch und Urteil. Plötzlich schüttelte sie sich wie vor einer schauderhaften Berührung, und »Nieder mit ihm!« stieß sie heftig hervor. »Schont, wen Ihr wollt, nur den nicht! Den zu retten helf' ich Euch nicht!« »Aber denkt doch an sein Weib und Kind, die dann mit ihm dem Tode geweiht sind!« mahnte Florian. Das griff ihr ans Herz, und schnell erwiderte sie: »Ja, ja! daran dacht' ich nicht; die müssen wir retten; um ihretwillen muß er gewarnt werden.« »Aber wem soll man so gefährliche Botschaft anvertrauen?« »Klaus Hornschuh, wenn Ihr keinen Besseren wißt und er sich dazu bereit finden läßt,« sagte Judika. »Doch still jetzt! Jäcklein beobachtet uns.« Jäcklein hatte sich umgewandt, sah mit mißtrauischem, eifersüchtigem Blick die beiden miteinander reden und knurrte: »Da spinnt sich etwas an, was mir nicht gefällt.« Zwei Tage später hielten die beiden Haufen das stark besetzte und gut bewehrte Schloß Löwenstein umzingelt. Es wurde hinein- und herausgeschossen, aber an eine Erstürmung der hohen und festen Mauern war ohne zu große Opfer von Menschenleben vorläufig noch nicht zu denken. Da überraschten die Grafen, die auch über geharnischte Berittene verfügten, die Belagerer durch einen kräftigen Ausfall, der zwar, und nicht ohne erhebliche Verluste, zurückgeschlagen wurde, dessen Abweisung aber doch nicht den Erfolg hatte, daß die Bauern mit den Weichenden in die Burg eindringen konnten. Florian und Jäcklein, nun die Stärke und Kampfart der Gegner kennend, wollten sich nicht zum zweiten Male unvorbereitet finden lassen, sondern einem etwa wiederholten Angriff nachdrücklicher begegnen und trafen ihre Maßregeln. Florian hieß den Anführer seiner schwarzen Schar beim nächsten Ausfall des Feindes sofort und ohne einen weiteren Befehl dazu abzuwarten den Sturm auf die Wälle an einem ihm bezeichneten Punkte zu unternehmen. Der zweite Ausfall erfolgte am nächsten Morgen, war weit heftiger als der erste und führte zu einem langen, hartnäckigen Kampfe, der sich bald zugunsten der einen, bald zu der der anderen Partei zu wenden schien. Florian und Jäcklein sowie Ehrenfried Kumpf fochten selber tapfer mit und unter ihren Augen, stets an der bedrohtesten Stelle, mit einer wahrhaft herausfordernden Unerschrockenheit und Verwegenheit auch Judika. Sie warf sich mit blinder Wut in das dichteste Gedränge und durch das Lärmen und Getöse, das dort die stürmenden Landsknechte, hier die Mann gegen Mann auf ebenem Boden Ringenden machten, hörte man ihre laute Stimme ermutigend und anfeuernd, wo sie ein Schwanken einzelner oder mehrerer zu bemerken glaubte. »Haltet Stand! vorwärts! drauf, drauf! Nichts denn die Gerechtigkeit Gottes! wir siegen, wir siegen! ich hab' eure Spieße gesegnet! schont keinen!« So schrie sie und schwang den Speer und stieß damit zu trotz einem der kämpfenden Männer. Florian sah es mit Schrecken, wie achtlos sie sich der äußersten Gefahr aussetzte. Die ihr von niemand in diesem Maße zugetraute Kraft ihres Körpers kam im behenden und kühnen Schwung ihrer Bewegungen zur vollen Geltung, und wie sie gleich einer Verzweifelten mit flammenden Augen im Handgemenge focht, hatte sie etwas Furchtbares und doch großartig, überwältigend Schönes, das selbst die auf sie eindringenden Feinde stutzig machte. Plötzlich kam ein geharnischter Reiter – Graf Friedrich von Löwenstein war es – auf sie losgesprengt, und mit dem frohlockenden Rufe: »Ho, schwarzes Weib! Dich such' ich!« holte er mit dem Schwert zum Schlage gegen sie aus. Sie streckte im natürlichen, fast unbewußten Trieb der Abwehr den Spieß gegen den Angreifer vor, wäre jedoch verloren gewesen, wenn nicht im selben Augenblicke Klaus Hornschuh, der sich beständig in Judikas Nähe gehalten hatte, seinen Speer dem Pferde des Grafen in den Bauch gestoßen hätte, so daß es strauchelnd zusammenbrach. Aber noch im Sturze des Reiters sauste sein Schwerthieb wuchtig auf Hornschuhs Schädel herab, ihn spaltend und den sofortigen Tod des treuen Mannes herbeiführend. Judikas Spieß traf den Grafen über der Halsberge und durchbohrte ihm die Kehle, daß er röchelnd verschied. Klaus Hornschuh war gerächt. Diesmal siegten die Bauern vollständig und drangen, mit ihrer Überzahl den Ausfallenden den Rückweg abschneidend, durch das Tor. Die Verteidiger der Wälle mußten den hart Bedrängten im Burghof zu Hilfe eilen, und so gelang auch der Sturm der Landsknechte, die nun die letzte Wehr überstiegen. Der Kampf innerhalb der Ringmauern war bald entschieden, jeder Fußbreit war genommen, und eine reiche Beute, auch an Geschützen, Pulver und Stein, fiel den Siegern in die Hände. Schloß Löwenstein ging in Flammen auf. Die beiden Grafen Hohenlohe waren durch die Flucht auf schnellen Pferden entkommen, Graf Ludwig von Löwenstein aber wurde gefangen. Er mußte barhäuptig und barhändig, während die Bauernführer Hut und Handschuhe aufbehielten, sich in den evangelischen Bund schwören und wurde dann mitsamt den Frauen freigelassen. Gegen Abend wurden die Toten bestattet, und Judika kniete in stillem Gebet auf einem der gemeinsamen Gräber, in dem sie Klaus Hornschuh ruhen wußte. Als sie sich erhob und zum Gehen wandte, stand Florian vor ihr. »Kommt!« sprach er, »ich habe mit Euch zu reden, Judika.« Und sie gingen beide allein dem nahen Walde zu. Dies bemerkte Jäcklein und schnell erwachte wieder das brennende Gefühl der Eifersucht in ihm. Er rief zwei Bauern zu sich heran und sagte zu ihnen. »Ihr paßt mir von Stund an auf das schwarze Weib, folgt ihr auf Schritt und Tritt, beobachtet und belauscht sie, was sie tut und was und mit wem sie spracht. Morgen früh macht ihr mir darüber Meldung!« Die Burschen nickten dummpfiffig und schlichen sich seitwärts auf einem Umwege dem Gehölz zu, in dem Florian und Judika bald verschwanden. Als die beiden letzteren von Gesträuch verdeckt und außerhalb aller menschlichen Gehörweite waren, begann Florian stehenbleibend. »Zunächst muß ich ernstlich mit Euch schelten, Judika! Was habe ich von Eurem heutigen Vordringen im Kampfe zu denken? Ihr seid der größten Gefahr nicht begegnet, nein, Ihr habt sie aufgesucht!« Sie schlug die Augen nieder und schwieg. Ihr Busen hob und senkte sich vor mächtiger, innerer Bewegung. Und er fuhr fort: »Haltet Ihr Euch etwa für hieb- und stichfest? ich glaube nicht an den Unsinn des Fest- und Gefrorenmachens.« »Ich auch nicht,« gab sie leise zur Antwort. »So glaubt Ihr vielleicht an etwas wie eine göttliche Sendung, die Euch noch zu höheren Zwecken aufspart.« »Auch das nicht,« lächelte sie trübe. »Denkt Ihr denn mitten im Gefecht nur einen Augenblick daran, daß Ihr verwundet werden oder fallen könntet?« »Ich! ich bin ein Kriegsmann. Aber wenn Ihr gefallen wäret –« »Nun? – so wäre ein ohnehin verlorenes Leben ausgelöscht, und ich läge still da unten neben Klaus Hornschuh,« sagte sie ohne aufzublicken. Da stieg eine furchtbare Ahnung in ihm auf, die ihm das Herz klopfen machte. Wie betäubt stand er vor ihr und suchte nach Worten. »Ihr sollt nicht immer von einem verlorenen Leben sprechen, Judika!« stieß er endlich in seiner Verwirrung hervor, da er das, was ihn in diesem Augenblick durchdrang und erschütterte, nicht vor ihr auszusprechen wagte, und fügte dann besorgnisvoll hinzu: »Es schmerzt mich in tiefster Seele, so etwas von Euren Lippen zu hören.« »So laßt uns von anderen Dingen reden,« erwiderte sie leise seufzend und schritt vorwärts. Er folgte ihr, und sie gingen schweigend nebeneinander weiter. Nach einer kleinen Weile sprach sie in völlig verändertem Tone: »Klaus Hornschuh ist tot. Wen wollt Ihr nun nach Weinsberg schicken?« Er blieb wieder stehen. »Ich wüßte nur einen sicheren Boten, und das seid – Ihr!« »Ich?!« fuhr sie erschrocken auf und noch einmal: »ich?!« sah ihm wägend, forschend ins Gesicht und sprach dann, gedankenvoll ein paarmal mit dem Kopfe nickend: »Nun, – also ich!« »Ja? wirklich?« rief er hoch aufatmend, »Ihr wollt das Wagnis übernehmen?« »Wenn Ihr es wünscht und mich fortschickt, – ja!« erwiderte sie erregt. »Und,« fuhr sie dann ruhiger fort, »Ihr habt recht, kein anderer kann es, kein anderer würde etwas ausrichten; wer weiß, ob ich es vermag; Ihr kennt ja den trotzigen Sinn des Grafen.« »Weiß Gott!« sagte Florian. »Ich sprach heute noch einmal mit Jäcklein; er ist aber von seinem Vorhaben nicht abzubringen. Ihr wißt also, was Ihr Graf Ludwig mitzuteilen habt. Er soll sich in den Bundschuh schwören oder mit Weib und Kind machen, daß er fortkommt; sonst ist er rettungslos verloren. Ich breche morgen mit den Meinigen nach Neckarsulm auf; dort laßt mich Euch wiederfinden.« »Und bin ich dort nicht,« fiel sie ein, »so fragt in Erlenbach nach mir, zwischen Neckarsulm und Weinsberg; dort habe ich Bekanntschaft. Christine Kranz, eine arme, wackere Frau, der ich einmal Gutes tun konnte, wird Euch von mir Kunde geben, wenn ich glücklich durchgekommen bin.« »Gut! wann wollt Ihr abgehen?« »Heut' abend, sobald es dunkelt,« erwiderte sie. »Damit gewinnen wir einen Vorsprung vor Jäcklein, der morgen noch das Nonnenkloster Lichtenstern plündern will.« »So behüt' Euch Gott auf Eurem Wege!« sprach Florian. »Und noch eins! sagt dem Grafen: mein Schwert wachte über Eurer Sicherheit.« Sie nickte ihm dankbar zu. »Aber was sagt Ihr Jäcklein, wenn er mich vermißt?« frug sie. »Hm! Jäcklein!« Er überlegte. »Vorläufig, – ich wüßte nichts von Euch, und später – die Wahrheit.« »Das eine wird er Euch nicht glauben, und über das andere wird er wüten und toben.« »So laßt ihn toben; ich werde schon mit ihm fertig,« erwiderte Florian. »Es dämmert,« sagte sie. »Bleibt noch hier, ich will allein zurückgehen und mich bereitmachen.« Er faßte ihre Hand. »Judika! wenn Euch ein Leids geschähe –!« »Seid ohne Sorge!« beruhigte sie ihn, »ich stehe in Gottes Hand und fürchte mich nicht. Der mich heute verschont hat, – der wird mich auch in Weinsberg nicht suchen.« »Lebt wohl!« sprach er mit bewegter Stimme, »und – auf Wiedersehen, Judika!« »Auf Wiedersehen, – Florian!« Sie ging nach dem Lager zurück, und er schritt einsam in den dämmernden Wald hinein. Vierzehntes Kapitel. Judika wanderte mit hurtigen Schritten gen Norden durch den knospenden Wald, der noch durchsichtig, weil noch wenig belaubt, der nicht erhellt, doch auch nicht ganz dunkel war, denn der abnehmende Mond sandte noch so viel Licht durch die Kronen der Bäume, daß sie ihren Weg finden konnte ohne gegen Stämme zu rennen oder an Wurzeln zu stoßen. Laubholz und Nadelholz stand gemischt durcheinander. Manchmal glitt der Fuß der Eilenden lautlos über weiche Nadelstreu, manchmal raschelte ihr Schritt in welkem Buchenlaub auf wurzelübersponnenem Boden, so daß sie ihren Speer vorsichtig tastend als Wanderstab gebrauchen mußte. Ein leiser Nachtwind strich säuselnd durch die Wipfel der Fichten und sang und summte sein Lied vom anbrechenden Frühling und von kommender schönerer Zeit. Sonst war tiefes Schweigen ringsum; dort gähnten tiefe Schatten unter dicht wachsenden Tannen, und dort glänzten, mondbeschienen, glatte Buchenstämme, oder das knorrige Geäst mächtiger Eichen reckte sich wirr und kraus gegen den dämmergrauen Himmel, an dem hie und da ein paar Sterne glitzerten. Ein leichtes, weißes Gewölk, bald in größeren Ballen, bald in kleineren Flocken, zog träge dahin, und seine Ränder wurden gelblich gefärbt, wenn es in die Nähe des Mondes kam, den es auch zeitweise verhüllte. Zunächst dachte die dem Lager heimlich Entflohene nur daran, rasch und weit genug vorwärtszukommen, ehe sie von Jäcklein vermißt oder gar verfolgt und eingeholt würde. Sie war froh, endlich einmal seiner sie stets überwachenden Aufsicht entrückt zu sein und nun sozusagen unter Florians Befehl zu stehen, der ihr ja den schwierigen, durchaus nicht gefahrlosen Auftrag erteilt hatte. Ihr bisheriger Beschützer, Klaus Hornschuh, schlummerte in der kühlen Erde, und es war nicht unbemerkt von ihr geblieben, daß Jäcklein nichts weniger als Trauer über den Tod des braven Alten gezeigt hatte, in der irrigen Hoffnung, daß Judika sich fortan nur noch an ihn als ihren Fürsorger halten und sich ihm enger anschließen würde. Aber ebensowenig waren ihr die finsteren, eifersüchtigen Blicke entgangen, die er stets auf sie und Florian heftete, sobald er sie beieinander sah, und sie fürchtete einen heftigen Auftritt, wenn Jäcklein den Ritter nach ihrem Verbleib fragte, die er zuletzt in dessen Gesellschaft gesehen hatte. Sie stellte zwischen Florian und Jäcklein keine Vergleiche mehr an, denn ihre himmelweit voneinander verschiedenen Meinungen über beide waren längst abgeschlossen. Je vertrauter sie mit dem einen wurde, je lästiger und widerwärtiger wurde ihr der unvermeidliche Verkehr mit dem anderen, und hier in der nächtlichen Waldeinsamkeit legte sie sich die Frage vor: wie stand sie zu Florian? und wie stand er zu ihr? Wenn sie sich seine oft innigen Blicke, seinen warmen Händedruck und den Ton seiner Stimme, in dem er manchmal zu ihr sprach, vergegenwärtigte, so war sie von seiner aufrichtigen Teilnahme an ihrem Wohl und Weh' fest überzeugt und glaubte selbst an die Gefühle einer herzlichen Freundschaft von ihm zu ihr. Doch diese genügsame, ruhige Zuneigung entsprach nicht ihren heißen Empfindungen für ihn. Denn schon war ihre Liebe zu einer Leidenschaft erglüht, die von Besitz und Hingebung träumte und keine Sünde darin sah, wenn sie aus diesem verlorenen Leben wenigstens etwas von dem, wonach ihr Herz begehrte, um jeden Preis für sich zu retten suchte. Käme Florian ihrer eigenen Sehnsucht mit der verführerischen Macht der Versuchung entgegen, so wollte sie frei und freudig ihm alles geben, was sie zu geben hatte, aber um seine Liebe werben und buhlen wollte sie nicht. Sie wanderte rastlos weiter und dachte nun an das, was vor ihr lag am Ziel ihres Weges. Warum hatte Florian gerade sie zum Grafen Helfenstein geschickt? Nur deshalb, weil sie wegen ihrer früheren Beziehungen zu diesem der geeignetste Bote war? Oder weil er sie aus der todbringenden Nähe des Kampfplatzes entfernen wollte? Aber es standen ja immer neue Kämpfe bevor, in denen sie dasselbe wieder tun konnte, was sie heute getan hatte, und den wahren Grund, warum sie den Tod im Gefecht gesucht hatte, ahnte er ja nicht. Jetzt schämte sie sich ihrer sündhaften Absicht und schwor sich, diese Schwäche niemals wieder in sich aufkommen zu lassen, sondern ihr Leben und ihre Kraft dem heiligen Kampfe zu widmen und gerade im lautesten, wildesten Kriegslärm die Ruhe ihres Herzens zu suchen. Vorerst jedoch sollte sie die Stätte wieder betreten, wo ihr unberechtigtes Dasein begonnen und wo sie trotzdem eine im ganzen glückliche Jugend verlebt hatte. Aber wie geschah dies jetzt? Nicht als Gast kam sie, nicht einmal als Schutzflehende, sondern als ungerufene Warnerin und Retterin eines vom Volke Verfemten, ihm von einem ehemaligen Genossen heimlich zugesandt mit einer vertraulichen Meldung, die genau genommen ein Verrat an der Partei war. Widerwillig hatte sie den Auftrag an den von ihr tief Gehaßten übernommen, hatte es nur aus Mitleid mit seiner jungen, schuldlosen Gemahlin getan, der sie ein anhängliches, dankbares Gefühl bewahrt hatte. Und keines freundlichen Empfanges hatte sie sich von dem zu versehen, den sie zu seinem Heile warnen sollte und der sicher wußte, daß sie auf seiten seiner unversöhnlichen Gegner stand. Sie konnte sich im Voraus keinen Plan ihres Verhaltens ihm gegenüber machen; sie wollte ihren Auftrag ehrlich ausrichten und den Gewarnten dann seinem Schicksal und seinen eigenen Entschlüssen überlassen. Wie aber, wenn sie ihn ohne Warnung seinem Schicksal überließe? Hatte sie es zu verantworten, wenn er durch seine Schuld Weib und Kind mit in das Verderben riß? Freilich, er war ihr Halbbruder, was Florian noch nicht einmal wußte; aber er wußte auch nicht, wie schwer sich der Graf einst gegen sie vergangen, wie furchtbar er sie beleidigt hatte. Wenn Florian das wüßte, hätte er sie gewiß nicht nach Weinsberg geschickt, wäre vielleicht gar nicht auf den Gedanken gekommen, den Kränker ihrer Ehre schonen und retten zu wollen. Handelte sie unter diesen Erwägungen nicht in Florians Sinne, wenn sie nun nicht nach Weinsberg ging? wenn sie den Verhaßten ungewarnt – – Halt! was war das? sie schrak jäh zusammen. Hinter sich im Walde glaubte sie Stimmen gehört zu haben und blieb horchend stehen. Sie hatte sich nicht getäuscht, denn sie vernahm, und jetzt deutlicher, denselben Ton wieder. In der Stille des Waldes unter den hohen Bäumen hallten die Stimmen der Sprechenden weithin, und nun hörte sie auch schon ihre Schritte und das Knacken dürrer Äste unter derben, fest auftretenden Sohlen. Es mußten mindestens ihrer zwei sein, gewiß die Verfolger, die Jäcklein ihr nachgeschickt hatte, wenn er nicht selber unter ihnen war. Wurde sie von den ihr Nachsetzenden erwischt, so war sie verloren und ihrer rohen Gewalt hilflos preisgegeben, ein Gedanke, der ihr das Blut in den Adern erstarren machte. In zitternder Angst sah sie sich nach einem Versteck um. Dort das Tannendickicht! Dahinein schlüpfte sie und legte sich unter den breit schirmenden Zweigen einer jungen Tanne gekrümmt auf den Boden nieder, wo sie in ihrem schwarzen Kleide so leicht nicht zu entdecken war. Die Verfolger kamen heran, es waren zwei. Judika sah ihre Gestalten, konnte jedoch ihre Gesichtszüge nicht unterscheiden, sondern nur so viel erkennen, daß Jäcklein nicht dabei war. Desto schlimmer für sie; er hätte sie vielleicht geschützt und geschont, was die zwei Burschen sicher nicht tun würden, wenn sie die Gesuchte fänden; sie hörte ihr Herz klopfen. Jetzt blieben, ganz in ihrer Nähe, die beiden stehen. »Du,« sagte der eine, »da wird es immer dunkler; ich denke, wir geben's auf und kehren um.« »Hier muß sie gewesen sein,« erwiderte der andere, »ich weiß, was ich gehört habe.« »Wird wohl ein Stück Wild gewesen sein; willst du das einfangen?« »Ach was, Wild! das Wild, dem wir auf der Fährte sind, ist der Mühe wert, es zu erjagen,« sprach der erste wieder. »Ein Weib wie das schwarze haben wir unser Lebtag noch nicht in den Armen gehabt; das wäre ein Braten, der uns munden sollte!« »Ja, wenn wir sie gleich hätten!« lachte der andere, »da wüßt' ich schon, was geschähe, und wenn sie sich noch so sehr sträubte.« »Das Sträuben sollte ihr wenig helfen; wir sind unser zwei, da soll sie wohl stillhalten!« »Wären wir ihr nur gleich gefolgt, als wir sie fortgehen sahen!« »Das ging nicht; wir hätten uns von den anderen nicht so schnell losmachen können ohne Verdacht zu erregen. Jetzt heißt es wittern und spüren.« »Na, denn vorwärts! weit kann sie nicht mehr kommen, bis wir sie haben.« Und die Gesellen eilten, an Judikas Versteck dicht vorüber, weiter im Walde. Ihr stand der Angstschweiß auf der Stirn. Noch lange wagte sie nicht, eine Bewegung zu machen. Erst als sie beim gespanntesten Lauschen auch nicht das entfernteste Geräusch mehr hörte, kroch sie unter der Tanne hervor und schlich mehr, als sie ging, seitwärts im Gebüsch nach Westen zu, allmählich einen immer schnelleren Schritt auf ihrer Flucht annehmend. Wenn Florian ahnte, welcher Gefahr sie soeben mit knapper Not entgangen war! Verstört irrte sie durch den immer dichter werdenden Wald, der eingeschlagenen Richtung pfadlos folgend und nicht wissend, wie sie sich wieder zurechtfinden sollte. Da drangen auf einmal wieder fremde Laute zu ihrem Ohr und hemmten ihren Schritt mit Angst und Schrecken. Aber was waren das für Töne? das war keine menschliche Stimme, das klang wie Musik. Behutsam und angestrengt horchend ging sie den Tönen entgegen, die ihr, je näher sie ihnen kam, immer lieblicher deuchten, bis sie zweifellos erkannte, daß es Saitenspiel war, was sie hörte, die langgezogenen Klänge einer Geige. Es mußte ein Einsamer sein, der seine Seele tröstlich in den sanften Schwingungen der Saiten ergoß, und – wer es auch sein mochte – mit einem einzelnen nahm sie es in ihrer ungewöhnlichen Kraft beim Ringen wohl auf, falls sie auch in jenem wieder einen Feind und Angreifer begegnen sollte. Aber von einem Menschen, der so schön spielen konnte, hatte sie nichts zu fürchten; also nur mutig darauf zu! Der Spielende hörte beim Tönen seiner Geige die Schritte der Nahenden nicht, und so konnte sie unbemerkt vordringen, bis sie an eine kleine Lichtung im Walde kam, wo sich ihren erstaunten Blicken ein seltsames Bild bot. An den Stamm einer uralten, mächtigen Eiche gelehnt, stand eine Hütte, aus Steinen und Moos gefügt und von einem Dach aus Binsen und Moos überschirmt. Davor saß auf einer Bank, vom Monde beschienen, ein stattlicher Greis in grauem Mönchsgewande, mit langem, silberglänzendem Bart, ein Einsiedler, der sich eben sein Nachtlied spielte. Judika blieb, die fesselnde Erscheinung betrachtend, im Gebüsche stehen, bis der Alte sein Spiel beendet haben würde. Jetzt setzte er den Bogen ab, und schon wollte sie hervortreten und auf ihn zuschreiten, als er von neuem begann und nun zum Klange der Saiten mit tiefer, etwas zitternder Stimme zu singen anhub. »Ihr Sterne dort in eurer Pracht, Die ihr so freundlich blinkt, Euch frag' ich einsam jede Nacht, Ob ihr mir noch nicht winkt. Mein irdisch Gut war groß genug, Fest hing mein Herz daran, Nun höbe gern den leisen Flug Die Seele himmelan. Auch ich hab' einst in Sturm und Streit Das heiße Blut gekühlt, Und Liebesglück und Seligkeit Hab' einst auch ich gefühlt. Stark war mein Arm und stolz mein Gang, Und trotzig war mein Sinn, Ich nahm allzeit mit Sang und Klang Das Leben fröhlich hin. Und einer denk' ich immerdar, Die, längst in jenen Höh'n, Auf Erden mir das Liebste war Und ach, so wunderschön! Ob annoch rollt und rauscht die Welt Wie damals, weiß ich kaum, Mir war ein köstlich Los bestellt, Es war ein süßer Traum. Versunken ist des Sommers Lust, Der Jugend Lied verhallt, Nun ist es Winter in der Brust Und alles still und kalt. Ihr endlos langen Tage, bringt Mich Müden bald zur Ruh! Ihr goldnen Sterne droben, schwingt Mir Gottes Frieden zu!« Der Sänger ließ die Hand mit dem Bogen sinken, stützte die Geige auf das Knie und saß schweigend, in andächtiges Sinnen verloren, den Blick nach oben gerichtet. Gerührt von dem Liede des Alten, ging Judika sacht an ihn heran, kniete vor ihm nieder und legte die gefalteten Hände auf seinen Schoß. Er zuckte ein wenig zusammen, und sie frug bedauernd: »Hab' ich Euch erschreckt, ehrwürdiger Vater?« »O nein, meine Tochter!« sprach er ruhig, »ich erschrecke vor nichts mehr. Und wenn du in deinem schwarzen Gewande der Engel des Todes wärest, du solltest mir in Gottes Namen willkommen sein. Was führt dich zu mir?« »Ich bin auf der Flucht und rettete mich hierher, dem Klang Eurer Saiten zustrebend,« erwiderte sie, »dort im Gebüsche lauscht' ich Eurem Liede.« »Hast du eine Tat begangen, um derentwillen du verfolgt wirst?« frug er. »Nein,« sagte sie, »ich habe denen nichts getan, die mich verfolgten. Nur um ihrer Gier zu entgehen, hab' ich mich vom Wege verirrt.« »Aber man sucht doch nicht umsonst die Einsamkeit der Wälder auf,« bemerkte er, »wenn du auch nicht wie ein Sünderin aussiehst, die bereuen und büßen will.« Sie schüttelte das Haupt. »Ich habe auch nichts zu büßen und zu bereuen als höchstens sündige Gedanken.« »Willst du sie mir bekennen, so sprich!« erwiderte er. »Der Herr ist über uns, er hört dich, wie ich dich höre.« Der Einsiedler hatte in seiner Haltung und seiner milden Art und Weise etwas Ritterliches und Vertrauenerweckendes, und Judika überkam in der Stille der Nacht, in dem bestrickenden Zauber des Mondlichtes und nach der bestandenen Gefahr eine ihr sonst fremde, der Mitteilung bedürftige Gemütsverfassung, als sagte ihr eine innere Stimme, daß sie hier eine Menschenseele gefunden hätte, der sie ihr volles Herz endlich einmal ausschütten könnte. Aber daran gewöhnt, ihre Gefühle verschlossen zu halten, zögerte sie noch, überlegend, ob sie reden oder schweigen sollte, und erst nach einigem Besinnen sprach sie: »Ich habe den Tod gesucht.« Es klang so schlicht und einfach und zugleich so ergreifend wie das Geständnis einer drückenden Schuld, und ein solches war es ja auch, was sich jetzt aus ihrer drangvollen Brust losgelöst hatte. »Du hast den Tod gesucht und ich warte hier auf ihn seit manchem Jahre,« sprach der Klausner mit einem forschenden Blick in das bleiche Antlitz der vor ihm Knieenden. »Warum suchtest du ihn, jung, wie du bist?« »Weil ich mein verlorenes Leben nicht länger tragen wollte,« gab sie gepreßt zur Antwort. »Warum verloren? – einer getäuschten Hoffnung wegen?« Sie schwieg und neigte das Haupt, nicht mehr imstande, ihre tiefe Erregung zu verbergen. Ein Zug innigen Mitleids umspielte den Mund des alten Mannes. Er fuhr ihr mit weicher Hand kosend über das Haar und sagte: »Du hast mein Lied vernommen und weißt nun, daß mir nichts Menschliches fremd ist. Erhebe dich und öffne mir dein bekümmertes Herz!« »Laßt mich hier liegen,« bat sie, »mir ist, als sollt ich Euch beichten.« Dann sich sammelnd sprach sie mit ruhigerem Ton: »Ich kämpfe im Bauernheere gegen die Adligen, die Unterdrücker –« »Ich weiß nichts von einem Kampfe,« unterbrach er sie. »Um was ist er entbrannt?« »Wir wollen nichts denn die Gerechtigkeit Gottes auf Erden.« »Die Gerechtigkeit Gottes auf Erden? ein großes Wort, ein hohes Ziel! Und das willst du schwaches Weib erringen?« frug er, die Hand gegen sie bewegend. »Ich bin nicht schwach und bin auch nicht allein,« erwiderte sie. »Tausende und Abertausende haben sich zusammengetan, alle die Frevel, die sie erdulden mußten, blutig zu rächen und die Freiheit zu erkämpfen von denen, die sie uns herrschsüchtig vorenthalten.« »Freiheit! Freiheit!« sprach er ihr wieder nach und strich sich gedankenvoll den weißen Bart. »Wenn du mir doch sagen könntest, was Freiheit ist! – Laß nur!« schnitt er ihr die Antwort ab, die sie schon auf den Lippen hatte, »du weißt es doch nicht, und niemand weiß es. Sage mir lieber: wessen ist der Sieg in diesem Kampfe?« »Noch ist er nicht entschieden. Schon viele sind ihm zum Opfer gefallen, auch einige von dieser Hand,« sprach sie, von ihm zurückweichend, als fühlte sie sich unwert, den frommen Greis zu berühren. »Wenn es in ehrlichem Kampfe geschah, so weise ich sie nicht zurück,« erwiderte er und faßte ihre Hand. »Nun weiter! warum nennst du dein Leben ein verlorenes?« »Ach! – wie sag' ich's nur?!« stöhnte sie. »Aber Ihr sollt alles wissen. In unseren Reihen ficht ein Ritter, ein edler, herrlicher Mann, den – den ich liebe!!« stieß sie laut schluchzend hervor und schlug die Hände vor's Gesicht, es in erglühender Scham auf die Knie des Alten drückend und am ganzen Körper bebend. »Und er verschmäht deine Liebe?« Sie zuckte die Achseln und antwortete nicht. Er ließ ihr Zeit, sich ein wenig zu beruhigen. Dann frug er: »Bist du selbst eine Edelgeborene?« »Nein! das ist ja mein Fluch!« fuhr sie wild empor. »Ich bin von niedriger, ehrloser Geburt; einem Verbrechen verdank' ich mein Dasein, und dasselbe Verbrechen ist auch an mir versucht worden. Diesen Makel werd' ich mein Leben lang nicht los, und darum kann ich nie das Weib des Ritters werden. Auch nicht, wenn – wenn er mich liebte,« setzte sie, wie mit sich selber redend, flüsternd hinzu und starrte mit weit offenen Augen wie geistesirr zu Boden. »Aber warum kämpfst du nun an seiner Seite?« »Ihr fragt noch, warum?« sprach sie, ihn mit verwundertem Blicke groß ansehend, »um der Rache willen! Meine Mutter will ich rächen, mich selber will ich rächen, unser ganzes Volk will ich rächen für tausend an ihm begangene ruchlose Untaten.« »Von euren Kämpfen weiß ich nichts, aber die Bibel ist auch in meine Einsamkeit gedrungen, und darin steht geschrieben: Vor Gott sind alle Menschen gleich, und die Liebe hofft alles,« suchte der Lebensmüde die Verzweifelnde zu trösten. »Hoffen? hoffen?« sagte sie bitter. »Das hab' ich verlernt, und darum sucht' ich den Tod im Kampfgewühl, vergebens; er hat mich nicht gewollt.« »Nimm das für einen Fingerzeig Gottes und gelobe mir hier in meine Hand, den sündhaften Gedanken nie wieder zu hegen,« sprach der Alte sehr ernst. Sie schlug ein: »Ich gelob' es; ich will leben, der Rache will ich leben.« Der Greis schüttelte das Haupt und sagte: »Steh' auf, setze dich her zu mir und enthülle mir dein Woher und Wohin.« Sie tat, wie er sie geheißen, und sagte ihm alles, was sie erlebt hatte bis zu dem Augenblick, wo sie sein Geigenspiel im Walde hörte. Sie erzählte ihm von ihrer Jugend auf dem Grafenschlosse und ihrem Leben in Böckingen, schilderte ihm mit beredten Worten die traurigen Verhältnisse des armen Bauernvolkes, offenbarte ihm ihre Begeisterung für den Kampf um seine Befreiung und gab dabei ihrem Haß gegen den hochmütigen Adel noch einmal unverhohlenen Ausdruck. Der Klausner folgte ihrem Bericht mit Aufmerksamkeit und oft mit Verwunderung. Als sie geendet hatte, sprach er: »Wenn ich das noch wäre, was ich gewesen bin, so wäre auch ich vielleicht einer deiner Feinde, die du verderben willst. Erschrick nicht!« fügte er freundlich hinzu, als sie ihn nach diesen Worten bestürzt anblickte, »ich habe meine Sünden gebüßt und bin mit meinem Gewissen im reinen. Wie heißt der Ritter, der in euren Reihen ficht?« »Florian Geyer von Geyersberg.« »Ich kenne das Geschlecht dem Namen nach, ein altberühmtes, tapferes Geschlecht, aber dieser Sprößling ist für meine Erinnerungen zu jung.« »O kenntet Ihr ihn!« rief sie mit leuchtenden Augen. »Und wie nennst du dich, liebe Tochter?« frug er. »Judika; die Bauern nennen mich das schwarze Weib,« erwiderte sie. »Judika, du junges, schwarzes Weib,« begann der Greis, »wenn du den Rat eines alten, weltentflohenen, aber einstmals welterfahrenen Mannes, der selber schwere Schicksale durchlebt hat, hören willst, so will ich ihn –« »Ich weiß, was Ihr sagen wollt,« unterbrach sie ihn. »Ich soll mich nicht in den Streit der Männer mischen.« Der Alte nickte. »Denselben Rat hat auch Florian Geyer mir gegeben.« »Und hast ihn doch nicht befolgt? Dann will ich dir auch sagen, warum du es nicht getan hast: um dem Geliebten zu folgen und in seiner Nähe, an seiner Seite zu bleiben.« »Nein! nicht darum! nicht darum!« beteuerte sie lebhaft. »Kind, täusche dich nicht!« sprach der Greis und hob warnend die Hand. »Frage dein Herz, ob nicht die Liebe der stärkste Beweggrund ist, der dich in das Heer der Bauern trieb.« »Noch einmal: nein!« versicherte sie. »Als ich mit ihnen auszog, konnte ich nicht wissen, daß ich Florian Geyer begegnen würde. Und wenn er morgen fiele, so würde ich auch ohne ihn weiterkämpfen, und es wäre noch einer mehr, dessen Tod ich zu rächen hätte. Genug davon, ehrwürdiger Vater! Wenn Ihr mir in Eurem weisen, milden Sinn und aus Eurer reichen Lebenserfahrung einen Rat erteilen wollt, so bitt' ich darum in einer anderen Sache, die mein Gewissen bedrängt, und in der Ihr mir sicher das Rechte sagen werdet, das ich zu tun habe.« »Gern, liebe Tochter!« erwiderte der Klausner, »aber ehe du dich näher erklärst, wisse: das Rechte von zwei Dingen, zwischen denen wir zu wählen haben, ist meistens das Schwere, das Mühevolle, selten das Bequeme. Nun gib mir kund, worin ich dir raten soll.« Judika begann: »Ich habe vom Ritter Florian Geyer eine Botschaft übernommen an den Grafen Helfenstein auf Schloß Weinsberg. Er ist der gehaßteste von allen Adligen, und die Bauern wollen nächstens sein Schloß stürmen und die ihnen von ihm zugefügten Untaten in seinem Blute rächen. Ich soll ihn von diesem Vorhaben in Kenntnis setzen und zur Flucht veranlassen, um ihn vor dem sicheren Tode zu retten. Er ist mein Halbbruder, ich habe auf seinem Schlosse lange Jahre Wohltaten genossen und möchte gern sein Weib und Kind vor dem Untergange bewahren, nicht aber ihn, den ich hasse wie niemanden sonst, hasse wegen seiner zahllosen begangenen Grausamkeiten und weil er es war, der mich einst verführen und vergewaltigen wollte. Letzteres weiß Florian Geyer nicht; sonst hätte er mich nicht zu dem Schändlichen gesandt. Ich aber bin in Zweifel, ob ich den Auftrag ausrichten und den Bedrohten warnen oder ob ich nicht zu ihm gehen, sondern ihn dem Verderben verfallen lassen soll.« »Wie kannst du nur zweifeln, schwarzes Weib?« sprach nach kurzem Besinnen der Einsiedler in ernstem Ton. »Wenn du einen Menschen, und wäre er noch so schuldig, und vollends mit zwei anderen, schuldlosen, vom Tode retten kannst, so mußt du unbedingt es tun. Du bist seines Blutes, wie du sagst, und hast Wohltaten von ihm empfangen; das möge die Schuld aufwiegen, der du ihn gegen dich selbst zu zeihen hast. Was er sonst noch gefehlt und gesündigt hat, möge ein anderer, Höherer richten, vor dessen Thron er sich einst zu verantworten hat. Nicht den Menschen steht es zu, hienieden zu strafen und zu rächen, denn wir sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhmes, den wir vor Gott haben sollen. Also erfülle deinen Auftrag, wie der edle Ritter dir geboten und du ihm versprochen hast.« »Es ist das Schwere,« seufzte Judika, »aber wenn Ihr es mir ratet, so wird es wohl das Rechte sein, und ich werde meinen Haß bewältigen, so stark sich auch mein Gefühl dagegen sträubt, und werde dem Unseligen die Botschaft überbringen.« »Es ist das Rechte,« nickte der Alte. »Gehe hin und tue, was deine Pflicht ist. Und wenn du das vollbracht hast, dann meide diesen furchtbaren und vergeblichen Kampf. Überlaß' es Gott dem Herrn allein, seine Gerechtigkeit auf Erden herzustellen und wolle nicht vorwitzig mit menschlicher Schwachheit in seine weisen Pläne greifen, die wir kurzsichtigen Sterblichen nicht verstehen und denen wir uns in kindlicher Ehrfurcht und Demut unterwerfen müssen.« »Und dazu die Hände in den Schoß legen, wenn man sie nicht zu harter Frone braucht? immer nur dulden und leiden und sich jeder Unbill und Entwürdigung fügen? auch die linke Wange hinhalten, wenn man auf die rechte einen Schlag erhalten hat? nimmermehr!« rief Judika wieder heftig aufwallend. »Ich kämpfe auch für mein eigenes Geschlecht, für die unglücklichen, unterjochten Frauen, die von den Rittern und Junkern nicht grausamer, aber schmachvoller behandelt werden als die Männer. Auch mein Los wäre das der Erniedrigung und Schande, dem keine von uns entrinnt, die noch einen anderen Herrn über sich hat als den Gatten. Wenn nicht alle gerettet werden, ist auch für mich keine Rettung. Das Weib eines Hörigen mag ich nicht werden; nur ein freier Mann könnte mich gewinnen, wenn nicht mein Herz an dem einen, einzigen hinge, den ich doch nie besitzen werde. Was bleibt mir übrig, als zu kämpfen und kämpfend zu siegen oder zu sterben?« »Der Glaube und die Hoffnung auf ein besseres Jenseits,« sprach der Greis, zum Sternenhimmel deutend. »Und wenn du auf Erden Frieden in deinem Herzen haben willst, so entsage für immer allen zeitlichen Wünschen, wende dich dem Ewigen zu und fliehe die Welt, wie ich es getan habe.« »Alles, nur das nicht, ehrwürdiger Vater!« entgegnete sie leidenschaftlich. »Von dem Kampf um die Freiheit lass' ich nicht! und geh' ich in ihm zugrunde, nun, – dann habe ich den Frieden.« »So möge der allmächtige Gott dir helfen und dir seinen Segen gehen, mein armes Kind!« sprach feierlich der Alte, »ich kann ihn dir nicht erteilen, denn ich bin kein Gesalbter des Herrn. Für dich beten will ich, das ist alles, was ich tun kann; einen anderen Trost hab' ich nicht mehr für dich. – Und nun komm in meine Hütte und ruhe dich, bis der Morgen graut,« fuhr er sich erhebend fort. »Dein Weg ist nicht schwer zu finden, und vor Gefahren wirst du morgen hoffentlich sicher sein. Wenn du ein halbes Stündchen in dieser Richtung gehst, so kommst du an einen Bach; folge seinem Lauf, er ergießt sich bei Ellhofen in die Sulm, und dann –« »O dann weiß ich Bescheid,« fiel sie ihm erfreut ins Wort und trat mit dem Einsiedler in die Hütte, um nach den heftigen Gemütserschütterungen der letzten Stunden noch einer kurzen Nachtruhe zu pflegen. Fünfzehntes Kapitel. In aller Frühe brach Judika mit den Segenswünschen des greisen Einsiedlers von dessen Hütte auf und wanderte durch den hohen Wald, der ihr jetzt ein ganz anderes Gesicht zeigte als diese Nacht im Mondenschein. Die Sonne ging eben auf und vergoldete die Wipfel der alten Bäume, an denen die Blattknospen zum Aufbrechen schwollen, während über die Sträucher bereits ein dichter Schleier von jungem Grün gebreitet lag und kleine Frühlingsblumen im Grase blühten. Die Drosseln flöteten laut, und im Gezweig der Buchen schmetterten die Finken ihren lustigen Trillerschlag. Es war ein köstlicher Morgen, der mit seiner frischen würzigen Luft, seinem taufunkelnden Glanz und all dem Sang und Klang in Busch und Baum Judikas Seele heiter und wohlgemut stimmte. Rüstig ausschreitend gelangte sie bald an den ihr vom Klausner bezeichneten Bach, dessen klarem, munterem Geriesel sie folgte, bis sie nach Ellhofen kam, wo sie, ohne sich in dem noch stillen Dorf aufzuhalten, auf einem Stege die Sulm überschritt, in deren Tale sie nun auf dem Wege nach Erlenbach weiterging. Sie kam an einer einsamen Mühle vorbei, deren Rad aber stillstand, weil sie wohl nichts zu mahlen hatte. Aus einem halb zerfallenen Fenster schaute ein bleiches Kindergesicht und starrte mit verwunderten Augen auf die dunkle Gestalt, die scheu vorüberhuschte, weil sie nicht angehalten und gefragt sein wollte. Bald darauf sah sie über dem Einschnitt eines Seitentales die Zinnen des Schlosses Weinsberg ragen, auf denen die Morgensonne so friedlich und freundlich blinkte, als drohte diesen Dächern nicht von fern das Heranschweben des roten Hahnes. Das war ihr Ziel, und sie hätte es von hier aus leicht erreichen können ohne den Umweg über Erlenbach. Hier kannte sie Schritt und Tritt, blieb stehen und schaute sinnend zu der Anhöhe hinauf, wo sie lange Jahre herrlich und in Freuden gelebt und wo sie nun einen so schwierigen Auftrag auszurichten hatte. Einen Augenblick schwankte sie, ob sie nicht gleich zum Schlosse hinaufsteigen sollte, um sich ihrer undankbaren Aufgabe so schnell wie möglich zu entledigen. Aber sie hatte Florian versprochen, daß er in Erlenbach Nachricht von ihr finden sollte, und so wanderte sie weiter. Als sie endlich an die noch verriegelte Tür von Christinens Hütte pochte, erkannte sie sofort die Stimme der Bewohnerin, die von innen nach dem Namen und Begehren des Einlaßfordernden fragte. »Ich bin's, Christine! die Judika Hofmännin,« erwiderte die Draußenstehende. Da öffnete sich die Tür, und Christine Kranz, eine bejahrte Frau, erschien auf der Schwelle, schlug vor Staunen die Hände zusammen und rief aus: »Judika, du?! wo kommst du her? Tritt ein und sei willkommen!« Sie reichten sich die Hände und Judika ging mit der Witwe in das niedrige, ärmliche Stübchen, ließ sich, ihren Spieß in die Ecke stellend und ihr kleines Reisebündel neben sich legend, auf der Bank nieder und sprach: »Wo ich herkomme, fragst du; ja, das sag' ich dir lieber als wo ich hinwill.« »Nun! wohin denn?« »Hinauf zum Grafen.« »Um Gotteswillen! zum Helfensteiner?« rief die Frau erschrocken aus, »Judika! was willst du bei dem? – ist's Ernst? willst ihn selber sprechen?« Die Sitzende nickte. »Ich will dir alles erzählen, aber erst – hast du ein Stück Brot, Christine, und einen Trunk Wasser?« »Herr Gott, ich frage und frage und biete dir nichts an!« sprach Christine beschämt. »Warte! mein Morgensüppchen steht auf dem Feuer, ich bring' es dir. Bist wohl gar die Nacht durch gewandert.« Damit verschwand sie, kam aber bald mit einer kleinen irdenen Schüssel voll dünner Gerstensuppe und einem Stück trockenen Brotes zurück. »Das ist alles, was ich habe,« sagte sie, »nimm! ich brauche nichts.« »Wir teilen, Christine,« lächelte Judika und brach das Stück Brot durch, hungrig einbeißend, denn sie war von dem Klausner nicht zu bewegen gewesen, ihm seinen äußerst knappen Vorrat noch zu schmälern. Nachdem sie sich notdürftig gesättigt hatte, erzählte sie der Freundin ihre letzten Erlebnisse und vertraute ihr auch den Auftrag, den sie an den Grafen Helfenstein hatte. Christine Kranz schüttelte den Kopf. »Tu's nicht, Judika! geh' nicht zum Grafen!« sagte sie. »Du begibst dich damit in große Gefahr, und er verdient keine Schonung.« »Ich weiß es wohl, aber ich muß, Christine! hab's versprochen,« erwiderte Judika und fügte bedrückt hinzu: »Es wird mir sehr schwer, doch es ist das Rechte.« »Er soll in schrecklicher Wut gegen die Aufständischen sein, wer ihm von ihnen in die Hände fällt, kommt nicht mit dem Leben davon,« hielt ihr Christine vor. »Mir wird er nichts tun.« »Dir nichts tun? o! denkst du, er weiß nicht, daß du bei den Bauern bist? Er wird dich eine Undankbare schelten, weil du lange Jahre sein Brot gegessen hast und nun –« »Ich komme ja, um ihn zu warnen und ihn vor dem sicheren Untergange zu bewahren. Ist das nicht auch ein Dank?« »Laß dich selber warnen, Judika! traue dem Grafen nicht! er ist tückisch und schont keinen,« mahnte Christine immer dringender. »Und dann hab' ich auch die Gräfin noch zu meinem Schutze, die sich mir stets huldvoll und gütig erwiesen hat und um derentwillen allein ich die Botschaft übernommen habe,« sagte Judika. »Ja sie! sie ist mild und gut,« stimmte Christine zu, »aber er kehrt sich nicht an das Bitten und Flehen seiner Frau und behandelt sie selber schlecht genug, wie man sagt. Sie kann dich gegen die Bosheit des herzlosen Menschen nicht schützen. Kriegt er dich in seine Gewalt, so wird er dir und denen, die dich sandten, zeigen, wie er mit seinen Feinden verfährt. Hüte dich, Judika! geh' nicht zu ihm!« Aber Judika blieb fest. »Ich muß, und ich tu's,« erwiderte sie, »und sollte der Ritter Florian Geyer kommen und nach mir fragen, so sag' ihm, daß ich bei dir gewesen und von hier aus auf das Schloß gegangen wäre. Mein Bündel und meinen Spieß hebst du mir auf, denn bewaffnet lassen sie mich am Ende nicht zum Tor hinein. Übrigens komme ich vom Schlosse sofort zu dir zurück und wünschte selber, daß ich den Besuch erst hinter mir hätte.« »Und ich wünschte, daß ich dich erst lebendig und heil wiedersähe,« sprach Christine sorgenvoll. »Ich habe schon Schlimmeres gewagt und glücklich überstanden, wo ich's selbst nicht glaubte,« erwiderte Judika mit einem besonderen Tone, dessen Bedeutung die andere jedoch nicht verstand. »Ja,« sagte sie, »Mut hattest du immer, so lang' ich dich kenne. Aber bedenk' auch das noch: wie leicht kann es ruchbar werden, daß du beim Grafen warst und ihn gewarnt hast! Wenn er nun entwischt und dem verdienten Tode entrinnt, so wird man es dir zuschreiben und dich zur Verräterin stempeln.« »Was ich tue, verantwort' ich auch,« sprach Judika entschieden und erhob sich, um ihren schweren Gang anzutreten. »Je eher ich gehe, desto eher komm' ich wieder,« fügte sie freundlich hinzu. »Wenn nur! wenn du nur wiederkommst!« jammerte die ältere. »Ich komme schon!« lachte Judika und machte sich auf. Aber als sie über die Schwelle schritt, blieb sie mit dem Saum ihres Kleides an einem hervorstehenden Splitter des Türpfostens hängen. »Gott im Himmel, da hast du's! eine Ahnung! eine Ahnung!« rief Christine, die Hände ringend. »Du sollst nicht fort, du sollst hierbleiben, Judika! das ist ein Wink der Vorsehung.« »Nur ein Zeichen, daß ich wiederkomme,« sagte Judika, hakte ihr Kleid los und schritt eilig von dannen. Ihr war jedoch keineswegs so leicht ums Herz, wie sie die alte Freundin glauben machen wollte, denn sie kannte den, dem sie gegenübertreten sollte und der, unberechenbar in seinen Launen, zu allem fähig war, was seine schranken- und gewissenlose Macht und Willkür ihm im Augenblick zu tun eingab. Sie ging in einem breiten Tale dem Lauf eines Baches entgegen nach der Stadt Weinsberg zu, bis sie auf den eigentlichen Burgweg kam, der zum Schlosse hinaufführte und den sie nun langsam hinanstieg. Manchmal blieb sie stehen und hielt Umschau nach einzelnen Punkten der Gegend, der Zeiten gedenkend, da sie mit ihrem einstigen Gespielen Ludwig von Helfenstein hier fröhlich umhergeschweift war. Ihr kam der Wunsch, ein glücklicher Zufall möchte ihr den Grafen hier auf diesem Wege entgegenführen. Dann wollte sie, mit der Hand hierhin und dorthin weisend, ihn an ihre Jugendfreundschaft erinnern, und er wäre dann für ihre Vorstellungen vielleicht zugänglicher, als er es dort oben auf seinem festen Schlosse sein würde, wo er gewiß dem Angriff der Bauern trotzen zu können meinte und jede Warnung höhnisch in den Wind schlug. Aber der Zufall tat ihr den Gefallen nicht, sie mußte hinauf und in die Burg hinein, deren Tor sich nach ihrem Eintritt hinter ihr schließen und sich nicht ohne den Willen des gefürchteten und gehaßten Schloßherrn wieder vor ihr öffnen würde. Ihr Hängenbleiben an Christinens Türpfosten kam ihr wieder in den Sinn. Wenn es nun doch eine Vorbedeutung gewesen wäre! Noch wäre es Zeit, umzukehren. Sie sah sich nach einem anderen Zeichen um, das ihr weissagen könnte, ob ihr Gutes oder Böses in der nächsten Stunde bevorstand. Aber nichts Lebendes regte sich in ihrer Nähe, nur daß hoch über ihr, im Blauen aufsteigend, eine Lerche sang. Sie winkte dem Vöglein mit der Hand einen Gruß hinauf, und indem sie dabei den Arm erhob, entdeckte sie auf ihrem Ärmel eine kleine Spinne. »Spinnen bringen Glück,« sprach sie gedankenvoll und ließ das Tierchen auf ihrem Kleide ruhig weiterkriechen. »Aber was für ein Glück sollte da wohl meiner warten?« Sie schüttelte seufzend das Haupt und sah von der halben Höhe, auf der sie stand, nach der anderen Seite des Geländes hin. Da lag zu ihren Füßen die mauerumgürtete Stadt Weinsberg, in deren Gärten die Obstbäume in voller Blüte standen, wieder ein freundliches Bild, auf dem Judikas Blick eine Weile sinnend ruhte. Sie erwog, ob die Bürgerschaft bei der doch wahrscheinlich bevorstehenden Belagerung des Schlosses Partei ergreifen oder müßig zuschauen werde. Anhänger hatte der Graf in Weinsberg nicht, und bei seinem hier am besten gekannten und oft genug hart empfundenen tyrannischen Wesen ließ sich fast annehmen, daß Rat und Zünfte gut bäurisch gesinnt waren. Sicherlich würde es der Stadt übel ergehen, wenn sie am Ende des Kampfes nicht auf der Seite des Siegers war, mochte dieser nun der Graf oder Jäcklein Rohrbach sein, denn für ihre Gegnerschaft würde sie durch die Rache des einen oder des anderen schwer zu büßen haben. Der Einsiedler hatte recht: es war ein schrecklicher Krieg. Stolze Herrensitze, behäbige Bürgerhäuser und neben ihnen manche Hütte der Armut, die Wohnungen friedliebender Menschen mit ihrem nützlichen und schönen Hausrat jeglicher Art wurden vom Feuer gefressen und völlig vernichtet. Und doch mußte es, mußte es sein, denn es gab kein anderes Mittel mehr; nur aus dem fließenden Blut der Schuldigen und aus den rauchenden Trümmern ihrer Zwingburgen konnte sich die Freiheit erheben, um dem geknechteten Volk und dem verwüsteten Land eine gesegnete Zukunft zu bringen. Mit unwillkürlich schauderndem Gefühl, aber nicht erschüttert in ihren Gesinnungen und Entschlüssen, wandte Judika den Blick von der blühenden Stadt dort unten und schritt die Anhöhe weiter hinan dem großen Schlosse zu, dessen Mauern sich nahe vor ihr erhoben und dessen Schicksal auch schon besiegelt war. Als sie an den Graben kam, fand sie die Brücke aufgezogen, was sie indessen nicht groß wunderte; man wollte sich vor unvermuteten Überfällen sichern. Sie rief aufs Geratewohl den Namen desjenigen, der zu ihrer Zeit das Amt des Torhüters inne hatte: »Herwig! Herwig!« und wirklich erschien das verwitterte Gesicht desselben Alten an einer Öffnung des Turmes. »Judika!« rief er, sie erkennend, von oben zurück, »täuschen mich meine Augen nicht? Judika' warte! gleich lass' ich dir die Brücke herunter.« Bald rasselten die Ketten, und die Brücke senkte sich langsam. Aber siehe da! ehe sie ganz hernieder und es der Harrenden möglich war, sie zu beschreiten, blieb sie schweben. Die Glieder der Kette mußten sich vor der Rolle, über die sie lief, verschlungen haben, und Judika mußte sich gedulden, bis man da drinnen eine Leiter herbeigeschafft und die Kette flott gemacht haben würde. Das war nun wieder ein böses Zeichen für Judika: das Burgtor wollte ihr den Eingang wehren, und das machte auf sie den beklemmenden Eindruck einer neuen übernatürlichen Warnung. Allein jetzt umzukehren wäre in ihren Augen eine Feigheit gewesen, und ehe sie die leiseste Anwandlung dazu hatte, lag die Brücke in ihrem ebenen Geleise, und aus dem geöffneten Tor trat ihr Herwig entgegen, die ehemalige Burggenossin treuherzig begrüßend. Mit ihm zugleich kam sein Hund heraus, beschnupperte die Fremde, erkannte sie augenblicklich wieder und sprang fröhlich bellend und wedelnd an ihr empor. »Hurtig! mein Hurtig! kennst du mich denn noch?« sprach Judika erfreut und streichelte den alternden Liebling, der manchen schönen Knochen aus ihrer Hand erhalten hatte. »Das will ich mir als guten Willkomm nehmen, deine treue Hundeseele betrügt mich nicht.« Und vertrauensvoll, als gewährte ihr der anhängliche vierbeinige Freund sicheres Geleit hinein und heraus, schritt Judika mit Herwig durch das Tor in die Burg. »Ist der Graf daheim?« frug sie, »ich muß ihn sprechen.« »Ja, daheim ist er,« erwiderte der Pförtner, »aber nimm dich in acht, Judika! wir wissen hier alles von dir, und der Herr wird nicht gut auf dich gestimmt sein.« »Ich will nichts von ihm, Herwig; ich komme nicht, um zu betteln, ich will euch retten,« sagte Judika. »Retten? sind die Bauern im Anzuge?« »Ja! morgen, spätestens übermorgen sind sie hier.« »Schockschwerenot!« rief Herwig erschrocken. »Und wie willst du uns retten?« »Der Graf muß sich in den evangelischen Bund schwören oder fliehen, und ihr müßt euch ergeben. Wer sich widersetzt, ist des Todes.« »Hm! also sich für ihn totschlagen lassen!« sagte Herwig nachdenklich. »Denn der Graf und fliehen? Du kennst ihn doch, Judika! der wankt und weicht nicht.« »Dann ist er verloren,« versetzte Judika kurz und bestimmt. Der Alte schüttelte mißmutig den grauen Kopf. Dann frug er: »Hast du Botschaft an ihn?« »Ja!« »So geh' hinauf! geh' mit Gott, aber hoffe nichts!« Judika betrat klopfenden Herzens den weiten Burghof, vermied es jedoch, sich in dem altvertrauten Raume wieder einmal umzuschauen, sondern wandte sich sofort zum Palas und erstieg die Treppe zu den gräflichen Wohngemächern. Oben im Flur traf sie eine ihr fremde Zofe, nannte dieser ihren Namen und ersuchte die Erstaunte, sie dem Herrn Grafen anzumelden. Sechzehntes Kapitel. Graf Helfenstein wußte beim Beginn des Aufstandes nicht, ob er über die unerhörte Frechheit und Tollkühnheit der Bauern fluchen oder lachen sollte, und tat, je nach Stimmung, bald das eine, bald das andere. Statt jedoch in ratsamer Besonnenheit nun etwas mildere Saiten aufzuziehen, spannte er den schon sehr straffen Bogen seiner Tyrannei noch schärfer, erließ noch strengere Vorschriften und verhängte noch grausamere Strafen für die geringsten Übertretungen, um aller Welt zu zeigen, daß er vor der Büberei, wie die Bewegung von ihren Gegnern genannt wurde, keine Furcht habe, vielmehr gewillt sei, selber Furcht und Schrecken einzuflößen. Als er indessen von der immer weiteren Ausbreitung der Verschwörung und von den sich mehrenden Erfolgen des evangelischen Heeres und seiner einzelnen Haufen Kenntnis erhielt, wurde er doch nachdenklich und begann im stillen seine Vorbereitungen zu einem hartnäckigen Widerstande zu treffen. Er verstärkte durch Anwerbungen für hohen Sold die Besatzung seines Schlosses bedeutend, schaffte mehr Büchsen und große Mengen von Pulver, Stein und Blei heran und ließ die Vorratskammern mit allem Nötigen versehen, um auch für eine längere Belagerung gerüstet zu sein. Daneben sandte er bestochene Kundschafter im Lande umher, die ihm alle Vorgänge heimlich berichten mußten, und erfuhr auf diese Weise Dinge, die ihn mit Wut und Grausen erfüllten. Schon gegen fünfzig Schlösser waren erstürmt, nicht zu gedenken der vielen eingeäscherten Klöster. Eine Stadt nach der anderen fiel der Sache der Bauern zu; selbst die großen Reichsstädte Straßburg, Ulm und Nürnberg hatten die Empörer unterstützt, und der gesamte Adel des Odenwaldes hatte ihre Bedingungen angenommen. Diese Unterwerfung von Adligen unter den Trotz und die Aufsässigkeit des gemeinen Volkes, das bisher Nacken und Knie vor ihnen gebeugt hatte, empörte den Grafen auf's äußerste, und er begriff nicht, wie die dazu Gezwungenen diese schmachvolle Demütigung überleben konnten. Die Nachricht, daß Götz von Berlichingen oberster Feldhauptmann des Bauernheeres geworden war, nahm er mit Hohn und Ingrimm auf. Der gradsinnige, treuherzige Ritter mit der eisernen Hand, der Schützer und Helfer der Armen, als welcher sich Götz immer gezeigt hatte, war ohnehin nicht ein Edelmann nach des Grafen Geschmack, und so gab er ihn ohne Bedauern auf, ihn verachtend und verwünschend. Von all den bitteren Tropfen aber, die täglich seinen Trunk vergällten, war der bitterste die ihm anfangs ganz unglaubliche Kunde gewesen, daß sein ehemaliger Freund Florian Geyer von Geyersberg aus freien Stücken als Mitstreiter in das Heer der Bauern getreten war. Das hatte ihn wie ein vergifteter Pfeil verwundet und die alte Freundschaft augenblicks in einen tödlichen Haß gegen den Abtrünnigen verwandelt. Dabei war Florian Geyer ein viel beachtenswerterer Gegner als Götz von Berlichingen, denn er hatte das Kriegshandwerk unter tüchtigen Meistern wie Sickingen und Kronberg gelernt und verstand sich auf Schlagen und Stürmen. Heute früh hatte man dem Grafen Helfenstein die Nachricht von der Erstürmung und Verbrennung der Schlösser Neuenstein und Löwenstein durch Florian Geyer und Jäcklein Rohrbach hinterbracht, die ihm sehr naheging. Von Jäcklein Rohrbach erwartete er nichts anderes als ein schonungsloses, mörderisches Vorgehen; aber daß Florian Geyer der Waffenbruder dieses wüsten, blutdürstigen Bauernführers geworden war und mit ihm die Ritterschaft des Landes auf Leben und Tod bekämpfte, das war für den Grafen ein unüberwindlich harter Schlag. Auch daß bei der Erstürmung von Löwenstein Graf Friedrich gefallen war, wußte er und auch, von wessen Hand er gefallen war. Von Judikas Hand, derselben Judika, die hier auf dem Schlosse geboren, als seine Jugendgespielin mit ihm aufgewachsen und fast wie ein Fräulein erzogen und gehalten worden war. Die war also auch zur Schelmin und Verräterin geworden, die nichts von Dankbarkeit wußte und genossene Wohltaten mit offener Feindseligkeit vergalt. Oder wollte sie sich für seinen einstigen kühnen Angriff auf ihre Tugend rächen, der ihm jetzt in unheimlicher Weise ins Gedächtnis kam? Er hatte alle Ursache, sie zu scheuen und auf sie ergrimmt zu sein, denn ihr großer Einfluß im Bauernheere und ihr schwärmerisch eiferndes Anfeuern zur Vernichtung des Adels war überall bekannt. Unter diesen Eindrücken und Erfahrungen, zu denen sich täglich neue gesellten, hatte sich des Grafen eine maßlose, für seine Umgebung geradezu gefährliche Reizbarkeit bemächtigt, die sich oft genug in aufbrausendem Zorn und unverantwortlichem Tun äußerte. Heute morgen, nach Empfang der Nachricht von der Erstürmung der beiden Schlösser und dem Tode seines Freundes, des Grafen Friedrich von Löwenstein, war er in bösester Laune. Er befand sich mit seiner von Kummer und Sorgen verhärmten Gemahlin und seinen Gästen in dem großen, prächtig ausgestatteten Wohngemach und saß dort in einem stummen Brüten, worin ihn niemand zu stören wagte. Jetzt trat die Kammerzofe herein, ging auf den in einem Lehnstuhl Sitzenden zu und meldete: »Draußen ist eine fremde Frau, die den Herrn Grafen zu sprechen wünscht, sie nennt sich Judika Hofmännin.« Ein lautes Ah! der Überraschung entfuhr den Lippen einer der im Zimmer anwesenden Damen. Der Graf aber, wie aus einem Traum durch die Meldung aufgeschreckt, starrte die Zofe erst eine Weile mit weit aufgerissenen Augen an, ehe er hervorbrachte: »Was? – was sagst du?« »Eine Frau –« »Den Namen noch einmal!« schrie Helfenstein. »Judika Hofmännin.« »Judika? Judika?! – groß? schwarz?« »Ja, ganz schwarz und groß.« »Achaz! träum' ich?« rief der Graf aufspringend. – »Herein mit ihr!« Die Zofe ging, und durch die offen gebliebene Tür langsam hereinschreitend kam Judika, verneigte sich mit edlem Anstand und erhob dann frei das Haupt, einer Anrede gewärtig. Da bemerkte sie zu ihrem Verdruß, fast zu ihrer Bestürzung, daß außer dem gräflichen Ehepaar auch Achaz und Agathe von Rosenberg zugegen waren, und begegnete dabei einem triumphierenden haßgetränkten Blick Agathes, der ihr das Herz zusammenschnürte. Blitzschnell durchfuhr es sie: hier hast du deine Todfeindin dir gegenüber! Mitten im Zimmer stand in einer roten, pelzverbrämten Damastschaube der Graf, eine schlanke, fast hagere, doch sehnige Gestalt mit einem ausdrucksvollen, etwas bleichen Gesicht, in das die Leidenschaften ihre Spuren gezeichnet hatten und in dem sich über der trotzig aufgeworfenen Lippe ein dunkler Schnurrbart kräuselte. Mit seinen stechenden braunen Augen blickte er stolz und finster auf Judika, die es eiskalt überlief, daß ihr der Boden unter den Füßen zu wanken schien. Sekunden vergingen in bedrückendem Schweigen. Die Gräfin sah ängstlich und erwartungsvoll auf ihren Gatten, Achaz' Blick hing mehr neugierig als feindlich an Judikas hoher Gestalt; aber in Agathes Antlitz zuckte die Ungeduld, sich an der, wie sie glaubte, glücklichen Nebenbuhlerin um Florians Liebe nun rächen zu können. Endlich begann der Graf in äußerlich erzwungener Ruhe, jedoch in einer inneren Erregung, die denen nicht entging, die ihn jetzt wie mit eingerosteter Stimme fragen hörten: »Was suchst du hier auf Schloß Weinsberg?« Judika mußte erst noch einmal Atem holen, bevor sie antwortete: »Als ich von Euch Abschied nahm, Herr Graf, sagtet Ihr mir, wenn ich einmal einen besonderen Wunsch hätte, so möchte ich zu Euch kommen.« »Ich weiß,« erwiderte er kühl. »Hast du einen Wunsch?« »Ja!« »Du findest mich wenig geneigt, dir noch Wünsche zu erfüllen, doch sprich ihn aus!« »Er betrifft nicht mich, Herr Graf, sondern Euch,« versetzte Judika. »Ich möchte Euch und die Eurigen vor dem sicheren Verderben retten.« Der Graf war sichtlich überrascht und schien etwas anderes erwartet zu haben. Er blickte der vor ihm Stehenden mißtrauisch forschend ins Gesicht, als suchte er ihre Gedanken zu lesen. Dann sprach er mit Nachdruck: »Ist das wirklich dein Wunsch?« »Ich stünde sonst nicht vor Euch,« sagte sie bestimmt. »Und das sichere Verderben, das mir drohen soll, kommt von den Rebellen, den Bauern, nicht so?« »Von niemand anders.« »Das ist nicht wahr!« rief Agathe dazwischen. Eine Handbewegung und ein strenger Blick des Grafen geboten der Vorlauten Schweigen. Judika würdigte diese keiner Antwort. »Ich glaube zwar nicht, daß mir das Verderben so nahe ist, wie du denkst, Judika,« sprach der Graf, »aber ich möchte doch wissen, wie du mich davor retten wolltest.« »Dadurch, daß Ihr die zwölf Artikel annehmt und Euch in den evangelischen Bund schwört.« »Unverschämt!« platzte Agathe wieder los, und wieder traf sie ein unwilliger Blick des Grafen. Aber diesmal ließ sie sich nicht einschüchtern, sondern fuhr, zu ihrem Bruder gewendet, fort: »Du weißt doch, Achaz, wer dasselbe von dir in Giebelstadt verlangte?« »Ja, ja, sei nur still!« suchte Achaz die Aufgeregte zu beschwichtigen. »Mische dich nicht in unser Gespräch, Agathe!« ließ sie der Graf nun hart an, indem es ihm selber schwer wurde, der ihm von Judika gestellten Zumutung gegenüber die Selbstbeherrschung zu bewahren. Aber noch hielt er an sich, deutete sogar mit der Hand nach einem Stuhl und sagte zu Judika: »Setze dich und laß uns offen miteinander reden.« Aber Judika blieb stehen, während der Graf wieder in seinem Lehnstuhl Platz nahm und ein Bein über das andere legte. Ihr schien sein zur Schau getragener Gleichmut und seine unerwartete Höflichkeit gegen sie verdächtig; sie fürchtete darunter eine Schlinge und nahm sich vor, sich zwar nichts zu vergeben, aber doch auf ihrer Hut zu sein und nicht unbedacht seinen verhaltenen Zorn gegen sie herauszufordern, den schon ihre hinterlistige Feindin dort nach Kräften schüren würde. »Denke nicht, daß ich dich ausforschen will,« begann der Graf nun, sich gemächlich zurücklehnend. »Ich bin über die Heldentaten eures zusammengelaufenen evangelischen Heeres besser unterrichtet, als du es sein kannst. Aber ein paar Fragen habe ich doch zu stellen, auf die mir eine aufrichtige Antwort erwünscht wäre.« »Fragt nur, Herr Graf!« erwiderte sie, »ich habe nichts zu verheimlichen.« »Ich will nicht fragen,« sprach er, »was dich, nach deiner Vergangenheit, bewogen hat, mit den Bauern gegen den Adel zu kämpfen und sie mit Worten und Taten zu einer wahren Vernichtungswut aufzuhetzen. Das will ich deinem Gewissen überlassen.« Ein bitter spöttischer Zug glitt um Judikas schön geschweifte, rote Lippen, als der Mann da vor ihr von einem Gewissen sprach. Er bemerkte es und verstand auch die Bedeutung, denn er furchte die Stirn. Aber Judika sprach nun ernst und unverzagt: »Wenn Ihr mich auch nicht danach fragt, so will ich es Euch doch freiwillig sagen. Mich jammert die schreckliche Not des armen Volkes, und ihr ein Ende zu machen will ich helfen, so viel ich kann und so lang' ich lebe.« »Du wirst nicht erwarten, daß ich darüber mit dir streite,« erwiderte er abweisend. »Ich bin über mein Tun und Lassen keinem Menschen in der Welt Rechenschaft schuldig, dir am wenigsten.« »Der Allmächtige wird sie einst von Euch fordern.« »Prädikantenweisheit!« lachte der Graf hochmütig. »Aber noch einmal: lassen wir das beiseite! Du kommst von Löwenstein?« »Ja!« »Zu dem einzigen Zwecke, mir den Rat zu geben, daß ich mich, um mich zu retten, in den Bundschuh schwören soll?« »Ja!« »Tust du das allein aus eigenem Antrieb?« Sie zögerte einen Augenblick mit der Antwort, dann sprach sie entschieden: »Nein! ich tu' es auf Wunsch und im Auftrage des Ritters Florian Geyer von Geyersberg.« Der Graf fuhr wie von einer Natter gebissen aus seiner bequemen Stellung auf und rief zornig: »Nenne den Namen dieses Menschen nicht vor meinen Ohren! Keinen von euch allen hasse ich so wie den.« »Sehr mit Unrecht, Herr Graf!« sprach Judika. »Er ist der einzige, der Euch wohl will und Euch retten möchte; er ist es ja, der durch mich Euch warnen läßt.« »Und wenn ich Euren klugen Rat nicht befolge?« »Dann bleibt Euch als einziger Weg zur Rettung nur die schleunige Flucht,« erwiderte Judika nachdrücklich. »Flucht vor euch, vor den Bauern?« herrschte der Graf empört sie an. »Wann wollen sie denn kommen, sich blutige Köpfe zu holen?« »Blutige Köpfe haben sie sich schon viele geholt,« entgegnete sie gereizt, »aber es waren meist die von Rittern und Junkern. Und wann sie kommen werden, fragt Ihr? Morgen können sie hier sein.« »Wer? Jäcklein Rohrbach? und – der andere? der Geyer?« »Der andere nicht, Florian Geyer wird Schloß Weinsberg nicht stürmen helfen.« »Also stürmen wollen sie?« »Sie schonen keinen, der sich nicht in den Bund schwört.« »Der Rat, den mir der Verhaßte durch dich geben läßt, ist so ehrlos wie er selber, aber seinen Überbringer hat er gut gewählt,« sprach der Graf, »denn hätte er einen Mann damit zu mir geschickt, so würden sie ihn morgen an der Mauer hängen sehen und könnten nach ihm schießen.« »Ich weiß auch einen Rat, Ludwig!« sagte jetzt Agathe mit einem wahren Tigerblick. »Laß dieses schwarze Weib hier während des Angriffs immer auf die Stelle der Mauer bringen und dort festbinden, wohin die meisten Kugeln fliegen. Vielleicht stellen sie dann das Schießen ein.« »Agathe!« entfuhr es erschrocken den Lippen des eigenen Bruders der Grausamen. Der Graf aber sprach mit einem bösen Lächeln: »Wie gefällt dir der Vorschlag, Judika? Das wäre vielleicht auch ein Mittel, mich und das Schloß zu retten. Und –,« fuhr er wie schwankend und überlegend fort, »ich hätte nicht übel Lust es anzuwenden.« Judika sah ihn starr an und schwieg. In Agathes beweglichen Zügen spielte sich schon das Frohlocken ihres tückischen, rachsüchtigen Herzens. »Tu's Ludwig! tu's!« zischte die Schlange. Da erhob sich die Gräfin Helfenstein, trat einen Schritt vor, und mit dem Finger erst auf ihre Brust und dann auf Judika zeigend, sprach sie entschlossen: »Dann stelle ich mich auf der Mauer an Judikas Seite.« »Oho!« machte der Graf, »dabei red' ich wohl auch noch mit, Margarethe! – Achaz, was tätest du?« »Ich würde mich für den Rat, die zwölf Artikel anzunehmen, dadurch bedanken, daß ich der Überbringerin kurzerhand die Tür wiese,« erwiderte der Befragte. »Sie laufen lassen? das wäre die größte Torheit, die ihr begehen könntet,« rief Agathe. »Hört einen andern Vorschlag, wenn ihr meinem ersten nicht folgen wollt. Wir sperren sie ein und behalten sie als Geißel. Ich weiß einen, der Urfehde schwört, um das schwarze Weib zu retten, – für sich zu retten. Laß Florian Geyer sagen, du ließest Judika beim ersten Angriff der Rebellen den Kopf abschlagen, und Schloß Weinsberg wird nicht berannt!« Eine kurze atemlose Stille folgte diesen schrecklichen Worten. Dann sprach Judika mit fester Stimme und in selbstbewußter Haltung: »Herr Graf, Florian Geyer läßt Euch sagen, sein Schwert wachte über meiner Sicherheit.« »Aha!« machte Agathe. »So! läßt er mir sagen!« wandte sich der Graf mit blitzenden Augen zu Judika. »Ei sieh da! so hoch also stehst du in seiner Gunst, so nahe seinem Herzen! das wußt' ich noch nicht. Dann Agathe, ist dein Gedanke gut, den Rat befolg' ich.« »Das ist eine unwürdige Drohung, an deren Ausführung Florian so wenig glauben wird, wie ich daran glaube,« sprach Achaz mit aller Entschiedenheit, indem er aufsprang und sowohl dem Grafen wie seiner Schwester einen zornsprühenden Blick zuschleuderte. »Ludwig,« legte sich auch die Gräfin wieder ins Mittel, »Judika ist in vollem Vertrauen auf ihre Sicherheit und mit der guten Absicht gekommen, dich zu warnen. Laß sie in Frieden ihres Weges ziehen.« »Daß ich ein Narr wäre!« brauste Helfenstein auf. »Judika als meine Gefangene hier oben ist mehr wert als ein kugelfester Harnisch. Seht ihr das denn nicht ein?« »Das Gastrecht sollte dir heilig sein, wie es einem Ritter geziemt, und bis jetzt war es das auch. Willst du es einer Frau gegenüber verletzen, die sich zu dir wagt, um dich zu retten? Hast du kein Mitleid mit der Schutzlosen?« sprach die Gräfin erregt. Achaz nickte der edlen Fürsprecherin beifällig zu und wartete gespannt auf die Antwort des Freundes. Das Gefühl des Mitleids kannte der Graf nicht. Wenn man ihn aber bei der ritterlichen Ehre faßte, so blieb es nie ganz ohne Eindruck auf ihn, und so überlegte er jetzt nur, was in diesem Falle, bei möglichster Wahrung der rein äußerlichen Ehre, zu tun ihm am nützlichsten sein könnte, Judika großmütig freizulassen oder sie festzuhalten und sich der über eine große Gefolgschaft verfügenden Ruferin im Streite als Geißel zu bedienen. Aber dabei erwachten auch noch andere Regungen in ihm: die Rachsucht, Judika für ihren Abfall zu bestrafen, das Gelüst, Florian Geyer ins Herz zu treffen, wenn er ihn der Geliebten, für die er Judika nun hielt, beraubte, und nicht zuletzt das wieder in ihm aufsteigende Verlangen nach dem Besitz des jugendschönen Weibes, das sein Begehren einmal so schnöde zurückgewiesen hatte und das er ja nun vor die Wahl stellen konnte, zu sterben oder sich ihm zu ergeben. In Ansehung dieses Zieles seiner Wünsche schwankte er, ob er dazu mit beängstigenden Drohungen oder mit schmeichelnder Verführungskunst gegen die in seine Macht Gegebene vorgehen sollte. Vor Jahren hatte freilich weder das eine noch das andere Mittel bei ihr verfangen, aber heute lag die Sache ganz anders. Es leuchtete ihm plötzlich ein, daß Judika mit ihrem heimlichen Besuch auf Schloß Weinsberg ihren Mitverschworenen eigentlich einen gewagten Streich spielte. Jäcklein Rohrbach und die Bauern wußten sicher nichts von dem, hinter ihrem Rücken getanen, eigenmächtigen Schritt ihrer Prophetin, und es mußte dieser außerordentlich peinlich sein, konnte ihr vielleicht sogar gefährlich werden, wenn jene davon Kenntnis erhielten. Dem stets auf seinen Vorteil Bedachten ward es sofort klar, daß sich diese Unvorsichtigkeit Judikas zu seinen Gunsten verwerten ließe. Daß die Ausbeutung der Gutmütigkeit seiner einstigen Jugendfreundin der schnödeste Undank gegen diese wäre, daran dachte er überhaupt nicht oder hielt sich für quitt mit ihr und glaubte, Undank nun auch mit Undank lohnen zu können. Judika merkte, daß der Graf während seines längeren Schweigens mit Entschlüssen rang, von denen sie nichts Gutes für sich zu erhoffen hatte. Da sie der Überzeugung war, daß er ihrer Warnung keine Folge geben würde, so sah sie in ihm einen dem Tode rettungslos verfallenen Mann, der aber, so lange er lebte und sie in seiner Gewalt hatte, ihr noch viel Böses antun konnte. Es galt also, so schnell wie möglich von dannen zu kommen. Und sie hub an: »Mein Auftrag ist erledigt, Herr Graf, und –« »Und das auf den Leim gegangene Vöglein möchte nun wieder frei davon fliegen, meinst du,« unterbrach er sie hämisch. »Das ist aber meine Meinung ganz und gar nicht. Wo steht Jäcklein Rohrbach mit seinem Haufen?« »Soviel ich weiß, im Kloster Lichtenstern,« erwiderte sie. »Den Nonnen macht er seine Aufwartung? o weh! da wird es wild hergehen; den Jüngferlein werden lustige Messen gelesen werden,« lachte der Graf. »Höre, Judika,« fuhr er ernsthafter fort, »ich möchte Jäcklein wissen lassen, daß du hier bist und warum du hier bist.« Er gedachte sie damit zu schrecken und gefügig zu machen, aber ruhig gab sie ihm zur Antwort: »Die Mühe könnt Ihr Euch sparen, Herr Graf, denn das weiß er jetzt schon.« »So!« machte der Graf enttäuscht, »weiß er schon. Nun, dann etwas anderes! Du hast ja hier auf dem Schlosse schreiben gelernt. Ich könnte dich auf der Burg herumführen, dir die Stärke meiner Verteidigungsmittel zeigen, und du könntest Jäcklein dann brieflich mitteilen, daß er sich keine Hoffnung auf Eroberung des Schlosses machen sollte, denn so lange, bis der Truchseß von Waldburg mit dem Heere des schwäbischen Bundes zum Entsatz heranrückte, hielte ich die Belagerung sicher aus.« »Auch das würde nichts nützen, Herr Graf,« sprach Judika, »denn ich verstehe nichts von Belagerung und Verteidigung, und Jäcklein würde auf mein Urteil wenig Wert legen.« »Damit könntest du recht haben,« sagte Helfenstein. »Bliebe nur noch der Rat von Fräulein Agathe übrig, daß ich Florian Geyer benachrichtige, ich hielte dich hier oben gefangen, und beim ersten Sturm, der auf das Schloß gewagt würde –, nun, du hast ja mit eigenen Ohren gehört, was dann mit dir geschehen sollte.« Bei diesen mit kalter, entschlossener Ruhe gesprochenen Worten des Grafen erbleichte Judika, denn sie traute dem gewissenlosen Menschen zu, daß er mit seiner schauderhaften Drohung am Ende Ernst machen könnte. Doch sie wollte ihm keine Furcht zeigen und sprach daher gelassen: »Damit, Herr Graf, würdet Ihr das Gegenteil von dem herbeiführen, was Ihr bezwecktet. Ihr würdet Euch dadurch nur noch einen Feind mehr auf den Hals ziehen, denn Florian Geyer würde mich mit seiner schwarzen Schar, den Landsknechten, befreien oder meinen Tod an Euch selber blutig rächen. Aber« – ein guter Gedanke kam ihr jetzt – »wollt Ihr diesen Weg einschlagen, so will ich Euch sagen, wie und wo Ihr am sichersten Florian Geyer eine Botschaft zukommen lassen könnt. Schickt sie an die Witwe Christine Kranz in Erlenbach; die wird sie dem Ritter übermitteln.« »Ich werde mir den Namen des Weibes merken, das mit Euch unter einer Decke steckt,« erwiderte der Graf in aufwallendem Zorne. »Sie steht der Bewegung durchaus fern,« versicherte Judika. »Ich spreche nicht für mich, aber für Euch wäre es das Beste, wenn Ihr mich jetzt entließet. Bin ich frei, so kann ich Euch nützen, kann mit den Befehlshabern unterhandeln, Euch Aufschub erwirken –« »Du mir nützen?« fragte Helfenstein geringschätzig. »Und wäre es nur Eurer Gemahlin und Eures Kindes wegen, die Ihr mit in das Verderben zieht, wenn Ihr nicht nachgebt,« fuhr Judika eindringlich fort, ohne die höhnische Zwischenfrage des Grafen zu beachten. Dieser erhob sich, warf einen scheuen, besorgten Blick auf seine Gattin und ging dann mit hastigen Schritten unruhig im Zimmer auf und ab, finstere Gedanken im Kopfe wälzend. Die Gräfin stand mit Achaz flüsternd in einer Fensternische. Er zuckte mehrmals mit den Achseln, gewiß in dem Sinne, daß er gegen den unbeugsamen Willen ihres Gemahls nichts ausrichten könne. Agathe beobachtete die beiden aufmerksam und bemühte sich, den Inhalt ihres Gespräches zu erlauschen. Jetzt trat Achaz auf den Grafen zu und sagte: »Ludwig, höre einen Vorschlag, der wohl der Überlegung wert ist. Laß Judika frei und beauftrage sie, mit Florian Geyer zu verhandeln. Er wird deinen Wünschen entgegenkommen, so weit er kann, und vielleicht gelingt es seinem Einfluß, dir günstigere Bedingungen zu erwirken in der Weise, daß du die zwölf Artikel nicht wörtlich anzunehmen brauchst, sondern mit den Bauern auf gütlichem Wege ein besonderes Abkommen triffst, das dir unbeschadet deiner Ehre die Möglichkeit gewährt, der unabweislich drohenden Gefahr zu entrinnen. Ich will dir treulich dabei zur Seite stehen.« »Der Vorschlag ist gut, Ludwig! weise ihn nicht zurück, denk' auch ein wenig an uns Frauen und an unseren Sohn!« flehte die Gräfin.»Du gewinnst durch die Verhandlungen Zeit, und kommt Zeit, kommt Rat.« »Ich soll mit den Rebellen paktieren?« frug der Graf stirnrunzelnd. »Und irgend etwas der Gnade Florian Gebers verdanken?« fügte Agathe bissig hinzu. »Das tät' ich nun und nimmermehr!« »Es handelt sich hier nicht darum, was du tun würdest, Agathe,« erwiderte Achaz streng, »sondern um das, was Ludwig in seiner äußerst schwierigen Lage beschließt, denn für ihn steht alles auf dem Spiele. Und was glaubst du nebenbei wohl, was dein Los sein würde, wenn du den zügellosen Bauern in die Hände fielest?« »Ich falle ihnen nicht lebendig in die Hände,« antwortete sie kurz und hart. Judikas Augen hatten bei Achaz' Vorschlag hell aufgeleuchtet, und von Hoffnung freudig bewegt, nahm sie das Wort. »Versprechen kann ich nichts, Herr Graf, aber auch ich glaube, daß der von Herrn von Rosenberg Euch angeratene Schritt zu einem guten Ziele führen wird. Florian Geyer wird zu Euren Gunsten alles tun, was in seiner Macht steht. Und auch ich, Herr Graf, ich weiß bei den Bauern mehr durchzusetzen, als Ihr mir vielleicht zutraut, und ich will mein ganzes Ansehen bei ihnen aufbieten, Euch zu retten.« »Welch ein edles Paar von Rettungsengeln Hand in Hand, diese beiden, Florian Geyer und das schwarze Weib!« höhnte Agathe. Der Graf stand, die Arme über der Brust verschränkt, in düsterem Sinnen und regte sich nicht. Endlich sagte er zögernd, zu Judika gewandt. »Deine Hilfe würde ich allenfalls annehmen, aber nimmermehr –« »Sie will doch nur in Florians Arme zurück; merkst du das denn nicht?« unterbrach ihn Agathe schnell. Da ließ sich Judika, im Innersten empört, zu dem Ausruf hinreißen. »Euch stehen sie freilich nicht offen, und das ist all Euer Grimm und Groll!« »Ludwig! läßt du mich von dieser Dirne hier beleidigen?« kreischte Agathe aufspringend, in fassungsloser Wut. Helfenstein schwieg. Aber seine Brust arbeitete; er nagte an der Lippe, und mit einem unheimlichen Glanze haftete sein Blick an Judika, die stolz und schön in glühender Erregung vor ihm stand und seinen Blick furchtlos aushielt. »Mach' ein Ende, Ludwig!« mahnte Achaz ungeduldig. »Willst du tun, was ich riet?« Noch ein kurzes, regungsloses Besinnen, dann stampfte der Graf heftig mit dem Fuß auf, und aus seinem Munde kam ein lautes, trotziges: »Nein!!« »Was willst du denn?« Er zeigte auf Judika: »Die einsperren und mich gegen die Rebellen wehren bis zum letzten Blutstropfen!« »Ah! endlich!« machte Agathe tief aufatmend. Dann schritt sie triumphierend im Zimmer auf und ab und fächelte sich mit dem Taschentuche Kühlung zu. Die Gräfin sank verzweifelnd in einen Sessel und verhüllte das Gesicht. Achaz kehrte dem störrischen Freunde den Rücken und murmelte: » Quid sit futurum cras, fuge quaerere! » Judika starrte schreckensbleich zu Boden und sagte: »So behält Christine Recht, als sie mich warnte: Traue dem Grafen nicht! es ist niemand sicher bei ihm.« »So! nun hast du dein Teil auch!« lachte Agathe dem Grafen zu. Dieser klingelte und sprach zur eintretenden Zofe: »Markwald soll kommen!« Bis der Burgvogt erschien, blieb alles still im Gemach. Der Graf ging mit großen Schritten darin auf und nieder, die anderen saßen stumm an den Wänden umher, und auch Judika hatte sich auf dem nächsten Stuhle niedergelassen, denn ihr zitterten die Knie. Als Markwald erschien, befahl ihm der Graf: »Sperre die ein! – in das mildeste Gefängnis, – und sie soll gut verpflegt werden!« Da erhob sich Judika wieder, stellte sich hoch aufgereckt vor den Grafen hin und sprach mit zornbebender Stimme: »Ehrlos nanntet Ihr vorhin den edlen Mann, der Euch durch mich Rat und Warnung sendet. Schändlich, feige, nichtswürdig nenn' ich es, seine Botin einzukerkern und mit dem Tode zu bedrohen! Wenn ich einmal in Not wäre, sollt' ich zu Euch kommen, sagtet Ihr mir einst. Jetzt seid Ihr in Not, ich komme, Euch zu retten, und Ihr seid erbärmlich genug, die wehrlos in Eure Hand Gegebene einzusperren. Bisher hab' ich Euch ein wenig gefürchtet und sehr gehaßt, von heut an – veracht' ich Euch!« Damit wandte sie ihm den Rücken und schritt, von Markwald gefolgt, stolz erhobenen Hauptes hinaus. Siebzehntes Kapitel. Am Morgen nach der Einnahme von Schloß Löwenstein herrschte im Lager der Neckartaler, die nach dem Abmarsch Florian Geyers noch auf der Walstatt zurückgeblieben waren, große Aufregung. Judika war verschwunden. Sie, die stets Pünktliche, erschien nicht zur Stunde des Aufbruchs, und niemand wußte von ihr. Um Löwenstein herum lagen im näheren und weiteren Abstand eine Anzahl von Dörfern, einzelnen Gehöften und Mühlen, in die sich viele von den Bauern für die Nacht einquartiert hatten, und die man nun nach der Vermißten absuchte, ohne sie zu finden. Damit ging viel Zeit verloren, aber die Bauern wollten nicht ohne ihr schwarzes Weib weiterziehen, denn sie hingen so treu an der tapferen Gefährtin, glaubten so fest an sie, daß ihnen die rechte Zuversicht des Sieges fehlte, wenn sie Judikas hehre Gestalt ihnen nicht zum Kampf voranschreiten sahen, ihre anfeuernde Stimme nicht hörten und ihnen der ermutigende Blick der dunklen Augen, der ihre Waffen zu segnen schien, nicht begegnete. Sie gaben sich den widersprechendsten und abenteuerlichsten Vermutungen über Judikas Verbleib hin, und die meisten fürchteten, daß sie von einem Unglück betroffen oder ihr ein Leid zugefügt worden sei. Es ging das unverbürgte Gerücht, daß von seiten der Junkerschaft auf sie gefahndet würde und ein hoher Preis für ihre Ergreifung gesetzt wäre. Konnte sich nicht irgendwo ein Lump finden, der niederträchtig genug wäre, sich den Sündenlohn verdienen zu wollen, indem er sie den ausgesandten Häschern verriet? Lauernde Blicke und argwöhnische Fragen irrten von Mann zu Mann. In der größten Unruhe war Jäcklein, zumal die beiden Bauern, die er mit der heimlichen Beobachtung Judikas betraut hatte, gleichfalls fehlten, was übrigens ihren Genossen nicht auffiel, weil ein solches Abschweifen einzelner öfter vorkam und auch jene beiden nicht die einzigen waren, die sich heute beim Sammeln nicht eingefunden hatten. Ihm fuhr der Gedanke durch den Kopf. sollten sich die Schufte abseits vom Lager an der unter ihre Aufsicht Gestellten vergriffen haben und nun nicht wagen zu ihm zurückzukehren? Aber sie kannten ihren Hauptmann und mußten wissen, daß er sie doch über kurz oder lang wiederfinden und dann unzweifelhaft umbringen würde, wenn sie sich Ungebührliches gegen Judika erlaubt hätten. Er bereute, ihnen den Auftrag erteilt und statt dessen nicht selber besser acht auf die ihm Unentbehrliche gegeben zu haben, denn ihr Verschwinden erfüllte ihn mit ernster Sorge, wenn er sich auch bemühte, diese soviel wie möglich zu verbergen und alle von ihm Auskunft Fordernden mit kurzen Worten und erheuchelter Gleichgültigkeit zur Geduld ermahnte. Als aber alles Warten auf Judika und alles Spüren nach ihr vergeblich blieb, befahl er gegen Mittag den Abmarsch, den die Bauern in gedrückter Stimmung und mit immer noch zögernden Schritten antraten, im Walde noch, durch den sie nun dahinzogen, nach der Verlorenen ausspähend und ab und zu laut ihren Namen hineinrufend, daß es weithin schallte. Eine Antwort kam nicht zurück. Jäcklein hielt sich seitwärts vom Haufen, unausgesetzt nach Gründen für Judikas abschiedlose Trennung von ihm forschend. Daß diese eine unfreiwillige, durch äußere zwingende Umstände herbeigeführte sei, glaubte er nicht, und plötzlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen: sie ist mit Florian Geyer auf und davon! Diese Entdeckung war ihm so fürchterlich, daß er sich gar nicht darein finden konnte und wollte und, bevor er sich der niederschlagenden Erkenntnis völlig ergab, noch nach einer anderen harmloseren Erklärung ihrer Abwesenheit suchte. Judika war gegen den Überfall des Klosters Lichtenstern gewesen mit dem Hinzufügen, daß sie keinesfalls Zeugin der voraussichtlich sich dort ereignenden Greuel und Schandtaten sein wollte. Vielleicht hatte sie sich nur deshalb auf einen oder zwei Tage vom Haufen entfernt, am Ende war sie gar nach Lichtenstern vorausgeeilt, um die Nonnen zu warnen und zur Flucht zu veranlassen. Das würde sich ja heut' an Ort und Stelle zeigen, aber viel Wahrscheinlichkeit hatte es nicht für sich, denn sonst hätte sie wenigstens die eine Absicht, das Kloster zu umgehen, wenn auch nur als Vorwand zur Ausführung der anderen, es zu warnen, Jäcklein mitgeteilt und ihm gesagt, wo sie wieder mit ihm zusammentreffen würde. So blieb ihm doch nur der dringende Verdacht übrig, den ihm die Eifersucht auf Florian Geyer eingab. Wenn er sich Judikas Verhalten gegen diesen und ihre Begegnungen mit ihm aus der Erinnerung vergegenwärtigte, so erschien ihm die Annahme, daß sie der mannhaften, in seinem Auftreten bestrickenden, in seinem Äußern von der Natur sehr bevorzugten Ritter im Herzen geneigt war, so gut wie erwiesen. Erst hatte sie Jäcklein auf dem Marsche von Unterschüpf nach Bütthard sehr bestimmt erklärt, sie wolle nicht, daß dem Burgherrn auf Giebelstadt ein Leid geschähe. Dann hatte sie diesem in Herchsheim mit großer Entschlossenheit das Leben gerettet und später ihre Bekanntschaft mit ihm in einem langen und, wie es Jäcklein vorgekommen war, sehr vertrauten Gespräch erneuert. In Schönthal hatte sie zuerst seinen Namen Jäcklein zugeflüstert, als es sich um die Wahl des obersten Feldhauptmanns handelte. Und endlich hatte sie sich in Löwenstein nach Beerdigung der Gefallenen zu einer geheimen Unterredung mit Florian aus dem Lager entfernt, und danach hatte Jäcklein sie nicht mehr gesehen. Bei allen gelegentlichen oder absichtlichen Zusammenkünften der beiden war Jäcklein oft der sehr freundschaftliche Ton ausgefallen, in welchem sie miteinander sprachen, und er hatte auch manchen Blick stillen Einverständnisses unter ihnen bemerkt, – lauter Wahrnehmungen und Eindrücke, aus denen er auf das Bestehen eines besonders guten Verhältnisses zwischen beiden schließen zu müssen glaubte. Kein Wunder also, daß ihn eine immer stärker werdende Eifersucht auf den offenbar Begünstigten erfaßte. In der für ihn unumstößlichen Gewißheit nun, daß Judika mit Florian gezogen war, sah Jäcklein ein, daß sie für ihn selber verloren war, wenn es ihm nicht gelänge, die jetzt Vereinten wieder zu trennen, zu welchem Zwecke ihm kein Mittel zu schlecht sein wurde. Es lag in seinem unbändigen Charakter, daß er am liebsten gradaus durch Dick und Dünn auf sein Ziel losging, nie beschwert von Gewissenszweifeln über die Art und Weise der Beseitigung von im Wege befindlichen Hindernissen. Jeder Widerstand, mochte er von lebenden Wesen oder von leblosen Dingen und natürlichen Verhältnissen herrühren, reizte ihn, forderte seine trotzige Kraft heraus und steigerte die über alles hinwegschreitende Rücksichtslosigkeit seiner Anstrengungen, den eigenen Willen durchzusetzen, bis zum Frevelhaften und Verbrecherischen. Wäre ihm in der grimmigen Stimmung, die ihn zur Stunde beherrschte, Florian zur Hand gewesen, so hätte er diesem sofort auf den Kopf Schuld gegeben, ihm Judika abspenstig gemacht und entführt zu haben, und hätte Rechenschaft von ihm gefordert, was sicher zu einem heftigen, am Ende blutigen Streit zwischen den beiden Männern geführt hätte. Da er ihn aber vorläufig nicht zur Rede stellen, sein eingebildetes Recht auf Judika nicht Auge in Auge gegen ihn verfechten konnte, so sann er auf Anstiftungen, den Gegner hinterrücks und schon von fern zu dessen Schaden zu treffen. Judika mit Gewalt und gegen ihren Willen sich zurückholen zu wollen, durfte er sich nicht unterfangen. Sie hatte eine zu starke, eine zu mutige, der vollen Unabhängigkeit zu bedürftige Seele, um sich irgendeinem Zwange zu fügen. Und Florian oder Judika zu einer freiwilligen Entsagung zu bewegen, hatte Jäcklein nicht die geringste Aussicht. Konnte er aber sie nicht ihm entreißen, so glückte es vielleicht, ihn von ihr zu scheiden. Mochte sie sich in einem Haufen des Heeres befinden, in welchem sie wollte, niemals und unter keinen Umständen würde sie sich dem großen Ganzen entziehen, niemals sich von der Sache der Bauern lossagen, niemals vom Kampf um die Freiheit lassen. Dagegen gab es eine Möglichkeit, Florian Geyer aus dem Heere zu entfernen, wenn man ihn verdächtigte, daß er es mit der Erkämpfung der Freiheit und der Wohlfahrt des Volkes doch nicht ernst und ehrlich meinte, sondern seine Standesgenossen und deren Vorrechte zu schonen und die Gehaßten vor der verdienten Rache zu bewahren trachtete. Dann wurde er vielleicht seiner Befehlshaberstelle enthoben, oder der Gehorsam wurde ihm verweigert; im Bauernheere, das damit freilich seinen tüchtigsten und kriegserfahrensten Führer verlor, konnte seines Bleibens nicht mehr sein, und dann, dann war er von Judika und Judika von ihm getrennt. Der Entschluß, diese Hinterlist zu gebrauchen, reifte schnell in Jäcklein, und er begann den versteckten Angriff damit, daß er die Saat des Mißtrauens gegen Florian in einzelnen kleinen Körnern ausstreute, indem er sich auf dem Marsche wie zufällig bald hier, bald dort unter seine Leute mischte, diesem und jenem zweideutige Worte hinwarf und allerhand verständliche Anspielungen machte, wie schade es wäre, daß sich Florian mit seiner schwarzen Schar und den Rotenburgern von ihnen getrennt hätte und Schloß Weinsberg, seinem Freunde Helfenstein zuliebe, nicht mit stürmen wollte, wie er ja auch schon mit dem Grafen Ludwig von Löwenstein viel zu glimpflich umgegangen wäre und überhaupt den hochmütigen Junkern immer und überall noch viel zu sehr die Stange hielte. Diese und ähnliche Äußerungen des Ränkeschmiedes fielen bei den Bauern nicht ins Wasser, sondern wurden von ihnen gierig aufgefangen und geflissentlich weitergetragen. Anfangs staunten sie zwar, daß der tapfere Mann, der freiwillig und als erster ritterlicher Mitstreiter freudig begrüßt zu ihnen gekommen war, nun auf einmal ein lauer und falscher Bundesgenosse sein sollte, aber in ihrem nur allzu leicht erregbaren Argwohn gegen jeden Adligen ließen sie sich doch von den Einflüsterungen dessen, dem sie am meisten vertrauten und der ja den Ritter aus seinem fortwährenden, durch die gleichgestellte Führerschaft bedingten Verkehr mit ihm besser kennen mußte als sie, betören, tauschten nun auch ihre Beobachtungen über Florian und was sie an ihm auszusetzen fanden, unter sich aus, tadelten und schalten ihn, und Jäcklein freute sich, wie das gesäte Unkraut keimte, Wurzel schlug und wuchernd um sich griff. Seine Gedanken über Judika gingen andere Wege. Hatte er sie immer schon mit sehnsüchtigen Blicken betrachtet und bewundert, so stand ihm ihre Schönheit jetzt, da sie ihm körperlich entrückt war, mit einer all sein Denken und Wünschen nach sich ziehenden Gewalt doppelt begehrenswert vor dem geistigen Auge, und seine ungezügelte Einbildungskraft schuf ihm ein entzückendes, sinnberauschendes Bild von der Gesamtheit wie von den Einzelheiten ihrer reizvollen Erscheinung. Wann und auf welche Weise es ihm gelingen werde, ihre Neigung zu gewinnen und ihres Besitzes froh zu werden, konnte er sich selber noch nicht vorstellen, aber auf dieses Glück verzichten wollte er nicht, nun und nimmermehr! Hier, unter den Augen von Tausenden, im Waffengetriebe, Lagerleben und ruhelosen Umherschweifen, wo seine Umsicht und Tätigkeit beständig von anderen Sorgen in Anspruch genommen wurde, fand er nicht Zeit und Gelegenheit zu Minnedienst und Liebeswerben und mußte sich darauf beschränken, der, für die er gern das Größte getan hätte, was in seiner Macht stand, kleine Aufmerksamkeiten zu erweisen und geringfügige Bequemlichkeiten zu verschaffen, für die sie ihm kaum dankte. Alle ernsteren Bemühungen mit Wort und Tat um ihre Gunst hatte sie von jeher kühl und streng zurückgewiesen und ihm dabei deutlich zu verstehen gegeben, daß er sich keine Hoffnung zu machen habe, ja daß er ihr zuwider sei. Warum war sie so spröde? Verschmähte sie nur ihn, oder wollte sie überhaupt vom Manne nichts wissen? So hatte er sich schon manchmal gefragt. Und wenn er ihr dann in die großen, dunklen Augen schaute, die so träumerisch blicken, so schwärmerisch leuchten, so zornig blitzen konnten, wenn er sie begeistert und begeisternd zu den Bauern reden hörte, daß sie für ihr schwarzes Weib durch Feuer und Wasser gehen wollten, und wenn er sie mit heftig bewegter Kraft furchtlos kämpfen sah, so hatte er es sich nie denken können, daß dieses in seinen Lebensäußerungen und Betätigungen sonst so leidenschaftliche junge Weib ein kaltes, für Liebe und Sehnsucht unempfindliches und unempfängliches Herz im Busen tragen sollte. Nun aber zeigte es sich ja, was er mit allem Tifteln und Trösten sich selber nicht mehr ausreden konnte, daß ihr Herz sich doch einem Manne zuwandte, für einen anderen schlug. Daß dieser andere ein Ritter war, einer von denen, die sie zu demütigen oder zu verderben geschworen hatte, die sich besser und höher dünkten als er, der schlichte Bauersmann, obwohl auch aus einem freien Geschlecht, so alt, vielleicht noch älter als das des Ritters, das erfüllte ihn mit einer Bitterkeit, die ihm die Qualen der Eifersucht wie ein brennendes, ätzendes Gift verschärfte. Es war in Jäckleins Leben das erstemal, daß sich etwas so stark und dauernd seinem Wunsch und Willen widersetzte wie das Erringen von Judikas Liebe. Doch er war nicht der Mann, dieses Versagen wie eine Schickung ruhig und müßig hinzunehmen. Alle Kräfte, die ihm zu Gebote standen, wollte er walten und wirken lassen, das heißersehnte Ziel zu erreichen. Fügsam und schmiegsam oder unbeugsam und unabweisbar wollte er sich um Judikas Huld bewerben, seine guten Seiten im besten Lichte vor ihr zeigen, seine schlechten Eigenschaften vor ihr beherrschen, wollte ihr Herz rühren oder zwingen, ihren Besitz erschmeicheln oder ertrotzen. Mit Florian aber, den er nun haßte bis aufs Blut, wollte er um das schöne Weib kämpfen, mit List und Tücke, deren erste, spitze Pfeile er bereits auf ihn abgedrückt hatte, oder mit blanker Waffe Mann gegen Mann. Dann mochte der Tod entscheiden, wem von beiden die Geliebte gehören sollte. Und wenn auch das fehlschlug und keiner dem anderen das Leben nehmen konnte, so sollte Judikas Tod dem Ding ein Ende machen, denn eher würde er sie morden als in den Armen des andern lassen. – Aus diesen verzweifelten Gedanken weckten den finster Dahinschreitenden die friedlichen Klänge der Vesperglocke von Lichtenstern, die durch den Wald aus dem Tal heraufschallten, ehe die Heranziehenden des Klosters ansichtig wurden. Aber nach der Stärke des Tones mußte es schon nahe sein, und das fromme Geläut wurde mit einem wilden Geheul der Bauern beantwortet, die sich schon wieder auf Plündern und Schwelgen freuten. Schnell war Jäcklein an der Spitze des Haufens, und laut, mit erhobener Faust und drohendem Blick gebot er: »Keiner betritt das Kloster, ehe ich nicht mit der Äbtissin gesprochen habe!« Wenn sie noch dort ist, die Äbtissin! fügte er in Gedanken hinzu. Er hatte den Befehl gegeben in der Befürchtung, die Bauern könnten die Nonnen stumm machen, ehe er sie nach Judika fragen konnte. Bald war man vor den Mauern des Klosters, das malerisch in dem waldumkränzten Tale lag, angelangt, und Jäcklein begehrte für sich allein Einlaß. Die Pförtnerin öffnete ihm und führte ihn zu der betagten Äbtissin, die den bewaffneten Eindringling ohne Zeichen von Überraschung oder Furcht wie einen erwarteten Gast empfing. Judika war nicht hier gewesen, aber man wußte bereits alles, was sich in Löwenstein zugetragen hatte, und war auf eine Brandschatzung durch die Bauern gefaßt. Die jüngeren Nonnen waren geflohen und hatten die Schätze und Kleinodien, die das Kloster aus reichen Schenkungen und Vermächtnissen von alter Zeit her besaß, mitgenommen, soviel sie tragen konnten. Was noch vorhanden war, sowie die Vorräte an Lebensmitteln und Getränk stellte die Äbtissin, die mit wenigen Conventualinnen pflichttreu und gottvertrauend an der geweihten Stätte zurückgeblieben war, dem Führer der Bauern in stiller Ergebung in ihr Schicksal zur Verfügung. Jäcklein war betroffen von der Ähnlichkeit der würdevollen Frau mit seiner Mutter. In der Erinnerung an diese blickte er scheu, mit einem Gefühl von Beschämung der, deren klösterlichen Frieden zu stören er gekommen war, in die klaren Augen und das mild ernste Gesicht mit den faltenreichen Zügen, dankte ihr mit kurzen, höflichen Worten und versprach ihr, sie mit den übrigen, ihr an Jahren nahestehenden Schwestern unter seinen persönlichen Schutz zu nehmen. Er hatte hier, und nicht ohne Grund, auf eine reiche Beute an goldenen und silbernen Kirchengeräten mit wertvollen Juwelen gehofft. Die waren nun fort und vor ihm gerettet. Lebensmittel waren ihm ja für seine Leute stets willkommen, aber mit dem Getränk würde es gewiß nur schwach bestellt sein. Die Nonnen tranken Wasser oder Milch, und einen wohlgefüllte Weinkeller wie bei den üppigen Zisterziensern in der Abtei Schönthal würde man hier schwerlich finden. Er sah voraus, daß die allzeit Durstigen da draußen das Kloster für diese Enttäuschung schwer büßen lassen würden, was er, so gern er es der guten Domina zuliebe getan hätte, nicht verhindern konnte. Als er in Begleitung der Äbtissin und ihrer Gefährtinnen wieder aus der Pforte trat, sagte er zu den dort ungeduldig Harrenden: »So! nun tut, was ihr nicht lassen könnt; aber diese Frauen hier tastet niemand an!« Ungestüm drängten die Beutegierigen in das Kloster hinein, es in allen Räumen zu durchsuchen. – Am Morgen starrten nur noch öde Mauern wie klagend emporgestreckte Arme zum blauen Himmel empor; innen war nichts mehr als Schutt und Asche. Achtzehntes Kapitel. Florian Geyer hatte aus seinen Unterredungen mit Jäcklein Rohrbach längst die Überzeugung geschöpft, daß dieser für die Verfolgung eines groß angelegten Kriegsplanes, der darauf ausging, ganze Ländergebiete für die Sache der Bauern zu gewinnen, durch Eintritt der Städte in den Bund und durch Zuzug der waffenfähigen Bevölkerung das Heer zu verstärken, kein Verständnis hatte. In dem Böckinger Bauernsohn steckte nur gemeine Rachgier und Zerstörungswut, die er auf mordlustigen Beutezügen und in der Erstürmung, Plünderung und Verbrennung möglichst vieler Schlösser und Klöster austobte, unbekümmert darum, wo die anderen Haufen des Heeres standen und wie diese, die einer tatkräftigen Unterstützung vielleicht dringend bedürftig waren, mit ihren Gegnern fertig wurden. Auch von der Eroberung des Schlosses Weinsberg, die ihn sicher viel Zeit kosten würde, war er nicht abzubringen gewesen, und so gab es Florian auf, noch weiter mit Jäckleins Streitmacht zu rechnen, obwohl sie bedeutender als die seinige war, und zog es vor, fortan allein nach eigenem Ermessen zu handeln. Als er sich nach der Einnahme von Löwenstein dem deutschorden'schen Städtchen Neckarsulm zuwandte, hatte er sich ganz bestimmte Ziele vorgezeichnet. Die Deutschordensherren waren in der dortigen Gegend reich begütert, wurden aber von ihren Untertanen gründlich gehaßt, und Florian konnte erwarten, daß diese ihn mit offenen Armen empfangen und ihm durch Stellung von Mannschaften und durch Lieferung von Kriegsgerät und Mundvorrat Beistand leisten würden. Danach wollte er Heilbronn friedlich oder gewaltsam besetzen und hatte dann das württembergische Land frei vor sich, um es sich zu unterwerfen. Bis dahin würde ja wohl Jäcklein seiner Rachsucht gegen Helfenstein, hoffentlich nur mit Eroberung des von dem entflohenen Grafen verlassenen Schlosses, Genüge getan haben und ließ sich dann vielleicht bereden, sich nunmehr Florian anzuschließen und mit ihm den Bauern in Oberschwaben zu Hilfe zu kommen, die dort dem Heere des schwäbischen Bundes gegenüber einen schweren Stand hatten. War auch dort, wie zu hoffen, der Erfolg auf Seiten des Bundschuhes, so wollte Florian nach Franken gehen, um dort mit Götz von Berlichingen und Metzler vereint einen Hauptschlag zu tun. In Neckarsulm fand er die Stimmung der Bauern so günstig, wie er es kaum erwartet hatte. Man nahm ihn mit den Seinen bereitwillig auf und gewährte ihnen, so viel darin Platz fanden, gern Unterkunft in den Häusern; die übrigen lagerten auf den Wiesen außerhalb der Mauern. Die Verhandlungen mit Rat und Bürgerschaft über die Leistungen und Lieferungen der Stadt gingen glatt vonstatten, und man gab dem wohlwollenden Ritter auch noch guten Rat und Winke, wie und wo er sich in der Umgegend das ihm Notwendige und Wünschenswerte beschaffen könnte. Der nächste Tag sollte dazu verwandt werden, Streifrunden auf die näher oder entfernter liegenden Gehöfte und Meiereien der Deutschherren zu unternehmen, um von ihnen Korn, Vieh, Wein und sonstige Vorräte einzuheimsen. An diesen Eintreibungen brauchte sich jedoch Florian nicht selber zu beteiligen, er beauftragte damit einzelne Trupps von Bauern und Landsknechten unter erprobten Führern. Ihn beschäftigte die Sorge um Judika. Er hatte sie in Neckarsulm nicht angetroffen; also war sie noch nicht hier, denn sonst hätte sie sich ihm schon gestellt und von Helfensteins Entschlüssen Mitteilung gemacht. Trotzdem forschte er in der Stadt nach ihr, fragte Bürger und Torwachen, aber niemand hatte das schwarze Weib hier gesehen oder von ihm gehört. Dies beunruhigte ihn sehr. Er beschloß jedoch, bis zum nächsten Mittag zu warten und, wenn sie bis dahin nicht erschiene, nach Erlenbach zu reiten und dort von der Frau, die sie ihm genannt hatte, Erkundigungen über sie einzuziehen. Der nächste Mittag kam, aber Judika kam nicht. Was hatte das zu bedeuten? War sie gar nicht bis nach Weinsberg gekommen, sondern unterwegs aufgegriffen, den Feinden in die Hände gefallen? oder wurde sie auf dem Schlosse festgehalten? Himmel und Hölle! die beiden Rosenbergs waren ja von ihm, von Giebelstadt nach Weinsberg gereist! Wenn sie noch dort waren und somit Agathe Gelegenheit gegeben war, sich an Judika zu rächen, so war das Schlimmste zu befürchten. Sofort ließ er sich sein Pferd satteln und trabte gen Erlenbach zu Christine Kranz. O wie klopfte ihm das Herz in Angst und Ungeduld auf diesem Ritt! Noch niemals, nicht in Kampf und höchster Gefahr hatte es so in ihm gewittert und gestürmt wie jetzt, wo er sich über alle Maßen um Judika bangte. Umsonst daß er sich sagte, Graf Ludwig würde doch wohl noch so viel ritterlichen Sinn besitzen, eine Jungfrau zu schonen und zu schützen, die sich ihm zu seiner Rettung nahte. Denn jetzt, leider jetzt erst, dachte er daran, daß sie als macht- und einflußreiche Schürerin und Führerin des Aufstandes von Rittern und Junkern als ein böser Dämon angesehen wurde, den unschädlich zu machen sich jeder einzelne von ihnen als ein großes Verdienst anrechnen würde, also auch Helfenstein. Wüßte Florian nur erst, ob sie in des Grafen Gewalt war oder nicht! und er spornte sein Roß, daß es ihn schnell nach Erlenbach trug. Dort hatte er Christinens Hütte bald erkundet, stieg ab, trat ein und richtete an die Bewohnerin, die ihm, über den vornehmen, wenn auch nicht unerwarteten Besuch erschrocken, in ihrem kleinen Flur entgegenkam, sofort die hastige Frage. »War Judika Hofmännin hier?« »Seid Ihr Herr Florian Geyer von Geyersberg?« fragte Christine vorsichtig zurück. Er nickte bloß, mit Aug' und Ohr gespannt an ihren Lippen hängend. »Ja, Herr Ritter, sie war hier, und jetzt sitzt sie gefangen auf Schloß Weinsberg,« sprach Christine mit traurigem, halb vorwurfsvollem Tone. »O Gott!« stöhnte er und schlug sich vor die Stirn. Aber nun hatte er doch endlich Gewißheit, daß sie wenigstens bis hierher gekommen war. »Ich habe ihr abgeraten, hinaufzugehen, habe sie gewarnt, soviel ich konnte,« fuhr Christine fort, »aber sie ließ sich nicht zurückhalten, sie müßte hinauf, sagte sie, hätt' es Euch versprochen, dem Grafen eine Botschaft von Euch zu bringen.« »Wann war sie hier?« »Gestern in der Frühe. Kommt herein, Herr! – seht, da liegt ihr Bündel, da steht ihr Spieß, das beides sollt' ich ihr aufbewahren; in ein paar Stunden wollte sie wieder hier sein. Sie ist nicht wiedergekommen. O meine Ahnung! meine Ahnung! in der Tür noch, als sie hinausging, blieb sie mit dem Kleide an einem Splitter hängen; das war ein Zeichen vom Himmel, daß sie nicht fort sollte, aber es half alles nichts, sie ließ sich nicht halten. Nun sitzt sie oben fest.« Florian hörte kaum noch hin; mit gefurchtem Antlitz stand er da, den starren Blick auf Judikas Bündel gerichtet. »Und ich hab' auch eine Nachricht von ihr,« fuhr die Geschwätzige fort. »Eine Nachricht von ihr?« fragte Florian schnell. »Ja! das heißt, nicht von ihr, vom Grafen. Heute morgen war ein Knecht vom Schlosse hier und bestellte, daß ich Euch zu wissen tun sollte, der Graf hielte Judika gefangen, und beim ersten Sturm aufs Schloß ließe er ihr den Kopf abschlagen.« »Weib! sprichst du im Wahnsinn?« schrie Florian auf und packte sie am Arme. »Ach du barmherziger Gott!« schluchzte Christine, in helle Tränen ausbrechend, »ich kann ja nichts dafür, Herr! ich habe sie gewarnt, ich habe sie gewarnt, aber sie mußte hinauf, sie mußte!« »Wußte der Knecht etwas von ihr?« »Nein, – ja doch! Es war einer, der schon lange auf dem Schlosse dient, den ich gut kenne und der auch Judika von früherher kennt, als sie auch noch oben war. Und die sie kennen, die sind ihr alle gut und hülfen ihr gern heraus, wenn sie nur könnten; aber was sollen sie machen? der Graf ist zu grausam streng. Jordan, so heißt der Mann, sagte, sie läge nicht im Turm, auch nicht in dem anderen schweren Kerker, sondern wäre in der Gefängnisstube eingesperrt, ganz hinten mit dem vergitterten Fenster nach dem Baumgarten zu. Sie würde gut gehalten, aber niemand dürfte zu ihr als der Burgvogt und die Zofe, die ihr das Essen und Trinken bringt.« »Niemand darf zu ihr! sagte das der Knecht?« »Ja, Herr! das sagte Jordan.« »Hat er Euch nicht auch gesagt, ob der Junker von Rosenberg und seine Schwester beim Grafen sind?« fragte Florian. »Ja, die sind oben, schon lange,« erwiderte Christine. Wie in einem Krampfe zuckend ballte sich Florians Faust, und er blickte sehr düster vor sich hin. »Aber das mit dem Kopfabschlagen, daran glaubte Jordan nicht, dazu fände sich keiner auf dem Schlosse, der das täte. Und wenn sich einer von den neu Angeworbenen dazu hergeben wollte, den täten sie totschlagen, sagte Jordan.« »Den Knecht kennt Ihr, Frau, aber kennt Ihr auch den Herrn?« sprach Florian sorgenvoll. »Ach, Herr! wie könnt Ihr fragen! den kennen wir alle hier weit und breit, das ist ein Wüterich. O Herr Ritter, rettet Judika! laßt sie nicht in der Gewalt dieses Unmenschen! wenn's kein anderer tut, bringt er sie selber um. O rettet sie, Herr! rettet sie, rettet sie!« flehte Christine inbrünstig Florian an, die gefaltenen Hände zu ihm erhebend. »Wenn' s menschenmöglich ist, geschieht's,« stieß er aus gepreßter Brust hervor. »Lebt wohl!« Er ging hinaus, schwang sich aufs Pferd und ritt langsam davon. Judika retten, ja freilich, das mußte er. Leib und Leben, Gut und Blut mußte er daran setzen, sie zu befreien, denn er hatte sie in die Höhle des Löwen geschickt. Aber war ihm das nur eine Sache der Pflicht und Ehre? nicht auch oder vielleicht noch mehr der Wunsch seines Herzens? Noch niemals hatte er sich ernstlich gefragt, wie er eigentlich in seinem Herzen zu Judika stünde. Jetzt aber, in seiner Angst um sie, drängte sich ihm mit Gewalt das Bewußtsein auf, daß er sie liebte. Wie war diese Liebe gekommen? Schon zu der Zeit, als Judika auf dem Helfenstein'schen Schlosse aufwuchs, hatte er immer, so oft er sie sah, an dem schönen und lebhaften Mädchen seine stille Freude gehabt, hatte sich gern mit ihr unterhalten und wie mancher andere seinesgleichen ein wenig mit ihr getändelt, was sie sich jedoch von keinem so gern gefallen zu lassen schien wie von ihm. Als er sie dann zum ersten Male bei den Bauern wiedersah, wo sie ihm das Leben rettete, war sie herb und schroff gegen ihn gewesen, hatte wie seinen Dank so auch seinen Rat, dem Kampfe fernzubleiben, stolz zurückgewiesen. Dann aber in jener Mondnacht in der verwüsteten Kirche zu Schönthal hatte sie sich ihm ganz anders gezeigt, freundlich, mehr als freundlich, vertrauensvoll und dabei seltsam erregt. Und er hatte damals schon etwas in sich gefühlt, was über eine bloß freundschaftliche Teilnahme weit hinausging und seiner Bewunderung ihrer seelischen Kraft und Entschlossenheit eine Wärme verlieh, die seitdem alle seine Gedanken an sie mächtig durchströmte. Und dann, als er sie in Löwenstein so überaus verwegen kämpfen sah und sie nachher auf seine Vorwürfe darüber halb leugnete, halb eingestand, daß sie den Tod gesucht hatte, da war es ihm beinahe schon klar geworden, daß sein Herz an ihr hing, daß ihr Leben eine Bedingung, ein Teil seines eigenen Lebens war. Aber liebte sie ihn denn? ja! ja! jubelte es in ihm, es kann nicht anders sein! und nochmals und nochmals rief er sich seine letzten Begegnungen mit ihr in das Gedächtnis zurück und blieb dabei und schwor darauf. Aber was sollte daraus werden? Ach, nur jetzt nicht diese Frage! Sie befreien, sie retten! das war der einzige Gedanke, den er jetzt haben durfte, war für ihn das nächste Ziel im Kriege. Was dabei gewonnen oder verloren wurde, ob Helfenstein den Tod fand, sein Schloß in Flammen aufging, – ganz gleich! Der verdiente den furchtbaren Haß aller, die ihn kannten, – wahrlich! das sah der von ihm so freventlich Getäuschte jetzt ein. Und den, den hatte er schonen und retten wollen, hatte daran sein Teuerstes auf Erden gewagt, es selber ihm in die Hände geliefert! O er wollte ihm zeigen, daß sein Geleitwort, sein Schwert wachte über Judikas Sicherheit, das sie dem Ehr- und Pflichtvergessenen doch sicher nicht verschwiegen hatte, keine leere Drohung gewesen, sondern in einem Sinne gemeint war, dessen vollen Ernst er dem Verräter mit blutigen Wunden beibringen wollte. Eines nur schmerzte ihn bei dem Gedanken an den bevorstehenden Kampf, dem er mit Ungeduld und brennendem Verlangen entgegensah: Achaz, sein bester Freund, war dort oben, ihn konnte er vor der Wut der Bauern schwerlich schützen, und es war leicht möglich, daß er auch mit ihm die Klingen auf Tod und Leben kreuzen mußte, wie es ihm Achaz auf Giebelstadt vorausgesagt hatte. Die Drohung des Grafen dagegen, seiner Gefangenen beim ersten Sturm den Kopf abschlagen zu lassen, schien ihm eine solche Ungeheuerlichkeit, wie er sie selbst einem Menschen wie Helfenstein nicht zutraute. Damit wollte er sich nicht abschrecken lassen zu tun, was ihm sein Herz befahl. Stürmen und zerstören wollte er das Schloß, den Treulosen niederschlagen, Judikas Kerkertür sprengen und die Gerettete auf seinen Armen hinaustragen in die Freiheit, in Sieg und Liebesglück. Wenn' s nur gleich geschehen könnte, heute noch! Aber nicht allein, daß Jäcklein, dessen Beistand er dazu durchaus nötig hatte, noch nicht zur Stelle war, auch seine eigenen Mannschaften hatte er heute nicht beisammen, hatte sie ja in die Umgegend auf Beutemachen ausgeschickt und mußte nun warten, bis sie zurück waren, bis morgen, bis morgen! Darum ritt er so langsam nach Neckarsulm zurück, denn Eile nützte heute nichts. – Derweilen saß Judika einsam in ihrem Gefängnis. Sie kannte diese kahlen vier Wände von ihrer Jugend her. Hier war Ludwig von Helfenstein als Junge von seinem Vater einmal einen Tag lang eingesperrt gewesen für einen allzu kecken Streich, den er verübt hatte. Da hatte sie es dem Burgvogt, der ihr wie alle Schloßbewohner im Herzen gewogen war, abgebettelt, daß er sie heimlich zu dem Eingeschlossenen ließ, um ihm ein paar Stunden Gesellschaft zu leisten, und sie hatten sich mit Plaudern und Lachen hinter dem Rücken des gestrengen Vaters und Schloßherrn die Zeit vertrieben, so gut sie konnten. Nun saß sie selber hier gefangen auf Gnade und Ungnade dessen, den sie hatte retten wollen. Sie gedachte der Vorbedeutungen, die ihr auf dem Wege von Christinens Hütte bis ins Schloß begegnet waren, ihr Hängenbleiben am Türpfosten, die Spinne auf ihrem Ärmel, die sich sperrende Brücke und das Freudengebell des Hundes, teils günstige, teils ungünstige Zeichen, auf die kein Verlaß war. Sie verwünschte ihren vertrauenden Kinderglauben an die zweideutigen Winke geheimnisvoller Mächte, die mit Gefahren drohen und mit Hoffnungen schmeicheln, um mit beiden zu täuschen und es dem Zufall zu überlassen, mit den Geschicken der Menschen sein launenhaftes Spiel zu treiben. Ohne Kenntnis von dem, was außerhalb dieser vier Wände geschah oder sich vorbereitete, blieb sie in marternder Ungewißheit über ihre nächste Zukunft. Die Zofe, die sie bediente, wußte ihr auf ihre Fragen nach dem Stande der Dinge keine Auskunft zu geben, und aus dem ihr im stillen zugetanen, aber wortkargen Burgvogt war auch nichts herauszukriegen. Doch verdankte sie ihm die hochwichtige Mitteilung, daß der Graf einen Knecht zu Christine Kranz geschickt hatte mit einer Botschaft, über deren Inhalt sie nicht im Zweifel sein konnte. Dies war ihr ein großer Trost. Sie hatte damit den Zweck erreicht, den sie bei Nennung von Christinens Namen dem Grafen gegenüber im Auge gehabt hatte; die List war vollständig gelungen. Nun erfuhr doch Florian, wo und in welcher Lage sie sich befand, und daß der tapfere Freund sie nicht im Stich lassen würde, wenn Rettung möglich war, davon war sie so fest überzeugt wie vom Dasein der Sonne dort, die blutrot eben im Versinken war. Sie konnte also ihre Befreiung nun mit ziemlicher Sicherheit erwarten, falls nicht der Graf seine schreckliche Drohung an ihr zur Ausführung brächte, und ob er dies tun oder nicht tun würde, entzog sich jeglicher Mutmaßung und Voraussicht. Daß er sie schon beim ersten Angriff des Feindes töten lassen würde, fürchtete sie zwar nicht. Sehr leicht möglich war es aber, daß er unmittelbar vor der Eroberung des Schlosses, wenn er rettungslos seinen eigenen Untergang vor Augen sah, doch Florian Geyer noch den Rachestoß versetzte, sie ermordet zu haben. Daß sich Florian auf Verhandlungen mit dem Grafen einlassen könnte mit der Bedingung, ihn zu schonen, wenn er sie freigäbe, glaubte sie nicht, und dann war es noch sehr fraglich, ob sich Jäcklein und seine Neckartaler, nur um ihr schwarzes Weib zu retten, von der Niederwerfung und Vernichtung gerade des verhaßtesten aller Burgherren zurückhalten lassen würden. Jäcklein würde das Schloß sicher stürmen und mit doppelter Wut, wenn er von Florian die Gefangenschaft Judikas erführe. Dann würden beide Männer mit vereinter Macht die Mauern übersteigen und ihre Fesseln brechen. Ach, nur frei! nur frei! nur Rettung aus diesen Banden! Doch nur von Florian mochte sie gerettet werden, nur dem Geliebten die Rettung verdanken, und wenn er oder sie oder beide den Sieg nicht überleben sollten, – nur einen Atemzug an seiner Brust, nur einen Kuß von seinem Munde und dann – dann sterben! Die Sonne war gesunken, und schimmerndes Abendrot stieg am Himmel empor, das einen milden, rosigen Schein auch in die Zelle und auf das Antlitz der Gefangenen warf. Denn Judika stand am Fenster und schaute durch die eisernen Gitterstäbe sehnsüchtig auf die grünbewaldeten Berge, als erwartete sie schon das Nahen des Befreiers. Aber von dorther konnte weder Florian noch Jäcklein kommen, sondern aus der entgegengesetzten Richtung, die ihrem Blicke verborgen war. So konnten ihre spähenden Augen nichts Tröstliches entdecken; sie mußte sich auf ihr Gehör verlassen und lauschen, bis das Geräusch der heranziehenden Heerhaufen oder vielleicht das Dröhnen des ersten Schusses ihr die Ankunft der Freunde meldete. Da öffnete sich plötzlich die Tür, und herein trat der Graf, zu Judikas Schrecken allein. Er trug, wie immer, den Dolch im Wehrgehenk und machte ein Gesicht, das freundlich aussehen sollte, aber ein lauernder, stechender Blick weissagte ihr nichts Gutes. »Fürchte nichts, Judika!« begann er, da er ihr Erschrecken wohl bemerkt haben mochte, und ließ sich auf den Rand des Bettes nieder. »Komm her, setze dich hier zu mir auf den Schemel und laß uns vernünftig miteinander reden.« Aber sie blieb ohne sich zu regen am Fenster stehen und harrte schweigend der Erklärung seines Besuches. »Ich komme,« sprach er nun, »um hier einmal nach dem Rechten zu sehen und von dir zu erfahren, ob du mit deiner Haft, die ich dir so leicht und angenehm wie möglich machen möchte, zufrieden bist.« Sie sah ihn erstaunt an und antwortete nicht. »Ich meine,« fuhr er etwas verlegen fort, »ob du dich über nichts zu beklagen hast, was deine Wartung und Verpflegung betrifft, ob es dir an nichts mangelt, was dir gebührt. Sonst sage es mir.« »Herr Graf,« erwiderte sie nach einigem Bedenken »wozu die Umschweife? Um das zu fragen, kommt Ihr nicht zu mir.« »Hast recht,« versetzte er mit einem dreisten Lachen, »wir beide kennen uns zu lange und zu gut, um miteinander Versteckens zu spielen. Also höre! Du siehst, daß du in meiner unbeschränkten Gewalt bist. Ich kann mit dir machen, was ich will, kann dich freigeben, kann dich festhalten, kann dich töten lassen. Was dir von diesen dreien das Liebste wäre, brauchst du mir nicht erst zu sagen; aber alles in der Welt hat seinen Preis. Wieviel ist dir deine Freiheit wert?« Sie verstand ihn vollkommen, und tief entrüstet entgegnete sie: »Das ist wenigstens deutlich gefragt, und damit auch Ihr nicht in Ungewißheit über meine Gesinnung bleibt, erklär' ich Euch: mit meiner Ehre erkauf' ich mir die Freiheit nicht!« »Hm!« machte er kühl. »Also du bietest keinen Preis. Nun, so darf ich vielleicht einen fordern, der zugleich ein gutes Angebot enthält. Bleibe wieder hier, Judika! – nicht als Gefangene natürlich, nein! wie eine Herrin will ich dich halten, in Sammet und in Seiden sollst du gehen, sollst bei Tafel an meiner Seite sitzen, sollst mit mir reiten und jagen, sollst alles haben, wonach dich gelüstet. Nur hierbleiben mußt du, jahraus, jahrein, und – mein eigen sein.« Die Schamröte stieg ihr ins Gesicht, doch schnell gefaßt erwiderte sie: »Auf Euer Schandgebot habe ich keine Antwort und hab' Euch schon einmal gezeigt, wie ich Eurem schändlichen Gelüst zu begegnen weiß. Aber etwas anderes will ich Euch sagen. Ihr sprecht noch von jahraus, jahrein. Seid Ihr denn wirklich so maßlos verblendet, nicht einzusehen, daß Eure Tage, Eure Stunden möcht' ich sagen, hier auf dem Schlosse gezählt sind? Wie lange gedenkt Ihr Euch gegen den Ansturm der Bauern zu halten? einen Tag oder zwei, länger nicht!« »Da irrst du, schöne Judika!« lächelte er spöttisch. »Eine Woche lang halt' ich mich allein, denn ich bin gut gerüstet. Aber nun will ich dir etwas anvertrauen; du wirst es nicht ausplaudern und sollst es wissen, damit du dir über deine Lage klar wirst. Dir ist bekannt, daß die Gräfin, meine Gemahlin, eine Tochter Kaiser Maximilians ist. Erzherzog Ferdinand ist mein Gönner und Freund, und an ihn habe ich mich um Hilfe vom schwäbischen Bunde gewandt, die mir nicht versagt werden, sondern die sicher zur rechten Zeit zur Stelle sein wird, um die Bauern wie Spreu vor dem Winde zu vertreiben.« »So wißt Ihr wohl nicht, wie es in Oberschwaben aussieht,« sprach Judika, »daß dort dem Heere des schwäbischen Bundes ein starkes Bauernheer gegenübersteht und ihm den Weg zu Eurer Rettung versperrt?« »Woher weißt du das?« fragte der Graf, sichtlich erschrocken. »Von Florian Geyer.« »Aha! auf den hoffst du, und dem gehörst du! nicht wahr? Wisse, Judika! dem lass' ich dich nicht, und kommt er hier herauf, – lebendig soll er dich nicht mehr finden!« sagte Helfenstein drohend. »Dann kommt Ihr auch nicht lebendig hinab!« gab sie ihm fest zur Antwort. »Also bliebe uns beiden nicht viel mehr übrig vom Leben, und dann, – ja dann möcht' ich rasch noch einen vollen, durstigen Zug aus seinem süßesten Freudenbecher tun, solang' ich ihn noch in Händen halte,« lachte der Graf in übermütigem Leichtsinn, erhob sich und schritt mit glutloderndem Blick auf sie zu. »Komm her, du schönes, schwarzes Weib!« »Was? Ihr wagt es noch einmal, mich zwingen zu wollen?« rief sie bebend aus. »Ergib dich, und du sollst frei sein!« drang er auf sie ein. »Halt! ein Wort noch, das Euch zur Besinnung bringt!« sprach sie schnell mit abwehrend vorgestreckten Händen. »Ein Geheimnis weiß ich –« »Sag' es mir nachher!« unterbrach er sie sinnberauscht und streckte die Arme nach ihr aus. Da schrie sie ihm in der furchtbarsten Erregung zu: »Rühre mich nicht an! ich bin deine Schwester, Ludwig von Helfenstein!« Starr blickte er der Zitternden in das angstbleiche Gesicht. »Wer sagt das?« »Meine Mutter hat mir's auf ihrem Sterbebett anvertraut.« »Meine Schwester! – – Ach was!« sprach er trotzig, »Schwester oder nicht! Halbschwester nur! Du bist schön, du schwarzes Weib! Du mußt mein sein!« Schon wollte er sie umschlingen, da packte sie ihn mit der Riesenkraft der höchsten Angst und schleuderte ihn gegen die Wand, daß es krachte. Wutschnaubend stürzte er wieder auf sie los, und wieder warf sie ihn zurück, und »Da! da!« keuchte sie atemlos, hinter ihn nach der Tür zeigend. »Nimm die! « Die Tür war aufgegangen, und auf der Schwelle stand Agathe. Sie hatte den Grafen seit Judikas Ankunft auf dem Schlosse fast nicht aus den Augen gelassen, hatte ihn auf Schritt und Tritt förmlich überwacht, um jede Annäherung seinerseits an Judika möglichst zu verhindern, aus Furcht, er könnte Gnade gegen sie üben und sie damit der Rache entziehen, deren Planung Agathes Gedanken Tag und Nacht beschäftigten. Auch jetzt hatte sie's ihm abgemerkt, wohin er ging, war ihm nachgeschlichen und hatte vor der Zelle gehorcht, aber durch die starke Tür nicht alles verstehen können, was innen gesprochen wurde. Doch Judikas Schrei: ich bin deine Schwester! hatte sie deutlich vernommen, hatte noch ein Weilchen gelauscht und war dann, das Ringen der beiden hörend, schnell eingetreten. Die drei standen sich nun, von Schreck und Entsetzen wie gebannt und versteinert, gegenüber. »Was willst du hier?« herrschte der Graf, nachdem er seine Befangenheit überwunden, die ihn in diesem Augenblick höchst ungelegen Kommende an. »Eine Torheit verhüten,« gab sie ihm zur Antwort, ihn fest dabei ansehend. »Und darf ich fragen, was du hier tust?« »Nein! danach hast du nicht zu fragen!« entgegnete er grimmig. »Mach', daß du fortkommst!« »Nur mit dir verlass' ich diesen Raum,« sprach sie entschieden. »Komm und laß deine Schwester in Ruh!« Er schwieg in Scham und Wut und wandte sich zur Tür. Da riß ihm Agathe den Dolch aus der Scheide, warf ihn auf das Bett und rief Judika zu: »Da! für den nächsten Besuch! – und auch sonst zu beliebigem Gebrauch!« fügte sie halblaut hinzu. Blitzschnell erfaßte Judika den Dolch und sprang damit auf Helfenstein zu, besann sich aber plötzlich und sagte: »Zu beliebigem Gebrauch? ah, jetzt versteh' ich. Nein, mein Fräulein, den Gefallen tu' ich Euch nicht! und du verdienst nicht so leichten Tod!« und warf ihm den Dolch vor die Füße. Der Graf nahm ihn an sich, stieß ihn in die Scheide und raunte Agathe ärgerlich zu: »Das war eine Torheit von dir! « Dann gingen die beiden hinaus, und Judika war in Verzweiflung und Grausen wieder allein. Neunzehntes Kapitel. Wider Erwarten hatte sich die Stadt Weinsberg dem Grafen Helfenstein zum Widerstand gegen die Bauern angeschlossen, durch Drohungen, Versprechungen und allerhand Vorspiegelungen von ihm dazu bewogen. Auf seinen Antrieb hatte die Regierung zu Stuttgart durch Ludwig Spät von Höpfigheim und Siegmund Heßlich von Schorndorf tausend reisige Knechte anwerben lassen, sie nach Weinsberg geschickt und unter Helfensteins Oberbefehl gestellt; ihnen hatte sich freiwillig eine Anzahl von Rittern mit geharnischten Reitern angeschlossen. Das war innerhalb einer fest umwallten und ummauerten Stadt immerhin eine recht ansehnliche Verteidigungsmacht, und Florian Geyer, von allem unterrichtet, konnte daher den Sturm auf das Schloß mit seiner schwarzen Schar und den Rothenburgern allein nicht wagen, weil ihm dann die Besatzung der Stadt, die unter dem Befehl von Dietrich von Weiler stand, in den Rücken gefallen wäre. Er mußte sich deshalb zu seinem großen Verdruß und in nagender Ungeduld darauf beschränken, unterhalb des Schemelberges eine geschützte Stellung einzunehmen und hier in Beobachtung von Stadt und Schloß lagernd, Jäckleins Ankunft abzuwarten. Dort hatte er mehrere Ausfälle der städtischen Truppen zu bestehen, die ihm Verluste zufügten, ihn sogar zeitweilig zum Weichen zwangen, jedoch nicht dauernd aus seiner guten Stellung vertreiben konnten. Von der Donau her kamen böse Nachrichten, daß der Truchseß von Waldburg dort senge und brenne und schreckliche Blutbäder unter den Bauern zu Leipheim und Langenau angerichtet habe. Der Bauernführer Jakob Wehe war zu Leipheim lebendig verbrannt worden, und bei Wurzach sollten siebentausend Bauern erschlagen worden sein. Dies alles erfuhr auch Florian, und seine und der Seinen Erbitterung wie die im ganzen Lande stieg aufs höchste. Was Florian aber nicht wußte, war der Umstand, daß Jäcklein Rohrbach mit dem Rat der Stadt Weinsberg sowohl wie mit dem Grafen Helfenstein Unterhandlungen wegen Übergabe des Schlosses und Stellung des Burgherren vor ein Bauerngericht angeknüpft hatte. Jäcklein mußte ja nach Florians bestimmten Äußerungen annehmen, daß er sich an der Erstürmung des Schlosses nicht beteiligen, sondern Neckarsulm und demnächst Heilbronn in seine Gewalt bringen und dann in das Württembergische einrücken wollte. Graf Helfenstein ging auf diese Unterhandlungen scheinbar ein und suchte sie hinzuziehen, um Zeit zu gewinnen und in der Hoffnung, daß Jäcklein dann Weinsberg vielleicht ungeschoren lassen und sich gleich etwa nach Wimpfen begeben würde. Während der Dauer dieser Verhandlungen zögerte Jäcklein absichtlich mit dem Anmarsch, weil er die Frist bis zum Abschluß als eine Art Waffenstillstand betrachtete. Nicht so ehrlich wie der mit recht als rachgierig und blutdürstig verrufene Bauer war der hinterlistige Graf. Denn während er verhandelte und die Boten in aller Heimlichkeit hin- und widergingen, ließ er die Bauern des großen, hellen Haufens, die hier und dort zerstreut lagerten, von Reitern und Reisigen überfallen und, soviel geschehen konnte, niedermachen. Diese Verräterei und Tücke brachte Jäcklein in eine maßlose Wut. Er brach die Verhandlungen mit dem Grafen sofort ab, versuchte es aber noch einmal, wenigstens die Stadt zur Übergabe zu bewegen. Er schickte zwei Bauern als Abgesandte, die als Erkennungszeichen ihre Hüte auf langen Stangen trugen, an die Mauern heran, und einer der beiden rief hinauf: »Eröffnet Schloß und Stadt dem hellen, christlichen Haufen! Wo nicht, so bitten wir um Gotteswillen, tut Weib und Kind hinaus, denn beide, Schloß und Stadt, werden den freien Knechten zum Stürmen gegeben, und es wird dann niemand geschont werden.« Man schickte zum Grafen hinauf, aber ehe dieser kam, erschien Dietrich von Weiler am Tor, ein stolzer Rittersmann, der in den Bauern nur Roßmucken sah. Er wollte sich auf keine Verhandlungen mehr einlassen, und auf seinen Befehl wurde von der Mauer herab auf die Abgesandten der Bauern Feuer gegeben, so daß der eine schwer verwundet zu Boden. stürzte, der andere blutend entlief. »Seht die Hasenherzen!« lachte Dietrich von Weiler, »sie wollten uns nur schrecken.« Auch der Graf, der mittlerweile vom Schloß herabgekommen war, glaubte noch immer nicht an den Ernst der Bauern und war guten Mutes, zumal er stündlich auf die Ankunft des Marschalls von Habern mit einer beträchtlichen Macht pfälzischer Reiterei hoffte. Er sorgte vor allem dafür, daß die Verbindung zwischen der Stadt und dem Schlosse, die durch schnell aufgeworfene Verschanzungen hergestellt war, gesichert und gut besetzt blieb. Nun aber sollte ihm der Glaube an den Ernst der Bauern in nachdrücklichster Weise beigebracht werden. Jäcklein rückte mit dem hellen Haufen heran, um den Kampf aufzunehmen. Wie war er erstaunt, als er unter dem Schemelberge Florian Geyer mit seiner schwarzen Schar fand! Also hatte sich der Ritter doch eines anderen besonnen, und Jäcklein hatte ihn fälschlich verdächtigt, den Grafen schonen zu wollen. »Endlich! wie lange schon wart' ich auf Euch!« sagte Florian, ihm die Hand reichend, als sich beide begegneten, und Jäcklein, den Groll auf den verhaßten Nebenbuhler in diesem Augenblick vergessend, nahm die dargebotene Hand. Aber seine erste Frage war doch: »Wo ist Judika?« »Dort oben, – gefangen,« erwiderte Florian. »Beim Grafen? gefangen?« fragte Jäcklein wieder in höchster Bestürzung. »Wie ist das möglich? wo hat er sie gefangen?« »Das sag' ich Euch später; jetzt ist Gefahr im Verzuge; er droht, ihr den Kopf abschlagen zu lassen, wenn wir stürmen.« »Elende Prahlerei!« rief Jäcklein, »das wagt er nicht, und gestürmt wird doch, und das sogleich!« »Ist auch meine Meinung,« sprach Florian. »Macht Ihr Euch mit Euren achttausend Mann an die Stadt, ich will das Schloß berennen.« Einen Augenblick besann sich Jäcklein und sagte sich: nur Judikas wegen will er stürmen, und er will sie befreien; und nachher? nun, das findet sich, jetzt ist nicht Zeit, die Sache auszutragen. Dann stimmte er dem Ritter zu: »Ihr habt recht, es geht nicht anders; also vorwärts! und – auf Wiedersehen!« fügte er mit einem finsteren, drohenden Blick hinzu. »Will's Gott, auf Wiedersehen!« sprach Florian und winkte seinen Leuten, sich zum Sturm bereit zu machen. Die Befehle wurden gegeben. Wie steigende Flut ergossen sich Jäckleins Horden zwischen Erlenbach und Binswangen brausend und lärmend gegen die Stadt, während Florian Geyer mit seiner schwarzen Schar die Höhe zum Schlosse hinaufstürmte. Von den Mauern der Stadt begann ein heftiges Schießen. Die Bauern kamen jedoch durch einen Hohlweg mit Leitern und Büchsen bald an das untere Tor, wo sich ein hartnäckiger Kampf entspann, denn Bürger und Reisige wetteiferten in heißem Ringen zur Abwehr der mit Todesverachtung Stürmenden. Aber die Wut Jäckleins und seiner Bauern, allen voran die Böckinger und die aus dem Weinsberger Tal, die den Städtern Mord und Brand zuschworen und sich bosten, daß sie nicht das Schloß stürmen und an ihrem persönlichen Todfeind, dem Grafen Helfenstein, Rache üben konnten, machte alle Tapferkeit der Verteidigung zuschanden. Während es von den Wehren und aus den Schießlöchern unaufhörlich blitzte und knallte, kamen die Bauern auf den Leitern heraufgestiegen, wurden oben blutig empfangen und kopfüber hinabgestürzt. Aber neue kletterten mit frischen Kräften empor und ermüdeten die auf ihrem verlorenen Posten immer härter Bedrängten. An den Toren dröhnten und schmetterten die Sturmböcke und Balken, Hämmer und Äxte der Angreifer, und plötzlich bemerkte man von der Stadt aus auf den Zinnen des Schlosses zwei flatternde Fahnen. Es waren Bauernfahnen, die Siegeszeichen Florian Geyers und seiner Landsknechte und Rotenburger. Da entsank den Bürgern der Mut; sie riefen Friede! Friede! und wollten sich ergeben. Manche halfen die Tore von innen einschlagen, daß die Bauern schneller eindringen konnten; andere suchten die Reisigen von der nutzlosen Gegenwehr auf den Mauern zurückzuhalten, so sehr sich auch die Ritter mühten, die Verzagenden immer wieder anzutreiben. Die Einnahme des Schlosses, aus dem schon Rauchwolken aufstiegen, und die furchtbaren Drohungen Jäckleins machten einen niederschlagenden Eindruck auf die Bürger, die schon ihrer aller Untergang vor Augen sahen. Da erschien Graf Helfenstein. Er war durch den Verhau, der das Schloß mit der Stadt verband, mit Weib und Kind entflohen und in die Stadt gekommen, weil er jetzt hier nötiger zu sein glaubte als in dem doch verlorenen Schlosse, welches gleichfalls zu verlassen Achaz jedoch und seine Schwester nicht zu bewegen gewesen waren. Ein Haufen Weiber umdrängte ihn, jammernd und flehend, es nicht zum Äußersten kommen zu lassen, sondern die Stadt zu übergeben, und er selber sah nun die Unmöglichkeit ein, sie noch länger zu halten. Er ließ durch einen Weinsberger Bürger, genannt Schwabhannes, den Bauern die Übergabe anbieten, wenn sie alle am Leben lassen wollten. »Die Bürger sollen am Leben bleiben, aber die Reiter müssen alle sterben,« lautete die Antwort. Da verlangte Schwabhannes eine Ausnahme wenigstens für den Grafen Helfenstein gegen eine hohe Summe als Lösegeld. Das wurde erst recht mit Hohn zurückgewiesen, und der Graf, von dessen Anwesenheit in der Stadt die Böckinger auf diese Weise zu ihrer wilden Freude Kunde erhielten, mußte mit eigenen Ohren hören, daß er sterben müsse, und wenn er von Gold wäre. Darauf faßte er den Entschluß, einen Fluchtversuch zu machen, und ermahnte die Bürger noch einmal zu einem kurzen Widerstande auf den Mauern, damit er unterdessen mit den Reitern aus dem oberen Tore ausbrechen könnte. Aber Tor und Wehren waren von den Bürgern fast schon verlassen, und als sie sahen, wie sich die Ritter mit ihren Reitern auf die Pferde schwangen, um auszubrechen, hielten sie sie an und riefen ihnen zu: »Wollt ihr uns allein in der Brühe lassen? durch euch ist das Unglück über die Stadt gekommen, jetzt sollt ihr auch nicht entfliehen.« Nun drangen die Bauern von vier Seiten auf einmal in die Stadt, und noch in den Gassen tobte der Kampf fort und fort. Die Ritter und einige Reisige, die der Überzahl der mordlustigen Feinde nicht mehr standzuhalten vermochten, suchten die höher gelegene Kirche und den Kirchhof zu erreichen, um sich hier noch ihres Lebens zu wehren, unter ihnen auch Graf Helfenstein. Ein Priester zeigte ihnen die Wendeltreppe, die zum Turm hinaufführte, und dahin flüchteten sie. Aber die Kirchentür wurde von den Bauern gesprengt und die Treppe entdeckt. Ein Freudengeschrei: »Hier haben wir das ganze Nest beisammen; schlagt alle tot!« kündete den Verfolgten an, daß sie unentrinnbar verloren waren. Dietrich von Weiler rief von oben herab, sie wollten dreißigtausend Gulden zahlen, wenn man sie am Leben ließe. »Nicht für eine Tonne Goldes!« schrien die Bauern, »Rache, Rache für das Blut unserer Brüder, für die siebentausend bei Wurzach Hingeschlachteten!« In diesem Augenblick sank Dietrich von Weiler, von einem Schuß in den Hals getroffen, zu Tod dahin. Die Bauern erstiegen den Turm mehr und mehr, stachen nieder, was sie erreichen konnten, und warfen die Getöteten und Verwundeten vom Kranze des Turmes hinab. Und endlich wurden auch die letzten nach verzweifelter Gegenwehr gefangen genommen, unter ihnen Graf Ludwig von Helfenstein. Gebunden wurde er auf den Marktplatz geführt, von Flüchen, Verwünschungen und lautem Hohngeschrei der Bauern empfangen. Sein Schicksal war besiegelt, er hatte den Tod vor Augen, den er stumm und bleich auf der Stelle erwartete. Jäcklein trat auf ihn zu, packte ihn an der Brust, schüttelte ihn heftig und fuhr ihn an: »Jetzt sage mir, du Schinder: wie steht es mit Judika?« Der Gefesselte winkte mit den Augen nach seinem brennenden Schlosse hinauf und erwiderte trotzig: »Entweder verbrennt sie wie eine Hexe, oder sie liegt jetzt in den Armen Florian Geyers.« »Verflucht!« knirschte Jäcklein mit dem Fuße stampfend und stieß den Grafen zurück, daß er taumelte. Nachdem der Kampf, der nur wenige Stunden gedauert hatte, beendet war, wollten die Bauern zur Entschädigung für die ausgestandene Lebensgefahr plündern, und die Hauptleute hatten große Mühe, es dem siegestrunkenen Haufen gegenüber durchzusetzen, daß nur die Häuser der Geistlichen, des Schultheißen, Stadtschreibers und Bürgermeisters geplündert, die übrigen Bürgerhäuser aber verschont wurden unter der Bedingung, daß die vielen Verwundeten sorgsam gepflegt und die Bauern, so lange sie in Weinsberg lägen, reichlich mit Lebensmitteln und Wein versehen würden. Dennoch wurden die Häuser nach versteckten Reisigen durchsucht, weil den Bauern mehr gesattelte Pferde als Reiter in die Hände gefallen waren, und nur wenigen gelang es, sich vor ihren Verfolgern in Backöfen oder Heu zu verbergen oder, von den Hauswirten unterstützt, in Weiberkleidung zu entkommen. In Kirche und Sakristei wurden die Altargeräte geraubt und die Gottes- und Almosenkasten geleert. Dann saßen die Sieger in den Wirtshäusern und bei den Bürgern und zechten. Jäcklein Rohrbach hatte die Hut der Gefangenen selber übernommen. In einer Mühle vor der Stadt hielt er mit seinen Gesellen Kriegsgericht über sie, in welchem beschlossen wurde, daß kein Adliger und kein Reisiger leben gelassen werden sollte. Das Urteil sollte sofort vollzogen werden, ehe es der Einspruch anderer Hauptleute verhindern konnte, denn Jäcklein, der Schreckensmann im Bauernheere, lechzte nach Blut und Rache. Auf einer Wiese wurden die Gefangenen in einen Ring geführt und ihnen ihr Urteil verkündet, das in der entehrenden Todesstrafe bestand, durch die Spieße gejagt zu werden. Da kam die Gräfin Helfenstein mit ihrem zweijährigen Söhnlein auf dem Arme herzu, fiel Jäcklein zu Füßen, ihm das Kind entgegenhaltend, und flehte zum Steinerweichen um das Leben des Gatten und Vaters. Aber alle Tränen, die Schönheit und das Unglück der knienden Kaisertochter rührten den Harten nicht. Stumm und starr stand er mit seinen Böckingern, daran gedenkend, wie lange und wie oft ihre Herren sie wie Hunde gehetzt und wie Hunde gepeitscht hatten, wie all ihr Flehen und Heulen kein Erbarmen gefunden hatte und die Ihrigen wegen geringer Vergehen in die tiefsten, grauenvollsten Turmverließe geworfen wurden, um welche dann Frauen und Kinder Nächte lang herumschlichen, noch ein Lebenszeichen der gnadenlos Eingekerkerten zu erlauschen, bis es still und stiller hinter den Mauern ward und der letzte Hauch, ein Fluch gegen ihre Peiniger, den schrecklichen Qualen der Opfer ein Ende machte. Jahrelange, unmenschliche Behandlung hatte auch die Bauern zu Unmenschen gemacht. Darum ließen sie sich von dem heißen Flehen der Gräfin nicht bewegen, und Jäcklein gab Befehl, die Gasse zu bilden. Dies geschah vor den Augen der verzweifelnden Frau. Die Bauern streckten ihre Spieße vor, und einer nach dem anderen von den gefangenen Rittern und Reisigen wurde unter Trommelschlag hineingestoßen und niedergestochen. Der dritte, der an die Reihe kam, war der Graf Helfenstein. Ein zu Rom geweihter Priester, jetzt Feldschreiber bei den Bauern, hörte ihm schnell noch Beichte und nahm ihm seinen Rosenkranz ab. Ein Zinkenist, Melchior Nonnenmacher, der bei dem Grafen in Gunst gestanden und ihm öfter bei Tafel aufgespielt hatte, schritt blasend ihm auf seinem letzten Gange bis dicht an die Gasse voran. Dann wurde der Graf hineingestoßen, und nach wenigen Schritten schon stürzte er, von den Spießen durchstochen, tot zu Boden. Ihm folgte zunächst sein Leibknappe Bleiberger und sein Hausnarr, dann die anderen Ritter und Reisigen. Des Grafen Leichnam wurde verhöhnt und mißhandelt, einer nahm ihm die Feder vom Hut, ein anderer den Hut selber, Jäcklein legte des Grafen blutbefleckten Koller und darüber auch seine rote damastene Schaube an und zeigte sich darin der unglücklichen Gräfin. Auch diese wurde ihres Geschmeides beraubt, und die Kleider wurden ihr zerfetzt und vom Leibe gerissen. Man setzte sie mit ihrem Kinde und ihrer Zofe auf einen Mistwagen und schickte sie unter Spott und Hohn nach Heilbronn. So war die Blutrache an Helfenstein, die fast einzig Jäckleins Werk war, vollzogen, und neun Zehnteile des Bauernheeres erfuhren erst davon, als alles vorüber war und Ritter und Reisige in ihrem Blute lagen. Nun aber ließ es Jäcklein keine Ruhe mehr; es trieb ihn zum Schloß hinauf, und eilig, in sorgenvollen und eifersüchtigen Gedanken erstieg er die Anhöhe, um sich Gewißheit über Judika zu verschaffen. Zwanzigstes Kapitel. Ehe Florian Geyer seine schwarze Schar zum Sturme gegen das Schloß führte, nahm er drei zuverlässige Rottmeister der Landsknechte beiseite, teilte ihnen mit, daß Judika dort oben gefangen säße, beschrieb ihnen genau die ihm wohlbekannte Örtlichkeit ihres Gefängnisses und befahl ihnen, die Eingesperrte so schnell wie möglich zu befreien, falls ihm beim Stürmen etwas Menschliches begegnen sollte. Käme er jedoch lebend hinauf, so sollten sie das Werk der Rettung ihm selber überlassen. Dann traf er kurz und bündig seine Anordnungen für das Vorgehen und Verhalten der einzelnen Fähnleinführer während und nach der Eroberung des Schlosses und schritt voll heißer Kampfbegier zum vernichtenden Angriff auf die Burg seines ehemaligen Freundes. Es war ein gefahrvoller Sturm. Schon beim Ersteigen der Anhöhe, so schnell es auch von den sturmerprobten Leuten ausgeführt wurde, sanken viele von ihnen, von den auf sie herabfliegenden Geschossen getroffen, danieder. Aber es gab kein Zaudern und kein Wanken in ihren Reihen, unerschrockenen Mutes eilten sie vorwärts, ihres ritterlichen Führers fortreißendes Beispiel vor Augen und seine stets anfeuernde Stimme durch all das Getöse vernehmend, in das sich noch der betäubende Lärm des Kampfes um die Stadt dort unter ihnen mischte. Bald waren sie an Tor und Mauern angelangt, die Leitern wurden angelegt, der Graben mit Reisig, Erde, Steinen und allerhand Rüstzeug ausgefüllt, und dann donnerten die Sturmböcke gegen Brücke und Tor. Schwierig war es, die hier äußerst gefährdet Arbeitenden vor den schweren Steinen und dem siedenden Pech zu decken, womit man sie von Turm und Mauern herab zu stören und zu verderben suchte. Aber den todeskühnen Anstrengungen, deren Gewalt die Gefühle der Erbitterung und Wut über die zugefügten Verluste erhöhten, gelang es endlich, das Tor einzurennen, und mit einem lauten Siegesgeschrei drangen die Stürmenden in das innere der Burg hinein, als einer der vordersten Florian Geyer. Am Eingange zum Burghof, wo es ein heftiges Ringen Mann gegen Mann gab, trat ihm Achaz von Rosenberg in den Weg und rief, das blanke Schwert ihm schnurgerade auf seine Brust entgegenstreckend, mit toddrohendem Blick: »Weiter als bis hierher kommst du nicht, Florian Geyer!« »Achaz! Widerstand ist ja unmöglich. Ich flehe dich an, ergib dich mir! ich verbürge dir Leib und Leben mit meinem eigenen!« sprach Florian. »Leg' aus! ich oder du!« schrie Achaz. »Achaz, gib Raum!« »Lebendig nicht!« »So möge das entscheiden zwischen dir und mir!« rief Florian und schlug den ersten Hieb. Also war es wirklich dahin gekommen: die zwei Freunde fochten miteinander auf Leben und Tod. Streich um Streich blitzten und klirrten die Schwerter der gewandten Fechter aufeinander, wobei Florian mehr auf seine Deckung und auf Entwaffnung des Gegners bedacht war als auf dessen Tötung. Dazwischen fiel Frage und Antwort. »Lebt Judika?« »Ja!« »Wo ist Helfenstein?« »Unten in der Stadt.« Und weiter schwirrten und sausten die Klingen ohne Ruh und Rast. Plötzlich hörte Florian hinter sich den Ruf: »Das Schloß brennt! schnell hinein!« Und blitzschnell schoß ihm der Gedanke durch den Kopf: Herr Gott. im Himmel, wenn Judika in den Flammen umkäme! da gab er, um keine Zeit mehr zu verlieren, die Schonung des Freundes auf, focht mit doppelter Kraft und Kunst, und ein wuchtiger Hieb traf Achaz' rechten Arm so schwer, daß er ihn lähmte. »Nehmt ihn gefangen!« rief Florian den nächsten seiner Leute zu. Das war schnell geschehen. »Ihr zwei bleibt bei ihm und bewacht ihn! er ist mein Gefangener allein, und kein Leid soll ihm geschehen, bei Todesstrafe! Achaz, ich konnte nicht anders!« Dann stürmte er weiter zum Schloß hinan, das noch mit zäher Ausdauer verteidigt wurde, obwohl es, von den Rotenburgern auf der anderen Seite angezündet, bereits brannte und dort schon die aufgepflanzten Siegeszeichen wehten. Nachdem er sich jedoch mit kundigem Blick überzeugt hatte, daß auch hier und auch ohne seine Hilfe die letzte Arbeit bald getan sein würde, eilte er dahin, wohin sein Herz ihn trieb. – In ihrem Gefängnis eingeschlossen, irrte Judika hin und her, vom Fenster zur Tür, von der Tür zum Fenster und horchte in atemloser Spannung auf den Lärm des Kampfes oben und unten, von dem sie nichts sehen konnte. Seit seinem Beginne schon hatte sie oft an der Tür gelauscht, ob Helfenstein oder seine Mordgesellen nun kämen, um sie zu töten, aber in ihrer Nähe blieb alles still. Das Gefängnis befand sich in einem weit zurückliegenden Seitengebäude, und nur aus der Entfernung hörte die gänzlich Verlassene und Vergessene das schreckliche Getöse, nicht wissend, wie der Kampf stand, wie lange sich die Entscheidung noch hinziehen würde, und ob Florian unter den Stürmenden war. Jetzt sah sie, aus dem Fenster blickend, eine dunkle Rauchwolke sich über das Tal hinwälzen, die nur vom Schlosse kommen konnte. Es war also erobert und brannte, und sie konnte nicht hinaus, kein Retter nahte! sollte sie hier lebendigen Leibes verbrennen? Sie glaubte die Flammen rauschen und knistern zu hören und den Brandgeruch zu spüren, sie schrie, rüttelte mit der Kraft der Todesangst an Tür und Fenstergitter, – alles umsonst, sie war hilflos verloren. Da, in ihrer furchtbaren Erregung, kam ihr der Traum von der brennenden Burg ins Gedächtnis, den sie in Unterschüpf geträumt hatte. Alle Vorbedeutungen hatten sie bis jetzt betrogen, warum drängte sich nun der Traum in ihre von Entsetzen verstörten Sinne? Plötzlich klang der Riegel ihres Gefängnisses, und Judika glaubte nun ihre Stunde gekommen. Die Tür öffnete sich, und mit haßverzerrtem Gesicht kam Agathe hereingeschlüpft, zog schnell aus den Falten ihres Kleides ein blitzendes Jagdmesser und stürzte sich damit auf Judika. Diese fing den nach ihrer Brust stoßenden Arm auf und suchte der Rasenden das Messer zu entwinden. Da hörte sie von fern Florians Stimme: »Judika! Judika!« und von diesem Ruf zur höchsten Anstrengung gespornt, schmetterte sie ihre Feindin mit solcher Gewalt zu Boden, daß diese stöhnend und ächzend liegen blieb. Dann eilte sie hinaus, warf die Tür hinter sich zu und schob den Riegel vor, daß Agathe gefangen war, lief den Gang dahin und sank im nächsten Augenblick in Florians umfangende Arme. Er mußte die an allen Gliedern Zitternde stützen und heben. Sie wußte kaum von sich selber, wußte nicht, was sie tat und was ihr geschah, fühlte nur, bis zum Herzensgrund erschauernd, wie sich auf ihre Lippen zwei andere Lippen legten und in langem, langem Kusse darauf glühten. Dann barg sie das Haupt an seiner Schulter, und außer dieser Stätte gab es zur Stunde keine Welt für sie. »O Judika!« sprach er leise. Langsam wandte sie ihm das Antlitz wie im Traume mit gesenkten Wimpern zu, und wieder ruhte Mund auf Mund. – Dann zog er sie sanft und wollte mit ihr hinaus. Sie aber sah ihm nun liebelächelnd, sprachlos glückberauscht tief in die Augen, umschlang ihn, preßte ihn an sich und ließ ihn nicht los, als wollte sie unter seinen Küssen vergehen. Draußen war Toben und Lärmen und wüstes Geschrei. Dumpf drang das Geräusch des Kampfes von der Stadt herauf, Schüsse krachten im Tal, und hier oben war ein beständiges Dröhnen und Prasseln und lautes Stimmengewirr, wildes Rennen und Rufen, Rumoren und Streiten. »Komm!« sprach Florian. In seinem Arme, sich im Schreiten an ihn lehnend, ließ sie sich von ihm den einsamen Gang entlang führen zu einer Geschirrkammer in demselben Gebäude, das bis jetzt vom Feuer noch verschont war. »Nun laßt uns voneinander scheiden,« sprach sie dort mit dem Tone schmerzlicher Entsagung und nach der gewaltigen Erschütterung mit ihrer Kraft fast zu Ende. »Voneinander scheiden?« erwiderte er verwundert, »Judika! denkst du, ich lasse dich wieder? Du bist mein, und ich bin dein; voneinander scheiden kann uns nur der Tod!« Sie sah ihn betroffen an: »Florian, was soll daraus werden?« »Mein Weib! was sonst?!« rief er jauchzend. »Dein – – dein – Weib!?« schrie sie auf. Die Augen traten ihr fast aus den Höhlen, und ihr Busen flog in stürmisch lauten Atemzügen. So stand sie starr und regungslos gleich einer Verzückten vor dem Geliebten im Begriff, an seine Brust zu stürzen. Plötzlich aber bog sie sich weit zurück, schlug die Hände vors Gesicht: »O ich Unglückselige!!« und brach in heftiges Schluchzen und Weinen aus. »Judika, was ist?« sprach Florian erschrocken. Sie konnte lange nicht antworten vor strömenden Tränen. Endlich stieß sie jammernd heraus: »Nie, – nie kann ich dein Weib werden!« »Warum denn nicht?« frug er, jedes Wort betonend und sie in seinen Armen haltend. Sie nahm alle Kraft zusammen, um sich zu fassen und noch oft vom Schluchzen unterbrochen, sprach sie erst stockend, dann immer leidenschaftlicher: »Auf meinem Leben liegt unauslöschliche Schande, – ehrlos bin ich geboren, – an meiner Mutter ist das Verbrechen begangen, an mir ist es versucht, – hier, hier auf dem Schlosse! von den Helfensteins, Vater und Sohn. Daher mein Haß, meine Rachgier, meine Verzweiflung! Darum sucht' ich den Tod, weil ich dich liebte, – und keine, keine Hoffnung, – – ach! – ich kann dein Weib nicht werden!« »Also daher deine Rachsucht? ja, jetzt versteh' ich sie,« sprach Florian, »o Judika! noch höher halt' ich dich nun in meiner Liebe. Komm her, du Schuldlose! ich entsühne dich.« Er drückte sie an seine Brust und küßte sie heiß auf den bebenden Mund. »Judika! mit diesem Kusse schwör' ich dir: du wirst mein Weib! Es kommen andere Zeiten herauf, wir schaffen sie, schaffen sie auch für uns. Mit dem alten Recht und Unrecht wird aufgeräumt, neue Ordnungen und Zustände treten an seine Stelle, und wenn die Leiber der Menschen frei werden von den drückenden Fesseln, sollen es die Herzen nicht? Das ist auch eine Freiheit, daß das Herz nach Liebe wählt und nicht nach Rang und Stand. Wir zwei sind eins; was könnte uns noch trennen und scheiden? Fortan kämpfen wir vereint für die Freiheit und für unsere Liebe, und wenn der Sieg errungen ist, dann – dann gehören wir uns mit Leib und Seele!« »Mit Seele und Leib!« jubelte sie und umschlang ihn und küßte ihn mit verzehrender Glut. »Dein Weib! dein Weib!« hauchte und stammelte sie wieder und wieder an seinem Halse im Überschwang von Glück und Seligkeit. – Sie konnten sich noch nicht entschließen, das Gebäude zu verlassen. Denn hier in diesen vier Wänden gehörten sie allein sich selber an. Wenn sie diese Schwelle überschritten und sich unter die da draußen Tobenden und Lärmenden mischten, so mußten sie fremd tun gegeneinander und sich beherrschen und hüten, das ihre Herzen ganz erfüllende und berauschende Geheimnis ihrer Liebe nicht durch Wort oder Blick zu verraten. Auf einer Bank saßen sie nun Seite an Seite, unbekümmert um das, was um sie her brannte und brauste. Er hatte den rechten Arm um ihre Schulter gelegt, und sie schmiegte sich an ihn in dem stummen Wonnegefühl des in eins zusammenfließenden Mein und Dein. Florian war der Gegenwart entrückt, die Zeit stand still für ihn. Das Schloß war erobert, die Besatzung überwältigt, was weiter geschah, war ihm gleichgültig. Jetzt wollte er nur der Befreiten, der Geliebten gehören, und nichts anderes sollte in dieser Stunde höchsten Glückes den geringsten Anspruch an ihn erheben. Ihr war zumut, als wiegte sie ein berückender Traum von gestillter Sehnsucht und trüge sie über Jammer und Elend des Erdendaseins weit hinweg in das Gefilde der Seligen, in das Reich unendlicher, untrennbarer Liebe. Seltsames Verhängnis! In diesem furchtbaren Kriege, der aus dem Hasse der Geknechteten gegen die Gebietenden wie ein gewaltsamer Ausbruch lang eingedämmter Lavamassen aus dem im Grund erschütterten Boden emporgestiegen war, hatten sich gerade die zwei Menschen in Liebe gefunden, deren Herzen von allen, die ihn mitkämpften, am lautesten und reinsten für seine großen Ziele schlugen, und deren Geister diese Ziele deutlicher und klarer erkannten als all die vielen Tausende, deren hochgeschwungene Waffen die Wege dazu bahnten. Und nun kam für die beiden, den heldenmütigen Ritter und das leidenschaftliche Weib aus dem Volke, noch ein anderes, köstliches Ziel dazu, das ihnen von der Höhe des endlichen Sieges wie eine im hellen Sonnenschein flatternde Fahne vor Augen wehte und ihnen mit goldschimmernden Hoffnungen winkte. Die mächtigsten und zugleich edelsten Gefühle, die Menschenbrust erfüllen und Menschenkraft zum Tun, zum höchsten Wetten und Wagen bewegen können, der Drang nach Freiheit und die Allgewalt der Liebe, sie lebten und webten in Florian und Judika. Einer entflammte sich an der Kampfglut des anderen, und jeder sah in dem anderen den herrlichsten Preis des Sieges, den zu erringen, wenn es das Schicksal wollte, ihnen die Liebe schärfere Schwerter in die Hände gab, als all der Haß, der im ganzen Bauernheer die Klingen wetzte. Wie sie nun, alles andere um sich her vergessend und des Gelärms und Getümmels jenseits ihrer Schwelle nicht achtend, in vermeintlicher Sicherheit vor Störung und Gefahr hier beieinander saßen, steckte plötzlich einer der von Florian mit der Rettung Judikas beauftragt gewesenen Rottmeister seinen grauen Kopf zur Tür herein und machte dabei ein so unsagbar verschmitztes Gesicht, daß Judika unwillkürlich erröten und Florian von Herzen lachen mußte, denn beide errieten sofort die argen Gedanken des schlauen Landsknechts, ehe dieser noch ein Wort gesprochen hatte. Er schwenkte höflich den ungeheueren Hut mit der wallenden Feder und sagte mit schelmisch zwinkernden Äuglein: »Verzeiht, Herr, wenn ich hier störe! aber ich muß Euch raten, dies stille Plätzchen aufzugeben; das Feuer kommt schon ein bißchen nahe heran.« »Danke, Schellenschmidt!« sprach Florian. »Wenn du es sagst, wird es wohl Zeit sein, das Schloß zu räumen. Sind noch Leute darin?« »Nein, Herr! ihr zwei seid die letzten, aber ich hab' Euch draußen bewacht, damit Ihr hier –« »Schon gut!« unterbrach ihn Florian lachend. »So kommt denn, Judika!« wandte er sich zu dieser, »daß wir uns hier nicht Haut und Haar versengen.« Und sie verließen endlich das nun auch schon vom Feuer ergriffene Gebäude. »Wie bist du denn aus dem Gefängnis frei geworden?« fragte Florian draußen. »Herr des Himmels! Agathe!« rief Judika voll Schrecken aus, »sie ist darin!« »Agathe?« »Ja, ja! sie kam herein zu mir, um mich zu erdolchen; ich warf sie nieder und sperrte sie ein. Schnell! nur schnell, sonst ist sie verloren!« Sie eilten zurück, um Agathe zu retten, – zu spät! Die Räume dort standen schon in heller Glut; es war unmöglich, noch einzudringen. Sie horchten, riefen, – keine Antwort, alles still; nur die Flammen loderten und rauschten. »Sie ist verbrannt, verbrannt durch meine Schuld! ich hatte sie vergessen,« stöhnte Judika. »Sei ruhig!« sprach Florian, »die Mörderin hat den Hexentod verdient, den sie einst dir bereiten wollte.« Einundzwanzigstes Kapitel. Als die beiden miteinander in den Burghof kamen, bot sich ihnen hier sowohl wie in dem weiten Baumgarten des Schlosses das Bild eines bunt bewegten Treibens dar. Beide Plätze waren besetzt von Landsknechten und Bauern, die sich den verschiedensten Beschäftigungen hingaben. Hier und dort saßen oder lagen sie in kleinen und größeren Trupps beisammen, schmausend und zechend von den reichen Vorräten, die sie in Kammer und Keller gefunden hatten. Da klang ein lustiges oder ein wüstes Lied aus rauhen, schon stark angeheiterten Kehlen, da wetterte Fluchen und Streiten beim Würfeln um Beutestücke. Manche packten die ihnen bei der Plünderung in die Hände gefallenen Gegenstände zusammen, um damit den Schloßberg hinab und ihren Genossen nachzuziehen, von denen schon viele voraus waren, um auch unten in der eroberten Stadt einmal nachzuschauen, ob dort etwas für sie zu holen übrig wäre. Die meisten der hier oben Gebliebenen schienen jedoch keine Eile mit dem Fortkommen zu haben, und es drohte ihnen von dem brennenden Schlosse, um das sich, nachdem es rein ausgeplündert war, niemand mehr kümmerte, auch keine Gefahr. Es brannte im Innern aus, und stürzten auch Decken und Zwischenwände krachend und polternd ein, so blieben doch die starken Umfassungsmauern, abgesehen von einigen Rissen und Sprüngen, die sie durch die Hitze erhielten, unverletzt stehen, ohne jemand durch herabfallende Trümmer zu beschädigen. Die Gesamtheit wie die einzelnen Gestalten der Trinkenden, Singenden, Spielenden, Streitenden war in ihrer anziehenden oder abstoßenden Erscheinung immerhin einer näheren Betrachtung wert. Unter die malerischen, farbenreichen Landsknechtstrachten mit den weiten, geschlitzten, gepufften oder gezattelten Gewändern, den breitkrämpigen Federhüten, keck auf einem Ohr sitzenden Baretts und eisernen Sturmhauben mischten sich schlichte graue und blaue Bauernkittel, braune Lodenwämser und geflickte Lederkoller, und auch die Waffen der hier in Freuden schwelgenden Sieger waren von aller erdenklichen und so vielverschiedener Art, daß, unter den Bauern wenigstens, kaum zwei von gleicher Bewaffnung zu finden gewesen wären. Neben den breiten, kurzen Schwertern oder den fast mannshohen Zweihändern und den langen Spießen der Landsknechte sah man allerhand Speere, Hellebarden und Partisanen, Streitkolben, Morgensterne, Heugabeln, Keulen und auch schwerfällige Schießgewehre bei den Bauern. Dieses durch Abwechselung und schroffe Gegensätze wirkungsvolle Bild war freilich weder für Florian noch für Judika etwas Neues, denn genau so oder doch ähnlich hatten sie es täglich vor Augen. Aber einige besondere Zugaben daran fesselten ihre Blicke. Das waren die Beutestücke, mit denen sich Landsknechte wie Bauern behängt und geschmückt hatten, mit denen sie liebäugelten und untereinander tauschten, und von denen Judika manch eines wieder erkannte, das sie einst im Besitze des Grafen oder der Gräfin gesehen hatte. Der eine hatte sich mit einem schillernden Brokatgewand bekleidet, der andere eine seidene Decke wie ein Mantel um die Schultern geworfen, der dritte trug eine goldene Kette um den Hals, und wieder andere hielten Leinwand, Zinngerät und Silbergefäße in den Händen. Schauben und Schapel, Gürtel und Schleier zierten diese und jene vierschrötige Gestalt und manch bärtiges, benarbtes Gesicht. Sie stolzierten darin herum, spreizten sich und trieben Kurzweil und kindische Possen damit, so daß dieses ganze übermütige Treiben einem Satyrspiel nach blutigem Drama glich. In einem Winkel des Baumgartens standen, von Landsknechten bewacht, die Pferde, die man aus den Ställen des Schlosses gerettet hatte, ehe das Feuer dahin kam. Daneben lag eine Menge von zum Teil kostbarem Sattel- und Zaumzeug; auch Frauensättel waren darunter. »Kannst du reiten, Judika?« fragte Florian leise, indem sie an diesen Marstall unter freiem Himmel herantraten. »Gewiß!« erwiderte sie, »hier auf dem Schlosse und ringsum in Feld und Flur hab' ich's gelernt.« »Das ist gut!« lächelte er, »heute noch machen wir dich beritten, und ich werde selber eines von diesen Pferden für dich auswählen.« »O wie freu' ich mich darauf!« sagte sie mit dankesfrohem Blick. Er gebot den Landsknechten, Pferde und Sattelzeug in das Lager am Schemelberge zu schaffen, erteilte seinen Unterführern den Befehl, daß sich morgen früh bei Sonnenaufgang alles, was zu seinem Haufen gehörte, auf dem Lagerplatz zum Abmarsch einzustellen habe, und ging dann mit Judika dem Ausgange des Burghofes nach dem Tore zu. Er wollte sich nach seinem gefangenen Freunde Achaz von Rosenberg umsehen und sich dann in die Stadt Weinsberg begeben, um sich nach Helfensteins Schicksal zu erkundigen, von dem er nichts wußte. Plötzlich hielt Judika den Schritt erschrocken an und rief: »Florian, der Graf ist gefangen; da steht er!« Sie zeigte dabei auf einen Mann, der ihnen den Rücken zukehrend mit einem Bauer sprach und eine rote, damastene Schaube trug, wie sie Graf Helfenstein bei ihrem Empfange hier getragen hatte. Sie gingen auf ihn zu, und als sie dicht bei ihm waren, drehte er sich um, – es war Jäcklein Rohrbach. Eine düstere Ahnung stieg in Judika auf und hemmte ihr das Wort auf der Zunge. In Jäckleins Zügen spiegelten sich deutlich die Empfindungen, die sich seiner bemächtigten, als er der beiden ansichtig wurde. Nachdem er Florian nur mit einem finsteren, feindseligen Blicke gestreift hatte ohne ihn mit einem Gruße zu ehren und ohne den Kampf um Stadt und Schloß mit einem Worte zu berühren, blieben seine Augen mit einem gierig forschenden Ausdruck auf Judika haften, und sein ganzer Willkomm waren die Worte: »Also du lebst! Aber wie ist es denn zugegangen, daß du in Helfensteins Gefangenschaft gerietest?« Judika stockte einen Augenblick, ehe sie antwortete: »Er hielt mich fest und sperrte mich ein, trotzdem ich freiwillig als Unterhändlerin zu ihm gekommen war.« »Als Unterhändlerin zu ihm gekommen?« wiederholte Jäcklein erstaunt und in rasch aufsteigendem Mißtrauen, »als wessen Unterhändlerin? was hattest du mit dem Grafen zu verhandeln? und wer gab dir Auftrag und Vollmacht dazu?« »Das hab' ich getan,« erklärte Florian, dem dieses anmaßliche Verhör nicht behagte. »Ich hatte Judika zum Grafen geschickt, um ihn zum Eintritt in den Bund zu bewegen und uns das Blutbad des heutigen Tages zu ersparen.« »Und das hinter meinem Rücken, ohne nur ein Wort davon zu sagen?« sprach Jäcklein, immer erregter werdend. »Eure Zustimmung dazu würde ich schwerlich erlangt haben, und Eurer Erlaubnis bedurfte ich nicht,« erwiderte Florian stolz. »Das sieht mir aus wie falsches Spiel, Herr Ritter!« platzte Jäcklein heraus. »Ihr habt den Grafen warnen lassen, ihn unserer Rache entziehen wollen.« »Ich weiß selber, was ich bezweckte, und sagt' es Euch bereits,« sprach Florian mit gefurchter Stirn. »Jetzt aber rat' ich Euch, Eure Worte zu wägen. Jäcklein Rohrbach!« Jäcklein schwoll die Zornader, aber er biß die Zähne zusammen und bezwang sich. »Und du,« begann er gleich darauf zu Judika, »auch du hast es mir verschwiegen, hast dich heimlich ohne Abschied von mir weggestohlen, weil du wohl wußtest, daß ich es nicht dulden würde. Der Herr scheint sehr großen Einfluß auf deine Entschlüsse zu haben.« »Allerdings, das hat er,« erwiderte Judika bestimmt und sah dem Eifersüchtigen dabei fest ins Gesicht. »So!« machte Jäcklein, dem es im Blute schon kochte. »Das hat nun ein Ende; du gehst nun wieder mit mir, stehst unter meinem Befehl!« »Unter deinem Befehl?« entgegnete sie gereizt. »Ich gehe, mit wem ich gehen will.« »Dein Platz ist bei mir, du gehörst zum Neckartaler Haufen.« »Von heut an gehör' ich zur schwarzen Schar Herrn Florian Geyers. Daran wirst du nichts ändern.« »Oho! das wollen wir einmal sehen!« sprach er trotzig. »Du irrst, wenn du denkst, mich so mir nichts dir nichts beiseite schieben zu können. Das lass' ich mir nicht bieten, auch nicht von Euch, Herr Florian Geyer!« wandte er sich mit zornig erhobener Stimme an den Ritter, »ich lasse mir Judika nicht von Euch nehmen, und wenn ich Gewalt gebrauchen müßte!« »Judika ist in ihrem Tun und Lassen unbehindert, und im übrigen steht sie jetzt unter meinem Schutz,« erwiderte Florian sehr entschieden. »Mit welchem Rechte?« »Mit dem meiner freien Wahl, die ich mir bei allen meinen Schritten vorbehalte,« sprach Judika. »Doch nun genug davon! mein Entschluß ist gefaßt, und dabei bleibt's. Und jetzt habe ich etwas zu fragen. Wie kommst du zu dieser roten Schaube? ich kenne sie.« »Wohl möglich,« erwiderte er, die Arme vor der Brust verschränkend und ihr halb den Rücken kehrend, über die Schulter hin. »Sie gehört dem Grafen Helfenstein.« »Richtig.« »Hast du sie ihm selber abgenommen?« »Eigenhändig.« »Dem Lebenden oder – dem Toten?« »Dem Toten.« »Der Graf ist tot?« fragte Florian erregt. »Ja! mausetot!« »Im Gefecht gefallen?« »Nein! – in den Spießen!« antwortete Jäcklein, sich schnell umwendend, mit einem frechen Blick. »In den Spießen? in den Spießen?« rief Florian ganz außer sich. »Ihr habt ihn in die Gasse gestoßen?« »Ja, haben wir! ihn und alle Ritter und Reisige, die wir in Weinsberg gefangen haben. Euer Freund, der Junker Rosenberg da draußen, ist auch nichts Besseres wert.« Florian und Judika starrten den mit seiner furchtbaren Untat Prahlenden voll Schrecken an, und Florian sagte drohend: »Jäcklein Rohrbach, reizt mich nicht! treibt nicht Euren Spott mit mir!« »Ah, Ihr glaubt es nicht? – so seht her!« grinste Jäcklein in wilder Schadenfreude und schlug die damastene Schaube weit auseinander, daß darunter auf seinem Leibe ein von Stichen durchbohrter, blutbefleckter Lederkoller sichtbar wurde. »Dies ist auch des Grafen Koller, und dies hier – ist sein Blut!« Judika schauderte vor dem Entsetzlichen. Florian aber, bebend, mit geballten Fäusten, als wollte er ihn erdrosseln, trat rasch auf Jäcklein zu: »Unmensch, was habt Ihr getan! Ein Schlächter und Henker seid Ihr, kein ehrlicher Kriegsmann!« »Und was war Graf Helfenstein?« höhnte Jäcklein ohne sich zu rühren. »Er war dem Tode verfallen; aber habt Ihr ein Kriegsgericht über ihn gehalten?« fragte Florian, seine Abscheu vor dem Gefühllosen kaum bezwingend. »Gewiß!« »Wer?« »Ich und meine Böckinger.« »Und die anderen Führer?« »Hab' ich nicht erst gefragt. Man fragt mich ja auch nicht, wenn man Unterhandlungen mit Rittern und Junkern anknüpft, nur um sie zu schonen und zu retten.« »Und das nennt Ihr ein Kriegsgericht? ich nenn' es einen Mord, weiter nichts! Was ist aus der Gräfin geworden?« »Die haben wir mit ihrem Kind nach Heilbronn geschickt.« »Gott sei gedankt!« rief Judika. »Wir sind fertig miteinander und geschieden für immer; ich sage mich los von Euch,« sprach Florian und wandte sich zum Gehen. »Mir recht!« lachte Jäcklein, »aber Judika bleibt bei mir!« »Das tu' ich nicht!« erklärte sie. »So zwing' ich dich dazu!« brauste Jäcklein auf. »Womit?« fragte Florian, schnell wieder umkehrend und die Linke auf den Knauf seines Schwertes legend. »Jawohl, damit!« knirschte Jäcklein, selber zum Schwerte greifend. »Zieht! so losen wir um die Schwarze!« »Unverschämter! Ihr wagt es –« »Zieht!« brüllte Jäcklein noch einmal, das blanke Schwert schon in der Hand. Im Nu war auch Florians Klinge bloß, und herausfordernde Blicke flammten ineinander. Judika trat dazwischen und rief: »Seid ihr von Sinnen? Wollt ihr den Leuten das Beispiel von Hader und tödlicher Zwietracht zwischen den obersten Hauptleuten geben? Schwerter in die Scheiden!« Jäcklein stieß die Mahnende unsanft zurück, holte aus und tat einen steilen Schlag. Florian fing ihn ab, und als der weit geübtere Fechter führte er unmittelbar hinterher einen außerordentlich geschickten Hieb, der des Gegners Klinge niederschlug und ihn entwaffnete. In rasender Wut fuhr Jäcklein nun auf die seitwärts stehende Judika los und wollte sie erwürgen, da er sie nicht besitzen konnte. Sofort hatte ihn Florian im Genick gepackt, und im selben Augenblick sprangen auch einige Landsknechte, die Zeugen des heftigen Streites gewesen waren, herzu und hingen sich an Jäcklein, daß er sich nicht bewegen konnte. Sie hielten ihn fest, bis er stöhnte und knurrte: »Laßt los! ich gebe Frieden.« Da ließen sie ihn los. Er nahm sein Schwert auf, steckte es ein und sagte drohend zu Florian: »Wir sprechen uns ein andermal!« Dann ging er grimmig davon zu einer Gruppe Rothenburger Bauern, riß einem von ihnen einen mit Wein gefüllten silbernen Becher aus der Hand und stürzte den Inhalt mit einem Zuge hinab. »Die Pestilenz über euch!« murmelte er, Florian und Judika noch einmal nachschauend, die im Torgange seinem rachsüchtigen Blick eben entschwanden. Er ließ sich bei den Bauern nieder, um seinen tiefen Verdruß über das Fehlschlagen seiner Hoffnungen hinsichtlich Judikas und dem feurigen Wein hinabzuspülen, den sie in zwei dickbauchigen Steinkrügen vor sich hatten. Mit seiner Forderung, daß Judika bei ihm bleiben sollte, war er ihr selber und Florian gegenüber machtlos gewesen, weil er inmitten von dessen Untergebenen keinen Beistand gefunden hätte, die Heißgeliebte mit Gewalt zu entführen. Er schalt sie eine Undankbare und ihn einen Verräter und malte sich mit seiner brennenden Eifersucht in zügellosen, quälerischen Gedanken aus, wie sie nun den Verhaßten, von ihr aber zweifellos leidenschaftlich Geliebten mit ihrer Hingebung beglücken und er ihn, den Genarrten und Geprellten, in ihren Armen auslachen würde. Das fraß ihm am Herzen und stieg ihm zu Kopfe, und um dieses Höllenfeuer da und dort zu löschen, trank er und trank und stierte vor sich hin. Die Gedanken verschoben sich in seinem Kopfe, irrten von einem Gegenstande, einem Ereignis des Tages zum andern und blieben endlich auf dem blutgedüngten Anger vor Weinsberg haften. Er konnte aus seinen mehr und mehr erhitzten Sinnen die Bilder des unter den Spießen blutend zusammenbrechenden Grafen und seiner in Tränen vor ihm selber knienden Gemahlin nicht verbannen, so hastig er auch trank, sie hinwegzuschwemmen, und als er einmal mit schwankender Hand etwas Wein vergoß, daß dieser ihm auf den Koller troff und sich dort mit den Blutflecken vermischte, rief er, wie zu sich selber redend, erschrocken aus. »Zum Teufel! trink' ich denn Blut hier?« – »Jawohl!« lachten die Bauern, »wir trinken Blut hier, Edelmannsblut, gräfliches Blut! und das benimmt einen mehr als der stärkste Wein in deinem Böckinger Wirtshaus, Bruder Jäcklein!« »So gebt her! ich will davon einschütten, bis ich daran sticke,« lallte er mit schwerer Zunge. »Blut muß fließen wie Wasser auf der Erde! hat Judika im Schüpfergrunde gesagt, und das schwarze Weib hat recht, ach! das schöne, schwarze Weib –« Er vollendete nicht; die Augen fielen ihm zu, er sank rückwärts lang hin und schlief ein. »Laßt ihn schlafen,« sagte einer der Bauern, »er hat ein grausig Tagwerk hinter sich.« »Und ich bin froh, daß ich es nicht zu verantworten habe,« sprach ein anderer. »Und daß ich nicht davon zu träumen brauche,« fügte ein Dritter hinzu. Jäcklein hörte nichts von diesen Reden; er lag rauschumnebelt in der damastenen Schaube des Gemordeten auf dem Rasen und atmete schwer. – Vor dem Burgtor, unter Bewachung von zwei Landsknechten traurig auf einem großen Steine sitzend, fanden Florian und Judika nun Achaz von Rosenberg. Florian bot ihm die Hand und sagte: »Armer Freund, verzeihe mir den Schlag! er hat mir weher getan als dir.« Achaz zuckte die Achseln und sagte nur: »Weißt du etwas von meiner Schwester?« »Frage nicht!« erwiderte Florian, »– sie ist tot.« Achaz zuckte bei der Nachricht leise zusammen, doch er schwieg. »O wäret ihr doch damals bei mir auf Giebelstadt geblieben!« sprach Florian. »Nun komm mit uns hinab ins Lager; dort finden wir Pferde und reiten dann alle drei zusammen nach Neckarsulm, wo ich für gutes Quartier sorgen werde. Von da geb' ich dir Paß und Geleit nach dem Boxberg.« Mit schwerem Herzen schloß sich Achaz den beiden an, und sie gingen zusammen den Schloßberg hinab, auf dessen Höhe jeder von ihnen einst manchen fröhlichen Tag verlebt hatte. Zweiundzwanzigstes Kapitel. Die Weinsberger Bluttat machte im ganzen Reiche einen erschütternden Eindruck. Es war ein schreckliches Beispiel ungezügelter Volksrache, eine Tat, deren Bericht mit allen Einzelheiten wie ein todverkündendes Gespenst unter den Lebenden umging, weil man auf ihre Nachahmung und Wiederholung überall gefaßt sein mußte, wo die Bauern die Sieger über ihre Herren sein würden. Mochte man sich auch sagen, daß Graf Helfenstein und viele seiner Standesgenossen für die Härte und Grausamkeit, mit der sie jahrelang ihre Untertanen behandelt und in Verzweiflung und Tod getrieben hatten, selber den Tod verdient hatten, so empörte sich doch das Gefühl menschlicher Gesittung, soweit es noch nicht ganz in blutlechzendem Hasse untergegangen war, gegen eine solche Art und Weise der Abrechnung und Vergeltung. Die nächsten Folgen des gräßlichen Ereignisses waren sehr verschiedener Natur. Viele Ritter und Städte traten aus Angst, unter dem Drucke größeren oder geringeren Zwanges oder auch freiwillig in den Bund der Bauern. Die aber, die sich nicht dazu entschließen konnten, die noch den Glauben und die Zuversicht hatten, sich ihrer Haut zu wehren und den Aufstand mit den verfügbaren Streitmächten niederschlagen zu können, die rafften nun alle Kraft dazu einmütig zusammen. So groß nach dem bisher Vorgefallenen die Feindschaft und Erbitterung der gegeneinander Kämpfenden auch jetzt schon war, so erreichte sie doch nun einen Höhegrad, der alles Mitleid und Erbarmen erstickte und den Krieg zu einem Kampf aufs Messer machte. Ritterschwert, Bauernspieß und Henkerbeil sollten nun in ihrer bluttriefenden Arbeit miteinander wetteifern. Das wußten alle, wenn sie auch nicht alle unter sich einig waren, was sie im Augenblicke der Gefahr tun oder lassen sollten. Besonders in den Städten waren die Elemente gemischt. Anhänger der Ritterschaft und des schwäbischen Bundes auf der einen und Mitverschworene oder Teilnehmer an der Sache der Bauern auf der anderen Seite standen sich in Rat und Gemeinde offen oder heimlich gegenüber und stritten miteinander über Anschluß oder Abwehr, und hüben wie drüben schlich der Verrat sich ein und machte Mut und Tapferkeit durch seine Tücke zu schanden. Wer immer der Sieger sein mochte, – seine Rache war zu fürchten und war unausbleiblich. Der Überwinder ließ den Unterliegenden seine Treue zu dem, dessen Sache er vertreten und verteidigt hatte, aufs schwerste büßen, weil sie die Sache des Feindes war. Sowohl im Bauernrate, bei Hippler, Weigand, Berlin und anderen Leitern der Bewegung, die sich nicht persönlich am Kampfe beteiligten, als auch bei den obersten Hauptleuten wie Götz von Berlichingen und Metzler fand die Weinsberger Untat entschiedene Mißbilligung, und man war an diesen Stellen auf Jäcklein Rohrbach nicht gut zu sprechen. Aber das nicht allein, auch im Bauernheere und sogar bei denen, die Stadt und Schloß mitgestürmt hatten, erfuhr Jäckleins Vorgehen eine sehr ungleiche Beurteilung. Die einen frohlockten, daß den Grafen Helfenstein die ihm von tausend haßerfüllten Herzen gegönnte Rache ereilt hatte, die anderen schauderten davor zurück und schüttelten bedenklich die Köpfe, sich sagend; daß nun auch für sie nicht die mindeste Schonung mehr vonseiten der Gegner zu erwarten sei und man sie und die Ihrigen daheim fortan mit doppelter Strenge verfolgen und behandeln würde. Die Mißstimmung führte zur Zwietracht in Jäckleins eigenem Haufen, so daß sich eine Menge seiner Leute von ihm abwandten und zu Florian Geyers schwarzer Schar übergingen. Jäcklein, wenn auch nicht reumütig über seine Tat, so doch verdrossen über die ihm in lauten Worten oder schweigendem Verhalten gemachten Vorwürfe und erbost über Judikas Trennung von ihm, wurde nun noch rücksichtsloser in seinem Auftreten und noch blutgieriger in seiner Kampfesart. Voll unbändiger Wildheit wollte er alles verwüsten und vernichten, was ihm verdächtig vorkam, was nicht zweifellos gut bäurisch gesinnt war. In maßloser Überhebung erließ er auf eigene Faust befehlerische Schreiben, die mit den hochtönenden Worten anhuben: »Wir Jakob von Böckingen verkünden und entbieten usw.« Da riß den obersten Führern die Geduld. Götz von Berlichingen, Georg Metzler, Hans Reyter und andere Feldhauptleute richteten ein sehr ernstes Warnungsschreiben an ihn, daß er sich bei Vermeidung der Ungunst des hellen, christlichen Haufens solcher Eigenmächtigkeiten zu enthalten habe. Das Dekret wurde mit dem großen Petschaft der Bauern untersiegelt, das die Umschrift trug: »Gottes Wort bleibet in Ewigkeit.« Darauf zog er sich, nachdem er das Kloster Amorbach, das größte und mächtigste im Odenwald, rein ausgeplündert und gänzlich zerstört hatte, grollend nach Maulbronn zurück, schlug sein Hauptquartier im Kloster auf und ließ es sich dort untätig, aber schwelgend und prassend eine Weile wohl sein. Eine von den Städten, in denen schon, ehe sie unmittelbar bedroht waren, Zwiespalt in der Bürgerschaft über die zu ergreifende Parteinahme herrschte, war Heilbronn. Im Rate saßen nur Geschlechterherren und einige wenige Zunftmeister und andere Glieder des Gemeinwesens; aber die Herren hatten die Oberhand, führten strenges Regiment und sahen hochmütig auf die schlichten Bürgersleute herab, was diese bitter kränkte und zur Aufsässigkeit herausforderte. Beide Teile erblickten in ihren städtischen Streitigkeiten ein Abbild im kleinen von dem großen Kriege, der das Reich durchtobte. Die Bürger und Handwerker verstanden die Auflehnung des geringen Mannes gegen seine Bedrücker und fühlten ihm den Haß gegen diese nach, weil sie selber sich von den reichen Stadtgeschlechtern übervorteilt und gedemütigt wähnten und danach trachteten, dieses Joch von sich abzuschütteln und zu größerem Einfluß in der Gemeindeverwaltung zu gelangen. Namentlich die Zünfte strebten nach ausgedehnteren Rechten und Freiheiten und glaubten inmitten der allgemeinen Kriegswirren die Gelegenheit gekommen, ihre Wünsche durchzusetzen, wobei sie von vielen ihrer Mitbürger mit Wort und Tat unterstützt wurden. Den Herren im Rat ward nicht wohl bei den immer lauter und drohender werdenden Kundgebungen gegen ihre bisher fast unbeschränkte Macht. Sie hatten einen kriegserfahrenen Mann, Hans Schulterlin, zum Stadthauptmann ernannt, ihm vier Quartiermeister untergeordnet und in allen Stadtvierteln Rotten gebildet, die dem Rate zur Wache und zur Wehr bei schwerer Strafe dienstbar und gehorsam sein sollten. Aber der geforderte Gehorsam stieß auf lebhaften Widerspruch. Viele Bürger erklärten, sie hätten kein Pulver, auf die Bauern zu schießen, und keine Spieße, in die Bauern zu stechen. Umtriebe, Streitigkeiten, ja Unruhen und Aufläufe fanden statt, die Gegner gerieten mit Worten, manchmal auch mit Fäusten und Waffen scharf aneinander, die Frauen mischten sich hinein und besonders auch die Geistlichkeit, denn die neue Lehre des Evangeliums war in Heilbronn noch nicht zur allgemeinen Annahme gelangt. Als die Bauern nun wirklich heranrückten, um die Stadt zu besetzen, versperrte ihnen der Rat die Tore, und von beiden Parteien in der Stadt wurden offene und geheime Verhandlungen über die Bedingungen der Übergabe mit den vor den Mauern Lagernden gepflogen. Die Verteidigung war selbst gegen die mehr zum Schein als zum durchschlagenden Erfolg unternommenen Angriffe eine lässige und schwache, und Florian Geyer wollte absichtlich keinen rechten Ernst damit machen, sondern die nahe bevorstehende Übergabe abwarten, weil er in einer unversehrten Stadt mehr Beute an Kriegsgerät und allen anderen brauchbaren Dingen zu machen hoffen konnte als in einer zerstörten. Durch den fortgesetzten Hader zwischen Rat und Gemeinde kam es endlich dahin, daß die Stadt ohne eigentlichen Kampf übergeben wurde und die Bauern ihren Einzug hielten. Die Bürgerschaft wollte sich den Bedingungen, die Florian Geyer ihr vorschrieb, nicht ohne weiteres fügen. Ihm aber, dem Feldhauptmann, der den Krieg nicht des Krieges, sondern seiner Zwecke wegen führte, war es nicht darum zu tun, den Widerstand einer einzelnen überwundenen Stadt zu strafen und zu rächen. Er wollte sich darauf beschränken, den Heilbronnern ihre Geschütze und sonstigen Waffen sowie genügende Lebensmittel zum Unterhalt seiner Leute abzunehmen und im übrigen statt der Gewalt Gnade walten lassen. Da war es Judika, die ihm unter vier Augen dieses gelinde Verfahren auf das dringendste widerriet. Sich im sicheren Besitz des geliebten, heißersehnten Mannes fühlend, war sie nun wieder ganz Kriegerin und dachte und wollte nichts anderes als den Krieg, über dessen höchste nationale Ziele Florian sie in wiederholten Gesprächen aufgeklärt hatte, mit aller Kraft und größter Entschiedenheit fortsetzen, um ihn so schnell wie möglich zu Ende zu bringen und die erstrebte Freiheit für alle und damit zugleich Lebens- und Liebesglück für sich selber zu erringen. Darum wollte sie von irgendwelcher Schonung, die als Schwäche gedeutet und dem siegreichen Fortgange des Kampfes nur hinderlich und nachteilig werden konnte, nichts wissen. Zudem haßte sie die reichen Städter und die üppigen Städterinnen fast ebensosehr wie die Herren und Frauen auf den Ritterschlössern und gönnte auch diesen Hochfahrenden jede Demütigung vonseiten derer, die sie bisher unter der Herrschsucht und Willkür der stolzen Stadtgeschlechter hatten beugen müssen. »Du darfst hier keine Nachsicht üben, Florian!« sagte sie. »Wer uns als Feind entgegentritt, muß die Hand des Siegers an der Kehle fühlen, die Widerspenstigen müssen merken, daß wir, wo wir hinkommen, die Herren sind und ihnen unseren Willen zum Gesetz machen.« »Mit ihrer Unterwerfung unter unseren Willen und ihre Gelobung in den Bund ist der Zweck erreicht,« erwiderte Florian. »Glaubst du, daß die, die nicht freiwillig, sondern gezwungen sich in den Bund geloben, ehrliche und zuverlässige Bundesgenossen sind? nimmermehr!« sprach Judika. »Sobald wir ihnen den Rücken kehren und abziehen, heben sie das aus Angst geduckte Haupt trotzig wieder empor und hetzen und erneuern den Widerstand gegen uns, wenn du ihnen die Macht und die Mittel dazu läßt. Und glaubst du, daß sie uns schonen würden, wenn wir die Unterliegenden wären? nimmermehr! Den Freunden jeden Vorschub, den Feinden jeden Nachteil! Die Gefährlichsten müssen für immer stumm gemacht, den Böswilligen muß alles genommen werden, womit sie uns später einmal schaden könnten, anders geht es nicht. Du kennst den Krieg besser als ich, Florian! muß ich dir erst das Schwert schärfen und Herz und Willen stählen?« »Man merkt es, daß du aus Jäcklein Rohrbachs erbarmungsloser Schule kommst,« lächelte er. »Um Furcht und Schrecken zu verbreiten, daß ihm alles gehorchte, alles vor ihm zitterte, dazu war die Weise gut, die er aufspielte,« erwiderte sie. »Ihn mußte ich oft von übertriebenen Grausamkeiten zurückzuhalten suchen, dich mit deinem guten, edlen Herzen muß ich anfeuern. Du denkst zu groß von den Menschen, geliebter Mann!« »Der Feldherr darf nicht rauben und plündern wie ein Landsknecht oder Troßbube.« »So laß die Landsknechte und Troßbuben plündern! befiel es nicht und verbiet es nicht! Sich bereichern sie an Beute, dich aber an Macht und geben deinen künftigen Forderungen einen Nachdruck, der besser wirkt als Drohungen, an die man nicht mehr glaubt, weil sie auch anderswo schon ausgesprochen, aber nicht ausgeführt wurden,« hielt Judika dem ritterlichen Freunde in immer dringenderem Tone vor. »Und gerade jetzt, gerade hier ist Strenge nötig,« fuhr sie fort. »Du willst in den Odenwald, um die Städte dort in den Bund der Bauern zu bringen. Liefere ihnen hier ein warnendes Beispiel, laß sie merken und erfahren, daß du mit Eisenschuhen niedertrittst, was sich dir in den Weg stellt, laß den Schrecken deinem Namen vorauseilen, und die Städte des Odenwaldes fallen ohne Schuß und Schwertstreich dir zu Füßen!« »Sollte ihnen Weinsberg noch nicht genug schreckendes Beispiel sein?« sprach Florian. »Das schlimmste davon kommt auf Jäckleins Kerbholz,« erwiderte sie. »Nun müssen sie auch dich noch fürchten lernen, dürfen nicht auf deine Gnade pochen, auf deine Großmut sich verlassen. In diesem Kriege muß der Sieger auch immer ein Rächer sein, und jeder, jeder muß fallen, der als Feind dir gegenüber noch aufrecht steht, bis auch der letzte gebrochen am Boden liegt.« Er sah sie mit einem langen, innigen Blicke nachdenklich an und sagte dann: »Weißt du, was ich nicht möchte, Judika?« »Nun?« frug sie gespannt, »was möchtest du nicht?« »Dein Feind nicht sein,« lachte er. »Bist du ja auch nicht, Liebster!« rief sie jubelnd, umschlang ihn feurig und küßte ihn. »Judika,« begann er dann ernst, »wenn ich nur nach den Regeln einer unnachsichtigen Kriegführung handeln wollte, so hättest du recht mit deinem Rat zur Anwendung gnadenloser Strenge. Aber diese ist nicht überall am Platze, und oft kommt man mit Milde rascher zum Ziele. Wir sind hier die Herren in der Stadt; das wissen die Bürger und werden sich fügen, wenn auch widerwillig. Wollten wir sie unnötigerweise plagen und schröpfen, so würden wir uns bei ihnen verhaßt machen; sie würden sich von uns abwenden statt uns anzuhängen, und wir würden, in dem üblen Rufe stehend, nur Beutemacher zu sein, um so größere Mühe haben, auch noch andere Städte für uns zu gewinnen. Wo ich Widerstand finde, brech' ich ihn und versäume nicht, Hartnäckige dann und wann durch kleine Denkzettel an unsere Stärke zu erinnern; aber hier war das bis jetzt nicht erforderlich. Also vertraue mir, Geliebte, wie ich es einrichte und anordne. Ich kenne den Krieg, seine Hilfsmittel, seine Listen und seine Schrecken.« Er hatte im Ton einer sicheren Überlegenheit gesprochen, und Judika fühlte heraus, daß er ihren Einfluß in gewissen Schranken halten und sich von ihr nicht bestimmen und beherrschen lassen wollte. Daher erwiderte sie etwas unmutig: »Nun, du bist ja der Befehlende und wirst für dein Tun und Lassen Gründe haben, die ich nicht verstehe. Also handle nach deinem Ermessen und mit recht viel Milde, wenn du damit weiter zu kommen glaubst.« So tat er auch und blieb bei seinem Entschlusse, gegen die Heilbronner nicht allzu strenge Maßregeln zu ergreifen. Jedoch ließ er es zu, daß die Beutemeister die geistlichen Häuser und Klöster, besonders Haus und Hof der Deutschherren um beträchtliche Summen brandschatzten, und drückte auch ein Auge zu, als er vernahm, daß unter der Hand doch hie und da in reichen Bürgerhäusern ein wenig gemaust und geplündert worden war. Die allgemeine Plünderung mußte der Rat mit schwerem Gelde von den Bauern loskaufen, mußte die Stadt in den Bund geloben, Geschütze und Pulver ausliefern und Fuhrwerke stellen. Zu seinem Zuge in den Odenwald wollte Florian nur eine geringe Schar auserwählter Leute mitnehmen und die Hauptmasse unter Ehrenfried Kumpfs Befehl bis zu seiner Rückkehr in Heilbronn zurücklassen. Mit der Ordnung dieser Dinge verging die Hälfte des folgenden Tages, und erst am Nachmittag konnte sich Florian von Judika, die in dem Hause des Patriziers Engelbert Uffsteiner wohnte, vor seinem Ritte verabschieden, den er in der nächsten Morgenfrühe antreten wollte und auf dem ihn zu begleiten sie sich geweigert hatte. Als er das geräumige Wohngemach der Familie betrat, fand er dort die Herrin des Hauses und – kaum seinen Augen trauend – Judika in einem überaus kostbaren Gewande, an dessen Falten noch dieses und jenes zu ordnen Frau Elisabeth Uffsteiner eben beschäftigt war. Die Erwählte seines Herzens trug ein lang nachschleppendes Kleid von großgemustertem Goldbrokat; der Besatz an dem ringsherum tief ausgeschnittenen Mieder, an den weiten Ärmeln und am unteren breiten Saum war von veilchenblauem Sammet mit reicher Goldstickerei. Ein mit bunten Steinen besetzter Gürtel schlang sich um die Hüften und hing lang herab, und den Kopf schmückte eine weiße, golddurchwirkte Tüllhaube. Sie sah in dieser Kleidung so fürstlich stolz und prächtig aus, daß Florian seine Augen mit Entzücken auf der herrlichen Gestalt der Geliebten weiden ließ und sich zur Begrüßung der Hausfrau erst anschickte, als diese, unbemerkt von ihm, sich bereits aus dem Zimmer entfernt und ihn mit Judika allein gelassen hatte. »Judika!« rief er nun voll Staunen aus, »wo hast du das her? hat dir's die Frau dieses Hauses verehrt?« »Nein,« erwiderte sie in holder Verlegenheit vor seinen schwelgenden Backen, »Rottmeister Schellenschmidt brachte mir das köstliche Beutestück, und Frau Uffsteiner ließ mir nicht Ruhe mit Zureden, es doch einmal anzuziehen. Da gab ich endlich nach, einmal und nicht wieder. Es war auch nicht meine Absicht, mich von dir darin sehen zu lassen, du hast mich, zu meiner Beschämung, überrascht.« »Warum denn? es ist ja wundervoll! Aber –« »Es ist nicht vom Weinsberger Schlosse, wie Schellenschmidt mich versicherte,« fiel sie ihm ins Wort, seiner Frage zuvorkommend, »und ich will's auch nicht behalten.« »Doch, doch!« sprach er schnell, »das mußt du öfter tragen, mir zur Freude!« »Nein, Liebster!« sagte sie, »ich darf nicht vornehm tun, muß bleiben, was ich bin, wenn ich das Vertrauen unserer Bauern nicht verlieren will.« Er ging um sie herum und betrachtete sie sich ganz genau. Sie ließ es sich gern gefallen, blinzelte ihn unter ihren langen, schwarzen Wimpern schelmisch an und lächelte dazu so vergnügt, daß zwischen den roten Lippen die Zähne wie blendend weiße Perlen glänzten. Ihre große, schlanke Gestalt, ihren herrlichen Wuchs und stolzen Bau der Glieder umschwebte in der prächtigen Gewandung ein so bestrickender Reiz hoheitlicher Anmut, daß er von der verführerischen Schönheit der Heißgeliebten wie berauscht war. »O könnt' ich dich doch öfter so sehen, meine Judika!« rief er schwärmerisch aus. Sie hielt den Kopf schief und lugte ihn neckisch von der Seite an, schüttelte jedoch entschieden verneinend. Dabei geriet die Haube ins Schwanken, und als Judika sie befestigen wollte, dann aber abnahm, mochte sich wohl die Nadel in dem nur leicht aufgesteckten Haar gelöst haben, denn es rollte ihr lang über den Rücken hinab, so daß sich ihr bloßer Hals und Nacken mit den edel geschwungenen Linien nun doppelt schön von dem dunklen Gelock abhob und Florian nicht müde wurde, seine jungfräuliche Heldin mit freudetrunkener Bewunderung anzuschauen. »Weißt du was?« rief er, »Meister Lucas Cranach soll dich so malen für mich!« Sie lachte hell auf: »Was du dir denkst! – das Kleid ist nicht mein, ich nehm' es nicht.« »Behalt' es doch, Judika!« sprach er, »Du glaubst nicht, wie schön du darin aussiehst!« »Magst du mich in einem geraubten Schmucke sehen, den vor mir eine andere getragen?« »Nein, du hast recht,« erwiderte er, »aber nun weiß ich doch, wie ich dich künftig zu kleiden habe.« Sie schlug errötend die Augen nieder. Aber dann erhob sie sie wieder zu ihm, und mit einem süß beredten Lächeln sich wonnig an ihn schmiegend flüsterte sie: »Dein schwarzes Weib bin und bleib' ich in jedem Gewande.« Ihm schwoll und glühte das Herz. Stürmisch umschlang er sie, preßte die in seinen starken Armen vor Seligkeit und Lust Erbebende fest an sich und küßte sie leidenschaftlich auf Hals und Schultern. Dann standen sie, Auge in Auge versenkend, Körper an Körper gedrängt, und während seine Hand kosend in dem üppigen, weichen Schwarzhaar auf ihrem Nacken wühlte, drang und sprang es ihm aus voller Seele: »O Judika, wie lieb' ich dich! wie dank' ich dem Schicksal, daß es dich mir gab! Es wird mir sehr schwer, mich von dir zu trennen; komm doch mit in den Odenwald!« »Das darf ich nicht, Liebster,« erwiderte sie leise seufzend, »so herzlich gern ich's täte. Man würde es uns falsch auslegen; darum laß mich hier bei den Bauern, zu denen ich vorläufig noch gehöre.« »So bleibe ganz und so lange in Heilbronn, bis der Krieg aus ist und ich dich mit dem Brautkranz im wehenden Haar nach Giebelstadt heimführen kann.« »Ich sollte dich allein kämpfen lassen?« sprach sie erregt. »Nein, geliebter Mann! das Glück, das uns beiden aus der Ferne winkt, will ich auch selber erkämpfen helfen, und wenn du fällst, will ich auch an deiner Seite fallen dürfen. Die Freiheit, die wir zusammen errungen haben, wenn wir am Leben bleiben, soll uns den Weg zu deiner Burg mit Rosen bestreuen; nicht so?« Er sah ihr tief in die leuchtenden Augen und nickte ihr innig zu. Dann reichten sie sich die Hände zu treuem Druck und sprachen kein Wort dabei, denn jeder wußte, was der andere dachte. Nun mußte er fort, um seine Gefolgschaft für morgen zu mustern. »Lebewohl!« sprach er, »und auf Wiedersehen, meine Judika!« »Fliege, mein Geyer, fliege!« rief sie hoffnungsfroh, »breite deine Schwingen über den Odenwald aus und kehre bald wieder! zu allen Stunden werd' ich sehnsüchtig deiner gedenken.« Er schied, und sie begab sich hinauf in ihr Zimmer, um das Prachtkleid abzulegen und sich wieder in ihr schwarzes Gewand zu hüllen. Als Florian, das berückende Bild der Geliebten im Geiste mit sich tragend, durch die Gassen nach seiner Wohnung schritt, von Bürgern und Kriegsleuten ehrfurchtsvoll gegrüßt, hielt er mit der Linken den Griff seines Schwertes umspannt, und mit Gedanken und Wünschen wallte es ihm in der Brust kampfmutig auf: hilf mir, du alte, gute Klinge! zaudre nicht, schone nicht, schlage durch Harnisch und Haut und bahne mir stürmend den Weg zum Sieg der Freiheit und zum Glück der Liebe! Während Judika die Kleider wechselte, summte sie ein Lied vor sich hin, das sie einst von des Grafen Spielmann Melchior Nonnenmacher gelernt hatte: Was hängst du an dem Rittersmann! Er sieht dich nicht bei Wege an, Du bist ihm zu geringe. So sprach das arme Mägdelein In ihres Herzens Angst und Pein, Wie sie das Leid bezwinge. Da hielt er schon vor ihrer Tür, Rief hoch vom Rosse: »Komm herfür! Will dir ein Wörtlein sagen. Ich denke deiner Tag und Nacht, Nun aber reit' ich in die Schlacht, Muß Leib und Leben wagen. Doch hat mein gutes Schwert gesiegt, Daß tot der Feind am Boden liegt, Komm' ich, um dich zu werben. Und kehr' ich wieder nimmerdar, So weißt du jetzt, daß dein ich war Im Leben und im Sterben.« »O nimm mich mit ins Feld hinein, Laß mich dein Knapp und Bube sein Und Helm und Schild dir reichen! Ich diene dir, bist du gesund, Ich warte deiner, bist du wund, Will wanken nicht und weichen.« Er sah sie an und nahm sie mit, Und wo er stand und wo er stritt, Da stand auch sie im Streite. Er sank dahin in seinem Blut, Ihr brach das Herz dabei, sie ruht Im Grab an seiner Seite. Eine düstere Ahnung überkam sie bei dem Liede, und schwermütig wiederholte sie leise die letzten Zeilen: Ihr brach das Herz dabei, sie ruht Im Grab an seiner Seite. Sie seufzte und starrte ein Weilchen still vor sich hin. Aber dann kam ihr der alte frohe Mut zurück, sie schüttelte heftig das Haupt, daß ihr das Haar um den Nacken flog, und sang mit lauter, lustiger Stimme noch einmal: Doch hat mein gutes Schwert gesiegt, Daß tot der Feind am Boden liegt, Komm' ich, um dich zu werben. Dreiundzwanzigstes Kapitel. Schon wenige Tage nach Florian Geyers Ausritt von Heilbronn begann Judikas Prophezeiung, die sie mahnend zu ihm ausgesprochen hatte, sich zu erfüllen. Rat und Geschlechterherren, mit den Gegnern der Bauern in geheimer Verbindung stehend und auf baldige Hilfe von Ulm hoffend, trugen das nur kurze Zeit in Scheu gesenkte Haupt schon wieder höher, seit sie die starke Hand des ritterlichen Mannes nicht mehr über sich fühlten. Die Herren glaubten, mit seinem Stellvertreter im Befehl, dem einfachen, schlichten Ehrenfried Kumpf, der ein tüchtiger Bauernführer, aber kein redegewandter Vermittler und kluger Ergreifer von wirksamen Maßregeln war, leichter fertig werden und ihn mit einem selbstbewußten, hochfahrenden Auftreten einschüchtern zu können. Sie machten Schwierigkeiten bei Verabfolgung der ausbedungenen Lieferungen und ließen sich durch Ehrenfrieds Drohungen nicht beirren, in der Voraussetzung, daß er es nicht wagen, die strengen Weisungen seines obersten Hauptmannes eigenmächtig zu überschreiten, und dieser selber nicht nach Heilbronn zurückkehren würde. Ehrenfried war in einer mißlichen Lage, denn auf ihm ruhte eine schwere Verantwortlichkeit, der er nicht gewachsen war. Die Unterführer, mit denen er sich beriet, drängten zu einem entschiedenen Vorgehen gegen die in Erfüllung ihrer übernommenen Verpflichtungen säumige Stadt, und dasselbe tat Judika, der er seine Not klagte und die sich bereit erklärte, die Verantwortung Florian gegenüber tragen zu wollen. Machte er dann Anstalten und erließ er Befehle, seine Forderungen mit Gewalt durchzusetzen, so kamen ihm die weisen Herren vom Rate mit listigen Vorstellungen und Versprechungen, gaben scheinbar und in Kleinigkeiten auch wirklich nach, aber in der Hauptsache blieb es bei einer teils versteckten, teils offenen Widersetzlichkeit. Da ereignete sich eines Tages etwas höchst Überraschendes. Judika, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, die von Bauern besetzten Torwachen täglich mehrmals zu besichtigen, begegnete dabei einem soeben zur Stadt hereinschreitenden, ärmlich gekleideten Landmann, der, als ob er von der Arbeit in den Weinbergen käme, ein großes Bündel Pfähle, woran man die Reben bindet, auf dem Rücken trug und deshalb als unverdächtig an der Wache vorbeigelassen wurde. Zufällig schaute Judika ihm ins Gesicht, stutzte, besann sich einen Augenblick und vertrat ihm dann stracks den Weg mit der Anrede: »Schweppe! wo kommt Ihr her?« Der Mann erschrak, geriet sichtlich in Verlegenheit und stotterte: »Ich – ich kenn' Euch nicht.« »Aber ich Euch!« sagte Judika. »Was habt Ihr in Heilbronn zu suchen? Heda!« rief sie einigen Bauern zu, »nehmt den einmal in die Wachstube und durchsucht ihn! es ist der Reitknecht des Ritters von Gemmingen; ich habe ihn oft mit seinem Herrn auf Schloß Weinsberg gesehen.« »Ihr irrt Euch, Ihr irrt Euch!« beteuerte der Mann ängstlich, »ich heiße Ritzhaupt und bin aus Neckargartach.« »Komm nur mal 'rein!« lachten die Bauern, »wir wollen dir Haupt und Hals ritzen, Junkerknecht, so du nicht beichtest.« Sie schleppten ihn in die Wachstube, und Judika folgte. Dort hieß es: »Nun bekenne freiwillig, was du hier zu schaffen hast, sonst legen wir dich auf die Leiter und strecken dich so lange, bis du losdrückst.« Er schwieg. Die Bauern durchsuchten und befühlten ihn am ganzen Leibe und entdeckten dabei einen in sein Lodenwams eingenähten Brief an den Bürgermeister von Heilbronn. Judika erbrach ihn, las ihn und rief: »Ah! Verrat, Verrat! tückischer Verrat!« Dann machte sie die Bauern mit dem Inhalt des Briefes, der aus Ulm und vom Ritter von Gemmingen im Auftrage des Truchseß von Waldburg geschrieben war, bekannt. Er lautete dahin: der Rat möchte sich noch einige Tage gedulden, bis eine Abteilung des schwäbischen Bundesheeres zu seiner Hilfe herankäme, er solle die Bauern in der Stadt zu halten suchen, damit man sie fangen und niedermachen könnte, vor allem sollte er Florian Geyer und das schwarze Weib, die Hofmännin, nicht entwischen lassen. sondern sie einkerkern und dem schwäbischen Bunde ausliefern. Judika war empört, und die Bauern gerieten in solche Wut, daß sie den Überbringer des Schreibens auf der Stelle ermordet hätten, wenn ihn Judika nicht geschützt hätte. »Haltet ihn in festem Gewahrsam,« befahl sie, »wir werden wohl noch mehr von ihm erfahren. Das Weitere besorg' ich.« Nun eilte sie zu Ehrenfried Kumpf, teilte ihm das Geschehene mit und riet ihm, doch in sehr gebieterischer Weise, sofort die Ratsglocke läuten, auch sämtliche Zunftmeister in die dadurch einberufene Ratsversammlung bestellen zu lassen und selber mit einigen Rotten bewaffneter Bauern im Sitzungssaale zu erscheinen; sie würde dort sein und das Wort führen. Die Ratsherren verwunderten sich höchlich, plötzlich zu einer außerordentlichen Sitzung berufen zu werden, über deren Veranlassung ihnen schlimme Ahnungen aufstiegen. Am meisten erschrocken war der Bürgermeister, als er das ohne seinen Befehl ertönende Läuten der Ratsglocke hörte, und als man nun sowohl die Zunftmeister in Waffen sich zum Rathause begeben, als auch mehrere Rotten von Bauern dorthin marschieren sah, geriet die ganze Einwohnerschaft in Aufruhr. Schnell verbreitete sich in der Stadt das Gerücht, daß ein Kundschafter des schwäbischen Bundes, ein als Bauer verleideter Junker, gefangen wäre. Alt und jung strömte aus allen Gassen zum Markte, wo sich bald eine große neugierige und aufgeregte Menge von Bürgern und Bauern staute. Kaum war eine Viertelstunde vergangen, da saßen Bürgermeister und Ratsherren auf ihren Stühlen, sich beklommenen Gemütes fragend, was das geben würde. Auch die Meister und viele andere Mitglieder der Zünfte sowie Ehrenfried Kumpf mit mehreren Unterführern und einer stattlichen Schar Bewaffneter waren zur Stelle, so daß der Saal gedrängt voll war. Judika, Gemmingens Brief in der Hand, trat mitten vor den Tisch des Rates, dem Bürgermeister gegenüber. Sie war sehr bleich und begann mit vor Erregung bebender Stimme: »Bürgermeister und Ratmannen! ich habe euch durch den Ruf eurer Glocke versammeln lassen und auch die ehrbaren Zunftmeister herbestellt, um euch in deren Gegenwart ins Gesicht zu sagen: Bürgermeister und Rat von Heilbronn, ihr seid eidbrüchige Verräter!« Da fuhren sie zusammen wie von einem Schlage getroffen. Die meisten saßen starr und stumm. Einige aber sprangen von den Stühlen auf und schrien: »Was soll das heißen? Was untersteht sich das schwarze Weib? Wo ist der Stadthauptmann mit den Knechten?« und wollten hinaus. Die Zunftmeister aber wiesen sie zurück: »Nicht von der Stelle! hier kommt niemand hinaus und niemand herein!« Ehe es dem Bürgermeister gelang, den betäubenden Lärm zu stillen, hob Judika die Hand hoch und gebot mit lauter Stimme: »Ruhe verlang' ich! das Wort hab' ich! « Da schwieg alles, und Judika fuhr fort: »Bürgermeister und Rat! ihr habt euch und eure Stadt dem Ritter Florian Geyer in den evangelischen Bund gelobt, und nun hört diesen Brief, den wir einem in Verkleidung eingeschlichenen Boten des schwäbischen Bundes abgenommen haben, die Antwort auf ein Bittschreiben von euch um Hilfe gegen uns Bauern!« Sie las den Brief laut vor und schloß dann: »Herr Bürgermeister, ich frage Euch: was habt Ihr darauf zu erwidern?« Die Gesichter der Ratsherren waren lang geworden; in bestürztem Schweigen saßen die auf ihrer Hinterlist Ertappten da und rührten sich nicht. Nur die wenigen dem Handwerkerstande angehörigen Mitglieder des Rates erhoben sich, aufgebracht über den hinter ihrem Rücken angesponnenen Verrat, und gesellten sich zu ihresgleichen im Saale, den Zunftmeistern, unter denen sich eine unmutsvolle Bewegung mit Ausdrücken des Abscheus und der Verwünschung kundgab. Der Bürgermeister aber, ein bejahrter Herr von entschlossenem Aussehen, ermannte sich und erwiderte mit strenger Amtsmiene: »Jungfrau Hofmännin, wer gibt Euch das Recht, mich so zu fragen? wo ist Eure Vollmacht dazu?« »Hier steht sie in Wehr und Waffen!« rief Judika mit der Hand im Kreise auf die sie rings umgebenden bewaffneten Bauern zeigend. »Wollt Ihr mit Eurer Antwort so lange warten, bis ich Euch meine Vollmacht fühlen lasse?« »Laßt mich den Brief einsehen,« sprach er in gemäßigterem Tone. »Da!« und sie krachte mit hartem Schlage der Hand das Schriftstück vor ihn hin auf den Tisch. Der Bürgermeister las und sagte darauf: »Hier steht nichts davon, daß dies eine Antwort auf ein Bittschreiben von uns wäre. Wir haben keine Hilfe vom schwäbischen Bunde verlangt.« »Auch noch leugnen?!« rief Judika mit rollenden Augen. »Ein Wink von mir, und ihr liegt einer nach dem anderen auf der Leiter unter peinlicher Frage!« »Und wenn es nun so wäre, wenn wir euch ungebetene Gäste los sein wollten, könnt Ihr's uns verdenken?« sprach der Bürgermeister entschieden. »Heilbronn ist eine freie Reichsstadt, die nicht von Bauern regiert sein will.« »Reichsfrei? nein, vogelfrei wie der Verfemte auf der Landstraße ist sie von diesem Augenblick an, und ihr Regiment ist eine Gesellschaft bundbrüchiger Verräter!« brauste Judika zornglühend auf. »Ihr wollt den Ritter Florian Geyer und mich dem schwäbischen Bunde ausliefern? Wir werden euch dem Henker ausliefern und ihm zurufen: Köpfe ab den Schelmen! Wenn ich nicht wüßte, daß eure Mitbürger anders denken als ihre – hochwohlweise Ehrbarkeit, so ließe ich das Nest an allen vier Ecken in Brand stecken, daß von der freien Reichsstadt nichts als ein Haufen Trümmer übrigbliebe. Habt ihr nicht bedacht, ihr hochmütigen Stadtjunker, daß ihr mit eurer Niedertracht eure Hälse daran setztet und nicht allein euch, sondern auch eure Mitbürger in Tod und Verderben brachtet? Was sagt ihr dazu, Bürger von Heilbronn?« wandte sie sich zu den Umstehenden. »Wenn euch der schwäbische Bund mit seinen junkerlich und pfäffisch gesinnten Machthabern überzuckt, so ist es auch mit dem letzten Rest eurer bürgerlichen Freiheit zu Ende und mit eurem evangelischen Glauben erst recht, und das habt ihr dann eurem Rate zu danken!« Starkes Murren und entrüstete Ausrufe wurden unter den Handwerksmeistern laut, die schon eine sehr drohende Haltung annahmen. Den Ratsherren ward bang zumute, denn sie kannten die feindliche Gesinnung der Zünfte gegen sich und wußten auch, daß die Bauern mit Mord und Brand nicht lange fackelten. Voll Grimm und in zitternder Scheu blickten sie auf Judika, die hoch aufgerichtet, viele der Männer überragend, als freiheitstolze Rächerin des Eidbruches vor ihnen stand und eine Sprache gegen sie führte, wie man sie in Heilbronn noch von keinem Kaiser gehört hatte. »Was wollt Ihr nun von uns?« nahm noch der Unverzagteste von ihnen, der Bürgermeister, wieder das Wort. »Jawohl, das möchten wir wissen,« wagten einige Ratsherren ihm schüchtern beizustehen. »Was ich von euch will? das fragt ihr noch?« sprach Judika hohnlachend. »Euch allen Regiments, Gebietens und Verbietens hier in der Stadt entübrigen, das will ich!« »Wir sind der erwählte Rat und haben unser verbrieftes Stadtrecht, das uns in unserer obrigkeitlichen Gewalt schützt und stützt,« erwiderte der Bürgermeister. »Mit eurer Gewalt ist's aus; ihr seid abgesetzt! herunter von den hohen Stühlen!« rief Judika. »Ihr ehrbaren Zunftmeister übernehmt das Regiment der Stadt! wählt euch selber aus euren Reihen Bürgermeister und Rat und macht mit denen da, was euch gut dünkt! Einen aber muß ich haben, der mir mit seinem Kopfe für die anderen haftet, dort den Bürgermeister! Nehmt ihn, ihr Bauern, und werft ihn in den Turm! Ritter Florian Geyer mag über sein und ihrer aller Schicksal entscheiden.« Nun entstand ein wilder Tumult. Die Ratsherren sprangen auf und scharten sich um ihr Oberhaupt, aber die Bauern drangen auf sie ein, griffen sich den Bürgermeister heraus und führten ihn ab. Die Ratsherren wurden aus dem Saale mehr hinausgeworfen als geschoben, und als dies geschehen war, rief der Obermeister der Weingärtner, der größten Zunft in Heilbronn, dem Zunftmeister der Bäcker zu: »Hans Flux, übernimm du den Vorsitz und leite unsere Wahl von Bürgermeister und Rat!« Draußen auf dem Markte wurden die Verstoßenen mit lautem Hohngeschrei empfangen, und schadenfrohes Volk zog johlend und pfeifend mit dem Bürgermeister und den ihn umgebenden Bewaffneten zu dem Turm, in welchem er eingesperrt wurde und in welchem vor sechs Jahren der Rat den Ritter Götz von Berlichingen kurze Zeit gefangen gehalten hatte. Judika gab den Bauern den Befehl, keinen Ratsherrn aus der Stadt hinauszulassen, und machte sich dann auf den Heimweg, von der harrenden Menge mit stürmischen Jubelrufen begrüßt und zu ihrer Wohnung begleitet. – Wie ein Blitz aus heiterem Himmel war das Strafgericht auf den Rat niedergefahren und die Umwälzung im Regiment der Stadt vollzogen. Die Zünfte waren obenauf, und die Bürger erkannten, die einen mit kaum verhaltener Wut, die anderen mit Genugtuung und Freude den starken Willen und die große Macht dieses schwarzen Weibes, das in Florian Geyers Abwesenheit unbeschränkt in der Stadt herrschte und den ritterlichen Befehlshaber mit so außerordentlicher Kraft und Entschlossenheit vertrat und ersetzte. Dennoch wünschte Ehrenfried Kumpf die Rückkehr des Feldhauptmanns mit Ungeduld, nicht bloß Heilbronns wegen. Vom fränkischen Heere war eine sehr beunruhigende Botschaft gekommen mit der Aufforderung an Florian zum schleunigen Anschluß, weil man seiner Streitkräfte in Franken, wo sich schwere Wetter um das Bauernheer zusammenzogen, dringend bedurfte. Man hatte beschlossen, Würzburg zu besetzen und den Frauenberg zu stürmen, um damit den größten Widerstand der Ritterschaft und der Fürsten in Franken zu brechen und zugleich in der starken Festung einen Halt- und Stützpunkt für weitere Unternehmungen zu gewinnen. Schon war aber das schwäbische Heer mit bedeutender Macht im Anzuge und führte mit sich, was man »der Bauern Tod« nannte, – eine zahlreiche Reiterei. So stand also in Franken eine große Entscheidung bevor, die dem ganzen Kriege eine unvermutete Wendung geben konnte, und alle Welt sah dem unausbleiblichen Zusammenstoß mit Spannung entgegen. Judika befand sich nach ihrer kühnen Tat, obwohl durchaus zufrieden mit ihrem Erfolge, in bedrückter Stimmung, hielt sich, weil sie jetzt ihrem Hauswirt, dem ratsverwandten Herrn Uffsteiner so wenig wie möglich begegnen mochte, meist still in der Einsamkeit ihres, übrigens sehr behaglich eingerichteten Zimmers und wußte selber nicht recht, ob sie sich mehr nach dem Geliebten oder mehr nach Kampf und Getümmel sehnte. Immer und immer mußte sie an Florian denken, aber so beseligt sie durch seine Liebe war, und so sehr auch ihre Liebe zu ihm ihr Herz erfüllte, war dies doch ein Element in ihr, gegen dessen Übermacht sie sich manchmal wehren zu müssen glaubte, weil es sie von der Aufgabe, der sie ihr Leben zu widmen beschlossen hatte, abzog und ihr die bisherige Stetigkeit und Unbefangenheit raubte. Sie gehörte jetzt nicht mehr allein sich selbst und ihrem Volke, sondern ihre Gedanken und Wünsche hingen nun auch mit unlösbarer Gewalt an dem Manne, den sie liebte, und sie fühlte sich in ihrem Gewissen darüber beunruhigt, daß ihr Herz nun geteilt war und nicht mehr wie früher lauter und selbstlos nur für die Freiheit schlug. War sie noch würdig, den Bauern voranzuziehen und sie zu Tapferkeit und Ausdauer zu spornen? Wenn sie ihnen jetzt zurief: »Vorwärts! ihr kämpft für eure Freiheit!« so fügte das eigene Gewissen höhnisch hinzu: und für dein Glück! auch für deine Liebe hetzst du sie in den Tod! Darüber grübelte sie oft stundenlang und ward irr an sich selber. Der aber, dessen Schicksal durch die Bande der Liebe mit dem ihrigen in den gleichen Zwiespalt verstrickt war und der ihr mit Wort und Tat ein leuchtendes Vorbild auf dem Wege treuer Pflichterfüllung hätte sein können, war fern, und noch niemals hatte er, der tröstliche Klang seiner Stimme, der strahlende Blick seiner Augen ihr so gefehlt wie in diesen Tagen der Unsicherheit ihrer selbst. Und als ob ihren Betrachtungen und Zweifeln neue Nahrung zugeführt werden sollte, geschah es, daß sie einen unerwarteten Besuch erhielt. Frau Brigitte Rohrbach, Jäckleins Mutter, war aus Böckingen gekommen und verlangte Judika zu sprechen. Die beiden kannten sich. Frau Brigitte hatte Judika in den Jahren, wo diese in dem Dorfe lebte, schätzen gelernt und lieb gewonnen, und auch Judika hatte sich zu der verständigen und rechtschaffenen Frau, die in ihrem Wesen nichts von der Leidenschaftlichkeit und Roheit ihres Sohnes hatte, stets hingezogen gefühlt und sich ihres wohlmeinenden Rates und Schutzes zu erfreuen gehabt. So war ihr der Besuch der lieben Alten herzlich willkommen, obwohl sie eine gewisse, ahnungsvolle Beklemmung empfand, was die Mutter des von ihr abgewiesenen Bewerbers zu ihr führen mochte. Frau Brigitte, eine stattliche Matrone mit grauem, fast weißem Haar, traurig und doch freundlich blickenden Augen und unzähligen Falten und Fältchen im gramüberhauchten Gesicht, schien selber verlegen, wie sie den eigentlichen Zweck ihres Kommens vorbringen sollte. Fragen nach dem gegenseitigen Befinden und Erkundigungen Judikas nach dem Stande der Wirtschaft und dem Ergehen einzelner Dorfbewohner leiteten das Gespräch ein und schleppten es hin, bis die Bäuerin endlich damit herausrückte. »Ich komme wegen meines Sohnes, meines armen Jäcklein, liebe Judika.« »Warum arm?« fragte Judika, »fehlt ihm etwas?« »Ach ja! ihm fehlt viel, ihm fehlt alles,« seufzte Brigitte, »er macht mir Kummer und Sorge.« »Habt Ihr ihn denn in letzter Zeit gesehen?« »Ja,« erwiderte die Frau, »er hat mich in Böckingen besucht, ehe er von Weinsberg weiterzog, wohin, wollt' er mir nicht sagen. Er wandelt schreckliche Wege, und wenn ich ihm folgen wollte, brauchte ich nur den Blutspuren nachzugehen, die er überall zurückläßt.« »Wir führen Krieg, Frau Brigitte,« sprach Judika ernst, beinah streng, »und wenn wir unsere Feinde nicht töten, so töten sie uns. Habt Ihr es schon vergessen, was Ritter und Junker all die Jahre her gegen das arme Bauernvolk verschuldet haben?« »Wohl wahr, wohl wahr!« nickte Brigitte, »aber so grausam blutig brauchte es doch dabei nicht herzugehen, daß viele Tausende von Unschuldigen Hab und Gut und Leib und Leben verlieren. Mir stockt das Herz, wenn ich von all den Plünderungen und greulichen Verwüstungen höre. Zu Räubern und Mordbrennern sind die Bauern geworden, und von allem der Schlimmste soll Jäcklein sein, wenn sie ihn kriegen, ist er verloren.« »Wenn wir unterliegen, sind wir alle verloren,« sagte Judika mit dumpfem Tone. »Ich hab' ihn mir vorgenommen und ihm ins Gewissen geredet,« fuhr die Alte fort; »er hörte mich auch eine Weile ruhig an, saß stumm und starr da, die Lippen aufeinander gepreßt wie in stiller Verzweiflung. Mit einem Male liefen ihm ein paar dicke Tränen über die Backen; er sprang auf und rief: ›Mutter, du weißt nicht, was hier inwendig in mir bohrt und frißt!‹ Ich sah ihn erschrocken an. ›Was ist's?‹ frug ich, ›sprich dich aus, mein Sohn! Deiner Mutter kannst du alles sagen.‹ Er rannte in der Stube wie besessen hin und her und zuckte und würgte und antwortete nicht. ›Ist's der Tod des Helfensteiners, der dir keine Ruhe läßt?‹ frug ich weiter. ›Nein! nein! die Judika! die Judika!‹ schluchzte er und schlug sich die Hände vors Gesicht. Seit seiner Kindheit hab' ich ihn nicht weinen sehen als manchmal in Ausbrüchen der höchsten Wut; diesmal aber kam's ihm aus dem Herzen, er war wie innerlich zerrissen und zerbrochen und jammerte mich in tiefster Seele, Judika!« schloß die schwer bekümmerte Mutter und sah die ihr gegenüber Sitzende mit einem bangen Blick erwartungsvoll an. »Ich kann ihm nicht helfen,« sagte Judika nach einem kurzen Schweigen. »Doch, Judika, doch!« sprach Brigitte, »du könntest ihm helfen, du allein, du könntest ihn zu einem anderen Menschen machen, wenn du ihn erhörtest und seine Frau werden wolltest. Dann käme er nach Hause, nähme sich der Wirtschaft an, die unter meinen alten, schwachen Händen immer mehr zurückgeht und schier verkommt, und ihr könntet ein sorgenloses, gutes Leben haben, ihr beiden zusammen.« »Solange der Krieg währt, kann er nicht heimkommen, Frau,« erwiderte Judika. »Und auch dann, – sein Weib kann ich niemals werden, niemals.« »Du hast dich dem Ritter Florian Geyer vertraut, ich weiß es wohl,« sagte Brigitte. »Aber was soll daraus werden, Judika? Zu deinem Heile wird es nicht ausschlagen. Du kannst ihn nicht glücklich machen und er dich nicht; nur gleich und gleich gesellt sich gut. Du bist auf einem Schlosse aufgewachsen, aber eine rechte Schloßherrin wirst du in deinem Leben nicht. Des Ritters Lehensleute werden dich nie als ihre Herrin anerkennen, ›sie ist auch nur eine von uns,‹ werden sie sagen, ›und nun tut sie stolz und groß und dünkt sich wunder was.‹« »Wer sagt Euch, daß ich groß und stolz tun werde?« fuhr Judika auf. »Und die anderen Ritter mit ihren Frauen werden dich erst recht nicht achten,« fuhr Brigitte fort, »sie werden dich über die Achsel ansehen, weil du nicht ihresgleichen bist. Und dann kommt bei ihm selber die Reue; er wird deiner überdrüssig werden, sich deiner schämen und dich verstoßen, und was wird dann aus dir? dann liegst du auf der Landstraße, schleichst am Bettelstab einher, verhöhnt und verspottet und verloren an Leib und Seele.« »Sagt Ihr mir das alles in Jäckleins Auftrag?« fragte Judika finster. »Nein, das nicht, er hat kein Wort davon gesprochen,« versicherte die Frau. »Aber ich sehe dein Unglück klar vor Augen. Du hast früher manchen guten Rat von mir angenommen, Judika; tu' es auch jetzt, eh' es zu spät ist! Laß ab von dem Ritter! jetzt hemmst du ihn in seinem Tun und in seiner freien Bewegung, und später wirst du eine lastende, schleppende Kette an seinem Leben, ein Makel an seinem Schilde, wenn er dich nicht schon vorher im Stich läßt, nachdem er sich an deiner Gunst gesättigt hat.« »Frau Brigitte!« rief Judika empört, »ich lasse mir viel von Euch sagen, aber beschimpfen lasse ich mich nicht; ich kann Euch frei von Schuld und Sünde in die Augen sehen.« »Heute – mag sein, aber wie lange noch? und wer glaubt dir's, der dich hier in solchem Hause wie eine Herrin wohnen sieht? ich, ja! denn ich kenne dich, aber die Bauern! meinst du nicht, daß sie munkeln von der Liebsten des Hauptmanns, die auszog, für Freiheit zu kämpfen und sich unterwegs einen Ritter einfing?« »Wenn der Ritter zur Stelle wäre, würde er Euch die Antwort darauf geben,« sprach Judika stolz. »Man weiß, was Ritterworte gelten, wenn Bauern damit abgespeist werden sollen.« »Kennt Ihr den Ritter Florian Geyer?« »Er ist ein Ritter, und das ist mir genug.« »Mir ist es auch genug,« entgegnete Judika bestimmt, »und genug ist mir auch nun dieses Gespräch. Laßt uns von anderen Dingen reden, oder ich vergesse, wieviel Dank ich Euch schuldig bin.« Aber Frau Brigitte ließ sich nicht abschrecken, sie nahm eine Hand Judikas in ihre beiden, schaute ihr so recht treuherzig in die Augen und sprach mit bewegter Stimme: »Judika, werde meine liebe Tochter! Du sollst es gut bei uns haben.« »Ich kann nicht,« erwiderte Judika kopfschüttelnd, »ich liebe Euren Sohn nicht, fühle nichts für ihn als Abscheu und Grausen.« »Du könntest ein christlich Werk an ihm tun, ihn bessern, ihn retten vom zeitlichen und ewigen Verderben,« fuhr Brigitte fort. »Er wird an deiner Seite, unter deinen Händen ein anderer Mensch werden, du kannst aus ihm machen, was du willst. Jetzt ist er aus Rand und Band, und in der Verzweiflung verschmähter Liebe wird er zum Wütrich und Unmenschen, dem nichts auf Erden mehr heilig ist.« »Ich kann nicht, ich kann nicht!« rief Judika, außer sich von dem unaufhörlichen Drängen der hartnäckigen Bäuerin, und sprang auf. »Mein Herz gehört einem anderen, und mit ihm will ich leben und sterben. Die Entscheidung steht vor der Tür, bald wird alles gewonnen oder alles verloren sein.« »Läßt du mich ohne Trost von dannen gehen?« »Was Ihr von mir verlangt, ist unmöglich,« sprach sie. Die alte Frau stand, Tränen in den Augen, mitten im Gemach und fingerte mit ihren knochigen Händen, als wollte sie sie falten und könnte nicht. Ihre Lippen bebten und suchten nach Worten, die sie nicht fanden. »Lebewohl!« sagte sie endlich, »möge es dich nie gereuen, was du zu tun gesonnen bist!« Judika schloß sie in die Arme, ohne noch etwas zu erwidern, und dann ging Frau Brigitte traurig ihres Weges, den sie gekommen war. Judika warf sich in einen Lehnstuhl; ihre Brust wogte in heftigster Erregung. Die Worte der Alten: »Jetzt hemmst du ihn in seinem Tun, und später wirst du eine Kette an seinem Leben, ein Makel an seinem Schilde sein« brannten ihr wie Feuer auf der Seele. Und man sollte sie für des Ritters Liebste halten, weil sie auf seine Anordnung, unter seinem Schutz in einem reichen Hause wohnte? Sie erschrak förmlich bei diesem Gedanken und in dem Gefühl, daß ihr Frau Brigitte die Augen geöffnet hatte über Dinge, die sie selber in ihrer sinnenden, sehnenden Liebe und im Bewußtsein ihrer Unschuld niemals in so peinlicher Beleuchtung gesehen hatte. Um jenen unwürdigen Verdacht zu beseitigen, beschloß sie, das üppige Patrizierhaus sofort zu verlassen und sich in der bescheidensten Weise bei einem Handwerker einzuquartieren, und damit war sie über diesen Punkt schnell fertig und mit sich einig. Viel schwerer drückte sie das, was ihr Brigitte wegen ihrer Liebe zu Florian vorgehalten hatte. Aber sie wußte es der guten Alten Dank, daß sie ihr die Wahrheit gesagt hatte, so wie es diese in ihrem ehrlichen, einfältigen Gemüt verstand und empfand, und nun wollte sie selber sich die Hand einmal aufs Herz legen, sich prüfen und sich klarmachen, ob sie im Recht war oder im Unrecht. Von Florians Liebe war sie so heilig überzeugt wie von ihrer eigenen, und keine Bedenklichkeit, keine Verleumdung würde sie in ihrem Glauben an seine Treue wanken machen. Er, der so groß und frei Denkende, daß er nur einen Stand im Reiche gelten lassen wollte, der sollte sich jemals ihrer schämen, weil sie keine Edelgeborene war? Freilich, es hatte Zeiten gegeben, und sie lagen noch nicht so weit zurück, wo sie es selber für unmöglich gehalten hatte, des Ritters Gattin werden zu können, aber Florian hatte ihr diese bangen Zweifel vollständig aus der Seele verscheucht und von Stirn und Lippen weggeküßt. Durch seine Liebe fühlte sie sich erhöht und aus ihrer Niedrigkeit emporgehoben zu Ansehen und einer ihrer Erziehung entsprechenden Stellung, und in der großen Wertschätzung, die ihr Florian stets bezeigte, gewann sie Sicherheit und Selbstvertrauen, klagte nicht mehr wie früher über ein verfehltes Leben, sondern sah den Ehren und Freuden, die ihr an seiner Seite winkten, so froh und zuversichtlich entgegen, als oh sie ihr von Rechts wegen gebührten. Ritterliche Sitten kannte sie und wußte sich in ihren Formen zu bewegen, und daß sie auch wie eine Ritterfrau aussehen konnte, hatte ihr der Geliebte selber gesagt, als er sie in dem prächtigen Gewande einer Edlen überrascht hatte. O sie konnte mit ihrer schönen, überall Eindruck machenden Gestalt schon eine Schloßherrin abgeben, die jedem, auch noch so erlauchten Gaste den Ehrentrunk mit Anstand und Anmut kredenzen würde. Sollten sich Florians Standesgenossen und deren Frauen deshalb von ihm abkehren, weil sie von zweifelhafter Herkunft war, so würde sie dem Stolz auch allen Stolz entgegensetzen, über den sie mit Erfolg gebieten konnte, wenn sie wollte und wenn es nötig war. Und sollte sich Florian über eine ihm seitens anderer zur Schau getragene Nichtachtung seiner Gattin härmen, so sollte er dafür süßen Trost in ihren Armen finden, denn sie traute sich die Macht zu, ihn dauernd zu fesseln und zu beglücken. War ein Irrtum in dieser Rechnung? würde ihr die Zukunft vielleicht nicht halten, was die Gegenwart mit schillernden Hoffnungen versprach? Forderte das Schicksal vielleicht doch von ihr das höchste Opfer, das ein Mensch zu bringen vermag, das Opfer ihrer Liebe? Sollte sie den Geliebten freigeben, ihn seines Wortes entbinden, weil er ohne sie, mit einer anderen glücklicher werden könnte als mit ihr? Nein, nimmermehr! sie war sein Glück wie er das ihre, und wenn sie ihn freigeben wollte, so gäbe er doch sie nicht frei. Also auch diese Sorge, daß ihre Liebe zu einem unheilschweren Verhängnis für sie und Florian werden könnte, schien ihr nichtig und verschwand in ihrem Denken und in den Gefühlen von Hingebung und Sehnsucht wie ein Regentropfen im wogenden Meere. Aber am Ende war der andere Vorwurf, den ihr Brigitte gemacht hatte, begründeter, der Vorwurf, daß sie Florian, so lange der Krieg noch dauerte, in seinen Unternehmungen hinderte und hemmte. Sie hatte sich selber schon die Frage vorgelegt, ob sie mit dem Bekenntnis ihrer Liebe nicht zu schnell gewesen wäre, ob sie nicht besser getan hätte, ihrem früheren Vorsatz treu zu bleiben, ihre Leidenschaft zu Florian im tiefsten Herzensgrunde zu verschließen und sich erst dann in die offenen Arme des Geliebten zu werfen, wenn der Sieg errungen und beiden nichts mehr im Wege war, sich ihres gegenseitigen Besitzes in Frieden zu erfreuen. Denn die Erwägung lag nahe genug, daß Florians Kraft und Wille durch die liebevoll sorgende Rücksichtnahme auf die Erkorene seines Herzens beeinträchtigt, mindestens beeinflußt werden könnte; und auf seine Entschiedenheit im Handeln, auf seine völlige Unabhängigkeit von allen nebensächlichen Dingen und Verhältnissen, die mit dem Kriege und seinen wahren Zielen nicht in unmittelbarem Zusammenhange standen, kam weit mehr an, als auf das Wohl und Wehe eines einzelnen jungen Weibes, das sich jeden Augenblick und ohne Schaden des Ganzen vom Schauplatze der Taten zurückziehen konnte. Florian hatte ihr mehr als einmal geraten, dem Kriegslärm fernzubleiben und den Ausgang in stiller Verborgenheit abzuwarten, bis er als Sieger käme, sie heimzuführen. Aber das hatte sie stets zurückgewiesen, weil sie mit dem Geliebten Kampf und Gefahren teilen und nicht von seiner Seite weichen wollte. Und nicht hemmen und hindern, sondern helfen und fördern wollte sie ihn, ihn begeistern und anfeuern, und gerade jetzt, wo eine große Entscheidung bevorstand, konnte von Entsagung und Rückzug keine Rede sein. Mit Florian Hand in Hand wollte sie dem Schicksal entgegengehen, und was es auch bringen mochte, Gedeihen oder Verderben, das brachte es beiden zusammen, nicht dem einen den Sieg und dem anderen den Tod. So bereute sie nichts von dem, was sie getan hatte, wünschte nichts ungeschehen von dem, was ihr begegnet war, und fühlte kein Wanken und Schwanken mehr. Wie zwei Schildhalter, gleich stark und mächtig die in ihrer Vorstellung untrennbar verschlungenen Symbole der Freiheit und des Glückes hütend und schirmend, standen in ihrem Herzen auf der einen Seite die Lust zu Kampf und Sieg und auf der anderen die Liebe. – Zwei Tage später kam Florian zurück, billigte und bestätigte lobend alles, was Judika in seiner Abwesenheit getan hatte, ihr nun mit ihren klug voraussehenden Bedenken recht gebend und sich seine Maßnahmen gegen den bundbrüchigen Rat vorbehaltend. Sehr verwundert aber war er, Judika nicht mehr in dem Hause des Geschlechterherren, sondern in der ärmlichen Wohnung eines Schuhmachers einquartiert zu finden. Sie erklärte ihm ihren Beweggrund zu diesem Wechsel, erzählte ihm von dem Besuch der Frau Brigitte Rohrbach und teilte ihm deren Mahnungen und Vorhaltungen, aber auch ihren Entschluß mit, sich niemals von ihm trennen zu wollen. »Recht so, mein schwarzes Weib, du all mein Glück auf Erden!« sprach er und zog sie bewegt an seine Brust. »Wir beide sind eins , wir glauben aneinander und wissen, was wir aneinander haben, uns trennt nichts mehr. Sobald ich mit den Verrätern in ihnen gebührender Weise hier abgerechnet habe, rücken wir aus und ziehen in einen heißen Kampf, auf der Spitze des Schwertes schwebt der Erfolg, schwebt unsrer Liebe Los; wir wollen mutig dafür streiten!« »Und eins versprich mir, Geliebter!« flehte sie, »laß mich an deiner Seite kämpfen bis zum letzten!« »Es sei, wie du begehrst, meine Judika!« erwiderte er mit ernstem Ton und Blick. Sie verstand es von jeher wunderbar, in seinen Augen zu lesen und seine geheimsten Gedanken sofort zu erraten, und so sagte sie jetzt zu ihm: »Es steht schlecht mit uns, Florian, nicht wahr? ich sehe dir's an, du hast böse Nachrichten.« Er nickte nur, drückte ihr stumm die Hand und ging sorgenbeladen seines Weges. Vierundzwanzigstes Kapitel. Die Begebenheiten drängten unverkennbar dem Ausgange des schrecklichen Kampfes zu, und nicht zugunsten der Bauern, die jetzt an allen Ecken und Enden die schwersten Niederlagen erlitten. Nicht mehr einzeln auf ihren Burgen versuchten die Ritter dem Andringen der Feinde standzuhalten, sondern sie vereinten ihre Streitkräfte und traten mit ihren reisigen Knechten in die von den Fürsten gebildeten und ausgerüsteten Heere, welche nun die im ganzen Reiche verstreuten Bauernhaufen in offener Feldschlacht angriffen und fast immer schlugen. Schien das Schicksal den Aufstand anfangs zu begünstigen, indem es den Bauern eine Reihe von teils schwer, teils leicht errungenen Erfolgen gönnte, so begann es nun mit doppelter Gewalt sich gegen die Empörer zu wenden. Die Unglücksfälle häuften sich für sie und bestanden nicht bloß in verlorenen Schlachten und Gefechten, sondern machten sich auch in fehlgeschlagenen Erwartungen und vereitelten Plänen schmerzlich fühlbar. Bedeutende Männer, hervorragende Geister der Nation, auf deren Bündnis und Schutz die Bauern gerechnet hatten, entschlossene und einflußreiche Führer, von deren Einsicht und Tatkraft mehr abhing als von der blind wütenden Tapferkeit ganzer Haufen, sanken, vom Tode ereilt, dahin oder wandten sich, das Nutzlose eines längeren Widerstandes gegen die wachsende Übermacht erkennend und seine Gefahren vielleicht für sich selber fürchtend, von der Sache des Volkes ab. Luther hatte seinen Beistand von vornherein versagt und die Bauern streng und derb in die Schranken ihrer Untertänigkeit zurückgewiesen. Ein anderer, ein deutscher Fürst, von dessen Gerechtigkeit und Milde man ebenfalls viel erwartete, weil er es offen ausgesprochen hatte, daß man den armen Leuten, die mit gläubigem Gottvertrauen für ihres Lebens Notdurft kämpften, Ursache genug zum Aufruhr gegeben habe, – der Kurfürst von Sachsen, Friedrich der Weise, war still und friedlich zu Lochau gestorben und konnte nicht mehr vermitteln und begütigen. Götz von Berlichingen hatte in Würzburg den Oberbefehl über das Bauernheer unter einem nichtigen Vorwande niedergelegt und ihm treulos den Rücken gekehrt. Jäcklein Rohrbach war gefangengenommen und von der Feste Hohenasperg dem Truchseß ausgeliefert worden. der ihn bei Neckargartach an einen Pfahl binden und bei lebendigem Leibe langsam braten und verbrennen ließ. Mit ihm erlag einer der Anstifter und Eingeweihten der Verschwörung, ein Mann der rücksichtslosen Selbsthilfe, des rohesten Faustrechts, ein wilder Naturmensch, der mit eiserner Willenskraft fest zupackte und durchgriff und daher viele von den ärgsten Greueltaten der Bauern auf dem Gewissen hatte. Er war mehr gefürchtet als beliebt im Heere sowohl wie bei den Führern; sein qualvoller Tod ging jedoch manchem nahe. Auch Judika trauerte um den ehemaligen, treuen Gefährten, so viel Abstoßendes er auch für sie in seinem Wesen gehabt hatte. Aber bald nach seiner Auflösung zu verwehendem Staub war ein viel edleres Haupt gefallen. Nach einer großen Entscheidungsschlacht bei Frankenhausen in Thüringen war Thomas Münzer in Mühlhausen gefangengenommen und nach ausgestandener Folter hingerichtet worden. Der Untergang dieses Mannes war einer der härtesten Schläge für die Sache der Freiheit, denn in seinem kühnen Geiste voll Vaterlandsliebe, voll großartiger, alle bestehende Ordnung umwälzender Entwürfe und auch voll Ehrgeiz offenbarte sich das eigentliche Element der Revolution, die er mit seinen zündenden Reden und aufrührerischen Schriften geschürt hatte wie kein anderer. Er lebte und starb einzig seiner Überzeugung, wenn er auch in seinem schwärmerischen Feuereifer weit über die erreichbaren und heilsamen Ziele der Erhebung hinausschoß, wie er denn überhaupt als Politiker mit seinem Denken und Wagen seiner Zeit und seinem Volke voraus war, in denen er sich ebenso irrte, wie sich Luther in den Fürsten getäuscht hatte. Obwohl der neuen Lehre mit ganzer Seele zugetan, war er doch mehr ein Gegner als ein Anhänger Martin Luthers und wollte das evangelische Bekenntnis, das die Bauern immer und überall hochhielten, mit gewaltsameren Mitteln verbreiten und durchsetzen als der, der es der Welt zuerst verkündigt hatte. Thomas Münzer war kein Kriegsmann und hätte den Niedergang der Bewegung nicht aufhalten können; hätte er ihn aber überlebt, so würde er nimmer geruht und gerastet haben, sie zu frischem Brande zu entfachen, so lange noch Odem in ihm war. Lange noch schwebte sein Bild im Glorienschein eines Blutzeugen, neue Hoffnungen weckend, um die von Trauer und Sorgen erfüllten Hütten der Armut, und heute noch gehen seine tollkühnen Umsturzgedanken, wenn auch unter anderen Namen und in anderen Gleisen, in den aufgewühlten und verhetzten Massen unseres Volkes um wie damals in den wüsten Bauernhaufen unter Georg Metzler und Jäcklein Rohrbach. Aber jene hatten auch noch andere Führer, Männer mit klarem, kühlem Kopfe und ehrlichem, entschlossenem Willen, wie Wendel Hippler als Diplomat und Florian Geyer als Feldhauptmann. Nur daß sich das Schicksal gegen sie kehrte und ihnen die Macht zum Vollbringen aus den Händen wand. Aus allen Gauen des deutschen Reiches kam eine Schreckensbotschaft nach der anderen, die von vollständigen Niederlagen, schauerlichen Folterungen und zahlreichen Hinrichtungen Kunde brachte. Die gemordeten Edelleute, die gestürmten Burgen und verbrannten Klöster wurden mit Strömen von Bauernblut gerächt. In Ober- und Niederschwaben, im Elsaß, am Rhein, an der Donau, in Thüringen und Sachsen war die Macht der Aufständischen gebrochen, und nur das fränkische Heer stand noch unbesiegt um Würzburg, mit der schwierigen und langwierigen Belagerung des Frauenberges beschäftigt. Die Bürgerschaft Würzburgs, die den nach Heidelberg entwichenen Bischof haßte, nahm die Bauern mit Jubel auf und beteiligte sich gern an den Angriffen gegen die Festung. Diese stand unter dem Befehl Sebastians von Rotenhan und war stark besetzt, unter ihren Verteidigern war auch eine Anzahl von Rittern. Bald wurde fleißig hinauf- und hinabgeschossen, Laufgräben und Minen angelegt, auch dann und wann ein vergeblicher Sturmversuch unternommen, und bald wurden wieder mit den Insassen der Feste über die Übergabe und die Annahme der zwölf Artikel Verhandlungen gepflogen, die viel Zeit kosteten, weil man stets die Entscheidung des entfernten Bischofs einzuholen und bis zu deren Eintreffen Waffenstillstand verlangte. Diese Verzögerung benutzten die Bauern dazu, schweres Belagerungsgeschütz herbeizuschaffen, und die Ritter in der Festung trösteten sich in der Zwischenzeit mit der Hoffnung auf das baldige Anrücken des schwäbischen Heeres unter dem Truchseß Georg von Waldburg, einem ebenso erfahrenen wie erbarmungslosen Kriegsmann. Der in Würzburg unter Wendel Hippler versammelte Bauernrat hielt sowohl unter sich wie mit den einflußreichsten Bürgern viele Sitzungen, durch welche die Einnahme des Frauenberges jedoch keinen Schritt vorwärtskam. Die beiden tüchtigsten Führer und Kriegsleute, die mit den langen, fruchtlosen Verhandlungen und der keinen Erfolg versprechenden Angriffsweise sehr unzufrieden waren, fehlten bei diesen Beratungen. Götz von Berlichingen war verdrossen von dannen geritten, und Florian Geyer war vom Bauernrate, dem der ihm an Geist und Kenntnis überlegene Ritter unbequem geworden war, nach Rothenburg geschickt, um die Stadt in die Verbrüderung zu bringen. Aber auch Wendel Hippler, der wie ein Sehender unter Blinden saß, drang mit seinen entschiedenen Vorschlägen nicht durch und reiste nun in Eilritten durch das Land, die Entmutigten aufzurichten und die Verstreuten zu sammeln und zur letzten höchsten Anstrengung der Gegenwehr zu bewegen. Es war zu spät. Die einzelnen Haufen, besonders die der Odenwälder und Neckarthaler, waren bereits in der Auflösung begriffen, viele Bauern waren in ihre Dörfer zurückgekehrt, hatten sich vom evangelischen Bunde losgesagt und ihren alten Herren neu gehuldigt. Doch waren immer noch achttausend Mann unter Georg Metzlers Oberbefehl beisammen, die den ersten Anprall des schwäbischen Bundesheeres aushalten sollten. Und der Truchseß, nachdem er die Stadt Heilbronn für die Duldung der geheimen Bauernkanzlei in ihren Mauern und ihren unter dem Regiment der Zünfte bewirkten Abfall hart und blutig bestraft und Weinsberg, das nach Helfensteins Tod ebenfalls zu den Bauern übergegangen war, zu Schutt und Asche verbrannt hatte, rückte heran und lieferte den Bauern eine diese vernichtende Schlacht bei Königshofen. Keine Hilfe kam zu ihrer Rettung, weder vom fränkischen Heere um Würzburg noch von Florian Geyers schwarzer Schar. Wendel Hippler, Georg Metzler und einige andere der obersten Führer entkamen durch die Schnelligkeit ihrer Pferde; noch während der Verfolgung wurden nahe an dreitausend versprengte und fliehende Bauern niedergemacht; das Städtchen Königshofen verlor alle seine Bürger bis auf fünfzehn. Florian Geyer war mit seiner schwarzen Schar in Rothenburg und wußte nichts von der Schlacht bei Königshofen. Er hatte in der Stadt »um Friedens willen, den Bösen zur Strafe, den Guten zum Schirm« einen Galgen aufrichten lassen, denn Rat und Bürger bereiteten ihm wegen ihres völligen Eintritts in den Bund ernste Schwierigkeiten, weil sie beim gegenwärtigen Stande der Dinge in fortwährendem Schwanken waren, auf welcher Seite der größte Vorteil für sie lag. Rotenburg mit seinen hohen, starken Mauern und seiner vorzüglichen Ausrüstung an Waffen und Verteidigungsmitteln war ein wichtiger Platz, um dessen Besitz sich sowohl die Bauern wie ihre fürstlichen und ritterlichen Gegner eifrigst bemühten. Judika war mit in Rothenburg; sie wich nicht mehr von Florians Seite. Auf beiden lasteten schwere Sorgen, die sie sich manchmal mit allen Erwägungen des Für und Wider unverhohlen aussprachen, wobei dann einer den anderen zu ermutigen und zu trösten suchte, ohne selber noch viel Hoffnung auf einen glücklichen Ausgang des Kampfes zu haben. Oft aber verschwiegen sie sich ihre Bangigkeit. Dann schauten sie sich wohl tief und stumm in die Augen, als früge einer den anderen: glaubst du noch an den Sieg? und was denkst du von unserer Zukunft? Und noch etwas anderes schwebte zwischen ihnen, ein keusches Geheimnis ihrer Herzen und ihrer Wünsche, das jeder von ihnen in sich selber barg und im anderen erriet. Mit der Ahnung ihres baldigen Endes tauchte in beiden die Sehnsucht auf, doch einmal vor dem Tode einander in schrankenloser Liebe Leib und Seele zu weihen. Keiner wagte es auszusprechen oder auch nur anzudeuten; aber wäre dies geschehen, so hätte jeder dem anderen freudig gewährt, was jeder innig begehrte. Wo waren nun die stolzen und die süßen Hoffnungen auf eine sonnenhelle Zukunft? Mit der erliegenden Freiheit versanken auch die goldgewobenen Träume einstigen, wonnigen Besitzes. Und nicht mit einem Schlage, wie ein Blitz den wipfelhohen Baum zerschmettert, sondern mit den langsamen Qualen einer ihnen immer deutlicher werdenden Hoffnungslosigkeit sahen die Liebenden ihr heiß ersehntes Glück in Trümmer gehen, dem verglimmenden Herdfeuer gleich, dessen lustig flackernde Flammen kleiner und kleiner werden und in sich zusammensinken, bis auch der letzte Funke sacht erstirbt und von der freundlichen, glänzenden, wärmenden Erscheinung nichts mehr übrig ist als ein Häuflein grauer Asche. Es war am Abend vor Pfingsten. Judika saß einsam und allein am Herde ihres Wirtes in der Stadt Rothenburg ob der Tauber und starrte mit todtraurigen Gedanken in das schon so weit herabgesunkene Feuer, daß es um sie her fast völlig dunkel war. Sie mußte an das mächtige Feuer denken, das im Schüpfergrunde auf dem Hügel ihre hohe Gestalt neben der Stange mit dem Bundschuh beleuchtet hatte, als sie voll leidenschaftlichen Hasses gegen den Adel zu den versammelten Bauern redete und sie zu heldenmütiger Begeisterung hinriß mit der Losung: Nichts denn die Gerechtigkeit Gottes! Damals hatte sie fest an den Sieg der Freiheit geglaubt, aber von Florians kommender Liebe zu ihr nichts geahnt. Und nun? – die Freiheit schwand ihr vor den Augen dahin, aber die Liebe blieb ihr treu bis in den Tod, dessen Nähe ihr nicht mehr zweifelhaft war. Ach, nur einmal erst ganz selig sein in den Armen des Geliebten! Ein wohlbekannter Schritt weckte sie aus ihrem glutvollen Sinnen und Brüten. Florian war es. Sie sprang auf, warf sich an seine Brust, und – »Florian! ach, mein Florian!« flüsterte sie, in allen Lebenstiefen erschauernd. Er aber hörte nicht, erkannte nicht den Ton liebeflehender, hingebender Sehnsucht. »Judika,« sprach er, sich von ihr losmachend, eilig und erregt, »wir haben keine Minute zu verlieren. Der Truchseß zieht auf Würzburg; wir müssen sofort aufbrechen und die Nacht durch marschieren, um morgen im Lager von Heidingsfeld zu sein.« Verwirrt und beschämt trat sie von ihm zurück; sie hatte an ein berauschendes Glück gedacht in dem Augenblick, wo das Schicksal sie zum entscheidenden Kampfe rief. Ein tiefer Seufzer entrang sich ihrem klopfenden Herzen, und klanglos kam es ihr von zuckenden Lippen: »Ich bin bereit.« Durch die Stille der Nacht wirbelten die Trommeln, und eine Viertelstunde später ritten Florian und Judika an der Spitze der schwarzen Schar aus dem Tore von Rothenburg. Es war eine sternklare Frühsommernacht, ringsum Blühen und Duften in den Feldern und Gesträuchen, und morgen war Pfingsten. Florian und Judika ritten lange Zeit schweigend nebeneinander. Da lenkte Judika ihr Pferd dicht an das Florians heran und begann: »Florian, ich hatte einst einen seltsamen Traum. Ich stürmte mit den Bauern eine schon brennende Burg, und als das Tor erbrochen war und wir eindrangen, trafen wir im Burghof den Ritter, der um sein Leben focht. Ich stürzte mich auf ihn, um ihn niederzustoßen. Da erkannte ich dich, die Waffe entsank meinen Händen, ich warf mich in deine Arme, die mich auffingen, und dann schlugen die Flammen über uns zusammen.« »Dein Traum wird in Erfüllung gehen, Judika,« sprach er. »Die Flammen schlagen über uns zusammen, und dann sind wir frei.« Darauf ritten sie wieder stumm ihres Weges weiter, und auch die Landsknechte zogen still hinter ihnen drein, wohl ahnend, mit welcher blutigen Feier der Tod das Pfingstfest in ihren Reihen begehen würde. In der Morgenfrühe kamen sie bei Florians Burg Giebelstadt vorüber, deren Zinnen von den Strahlen der aufgehenden Sonne beglänzt wurden. Die beiden sahen hinauf und blickten sich wehmütig an. Dort oben wollten sie miteinander selig werden! Ohne ein Wort zu wechseln setzten sie gleichzeitig ihre Pferde in Galopp und ritten schnell vorüber, dem Haufen eine Strecke voraus, um ihren Gedanken zu entrinnen, die doch fest hinter ihnen im Sattel saßen und von verlorenem Liebesglücke raunten. Im Lager von Heidingsfeld fand Florian noch etwa viertausend Mann zu dem bevorstehenden Kampf bereit. Die übrigen lagen vor dem Frauenberge, viele waren in der Nacht heimlich entwichen. Die Schlacht begann. Zuerst brachen die feindlichen Rennfahnen in die Bauern, zersprengten sie und trieben sie hie und da in die Flucht, und dann kam der Truchseß selbst mit dem Fußvolk und zahlreichem Geschütz. Florian aber floh nicht, und seine schwarze Schar, ihrer sechshundert noch, hielt treu und tapfer bei ihm aus. Judika sprach laut Gebet und Segen über sie und blieb im Kampf an Florians Seite, den beide zu Fuß bestanden. Noch einmal stritten sie mit fast übermenschlicher Kraft, das Höchste zu wagen und das Höchste zu erringen, – um Florians blinkenden Helm und Judikas flatterndes Haar die Kränze des Sieges und der Liebe. Es war vergeblich. Das kleine Häuflein mußte den immer wieder neuen Angriffen der großen Überzahl von feindlichen Reisigen endlich weichen und zog sich in guter Ordnung auf das Dorf Ingolstadt zurück, wo es sich in den Ruinen des früher schon von den Bauern verbrannten Schlosses festsetzte. Um dieses Schloß entspann sich nun ein so hartnäckiger und verzweifelter Kampf, wie sich vielleicht im ganzen Bauernkriege nicht weiter abgespielt hat. Es wurde von außen scharf beschossen, von innen Schritt für Schritt bis in die Keller hinein verteidigt und seine versuchte Erstürmung zweimal zurückgewiesen. Die Hälfte der Landsknechte waren schon in seinen Räumen gefallen, als nun erst die Geschütze Tod und Verderben hineinschleuderten. Da mußte auch Florian heraus, und es gelang ihm, sich mit seinen letzten Zweihundert nach einem Gehölz durchzuschlagen, Judika mit ihm. Aber die Feinde setzten ihnen nach, holten sie ein und umstellten die in einem letzten, hoffnungslosen Kampf sich immer noch Wehrenden. Sie waren verloren und sahen es, man bot ihnen keine Gnade an, und sie verlangten auch keine. Während Florian und Judika todesmutig und todverachtend nebeneinander fochten, suchte jeder von ihnen, mehr auf den anderen als auf sich selber achtend, diesen vor Streich und Stoß der auf sie eindringenden Feinde zu schützen. Aber ihre letzte Stunde war gekommen. Florians eigener Schwager, Wilhelm von Grumbach, war es, der den Herrlichen fällte in dem Augenblick, als dieser einen Reisigen, der auf Judika losstürmte, niederschlug und dabei der eigenen Deckung vergaß. Ein wilder Schrei, als wäre sie selber getroffen, drang aus Judikas Munde beim Sturze des Geliebten, und mit dem schallenden Rufe: »Frei will ich sein!« warf sie sich mit ausgebreiteten Armen in die ihr entgegengestreckten Spieße, die ihre hochwallende Brust durchbohrten. Lautlos brach sie zusammen. Florian sah es noch mit erstarrendem Blick; sein letzter Hauch war: »Judika!« – So war der edelste Held des großen Kampfes dahingesunken, hochherzig in seiner Gesinnung, sicher und klar in seinen Zielen, selbstlos und rein in seinen Handlungen und Absichten wie kein anderer von allen denen, die in diesem Kriege kämpften und bluteten. Der Sprößling eines alten Adelsgeschlechts hatte sein unerschrockenes Herz und seinen tapferen Arm der Sache des armen, unterdrückten Volkes geweiht und war, am Leibe getötet, aber in seinem Wünschen und Wollen doch ungebeugt und unbesiegt, mit allen Ehren im offenen Kampfe für die Freiheit gefallen, deren sehnsüchtig erstrebtes, schönes Phantom mit dem letzten Strahl der kühn und treu blickenden Augen ihres Ritters zerrann wie ein am Himmel erbleichender Stern, auf dessen geheimnisvoll wirkende Kraft gläubige, vertrauende Menschen all ihre Hoffnung setzten. Seine Zeitgenossen haben seine volle Größe nie erkannt, haben nicht gewußt, was er ihnen war und was er ihnen erst hätte sein können, wenn damals im Kloster Schönthal die Wahl zum obersten Feldhauptmann statt auf Götz von Berlichingen auf den gefallen wäre, dessen Namen der Mund schüchterner Liebe flüsterte. Und mit dem Helden sank auch die Heldin. Auch in ihr, dem schwarzen Weibe mit der Seele voll Glut und Leidenschaft, ging eine hochgemute Vorkämpferin der Freiheit zugrunde, der vielleicht irgendwo in Franken oder am Neckar ein Denkmal stünde, wenn ihre Sache gesiegt hätte. Auf einem Schlosse geboren und in Wohlleben erzogen, dann in einer Hütte von Gram verbittert, von Haß gespeist, von Rache getränkt, unter den zuchtlosen Bauern halb verwildert und mit ihrer ungefesselten Willensmacht über die Grenzen zurückhaltender Weiblichkeit hinausgewachsen, war sie zum führenden, segnenden Schutzgeist der Bauern und zum schreckenverbreitenden Dämon für ihre Gegner geworden. Des Lebens schönste Blüte, das volle, höchste Glück beseligender Liebe, hat ihr das Schicksal nicht vergönnt, aber ihr die Schmach erspart, lebend in die Hände ihrer Feinde zu fallen und unter dem Streiche des Henkers zu enden oder den Flammentod einer Hexe zu erleiden wie eine andere heldenkühne Jungfrau hundert Jahre vor ihr in Frankreich, die auch für die Freiheit ihres Vaterlandes stritt und starb. Ihr war das tröstliche Los beschieden, den einzig Geliebten nicht überleben zu müssen; der Tod vereinte beide und machte sie frei. Mit Florian Geyer und der schwarzen Judika sank auch die so hoch getragene Fahne des Bundschuhes in den Staub. Die Sieger triumphierten mit erbarmungsloser Gewalt und grausiger Vergeltung, und die geschichtlichen Ereignisse gingen wie sturmgetriebene Wogen über die erträumten und heiß, aber vergeblich umstrittenen Hoffnungen und Wünsche des Volkes, sie verschlingend und begrabend, brausend dahin.