Olav Duun Die Juwikinger – Erster Teil. Per Anders und sein Geschlecht Roman   Herausgegeben von J. Sandmeier BERLIN-GRUNEWALD F. A. HERBIG VERLAGSBUCHHANDLUNG ‹WALTER KAHNERT›   Gemeinsam mit Olav Duun aus dem norwegischen Landsmaal übertragen von J. Sandmeier und S. Angermann   Alle Rechte vorbehalten. Copyright 1927 by Rütten \& Loening Verlag Frankfurt/M. Gesamtherstellung: Seydel Druck und Buchbinderei GmbH. Berlin   Erstes Buch. Juwika Von altersher Der erste Juwiking, von dem man weiß, war von Süden gekommen, von Sparbu oder Stod oder sonst irgendwoher. Er hieß Per. Er soll verheiratet gewesen sein und Hof und Grund besessen haben. Mit ihm kam seine Mutter. Was ihn vertrieben hatte, mochte Gott wissen. Er rodete sich einen Fleck Erde unter dem Hof Lines. – Eines Tages kam der Linesbauer und forderte mehr Pflichtarbeit von ihm, als verabredet worden war. Per schaute ihn nur an. Und kam nicht. Gegen Abend hinkte Pers alte Mutter zum Hof hinauf, wollte mit der Hausmutter selbst sprechen. »Weißt du, was sich die Leute erzählen?« sagte sie. »Sie sagen, daß mein Lump von einem Sohn und dein Goldkind einander haben sollen – Gott verzeih mir die Sünde, aber das sagen sie.« Auf Lines hatten sie nur eine Tochter. Tags darauf kam der Linesbauer und sagte ihnen auf; er redete hart und grob mit ihnen. Per ging mit ihm fort, und im Birkengehölz gleich unterhalb des Hofes packte er seinen Hausbauern, setzte ihm das Knie auf die Brust und richtete ihn zu, daß es eine Schande war. Der Linesbauer schwieg und fand sich darein, ein geringerer Mann war er nicht; er schleppte sich heim, eine Blutspur hinter sich lassend. Seitdem ging ein Sprichwort unter den Leuten, sie sagten wie Per damals: »Ich habe ihn nur ein wenig angefaßt; ich konnte nicht anders.« Der Linesmann schickte seine Frau mit der Botschaft hinunter, Per könne die Maerit haben, wenn es so sei, wie sie sagten. Per erwiderte nein, er wolle sie nicht haben. Maerit selbst ging zu ihm und kam weinend zurück; aber Per trug sein Bündel ins Boot und ruderte fort. Er war kein Häuslerlump, das sollten sie wissen! Dann ließ er sich in Juwika nieder. Das war seit alters ein Häuslerplatz gewesen, und er kaufte ihn durch Arbeitsleistung als Eigentum vom Ommunstrandbauern. Er errichtete ein neues Haus für den Bauern; im ersten Winter fällte er die Stämme und zog sie zum Bauplatz, im zweiten Winter zimmerte er das Haus. Jedermann in der ganzen Gemeinde sagte, sie hätten bisher noch nicht gewußt, was arbeiten sei. Auch in Juwika entstanden neue Häuser, und die Äcker vergrößerten und verbesserten sich nach und nach, gleichsam von selbst. Juwika liegt ganz draußen am Fjord. Aber es liegt geschützt, gegen Osten zu, und gegen Meer und Stürme geborgen. Niemand hatte früher bemerkt, daß es dalag und noch viel weniger, daß es so dalag. Eines Tages kam Maerit mit dem Jungen, und sie blieb. »Du mußt jetzt wohl hierbleiben«, soll er gesagt haben, »du kannst den Platz an Stelle der Mutter einnehmen, sie hat voriges Jahr ins Gras gebissen.« – »Davon weiß niemand etwas – wann wurde sie beerdigt?« »Beerdigt? Nein, sie liegt dort unten am Hang begraben. Bessere Erde gibt es hier kaum.« – Er und Maerit heirateten nicht, aber sie lebten lange und gut miteinander und bekamen viele Kinder. Keiner trat ihnen zu nahe, und auch sie kümmerten sich um niemand. Der älteste Sohn übernahm den Hof, im übrigen aber weiß man wenig von ihm. Die Söhne blieben alle daheim und rodeten ganz Juwika von den Hügeln oben bis hinunter an den Strand. Einer von den nächsten Juwikingern hieß Anders. Sie hießen Per und Anders, Vater und Sohn nacheinander. Er wurde Bären-Anders genannt. Der Bär nahm damals überhand und hauste arg, östlich im Mo-Gebirge. Anders kam mit seiner Axt dorthin, so wird erzählt, und drang in den Wald ein. Es war in der schwärzesten Herbstdunkelheit, und er legte sich mutterseelenallein beim Aas hin – es war die einzige Kuh einer Häuslerin, der Bär hatte sie im Moor zerrissen. Zwei Nächte lag er da und wartete. Am dritten Tag kam er ins Tal, die Bärenhaut über der Schulter, und seitdem hieß er Bären-Anders. Sie wollten wissen, wie es zugegangen war – denn mit Anders konnte man gut reden. »Ja«, sagte Anders, »er kam, und da schlug ich ihn tot.« Es war keine Kleinigkeit, seine Bärenaxt in die Hand zu nehmen, wenn er sie im Waffenhaus vor der Kirche zurückgelassen hatte. Man sah sie übrigens nicht oft bei der Kirche, die Juwikinger; es ging ein Sprichwort von ihnen unter den Leuten: Gottes Wort und Lappenzauber können ihnen nichts anhaben. Des Bären-Anders Sohn nannten sie den Groß-Per. Man erzählt sich, daß der Ommunstrandmann eines Tages, als der Groß-Per im Walde war, auf dem Finnstad-See mit dem Schlitten durchs Eis brach. Per fühlte es sozusagen und lief hinzu. Und zog Mann und Pferd heraus. Dafür bekam er die Tochter und Grund und Wald, soviel er nur wollte; und die Juwikinger wollten am liebsten viel haben. Sie erzählten es übrigens ein jeder auf seine Art. Der Ommunstrandmann erzählte es so: »Das war wahrhaftig ein Griff, Per. Willst du meine Tochter haben oder willst du nicht?« Per lachte, als er davon erfuhr. »Nein, nein, ich mußte ihn schon ein-, zweimal eintauchen, bis er weich war.« Im übrigen glaubten die Leute das, was sie am liebsten glaubten: daß Per Pferd und Mann selbst durchs Eis befördert hatte; er wäre sonst kein Juwiking gewesen. – Aber wie dem auch sei: die Juwikinger waren von diesem Tag an andere Leute. Es wurde eine so große Hochzeit abgehalten, daß es kaum jemand gab, der nicht dabei war; denn die Leute von Ommunstranda waren mit den besten Sippen auf beiden Seiten des Fjords verwandt. Und in Juwika entstanden neue Häuser, die waren mit allem möglichen angefüllt, es herrschte ein Reichtum an Nahrung und allem anderen, daß es zum Staunen war. Und weit und breit wurde von all den Herrlichkeiten geredet. Und man redete auch von den Juwikingern selber, wo sie sich nur sehen ließen. Es waren ihrer viele, und sie waren fast alle riesige Kerle. Sie hielten zusammen wie Dornengestrüpp. Groß und stolz waren sie anzusehen, aber wie es nun auch kam: sie blieben die längste Zeit unverheiratet, besonders jeweils der älteste Sohn, und er machte gern einen weiten Weg zu der, die er haben wollte. Am liebsten nahm er sie mit Macht und harter Gewalt; es gingen viele Sagen darüber. Der Geiz-Per war einer von den letzten der alten Kerle. Er segelte ganz nach Süden, in die Gegend von Drontheim, um sich ein Weib zu holen. Es hieß, sie stamme von großen Leuten und im Guten habe er sie kaum bekommen. Er war der einzige von ihnen, der sich auch mit dem Meer abgab. Er segelte und fischte an der ganzen Küste entlang und trieb Handel und ähnliches. Er war nicht der älteste, daher kam es wohl. Dann aber starb der Bruder, und Per erhielt den Hof. Da wurde er neidisch und geizig, so recht ein Geiz-Per; nach und nach wurde er mächtig und reich. Von ihm erzählen sie, daß er im Fjord die Heringsnetze samt den Heringen stahl. Er nimmt alles, was schwimmt, pflegten die Leute zu sagen. Aber an Land war er so ehrlich, wie man nur sein konnte. Als er alt wurde, zog er am Fjord entlang von Hof zu Hof und trug seine Diebsbeute zurück. »Es gab keine Ruhe – im Bootsschuppen«, sagte er, »und dein soll dein sein und nicht mein.« Man sah ihn nach diesem Tag nicht für geringer an. Denn niemand glaubte, daß er Spuk fürchte; der Unfrieden war wohl nicht im Bootsschuppen gewesen. Und Diebsbeute ist schwer, wenn man sie zurücktragen soll. Ja freilich spukte es auf Juwika wie auf anderen Höfen, für das Gesinde war es nicht immer angenehm dort; aber Per und die anderen Juwikinger taten, als merkten sie nichts; sie waren kalte Leute. Sein Sohn hieß Anders. Er war stiller, als die Juwikinger sonst zu sein pflegten. Die Leute fanden, er sei bei der Übernahme des Hofes schon gerade so alt gewesen wie sein Vater, als der ihn aufgab. Aber er war ein milder und kluger Mann und ein wahrer Staatskerl bei der Arbeit. Er schritt die Grenze zwischen Ommunstranda und Juwika ab und zog den Scheiterzaun so, daß er die ganze Halbinsel der Länge und der Breite nach besaß, und siedelte eine Menge Häusler an. Die Ansprüche seiner Brüder löste er mit einer großen Geldsumme ab und die Brüder zogen in andere Gemeinden. Anders hatte nur einen Sohn, und der hieß Per Anders. Er war der stärkste von ihnen allen und in seiner Jugend ein wilder Kerl. Er war es, der dem Lappenzauber trotzte. Es wanderte damals ein Lappenzauberer von Hof zu Hof, der hieß Nils Weitumher. Die Leute fürchteten ihn sehr und gaben ihm das Beste, was sie hatten. Eines Tages war er auf Juwika und erhielt dort alles, worum er bettelte, und noch mehr. Als er fortgehen wollte, legte er die Hände zusammen und segnete Mensch und Vieh, Stall und Vorratshäuser und Wohnhaus und Weide. Per Anders stand dabei und grinste. – »Kannst du zaubern?« fragte er. Der Lappe wollte sich aus dem Staub machen, aber Per Anders vertrat ihm den Weg: »Kannst du zaubern, frage ich, du Lappenhund! Du sollst antworten, wenn ich frage. He?« Die Mutter bat ihn mit guten und sanften Worten, er solle Frieden halten, und die Knechte und Mägde zogen sich zurück, sie waren kleinlaut, denn es gehörte nicht viel dazu, daß Nils Weitumher Unglück über einen brachte, sie kannten gar manchen, der schlecht dabei weggekommen war. – »Du bist ein junger Mann«, sagte der Lappe sanftmütig, »aber vergiß nicht, die Welt, die ist alt.« – »Jetzt sollst du mir was anzaubern, oder du kommst nicht heil von der Stelle! Wünsch mir den Knochenfraß, daß es mich zusammenreißt! Zaubere mir die Haare weg, so wie du es mit der Frau von Björland gemacht hast – willst du wohl gehorchen! Her mit deinem Zaubersack!« Und Per Anders entriß dem Lappen den Sack und leerte ihn aus. Die Leute wandten sich alle ab; ein kalter Schauer durchfuhr sie. Der Vater stand still und nachdenklich im Haus, wie immer, gleichsam als ginge ihn das alles nichts an. Dann nahm Per Anders den Lappen samt seinem Sack und schüttelte ihn, wie der Wind einen Fetzen schüttelt. Die Beute des Lappen aber nahm er an sich und trug sie zu den Häuslerplätzen, denn dort gab es gar manchen, der hungerte. – Da stieg der Lappe auf einen großen Stein und sprach Bannspruch und Verwünschung hinter Per Anders her, daß es gleichsam rings um ihn rauchte. Die Haare stiegen einem zu Berg über das, was er sagte: Die Füße sollten unter dem Per Anders einschrumpfen, das Fleisch sollte ihm von den Knochen faulen, das Vieh sollte verrecken, ehe es zur Welt kam – am dreißigsten Tag sollte der Hof abbrennen – a-i, a-i, a-i, oh! Per Anders schlug sich auf den Hintern und ging. Die Häuslerweiber freuten sich über die Gaben, und Per Anders lebte weiter wie bisher. Ihm konnte kein Zauber etwas anhaben. Per Anders ging zum Tanz, so oft er Lust dazu hatte, in die Gemeinde und auch an weit entfernte Plätze, und da kam dann Leben in die Stube. Es war so lustig mit ihm, obwohl er den anderen etwas fremd war, er hatte so viele Einfälle. Aber man mußte sich hüten: es gab leicht Prügel. Sein Weib holte er sich von weit her. Er verschaute sich auf dem Markt in ein Mädchen, und am Tag darauf ging er zu ihr heim und sagte, er wolle sie haben. Ihr Vater schlug auf den Tisch, denn er war einer der größten Bauern in der Gemeinde dort. »Das geschieht nicht!« sagte er. »Ja, aber ich hätte sie so notwendig gebraucht«, erwiderte Per Anders. – »Du? Du Dreckbauer unten vom Wasser! Du willst wohl meine Tochter mit Salzheringen füttern?« – »Ich hätte sie so notwendig gebraucht. Und noch eines: Willst du Geld oder Hiebe?« Per Anders schlug die Geldtasche auf den Tisch, daß es alle, die in der Stube waren, in die Höhe lüpfte – es stand eine Milchschüssel auf dem Tisch, und die Milch spritzte bis an die Decke hinauf. So hatte noch keiner hier auf den Tisch geschlagen, und mit so einer Geldtasche schon gar nicht. – »Jetzt komm also her, Ane«, sagte er, und sie zupfte ihr Kleid zurecht und kam. Aber der Juwikinger war noch nicht zufrieden. »Hör«, sagte er, »läßt du deine Tochter wie eine Bettlerin von daheim fortgehen?« Nein, das war nicht die Absicht des Mannes gewesen, er hatte sich's überlegt und führte zwei schöne Kühe aus dem Stall und brachte Silberzeug und anderes Erbgut herbei. »Ja, schön«, sagte Per Anders, »und jetzt kannst du deine Kühe wieder hineinführen und deinen Krempel da aufheben, ich habe daheim mehr als genug. Nimm jetzt christlichen Abschied von deiner Tochter, du mußt verflucht aufpassen, daß ich dich nicht beim Kragen nehme und dich zuschanden schlage!« So soll es sich zugetragen haben, erzählt man sich. An diesem Tag fuhr er noch nicht vom Hofe fort und auch am nächsten nicht: es war solch ein Staat mit dem Schwiegersohn, daß es eine große Sache war. Der Mann redete sein ganzes Leben lang davon: »Nein, der Per Anders, er ist mit unserer Ane verheiratet, der Kerl hat Geld. Nein, der Tisch wackelt seitdem, so hat er darauf geschlagen, er, der mit der Ane verheiratet ist, das gab aus. Einen Hof? O nein, der hier ist klein gegen Juwika, den Hof, auf dem die Ane verheiratet ist.« Hiernach blieb Per Anders zu Hause. Er errichtete neue Gebäude in Juwika – wie man sie noch nie gesehen hatte: ein Wohnhaus mit Erdgeschoß und Oberstock und mit Küche und anderen neuartigen Dingen, und einen eigenen Pferdestall und einen Kuhstall. Es hieß, seine Frau habe gewollt, daß er das alte Wohnhaus abbreche, aber da hatte er Halt gesagt. Wenn es einmal brennt, dann werden wir froh darum sein, hatte er gesagt. – Und er saugte sich förmlich an die Erde an, rodete den letzten Fleck Erde und legte das sumpfige Land trocken. Er nahm den Hof gleichsam in die Hand und machte ihn fertig. »Wer nach mir kommt, der hat es schön«, meinte er. Im übrigen sagte er nicht viel. Er hatte drei Söhne: Anders und Jens und Per, und drei Töchter: Ane und Aasel und Beret. Anders starb jung. Lucie-Langnacht Lucie-Langnacht: Die Nacht vor dem St. Lucie-Tag, 13. Dezember, galt früher in Norwegen für die längste Nacht, da vor dem Jahre 1700 der Kalender in Norwegen um 11 Tage verspätet war. 1 Sie konnten es nicht verstehen, die Frauen: was war denn heute mit dem Alten los? Er ging immer wieder aus und ein und auf den Hügel hinauf; er vergaß, ihnen das Holz hereinzutragen und vergaß, darüber zu schelten, daß es nicht trocken genug sei, man konnte wirklich sagen, es herrschte der reine Frieden im Hause. Sie folgten ihm mit den Blicken, wenn er kam und wenn er ging – denn vielleicht wußte er doch etwas davon? Nach und nach legte es sich ganz schwer auf das Haus. Die Sache war die, daß sie ihn gestern gründlich gefoppt hatten, sie hatten hinter seinem Rücken getan, was sie wollten; er war den ganzen Tag im Wald gewesen, und sie waren fortgegangen. Eines Tages nämlich war die Frau von Ommunstranda hergelaufen gekommen und hatte erzählt, sie hätten über dem Juwikhof einen Feuerschein gesehen. Sie waren um Mitternacht in den Stall hinübergegangen und hatten nach einer Kuh gesehen, die kalben sollte, und da schlug die helle Lohe hinter den Hügeln auf, gerade über Juwika; sie erschraken so, daß ihnen die Knie versagen wollten, dann aber weckten sie den Bauern und liefen hierher, jedes mit seinem Wassereimer. Als sie aber auf die Höhe hinaufkamen und Ausschau hielten, da lag der Juwikhof im tiefsten Frieden der Nacht, die Häuser standen im Mondschein da, und es war keine Spur von Feuer zu sehen. Nein, da wußten sie es auf einmal: es war eine Brandwarnung gewesen! So hatte man es auch über Haaberg gesehen, kurz bevor das Feuer dort ausbrach. Aber damals brannten nur die Schmiede und ein Vorratshaus ab, als es soweit war, denn die Leute hatten der Kirche und den Armen sogleich Spenden gegeben. Und über Skarsvaagen zeigte es sich auch, ehe es dort brannte, und über Vanvika und über vielen anderen Höfen. Aber überall dort, wo man sich nicht darum bekümmerte, dort brannte es. Sie hatten es zu allen möglichen Zeiten gesehen: in der schwärzesten Herbstnacht, in mondgelber Winternacht – ringsum war alles wie ausgestorben gewesen, und mitten über dem Unglückshof hatte eine große flackernde Lohe gen Himmel gestanden, unheimlich anzusehen. – Und darum mußte die Ommunstrandbäuerin hierherkommen und Ane unter vier Augen sprechen, denn vor Per Anders wagte sie sich damit nicht heraus; er war wegen seines Unglaubens berüchtigt, er glaubte nie etwas, bevor es geschehen war. – So waren sie denn gestern fortgegangen, die Weiberleute von Juwika, hinüber zu den kleinen Häuslerhöfen, eine jede mit ihrem Korb, sie hatten viele Gaben weggetragen und hatten Glück dabei gehabt, der Alte war im Wald gewesen und die Burschen auch. Und sie waren gelaufen, als hätten sie den Korb und den eigenen Leib gestohlen, waren mitten durch den Wald gelaufen, auf dem kürzesten Weg und ohne Aufenthalt. Doch der Per Anders war ein Fuchs; er glaubte an nichts, aber er wußte alles, das hatte er so in sich. Im übrigen geschah es der Ane gerade recht, fanden die Mägde, weiß Gott, denn sie war so geizig, daß es ein Jammer war. Nie hatte sie einen Bissen übrig für einen Armen; die Leute auf dem Hof mußten froh sein, wenn sie selber satt wurden. Ane Juwika war eine kleine, schmächtige Frau in den Siebzigern; eine kleine, spitze Nase und ein Paar wachsame Augen schauten aus dem Kopftuch heraus, viel mehr sah man nicht mehr von ihr. Sie war wie blaugefroren, und die Mägde dachten sich allerhand, wenn sie sahen, wie sie zusammenschauderte und so blau wurde, und sie fragten die Bäuerin, ob sie friere. Sie schob gern die Unterlippe ein wenig vor: man sollte nur nicht glauben, daß sie schon alle Macht auf dem Hofe aus der Hand gegeben hatte. Sie schien heute den Alten nicht zu beobachten. Das aber tat die Schwiegertochter, die Valborg. Sie war gewissermaßen jene, die den Per Anders in letzter Zeit am besten kannte und die es am besten mit ihm verstand. Man erzählte sich, daß er es war, der sie auf den Hof geholt hatte. Valborg war noch jung, zwischen zwanzig und dreißig, groß und kräftig, mit breitem, sommersprossigem Gesicht, rötlichem Haar und weißer, zarter Haut. Sie hatte langsame Bewegungen und war wortkarg, aber man konnte es ihr ansehen, sie wußte sehr wohl, daß sie hierher gehörte. »Er weiß es«, sagte sie zu Beret, als sie miteinander am Herd standen; er war soeben einen Augenblick in der Stube gewesen. Beret war die jüngste Tochter im Haus, und sie war noch unverheiratet und daheim. Erschreckt sah sie Valborg an; sie war so schmächtig wie die Mutter und blaß und blutlos und unfroh. Es war nicht viel an ihr. – »Ja, wenn er es nur nicht weiß!« sagte sie. Aber Per Anders wußte es. Er erfuhr es, als er am Oststrand mit einem Mann sprach, und heute war er im Vorratshaus gewesen. Er war wie die Krähe, schien es ihm selbst, er konnte schon auch bis drei zählen. Aber das war es nicht, was ihn an diesem Tag plagte. Es waren die Buben. Sie wollten unbedingt nordwärts nach Skavstranda rudern und Holz holen, und sie hatten gesehen, wie ein Boot vor ihnen nach Norden hinaufgefahren war, vermutlich ein Holzdieb von der anderen Seite des Fjords. Da konnte man allerlei von ihnen erwarten. – Die Buben, das waren seine beiden Söhne; sie waren beide in den Dreißigern. Barhaupt stand er im Weststurm droben auf dem Hügel, das Haar flatterte lang und weiß und zottig im Winde, ein Windstoß nach dem andern überfiel ihn, aber er stand wie im Fels eingewurzelt, groß und breitschultrig, ein wenig gebeugt von den Jahren. Er hielt Ausschau nach einem Boot im Norden, aber die Augen taugten nicht mehr recht, er sah nur noch so viel, daß er allein gehen konnte. Die Augen waren das erste, was in der Juwikasippe nachließ, sie waren von Natur hellblau; im übrigen behielten die Männer alle bis in die achtziger und neunziger Jahre ihre volle Rüstigkeit. Er richtete sich auf und ging heim. Das Gesicht war das Jüngste an ihm, rotwangig und glatt rasiert, mit weißer Haut wie bei einem jungen Mädchen. So waren fast alle Männer hier auf dem Hof gewesen; und das Rot wurde blau, wenn sie auf der Totenbahre lagen. Die Nase war klein und scharf, und scharf waren auch die Augen, sie versuchten alles zu durchschauen, was ihnen in den Weg kam. Es war kurz vor Weihnachten, aber es war jetzt nicht kalt, gerade recht zum Brauen und Backen, wie die Leute sagten, und damit sollten sie jetzt anfangen, die Frauen, gleichviel, wenn es auch eine Woche zu früh sei. Die alten Bräuche müßten jetzt abgeschafft werden, so nach und nach, meinte er. Man schreibe jetzt doch schon seit langem die Zahl 1800. Er trat in die Küche. Juwika war der einzige Hof weit und breit, der eine Küche hatte, das war etwas Großartiges, ganz wie auf dem Pfarrhof, und Per Anders hielt sich gern in dieser Küche auf. Jetzt sollten sie sich einmal auslüften, sagte er überlaut zu den Frauen. Sie sahen ihn alle auf einmal an, ein jedes blickte von seiner Arbeit auf. Ja, das sollten sie; sie sollten westwärts zu den Häuslerplätzen gehen und den Leuten eine Kleinigkeit mitbringen. »Komm mit mir ins Vorratshaus, Ane«, sagte er, »und du auch, Valborg.« Die beiden wechselten Blicke miteinander, legten aber still die Arbeit weg und folgten ihm. – »Denn hier gibt es genug zu essen, schaut her, da unterm Dach hängen dreißig Hammel- und Schafkeulen und fünf bis sechs große Schinken, und auch sonst haben wir reichlich Brot und andere Gottesgaben.« Ane räusperte sich hinter ihrem Kopftuch, und Valborg wurde glühend rot. Denn jetzt waren es nicht mehr dreißig. Er wies an, was sie nehmen sollten: da und da, oh, noch viel mehr! Daher! Und hier und dort! »Leg es hinein, Weib, in den Korb und in das Bündel.« Und sie mußten einpacken, alle die schönen Dinge, die schon vorher so bedenklich abgenommen hatten, die Ane nie anrührte, ohne zu seufzen. Das war mit das Schwerste, was sie bisher hatte tun müssen, und der Hausvater stand hinter ihr und lachte innerlich, so daß sie nicht einmal aufzublicken wagte. Anders, Valborgs ältester Sohn, kam in das Vorratshaus herein. Er stand eine Weile da und sah zu, und dann fing er an: »Jetzt wieder? Und gestern auch schon! Und jeden Tag! Wie wird es da mit deinem Vorrat gehen, Großmutter?« Sie taten, als hörten sie ihn nicht; besonders Per Anders tat nicht dergleichen. Und auf den Weg mußten sie sich machen, Ane und Valborg und eine von den Mägden, der Alte begleitete sie ein langes Stück. Und sie gingen, und sie trugen, ganz kläglich über Hügel und über Moore, man hätte weinen mögen, hätte man nicht lachen müssen. Die Valborg lachte. Der Per Anders lachte auch, als er heimwärts ging. Er richtete sich auf, so straff er konnte. So wollten sie es haben, die Weibsbilder, denn abergläubisch waren sie, und unzuverlässig waren sie, und Prügel nützten gar nichts, sie waren wie die Ziegen. Per Anders meinte, er habe sein ganzes Leben lang in diesem Streit gestanden. »Keinen Aberglauben!« pflegte er gern zu sagen, »kommt mir nur nicht mit solchem Unsinn, wir sind doch erwachsene Leute.« Es war, als schwimme er gegen den Strom, es war, als stehe er unter dem Wasserfall. Aber er stand immer noch aufrecht da. Kein Mensch wagte jetzt noch zu sagen, daß es auf Juwika spuke. – »Na, es ist gut, wenn sich die Leute die Seele ein bißchen lausen«, sagte er zu sich selbst. Die Buben – viel taugten sie ja nicht, aber wenigstens glaubten sie doch nicht jeden Unsinn, in dieser Beziehung steckte doch ein guter Kern in ihnen. Das mußte Per Anders wissen können, wie er auch wissen mußte, daß sein Körper rein war. Denn auch in diesem Punkt war er ein wenig anders als andere: er wusch sich und badete im Sommer und ging im Winter in die Badestube. Manchmal grinste er ihnen nach: diese Weiber, die hatten Angst vor dem Wasser! Aber die Buben, ja, er mußte sich wirklich umschauen, was die trieben. War es nicht so, wie er gedacht hatte: sie jagten hinter dem Holzdieb her! So etwas machte ihnen Spaß. Ein alter Mann und ein Knabe saßen in dem Boot, und das Boot war schwer mit Brennholz beladen, wie er zu sehen glaubte; und die Buben hetzten dahinter her und riefen, jetzt hörte er es – der Alte muß weiter und weiter vom Ufer weg, sie jagen ihn in Sturm und Wellen hinaus, so daß ihm fast das Boot vollschlägt. Die Buben drohen und lachen. Per Anders ruft, daß es in den Bergen hallt. Sie hören es, aber sie gehorchen nicht sofort. – »Wollt ihr wohl hören!« singt er hinaus. Da kamen sie endlich an Land herein. Als sie landen, steht er am Strand und nimmt sie in Empfang. Schweigend steht er da, während sie das Boot heraufziehen. – »So mit den Leuten umzugehen«, sagt er. »Wie die Hunde. Das muß jetzt ein Ende haben auf Juwika.« »He!« grinst Jens, der ältere von den beiden: »ein Holzdieb!« »Ich werde dir einen Holzdieb geben!« Und der Alte packt ihn beim Schopf und zerrt ihn hinter den Steinwall. Und er knurrt vor sich hin, ob denn das so schlimm sei, wenn sich jemand so kurz vor Weihnachten einen Prügel Holz hole? Er wolle mit dem Dieb reden, er selbst! Jens war ein großer und langer Bursche, größer als der Vater, und breitschultrig, aber etwas schlanker, er hatte ein blasses Gesicht und ein kaltes Lächeln; mit den anderen Juwikleuten hatte er nicht viel Ähnlichkeit. Es sah fast aus, als wisse er nicht, was er nun dazu sagen solle – ließ er sich so etwas von jemand gefallen? Er war dreißig Jahre alt, reichlich dreißig Jahre, und außerdem war er einer von denen, die, wenn sie schon nicht zuerst zuschlagen, so doch gleich danach zuschlagen. Aber er schlenderte so allmählich vom Ufer hinauf. Der Alte wendet sich hart zu Per, dem anderen Sohn: »Du hättest doch gescheiter sein müssen, du Nichtsnutz. Wozu hast du denn deinen Verstand?« Per griff zu und lud das Holz ab, das sie geholt hatten. Es war fast lauter trockenes Kiefernholz für das Feuer an Weihnachten, und dann noch der Weihnachtsklotz, ein großer, mächtiger Kienklotz. Per gab niemals Antwort, wenn der Vater über ihm war. Er hatte mehr Ähnlichkeit mit dem Vater als der Bruder; aber er sah etwas weicher aus, sowohl im Gesicht als auch sonst. Er blickte kurz auf, und die Augen waren mild und ruhig. Per Anders stand da und sah ihn eine Weile an, dann ging er hinauf. – »Nur Dummheiten und Unsinn«, knurrte er, »so ist es immer mit diesen Buben gewesen. Lauter Verkehrtes haben sie im Kopf. Es kommt nichts Ordentliches dabei heraus, nur Kleinkram und Armseligkeit. Anders … wenn der hätte leben dürfen, das wäre ein Mann gewesen!« Per und Anders, ja, so hatten sie immer geheißen, Sohn auf Vater, durch alle Zeiten zurück. Aber dann wurde es ein Per Anders, und damit war es geschehen … der Gedanke stand klar und deutlich vor dem Alten, als er so dahinging. Ja, ja, aber aus dem Per konnte vielleicht etwas werden. Er hatte ihm jetzt ein braves Weib verschafft; die Valborg war eine, an die man sich halten konnte. Per Anders ging ins Haus und ließ sich zu essen geben, er wartete heute nicht auf die anderen, fragte nichts nach der Sitte, er wollte fort. Wohin er wollte? He! er müsse über den Fjord hinüber. Dann suchte er die Sonntagskleider hervor, zog den blauen Düffelsrock an und schwarze lange Hosen, er band sich einen großen, vielfarbenen Wollschal um den Hals und setzte eine neue Schaffellmütze mit rotem Futter auf; das Fell hatte er selbst zugerichtet, und er fuhr darüber hin und fühlte, wie schön weich es war. Per fragte unten am Strande, wo der Vater hin wolle. Der Alte schob das Boot hinaus, ehe er antwortete. »Hinausrudern«, sagte er. Und dann fügte er hinzu, hart: »Ich will mich umschauen, wo ihr den hingejagt habt.« Dann ruderte er fort. Per sah ihm lächelnd nach. Denn wenn der Vater in dieser Laune war, konnte man nicht mit ihm reden. Als er auf den Hof hinaufkam und hörte, daß die Frauen fortgesandt worden waren, pfiff er leise vor sich hin, und Jens schaute auf und lachte: »Da hast du es!« Es war immer mehr und mehr so gekommen, daß Per Anders alles auf seine Art haben wollte. »Jetzt ist es bald nicht mehr auszuhalten«, sagte Jens, »wir machen es nicht mehr lange.« Per sah ihn nur an, tat, als höre er nicht. – »Aber die Weiber, Gott verzeih mir die Sünde, ha, ha, ha!« Jens schlug sich auf die Schenkel und lachte. Per verzog den Mund zu einem Lächeln und dachte nach. Jens nahm die Büchse und ging in den Wald. Das tat er immer, wenn der Vater weg war. Per machte sich an die Arbeit und fuhr das Holz hinauf. Es war ein großer Unterschied zwischen den beiden Brüdern, in allem und jedem. Jens packte allerlei an und ließ es wieder liegen, aber wenn er etwas tun mußte, so griff er zu, als ginge es ums Leben. So waren die Juwikinger immer gewesen, hatten sich aber doch stets hinaufgearbeitet. Per machte seine Sache ruhig, aber er war fleißig wie eine Ameise: er war allzu fleißig, fand der Vater, und wußte nicht, warum er das fand. 2 Als Per Anders in der Mitte des Fjords war, gingen die Wellen schon hoch, und gegen das andere Ufer hin nahmen sie immer mehr zu. Per Anders hielt gerade auf die Häuslerplätze von Haaberg zu, und dort fand er den Holzdieb. Der Sünder dachte auch gar nicht daran zu leugnen, denn Per Anders traf ihn gerade dabei an, als er das Holz hinauf schaffte. Sein Gesicht wurde lang, und die Knie sanken unter ihm ein, und die Frau, die ihm beim Tragen half, ließ den Prügel fallen und blieb jäh stehen. »Gott zum Gruß!« grüßte Per Anders. Sie schluckten mehr an ihren Worten, als sie sie aussprachen. – »Es gibt Sturm«, sagte Per Anders. Das Weib faßte sich zuerst, und sie legte sich ins Zeug, als gelte es das Leben: »Ja, ja, jetzt gibt es einen gehörigen Sturm, ja, so ein richtiges Hundewetter jetzt, und Kriegszeiten und Unfriedenszeiten, und Mißjahr und Notjahr überall zu Wasser und zu Lande, ja wahrhaftig.« Sie glaubte wohl, sie könnte ihn dummschwätzen. Per Anders klopfte das Wasser aus seiner Pelzmütze: er wolle sie nur warnen und ihnen sagen, wenn sie sich noch einmal bei Juwika blicken ließen, dann bekämen sie's mit ihm zu tun. »Merkt euch das!« Ja, und für dieses Mal wolle er's dann gut sein lassen. Aber mein soll mein sein und nicht dein, und Diebstahl ist Diebstahl, und Dieb ist Dieb, wenn es auch noch so schmal bei ihm hergeht. Per Anders richtete sich gerade auf und ging fort, und sie kamen still hinter ihm her bis zum Zaun. »Wie kann man nur so jämmerlich aussehen«, brummte er vor sich hin. »He! kommt doch einmal bei gutem Wetter zu uns, beim Satan!« – Er wandte sich so jäh zu dem Manne um, daß dieser zusammenfuhr. »Dann will ich dir Holz geben .« Sie brachen in Danksagungen und Segenswünsche aus, und er machte sich so schnell wie möglich davon. Er schlug den Weg nach Haaberg ein. »Pfui, pfui!« sagte er, machte den Rücken rund und spuckte aus. Ja, es war schon so: Mißjahr und schlechte Zeiten ringsherum und Unfrieden. Und Menschen waren eben Menschen, die verloren gleich den Mut. Er ging weiter und erblickte nun die Häuser von Haaberg. Das Wohnhaus wuchs unter dem Hang heraus, es nützte gleichsam nichts, sich länger zu verstecken, wenn man auch noch so niedrig und schwarzgrau war, denn hier kam er. Aber wie klein es doch aussah! Es sollte doch ein großer Hof sein. Lang und niedrig wie eine alte Mähre, und der Schornstein groß und häßlich auf dem Dach, als reite das leibhaftige Unglück auf dem Haus; das Haus wurde ganz hohlrückig – es spürte seinen Reiter! Ja. Aber damals, als er die Ane, seine älteste Tochter, hierher verheiratete, da meinte er, es sei ein Glückstreff; und sie meinte es auch. Ja, gewiß war Haaberg der größte Hof ringsum, und an Wohlstand fehlte es nicht, aber da stand nun das Haus und schämte sich förmlich vor ihm, wie die Hütte eines armen Mannes; man konnte nicht leugnen, daß hier auf dem Hof nicht alles in Ordnung war, seit langer Zeit nicht mehr; und nun war der Bauer selbst seit zwei Jahren tot. Ganz unwillkürlich stellte er sich den Juwikhof vor, er schien ihm so groß und mächtig: das Wohnhaus war hoch und breit, und die Fenster sahen blank ins Land hinaus; die fürchteten sich vor nichts, die schrumpften vor niemand zusammen; und weiße Fensterrahmen und weiße Türen. Hier gab es nur ein Fenster, und das war blind, braun- und grünschillernd war es – da saß man sicher dahinter, wenn man Angst hatte! Per Anders blieb stehen und richtete sich auf: Ja, Angst, das war es gerade. Da saßen sie und krochen hinter ihrem blinden Fenster zusammen und horchten auf Gespenster und Spuk, sobald es Abend wurde. Und Angst vor einem neuen Haus, vor frisch gestrichenen weißen Türen hatten sie; saßen da und warteten auf ihn, der sich hierher wagte: ob nicht der Mond ihm auf den Kopf falle. Und trotzdem so darauf versessen, mit dabei zu sein; keiner wollte der erste sein und keiner der letzte. So waren die Schafe, so war auch das Weibervolk. Ja. Per Anders hielt treu am alten Brauch fest. Er ließ die anderen gar manches Mal vorausgehen. Aber plötzlich dann wieder packte es ihn, und dann griff er zu und machte es auf seine Weise; mochten sie dann allein zurechtkommen. Aber heute wollte er die Ane treffen. Er hatte in letzter Zeit viel an sie gedacht. Sie war so klug gewesen, als sie noch daheim war, sie war immer so erwachsen gewesen, sie hätte es verdient, daß es ihr gut ginge. Es war jetzt lange her, seit er sie gesehen hatte. Er ging rascher zu, immer rascher: wirklich ein Jammer, wie lange er nicht mehr mit ihr gesprochen hatte. Drinnen im Wohnhaus war es nicht hell, und ihm, der von draußen kam, schien es wie grauer Abend; er sah fast nur die Herdstätte, wo die Glut unter dem großen Kessel schlief. Hinter der Türschwelle war nur Lehmboden, der reine Sumpf, fand er; und der Halbboden klaffte und war schwarz wie die Stalldielen daheim auf Juwika. Daheim hatte er einen glatten, gehobelten Boden von Wand zu Wand, und es war hell in der Stube wie der Tag, auch in der Küche, wie im schönsten Pfarrhof; das war etwas anderes! Ane lebte etwas auf, als sie sah, wer es war, aber man konnte ihr nicht anmerken, daß sie sich freute. Sie bat ihn herein, rückte ihm einen Stuhl zurecht, und da saß er nun und redete von dem und jenem. Sie aber saß förmlich auf der Lauer, fand er, und ihre Hände waren so ratlos. Mitten drin lachte er und warf den Kopf zurück, wie es so seine Gewohnheit war: »Hat mich vielleicht ein böser Spuk angemeldet? Lagen heute morgen vielleicht ein paar Späne über Kreuz vor der Türe, he? Das kann ich mir denken! Oder hat mich die Graukrähe und nicht die Elster angemeldet?« Anes Gesicht kam gleichsam aus dem Kopftuch heraus, er sah sehr wohl, wie schlecht es um sie stand. Hm. Und mein Gott, wie sehr sie ihrer Mutter glich! – »Man soll auf so etwas nicht achten«, sagte sie, »lauter Aberglaube.« Hm. Graublau und langnasig, mit einem Tropfen an der Nase und allem übrigen; sie kroch wieder in ihr Kopftuch zurück und ging umher und machte sich allerlei zu schaffen. Er wußte es ganz genau, wie er da saß: Früh heraus und spät zu Bett, und brachte doch nie etwas vom Fleck. Hier roch es nach Nahrungssorgen und kleinen Kümmernissen. So stand es um Ane, jetzt. Sie redeten weiter. Immer und immer wieder kam sie auf die Nachbarn zu sprechen. Das waren schlechte Leute; sie taten das und taten jenes, es war nicht mit ihnen auszukommen. Per Anders wollte nicht darauf eingehen, er räusperte sich lauter und lauter: Die Nachbarn, die hausen gut, für sich, hm! Ordentliche Leute. Aber daheim auf Juwika brauten sie und schlachteten sie und bereiteten auf Weihnachten vor und schafften für sieben. Und so trieben sie es das ganze Jahr. Sie waren ihrer viele und schafften, daß es eine Art hatte, dann schnauften sie auf und überlegten und packten wieder an. Ja, auf dem Hof wehte ein frischer Wind. Sie waren im Sommer mit Birkenrinde und Lohe auf dem Naeröymarkt gewesen und mit Butter ! Schafe hatten sie jetzt wenig, nur ein paar – so sollte sie es auch machen: sich mehr auf die Kühe verlegen und dann dafür sorgen, daß man frühjahrsträchtige Kühe habe, da gäbe es Bargeld. Warum hatte sie nur einen Buben als Knecht? Ane seufzte leise und jammerte: der Knecht, den sie gehabt hatte, war so unverschämt gewesen; zuletzt verlangte er vier Speziestaler im Jahr und außerdem noch Stiefel und Hosen und alles mögliche. Nein, ehe er noch ein Paar Stiefel im Jahr bekam, sollte er lieber gehen; und das tat er auch. »Schlimm, schlimm«, murmelte Per Anders. Sie sollte ein wenig mehr dahinter her sein, sich mehr rühren. »Schaff dir Netze an und schick den Knecht im dunkelsten Winter auf den Fischfang; es ist nicht gerade großartig, aber es bringt doch etwas ein.« Und schließlich schlug er es fest, mit dem Ende seines Messergriffes, mit dem er auf die Tischplatte klopfte – denn er war jetzt schon bis zum Tisch vorgerückt: »Sparen und immer wieder sparen ist schon recht, aber: wer sich nicht satt ißt, der kann sich auch nicht satt schlecken; vergiß das nicht, Ane!« Das Essen war nicht schlecht. Freilich, es war kein Essen wie auf Juwika, aber es ging an. Doch er fühlte sich hier nicht wohl. Man saß wie in einem Keller eingeschlossen. Trotzdem griff er zu und hatte ein kleines Lächeln um die Augen: wenn sie schon geizig war, dann sollte sie ihm auch nichts Gutes zu essen vorsetzen; er hatte Lust, sie arm zu essen. Sie fing wieder an, von den Nachbarn zu reden. Da stand er auf und ging. Er müsse jetzt heim. Sie begleitete ihn ein Stück Weges. Dabei fragte er sie, wie es hier mit der Erbfolge stünde, da sie doch kinderlos sei. »Kinderlos?« sagte sie nach einer Weile. Hm! sie sei doch nicht so kinderlos. Totgeborene Kinder sind keine Kinder, war er nahe daran zu antworten, aber dann ließ er es doch ungesagt. »Es lebte noch, als es zur Welt kam!« erklärte sie, und jetzt klang ihre Stimme härter. »Nein, wirklich?« Er war ganz erstaunt. Denn alle hatten sie gesagt, alle, die es wissen mußten, daß das Kind totgeboren war; es kam gleich, nachdem der Vater gestorben war. »Mögen sie lügen, wie sie wollen: ich habe gehört, daß noch Leben in ihm war!« Er blieb stehen und sah sie an. Hatte er ihr eine zu schwere Last auferlegt, damals, als er sie hierher sandte? Die Erinnerung daran, was für ein kleines und heimatloses Mädchen sie damals gewesen war, als sie von Juwika fortzog, traf ihn so, daß ihm fast der Atem stockte. Und jetzt ging sie da hinter ihrem Kopftuch verborgen neben ihm her und war ihm wildfremd. »Ja, das sage ich«, fuhr sie fort. »Und darauf will ich gern meine Seligkeit verschwören! – O nein, die sollen mich nicht wie eine Hündin vom Hof fortjagen!« Er sagte nichts darauf, sondern ging nur weiter. Sie begleitete ihn bis hinunter, denn jetzt war sie so ins Reden gekommen, daß sie nicht mehr aufhören konnte. Sie sagte nur immer wieder: sie wolle einen Eid darauf schwören, daß das Kind am Leben war und daß es schrie; und da müßten sie wohl nachgeben! Je mehr sie sich das vorstellte, desto sicherer war sie ihrer Sache. Per Anders seufzte ein paarmal und legte den Kopf schief, es klang fast, als murmle er nein, nein! vor sich hin. Dann wandte er sich unmittelbar an sie. »Schwören ist die eine Sache. Eine andere ist es, den Schwur mit sich herumtragen!« Sein Gesicht war fast weiß. Ane ging schweigend weiter. Dann sagte sie still und kalt: »Ehe sie mich vom Hof verjagen – – –. Denn ich bin nicht nachtscheu, das weißt du, Vater!« »Jetzt schweig aber. Daß du's weißt.« Sie gehorchte. Und er ging so rasch, daß sie ihm kaum folgen konnte. Der Wind peitschte ihnen ins Gesicht, und scharfe Schneekörner schlugen brennend gegen ihre Wangen. Erst unten beim Kreuzweg, wo der Weg nach Nesse abzweigte, machte Per Anders halt. – »Leb wohl!« Und sie wisse ja, wo sie ein Heim habe, wenn es darauf ankäme. Wie gesagt, sie solle sich mehr zu schaffen machen, damit sie nicht die ganze Zeit über das gleiche nachgrüble. Und dann sollte sie die Leute tun lassen, was sie wollten, jene, die kleinlich und schlecht seien. Dann sagte er, ganz nahe ihrem Gesicht: »Nein, denn wenn es dir erst einmal zustößt, falsch zu schwören – das ist eine gefährliche Sache. Das ist respektierlich ! Ja, leb wohl, Ane, und Dank für die Bewirtung.« Er hörte nicht, was sie erwiderte. Und dann ging jedes seines Weges. »Das ist respektierlich«, murmelte er und blickte starr auf den Weg vor sich. Per Anders gebrauchte gern dieses oder jenes seltsame Wort, das ihm alt und kräftig zu sein schien. – Nein, nachtscheu war sie nicht, die Ane; in diesem Punkt war sie sein Kind. Aber daß es so schlimm um sie stand, das hatte er nicht geglaubt, als er auf dem Weg hierher war. He, he! Er hatte sich heiß gelaufen und schwitzte, aber dennoch fror ihn. Er merkte, daß er im Begriff war, den großen Bogen nach Nesse zu machen – man muß doch in den Kramladen hineinschauen, wenn man schon unterwegs ist. Er trat ein und kaufte einen großen Kranz Bergener Brezeln und ließ sich sein Taschentuch mit hartem Gebäck füllen; denn er hatte ein unvergleichliches Taschentuch. Er wurde ins Kontor gebeten, und der Kaufmann selbst setzte ihm großartig zu trinken vor, das gehörte sich, wenn der Juwiking über den Fjord kam; aber Per Anders schenkte ihm im übrigen heute nicht viel Aufmerksamkeit, weder ihm noch den anderen. Die Häuslerleute kamen hinter ihm her ans Ufer hinunter, wollten ihm mit dem Boot behilflich sein, aber er schob es ihnen mitten vor der Nase allein hinaus. Doch als er dann im Boot stand und sich vom Ufer abstieß, rief er ihnen zu: »Kommt zur Sigurdsmesse zu uns, da schlachten wir.« Dann legte er sich in die Ruder. 3 Der Nordwest hatte zugenommen. Nie ist er so arg, als wenn er so vereinzelte Schneekörner vor sich hertreibt, und jetzt fuhr er mit kurzen, beißenden Böen übers Wasser. Der Fjord war aufgewühlt und drohend, und Per Anders blickte ein wenig mißtrauisch über ihn hin. Er sollte sich vielleicht näher ans Land halten, bis er mehr in Lee des anderen Ufers käme, denn die Juwikhalbinsel reichte weit nach Norden hinauf. Aber er tat es nicht, sondern ließ sich nach Süden treiben. Er wollte jetzt, da er schon unterwegs war, gleich auch südlich bei Vikan nach Aasel Umschau halten. Die ganze Zeit schon, seitdem er Haaberg verlassen hatte, mußte er an Aasel denken. Ebenso wie er an Ane dachte, als er von daheim wegfuhr: schlimm, wie das in ihm fraß und bohrte, wie eine Krankheit, die sich einem auf die Brust legt. Er mußte sie sehen. Ja, und da hatte er nun gute Sachen für ihre kleinen Burschen. Denn dort gab es Kinder – Gott mochte wissen, wie viele es jetzt waren. Aasel hatte nach ihrem eigenen Wunsch geheiratet, einen Häusler sozusagen; er hatte hier einen kleinen Häuslerhof als Eigentum gekauft. Mit Aasel war es ein wenig schnell gegangen, sie hatte nicht mehr lange auf die Hochzeit warten können. Das war damals etwas ganz Unerhörtes, und in Juwika war das noch nie vorgekommen. Aber Per Anders hatte nicht viel darüber gesagt. »So heirate eben, zum Teufel!« sagte er mir. »So so, ja ja«, sagte er zum Bräutigam und betrachtete ihn, »dich also will nun die Aasel haben. Ja, sie hätte einen Besseren haben können.« Die Aasel war ihr ganzes Leben lang überlustig gewesen, nur Lachen und Übermut, wo sie ging und stand, aber ein herzensgutes Kind und tüchtig bei der Arbeit. Die Mutter wollte sie nicht mehr sehen, und auch der Vater hatte ihr die Türe nicht eingerannt. Die Stube in Vikan war eine Häuslerstube, daran ließ sich nichts deuteln. Sie hatte fast kein Fenster, ein Eichhörnchennest. Aber es lebte sich gut darin, gewiß. Und ähnlich war auch der Mann, war der Mikkal selber: wie ein Eichhörnchen. Ja, er hatte runde, blanke Eichhörnchenaugen; er stand vor einem wie das Eichhörnchen auf seinem Zweig, neugierig und leichtlebig, ein kluges, kleines Tier. Sicher hatte er auch Zähne wie ein Eichhörnchen, wenn er sie nur hätte zeigen wollen. Nein, sie hätte einen Besseren haben können, die Aasel. – Aber ein Draufgänger auf dem Meer draußen war er, ja, weiß Gott, das mußte man ihm lassen! Da nahmen sie es nicht mit ihm auf, die Juwikinger, und andere auch nicht. Er hatte ihn oft beobachtet, wenn er heimgesegelt kam – er hätte ihn am liebsten mit der Otter verglichen. Ob er heute wohl daheim war? Er war nicht daheim, er war auf dem Heringsfang. Aasel saß allein in der Stube bei den Kindern und der Schwiegermutter – die war alt und lag zu Bett. Aasel erschrak fast, als der Vater kam. »Gott steh mir bei, ist es etwas mit der Mutter?« fragte sie. Er hatte Aasel kaum je ernsthaft gesehen; man konnte sie sich nicht ernst vorstellen. – »Nein, aber dann ist es wohl die Änderung vor dem Tode, Vater, daß Ihr kommt und Euch nach uns umschaut?« – Jetzt kam das Lächeln zum Vorschein, rings um die Augen und über das ganze Gesicht. So war sie gewesen, damals, als er sie noch daheim hatte. Die Augenlider falteten sich doppelt vor lauter Lachen, und das Gesicht war rund und gut wie bei einem Kind. Das ganze junge Weib war lauter Gutmütigkeit. Er wandte die Blicke nicht von ihr ab, die ganze Zeit, während er in die Stube trat und sich hinsetzte und mit ihr über das redete, was ihm am Herzen lag. »Nein, Goldvater, daß Ihr kommt und Euch nach uns umschaut! Jetzt wird's aber Feiertag! sagte der Mann, als er ins Himmelreich kam.« Und da fühlte er, wie unabsehbar lang es her war, seit sie von daheim fortgezogen war. Wie leer es jetzt ohne sie war; mit all ihrem Lachen und Leben und ihrem ganzen Ich war sie hierhergezogen. Sie holte die Kinder herbei und zeigte sie ihm; sie hatte schon vier, in vier Jahren – »das geht mit dem Kalender hier bei uns«, lachte sie. »Schau sie dir an – siehst du? Keine Häuslerkinder, oder?« Er schaute und schaute. Er sah, was sie meinte. Das waren Juwikinger, weiß mit roten Wangen und stark und kräftig im Blick; bis auf den Jüngsten, der war sicher nur ein Eichhörnchen. Sie redete und erzählte. Nein, es war nicht schwer hier zurechtzukommen, die Großmutter paßte auf die Kinder auf und die Kinder auf die Großmutter, Vieh hatten sie nicht mehr als notwendig, zwei Milchkühe, außer dem Stier und dem leeren Stand. »Und«, sagte sie still, »die Nachbarn sind gut.« Käme es darauf an, so fänden sich immer hilfsbereite Hände, beim ersten Wort; sie zählte sie ihm mit Namen auf. – Dabei lebte er auf und saß da und lauschte. Zuletzt lächelte er: so war sie , die Aasel. Sie hatten es gut hier. Klare Fensterscheiben, helle Wände und eine blendend weiße Schornsteinmauer; den Boden mit Dielen belegt und neben der Herdstätte einen eisernen Ofen; über der ganzen Stube einen Speicherraum; und eine kleine Kammer für die Großmutter. Hier fühlte er sich wohl. Er zerschnitt den Brezelkranz und knüpfte das Taschentuch auf. Du meine Güte, was hatte er da alles für sie gekauft! Sie machten große Augen und wußten nicht, wo sie anfangen sollten. Aasel trug herbei, was sie hatte, das ging so rasch, als habe sie Angst, er könnte von ihr fortgehen – und lauter Sachen, wie er sie von Juwika her gewohnt war! Das hatte dagestanden und auf ihn gewartet. Sie hatte solches Essen; das hatte sie sich zusammengespart. Er wandte sich zu der Alten in der Kammer: Wenn man mitten in der Armut so ruhig leben kann, da war man wert, es auch besser zu haben. »Ja, der Arm, ja, die Gicht, red nicht davon.« Sie war zu alt und hörte schlecht. Er schaute wieder die Tochter an. Sie saß da und betrachtete ihn. Dann blickte er durchs Fenster hinaus: Gab es hier keine Geister droben in den Bergen? Mein Gott, freilich, sie rollten jede Nacht die Steine herunter, sah er denn nicht das Geröllfeld gleich oberhalb des Hauses? Sie lachten beide, und dieses Lachen erquickte ihn mehr als das Essen. – »Übrigens«, sagte sie, »ist es hier unheimlich, mit Geistern und allem möglichen, das ist wahr, Vater. Doch sie sind freundlich«, fügte sie hinzu. »Aber deine Schwester, die Ane, die ist ganz verrückt.« »Die Ane?« »Sie will einen Meineid schwören. Darauf, daß das Kind gelebt hat, als es zur Welt kam.« Aasel erbleichte. – »Nein, wirklich?« Er saß da und blickte zwischen den Knien zu Boden. Er habe so fest an die Ane geglaubt, sagte er: die fohlt nicht im Moor. »Unglaublich, wie man an so einem kleinen Ding hängen kann, das nie um etwas bittet, das alles allein zuwege bringen will. Und jetzt sitzt sie da, die arme Haut. Nichts mehr von ihr übrig, nur noch Nahrungssorgen und ein Meineid.« Er legte den Kopf auf die Seite: Nahrungssorgen sind schwere Sorgen, sie fressen einen bei lebendigem Leibe auf. »Und was soll man dagegen tun, was meinst du?« er blickte auf. »Und wenn die Mutter –?« »Ja, glaubst du? Ja, vielleicht. Und – ein ganz klein wenig dürfen wir auch auf den da oben vertrauen.« Wieder saß er da und blickte zu Boden, er war weit weg von ihr mit seinen Gedanken. – »So ist es wohl, vielleicht«, murmelte er, »auf Juwika und auch auf anderen Höfen: wenn man an das eine nicht glaubt, so glaubt man an gar nichts. Glaubt man nicht an Lügen und Geschwätz – kennt man keine Nachtscheu mehr, so fragt man nach nichts mehr und verschreibt sich dem Teufel selber.« Nein, die Ane war nicht nachtscheu, in diesem Punkt war sie seine Tochter. »Aber«, er blickte Aasel in die Augen, »die Ane wird das Juwikgeschlecht nicht fortsetzen, nein.« »Ja, ich will gern zu ihr gehen und mit ihr reden; ich werd sie schon zur Vernunft bringen!« Aasel lächelte jung und furchtlos: sie wußte, daß man sie auf Haaberg hinauswerfen würde, aber trotzdem wollte sie hingehen, trotzdem; sie würde schon wieder auf die Füße fallen. Sie begleitete ihn zum Strand hinunter, mit der ganzen Kinderschar hinter sich, stemmte mit am Boot an und schob es hinaus. Die Buben schrien ohoi! immer wieder, bis sie blau wurden. Per Anders holte tief Atem, ehe es ihm über die Lippen kam: »Du mußt zu Weihnachten zu uns kommen, Aasel. – Die Mutter meinst du? Ach was, sie wartet auf dich, Kind.« Es tue ihr leid, daß sie nicht mitkommen und ihm beim Rudern helfen könne, sagte Aasel. Und heute nacht sei Lucie-Langnacht … »Ja freilich. Rudern? Ach was. Im Rudern bin ich ein Mordskerl, will ich dir sagen. Der Teufel soll mich holen, wenn ich da müde werde.« Das gleiche sagte er vor sich hin, als er im Nordwest draußen lag und sich plagen mußte. Der Schnee legte sich wie ein dichter Pelz auf ihn, man mußte sich von Landzunge zu Landzunge vorwärtsarbeiten und immer so nah am Ufer bleiben, daß man es förmlich mit dem Ruder greifen konnte. – Immer noch stand Aasel dort und sah ihm nach, so schien es ihm. Sie lachte, als es über den Vordersteven hereinschlug, aber sie hatte doch Angst, das arme Ding. Das sei kein Wetter zum Rudern, hatte sie gesagt. Der Drang, hatte sie zu ihm gesagt. Sie hätten ihn hier im Fjord gehört. Ja, natürlich! hatte er erwidert. Und sie hatte mitgelacht, so lustig und furchtlos wie nur möglich. Sie hätte auf Juwika sein sollen! Da aber hörte er einen Ruf. Hoh! klingt es dicht neben ihm, daß es in den Bergen widerhallt. Und dann wieder, und noch ärger. »Noch einmal, solang du das Maul offen hast!« sagt Per Anders, er lacht verwundert. »Wollen wir um die Wette rudern? Denn im Rudern bin ich ein Mordskerl.« Die Nacht war düster, und er kam nicht nach Juwika. Er fuhr ans Ufer, lag da und hielt Umschau, dann tastete er sich weiter, fuhr in alle Buchten hinein, in Schneetreiben und Unsichtigkeit. Überall war ihm das Ufer fremd. Und draußen auf dem Fjord schreit es immer wieder. Er mußte lachen: mochte es sein, was es wollte, aber es war doch wirklich da. Per Anders hätte in dieser Nacht niemals heimgefunden, wäre nicht das Schneetreiben vom Sturm zerrissen worden: da war er an der nördlichen Landzunge und lag gerade vor der Juwikbucht. Jetzt erst merkte er, daß er erschöpft und durchfroren war, schlotternd saß er auf der Ruderbank und konnte überhaupt nichts mehr sehen. »Erst werd ich blind, und dann versagen die Augen«, sagte er, um sich ein wenig munter zu machen und wieder der alte zu sein. Und dann wandte er sich dem Fjord zu: »Gute Nacht, du, ja, und Dank für die Begleitung, ich will jetzt heim, ich.« Er kroch in den Netzschuppen und legte sich hin. Draußen hatte der Schneesturm wieder eingesetzt, und der Weg nach Juwika hinauf war vereist, da war kein Vorwärtskommen mehr. Und in der Netzkammer lag sich's gut. Er schob sich die Netze zurecht, legte sich darauf und deckte sich mit Blähen, Segeln und Felldecken zu, um nicht zu erfrieren. Nun konnten sie merken, die Buben, daß er immer noch ein Kerl war und keine Angst hatte; und wenn es auch zehnmal Lucie-Langnacht war. Es war Lucie-Langnacht. Die Nacht, die kein Ende nimmt. Da jammern die Kühe im Stall und die Schafe dazu; und den Leuten steigt's in den Hals, das Hasenherz, zähneklappernd sitzen sie da und schlottern; Berggeister rollen Steine vom Gebirge herab, Zwerge springen und trampeln um die Hauswand herum, es geistert und spukt überall, wer möchte in solch einer Nacht auf dem Speicher oder im Schuppen sein? Keiner! Keiner erträgt ein fremdes Geräusch. – Per Anders legte sich zurecht, sagte In Jesu Namen, wie er jeden Abend zu tun pflegte, und schlief dann ein. Nein, das gerade nicht, nicht sogleich, aber er war am Einschlafen. Da rührte sich etwas draußen im Schuppen neben der Netzkammer. Irgend etwas fiel herab; dort, wo er lag, polterte es an der Wand. Bootsschuppen und Netzkammer lagen nebeneinander; es befand sich eine Tür dazwischen, aber sie war verschlossen, sonst wäre er hinausgegangen und hätte nachgeschaut. Nach einiger Zeit schlich etwas wie ein Hund an der Wand entlang, die Nase an der Erde. Per Anders fühlte nach, ob er sein Messer bei sich habe, dann drehte er dem Ganzen den Rücken und schlief ein. Im Schlaf hörte er jemand vom Ufer heraufkommen, die Tür aufreißen und im Dunkeln stehenbleiben. Eiskalt drang der Wind herein, weckte ihn auf. »Wenn du stehen kannst, dann kann ich wohl liegen«, meinte Per Anders und blieb liegen. Jetzt wurde die Tür wohl wieder geschlossen, denn es war wieder still. Per Anders deckte sich gut zu denn er war naß und fror nach dem langen Rudern. Er schlief eine gute Weile. Dann aber geistert es unter dem Dach, er setzt sich auf und lauscht, die Hand am Messer. »Ist da jemand?« ruft er. Da wurde es mäuschenstill. Doch dann rumpelt es und bewegt sich aufs neue, über die Balken und die Netzstangen, ein großer und schwerer Kerl. Per Anders springt auf, packt ein Ruder und schlägt gegen das Gebälk, daß das Ruder zersplittert: »Halt Frieden im Schuppen, das rat ich dir! Du Teufel, der du bist!« Da lachte es oben im Dunkeln, ganz still, aber tief, als lache die ganze Nacht. Und jetzt wußte er es: das war der Leibhaftige selber; er selber. Per Anders war im Begriff hinauszugehen, aber dann brachte er es doch nicht fertig – hier war doch wohl Raum für zwei? Das war einer, den es wirklich gab; nicht der Draug oder irgendein anderes Aberglaubenszeug; vor dem Mann zu fieren, war keine Schande. Er setzte sich. Er war nicht mehr er selber und fror ganz gottserbärmlich. Dann betete er ein Vaterunser – er konnte nicht anders, obwohl es in diesem Augenblick unrecht war; gleichsam als gebrauche man eine zu schwere Waffe, weil man schwach wurde. – Im übrigen waren sie ja alle hier, alle die alten Juwikinger, rings um ihn. Er fürchtete sich nicht. Er deckte sich gut zu und tat, als schlafe er. Und die Nacht verging. Oder: sie verging nicht. Sie legte sich mit ihm hin, als wollte sie nicht mehr weiter. Er hörte die Kuh im Stall, sie brüllte und klagte: »Lange Nacht! Lange Nacht!«, und die Schafe und die Ziegen blökten und meckerten, mit eingezogenen Köpfen: »Sie ist länger als zwei!« 4 Oben auf dem Hof warteten sie endlos und endlos auf den Alten, aber er kam nicht. Die Frauen waren betroffen gewesen, als sie endlich heimgekehrt waren und zu hören bekamen, daß er fort war. »Was?« sagte Ane – »ist dein Vater fort?« Ja. Beret wußte nichts anderes. Ane fragte die Jungen, und auch die wußten nicht mehr. Die anderen dachten gleich nicht mehr daran – er kam wohl wieder heim; aber Ane konnte ihn nicht aus dem Kopf bringen. Denn er ist einmal so, der Per Anders, sagte sie sich immer wieder. Nie ein unzufriedenes Wort. Zu mir wenigstens nicht. Aber wenn er so davonläuft, dann ist er schlechter Laune. Nach und nach, als es immer später und dunkler wurde, kam eines nach dem anderen herein und warf ein paar Worte hin. »Er bleibt aber lang aus, der Vater.« Valborg stellt sich vor Per hin und flüstert ängstlich: »Wo steckt nur dein Vater? Er muß doch wohl bald kommen?« – Oh, der fand schon zum Hof zurück. Deshalb brauchte sie keine Angst zu haben. Sie setzten sich alle miteinander in die Stube, zündeten Licht an und legten neue Scheiter aufs Feuer. Der Sturm tobte in schweren Stößen über die Häuser hin, er donnerte im Schornstein wie ein Sturzbach, und der Schnee flüsterte in einem fort gegen die Scheiben, ängstlich und verwirrt. Sie pflegen auf Juwika die Fensterläden nicht zu schließen, »das braucht's nicht«, sagte Per Anders immer. Von Zeit zu Zeit gingen Per und Jens abwechselnd hinaus und sahen sich um; Jens kam mit einem kalten Lächeln wieder zurück, Per verfiel in andere Gedanken, er dachte an dies und jenes, was er zu tun hatte. Petter, Pers jüngster Sohn, schlief wie immer, aber Anders, der sechs Jahre alt war, blieb lange auf, obwohl er immer müder wurde und die Augen ihm immer mehr zufielen. Er gab nicht nach: »Ich will auf den Großvater warten«, sagte er, »es wäre doch eine Schande, wenn ich das nicht täte.« Er sagte es noch im Schlaf. Die Mutter nahm ihn und legte ihn neben den Bruder ins Bett. Sie und Per schliefen in der Stube, und die Alten in der Kammer. Als sie gerade in ihre Arbeit vertieft waren, lachte Jens kurz auf und schaute sie alle der Reihe nach an: Ist heute nacht nicht Lucie-Langnacht? Sie blickten ihn nicht gerade freundlich an, keines. Sie hatten eben selber daran gedacht, und was sollte es nützen, wenn einer es ihnen nun erzählte? Ane räusperte sich und hielt ihr Strickzeug ans Licht. Sie sah Jens kurz an, und gleich darauf hörte man sie in ihrem Kopftuch seufzen. Danach war es still in der Stube, man vernahm, wie der Abend sich immer dichter um das Haus schloß. In den anderen Häusern draußen hörte man es rumpeln. Der Rauch schlug durch den Schornstein herab. Bei der Flausecke stand eine Leiter an der Birke und meckerte und wetzte hin und her. Leiter und Birke hatten lange Zeit so dagestanden und aneinander gewetzt, aber bisher hatte niemand dessen geachtet: es lachte und ächzte gleichzeitig, wie aus boshaftem Herzen. Jetzt stand Per auf, dehnte sich ein wenig, Valborg trat still hinzu und sah an ihm hinauf. Und er gähnte und sagte, er wolle jetzt hinausgehen und diese Leiter wegnehmen, sonst würde sie ihrer Lebtag dastehen und wetzen. Es sei so widerlich anzuhören, es ginge ihm durch Mark und Bein, sagte er. Allen in der Stube fiel gleichsam ein Stein vom Herzen, als er das sagte. »Herrgott, die Leiter kann ja auch gern stehenbleiben.« Jens blickte zu ihm auf und lächelte kalt: »Es ist besser, du nimmst sie weg, Per.« Nicht lange danach zündete er ein Stallicht an, pfiff ein paarmal vor sich hin und ging hinaus. Sie glaubten, er wolle nach den Pferden sehen, aber er blieb lange aus. Während sie so dasitzen und sich darüber wundern, wo er bleibt, hören sie Schritte vor der Haustüre. Es geht in den Gang herein, man hört es im Sausen des Windes nur undeutlich, und sie horchen auch nicht sehr aufmerksam, denn es war wohl der Jens, der da hereinkam; – jetzt geht es zum Dachraum hinauf. Zuerst blickt Valborg auf, dann einer nach dem andern, und Ane sagt: »Fast als wär's der Per Anders.« »Es ist doch wohl nur der Jens«, sagt ein anderer. – »Ich höre gar nichts«, sagt Per. Aber dann steht er auf und geht in den Dachraum hinauf. Da sitzen sie alle still, und es überläuft sie kalt über den ganzen Körper; denn er wird im Dachraum nichts finden, das weiß ein jeder. Er kommt in anderen Gedanken wieder herunter, hat vergessen, was er da oben wollte, dann geht er in die Küche hinaus und trinkt einen Schluck Wasser. »Dummes Zeug!« sagt er, als er hereinkommt. Jedes wendet sich wieder seiner Arbeit zu, denn sie hatten viel zu tun, jetzt in der Weihnachtszeit. Jens kommt herein und stellt das Licht weg. Er ist mit Schnee bedeckt und muß wieder hinaus und sich abklopfen. »Der Vater wird wohl heute nacht auf dem anderen Ufer bleiben«, sagt er ruhig. »Hm, ja«, meinen die andern. Es tat so gut, daß jetzt einer etwas sagte. Keines legte sich schlafen. Um Mitternacht ging Per hinaus. Jetzt mußte er einmal zum Strand hinunter und dort nachschauen. Aber er konnte kaum die Hand vor den Augen sehen. Es war, als gehe man auf eine Wand zu – so dicht fiel der Schnee. Heimwärts lief er in langen Sprüngen, denn es war hundekalt, und er war nur dünn angezogen. Das letzte Stück rannte er aus allen Kräften. Als er eintrat, waren die Frauen gerade im Begriff, eine nach der andern zu Bett zu gehen. Ane zuletzt. »Schaut noch einmal ans Wasser hinunter, ihr beiden, ehe ihr euch schlafen legt«, bat sie. – »Ach nein, übrigens, es ist ja –« Jens und Per blieben noch lange auf. Niemand durfte in dieser Nacht wach sein, gerade darum aber wollten sie hier sitzenbleiben. »Man sitzt hier auf eigene Gefahr«, meinte Per. »Und auf seinem eigenen Hintern«, brummte Jens. Er holte einen halbfertigen Holzlöffel aus der Truhe, auf der er saß, und machte sich daran, ihn fertig zu schnitzen; – dabei blinzelte er Per zu, als wollte er sagen, der Löffel sei für ein Mädchen bestimmt. Er war mit dem Messer so geschickt wie ein echter Juwiking. Wenn er nur wollte. Per machte einen kurzbeinigen und steifen Holzgaul für die Kinder. Aber mit der Zeit mußten sie nachgeben. Denn die Nacht, die gab nicht nach. Es war, als müßten sie im Schlafe laufen, sie kamen nicht vom Fleck. Die Kühe brüllten und stöhnten im Stall, und unten am Strand klatschte es unentwegt, es hörte nicht auf. Die beiden erhoben sich zu gleicher Zeit, schlüpften in die Joppen und gingen hinaus. Schweigend schritten sie dahin. Der Sturm hatte das Gestöber zerrissen, der Himmel zeigt sein unverhülltes Antlitz, es ist wild und fremd für sie, ein Nachtgesicht; irgendwo am Himmel ist ein Lichtstreif, unheimlich, er kommt weder vom Mond noch von den Sternen. Jens schüttelt sich und wendet sich zu Per: »Es wird dem Alten doch nichts zugestoßen sein? Denn er ist so ein Dickkopf, kümmert sich nie um das Wetter.« Per schwieg eine Weile. – »Du bist doch immer der gleiche, du.« Jens grinste höhnisch: »Ja, und du, was meinst du wohl? Pfui Teufel, du riechst christlich! Du riechst nach verständigen Leuten!« Oh, meinte Per, damit habe es keine Gefahr für sie beide. Aber vielleicht war es doch richtig, was der Vater sagte: daß sie nicht recht erwachsen seien? »Weißt du, Per, du bist mir widerlich, manchmal. Du und der Vater. Pfui! sagte der Teufel, als er die Fliegen fraß.« »Jetzt halt's Maul!« Per sagte dies so scharf, daß Jens ein wenig zusammenzuckte. Und dann fügte er hinzu: »Hör: Ob nun der Vater heimkommt oder nicht, so muß doch von nun an Schluß sein mit diesen Dummheiten. Denn du weißt doch auch, daß das jetzt bald not tut.« »Oh, du bist, scheint's, am Ende, das kann man hören. Verheiratet und fertig, wie jeder andere arme Teufel.« – Jens wandte sich von ihm ab. Dies war das erstemal, daß Per dem Bruder gegenüber gerade heraus geredet hatte, so weit hatte er es bisher nie gebracht, und im Grunde war es das erstemal, daß er überhaupt etwas Größeres sagte. Im übrigen hatte er etwas ganz anderes sagen wollen. Es klang fast, als säßen ihm die Tränen im Hals, so nahe ging es ihm. Denn nie hatte es ein böses Wort zwischen ihnen gegeben, so verschieden sie auch voneinander waren. Je länger sie gingen, desto schwerer fiel es Per aufs Herz. Er fühlte sich immer widerstandsloser gegen den Stoß – und gleich war er zu erwarten, denn Jens schwieg so seltsam. Jens räusperte sich und sagte dann so leicht und sorglos wie ein Kind: »Hm, hm, wirklich, jetzt weiß ich es: Ich gehe meiner Wege. Diesmal mache ich Ernst damit. Dann sind wir einander los. Hm, hm, ja, ganz richtig, jetzt weiß ich es!« Er schnippte im Gehen mit den Fingern. Und lächelte dabei boshaft vor sich hin. Denn er wußte nur allzu gut, daß er den Per jetzt für lange Zeit gezüchtigt hatte. Früher, immer wenn der Vater ihm aufsässig gewesen war und er davon redete, seiner Wege zu gehen, war der Bruder es gewesen, der ihn zurückgehalten hatte. Per sagte nicht viel, aber er ging neben ihm her wie ein leerer Sack. Und Jens konnte sich nicht zurückhalten, sondern mußte heraus damit: »Du bist ein Mordskerl, du, Per. Aber auch ein Scheißkerl: du fällst gleich um, sobald man dich nur anrührt. Ja, ja. Jetzt wirst du ein richtiger Ehrenmann. Ein schöner Ehrenmann. Das ist auch das einzige, wozu du taugst; es soll dir herzlich vergönnt sein.« Jens hatte den Bogen überspannt. Um Pers Lippen zitterte es noch ein wenig, im übrigen aber hatte er sich gefaßt und war dem anderen, wie ein Mann, weit überlegen: »Das Schlimmste wär's noch nicht, wenn du wirklich deiner Wege gingst. Da du hier daheim doch nicht festwachsen kannst.« »Oh, davor werde ich mich auch hüten. Nein, Bursch!« Jens stieß den Eisbrocken, der im Weg lag, mit dem Fuß weit fort. Das Boot stand neben dem Schuppen heraufgezogen; und der Schlüssel steckte von innen in der Türe. Sie klopften an die Wand und riefen »Vater«, und nach einer Weile kam der Alte und schloß auf. Hatte er denn hier geschlafen? Hier, ja! Hier war es doch ganz gut? Schließlich war es doch besser, hier zu bleiben, als auf dem vereisten Weg sich grün und blau zu schlagen, er hatte richtig gut geschlafen! Er ging mit ihnen hinauf. Dabei aber taumelte und wankte er so, daß Per ihn stützen mußte. Per Anders lachte darüber: es sei doch traurig, wie alt man werde, wenn man alt werde – nein, he! Wie verfroren man sei, wenn man durchfroren sei – he! Er versprach sich ein ums andere Mal, und dabei schüttelte es ihn so, daß ihm die Kiefer aufeinanderschlugen, aber er redete in einem fort, während sie heimwärts tappten. Und von Zeit zu Zeit richtete er sich auf, und dann kam es lang und klagend: »Oh, das ist respektierlich!« Oben an der Hauswand reckte er sich empor und blickte nach Westen über die Moore und Hügel hin, zu den Häuslerhöfen: »Heute nacht haben sie Angst, die Leute. Heute nacht kriechen sie unter die Felldecke. Aber es ist ein ganz anderer – der sie beim Schopf hat. Und der ist rings um uns. An dem haben sie sich alle die Hörner abgestoßen, die Früheren hier auf dem Hof. So scheint es mir. Der Vater und der Großvater – hier war manch ein unerschrockener Mann, hier auf dem Hof. wahrhaftig. In ihrem Kielwasser gab es keinen Aberglauben – geht mir aus dem Licht! Aber mit dem Leibhaftigen nahmen sie es nicht auf. He, he, ich wette, sie knurrten, wenn sie nachgeben mußten. Oh, das waren Leute, die durch das Dunkel Bahn brachen. Dagegen ist ein anderer nur –« Endlich brachten sie ihn ins Haus, und er legte sich, wie er war, ins Bett. Er fror so, daß die ganze Bettstatt zitterte. Ane stand auf und wärmte ein Webstück, in das sie ihn einhüllte: Per hatte ihm Joppe und Stiefel ausgezogen. »Oh, danke, danke!« sagte er, und das waren seltene Worte bei ihm. – »Das war eine lange Nacht, Ane.« Ane legte sich nicht schlafen, sie blieb wach und hielt das Feuer in Brand. Der Bock meckert 1 Am nächsten Tag, als die Zeit vorgeschritten war, rappelte Per Anders sich auf, aber er war nicht recht viel wert. Ständig war er draußen und sah immer wieder nach den Buben, stand blaugefroren und barhaupt da und klagte über sie: hatten sie denn mit dem Dreschen vor Weihnachten schon aufgehört? In Juwika sollte der Dreschflegel doch bis zum Tag der Thomasmesse gehen, das wußten sie doch? »Hungert die Häusler nicht aus«, sagte er, »aber haltet sie zur Arbeit an. – Morgen oder übermorgen nehmen wir die Schweine her, daß ihr es nur wißt, das darf jetzt nicht mehr hinausgeschoben werden.« Und plötzlich fragte er, ob sie die Pferde getränkt hätten? Dann kroch er wieder hinein, alt und eingeschrumpft; von hinten war er ganz elend anzusehen. »Jetzt glaube ich fast, daß der Vater mich zum letztenmal beim Schopf gehabt hat«, sagte Jens hinter ihm her. Per lächelte und war mit ihm einig, er war heute so umgänglich. Die reine Unschuld, wie Jens sagte. Per Anders ging in die Stube und setzte sich zu Ane, die mit ihrer Handarbeit beschäftigt war. – »Du mußt nicht böse sein, Ane«, sagte er endlich. »Weil du zweimal zu den Häuslern hinübergehen mußtest. Du hast dich dein Leben lang nicht krumm geschleppt mit Gaben, Ane. Doch gewiß, das weiß ich: Sie sollten lieber Prügel haben als zu essen, die Faulpelze. Aber ich weiß nicht recht. Es tut so wohl im Körper; einem selbst, meine ich. Wenn man alt wird und innerlich blutlos – du wirst jetzt auch älter, Ane. – Denn –«, so sagte er und sah lächelnd vor sich hin, »früher war ich der ältere von uns beiden.« Dann kam er auf andere Gedanken: »He, he, Brandwarnung! Was ist das für ein Untier?« Ane blickte unter ihrem Kopftuch hervor; nun hatte er wahrhaftig nicht mehr weit zum Ende; die Zeit, die verging so merkwürdig rasch. »Ja, ja, aber irgend etwas muß ein armer Teufel wohl glauben dürfen«, sagte er, und dann ging er. Am Abend kam er ihr nach bis zur Stalltür, sie war drin und versorgte die Schlachttiere. Ein paarmal fuhr er dem großen Widder über den Nacken: »Fühl doch, Ane, fühl doch da. Der wird gerade recht.« Er gab keine Ruhe, bis auch sie gefühlt hatte. »Ja, was meinst du, Ane?« – »Ja, ja.« – »Ja, gibt der nicht einen richtigen Leichenschmaus? Ich könnte mir keinen besseren wünschen.« »Solch ein Gerede!« fuhr Ane ihn an und zog die Stalltür zu, und dann gingen sie ins Haus. Sie sah, wie schwer es ihm fiel. Er merkte es und murrte: »Das Schuhzeug ist ein Dreck heutzutage, es ist ein Jammer. Nein: ›Niedrige Absätze und starken Faden‹, sagte der alte Per Juwika, und das war ein Wort!« Zugleich rutschte er auf dem Glatteis aus und blieb sitzen. – Du lachst wohl diesmal auch, du? dachte er und sah sie an. Ane Juwika lachte niemals, außer wenn einer hinfiel, aber da lachte sie ein für allemal. Sie lachte so, daß sie blau wurde und meinte, eine große Sünde zu begehen. Per Anders kam wieder auf die Füße. Sie wollte ihm dabei helfen, aber er schüttelte sie ab. Das war das erstemal, daß er sich ihr Lachen nahegehen ließ. Am Abend sucht er Per auf, der oben auf dem Dachboden ist und ein neues Bett zurechtschreinert. Per Anders setzt sich zu ihm auf die Hobelbank, ihm mitten in den Weg. Er blickt in das Gebälk hinauf, auf dem ein Haufen Bretter und anderes Nutzholz liegt. Dann räuspert er sich. »Sollte es nun so kommen, Per, daß ich bald dahin muß – aber schau, das werde ich wohl doch noch nicht –, dann gehören diese Bretter da zu meinem Sarg. Vergiß das nicht.« Er deutete auf ein paar dicke Föhrenbohlen. »Denn ich will Bretter haben, die ein bißchen was aushalten. Ich war ein Dummkopf, daß ich meinen Sarg fortgeliehen habe – es ist nichts Rechtes, sich auf andere verlassen zu müssen, wenn man einen Sarg braucht. Aber du bist ja nicht ungeschickt, du bringst das schon zuwege. Mach ihn stark, Per!« Er redete über dies und jenes und ließ sich wieder von der Bank hinuntergleiten und ging hinaus. Unter der Türe drehte er sich um, wollte noch etwas sagen, konnte sich aber nicht mehr darauf besinnen. Am Abend saß er auf der Bettkante und betrachtete Per; dies dauerte eine lange Weile. Er atmete schwer, und das Gesicht war ratlos und armselig; es sah aus, als rede er mit sich selber. Dann kroch er unter die Decke und legte sich schlafen. Per glaubte zu hören, daß er etwas von Jens murmelte. An diesem Abend legten sie sich alle zeitig schlafen, denn sie waren müde von der vorhergegangenen Nacht, und außerdem wollten die Burschen am nächsten Morgen frühzeitig auf, um zur Mühle zu rudern. Sie hatten ihre eigene Mühle im Herbst leer laufen lassen, sie war jetzt nicht zu gebrauchen – das erstemal, daß in Juwika etwas fehlschlug, sagte Per Anders –, und nun mußten sie das Getreide bis nach Björland fahren. Jens war in den Pferdestall gegangen, und Per blieb auf der Bettkante sitzen und horchte: kam er denn nicht mehr herein? Per kleidete sich nicht aus, und nach einer Weile ging er in die Küche und trank, und dann ging er einen Sprung zum Stall hinüber. Die Pferde hatten ihr Futter fast ausgefressen, Jens aber war fort. »Heute abend wieder …« murmelte Per, und dann ging er hinein. Es war sternenklar und still, ein leiser kalter Hauch von Osten; die Moore lagen weiß und schön da. Der Wald säumte die Hänge wie ein weiches Band. Valborg lag wach, aber sie tat, als schliefe sie. Sie wußte, was los war; und außerdem war sie ja nicht gewöhnt, sich in Per einzudrängen. Sie kannte ihn so wenig. Besonders wenn es sich um den Bruder handelte, schwieg er ihr gegenüber immer. Jetzt aber sagte er, wie er so im Dunkeln bei der Herdstätte stand: »Heute nacht ist er wieder zu den Häuslerplätzen.« Oh, das sei doch nicht so gewiß, meinte sie langsam. »Doch, doch, freilich ist es gewiß«, erwiderte er. Und dabei stieß er zwischen den Zähnen hervor: »Einem solchen Frauenzimmer zuliebe – – Ja, du solltest weiß Gott, Prügel haben, Bursche.« Er ging noch einmal in die Kammer hinüber und sah nach, wie es um den Vater stand. Der Alte schlief kurzatmig und mühsam, drehte sich röchelnd, dann lag er da und plagte sich, wollte etwas sagen. Ob Per denn nicht schlafen gehen wolle? wagte Valborg zu sagen. »Doch, doch, freilich. Sei du nur still und schlafe«, ermahnte er sie. Als er hörte, daß sie schlief, legte er sich in den Kleidern hin, auf die Felldecke, neben sie. Er schlief nicht. Die Wanduhr stand dort in ihrem Schrank und tickte, das Pendel schlug hin und her, und der Alte draußen in der Kammer rang nach Luft. Eine Sache konnte Per niemals ergründen: ob die Mutter schlief. Ja, und auch nicht, was sie wußte und was sie nicht wußte. Es war schon weit über Mitternacht, als er Jens an der äußeren Tür hantieren hörte – Jens öffnete sie ganz leise und kam in den Gang. Dort stand auch schon Per; dies war ebenso still vor sich gegangen. Die Brüder erkannten einander im Dunkeln; sie standen sich gegenüber, gleichsam als hielten sie einander mit den Blicken fest. Per schloß die Tür hinter sich. Er merkte förmlich, daß Jens jetzt nicht höhnisch lächelte. »Wo bist du wieder gewesen, he?« fragte er leise. Es kam keine Antwort. »Schämst du dich denn gar nicht?« »Das geht dich nichts an.« »O doch, Jens, es geht mich schon etwas an. Das weißt du.« Jens schwieg wiederum und wollte an ihm vorbei die Treppe hinaufgehen. Per trat ihm in den Weg: »Damit du's nur weißt, Jens, wenn du mir mit einer von den Häuslerstöchtern auf den Hof kommst – dann werde ich nicht alt in Juwika, ich nicht.« Er sah Jens vor sich stehen: als habe ihm ein Zweig auf den Mund geschlagen. Denn das hatte der Bruder sich am allerwenigsten erwartet. »Nein – nein«, meinte Jens. »Im übrigen – damit hat es gar keine Gefahr, nein, nein.« »Pfui Teufel«, sagte Per. Er ging wieder in seine Stube. »Ja, spuck du nur aus, dann vergeht's«, sagte Jens, er stieg zum Dachraum hinauf. »Freilich ist es schlimm, daß er es so treibt«, sagte Valborg, sie war so froh, daß sie kaum wußte, was sie sagte, weil Per endlich gesprochen hatte. »Oh. Der Jens – um den brauchst du dich nicht zu kümmern. Er kommt schon wieder zurecht. Der weiß, was er tut. Er ist nicht von gestern, nein, wahrhaftig. Wenn er nur will.« Valborg merkte, wie er bebte, als er sich endlich zu Bett legte. Jens oben richtete sich in seinem Bett auf und gähnte: »Morgen wird die Sonne schon wieder scheinen.« 2 So war es auch. Blanker Himmel und blanker Fjord, und die Juwiksöhne fuhren zur Mühle. Jens war wie immer, es taugte ihm stets, von daheim fortzukommen. Er pfiff oder sang vor sich hin, und ab und zu ahmte er den einen oder den andern Nachbarn nach. Er kannte alle Leute in der Gemeinde, und auf jedem Hof, an dem sie vorbeiruderten, war einer, von dem er eine Geschichte wußte. Dazwischen hinein ruderte er aus allen Kräften, und er war stark im Rudern wie ein Pferd. Per sagte nichts. Er konnte bisweilen ganz böse werden auf Jens; aber doch fühlte er sich nie wohl, wenn sie nicht beieinander waren. Er war froh, daß Jens nicht mehr an das dachte, was er am Abend zuvor gesagt hatte. Denn das wäre ihm doch am ärgsten gewesen, wenn er von Juwika hätte fortziehen müssen, oder wenn Jens es getan hätte. Die Ruder kreischten und sangen ihm in den Ohren: »Wenn er nur nicht fortgeht! Wenn er nur nicht fortgeht!« Und plötzlich sagte Jens, wie aus innerster Seele heraus: »Jeder für sich, Per, sind wir doch zwei jämmerliche Kerle. Sind wir aber beieinander, dann sind wir zwei Mannsbilder recht und schlecht; im Guten wie im Bösen!« Per gab keine Antwort, doch Jens schien es, als lege er sich stärker in die Riemen; sie trugen das Boot förmlich auf den Rudern. Aber Per war durchaus nicht so froh. Er hatte ein neues und seltsames Gefühl: »Der Ältere soll dem Jüngeren dienen«, oder: Er sah es so deutlich vor sich, was er hätte tun sollen. Wer sollte denn die Leitung haben, wenn nicht er? Aber Jens war ein merkwürdiger Bruder. »Jetzt habe ich die Hand darauf. Und jetzt halte ich fest«, er sagte es ganz unversehens. Jens wollte wissen, worum es sich handle. »Es ist nichts, gar nichts. Aber ich sitze manchmal so da und grüble ein wenig nach.« – »Ja, das kann man sich denken!« sagte Jens. – »Ich höre so deutlich, was sie zu mir sagen. Aber das ist nicht so geradean.« – »Und wie krumm wir rudern!« sagte Jens. Dann schwieg er, und es war nichts mehr mit ihm zu wollen. – – – Bei der Mühle waren eine Menge Leute, so dass sie lange warten mußten. Das Juwikboot hatte viel Getreide zu mahlen, sie fuhren nicht mit einer Kleinigkeit zur Mühle, hieß es. Als sie auf dem Heimweg waren, kam Südwestwind auf, ein ganz grober, und da mußten sie umkehren, denn mit einem Boot voll Mehl auf den stürmischen Fjord hinauszurudern, hat keinen Sinn. »Und vergiß nicht, dieses Wetter ist noch unverbraucht«, meinte Jens, »das kann lange dauern.« Sie waren rasch darüber einig, und so gingen sie in den Kramladen und kauften sich ein jeder einen halben Pegel – sie könnten ebensogut hineinspringen wie hineinkriechen, ins Warten und Trinken, sagten sie. Es waren noch mehrere da, die sich auch einen halben Pegel kauften; und der Branntwein war so gut, daß sie sich alle richtig satt daran tranken. Ehe Jens sich's versah, war er hitzig geworden, er lachte, aber er schlug zu – das taten die anderen auch, und nun kochte es in ihm über, das sollten sie sein lassen! Mann für Mann schlug er sie nieder. Man nannte ihn den Juwikbären, und wenn er schon in diesem Ruf stand, so wollte er auch seine Freude daran haben. Diesmal jedoch wären sie seiner gewiß Herr geworden, es waren ihrer zu viele gegen ihn, aber nun wurde auch Per zornig, mit blauem Gesicht griff er zur Axt und sprang mit einem Satz hinzu. Da durchfuhr sie gleichsam ein guter Geist: er nahm ihnen die Trunkenheit und alle andere Gefährlichkeit, so erzählten sie später selbst – denn wie soll man gegen eine Axt und einen tollwütigen Wolf ankommen? – Schließlich tranken Per und Jens noch einen halben Pegel, vergruben sich dann irgendwo im Heu und schliefen. Als sie erwachten, hatte der Wind nachgelassen; es war Abend, und die Juwiksöhne machten sich auf den Heimweg. Denn es war ja fast Weihnachten, fiel ihnen nun ein. Die Dunkelheit kam und legte sich zwischen die Berge. Das Wasser wurde schwarz und glänzend. Ein seltsam stiller Abend, die Ruderschläge riefen in die Felsen hinein und erhielten Antwort; die Berge ragten über ihnen schwarz in die Luft. Es war kurz nach Neumond, und die Mondsichel stand weiß und dünn am Himmel, warf nur über die Bergspitzen auf der Nordseite einen gelbweißen Schimmer, der aussah wie ein Lichtschein auf einem Kirchhof. Sie ruderten und ruderten. Sie hatten nichts zu reden, und das Schweigen war wie ein dritter Mann im Boot. – Höfe und Häuslerplätze, die wie ausgestorben am Strand entlang lagen, ließen sie hinter sich. Da und dort war eine Stelle vom Mond beschienen, ein graues Bergantlitz, ein paar erschreckte graue Häuser, die zu solch einem fremden Tag erwacht waren; dann war wieder alles nichts als Schneeflecke und schwarze Berge. Es ward Nacht. Nie noch hatten sie so auf dem Grunde der Nacht gerudert. Da plötzlich erklang oben in den Bergen ein Schrei, das Land selbst öffnete sich und schrie! »Die Steineule!« sagte Jens. Per ermunterte sich, denn es tat wohl, daß endlich einer etwas sagte; dann legte er die Hand an den Mund und antwortete: Hu–uh!, daß es in den Bergen schallte. Er war ein Meister im Nachahmen der Steineule, einmal hatte er sie bis zum Haus gelockt, und auch dieses Mal kam sie gleich näher auf die Felswand heraus und antwortete. Das ging einige Zeit lustig hin und her, sie ruderten und schrien, und die Steineule kam rufend nach. Bald aber froren sie in ihren Kleidern, denn jetzt war sie dicht über ihnen, sie sahen sie nicht, aber sie schrie lauter und wilder, als ein Vogel eigentlich konnte. Sie antworteten aus Trotz. – »Wir wollen dich lehren, Totenlieder zu singen!« rief Jens, und man konnte hören, daß seine Stimme nicht ganz echt klang. Da kam sie herbei und setzte sich zu ihnen auf die Mastspitze. Ein großer schwarzer Lappen kam durch die Luft herab, ohne einen Laut, wie der Geist eines Abgeschiedenen; ein großer Kopf und Fledermausschwingen. »Hau!« sang es aus seinem Schnabel heraus, sie hörten, wie weit und häßlich aufgesperrt er war. »Das – das ist kein Vogel«, sagte Per, er spuckte ruhig aus. »Fahr zur Hölle, wo du hergekommen bist!« schrie Jens und rüttelte am Mast. Der Schwarze breitete die Schwingen aus, blieb jedoch sitzen. Er war noch unheimlicher jetzt, da er schwieg. Jens nahm das Ruder und drohte damit hinauf. Es nützte nichts. Nun schrie der Vogel wieder, mit Menschenstimme! Per konnte nicht unterlassen zu antworten. Da lachte es kalt über ihnen, gleichsam als hörten sie einen irren Menschen, in den der Böse gefahren war. Und nun antwortete es von oben zwischen den Bergen, oben im Schwarzfels bei Juwika, es lachte lange und lustig, die Haare konnten einem zu Berge steigen. Der dort oben auf dem Masttopp hebt sich weg und fliegt davon – jetzt sind sie zwei im Boot und zwei oben in den Bergen! Und jetzt ruft es, gerade wie sie da sitzen und darauf warten: Per und Jens! ruft es, Per und Jens! Die Burschen schwiegen und ruderten. Daheim binden sie das Boot an einen Stein bei der Bootslände, werfen den Dregganker achtern aus dem Boot und gehen ihrer Wege. Dann aber dreht Jens sich um und schwört einen blanken Eid, das wollten sie denn doch nicht, das Mehl sollte hinaufgebracht werden, und wenn er die Arbeit allein tun müßte. – »Ja, das meine ich doch auch!« sagte Per. Sie machten sich daran: Jens stand mit den hochgezogenen Wasserstiefeln im Wasser und hob Sack für Sack hinaus, und Per legte sie neben den Schuppen hin, es ging, als wäre Spreu in den Säcken. Da sie aber schon einmal damit angefangen hatten, konnten sie ebensogut das Mehl gleich in den Schuppen tragen, und dann zogen sie das Boot an Land. Sie waren jetzt ganz ruhig, nahmen die Vorratskiste und den Milchkübel und gingen hinauf. »Das war wohl das gleiche wie das, was die Burschen von Skarsvaag voriges Jahr erlebt haben«, meinte Jens – im Grunde war es ihm gleichgültig, was es war, aber er blieb stehen und lauschte nach Osten. »Wer nur wüßt, was so etwas von einem will«, murmelte Per. »Im übrigen aber: Wenn ich durstig bin, so trinke ich, und bin ich zornig, so schlage ich zu, ich frag nicht lange.« Er fühlte sich glühend heiß und ging. »Wer mir etwas Gutes tun will, der mag mit mir reden wie ein Mensch.« Die Burschen von Skarsvaag, ja, die waren abgeschreckt und kuriert; aber das waren ja auch keine Kerle, in denen steckte kein Leben. Was aber war nun das hier? Da geht jemand vor ihnen her den Weg hinauf, ein kleiner alter und rundrückiger Mann, er ist verhutzelt und steifbeinig, aber er läßt sie zurück, verschwindet in dem Halbdunkel oben am Hang. »Hm, hm!« sagte Per. »Soweit ist's also.« – »Da wird es für den Vater bald Abend werden«, meinte Jens. Denn der dort wollte nicht ihnen ans Leben. Sie schreiten aus und gehen weiter. Doch Per Anders schlief in der Kammer, rang ein wenig nach Luft und war unruhig, sonst aber war ihm nichts anzumerken. »Morgen ist er wieder auf den Beinen«, sagte Jens; er verließ die Stube mit erleichtertem Herzen. Per kam nach. Wenn ich nur wüßte, was er von mir wollte, dieser Vogel, dachte er; denn ein Vogel war es und nichts anderes, aber hätte er nicht daheimbleiben können? 3 Per Anders kam am nächsten Tage nicht auf die Beine. Sie sahen bald, welchen Weg es nehmen würde. Jens und Per taten, als merkten sie es nicht. Waren sie beide allein, so machte Jens sich über das Geschehnis in der Nacht lustig: Es war nichts vorgefallen, nicht das geringste, es war die reine Lüge gewesen, da oben auf der Mastspitze – höchstens eine verirrte Steineule! – »Ja?« fragte Per; denn er hatte es auch nicht für mehr angesehen. Aber Jens lächelte, wie er so dahinging: Per solle ihn doch nicht zum Narren halten. Er ertappte ihn immer wieder dabei, wie er grübelnd dastand. Jetzt steht er dort, als habe man ihm die Pelzmütze über die Augen gezogen, er sieht nichts als schwarze Dunkelheit; und er muß ihr bis auf den Grund dringen! Ich bin wahrhaftig ein glücklicher Mensch, ich! Dasselbe sagte er zu Per, als er zu ihm in die Schmiede kam: »Ich bin ein glücklicher Mann, Per!« – Er stemmte die Fäuste hart auf die Bank. – »So?« Per sah auf. Er hatte nie daran gezweifelt. »Aber einer, der nicht weiß, ob er vorwärts oder rückwärts soll«, murmelte er über seiner Arbeit. »Zu hören, daß etwas mit einem spricht, und dann doch kein Wort zu hören!« – Jens war schon draußen. Als Per ins Haus gehen wollte, begegnete er einer Frau mit einem Milchkübel in der Hand. Er sah sie an. Sie war wohl von drüben über dem Fjord. Sein Gesicht erstarrte, wie immer, wenn er sich Bettlern gegenübersah. Dann rief er in die Küche hinein zu Valborg, und sie kam heraus. »Hier steht eine mit einem Milchkübel«, sagte er. »Du mußt ihr etwas geben, damit sie nicht zu betteln braucht.« Er war wieder zur Stelle, als das Weib sich um die Hausecke schlich: »Hast du deinen Mann nicht dabei? Ja, dann sag ihm, er soll in die Schmiede hinaufkommen.« Der Mann kam; es war der Holzdieb, dem sie nachgejagt waren. »Wo hast du den Sack?« fragte Per. Der Mann zog ihn unter der Joppe heraus. »Komm her« – und Per ging zum Vorratshaus. Dort füllte er den Sack und warf ihn dem andern auf den Rücken; der Mann sank fast darunter zusammen. Per wandte sich ab und ging weg, als sei er zornig, und der andere blieb mit seinem Dank stehen. Nun drehte Per sich ihm wieder zu; er lachte und machte die Augen klein: »Wenn du noch einmal zum Holzstehlen kommst, darin kriegst du Prügel. Na, du hast dich ordentlich in die Ruder gelegt, das letztemal, als du unterwegs warst.« Im übrigen gingen die Weihnachtsvorbereitungen vor sich wie gewöhnlich, die Schweine bluteten, und das Bier gärte, alles wurde zur rechten Zeit fertig, und dann wurden die Kleider und der Körper einer gründlichen Wäsche unterzogen. Und der Winter kam, der weißeste Winter mit Mond und Weihnachtsschlittenbahn. Ein jeder fühlte sich leichter, man atmete wie ein neuer Mensch. Die Erde rings um einen wurde zum Freund, und auch die See leuchtete auf, sogar die beißende Kälte fühlte man wie einen alten Bekannten. Mit der Nacht brauchte man sich nicht länger abzuraufen, sie kam nicht herein, ein Gotteswort, wenn man hinaus mußte, ein kleines Vaterunser, ehe man einschlief, das war schon genug. Der Alte schlief viel. Oft aber lag er auch wach da, fragte nach den Buben und was sie trieben und ob Brennholz im Hause sei oder ob sie auch nicht vergessen hätten, die Gäule zu tränken. Ein anderes Mal fuhr er aus dem Halbschlaf auf, keuchte und ächzte, das Atmen fiel ihm schwer, ihm wurde heiß, er wußte nicht warum, es war eine rechte Plage! »Es wird noch das ganze Werk in mir zum Stehen bringen!« jammerte er. Dann mußte Ane hereinkommen und ihn frisch betten. »Ich werde doch wohl nicht mitten in der Weihnachtsarbeit sterben? meinte er. Am Morgen des Weihnachtsvortages fragte er, ob sie den Nachbarn etwas von ihrem Schlachtvorrat gesandt hätten. Doch, sie waren überall gewesen. Ja, aber auch bei der Aasel? Sie sahen einander an, dann aber antwortete Valborg: »Ja, gerade soll der Per fort.« Da richtete er sich auf: »Gott segne dich, wenn du auch lügst. Du meinst es gut, Valborg.« – Und Per mußte sich auf den Weg machen. Am Weihnachtsabend fühlte Per Anders sich besser. In die Badestube kam er zwar nicht, aber Per mußte mit dem Barbiermesser kommen und ihn barbieren, und er zog ein neues Hemd an und dann saß er im Bett und aß, während die anderen rings um den Tisch saßen; den Weihnachtsfisch konnte man sich doch nicht entgehen lassen, meinte er, und die Grütze auch nicht. »Weihnachten muß Weihnachten sein, und wenn es auch das letzte für mich sein sollte«, fügte er hinzu. Neben ihm standen zwei dicke Weihnachtslichte, und Klein-Anders kniete vor seinem Bett und verzehrte sein Abendbrot bei ihm. »Ja, ja«, sagte er zu dem Jungen. »Jetzt ist es bald um mich geschehen. Und um deinen Vater auch bald, dann bist du an der Reihe. Greif zu, iß und laß mich sehen, daß aus dir ein tüchtiger Kerl wird. Fürchtest du dich vor dem Weihnachtsbock, hm?« – O nein, Anders fürchtete sich nicht, wie er da so kniete. Aber als er dann kam, erfaßte den Buben doch die Angst: der Bock legte ein langes, gelbweißes Gesicht an die Scheibe und meckerte so, daß sich für Anders alles herumdrehte, es war ein unmenschlich häßliches Tier, und ihnen allen war übel zumute, nicht nur ihm, die Dirnen sprangen von den Stühlen auf und schrien, sie griffen nach dem, was ihnen am nächsten war und die eine hatte den Kleinknecht zu fassen bekommen und saß nun da und hielt ihn fest, eine Große und Dicke mit einem kleinen dünnen und bleichen Halbwüchsigen im Arm. »Jens!« rief Per Anders im Bett. Er rief es noch einmal, und nun so, daß Jens hereingeschlichen kam. – »Treibt mir keine Kinderstreiche«, warnte er. »Denn wenn dich die Angst nicht schon gepackt hat, so wird sie dich noch packen; vergiß das nicht, Jens. Denn du bist kein solcher Kerl, wie du glaubst. O nein, so siehst du mir nicht aus. Mir war's, als hätte sich der Tod angesagt.« In dieser Nacht konnte er nicht schlafen, das Essen bekam ihm nicht. Auch die anderen schliefen nicht, sie durchwachten die Nacht, wie es der Brauch war. Per aber war die meiste Zeit beim Vater drinnen. Es ging jetzt rasch bergab mit dem Alten, und dies war nicht die letzte Nacht, die Per in der Kammer verbringen mußte. Ein ums andere Mal glaubten sie, es sei das Ende. Ane kam überhaupt nicht mehr zum Schlafen, sie war immer bei Per Anders, und er gehorchte ihr wie ein Kind. »Leg dich hin«, sagte sie, »ja, so, dann wird es gleich besser.« – »Meinst du?« sagte er, zugleich erstaunt und froh. Gleich darauf mußte sie wiederkommen. Per beugte sich über ihn: »Ihr müßt doch wohl begreifen, daß die Mutter auch Schlaf braucht.« »Ja, wirklich? – Ja, ja. Aber soll ich denn nicht bald wieder gesund werden, hm, hm!« Er vertrug es nicht, daß die anderen sahen, wie schlecht es um ihn stand. »Gib du auf das Deine acht und laß mich auf das Meine achten«, sagte er zu Per. Eines Tages, in der Zeit vor Neujahr, fing er an, davon zu reden, daß er seine Töchter sehen wolle. »Wo sind denn die Kinder?« sagte er manchmal plötzlich, während er so halb schlummernd dalag. Ein paarmal glaubte er, sie seien bei ihm, dann lag er da und sprach leise mit ihnen. »Das ist schlimm mit dir, Klein-Ane«, sagte er. »Aus dir ist auch nichts Rechtes geworden. Ja, ja. Ich hör schon, was du sagst. Aber da hilft nichts: du mußt dich hüten! – Bist du das, Aasel? Jag du dein Eichhorn in den Wald und komm hierher – du meinst, du hättest Mehl genug und kämst den Winter hindurch zurecht, he?« – Dann sagte er frisch und ruhig zu Ane: »Du mußt nach den Töchtern schicken, es ist so gut, wenn sie alle miteinander hier sind; wenn sie die Stube füllen.« Man sandte nach Haaberg und nach Vikan, und sie kamen am Neujahrstag. Es war wie ein großes Gastgelage in Juwika. – Aasel brachte alle ihre kleinen Buben mit, der Mann fuhr sie bis zur Bootslände und ruderte wieder nach Hause; Ane kam gleich nach ihr in einem kleinen Boot. Es dauerte eine Weile, ehe sie Aasel einen Blick schenkte, und sie befreundete sich nicht weiter mit ihr. Per Anders hatte schwere Tage gehabt, es stach ihn so sehr in der Brust, daß er es nicht ganz verbergen konnte: er sprach nicht geradezu darüber, aber er wurde rot und heiß und war nicht immer ganz bei sich. Als er sah, daß Ane gekommen war, versuchte er, sich im Bett aufzusetzen; aber das vermochte er nicht. Als Aasel mit den Kindern zu ihm ans Bett trat, wischte er sich gleichsam den Schlaf aus den Augen, lächelte ein wenig dem Licht zu. wie einer, der die Zeit verschlafen hat, und dann begrüßte er sie, still und stark, zuerst Aasel, und dann die Kleinen, dem Alter nach hinab, eines nach dem anderen: »So, das ist der Anders! Und das der Per? Und das der Jens? – Herrgott, so viele Juwikinger!« Er wollte mit ihnen sprechen, konnte aber nicht. Sie hörten, wie die Brust ihm die Worte abdrückte. Er sah sie noch einmal der Reihe nach an; dann blickte er in die Stube hinaus zu Jens und Per, die dort saßen und Karten spielten. Es war ein weißer Tag, und das Licht schien stark durch die Fenster herein, lag auf der Wand und auf allen Gesichtern, man fühlte die winterblanke Luft und den Neuschnee draußen. Der Boden war neu und weißgescheuert und mit kleingehackten Wacholderzweigen bestreut, die Wände hell, aber wohlbekannt, mit Borden und Geschirr und Wandschränken, treue Gesichter für alle, die hierher gehörten. In Stube und Kammer herrschte Stille. Es war gleichsam so lange her, seit sie alle miteinander hiergewesen waren. Nur die Uhr an der Wand wagte ihren Weg zu machen; sie konnte wohl immer gehen, ihr war der Weg altgewohnt. Endlich besann sich die Hausmutter und dachte daran, daß die Gäste nicht vom Weihnachtstrunk allein leben konnten, sondern auch zu essen haben mußten. Jens stand auf und ging hinaus. Da trat Ane Haaberg ans Bett, ihr Gesicht war blank vor Feierlichkeit und Selbstzufriedenheit, sie blinzelte mit den Augen und holte Atem. Dann setzte sie sich auf den Bettrand und ergriff die Hand des Vaters. »Jetzt, Vater, jetzt braucht Ihr keine Angst mehr um meinetwillen zu haben. Ich tu – nichts Unrechtes.« Er drückte ihre Hand; er murmelte etwas wie einen Dank. »Ja, denn ich darf ja – – keinen Eid ablegen; nach dem, was ich gehört habe. Nicht ich, sondern die anderen, heißt es. Darüber also braucht Ihr Euch keine Sorgen zu machen.« Per Anders wandte ihr die Augen zu. Wandte sie wieder ab. Dann schüttelte er den Kopf, ein ganz klein wenig. »Ja, denn es ist respektierlich !« sagte Ane. Er drehte sich auf die Seite, ächzte ein wenig, denn er hatte große Schmerzen, und dann fing er an. dem Anders, der seinem Bett am nächsten stand, den Kopf zu streicheln. »Du Anders, du Anders. Ich glaube, mit dir wird es einmal gut gehen. Wenngleich du wohl auch kein ganzer Juwikbauer wirst. Wenngleich es eher schwer als leicht für dich werden wird, armer Kerl.« Er sah ihn lange an, die Augen waren unendlich fahl und fern. Dann lehnte er sich wieder zurück, bekam einen Hustenanfall und rang schwer. Ane, die Tochter, kam mit Tropfen und wollte sie ihm eingeben. Er schob sie von sich: Tropfen waren noch nie über seine Lippen gekommen! Als er sich wieder erholt hatte, lag er da und lächelte. »Setz dich hierher, Aasel«, befahl er. »Für mich ist es nicht schwer, siehst du, denn ich habe immer das Glück mit mir – es ist keine Sache zu sterben, weißt du, wenn man bei Mondenschein und klarem Wetter sterben darf. Ich fühlte es jetzt: Das ist nicht nur Unsinn. – Und haben wir nicht Glück gehabt, du, daß wir vor Weihnachten ein bißchen Branntwein gebrannt haben? Ich habe immer Glück gehabt, es hat es schon nicht anders gewagt.« Er schlief wieder ein und erwachte nicht vor dem nächsten Tag. Die beiden Töchter blieben die ganze Nacht hindurch auf; Ane aber war müde und erschöpft und schlief die meiste Zeit, und das tat auch die Mutter. Der Alte lag da und redete vor sich hin, und bisweilen lachte er; es war unheimlich anzuhören. Aasel sagte später, wenn er es am ärgsten getrieben habe, sei ihr gewesen, als habe sie am ganzen Leib eine Gänsehaut gehabt; um Mitternacht lag er da und lauschte, umfaßte die Bettkante und stützte sich auf: »Hört doch den häßlichen Bock, wie er meckert! O nein, zum Teufel, mich erschreckst du nicht!« – Der Mondschein fiel in die Stube, daß es in den Wänden knisterte, draußen war es so saugend gelb und still, dies war schlimmer als die schwärzeste Dunkelheit. Als Ane und Aasel am nächsten Tag im Begriff standen, heimzufahren, besann er sich und blickte um sich: »Wo bleibt ihr denn, Kinder? Kommt doch ein wenig näher her! Man ist so allein zum Schluß. Man liegt so mutterseelenallein da. – Ich bin von den Leuten rings umher fortgegangen. Sie blieben in der Dunkelheit zurück. Laßt sie. Kommt hierher!« – Sie standen alle rings um das Bett. Er blickte von Per zu Valborg: »Ja, ja, Per. Ja, ja, Valborg. Versucht miteinander auszukommen. Juwika ist mühsam. Und – der Per ist mühsam. Jetzt kommt mir alles so sonderbar vor. Du mußt aber doch gut zu ihm sein, Valborg. Wenn du zu weich wirst, dann weiß ich nicht, wie es gehen soll.« Dann wendet er sich von Per weg, will ihn nicht mehr sehen. Er fällt immer mehr ab. »O nein, hier ist keiner für Juwika gewachsen. Das Geschlecht hat sich zerspalten, meine ich.« Sie ahnten, wie er es vor sich sah: Keiner von ihnen taugte so recht, keiner von ihnen, und da ist es schwer, von allem fortzugehen. »Aasel, wo bist du?« Sie beugte sich zu ihm hinab. »Ja, da bist du!« Er lächelte wie ein Kind und suchte nach ihren Händen. »Du muß dich recht um das Kleinvieh in Juwika annehmen, wenn du so weit kommst. Und dann mußt du das Moor gründlich trockenlegen, da haben sie was zu schaffen, deine Buben. – Und – und – dann mußt du gut sein gegen den Jens und die Beret, die haben es nicht so leicht. Weiter war es nichts mehr. So, jetzt – nehme ich den Stab.« Er schlief schon fast, als er dies sagte. Jens lächelte ein wenig und ging hinaus. Ane und Aasel nahmen Abschied und fuhren fort. Sie wollten bald wiederkommen; sie wollten vor seinem Tode noch einmal herüberschauen. 4 Es kam nicht dazu. Die Nacht darauf, gegen den Morgen zu, war es überstanden. Fast die ganze Zeit lag er da und redete; dies kam wohl daher, daß er früher nie zuviel geredet hatte, aber er sprach mit sich selber, und man konnte nicht recht klug aus dem werden, was er sagte. Die Vorfahren machten ihm zu schaffen. Es klang so, als sei er selbst bald der eine und bald der andere von ihnen. Er war der Groß-Per, der den Ommunstrand-Alten samt dem Pferd durchs Eis beförderte; gleich darauf war er der Bären-Anders: »Wagst du es, so mutterseelenallein und nur mit der Axt in der Herbstnacht hier zu liegen und auf den Bären zu warten?« Eine Weile lag er seufzend da. – »Das ist der Geiz-Per, der da«, sagte er. »Ja, ja, aus wenig wird viel; wenn nur eines zum andern kommt, zum Hof kommt; das mag Gott wissen. Heringsnetz? Woher doch! Ich nahm alles, was im Fjord offen dalag. Willst du stehlen, Kind, dann darfst du nicht dastehen und zittern, du mußt es nehmen, als wenn es dir gehörte. Jetzt bin ich mächtig und reich – aber im Reiche Gottes, dort sollte ich sein, ja. Ich weiß, was ich tue: ich trage den ganzen Plunder wieder zurück! Das ist eine Mannestat: Diebesbeute wieder zurücktragen! Frieden im Schuppen, sage ich – glaubst du, ich fürchte mich vor Geistern! – – Nein, Kind, ich bin der Vater selber. Der Anders selber. Das Weib prügeln, ja, wer sollte sie denn sonst prügeln, sag mir das einer? Jetzt habe ich die Grenze abgeschritten, jetzt ist Juwika fertig – und jetzt bin ich betrunken, und jetzt soll ein jeder von euch Prügel haben, denn ich bin ja nur einmal im Jahr betrunken, he? – – – He, he, he! Da hast du den Per Anders vor dir, das siehst du doch wohl. Den Per und auch den Anders, ja. Da stehe ich und sehe euch an, Leute. Und höre euch zu. Herrgott, sie sind klein und ängstlich. Ja, es ist gefährlich. Hört ihr den Bock? Er meckert um meinetwillen, und sie fahren zusammen. Hört ihr es in der Alt-Stube drüben rumpeln? Hört ihr es ums Haus herumgehen? Unten im Schuppen sitzt ein schwarzer Kerl. Was ich im Schuppen gesehen habe? Das geht euch nichts an, Kinder. Das ertragt ihr nicht. Aber an dem, wahrhaftig, an dem haben sie sich vielleicht doch die Hörner abgestoßen, viele von den Juwikingern. Denn der Leibhaftige ist mächtig; es ist keine Schande, dem Kerl aus dem Weg zu gehen.« – – »Zaubere nur!« ruft er plötzlich – »ich will schon standhalten, ich! Aber du, Per, du bist ja nur ein Kind. Du und der Jens, ihr zwei miteinander gebt kaum einen Ganzen. Ein bißchen ungläubig, ja, ist das etwas Großartiges? Brecht ihr Bahn durch das Dunkel, so wie ich es getan habe? Hahaha.« – – – Die Dirnen wagten nicht, sich in dieser Nacht schlafen zu legen. Sie blieben in der Stube sitzen und schliefen dort. Denn sie hörten es draußen meckern. Sie hörten es drüben in der Alt-Stube geistern. Ane saß ganz in ihrem Kopftuch verborgen da. Sie las einen Psalm oder vielleicht das heilige Vaterunser. Dann fährt er auf und lauscht: »Hört ihr den Bock!« Aber er legt sich wieder zurück und lächelt: »Ach was, es ist nur die Leiter an der Birke. Die macht mir nicht Angst.« Draußen an der Hauswand stand etwas Arges, das merkten sie. Und auf dem Dach ritt etwas Schlimmes. Es war eine Unglücksnacht. Per Anders hatte einen Anfall, kämpfte schwer und röchelnd um Atem. Dann sagte er: »Komm jetzt, Ane. Gib mir jetzt den Stab.« »Bete zu Gott, bete zu Gott!« flüsterte sie eifrig. »M–m. Hab ich nicht früher zu ihm gebetet, so – – –« Das war das letzte, was er sagte. Ane öffnete die Tür, damit die Seele hinausfinde, und dann legte sie die Leiche zurecht, wie es getan werden mußte. Sie gewahrte den kleinen Anders, der in der Tür stand. Im selben Augenblick sah auch Valborg ihn stehen, und sie fragten alle beide: »Was schaust du, Anders?« Der Knabe deutete auf das Fußende des Bettes: »Was war das für ein Mann, der dort stand?« »Dort?« Sie sahen einander an. Die Knie versagten ihnen. Valborg nahm den Knaben und brachte ihn zu Bett. Eine Weile später standen Jens und Per vor dem Haus. Sie wußten nicht, ob sie hineingehen und sich schlafen legen oder was sie sonst tun sollten; sie wußten gleichsam gar nichts. Sie wußten auch nichts zu sagen. Sie blickten nur zum Mond hinauf. Die Wolken kamen von Osten her gesegelt, wollten nach Westen aufs Meer hinaus. Sie holten den Mond ein, der auch auf dem Weg nach Westen war, umhüllten ihn und wollten ihn mit sich nehmen. Da machte er kehrt und fuhr gen Osten, den Wolken gerade entgegen, so daß es hinter ihm wirbelte. Er lächelte gelb, aber nach Osten wollte er, das war für ihn der Sinn des Lebens. Der Rauch treibt aufs Haus zu 1 Am Tag darauf verbrannten sie das Leichenstroh. Die Luft war still, nur ein leiser Windhauch kam aus Osten. Ane trug selbst die Halme hinaus, und sie gingen damit nach Westen. Sie holte Feuer aus der Stube, um das Stroh in Brand zu setzen, und ging dann wieder ins Haus. Ja, der Rauch stieg auf und zog nach Westen. Er wälzte sich wie eine mächtige Wächte durch die Luft, weißlichgrau und gelbgrau, mit rundem Rücken, er rollte nach Westen. Schwer wie das Unglück selbst. Ja, der Rauch ging nach Westen. Auf einmal aber sagt Beret und wendet sich dabei zur Mutter, so dünn und blau wie sie ist: »Ich meine, jetzt kommt er hierher, Mutter!« »Hm, hm!« Ane hatte es bereits gesehen. Er kam geradeswegs auf den Hof zu, hüllte die Häuser und alles andere ein, man konnte ihn drinnen in den Stuben spüren, wo man auch gerade stand, und jedes wandte sich mit grauem Gesicht vom andern ab; der Rauch legte sich an die Fensterscheiben; er war schwer wie der Tod. »Das gilt wohl mir, denke ich«, sagte Beret, und damit ging sie schnell hinaus. »O nein, Kind«, murmelte Ane. Sie hatte sich auf den Bettrand gesetzt und war gerade im Begriff, die Bettstatt des Toten zu waschen. »He! Das gilt doch nicht euch Jungen, die ihr leben sollt! Wer alt ist, der – –« Beret aber hatte die Schneeschaufel ergriffen und war hingelaufen, sie lief geradeswegs auf den Strohhaufen zu und riß ihn über den Hang hinunter, so daß die Funken um sie sprühten. Der Rauch trieb zum Hof wie zuvor. Jens stand beim Stall und grinste. Beret kam still zurück, sie schüttelte das Haar aus und klopfte die Kleider ab. Ja, glaubte sie denn, daß das helfen würde? wunderte sich Jens. Beret sah ihn an, verlangsamte ihren Schritt und hielt den Blick auf Jens gerichtet. Sie war heiß geworden vom Lauf, jetzt aber erbleichte sie und wurde wie zuvor, ein langes, blau-blasses Unglück; sie lächelte ihm schief zu und wollte weitergehen. »Kopf hoch!« sagte er. »Der Tod ist nicht so gefährlich wie er häßlich ist, weißt du.« »O nein. Den, der jetzt stirbt, wird niemand vermissen.« Er aber blieb stehen und sah ihr nach. Sie vermochte sich kaum mehr hineinzuschleppen. Nein, die Arme, sie würde wohl keiner vermissen. Und allzu gut hatte sie es wohl auch nicht gehabt. – Jetzt erinnerte er sich so deutlich eines Erlebnisses aus seiner Kindheit: Er hatte einmal ein kleines Vogelei zerdrückt. Das hatte genau die gleiche wehrlose, blaue Farbe gehabt wie ihre Augen; er konnte die Erinnerung nicht mehr loswerden. Später am Tag kam er einmal zu ihr in die Küche und zog sie ein wenig am Haar. »Sieh her, Beret« – er hielt einen kleinen Spiegel in der Hand, mit Rosen und vergoldetem Rahmen ringsherum; den habe er oben in seiner Truhe gefunden, da sei er herumgelegen und ihm im Weg gewesen: Ob sie ihn haben wollte? Denn er würde sich wohl kaum mehr barbieren, meinte er; das könne der Per tun – es genüge, wenn einer auf sich halte und nach dem Brauch lebe. Wenn sie ihn haben wollte, dann – – Sie nahm ihn an und dankte dafür; nicht sehr erstaunt, ihr Gesicht war starr wie immer, aber sie blickte doch zu ihm auf. Da wird ihm sonderbar zumut. Herrgott, daß sie ihn annahm, von ihm, und sich fast darüber freute! Da stand es nicht gut um sie. Die Mutter ging umher und machte sich, wie an jedem anderen Tag, irgend etwas zu schaffen. Nur hörte sie es nicht, wenn die anderen sie anredeten. Valborg tat das meiste von dem, was zu tun war. Die Leiche war in der Alt-Stube auf Stroh aufgebahrt. Valborg sagte zu Jens und richtete sich dabei von ihrer Arbeit auf: »Jetzt werden wir doch nicht in die Alt-Stube ziehen, Per und ich. Denn jetzt wage ich es nicht mehr.« Sie hatte das gleiche ernsthafte Gesicht wie immer, wie ein vertrauensseliges Kind. Jens stand da und sah ihr geradeaus ins Gesicht. Es war so breit und offen und gut; ein wenig sommersprossig, aber schön – und welch weißen und stattlichen Körper sie hatte! »Dann ziehe ich hinein«, sagte er. »Denn dort bin ich gern.« Sie hörte nicht auf ihn, und das ärgerte ihn stets. Vielleicht sollte er etwa heute abend noch hinüberziehen? meinte er – er würde gern in der schwärzesten Nacht einen Tanz mit einem Toten tanzen, he? Hol mich der und jener – – Sie wandte sich ab. Das tat sie immer, wenn er ein wenig Kraft in seine Worte legte, wie er es nannte. Warum wandte sie ihm den Rücken – sie konnte ihn mit diesem Rücken ganz rasend machen! »Schön war es nicht vom Vater, daß er dich dem Per gab.« Valborg erwiderte nichts. Sie haben? Nein, versteht sich, er war von Herzen froh, daß er davon verschont geblieben war, aber – – Jetzt jedoch blickte Valborg auf. Sie dachte einen langen und tiefen Gedanken, der quer durch sie hindurchging: »Ja, ja, zieh du nur hinüber. Das wäre noch nicht das Schlimmste. Du und dann die Beret.« Jens schnitt eine Grimasse. Er pfiff im Fortgehen. In der Türe aber drehte er sich um und tat gleichgültig: »Wo steckt der Per? Ist er mit dem Boot fort?« »Ja, das ist er«, gab sie zur Antwort, »– er sieht sich nach einem Grab um.« Per war über den Fjord gefahren, um das Grabgeläute zu bestellen. Das war ein uralter Brauch, wenn auch sein Sinn verlorengegangen war, aber gerade darum hielten sie in Juwika daran fest. Per Anders hatte nichts davon erwähnt, aber Valborg war ihrer Sache gewiß, daß es sein Wunsch gewesen wäre, und Per war der gleichen Meinung, wenn er sich's überlegte. – Per ruderte bei stillem Wetter hinüber, in Hemdärmeln, und er ruderte rasch. Der Glöckner war ein winzig kleiner und behender Mann, er kletterte wie eine Katze über die Turmtreppe hinauf, freute sich, wenn er läuten durfte, ob es nun Hochzeit oder Leichenfeier galt. Er liebte die Glocke wie etwa den Schnaps. Per stand unten und sah ihm nach. – »Läute nur stark«, rief er hinauf, und dann ging er auf den Kirchhof. Dort betrachtete er die Gräber; er kam so selten zur Kirche. Jetzt läutete die Glocke. Der Schwengel schlug an das Erz, schlug noch einmal, mit voller Stärke, und dann nahm der Laut zu und wurde in großen runden Schwingungen durch die Luken, über die Erde hin und zum Himmel hinauf getragen. Alles andere schwieg, wenn die Glocke anhub: es konnte nicht mehr mit. Per wußte nicht, wie es kam, aber er mußte sich setzen. Da saß er auf einem Grab, auf einem Hügel mit Grasbüscheln und vereisten Stellen, denn hier gab es keinen Schnee, der fühlte sich nicht wohl auf dem Kirchhof. »Hier sind viele Tote«, sagte Per, »und die schlafen sicher gut.« Aber er griff sich an den Kopf. Es schmerzte, so nahe der Glocke zu sitzen – diesen Laut hatten die Leute auf Juwika nie recht vertragen, das spürte er jetzt. Mehrere Male fuhr er sich mit dem Joppenärmel über die Stirn. Dann stand er auf und ging zur Nordwand hinüber. Denn mit solch einem Meeresbrausen in sich – kann man nicht gut stillsitzen; er atmete auf und sah über Land und Fjord hinaus. – »Wenn der Himmel selbst sich über einem öffnet, da fühlen sie sich fremd, die Juwikinger, da werden sie fahl und bleich und leer im Gesicht, ist das so merkwürdig? Denn es liegt ihnen nichts daran, hierher zu kommen, das fühle ich.« Per wußte kaum, wo seine Leute lagen. Wohl auf der Südseite. »Aber das muß ich heute noch feststellen«, sagte er, »damit man doch weiß, wo man einmal hinkommt.« Endlich hörte es im Turm oben zu läuten auf. Der Klang lag noch zwischen den Bergen, wie der Abend nach einem großen Tag. Alles faßte sich ein Herz und blickte um sich: Schwarze Berge sahen aus dem Schnee heraus wie früher, und der Fjord war salzige Armut. Der Glöckner kam heraus, der Schädel glänzte ihm vor Schweiß, und er lächelte. »Ging sie schwer heute?« sagte Per. Es war nur ein Scherz, aber er sah den Glöckner doch an und wartete auf Antwort. Dann fragte er noch einmal, und jetzt war es grauer Ernst: »Ging sie schwer, hörst du?« »Ach ja. Leicht ging sie nicht«, seufzte der Glöckner. »Sie ist schon leichter gegangen«, fügte er hinzu. Per biß sich auf die Lippe. Jetzt wäre es gut gewesen, den Jens da zu haben. Der Glöckner und er begannen zu gehen. Sie hatten ein Stück weit den gleichen Weg. Elias mußte heute selber an den Lohn fürs Läuten erinnern. Er erhielt ein Silberstück und einen Schnaps dazu. Per aber stand da und sah ihn mit leeren Blicken an. Er sagte ihm nicht Lebewohl. »Und das Grab?« fragte Elias. – »Ja, freilich, das Grab, ja – –« Per schüttelte den Kopf: »Mir macht keiner weis, daß es etwas zu sagen hat, wenn diese Sauglocke so hart geht, der Teufel hol mich, wenn ich auch nur einen Deut davon glaube!« Der Glöckner hatte sein großes breites Kirchenlächeln, fast bis an die Ohren reichte es ihm. »Ja, wie man's nimmt«, sagte er, und dann ging er, den Hang hinauf und heim. Und Per ging seiner Wege. Die Mutter sah ihn ein wenig unruhig an, als er nach Hause kam, sie erwartete sich so halb und halb eine gute Nachricht, wagte jedoch nicht zu fragen. – War er auf Haaberg gewesen? – Nein, er hatte sich dort nicht aufgehalten. – Nein, nicht? Die Mutter bekam Angst, was waren es denn für Gedanken, die ihn plagten? – »Aber die Glocke«, sagte Per, »die ging so leicht, als gehe sie von selber. Der Elias hat sie noch nie so übermütig gesehen. Wenn man also darauf etwas geben kann, dann ist der Vater gut aufgehoben.« »Ja, ja, Gott sei Dank, das will gewiß nicht wenig sagen.« Ane faltete die Hände. Es trieb sie in der Stube umher. »Da hat er einen guten Tod gehabt!« sagte sie. »Sie ging wie geschmiert!« sagte Per. »Wie mit Himmelsfett geschmiert«, grinste Jens, er stand auf und verließ die Stube. Am Abend trafen sich die beiden Brüder draußen auf dem Hof. »Der Teufel hol mich, wenn sie leicht gegangen ist«, sagte Jens. »Ich habe es dir angesehen. Die hat das Himmelreich nicht versprochen.« Per gab keine Antwort. Schwer und finster wie der Abendschatten stand er da, wuchs über Jens hinaus und lastete auf ihm. Jetzt war er es, der hier auf dem Hof etwas zu sagen hatte, und so sollte es bleiben. »Mag sie gehen, wie sie will«, sagte Jens still. »Dabei ist nichts zu machen.« »Nein«, sagte Per; er rührte sich nicht von der Stelle. Jens mußte fortgehen und ihn allein lassen. 2 Am Tag darauf standen sie in der Alt-Stube und nahmen Maß. Der Sarg sollte gezimmert werden. Valborg kam auch dazu, sie wollte die Leiche noch einmal sehen. Später kamen auch noch die anderen – als dann endlich schon mehrere Leute dort waren. Per zog das Tuch vom Gesicht weg. Sie hatten Per Anders das Gesangbuch unter das Kinn geschoben, damit der Mund geschlossen blieb, und auf jedes Augenlid hatten sie eine Kupfermünze gelegt. Aber die eine Münze war zur Seite geglitten, so daß das Auge ein wenig offen stand und sie gerade ansah. Die Frauen bekamen einen kleinen Schrecken, einige fingen an zu schluchzen, und Valborg trat hin, legte den Schilling wieder aufs Auge und drückte ihn fest. – Das Antlitz schlief einen tiefen und kalten Schlaf, es schwieg ihnen wie Berge entgegen. Per Anders wollte nichts mehr von ihnen. Sonst war er ganz wie immer: mit blauroten Wangen und weißer Stirn, die eine Augenbraue ein wenig hochgezogen. Die Frauen gingen wieder fort, bis auf Valborg; sie stand noch eine Weile mit gefalteten Händen da. Die Leiche war frisch barbiert, das hatte sicher Per getan. Valborg nahm den silbernen Knopf aus ihrem Jackenkragen oben am Hals und knöpfte ihn dem Toten ins Hemd. Noch eine Weile stand sie da, dann ging sie. »Ja, da liegt er nun«, sagte Jens. »Der letzte von uns.« Per blickte auf. »Ja, denn – es wird noch lange dauern, bis du an der Reihe bist«, fügte Jens hinzu. »Und du?« »Ich? Glaubst du, ich werde mich einmal so zum Staat da herlegen?« Darauf gab Per keine Antwort, und so machten sie sich fertig und gingen. Sie gaben sich große Mühe mit dem Sarg, und er wurde sehr schön. Jens behauptete, es sei gar nicht schlimm, tot zu sein, wenn man in so ein schönes Staatsbett käme. Aber bis alles zum Leichenschmaus bereit war, verging noch einige Zeit; und das taugte niemand so recht, denn es war so eine Sache, eine Leiche im Haus zu haben. Wenn es dunkel geworden war, wagten sich die Frauen kaum zur Türe hinaus. Wo sie gingen und standen, glaubten sie eine weiße Gestalt hinter sich auf den Fersen zu haben; und am Abend konnte man allerlei unheimliche Laute hören. Im übrigen war diesmal merkwürdig wenig davon zu verspüren. Wenn früher in der Alt-Stube eine Leiche gelegen hatte, war dieses und jenes vorgekommen: sie seien so unruhige Kerle gewesen, die Juwikinger, erzählte man sich. Nach Per Anders entstand eine Leere. Das war das einzige Schlimme, was sie spürten. Sie kamen sich ganz verlassen vor auf Juwika, denn wer sollte jetzt aufstehen und hinausgehen, wenn es draußen etwas Unheimliches gab? Und wieder hereinkommen und sie beruhigen? Der Jens, ja freilich, der konnte ja immerhin hinausgehen; aber es half nicht viel, wenn er wieder hereinkam. Eines Abends sagte er, er müsse in die Alt-Stube gehen und ein Paar Stiefel holen; und er ging wirklich. Aber er war grauweiß, als er wieder zurückkam. Seine Joppe hatte sich an der Türe verhängt, als er die Alt-Stube verließ, und das war, als packe ihn einer und halte ihn zurück. – »Laß los, du Tölpel«, rief er, und als er das gesagt hatte, wurde ihm beinahe angst, nach seinem Bericht, er schloß die Türe wieder zu, wäre dann aber am liebsten gelaufen. Je näher der Tag der Leichenfeier heranrückte, desto besser ließ es sich ertragen. Es gab soviel zu tun, man vergaß alles andere. Ja, beinahe; nur einmal war es anders. Da kam die Graukrähe, setzte sich auf das Dach der Alt-Stube und krächzte. Und das bedeutete eine neue Leiche. Beret jagte sie ein paarmal weg, aber sie war gleich wieder da; die wußte, auf wen sie wartete. Die Leute sahen einander an, bald aber hatten sie es wieder vergessen. Per ging jeden Tag einmal hinüber und betrachtete die Leiche. Ihm war es, als wollte sie noch etwas. Wenn er aber dort stand, so wollte sie nicht das geringste. Sie schlief wie immer. Ja, dachte er, hier liegt der Letzte. Von ihnen. Und beim Hinausgehen sagte er vor sich hin: »So fallen die Berge ins Meer ab. Sie wollen nicht mehr weiter. Und so wie der Tod dieses Gesicht gezeichnet hat, so hebt der Abend Hügel und Berge zum Himmel empor: steinstill und steintot, so weit entfernt vom Leben und von allem, was lebt und sich rührt.« Per wunderte sich über sich selbst, er hatte solch seltsame Gedanken; woher kamen sie? Dies konnte er Jens gegenüber nicht aussprechen. Er mußte es der Valborg sagen – ihr, mit der er bisher noch kaum oder gar nicht gesprochen hatte. – »Ja, jetzt ist der Vater fort«, sagte er, mehr wurde es nicht. Valborg beugte sich gerade über einen Bottich und wand Wäsche aus. – »Ach ja«, sagte sie über ihrer Arbeit. » Er ist jetzt fort.« Eine gute Weile später straffte sie den Rücken und betrachtete das Wäschestück, es war ein großes weißes Leintuch: »– Dein Vater, der war wie ein Weg im Dunkeln.« – »Ja wie ein ganz schmaler Weg im Dunkeln. Und jetzt ist es nur noch dunkel. Und leer, scheint mir.« – Sie gab keine Antwort darauf, sondern wurde rot und befangen, denn an solches war sie nicht gewöhnt. – »Und leer, sage ich, he?« Sie konnte das doch wohl zugeben? – »Ach ja; jetzt so gleich danach«, sagte sie. Er ließ sie stehen und ging fort. Da war es doch besser, mit Jens zu reden. – – – Als der Samstagabend vor der Leichenfeier endlich anbrach, fiel von allen auf Juwika eine Last ab. Nun kamen nach und nach jene, die den weitesten Weg hatten, und die von den zunächst gelegenen Höfen sandten Eßkörbe, einen nach dem andern; man erkannte jeden Hof an seinem Korb. Sie kamen still, die da zum Hof kamen, und still wurden sie empfangen. Zwar nicht gerade traurig, aber doch feierlich. Ane Haaberg kam allein, und nach ihr dann ein Boot nach dem anderen, und jedesmal, wenn die Leute zum Hof hinaufschritten, stand Petter Lines in der Türe und bat sie, einzutreten, diesen Weg, und hier bitte, kommt her und laßt euch zu trinken geben. Petter Lines hatte es übernommen, den Wirt zu machen. Das tat er überall dort, wo es nach Schick und Brauch zugehen sollte. Er war ein großer Mann in seiner Gemeinde, und es hielt nicht so leicht, ihn für dieses Amt zu gewinnen; mit den Juwikleuten aber war er verwandt, so daß er aufs erste Wort hin zugesagt hatte. – Unter den Gästen, die schon am ersten Abend da waren, stand besonders Ola Engdalen in großem Ansehen. Nach ihm richteten sich alle anderen. Er war alt und reich und gehörte zu den Ersten in der Gemeinde, er stand auf einer Stufe mit Petter Lines. Und heute hatte er ein kleines Lächeln. Er hielt die Hand bei der Begrüßung nur ein wenig länger fest als sonst. Als er sich nach dem Trunk räusperte, halten sie alle ohne Ausnahme das gleiche Lächeln; seine Worte kamen ihm wie gegossen über die Lippen. »Daß ich es einmal sein sollte, der den Per Anders zu Grabe geleitet! Wer hätte so etwas vorausgesagt!« Und als sie noch nichts zu sagen vermochten, sondern nur wie auf ihren Stühlen festgewachsen dasaßen, stand er auf und wandte sich zu Ane: Wenn es ihnen nun allen recht wäre, so wollten sie jetzt hinübergehen und die Leiche ansehen. Nun drängten sie sich alle zur Tür; sie räusperten sich und kamen herbei. »Ja«, sagte Ola, als sie bei dem Toten standen. »Das hier ist wirklich einer, den man vermißt.« Einer nach dem anderen sagte das gleiche, und von diesem Augenblick an kam das Gespräch in Gang; sie redeten von Per Anders. Und sie redeten von dem und jenem in der Gemeinde, mit trauriger Stimme noch, aber dazwischen doch ruhig und befriedigt. Gastgelage war eben doch Gastgelage, und dies hier schien eines der besten zu werden. – »Mein Gott, welch ein Sarg«, hörten sie eine Frau sagen. – »Ja, wenn man so einen Sarg bekommt!« antwortete eine andere. – »Nein, und wie schön sich das Wetter dazu anläßt, zu Wasser wie zu Lande.« – »Ja, ja, der Per Anders Juwika, der hatte ja meistens Glück.« – »Ja, wie auch jetzt wieder: daß sie auf Juwika in diesem Jahr Schnaps gebrannt haben; wo sie doch hier so selten Schnaps brennen.« Und sie kosteten von dem, was gebrannt worden war, und sie fanden es gut. Keiner trank mehr als er vertrug, sie wußten, was sich gehörte, aber sie wurden redselig davon, daß es eine Freude war, und milde gestimmt und verträglich. Die Hausleute gingen aus und ein und sonnten sich in dieser Stimmung, so leicht hatte ihnen das Dasein schon lange nicht mehr geschienen. Und so war es auch beim Begräbnis selbst: Alles ging ruhig und still vor sich, es war ein heller Tag, und die Menschen strömten tiefe Wärme aus. Vielen standen die Tränen in den Augen, und sie ließen sie von der Luft und von der Sonne trocknen. Es geschah nichts anderes, als was geschehen mußte. Einzig und allein Valborg schluchzte ein paarmal auf, so trocken und hart; es hatte den Anschein, als zerbräche ihr der Rücken. Aber sie richtete sich wieder gerade auf. Per wunderte sich über die Leute. Es lag solch eine Feierlichkeit über ihnen, in jeder geringsten Kleinigkeit. Und besonders feierlich waren die Träger. Sie bewegten sich wie lauter Küster. Sie wußten, was Brauch und Sitte war. Er hatte sie vorher nicht gekannt, war ihnen nur im Alltag begegnet, und da waren sie struppig und ruppig gewesen und grau wie die Erde selbst; jetzt aber zeigten sie ihr Gesicht, und ihm schien es mächtig wie die Kirche und die Glocke. Jens ging dahin und biß sich auf die Lippe. »Heiliges Kreuz, wie feiertäglich sie gekleidet sind«, flüsterte er einem anderen jungen Mann zu. Er hatte wohl bereits ein wenig zuviel getrunken. Auf einmal, als sie auf dem Hof platz den Sarg auf Böcke stellten, platzte er heraus und lachte: »He, he, he! Gibt's da noch mehr Zeremonien .« Sie achteten nicht darauf, kein einziger von ihnen, und dadurch verlor er gleichsam den Mut. Per wurde flammend rot. Auf dem Weg zum Strand hinunter drängte er sich dicht an Jens und murmelte: »Du siehst aus, als hättest du auf einen Nagel gebissen.« – »Ja, ich sehe wohl aus wie die leibhaftige Schande«, lächelte Jens. »Wie die leibhaftige Schande, die man zum Trocknen herausgehängt hat.« Per fuhr sich über die Augen. Es war so schmerzlich, das jetzt hören zu müssen. Das gleiche tat er, als die Glocke zu läuten begann. Ein ums andere Mal zog er die Luft durch die Zähne ein, wie einer, dem man an eine Wunde rührt. Ola Engdalen sieht es, seine Blicke weilen auf Per. Er beobachtet ihn auch auf dem Heimweg. – Später am Abend kommt er zu ihm hin. Leise und vorsichtig, mit Klang in der Stimme, sagt er: »Ja, ja, du hast schon recht. Es wird leer nach solch einem Mann. Es kann nicht anders sein.« – »Aber daß man über einem Juwiking mit den Glocken läutet?« sagt Per, er bekam solche Lust, irgend etwas zu sagen. Denn sie waren doch immer Heiden gewesen hier auf dem Hof, alle Bauern, ihr Leben lang – »der Weg von Juwika zur Kirche ist ja weit, nicht wahr?« Ola mißt Per mit den Augen. – »Eines jedenfalls ist wahr: du bist kein Juwiking.« – »Nein?« Es hört sich an, als sei Per froh. Ola ließ ihn stehen, und Per wiederholte es vor sich selbst: Eines jedenfalls ist wahr, ja. So diese Last bin ich nun los. Er kam wiederum zu Ola, später, als die Nacht vorgeschritten war, es gab noch etwas, das er sagen mußte. Ola aber ist im Gespräch mit einem anderen und hört nicht auf ihn, nicht mehr, als sie heute auf Jens hörten. Jetzt aber mußten sie dennoch auf Jens hören. Die Leute sind im Begriff schlafen zu gehen, draußen auf dem Hof stehen die meisten der Gäste beieinander, Junge und Alte, sehen die Sterne an und halten nach dem guten Wetter Ausschau, reden und fühlen sich wohl. Da kommt Jens und bleibt in der Türe stehen, er hat ein offenes Licht in der Hand, hebt es hoch und leuchtet damit über den Platz; er ist blaß und hat gläserne Augen. »Wißt ihr, wo die Welt liegt?« ruft er. »Sie liegt im argen!« Im selben Augenblick kam Aasel herzu, packte ihn und zog ihn rücklings ins Haus. Er wehrte sich, aber es half nichts, er war zu betrunken, und außerdem kam ihr Valborg zu Hilfe; drinnen schafften sie ihn in die Kammer und aufs Bett, und da schlief er ein. Von Valborg sah man nicht viel bei diesem Leichenschmaus. Sie kam sich hier jetzt so wildfremd vor. Erst spät am anderen Tag fuhren die Gäste heim. Lange gingen sie von einem zum anderen, drückten einander die Hände und nahmen immer wieder Abschied, ehe sie sich auf den Weg machten. Ein jeder sagte, daß es eine schöne Leichenfeier gewesen sei. » Der kam schön in die Erde«, sagten sie. »Und die, die jetzt nach ihm kommen, sitzen nicht auf dem Trocknen und leiden nicht Not.« 3 Graue, halbblinde Tage. Der Winter halte nun ernstlich eingesetzt, und jetzt war kein Ende mehr abzusehen. Nie ist es so leer und verlassen in einem Haus wie nach einem großen Gastgelage. Und in Juwika gingen sie ganz niedergedrückt umher, denn dieses Haus war stets von Leben erfüllt gewesen, nie war es in der Stube öde geworden. Jetzt hatte das aufgehört, Haus und Leute und alles miteinander hatte die Stimme verloren; jetzt konnte man alles Schlimme und Böse hören. – Nicht einmal einer von den Burschen nahm sich eine richtige Arbeit vor. Als sie das Getreide ausgedroschen hatten, trieben sie sich auf dem Hof herum, Per war von Zeit zu Zeit in der Schmiede, brachte aber nichts zuwege, und Jens verfertigte an den Abenden das eine oder andere Paar Schuhe für die Weiber, denn bei denen sei das Maßnehmen am lustigsten, sagte er, doch zu einer richtigen Arbeit kam es nicht. Aber wartet nur auf den Sommer, sagten sie. Und daran hielten sich auch die Frauen. Denn der Winter würde doch wohl nicht bis Pfingsten dauern? Auch dieser Winter nicht. Ja, wer den Sommer erleben könnte, meinte Ane. Oft saß sie in der Stube und las einen Psalm, und Beret war gleich nach dem Tod des Vaters zu ihr in die Kammer gezogen. – »Aber nicht, weil ich an die Geschichte mit dem Leichenstroh glaube«, sagte Ane. »Der Per Anders hat nie an so etwas geglaubt – und der Rauch hat ja auch nur einen Augenblick zum Hof herübergeschlagen.« »Nein, der Per Anders glaubte niemals an so etwas«, sagten die andern. Ane sprach immer häufiger davon. Und das mit der Leichenstarre – er ist doch rasch genug steif geworden? Und die Graukrähe? Lauter alter Aberglaube, hätte Per Anders gesagt. Beret schwieg. Eines Tages hatte Valborg Anders, den ältesten Jungen, geschlagen. Beret klopfte ihr auf die Schulter: »Du hast es gut, du hast jemand, den du prügeln kannst. Wer doch wenigstens einen Hund hätte!« Valborg schauderte zusammen; das tat sie immer, wenn diese Finger sie anrührten. Aber sie lächelte und verstand Beret. Eines Abends jedoch, sie saßen gerade alle beim Essen, sprang Beret vom Tisch auf: »Still! Hat nicht jemand nach mir gerufen?« Jens grinste und mit ihm die anderen. Wartete vielleicht draußen einer auf sie? Sie setzte sich wieder an das Tischende, nahm den Breilöffel und begann zu essen, jedoch mit abwesendem Blick. Die Stallmagd, die neben ihr saß, konnte nicht unterlassen, sie anzusehen, sie war nicht wiederzuerkennen. Nun ließ sie ihre hellwachen Augen rings um den Tisch schweifen: Hörten sie denn jetzt auch nichts? – Sie hatten nichts gehört. »Warte, bis es zum drittenmal ruft – dann mußt du dich in acht nehmen«, ermahnte Jens. Kaum hatte er dies gesagt, als es draußen rief, jetzt war kein Irrtum möglich: es rief Beret , und sie eilte hinaus. »Wenn nur niemand in den Brunnen gefallen ist!« sagte sie noch. Ein Teil der Zurückbleibenden glaubte den Ruf auch gehört zu haben, andere meinten, es habe eine Katze draußen beim Hauseck geschrien. »Ja, wenn nur nicht jemand in den Brunnen gefallen ist«, sagte nun auch Valborg, stand auf und wollte hinausgehen. – »Ja, und wo bleibt denn die Beret?« sagte Per, der hinter ihr nachkam. Denn der Brunnen war jetzt im Winter ein gefährliches Loch, vollkommen von Eis umgeben, so daß man sich ihm kaum nähern konnte, er lag mitten im Hof und war ganz unheimlich tief. Nie schlugen die Burschen das Eis weg, Valborg hatte es ihnen oft genug gesagt, meinte sie. Die hinausgegangen waren, kamen nicht mehr herein, da legten auch die übrigen ihre Löffel weg, sie mußten nachsehen. Draußen lag noch Dämmerlicht, ein weißgrauer Abend mit schwarzen Hügeln; im Norden war der Himmel sturmrot. Per und Valborg standen über den Brunnen gebeugt. Beret war hineingestürzt, die beiden zogen sie gerade heraus. Sie war bereits tot. Per und Valborg trugen sie ins Haus und legten sie aufs Bett, Jens folgte ihnen, um zu helfen, aber niemand konnte ihn gebrauchen – er trug einen ihrer Schuhe nach. » Sie ist wohl starr genug«, sagte er, als sie sich bemühten, Beret wieder zum Leben zurückzurufen. »Ach ja, ach ja«, seufzte Ane, als sie endlich wieder etwas sagen konnte. »Daß aber gerade sie zuerst fort mußte!« Jens wandte sich um, griff hinter die Wanduhr und drehte ihnen ein häßlich grinsendes Gesicht zu, gleichsam als habe er dort etwas Merkwürdiges gefunden: »Ja, man darf froh sein, daß – –« Ane wischte sich die Nase, sie verstand ihn nicht ganz. Per wurde hart und finster. – – – Sie legten Beret in der Alt-Stube aufs Stroh, und dann galt es, zum zweitenmal einen Leichenschmaus auszurichten. Sie sprachen untereinander darüber, daß Beret mit einem Lächeln daliege, gleichsam als wollte sie sagen, nun sei sie doch aus dem Wege. Ane lebte merkwürdig auf nach diesem Ereignis. Sie war geradezu wie neugeboren. Immer wieder wollte sie Valborg die Macht aus den Händen nehmen; aber sie war nicht böse, wenn ihr das nicht gelang. Aus Valborg wurden sie im übrigen nicht klug. Valborg sprach so wenig. Wenn sie etwas redete, so war es meist über Per Anders, den Großvater, wie sie ihn nannte. Er war es, der sie hierhergebracht, zur Frau auf Juwika gemacht hatte, und er war es, dem sie sich anvertraut hatte; jetzt stand sie allein, aber man ließ sich deswegen nicht vor die Türe setzen. Sie arbeitete für zwei, wo sie anfaßte, und außerdem hatte sie; die beiden Buben, die reinsten Wölfe, und das dritte unter der Schürze, so schien es den anderen. Beim Leichenschmaus für Beret geschah etwas Arges. Ane betrank sich. Sie mischte sich unter die Leute, drängte sich an sie heran und war aufgeräumt. Zum Schluß ging sie zum Wirt und wollte ihm mit einem Krug Bier zutrinken. – Es hätte noch viel schlimmer ausgehen können, sagte sie. Es hätte noch viel schlimmer gehen können. Denn mit der Beret sei ja doch nicht viel los gewesen. »Nein, seht ihr, als wir das Stroh von Per Anders verbrannten, hat es den Rauch hierhergetrieben: das mußte ja auf einen zweiten Toten deuten.« Aasel versuchte, sie zu Bett zu schaffen, aber es gelang ihr nicht. – »Leg doch du dich, wenn du müde bist«, gab Ane zur Antwort. – »Die arme Beret lief hinaus und stocherte im Feuer herum, aber schau – – – Nein, Kinder, wenn's einen nicht treffen soll, dann soll's einen nicht treffen; ich werde erst im Sommer siebzig. Da schien mir's noch zu früh für mich. – – Nein, die Beret: es stand so ein großer Stern mitten über uns, an dem Abend, als wir sie ins Haus trugen – – die wurde nicht auf dem Weg nach oben aufgehalten. Wir ließen nicht einmal die Glocke über sie läuten.« Ane hatte nasse Augen; die Leute hatten diese Augen früher nie gesehen, sie waren klein und rund und konnten einen nicht anschauen. Sie wischte sich die Nase und lachte: »Und es sind ja auch immer noch vier um die Erbschaft da; das ist mehr als genug.« – – – Drei Wochen später verbrannten sie auch Anes Leichenstroh. Der Sturm ging landauswärts, bei dem Rauch gab es keinen Zweifel; er mußte vom Haus weg. Sie fiel auf dem ebenen Küchenboden hin und blieb jammernd liegen. Man trug sie zu Bett, und dort lag sie, seufzend und ächzend, bis es mit ihr vorbei war. Wahrscheinlich war die Hüfte ausgerenkt, am ärgsten aber schmerzte der Leib, er war zu Schaden gekommen, und das wurde ihr Tod. Es war ein unheimliches Sterben. Sie hatte solche Furcht. Immer wieder fuhr sie auf: Draußen habe jemand nach ihr gerufen, ob sie es nicht hörten? Geklopft habe es, hörten sie es nicht? Warum gingen sie denn nicht hinaus und jagten die bösen Mächte fort! Die Augen blickten wild und erschreckt, sie wagte nicht eine Minute allein zu sein. Bisweilen verlor sie das Bewußtsein, wenn sie aber dann wieder zu sich kam, so war es immer das gleiche Entsetzen. Aasel war bei ihr und versorgte sie. Nur einmal ging sie fort und sah bei sich daheim nach dem Rechten, dann kam sie wieder und blieb bei der Mutter, bis es vorbei war. Ihre beiden Kleinsten hatte sie mitgebracht. Wenn sie sich über das Bett beugte und mit der Mutter über ihr Seelenheil sprach, beruhigte Ane sie meistens. »Jetzt müßt Ihr still sein, Mutter, und Euch schlafen legen!« sagte Aasel endlich eines Nachts. »Es ist ja nur der Vater, der auf Euch wartet.« Da lächelte sie wie ein Kind, ganz fremd; so war sie wohl einmal als Kind gewesen oder damals, als Per Anders kam und sie holte, das Gesicht löste sich in ein winziges Kinderlächeln auf: »Ja–ha–ha! Ja, ich glaub's wirklich, du!« Und als der Kampf zu Ende ging, gegen den Morgen dieser gleichen Nacht, und Aasel allein über sie gebeugt stand, da streckte sie die Hand aus und tastete in die Luft: »Wo bist du denn jetzt, Per Anders? Warte doch ein wenig, du hast's so eilig, du!« Die Juwikinger rühren sich 1 »Wer weiß«, sagte Per eines Tages, als er und Jens unten am Strand Netze zurichteten. »Wer weiß. Man kann es nicht recht wissen, mit dieser Brandwarnung.« »Brandwarnung? Was ist das für Zeug?« Die Brandwarnung, die sich vor Weihnachten gezeigt habe. Es sei jetzt leer geworden in Juwika, seit damals. Was nun auch die Ursache sein möge. Jens sah ihn an, still und fast nachdenklich. Dann wandte er sich ab. Er sagte kein Wort, aber auf Per wirkte dies wie ein häßlicher Fluch, und dann fing Jens an, allein die schweren Bottiche mit Lohesud zurechtzurücken, so daß der Bruder mit offenem Mund stehenblieb. Plötzlich aber lachte Jens auf, lachte gutmütig und häßlich und häutete Per gleichsam mit den Blicken ab: »Ja, du siehst mir auch ein wenig leer aus. Wie eine Hose, aus der man den Hintern herausgebeutelt hat. Ich? willst du sagen, nein, von mir redet kein Mensch. Wir brauchen uns wohl nicht erst zu erzählen, daß es leer geworden ist. Aber nachtscheu sind wir nun doch nicht!« Kindskopf! dachte Per. Laut aber sagte er: »Wenn jetzt nur nicht das ganze Geschlecht – –« »Na, meinetwegen. Und Glück zu. Das war mir schon das richtige Geschlecht!« Der Frühling kam, und der Sommer folgte nach. Aber Juwika tat nicht mit. Was die Leute dort auch trieben, immer «War es still dort, wie in Erwartung großer Dinge; oder so, wie «Wenn nichts mehr zu erwarten ist. Per und Valborg steckten gleichmäßig in ihrer Arbeit. Jens packte an wie ein Bär, wenn es not tat; sobald ihm etwas einfiel, fuhr er los und machte die Arbeit; wie ein Hammer, der vom Schaft fliegt. Aber es wurde nie eine richtige Werktagsarbeit. Eines Tages kam Aasel. Da waren die Burschen gerade auf dem Meer und legten am Ufer entlang Lachsnetze aus. Jens war es, den sie zu fassen bekommen wollte. Nämlich: jetzt stand er im Begriff, sich selbst und die anderen in Schande zu bringen, mit einer Häuslerstochter. So und so stand es um das Mädchen. Es war wirklich wahr, denn Aasel hatte sie selbst getroffen. Arm und dumm, jetzt glaubte sie, sie würde ihn bekommen! Nun sollte Valborg ihm zureden; denn vor ihr würde er sich doch wenigstens schämen. Aasel hatte sich selbst seinerzeit zu weit aufs Eis hinausgewagt, aber sie war ja auch nur ein armes Frauenzimmer, bei dem es nicht so genau darauf ankam. »Oder: Rede mit dem Per «, sagte sie. Sie war sehr aufgebracht und wollte diesmal nicht unverrichteterdinge heimfahren. »Mit Per darüber reden?« Valborgs Gesicht bekam einen gedankenverlassenen Ausdruck. »Ja, geh gerade drauf los, heiz ihm gehörig ein.« »Dem Per? – – Glaubst du, es ist so leicht, ihm einzuheizen? Das ist nicht so einfach wie der Fuß im Strumpf.« »Nein, nein, aber –« »Ich will dir etwas sagen, der Per – – ich weiß nicht, ob ich je gescheit genug sein werde, um mit ihm zu reden. Denn – – er ist ja doch kein kleiner Bub; das weißt du selber auch.« Aasel lachte, daß es in den Wänden hallte: »Du lieber Gott, was für ein Mordskerl der Per geworden ist!« Als sie aber sah, daß sie zu weit gegangen war, wurde sie schnell wieder ernst. Sie sei so froh, sagte sie, daß Valborg an Per glaube. Denn er sei der einzige, an den sie jetzt glauben könnten. »Gott sei Dank, daß du so bist, wie du bist, Valborg. Ich muß schon sagen, was wahr ist«, fügte sie hinzu, und sie wurden alle beide rot und verschämt. »Aber das hier ist mein voller Ernst, gerade heraus«, fügte sie hinzu. »Irgend etwas muß er tun, und das gleich …« Valborg war nicht viel wert, als sie Per am Abend beiseite nahm; dann aber stammelte sie heraus: jetzt sehe es schlecht aus mit dem Jens, das häßliche Gerede dringe bis zum Hof vor, so und so verhalte es sich. Per tat, als höre er es nicht recht. »Die Marja Oterbekken?« sagte er. Dann lachte er leise vor sich hin. »Ja, ja, der Jens, der Jens. Übrigens: das hat er niemals getan, das lügen sie!« »Sie lügen wohl, was sie lügen können. Aber du weißt selber – – daß du mit ihm reden mußt.« »Mit ihm reden? Nein!« Und er starrte sie so an, daß sie zurückwich. »Red du mit ihm! Das ist so die richtige Weiberarbeit«, rief er ihr nach. Am nächsten Tag verletzte Jens sich am Fuß. Er hatte mit einem schweren Rindensack auf dem Rücken über eine Felsenkluft springen wollen, war ausgeglitten und hatte sich den Fuß verrenkt, so daß er hinkend nach Hause kam. Er behandelte den Fuß mit heißem Teer und tat, als sei alles in Ordnung. Aber er vermochte kaum zu gehen. An diesem Tag richtete Per eine Fuhre Getreide her, um sie zum Mahlhaus zu fahren. Er lächelte, denn er sah es Jens an, daß auch er gern in dieser Richtung gegangen wäre, hätte er nicht den kranken Fuß gehabt. – Das Mahlhaus lag bei den westlichsten Häuslerhöfen, weit hinter Oterbekken, und es wurde Nacht, bis Per sich wieder auf den Heimweg machen konnte. Es war eine so hellblaue und leise schlummernde Sommernacht. Die Moore schienen sich endlos bis zu den Bergen zu dehnen, und die Laubhänge erloschen und wurden zu einem graugrünen Traum. Die Moorwiesen und das Gras an den Bächen atmeten kühl im Tau. Es duftete so wehmütig; denn dies war der Sommer, und er währte nicht ewig. – In solchen Nächten war die Jugend unterwegs und traf einander; in solchen Nächten verfiel man auf manches. Auch Per war so draußen gewesen, so des Nachts – es war nun lange her. Hier von Högbrekka aus sah man bis hinüber nach Ommundstranda, wo der Hof schlafend dalag und alles vergessen zu haben schien. Auch die Ane Marget schlief jetzt. Ein kleiner Vogel, mit großen Augen und kleinem Schnabel, sagte er vor sich hin. Gott sei Dank, daß es so kam, wie es jetzt ist. Daß an ihre Stelle die Valborg trat. Wenn man schon davon reden will. »Was ist denn, siehst du was, Braune?« sagte er; die Stute stellte die Ohren auf. Ja, ja, es ging, wie er es erwartet hatte. Er band das Pferd am Zaunpfahl fest, denn es saß eine hinter dem Steinwall, und er sah einen Zipfel ihres Rockes. Per räusperte sich und grüßte, und das Mädchen schrak zusammen und stand dann vor ihm, die Hände in die Schürze gewickelt, und wußte nicht, was sie mit sich anfangen sollte. »Guten Abend, Marja. Gehst du auch hier draußen umher – vielmehr sitzest du, wollte ich sagen? Ja, ja, es ist aber auch das richtige Wetter dazu.« Sie wurde so armselig rot über das ganze Gesicht. Im übrigen aber war sie ein schönes Mädchen, groß und gut gewachsen; er mußte ganz nahe an sie heran. »Was für traurige Augen«, murmelte er, »dich mußte der Jens wohl haben, ja.« Per stand da und sah sie unverwandt an, und ihre Blicke wichen ihm aus, ihre Gedanken huschten in ihr hin und her wie Mäuse in einer leeren Tonne. – »Du siehst nicht allzu froh aus«, sagte er. »Für dich – wird es jetzt wohl schwierig?« Er räusperte sich und sah sie streng an: »Der Jens hat sich heute seinen Fuß verrenkt. Darum kann er nicht kommen.« Jetzt sah sie auf. Sie wußte nicht, wieviel sie glauben durfte, und noch viel weniger, ob es gut oder böse gemeint war. Sie steht da, als habe sie einen Schlag auf die rechte Wange empfangen und reiche nun die linke dar, dachte er. Per biß die Zähne zusammen, so daß auf seinen Wangen harte Kugeln hervortraten. Er streckte die Hand aus und strich ihr übers Haar, das schwarz und kraus war wie bei einem Zigeunermädchen, aber dennoch schön. Dann wandte er sich ab und ging. Als er die Zügel ergriff, blickte er über die Schulter hinweg zu ihr zurück: »Du sollst dem Jens nicht nachtrauern, Marja. Denn einen geringeren Kerl kannst du nicht bekommen.« Sie war ihm nachgegangen, als habe er sie an der Leine. Jetzt aber stieg er auf und fuhr weiter. Die Juwikinger rühren sich Auf der ganzen Fahrt redete er vor sich hin. – So etwas kannst du doch nicht auf den Hof bringen, Jens. Herrgott, was für ein – ein Häuslergesicht. Unsinn! Sie ist häßlich! Schwarz wie geweihte Erde – hüh! Willst du wohl gehen, du Mistvieh! Er versetzte der Stute ein paar Hiebe mit der Zügelschlinge, so daß sie im Sprunglauf über den steinigen Weg dahinrannte. Der Wagen rasselte hart durch die nächtliche Stille und weckte alle Felswände. Jens grinste ihn am nächsten Tag an; er saß da und flickte Schuhe. Er grinste ihm geradeaus ins Gesicht: »Du bist also einig mit mir?« – »So?« – »Ja. Es ist wohl auch in Ordnung, wenn sich einer selbst das Mädchen aussucht, das er haben soll. Der, der sie haben und gebrauchen muß. Was?« »Als Bäuerin auf den Hof? Bist du von Gott verlassen? Nur zu denken – – der Teufel soll mich holen, wenn ich noch mit dir rede!« »Ja, ja, Kind!« Jens begann zu singen. 2 Nach acht Tagen war Jens wieder der alte. Solange er in der Stube gesessen und Schuhe gemacht hatte, war er grau und verbittert gewesen. Bisweilen war ihm der Schweiß ausgebrochen. Irgend etwas hatte in ihm gearbeitet. Per hatte es sehr wohl gemerkt und sich kalt und feucht dabei gefühlt – es hatte ihn geschüttelt. Endlich machte sich Jens eines Abends auf den Weg. Er wollte nach Westen zu den Bächen zum Angeln gehen. Er suchte sich Würmer in der Erde, nahm die Angelrute, und dann ging er. Per sah ihm nach, ihm ward eng und heiß zumute. »He …«, sagte er, und nun fror er wieder. Mochte es gehen, wie es wollte. Jens schob die eine Schulter vor, das machte er immer, Wenn er eifrig war und irgendwohin wollte, er kam einher wie ein gebraßtes Rahsegel. Er hinkte immer noch ein wenig, trotzdem aber ging er so rasch, daß es förmlich in ihm knackte. Und seine Gedanken eilten dahin, daß es nur so pfiff, das fand er selbst. So war es ihm nun jeden Tag ergangen, während er daheim gefangen gesessen hatte. »Und nun weiß ich was ich will!« sagte er. Als er an den Bach kam, sah er zum Himmel auf und lächelte kalt: »He! Das ist wirklich das richtige Angelwetter! Ja, so gibt es aus.« Der Regen strömte herunter, dicht und gutmütig wie ein spielendes Kind, dann hielt er einen Augenblick inne und lauschte, weit oben in der Luft, und fing dann wieder von neuem an. Jens spuckte nie auf die Angel, ehe er sie auswarf, und Angel nannte er Angel, und Fisch nannte er Fisch, er war ein echter Juwiking, ob sie es nun glaubten oder nicht; und Fische fing er trotzdem, anders wußte er es nicht. – »Und heute abend sollen sie mich kennenlernen, die Alten vom Hofe, ob sie wollen oder nicht«, sagte er; er sagte es laut in das Tosen des Gießbaches hinein und biß sich auf die Lippe. – »Heute abend sollen sie mich kennenlernen!« Er folgte dem Oterbach nicht bis zum Häuslerhof hinunter, sondern ging quer über das Moor bis zum Dölbach, obwohl es dort nur kleine Forellen gab, die kaum der Mühe wert waren. Auch hier hielt er sich nicht auf, sondern gelangte bald zu einem Häusleranwesen, das Aune hieß. Dort trat einer in die Tür, ein junger Bursch, ein wenig jünger als Jens; zögernd blieb er stehen und folgte dem Fischer unbestimmt und unschlüssig mit den Blicken. Dann aber faßte er Mut und ging zu ihm hinunter. Jens tat, als habe er ihn vorher nicht gesehen. – »Bist du es, Morten, der da einherkommt?« sagte er. als der Bursche bei ihm angelangt war; aber er wandte dabei den Blick nicht von seiner Angelschnur ab. Morten folgte ihm ein Stück weit, sprach mit ihm und sah beim Angeln zu. Er hatte einen zähen Schritt wie ein abgearbeiteter Mensch, aber seine Zunge war geläufig. Er begleitete Jens bis zum Mahlhauswasserfall. Jens schien zufrieden zu sein. Endlich zog Jens die Angel heraus und bohrte die Rute in den Erdboden: »Weißt du, was wir jetzt tun, Morten? Du und ich und wir beide? Wir gehen in das Mahlhaus und trinken einen Schnaps.« Er ging voraus, und Morten kam nach, mit langem Gesicht und voller Erstaunen. Jens trug eine Bütte aus Birkenrinde auf dem Rücken, die Morten die die ganze Zeit schon gesehen hatte, aber daß Schnaps darin wäre, hatte er sich nicht träumen lassen. Im übrigen behagte es ihm nicht daß sie in das Mahlhaus sollten. Es war schaurig kalt und still da drinnen und dunkel; rings um das Haus stand das Wasser und machte es nicht heimischer. Jens brachte eine große verschnörkelte Flasche zum Vorschein, und dann schenkte er in eine alte, henkellose Tasse ein. Sie tranken sie abwechselnd leer; es war echter Juwikbranntwein, und Morten nieste und schüttelte sich und grinste und bewunderte: so etwas bekam man nicht alle Tage. Eine Weile saßen sie schweigend da. – »Ja, hier habe ich schon mancherlei gehört und gesehen«, sagte Jens endlich. »Viel Unheimliches, du! Aber schau: mir kann das nichts anhaben. Ich, weißt du, habe mich dem Leibhaftigen selber verschrieben.« Er sah den andern mit hohlem Blick an, und Morten war es, als rinne ihm Froschlaich über den ganzen Körper hinunter. »Nein, wahrhaftig, mir jagt nichts mehr Schrecken ein; denn ich glaube an nichts, außer an den Gottseibeiuns selbst. Und der und ich, wir sind gute Freunde. Was?« Morten schloß den Mund wieder. Er schaute zu der halboffenen Türe hin. Jens aber zog sie zu. »Nein, aber heute nacht, da träumte ich etwas Seltsames. Mir träumte, der Herrgott käme zu mir und nähme mir mein Weib, es war noch dazu die Marja Oterbekken. Ich hielt sie fest, so gut ich konnte, aber auf die Dauer war er mir zu stark; ich mußte nachgeben. Und eine Blume war sie ja gerade nicht. Ja, du brauchst deswegen nicht rot zu werden, du. Die Marja ist schon recht. Für das, wozu man sie eben braucht. Ich möchte sie mit einem guten Boot vergleichen: leicht zu steuern, aber handfest, Morten!« Morten schluckte hinunter, und Jens saß da und beobachtete ihn. »Weißt du, was ich einmal hörte, als ich eine Nacht hindurch hier das Getreide mahlte? Da rief es mit der kältesten Stimme, die ich je gehört habe, vom Wasserfall her:›Jens‹, rief es,›wirf mir einen Mann herunter.‹ Das war schauerlich Ich mußte es versprechen. Was?« »– Ja, ja, aber – –« »Es muß natürlich ein Feind sein, weißt du. Denn das ist respektierlich !« Jens gebrauchte dann und wann ein Wort seines Vaters; er fand, es liege Kraft darin. »Weißt du, an was ich denke, Morten? Daß du die Maria heiraten solltest. Daß es das ist, was sie verlangen. Die Juwikinger und der Schwarze selbst und alle miteinander – he? Hörst du?« Jens nickte, und seine Lippen wurden weiß. Zum Teufel, wollte dieser Klotz hier sich gar nicht wehren, würde er denn nicht endlich einen Laut von sich geben! Morten saß nur da und starrte vor sich hin. War denn ein Schuß vor seinen Ohren abgefeuert worden? »Ja, denn du bist schon früher bei ihr gewesen, mach mir nichts weis; sie selber hat es mir erzählt.« »Das ist – – lange her!« »Ja, glaubst du, mich kümmert das? Mich? Der sich den Teufel um Weiß oder Schwarz kümmert! Mich, der dem Wasserfall einen Mann zuwerfen soll, he? In allen Gliedern juckt's mich schon danach.« Morten lächelte bleich, wie so viele lächeln, wenn sie sterben müssen. »Dann gib mir die Hand darauf!« Jens knurrte wie ein Tier, er hatte Blut geleckt. Morten schob die Hand vor. »Und nun gehen wir hinaus!« Jens erhob sich. Er lächelte jetzt, ruhig und schlau wie ein Blinder im Dunkeln: er kannte sich aus. Der Regen draußen hatte aufgehört, hatte gleichsam die Zunge in den Mundwinkel geschoben und überlegte: die Wolken fühlten den Südwest und brachen auf, sie zogen in die Berge. Im übrigen war es hell wie am Tag und warm und angenehm, und das Wasser und alles rauschte so lebendig ringsum. »Jetzt baden wir«, meinte Jens. »Mitsamt den Kleidern, was?« Baden, das war ein hartes Wort für Morten, und jetzt, so mitten in der Nacht? Und samt den Kleidern? Er seufzte und blickte in der Richtung seines Hofes. Es war weit bis dorthin. Und über Jens Juwika hatte er schon viel Verrücktes gehört, jetzt war er ganz närrisch geworden, und trotzdem schien er so schlau und bei Sinnen wie immer zu sein. »Schau her, du Hanswurst!« Und Jens stürzte sich kopfüber an der tiefsten Stelle ins Wasser, so daß es rings um ihn weiß und schwarz aufspritzte, kam dann wieder herauf, das Gesicht ihm zugewandt; das Wasser rann daran herab – und jetzt war das Gesicht wieder fort. Morten duckte sich in die Knie nieder; fast wäre es ihm in die Hosen gegangen. Als Jens wieder herauskam, faßte er Morten an: »Sind wir Freunde oder nicht? Du mußt mir darauf antworten! Freunde – jawohl! Dann mußt du auch ins Wasser. Da!« – Er packte ihn und schleuderte ihn hinaus, obwohl der arme Teufel schrie und jammerte; dann fischte er ihn wieder heraus und schüttelte das Wasser von ihm ab. – »Jetzt bist du getauft, Morten. Jetzt sind wir wirkliche Freunde. Und jetzt weiß ich auch, daß du das tust, was ich will. Nun brauche ich dich ihm nicht zuzuwerfen. Jetzt weiß ich es. Und darauf wollen wir einen Schnaps trinken – es ist ein Halm von dem Leichenstroh in der Flasche, das ist ebensogut wie ein richtiger Eid, verstehst du. So, jetzt hast du deine Seele verpfändet.« Sie liefen ein paarmal rund um das Mahlhaus und den Hügel, um wieder warm zu werden, und dann schenkten sie sich wieder einen Schluck Branntwein ein. Morten lebte auf und fühlte sich schon halb geborgen. Er hätte gern noch mehr versprochen. – Dann setzten sie sich am Hang ins Gras. »Oh, ich bin sonderbar«, sagte Jens. »Ich bin ein ganz Eigener. Weißt du, was ich mir oft wünsche? Nur eines: ich möchte oben auf dem höchsten Vatsliberg sitzen und auf der Lur blasen. Blasen, so daß sie alle tanzen müßten – blasen, daß auch die alten Juwikinger wieder aufstehen und tanzen müßten. Manchmal aber sitze ich da und denke . Ist das nicht seltsam? Der Per? Meinst du? Nein, nein, der schläft nur den ganzen Tag. Oh, ich bin ein vielfacher Mensch. Es gibt nicht viele, die sich auf mich verstehen. Genau so waren die alten Könige und die Riesen, der Goliath und der Erik Blutaxt und der Bären-Anders Juwika und die alle; die waren wild und verrückt und arg auf die Weiber aus; und dann setzten sie sich hin und dachten. Und keiner wußte, was sie dachten. – – Es ist übrigens sonderbar, daß ich überhaupt hier sitze und mit dir rede und gut Freund bin; mit so einer Häuslerseele.« Morten fand das auch. Er wußte nicht, wie er daraus klug werden sollte, aber da war er nun gut Freund mit Jens Juwika und war seinesgleichen, wirklich und wahrhaftig. Sie gingen bachaufwärts, ohne jedoch zu fischen. In Jens brodelte es immer noch. »Das ist Leben , Bursche!« sagte er. »Oh, ich fühle es selbst, daß ich gefährlich bin. Ich war eine Nacht in der Alt-Stube, während des Vaters Leiche dort lag, und da kam einer zu mir und packte mich an. Ich gab ihm eins hinter die Ohren. Da grinste er und fauchte und tat, als sei ich wunder was für ein Kerl! He? Lachst du mich etwa aus? Ja, du wirst sie nehmen, das rate ich dir!« »Ja«, sagte Morten schnell. »Du weißt, ich habe sie schon immer im Auge gehabt – –« »Halt's Maul, du Hundsarsch! Du weißt ja gut, daß sie nicht Bäuerin auf Juwika werden kann, wo denkst du hin! Ich bin ein Erbbauer, das ist mehr, als du verstehst. Obwohl sie ein horizontales Weibsbild ist, ja, das muß man ihr lassen!« An einer Stelle wateten sie durch den Bach, bis ihnen das Wasser an den Bauch stieg. Morten kicherte und lachte, und Jens blinzelte ihm zu: »Wir zwei, wir passen zusammen, wir. Zwei lustige Kerle alle drei – – nein, denn mir taugt es nicht, sie zu nehmen. Ich will fort von hier. Du tust mir den Gefallen; du verstehst dich auf mich. Sonst komme ich, das weißt du. Und auf deinem Anwesen sollst du abgabenfrei sitzen, solange ich etwas zu sagen habe, vergiß das nicht. Aber es kann leicht sein, daß mein Bruder Per nicht auf mich hört, denn der ist vom alten Schlag. Ein Viehkerl. Aber ein Prachtkerl, das sag ich dir. Hoho, wahrhaftig, wenn er hört, daß ich mit dem Morten Aune Freundschaft geschlossen habe! Davon sagen wir übrigens nichts, vorläufig wenigstens.« Das wäre Morten auch nie eingefallen. Er brachte kaum mehr ein Wort heraus, als Jens Lebewohl sagte; aber er wäre gerne für ihn in den tiefsten Fjord gesprungen. Die Nacht war still und friedlich. Das Birkenlaub duftete so stark, und Jens holte im Gehen tief Atem, wie ein Tier, das lange eingeschlossen war, fand er. – Herrgott, das tut wohl, sich wieder rühren zu können. He, he, he, he! Wie ich ihn breitgeschlagen habe! Und wie ich ihm den Buckel vollgelogen habe. So aus dem Handgelenk – nein, nein, wir taugen schon noch etwas, wir Juwikinger! Dort sah er noch den Morten. Hals über Kopf läuft er, mit Beinen wie ein Kalb, aber heimwärts; er meint gewiß, der Teufel sitze ihm im Nacken. Jens ruft ihm nach: »Bist du erschrocken, Morten? Hat dich die Angst gepackt?« Dieses Wort, meinte er, müßte ihn ein wenig beißen. Nun aber machte er sich auf den Weg, schneller und schneller, denn hier war es so unnatürlich still, es zupfte ihn förmlich an den Kleidern, wenn er ging, Bäume und Hügel spitzten die Ohren und lauschten; und dieser einfallende Nebel war so seltsam hell und lautlos; schließlich begann er zu laufen, er grinste, mußte aber weiter, hinkte und lief in langen Sätzen dahin. Als er daheim auf dem Hof stand, schnaufte er auf. Da wurde es ihm klar, in einem merkwürdigen, hellen und seltsamen Augenblick: So hatten sie sich in die Angst gerannt, alle die alten Bären hier, Mann für Mann durch die Zeiten herab – oh, es war nicht leicht, voll erwachsen zu sein, manchmal, auch wenn man an gar nichts mehr glaubte. Aber der Per, der ist ein ganz Kleiner: er schläft nachts in der Alt-Stube, will sich abhärten, will wie der Vater werden. Da hat er aber weit hin; langer Weg und kurze Beine. Als er eine Weile ordentlich geschlafen hatte, fuhr er auf und sah mit irren Blicken um sich: War es nur der Traum? War er denn nicht König auf einem Räuberschiff? Hm! Hm! Dann blieb er still liegen. Ein Gedanke grub sich nagend in ihn ein: der Per. Jetzt lag vielleicht Per dort drüben und träumte, er sei König über ganz Juwika? Ja, ja, mochte er doch. 3 Per träumte indessen nicht; er lag wach. Aber es rührte sich in ihm, in diesen Tagen trug er es mit sich herum wie eine kostbare Wahrheit, von der er leben mußte: jetzt war nur noch er übrig. Sie wollten es so. Im übrigen bekam er anderes zu denken. Es dauerte nicht lange, so hatte es den Anschein, als sollte auf einem der Häuslerhöfe im Westen Hochzeit gehalten werden. Die Neuigkeit ging in die Kreuz und Quere, bis sie auch nach Juwika gelangte. Valborg legte ihre Arbeit weg, trocknete die Finger lange und gründlich ab und ging dann hinaus. – »Ja, der Per, der Per«, sagte sie, und ihr ganzes breites, kräftiges Gesicht war weich und aufgetaut. – »Ich wußte doch, daß er einen Rat finden würde. Wenn er nur wollte.« Per war auf der Wiese und pflockte die Pferde um. Valborg nahm den Eimer, der dort stand, und holte gleich Wasser im Bach. Jetzt erst wurde es ihr klar, daß sie es ihm nicht so ohne weiteres sagen konnte, er war doch kein Hüterbub – wo dachte sie denn hin? Aber es war schon zu spät; sie mußte heraus damit. »So?« sagte Per. Mehr sagte er nicht. »Siehst du. Per, es hat doch genützt!« Sie sah ihn freimütig an, viel zu glücklich, um sich verstellen zu können. »Ja, ja, so ist es«, sagte er. Sein Blick war so mild, er stand da und blickte um sich her über die Wiese hin. – »Wir werden bald mähen können, meinst du nicht auch?« »Ja!« Sie war so froh, daß sie kaum wußte, auf welchem Fuß sie stehen sollte. So war der Per, wenn er sein wahres Gesicht zeigte. »Ja, bald«, meinte sie. Sie gingen miteinander den Hang hinauf und heimwärts. Per erwähnte die Sache Jens gegenüber erst einige Tage später. Sie waren in der Scheune und richteten die Heuschlitten her. – »So, das wäre getan«, sagte er. »Eins nach dem andern. Und der Morten und die Marja werden ein gutes Paar sein.« Jens hatte wohl davon gehört? Jens stand eine Weile da. Dann lachte er gerade hinaus. Per fuhr zurück, als Jens sich ihm so zuwandte und so roh auflachte. Aber es machte ihm Mut. Er nahm es wieder auf: Ja, da sei ja nichts anderes zu machen, so wie die Dinge stünden. Aber, aber: schämte er sich nicht ein bißchen? Einen Augenblick stand Jens da, klein und abwesend. – »Ja, das auch«, sagte er. Nein, er sagte es nicht, aber Per sah es so deutlich, wie Jens es innerlich dachte, und er fing darum an, von etwas anderem zu reden. Der Morten könne ja das Anwesen zu leichten Bedingungen haben; davon brauchte ja niemand etwas zu wissen. »Jetzt will ich dir etwas sagen, Per!« Jens nahm den Hammer und trieb einen Keil ein. »Du bist kein solcher Staatskerl, wie die Valborg meint, die vor dir auf den Knien liegt. Schau, du bist auch kein Abgott-Tempel, du nicht mehr als ich.« Per holte etwas in der Schmiede. »Nein, nein, wahrhaftig. Dazu fehlt's weit, aber – –« – – – Die nächste Zeit arbeiteten sie heftig und schwer. Nach der Ernte machten sie sich an den Juwikbach, so alt er war. Es war ein Vieh von einem Bach, er unterhöhlte die Ufer und überschwemmte die Wiesen, sobald er anschwoll, zerstörte Fluren und Äcker. Der Vater hatte sich seine Gedanken über diesen Bach gemacht, daran erinnerten sie sich nun; aber er hatte nie etwas gesagt. Vielleicht hatte er diese Arbeit ihnen hinterlassen? Und nun sollte er dran glauben müssen, das meinte auch Jens. Hier kamen zwei, die sich das zutrauten. Jens arbeitete, daß die Luft um ihn rauchte, tagaus, tagein, Per wußte sich gar nicht zu fassen vor Staunen. Es war ihm recht und doch auch wieder nicht recht. Jens sprühte immer vor Eifer, er nahm einem den Atem; dann aber war es auch bald wieder vorbei, und das war das Schlimmste, was Per kannte. Besonders jetzt, da sie beide allein waren. Denn dann stand es so deutlich vor ihnen, daß sie es nicht richtig angepackt hatten und auch nicht richtig anpacken würden. Es war nichts anderes zu machen, als es mit Wettarbeit einzubringen, als seien sie Feinde, denn dann hielt Jens aus. – Er hielt aus. Sie dämmten den Bach ein und vertieften das Bett um ein paar Ellen, soweit die Äcker von Juwika reichten. Das Wetter wurde besser und war jetzt nach dem Regen eine Weile gut. Der Sonnenschein lag vom Morgen bis zum Abend auf den Hängen, ringsum war es so gelb und blau, daß man aufblicken mußte. Das Gras war auf der Wurzel verfault, zum größten Teil, und die Äcker waren grün wie Kohl. Dünn standen sie auch, das meiste war Unkraut, denn das Frühjahr war sehr kalt und trocken gewesen. Und jetzt fing das Mißwetter wieder an, mit Regen und Weststurm. Es sah böse aus. »Erst verdorrt, dann verfault, dann nicht ausgereift und dann der Frost, und doch kein Mißjahr«, sagte Jens. Per seufzte. Es war doch wohl ein Mißjahr. Aber man mußte sich damit trösten, daß es an anderen Orten noch schlimmer stand. Sonderbar, daß es in diesem Jahr so gehen sollte, sagte er bisweilen. Und er sah, daß Jens und Valborg das gleiche dachten, sie bekamen so lange Gesichter, als er es aussprach. Es schlug wie ein kalter Hauch von ihnen zurück: ja, es war ein schlechtes Zeichen. Wollte ihnen einer etwas Böses? Dann aber dachte er nach und faßte alles zusammen, gleichsam als fasse er die ganze Welt zusammen. Es gab jetzt soviel Unglück draußen in der Welt, Krieg und Hunger und andere schlimme Sachen. Das konnte doch nicht alles Juwika allein gelten. Eines Tages schlug sich der Rauch herab und wollte nicht mehr abziehen, das Pferd stürzte auf ebenem Weg, ja gewiß, solcher Dinge gab es viele, aber die Juwikinger hatten schon Schlimmeres gesehen als das und hatten sich nicht unterkriegen lassen. Wenn er nur in den Jens etwas Leben hätte bringen können. Das war nicht so leicht getan. – »Herrgott, wie das Ganze stinkt!« sagte Jens. »Stinkt, ja, nach Juwika und allem miteinander, verstehst du?« Immer noch geschah es, daß er am Sonntagmorgen in die Felsen hinaufkletterte und Steine ins Meer hinunterrollen ließ, so daß die Kirchenboote vor Entsetzen die Ruder einzogen. Manchmal geriet er über irgend etwas Trinkbares, und dann wurde er wild und störrisch und wollte fast das Haus einreißen. »Ich bin wie der Weststurm, bin wie ein Tier, ich dürfte nicht frei herumlaufen!« sang er. Er verprügelte den und jenen, entstellte sie ein bißchen, wie er es nannte. Einmal war er über dem Fjord drüben zum Tanz, ganz östlich im Engtal, da hängte er den Pferden und Schweinen Schellen an und jagte sie mitten in die schwarze Nacht hinaus. Nach solchen Fahrten verhielt er sich meistens einige Zeit ruhig. Gegen Weihnachten zu verfertigte er sich neue Wasserstiefel und neue Seekleider; er wollte auf den Fischfang. Als Jens davon sprach, waren sie gerade in der Scheune, droschen die Handvoll schlechten Getreides, die übrig war – für die Häuslerbauern war es die reine Gottesgabe. – »Ich muß fragen: hast du den Verstand verloren?« sagte Per. – »Ja, ja, wahrscheinlich.« Er schlenderte an dem Bruder vorüber, plötzlich aber macht er kehrt und sieht ihn böse an: »Ich habe es satt, hier daheim mit den Dirnen herumzuliegen – ich will nicht mehr im Wasserbottich fischen!« Per stand mit niedergeschlagenen Augen da, eine ganze Ewigkeit. – Jetzt wird's ihm wohl bald einfallen, was er gestern sagen wollte, dachte Jens bei sich. – »Ja, ja, ich hab mir's schon denken können, leider Gottes«, sagte Per. Aber daß er sich hinstellt und es sagt ? Mit den Dirnen? Jens fuhr auf den Fischfang. Er gehörte zu der Bootsmannschaft unter Mikkal Vikan, dem Bootsführer. Es war fast eine Schande für einen Juwikbauern, daß er sich auf eine Stufe mit anderem Burschenpack stellte – früher waren sie nicht einmal als Bootsführer von Juwika fortgefahren. Per aber freute sich darüber, daß Jens fortkam. 4 In diesem Frühjahr wurde im Vorratshaus von Juwika gestohlen, zweimal und vielleicht öfters, das letztemal gründlich und ausgiebig. Valborg kam ganz bestürzt in die Stube; sie nahm Per mit und zeigte ihm alles: Brot und Butter und Fleisch! Der Dieb hatte sich Zeit gelassen und alles genau überlegt – und dort! Dort hatte er sich hingehockt und den Boden versaut, um sie zu entehren. Per sah nach den Getreidekästen. Nein, vom Korn fehlte nichts. Das Schloß war alt und schlecht. Per schaffte ein neues an, und nun hatten sie eine Weile wirklich Frieden. Der Dieb war zwar eines Nachts dagewesen und hatte sich daran versucht, hatte mit seinem Werkzeug so an dem Schloß herumgearbeitet, daß die Spuren noch zu sehen waren. »Da bist du zu kurz gekommen«, sagte Per. »Schade, daß der Jens nicht daheim ist«, meinte er zu Valborg, »sonst hätten wir dem Kerl aufgelauert.« »Ach, der Jens!« gab sie zur Antwort. »Der Jens und der Jens!« Sie ließ ihn einfach stehen. Bald darauf kam Jens nach Hause. Der Eifer erfaßte ihn sofort. Seine Nasenlöcher dehnten sich aus, und auf der Stirn trat eine breite rote Ader hervor, er schnaubte, aber er war aufgeräumt, wie sonst, wenn ihn einer geärgert hatte und er zuschlagen durfte. »Er kommt schon wieder«, sagte er. »Er braucht Saatkorn, darauf kannst du einen Eid schwören, du liebe Zeit, der kommt schon wieder. Und dann soll er schwimmen lernen, im Fjord draußen, hahaha, mein Lieber!« Ja, sollten sie wirklich – –? Per hörte deutlich, wie ihn etwas warnte. Freilich, zum Teufel! Jens strahlte vor Glück und steckte Per damit an. Denn hier ereignete sich fast nie etwas. Jens redete den lieben langen Tag darüber. »Ich schwitze wie ein Gerber, wenn ich nur daran denke«, sagte er, »ha, das wird ein Spaß, Per.« Per war bald ebenso eifrig, und auch Anders, der kleine Junge, witterte etwas und wollte abends nicht schlafen gehen. Drei Nächte lang lagen sie auf der Lauer, Jens und Per, einer in der Stalltür und einer im Holzschuppen. In der dritten Nacht kam der Dieb. Woher er kam, sahen sie nicht, aber die Türe zum Vorratshaus knarrte, diesmal mußte sie aufgehen, und ein schwarzer Schatten stand da und lauschte. Die Nacht war still, nur grauer Himmel und graue Erde; der Wind tuschelte an den Häusern entlang. Im Stall stampften die Tiere – ein beruhigender Laut; und die Katze schlich um die Hausecke, langgestreckt, mit niedrigem Rücken. Und nun glitt der Schatten ins Vorratshaus. Jens pfiff leise, und dann schlich ein jeder von seiner Seite heran. Der beim Vorratshaus kam wieder heraus, sprang auf die Erde und schob sich unter das auf Pfosten stehende Vorratshaus. »Wart doch ein wenig, dann schlagen wir dich tot«, ruft Jens und läuft um das Haus herum, ebenso Per auf der anderen Seite. Der Dieb rennt den Hang hinunter, die beiden ihm nach, jeder auf seiner Seite, dann geht es drüben wieder hinauf, in den Wald. »Nein, so etwas«, ruft Jens, man hört, wie es in ihm sprudelt, so vergnügt ist er; er läuft immer schneller, läuft wie ein grauer Strich am Zaun entlang und zwingt den Dieb ans Meer hinunter. Er war leichtfüßig, der Kerl, sie konnten ihn kaum einholen, soviel sie sich auch anstrengten – da lief er die Felskuppe am Wasser hinauf und in das Birkengestrüpp hinein. »He, her, wir springen wie die Kälber!« lachte Jens. »Wir rennen so, daß es ganz verbrannt riecht, das ist ein Leben, Per!« Er nahm einen großen Anlauf und schwang sich auf einen mannshohen Felsen hinauf. Der Dieb mußte wieder weiter, einen kurzen Nu sahen sie ihn wie eine große langbeinige Gestalt gegen den Himmel, hoho, das war eine Jagd! Per kürzte den Bogen ab und verbarg sich auf dem Schwarzfelseinschnitt, denn dorthin mußte der Dieb ja kommen, Jens war ihm dicht auf den Fersen und trieb ihn immer näher ans Meer hin: »Kannst du nicht warten, du verfluchter Kerl – so kann ich dich doch nicht umbringen!« Plötzlich stürzte der Dieb hin. Da blieb Jens stehen, band sich den Schuhriemen fest und knurrte: »Auf mit dir! Du sollst aufs Meer hinaus, verstehst du!« Jetzt kam der Gejagte den Hohlweg herauf, wo Per lag und ihn bei jedem Atemzug keuchen hörte. Per war fest entschlossen, ihn zu packen und zu verprügeln, danach wollte er ihn zum Hof bringen und ihm zu essen geben! Mochte Jens sich ein ausgebrochenes Kalb zum Hetzen suchen. Er stand auf. »Ja, das ist schon der rechte Weg«, – er rief laut und mit klarer Stimme, – »komm her, du, ich sitz schon da und warte auf dich.« Der Dieb sank in die Knie, und sein Atem klang wie ein langer Schrei im Hals, dann wankte er geradeaus auf den Schwarzfels hinaus. Jens ihm nach, während Per einen Bogen unten herum machte, um sich ihm entgegenzustellen. Jens kam, aber nicht der Dieb. Inzwischen war es heller Morgen geworden, und sie standen da und sahen einander an. Per war sich mehr als klar darüber, wie die Sache stand, trotzdem fragte er: »Jetzt sag mir nur – – was hat er denn mit sich angefangen, der Bursche?« »Den hatte die Angst gepackt, mein Lieber! Ich hörte nur etwas im Wasser aufklatschen.« Per lief am Strand entlang, bis die Felswand ihm den Weg versperrte; Jens folgte ihm, die Hände in den Taschen, nach. »Nichts zu sehen. – Nicht einmal eine Blase auf dem Wasser«, sagte Jens. Der Fjord lag da wie immer bei Sonnenaufgang, windgrau und gleichgültig. Er war, wie man ihn nahm: frisch, wenn er sich so in Bewegung befand, wollte keinem Menschen etwas, salzig war er, aber nicht böse. Man hörte den Morgenwind über den Fjord heraufkommen, er kam brausend und schwatzend wie ein Schar junger Leute. Das Land erwachte, kehrte mit der Sonne und den Schatten zum Leben zurück und gab sich dem Tag hin. »Hm! Als hätte ihn die See verschluckt«, meinte Per. »So wird's auch sein. Versunken wie ein Stein. In den Hundstagen kommt er schon wieder herauf.« »Und ich – – – ich habe gehört, wie es mich warnte!« Per murmelte die letzten Worte in sich hinein. Sie gingen heim. »Du siehst aus, als wenn du den Hintern verloren hättest«, grinste Jens; »ist dir schlecht vom Laufen? Es ist wahrhaftig lustig, ein freier Mann, ein Freimaurer zu sein und zu tun und lassen, was einen freut. Die Alten, die würden nun Augen machen. O nein, die Juwikbauern, wenn die erst einmal loslegen, dann wird's Ernst! Der Vater – ja, freilich, zu Kreuz ist der nicht gekrochen, aber es steckte eben doch kein Leben in ihm. Haha! wie der Bursche laufen konnte!« Ja, ja. In Gottes Namen, nun ist es einmal so, wie es ist.« Per wischte sich den Schweiß von Stirn und Hals. Als sie heimkamen, war Valborg schon aufgestanden, ebenso Anders. – »Wie ging es, habt ihr ihn gefaßt?« O – ja, dem hatten sie Beine gemacht. Per war es, der diese Auskunft gab, und zwar sehr bereitwillig. Jens schnitt ein Gesicht, warf die Mütze zu Boden und wollte saure Milch zu trinken haben. »Habt ihr ihn umgebracht? He?« Anders wandte sich Jens zu: »Sag du mir's, Oheim – habt ihr ihn umgebracht?« »Nein, er – – halt's Maul, Rotzbub!« 5 Valborg dachte viel darüber nach, wer es wohl gewesen sein könnte, ebenso auch die anderen im Haus. Schließlich aber – mochte es doch sein, wer es wollte! Er würde wohl schwerlich so bald wiederkommen – die Männer hatten ihm zu hart zugesetzt. Im übrigen hatte Valborg so vieles zu bedenken. Vor allem mußte sie dem Haus vorstehen, Juwika war eine große schöne Last auf dem Nacken, dazu kam noch das eine Mädchen, die Daaret, Gott mochte wissen, was mit ihr war. Irgend etwas war nicht in Ordnung mit ihr. Im Gesicht wurde sie immer magerer und magerer, im übrigen aber immer dicker und dicker, und so still und stumm war sie, ging allen aus dem Weg. Man mußte sich's wohl überlegen, ehe man über so etwas sprach. Per gegenüber wagte sie nichts zu erwähnen; diesen Schlag wollte sie ihm nicht versetzen. Dann wurde von Morten Aune gesprochen. Er war verunglückt, war eines Abends im Moor versunken. Man fand ihn nicht wieder – keiner wurde mehr gefunden, der sich dort verlief. Jetzt kam einer nach dem anderen und erzählte er hätte eine Vorahnung davon gehabt. Die ganze Gemeinde wurde von abergläubischem Geschwätz überwuchert. Nacht für Nacht hatte die Füchsin im Wald hinter dem Moor gebellt, und zwei Kühe hatten kurz vorher verworfen. Ein altes bettlägeriges Weib hatte schon im Winter, in durchwachten Nächten, einen Ruf über dem Moor gehört; und der Rabe, der Unglücksvogel hatte fast jeden Tag oben auf dem Berg gesessen und gekrächzt. Und am Abend zuvor, oder am gleichen Tag, da das Unglück sich ereignete, war der Himmel so unheimlich gewesen, wie sie ihn noch nie gesehen hatten: blaugrün und gelb gefleckt, und wie lebendig, und schließlich war er wie ein glühender Ofen gewesen, mit leichenhaften Gestalten, die herumhüpften und tanzten – er hatte sich doch wohl nichts angetan, der arme Tropf? Denn schließlich hatte er ja auch einen Grund dazu, wenn erst die bösen Mächte ihn in ihren Klauen hielten. Die anderen aber hatten gedacht, dies alles sage Kriegszeit und Blutvergießen voraus. Am schlimmsten aber sei es beim Schwarzfels. »Beim Schwarzfels?« fragte Jens, und Per blickte hastig auf. Ja, hatten sie es denn nicht gehört? Eines Nachts ruderten hier Leute am Land entlang, und da stand ein Gespenst oben am Felsen, sie trauten ihren eigenen Augen nicht, obwohl sie zu zweit im Boot saßen, dann aber rührte sich die Gestalt, fing an mit den Armen herumzufuchteln und wollte ihnen etwas. Sie begannen aus Leibeskräften zu rudern, und das letzte, was sie noch sahen, war, wie die Gestalt sich kopfüber ins Meer stürzte – dies war einer, der nicht in geweihter Erde lag. Jens stieß Per an, ihm machte das Spaß. Valborg sah es. aber sie schob es auf den Aberglauben und das Geschwätz. »Ja, ja, was es nicht alles gibt«, meinte Jens, »so was ist schon vorgekommen.« »Ja, schon, aber darüber gibt's doch nichts zu lachen«, erwiderte sie und hörte selbst, wie ihre Stimme zitterte. Am Abend, als sie mit Per allein war, mußte sie sich ihm anvertrauen: »Es wird doch wohl nicht– –« »– Morten der Dieb gewesen sein, ja? Ja, darauf kannst du dich verlassen!« »Bist du nicht bei Trost?« Nachdenklich lag sie da. – »Ja, ja«, sagte sie nach einer Weile; »jetzt, nachdem es geschehen ist, kann man nichts mehr daran ändern. Aber sprang er denn ins Wasser? Ja, da hat er es also selber getan, dann muß er auch selber dafür einstehen.« »Ja«, antwortete Per und drehte sich um. Anders aber hatte wach gelegen und zugehört. »Habt ihr ihn also doch umgebracht?« sagte er und richtete sich ganz wach im Bett auf. Nein, nein, erwiderte die Mutter, so sei es nicht gewesen, sondern so. Sie redete auf ihn ein, so gut sie konnte, und er lag da und hörte zu, still und ungläubig. Er fragte nicht mehr. – – – Dann war die Sache mit der Magd. Valborg nahm sie eines Tages mit hinaus, um die Wiesen zu säubern; dies war eine Arbeit, bei der man selbst dabei sein mußte, sollte sie richtig getan werden. Sie waren unten am Waldrand und ganz allein. Valborg stützte sich auf den Rechen und sah Daaret an. »Ist es der Jens?« sagte sie plötzlich. Denn anders konnte man das nicht anpacken. Dies wirkte, als hätte man dem Mädchen die Füße abgeschlagen. »Ja«, gab sie zur Antwort, »er ist es.« Und jetzt war sie froh, daß es endlich einmal ausgesprochen war. »Ja, es ist der Jens«, wiederholte sie. »Hast du denn keine Scham im Leib? Da kommst du nun her und bringst ganz Juwika in Schande, he!« »Ich habe es ja auch nicht gewollt«, jammerte das Mädchen. »Aber es half alles nichts.« Valborg wollte zu Ende kommen. Ob sie denn daran dächten zu heiraten? fragte sie. Ja, das hatten sie vor, so allmählich. »Vor der Heuernte, meinten wir.« War sie denn so auf ihn aus? Auf den Jens? »Auf ihn aus?« Nein, wo dachte sie denn hin. Das Mädchen lebte jetzt rasch auf, und Valborg fühlte sich immer unbehaglicher. – Nein, sie brachte es kaum über sich, ihn zu nehmen es war arg, ihm nahezukommen, er war immer so unbarbiert. Und viel taugen konnte er wohl auch nicht, wenn er zu ihr, der Magd auf dem Hof, ging – nein, sie brachte es kaum über sich. Aber er war so gut gegen sie gewesen, unglaublich gut, und man konnte ja auch gar nicht mit ihm fertig werden. Und jetzt war es wohl auch zu spät zum Umkehren? Das Mädchen sah an sich hinab. Valborg errötete. Sie räusperte sich, und ihr Blick wurde scharf. Am liebsten hätte sie die Magd auf der Stelle davongejagt. Daaret aber blickte treuherzig zu ihrer Hausmutter auf, sie beide waren einander gleichgestellt, jetzt. »Und dann ist es eben doch besser – – als sein Leben lang Magd zu sein. Und auch besser, als Häuslerweib zu werden.« Valborg konnte nicht weiter. Sie begann zu arbeiten, mit brennendem Gesicht und bebenden Händen. Dies war das Widerlichste, was sie je erlebt hatte. Auch Daaret nahm wieder den Rechen auf. Sie war ein hübsches Mädchen, auf das die Männer versessen waren, auch jetzt war sie noch hübsch, das mußte Valborg selber zugeben; eine einfältige Dirne, aber gefährlich genug, und der Jens war eben der Jens. Und das Schlimmste war ihre Dummheit; sie glaubte alles und jedes! Niemand konnte sie unterkriegen. Nein, auch das war nicht das Schlimmste. Valborg fühlte es den ganzen Tag wie einen Stich in der Brust: Die Magd war obendrein schlau und durchtrieben. Sie konnte selbst einen Jens zum Narren halten. Am Abend mußte Valborg es ihrem Mann erzählen. Ob er wisse, wie es um die Daaret stünde? Nein, das wisse er nicht. Ja, die Sache steht so und so, berichtete Valborg. Und jetzt will sie wohl Bäuerin hier auf dem Hof werden? Es schien, als höre Per nicht, was sie sagte. Sie sagte es noch einmal: »Und jetzt denkt sie wohl daran, Bäuerin auf dem Hof zu werden?« »Ja ja, in Gottes Namen denn!« Er sah auf seine Fäuste hinunter und gähnte. »Ha?« Nein, er hatte nichts gesagt. »Ja, aber das geschieht nicht, solange die Sonne scheint! Damit du's nur weißt!« Sie wurde kreideweiß, und ihre Lippen zitterten. »Nein, nein«, meinte er, stand dann auf und ging hinaus, wollte noch nach den Pferden sehen. Der Hof wechselt den Pelz 1 Der Juwikhof liegt nach Osten zu am Fjord, mit steilen Hügeln und Hängen; auf der Nordseite steht ein schroffer Kiefernhang, und dann kommen Wälder und Freiweide. Nach Süden zu, jenseits des Baches, dehnen sich Birkenwälder und Waldblößen, wechseln moorige Wiesen und Felsen ab, und dahinter sind die Berge. Im Westen sind Moore, bis zu den Häuslerhöfen und an den Strand hinunter. Rings um die Häuser ist der Boden schön und eben, schöner als bei anderen Höfen in der Gemeinde. Der Fjord liegt nach Osten zu offen, bei gutem Wetter voller Glanz, ein schöner Anblick, und bei Sturm kann man oben auf Juwika in Lee stehen und hören und sehen, wie weiß und wild die Wogen schäumen. – Kommt man vom Wasser her nach Juwika, so liegt der Hof da und kümmert sich nicht um einen. Es klingt wie ein Ton rings um ihn, so finden die Leute von Juwika es immer, ein tiefer und guter Ton, der von den Wäldern und den Wiesen und den Häusern selbst ausgeht. Die Alt-Stube war niedrig und grau, mit nur einem Fenster, ein altes Heim, zu alt, um zu sterben; die Neu-Stube war hoch und stark, mit vielen Fenstern, so recht ein Juwiking, dem fremde Leute nur ungern unter die Augen traten. Und ebenso waren die anderen Häuser, groß und breit und in allem einer Meinung mit der Neu-Stube: Dies hier ist Juwika, und wenn du ein Anliegen hast, so mußt du selbst kommen. So wirkte es damals auf Valborg, als sie hierher zog, und sie vergaß diesen Eindruck nie. Er trug sie immerfort, er linderte, und er beruhigte sie, je nachdem, wie es sich traf. Und sie wollte, daß auch die anderen es so empfinden sollten, wer es auch war. »Man muß nur die Ohren aufmachen und hören«, sagte sie eines Tages zu Per. »Pah!« Er stieß nur die Luft aus. So schwer durfte man es doch nicht nehmen. Es war ja alles Lüge. Die Leute hatten ja überhaupt nichts gehört – weder beim Schwarzfels noch sonstwo! Sie mußte ihn ansehen: Er wirkte fast wie ein übernächtiger und kranker Mann auf sie. – Der Schwarzfels, ja, das war nun etwas für sich. Glaubte sie denn daran? Daran glauben? Nein, das tat sie nicht, es war nicht wahr, denn sie redeten allzuviel davon auf den Höfen. Nein, aber sie dachte an Juwika. Daß sie hier waren und hier bleiben sollten. »Fühlst du's, Per, fühlst du's nicht auch?« Und Per fühlte es. Er fühlte es, wo er ging und stand. »Ja«, sagte er vor sich hin. »Es hat schon seine Richtigkeit damit.« Jetzt aber meinte er fast, daß alles in die Brüche gegangen sei, der Schwengel war aus der Glocke gefallen, hatte sie das nicht bemerkt? Jetzt war es wohl gleichgültig, wo man hinzog. Valborg hatte es bemerkt. Und sie war in letzter Zeit Per gegenüber sehr freimütig gewesen. Hatte sich kein Blatt vor den Mund genommen, sondern ihm gar manches gesagt; sie war dazu gezwungen gewesen. »Ja«, sagte sie. »Aber du mußt alles wieder in Ordnung bringender; du und niemand sonst.« Ja, freilich, die Sache mit Jens; aber auch das mußte man eben so gut wie möglich anpacken. »Der Jens, sagst du. Wir waren aber doch alle beide schuld daran.« »He? Ach, du meinst das mit diesem Diebskerl, der ins Meer sprang? Aber du weißt doch wohl, daß es sich jetzt um etwas Schlimmeres handelt: er will sie heiraten!« »Ja«, sagte Per und wollte dann seiner Wege gehen. »Aber – Das ist wohl nicht dein Ernst?« »Was?« »Daß er die Daaret heiratet?« Valborg konnte nicht umhin, sie mußte Per betrachten. So verbraucht hatte sie ihn noch nie gesehen. Oft hatte sie gewünscht, er möchte so aussehen, dann wollte sie gut gegen ihn sein. Jetzt aber sagte sie nur: »Du bist wohl nicht recht bei Trost, Per? Nimm doch deinen Verstand zusammen!« Er blinzelte und fuhr mit der Zunge an den Zähnen entlang, als habe er dort irgendwo die Antwort. »He?« Valborg war fast sprachlos, was blieb ihr nun noch übrig? Ihr stieg das Blut bis in die Stirne hinauf. »Daß du's nur weißt, Per, ich bleibe dann nicht einen Tag mehr hier!« »Freilich!« Es klang, als lebe er auf. »Nein, du weißt – – wir können ja gern von hier wegziehen. Denn – denn Juwika hat nur für einen Platz.« »Ach so. So steht es also. Ja dann …« Er hielt einen kleinen Hammer in der Hand, stand da und betrachtete ihn lange. Dann blickte er mit einem neuen Ausdruck im Gesicht zu Valborg auf; wach und belebt, und Valborg wurde dadurch ganz ratlos, wie vorhin; es war aber auch keine Kleinigkeit, so hier zu stehen und es mit ihm aufzunehmen. »Juwika – hier in Juwika ist nichts mehr zu tun. Das alles ist schon vor uns fertig gewiesen, Äcker und Häuser und jeder Fuß breit, hier gibt es nichts mehr zu tun.« »Ja, wohl. Aber es ist doch Juwika!« Valborg wußte nichts mehr zu sagen, und so ging sie fort. Aber in ihr arbeitete es weiter. Sie beachtete den Kleinen nicht, der sich an sie hängte und um etwas zu essen bat, und vergaß Antwort zu geben, wenn man sie ansprach, sie öffnete nur den Mund, um zu antworten, ohne es aber zu tun. Valborg stammte von den Engtalsleuten, und die waren ein kräftiger Menschenschlag – sie wollte Per nicht einmal zeigen, wie stark sie war. Es gab so vieles, was sie ihm nicht zu zeigen wagte, denn wer konnte wissen, wie weit ihm das recht gewesen wäre. Heute aber griff sie da und dort zu und rückte alles von der Stelle, sie trug den vollen Wasserbottich durch die Küche, so daß die Mägde mit offenem Mund hinter ihr herstarrten. Es kam so über sie, wenn er, Per, unvernünftig war und von Haus und Hof davonlaufen wollte, da mußte eben sie in Gottes Namen anpacken und ihn festhalten! – Ja, er war ein Juwiking, aber warte nur! »Du glaubst jetzt wohl, ich sei nur dem Hof zuliebe hierhergekommen«, sagte sie vor sich hin. »Glaub, was du willst. Glaub, was du willst, Per, aber das will ich dir sagen –« Valborg geht auf dem Hof an Jens vorüber, der gerade im Begriff ist, das Pferd auszuspannen. Sie sah ihn nicht an, sie tat dies fast nie, ihr schien es aber, als grinse er hinter ihr her. Tags darauf kam er dicht an sie heran, während sie auf der Wiese war und Wäsche zum Bleichen ausbreitete. Was er wohl im Sinn hat? dachte sie. Er bleibt stehen und sieht sie ganz ratlos an: Arbeitete sie denn ganz allein? War nicht Daaret dabei, um ihr zu helfen? O nein, das konnte sie wohl nicht mehr. Valborg arbeitete weiter, und da lachte er: »Haha; sie fängt an recht dick zu werden, die Daaret, hast du das nicht bemerkt? Es sieht beinahe nach Hochzeit aus, hier auf dem Hof – vielleicht hast du das schon verstanden? Aber Valborg, du! Hm, du mußt nun dem armen Ding ein bißchen helfen, wenigstens anfangs. Du mußt so einigermaßen eine Hausmutter aus ihr machen. Nun, da ihr beide doch an der gleichen Krippe stehen sollt.« Valborg richtet sich gerade auf, greift nach dem Rücken, er schmerzt, dann nimmt sie ihren Korb und geht. Jens sah die roten Flecken in ihrem Gesicht. – Da geht sie, sagte er vor sich hin. – Bleib du nur stehen, wo du bist, dachte sie. – Aber, schließlich muß ich ja mit ihm reden, sagte sie und stellte den Korb wieder zur Erde. Sie betrachtete Jens von oben bis unten. Das war doch wohl nicht sein Ernst? Wollte er sich denn mit einer Magd verheiraten? Na, eigentlich war es doch wohl sein Ernst. Denn wenn man im eigenen Wasserbottich gefischt hatte! »Du Auswurf!« Sie war so erzürnt, daß ihr die Tränen in die Augen stiegen. »Die Daaret ist gar nicht so übel, will ich dir sagen. Sie tut alles, worum man sie bittet. Und viel, viel mehr! Und schön genug ist sie auch – nicht viel häßlicher als andere Leute.« »Ja, eins steht fest: Wir gehen dann unserer Wege!« »Hm, hm, hm! Nein, nein, nein!« Er redete wie mit einem Kinde, er war so seltsam, daß sie am liebsten gelacht hätte. Sie warf den Kopf zurück und ging. Jens konnte hören, wie Valborg die Luft durch die Nase stieß, sie blies den Jens gleichsam von sich wie einen üblen Geruch. Ja, ein Jammer, daß Per nicht Manns genug war, um sie zu züchtigen, das wäre herrlich gewesen! Denn sie war ein Prachtweib! Valborg hätte am liebsten mit dem Fuß aufgestampft und alle miteinander gefragt: Seid ihr närrisch, oder wollt ihr es werden? – War denn Juwika gar nichts mehr? Hatte denn der Hof keinen einzigen Menschen mehr außer ihr, auf den er sich verlassen konnte? Abends, nach dem Schlafengehen, sagte sie zu Per, denn sie konnte keinen Schlaf finden: »So etwas habe ich auch noch nie gehört. Daß einer einfach vom Erbhof weglaufen und ihn dem Vieh vorwerfen will – hat das je schon einmal einer getan? Alles hinwerfen und einfach davonlaufen!« Per gab keine Antwort, und sie griff nun zum stärksten Mittel, das sie wußte: »Was meinst du, was euer Vater dazu sagen würde, wenn er noch lebte? Hast du daran schon gedacht, Per?« Als sie gerade nahe am Einschlafen war, fuhr Per im Bett auf und blieb sitzen: »Der Schwarzfels!« sagte er. »Ach, leck mich –!« Sie wandte sich einfach von ihm ab, und er legte sich wieder hin und stellte sich schlafend. Ein erwachsener Mann, der dalag und nicht schlief, das schien ihr das ärgste, was sie wußte. Jetzt richtete er sich wiederum auf und murmelte dann vor sich hin: »Es ist doch wohl kein Hund hier in der Nähe?« »Meinetwegen mag sein, was da will!« Bald darauf fügte sie hinzu, und jetzt etwas sanfter: »Das ist doch irgendein Schaf draußen auf der Weide. Hörst du es denn nicht?« 2 In den Hundstagen steigt das wieder herauf, was die See verschlungen hat. Da stieg auch Morten Aune wieder auf. Sie fanden ihn am Strand südlich vom Schwarzfels, und zwar fanden ihn zwei Knaben, die eines Nachts auf den Fischfang gerudert waren. Da lag die Leiche im Tang, ein Toter, eine Seeleiche; sie erkannten ihn an den Kleidern, er trug einen blauen Kittel und hatte einen roten Wollschal um den Hals; es ward ihnen übel zumute, und sie machten sich schnell davon. In Juwika erzählten sie es den Frauen, und diese wiederum sagten es den Männern. – Es wird ja vielerlei Unsinn geredet, meinte Jens. Per sagte nichts. Nach dem Abendessen ruderte Jens auf den Fischfang hinaus; das tat er nicht oft. Valborg behielt Per im Auge. Wirklich, gegen Mitternacht stahl er sich hinaus und verschwand. Glück zu, dachte sie. – Gegen Morgen, zur selben Zeit, kehrten sie beide heim. Jetzt muß doch endlich einmal Frieden werden, sagte sie zu sich selber. Erst am Tag darauf machten sich die Leute auf die Suche, sie gingen den ganzen Strand nach Süden zu ab, sahen aber nirgends etwas Ungewöhnliches. Die Buben hatten sich wohl getäuscht und sich selber in Schrecken versetzt. Der Morten war im Moor umgekommen. An diesem Tag ruderte Per über den Fjord nach Haaberg hinüber, er wollte mit der Ane reden. Auf Haaberg ging alles seinen gewohnten Gang, und der war schief. Der Hof war groß, aber es rührte sich wenig dort, es war gleichsam, als warteten alle Dinge auf den Tod. Auch das Geschlecht war jetzt fast ausgestorben, nur noch alte und kinderlose Leute waren am Leben, Ane konnte also in Frieden hier bleiben. Per hielt überall Umschau, ehe er ins Haus trat. Ein paar Häuser standen so verkommen da, daß er lachen mußte; und der Hofraum war ein grundloser Sumpf. Und dort lagen die Äcker, sauere Erde; steinig und moorig überall, Gestrüpp und Brachland und lauter Elend. Aber es war ein unendlicher Grundbesitz, Waldwiesen im Überfluß, und Wald; eigentlich aber gute Äcker, gewiß, das mußte man trotzdem sagen. Er ging noch einmal umher; zwischen seinen Augenbrauen stand eine tiefe Furche, er lebte sichtlich auf und bekam diesen starkblauen Blick, den die Juwikinger immer hatten, wenn sie etwas beschäftigte. »Ja, ja«, sagte er von Zeit zu Zeit, »ja, ja; mit Gottes Hilfe und mit gutem Willen. – Und Wald und Weide« – er stand auf dem Stallhügel und blickte über das Land hin – hier könnte einer schon zurechtkommen. Und nah am «Wasser. Und Torf, Torf überall, so weit man sah. Und Neuland zum Roden, genug fürs ganze Leben: »Gott bewahre, soviel Land und soviel Macht!« Mit Ane war nicht viel los; man mußte bei ihr an einen saueren Baum auf einer saueren Wiese denken. Sie war ein einziges Jammern und Klagen, alles war gegen sie, Hof und Leute und was einem unter die Augen kam. Alt wurde sie auch allmählich – alt, aber nicht häßlich. Warum sie nicht wieder heiratete? meinte er. Sie wurde rot, schrak beinahe zusammen, aber seltsam, wie es sie trotzdem verjüngte. – Ja, sollte sie das? Sie, eine alte Witwe, was er denn dächte? Ho! Wer solchen Hof und Grundbesitz hat, und Barmittel, sie solle sich doch nicht versündigen! Der Hof? Nein, der schreckte die Leute nur ab, der verjagte die Leute, so war der Hof. Denn die Leute seien dumm, das könne sie ihm sagen. Ja ja, in diesem Punkt hätten sie es weit gebracht. Aber ein Witwer vielleicht? Auf einem netten kleinen Hof – solcher gäbe es viele. »He!« sagte sie – es war ja Geschwätz, aber es hörte sich doch gut an, sie mußte lächeln. Dann besann sie sich und stellte ihm etwas zu essen hin. »Ja, höre, was ich dir sagen will, Ane: kann nicht ich den Hof dir abkaufen?« Er brachte diese Frage vor, während er beim Essen saß. Sie machte nur ein langes Gesicht, und ihr Blick wurde unsicher. Doch, wirklich, er wollte ihr sagen, wie es sich verhielt: er war um dieser Sache willen gekommen. Denn Juwika sei kein Hof für zwei, der dürfe nicht aufgeteilt werden. Oder? Nein, wahrhaftig nicht. Per redete eifrig auf sie ein, er war so aufgeräumt und zuversichtlich, wie sie ihn noch nie gesehen hatte, wie sie überhaupt seit langem niemand mehr gesehen hatte. Er redete von der Sippe und redete von sich und dem Seinen, bis auch sie fand, es gäbe keinen anderen Ausweg mehr, als daß er diesen Hof bekomme. Er sprach sich ganz offen aus, erzählte von Jens und Daaret und von Valborg, sprach über Preis und Geld und alles, was er gedacht hatte, und ehe es ihr recht klargeworden war, stand er mitten in ihren Angelegenheiten, sie sah deutlich vor sich, wie der Hof zurückging, wie sie immer älter wurde. Es war wirklich am besten, jetzt zu verkaufen und ein wenig Geld auf die Seite zu legen, er bot ihr ja auch keine Kleinigkeit, vierhundert Taler recht und schlecht! Und mit den Verwandten ihres Mannes wollte er selbst reden, wollte ihnen gehörig auf den Leib rücken, sagte er, ihnen Prozesse und weiß Gott was an den Hals hetzen, wenn es darauf ankäme. Ihnen zu Leibe rücken! – das ließ sich hören! Vor dem Per sollten sie sich nur in acht nehmen! Ja, oder sollte er vielleicht im guten mit ihnen reden? Vielleicht ziehst du nach Paalsnese, zum Andreas? Ane wurde rot und heiß, denn der Per saß da vor ihr und las in ihren Gedanken. Andreas war Witwer und sah gut aus, und die Kinder waren erwachsen; einen kleinen, schönen Hof und Geld hatte er obendrein; außerdem war er der nächste Erbe ihres Mannes. – Dann bekommt er das Geld für Haaberg, und was wollen die anderen dagegen sagen? In denen steckt sowieso nicht mehr viel Leben; – dann haben sie gewonnen, und dann hast du gewonnen, und die Sache ist aus, und wer zuletzt lacht, lacht am besten« – sagte Per und dankte für die Bewirtung. Als er sich auf den Heimweg begab, war die Sache so gut wie abgemacht. Nur darüber, ob Ane sich einen Austrag ausbedingen sollte, war noch nicht gesprochen worden. Damit hatte es aber auch keine Eile, ehe man sah, was notwendig war. Es war ein heller und unruhiger Tag. Schatten und Sonne sprangen miteinander um die Wette über das Land hin. über Felskuppen und Moore und weiche grüne Laubwälder. Höfe mit kleinen grauen Häusern traten da und dort lächelnd hervor; bisweilen kam das ganze Juwikufer auf einen zu, mit Grasflächen und Föhrenhängen bis ans Wasser herab. Per kehrte mit hellem Gesicht zu Valborg heim, war wieder ein Kerl wie in alten Tagen, und er redete mit ihr, erzählte ihr, wo er gewesen war und was er getan hatte. Ihm schien es, als würde sie ein wenig gedankenarm, sie war nicht so leicht aufzutauen. »Nein«, sagte er, »es war wohl nicht recht von mir, daß ich nichts davon sagte, ehe ich fortging.« Ach deswegen! Daran hatte sie nicht gedacht. Unsinn! Aber sie blinzelte so schmerzlich, schien es ihm, stand wie ein kleines Mädchen vor ihm. Sie ließ die Blicke umherschweifen, betrachtete alles, als suche sie sich zu fassen. Dann wandte sie sich ihm zu, ganz als sei sie in Not: »Ist denn Juwika für dich nur ein altes Hemd, Per?« Sie beeilte sich, hinzuzufügen: »Ja, denn weißt du, mir kann es gleich sein – aber wenn euer Vater noch gelebt hätte?« Sie wandte sich rasch ab, denn er hatte sie aufgehalten, als sie gerade Grütze aus dem Vorratshaus holen wollte, und sie mußte nun laufen; die Milch kochte gewiß schon, sagte sie. Ja, wenn sie nur nicht überkocht, dann ist es schon gut … Per sah Valborg nach und stand ganz versunken da. – Wer aber sich den Bösen aufgebürdet hat, der muß ihn auch tragen, murmelte er. Und nun mußte er mit Jens reden. Jens war in Skare, einem Häuslerhof unten am Meer, auf der Nordseite, nur ein paar Schritte vom Juwikhof entfernt Die Leute auf Skare galten nicht gerade für die besten, und Per hätte sie am liebsten Pack genannt, faul und verhungert waren sie und hielten das Maul nicht im Zaum; aber Jens war dort, und er war oft dort. Per schlenderte den Weg zum Ufer hinunter. Ihm war, als habe er noch nie einen so schönen Sommerabend erlebt, über den Tälern und Mooren lag der Tau blauweiß, die Wiesen standen überall in Blüte, die Grashalme reichten einem fast bis über die Knie herauf; jetzt senkte sich der Abendschatten über die Hänge hier, über Sauerampfer und Butterblumen und weiße Gänseblümchen, über Gutes und Böses. Per war gut Freund mit dem Gras, ob es nun noch auf der Wiese stand oder schon auf dem Heuwagen lag, er hatte ein Gefühl dafür. – Gras gab es reichlich hier in Juwika, und auch für das Getreide waren die Aussichten in diesem Jahr nicht schlecht; bald würde die Gerste in die Ähren schießen, und dann würde die Heuernte beginnen, das war so eine Regel. »Ja, ja«, sagte Per, »so ist es.« Man war ein freies Geschöpf und konnte hingehen, wo man wollte. Er blickte zum Himmel im Osten hinüber, wie schön war es dort über den Bergrücken, wo große gelbweiße Wolken schimmerten. Und über dem Fjord lockten die Möwen. Die Berge stehen, wo sie stehen, sie wissen, wo sie hingehören. Nicht aber die Wolke, sie ist stets auf der Wanderung, geht, wohin sie Lust hat, und verändert sich, wie ihr der Sinn steht. Aber wo war denn der Jens? Kam er nicht einmal zum Abendessen nach Hause wie andere Leute auch? Endlich kam er, und Per trat in die Wiese und schätzte den Heuertrag ab. »Ja also, Jens, jetzt bin ich fort gewesen und habe mir einen Hof gekauft. Kannst du raten, welchen?« Das konnte Jens nicht, aber er wurde lebhaft und ungeduldig, er wollte sofort Näheres wissen. »Haaberg?« »Jawohl.« »So so. Aber du weißt: das hätte ich tun sollen, denn bei mir kommt es nicht so genau drauf an, und eine besondere Bäuerin bring ich auch nicht mit, das weiß ich. Das war also dumm von dir.« Er sei aber doch der Ältere, erwiderte Per. Das mochte Jens nie hören. – »Ja, ja, ich weiß es schon«, sagte er. »Aber, da steckt wohl die Valborg dahinter, sie ist so halsstarrig, na, du weißt, sie ist ja das schiere Gold im Vergleich zu der Daaret, denn die Daaret, die Ärmste, weiß nichts und kann nichts und taugt nichts auf Gottes weitem Erdboden!« »Nein, schweig! Du wirst doch nicht dein Weib heruntermachen?« Pers Gesicht war verzerrt. »Damit halte ich's, wie ich will, was das betrifft.« »Meinst du die andern, er – ja, der Großvater und – andere anständige Leute hätten das auch so gehalten?« »Mußt du jetzt wieder anfangen! – Nein, die nicht, die lebten noch in der alten Zeit, die, als sich die Menschen noch›auf der Erde' vermehrten, wie du weißt.« Er drehte sich Per zu und lachte still und gutmütig: »So so, du mußt fortziehen, du, weil der Juwikhof zu klein ist? O nein, du, da hätte wohl ein anderer fortziehen müssen. Wart noch ein wenig, dann will ich dir's sagen: Dich verjagt der Schwarzfelsgeist. Hätte ich mich auf meinen Vorteil verstanden, dann hätte ich dir die ganze Gegend vergeistert. Aber ich – habe eben gedacht, hier wäre für uns beide Platz.« Per ging eine Weile schweigend weiter und überlegte bei sich. Dann schien ihm, er müsse erklären, wie es sich verhalte: »Du kannst gern sagen, daß ich mich fürchte, denn das tue ich. Wir haben ihn umgebracht. Aber es ist nicht nur das, Jens. Ich muß weg. Es ist gleichsam, als wollten sie mich Weg haben, wollten mich jenseits des Fjords haben.« »Wer denn?« »Ja, das weiß ich auch nicht. Aber ich merke es, daß sie es so wollen.« Er hatte es nicht so sagen können, wie er wollte. Ganz klar hatte es vor ihm gestanden, aber als er es sagen wollte, war es förmlich zerronnen. Mochten sie ihn nur für furchtsam halten, das tat nichts. Ihm schien es, als habe er Fuß gefaßt: er wollte etwas tun, was noch kein Juwiking vor ihm getan hatte. Es war ganz still in ihm herangewachsen, während er sich hier zwecklos und klein herumgetrieben hatte. Sie redeten mit ihm. »Wer weiß«, grinste Jens, »vielleicht ziehen wir beide am gleichen Tag fort, du und ich, Per.« 3 Per nahm es für Scherz und dachte nicht mehr daran. Jens hatte wohl auch nicht soviel dabei gedacht, aber es sollte bald Ernst daraus werden. Zunächst kam die Heuernte, und die ging langsam vor sich, kein Tag war trocken, nur Regen gab es und Nässe; aber trotzdem mußte man froh sein, denn es wurden noch schlechtere Zeiten gewahrsagt, man hörte von Krieg und Not, der Himmel war voll der schlimmsten Zeichen. Jens und Per lachten nur darüber und trachteten danach, ihr Heu so gut wie möglich einzubringen, und endlich hatten sie es unter Dach, so wie es eben war. »Du wirst doch wohl nicht jetzt sofort wegziehen?« fragte Jens eines Tages, sie hatten gerade die Erntegrütze gegessen. – »Na, es wird wohl am besten sein, allmählich anzufangen. Ane will es so haben.« – Da sei nun die Sache mit dieser Hochzeit. Jens versuchte zu lachen, brachte es aber nicht recht zuwege. Es wäre – gemütlicher, wenn sie noch solange hierblieben. – »Ja, aber mach es nun bald ab«, sagte Per. Denn Jens war so sonderbar, wenn er so ratlos dastand. – »Es wird mir kaum was anderes übrigbleiben. Wenn ich noch ins Brautbett und nicht ins Wochenbett will.« Per verließ ihn schweigend. Ihm dämmerte etwas, was ihm bisher noch nie klargeworden war: Jens war so und konnte nicht anders werden; er war kaum glücklicher als andere Leute. So wurde denn Hochzeit auf Juwika gefeiert, und Tanz und Leben herrschten drei, vier Tage hindurch, dann war es überstanden. Länger konnte Per den Umzug nicht hinausschieben; und das wichtigste für die Jugend war jetzt nicht mehr das Tanzen, sondern das Essen, sie waren in der letzten Zeit selten an guter Kost satt geworden. Es ging jetzt schmal her auf den Höfen. Dann kam der Umzug. Es war keine große Arbeit, denn sie hatten nicht viel mitzunehmen. Sie wollten Juwika verlassen, wie es war, und auf Haaberg einziehen, wie es war. Den Hof daheim hatten die Söhne übernommen, wie ihn der Vater hinterlassen hatte, dafür bekamen die Töchter Barmittel und jede eine Kuh aus dem Stall; Jens zahlte den Bruder mit zweihundert Silbertalern aus, die Hälfte davon mußte Per selber für Jens auf Engdalen leihen; er brauchte das Geld, um Haaberg zu bezahlen, und Jens meinte, Per würde es eher erhalten. »Ich glaube, das bringt uns noch an den Bettelstab«, sagte Jens. Er sagte es so, daß Valborg es hören mußte, und es tat ihm wohl, daß sie es sich zu Herzen nahm. Ihr Gesicht wurde hart, sie alterte gleichsam, dieses Prachtweib des Bruders, es tat gut, dies zu sehen. Per aber reckte sich auf und lächelte zu Jens herab: So ist er nun, der Jens, und nicht anders, manchmal ist er arg wie der kalte Lufthauch durch die offene Tür. sonst aber ein guter Kerl, ich habe doch manchen lustigen Tag mit ihm verlebt. Zum Umzug hatten sie gutes Wetter, stille Luft und Sonne. Jens ruderte mit hinüber. Es war im übrigen kein großes Abschiednehmen von Juwika und den Leuten dort, denn es gab immer noch das eine oder andere, was noch hinübergebracht werden mußte. Per sollte noch das junge Pferd holen, das er sich gekauft hatte, Valborg fiel ein, daß sie ihren Spinnrocken, ein Webgatter und andere Kleinigkeiten vergessen hatte. Valborg blickte verstohlen zurück. Sie hätte das nicht tun sollen, das war kein gutes Zeichen, aber sie saß eben gerade so im Boot und konnte ihre Blicke nirgends sonst hinlenken. Juwika drehte sich von ihr ab, glitt fort und verschloß sich vor ihr. »Jetzt sehen wir unser Haus nicht mehr«, sagte Anders; auch er blickte zurück, mit sehnsüchtigen Augen. »Ja, aber ist's nicht lustig, so mit uns andern im Boot?« meinte Valborg. Im übrigen gab es noch mehr Zeichen, die nichts Gutes versprachen. Valborg sah sie, und auch Per sah sie, aber um solche Dinge bekümmerte man sich nicht mehr, diese Zeit war vorbei. »Dank für die Hilfe«, sagte Per zu Jens. »Ja, leg ihn dort auf den Stein, den Dank. Und dann kommst du noch vor dem Feiertag, um das Pferd zu holen?« »Was ist denn heute für ein Tag?« »Heut ist Mittwoch, und morgen heißt man es Donnerstag.« – Jens schob das Boot ins Wasser und sprang hinein. »Ja, richtig: Tui!« sagte er und spuckte aus. Es konnte nicht schaden, auszuspucken, hatte er gehört. Per kam ein paarmal nach Juwika, aber immer nur ganz kurz, Valborg war nie dabei, er besorgte alles für sie. Und dann gab es nicht mehr viel Zeit zum Nachdenken. Auf Haaberg warteten ihrer tausend Dinge. Zuerst mußte Per aufs Dach, denn dort drang das Wasser ein. dann mußte er Bretter schneiden und einen Stallboden legen, und dazwischen, während er seinen Körper ausruhte, wie er es nannte, hieß es Steine brechen und den Hofplatz auffüllen, damit sie nicht im Schmutz versanken, Valborg machte sich ans Scheuern, und dies war eine lustige Arbeit, denn hier sah man doch, daß es verschlug. So oft Per sich aufrichtete, blieb sein Blick auf den steinigen und nassen Äckern haften, seine Augen wurden wach und streitbar: Diesem Hof wollte er noch zu Leibe rücken! – Valborg stemmte die Hände in die Seite und legte den Kopf ein wenig schief: Wenn man hier einen ordentlichen Boden legte und dort eine Küche abteilte und noch ein Fenster einsetzte, dazu einen Ofen – – – Bisweilen betrachtete sie Per, und dann entstanden Grübchen in ihren Wangen: er schien ihr wie verwandelt zu sein. Per beachtete sie nicht, sonst hätte er wohl das gleiche von ihr gesagt. Ane ging im Haus aus und ein. Sie hatte sich Austrag ausbedungen, und zwar einen gehörigen, und eine Stube im Haus sollte für sie instand gesetzt werden, sobald sich Zeit dazu fand Sie war ein wenig verdrossen und mürrisch und nahm alles schwer. Wenn aber Per vom Heiraten sprach, so konnte sie merkwürdig aufwachen. Tatsächlich ging er mehrere Male nach Paalsnese. Er müsse sich Geld leihen, erklärte er, und das gab es dort. Und eines Tages kam Andreas. Er fragte nach Per, aber er traf die Ane und redete auch mit der Ane. Er war ein lebenslustiger alter Bursche, wollte am liebsten tanzen, so schien es Ane, und jung fand sie ihn auch. Auch Ane war nicht unscheinbar, wenn sie nur wollte. Und jetzt wollte sie. – Als Andreas endlich den Per fand, konnte er ihm erzählen, sie beide seien jetzt einig, er und sie: sie hätten sich jetzt zusammengetan, wer aber von ihnen beiden die Hosen anhaben sollte, würde sich erst zeigen, wenn sie allein beisammen wären. »Wenn nur nicht der Dreißigjährige Krieg daraus wird«, meinte er. Es ging noch einige Zeit darüber hin, aber noch ehe Weihnachten kam, zog Ane nach Osten, und sie feierten eine gehörige Hochzeit. Jens Juwika betrank sich dabei. Dies war aber nichts im Vergleich zu dem, was er außerdem tat: Er fing an, den Leuten vorzusingen. Ein Spottlied nach dem anderen, und das schlimmste war, daß er diese Lieder selbst gemacht hatte! »Ich bin auch nicht öfter froh als andere Leute, aber dann singe ich!« sagte er. Er hatte eine gute Stimme, und die Lieder hatten so schöne Melodien, so sehr die Leute auch Anstoß nahmen, mußten sie ihm dennoch zuhören. Denn das schlimmste war, daß er doch auch wieder nicht ganz betrunken war. Gegen Ende der Nacht trat er taumelnd zu Per, der mitten unter den Leuten stand, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte, dies sei das letztemal, daß er ihm Schande gemacht habe, das letztemal, daß sie Brüder und Kameraden seien und einander zum besten halten könnten. Und jetzt sollte Per trinken, wenn er ihn schon darum bitte, um der alten Brüderschaft willen – »Trink, hörst du, du Fohlen, was stehst du da und gaffst? Fürchtest du dich? Hat dich die Angst gepackt, Per, mein Bruder?« Per fühlte, was nun kommen würde, und bat Jens, ihm zu folgen, damit sie einen Tropfen allein trinken könnten. – Jens wurde weich bei diesen Worten und kam mit, unterwegs aber brach es aus ihm heraus: »Wir beide – wir sind nicht nachtscheu. Der Schwarzfels ist zwar schwarz, wir aber sind schwärzer, erinnerst du dich noch, im Frühjahr, Per, wie wir sprangen, wie zwei übermütige Kälber, und er vor uns, er vor uns her, hol mich der Teufel, wie der laufen konnte, he he he?« Per schaffte ihn um die Hausecke und ging mit ihm ins Vorratshaus, um frisches Bier zu holen. Dort aber wurde Jens unsicher, tat ein paar Züge aus dem Krug und begann Per zweifelnd anzustarren, sein Gesicht wurde bleich und verzerrt. »Was stehst du da und brummst? Ist mein Weib nicht ebenso gut wie deines? Weil der Vater es nicht für mich ausgesucht hat? Wenig Verstand, sagst du – pah!« Er blickte zu Boden, besann sich eine Weile, ehe er wußte, was er wollte; dann murmelte er vor sich hin: »Habe ich es geträumt, oder habe ich es gehört: was einen in der Not stützt, das ist der Verstand, den man nicht besitzt, und den man nicht entbehrt. Du hast wohl Verstand genug, haha.« Er richtete sich wieder auf: »›Ja, mir kann's gleich sein‹, sagte das Mädchen – pfui Teufel, wie widerlich du bist, Per! Ein Ehrenmann! Ob es lange dauert, bis das Kind da ist, fragst du? Ich steh, wo ich lieg! Wann es auch kommt. Aber der Schwarzfels?« Per ließ ihn stehen. 4 Jens war freundlich gegen die Dienstleute und auch gegen seine Frau. Trotzdem kündigte die andere Magd, als Daaret Hausmutter wurde, weil sie nicht unter ihr dienen wollte. Und niemand war statt ihrer zu bekommen. Aasel mußte sich auf den Weg machen und sich nach Mägden für Juwika umsehen. Jens packte nichts Rechtes an – hier ist nichts mehr zu tun in Juwika, sagte er. nahm die Schrotbüchse und ging in den Wald, wo er Tag für Tag bis zum Abend blieb. Nachtsüber saß er unten in Skare und spielte Karten um Geld, oder er ging noch weiter. Wenn er betrunken war, so sang er, und ein Lied war schlimmer als das andere; bald kannten sie alle Leute in der Gemeinde. Kurz vor Weihnachten, am Tage der Thomasmesse, bekam er eine Tochter. Amen!« sagte Jens, als man es ihm erzählte. – Ein hübsches kleines Ding, sagten sie. – »Amen!« – Ob er sie sehen wolle? Er dürfe gern kommen. – »Nein, nein, nicht notwendig.« Er wandte sich rasch der weisen Frau zu: »Sie sieht doch ihrem Vater so ähnlich wie nur möglich, nicht wahr?« Die Frau wurde böse darüber und drehte sich von ihm ab. Dazu sei's noch zu früh, sagte sie. Jens war zum Essen im Haus gewesen und wollte nun wieder fortgehen. Vorher aber fragte er die Frau noch einmal: »Was rechnest du denn da nach? Januar, Februar, März, meinst du. Ja, ja, da hast du recht. Das Kind ist schon ein wenig alt, wohl an die elf Monate. Ach was, das tut nichts.« Er blickte grinsend zur Decke hinauf, dann ging er hinaus. Mit Daaret sprach er kein Wort. Und alle wunderten sich: Entweder war das Kind elf Monate alt, als es zur Welt kam, oder sie kannten sich überhaupt nicht aus. Dann aber hatte sie mehr Leute genarrt als nur den Jens. Und warum war Jens in letzter Zeit ständig in Skare unten? An diesem wie an jedem anderen Abend saß Jens in Skare. Plötzlich greift er hinüber und packt Haagens, des ältesten Sohnes, Faust, deckt sie mit seiner ganzen Hand zu, drückt sie vielleicht ein wenig hart, denn der Bursche beißt die Zähne zusammen und wird blaß; Jens sieht ihn an und sagt ungeheuer sanft: »Komm mit mir auf unseren Hof hinauf, Haagen, dann wollen wir mein kleines Mädchen anschauen. Es ist zwar nur ein Drecksmädel, aber ein ordentlich gemachtes Geschöpf, und elf Monate alt. Was? Und mir so ähnlich!« Er hatte sich halb erhoben, setzte sich dann wieder und spielte werter wie vorher. Die andern waren aufgefahren, gewahrte er, entweder um auszureißen oder um nach dem Messer zu greifen, wenn es Ernst werden würde. »Ja«, sagte er und sah dabei rund herum, »Lust hätte ich schon dazu, euch ein wenig zurechtzuschnitzen; aber es lohnt sich nicht – meint ihr, ich eine Häuslerlaus, weil ich hier mit euch zusammen sitze?« Sie spielten bis in die tiefe Nacht hinein, und Jens wanderte in der Dunkelheit heim. Einen Augenblick blieb er vor der Alt-Stube stehen, sah zum Siebengestirn auf und überlegte: Sollte er vielleicht dort Feuer machen und sich schlafen legen? Dann hätte die Häuslerlaus die Stube für sich allein. Aber er zuckte nur mit den Schultern, stieg in den Dachraum hinauf und legte sich dort in ein Bett. – – – In den Weihnachtsfeiertagen waren die Leute nicht unterwegs. Sie gingen nur zur Kirche, im übrigen aber blieben sie daheim und hielten den Feiertag heilig. Diesen Brauch brach niemand außer Jens. Er fuhr am höchsten Feiertag von der Kirche aus nach Haaberg und blieb dort. Per und Valborg waren ziemlich bestürzt darüber, das sah er, ihm aber machte das nur Spaß. Er sah auch, wie es an Valborg nagte, daß Daaret sie genarrt hatte. Immer wieder erzählte er ihnen, daß er eine Tochter bekommen habe, und zwar am Tag der Thomasmesse. Früher hat sie nicht Ernst damit machen wollen, sagte er. Am andern Tag fuhren Per und Jens nach Paalsnese und von dort noch zu anderen Höfen; sie waren lustig und guter Dinge. Endlich eines Morgens machte Jens sich auf den Heimweg, und Per folgte ihm ans Meer hinunter. Da hatten alle beide einen schweren Kopf. Als Jens im Boot steht und sich über den seichten Grund hinwegstakt, sagt er: »Diesen Winter will ich auf den Lofotfischfang fahren. Alles Gute also für diese Zeit, Per.« Die beiden Brüder sahen einander an, und Per erbleichte. »Ja, aber bist du denn verrückt, Jens?« »O ja. Es ist schon so. Ich will fort und mich rühren, verstehst du denn nicht, du Dummkopf?« Er griff nach den Rudern, wandte rasch das Boot, machte aber noch keinen Schlag. – »Laß dir's gut gehen, Per, dein Leben lang. Ich bin doch froh, daß noch soviel in mir steckt. Daß ich nicht so schlapp bin wie du. Ich löffle die Grütze mitsamt den Spelzen aus. Und ist es nicht seltsam, du, wie ich die Fäuste in die Taschen stecken kann, damit sie nicht herumfuchteln und irgend etwas anstellen?« – Inzwischen war das Boot ans Ufer zurückgetrieben, und er mußte zu rudern anfangen. »Dank für alles, Per.« Die Ruder knarrten über das Wasser hin, immer weiter und weiter entfernt, es klang wie die Stimme eines zornigen Mannes. Per erwähnte Valborg gegenüber nichts davon. Und Jens erzählte seiner Frau nicht früher etwas von seinen Plänen, als bis er sozusagen schon auf der Fahrt war. Er hatte sich an einen Auswärtigen verheuert, der auf Juwika Holz gekauft hatte, und machte sich so schnell wie möglich bereit, er ging einfach als bezahlter Mann mit, denn er besaß keine Fischgerätschaften. Daaret wagte nicht aufzublicken; es schien, als habe sie nie etwas anderes erwartet. Und nun hatte er Haagen unten auf Skare für den Winter als Großknecht auf Juwika gedungen, was sagte sie dazu? Das arme Ding bückte sich, sie suchte etwas auf dem Boden und tastete dort weiter. »Es wird wohl gehen«, sagte sie. Jens stand noch eine Weile da, er versuchte mitten in der Stube stillzustehen und außerhalb aller Dinge zu sein, wie Per dies zu tun pflegte. Seine Stirn schob sich auf und nieder wie bei einem rasenden Bären. Daaret war auf der Hut, bereit zur Tür zu springen. – »Ja, ja, also«, sagte er nur. Sie solle gut für Haagen sorgen, daran denken, daß er sehr großen Wert aufs Essen lege, der Bursch. Im übrigen solle sie, wenn es nagend etwas Ernstliches gebe, nach Aasel senden, auf die könne man sich am besten verlassen. Gott sei Dank, dies war nun überstanden, und sie fühlten sich alle beide erleichtert. Als er schon draußen war, kam er noch einmal herein, und sie verlor fast den Verstand vor Schrecken; sie stellte sich hinter die Wiege. Er aber wollte nichts anderes, als ihr die Hand zum Abschied geben. Daaret verstand nichts von alledem. 5 Der Winter verstrich, aber er verstrich schwer, es war ein stürmischer und böser Winter. Auch in Juwika wurde er schwer empfunden, wenn die Oststürme einsetzten, es war ein Wetter, das einem durch Mark und Bein drang, sagten die Leute. Viel schlimmer aber war es auf Haaberg. Dort kam der Sturm von allen Seiten, saugend und anhaltend und beißend scharf: er fraß die Leute, wie es hieß. Per behauptete, der Sturm blase quer durch ihn hindurch, wie er sich auch stelle, sei wie ein Feind, der ihn von hier fortjagen wolle. Ein Glück, daß er soviel zu tun hatte, und Valborg sah ihm oft nach, und es war ihr leichter zumute als seit langer Zeit: Freilich, es kam immer noch vor, daß er ganz versunken an einer Hausecke stand; aber es dauerte nie mehr so lange, und er war auch nicht sehr nachtscheu, soviel sie bemerken konnte, nicht mehr so, daß es ihm etwas anhaben konnte. Er war der, für den sie ihn gehalten hatte. Endlich kam auch in diesem Jahr der Frühling. Er kam sogar frühzeitig nach Haaberg, dank der Lage des Hofes. Zuerst kam der Stallhügel aus dem Schnee heraus, ein steingraues Antlitz reckte sich empor und blickte in die Luft hinauf, dann kam ein Hügel nach dem andern, alte graue Burschen sonnten sich, gedankenlos und gleichgültig; und nach diesen kamen die Äcker, ein Fleck nach dem andern, gelbgrau und armselig; und nun lagen die Moore aber da, das ganze runzlige, braune Gesicht lag frei, und die Vögel stiegen trillernd darüber auf. Der Fels schob sich unter seiner Decke hervor. Feuchter Frühlingsgeruch stieg einem in die Nase, kribbelte in Leib und Seele. – Die Luft war von Frühling und Bläue erfüllt. Und frühlingsblau war alles, was man sah. Alles, dem es gegeben war, wechselte den Pelz. Per und Valborg wanderten abends bisweilen draußen umher, beredeten dies und jenes und standen lauschend und um sich blickend da. Bisweilen war Per allein. Da hörte man mehr. Da kam jener saugende Nachtlaut vom Meer herein, der fragend am Ufer entlang wanderte; es war die Meeresbrandung. Und drüben aus den Wäldern klang die Antwort, die Frühlingsnacht antwortete mit einer einsamen Stimme, es war das Rauschen des Baches im Wald. Und der Frühling ging dahin, über Haaberg und durch die ganze Gegend. Das Schmelzwasser sprang glucksend und lachend zum Fjord hinab, der Wind fuhr in rauschenden Böen über das Land. Per pflügte und säte, bei Sonnenaufgang schon war er auf dem Acker und mitten am Tag und spät am Abend, noch nie war der Erde von Haaberg so zugesetzt worden; ihn dünkte, sie wende sich um und starre ihn an wie eine wiederkäuende Kuh, gebe bisweilen ein leises freundliches Stöhnen von sich. Noch durften die großen Steine ein Jahr lang ruhen, und noch war dem Wasser Zeit gegeben, trotzdem beschäftigte sich Per so nach und nach damit und behielt beides im Auge. In Juwika ging es nicht so gut. Jens kehrte nicht heim. Die Bootsmannschaft hatte Nachricht gesandt, Jens sei mit einem Händler weiter nach Norden gezogen und lasse herzlich grüßen. Das war ein Jammer und eine Not auf Juwika, und Per mußte hinüber und da und dort mit helfen. Inzwischen war aber bereits Aasel gekommen. – »Ja, jetzt mußt du den Hof übernehmen«, sagte er zu ihr. – Sie? – Ja, gerade sie. – Ja, und er selbst? – Nein. So hin und her, das war nicht seine Art. »Und du«, er wandte sich zu Daaret, »du bekommst einen kleinen Austrag, eine Kuh und ein wenig Getreide, und was du sonst etwa brauchst, damit du leben kannst.« – »Austrag?« – »Ja, Austrag. Denn dein Häuslerknecht von da unten in Skare soll sich hier nicht breitmachen, verlaß dich darauf. Von deinem Kind wollen wir nicht reden – hast du mich recht verstanden?« – »Ja, ja, meinethalben«, sagte Daaret, und dann sank sie zusammen und wurde blau und blaß zugleich; sie wagte nicht, seinen Blicken zu begegnen. Es war auch nicht ratsam, an diesem Tag seinen Blicken zu begegnen. Und wenn es der König gewesen wäre, er hätte dem Per Platz gemacht, schien es den andern. «Es ist am besten, du ziehst jetzt gleich hierher«, wandte er sich wieder an Aasel. »Der Mikkal ist ja zwar ein halber Seehund, aber du sollst trotzdem den Hof bekommen. Denke daran, daß der Vater es immer so hat haben wollen, er hat es wohl damals schon vorausgesehen. – Über den Preis und alles übrige – reden wir ein andermal. Über die Daaret – reden wir nicht .« Noch einmal kam er und nahm sich Aasel vor. Er hatte sich ganz in die Sache verbohrt, so daß Aasel ihn kaum mehr wiedererkannte. – »Ich? sagst du. Nein. Ich bin und bleibe, wo ich hingehöre. Denn ich mußte weg! Sie wollten es so haben. Und außerdem muß man sich auch ein wenig rühren. Und dazu kommt noch die Valborg. Sie würde hier nur herumgehen und sich ärgern und böse und häßlich werden. Valborg wollte nicht von hier fort, nein, aber sie mußte! Das ist nun auch nicht mehr zu ändern. Und jetzt bist du die Bäuerin auf Juwika. Du mußt zugreifen, Aasel!« Und so geschah es. Daaret erhielt die Alt-Stube als Austrag und im übrigen alles, was sie zum Leben brauchte, und Mikkal und Aasel übernahmen den Hof. Per und Valborg waren an einem Sonntag bei ihnen. Aasel ging mit tiefen Lachgrübchen umher, wie die Frauen auf Juwika sie häufig hatten, wenn sie sich wohl fühlten. Mikkal sah neugierig und ernsthaft von einem zum andern und fragte Per in vielerlei Dingen um Rat. Ihre Kinder trieben sich überall umher, es war eine ganze Schar von Nachkommen, die da herumkrabbelte und sprang und lärmte: es war so unsagbar lustig hier auf dem großen Hof. Und Per nickte, als wollte er sagen, so sollte es sein, so wollte Juwika es haben, hatte es sein Lebtag so gewollt. – Jetzt müßten sie sehen, heimzukommen, sagte Valborg; es wäre so vieles, was dort auf einen wartete. »Es kommt darauf an«, meinte Per, als sie nach Hause ruderten, »es kommt darauf an, ob nicht auch die alten Höfe bisweilen den Pelz wechseln. Die Alten, die glaubten an so etwas.« Und erlöse uns von dem Übel 1 Es war ein, zwei Jahre später, kurz vor Weihnachten. Per kam vom Schuppen, wo die Jungen Torf aufgeschichtet hatten, über den Hofplatz herüber. Valborg trat aus dem Vorratshaus, sie hatte Brot geholt. Ein Häuslerweib schlich sich mit seinem Sack um die Ecke, und Per sah, daß er leer war. Ja, sagte Valborg – aber was war zu tun? Sie wußte nicht, was aus dem Korn und dem Mehl wurde, aber trotzdem verschwand es: es hält nicht vor. Sie durften froh sein, wenn sie mit dem Gerstenmehl den Winter über ausreichten; und wie stand es mit dem Saatkorn? Eine Tonne Gerste, das war nicht viel für Haaberg. Aber wie gesagt: das Mehl – Na – dann durften sie eben nur jeden zweiten Löffel voll essen. Schließlich war es doch nicht notwendig, immer satt zu sein. So war es fast immer, wenn sie miteinander redeten. Es lag kein rechter Ernst und kein rechter Sinn mehr darin, fanden sie. Der eine stand da und wunderte sich über den anderen, aber sie standen gleichsam Rücken an Rücken und wußten nichts voneinander. Valborg ging ins Haus, Per schlenderte noch um den Stall herum, wo er das Weib mit dem Sack antraf. – »Was brauchst du denn?« sagte er – »hast du kein Mehl? Komm her mit deinem Sack, aber schnell.« Er reichte ihr den Sack wieder heraus, als sei fast nichts drin: »So, jetzt geh. Mach, daß du heimkommst!« Valborg hatte recht: es wurden solcher Leute immer mehr und der Vorräte immer weniger, man mußte wirklich einmal nein sagen! Aber Per mochte das nicht, es schmeckte so sehr nach Armut. Er lachte auch herzlich, wenn seine kleinen Jungen warnten: »Da kommt wieder so ein Sackträger!« Soge sie noch entfernt waren, hätte Per am liebsten den Hund auf sie gehetzt; waren sie aber erst hier, so klang das Lied ganz anders. Sie hatten aber auch schwere Zeiten, die kleinen Leute; war es doch schon für andere schwer genug. Der erste Sommer, den Per und Valborg auf Haaberg lebten, brachte das große Frostjahr. Im Mai setzte die Hitze ein, so daß sich das Vieh kaum vor den Bremsen retten konnte Im Lauf des Sommers kamen ein über das andere Mal die Fröste, und am schlimmsten war es auf Haaberg. – »Ja, so ist's«, sagte Per nur. »Aber wegen eines Mißjahres reißt man noch keine Scheune ab.« – »Nein, wenn es nur bei einem Mißjahr bleibt«, erwiderte Valborg. Merkwürdig jedoch sei es daß es gerade auf dieses Jahr treffen mußte? – »Hm!« sagte Per und wandte sich ab. Er konnte sich so von einem abwenden, daß man sich ganz vergessen und verlassen fühlte. Per meinte nichts Böses damit. Denn die Valborg gehörte nicht zu denen, die man schlecht behandelte. Es war schlimm mit ihr gegangen: sie hatte zweimal einen Abgang gehabt. Das erstemal, ehe sie von Juwika wegzogen – es fiel ihr so schwer, von dort wegzuziehen. Das andere Mal in diesem Sommer, und da wäre es beinahe mit ihr zu Ende gegangen – es war auch hierin ein Mißjahr gewesen: es war zu trocken gewesen. Sie nahm dies als eine Warnung oder etwas Ähnliches. Wenn die Weiber keine Vorräte haben, darf man nicht viel von ihnen erwarten, sagte sich Per im stillen, und damit schob er die Sache von sich und packte die Arbeit wieder an. Denn er selbst ließ sich's nicht anfechten: Hier war er, und hier sollte er bleiben; sie wollten es so, und hier war gut sein. Hier ist uns alles zugemessen, Arbeit mit Steinen und Wasser für hundert Jahre, sagte er zu Anders. Und es ist eine reiche und freundliche Erde, wenn sie einen erst kennt. Per arbeitete jetzt an einem neuen Schlitten zum Steinefahren. Plötzlich aber sah er auf und lauschte: die Häusler arbeiteten heute so träge in seiner Scheune. Einen Schlag heute und einen morgen, lachte er, warf das Werkzeug fort und ging zu den Leuten und ließ sich sehen. Seit zwei Jahren hatte er ihnen das Pachtgeld erlassen, dies hatte sie jedoch offenbar nicht gerade aufgemuntert; aber arbeiten mußten sie, damit sie doch auch noch wußten, wer Herr auf dem Hof war. Im selben Augenblick kam Valborg und bat ihn ins Haus. Es sei jemand gekommen. Wer? Na, das würde er schon sehen. Sie sah es ihm an: er dachte an Jens. So war es oft. Aber es war nicht der Jens, es war Maerit, die Schnapsbrennerin. Sie ging von Hof zu Hof und brannte Schnaps und erzählte außerdem Neuigkeiten. Ein paar Jahre lang hatte sie nichts zu tun gehabt, da hatte man sie gar nicht zu sehen bekommen; heute aber kam sie hierher, und sie setzte sich hin, als habe man sie geholt. Sie nahm eine Prise Schnupftabak und erzählte vom Wetter und von den Zeiten und vielem anderen. Da hatten sie Unglück im Stall, ob es nun Lappenzauber oder irgend etwas anderes Böses war; und dort waren sie so nach und nach am Verhungern, und der war krank und bald am Sterben, ja, und ein anderer hatte Blut gebrochen! Am schlimmsten aber war es jenseits des Fjords, drüben beim Schwarzfels: dort ging ein Gespenst um und rief, es wolle in geweihte Erde kommen; – sie erzählte und nieste, bis die Stube voller Unheil war: es sei eine arge Zeit, in der fast unter jedem Bett ein schwarzer Hund liege. Valborg hörte nur halb hin; sie wußte das alles schon vorher. Aber dennoch fraß es in ihr, und ihre Augen wanderten wieder zu Per hinüber. Er war gleichsam nicht zu fassen. So sehr war er auf Maerits Erzählung erpicht. Endlich vermochte sie nicht mehr länger zu schweigen: Ob er die Maerit habe kommen lassen? »Freilich!« erwiderte er, aber nur ganz nebenbei, und fragte dann wieder nach mehr Schauergeschichten. Valborg ging ins Vorratshaus hinüber. Und wahrhaftig: die Gerste war weg! – Eine Tonne Gerste hatten sie gehabt, und jetzt war sie wohl in der Braustube, um für Weihnachten gebrannt zu werden. Sie ging wieder in die Stube. Ohne jedoch ein Wort davon zu sagen. Und nun wurde gebrannt; Maerit brannte, und Maerit klärte, es ging alles ganz still vor sich, als wäre es Zauberei, und dann hatten sie Branntwein, den reinen brennenden Tropfen. »Jetzt habe ich geklärt, und jetzt bin ich klar«, sagte Maerit, und damit fiel sie in einem Winkel hin und schlief wie ein Stein. Sie war schwer betrunken. Maerit kostete nie das Gebräu, das sie brannte, das waren ihre eigenen Worte; man kann schon von weniger betrunken werden, sagte sie, und das fanden die Leute billig. Die Nacht war schon vorgeschritten, und bald schlief jedermann im Hause. Nur Per war noch auf. Draußen war es kalt und klar. Das Siebengestirn stand über dem Scheunendach; der Mond legte blaue Schatten auf den Schnee hinter den Häusern. Im Norden und im Süden und wohin man auch sah, nur Mondschein und Schatten und klarer Himmel. So konnte die Nacht vor einem aufsteigen: ein großes und stilles Antlitz, zwei große Augen. Stand man diesen gegenüber, so fühlte man sich als Mensch gering. Was sahen sie wohl? Per blickte durch eine kleine trübe Scheibe hinaus. Er legte die Hände hinter den Nacken und stand eine Weile so da. Er stand nicht in Gedanken versunken, das tat er jetzt fast nie mehr. Denn der, der sich den Gedanken verkauft, verkauft sich einer schwarzen Macht. Er stand nur so da. Er besann sich, ob er sich nicht ein wenig Laune antrinken und dann hinausgehen und die Leute beim Schopf packen sollte – wenn er ein Juwiking war, und das war er, dann tat er das. Da bemerkte er, daß Valborg wach im Bett lag. Er streckte sich, gähnte ein wenig und sah zum Ofenwinkel hinüber, wo die Maerit lag – wie sollte er sie nun von dort wegschaffen? »Und jetzt habe ich geklärt, und jetzt bin ich klar«, sagte er. »Ja, ja, wir haben ein großes Werk vollbracht.« »Du stehst ja da wie der Tore Versonnen«, sagte Valborg. Er wandte sich ihr zu, kniff die Augen freundlich zusammen, so wie man oft ein Kind ansieht: Fürchtete sie für ihn? Hatte sie Angst, er würde sich zu Weihnachten toll und voll betrinken? Darauf gab sie keine Antwort. »Oder liegst du wegen des Getreides wach? So ist es wohl. Wie wär's, wenn du auf das Korn pfeifen tätest, du wie ich? Du solltest nur sehen, wie leicht es dir da ums Herz würde.« »Daß du das getan hast. Das ist es, was ich nicht begreifen kann.« Er wandte sich wieder halb zu Maerit um. »Schau sie doch an«, sagte er lustig. »Sie schläft, die drücken keine Sorgen. Häßlich, ja! Der Herrgott ist wirklich sparsam bei ihr gewesen. Sie aber fand, das ginge sie nichts an, schlimmer sei es für die die sie anschauen müßten. Soll ich sie auf den Bodenraum schaffen? – Und wenn heute nacht ein schwarzer Hund kommt und sie beschnuppert? Dann ist sie ja klar , dann ist es vorbei mit ihr.« »Ich meine, du bist – ich meine, du bist auch betrunken?« »Ach, Geschwätz.« Jetzt trat er an ihr Bett, und sie sah, daß er ganz nüchtern war. »Ich weiß es ja, Per, daß du dir immer gleich bist, was du auch tust.« Per sah sie lange an, plötzlich drehte sich ihm alles vor den Augen, war er denn doch betrunken? »Was gibt es denn nun eigentlich?« Valborg kämpfte schwer damit. Früher wußte sie nichts von Per. Da war dies eine so große Sache. Nun wußte sie gleichsam alles von ihm, und nun war das das Größte, was sie hatte. »Nein, es ist nichts Besonderes gerade. Aber es kommt mir so vor – als stünde eine Macht gegen uns?« Sie sah ihn erschreckt an und blickte wieder weg, sie konnte fast nicht glauben, daß sie es gesagt hatte. Nun begann Per sich auszukleiden. – »Schlaf jetzt, Weib«, sagte er. Sie erwiderte nichts darauf, und so wurde es still in der Stube. Man hörte nichts anderes als Maerits Schnarchen dort beim Ofen. Das Feuer erlosch, und die Kerze brannte zitternd herab und erlosch auch bald. Der Mond legte gelbgrüne Scheiben an die Wände. – »Ja«, sagte Per, er hatte eine Weile auf dem Bettrand gesessen und merkte nun, wie still es war – wie es sich nun damit verhielt oder wie es sich nicht damit verhielt, das wußte er nicht. – »Aber hier wollen wir nun bleiben, das weiß ich. Gleichgültig, wer uns hierher verpflanzt hat. Gleichgültig, wer dies auch war, ja. Jetzt erlosch die Kerze, Per zerdrückte den Docht, trat dann an den Wasserbottich und trank. Man hörte das Rauschen vom Fjord herauf, wenn man darauf lauschte, der Fjord lag im Mondschein da, unter dem Landwind und der Kälte, die Stube wurde förmlich durcheist. Per lächelte: »Aber schau, du bist nicht mehr du selbst, seit wir von Juwika fortzogen. Wer wird denn deshalb gleich verwerfen!« »Unsinn! Ich weiß, du hast recht daran getan, Per. Ich denke nur an eines. Und das tust auch du.« »Ha? Was meinst du?« »Und wer weiß – was uns noch Böses dafür bevorsteht.« »Ach, laß doch! Du meinst Morten Aune? Morgen abend nehme ich die Büchse, und dann fahr ich hinüber und erschieß ihn.« Eine Weile lag sie da, dann kam es. und es kam von tief innen heraus, das hörte er: »Red nicht so. Du bist ja doch kein Juwiking, Per, und sollst auch gar keiner sein.« Er fühlte sich zuerst getroffen, dann aber lachte er und kroch unter das Fell: »Mein Gott, wahrhaftig. Wie du dein Herz ausschüttest!« Noch einmal murmelte er es vor sich hin und gähnte dann: »Schüttest das Herz aus, bis die Galle kommt.« »Aber der Pfarrer müßte doch dem ein Ende machen können«, sagte sie. »Denn daß wir unser Leben lang darunter leiden sollen, das – das –« »– kannst du in den Schornstein schreiben!« 2 Im Lauf des Winters ruderte Per zweimal nach Valvaere hinüber, kehrte jedoch immer mit leeren Händen zurück. Er sagte nicht, was er dort wollte und wurde auch nicht danach gefragt. Im Frühling fuhr er noch einmal hinüber, diesmal aber kehrte er mit zwei Säcken ausländischen Getreides heim. Er stand nur da und sah Valborg an, sie wußte nicht, ob er mit ihr rede oder mit sich selbst, trotzdem aber war sie ganz einig mit ihm: kam einer, der Not litt, so mußte man ihm geben können. Immer wieder schlichen sich die Leute mit ihren leeren Säcken auf den Hof und wollten Valborg sprechen, und Per hatte recht, sie sahen so jämmerlich aus, wenn sie mit leeren Händen heimgehen mußten. Alle Augenblicke riefen die kleinen Jungen: Da kommt wieder ein Sackträger! Was werden wir wohl in diesem Jahre säen, was meinst du? dachte Valborg eines Tages, während sie das Essen schöpfte. Es fehlte nicht viel, dann hätte sie es ausgesprochen. Das Gesinde saß am Tisch. »Ja, das mag Gott wissen!« sagte Per auf einmal, er hatte das Tischgebet gesprochen und wollte hinaus. Valborg stieg es heiß auf, so hatte er also doch gemerkt, was sie innerlich gedacht hatte. »In Juwika haben sie noch haufenweise Getreide, soviel ich höre.« Das sagte sie am Tage darauf, als sie im Stall einen Bottich holte und Per gerade mit einem Zaumzeug hantierte. Sie wartete die Antwort nicht ab, und eine solche kam auch nicht. An diesem Tag fuhr Per nach Paalsnese und kaufte eine halbe Tonne Saatkorn. Ane maß sie ihm ein, und sie maß gut: »Das soll die Erde von Haaberg bekommen«, meinte sie.– »Ja, das soll sie bekommen und wenn sie mir das Haus einrennen mit ihren leeren Säcken«, knurrte Per, und als er heimkam, nahm er den Säbottich und lief aufs Feld, als habe er das Korn gestohlen. Am gleichen Tag kam Aasel allein über den Fjord gerudert. Sie wollte mit Valborg sprechen. »Komm mit hinunter ans Wasser«, sagte sie nur. Valborg legte die Schürze ab, schlüpfte in die Holzpantoffel und kam mit. Nein, sagte Aasel, diesmal solle sie doch Schuhe anziehen; – das Lachen saß ihr zitternd in den Augen und in den Mundwinkeln. Valborg schlüpfte in die Schuhe, und dann gingen sie hinunter. Im Boot lagen zwei Säcke Getreide. – »Aber hier sind schon Leute gewesen, soviel ich sehe«, sagte Aasel und ließ die Blicke zu den Häuslerplätzen hinauf schweifen. »Ja, ja:›Die gripsen und grapsen‹, wie der Vater immer sagte.« »Nimmst du den einen, dann nehme ich den anderen!« sagte sie und sah Valborg dabei lustig an. »Nur zu!« und damit nahm diese den Sack auf den Rücken und ging, Aasel kam mit ihrer Last hinterher. In jedem Sack war eine halbe Tonne, und der Weg war lang und steinig, Haaberg trat förmlich immer weiter zurück aber endlich waren sie doch oben beim Vorratshaus. »Weiß Gott, ich glaube, da kommen schon wieder zwei Sackträger!« sagte Petter, der jüngste Sohn, und zupfte den Vater. Per warf einen flüchtigen Blick hinüber, wandte sich aber gleich wieder seiner Arbeit zu. »Jetzt weichen wir das Saatgetreide gleich ein«, sagte Aasel. »Das wäre wohl am sichersten.« Valborg lachte ein wenig, mit der einen Hälfte des Gesichtes. Dann standen sie schwer atmend da und sahen einander an: sie waren doch etwas wert. Valborg blinzelte: »Jetzt wird er ein langes Gesicht machen, dein Alter, wenn er merkt, daß Diebe in seiner Getreidekammer gewesen sind.« »Woher doch. Mit den dicken Backen, die er hat. Und übrigens: Der Mikkal –« Valborg lachte. Sie konnte so laut und herzlich lachen, wenn sie nur wollte, es war wie klares Wasser, wenn sie lachte. Bald aber war sie wieder ernsthaft: Es sei, wie sie immer sage, ein jeder Tag bringe das Seine. »Ich hätte etwas mir dir besprechen wollen«, sagte Aasel, als sie schon im Begriff war heimzufahren. »Aber für heute können wir's sein lassen.« Valborg stieg eine leichte Röte in die Wangen: Vielleicht wisse sie, um was es sich handle. Denn es gäbe vieles, was zu besprechen gewesen wäre. Und erlöse uns von dem Übel! so sage nun sie. Dann bringe jeder Tag das Seine. Das gleiche sagte sie abends zu Per. »Von dem Übel, ja«, lachte er; – ja, das müsse sie zweimal sagen. Dann brächte vielleicht nur jeder zweite Tag das Seine. Die Erde erhielt das Getreide, das sie brauchte, und damit war vieles gut und schön. Es war ein Wunder, wie alles aufkeimte. »Sie ist schwarz, die Erde, und will mir gut«, sagte Per. »Und wartet nur, bis ich mehr Zeit habe.« Er hatte einen alten Knecht auf dem Hof, namens Steffen, eine Hinterlassenschaft von Ane: Steffen Groß-Schuh nannten die Schlingel von Söhnen ihn, denn er hatte so große Füße – sie hatten sich den Nagel seiner großen Zehe ausbedungen, um sich einmal einen Hornlöffel daraus zu schnitzen, erzählte man sich. Zuverlässig bei jeder Arbeit war er, und es hatte sich ganz von selbst ergeben, daß Per und er öfters miteinander sprachen. Steffen redete sonst nicht mit vielen Leuten. – »Haaberg soll einmal ein Hof werden, Steffen«, sagte er zu ihm.– »Haaberg ist schon ein Hof«, brummte der andere. – Wenn wir nur erst die Steine hier weg und das Wasser in Ordnung gebracht hätten.« – »Na, weiß nicht.« – »Warum?« – »Ja, sie sind schon alt geworden hier, die Steine, sie waren schon vor dir hier.« – »Ja, aber jetzt werden sie nicht mehr älter, über der Erde. Sie müssen hinunter, ob sie wollen oder nicht.« – »Tu's nicht, tu's nicht! Das rat ich dir!« Per fand seinen Spaß darin. Je mehr man mit den Leuten redete, desto mehr wuchs man und überragte sie. Er ließ sich im Laufe des Sommers ein paarmal auf dieses Gespräch mit Steffen ein, aber der wurde immer unzugänglicher. Die Steine, was hatten sie denn Schlimmes getan? Und das Wasser? Hatten sie denn jetzt kein Recht mehr, diese Dinge? »Heuer haben wir ja freilich eine gute Ernte auf Haaberg. Das ist wahr. Aber: weißt du, was das nächste Jahr bringen wird?« »Aberglaube und Geschwätz«, meinte Per. – »Ja, mag sein, wie es will – die Welt ist älter als du. Der Iver Brudalen, wie ist es mit dem gegangen!« – »Was war's denn mit dem?« – »Ach, nichts. Nichts weiter, als daß er unter den Stein kam. Ja. Der Stein saugte ihn unter sich – es war nicht etwa ein kleiner Stein, der ihm da im Weg lag. Sie gruben ihn halbtot heraus. Er hatte nun gelernt, die Dinge in Frieden zu lassen.›Friede auf Erden‹, heißt es. So hieß es unter dem alten Pfarrer, ja.« Per lachte. Er lachte selten, aber er lachte jetzt gut, er lachte Steffen und die Steine aus; jetzt war er erst richtig versessen darauf. Ja, ihm war oft gewesen, als rudere er allein im Dunkeln, das war nicht zu leugnen, und von Juwika war er fortgeschreckt worden, als habe er eine ganze Schar schwarzbeschwingter Vögel hinter sich. Wenn er darüber nachdachte so schien es ihm ganz unglaublich, welch ein blonder und ungläubiger Juwiking er wieder geworden war. Und wäre Jens hier gewesen – aber gleichviel, den entbehrte keiner mehr. – »Es ist keine Kunst, Steffen, wenn man den Feind so gerade vor sich hat; wenn man ihm so in die Augen sehen kann. Und im Notfall, weißt du, kann man sagen, wie die Weiber – wie die Leute hier in der Nähe der Kirche sagen:›Und erlöse uns von dem Übel!‹ Das muß doch helfen, nicht wahr?« Aber Steffen wurde mürrisch und verdrossen, und Per mußte ihm lange gut zureden, bis er wieder guter Laune war. Es gab eben einen so frischen Geschmack im Munde, sich dann und wann an einem Menschen zu reiben. Und dann waren noch diese Jungen da. Sie wollten keine Vernunft annehmen. »Immer und ewig nur Essen und Prügel«, seufzte Valborg, »und nichts als lauter Eigensinn.« – »Ja, aber hier gibt es genug Birkenreisig«, sagte Per, »und irgend jemand mußt du ja haben, an dem du deinen Zorn auslassen kannst.« Oft aber war er nachdenklich: was würde einmal aus ihnen? Was steckte in ihnen? Trotzdem hatte er seine Freude an ihnen. Er war nicht mehr allein. Eines Abends, als er beim Landhändler stand und bewirtet wurde, hieb er mit der Faust gegen den Dachbalken: »Hoi, Burschen! Mir muß es schon dick kommen, ehe ich wie die Weiber bete!« 3 Per stand da und sah Steffen Groß-Schuh und dem andern Knecht zu, die den Graben zudeckten. Das war eine neue Arbeit in dieser Gegend; vorher hatten sie nur offene Entwässerungsgräben gekannt. Steffen war vom Süden, und er war es auch, der diese Arbeit kannte. Er fühlte sich wie ein Kunstschmied, wie er so dastand, und beachtete nicht einmal den Bauern; der Knecht reichte ihm einen Stein nach dem anderen, aber nichts war ihm recht zu machen, nie brachte der Knecht den richtigen: »Die beiden gehören auf die Seite, und der oben drüber: so machen wir's im Süden!« Per sah ihn an, in ruhigem Machtbewußtsein. Steffens Kopf war klein und rund, mit schwarzen Haaren, die Stirn nicht groß, aber darunter sah man ein grobes, knochiges Gesicht; die Augen waren klein und armselig, aber voller Weisheit, wenn sie so die Steine auswählten; sein Rücken war zum Sklavenrücken geschaffen. Per betrachtete genau Steffens Beine: Sie waren kurz und krumm mit langen flachen Füßen – der würde beim Laufen kaum weit kommen. Per betrachtete seine eigenen Beine, sah überhaupt gleichsam an sich hinab. Er konnte immer noch so hoch springen, wie er selber war, er konnte mit dem Pferd um die Wette laufen, konnte die Leute ins Meer hinausjagen, wenn es darauf ankam, lächelte er vor sich hin. Nun ging er wieder an seine Arbeit. Er war mit den großen Steinen unten beschäftigt. Im Dahingehen blickte er auf und sah voll guten Mutes um sich: Nach diesem hier hatte er all sein Lebtag gestrebt; darum war er hierher gekommen. Er dachte nicht daran, daß er gar manches Mal gezweifelt hatte; das hatte Valborg getan, und sie hatte ja Zeit zu glauben, was sie wollte. Es war bereits Herbst, und das Getreide stand in Hocken; nun kamen die ersten klaren Abende. Wahrhaftig ein gutes Wetter. Nach Süden zu veränderte sich die Landschaft, während er sie betrachtete, Hügel und Berge kamen auf ihn zu, Schluchten und Bergvorsprünge traten mit Licht und Schatten hervor, und alles, was noch weiter entfernt war, verschwand in den Himmel und in den Abend hinein; ihm schien, als teile sich das Land vor ihm. Und der Mond stand schon am Himmel, kalt und lustig blitzte es in den Wasserpfützen auf; es würde wohl bald frieren. »Meinetwegen«, murmelte er, hob behaglich die Schultern, wie einer, dem wohl ist. Da lag nun der Bursche, dem er zu Leibe rücken wollte, er hatte schon das Grab für ihn ausgehoben. Der Stein war gleichsam erwacht und in Unruhe geraten. Sein ganzes Gesicht War bärtig und voller kleiner Augen. Jetzt hörte Per den Stein moosgrauer Stimme, ähnlich wie Steffens Stimme, etwas murmeln: Es wohnt gar mancherlei in solch einem Kerl wie ich. Das glaubte Per gern. Hier hielten sich wohl die kleinen Geister auf, denen Per nun das Heim zerstörte; im vergangenen Jahr hatte Per einen von ihnen gesehen, er sprang von dem Stein dort drüben zu dem Steinhaufen unten am Ackerrand, lief und kollerte, so daß die Messerscheide an seinem Hintern hin und her baumelte. Per stieß dem Stein das Brecheisen mitten ins Gesicht: »He, Bursche!« Dann sprang er wieder herunter und machte sich ans Graben. Es war nicht ganz ungefährlich, denn die Grube war tief und eng, und der Stein lag gewiß auf der Lauer. Per hieb einige Stufen in die äußere Grabenwand. Sollte es den kleinen Geistern einfallen, den Stein zu früh zu stürzen, so würde ihnen das nicht viel nützen. Er fuhr ein wenig zusammen, als er merkte, daß noch einer da war. Es war nur der Anders, der zum Helfen kam. So war er gar manches Mal gekommen, mit Spaten oder Hacke, obgleich er im Grund immer noch am Schürzenzipfel der Mutter hing. »Der Hinke-Andreas ist gekommen«, berichtete der Anders. Per blickte auf, richtig, dort kam er. Der Hinke-Andreas war ein Halblappe und war mit einem Lappenmädchen verheiratet, soviel die Leute wußten; er kam auf die Höfe und bettelte dort, oft, klein war er und schleppte den einen Fuß nach, glatt und sanft war er, aber trotzdem gefährlich genug – auf seinem Kopf wuchs kein Haar, und es kam auch nie eine Mütze darauf. Und ob man ihm nun etwas gab oder nicht, so bedankte er sich und segnete einen dafür. Man konnte nicht sagen, er sei alt, und er war immer lustig. Er hinkte, daß es ein Jammer war, er aber lachte nur darüber und war vergnügt: Ja, ja, der eine Fuß ist zu kurz, dafür aber ist der andere um so länger, da gleicht sich's aus. Und für unebene Wege gibt's nichts Besseres, der kurze Fuß gehört für die Steine und Erdhaufen, a–i–a–i–a–oh! Jetzt kam er schwankend über das Feld auf Per zu und blieb vor ihm stehen. Per mochte ihn nie gern, ihm ging es wie den anderen: er erschrak immer, wenn er ihn gewahr wurde; und warum war er immer so sanft, dieser Lappenwurm? Und warum setzte er keine Mütze auf seinen kahlen Schädel? Was wollte er denn von einem? Er solle von Juwika vielmals grüßen, sagte er. Schön sei es in Juwika und gute Menschen seien dort. Er plapperte und redete, seifte Per richtig ein, so schien es Per wenigstens, redete ihm um den Bart und erzählte von den Leuten auf Juwika und von Haaberg und vielen anderen Dingen. – »Geh heim, und gib dem Kerl etwas zu essen!« brummte Per von unten herauf. Anders stand da und betrachtete den Lappen von oben bis unten. »Kannst du zaubern?« fragte er plötzlich. »Gott bewahre dich, wie du redest, du Goldkind! Zaubern, das heißt den Teufel beschwören!« Per war heraufgestiegen, um das Brecheisen zu holen. Ehe er sich dessen bewußt war, packte er den Lappen beim Kragen, hob ihn auf und stellte ihn auf die Seite: »Fahr zur Hölle, und laß dich nicht mehr sehen!« rief er. Da kreischte der Lappe auf: Er solle vom Schwarzfels grüßen und von Morten Aune und von der Daaret und dem Kind – vom Jens, seinem Bruder und – und – hi hi hi ho! Er schrie wie der Teufel in der Klemme, so schien es Per, es überlief ihn kalt, und im nächsten Augenblick war er über dem Lappen und schleuderte ihn fort. Andreas hinkte aus Leibeskräften davon und wagte erst wieder im Dunkel des Waldes zu kreischen, da lachte er herüber: »A–i–a–i–a–i–oh!« Per wieherte ein wenig, auch er, und dann machte er sich wieder daran, den Stein zu lockern. Der Alte sank mit einem langen lauten Seufzer in sein Bett, er war zu alt, um sich zu wehren. Staub wirbelte unter ihm auf, und wahrhaftig, da riß er den Per mit sich. »Nein, wart ein wenig!« sagte Per und warf sich zurück, »hier will ich nicht verfaulen! – Diesmal sind sie zu kurz gekommen, die kleinen Geister«, fügte er hinzu. Dann wollte er mit den Steinhaufen das Loch weiter ausfüllen. »Es wird zu seicht zum Pflügen«, sagte Anders. »Wirf doch den Haufen in die Senke dort!« – »Da hast du recht«, antwortete Per; und sie machten sich an die Arbeit. Per nahm den größten Stein, Anders brachte die übrigen nach. Am Schluß nahm Per die kleineren Brocken und schleuderte sie in die Senke hinüber, ebenso Anders. Per arbeitete, daß ihm der Schweiß herunterrann, er wurde immer stärker und stärker, die Steine sausten wie Holzspäne durch die Luft. Es tat doch gut, zu fühlen, daß noch ein wenig Kraft in einem steckte. Plötzlich aber, als er einen Stein wegschleuderte, verspürte er etwas Seltsames: Es war, als rühre ihn einer an, gleichsam als fahre ihm einer mit dem Finger über den Bauch, mit einem warmen und guten Finger, aber Per sank förmlich zusammen, brach in zwei Stücke, die Füße wichen unter ihm fort, und er wurde ganz schwach. Er griff nach einem zweiten Stein, denn er ärgerte sich, allein es war keine Kraft mehr in ihm, er mußte den Stein wegtragen. Im übrigen war die Senke nun voll, so daß sie das Loch und auch die Steine los waren, und Anders mußte heim, um nach den Schafen zu sehen, die sich gegen Abend so gern in die Berge wegstahlen. Per ging im Mondschein dahin und las die kleineren Steine auf. Wenn er sich nicht streckte, schmerzte ihn der Leib nicht mehr, ihm war nur so kalt und so seltsam zumute. Sollte er sich wirklich etwas verdehnt haben? Er tastete sich ab, obgleich er es am liebsten nicht getan hätte. Ja, ja, irgend etwas war jetzt mit dem Leib nicht in Ordnung – er setzte sich und fühlte, daß er ein kaltes Gesicht und leere Kinnladen hatte wie ein überraschter Dieb. Soll ich denn jetzt wirklich krank werden, das ist doch ganz würdelos, knurrte er, zum Teufel, was hat das für einen Sinn? Bis jetzt – hat sich doch noch kein Juwiking beim Arbeiten verdehnt, nagte es in ihm. Und gerade jetzt? – Ach was, er wurde bald wieder gesund; in einigen Monaten vielleicht – in einigen Tagen. Er stand wieder auf, da fühlte er deutlich, wie jemand ihm einen Schlag versetzte. »He?« sagte er und wandte sich um. Und da! er verspürte einen Luftzug, als sei eine Faust an ihm vorbeigefahren. Rasend grinste er zwischen gebleckten Zähnen, wie Jens beim Raufen: »Scheißkerle! Häuslerpack! Traut euch nur nicht, das rat ich euch!« Der Mond leuchtete unverwandt und hell herab, und alle Wasserpfützen und Räderspuren gaben den Glanz spiegelblank zurück; es hörte sich an, als rühre der Mondschein an das Getreide in den Hocken, es knisterte in der Stille. Schwarze Schatten lagen bei jedem Stein, und bei jedem Berg vertiefte sich der Schatten zu schwarzer Nacht. Nirgends waren Menschen unterwegs. Für wen leuchtete da der Mond? Per erhob sich jäh, griff nach dem Spaten und ging heim. Er ging steif und mit zusammengebissenen Zähnen wie ein Betrunkener, der geradegehen will; dabei dachte er, ob je ein Mensch ruhiger gehen könnte als er jetzt. Auf dem Heimweg wurde es ihm klar, was die Leute damit meinten, wenn sie beim Steinbrechen ein Hufeisen auf den Hebebalken nagelten; er hatte den Balken immer nur mit einem anderen Stück Eisen beschlagen. Er trug keinen Stahl bei sich, nicht einmal das feste Messer in der Scheide. Langsam kam er auf den Hof, nur ein wenig rasch um die Hausecke herum, nur ein wenig schnell in die Türe, das würden ihm nicht viele nachmachen, das wußte er. Abends konnte er nichts essen, und er bat den Knecht, die Pferde zu versorgen. Am nächsten Tag hielt er sich daheim und machte nur allerhand kleine Arbeiten. Valborg bat ihn fast nie um irgendeine Hilfeleistung; aber an diesem Tag bat sie ihn, ein Schaff voll Wäsche mit ihr zum Brunnen zu tragen. Per griff zu, aber es gelang ihm nicht. »Ich habe mir gestern abend die eine Hand so verdehnt.« – Faß mit der andern an, hier!« meinte sie. – »Und den Rücken auch, hörst du!« Er rief es, daß es in den Wänden hallte. – »Hoho«, sagte sie ruhig. So hatte sie ihn, seit sie hierher gezogen waren, nicht mehr gehört. Damit hob sie das Schaff allein auf. Er besserte das alte Kreuz über der Stalltür aus, als es niemand sah; er nagelte ein Hufeisen über der Türe zum Pferdestall an. Im Bett versteckte er ein Messerblatt unterm Stroh. Er grinste, während er dies tat, und sah hinterlistig aus. Anders aber hatte alles gesehen, und nun wollte er wissen: »Hilft denn so etwas gegen Runen und Zauberei?« Und als er keine Antwort erhielt, fuhr er fort: »Hilft das gegen die kleinen Geister?« »Pah!« sagte Per. »Es gehört nur so zu Haaberg. Jeder Hof hat so das Seine.« Ob er denn krank sei? fragte der Sohn später, und ebenso fragte auch Valborg. – Ja, er habe ein bißchen Gicht im Körper, ein wenig Reißen in der einen Hüfte – im Rücken wollte er sagen. Sie lachten nicht, als sie fragten, nein. Aber wenn die Weiber erfahren, daß ein Mann seine Gesundheit nicht hat, daß ihm auch nur das Geringste fehlt, daß er auch nur ein wenig gezeichnet ist, dann ist es zu Ende. Ja, dann ist es zu Ende. 4 In Paalsnese gab es ein Begräbnis. Der Andreas war gestorben. Ane hatte ihn draußen an der Vortreppe gefunden, und da war's mit ihm vorbei gewesen. So fand man sie, manchmal. Was es war, wußte man kaum. Es war Spätherbst und Frostwetter. Die Leute hatten den Sarg weich auf Tannenzweige gebettet und fuhren so vorsichtig wie nur möglich, trotzdem rumpelte und ratterte der Wagen, daß es ein Grauen war; wenn sie über die schlimmsten Stellen fuhren, biß sich Ane in die Lippe, daß sie weiß wurde. Im übrigen trug sie es sehr gefaßt; sie hatte sich nie viel Gutes vom Leben erwartet. Man sagte ihr schöne Worte, denn sie gehörte zu den Leuten, mit denen man reden mußte. Und die Leute redeten auch untereinander, als sie von der Kirche zurückgekehrt waren. Wie schön war es doch in Paalsnese gewesen, seit die beiden geheiratet hatten. Sie hatten sich so gut vertragen. Ane sparte, und er half ihr dabei. Sie seufzte, und er versuchte es auch zu tun. Sie sah aus, als sei alles in der Welt gegen sie, und er unterstützte sie dabei so gut er konnte. Ein wahres Glück, daß er daran gedacht hatte, für sie nach seinem Tode zu sorgen: Erst kurz ehe er starb, hatte er mit einem Brudersohn noch darüber gesprochen; es war wohl wie eine Vorahnung gewesen. »Ja, Ahnung«, seufzte Ane. Sie hatte an zwei Tagen hintereinander das Mißgeschick gehabt, den Daumen durch die Brotrinde zu drücken, so daß danach ein rundes Loch zu sehen war! – »Ja, da konnte man es ja wissen!« seufzte es von allen Seiten. Per Haaberg raffte sich auf und räusperte sich. »Die reden von Ahnung«, sagte er. »Die reden von Vorbotschaft .« – Die Gäste saßen bereits bei Tisch, und Per war wie verändert, denn es gab ein herrliches Bier bei diesem Leichenschmaus: eine Tonne Malz auf eine Tonne Bier! Jetzt stand er mitten im Raum und fühlte sich mutig, war sich selber ganz fremd. Nie vorher hatte er über das Maß getrunken, aber entweder war er jetzt bereits betrunken oder – er würde es werden. Auch die anderen saßen nicht schweigend da, die Stube war von einem Surren erfüllt, lauter angesehene Gäste, redeten die von Vorahnung? Ja, Vorahnung! Zeichen werden geschehen! Es ist schon so, daß es rings um dich davon wimmelt, und wenn du darauf achtest, dann wirst du sie auch gewahr. Ja. Er erinnerte sich noch, wie er im vergangenen Jahr gesät hatte: er ging gegen den Wind, wie es richtig ist, trotzdem aber war es, als nehme einer ihm die Körner aus der Hand und werfe sie einfach vor ihm in die Luft hinaus – er hätte eigentlich nicht ein Korn säen dürfen. Und wie war es jetzt im Herbst gewesen, ehe er sich verdehnte und zerriß? Er hatte ein starkes Wetterleuchten am Himmel gesehen, das plötzlich zerriß, ja, und einmal war es, als zerrisse das Land vor ihm, in den Bergen im Süden – Hatte er sich denn verdehnt und zerrissen? Per blinzelte mit den Augen, denn es war so hell von all den Kerzen, und dort sah er Valborg, die zu ihm herüberstarrte. »Worüber grinst du, Weib?« Die Röte stieg ihm heiß in die Wangen. Ja, er war ein wenig zu Schaden gekommen, über dem Magen, hatte so verkehrt nach einem Stein gegriffen, aber jetzt war er wieder hergestellt, war wie ein neuer Mensch. sprach rasch weiter: Eines Tages hatte er die Kirchenglocken bis heim nach Haaberg läuten hören, gegen den Wind. Das hatte dem Andreas gegolten. Und jetzt hier im Herbst, hatte man es nicht bemerkt? Da standen zwei Sterne am östlichen Himmel, einer dicht über dem anderen, und der eine hing wie ein schweres Gewicht am oberen, ja, hier gab es zahllose Zeichen rings um einen, und wenn man ihrer nur achtete – – dann könne man nicht fehlgehen, sagte Valborg, sie lachte laut und scharf. Vorahnungen von dem, was schon geschehen sei! »Hm«, sagte Per. Er wandte sich ab und murmelte etwas vor sich hin. Kaum hatte Per vorhin zu sprechen begonnen, so war den anderen das Reden vergangen, denn es kam so unerwartet, daß er etwas sagte; bald aber lebte das Schwatzen in der Stube wieder auf, die Leute teilten sich in kleine satte und zufriedene Gruppen und redeten und unterhielten sich, für sie war dies eben wie ein Gastgelage. Per hörte nur das Summen der Stimmen und dann und wann ein Wort: Die Katzeneule, sagten sie, was sollte man von der halten? Krähen und Elstern, das war doch etwas anderes, die flogen um die Häuser herum und stahlen. Die Katzeneule wollte dort gar nichts – warum aber tauchte sie dann überhaupt da auf? Sie war ein Unglücksvogel. Sogar Mikkal von Juwika machte den Mund auf. Er redete, daß er sich selbst ganz darüber vergaß. »Ich habe mir immer zu helfen gewußt, bis auf ein einziges Mal: Ich kam mit einem schwerbeladenen Boot von der Mühle, in einer stürmischen Nacht mit dickem Schneetreiben, das Boot war leck, und der Wasserschöpfer war zu klein, und ich hatte einen geschwollenen Finger und Durchfall; da wußte ich kaum noch –« Per räusperte sich und richtete sich auf. Er schüttelte einen Alp von sich ab, der auf ihm ritt, so fühlte er es: Er war nicht anders als die anderen und wollte es auch nicht sein, er war einer von vielen, ein Ton im Lied, ja! Juwiking? Zum Teufel mit dem Juwiking! Wartet nur, bis ich wieder gesund bin! – Er wandte sich zu Aasel: »Laß dir Zeit, dann wirst du schon sehen! Die Juwikinger gingen jenen Weg, ich gehe den hier. Denn was wurde im Grunde aus ihnen? Haben sie etwa einen breiten Weg hinter sich gelassen?« Eine Weile stand er schweigend da. Die Reden und die Menge saugten ihn auf. Er glaubte, was die anderen glaubten; er versank so getrost unter sie alle. – Irgend etwas mußte man doch glauben dürfen, zum Teufel? He? Jetzt sollten sie ihn aber endlich tränken, er sei durstig! Aber man hörte nicht auf ihn, es war jemand hereingekommen, dem alle ihre Blicke zuwandten. Ein feiner Mann, in Pelz und hohen Lappenfellstiefeln. Jetzt erkannte Per den Mann. Sein Gesicht wurde plötzlich leer, die Kinnlade fiel ihm herunter, die Wangen wurden graubleich, die Augen aber standen wie festgebannt, dann trat er einen Schritt vor: »Es ist nicht wahr! Du bist es nicht, verflucht noch einmal!« Aber er war es doch, es war der Jens, der auf ihn zutrat und ihm die Hand gab und dann herumging und einem jeden die Hand reichte. Per mußte zu Valborg hinübersehen. Sie wurde nicht blaß, nichts war ihr anzusehen, sie zögerte nur ein wenig, als sie Jens die Hand geben sollte. Jens redete laut und ganz offen: er war vom Norden gekommen, ja ganz oben von der Finnmark, es war eine tüchtige Segelfahrt gewesen, und gesegelt hatten sie wie wirkliche Mannsbilder. Es hatte sich eine »Gelegenheit« geboten, und die wollte er ausnützen, um nach Süden zu fahren, um alte Plätze wiederzusehen, sozusagen, hahaha! Und es hatte den Anschein, als sei er gerade zur rechten Stunde gekommen. Jawohl, ein guter Trunk Bier – und auf ein gutes Jahr alle miteinander. Er war gleichsam noch mit vollen Segeln hereingekommen, und es fehlte nicht viel, so hätte er sie alle umgeblasen. So stürmisch kam man sonst nicht von weit her, aber man mußte daran denken, daß er sehr weit in der Welt draußen gewesen war; verflucht noch einmal, sagte er immer wieder, und fremdartig war er in allem und jedem. Willkommen daheim! Als er alle begrüßt und etwas in den Magen bekommen hatte, wurde er still. Ja, Handelsmann war er gewesen, und das war er noch; und er sollte auch wieder nach dem Norden. Aber es war jetzt kein Zug mehr in ihm; er blieb mit einem halben Lächeln sitzen und sah die Leute ringsum an. Bisweilen kratzte er sich ein wenig im Bart. Das Gesicht war von rotem, krausem Bart überwuchert. Im übrigen war er der alte, das sah Per sofort. Gleichwohl konnte er kaum glauben, daß es Jens sei. Genau so war Jens auch früher gewesen, aber Per hatte es nicht gesehen. Er hatte nicht gesehen, daß sein Blick so unstet war, nicht, daß die Kinnladen so breit und wild waren, und nicht, daß das Kinn so viel zu klein war. – »Aus zu altem Geschlecht«, murmelte er plötzlich vor sich hin. »Und Brüder sind wir.« Dann ging er hinaus. Draußen blies der Sturm wie immer in Paalsnese, denn hier gab es keinen Schutz vor dem Landwind. Fragten Kinder ihre Mutter: »Was macht der Wind, wenn er nicht bläst?«, antwortete die Mutter immer: »Dann ist er in Paalsnese und reißt die Häuser ein.« Aber die Häuser stehen noch, dachte Per. Wenn hier in Paalsnese einmal ein Haus einfällt, so kommt das daher, daß es sich nicht an den Wind hat anlehnen können. – Der Landwind fuhr um die Hausecke, toste wie die Brandung unten am Strand, rannte immer wieder gegen die Wand an und erschütterte alles. »Nur zu!« sagte Per. Die Sterne flackerten am ganzen Himmel, groß und unruhig, wie vom Wind angefachte Glut. »Wenn er sie nur nicht herunterbläst – denn dann wird es heiß hier auf der Erde«, lachte Per. Er stand barhäuptig im Wind. So stand auch der Vater oft, mußte er denken. Und nun war der Jens heimgekommen, ja wirklich. »Habe ich nicht eines Abends vor der Tür gestanden und ihn kommen sehen, ganz glaubhaft, einen großen, weißen Stier mitten aus dem Wald heraus? – Aber was wollte ich eigentlich sagen –« Er hob die Hände und legte sie um den Nacken. In dieser Stunde fühlte er, daß der Haaberghof eine sinnlose Last auf seinem Rücken gewesen war. Ebenso wie es eine Last war, ein Juwiking zu sein. Nein, er wollte wieder zu den anderen hineingehen. Er wollte oft zu ihnen gehen, es tat gut, mit ihnen zusammen zu sein. Es war doch gar nichts so ungeheuer Großartiges, allein herumzugehen und sein Lebtag das nicht zu glauben, was die anderen glaubten? – Beherzt sein war ja ganz gut, aber er für sein Teil wollte lieber der sein, der er war. »Und komm mir keiner mit was anderem!« Per trat mit raschen Schritten wieder in die Stube. Er sah nicht nach der Seite, wo Jens saß, und Jens blickte auch nicht nach ihm. Sie tranken alle beide, und das taten alle miteinander. Als Jens fühlte, wie ihm das Bier zu Kopf stieg, kam wieder Leben in ihn, und er hörte nicht auf, bis er die ganze Stube aufgeweckt hatte. Sie sollten tanzen. Alan hatte schon vorher daran gedacht, viele von den Gästen, und es dauerte nicht lange, so tanzten sie, daß der Boden zitterte. Per tanzte nicht, er stand in der Tür und sah zu. Nie hatte er einen Menschen so wild und froh gesehen wie Jens, wenn er tanzte, das war nicht das Gesicht eines vernünftigen Mannes: der Juwiking flog jetzt vom Schaft! Der Juwiking, von dem war nur noch die Haut da, und die war häßlich. – »Teufel, nein, wir sind nicht Brüder!« sagte er. Die Leute von Haaberg fuhren erst am nächsten Tage heim, und da kam Jens mit ihnen. »Wie steht es drüben in Juwika?« fragte Valborg. Jens sah sie an. Er dachte ein wenig nach und fing dann wieder an, mit Per zu reden. Er ließ sich's nicht anfechten. Als Valborg mit Per allein war, stemmte sie die Hände in die Seite und stellte sich vor ihn hin. So hatte sie noch nie vor ihm gestanden, sie war so breit und so sommersprossig und so stark und schön. Sie sah ihm geradeaus ins Gesicht. Eines schönen Tages wird sie mich anfallen, mit Krallen und Klauen, dachte er. Wenn sie merkt, daß ich tief genug drunten bin. Und im selben Augenblick, da er dies dachte, fühlte er, wie es gehen würde, er sah traurig weit in die Zukunft hinein. Wie sollten sie es nun anfangen? fragte sie. – »Anfangen?« »Ja, um Jens dazu zu bringen, Weib und Kind mit sich zu nehmen und seiner Wege zu gehen.« Sie hat recht, dachte Per. Kein Mann in der ganzen Gemeinde hatte soviel Schande über sich gebracht wie Jens. Sich mit einer Magd verheiraten! Und dann vom Hof weglaufen! Das war zuviel, und Per hatte nie so recht daran gedacht. Aber als er darüber nachdachte, packte ihn die Wut gegen sie und die Gemeinde und die ganze Schmach. Er würde schon mit ihm reden, murmelte Per. – »Ja, wenn du's nur wahr machst«, lachte sie höhnisch. – »Nein, es ist schon möglich, daß ich's auch sein lasse!« 5 Er machte es nicht wahr. Vierzehn Tage waren vergangen und immer noch war Jens auf Haaberg. Er half da und dort auf dem Hof, die meiste Zeit aber schlenderte er im Pelz umher und besuchte einen jeden Bekannten, sie konnten alle sehen, welch großer Mann aus ihm geworden war. Man sprach darüber zu Per, er sei ja ein großer Mann geworden, der Jens, an ihm hätten Lensmann und Pfarrer ihresgleichen gefunden, ob er bald wieder nach Norden segelte? – – – Ja, dies könne jeden Tag eintreffen. Er warte nur auf eine Gelegenheit . – Ja so, auf eine Gelegenheit . Das seien keine kleinen Leute, die auf so etwas warteten. Es war nicht boshaft gemeint, Per begriff es wohl, sie hatten alle Daaret und Juwika vergessen. Ja, ja, der Pelz tat seine Wirkung, das merkte er. Per fuhr immer noch Steine. Es lag zwar wenig Schnee, aber er fuhr mit dem Schlitten auf dem Rasen und trieb die Gäule an. Die Gäule waren herrliche Geschöpfe, die konnte man gut antreiben. Er selbst mußte vorsichtig sein und den Leib einziehen und sich jede Bewegung überlegen, bevor er einen Stein aufhob. Noch schlimmer war es mit dem Essen. Er aß wie immer, ließ sich nichts anmerken, aber er behielt es nicht bei sich. Valborg beobachtete ihn ständig. Sie kochte das leichteste Essen, das sie wußte, und überlegte hin und her, was sie tun sollte. Endlich redete sie mit Jens. Sie tat dies, obwohl es ihr widerstrebte wie eine verdorbene Speise: »Ich weiß nicht«, sagte sie, »er ist nicht recht gesund, der Per.« – »Der?« – »Ja, ich glaube – er hat sich mit einem Stein überhoben. Er hat sich einen Schaden zugefügt.« Jens lebte immer auf, wenn Valborg mit ihm sprach, denn das kam so selten vor. – He? sei Per nicht mehr wert? Sich überheben? Das habe ein Juwiking doch noch nie getan. Sie seien wohl alle nicht mehr viel wert – ja, ja, Glück zu! Valborg biß sich hart auf die Lippe. – »Er hat sich mit dem Hinke-Andreas überworfen und hat ihn ein wenig hart angefaßt, am Tag darauf bekam er es. Wenn man ihn nur wenigstens von der schwersten Arbeit abhalten könnte?« Jens legte die Büchse weg, mit der er soeben hantiert hatte. Dann suchte er sich eine alte Joppe und ging auf den Acker hinaus. »Nein, Per, jetzt mußt du mich eine Weile fahren lassen!« rief er von weitem. »Ich halte es nicht aus, so gar nichts zu tun zu haben – geh heim und hack Brennholz fürs Weib.« Per sah Jens an; suchend und fragend glitten die Blicke über ihn hin. Jens sah weg; dann gab er nach und lachte, denn Per hatte ihn durchschaut. Er könne ja heim Aufladen helfen, meinte Per. Schön. Und nun arbeiteten sie um die Wette. Immer größere und größere Steine nahmen sie und warfen sie auf den Schlitten hinauf, es ging wie in früheren Zeiten. Endlich sah Jens, was er angerichtet hatte. Per war bleich wie ein Toter; er biß die Zähne zusammen, daß sie knirschten. »Puh, nein«, sagte Jens, »ich kann nicht mehr. Machen wir lieber morgen weiter.« »Ja, wie's dir lieber ist«, sagte Per. Jens schlenderte nach Hause, und Per fuhr mit der Last davon. Gehen konnte er noch, schlimmer war es nicht. Gleich darauf kam Anders nach, er war mit den Schlittschuhen auf dem kleinen See gewesen. Per bat ihn, heimzugehen und Brennholz für den Abend ins Haus zu tragen. »Sofort!« sagte er scharf, und der Junge zog sich zurück, mit langem und erstauntem Gesicht. Aber es war zu spät. Per neigte sich über den Stein und erbrach sich. Anders stand noch da und sah es. – »Blut«, flüsterte er, er hielt den Atem zwischen den Zähnen an, als sei er in kaltes Wasser gefallen. Dann lief er mit großen Sätzen heim. Was ihm denn fehle? wollte die Mutter wissen. »Nein, nichts.« – »War es vielleicht etwas mit dem Vater?« – »Ja. Er hat Blut gebrochen!« Der Junge drehte sich weg und lief wieder zur Türe. Valborg setzte sich. Ganz still setzte sie sich hin und legte die Hände in den Schoß. Sie war allein in der Stube, saß da und blickte ins Feuer, bis jemand hereinkam. Es war Jens. Valborg stand hastig auf, sie vermochte ihn jetzt kaum anzusehen. Er redete lauter drauflos denn je. »Weißt du es schon. Valborg, jetzt haben wir den Schweden über uns, ich hab's vom Lensmann selber gehört; also verstehst du: Der Karl Johan ist König über Fredrikstein und ganz Norwegen, he? Pfui Teufel noch einmal.« Valborg wandte sich ihm zu. Sie hatte sich's inzwischen überlegt. – Wäre es nicht das beste, wenn er sich nun bald in Juwika nach Frau und Kind umsähe? – »Ja, da sagst du was!« – »Denn solange das nicht anders wird, erleben wir nichts als lauter Unglück und Unheil. Und er, der am wenigsten schuld daran ist, muß es am härtesten büßen.« Jens trat zum Herd und stocherte in der Glut. Er lächelte: »Sie haben mir den Hof verkauft, heißt es.« Valborg tat, als höre sie es nicht. »Und noch etwas, Jens. Wie war es denn mit Morten Aune und dem Schwarzfels und alledem? Jetzt sollst du mir darauf antworten. Denn jetzt ist es die höchste Zeit – der Per – Gott weiß, was mit ihm ist – er geht vielleicht bald zugrunde! Steh doch nicht da und lache mich an, ich mein's bitterernst! Wollen wir denn die schwarze Rache über uns hängen lassen, nur und bloß um deinetwillen – daß du dich nicht schämst! Was nützt es da, sich Mühe zu geben und auf sich zu halten, was nützt es da, zu ihm da oben zu beten!« Jens kniff das eine Auge zu. »Du freust dich wohl, daß du mir dies endlich einmal sagen kannst, das höre ich. Aber in einem hast du recht: Es geht abwärts mit uns. – Und – es ist möglich, daß es um Per schlimm steht, ich weiß es nicht.« – Jens lachte vor sich hin: »Und außerdem muß er aber auch alles zu Ende denken. Immer geht er nur mit der Pelzmütze auf die Augen herabgezogen umher und sagt kein Wort vor lauter Denken – allem muß er auf den Grund kommen!« Valborg trat einen Schritt näher. – Ja, jetzt wisse er wohl, was er zu tun habe. Weib und Kind zu sich zu nehmen wie ein anständiger Mensch. Jens wich ihr mit den Augen aus, wie ein Dieb, dachte sie, aber noch hatte sie die Übermacht, und diesmal mußte sie gewinnen. – »Ich fühlte es damals schon, als euer Vater starb, daß das Beste nun dahin war. Es war so seltsam. Aber ich glaube, es würde eine Wendung geben, wenn nur du auch deine Pflicht tätest. Dann könnte Per – die seine tun. Er könnte zum Pfarrer gehen und die Sache mit Morten und dem allem erzählen; so unbarmherzig würde der Herrgott doch nicht sein, daß er uns ganz aufsässig wäre; ich kann es fühlen, daß die bösen Mächte sich dann geben müßten.« »Ja, ja«, erwiderte Jens, und er sagte dies wirklich ganz wie ein guter Mensch. Dann ging er wieder hinaus. Den nächsten Tag und noch einen zweiten mußte Per zu Bett liegenbleiben. Valborg hielt ihn mit sanfter Hand zurück, er war wie zum Kind geworden und fügte sich wortlos. Dann kam eine Zeit, in der er wieder aufstehen konnte. Über seine Krankheit sprach er nicht. An den Abenden saßen Jens und er bei der Herdstätte, und bisweilen sprachen sie ein wenig miteinander, besonders wenn sie beide allein waren. Jens erzählte von der Finnmark, griff dies und jenes Erlebnis aus jener Zeit heraus: es war Tollheit und ein wildes Leben, und mehr als die Hälfte konnte wohl kaum auf Wahrheit beruhen. Es wurde immer mehr daraus, je öfter er erzählte. Jens ging auch zu den anderen Höfen und erzählte dort; Per aber fand Erquickung in diesen Lügen, es lag Heilung in diesem Miterleben. Oft saß er tagsüber da und träumte davon vor sich hin, Stück für Stück: er und Jens und das Messer und die Flasche, und ein wildfremdes Land! Das war ein Herrscherleben! Dann aber war er wieder auf Haaberg. Abends, als sie allein beieinander saßen, sagte er: »Daß ich doch so in der Arbeit aufgehalten sein muß. Hast du den flachen Acker hier unten gesehen? Und alles andere? Haaberg – der Hof liegt da und dreht und wendet sich nach mir um, wo ich geh und steh, wie eine Kuh. Er erwartet tausend Dinge von mir. Ja, und die Häuser: Ich möcht sie am liebsten gleich einreißen, eine Küche einrichten und schönere Fenster machen lassen; ich sitze wie auf Kohlen.« – »Ja«, sagte Jens, »es ist lustig, so dazusitzen Und sich alles mögliche auszudenken.« – »Ja, und es dann auszuführen, das wäre noch schöner!« – »Na, es kommt darauf an«, meinte Jens. »Ich für mein Teil« – er gähnte und reckte sich, sah Per an und grinste: »Da sitzen wir nun, du und ich. Nicht wahr? Und sind alle beide gleich weit gekommen. Und besonders du«, fügte er hinzu. In der Stube war es dunkel. Das Feuer flackerte manchmal auf und warf seinen Schein auf die beiden: auf Per, der die Wangen in die Hände gestützt hatte, er war blaß und farblos, und wenn er blinzelte, schien die Krankheit förmlich die Augenlider herabzusaugen; auf Jens, der hier bärtig und verwittert dasaß und dessen Gesicht jedesmal aufzutauen schien, wenn der Feuerschein ihn traf. Auf einmal murmelte er vor sich hin und sah dabei schräg zu Per hinüber: »Nein, ich hätte nicht auf Juwika bleiben mögen, wirklich nicht. Das ist aber wahr«, fügte er hinzu: »sobald man von dort fortzieht und woanders lebt, ist man heimatlos. So ist es wohl.« »Es ist immerhin etwas, daß du dich überhaupt noch nach Hause sehnen kannst. Es ist, scheint's, so, wie sie immer sagen: daß wir nur nach rückwärts blicken können. Aber ich wollt es um jeden Preis erproben. Und wenn ich den Bösen selbst gegen mich gehabt hätte!« Per schüttelte sich ganz beklommen, als er dies gesagt hatte. Die Dunkelheit nahm zu und drang in ihn ein. Er fühlte, daß er ein Wort zuviel gesagt hatte. Eine Weile später, als er einmal hinausging, bekam er dies bewahrheitet. Er rannte gegen ihn an. Es war hinter der Türe, im Vorraum zum Stall, er tastete sich im Dunkeln vorwärts, da bekam er den anderen zu fassen. Er griff sich an wie ein dicker zottiger Stock. Angst fühlte er, und wütend wurde er, und da hieb er zu und wollte ihn nicht mehr auslassen. Da aber war der andere verschwunden. Per hörte nur noch, wie er sich raschelnd in der Dunkelheit entfernte und leise hustete; er sah ein kleines, glühendes Schweinsauge auf sich gerichtet. Er ging hinein, um ein Licht zu holen: An der Stalltüre war nicht das geringste zu sehen, nur glatte Wände grinsten ihm entgegen. Erst in der Nacht überfiel Per das Entsetzen. Valborg schlief, und alle anderen schliefen auch. Per griff zu Valborg hinüber und weckte sie. – »Bist du es?« fragte sie. »Ja, ich bin's.« Und innerlich betete er aus tiefster Herzensnot: »Und erlöse uns von dem Übel!« Und wahrhaftig war es ihm, als beruhige sich alles rings um ihn so merkwürdig. Der Mensch war wohl nur ein Nichts gegen die Macht des Satans, das begriff er. Wenigstens wenn man mit der Gesundheit so herunter war, dann brauchte man etwas, auf das man sich verlassen konnte. 6 Jens ging ein paar Tage nachdenklich umher, er kam sich so weich und gutherzig vor. Er mußte irgend etwas tun. So kam er zum Per und zur Valborg und sagte: Er wolle über den Fjord nach Juwika. Denn er wolle nicht Rache und Unglück über jemand bringen. Und als Valborg hinausgegangen war, sagte er ganz offen: »Ich werd wohl dieses Weibsbild mit mir nehmen müssen, wie sie ist, und das Kind auch, wenn ich jetzt fortziehe. Ich habe euch schon Schande und Schaden genug gemacht. So einer wie ich, der es wagt, seinen Erbhof im Stich zu lassen – das wird manch einem schon schlimm genug erscheinen. Und wenn ich schon dort bin, so kann ich auch zum Schwarzfels hinüberschauen und versuchen, ob es mir nicht gelingt, den Morten zum Stilliegen zu bringen. Wenn ich ihm mich selber verspreche oder irgendeinen anderen guten Bissen. Willst du mit dabei sein, Per?« Per stieg das Blut in die Wangen. Er fühlte brennende Lust darauf, ganz wie in früheren Zeiten, wenn Jens auf irgend etwas verfiel. Aber dies ging bald vorüber, und bleich und schwindelig saß er da, ganz heruntergekommen. – »Ich tue bei solchem Unsinn nicht mit«, sagte er. »Nein, und so soll er wohl liegenbleiben , mit dem Stein am Fuß?« meinte Jens. In diesem Augenblick gewahrte er, daß Anders in der Türe stand. »Ich will mit, ich!« sagte er, und er sagte es so, daß sein Vater keinen Einspruch erheben konnte. – »Das ist recht! meinte Jens. »Gerade darauf habe ich gewartet. Wagst du den Jungen, Per?« Per antwortete nicht, und Anders kam mit. Jens wandte sich in der Türe um, sah zu Per zurück und grinste glatt: »Wenn wir aus dieser Sache mit heilen Knochen zurückkehren, dann haben wir gewonnenes Spiel. Und dann kommen wir noch heute nacht.« Es wurde ein langer Tag und eine lange Nacht. Schon früh am Abend war es pechschwarz und so still, daß man keinen Lufthauch verspürte. In der Stube ließ sich's nicht aushalten und draußen war es nicht viel besser. Dann kam der Schneefall. Land und Meer verschwanden im Schnee, und jetzt konnte man merken, wie der Sturm in der Stille draußen hing und wartete, wie ein gefährlicher Mensch hinter einer unverschlossenen Türe. Spät am Abend kam der Sturm dann vom Meer herein, in seiner ganzen Schwere. Er ging hart um mit dem alten Haaberghaus – und seine Stimme war kalt und rauh. Er ging auf nichts Gutes aus. Per konnte es nicht mehr ertragen, er mußte sich zu Bett legen. Aber er gestand es nur sich selber ein, daß es sich so verhielt. Zu Valborg sagte er, es lohne sich nicht, deshalb aufzubleiben. – »Der Anders – du brauchst dich nicht um ihn zu ängstigen. Wir haben schon Finnenzauber und andere Sachen bezwungen – warte nur, du wirst sehen, es geht alles gut!« Valborg hörte nicht auf ihn und erwiderte kein Wort. Bleich wie die gekalkte Wand saß sie da. Endlich kam auch sie und legte sich zu Bett. Lange, lange lagen sie da. »Ich fühle es jetzt, daß der Junge auf dem Fjord ist«, sagte Per. »Aber deshalb brauchst du keine Angst zu haben.« Er stand auf, trat vor die Türe und stand halb angezogen im Schneetreiben, kam wieder herein; dann machte er Feuer auf der Herdstätte. Valborg lag still im Bett. »Glaubst du – – daß wir ihn nie wieder sehen werden? sagte er plötzlich. »Kannst du mir nicht antworten, Valborg?« »Wenn man nur wüßte – – was man antworten soll!« Per setzte sich ans Feuer. Valborg richtete sich im Bett auf. Sie glaubten, die Zeit vergehe nicht, und sie erwarteten auch nicht, daß sie vergehen solle. Sie hörten den Anders alle Augenblicke, seine Stimme war in allen Wänden und in allen Türen; sie klang so klar und frisch. »Wenn ich wiederkomme, so komme ich heute nacht«, sagte er. Per neigte sich vornüber, er jammerte laut in seine Hände hinein. »Ach ja, ja! Du kommst schon, du wirst nichts anderes tun.« Dann kamen sie alle beide, er und Jens. Füße stampften vor dem Haus, und die Tür wurde heftig aufgerissen, jetzt sind sie im Vorraum, und Jens ist betrunken. Er kam nicht zum erstenmal so nach Hause. Jens flucht, daß es nur so schallt, dann taumelt er an die Wand, bleibt eine Weile liegen, bis er endlich sagt: »He! Speist du einen guten Trunk aus, du Hundsfott! Auf mit dir, Jens!« Damit rafft er sich wieder auf die Beine, und Anders hilft ihm über die Treppe hinauf – jetzt singen sie alle beide – also auch Anders ist betrunken. Am nächsten Morgen schliefen sie lange in den Tag hinein und kamen gleichzeitig vom Dachraum herunter. – »Ihr habt wohl gehört, daß wir kamen ?« sagte Jens. »Und wir sind auch gekommen, Teufel noch einmal, wenngleich ich auf Händen und Füßen vom Meer heraufgekrochen bin. Sie haben viel Schnaps gebrannt, drüben in Juwika, ich vergaß, Gott verzeihe mir die Sünde, wahrhaftig mein Anliegen. Ja, den Schwarzfelsgeist haben wir zwar gehörig gezüchtigt. Wir lagen dort und höhnten ihn gewaltig, daß er sich sehen lassen sollte. Nein. Dann fragten wir, ob er in geweihte Erde kommen wolle, ob es ihn›nach dem Kirchhof dürste‹? Kein Wort – es gibt gar keinen Schwarzfelsgeist! Wir boten ihm an, den Platz mit ihm zu tauschen! O nein, nichts. Ja, der Sturm kam, aber der kam von einer anderen Seite. Und heimgekehrt sind wir auch, wie gesagt; er ist zu kurz gekommen!« Jens wollte sich gerade herumdrehen und hinausgehen. Da hielt ihn irgend etwas zurück. Es war Valborg. Sie hatte ihre Arbeit weggelegt und saß mit glühenden Wangen da. »Jetzt meine ich aber, daß du von hier fortgehst.« Sie sagte es ruhig, gefährlich ruhig. Aber Jens griff dies nicht an. »Meinethalben lauf du von deinem Weib davon und bring uns alle in Schande; aber hier , daß du's weißt, hier bleibst du nicht eine Nacht mehr!« Sie wandte sich um und sah Per an: »Wir haben doch Kinder, zum mindesten.« »Ja, ja, du hast recht«, sagte Jens; er war trocken wie ein Mühlstein. »Wenn sie nur endlich mit dem Schiff kämen und wir guten Wind hätten. Ich werde meine Sachen nehmen und nach Paalsnese gehen, heute nacht – es ist so gut, ein Dach über dem Kopf zu haben.« Valborg war hinausgegangen, still hatte sie die Türe hinter sich geschlossen. Per sagte nichts, und Jens vermaß sich nicht ihn anzusehen. Er nahm die Pelzstiefel und den Pelz, suchte seinen Koffer hervor und kam dann mit ausgestreckter Hand zu Per: »Laß dir's gut gehen, Per, und Dank für alles – und – und – und Dank für alles, ja, und leb wohl!« Er ging zu allen und nahm Abschied, Valborg traf er vor der Tür und nahm sie herzhaft bei der Hand; er war obenauf. Per begleitete ihn nicht hinaus, sondern blieb sitzen, wo er saß. Die Knechte begaben sich wieder in die Scheune und die Mägde an ihre Arbeit. In der Stube waren nur noch der Bauer und die Bäuerin. Jetzt erhob sich Per, stand da und blickte eine Weile starr zu Boden. Er schnaubte und stieß die Luft durch die Nase, die Achseln schoben sich immer höher. – »Früher haben sie ihre Weiber verprügelt«, sagte er vor sich hin. Er sah Valborg durchbohrend an – sie stand da, als warte sie darauf. »Was nimmst du dir da für ein Recht heraus?« »Recht?« »Ja, so habe ich gefragt.« »Man muß sich sein Recht nehmen, wenn es nötig ist.« »Nötig?« Er kam ihr bedrohlich nahe. Valborg lachte ihm ins Gesicht: »Was ist denn mit dir, Mann?« Da erbleichte er über das ganze Gesicht, als habe er eine Todeswunde in sich aufgerissen. Gleich darauf aber wurde er dunkelrot, sein Gesicht wurde unkenntlich und häßlich. Er packte Valborg beim Haar, riß ihren Kopf hin und her. Sie ließ alles mit sich geschehen, zunächst, aber gleich darauf erstarrte sie, ihr Körper wollte sich nicht darein finden, ihr Hals wurde wie ein Pfosten. Ganz leise, als sollte niemand es hören, sagte sie: »Du mußt dich ja schämen, Per!« »Schämen?« Er ließ sie los. Rote und weiße Schauer flogen über sein Gesicht. »Ja – – Und dabei – solltest du dich doch in acht nehmen.« »Mich in acht nehmen – he! Mich in acht nehmen? Glaubst du, man hat sich früher in acht genommen? Man wird doch wohl noch Herr in seinem eigenen Hause sein – du mußt dich in acht nehmen! Du!« »Ja, wer ist der Herr und wer nicht – wer den Verstand hat, der muß ihn gebrauchen und die Macht dazu!« Sie schrie es ihm entgegen, und nun ging es in ihr über, Weinen schüttelte sie, das aber wollte sie am allerwenigsten, und überdies sah sie Anders vor dem Fenster draußen, er hatte dort gestanden und hereingesehen. »Pfui, schäm dich, Per!« schluchzte sie. Da packte er sie, stieß sie gegen die Wand, daß die ganze Stube zitterte, und verprügelte sie. Er wußte sehr gut, was er tat; durch seinen ganzen Körper knurrte es kalt: »Das braucht's. Das braucht's!« Als er fertig war, konnte er sich gerade noch zur Bank schleppen. Er wußte nicht, ob sie Widerstand geleistet hatte, aber er war ganz erschöpft, hatte sich übernommen, so daß es ihm schwarz vor den Augen wurde. Valborg verließ die Stube. Jetzt erst wurde er Anders gewahr, und jetzt hörte er, was dieser sagte. »Vater!« hatte er gerufen, und jetzt kam der Bub heran und blieb vor ihm stehen, hieb mit der Faust auf den Tisch, rot wie ein wütender Juwiking: »Pfui, schäm dich, Vater!« Seine Stimme schlug über, aber er packte von neuem an: »Wenn du die Mutter noch einmal anrührst, dann soll der Teufel –« Per lächelte. Er vermochte sich nicht zu erheben und dem Lausbuben Prügel zu geben, und so lächelte sein Gesicht von selbst, tat das klügste, was er tun konnte. – »Geh hinaus Und hacke Holz«, sagte er. Eine Weile später sagte er, aber nur zu sich: »Wär's einer von den Alten statt meiner gewesen: Der hätte dem Weib Vernunft beigebracht!« »Nicht der Mutter, nein – niemals! Und wenn – dann wär ich dir ins Gesicht gesprungen!« Anders zitierte am ganzen Leib, und dann war er draußen. Per blieb allein. Draußen aber hörte er, wie Anders mit der Mutter redete: »Daß du's nur weißt, Mutter: Du wirst dem Vater gehorchen!« »Nicht nach diesem, Kind. Geh mir aus dem Weg.« Als Valborg eintrat, tat sie, als sei Per nicht in der Stube. Per fühlte, daß er verloren hatte. Aber merkwürdig war es doch mit diesem Jungen. Es steckte bereits Mark in ihm. Und das Böse, davon kann uns niemand erlösen; was uns zugemessen ist, bleibt nicht aus. Im Wellental 1 Eines Abends überkam es Per siedend heiß: jetzt wolle er zu Hinke-Andreas gehen. Merkwürdig, daß er nicht schon früher gegangen war; und ebenso merkwürdig, daß er sich jetzt auf dem Weg zu ihm befand, er war seit zwei Jahren nicht mehr vom Hof fort gewesen. Er lauschte ringsum auf den Wind: eben hatte er ihn doch noch gespürt? Nein, jetzt kühlte kein Hauch mehr, es war bleiern still in der Luft; einzig und allein die Wolken bewegten sich, sie segelten nach Osten, wollten noch zur Nacht in die Berge. Per war nicht richtig angezogen, er hatte nur auf den Stallhügel hinaufgehen wollen, um sich dort eine Weile hinzusetzen, jetzt aber befand er sich, wie gesagt, auf dem Weg, schon ein gutes Stück weit. Er sah zu einer Sternschnuppe hinauf, die am südlichen Himmel dahinschoß: Dort fuhr eine Seele zum Himmel. Ja, diesen Weg sollte nun sie gehen. Er sollte nach Osten und den Hinke-Andreas verprügeln. Verprügeln? Ja, oder wie es sich eben fügen würde. »Es wird schon kommen, wie es kommt«, sagte Per. Er sah den Lumpenkerl schon vor sich. »Nimm dich ein wenig in acht«, sagte er, »daß ich dich nicht noch einmal zu fassen kriege!« Oh er ging hart mit ihm um, schlimm – aber was sollte er tun? Denn der Andreas stand ja nur da und lachte, stand nur da und spritzte Bosheit aus und blies sich auf. – Per wurde ein wenig unsicher auf dem Weg. Denn was sollte er tun, wenn dieser Teufel ihn nicht wieder gesund machen wollte? Er ging langsamer und griff in Gedanken nach allem möglichen; ihm war fast, als sitze er vor dem Lumpenkerl und bettle. Nein, alles, was recht ist! Und jetzt war er ganz wie sein Vater, der alte Per Anders, wie er leibte und lebte – wie hilfst du dir jetzt, Per Anders? Meinst du, du könntest ohne Gesundheit leben? »Der Teufel hol mich!« sagte Per wütend, drehte sich um und ging heim. »Glaubst du, ich bitte diese Armenlaus um Gnade?« Und er deutete mit dem Kopf in der Richtung, in der der Lappe wohnte: »Er kann ja gar nicht zaubern! Und auch nicht wiedergutmachen – er kann nichts als hinken!« Per ging heim. Er merkte, daß er fast eine Stunde Wegs gegangen war, ja wirklich – unheimlich, wie rasch die Zeit verstrich. Gesund brauchte er nicht zu werden. Darum bettelte er bei niemand. Seit zwei Jahren schon war es mit ihm zu Ende und aus. Wenn er sich also bisher nicht gedemütigt hatte, so wollte er es auch jetzt nicht tun. Die Welt war grau wie der Abend und voller Gespenster und schwarzer Mächte, wollte man in ihr gut und ordentlich vorwärtskommen, so mußte man sehr behutsam vorgehen. Zwei Jahre lang hatte er dagesessen und war sich darüber klargeworden. Und trotzdem fürchtete er sich nicht – das konnte man unerschrocken nennen. So waren alle gewesen, die Juwikinger; man glaubte, was man glauben mußte, aber trotzdem bettelte man nicht um Gnade. Per wurde sehr still. Dieses Kranksein ging ihm so nahe. Es war so schwer, die Gesundheit zu entbehren. Hätte man sie mit List wiedererlangen können, so wäre sie es wohl wert gewesen. Er aber gab sich nicht damit ab; mochten doch die sie haben, die sie besaßen. Ja freilich, die Leute sahen ihn deshalb an: Er war gezüchtigt worden. Dumme Menschen sind auch Menschen, aber Herrgott, wie wenig Verstand haben sie doch! Trotzdem aber stöhnte er, wenn er an sie dachte. In der Herbstnacht ist es nicht still im Wald. Unter allen Bäumen rührt es sich und raschelt es; blind und ängstlich tastet es sich vorwärts, geht und geht und gelangt nirgends hin kleine, verirrte Armeleuteschritte; es ist eine klägliche Wanderung, die man da hört. Es ist das fallende Laub. Es ist der Winter, der sich heranschleicht. Per blieb stehen und lauschte. Dann ging er wieder weiter. Vorsichtig und langsam – ein kranker Mann. So ging er jetzt seit zwei Jahren; – und das taugt nicht für unsereinen, sagte er. Jetzt mußte er sich heimschleppen und wieder krank sein. Einen Ausweg wußte er sich noch; das war der Friedhof. Der Friedhof mitten in der schwärzesten Nacht, der Knochen eines Toten oder was es eben war; darin lag Kraft! Und das war keine Schande; denn das war eine Kur für erwachsene Leute. Per aber wußte es nicht recht: er würde wohl kaum zu dieser Hilfe greifen. Sie waren lang gewesen, diese zwei Jahre, gar manch ein Tag war dahingegangen, nie aber hatte Per sich dazu aufraffen können. Es wäre ja wohl auch nicht anders gekommen als jetzt. Er wollte sich nicht wegen solch einer Kleinigkeit so erniedrigen! Plötzlich begegnet er dem Hinke-Andreas, der im Halbdunkel den Weg von Lauvset her geschlichen kommt. Der Lappe grüßt laut und freimütig, bleibt stehen und läßt sich Zeit: »Nun, bist du auch unterwegs?« Per wollte zuerst an ihm vorübergehen, dann aber trat er dicht an Andreas heran: »Zum Teufel, wozu bist denn du unterwegs, he?« Per schien es, als durchbohre der Lappe die Dunkelheit mit seinen Augen, die schwarz und blank waren, wie man sie sonst bei Menschen nicht sieht. »Nimm dich in acht!« warnte Per, so leise und tief es ihm möglich war. Dann aber schlug er um, dies kam Per unerwarteter als dem Lappen: »Jetzt mußt du mir sagen, du es warst, der mir die Gesundheit genommen hat!« »Red nicht so gottlos!« gab der Lappe zur Antwort. Per schlugen die Zähne aufeinander, alles zitterte an ihm: er war schlaff und krank, vermochte kaum zu stehen. »Ja, ja«, sagte er. »Halt's damit, wie du willst. Aber du würdest es nicht bereuen, wenn du mich wieder gesund machtest. Du brauchtest es nicht umsonst zu tun.« Kaum hatte er diese Worte gesagt, so ging er wieder weiter, er konnte nicht mehr länger stehenbleiben, pfui, welch ein Gestank! Andreas aber kam ihm nach. Er winselte und redete, so süß er nur konnte, Per solle doch nicht glauben, daß er ein Zauberlappe sei, er könne nicht ein Wort von dieser Art und wage auch nicht so etwas zu gebrauchen, denn es sei eine unheimliche Arbeit, bei der man die Seele der Hölle verschreibe, Gott steh uns bei, nein, hierzuland gäbe es keine Zauberei mehr. Nein, aber Gespenster und Berggeister und Zwerge, habe man die gegen sich, dann müsse man sich hüten – oh, man sei ganz machtlos und wie ein Gewürm – »Scher dich heim, du Lappenhund!« brach es aus Per heraus. Wie ein Riese ging er dahin. Wohl war er krank, aber doch immer noch gefährlich im Streit – »geh mir aus dem Licht!« sagte er, wie Per Anders zu sagen pflegte. Er wollte heim und sein Leben lang krank bleiben. Es war fast, als erwache er. Er war schweißgebadet. Der Wald und die Hänge hatten in einem so tiefen Schlaf gelegen. Jetzt lebten sie wieder auf, ringsum erwachte und murmelte es, murmelte und flüsterte und zwitscherte leise, dort hörte man diesen Berghang und dort den und jenen. Manchmal flüsterte es dicht an seinem Ohr, manchmal hallte und lachte es in weiter Ferne. Der Wind war in allem ringsum, und er fragte und antwortete sich selbst aus der Finsternis heraus. Nein! sagte Per und ließ alles in sich einströmen: es ist nicht nur der Wind. Es ist vielerlei. Hier gibt es mehr Lebendiges als Wetter und Wind. Mag es leben, was da leben will. Ein kranker Mann kann daran nichts ändern. Aber hier ist vielerlei, und wäre ich gesund – Haaberg lag hoch und still vor ihm, mit schwarzen Häusern gegen gelbblauen Himmel, so saugend öde, wenn man von Osten kam. Und alles schlief, als wäre er nicht auf der Welt. Die Bergrücken auf der Nordseite trugen ihr Nachtantlitz, es war so kalt und einsam, es konnte einen ins Hau zurückjagen; und dahinter schien der Himmel wie Tod und Ewigkeit – es ging einem wohl am besten, solange man nicht dorthin gekommen war. Aber draußen auf dem Stallhügel stand Anders. Er hat auf mich gewartet, dachte Per. »Bist du fortgewesen?« »Ja, ich bin ein Stück weit fortgegangen.« Per trocknete sich den Schweiß. Anders stand da und blickte nach einer anderen Seite hin. »Ich könnte den Hinke-Andreas gern einmal verprügeln, wenn ich ihn treffe.« Anders sagte dies, ohne sich umzuwenden, nur gleichsam, als spucke er aus oder gähne. Dann beugte er sich doch vor und war beschämt, wäre am liebsten davongelaufen. »Den? Mit dem hab ich jetzt selber gesprochen, Kind. Übrigens – der kann auch nicht hexen, red mir keinen Unsinn!« Per hatte eine andere Welt betreten, sobald er Anders erblickt hatte; er merkte es kaum, aber nun war es gar keine Sache mehr, hineinzugehen und sich schlafen zu legen. Er wunderte sich nur darüber, wie wenig er an Anders gedacht hatte, seit er krank geworden war; er hatte viel mehr an Valborg gedacht, und sie tat so, als sehe sie ihn nicht. 2 Am Tag darauf saß Per oben auf dem Stallhügel. Es war strahlendes Herbstwetter, und alles war gut unter Dach gekommen. Er saß gern tagsüber hier, bei so gutem Wetter wie heute. Ganz Haaberg lag da und sonnte sich, mit Büschen und großen Steinen und noch moosüberwuchertem Land, dazwischen aber lagen auch breite, umgebrochene Äcker und grüne Wiesenstreifen, dies alles begegnete der Herbstsonne mit solch einem saftigen Glanz, daß es einem förmlich bis ins Innerste wohl tat. Wenn er so Stück für Stück alles betrachtete, so konnte er sich ganz vergessen: dann war er wieder beim Steinbrechen, ehe er sich's versah, und arbeitete und schaffte für den ganzen Hof. Das ist meine Bestimmung, sagte er zu sich: der Jens muß zerstören, und ich muß alles drehen und wenden und wiederherstellen. Heute ärgerte ihn eine vermooste Wiese – dort tanzten gewiß wieder jede Nacht die, kleinen Geister. Aber bald würde der Acker sich umwenden und die Steine würden fortwandern müssen: aus dem Weg, Nachtgesindel, jetzt kommen wir! Er hörte schon den Pflug: rauschend wie die Welle über den Sandstrand kam er daher, ja, der konnte die Geister vertreiben. Aber Per erinnerte sich bald daran, wie alles stand. Es war zu Ende. So weit war er gekommen, hier aber hieß es unerbittlich nein. Wie es sich aber auch verhielt, ihm war es gleichgültig. Und jetzt waren bald zwei Jahre vergangen, seit die Frau die Zügel an sich gerissen hatte. Es ging auch; unglaublich. Valborg ließ sich nicht unterkriegen. Und sie sah ihn nicht, und er sah sie nicht, sie umkreisten einander, als seien sie geschmiert. Aber es war nun auch so eine Sache, die ertragen werden mußte, ein Weib zu haben, das sich nicht züchtigen ließ! Am schlimmsten war es, wenn er mit anderen Leuten zusammenkam. Es war doch eine Schmach: Ein junger Mensch in den besten Jahren, und noch dazu ein Juwiking, der sich krank und unfähig herumtrieb! Für die ganze Gemeinde war er gezeichnet – er war zu kurz geraten. Darum entzog er sich den Blicken der Leute. Darum auch war er gestern abend nach Osten zu gegangen, jetzt wußte er es. Auf einmal riß er einen Moosbüschel aus und schleuderte ihn von sich, die Schmerzen wurden unerträglich, mit starrem Gesicht stierte er in die Luft hinaus: »Wie ein Türk hab ich's getrieben, und wie ein Türk hat's der Herrgott getrieben, anders kann ich es nicht sagen!« Dann blieb er still sitzen und schüttelte den Kopf. – »Wenn es nur so einfach wäre!« sagte er. »Aber es gibt tausenderlei um uns, die Welt ist von so vielem erfüllt; mir wirbelt es im Kopf. Tausend Dinge gegen einen, und nicht eines läßt sich alten. Und irgendwo festhalten muß ich es können. Könnte ich doch das Teufelszeug irgendwo zu fassen kriegen, dann wollte ich schon allein zurechtkommen!« Es war ein trauriger Anblick, wie er so dasaß. Zusammengefallen, nur noch ein Schatten seiner selbst, blaßgelb und mager, so daß keiner ihn erkannt hätte, die Lippen blau wie bei einem Toten. Am schlimmsten aber waren die Augen, eingesunken und rötlich, dennoch war ihr Blick wie eine brennende Drohung gegen alles und jedes. Aber was war denn da unten los? Hatte sich der große Stier freigemacht? Ja, natürlich, sie hatten ihn mit dem anderen Vieh hinausgelassen, die ganze Herde ging dort unten auf der Weide. Und jetzt setzte der Stier brüllend dahin, daß einem das Blut zum Herzen zurückströmte; er sieht wohl irgendein Frauenzimmer. Auf die ist er so erpicht, he – ja, das war begreiflich, he, he, jetzt rennt er, daß die Erde zittert, jetzt können die Weiber ihre Röcke nehmen und sich davonmachen. Per schleppte sich weiter auf den Hügel hinaus: Richtig, da kommen zwei Frauen, eine erwachsene und ein Mädchen, die ältere hatte den Rock geschürzt, so daß der Unterrock zum Vorschein kam, und der war rot! Schlimmeres konnte sie Gustiborg, dem Stier, nicht antun, sie konnten ihn ohnedies rasend genug machen, die Weiber. Das war nicht mehr zum Lachen, denn die eine hinkte, und die Kleine zog und zerrte die ältere nach Leibeskräften hinter sich her. und sie kamen doch nicht vom Fleck, und der Stier war bald bei ihnen – jetzt sah Per auch, wer es war, die Ane-Marget Lines und die Massi. Per sprang hinunter, stark und leichtfüßig wie ein Junger, hob einen Stein auf und wollte den Hang hinunterlaufen. Umbringen wird er mich ja wohl, sagte er, aber geh s wie's will; – einen so großen und bösen Stier hatte man in der ganzen Gemeinde nicht. Da aber konnte Per nicht mehr, er krümmte sich zusammen, taumelte schwankend hin und her, die Füße trugen ihn nicht mehr. In Jesu Namen, was sollte er jetzt tun? Da erklang vom Sommerstall her eine hohe und klare Stimme, ein Kriegsruf: »Gustiborg!« rief es, und der Stier hielt einen Augenblick inne und begann dann schnaubend die Erde aufzureißen – es war Anders, der in großen Sätzen daherkam, er hob einen Stein nach dem andern auf, ohne aber im Lauf innezuhalten, nie hatte Per ein zweibeiniges Geschöpf schneller laufen sehen. Die Frauen standen wie angenagelt und ebenso Per. Jetzt ging der Stier auf sie los, Per saugte den Atem förmlich ein, als habe er eine gräßliche Wunde gesehen; aber im selben Augenblick war auch Anders dort. Der erste Stein traf den Stier an der Kinnlade, der zweite beim Ohr, endlich dröhnte es an den Hörnern, aber jetzt hatte Anders keine Steine mehr, und jetzt senkte das Untier den Kopf zur Erde und richtete die Hörner auf Ane-Marget. Anders rannte hinzu und packte ihn beim Schwanz; es wurde ein Tanz wie ein Wirbelwind im Schneetreiben. Per begriff, daß es jetzt für Anders ums Leben ging, und dabei vermochte er sich nicht von der Stelle zu rühren. Er ruft den Frauen zu, sie sollten davonlaufen, und endlich haben sie soviel Verstand, Ane-Marget hinkt den Hang hinauf und ins Haus. Massi aber wendet sich um, bleibt stehen und will sehen, wie es endet. »Lauf doch hin und hilf ihm!« ruft sie Per zu, sie ist schneeweiß im Gesicht, und ihre Zähne klappern, »er bringt ihn um!« Anders hat den Schwanz losgelassen und rennt zur Wiese hinunter, der Stier hinter ihm her wie ein roter Streifen, da erreicht Anders den Steinhaufen und ist geborgen – diesen verhexten Steinhaufen, den die Knechte nie hatten wegfahren wollen, soviel Per auch gescholten hatte. Jetzt hageln die Steine dicht nacheinander, der Stier bleibt stehen und legt den Kopf auf die Seite, er kann die Augen nicht öffnen, endlich singt es wieder in den Hörnern, Per konnte es bis zu seinem Platz hören. Der Stier dreht sich einen Augenblick weg, bekommt noch einen Stein, dort, wo es noch mehr schmerzt, und springt seitwärts davon wie ein geprügelter Hund. Anders setzt ihm nach, hebt einen Stecken auf, und dann geht's dahin, er schlägt zu, daß es eine Lust ist, ja, Per fühlt es durch seinen ganzen Körper, daß Anders dem Stier jetzt die Bosheit herausprügeln will, er sitzt da und fühlt das gleiche Zittern in sich: jetzt ist Anders der Herr und jetzt will er es sein; – der Stier bleibt immer und immer wieder stehen, aber kaum hebt Anders den Stecken, so schreckt er zusammen und setzt sich in Trab. Jetzt kommt Anders den Hang herauf. Per sitzt da und zittert wie ein nasser Hund. Die Kleine schluchzt noch, ohne zu wissen. Als Anders sie ansieht, dreht sie sich weg und geht ins Haus. Sie hatte weißes Haar und hellblaue Augen die zu blinzeln vergaßen; ein schönes blaues Kleid und rote Strümpfe. Anders setzte sich neben dem Vater hin. Er war jetzt etwa vierzehn Jahre alt und so groß wie mancher erwachsene Mann Er lächelte und lachte ein wenig, während er sich zugleich den Schweiß von der Stirn wischte: »Ich glaube, der hat fürs erste genug.« – Aber seine Augen waren streitbar, es leuchtete ein so scharfes Blau in ihnen, sie blickten suchend über die Äcker hatten gleichsam noch nicht das gefunden, womit sie es im Ernst aufnehmen wollten. Per betrachtete sie lange und auch das Gesicht und den ganzen Jungen. Genau so sah auch er einmal aus, das fühlte er, so lang und geschmeidig war er und breitschultrig und mit den gleichen schmalen Füßen, oh, es war eine Freude, wenn man so hoch springen konnte, wie man selbst war – wenn man niemals einem anderen ausweichen mußte! Aber solch freimütige Augen hatte er gewiß nicht gehabt, so hatte es nicht sein sollen. Und jetzt war der Anders so gut wie Herr hier auf dem Hof. Per merkte, wie es ihn durchwärmte, so neu und unerwartet, nun trug es den Anders empor, nun war der an der Reihe. Der Anders. Der Anders-Bub. Denn das war er selbst, auf seine Art, wie man es auch drehte und wendete – sag keiner etwas anderes! Jetzt ging es bald wieder von vorn an. Jetzt konnten die Leute ins Haus kommen und sich umschauen; wenn hier auf Haaberg alles fertig und instand war. »Jetzt könnt ihr bis unters Dach hinaufschauen, Juwikinger, seht, ob ihr alles wiedererkennt!« sagte er. »Hier sollt ihr etwas Hartes zu beißen bekommen.« Er fühlte Lust, dem Jungen mit dem Stock auf den Kopf zu klopfen, um zu hören, wie herzhaft es klingen würde. Danach wurde er weich und gerührt. Jetzt konnte er hinein gehen und sich schlafen legen. Es kribbelte in ihm sickerte nun aus ihm heraus, das Leben, wie sie es nannten, ja, ja, aber trotzdem tat es gut, hier noch eine Weile zu sitze Und konnte er auch nicht mehr selbst sich hineinschleppen, es tat das auch nichts; vorläufig sollten die Frauen noch keine Mühe mit ihm haben. Die Berge blauten vor ihm, so schön sie nur konnten, wie zum Abschied, konnte man fast denken. Und das Herbstwetter blinkte und lockte, wohin man sah, die Sonne vergoldete die Laubhänge und Wiesen, und die Wolken standen am Himmel und spiegelten sich den ganzen Tag im Fjord; sie hatten ein so weißes Antlitz, es war Gottes Frieden in ihnen. Haaberg war ein gutes Heim. »Nicht wahr, Anders?« »Ja, freilich. Was hast du gesagt?« »Haaberg. Daß sich's hier aushalten läßt?« Anders sah den Vater an, ließ den Blick ruhig und fest auf ihm ruhen; dann sah er in die Luft: »Das will ich meinen.« Es lag Kraft in diesen Worten. Sie konnten Berge versetzen. »Das will ich meinen!« Per wiederholte sie immer wieder im stillen. Per stand auf, er wollte jetzt ins Haus hinein. Aber er vermochte sich nicht aufzurichten, er sank wieder zurück, blieb zitternd liegen, und nun kam wieder das Erbrechen! Es war lauter schwarzes Magenblut. »Das tut nichts, Anders. Es ist jetzt bald an der Zeit – daß man unter die Erde kommt, zu den anderen.« »Sag das nicht, Vater!« »Soll ich denn wie irgendein anderer Krüppel herumlaufen? Nein. Denn jetzt braucht's das nicht mehr.« Anders half ihm ins Haus. Er trug den Vater fast. Per kroch sofort ins Bett. – »Es ist gut, auf dem Rücken zu liegen«, sagte er. Das Bett stand in der Stube, und da waren die beiden Fremden, die Ane-Marget und die Kleine, und dann die Valborg. Per lag da und sah sie an. Er hörte nicht viel von dem, was sie sagten, denn er litt innerlich große Schmerzen. – Anders hatte sich ihm gegenüber an die andere and gesetzt, saß dort und war Herr im Hause. Ein ganz ein wenig beschämt war er, konnte gleichsam nicht dorthin blicken, wo er wollte. Per lag da und sah ihn an. Oh, Stiere und solche Sachen, Anders, damit kann man zurechtkommen, aber so ein kleines junges Weiberding mit weißem Haar, das ist etwas anderes. Sie ließ die Augen nach allen Seiten wandern vergaß zu blinzeln und betrachtete Anders von oben bis unten; jetzt begegneten sich ihre Augen, da aber eilten die Blicke weiter, als hätten sie sich verbrannt. Ja, gewiß, Anders hatte jetzt stark im Sinn hinauszugehen, irgendwohin hinter die Häuser und für sich allein zu sein – geh du nur, du kommst nicht weit. Du sitzt, wo du sitzt und blickst auf deine Hände und auf den Boden hinunter. Ja, ja, du wirst hier einen neuen Boden legen lassen, und die dort, die scheuert ihn und scheuert ihn aus bestem Herzen, bis er abgenützt ist und auf einen neuen wartet. Diese beiden, ja. Man wird sie ihm nicht im Boot mit heimbringen, nein, wahrlich – eines Herbstabends werden sie beide hinter den Kornhocken im Mondenschein und klarem Wetter stehen, sie kommt nicht vom Fleck, und er tritt hinzu und packt sie beim Arm, ha? – und sie verliert die Macht über sich fürs ganze Leben. Ja. Sie sträubt nicht die Haare gegen ihn, das ist gewiß. Dann füllt sich die Stube auf Haaberg mit lauter weißen Köpfen. – Per, in seinem Bett, stößt einen glücklichen kleinen Seufzer aus. – Und der Petter – jetzt sieht er auch das vor sich. Wenn nur die Valborg ihn ein wenig strenger hält, dann wird auch aus ihm ein Mann. Na, daran fehlt's nicht. Die Valborg, die läßt den Griff nicht los. Per wurde immer froher und froher, wie er so dalag und an sie dachte, denn sie hatte ein so gutes Gesicht, sie hätte für sie alle, für ihn wie für die anderen, Mutter sein können: darum eigentlich war sie hierhergekommen. Per lag mit einem Lächeln um die Augen da; aber der Mund zog sich allmählich immer mehr zusammen, und auf der Stirn entstand eine Falte um die andere, wie im Sand auf dem Ebbestrand. Wenn er zu große Schmerzen litt, stemmte er den Fuß gegen das Bettende und verkrampfte die Hände in die Decke, so daß die Finger knackten. Da bekam Anders den gleichen Zug, und auch auf seiner Stirne wollten die gleichen Furchen entstehen. 3 Per stand nicht wieder auf, und dies erwartete auch niemand von ihm. Er lag da und hatte es erträglich, fand er. Valborg ging aus und ein wie immer. Sie versorgte ihn, so gut sie konnte, aber sie sah ihn nicht an. Per beobachtete sie und dachte bei sich: Dieses verteufelte Frauenzimmer, das sich nicht züchtigen ließ. Schließlich war es ja gleichgültig. Denn es war doch recht seltsam, so dazuliegen, so wie er. Alles sah anders aus. Besonders jetzt, seit er den Anders entdeckt hatte. »Sie glaubt uns zu führen, sie«, sagte er zu sich, »und in Wirklichkeit sind wir es, die sie und alles miteinander führen. Wir beide!« sagte er und schlug mit der Hand auf die Bettkante – die Hand war jetzt dünn und zart und schlug nur noch wie eine Kinderhand auf. »Aber wartet nur, wartet nur, bis der Anders zu schlagen anfängt!« Ihm wurde jetzt eine merkwürdige Gnadengabe zuteil. Er sah die Dinge vor sich in der hellen Luft, sah alles, was geschehen war und was geschehen würde, so war nun dieses, und so war jenes; und immer sah er den Anders vor sich, er wurde selbst zum Anders, durch und durch, lebte mit ihm Jahr für Jahr in die Zukunft hinein. Ja, diese verflixten Kinder! Sie zu haben, war wie das schiere Silber. Was sie auch den ganzen Tag lang trieben, er wußte es und war in Gedanken bei ihnen; dies vermochte eine Wunde zu heilen. Wie gut er sich eines bestimmten Tages entsann, als sie noch klein waren. Der Pfarrer war unterwegs und wollte einen kranken Häusler besuchen. Als er wieder zurückkehrte, kam er nach Haaberg herauf, da standen die Jungen auf dem Hofplatz, geladen vor lauter Lachen und Dummheiten. Der Pfarrer fragte, wie sie hießen. Peter, sagte Petter. Paul, sagte Anders. «So, so, so, so! Peter und Paul, so, wirklich!« sagte der Pfarrer. Petter sah zum Meer hinunter, riß die Augen auf: »Der Teufel mich, wenn die Vögel da unten nicht über einem Heringsschwarm her sind.« » Was sagst du!« »Der Teufel hol mich, Sag ich!« Der Pfarrer ging ins Haus zu Per, er war vollkommen erschüttert, Per aber lachte geradeheraus. Später nahm er sich die Burschen vor. »Das hat der Anders ausgeheckt«, log Petter und sah den Vater dabei offen an. Anders blickte störrisch zu Boden. Da bekam er die Prügel, Prügel, daß er hinkend davonsprang. Die beiden versteckten sich hinter der Stallwand und Per hörte, wie sie lachten. – »Du wirst noch öfter den Stoß auffangen müssen, Anders«, sagte Per vor sich hin, als er so dalag und daran dachte. Und so trieben sie es weiter. Eines Nachts hörte man ein Rumpeln und einen verzweifelten Schrei aus dem Dachraum. Was war das? Es war der Steffen Groß-Schuh. Er stieg manchmal hinauf, um die Magd zu besuchen; sie schlief dort oben, und auch die beiden Jungen lagen dort – Steffen schlief im Pferdestall. Jetzt stand er im Dunkeln drinnen im Dachraum und war in ein Gewirr von Dornenreisern, Angelleinen und Angelhaken und allem möglichen Gerümpel geraten, ein alter Bottich war ihm auf den Kopf gefallen, so daß er glaubte, das Haus stürze ein. Er schrie aus Leibeskräften nach der Magd, denn das hier war Zauberei und Teufelswerk: »Ele–o– Ele–o–nora, komm und hilf mir!« Eines Abends, zur Weihnachtszeit, kam ein Bettlerlappe auf den Hof; er bat um Essen. Die Mägde waren fort, und Valborg befand sich im Stall. Die Jungen versprachen ihm Grütze, wenn er warten wolle. Per schlummerte ein wenig, und als er die Augen wieder aufschlug, sah er den Lappen dasitzen und Gerstengrütze essen. Als Valborg aus dem Stall kam, lag der Lappe auf dem Boden und wälzte sich. Er hatte eine Schüssel voll halbroher Grütze hinuntergeschlungen. Valborg legte los und schalt, aber der Mann bat so herzlich für die Burschen: »Sie wollten mir nur etwas Gutes tun!« – Im übrigen kam er noch mit dem Leben davon. Per machte dies alles Freude. Darin war doch Leben, und Leben, das war etwas Seltsames! Ane kam bisweilen von Paalsnese herüber, und Aasel von Juwika. Aasel sagte nicht viel darüber, daß es um Per so schlecht stand. Ane redete vom ersten bis zum letzten Augen blick nur von sich und dem Ihren. – »Von der Ane ist nur noch der Nasentropfen übrig«, sagte Per. »Ja, aber der ist so schön blank«, meinte Anders. – »Und dauerhaft«, sagte Petter. Das letzte, was Per zustande brachte, war ein Vergleich zwischen ihr und den Erben ihres Mannes. Er bat diese zu sich und sprach mit ihnen. »Ich komme, wenn ihr nicht Frieden haltet, ich komme noch vom Kirchhof zu euch!« sagte er und sah sie so an, daß sie nachgaben: so und so sollte es gemacht werden. Dann ließ er eines Abends die Häuslerbauern holen und sagte ihnen, sie hätten es jetzt in Zukunft mit dem Anders zu tun. Und der Anders sei so: wenn sie Verstand zeigten, dann zeigte der Anders ihn auch. Er sah Anders an, als er dies gesagt hatte. Es war nach und nach so weit gekommen, daß Anders immer in der Nähe sein mußte, aber jetzt war er auch so offen und verlässig wie noch nie. Zuletzt mußte Anders Tag und Nacht bei ihm sein. So wollten sie es alle beide. Die Nächte wurden Per lang, denn er konnte nicht mehr schlafen. Ein merkwürdiges Ding – so war noch keiner dagelegen. Lange Stunden lag er oft und lauschte. – Die Nacht wurde so lebendig. In der Dunkelheit draußen bekam alles einen Klang, und er hörte alles und unterschied es. Da war vor allem der Wind, der alte Wind, der um die Wände strich und herein wollte. Per vermißte ihn, wenn er einmal ausblieb. Da standen die Häuser und redeten miteinander. Und da waren die Berge, und da war das Meer. Die Erde lag auf dem Rücken und sang. Und der vergessene Wasserfall redete unverdrossen, redete mit der Nacht und mit sich selber. – Bisweilen sah Per die Sterne. Da hingen die beiden; der eine gerade unter dem andern. Und so alle über den ganzen Himmel hin; sie schrieben und sie deuteten, dahin und dorthin. »Oh, Anders, es ist eine Kunst und eine Bürde, zu leben – wo bist du, Anders?« Dann war wieder nur die Dunkelheit um ihn. Sie stand geduldig da und wartete – kam er denn nicht bald? Doch ja; lange würde es nicht mehr dauern. 4 Endlich ging es zu Ende. Es war eine Mondnacht wie damals, als der Vater starb. Aasel war schon früh am Abend herübergekommen, gleichsam als habe sie gefühlt, wie es stand. Per begann gegen Abend zu jammern und zu ächzen, wie oft in letzter Zeit: »Kannst du nicht meine Wiege schaukeln, Anders? Du siehst doch, ich liege hier wie ein kleines Kind. Kannst du mich nicht in die Sonne hinaustragen, ich liege hier im schwarzen Keller.« Dann aber ermannte er sich wieder und war bei vollem Bewußtsein. – »Meinst du, Anders, die anderen haben auch so dagelegen und gewußt, daß es mit ihnen zu Ende geht?« – Nein, Anders wußte das nicht. »Nein«, lächelte Per. »Keiner von den Juwikingern hat das hier ausgekostet. Und jetzt, Anders, jetzt liege ich da und denke. Was? Wenn's mit dem Leib zu Ende geht, siehst du, dann fangen die Gedanken an. Und die sind stark. Die gehen durch harte Berge hindurch. Ich sehe alles miteinander. Ich sehe dich wie einen großen Baum vor mir, Anders. Wir haben nichts zu fürchten. Du und ich, siehst du!« Kaum aber war Anders ihm aus den Augen, so drang die Angst in ihn: »Es ruft so kalt da draußen, was ist das? Wo bist du, Anders? Ich liege hier mutterseelenallein, auf dem Rücken, kann mich nicht umdrehen. Alle, alle – sind ihrer Wege gegangen.« Anders beugte sich über ihn und redete ihm zu: »So, so ist es besser, wirst du sehen.« Und Per jammerte mit heller Kinderstimme: »Ja, haha! Jetzt hab ich's wieder gut! Aber wie wird's wohl der Jens haben, was meinst du?« Aasel setzte sich zu ihm aufs Bett. Sie war bleich und fremd, und Per erkannte sie nicht sofort. – »Sollen wir den Pfarrer holen, Per?« »Den Pfarrer? Ja, ja, das kann wohl niemals schaden. Ja, denn dann könnte er ihm gestehen, wie es sich verhielt. mit Morten Aune und alledem, was auf ihm lastete, meinte sie. Auf ihm lastete? Er sah zu Anders hinüber, fing dessen Blick ein: »Es gibt nichts, das auf mir lastet – o nein!« Er raffte alle Kraft in sich zusammen, die noch in ihm war, und richtete sich auf den Ellbogen auf: »Nein, Aasel, ich will dir etwas sagen. Es war die Hand des Herrn, Kind, die sich auf mich legte. Die gewaltige Hand des Herrn. Der konnte ich wohl nicht widerstehen, hätte ich das etwa gekonnt, Anders? Ich sehe es in den Sternen und in allem anderen – der Anders und ich.« Damit wandte er sich von ihr ab. – »Nein, Anders, ich lieg hier in Ehren. Die kleinen Geister und der Lappenzauber und das alles hat seine Kraft, und wir haben die unsere, wenn wir aber ihm begegnen, dann werden wir klein. Und jetzt will ich den Stab nehmen und gehen. Denn jetzt sehe ich nichts anderes mehr vor mir als dich. Du gleichst einem großen Strauch, Anders, mit Blüten und Beeren zugleich – jetzt wollen wir von neuem anfassen, Anders!« Aber Aasel konnte noch nicht nachgeben. Sie rundete den Rücken, war dem Weinen nahe: »Aber wenn du doch ein klein wenig zu unserm Herrgott beten würdest, Per? Daß er dir alles verzeihen soll!« Er sah sie an und blickte von ihr wieder zu Anders, wurde immer unruhiger, bis Anders seinen Augen begegnete und ihn mit seinem Blick erwärmte. – »Ja, das wäre ja wohl keine Schande«, sagte er. Aasel wurde froh, sie griff nach seiner Hand. Er aber zog sie wieder an sich. Man konnte sehen, daß in ihm etwas arbeitete. »Nein. Ich will nicht. Ich will lieber – – meine Strafe leiden. Wir gehören nicht zu dieser Art. Nicht wahr, Anders – ich will unter unsern Alten bleiben. Und Recht soll Recht Weihen. Ich will in Ehren sterben, Anders! Sie wollen es so!« Es wurde still in der Stube. Aasel stand vom Bett auf und setzte sich auf einen Hocker. Valborg saß beim Herd. Sie zitterte und bebte, aber nicht vor Entsetzen; sie nahm es Aasel übel, daß sie hergekommen war und so auf Per eindrang, und jetzt lächelte sie ihr kaltbleich zu: Da hatte sie es gehört, er ist kein kleiner Mann! Sie hatte gesehen, wie klein er war, und das war ihr Glück; die anderen reichten ihm doch nicht bis unter die Achseln. Aasel ging in den Dachraum hinauf und legte sich schlafen. an sollte sie wecken, wenn es notwendig wäre. Valborg legte sich auf ihr Bett. So verrann Stunde auf Stunde. – »Bist du da, Anders?« fragte Per von Zeit zu Zeit. Und dann flüsterte er rasch und ängstlich: »Jetzt mußt du mich festhalten, Anders, jetzt geht es dahin! Den Berg hinunter, über den Hang hinaus – kannst du mich nicht ein klein wenig festhalten?« Röchelnd und keuchend lag er da, eine Stunde und zwei Stunden, es war eine Ewigkeit. Auf einmal lachte er leise: »Der Morten steht draußen an der Wand. Gib acht, du, daß nicht der Anders zu dir hinauskommt! – – Da klopfen sie an die Wand, sie klopfen mir, hast du's gehört, Anders?« »Das warst du ja selber; so hast du's gemacht.« »Ja, wirklich?« Er flackerte auf, so merkwürdig, daß Anders kaum wußte, was er glauben sollte. »Aber was ist denn, Vater, willst du an meiner Hand saugen?« »Hm, nein, das – – das war es ja auch nicht.« Anders stand wie versengt da. Der Vater hatte ihm den Handrücken geküßt. »Aber halt mich jetzt fest – – glaubst du, wir werden hinübergelangen, Anders? Ich bin all mein Lebtag unten im Wellental gewesen – jetzt geht es aufwärts – wo bist du denn? Es war das Geschlecht, das mich hierher versetzt hat, Anders!« Das war das letzte, was er sagte. Anders hielt ihm das Licht vor den Mund und wartete, bis es nicht mehr flackerte. Dann drückte er ihm das Kinn hoch und legte die Finger auf die Augenlider. Valborg schlief drüben im andern Bett; sie hatte seit vielen Nächten nicht mehr richtig geschlafen. Jetzt erwachte sie und richtete sich auf. Sie sah nur den Anders an und murmelte etwas wie ein Ja. Valborg saß im Bett, er auf der Bank. – Nein, draußen war es still. Eine stille und helle Nacht. Ein leiser Windzug raschelte im Walde und entschwebte. Kein Hund bellte. Kein Tierkralle scharrte an der Wand. Die Hand des Herrn war hier gewesen. Und sie bringt die Luft zum Schweigen. Valborg vergaß, daß Anders in der Stube war. So ist nun das alles geworden«, sagte sie. »Alles das, worüber ich so nachdachte, als ich von daheim wegzog. – – Aber der Herrgott weiß, warum er gefällt werden mußte.« 5 Auch bei diesem Leichenschmaus machte Lines den Wirt. Breiter denn je stand er in der Türe und nahm die Gäste in Empfang, und nie hatte er so gutherzig über jedes Glas Schnaps gebrummt, und nie hatte er gewissenhafter jedem einzelnen zugetrunken. Er erfüllte seine Pflicht, so daß ihm heiß dabei wurde, aber trotzdem konnte er die Leute nicht aufmuntern. Sie wußten nicht, wie sie sich geben sollten. »Nein, Leute«, sagte er, »jetzt müssen wir hinuntergehen und den Per anschauen; wer mitkommen will, kommt mit; hier gibt es keinen Zwang, wer nicht will, der muß.« Still und zögernd kamen sie hinter ihm her, und ebenso still kehrten sie wieder zurück. Und sie aßen und tranken, und die Leiche wurde hinausgesungen, und die Glocke läutete darüber, sie kehrten wieder zurück, und sie saßen abermals am Tisch, und alle waren so, wie sie sein sollten, so daß es schließlich doch in der Stube von ihren Stimmen summte. »Aber es ist kein Klang in den Leuten«, sagte Lines, »es ist wie eine Glocke ohne Schwengel.« Es war aber auch so eine Sache, wenn doch die Leute noch nicht recht an den Tod dessen glauben konnten, dessen Leichenschmaus sie hielten. Sie machten sich keine Gedanken darüber, wo der Per jetzt war, obwohl er vor seiner Zeit gestorben war, er war wohl dort, wo er sein sollte; aber was sollten sie sagen? Am nächsten Tag, als sie zum letztenmal bei Tisch saßen, wurde es leichter für sie. Da setzte Anders sich an das oberste Tischende und nahm seinen Platz ein, wie es damals der Brauch war. Er war jetzt Herr im Haus. »Willkommen an meinem Tisch, Leute!« sagte er. »Und Dank euch allen, die den Vater auf seinem letzten Weg begleitet haben. Er hätte einen schöneren Leichenschmaus haben sollen, aber wir brachten es nicht anders zuwege.« Anders sagte dies wie ein voll erwachsener Mann. Zuerst sahen die Gäste ihn mit langen Gesichtern an, und die Mutter blickte befangen zur Seite. Aber wie sie einer nach dem anderen seinen Blicken begegnet waren, kamen sie zur Ruhe. Anders lächelte nicht, er wurde nicht einmal rot, er hielt das Messerheft auf die Tischplatte gestützt und blickte mit starken Augen um sich: sie saßen doch wohl nicht da und waren verlegen? Damit griff er in die Schüssel, und desgleichen taten die anderen. Es war, als säßen sie in einer neuen Stube. Später stand Anders vor der Türe und reichte ihnen allen die Hand, der Reihe nach, wie sie den Hof verließen. Über Anders auf Haaberg entstand ein Wort in der Gemeinde: Das war ein ganzer Mann von einem Jungen, wahrhaftig. Der nahm seinen Platz ein, und er füllte ihn aus. Das und das hat er heim Leichenschmaus nach seinem Vater gesagt; es wurde eine lange Geschichte mit guten Worten, je mehr sie von Mann zu Mann wanderte. An Per erinnerte sich bald keiner mehr. Zweites Buch. Mit Blindheit geschlagen ERSTER TEIL   »Wer eine Ehefrau findet, der findet etwas Gutes.«   Die Jugend rast 1 Es war Sommerabend und schönes Wetter, die Wiesen lagen weich vom kurzen Grummet da; der Birkenwald schwieg im tiefsten Feiertag, die Schatten streckten sich und wurden lang, und die Leute, die zum Leichenschmaus nach Haaberg gekommen waren, nahmen Abschied und fuhren heim. Man sah sie in Gruppen zum See hinunter und über die Wege hin; einige von ihnen ritten, aber sie hielten Schritt mit den anderen; es lag immer noch Feierlichkeit über ihnen. Es war ein Fest gewesen, das sich hatte sehen lassen können. Anders stand draußen auf dem Stallhügel, er hatte einige der Gäste ein Stück weit begleitet. Er dachte nicht viel, sondern stand nur noch so da; die Mutter war tot, er dachte ganz kurz daran und verlor den Gedanken wieder; ihm klang noch das Gastgelage wie ein anhaltender Gesang im Kopf. Ja, ja, das war nun überstanden. Hat man sich erst einmal unter Menschen begeben, soll man so lange in ihrer Gesellschaft bleiben, bis man sich darüber freut, wieder für sich allein zu sein. Das und jenes hatte der eine gesagt, und so hielt es die, und so hielt es der; Anders stand da und lächelte, ohne sich dessen bewußt zu sein. Was aber war nun das hier? Das war der Petter, der wieder etwas vorhatte, er und ein paar andere Lausbuben. Sie hatten ein Bettelweib vor sich, so halb und halb ein Lappenweib, das herumwanderte und bettelte! So eigentlich Lappenblut war sie ja nicht, aber sie war das Weib vom Hinke-Andreas drinnen im Wald bei Engdalen. Sie kam um die Stallecke geschlichen, war in der Küche gewesen und hatte etwas in ihren Sack bekommen; und jetzt hatten die Buben ihr kleines Mädchen mit einem Strick eingefangen und wollten damit davon. Sie wollten der Kleinen nur das Lappenfell abziehen, sagten die Burschen, sie brauche keine Angst zu haben. Die Mutter redete ihnen gut zu, schließlich aber kochte es in ihr über; wahrscheinlich weil das Mädchen weinte. Jedenfalls war es dies, was Anders zu sich brachte. Er lief rasch zu ihnen hin und wollte sie verprügeln, aber es fiel ihm ein, daß dies doch zu arg sei, von Petter nämlich, und daß es besser wäre, mit ihnen zu reden. Die Burschen ließen sofort los, als sie ihn sahen, so daß er nicht viel zu reden brauchte, und außerdem hatte das Weib die Sprache wiedergewonnen und sagte, was notwendig war. Die beiden anderen machten sich davon wie Schlangen im Heidekraut. Petter aber blieb stehen und grinste so schuldlos wie immer. »Lappe, Lappe!« rief er, bis das Weib beinahe zerplatzte vor Wut; dann wandte er sich dem Bruder zu, gleichsam als streiche er alles Unrecht aus. – »Es sind ja nur Lappen, Anders!« »Warte nur, Petter«, sagte das Weib, »du heiratest nicht, Bursche, ehe du die Solvi heiratest.« »Mach, daß du heimkommst, du mit deinem Sack«, sagte Anders ruhig. Er suchte in der Tasche nach irgend etwas, das er dem kleinen Mädchen hätte geben können, fand aber nichts, und es lag ihm auch nichts daran; die beiden waren schon auf dem Weg. Er wandte sich zu Petter: »Bist du ein Hund, du, oder bist du ein Mensch?« Petter lachte noch, aber sein Gesicht hatte den Ausdruck verändert, man sah ihm an, daß dies ihn getroffen hatte. Jetzt erst wurde es dem Anders bewußt, daß er den Bruder züchtigte, daß er dastand und ihn gleichsam an die Wand hielt. Das war etwas anderes, als sich auf ihn zu werfen und ihn zu verprügeln, wie er oft getan hatte. Ja, und von jetzt ab war kein anderer mehr dazu da als er. Er drehte sich jäh weg und ließ ihn stehen. – Er dachte an das kleine Lappenmädchen: Es war doch wohl ein Hundeleben, solch ein Lappenkind zu sein, wenn man unter die Leute kam. Vielleicht hatte sie daheim etwas, mit dem sie sich trösten konnte; eine kleine Katze oder eine Ziege; aber trotzdem. Vielleicht schenkte er ihr einen kleinen Spiegel, wenn sie wieder einmal vorbeikam; er hatte den Spiegel von der Muhme Beret geerbt, die in den Brunnen gefallen war, und die hatte ihn von Oheim Jens bekommen, von ihm, der in der wilden Finnmark herumfuhr und kein Wort mehr von sich hören ließ – dann wollte er auf den Boden stampfen und sagen, daß sie nicht so auf die Höfe kommen und betteln dürfe, damit sie es nur wisse. Aber wie gesagt: mit dem Petter war es keine kleine Sache. Mutterlos und zügellos in der Welt, und nur er , um ihn stramm zu halten. – Der Gedanke war so neu für Anders, ihm brach fast der Schweiß aus. Er ging hin und setzte sich auf die Haustreppe. Es waren sicher nur noch die Aushilfsleute, die da in der Küche lärmten. Hier saß er nun und dachte an seine Nachbarn. Er hatte sie in letzter Zeit immer mehr und mehr zu spüren bekommen; sie waren da, und sie wollten auf ihn eindrängen. – Da kam gestern abend Kristian Lauvset, so gutmütig, wie er nur sein konnte: es handle sich um diese Grenzscheide zwischen Lauvset und Haaberg im Wald drinnen, es wäre vielleicht am besten, sie gingen sie gleich ab und setzten einen Zaun? Anders hatte Kristians Vieh ein paarmal im Sommer weggejagt, es war auf die Wiesen geraten. Dieser Zaun wurde lang, eine Sündenstrafe für Anders, der die Hälfte davon allein stellen mußte. Dann war noch der Alte von Engdalen; da hatte Anders es mit Verwandten zu tun. Er kam sogar schon, als die Mutter noch im Sterben lag, erkundigte sich fein säuberlich nach dem Geld, das er im Hof hier stehen hatte. – Man sollte doch wohl mit Rechten wissen, wie es sich damit verhalte. Und eine kleine Verzinsung vielleicht, als eine Anerkennung oder wie man es nennen wollte? »Als Per noch lebte und krank war und als Valborg hier als Witwe saß, da war dies eine andere Sache; es ist ein Unterschied, wenn ein Neuer die Sache in die Hand nimmt«, sagte er. Anders erinnerte sich, daß sie im Gebirge drinnen einmal wegen Birkenrinden hintereinandergekommen waren. Damals sagte Anders wohl ein paar Worte zuviel; wie aber soll man seinen Mund halten, wenn man im Recht ist? Woher sollte er nun die Zinsen nehmen? – Und dann diese hungrigen Häuslerleute. Die würden ihm über den Kopf wachsen. Nur weil er gutmütig und nachsichtig gegen sie gewesen war, ihnen das eine oder andere hatte zukommen lassen. »Du, Elias, du kennst ja die Grenze in den Bergen drinnen, zwischen Engdalen und hier?« sagte er eines Tages zu dem einen. – »N–ja, die Grenze und das alles – ich möchte nun gern, daß jeder das Seine hat«, murmelte der, und als Anders ihn ansah, wich er ihm mit Diebesaugen aus: »Ich weiß so wenig davon – es ist am besten, Frieden zu halten mit den Leuten.« Der andere, der Paal, wußte auch nichts; er wollte mit nichts herausrücken, und als Paal zu den anderen kam, murmelte er irgend etwas, was nicht gut war: »Wenn man auch schon ein Sklave ist – so will man doch trotzdem –« Anders stand auf. Er fand, daß er sich hätte aufrichten, zu seiner vollen Höhe hätte aufrichten sollen. Er hätte jetzt doch ein erwachsener Kerl sein sollen. Hier hieß es mit allerhand fertig werden; es schien ihm, daß er gar manches rings um sich ändern würde. Aber es hatte keine Eile. Da aber kam die Muhme Aasel von Juwika. Mit ihr wollte er sprechen. Sie würde heute abend doch nicht mehr fort fahren, sagte sie und setzte sich auf die Treppe neben ihn. Sie saßen gerade gegenüber der Abendsonne, die auf dem Bergrücken lag, im Begriff unterzugehen, die Strahlen griffen wie lange, weiche Hände herüber, sie strichen über alle Dinge rings um sie. Aasel war wie immer, er hatte sie nie anders gesehen. Wenn er darüber nachdachte, schien es ihm, als sei sie die einzige, die ein gutes Gesicht habe. Und ihm war, als gehörten er und sie zusammen. Im übrigen wurde nicht viel zwischen ihnen geredet. Erst als sie aufstand, sagte sie etwas. »Ja, ja, du, Anders!« sagte sie. Dann stand sie eine Weile da. »Jetzt bist du erwachsen. Jetzt bist du es, der – dein Vater hat es nicht so sehr weit gebracht, weißt du.« »Der Vater?« Anders sah sie wie ein Schwerhöriger an. »Ja, du weißt!« fügte sie schnell hinzu, »er hat es ja weit gebracht. Aber trotzdem – es wird eine Freude sein, zu sehen, wie es mit dir geht, Anders.« Ihr Gesicht schlug sich vor ihm bis ins Innerste hinein auf, so war es ihm, er stand auf, ohne es zu wissen; ja, jetzt sah er den Vater vor sich, wie eine Bürde von Ernst und schweren Tagen sank es auf ihn herab. »O ja, aber – es hat keine Eile!« Er streckte die Arme aus, als wollte er gähnen, aber ihn durchfuhr eine Bö von Leben und Mut. »Es hat keine Eile, Muhme. Vorerst – will ich jung sein. Will mich austoben und jung sein, ja, zehn Jahre lang und noch ein bißchen darüber.« Aasel lachte, sah an ihm hinauf und hinunter, gleichsam als habe ihr auch das zu hören gut getan. Sie packte ihn bei der Schulter, rüttelte ihn ein wenig: »Da hast du recht, Anders! – Aber da, da kommt eine, die du dir anschauen mußt. Hm?« Es war Massi Lines, Massi vom Pfarrhof, wie sie genannt wurde, die er einmal vor dem Stier gerettet hatte. Sie und noch ein Mädchen waren jetzt erst auf dem Heimweg, sie gehörten zu den Aushilfsleuten. Massi hatte helleres Haar und blauere Augen als alle anderen. Anders durchzuckte es warm, sobald ihr Blick über ihn hinglitt, diese Augen waren so himmelsblau und lebendig; – sie war auch besser gekleidet als andere Leute, aber dies wurde ihm nicht bewußt. Sie kam herzu und reichte die Hand zum Abschied, redete ein paar Worte mit Aasel, und dann ging sie. Dann gingen sie, ja. »Du frierst jetzt nicht, Anders, das sehe ich«, sagte Aasel. – »Ja, ja. Kommt Zeit, kommt Rat«, fügte sie hinzu. Anders wunderte sich, daß er nicht ein Stück Weges mitgegangen war. Ja freilich, hier war ja Trauer auf dem Hof, denn sonst hätten wohl die Füße nicht so im Boden haften können. Und dann das: es hatte ja keine Eile, die Welt stand blau und voll Überfluß an Zeit da, im Osten hinter den Bergen. Massi war jetzt auf dem Pfarrhof, war dort gewesen, schon seit sie ihre Eltern verloren hatte, der Pfarrer hatte sie so liebgewonnen in der Zeit, in der sie zum Konfirmandenunterricht zu ihm kam, und sie war ganz wie ein Kind im Haus, seit die Frau gestorben war und seine Töchter sich verheiratet hatten. Sie machten eine Runde um die Häuser, Aasel und er; und währenddem redete sie darüber. – Ja, wer weiß, sagte er, eines schönen Tages würde er wohl einmal die Gaff in sie schlagen – aber da sei es noch lange hin. – Sie verstehe ihn so gut, sagte Aasel. Er hatte ja fast keine Jugend gehabt bisher, hatte schon als Junge die Stelle eines Erwachsenen ausfüllen müssen. Er mußte wohl auch seine Zeit haben. »Tob dich nur aus, du, Anders. Das tut dir gut, dein Lebtag lang.« Sie sah ihn wieder an – merkwürdig, wie hoch sie die Augenlider heben konnte, denn sie waren doch eigentlich so schwer; es lebte und rührte sich in den feinen Runzeln unter den Augen, wenn sie einen so betrachtete; Anders war ganz krank, wenn er daran dachte, daß ein anderer, und noch dazu dieser Mikkal, dieses Gesicht besaß. Aber im übrigen: die Massi war ihr ja nicht unähnlich, und es konnte so vieles geschehen in der Welt, sie war voll seltsamer Dinge. »Deine Mutter war so tüchtig, wie sie nur sein konnte«, sagte Aasel. »Aber eigentlich hast doch nur du den Per verstanden.« Anders gab keine Antwort, und Aasel nahm gleich darauf Abschied. Er setzte sich irgendwo allein hin. Warum hatte sie das von der Mutter gesagt! Er entbehrte die Mutter so sehr. Jahrelang hatte er hier gelebt und war sie nicht gewahr geworden, war mit ihr aus- und eingegangen und hatte kaum gehört, was sie sagte. Wie stark mußte sie gewesen sein! Darum war sie so still. Keiner konnte sie unterkriegen; und nichts. Er fühlte es felsenfest in diesem Augenblick, daß er ihr mindestens ebensosehr glich wie dem Vater. Der war von so vielen Dingen geplagt gewesen. Der Herrgott mochte wissen, wie der Vater das alles zusammengesammelt hatte. – »Das gibt es nicht!« sagte Anders auf einmal, wie er so saß. Es sich zu Herzen nehmen, daß ein Dieb ins Wasser sprang! Daliegen und damit sich martern und darüber nachdenken, was ist und was nicht ist – nein! Her mit dem Dieb, dann jag ich ihn selber noch einmal ins Meer hinaus! Anders stand auf und ging hinein. Petter ließ sich Zeit und lachte ihm nach, als er den Anders über den Hof gehen sah – wie erwachsen der Scheißkerl sich anstellte, mein Gott, wie der Erbbauer schritt er schon einher –, und wenn man auch nur den Hosenhintern sah, so konnte man es ihm anmerken. Aber Petter fühlte genau, es war nur ein leeres Grinsen, mit dem er dastand, so hatte er auch früher gegrinst, wenn er Prügel bekommen hatte. Das war damals. Das war etwas, das aufgehört hatte und auf Nimmerwiederkehr vergangen war. Er konnte Anders nie mehr richtig zu fassen kriegen. Sie hatten ihm die Tür vor der Nase zugeschlagen; er war nur der Petter, er, und alles andere war der Anders. Aber nicht ein jeder konnte so dastehen und dazu lachen und immer noch zufrieden und vergnügt sein. Das mußte man doch wohl Gnade nennen dürfen? Und da wünschte man niemand etwas Böses, wie es auch sein mochte. Was summte der Anders da für ein Lied vor sich hin? »Wer eine Ehefrau findet, der findet etwas Gutes.« Möge Gott dir doch zwei bescheren, Anders. 2 Es war leer auf Haaberg nach Valborgs Tod, aber Anders und Petter taten, als merkten sie es nicht. Anders wollte das Wohnhaus im nächsten Sommer niederreißen, so kam man darüber hinweg. Und außerdem hatte er über Petter nachzudenken. Petter war ein paar Jahre jünger, jedoch erwachsen genug, Anders war bereits einige Zwanzig. Aber es steckte nichts in Petter, es war nichts als Mundwerk und Aufsässigkeit an ihm, wie sie sagten, und nichts als Grinsen und Gutmütigkeit. Ein freundlicher Bursche war er durch und durch, aber eine Last war er auch, er konnte einen bisweilen ganz boshaft ansehen, und was sollte aus ihm werden? Wie würde es ihm gehen? Aber die Neu-Stube, die gebaut werden sollte, nahm Anders ganz in Anspruch. Oft lag er da und schloß die Augen, und dann sah er sie so klar und deutlich vor sich. Sie bekam immer mehr und mehr Gesicht, ein lebendiges Haus, das dort auf dem Hang stand, den Hügel zur einen, die Nebenhäuser zur anderen Seite, hinter sich die Berge, vor sich breite Äcker über den Hang hinunter, wenn man sie vom Süden her betrachtete; still und glücklich wuchs sie heran, wuchs empor, wie er selbst auch gewachsen war, sprach zu ihm und auch zur Gemeinde – nein, keine Juwik-Stube, der glich sie kaum! Es war seine Stube, ein lebendes Haus, wie gesagt, in dem er und seine Zukunft lagen. Es war wie ein kleines Weihnachtsfest, in den Wald hinauszugehen und die Stämme für das Haus auszuwählen; und ehe er's wußte, war er mitten in der Arbeit und fällte die Bäume, mit drei und vier Männern. Im Haaberg-Wald gab es nur wenig Baustämme, dort standen meist nur Birken, er aber suchte drüben im Norden, denn dort gehörte das Land auch zu Haaberg, das sah man an der ganzen Landschaft, und das hatten die Häusler erzählt. Der Pfarrhof und die Lauvset-Höfe hatten sich dort Weideland angeeignet, und sie hatten dort auch Bäume geschlagen, er wußte das. Aber deshalb gehörte es ihnen doch nicht. Es kam so weit, daß sie vier Mann stark anrückten und ihn an der Arbeit hindern wollten, sie konnten ihm sagen, daß sie dieses Stück Land gegen eine Wiese in Döllin eingetauscht hatten. Ob sie dies schriftlich hätten? fragte Anders. – Schriftlich? Das war ein häßliches Wort, so recht ein Lumpenwort, sie sahen ihn und einander an. – Mag sein, daß sie eine Art Recht haben, dachte Anders, denn sie bekamen so schlaffe Gesichter, ganz leere Kinnladen. Was soll ich aber tun, wenn sie vier Mann stark hierher kommen und meinen, sie könnten mich unterkriegen? Nein, ich bin der Stärkere. – Sie sollten Gras mähen dürfen, soviel sie wollten in Döllin, jetzt aber sollten sie hier aus dem Weg gehen, damit er arbeiten könne, sagte er; er sagte es ruhig und ohne jede Spitze. Und sie mußten wirklich wieder heimwärts ziehen. Aber sie hätten ihn jetzt gewarnt, sagten sie. Anders war hinterher ein wenig erstaunt: daß er ihrem Recht so den Rücken hatte drehen können! Und daß er die anderen so offen hatte ansehen können – den Petter, der umherging und vor sich hin lachte, und die Häusler, die nur wegsahen und an einem Holzspan kauten. Aber sie sollten eben nicht so geradeswegs auf einen zugetrampelt kommen, daraus wurde nie etwas Gutes. Und dann plagten sie ihn auch noch mit diesem Zaun; das würde ihn noch den ganzen Sommer kosten. – Er schlug kahl, wo es ihm gefiel, er fragte niemand und fürchtete sich vor niemand. Im übrigen vergaß er bald diesen Streit, er warf ihn von sich, wie Kinder es tun, und packte etwas Neues an. Zuerst schaffte er sich Fischgerät an und sandte vier Mann auf den Fischfang. Danach reiste er ins Tal hinauf und kaufte ein neues Pferd, ging von einem Hof zum anderen, bis er das fand, was er wollte, verkaufte es gleich und kaufte wieder ein neues, das noch schöner war; und lange Zeit dachte er an nichts anderes als nur an Pferde. Es war solch ein Reichtum darin. Er wollte sie aufziehen, und eines sollte schöner und wohlgeschaffener sein als das andere, und dann wollte er mit der ganzen Gemeinde um die Wette reiten, wenn er sie dazu bringen konnte. Bisweilen kam es über ihn, daß er recht und schlecht sich austoben müsse, er wollte mit anderen jungen Leuten zusammen sein und es ein bißchen lustig haben. Es verhielt sich schon so, wie die Muhme Aasel sagte, er war darum betrogen worden, er war daheim auf dem Hof wie ein alter Mann herumgegangen und hatte gearbeitet, und jetzt hatte er ein Gefühl, als sei er wieder klein und müsse erst wachsen. Er brachte einen Tanzabend nach dem anderen zustande, die jungen Leute hatten sich nie soviel gerührt wie jetzt, und es war Anders Haaberg, der sie eintanzte , wie er sagte. Er konnte sie vom Boden wegtanzen, manchmal; aber nie so, daß sie ihm böse wurden, so war er nicht, es war nur viel zuviel Leben in ihm. Freunde gewann er sich dadurch im Grunde nicht, es fiel ihm auch gar nicht ein, sich welche zu suchen, aber es waren alles miteinander prächtige Burschen, und sie vermißten ihn, wenn er nicht dabei war. Einmal gerieten sie aneinander und rauften, ein paar der Burschen, es war in der Johannisnacht, und sie waren am Strand und tanzten, auf einer großen ebenen Wiese, die die Jugend seit alters als Versammlungsort benutzt hatte. Anders stand dabei und fand es lustig zuzusehen; als aber das Blut aus der Nase tropfte und es noch nach Schlimmerem aussah, legte er sich ins Mittel: ob es jetzt nicht bald genug sei? Das meinten die anderen nicht, und der eine gab Anders eine freche Antwort, Anders lächelte nur, dies aber machte den Burschen wütend, und ehe Anders sich's versah, fuchtelte ein blankes Messer vor ihm in der Luft, und er hörte Schreie aus der Mädchenschar – Massi war auch da, das sah er, und sie war bleich. Da fuhr er einige Schritte zurück, rannte dann vor und schlug dem anderen das Messer aus der Hand, packte es und warf es ins Wasser: »So, Spielmann, spiel auf!« Und es geschah wirklich, mitten in der hellichten Nacht, daß sie alle weiter tanzten, als habe es weder Messer noch Blut gegeben; und die Gutwetterwellen glucksten und rieselten über den Sandstrand hin, so friedlich, als hätten sie nie zuvor etwas anderes erlebt. Als die Burschen und Mädchen schwitzend und atemlos dastanden und einander von der Seite ansahen, kam einer herbei und schlug Anders schwer auf die Schulter: »Na, Anders, das hast du wie ein ganzer Mann gemacht: Dank und Ehre gebührt dir, das müssen wir dir alle lassen!« Es war Ola Engdalen, sein Vetter. Anders mochte das nicht leiden. Es war zwar keine Prahlerei, Ola hatte recht, aber er sollte doch ihm nicht so auf die Schulter schlagen wie ein Vater und ein großer Vormund. Ola Engdalen war etwa zwei, drei Jahre älter und bereits Witwer mit Kind und allem miteinander. Es waren viele verheiratete Leute hier in dieser Nacht, und sie waren alle willkommen, aber Anders mochte nicht, daß Ola hier war. Und es wurde auch nicht besser dadurch, daß Ola hinging und mit Massi tanzen wollte. Ola war ein großer hochgewachsener Bursche und sah gut aus, obwohl er ziemlich dunkel war – Massi sah zu ihm auf, als sie lostanzten. Gleich darauf sah sie zum Anders hinüber. Ja, wer die dort bekommt, dachte er, der bekommt etwas Gutes. Aber kommt Zeit, kommt Rat. So leicht war es übrigens doch nicht. Oft schon war er auf dem Weg gewesen und hatte einfach zum Pfarrhof hingehen und ganz offen mit ihr reden wollen. Aber er schob es hinaus. Er wollte noch nicht. Er tat es von sich und ging dann lieber hinauf und betrachtete das Wohnhaus des Pfarrhofes. Er setzte sich auf den Hügel und maß es mit den Blicken aus. Lang wie ein Winter war das Haus, und große Baumgruppen verbargen beide Enden – und was für breite, breite Fenster! Ja, das Haus war gut genug an und für sich, war sicherlich so, wie es sein sollte; aber noch eines war auch gewiß: seines sollte nicht so werden. Nein, vielen Dank! sagte er, stand auf und klopfte das Moos von seinen Hosen – nein, sein Haus war wie alle anderen Häuser, nur daß es mächtiger war als sie und mehr Leben in sich hatte. Aber er besaß nicht das Herz, die alte Stube einzureißen, noch nicht. Denn die Mutter hielt sich gleichsam noch darin auf, und es gab so viel anderes zu tun, es war unmöglich, an sie heranzugehen. Es hatte sich festgebissen, was Ola Engdalen gesagt hatte. Anders sah sehr wohl, daß die übrigen mit ihm einig waren. Ob er nun zur Kirche geritten kam oder mit den jungen Leuten beisammen war, immer fühlte er ihre Blicke auf sich. Sie kamen heran und grüßten, wenn sie auch noch so geachtete Leute in der Gemeinde waren. Er wurde weder dick noch dünn davon, konnte sogar noch ein wenig mit der einen Schulter zucken und alles von sich abschütteln. Aber es setzte sich in ihm immer mehr und mehr fest, daß die Gemeinde voller prächtiger Leute war. Das stimmte ihn immer versöhnlicher, und eines schönen Tages fand er, er müsse sich aufmachen und sich mit denen aussöhnen, die er gegen sich hatte. Schließlich war er ja auch kein Wolf, wenn er es recht bedachte. Er ging zu den drei Lauvset-Höfen und fragte die Bauern, ob sie wirklich den Wald im Westen drüben besäßen? Denn dann wolle er ihnen die Stämme bezahlen. Da einigten sie sich dahin, daß nun diesmal er geschlagen habe und das nächste Mal sie an der Reihe seien, das könne man wohl für annehmbar betrachten? Und die Sache mit dem Grenzzaun: wenn sie ihn gerade ziehen durften, so wie sie meinten, so könnten sie sich zu gleichen Teilen darein teilen – sie seien drei, und Anders bekäme den vierten Teil? Anders lachte, dies lasse sich hören. Er ging vergnügt heim. Er war sowohl mit ihnen als mit sich selbst zufrieden. Und so lebte er, wie es ihm am besten paßte. Bei jeder Arbeit war er dabei und ging voran, und dann sollte immer gleich alles auf einmal fertig sein. Oft aber konnte er auch mitten am Nachmittag die Sense hinwerfen und seiner Wege gehen. Er fuhr entweder auf den Fjord hinaus oder ging bachaufwärts. Im Herbst war er viel auf der Vogeljagd. Bisweilen fuhr er über den Fjord nach Juwika und redete mit Aasel. Aasel saß jetzt dort als wohlhabende Bäuerin. Die Söhne betrieben den Hof und sie gab ihren Rat dazu, und der Mann war Schiffer geworden und war fast die meiste Zeit des Jahres auf dem Meer. Aasel konnte alles genau erzählen, von den Alten und von Anders' Vater; alles, was Anders wußte, wußte er von ihr. Sie stellte den Vater ganz lebendig vor ihn hin, so wie er hier in Juwika gewesen war, und wie er daheim krank lag und starb. Ihm schien es, als sei es der Gedanke an den Vater, der ihn zum Pfarrhof gehen hieß, um endlich mit der Massi Ernst zu machen. Er durfte jetzt vielleicht nicht länger zögern. 3 »Laßt mich eine Hausfrau nehmen«, sang er. »Zur Ehe«, fügte er hinzu, und dann machte er sich schön und ging fort. Da aber war das Frühjahr bereits gekommen. Die Luft war voller Frühling, und der Abend war so wunderbar schön, man hätte Kuckuck sein und durch den Wald fliegen und rufen mögen. Plötzlich aber war es zu Ende, und die Nacht hatte sich ausgebreitet. Man ging mitten in ihr, und alles hatte sich gewandelt und war hingestorben. Die Waldschnepfe war über die Baumwipfel gezogen, kro–kro–quist! sagte sie, und dann sang kein einziger Vogel mehr, und das Tageslicht war erloschen. Nur noch der Birkhahn zischte im Moor, aber es war unheimlich anzuhören, er erweckte das Nachtleben des ganzen Waldes; nicht ein Laut des Tages war mehr zu hören. Anders schauerte im Dahingehen ein wenig zusammen. Er fürchtete sich nie, er wich vor nichts zur Seite. Es konnte ihn nur manchmal überlaufen, ganz kurz. Wenn die Frieden hielten, so tat er es auch. Der Pfarrhof lag da und schlief, so groß und grau er war. Anders aber setzte sich auf den Hügel und wartete noch ein wenig. Er wußte nicht, woran er so im Sitzen gedacht hatte – als er heftig nach der Messerscheide griff, denn hinter sich hörte er Schritte, er fühlte etwas Lebendiges dicht neben sich. Es war Ola Engdalen. Zuerst redeten sie ein wenig hin und her. Dann sahen sie einander an bis auf die Knochen, und dann gaben sie sich nach und lachten. »Das nenn ich ein Zusammentreffen«, sagte Ola. »Was?« Ja, Anders konnte nicht anders sagen. »Aber was zum Teufel machen wir jetzt, Ola?« Sie maßen einander wieder mit den Blicken. Sie lachten noch, aber sie waren doch ernst genug. Anders blinzelte rasch und jugendlich. Ola sah zu Boden, mit schmalen Augen. Dann aber öffnete er sie groß und gutmütig: »Ja, was meinst du, Rückengriff? Oder lieber Stahl?« Er nickte warnend, dann aber mußte auch er wieder lachen, und Anders tat mit. Es war förmlich, als hebe Ola ihn mit sich hinauf, so daß er auf zwei kleine Kämpfer herabsah, die bereit waren, aufeinander loszustürzen. Er streckte die Hand aus: »Recht hast du. Wir wollen raufen, wenn wir einen Anlaß dazu haben.« Ola ergriff die Hand und damit war Frieden. Dann machten sie sich auf den Weg nach Osten zu. Ganz bis nach Engdalen gingen sie; gegen Mitternacht kamen sie dort an. Sie gingen ins Vorratshaus und holten sich etwas zu essen, und danach stiegen sie in den Keller hinunter und zapften Bier ab. Ola schaltete und waltete zu Hause, wie er wollte, denn der Vater war im vergangenen Herbst gestorben. Bei Engdalen braust ein großer Bach herab, um diese Zeit war er wie ein Fluß. »Jetzt weiß ich's«, sagte Ola, als sie draußen auf der Wiese standen. »Wer lebendig durch diesen Wasserfall hinabkommt, der soll die Massi haben!« »Genau das gleiche habe ich auch gerade gedacht!« sagte Anders, und damit fingen sie an, sich die Kleider herunterzureißen. Anders war zuerst fertig und stürzte sich ins Wasser. Er fand sich ganz lebendig unten im Becken wieder, blutete nur an ein paar Stellen im Gesicht und an dem einen Schienbein. – Ola blieb ein wenig länger weg, aber schließlich kam auch er herauf. »Pfui!« sagte er und schüttelte das Wasser aus dem Gesicht. »Das war nichts Rechtes, das hier! Wir müssen uns etwas anderes ausdenken. Wenn es das Mädchen wert ist.« Als Ola dies sagte, durchfuhr es Anders so seltsam, daß sie nun dalag und schlief wie ein anderer Gottesengel, und hier standen sie beide und redeten nicht schön von ihr. So hatte er noch nie an sie gedacht, und er preßte die Kinnladen fest zusammen. »Schweig und red nicht von ihr! Das paßt nicht für deinen Mund. Und glaube nicht, daß ich jetzt schon nachgebe. Eher soll es mit kaltem Stahl abgemacht werden.« Nun ging es los. Und sie kämpften lange. Anders hätte nie geglaubt, daß es jemand gebe, gegen den er sich so wehren müsse. Ola ist blau und häßlich im Gesicht, er verbrennt Anders mit seinem rohen heißen Atem – Anders flucht und schlägt Ola mitten ins Gesicht. Ola schwillt nur in schwarzer und stiller Wut an, und Anders gleitet auf einem schlüpfrigen Stück Holz aus und fällt in die Knie. »Das hier gilt nicht«, sagt Ola, er läßt los und wischt sich das Blut ab. »Gilt das nicht?« »Nein, natürlich nicht. Daran war das Holzscheit schuld.« Anders wankt fort und lehnt sich an eine Birke. Ola setzt sich plötzlich hin. Oh, es sei herrlich, einmal einen Menschen ordentlich anfassen zu können! seufzte er. Anders konnte nichts sagen. Er wußte nur, daß sie jetzt Freunde waren, fürs Leben; es war nicht nur wie bei den zwei Hunden, die sich an einem Stein miteinander versöhnen. Ola begleitete ihn fast bis nach Hause; und dort drehte Anders um und begleitete ihn wieder ein Stück weit nach Osten. Es war hellichter Tag, als sie sich trennten, die Vögel schrien wie verrückt, in jedem Baum und jedem Strauch, und die Wolken wurden rot und vergoldet über den Bergen, es waren Streifen und Bänder und tagblauer Himmel; kühl schlug es einem entgegen wie von der Tat eines ehrlichen Mannes. Sie sagten nicht viel, ehe sie sich trennten, aber es war wie ein blankes Gelöbnis, daß zunächst, ehe sie sich darüber geeinigt hätten, keiner von ihnen zu Massi gehen würde. – – – Sie trafen einander oft im Lauf des Sommers, und es gingen viele Gerüchte über alles, was sie sich ausdachten. Eines Sonntags, so erzählte man sich, schwammen sie bei Engdalen bis in die Mitte des Fjords hinaus. Der, der lebend wieder an Land käme, sollte zuerst zu Massi gehen. Sie kamen lebend an Land, alle beide. Trotzdem aber war Anders eines Abends auf dem Weg zu ihr. Es war gegen den Herbst zu und finster, sonst aber schönes Wetter. Es trieb ihn vorwärts, er konnte nicht anders. Er nahm den geraden Weg über Döllin, über ein paar Moorwiesen mit hohem Gras, und er ging barfuß, die Schuhe in der Hand, wie sie es so oft in jener Zeit taten, auf dem Weg zur Kirche und zu ihrem Mädchen. Da war es ihm, als peitsche jemand an seine Füße. Nicht nur einmal und wie zufällig, es peitschte und schlug, wo er auch hintrat. Und auf einmal stand er mitten in pechschwarzer Finsternis. Er fürchtete sich nicht, aber er machte kehrt und ging heim; und im Gehen fluchte er leise vor sich hin. Aber sie hatten recht: Er mußte umdrehen. Wer es war, wußte er nicht, kümmerte ihn auch nicht viel, er hatte nie daran gezweifelt, daß sie vorhanden seien, und man konnte es nicht mit ihnen aufnehmen. Die Massi aber mußte er nun einmal haben. Er war fast krank, sobald sie in die Nähe kam, aber auch nicht viel gesünder, wenn sie fort war. Eines Abends war Tanz auf Lauvset, und Massi kam nicht. Sie bekam nicht immer Erlaubnis dazu. Wie armselig dieser Tanz war. Die Geige klang wie eine jammernde Ziege. Da stahl Anders sich davon, und dieses Mal brachte ihn keiner zum Umkehren. Es war ein brennend klarer Himmel und Vollmond und klirrender Frost. Die Felsen hallten bei jedem Schritt wider. Auf einmal mußte er sich umschauen. Nein, es war niemand hinter ihm. Aber allein war er nicht. Das ist man wohl nie, schien es ihm; wenn erst der Tag geschwunden ist und mit ihm sein Lärm. Der Kirchhof schlief, und alle, die dort lagen. Den fürchtete er ein ganz klein wenig – das hatten sie in seiner Sippe wohl alle getan. Er kam in den Dachraum zu ihr hinauf, und sie nahm ihn freundlich auf! Er saß bei ihr auf dem Bett, hielt ihre Hand und war innig zufrieden. – Aber im übrigen sei es doch recht waghalsig, so mitten in der Nacht auf den Pfarrhof selbst zu kommen, meinte sie. Warum nicht lieber am Tag? – Am Tag? – Ja. Auf den Pfarrhof. – Ich pfeife auf den Pfarrhof! Am Tag? He! So laß ich mich nicht einspannen! Sie mochte es nicht, daß er den Pfarrhof verachtete, das konnte er merken, sie brachte viele kleine Worte vor. Er tat so, als sei er nicht klug genug, zu verstehen . Vielleicht wollte sie, daß er gehe, sofort gehe? fragte er. »Du weißt, ich will, daß du bleibst. Entweder dich oder keinen.« Die Worte kamen so vertrauensvoll wie aus einem Kindermund. Dann aber fing sie wieder an: Der Vater, der Pfarrer, sie wisse nicht, was er dazu sagen würde, sie müsse fragen, glaube sie, denn sie sei es, die hier allem vorstehe. »Pah, du, du bekommst genug, dem du vorstehen kannst, wenn du bei mir bist!« Meinte er vielleicht, es sei gar nichts, er, daß sie hier war, daß sie – – Ihre Stimme klang jetzt verzagt; auf diesem Wege durfte er nicht mehr weitergehen, das merkte er. »Ja, ja, aber dann bleibt es also bei mir und dir, Massi?« »Ja, aber warum hast du es so eilig, Anders?« »Weil ich so bin, wie ich bin.« Er nahm sie einfach in die Arme und küßte sie, und dann stand er auf: »Ja oder nein, Massi!« Sie redete ihm gut zu und sagte, wenn er nur acht Tage warten wolle, so könne er wiederkommen und sich die Antwort holen; so solle es sein. Und ihm war im Innersten so leicht zumut, als er hinunterstieg, und die alten Türen konnten froh sein, daß er sie nicht mit sich riß. Welch ein Weib sollte sie werden! »Ihr wird die Milch nicht ausbleiben für meinen Buben, nein, das ist sicher!« sang er innerlich. Im Dunkeln hatte er dasitzen und innerlich fühlen können, wie schön sie war! Erst als er draußen an der äußeren Tür stand und die Klinke ergriff, durchfuhr es ihn, daß es ja noch nicht so ganz in Ordnung sei. Und überdies hatte er noch einen gefährlich langen Heimweg vor sich, denn er war auf verbotenen Wegen. Ola Engdalen stand draußen vor der Tür. Das wußte ich! dachte Anders. Sie schwiegen beide. Anders sah in die Luft hinaus. Es war wie ein Hohn, daß der Mond dort im Westen am Himmel stand, sich rund machte und lächelte. »Ja, ja«, sagte Ola. »So läufst du also umher. In der Gestalt eines Hundes.« Anders konnte nicht antworten oder zuschlagen, hier so nah beim Haus. Er ging und Ola kam nach. Es war ein endloser Weg über die Wiesen; Ola schlug nicht zu. Endlich waren sie beim Bach angelangt und wollten hinüber. Da machte Ola halt. Er war häßlich, wie er so dastand. Anders ging zuerst über den Stamm. Er merkte, daß Ola nach dem Messer griff. – Jawohl, jetzt ersticht er mich meuchlings, dachte Anders. In Gottes Namen denn, dann standen sie wieder auf gleich. Aber sobald er den Stahl zu fühlen bekäme, würde er bis aufs letzte gehen. Da hörte Anders etwas ins Wasser fallen. Er wandte sich zu Ola um: »Hol dein Messer herauf.« »Schweig und geh du. Und dank deinem Herrgott.« Anders ging und schwieg noch eine Weile. Dann drehte er sich um, mitten im Mondschein, seine Stimme war warm, er wußte kaum, was er tat, aber er streckte die Hand aus, zur Freundschaft oder was es sonst werden konnte: »Dank für dies, Ola!« Ola schwieg wie eine Wand, die Hände auf dem Rücken. Anders ermannte sich mit aller Gewalt, aber er fühlte sich wie ein geprügelter Hund, als er heimging. Er hatte nie zu kosten bekommen, wie es ist, geringer zu sein als ein anderer. 4 Es war noch nicht spät im Winter, als man zu Anders kam und ihm erzählte, daß Ola die Massi haben solle. Eines Tages kam Petter heim und wußte es auch, es gab keinen Zweifel mehr: Ola hatte die Ringe mit ihr gewechselt, ja, und der Pfarrer selbst hatte Ja und Amen dazu gesagt und wollte sie bei der kommenden Predigt aufbieten. Ja, jetzt hat der Ola die Gaff in sie geschlagen bis zum Schaft, ja, sagte Petter treuherzig, und er nahm einen Span und stocherte sich damit in den Zähnen – es war kein Arg in dem, was er da sagte. Nach einer Weile wurde Anders plötzlich sich selbst gewahr, wie er dastand und ganz schwachsinnig vor sich hin blickte; er sah aus, als hätten ihm die Hühner das Brot weggefressen, und so stand er lange. »Du mußt so lügen, daß man dir auch glaubt!« sagte er. Aber es war doch zweifellos wahr, denn es war so ganz und gar verrückt und sinnlos; er wunderte sich, daß er nicht einfach seiner Wege ging. An Weihnachten hatte er mit ihr gesprochen, aber es waren nicht viele Worte gewesen. Sie erwähnte den Ola, er erinnerte sich jetzt wohl. »Ich mach mir nichts aus ihm, aber er hat so halb und halb um mich gefreit«, sagte sie. »Das glaub ich wohl!« hatte er geantwortet. Und kurz darauf sagte sie, der Ola sähe es für nichts Geringes an, daß sie auf dem Pfarrhof sei und allem vorstehe, er sei seiner Sache nicht s o gewiß, sei nicht so überzeugt, daß sie alles wegwerfen und einfach hingehen und sich verheiraten würde. »Er redet nicht so wie du, Anders.« – »Glück zu!« sagte er, denn ihm behagte das nicht – er erinnerte sich jetzt an jede Einzelheit. So fielen die Worte, und sie fielen ihr schwer aufs Herz. Sie waren von selbst gekommen, das war es. Und dann fühlte er sich ihrer so sicher, sie hatte ihm ihr Lebtag lang gehört. »Was fällt denn dir eigentlich ein?« fing er an. Er wollte gleich darauf los und irgend etwas tun, sie sollte sich wahrhaftig schämen! Man erzählte sich von seinem Großvater, daß er in eine fremde Gemeinde gegangen sei und sich das Mädchen ertrotzt hatte, das er haben wollte, er habe auf den Tisch geschlagen, daß es die andern in ihren Kleidern kalt überlaufen habe. Anders hatte das nie geglaubt, die Männer dort oben waren nicht gerade so schreckbar, und die Leute spannen alles aus, was sie hörten, und machten es größer. Aber jetzt glaubte er es, hart und aufgebracht – zum Teufel auch, es war so, ja, und jetzt würde er sich gleich aufmachen, er auch! Er hätte es vielleicht getan, dann aber erinnerte er sich, daß Ola Engdalen sich kürzlich den einen Fuß gebrochen hatte und zu Bett lag; man zweifelte daran, ob er wieder gesund würde. Was aber war denn in sie gefahren? War sie nicht ganz bei Trost, he? Er sang den ganzen Tag, er zähmte ein tolles Pferd. Man konnte es ebensogut fluchen nennen, er hörte das wohl, aber es erleichterte dennoch. Und als er eine Weile umhergegangen und nachgegrübelt hatte, wußte er innerlich, wie alles zugegangen war. Denn wenn einer so ins Unglück kam und so hilflos war wie der Ola jetzt und ihr dann Botschaft schickte – wenn einer ein mutterloses Wurm ihr zeigen konnte und einen Hof, der vernachlässigt war und auf sie wartete – dann gehörte sie nicht zu denen, die Nein sagten. Besonders wenn ein anderer nicht im geringsten vor ihr auf die Knie wollte. Hatte er es etwa nicht seiner Lebtag gewußt? Wenn man die Weiber nur Mutter für sich sein ließ, dann kamen sie und waren es. Er lachte, auf eine Weise. Wie war es doch damals, als er an Weihnachten so schwer betrunken war und hinfiel und sich zuschanden schlug. Da kam die Mutter und saß bei ihm auf dem Bett und legte die Hand auf seine Stirne, so daß er sich schämte, sie machten ihm Umschläge aufs Gesicht, und dann brachte sie geräuchertes Fleisch und alles mögliche, was als gut galt für einen, der zuviel getrunken hat; und danach bekam er einen ganzen Anker gutes Bier, um seine Kameraden ordentlich bewirten zu können. – »Denn du brauchst dich daheim nicht zu langweilen«, sagte sie. Sie sagte so etwas nicht oft. Sie wurden zwei- und dreimal aufgeboten, und im Frühling, gleich nach der Frühjahrsmesse, sollte die Hochzeit sein. Anders sagte zu und kam. Er richtete selbst den Korb mit den Eßvorräten her, und der war groß, und in die Brautgabe, die er sandte, hatte er seinen ganzen Fleiß gelegt. Es war der Brautsattel selbst. Er hatte ihn mit eigenen Händen gemacht, und er sah jetzt, daß er mit seinen Händen ein Meister war. Sie drehten den Sattel hin und her und betrachteten ihn, Mann für Mann und der ganze Hausstand, sie ließen ihn kaum mehr los. Er war geschnitzt, zeigte zwei Hände, die einander festhielten, und das Lederzeug war mit glänzenden Messingnägeln beschlagen – goldene Streifen liefen ringsherum, krümmten und falteten sich zu Rosen und Blättern, auch hier mit Händen dazwischen, die einander festhielten. Der Anders muß viel damit gemeint haben, murmelten sie. Die Braut war rot wie Blut, als er ihr den Sattel überreichte. Es kam nicht so weit, daß sie dafür dankte, und Anders erwartete das auch nicht. – »Ich habe viel Mühe daran gewandt, damit du mir die Freude machen sollst, morgen darauf zur Kirche zu reiten«, sagte er. »Es machte mir Spaß, dazusitzen und daran zu basteln; du solltest doch auch etwas Ordentliches von mir zur Hochzeit bekommen.« Sie begriff wohl nicht, warum er so dastand und solche Dinge sagte, soviel Verstand war wohl nicht in ihr – warum, zum Teufel, stand er so da und schwätzte? Er wandte sich von ihr ab. Ein für allemal. Der Bräutigam war nicht gerade gut zu Fuß, aber er hinkte doch umher und kam vom Fleck. Zum Altar hinauf schritten sie wie zwei Kerzen. Aber auf den Tanzboden kam er nicht. – »In einem halben Jahr bist du wieder ein richtiger Mann, mein' ich«, sagte Anders. – »Ja, der bricht kein zweites Mal«, antwortete Ola, und er war aufgeräumt, gleichsam, als sei nichts zwischen ihnen vorgefallen. Die Leute fanden, Anders nähme es so, wie man so etwas nehmen soll. Er merkte ihnen das an, an der Art, wie sie ihn ansahen und mit ihm redeten. Und warum sollte er es nicht zugeben: Er kam damit zurecht! »Gleichsam, als hätte ich es schon seit langem gelernt«, sagte er. Und selbst den Tanz mit der Braut überstand er. Freilich war es seltsam, sie so umfaßt zu halten, und es konnte einen gar manches durchfahren, vielleicht hing es nur an einem verkohlten Faden, daß er nicht dies oder jenes tat, aber er stellte sie doch wieder schön an ihren Platz. Am zweiten Hochzeitstag fand er sich im Holzschuppen wieder, und da stand ein Mädchen über ihn gebeugt und redete ihm gut zu, wollte ihn zum Aufstehen und Hineingehen bewegen, er war betrunken gewesen. Er glaubt, es sei Massi, und will nichts von ihr wissen; er flucht wie ein Gottloser; dann aber erhascht er einen Blick aus ihren Augen, und er richtet sich mit letzter Kraft auf und steht ruhig da. Er will nicht schwanken. Ist er nicht etwa der Anders Haaberg, nach dem sich alle umdrehen, alle miteinander. Die Braut und noch ein paar andere kamen an der Tür vorbei, während er dort stand. Da stößt er sein Messer in den Balken über der Tür, so daß das Blatt tief ins Holz eindringt, und bricht es ab: »Oh, es ist blutig schwer – daß man nur einen Balken hat, in den man das Messer hineinrennen kann!« Der Pfarrer war mit auf der Hochzeit, und vielleicht hatte man es ihm zu verdanken, daß alles so gut verlief. Ein jeder wurde so ruhig, wenn er ihn ansah. So still er war, sah er doch aus, als habe er alles selbst einmal durchgemacht. Sein Gesicht war hager und bartlos, und unter den Augen hatte er viele kleine Falten; dies war es wohl, was seine Augen so stark machte, wenn er die Leute ansah. Über Anders und die Brautleute wußte er das meiste von Massi. Er hatte gehört, daß Anders ein gutmütiger und ruhiger Bursche sei; kaum aber hatte er ihn gestern gesehen, war er ängstlich geworden: in dem Burschen steckte allerlei. Anders setzte sich neben ihn, als er hereinkam. Er hätte auf manches andere verfallen können, er fühlte es wie kleine, scharfe Stromwirbel in sich; noch konnte übrigens keiner wissen, was ihm einfallen würde. Ja, er war ja einer, der etwas auf sich nehmen konnte, und jetzt nahm er es auf sich – aber wie lange würde er's wohl aushalten? Aber der Pfarrer hatte ihm zugeblinzelt, sicher, oder das Gesicht verzogen – dieses seltsame, schwermütige Gesicht, und die grauen Augen, die alles wußten. Der Pfarrer stützte den Ellbogen auf den Stuhlrücken und den Kopf in die Hand, der kleine Finger strich ununterbrochen über die Stirn und die feinen Falten hin. »Das war recht, Anders«, sagte er nach einer Weile. Sie waren Goldes wert, diese Worte, dünkte es Anders. Sowohl für ihn als für andere hier im Haus. Und sie waren es. Ola war behindert und wenig wert; darum konnte er sich ganz sicher wissen. Aber es war eben so: während Anders dasaß und Anders auf Haaberg war, fiel die Nacht über ihn herein, und dann war er ein anderer, ein zottiges Tier drinnen in der Wildnis, das brüllend umherging und die Leute erschreckte – das sich nichts Besseres wußte, als etwas zu tun, was ihnen das Blut in den Adern stocken ließ. Und Ola wußte es nicht besser, als ihm durch einen Nebel von Wohlbehagen und Bosheit zuzugrinsen, als er und die Braut dastanden und zu Bett gehen sollten: »Gute Nacht, Anders!« Massi sah weg und zu Boden. Ihre Wangen hatten eine so feine Rundung, und immer noch hatte sie diese Art, mit den Augen zu blinzeln, die Anders stets so seltsam naheging. Und jetzt war kein Pfarrer mehr da, Anders mußte allein dastehen und zurechtkommen. Er stand still, wie die Wand hinter ihm, und Massi sah weg und zu Boden, und Ola grinste wie ein halbbetrunkener alter Mann: »Wer eine Ehefrau findet, der findet etwas Gutes.« Petter ließ seinen Bruder nicht aus den Augen. Er sah, wie Anders bei allem, was er durchlebte, höher wuchs. Jetzt stand er da, leichenblaß, mit einem kleinen Lächeln, das Petter nie früher an ihm gesehen hatte; den Anders konnte er nicht mehr einholen. – Nein, aber er lachte über den ganzen Krempel, er, oh, ihm war es so gleichgültig, wie es ging. Und wie viele waren es denn, die dies fertig brachten, so wie er? Solvi 1 Es war Hochsommerzeit und ein wunderbares Wetter; Tag für Tag tiefblauer Himmel und Sonne, dann einen Tag und eine Nacht starker Regen, daß man es in der Erde sickern hörte, und dann stand wieder die Sonne am Himmel und strahlte und lockte. Es war gleichsam, als ströme aus einem großen und guten Herzen Segen herab. Die Erde lag da und atmete Wärme aus, eine dankbare und fruchtschwere Wärme, sie wollte einem wohl, wohin man sich auch wandte; wenn der Wind über den Hang mit den niederen Birken oder über die Wiesen hinstrich, rauschte es einem tief in die Brust hinein, er kam, die Arme voller Laubgeruch und voll Blumenduft und voll des Kostbarsten, das er wußte, auf einen zu, voll des Geruches von Wildgräsern und Waldkräutern und von Strandblumen und vom Ebbestrand und vielerlei anderem Wohlbekannten. Petter Haaberg war eines Abends draußen und ging umher. Er gehörte nicht zu denen, die sich Zeit nahmen, lange herumzuschauen; er hatte allzuviel zu denken; als er aber an diesem Abend südlich nach Brekka kam, setzte er sich dennoch hin und blickte zurück. Er wollte nur die Neu-Stube daheim ein wenig betrachten, sehen, wie sie von hier aus sich ausnahm. Und er blieb sitzen. Sie war noch nicht fertig, sollte noch mit Brettern verkleidet und gestrichen werden, aber er konnte trotzdem sehen, wie sie werden würde. Er konnte das gleiche sehen wie der Anders, wenn er wollte. Sie wurde großartig, die Stube, das war nicht zu verkennen. Der Anders hat mit geschlossenen Augen richtig gesehen, diesmal, sagte er. Ein wenig kleiner hätte sie sein können, sie hätte trotzdem noch die anderen überragt, und es wäre ihr zugute gekommen. Aber es war ein Haus, anders konnte man es nicht nennen. Es hingen ja auch drei Jahre Arbeit daran. Petter schien es, als habe sich die ganze Gegend heute abend Haaberg zugedreht, läge da und kaue wieder und starre dorthin, Häuslerplätze und kleine Höfe, alle miteinander. Zwischen ihnen stand Laubwald, und er war so selig grün anzuschauen, runde Hügel weiter ins Land hinein, im Westen kahle Felsen und das Meer. Hinten stand das Gebirge, und es war hoch und steil – darum konnte das Haaberghaus sich so vermessen hoch aufrichten, es wußte, was es tat. Er mußte fast lachen. Denn manchmal, wie er so hier saß, war er Petter, und Anders' Bruder, und da wünschte er, das Haaberghaus würde einen jeden, der ihm in den Weg kam, beim Kragen nehmen und ihn bitten, ein ganz klein wenig stillzustehen; dann aber wieder war er die Gemeinde, und da bedrückte ihn das Haus, so daß er wünschte, irgendein Lumpenkerl möchte kommen und es in einer Herbstnacht anzünden. Daß es nicht niederbrannte ! Petter ging vom Weg ab und nach Osten zu. Er wollte durchaus nicht nach Süden über den Berghang hinunter, er wollte nach Nordosten hinüber, und davon sollte Anders nicht Wind bekommen; er hatte dort irgendwo ein Mädchen. Wie ein Dieb schlich er quer durch den Wald und hielt nicht an, ehe er in Engdalen war. Ja, dorthin wollte er eigentlich nicht, aber hineinschauen wollte er; es würde nicht schaden, wenn Anders erfuhr, wo er sich herumtrieb, später einmal. Engdalen liegt zum Fjord hin, auf der Ostseite, es waren fast zwei Stunden Wegs bis dorthin, aber nicht viele Höfe dazwischen. Die Häuser waren klein im Verhältnis zum Hof, aber ziemlich gut gehalten, und die Äcker waren groß und gut. Schlagbarer Wald stand dicht dabei, und unterhalb des Hofes schnitt die Bucht herein. Sie blinkte in der Abendsonne zwischen den Bäumen wie ein Bergsee. Er ging in die Küche, und dort stand Massi und rührte in der Grütze. Sie veränderte sich ein wenig, so schien es ihm. Er hatte das gleiche schon früher bemerkt, wenn sie ihn ansah, und es geschah vielleicht deshalb, daß er ab und zu herkam. Sie fragte nie, wie es auf Haaberg gehe, wenn er aber erzählte, so hörte sie genau zu, und an diesem Abend kamen sie rasch ins Gespräch. Ola war zum Fischen hinausgerudert; und Petter wurde aufgefordert, zum Essen dazubleiben. Er erzählte, daß er unterwegs sei, um nach den Pferden zu suchen. Massi verzog den Mund, sagte jedoch nichts. Ja, Anders war oben im Tal gewesen und hatte sich wieder ein neues Pferd gekauft; so war es. Und im übrigen schaffte er, als hätten ihn die Wespen gestochen, die ganze Woche hindurch. »Das bekomme ich zu spüren«, fügte er hinzu. Petter war immer noch nur wie ein Kind anzusehen, so groß und lang er war. Er konnte den Kopf ein wenig schief legen, das eine Bein über das andere schlagen und die Hände um das Knie falten; die Haare fielen ihm meistens in die Stirn, und sie waren weich und dunkel und so fein, daß man Lust fühlen konnte, darüber hinzustreichen, die Augen waren grau, aber blank und fröhlich. Treuherzig hätte man ihn wohl am liebsten genannt. Einer, der sich besser auf Menschen verstand, hätte vielleicht eher gemeint, er gehöre zu denen, mit denen man sich nicht recht auskenne. Alles, was er sagte, war fast lauter Scherz und Unsinn, aber es lag immer etwas darunter, das glühte und ein wenig brannte. O ja, ja, sagte er mitten drin. Er bekomme jetzt den Anders zu spüren, ja in letzter Zeit. Denn wenn der Bär so einschichtig herumläuft, dann wird ein Raubbär aus ihm. War er denn schwer zu haben, der Anders? – Na, wie man es nahm. Es hatte fast den Anschein, als gefalle ihm die Welt nicht mehr. Petter sah Massi an und lachte, erstaunt – er wollte ihren Blick erhaschen, der war so gut und so weich und so blau . Sein Mädchen hatte braune Augen, und das war eigentlich nicht ganz in der Ordnung. »Du, Massi: Ich bin es, der dafür büßen muß, daß du den Anders zum Narren gehalten hast. Ich muß jetzt die Suppe auslöffeln.« »Du? – – – Ich, sagst du? Was erzählst du da?« »Seit drei Jahren läuft er nun wie ein bissiger Hund herum; schnappt nach Stock und Stiefel.« Massi fing an, das Kind zu wiegen. Er habe ihr das Kind aufgeweckt, sagt sie. Aber sie war so froh anzusehen; dies war etwas, wovon sie mehr hören wollte. Als er sich zu gehen anschickte, blieb sie vor ihm stehen und sah ihn an. – Wohin er heute abend habe gehen wollen? Oh, er solle nur ja nicht leugnen, sie wisse mehr, als er glaube. »Geh schnurstracks heim, du Anders – du Petter, will ich sagen – dann bist du ein ordentlicher Bursch. Und laß doch die Lappen Lappen sein, wenn sie auch noch so schön sind!« Ja, ja, er gehe schon heim! Er habe den Anders nur foppen wollen, der wolle sich jetzt immer als Gevatter seines Bruders aufspielen, der. »Und du machst die Gevatterin«, fügte er hinzu. »Da muß ja ein ordentlicher Mensch aus mir werden.« Sie sah, wie er den Weg heimwärts einschlug. Sie sah ihm lange nach. Sie mochte ihn immer lieber um seiner Reden willen, obwohl es lauter Dummheiten und Späße waren; ihr schien er halb und halb wie ein Bruder. Und wäre mehr Zeit dazu gewesen, so hätte sie mich noch lieber gehabt, dachte Petter; denn er fühlte, daß sie das tat. Bald aber bog er ab und ging nach Norden. Er wollte trotzdem nach der Solvi sehen. Mochte sie doch Lappin sein, soviel sie wollte. Im übrigen war sie keine Lappin, der Vater war nur ein Halblappe, und die Mutter war eine Bauerntochter von Grong oben, das hatte Anders in Erfahrung gebracht, als er dort war und wegen eines Pferdes verhandelt hatte. Hatte man denn jemals ein Lappin mit hellem Haar gesehen? Die Mutter war jetzt tot. Sie war es, die Petter vorausgesagt hatte, daß er nicht heiraten würde, ehe er sich mit Solvi verheiratet hätte. Petter blieb plötzlich stehen, als ihm das einfiel. Ein Gefühl jagte das andere, durch seinen ganzen Körper und den Kopf, so schien es ihm. Das Weib sollte falsch vorausgesagt haben, diesmal! – und im übrigen geschähe es dem Anders ganz recht, wenn es so käme. Und dem Mädchen hatte er nichts Schlimmes zugefügt, noch nicht, es war nicht so leicht, ihr nahezukommen – »ich habe nicht gefreit, und ich habe kein Ja erhalten«, sagte er. Aber sie war ein Edelstein von einem Mädchen, und wie es gehen würde, das würde man ja später sehen. Ihm fiel ein, daß sie vielleicht heute abend auf ihn wartete, und so lief er ein Stück weit. Es hingen große, glänzende Räder von Spinnweben zwischen den Bäumen, er lief mitten hindurch, in moorige Stellen und Wasserpfützen trat er, aber er trug die Schuhe und die Strümpfe in der Hand, so daß es nichts ausmachte. Der Hinke-Andreas wohnte in dem Wald nördlich vom Fjord, an der Grenzscheide zwischen dem Pfarrhof und Engdalen, auf einem kleinen, versteckten Fleck Erde. Das Haus konnte man nur eine Hütte nennen, und ein umgestülptes Boot, mit Torf ringsum, ersetzte alle Nebengebäude. Es roch nach Brenntorf hier wie auf allen Häuslerplätzen, bis zum Zaun her. Wenn man näher kam, roch es nach allerlei Armut. Im übrigen merkte Petter, daß es in letzter Zeit besser geworden war. Solvi tat wohl, was sie nur konnte, um es hier menschlich zu machen; vielleicht tat auch die Gewohnheit das Ihre. Petter ging niemals so nahe heran, daß Andreas ihn zu sehen bekam. Er fürchtete den Mann. Der Köter kam kläffend näher, als das Tier aber merkte, wer er war, schwieg es und kroch wedelnd heran. »Du machst dich jetzt lappensanft«, sagte Petter, »dünn wie der Leibhaftige, wenn man ihn durch das Schlüsselloch hinausbeschwört. Ja, hüte dich vor den Menschen , das sag ich dir.« Der Hund wollte gestreichelt werden, aber Petter mochte ihn nicht anfassen. In diesem Augenblick kam Solvi mit den Ziegen vom Berg herunter. Klein und leicht, wie sie war, kam sie heruntergesprungen, barfuß und notdürftig bekleidet, so daß sie sich nicht vor Leuten sehen lassen wollte. Sie hatte durch den Hund gehört, daß jemand da war, und nun blieb sie stehen, brennend heiß und froh, sah hastig an sich hinunter, zupfte ein wenig an ihrem Rock und lächelte: sie mußte wohl so bleiben, wie sie war. Sie trug ein kleines rotes Schnürleibchen, das nicht ganz schloß, und einen kurzen Rock, an dem ein Flicken über dem anderen saß, und sonst nur ein Hemd, dies aber war überraschend weiß. Sie hätte sich kein schöneres Gewand ausdenken können, wenn sie auch gewollt hätte; sie war so wohlgeschaffen, daß Petter kein schöneres Frauenzimmer je gesehen hatte, und er hatte sie alle miteinander angesehen. Rings um die Hüften und um die Mitte war sie wie gedrechselt, und die Beine waren ebenso – wenn sie sprang, konnte man glauben, sie habe Federn unter den Füßen; der Hals und die kleine Brust konnten einem den Schlaf rauben, anders wußte er es nicht auszudrücken. Das Gesicht war ein klein wenig vom Wetter gebräunt, aber sonst war sie überall weiß wie der beste Christenmensch. Die Augen waren braun, zwei lebhafte, blanke Tropfen, die staunten und blinzelten und einen gerade ansahen, das eine ein bißchen kleiner als das andere, was für ein Paar seltsamer Augen unter hellen Brauen und blondem Haar. Sie waren so innig treuherzig und so gut, aber sie wußten trotzdem eine Menge, und voller Lachen und Scherzen waren sie. Petter meinte, es müsse fast unmöglich sein, ihnen irgend etwas wirklich Böses zuzufügen. Und welch ein Haar, er hätte sie oder sich damit aufhängen mögen. »Komm doch her, du, damit ich dich zu fassen kriege.« »Willst du Ziegenmilch haben?« fragte sie. Er verzog das Gesicht und schüttelte sich, und sie lachte, so herzlich beglückt, denn Ziegenmilch fürchtete er wie die Sünde, sie hatte ihn ein einziges Mal dazu verführt, davon zu kosten, und da war sie fast zersprungen vor Lachen über ihn. Sie mußte damals mit einem Kuß herausrücken, um ihn wieder zu besänftigen, den einzigen, den er gutwillig bekommen hatte. »Ist er daheim?« fragte er und deutete mit dem Kopf hinunter. »Der Vater, meinst du?« Die Andeutung eines Schattens lief über ihr Gesicht; ihre Augen konnten so weit ins Blaue hinausschweifen, konnten tausend Meilen weit wandern; sie lächelte wieder, aber es war anders als vorher: »Kannst du denn nicht mit hineinkommen? Er beißt dich doch nicht. – Nein, nein übrigens. Er hat so schrecklich Angst um mich; gerade, als wäre ich seine einzige Ziege.« »Ja, das bist du ja doch auch, soviel ich weiß?« »Ja, aber aus Glas bin ich schließlich doch auch nicht. Aber komm trotzdem herein, du wirst sehen: ich habe Espenlaub auf den Boden gestreut und den Rauchfang gekalkt, und dann haben wir einen Ofen bekommen – was?« Nein, Petter wollte nicht. Sie solle sich beeilen und die Ziegen melken, er lege sich einstweilen hierher. Aber da fräßen ihn die Schlangen und Eidechsen auf, hier gäbe es ihrer genug. Ob denn ihr Vater nichts dagegen tue? Er, der so tüchtig im Zaubern sei? »Sag so etwas nicht!« bat sie. »Gib mir einen kleinen Kuß!« Da lachte sie wieder, das eine Auge wurde winzig klein, und die Lachgrübchen schienen wie zwei Quellen von Lustigkeit und Übermut: – es sei nicht einmal gesagt, daß sie wiederkommen würde, er greife zu derb zu und sei so selbstsicher. »Du drückst und zwickst, du!« Damit rief sie den Ziegen und lief mit ihnen fort. Sie kamen ihr nach, als seien es überhaupt keine Ziegen. – Am Zaun oben wandte sie sich um, und er sah, wie hilflos lieb sie ihn hatte, es gingen gleichsam weiche Strahlen von ihren Augen aus, tasteten so behutsam über ihn hin: »Warte nur, dann werden wir sehen.« Noch ehe er es erwartet hatte, war sie längst wieder zurück, und jetzt war sie etwas mehr bekleidet. Er wußte schon, wie blitzschnell sie sein konnte, wenn es darauf ankam, ganz als zaubere sie; wie ihr Körper sich drehte, gleichsam wie eine Otter im Wasser. Petter fürchtete, er könne sie eines schönen Tages totbeißen und sie dann davontragen wie die Katze die Maus. Er stahl sich einen Kuß oder zwei; wenn er aber nach ihr griff, stach sie und kitzelte sie ihn, daß ihm Hören und Sehen verging. 2 Massi schaute nach der Sonne über den Bergen im Norden: es war Schlafenszeit, und sie wollte sich gerade auskleiden. Da stand Anders Haaberg draußen auf dem Hofplatz. »Um Gottes willen?« sagte sie und ließ die Blicke in der Stube herumwandern. Kamen noch mehr heute abend hierher? Jetzt trat er ein. Er war ein paarmal auf den Hof gekommen, seit sie verheiratet war, da aber war Ola daheim gewesen, so daß sie wenig oder nicht mit ihm gesprochen hatte. Er wünschte guten Abend und griff so freimütig nach ihrer Hand. Und sie hatte vergessen, wie groß und geschmeidig er war; und die Augen waren stärker als Massi sich erinnerte. Und dann hatte er bereits kleine Falten auf der Stirn bekommen, und der Nasenrücken war gewiß höher und schärfer geworden. Jetzt sah er sie geradeaus an, verzog sogar den Mund zu einem kleinen Lächeln, hörte wohl kaum, wie sie ihn bat, näherzutreten. – So so, sie war also noch auf? Und alles ging gut? Da hatte sie ja etwas in der Wiege, das gehörte wohl ihr? Zwei? hatte sie schon zwei? Teufel noch einmal! Nein, aber Massi! Aber was er eigentlich wollte: hatte sie nichts von Petter in dieser Gegend gesehen? War er verlorengegangen? Ja, ja, so nach und nach. Im Ernst: hatte sie ihn nicht hier gesehen? Nein, glaubte er etwa, sie habe ihn in der Schublade? Der Bursche hatte hier doch nichts zu suchen? Außer wenn er bei der Arbeit half. »Aber heute abend, frage ich?« sagte Anders geduldig. »Ja, übrigens: er war erst vorhin hier.« Sie konnte nicht anders, wie er so geduldig dastand; obwohl sie meinte, sie hätte richtig hinterrücks gegen ihn sein sollen. Die Sache war die, sagte Anders, daß Petter hier herumging und sich mit dieser Lappendirne im Wald drinnen abgab. »Hm, hm! Ja, warum nicht? Die Solvi ist ein tüchtiges Mädchen; sie ist oft hier gewesen und hat geholfen, und eine bessere Hilfe habe ich nie gehabt. Und so schön und jung – schön wie die Sünde.« »Red keinen Unsinn!« Anders griff nach der Tür. »Du solltest nicht so – nicht immer so störrisch sein, Anders.« »Ja, gute Nacht also, Massi, und grüß den Ola. Ist er nicht daheim? – Beim Fischen, so. Ja, gute Nacht.« Sie setzte sich aufs Bett, als er draußen war. Sie saß, als denke sie gar nichts. Dann aber ermunterte sie sich und blickte mit halboffenem Mund vor sich hin: »Habe ich ihm etwas zu trinken angeboten, oder habe ich nicht?« Gleich darauf kam Ola heim, und sie erzählte, daß Anders dagewesen sei. – Warum sie ihn nicht gebeten habe, zu warten, sagte Ola. Es wäre so gemütlich gewesen, mit ihm zu reden. – »Er war rasend«, sagte sie, »er hätte einen für ein unrechtes Wort umbringen können.« – Ola lachte: »Du weißt ja, es ist eben nicht er, der dich bekommen hat.« – Massi sah ihn heiß und beschämt an, und dann wandte sie sich ab und ging hinaus. – »Und aus dir wird auch nie ein ganzer Kerl«, murmelte sie. – – – Anders schritt aus und ging dahin, und er schlug den gleichen Weg ein wie Petter. Dort sah er auch die Spur des Lausbuben vor sich. – »Ich kenne doch meine Kuh an den Klauen und meine Ziege am Mist«, sagte er. Aber das würden sie zu zweit austragen, und wenn er ihn auch am Strick heimführen und in den Stall stellen müßte. Er wischte sich den Schweiß und ging weiter, denn es war warm wie in einem Backofen, aber langsamer wollte er auch nicht gehen, ihm war, als käme er zu spät. Zweige, die ihm in den Weg hingen, brach er einfach ab. »Lappen und Läuse!« knurrte er. Im übrigen, das wollte er ja nicht behaupten. Das Mädchen war gut genug. Viel zu gut für ihn, den Lumpenkerl. Er hatte sie in der Kirche gesehen, die reine Golddocke. Aber er wußte, wohin das führen würde. Daß Petter gerne gerade gegen seinen Willen handeln würde, wußte er wohl. Nicht, daß er böse an sich war, es waren nur Jungenstreiche, die in ihm gärten. So mußte einer ja werden, wenn er sich keine richtige Arbeit oder sonst dergleichen vornahm. Das ging vorüber. Er fand sie oben auf dem Birkenhügel, sie saßen da und wandten ihm den Rücken zu und schwätzten miteinander, und Anders wußte zuerst nicht, was er tun sollte. Der Fjord glänzte schwarz unter ihnen, und der Wald schlief rings um sie, und sie redeten miteinander und waren allein wie zwei kleine Geschwister; was sollte man da tun? Jetzt lachten sie, sie lachte wie das reine Kind, der Tolpatsch, sie wußten wahrhaftig nicht, wer sie waren oder wie sie waren. Anders sagte später, er wäre am liebsten heimlich wieder umgekehrt, wäre nicht der Hund aufgefahren und auf ihn losgesprungen – er hatte zu ihren Füßen gelegen. Sie wandten sich um, und Anders sah deutlich, wie Solvi sofort nach Petter griff, als sie zusammenschrak; er war bereits der, den sie in der Not brauchte. Anders ging gerade auf sie zu. Petter sah die Adern auf seiner Stirn hervortreten, wie einen roten Kamm über den Schläfen, und da war es am ratsamsten, den Schweif einzuziehen. Zunächst aber sah er den Bruder nur erstaunt an. »Was tust du hier?« sagte Anders. »Wenig und nichts.« Er klopfte sich die Blätter von seiner Hose. »Zwei Wenig und ein bißchen Garnichts, ja.« »Komm jetzt und geh heim.« »Ja. Gern. Aber muß ich nicht erst die Solvi zum Zaun hinunterbringen?« »Schweig und komm jetzt. – Was glaubst du, daß die Mutter gesagt hätte, wenn sie noch lebte?« »Ja, das ist wohl wahr, aber –« Sie waren schon im Gehen, und Solvi und der Hund standen noch da. »Ich kann es mir wohl sparen, mehr zu sagen, Petter?« »Ja, mein Lieber – –. Wollen wir den Richtweg gehen?« Petter war jetzt obenauf, da er nachgegeben hatte; und Anders schwieg. Dann wurde er nachdenklich. »Sie ist doch auch ein Mensch, die Solvi, vergiß das nicht.« »Du liebe Zeit!« sagte Petter. Aber Anders war stehengeblieben, und jetzt kehrte er um. Mit langen Schritten ging er Solvi nach, als fürchte er, sie zu verlieren, und holte sie unten im Walde ein. – »Warte ein bißchen!« bat er. Nein, sie hatte nicht geweint; sie war nur ein wenig verändert, und jetzt sah sie ihn halb und halb erschreckt an. Ja, ja, er war ein grober Kerl und konnte noch ganz andere erschrecken als sie, Leute, die noch lange keine so ängstlichen Augen hatten wie sie. Was in Gottes Namen dachte sie denn wohl? »Warte ein wenig, Solvi«, bat er, obwohl sie dicht bei ihm stand und wartete. Sie beugte den Kopf, als sollte sie gefällt werden. Dann gingen sie hinunter. »Der Petter ist mein Bruder, Solvi, aber das will ich dir sagen: wert ist er nichts, um deinetwillen bin ich heute abend hierhergekommen. Hat er um dich gefreit, sag mir's.« Nein? Gefreit hatte er nicht? Sie war wieder dem Lachen nahe. Ja, aber – – hatte sie ihn denn nicht ein bißchen gern? Darauf gab sie keine Antwort, sie ging nur dahin und nagte die Rinde von einem Zweig ab. Sie müsse einen Augenblick warten! Er sah, daß die Sache verkehrt ging, aber umwenden konnte er jetzt nicht. Es war über drei Jahre her, seit er mit einem Mädchen unter vier Augen gesprochen hatte, er hatte gleichsam seit damals mit niemand mehr gesprochen. »Nein, denn man darf ihm nicht glauben, Solvi. Und du findest sicher einen, der besser ist.« Jetzt schob sich ihre Stirn zu kleinen Falten zusammen – ja, sicherlich, er war ihr böser Feind, der nun kam und ihr übel wollte. »Ich weiß, es ist dir zu danken, Solvi, daß es bisher so gut gegangen ist; und das wollte ich dir sagen.« Er erwartete sich keine richtige Antwort, und erst recht nicht, als er fragte, wovon sie denn hier in der Wildnis lebten . Aber sie antwortete still und offen. Der Vater schnitzte Hornlöffel und andere Kleinigkeiten zum Verkauf, und sie spinne ein wenig für die Leute, und dann und wann ginge sie auf die Höfe und helfe bei der Arbeit aus. Anders wußte, daß sie niemals bettelten, und sein Gesicht wurde ganz ernsthaft, während er ihr zuhörte. »Ich möchte so gern – – willst du einen Taler von mir annehmen, Solvi?« Sie wurde nicht böse und auch nicht froh; sie sah ihn nur an. »Denn ich weiß nicht, was ich dir Gutes tun könnte. Das war es.« Als er dies gesagt hatte, begriff er, daß sie nahe dem Weinen war. So waren die Kinder, bisweilen: sie standen ruhig und fest da, während er sie mit harten Worten zankte, kaum aber wurde er ein wenig weicher und sagte, er habe es nicht so schlimm gemeint, dann ging es in ihnen über. »Ich geh jetzt am besten gleich wieder heim«, sagte er und griff sich in den Haarschopf. »Aber vergiß nicht, daß ich dich gewarnt habe.« Sie sah ihn wieder an, so groß und ernsthaft wie ein erwachsener Mensch, verzog die eine Wange ein wenig und lächelte. »Gute Nacht!« sagte sie und schlug die Augen nieder, und dann ging sie. Und er mußte auch gehen, aber er war nicht sehr zufrieden. Es war die schönste Mittsommernacht, die Berge hatten solch ein besonderes Blau umgetan, und der Fjord war schwarz, wie grundlos, unterhalb der Felswand, und silberweiß und goldschimmernd weiter draußen, und ein Regenpfeifer rief zugleich traurig und froh über ihm hin. Aber als dieses kleine Mädchen über die sommerabendliche Bläue und die Berge im Osten und alle Moore hingeblickt hatte, da waren tausend seltsame Nächte vor einem aufgestanden und alles, was einem einmal träumte, damals, als man klein war; und das Summen der Mücken war wie ein einziger tiefer Ton rings um einen gewesen aus der Zeit, die vergangen war. Petter schlief, als Anders heimkam. Es war bereits Tag, die Sonne lag oben auf den Hängen. Anders dachte nicht daran, sich schlafen zu legen. Er ging hinaus und watete in den Wiesen umher und dann in den Äckern, trat fest auf, so daß die Halme flach hinter ihm liegenblieben und einen dunklen Weg bildeten. Die Tautropfen sprühten vor seinen Füßen, es war ein Reichtum an Nässe, den die Nacht ausgeschüttet hatte, es kitzelte so kalt und gut an den Beinen, weckte ihn aus blaugrauem Schlaf. Er hörte, wie Blatt für Blatt versuchte, sich aufzurichten; er spürte das Wachstum, das der Erde entströmte. Anders schwieg, wie er so dahinging, nur seine Nüstern weiteten sich und sogen alles ein, und die Augen wanderten hellwach über Feld und Wiesen; er schwieg wie die Bergspitzen. Sie standen da und erwachten im Schein der Sonne und ließen den Traum von sich abgleiten, zeigten Moos und Stein und alles das, was sie im Grunde waren. – Die Ackerralle, er stand eine Weile und hörte ihr zu: ja, sie sagte die Wahrheit. Und in ihm sang es mit, tief und anhaltend, es waren der Tag und er, die miteinander sprachen und einig wurden. Darüber, daß Anders noch nichts verloren hatte. Hier im Osten drüben war noch eine unendliche Menge von Tagen. Und dann gab es ein gutes Getreidejahr auf Haaberg heuer; um den Rest bekümmerte er sich nicht. 3 Ein paar Monate später ritt Anders zum Pfarrhof und freite um Solvi. Sie diente jetzt dort. Es war ihm einmal von einem Zigeunerweib vorausgesagt worden, daß er sich die, die er einmal haben sollte, vom Pfarrhof holen würde, und nun mußte er es wohl tun. – Er glaubte nicht im geringsten an Yorhersaguugen, er war von Geburt an so ungläubig wie ein Stein. – Er wußte dies und jenes: daß in der Erde und im Fels allerhand wohnte – aber er brauchte nicht daran zu glauben, es war nur so, und fürchten brauchte er sich nicht, denn es gab immer irgendeine Waffe, wenn's darauf ankam, oder ein kleines Gotteswort. Kam man aber zu ihm und erzählte von Erscheinungen auf dem Kirchhof oder von Warnungen und Weissagungen, da lächelte er nur innerlich und ließ die anderen glauben, was sie wollten. Aasel erzählte von seinen Vorfahren, daß sie an nichts glaubten. Da verzog er den Mund zu dem gleichen Lächeln. Denn sie wußten wohl, was sie wußten, die Alten. Ganz hasenrein waren sie auf keinen Fall gewesen – dazu waren sie zu stark. – Aber über diese Weissagung hier mußte er lachen. Denn jetzt war die Solvi auf dem Pfarrhof, und haben mußte er sie; da blieb ihm eben nichts anderes übrig, als den besten Gaul zu satteln und sich auf den Weg zu machen. Auf diese Weise hatte das Weibsbild diesmal doch recht geweissagt, das tat ihr sicher gut. Und der Petter, dem vorhergesagt worden war, daß er nicht heirate, ehe er die Solvi bekommen habe. Daran hatte er wenig und gar nicht gedacht. Denn er hatte immer nur an die Solvi denken müssen. Früh und spät hatte er an sie gedacht, bei allem, was er auch tat; es war eine Schande, dies einzugestehen. – Petter hatte wohl schon seine Geige unter den Arm genommen und spielte einer andern auf, wie man erzählte. Der kam sicher noch früh genug zum Heiraten. Und jetzt hatte es den Anders erwischt – er mußte laut lachen: Diese Hexerei konnte man sich gefallen lassen! Zweimal hatte er die Solvi seit jener Nacht getroffen. Das erstemal eines Tages auf dem Weg. Sie kam gerade auf ihn zu, während er dahinging und an sie dachte, so daß er sie fast für einen Traum oder eine Erscheinung hielt, dann aber war sie es wirklich, und er hätte nach ihr greifen können. Sie wollte still an ihm vorbeigehen, als er sie aber anredete, fuhr die Erinnerung an damals über ihr Gesicht. Ratlos zwinkerte sie mit den Lidern, und ihre Augen waren bei Tag so schön hellbraun; als er weiter vortrat und ihr näherkam, fuhren sie halb erschreckt, aber dennoch zuversichtlich über ihn hin, gleichsam als wüßten sie, daß von ihm nicht Böses kommen könne. – Er vergaß sich und ging mit ihr ein weites Stück zurück, sie war auf dem Weg zum Pfarrhof. Das nächste Mal traf er sie bei der Kirche. Er stand hinter dem Stall im Schatten und band sein Pferd fest, und zugleich kam sie um die Ecke herum, sie wollte eben eine Kuh auf die Wiese treiben. Es hatte zum drittenmal geläutet, und die Leute waren bereits in der Kirche, nur noch einige junge Burschen saßen dort auf dem Hügel und spielten noch immer Karten. – Es durchfuhr ihn so stark, als er sie zu sehen bekam, er vergaß es nie. Sie war im vollen Staat, trug ein helles, feines Kleid und hatte einen weißen Kragen um den Hals. Dies hatte sie zu einem neuen Menschen gemacht, zu einem Menschen, den man besitzen mußte. – »Du«, sagte er, als sie endlich mit der Kuh fertig war – »ich werde bald einmal zu dir kommen und mit dir reden. Es ist etwas Ernstes, Solvi. Und an dem Tag wirst du mir nicht auskommen.« Er stand da und sah, wie die Röte über ihr Gesicht floß; aber die Augen, die hatten ihn nicht verstanden. Und so ließ er sie gehen. Aber es griff wie eine Zange nach seinem Herzen, daß er nicht mehr lange warten dürfe bis zu diesem Tage, man konnte bitter zu spät kommen. Den Montag darauf fuhr er über den Fjord nach Juwika, zur Muhme Aasel, obwohl er nicht wußte, was er dort wollte. Sie sah, daß etwas Besonderes in der Luft lag, und darum wartete sie geduldig. Das paßte ihm nicht, und so sagte er denn geradeheraus, daß er jetzt heiraten wolle. – Ist das wahr ? Sie wollte es erst sehen, ehe sie es glaubte. »Aber warum fragst du nicht, wer sie ist, die ich haben will!« Er sprach ein wenig hastig. »Ja, du weißt, das möchte ich schrecklich gern wissen, aber –« »Es ist die Lappen-Solvi, wie sie sie nennen. – – Was sagst du dazu, Muhme?« »Jetzt hältst du mich zum Narren, Anders.« Sie sagte es förmlich bittend. Nein, es sei so, wirklich und gewiß. Ob die Muhme sie schon gesehen habe? Das hatte sie. Und schön war sie, das mochte Gott wissen – aber war es denn wirklich Ernst damit? Ja, jetzt kam es bald zum Klappen. Dann hatten sie wieder etwas zum Beißen in der Gemeinde. »Du sagst Gemeinde, du, ja. Aber sie halten sehr viel von dir, Anders; das weißt du wohl nicht?« »Ist denn das etwas so Großartiges? – Nein, es steckt schon mehr in mir. Das kannst du ihnen sagen.« Aasel blickte ihn von oben bis unten an. Er stand jetzt ein wenig gebeugt da, ganz ruhig und sicher; und trotzdem so jung, wie sie ihn seit mehreren Jahren nicht mehr gesehen hatte. Seine Augen waren so gut – er dachte nicht mit einem Gedanken an die Gemeinde. Das tat Anders auch wirklich nicht, außer in dem Augenblick, da er es sagte. Es gab nur eines, Solvi, die mußte er haben. – Aasel fiel es schwer, die Sprache wiederzufinden. »Ja, ja, Gott segne dich, Anders«, sagte sie. »Was du auch tun magst.« Anders durchlief es ein wenig kalt bei ihren Worten. In diesem Augenblick stand er mutterseelenallein in der Welt seiner Entscheidung gegenüber. – Und heute war er nun auf dem Weg. Er ritt auf dem Pfarrhof ein und ging zum Pfarrer selbst. Diesmal sollte es so vor sich gehen. Der Pfarrer führte den Anders in die Wohnstube, bat ihn, sich zu setzen, und ließ die Augen eine Weile auf ihm ruhen, wie es seine Gewohnheit war, wenn er einen vor sich hatte, an dem er Anteil nahm. Anders merkte dies wohl, nahm es wie etwas Selbstverständliches. Er räusperte sich und war mitten drin, ehe er es gewahr wurde: Er habe sich auf den Weg gemacht und suche jemand, der bei ihm im Haus sein könne. Er habe schon früher einmal hierherkommen wollen, in der gleichen Absicht, da aber habe sich »ein Stein in den Weg gelegt«, wie ein altes Wort sage. Nun glaube er, daß er im rechten Augenblick komme. – Er hatte anfangs ein wenig atemlos gesprochen, jetzt aber kam er wieder zu sich und sah den Pfarrer ruhig an. Und der Pfarrer war baß verwundert. Er glaubte, der Mann sei betrunken, und zog seine feinen weißen Hände zurück, sie hatten auf dem Tisch gelegen, bei dem Buch und der Pfeife. »Nun frage ich den Pfarrer: ob er etwas dagegen hat, daß ich die Solvi bekomme, die hier dient?« Der Pfarrer ließ seinen Blick zwischen ihm und der Wand hin und her gehen – man hätte über ihn lachen können. Dann aber besann er sich: »Muß er denn eigentlich mich darum fragen? Und ihr – hm – wohlgeborener Herr Vater?« »Hab keine Angst, Pfarrer, den werde ich schon auch fragen. Aber zuerst kommen die größten Bäume dran, so sagen wir bei uns.« Der Pfarrer begann zu rauchen, und Anders saß da und zog den Tabaksrauch ein und fand ihn gut . Und es war schön, hier zu sitzen, er hatte wohl kaum jemals so gut gesessen, mitten vor dem Pfarrer und der ganzen Gemeinde. »Ja, nun ja«, sagte der Pfarrer endlich. »Nimm, was dein ist und gehe hin.« Und kurz darauf fügte er hinzu: »Du segelst ja wohl nach deiner eigenen Peilung, du, Anders, und dafür gebührt dir Ehre. Und – hm – Gottes Segen dazu!« Er beugte sich vor und nahm Anders bei der Hand. Anders drückte fest zu und blinzelte heftig und zufrieden. So sollte es sein. Der Pfarrer erhob sich, trat zur Küchentüre und schaute hinaus: sie sollten Solvi hereinschicken. Sie kam herein und blieb gleich bei der Türschwelle stehen; keiner bemerkte, wie stark der Ausdruck in ihrem Gesicht war. Anders ging auf sie zu und schüttelte ihr die Hand, und dann wandte er sich wieder zum Pfarrer: »Sie weiß, was ich will; und ich glaube, sie ist einverstanden.« Der Pfarrer zog die Brauen hoch hinauf: »Das ist schließlich auch nicht zu viel.« Dann ging er zu ihr hin und nahm sie bei der Hand, führte sie zu Anders: »So hat ein Größerer als ich einstmals das Weib zum Manne geführt.« – So konnte er manchmal reden, der Pfarrer, nur Scherz und Unsinn. Solvi war kreidebleich geworden und mußte sich auf Anders stützen, und ihm wurde heiß bis ins Gesicht hinauf. Und jetzt wurde der Pfarrer still und ernsthaft, er senkte die Stimme, als spräche er mit einem Kranken. »Dies ist so seltsam. Ich weiß nicht – es kommt mir vor – – ich wünsche euch beiden viel Glück. Viel Glück!« Er richtete sich auf, erhob die Stimme ein wenig und sah Anders fest an: »Sei ein Mann, Anders. Was dir auch begegnen möge. Sei der, für den ich dich halte. Gott segne euch beide, das wünsche ich euch aus ganzem Herzen. Ach, ja, ja, ja, ja!« Der Pfarrer wandte sich rasch ab und ging zum Fenster, blieb dort stehen und sah hinaus. »Und ich glaube auch, er tut es. Ich glaube, er tut es. Geht in Frieden, Kinder!« Solvi drückte Anders die Hand, ein bebender, Furchtsamer, kleiner Druck, und dann eilte sie rasch hinaus. – Anders bestellte das Aufgebot für den nächsten Gottesdienst und nahm Abschied und bedankte sich. Solvi traf er draußen vor der Türe. Die anderen Leute waren wie weggeblasen, und er strich ihr über das Haar, ein wenig unbeholfen zwar, und dann ritt er fort. Im Spätsommer kann die Nacht so schwermütig sein, Wiesen und Wälder liegen im Halbdunkel und flüstern und mahnen. Anders wurde davon eingefangen, als er so dahinritt, und er wußte nicht, wie dies zuging. Das Dasein war so vielfältig geworden. Und der Anders, der jetzt heimwärts ritt, war nicht der gleiche, der hergeritten war, und das Espengehölz und die Felder, die rings um ihn flüsterten, die waren vorher noch nicht dagewesen. Er wußte nicht, war es Trauer oder Glück, was ihn durchfuhr; es war eine unbekannte Unruhe, gleichsam als reite er über geweihte Erde. Diesen Weg war keiner vor ihm gekommen. Keiner würde je erleben, wie dies war. 4 Petter kam nach Engdalen, eines Abends vor der Hochzeit, kam geschlendert, als habe er nichts im Sinn. Massi steht in der Küche und bäckt Kartoffelkuchen – denn sie hatten es hier schon so weit gebracht, daß sie es mit den Kartoffeln versuchten. – Sie ist ein wenig bestürzt, als er kommt, und bittet ihn, in die Stube zu gehen. Er aber setzt sich in die Küche, so eng es dort ist; er sitzt da und betrachtet die Backplatte, der Ruß außen am Rand hat Feuer gefangen und brennt mit zahllosen kleinen Feuersternen, die herumspringen und -hüpfen, bis es wie ein funkelnder, schwindelnder Tanz ist. – »Schau nur!« sagt er und lacht. Sie sieht hin und dann ihn an; sie hat ihn verstanden, und sie errötet sogar ein wenig. – »Lappenhochzeit« … sagt er. »Ja, ja, jetzt gibt es wohl bald eine Lappenhochzeit, so sieht es aus«; sie lächelt unsicher. – »Und ich allein bin entronnen, auf daß ich dir's melde«, meinte Petter. Es ging in jener Gegend ein Wort unter den Leuten, daß Feuersterne an Kessel und Backplatte auf Lappenhochzeit deuten; denn ungefähr so tanzen die Lappen auf der Hochzeit. »Ja, ich war in der Kirche, als das erstemal aufgeboten wurde«, sagt sie. »Er saß dort, als sei das alles nicht der Rede wert. Hast du es bemerkt, Petter?« Petter merkte nur, wie lange sie vor sich hinstarrte, jetzt wie auch damals. Dann kam Ola herein, und bald waren sie wieder bei der gleichen Sache. – »Er hat keine Scham im Leib«, sagte Massi. »Gott verzeih mir die Sünde, aber er geht herum, als habe er eine große Tat vollbracht.« – »Das hat er ja auch«, sagt Ola. Seine Stimme klang ganz warm. »Die Leute in der Kirche sahen aus, als habe man ihnen kaltes Wasser über den Kopf geschüttet. Nein, der Anders geht gerade seiner Nase nach, und die ist schief. He, der ist mir ein sonderbarer Heiliger! Mit dem werden sie nicht fertig.« Petter blieb die Nacht über da. Am Morgen nahm er Abschied, er wolle jetzt seiner Wege wandern, gehe in die Malerlehre. Massi nahm ihn so warm bei der Hand, wollte ihn kaum loslassen. »Armer Bursche, du«, sagte sie. »Dich haben sie wohl heimatlos gemacht, was?« »Ach wo, das ist ja bloß lustig.« Massi wandte sich Ola zu, als sie allein waren: Sollten sie zur Hochzeit fahren oder nicht? – Ja, freilich sollten sie! Sie sollten fahren, wie sie sich auch drehte und wendete, was hatte sie denn zu brummen? Ola hatte dem Anders für immer den Rücken gekehrt, hatte ihm ein für allemal Lebewohl gesagt; als er ihm aber die Massi wegnahm, war alles ausgeglichen und vergessen, er war viel zu sehr Kämpfer, als daß er lange etwas nachtragen konnte. Er wußte keinen Besseren in der ganzen Gegend als Anders, obwohl er sich noch für lange Zeit keine Freundschaft von ihm erwartete. – Ja, wenn sie aber zur Hochzeit sollten, dann mußten sie sich auch eine Brautgabe ausdenken, die sich sehen lassen konnte, sagte Massi. – Ja, ganz richtig, das war auch Olas Meinung. Denn es war ein kleines Meisterstück, was der Anders jetzt zuwege brachte; von welcher Seite man es auch ansah. – – – – Etwas Ähnliches sagten sie auf allen Höfen, wo sie geladen waren. Es war das stärkste Stück, das sie je gehört hatten, daß ein Erbbauer hinging und sich mit einem Lappenmädchen verheiratete. Daß wenig oder nichts Lappenartiges an ihr war, half nicht viel; es war, als habe er ihnen den Stiefelabsatz auf den Bauch gesetzt. Aber doch war fast alles gut und recht, was Anders tat, besonders wenn er kam und mit einem darüber sprach. Kein anderer als er hätte so handeln dürfen und noch dazu allen Leuten in die Augen schauen können. – Und wie vergnügt er ist, sagten sie. – Ja, ganz, als sei der Herrgott zur Erde herabgestiegen und habe ein großes Werk an ihm getan. – Er sah aus, als singe er den ganzen Tag » Solvi « vor sich hin. Und das Haus auf Haaberg wuchs heran wie ein Wunder und wurde fertig, im ganzen Kirchspiel und noch weiter machte es von sich reden. Anders hatte Maler von weit oben im Tal kommen lassen. Die Leute aus der Gemeinde machten sich bei ihm etwas zu schaffen, um es anzuschauen. Und Anders tat noch mehr: Er ging hin und kaufte ein Brautpferd , Er hatte einen großen Falben, und nun schaffte er sich einen zweiten an: Sie sollten jedes auf seinem Falben zur Kirche reiten! – Er liebt sie, als sei sie eine Großbauerntochter, sagte ein Weib. – Wenn sich dann aber der Hinke Andreas durch die Kirche schleppt, was meinst du? sagte eine andere. – Ja, ja, versteht sich. Das wird ein Anblick sein! – – – Der Hinke-Andreas kam überhaupt nicht. Er legte sich hin und war krank. Anders lächelte gedankenarm, als er dies hörte, blieb stehen und sah Solvi an und vergaß sich ganz. Die anderen lächelten ebenfalls – er konnte gutmütig sein, der alte Lump, wenn er wollte. Und wenn sie es recht bedachten, so durften sie froh darüber sein, denn Hochzeit ist eben doch Hochzeit, und ein schwarzer Schatten ist kein Spaß bei einer Festlichkeit. Man hatte gebraut und gebrannt bis an die Knie hinauf, wie ein Mann sagte, und alles großartig vorbereitet. Die Neu-Stube nahm den Leuten fast den Atem, da zeigte Raum für Raum gemalte Wände und lauter Herrlichkeit, einer größer als der andere: zwei große Stuben über das ganze Erdgeschoß hin, mit zwei dazugehörigen Kammern, und die Küche in der Mitte, wie eine ganze Stube, auch sie, und ein großer Gang, der gerade auf sie zuführte; alte Leute gingen immer wieder durch die eine Stube und über den Gang zur anderen, es war schon wie ein kleines Gastgelage, allein das hier. Anders hatte Ola Engdalen gebeten, den Kellermeister zu machen, und der hatte dies mit Freuden auf sich genommen. Er stand dem Trunk vor wie ein Priester; jeder erhielt das, was er wollte, und reichlich, keiner entging ihm, und keiner bekam zu viel. – Und hier geschah das, was man nie zuvor erlebt hatte, daß sie in der Stube selber tanzen konnten und nicht in die Scheune hinauszugehen brauchten; sie tanzten drei Tage und drei Nächte lang und noch ein wenig darüber. Wohl fiel der und jener unter den Tisch, aber bald kam er wieder auf die Beine und tanzte weiter; und fein ordentlich ging es her, wie bei einem Leichenschmaus: nicht ein einziger schlug Lärm oder griff zum Messer. Wo nicht der Bräutigam war, dort war Ola, und sie waren beide groß und lang, wie schon einmal gesagt. Sie redeten so allerhand über den Bräutigam, keiner aber sagte zu ihm etwas anderes als nur Gutes. – Er geht umher, als wolle er einen auf die Hörner nehmen, konnten sie sagen. – Meinst du? Er sieht mir mehr so aus, als habe er etwas Süßes geschmeckt. – Das hat er wohl auch. – Aber schwer muß ein Kopf zu tragen sein, wenn man ihn so hoch trägt. – Ja, das wissen wir nun nicht so genau. – Wer hätte je gedacht, daß einmal Lappenblut ins Juwik-Geschlecht kommen sollte. – Ja, es ist wohl durstig. Anders betrachtete sie genauer, als er ein paar Schnäpse im Leib hatte, nun, da waren sie also, und so sahen sie aus. Aber wie winzig klein sie waren. Durch Schweigen allein schon konnte man sie flachtreten. Nur Ola Engdalen war ein richtiger Mann, und jetzt hatte er auch über ihn gewonnen. Denn dies hier hätte Ola nicht zuwege gebracht. Ja, ja. Sie waren gut genug. Er wollte sie nicht schlechter machen. Aber so oft Solvi durch die Stube ging, trat er näher an den einen oder andern heran und sah ihm ins Gesicht. Warum konnten sie ihr Herz nicht zeigen, auch wenn es böse war? Solvi kam übrigens allein zurecht. Sie war so still und gut und fühlte sich so sicher; kein Wolf hätte sie beißen können. Die Alten kamen herbei und redeten einer nach dem anderen mit ihr, und nach ihnen kamen die Frauen, aber denen fiel es etwas schwerer; die Mädchen waren bald alle um sie versammelt, sie dachten an nichts anderes, als daß sie Braut war. Bald tauten sie alle auf rings an den Wänden. Man mußte der Wahrheit die Ehre geben, vor dem Altar leuchtete Solvi wie die Sonne, und am Tag darauf, als sie in der Frauentracht hereinkam, war sie noch schöner. Sie strahlte Glück aus. Sie wärmte wie der Sommertag, wo sie hinkam – es war also kein Wunder, daß der Anders in diese Fuchsfalle gegangen war, fanden sie. – Oh, wäre ich jung ... sagte ein alter weißhaariger Mann. Und im übrigen aßen sie und tranken sie, bis sie sowohl Braut wie Bräutigam vergessen hatten. Und wie sie tanzten, wie sie tanzten! Aber auch eine Groß-Hochzeit nimmt einmal ein Ende. Sie fanden sich am vierten Tag halb ernüchtert und erstaunt wieder, und so blieb nichts anderes übrig, als sich zu bedanken, den Stab zu nehmen und zu gehen. Anders fühlte, daß sie ihm alles Gute wünschten, als sie so wegzogen. – Wir sitzen sicher, von heute an, Solvi, sagte er. Ola und Massi waren die letzten, die sich von den Brautleuten verabschiedeten, und als Massi dastand und Solvis Hand hielt, war sie ganz gerührt. »Ihr müßt so bald wie möglich nach Engdalen herüberschauen«, sagte sie. – »Ja, wenn ihr nicht kommt, dann werde ich euch was anwünschen!« sagte Ola – er bereute es, kaum daß er es gesagt hatte. Anders und Solvi versprachen zu kommen. Und dann wandten sie sich ab und lächelten einander zu. – – – Sie kamen sowohl nach Engdalen als auch auf andere Höfe, daran fehlte es nicht, und willkommen waren sie. Anders fühlte sich sehr zufrieden. Er war in bösem Wetter draußen gewesen und hatte sich durchgekämpft. Es schien ihm nach und nach so, er habe dies getan, um sich auf die Probe zu stellen. Soviel mußte man an das wenden, woran man seine Freude haben sollte. Und wäre es ungeschehen geblieben, hätte er nie erfahren, wer er war . Und dann hätte er keine Solvi gehabt. Das Merkwürdigste war, mit welch sicherer Hand sie die Arbeit im Hof anpackte. Daran hatte Anders vorher gar nicht gedacht, da wäre ihm vielleicht das Blut gestockt; und jetzt richtete er sich auf und dankte dem da oben für das, was er sah. Sie nahm ihren Platz mit einem beglückten Lächeln ein, er sah, wie die Gedanken hinter blanken Augen arbeiteten – die Hände huschten umher wie Fische im Wasser, er konnte oft stehenbleiben und ihnen lange zusehen, sie liefen von einem zum anderen und ließen alles fertig und wohlgetan wieder los, gleichsam als wäre es nie anders gewesen. Ihre Geschicklichkeit schlich sich in ihn ein und erfaßte ihn, so daß er ganz verändert war. Und jedesmal, wenn sie ihn hinter sich gewahr wurde, war sie wieder von neuem erstaunt; ihr hing eine kleine helle Haarlocke in die Stirn herab, und ihm war, als rühre sich die vor Verwunderung. Aber meistens sah Solvi ihn gar nicht an, es gab zuviel Lustiges zu tun. Sie entglitt ihm am Morgen wie ein Aal, und dann war sie überall; lange Zeit hörte er nichts von ihr, und da wußte er, daß jetzt die Arbeit flog. Daß sie nicht sang! Da aber wäre sie ein anderer Mensch gewesen, und da hätte er keine Solvi gehabt. – »Laß mich einmal in dein Vorratshaus schauen«, sagte er eines Tages, als sie dort war. – »Ja, jetzt gehört das Vorratshaus mir«, erwiderte sie. »Hahaha, soviel zu essen!« platzte es aus ihr heraus. – »Heute abend wollen wir fortgehen; du und ich; – ostwärts zu deinem Vater, meinte ich, mit einem bißchen Mundvorrat, wenn du etwas übrig hast?« Er sah, wie sich ihre Wangen entfärbten, bis sie fast weiß waren, und sie ließ die Mehlschaufel fallen. Dann kam das Blut wieder zurückgeströmt, bis das ganze Gesicht brannte und rot war, ja, aber trotzdem kam es nicht zum Weinen bei ihr. Er stand mit den Händen auf dem Rücken da und sah zu. »Ja, meinst du?« sie ließ ein kleines gleichgültiges Lachen hören. »Ja, der Mond scheint so schön, das ist es.« Anders mußte an Petter denken, während sie ostwärts gingen. Wer hat mich doch damals an den Ohren gezogen, an dem Abend, als ich fortgehen und ihn heimjagen mußte? dachte er. Das würde er wohl niemals ergründen. Und wäre Petter nicht der Tölpel gewesen, der er war, so wäre alles anders gekommen. So hätte er keine Solvi gehabt. Die Steinlaue 1 Es war ein frischer Morgen im Herbst, Rauhreif auf der Erde und Eis auf den Waldteichen, die Luft stand still und kalt rings um einen, und man empfand sie wie ein Bad, sobald man ins Freie trat. Die Leute waren heute draußen auf dem Meer, zogen die Fangleine ein, fischten die Weihnachtsheilbutten. Anders nahm lieber die Büchse und ging in den Wald. Ab und zu lauschte er hinunter nach der Brandung; es war ein so freier und starker Ton in ihr. Übrigens, um es ehrlich zu sagen, wollte er jetzt gleich nach Engdalen hinüber, wollte versuchen, den Petter zu treffen, denn der war jetzt dort. In diesem Sommer wurden es drei Jahre, seit er fortreiste, und nun war er vor kurzem wiedergekommen und in Engdalen geblieben. Es bestand keine Feindschaft zwischen ihnen, er war einige Zeit auf Haaberg gewesen und hatte nicht so getan, als ob er sich an irgend etwas erinnere. Schließlich hatte er auch keinen Grund, böse zu sein, fand Anders, er nicht mehr als die andern in der Nachbarschaft; und sie waren ihm gute Nachbarn, alle miteinander. Aber er wollte mit ihm reden, wollte hören, ob er denn gar nicht daran denke, nach Haaberg zu kommen und dort zu bleiben. Er hatte den Burschen wirklich gar nicht so wenig entbehrt. Anders konnte es nicht leiden, wenn die Dinge nicht so liefen, wie er es sich gedacht hatte, er wollte ein wenig Ordnung rings um sich haben. »Das ist einmal ein Wetter, das sich sehen lassen kann«, sagte er zu sich selbst. So war im Grunde die Welt, wenn man dazu kam, sie zu sehen. Wie nun diese Schlucht im Berg, die Gjermundschlucht: Da ging man die ganze Woche umher und sah sie nicht, plötzlich aber wurde man sie gewahr, und da stand sie und starrte einen gerade an, so groß und nackt, wie sie war, und so grausam häßlich, man wandte sich von ihr ab, denn es war die Sinnlosigkeit selbst, der man hier ins Gesicht gesehen hatte. Und dann wieder stand sie nur da und lächelte vergnügt – wenn man in der richtigen Laune war –, so lächelt auch ein häßliches, verunstaltetes Gesicht bisweilen: kein Grund zur Klage! Als Anders quer durch den Wald gegangen und wieder auf den Weg gekommen war, begegnete er Petter, als hätte er ihn gerufen. So können Menschen einem begegnen, wenn man es sich wünscht – so war ihm auch Solvi einmal entgegengekommen, und immer noch empfand er es in der Erinnerung wie ein kleines Abenteuer. Er hatte im Grunde schon oft Glück gehabt. Es war wie beim Schießen – man konnte treffen, selbst wenn man nicht zielte, merkwürdig war's, oft wenigstens. Wo er denn hin wolle? Petter fuhr sich über die Stirn, wollte den Blick nicht aufheben. – Oh, nur zur Obrigkeit, wieder einen Todesfall anmelden. Jetzt sei es das zweitemal. – »Sie halten nicht viel aus, die kleinen Kerle von der Massi«, sagte er, und nun sah er den Bruder an. Anders fragte ihn ein wenig näher aus. Ach so, er hatte nichts davon gehört? Hm. Nein, das war schon möglich. Sie lagen da und wurden von einer Art Sucht geplagt und gequält, bis die Mutter den Herrgott bitten mußte, er möge sie wieder zu sich nehmen – und das tat er denn. Das war das Schlimmste, was Petter gesehen hatte. Aber dann wußte Anders vielleicht auch nicht, daß der Ola selber auch zu Bett lag. Anders hatte davon gehört; aber war es denn etwas Schlimmes? Oh, es genüge, meinte Ola. Der Fuß faule ihm einfach vom Leib. »Als der Hinke-Andreas gesund wurde, wurde der Ola bettlägerig«, sagten die Leute – Petter sah den Bruder mit einem Lächeln an, daß es den Anders kalt überlief. Hatte er sich denn nicht irgendwo Rat geholt? – Rat? Das würde wohl nicht viel nützen! Petter wollte wieder weitergehen, aber Anders ließ ihn nicht los: Er glaube doch wohl nicht, daß es ihm angewünscht sei? Daß es Zauberei wäre? »Die Leute glauben so vielerlei in diesem Punkt.« »Ja, aber du, meine ich?« Petter stand eine Weile da, blickte dahin und dorthin, aber nicht auf, wie der Dieb in der Klemme. – Ja, es sei nun so eine Sache, was man glauben solle und was nicht. Was sollte man dazu sagen, daß eine Kuh nach der anderen verwarf, das ganze Jahr hindurch? Und daß sie niemals Butter bekamen, soviel sie auch kirnten? Oder daß das Pferd im Graben liegenblieb, den Kopf unter sich? Hm? – Ja, das sind Sachen. Anders stand nachdenklich da. Ging denn wirklich alles so verkehrt in Engdalen … Der Bruder sah ihn an und begann dann wieder, gleichsam als habe er Blut geleckt. – Wenn es wenigstens nur über den Leuten in Engdalen ausginge. Aber es traf die anderen auch. Man redete auf allen Höfen davon. Nein, Petter glaubte nicht daran, er lachte, er, und fand es lustig: ein Stern glänze mehr als der andere vor lauter Dummheit. »Wenn der Vater noch lebte, so wäre er rund herum gegangen und hätte ihnen die Dummheit herausgeprügelt, einem nach dem anderen!« Anders war jetzt ganz bleich, und sein Mund war hart. »Ja, glaubst du?« lachte Petter ein wenig. Anders dachte nach. Er war nicht darüber im Zweifel, was der Vater getan haben würde, denn der Vater war mit der Zeit für ihn gewachsen und war ein Mann geworden, mit dem es keiner aufnehmen konnte. Anders überlegte, ob er selbst irgend etwas tun sollte. Es war der Hinke-Andreas, den sie der Zauberei beschuldigten, und das war ihm schließlich gleichgültig; da hatten sie etwas zu beißen. Und für Solvi war es am besten, wenn das ganze Gerede von selber dahinstarb. Ehe er sich's versah, entfuhr es seinen Zähnen: »Aber der Teufel soll euch holen, wenn ihr der Solvi etwas nachsagt!« Petter bekam winzig kleine Augen, die glücklich blitzten. Doch er stach nicht zu. Aber ob er denn nicht bald heimkäme nach Haaberg? Denn man warte dort auf ihn, wirklich und wahrhaftig. Ja, das hörte sich gut an, doch glaubte Petter nicht, daß es dazu kommen würde. »Denn sie brauchen mich in Engdalen.« »Ja, ja, aber später dann, hm? Du trägst uns doch wohl nichts nach, oder?« Anders fragte so treuherzig, daß Petter fast ratlos wurde. Er schnaubte nur ein wenig durch die Nase. – Er wolle nun sehen, sagte er. Und dann trennten sie sich. – – – Petter dachte darüber nach. Im Grunde fühlte er die größte Lust, nach Haaberg zu kommen. Anders hatte auf dem Pfarrhof ein neues Wohnhaus aufgeführt, denn das alte war ganz verfault: es war eine Ehrenarbeit gewesen, die der Pfarrer und die Gemeinde ihm anvertraut hatten, und es war ausgezeichnet gegangen. Und jetzt wollte Anders, daß Petter das Anstreichen übernähme, das merkte er deutlich; und das war keine Kleinigkeit. Nein, aber wenn Petter genau nachdachte, so fragte er nicht das geringste nach dem Anstreichen und nach der Ehre und dem Verdienst. Denn es war ganz unmöglich, herauszubekommen, warum beim Anders alles wie von selbst ging; wer es war, der ihn gleichsam so vorwärts trug . Er entsann sich noch so gut jenes Abends, als er den Bruder eigentlich richtig gewahr wurde; das war gleich nach dem Begräbnis der Mutter. Da wußte er, wie es kommen würde, und es war eingetroffen. Jawohl; er wollte seinem Bruder nichts Böses. Aber ein kleiner Widerstand, ein ganz klein bißchen Unglück, das würde dem Anders wohl kaum schaden. Es hätte so aufgefrischt, ihn zu sehen. Und Petter schien es, als gäre es nun wieder in den alten Bottichen, es braute sich etwas zusammen, was stark war. Das bereitete immer Spaß, dem, der dabeistand und zusah. Anders war um einen Kopf größer als andere Leute, in allem und jedem, Petter freute sich sogar darüber, auf seine Art. Trotzdem aber sah er doch auf ihn herab, gleichsam wie auf ein Kind. Das ist nun mein Trost, pfiff er vor sich hin. In Engdalen sah es trüb aus, und Petter tat es wirklich leid um die Leute, denn schon die Hälfte von allem wäre genug gewesen. Es war etwas so Ungewohntes für ihn, Mitgefühl für jemand zu haben, daß er über sich selbst ganz erstaunt war. – Daß eine Zauberei an diesem Unglück schuld sein könnte, glaubte er nicht, noch viel weniger, daß es sich so verhielt, wie die Leute sagten. Denn sie erzählten einstimmig, es habe mit dem Augenblick angefangen, da Solvi nach Haaberg gezogen sei. » Sie schießt wohl dorthin, wohin Anders zielt«, hatte ein altes Weib gesagt, und Massi jedenfalls glaubte das. – »Man sieht wohl nicht so aus wie die Güte selbst, ohne daß etwas Böses dahintersteckt«, sagte sie an dem Tag, an dem das Pferd zusammenstürzte. Ola schwieg wie die Mauer, und Petter mit ihm. Als Petter vom Pfarrer heimkam, erzählte er, daß er Anders unterwegs getroffen habe. »Und er ist unschuldig, wie es sich auch verhalten mag!« sagte er hitzig. »Das wissen wir«, erwiderte Massi. Sie saß drüben in der kleinen Stube, wo das Kind lag. konnte sich wohl nicht davon losreißen. Und noch weniger vermochte sie in die Stube zu gehen, wo Ola lag, es roch dort so von dem kranken Bein, und es sah fast so aus, als scheue sie sich deshalb vor dem Mann. Petter war es, der ihn pflegen mußte, und er kam nur kläglich genug damit zurecht. Am schlimmsten war es in der Nacht, denn Ola konnte nicht schlafen, die Schmerzen quälten ihn lange und anhaltend, so daß er bösartig und zur Plage wurde, und dazwischen war er nur halb bei klarem Bewußtsein, lag da und fluchte und jammerte über alle bösen Mächte, die ihm zuleibe wollten, er sah ganz deutlich Gestalten hinter seinem Bett, die Haare konnten einem zu Berg stehen, so unheimlich war es. In manchen Nächten fühlte Petter, wie es sich in ihn einschlich, all das, was die anderen glaubten. Und wenn es wirklich ein Mensch war, der dies alles angewünscht hatte, so mußte es erlaubt sein, auch einiges Böse zurückzuwünschen. Mochte es dann in Gottes Namen treffen, wo es wollte. 2 Anders kam gegen Abend heim. Viele Vögel hatte er nicht erlegt, und es war ihm auch nicht so sehr darauf angekommen. Was Petter gesagt hatte, hatte in ihm weitergearbeitet, es lastete auf ihm, zugleich mit dem Schneetreiben und dem einfallenden Abend. Er dachte an Solvi, immer und immer wieder, und er wußte, es war vollkommen unmöglich, daß ihr Vater etwas Derartiges tun konnte. Und irgend etwas mußte er ausfindig machen, um dem Gerede Einhalt zu tun, aber was ihm auch einfiel, zerrann wieder in einem grauen Nebel. Ja, ja, er würde schon sehen. Es mußte sich doch mit den Leuten reden lassen. Da sieht er den Hinke-Andreas im Halbdunkel sich um die Stallecke schleichen und in nördlicher Richtung davonhinken, er verschwindet mit seinem Sack hinter dem Hügel. Ja, ja, dort ging er. Anders erstarrte innerlich und fühlte sich müde – so ging es ihm manchmal: statt wütend zu werden wie andere Leute, konnte er dastehen und spüren, wie der kalte Schweiß sich aus seinem Körper herausarbeitete, während die Gedanken stillstanden und warteten. »Nein«, sagte er, gleichsam wie zu einem anderen – »es nützt wenig, wenn du dem Alten nachläufst und ihm etwas antust. Und sie – sie kann überhaupt nichts dafür, da müßtest noch eher du selbst es sein, der es angerichtet hat.« Solvi sah ihn ein wenig scheu an. Es war ihr unangenehm, daß der Vater hiergewesen war. Sie hielt so gut zu ihm, wie es ihr nur möglich war, und ab und zu schlich sie sich abends mit einem Korb zu ihm, besonders ehe der Junge kam; aber Anders wußte, sie wollte ihm ersparen, daß der Alte allzuoft hierherkam. Ihm wurde warm bei dem Gedanken, heute abend wie stets; aber das sollte man ihm nicht gerade ansehen, während er dasaß und aß. – »Schneit es draußen?« fragte Solvi. – »Ja, ein bißchen hat es angefangen.« In der Nacht schlief er wenig, aber schwer. Er wurde von allerlei geplagt, besonders aber bildete er sich ein, daß eine Türe offen stünde, durch die es kalt hereinzog, und daß Solvi aufgestanden und davongegangen sei, der Kleine lag da und jammerte, und er selbst war nicht imstande aufzuwachen, vermochte nicht die Augen aufzuschlagen, ganz unmöglich. Er war nie leicht aufzuwecken, und in dieser Nacht hielt es besonders schwer, weil er in den Bergen gewesen und weit herumgewandert war. Damit beruhigte er sich, als er endlich erwachte und es schon spät am Tag war. Dennoch schien es ihm, als sei es ein verzauberter Schlaf gewesen. Das Merkwürdige war, daß Solvi noch schlief, sie auch. Sie erwachte mit einem heftigen Ruck und sah erbärmlich bleich und müde aus. »Wo hast du denn heute nacht gesteckt, du?« fragte er so halb und halb im Scherz. »Gesteckt?« sie sah ihn hastig und halb erschreckt an. Sie war doch nirgends gewesen. »Du standest einmal aus dem Bett auf, soviel ich sah.« »Aber hast du denn nicht geschlafen ?« Er starrte sie an, und dann lachte sie, wie sie zu lachen pflegte, trillernd schnell und das eine Auge kleiner als das andere: sie sei im Stall gewesen und habe nach der Kuh geschaut, die kalben sollte; und jetzt sei es überstanden. »Komm mit, dann wirst du sehen!« Denn sie hatten zwei Kälber bekommen, fügte sie hinzu, als er keine Antwort gab, zwei große Kälber, wahrhaftig. Anders war dies mit den zwei Kälbern gar nicht recht. Wie etwas Unangenehmes, das er vergessen hatte, durchfuhr es ihn, welch ein unverschämtes Glück sie im Stall hatten, seitdem sie hierhergekommen war. Sie hatte eine eigene Art, mit den Tieren umzugehen und über ihnen zu wachen, wirklich; aber jetzt machte es ihm keine Freude, daran zu denken. Sie war so verändert während des ganzen Tages, so oft er sie ansah, war so geschäftig und so scheu, und ihre Blicke liefen stets hinter ihm her. Und wie müde sie war. Sie, die sonst nie müde wurde. Er packte sie bei den Zöpfen und zog daran, bis sie um Gnade bat, das war die einzige Art, in der er sie liebkosen konnte; sie ließ so oft die Zöpfe über den Rücken hängen, denn sie waren sonst so schwer. – Als er sie freigab, war ihm wieder gut zumute wie sonst; er hatte sie gleichsam wiedererkannt, als er sie anfaßte. An diesem Tag nahm er den Knecht mit sich und ruderte auf den Fjord hinaus, um Heilbutten zu fischen. Denn sie hatten ein paar Köderheringe gefangen. – »Und Fische kriegen wir, denn ich habe heute nacht von Läusen geträumt«, sagte der Knecht. »Alles Schlechte!« wünschte Solvi ihnen, wie es der Brauch war. Sie saßen noch nicht lange, als es schon anbiß. »Ist es die Alte selbst Die Alte selbst: der Name des Fischers durfte beim Fischen nicht ausgesprochen werden. , was meinst du, oder ist es das Vaterland mit Grund und Boden?« sagte Anders, als er die Leine einholte. Es war ein Riesenfisch. Und bald darauf hatten sie wieder einen, einen ebenso großen. Der Knecht wurde bedenklich. – »Wer weiß, wie das zugeht«, sagte er. Entweder bedeutete das einen Todesfall, oder es steckte Zauberei und Teufelsmacht hinter der Geschichte, und jetzt wollte er an Land. Das wollte Anders auch, aber er sagte halt, er wolle noch einmal auswerfen. Die dritte Großheilbutte kam herauf. Diese konnten sie nicht hereinnehmen, und so versuchten sie, den Fisch bis ans Juwikufer nachzuschleppen. Anders befestigte ein Tau an der Gaff und schlug sie in den Fisch. Da aber riß er sich los und war weg. Sie fühlten sich alle beide erleichtert: Was zuviel ist, ist zuviel, sowohl des Guten wie des Bösen. Als sie heimgingen, vergaßen sie den Fischfang. Diese Nacht war etwas Schlimmes vorgefallen, wovon alle redeten. Der Wolf war ins Land gekommen. Er war in Engdalen eingefallen. Dort wie überall waren die Schafe noch draußen, und er hatte so unter ihnen gehaust und sie verjagt, daß kaum noch der dritte Teil von ihnen übrig war. Dann war er quer hinüber nach Haaberg gegangen, hatte die Schafe dort nicht beachtet, obwohl sie mitten auf seinem Weg gelegen hatten, war dann südlich in Vikan gewesen und hatte einen Teil ins Meer hinausgejagt, und danach hatte er einen Bogen nach Lauvset gemacht und auch dort schlimm gehaust. Zwei Wölfe waren es gewesen, das sah man an der Fährte im Neuschnee, und der eine hatte gehinkt . »Wir müssen uns Mann für Mann aufmachen und sie jagen«, sagte Anders. Hm, ja, meinten die Häusler. Das gleiche sagten alle, mit denen Anders redete. Es kam jetzt nur darauf an, wie es sich mit diesem Wolf verhielt. Denn der eine hatte doch gehinkt, und dann war die Fährte auf einmal ganz verschwunden. Früher, wenn der Bär oder der Wolf hier eingefallen war, hatten sie alle wie ein Mann zusammengestanden, um Jagd auf ihn zu machen. Jetzt aber wollte keiner mittun. Die Leute waren wie ein schlüpfriger Fels gegen Anders. Er stand da und grinste, denn es war doch zu merkwürdig, so viele dumme Leute beieinander zu sehen; aber innerlich wurde er immer kälter und kälter. Was in Teufels Namen meinten sie denn eigentlich? »Seid ihr nicht recht bei Trost, Leute?« – er trat vor und zog die Schultern hoch. Und soviel Übermacht besaß er noch, daß sie ihre Blicke zu sich nahmen und dastanden, als wollten sie sich vor dem Stoß schützen. Aber sie glaubten doch, was sie glaubten, und das war böse – er stand mutterseelenallein unter Feinden. »Teufel noch einmal, wie wenig er gefressen hat, der Wolf«, sagte einer. »Die Mutter wußte von einem Lappenweib, das als Wolf herumlief«, murmelte ein anderer. Immer noch begriff Anders nichts weiter, als daß es nur sein Schwiegervater war, über den sie ihr Gift ausspritzten. Ich aber bin es, dem sie zu Leibe rücken wollen, dachte er. Und das verzieh er ihnen; denn das gelang ihnen nicht allzuoft. Als er jedoch heimging – er war bis drüben bei den Lauvsetwäldern gewesen –, da fühlte er sich dünn und armselig. Die ganze Gemeinde hatte auf der Lauer gelegen. Ja, und nun zeigte es sich ihm, wie die Schlucht sich ihm manchmal zeigen konnte, daß sie ihm die Solvi wegnehmen wollten. Sie sollte für die Kränkung büßen, die Anders ihnen zugefügt hatte. Er tastete mit seinen Gedanken umher, fast als bitte er, daß es ihm glücken möge, mit Verstand zu handeln und nicht die anderen und sich selbst ins Unglück zu bringen. »Jetzt gilt's, Anders«, sagte er im Gehen vor sich hin. Er wußte kein Wort zu sagen, als er eintrat. Solvi wurde von irgendeiner Angst geplagt, das sah er; aber was sollte man sagen? Für sie war es nicht gefährlich, denn sie hatte ja ihn. Auf dem Weg zum Meer hinunter begegnete er einem Häusler. Wie es mit dem Fischen gegangen sei, wollte der wissen. – »Nein, jetzt mußt du mir sagen, Lorns, was soll das alles bedeuten: glaubt ihr wirklich, daß der Hinke-Andreas nachts herumläuft und die Schafe zerreißt?« »Ich habe das nicht gesagt, Hausbauer!« antwortete die Häuslerseele kläglich. »Und die Solvi, glaubt ihr, daß sie dabei war? Antworte jetzt, oder es geht schief!« – Anders packte ihn beim Arm. »Ich sage nicht – ich sage nicht ein Wort, ich – – – ich sage, sie lügen, das sag ich!« Anders ließ ihn los und ging. Aber irgend etwas würde er wohl herausfinden, tröstete er sich. Wenn sie nur geradeswegs zu ihm kämen, damit er eine Handhabe hätte. An diesem Abend kam Petter und wollte auf Haaberg bleiben. Er hielt es nicht mehr länger aus mit Ola, und sie hatten nun eine Frau genommen, die ihn pflegte, während der kurzen Zeit, die er noch zu leben hatte. Anders beachtete ihn nicht. Ihm schien es nur, als sei mit Petter irgend etwas Böses auf den Hof gekommen. Er sah kaum jemand an. Solvi kroch wie ein Schatten durch die Stube, wußte kaum, was sie mit sich anfangen sollte. Es war, als wisse sie, mit wem sie es zu tun hatte. »Du solltest es nicht so schwer nehmen, Anders«, sagte Petter am Tag darauf. Anders spürte das Gift in der Rede; aber er wunderte sich nur: nahm er es denn so schwer? Sie waren auf dem Weg zu den Hängen im Norden drüben und wollten Holz für Weihnachten schlagen. Die Nordhänge liegen nach dem Sund zu, und sie sind steil und wild, mit großen Felsblöcken übersät und mit alten Bäumen bestanden. Unter ihnen stürzt die schroffe Felswand ins Meer ab. An einer Stelle zog sich eine Rinne zum Strand hinab, und auf dieser ließen sie das Holz hinunter. Es fiel fast kein Wort zwischen ihnen. Petter fand, Anders sei wie ein Pulverfaß, nur ein kleiner Funke, und er flog in die Luft. Gut ging es ihm nicht, aber das hatte er auch nicht verdient; Petter war ganz aufgeräumt bei diesem Gedanken. An einer Stelle ist der Hang so jäh, daß man kaum an ihm hinaufklettern kann, und dort war schon oft ein Bergrutsch niedergegangen; es ist fast gefährlich, darunter vorbeizurudern, besonders im Frühjahr. Auch jetzt lagen dort Steinblöcke auf der Lauer, der Hüterbub stemmte den Fuß gegen einen der Felsen, und schon kam der ins Rutschen, drehte sich ganz langsam um und besann sich, anfangs, dann aber kam er in Fahrt, gleichsam als erinnere er sich des Meeres, nahm noch ein paar Steine mit und stürzte über den Hang hinaus, so daß es wie verbrannt roch, die Männer standen da und hielten den Atem an, bis sie das Aufklatschen hörten, als er unter der Felswand ins Wasser fiel. Der Junge lachte mit glänzenden Augen – es war einer von Aasels Kindern, ein Geschwisterkind von Anders und Petter. Ein Unband von einem Jungen. »Wenn jetzt ein Boot dort unten gewesen wäre«, sagte Petter, »dann stündest du nun hier wie ein Mörder, Ola.« Nach einiger Zeit hörten sie Ruderschläge, mühsam schleppten sie sich unterhalb der Felswand vorüber. Bei Landwind hielten sich die Leute hier immer gern nah unter Land, denn hier war es still. Plötzlich sagt Anders, er schreit es in den Wind hinaus: »Beim lebendigen Gottseibeiuns, wenn ich doch die ganze Lappenbrut da unten hätte.« Er starrte einen großen, moosbewachsenen Felsblock an, der dalag und wartete: der Block wackelte sogar ein wenig, wenn man den Fuß dagegen stemmte. Dann blieb Anders still stehen und sah lange Zeit finster vor sich hin. Er begriff selbst nicht, was er gesagt oder gemeint hatte. Eigentlich war er wütend auf die Leute in der Gemeinde. Aber nicht einmal diesen wünschte er im Ernst etwas Böses. Danach fühlte er sich schlaff, es war ihm, als sei ein schwarzer und fremder Kerl durch ihn hindurchgefahren; aber jetzt war es Gott sei Dank vorüber. Irgendwas muß doch daraus werden, Eier oder Junge, dachte Petter; er fühlte ein beglückendes Lächeln in sich. 3 Am Tag darauf ging Anders nach Engdalen. Er mußte irgendwohin, das war es. Er mußte mit irgend jemand sprechen, und es gab niemand anders als sie. Als Massi. Es war doch erst ganz wenige Wochen her, seit sie noch ganz blutjung waren und einander angehörten, so schien es ihm; da mußte sie ihm doch wohl ein Wort sagen können, in dem ein Sinn steckte. Er sah sie vor sich wie etwas schimmernd Hellblondes und Blaues; – Massi, das war es, was gut war in der Welt – zu dem man hingehen konnte. Und jetzt ging er. Im Haus fand er eine fremde Frau vor und den Ola drüben im Bett. Anders sah sofort, daß es hier um etwas Ernstes ging, und er trat auf den Fußspitzen näher. Ola erkannte ihn nicht. Er lag da und starrte. Sein Gesicht war blau geworden, und in den Augen war kein Leben mehr; er sprach und lallte, aber die Zunge war dick und schwer, so daß es nur ein klagendes Ächzen wurde. Als Massi hereinkam und Anders erblickte, trieb es sie fast wieder rückwärts zur Türe hinaus. Er trat näher und reichte ihr die Hand, da mußte auch sie die ihre vorstrecken, aber er fühlte es durch und durch, wie sehr sie widerstrebte. »Es steht schlimm hier?« Sie gab keine Antwort. Kraftlos stand sie mitten in der Stube. Nach einer Weile ging sie wieder hinaus, und er folgte ihr. »Jetzt mußt du mir etwas sagen, Massi!« »Nein, laß mich!« – sie wich wieder von ihm zurück. Er blieb in der Holzlege stehen, die im Küchenvorraum war, und er stand noch dort, als sie wieder heraustrat. Jetzt trafen sich ihre Blicke, und es kam wie Leben in ihr Gesicht. Sie sah ihn eine gute Weile an. Dann sagte sie: »Aber mein Gott, Anders, daß du in so etwas hineingeraten mußtest!« Da war nichts weiter mehr zu tun. Er wollte sehen, wieder heimzukommen. Er empfand es, als solle er sich auf einen endlosen Weg begeben und müsse ihn überdies noch kriechen. Doch er solle bei Lauvset hineinsehen, zum Kristian, sagte sie; und ein wenig mit dem reden. – »Aber Gott sei Dank, Anders, ich weiß doch, daß du – –« Weiter brachte sie nichts heraus. Anders sah zur Wand hinüber und lächelte: »So oft habe ich geträumt – – ich stünde nackt in der Kirche. Es war zum Sterben, wenn man so dastand. Aber dann war es doch nur ein Traum. Jedesmal. – – – Jetzt ist es kein Traum.« Nein, denn er war mit einer Lappin verheiratet. So hatte es für alle den Anschein. Aber er raffte sich auf und ging hinein, wollte dem Ola Lebewohl sagen. Er legte ihm die Hand auf die Stirn und stand eine Weile so da. Und dann ging er. Es war am besten, gleich von hier fortzukommen. Denn hier mußte man alles glauben, was Massi glaubte, und alles sehen, was sie sah; wie der Nebel und das Meer sank es über ihn herein, drückte ihn zu Boden. Nach Lauvset wollte er nicht, aber es trug ihn doch dorthin. Kristian fürchtete ihn, das konnte er merken, und dies frischte ihn ein wenig auf. »Wie war es, Kristian? Erzähle« – er richtete den Blick trocken und sicher auf ihn. Kristian bekam einen verwirrten Ausdruck um den Mund und fing an zu reden, aber Anders wurde nicht klug daraus. »He?« sagte er. »Heraus damit, und zwar auf der Stelle!« Mit der Zeit wurde es klar, und Anders begriff, daß Kristian gegen den Morgen zu draußen gewesen war, es hatte aufgehört zu schneien, und es war schon dämmerig, Kristian hörte Schellengeklingel und fand ein Schaf nach dem anderen, entweder zerrissen oder zu Tode gehetzt, und auf einmal stieß er auf eine Wölfin, sie saß da, hatte ein zerrissenes Schaf vor sich und gähnte. Ja, und diese Wölfin war gerade im Begriff, wieder Mensch zu werden, Gesicht und Haar und alles war zum Vorschein gekommen, man konnte sich nicht irren – er konnte nichts dafür, denn da saß sie gerade vor ihm und war bis unters Kinn hinauf ein Wolf, aber ohne jede Gefräßigkeit, und dann lief sie davon, und dann war sie weg, und der andere, der hinkte, und der noch rechtzeitig davongekommen war, dieser Kerl hatte schon früher einmal etwas Ähnliches angestellt. Kristian konnte das alles nicht ordentlich erzählen, es kam nur so abgehackt heraus, aber die Geschehnisse traten lebend in die Stube ein, die Augen sanken ihnen fast in den Kopf zurück, wie sie alle so dort saßen. Anders stand da und lehnte sich an die Wand, ein wenig gebeugt, ihm aber schien es, als richte er sich hoch auf und rage weit über die anderen hinaus und sei größer, als er je gewesen war. »Du sahst also, daß es die Solvi war?« Es wurde leer und still in der Stube. Kristian blinzelte, gleichsam als erwarte er einen Schlag ins Gesicht. Aber Anders rührte sich nicht. Er hörte auch nicht, was gesagt wurde, er sah es nur. Er wandte sich ab und ging. Er merkte kaum, wo er hintrat, aber heimwärts sollte es führen. Ja, gewiß, erst heimwärts, einen kurzen Sprung auf jeden Fall, und dann kam er wieder, und da sollten sie merken, daß er kam. Sie redeten von Treibjagd. Er wollte sie alle miteinander zum Land hinausjagen, und wenn er sich auf Lebenszeit dem Gefängnis weihen müßte. Es würde eine Freude sein, sie einmal so richtig entsetzt zu sehen! Denn sie hatten ihm ein Merkmal in den Rücken gebrannt. Er war fertig und am Ende. Er versuchte, sich auf der Mitte des Weges zu halten, vermochte es aber nicht; so betrunken war er noch nie gewesen. Ein Wort murmelte er im Gehen immer wieder vor sich hin, er wußte nicht, woher er es hatte, aber es war so: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!« Hätte er nur eine Seele gefunden, eine einzige Seele, die daran zweifelte! Aber sie hatten ihn hineingeschmiedet in die schwarze Nageltonne. Aber vielleicht, wenn er nach Hause kam? Wenn er sie sehen würde? War es denn so ganz unmöglich, daß sie noch die gleiche war wie früher? Was nannte man denn eigentlich Gnade? 4 Solvi war allein mit dem Jungen in der Stube, als Anders kam. Sie wurde grau über das ganze Gesicht, sobald sie ihn erblickte. Stolpernd kam er zur Tür herein wie ein Fremder, hob die Beine hoch wie ein Blinder und hielt die Blicke starr nach vorwärts gerichtet. Sie wich gegen die Wand zurück, als er sie gewahr wurde und auf sie zukam. »Aber Anders!« Er wußte nicht, ob sie flüsterte oder schrie, aber die Stimme war gebrochen und häßlich, es war ein Lappe, der schrie, und jetzt erst sah er, daß sie ein Lappengesicht hatte, pfui Teufel, er war mit einem alten Lappenweib verheiratet. Das hatte die ganze Gemeinde gesehen, aber nicht er. Und warum, zum Satan, fürchtete sie ihn, sobald er zur Türe hereinkam? Was erschreckte sie denn so? Er hielt inne und lauschte. Denn in ihm war eine Stimme, die mit ihm reden wollte, irgend etwas, das ihm gut gesinnt war. Jetzt hörte er es, eine große, eine schwere, eine besorgte Stimme. Das mußte die ganze Gemeinde sein: »Sei nun ein Mann, Anders! Sei der, für den ich dich halte, Anders!« Er hörte es so deutlich, ein Wort nach dem anderen, und ganz aus seinem Innersten heraus antwortete es, er hörte es wie eine Art Gesang oder wie ein Brüllen aus dem tiefsten Wald: »Jetzt bin ich es, ja. Ihr könnt euch drauf verlassen!« Er machte ein paar Runden durch die Stube, die Hände auf dem Rücken. Dann blieb er stehen und sagte grob, aber ruhig: »Mach jetzt, daß du weiterkommst. Aber schnell!« Ihre Augen wurden größer und größer, bald würde ihr Lappenauge sicher ebenso groß sein wie das andere. Einen kleinen Augenblick war sie wieder die Solvi, und noch konnte sich alles wenden und so werden wie zuvor, er mußte fast nach einer Stütze suchen, dann aber war sie wieder nur das Lappenmädchen, wie sie so dort stand, sie vergiftete das ganze Haus für anständige Leute, er mußte die Tür aufreißen: »Hinaus! Du, samt deinem Satanskind. Wart nicht so lange, bis ich dich anpacke!« Sie schlich zur Tür hinaus, still wie ein Lappe – wenn sie nur rascher gehen wollte! Das Blut stieg ihm zu Kopf, er nahm einen Stuhl und zerschmetterte ihn auf dem Boden: »Macht, daß ihr weiterkommt, augenblicklich, oder es fließt hier noch Lappenblut!« Jetzt sah er sie draußen auf dem Hof, der Kleine wandte sich zurück, da aber nahm sie ihn und zog ihn mit sich – schnellfüßig wie ein Lappe, ja, und das war gut, der Lappenjunge war nicht wert, daß man ihn noch herzeigte, wenn er auch zehnmal Per hieß. Er ging hinaus und rief ihr nach, sie könne an die Nordbucht gehen und sein Boot nehmen und damit fortrudern; ihre Sachen bekäme sie nachgesandt, so bald wie möglich. »Wenn ich nicht alles miteinander nehme und ins Feuer werfe!« lachte er, und dann ging er wieder hinein. Petter stand drüben bei der Stalltür und hantierte mit einer alten Büchse, er wollte in den Wald zum Jagen. Anders schien es, als stünde er da und grinse, und das machte ihn schlaff in den Knien: so lachten sie jetzt wohl alle. Trotzdem wandte er sich zu ihm um und sagte mit tiefem Ernst: »Du solltest nicht dastehen und über so etwas lachen, du Rotzbub; denn hier – hier hat unser Herrgott Gericht gehalten!« Er wiederholte diese Worte, als er hineinging. Er bat durchaus nicht mehr um Gnade, jetzt konnte die Gemeinde wieder kommen, wenn sie etwas von ihm wollte; sein Haus war rein. Suchend ging er umher, aber er wußte nicht, was er suchte. Endlich hielt er es in der Hand, es war eine alte Axt, die unter der Treppe lehnte und die zu allerhand gebraucht wurde; er ging in den Stall und erschlug die Zwillingskälber und warf sie auf den Misthaufen – er hatte nie zuvor so schöne Kälber gesehen –, und dann ging er an den Bach und wusch sich die Hände. Es war still in der Stube, als er wieder hereinkam. Das Gesinde wagte sich kaum zu rühren. Und das tat merkwürdig gut. »Jaha, ja«, sagte er, als er sich gesetzt hatte. »Mit Blindheit mich schlagen; das kann man. Wenn ich aber dann aufwache, müßt ihr euch hüten, Leute – das sag ich euch!« Es durchdrang ihn eine unklare Sehnsucht, wie er so dasaß, daß er jetzt draußen sein möchte, zusammen mit Leuten, er wollte Menschen um sich haben, wenn schon nichts anderes. Nein, freilich, er brachte es noch nicht fertig, mit ihnen zusammen zu sein, nein, noch nicht, auf lange Zeit hinaus, hier war ein Dunst von Lappengeruch rings um ihn. Aber das gab sich wohl, das gab sich; mit der Zeit. Herrgott, es war lange her, seit er ein Mensch und mit den anderen zusammen gewesen war. Die Stallmagd kam herein, blieb auf der Schwelle stehen und fragte etwas, es war wohl wegen des Essens. »Du, Beret, du«, sagte er. »Du mußt das ganze Haus mit Wacholder ausräuchern, damit wir den Lappengestank hinausbringen – hier müssen jetzt wieder Leute hereinkommen, einmal noch.« Dann aber stand er auf und schreckte sie an die Türe zurück: »War ich jetzt oben am Nordhang, dann würden die Felsblöcke ins Wasser rollen! Hörst du? Verstehst du mich?« Er wußte übrigens nicht, ob er das sagte. Später besann er sich oft und dachte darüber nach, aber ward seiner Sache nie gewiß. Er versuchte zu essen, aber das vermochte er nicht, gut, so mußte er damit warten. Dann ging er zum Bootsschuppen hinunter und machte sich daran, die Heilbutten einzusalzen. Die wollte er denn doch nicht auf den Mist werfen, mochten es Trollfische sein, soviel sie wollten, er gab nichts auf dummes Geschwätz. – »Na, das war nun dies«, sagte er und streckte den Rücken – »ich hab genug sehen müssen. Teufelswerk soll man nicht dulden; wo man es auch antrifft. Und das ist jetzt überstanden und getan. Sie können nichts anderes sagen.« – Und als er wieder vom Ufer heraufkam, blieb er mitten auf dem Weg stehen und holte tief und voll Frieden Atem: man kann nicht leben, ohne Ordnung rings um sich zu haben; unmöglich. Als er heimgekommen war und im Stall bei den Pferden stand, kam Ola, der Hüterbub, über die Äcker gelaufen; er ist atemlos und erschöpft und schreit irgend etwas. »Kannst du denn nicht hören, Anders, es ruft jemand – es ist jemand im Sund verunglückt, ich habe es schreien hören. Steinblöcke sind ins Wasser gestürzt, und dann schrie es, es kam jemand gerudert – komm doch, schnell, schnell!« Anders wartete nicht ab, bis er alles verstanden hatte. Der Bub war oben gewesen und hatte die Birkhuhnfallen nachgesehen, und als er über die Rinne sprang, löste sich ein Steinblock und kam ins Rollen und nahm noch andere mit, bis es eine ganze Laue war. Kurz darauf schrie etwas von unten her. »Es war fast wie ein Hahnenschrei«, sagte der Bub. »Und den Staub trieb es himmelhoch auf!« Der Junge holte tief Atem, stieß dann die Luft mit einem Stöhnen wieder aus und sah Anders wirr an. – »Hörtest du denn keine Ruderschläge, ehe der Fels ins Rollen kam?« fragte Anders. – »Nein, ich hörte nichts – ich hörte gar nichts, nein!« Anders ging zur Nordbucht, nahm ein fremdes Boot, denn das seine war nicht da, und ruderte zu der Stelle hin. Jetzt, gegen Abend ging ein heftiger Ostwind, Böen und Windstöße fuhren über einen hin und wollten einem die Mütze vom Kopf reißen, aber nah am Ufer war es still wie in einem Haus, das Wasser lag fast glatt da. Er konnte nichts weiter erblicken. Steine waren heruntergekommen, das glaubte er zu sehen, noch dazu viele; aber sonst war nur Wasser und Berge und nichts anderes zu sehen. Er ruderte weiter in den Sund hinaus, in Wind und Wellen, und endlich fand er eines der Ruder von seinem Boot und gleich darauf ein Bodenbrett. Weiter draußen, gegen die Skarsbucht zu, fand er seinen Wasserschöpfer. Er ruderte im Sund hin und her, bis es dunkel war, kam bis hinüber zu den Inseln, mehr aber konnte er nicht finden. – Die Steine mußten unmittelbar ins Boot gefallen sein. Und da war es rasch gegangen mit den beiden. Er fragte Petter, wo er gewesen sei – Petter saß gerade beim Essen, als Anders heimkam. – Er? Oh, er war drüben in den Lauvsetwäldern gewesen. »Seltsam!« sagte Anders. Mehrmals hörten sie ihn dies im Laufe des Abends vor sich hin murmeln. Und zu sich selber sagte er, als er schlafen gegangen war: »Du weißt, wenn e r sich ins Zeug legt, dann wird es Ernst damit.« Er meinte den Herrgott. Und dann schlief er beinahe sofort ein; kaum je war er so schnell eingeschlafen. 5 Sie hatten Schlittenbahn zur Leichenfeier in Engdalen, und Vollmond obendrein. Es war ein unerwartet gutes Wetter für diese Jahreszeit, fanden die Leute, rein wie ein Geschenk; sie gingen umher und wunderten sich und redeten darüber. Da sagte einer von den alten Männern gerade heraus: Dieses Wetter haben wir wohl hauptsächlich dem Anders auf Haaberg zu verdanken. Sie lächelten teils, teils schwiegen sie, denn etwas Derartiges sagt man doch schließlich nicht geradeheraus, wenn es auch noch so wahr ist. Und wollte man überhaupt erst darüber reden, so mußte man sagen, daß er sich wie ein Tölpel benommen hatte. War man schon einmal mit einer Lappin verheiratet, so mußte man auch mit der Lappin auskommen, und wer nicht Manns genug war, sein Weib gehörig zu ziehen, der sollte überhaupt kein Weib haben. Und es war auch gar nicht gesagt, daß alles, was man sich erzählte, seine Richtigkeit hatte; es hegte gar mancher seine Zweifel. Sie waren gespannt, ob er zum Leichenschmaus kommen würde. Man hatte ihn kaum mehr zu sehen bekommen, seitdem das alles vorgefallen war. Anders kam. Bleich und still war er, aber es lag solch ein ruhiger Ernst über ihm, daß man ihm überall Platz machte. Sie begrüßten ihn ebenso feierlich und mit leiser Stimme wie die Massi selber. Sie betrachteten ihn von allen Seiten. Anders war es schwergefallen, zu der Feier zu kommen. Daheim ging er herum und entbehrte die Menschen, begegnete er aber jemand, so konnte er sich kaum so weit zusammennehmen, daß er hörte, was sie sagten. Jetzt war er aber dennoch froh, daß er gekommen war. Es tat gut, Leute um sich zu haben. Auch der Pfarrer war mit beim Leichenschmaus. Er begrüßte Anders nur ganz kurz, ebenso wie einen der übrigen. Ein paarmal sah er dorthin, wo Anders saß, war jedoch verschlossen und fremd. Dies ging Anders so nahe, daß ihm fast der Schweiß ausbrach. Immer wieder versuchte er, mit ihm ins Reden zu kommen, legte sich mit seinem ganzen Gewicht drein, aber er kam ihm nicht näher: nichts im Pfarrer gab ihm Antwort , nur ein paar allgemeine Worte kamen. Massi beachtete ihn während des ganzen Gastgelages wenig oder gar nicht. Sie machte überhaupt nicht viel aus sich. Ihre Hand fühlte sich wie erfroren an, als er Abschied nahm. Man konnte sich wohl auch nicht viel mehr erwarten von einem Frauenzimmer. Anders erbot sich, den Pfarrer heimzubringen, denn er fuhr allein und hatte sozusagen den gleichen Weg. Der Pfarrer nahm es an. Es war ein blanker Winterabend, die Wälder schimmerten rings um sie, und die Schlittenglocken sangen laut und klar darüber hin; die waldigen Berghänge lagen wie ein schwarzblaues Band unter den runden weißen Bergkuppen. Der Pfarrer sagte kein Wort. Als sie jedoch auf dem Pfarrhof angelangt waren, bat er Anders doch mit ins Haus. Sie wollten das Weihnachtsbier kosten, sagte er, denn es sei jetzt gerade fertig. – Eine gute Weile saßen sie da und tranken, und der Pfarrer redete über allerhand. Dann schwieg er und Anders auch. Endlich sagt der Pfarrer, und dabei sieht er dem Anders ins Gesicht: »So ist es nun gekommen.« »Ja–a. So ist es gekommen, ja.« »Wie ich befürchtete, also. Wie ich befürchtete.« »Wieso das?« »Nein, übrigens. Ich befürchtete nicht viel. Ich hatte nur erwartet, daß du mehr aushalten würdest. Daß du das Unbegreifliche aushalten würdest, Anders. Aber – andererseits –« »Ja? Wir können doch den Teufel selber nicht einfach so frei herumlaufen lassen?« Der Pfarrer zog die Augenbrauen hoch; sie konnten sich so hoch emporschieben, er blinzelte mit den Lidern, als sei er dem Licht zu nahe gekommen. Dann tat er wieder einen Zug aus dem Krug und rauchte danach. Anders wünschte, er könnte auch rauchen; das würde einem nicht wenig helfen, würde in der Seele guttun. Nach und nach wird es ihm klar, daß der Pfarrer dasitzt und an die Solvi denkt, dasitzt und sie schuldlos vor sich sieht. Da steht er auf, bedankt sich und will gehen. Er wollte fort sein, weit weg vom Pfarrer. Aber er kam nicht vom Fleck. Dadurch, daß der Pfarrer schweigt, scheint er es ganz unmöglich zu machen. Denn der Pfarrer wußte alles miteinander, das merkte Anders an sich. Alles miteinander, das Böse wie das Gute. »Das war keine Kleinigkeit«, sagt er und fährt sich über die Stirn; »beinah hätt ich's nicht – –« »Ja. Das glaub ich gern. Aber wenn die Leute anschoben, dann – – mußte es wohl diesen Weg gehen.« »He? anschoben, sagst du?« Anders trat näher, halb erzürnt und halb ängstlich. Dann läßt alles in ihm nach, lange steht er da und sieht den Pfarrer unverwandt an, kann es gleichsam nicht fassen, daß er ein Gesicht vor sich sieht; lebt dann wieder auf und erschauert über den ganzen Kopf, dann fragt er leise und heiser: » Glaubt denn der Pfarrer, daß sie unschuldig war?« »Ja, Anders. Eher würde die Sonne schwarz, denn sie, Solvi ...« Und er seufzte vor sich hin: »Ach mein Gott, ja!« Anders war nahe daran, die Sache so anzusehen, wie der Pfarrer sie ansah; ihm schien es einen schwindelnden Augenblick lang, daß er jedwelchen Weg einschlagen könne. Aber in ihm erhob sich eine ungeheuere Macht, seine ganze Natur richtete sich empor und peitschte ihn auf, hieraus mußte er sich mit Leben und Ehre retten: »Und ich hab dennoch Tisch und Bett mit einem Lappenweib geteilt – es war Zauberei und nichts anderes, komm mir nicht und erzähl mir etwas Neues, Pfarrer!« Der Pfarrer rauchte und sah ihn an. Sein Blick ruhte auf Anders wie ein stiller und ruhiger Tag. »Glaubt der Pfarrer denn nicht an so etwas?« »Du auch nicht, Anders.« Da wurde es Anders schwarz vor den Augen. So etwas war ihm noch nie widerfahren. Er mußte erst eine Weile verstreichen lassen. »Na, ich glaube nun so allerlei; glaube gerade soviel wie ich will, das tu ich!« »Ja–a, versteht sich. Soviel wie du willst. Das tun wir alle. – Ja, ja, Anders, ich sag es noch einmal: Gottes Frieden sei mit dir! Du wirst noch einmal sehen lernen.« Anders sagte Gute Nacht und ging hinaus. – Es war schon möglich, daß er einmal das sehen lernte, was er jetzt nicht sah. Aber er war nicht so blind, wie der Pfarrer meinte. Schließlich war es doch nicht nur er allein , der das alles gesehen hatte. – – – Die Zeit verging, wie sie konnte. Anders hielt sich von allen Menschen fern. Denn wenn er sich den andern zuwandte, so wandte er sich allen jenen zu, die über ihn gewonnen hatten, die ihn an sich gesaugt und ihn niedergedrückt hatten; er ertrug die Erinnerung daran nicht. Wandte er sich nach der anderen Seite, so war dort der Pfarrer, stand da und sah das schreiende Unrecht vor sich, und seufzte und murmelte: »Ach mein Gott, ja!« Sie hatten einen festen Zaun rings um ihn gezogen, aber wenn sie ihm nur ein wenig Zeit ließen, so wollte er schon selber mit sich fertig werden. Und dann war das Schlimmste getan. Eines Tages gewahrte er Petter, wie er herumging und ihn ansah. – »Was hast du eigentlich hier zu suchen?« fragte er. »Wäre es nicht besser, du machtest dich hier aus dem Staub, nach Engdalen oder irgendwohin?« Petter war unverändert freundlich gegen ihn, packte seine Sachen und ging. Und der Hüterbub, der Ola, ging zu seiner Mutter heim; er fühlte sich hier nicht mehr wohl. Am Weihnachtsabend stand Anders draußen vor dem Haus und hörte die Kirchenglocke, wie sie den Feiertag einläutete. Es war reichlich eine Stunde Wegs, knapp gerechnet, und noch dazu übers Gebirge, die Glocke klang fast nie bis hierher. »Komm! Komm!« sang sie. »Jawohl, die wollen etwas von mir«, sagte er. Es war gleichsam, als sende der Pfarrer nach ihm, und jetzt wollte er fortgehen. Er zog die Feiertagskleider an, und dann ging er. Er schlug den nördlichen Weg ein, über die Berge sozusagen, denn der war ein wenig kürzer und dort begegnete man niemand. Er wollte nicht reiten oder mit Schneeschuhen gehen, daran dachte er nicht. Für ihn gab es nur eines: daß der Pfarrer mit ihm reden wollte. Die ganze Zeit hatte er darauf gewartet, so schien es ihm jetzt; nun mußte er zugreifen, wollte er je wieder mit dem Leben zurechtkommen. Der Pfarrer war erstaunt, als er Anders zur Tür hereinkommen sah, denn am Weihnachtsabend pflegte man niemand aufzusuchen, außer es war ein besonderer Anlaß. Er konnte diesen starr blickenden Mann kaum wiedererkennen, der wie ein wilder Feind anzusehen war. Der Pfarrer bat ihn in sein Arbeitszimmer herein, denn er hatte Gäste zum Weihnachtsfest. Anders blickte rund herum, auf alle die Bücher. Hier gab es doch endlich genug Weisheit. Hier konnte man sicher lernen, wonach es einen gelüstete, Gutes und Böses. Anders erzählte, daß er die Kirchenglocke gehört habe und daß ihm dies wie ein Ruf gewesen sei. »Das war es vielleicht auch«, sagte der Pfarrer. »Ich habe ja sozusagen erwartet, daß du einmal kommen würdest, Anders.« Anders saß da, drehte die Mütze zwischen den Händen und blickte nieder. Dann sieht er zum Pfarrer auf, müde, aber hart: »Ja, ja; es sind jetzt vierzehn Tage her, seit ich hier war. Das waren viele Tage, seit damals. He! Ich bin wie ein Kind im Finstern, ich trau mich nicht umzuschauen. – Aber eines will ich wissen: Warum mußte mir das widerfahren? Warum gerade mir? Wenn es nicht Zauberei und Teufelswerk war? Du sollst mir darauf Antwort geben!« »Das kann ich wirklich nicht, Anders. Es war wohl die Vorsehung, meinst du nicht?« »Meinethalben. Das ist mir eine schöne Vorsehung, wenn es wirklich so ist.« Der Pfarrer sprach ruhig und warm zu ihm, von dem großen, liebevollen Willen, der alles lenkt, durch Gutes und Böses hindurch und bis dorthin, wo es besser ist. Anders saß da, als höre er zu und sei der gleichen Meinung. Plötzlich aber sagte er: »Glaubt der Pfarrer, ich sei es gewesen, der die Solvi umgebracht hat? – – Ja, denn: ich habe gewünscht , daß der Stein – ich habe die Lappenbrut ins Meer gewünscht, was sollte ich anderes tun?« Der Pfarrer dachte nach. Dann fing er wieder zu reden an, leise und behutsam, aber so, daß Anders ihm zuhören mußte. Und als er dorthin gekommen war, wo er wollte, sagte er: »Gott richtet, Anders!« »Ja? Nicht wahr? Genau das habe ich gemeint, ich auch. Daß er es war, der die Zauberei und die ganze Sache vernichtet hat. Ja, also darin fühl ich mich nicht schuldig.« Anders mußte sich wundern, wie erfrischt er wurde. Er entsann sich einer Brandwunde aus seiner Kindheit: es brannte und brannte, aber ihn ging das nichts an. »Und er verzeiht dir, Anders, was du in Heftigkeit und Unwissenheit gesündigt hast, ebenso wie er uns allen verzeiht.« »Ach ja, damit hat es wohl keine Not, glaube ich.« »Versuche nun Ruhe zu finden, fürs erste. Denke nur daran, daß der Herr dies alles selbst in seiner Weisheit so gefügt hat.« »Jawohl. Jawohl. – – Ja, und die Solvi? Denn sie war unschuldig, da hast du recht; es nützt nichts, wie ich es auch drehe und wende. Und ich habe gewünscht, daß der Steinblock herunterstürzt, auf sie und auf den Kleinen. Und der Stein, der kam. Und hier stehe ich. Und sie war unschuldig, wie gesagt. – Nein, ich kann wieder heimtappen. Denn es ist nun so, wie es ist.« »Da hast du recht.« Der Pfarrer sank förmlich zusammen, so schwer fielen sie auf ihn herab, Anders' Worte. Er war gerührt und ratlos, suchte nur irgend etwas zu sagen und traf gerade das Rechte. Er legte Anders die Hand auf die Schulter: »Die Solvi, sie verzeiht dir, Anders. Vergiß das nie.« Da setzt sich Anders still in den Lehnstuhl am Tisch, beugt den Rücken und bleibt still sitzen. Immer wieder drückt es ihn gleichsam in den Stuhl zurück. Als er sich erhob, war er nicht mehr der Anders, so schien es ihm. Er hatte den Pfarrer ganz vergessen und auch vergessen, weshalb er gekommen war, er war ein kleiner Bub gewesen und hatte geweint, oder was es sonst war. In grauer Nacht ging er zwischen Hügeln und über Berge dahin. Er hörte es oben in den Wäldern schreien; gar vielerlei war in dieser Nacht unterwegs und ließ die Stimme ertönen. Und der Herrgott streute alle Sterne über den Himmel aus. Sie glänzten herab und grinsten den Sünder an. Und die Menschen waren daheim, jeder bei sich, und feierten Weihnachten. Nichts ging ihn etwas an. Denn die Solvi, sie verzieh ihm, und der Kleine dazu; das war das letzte, was sie getan hatten, ehe sie versanken. Aber Anders' Haare ergrauten in diesem Winter, obwohl er erst dreißig Jahre alt war. Massi 1 Petter war der erste, der gewahr wurde, daß der Bruder graue Haare bekommen hatte. Er ging im Lauf des Winters von Zeit zu Zeit nach Haaberg hinüber. Es war, als müsse er sich nach dem Bruder umsehen, und dies tat Anders gut – andere Leute wollte er nicht sehen. Er könnte doch wieder für ganz hierbleiben, jetzt bald? meinte Anders eines Abends, als Petter da war. – Das sei nicht so einfach, erwiderte Petter. Die Massi komme mit dem Hof nicht allein zurecht, fügte er hinzu. Sie habe doch den Lars, den Knecht. »Ja, einesteils – –«, Petter blinzelte dem Bruder vielsagend zu. »Ich weiß nicht recht, Petter.« – Anders rückte hin und her auf seiner Bank, fuhr sich immer wieder über Stirn und Augen – »ich weiß nicht recht – aber wir sind uns so fremd geworden, in letzter Zeit.« Petter sah zu ihm auf, begegnete seinem Blick mit offenen Augen, wie er es schon als kleiner Junge immer getan hatte: »Meinst du? Wir zwei, wir sollten einander doch so ziemlich kennen.« Anders war es, als bekomme er einen Stich. Er hatte seinen Bruder verloren, zu allem anderen. »Aber was ist denn mit dir, Anders: du hast wohl gar graue Haare bekommen?« Später spielte Petter immer darauf an, so oft sie zusammentrafen; er war so aus gutem Herzen heraus erstaunt. »Schau nun zu, daß es gut geht mit dir in Engdalen«, sagte Anders. Und das tat es auch. Massi hatte mit neuem Mut zugegriffen, als er kam. Sie war nicht eine von denen, die sich in schwarzen Kleidern hinsetzten und dahinwelkten, sagten die Leute, und jetzt, seit Petter da war, bekam der Tag ein ganz anderes Gesicht. Dies gab ein so sicheres Gefühl im Haus. Die Nächte waren so lang und totenstill, die waren das Schlimmste; und da tat es gut, den Petter zu haben, denn ihn griff so leicht nichts an. Sie hielt ihn nicht für etwas Besonderes und schon gar nicht für einen richtigen Mann; aber er hatte eine Art an sich, daß man nichts Unheimliches mehr hörte, daß es einfach nichts mehr zu hören gab. Sie hatte noch nie mit einem so furchtlosen Menschen unter einem Dach gelebt. Auch sonst hatte man eine gute Hilfe an ihm, auf dem Hof. Sie konnte dem Knecht kündigen, und trotzdem brauchte sie nicht an die Arbeit außerhalb des Hauses zu denken. Er hätte seine eigenen Sachen nicht besser verwalten können; und er konnte alles, was es auch war. Gleich in den ersten Tagen, an denen er hier war, nahm sich die Kleine besser zusammen. Massi hatte keine anderen Kinder mehr als diese Stieftochter, und das war eine kleine Hexe von einem Kind, dem man weder im Guten noch im Bösen beikommen konnte; sie war jetzt sieben Jahre alt, und Massi mußte ihr in allem und jedem den Willen lassen. Es ist nicht leicht, das Kind eines anderen zu züchtigen, wenn man ihm zugleich Mutter sein soll. Aber vor Petter hatte das Kind heillose Angst; er brachte es zuwege, daß sie wie ein Hund vor ihm kroch; er war der einzige, den sie liebhatte. Massi fühlte sich mit der Zeit Petter gegenüber ein wenig unsicher, sie merkte das selbst. Auf irgendeine Art war es unangenehm, ihn hier zu haben. Aber dies wurde ihr nicht bewußt und sie achtete auch nicht darauf, denn entbehren konnte sie ihn nicht. Im Lauf des Sommers mußte sie häufiger an ihn denken, als sie wollte. Gar oft blieb sie ganz still stehen und wunderte sich. Und zuletzt mußte sie sich's eingestehen: es würde schmerzlich sein, wenn sie kämen und ihn ihr fort nähmen, irgend jemand, so standen die Dinge. Er war nicht alle Nächte daheim, so wenig wie andere junge Leute, aber die Sache war die, daß er sich fortstahl und sich auch wieder ins Haus stahl. Oft wachte sie in der schwärzesten Nacht auf und wußte ganz genau, daß er jetzt nicht oben im Dachraum lag. Bisweilen lag sie bis tief in die Nacht hinein wach da, so müde sie war, und dann hörte sie die Treppe, die nichts verschweigen konnte, und dann die äußere Türe. Gegen Morgen zu dann wieder die gleichen Diebesschritte; aber dann fühlte sie trotzdem eine Erleichterung, denn nun war er doch daheim. Wochenlang ging sie umher, im Zweifel mit sich selbst, fühlte sich bald warm und bald kalt, und dann endlich redete sie mit ihm. Sie tat es mit springendem Herzen, wie man so sagt. Er nahm es ruhig, wie er alles ruhig nahm: Ja, er sei bei den Mädchen gewesen. – Wo denn? – Na, er wisse nun nicht, ob er das so sagen würde. Im übrigen sei er da und da gewesen. – Bei Mägden? Freite er denn um Mägde? – Na, ein Freier war er nun gerade nicht. Aber er könne sich doch auch nicht schon ins Winterlager legen? – Er solle an seinen Oheim denken, an den Jens; daß es ihm nicht genau so ergehe wie dem. Petters Gesicht hellte sich auf. »So? Der Oheim und ich, wir – wir sind wohl zwei Späne aus dem gleichen Scheit, wir. In unserer Sippe ist immer einer der Mann und der andere ein armseliger Tropf. Und der Anders ist nicht der armselige Tropf, soviel ich weiß.« »Geh nicht mehr dorthin, Petter. Tu doch so etwas nicht!« »Hm – so etwas habe ich noch nie versprochen. Und auch nie gehalten. Aber – ich könnte es ja dir versprechen.« Massi dachte viel an das, was Petter gesagt hatte, daß er wie der Jens sei. Er versank im ersten Moor, in das er geriet, erwartete sich nichts Besseres. Und das sollte nicht geschehen. Ihr wurden die Knie ganz weich, als sie dahinging: es kamen ihr so viele seltsame Gedanken. Sie sei nicht die Massi, schien es ihr, wenn sie ihn so versinken ließe; jetzt, da er sonst niemand hatte, der sich um ihn bekümmerte. »Koste es, was es wolle!« sagte sie eines Nachts, und am Tag darauf redete sie ganz offen mit ihm. Sie waren in der Scheune und schichteten Garben. Die Kleine hatte sie mit irgendeinem Auftrag in die Stube geschickt. Sie holte Atem, gleichsam als sei sie einen Berg hinaufgelaufen, einen steilen Berg. »Ich meine ja nicht, Petter, daß du dein Leben wie ein altes Weib hinbringen sollst. Ich kenne mich doch auch aus. Aber du bist zu gut für so etwas; daran muß ich immer wieder denken; alles mag sein wie es will. – – Lieber sollst du in Gottes Namen zu mir kommen, wenn es schon so schlimm sein muß.« Sie wollte viel, viel mehr sagen, wollte sagen, daß sie das nur tue, um ihn zu retten; aber sie hatte solche Angst, mittendrin steckenzubleiben, daß sie kein Wort herausbrachte. So mußte sie es ihm lieber später sagen, und dann wollte sie erzählen, wer sie war und warum sie den Ola genommen hatte, den sie nie gern gemocht hatte, daß sie es getan, weil der Anders auf ihr herumgetreten und -getrampelt war, denn irgend jemand hatte es durch Zauberei dahin gebracht, und nie sei sie froh und glücklich gewesen wie andere junge Menschen, nie in ihrem ganzen Leben! – Sie stand da im Halbdunkel, und dies alles durchströmte sie, und dabei hatte sie nur diesen kleinen Gedanken, an dem sie sich festhalten konnte, und er war so kläglich dünn: daß sie ihn retten wollte. Ihre Hände hingen schlaff an ihr herab. Sie glaubte zu sehen, daß er froh wurde. Er war sicher ordentlich froh; sein Gesicht wurde so seltsam. »Am Samstagabend«, sagte sie, und als dies gesagt war, kam, Gott sei Dank, die Kleine wieder herein. Das war anfangs der Woche. Und Massi durchlebte eine seltsame Zeit. Sie mußte sich fragen, ob es das Leben war, das jetzt zu ihr kommen würde. Auch er fand es sicher seltsam. Er ging umher, gleichsam als habe er irgendwo Gold versteckt, so schien es ihr. Und Petter war es auch wirklich so zumute. – »Weiberleute sind unergründliche Leute«, sagte er zu seinen Kameraden. »Tu nie dergleichen, als sähest du sie, dann hast du sie bald am Hals hängen. Dann wachst du eines Tages mit vollen Armen auf, dann wird dir die Glückseligkeit an den Kopf geschmissen.« Sie hatten Petter noch nie so etwas sagen hören; sonst grinste er gewöhnlich nur. Es war eine stille Nacht, finster und grau mit schwarzen Wäldern und mit weißen Sternen über den Bergen. Mitten in der tiefsten Stille begann manchmal ein kleiner Baum zu rauschen, dann gab irgendein anderer Antwort, und gleich rauschten ganze Flächen des Waldes, wogten mit Fichtenschwingen über alle Hänge hin, murmelten im Halbschlaf und schlummerten dann wieder ein. Es war eine Nacht, in der alles geschehen konnte. – Und dann kam der Morgen über die Berge herein, ein neuer und glänzender Sonntag, den noch keiner gesehen hatte, lange lag er über dem Gebirgsrand und errötete und wurde heller, und über den Boden in der Stube kam er mit hellfahlen Flecken und mit einem erstaunten Lächeln. »Jetzt mußt du gehen«, sagte Massi. »Es ist schon hellichter Tag.« »Jetzt wäre es erst gut zu liegen«, meinte Petter. »Denn jetzt liege ich dort, wo ich hingehöre.« Diese Worte waren es, die Massi von ihm zu hören sich gewünscht hatte, ja, ihr schien es sogar, als seien sie allein es, die sie zu dem verlockt hatten. Trotzdem aber bat sie ihn, als stehe vieles auf dem Spiel, er möge doch gehen. »Der wird große Augen machen, du, und schlappe Ohren, der Anders, mein Bruder, wenn er diese Neuigkeit hier erfährt.« »Du bist wohl nicht recht gescheit: er darf doch davon nichts erfahren.« »Nein, versteht sich. Aber das geschähe ihm recht.« Aber wie stand es denn jetzt um den Anders? wollte sie wissen – trug er es denn nicht so, wie es sich gehörte, daß er seine Lappen davongejagt hatte? »Was geht das mich an«, sagte Petter und gähnte. Ach ja, er trug es wohl; Anders ließ sich nie etwas zu Herzen gehen. Nein, wirklich. Das konnte man ihm nicht vorwerfen. – »Und das ist eigentlich eine große Sache!« fügte sie nach einer Weile hinzu. Petter lag da und lachte leise. »Und dann dieser Steinrutsch«, sagte Massi, sie blickte zur Decke hinauf. – »Daran mußte er doch deutlich erkennen, daß es ein Höherer war, der seine Hand im Spiel hatte.« »Wenn du wissen willst, wer dieser Höhere war, Massi, mußt du mich fragen!« »He?« »Dann mußt du mich fragen, sag ich. Wenn ich's nicht weiß, dann weiß es keiner. Denn ich bin es, der damals den Herrgott gespielt hat.« Er erzählte, ohne mit der Wimper zu zucken, daß er es gewesen war, der den Hüterbuben dazu gebracht hatte, über die Steinrinne zu springen, als er sie kommen hörte. Und den Rest hat der Herrgott besorgt, das ist wahr. Dann hatte Petter dem Jungen mit allen Teufeln gedroht, er dürfe nicht erzählen, daß er dort oben gewesen war; und der Lausbub hatte auch wirklich seinen Mund gehalten wie ein Juwiking. Massi blieb lange still liegen. Sie vergaß ganz, daß der Tag gekommen war. »Aber daß es so ist«, sagte sie, »daß es so ist! – – Weiß der Anders, daß es sich so zugetragen hat?« Das wußte er wohl. Wenn er nicht ganz dumm war. Und das war er doch wohl nicht, oder? »Ja, wenn er es nur weiß!« sagte Massi. Denn sonst lag der Anders da und schwitzte und grübelte und meinte, er sei der Mörder – das hatte ihr der Pfarrer erzählt: er meinte, er habe ihnen den Steinrutsch angewünscht. »Er wird jetzt bald etwas anderes zu denken bekommen«, sagte Petter. »Wenn er jetzt hört, daß wir zwei– –« »Schweig, red jetzt keinen Unsinn. Steh auf, hörst du, bevor sie im Dachraum aufwachen!« »Das sag ich dir, ich komm nicht wieder. Wenn du mich jetzt fortjagst.« Massi stieß die Luft durch die Nase, zornig und heftig, sie war nahe daran, ihn aus dem Bett zu werfen. Endlich hatte sie ihn draußen. Er tappte so laut wie möglich, als er ging, damit die Magd es hören sollte; und Massi fühlte es halb wie eine Erleichterung, daß er es so nahm. Auf diese Weise war sie nun fertig mit ihm. Und die Magd, die schlief wie ein Stein. Der Steinrutsch war im rechten Augenblick abgegangen, das stand fest. Massi hätte Petter noch einmal so gern haben können dafür, merkte sie. Aber sie war so zutiefst krank und unglücklich – sie hatte ihn nie gemocht! Sie war untreu gegen Anders gewesen. Und wenn er sie auch nie wiedersehen wollte. Und jetzt lag Anders da und quälte sich mit seinen Gedanken und konnte diesen Fels nicht von der Brust wälzen. – Daß sie sich in diesen Burschen da hatte verschauen können! Denn so war es. Sie wollte die Wahrheit reden, wenn sie mit sich allein redete. Aber jetzt glaubte sie fast, sie habe so viel Mut, um hinzugehen und dem Anders zu erzählen, wie die Sache mit der Solvi zugegangen war. Und das tat not, das wußte sie. Petter war das Grinsen vergangen, als er oben im Dachraum auf dem Bett saß. Es war das erstemal, daß es ihn im Stich ließ. Und das erstemal war er einem Menschen so nahe gewesen, daß er ein Wort zuviel hatte sagen müssen. Da krachte gleich die ganze Herrlichkeit zusammen. O nein, den Anders konnte man nicht mit einem Stein züchtigen. Wer weiß, wer ihm half. Petter wußte von niemand. Die Welt war leer und kahl. – »Ich will ihm nichts Böses, glaube ich wenigstens«, sagte er, als er hinunterging und das Pferd auf die Weide brachte. Er mußte an Massi denken und fühlte sich elend wie ein Hund; denn die sollte der Anders nicht haben. Trotzdem lebte irgendwo in ihm etwas auf und dichtete eine Art Lied: »So geht es: Der eine verliert, und der andre gewinnt.« 2 Anders lag in tiefem, festem Schlaf, es war in einer Nacht im Spätherbst. Er lag unten in der Stube und das Gesinde oben im Dachraum. Da erwacht er und glaubt zu spüren, daß er nicht allein ist. Er blickt um sich und wird jemand gewahr, der auf seinem Bett sitzt. Ihn durchfährt der Gedanke an Solvi; er hätte gern mit ihr gesprochen, aber nicht, wenn sie so zu ihm kam. Trotzdem lächelte er, denn das war ja ein Gespenst, wer es auch war, und ein solches hatte er noch nie gesehen, wenigstens nicht so nahe – ja, und die Solvi ist es auch nicht, das sieht er jetzt. Er fragt, wer es ist. »Ich bin es. Die Massi.« »He? Treibst denn du dich draußen herum, um diese Zeit?« »Ja, es war so mondhell. – Und du schläfst?« »Ja, es ist ja Nacht.« »Wer hast du denn gemeint, daß es ist?« »Niemand, und auch das kaum.« Er hörte, wie sie dasaß und nach Atem rang; vielleicht war sie, von tausend Ängsten gejagt, durch den Wald hierher gelaufen. Wer doch jetzt ein brauchbares Wort zu sagen wüßte. Da hörte er es still und warm, ganz nahe, durch das Halbdunkel. »Wenn du doch auch nie zu mir kommst.« Anders dachte lange und schwer. Er griff tastend nach ihrer Hand, und sie legte sie so willig in die seine. Er aber ließ sie sofort wieder los. Sie kam ihm nach, so schien es ihm, und da zog er seine Hand weit zurück. »Ach nein, Massi. Es kann nicht sein. Halbe Arbeit ist auch eine Arbeit, sagte der Henkersknecht. Wer dem einen Weib das Leben genommen hat, braucht sich mit dem andern nicht zu beeilen.« Er liege doch wohl nicht da und quäle sich immer noch damit ab, daß er den Steinrutsch auf sie herabgewünscht habe? Nein. Aber er habe es eben doch gewünscht. Und das sei doch wohl genug? Er ließ die Hand schwer auf die Felldecke fallen: Die Welt war ohne Führung. Sie schlenderte und wankte dorthin, wo sie selbst wollte. Da konnte man sich wohl hinsetzen und zuschauen. »Sie ist ohne Führung, hörst du!« – »Ja, das weiß ich wohl. Sonst war ich wohl kaum hierhergekommen. Ich dachte, du würdest es verstehen, Anders.« Sie erinnerte sich jetzt des Weges, den sie gekommen war, er war lang und unheimlich gewesen, halb so lang hätte schon genügt, die Mondsichel verschwand hinter schwarzen, argen Wolken, grinste dann und wann wie ein gelber Zahn hervor, und dann wurde das Dunkel lebendig und griff nach einem – es schien ihr wie ein Traum, daß sie unterwegs war, und zurückzugehen wagte sie nicht mehr, nicht allein, oder nicht, ehe es Morgen war und ein Mensch sich wieder hinauswagen konnte. Und dann, daß sie hier saß, mitten in der Nacht, das Gesinde im Dachraum über ihr, und vor ihr der Anders wie ein Feind und ein wildfremder Mensch. Ihre Gedanken streiften darüber hin und kehrten wieder zurück. »Ich sehe manchmal deinen Vater vor mir, Anders. Er steht so deutlich da. – – Er war es, der dich so geplagt hat – bis du dich von dieser Lappenbrut befreit hast. Glaubst du nicht?« »Ich glaube überhaupt nichts.« Aber er dachte doch eine Weile an den Vater. Es ist eine Schande, wirklich, daß so kleine Leute den Namen eines so großen Mannes in den Mund nehmen, dachte er. Denn der Vater schwebte stets in einem hellen Nebel vor seinem Blick, er war etwas Großes und Heiliges, das nur ihm selbst gehörte. »Du brauchst mir nichts von meinem Vater zu erzählen«, sagte er. – »Und Lappenbrut sollst du nicht sagen, hier im Haus.« Er war nicht Anders auf Haaberg, wenn er so dalag und sich so etwas nahegehen ließ – es war genau so, als rühre sie mit dem Finger an eine Wunde –; nein, und er wurde gewiß auch nicht mehr der Anders. Es fuhr gleichsam die Bosheit kleiner Leute in ihn; denn hier durfte er nicht zuschlagen. »In diesem Bett hier, Massi – – in diesem Bett hier – –, du verstehst mich wohl?« Sie verstand ihn. Sie zog ihre Hand wieder zurück, die suchend nach der seinen gegriffen hatte. Sie drückte sie an die Brust. Denn jetzt dachte er an sie , sah sie gewiß vor sich, sie fühlte es. Er war noch nicht weiter gekommen. Er drehte den Kopf nach der anderen Seite, wandte sich von ihr ab, wie ein Kranker versucht, sich von der Qual abzuwenden. Dann dreht er sich wieder zurück und sagt hart: »Jetzt mußt du deiner Wege gehen.« »Ja, aber eines mußt du mir versprechen, Anders –« »Kaum.« »– daß du wieder hinaufsteigst und der Anders wirst, der du warst, daß du versuchst zu –« »Kannst du dich nicht augenblicklich davonmachen, Weib! Daß ich dich nicht so heiratslüstern sehen muß.« Sie schwieg ein wenig. Sie hatte doch nicht geglaubt, daß es so schlimm um ihn stünde. Daß er ihr gegenüber zu einer Waffe greifen würde. »Weißt du, wer den Steinrutsch gelöst hat, Anders? – – Der Petter, dein Bruder. Er hat es mir selber erzählt.« »Das geht mich nichts an. Nicht das geringste!« »Ja, aber – wir müssen doch wohl wieder mit dem Leben anfangen, Anders? Denn das erwarten sie sich von uns.« »Fahr zur Hölle!« »Ja, aber ich komme wieder. Verlaß dich drauf.« Da hörten sie etwas außen an der Wand, ein paar Schritte aufs Fenster zu, man konnte glauben, es sei die Dunkelheit selbst, die sich heranschleiche. Und dann lag ein Gesicht an der Scheibe und schaute zu ihnen herein. Massi packte Anders bei der Hand, und er richtete sich auf und sah hin. Die Mondsichel lugte gelb aus einem Spalt zwischen den Nachtwolken hervor. Und das Gesicht lag still und schwarz an der Scheibe. »Paß auf, daß ich nicht zu dir hinauskomme«, sagte Anders; und da zog sich das Scheusal zurück und verschwand. »Hehe!« lachte Anders; »wenn der Leibhaftige schon hier so aufdringlich ist, wie wird er dann erst bei den andern hausen, die sich wirklich fürchten!« Es war doch wohl nur ein Mensch, meinte Massi. Wer weiß, ob es nicht der Petter war? Ja, sagte Anders, als er eine Weile dagesessen und über allerlei nachgedacht hatte. – Und warum konnte sie nicht ihn nehmen? Massi lächelte im Finstern, ein ruhiges kleines Lächeln. »Traust du dich jetzt allein heimzugehen?« »Nein! Aber du weißt, ich gehe trotzdem, ich – –Aber ich komme wieder, wie ich gesagt habe.« Und dann ging sie. Anders lag wach da und begleitete sie in Gedanken auf ihrem Weg. Jetzt ging sie über die Wiesen, jetzt ging sie durchs Kleintal und jetzt durch den Jungwald – es mußte ihr schlimm zumute sein, meinte er. Sie mußte über den Deubach, das war das Schlimmste, denn dort hatte sich in früherer Zeit ein Mann umgebracht. Aber sie war ja nicht die Nächstbeste, mochte sie sonst sein wie sie wollte, sie war ein Teufelsweib. Dann beruhigte er sich bei dem Gedanken, daß Petter käme und sie begleite, er stand wohl irgendwo und wartete auf sie; der Petter, der war nicht für die Katz. Und dann würden sie ihn wohl in Frieden lassen, von nun an. Mit dem Leben anfangen? Ja. Er hatte es nie anders vorgehabt. Wenn seine Zeit da war. Aber bis dahin war es noch lang; noch sehr lang. Er trauerte so sehr um die Solvi, er konnte nicht glauben, daß die Zeit ihm je wieder ein anderes Gesicht zeigen würde. Und ohne Frauenzimmer im Haus ist der Mann nichts wert. Der Anders werden, der er gewesen war? hatte sie gesagt. Er lag lange da und dachte darüber nach; oder er lag da und träumte davon, wie es früher einmal war. So wurde es nie mehr. 3 Es vergingen nicht viele Tage, da sattelte Anders seinen jungen Gaul und ritt nach Engdalen. Es war ein beißend frischer Tag mit weißen Wolken und Herbstsonne; der Wind fuhr über die Wiesen und fegte das Laub zusammen, rannte durch den kahlen Wald und brauste sich froh, peitschte den Fjord, daß er der Sonne ein weißgelbes Gebiß zeigte. Nein, weiß Gott, Petter, mein Bruder, du kannst die Massi nicht kriegen! sagte Anders vor sich hin. Nein, denn – du findest leicht wieder einen Weibergalgen, an dem du dich aufhängen kannst. Mit mir ist das etwas anderes. Ich habe ja auch nicht mehr viel Zeit zu versäumen. Ich will nicht noch einmal zu spät daran sein. Er war heute früh aufgewacht, einzig und allein um dieser Sache willen. Es hatte ihn wie eine Krankheit überfallen. Ihn dünkte, es stünden alle Juwikinger rings um ihn und erwarteten das von ihm. So fühlte er es übrigens die ganze Zeit, seit Massi hier gewesen war. Sie war es wohl, die ihm die Augen geöffnet hatte; so daß er das sehen mußte, was sie sah. Ja, gut, er hatte nicht viel dagegen. Denn es gab ihm innerlich soviel Mark: was er nun tat, war das einzig Richtige – er hatte übrigens nie daran gezweifelt. In den letzten Tagen war er herumgegangen und hatte sich wiedergefunden, hatte seinen Willen wiedergefunden, so war es; und jetzt trieb er das Pferd an, daß der Schaum in Fetzen davonflog; ihm war es nicht anders, als springe er selber dahin. Der Wind stand ihnen entgegen, aber auch der half mit. Er wünschte, er möchte den Petter zuerst treffen, und es gab sich so; Petter stand in der Schmiede und hämmerte an etwas herum, er wollte einen Ring fürs Geschirr schmieden, Anders kam gerade um die Ecke. Er sprang noch vom Pferd, ehe er es anhielt, und ihm schien es kein schlechtes Zeichen, daß er gut zur Erde kam und sich auf den Füßen halten konnte. Petter sah sofort, daß der Bruder in einer bestimmten Absicht kam; er schob die Mütze in den Nacken und steckte die Hände in die Taschen: er hatte nichts zu verlieren. »Nun, wie geht es hier auf dem Hof?« »Oh, großartig.« »Ist sie daheim?« Ja, freilich; sie war daheim, ja. Saß den ganzen Tag da und wartete auf Besuch; und die Nacht dazu. »Hm. Ja, sie war es ja eigentlich, die ich habe treffen wollen. Ich habe ein paar Worte mit ihr zu reden.« Er hielt die ganze Zeit seine Augen auf den Bruder gerichtet, und der mußte ihnen ausweichen, wie gewöhnlich. Oh, Anders sah es wohl, der Bursche erinnerte sich an seinen Streich mit dem Steinrutsch; und jetzt wollte er es ihn fühlen lassen. Nicht daß er davon sprach, nein, denn über so etwas redete man nicht, aber den Absatz sollte er zu spüren bekommen. »Ich habe ja einmal gedacht, daß du auf dem Hof hier Bauer werden solltest, und das kannst du auch werden, so wenig du auch wert bist; aber die Massi, will ich dir sagen, die muß ich haben. Was meinst du dazu?« »Ich? Nein, da mußt du schon lieber sie fragen.« »Ja, denn du, siehst du – – ich werde dir schon einmal eine aussuchen, mit der dir geholfen ist. Wenn du einmal ein Mannsbild bist und die Kinderstreiche hinter dir hast; und die Lumpenstreiche. Und wenn ich einmal Zeit übrig habe.« Petter gab keine Antwort, aber Anders sah, was er dachte, und das war nicht gerade sanft. »Ja, aber, du mußt bedenken, Petter, einer von uns muß hier nachgeben, und da– –. Und vergiß eines nicht, Petter – was für ein Teufel war denn damals in dich gefahren, daß du den Steinrutsch gelöst hast? He?« »Ich – ich – hab's dir nur gut gemeint. Denn ich wußte ja – daß du es gewünscht hattest.« »Ja, bist du denn wirklich so ein Auswurf? Bist du denn ein Mörder, Kerl?« Petter lachte, als hätte Anders irgend etwas furchtbar Lustiges gesagt, und danach sah er auf und wunderte sich darüber, daß Anders nicht mitlachte. Anders zog die eine Schulter hoch, schüttelte ihn gleichsam ab – an dumme Leute soll man kein Wort verschwenden –, und dann nahm er das Pferd und führte es auf den Hofplatz. – »Mit dir kann man nicht rechnen«, sagte er und streifte dem Pferd die Schaumflocken ab. – »Dich leg ich auf die Seite. Du bist unbrauchbar .« Nach diesen Worten fühlte er sich jung und erleichtert. Massi kam heraus und half ihm, das Pferd in den Stall zu bringen. Sie hatte ihn kommen sehen, gerade noch rechtzeitig genug, um eine bessere Schürze anzuziehen; schade, daß sie sich nicht ein wenig schöner gemacht hatte, aber das mußte bis später warten, sie hatte solche Angst, er könnte wieder fortreiten, ehe sie hinausgekommen war. Nein, es sei so, sagte er, er habe jetzt darüber nachgedacht: wenn sie sich zusammentun wollten, dann müßte es jetzt gleich geschehen. Die Zeit vergeht, Gott allein weiß, wo sie hinkommt, aber das ist sicher, sie vergeht, und wir bleiben zurück. Und das Leben, das wollen wir jetzt richtig anfangen. Massi gibt keine Antwort, und da wendet er sich jäh zu ihr um: »Wenn du also so willst wie ich, Massi, dann machen wir's jetzt schnell. Sie wollen es so, ich bin ganz sicher.« Massi nahm einen Arm voll Heu und warf ihn dem Gaul vor. Sie erkannte ihre Worte nicht wieder, sie meinte, Anders erzähle ihr etwas, woran sie noch nie gedacht hatte. Es hätte anders sein sollen, wenn er kam und um sie freite; aber schließlich war es doch trotzdem etwas Großes und etwas Besonderes. Ein schöner junger Gaul sei das hier, sagte sie. »Und jetzt soll er dir gehören, Massi!« »Ja, weißt du, wenn du mir das versprichst, dann kann ich nicht nein sagen« – sie sah ihn hell und lange an. – »Ich bin nicht mehr jung, Anders, das mußt du wissen. Aber trotzdem –« »Nun, wir sind ja gerade keine Spaßmacher, keines von uns. Aber ein Spaß soll es nun doch werden.« Er hatte weiße Fäden in Haar und Bart, und das Gesicht war nicht das gleiche, das sie im Herzen getragen hatte, seit sie ein Kind war; sie dachte an die Kinder, um die sie gekämpft und die sie verloren hatte, und an vieles andere, sie fühlte sich zum Umfallen müde, jetzt, da sie wieder anfangen sollte. Aber es tat so gut, zu wissen, daß sie endlich einmal im richtigen Boot saß und mitkommen sollte. »Komm doch herein.« Sie ging voran mit leichten Schritten, die Anders nachzogen. Ein wenig dünner war sie geworden, alles in allem, nur das Haar war noch ebenso dicht, aber das schien ihm nun auch das Wichtigste; ein wenig verbraucht war sie im Gesicht und in der Stimme, aber wenn man gut mit ihr war, dann würde sich das alles wohl wieder verwachsen. Sie sollte ein Staatsmädel werden und ein Weib, mit dem man das Leben anpacken konnte. »Es war ganz, als hätte der Vater angeschoben, als ich hierher ritt«, sagte er. Als er heim wollte, begleitete sie ihn ein gutes Stück weit auf den Weg. Sie sprachen über vielerlei, und alles sah anders aus für ihn, als es seit langem getan hatte. Jede Kleinigkeit, von der sie sprach, wuchs so groß und lebend vor ihm auf, gleichsam aus ihm selbst heraus: Die Schuld, die dalag und wartete und abgetragen werden mußte, die Erde, die er ausgehungert und vernachlässigt hatte, die Stallgebäude und was es auch war. »Und was du vormachst, das machen die anderen nach«, hatte sie von den Nachbarn gesagt, und so war es. Er sollte ihnen vorangehen; und die Gemeinde in Ordnung bringen – es stand schlecht genug um sie. – – – Sie feierten die Hochzeit im Februar, am Lichtmeßtag. Und es wurde so, wie Massi gesagt hatte, an diesem Tag kamen viele Leute zur Kirche, und die, die zu ihnen traten und sie begrüßten, die kamen mit der ganzen Hand , oder wie man es nennen wollte. Massi erwähnte es später. Sie könnten es damit halten, wie sie wollten, sagte er; aber es war im übrigen keine geringe Sache. Guten Menschen zu begegnen, war das Beste, was es gab; darauf hatte er bis jetzt noch wenig geachtet. Auch der Pfarrer kam zur Hochzeit. Er kam durchaus nicht zu jeder Hochzeit, hieß es von ihm, aber nach Haaberg mußte er kommen. Anders hatte ihn so behutsam eingeladen, wie er nur konnte. Am Abend des zweiten Tages spürte Anders, wie ihm das Trinken in den Kopf stieg; aber er fühlte keine große Freude dabei. Mochten sich die anderen am Trinken freuen; und das taten sie. Man wird nur so wach davon, sagte er, da kommen einem alle möglichen Gedanken und Erinnerungen, und man kann ihnen nicht den Rücken drehen und kann sie auch nicht aus sich herausbringen; er suchte nach der Mütze und ging hinaus. Draußen begegnet er Petter; der ist so betrunken, daß er sich an der Wand entlangtastet, aber auch er ist ebenso hellwach wie Anders. Er müsse mit dem Anders reden. Denn irgend etwas liege so schwer auf ihm, daß er es fast nicht mehr aushalten könne. – »Ich seh dir's an«, sagte Anders. – »Ja, da lachst du, Anders, aber das Leben – das Leben ist eine ernsthafte Sache. Ich muß es dir sagen: Ich habe bei deiner Braut gelegen. Du kannst mich gern erschlagen, wenn du willst.« – Und indem er dicht an den Bruder heranrückte, erzählte er, wie es zugegangen war. Anders merkte, daß er die Wahrheit sagte, aber er fühlte auch, daß es nur die Bosheit war, die in Petter brannte. – »Armer Tölpel!« sagte er und klopfte ihm auf die Schulter; und dann ließ er ihn stehen. Er hatte gleichsam das Gefühl, als sei ihm dieser Bruder von seinem Vater – und von seiner Sippe – auferlegt worden; dieses Übel wollte er zu tragen versuchen. »Die armen Weiber – wie dumm sie sein können«, murmelte er; er stand mitten im Schneetreiben und lächelte. »He!« Als er hineinkam, ging er hin und stellte sich vor den Pfarrer; er hatte noch das gleiche Lächeln wie vorhin, als er draußen war. »Du stehst da und grübelst, du Pfarrer; immer und stets. Nun sollst du etwas zum Nachdenken bekommen: Ist der Schuh zu klein, oder ist der Fuß zu groß?« – Er hob den Fuß in die Höhe, ließ seine Hochzeitsstiefel sehen. Der Pfarrer verzog den Mund zu einem Lächeln. Er erhob sich und stand neben Anders. »Ich will dir dafür danken, Anders, daß du dich wieder aufgerichtet hast.« »Ach was! Ich hab mich nur ein wenig ausgeruht – hast du das nicht verstanden, Pfarrer? Und jetzt hab ich der ganzen Geschichte den Rücken gedreht; jetzt geh ich einen anderen Weg. Ich muß Ellbogenfreiheit haben, weißt du, Platz, damit ich mich umdrehen kann!« Er stand eine Weile da, sah von oben auf den Pfarrer herab. Wieder trat das Lächeln hervor. – »Es ist merkwürdig: Du weißt alles, du Pfarrer. Aber wenn der Steinrutsch abgeht , dann stehst du auch da und weißt nichts. Hm?« »Nein«, sagt der Pfarrer und schlägt die Augen nieder. »Da hast du wahr und wahrhaftig recht, Anders.« »Recht?« Anders legte die Hände auf den Rücken, sah bald den Pfarrer an und bald in der Stube herum, wo die Gäste alle an den Wänden saßen und miteinander schwätzten und ihr Vergnügen hatten; die Jugend tanzte draußen in der anderen Stube, daß es dröhnte und donnerte. – Er mußte ein starker Mann sein, der Pfarrer. Wenn er die Augen niederschlagen und so etwas sagen konnte. Ein anderer würde lange, würde sein ganzes Leben dazu brauchen, bis er soweit käme. »Willst du tun, um was ich dich bitte, Pastor?« »Ich glaube fast, ja.« »Willst du mit mir trinken, wir zwei allein?« »Ja, sehr gern sogar.« Da war es, als streife ein guter Engel über Anders' Gesicht. So muß er einmal ausgeschaut haben als ganz kleiner Junge, dachte der Pfarrer. Anders sah weder nach rechts noch nach links, als er mit dem Pfarrer durch die Stube und in die Kammer hinausschritt. »Es ist nicht deswegen, weil du Pfarrer bist, Pastor«, sagte er, als er eingeschenkt hatte, »du verstehst, was ich meine?« Der Pfarrer nickte, und sie tranken einander zu. »Und jetzt will ich's mit dem Leben selber aufnehmen. Sonderbar! Zum Wohl, Pastor!« 4 Das erste, was Anders und Massi gewahrten, als sie nun zu zweit die Dinge sahen, war, daß man auf Haaberg hart arbeiten und sparen mußte. Für Massi war das eine leichte Sache, sie war dazu geschaffen, und sie war es nicht anders gewohnt. Dem Anders fiel es schwerer. Er arbeitete am liebsten das eine oder andere Mal, daß es rauchte, und wollte dann wieder Zeit für sich haben; und Sparsamkeit lag ihm überhaupt nicht, die war ihm verhaßt wie alte Fetzen oder wie verdorbenes Essen. Massi hatte eine besondere Art mit ihm: sie öffnete ihm die Augen, ohne daß er es merkte. Mit jedem Kind, das kam, trieb sie ihn von neuem an. Armeleutekinder sollten sie nicht werden, alles, nur das nicht. »Wie du immer sagst, Anders«, fügt sie hinzu. – »Nein, es ist schon besser, zu hoch zu zielen als zu niedrig«, sagte er. Darum war jedes von den Kleinen gleichsam ein neuer Jahresring an seinem Willen. – So oft in dem Bett dort eine neue Stimme schreit, fängt für mich ein neuer Kampf an, pflegte er zu sagen. Später sahen sie auf diese Zeit zurück und waren glücklich: das hast du angefangen, als er kam; das hast du gemacht, nachdem wir sie bekommen hatten. Nach Juwika und zur Muhme Aasel kam Anders jetzt nicht mehr hinüber. Er hatte jetzt nicht mehr viel mit ihr zu reden. Ihm schien es, er sei fertig mit seiner Sippe, ähnlich wie mit dem Leben, das er bisher gelebt hatte: Es war von selber gekommen, und er wußte kaum oder gar nicht, wie es zugegangen war; es war ein Leben , solange es währte, aber er hatte jetzt nichts mehr damit zu schaffen. Jetzt erst sollte er anfangen: das Leben lag noch weit draußen im Blauen, es war nicht sicher, daß es nicht von ihm abrückte, aber er mußte es doch einmal einholen. – Und vorläufig hatte er die Kinder, und die kamen bereitwillig. Zuerst kam der Erbbauer, und er wurde Per genannt, nach dem Großvater. Da fuhr Anders ins Tal hinauf und verlegte sich auf den Pferdehandel; er mußte ein paar Taler verdienen und sie für den Neuangekommenen aufheben. Im Jahr darauf bekamen sie eine Tochter, und sie wurde Gjartru genannt, nach der mütterlichen Verwandtschaft. Da machte Anders sich daran und half beim Bau einer Kirche in der Nachbargemeinde. Im nächsten Jahr hatten sie wieder ein Mädchen, das sie Aasel nannten, nach der Muhme Aasel in Juwika. In diesem Winter machte Anders sich so gering, daß er Fischer wurde. Und als Jens kam, der zweite Bub, tat Anders das, was ihm am allerschwersten fiel: er fing an, daheim im kleinen zu fischen, so oft er Zeit dazu fand. Zwei Jahre darauf bekamen sie Zwillinge; der Bub starb gleich, aber das Mädchen lebte für sie beide, wie die Mutter sagte, und sie wurde Beret genannt. – Diesmal wußte Anders nichts Neues anzufangen, er arbeitete nur ein wenig härter; denn ein paar Schillinge mußten die Kinder haben, mochten es ihrer so viele werden, wie sie wollten. Er hatte einen Knecht, der hieß Nils, ein Mann in mittleren Jahren und dazu einer, der gehörig schaffte. Die Leute sahen sie beide immer nur im Laufschritt dahingehen: Früh am Sommermorgen kamen sie vom Meer heim, hatten die ganze Nacht hindurch gefischt, hatten den Kohlfisch ausgenommen und aufgehängt, dann gingen sie in die Stube und schlangen das Essen in sich hinein, und darauf ging es in den Birkenwald. – Nils eine Pferdelänge hinter dem Bauern und immer mehr und mehr rundrückig, wie ein ausgedienter Gaul. In der Erntezeit war es genau so, und im Winter nicht anders wie im Sommer: den ersten Dreschflegel am Morgen hörte man aus der Haabergscheune, dann ging es im Dämmern in den Wald hinaus oder auf den Fischfang. Sie sind wie die Wölfe, sagten die Leute. Einige Jahre später, als sie kein Kind mehr erwarteten, kam ein Junge, und den nannten sie Ola. Da haben wir den Rest zusammengekratzt, sagten sie, und er kostete die Mutter fast das Leben; sie war viele Jahre danach kränklich, aber der Bub wurde dick und rund. – Sie waren nun so einigermaßen in die Höhe gekommen, so daß Anders nicht mehr so hart schaffen mußte, um ein paar Taler zu erraffen. Er ging hinaus und blickte über die Äcker hin; nun mochten die das herschaffen, was not tat. Und dann packte er hier an, bedächtig und gleichmäßig, ein neuer Anders, konnte man sagen und je mehr die Kinder heranwuchsen, desto besser ging es vorwärts, so daß man es sehen konnte. Als sie erwachsen waren, herrschte Wohlstand auf Haaberg. – Aber denk nun daran, daß wir viele sind, sagte Anders zu sich selber – es war eines von den Worten, die Massi in ihn gesät hatte, ohne daß er dessen gewahr geworden war. Von Zeit zu Zeit konnte es ihm scheinen, als habe er schon früher einmal gelebt, vor langer Zeit und ein ganz anderes Leben, er und alle die andern Juwikinger; vor allem träumte er davon, daß er mit Ola Engdalen irgendeine große Tat vollbracht habe. Dies war namentlich dann, wenn er seine Kinder vor sich sah. Ach ja, wir waren auch jung zu meiner Zeit, konnte er sagen, und seine Augen blitzten wild und hell. Und wenn er fertig wäre mit dem hier, mit dem Schaffen und Arbeiten und all dem Teufelskram, der ihm im Wege lag – wenn er erst das Leben richtig anpacken könnte, dann sollte hier noch einmal die Jugend auf Haaberg einziehen. In der Zeit, als Massi krank war, ereignete sich etwas Arges. Eine von den Mägden bekam von Anders ein Kind. Etwas Derartiges war fast noch nie vorgekommen in der Gemeinde, dies brachte für Lebenszeit Schande über einen Mann. Am schwersten war es, damit zu Massi zu gehen. Anders bereute es so, daß er ihr kaum gegenüberzustehen vermochte, er hätte nie im Leben ein Wort darüber herausgebracht, wäre es nicht eben allzu schlimm gewesen. Aber Massi wußte es bereits, er brauchte es ihr nicht erst zu erzählen, und jetzt erst sah er, wie schwermütig sie gewesen war und wie sie es mit sich allein herumgetragen hatte. Er begegnete dem ruhigen blauen Blinken ihrer Augen und fühlte, daß sie die Stärkere von ihnen beiden war. Sie nahm es wie etwas, dem sie gewachsen war, wie sie es mit allem tat: Sie mußten dies tragen, es war ihnen zugedacht; und so mußte es ja auch kommen, wenn sie jahrelang immer kränkelte und das Mädchen schließlich auch ganz schön war. – Sie brachten die Magd bei irgendeinem Häusler unter und sorgten in jeder Weise gut für sie, und im Jahr darauf nahm Anders sie mit und verschaffte ihr einen Dienstplatz oben im Tal. Das Kind starb übrigens bald. Der Herrgott meinte es gut mit ihm und auch mit den anderen, sagte Massi. – Was die Leute sagten und meinten, ließ sich Anders wenig nahegehen; er hatte so wenig mit ihnen zu schaffen. Er konnte die Nachbarn gut leiden und sie wiederum ihn, er war voller Scherz und Dummheiten, kam einem mit lauter Stimme und sicher dahinsegelnd entgegen. Aber er sah die Leute so freimütig an, daß immer noch ein Schritt Abstand zu ihm blieb. Desto giftiger redeten sie wohl hinten herum über ihn, viele von ihnen; aber davon wußte er nicht viel, und da ihn nie etwas anzugreifen schien, erstarb ihnen das Gerede bald im Munde. Eine Arbeit hatte er noch ungetan, und wenn er die hinter sich hatte, dann wollte er etwas Ordentliches anpacken. Er mußte erst noch für Petter sorgen. Denn mit dem war es bisher nur immer schief gegangen. Petter war ihm ein Rätsel; und Rätsel mochte er nicht. Wir sind zwei Gegensätze , du und ich, pflegte er zu ihm zu sagen. Darin war Petter mit ihm einig. So sanft und schlau er nur konnte: Das sind wir, ja. Und besonders ich. Er wanderte herum und strich Häuser an, wohnte bald da und bald dort, und stets war er heimatlos und brachte es zu nichts. Dann hatte er die Tochter von Ola Engdalen zu sich genommen, die Kjersti. Sie war ein so verhextes Kind, daß niemand sie im Haus haben konnte. Ihr Oheim, der den Hof übernommen hatte, besaß schon eine Stube voller Kinder. Kein Mensch konnte verstehen, warum sich der Petter, der kaum für sich allein sorgen konnte, dieses Kindes annahm. Anders sagte, solch ein gutmütiger und dummer Kerl sei Petter sein Leben lang gewesen, er sei das, was andere Leute nie werden könnten. Massi dachte sich ihr Teil, sagte es jedoch nicht: daß Petter dies nur getan habe, weil er ihnen übel wollte. Anders kaufte jetzt ein kleines Anwesen für ihn; es hieß Rönningan und lag ein Stück weit südlich von Haaberg, über dem Hügel drüben, und dort baute er ihm Wohnhaus und Stall und verhalf ihm zu Vieh. Petter nahm dies an, wie kleine Leute eine Wohltat annehmen. Er war immer bösartiger geworden, je weiter es mit ihm bergab gegangen war, und für alles Mißgeschick, das ihm widerfuhr, gab er Anders die Schuld, oder dessen Glück. Anders war ein Übel, dem er nicht entrinnen konnte. Er mochte hingehen, wohin er wollte, er mußte doch wieder dorthin zurück, wo Anders war. Sein ganzer Übermut hatte sich gespalten, er trank und spielte Karten und sang dazu, solange es anging, und schimpfte und fluchte innerlich und sann auf kleine Bosheiten, die er seinem Bruder und anderen zufügen konnte; dabei empfand er dies als eine brennende Scham und als ihm selbst gar nicht ähnlich, das brachte ihn fast um. Aber darum liebte er Anders und seine Kinder doch nicht mehr als vorher. Kjersti hatte er liebgewonnen, und das war ein merkwürdiges Gefühl für ihn; er hatte sie gern, und auch daß sie undankbar und widerspenstig war, gefiel ihm an ihr, oft lachte er lange und gut über sie. Sie war sein Kind, und um ihretwillen wollte er dem Zuchthaus entgehen, sagte er. Sie wurde übrigens menschlicher, je mehr sie heranwuchs, und mit der Zeit hatte sie so gute Aussichten zum Heiraten wie nur wenige, denn schön war sie, und ein bißchen Geld hatte sie vom Vater her – das hatte Petter nicht angerührt, und er glaubte, dies nage Anders am Herzen. Der Herrgott zum mindesten mußte das doch anerkennen. Petter hatte übrigens etwas durchgemacht, wovon kein Mensch etwas wußte. Es ging um ein Mädchen, das er so gern gehabt hätte. Eines Tages kam er heim von der Wanderfahrt, ging geradeswegs zu ihr und fragte nach ihr, mitten am hellichten Tag, ganz als wäre er der Anders selber. – »Du findest sie drinnen in der Stube«, sagte die Mutter und machte ihm die Tür auf. Und dort lag das Mädchen, mit einem kleinen Kind an der Brust. Petter war nicht der Vater, aber er war der erste Mann, der herkam und das Kind begrüßte, und dabei verlor er seine Mütze, nach altem Brauch. Sie wollten seine Mütze nicht haben, denn von dem Brauch war jetzt nur noch das Sprichwort übrig, aber Petter legte sie in die Wiege und ging barhäuptig heim; sie sollten diesmal über ihn lachen können. Denn es war so, wie Anders sagte: »So geht es, die einen verlieren, und die anderen gewinnen.« Und dem Anders und dem Herrgott mußte er wohl einmal Herr werden. Anders tat mehr, als er eigentlich vermochte, eins ums andere Mal, verschloß sich dem Bruder nicht und ertrug ihn. Denn es freute ihn, daß es jemand gab, der so ganz anders war als er selber. Und einmal würde er doch etwas aus ihm machen können, aus ihm wie aus allem anderen. Wenn er endlich einmal dazu kam. ZWEITER TEIL »Aller Augen warten auf Dich.« Ein Großer und viele Kleine 1 Anders auf Haaberg ging zum Pfarrer. Es gab nicht so viele Menschen, mit denen man reden konnte, und überdies hatte er heute abend einen besonderen Anlaß. Er konnte jetzt nicht mehr zum alten Pfarrer gehen, der war schon vor vielen Jahren weggezogen, und für Anders war es leer geworden, wie wenn man Hunger fühlt; denn der war einer gewesen, den man fragen und dem man antworten konnte. Aber auch der jetzige war mit der Zeit ganz brauchbar geworden. Er war kein Dummkopf. Anders hatte bei ihm einmal auf den Tisch geklopft, ein bißchen hart, es gab sich so, und er meinte fast, daß dies ein wenig geholfen habe. Anders begann jetzt alt zu werden. Er war über Fünfzig. Er ging noch ebenso aufrecht wie früher und sah noch ebenso frisch aus im Gesicht, aber Haar und Bart waren weiß. Der Bart teilte sich in der Mitte und stand nach den Seiten hinaus, als sei Anders immer gegen den Wind gegangen. Der Pfarrer war in seinem Arbeitszimmer. Er stand auf, als er sah, wer kam, ging Anders entgegen und reichte ihm die Hand. Ja, Anders ging es gut und ordentlich, Dank für die Nachfrage. Der Pfarrer saß eine Weile da und sah Anders an, und Anders sah ihn an. Es war ein großer, würdiger Mann mit Backenbart und Brille, so recht zum Bischof geschaffen, meinte Anders; er hatte kleine, gütige Augen und ein tiefes Lächeln, das im übrigen nicht sehr gefährlich war, wenn man sich daran gewöhnt hatte. »Aber schau, ich habe so viele Dinge in der Mütze«, sagte Anders. »Das ist falsch. Dort sollten Sie sie nicht haben, nein.« »Wo dann, was meinst du?« »Im Kopf. – Ja, das ist nur etwas, was ich so sage, verstehen Sie. – – Aber Sie haben ja das Haus voller Kinder, da gibt es freilich nicht wenig zu denken – man soll sie doch in der Zucht und Vermahnung des Herrn erziehen, wie es geschrieben steht.« Anders blickte scharf auf. Der Pfarrer saß hinter seiner Brille und war nur ein undurchdringliches Lächeln. »Ja, lach darüber nicht, Pfarrer! Das ist ein gutes Wort. Und Zucht sollen sie haben. Zucht sollen sie haben, ja, und Vermahnung, hab keine Angst, du.« Anders saß noch eine Weile da und sah den Pfarrer an, vergaß sich gleichsam darüber. Seine Augen waren nicht mehr so kampflustig, und jetzt sahen sie stets durch ein Gewirr von vielen Gedanken hindurch; sie waren seltsam hellblau und alt. Dann ermunterte er sich, richtete sich auf und schlug sich einmal klatschend auf die Schenkel: »Ich komme ja gerade ihretwegen. Willst du mir das Schwarzbuch leihen?« »Was – soll ich Ihnen leihen? Das Schwarzbuch? Wie kommen Sie dazu, zu glauben – – « Aber der Pfarrer war flink, so ruhig er dasaß, ging er doch gleich darauf ein und machte sich tiefernst wie Anders. »Was soll nun das heißen, Haaberg?« »Nenn mich Anders, hab ich gesagt – komm nicht mit solchem Unsinn! – – Ja, du mußt mit deinem Buch herausrücken, ja. Der alte Erik hat mir einen Streich gespielt.« »Ja, was nicht gar. Ist er denn auch auf Haaberg?« »Sitz nicht da und lach mich aus – bist du ein Pfarrer oder bist du keiner? – – Ja, er will uns ins Gerede bringen. Und noch dazu jetzt, da ich anpacken will. Ich war bisher im toten Fahrwasser, jetzt ist meine Zeit gekommen. Und da geht er her und versperrt mir den Weg. Aber das soll ein Tanz werden. Ich will ihm schon eine Arbeit geben!« »Hat er sich denn wirklich gezeigt?« »Sich gezeigt? Das will ich meinen! Als schwarzer Hund ist er heute morgen unter unserm Bett gelegen und hat sich vor der Magd sehen lassen. Vor mir riß er aus, weißt du. Ich mag ihn nicht, ich will nichts von ihm wissen. Aber die Magd wird wohl in der ganzen Gemeinde damit herumlaufen, denk ich mir. Her mit dem Buch, dann will ich ihm eine neue Lektion geben!« »Aber ich habe ja gar kein Schwarzbuch, Anders. Ich habe in meinem ganzen Leben nur ein einziges gesehen, und das war hundert Meilen von hier, du glaubst mir doch wohl, Anders?« Anders verzog den Mund und biß sich auf die Lippe, er stieß die Luft durch die Nase: »Ach, leck – – Du bist mir auch ein Pfarrer! Was, zum Teufel, soll ich denn dann machen? Denn ich will Frieden im Haus haben. Ich will nicht, daß die Leute über mich reden. Jetzt in dieser Zeit.« Und er murmelte vor sich hin, er könne sich nicht erinnern, dem Kerl irgendwie zu nahe getreten zu sein. »Ich habe sagen hören, daß dort, wo man fleißig betet –« »Geschwätz und Dummheiten! Da wird es nur zehnmal schlimmer. Sag mir ein Wort – soviel wirst du doch wenigstens können?« Der Pfarrer nahm die Brille ab und putzte sie mit dem Taschentuch, da saß er, offen und vertrauenswürdig. »Sie müssen das doch begreifen, Sie als ein aufgeklärter Mann. Daß der Teufel nicht herumgeht und sich unter die Betten legt, er ist doch ein Geist, und –« »Pah! Nein, da ist deine Brille trüb geworden, das kann ich dir sagen. Du glaubst gar nichts, du, außer das, was in deinen Büchern steht – darauf pfeif ich! Da geh ich lieber wieder heim!« Damit stand er auf und wollte gehen, und der Pfarrer sah, daß es nichts nützte, sich in diesem Punkt mit ihm zu streiten. Aber er wollte gern mit Anders reden, und außerdem hatte er etwas mit ihm zu besprechen. Es handelte sich um die Kirche. »Ja, jetzt ist ja die Kirche mit Brettern verschalt und ganz fertig, und da möchte ich Ihnen Dank sagen.« »Sag du zu mir, dann versteh ich dich. Er hat sich auch nicht für zu gut dazu gehalten, der alte Pfarrer. Er und ich, wir haben gar manches Wort miteinander geredet, wir zwei.« »Ja gern, gern. Also mit der Kirche bin ich sehr zufrieden, wie gesagt, und nicht zum mindesten mit den Fenstern, die du geändert hast. Jetzt sieht es wirklich wieder aus wie ein Gotteshaus. Ich muß gestehen, daß ich meine Zweifel darüber hegte, ob du der rechte Mann zu dieser Arbeit wärst; aber ich will mich für besiegt erklären.« Anders stand nur da und sah zu Boden. Und der Pfarrer redete weiter. Er wollte den Anders dazu überreden, die Kirche auch anzustreichen und das Bleidach auf den Turm zu machen; da wüßte er wenigstens, daß es ordentlich gemacht würde. – Anders sagte nein; er sei kein Maler. – Nein, aber Petter, sein Bruder, sei einer, und den wollten auch die anderen haben. Wenn nur Anders es auf sich nehmen und die Arbeit überwachen würde, meinten sie im Kirchenausschuß. Auf diese Weise verhelfe er dem Bruder auch zu einem kleinen Verdienst, sagten sie, und dies, fand der Pfarrer, sei schön von ihnen gesagt. Anders räusperte sich und ließ den Blick über die Wände gleiten. Er war rot geworden. – Er wolle sich's überlegen, sagte er. – Der Pfarrer bat ihn, sich so rasch wie möglich zu entschließen, es habe Eile. – Anders schwenkte zu einem anderen Gespräch um: Es gefalle ihm, mit verständigen Leuten zu sprechen. Aber der Unglaube sei keine große Sache. »Der Vater«, sagte er, »in dem hat mehr von einem Mann gesteckt als in den Leuten heutzutage, ja, das kann ich ja ebensogut gleich sagen. Und die anderen Juwikinger waren genau so. Die fürchteten sich nicht, weder vor Huf noch vor Hörnern. Aber das, was es wirklich gab, das leugneten sie nicht weg. Und es erging ihnen gut.« Anders lächelte und blickte auf: »Die wußten wohl irgendeinen Spruch, der die bösen Mächte bannte, denke ich.« »Ja, ja, Anders, das kann schon sein« – der Pfarrer klopfte ihm auf die Schulter und bot ihm einen Schnaps an. »Und hör, Anders, hm, könnte es denn nicht sein, daß der Böse deswegen wütend ist, weil du die Kirche ausgebessert und sie wieder zu einem Gotteshaus gemacht hast, und noch dazu so billig?« Anders beugte den Kopf, schloß die Augen halb, als buchstabiere er jedes einzelne Wort. »Kann sein«, sagte er. »Schau, schau, du scheinst doch Vernunft zu haben, Pfarrer. Es ist gereizt, das Biest. Aber der Teufel hol mich, wenn ich nur das Schwarzbuch hätte, dann würde ich dem Kerl schon zum Schwitzen verhelfen, da würde ich ihm schon beibringen, wie man Kuchen bäckt!« Anders lachte wie ein Kind. Dann wurde er wieder nachdenklich. – Denn wenn es das Tanzen und die jungen Leute seien, über die sich der Teufel ärgerte, dann hätte er sich schon früher zeigen können; denn auf Haaberg habe die ganze Zeit Spiel und Munterkeit geherrscht, seit der Anders erwachsen war, und dies wolle er auch weiterhin so halten. – Ja, es müsse die Kirche sein, meinte der Pfarrer. Aber wie verhalte es sich denn: Anders habe doch auch die Kirche der Nachbargemeinde gebaut. Habe er denn damals nichts bemerkt? – »Hm, nein; der Schwarze ist nicht dumm. Denn ich war damals jung, hatte mir noch nicht die ganze Gemeinde aufgepackt. Er wußte wohl, daß er damals noch nicht weit mit mir gekommen wäre.« Anders stand eine Weile auf dem Kirchenhügel und betrachtete die Kirche. Sie war jetzt so, wie sie sein sollte. Ein heiliges Haus, konnte man sagen, wie sie so dalag und im Abend schlummerte. Und seit er die Arbeit mit ihr angefangen hatte, war er auch wieder mit sich selbst zurechtgekommen. Bald würde es Ernst werden. – Und die Kirche sollte angestrichen werden. Kein Hund in der ganzen Welt sollte ihn davon abschrecken. Sie verdiente es. »Aber der Petter wird es kaum sein, der dieses Amt bekommt, nein«, sagte er, wie er so dastand, und dann drehte er sich um und ging fort. Mit Petter war es so eine Sache, ein so guter Kerl er im Innersten war, so war er doch auch wieder ein Fuchs und ein Gauner. Er würde pfuschen, sobald er ihn daran ließ. Er konnte nicht anders. Und dann stand Anders vor der Gemeinde als ein Pfuscher und ein Lump da; und der Petter lachte nur und ließ sich's gut gehen. Nein! Aber wenn er nein sagte, dann war dies häßlich von ihm, und dann fielen die anderen gleich über ihn her: Dem eigenen Bruder darf man sich doch nicht in den Weg stellen? Anders schien es, als habe er den Fuß schon in der Falle und könne ihn nicht mehr herausziehen. Der Fuchs war gut daran, der biß sich einfach den Lauf ab, der. Na ja, ja; man mußte doch erst noch hören, was die auf Lauvset sagten. Er ging geradeswegs dorthin, obwohl es schon spät am Abend war. – In einer solchen Frühlingsnacht war er schon früher einmal unterwegs gewesen – Herrgott, es war noch nicht lange her. Damals war er gewiß noch nicht alt. So von Herzen sorglos und jung; und nachtscheu . Jetzt fürchtete er sich nicht einmal vor der Kirche; er war gut Freund mit ihr geworden. Aber sie mußte merkwürdig an seiner Sippe gezehrt haben. Wie mit Eisfingern hatte sie allen Juwikingern bis ans Mark gerührt. Er war der einzige, der sie bezwungen hatte. Es wäre lustig gewesen, mit den Alten ein wenig darüber reden zu können. Und in der Gemeinde war es das gleiche: was hatten sie dort zuwege gebracht? Anders hatte sie in der Hand, er. Oder im Kopf, wie man es eben nennen wollte. Er würde sie noch umgießen. Ja. Und nun kam der Leibhaftige in eigener Person und legte sich ihm quer über den Weg. Aber dafür gibt es immer einen Rat, damit hat es keine Gefahr. Jetzt, zunächst, handelte es sich um diese Straße durch die Gemeinde. Die sollten sie haben, ob sie nun wollten oder nicht; und darum ging er nach Lauvset und wollte mit den Leuten dort reden. 2 Die Bauern der Lauvset-Höfe und außerdem ein paar Nachbarn waren in der Stube bei Kristian. Auch der Mönnicken von Nesse saß da. Er ließ sich sonst nicht auf den Höfen sehen: er war ein ganz Großer. Anders hatte gesagt, er wollte mit ihnen reden, und sie wußten genau, um was es sich drehte. – Anders fing zuerst mit dem Anstreichen an, denn Kristian Lauvset war mit im Kirchenausschuß. Sie sagten wie der Pfarrer, daß er das Anstreichen übernehmen sollte. Petter hätte ganz offen darüber geredet, und Petter sei der beste Maler, den sie wüßten, aber es sei für ihn nicht leicht, die Farbe beim Händler zu bekommen – er habe wohl eine kleine Schuld bei ihm stehen, meinte einer von ihnen. »Und am besten wäre es, Anders, wenn du die ganze Sache übernähmst. Dann wüßten wir, an wen wir uns halten können. Die Gemeinde erwartet sich das von dir.« »Ja, freilich«, sagte Anders. Sie erwartete so vieles. Sie erwartete sich wohl auch, daß er ihr die Straße verschaffe, eine ordentliche Fahrstraße, wie sie andere Gemeinden schon hatten. Ja, er wolle sich diese Sache mit der Kirche überlegen. Wenn es so und so verkehrt ist, ob ich ja oder nein sage, dann sage ich ja, dachte er. Aber er konnte doch nicht hier sitzen und wildfremden Leuten erzählen, was für ein Lump der Petter war. Er hatte seinen Bruder bis heute über Wasser gehalten, da mußte er es denn auch weiterhin tun. – »Ja, dann wollen wir also alle zusammen helfen«, sagte er. »So wie bei dieser Straße. Wir geben alle den Grund umsonst her und leisten jeder soundso viele Wochen Arbeit. Hm?« Sie sahen Mönnicken an und zögerten mit der Antwort. Anders konnte nur gerade sehen, wie sie hinüberschielten, aber er verstand sie gut. Mönnicken war ein Gegner von Anders, und von dieser Straße wollte er nichts wissen. Er hatte fast nur mit Leuten zu tun, die den Seeweg kamen, jetzt, seitdem Anders einen Handelsmann unten auf Vaagen bei Haaberg angesiedelt hatte – dorthin sollte dieser Weg führen und dann in östlicher Richtung durch die Gemeinde. Mönnicken durchschaute das Ganze. Anders sagte, den Mönnicken wolle er schon gar nicht um Hilfe fragen, obwohl beabsichtigt sei, einen Seitenweg zu ihm anzulegen; denn den solle er trotzdem bekommen. Nein, aber die anderen, die sahen doch wohl ein, daß sie gut dabei wegkamen? Daß dies ein Fortschritt war und kein Rückschritt? Er für sein Teil trete den Grund umsonst ab und würde den Sommer hindurch mit allen seinen Leuten arbeiten, es müßte doch eine Freude sein, die Straße eines Tages fertig zu sehen, es würde ein Staat sein, in vollem Trab auf ihr dahinzufahren – er sei bereit, alles zu tun, was er nur könnte. Wer nicht mittun wolle, solle es sein lassen, so hätten sie es im Nachbarkirchspiel auch gehalten. Ja, ein paar Tage könnten sie ja immerhin dafür arbeiten, das ginge schon an. Anders betrachtete einen nach dem anderen, und sie krochen in sich zusammen und wurden klein und garstig unter seinem Blick. Sie rutschten auf der Bank hin und her. Er schwieg, bis es fast nicht mehr auszuhalten war in der Stube. »Ein paar Tage?« lächelte er. Nein, jetzt mußten sie denn in Gottes Namen wählen: Mit ihm oder gegen ihn! Die Straße würden sie trotzdem bekommen, aber sie sollten wählen. »Mich oder den Mönnicken dort. He?« Mönnicken lächelte und strich sich über den Bart; und Anders wurde still und kalt und war zufrieden mit sich. Jetzt war er der, der er sein wollte; ganz gewiß war er zu diesem hier geschaffen. Bisher hatte er sie nicht richtig zu fassen gekriegt. Sie waren so gute Nachbarn gewesen. »Nein, habt keine Angst«, sagte er. Er war kein – kein Mönnicken; er rächte sich nicht. Er drohte niemand, nein. Es hatte wohl auch keinen Sinn, erwachsenen Menschen zu drohen? Er würde dann nur die Straße allein bauen, von Vaagen weg und über ihre Grundstücke hin, bis nach Osten, zu den Wäldern von Engdalen hinüber, wo der Weg sich teilen sollte; und ihnen den Grund bezahlen. Das würde er tun. Denn einen Weg mußte die Gemeinde haben; soviel erwarteten sie sich vielleicht von ihm – sie erwarteten nicht gleich viel von allen. Jaha – Anders schlug sich leicht aufs Knie – so wußte er doch, wie er sich einzurichten hatte, und das war gut. »Du meinst wohl, du könntest mir den Grund verweigern, du, Kristian. Gescheiter bist du wohl nicht.« Anders wandte sich ab und schaute beglückt in die Luft und zur Decke hinauf; sein Gesicht war jung wie vor dreißig Jahren. Sie schwiegen. Sie wußten, daß er mit der Obrigkeit geredet hatte, und sie sahen es ihm an, daß er seine Sachen in Ordnung hatte. Sonst hätten sie ihn diesmal schon ein wenig hart angefaßt. Sie hatten gemeint, ihn klein zu kriegen. Aber es war nicht ratsam, es mit ihm zu verderben – und außer dem war er ein Ehrenmann, durch und durch. Anders fühlte, welche Gedanken in ihnen arbeiteten. Klein waren sie, aber nicht so klein, daß sie gefährlich waren. Wenn sie über einen nicht Herr werden konnten, dann taten sie sich mit ihm zusammen. Ja, ja, jetzt müsse er gehen. Und es sei also abgemacht, wenn die Kirche in diesem Sommer angestrichen werden solle, dann müßten sie sich beraten und sich darüber einig werden. Wenn sie verständig wären, dann wollte er es auch sein, und jetzt wartete also die Kirche auf sie und nicht auf ihn. Sie sollten später einmal zu ihm kommen und mit ihm reden. »Gute Nacht und Gottes Frieden mit euch. Jetzt könnt ihr beieinander sitzen und mit dem Mönnicken überlegen, solange ihr wollt. Gute Nacht.« Er war gegangen, noch ehe die anderen sich hatten aufraffen und mit ihm reden können. Kristian begleitete ihn bis vor die Tür, wie es der Brauch war, aber dabei sprachen sie nur ein paar Worte über das Wetter. Und die Schlacht war gewonnen, das wußte er, und das wußten sie. Noch ehe die Woche zu Ende ist, habe ich sie bei mir, dachte er. Und so kam es. Mönnicken ging gleich nach ihm. Mönnicken war ein vornehmer Mann. Er trug einen großen Bart, und Anders schien es, als trüge er selbst den seinen nur aus diesem Grund. Er übertrumpfte ihn darin wie in allem anderen. Aber es war kein schlechtes Zeichen, daß ihm der Herrgott keinen geringeren Gegner gegeben hatte. Wo er gewesen sei? wollte Massi wissen, als er heimkam. Oh, nur einen Sprung fort. Drüben beim Pfarrer, er habe ein paar Worte mit ihm geredet, fügte er hinzu und machte sich über das Abendessen her. Es war irgend etwas wegen der Kirche. Den Hund unter dem Bett hatte er vergessen, Massi hatte der Sache ja auch kein großes Gewicht beigelegt. – Ja, und dann war er einen Sprung auf Lauvset gewesen. Wegen der Straße. Massi saß auf der Bank und wartete, bis er gegessen hatte; sie legte sich niemals schlafen, ehe er heimgekommen war. Die anderen schliefen schon lange. Anders aß und dachte an seine Angelegenheiten. »Und jetzt werd ich sie mir hernehmen!« murmelte er, legte die Hände zusammen und sprach einen kurzen Dank für das Essen, stand auf und verließ den Tisch. »Wenn ich sie doch so schön in der Hand habe. Diese Füchse. So, jetzt kriegen wir einen Weg, Massi« – er wandte sich ihr zu und fuhr sich durchs Haar. Sie sah ihn an, wie sie es in allen diesen Jahren getan hatte. Der Blick war jung und mutig, aber doch so mild, ganz als lege sie die flache Hand auf seine Stirn und sei gut gegen ihn. »Das werden wir wohl. Sicher gibt's einen Weg, wenn du nur erst damit anfängst. Aber du sollst glimpflich mit ihnen umgehen, Anders. Du mußt bedenken, du bist groß und stark, und sie sind klein.« »Klein und zahlreich, ja, wie die Kartoffeln. Nein, nein, ich locke sie nur her. Wie du es mit den Schafen machst. Ich bin nicht einer, der die Leute gleich auffrißt.« So war die Massi: wenn sie etwas sagte, so sah man es klar vor sich. Sie waren keine großen Kerle; man durfte die Zügel nicht zu kurz nehmen. Man mußte ihnen Zeit lassen. »Wer doch nur selber Zeit genug hätte, Massi!« Ruhig und mit hellem Blick sah er vor sich hin und ging in die Schlafkammer. Nein, denn die Zeit war so jammervoll knapp, wenn man etwas ausrichten wollte. Massi sah immer noch aus wie früher. Die Gesichtszüge waren ruhig und weich, nichts hatte sie angegriffen, sie war noch rotwangig, und die Haare schimmerten blond wie in ihrer Jugend. Sie stand bei dem einen Fenster, sah zwei Birkhähnen zu, die unten auf der Wiese miteinander kämpften; es war so eine blaue und wunderschöne Nacht. Jetzt schlief der Anders wohl. Mit ihm konnte man nicht Schritt halten; und besonders in der letzten Zeit ging es nur noch im Laufschritt bei ihm. Ein Gedanke traf sie so schwer, daß es ihr fast den Atem raubte: der Anders kam wohl auch nicht weiter als bis zum Kirchhof. – Nein, nein; aber er war eben doch der Anders, der Anders ganz und gar, solange er lebte. Und der Herrgott hatte gewiß nichts gegen ihn, soweit es sich absehen ließ. »Schu – ischsch!« zischte der Birkhahn. Wovor warnte er wohl? 3 Am Tag danach machte Anders sich auf und redete mit Petter. Der Regen strömte herab, und das Gras wuchs, und der Wald schlug aus; es war ein richtiges Wachswetter, und Anders lächelte im Gehen vor sich hin: Die Leute hatten geklagt und gejammert über die kalte Trockenheit, und er hatte sie nur ausgelacht – jetzt konnten sie es sehen. Aber sie sahen wohl nichts, nein. Sie lernten auch in hundert Jahren nicht das geringste, wozu lebten sie dann eigentlich? Zeit hatten sie stets reichlich. Aber nie Zeit, um zu warten. Sie waren wohl nicht anders. Petter lebte immer noch auf Rönningan, dem Anwesen, das Anders ihm gekauft hatte, und jetzt hatte der ihn auch noch verheiratet, mit einer Witwe, es war ein braves Weib, aber trotzdem mußte der Anders ihn noch bei den Ohren nehmen wie ein Ferkel – es fehlte nicht viel, so hätte er geschrien, sagte Anders im Weitergehen. Ja, und jetzt war er schon Witwer, und das war genau so gut, Petter war eben der Petter, wie er immer gewesen war. Die Pflegetochter, die Kjersti, führte ihm das Haus. Nun lächelte Anders wieder vor sich hin. Denn Petter war doch ein verrückter Kerl, er ging den verkehrten Weg, und da kam Anders und packte ihn beim Ohr und führte ihn noch einmal auf den richtigen Weg; es machte Spaß, einen Menschen so zurechtzuleiten. Petter war in die Arbeit vertieft, als Anders kam, hatte kaum Zeit aufzusehen, obwohl er ja nur selten etwas tat. Sein Haar war silbergrau geworden, auch das seine, im übrigen aber sah er viel jünger aus als der Bruder; das kam wohl daher, daß er keinen Bart trug. Noch waren die Augen dunkelblau und schön, man sah kaum schönere Augen an einem Mann; aber sie lagen tiefer und konnten bisweilen eine gefährliche Glut bekommen, wie jetzt, da Anders grüßte. Anders lächelte auch hierzu. Er wolle die Kirche anstreichen, hatte Anders gehört. Und den Turm mit Bleiplatten decken? So verhielt es sich; Petter hatte all sein Lebtag hoch hinaus gewollt. Ja, sie waren mit dieser Sache zu ihm gekommen. Ja, wer darauf verfallen sei und wer nicht, das könne schließlich gleichgültig sein, ihm, dem Anders. Aber eines wolle er ihm sagen: jetzt müsse er sich zusammennehmen. Er solle es noch einmal versuchen. Anders wolle der Arbeit vorstehen und ihm auf den Weg helfen, und dann solle Petter, wie gesagt, sich ins Zeug legen und die Arbeit tun, wie sie getan werden mußte, und sich nicht betrinken oder von der halben Arbeit davonlaufen. »Denk daran, daß ich es bin, der dafür einstehen muß. Die Gemeinde zieht mich zur Verantwortung. Und ich dich. Ja!« »Wer den Speck haben will, der muß das Schwein nehmen, ja.« Petter wischte sich den Schweiß und begann wieder zu arbeiten. »Schweig still! Versprichst du mir, ein anständiger Mensch zu sein und die Kirche wie ein Gotteshaus herzurichten, he?« Ja, Herrgott noch einmal, das wollte Petter tun; wenn es der Bruder war, der dafür einstehen mußte. Denn Blut war doch dicker als Wasser. Sie redeten miteinander darüber, wie sie es anfangen sollten, und Petter war vernünftig und handlich. Er setzte etwas zu essen und zu trinken vor und begleitete dann den Bruder als dieser fortging. Es gäbe übrigens noch eine Sache, über die Anders mit ihm reden wollte. Es handle sich um die Kjersti. Er hatte gehört und gesehen, daß Per, sein ältester Sohn, ein Auge auf sie geworfen hatte. War etwas Wahres daran? »Wer weiß«, sagte Petter. »Es ist immer etwas Wahres daran, wenn es verrückt ist.« »Ja, und sie sagen, daß du es seist, der dazu hilft!« sagte Anders hart. Jetzt kehrte Petter das Grinsen heraus. Er schüttelte den Kopf: Nein, was fiel ihm denn ein! Er wollte nicht einmal etwas davon wissen, er wollte seine Tochter nicht mit dem Per verheiraten, pfui Teufel! Denn sie waren ja miteinander verwandt, anders konnte er es nicht nennen. Und außerdem hatte es jetzt aufgehört. Der Petter Lines ist jetzt vorne dran – Per ist zu kurz gekommen. »So?« »Ja, das hast du mir zu verdanken, Anders; denn du weißt wohl noch, wie es einmal war? Daß die Massi um mich gefreit hat – – daß wir verlobt waren und beieinander lagen und –« Anders schlug stehenden Fußes zu, er hatte einen Hieb, den ihm keiner abschauen konnte, und er schlug so zu, daß Petter kopfüber ins Gebüsch rollte. »Behalt deinen Dreck bei dir!« Anders sagte es ruhig und ging seiner Wege. Er war selber ganz erstaunt, daß er noch so zuschlagen konnte. Und jetzt hatte er dem Petter eine Lehre gegeben, die der wohl nicht so leicht vergessen würde. Aber Anders ging nicht heim. Er war im Staatsgewand und wollte noch weiter. Er ging wieder über den Hügelrücken, rund um die Bucht herum und quer hinüber nach Skarsvaagen, nahm sich dort ein Boot und ruderte bis hinüber nach Leinland, im Westen drüben. Dort wohnte ein guter Bekannter von ihm, namens Ravald. Er hatte eine Tochter, Marja hieß sie, Anfang Zwanzig und ein prächtiges Mädchen. Und sie hatten Geld auf Leinland; und ordentliche Leute waren es durch und durch, Ravald saß sogar mit im Gemeinderat und hatte dort nicht wenig zu sagen. Anders wurde großartig empfangen. Es geschah nicht alle Tage, daß solche Leute hierherkamen. Anders hatte sich einen Vorwand ausgedacht, er war ihm erst unterwegs eingefallen, wie immer, wenn es darauf ankam, jetzt in letzter Zeit. Er wollte fragen, ob er eine Schafherde auf ihren Inseln weiden lassen dürfe, es war dort eine so gute Sommerweide. Dies wurde ihm gleich aufs erste Wort hin zugesagt, und der Mann ging sogar mit hinunter ans Ufer, als Anders abfuhr. Da trug er sein wahres Anliegen vor, es fiel ihm gleichsam erst ein, als er dastand und das Tau löste. Ravald besäße eine heiratsfähige Tochter, habe er bemerkt. Das wäre etwas für den Per; sie würde zu ihm passen, denn in dem Mädchen stecke solch ein Leben, und das könne man vom Per gerade noch nicht sagen. Er habe sie sich heute genauer betrachtet. Was meine nun Ravald dazu? Es sei ja nur so ein Einfall, aber – Das wäre keine geringe Sache, meinte Ravald. Und ihm würde es recht sein, wenn Anders es ernst meinte – er wolle einmal mit ihr reden. »Ausgelassen und mutwillig ist sie noch, die Marja; aber sie wird sich wohl zähmen lassen wie jedes andere Pferd« – der Mann lachte herzlich zu seinen letzten Worten. »Darauf kannst du dich verlassen, Ravald. Wer nicht gezähmt zu werden braucht, der taugt nicht viel. Das glaube ich wenigstens, ja.« Anders fühlte sich zu sehr gehoben, er konnte noch nicht heimfahren. Wenn es ihm gelang, die Leinlandleute auf seine Seite zu bringen, dann war er stark in der Gemeinde, so wie jetzt die Dinge standen. Ravald saß, wie gesagt, mitten im Gemeinderat und hatte sich ein wenig gegen den Straßenbau gestemmt. Und dann kamen die Leute von Leinland nach Vaagen herübergerudert zum Einkauf, das war leicht auszurechnen. Jede Hilfe hilft ein wenig, wenn sie einem selber hilft. Und Geld, das brauchte Per, und Geld bekam er, wenn es erst einmal soweit war. Anders schlug den Weg nach Vaagen ein. Dort bekam er den Handelsmann unter vier Augen zu sprechen. Hallstein hieß er, und war von weit drunten aus dem Süden, und Anders war es gewesen, der ihn hier herauf geholt hatte, er hatte ihm Häuser gebaut und ihm weitergeholfen; früher war er Schiffer gewesen. Ja, ja, jetzt könne er etwas verdienen, sie brauchten Farbe und Blei, sagte Anders. Für die Kirche. Hallstein schob den Hut in den Nacken und fuhr sich über das Gesicht; es war rot und heiß. » Das ist gut«, sagte er, »es kommen nicht allzu viele Käufer.« Und noch dazu für die Kirche, Mann! Das dürfe er nicht vergessen. Und jetzt solle er daran denken, daß er nur das Beste hergeben dürfe, Farbe und Tran von der besten Sorte, und ordentlich dickes Blei, Anders bat ihn noch einmal, zu bedenken, für welches Haus dies alles gehörte; und der andere nickte. – »Ich mach dich gewissermaßen verantwortlich, Hallstein – ja, du verstehst mich wohl? Der Petter soll die Arbeit ausführen, und dazu ist er auch gut genug; aber es könnte ihm doch einfallen, billige Arbeit leisten zu wollen.« Ja, Hallstein verstand, er war ja nicht von heute. Und außerdem noch eine Kleinigkeit: Der Jens, sein Zweitältester Sohn, hatte solche Lust auf den Handel, er wollte vorwärts . Ob Hallstein ihn in die Lehre nehmen wolle. »Denk daran, daß du einen billigen Bodenzins hast und so weiter. Und wenn du Geld brauchst, so will ich dir schon wieder einmal aushelfen.« Ja, der Junge solle nur kommen, dem stünde nichts im Wege. »Ja, ja, denk also daran, daß du die Verantwortung hast«, sagte Anders, und dann ging er. Daheim trat er still in die Stube, sah fast niemand. Er erzählte Massi von seinem Gang nach Leinland, und ihr Gesicht hellte sich sofort auf, sie war wohlzufrieden. Dann aber blieb sie stehen und dachte nach. »Es kommt nur darauf an«, meinte sie, »ob er auch selber will, der Per?« Das glaubte Anders. Per sei ein verständiger Bursche, wenn man ihm nur Zeit zum Nachdenken lasse. »Er ist allzu gehorsam, finde ich, oftmals.« Anders wandte sich ab und sah weg. Ja, das war es gerade. Das durften sie nicht vergessen. Kommt Zeit, kommt Rat. Es sei auf jeden Fall gut, daß man trotz allem die Leute von Leinland auf seiner Seite habe, lachte er. Die mochten jetzt einstweilen in dem Glauben leben, daß sie mit den Leuten auf Haaberg verwandt werden; er konnte sie brauchen. Massi blickte ihn halb erstaunt an, denn so war doch der Anders eigentlich nicht. Anders merkte, was sie so dachte, und er lächelte fast wie Petter zu lächeln pflegte: »Ja, jetzt wirst du's sehen, Massi. Du hast nie gemeint, daß in mir etwas Ordentliches steckt, du hast eher gedacht, ich sei wie eine ungewetzte Sense. Jetzt mußt du dich in acht nehmen, von nun an.« »Bis jetzt ist es ja über Erwarten gegangen«, sagte sie. Und das sei auch ganz recht so. Aber auch nicht ganz ohne Gefahr. »Denn, wo du vorangehst, Anders, da folgt die ganze Gemeinde nach.« Und bei sich selbst dachte sie, wenn einer so viel Manns war wie der Anders und immer das durchsetzte, was er wollte, dann mußte er sich seine Sachen wohl überlegen. »Was du mahlst, Anders, das muß feingesiebtes Mehl sein, ja.« Anders wandte sich ihr wieder zu, blickte an ihr hinauf und hinunter. »He? Stehst du etwa da und hältst mir eine Predigt? Willst du vielleicht sagen, daß ich die Leute hinters Licht führe?« Sie wurde rot und verlegen. – Er wußte doch, daß sie so etwas nicht sagte. Nein, es war so, wie es sein sollte; und man muß an dem Ende festhalten, das man hat, bei den Leuten. Aber es handelte sich eben um den Per. Der mußte in diesem Punkt über sich selbst bestimmen. So hatte Massi noch nie mit Anders gesprochen; aber sie schob den Per vor, da war es nicht so schlimm, der Per stand ihr am nächsten von den Kindern. Sie wiederholte noch einmal, daß er selbst über sich bestimmen müsse. Und außerdem habe sie doch wohl auch ein wenig dabei mitzureden, wer hier auf dem Hof nach ihr zu befehlen habe? lachte sie und schlug es in den Wind. »Der Per ist eben noch ein Schaf«, sagte Anders. So wie vor kurzem einmal. Wußte sie denn eigentlich, was er seinem Vater mitten ins Gesicht sagte? Daß der Weg nicht über Haaberg gehen dürfe, sagte er! Denn das sei ein Winkel und gehe bergauf, sagte er. Das sei nicht recht ! Hatte er das wirklich gesagt? Massi sah aus, als habe sie etwas Schönes gehört. »Und ob er es gesagt hat, Gott verzeih mir die Sünde. Gerade, als wäre ich irgendein Lump. Das ist nicht recht , hat er gesagt.« »Ja, der Per. Aus dem wird schon einmal etwas. Er hat ja auch seinen Namen nach einem tüchtigen Mann bekommen. Darin hatte sie recht. Und seinen freien Willen sollte er haben. Die Leinlandleute konnten in dem Glauben leben, wie gesagt. »So, das hat er also gesagt«, murmelte Massi vor sich hin. »Hm, hm! Er ist vielleicht von anderer Art als wir.« Ja, Anders mußte zugeben, daß es schlimmer sei für Jens und Beret, die nach geringeren Leuten genannt worden waren, und das nur aus Übermut. Nur um zu sehen, ob es wirklich etwas ausmachte. »Ach ja, aber warte nur, für die wird sich schon auch ein Rat finden, später einmal. Hab keine Angst, Massi!« Nein, Massi hatte keine Angst. Es war solch ein Zug in Anders, er riß sie mit sich, daß sie innerlich beinahe lachen mußte. Gleichzeitig aber fühlte sie eine Unruhe in sich: nun war der Anders der geworden, den sie aus ihm immer hatte machen wollen, und jetzt wußte sie nicht mehr, wie es weitergehen würde. 4 Der Frühling verging, und die Felder wurden bestellt, wie sich die Zeit dazu fand; Anders wußte sehr wohl, daß es nur so obenhin getan wurde, denn er fing ungefähr gleichzeitig mit dem Wegbau an, hatte keine Ruhe mehr, länger damit zu warten. Von Vaagen nach Haaberg war die Straße bereits fertig, und jetzt ging es durch die Wälder von Lauvset. Eine kleine Hilfe hatte er ja an den Nachbarn, ganz wollten sie sich der Arbeit doch nicht entziehen, und auch die Häusler kamen mit ihrem Grabscheit; am besten aber verschlug es, wenn er nach altem Brauch zur Arbeit und Bewirtung einlud, mit gutem Essen und allem, was dazugehörte; da kamen sie. und da arbeiteten sie, wenn sie auch sonst noch so saumselig waren. – Als sähen sie jetzt einen Sinn in der Sache, sagte Anders. Anders' drei Söhne waren nun alle erwachsen, und Per und Ola halfen stets mit beim Wegbau; Jens war bereits nach Vaagen zum Handelsmann gezogen. Außerdem hatte Anders einen Knecht, und der war einer, der für zwei zählte. Er hieß Brede und war vom Tal oben, Anders hatte ihn mitgenommen, als er einmal dort oben beim Pferdehandel war. Dieses Jahr stellte er noch ein paar Männer ein und oft die ganze Häuslerschar, so daß er wie ein kleiner Heerführer zur Arbeit zog. Anders gönnte sich selbst gern gute Tage, in diesem Jahr aber war er wie der Wolf, und er riß auch die anderen mit sich. Er machte es so, daß es ihnen allen schien, als trieben sie nur lauter Scherze und dumme Streiche; es war ein Spaß. Anders war dabeigewesen, als die Obrigkeit diesen Weg aussteckte, er hatte sie mit nach Haaberg genommen und sie dort gehörig gemästet, hieß es. Später machte er dann alles, wie er wollte; die Leute wußten es ganz genau, er hatte so viel mit den hohen Herren geredet, daß er die Sache beim richtigen Ende anpackte. Und im Grunde war es Anders, der die Gemeinde regierte, so wie es für sie alle den Anschein hatte. Der Lensmann war alt und gutmütig, und alles, was Anders wollte, wollte er auch, und er, der sozusagen der Erste im Rate war, der Pfarrer selbst, er war zu vornehm und reichte gleichsam nicht so weit herab. Wie Anders auch den Weg legen wollte, er bekam seinen Willen, anders war es nicht zu denken! Es gab viele, die mißvergnügt waren, aber sonderbar, sobald Anders ein wenig mit ihnen geredet hatte, gab der eine hierin und der andere darin nach. Sie taten alle zusammen mit, und Anders dankte keinem dafür. – Es wäre wirklich nicht zuviel, wenn wir einen Weg zur Kirche bekämen, sagte einer. – Und dann kann der Mönnicken dort sitzen und an seinem Bart kauen, sagte ein anderer. Sogar bis von Skarsvaagen und Leinland kamen sie und halfen mit, Tag für Tag. Nur zum Spaß, sagten sie. Denn Spaß gab es dort, wo der Anders war, besonders jetzt im Sommer. Bisher hatte er sich still verhalten, keiner hatte ihn zu fassen bekommen – und das gelang ihnen wohl auch jetzt nicht; aber bei der gemeinsamen Arbeit war er einer der Übermütigsten. Es waren eine Menge Geschichten in Umlauf darüber, was für Streiche er aussann. Einmal arbeiteten sie des Nachts, denn es war jetzt die Zeit der hellen Nächte, und die Hitze war groß. Da taten sie sich zusammen und gingen zu einem Hof namens Grönsetvika, mitten in der Nacht, Anders voran, daß das Moor aufspritzte, weckten die Bäuerin und fragten, oh es seine Richtigkeit damit habe, daß sie alle von ihr eingeladen worden seien. Jedermann wußte, daß dort ein reich versorgtes Vorratshaus war und daß die Frau für herzlich geizig galt. Trotzdem aber stellte sie sich nicht dümmer, als sie war, sondern ging darauf ein und sagte: Sie sollten nur hereinkommen. Und dann trug sie ihnen das Beste auf, was sie hatte, ein Spaß soll ein Spaß sein, und sie würden wohl zeigen, daß sie Anstand hätten. Das aber taten sie nicht, sie aßen sie beinahe arm – sie seufzte, und Anders seufzte, und dann bedankten sie sich und trabten wieder davon. Du meine Zeit, wie wir uns den Magen verrenkt haben! sagten sie später. – Eines Nachts kamen sämtliche Mädchen aus der Nachbarschaft, jede mit einem Korb, angerückt – die Töchter auf Haaberg hatten sie zusammengerufen – sie kamen angesprungen, denn sie hatten gehört, die Männer hätten nichts zu essen und seien am Verhungern, rissen die Deckel von ihren Körben und packten vor ihnen aus: das waren Hochzeitsgaben, konnte man fast sagen, und die, die nicht an solch gutes Essen gewöhnt waren, aßen sich wieder krank daran. Dann zogen sie miteinander zur Tanzwiese und tanzten den Rest der Nacht hindurch. – Eines Abends, als die Mücken es ganz arg trieben, packte Anders die Burschen einen nach dem andern und warf sie ins nasse Moor. Sie fanden, sie ließen einen Weg hinter sich auf die eine oder andere Art. Es war schade für die, die nicht dabei waren. Als die Straße bis nach Lauvset ging, sagte Anders, nun hätte er das Seine getan, und er wolle jetzt zur Seite treten, damit die andern sich sehen lassen könnten. Dann könnten sie nach ihm senden. Und wer mit dabeigewesen sei und geholfen habe, an den wolle er denken; die sollten zu Weihnachten nach Haaberg kommen; dann würde es erst losgehen, und wenn ihnen nichts anderes einfiele, sollten sie hingehen und sich verheiraten – darüber ließe sich schon reden. Anders meinte, was er sagte. Die Zeit konnte so vieles tun. Sie arbeitete jetzt für ihn. Er war nun im Begriff, ein glücklicher Mann zu werden, das war es; alles fügte sich für ihn, wie es sollte. Er hatte gar manche Anzeichen gehabt. Wie jetzt mit dem Wetter: Es war so strahlend gut gewesen während des ganzen Wegbaus, das Leben hatte förmlich seine gute Seite herausgekehrt – so etwas tut es nicht, ohne daß es einem wohl will. »So recht ein Paradieswetter«, sagte er. Aber die anderen verstanden den Sinn nicht, den hatte er für sich allein. – Und die Leute waren wie das Wetter; sie kehrten die gute Seite heraus. Anders konnte derb zufassen, er wußte das – er bekam das von Massi zu hören; aber am wohlsten fühlte er sich, wenn sie zufrieden waren, und am allerwohlsten, wenn sie mit ihm zufrieden waren. Er vergaß alle die Schliche, die er gebraucht hatte, hinter ihm lag blanker Sonnenschein. Wenn er aber so recht fühlen wollte, wie hoch sie ihn schätzten, dann mußte er heim zu Massi. Und das mußte er oft. Dort las er es in ihren Augen, wenn sie ihm auch geradezu widersprach. Während der Zeit, in der die Straße gebaut wurde, hing Petter an der Kirchenwand und malte. Er hörte von der ganzen Herrlichkeit und sang dazu. »Ich mal dich, Brüderlein fein, so weiß, wie ich nur kann, Wenn du nur nicht doch schwarz wirst wie der schwärzeste Mann«; sang er und ähnliches mehr. Er war so aufgeräumt. Petter war mit den Jahren still geworden, es war mit ihm gerade umgekehrt gegangen wie mit Anders. »In unserer Sippe ist immer einer ein Mann und einer ein armer Tropf, das sage ich stets, wenn ich einen Rausch hab, und der Rausch hat stets mich«, äfften sie ihn nach. Meistens sagte er gar nichts. Eines späten Abends, als er von der Arbeit kam, begegnete er einem der Männer vom Wegbau. Sie setzten sich nebeneinander am Straßenrand hin; Petter schwieg, und der andere erzählte; und es war nichts als nur Anders hin und Anders her. Endlich nach einiger Zeit sagte Petter, und es war fast, als habe er vergessen, daß der andere dasaß: »Ich bin lange Zeit so sanftmütig gegen den Anders gewesen, daß ich mich richtig über mich selber wundere. Aber jetzt mag ich bald nimmer, das fühl ich, und Gott sei Dank dafür. Es fällt wie eine schwere Last von mir ab, pfui Teufel! Ich fühle mich so merkwürdig frei!« Er hielt den Blick hinausgerichtet, gleichsam als hinge er noch unter dem Kirchendach, und dann begann er: » Aller Augen warten auf dich, Anders !« Er war schon aufgestanden und im Gehen. Die Nachkommen 1 Es waren die Kinder, die dem Anders neue Kraft verliehen. So fühlte er es. Ja, freilich hatte er die auch schon früher gehabt, und eine Freude waren sie ihm immer gewesen, aber erst jetzt in letzter Zeit war er ihrer so richtig gewahr geworden. Wie es auch immer gehen würde, er hatte doch sie. Er ging in einem tiefen und schweren Glück dahin, fühlte sich unüberwindlich: Er mußte die Zukunft für sie ordnen; hier waren viele Dinge zu erwarten, das Leben selbst war zu erwarten. Er hatte es immer so gehalten, von Zeit zu Zeit öffnete er die Türen für die Jugend in der Nachbarschaft, und dann strömten sie scharenweise herbei und waren lustig. Sie bekamen den ganzen östlichen Teil des Hauses und durften ihn schließlich auch auf den Kopf stellen, wenn sie Lust dazu hatten, und etwas Schöneres als hierherzukommen wußten sie kaum. Per war ein stiller Bursche, von dem die Leute nur wenig zu reden wußten. Er glich mehr der Mutter als dem Vater, trotzdem aber konnte man ihm ansehen, daß er von den Juwikingern abstammte. Er hatte ein helles Gesicht und war groß und schlank und ein kluger Kerl. Ein Anders wird ja nicht aus ihm, sagten sie einstimmig; sie fanden eher, er gerate dem Großvater nach. Woher doch! sagte Anders. Nein, nein! Aber ich glaube doch, daß etwas aus ihm wird. Wenn er nur mich erst einmal unter der Erde weiß. Nach Per kam Gjartru. Das war das Goldkind des Vaters, da die Mutter den Per für sich genommen hatte. Sie war verhext schön, hatte ein ganz unvergleichliches Haar, rotbraun und dicht und ein wenig gelockt, und das Gesicht war schmal und fein, und sie hatte einen so schönen Blick, daß die Leute sich nach ihr umdrehen mußten; und untereinander sagten sie, sie müsse wohl jung sterben, das könne man ihr ansehen. Das tat sie aber nicht, sie war so frisch und voller Leben, daß die Hälfte auch schon genügt hätte. Aasel glich Per und den mütterlichen Verwandten: hell von Haut und Haaren und hell durch und durch und seltsam still und bedachtsam, ein guter Mensch, aber sie vertrug keinen Unsinn und keine Dummheiten. Sie kam schon frühzeitig von daheim fort und nach Paalsnese, sollte dort als Kind bei der Ane sein, bei der Großmuhme, die Witwe war. Jens war rothaarig und ein Tollkopf und ein Juwiking für sie alle miteinander. Er bekam alle die Prügel, die im Haus notwendig waren, und auf diese Weise wurde auch aus ihm ein ganzer Kerl. Aber das tat auch not, sagte der Vater – er hatte nicht weit zu einem Taugenichts. Man hätte ihn nie nach dem Oheim nennen dürfen. Das gleiche sagten sie von Beret; sie hatte zuviel Ähnlichkeit mit der Muhme, nach der sie hieß. Zwar war sie nicht dünn und fahlbleich wie sie, sondern richtig dick und rot; aber es steckte nichts in ihr, sie brachte nichts vom Fleck. Und ein paarmal hatte sie einen Anfall gehabt, war mitten in der Nacht aufgefahren und kreischend und schreiend hinausgerannt und dann tagelang danach nicht recht bei sich gewesen. Anders hatte sie mit Aderlassen kuriert, aber man konnte sich doch nie sicher fühlen; das einzige an ihr war ihre Liebe zum Vieh; wenn sie im Stall war, sang sie den Kühen sogar vor. Und ein schönes Gesicht hatte sie. Der kleine Ola war zu spät gekommen, sagte der Vater; aus dem letzten Ei wird nie ein rechter Vogel. Er hieß nach niemand und glich auch niemand; – er halte es in diesem Punkt, wie er wolle, sagte er selber. Er war dick und rund und ziemlich träge. Der reine Käse! sagten die Eltern. Aber ein guter Käse, meinte er; denn er gab immer eine Antwort, daß sich die Wände bogen, wenn er auch sonst noch so wenig redete. Er war ein Tausendsassa im Lesen, und aufspielen konnte er, daß die Leute beinahe weinen mußten. Manche aber zweifelten daran, daß er ganz richtig im Kopfe war. 2 In einer Herbstnacht lag Anders wach. Das tat er auch sonst immer, wenn die Kinder von daheim fort waren, und jetzt waren sie südlich in der Gegend bei Lines, halfen bei der Ernte und tanzten danach, sie kamen wohl kaum heim, bevor es Morgen wurde. Der Septembermond stand tief über den Hügeln, so groß, daß einem das Herz stillstehen konnte; und rot wie glühendes Eisen, aber Licht gab er fast keines; Hügel und Berge legten schwarze Schatten beinahe über das ganze Land. Die See ging schwer und lärmend draußen am Strand; sie hatte heute abend einen so tiefen Ton, als freute sie sich über das gute Wetter. Immer und immer wieder meinte Anders, sie kämen jetzt, die Kinder. Aber sie kamen nie. Na ja, ja. Sie hatten ja den Feiertag in der Tasche, morgen war Sonntag. Per war der erste, der zur Vernunft kam und sich auf den Heimweg machte. So war es meistens. Petter Lines ging ein Stück weit mit ihm nach Norden zu, obwohl das nicht eigentlich sein Weg war. Sie waren ein wenig vom gleichen Schlag und gleichen Blut, die beiden, hatten miteinander vor dem Pfarrer gestanden und auch sonst viel zusammengehalten, so daß die Leute sie für Freunde ansahen. Das waren sie auch, auf ihre Art. Per hatte mit Häuslerkindern und mit jedermanns Kindern gespielt, war ihnen aber doch allen fremd geblieben; einzig und allein mit Petter konnte er reden, und Petter erzählte ihm alles und jedes. In letzter Zeit war es nun auch dazu gekommen, daß sie sich in das gleiche Mädchen verliebten, in die Kjersti Rönningan. Es war beinahe wie mit dem Vater und Ola Engdalen in früherer Zeit, die Leute redeten und erwarteten sich allerlei. Aber man erfuhr nie etwas weiteres darüber. O nein, sagte Anders, in denen fließt ein anderes Blut. – Dann erfuhr man, daß Per sich zurückgezogen hatte, und niemand wußte, was in ihn gefahren war. Vergrübelt war er schon immer umhergegangen, und jetzt wurde es noch schlimmer mit ihm. Kjersti weinte und jammerte, denn jetzt erst sah sie es, daß sie ihn hätte haben wollen. – »Du machst dir nichts aus mir!« sagte sie. – »Wollte Gott, es wäre so. Aber der Vater sieht es nicht gern.« – »Ist das alles?« meinte sie verächtlich. – »Ja. Etwas anderes ist es kaum.« Er dachte nach und wußte keinen anderen Grund. »Und warum soll denn der Petter dich nicht bekommen?« sagte er. – »Willst du denn dich und auch mich noch zu Tode quälen?« – »Hm. Es könnte wohl sein – – daß man auch dazu Lust hätte, manchmal. Nein, dich nicht, aber–« – »Ja, ja. Dann nehme ich den Petter; dann soll er mich haben!« Per biß sich auf die Lippe, und sie fühlte sich leblos und kalt an. Jetzt war es seit langer Zeit fest und abgemacht zwischen ihr und Petter. Der Mond hatte sich weit hinausgeschoben, leuchtete freimütig über den Fjord und die weiten braunen Moore hin. – »Nein, schau ihn doch an!« sagte Petter, »er segelt wie ein goldenes Boot auf einem Silbersee, der nimmt's aber feierlich. Ich werde jetzt auch bald hinausziehen auf die Fahrt. Aber was ich eigentlich sagen wollte – –« Er blieb stehen und sah in die Luft hinaus, weit weg, gleichsam als lausche er dem Rauschen des Meeres. Es mahlte und dröhnte über Tiefen und Untiefen da draußen; die See ging schwer. Dann schritt Petter wieder weiter. Er war nicht so groß wie Per, aber breiter, und hatte einen ganz besonders vertrauenswürdigen Gang. »Ich meine die Kjersti«, sagte er. »Mit der steht es wohl schlimm.« Per ging dahin, als habe er dies gleichsam schon früher gewußt, und Petter folgte nach und fuhr sich über die Stirn, er schwitzte. Sie hätten gleich heiraten sollen, meinte er, aber so etwas ginge nicht so rasch; seine Leute daheim wollten sie nicht sehen. Da müßte er sich eben ein kleines Anwesen kaufen und fortziehen. Und ein wenig Geld hatte er ja. So? sagte Per. Dann müßten sie es wohl so machen. Ein wenig rasch, ja. – »Aber eines muß ich sagen, das hätte ich nicht geglaubt; nicht von ihr .« Es hörte sich ganz klagend an und als wolle Per der Sache entgehen. »Meine Schuld!« sagte Petter barsch. »Denn du weißt, ich vertrage es so schlecht, wenn sich die Weiber mir gegenüber auf die Hinterbeine stellen. Mir wäre es am liebsten, du würdest mir das Messer hineinrennen, das wäre eine wahre Wohltat!« Per zuckte mit den Schultern und ging rascher. Er wolle jetzt auf den Heringsfang fahren, sagte Petter. Weit hinauf nach Norden; er und der Hall Grönset. Dann würde sich wohl ein Rat finden, wenn er wieder zurückkam. Und – hier sei sein Geld, Petter faßte Per beim Ärmel, so daß er stehenbleiben mußte. Sie blickten einander fest in die Augen. »Das hier sollst du der Kjersti geben. Für den Fall – ja für den Fall, daß irgend etwas geschehen sollte, während ich fort bin, oder für den Fall, daß ich nicht wiederkomme. Willst du mir das versprechen, Per? Um unserer alten Bekanntschaft willen? Denn es ist doch ein Jammer um das arme Ding.« »Ja, das verspreche ich. Und ich werd es auch halten. Aber du kommst ja doch wieder, was redest du denn für Unsinn?« »Ja–a, du weißt. Aber wenn der Fischfang fehlschlägt, dann muß ich vielleicht dahin und dorthin fahren, ich muß Geld haben! Und das versprichst du mir auch, daß du nie zu irgendeinem Menschen etwas von dem Geld sagst? Denn die Mutter hat so einen Haß auf die Kjersti.« Per nickte nur. Er betrachtete Petter eine Weile, wunderte sich gleichsam darüber, wer er war, und fühlte es wie eine Angst in sich schleichen, aber er nahm das Geld und steckte es in die Brusttasche. Dann gingen sie weiter; aber sie wußten nichts mehr miteinander zu reden, und so trennten sie sich. »Wir segeln am Donnerstag ab«, sagte Petter. »Und sag ihr viele Grüße, ja!« Anders hörte, daß es Per war, der heimkam. Er war so bedächtig, sogar auch im Schritt. Die anderen, ach ja, die kamen, die kamen. Er wußte wohl, daß sie nicht vom Weg abgingen. Aber Gjartru, sein Goldkind, ging diese Nacht vom Wege ab. Sie war lange Zeit verlobt gewesen, schon seit sie beinahe beide noch Kinder waren, mit einem Burschen namens Hall Grönset. Der Vater war der einzige, der sich darüber seine Gedanken machte, und er sagte nichts. Hall war ein großer und schöner Bursche, aber sonst war nichts Besonderes an ihm, es war nichts weiter, als daß sie sich eben in ihn verliebt hatte, sie mußte ihn haben. In jenem Jahr, in dem sie den Konfirmandenunterricht besuchten, waren sie einander eines Tages auf dem Weg über das Moor begegnet. Sie gingen aneinander vorbei, ohne aufzublicken. Dann drehten sie sich um und schauen alle beide zurück, eines gerade ins Gesicht des anderen, und dann lachen sie und laufen jedes auf seinem Weg weiter, seltsam heiß und rot; und später war es so weit gekommen, daß ein Liebespaar aus ihnen wurde. Und viel mehr war übrigens zwischen ihnen nicht gewesen, bis nun in letzter Zeit. Der Vater hatte gesehen, daß Gjartrus Wangen rote Flecken bekamen, sobald Hall in der Nähe auftauchte. Gleich nachdem sie und Beret sich von den andern getrennt und sich auf den Heimweg gemacht hatten, begegneten sie ihm zusammen mit Petter Lines; die beiden sollten ja miteinander auf den Heringsfang fahren. Er erzählt ihnen, daß er auf lange Zeit fort will, und dann kehrt er um und geht mit ihnen. Beret geht ins Haus und legt sich schlafen, und die beiden wandern wieder in südlicher Richtung zurück. Als sie gerade über den Hügel gekommen sind, hören sie, wie ihnen jemand entgegenkommt – eine ganze laute Schar junger Leute, und da springen sie zur Seite und verstecken sich in einem Heustadel, der am Weg steht. Sie waren schon früher so zu zweit im Heu gesessen, damit hatte es keine Gefahr. Sie saßen dicht beieinander, spürten die Wärme des Heus und ihrer Körper, so beklommen süß; und da draußen tobte die Jugend vorbei mit Scherzen und Lachen, und der Mond schien wie ein Märchen. Und Hall sollte auf eine weite Fahrt, gerade als würde er nie wieder zu ihr zurückkehren. All ihre Kraft verließ sie, sie war so glücklich, daß sie mit den Zähnen hätte knirschen können. Hall hörte sogar, wie sie es tat. Um die gleiche Zeit kam Oheim Petter von der Kirche und von der Arbeit heimgewandert. Er war drüben in Vaagen gewesen und hatte sich ein paar Schnäpse vergönnt, heute abend wie an jedem anderen Abend, so daß er so war wie immer, angeheitert und vor sich hin singend, aber wach und scharf wie der Nordwind. Er begegnete den jungen Leuten und fragte, ob sie unterwegs jemand getroffen hätten. »Nein, keine Seele.« – Hm. Ihm war es doch ganz deutlich, als sei nahe vor ihm ein Paar gegangen? Er machte sich wieder auf den Weg, als er aber mitten vor dem Stadel steht, setzt er sich am Wegrand hin. Es sitzt sich gut hier, wenn man nicht zu nüchtern ist. Und wenn es die Kjersti und der Petter Lines sind, dann nur zu, soviel sie wollen; aber er will es wissen. Dann würden sie heiraten müssen, und das brachte die alte Linesbäuerin zum Platzen. Noch lieber wäre es ihm gewesen, wenn sein Bruder Anders geplatzt wäre, aber etwas ist schließlich besser als gar nichts. Möchte wissen, ob der Schuppen so menschenleer ist, wie er aussieht? Jetzt hört er jemand sprechen, und er spitzt die Ohren wie ein ängstliches Pferd. Ja, es waren Menschen im Schuppen. Wie es ja auch recht und begreiflich ist an solch einem Abend oder Morgen oder was es nun war. Aber das war doch nicht die Kjersti, weit gefehlt. Auf leisen Sohlen schlich er sich näher heran, ganz dicht an die Wand. Wahrhaftig, die weinten? War es denn schon so lustig? Er setzt sich, sank wie ein Heusack an der Wand zusammen. Er verzog das Gesicht und rückte hin und her, je mehr er von dem hörte, was die da drinnen sagten. Schließlich strahlte er. »Nein, das hättest du wohl nie gedacht, daß es so kommen würde«, flüsterte er und äffte sie nach. »Und morgen noch werde ich zu deinem Vater gehen – ja, ja, das kann ich mir denken! Da kriegst du Gäste, Anders, mein Bruder. – Ja, ja, ja, ja, du bist doch trotzdem glücklich, du, nicht wahr? – du lieber Gott! – Jetzt ist es zum Weinen zu spät, ja, da hast du recht – he he he!« Petter saß da, als die beiden herauskamen und sich das Heu von den Kleidern pflückten, saß da und war ein schwarzer Schatten an der Wand. Aber er nickte ihnen freundlich zu: es sei nur er . Gjartru stieß einen kleinen entsetzten Ruf aus, und Hall blieb erstarrt stehen, die Ellbogen ein wenig nach außen gedreht. Dann liefen sie davon. Petter nickte ihnen nach. Und er schlief auf dem gleichen Fleck ein, wo er saß. Er saß viel zu gut, um aufzustehen. Als Gjartru daheim in den Dachraum hinaufkam, merkte sie, daß Beret geweint hatte. Sie schliefen im gleichen Bett. »Was ist? Liegst du da und weinst?« »Ich und weinen? Keine Spur. Auch nicht die kleinste Träne.« Nein, es sei auch nicht der Mühe wert, meinte Gjartru. Der Brede, der Knecht, sei ein braver Bursche, aber wenn man sich hinlegte und um ihn weinte, dann bekäme man ihn nie. Und der Gedanke durchrann sie wie kaltes, klares Wasser, daß es mit ihr so gegangen sei und daß sie nicht mehr die Gjartru war, die sie früher war, aber darum –. Jens und Brede kamen heim, als es heller Tag war. Sie hatten sich in Branntwein und viele Geschichten verwickelt und waren nicht leise. Ola, der Bub, kam mit seiner Ziehharmonika hinter ihnen hergetaumelt. »Ihr seid wie neugeborene Kälber«, sagte Anders, er war schon aufgestanden und brachte die Pferde auf die Weide; »erst trinkt ihr alles, was ihr erwischen könnt, und dann stolpert ihr über jeden Strohhalm. Schaut, daß ihr ins Bett kommt.« Als er wieder in die Stube kam, setzte er sich zu Massi aufs Bett. Er müsse soviel an die Aasel denken, die auf Paalsnese sei, sagte er. »Sie kommt fast nie vor die Tür hinaus; die alte Muhme ist ein strenges Weib. Wenn sie der Kleinen nur nicht das Blut aussaugt«, seufzte er. – Ein wenig müsse sie doch aushalten können, wenn sie das bekommen wolle, was die Alte einmal hinterlassen würde, meinte Massi – »es ist wohl nicht so wenig, was von Oheim Jens dazugekommen ist.« »Ein schöner Haufen Geld ist es freilich für sie.« – Anders fuhr sich durch den Bart und starrte vor sich hin. »Aber trotzdem – – es wird lange dauern, bis die Alte soviel Vernunft hat und sich zum Sterben hinlegt. Wollen wir nicht heute einmal hinüberschauen, was meinst du?« Er wandte sich Massi zu. – Das dürfe er gern, er. Sie habe keine Zeit. Und das Mädchen wisse ja, wo sie daheim sei, wenn sie es nicht aushalten könne. »Ja–a. Wenn sie eine von der Art wäre, dann.« 3 Auf Haaberg wurde zu Weihnachten Hochzeit gefeiert, wie Anders es zugesagt hatte. Eines Tages im Herbst sprach er mit Per wegen Marja Leinland; sie waren noch unten am Seeufer und hängten Heringsnetze zum Trocknen auf. »Es ist ein ordentliches Mädchen, Junge – ich meine fast, du könntest sie bekommen? Du weißt ja, daß du es halten kannst, wie du willst. Ich rede dir da nichts drein. Wenigstens nicht mehr, als daß du dich jetzt bald verheiraten solltest; die Zeit vergeht, und man wird älter.« Per wurde rot, und dann hängte er das Netz über die Stange und sah den Vater an: Ob er etwa schon dort gewesen sei und darüber geredet habe? – Anders war dort gewesen, ja, seinerzeit einmal; hatte mit dem Vater so im Vorübergehen davon gesprochen. Per sagte nichts weiter. Und dann kam er eines Tages heim und erzählte, er habe es jetzt mit der Marja festgemacht, und wann es mit der Hochzeit passen würde? Zu Weihnachten vielleicht? Anders blickte scharf zu Per auf. Solche Eile habe es denn doch wohl nicht? sagte er; »du hättest dir's doch erst noch überlegen können.« »Das hab ich ja getan!« sagte Per, und dann ging er seiner Wege. Sich's überlegt, das hatte er freilich, Anders hatte ihn oft gesehen, wie er da oder dort stand und nachdachte, seit jenem Mal, da er mit ihm unten am Ufer gesprochen hatte. Es war kein gutes Zeichen, daß der Bub sofort hinging und sich verlobte, sobald der Vater ihn darauf stieß. Wenn nur der Per nicht zu weich ist! Es hat keine Not, wenn eine Sense zu hart ist, da kann man abhelfen, schlimmer ist es, wenn sie zu weich ist. Und er brauchte die Leute auf Leinland jetzt nicht mehr, verdammt noch einmal! der Weg und alles ging jetzt, von selber seinen Gang. Aber als Anders dies eine Weile mit sich herumgetragen hatte, wußte er, wie die Sache stand: Per hatte die Kjersti haben wollen, er war bereits flügellahm geschossen! Trotzdem wurde Hochzeit gefeiert, und noch dazu eine, die von sich reden machte. Das war ein großes Fest für Anders. Er mochte es so gern, wenn er Leute zu sich einladen konnte, und namentlich, wenn er ihnen etwas Ordentliches vorsetzen konnte. Jetzt wie auch sonst immer waren es in der Hauptsache junge Leute, die nach Haaberg kamen; und Anders legte sich ins Zeug, er tanzte die jungen Leute zwei Nächte und einen Tag lang aus dem Kreis hinaus. »Jetzt hast du wohl bald genug«, sagte Massi – sie war am ersten Abend schon erschöpft. »Ja, es ist eine Schande, Massi, daß ich nicht alt werden kann. Ich werde eher jünger und jünger mit jedem Tag.« Halb ratlos fuhr er sich durchs Haar; denn es war so, wie er sagte … Und wahrhaftig, er hatte das Richtige getroffen mit dieser Heirat. Per tanzte so leichtfüßig, wie ein Bräutigam nur tanzen konnte, und die Braut schien manchmal rein wie außer sich, so lebendig und ausgelassen war sie; und wie zwei Kletten hingen sie aneinander. Anders war beinahe so betrunken, wie er nur überhaupt sein konnte; aber er sah, was er sehen wollte; seine Blicke folgten ihnen durch die ganze Stube hin. – – »Die hat den Teufel im Leib!« sagte er. Mitten drin stellt er sich vor Massi hin, draußen in der Weststube, wo die alten Leute saßen. »Es geht ganz leidlich, Massi!« sagte er jedesmal. Und er legte viel Sinn in diese Worte. Sie taten ihr Bestes und tranken alle soviel sie nur konnten auf dieser Hochzeit; aber nicht allen bekam das gut. Französischer Branntwein war gut zu trinken; aber man durfte sich nicht zu lange damit abgeben. Hall Grönset stolperte am zweiten Tag über die Scheunenbrücke hinaus, kopfüber, und unten war es vereist und steinig. Er blieb ruhig dort liegen. Das Blut sickerte über das Eis, und die Weiber sammelten sich im Kreis um ihn und jammerten. Auch Gjartru kam dorthin. Sie schob die Leute zur Seite, kniete nieder, legte seinen Kopf in ihren Schoß und wischte mit der flachen Hand das Blut von der Wunde. Er blickt auf, mitten in der Trunkenheit, erkennt sie und lächelt, und sie lächelt zurück – genau so war es damals, als sie einander auf dem Weg begegneten, da sie noch Kinder waren, sie erinnerten sich alle beide daran. Aber er verlor bald wieder das Bewußtsein, und sie blickte hilfesuchend um sich. Da sah sie den Vater, und ihm rief sie zu: »Kommt und helft mir ein wenig, Vater!« Er kam, und sie zeigte ihm, wie es um Hall stand. »Hebt ihn auf und tragt ihn hinein, ich bitte Euch!« bat sie, und Anders beugt sich nieder und hebt ihn auf, trägt ihn über den Hofplatz und in die Kammer hinein, mitten durch die Gästeschar; Gjartru kommt nach und trägt seine Mütze. – »Da kommt einer, der hinuntergestolpert ist«, sagte er. Und als er wieder hinausging, fügte er hinzu: »Es kommt allerlei vor an so einem Freudentag.« Gjartru begegnete ihm im Gang, sie wollte Wasser hineintragen. Ihre Blicke verfingen sich ineinander, nur ganz kurz, und sie bekamen beide das gleiche Lächeln. Er strich ihr über das Haar: »Du sollst ihn haben, in Gottes Namen. Ich sage nicht nein an so einem Freudentag.« Am Morgen des dritten Tages konnte Jens nicht mehr auf den Beinen stehen; sie mußten ihn in den Dachraum hinaufschaffen. Er führte sich wild auf und schlug um sich, so daß sie rings um ihn hinfielen. Anders kam hinzu und trug ihn hinauf. – Als Jens den ärgsten Rausch ausgeschlafen hatte, nahm der Vater sich ihn vor und hielt ihm eine Predigt, wie er es nannte. Der Junge war weich wie ein Weidenzweig, und Anders gab sich zufrieden. Immer wieder, so oft er Zeit fand, schaute er sich nach Aasel von Paalsnese um, bahnte sich einen Weg durch die Menge, er hätte das Mädchen so gern gesehen, wenn nicht noch mehr. Erst spät bekam er sie zu fassen und war mit ihr allein. »Du bist bleich, meine ich?« sagte er. Sie sah ihn in heller Verwunderung an, mit den großen, ernsthaften Augen. »Ist es langweilig auf Paalsnese? Kannst du's am Ende nicht aushalten dort? Nein, wahrhaftig, ich glaube gar, du tanzt nicht einmal?« Doch ja, sie hatte schon getanzt. Anders drückte die Türe noch einmal fest zu, denn sie waren in der Kammer. »Jetzt mußt du mir eines sagen, Aasel: Was ist denn mit dir und dem Hans drüben auf dem andern Paalsneshof geworden? Ich weiß, daß ihr einmal verlobt wart.« Aasel wurde nicht einmal rot. Ruhig hob sie die Augen zu ihm auf: »Es ist Schluß damit jetzt.« Anders fragte scharf: »Hat er dich zum Narren gehalten, der Lump?« »Nein, Vater. Aber er wollte nicht mehr länger warten. Und das kann man ihm nicht verdenken.« »Länger warten?« »Ja, Ihr wißt doch, ich habe der Muhme versprochen, nicht zu heiraten, solange sie lebt.« »Hm – hm – hm! – – Hat sie denn nicht so viel Vernunft, daß sie endlich einmal stirbt? – – Du mußt jetzt heimkommen, Aasel!« »Nein, seid Ihr nicht recht bei Trost. Wenn ich es ihr doch versprochen habe! Nein, das will ich nicht, Vater!« »Hm.« Anders ging. Auf Leute dieser Art verstand er sich nicht. Um die war es ein Jammer. Er mußte hinübergehen und einen Schnaps trinken und darauf tanzen, um es wieder loszuwerden. Die ganze Zeit war Anders umhergegangen und hatte gefunden, daß er noch nicht zu leben angefangen habe. Das lag noch vor ihm und schimmerte. Jetzt war er nahe daran. In diesen Tagen lebte er doppelt im Vergleich zu früher. Oh, er sah vieles klar, wenn er so über den Boden hinfegte, ein Ding neben dem andern wachte in ihm auf, sah ihn wie einen alten Bekannten an. Ja freilich, Lensmann, das sollte der Per sein, er, der ein rechtschaffener Kerl war, man wollte doch nicht sein Lebtag lang hier bleiben und Juwiking sein? – Und was wurde aus Brede, dem Knecht? Und aus der Beret? Er ließ das Mädchen los, mit dem er getanzt hatte, und ging durch die Menge hinaus. Ob jemand den Brede gesehen habe? Nein, schon seit einer Weile nicht mehr. Beret fand er, und sie meinte, Brede sei hinausgegangen, um nach den Pferden zu sehen – sie ging sogar mit und wollte ihn suchen helfen. Er war bei den Pferden. Anders schlug ihm hart auf die Schulter, als wäre er irgendein anderer Bauer: Nun sei er zehn Jahre lang hier gewesen. Nicht wahr? – Ja, das stimme. – Ja, und jetzt wolle Anders fragen und eine Antwort darauf haben: Denke er denn gar nicht daran, sich zu verheiraten? He? »Ja, ich weiß nicht recht, wie ich's damit halten soll.« »Willst du meine Tochter haben, oder willst du nicht?« Brede schaute um sich und wurde Beret gewahr, sie stand gleich vor der Tür und hatte jedes Wort gehört. »Ja? Was sagst du? Ich meine, das ist keine schlechte Sache! Aber du hast sie ja auch verdient.« Brede war ein ruhiger Mann. Er kratzte sich im Nacken und kniff das eine Auge zu. Nun stand das Mädchen draußen und hörte zu – er mußte ja fast ja sagen, auch wenn er nicht wollte. Und daß der Anders selber kam, das war so ganz wie aus allen Wolken. »Das Heu muß doch nicht gleich naß unter Dach«, meinte er, »man muß sich so etwas schon überlegen. Denn man muß doch auch wissen, wovon man leben soll? Es steht doch Strafe darauf, wenn man Weib und Rinder verhungern läßt, oder?« Hm – hm! Das war kein Dummkopf, der so dachte. Anders bat Beret, näherzukommen. – Er habe sich heute abend etwas ausgedacht: Grönsetvika. Das war jetzt zu kaufen. Und drüben auf Bogen, gerade gegenüber, da standen nun große Dinge zu erwarten, man redete von einer Säge, einem Haufen Arbeiter – an die könnten sie in Grönsetvika die Milch verkaufen und noch anderes; da konnte man leben. – »Ja, was sagt ihr dazu, ihr zwei? Mich geht es ja nichts an – ich habe nur gerade so daran denken müssen.« Beret war so rot geworden, wie sie nur konnte, und auch Brede war nicht blaß. »Ja, schau, sie will mich vielleicht gar nicht haben?« sagte Brede. Da ging Anders fort. Das war wirklich ihre eigene Sache. Es war nun schon zwei Jahre her, seit Anders dahintergekommen war, daß die beiden etwas miteinander hatten. Er hörte, wie Beret Brede bat, ihr bei einem schweren Zuber zu helfen. »Du wirst mir doch den Gefallen gerne tun«, sagte sie. – »Ja, wenn ich heute nacht bei dir liegen darf.« – »Wenn du dich ordentlich aufführen willst –« »Herrgott, ich will so still liegen wie ein Brecheisen.« – »Das war mir ein kalter Bettkamerad«, lachte sie – es war fast das erstemal, daß Anders sie lachen hörte. – Und jetzt war das in Ordnung. Er hielt das Leben jetzt zwischen seinen Fingern, oder wie er es nennen wollte; es war so wunderbar lustig. Jetzt spielte der Ola drinnen. Anders stand eine Weile da und hörte zu. Puh! sagte er und hob die Schultern, wo hatte nur der Junge diese Weisen her? Nein, das wußte keiner zu sagen. »Du bringst mich noch um, Ola, mit deinem Gewinsel – hast du nicht etwas Lustiges? Etwas, das einen aufkratzt?« Ola war immer noch gleich rund im Gesicht; er zog einen langen, schneidenden Ton aus der Ziehharmonika und lächelte vor sich hin: »Sing von der Sonne, wie ich, sagte die Krähe zur Eule, denn das ist gar so schön, sagte sie.« – – – Eine Sache hatte die jungen Leute im Anfang etwas bedrückt: daß Petter Lines umgekommen war. Hall war allein wiedergekehrt. Sie hatten nachts im Kajütboot draußen geschlafen, da war Petter aufgestanden und wollte nach der Vertäuung sehen, so glaubte Hall wenigstens; und er kam nie wieder, wurde nicht mehr gesehen, soviel sie auch suchten und forschten. Er mußte kopfüber ins Wasser gestürzt sein im Dunkeln. – Wie es wohl die Kjersti nehmen würde? Keiner wußte etwas davon; aber sie konnten es alle deutlich sehen, wie es um sie stand. Gjartru mußte sich beinah zu Bett legen, als sie hörte, was sich zugetragen hatte. Und nun packte sie Hall ein paarmal am Arm und sagte, er dürfe nie wieder aufs Meer hinaus. Auch Oheim Petter versuchte seinen Schatten auf diese Hochzeit zu werfen. In seinen alten Kleidern, geflickt und zerfetzt, kam er mitten in die Festlichkeit herein, das Gesicht vom Bart überwuchert, daß es ein Grauen war. Aber Anders wußte sich zu helfen. Er trank so lange mit ihm, bis er ihn ins Bett tragen konnte. Als Petter dann später wieder aufstand, hatte es keine Gefahr mehr, da gab es keinen mehr, der dies noch sah . Es fehlte noch viel dazu, daß Anders glücklich war. Aber er war auf dem Weg. »Es geht ganz leidlich, Massi«, sagte er wieder zu ihr, als die Gäste fortgefahren waren. »Es geht gut !« 4 Gegen Ende Februar fuhren die Leute auf den Fischfang. Ola Haaberg ging an Stelle von Petter Lines mit, auf dem gleichen Boot, auf dem Hall Bootsführer war. Gjartru hatte sich zusammengenommen und hatte Hall fortfahren lassen; die Schande durfte er doch nicht auf sich sitzen lassen, daß er daheim blieb, wenn die anderen fortfuhren. Und der Vater war eines Tages so seltsam zu ihr gewesen und hatte sie getröstet, als wisse er, wie schwer ihr zumute war. – »Es will uns nur gut, eine Zeitlang«, hatte er gesagt, und diese Worte hatten so wohlgetan. Eines Nachts, es war nicht lange, nachdem die anderen fortgefahren waren, erwacht sie und setzt sich lauschend auf. Da knackt es an der Wand bei ihr, dreimal, weit entfernt gleichsam, aber doch an der Wand, und es galt ihr. Dann hört man wieder nur den Wind, der heult und lacht. – »Aber Herr du mein Gott, ist es denn wirklich wahr?« jammerte sie in sich hinein. – »Ist es denn wirklich wahr?« Sie sah Beret an, die dalag und schlief, den Arm über die Augen gelegt; der Mondschein strahlte ruhig über sie hin, und Gjartru wußte nicht, ob sie glauben durfte, was sie sah; vielleicht saß sie hier und träumte. Da stand sie auf und zog sich an und ging hinunter. – »Du kannst schlafen, Beret«, murmelte sie; »denn der Brede ist daheim.« Wankend kam sie in die Stube hinunter. Das Schneetreiben stürmte gegen das Fenster, in blindem und lustigem Tanz; dazwischen leuchtete der Mond gelb hervor; er war so fremd, daß es in ihr brannte. Aber die Luft in der Stube beruhigte sie, jetzt wie immer, diese wohlbekannte gute Luft, in der noch die Kindheit und das Glück hingen. Die Uhr stand drüben in ihrem Schrank und ging und ging, wie ein närrischer Mensch. Gjartru tappte zur Kammertüre hin, hörte die drinnen schlafen und stand eine Weile mit der Hand auf der Klinke da. Dann mußte sie trotzdem zu ihnen hinein. Massi wachte sofort auf und sagte: »Um Gottes willen?« Und Anders fragte aus dem Schlaf heraus, was los sei. »Vater, er hat sich angemeldet, vom Meer!« »Was?« Sie sank bei ihnen auf den Bettrand nieder und ergriff die Hand der Mutter, denn Massi lag ihr zunächst; im Taumel drückte sie hart zu: »Es hat an der Wand geklopft, könnt ihr denn nicht hören – das ist der Hall!« »Ach Unsinn«, meinte Massi, »es war nur der Wind.« Gjartru saß da und kroch in sich zusammen. – »Ach nein – es war nicht der Wind.« Sie wußte, wer es war. Er hatte sie angerührt, während sie schlief, sie mußte ihn doch wohl kennen. » Könnt ihr nicht – – gibt es denn nicht – – « Anders stand auf und machte in der Stube Licht. Massi kam nach. Immer wieder überfiel der Sturm das Haus und schüttelte es durch und durch, ließ es los und packte es wieder an; er kam vom Meer, es war der Nordwind. Das Schneetreiben zischte gegen die Scheiben wie ein rohes und böses Lachen. »Du machst dir nur selber was vor, Kind!« tröstete Massi. – »Um diese Zeit und bei solchem Wetter sind sie doch nicht draußen« – sie schaute nach dem Mond und nach den Sternen, dachte gar nicht daran, auf die Uhr zu sehen. Es war bald Mitternacht! Gjartru saß da und wimmerte leise. Anders sagte nichts. »Und dann wäre es doch wohl eher der Ola!« seufzte Massi. Aber, wie gesagt, sie waren bei solchem Wetter nicht auf dem Meer draußen. »Die Botschaft braucht ja auch ihre Zeit, bis sie herkommt«. Gjartru seufzte es vor sich hin. »Ja, mag sein«, sagte Anders. »Wir müssen warten und sehen. Wir müssen warten und sehen, Gjartru. Aber willst du nicht versuchen, dich dort auf die Bank hinzulegen, was meinst du?« Er fragte so behutsam wie er nur konnte und legte die Hand auf ihren Arm. Sie gehorchte ihm, und die beiden gingen wieder in die Kammer zurück; aber sie ließen die Türe offen stehen. Am nächsten Tag ging Gjartru wie ein Schatten umher. Keiner sagte etwas zu ihr. Am Tag darauf kam Ola heim. Gjartru sah ihn als erste. Sie sagte kein Wort, setzte sich nur still hin und blieb sitzen, während er erzählte, wie es zugegangen war. Sie seien so lange auf dem Meer draußen gewesen, der Sturm habe sie überfallen und sie hinausgetrieben. Und als sie endlich trotzdem mit Mühe und Not unter die äußerste Schäre gekommen waren, waren sie so erschöpft, daß sie nicht um Armeslänge mehr weiterrudern konnten; da stellten sie den Mast auf und setzten das Segel, dachten, sie könnten sich vielleicht in eine Bucht retten. »War es der Hall, der das wollte?« fragte Gjartru, sie hatte Ola bisher nicht angesehen. »Er war ja schließlich der Bootsführer, ja«, sagte Ola, er schlug die Augen nieder. »Kamen noch mehr um als er?« »Nein, wir konnten uns auf den Kiel retten. Und dann kam ein doppeltbemanntes Boot und barg uns.« »Ist nun dein Wille geschehen!« schrie Gjartru auf, es war gleichsam, als rufe sie es dem Herrgott ins Gesicht. Damit ging sie in den Dachraum hinauf. Am Abend kam der Vater zu ihr hinauf und sah sich nach ihr um. Sie lag zu einem Bündel zusammengekrümmt auf dem Bett. Er stand lange da und sagte nichts. Dann war er schon im Begriff wieder hinunterzutappen. »Ich weiß, wie es ist«, sagte er vor sich hin. »Hier hilft es nichts, etwas zu sagen, nein.« Da blickte sie wirklich auf. Es durchrieselte sie warm, daß der Vater es so auffaßte, es war wie eine Qual und eine Freude zu gleicher Zeit. – »Es wird schon wieder vergehen«, meinte sie. Er wandte sich ihr froh zu: »Das tut es, Kind. Das tut es. Aber trotzdem.« Und dann fügte er hinzu, daß es für ihn nicht so ganz unerwartet gekommen sei. Damals im Herbst, als Petter Lines umkam, da schlüpfte Hall noch einmal durch; aber er hätte nie wieder aufs Meer hinaus dürfen. – »Aber warum hast du es ihm denn nicht gesagt?« Sie blickte ihn an, daß es brannte, es war noch weit bis zum Weinen, das merkte er. Anders fuhr sich verwirrt übers Gesicht: – »Ja, wer kann das wissen. Es mußte wohl so kommen. Es mußte so kommen, Gjartru.« Sie senkte den Kopf bei diesen Worten. Aber sie lebte wieder auf, Anders dünkte es, er spüre einen Hauch des gleichen schmerzlichen Glückes, das jetzt in ihren Augen brannte: »Der Hall wäre ja trotzdem fortgefahren, er!« »Ja, darauf kannst du dich verlassen, Gjartru, er war keiner von denen , nein. Er wußte, wenn die Zeit da ist, dann hilft eben alles nichts. Und seinem Tode wäre er doch nicht davongelaufen.« Da endlich löste sich in ihr das Weinen, und sie drehte sich der Wand zu und gab nach. Anders stand still da, wagte kaum zu atmen. Nun würde sie wohl über das Schlimmste hinweg sein, ja. Aber es dauerte nicht lange, dann wandte sie sich ihm wieder zu, so ruhig und so seltsam, daß es ihn traf: »Jetzt hat der Herrgott doch wohl seinen Willen! Jetzt, da er ihn mir genommen hat.« Anders lächelte, gleichsam als habe er etwas gehört, das auch ihm bekannt war. – »Ja, ja«, sagte er. »Aber man soll nicht lästern, so sehr es einen auch danach gelüsten könnte. Halt dich an den Herrgott, du!« bat er leise. »Das habe ich getan, und damit steht man sich auf die Dauer am besten.« »Denn er weiß am besten, wie er steuern muß«, sagte er vor sich hin, als er hinunterging. »Wenn er will . Ja, wir sind alle miteinander nur Kinder gegen ihn, ja, ja!« Er schämte sich ein wenig dafür, aber doch dünkte ihn, es sei ihm ein Stein vom Herzen gefallen. Jetzt lag die ganze Zukunft wieder klar und hell vor Gjartru; aus ihr konnte noch etwas werden. Er fuhr mit der flachen Hand über das Treppengeländer, während er hinunterstieg; er war so sicher, gleichsam als habe er jetzt das Lebensglück selber zu fassen bekommen. – Nein, aber es will mir jetzt wohl. Und die Gjartru, die verträgt mehr als nur das. Am Tag darauf zog Anders sich an und ging zum Pfarrer. Eigentlich hatte er zur Kirche gehen wollen, er hätte schon längst sich nach der Arbeit dort umschauen sollen, seit Wochen schon hatte ihn dies geplagt; denn wenn der Petter der Lump war, wie er fürchtete, dann mochte der Geschwänzte wissen, wie die Arbeit getan worden war. Und sie sollte doch gut getan sein. »Das hat der Herrgott um mich verdient.« Aber zuerst trieb es ihn zum Pfarrer hinein, wie er es schon die ganze Zeit gewußt hatte. Er müsse mit ihm unter vier Augen reden, und sie gingen in sein Arbeitszimmer. Er wolle sein Anliegen kurz und bündig vorbringen, sagte Anders – denn solchen Leuten mußte man ohne Umschweife entgegentreten, das hatte er erfahren, und er war nahe daran, dies zu sagen. – Ja, er habe einen Sohn, der so ähnlich wie Jens heiße. Ein Unband und ein Tollkopf. – Ein prächtiger Bub, soviel der Pfarrer wußte. – »Ja, freilich, daran fehlt es nicht; aber auch ein übermütiger Kerl, wie gesagt, er trinkt und rauft wie sich's trifft; aber das liegt uns wohl so im Blut, wenn wir jung sind.« – Aus ihm würde schon noch einmal ein tüchtiger Mensch werden. – Ja, ja, da hatte der Pfarrer wohl recht – es tat gut, mit vernünftigen Leuten zu reden; mit Männern. Und nun habe der Pfarrer eine Tochter – »Viele!« warf der Pfarrer ein. Aber er war nicht zu durchschauen. Ja, aber da sei eine, die heiße Ragna; die sei es besonders, sie, die ein wenig rundlich sei – die doch auch etwas aushalte. Sie sei gerade die Rechte für den Jens. Und Jens passe zu ihr. Denn in Jens stecke ein guter Kern, darin habe der Pfarrer vollkommen recht; wenn er einmal eine Hand fand, die ihn ein wenig im Zaum hielt. Der Pfarrer betrachtete seine Finger und schaute dann in die Luft. Er war jetzt ein wenig rot geworden. – »So etwas sollte man doch am besten die jungen Leute selber ausmachen lassen«, meinte er. Anders sah den Pfarrer ruhig an: »Das tust du nun auch nicht immer, Pastor!« Der Pfarrer verneigte sich, ein ganz klein wenig, und dies dünkte Anders eine feine Antwort. Er lächelte: »Eines mußt du mir versprechen, trotzdem, alter Bekanntschaft zuliebe!« »Ja–a, du weißt –« »Daß du mit der Pfarrersfrau darüber reden willst. Dann glaube ich, daß die Jungen selber zurechtkommen, ja. Erzähle ihr, daß der Jens Kaufmann und bald ein großer Mann sein wird, daß ich dafür einstehen will, das mußt du sagen!« »Schau, schau!« der Pfarrer blickte Anders mit kleinen Augen an, schlau, aber doch erstaunt. »Du hast den Kopf voller Pläne wie gewöhnlich, mein guter Anders.« Anders erhob sich; er richtete sich seiner ganzen Länge nach auf und fuhr sich über den Bart. »Ich will dir etwas sagen, Pfarrer: Ich habe gegenwärtig das Glück auf meiner Seite; ich habe Luft unter den Schwingen, das kannst du dir gar nicht so richtig vorstellen!« Einen Augenblick stand er so da und überlegte, und dann erzählte er die Sache mit Gjartru und Hall. – »Er schlug hart, diesmal, der Herrgott«, fügte er hinzu. »Aber es war nur zum Guten.« Ruhig richtete er seinen Blick auf den Pfarrer: »Du sollst auch ein wenig auf diesen Mann vertrauen, du auch; dabei würdest du dich gut stehen.« »Aber das tue ich ja, soweit meine schwachen Kräfte zureichen.« »Das tust du wohl, ja. Soweit deine schwachen Kräfte zureichen, ja. Und leb wohl jetzt – und vergiß nicht, um was ich dich gebeten habe. Sie soll es galant haben, das Mädchen, wenn sie einmal zu uns kommt, richte das deiner Frau aus.« Der Pfarrer streckte ihm die Hand hin, und Anders verachtete dies nicht. »Ich meine, du solltest die ganze Gemeinde leiten, du Anders, was?« »O nein, woher doch! Nein . Da müßt ich ja mit diesen Wölfen heulen. Nein, Gott sei Dank! – – Aber der Per, mit dem wäre es etwas anderes. Wir werden ja sehen. Oder der Jens. Einer von ihnen wird es werden, das ist sicher.« Er ging noch einen Sprung zur Kirche hinunter, kratzte ein wenig an der Farbe herum und blickte an der Wand hinauf, aber er wurde nicht klüger davon. Er mußte eine Leiter haben, wenn er etwas erfahren wollte, denn unten war es natürlich auf jeden Fall in Ordnung. Aber er hatte gewonnen! »Unsere Kinder«, würde er einmal mit den Pfarrersleuten sagen. Ja–ha. Damit schob er den Gedanken von sich, es schmeckte nicht, ihn zu lange auf der Zunge zu haben. – »Wein nur nicht, du, Gjartru!« murmelte er. »Es wird schon wieder vergehen. Deine Zeit kommt schon auch noch, Kind.« Auf dem Kirchturm oben und wieder unten auf der Erde 1 Aber Anders vergaß die Kirche nicht, und eines schönen Tages war er wieder dort. Diesmal redete er nicht mit dem Pfarrer, er ließ sich vom Großknecht eine Leiter leihen und kletterte an der Kirchenwand hinauf, bis er in einer Höhe mit dem oberen Fensterrahmen war, und noch ein bißchen darüber. Da drückte er den Daumennagel in die Farbe. Sie war weich wie Teig. Er machte diese Probe rings um die Kirche, und überall war es das gleiche. »Heringslauge und kein Tran!« urteilte er. Nun konnte ja der Anstrich trotzdem taugen, obwohl es sich nur schlecht für eine Kirche ziemte; aber es war noch eine andere Pfuscherei im Spiel. »Kreide und Dreck«, sagte er und schleuderte die Leiter weg. Zog dann das Messer heraus und untersuchte die Farbe unterhalb des Fensters: hier schälte sich die Farbe ab wie Schuppen. Er schüttelte den Kopf und stand mit hängenden Armen da: »Nein, so ein verdammter Hund!« Da war es ihm zum erstenmal, als sehe er nicht recht. Es hatte sich solch ein heller Nebel vor die Augen gelegt. Wohl verschwand er wieder, aber Anders zweifelte daran, ob er noch so gut sah, wie er sollte. Ja, ja, es war so; bei den Juwikingern ließen die Augen schon früh nach. Aber er mußte noch auf den Turm hinauf. Er holte sich den Schlüssel und stieg die Turmtreppe hinauf und durch die Luke hinaus, stand dort eine Weile und holte Atem, denn es war verdammt hoch hier oben, und dann setzte er den Fuß auf den ersten Haken. Petter hatte neue Eisenhaken eingeschlagen, an denen man hinaufsteigen konnte. Anders stieg langsam aufwärts und rüttelte vorher an jedem Haken, denn er war ein vorbedachter Mann. Sie hielten fest; man konnte sicher hinaufsteigen. Plötzlich aber hielt er den einen Haken lose in der Hand, und Anders war einen Augenblick nahe daran, rücklings hinunterzustürzen. Der Haken war schlecht und verrostet und war hin und her gebogen worden, so daß er nur noch so einigermaßen festhielt. – Anders stand da und sah ihn sich genau an. Dann steckte er ihn in die Tasche und lächelte zum Kirchhof tief dort unten hinunter: O nein, hier soll ich noch nicht verfaulen! sagte das alte Weib, als es über das Grab stolperte. Ja, ja, und zu Petter hatte er gesagt, daß er eines Tages kommen und auf dem Turm nachschauen würde! Weiter als bis hierher sollte er nicht gelangen, nach Petters Berechnung. Nein, aber daß ich mich so rücklings zu Tode stürzen sollte, daran hatte er wohl doch nicht gedacht, tröstete Anders sich. Er ging in die Schmiede hinüber und machte sich einen neuen Haken zurecht, nahm die Axt mit und trieb ihn hinein. Dann stieg er wieder weiter hinauf, Haken für Haken. – O nein, Petter, mein Bruder, mir bist du doch noch nicht gewachsen. Das Blei war schlechter, als er geglaubt hatte. Obwohl er doch selbst unten in Vaagen gewesen war und eine Probe davon angesehen hatte. Es war dünn wie Laub und schlecht aufgelegt, soweit er es sehen konnte, keine Platte ragte breiter über die andere hinaus als das Schwarze unterm Nagel, da konnte wohl überall die Nässe eindringen. – Ja, aber auf mir lag ja so viel anderes in dieser Zeit, sagte er immer wieder vor sich hin. Anders kletterte bis ganz hinauf, bis er ganz oben stand und sich an der Wetterfahne festhielt. Es war seltsam, so dort zu stehen. Ein strahlender Sonnentag, ohne Kälte. Über allen Bergkuppen blaute es hoch und weiß, und hoch, hoch darüber zogen winzig kleine weiße Lämmerwolken; und der Fjord sah wie eine Glasscheibe aus, es war die Frühlingssehnsucht selber, die dort lag und schimmerte. Was war dies doch für ein Wintertag! Einen Hof nach dem anderen sah er liegen, zwischen Birkengesträuch und Felsen, der Weg zog sich schmal und winklig zwischen ihnen hin, hatte bei allen etwas zu tun, er schien Anders gleichsam wie ein altes Weib, das von einem Hof zu anderen wanderte. Und so schienen sie ihm alle, die dort weit und breit wohnten, kleine Weiber alle miteinander. Dort hinter dem Höhenzug lag Haaberg. Das war auch weiter keine große Herrlichkeit; ein paar Jahre noch, und dann würden sie hierherkommen. Aber es war doch die Gemeinde; und sie gehörte ihm. Und hier stand er. Jetzt wollte er hinuntersteigen und sich ein wenig damit zu schaffen machen, das und jenes vom Fleck rücken. Er wollte übrigens freundlich mit ihnen reden, sie im Guten nehmen, so wie Massi es wollte und sich von ihm erwartet hatte. Sie hatte es bisher umsonst erwartet. – Ach, ja, ja, es war seltsam, so hoch über ihnen allen zu stehen. »Zum Teufel noch einmal, ich will euch weit ins Land hinaus und bis ins Dovregebirge jagen, das will ich!« murrte er und machte sich daran, hinunterzusteigen. Jetzt hatte er Petter und den Handelsmann vor sich. »Das Haus Gottes, ihr Burschen – jetzt sollt ihr es mit mir zu tun bekommen!« Und beinahe hätte er sich dort unten zu Tode gestürzt. Petter war jetzt gefährlich geworden, und das war im Grunde gut. So konnte er ihn gründlich hinausjagen. Wie die Massi sagte: der Petter hätte nicht in der Gemeinde sein dürfen. Darüber war nicht mehr zu lachen. Sie hatte recht, wenn sie von ihrem Mann erwartete, daß er die Gemeinde vom Unkraut reinigte. Jetzt, da sich alles fügte, was er auch anfaßte. Jetzt, da seine Zeit gekommen war. Trotzdem ging er nicht zuerst nach Rönningan. Zuerst ging er heim und aß, und dann machte er sich auf den Weg nach Vaagen. Dort bekam er Hallstein unter vier Augen zu fassen. Stimmte es, daß Petter die Farbe hier gekauft hatte? wollte er wissen. – Ja, das stimmte wohl. – Und Blei? – Blei auch, ja. Der Handelsmann sah Anders gerade ins Gesicht, aber deswegen brauchte man noch nicht an der Türe kehrtzumachen. Anders sah ihn lange an: »Lauter Schund, Farbe und Blei, alles miteinander!« Anders wartete, aber der andere stand da, als wüßte er von nichts: Das war doch nicht wahr? – Anders überlegte. Er war schnurstracks hierhergekommen, um den Lumpen davonzujagen. Aber nun war der Lump vielleicht unschuldig? Es sah beinahe so aus. Jawohl, da mußte man nun sagen, daß es keine solche Eile habe. Denn der Jens konnte schließlich an einem anderen Ort seinen Handel anfangen – und dann hatte er ja auch noch nicht ganz ausgelernt? »Aber ob du nun den Petter betrogen hast oder nicht, so bist du doch auch mit daran schuld«, sagte er hart. »Du hättest auf ihn aufpassen sollen. Ich habe dich doch darum gebeten, oder nicht?« Hallstein räusperte sich und ließ die Blicke nach Schifferart über das Wasser hinschweifen. – Er sei kein Schafhirte, meinte er. Und wenn dünnes Blei verwendet worden sei, dann sei Anders auch nur dünnes Blei verrechnet worden, in den Büchern, fügte er hinzu. Da blitzte es in Anders' Gesicht auf, er sah den anderen mit kleinen hellen Augen an; aber fürs erste sagte er nichts. Die Stirne wurde ihm glühend rot. Erst als er einmal um die Häuser herumgegangen war, sich im Lager gut umgesehen und ein paar Worte mit Jens gesprochen hatte, kam er wieder zu dem Mann selbst. Jetzt erst war er in der richtigen Laune. Es wäre ja möglich, daß er kein Schafhirte sei, sagte er. Aber was man versprochen habe, das solle man auch halten. Und wenn sie von der Farbe und vom Blei und von solchen Sachen reden wollten, so glaube er allerlei in diesem Punkt. »Ist das eine Anklage?« fragte der Handelsmann, er richtete sich herausfordernd auf. »Das weiß ich nicht. Aber zum Frühjahr kannst du dein Bündel packen und dorthin zurückgehen, wo du hergekommen bist. Ich sag dir auf, verstehst du mich? Ja. Zum Frühjahr, zum Umzugstag. Nimm dein Bett und geh!« Der Handelsmann wurde nicht blaß; und Anders machte sich nichts daraus. Er wollte ihn los sein. Der Mann gehörte nicht hierher, und Gesindel hatten sie vorher schon selber genug. Wiederholt war Jens betrunken gewesen und unter dem Tisch gelegen, seit er hierhergekommen war, und Petter war ja beständig da – »Frag mich, was ich nicht weiß!« lächelte Anders vor sich hin. Er hatte es so deutlich gesehen, als er oben auf dem Turm stand, daß ein guter Geist mit ihm war und alles lenkte, so war es schon seit langem, und diese Hand war schwer . Jetzt sollte der Tropf aus der Gemeinde hinaus, und dann konnte Jens gleich anfangen; dann erst würde ein Mann aus dem Buben werden, und so war es ausgedacht. Anders nahm den Richtweg über den Fluß, den Hang hinauf und nach Rönningan, zu Petter. So obenauf wie im Turm oben fühlte er sich nicht, aber Petter sollte doch sein Teil bekommen, er würde ihn den gleichen Weg jagen wie den anderen. Das erwarteten sie sich von ihm. Er wollte die Leute sieben. Da begegnet er wahrhaftig dem Petter unterwegs. Es war ein weißgrauer und stiller Abend, mit schneeschwerem Himmel und einem Donnern vom Meer her, daß es in den Hügeln und Bergen rings um ihn hallte. Anders empfand es wie einen tiefen Ernst in sich, wie eine Warnung oder eine Erwartung. »Aller Augen warten auf dich«, schien es zu sagen. Und da kam Petter. Der arme Kerl schaut sich um, als wolle er einen Zeugen oder Hilfe suchen. – Sie bleiben alle beide stehen, und Petter grüßt. Gerade ihn habe er treffen wollen. – So? – Ja, denn er käme von der Kirche. Könne von ihr grüßen, von ihr und auch vom Turm. – Soso, war er heute schon dort gewesen? »Daß doch so ein Schuft aus dir werden mußte, Petter! Und noch dazu an Gottes Haus selber!« »Es war ja auch keine ordentliche Bezahlung, weder für dich noch für mich«, wagte sich Petter hervor. Anders mußte an den eisernen Haken oben am Turm denken, wollte aber nicht davon sprechen. »Erst sollst du Prügel haben, und dann sollst du aus der Gemeinde hinausgejagt werden, das war es, was ich dir sagen wollte!« Er stieß den Stock hart auf. Petter verstand, daß der Bruder jetzt gefährlich war. Er griff zu dem Mittel, auf das er sich verstand, und versuchte, sich mit Bosheit herauszuziehen. »Du solltest lieber schön mit mir reden, Anders, dann könnte es sein, daß ich dir etwas erzählte, was du nicht weißt. Und dann könnte ich stillschweigen, damit es nicht unter die Leute kommt. Aber wenn du das Unglück hast, daß du mich anrührst – – « »Ja, darauf kannst du dich verlassen!« Und damit hieb er ihm die Hand in den Nacken und schüttelte ihn, wie der Hund ein Stück Fell. Petter ward blau im Gesicht, und Anders grinste, denn der Kerl war nicht der Mühe wert, daß man ihn anfaßte. Eine böse kleine Blase, aber kein Geschwür. »Ja, jetzt wird der Per, dein Goldbub, kein Lensmann, daß du's weißt!« Petter sah den Bruder weißwütend an, er hätte ihn rücklings vom Turm hinunterwerfen können. »Weder Lensmann noch Bürgermeister, nein!« Anders gab es einen kleinen Stich. Der Teufel hatte seine Gedanken durch die blaue Luft hindurch gelesen. Trotzdem lachte er nur kalt und sah weg: »Du weißt ja überhaupt nichts, du, armer Lump.« Petter fing an zu gehen, er wollte ein wenig weiterkommen, aber Anders kam ihm nach, drohte ihm so lange mit dem Stock, bis Petter doch herausrücken mußte: Er wisse, daß Per das Geld von Petter Lines gestohlen habe. Alan hatte es daheim vermißt, und Petter hatte es nicht auf die Fahrt mitgenommen; das wußten sie, viele. – Auf Anders machte das keinen Eindruck, er stieß nur die Luft durch die Nase, und Petter mußte noch mit mehr herausrücken: Die Kjersti könne das Geld herzeigen. Per hatte es ihr gegeben. Und warum wohl, was meinte er? Wer war der Kindsvater, wußte Anders es? Warum ging Petter ins Wasser oder brannte durch? Die Leute wunderten sich. Er könnte es ihnen erzählen, er! Anders ließ den Stock sinken und stand da und schämte sich. Das war doch eine zu klägliche Lüge. Aber trotzdem, denn schließlich konnte es doch auch einem Schuldlosen schaden, so einem wie Per. »Ist die Kjersti geradeso erbärmlich wie du, muß ich schon fragen?« »Ja, darauf kannst du dich verlassen! Sie würde ihm am liebsten das Herz aus dem Leibe reißen.« Petter lief schon davon und rannte aus allen Kräften, er krümmte den Rücken wie die Geiß unterm Donnerschlag, und Anders lachte, daß er fast umfiel: »Wie der die Absätze hochwirft, so läuft die Sünde!« Er ging heim. Es war arg, einen einzigen Bruder zu haben, der nach armen Leuten und Hölle stank. Das war ein Unglück, wirklich. Aber nicht genug, um sich damit zu vergraben. Nein, er wollte ihn nicht fortjagen. Er fürchtete sich nicht. Er wollte es ertragen . 2 Am Tag darauf ging Anders umher und behielt Per im Auge. Er mußte mit ihm reden und am liebsten so, daß kein anderer es merkte. Per war, wie er zu sein pflegte, ruhig und ein wenig nachdenklich bei seiner Arbeit; bisweilen sah er zum Vater auf, wunderte sich und packte dann wieder an. – Er war zufrieden mit seiner Heirat, schien es. Er redete oft lange mit Marja, wenn sie allein waren, und manchmal brachte sie ihn zum Lachen. Dann lachte Anders mit, wenn er auch gleich kein Wort von dem gehört hatte, was sie sagten; er war sich dessen selber nicht bewußt. Mit Gjartru ging es auch besser, als man erwarten konnte. Sie blieb für sich allein, das wohl, saß den ganzen Tag im Dachraum oben und webte. Ab und zu wurde es still, der Webstuhl stand; dann saß sie wohl da, beugte sich über das Gewebe und verbarg das Gesicht und seufzte. Und Anders seufzte mit, auch dessen war er sich nicht bewußt; er sah sie so deutlich vor sich. Aber die Zeit verging und machte es leichter für sie, das merkte er. Und eine Absicht hatten sie ja wohl mit allem, jene, die lenkten, und hier war es noch dazu eine gute Absicht. Aber daß der Petter, der Nichtsnutz, seine Gedanken gelesen hatte, das ärgerte ihn mehr, als er sich selber eingestehen wollte. – Denn ich wäre nie ein Lensmann oder Bürgermeister in der Gemeinde geworden, sagte er. Ich war nicht von der Art. Wie ich's zum Pfarrer gesagt habe. Aber mit dem Per ist es etwas anderes. Er ist von einem anderen Schlag; er hat den Kopf dazu und die richtige Art. Ihn sollten sie bekommen. Dann war es für ihn selbst das gleiche. Und recht lange würde er es ja nicht mehr machen, der alte Lensmann. Anders hatte oft mit ihm gesprochen, und gut. Es schien nicht unmöglich. Per war bereits Flurzeuge und noch mehr. Wie tüchtig er im Schreiben war! So fein und zierlich schrieb er, daß man schönere Schnörkel und Striche nicht leicht finden konnte. Wäre er nur nicht solch ein Schaf gewesen! – Und da ging nun dieser armselige Kerl von einem Petter her und schwärzte einen in der ganzen Gemeinde an. Die Massi hatte recht: Er mußte weg! Gegen Abend kam Per ins Vorratshaus, als Anders dort war und etwas suchte. So konnte er oft kommen, ganz als wüßte er, daß man ihn treffen wollte. Anders fragte geradezu, ob Per das Geld von Petter Lines habe? Per schüttelte den Kopf und blickte nieder: Darüber wolle er nicht sprechen! War er denn ganz von Gott verlassen! Hatte er das Geld? Oder hatte er es nicht? »Darüber sag ich nichts. Denn das habe ich dem Petter versprochen.« Dann hatte die Kjersti es also bekommen? Dann hatte es wohl die Kjersti bekommen, hörte er denn nicht? Per schwieg, sah aber den Vater ratlos und kindlich an. Ja, jetzt müsse er heraus mit der Sprache, gleichgültig, was er versprochen habe oder nicht. »Nein, ein Wort ist ein Wort!« »Ja, aber du kannst für einen Dieb und noch etwas Schlimmeres angesehen werden. Du machst uns alle hin, Per!« »Das wird auch wieder vergehen. Mit der Zeit.« »Du Schafskopf!« Anders wurde die Stirn rot. Dann geschah es – Anders bekam eine neue Sprache, so daß Per aufblicken mußte: »Du, von dem ich mir so viel erwartet habe. Ich habe gedacht, du könntest Lensmann werden, ich. Und da müssen deine Knöpfe blank sein, Bub!« Per lächelte, als habe er ein Kind reden hören. Aber ob er wisse, fragte der Vater, daß man ihm auch noch Kjerstis Kind zur Last legen könne auf diese Weise? Denn die Leute sind schuftig, viele von ihnen. »Meinethalben, meinethalben!« murmelte Per. »Ich will nicht so hoch hinaus.« »Dummkopf, Dummkopf!« Anders ließ ihn stehen. Er fühlte das Bedürfnis, irgendwohin zu gehen und sich zu setzen; denn dies war etwas Fremdes und Seltsames, mit dem er nicht zurechtkommen konnte. Er wünschte, er wäre wieder oben auf dem Kirchturm. Dort hatte man Luft unter sich. Dort sah man, wo man anpacken mußte. Ja, und dort konnte man der ganzen Bande den Rücken kehren, wenn man Lust hatte. Er ging zu Massi hinein, wartete so lange, bis er mit ihr allein war, und erzählte alles, was er wußte. Sie sah ihn mit ihren guten Augen an; sie sah ihn an, aus ganzem Herzen. Massi konnte einen wieder zum Tag und zur Sonne zurückführen, es war so gut zu leben mit ihr. »Schaf!« sagte er. Aber Per war kein schlechtes Schaf, alles andere als das. Sie sollten noch Achtung vor ihm bekommen, wenn die Zeit da war. Und die Zeit, die kam wohl, Anders fühlte sich so reich, er konnte nicht daran zweifeln. Sie hatte gewiß den gleichen Gedanken gehabt wie er, denn sie legte die Hände ineinander und blickte weit vor sich hin; er sah, wie sie innerlich lächelte. »Laß den Per in Frieden, du. Er ist schon recht so wie er ist. Aber den Petter, den sollte man mit Hunden fortjagen.« Anders ging hinaus. Er murmelte noch einmal »Schaf« vor sich hin und fluchte ein wenig, aber im Grund wunderte er sich eigentlich nur über Per. Das mußte ein feines Uhrwerk sein, das. Es war nicht in Juwika geschmiedet worden. Er suchte seine Mütze hervor und ging geradeswegs nach Rönningan. Draußen herrschte Schneegestöber. Der Schnee kam so dicht, daß man kaum die Hand vor den Augen sehen konnte, die Welt war nur noch weiße Wolle, und es war nicht leicht für Anders, sich auf dem Weg zu halten. So kann bisweilen der Märzschnee kommen, und da gilt es dann, junge Augen zu haben. Als Anders gerade über den Hang hinaufkommt, holt er den Per ein, der auch auf dem Weg nach Süden ist; denn Anders war ziemlich rasch gegangen. Er begreift, wo der Bub hin will. »Geh heim, Per«, sagte er. »Ich werde mit dem Mädel reden, ich.« Denn es sei nicht der Mühe wert, daß die Leute ihn in dieser Gegend sähen, fügte er hinzu. Per blieb eine Weile stehen und überlegte, und dann kehrte er um. Es ging so, wie Anders es berechnet hatte, er traf nur die Kjersti an; Petter war um diese Zeit nie daheim. Sie trat aus dem Stall, im selben Augenblick, als er kam, und sie bot ihm frischgemolkene Milch an. – Danke, er wolle nichts haben. Da zuckte sie zusammen und sah zu ihm auf. Sie war dunkelhaarig, wie ihr Vater gewesen war, und groß und stark, aber bleich wie ein kränklicher Mensch, sie schlug die Augen nieder, sobald man ihr hineinschauen wollte. Es war nicht weit her mit ihr. Nein, er wolle nichts, als: Wie steht es mit dem Geld, leugne sie es, dann … Leugnen? daran hätte sie nie gedacht. Warum sollte sie das? »Das ist gut, das ist gut. Und jetzt kein Gerede mehr in der Gemeinde, daß der Per gerade so gut der Kindsvater sein könnte. Hast du gehört?« In ihre Augen kam ein böser Schimmer. Es wohnte mancherlei in ihr, das sah er. »Es wäre gut, wenn du es so einrichten könntest, daß ich meinen Bruder nicht aufs Meer hinauszujagen brauchte. Verstehst du mich jetzt?« »Ja, Herrgott, ich versteh dich!« warf sie hin. Er sah sehr wohl, was sie dachte, er fühlte es wie kleine Stiche von Gicht in einem Finger. Aber sie hatte jetzt Angst und würde von nun an die Wahrheit sagen, und so konnte er gehen. Aber stand sie nicht da und dachte an die Solvi und den Steinrutsch! Irgendeinen Unsinn, den der Petter ihr wahrscheinlich mit dem Löffel eingegeben hatte – wohl bekomm's! Alt und vergessen, beinahe schon nicht mehr wahr. Nur das war noch wahr daran, daß der Petter ein Mörder war! So deutlich hatte er dies nie vor sich gesehen. Er sagte es laut vor sich hin, als er sich in dem Schneetreiben vorwärts tastete: »Das darfst du nicht vergessen, Anders.« 3 Um diese Stunde war Petter auf dem Weg von Vaagen zur Kirche. Er war gründlich angeheitert, aber er hatte keine Mühe, auf dem Weg zu bleiben. Und schließlich kümmerte er sich auch gar nicht um den Weg, er ging lieber am Waldrand entlang; denn der Harsch trug einen überall. Von Zeit zu Zeit blieb er stehen und lauschte, und glaubte er jemand kommen zu hören, trat er vom Weg ab und hinter einen Baum oder einen Fels. Denn heute abend ging Petter auf Schleichwegen. Heute abend war er unsichtbar. Und morgen sollten sie keine Fährte von ihm finden. – Ich bin einen Tag zu spät daran, dachte er; denn der Anders war gestern bei der Kirche; aber es muß doch gehen. Von Zeit zu Zeit griff er sich nach der Brust, vorsichtig, als trüge er dort einen lebendigen kleinen Vogel. »Ihr werdet mir doch nicht naß werden?« redete er vor sich hin. Es war ein Bündel von diesen kleinen Spänen, wie sie der Landhändler hatte: man brauchte sie nur auf dem Hosenhintern oder auf einem anderen trockenen Fleck anzustreichen, dann fingen sie Feuer. Petter blieb unter einer buschigen Fichte stehen, holte einen von diesen Spänen heraus, strich ihn am Joppenfutter an und hielt die Hand schützend darüber. Das Holz brannte. »Das riecht nach Schwefel und Hölle«, lachte er, »da weiß man gleich, wozu sie bestimmt sind; diesmal habe ich das Glück auf meiner Seite.« Einige Zeit nach Anbruch der Nacht stand er bei der Kirche, nachdem er vorher gut um sich geblickt hatte. Es schneite noch ebenso dicht, sie konnten kaum die Augen aufmachen, wenn sie vors Haus hinaussahen. Und im übrigen schliefen sie wohl alle wie ein Stock, einer wie der andere. Einzig und allein der Petter nahm die Welt nicht so leicht. Er kroch unter die östliche Vorhalle, dort sah es wie in einer Rumpelkammer aus, und er zog eine Kiste mit Stroh hervor. Sie stand noch hier, seitdem die neuen Fensterscheiben eingesetzt worden waren. Er trug die Kiste zum Turm vor, brach dort einen Stein aus der Grundmauer, sie taugte nicht viel, und stopfte das Stroh unter den Holzboden hinein. Dann holte er aus jeder Tasche ein Bündel Hobelspäne heraus und legte sie in das Stroh, ging dann wieder zurück in die Ostvorhalle und suchte unter dem Gerümpel, bis er eine Kanne mit einem Rest Tran fand. Es war wie ein kleines Wunder oder ein Zeichen, daß er die hier im Sommer vergessen hatte. Den Tran schüttete er auf die Hobelspäne und das Stroh. Jetzt mußten die kleinen Dinger heraus, die Zündhölzer. Sie brannten, als seien sie gesegnet, und das Feuer flammte willig auf. Dann aber erstarb es. Petter wurde ganz nüchtern dabei. Er fühlte, daß er schwitzte, sicher war er krank, aber brennen sollte es und mußte es. Er machte ein kleines Loch in der Mauer gerade gegenüber dem ersten, und dann strich er wieder die Zündhölzer an und blies dazu. Und er gab nicht eher nach, als bis es auch wirklich brannte; das Feuer fraß rings um sich wie das Maul eines Ungeheuers. Seltsame kleine Erinnerungen durchliefen Petter, daß er nüchtern sei und an einem anderen Ort, wohl als kleiner Junge und daheim bei der Mutter. Denn das hier war ein Unglück. »Du hast mich nicht nur zum Mörder, sondern auch zum Brandstifter gemacht, du Anders«, winselte er. Aber früher war es nur seine Gutmütigkeit gewesen, die ihn dazu gebracht hatte – wie damals mit dem Steinrutsch: das meiste daran hatte er erst danach hinzugedichtet, um groß und dick damit zu tun. Das hier war etwas anderes – ach ja, wahrhaftig. Dann tröstete er sich selber und redete sich gut zu: »Du, Petter, du bist doch, verflucht noch einmal, ein echter alter Juwiking, du; du bist ein gefährlicher Kerl.« Aber dies verschlug nicht, nein; und es war gleichsam, als stünde einer hinter ihm und fache das Feuer an und sage: »Dummkopf, der du bist. Du weißt, daß du nur ein Auswurf bist. Aber ich will dir schon helfen!« Wild blies er in die Flammen, es mußte noch einmal so hell brennen, hier ging es um mehr als ums Leben. So, jetzt war er gerettet. Das Feuer hatte bald ein Loch in den Boden gefressen, es züngelte empor und fraß das Holz, als gäbe es nichts Besseres. »Jetzt, Anders, jetzt bist du gestern unvorsichtig gewesen mit dem Feuer; mit der häßlichen Pfeife, die du dir zugelegt hast. Diese Reise soll dir schlecht bekommen. Erst hast du mit der Farbe betrogen, das weiß ein jeder, der es nur wissen will. Und dann hast du die ganze Herrlichkeit angezündet; das werden sie bald herausbringen. Und dem Petter kann man nicht das geringste nachsagen, nein; nichts wegen der Arbeit und überhaupt wegen nichts. Du wirst es wohl merken , daß er hier unterwegs war – und so soll es auch sein. Trau dich nur nicht an mich heran, Anders; ich bin ein gefährlicher Kerl!« Plötzlich, wie er so hinter der Mauer im Schnee kniete, bekam er Angst. Es war jemand in der Nähe. Menschen waren nicht hier, es war die Kirche selbst und der Friedhof, die ihm Schrecken einjagten, und er lief davon, bis er weit weg war. Da hatte es schon zu schneien aufgehört, der Himmel war blank, und das Land lag weiß und friedlich ringsum. Und da kam seine Fährte hinter ihm hergesprungen. »Herrgott noch einmal!« sagte er, aber er machte sich nichts daraus, brach eine Jungföhre ab und schleifte sie hinter sich her und ging geradeswegs auf den Wald zu. Unter den Bäumen lag kein Schnee, und nun hielt er sich am Waldrand entlang, bis nach Vaagen, mit dem Besen hinter sich, und dann ging er auf dem Ebbestrand unterhalb des Flutstreifens. So etwas machte Spaß, er freute sich immer wieder. – – – Als die Leute vom Pfarrhof gewahr wurden, dass die Kirche brannte, stand sie bereits in hellen Flammen. Trotzdem kamen sie alle mit Eimern und Kübeln gerannt und schütteten Wasser oder Schnee ins Feuer. Es nieste nur dazu und saugte es ein. Viele waren bleich, und manche weinten. Und die Kirche brannte nieder. Der Knecht auf Haaberg war zufällig auf und vor dem Haus draußen und sah den Feuerschein überm Berg. Stolpernd rannte er ins Haus und schrie, daß irgendwo Feuer ausgebrochen sei, es müsse der Pfarrhof oder die Kirche in Flammen stehen. In einem Nu waren die Leute auf den Beinen, und Anders spannte das Pferd ein und fuhr aus Leibeskräften darauflos. Der Himmel überm Berg wechselte aus Feuriggelb in Dunkelrot, dort hinten ging es schlimm zu. Als Anders die Höhe erreicht hatte, lag die blanke Lohe vor ihm. Es brannte jetzt ruhig, nachdem das Dach eingestürzt war. Anders schien es fast, als lächle es ihm zu, daß er nun zu spät komme. Anders war wie vor den Kopf geschlagen. Der Herrgott ließ sein Haus mitten vor seinen Augen in Flammen aufgehen, wollte es nicht mehr haben, strich es aus, wie man irgendeine schmutzige Zeichnung auf einem Zaunpfosten auswischt. Er ging von einer Gruppe zur anderen. Erbost fragten sie untereinander, wer zuletzt bei der Kirche gewesen sei, ob es ein Raucher oder so einer gewesen sei, der würde sich verantworten müssen. Anders hörte es nur so obenhin; er dachte nur flüchtig daran, daß er keine Pfeife dabei gehabt habe, was ihn betraf; dann überfiel ihn der Gedanke an den Brand wieder, und er fühlte sich unrettbar allein und freundlos in der Welt. Erst als er auf dem Heimweg war, gingen sie ihm nach, ein paar Worte, die einer von den Männern gesagt hatte: Daß die Kirche gerade jetzt abbrennen mußte, da sie so schön gerichtet und ausgebessert war. Und die andern hatten zugestimmt. Ja, dachte Anders, das war mir ein schönes Ausbessern. Ich konnte mir ja wohl denken, daß der Herrgott das nicht für gute Ware nehmen würde. – Aber Anders ging das Ganze immer weniger und weniger an. Denn er hatte das Seine getan. Im Lauf des Tages mußte er rein stehenbleiben und vor sich hinlächeln: Jetzt war doch diese Schande aus der Welt geräumt. Keiner in der Gemeinde hatte erfahren, wie die Kirche gelästert worden war. Nein, das richtete sich nicht gegen Anders, das hier, nein. Das war eher wie eine Handreichung. Petter kam gegen Abend durch den Hof geschlendert, er hatte in Skarsvaagen etwas zu tun. Anders hielt ihn an und redete mit ihm wie mit einem anderen Menschen, so aufgeräumt war er. »Ja, jetzt ist also die Kirche abgebrannt; und rasch ist es gegangen noch dazu; ja, ja – wir haben sie wohl auch nicht gut genug behandelt.« Er sah Petter an wie in alten Tagen, stellte sich mit ihm auf eine Stufe. – Aber richtig, Petter sollte ja hinüber zu den Häuslerhöfen, da müsse er sich umschauen, wie es um eine stünde, die Daaret hieße; es solle schlecht dort gehen. Wenn es sehr schlimm sei, dann wolle er die Weiber hinübersenden – vielleicht kam es dann dazu, daß sie eines der Kinder zu sich nahmen, Petter sollte sich ein wenig umsehen. Und das wollte Petter auch tun. »Aber wie ist denn das Feuer ausgebrochen?« wunderte er sich. Das wußte Anders nicht, nein, er hatte nichts gehört. Später begriff er, daß Gift in Petters Worten gewesen war, ein paar Tropfen, aber sie waren nicht gefährlich, außer wenn sie in offene Wunden kamen, aber solche hatte Anders nicht. Ihm wurde ein wenig unbehaglich, als Per am Abend mit den gleichen Worten heimkam: Wenn nur nicht einer das Feuer mit seiner Pfeife angezündet hat, redeten die Leute. Anders tat, als höre er es nicht, aber es überlief ihn doch heiß. Jetzt erinnerte er sich, wie die Leute ihn angesehen hatten, als er herbeigestürzt kam. Hier gab es einen Kampf. Denn in letzter Zeit hatte er geraucht. Aber am nächsten Morgen kam die Neuigkeit zum Hof, daß eine Zigeunerbande, ein ganzes Boot voll, dagewesen und vom Pfarrhof fortgewesen worden sei, und die hatten gedroht, als sie abzogen. Und nun wußten also alle, wie es sich zugetragen hatte. Anders ging still hinaus, barhäuptig und in Hemdärmeln, stand draußen unter dem Winterhimmel und fühlte, wie die Luft Stirn und Kopf kühlte. Hätte er es vermocht, so hätte er dem Herrgott gedankt. Statt dessen brachte er es aber nur zu ein paar Tönen, die er vor sich hinpfiff, und dabei blickte er rings um sich, voller Erstaunen wie ein Kind. Nie hatte er die Berggipfel so leuchtend weiß gesehen, und nie hatte das Schneehuhn so laut gerufen; und jetzt war die beste Schneebahn, um den Dünger hinauszufahren. Petter kam nicht nach Haaberg herein. Er brachte es nicht über sich. Auch er hatte von dieser Zigeunerbande gehört und daß die Leute ihr die Schuld am Brande zuschoben. So war Anders also aus der Klemme, der Herrgott hatte ihn auch diesmal wieder darüber hinausgehoben, wie immer. Und nicht genug damit, Petter hatte ihm sogar noch einen großen Dienst damit erwiesen, daß er die Kirche angezündet hatte. Nun kam auch über die Arbeit nichts auf. Es konnte sogar das noch geschehen, ja, es würde sicher geschehen, so wahr Petter den Herrgott recht kannte: daß Anders eine neue Kirche bauen und sich damit bis über die ganze Gemeinde hinauf bauen konnte. Petter lachte; er fand, er lache wie der Leibhaftige selber: Du hast gut angezündet, Petter. Du hast wieder das Glück mit dir gehabt. Aber der Herrgott solle sich in acht nehmen: dieser sein Engel Gottes habe auch Kinder. An die mußte man doch einmal auf Schußnähe herankommen können. 4 Hallstein war leichter und schneller loszuwerden, als Anders erwartet hatte. Er litt wieder an Geldmangel, und so verkaufte er die ganze Herrlichkeit, und Jens erwarb sie. Mönnicken hatte sich auch aufgemacht, aber er kam zu spät. Anders war auf einen Kampf vorbereitet gewesen, aber daraus war nichts geworden; er hatte ein so seltsam warmes und leichtes Gefühl in der Brust: die Gemeinde nahm mit der Zeit immer mehr Vernunft an. Ihm waren die Leute doch am liebsten, wenn er im guten mit ihnen auskommen konnte. Aber es wehte nicht das ganze Jahr der gleiche Wind, das wußte Anders; er wußte so vieles. Er sah Per tagsüber oft kopfhängerisch herumgehen. Eines Tages nahm er ihn sich vor und fragte, ob es mit dem Jens schief gehe. Per gab sofort nach, als der Vater so Zugriff. – Man durfte sich nichts vormachen, Jens trank wie verrückt. Die Leute kamen willig zu ihm, um zu kaufen, aber meist war er betrunken und ließ alles gehen, wie es ging. – Da steckt wieder der Petter dahinter, meinte Anders. – So sieht es jedenfalls aus. – Weiß sie es, die Mutter? – Per wurde ein wenig rot, ja, sie wußte es. – »Aber taugst du denn nicht einmal so viel, Per, daß du – – hm!« Anders war groß, wie er so dastand. Er richtete sich auf, fühlte gleichsam ein Bedürfnis, sich größer zu wissen als Per und die meisten Leute. Aber er sagte nichts, bis Per seiner Wege gegangen war. »Jetzt soll es geschehen!« sagte er. »Und wenn ich dich ins salzige Meer schmeißen muß.« Ja, und was dann in Gottes Namen? Wo hatte er seine Augen gehabt? Wer war es denn, der die Kirche in Brand gesteckt hatte? Freilich war ihm einmal ein Verdacht durch den Kopf geflogen, aber jetzt erst sah ihm alles unverhüllt ins Gesicht. Jetzt aber war er auch stark genug, mochte kommen, was da wollte. Er mußte die Hände in die Taschen schieben, damit er den Leuten, denen er begegnete, nicht auf die Schulter klopfte – er konnte sie alle so gut leiden, und jetzt sollte es geschehen . Am Abend ging er zum Strand hinunter. Der Sturm kam vom Land her. Hügel und Felder waren kahl gefegt, und über den Mooren tanzten die Schneewirbel himmelhoch, jagten einander wie toll am Waldrand entlang. Vom Bergrücken wurde der Schneerauch flach hinausgepeitscht, als reite der Berg dem Sturm entgegen, daß ihm das Haar vom Kopfe gerissen wurde. Der Fjord jammerte zum Erbarmen, man konnte ihn jetzt am Abend so gut hören. Es war ein wildes Wetter. Es heulte und fluchte. Und fluchen, das tat auch der Anders. Er tat das so selten, denn man brauchte es nicht, wenn man stark genug war. Aber heute abend war es eine Sache für sich. Er wollte zuerst mit Jens sprechen, und so ging es denn zum letztenmal über den Hang hinüber. »Wenn er sich jetzt nur schnell aus dem Staub macht und das Maul hält«, seufzte er. »Wenn ich ihn nur nicht erschlage. Ein Jammer, daß der Petter schwarz werden mußte!« Aber es hatte wirklich seine Richtigkeit mit dem, was der Pfarrer auf der Kanzel sagte, damals, als die Kirche noch stand: daß man dem Leibhaftigen nur den kleinen Finger zu geben brauchte, dann nahm er sich den Rest schon selber. Jens war allein im Laden, zapfte Sirup von einer Tonne ab und gab dem Vater davon zu kosten. Dabei sah er ihn lustig an, bat ihn, sich auf den Tisch zu setzen, das sei der Ehrenplatz und Hochsitz, setz dich auf! hieß es hier, und nicht nieder. So so, sei er heute abend auch betrunken, sagte Anders und blieb stehen. Jetzt erst kam Jens dahinter, wie ernsthaft der Vater war; heute abend nützte es nichts, zu scherzen. Anders stand da und sah den Jungen sorgenvoll an. Er vergaß ganz, ihn sich ordentlich vorzunehmen. – »Ja, freilich«, sagte er, »hier ist es ja wohl einsam im schwärzesten Winter.« Da konnte man schon Lust auf einen Schnaps bekommen. Aber warum kam er denn nicht lieber heim, als daß er hier mit allem möglichen Lumpenpack herumzechte? »Ja, du weißt ja«, sagte Jens still. »Es ist eben so, immer.« Es war unmöglich, wenn der Vater es so nahm. – »Aber ich halte es auf die Dauer nicht aus, Vater!« »Doch, doch, das wirst du schon. Laß dir nur Zeit, du wirst schon sehen.« Anders strich sich über den Bart und seufzte, es war gleichsam, als seufze er vor lauter Kraft. »Nimm mir nicht jeden Glauben an dich, Jens. – Du brauchst Geld, ich weiß es. Das sollst du bekommen, ja. Mit der Zeit wenigstens. Du weißt wohl nicht, du, daß die Pfarrersleute dich zum Schwiegersohn haben wollen?« »Was du nicht sagst!« Jens machte ein merkwürdiges Gesicht. »Kommen sie etwa mit dem Schlitten und laden mich auf? Oder muß ich selber gehen?« »Führ dich danach auf, Jens. Dann will ich für dieses Mal nichts mehr sagen.« Jens schwieg und war einverstanden, und gleich darauf brach Anders auf. Jens war gerade kein großartiger Kerl, aber er verstand ihn doch so gut. Als sie vor der Türe standen, hörten sie, wie jemand schalt und schimpfte und einen anderen, der beim Bollwerk schlief, wachrütteln wollte. – Es sei Oheim Petter, der dort in seinem Boot schlafe, sagte Jens; und die andere sei sicher ein Häuslerweib, das ihn an Land heraufbringen wolle. »Soll ich ihn vielleicht nehmen und ins Haus tragen für heute abend?« meinte Jens. Anders knurrte nur zur Antwort, sagte gute Nacht und ging. Als er hörte, wie Jens die Türe zum Laden zumachte, wandte er sich um und schlich sich vorsichtig zum Wasser hinunter. Er stand hinter einem Schuppen, bis er sah, wie das Weib den Steig heraufkam und hinter den Häusern verschwand. Da ging er zum Bollwerk hinunter, griff suchend nach dem Tau von Petters Boot und zog dieses heran, stieg dann hinein und rüttelte den Petter. Petter lag im Vorschiff, auf dem Rücken, die Füße auf der vorderen Ruderbank. Das Gesicht war grünblaß, und der Mund stand offen. Er schlief wie ein Stein. Anders richtete sich gerade auf, sah über die Bucht hin. Eine Bö jagte die andere, kohlschwarz und mit weißem Schaum rasten die Wellen ins Meer hinaus. »Jetzt ist die Stunde gekommen«, sagte er. »Jetzt, Massi, wirst du sehen. Jetzt löse ich den Knoten. Dann mag der Herrgott das Fahrzeug lenken.« Und er murmelte leise und brennend heiß, es zischte, wie wenn Glut ins Wasser fällt: »Jetzt muß es sich zeigen, ob ich der Anders bin. Du warst Manns genug, um die Kirche anzuzünden. Ich bin Manns genug für mehr.« Er stieg wieder aus dem Boot und löste das Tau, stand da, die Hand um den Hintersteven gelegt, um das Boot hinauszuschieben, es hinsegeln zu lassen, wohin es Gott gefiel. Denn das war eine klare Sache und keine Sünde, und außerdem mußte es getan werden. Anders überlegte sich's genau und fand nichts, das ihn zurückhielt. Es war seit langem so abgemacht. »Los denn, in Gottes Namen! Solch ein Mörder, ein Brudermörder und ein Seelenmörder – nicht wahr, Massi! Der hier, der hat die Kirche angezündet!« Sie würde sich freuen, wenn er es ihr erzählte. Sie und sonst niemand sollte es wissen; sie , sie hatte Verstand genug. Und der Herrgott selber, der wußte alles miteinander. Aber es dauerte eine Weile. Er stand da und hielt den Steven fest, und der Wind kam Stoß auf Stoß und zerrte an dem Boot und fühlte, ob es los war; er hatte Lust darauf, wollte gleich damit fort. Anders brachte es nicht recht über sich, das Boot hinauszustoßen. Ein Traum zog an ihm vorbei, den er früher so oft geträumt hatte, immer wieder, seit er ein kleiner Junge war, daß er ums Leben springen sollte und man ihm die Fersensehne abgeschlagen oder einen Stein an den Fuß gebunden habe, er mußte laufen, aber er kam nicht vom Fleck. Jetzt war er wieder mitten drin, es war kein Traum; etwas in ihm war abgehauen, und der Herrgott saß wohl irgendwo und wußte, was es war. Anders dachte nach, ob er sich vor etwas fürchte. Vor nichts in der Welt – er hätte sein Lebtag lang einen schwarzen Hund in der Dunkelheit hinter sich wissen können, mochte er doch ins Gefängnis kommen! Nur seine Hände waren so schwach. Eine winzig kleine Erinnerung schwebte im Wind vor ihm her, trug einen Hauch alter Angst mit sich, ähnlich wie ein Stein, der von selbst ins Rollen kommt und seine Bestimmung erfüllt; dann war es wieder nur der Wind, der brauste, und die See, die unter dem Boot klatschte, all dies, was rings um einen war . »Warte noch ein wenig!« sagte er zu sich. »Warte doch nur!« Dann nahm er das Tau und legte es wieder um den Pfahl fest, kroch über den Steinwall zurück und zum Schuppen hinauf. »Man soll nie dastehen und überlegen, ehe man etwas tut«, knurrte er; »davon wird man nur alt und untauglich.« Der Wind schnitt ihm ins Gesicht, die Häuser standen zum Greifen nahe vor ihm, genau wie vorher; aber es war so seltsam, auf der Welt zu sein. Lange blieb er stehen. Er konnte es nicht überwinden, wurde immer wütender, und dann schüttelte er es ab und drohte ins Schneegestöber hinaus. »Nein, nein, so leicht sollt ihr mich nicht drankriegen, da soll was gut dafür sein. Auch diesmal hab ich mich herausgezogen!« Aber so ohne weiteres ließ sich dies doch nicht abschütteln: Da ging er nun und war zu weich gewesen. Nun mußte er nach Hause kriechen. Und es sich selber eingestehen. Das war das einzige, wozu er taugte. – – – Ein paar Tage später hörte er, daß der Lensmann gestorben sei. – »Ja, jetzt, Per, jetzt ist deine Zeit da«, sagte er, und dann machte er sich schön und fuhr zum Vogt: es waren zwei Meilen zu rudern. Und jetzt war es gut, daß man sich nicht mit irgend etwas Unklarem eingelassen hatte; es tat not, daß man den Leuten offen ins Gesicht schauen konnte. Am nächsten Tag kam er wieder zurück und konnte berichten, daß der Per die Geschäfte des Lensmannes besorgen dürfe, bis ein neuer eingesetzt werde. Und der Vogt war ein vernünftiger Mann. Wenn Per gut damit zurechtkam und wenn wirklich jedermann ihn haben wollte, dann durfte man wohl hoffen, daß er darin hängenbleiben würde. – »Und mit den Leuten, mit denen werde ich schon reden!« sagte Anders. Die ließen sich wohl herumkriegen. »Gar so darauf versessen bin ich ja nun gerade nicht«, meinte Per. Er stand da und biß sich auf die Lippe. »Ist das dein Dank, du?« »Du weißt, wenn es mit Rechten wäre, dann– –« »Mit Rechten? Ich werde dir recht geben, ich, du Dummkopf!« »Ja, ja, wenn du gar nicht anders willst.« Mehr sagte Per nicht, und auch nicht der Vater, und so mußte Per fort und die Sache übernehmen. Er war schon früher dort gewesen und hatte geholfen, so daß er ein wenig Bescheid wußte. Es war eine Arbeit, wie er sie gern hatte; aber man hätte sie wohl »mit Rechten und Ehren« haben sollen, wie er sagte. Und daß er sich mit Gewalt durchgesetzt habe, sollten die Leute erst recht nicht sagen dürfen. Die Schwäne singen und die Drosseln zwitschern 1 Um diese Zeit wurde Massi krank. Sie bekam ein Geschwür im Hals. Anders sah sofort, daß dies nicht so einfach war, es saß so tief unten, daß man mit dem Messer nicht hingelangen konnte. Er kurierte mit allen Mitteln, die er kannte, und dachte schon im Ernst daran, das Messer von außen anzuwenden; aber Massi wollte davon nichts wissen; sie schüttelte so verzweifelt müde, aber nachdrücklich den Kopf: Diesmal müßten sie ihr gehorchen. Anders hatte ohnehin so viel zu tun, ein Geschwür brauchte seine Zeit, und ein ganz klein wenig mußte man doch auch auf den Herrgott vertrauen können. Mit dem Jens ging es nicht, wie es sollte. Vaagen war kein rechter Handelsplatz, wenn man die Wahrheit sagen wollte; zuwenig zum Leben und zuviel zum Sterben, wie die Leute meinten. Es war zu wenig und zu kümmerlich für solch einen unruhigen Geist; dabei kam nichts als Betrunkenheit heraus und keine Pfarrerstochter, wie auch zu erwarten war. Anders mußte daran glauben und etwas kaufen, das mehr verschlug; nicht einmal Nesse taugte für den Jens. Und dann außerdem der Per. Kürzlich hatte der Vogt zu ihm geschickt, zwei Mann stark kamen sie zu Anders und überreichten ihm ein unendlich langes Schriftstück, und darin stand, daß der Amtmann vor einiger Zeit im Norden hier gewesen sei und gemeint habe, es gäbe jetzt nur eines: sie müßten sofort einen »habilen Mann« einsetzen, und den Mann wisse er, es sei einer, der schon viele Jahre bei ihm im Kontor gewesen sei, »ein in jeder Beziehung passender und tauglicher Mann« – er hatte den Lensmann in der Nachbargemeinde während eines ganzen Jahres vertreten. Der Vogt sagte nichts weiter, aber Anders wußte, was er meinte, und es blieb nun nichts anderes übrig, als in der Gemeinde von Hof zu Hof zu gehen und die Bauern unterschreiben zu lassen, daß sie von diesem Fremden nichts wissen wollten, sie brauchten hier am Meer einen, der in der Gemeinde geboren und aufgewachsen sei, und einen solchen hätten sie. – »Dem einen Teil drohe ich, und die anderen nehme ich mit Gewalt«, sagte er und stand mit einem hellen und offenen Lächeln da, er war ganz versessen darauf; die anderen würden wohl nachkommen, wenn er voranging und lockte, es würde Spaß machen, sie so zu handhaben. Er hatte sich schon manche Klemme ausgedacht, in die er sie bringen konnte. Soviel durfte man doch noch an die Sippe und an die Gemeinde denken. Das hatten die beiden gemeinsam: wenn die eine in die Höhe kam, dann kam die andere gleich nach; sie wuchsen aus der gleichen Erde hervor. Das sah Anders. Dann war noch der Ola da, bei dem war auch alles ins Stocken geraten. Er hatte genug von der See, und zum Ackerbau fühlte er auch keine Lust. Er wollte lernen ! So etwas Merkwürdiges war Anders auch noch nicht vorgekommen: jedermann dankte doch seinem Schöpfer, wenn ihm das erspart blieb! Das mußte er sich erst noch überlegen. Ihm sollte jetzt keiner mit Dummheiten in die Quere kommen. Mit Petter war Anders zu weich gewesen, das stimmte wohl. Aber um so stärker war er nun seitdem geworden. Für den jungen Burschen wollte er sich schon etwas ausdenken. Und schließlich öffnete sich ihm ein Weg gerade dort, wo er einen Riegel hatte vorschieben wollen. Ja, wahrhaftig sollte Ola lernen dürfen! Wenn er nur das lernte, was der Vater wollte. Pfarrer sollte er werden, ob er nun wollte oder nicht. Was aber hinter allem stand und alles überragte, das war die Kirche. Sie sollte hierherkommen. Mitten in der Gemeinde sollte sie stehen, und die Mitte war bei den Lauvset-Höfen; aber die lagen zu tief und in keiner Weise günstig, sie mußte hierher nach Haaberg. Anders besaß einen kleinen Häuslerplatz östlich vom Hof, er hieß Moen; dort war es hoch und frei gelegen nach allen Seiten, ein trockener Sandhügel, der Platz lag förmlich da und wartete auf die Kirche, und dorthin mußte sie kommen. Anders gab den Platz umsonst her und noch mehr. Nicht, weil er sich auf diese Weise beim Herrgott einschmeicheln wollte. Das hatte er nicht nötig. Aber die Leute sollten in Bewegung kommen, hier sollte nicht mehr und nicht weniger vor sich gehen, als daß die Kirche umzog. Und es würde nicht zu verachten sein, sie in der Nähe zu haben. Sie war zwar ein kühler Nachbar, aber er würde sich an sie gewöhnen. – Er saß bei Massi auf dem Bett und sprach davon, dann und wann ein paar Worte; und sie lag da und sah ihn an, zur Hälfte ihn und zur Hälfte an ihm vorbei, und lächelte; er wußte nicht ganz sicher, ob sie ihm zuhörte. – »Du schaust immer so weit nach vorn«, sagte sie. »Es wäre wohl schön, zu sehen, wenn du sie aufgebaut und nach deinem Willen gemacht hast.« Diese Worte gingen Anders so nahe, daß er die Stube verlassen mußte. Draußen begegnete er Aasel von Paalsnese, sie wollte sich nach der Mutter umsehen. Und nun steht sie da und redet mit Gjartru. Es war solch ein blauer Tag, blaue Wolken überall am Himmel, und dazu blauten die Berge und Waldhänge; und so mild und still rings um einen. Von den Dächern der Häuser rann das Schmelzwasser. Man konnte förmlich an sich fühlen, wie der Schnee weniger wurde und der Winter sich davonmachte. Der niedrige Birkenwald dort drüben bekam schon einen hellbraunen Hauch. Da schien es ihnen, als singe es irgendwo in der Luft oder oben auf den Bergen, es kamen so seltsame Töne zu ihnen herab. Sie standen alle drei mit offenem Mund da und lauschten, wandten sich dahin und dorthin. – »Die Schwäne!« sagte Anders. Und da erblickte man sie auch schon hoch unter den Wolken, drei große weiße Vögel, die nach Osten zu und in die Bläue hinein hielten: lange, gestreckte Hälse und große, ruhige Flügelschläge. Und jetzt kam dieser Laut wieder; sie zogen einen Gesang von fremdartigen Tönen hinter sich her, ganz anders schön als alles, was die drei bisher gehört hatten. – Anders und die Mädchen standen da und sahen den Vögeln noch nach, lange nachdem diese verschwunden waren – blaßblaue Vögel aus einem Land, von dem man geträumt hatte. Und der Gesang legte sich ihnen auf die Brust. Anders hatte sich den beiden Mädchen zugewandt und sah sie still und blau an wie der Frühlingstag um sie: »Ja, ja. Das bedeutet wohl den Tod, das hier. Aber einen guten Tod.« Und es geschah etwas, was sie noch nie zuvor gesehen hatten: er fuhr sich mit dem Handrücken über die Augen und wischte sich eine Träne weg, ganz als habe er vergessen, daß sie dastanden. Dann ging er hinein. Da standen sie einander gegenüber, die beiden Schwestern: Gjartru, groß und schlank und blaß; man sah ihr jetzt an, wie schwer der Winter in ihrem Gesicht gehaust hatte; rings um den Mund und über den Augen, und in jedem einzelnen Zug der gleiche zehrende Traum. – Aasel, auch schlank gewachsen und ein wenig blaß, aber fest und stark; in diesen Augen lag kein Traum, ohne zu blinzeln blickte sie die Schwester an, und der Mund lächelte in ruhiger Sicherheit. Sie habe es schon lange gewußt, sagte sie. – Was denn eigentlich? – Daß die Mutter nicht sehr alt würde. Aber heute habe sie nicht einmal daran gedacht, als sie hierherging. – Gjartru gab keine Antwort darauf. Sie hatte überhaupt nicht an die Mutter gedacht. Plötzlich fing sie an zu schluchzen und zu weinen – damit war sie in diesem Winter so schnell bei der Hand. Aber sie faßte sich rasch wieder, und dann gingen sie hinein. Massi lag drinnen in der Stube. Gleich nachdem die Krankheit angefangen hatte, war sie aus der Schlafkammer ausgezogen. Sie lag da und sah ihnen entgegen, mit dem gleichen Blick, den sie all die Zeit gehabt hatte, nur war er noch ruhiger. Anders hatte sich beim Fußende des Bettes hingesetzt, und ihn blickte sie die meiste Zeit an. Sie lächelte ein wenig vor sich hin, es war, als wisse auch sie, was die anderen wußten. Anders beugte sich zu ihr vor: »Weißt du noch, Massi: Wir glaubten einmal, alles ginge so, wie es selber wolle?« Sie schüttelte ganz leise den Kopf: »Ich kann mich bald an nichts mehr erinnern.« »Aber schließlich mußte es doch so gehen, wie wir wollten, Massi. Nicht wahr?« Sie lächelt wieder und sagt ein paar unverständliche Worte. Während der Nacht wurde der Kampf härter und härter. Sie bekam keine Luft. Anders stand mehrmals auf und wollte das tun, was er tun zu müssen glaubte: er wollte außen am Hals drücken, bis das Geschwür aufging. Aber er brachte es nicht über sich. Er vermochte es nicht. Und wenn die Schwäne über einem singen, konnte man wohl tun, was man wollte. Es ging doch aufs Ende hin. Sie starb gegen den Morgen zu. Das Geschwür ging von selbst auf, so daß Blut und Eiter herausdrangen. Anders überfiel ein Zittern, denn das hier führte doch wahrhaftig zum Leben zurück und nicht den anderen Weg! Jetzt schlug sie noch dazu die Augen auf, hellwach und bei Bewußtsein, sah sie alle miteinander an und erkannte sie. »Schließ Frieden mit dem Herrgott, Anders«, flüsterte sie. »Er ist besser, als du glaubst. Schließ Frieden mit allem. Du hast jetzt genug erreicht.« Und dann griff der Tod zu. Ein krampfhaftes Beben überlief sie, der ganze Körper erstarrte, und sie glitt von ihnen fort. Es mußte Gift in dem Geschwür gewesen sein. Auf andere Weise konnte Anders sich's nicht erklären. Die Kinder standen dabei, mit einem Gefühl, als habe die Mutter sie vergessen und sei ihrer Wege gegangen. Als Anders ihr die Augen geschlossen hatte, richtete er sich schwerfällig auf, stand da und sah zur Wand hinüber. Er stand da, die eine Hand im Nacken und die andere im Bart. Auch er hatte die Kinder vergessen. Endlich wandte er sich ihnen zu; sie sahen und hörten einen fremden Mann: »Ja, Kinder, jetzt weiß sie mehr als wir.« So stand er da, wieder in Staunen versunken, konnte sich gleichsam nicht mehr zusammenraffen. Gjartru setzte sich irgendwo in der Stube hin und weinte. Die Brüder gingen einer nach dem anderen hinaus, und Aasel machte sich mit irgendeiner Arbeit zu schaffen. Und sie war es, auf die Anders' Blick fiel. Sie konnte der Mutter am längsten auf dem Weg folgen – sie verstand mehr als die anderen alle miteinander. Dann ging alles seinen Gang, wie es sein mußte. Anders hatte wenig und nichts damit zu tun. Das einzige war. daß er zum Leichenbegängnis eine Kirchenglocke herbeischaffen mußte. Denn Massi sollte ein Grabgeläute haben. Und es war wie ein Wunder: Die Nachbargemeinde hatte im vergangenen Jahr eine neue Glocke bekommen, und nun stand die alte da und wartete noch. Anders machte sich auf den Weg, sie zu leihen, und zimmerte auf der Brandstätte ein Gestühl für sie. An zwei Dinge bei diesem Leichenbegängnis erinnerte er sich noch lange danach. Das eine war die Glocke. Sie weckte in ihm jenes Gefühl, das er als kleiner Junge gehabt hatte, er fürchtete sie; sie griff einen so allzu hart an. Ihm schien es, als habe dieser Laut ihn und seine ganze Sippe durch die Zeiten hindurchgejagt – konnten sie denn nie darüber Herr werden? Es preßte ihm noch immer das Herz zusammen, wenn er jetzt daran dachte, packte ihn dort an – wie der Schwanensang –, wo er nicht stark war. So durchfuhr es wohl auch das Pferd, wenn es Blut roch; vielleicht ging man mit den gleichen bebenden Nüstern und mit den gleichen Augen einher? Und Aasel, die Arme, die die Stärkste von ihnen allen war, sie empfand es wie er; ihre Augen waren grundlos, über alle Berge gejagt; der Mensch war ein merkwürdiges kleines Gewürm. – Anders ging, und er ging aufrecht; aber die Gedanken liefen ihm davon. Wie frei und froh trotz allem war er doch, der Verbrecher, der in vergangenen Zeiten im Walde wohnte, verjagt und ausgewiesen aus der Gemeinde, wegen Diebstahls oder Mord – oh, er hätte wünschen mögen, einer von denen zu sein, die sich in der Nachtzeit heranschlichen und Feuer legten oder einem Menschen das Leben nahmen. Aber zum Teufel! reckte er sich auf, das alles kam wohl nur davon, daß die Juwikinger fast nie zur Kirche gingen. Denn dieses Glockengeläute da oben, das war wohl nur ein krankes Wesen, das da jammerte; nur kleine und ängstliche Menschen können so jammern. Aber es kann doch dem Stärksten in die Knie gehen. – Massi, sie hatte das wohl niemals gemerkt. Sie gehörte gleichsam zur anderen Seite, sie. Aber Anders konnte doch nicht umhin, zu glauben, daß es besser werden müsse, einmal, wenn er die Kirche als nächsten Nachbarn hatte. Frieden schließen mit dem Herrgott – das war es nicht. Das hatte er schon seit langem getan. Das zweite, an das er sich erinnerte, war, daß der Pfarrer und seine Frau zum Leichenschmaus kamen, gleich aufs erste Wort hin. Man konnte es drehen und wenden, wie man wollte, und der Anders hatte es nach allen Seiten gedreht, aber es war doch gut, den Pfarrer dabei zu haben. Man konnte mit ihm reden, wie er zu sagen pflegte. Anders saß da und sah ihn an, im Lauf des Abends. Dann schlug er sich mit der flachen Hand aufs Knie und sagte: »Das war schön, was der Pfarrer heute am Grabe gesagt hat; Dank und Ehre dafür!« Der Pfarrer freute sich, so schwer ihm sonst nahezukommen war: Meinte Anders das wirklich? Anders sah nur zwischen seinen Fingern zu Boden: »Jetzt weiß die Massi mehr als du und ich, ja.« Darin war der Pfarrer sofort mit ihm einig. Aber Anders schlug sich mit der flachen Hand aufs Knie und sagte: »Du solltest Frieden schließen mit dem Herrgott, Pfarrer!« Der Pfarrer machte sofort große Augen, und das taten auch die anderen, die dabeisaßen und zuhörten; aber bald war er wieder obenauf, der Pfarrer, er kniff die Augen zusammen und war ein einziges Lächeln: »Du glaubst, daß ich mich dabei gut stehen würde, Anders?« Anders redete mit einem von den Nachbarn, der zu ihm herangetreten war: Ob er nicht einen Tropfen mit ihm trinken wolle? – Ja, dagegen habe er nichts einzuwenden. – »Ja, tu du auch mit«, er wandte sich halb dem Pfarrer zu, und dann gingen sie miteinander in die Schlafkammer hinüber, denn in seinem Wandschrank hatte Anders einen so feinen Branntwein wie nur irgendein großer Mann. – »Der ist gut, wirst du sehen!« sagte er zum Pfarrer, und der Pfarrer lachte wie ein alter Kamerad und schlug Anders auf die Schulter: »Der hier ist genau so aufrichtig wie du selber, Anders; in dem steckt keine Falschheit!« Spät in der Nacht wollten die Pfarrersleute heimfahren, sie blieben nie bei anderen Leuten zum Schlafen. Da gingen sie wieder in die Kammer hinüber, Anders und der Pfarrer. Sie waren dort allein. Anders blieb mit der großen Flasche in der Hand stehen. »So habe ich schon einmal hier gestanden, früher. Allein mit dem Pfarrer und habe ihm zugetrunken. Aber das ist – – lange her, jetzt. Damals – – ja, ich bin auch jetzt noch nicht viel weitergekommen. Den Trunk vergeß ich nie, nein. Er – hat mich gestärkt.« Anders habe doch noch das Leben vor sich, meinte der Pfarrer. Ja, das sei wahr und gewiß, er habe noch viele Eisen im Feuer, sei auch noch nicht so recht in Fahrt gekommen – er sah starr vor sich hin und war betrunken: Ach, Herrgott, ja, hier gab es noch mancherlei zu überwinden. »Und es kommt mir so vor, als habe es Eile ?« Er sah den Pfarrer ein wenig unruhig an. Die Gäste lärmten durch das ganze Haus, und Anders stand da und hörte dem zu. Dann sah er den Pfarrer hilflos an, wurde fast wie ein Schatten dort, wo er stand: »Ich weiß nicht, wie es gekommen ist. Aber mir ist so, als könnte ich nicht mehr recht sehen!« Er verbesserte sich: Nein, die Augen seien noch ganz gut, das meine er nicht. Aber es sei so seltsam. Alles habe für ihn ein anderes Gesicht bekommen. Die Berge seien nur Fels, die Häuser seien nur Holz, so habe es früher nicht ausgesehen. Und die Leute kannte er auch nicht wieder. Sie sahen anders aus, als er geglaubt hatte. Sie sahen ihn so seltsam an, fast böse: wie die Katze manchmal, wenn sie unter dem Vorratshaus saß und einen ansah, ängstlich und zornig zugleich. Anders fuhr sich immer wieder übers Gesicht, gleichsam, als versuche er wach zu werden: »Es ist so rasch über mich gekommen.« Sie waren alle beide reichlich angetrunken. Der Pfarrer legte die Hand auf seine Schulter: »Du hast die Welt mit den Augen deines Weibes gesehen, Anders. Jetzt siehst du sie mit deinen eigenen Augen, zum erstenmal seit langer Zeit. Jetzt siehst du nicht mehr durch ihren Glauben.« »Hö! hö!« Anders wandte sich von ihm ab. »Du bist jetzt betrunken, du so gut wie ich; und Dank und Ehre dafür, Pastor! Du bist ein richtiger Kerl! Aber du redest eben, wie du's verstehst, manchmal. Aber trotzdem: Du kannst wohl ein wenig recht haben, ja, ja – im Branntwein trifft man oft den Nagel auf den Kopf.« Als die Pfarrersleute fortgefahren waren, trieb sich Anders eine Weile suchend herum. Dann wollte er mit Kristian Lauvset reden. Aber er brachte es nicht zuwege; Kristian hatte solch ein unausstehliches Katzengesicht, er auch, und außerdem war er ein Dummkopf und ein Trottel. Da ging er lieber in die Kammer hinaus und sagte es sich selber. – »Ich habe es ausgekostet, Anders«, sagte er. »Diesen leeren Raum rings um den Herrgott und das alles. Habe versucht, die Sache anzuschauen und nicht an ihn zu glauben. Es ist, wie wenn du Sand kaust. Es ist, wie wenn du dich selber auffrißt: Du wirst so kläglich klein und nackt, daß es nicht mehr auszuhalten ist. Glaube es mir, wenn ich dir sage: Ich habe gar vieles ausprobiert, ja.« Dann setzte er sich hin und betrank sich ernstlich. Das mußte er, fand er, denn er fühlte, wie er lebendigen Leibes im Moor versank und nie wieder herauskam. Es waren so viel Leute rings um ihn – er war mutterseelenallein und überflüssig. – – – Bald wuchs an ihm alles wieder zu, so daß er der wurde, der er gewesen war. Mit jedem Griff, den er tun mußte, gewann er wieder die Kraft, die dazu nötig war, und er wunderte sich nicht darüber. Die Welt war ein wenig grau, das war sie, und die Leute sahen nicht so zu ihm auf, wie er gemeint hatte; aber es war gut genug, wie es war, alles miteinander, und vielleicht noch besser. Er war milder geworden in seinem ganzen Wesen, fanden die Kinder, kaum wiederzuerkennen. Aasel meinte, daß erst jetzt alles herauskäme, was die Mutter ihm gewesen sei und zu ihm gesagt habe. Er hielt sich viel abseits von den Kindern. Sie beunruhigten ihn. Ihm schien es, als gingen sie umher und überwachten ihn und fürchteten, er könne das Augenlicht verlieren. Ja, freilich sah er in letzter Zeit schlechter, er wie so viele andere in der Sippe, frühzeitig grau und frühzeitig trüb vor den Augen – ein paar hatten sogar die letzten Jahre im Bett zugebracht und waren blind gewesen. Aber er würde sich zu helfen wissen, damit hatte es keine Gefahr. Erst aber mußte er das meiste von dem zu Ende bringen, das auf ihn wartete. 2 Die Muhme Ane von Paalsnese war auch zum Leichenschmaus gekommen. Eigentlich war sie nie sehr kräftig gewesen; aber sie gehörte zu denen in der Sippe, die nicht recht sterben konnten. Trotzdem wurde sie gleich nach dem Leichenbegängnis bettlägerig. Sie erfror sich den einen Fuß, und der wurde lahm und leblos; und mit der Zeit starb die ganze Seite ab. Sie mußte gefüttert und gewartet werden wie ein kleines Kind, und dies mußte Aasel tun. Es gab sich ganz von selber für sie. Ane lebte im Austrag und war überdies reich, nach dem, was die Leute glaubten. Aasel sollte alles nach ihr bekommen, daran aber dachte sie nur selten. Sie hatte dieses neunzigjährige Kind liebgewonnen, das niemand anderen besaß und dem es niemand recht machen konnte; sie mußte bisweilen lachen, denn je besser man die Alte pflegte und wartete, desto mehr jammerte und seufzte sie. Eines Tages kam Gjartru, die Schwester. Sie sah sich so selten dort um, und Aasel erschrak fast, als sie die Schwester in der Türe sah, obwohl sie sich sonst nicht leicht fürchtete. – »Es wird doch wohl nicht daheim etwas geschehen sein?« – »Nein, nein. Ich mußte mich nur nach dir umsehen.« Da wurde Aasel bis an die Schläfen hinauf rot und fing gleich von etwas anderem zu sprechen an: – »Wie steht es mit dem Vater?« – »Ja, danke, gut.« Aber Gjartru schlug die Augen nieder, als sie das sagte, und Aasel sah sie unverwandt an. Gjartru mußte wieder aufblicken und lächelte hilflos: »Ich glaube, es steht schlecht mit seinen Augen. – – Und dann, Aasel, du mußt jetzt heimkommen. Heimkommen und bleiben . Es ist so still geworden und nicht mehr auszuhalten; für den Vater. Er ist nichts mehr wert, ich weiß nicht, wie es zugegangen ist. Er ist so sanft und freundlich, bald nur noch wie ein Kind.« Aber Aasel schüttelte den Kopf: – Nein, nein, sie müsse nun hierbleiben. Gjartru seufzte. Sie hatte sich so darauf gefreut, die Schwester heimzubekommen. Es wäre für sie beinahe so gewesen, als hätte sie die Mutter wiedergehabt. Sie waren in der Küche, und Gjartru saß auf der Küchenbank. Jetzt versuchte sie, durch die kleinen angelaufenen Scheiben hinauszusehen, das machte Spaß, denn es war alles so verzerrt und seltsam, was man sah, und so grün. Da erblickte sie einen fremden Mann draußen im Hofplatz, einen jungen Mann noch, groß und hochgewachsen, in weißen Segeltuchhosen und rotkarierter Weste; er ging in Hemdsärmeln bei dem kalten Wind und hatte nur eine kleine Schirmmütze im Nacken sitzen; er war nicht aus der Gemeinde hier. Im übrigen war er stattlich anzusehen, ein schöner Bursche. Sie fragte Aasel, wer es sei. Aasel kam herbei und sah hinaus. Dann fing sie an zu lachen, hell und laut, so daß Gjartru sie gar nicht wiedererkannte: »Nein, nun sag mir doch nur, was das für ein langer Zaunpfahl ist?« Gjartru lachte mit und mußte dann wieder hinaussehen. Er war wirklich sehr lang, ja. Es sei wohl der neue Knecht, den sie hier auf den Hof bekommen hätten, meinte Aasel; er sei kürzlich gekommen und solle weit vom Süden her sein, sie wisse nicht, ob er aus Beistaden oder Verran sei. Er habe ein Jahr lang drüben auf der anderen Seite des Fjords gedient. Ach so, nur ein Knecht. Gjartru wandte sich von ihm ab. – Und der Hans drüben auf dem Nachbarhof sollte heiraten, stimmte das? Es war derselbe, mit dem Aasel verlobt gewesen war. Ja, das sollte er; Aasel blickte ruhig auf. »Aber daß doch auch die Muhme nicht sterben kann!« Gjartru wurde ganz heiß und böse. »Pfui, schäm dich!« »Ja, aber – daß du's fertigbringst?« » Laß dein Brot über das Wasser fahren , sag ich mir vor.« Gjartru schüttelte den Kopf, als sei ihr das Haar zu schwer; es war so dick und widerspenstig. – »Ja, und der Per«, sagte sie. »Der Vater will, daß er Lensmann wird, und er widersetzt sich dem!« – »So? Wenn er keine Lust dazu hat, dann.« – »Ja, aber: Lensmann werden, das ist doch etwas?« Aasel lächelte mit kleinen, klugen Augen, wie es ihr keiner zutraute, das Gesicht füllte sich mit tiefem Lachen. Gjartru sah sie erstaunt an, spielte unruhig an ihrem Kleid: – »Ja, aber – wenn der Vater es will, Aasel? Man braucht sich doch nur in der Gemeinde umzutun und die Leute zu überreden, dies und jenes zu sagen, mehr gehört nicht dazu. Könntest nicht du , Aasel, dir den Per vornehmen und mit ihm sprechen?« Aasel dachte nach. Sie dachte lange nach, während sie das Geschirr drüben am Herd abwusch. »Ich will lieber mit dem Vater darüber reden. Daß er ihn sein lassen soll. Denn der Per hat recht!« Die Worte kamen gleichsam, als würden sie in die Wand gehämmert, und Gjartru gab nach. »Aber ich glaube nicht, daß der Vater nachts recht gut schläft«, sagte sie gedankenarm. »Ja, ja, das will ich dir glauben. – – Er hat so vielerlei im Kopf.« Aber Aasel kam dennoch mit Gjartru nach Hause, nachdem sie der Alten zu essen gegeben und ein kleines Mädchen beauftragt hatte, nach ihr zu schauen. Die Alte knurrte und war nicht sanft, aber Aasel söhnte sie doch wieder aus: versprach Kandiszucker für sie zu kaufen – denn Ane besaß noch alle ihre Zähne und hatte eine brennende Lust auf alles, was süß war. Aasel ging dahin und schwieg fast auf dem ganzen Weg. und Gjartru ließ sie in Ruhe. Sie wußte genau, daß Aasel schnurstracks zum Vater gehen und ihm sagen würde, was recht sei und was unrecht, sie war so, und Gjartru wünschte sie nicht anders. Aber unten bei Lauvset, wo der Weg zum Lensmannshof abzweigte, blieb Aasel stehen. – Ob Gjartru glaube, daß Per noch in der Amtsstube sei? – Ja, das sei er wohl sicher. – Dann solle sie jetzt allein weitergehen, denn sie wolle mit ihm reden. Und so trennten sie sich. Aasel wußte nicht so genau, was sie bei Per wollte. Sie mußte nur mit ihm reden. Die beiden hatten sich sonst immer am besten verstanden. Jedesmal, wenn sie erfahren hatte, was der Vater sich vornahm, war sie nachdenklich geworden. Schließlich hatte sie aufgehört, über ihn nachzugrübeln. Als ihr Liebster, der Hans, mit ihr gebrochen hatte, hatte sie dies mehr für eine Warnung als für ein Unglück angesehen. Man konnte sich noch mehr erwarten. Wohl kann der Vater das Glück auf seiner Seite haben, sagte sie; aber wir anderen werden es nachher zu fühlen bekommen. Aber gerade weil sie dies wußte, war sie im Grunde so stark, fand sie. Nichts sollte ihr den Mut rauben können. Man konnte viel tragen, wenn man es nur beim rechten Ende anpackte. Als sie zu Per kam, war der Vater dort. Sie blieb vor der Tür stehen, das Herz im Hals; sie hörte so deutlich, worüber sie sprachen. »Nein, Vater, du sollst mich nicht mehr darum bitten. Denn ich will es nicht. Denn die Mutter würde es auch nicht wollen.« »Die Mutter? Die Mutter, sagst du? Wozu ziehst du sie mit herein? Sie hat nie etwas darüber gesagt.« Es war eine Weile still. Nur die Tropfen tickten rings um das Haus vom Dach herab. Dann kam es von Per, seine Stimme war belegt. »Die Mutter, ja. Hast du sie denn so schlecht gekannt?« »Red nicht so, Kind. Ich will dich doch nicht in etwas Falsches hineinhetzen. Es geht den Weg, den wir wollen, Per, vergiß das nicht.« »Es geht den Weg, den es will, sag lieber so. Den Weg, der unserer Sippe bestimmt ist.« »Ja, ja, ja. – – Aber du sollst darüber nachdenken, Per. Du kannst doch wohl darüber nachdenken ?« Er sprach so sanft, wie auch Massi immer geredet hatte, fand Aasel. Und jetzt kam er auf die Türe zu, sagte nichts mehr; sie trat zur Seite, als er herauskam und ging; sie wollte ihn hier nicht treffen. Dann trat sie ein. Sie habe gehört, worüber sie gesprochen hätten, sagte sie. Per sah sie an. – Mutter! dachte sie. Denn bei ihr konnte der Gedanke genau so über das Gesicht streifen, unter der Haut gleichsam, aus den Augen herausstrahlen und sich wieder zurückziehen; – Per war gut wie die Mutter. »Du hast auch nicht viel Lust zum Bauern, Per?« sagte sie. »Nein, aber – –« »Du bist auch schließlich zu mehr geschaffen, ja.« »Mehr?« »Ja. Wir sind Leute gewesen, die schwer gearbeitet haben, alle miteinander durch alle Zeiten hindurch. Jetzt soll es einen von uns höher hinauftragen. Und das mußt du sein, das. Der Jens, freilich; aber ich habe keinen großen Glauben an ihn . Ja, denn wir wollen doch auch nicht so ganz und gar in der Erde festwachsen, oder, was meinst du?« Per stand da und blickte zu Boden. Manchmal zuckte es in seinen Nasenflügeln und manchmal unter den Augen. Jetzt biß er sich in die Lippe. Wie schwermütig sie waren, seine Augen – wer weiß, vielleicht wünschte er nicht auf der Welt zu sein? Aber Aasel raffte sich auf. Denn so sollte er doch nicht dastehen, wirklich nicht. Dazu war er zu gut. »Du solltest doch wenigstens dem Vater die Freude machen. Er wird nicht so alt, will es mir scheinen. Hm?« »Nein, ich kann nichts sagen, ich. Nichts anderes als nein, und das habe ich gesagt. Aber daß du so zu mir kommst?« »Ja?« Sie wunderte sich auch selber. »Die Alten wollten es so, darum.« Er stieß die Luft durch die Nase, gutmütig, aber doch ärgerlich: »Ja, so haben die Vorfahren immer gesagt. Mit denen sollten wir doch jetzt fertig sein. Was die alles glaubten und meinten. Und was hat es geholfen? Wir, Aasel, wir glauben nicht mehr an so etwas. Es ist doch hellichter Tag rings um uns. Laß uns lieber Frieden halten. Und tun, was recht ist. Komm jetzt mit mir heim!« Dazu hatte sie keine Zeit. »Komm doch!« bat er; und da konnte sie nicht nein sagen, nicht zu ihm . Sie fühlte mit Unruhe, daß sie die Last auf den rechten Weg lenken sollte, aber sie kam nicht zurecht damit, wußte bald nicht, wo er hingehen sollte. Und nie hätte sie gedacht, daß Per so stark wäre. – – Über das gleiche dachte auch Anders nach, als er heimwärts ging. – »Aber«, sagte er, »so stark werden gerade die Weichen, wenn sie sich erst auf die Hinterbeine stellen. Gott steh ihnen bei!« murmelte er. Noch konnte sich alles wenden, und wenn nicht, so hatte es wohl auch sein Gutes. Es geht den Weg, den es will, da hatte er recht, der Bub, in einer Art wenigstens. Per dachte nicht soviel. Er hatte das gesagt, was gesagt werden mußte, und damit konnte es genug sein. Ihm schwebte es nur so vor, daß die Arbeit mit der Erde schwer und die Lensmannsarbeit leicht und lustig sei; aber er sah keinen Weg bis dorthin. Und daheim saß die Marja und wartete nun auf ihn. Weiter wollte er nicht denken. »Ich denke soviel an den Vater«, sagte Aasel. »Das tu ich auch. Es will mir gar nicht recht in den Kopf, daß es so einen gibt wie den Vater. Der sich durch das dickste Gestrüpp durchfinden kann. Der Menschen rings um sich ertragen kann, die allerlei Böses über einen denken. Er wird sie nicht einmal gewahr .« Anders war nicht viel früher heimgekommen als Per und Aasel. Er hatte im Gehen ständig hin und her überlegt. Er wollte sich seine Augen kurieren. Er wollte nicht mehr diesen hellen blinden Nebel vor sich haben, bald würde es sich sicher wie eine dünne Haut über sie legen, sie waren schon fast wie Glasaugen bei einem Pferd. Und er mußte jetzt gut sehen können, er, der für sie alle miteinander sehen sollte. Aber als er daheim beim Stallhügel steht, ist ihm, als höre er einen Gesang in der Luft. Nicht gerade einen Schwanengesang, nicht einmal einen wirklich hörbaren Ton, es war nur ein ferner Klang zwischen den Bergen oder wo es nun sein mochte, etwas, das unterwegs war und ihn meinte. – »Hm hm!« sagte er und ging hinein. So ließ er es denn für diesmal noch sein. Obwohl er es sich nicht anders denken konnte, als daß heiße Teerlauge diese Haut wegnehmen müsse, und wenn man danach mit Tran einrieb, so würden die Augen wieder gut und weich werden, rein wie verjüngt. Aber, wie gesagt, er konnte es auch sein lassen. Er war allein, hatte nicht allzu viele, auf die er sich verlassen konnte. Und sie wollten ihm wohl, sie, die ihn warnten. 3 Es war ein Frühlingsabend mit Nordwind und trockener Kälte. Weißgelbe Nordwolken zogen lustig nach Süden; sie zeigten ein kaltes Antlitz und hatten Eile. Erstaunt blickten sie auf Äcker und Laubwälder hier im Süden herab, die bereits frühjährlich waren; es war der Winter vom Norden oben, der seiner Wege segelte. Darüber aber kam ein Meer von grauen Wolken aus Südwesten gezogen; blaugrau waren die und gerippt wie der Strand bei Ebbe. Sie zogen so schwer dahin wie die Zeit selber. Den Hang nach Haaberg hinauf kam ein Mann in graugrünem Überrock, ein Städtischer, mit einem Hut, und mit einem Stock in der Hand. Es war der neue Lensmann, Ove Thöger hieß er. Er war bereits seit einem Monat hier, denn der Amtmann hatte sich beeilt, ihn einzusetzen, und er war schon drei- bis viermal auf Haaberg gewesen. – Er ging aufrecht und straff; ein ganzer Staatskerl war er, fanden die Leute. Und ein kluger und tüchtiger Mann war er auch, in jeder Beziehung. Dieses Zeugnis hatte ihm Anders auf Haaberg ausgestellt, und sie waren alle mit ihm darin einig. Seltsam nur, daß gerade er so etwas sagte. Aber er sollte wohl gleichsam auch in diesem Punkt einen Kopf höher sein als sie. Die Leute sahen dem Lensmann nach, überlegten und rechneten sich aus: jetzt ging er wieder nach Haaberg; er war fleißig; er wollte sich wohl mit dem Per beraten, so anfangs; wenn er nicht vielleicht einen anderen Anlaß zu seinem Besuch hatte. Eine Stunde später kam noch einer den gleichen Weg, und der war noch größer und kräftiger, aber er hing ein wenig in den Achseln und ließ den einen Arm frei schlendern, auch war er kein Städtischer, so weit war es nicht mit ihm her; nur einen Stock hatte er, er auch, obwohl er noch so blutjung aussah, es war wohl einer, der nachlaufen und es auch zu etwas bringen wollte. Er schlug den Weg zur Küche ein. Es war Jens, der Händler in Vaagen. Er war betrunken, das sahen sie sofort. Das Gesicht, von Blattern ein wenig genarbt, war rot und starr, und sein Blick war umnebelt. Seine Stimme klang ganz eingerostet, so daß er kaum die Frage nach Per herausbrachte. – Per sei drinnen in der Stube, er solle hineingehen. – Nein, dazu habe er keine Zeit, habe auch zu schmutzige Füße. Gjartru ging hinein, um Per zu holen, und dann begaben sich die beiden in die sogenannte Oststube. Dort hatten Per und sein Weib ihr Bett stehen – im übrigen lebten sie zusammen mit den anderen im westlichen Teil. Marja saß da und stopfte einen Strumpf. Per sah den Bruder eine Weile an, ehe er ihn bat, sich zu setzen. »Ja, ich bin betrunken«, sagte Jens. »Und das reut mich nicht. Aber« – er verzog den Mund zu einem kleinen Lächeln, sah zum Bruder auf – »aber verflucht noch einmal, jetzt mußt du mir helfen, Per! Ob du willst oder nicht.« Per sah ihn nur an. Ja, die Sache verhielt sich so, daß er fortgewesen war und einen Handel abgeschlossen hatte. »Ich griff zu und kaufte Segelsund, die ganze Geschichte, Bursche, mit Handel und Wandel, und mit allem, was drum und dran ist! Was sagst du dazu?« Nein, Per sagte nichts. Er stand da, die Hände in den Taschen, und sah bald den Bruder an, bald blickte er zu Boden. – »Wieviel kostet es denn?« fragte er endlich. »Zehntausend Speziestaler!« Jens sah ihn an und blinzelte nicht. Auf dem einen Auge war er nüchtern und damit sah er gut. Marja ließ den Strumpf in den Schoß sinken. »Du großer Gott!« sagte sie und sah Per an. Pers Augenbrauen zitterten und zuckten leise, wie immer, wenn er nahe daran war, etwas zu sagen. »Du hättest es für sieben bekommen können.« Jens verzog den Mund und hob die eine Schulter: vielleicht und vielleicht auch nicht. Aber er mußte es haben, verstand Per das? Und in Geldsachen war er doch schließlich kein Knicker. Er wiederholte das Wort noch einmal: »Kein Knicker, nein!« Per erzählte, daß der Vater auch daran gedacht habe und hingegangen sei und sich nach dem Preis erkundigt habe, und der hätte es für siebentausend Taler bekommen. Ja, der ! Darum bekümmerte Jens sich nicht. »Laß mich selber kaufen, dann weiß ich, wem ich für die Hilfe zu danken habe.« Aber es handle sich um eine andere Sache. Er habe etwas ganz Dummes angefangen. »Ich war heute nacht im Pfarrhof«, lachte er, »wollte dort freien. Bin übrigens schon früher dort gewesen. Und nun fand ich die Türe verschlossen! Ein wenig angeheitert war ich ja, und so habe ich die Türe gesprengt und stieg hinauf und fand das Mädchen. Da aber kommt der verflixte Pfarrer selber die Treppe herauf und fragt, was hier los sei, er war ganz entsetzt. »Laß dir nur Zeit, ich bin es nur«, sagte ich und wünschte schön guten Abend. Da fing er an und las uns die Leviten, mir und ihr, daß ich keinen Anstand hätte und so weiter, und das Mädchen solle sich schämen, solle sich in Grund und Boden hinein schämen! – Und sie fing wahrhaftig an aufzuschnupfen und zu weinen, die arme Haut. Da warnte ich ihn. Er aber hörte nicht darauf. Und da mußte ich ihm zu Leibe.« »Gingst du ihm wirklich zu Leibe?« Per und Marja fragten gleichzeitig. »Ja, was war zu machen? Denn das Mädchen weinte, und es lag noch eine oben und hörte zu. Ich habe ihn nur hinausgeführt; hab ihn ein wenig hart angefaßt, vielleicht.« Per schüttelte den Kopf, aber er lachte. Marja sah den Jens fest und liebevoll an; – Aber so dürfe er es doch nicht treiben! Und Per fügte hinzu, daß große Leute andere Bräuche hätten als andere Leute – er lächelte immer noch: Er pflegte die Sachen immer so unsagbar deutlich vor sich zu sehen, mußte sich Zeit lassen und alles bis zu Ende sehen. Außerdem konnte er dem Bruder nicht anders als recht geben, wenn der es am wildesten trieb; denn so konnte eben der Jens sein, der konnte sich's leisten. Ein Kind nur, aber unterhaltend – merkwürdig, daß er nicht schlimmer war. Sie waren so mannigfaltig, die Menschen. Jens war eine brennende Röte in die Stirn gestiegen, und die Nasenflügel begannen sich zu bewegen, wie oft bei den Haabergleuten, wenn sie ein wenig aufgeregt waren. »Sollen die mich etwa Anstand und eine neue Art zu freien lehren?« »Du hättest dich eben vor ihr nicht betrunken sehen lassen sollen, weißt du.« »Sie soll mich betrunken sehen! – – Da bin ich viel schöner«, fügte er hinzu und lehnte sich zurück; sein Zorn war jetzt verraucht und er war freundlich und vergnügt. – »Dann aber fing das Mädchen an und bat mich zu gehen! Und ich ging, weißt du; und ich sagte ihr, daß jetzt sie zu mir kommen müsse, und ähnliches mehr; und außerdem noch, daß ich jetzt Segelsund kaufen wolle, ein wahres Gut und Königreich – sie sollte darüber nachdenken können.« »Und jetzt ist der Handel abgeschlossen?« fragte Per. »Ja, Bursche. Denn ich – ich will es auch zu etwas bringen, ich. Ich will hoch hinaus!« »Und willst auch den Freiern die Türe weisen können?« »Ja, Teufel noch einmal! Wenn die Zeit einmal kommt. Meine Tochter, die – –« Er lachte vor sich hin, betrunken, aber sicher auf den Beinen, er hatte gleichzeitig vielerlei Gedanken. »Zehntausend«, murmelte er. »Und die Hälfte soll darauf stehenbleiben.« »Ja, ja. Du weißt, ich will mich strecken, soweit ich kann. Aber eigentlich ist es ja der Vater, der – –« »Ich pfeife auf ihn, dieses Mal! Schreib du drunter und noch einer dazu, dann krieg ich das Geld, ich krieg's bei der Alten selber, in Segelsund, sie hat es mir versprochen.« Per nickte. Er hatte seine Frau nicht angesehen, während er dies abmachte, noch viel weniger gefragt, sie saß da und blickte auf ihre Arbeit hinab; aber sie war ganz rot geworden. Die Leute auf Leinland verstanden sich ganz gut aufs Sparen, und sie selber durfte eine hübsche kleine Erbschaft erwarten. Die habe ich jetzt gesehen, dachte sie. Jens bedankte sich nicht. Er sah den Bruder fast wütend an. – »Du bist ein Schaf, Per, der Vater hat wirklich recht. Daß du nicht Lensmann geworden bist, pfui Teufel!« Per tat, als höre er dies nicht, und Jens redete weiter: Und diesen neuen Lensmann, den könne er nicht verdauen! – Er sei ein tüchtiger Kerl, sagte Per. – Nein, alles andere als das; und er solle sich nur in acht nehmen, daß ihm nicht bald die Pelzweste verklopft würde! Ja, denn wenn er auch bis jetzt noch nichts Schlimmes getan habe, so würde er es wohl bald tun. Und was schlich er sich denn hier herum? Er kam nicht weiter, denn in diesem Augenblick trat Gjartru herein und rief zum Essen. Jens blickte sie vom Kopf bis zu den Füßen an: Großartig, wie fein sie heute abend angezogen sei? Das Mädchen errötete leicht; dann aber faßte sie sich und sah ihn an, maß ihn von oben bis unten, blinzelte ein wenig mit den Augen und wandte sich von ihm ab, ließ ihn dort sitzen, wo er saß. Sie trug ein schwarz und weißes, kleingewürfeltes Kleid, das sie sonst nur sonntags anzuziehen pflegte; und war frisch gekämmt und geputzt. Sie ging wieder hinaus. Jens sah zu Per hinüber, der am Fenster stand. »Ich weiß, an was du denkst, Per. Und ich werde es versprechen, ja, weil du mich nicht darum bittest. Und auch halten; weil du mir nicht glaubst.« Per wandte sich um und sah ihn wieder an. »Ja, ja!« sagte er, und jetzt war es genau so gut, als habe Jens geschworen, sich nie mehr zu betrinken. – »Dafür sollst du einen kleinen Schluck haben.« Per griff in den Wandschrank hinauf, holte eine kleine Flasche und ein Glas hervor, dann trank jeder seinen Teil, und Per trieb den Kork tief in die Flasche. Jetzt stand Marja auf und ging zum Essen hinüber, und Jens erzählte noch eine kleine Geschichte. Oheim Petter ging umher und verbreitete schlimme Gerüchte über sie, alles mögliche, und die Leute glaubten ihm. Augenblicklich galt es besonders der Gjartru. Er wußte, daß sich der neue Lensmann auf sie spitzte und sie auf ihn, und daraus sollte nichts werden. »Der Anders, mein Bruder, soll diese Freude nicht erleben«, sagte er. Denn er wußte etwas über sie und den Hall, ihren ersten Liebsten, er hatte sie einmal nachts in einem Heuschuppen überrascht, »mitten in der Andacht«, wie er sagte, und jetzt wollte er es dem Lensmann hinterbringen. – Und daß er, der Per, nicht Lensmann geworden war, das hatten sie wohl ihm zu verdanken, meinte er, nicht? »Weiß das der Vater? Das von der Gjartru, was du da erzählst?« »Noch nicht, nein; aber heute abend werde ich es ihm beibringen. Dann hat er doch wieder was zu tun!« Danach gingen sie in die andere Stube hinüber. 4 Der Lensmann war noch da, und jetzt sollte er sich an den Tisch setzen. Man hatte für ihn den Gästetisch gedeckt, zwischen den beiden Südfenstern; die Leute vom Hof selbst saßen am Werktagstisch an der Nordwand. Anders hatte den fremden Mann vom erstenmal an, da sie einander begegnet waren, gut leiden können, und er blieb auch dabei. Der Fremde war so, wie er sein sollte, ein feiner Mann, aber trotzdem ein Staatskerl. Er erzählte damals sofort und von selber, woher er war und wie er hieß; er war weit aus dem Süden drunten, und sein Vater war Offizier gewesen. Mehr erzählte er nicht, und mehr wollte Anders auch nicht wissen. – Dann hat er nicht viel Geld und kann auch nicht sehr tüchtig sein, urteilte Anders, denn sonst wäre er schon weiter gekommen. Im übrigen aber bestand er die Probe, von welcher Seite man ihn auch nahm. Anders ergriff den Bierkrug, trank dem Lensmann zu und reichte ihm dann den Krug. Der andere griff zu und trank wie ein Ehrenmann. In die Kammer wollte Anders ihn noch nicht bitten, da sollte erst noch ein Jahr darüber hingehen. Auf einmal aber tat er es trotzdem; ob er ein Glas französischen Branntwein haben wolle? Nein, tausend Dank, am Vormittag wollte er nichts Starkes trinken. »Hm – hm! Hm – hm!« murrte Anders, er konnte ihn für dieses Wort noch einmal so gut leiden; das war es gerade, was er hatte wissen wollen. Er wollte gar vieles wissen, so nach und nach, und er bekam es auch zu wissen. Die Großen, man kann nichts aus ihnen herauslocken, weder mit Blicken noch mit halben Worten; aber wenn sie vom rechten Schlag sind, dann sagen sie einem ihre Meinung gerade heraus, halten mit vollen Segeln geraden Kurs; sie sind richtige Männer, viele von ihnen wenigstens. Sie waren über gar manches verschiedener Meinung, er und Anders, das merkten sie bald; aber Anders mochte das, wie er auch übermütige Pferde und starken Branntwein mochte. Das war einer, mit dem man reden konnte. Die Leute in der Gemeinde waren ganz gut, er sagte nie etwas anderes. Aber sie schmeckten nach nichts, die meisten von ihnen. Sie redeten ihm ständig nach dem Mund; das war das eine; und manchmal waren sie widerspenstig und nahmen es mit einem auf, aber wenn man sich das, was sie sagten, näher vornahm, dann zerfiel alles, und dann standen sie da, als hätten sie den Mund voller Mehl, und waren nur sauer und verdrossen und wie die Kinder. Der hier, der hörte wirklich zu und dachte über das nach, was ein anderer sagte; nahm es gleichsam in die Hand und wog es ab. Das tat er auch jetzt gerade, als Per und Jens hereinkamen. Man könne keinesfalls den Weg durch das Moor legen, sagte Anders, das wäre eine unmenschliche Arbeit – das Moor würde den Weg glatt verschlucken! – Der Lensmann stand mitten in der Stube, sollte sich, wie gesagt, zu Tisch setzen. Er stand ein wenig vorgeneigt, während er zuhörte, und nickte ein paarmal, zum Zeichen, daß er verstanden habe. Dann richtete er sich auf, dachte nach und legte den Kopf ein wenig auf die Seite, als er antwortete, machte sogar eine kleine Bewegung mit der Hand, gerade nur so viel, um Gewicht in seine Worte zu legen; das stand ihm gut, und es war ja auch keine Spreu, was er da sagte. – Die Moore seien ja verschieden, meinte er, und er kenne die Verhältnisse hier nicht so gut. Aber an manchen Orten entwässere man sie und schaffte gutes Wegmaterial, Lehm und Kies, herbei; es kostete freilich nicht wenig, aber dann hatten sie einen geraden und ebenen Weg. – Ja, versteht sich, wo sie schwere Lasten zu fahren hatten, war das nicht dumm. – »Ja, gerade dann!« sagte der Lensmann, und dann setzte er sich zu Tisch – Gjartru hatte ihn schon das dritte Mal gebeten – denn sie war es, die für das Essen zu sorgen hatte. Als er draußen war und sich auf den Heimweg machen wollte, stand sie oben auf dem Stallhügel. Er blieb stehen und wußte gleich etwas zu reden; ihm fiel alles leicht. Die ganze Zeit, während er mit ihr sprach, hielt er seine Blicke gerade auf sie gerichtet, und dies war ungewohnt für Gjartru, aber sie waren so offen und sicher, daß es ihr nicht das mindeste ausmachte. Sie konnte ihn ebenso offen anblicken. Obwohl sie ganz unwahrscheinlich hoch zu ihm aufblicken mußte. Dann fragte er noch einmal, ob sie nicht ein Stück Weges mit ihm gehen könne. Das war zu neu für sie, sie wußte nicht, wie sie sich zurechtfinden sollte. Nein, sagte sie, das ginge wohl nicht gut an, und nun überflog die Röte ihr Gesicht, und es glänzte blank und wehrlos in den Augen; sie sah um sich, wollte gleichsam Haus und Menschen von sich jagen, sie war nahe daran, mit ihm zu kommen. Da greift er zum Hut und nimmt ihn ganz ab, wie es noch nie jemand im Ernst vor ihr getan hatte, und während er dies tat, richtete er seine Blicke fest auf sie, so daß sie sich nackt und kalt fühlte; dann wandte er sich ab und ging. Sie lief hinein und zum Dachraum hinauf. Denn es war das reine Wunder: Sie war so froh und erstaunt, sie wollte keinen Menschen sehen. Der Winter war seiner Wege gegangen, er stand gleichsam nur noch hinter ihr und schob an, der Herrgott mochte wissen, wo das noch hinführen würde! Es war ein schlimmer Winter gewesen, so lang und finster, sie hatte im Keller gesessen und gemeint, nie wieder hinauszukommen, hatte auch nicht hinaus gewollt, denn alles hatte für sie aufgehört; – sie war eben ihr Leben lang klein und dumm gewesen. Ehe sie es recht wußte, saß sie da und weinte: Herr, du mein Gott, wie dumm bin ich gewesen! Denn jetzt kam es so, wie sie wollte. Danach hatte sie sich die ganze Zeit gesehnt, wenn sie ehrlich war. Ihr Mann sollte nicht ebenbürtig mit den anderen sein. Der Weg zu ihm mußte aufwärts gehen; das hatte tief drinnen in ihr gesteckt und sie beunruhigt, solange sie nur denken konnte. – »Und ich glaube fast, er will mich haben!« flüsterte sie. Und die Drossel zwitscherte drinnen im Wald, so daß sie es bis ins Haus hörte: »Es wird, es wird, Gjartru!« Es sollte so werden, ja! Anders dachte das gleiche. Und er fragte die Buben, warum denn Gjartru nicht mehr hereinkomme. »Nein, nein, schon recht« … sagte er. »Laßt sie nur.« Und zu sich selber sagte er: »Jetzt sehe ich erst, wie es der da oben gemeint hat, als er die Sache mit ihr und Hall so merkwürdig krumm lenkte. Seltsam«, sagte er. »Seltsam.« Ja, armes kleines Ding, das nichts begriff und nichts sah. Die Menschen waren blind. Jetzt erzählte Jens diese Sache mit Petter. Zu Anfang war es gleichsam, als höre Anders nicht recht zu. »Ja, so«, murmelte er nur. Kurz darauf wiederholte er noch einmal, aber wacher: »Ja, so. Rührt er sich jetzt wieder einmal, der Bursche.« Die übrigen redeten bald wieder von etwas anderem, und Anders saß still da und griff sich in den Bart. Dann sagte er vor sich hin, es klang wie ein kleiner erleichterter Seufzer: »Jetzt ist er verurteilt. Endlich einmal, ja. – Damals war es eine andere Sache. Jetzt handle ich nicht im Zorn.« Nein, in ihm wohnte nicht das, was man Haß nennen konnte. Jetzt war es die Sache selbst. Hier würde nun bald mancherlei geschehen, das fühlte er an sich. Bald würde es beginnen. Er fragte, wie es mit Jens gehe, mit dem Handel unten in Vaagen. – Ja, sagte Jens und lachte. Jetzt habe er bald die Gaff in die Pfarrerstochter geschlagen, habe sie schon so gut wie im Boot. – Anders hörte nicht darauf. Er saß gleichsam da, als sei er am Einschlafen. Aber die anderen wußten, daß gerade dann sich etwas in ihm zusammenbraute. – »Ich will dich bald zu einem Mann machen«, murmelte er. Jens sah den Bruder an und lachte. Als Per den Jens ein Stück weit begleitet hatte, ging er über den Hügel hinüber nach Rönningan. Er traf Petter daheim an. Niedersetzen wolle er sich nicht, er habe nicht viel zu sagen. Nur so viel, daß der Petter jetzt sich aus der Gemeinde machen solle, solange noch Zeit sei. denn sonst käme bald ein anderer her als er, und dann ginge es aus einem anderen Ton. »Der Vater, ja, lach nicht, du. Du weißt selber, was du auf dem Gewissen hast. Diesmal wird er dich zuschanden schlagen, wenn er dich nicht ganz erschlägt. Fort mußt du, für immer!« Petter brachte nie ein rechtes Grinsen zuwege, wenn Per vor ihm stand. Per hatte so wenig Sinn für so etwas. Mit ihm wollte Petter am wenigsten zu tun haben. Trotzdem lächelte er, aber nur für sich selbst, und dann sagte er: »Mich erschlagen, ja. Das müßte ich ihm eigentlich erlauben. Danach würde er schon zahmer. Und dann müßte er doch zufrieden sein, meine ich; wenn er so weit mit mir gekommen ist?« »Ich habe dich jetzt gewarnt!« sagte Per, und dann ging er. Kjersti kam hinter Per zur Tür heraus. Sie hatte den Kleinen zum Schlafen gebracht. Es war eine graue Frühlingsnacht, und die Wolken segelten mit kaltem Antlitz über das Tal dahin; die nächtliche Kühle aus Waldtälern und Mooren umschloß einen eisig, und der Bach brauste und sang drüben im Wald. Per blieb eine kurze Weile stehen, erstaunt darüber, was sie wohl von ihm wollte. Es dauerte einige Zeit. Sie fuhr sich über die Brust hin, knöpfte wohl zu, es war so schauerlich kalt. »Du, Per«, sagte sie. » Du darfst nicht böse auf den Vater sein. Mag es im übrigen gehen, wie es will.« »Nein, nein«, sagte er, und dann trennten sie sich. Laß dein Brot über das Wasser fahren 1 Am nächsten Tag nahm sich der Vater Gjartru vor. Er bat sie in die Kammer und schloß die Türe. Dies ging so feierlich vor sich, daß das Mädchen zugleich heiß und blaß wurde. Und Anders mußte sich über sich selber wundern. Es war in ihm und rings um ihn so still geworden. Nie hatte er soviel zu regeln und zu ordnen gehabt wie jetzt, eine Sache nach der anderen kam geradeswegs auf ihn zugesegelt, es kam, wie Wellen kommen, die aufs Land zurollen, jetzt würde auch bald das Große selbst zu ihm kommen. Aber er hatte solch eine neue Ruhe in sich. Er hätte gut irgendwohin abseits gehen und sich hinsetzen können und ihm entgegensehen. Gjartru fürchtete sich vor dieser Kammer, sie fühlte sich in ihr wie in der Kirche, und heute war es ganz besonders erstickend. Sie blieb mitten im Raum stehen und wartete. Der Vater stand am Fenster und sah hinaus, die Hände auf dem Rücken, und dies schien ihr das Schlimmste zu sein, was er tun konnte. – Ob sie in letzter Zeit mit Aasel geredet habe? fragte er. – Mit Aasel? Ja, das hatte sie wohl. – Das sei ein merkwürdiges Kind, fand er. Wie? Ging sie nicht etwa hin und verschlief ihr Leben dort auf Paalsnese, he? – Gjartru lachte ein wenig: »›Laß dein Brot über das Wasser fahren‹, sagt Aasel.« – »Brot über das Wasser fahren?« – »Nein, sie meint nur, daß sich mit der Zeit wohl alles wenden wird.« – »O woher doch, so denkt sie nicht. ›Laß dein Brot‹, ja – so steht es irgendwo. Sie denkt tief, das ist wahr. He! Sich still hinsetzen und darauf warten, daß man es wiederbekommt …« Lange Zeit blieb er so stehen und sah hinaus. – »Aber wie verhielt es sich denn mit dir? Im Herbst mit dem Hall?« Gjartru wurde dunkelrot bis unter die Haarwurzeln, und jetzt war sie froh, daß er ihr den Rücken zuwandte. »Wir waren doch verlobt«, sagte sie. »Verlobt, ja. Danach frage ich nicht. Ist es wahr, was man sich erzählt? Von dem Heuschuppen und dem übrigen? Der Petter soll euch dort gefunden haben.« »Pah! – – Im übrigen aber, es ist wahr, wenn Ihr es wirklich wissen wollt!« Er wandte sich um. Er sah sie erstaunt an, und sie gab ihm den Blick gerade zurück. »Ja, ja, also. Und jetzt tragen sie es dem Lensmann zu. Was sagst du dazu? Oder soll ich es ihm erzählen?« Sie blinzelte ihn rasch und streitlustig an, der Mund zog sich zusammen und wurde ganz hart; aber dennoch sah es aus, als fühle sie eine süße Sehnsucht oder ein Glück, und als sei sie im Begriff, alles andere zu vergessen. So war sie, traf es ihn: sie sah einen wie ein Juwikinger an und war dennoch wildfremd im Blick. »Ich war ja doch schließlich nicht vergoldet!« sagte sie, und das Lächeln zitterte zwischen Weinen und Scherz. »Still, du!« »Und überhaupt – – ich werde es ihm schon selber erzählen. Wenn's einmal soweit ist.« »Bist du von Gott verlassen, Kind?« Er bedeutete ihr mit dem Kopf, daß sie gehen könne. Und er schüttelte den Kopf noch lange danach, wußte nicht, ob er fluchen oder lachen sollte. Und so war sie eben. Und sie würde wohl gut genug sein für den Lensmann, das wollte er meinen. Es dem anderen selber erzählen, ja, das gerade sollte sie. Da würde er auf jemand treffen, der ihm ebenbürtig war. Jetzt war dies überstanden, und jetzt wollte Anders geradeswegs nach Rönningan gehen und seinen Bruder fortjagen. Aber erst aß er noch ordentlich zu Mittag, und dann ging er hinaus auf den Acker und sah nach, wie geeggt wurde, damit sie ihm nicht nur mit der Hasenpfote über die Erde fuhren. Dann ging er in den obersten Dachraum hinauf – er hatte sich einen obersten Dachraum eingebaut wie im Pfarrhof –, suchte in allem möglichen Gerümpel und fand endlich einen alten Ochsenfiesel mit einer Bleikugel daran; in alter Zeit hatte ein Zigeunervogt auf Haaberg gelebt, und das war seine Waffe gewesen. Anders wog sie in der Hand, schwang sie und schlug mit ihr leicht zu, versuchte, ob sie noch hielt. »Das ist wahrhaftig eine ganz unchristliche Waffe, das da«, lachte er vor sich hin. »Jetzt jag ich ihn gründlich zum Teufel; jetzt sind sie alle beide da, die Zeit und der Mann dazu!« Damit stieg er hinunter, schlüpfte in den Sonntagsrock und machte sich auf den Weg. Aber er kam zu spät. Kjersti konnte erzählen, daß Petter schon frühzeitig am Tag fortgegangen war, zum Anstreichen oder irgendwohin, er war weit fortgegangen. »War der Per gestern abend da?« – »Ja, er war da.« – »Das kann ich mir denken.« Anders stand da mit dem Ochsenfiesel in der Hand, fuhr sich mit der anderen durchs Haar: »Das war Pech, verflucht noch einmal. He!« Dann sah er Kjersti ein wenig genauer an. Sie schien weder froh noch böse. Er räusperte sich, und auf seinen Wangen flammte es rot auf: »Ich muß einmal den Jungen ein oder zwei Tage herüberschicken, mit den Pferden; hier ist noch nicht viel getan von der Frühjahrsarbeit, soviel ich sehe.« Anders mußte seine arge Waffe nehmen und wieder heimgehen. Je länger er ging, desto merkwürdiger war es, an Per zu denken: Der mußte aus einem seltsamen Holz geschnitzt sein. Ein Tor und ein Narr, das ist wohl wahr, aber doch auch ein richtiger Kerl; weit über alle anderen in der Gemeinde hinaus. – Ehe Anders heimkam, dankte er dem da oben dafür, daß es so und nicht anders gegangen war. »Ich habe nun einmal das Glück auf meiner Seite, das merke ich« – er war so voller Verwunderung, daß er stehenbleiben mußte. Auch daß Per nicht Lensmann werden wollte, war ein Beweis dafür: Jetzt war Gjartru versorgt, soviel er sah, und der Per, der würde Bürgermeister in der Gemeinde werden, gleich nach dem Pfarrer würde er seinen Platz haben, auf diesen Punkt hin lief alles zusammen! Und das war es auch, wozu er taugte. Denn er, der die ganze Gemeinde am Zügel führen soll, darf kein Juwiking sein, aber auch kein armer Tropf. Dazu gehörte einer wie der Per. Nicht zu eigenwillig und auch nicht zu schwankend; es mußte ein rechtschaffener Mann sein. Zeigt mir einen, der ein Lensmannsamt zurückweisen kann – den möchte ich sehen! Anders schien es, als erblicke er etwas Neues vor sich und etwas Fremdes, das ihn förmlich durchkühlte: eine neue Art Menschen, die sich ruhig hinsetzen und darauf warten konnten, daß das Rechte geschehen würde, wenn sie das Ihre getan hatten. Genau so, wie er es vor sich gesehen hatte, als er heute an die Aasel dachte. Er sollte ihnen nur den Weg bahnen, aber mein Gott, welch einen Weg! »Verzeih mir die Sünde!« sagte er, denn er glaubte, er habe jetzt wieder geflucht. Er machte einen Bogen und kam von Vaagen heim, so daß die daheim nicht wissen konnten, wo er gewesen war. Und jetzt sollte es geschehen. Diese Haut vor den Augen sollte weg, er mußte notwendig sehen, von nun an. Und jetzt hatte er den rechten Mut dazu. Er blieb stehen und überlegte. Er war ruhig, wie er es früher gewesen war, sein ganzes Leben lang; und dennoch fühlte er, daß es eilte, das Leben stand gleichsam da und wartete auf ihn; das ganze Werk war ungetan und stand noch bevor; es saugte an ihm, aber es beunruhigte ihn nicht. Jaha, jetzt würde er bald die Welt so sehen, wie sie war. Die Männer schafften draußen auf dem Feld, und die Frauen waren von ihrer eigenen Arbeit in Anspruch genommen, es paßte also gut. Er ging hinüber ins Brauhaus und wärmte sich einen Topf mit Teer, machte ihn ziemlich heiß; dann wärmte er eine kleine Schüssel mit Tran und stellte sie bereit. Draußen im Hof ringsumher war es feiertäglich still, während er damit beschäftigt war. Die Fliegen sangen an der Wand, und die Vögel zwitscherten das Ihre: der Regenpfeifer schrie unten auf dem Moor, und von Zeit zu Zeit hörte man einen Ruf, wenn die Männer unten auf dem Acker über die Pferde fluchten, alles war so seltsam weit fort, draußen in einer anderen Welt. Anders hob lauschend den Kopf: es war so merkwürdig still. Aber er hatte anderes vor. Jetzt war der Teer warm genug, gerade recht, so wie er ihn zu Wunden gebrauchte. Und jetzt sollte es geschehen. Er tauchte den Finger in die Flüssigkeit und fühlte: so war es nun gerade recht, und es war ein feiner und vertrauenswürdiger Teer. – Wer doch jetzt ein paar gute Sprüche darüber sagen könnte, meinte er. Er lächelte, während er dies sagte, wie blinde Menschen oft tun; aber er wünschte es doch. Denn in dieser Stunde hatte er einen festen Glauben an alles, was es auch sein mochte. Aber es brach ihm der Schweiß aus. Er sieht durch die Tür hinaus, ob ihm jemand in die Quere kommen könnte. Nein; es war so, wie er es selbst nicht besser hätte einrichten können, und jetzt nahm er seine Töpfe und lief damit über den Hof und in die Kammer hinein. Wieder fühlt er, wie warm der Teer ist. Steht dann eine Weile am Fenster und blickt hinaus, hinunter über Wiesen und Äcker, wo das Grün schon aus dem moosigen Grund hervorlugt. Die Hügel schwimmen in lichtblauem Nebel unterm Himmel dahin, so sind sie sein ganzes Leben lang gewesen, jeder Rücken und jeder Einschnitt ist zu finden, und der Wind bläst frühlingskalt und streitlustig über sie hin, und sie machen sich rund und sonnen sich und lassen sich die Wärme gefallen; es ist gleichsam, als führe Anders nach rückwärts durch die Zeiten zurück, während er dasteht und hinausblickt. Und nichts als Sonne und Wolken, Sonne und Wolken – es ist die Kindheit selbst, die ihm entgegenscheint. »Ja, aber jetzt!« sagte er und wandte sich ab. Die Stimme wurde laut und sang: »Wenn ihr mir wohlwollt, dann müßt ihr jetzt nahe sein und mir beistehen!« Immer wieder mußte er sich den kalten Schweiß von der Stirn wischen. Aber es war leicht zu atmen. Dann tat er es: Er schmierte den warmen Teer mit den Fingern auf die Augen, auf den Augapfel selbst, so gut er es zuwege brachte; er rollte die Augen nach allen Seiten hin, damit er seiner Sache ganz sicher sein konnte. Der Rücken krümmte sich und die Knie wurden weich, aber er ließ nicht nach, bis er fertig war. Dann setzte er sich auf den Bettrand. »›Das war mir aber eine Brautnacht‹, sagte das Mädchen«, murmelte er. Na, das konnte man gehörig spüren. »Aber Böses muß mit Bösem vertrieben werden! Ja, ja; das wird schon recht. Wirf dein Brot …« »Massi, Massi!« stöhnte er eine Weile später, er wußte kaum, was er sagte. Dann war es an der Zeit, den Tran darauf zu schmieren. Er tastete nach dem Lappen und fuhr sich über die Augen. Dies milderte den Schmerz nicht wenig, Anders brachte es sogar fertig, den Topf und das übrige zu verstecken. Schließlich saß er auf der Bettkante und wiegte den Körper hin und her, und dazu flüsterte er in einem fort: »Wenn ihr mir wohlwollt, dann muß es sich jetzt zeigen!« Als die übrigen am Nachmittag Anders suchten, war er krank und lag zu Bett, und sie hatten so viel Verstand, ihn in Frieden zu lassen. Gjartru ging am Abend wieder zu ihm und erkundigte sich. Der Kopf tue ihm ein wenig weh. War ihm die Sache mit ihr so nahegegangen? Sie wunderte sich darüber, während sie ein Tuch umlegte und hinausging. Draußen blinzelte sie Beret zu und machte sich heimlich auf den Weg nach Osten hinüber. Denn es war solch ein betäubender Vogelsang drüben im Wald, die Drossel saß in jedem Baumwipfel und lockte; dies war kein Abend, an dem man zu Hause sitzenbleiben konnte. – Man konnte heilfroh sein, daß man kein Bauernweib war, trotz allem. 2 Die Muhme Ane auf Paalsnese fiel rasch ab. Als Aasel an jenem Abend von Haaberg heimkam, stand der neue Knecht vor der Türe und wartete auf sie. – »Sie ist wohl elend dran, die Alte da drinnen«, sagte er, »ich hörte, wie sie jammerte, und da ging ich zu ihr hinein. Aber ich bekam keine Antwort von ihr.« Aasel ging rasch ins Haus, erst später wurde es ihr bewußt, daß er hier gestanden hatte. Für Aasel gab es in dieser Nacht keinen Schlaf, und auch in keiner der nächsten Nächte; denn die Alte ließ ihr keine Ruhe, mußte in einem fort gedreht und gebettet werden und seufzte und jammerte dabei wie ein kleines Kind. Kein anderer als Aasel durfte sie anrühren, und sie duldete auch nicht, daß das Mädchen schlief. Es war übrigens vorher nicht viel besser gewesen in den letzten Jahren, so daß Aasel schon ganz daran gewöhnt war. Als Ane merkte, daß es mit ihr zu Ende ging, sammelte sie ihre ganze Kraft, nahm Aasel bei der Hand und versuchte, ihr durch den Todesnebel fest in die Augen zu blicken: »Eines mußt du mir versprechen, Aasel, wenn du Frieden vor mir haben willst.« »Du weißt, daß ich alles tue, was du willst, Muhme.« »O nein, darauf ist kein Verlaß! Du hast es ja nur auf mein Geld abgesehen. Aber einen schönen Leichenschmaus sollst du für mich halten, hörst du. Und dann sollst du von meinem Geld dem Pfarrer einen neuen Talar machen lassen, aus reiner Seide – ich habe solche Angst! Versprich mir das, Aasel!« bat sie kläglich. Aasel mußte es mehrere Male versprechen, und beim letzten Mal sogar, daß sie dicke Seide zu dem Talar verwenden wollte – die Muhme hatte solch unsagbare Angst! – Dann wollte sie, daß Anders käme, und Aasel schickte nach ihm; aber sie bekam zur Antwort, daß es auch um ihn schlecht stünde, er liege zu Bett, habe irgend etwas Schlimmes im Kopf. Da war Ane bereits so weit, daß sie nichts mehr von sich wußte, und Aasel war davon so in Anspruch genommen, daß ihr kaum zum Bewußtsein kam, was sie über den Vater erfahren hatte. Sie kämpfte eine Nacht zu Ende, die sie nie vergessen würde. Von den Besitzern des Hofes bekam sie nichts zu sehen; die hatten zu Lebzeiten der alten Austräglerin zum Überdruß genug von ihr bekommen und wollten jetzt nicht sehen lassen, wie froh sie waren. Später schien es Aasel, daß sie es nicht mit heilem Verstand hätte überstehen können, hätte sie nicht wenigstens einen Menschen in der Nähe gehabt, und das war der Knecht gewesen. Er kam ein paarmal an die Türe, sagte jedoch kein Wort, sondern war nur da, und in der Zwischenzeit glaubte sie, er säße draußen in der Küche. Gegen Morgen war er wieder da, brachte ihr Kaffee. Aasel trank nie Kaffee, sie fand, er schmecke so schlecht, aber der Knecht zwang sie zum Trinken, und da tat der Kaffee wehmütig gut , wie sie sagte. Nicht lange darauf war es zu Ende. Aasel war bis in die Haarwurzeln hinauf eiskalt und fühlte nicht mehr den Boden unter sich, aber sie biß die Zähne zusammen, legte den Finger auf die toten Augenlider und drückte diese zu, schob der Toten das Gesangbuch unters Kinn, und dann lief sie, von Entsetzen gejagt, zur Stube hinaus und geradeswegs in die Arme des Knechtes, der in der Küche draußen gesessen und geschlafen hatte. Sie erfaßte seine beiden Hände und wußte es nicht. Sie standen draußen vor der Tür in dem hellen Frühlingsmorgen, und die Sonne ging auf, und die Stare pfiffen oben auf dem Dach, und die Drosseln drüben am Waldrand fingen an, eine über der anderen, bis es ein rieselnder Bach von Frühlingslauten war. Aasel bekam es nicht viel leichter, als sie endlich ausgeschlafen hatte. Sie arbeitete so, daß ihr schwarz vor den Augen wurde. Aber sie achtete dessen nicht. Es war eine sechzehnjährige Gefangenschaft gewesen, der sie jetzt entronnen war. Sie hatte ihre Last getragen, hatte alles verloren, was sie verlieren konnte, so schien es ihr – an all die Mühe dachte sie nicht einmal –, und jetzt war sie frei und fertig. In diesen Tagen dachte sie nicht an das Geld, obwohl dies nicht wenig für sie zu sagen hatte. Erst als sie das Schlimmste geregelt und in Ordnung gebracht hatte, fiel es ihr ein, und jetzt wollte sie sich daran machen und den Schlüssel hervorsuchen; jetzt war es doch wohl nicht mehr zu früh? Aber da trifft sie wieder auf diesen Knecht, er ist draußen im Holzschuppen und hackt Holz für sie. Er umarmte sie ohne jede Umschweife, so wie sie wußte, daß sie es trieben, die jungen Burschen. Sie wurde wütend und riß sich von ihm los, da aber blieb er stehen, so ratlos und verzagt, daß sie sich nicht zu helfen wußte und wieder ins Haus hineinlief. An diesem Abend kamen Per und Gjartru zu ihr, und jetzt erst wurde es ihr klar, daß diese lange damit gezögert hatten. Nicht wegen der Hilfe: Aasel hatte nie daran gedacht, sie um Rat zu fragen, wie alles getan und geordnet werden sollte; aber es mußte doch wohl daheim etwas nicht ganz in Ordnung sein, wenn sie jetzt erst kamen. Sie fragte nicht. Ja, es war also der Vater. »Es steht nicht recht gut um ihn, nein«, sagte Per. »Er hat Schmerzen in den Augen. Gott mag wissen, was mit ihm ist.« – »Aber es vergeht wohl wieder, wie alles andere auch«, meinte Gjartru, sie war so jung und froh. »Und jetzt bist du ja ein reiches Mädchen, du«, sagte sie und blickte Aasel von oben bis unten an; sie freute sich darüber. »Ja, wer weiß. Reich werde ich wohl nicht gerade sein, aber …« Hatte sie denn noch nicht nachgesehen? – Nein, wahrhaftig, das hatte sie noch nicht. Sie lächelte, war ein wenig rot geworden und griff zum Wandbrett hinauf; dort hatte sie jetzt den Schlüssel liegen. Sie kletterten alle drei in den Dachraum, und Per mußte die Kiste öffnen; denn Aasel war zu schwach, so schwer war das Schloß. Im Seitenfach lag ein aufgerissener Briefumschlag, und in dem waren vierzehn Silbertaler; die stammten von Jens in der Finnmark. Ein Wäschestück nach dem anderen räumten sie heraus, und Gjartru fühlte genau nach, ob etwas drinnen verborgen sei. Endlich sind sie auf dem Boden angelangt. Da liegt das Fußstück von einem alten grauen Strumpf. – »Hier liegt das Schwein selber«, sagte Per. Aasel hob den Strumpf ein wenig hastig heraus und stülpte ihn um. Es war ein ganz netter Haufen Silbergeld; aber als sie nachzählten, wollten es nicht mehr als drei Taler werden. Keines sah das andere an. – »Na, so ganz wenig ist es ja schließlich nicht«, tröstete Gjartru. – »Hier gibt es schon noch mehr, irgendwo«, meinte Per. Aber Aasel schüttelte den Kopf. Sie hatte in jeder Ecke und in jedem Winkel aufgeräumt, und die Muhme hatte mehr als einmal gesagt, wenn diese Kiste verbrenne, dann würde alles verbrennen, was sie besitze. Plötzlich fängt Aasel an zu lachen. Sie lacht laut und hart, aber herzlich, so daß ihr die Tränen in die Augen kommen. Die beiden anderen sind fast erschreckt, denn das war ein seltsames Lachen von Aasel. Und dann erzählt sie von dem Leichenschmaus, der wohl über zehn Taler kosten würde, und von dem Talar für den Pfarrer, der aus dicker Seide sein mußte; was meint ihr, was der wohl kosten würde? – Per zog die Augenbrauen hoch: Weniger als zehn Taler würde er wohl kaum kosten, wenn er es offen sagen solle. Aber sie hatte ja auch die Einrichtung! Die war an die zwanzig Taler wert oder wenigstens beinahe. »Tod und Teufel!« rief Aasel, sie brach wieder in Lachen aus. »Da leg ich drauf und kauf auch noch eine neue Krause für den Pfarrer. Dann haben wir einen niegelnagelneuen Pfarrer in der Kirche, und dann habe ich gar nichts bekommen!« Sie gingen wieder hinunter, und Aasel kochte einen tüchtigen Kaffee. Aber sie sollten die Sache mit der Erbschaft nicht dem Vater erzählen, bat sie; nicht ehe er wieder gesund sei. Und erst recht nicht jemand anderem; denn die Schande sei das Schlimmste an der ganzen Geschichte. – »Ich glaube, ich grabe mich lebendig in die Erde ein«, sagte sie, aber sie sah nicht so aus. Sie war lebenslustiger, als die anderen sie je früher gesehen hatten. Als die beiden gegangen waren, wurde es ihr ganz klar und deutlich, wie es in der Schrift geschrieben stand. »– so wirst du es finden auf lange Zeit.« Am Tag darauf kam der Knecht und bat, sie solle ihm nicht böse sein. – »Unsinn!« sagte sie. Sie danke ihm vielmals für alle Hilfe, die sie an ihm gehabt habe. Dabei ließ sie sich Zeit und sah ihn an. Er war groß und schlank und hatte weiches, braunes Haar, das er sich in die Stirne kämmte, so etwas hatte sie noch nie gesehen, und dann schlug er bisweilen die Augen so versonnen nieder. Er hieß Kristen Folden, und das war ein so vornehmer Name, dünkte es sie; und seine Kleider waren heil und rein, wie sie es noch nie an einem Knecht gesehen hatte. Und so war er durch und durch: man mußte über ihn staunen. Sie sei jetzt ein reiches Mädchen, sagte er. Seine Stimme klang ganz traurig. Aasel stand da und wurde lustig wie am Abend zuvor: »Für mich ist kein Heller übriggeblieben!« Sie sah ihn offen an, es tat so gut, dies sagen zu dürfen. Erst als er gegangen war, stieg es ihr heiß in die Wangen, und sie biß sich in die Lippe – denn so etwas sagte man doch nicht zu einem Fremden! Am Abend war sie im Begriff, nach Haaberg hinüberzugehen und sich nach dem Vater umzusehen. Sie befürchtete mehr als irgendeines von den anderen, daß es etwas Ernstliches bei ihm sein könne. Wie ein Klumpen steckte es ihr in der Brust, es könnte die gleiche schwere Hand sein, die auf ihm laste wie auf ihr, und um ihn tat es ihr leid; denn er hatte sich nie etwas Böses erwartet. Aber sie kam nicht fort vom Hof. Es gab zu vielerlei, wonach sie sehen mußte; und dann würde er doch wohl zum Leichenschmaus hierherkommen. Sie wußte nicht, daß sie sich schämte, zu ihm zu gehen. 3 Genau so dachten sie auf Haaberg: Anders mußte doch wieder so gesund werden, daß er zum Leichenschmaus kommen konnte. Wie eine Last und eine Unruhe lag es über ihnen all die Tage her, so daß zum Schluß keiner mehr davon zu reden wagte. Als aber nur noch ein Tag bis zum Begräbnis war, faßte Gjartru sich ein Herz und sagte es ihm. Er lag da und drehte sich der Wand zu; so hatte er jetzt fast immer getan, seit er krank war, und es murmelte in ihm, er sei gesund, er habe nur ein wenig Schmerzen in dem einen Auge. – »Laßt mich doch in Frieden!« bat er. Genau so sagte er auch, wenn sie ihm zu essen brachten. Am Nachmittag schickte er nach Per. Per ging langsam und still hinein; es brachte so einen Schauder mit sich, wenn man in die Kammer gerufen wurde. Der Vater wandte sich ihm zu, mit einer Binde vor den Augen und rings um den Kopf. »Ich bin schlimm daran, ich«, sagte er, »krank, sehr krank noch dazu.« Per räusperte sich ein paarmal. Anders hob die Hände und ließ sie schwer wieder aufs Bett fallen: »Ja, jetzt bin ich blind, Per! – – Doch, ich bin es, du. Und bleib es auch, ja, mein Lebtag lang. Aber du sollst es wissen: Ich habe es mir selber angetan!« Dann erzählte er, wie es sich zugetragen hatte und wie es gegangen war. Der Grund war wohl, daß der Teer zu heiß war. Denn sonst war Teer das einzige, das gegen Krankheit half: »Der ist galant , Per.« Dann sagte er, er wolle am nächsten Morgen aufstehen und zum Leichenbegängnis gehen, oh, red nur keinen Unsinn! So krank sei er nicht, und sie könnten gern sehen, daß er blind sei, einmal müßte es ja doch sein. Aber wie ist es mit der Aasel? Hat sie am Ende nichts bekommen? Da er nichts von ihr gehört hatte. Per wich mit den Blicken aus, gleichsam als könne der Vater durch die Binde sehen: Nein, viel war es nicht, und wenn möglich noch weniger. Es fraß sich selbst auf. »Ja, das kann ich mir denken.« Es fehlte nicht viel, daß auch Anders gelacht hätte. – – »Aber ein anständiges Leichenbegängnis gibt es doch?« »Mein Gott, freilich! Wie sich's gehört, das ist sicher.« »Ja, die Aasel, die Aasel! – – Hm – hm! Die Welt ist oft merkwürdig, ja oft.« Als Per wieder gehen wollte, sagte Anders: »Per, wir sagen den anderen einfach, ich hätte Kalk in die Augen bekommen. Hm?« »Ja, ja. Es wird uns wohl nichts anderes übrigbleiben.« Die Geschwister, die daheim waren, versammelten sich in der Küche, und dort erzählte Per, wie die Sache stand. Denn es ist ihm Kalk in die Augen geraten, sagte er. Gjartru weinte, und Beret war auch nahe daran. Ihnen schien es, als seien sie mutterseelenallein in der Wildnis, nun, seitdem der Vater sein Augenlicht nicht mehr hatte, es war, als sei er ihnen entschwunden. Ola ging in die Oststube und holte seine Ziehharmonika hervor; dort saß er oft und spielte und fügte Worte zusammen, und das tat er auch jetzt. Er wünschte fast, daß er nicht mehr auf diesen Hof gehöre. Per stand da und pfiff eine Weile vor sich hin, und dann ging er hinaus. Vor der Tür sagte er zu sich selber, laut und gleichsam wie zu einem anderen, wie er immer tat, wenn er sich etwas überlegte: »Es kommt so, wie ich gesagt habe, ja. Es geht dorthin, wo es selber will. Wie sehr wir uns auch plagen und schinden.« Es war ein klarer Abend, Birkhähne kollerten, und alle Vögel sangen – so war es an vielen Abenden in diesem Frühjahr: der Bach toste und floß dahin, daß man es bis hierher hörte; er war da, er gab nicht nach. Per stand eine Weile da und witterte in die Luft hinaus. Dann grub er in der Erde nach Würmern, nahm die Angelrute und ging fort. Das tat er oft, wenn die Welt so schwer zu übersteigen war. Es war etwas so Seltsames um die erste Forelle, die zappelnd neben einem im Grase lag; der Fischgeruch machte einen mit einemmal zu einem kleinen Buben, man sprang barfuß herum und war froh , erinnerte sich nicht einmal, daß man Per hieß. Auch Anders empfand den Abend. Der lag vor dem Haus, so schön er nur sein konnte, er war für Anders geschaffen und lag da und wartete geduldig. Das war die eine Sache. Schlimmer war es mit dem Leichenbegängnis, denn dorthin mußte er; er sammelte seine ganzen Gedanken und all seine Kraft, und da mußte die Zeit wieder einsetzen und wieder gehen. Jaha, dorthin mußte er. Er kam wie ein Häuptling, fuhr auf seinem eigenen Weg, und die Leute blickten ihm nach, wie sie es immer getan hatten, und wunderten sich darüber, was seinen Augen fehlte – er konnte es beinahe vor sich sehen. Es war ein wenig kindisch, mag sein, so auf den Hof zu kommen und seinen Platz einzunehmen; aber so war man eben, so war man sein Lebtag gewesen. Und wenn es nun auch vorbei war mit dieser Zeit, dann sollten sie doch einen vor sich haben, der vortrat und sie ansah, selbst wenn er blind war; es sollte ein Spaß sein, sie zu meistern, wie er es auch sonst getan hatte, erst jetzt würde er richtig der Anders sein. Wartet nur eine kleine Weile noch, dann sollten sie sehen, wie ein Blinder die Kirche versetzte! So saß er da und nahm sich ein Ding nach dem anderen vor, wie in alten Tagen; er lächelte ihnen zu und packte sie an und war gleich wieder mit etwas Neuem von derselben Art beschäftigt. Aber womit sich auch seine Gedanken befaßten, das Schwerste lag doch unter allem verborgen, und das war bei weitem nicht das verlorene Augenlicht. Nein, es waren die Worte, die er sagte, damals, als er seine Augen heilen wollte: Wenn sie ihm wohlwollten, dann mußten sie ihm beistehen ! Wie sicher und ruhig hatte er nach diesen Worten gegriffen. Jetzt wandte er sich jäh ab, als er es vor sich sah. Sein Brot aufs Wasser werfen, das sollte man wohl kaum tun. Aber, sagte er zu sich selber, noch zweifle er nicht daran, daß er es auf die eine oder andere Weise zuwege bringen würde. Er hatte schon früher einmal einen Schlag bekommen und hatte sich wieder erholt. Die Schmerzen in den Augen waren im übrigen bisher wie eine Hilfe gewesen. Sie ließen einen armen Kerl wie ihn nicht daliegen und in Verzweiflung hingrübeln; sie hielten einen auf dem richtigen Weg. Es war schon genug, daß man liegen mußte. – – – Als Gjartru am Abend mit dem Gabenkorb für den Leichenschmaus nach Paalsnese kam, erzählte sie Aasel, daß der Vater blind geworden war. Aasel arbeitete, während sie zuhörte, fast, als habe sie dies schon früher gewußt. Erst als Gjartru wieder gehen wollte, wurde diese gewahr, daß Aasels Gesicht erstarrt und fahlblaß war. Aber gerade als Gjartru äußern will, daß es vielleicht wieder vergehen würde, sagt Aasel, um sie zu trösten: »Mit dem Vater hat es keine Gefahr; er hält mehr aus als nur das, wirst du sehen.« So war es immer, schien es Gjartru, neben Aasel wurde sie zu einem kleinen Mädchen. Im übrigen war sie zu glücklich, um länger darüber nachzudenken. Sie stand gleichsam im Begriff, aus dieser Welt fortzuziehen. – – – Anders kam wie ein Herr zum Leichenbegängnis gefahren und ging sogar mit in die Kirche. Das Gerücht, daß er das Augenlicht verloren habe, hatte sich schon verbreitet, und sie drängten sich alle dicht an ihn heran. Er schob es hinaus, bis sie beim Essen saßen; da erst erzählte er, daß ihm ungelöschter Kalk in die Augen gekommen sei und daß er sie mit Tran gereinigt habe, der vielleicht zu heiß gewesen sei, denn er habe gerade Schuhschmiere kochen wollen; so hatte er sich den Augapfel verbrannt. He, traurig? Woher doch! Denn er hatte es ja selbst getan. – »Aber das muß doch wohl wieder gut werden?« meinte ein Weib erstaunt. – »Ja, glaubst du denn, ich werde blind , du?« – »Nein, wo denkst du hin!« – »Ja, es ist kein Spaß, blind zu werden«, sagte einer, »wenn einer noch so jung ist.« – Mein Gott! Das sei die schwerste Sündenstrafe, die der Herrgott einem auferlege. Ja, wie er sie dem auferlegt hatte und jenem! Sie erinnerten sich jetzt an nicht wenige. Und in der Juwikingsippe waren doch auch ein paar gewesen? – »Aber du weißt, das hier ist etwas anderes; wenn man es selbst getan hat.« Sie alle hatten eine Stimme so weich wie Butter. Nie hatte Anders sie so nahe bei sich gehabt wie jetzt. Nie auch hatte er sie so richtig gesehen wie jetzt. So sahen sie aus, ja. Und so sah er für sie aus. Trocken und armselig waren sie im Gesicht, und kalt wie der Luftzug im Türspalt – er war wie ein neues Boot für sie, und es tat ihnen wohl, einen Fehler daran zu finden. Sie wollten ihm zu Leibe, darauf hatten sie seit langem gewartet. »Ich bin übrigens für Lebzeiten blind!« sagte er; er sagte es gleichgültig, tastete auf dem Tisch herum und aß. Das sei doch nicht wahr? So etwas dürfe er nicht sagen ! klang es rings um den Tisch, und noch mehr dergleichen. »Doch, so ist es schon. Aber darüber braucht ihr euch gar nicht zu freuen. Und mir braucht es auch gar nicht leid zu tun. Es ist eben so gekommen.« Sie schwiegen, daß es eine wahre Lust war. Aber trotzdem bereute er es. Er sollte doch eigentlich zu alt dazu sein, um sie seines Verstandes zu würdigen. Er sollte ein wenig mehr vertragen. Einen Augenblick lang sah er es vor sich: nicht er war groß gewesen; nein, sondern die anderen waren klein gewesen. Da kam einer und legte ihm die Hand auf die Schulter, schwer: »Ich will dir nur eines sagen, Anders Haaberg, und das muß ich jetzt tun: Du hast das zuwege gebracht, was du solltest und noch mehr dazu, ehe du hingingst und dich zur Ruhe setztest. Du hat viel getan. Ich muß es sagen, wie es ist.« Das war Kristian Lauvset, sein alter Gegner. Anders lächelte unter seiner Binde, aber nicht zu dem, was hier gesagt worden war. Es war nur so neu für ihn, daß ein anderer Mann kommen und einem solche Freude machen konnte. Und als eine Frau sagt: »Es muß uns alles zum Besten gereichen«, da lächelt er auch dazu und sagt: » Daran hab ich nie gezweifelt, Kind!« 4 Nein, Anders zweifelte nicht daran. Es lag wohl in allem ein Sinn, und warum sollte der nicht gut sein? Ihn dünkte, er habe ihn schon früher beinahe erfaßt, oftmals. Aber zunächst bekam er etwas anderes zu denken als an sich selbst. Das Unglück hatte jetzt den Weg zum Hof gefunden. Es wollte nun das Seine, und vor dem Unglück konnte man nicht die Türe zuschlagen. Mit Gjartru fing es an. Sie hatte ihm etwas zu erzählen; ihm war es, als könne er dies sehen, und je länger es dauerte, bis sie mit allem herausrückte, desto schwerer legte es sich auf ihn. Dann eines Tages, als sie ihm das Essen in die Kammer brachte, fragte er geradeheraus: »Wie steht es denn mit dir und dem Lensmann?« Es war viel leichter zu fragen, jetzt, da er eine Binde vor den Augen hatte. – »Ich habe ihn in letzter Zeit nicht mehr gesehen«, antwortete sie. – »Sag die Wahrheit, Gjartru! Mir.« Gjartru dachte daran, daß er blind und hilflos sei, und so erzählte sie ihm, wie es stand. Es war zu Ende. Anders saß da und ließ die Finger umeinanderkreisen.– »Du hast ihm wohl ein wenig zuviel gesagt?« – »Das kann schon sein.« – »Aber trägt er denn die Nase so hoch, daß er nichts mehr begreift?« – »O nein, o nein. Nein, er sagte nur, ich sei eine dumme Gans.« – »Ja, und?« – »Ja, und dann sagte er mir, gerade ins Gesicht, daß er auch nicht viel besser gewesen sei; er hätte es unglaublich getrieben, sagte er; er habe das Leben mitgelebt, sagte er.« – »Siehst du, siehst du: Ein ehrlicher und gerader Kerl – das habe ich ja immer gesagt!« Wie ein Schrei drang es zu ihm, es klang, als sei sie am Ertrinken, aber so von Herzen trotzig, daß es dem Mann ganz warm ums Herz wurde: »Aber ich will ihn nicht haben, hört Ihr, Ihr müßt doch wohl begreifen – –!« Sie weinte wohl, er glaubte es zu sehen. »Die Weiber, die Weiber«, seufzte er. »Ihr seid seltsam .« Aber er verstand sie, verstand sie mit jeder Faser. Pfui Teufel, wie widerlich er ihr sein mußte! Nicht lange danach kamen sie zu ihm und erzählten, Jens sei krank. Das Nervenfieber herrsche in der Gegend und habe viele ergriffen. – »Ich kann nicht glauben, daß es den Jens unter die Erde bringt«, sagte Anders. »Denn wenn er die Pocken überstanden hat, dann übersteht er wohl auch noch etwas anderes; er ist nicht aus so feinem Zeug.« – »Nein«, sagte Beret, die es ihm erzählt hatte, »aber das Schlimmste ist, daß er Segelsund gekauft hat, und noch dazu zum doppelten Preis, hat der Brede gesagt, und der weiß es.« – »Neun- bis zehntausend wohl?« – »Ja, zehntausend.« – »Da hat wohl der Per für ihn gutgesagt?« – »Ja.« Beret ging, und Anders murmelte vor sich hin: Kommt jetzt noch mehr dazu? Mit der Beret stand es übrigens auch nicht zum besten. Sie hatte in diesem Winter zwei Anfälle gehabt, und der letzte war schwer gewesen; Brede hatte seine ganzen Kräfte gebraucht, um sie zu bändigen. Anders wartete von Tag zu Tag darauf, daß Brede eines Tages ausbleiben und nie wiederkommen würde; aber so schlimm ging es doch nicht. Statt dessen kam er und sagte, sie wollten jetzt heiraten und nach Grönsetvika ziehen, denn dort, meinte er, würde es besser für sie sein. Mit der Hochzeit wollten sie warten, bis Anders' Augen wieder gut seien und bis Jens gesund wäre. Anders freute sich darüber, aber er entbehrte sie schwer, als sie fortgezogen waren. – »Das Unglück frißt mir alles weg«, sagte er. Eines Tages tappte er zu Per und Marja in die Stube. – »Du willst wohl zu Jens gehen?« sagte er. Und so war es. »Aber dieses Nervenfieber ist eine Hundsseuche, sie steckt einen an und verfolgt einen wie Gestank.« – »Ja«, sagten beide, Per und Marja. Sie hätten das gleiche gehört, und es sähe ganz so aus, als sei etwas Wahres daran. – »Du wirst also nicht hingehen, nein«, sagte Anders. »Denn er hat ja diese alte Bärin, die Maerit, die ihn pflegt.« – »Mir ist es, als müßte ich trotzdem hinüberschauen.« – »Du darfst nicht!« sagte Marja. Anders sagte nichts mehr; er saß da, wischte sich den Schweiß und atmete schwer. – »Ich werde mir's überlegen«, meinte Per; und Anders wußte, dies bedeutete, daß er gehen würde. Und er ging auch wirklich. Und es kam so, wie Anders vorausgesagt hatte. Per ging Nacht für Nacht hinüber und wachte dort, und Jens überstand es, und Per wurde krank. Als Anders dies hörte, sagte er: »Ich will nicht einmal fragen, ob ich tauschen darf, ich werde ja doch nicht krank. Mögen sie ihn mir doch nehmen.« Er zog nun mit seinem Stuhl in die Oststube hinüber, und dort blieb er am Bett sitzen, ununterbrochen beinahe, bis es zu Ende war. Per lag da und redete irr, gleichsam als habe er bisher zuwenig gesagt. Anders hörte nicht darauf, wollte kein Wort davon hören, und es sollte auch niemand anderer hören. Sie hielten sich im übrigen alle von selbst fern, ja sogar auch die Frau. Anders lächelte, er sah, wie ängstlich sie war, wenn sie einen Augenblick an die Tür kam. Tag und Nacht waren er und Per allein, und so wollte er es haben. – Bisweilen redete er ein wenig mit Per, es war nur ein Flüstern, und meistens waren es die gleichen Worte: »Daß ich es einmal sein würde, der dich pflegt, Per, und nicht umgekehrt. Wer wird mich einmal pflegen, was glaubst du? Ja, ja, ja. Erst drückte ich dem Vater die Augen zu. Jetzt erwarten sie das hier von mir.« Keiner konnte Anders eine besondere Trauer anmerken, als Per beerdigt wurde. Er war mit auf dem Kirchhof und hielt beim Leichenschmaus aus bis zum letzten Mann. Er war nur ein wenig schwerhörig geworden. Er sei so abgestumpft, glaubten sie, ginge in die zweite Kindheit hinüber; viel war nicht mehr von ihm übrig. Er wußte, daß sie das sagten; aber dies war etwas, was ihn nichts anging. Und er blieb eine Weile stehen und wunderte sich: Beim letzten Leichenschmaus, da waren sie doch alle dicht um ihn herum, da spürte er ihren Atem im Gesicht, sie fingerten überall an ihm. Jetzt waren sie so weit weg. Sie sprachen davon, die Kirche an einer anderen Stelle aufzubauen; darin waren sie mit ihm einig, was sagte er dazu? – »Wir müssen warten und es wohl bedenken«, meinte er. »Laßt euch Zeit, Kinder!« und es hörte sich wirklich an, als rede er mit einer Kinderschar. Die Tage darauf ging er umher, als suche er etwas, tappte herum und tastete sich von der Wand zur Türe, durchs ganze Haus hindurch. Die anderen wichen ihm am liebsten aus. – Dann blieb er eines Tages ruhig sitzen. Denn Per war fort, das war nun nicht mehr zu ändern. Kein Mensch würde mehr etwas über ihn zu wissen bekommen. Kein Wort mehr von ihm hören, nein. Jens war schon wieder gesund und mitten im Leben. Jetzt sollte er nach Segelsund ziehen und allen Ernstes anfangen. Da kam der Schlag. Er verkrachte mitten im Umzug. Jens war zum Handelsmann geboren, darüber waren sich alle einig. Er war ein offener und unternehmender Bursche, so treuherzig, daß man ihm bis auf die Knochen sehen konnte, schien es den Leuten, er erzählte drauflos, selbst, daß er sie auch übers Ohr hauen könnte, wenn es darauf ankäme, und während er dies sagte, betrog er sie so fein, daß es nicht besser getan werden konnte. Waren schaffte er sich unzählige an und gab auf Borg, jedem, der kam. Er wollte kein Knauser sein. Die Leute kamen und halfen ihm beim Umzug, eine Last nach der anderen fuhren sie für ihn nach Osten, und die meisten wollten nicht einen Heller dafür nehmen; das war ein Spaß, und er war jedermanns Freund. – Anders hörte nur das Echo davon, und nach und nach rückte es ihm näher. Zuletzt lebte er ganz auf: »Heute fahren sie mit der letzten Last. Man muß sich einen Ruck geben und helfen, wenn es nötig ist. Denn vorläufig hat er noch nichts weiter als Schulden, und teuer hat er gekauft – ganz als hätte ich's selber gemacht; aber warte nur, dann wirst du sehen.« Jens sagte das gleiche, er war gerade im Begriff, den Laden in Vaagen abzusperren. Und dann fügte er hinzu: »Leb wohl und hab Dank. Jetzt ziehen wir aus, der Jens und ich; jetzt fangen wir das neue Leben an.« Das war frisch gesagt, fanden die Kameraden, die dabeistanden. Als sie aber auf Segelsund ankommen, tritt die Frau zusammen mit einem fremden Mann heraus. Viele Leute hatten sich versammelt; die einen halfen beim Einräumen und andere wollten nur zusehen. Es kam schließlich auch nicht jeden Tag vor, daß ein Bauernjunge auf Segelsund selbst Einzug hielt. – »Aber ich habe es schon immer gesagt«, sagte einer, »was der Anders nicht zuwege bringt, das bringt der Jens zuwege.« – So hatten viele gesagt. Die Frau ist rot im Gesicht, trippelt umher und ist nicht, wie sie sonst zu sein pflegt. Sie bittet Jens, mit ins Haus zu kommen. Die Leute folgen ihnen mit den Blicken und sehen dann einander an. Ja, sie wolle nur fragen, wie es denn jetzt mit dem Geld und der Sicherheit stünde? Denn sie müsse es jetzt gleich haben, sie habe selbst eine Zahlung zu machen, und Per sei tot, und Haaberg sei verschuldet und beliehen, soviel sie gehört habe – ob er jetzt gleich die Hälfte beschaffen könne? Dann könnte sie mit dem Rest warten, davon würde sie nicht abgehen, aber wie gesagt – wie gesagt – und hier sei einer, der ihr zehntausend Speziestaler bar auf den Tisch biete! Und Segelsund sei eine gewagte Sache für einen – einen – ja, für einen Bauern eben. Jens sah sie an, seine Lippen bewegten sich im Takt mit ihren Worten; dann stand er mit einem kleinen Grinsen da: »Ich habe gemeint, ich, ein Wort ist ein Wort, und ein Mann ist ein Mann?« Den Rest verschluckte er. Ja, Gott bewahre! Und das hier sei wohl arg, aber was sollte sie tun? Und er habe ja auch sein Wort nicht gehalten, habe bis heute, weiß Gott, noch keinen roten Heller auf den Tisch gelegt. »Das müssen Sie erwägen!« sagte sie. »He! Und ich habe noch dazu gedacht, zu fragen, ob ich nicht hier eintausend Taler geliehen bekommen könnte – ich brauche jetzt Handgeld zu allem möglichen.« Sie winkte mit beiden Händen ab und sagte eine lange Geschichte her, und als sie damit fertig war, sagte Jens: »Amen!« und ging hinaus. Die beiden anderen kamen nach, und jetzt ergriff der fremde Mann das Wort; er bot Jens tausend Taler für die Waren und alles übrige und hundert Taler obendrein für den Umzug und die Mühe! Es wurde still in der Menge. Viele Münder standen offen. Aber die Leute begriffen, und sie errieten, während sie so dastanden, und als Jens antwortete, waren sie bereits mit sich im reinen: Da stand er da wie ein armer Schlucker vor Gott und aller Welt! »Amen!« sagte Jens, stieß ein kurzes Lachen aus und sah sich in der Menge um – sie sollten auf ein anderes Mal warten, dann würde er mit ihnen abrechnen. Und Dank für die Hilfe! Er ging wieder hinein. »Da ging der Trottel!« hieß es hinter ihm. Und dann gab es ein langes Gerede, so weit habe es nun der gebracht, und so weit könne es ein jeder von ihnen bringen, und jetzt sei es kein Vergnügen, wieder nach Haaberg heimzukehren. Und jetzt gäbe es gewiß Regen, Gott sei Dank, und das sei auch wirklich höchste Zeit für Äcker und Wiesen. »Ein wahres Glück, daß es so glimpflich abgelaufen ist«, sagte Anders, als Jens heimgekehrt war und es erzählte. »Nun ist Haaberg gerettet.« – »Haaberg!« sagte Jens verächtlich. »Nein, jetzt fahre ich meiner Wege. Geradeswegs nach Amerika, wenn du schon davon gehört hast.« – Das hatte Anders, und froh war er nicht; aber der Junge mußte fort, das war sicher, und vorläufig saß ja er selber noch lange auf dem Hof. Er rechnete im stillen damit, daß Ola den Hof übernehmen würde. Der aber gab ihm nie eine Antwort darauf. Und im Sommer, als Jens fortfahren sollte, machte auch Ola sich fertig und reiste fort, zur Lehrerschule. Anders mußte ihnen beiden Geld leihen, und er wußte niemand als ihre Schwestern, zu denen er gehen konnte. Aber dort war nichts zu holen. Sie hatten ihr Geld Jens bereits geliehen, ebenso wie Ola, damit er die Schulden loswerden konnte, ehe er fortfuhr. Da schickte er nach Juwika, zur Muhme Aasel, und sie kam, so alt sie war. Sie war die einzige, der sich's gut zuhören ließ, wenn sie redete, schien es Anders; und das Geld bekam er aufs erste Wort. Am Tag der Abreise hieß Anders die Söhne in die Kammer kommen. Zögernd traten sie über die Türschwelle. – Soso, sie wollten jetzt also von ihm fortreisen? Ja, ja. Das war recht und in Ordnung. Es war so bestimmt. »Und dich, Ola, werde ich ja wohl wiedersehen, oder?« Er kam ja auf alle Fälle wieder, ja. »Ja, sehen, sag ich, he! Aber laß dir's gut gehen. Und wenn du's bis zum Pfarrer bringen könntest, dann wollte ich nichts dagegen haben. Sieh zu, daß du dir einen Platz unter den Oberen verschaffst! Das wäre doch wirklich etwas! Du hast doch den Kopf dazu, du.« Ola zuckte mit den Schultern: Den Kopf habe er, ja, aber nicht den Hals. Der sei zu kurz für die Krause. Anders lachte und meinte, er solle ihn strecken. Und das versprach Ola. Anders wandte sich Jens zu: »Eines sollst du nicht vergessen, Jens: Nimm dir nicht zuviel vor. Es ist wie mit der Sense; wenn du zuviel auf einmal nehmen willst, dann schneidet sie nicht. Aber ein Spaß müßte es sein, Junge, mit dir zu kommen. In ein neues Land. Ich habe ein so seltsames Gefühl: daß es hier in dem Lande nun zu Ende ist.« Sie nahmen Abschied und fuhren fort, und Anders tappte in seine Kammer zurück und setzte sich wieder hin. Jetzt fehlte nur noch eines: daß sie ihm den Hof nahmen, dann mußte er doch wohl bis auf den Grund gekommen sein, glaubte er. Aber noch zwei Dinge warteten auf ihn. Das eine war, daß der Lensmann zum Pfarrhof ging und freite, nachdem Jens aufgehört hatte, und Gjartru blieb im Dachraum oben und weinte. Das andere war, daß Beret vollkommen närrisch wurde und ins Irrenhaus geschafft werden mußte, daheim konnte man sie nicht mehr haben. 5 Aber sie nahmen Anders den Hof nicht. Die Schulden waren nicht so groß; und die Frau des Sohnes würde wohl kaum einen Erben bringen. Er sprach eines Tages mit Gjartru darüber: Ist sie unfruchtbar, die Marja, oder was ist mit ihr? Gjartru mußte lachen und sagte, es sehe wohl beinahe so aus. Ja, gut so, Anders war dies recht. Er wußte nicht, woher es kam, aber sie sollte nicht die Mutter des neuen Haabergbauern sein. Als Aasel heimkehrte, wußte Anders, daß sie etwas Gutes mitbrachte. Er war jetzt ganz drunten gewesen. War nicht imstande, eine gute Nachricht entgegenzunehmen, er hatte keinen Geschmack mehr daran. Aber auch das mußte sein, und von nun an konnte er stillsitzen und es von selber herankommen lassen. Sie erzählte, daß sie mit dem Knecht auf Paalsnese verlobt sei, und zum erstenmal sah er sie froh. Ja, er sah dies. Ihr Gesicht war neu geworden es errötete so jung und weich, und die Augen schienen ihm blau entgegen und versprachen sich die ganze Welt, jetzt blinzelte sie rasch, streckte ihm gewiß die Hand entgegen – es ist oft ein kleines Ding, was ein Kind freut! Dies war bei der Auktion so gekommen, die sie abhielt. Denn da betrank er sich und blieb im Holzschuppen liegen. Sie bat einen einigermaßen nüchternen Mann, ihr zu helfen. Er war so schwer, daß sie ihn nicht weiterbringen konnten als bis in ihre Kammer, und dort legten sie ihn aufs Bett. Am Tag darauf wollte er sich unbemerkt davonschleichen, aber dies gelang ihm nicht, denn sie stand gerade in der Küche und richtete sich einen Morgenimbiß. Er setzte sich auf die Herdstätte, saß da und sprach kein Wort. Sie zwang ihn, etwas zu essen, und dann ging er. Noch nie hatte sie einen Mann gesehen, der so bereute. Als er gehen wollte, griff er nach einem Wandbrett und riß es herunter, schlug es dann mit der Faust wieder fest und sah um sich, daß man glauben konnte, er wolle ein Unglück anrichten. Am nächsten Tag sollte sie von Paalsnese wegziehen, und in dieser Nacht lag sie da und brachte die Augen nicht zu. Es war so schwer wegzuziehen, sie konnte sich nicht erklären, wie dies kam. Ihr schien es, als müßte sie alles mit sich nehmen. Sie stand auf und ging hinaus; und es war solch eine seltsame Nacht, dunkel und öde war es und totenstill in der Luft, aber unten am Ufer rauschte die See so schwer. Da ging sie zur Scheune hinüber, wo Kristen lag. Es dünkte sie, als sei sie die einzige, die noch aus dem Juwikinggeschlecht übrig war, und sie tat, wie sie wollte. Und so kam es, daß sie selbst freite. Er lag da und hielt ihre Hand und zerdrückte sie fast, und da sagte sie: »Ja, du sollst mich schon kriegen, Kristen, auch wenn du nicht so stark drückst.« Sie blieb bis zum Morgen bei ihm. – »Aber auf Treu und Glauben, wie ein anständiger Mensch!« sagte sie. Anders lachte, als sie das sagte. »Meinethalben gern!« meinte er. Aber Aasel berichtete weiter. Der Kristen war nicht wie irgendein anderer Bursche. Er war ein guter Mensch. Und hinterher erzählte er ihr, daß er Geld auf der Bank liegen habe und von Bauern stamme; er hatte nur Lust gehabt, sich in der Welt umzusehen. Und sie würden es wohl vorwärtsbringen, meinte sie. »Denn etwas Gutes kommt selten allein, nicht weniger als etwas Schlechtes. Und ich sehe deutlich, daß der Herrgott dies so gefügt hat. Seht Ihr das nicht auch?« Na, Anders sah so wenig, jetzt in der letzten Zeit. Da mußte schon sie selber sehen, die sehen konnte. Ja, er sollte es noch einmal merken können, daß die Haabergsippe etwas taugte; denn der Kristen und sie, sie waren von der rechten Art, sie wollten empor und vorwärts. – »Und so groß und schön wie er ist!« fügte sie hinzu. »Die Weiber, die Weiber!« lächelte er, als sie gegangen war. »Aber sie kann sich so dumm anstellen, wie sie will: sie ist doch die einzige von ihnen allen miteinander!« Und jetzt wollte er diese junge Frau, die hier umherging, loswerden. Kam sie nicht sogar eines Tages zu ihm und sagte, sie müsse nun fortgehen und sich einen Knecht dingen! »Laß das sein«, hatte er gesagt, »denn das werde ich ordnen!« – Er? meinte sie verächtlich. Er habe wohl genug damit zu tun, dazusitzen, wo er sitze. Jetzt wollte er ihr sagen, wer den Hof bekommen sollte. Er hatte sich kaum erhoben, als sie auch schon vor ihm stand. Sie wollte wissen, ob Aasel auch hierbleiben solle? – »Ja, Marja«, sagte er, »jetzt müssen wir jedes in unsere Kammer ziehen; oder sollen wir beide zusammenziehen?« – »Ja, das wäre dir wohl recht! Und weil ich schon dabei bin: ist es nicht am besten, wir schreiben gleich den Austragsbrief ?« – »Du kommst noch früh genug in den Austrag«, sagte Anders. – Sie? Jetzt mußte sie aber wirklich lachen! Dachte er etwa daran, sie von hier fortzujagen? – Oh, das brauchte es wohl nicht. Sie dürfe hierbleiben, solange er lebe. Im übrigen: hundert Taler habe er zwar nicht, aber an dem Tag, an dem sie wieder heimreisen würde, wollte er ihr das Geld auf den Tisch herzaubern. – »Ach, leck mich –!« antwortete sie, und draußen war sie und schlug die Türe hinter sich zu, daß das Haus nur so dröhnte. Diese gehässige Dummheit bei ihr war es, die ihn so wunderbar stärkte. Mit Leuten von der Art konnte man leicht fertig werden. Mitten in der Nacht stand er auf, hüllte sich in ein weißes Tuch und tastete sich in die Stube zu ihr hinüber, stand im Halbdunkel in der Türe und war wie geradeswegs vom Kirchhof gekommen. Sie erwachte, setzte sich im Bett auf, keuchte und brachte kein Wort hervor. Endlich fragte sie, wer es sei – die Stimme pfiff nur noch. »Der Per, wie du siehst!« kam die Antwort, er lachte wie ein Toter, so dünkte es ihn selbst. Sie fiel ohnmächtig zurück, und Anders stahl sich wieder in seine Kammer. Am Tag darauf kam sie zu ihm und sagte, sie könne ja heimgehen. Ob sie dann auch die hundert Taler bekäme? Die sollte sie haben, wahr und wahrhaftig, und da machte sie sich fertig und zog fort. »Du weißt«, sagte er, »wenn du einen Sohn kriegst, dann gehört der Hof ihm. Aber das glauben wir nicht, weder du noch ich.« Anders lachte herzlich, als sie ihrer Wege gegangen war. »Gespenster machen, das ist auch das Letzte, wozu ich tauge.« Und jetzt solle sie ihren Goldbuben bringen, wandte er sich zu Aasel, damit er ihn ansehen oder vielmehr befühlen könne. Am Sonntag kam er, und Anders redete über dieses und jenes mit ihm und konnte ihn gut leiden. Sie wurden sich darüber einig, daß er Haaberg kaufen solle. Tausend Taler sollte er geben, so wie es dastand, und die Hälfte könnte auf dem Hof stehenbleiben. – Und hundert Taler müsse er sofort haben, sagte Anders. – »Ich muß erst heimgehen, aber in zwei Stunden bin ich wieder da«, antwortete Kristen. Da lachte Anders laut: »Es ist nicht dumm, wenn man auf diese Art dumm ist!« Dies sei nun ihr Brot, sagte Aasel. Brot? »Ja, du weißt: Laß dein Brot über das Wasser fahren; so wirst du es finden auf lange Zeit.« »Hm. So also. Ja, das hast du gesagt.« Er saß da und wiegte den Kopf hin und her. Sein Brot aufs Wasser werfen, das war eine harte Sache. Das hatte er nie versucht; er war nicht dazu geschaffen. Aber die waren weise, die es taten. Und eine seltsame Macht mußte in ihnen sein. »Verflucht, ich bringe es nicht fertig!« seufzte er. »Nein, Gott bewahre mich, zu denen gehöre ich nicht.« Mit Blindheit geschlagen Für Anders hatte sich in letzter Zeit alles überstürzt, und er war dankbar dafür. Es gab immer noch Zeiten zum Dasitzen. Trotzdem war es gleichsam, als wolle er sich nun zum Schluß beeilen, noch alles zu Ende zu bringen, und dann zur Ruhe kommen. Er wollte alles betrachten, was geschehen war, wollte sich das Unglück vornehmen und ein jedes Ding ansehen, wie es war. Und jetzt wurde es so seltsam still. Alles legte sich rings um ihn zur Ruhe. Er hörte den Sonnenschein, wie er draußen den ganzen Sommertag in der Luft stand. Er hörte den Wind, wie er über Dächer und über alle Berge wehte. Er konnte das alles auch sehen, wenn er nur die Augen schloß: das Feld neigte sich unter dem Wind, wogte dunkelgrün und hellgrün, dunkelgrün und hellgrün; und jetzt packte der Sturm die Laubkronen der Birken und stülpte sie ihnen über den Kopf, sie standen da auf weißen, krummen Beinen und kämpften dagegen an, waren so herzlich beschämt, wären am liebsten in die Erde versunken.– Aber sonst geschah hier nichts, meinte er. Es war Schluß und zu Ende mit allem; die Welt lag da und ließ die Zeit über sich hingehen, wie den Wind über die Berge. Und rings um ihn lag alles zusammengestürzt, woran er gearbeitet hatte. – »Da liegt es, und hier sitze ich«, sagte er. »Das, Anders, das verstehst du nicht. Dazu reichst du nicht aus!« Es war merkwürdig, sich so etwas selber ins Gesicht zu sagen; er hatte dies nie zuvor versucht. – Nein, aber es war doch etwas Herrliches, wie es ihn vorwärtsgetragen, damals, als er den Wind im Rücken hatte. Wie er gesagt hatte, der Kristian Lauvset: »Du hast das Deine getan, Anders.« Wenn er bei diesem Gedanken angelangt war, fing Anders meistens an, in der Kammer auf und ab zu gehen, und wenn niemand in der Stube war; so ging er auch gern einmal dort hinüber. – »Aber nun darfst du auch nicht vergessen, Anders, daß sie sich viel von dir erwartet haben. Und das Größte, das erwarten sie jetzt. Denn hier sollst du sitzen, Mann, und sollst so sitzen, daß man davon reden muß! Die, die vor dir waren, die fuhren in der gleichen Rinne wie du, aber dann schliefen sie ein und waren weg. Und dein Vater, der hatte dich; er konnte aufwärts blicken, der. Du mußt dasitzen und abwärts blicken, in den schwarzen Abgrund. Ja.« »Ja, die Leute«, sagte er, und er setzte sich hin und wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Die ganze Zeit glaubte ich, sie sehen zu mir auf, so daß sie ganz helle Augen bekamen. Ja, du liebe Zeit. Jetzt sehe ich ihr Gesicht; und es ist auch nicht mehr zu früh dazu. Denn es war ganz unglaublich, wie es dich hinauftrug, Anders, du kannst das nicht leugnen. – Und wie ist es nun, was meinst du? Wäre es nicht ihretwegen, dann würdest du wohl hinaustappen und dir einen Strick und einen Balken suchen. So aber mußt du lieber ruhig hier sitzen.« Sie hörten oft, wie er mit sich redete, und ihnen war dies lieber, als wenn er schwieg. Es ist so eine Sache, einen Blinden, der keinen Laut von sich gibt, allein in der Kammer sitzen zu haben. Sie sahen einander oft an, Aasel und Gjartru, nur einen kurzen Augenblick und ohne etwas zu sagen; auf andere Art redeten sie nicht über ihn. Aber bisweilen saß er still auf dem Bett und beugte sich vor. Das war immer dann, wenn er am stärksten sah . Am häufigsten und klarsten sah er den Per. So kam er und so ging er und so war es, er zu sein. Wie damals, als er hinging und sich verheiratete; jetzt erst sah Anders es vor sich: Per hörte, daß der Vater auf dem Hof dort gewesen war und von der Heirat geredet hatte, dies war ein Versprechen, und ein solches Versprechen brannte dem Per auf der Seele – die Leute sollten sich nicht etwas erwarten, was sie nicht bekamen. Und dann, daß er nicht Lensmann werden wollte: wenn man ihn von innen her sah, so verstand man, daß es für ihn unmöglich war. So sah die Welt für Per aus. Wie jetzt für Anders. So ist sie wohl, wenn man keinen Auftrieb in sich hat – den hatte Anders verbraucht. Anders konnte bisweilen laut aufstöhnen, es kam vor, daß er die Hände ballte: »Es ist falsch, daß du ihn mir genommen hast! Falsch gedreht und verkehrt gewendet!« Aber er rief es nur in den leeren Raum und in die Sinnlosigkeit hinaus. Er lauschte, bis ihm das Herz zu stocken drohte. Nein, es gab keinen Widerhall. Gab keinen, der hörte – der antworten konnte. So sah er sie vor sich, einen nach dem anderen. Kristian Lauvset lachte ihm freundlich in das blinde Gesicht und lobte ihn; denn jetzt war er drunten und gezüchtigt; die ganze Gemeinde machte es so. Aber sie waren so weit fort; mit jedem Tag, der verging, wurde die Entfernung zwischen ihnen größer, sie konnten ihn nicht einmal mehr anspucken. Es tat weh, so gut zu sehen! Dazu war die Welt nicht geeignet. Dann oft wieder wachte er auf und schob alles von sich. Denn so sollte man nicht dasitzen und sich und die anderen abmessen. Ihm schien es, als halte ihn dann die Welt nur zum Narren: Die Hügel saßen auf ihren Händen und grübelten, die Berge lagen mit der Hand unter dem Kinn da und grübelten, das Moor lag auf dem Rücken und blickte zum Himmel auf, es tat so, als grüble es ebenfalls mit. Anders spuckte aus und lachte leise: Ich kann euch schon sehen! Es gab viel Seltsames in der Welt, ja, und er gehörte mit dazu. Der Herbst kam gesegelt, und nach ihm der Winter. Sie sahen zu Anders hinein, als sie vorbeikamen, wunderten sich, was ihm wohl widerfahren war. Er erkannte sie wieder, die Tage, sie waren früher hier gewesen, aber damals hatte ein anderer Ton in ihnen geklungen. Das Wetter verfolgte er genau, wie nie früher; das war nicht seine Sache gewesen. Jetzt heulte der Sturm von Westen herauf; bald sprang er nach Norden um, dann bekamen sie Schnee; in dieser Nacht ist er unterwegs und richtet Schaden an. Du meine Güte, jetzt schmeichelt sich die Sonne bei den Menschen ein, Gott mag wissen, was sie so warm macht, der Schnee leuchtet auf und lacht wie ein treuherziges Kind, der Nadelwald wird jung und macht sich so grün, ganz grün. Eines Tages kam der Pfarrer zu ihm. Es hatte sich in letzter Zeit solch ein Ernst über den Pfarrer gelegt, er war ein Prediger geworden, der sich ins Zeug legte, sagten die Leute; und das tat gut, sagten sie. Die Andachtsstube wurde zur schönsten Kirche. »Woran ich denke, wenn ich so dasitze?« sagte Anders. »Ich sitze da und sehe. Dich und mich und was mir vor die Augen kommt.« Es käme doch hauptsächlich darauf an, daß man das eine sehe, was vonnöten sei . »Was ist denn das für ein Ding?« »Wir haben eine Seele, Anders.« »Ja, das brauchst du mir nicht zu erzählen!« »Und wohin kommt sie nach dem Tode, was glaubst du?« »Weiß ich es?« Die Seele, die war die Gestalt, in der der Tote weiterlebt, und eine solche hatte er gesehen, erzählte er; damals, als der Großvater starb, stand ganz deutlich einer am Fußende des Bettes. Einer von den Alten vermutlich. »Einbildung!« sagte der Pfarrer. »Aberglaube!« »Ja, wahrscheinlich.« Aber hatte der Pfarrer gelesen, was in der Heiligen Schrift stand, daß Abraham zu seinen Vätern versammelt wurde ? Der Pfarrer stand eine Weile ratlos da, nahe daran zu lachen; dann aber wurde er wieder ernst. Er predigte, so daß ihm die Lippen bebten und die Leute im Hause stehenblieben und lauschten. Anders legte die Hände zusammen und lauschte ebenfalls. »Ja, das ist sehr schön«, sagte er, als der Pfarrer ein wenig verschnaufte. »Du bist jetzt auf dem rechten Weg. Und das ist gut. Die Leute haben so einen wie dich bitter notwendig.« Er schüttelte den Kopf leicht und langsam und seufzte. »Die Leute sind blind«, sagte er. »Sie sehen nicht die Hand vor den Augen. Nur ich allein kann sehen. Da ist es gut, wenn sie ein bißchen etwas glauben; ohne das könnten sie nicht leben. Ich habe auch nicht so wenig geglaubt, als ich noch mit dabei war im Leben; ich war ein ganzer Kerl im Glauben.« Aber glaubte er denn jetzt nicht mehr? Nein. Was sollte er denn glauben? Glaubte er auch nicht an Gott etwa? Nein. Denn den gab es nicht. Nur schwarze Leere, wohin man auch blickte. »Du darfst es mir glauben, Pfarrer! Aber das ist wahr: es war großartig, wie er mich unterstützte, damals, als ich ihn in der Hinterhand hatte. Aber ich habe ihn selbst gemacht. Ich sehe es so deutlich jetzt. Oh, ich sehe vieles!« »Ja, aber, und dieses Geschöpf, das unter deinem Bett lag, weißt du noch?« »Unsinn und Gewäsch!« Anders senkte die Stimme: Er hatte mit roter Kreide ein Kreuz unter das Bettbrett gemalt, und davor riß es aus! Da konnte man sich wohl ausrechnen, daß es nichts mit ihm war. Es gibt keinen, auch keinen solchen. Hier im Haus schlich sich nachts immer etwas herum, er konnte es wohl hören. Aber es waren nur die Gedanken, die herumtappten und wanderten. Die Welt war leer. Er hob wieder die Stimme: »Aber es ist nicht jedermanns Sache, so dazusitzen und dem in die Augen zu sehen – Gott behüte dich, Pfarrer!« »Daß es mit dir so enden sollte, Anders!« »So kannst du sagen. Aber wer sollte es denn sein, wenn nicht ich? muß ich schon fragen. – – – Mir ist die Seele blankgescheuert worden!« Der Pfarrer seufzte und fragte, ob er ihm aus der Bibel vorlesen dürfe. »Hat keine Eile, hat keine Eile!« Es tat so gut, mit einem Menschen reden zu können. Nicht etwa, weil ein Gotteswort nicht schön sei, wenn es auf die rechte Art vorgelesen würde; und er wollte gern, daß die Kinder daran glaubten. Die Aasel, die sei nicht so ohne in der Art. Es sei gewissermaßen eine Zukunft in ihr. Aber die Menschen seien blind, wie gesagt. – »Herr, du mein Gott, wie blind war ich, als ich noch in der Welt draußen umherging. Das war es, was mich so unwiderstehlich stark machte. Wenn du betrunken bist, so kommst du vorwärts, und sei es auch noch so unwegsam. He! Welche Eile saß doch in mir, ich sprang über Hecken und Zäune – hast du einmal versucht, recht rasch zu reiten? Du jagst nur und jagst dahin, bis das Pferd mit dir fliegt, aber die Geschwindigkeit macht dich wild und verrückt, du schließt die Augen und rast weiter, du meinst, du kommst nicht vom Fleck – das ist das Leben! Ja, aber schau, das versteht ihr nicht, keiner von euch, nein. Die ganze Zeit mußte ich weiter und weiter vorwärts. Hierher mußte ich. Hierher mußten wir, ich und die Meinen. Jetzt kommt eine neue Elle dran.« Anders wartete, ob der Pfarrer etwas zu sagen wisse; der aber schwieg, und Anders fuhr wieder fort. Jetzt sah er, ja, seufzte er, das Gesicht in die Hände gelegt. Und jetzt konnte er sich nie mehr aufmachen und etwas ausrichten. – »Der Per, mein Sohn, er war einer von denen, die sahen, der arme Bursche. Ich habe übrigens das Meine getan, möchte es nicht mehr hergeben. ›Aller Augen warten auf dich‹, hast du diese Worte gelesen, Pfarrer? Und mich dünkte, als hätte ich die Alten stets bei mir, wahrhaftig, so dünkte mich. Die Sippe, verstehst du, die in mir steckte. Der Herrgott, wie gesagt, der ist seiner Wege gegangen. Aber ich hörte, wie er über mich lachte, an dem Weihnachtsabend, du weißt, als ich über den Berg lief und heimkam – nein, das war zur Zeit des anderen Pfarrers. Daran habe ich gedacht in letzter Zeit. Es muß wohl der Mann selbst sein, der in uns befiehlt ; gleichgültig, wie du ihn nun nennen willst oder nicht. – Denn ich hatte damals so halb und halb einem Menschen das Leben genommen. Der Pfarrer hat wohl von der Solvi reden hören? Nicht? Übrigens, ich hatte nur das getan, was die Sippe von mir verlangte, ich, und habe sie dorthin gejagt, woher sie gekommen war; anders war ich eben nicht in jener Zeit.« Anders schwitzte, wie er so dasaß; und die Stimme war leise und singend, gleichsam aufgetaut, ein neuer und weicher Klang: »Sie stammte von Lappen, die Ärmste, das war es; sie konnte hier nicht sein. Und dann prasselte der Steinrutsch zu ihr ins Boot hinunter. Und ich, ich konnte es nie ins reine bringen, ob ich ein Mörder war oder ein Mensch, und heute noch fühle ich, wie es mich quält und peinigt. Da lachte er mich aus, ich höre es noch. Ja, ich weiß nicht: Vielleicht höre ich es erst jetzt; das kann wohl sein, damals hörte ich wohl nicht so viel.« »Gott ist es, der dich ruft, Anders!« sagte der Pfarrer warm. »Aber ich mußte wohl so handeln, wie ich gehandelt habe – ich mußte Ellbogenfreiheit haben! Ja.« »Ja, aber – –« »Unsinn!« sagte Anders und schlug mit der Hand durch die Luft. »Nein, der Per, der hat das Richtige gesehen, der; es war seltsam mit dem Buben. – Es geht den Weg, den es will , sagte er. Er starb gewiß zur rechten Zeit, trotz allem. Wie hätte er durch die Welt und durch alles durchkommen sollen, so wie er war? Er hätte nie den richtigen Auftrieb bekommen; die Sippe vermochte nichts mehr. Denn es geht den Weg, den es will, jetzt weißt du es.« »Ja, wie kannst du aber so fest davon überzeugt sein, wenn du sogar Gott verleugnest?« »Ich verleugnen? Eher verleugnet wohl er mich! Aber genug davon. Zwischen ihm und mir ist ein so weiter Weg.« »Aber warum hat dir denn das Schicksal dies gesandt, Anders?« »Ja, schau, das kannst du nicht wissen. Dazu reicht's bei dir nicht aus, Kind! Aber hier sitze ich. Und kahl und leer ist es rings um mich, ja. Man könnte zu Eis werden.« »Bete um – – bete um Geduld!« Der Pfarrer war bleich und gerührt; er wollte etwas sagen, das helfen konnte. »Nicht nötig, Kind. Ich bin geduldig, ich. – – Aber der Herrgott, wie du ihn nennst, muß mich wohl trotzdem ganz gern gehabt haben. Das ist nun mein Glauben.« Anders lachte herzlich, und der Pfarrer schüttelte den Kopf. So saß Anders in der Blindheit da und sah, Jahreszeit um Jahreszeit und Jahr um Jahr. Er blickte zurück, sah, wie das Geschlecht dalag, ein lebendiges Tau mit vielen Knoten. Zuinnerst lief der Markfaden; er war hart, und er war blank. Jetzt war das Tau bis ganz zu ihm hinein abgewetzt. Er blickte um sich, wo alles ohne Steuer und verkehrt war; wo die Menschen in Blindheit umhertappten und vorwärts wollten – keiner wußte, wo er hin sollte. Es müssen ihrer immer viele sein, wenn man glauben soll; und ihrer waren viele. Aber das, was sie glaubten, war nur ein Nebel, in dem sie herumtappten; oder wie eine Bettwärme, in der sie zeugten. Nichts saugte an ihnen und riß sie mit sich; und sie konnten auch nicht ihr Brot über das Wasser fahren lassen und warten. Er sah in die Zukunft und in die Tiefe hinunter, in der das Geschlecht versank und verschwand und wo andere Geschlechter aufschössen und von neuem anfingen. Er glaubte, er würde eines Tages so weit kommen, daß er darüber lächeln könnte wie ein Mann über ein Kind. Petter kam wieder in die Gemeinde heim, und eines Tages besuchte er Anders. Sie saßen beieinander und redeten über vielerlei. Anders hörte den Lumpen und die Armseligkeit aus ihm heraus wie früher, und er sah es vor sich: so hätte man auch selber werden können. Aber nun war es also der andere geworden. Anders war der Meinung, daß Aasel ein neuer Schößling war, und darum wollte er dasitzen und sehen, wohin dies führte. Sie war stark und mutig, denn sie war blind genug und gläubig genug. Sie war so dumm und gut, wie sie nur sein konnte. Vielleicht wurde sie die Mutter von etwas Neuem. Sie würde sich mit dem Leben herumstreiten, daß es Funken gab. Aber die Sippe war verurteilt und sollte unter die Erde. Denn die Geschlechter gingen ihren Weg, ebenso wie die Wellen, sie mußten zum Strand und sich dort zermahlen. »Amen!« sagte er, und darin schien ihm die Gottesfurcht eines ganzen Mannes zu liegen. Drittes Buch. Die Großhochzeit Mißjahr 1 Es wurde hell vom Tag. Das Gebirge erhielt ihn zuerst, es war, als würde es von Freude erfaßt; dann nahm er zu und leuchtete über Land und Bucht; schwarze Landzungen und Schären tauchten auf und zeigten Steine und Tangränder; die Glasscheiben auf den Höfen oben begannen zu leuchten. Es war ein schöner Herbstmorgen. Der Landwind frischte auf und blähte die Segel, und die Fischerboote fühlten das und kamen in Fahrt. Sie erinnerten sich an daheim, wie sich das Pferd an den Stall erinnert, und zogen das Spillboot hinter sich her. Die Leichtboote hielten sich unter Land, in der Windstille, sie hatten wohl noch das Heringslot draußen. – »Ja, unsertwegen gerne«, sagten die Leute auf dem Haabergboot, sie für ihr Teil segelten geradeswegs zum Bollwerk in Vaagen, denn hier in den Buchten gab es in diesem Herbst doch keine Heringe mehr, das konnte ein blindes Weib sehen. Jetzt hatten sie ein paar Monate oder noch länger draußen gelegen und gewartet, jede liebe Nacht hindurch, und nie auch nur einen Heringsschwanz gesehen; jetzt konnte es genug sein. Das war nun das dritte Jahr, daß es hier keine Fische gab. Im Sommer schlossen sie einmal einen Schwarm kleiner Heringe ein – so winzig kleine Fische, daß sie in den Maschen hängenblieben, dicht an dicht, wie eine Wand, und das war das Schlimmste. Fuhr nicht der Kristen Folden auf Haaberg diese kleinen Fische immer noch als Dünger heim? – »Ja, ja, wir haben die Haabergäcker damit gedüngt«, sagte einer von den Leuten, er lag auf dem Netzhaufen, schüttelte sich und fror. »Das war nun unser Sommerverdienst«, fügten die anderen hinzu. – »Na ja, und uns sind dafür die Netze verfault«, tröstete ein anderer. – Er steckte den Finger in eine Masche nach der anderen und zerriß sie, und mehrere taten das gleiche: Ja, mürbe war es, das Großnetz, das mußte man sagen. Jetzt ging die Sonne auf, und die kleinen Wellen blitzten wie Silberfische über die ganze Bucht hin. Aber es sei doch ein Wunder, fing einer an, daß ausgerechnet dieses Netz für die kleinen Fische hergenommen werde, daß sie nicht ein neues nahmen? – Ja, daß man auf Haaberg nicht das neue Gerät nahm und durch die kleinen Fische verfilzen und verfaulen ließ! Denn er hat doch nur den vierten Teil von unserem Fang. – »Aber es ist nicht Kristens Schuld, daß wir nicht selber schlau genug waren, die Heringe als Dünger zu verwenden«, meinte der Steuermann, ein vierschrötiger junger Kerl. – »Wer doch nur Zeit dazu hätte«, sagte einer müde und langsam. – »Nein, du weißt: Bauern haben nie Zeit für ihren Hof.« Sie schwiegen und gähnten. Diese Geschichte hatte man schon öfter gehört, von den Fischern und in letzter Zeit auch von den Häuslerbauern. Zwei bis drei schoben die Riemen hinaus und ruderten mit, denn der Landwind war jetzt bei Sonnenaufgang kalt. Vom Land drinnen kam ein sauersüßer Geruch nach gärendem Heu, es roch dann und wann nach reifen Äckern, nach Heidekraut und Moor, ein guter Geruch das alles, für den, der auf der Bucht draußen gelegen und gefroren hat und dem die Lippen von der ewigen Salzsee zerfressen sind. Ja, er habe recht, sagte Jörgen Skare, der älteste Häusler unter Haaberg, die Erde sei doch immer das Sicherste auf die Dauer. Man hatte hier an die drei bis vier gute Jahre gesehen. Die Fischer hatten Geld eingeheimst, so viel sie nur konnten; es war dennoch wie Schnee an der Sonne geschmolzen. »Hörst du mit dem Fischen auf, bist du wie die Scharbe, wenn sie in die Berge hinauffliegt; du bist genau so leer.« – Sie stimmten alle ein, alle ohne Ausnahme, daß er sehr recht habe, ja, aufs Meer sei kein Verlaß, und eine Hundearbeit sei es obendrein, sie wollten ja alle damit aufhören. »Aber sonst ist hier im Lande ja auch nichts anderes als Mühsal und Armut«, sagte einer von den Jungen und tauchte das Ruder ein und zog an. – »Am besten ist eben der dran, der los und ledig ist.« Sie spielten auf Amerika an. Dort konnte einer leben – großartig, wie reich er geworden war, der Jens Haaberg, der vor zwanzig, dreißig Jahren hinüberfuhr; und jetzt sollte er ja daheim erwartet werden? »Ach was, schließlich ist der Kristen auch reich genug, vor dem kannst du einpacken! Der hat viele Sommer hindurch den ganzen Strandanteil eingesteckt, ob das nun mit Rechten zuging oder nicht, und überdies mit seinen Netzen mächtig verdient; und den Hof fein instand gesetzt; und dazu dieser armselige Südländer, der sein neues Netz für einen Spottpreis an ihn verkaufen mußte – so ist es, wenn einem der Herrgott hilft.« – »Dem Kristen hat doch wohl sein Weib geholfen?« meinte Jörgen. – »Die Aasel? Die ist aber doch gut und ehrlich?« – »Ja, sage ich etwas anderes? Nein, ich verbrenne mir den Mund nicht. Sie ist ganz gewiß sehr gottesfürchtig. Und das hilft wohl dem Kristen, meinte ich.« – »Seltsam, daß auf Haaberg einmal eine solche Gottesfurcht und Ordnung einziehen sollte; davon war zu Anders' Zeiten nicht viel zu spüren – ja, er ist zwar immer noch da, das ist richtig; aber in der Zeit, in der er gleichsam noch lebte , meinte ich.« – »Das war auch wiederum zuviel; auf die Art geht es auch nicht; das läßt sich denken. Aber es heißt, die Aasel hätte Gjartru und ihren Mann von Vaagen weggebracht, so daß das Strandrecht an Haaberg fiel; und sie ist es auch, die den Kristen aufstachelte, gegen die Leute von Skarsvaag Prozeß zu führen, so daß die ihr Strandrecht mit ihm teilen mußten. So wollen sie es haben; ich weiß nicht recht.« – »Nein, siehst du, du weißt gar nichts, du, Jörgen. Du weißt wohl auch nicht, daß er das Fischgerät jetzt verkaufen will?« – »An wen denn?« – »An den Arnesen, den Soldaten, den Mann von der Gjartru, so heißt es wenigstens.« »Soso, soll dem jetzt auch das Fell über die Ohren gezogen werden.« Sie knurrten leise und lachten. – Ja, ja. Schließlich war es doch Kristen, der ihnen zu Segelsund verholfen hatte, daran war nichts zu deuteln. Er hatte wohl schwere Bürgschaft geleistet. – Davon würde er sich schon drücken, der Kristen, wenn sie ihn recht kannten. Und die Aasel, die konnte ja nichts dafür, Gott sei Dank. »Ja, ja«, sagte einer von den Bauern. »Sie sollen sich nur gegenseitig die Haut abziehen. Der Arnesen braucht ja auch kein reicher Kerl zu werden, so wenig wie wir. Sein Vater ist ein Kleinbauer und um kein Haar mehr.« – »Nein, du weißt es ja. Jetzt scheint der Kristen wohl in der Klemme zu stecken und in Verlegenheit gekommen zu sein, wenn er diese Netze als gute Ware verkauft – und das tut er sicher.« Dann kamen sie darauf zu sprechen, wie merkwürdig es sei, daß der Kristen in diesem Jahr nicht Netzmeister sein wollte. Der hat das Mißjahr schon herausgerochen. »Du hast keine Zeit dazu«, sagte die Aasel. So, jetzt waren sie beim Bollwerk angelangt. Und oben am Strand stand der Haabergbauer in eigener Person bei seinen Wagen und lud die kleinen Fische auf, so daß es schon von weitem roch. Er hatte gestern abend »hereingeholt«, denn das Netz hielt nicht mehr länger stand, und hatte einen ganzen Berg am Strand liegen. Er fuhr die Fische heim und machte »Kompost«, wie er es nannte, das sollte eine schlaue Sache sein. Als die kleinen Boote angelegt hatten, kam er herunter, räusperte sich und wollte mit den Männern reden. Der Sohn, Peder, war jetzt statt des Vaters Netzmeister. – Er war ein langer, geradegewachsener junger Kerl von zwanzig Jahren, fast ebenso groß wie der Vater, aber nicht so knochig und hart, und das Gesicht war zart und schön, aber so schwermütig, als sei es mit Alter und Mißerfolg beladen. Er sieht den Vater nicht an und sagt kein Wort, legt nur die Hände auf den Bücken und bleibt stehen. Er blickt über die Netzboote hin. Jene Boote, die zu den neuen Geräten gehören, liegen leer am Ufer, große, schöne Listerboote mit Achterspiegel und Bolle, nach der neuesten Art; die alten Boote, klein und schwarz, sind gerade ans Ufer gekommen, sie sehen aus, als hätten sie ihre Zeit ausgedient und wollten aufhören. Dann sieht der junge Bursche plötzlich zu Boden, vergißt sich selbst und andere. »Die Sache ist die«, sagte Kristen, und er redete leise, »vom Nordland ist die Nachricht gekommen, daß der Hering ans Ufer drängt und man nur zuzugreifen braucht. Und der Preis ist hoch . Wer wird mittun, wenn man jetzt die neuen Gerätschaften hernimmt?« Sie fragten, statt zu antworten, und anders hatte er sich's kaum erwartet. Er ließ sich Zeit und erzählte. Gestern war er in Valvaere gewesen, um sich zu erkundigen, und hatte dort den Karsten selbst getroffen; es hatte also seine Richtigkeit. Telegramm! nickte er ihnen zu, und dieses Wort zog. Wer sollte Netzmeister sein? Er kratzte sich im Nacken und blickte rasch zu Peder hinüber; der aber stand nur da und rührte sich nicht. – »Das wird sich schon finden. Wir werden wohl den Kal Juwika, den Kal Jensa dazu kriegen; ich war dort und mietete die Jacht; dann legen wir vielleicht ihr Gerät und unseres zusammen; auf diese Weise lohnt es sich doch.« Der Kal sei wohl recht. Und er selber? Oder der Peder? »Wir werden ja sehen. Dafür findet sich immer noch Bat.« Und die anderen sollten darüber nachdenken; bis zum Abend wollte er Bescheid haben; die Sache mußte rasch gehen. Und dann sollten sie dieses Großnetz dort umschichten, denn die unteren Lagen waren sicher nicht mehr ganz trocken. Sie machten sich an die Arbeit. Und wenn Peder nicht in der Nähe war, redeten sie gar allerhand: das hier lasse sich ja gut an, wenn dieses Netz verkauft werden solle, denn jetzt käme der schlechteste Teil des Netzes nach unten. Und die Nordlandsreise und das alles, das war nun so eine Sache. Die alten Männer wollten am liebsten nichts davon wissen; und die Häusler hatten Pflichtarbeit und anderes zu tun. Die Jungen waren erst recht nicht so darauf versessen, das Meer sagte ihnen nicht zu; nicht umsonst wird man Netzhund genannt. Und im Herbst gab es große Hochzeit auf Segelsund, das durfte man nicht vergessen. Da konnte man sich gut durchfeuchten. Die Schöngans, Gjartrus Tochter, sollte mit dem Sohn des Tierarztes verheiratet werden; das würde ein Fest sein. »Da liegt der mürbe Kuchen«, sagte Jörgen Skare und breitete die Persenning über das Netz, dann blickte er zu Peder auf und fragte, ob er mit nach Nordland komme. Peder wandte sich halb von ihm ab und gähnte. – »Ich weiß es nicht. Glaube kaum.« – – – Der Vater stellte die gleiche Frage, als sie auf dem Heimweg waren, und bekam die gleiche Antwort. – »Du tust ja, was du willst«, sagte Kristen. Peder verzog den Mund zu einem kleinen Hohnlächeln und gähnte wieder. »Du kannst selber fahren«, sagte er. Kristen schwieg und trieb die Pferde an. Denn so sehr er Peders Art gewöhnt war, ging ihm so etwas doch immer gegen den Strich. 2 Aasel fragte nicht Peder selbst, ob er mitfahre, sie fragte Kristen. Nein, wohl kaum, er glaube nicht. – »Ich kriege nichts aus ihm heraus; er gibt nur bockige Antworten, wie gewöhnlich.« »Nein, nein«, sagte Aasel. »Er ist ja auch nicht so stark nach dieser Lungengeschichte im vorigen Jahr; und viel Lust zur See hat er nie gehabt. Und daheim gibt es genug zu tun. Du rackerst dich ab«, sagte sie und sah an Kristen hinauf. »Bald bist du nur noch Haut und Knochen. Mit dem Knecht ist es nichts, und mit den Häuslern erst recht nichts. Du hast nichts wie gearbeitet und dich abgeplagt, seit du nach Haaberg kamst. Willst du schon fort? Du wirst dich wohl ausruhen nach dem Essen wie andere Leute?« Sie sah ihm nach, lächelte ein wenig, als sie ihn in der Türe brummen hörte. Er kehrte um und kam wieder herein, um die Pfeife zu holen; sie saß mit verschlungenen Händen da. Ihr Gesicht war hell und offen, aber man konnte nicht darin lesen; es ging eine ruhige Macht davon aus und bewirkte, daß man seine Augen niederschlug, und das tat Kristen. Er hatte nie herausbekommen, was es war, das sie an einem sah . Er murmelte etwas vor sich hin, während er seine Pfeife stopfte, das war so seine Art. Aasel drehte er am liebsten den Rücken zu, wenn sie so dasaß wie jetzt. »Ja, richtig«, sagte er, als er wieder in der Türe stand: Sollte der Arnesen herkommen, während er selbst unten am Wasser sei, so möge sie ihn nur hinunterschicken. »Kommt der hierher? Heute?« Nein, er wußte es nicht sicher. Aber unmöglich war es nicht. Er hatte hier eine Kleinigkeit zu erledigen. Kristen hatte jetzt zu Ende gedacht, ganz und gar, Aasel aber brachte ihn dazu, sich noch einmal in der Türe umzudrehen, gleichsam, als halte sie ihn an einem Band; da kam es laut und hart: »Er sprach davon, das alte Gerät zu kaufen, am letzten Sonntag bei der Kirche.« »Das alte Gerät? Aber kann man denn das noch kaufen?« Sie starrte Kristen an, als habe sie eine Bitte an ihn: »Es heißt doch, es sei verfault?« Dann sei wohl auch der Preis danach. Er blickte auf, und man konnte fast glauben, daß er lächle: – »Du hast ihnen Segelsund verschafft. Ich verschaffe ihnen Fischgerät, damit sie einmal in Schwung kommen. Der Arnesen will nicht im toten Fahrwasser liegenbleiben.« Nein, da hatte er recht. Hoch wollten sie hinaus, und noch höher als hoch. – »Und taten wir unrecht daran, daß wir sie dorthin brachten, so weiß der liebe Gott, daß ich ihn deshalb um Verzeihung bitte!« Eine Weile saß sie da und biß sich auf die Lippe. – »Denn ich weiß nicht, Kristen, was nun recht war oder nicht. Damals.« »Ja, ich erst recht nicht.« Aber hatten sie denn Geld, um etwas zu kaufen, was meinte er? – Das würde sich zeigen. Geld auf den Tisch, das wüßte sie, um der anderen Besitzer willen. Arnesen hatte vermutlich unten bei Bjönnör mit seinem kleinen Lumpennetz etwas verdient. – »Wir müssen ihnen helfen, soweit wir vermögen; dann haben wir wenigstens das getan.« – Aasel stand auf, und jetzt hatte sich die Unruhe durch alle ihre Gesichtszüge gebrannt, jetzt erst konnte einer sehen, wie schmal und fein ihr Gesicht war. »Ich habe mir lange Zeit schwere Gedanken darüber gemacht. Sie wollen so gotteslästerlich hoch hinaus.« Kristen knurrte: Die kleine Ameise wolle immer auf den höchsten Halm hinauf, und dafür brauche man sich nicht verantwortlich zu fühlen. Dann setzte er die Mütze auf und wollte gehen, endlich einmal, denn Aasel, der Ärmsten, wurde immer schlechter und schlechter zumute mit allen diesen Dingen, es höhlte sie innerlich ganz aus, und wozu sollte das gut sein? Da kam Marjane, die jüngste von den kleinen Mädchen, atemlos herein und erzählte, daß Fremde auf dem Hofe seien, die Muhme und ihr Mann aus Segelsund, sie seien hier, draußen vor dem Haus. Kristen sieht Aasel rasch an und sie ihn. Dann hellt sich ihr Gesicht ein wenig auf, als habe sie gesehen, daß Kristen nicht weitergehen wird, als er soll und darf. »Hm!« sagt er und geht hinaus, um die anderen zu empfangen, hinter ihm Aasel, die im Gehen ihre alte Schürze wegwirft. In der Türe sieht sie sich noch um, ob man auch Gäste in die Stube bitten könne. Ja, sie konnten kommen, in Gottes Namen. Arnesen steht gerade da und hilft Gjartru vom Wagen herunter. Es gibt eine große Begrüßung; es ist ein halbes Jahr her, wenn nicht noch länger, seit sie hier waren. Gjartru sah jünger aus als die Schwester, obwohl sie ziemlich rundlich war, und schön war sie, fast noch wie damals als Mädchen. – Zu einem Hut hat sie es doch noch nicht gebracht, dachte Aasel: aber sonst hatte sie Mantel und Kleid wie eine feine Dame. Gjartru ging geradeswegs auf die Schwester zu, lachte und erzählte und redete die andere fast tot: Sie mußte mitkommen, wenn Arnesen sowieso herfuhr, es sei doch wirklich nett, Aasel zu treffen – und welch feines Wetter sie hatten! Aasel heißt sie willkommen und bittet sie in die Stube. Sie und Gjartru gehen voraus, die beiden anderen kommen nach, und der Knecht versorgt das Pferd. Arnesen war nicht weniger jung und schön als Gjartru, man konnte ihn für dreißig Jahre halten, obwohl er schon reichlich vierzig war. Man sah es ihm an, er hatte des Königs Bock getragen, als Sergeant noch dazu, und er hatte einen gezwirbelten Bart und einen kleinen Bartbüschel an der Unterlippe. Er war klein gegen Kristen, aber deswegen stand er ihm doch in nichts nach. – Ruhig und fein verbeugt er sich, während er vor Kristen hineingeht, er ist einer von denen, die wissen, was sich gehört. Ja, er sei gekommen, um sich zu erkundigen, Kristen wisse schon, wonach. Kristen ging noch nicht gleich darauf ein. Sie sollten doch erst einmal ins Haus kommen und sich hinsetzen. Und dann sei es doch der Brauch, einem etwas anzubieten, wenn er von weither komme. – »Du wirst doch wohl nicht gleich wieder kehrtmachen?« fragte Aasel. Gjartru war in die Kammer hinausgegangen und hatte den Vater begrüßt, und Arnesen kam nach. Anders war blind, wie er gewesen war, und hielt sich in seiner Höhle, wie er es nannte, ja, und gesund, das sei er, Dank für die Nachfrage. Ob es ihm nicht langweilig sei, so dazusitzen? Ach ja, mitunter schon; aber man sitzt doch ganz gut, sagte das Weib, als es auf dem Holzpferd ritt. Im übrigen sagte er nicht sehr viel, und auch die anderen wußten nicht viel mit ihm zu reden; es war gleichsam zu lange Zeit vergangen seit dem letztenmal. Er war etwas fahl und bleich und war sehr zusammengefallen, aber schließlich hatte er ja auch die Siebzig schon überschritten. Als die Gäste gegessen hatten, sagte Aasel zu Gjartru, sie glaube, es wäre besser, wenn sie nun in die andere Stube gingen. – »Denn die Männer haben etwas miteinander auszumachen, wovon wir ja doch nichts verstehen«, sagte sie. Sie hatte ein neues Kleid angezogen, ein schönes braunes aus hausgewebtem Stoff, und hatte das Haar ein wenig zurückgestrichen. Peder kam herein und begrüßte die Gäste, ging nur in der Stube herum und wollte zeigen, daß er sie nicht scheute. Er war ernsthaft wie der Alte in der Kammer, im übrigen aber sah er aus, als verbeiße er sich ein kleines höhnisches Lächeln. – »Jetzt hat die Mutter sich schon erholt«, sagte er zu sich, »jetzt ist sie schon auf einer Stufe mit Gjartru und sogar noch eine über ihr. Und der Vater, der Ärmste, mit der Nase in der Luft, so daß sie ihn betrügen können, soviel sie wollen. Aber ein teuerer Betrug, versteht sich, für den, der's versucht. Na, mich geht's nichts an.« Gjartru hatte Arnesen in jener Zeit zum Mann bekommen, da sie als Haushälterin in Valvaere war. Er war dort im Laden, bei den Speichern und wo man ihn gerade brauchte. Aasel war dagegen gewesen, daß Gjartru dorthin fuhr, sie fand dies den reinen Wahnsinn, und sie war dagegen, daß die Schwester Arnesen nahm, denn er war nichts und hatte nichts, ein armer Schlucker, und wenn zwei junge Leute heimkommen und erzählen, daß sie einander so gern haben, dann muß man lächeln. Gjartru wurde böse und Aasel desgleichen, und mit den Jahren wurde dies immer schlimmer, denn so nach und nach merkten sie, daß sie einander kennenlernten. Arnesen und Gjartru versuchten es an vielen Orten und kauften zuletzt Vaagen hier unter Haaberg; aber auch hier ging es mit ihnen schief. Da hatten die Leute auf Haaberg ihnen Segelsund verschafft und Vaagen wieder an sich genommen, und beim Heringsfang im Jahr darauf nahm Kristen dort unten tausend Taler ein. – Trotzdem meinten die Schwestern, wenn sie sich nur einmal ordentlich miteinander aussprechen könnten, dann würde alles wieder gut werden. Aber jedesmal hatte sich immer wieder ein neuer Keil zwischen sie geschoben. Die alten Zeiten wollten nicht wiederkommen. Gjartru mußte heute für sie beide reden. Ihr lag diese Hochzeit im Sinn, es gab tausend Dinge dabei zu bedenken, denn ihre Mina sollte eine ordentliche Hochzeit haben. Sie hatten keine anderen Kinder zu verheiraten, und Mina sollte sich vor der Familie des Tierarztes nicht schämen müssen – ja, denn das waren feine Leute, nicht wahr? Aasel legte den Kopf ein wenig schief, wie sie so dasaß, und blickte zur anderen Wand hinüber. »Sie sind mehr als das. Es sind ordentliche Leute.« Gjartru lachte: »Ja, das ist wahr, du bist gegen alles, was fein ist. Du möchtest, daß wir dort liegenbleiben, wo wir liegen. Wie der Vater gern sagte.« Der Arthur, sagte Aasel, das sei endlich einer, der das Richtige gelernt hätte. Wie man einen Hof betreibe. Ja, aber Aasel brauche nicht zu glauben, daß er nun ein gewöhnlicher Bauer werde, weil er die landwirtschaftliche Schule besucht habe. – »Jetzt kauft er sich einen großen Hof und fängt selbst eine solche Schule an, was sagst du dazu? Und noch dazu hier in der Gemeinde, hm? Noch sind die Haabergleute nicht ausgestorben.« Ja gewiß, gewiß. Aber Aasel saß da, als lausche sie auf etwas anderes, drüben in der Stube nebenan. Dann sagte sie plötzlich: »Aber wollt ihr euch denn wirklich jetzt ein Netz leisten?« »Ja, jetzt schlägt er zu. Glaubst du denn, daß nur ihr auf Haaberg an so etwas reich werden sollt? Du kennst den Arnesen nicht, du hast ihn noch nie gekannt, aber ich bin froh, daß wir von Vaagen hier wegkamen und jetzt dort sind, wo er hingehört. Daß wir unsere Zukunft gefunden haben.« »Hm! Hm!« murmelte Aasel vor sich hin. »Hab mir's doch gedacht. Hab mir's doch gedacht!« Jetzt aber solle sie etwas Neues hören, sagte Gjartru. Wußte sie, was man sich erzählte? Über den Peder hier? Aasel sah sie trocken und bestimmt an. Daß er sich bald verloben werde! Ja, wirklich. Und wußte sie vielleicht, mit wem? Aasel hatte so etwas gehört, wie, daß er – – – ja, drüben in Juwika, die Kjerstina – Nein, nein doch! Höher hinauf! Mit der Andrea vom Tierarzt. – »Wir werden auf eine neue Art miteinander verwandt, du wirst schon sehen. Ja, ja. Er ist jetzt zwei Nächte dort oben gewesen, soviel die Leute wissen, und dort kommt man nicht hinein, ohne daß es Ernst damit ist. Was?« » Wann war er dort?« Ja, am letzten Samstagabend, wenn sie's wissen wollte. »Das ist eine Lüge! Denn an dem Abend war er daheim, das weiß ich bestimmt.« Gjartru sah sie erstaunt an: Aber konnte sie sich denn erwarten, eine Bessere zu bekommen als die Andrea? Eine Bessere? Aasel lehnte sich im Stuhl zurück und sah die Schwester an, während ihre eine Wange sich zu einem Lächeln verzog. – »Mit uns ist es eben so, Gjartru, und es wird gut sein, wenn du dich auch daran erinnerst, daß nicht alle Welt uns zugemessen ist. Du fühlst das auch, wenn du willst. Daß das Schicksal über uns hängt .« Gjartru wurde rot und stand auf. – »Nein, nein, die Andrea ist auch vielleicht gar nicht zur Bäuerin geschaffen.« Aasel saß eine Weile da und dachte nach, die Blicke zu Boden gerichtet. Dann schaut sie auf. – »Die Andrea gehört nicht zu denen, die die Nase zu hoch tragen. Und das glaube ich auch, nach Juwika sollte er nicht gehen, um sich seine Frau zu holen. Aber ich mische mich da nicht hinein.« Ob sie jetzt nicht lieber einmal nach ihren Männern schauen wollten, meinte Gjartru, und Aasel ging mit ihr hinaus. Im Gang aber ergreift sie Gjartrus Hand, sie kann nicht anders: »Laß dich nicht von der Welt erfassen, Gjartru – gib acht, daß wir nicht zu hoch klettern!« Gjartru lächelte nur, wie die Jugend dem Alter zulächelt. – – – Arnesen stand gerade da und wollte Gjartru holen, und Kristen nickte und war einig mit ihm darin, daß es vielleicht am besten wäre, zu hören, was sie meinte. Da aber richtete Arnesen sich auf: er schere sich den Teufel um die Weiber. »Hier ist das Geld, nimm es und zähl es nach – bar ist bar, sagen wir Geschäftsleute. Und ein Darlehn kann stehen bleiben, und dann setzen wir uns hin und schreiben den Kaufkontrakt .« Er geht einmal durch die Stube, und Gjartru bleibt mit den Blicken an ihm hängen; er scheint die anderen so weit zu überragen. – »Es ist lustig, wenn die Leute miteinander handeln«, sagte sie zu Aasel. – »Ich weiß nicht recht«, meinte Aasel. »Ich mache mir nichts aus Handel und derlei Sachen. Das riecht immer nach Roßtäuschern und Kartenspielern.« Aber wollten sie denn die Geschichte nicht erst anschauen, ehe sie verhandelten? Kristen sah zu Arnesen auf. Ja, gewiß, Arnesen hatte es auch nicht anders gedacht, und so gingen sie miteinander zum Meer hinunter. Die Frauen kamen nicht mehr ins Gespräch. Gjartru redete von der Hochzeit, und Aasel hörte nicht zu. – »Wer nur wüßte, was am richtigsten ist!« seufzte sie ein paarmal. Die Männer kamen zurück, und Arnesen schrieb den Kontrakt und las ihn vor. Kristen wiederholte jeden Satz und tastete ihn ab. Ja, das war gut so, das. Und so konnte es hinterher keinen Streit geben. Es war schon spät am Abend, als sie fortfuhren. 3 Eine Weile, nachdem die anderen fortgefahren waren, wandte sich Aasel Kristen zu. Aber es half wenig, daß er sie anblickte; seine Augen sanken nur in den Kopf zurück, verschwanden im blauen Nebel. »Du glaubst doch nicht, daß er zu teuer gekauft hat?« Kristen schüttelte den Kopf. Dann wachte er auf und dachte darüber nach: »Ich glaube, es war ein ganz richtiger Kauf, ja. Ich hätte nicht billiger verkaufen können, nicht viel, und wenn es mein eigenes Gerät gewesen wäre.« Aasel atmete erleichtert auf: »Nein, freilich, es war nicht nur unser eigenes. Denn ich fürchte, sie sind schlecht, die Netze, ich habe davon reden hören. Und so etwas ist gefährlich. Für uns, Kristen. Ich konnte es der Gjartru nicht sagen; denn es wäre zum Schaden der anderen Besitzer gewesen, und die sind ja schlecht dran.« Kristen suchte etwas in der Westentasche und brachte ein altes Stück Kautabak zum Vorschein, dann verzog er den Mund zu einem Lächeln: »Es ist wohl ganz gleichgültig, was für Netze der bekommt. Bei ihm werden sie doch hin, wie sie auch sein mögen. Aber ein tüchtiger Kerl ist er, das kann man nicht anders sagen.« »Das meinst du nicht, Kristen!« Die Röte flog ihr über die schmalen Wangen und verschwand wieder. – »Nein, es ist nur die Gjartru, die ihn aufstachelt. Sie hat einen großen Mann aus ihm gemacht; wenn es nur nicht bald wieder mit ihm bergab geht. Und mit uns auch – ich habe solche Angst.« Aasel hat sich halb von ihm abgewandt, steht da und murmelt vor sich hin. »Wir sind es, die für sie und auch für uns denken sollten. Die Leute wissen nicht, daß einer dasitzt und über ihnen wacht; sie wissen nicht, wie schmal der Weg ist. Wir stehen nicht unter dem Gesetz, heißt es irgendwo. Doch, wir stehen unter dem Gesetz. Und Gjartru hat keinen Gedanken dafür.« »Bis hierher ist es doch gut gegangen, Aasel.« »Ja, mit Gottes Hilfe wohl.« » Das versteht sich …« – – – Dasselbe sagten die Leute in der Gemeinde. Der Herrgott war ihnen ein guter Mann gewesen. Sie sagten gern, Aasel ziele und Kristen schösse. Und das Glück klebe wie Pech an ihnen. Daraus konnte man nicht klug werden. Beim Anders war es nicht das gleiche; der war eben der Anders ; aber die beiden hier, warum sollten die so viel Glück in der Welt haben, sie mehr als andere Leute? Zwar, Unglück hatten sie auch gehabt, das war richtig. Die eine der Töchter war taubstumm, ein Jammer und ein Elend, fast wie ein Fingerzeig Gottes; und vor ein paar Jahren war die älteste Tochter an der Auszehrung gestorben, weil die Mutter ihr nicht erlaubte, jenen Mann zu nehmen, den sie wollte, so hieß es. Aber die Leute konnten nicht anders sagen, als daß die auf Haaberg billig wegkamen. Es ging doch immer vorwärts. – Selbst der Peder, der ein ganz verhexter Junge gewesen war, nahm sich zusammen und brachte es mit der Zeit zu etwas. Er war so versessen auf die Mädchen; man hatte erwartet, noch allerhand zu erfahren, jetzt aber sah es aus, als bringe er sich allein in den Hafen, und Aasel konnte wiederum dem Herrn dafür danken. Er meinte es gut mit ihr. – – – Aasel mußte an diesem Abend lang um Peder herumschleichen, ehe sie ihn unter vier Augen zu sprechen bekam, und dann blieb ihr noch das Schwerste übrig: ihn zum Reden zu bringen. Es war jetzt Jahr und Tag her, seit sie mit ihm gesprochen hatte, sie konnte sich kaum erinnern, wann es das letztemal gewesen war. Ja, gewiß, antwortete er, aber es war gleichsam nicht die Antwort auf das, was man fragte; und oft kamen die Worte so hingeworfen und übermütig, daß man darüber erschrecken konnte, und trotzdem sah er so schwermütig aus, daß man ihn eigentlich in Frieden lassen mußte. Er saß auf dem Hügel draußen und rauchte, als sie kam; dort saß er oft im Dunkeln an den Abenden. Sie wollte es mit dem und mit jenem versuchen, aber es stand alles fest wie in Stein gehauen, und das wenige, was sie sagen konnte, entfernte sie nur noch mehr von ihm. – So ging es denn nicht anders, als daß sie offen darauflossteuerte und einfach fragte: Ob es wahr sei, daß er zum Tierarzt ginge, um dort zu freien? Die Leute erzählten das. Ob er dort gewesen sei, ja? Er nimmt wahrhaftig die Pfeife aus dem Mund und sieht die Mutter an. Aasel konnte es im Dunkeln sehen, wie schön er über Brauen und Augen war. Kein Wunder, daß sie hinter ihm her waren, die Mädchen, und ihn den schönen Burschen nannten. Es durchfuhr sie ganz kalt bei dem Gedanken, wie es hätte gehen können, wenn der Herrgott nicht gewesen wäre. »Ja, ich freie und freie in der ganzen Gemeinde herum, und überall erhalte ich ein Ja, wo ich auch hinkomme, pfui Teufel! Aber in diesem Fall ist nichts Wahres daran.« Sie sieht ihn an, sie legt all ihre Macht in diesen Blick, und es ergeht ihm wie allen anderen, er muß ihr rasch in die Augen schauen und dann wieder zu Boden. »Du warst doch daheim, in der Nacht zum Samstag? Und in der Nacht zum Sonntag auch?« »Ja, ja, freilich. Aber nicht in der Nacht zum Montag. Aber dort war ich nicht, wirklich nicht.« »Du bist ja dein eigener Herr, das weißt du. – – Und der Ola, dein Onkel? Weiß er –« Peder rauchte. Er hatte für diesen Abend genug geantwortet. Ola Haaberg war Küster in der Gemeinde. Er war solch ein Meister im Singen. Er war mit Laura, der ältesten Tochter des Tierarztes, verlobt gewesen, und sie war vor drei Jahren gestorben. Niemand konnte bemerken, daß Ola sehr um sie trauerte, auch erwartete das niemand von ihm, und jetzt erzählte man sich, daß er mit Andrea, der Schwester, schon ziemlich weit gekommen sei; jetzt singt er für sie, sagte man, und sie tut mit und spielt. Sie kannten sich bei ihm nie recht aus und machten sich nicht viel aus ihm, er war ein Spielmann, und die Hälfte davon wäre auch schon genug gewesen. Aber wen sollte Andrea sonst nehmen, hier in der Gegend? Aasel hatte das gleiche gedacht und es auch gewünscht. Erst heute abend sah die Sache anders aus. Herrgott im Himmel, sollte die Andrea wirklich nichts anderes als Küstersfrau werden? Es war ein tiefer und stiller Abend, einer der ersten Herbstabende; kein Mond und keine Sterne, die Kornheinzen standen im Dunkeln in Reih und Glied auf den Äckern und raschelten mit Ähren und Halmen, der Laubwald ringsum war totenstill. Fledermäuse flatterten wie taubstumme Vögel über Dächer und Bäume hin, mit Gespensterschwingen huschten sie einem über den Kopf, als wollten sie sich vorwärtstasten, dahin, dorthin, ohne einen Laut. Die Pferde gingen unten auf der Weide und knabberten; es lag ein zottiger und warmer Ton um sie in der Dunkelheit. Man empfand es wie einen Widerhall von tausend anderen Abenden, es war die alte Zeit selber, die hier lag und schlummerte. So nahe hatte Aasel sich dem Peder noch nie gefühlt, dünkte es sie. O nein, die Leute auf Haaberg waren immer weit voneinander entfernt gewesen, all die Jahre her; und immer war es ein Kampf, immer war es Arbeit und nie Feiertag. Das Leben hatte sie hart angepackt. Was ihnen auch durch den Kopf ging, es verschwand gleich wieder. Sie saß da und blickte durch die Zeiten zurück, und sie dachte laut, ohne es gewahr zu werden. – »Jetzt hat das ärgste Toben rings um uns doch aufgehört. Von nun an können sich viele Gedanken vordrängen. Sowohl über das, was geschehen ist, als auch über das, was werden soll. Ich weiß von vielem oft nichts, ehe es getan ist. Beides, das, was klug ist, und das, was falsch ist. Dein Vater, er geht so unentwegt dahin. Ihm kommt nie der Gedanke, daß man falsch gehen könnte, daß man sich in Dummheiten verirren könnte. Ich hätte das eigentlich besser wissen sollen. Ich, die das weiß. Aber wie gesagt, man sieht es erst, wenn es zu spät ist. Und dann hat man ja auch noch an sich und an das Seine zu denken – ich mußte den Kristen bisweilen ein wenig aufstacheln; damit die anderen uns nicht bei lebendigem Leib auffraßen. Wie zum Beispiel mit Vaagen und dem Strandrecht; und mit dem Platz für die Kirche, die neu aufgebaut wurde. Sie reden vom Geld, die Leute, sagen, daß wir den Grund für die Kirche verkaufen konnten. Die Kirche mußte hierher. Sie kam von selber sozusagen. – Hab ich auch manchmal etwas falsch gemacht, so war es doch gut gemeint. Aber, wie der Vater sagte: wir stehen unter dem Gesetz . Wer doch wüßte, was er damit meinte!« »Was?« Peder fragte jäh, indem er die Pfeife aus dem Mund nahm. Aasel sah ihn verlegen an. – »Nein, ich weiß nicht recht, es war nur etwas, was er einmal sagte.« »Du selbst warst es, die das sagte, Mutter.« »Ja, ist das wahr?« Sie saß eine Weile still da. – »Mich durchfuhr es wohl wie ein Stich, damals, als das Unglück über den Vater kam. Früher, da konnte ich mir vornehmen zu warten. Was kommen sollte, das kam. Schlimmer ging es nie. Seitdem ist es anders geworden. – Aber es gibt Menschen, Peder, denen alles immer nur gut ausgeht. Man weiß das, sobald sie reden, sobald man sie sieht. Wie die Andrea. Nein, ich meine nicht, daß sie hier die Richtige wäre, nach mir. Das würde auch fast eine Sünde sein. Aber sie hat das Glück mit sich. Es will ihr wohl. Sie, sie gehört zur anderen Seite. Sie steht nicht unter der gleichen schweren Hand wie wir. Doch wie gesagt, es ist zu hoch bis zu ihr hinauf, ja.« »Aber die Netze, die der Vater heute verkauft hat, sind durch und durch verfault.« Peder grinste höhnisch vor sich hin, klopfte die Pfeife aus und erhob sich. Seine Stimme durchschnitt die Abendstille wie die Sense das Gras, noch lange nachdem die Worte ausgesprochen waren. »Das ist doch nicht dein Ernst, Peder? He?« »Nein, weiß Gott, ob es mein Ernst ist. Aber verfault sind sie, durch und durch. Und Glück auf die Reise. Pfui Teufel, die ganze Welt ist verfault!« »Nein, aber Peder! – – Ja, ja, ja, Herr mein Gott.« Er ging seiner Wege, in die Dunkelheit hinein, und Aasel tappte ins Haus zurück. Wo waren wohl die andern Kinder? Erst mußte sie sich nach Marta umschauen, nach der Taubstummen, denn sie war so eigenwillig, daß man seine liebe Not mit ihr hatte, und doch war sie jene, die man am wenigsten verlieren wollte. Gott sei Dank, sie saß drinnen beim Großvater, zusammen mit Marjane, der Kleinen. Dorthin gingen sie am liebsten, wenn es dunkel war. Elen war hinaufgegangen und hatte sich schlafen gelegt. Mit ihr hatte es keine Gefahr. Wenn nur ein bißchen mehr in ihr stecken würde – warum besaß sie nicht das, was man Mut zum Leben nennt, dachte die Mutter. Bald lag nun das ganze Haus in Nacht und Frieden da. Es verlieh ihr solche Ruhe, wenn sie die Häuser rings um sich hörte, zur Abendzeit. Es wohnte gleichsam ein guter Geist in ihnen, oder wie sie es nennen wollte; es konnte nicht schlimmer gehen, als Gott es wollte. – Und die Netze, die hatte Arnesen ja selbst angeschaut. Und die Kirche dort leuchtete weiß auf. Aasel sah fast jeden Abend hinüber, ehe sie sich schlafen legte. Ein wenig kalt war die Kirche, so im Dunkeln, es durchschauerte sie; es dauerte ganz unheimlich lange, ehe man mit ihr bekannt und befreundet wurde. Auch Peder sah die Kirche, wie er so dahinging. Er wanderte noch eine Weile zwischen den Getreideheinzen auf dem Langacker umher, ehe er die Pferde hereinholte. Der Abend war eine gute Zeit zum Herumgehen. Und das dort war keine Kirche, im Grunde. Er konnte hier in der schwärzesten Nacht umhergehen und ihr mitten ins Gesicht sehen. Und hätte er die Andrea hier getroffen, so wie er sie am Abend vorher getroffen hatte, so würde sie nicht so billig davongekommen sein. Dort drüben, ja, dort hatten sie gesessen; und hätte er sie im Ernst umfaßt, ja, wer weiß – »Denn die Mädchen drüben auf den Höfen, die habe ich bald satt«, sagte er. »Es ist kein Spaß an ihnen. Nichts ist so lustig als das, was verboten ist, und im übrigen gibt es überhaupt nichts Lustiges – das gab es nur in früheren Zeiten.« 4 Als Arnesen und Gjartru am Abend heimfuhren, begegneten sie Ola Haaberg, dem Küster. Er kehrte um, kam mit und saß auf, ein Stück weit. Der Weg war über das Moor hin flach und gut. Ola wohnte auf Vollan, einem Hof, der mitten zwischen Haaberg und Segelsund liegt, jedoch ein Stückweit vom Fahrweg entfernt. Sie verstehe jetzt, wo er hingewollt habe, sagte Gjartru. – »Sag mir lieber das, was du nicht verstehst«, erwiderte er. »Denn ich wollte zum Tierarzt, ja, du hast recht. Aber ich wollte nichts weiter, als nur ein paar Noten ansehen, nicht wahr, da hast du dich gründlich geirrt?« – »Ich aber will dir eines sagen, Ola. Gib acht, daß sie dir nicht den Köder von der Angel fressen. Offen gesagt: Der Peder ist jetzt unterwegs, und mit ihm läßt sich nicht spaßen, das weißt du. Hast du denn gar nichts begriffen?« – Nein, Ola hatte nichts bemerkt. – »Ja, er ist eine Nacht dort gewesen oder zwei vielleicht, und sie haben eine ganze Nacht an der Kirchenwand gesessen und sich verlobt. Du mußt jetzt also aufpassen, daß du nicht zu spät kommst.« – »Ich bin schon zu spät daran. Ich bin der Ola Zuspät, du weißt doch.« – »Aber du solltest doch denen auf Haaberg nicht die Freude machen, diesmal zu spät daran zu sein.« – »Ich will alles tun, was in meinen Kräften steht. Dein soll mein sein, hier auf der Welt, sonst macht's keinen Spaß.« Ola kam bis ganz heim zu ihnen. Er tat, als sei er nachtscheu und wage nicht wieder heimzugehen. Als sie nach Segelsund kamen, war es schon fast Mitternacht, trotzdem brannte unten und oben Licht in den Fenstern. Sie wunderten sich, was wohl die Ursache dazu sein könnte. Ein betrunkener Mann erhob sich drüben an der Hauswand und kam herangetorkelt; er sang ein wenig und fluchte ein wenig, wollte aber niemand etwas Böses. Auch drüben am Brunnen war sicher irgendein Lebewesen, das Pferd wich zur Seite und schnaubte, so daß Arnesen mit der Peitsche ausholen mußte. – »Zum Teufel, was ist denn hier immer los?« knurrte er. »Ach, Johan Martin, du solltest im Dunkeln nicht so fluchen!« bat Gjartru. Arnesen knallte mit der Peitsche, damit der Knecht herauskomme und das Pferd nehme, und sie kamen, zwei Mann stark, sogar mit einem Licht. Als sie auf der Haustreppe standen, liefen ihnen Mina mit der Lampe in der Hand und zwei der Mägde dicht dahinter her entgegen: Kamen sie nun doch endlich heim! Sie glaubten gar nicht, wie sie auf sie gewartet hatte! Und wo hatten sie denn die ganze Zeit gesteckt? Mina war bleich und aufgeregt, merkte kaum, daß Ola da war. Und jetzt ging ein Erzählen an. Was sich an diesem Abend zugetragen hatte: einer nach dem anderen war hergekommen und hatte sich voll getrunken, lauter schreckliche Leute, Häusler und Netzfischer und alles mögliche – der Sefanias Bruraskare war bis zu ihr hineingekommen und war ganz obstinat gewesen, so daß sie hatte handgreiflich werden müssen, um ihn wieder hinauszuschaffen! – »Da herein?« Gjartru wurde so böse, daß sie zurückstellte. – »Aber du solltest sie nie anfassen, Mina, du solltest sie nur anschauen, bis sie zusammenkriechen.« – »Glaubst du denn nicht, daß ich das tat, Mutter? Aber wenn es doch nichts half! Und dann gingen sie draußen im Hof aufeinander los, so daß Blut floß, und ich mußte hinaus, ich mußte mir Respekt bei ihnen verschaffen, und trotzdem gehorchten sie mir nur zögernd genug – du mußt sie dir morgen hernehmen, Vater!« – »Sicher, die bekommen schon ihr Teil«, sagte Gjartru. Arnesen brummte nur etwas. »Am schlimmsten aber war es doch drüben in der Gesindestube!« fuhr Mina fort, und jetzt schauderte sie ganz zusammen, und ihre Augen wurden groß und starr. – »Ja, denn dort haben sie so gehaust mit Kartenspiel und Fluchen, daß der Leibhaftige selber herbeikam und sie zur Türe hinausjagte, und jetzt sitzt er dort und spielt Karten, jeder kann ihn sehen, wer nur will – ich will weg von hier, Mutter!« »Bist du denn verrückt, ist er jetzt wieder da?« »Ja, wir haben ihn alle gesehen. In einer blauen Flamme mit roter Mütze und mit Hörnern und allem miteinander – –« »Du hättest ihm die Bibel zeigen sollen«, sagte Ola. »Unsinn!« meinte Gjartru. »Wir aufgeklärten Leute glauben nicht mehr an so was.« »Und der Johan-Arn Finnvika nahm die Axt und ging hinein, und da verschwand der andere, aber gleich darauf war er wieder da – es wird immer schlimmer und schlimmer auf dem Hof hier! Und jetzt ist das Gesinde von dort ausgezogen und in den Dachraum gegangen, sie wagen nicht mehr dort zu schlafen, keiner wagt sich mehr dorthin!« »Frag mich, ob ich es wage«, sagte Ola. »Du darfst nicht!« riefen Mutter und Tochter zu gleicher Zeit. – »Und überhaupt, es ist ja alles nur Unsinn«, sagte Gjartru. »Die Leute beneiden uns, das ist es. Und schließlich spukt es in jedem besseren Haus, das gehört dazu. Aasel kann an so etwas glauben und alle von ihrer Art; sie wird sich freuen, wenn sie es erfährt.« Mina saß bleich und still auf ihrem Stuhl, während die Männer an den Wandschrank traten und einen kleinen Schnaps zu sich nahmen. – »Wir müssen von hier fort«, sagte sie endlich. »Wir sollten in die Stadt ziehen, Mutter!« – »Ja, Kind«, meinte Gjartru. »Das sagst du so. Aber etwas müssen wir in der Gemeinde doch noch ausrichten, wir können nicht einfach so davonlaufen. Die sollen es doch erst noch sehen können, die Leute auf Haaberg und noch woanders, daß wir hier gewesen sind.« »Das sagt der Arthur auch!« Mina freute sich wie ein Kind: »Wir sollen eine neue Gemeinde erstehen lassen, sagt er, und das finde ich schön. Wir wollen die Gemeinde fördern, sagt er, dann kommt hier eine andere Zeit für die Leute, wenn sie von ihren Höfen leben können, dann gibt es hier kein Mißjahr im Fischfang mehr und alles andere Elend – er sieht das so groß und schön vor sich, man könnte für ihn durchs Feuer gehen!« »Ja«, sagte Gjartru, »das ist sicherlich auch nicht die Absicht, daß ein jeder in seiner Hütte sitzen bleiben und versauern soll, wie die Aasel es tut. Was meinst du, Ola? Etwas muß man doch haben, für das man arbeitet, damit man nicht ganz im Sumpf versinkt? Wir wollen doch hinaufkommen und nicht hinunter?« »Ja, das ist wahr und gewiß. Wer nur mitkäme. Wenn man nur nicht zu spät dran wäre.« Mina sah ihn fast gehässig an: – »Ach, du ! Niemand weiß, zu wem du hältst – in dich könnte sich niemand verlieben!« »Jetzt gebrauchst du unerlaubte Waffen gegen mich«, sagte er still. »Und das kann ich dir immerhin verzeihen; denn so warst du jetzt für einmal nicht die Schöngans.« »Aber was ist im übrigen ein Hof?« fuhr Gjartru wieder fort. »Müssen wir nicht an die ganze Gemeinde denken? Was ist im Grunde Haaberg, sag mir das?« »Na, für einige ist das wohl nicht so wenig« – Ola sah schief an der Wand hinauf. – »Aber jetzt will ich schlafen gehen. Ich will in die Gesindestube hinüber, zu dem, der dort ist.« Sie mußten ihm wirklich seinen Willen lassen. Alle drei kamen mit ihm hinüber und machten ihm in der Kammer das Bett des Großknechtes zurecht. »Du bringst es nicht fertig!« sagte Mina, als sie gehen wollten. »Oder du bist kein – Bauer!« »Das will ich ja gerade sehen. Bringe ich es fertig, Mina, dann – dann werden wir von der anderen Seite miteinander verwandt, du und ich – trotzdem.« »Ist das wahr?« Ihre Augen leuchteten jetzt, und die Brauen und der Mund und jeder Zug in ihrem Gesicht zeigte sich in seiner ganzen Schönheit. Sie hatten ihr nicht umsonst ihren Namen gegeben. »Meinst du das wirklich?« »Ja, Mina. Ausnahmsweise einmal rede ich im Ernst. Das war schon lange nicht mehr der Fall.« – – – Aber erst als sie gegangen waren und das Haus nach und nach still wurde, wußte er wirklich, daß es Ernst war. Vor ihm die blanke, eiskalte Wirklichkeit mit allem Ernst, und sonst nur lauter Nebel und Traum. Über solche Einfälle lachten sie sonst, die Leute seiner Art, und er konnte gern mitlachen; aber er kam doch nicht davon los. Es war ein Fremder, der jetzt nach ihm griff und ihn festhielt: Jetzt, Ola, bist du hier. Jetzt endlich hast du das Leben selber ein wenig angepackt, du mußt es festhalten. He? Denn einen Gott gibt es nicht, das weißt du, und den anderen gibt es auch nicht, das weißt du auch. Du hast es längst gewußt. – Ja, aber ich kann mich deswegen doch vor ihnen fürchten, oder? Mich fürchten, ihnen ins Gesicht zu sehen? – Wenn du das fertig bringst, dann bist du kein Bauer, sagte die Schöngans. Und das weißt du im voraus. Aber ein Mann. Ein Mann, ja, und da gehst du keinem Ding mehr aus dem Weg – und auch ihr nicht, nein. Dann kommst du zu kurz, Peder Haaberg! Ein solcher kleiner Versuch, gerade das war notwendig; das ist so gut wie die Peitsche auf einem halbtoten Gaul. Aber so mußte er schon einmal gelegen haben, einmal vor langer, langer Zeit, die Gedanken eilten suchend in der Zeit zurück; es mußte sich schon einmal so zugetragen haben, anders war es nicht möglich! Und jetzt lag er hier. Wohlgenährt und mit roten Wangen; ein Wechselbalg des alten Juwikgeschlechtes. Und Andrea lag daheim und schlief längst und wußte nichts von dieser Sache hier; und dann kam vielleicht ein Freier zu ihr. Um ihretwillen lag er hier. Warum sollte man sich nicht für sie zum Narren machen? Schwitzte er denn wirklich schon? Ja, die Hand wurde feucht, wenn er damit über die Stirne fuhr. Wenn es nicht schlimmer wurde, dann ging es ja noch an. Nachtscheu war er noch nie gewesen, wenigstens nicht übermäßig. Es wurde schlimmer. Es wurde zu schwer. Es war eine Schmach und eine Schande, aber er sprach das Vaterunser vor sich hin; er hätte noch schlimmere Dinge tun können. Damit aber hatte er verloren. Es hatte gar keinen Sinn, hier zu liegen, und jetzt kam wiederum das Entsetzen, es forderte das Vaterunser noch einmal – es hatte sieben Gesichter. Dann war er im Begriff hinauszugehen. Er war so kalt, daß er nicht mehr zu leben glaubte. Ein ganz kleines bißchen noch, und dann zerbrach etwas in ihm, dann ging alles in ihm entzwei – er war wie ein Ei, das man gegen die Wand wirft. Ja, er war jetzt im Begriff hinauszugehen, durch die Kammer und durch die Gesindestube hinaus, der Weg nahm kein Ende. Ein Keller nach dem anderen und nichts als lauter Tod und unsichtbare Dinge darin. – Ich sehe euch wohl! So war der Weg für jene Ärmsten, die ihrem Leben ein Ende gemacht haben. Nun weißt du das , Ola. Jetzt weißt du es. Andrea, ja; da müßte es gut sein, ihre Hand in der seinen zu halten. Aber auf diesem Weg blieb man allein. Das wußten sie wohl, die Alten, und darum ließen sie es sein. Und er, der geglaubt hatte, man brauche das Spiel nur mit einem Lächeln zu verlassen. – Aber du, Laura, du – – Die Nachtluft draußen umschloß ihn wie eine Mutter. – »Aber sie kennt mich nicht«, gähnt er und schwankt dann in südlicher Richtung heim, mit großen gelben Sternen über sich und den Berggipfeln rings um sich. Als er sich südlich der Moore befand, versuchte er ein wenig zu pfeifen. »Nein, es ist doch gut, zu wissen, daß man zu weich ist. Ein ganzer Mann – – aber der hätte es nie versucht! Die Menschen wollen so etwas nicht von sich selbst wissen.« Und hier war Moor rings um ihn, das sich immer dunkler in die Nacht dehnte. Er blieb stehen, gleichsam als wolle er es fühlen. Jetzt kam der Ostwind, über den Fjord hin und über die Höhen her, hüpfte über die Erdhügel und Büsche, immer wacher und wacher – hui, sagte er, und dann war er nicht mehr da. »Es tut nichts, daß du verloren hast, Ola. Du hast es doch versucht . Der Peder tut so etwas nicht.« Es handelte sich übrigens nicht nur um ein Ding, sondern um viele Dinge. Andrea, sie wußte es wohl. Sonst hätte sie den Peder nicht hereingelassen, und nun war Ola ein freier Mann, wie er es gewesen war, ein Tölpel zwar, der über alles lachte, aber ein freier Mann. Der Ostwind sagte das gleiche. Die Brise weht 1 Am Tag darauf blies ein lustiger Landwind, Sonne und Wind lagen über den Äckern, und die Leute waren draußen und schnitten das Korn. Keiner wollte der letzte sein, sie »jagten den Hasen« von Hof zu Hof, und man konnte ab und zu hören, wie sie auf einem Acker schrien und riefen – da lief er aus dem einen Feld davon und zum Nachbarn hinüber, ob nicht dort noch ein Fleckchen ungeschnittenes Getreide wäre, in dem er sich verstecken könnte. Auf allen Äckern wuchsen die Garbenhaufen, gelb und gut im Sonnenschein, und der Wind blies sie an und wollte ihnen wohl. Der Wind, der wollte allen wohl, so dünkte es Ola, das war die Brise für Fischer und auch die Brise für den Landmann. Sie rauschte herrlich oben in den Laubhängen und über den Fjord hin, man bekam Lust, sich von ihr erfassen zu lassen. Ola tat dies, er ließ sich vom Wind nach Westen tragen; er ging zum Tierarzt, obgleich er nicht dorthin wollte. Der Tierarzt saß allein daheim. Tierarzt Ween war ein kleiner breitgewachsener Mann in den Sechzigern. Er hatte einen schwarzen, kurzgeschorenen Bart, der ihm fast bis unter die Augen hinaufwuchs. Das Gesicht war frisch und stark und die Augen blau und scharf, aber ein wenig zu groß. Er stammte aus dem Süden, ein Bauernsohn. Er war schon seit langer Zeit Witwer und hatte nur noch zwei Kinder, Andrea und Arthur. Ola sah sofort, daß er sich einen Schluck Schnaps zum Kaffee geholt hatte. Er war nun einmal so, der Tierarzt, saß er an den Abenden daheim, so saß er nicht trocken da; man konnte es ihm schon an der Nase ansehen. »Sie ist im Frauenverein«, sagte er, noch ehe Ola sich hatte setzen können. So geradezu war er immer, und nie kam ein Lächeln hinterher. – »So, so«, sagte Ola nur. Er hatte auch gar nicht erwartet, sie zu treffen; aber er merkte, daß sein Gesicht ein wenig länger wurde. – »Und Arthur ist immer und ewig unterwegs«, fuhr der andere fort. »Er will sich nach einem Hof für seine Schule umschauen, nach einem großen Hof mit großem Betrieb, jawohl! Er will der Gemeinde etwas Gutes antun; will sie auf den Rücken nehmen und sie weitertragen.« »Das ist gewiß nicht das Dümmste«, meine Ola. »Dumm, vielleicht, aber eine gute Sache für den, der sich daran hält.« »He! He! Jetzt hast du das ausgesprochen, was mir gerade durch den Kopf ging, pfui Teufel! Wer hätte das gedacht, daß du so weit herumkämst und Gedankenleser würdest! Und dann nimmst du die Gedanken anderer in den Mund – du bist schlimmer als ein Hund!« Der Tierarzt war flammend rot, wie immer, wenn er etwas sagte, und seine Blicke bohrten sich stechend in Ola ein, dem war zumute, als stehe er zwei Hörnern gegenüber. – »Denn das ist ja gerade die Kunst«, fuhr der Tierarzt fort, »daß man nicht so daheim sitzen bleibt wie ich oder so herumstreicht wie du; und nicht den geringsten festen Halt in der Welt hat. Dann wirft einen die Welt ab, sie bockt, die Alte. Wie harmlos ein Ding auch aussehen mag, es hat doch immer eine Stelle, an der ein Mann sich festhalten kann. Ein wenig Branntwein und ein wenig Musik, ein kleines Kartenspiel dann und wann: das kann man das Leben eines Witwers nennen. Und du, du singst und spielst und liegst nachts wach und liest – he? Über den Arthur also solltest du nicht lachen!« Er sprach lange, wie er es bisweilen tat, wenn er in diesem Fahrwasser war; und Ola saß da, als höre er zu und denke nach. Der andere aber merkte genau, daß er das nicht tat. – »So, so«, sagte Ola, weit fort mit seinen Gedanken und vor sich hin. Der Tierarzt fiel nach und nach ab. Er hielt den Blick die ganze Zeit auf Ola gerichtet – jetzt saß dieser da, das Kinn in den Händen, und starrte gerade vor sich hin, was sah er doch nur? Wohlgenährt war er und nicht blaß – konnte es nicht werden, so gern er wollte, aber er sah doch wie ein Erschöpfter aus. Wahrhaftig, er starrte Lauras Bildnis an. »Sie, ja!« Der Tierarzt fuhr sich hastig über das Gesicht. Ja, gewiß. Hätte er lieber Andrea angestarrt, die lebte. Plötzlich sagte er: »In diesem Herbst sind es drei Jahre, seit Laura starb.« Ola nahm seinen Blick an sich, sah den anderen von oben bis unten an: – »Ja?« »Und Andrea ist im Frauenverein, wie gesagt.« »Ja, mit ihr wollte ich eigentlich sprechen«, murmelte Ola. »Ja, vielleicht … Aber du solltest dich an die Erde halten, Junge. Fang dort an, wo die anderen aufhören. Dann wird ein Mensch aus dir werden.« Es dauerte eine Weile, bis Ola antwortete. Er saß da und überlegte eines nach dem anderen. – »Nein«, sagte er, »das will ich nicht. Denn ich bin genau soviel wert wie du.« – »Keinen Scherz jetzt, das greift bei mir nichts an.« – »Das ist kein Scherz. Es ist nie ein Scherz, das zu sein, was man nicht ist.« – »Du liegst da und grübelst und liest, ich weiß das.« – »Nein. Das hat jetzt aufgehört. Sowohl das Lesen wie das Denken. Nein, nein, der Kopf taugt schon noch. Aber die Seele nicht. Sie war nicht dazu geschaffen.« »Pah! Du redest jetzt wie dein Vater. Genau so sitzt er da und jagt den Weibern Schrecken ein. Du solltest doch wohl ein Menschenalter jünger sein, oder? Nicht?« »Ich kehrte um, schon lange bevor ich dort war, wo der Vater ist.« Ola sah jetzt den Tierarzt fest und ernsthaft an. – »Dort kehrten sie wohl alle um, ein jeder«, fügte er hinzu. »Ein Mensch, der sich selbst sieht, ist ein Unding. Es können einem schon von weniger die Knie weich werden. Die Erde, sagst du? Sie will nichts von mir wissen. Will nichts von mir wissen; das mußt du doch wohl verstehen. Ein ungläubiger Mensch, der nicht dazu geschaffen ist, ungläubig zu sein. Eine halbe Größe. Und ein Spielmann! Nein. Aber richtig!« – er raffte sich auf und sah auf die Uhr – »wir wollten doch ein paar Noten anschauen. Aber daraus wird ja doch nichts.« Hatte Andrea nicht gesagt, daß sie in den Frauenverein gehe? Das hatte sie wohl sicher getan; aber er hatte es vergessen. – »So, so, sie ist dort, wirklich?« »Wenn du es nur so weit brächtest, dich zu verheiraten, Junge!« Der Tierarzt sagte ihm das mitten ins Gesicht, so daß er nicht einmal blinzeln konnte. Ola sah seinem Gesicht an, daß er jetzt alles sagen würde; – in diesem Augenblick war der andere der unheimlichste Mensch, den er kannte. Ola erbleichte. Aber er sah den Tierarzt gehässig an, und seine Stimme war rauh und schneidend wie manchmal bei betrunkenen Leuten: Ich hab mir eine ersungen. Eine zweite mag ich mir nicht mehr ersingen!« Damit stand er auf und wollte gehen. Jetzt aber bat der Tierarzt, er möchte bleiben, bat wirklich, und es klang Angst aus der Stimme, so einsam saß er hier. »Nein, jetzt gehe ich!« Aber Ola blieb stehen. Er war bereits gegangen, dünkte es ihn, der Wind erfaßte ihn und trug ihn in die Luft hinaus, er fühlte keinen Halt mehr unter den Füßen. »Ich wurde ›gewogen und zu leicht befunden‹. Von mir selbst, verstehst du. Leicht wie eine Feder im Wind.« Er stand eine Weile da, gleichsam als lausche er auf etwas. Dann fuhr er in dem gleichen grauen, beißenden Ton fort: »Ich habe von einer Art Krabbe gelesen, die die Seeschnecke auffrißt, sie höhlt ihre Schale aus und macht sich ein Haus daraus. Reißt du sie einige Zeit später heraus, dann krepiert sie, oh, sie bittet so jämmerlich für sich, wenn du sie anfaßt, wehrt sich, so gut sie kann. Und ich will nicht aus meiner Schale heraus; es ist zu spät.« »Das habe ich schon früher einmal gehört. Nur Geschwätz – sing doch du mir nichts vor, Junge. Ihr seid seltsame Leute, ihr Haabergleute; bis auf Aasel. Dichtet euch alles mögliche an und bildet euch ein, das und jenes zu sein – und du meinst, du seist ein armer Kerl und ein Eigenbrötler, ein Wallach dem Leben gegenüber, aber von Edelmut triefend – ja, zur Hölle übrigens!« Ola horchte auf den Klang in seiner Stimme, lauschte auf den Gesang darin, denn der war so tief und gut – so singt der Stamm, wenn man auf ihn einhaut; so singt es in dem, der ein Mann ist. »Wenn du nur nicht recht hast!« seufzte er. »Recht? Bist du jetzt wieder hündisch, mir mitten ins Gesicht? Hast du denn keine Zähne ? Übrigens –« Der Tierarzt nahm die Pfeife aus dem Mund und betrachtete sie. – »Übrigens«, sagte er noch ein paarmal. Nach einer Weile blickte er zu Ola auf, gleichsam mit anderen Augen. »Geht es dir wirklich so dreckig? Daß du das selber weißt, ist doch noch ein Trost. Instinkt vielleicht.« »Hör nicht auf mich!« sagt Ola und lacht. »Meine Schwestern sind glückliche Menschen. Alle sind glücklich, die mit dem Kopf gegen die Wand rennen; vielleicht bringe ich auch einmal den Mut dazu auf.« Jetzt hörte man Schritte vor dem Haus, rasch und leicht. Die beiden sahen einander noch einmal an. »Du gehst doch nicht?« fragte der Tierarzt. »Du wirst doch nicht gehen?« »Doch, heute abend. Aber ich komme wieder. Glaube ich wenigstens.« »Sie singt.« Ola nickt; er steht noch da, die Türklinke in der Hand. Andrea kommt summend in den Gang herein. 2 Die Frauenversammlung auf Ramset hatte ihren trägen Verlauf genommen, und Andrea war froh, als sie endlich fertig waren und gehen konnten. Zwar klang es schön, wenn sie sangen, es lag solch eine fremde Macht darin, von Herzen gleichsam; und der Kaffee war ganz gut, und manches von dem, was sie redeten, hörte sich ganz schön an, sie konnte es nicht leugnen, es machte einem Lust, noch mehr zu hören von dem, was sich in der Gemeinde zutrug, denn sie wußte sonst gar nichts davon. Aber es strengte sie so sehr an und machte sie auch unruhig: ehe man sich's versah, waren sie dicht auf einem, wie Finger in der Dunkelheit, und dann hatte man ein Gefühl, als sei unter einem ein Moor und sauge und sauge und wolle einen hinunterziehen. Wäre es nicht um der Heiden willen gewesen, sie wäre kaum hingegangen. Und heute abend hätte sie daheim bleiben sollen. Sie gaben einem so treuherzig die Hand, als sie Abschied nahmen, hielten einen gleichsam mit Hand und Augen fest, und in diesem Punkt war Aasel Haaberg nicht besser als die anderen. Sie hatte übrigens fast die ganze Zeit dagesessen und sie angesehen; so oft Andrea aufblickte, ruhten die beiden Augen auf ihr und sahen sie an. – Und die Leute sagten untereinander, als sie auf dem Heimweg waren, von Andrea könne man den Blick kaum abwenden, sie habe so gute Augen wie ein Kind; und so schön seien sie, obwohl man sie fast schwarz nennen könne, alles an ihr war schön. Und wenn sie Küstersfrau würde, sagten sie zu Aasel, dann würde der Ola keine schlechte Frau an ihr bekommen. Ja, schön könne man sie ja nicht nennen, meinte Aasel, da fehlt es weit; aber ein nettes kleines Ding ist sie und gut anzuschauen, das ist wahr. Andrea ging mit Kjersti Rönningan heim, Petters Pflegetochter. Andrea mochte sie gern leiden, denn sie war so allein und still unter den anderen. Heute abend redete sie übrigens über alles mögliche, wie es sich gerade traf. Dann lächelt sie und sieht Andrea an, plötzlich: – »Und du sollst also auch nach Haaberg kommen! Ach so, du weißt es nicht? Nein, das ist wohl möglich. Aber ich und die anderen, wir wissen es – was wissen wir wohl nicht, he?« Ja, die Leute hatten sie bereits mit Peder verheiratet und sagten ja und amen dazu, und amen sagte auch Aasel selbst. »Sahst du nicht, wie sie dich heute mit den Blicken maß? Glaubst du, sie tut das mit jeder Beliebigen? Zu denen gehört sie nicht.« Andrea lacht, ein trillerndes, lustiges kleines Lachen in den Wind hinein: Was hatten sie denn da wieder zusammengebraut? Was hatten sie sich denn da wieder ausgedacht? Nun, sie seien doch gar nicht so selten beieinander gewesen in der letzten Zeit. »Wir?« Andrea mußte nachdenken. Sie verlangsamte ihre Schritte ein wenig. – »Wir saßen an einem Abend am Wegrand hinterm Kirchhofszaun; das ist alles. Vielleicht tanzte ich im Sommer, in der Johannisnacht, ein paarmal mit ihm herum, das zähle ich nicht. Ich habe ihn nicht einmal angesehen.« »Dachte ich mir fast!« sagte Kjersti. »Dachte ich mir fast, ja. Aber ich mische mich nicht drein, es ist lustig, wenn die anderen so danebenhauen. Ich dachte, es könnte möglich sein, trotz allem. Denn es ist jetzt schon so gut wie ausgemacht, wie eine Regel, daß alles, was gut ist, nach Haaberg kommen muß. Ich sage jetzt nichts mehr. Ich – – komm ja doch nicht dorthin. Und ein schöner Bursche ist er, weißt du, und ein braver Kerl obendrein, soviel ich weiß.« Andrea stieß die Luft aus wie ein junges Pferd im Geschirr, so schien es Kjersti: »Ich will keinen schönen Burschen haben!« Darauf antwortete Kjersti nichts, und Andrea fuhr fort: Sie hatte nur ein einziges Mal mit ihm gesprochen, und das war jetzt im Herbst an jenem Abend. Es war nur so schön, ihn reden zu hören, denn das tat er wirklich. Über viele Dinge. »Wir blieben so lange sitzen. Wir saßen dort am Zaun. Sie ging weiter und schwieg eine Weile. – »Es ist für mich so seltsam, so etwas Unerlaubtes zu tun.« – »Etwas Unerlaubtes?« – »Ja. So schien es mir. So scheint es mir immer. Ich darf gleichsam nie so fortgehen wie andere junge Leute, seit Laura tot ist. Wir haben ja die Musik daheim und –« »– und den Ola«, sagte Kjersti. – »Ja, warum nicht? Man kann es doch auch wohl nicht ganz allein aushalten. Aber weiß er das, glaubst du? Das, was man sich erzählt?« – »Sicher weiß er es. Er weiß immer alles.« Als sie unten bei der Kirche angelangt waren, sagte Andrea, sie wolle den kürzeren Weg über den Friedhof gehen und dabei sich nach den Gräbern der Mutter und der Schwester umsehen. »Dann begegnest du dem Küster«, neckte Kjersti. – »Nein, nein, er ist nicht da. Ihn treffe ich übrigens fast jeden Abend. Vielleicht sitzt er jetzt daheim. Wir wollten ein paar Noten anschauen. ›Manchmal spielen wir Klavier, und manchmal spielen wir Karten‹, wie er sagt.« »Ja, ja, und Dank für die Begleitung«, sagte Kjersti. »Und jetzt war ich wahrhaftig genau so ein Klatschweib wie alle anderen, es geht doch immer so mit uns, wie es gehen muß. Hüte dich vor der Gemeinde, Andrea, sie verschlingt dich!« Kjersti lachte. Andrea lag das Lachen noch lange im Ohr. Es klang zugleich böse und gut. Jetzt war sie doch Gott sei Dank allein. Sie blieb eine Weile am Zaun stehen, und dann ging sie im Halbdunkel auf den Kirchhof, sie zwang sich dazu, aber sie beeilte sich damit. Als sie auf dem Weg östlich von Haaberg ist, holt sie Arthur ein. – »Du bist es nur!« sagt sie.– »Ja, ganz richtig.« – »Und du rennst umher und predigst den Leuten, ist dir das nicht bald zu langweilig?« Arthur wurde nie böse auf sie – er kam nur ins Reden und dann redete er sie lahm mit alledem, was er vor sich sah, mit Acker- und Gartenbau und sogar mit Politik. – »Mir langweilig?« sagte er. »Das klingt ja fast, als hörte man den Küster selber.« Andrea biß sich auf die Lippe. Sie hielt in allen Dingen zu Arthur und hätte ihm gern geholfen, wäre es ihr möglich gewesen – er war für sie im Grunde der einzige Mann, der so war, wie er sein sollte. Aber heute abend hörte sie nicht auf ihn. Dieser ganze Eifer machte ihr Kummer, sie fand, die Hälfte wäre schon genug gewesen, und was nützte es hier der Gemeinde? Immer und immer wieder trieb sie ihn an, sie mußten jetzt sehen, rasch heimzukommen. – »Was eilt denn so sehr?« – »Nein, nichts.« Aber gleich darauf war sie ihm wieder voraus; sie kämen nicht vom Fleck! »Wenn nur dieser Hochzeitsrummel schon überstanden wäre«, seufzte er. Pfui. Man sollte nicht so von seiner eigenen Hochzeit sprechen. Das wäre doch keine Kleinigkeit. »Nein, nein, aber es ist doch alles nur Zeitverschwendung und Unsinn. Wenn sich zwei einig sind, dann mag das doch genug sein.« Sie mußte lachen, so arg dies auch war: »Ich kann dir verzeihen, daß du von mir fortgehst, Arthur, ich kann dir meinethalben auch die Schöngans verzeihen, aber –« »Ach ja, die Ärmste, die bekommt schon noch ihr Teil zu tragen, warte nur.« Arthur ging in den Stall, wie er es immer tat, seit er das junge Pferd daheim hatte. Andrea eilte ins Haus. Ola trat zurück und setzte sich, als sie kam. »Bist du doch hier? Ich glaubte es schon fast. Guten Abend, Vater. Jetzt habt ihr euch wohl ›einen Milden‹ geleistet, nicht wahr?« »Ja, hätten wir doch, du! Trocken haben wir dagesessen, die ganze Zeit, und haben einander die Klauen geschärft. Der Küster ist heute abend streitlustig.« Ob er denn nichts nehmen wolle? fragte sie Ola. – Nein, danke, er sei gerade im Begriff, zu gehen. – »Gehen?« Sie sah ihn rasch an, es kam so tief aus den großen dunklen Augen; ihm war, als zittere ihr Gesicht. – »Du kamst gestern abend nicht?« – »Nein, es trieb mich nach Osten.« – »Wollen wir denn nicht lieber Karten spielen?« »Nein, nicht heute abend. Nicht heute abend, nein. Ich bin müde wie ein alter Mann.« Sie sah ihn noch ein paarmal an. Dann setzte sie sich ans Klavier, saß da und ließ die Finger leise über die Tasten gleiten. Dann saß sie ganz still da. Jetzt war Ola wieder an der Türe. Der Tierarzt sah von seiner Zeitung auf, und sie bohrten gleichsam zum letztenmal die Blicke ineinander. »Ja, ja, so geh nur, fahr zur Hölle«, sagte der Tierarzt. »Dort wird's wohl enden, ja.« Andrea drehte sich herum und ließ ihre Blicke hastig über Ola gleiten. Dann sah sie zum Vater hinüber. Sie öffnete den Mund und wollte etwas sagen, ließ es dann aber sein. Als er gegangen war, blieb es still in der Stube – er stand gleichsam noch immer an der Türe. Nur Arthur redete davon, wie zäh die Leute hier in der Gemeinde seien, sie säßen wie der Stein im Lehm. Der Tierarzt sah in seine Zeitung und pfiff kalt vor sich hin. – Nicht lange darauf wurde er zu einem kranken Pferd über den Fjord hinübergeholt. Sie saßen allein da und schwiegen lange Zeit. Arthur hatte sich ein Buch vorgenommen und Andrea ihre Näharbeit. Der Wind ging in der Dunkelheit draußen wie ein Wasserfall. – »Worüber lachst du?« sagte Arthur plötzlich. – »Über nichts. Aber ich muß lachen. Über die Leute. Denn sie sind alle miteinander so komisch!« Sie lachte jetzt laut, und es klang ein kleiner fremder Ton mit. Dann hörte sie plötzlich auf. Arthur sah sie an und las dann wieder. – »Ich finde, der Ola war so merkwürdig, nicht wahr?« sagte er nach einer Weile. – »Der? Das ist er doch immer. Kann jemand aus dem klug werden?« Immer und immer wieder sah er sie an. Sie war so verändert heute abend, sie saß doch wohl nicht da und starrte die fünfte Wand an? »Du kommst mir heute so blaß vor«, sagte er schließlich. »Ich? Dummheit! Aber ich bin wütend auf ihn, das ist wahr!« Sie warf ihre Arbeit fort und machte mit dem einen Fuß eine Bewegung, als wolle sie nach ihm stoßen. »Ich hasse ihn, jawohl, das tue ich – er glaubt alles – alles mögliche von mir, er fragt mich nicht einmal!« Die Tränen standen ihr in den Augen. »Dir fehlt eine Arbeit, Spaten und Schaufel, oder ein großer Stall. Du solltest den Ola nehmen, kleines Huhn.« »Den? Wenn er mich doch nicht haben will! Und ich ihn auch nicht! Und im übrigen will ich für euch nicht mehr das kleine Huhn sein, warum sollt ihr immer auf mich herunterschauen und mir zeigen, wo ich hingehen soll, dahin, dorthin! Ich ertrage das nicht mehr! Und er, der glaubt – –« Laut weinend lief sie in ihre Kammer hinauf. 3 Um diese Zeit kam Peder Haaberg vom Ufer herauf. Der Wind hatte jetzt, nachdem die Sonne untergegangen war, ein wenig nachgelassen, blies aber immer noch frisch und lustig, rüttelte die Garbenhaufen und fegte den Hang, daß es eine Freude war. Jetzt hatten sie die Netze verstaut und ihr Hab und Gut eingeschifft, es gab nur noch ein paar Kleinigkeiten, die verladen werden sollten, dann waren sie fahrbereit. Peder ging, als wittere er dem Wind entgegen. Das gab ja eine herrliche Brise. Und hier lag der Hof und schlief mit den Äckern und Häusern, und so lag er schon seit Menschenaltern da und ließ sich's wohl sein, und die Menschen gingen aus und ein. Die Gegend lag da und vermooste. »Hier sollst du leben, und hier sollst du sterben, über diese Sache sind sie sich einig«, murmelte er. »Und das nennen sie Zukunft.« Er traf mit dem Vater zusammen, der soeben um die Hausecke kam. Sie blieben alle beide stehen. »Ich werde doch das Netz übernehmen, glaube ich«, Peder wandte sich ein wenig ab und spuckte aus. Es war fast, als schlüge er nach dem Vater, so scharf kam es heraus, und so hart war seine Stimme. »Ja ja, ja ja«, sagte Kristen. »Und der Kal muß sich damit abfinden, Unterbas zu sein wie im vorigen Jahr.« Wenn Peder dies sagte, dann war es so, und Kristen stand nur da und war zufrieden. Hinter Peder hatte bisher nicht viel gesteckt, obwohl er eigenwillig war für zwei, aber vielleicht trat hier nun eine Änderung ein? Und auf dem Meer war er ja ein ganzer Kerl, wenn er nur wollte, daheim taugte er gar nichts. Als Peder in der Stube gewesen war und gegessen hatte, ging er in den Dachraum. Aber er schlüpfte nur in eine bessere Jacke, und dann trieb es ihn wieder hinaus. Jeder konnte ihn hören, wer nur wollte. Er ging an den Bach und wusch sich die Hände, fuhr auch über das Gesicht, denn es war mit Salz und Quallenfäden bedeckt, trocknete sich mit dem Taschentuch ab und machte sich dann auf den Weg. Der Fischfang, ja. Jetzt zog der Peder los – »ich bin doch nicht so engbrüstig, wie ich aussehe!« meinte er verächtlich. Ja gewiß, er fühlte es wohl, daß jedes Ding heute abend auf ihn aufpaßte, wohin er jetzt wohl gehe? Kommt mit und schaut, es geht den Weg, den keiner mir zutraut, warum soll ich den nicht auch einmal versuchen? Der Himmel lag wie ein tiefer See über ihm, und tief aus seinem Grunde flimmerten kleine Sternenaugen auf. Nicht eine Seele war heute nacht draußen, Peder konnte sich nicht erinnern, je so allein gegangen zu sein; aber gerade so sollte es sein, es war keine alltägliche Nacht und kein gewöhnlicher Weg – diesmal konnte man nicht einen Bogen schlagen und wieder umkehren, wenn man wollte. Peder erging es oft so, daß er inwendig fror, sowohl zu Wasser wie zu Lande, heute abend aber fühlte er sich warm und gut, der Wind war nur wie ein Flüstern um ihn, das zur Eile antrieb. Hier war die Stelle, wo er mit Andrea an jenem Abend gewesen, und jetzt wollte er zu ihr in die Dachkammer hinauf. Er kam unerwartet, dies konnte gewiß einen Stein zum Umwenden bringen, und warum sollte der sich nicht umwenden? Der Weg führte durch moorige Täler und niedrigen Birkenwald, vorüber an einigen kleinen Höfen und über einen kleinen Hügel. Dann hatte er die Wiese vor sich, und nun durch die Türe herein und die Treppe hinauf. Jetzt erst fiel es ihm ein, daß die Türe hätte verschlossen sein können, er hatte gehört, daß dies hier so zu sein pflegte. »Siehst du wohl, Peder!« Er lächelte im Dunkeln vor sich hin. – Hierhin, sagte es in ihm, denn da drüben liegt der Arthur, das kannst du doch hören. Er öffnete leise die Türe – oh, ich habe schon schwierigere Türen aufgemacht, Kind – so. Da hörte er sie im Bett, sie drehte sich um und hielt den Atem an, und, du meine Güte, wie fein es hier roch, der gleiche seltsame Duft wie in ihren Kleidern an dem Abend damals. Jetzt hatte sie richtig Angst, das hörte er, es kamen nicht jede Nacht Gespenster hierher. So, jetzt saß er auf dem Bettrand und hielt ihre Hand fest – nie hatte er eine solche Angst bei einem Menschen verspürt! »Schläfst du auch nicht?« sagte er. Sie konnte nicht gleich die Sprache finden: Aber um alles in der Welt – war denn er es? – Ja, er war es wohl. Sollte es vielleicht ein anderer sein? – Aber war er denn verrückt? Hierherzukommen? Mitten in der Nacht? – Jaha. Weniger verrückt war er nicht, o nein, heute abend. »Heute abend oder niemals!« sagte er. Damit aber kam in ihm etwas zum Stillstand, die Worte wollten nicht heraus; haufenweis lagen sie in ihm bereit und aufgestapelt, und jetzt war er nur wieder der Peder und saß fest. »Aber wenn der Vater daheim wäre – und überdies mitten in der Nacht, was soll das heißen?« Das half. Nicht etwa, daß er etwas sagte, aber jetzt beherrschte er die Lage wieder. Er hörte ihre Uhr auf der Kommode. Er glaubte auch ihr Herz zu hören. Und immer noch hielt er ihre Hand – die entzog sie ihm jetzt übrigens. »He!« sagte er. »Ich weiß nicht, wie es kommt, aber nun sitze ich hier auf deinem Bett, ist das nicht wie ein kleines Märchen? Wie ein großes vielmehr?« Andrea entsetzte sich so, daß sie noch ganz starr war, gleichsam keine Sprache mehr hatte; aber es war ein Märchen. Sie konnte sich nicht mehr zurechtfinden. So gingen sie doch zu den anderen Mädchen, sie hatte davon gehört; aber daß jemand sich hierher wagen würde, hätte sie sich nicht träumen lassen. Hatte sie sich denn niemals erwartet, daß er sie einmal besuchen würde? fragte er. Nein! Da hätte sie die Türe mit sieben Schlössern versperrt! – Sie stieß die Worte gleichsam schaudernd heraus. Jawohl, aber dann wäre er eingebrochen! Aber warum war denn die Haustüre nicht versperrt? War sie das nicht? Dann hatte Arthur das vergessen, er war als letzter schlafen gegangen. »Ja, auch der Tod hat seinen Grund. Es ist doch ein gutes Zeichen . Und jetzt hast du mich hier, Andrea, und jetzt sollen zehn Kerzen brennen!« Dabei rieb er ein Streichholz an und steckte das Licht auf dem Nachttisch an; ja wirklich, sie hatte sogar einen Tisch und ein Licht darauf beim Bett. Sie legte den Arm über die Augen, er aber nahm ihn ihr weg. – »Nein, wahrhaftig, hast du denn geweint? He?« Sie warf sich herum und drehte das Gesicht gegen die Wand, denn er hatte richtig gesehen, und jetzt starb sie vor Scham, wie sie so dalag. Lange Zeit saß er ganz still. Dann löschte er das Licht aus. Dann rührte er sie an und drehte sie wieder zurück, gleichsam als wollte er sie in der Dunkelheit sehen. Jetzt lag seine Hand auf ihrem Nacken, und so saß er da und hielt sie lange Zeit, unendlich lange Zeit. Sie fürchtete sich gewiß immer mehr und mehr, denn ein so unruhiges Herz hatte er noch an keinem Menschen gespürt, sie konnte kaum richtig atmen. »Ich werde dir nichts tun«, tröstete er. »Ich werde dich nicht einmal anfassen: du bist ja kein Bauernmädchen, das mußt du bedenken.« »Kannst du nicht gehen !« Sie sagte dies ein paarmal. »Nein. Denn das eben kann ich nicht. Heute abend oder niemals. Und niemals, das ist nun einmal zuwenig.« Jetzt bebte sie wie Laub in seinem Arm. Er beugte sich auf sie herab, er zitterte und war ganz seltsam, auch er: »Dich oder keine, Andrea!« Sie schwieg, und er sagte es noch einmal. »Ja aber– – ja aber – – und so schnell, Peder – – kannst du nicht – –« Sie weinte jetzt, und er ließ sie los. »Wenn nicht jetzt, dann niemals!« Seine Stimme war brennend trocken, und in seinem Kopf sauste es wie von Flügelschlägen und Wogenklatschen. »Du sagst das so merkwürdig, Peder?« »Wie ich es eben sagen kann. Denn jetzt gehe ich auf die Nordlandsfahrt, und es steht nur bei dir, ob ich wieder heimkommen werde.« »Hast du mich denn schon lange lieb?« »Nein, nein! Doch, übrigens – – aber das überspringen wir. Du sollst jetzt antworten. Ja oder nein!« Sie setzte sich im Bett auf, und er schwieg und wartete. Geduldig und schwer, er war wie die Nacht und die Dunkelheit, so schien es ihr; ein seltsamer Mensch, und hier waren sie zu weich geworden, wer es auch sein mochte. Und keiner wußte etwas von ihm, und es war unmöglich, ihn zu fragen, wer er war. »Keinen kenne ich so wenig wie dich« – wie ein leiser Atemhauch kamen die Worte von ihr. »Bisher – war ich nur ein – ein – ein Nichts. Aber von heute an – du wirst sehen, Andrea! Du wirst sehen.« Jetzt wie an jenem Abend durchrieselte sie die Freude wie ein kalter Bach, wenn sie ihn reden hörte – denn für wen hatte er sich je die Mühe gegeben, zu reden? »Aber, versteht sich, ich will meinem Onkel nicht im Wege sein.« »Ihm?« Andrea schluckte mühsam hinunter. »Ihm!« »Ja, was sagst du denn? Ist es er, der – –?« »Um Gottes willen, Peder!« Sie ergriff seine Hand. »Er, er hat ja seinen Gesang und seine Bücher – ich will ihn nicht mehr sehen !« Sie hielt seine Hand fest umschlossen. Eine gute Weile war es still. »Ja, ja, Andrea, dann bist du also von nun an mein Mädchen? Dann muß ich jetzt wohl gehen? Hm?« Sie tastete umher und zündete das Licht an. Ihre Hände zitterten, so daß sie es kaum zuwege brachte. Sie kam ihm ganz nahe, während sie dies tat, und da wurde er wieder mutig, und er umfaßte sie. – Jetzt ist es aus mit mir, durchfuhr es sie, und hätte sie eine Stimme gehabt zum Schreien, so hätte sie geschrien. Aber er ließ sie sofort los, sobald er fühlte, wie erschrocken sie war. »Armes kleines Ding«, murmelte er. »Nein, ich will ordentlich sein; ich will anfangen, von jetzt an ein Mensch zu sein.« Nach und nach beruhigte sie sich wieder. Sie lag da und spielte mit seiner Hand. Es war eine so große und gute Faust, so hart und derb, ganz seltsam anzufassen, und so starke Ballen auf der Handfläche, es war eine Freude, sie abzutasten. Ihre Hand war so weiß und fein neben der seinen. Er ballte die Faust und zeigte sie ihr, tat so, als wolle er zuschlagen, holte zu einem gewaltigen Hieb aus: »Jetzt können sie kommen. Jetzt können sie kommen ! Und übermorgen früh segeln wir nach Norden!« Kurz darauf war er wieder unterwegs. Er war ohne einen Kuß gegangen. Das konnte später kommen, fand er, und für sie wurde er dadurch noch größer und gefährlicher; sie hatte von den alten Juwikingern gehört. – Sie erinnerte sich, daß sie Ola einmal geküßt hatte, es war ein ganz bleicher Traum. Peder hörte nur ein schwaches Sausen des Sturmes, der lag gewiß oben am Hang und schlief jetzt. Alle Sterne waren am Himmel und schienen. Sie blinzelten ihm so listig über den Bergrand zu. Ja, ja, sie hatten so unrecht nicht. 4 Aasel kam und fragte am Morgen darauf, ob es wahr sei, daß er mit den andern nach Norden fahren wolle. – Das sei es. – »Ja, ja.« Sie blieb stehen und sah zu Boden. – »Ich kann dir's ansehen, du denkst darüber nach, wo ich heute nacht war.« Er hatte sich rasch ihr zugewandt. – »Ja.« »Nicht wahr, das wußtest du nicht. Im übrigen habe ich mich aufgemacht und habe mich verlobt.« – »Redest du Unsinn?« – »Frag nach. Du siehst mich so an. Schnell, findest du? Ich gehöre nicht zu den Langsamen. Aber ich kann gern auch wieder nein sagen, wenn du willst.« – »Bist du denn verrückt – ich? Ich, die – –« Er ließ sie stehen. Er sollte nach Juwika und dort die Netze einschiffen und morgen früh dann mit den Fahrzeugen und Booten hierherkommen und die Sachen in Vaagen holen. Aasel war auf dem Weg zu Kristen, dann aber mochte sie ihm doch nichts davon sagen. Sie wußte nicht, ob sie sich freute oder ängstigte; sie tat wohl das eine und das andere. Nur daß Peder so freiwillig zu ihr kam und es ihr erzählte, beengte ihr die Brust, und daß es so rasch gegangen war. Und der Ola, was wurde nun aus ihm? Denn sie hatte deutlich gemerkt, daß man Andrea und ihn beinahe verlobt nennen konnte. Sie hatte gewünscht, daß er sie bekommen möchte, das sollte Gott wissen, und sie wünschte es noch. Aber sie war so ungewiß; sie war jetzt in allem so ungewiß, daß es ihr ans Herz griff. Ola hatte wohl Wind bekommen von dieser Sache mit Peder und Andrea, vermutlich, und hielt sich abseits. Sie, Aasel, hätte ihm sagen müssen, daß es nur Dummheiten und Unsinn seien, denn das war es bisher gewesen. Aber da stand sie und hatte es nicht gesagt. Sie war bei Peder, noch ehe der sich auf den Weg gemacht hatte. – » Mußt du denn wirklich nach Juwika? Das brauchst du doch nicht?« Sie sah ihn an, als wolle sie ihn ganz durchschauen. Er wurde rot und zugleich böse. Da wußte sie mehr, als sie wollte. – »Die Armen, alle beide!« sagte sie vor sich hin. Elen erschrak beinahe über die Mutter im Laufe des Tages; denn sie ging umher und redete mit sich selber. – »Er muß mir verzeihen!« sagte sie mehrere Male. – »Wir müssen glauben, daß er es ist, der alles lenkt. Wir müssen glauben, daß diese beiden füreinander bestimmt sind.« Ihr Blick war so weit weg. Man mußte sie zwei-, auch dreimal anreden, ehe man Antwort erhielt. – – – Peder kam nach Juwika und verlud die Netze. Kal Jensa war der Sohn des Hofes und gleichaltrig mit Peder. Sie waren schon früher einmal miteinander beim Fischfang draußen gewesen. Er war als halberwachsener Bursche mit dem Fahrzeug gefahren, aber Netzmeister war sein ältester Bruder gewesen, der, dem der Hof gehörte. Sie hatten nichts dagegen, daß jetzt der Peder das Amt des Netzmeisters übernahm, denn die Leute hielten ihn für einen Glücksvogel beim Heringsfang, und es ging das Gerücht, daß damals er und nicht der Vater die Heringe gefunden und den Fang geleitet habe, wenn man ehrlich sein wolle. Es war schon spät am Abend, als sie fertig waren, und Peder wollte die Nacht über dort bleiben. Die Leute in Juwika waren auch weiterhin Menschen von zweierlei Schlag. Einige von ihnen waren groß und blond wie die Haabergleute, und andere waren kurz und breit gewachsen und hatten dunkles Haar. Zu denen gehörte Kal. Kjerstina war das jüngste Kind auf dem Hof und die einzige Tochter, die jetzt daheim lebte; sie gehörte zu den Großen und Blonden. Sie war über die Maßen schön, fanden die Leute, ihre Haut war so rot und weiß; sie hatte Lachgrübchen in den Wangen und lachte auch wirklich den ganzen Tag und sang fast immer bei der Arbeit. Sie sang auch jetzt; wenn sie über den Hof ging, konnte man sie bis aufs Wasser hinaus hören; als aber Peder auf den Hof kam, verstummte sie. Die anderen dachten sich dabei das Ihre. Der Peder hatte im Sommer lange Zeit mit seinem Netz hier gelegen, merkwürdig lange. Und eines Tages hatte er sie gerettet, mußte man wohl sagen. Sie war eines schönen Tages, an dem die Sonne schien, nördlich in Sandvika gewesen und hatte dort gebadet. Dort glaubte sie vor den Fischern sicher zu sein, denn es war in der Mittagszeit, und da schliefen nur sie und die Fliegen nicht. Aber die Burschen waren ihr trotzdem nachgekommen und hatten sie eingeringt. Schwimmen konnte sie nicht, aber jetzt mußte sie, und dabei geriet sie auf einen Stein hinter einer Felswand. Dort saß sie und wußte weder aus noch ein, und die anderen wollten ihr gerade die Kleider forttragen, als Peder dazukam. Er jagte die Burschen in den Wald, nur mit seinem Gesicht, denn dies war rot und wild wie das Gesicht eines Mörders; und dann trat er an den Rand der Felswand hinaus und suchte nach ihr. Da ließ sie sich ins Wasser gleiten, wollte sich am liebsten ertränken; er sah fast nur noch ihre Haare, die auf dem Wasser schwammen. – Er hatte ihr zugerufen, daß nur er es sei, und jetzt gehe er, und die anderen seien in den Wald davongelaufen. Von diesem Tag an hatten sie zusammengehört; und Woche auf Woche wartete Peder bei Juwika auf die Heringe und ging viel häufiger zum Hof, als gar mancher glaubte. Später im Sommer war sogar ein Brief von ihm an sie gekommen, soviel ahnten sie, und Gott mochte wissen, was darin stand; denn das Mädchen lebte gleichsam nicht mehr auf Erden, nachdem sie ihn gelesen hatte. Peder legte es darauf an, mit ihr so bald als möglich unter vier Augen zu sprechen. Und dies gelang ihm auch. Sie strahlte ihm wie der Sonnentag entgegen, war sicher nahe daran, ihm um den Hals zu fallen. – »Ich komme heute nacht zu dir in die Kammer« sagte er. Sie zog die Brauen hoch hinauf, tat, als sei sie wer weiß wie erstaunt, aber die Röte loderte ihr über das Gesicht. – »Denn ich habe etwas mit dir zu reden, Kjerstina.« – »Ja, und ich mit dir«, sagte sie. Dann wurden ihre Augen ein wenig größer, gleichsam als habe sie etwas Gefährliches bemerkt – genau so blickten sie ihn damals aus dem Wasser heraus an, durchfuhr es ihn. Sie sah ihn immer noch an; aber nach und nach kamen die Lachgrübchen wieder zum Vorschein, und die Augen wurden schmal und warm, und bisweilen zuckte es ganz leise um sie. – »Aber ich schlafe jetzt nicht mehr allein«, flüsterte sie. Da kam jemand heran, und sie lief davon, bevor er noch mehr sagen konnte. Peder wagte sich nicht eher auf den Weg, als bis er sicher sein konnte, daß das ganze Haus schlief, und trotzdem tat er es mit pochendem Herzen und verhaltenem Atem. Denn das war eine ernsthafte Sache. Einen schwereren Gang hatte noch keiner getan. – Die Mägde und der Geißbub schnarchten jedes in seinem Winkel, er aber tastete sich ziemlich sicher vorwärts, denn er hörte, wo die lag, die nicht schlief. Im Sommer, da schlief sie in der Scheune wie andere junge Leute. Und das war ihr Atem. Er umfing einen so lebendig und süß – im Sommer war es eine glückliche Zeit gewesen! Sie machte ihm Platz im Bett, soviel er merken konnte. Das hätte sie nicht tun sollen. So sicher sollte ein Mädchen ihrer Sache lieber nicht sein, nein. Still saß er auf dem Bettrand, wie ein schwarzer Schatten über ihr. Sie strich tastend über ihn hin, gleichsam fühlend, ob er es sei, und fuhr ihm mit der flachen Hand über die Stirn. Die war kalt und naß vom Schweiß! Sie richtete sich hastig auf. »Komm mit hinaus!« flüsterte er. »Hinaus?« »Ja, ich muß mit dir reden.« Sie mußte folgen, das hörte sie sofort, und sie warf sich die Kleider über und kam. Die Zähne klapperten ihr, es durchlief sie so kalt. Sie stahlen sich über die Treppe hinunter und gingen dann in die Scheune. Er setzte sich auf einen Heuschlitten, und sie stand still bei ihm und wartete. In einer so schwarzen Nacht waren sie noch nicht draußen gewesen, keines von ihnen. In dieser Dunkelheit gingen sie um und geisterten, die alten Juwikinger; aber für ihn war das schlimmer als für sie, dachte Peder. Er müsse mit ihr reden, begann er wieder. – Und sie mit ihm! – Sie griff sich an die Brust und atmete laut. – Sie hätte das schon lange tun sollen, fügte sie hinzu. Er vernahm von ihren Worten nichts weiter als den leeren Laut. Dann fühlte er, wie er die Zähne so zusammenbiß, daß es weh tat. »Es bleibt nichts anderes übrig, Kjerstina: du mußt mir den Brief wiedergeben, den ich dir im Sommer schrieb.« Ja gewiß, jetzt durchfuhr sie ein Ruck – alles andere hätte sie sich eher von ihm erwartet. »Ja, denn es bleibt nichts anderes übrig. Es war nur Übermut von mir.« »Das habe ich verstanden!« sagte sie, als eine Weile vergangen war. »Das habe ich verstanden.« »Ja, nicht wahr, das hast du doch verstanden , Kjerstina – – « »Nein, nein, nein, Peder, schweig!« Sie hatte seine Hand ergriffen und hielt sie fest. Es war beißend still. »Kamst du denn nie auf den Gedanken, daß ich – – einmal einen anderen Weg gehen könnte?« »Nein, nie.« »Du glaubst, ich sei gebunden an dich – das sollte keiner vom Peder Haaberg glauben!« Er räusperte sich und reckte sich, es war gleichsam, als habe er wieder Wind in den Segeln. »Mich dürft ihr nicht mit den andern in den gleichen Stall stellen. Da kennt ihr mich schlecht – was waren denn die Alten für Leute? Und jetzt hab ich einen Fang gemacht. He? Wen, fragst du? Die Andrea, die Tochter vom Tierarzt selber. Es hat sich so gegeben. Es paßte mir so, das war es.« Kjerstina sagte kein Wort, solange er auch wartete, und seine Hand hatte sie losgelassen. Jetzt suchte er die ihre, es war eine große, kräftige Hand, so richtig die Hand eines Bauernmädchens. Ja, ja, sie war durchaus nicht zu verwerfen. Für einen anderen. »Du bist nicht böse auf mich, oder?« »Nein, nein!« Na, es hörte sich doch fast so an, als sei sie es; aber das sollte sie nicht sein. Und den Brief, den gab sie ihm wieder, nicht wahr? »Das tust du doch, Kjerstina? Wenn ich dich richtig kenne.« »Ja, Gott bewahre, den Brief sollst du bekommen. Ich gehe hinein und hole ihn.« Ein wenig verändert klang ihre Stimme zwar, aber doch nicht sehr. »Ich wußte doch, daß du es vernünftig aufnehmen würdest«, murmelte er. Er stand mitten auf dem Hofplatz, während sie den Brief im Haus holte. – »Da!« sagte sie, und er nahm ihn ohne ein Wort in Empfang, strich nur ein Zündholz an und sah nach, ob es der richtige Brief sei. »Du kannst dich drauf verlassen!« sagte sie. »Schönen Dank, Kjerstina« – er schob den Brief in die Brusttasche. – »Denn daheim«, sagte er und sah dabei in die Luft hinaus, »daheim geht die Mutter umher und sieht nichts als lauter schwarze Gefahren, betet zum Herrgott, und der wird wohl wissen, wovor sie sich fürchtet. Sie kennt mich nicht, nein, mich kennt niemand, und mir kann es auch gleich sein. Ja, nun gute Nacht also, Kjerstina!« Er griff nach ihr und legte den Arm um sie. Er hatte zuviel geredet, um gleich fortgehen zu können, nun kam diese graue Gleichgültigkeit wieder über ihn, wozu stand man so da und redete, und warum plagte man sich so? Er kam ganz nahe an ihr Gesicht heran, flüsterte still und müde: »Du, Kjerstina! Aber einen Kuß solltest du mir doch geben!« Sie ließ ihn sich nehmen, sie legte auch noch flüchtig die Hand auf seine Achsel. Dann schlichen sie sich wieder hinein, Stufe für Stufe, über die Treppe hinauf, jedes in seine Kammer. Am Morgen darauf sah Kal den Peder an und grinste ein wenig: »So ganz habe ich doch nicht wie ein Stock geschlafen. Und die Treppe hätte geschmiert sein müssen, sie knarrt so.« Peder gab keine Antwort, das war nicht seine Art. Und dann gingen sie unter Segel und fuhren über den Fjord. Der Landwind war mit neuem Mut erwacht, er blies, als wollte er alles Gewesene ausstreichen, zu Wasser wie zu Lande. 5 Um diese Zeit erwachte Ola. Er konnte sich nicht gleich darauf besinnen, was es eigentlich gäbe. Dann murmelte er: »Heute fahren die Leute nach Nordland, sagten sie nicht gestern so? Sie haben den Wind dazu, soviel ich hören kann. Aber nur deshalb kann dir doch nicht so leicht und gut zumute sein? Und das ist dir doch, wenn du genau nachdenkst. Gleichsam als wüßtest du von nichts. Gleichsam als seist du gerade zur Welt gekommen.« Das Rauschen des Laubes draußen stieg und fiel, es hörte sich wie fließendes Wasser an, und die Windwolken zogen hoch oben im Himmelsblau dahin und spielten, sie waren froh, daß sie vorwärts kamen. Ola stand am Fenster und genoß den Morgen. Genau so ging es dem Moor, das konnte er sehen, es machte sich so hellbraun und moosgrau in der Sonne, dehnte und streckte sich so weit nach Süden; und kleine Kieferngehölze standen wie Inseln da und dort darin, schwankten im Wind und segelten, das war nun ihre Reise. Ola hatte eine alte Frau bei sich, die für ihn sorgte; sie hieß Mattea. Sie war ein Überbleibsel aus seiner mütterlichen Familie. Ein wenig widerspenstig konnte sie sein, aber sie sorgte für ihn und das Haus wie eine Mutter. Jetzt stand sie in der Türe und murmelte etwas. Wollte er sich denn heute nicht anziehen? Wonach starrte er jetzt wieder aus? – »Nach meinem Moor, Muhme. Habt Ihr es gesehen? O nein. Habt Ihr es gesehen , wenn es manchmal bedrückt ist? Dann bin ich wie ein Herr gegen das Moor. Meistens ist es nur braun und gut und nimmt den Tag, wie er ist – habt Ihr es gesehen, wenn es uns den Rücken zuwendet? Die Leute können dann tun, was sie wollen, ihm ist es gleich. Habt Ihr gesehen, wenn es die Farbe wechselt?« – »Moor ist wohl Moor«, sagte Mattea, »aber was du bist, das mag Gott wissen. Das Moor ist häßlich.« – »Ja, der Herrgott war ein wenig geizig bei ihm. Aber es hilft sich so unglaublich gut, und im übrigen macht es sich nichts draus! Es war vor langer Zeit einmal schön, so wie Ihr und ich, Muhme.« Mattea war nicht mehr da, sie hatte sich in die Küche gerettet. – »Es wäre doch auch aus ihm noch ein Kerl geworden, hätte er sich wie ein anderer Christenmensch verheiratet«, seufzte sie. »Ich mach es so wie das Moor, ich«, sagte er, »ich drehe der Welt den Rücken und lasse sie tun und treiben, was ihr gefällt.« Zornig zuckte er mit der Schulter, denn jetzt fehlte nicht mehr viel, und er redete wieder mit sich selber, und davor fürchtete er sich. An dem Tag, an dem er damit anfing, war er fertig. Er stellte Mattea die gleiche Frage, als er durch die Küche hinausging. – »Glaubst du nicht, daß mich das Alter schon beim Schopf hat?« – »Das hat es schon seit langem, Gott weiß es!« – »Na, nein, nein, doch nicht seit langem? Aber es ist eine gefährliche Sache, mit sich selber zu reden: da muß man selber fragen und auch antworten; und darauf bin ich nicht gerade versessen.« – »Bitte den Herrgott, er möge dich den Verstand, den du noch hast, behalten lassen!« seufzte sie. »Aber so geht es eben«, fügte sie hinzu, »wenn einer sich mit den Büchern abgibt. Ob es nun die Bibel ist oder ob es andere Bücher sind, he! Was zuviel ist, ist zuviel!« Er war seiner Wege gegangen, hatte sogar sein Frühstück vergessen, bis ihm die alte Frau nachlief. »Mag keines«, antwortete er, und er hörte, wie sie die Türe zornig zuschlug: er war doch immer der gleiche! Bald würde er hier allein sein, das hatte er sich selber zuzuschreiben. Er wollte bei der Abfahrt der anderen dabei sein, das war es, was ihn forttrieb. Leute, die die Segel hißten und ihrer Wege fuhren, das sah er am allerliebsten. Er wollte unten auf dem Hügel stehen und zuhören, wie Peder kommandierte, wollte sich den Häuptling des Stammes ansehen. Peder verhielt sich gegen Ola wie ein Feind, eiskalt sah er über seinen Kopf hinweg und wandte sich ab. Ola jedoch hatte ihn manchmal gut leiden mögen. Es war wie ein Traum, den er einmal gehabt hatte, von etwas Großem und Reißendem, Gott mochte wissen, was es war. »Er muß es werden!« pflegte er zu sagen – es war etwas, was man selber gern geworden wäre. Es brannte so gut durch den ganzen Körper hindurch, wenn er daran dachte. Als Ola nach Haaberg kam, war der größte Teil der Leute bereits unten am Wasser, und er folgte nach. Er wurde ein wenig befangen, denn unter der Menge stand auch Andrea. – Das war es wohl, was ich eigentlich sehen wollte, dachte er, dann ist die Sache also abgemacht. Alles in Ordnung: sie waren verlobt. Er sah es Aasel an, sie stand bei ihr und war wie eine Mutter zu ihr; hätte sie Flügel gehabt, so hätte sie diese über ihr und Peder ausgebreitet. Das war so ganz die Aasel: eine Mutter, die stets unter jedem Flügel ein Kind hatte; darum waren ihre Augen so wachsam, so ängstlich und so mutig zu gleicher Zeit. Ola ging hin und redete mit ihnen und mit allen anderen, er war heute so redselig. Jetzt machten sich die Haabergleute auf die Fahrt. – »Fiert die Fock!« hörten sie Peder rufen, laut und hart, so daß es in der Luft knallte, und Ola sah, wie die Frauen unter dem Klang zusammenfuhren. – »So muß man auf der See schreien«, sagte Ola. Es war wunderbar grün im Kielwasser hinter den Booten, man fühlte es so durch und durch, wie man hier auf dem Felsen stand und zurückblieb. – »Jetzt zogen alle Männer in den Krieg!« sagte Ola. – »Wie gut gelaunt du heute bist?« sagte Aasel. – »Es ist so schön und sicher, zurückzubleiben. Für den, der zu nichts anderem taugt.« Sie gingen alle miteinander auf den Hügel hinauf, wollten sehen, wie die Segler in die offene See und in den Wellengang hinauskamen. Der Weg war nur eine Art Ziegenpfad aus alter Zeit, und sie mußten klettern, so gut sie eben konnten. Ola merkte wohl, daß Andrea sich nichts daraus machte ihm nahezukommen; aber doch sah sie ihn öfter verstohlen an. Es lag eine kleine Wolke über ihren Augen und etwas Ähnliches rings um den Mund – so sah sie aus, wenn sie froh war, schien es ihm, und so hatte er sie noch nie gesehen. So schön war sie, wenn sie sich einem zeigte, wie sie war. Jetzt waren die Segler draußen im Wind. Man sah bald nur noch die Segel und einen Gischtstreifen bei jedem Boot – es ging wirklich dahin. – – – Ola blieb den Tag über auf Haaberg. Andrea war sofort weggegangen, sie befand sich unterwegs, ehe er es gewahr wurde, und sie blickte nicht zurück. – »Da hätte ich jetzt ein Stück weit Gesellschaft haben können«, sagte er und sah Aasel an. – »Ja«, sagte die und wollte gehen. – »Ich hole sie wohl noch immer ein«, fügte er hinzu. »Aber ich habe daheim nichts zu tun, hast du nicht irgendeine Arbeit für mich, Aasel?« Sie sah ihn an und dann in die Luft hinaus: Nein, sie hatte nichts für ihn zu tun. Er sah, wie er sie quälte, indem er hier war und in ihrer Nähe; aber gerade deshalb blieb er. Wenn er jetzt noch länger schwieg, dann brach ihr wohl der Schweiß aus. Gegen Abend nahm er Abschied. Er müsse jetzt noch beim Tierarzt vorbeischauen, sagte er zu Aasel. Hm? – »Ja, ja«, sagte sie. Ihre Augen wanderten mehrere Male zu ihm und wieder weg. – »Du bist gut daran, Ola, brauchst nur für dich selber zu sorgen. Nein, übrigens, das ist doch schließlich auch zu wenig. Die Last ist gut, wenn sie auch noch so schwer ist.« Beim Tierarzt saßen gerade alle in der Stube und tranken Kaffee, als er ankam. Und jetzt war er da, obgleich er gar nicht vorgehabt hatte, hineinzugehen, und er mußte sich zu ihnen an den Tisch setzen. Der Tierarzt tat kaum, als sähe er ihn. Plötzlich aber lehnte er sich doch in der Bank zurück und sah ihn mit halbgeschlossenen Augen an: »Du kommst wohl, um uns zu gratulieren? Ja, ja, sie war nicht faul gewesen«, er deutete mit dem Kopf nach Andrea. »Ich habe es bis jetzt noch nicht einmal ganz hinunterschlucken können. Jetzt kommt sie doch in deine Sippe hinein.« Als Ola ihr Glück wünscht, sieht Andrea ihn groß und offen an und dankt. Der Tierarzt sitzt kauend da und läßt seinen Blick auf Ola ruhen. Die Bosheit blinzelt aus seinen Augen. »Du siehst aus wie eine Null ohne Strich, wie man hier sagt. Warst du zu spät daran, Ola?« »Vater!« Andrea steht hastig vom Tisch auf und geht hinaus. Der Tierarzt zieht die Brauen hoch. Ola blieb den Abend über da. Sie tranken einen »Milden« und später noch ein paar dazu. Ola saß da und betrachtete den Tierarzt. Er und Andrea hatten das gleiche Gesicht, und dennoch war sie ganz anders – aber genau so wie der Vater wandte sie sich einem zu und redete, bisweilen, so offen und taghell. Er hörte fast nichts von dem, was der andere sagte. Andrea kam ein paarmal herein, dann aber ließ sie sich nicht mehr sehen. – Ola saß da und ließ die Blicke im Zimmer herumschweifen. Dort mußte es gewesen sein, an jenem Abend im Halbdunkel; er stand dort beim Klavier, und dann erhob sie sich, dicht neben ihm, und dann umarmte sie ihn und küßte ihn – das war im vergangenen Jahr gewesen. Ola saß lange still und sah dorthin. Dann trinkt er sein Glas aus und steht auf. Er steht steif da und sieht den Tierarzt an. »Ein einziges Mal«, sagte er. »Ein einziges Mal war das Leben hinter mir her; eine kurze Abendstunde lang – puh, nein, jetzt bin ich betrunken, jetzt muß ich gehen! Denn ich bin doch wohl betrunken?« »Ja, unbedingt!« Der Tierarzt steht auf, er auch. »Es sieht nicht so aus, als bekämen wir heute etwas zum Abendessen!« sagte er. An diesem Abend begleitete der Tierarzt ihn bis vor die Türe hinaus, und es war lange her, daß er sich diese Mühe gemacht hatte. Barhäuptig stand er im Wind und blickte in das Sternengewimmel hinauf. Sie waren so nahe, die Sterne, heute abend, man konnte sie fast flüstern hören. »Sie haben den Wind mit sich, die Leute, die nach Norden segeln«, sagte Ola. »Ja–a; sie haben den Wind. Und sie verdienen ihn auch. Wenn sie nur nicht allzuviel Wind bekommen.« »Mehr als gut ist?« »Mehr als gut ist, ja. Er sieht mir ein wenig schmächtig aus, der junge Bursche. Es steckt gewiß mehr Mut als Kraft in ihm. Aber das ist ja ihre Sache und nicht unsere. Nicht wahr?« Als Ola auf die Wiesen kam, wo die Talhänge und der kleine Birkenwald den Wind abhielten, stieß er auf einen Menschen, der ihm mitten im Weg stand. Es war Andrea. »Bist du hier?« – »Ja. Aber wo hast du denn die letzte Zeit gesteckt?« – »Ich? Heute war ich auf Haaberg. Bei Schwester Aasel. Und ich habe ihr heiß gemacht, nur dadurch, daß ich da war. Und warum sollte ich das nicht? Dieses schmale Gesicht mit den Juwikrosen darauf und all diese klaräugige Ehrlichkeit! Und dann dieser schmale gerade Rücken, hast du ihn dir einmal angesehen? Der sich die ganze Sippe aufladen will. Und ich bei ihr, ich, der abgeschält und zur Seite geworfen ist. – Ja, ja, davon verstehst du nichts.« – »Ich habe nie etwas davon verstanden, ich. Aber wo hast du in der letzten Zeit gesteckt ? Und gratulieren willst du mir auch nicht?« – »Das habe ich doch sicher getan?« Sie stand mitten vor ihm: »Das ist alles, was du sagst?« »Ja.« »Aber eines sollst du mir sagen, Ola. Hast du das geglaubt , was man sich von mir erzählte? Von mir und –?« »Das habe ich wohl nicht geglaubt. Im übrigen weiß ich nicht, was ich glaubte.« Sie hatten jetzt wieder zu gehen angefangen. »Und dann an dem Abend voriges Jahr, Ola. In der Stube daheim, war das denn gar nichts für dich?« »Nein, nein, nein, Andrea! Laß uns davon schweigen – – laß uns vernünftig sein! Ein Verurteilter wie ich«, beeilte er sich hinzuzufügen – »weißt du nicht, daß ich frühzeitig blind werde? Und daß ich mein Leben lang geträumt habe, ich bekäme nur Wechselbälge als Kinder; das hab ich dir doch erzählt, Andrea!« »Und so etwas sprichst du aus? Ja, dann.« Sie warf den Kopf nicht zurück, aber es durchfuhr sie eine neue Macht, sie war im Begriff, von ihm wegzugehen, in den Sturm hinein. »Kannst du denn nicht begreifen, Andrea, daß es schlecht um mich steht? Daß du es gesehen hättest, wenn es zu spät gewesen wäre? Und das wollte ich dir ersparen.« »Ja, danke! Ich höre es jetzt. Daß ich recht handelte. Das war es nur, was ich – ja, gute Nacht, also!« So. Jetzt war es überstanden. Jetzt bist du ein freier Mann, Ola. Und soviel du auch gelogen hast, so hast du trotzdem die Wahrheit gesprochen. Ja, gewiß, so sagte er im Weitergehen, jetzt kannst du mit dir selber reden, soviel du willst; es kommt jetzt doch aufs gleiche heraus. Das hier ist Leben, und das soll scharf sein. »Und edelmütig, daß du nur so triefst«, äffte er nach und sang. »Das aber steht doch fest, du hast sie davor bewahrt, im Moor zu versinken. Ähnlich muß es sich wohl auch für Aasel fügen, wenn sie immer alles zum Besten wendet.« Und der Wind blies für die, die ihn im Rücken hatten. Ola hatte ihn gegen sich, auf seinem Weg über das Land hin. Das Gerücht wandert 1 Als sie auf Segelsund zur Abfahrt bereit waren, hatte es einen Haken mit dem Kajütboot. Arnesen machte sich auf den Weg und lieh einen Zehnruderer mit Deckaufsatz. Der müsse taugen, meinte er. Die Männer murrten, in so einem Zigeunerlogis gingen sie nicht auf die Nordlandsfahrt, jetzt um diese Jahreszeit. Er fluchte vor sich hin, tröstete sich aber damit, daß man doch immer noch irgendein Fahrzeug zu leihen oder zu kaufen bekommen würde. Gjartru biß sich auf die Lippe und dachte darüber nach. Mit so etwas gebe sie sich nicht ab, sagte sie, aber eines müsse sie doch sagen, und zwar, daß die Leute gehorchen sollten, jetzt wie früher, und wer denn die Fahrt ausrüstete, die Männer oder er? »Wir sind dazu da, um ihnen etwas Gutes zu tun, ich weiß es, aber da müssen wir sie wohl auch in der Hand haben?« »Versteht sich«, sagte Arnesen. »Aber ein Fahrzeug zu besitzen, wäre doch auch ganz schön, nicht wahr?« Gjartru sieht an ihm hinauf, da steht er gerade und mutig vor ihr, eine Hand oben in die Weste gesteckt, die andere schnippt mit den Fingern. Gjartru sieht ihm ins Gesicht, wie sie zu tun pflegte, bis die Augen dort in unbestimmtem Glück hängenbleiben – es gab kein Alter in diesen Augen. »Du solltest ein Fahrzeug haben, Johan Martin. Du bist ein Schiffer und nichts Geringeres, nein. Und das sollst du auch noch werden mit der Zeit. Diesmal kannst du nun doch nicht ausfahren.« Arnesen sah zu Boden. – »Du weißt, unter der ganzen Mannschaft ist nicht einer, der ein Fahrzeug nach Norden segeln kann.« »Ja, aber bist du denn ganz verrückt – jetzt, mit der Hochzeit vor der Tür?« Ja, er wußte nicht recht. Es käme darauf an, ob er nicht doch fortmüsse – »Rede jetzt keinen solchen Unsinn, mein Junge«, sagte sie sanft und machte sich wieder an ihre Arbeit. Sie hörte, dies war etwas, was er lange mit sich herumgetragen hatte. Arnesen ging hinaus; aber er ließ sich ein wenig mehr Zeit in der Türe als sonst. Im Lauf des Tages kam er rasch herein und erzählte, jetzt wisse er es: Er wollte nach Norden und Heringe kaufen. Denn der Kasten in Valvaere war mit seinen beiden Jachten fortgefahren, man erzählte sich, er habe ein Telegramm bekommen, und Kasten Landre war nicht einer, der ins Blaue hinein fortfuhr. Der und der Verdienst, das war wie der Vogel und der Hering, der witterte ihn, das mußte er wohl wissen – und die Björlandsjacht war zu verkaufen. Die Mannschaft mußte mit dem Boot fortfahren, das sie jetzt hatten, das hatte er ihr soeben gesagt, und sie mußte gehorchen . Jetzt sollte der Kasten in Valvaere einen Konkurrenten bekommen, es sah ganz so aus. »Ja, so ist es nun also, Gjartru!« Gjartru lächelt, aber sie ist ein wenig ungeduldig. – Mochte er doch. Aber erst die Hochzeit, wie gesagt. »Die Hochzeit? Meiner Treu, die kann warten, das haben wir uns geschworen, der Johan Martin und ich. Denn jetzt bin ich ein Schiffer, daß du's nur weißt!« »Red doch keinen solchen Unsinn!« »Unsinn?« »Ja, so hab ich gesagt. Denn die Freude sollen sie auf Haaberg nicht erleben, daß die Hochzeit aufgeschoben wird.« Ehe Gjartru sich's versah, war Arnesen blaurot im Gesicht, trat ihr dicht unter die Augen und war nicht wiederzuerkennen; sie war so erstaunt, daß ihr der Mund offenstehen blieb. »Was ist nun das wieder?« sagte sie endlich. »Was das ist? Weib!« »Nein, still doch, Johan Martin!« »Nein, der Teufel hol mich, jetzt ist es Schluß mit dem Stillsein, daß du's nur weißt, laß dir's nicht einfallen, mich noch einmal zu ducken – hüte dich, sag ich! Ich bin der Herr in meinem Hause. Ja!« Gjartru war sprachlos. Sie wollte ihren Ohren nicht trauen und auch nicht ihren Augen. Jetzt fing er wieder an. »Das sage ich dir!« Er schlug wild mit der Hand aus, »ich mache nicht mehr den Hund und den Dummkopf für euch – zum Teufel noch einmal, was habe ich mit Haaberg und deiner Schwester zu schaffen!« Mina war in die Tür getreten und stand mit halboffenem Mund und halberhobenen Armen auf der Schwelle. »Vater!« brachte sie endlich heraus. Er sah, wie weiß ihr Gesicht war, jetzt ging es gewiß los, aber wenn sie sich einbildeten – –! Er stieß den Stuhl von sich, so daß er an die Wand schlug, und dann wußte er nichts mehr. Er taumelte hinaus, eine lange Kette von Flüchen im Kielwasser. Gjartru hatte sich erholt und war schon wieder hinter im her. Ihr ganzes Gesicht leuchtete wütend rot, und die Zähne schlugen aufeinander. Mina hängte sich an die Mutter, sie solle nicht hinauslaufen und auf dem Hof einen Auftritt machen, sie werde schon mit ihm reden, sie. Gjartru gab nach und sank auf einen Stuhl. Jetzt befiel sie ein Weinen und Zittern, so daß Mina vollauf damit beschäftigt war, sie zu beruhigen. Sie versuchte die Mutter nach besten Kräften zu trösten. – »Du mußt dich nicht um ihn kümmern, Mutter, er gehört nicht zu denen, aus denen man sich etwas machen muß – pah, der ? Was soll man da sagen, nichts als Zorn und Unvernunft.« Gjartru mußte sich zu Bett legen. Als sie, einige Stunden später, wieder aufstand, wurde sie sich allmählich bewußt, was Mina gesagt hatte! »Du weißt nicht, was du sagst. Glaubst du denn, er ist ein kleines Kind?« Nein, das glaubte Mina nicht, durchaus nicht, ihr waren die Worte nur so in den Mund gekommen. Nein, aber er würde wohl bald wieder sanft sein, und abreisen würde er kaum. »Wenn du mit ihm redest«, fügte sie hinzu. Gjartru schüttelte den Kopf. – »Ach nein, da kennst du deinen Vater schlecht. Sei nur lieber still. Denn er – das habe ich schon all mein Lebtag gewußt, mit ihm läßt sich nicht spaßen.« Sie wurde nach und nach wieder munterer, und schließlich war es gleichsam, als sähe sie das helle Glück vor sich. Ein wenig ungeschickt machte sie sich an die Arbeit, legte Wäsche, die sie rollen wollte, in einen Korb; jetzt richtete sie den Rücken auf und stieß die Luft verächtlich aus, es war nicht Mina, zu der sie sagte: »Glaubt ihr wirklich, ich sei im Blinden getappt, als ich ihn genommen habe? Nein, wenn ich schon heiraten sollte, so mußte es ein ganzer Kerl sein.« Arnesen kam wieder herein. Er war jetzt ein wenig dünner, aber er trat hart auf, und seine Augenbrauen ballten sich dicht zusammen. – Er müsse gleich etwas zu essen haben! kommandierte er. Gjartru legte die Arbeit weg und lief in die Küche hinaus, sah ihn nur schnell von der Schwelle aus an, und nicht lange darauf war das Essen fertig. Mina war es, die ihn fragen mußte, wohin er wolle. Nach Björland. Und dann fuhr er fort: »Den Seeweg, mit zwei Ruderknechten.« Gjartru ging wie im Traum herum. – »Ich sollte eigentlich nach Haaberg gehen«, sagte sie, sie kam in die Stube hinüber, wo Mina saß und nähte. – »Schon wieder nach Haaberg?« – »Nein, ich weiß nicht recht. Aber ich hätte so vieles mit Aasel zu besprechen. Die Aasel, ja, es ist merkwürdig, an sie zu denken.« Mina wurde nicht recht klug daraus, und Gjartru sagte nichts weiter, bis sie das nächste Mal wieder hereinkam. – »Die arme Aasel, die keinen anderen bekam als den Kristen. Sie wird es jetzt wohl bald einsehen, daß sie die Oberhand verloren hat. Im übrigen hat wohl der Arnesen es nicht gerade auf die von Haaberg abgesehen; wir denken an sie nicht mehr. Aber der Kasten in Valvaere, der wird jetzt einen Konkurrenten bekommen. Denn es ist doch nicht so, wie die Aasel immer meinte, daß sie uns und die ganze Gemeinde in der Hand hätte. Sie meint es so gut, die Ärmste; es ist nichts Böses an ihr – ich sollte wirklich mit ihr reden.« Mina blickt auf und ist erstaunt: »Redest du jetzt so ? Daß nichts Böses an ihr ist?« Ja, und etwas anderes hatte Gjartru nie gesagt. – »Es ist nur das, siehst du, daß Haaberg die Gemeinde sein soll. Sie sieht es nicht, daß die Zeit und die Gemeinde und alles im Begriff ist, sich von ihr ab- und uns zuzuwenden. Wir sind jetzt bald die Gemeinde, und das fällt ihr ein wenig schwer; wie sich ja denken läßt.« Sie geht wieder hinaus, und als sie in der Wohnstube ist, hört sie draußen auf dem Hof das Knarren von Rädern. Es kamen so viele hierher, aber dieses Mal sieht Gjartru durchs Fenster, und da steigt Aasel Haaberg gerade vom Wagen herunter. Gjartru kommt fast hinausgelaufen. Aasel war ruhig wie immer und ein wenig steif gegen die Schwester. Etwas in ihren Augen sagte, daß sie nicht nur zum Kaffee gekommen sei. »Ich muß mit dir reden, Gjartru«, sagte sie, als sie sich gesetzt hatte – »aber vielleicht ist es schon zu spät«, fügte sie hinzu – »ich verstehe mich so wenig auf so etwas.« Was war das nun wieder? Denn wenn es sich so verhielt, daß Peder und Andrea miteinander verlobt waren, dann wollte sie ihnen Glück wünschen, ja, das wollte Gjartru! »Da hast du einen guten Fang gemacht, Aasel!« Aasel lächelte und sah vor sich hin: Ach, laß das! Sie lockerte ihr Kopftuch ein wenig, denn es war so unbequem groß und dick, es war das dickste Seidentuch in der ganzen Gemeinde. Jetzt sieht sie Gjartru an, ihre Augen sind ganz hellblau und wach, sie ist wie der Tag. – »Wo hast du denn den Arnesen?« – »Den? Ja, wer weiß, wo der ist! Er ist wahrscheinlich fort und kauft sich ein Schiff oder so etwas.« »Ich wollte euch wegen des Netzes warnen, das er gekauft hat. Es ist verfault, ich weiß es jetzt.« »Du bist wohl nicht recht gescheit? Das Netz, das der Arnesen – – das der Kristen uns verkauft hat?« »Der Peder hat es mir erzählt, und noch ist es nicht zu spät. Der Kristen wußte nicht, daß es so schlecht war.« Gjartrus Gesicht hatte sich mit dem feinen, hellroten Hauch überzogen, den sie schon als Mädchen gehabt hatte. Aasel wußte, daß sie dann heiß war. »Der Arnesen weiß schon, wie er sich verhalten muß.« »Es läßt sich ja noch gut machen«, seufzte Aasel. Das Geld habe sie dabei, die Summe, die dafür bezahlt worden sei. – »Und jetzt habe ich es gesagt, und Gott sei Lob und Dank dafür.« Gjartru versuchte, Aasels Blick standzuhalten, aber der war heute zu stark, wie immer. »Und könnte die Sache im stillen abgemacht werden, Gjartru, dann weißt du, daß uns das lieb wäre. Um Peders und Andreas willen. Aber wie du schließlich willst.« »Das kannst du dir doch denken!« Gjartru hatte dies gesagt, ehe sie sich recht bedacht hatte, und jetzt fuhr sie in der gleichen Art fort: »Kleinere Leute sind wir doch auch nicht auf Segelsund. Wenn jemand zu uns kommt und uns bittet.« Diese letzten Worte trafen, so glaubte sie, wenn man es Aasel auch nicht ansah. »Der Peder sagte es mir ganz offen.« Aasel legte abwechselnd eine Hand über die andere; sie hatte sich das jetzt wohl so angewöhnt. Gjartru wurde wieder heiß im Gesicht. – »Der Peder, ja. Der weiß davon wohl auch nicht viel mehr als irgendein anderer. Arnesen sah doch wohl, was er kaufte. Und bezahlte dementsprechend.« »Versuche ihn dazu zu bringen, daß er den Handel rückgängig macht, Gjartru; tu das!« »Wir wollen sehen.« »Ja, ja. Ja, ja. Dann habe ich also meine Pflicht getan!« Man konnte sehen, wie die Last von Aasel abfiel. Aasel trank Kaffee, und sie redeten über alles mögliche, anfangs ein wenig mühsam und ein wenig weit voneinander entfernt, aber mit der Zeit immer lebhafter, und als sie sich trennten, lagen ihre Hände lange ineinander. »Hü, Schwarzer! Jetzt haben wir einen geraden Weg«, sagte Aasel, als sie im Wagen saß. Gjartru blieb auf und wartete auf Arnesen bis lange nach Mitternacht. Sie fragte wie ein neugieriges Kind, ob aus dem Handel etwas geworden sei und wie es im übrigen gegangen sei. Er hatte es nicht eilig mit der Antwort, aber die Sache war abgemacht. Dann erzählte sie von Aasel und von ihrem Anliegen. Er hantierte ruhig mit seiner Pfeife. – »Aber ich sagte ihr, daß du dir die Sachen schon selber anschaust, die du kaufst, ja, nicht wahr?« Er schwieg noch eine Weile, dann zog er die Achseln hoch: »Glaubst du wirklich, daß sie mich narren können?« Nein, Gjartru mußte lächeln. – »Hätte ich das geglaubt, Johan Martin, dann hätte ich mich hinlegen müssen und nie wieder aufstehen dürfen.« Dann lachte sie lange vor sich hin: – »Ich sehe Aasel im Wagen vor mir, sehe sie, wie sie dasitzt und hin und her gerüttelt wird, den ganzen langen Weg – die arme Haut! muß ich sagen. Aber sie meint es gut, die Ärmste.« Arnesen dachte an seine Sachen, die Pfeife im Mund und die Papiere vor sich. Aber Gjartru war zu glücklich, um ihn in Frieden zu lassen. – »Ist morgen nicht Banktag?« sagte sie. – »Ja.« – »Dann komme ich mit zum Bankkassier. Ich wollte nur mit seiner Frau reden. Es wird schon gut gehen.« 2 Kristen Folden war Direktor in der Bank. Er war dieses Mal nicht verpflichtet, zu erscheinen, man hatte ihn jedoch darum gebeten, da einer der anderen krank war. Arnesen und Gjartru verloren ein wenig den Mut, als sie ihn dort sahen, aber Gjartru warf nur den Kopf ein bißchen zurück. Der alte Bankkassier war, genau wie Arnesen, Unteroffizier gewesen und hatte hier als Vater und Leiter der Bank gesessen, seitdem er sich hinaufgearbeitet hatte. Er war die Bank selber, und es hieß, daß nur Kristen etwas über ihn vermöge. Schlau war er wie ein alter Sünder, das sagte er selbst, und er kannte alle, die hierher kamen, aus- und inwendig. – » Mich können nur die Weiber zum Narren halten«, pflegte er zu sagen. Und heute war es Gjartru, die ihn zum Narren hielt, sie lud ihn zur Hochzeit ein. Einer Einladung konnte er nie widerstehen. »Und Arnesen muß Geld haben, wenn er Heringe kaufen will, nicht wahr?« wandte der Bankkassier sich zu Kristen. »Ja«, stimmte dieser zu. – »Und an einem Pfand fehlt es dir natürlich nicht«, er sah Arnesen an. – »Ja, Pfand? Sie sollen ein Pfand auf die Jacht und auf Segelsund bekommen.« Kristen sah den Kassier an, so etwas könnten sie doch wohl nicht allein abmachen? Aber es war bereits abgemacht, und Gjartru hieß sie zur Hochzeit willkommen und fuhr samt Arnesen und dem Geld heim – es war ein dickes Buch voll Geld. – »Denn wenn wir etwas wollen, wir Haabergleute, dann muß es her«, sagte sie. Arnesen schnupfte nur ein wenig auf und murrte, wie er es immer zu machen pflegte. »Die Gjartru ist nicht dumm!« lachte Kristen. Und er konnte doch auch gegen Verwandte nicht so sein. Das wußte sie genau. »Im übrigen: vor dem Arnesen habe ich Respekt. Solche Leute, die ihr Leben an einen Faden hängen, manchmal – das würde ich mich nie getrauen. Und wenn es mit ihm schief geht, dann ist es ihm wohl so bestimmt.« – »Die Bank wird sich zu schützen wissen«, sagte der andere. – »Ja, und was will einer schließlich tun, als eben alles versuchen, was er weiß? Mir ist es ja auch nicht besser gegangen.« – »Nein, du, nein. Du hast auch immer wieder alles hereingeholt; ich glaube, die Aasel hat schon manche schwere Stunde gehabt.« – »Aber das Pfand ist nicht so ganz übel«, lenkte Kristen ab. Dann sieht er den Kassier an und lacht. »Die Aasel, sagst du. Ja, du hast recht. Sie ist gut im Haus zu haben; sie hat die Unruhe in sich; in diesem Punkt war ich noch nie sehr stark. Aber ich bin ja auch kein Haabergmann. Ich durfte keinen Vorteil auslassen. Und das, was wir heute getan haben, das kann ich ihr gern erzählen.« Er tat es. Aasel stand da, blinzelte und dachte nach. – »Da war ja nichts zu machen«, sagte sie. – »Nein. Und wie es auch geht, Haaberg wird deswegen kein Haar gekrümmt«, sagte er. »Aber die Netze sind nicht so schlecht; wenn er es schlau anfängt, kann er bei einem gemeinsamen Fang gut abschneiden.« Jetzt sah er, daß sie ängstlich wurde. – »Aber recht sollte eben recht sein, Kristen. Ich denke weiter, als nur bis dahin. Und es ist oft hart. Aber das weiß ich jetzt, daß du nie höher hinauf gewollt hast, als du gekommen bist.« Kristen war gegangen, sie aber stand noch da und sagte trotzdem laut: »Du bist im kleinen treu gewesen. Du bist dem Hof hier treu gewesen. Wenn es für den Herrgott so aussieht wie für mich, dann ist es schön und gut so. Das sage ich offen.« Es sah vieles anders aus, als es vorher den Anschein gehabt hatte. Draußen waren helle Sonnentage, Bläue lag über allen Bergen, und alle Hänge waren gelb vom Laub, und daß Peder Andrea bekommen sollte, war ein Märchen. Sie wollte jetzt zu ihr gehen. Sie hatte noch nicht mit ihr sprechen können. Aber es dauerte lange, bis es dahin kam. Es traf sich nie so. Schließlich sagte sie sich selber, daß es am Mut fehle. Da nahm sie einen Anlauf und ging trotzdem. Aus dem Tierarzt selber machte sie sich wenig. Er war ein tüchtiger Mann, durch und durch, obwohl es hieß, daß er trinke, aber sie wußte gar nicht, worüber sie mit ihm reden sollte, nichts, als schließlich über das Vieh, und das wollte sie nicht mit solch einem großen Mann. Denn worüber sollte man mit einem solchen Mann sprechen? Es kam nichts heraus, wie lange man auch der Zunge freien Lauf ließ. Und mittendrin wurde er oft streitsüchtig und kam mit irgend etwas, fragte die unmöglichsten Dinge. Nein. Andrea, das war etwas anderes. Aber worüber sollte sie eigentlich mit ihr reden? Ja, ja, das würde sie dann schon wissen. Sie wollte sie jetzt sehen. Und dann war sie auf dem Weg; es war ein stiller Abend mit Mondschein und Schatten. Es würde ein gutes Zeichen sein, wenn sie sie allein in der Stube anträfe. Dann ging alles so, wie es sollte. Und so mußte es sein. Da hörte sie, wie jemand auf dem Klavier spielte. Du wirst sehen, der Ola ist da, durchfuhr es sie; es fehlte nicht viel, und sie wäre wieder umgekehrt und heimgegangen. Sie blieb auf der Türschwelle stehen und sah zu ihm hin, als sie eintrat, sie war überzeugt davon, daß er hier sei. Aber er war nicht da. Andrea stand auf, sah ein wenig ungewiß aus und kam ihr lächelnd entgegen, die Hand vorgestreckt; das ganze Gesicht lächelte. Aasel blieb an diesem Lächeln hängen. So ihrer selbst sicher konnte die Jugend sein. Sie sah sie so lange an, bis das Mädchen erstaunt und verlegen wurde, und dann ergriff sie ihre beiden Hände. »So sollte es also kommen, Andrea!« »Ja, so ist es nun einmal.« Jetzt erst wurde Aasel die Stube ringsumher gewahr. So sah es hier aus, ja, und jedes Ding stand glücklich auf seinem Platz; so konnte man alles an die Wände hängen, als seien sie dazu da. Es war schwer, hier zu atmen, und es dauerte geraume Zeit, bis Aasel sich setzen konnte. – »Ja, so, du bist allein«, sagte sie ein paarmal. Dann wurde sie mit Kaffee und guten Sachen bewirtet, und nach und nach wurde die Stube rings um Aasel gleichsam leichter und leichter. – »Ich mußte dich einmal sehen, das war alles«, sagte sie. »Es hat mich die letzte Zeit immer ein wenig gedrückt. Wir haben solches Glück gehabt. Es ist so – – so merkwürdig gut gegangen? Niemand weiß, wohin das führen wird.« Sie schaute sich wieder in der Stube um und sah Andrea an. Sie redete beinahe mit sich selbst: »So muß es hier sein, ja, und so mußt du sein. Ich war froh, als ich das hörte, es schien mir, als habe ein Höherer uns dieses hier gesandt; einer, der uns wohl will, wie der Vater sagte, denn der Peder, ich weiß so wenig von ihm. Von allem anderen um mich – – weiß ich wenigstens etwas, ja. Um meine anderen Kinder ist es nicht großartig bestellt. Und auch wir waren nicht so, wie wir sein sollten, die Welt war nicht so. Aber der Peder, wie gesagt: Ich weiß nichts. Aber sage mir eines, Andrea!« Andrea muß ihr gerade in die Augen schauen, sie sind so offen und warten so groß und fest. »War irgend etwas zwischen dir und dem Ola?« »Ja, das war es, aber«, Andrea wechselte zweimal die Farbe, und jetzt wurde sie wieder rot. »Ich wußte, daß Ihr mich danach fragen würdet, wußte es die ganze Zeit. Aber es war fast nichts, und ich will ihn nicht haben ! – – Und warum ist der Peder immer so schwermütig?« Aasel lächelte. Es war gleichsam, als lausche sie einem seltsamen Ton. Dann schüttelte sie den Kopf, sagte vor sich hin: »Wüßte ich das bloß selber, Kind. Wüßte ich das bloß selber, Andrea.« »Wollt Ihr mich denn haben? Als Hausmutter auf Haaberg?« »He, und ob ich das will. Aber ich muß alles klar vor mir sehen. Ja, ja, Gott sei Dank!« Einen Augenblick lang erkannte Andrea, daß sie ein abgearbeitetes kleines Wesen vor sich hatte. Sobald aber Aasel den Blick auf sie richtete, wurde sie selbst klein und ungewiß, ganz armselig unscheinbar. Aasel fing jetzt zu reden an, über viele Dinge. Nie hatte Andrea einen Menschen reden hören, der so nach den Worten suchte und sie so fand; es kam wohl nicht oft vor, daß sie mit jemand sprach. »Haaberg ist jetzt keine großartige Sache mehr. Diese Zeit hat aufgehört. Es hat ja vieles aufgehört. Man kann so hinabgedrückt werden; ein ganzer Hof kann hinabgedrückt werden. Und da ist man froh, wenn man eine Hand findet, nach der man greifen kann. Jetzt kommt wohl eine neue Zeit, auch auf Haaberg – ja, ich fühle es an mir; und sie mag in Gottes Namen kommen. Brauchte ich sie nicht mehr zu erleben, war es mir am liebsten. Du, Andrea, fliegst nicht weiter, als die Flügel dich tragen. Und willkommen sollst du sein. Was ich aber sagen wollte: du sollst alles so nehmen, wie es ist, und den Peder auf den Weg führen, den er braucht. Du kommst mit uns und nicht gegen uns, ich fühle das an mir, ganz bestimmt.« »Ja!« sagte Andrea, ihr Hals war so trocken und heiß geworden, das Wort kam wie ein leiser Schrei heraus. »Dann mag es so gehen, wie es will und kann.« Aasel saß eine Weile da und sah vor sich hin, redete gewiß mit sich selber. – »Aber eine große Hochzeit wird es nicht werden, Andrea«, erklang es plötzlich. »Denn ich habe keine Lust dazu. Das dürfen wir nicht wagen, he?« – »Nein, nein, daraus machen wir uns nichts.« – »Danke, Andrea, denn wir haben jetzt nichts als Mißjahre und schwere Zeiten – ich bin nicht aufgelegt zu solchen Dingen. Aber es kann gern so sein, wie der Vater sagte, wer zum Tanzen zu alt ist, der ist eben zu alt. Vor ihm brauchst du dich übrigens nicht zu fürchten, Andrea; er sagt nicht viel. Die Gjartru aber, die ist auf einem falschen Weg. Wenn nur der Herrgott nicht über ihre Torheiten ergrimmt. Aber sie soll ihren Weg gehen und wir den unseren. Haaberg soll der Gemeinde nicht den falschen Weg zeigen.« Aasel erhob jetzt die Stimme, und Andrea fühlte, sich davon ergriffen und fortgetragen: »Das Juwikgeschlecht hat so etwas nie getan, das dürfen wir nicht vergessen, nie, nein. Was auch sonst für Narreteien begangen wurden.« »Narreteien? Warum sagt Ihr das?« Aasel schüttelte den Kopf ein wenig, und das Gesicht wurde sofort verschlossen. »Nein, nein«, seufzte sie still, und dann stand sie auf. »Du wirst sehen, Andrea, du wirst sehen. Noch soll Haaberg Haaberg bleiben, und bis zu den Wolken hinauf ist's weit. Ich gehe heim wie ein neuer Mensch.« 3 Am gleichen Tag erhielt Gjartru ein Telegramm von Arnesen, eine Woche nach seiner Abfahrt. Sie hatte noch nie ein Telegramm erhalten. Es waren nur wenige Worte auf einem Papierstreifen, aber sie wußte, wie dies vor sich ging und erklärte Mina, daß die Wörter an einem Draht entlang gefahren seien und daß die Leute in der Stadt sie auf ein Papier geschrieben hätten, sie wußte es von der Zeit her, da sie in Valvaere war. »Das sollte nun die Aasel wissen«, lächelte sie. »Ja, aber was steht denn drin?« sagte Mina und versuchte ihr das Papier wegzunehmen. Da lasen sie nun gleichzeitig. »Stürmische Reise, liegen aber jetzt mit Ketten vertäut. Massen von Heringen. Ich schreite sofort zum Kauf. Dein J.M.A.« Es dauerte einige Zeit, ehe Gjartru der Sinn dieser Worte klar wurde, ehe sie sie so las, wie sie lauteten. Es war nur die Macht in den Worten, die sie traf. Nun endlich sah sie es: es hätte auch anders kommen können, sie hätten Schiffbruch erleiden oder zu spät kommen können, und was wäre dann aus dem Wohlstand geworden? Aber nun stand es ja hier – siehst du, Mina, hier: Massen von Heringen – ich schreite sofort zum Kauf, hm? Der Sieg stand da auf dem Papier, so kurz und bündig vor ihren Augen. Mina schwieg und blickte vor sich hin, die Brauen wurden zu einem dünnen Strich in dem jungen Gesicht, und der eine Mundwinkel zog sich ein wenig hinauf; das eine Auge wurde immer kleiner und kleiner. Sie sah aus, als denke sie für alle miteinander. Dann wandte sie sich ab, gleichgültig, besah sich rasch im Spiegel, fuhr mit der Hand über die braunen Locken, ging dann ans Fenster und blieb dort stehen, die Hände in die Seiten gestemmt, und summte eine kleine Melodie. – »Geld läßt sich immer schaffen«, sagte sie, als einige Zeit verstrichen war. »Und dann, ja dann wollen wir es schon anwenden.« Auf einmal drehte sie sich der Mutter zu: »Wir bleiben trotzdem hier im Ort, Mutter. Die ganze Zeit; für immer. Denn jetzt kann Arthur jeden Hof bekommen, den er nur will – ich werde ihn kaufen, ich! Sag nur nichts. Und dann geht es mit uns aufwärts.« »Kommt Zeit, kommt Rat, Kind.« Gjartru war viel zu froh, jetzt, da sie endlich Wind unter den Flügeln spürte, sie achtete der Tochter kaum. Sie mußte hinaus, sie wollte irgendwohin fahren, denn das war das Beste, was sie wußte, bei Kummer und Freude, und am liebsten wäre sie nach Haaberg gefahren, nein, ringsum in der ganzen Gemeinde! Statt dessen wollte sie zu Ola, es war so lange her, seit sie ihn gesehen hatte, meinte sie. – »Warum soll ich nicht fahren? Es wird den Leuten wohl nichts schaden, wenn sie uns sehen? Wir sitzen nicht mehr draußen in der Haabergbucht und verstecken uns, wir sind jetzt da .« Es wäre wohl das klügste, wenn sie sich jetzt die Waren verschreiben würden, die sie im Laden brauchten? meinte Mina, als die Mutter angezogen und fahrbereit war; denn es sähe ganz so aus, als wollte alles ins Stocken geraten, habe Hermansen gesagt, die in der Stadt wollten wohl keine Waren mehr herausrücken. – »Ja, bitte ihn, daß er schreibt, bitte ihn, daß er es ihnen gehörig sagt. Nein, übrigens, es schickt sich gewiß nicht, daß du dich darum annimmst.« – »Pah, was tut das! Aber du brauchst wohl einen, der dich fährt?« – »Ja, Herrgott, wahrhaftig. Den brauche ich, bitte den Jörgen, du – bitte – die Magd, ihm zu sagen, daß er sich fertigmachen und kommen soll. Ich werde doch nicht wie ein Bauernweib herumfahren. Nein, Aasel – –« Mina lächelte noch lange hinter ihr drein. – Arme Mutter, ja, ja, ja, ein bißchen verschroben sind wir wohl alle miteinander, für den, der uns sieht . Aber daß sie es wagt, mich jetzt mit Hermansen allein zu lassen. Ich will es ihr danken, daß sie mich so einigermaßen kennt. Sie ging ins Kontor und redete mit ihm über die Waren. Sie sah ihn trocken und hart an, so daß er nicht einmal die Augen zu ihr aufzuschlagen wagte; sein derbes, schönes Gesicht wurde so flach – er würde sie nie mehr anrühren. Als sie aber an der Haushälterin vorüberging, hob sie der das Kinn mit zwei Fingern in die Höhe: »Du brauchst den Kopf nicht hängenzulassen, Nette, du kannst einen jeden nehmen, den du magst, und dich damit in einen Winkel verkriechen. Es ist kein Unglück, ein Bauernmädchen zu sein.« – – – Ola saß in der Stube und las, als Gjartru kam. Er beachtete sie nicht eher, als bis sie in der Tür stand, und jetzt kam sie geradeswegs auf ihn zugebraust. – »Du kommst daher, als brächtest du sieben Sommer«, sagte er und zog einen Stuhl für sie herbei. – »Das tue ich aber auch. Sieben Segel und einen Wind – und du sitzest hier wie ein Einsiedler.« Er schnitt ihr das Wort ab: »Sind etwa große Neuigkeiten vom Norden gekommen? Oder ist es wegen des Klaviers?« – »Schau das hier an!« Sie legte das Telegramm vor ihn auf den Tisch, lehnte sich im Stuhl zurück. Während er las, beobachtete sie sein Gesicht genau. Aber es war nicht viel zu sehen. »Mit Ketten vertäut«, murmelte er, »schreite sofort zum Kauf.« – »Ja, ja, jetzt möchtest du wohl grinsen, du, wie du es immer tust, kannst du dich denn nie so weit ermannen, daß du das sein läßt?« Ola wandte sich ihr zu. Er war jetzt ziemlich ernst. »Sag mir eines, Gjartru: Hast du dir nie gedacht, daß dein Mann ein großer Dummkopf ist? Ja, nein, wart einmal: Daß er mit Wagen und Pferd übers Ufer hinausfährt, meine ich?« Gjartru wechselte die Farbe und war gewiß nahe daran aufzuspringen, statt dessen zuckte sie aber nur ein wenig mit der einen Schulter und ließ die Mundwinkel spielen. – »Willst du's jetzt der Aasel nachmachen? Habe ich es etwa die ganze Zeit so gut gehabt, daß du mir nur lauter Böses prophezeien willst?« »Geschwätz!« Ola sagte es grob, daß es traf. Dann blieb er stehen und sah sie an. Er glaubte nicht, je einen so jungen Menschen gesehen zu haben. Zwanzig Jahre Kampf und Mühsal waren wie ein Sommertag über sie hingegangen, sie ertrug noch einmal zwanzig solcher Jahre. »Nein«, sagte er bei sich, aber er sagte es laut – »so verdreht kann der Herrgott doch nicht sein. Du wirst sehen, ihr kommt jetzt in Fahrt, Gjartru, und dann geht es aufwärts.« Ihr Gesicht wurde schlaff, fast unkenntlich, und die Augen blickten rasch und ratlos: »Das weiß ich. Wir haben es oft schwer genug gehabt, aber das tut nichts. Meinen Anteil am Glück hat wohl irgendein anderer erhalten, dachte ich immer – und jetzt ist es also doch gekommen; das, was ich noch gut habe. Mir kann keiner den Mut rauben, Ola!« »Nein, Gott sei Lob, du wärst sonst nicht die Gjartru. Du wärst sonst nur irgendein Frauenzimmer; wie ich und viele andere. Die Welt ist grau von lauter Mißgeburten und kleinen Leuten. Hier ist immer Mißjahr. Aber dich, Gjartru, dich kann ich gut leiden.« Er stand da und redete zu seinen Büchern auf dem Wandbrett; Gjartru aber glaubte es seinem Rücken anzusehen, daß er jedes Wort so meinte, wie er es sagte. Das war so ungewohnt für sie. – »Schließlich kämpfen wir ja nicht nur für uns selber«, sagte sie. »Das darfst du nicht vergessen. Es handelt sich doch um Mina – um die Gemeinde. Die Mina, ja, ist es nicht merkwürdig, wie alles gekommen ist? Erinnerst du dich, was ich dir einmal erzählte? Daß ich den Hermansen und sie in einer Nacht hinter dem Heuschober fand? Ich meinte, ich müßte sterben, denn ich – – ich kannte das von mir selber her. Aber dann kam der Arthur, und jetzt schaut sie nicht mehr rechts noch links; ich habe sie gelehrt aufzublicken – darum liegt mir soviel daran, Ola, es muß vorwärtsgehen!« »Du hast einmal etwas gesagt, du wolltest ein paar Schillinge von mir leihen?« er wandte sich ihr halb zu. Gjartru bekam große Augen und stotterte: sie könnte sich nicht erinnern, so etwas gesagt zu haben? Dann wurde sie rot und gestand, daß das ja beinahe so halb und halb ihr Anliegen sei, sie sei so jämmerlich schlecht daran mit Bargeld! – »Wenn es dir paßt«, murmelte sie, »denn im Laden heißt es immer wieder nur borgen und borgen, die ganze Woche hindurch, und das ist ja auch ganz schön und gut, dazu ist uns ja wohl auch die Macht verliehen, daß die Leute nicht fortgehen müssen, ohne Hilfe erhalten zu haben, wie die Mina sagt.« Ola kramte zwanzig Kronen heraus und gab sie ihr. Sie wollte Tinte und Feder haben, wollte den Empfang quittieren. Jawohl, die Freude sollte ihr vergönnt sein; ernsthaft brachte er das Schreibgerät, als sollte er ein Licht auf den Altar stellen. »Du lachst mich doch nicht aus, Ola? Und der Aasel erzählst du es auch nicht?« Diese Worte schnürten ihm das Herz ein, so fühlte er es. Genau wie wenn eine alte Mutter für sich bittet, manchmal. Man hätte weinen mögen, gerade darum aber war er nahe daran hinauszulachen, konnte sich jedoch noch beherrschen, indem er mit aller Gewalt seine Stirnhaut anspannte; genau so war es ihm schon oft in der Kirche ergangen. »Dich auslachen? Wenn ich nicht mehr Sünden auf mir hätte, dann könnte ich noch heute in den Himmel eingehen!« Er fühlte Lust, ihr über das Haar zu streichen. – Es begann jetzt schon graue Streifen zu zeigen, wie er sah. Sie fragte, ob sie nicht miteinander zum Tierarzt fahren könnten, jetzt gleich, da sie schon unterwegs war und Zeit hatte? Ola sagte nicht nein. – – – Dort wollte Aasel gerade aufbrechen. – »Laßt mich heimgehen«, sagte sie; »früher habe ich immer von selber ans Heimgehen gedacht.« Nun mußte sie aber doch noch eine Weile bleiben. Ola sah es wohl, wie die beiden Schwestern erstarrten, obgleich er wußte, daß sie sich freuten, einander zu sehen. – »Ihr macht so steife Gesichter?« lächelte er und sah von der einen zur anderen. »Zwei Ellen vom gleichen Zeug, und können doch nicht zusammengeheftet werden.« An diesem Abend sagte er gar viele Dinge. Er war der gleiche Schelm wie immer, nicht ein einziges ernstes Wort brachte er hervor.– – »Höre nicht auf ihn«, sagte Aasel zu Andrea. Ola saß am Klavier; spielte einige kleine Lieder, fuhr ein paarmal über die ganze Tastatur, hinauf und hinunter, und strich das Ganze mit einem langen Katzengejohle wieder aus. Andrea ging ein paarmal zu ihm hin. Ob er nicht eine lange Pfeife haben wolle? Aber Kaffee müsse er trinken und hier – das Kissen, auf dem er immer sitze, denn dieser Stuhl sei zu niedrig. Und hier, hier wäre das Stück, von dem sie gesprochen hätte – sie wolle ihn nicht noch einmal bitten , zu singen. Er zitterte unter ihren Worten, fast als habe ihn ihr Haar gestreift. Plötzlich aber hörte er sie sagen: »Können wir uns nicht zu einer Hochzeit zusammentun?« Es wurde still in der Stube. Er wußte nicht, wie lange es dauerte. Die Schweißtropfen traten ihm auf die Stirne – warum sagte niemand mehr ein Wort? Ungefähr so mußte man es wohl fühlen, wenn sie das Wort Hochzeit in den Mund nahm – hattest du denn etwas anderes gedacht, Ola? Sitzest du da und frierst über den Rücken hinunter? Da hörte er Gjartru, sie sang es laut wie eine Stubenuhr, sie sollten doch ja sagen. »Nicht wahr, Aasel? Denn davon wird man noch lange reden, das sage ich dir. – Meinst du nicht auch? So hätte es der Vater gehalten, dessen bin ich sicher; mitten im Mißjahr.« Aasel hatte dagesessen und Andrea und Ola beobachtet. Nein, es konnte nicht viel zwischen ihnen gewesen sein, wenn sie immer so um ihn war und er es nie gemerkt hatte. Aber es prickelte ein wenig in Aasel: die waren von einem anderen Schlag, alle beide, ihr war diese Art fremd. – Sich zusammentun? Sie blickte auf. Das ging doch wohl nicht an? Wenn der zukünftige Bauer auf Haaberg heiratet, dann feiert er seine Hochzeit doch daheim. » Das wäre wohl nach dem Willen des Vaters.« »Ja, freilich«, sagte Gjartru– »aber wenigstens am gleichen Tag, das würde ein Spaß sein!« Sie sah schon lauter neue Gesichte vor sich. »Der Vater«, äffte Ola nach, »der Hausgott auf Haaberg und Segelsund. Er ist wie die Kartoffel, man kann ihn zu allem gebrauchen. Keines von uns weiß, worauf er hätte verfallen können.« Aasel machte sich fertig und wollte jetzt gehen, und Gjartru erbot sich, sie nach Haaberg zu fahren, das sei kein großer Umweg. Als sie Abschied genommen hatten und auf dem Wagen saßen, dreht Aasel sich herum und sagt: »Wenn ich's genau bedenke, Andrea, dann sollst du es so haben, wie du willst.« Sie hielt ihre Augen fest: »Wenn ich es genau bedenke. Wir halten das so, wie wir wollen.« Dann fuhren sie weg. Andrea stand da, als friere sie, denn es war ein kalter Abend, Reif und Frost lag im Mondschein auf allen Feldern, und es blitzte in den Eisnadeln und Sternen auf jedem Moosbüschel und in jeder Radspur auf. Die Schatten der Berge verbargen fast die ganze Gegend, sie waren wie dicke schwarze Flächen. Noch lange hörte man die Bäder des dahinfahrenden Wagens rumpeln. »Denn das würde der Vater wollen, ja«, sagte Ola und sah auf. »Die Aasel pfeift wohl auf dem letzten Loch, wenn sie hierin nachgibt, sie ist aufgeschreckt, die Ärmste.« – »Aufgeschreckt?« – »Ein wenig aufgeschreckt, ja. Daß Haaberg mit seiner Hochzeit im Vergleich zu Segelsund schlecht abschneiden könnte. Sie hat wohl ihre Zweifel, ob das ständige Glück nicht doch ein wenig alt geworden ist. Und gegen Gjartru verlieren, dazu hat sie keine Lust. Diesen Schlag möchte sie dir ersparen. Sie ist durch und durch ein wenig ängstlich. Das wurde nun ihr zuteil. Einem in unserer Sippe mußte ja auch das beschieden sein. Sie ist ganz ausgesaugt vom Gewissen; sie wagt jetzt nicht mehr, ihr Brot aufs Wasser zu werfen – sie ist bald reif für den Himmel. Aber: sie richtet sich schon noch auf, du wirst es sehen. Käme es zu einem Krieg unter uns, so würde sie schon die Eisen schärfen – das ist übrigens auch notwendig. Wir haben jetzt bald 1880, und hier liegt die Gemeinde und schläft sich zu Tode. Ja, ja, eigentlich bin ja nicht gerade ich es, der sie wecken soll, das wird ein anderer tun – hörst du nicht, was ich sage? Denn ich sage jetzt etwas Gescheites. Ein anderer, sage ich, und zwar bald!« »Warum kamst du heute abend hierher?« »Hierher? Das habe ich mich heute schon die ganze Zeit gefragt. Ich mußte wohl spüren, wie es schmeckt .« »Du siehst so – so gehässig aus um den Mund? Und dann bist du so blaß, bist du nicht gesund?« Ola stand da und lauschte dem fortfahrenden Wagen nach. Jetzt kam sie dicht an ihn heran: »Habe ich falsch gegen dich gehandelt, Ola? Du sollst mir darauf antworten!« »Woher doch! Falsch?« Gedanken und Gefühle schwirrten ihm durcheinander, und der Mondschein wurde seltsam weiß und fern. »Es fehlt gewiß nicht viel, daß ich das Leben erfasse und damit das Weite suche, mein Glück packe und es so mache wie ein Juwiking. Aber schau: das tue ich eben nicht, das ist der Unterschied. Mir sind die Sehnen durchgeschnitten – es ist ein Jammer. Ja, und dann dieser schlechte Geschmack im Mund!« murmelte er vor sich hin. Bleich und ruhig stand Andrea da und sah ihn an. »Du hast mir doch die Musik gegeben. Du hast mich reich gemacht«, sagte er. Sie stand da und wurde nach und nach froh. Mehr brauchte es nicht bei ihr. Alle miteinander konnten froh werden. Aber wenn er jetzt die Zunge herausstreckte, dann sah sie doch wohl, daß es eine Lüge war? »Dafür sollst du Dank haben, Ola!« »Ja, leg ihn auf den Stein dort.« Dann lachte er ein wenig: »Du wolltest wohl gerne so ein kleines ›Erlebnis‹ haben, du? Darum fragtest du jetzt wohl, weißt du das?« Er wandte sich ab und ging. Er fühlte, wie seine letzten Worte ihren Weg durch sie nahmen. Die Bosheit hatte stets die Oberhand. Und die Musik, die sie mir gab – daran wird sie jetzt trotzdem glauben, sonst wäre sie kein Frauenzimmer. Und das ist also das Ende vom Lied. 4 Am Tag darauf erhielt Ola Nachricht von Aasel, er müsse nach Haaberg kommen. Eine Nachricht von Aasel war genau so, wie wenn sie einen ansah, man mußte einfach folgen und kommen. Er hatte die ganze Nacht hindurch in den Kleidern wach auf dem Bett gelegen. Dann war er gegen Morgen eingeschlafen. – »Ich glaube gar, er hat sich heute überhaupt nicht ausgezogen!« sagte die alte Muhme, als sie hereinkam, um ihn zu wecken. – »Ja, ich war so müde vom Wachdaliegen. Aber heute nacht ist mir etwas eingefallen.« – »Was denn?« – »Daß Selbstmord ein schwerer Tod ist, wenn man nicht dazu gehetzt wird.« – »Du bist doch immer der gleiche Schlappschuh, ob du jetzt handelst oder redest, du sollst dich schämen!« – »Das tu ich ja. Ich dachte, es stecke wenigstens noch so viel vom Juwikinger in mir, daß ich mein Zeug packen und gehen könnte, wann ich Lust dazu hätte. Aber nicht einmal dazu tauge ich. Vielleicht kommt mir sogar im feierlichsten Augenblick noch das Lachen aus – wenn ich mich selber sehe wie einen anderen Trottel, mit dem Strick in der Hand.« –»Trottel, ja – aber jetzt sei endlich einmal still!« – »Ja, aber die ganze Welt ist doch ein Faß voll Gewürm und Armseligkeit – hast du nicht meine Schwestern gesehen? Und mich und alle die anderen? Ja, freilich, nicht sie , die meine ich nicht, aber – – mir läuft das Wasser im Mund zusammen! Der Küstertod ist mir zu zäh. Aber du brauchst nicht Angst um mich zu haben; mit mir muß es einmal rasch und unauffällig gehen, wenn etwas daraus werden soll. Und eigentlich greift mich ja nichts an – ich bin meistens gar nicht da! Und danach ? Ich habe es schon so gut wie ausprobiert. Denn damals war er da, das fühle ich an mir, wenngleich ich nie an ihn glauben kann. Da siehst du, daß ich doch ein Bauer bin!« Die Tür schlug zu, und Ola war allein. Er lächelte und sah zum Bett hinüber. – »Und nun alles das, was ich ihr heute nacht geschrieben habe!« sagte er. »Kein Haar wächst auf mir und kein Bart, ich bin wie eine Eierschale, innen und außen, und trotzdem und immer noch hier sein und mich anschauen müssen! Ich habe ein paar Nächte hintereinander meine Mutter hier gesehen, während ich hellwach im Bett saß; und mich selber habe ich immer und immer wieder gesehen – glaubst du, daß einem einzigen Menschen in der ganzen Christenheit solches widerfahren ist? Und jetzt wieder allein dies, daß ich hier liege und an dich schreibe.« Er wandte sich jäh um und ging hinaus. Blauer und klarer Himmel; Reif und lange Sonnenstrahlen. Die Alte behielt ihn im Auge, wie er so dahinging. – »Der sieht mir weiß Gott so aus, als hätte er eine Ahle ins Herz bekommen«, murmelte sie vor sich hin – »und wo steckt er denn jetzt, he?« Sie ging ihm bis hinter die Stallwand nach. Vorsichtig wie ein Huhn im Neuschnee trat sie auf: Da stand er, richtig. Sah aus, als fluche er gerade über irgend etwas; jetzt mußte sich wohl bald herausstellen, was er vorhatte. »Ach, woher, du hängst dich nicht auf, solang du vom Strick sprichst.« Sein Blick fiel auf die Alte, die weiterging und so tat, als lese sie Zweige auf. Wie eine Krähe, die es auf ein Hühnernest abgesehen hat, mußte er denken. – »Bekomme ich heute nichts zu essen?« fragte er. Sie stieß nur verächtlich die Luft aus, wurde gleichzeitig böse und froh. Den ganzen Tag über saß er da und spielte und sang und war immer mehr und mehr bereit, sein Zeug zu packen und seiner Wege zu gehen. Er wollte wieder nach Süden hinunter. Besser war es dort zwar auch nicht, das wußte er von früher her. Aber es war anders. Dort herrschte mehr Leben; es war ja gar nicht anders möglich. Dann bekam er die Nachricht von Aasel und zog sich an und ging. Mit Aasel stand es nicht recht zum besten, das sah er gleich. Trotzdem mußte er zuerst etwas zu essen bekommen, sie ging hin und her und trug ihm auf und stellte sich dann hin und nötigte ihn zum Zugreifen. Die Welt mußte ihren Gang gehen, wenn es auch noch so schlimm stand. Endlich saßen sie in der Oststube. Es war dämmerig dort: der Tag war seiner Wege gegangen. Man sah die Sonne nur noch hinter dem Bergrücken im Süden, dort aber war ihrer genug. Aasel saß da und legte immer wieder eine Hand über die andere, sah abwechselnd Ola an und dann wieder zu Boden. Am meisten ging es Ola zu Herzen, daß er sah, wie Angst und Qual einen Menschen angreifen konnten, der doch etwas taugte , so verwitterte Gesichtszüge konnte einer wie er niemals bekommen. Es ginge schlecht drüben in Juwika, sagte sie. »Die Kjerstina soll so krank sein; soll auf den Tod liegen.« Aasel wartete eine Weile, und Ola schwieg nur. – »Die Kjersti Rönningan war gestern abend hier, als ich heimkam, es war nichts Gutes, was sie zu sagen hatte, das sah ich sofort. Sie gestand alles, was sie wußte. Sie kam von dort, hatte keine Nachricht zu überbringen, sie wollte nur, daß ich es wissen sollte.« Aasels Gesicht erbleichte vor Entsetzen, jetzt, da es gesagt werden mußte: »Es ist der Peder !« Ola nickte unmerklich, ja, ja, der war es wohl. »Sie waren verlobt gewesen. Und jetzt steht es so mit ihr – – es kam zu früh !« Ola blieb sitzen, wie er gesessen hatte. Jetzt aber nahm sich Aasel zusammen und sah ihn an. – »Ja, etwas müssen wir tun«, sagte er. »Es ist doch wohl nicht über die Gemeinde hinausgedrungen, was meinst du?« – »Nein, die Kjersti glaubte das nicht. Und sie versprach, darüber zu schweigen.« Aasel saß da und hatte jetzt einen seltsam starren Blick, die Augen sahen so weit weg, aber der Mund war vergessen und leblos wie eine Wunde im Gesicht. Jetzt nahm sie ihren Blick wieder zurück. – »Du mußt hinüberfahren, du, Ola. Und dich erkundigen, wie es steht. Dann mag der Peder den Weg gehen, der ihm vorgeschrieben ist; wenn es so schlimm steht.« »Ich? Bist du – – nein! Unmöglich, da sind tausend Dinge im Wege«, er starrte sie verwirrt an. Er schwitzte, bis er sich endlich wieder beruhigt hatte. – »Nein, wenn du die Aasel bist, dann fährst du selber. Was du weiterhin tun willst, das wirst du wohl selber wissen, wenn die Zeit da ist.« – »Ja, ja. Wenn du mich nur begleiten würdest, Ola?« – »Ich kann dich ja hinüberrudern.« Aasel fuhr sich über Stirn und Augen: »Merkwürdig. Ich habe eine Ahnung, daß sie mir nicht in die Augen sehen werden; ich werde nicht fertig mit ihnen; es ist anders geworden als früher. Aber, wie gesagt: hinüberfahren muß ich doch wohl.« »Ich muß mit dem Vater reden«, sagt sie zu sich selber, als sie hinausgehen. »Ich muß ein Wort haben!« Ola saß drinnen beim Vater, während sie sich fertigmachte. Dann kam sie auch hinzu. – Allzuviel hält sie auch nicht aus, denkt Ola. Sie erzählt dem Vater, wie auf Juwika alles steht, geradeheraus und ohne die Augen niederzuschlagen. Anders sitzt da, das Antlitz ihr zugewandt. So blind meint Ola ihn noch nie gesehen zu haben. Es sah fast aus, als drehe er die Augen nach innen und starre in der verkehrten Richtung. »Die Welt geht ihren Gang«, sagt er, als eine Weile verstrichen ist. »Sie geht von selber, die Alte. Sie kann uns entbehren, und sie kann nach uns schicken, genau, wie man es selber nimmt. Keiner ist der, für den er sich hält. Die Unruhe ist es, die das Werk treibt, sowohl in der Uhr als auch in der Welt.« »Ja, aber was soll ich denn tun , Vater?« »Setz dich hin und warte, Kind. Wie du es früher getan hast.« »Ist das dein Ernst, Vater?« Anders schüttelte den Kopf: Nein, nein doch, sie solle nicht auf ihn hören. »Höre nie auf den, der zurückbleibt.« – »Aber er hat sich wie ein Lump aufgeführt, hörst du!« – »Ach ja, freilich, das ist wohl wahr. Ein Lumpenstück, Aasel, ist noch nicht das Schlimmste. Eines jedoch scheint mir wahr zu sein: Von Juwika sollte er seine Frau nicht holen.« Aasels ganzes Gesicht überzog sich wie mit einer dunkelroten Haut, und ihr Mund wurde schlaff und zog sich wieder zusammen. Dann holte sie mühsam Atem: – »Das war es ja, was ich wußte. Daß ich etwas wie eine Warnung bekommen würde.« Anders lachte: »Wenn sie mir jetzt wohlwollen, so muß es sich zeigen! solltest du sagen. Das sagte ich einmal.« – »Er ist verrückt und nicht recht bei Trost!« seufzt sie und geht hinaus. – »Das glaub ich gern«, lachte Anders. »Der Schatten ist immer verrückt, wenn er ein Mensch sein will. Aber die Unruhe, wie gesagt, die treibt das Werk; und ein Lumpenstück wirft der Aasel den Karren nicht um, o nein. Aber hier ist es zu still rings um mich, mir wird bald Angst: Gibt es denn keine Leute mehr in der Gemeinde? Sitzen sie alle miteinander in ihrer Kammer? Einzig und allein der junge Kerl, der Sohn vom Tierarzt, er, der sich die Schöngans erlegt hat –. Meinst du, es steckt soviel Zeug in ihm, daß er irgend etwas zuwege bringt? Hm?« Ola wußte darüber nicht viel, nein. Er hatte kein Verständnis für Politik und derlei. Anders schwieg. Und Ola kroch unter diesem Schweigen zusammen. – – – Aasel sagte fast kein Wort, während sie über den Fjord ruderten, und auch dann nicht, als sie Ola unten am Ufer verließ. Sie ging rasch und sicher hinauf. Sicher und blind wie das Schicksal, dachte Ola – ich kann ruhig sein; die läßt die Andrea nicht fahren, nein. Er sah ihr nach, wie man einem neuen und fremden Menschen nachsieht. Und er wurde munter und fühlte sich froh. So ein kaltes und fröhliches Staunen kann einen bisweilen am Morgen überfallen, an einem strahlenden Morgen im Herbst. Aasel wurde innerlich immer ruhiger, je mehr sie sich den Häusern näherte. Ja, gewiß, hier herrschte guter altmodischer Wohlstand, und eine schöne Vortreppe hatten sie sich gemacht und die Nebengebäude gestrichen. – »Und jetzt muß ich einmal sehen und fühlen. Sind sie hartnäckig, dann bin ich es auch; und ist es zu spät, so muß ich nachgeben. Aber wie der Vater sagte – –« Sie ging in die Austrag-Stube und traf die Marta selber an. Marta stand am Herd und hielt einen kleinen Topf oder was es war übers Feuer; sie war ein hochgewachsenes und breitschultriges Frauenzimmer. Sie stand eine Weile da und konnte sich gleichsam nicht darauf besinnen, wer Aasel war, und dann brauchte sie noch einmal einige Zeit, bis sie die Hand ergriff, die Aasel ihr hinhielt. »Wie geht es euch denn hier?« fragte Aasel. »Warte doch nur, bis du dich setzen kannst!« sie schob ihr einen Stuhl hin. Aasel blieb stehen, da wurde die andere unruhig, redete ein wenig übers Wetter, rückte das und jenes zurecht und wollte Ordnung machen; aber Aasel stand da und sah sie an, und so mußte sie den Rücken aufrichten und aufblicken, mußte Aasel ansehen, so gut sie vermochte. »Es steht also schlecht mit der Kjerstina?« Marta stützte die Hände auf die Hüften und versuchte sich noch höher aufzurichten. »Ja, so ist es, Aasel. Es steht schlimm mit ihr, ja.« Jetzt trat Aasel näher und setzte sich. Sie war so ruhig; es sah aus, als sei das Schlimmste überstanden. Wie hatten sie sich's nun weitergedacht? Oh. Sie hatten noch nicht so viel gedacht. Man mußte doch froh sein, daß sie mit dem Leben davongekommen war, die arme Haut. Marta richtete sich so heftig auf, daß es Aasel im Rücken weh tat. »Ja, die armen Kinder!« sagte Aasel. Aber wie gesagt, wie hatten sie sich's denn gedacht? Sie sahen einander kurz in die Augen, und Marta blinzelte rasch und ratlos – es war fast eine Schande, wenn man sich jetzt hart zeigte. »Ja, wir wollten eben am liebsten, weißt du – –« Aasel nickte vor sich hin: »Ja, ich auch, aber.« Aber sie hatten das Gerücht doch wohl nicht über die Gemeinde hinausdringen lassen? – Woher doch! – »Könnte ich nicht mit dem Mädchen selber sprechen?« Marta errötete ein wenig, bis unter die Augen hin; dann seufzte sie und erhob sich. Sie wollte nachsehen. Mit niedergeschlagenen Augen kam sie wieder zurück, blinzelte und sah ein paarmal zu Aasel auf, fast als bitte sie um Gnade: »Du mußt ja wohl zu ihr dürfen.« Kjerstina war nicht wiederzuerkennen. Schneeweiß im Gesicht und mit blauen Lippen, wie eine Tote, lag sie da, sie hatte so viel Blut verloren, daß fast kein Leben mehr in ihr war. Aasel setzte sich still ans Bett. Sie ergriff die Hand des Mädchens, und jetzt schlug dieses die Augen auf und begegnete Aasels Blick. Aasel ging es so nahe, daß ihr, ehe sie sich's versah, Tränen über die Wangen liefen. Marta, die bei der Türe stehengeblieben war und sie beobachtete, wollte schon dem Herrgott danken und dachte, nun sei gewiß das Schlimmste überstanden, nun hätte Aasel sich abgefunden. Da aber hörte sie Aasels Stimme: »Wußte der Peder, daß es so um dich stand, Kjerstina?« Das Mädchen schüttelte den Kopf, und Aasel sah Marta an. Es wurde so eng in der Kammer, fast zum Ersticken. – »Ja, das war es, was ich fürchtete!« seufzte Aasel. »Und jetzt ist es zu spät! Jetzt ist es zu spät!« Sie wiegte den Kopf im Takt mit ihren Worten hin und her, sie sah keinen Ausweg. Kjerstina legte den Kopf auf die andere Seite. Für alles andere war sie zu schwach. – »Ich weiß, du willst dem Peder nichts Böses, Kjerstina. Ich weiß es. Und du auch nicht, Marta, ihr seid alle beide besser, als er verdient hätte. Ich bitte nicht für ihn , aber doch. Aber er hat eine andere in Schwierigkeiten gebracht; das ist es, was so weh tut. Er bekommt wohl einmal seine Strafe.« Aasel erhob sich. Sie hatte einen vollkommen veränderten Gesichtsausdruck, man mußte fast fürchten, sie könne sich nicht auf den Füßen halten. Aber es ging ein Strahlen von ihr aus. Der Raum war von einem großen lächelnden Ernst erfüllt. »Der Herrgott möge es euch lohnen, mehr kann ich nicht sagen!« Sie ergriff Kjerstinas Hand, und das Mädchen mußte aufblicken und Aasel in die Augen sehen. »Du bist viel besser – – ich hätte nicht an deiner Stelle sein können. Wir können dir nie genug für das hier danken.« Marta ging mit Aasel hinaus. Sie vergaß sogar den Kaffeekessel. »Du weißt, wir werden kein Wort darüber sagen. Wenn es so steht«, sagte sie. »Wenn sie ihm verziehen hat, dann ist dies ja eine heilige Sache. Du hast recht, Marta.« Das gleiche sagte sie zu Ola, als sie wieder im Boot saßen. – »Die sehen ein, was das Richtigste ist, die genau so gut wie du und ich. Und jetzt mußt du nach Rönningan und mit ihnen dort sprechen. Ich kann jetzt nicht mehr. Vorläufig.« Ola sah, daß sie die Wahrheit sprach. Sie war erschöpft. Sie saß weit von ihm fort; es war so hoch bis zu ihr hinauf. Sie zogen in der Abendstille einen schwarzglänzenden Schneepflug hinter sich über den Fjord. Schwarze, stille Felsen empfingen sie auf der anderen Seite. Nichts kann so schweigen wie Felsen am Abend, wenn sie ins Wasser hinabreichen und die Ruderer in Empfang nehmen. Gipfel und Bergrücken waren östlich am Himmel eingeschlafen. Als das Boot an Land gezogen ist, sagt Aasel, und jetzt klingt ihre Stimme wach und dicht bei ihm: »Ach ja, du warst es, Ola, der mir den rechten Weg zeigen mußte.« – »Ich?« – »Ja. Ohne dich wäre ich es nicht gewahr geworden. Ohne dich hätte ich nicht ein Wort vom Vater gehört. Und da war es gleichsam, als verleihe mir auch jemand noch die Macht. Ich bin ein neuer Mensch, das fühle ich. Wie in früheren Zeiten.« Und doch war sie es, die ihn zu einem neuen Menschen gemacht hatte, dünkte ihn. 5 Es war schon spät am Abend, als Ola nach Rönningan kam. Oheim Petter war jetzt daheim. Er hatte sich im vergangenen Jahr den einen Fuß verletzt und wurde nicht mehr recht gesund, hinkte nur mit ein Paar Stöcken herum. Kjersti betrieb das Anwesen, von Haaberg bekam sie ab und zu die Pferde geliehen. Ihr Sohn war nach Amerika gefahren, nun aber hatte sie ein kleines Mädchen von einem Häuslerhof zu sich genommen; die Kleine hieß Anetta und war im vergangenen Jahr konfirmiert worden. – Mit Petter war es jetzt nicht mehr weit her, es steckten nur noch Scherz und Dummheiten in ihm. Von Zeit zu Zeit hinkte er nach Haaberg hinüber und unterhielt sich mit Anders. Zwischen ihnen gab es nichts Böses mehr, kaum daß er noch auf den Bruder stichelte; sie pflegten im übrigen die Kammertüre zu schließen, wenn sie allein beieinander saßen und redeten. – Wenn Ola kam, war Petter meist sehr erfreut. »Wir sind ja Verwandte, wir beide«, pflegte er zu sagen, und er lachte dazu, denn er legte viel Sinn in diese Worte. Er sagte es auch heute abend. Ola war erstaunlich leicht und froh, und dazu todmüde, er schleppte sich geradeswegs zur Bank hin, blieb dort sitzen und redete über dies und jenes – er fühlte sich wohl wie ein Kind. Kjersti war fort und half auf einem Hof beim Brotbacken, und Petter hinkte in der Stube herum und suchte etwas, das er Ola vorsetzen könnte. – »Denn du siehst mir ganz so aus, als hättest du es verdient«, sagte er. »Du siehst so aus, als hättest du unserm Geschlecht einen großen Dienst erwiesen – du kommst jetzt nicht von daheim? So, so, aus dir ist ein Retter geworden.« Petter suchte immer noch, und endlich fand er eine Flasche mit Branntwein; die habe er versteckt, seinerzeit, als noch die Sünde in ihm wohnte, sagte er. –»Nun müssen wir uns aber beeilen und sie leer kriegen, bis Kjersti heimkommt, denn die ist jetzt ein anständiges Weib.« Petter sah Ola seltsam an: »Sie, die ich aufgezogen habe, he? Ja, da sieht man's wieder einmal! Mit dir und mir, Ola, ist das eine andere Sache. Aber der Herrgott hatte wohl auch mit uns seine Absicht. Das glaube jedenfalls ich, denn auf diese Weise sieht die Welt für mich nicht so verwirrt aus.« So stark hatte der Branntwein schon lange nicht mehr auf Ola gewirkt. Ehe man sich's versah, war er schon betrunken. Aber noch nie hatte ihm dieser Zustand auch so geschmeckt. Die kleine Anetta ging, um sich schlafen zu legen. Plötzlich blieb sie an der Türschwelle stehen und sah Ola an, mit einer kleinen Falte zwischen den Brauen. Sie sah so von Herzen erstaunt aus, öffnete den Mund und wollte gerade etwas sagen, aber dann wurde es doch nur ein kleines »Gute Nacht«. Ola sah es noch so halb und halb, und nicht lange darauf sank er auf der Bank zusammen und schlief. Kjersti nahm eine Decke und breitete sie über ihn, als sie heimkam. Sie hüllte ihn gut darein und strich ihm über das Haar. »Du bist ein Engel Gottes. Wie es dein Bruder war. Und der gleiche dumme Kerl wie er. So!« Dann ging Kjersti zu Bett, Petter aber nicht. Solch eine festliche Stunde durfte er nicht verschlafen. Und überdies war Ola so freundlich, als er erwachte und Mitternacht vorüber war; er blickte auf und grinste das Licht und Petter an. »Wo bin ich denn?« sagte er. – »Jetzt glaubst du wohl, du bist im Paradies!« lachte Petter. »Laß dir Zeit und warte, Kind. Nein, die Flasche ist leer. Die ganze Welt ist leer. Das wissen wir doch schließlich, du und ich, ja.« Petter redete das Blaue vom Himmel herunter, aber Ola konnte sich nicht ganz klar darüber werden, wieweit der andere betrunken war. Eine Weile saß Petter da, klopfte mit dem Zeigefinger auf den Tischrand und tat so, als pfeife er dazu. Dann blickt er schräg zu Ola hinauf: »Du glaubst ja auch nicht an den Herrgott, soviel ich weiß? Nein, und das tat ich in deinem Alter auch nicht; ich war ein freier Mann, jawohl. Aber frag mich jetzt! Man sieht es schon an dieser kleinen Sache: Ich zündete die Kirche an, und jetzt hat man mich im Verdacht, in den Bergen hier droben Schafe gestohlen zu haben. He? Ich, der doch von der Kjersti bewacht wird? Jawohl, auf diese Weise stempeln sie die Kjersti auch noch zur Diebin, und nun paßt erst alles zusammen. Jetzt erst greift es richtig an. So regiert der liebe Gott, und da muß er doch vorhanden sein. Oh, ich wüßte gar vieles, mein Junge, was ein Spaß hätte sein können, ich stecke heute noch voller Leben und Dummheiten. Aber dann rächt er sich an ihr und an der Kleinen – damit, das weiß er, trifft er mich. An mich traut er sich nicht heran, ich bin ihm zu glatt; so wie seinerzeit der Jakob, von dem wir in der Schule lernten.« Petter hüstelt trocken: »Du schrakst so zusammen, als ich von der Kirche sprach, Ola? Wußtest du denn nicht, daß ich das war? Wußtest du das nicht? Nein, nein. Es war also mein Werk, das stimmt schon. Mein Hauptwerk. Und wo ist deines, laß sehen.« Wiederholt hob Petter die Flasche gegen das Licht. Aber sie war leer. Nach einer Weile war Ola wieder aufgewacht. Seine Blicke wanderten flackernd über Petter hin. Petter blinzelte und kniff das eine Auge zu: »Ich konnte ja tun, wie ich wollte, du verstehst mich wohl? Wenn ich nicht an den Herrgott glaubte, so mußte ich doch wohl die Freiheit ausnützen und irgend etwas aushecken; ich weiß noch so gut, wie das war. Die ganze Zeit fand ich, ich sei ein junger Bursche und ein freier Kerl, gleichsam wie früher, wenn die Mutter vom Hof weggegangen war, das war ein Leben, Junge, ein freier Mann zu sein! Danach merkte ich dann, daß er doch da war. Aber ein Glück war es, daß die anderen an ihn glaubten, dort, wo ich mich herumtrieb. Sonst hätten sie mich wohl erschlagen.« Petter saß da und sah Ola an, der mit offenen Augen schlummerte und von Zeit zu Zeit wieder aufwachte. – »Hast du eines schon beobachtet, Ola? Daß der liebe Gott auch deinen Vater einholte. Er konnte nicht anders, als ihn mitten im Lauf aufhalten, so gut sich die beiden im übrigen auch vertrugen. Da glaubte Anders nicht mehr an ihn, hahaha! Da aber mußte ich daran; da begriff ich, daß wir ihn über uns hatten. Denn der eine hat nicht das Recht, über den anderen zu befehlen und zu herrschen, verflucht noch einmal, das hat er nicht! Im übrigen aber kann er es meinetwegen doch haben! Denn dann hat auch der kleine Mann ein Recht, so zu sein, wie er ist: nämlich böse! Aber ich halte es doch nicht mit dem Herrgott, wenngleich ich auch an ihn glaube – er hat keinerlei Recht, so zu handeln, wie er will, er hat nicht das Recht, den einen klein und den anderen groß zu machen; ich sage, das hat er nicht! Ich sage nein, bis ich das Maul voller Erde habe! Aber meinethalben. Auf diese Weise hat er mir das Recht gegeben, mich widerspenstig gegen ihn zu zeigen. Wenn es sich nur nicht so verdammt an den anderen rächen würde, an der Kjersti und an dem jungen Weibsbild – er macht mich gewiß doch noch zum Sklaven.« Petter tastete sich bis zur Kammertüre hin und spähte hinein: »Schläft sie, die Anetta? Sie kam mir heute abend so verschnupft und zerzaust vor, ist sie am Ende nicht gesund?« »Seid nur still, Vater, und weckt sie nicht!« bat Kjersti. Petter kam zurück und setzte sich wieder, zuerst aber schüttelte er noch einmal die Flasche. »Ja, jetzt weißt du, wer die Kirche angezündet hat, Ola!« Petter lachte und bat Ola, ein wenig darüber nachzudenken , wenn er für sich allein sei. »Aber schau, ich packte die Sache am falschen Ende an«, seufzte er. »Nichts als Dummheiten und Spaße und Faxen. Sag mir, Ola: Es muß doch einmal einer kommen, der ein bißchen etwas taugt? Einer, der die Sache mit dem richtigen Ernst anpackt? Was will denn der Herrgott mit diesem Haufen Menschen auf seiner Welt? Er sollte sich in acht nehmen. Es müßte sein Geld wert sein, Junge, wenn sie einmal alle miteinander aufbegehren und sich ihm widersetzen würden! Nicht nur als ein kleiner Fingerzeig, nicht auf Petters Art, sondern wie die richtigen Teufel. Wenn jeder sich sein Haus oder sein Heiligtum aussuchen und es anzünden würde – glaubst du, daß es nie einmal soweit kommen wird? Aber mit den anderen ist es nicht das gleiche wie mit mir; sie sind geborene Sklaven. Und das ist auch ganz gut so. Für den Anders und für Haaberg. Und auch für Kjersti und die Kleine, wenn man es recht bedenkt. Der Herrgott ist ein schlauer Mann. Sie müssen ihm selber helfen beim Lenken, mit Weisheit. Der Petter ist also nicht gefährlich, nein; obgleich es in der Welt viele seiner Art gibt.« »Und schließlich gibt es von meiner Art auch nicht so wenige«, sagte Ola. Petter saß eine Weile da und hing seinen Gedanken nach. Dann zog er die Stirne auf einer Seite hoch: »Du, sagst du? Wir beide sind nur Überbleibsel, mein Kind. Oder richtiger gesagt: Du bist so, als könntest du mein Sohn sein. Ich denke oft an dich. Aber ich fürchte dich sozusagen. Ich habe deinen Mund betrachtet, bisweilen. Es ist der Mund eines kleinen Mannes. Du könntest Blut saugen. Du lächelst weiß wie ein Seekranker hinter den Menschen her, ja sogar hinter deinen Schwestern her; und bisweilen lächelst du auch innerlich wie der Leibhaftige selber. Du bist ein Weib von einem Mann! Und ich glaube, ich weiß, wie es schmeckt, herumzugehen und das zu fühlen – sag mir: hast du nie daran gedacht, Schluß mit dir zu machen?« Olas Gesicht wurde ganz flach, so daß Petter sah, wie es dem anderen naheging, und jetzt wurde die eine Gesichtshälfte steif und kalt. Er konnte den Blick nicht von Petter lösen, er war ihn gewahr geworden: Petters Mund grinste ihm zahnlos und mit blaubleichen Lippen entgegen – eine Hiebwunde, die wieder aufgebrochen war; und die Augen blinzelten so freundlich und dicht vor ihm, daß es brannte: – »Sich eine Renntierschlinge um den Hals legen, ja, und sich von der ganzen Wirtschaft davonmachen, hm? Von all dem weggehen, was einem nicht zuteil wurde.« Petter sprach ein wenig lauter: »Du kannst ja noch warten, bis die Hochzeit vorbei ist. Im Haaberg-Geschlecht gibt es jetzt ein Fest, mein Kind. Du bist die letzte Zeit wohl nicht auf Juwika gewesen?« »Wunderst du dich über die Aasel? Sie reckt sich jetzt wohl auf und bahnt sich selber den Weg.« »Ach ja, freilich; ein paar Hühnerschritte durchs Leben.« Ola fand in dieser Nacht keinen Schlaf, lag aber da und fühlte sich ganz wohl. Ein wenig Gift war noch nicht das Schlimmste. Er lag wach und sah Aasel vor sich, wie sie nach Juwika ging, und wie sie auf dem Heimweg im Boot saß und schwieg. – »Nun werden wir ja sehen!« sagte er vor sich hin. »Hätte ich meinen Kopf in einer Renntierschlinge stecken, weiß Gott, ich zöge ihn wieder heraus und wartete noch eine Weile.« Er blieb noch bis lange in den nächsten Tag hinein auf Rönningan. Zuerst brachte er Kjersti dazu, das zu versprechen, was notwendig war. Dann machte er sich an die Arbeit. Es gab so wunderbar viel zu helfen und zu tun. Er und Anetta waren im Wald droben, luden Brennholz auf den Handwagen und zogen ihn heim. Anetta war noch hager und aufgeschossen, aber ein lebhaftes kleines Ding; Ola hatte sie bisher noch nie beachtet. Wie sie gerade dastanden und einen kleinen Baum entasteten, brach sie in lautes Gelächter aus, über ihn, oder über sich selber, oder was es nun war, und als Ola sie ansah, gab sie ihm den Blick zurück, ganz offen, aber mit einem Schatten von Vorsicht in den Augen; sie lachte immer noch und schüttelte das dichte dunkle Haar aus der Stirne, dann aber schwieg sie ebenso plötzlich, wie sie angefangen hatte. Es war jetzt so still im Wald – sie stand wohl auf dem Sprung, von ihm wegzulaufen. Auch ihr war es bewußt geworden, wie ganz allein sie beide dastanden. Ola packte das Seil und zog es fest. Aber das Tau war alt und riß mitten entzwei, und er saß im Heidekraut. Anetta lachte nicht. Sie war rot geworden, stand da und sah ihn an. – »So ist es mir mein ganzes Leben lang gegangen«, sagte er. »Ich habe mich zwischen Stein und Hügel gesetzt. Man sitzt sicher da, aber nicht hoch.« Er schämte sich; als er dies gesagt hatte, und hätte gerne gesehen, daß sie lachte. Aber sie tat es nicht. Sie waren zu sehr allein im Wald. Über ihnen leuchtete es golden und hell auf, von einem Felsgipfel zum anderen; und rings um sie waren alle Hügel mit rotem Laub und braunem Heidekraut bedeckt, und dazu gab es Wacholder und Felsen, Wacholder und Felsen; alles ruhte im guten Wetter und war festlich. Ola fragte, ob heute nicht Sonntag sei? Anetta lachte auch jetzt nicht; sie stand da und knabberte die Rinde von einem Zweig und schüttelte nur den Kopf. Dann warf sie die Gerte weg und blickte auf. Sie hat jetzt so zitternde schmale Augen und lächelt so nahe vor ihm, sie denkt gar nicht daran, von ihm wegzulaufen. Ola lächelte, auch er, und seufzte: »Ach ja, ja, so ist es. Man hat's nicht leicht im Leben.« 6 Sowohl am Tag darauf als auch später noch einmal war Ola nahe daran, nach Rönningan zu gehen. Aber dann ließ er es doch sein. Statt dessen mußte er nach Haaberg. Er wollte Aasel sehen, wollte sehen, wie es ihr jetzt ging und was sie vorhatte. Als er sich mitten vor dem Hof des Tierarztes sieht, biegt er ab und geht durch den Garten, wie ein Pferd, das einen alten Weg einschlägt. Aber der Tierarzt und Arthur breiteten dort Dünger aus, und dies hätte schon längst geschehen müssen, die Büsche standen da und warteten. Ola blieb stehen und starrte sie mit einem leeren, kleinen Lächeln an, als habe er hier nichts zu suchen, es war so lange her, seit er etwas getan hatte. Da ging er lieber ins Haus. Andrea war in der Küche, und jetzt kam sie, mit einem großen weißen Schurz angetan, herein. Auch sie hatte die Hände voller Arbeit, überall, wo er sich auch hinwandte, waren sie fleißig, als bekämen sie bezahlt dafür. Er solle sich setzen, sie zeigte auf einen Stuhl. – Ja, danke, gerade zu diesem Zweck sei er hierhergekommen. Er wollte ausruhen; wollte dann nach Haaberg. »Bist du kürzlich dort gewesen?« Er blickte ihr ins Gesicht. – Nein, das war sie nicht. – »Und Aasel ist auch nicht hier gewesen?« – »Nein?« – »Nein, nein. Ich sitze nur so da und rede lauter Unsinn, wenn ich gerade guter Laune bin.« Andrea war dicht zu ihm herangekommen, ihre Hände lagen auf dem Rücken seines Stuhles; sie sah nachdenklich aus. – »Wollen wir jetzt nie wieder versuchen, miteinander zu spielen? Du singst und ich spiele?« Ihr Gesicht überzog sich mit einer feinen Röte, als sie dies sagte, und Ola fühlte, daß er mit einem häßlichen Lächeln antwortete. – »Ja freilich, ja freilich, warte nur ein bißchen. Aber sag mir: hast du einen Brief aus Nordland bekommen?« – »Einen Brief? – Ja, übrigens, das habe ich, wenn du es wissen willst.« – »Was schreibt er denn?« – »Sie haben Unmassen von Heringen gefangen, schreibt er, und haben sie verkauft, solange der Preis noch gut war, und denen auf Segelsund seien die Netze zerrissen und sie haben alles verloren. Sie selber aber hätten ihre Sache gut gemacht, sagte er.« – »Ja, ja, so ist es. So ist es wohl.« – »Durfte ich denn keinen Brief bekommen?« – »Nein, rede doch nicht so dummes Zeug. Aber sagt er denn gar nichts? Erzählt er gar nichts?« Andrea wachte auf und bekam einen helleren Blick, und Ola lächelte: »So kannst nur du dastehen und dich wundern, du, die mitten im Leben steht, mit dem Herzen schon oben im Hals, nur um eines halben Wortes willen.« – »Was sollte er denn erzählen?« – »Erzählen? Pah! Hör doch nicht auf mich! Ein verlebtes Mädchen muß doch geneckt und geärgert werden, man muß sie doch aufziehen, wie es heißt – und siehst du denn nicht, daß ich einen Blutsaugermund habe? Und die Aasel ist nicht hier gewesen, sagst du? Nein, du weißt, sie kann wohl auch nicht immer und ständig hierherkommen. Diesmal bin ich es, der dort etwas zu tun hat, und seht nur zu, daß ihr mich zur rechten Zeit wieder loswerdet.« Andrea trat hinter ihm in die Gangtüre, und Ola nahm Abschied. Statt ihm zu antworten, sagt sie – ihre Stimme ist wie ausgedörrt: »Es ist etwas los, Ola, etwas, was du weißt?« Er schüttelte den Kopf: »Ich wollte nur sehen, wieweit es Eindruck auf dich macht.« Wie der Wind im Laub fuhr es über ihr Gesicht, und man sah, daß sie zugleich zweifelte und glaubte. Dann gab sie sich damit zufrieden, gleichwie ein Kind. – »Warte noch ein wenig!« bat sie – sie wollte auch mit nach Haaberg kommen. Nicht lange darauf gingen sie beide auf dem Weg dahin. Es blies ein Westwind, und der Himmel war grau. Kleine Regenschauer zogen über ihren Weg, liefen mit dem Wind um die Wette über Felder und niedrige Birken, und einmal war es so beißend herbstlich kalt und unfreundlich und gleich darauf wieder so von Herzen derb und gut. Dazwischen hinein kam der blaue Himmel im Nordwesten zum Vorschein und zeigte das gleiche streitbare Gesicht, man mußte sich ordentlich aufrappeln und die Schultern hochziehen, so wie gesunde Leute es machen. So war auch Aasel heute. Ola saß übrigens nicht lange drinnen, er ging in die Kammer zum Vater. Jetzt konnte er so ruhig dort hineingehen, er brauchte keine Frage zu fürchten, die er nicht hätte beantworten können. Kaum war Andrea mit Aasel allein in der Stube, so ging sie gerade auf sie zu und ergriff ihre beiden Hände: »Du mußt mir offen sagen, Schwiegermutter, ob zwischen Peder und ihr in Juwika irgend etwas gewesen ist?« Aasel verfärbte sich ein wenig, aber sie gab Andrea den Blick ruhig zurück. »Sagt irgend jemand so etwas?« »Nein, aber. Mir scheint nur so – – es war nur etwas, das ich – – und ich brächte es nicht über mich, ihn zu heiraten.« »Du kannst ruhig sein, Kind. Es hat nichts gegeben, ich war selber kürzlich drüben.« »Warst du?« »Aus einem anderen Anlaß. Aber du brauchst keine Angst zu haben. Mag doch lügen, wer will.« »Gott sei Dank!« sagte Andrea. Anders stand heute immer wieder auf. Manchmal sah es aus, als lausche er auf irgend etwas. Jetzt wendet er sich dorthin, wo Ola sitzt: – »Was meinst du wohl, daß sie jetzt in der Stube reden?« – »Die schwätzen und lügen sich allerlei vor, vermutlich.« – »Hm!« Anders richtete den Rücken auf: »So scheint mir auch. Daß auch Aasel auf diesen Weg getrieben werden mußte! Ja, ja, sie weiß es selber am besten – der hungert nicht, der teuer kauft. Aber es müßte doch auch verteufelt merkwürdig sein, wenn man versuchen wollte, ohne Lüge zu leben, he?« Verteufelt merkwürdig: zu sehen, wie das ginge! Gleichsam am anderen Ende anzupacken.« »Oh, bei ihr geht es jetzt ums Leben«, sagte Ola, und dann stand er auf und ging hinüber, er wollte sehen, was aus den Frauenzimmern geworden war. Aasel hatte Andrea mit hinausgenommen und zeigte ihr nun alle Häuser. Aasel hätte nie gedacht, daß sie so viel zu zeigen habe, und nie hatte sie gefunden, daß dieses Zeigen so viel Spaß mache. Jede Truhe und jedes Webstück von früher wurde zu einem kostbaren Staat, es wurde immer mehr, so daß es einen jeden überzeugen mußte; das war von jenen Jahren, und das hier von damals. Und ihr hatte es so davor gegraut, Andrea alles zu zeigen! So kann sich einer verrechnen; wenn einer voraus rechnen muß. Andrea sagte nicht viel, und Aasel fragte auch nicht. Viele Dinge gab es, von denen Andrea wenig begriff, sie gestand es sich selbst, und viele Dinge waren so schön und seltam, daß sie sie am liebsten gleich besessen hätte. Aber vor Aasel konnte man so etwas unmöglich sagen. »Und jetzt feiern wir Doppelhochzeit«, sagte Aasel, sie stemmte die Hände in die Seiten. – »Trotz allem, ja«, fügte sie hinzu. »Denn ich habe genauer darüber nachgedacht. Ich wurde gleichsam gewarnt. Und dazu kommt, daß Gjartru so unvernünftig ist und das ganze Geschlecht herunterzieht, sie kennt ihren Weg nicht; sie muß gelenkt werden.« Ola trat gerade bei diesen Worten hinzu, und jetzt mischte er sich ins Gespräch. – »Du solltest diesmal aber Ernst damit machen«, sagte er. »Laß die Stadtsitten nicht Herr über uns werden. Haaberg ist zu alt dazu.« Aasel sah ihn an, fast entsetzt: »Sagst du das?« – »Weiß Gott, das sage ich. Ich will Leute sehen, die an irgend etwas glauben. Ich will jemand sehen, in dem ein bißchen Leben steckt! Haaberg ist eingeschlafen, scheint mir, und wie geht es dann mit der Gemeinde? Und du, Aasel, du kennst den richtigen Weg, du hast Augen für uns alle miteinander – ja, das ist wahr, jetzt in diesen Zeiten. Fast möchte ich dir danken!« Er senkte die Stimme ein wenig, es sang so tief und so von Herzen kommend, niemand hätte ihn wiedererkannt: »Ich hatte weiter keinen großen Glauben an Peder, das muß ich sagen. Ich glaubte, mit uns sei's vorbei. Aber ich seh jetzt ein, daß doch etwas in ihm steckt. Daß alles einen Sinn hat. Es ist nicht schwer zu leben, wenn man fühlt, daß hier etwas geschehen wird – du mußt ihnen einmal zeigen, was Haaberg ist, Aasel.« Er redete noch lange, während sie von einem Raum zum anderen ging. Aasel wurde es eng um die Brust, gerade als müßte sie eben dort zweifeln, wo er am stärksten glaubte. Aber es mußte wahr sein, was er sagte, und noch mehr, denn wie sollte es sonst weitergehen? – »Jetzt, nachdem ich mich da hindurchgearbeitet habe«, sagte sie auf einmal im Weitergehen. »Jetzt, nachdem ich endlich einmal Gewißheit habe!« Dann richtet sie sich auf und sieht Andrea an. »Teuer, teuer!« lächelt sie vor sich hin. – »Ja?« sagte Andrea und blickt von einem Gegenstand zum anderen; das hier mußte teuer sein. »Es ging so seltsam zu«, meinte Aasel, als sie an der Treppe standen und hinuntergehen wollten. »Ich begriff den Peder erst, ehe er wegfuhr. Er war so im Schuß – so merkwürdig. Ich erkannte mich wieder – erkannte den Vater wieder, will ich sagen. Ach ja, ja; es wird alles recht; wenn wir uns nur hinsetzen und warten, wie der Vater sagte. Wir auf Haaberg wissen ja, was not tut.« Marjane, das kleine Mädchen, hatte sich ihnen zugesellt. Sie war schmächtig und weißblond; sie sprach fast kein Wort. Andrea ergriff ihre Hand, aber die Kleine zog sie heftig wieder zurück und blickte jetzt auf, bleich vor Wut: »Der Peder will dich nicht haben, er jagt dich zum Haus hinaus, wenn er heimkommt!« Andrea lachte laut und glücklich, und die anderen lachten mit; aber sie kamen nicht mehr ins Gespräch. Als die Gäste abgezogen waren, ging Aasel zum Vater in die Kammer. – »Ich bin schon bald wie die kleinen Mädchen und krieche zu dir in die Kammer, wenn es dunkel wird«, sagte sie. Aber dort war eben der Platz, wo sie hingehörte, wie alles andere auch stehen mochte. – Als Ola und Andrea sich trennten, nahm diese ihn fest bei der Hand. »Ich danke dir für heute, Ola! Du hast so schön über Haaberg gesprochen.« »Ja, nicht wahr? Darf ich heute nacht bei dir schlafen?« Sie erschrak so sehr, daß sie ganz steif wurde und kein Wort zu sagen wußte; und dann lief sie durch den Garten hinauf und ins Haus hinein. Er hörte, wie sie die Türe abschloß, und da lachte er. Vor dem Fest 1 Drei Wochen vor Weihnachten etwa kam der Neuschnee mit dem Nordsturm, und er fiel auf die nasse, ungefrorene Erde. Da bleibt er nicht liegen, sagten die Leute, das gibt keine Schlittenbahn zu Weihnachten. Und das war schade, denn zu Weihnachten stand allerlei bevor. Man sprach von zwei Hochzeiten, und es war sowohl denen auf Haaberg als auch denen auf Segelsund wohl zu gönnen, daß sie eine ordentliche Fahrbahn bekamen, gleichgültig, was man auch sonst über sie dachte. Man konnte es Aasel nicht verdenken, daß sie es so haben wollte, wie es in früheren Zeiten war, denn das war doch für einen jeden das Sicherste; – es war kaum zu glauben, wie die Zeit sie angegriffen hatte. Die Erde wird mit allen fertig, und die Gemeinde hat schon ganz andere als die Aasel klein gekriegt, hieß es. – Und Gjartru konnte man auch keinen Vorwurf daraus machen, daß sie sich umtat und in der Welt vorwärts wollte, daß sie es ein wenig auf die richtige Art haben wollte – wir sollen doch nicht ganz still daliegen? Und schließlich kommt sie auch nicht weiter, als der Herrgott es haben will, sagten sie. – Und Hochzeit war eben doch Hochzeit, jetzt wie in früheren Zeiten, sie mochten sagen, was sie wollten, es war doch gut, daß sich noch Leute fanden, die den Mut hatten, ein wenig drauflos zu leben, trotzdem die Zeiten grau und schwarz waren. Wenn nur die Fischer noch rechtzeitig heimkamen. So sagten sie sowohl auf Haaberg wie auf Segelsund. Sie kamen heim. Als das Schneetreiben nachließ, setzte der Landwind ein, und er blies die ganze Woche hindurch, ein guter Segelwind die ganze Küste entlang. Bei Landwind fuhren sie nach Norden, und bei Landwind kehrten sie wieder heim, man konnte es fast für ein kleines Zeichen halten. – Als sie in die Namdalsfjorde kamen, nahm der Sturm noch mehr zu, und als sie fast auf der Höhe von Haaberg waren und in die Bucht hineinkreuzen wollten, mußten sie statt dessen alles reffen, was nur zu reffen war, und geradeswegs in die Juwikbucht hineinhalten. Dort kamen sie am Abend an, und es war eine nasse Arbeit, die Fahrzeuge zur Nacht zu vertäuen. Peder hatte gemeint, er wolle die Nacht über an Bord bleiben, aber Kal drang darauf, daß er mit an Land ginge. Es waren doch außer ihnen noch genug Leute an Bord, um auf Jacht und Boote aufzupassen; und Peder gehorchte Kal gerne in solchen Dingen, es waren mehr Jungenstreiche, wenn er sich ihm widersetzte, anders war es, wenn es sich um Heringe handelte. Und heute abend war Kal so seltsam, wie er vor Peder stand, es wäre eine reine Schande gewesen, nein zu sagen. Denn Peder wagte wohl in Juwika an Land zu gehen; er wagte noch mehr als das! Auf der ganzen Fahrt hatte Kal nicht von der Schwester gesprochen, und er wollte es nicht dulden, daß die anderen Burschen über Peder und Andrea redeten. Kal und Peder waren Freunde und vertrugen sich gut miteinander. Aber der eine wußte nie, was in dem anderen steckte. Peder sagte dies jetzt auch selber zu sich: »Ich kenne mich mit ihm nicht aus; und es kann ja auch gleich sein.« Die Leute hatten sie kommen sehen, und in Juwika war alles großartig vorbereitet. Kjerstina aber war sofort wieder zu Bett gegangen, sobald sie gehört hatte, daß die Fischer in der Bucht seien! Sie war noch so schwach, vermochte kaum zu gehen, und jetzt fühlte sie, wie ihre Knie weich wurden und der Schwindel sie überfiel, sie konnte nicht mehr. Die Mutter hatte es die ganze Zeit so geduldig ertragen, besonders seit Aasel dagewesen war; sie schienen zu erkennen, sie sowohl wie das Mädchen, was für sie alle das beste war, und danach mußten sie sich richten. – »Denn so kleine Leute sind wir nicht«, sagte Marta, »daß wir Böses mit Bösem vergelten müssen; so etwas rächt sich nur.« Aber heute abend nun, als sie sah, wie sehr es dem Mädchen wieder zu Herzen ging, blieb sie auf einem Stuhl sitzen und brütete vor sich hin. Ein ums andere Mal biß sie sich hart in die Lippe und jammerte leise. Kjerstina lag da und lauschte, das erkannte die Mutter an ihren Augen. Jetzt vernahmen sie die Stimmen der Burschen vor der Türe draußen; erst Kals Stimme, hoch und breit, wie eine andere Schifferstimme hier vom Hof; dann hörte man Peder, leise und gleichgültig, fast wie von einem eingeschlossenen Menschen. Als Marta merkte, daß sie gegessen hatten, ging sie hinaus und hieß sie daheim willkommen. Sie blieb am Ofen stehen, die Hände unter der Schürze verborgen. Da sieht Kal sie an und läßt dann den Blick in der Stube herumwandern. Und während er dies tat, entstand eine lähmende Stille. Einzig und allein Peder merkte es nicht. Er merkte auch nicht, daß sie ihn ansahen, zuerst Kal und dann die anderen, ja, er hörte kaum, daß Kal fragte, wo Kjerstina sei. »Die Kjerstina, ja«, sagte Afarta, und die anderen blickten still zu Boden. »Sie ist nicht recht wohl. Sie ist in der Kammer draußen.« Kal sitzt eine Weile da, mit der Pfeife in der Hand; dann macht er sich daran, sie anzuzünden. Es sah aus, als verlöre sein Gesicht nach und nach immer mehr die rotbraune Farbe. Bisweilen hebt er den Blick zur Mutter auf, läßt ihn dort ein wenig verweilen und blickt dann wieder zu Boden. – »Ja, so, ja«, sagt er, als eine Zeit verstrichen ist, steht auf und geht hinaus. Er nimmt den Weg durch die Küche zur Austrag-Stube hinüber, leise pfeifend, Marta folgt ihm und greift sich dabei an die Stirn. Peder sitzt da und raucht und schwätzt mit den Leuten vom Hof. Er ist jetzt überraschend gesprächig, kaum mehr wiederzuerkennen, und erzählt von der Fahrt und antwortet auf alles, was sie ihn fragen. Sie hatten ihre Sache nicht schlecht gemacht, o nein, hatten eine Menge Heringe eingebracht und zu einem großartigen Preis verkauft. Und rasch war es gegangen, in einem Zug sozusagen. Die Segelsund-Leute, ach, ja, ein bißchen etwas erwischten sie ja auch, obgleich sie Pech hatten und ihnen die Netze zerrissen. Nordland war ein großes und weites Land, ja, ein Kirchspiel am anderen, und ein Fjord am anderen, und unglaublich viel Leute. Jetzt kam Kal wieder. Er stand in der Türe, sah einmal zu Boden und einmal zu Peder hin. Er räuspert sich und zieht die Schultern hoch: »Du mußt einen Augenblick in die Kammer kommen, Peder. Es will jemand mit dir sprechen.« Alle sehen Peder an, er aber wundert sich nur, steht auf und kommt mit, durch den Gang hinaus und in die andere Stube. Als sie in der Kammertüre stehen, hält er inne und will Kal zurückschieben und allein hineingehen, dann aber sieht er Marta dort sitzen und überlegt es sich anders. Auf dem Tisch steht ein kleines flackerndes Talglicht, und im Bett drüben liegt Kjerstina, in der weißen Nachtjacke und auch sonst ganz weiß, nur ihr Haar sieht lebend aus. Sie dreht das Gesicht halb zur Wand. Peder schiebt die Hände in die Taschen und bleibt mitten in der Stube stehen. »Muß sie zu Bett liegen?« fragt er. »Es sieht so aus, ja«, Marta steht auf, blickt ein wenig ratlos um sich, dann hebt sie den Blick zu Peder: »Wäre es nicht unglücklich ausgegangen, so hättest du jetzt einen Erben zu erwarten, Peder.« Sie geht hinaus, und sie nimmt Kal mit sich, der mitten in der Türe steht; er dreht sich um und schließt die Tür. Jetzt schluchzt Marta ein paarmal auf, so armselig ungewohnt, und die Stimme gehorcht ihr nicht mehr: »Wenn die Aasel jetzt in meiner Haut steckte – dann – dann – ich möchte wissen!« Es klang wie ein Notruf, bis in die Kammer hinein. Peder räuspert sich ein paarmal laut. Dann tritt er zum Bett: »Guten Abend, Kjerstina!« Er sagt es mit lauter und heller Stimme. »Guten Abend«; es war kaum zu hören. »Ja, so. So steht es also, ja. Aber du hättest es mich doch trotzdem wissen lassen können.« Keine Antwort. Nur ein leeres weißes Antlitz. Er steht da und starrt eine Weile die Wand an. Dann faßt er Kjerstina an und dreht ihr Gesicht zu sich her. »Nein, nein!« bat sie. »Ja, aber warum hast du es mir denn nicht gesagt?« Sie sieht ihn ruhig an, die flackernden Augen betrachten ihn von oben bis unten. »Es lohnte sich nicht.« Dann dreht sie sich wieder von ihm weg. Eine Weile stand er noch da, wußte aber nichts mehr zu sagen, und so ging er. Als er wieder in die Stube kam, taten die anderen so, als wüßten sie nicht, wo er gewesen war, und ihm war auch nichts anzumerken. Er schaute auf die Uhr und lauschte auf das Wetter draußen. Der Sturm mahlte schwer hier in Juwika, er ging wie eine Trollmühle oben in den Bergen; oft war es, als ducke das Haus sich unter dem langanhaltenden Getöse zusammen. Der Fjord hörte sich wie ein brausender Kessel voll Wildheit in der Finsternis draußen an. Es war schweres Wetter, und es hatte den Anschein, als ob Peder dies zusage. Ruhig blickte er zu Kal hinüber: Es wäre wohl doch am besten, wenn einer an Bord ginge? Denn dieses Wetter könnte Schaden anrichten. Kal zog nur die eine Schulter hoch, und man konnte sehen, daß Peder sich betroffen fühlte. – »Wie du willst, Kal!« sagte er trocken und dehnte sich; »hier hat man ja festen Ankergrund, hier in Juwika!« – jetzt lächelte er sogar vor sich hin. Wiederum sieht er Kal an, sein Gesicht ist eisig ruhig, und er spitzt den Mund, als wollte er pfeifen. – »Nein, du kannst gerne an Bord gehen, wenn du willst.« Kal blickt vor sich hin und preßt die großen Kinnladen aufeinander. – »Ach nein, ich lasse mich hier nieder, eigentlich müßte ich etwas – –« Einer nach dem anderen warf ihm einen raschen Blick zu. Aber er sagte weiter nichts. Am Morgen darauf war das Wetter zahmer geworden. Der Sturm hatte Regen herangetragen und sich bei dieser Arbeit erschöpft; der ganze Himmel war graublau und zäh von Regenwolken, und der Fjord ging mit großen toten Wellen rings am Ufer. Bald war alles auf die Haabergboote verschifft, und dann machten sich diese auf den Weg über den Fjord. »Schönen Dank auch für gute Kameradschaft, einstweilen«, sagte Peder zu Kal. Sie waren miteinander an Bord der Jacht, und Peder stieg über die Reling in sein Boot hinüber. »Nichts zu danken. Und gute Hochzeit! – Mich kannst du auch erwarten.« Peder sah ihn scharf an. »Ist das dein Ernst? Hältst du mich für so einen?« Kal spuckte in weitem Bogen auf das Deck. »Du hättest es wohl abwarten können!« knurrte Peder, und dann stieg er in sein Boot hinunter und ergriff die Steuerpinne. Als sie in die Haabergbucht hineinkreuzen wollten, bekamen sie noch einige Windstöße, und jeder hatte genug mit dem Seinen zu tun. Peder stand da und sagte vor sich hin: »Jetzt wirst du sehen, Mutter! Jetzt wirst du sehen, daß ich Manns genug hin, meine Bürde auf mich zu nehmen! Und Manns genug, sie auch zu tragen, ja. Ihr sollt etwas zu sehen bekommen, was ihr früher nicht gesehen habt – fiert den Klüver, Burschen!« 2 Am gleichen Tag, an dem die Nordlandfischer in die Juwikbucht heimkehrten, stieg bei Segelsund ein ganz fremder Mann an Land. Einmal in der Woche fuhr ein kleines Dampfschiff in die Fjorde, und mit dem kam er. Die Leute glaubten sofort, es müsse Jens Haaberg sein, der von Amerika heimkehre, denn man hatte sich schon längst erzählt, daß man ihn erwarten könne. Es war ein großer und barscher Kerl, bartlos wie ein Junger, nur mit dem Schnurrbart unter der Nase, wie ein feiner Herr, aber deswegen doch kein junger Bursche, o nein. Er hatte einen Mantel an, wie sie noch nie einen gesehen hatten: lang, bis auf die Füße hinunter, und mit einem Pelzkragen, den er bis hoch über die Ohren hinaufschlagen konnte, und dazu eine hohe, hohe Pelzmütze, es war ihm an allem und jedem anzusehen, daß er von weither kam, und es mußte der Jens sein. Nach Amerika waren in letzter Zeit viele gefahren, aber zurückgekommen waren nur wenige und hierher überhaupt noch keiner. So sahen dort drüben wohl die Menschen aus, und was für Kisten und Koffer hatte er doch bei sich! Die Leute hielten sich ein wenig im Abstand von ihm, das gab sich ganz von selbst so; aber heimzugehen fiel ihnen auch nicht ein. Wenigstens vorläufig nicht. Er winkte einem Mann, daß er sein Zeug nehmen und es dort an die Wand stellen solle. Gleich kamen alle her und griffen zu. Dann endlich bringt einer den Mut auf und fragt ihn geradeswegs, ob es seine Richtigkeit habe, und ob er Jens Haaberg sei? Der Fremde sieht ihn rasch aber auch scharf an. Ja, es stimmt – und gibt es hier kein Fuhrwerk, mit dem man nach Haaberg fahren kann?– »Willkommen daheim. Willkommen, sage ich! Fuhrwerk, ja, das wird schon aufzutreiben sein. Du kennst mich wohl nicht wieder?« – »Nein.« – »Ich bin der Petter Brudalen, ich war sogar dabei und fuhr mit nach Segelsund, damals, als du hier gekauft hattest, ja, du erinnerst dich doch wohl?« Jens lachte kurz und kühl und nahm seine Hand: – »Den Umzug hierher vergesse ich meiner Lebtage nicht, darauf kannst du dich verlassen! – Und jetzt ist erst noch die Frage, ob ich nicht noch einmal hierher ziehen werde.« – »Ja, jetzt ist die Gjartru hier am Steuer, das weißt du wohl?« – »Nein, davon weiß ich nichts. He! Das ist doch vert …!« Er schnaubte ärgerlich durch die Nase, dann wandte er sich um und ging hinauf, geradeswegs zum Hof. Die ganze Schar blieb zurück; er ließ sie einfach stehen und hörte nicht mehr auf das, was sie sagten. Gjartru war bereits beim Tierarzt, auf dem Hochzeitshof, wie er jetzt hieß, dort gab es so viel für sie zu ordnen. Jens klopfte hart an und trat dann unmittelbar darauf ein, stand Mina gegenüber. Sie bekam einen harten Zug um Mund und Augen, denn das war keine Art und Weise, ins Haus zu kommen, und am meisten befürchtete sie, er könnte ein Kaufmann aus der Stadt sein, der die Bücher kontrollieren wollte; erst vor kurzer Zeit war so einer hier gewesen. Sie verhielt sich kalt und abwartend. Sie wußte, daß sie sowohl nach Haaberg als auch nach Segelsund gehörte. Er hielt sich übrigens nicht weiter damit auf zu erzählen, wer er war, und jetzt glaubte sie es zu wissen, noch bevor er zwei Worte gesagt hatte. Er fragte, ob sie Gjartru sei, und Mina lachte so herzlich, wie sie eigentlich nicht hätte dürfen. Dann merkte er, wer sie war, und nicht lange darauf fuhren sie miteinander zum Tierarzt! Er gehörte nicht zu denen, die warten konnten, er war etwas Besseres, das merkte sie, und jetzt wollte sie dafür aber auch dem Pferd Beine machen; wir wollen keinen Bauerntrab haben! sagte sie und schwang die Peitsche. Gjartru geriet so aus der Fassung, als sie kamen, daß sie sich und alles, was sie in der Hand hielt, vergaß. Wie ein Unwetter kam er über sie hereingestürzt, versetzte alles rings um sie und in ihr in Unruhe und lachte so offen auf sie herab, als sei sie immer noch nur ein kleines Mädchen. Man konnte sehen, wie sie sich nach und nach faßte und rasch zu sich kam, während sie ihn ansah und mit ihm redete. Sie wurde bald jünger als Mina, ihre ganze Jugend kam wieder zum Vorschein, und ihre Stimme konnte nur Jens wiedererkennen: »Es ist genau so, wie ich sagte, Mina, ich durfte noch mehr Gutes erwarten, ich habe es schon lange an mir gespürt – ich wußte doch ganz genau, wie du aussähst, wenn du einmal kämst!« »Du lachst ja übers ganze Gesicht, Mutter«, sagte Mina. Aber Gjartru stemmte die Hände in die Hüften und stand ruhig und still da. Der Tierarzt sah förmlich, wie sie in die Höhe und in die Breite wuchs – jetzt wandte sie sich ihm zu: »Machen wir's also so, wie ich vor ein paar Tagen sagte: wir reißen die Vertäfelung heraus und machen eine ordentliche Stube, einen Saal , alles andere hat keinen Sinn. Wir sollen hier Hochzeit halten, wie du vielleicht weißt« – sie wendet sich wieder zu Jens –, »und wir wollen dabei nicht schlecht bestehen, was meinst du dazu?« Jens nickt nur; sein Blick war ein wenig stier, das sah sie, daran war wohl die lange Reise schuld. Und dann fällt sie wieder über den Tierarzt her. »Wie gesagt, der Dachboden muß zu einer Kammer eingerichtet werden, für das andere Brautpaar – wir zahlen alles, wie gesagt, aber es soll auch etwas Ordentliches werden.« Wenn auch der Tierarzt die Zähne bleckte, gleichviel, sie sah doch, daß er nachgab. – »Denn mit dieser Hochzeit verhält es sich eben so«, sagt sie zu Jens, »man darf doch den Griff nicht loslassen, wenn man die Gemeinde schon einmal in der Hand hat und auch in der Hand haben soll.« Jens sah auf die Uhr; er besaß eine goldene Uhr. – »Jetzt muß ich also nach Haaberg hinüberschauen.« – »Nach Haaberg? Wo denkst du hin, nein, jetzt fahren wir zu uns heim, das Pferd ist doch wohl nicht ausgeschirrt? Das tust du mir doch nicht an, Jens, daß du heute abend nicht mit mir nach Segelsund kommst? Morgen fahr ich dich dann gleich nach Haaberg – es ist so seltsam für mich, daß du gerade jetzt zur Hochzeit heimkommst. Denn du verstehst mich, das weiß ich.« Jens zog die eine Schulter hoch wie in früheren Zeiten und gab nach. – »Aber sagt wenigstens viele Grüße auf Haaberg und richtet ihnen aus, daß ich heimgekommen sei und daß sie mich dort erwarten können«, wandte er sich an Andrea und den Tierarzt. Und dann fuhren sie nach Osten davon. Die Schlittenbahn hatte der Sturm bereits weggezehrt; sie fuhren mit dem Wagen und rumpelten über den gefrorenen Weg so laut, daß es in den Felsen, an denen sie vorbeikamen, widerhallte. Der Sturm fegte ihnen ins Gesicht und peitschte ihnen bisweilen Sand und Staub in großen Wolken entgegen, an einer Stelle war sogar ein Nadelbaum umgestürzt und hatte sich ihnen quer über den Weg gelegt. Jens brummte und fluchte leise, Gjartru aber behauptete, das alles bedeute nur gutes Wetter, und morgen sei es wieder still und die Sonne würde scheinen; man könne es an dem Sausen oben über den Bergen hören, der Wind sei nur übermütig. Sie erzählte von sich und ihren Angelegenheiten. Erst jetzt in der letzten Zeit habe sie so recht erkannt, was sie eigentlich erstrebten und was sie erreichen wollten, sagte sie. »Es ist so merkwürdig mit mir gegangen, gerade als habe irgend etwas Fremdes mich in die Höhe gehoben. In der Gemeinde wächst nichts mehr, weißt du, da steht alles still, da herrschen nur Armut und kleine Verhältnisse, wohin du dich auch drehst; das war zu Vaters Zeiten anders. Hier gab es niemand, der auch nur das Geringste angerührt hätte, jetzt aber sollen sie den Arnesen bekommen; der muß jetzt tüchtig anschieben. Er ist der einzige, der ein bißchen draußen gewesen ist. Wir sind die einzigen, die wissen, wie es sein soll. Du darfst mir glauben, die Gemeinde ist jetzt recht altmodisch geworden!« »Die Gemeinde!« sagte Jens und sah in die Luft hinaus, am Hang entlang, wo die Fichten sich unter dem Winde beugten und sich von ihm scheuern ließen. »Die Gemeinde, ja, das ist es eben«, fing Gjartru wieder an. »Die Zeiten haben aufgehört, wo man nur an sich denken konnte, das weißt d u, der aus einem anderen Land kommt, am besten. Und das ist es eben, was ich dabei denke: dort, wo wir vorangehen, dort kommen die anderen nach! Das ist es, worauf es vor allem ankommt. So sagte der Vater oft, weißt du noch?« Jens sprach weiter nicht viel; er hustete nur und räusperte sich oft. Er ist offenbar sehr verschleimt, dachte sie. Aber es war eben die Aasel, die sich ihnen in die Quere stellte. Gjartrus Stimme erhielt einen anderen Klang, als sie darauf zu sprechen kam. »Ja, die Aasel, mit ihr ist es anders gekommen, als man dachte. Du wirst sie nicht mehr wiedererkennen, Jens. Dort herrscht nichts als Kleinkram – vom Kristen will ich gleich gar nicht reden. Die Aasel sieht nicht einmal die Hand vor den Augen; sie will nirgends hin. Wie eine Glucke sitzt sie gleichsam auf allem droben, was sie einmal unter sich bekommen hat. Haaberg hin und Haaberg her, den ganzen Tag lang – wir anderen sind doch schließlich auch noch von Haaberg? Nicht wahr?« »Und du hast keinen Sohn?« Jens zog die Augenbrauen hoch und fragte trocken und treuherzig. Nein, leider, den hatte sie nicht, und das war schmerzlich genug, aber deswegen konnte man doch auch noch vorwärts und in die Höhe kommen! »Und jetzt habe ich's schon so weit gebracht!« sagte sie, und im gleichen Augenblick schwenkten sie auf das Grundstück von Segelsund ein. »So weit, wie bis hierher, habe ich's auch einmal gebracht!« gab Jens zur Antwort und lachte. »Ich war wirklich hier, aber kurz!« Er kicherte, so daß es im Wind laut aufklang. »Damals hatte ich übrigens ein Mordsglück.« »Ja, jetzt bist du wohl richtig reich?« »Na, well, ich habe wohl ein gutes Stück Geld gemacht. Verkaufte zwei oder drei meiner Besitztümer, ehe ich herüberfuhr. Ja, ja, ein schönes Stück Geld habe ich wohl gemacht, das kann man da drüben. Ich kam hierher und dachte Segelsund zu kaufen, ich hab's ja dazu; doch ich kam zu spät. Aber wie steht es mit dem Ola? Geht es vorwärts mit ihm oder–« »Ach, der, mit dem war ja nie besonders viel los, weißt du. Nichts als lauter Musik, und dabei geht er umher wie irgendein Bauer; er will auch nirgends anders hin. Aber inwendig, ich weiß selber nicht, wie ich es nennen soll, inwendig ist er aus einem feineren Zeug; er weiß, wie alles hätte sein sollen. Ihm hat auch die Aasel nie etwas anhaben können, darüber bin ich froh.« Jens blickte um sich, als er auf dem Hofplatz von Segelsund aus dem Wagen stieg, sah erst die Häuser an und blickte dann über die Äcker und den See hinaus, und dann lachte er vor sich hin: »Das war mir ein schönes Königreich! Ja, ja, ja.« 3 Es kam doch nicht dahin, daß Aasel noch an diesem Tag Nachricht von Jens' Ankunft erhielt, und am Tag darauf trafen die Nordlandfischer ein. – »So, so, seid ihr auf Juwika gewesen?« fragte sie. Sie stand da und wandte sich halb zu Kristen, der es ihr erzählte. – »Das Wetter war daran schuld«, sagte er. – »Ja, lieber Gott, das weiß ich wohl selber. Dass das Wetter sie dorthin getrieben hat. Aber trotzdem – – « Sie sah sofort, daß mit Peder irgend etwas nicht in Ordnung war. So verschlossen und geistesabwesend war er bisher noch nie auf den Hof gekommen. – »Du bist wohl müde? Übernächtig vielleicht? War es nicht ein schauderhaftes Wetter heute nacht?« Es flimmerte ihr vor den Augen, während sie hin und her ging und ihm zu essen auftrug, sie mußte oft zweimal um der gleichen Sache willen hinausgehen. Auch der Kristen fragte ihn, ob es nicht schwer gewesen sei, die Boote in der vergangenen Nacht in der Juwikbucht zu halten, und Aasel blieb unter der Türe stehen und wartete auf die Antwort. Peder streckte sich, und jetzt blickte er die Mutter offen an: »Ich schlief übrigens oben auf dem Hof, ich für mein Teil.« Dann machte er sich wieder über das Essen her, und Aasel ging hinaus, um den Kaffee zu holen. Nach dem Essen sollten die Burschen wieder ans Ufer hinunter und die Ladung in den Booten löschen, und Aasel brannte vor Ungeduld darauf, mit Peder allein sprechen zu können. – »So abgearbeitet habe ich ihn noch nie gesehen«, seufzte sie draußen in der Küche. Endlich nahm Kristen die Mütze und ging; er pflegte sie meist neben sich auf den Tisch zu legen. Peder stand auf und suchte die seine. In der Stube waren die kleinen Mädchen und eine von den Mägden. Da geht Aasel zu der Tür, die in die Oststube führt, sie dreht sich dort um und sieht Peder an, und dann geht sie voraus. Und Peder kam. Wie ein Fremder trat er ein. Sein Gesicht sah fast aus, als sei es aus Holz geschnitten. So, so, er war also auf Juwika gewesen? – Ja, das war er. – »Ja, ja, Peder; ich bin auch dort gewesen. Und was zu spät ist, ist zu spät – ich habe mit ihnen gesprochen. Es ist ja fast ein Wunder und ein Zeichen, finde ich, daß die Sache noch nicht über die Gemeinde hinausgedrungen ist: hier weiß niemand etwas davon. Und das Mädchen hat mehr Verstand, als man hätte erwarten sollen, die Ärmste – das ist jetzt überstanden, du mußt den Herrgott um Verzeihung bitten, und ich weiß, daß er dir verzeihen wird, denn das hat auch sie getan, das hat sie mir gesagt! Das ist also überstanden, ja.« Aasel redete rasch und ganz anders als sonst und konnte gleichsam nicht aufhören. Peder hob den Kopf ein paarmal und sah immer verwunderter drein. Zwischen seinen Brauen und über die ganze Stirn hinauf grub sich eine tiefe Falte ein. – »Und nun haben wir uns gedacht«, fuhr Aasel fort, »daß wir Doppelhochzeit halten wollen, beim Tierarzt, jetzt zu Weihnachten, ich habe schon mit ihm und auch mit der Andrea darüber gesprochen, sie war es sogar, die das wollte. Wir müssen mit dem alten Brauch brechen, so weit müssen wir uns strecken; es ist ja eine andere Sache jetzt, weißt du, die Andrea ist kein Bauernmädchen – und die auf Segelsund müssen wir ein wenig im Zaum halten, damit es nicht schief geht. He?« Sie sah ihn an und wartete. Er blickte durchs Fenster hinaus, legte den Kopf ab und zu auf die Seite und verzog den einen Mundwinkel. »Was sagst du dazu, Peder? He?« »Nichts. Denn es wird keine Hochzeit gefeiert, sag ich.« »Bist du verrückt?« Er richtete sich immer mehr und mehr auf; er bog sich ganz zurück, gleichsam als zwinge ihn etwas nach rückwärts. Schwer schlug er mit der flachen Hand aufs Fensterbrett: »Jetzt soll es sich zeigen, ob wir erwachsene Leute sind oder nicht. Und das kannst du ihnen allen miteinander sagen: ich bin keiner von denen, die ihre Bürde abwerfen; und wenn sie auch noch so schwer ist.« Damit ging er. Aber Aasel kam ihm nach. – »Du mußt es dir überlegen, Peder!« sagte sie, als sie vor der Türe standen. – »Danke, das hab ich getan. Das hab ich heute nacht getan.« Aasel hatte heiße Wangen bekommen, und ihre Augen waren bedrohlich lebendig und nahe vor ihm: – »Weiß Gott, ich glaubte, du seist weniger – – du seist aus härterem Stahl.« Er drehte sich ihr zu, sein Gesicht war förmlich flach, dann aber faßte er sich rasch wieder, lächelte und wandte sich ab: »In Gottes Namen, halte von mir, was du willst. Ich werde den Leuten allein entgegentreten, das werde ich, werde die Last für mich und das ganze Geschlecht auf mich nehmen, ja.« Bei diesen Worten wurde Aasel weich. Zug für Zug löste sich in ihrem Gesicht. Sie sah ihn lange an. »Ja, wenn es so steht – – dann soll der liebe Gott mit dir sein, in allem, was du tust. Dann mag alles gehen, wie es geht. Schlimm ist es, daß wir das Aufgebot zum nächsten Sonntag bestellt haben, wie du geschrieben hast.« In diesem Augenblick kam Marjane herbeigesprungen und erzählte halb flüsternd, halb rufend, daß jemand über den Weg herkomme. »Schau nach, Peder, ob du sie erkennst, denn ich kann nicht herauskriegen, wer es ist.« Die Kleine hatte blitzende Augen vor lauter Spaß, aber die anderen sahen doch, daß sie die Wahrheit sprach, und jetzt kam auch Marta, die taubstumm war, und versuchte das gleiche zu erzählen. Aasel holte ein paarmal Atem. »Du mußt noch dableiben, Peder. Du kannst es ebensogut auf einmal sagen!« Sie nahm die Kinder mit sich hinein. Peder aber blieb nur so lange stehen, bis die Türe sich geschlossen hatte, dann zuckte er mit den Schultern und ging. – »Ich bleibe nicht stehen wie irgendein Zaunpfahl und warte!«, er verzog höhnisch das Gesicht. »Die Netze müssen doch wohl während der Flut herausgenommen werden? Und sie erfährt es noch rechtzeitig genug. Die ganze Gemeinde, sie alle erfahren es noch zeitig genug.« Andrea kam leise lächelnd: Jetzt könnten sie ja einander Neuigkeiten erzählen, wenigstens sähe es so aus. Aasel sah sie an, sie erriet den Sinn dieser Worte nicht. – »Wir sahen die Boote«, sagte Andrea. – »Ja, sie sind wirklich heimgekommen – du hast den Peder nicht getroffen, draußen im Hof?« – »Nein.« – »Er war wohl schon auf dem Weg zum Wasser hinunter. Er war wohl schon auf dem Weg, ja. Sie wollten die Ladung löschen.« – »Er wird doch nicht vor mir davongelaufen sein?« lachte Andrea. »Aber du fragst mich nicht nach Neuigkeiten?« – »Hast du denn auch Neuigkeiten?« – »Ich – kann vom Jens grüßen. Mister Jens Haaberg von Amerika, nein, Jens Anderson, Verzeihung!« Und dann berichtete sie, was es zu berichten gab. »Was erzählst du da?« Aasel fragte ein paarmal dazwischen. – »Ja, so, sie nahm ihn gleich mit heim. Das sieht der Gjartru ähnlich.« Jetzt begann Aasel abwechselnd eine Hand auf die andere zu legen, in ihrer gewohnten Art. Andrea fror fast beim Anblick dieser Hände und unter Aasels Augen. Sie waren so hellblau und kalt. »Ja, ja«, sagte Aasel hart. »Vielleicht kommt's auf eins heraus.« Sie stand auf und ging in die Küche, vorher aber drehte sie sich noch einmal um und fragte, ob Andrea eine Tasse Kaffee wolle? Denn es gehörte sich bei solchen Leuten, daß man erst fragte, ehe man ihnen vorsetzte. Andrea sagte: Ja, danke. Noch ehe der Kaffee fertig war, kamen Gjartru und Jens angefahren. Aasel sah ruhig durchs Fenster hinaus, dann ging sie in die Kammer hinüber und erzählte Anders, daß der Jens gekommen sei. – »Glaubst du, ich hätte es nicht gehört? Ich hörte sie doch davon sprechen – ich hab lange Ohren, glaub mir's, brauch nicht erst zu schauen.« Der Alte kam in die Stube hereingestolpert, setzte sich hin und nahm die zwei kleinen Mädchen auf seine Knie. Andrea verabschiedete sich und ging. Sie wollte lieber morgen wiederkommen. – »Ich habe jetzt nicht so wenig zu tun«, kicherte sie, und Aasel seufzte. Sie lauschte ihrer Stimme und ihren Schritten: so jung kann man sein, manchmal, so leichtfüßig kann man dahingehen, wenn man nicht weiß, wo es hinführt. – »Und bringst du es übers Herz, Peder, sie von dir wegzulassen, dann – dann läßt sich eben nichts machen. – Aber es ist doch falsch!« seufzte sie. Und dann eilte sie hinaus und ging den Gästen entgegen. Anders lebte auf und war wie ein neuer Mensch, jetzt, da er den Jens vor sich hatte. Er konnte nicht genug von Amerika und der langen Reise dorthin hören. Er lachte mit dem ganzen blinden Gesicht: »Da kommt Leben in mich, Junge, wenn du erzählst, da bin ich wie die Schlange in der Sonne. Und eine richtige Hochzeit soll es hier geben, das ist alles, womit wir aufwarten können – sag einmal: dort verheiraten sich die Leute doch wohl auch?« Als die Männer am Abend vom Meer heraufkamen, war auch Ola auf Haaberg eingetroffen, und Jens und er stichelten aufeinander, daß es eine Lust war. Wenn Jens nichts mehr von Amerika und seinen Erlebnissen erzählen wollte, sagte Ola nur: »Das sind ja lauter Lügen, du hast doch wohl auch in Büchern gelesen?« Da schwoll Jens der Kamm, und er versuchte sich zu übertrumpfen. Die ganze Stube war ein Gesumm von Menschen und Unterhaltung, und Peder saß mittendrin, gleichsam als sei gar nichts los. Er gab keine Antwort und veränderte nicht eine Miene im Gesicht, als Jens ihm gratulierte. Die Mutter sah er nicht. Erst am Tag darauf drang sie so weit in ihn ein, daß sie wenigstens ein paar Worte mit ihm sprechen konnte. »Du wirst doch Gjartru nicht die Freude machen, Peder? Du wirst doch nicht alles über den Haufen werfen? Denn dann – – dann kenne ich mich nicht mehr aus!« Es klang, als sei ihr die Brust flach gedrückt worden und als sei inwendig irgend etwas zerschlagen und zerbrochen; er blieb stehen und sah sie mit leeren Augen an. Dann zog er die Schultern hoch und stieß die Luft durch die Nase, höhnisch, und ging: »Wir sind doch schließlich keine kleinen Kinder!« Aasel mußte immer wieder stehenbleiben und sich besinnen: Heute war doch Freitag? Und morgen war Samstag, und da kam vielleicht der Pfarrer hierher; und am Sonntag wurde zum erstenmal aufgeboten. Am Abend mußte sie Kristen erzählen, wie die Dinge standen. Ihn ging das alles eigentlich nichts an, schien es ihr, denn er war ein Fremder hier auf dem Hof, auf ihr allein und auf keinem anderen ruhte alles. Aber es erleichterte doch, mit Kristen zu reden, er war eine Wand, gegen die man sich lehnen konnte, wenn er auch keine Hilfe bot. Kristen sagte auch jetzt nicht viel, er konnte so wunderbar schweigen. In Verlobungen und derartige Sachen mischte er sich nie hinein, hörte nur so zu und dachte an andere Dinge, schließlich verstand er sich auch nicht so großartig darauf. Auf Juwika waren sie nicht gar so knapp daran, nach seiner Rechnung, und beim Tierarzt konnte man sich nichts weiter erwarten. Aber, wie die Aasel sagte, man durfte doch nicht immer nur an dies eine denken. – »Er soll sich so gut wie möglich aus der Schlinge ziehen«, sagte er. Und darin war Aasel mit ihm einig. So wollten sie sagen, ja. – »Aber ist es nicht merkwürdig, daß der Pfarrer drüben auf der anderen Seite des Fjords wohnt?« sagte sie. – »Merkwürdig?« – »Ja. Daß wir nicht zwei Scheite übers Kreuz legten, um es zu verhindern – damals, als sie den neuen Pfarrhof dort kauften?« – »He! Du selber fandest es doch damals richtig, weißt du nicht mehr?« – »Das wohl. Das tue ich auch heute noch. Jetzt steht es da und sieht mich an, meine ich. Daß es das richtigste war, ja, und das beste für uns. Denn wenn der Pfarrer auf dieser Seite des Fjords wohnen würde, fürchte ich, wäre Peder schon längst hingegangen und hätte das Aufgebot abbestellt. Noch ist Zeit bis morgen abend, bis der Pfarrer hierherkommt. He? Bis dahin ist's noch lange, nicht wahr?« »Ja«, sagte Kristen, aber jetzt schlief er schon, und Aasel drehte sich im Bett herum. Sie seufzte laut: »Jetzt – jetzt weiß ich nicht mehr weiter! Denn gerade nun hätte ich einen so schönen Ausweg gesehen.« 4 Der Samstag kam, und als Aasel ihm in die Augen sah, fühlte sie sich stärker als das, was bevorstand, gleichgültig, was es auch sein mochte. Es war ein Tag, genau so, wie sie ihn sich wünschte. Das Wetter so still und mild, die Regenwolken hingen nur wie ein dünnes blaugraues Tuch um die Schultern der Berge, und im Birkenwald leuchtete es überall braun und blau, und rings um die Landzungen rauschte das Wasser laut und gut. Einen solchen Tag hat man selten, dachte sie, aber er bringt dann meistens etwas Gutes mit sich; gibt doch zum wenigsten den Dingen eine andere Farbe. Von Peder bekam sie nicht viel zu sehen, er war unten am Strand und hängte die Netze auf. Jens ging aus und ein und saß ab und zu beim Vater drinnen. Anders wurde nicht müde, ihn über Amerika auszufragen; dort mußte doch ein Leben sein! Und was trieben sie denn so am meisten? Wurde nicht viel gestohlen dort, wenn so viele Heimatlose zusammenkamen? Und war Jens öfters gezwungen, richtig dreinzuschlagen? Ach, ja, so, sie schössen? Da war es nicht so einfach, mit ihnen zusammen zu sein? Aber ein Mann war doch wohl ein Mann, und ein Wort ein Wort, hm? Das hörte man gerne. Denn hier, er wußte nicht, wie es in diesem Punkt hier noch stand; hier stritten und zankten sie sich schon bald um jeden Span, und es wurde geschrieben und geeifert, aber im Ernst schlugen sie doch nie drein, und das war ein schlechtes Zeichen. Aber wie schmeckte denn dann das Heimkommen? Wohl ein wenig langweilig? Und außerdem: Hatte er irgend etwas über diesen Sohn des Tierarztes erfahren, über den Arthur, der mit Politik und Landwirtschaftsschule und derlei anfangen wollte? So, noch nicht. »Ich möchte wohl wissen, ob in der ganzen Gemeinde ein Hahn danach kräht. Im Ausland reden und verhandeln sie wohl auch über solche Dinge?« Jens knurrte nur etwas. Er wußte so wenig von solchen Sachen. Dort drüben ging alles mehr im Großen. Und hierzulande war es nur Geschwätz und Unsinn, was sie sich auch ausdachten; hier gab es keinen Raum, keine Luft. »Ja, ist das wirklich wahr?« Anders seufzte. Sein Gesicht wuchs zu und wurde wieder alt. Jens schlenderte hinaus. Im Lauf des Nachmittags kam ihm der Gedanke, daß er nach Segelsund müsse, denn sie hatten Nachricht erhalten, daß Arnesen heimgekommen sei. – »Und ich habe der Gjartru versprochen hinzuschauen, wenn er kommt«, sagte er. »Die werden jetzt, scheint's, große Leute«, fügte er hinzu. Aasel lächelte nur. Jens wandte sich zu Peder: »Komm doch mit, du, sitz doch nicht immer daheim, du wächst sonst noch an!« Peder stand da, als habe man ihm einen Stoß versetzt. Er blickte zu Boden und sah dann rasch zur Mutter hinüber. – »Ich kann ja ein Stückweit mitkommen«, sagte er. Aasel konnte ihm gerade noch zuflüstern, bevor sie fortgingen: »Du mußt erst mit der Andrea reden, ehe du etwas unternimmst. Versprich mir das, Peder!« Sie sah, wie er bleich wurde und wie das Blut unter der feinen Haut seiner Wangen kam und ging. Eine Antwort bekam sie nicht. Als sie nach Segelsund kamen, war nicht nur Arthur, sondern auch Andrea da, und gleich darauf kam auch Ola. Arnesen hatte die Jacht mit den Heringen nach Kristiansund geschickt. Die Fischer waren gerade erst zurückgekommen, so daß auf dem Hofe lautes Leben herrschte. Sie waren durstig. Als Jens und Arnesen einen Grog miteinander getrunken hatten, wurden sie wie alte Bekannte, und sie hatten über vieles miteinander zu reden. Peder trank mit, obgleich er kein Freund von starken Getränken war. Dann sah er die ringsum Sitzenden an, und in sein Gesicht trat ein harter und höhnischer Zug. Dann sah er wieder auf die Uhr. Ola saß da, als bewache er ihn. Peder fühlte sich nicht wohl unter seinen Augen, sie waren so klein und grau und allwissend. – »Was sitzt du eigentlich da und schaust?« Ola war unverändert ruhig: »Und du? Du schaust in einem fort auf die Uhr.« – »Ich muß zum Pfarrer, wenn du's wissen willst!« Jetzt sah er Andrea an, und sie ihn. Aber sein Blick war seltsam gläsern und fremd für sie. Sie kam herbei und setzte sich zu ihm, nippte sogar von seinem Glas und suchte unter dem Tisch nach seiner Hand. Sie spielte mit seinen großen harten Schwielen. So saß auch das andere Paar da, an einem anderen Tisch! – »Wirst du denn nicht betrunken, wenn du so rasch trinkst?« »Jetzt noch ein Glas, dann gehe ich!« Er sah sie beinahe feindlich an. Ging er? Ja, dann käme sie mit, damit er's nur wisse. »Und morgen, Peder?« »Morgen, Andrea, wird ein anderer Tag sein, ja. Ein großer Tag.« Aber der Branntwein verschlug bei ihm nicht, und das wußte er schon von früher her. Er blickte in der Stube herum und sah sich ein Ding nach dem anderen an. – »So schön hätte es auch auf Haaberg werden können«, sagte er zu Andrea. » Dort ist es wohl schön genug«, meinte sie. Er schaute und schaute umher: Der Ofen reichte vom Boden bis zur Decke, und auf dem Boden lag ein Teppich, auf dem man herumging, so einer, wie andere Leute ihn an den höchsten Feiertagen auf den Tisch legen, und ein Spiegel aus einem Königsschloß das wäre ein Fest gewesen, die Haabergstube aufzuriggen! Da würde sie steigen, die Alte. »Ich verzichte und entsage!« murmelte er auf einmal, und alle sahen ihn an. Er schaute wieder auf die Uhr und nickte Ola zu: jetzt war der Pfarrer gekommen! In diesem Augenblick kam Gjartru wieder mit dem Krug und füllte sein Glas, Andrea bat ihn, nicht so rasch zu trinken. – »Ich würde dir gerne gehorchen«, sagte er, »das würde mir nicht im geringsten schwer fallen. Aber ich habe heute abend noch große Dinge vor – du sollst es schon noch zu hören bekommen.« Im übrigen waren sie alle guter Stimmung, und Jens erzählte große Dinge von Amerika. Er war sogar auch Goldgräber gewesen, ja, er hatte vieles erlebt! – »Der!« meinte Peder verächtlich. »Der? Nein, einen Feind niederzuknallen ist doch wohl keine Kunst? Aber wartet nur, wenn ich jetzt aufstehe und gehe, dann kommt's dicker!« Er stand auf und sah Andrea an: »Komm!« Sie erhob sich und kam mit, ängstlich und glücklich zugleich. Ola erkannte, daß sie nicht wußte, wo es hinführen sollte. Er für sein Teil wußte auch nicht mehr, als daß Peder jetzt etwas Verrücktes vorhatte; er glaubte zu sehen, daß der andere schwitzte. – »Es sieht fast so aus, als ob jetzt Leben in den Burschen käme«, sagte er zu Gjartru. Als Peder durch die Stube ging, fühlte er, daß rings um ihn alles schwankte. Seine Gedanken waren unverändert klar und scharf, und er wußte ganz genau, was er sollte und wollte; aber die Welt war schwindlig geworden. Andreas Gesicht war so bleich, daß es förmlich leuchtete, und es war auch gut, wenn sie wußte, daß etwas bevorstand. Er wartete im Gang, während sie sich anzog, ganz flüchtig kam ihm sogar der Gedanke, daß er ihr dabei hätte helfen müssen, aber er ließ es lieber sein. Es konnte nicht schaden, wenn er es nicht tat. Jetzt standen sie auf der Treppe, und die Abendluft war kalt und gut, und am Himmel kamen die Sterne hervor. Unten aber beim Vorratshaus rauften zwei miteinander, und rings um sie stand eine ganze Schar von Burschen und konnte die beiden nicht trennen. – »Jetzt hat er ein Messer!« riefen sie, und Andrea faßte Peder beim Arm. Peder springt hinunter und mitten unter die beiden Kämpfenden, er sieht das Messer und packt die Hand, die es hält– da fliegt das Messer weg, und der eine liegt am Boden, jetzt aber kocht es von Fäusten rings um ihn her, und Peder kämpft still und kaltblütig, versetzt dem einen einen Stoß vor die Brust, dem andern einen Hieb unter das Kinn, bis sie alle zweifelnd im Kreis rings um ihn stehen. Er sieht sich um und lacht: »Gibt es hier nichts mehr zu tun?« Da klirrt es ihm in den Ohren, ein ganzer Regenschauer von scharfem Geklirr, und vor seinen Augen sieht er feurige Sterne. Irgendeiner hatte ihm eine leere Flasche in den Nacken gehauen, so daß er der Länge nach vornüber stürzte und liegenblieb. Er war schon wieder auf, als Andrea kam und ihm helfen wollte. Sie führte ihn ins Haus. Eine der Mägde kam mit einem Licht nach, und sie brachten ihn ohne viel Mühe über die Treppe hinauf und in den Dachraum. Er blutete ein wenig, aber die Wunde war nicht groß. Andrea verband sie, so gut sie konnte, und während sie noch damit beschäftigt war, schlief er schon ein. Er murmelte etwas vom Pfarrer und von einer schweren Last, aber es war nichts Rechtes daraus zu verstehen, und dann schlief er ruhig und gut, und alles war in Ordnung. Andrea ging hinunter und redete mit Gjartru über den Vorfall, flüsterte nur in einem Winkel mit ihr, aber bald wußte die ganze Stube davon. – »Besoffen, besoffen!« lachte Jens, und die anderen lachten mit. »Besoffen?« Andrea wandte sich von ihnen ab, dem Weinen nahe: »Ihr hättet ihn sehen sollen!« Sie ging wieder in den Dachraum zu ihm hinauf, mochte sonst nirgends sein. Sie hörte, wie die anderen hinter ihr herkicherten. Es war spät in der Nacht, als sich endlich alle schlafen legten. Mina kam bald zu Andrea hinauf, sie erzählte, daß sie beide miteinander schlafen sollten, und sie lachte und sagte auch sonst so vieles und vielerlei, was Andrea nicht verstehen konnte; sie hatte wohl fleißig an Arthurs Glas genippt. Andrea saß da und wartete lange Zeit auf sie. Als sie aber endlos nicht kam, legte sie sich schlafen. Sie hatte geschlafen, gewiß recht lange, und rings um sie war schwärzeste Nacht, da fuhr sie zusammen, setzte sich im Bett auf und lauschte; sie hörte einen Schrei, und Mina war nicht da. Es mußte Peder gewesen sein, und sie sprang auf und tastete sich in seine Kammer hinüber. Er saß im Bett. Auch er hatte den Schrei gehört und fragte, wo er sei. – »Ich bin es nur«, sagte Andrea, »und ich glaubte, du hättest gerufen. Ich bin es nur, Peder! Wie geht es?« Sie legte die Hand auf seine Stirne, und er sank wieder ins Bett zurück und seufzte. Andrea erinnerte sich, daß man auf Segelsund in der Nacht wohl immer einen solchen Schrei hörte, seit altersher. Und was ist aus Mina geworden? sagt sie zu sich selber. In diesem Augenblick wird sie sich voller Schrecken bewußt, daß Peder hellwach ist. Sie will aufstehen und wieder weggehen, da aber legt er seinen Arm um sie und zieht sie zu sich ins Bett. Früh am Morgen erwachte Andrea dadurch, daß eine der Mägde ihnen den Kaffee ans Bett bringen wollte. Andrea hörte sie an der Tür und wollte schon davonlaufen, war aber so entsetzt, daß sie nicht vom Fleck kam. Peder bewahrte seine Ruhe wie immer: es war fast, als wäre er ganz allein. Die Magd verzog nicht einmal den Mund. Verlobte Leute lagen beieinander, so war es nun einmal; sie taten das, und wenn sie auch noch so fein waren. – »Ich komme von den beiden anderen«, sagte sie, »– und jetzt stelle ich das Brett hierher.« Sie tranken den Kaffee. – »Wir haben ja jetzt nichts anderes zu tun«, sagte Peder. »Zu spät ist zu spät.« Und nach der Predigt bot der Pfarrer Peter Folden und Andrea Ween und auch das andere Paar auf. Aasel saß da und hörte zu und verzog das Gesicht nicht. Aber sie lächelte ihr kleines feines Lächeln, als Gjartru kam und erzählte, wie es in der Samstagnacht bei ihnen zugegangen war. Und als sie heimging, sagte sie zu Kristen, wenn Gjartru gerechnet hätte, dieses Mal, so hätte sie falsch gerechnet. »Es geht immer schief, wenn einer sich etwas ausrechnet. Nicht umsonst ist sie mit dem Krug herumgegangen«, lachte sie. »Dank für die Bewirtung!« Und dann sagt sie zu sich selber, aber merkwürdig hoch und dünn: »Aber das war eine Nacht, an die werde ich denken. Die war lang!« 5 Ein paar Tage später rüsteten sie sich aus, fuhren in die Stadt und kauften für die Hochzeit ein. Peder sagte nichts, er war nur einfach dabei. Sie taten sich zusammen, die auf Haaberg und Segelsund, und nahmen eines der Fischerboote von Haaberg, eines, das »Flink« hieß; so brauchten die Frauen keine Angst auf der Fahrt zu haben. – Sie hätten den Dampfer nehmen sollen, sagte Gjartru, der aber ging nur einmal in der Woche. – »Den Dampfer?« meinte Aasel; und wandte sich dann wieder ihren Dingen zu. – Das gleiche sagte sie, als sie zu rudern angefangen hatten: »Den Dampfer? Wir wollen doch lieber die Welt nicht auf den Kopf stellen!« Und was für gutes Wetter sie hatten! Die See war wie eine Spiegelscheibe, und die Luft so mild wie an einem Sommertag; die Männer saßen in Hemdärmeln da und ruderten, und die Frauen mittschiffs konnten Schal und Mantel ablegen; sogar die Sonne kam heraus und zeigte sich ihnen, und das Land lächelte wiederum wie in den ersten Herbsttagen. Es waren Kristen und Aasel von Haaberg und Peder und die drei von Segelsund und außerdem noch Arthur und Andrea und zwei oder drei Ruderknechte. Das Wetter hielt sich, solange sie in der Stadt waren, und sie blieben dort drei Tage. Die Leute von Segelsund wurden nie fertig, obgleich sie sich den größten Teil des ganzen Staates bis aus Bergen verschrieben hatten. Eine Kiste nach der andern brachten sie herbei und schleppten sie an Bord. – »Angst möchte einem werden«, sagte Aasel. »Denn mit dem, was wir gekauft haben, können wir uns wohl nirgends sehen lassen.« Immer und immer wieder sagte sie, nein, nun müßte man doch Vernunft haben, nun müßte man aufhören, aber es gab kein Aufhalten. Nicht sie war es mehr, die die Dinge auswählte, sondern die Dinge ergriffen sie, und wo sollte das hinführen? Sie kaufte sich eine seidene Haube mit Pelzkanten und Schleifen und Bändern daran, als wäre sie irgendeine vornehme Dame. Die Haube war gekauft, ehe sie sich's versah, Gott mochte ihr die Sünde verzeihen. – »Es ist gleich«, sagte sie, sie hatten den Brauch schon früher gebrochen, die auf Haaberg; und mit dem Geld sollte jeder es halten, wie er konnte; aber wie gesagt, wo sollte das hinführen? »Aber schau, ich wollte doch auch nicht, daß du dich meiner schämen solltest«, sagte sie zu Andrea, und Andrea sah sie hell und freundlich an – sie konnte einen so durch und durch gut machen. – »Wo das hinführt?« grinste Kristen. Das sollte sie doch nicht gerade ihn fragen. Aber schließlich richtet man ja auch nicht jeden Tag eine Hochzeit aus. Von Peder bekamen sie weniger zu sehen. Er war mit Bekannten von seinen Fischerfahrten hier zusammengetroffen, mit Netzmeistern und Schiffern und anderen großen Leuten, leichtlebiges Volk alle miteinander, eine Nacht kam er nicht einmal zum Schlafen heim, und als sie ihn am nächsten Tag wieder trafen, war er betrunken und voller Dummheiten, so daß man kaum ein ernstes Wort aus ihm herausbringen konnte. Aber eines stellte er doch in diesem Zustand an: Er kaufte sich einen fertigen Mantel und kam damit auf die Straße. Und was für ein Mantel das war! Der blaueste und feinste Düffel, den man sich nur denken konnte, und mit Samtkragen und seidenem Futter, fast als wenn man der Obrigkeit begegnete. – »Den hat mir einer verkauft!« Mehr konnten sie nicht aus ihm herausbringen. – Da wäre es wohl am besten, auch den Anzug für den Bräutigam gleich hier in der Stadt machen zu lassen, meinte Aasel, und so wurde es gehalten; sie mußten dem Schneider sogar noch einen halben Taler mehr bieten, dafür, daß er ihn bis Weihnachten nähte, und Peder schlug auf den Tisch und bot einen ganzen Taler, wenn er schön gemacht würde. – »Denn gleichgültig, wie es mit der Hochzeit geht und steht, ob etwas daraus wird oder nicht«, sagte er – »anständige Kleider muß ich haben!« Er sah sie vielsagend an, sowohl die Mutter als auch die anderen. Aasel fühlte, wie ein Stich sie durchfuhr. Aber nicht lange darauf sah sie Peder und Andrea, wie sie zu zweit durch die Straßen gingen, und sie wurde so froh, daß sie hätte weinen mögen. Dann endlich glaubte Gjartru, daß es genug sein könnte, und hatten sie wirklich etwas vergessen, so konnte man es ja mit dem Dampfer nachkommen lassen. »Wenn wir bloß schon alles schön und gut daheim hätten!« – »Dafür wollen wir schon den Herrgott sorgen lassen«, lächelte Aasel. Gleich nach Mittag stieß das Boot in der Stadt vom Ufer ab. Der Fjord war nur leicht gekräuselt, aber sie hatten räumen Wind, und die Männer setzten die Segel und ließen sich treiben, denn es war in der Stadt nicht so trocken gewesen, daß sie jetzt Lust aufs Rudern gehabt hätten. Kristen stand achtern und steuerte. Draußen, wo der Fjord enger wurde, bekamen sie Gegenwind, und so begannen sie zu kreuzen, nun konnten die Weiber sehen, wie fein diese neumodischen Boote sich bei solchem Wind anstellten. Ja freilich, vorwärts ging es, und kalt war es auch nicht, aber es sah doch aus, als würde es ein langsames Heimkommen werden. – »Wenn doch bloß der Schwarze ein wenig blasen wollte«, sagte Peder. – »Wünsch dir nur keinen Sturm!« warnte Kristen, und die Weiber stimmten mit ein, Arnesen aber hielt es mit Peder und behauptete, solche Boote wollten Sturm haben, ob mit oder gegen die Fahrtrichtung war gleichgültig. Es wurde Abend, aber sie hatten ja den Mond, und gegen die Kälte konnten sie, wenn nötig, einen kleinen Schluck Stadtschnaps zu sich nehmen. Endlich waren sie aus dem Sund heraus und hatten den großen offenen Fjord vor sich. Und jetzt bekamen sie Wind, eine richtige steife Nordbrise, mit Schneekörnern obendrein. – »Jetzt mußt du das Steuer übernehmen, Arnesen«, sagte Kristen – »du bist doch Schiffer.« – »Nein, das ist der Peder, der muß den Steuermann machen«, lachte Arnesen, man konnte hören, daß er ziemlich gut geladen hatte. Peder ging nach achtern. Als allererstes ließ er den Klüver bergen, denn die See war hier, wo der Sund sich öffnete, ziemlich heftig, und das Wasser spritzte in einem fort über die Weiber hin. Die Waren hatten sie zwar so gut wie möglich zugedeckt, sie hatten sich sogar mit Persenning und Segeln ausgerüstet, aber auf die Dauer konnte man eine solche Nässe nicht aushalten. – »Du mußt schön segeln«, ermahnte Kristen. – »Ja. das mach ich, wie ich will!« knurrte Peder. »Mir wär's am liebsten, wenn – – –« Es war eine lustige Fahrt, und Andrea und Mina saßen da und kicherten und sahen zu, wie die Sturzseen herankamen und sich auf der Leeseite wieder davonmachten. – »Sie sind wirklich zudringlich«, sagte Mina. Aber sie kamen nicht recht vorwärts, der Wind sprang um und stand ihnen mehr und mehr entgegen, und das schlimmste war, daß das Schneetreiben ihnen jede Aussicht auf das Land wegnahm. Sie gingen frühzeitig vor dem Südwestufer über Stag, und als es an der Zeit war, hielten alle Mann Ausguck nach dem Ostufer. Aber sie fanden es nicht, und da kreuzten sie wieder nach der anderen Richtung. Sie sprachen davon, ob sie ein Reff wegstecken sollten. Aber Peder tat, als höre er nicht. Gjartru begann wegen der eingekauften Sachen zu jammern und bat, doch umzukehren. Und sie alle waren sich darüber einig, daß es auf diese Weise nicht weiterging. Andrea hatte dagesessen und Peder angesehen, und auf einmal rief sie, sie fürchte sich! Die anderen beruhigten sie, und Peder lachte laut und höhnisch. Dann aber schwieg er jäh und legte das Ruder nach Lee hinüber. Das Boot schoß in den Wind auf, stand still und stampfte schwer in der See. – »Nehmt das Schneetreiben weg, damit ich etwas sehen kann«, sagte Peder. – »Wir müssen schauen, wieder in den Sund hineinzukommen«, meinte Kristen. – »Ja, sag mir nur erst, wo der Sund ist«, erwiderte Peder. Ja, ja, hier konnten sie nicht liegenbleiben, das war klar. Der Sturm heulte in den Riggen, daß die Weiber zusammenschraken, und die Segel wollten fast zerreißen, das Meer schäumte und rauchte jetzt, und die Wogen zischten über den ganzen Fjord hin. Es sah schlimm aus. – »Wir müssen noch einen Schlag hinüber machen«, sagte Arnesen, »ich glaube, da drüben haben wir das Ufer von Grönset!« Er deutete hinüber. – »Komm her und nimm du das Steuer«, sagte Peder; es klang müde. – »Nein, nein, Peder, bleib du am Steuer, bleib nur du am Steuer!« Andrea fuhr halb in die Höhe. Aber Mina ergriff sie hart beim Arm: »Der Vater soll steuern, hörst du!« Arnesen ging nach achtern, und das Boot bekam wieder volle Segel. Es war gleich besser auszuhalten, wenn man nur wieder vom Fleck kam. Peder tastete sich zu Mina und Andrea vor, und jede hielt ihn auf einer Seite fest. Andreas Griff war hart. – »Ja, nun werden wir schon sehen«, sagte er. Jetzt wird gleichsam das abgemacht, was abgemacht werden muß .« Da bekommen sie einen Stoß, daß alle übereinander fallen. Was weiter noch vor sich geht, wissen die meisten nicht mehr. Die Männer fluchen und fieren Schoten und Falls und reißen die Segel herunter, das Boot legt sich hart über, und man hört, wie das Wasser auf der Leeseite über die Reling hereinstürzt. »Die Langholm-Schäre!« sagt Kristen. »Bleibt nur ruhig«, ermahnt er sie. Die Männer greifen zu und versuchen jeder mit seinem Ruder das Boot freizubekommmen, aber es geht nicht, sie sind hoch auf den Felsen aufgefahren. Ja, ja, es war jetzt steigende Flut, und hier in der Nähe war die Insel, es hatte also keine Not, so trösteten sie sich. »– ›Hier haben wir keinen Seegang‹ –, sagte das Weib, als es auf dem Trockenen lag«; Arnesen nahm sich ein Stück Kautabak. »– ›Deshalb kann morgen doch wieder gutes Wetter sein!‹ sagte der Nordländer, als er im Westfjord kenterte.« Es war Peder, der ihn mit diesem Spruch unterstützte. Ein jeder brachte den seinen vor, sämtliche Männer. Sie sahen nach, ob das Boot großen Schaden gelitten habe. Darüber konnten sie sich zwar nicht einig werden, aber sie mußten doch aus Leibeskräften pumpen und schöpfen, denn das Schiff war halb voll Wasser, und den Waren wurde übel mitgespielt. Bald stellte es sich heraus, daß das Lenzen nichts nützte, der Schaden war doch beträchtlich. Sie müßten froh sein, daß sie nicht vom Felsen freigekommen seien, murmelten sie untereinander, hier hätten sie wenigstens die Schäre, wenn es drauf und drum ginge. Und auf die Schäre mußten sie hinauf, so klein und schlüpfrig sie auch war, und das meiste von ihren Schätzen auch. Es war eine unangenehme und eine gefährliche Arbeit, denn jetzt stand der Gischt haushoch und überspritzte sie beständig, und das Boot stampfte so schwer, daß es gefährlich war, ihm nahezukommen; und die Schneekörner stachen wie Nadeln ins Gesicht. Und die Schäre war jämmerlich klein, es sah fast aus, als wollte die See sie unter ihren Füßen weg verschlingen. Sie nahmen ein Dreggtau vom Boot und befestigten es an einem Stein auf der anderen Seite der Schäre, so hatten sie wenigstens etwas, um sich daran festzuhalten. Als das Boot leer war, untersuchten sie es genau. Eine der Planken war bis zum Steven vor zertrümmert. Kristen zeigte es den Männern. Zunächst sagte keiner etwas. Dann aber kam Aasel zu Kristen: »Du mußt mir die Wahrheit sagen!« Das tat Kristen, aber nur mit leiser Stimme. – »Und die See steigt?« – Nein, wenn er ehrlich sein wollte, so tat sie das nicht; der Nordwind kam meistens während der Ebbe. Aber lange Zeit würde es nicht dauern, bis sie wieder steigen würde. Bis dahin aber beruhigt sie sich, fügte er hinzu. »Ach, ja, ja, mein Gott!« seufzte Aasel, als sie zu Gjartru kam. – »Hast du Angst, Aasel?« – »Nein, woher doch. Ich habe nicht Angst – ich habe auf dem Meere nie Angst gekannt, weißt du. Aber das hier ist etwas anderes. Etwas ganz anderes, ja.« Sie drehte sich herum und sah der Schwester ins Gesicht: »Wir hätten dem Herrgott nie den Rücken drehen sollen. Wir müssen versuchen, uns wenigstens jetzt an ihn zu halten!« – »Aber damit solltest am ehesten du anfangen, Aasel!« – »Ja; ich weiß es. Ich weiß es.« Die Sturzwellen durchnäßten sie bis auf die Haut und vor ihren Augen drehte sich schon alles, die Schäre tauchte ins Wasser hinab und schoß dahin, es war unheimlich; dann stand sie wieder still und die Menschen mit ihr, und die Sturmnacht und das Unglück war über ihnen, es war kein Traum. »Ich fange mit dem hier an!« sagte Aasel, nahm ein Paket und warf es in die See; es war die Haube. »Da ist noch mehr!« Sie warf eine große Pappschachtel fort, es war lauter Staat und Putz darin. »Auch du solltest nicht verhärtet sein, Gjartru – oh, wir haben nicht nur gegen uns, sondern gegen das ganze Geschlecht gesündigt! Und wir hätten es doch besser wissen sollen.« Gjartru weinte, und die Tränen gefroren auf ihren Wangen, aber sie faßte das Tau fester und richtete sich gerade auf. »Wir sollten uns erinnern, wer wir sind!« Aasel schleuderte noch etwas hinaus. »Das tue ich ja gerade!« rief Gjartru und biß die Zähne gegen den Sturm zusammen. »Du rührst mir mein Bündel nicht an, lieber spring ich selber ins Meer!« Die Männer bemühten sich nach besten Kräften um das Boot, sie waren an Bord und stemmten es mit aller Gewalt von den schärfsten Felskanten weg. Kristen griff am härtesten zu. Da aber läßt Peder sein Buder los und tastet sich am Tau entlang zu den anderen vor. »Jetzt ist nichts mehr zu wollen!« sagt er. Er sagt es noch einmal, aber keiner hört es. Andrea hängt sich an ihn, es war doch ein Trost, ihn zu fühlen, wenn er auch nichts weiter helfen konnte; mochte doch Mina dort stehen und so tun, als wäre Arthur nicht hier, sie stand wie eine Säule auf der Schäre. »Es ist nichts mehr zu wollen, hört ihr nicht?« er rief es laut. »Nein, aber Peder!« antwortete Aasel. »So sag es wenigstens nicht«, fügte sie hinzu. »Schweig still, sag ich dir, ich bin an allem schuld!« »Nein doch, nein doch, Peder!« »Dann ist es also deine Schuld, du hast mich in diese Geschichte hinausgelockt!« »Ja, meinethalben, es ist meine Schuld, aber schweig jetzt still.« Sie schien ruhig wie ein Fels. Die anderen hatten genug mit sich selbst zu tun und hörten kaum ein Wort davon, außer Andrea. Aasel fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. – »Wenn du so ein Jammerlappen bist, dann … Aber es ist ja nicht wahr – hör nicht auf ihn, Andrea!« Die See begann jetzt zu steigen und fraß die Schäre rings um sie rasch weg; und der Sturm war zu stark, als daß sie hätten merken können, ob er ein wenig nachließ oder nicht. Wie ein Gebrüll erfüllte er ihre Ohren, raubte ihnen jede Besinnung. Jetzt war Arnesen wütend geworden. Er fluchte, daß es dem Sturm entgegenzischte, dies hier müßten die Leute von Haaberg bezahlen, denn die seien an allem schuld. Die hätten den verrückten Gedanken ausgeheckt, in einer solchen Angelegenheit mit dem Boot fortzufahren, und noch dazu kurz vor Weihnachten! Er wollte ihnen schon heimleuchten, zum Teufel noch einmal! Kristen gab keine Antwort, und ebensowenig die anderen, aber Gjartru stimmte ihm bei, da könne man es sehen – wenn die Aasel ihren Willen durchsetzte. Sie hörten Mina, die mit ihrer klaren kalten Stimme dazwischenfuhr: »Jetzt seid aber still und schämt euch, so geringe Leute sind wir denn doch nicht!« Sie sagte noch mehr, aber es klang nicht anders, als wenn sie in den Wind hineingehustet hätte. Jetzt nahmen die Wellen ein paar Pakete und hätten noch mehr mit sich gerissen, wäre nicht Mina gewesen; sie hielt sich mit der einen Hand am Tau fest und holte mit der anderen ein Paket nach dem anderen herauf, ließ sich den Schnee ins Gesicht peitschen, soviel es ihn gelüstete. Mit leeren Augen starrten die anderen sie an und wunderten sich. – »Nein, paß auf dich auf!« rief sie Arthur zu, der ihr helfen wollte, »aus dem Weg da!« Peder nahm die Mutter bei den Armen, fast als wolle er sie schütteln: »Kannst denn du es nicht sagen! Sag es der Andrea, dann ist es genug!« Der Sturm nahm ihnen die Luft, wollte sie aufs Meer hinaustreiben. Aasel wandte sich zu Andrea, sie mußte ihr ganz nahe ins Gesicht schreien: »Du weißt – – drüben in Juwika – –« »Ich weiß es schon lang!« Sie packte Aasel beim anderen Arm und hielt sie fest, in äußerster Not. »Das tut nichts!« Nicht lange darauf erklang Minas singende Stimme, daß das Boot jetzt frei sei! Kristen hatte es im selben Augenblick auch bemerkt. Jetzt handelte es sich darum, es so festzuhalten, daß es nicht fortgetrieben werden konnte. – »Ich meine fast, der Sturm hat auch nachgelassen?« sagte Aasel. Und sie hatte nicht unrecht, es tobte nicht mehr mit der gleichen Gewalt. Aber was half das? – »Kann man denn das Loch gar nicht zustopfen?« rief Aasel Kristen zu. – »Wenigstens so viel, daß wir bis zur Insel hinüberkommen?« Niemand antwortete; niemand kann den Weibern bei Unwetter auf der See antworten; sie hörten nur Arnesen, der vor sich hinmurmelte und fluchte. »Peder, du!« Aasel packte ihn an und schüttelte ihn. Und Peder tastete sich am Tau entlang, schwang sich über die Reling und stand im Boot. Sie sehen, wie er zerrt und reißt, an Säcken und Segeln, und nun steigt Kristen nach und hilft ihm. Die anderen standen halb erfroren da und sahen zu. Andrea hörte Aasel flüstern und murmeln, so brennend heiß; sie betete zum lieben Gott. Sie bettelte und dankte zu gleicher Zeit. Jetzt ruft Peder, das schlimmste Leck sei verstopft; sie können sehen, daß er bis an die Achseln unter Wasser gewesen war. Er nimmt einen Eimer und beginnt zu schöpfen, und die Ruderknechte werfen sich mit neuem Eifer auf die Pumpe. Dann fangen sie an einzuschiffen, und sie arbeiten wie die Wilden, schmeißen Pakete und Weiber wie in einem Rausch hinein, kappen das Tau und legen sich in die Riemen. Und dahin ging es. Es war höchste Zeit gewesen, denn nun war die Schäre verschwunden. Die Männer ruderten sich so heiß, daß der Dampf von ihnen aufstieg, und jetzt erst fingen die Weiber an, ernstlich zu frieren. Aber Aasel rät ihnen, mit den Armen um sich zu schlagen, fester, immer fester, sie sollen Leben in sich hineinschlagen, sie müßten folgen, da helfe alles nichts, und sie folgten. Rudern konnten sie nicht bei diesem Wetter, und es wäre auch kein Platz für sie frei gewesen. Das Boot wollte nicht vom Fleck kommen. Eine halbe Stunde ruderten die Männer aus Leibeskräften, ehe man endlich in Lee der Insel kam. Dort fanden sie eine ruhige Bucht, es war, als schlössen sie eine Tür hinter sich, und dann ging es an Land und hinauf in den Wald, sie mußten trockenes Holz sammeln; wie wunderbar gut tat es doch, sich auf sicherem Erdboden warm zu laufen. Kristen kam als letzter mit dem Kaffeekessel, und Mina half ihm Feuer machen. Die Zündhölzer hatte er unter der Lederweste versteckt – sie hätte ihm dafür um den Hals fallen mögen. Aber paßten sie auch aufs Boot auf? Als sie den Kaffee hinuntergestürzt hatten, war das Schneetreiben zerrissen, und der Mond stand mit einem törichten Lächeln zwischen den Wolken. Der Fjord lag mit großen Wellen im Mondschein da – unwillkürlich dachten sie an einen Riesenfisch mit funkelnden Silberschuppen. Die Heimat, jetzt ahnte man sie wie einen blauen Rauch auf der anderen Seite des Fjords. Im Osten hatten sie wilde und hohe Berge, deren Schädel vor dem Himmel standen, brausend kamen sie grauschwarz und düster von dort einher und ließen fast das Blut erstarren. Aber dennoch: es waren jetzt keine Feinde mehr. Ihr ganzes Leben lang hatten sie so dagestanden und das Meer hatte geschäumt und sich wild gebärdet; so war es nun einmal. Mina hob die kleine Nase hoch zum Mond empor: »Jetzt paßt du aufs Boot auf, Vater, während die anderen an Land gehen und Kaffee trinken!« Und Arnesen ging an Bord. Dann verstopften sie die lecken Stellen von neuem und setzten Segel. Sie hatten wieder räumen Wind und wollten bei Grönsetvika landen und dort unter Dach kommen. Peder nahm das Steuer, Arnesen spuckte aus und wollte von der ganzen Sache nichts mehr wissen. Andrea kroch nach achtern zu Peder. – »Steh den Leuten nicht im Weg! Sie müssen schöpfen«, sagte er. Sie drückte sich an ihnen vorbei und näher an ihn heran. »Wie es auch gehen mag, Peder, du mußt so handeln, wie du's für richtig hältst, wie du mußt . Ich werde es wohl – überstehen.« Er gab keine Antwort. Peder ging als letzter an Land. Die Weiber waren schon unter Dach gekommen. Aber Mina begegnete ihm draußen vor der Tür, gerade, als hätte sie hier gestanden und auf ihn gewartet. Ihr Gesicht war weiß wie der Neuschnee, aber so fest und stark und so seltsam leuchtend schön, wie ein Geschenk schien es ihm. Sie nahm ihn bei der Hand: »Nun sollst du zeigen, Peder, daß du der bist,für den ich dich gehalten habe. Daß du uns nicht alles zerstörst. Denke wenigstens an deine Mutter – das tust du, das weiß ich, nicht wahr?« »Hab keine Angst, Kind!« Er spuckte den Kautabak in weitem Bogen aus. »Ich werde an euch alle miteinander denken. Ob es nun so oder so hinausgeht.« Die Hochzeit 1 Der Sturm hatte den Schnee schon seit langer Zeit weggefegt und Wiesen und Moore waren aper; und immer noch hielt er an, es lag ein gleichmäßig klagender Laut über den Bergen und rings um die Häuser, und über Fjord und Meer jagte es dahin. Aber es war trotzdem Weihnachten, und nun sollte an dem Sonntag zwischen Weihnachten und Neujahr die Hochzeit stattfinden. Heute am Samstag war das Wetter soweit erträglich, daß der Pfarrer und alle, die eingeladen waren, über den Fjord herübergelangen konnten. Und es waren nicht wenige Boote, die im Lauf des Tages ankamen, aber keines von Juwika. Vierzehn Tage lang hatte beinahe in jedem zweiten Hof große Unruhe geherrscht, bis sie endlich wußten, wer eingeladen wurde und wer nicht. Man wußte nur so viel, daß nach Gjartrus Willen nicht viele eingeladen werden sollten, im Gegenteil, es sollten nur verflucht wenige sein, wie bei einer Hochzeit von vornehmen Leuten, und daß Aasel es auf die alte Weise haben wollte: alle, die zum Geschlecht gehörten, und alle, die Nachbarn und gute Bekannte waren. Darum hielten es alle einstimmig mit ihr und meinten, die Haabergleute wüßten doch, wie es in der Gemeinde der Brauch sei; und sie sagten das auch, beinahe ein jeder, soweit müsse doch einer seinen eigenen Kopf durchsetzen können. Der Streit zwischen den Schwestern war still aber erbittert gewesen, und das Ende vom Lied war, daß sie beide die Leute einluden, die sie gerne haben wollten. Da wußte Aasel, daß sie gewonnen hatte; und sie hielt das auch für notwendig. Von Haaberg kam der Hochzeitbitter, wie es der alte Brauch erforderte, und es waren nicht viele Türen, an denen er vorüberging. Von Segelsund kam es schriftlich! Gjartru schrieb auf ein Papier, auf ein kleines feines viereckiges Stück Papier, und darauf stand die feine Sache. Aber es waren nicht viele, die es erhielten. Um so mehr merkte man es den wenigen an, zu denen es gekommen war. Dieser Brauch konnte ja auch ganz schön sein, selbst wenn er nicht von Haaberg ausging. Der Tierarzt mischte sich nicht hinein, er war immer noch so fremd in der Gemeinde wie bisher, und es war am schlauesten, ihn in Frieden zu lassen. – Diese ganze Hochzeit war eine Sache für sich. Die alten Leute murmelten vor sich hin, eigentlich müsse es doch schlecht auf Haaberg stehen, wenn man dort auf einen anderen Hof reise, um Hochzeit zu halten. Auch die Jungen kannten sich nicht recht aus, aber sie waren geladen, und damit gaben sie sich zufrieden; eine neue Melodie ist schließlich auch eine Melodie, und in dieser hier war ein guter Ton. Heute abend sollten nur jene kommen, die den längsten Weg hatten, und außerdem noch die allernächsten Verwandten. Aber trotzdem wurden es ihrer viele, und Gjartru bekam einen roten Kopf. – »Ich glaube, du hast jedes Gesindel eingeladen, das dir über den Weg lief«, sagte sie zu Aasel. Aasel sieht sie an, sie steht gerade in der Speisekammer und packt einen Geschenkkorb aus. – »Jedes Gesindel? Sind das etwa keine Leute? Und noch dazu ordentliche Leute? Wenn sie auch nicht im größten Staat sind – – übrigens, was glaubst du wohl, wie du eigentlich aussiehst? Und noch etwas: Daß mir heute keiner zuviel trinkt!« Gjartru stand im roten Kleid da mit den schwarzen Perlenbändern und einem hohen weißen gekräuselten Kragen rings um den Hals und ebensolchen Rüschen an den Handgelenken. Das Haar war großartig aufgestellt. An der Brust trug sie eine goldene Nadel, so groß, wie Aasel noch nie eine gesehen hatte, so groß, daß man es kaum für Gold halten konnte. Gjartru wurde jetzt noch röter als das Kleid. Aber sie brach in ein Gelächter aus, es war wie ein Tanz übermütiger Kinder: »Du Aasel! Bist du wirklich von Haaberg? Oder bist du nicht recht bei Trost?« Aasel schwieg eine Weile. Sie wollte sich erst fassen. Dann beugte sie sich wieder über den Korb und seufzte: »Das geht niemals gut hinaus. Ich fühle es an mir. Und gerade jetzt, wo sich alles so merkwürdig gut anläßt!« »Das hier, Aasel, ist der erste Tag mit schönem Wetter!« Gjartru lachte immer noch. »Aber jetzt mußt du hinaus und wieder Gäste empfangen, es sind die deinen und nicht die meinen, das höre ich am Schritt.« »Erinnere dich einmal später daran, daß ich dich gewarnt habe, Gjartru!« »Ja doch, ja doch! Schönen Dank, Aasel. Für alles miteinander!« Jetzt war sie so bleich, daß die Lippen bläulich wurden und zu beben schienen. Dann sieht sie Aasel mit zusammengekniffenen Augen an: »Sag mir, siehst du eigentlich gut? Du hast in letzter Zeit so ähnliche Augen wie der Vater?« Da wurde es Aasel schwarz vor den Augen. Wenn ich es jetzt fertigbringe zu schweigen, dann ist es gut, dachte sie. Aber sie fand überhaupt keine Worte mehr. Sie blieb vor Ola stehen, als sie durch die Stube ging, aber nicht einmal mit ihm konnte sie über das hier sprechen. Ob sie die eine Braut gesehen habe, fragte er. Er gehe überall umher und suche die Andrea. – Nein, die hatte Aasel nicht gesehen; wollte er irgend etwas Besonderes von ihr? Ola antwortete nicht, er war schon wieder auf dem Weg hinaus. Er wollte sie sehen, das war der Grund, warum er heute abend hierhergekommen war, und dann würde er vielleicht seine Mütze nehmen und seiner Wege gehen. Aber Andrea war nirgends zu finden. Sie steckte wohl irgendwo oben im Dachraum. Drüben in der anderen Stube fand er Peder, der mit ein paar jungen Leuten von Lines beisammensaß und sich unterhielt. Ist er noch so schüchtern! durchfuhr es Ola. Da hat sie ihn also schon beim Kragen. Er setzte sich zu ihnen hin. – »Nur immer geradeaus, sagte der König!« wandte er sich zu Peder. Er wiederholte es: »Und mach keine Dummheiten, Peder, was du auch sonst anstellen magst! Denn zu spät ist zu spät!« Peder stand auf und ging, als hätten ihn die Worte verbrannt. – »Aus dir hab ich mir nie viel gemacht«, murmelte er. Dann aber wandte er sich heftig um und kam zurück. Die Stube ist von lautem Geschwätz erfüllt, denn die Leute waren hier bereits heimisch geworden, und Peder fühlt, wie es ihn heiß durchjagt. – »Du glaubst wohl, ich sei jetzt gezähmt, ich getraue mich nicht mehr. Ich will dir nur eines sagen: nämlich, daß ich meiner Wege gehe. Heiraten werde ich morgen noch, ja, darauf kannst du dich verlassen, dann aber geht's nach Amerika. Zusammen mit Oheim Jens. Ja! Du machst ein so langes Gesicht, Oheim Ola, kommt dir das unerwartet? Was hast du denn sonst gemeint – daß ich Verrücktes anstellen könnte? Ja, übrigens, es hat an einem Haar gehangen – und das tut es noch! Daß ich nicht vortrete und ein paar Worte sage. Und der ganzen Herrlichkeit ein Ende mache, he? Aber jetzt reise ich, nehme sie mit mir und reise, und so lange wirst du wohl noch den Mund halten, nicht wahr?« – »Da bekomm ich also Gesellschaft nach Amerika, wenn ich recht höre«, lächelte Ola. Aber nach und nach hatte sich sein Gesicht verändert, und er konnte den Blick nicht von Peder wenden. »Das wirst du doch nicht tun?« sagte er; die Stimme kam wie aus einem zugeschnürten Hals. »Das tust du doch nicht, Peder?« Da aber hatte Peder sich auf dem Absatz herumgedreht, und Ola stand allein. – »Er ist doch nicht vollkommen verrückt?« Dann stieß er die Luft durch die Nase: »Steh ich wirklich da und bin in den Haaberghof vernarrt! Dann bin ich es wohl schon lange gewesen.« Ja, darüber gab es keinen Zweifel, und was war aus Andrea geworden? Er ging einen Sprung die Treppe hinauf und sah sich oben nach Andrea um. Unzählige Menschen kamen und gingen, Neuangekommene standen da und schmückten sich, sie aber war nicht darunter. Da ging er wieder zu Aasel. – »Findest du sie nicht?« fragte die. – Nein, und er suche sie auch gar nicht. Er gehe nur so herum und schaue sich die Gäste und die Hochzeitskleider an. – »Du siehst fast so aus, daß man meinen könnte, dir sei ganz leicht ums Herz«, sagte sie. – »So ist mir's auch. Ich bin froh! Denn hier herrscht Leben, hier wird etwas geschehen , nicht wahr?« – »Ach, meinst du?« – »Ja? Hier sind doch Leute, die etwas glauben und etwas wollen, das merkst du doch? Und hier ist gut sein. Und noch ist es doch mit Haaberg nicht zu Ende?« – »Haaberg?« – »Haaberg ja. Aber hör jetzt nicht auf mich. Doch, es ist wahr, Aasel. Das ist das einzige, woran ich noch glaube. Woran ich glaube – da hörst du, daß ich lebe. Nein, nein, ich bin noch nicht betrunken, es ist mein eigenes Ich, das redet. Bis auf den heutigen Tag habe ich immer gewünscht, daß einer von uns einmal ausbrechen und wild werden sollte, irgend etwas anstellen sollte, der Peder oder irgendeiner eben, und ich wünsche das heute noch. Aber nicht jetzt und nicht in dieser Art – –« Da machten sich zwei Frauen Bahn und Aasel mußte die Treppe hinuntergehen; aber sie lächelte seltsam zu Ola hinauf, denn das meinte er im Ernst, aber was meinte er eigentlich? Peder stand an der Hausecke und ließ sich vom Wind durchblasen. Er hatte wieder einen Anfall, wie schon so oft, bei dem es ihm auf einmal in der Stube so heiß wurde, daß ihm der Schweiß ausbrach. Als er sich umdreht, sieht er Mina in der Tür, und sie ihn, und dann tritt sie heraus und geht ihm entgegen, strahlend über das ganze Gesicht, obgleich es so bleich ist, daß man hätte hindurchschauen können. Sie hatte große Augen wie ein Kind, und es machte sich wie von selber, daß sie ihn bei der Hand nahm. Sie griff mit beiden Händen nach der seinen: »Stehst du da draußen? Allein?« – »Ja, ich darf doch wohl einmal Luft schöpfen? Ich bin ja kein Frauenzimmer, ich kann in dem Dunst da drin nicht schnaufen, das ist klar.« – »Du auch, Peder! Wie seltsam du bist – mir kommt es so vor, als wärst du – – als sollten lieber wir beide es sein!« Eine Blutwelle schoß ihm in die Wangen. Sie aber lachte und schlug es in den Wind: »Du wirst doch wohl einen Spaß verstehen, ich stecke heute abend voll lauter Dummheiten, aber du sahst so merkwürdig aus, als wärst du im Begriff, deiner Wege zu gehen, wie einer aus dem Märchen.« – »Ja, gib nur acht, daß ich's nicht wahr mache, du!« Sie sieht ihn mit großen Augen an und läßt dann seine Hand los, beißt sich auf die Lippe und geht von ihm fort. Sie suchte eigentlich Arthur. Bis zum Küchenhaus mußte sie gehen, ehe sie ihn fand – dort hatte er sich versteckt und bastelte an etwas herum, ein Lampenhaken sollte es werden – »drinnen fehlt einer«, sagte er. – »Du siehst aus, als hätten dir die Hühner das Brot weggefressen?« sagte sie. – »Was meinst du?« – »So zahm; man möchte fast glauben, es hätte dich einer klein gekriegt. Was würdest du sagen, wenn wir jetzt von der ganzen Herrlichkeit wegreisten? Nach Amerika?« Er sieht sie ruhig an, ein wenig schwer – mit solchen Augen schaut einen manchmal ein Hund an, mußte sie denken; und so breit und gut konnte einzig und allein der Arthur lächeln. Sie hob den Finger zu seinen dicken schwarzen Brauen, zog den Bogen in der Luft nach: »Da bist du so schön. Wer unschuldig ist, der sieht so aus.« Arthur griff nach ihr, aber sie entwand sich ihm: »Gib Frieden jetzt! Denk daran, was für ein Abend heute ist. Aber hör einmal, Arthur: Kannst du nicht selber zum Peder hingehen und ihn fragen, ob er dir die Wiesen verkauft, von denen wir sprachen, da könnte man einen Hof draus machen. Denn ich will nicht mit ihm reden, ich bringe es nicht fertig, hörst du! Ich will, daß du es tust. Und ich glaube nicht, daß er sich sträuben wird, er kann so seltsam sein. Er kommt oft auf die merkwürdigsten Gedanken, wenn er will!« – »Es war ja nur ein Gedanke. Du weißt, daß er es nicht tut. Und es würde auch ein teurer Hof werden. Aber ich dachte, ich könnte ihn vielleicht dazu bewegen, für mich zu bürgen, wenn ich Lines oder irgendeinen anderen Hof kaufte.« – »Bürgen? Aus solchen schlauen Sachen mache ich mir nichts.« Sie stand eine Weile da und sah vor sich hin, und dann ging sie. Arthur sah ihr nach und holte ratlos Atem. Denn das war ihre Art. Sie kam ganz dicht an einen heran, und danach stand man mit ebenso leeren Händen da wie ein Kind, das nach dem Sonnenschein greift. Als sie in die Stube trat, sah sie sofort, daß der Vater betrunken war. Er war glühend rot und nicht allzu freundlich. Da mußte man sich in acht nehmen vor ihm, das war geraten. Und der Schwiegervater und der Jens, der heute den Kellermeister machte, waren in der gleichen Verfassung. Sie aber standen noch auf sicheren Beinen. Mina trat zu Jens, legte ihm die Hand auf die Schulter: »Du mußt achtgeben, Onkel, daß sich heute abend niemand unter den Tisch trinkt, davon will ich nichts wissen.« – »Soll geschehen, mein Herzblatt!« Er schlug die Hacken zusammen und verbeugte sich wie eine Holzfigur. – »Onkel, du …« flüsterten alle, die das gehört hatten. Ja so, jetzt hieß es nicht mehr Oheim hier im Haus, jetzt wollten sie richtig hoch hinaus. – Aber es passe doch zu ihr, rege sich nur keiner auf. – »Mein Gott, hier geht es aber kalt von den Wänden weg«, sagte einer. »Gerade als wären hier zwei, die einander nicht anschauen mögen«, sagte der andere. So war es wirklich zwischen Aasel und Gjartru. Beide sahen es klar und kalt vor sich, daß keine von ihnen nachgeben konnte; hier herrschte der Kampf in eigener Person, und der stand zwischen Gutem und Bösem. Aasel konnte mit Kjersti Rönningan sprechen, denn diese sollte der Bewirtung vorstehen. Gjartru hatte Jens. Und alle beide hatten sie Andrea im Hintergrund, sie mußte doch wohl verstehen, um was es sich handelte; sie aber konnte man heute abend nicht zu fassen bekommen. Andrea kam nicht eher zum Vorschein, als bis sich alle zum Abendbrot setzen sollten. Da erschien sie wie ein guter Engel, denn wer hätte sonst gewußt, wie sie sitzen sollten und wie alles gemacht werden mußte. Sie machte das wie etwas Alltägliches; der hier, und jener dort, und hier sollte sie sitzen, zusammen mit dem Vater, und der Peder gerade gegenüber; anders konnte es gar nicht sein. »Ist Anders nicht da?« wurde gefragt. – »Nein, nicht heute abend«, sagte Aasel; »er kommt morgen. Das alles hier ist wohl ein bißchen merkwürdig für ihn; er denkt sich wohl sein Teil dabei, glaube ich. Aber er sagt nichts. Im übrigen hat er noch nie Angst davor gehabt, daß die Leute große Augen machen könnten; wenn es nur nicht gerade auf die schiefe Bahn führte.« Gjartru schnitt sich heftig ein Stück Butter ab und sah Andrea an. Andrea lächelte vor sich hin. Ola konnte kaum ruhig sitzen. Er wollte noch mit Peder sprechen. Er hätte gerne gewußt, wieviel an der ganzen Sache Prahlerei und wieviel Drohung war. Er wollte das um Aasels willen tun – sie und der Hof, das kam auf eines heraus, fand er. Warum feierten sie eigentlich solch ein Fest? Was sollte man sich dabei denken? Er hörte den Wind über die Hügel heulen, hörte den langgezogenen Ton über den Haabergäckern und rings um die Häuser dort; gleichsam als wisse der Wind nicht, warum er singe. Wer weiß, vielleicht pfiff er nur für die Berge und für weiter nichts; und der Vater saß in der Kammer daheim und war blind. Ola drängte sich mit den Ellbogen bis zu Peder vor, kurz ehe sie aufbrechen sollten. Er lächelte ihm zu wie ein Teufel durchs Guckloch: »Hast du wirklich den Hof noch nicht bekommen, Peder?« – »Was geht das dich an!« Peder stieß das nur kurz heraus und sah dabei über seinen Kopf hinweg. »Nein, mich geht's nichts an. Und vielleicht ist es der Andrea auch recht so.« So, das würde jetzt schon seine Wirkung tun, dessen war er sicher. Das tat es auch. Als sie heimgekommen waren, sagte Peder geradeheraus, daß er, wenn er heiraten sollte, den Hof dazu haben wolle. »Ich will ihn besitzen, noch am gleichen Tag, an dem ich heirate; später kann es dann gehen, wie es mag.« Sie hatten sich's nicht anders gedacht, sowohl Kristen als auch Aasel, und damit war die Sache also gesagt und abgemacht. – »Nach der Hochzeit ziehen wir in die Austragstube hinüber«, sagte Aasel. »Und über die Bedingungen werden wir schon einig werden. Wir werden euch nicht das Fell über die Ohren ziehen«, fügte sie hinzu. – »Und den Preis setzt du fest, du selber«, sagte Kristen. »Jawohl.« Peder stand eine Weile da. Gar nicht lange, nur einen Augenblick, bis er sich herumdrehen wollte, aber ihn dünkte, seine Gedanken streiften weit umher und reichten tief hinab. Er mußte gegen Andrea so handeln, wie er auch gegen eine andere hätte handeln sollen; er konnte sich ja hier in lauter Arbeit vergraben und andere in die Welt hinausfahren und es zu etwas bringen lassen, die andern das werden lassen, was er gerne geworden wäre. Das war durchaus keine Kleinigkeit für den, der wußte, was das bedeutete und der ihn kannte – und solch einen gab es so gut wie gar nicht! Schön, nun sollten sie also nicht kommen und behaupten, daß er ein Nichtsnutz und ein Faulenzer in seiner Sippe sei. Freilich, es gab keinen, dem er dies hätte sagen können, und das war auch nicht nötig. – »Ich gehöre nicht zu dieser Art von Leuten!« meinte er, und damit ging er und legte sich schlafen. – Im übrigen konnte sich ja noch gar manches ereignen! Das gleiche sagte Aasel, als sie zu Bett gegangen war, wie ein Stich durchfuhr es sie: »Es kann sich noch vieles ereignen. Er kommt mir manchmal so seltsam vor.« – »Wer?« fragte Kristen. – »Der Peder. Aber, der Herrgott wird uns wohl helfen, er hat uns ja auch bisher geholfen.« 2 Andrea stand im schwarzen Seidenkleid vor dem Altar. Mina aber trug ein hellrotes Kleid, und solch einen Engel hatte man bisher noch nicht in dieser Kirche gesehen. Arnesen war in voller Uniform, und auch Gjartru konnte sich sehen lassen, das ganze Kleid bestand aus Rüschen und Bändern, und darüber trug sie einen Umhang, mit dem sie hätte fliegen können. Das alles machte so starken Eindruck auf die Leute, daß sie am liebsten Dankeschön gesagt hätten. Das ganze Kirchspiel sozusagen drängte sich vor und opferte. – Und von nun an mußten sie Gjartru wohl Madam nennen. So ist es in der Welt, sagten sie, wer vorwärts will, der kommt vorwärts, wir sind unser genug, die zu klein bleiben. Hatten sie Aasel heute gesehen, wie klein und unscheinbar sie dasaß? Das Mittagessen wurde gleichzeitig in zwei Stuben aufgetragen, und sie saßen bis in die dunkle Nacht an den Tischen; die Leute waren früher eigentlich noch nie auf einer Hochzeit gewesen, das merkten sie jetzt. Immer und immer wieder fragte der alte Anders, ob man denn noch nicht bald satt wäre? Und »Laßt mich doch in Frieden!« bat er, wenn sie neue Schüsseln hereintrugen. Zuerst hatte er sich nicht mit an den Tisch setzen wollen, zusammen mit anderen Leuten, dann aber hatte er sich's anders überlegt: »Nun habe ich vierundzwanzig Jahre im Dunkeln gesessen, jetzt darf ich mich vielleicht auch wieder ein bißchen rühren.« Schließlich, als der Lärm die beiden Stuben bis an die Decke hinauf erfüllte, stand Arnesen auf und hielt eine Rede. Sie fühlten sich anfangs alle nicht wohl dabei, aber es war doch auch wieder lustig, und keiner steckte den Kopf unter den Tisch. So etwas konnte er, der Arnesen, damit hatte es keine Gefahr, er redete so schön, daß ihm die Tränen kamen. Da aber richtete sich Anders auf, ein wenig scharf: »Setzt ihn doch wieder auf seinen Stuhl, er ist ja stockbesoffen.« Arnesen setzte sich wieder, und das Gelächter schlug über ihm zusammen. Und jetzt ging es viel leichter mit dem Essen. Die älteren Leute hatten sich vorsichtig, aber mit sicherem Griff herausgenommen, kosteten alles, was angeboten wurde, betrugen sich wie immer, wenn sie irgendwo eingeladen waren, und hielten sich, trotzdem sie jetzt mutig geworden waren, streng an den Brauch. Die Jungen waren verlegener, denn hier sollte alles fein vor sich gehen, und keiner wollte sich unrichtig benehmen; sie wechselten die Gabel von einer Hand in die andere, sahen sich ratlos um, stocherten alles an und schielten zum Nachbarn hinüber. Eines aber wußten sie, nämlich daß das Trinken eine schöne Sache war, und nun fühlten sie sich auf einmal wieder daheim, und mehr als das, scherten sich den Teufel um fein oder unfein – »da geh her!« riefen sie, »und iß dir den Bauch voll, zur Hölle mit der Gabel, greif nur zu! Und gib mir die Schüssel mit dem Süßen noch einmal!« Oben an dem einen Ende des Haupttisches in der Großstube, wo die Gastgeber selber saßen, fühlte man sich immer weniger und weniger wohl, jeder hatte mit sich selber zu tun. Kasten Landre von Valvaere war heute der vornehmste Gast, jetzt hielt er eine Rede; und ihm kam keine Träne, er sprudelte über von Spaßen und Witzen, sie mußten alle laut lachen. Und jetzt passierte noch vieles, ehe sie fertig waren, ein Ereignis löste das andere ab, Vernünftiges und Tolles durcheinander, und alles wurde mit Gelächter und Gejohle begrüßt, und nichts kam bis zum Ende. Die Frau des Bankmannes hatte zuerst wie festgenagelt dagesessen, hatte kaum gewagt aufzuschauen. Jetzt wurde sie so mutig, daß sie Gjartru einfach über den Tisch weg fragte, wie sie denn diese Speise hier nannten und ob sie gut sei? – Das sei Disär, sagte Gjartru, sie zog die eine Schulter hoch und wollte die Frau los sein. »Disär, hm! Mja, aber das sind doch Sachen, von denen einem die Winde gehen?« fragte die andere. Der Bankmann selber hieß Heggerud, und das war ein seltener Name hier in der Gemeinde; sie nannten ihn deshalb meistens Herregott. – »Schweig lieber und iß!« warnte er jetzt. »Herregott, Heggerud!« lachte Anders; er lachte so, daß ihm die Tränen herunterkollerten. »Ich bin froh, daß ich blind bin!« Und jetzt stand er auf: »Jetzt geh ich fort; ich bin zu alt für dieses Treiben hier.« Die ganze Gesellschaft stand auf, obwohl Gjartru rief, daß noch viele Dinge kämen. Aasel sah sie scharf und hart an. Gjartru richtet sich nur auf und geht dicht an ihr vorbei zum Mundschenk: »Daß du's nur weißt, Jens, hier soll es keine Sauferei geben.« Gleich darauf aber ist Aasel bei ihm und ihr Gesicht glüht: »Hochzeit ist Hochzeit, Jens, nicht wahr? So war es immer auf Haaberg; und hat einer sich erst einmal auf den Schlitten gesetzt, dann darf er nicht schreien, wenn's losgeht.« Sie sagte es zu Jens, und sie sagte es zum Vater und zu jedem, der es hören wollte, Jugend sei Jugend, und sie glaube wahrhaftig, daß sie jetzt alle wieder jünger würden. »Die Leute strecken sich noch einmal in die Höhe und mit ihnen die ganze Gemeinde, und das scheint mir keine kleine Sache zu sein, es tut ordentlich wohl, dies zu sehen. Und die Leute wissen, was der Brauch ist, dessen bin ich sicher. Die Zeit zum Nachdenken, die kommt schon später noch einmal.« Sie sagte das mit sicherer Stimme zu allen, die rings um sie standen: »Denn wir sollten in unserer Sippe doch noch einen Tag erleben, das war mein Gedanke; einen siebzehnten Mai Siebzehnter Mai: Norwegischer Feiertag. möchte ich fast sagen. Wir brauchen so etwas.« Ehe man sich's recht versah, war die Jugend unterwegs nach Haaberg und wollte tanzen. Sie liefen fort, da war gar nichts zu machen. Gjartru tat alles, was sie konnte, um es zu verhindern, sie befahl, daß man die eine Stube räume und bat die Spielleute, rasch aufzuspielen – es waren nicht weniger als sechs Blechbläser vom Bataillon hier, die hatte Arnesen kommen lassen; aber als die jungen Leute erst einmal angefangen hatten sich davonzumachen, gingen sie in ganzen Scharen und ein Paar nach dem anderen. – »Haaberg zieht«, murmelte Anders – »sie haben dort zu oft getanzt.« – »Ja, unsere Stube ist nicht zu fein«, sagte Aasel. – »Nein, das weiß ich«, erwiderte Gjartru, »aber sag mir eines: kommt denn von Juwika niemand zur Hochzeit?« Aasel lächelte, von dort käme niemand, nein. »Und ärgerlich ist es, für uns beide.« »Ja, du Mina, du rührst dich hier nicht von der Stelle!« Gjartru schrie so laut, als sei sie in einer Mühle. – »Siehst du denn nicht, daß der Peder mich fortzieht?« Und Peder zog sie wirklich zur Tür hinaus, sie hatte kaum Zeit, ihren Mantel zuzuknöpfen, und dann drehte er sich um und rief der Musik zu, sie solle zusammenpacken und mit ihnen kommen; »wir wollen Haaberg in Grund und Boden tanzen«, lachte er, »und das ganze Haus auf den Kopf stellen!« Vor der Tür draußen machte Mina sich von Peder los und bekam ihren Bräutigam zu fassen: es sei doch schließlich keine Bauernhochzeit, sagte sie, und wo Peder seine Braut gelassen habe? Er kratzte sich hinterm Ohr: Eben war sie doch noch da? Sie wollte er nicht um vieles verlieren. Andrea stand drüben und sprach mit Ola. Sie lächelte so frei und alltäglich – machte es so gut sie konnte, das sah er. – »Ola, d u sollst uns aufspielen, kannst du mir das nicht versprechen.« – »Ich habe meine Fiedel nicht hier.« – »Du kriegst eine Ziehharmonika, das mag ich am liebsten. Tu's doch, Ola.« – »Ja, ja, kann schon sein. Machen wir's also.« – »Und tu mir den Gefallen und betrinke dich nicht.« – »Nein, schon gut; ich will brav sein. Und dann mußt du dich nach dem Peder umschauen.« – »Nach ihm?« – »Ja, ich sage es eben, wie ich's meine, du weißt, wie es in Juwika steht, und wenn er betrunken ist, dann kocht er über.« Ola merkte, wie sie zuerst böse und dann wieder sanft wurde; sie sah ihn eine Weile an; und dann kam Peder und holte sie. Ola stand in dem Ruf, daß er auf jedem Instrument gleich gut spiele, einerlei was man ihm gab; er spielte auf allem, was er zwischen die Finger bekam, hieß es von ihm, und an diesem Abend bekam er eine Ziehharmonika; das klang so f e i n. Zuerst tanzten Peder und Andrea und dann das andere Brautpaar; dann blieb der Tanzraum leer, und dann tanzte auf einmal alles, was Beine hatte. Das Messing, wie sie es nannten, blieb auf dem Hochzeitshof und spielte dort. Arnesen rief und klatschte zu jeder Melodie in die Hände, er hatte diese Gewohnheit noch von seiner Militärdienstzeit her, glaubten die Leute, und Kasten Landre machte es ebenso; aber bald war er nicht mehr da. Er fuhr nach Haaberg, zu der Jugend. Jetzt fing Anders an und sagte, er wolle auch fort, er wolle heim! Zu den anderen jungen Leuten! fügte er hinzu. Der Schnee hatte alle Gräben zugeweht, und sie konnten geradeswegs hinübergehen, brauchten keinen langen Umweg zu machen. »Gehen?« sagte Aasel, »nein, warte nur ein bißchen, du sollst fahren, und einer muß anspannen und kutschieren.« Aasel war jung und glücklich, wie sie noch keiner gesehen hatte. – »Damals, als ich darauf einging, daß die Hochzeit hier abgehalten werde, geschah, dies, um die Leute im Zaum zu halten«, sagte sie zu Kjersti. »Denn hier war wenig Platz hier konnte der Tanz ja nicht so wild werden, dachte ich. Aber es geht alles so merkwürdig, wie durch höhere Fügung, meine ich fast: Jetzt zieht die Hochzeit nach Haaberg. Dort ist es nie bis an den äußersten Band gegangen. Und hast du nicht den Peder gesehen, wie froh er trotz allem ist? Er ist froh.« – »Ja, man sieht es ihm an. Und ich kann nicht anders sagen, als daß ich es dir gönne.« – »Es war«, sagte Aasel, und sie sprach plötzlich seltsam leise und dicht an Kjersti gedrängt – »es war, als käme einer und schenkte mir das plötzlich. Nun, glaube ich ja, ist es überstanden – er kann doch jetzt nicht mehr davonlaufen und – – nein, Herrgott, da hätte er es doch vorher getan.« Einer nach dem anderen von den älteren Leuten stahl sich davon und ging den kürzesten Weg nach Haaberg hinüber. Das Land lag kahlgeblasen und öde da. Die Hügel ragten schwarz gegen die Abendröte in die Luft. Aber der Wind ging nur wie eine leichte Brise oder ein Tanz über die Berge dahin, und jeder Stern war da und schimmerte. Auch Oheim Petter mit seinem kranken Fuß dachte daran, sich auf den Weg zu machen. Da band Jens das Branntweinfaß auf die Rodel, setzte Petter rittlings darauf, spannte sich dann noch mit ein paar anderen Tollköpfen davor und trabte dahin. Anders saß in der Tür zur Kammer und wiegte sich leise nach dem Takt des Tanzes. – »Früher habe ich Olas Spiel nie recht begriffen«, sagte er. »Aber jetzt bin ich wohl ebenso alt wie er, oder vielmehr er ist ebenso jung wie ich.« Gjartru raffte sich auf und sagte, sie könnten gern alle miteinander hinübergehen, dann hätten sie dort doch eine richtige Musik. Als sie alle hinüberkamen, mußte die zweite Stube geräumt werden, und dann ging es auch dort los. – »Und jetzt meine ich, wird Aasel bald genug haben vom Tanz«, sagte Gjartru, »sie sieht schon ganz entsetzt drein.« Aber das dauerte nur eine kurze Weile, dann war Aasel wieder ganz zufrieden. Es war so, wie Anders gesagt hatte, die ganze Sippe war wie losgelassen. Man mußte leben, solange man lebte, das war wohl auch der Sinn des Lebens. Im Lauf der Nacht wurde es für viele schwierig; überall war es voll, in den Dachräumen und in allen Stuben. Vom Hochzeitshof kamen sie mit Essen herüber, aber kaum einer wollte etwas anrühren. Peder war einer von den wildesten. – »Du mußt mich so nehmen, wie ich bin!« sagte er zu Andrea. – »Das tue ich doch wohl schon?« lachte sie. – »Sie muß mich so nehmen, wie ich bin«, sagte er auch zu Ola. Aber Ola paßte auf ihn auf, so daß er sich nicht ganz betrinken konnte. – »Ein Glück, daß du nicht wie ein Kalb bist, das nicht mehr aufhört, wenn es einmal zu trinken angefangen hat«, sagte er nur; »denn du hast die Verantwortung für sie alle miteinander.« Und Ola war es, der Peder zur Vernunft brachte, als es gegen vier Uhr morgens wurde; er ging herum und suchte Andrea für ihn, und dann gingen die beiden zum Hochzeitshof, denn dort sollten die zwei Brautpaare schlafen. Das andere Paar war schon gegangen und mit ihm die meisten der älteren Gäste. »Die haben dir viel zu verdanken«, hörte Ola den Peder noch sagen. »Mir?« hörte er Andreas Stimme. »Jawohl, dir. Du hast die ganze Hochzeit gerettet. Aber sei jetzt still!« Auf Haaberg jedoch tobte der Tanz immer noch weiter, wie vom Sturm gepeitscht ging er dahin, konnte man fast glauben; und gar manches Paar schlief oben im Dachraum, entweder im Bett oder auf dem Boden. Für den, der nicht tanzte, war es ein richtiges kleines Fest mitten im Fest, so mit dem Licht in der Hand von Stube zu Stube zu gehen und die Schlafenden zu betrachten; Oheim Petter hinkte durchs ganze Haus: Sie lagen auf so verschiedene Art da. Ola legte die Ziehharmonika weg. Sie habe keinen richtigen Ton mehr, sagte er; »sie stottert nur noch, ich weiß nicht, was ihr in den Hals gekommen ist.« Aber in der Nähe stand ein kleines Mädchen und sah ihn an, mit einem schmalen und feinen Gesicht und stillen und allwissenden Augen; sie sah so aus, als wisse sie es. Jetzt lächelte sie, obgleich sie ihr Gesicht nicht im geringsten verzog; und er und sie waren auf einmal mutterseelenallein im Wald. Es war Anetta von Rönningan. – »Ja, ja, mein Gott, mir brauchst du nicht zu erzählen, daß die Ziehharmonika nicht kaputt ist, das weiß ich schon selber.« Dann gingen sie. Er hielt nur ihre Hand. Im übrigen gingen die Paare vor und hinter ihnen Arm in Arm. Sie aber waren allein. Rings um sie war Wind und Jungwald und dann die kahlen Felder; es rauschte so sanft und einsam unter dem Morgenhimmel. – »Hast du ein Taschentuch Anetta?« Sie blieb stehen und suchte es hervor, und während der ganzen Zeit sah sie ihn an und wunderte sich. Sie trocknete ihm den Schweiß von der Stirn. »So«, sagte sie. Als sie zum Hochzeitshof kamen, ließ er sie los. Er fühlte sich erleichtert, als sie in der Menge verschwand. Jetzt brannte in den beiden Stuben, wo die Brautpaare schliefen, Licht, und in der dort war Andrea. Er suchte die Flinte des Tierarztes und lud sie, dann ging er ins Vorratshaus hinüber und holte eine kleine Leiter. Man wollte ihm helfen, irgend jemand, der auch dort draußen herumging, er aber brauchte keine Hilfe. So, jetzt stand die Leiter gut, und hier war die Büchse, ja. Jetzt löschten sie dort das Licht. – »Schieß doch! So schieß doch!« flüsterte es hinter ihm. – »Steig hinauf und schieß, du dummer Kerl!« Er drehte sich um und legte das Gewehr auf die Sünder an, auf einen nach dem anderen, so daß die um die Hausecke flüchteten. Dann kletterte er hinauf, stand eine Weile da und fingerte am Abzug herum, und dann schoß er. Er hörte einen leisen erschreckten Ruf. – Jawohl, die im anderen Dachraum hätten auch einen Schuß bekommen sollen, so war es einmal der Brauch gewesen, aber Ola hatte so erfrorene Finger, er konnte nicht mehr laden. Und jetzt hörte er übrigens einen Krach an der Wand. Man hatte zu Ehren des Hochzeitspaares irgend etwas zerschlagen. – »Ja, ja, jetzt ist es geschehen, Ola, jetzt bist du wieder obenauf.« Er versuchte, ob er lächeln könnte, ohne die Zunge gegen sich selber herauszustrecken. Aber sich schlafen legen, das brachte er nicht fertig. Der Tag kam bald heran, und ihm war der Kopf voller Branntwein und Unruhe. Er suchte so lange, bis er Anetta oben im Schlafraum fand. Sie lag neben ihrer Mutter. Im gleichen Bett schlief ein Betrunkener und schnarchte. Der ganze Boden vor ihnen war in ein Bett umgewandelt. Ola setzte sich an das Kopfende der Bettstatt. – »Du schläfst nicht, du?« sagte er. – »Du, scheint's, auch nicht.« – »Nein, ich auch nicht.« Lange saß er so da. Er nickte ein und schlief bisweilen ein wenig. – »Aber es ist ja noch Platz da«, meinte sie; sie rückte sogar ein wenig zur Seite. Er streichelte ihr Gesicht. Die Wangen waren glühend heiß und die Stirne ganz kalt. – Aber wollte sie nicht lieber aufstehen? Und ihm beim Kaffeemachen helfen? – »Kaffee?« – »Ja, den Morgenkaffee. Es ist so langweilig, allein zu sein, wenn alles noch schläft.« – »Du solltest auch ein wenig schlafen.« – »Ja, vielleicht.« So legte er sich neben sie hin und schlief beinahe sofort ein. Plötzlich erwacht er mit einem Ruck und sieht, daß es Morgen ist. – »Jetzt mußt du aber kommen«, sagt er, »Wir zwei, wir wollen Kaffee machen und ihn den Leuten ans Bett bringen.« Das Mädchen suchte ihr Kleid, das sie abgelegt hatte, und ihre Schuhe, und dann kam sie mit, Kjersti stöhnte nur im Schlaf. Sie machten Feuer in der Küche und hängten den Kessel darüber. Aber das sei nicht der richtige, sagte Ola, meistens würde der andere genommen. Es war der, mit dem Andrea manchmal hier hereingekommen war. früher, als sie noch Mädchen war. Ola und Anetta setzten sich an die Feuerstätte und warteten, bis der Kaffee aufkochte. Das Mädchen fror und war übernächtig, aber Ola war munter für sie beide, und er suchte seinen Mantel und legte ihn ihr um. Dann waren sie fertig, und die Uhr schlug gerade halb acht, es war hohe Zeit. – »So, Anetta, jetzt gehen wir, hm?« – »Ja, jetzt gehen wir.« Sie standen draußen auf dem Gang vor der Türe zu Peder und Andrea. – »Aber glaubst du nicht, daß die Tür verschlossen ist?« sagte Anetta. Ola lächelte und schüttelte den Kopf, klopfte vielsagend auf seine Tasche. Anetta sah ihn noch einmal an, und sie sagte, und die Worte kamen gegen ihren Willen über die Lippen: »Ja, aber – – ich verstehe nicht, daß du magst ?« Sein Gesicht erstarrte von den Mundwinkeln bis zu den Ohren, und er erbleichte wie nach einem Peitschenhieb. Andrea wachte mit einem leisen Schrei auf und starrte das Licht und die beiden Eintretenden an. »Guten Morgen!« grüßte Ola. »Wie habt ihr denn heute nacht geschlafen? So, bitte, hier kommen wir mit dem Kaffee, den sollt ihr trinken, solange er noch warm ist, so also, bitte!« Er brachte das heraus wie eine richtige Hausfrau, und endlich setzte sich das Brautpaar im Bett auf und trank Kaffee. Anetta bot auch Brot an, wagte jedoch nicht aufzublicken. Dann gingen sie weiter. Aber die Tür zu dem anderen Paar war verschlossen, und da machten die beiden sofort kehrt und gingen mit ihrem Kaffee wieder hinunter; sie mußten ihn selber trinken. Sie saßen gerade auf der Küchenbank und aßen und tranken, als eine der Mägde herunterkam und Feuer machen wollte. Ola fühlte die ganze Zeit, wie Anetta ihn ansah. Wenn er aber aufblickte, waren ihre Augen nicht zu finden. 3 Am Tag darauf zeigte es sich, daß Haaberg der eigentliche Hochzeitshof gewesen war. Kaum daß man die Gäste dazu überreden konnte, zum Mittagessen zum Tierarzt zu kommen, gleich danach gingen sie wieder schnurstracks über die Wiesen nach Haaberg zurück. Anders kam nicht mehr von Haaberg weg, und die anderen Alten hielten es mit ihm. Er war wie umgewandelt, saß da und trank und erzählte, sah lauter Bilder aus früheren Zeiten vor sich und ließ sie auch den anderen deutlich werden. – »Ja!« sagte er immer wieder – »das war eine Zeit, und jetzt ist sie tot. Sagt mir doch, was ihr jetzt vorhabt!« Und ehe sie ihn aufhalten konnten, war er mitten in der Politik: Konnten sie denn nicht etwas aus den Zeitungen erzählen? Es ging doch allerhand vor sich – warum fuhren sie nicht einmal in die Stadt und sahen sich um, die, die das tun konnten. Verflucht noch einmal, das hätte zu seiner Zeit sein sollen! Aber lasen sie denn keine Zeitungen? Ja, so, sie lagen mit dem König selber in Streit? Schwedisch oder nichtschwedisch, da mischte er sich nicht hinein, aber sie sollten sich in acht nehmen. War der König denn ein so schlapper Kerl, daß er seine Kriegsmacht nicht zusammenrief? »Das hätte mir passieren sollen, mehr sag ich nicht!« Sie waren alle einig mit ihm, Alte wie Ältere. Man hatte nun einmal den König und den Herrgott über sich, und das war gut so! Die jungen Leute hörten nicht zu, bis auf Arthur. Er wagte sich endlich mit der Bemerkung heraus, wenn der König sich seinem Volk widersetzte, wenn er Dummheiten machte und den falschen Weg einschlüge, dann müßte das Volk seine Meinung sagen, auf wen sollte es sich denn sonst verlassen? Sofort erhob sich ein lautes Murren gegen ihn, wie der Sturm über der Bucht: Es müsse doch wohl das Volk dem König gehorchen und nicht der König dem Volk? Und das Volk, von dem er sprach – seien sie etwa kein Volk? Bloß deswegen, weil sie kleine Leute seien und nicht das Land für Tageslohn regierten? Er sei eben doch noch ein ganz klein bißchen zu grün, da liege der Hund begraben! Sie sagten gar vieles, und es kam von Herzen. – »Wir sind doch auch noch Leute, selbst wenn wir dir unsere Höfe nicht verkaufen?« meinte einer und sah zur Decke hinauf. Arthur ließ sich nicht kleinkriegen, er merkte die Stiche nicht einmal: Das sei es ja gerade, daß sie ein Volk seien, ja, und ein norwegisches Volk, das war es ja, was ihnen eigentlich zum Bewußtsein kommen sollte. Aber er konnte sich kein Gehör verschaffen, sie standen alle miteinander da und hörten nur, daß er dummes Zeug schwatzte, wo wollte er denn hinaus? »Ja, wartet nur ein wenig!« sagte Anders. »Schauen wir uns das doch ein bißchen näher an.« Vorher aber griff er nach seinem Glas. – »Jung sein ist kein Fehler«, sagte er, »und wenn es wirklich so aussieht, als wollten der König und die vornehmen Leute sich mit den Schweden zusammentun und uns schurigeln, und als wollte es den falschen Weg gehen, dann – –!« Anders breitete sich ganz aus, wie er so dasaß; die Adern hoben sich blau von seinem Gesicht ab und schwollen an, der Brustkasten schöpfte Luft. »Nein, ich kann nicht mit euch halten. Wir wollen doch nicht wie die Schafe sein. Tretet vor, Burschen, haut auf den Tisch, nehmt den Namdalsdreschflegel und redet offen heraus – hört nie auf alte Leute, wir haben jetzt eine neue Zeit!« Eine Zeitlang war es totenstill in der Stube. Dann fingen sie an zu murren: Alles fraßen sie denn doch nicht, und vor dem König, wie gesagt, müsse man sich in acht nehmen. Anders schüttelte den Kopf, wollte sich abwenden. – »Gebt mir lieber etwas zu trinken«, sagte er. »Aber hör, Jens, von deinem Gesüff will ich nichts mehr haben!« – »Gesüff ?« Sie schauten sich fragend an. Nannte er schwedischen Punsch ein Gesüff? Er war doch so süß und gut, das reinste Manna auf der Zunge. »Manna habe ich noch nie auf der Zunge gehabt, aber gebt mir lieber etwas, auf das ich mich verlassen kann. Dieses Gesüff ist für euch gerade recht, wie ihr da beieinandersteht.« Ola stand da und hörte zu, aber er wollte nicht, daß der Vater es merkte. Im übrigen behielt er Peder im Auge. In dessen Gesicht zuckte es so seltsam, und nach und nach sah er ganz wild aus. Und Aasel, die hatte dafür gar keinen Sinn, sie war nur zufrieden, daß es so ging, wie es ging. »Die Leute sind doch noch gute Leute«, sagte sie. »Noch steht wenigstens die Gemeinde nicht auf dem Kopf.« Jetzt verhöhnte Peder die Politik, die sie da trieben. Die anderen jungen Leute hörten nicht ein Wort von dem, was hier gesagt wurde. Ja, sie redeten wohl, der eine über das, und der andere über jenes; aber an den Haaberghof dachte nicht ein einziger. Merken sie denn gar nichts? dachte Ola – haben sie nicht das Gefühl, als fehle die eine Wand? »Kommt es dir nicht auch so vor?« wandte er sich zu Anetta. – »Du solltest lieber einmal herumtanzen«, riet sie ihm. – »Ich bin wie ein Sieb, Anetta. Durch mich muß alles hindurch, und es bleibt nichts hängen.« »Tanz doch mit mir!« – Er legte den Arm um sie und wollte zum Tanzen vortreten, konnte aber durch die Menschenmenge nicht durchdringen. Er konnte auch nicht tanzen, wenigstens nichts Rechtes. Sie war so zart, wenn man den Arm um sie legte; er wäre am liebsten hinausgegangen und hätte sich versteckt. Jetzt kam Andrea durch die Stube zu ihm und bat ihn, mit ihr zu tanzen. – »Du mußt, Ola«, bat sie. Sie hatte jetzt ihr Frauengewand an und die Haube auf; sie kam mit solch sicherem Lächeln zu ihm. Ja, ja; er mußte gehorchen. Er mußte sich drehen und wenden, so gut er konnte, es war ein Jammer, daß er es nicht richtig gelernt hatte, als noch Zeit dazu war. Er sah ihren Mund vor sich, wie saugend sanft oder gehässig er war. Die Freude sollte sie nun haben, daß er wie ein Klotz tanzte. Dann stand er lange Zeit da und sah zu, wie sie tanzte, mit einem nach dem anderen. Sie wurde immer schöner, so oft sie an ihm vorüberkam. Jede Bewegung war eine kleine Melodie für sich; sie gehorchte Ola bei jedem Takt, wiegte sich so, wie er es sich wünschte, drehte sich herum, wie er es sich erträumte, dies kam so unerwartet, wie der Reichtum zu einem Armen. Trotzdem hatte er sein Lebtag lang darum gewußt. Er vergaß Peder. Und Peder vergaß den ganzen Tanz. – »Das ist nichts, das hier!« sagte er zu einem der Kameraden. »Immer nur rundherum und rundherum. Schließlich ist man doch noch zu ein wenig mehr geschaffen? Ja, du nicht, aber ich.« Er wankte hinaus und in die andere Stube hinüber, ging von Stube zu Stube, mit hocherhobenem Kopf. Dort war Mina, ja, aber wo hatte sie Arthur gelassen? »Sag ihm, er soll sobald wie möglich kommen«, sagte er und blieb wartend im Gang stehen. Die Leute, die ihn anredeten, erhielten keine Antwort. Aber schließlich waren sie das von ihm gewöhnt. – »Kommt mit mir hinauf in den Dachraum!« Die Worte klangen trocken und kurz, und dann stieg er vor ihnen die Treppe hinauf. Drinnen im Dachraum zündete er ein Talglicht an und steckte es in den Hals einer leeren Flasche. Über sein Gesicht zuckte es bisweilen, so wie sie es auch schon bei Aasel und Anders gesehen hatten. Peder setzte sich auf ein Bett, Arthur auf einen Stuhl, mit der Braut auf dem Schoß. »Ich wollte euch nur sagen, wenn ihr Haaberg hier kaufen wollt, dann könnt ihr es haben!« Haaberg? War er denn verrückt? Das meinte er doch nicht im Ernst? Doch, doch, er pflegte doch sonst das zu meinen, was er sagte. »Aber es ist doch dein Erbhof, Junge!« sagte Mina. »Nein, du mußt deine fünf Sinne zusammennehmen, Peder.« Und Arthur meinte, wenn Peder die Hälfte sagte, so ließe sich darüber reden. Peder schwieg, und als Mina begriff, was Arthur gesagt hatte, wandte sie sich um und sah ihn kalt an: »Die Hälfte? Nein, danke, entweder das ganze Haaberg oder gar nichts. Und im übrigen soll der Hof doch nicht zertrümmert werden?« »Also, was ist nun?« Peder blickte auf einmal scharf auf. Er war jetzt bebend bleich, mit einem brennend roten Fleck auf jeder Wange. – »Wie es geht und steht, und samt dem Austrag für die Alten und für den Großvater, fünftausend Kronen nach der neuen Rechnung: das ist das, was ich selber dafür geben würde. Überlegt es euch einmal. Denn du, Mina, verstehst mich vielleicht.« Er stand auf und ging hinunter, und die anderen folgten ihm nach. Sie konnten keinen richtigen Gedanken fassen. Im Gang traf er seine Mutter und sang es förmlich hinaus, in einem hohen und frohen Ton, so daß jeder es hören konnte, wenn er wollte: »Jetzt habe ich den Hof verkauft, Mutter! An ordentliche Leute übrigens. Die dort sollen ihn haben!« Dann sagt er, und jetzt klingt es schneidend leise und ganz fern von ihr: »Dann habe ich das gesühnt. Abgemacht und fertig, ja. Dann habe ich für euch alle miteinander gesühnt, und mir scheint, es war hohe Zeit dazu. Und dann ist Platz auf Haaberg für ordentliche Leute – das ist dein Traum, Mutter.« Aasel blinzelte nur mit den Augen und schloß die äußere Tür, damit der Wind die Lampe nicht auslöschte. Sie dreht sich nach der anderen Seite hin. Dort begegnet sie Ola, er steht in der Tür zur Stube, und er ist bleich wie eine gekalkte Wand. Sie sehen einander an, blicken dann zur Seite und heften die Blicke wieder ineinander. Ola konnte nichts sagen, bevor sie nicht gegangen war. – »Die Hälfte ist Prahlerei und unverbrauchte Kraft, und die andere Hälfte ist der nackte zitternde Leib, der es nicht einmal verträgt, daß ihn ein Windhauch trifft, ich kenne das auch. Aber du kennst das nicht«, wandte er sich an Mina. »Und wenn du einmal den Hof nimmst, Mina, so nimm ihn in Gottes Namen, es bleibt dir nichts anderes übrig.« Aasel sagte zu Andrea, sie glaube, Peder sei betrunken. Andrea wurde rot, und Aasel bereute, was sie gesagt hatte. – »Du solltest dir nichts aus ihm machen«, sagte sie. »Er ist so seltsam, er ist so ganz anders als alle anderen.« – »Ja? Das ist er wohl!« Andrea verschwand im Gewühl, wollte sich nach ihm umsehen. Aasel sah Gjartru tanzen, sie war beständig im Kreis, die jungen Burschen waren ganz verrückt darauf, mit ihr zu tanzen. – »Mir kann es ja gleich sein, was sie tut!« murmelte sie vor sich hin. Dann hob sie den Blick, denn jetzt stand Ola wieder da – sie wußten alle beide, daß sie bleich waren. – »Das Schlimmste ist eben doch, daß er so etwas sagen mag!« meinte sie. »Wenn er nicht mehr taugt – – dann kann es schon gleich sein.« Sie ging unter den vielen Leuten hin und her. Es überfiel sie eine brennende Tanzlust, sie wollte einmal recht ausgelassen sein, wollte eine ganz andere sein. Sie tanzte mit einem nach dem anderen, bis die Stube vor ihren Augen schwankte, warum sollte sie auch nicht! Denn alles renkte sich wohl ein, sowohl die Stube als auch das andere, und es stand nie am schlimmsten, wenn es am schlimmsten aussah. Und gerade als die Wände am tollsten um sie herum schwankten, sagte sie zu sich selber, zu Ola oder zu irgendeinem anderen, der Peder wachse ihnen über den Kopf, er müsse jetzt seinen eigenen Stand im Stall bekommen. Trotzdem hatte sie ein wenig Angst vor dem Augenblick, da die Wände rings um sie stillstehen würden. Was war aus Andrea geworden? Ola schien für Aasel gar nicht mehr da zu sein. Gerade um diese Zeit saßen Arnesen, der Tierarzt und noch ein paar andere drüben auf dem anderen Hof und spielten Karten. Da kam einer mit einem Zettel von Segelsund. – »Ein Telegramm«, sagte Arnesen, er legte Karten und Zigarre weg. »Schauen wir einmal, was sie zu sagen haben. Nicht einmal am Festtag haben wir Frieden, wir Kaufleute«, lächelte er zu Kasten Landre hinüber. Er überlas das Telegramm mehrere Male und griff nicht wieder zu den Karten. »So, so, die Heringspreise sind im Süden unten gefallen?« Kasten Landre bekam kleine sanfte Augen. Arnesen hörte nicht. Dann erhob er sich, stand eine Weile da und schwankte; er schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, daß die Gläser tanzten, und blickte wild von einem zum anderen. »Zehntausend Kronen Verlust, netto kontant!« Er sagte es dreimal; dann nahm er sein Glas und trank. »So, jetzt aber Schluß mit der Hochzeit, sag ich – verflucht noch einmal!« »He! Jetzt fangen wir erst richtig an – Kopf hoch, Junge!« Arnesen sieht ihn steif und geistesabwesend an, rafft sich jedoch nach einiger Zeit wieder auf, die Starrheit weicht langsam von ihm. »Ja, wenn du mir jetzt helfen kannst, Landre, dann bist du ein großer Mann – nur eine winzige Handreichung, meine ich, nur für einen oder zwei Monate, damit ich ein wenig Bewegungsfreiheit habe.« »Darüber wollen wir morgen sprechen, aber hier sind die Karten, und du bist am Ausspielen!« Sie versuchten das Spiel wieder in Gang zu bringen, sie mischten die Karten von neuem und füllten sich die Gläser wieder, Arnesen aber war ins Stocken geraten, er war nicht mehr zu gebrauchen. Sie gingen nach Haaberg hinüber. Arnesen hatte von ihnen allen am schwersten geladen gehabt, jetzt aber war er nüchtern wie der Landwind; er sprach kein Wort während des ganzen Weges. Auf Haaberg herrschte volles Leben. Die Messinghörner könnten einen Toten im Sarg zum Tanzen bringen, sagte einer, und das fanden gewiß alle. Aasel stand da und sah sich die Leute an, sah ihre Gesichter an: sie waren alle so herzensvergnügt, Aasel war es, als habe sie diese Menschen noch nie gesehen; ein jeglicher sah aus als habe er seinen großen Tag. Auf Arnesen gab niemand acht, jetzt aber brach der Hund draußen in ein Gebell aus, es klang, als habe er sich in die Dunkelheit selber verbissen, und dann rannte er wie ein heulender Strich ums Hauseck. Fremde Leute kamen in den Hausgang, und es entstand großes Aufsehen. Anders fragte unruhig, wollte wissen, wer es sei. Es war Kal Jensa, der Juwiklöwe. Betrunken war er und hatte einen häßlichen Ausdruck im Gesicht; er sah sich in der Schar um, und alle wichen zurück. »Wer von euch bellt denn so?« fragte er. »Der Hund, der Hund, das dumme Vieh!« riefen sie. »Ist der Hund dümmer als ihr anderen Hunde?« er stieß die ringsum Stehenden zur Seite und trat in die Stube. Der Tanz hörte nach und nach auf, und alles drängte sich an die Wand. »Ja, so, hier ist wohl die Hochzeit?« sagte er und blinzelte ins Licht. »Wo habt ihr denn den Bräutigam versteckt?« Totenstille. Die Leute hatten Andeutungen von der Geschichte mit Peder und Kjerstina gehört, und sie wußten wie Kal sein konnte, wenn er voll Branntwein war. »Wo ist der Bräutigam?« fragte er wiederum. »Hier!« antwortete Peder und trat vor. Kal drehte sich um und sah ihn an; von oben bis unten und von unten bis oben: »Aha, so siehst du also aus!« Hm.« Peder stand da und sah ihn an. Er war ruhig, aber klein und verzagt gegen den anderen. »Ich kann dich von Kjerstina grüßen. Wir mußten sie heute festbinden. Sie wollte sich umbringen. He? Was sagst du dazu? Hast du keine Antwort darauf?« Andrea trat einen Schritt zu Peder vor, weiter aber kam sie nicht. Sie blieb stehen und starrte ihn an, vergaß zu blinzeln. Eine Zeitlang standen sie alle miteinander so da. Kal fuchtelte ein wenig mit den Armen herum. Sie waren stark und angespannt, er konnte wohl ein Pferd erschlagen. »Ich bin hergekommen, um mit dir abzurechnen, Peder.« »Schlag zu!« »Du nimmst also an?« »Nein. Aber schlag nur zu. Ich habe es verdient.« Dann wendet er sich zu den anderen: »Ich wollte es übrigens gerade verkünden, der ganzen Gemeinde.« Kals Gesichtsausdruck wechselte, nicht nur in der Farbe, sondern auch in der Form, nie hatten sie einen Menschen sich so verändern sehen; jetzt sah man keine Rauflust mehr in seinem Gesicht, nicht einen Funken Zorn, es war nur noch Haß, was da unter der Haut brannte; er stand da, als wolle er sich über den Peder erbrechen, so schien es ihnen – wenn es doch nur ein Ende genommen hätte! Jetzt trat Kal zu Peder bin, versetzte ihm einen Stoß unters Kinn und lachte mit dem einen Mundwinkel. »Du Darm von einem Menschen!« Anders hatte sich erhoben. Es dauerte eine Weile, ehe er ein Wort hervorbrachte. »Gibt es hier niemand – ist denn kein einziger da, der losschlägt? Steht es so schlecht um uns!« Dann setzte er sich; und Kal drehte sich um und ging hinaus. Man achtete mehr auf Peder als auf Kal, fand Aasel, und sie wußte nicht wie ihr geschah, es durchlief sie ein angenehmer Schauder, so daß sie sich dem Nächstbesten zuwandte, und die Worte kamen ihr wie von selber über die Lippen: »Der Peder war ihm eben doch zu stark!« Im Gang draußen aber entstand wieder Aufruhr. Kasten hatte sich Kal in den Weg gestellt und hatte einen Stoß bekommen, daß er gegen die Treppe getaumelt war, daraufhin fuhr er auf und drang auf Kal ein, jetzt ging's zur Tür hinaus und in die Dunkelheit, und die Leute folgten ihnen alle nach; sie hatten ihren Mut wiedergefunden. Einige Zeit später kamen sie herein und konnten erzählen, daß der Juwiklöwe sein Teil abbekommen habe! So ginge Kasten mit den Fischern um, wenn sie zu ihm in den Laden kämen und im Rausch um sich schlügen, und schließlich waren ihrer ja noch mehrere, wenn es Kal gelüsten sollte wiederzukommen. Damit beruhigten sie sich in der Stube, und bald war der Tanz wieder in vollem Gang. Andrea zog Peder mit sich in eine Kammer hinaus, schenkte ihm dort einen Schnaps ein und überredete ihn, sich hinzusetzen; sie selber saß dicht bei ihm und hielt ihn bei der Hand. – »Ich hatte es verdient«, murmelte er. »Ich hatte es verdient.« – »Ja, ja, aber denk jetzt nicht mehr daran, sei gut.« – »Ich wollte es gerade der ganzen Gemeinde verkünden, aber ich war zu spät daran.« – »Ja, ja, ja, Peder!« Nicht lange darauf gingen sie in den Dachraum hinauf und legten sich schlafen. Gjartru brauchte einige Zeit, ehe sie begriff, was Arnesen ihr erzählte. Ruin? Und er war grau wie Asche. Sie tanzte noch einmal herum, dann aber begann die Unruhe in ihr zu arbeiten, und sie mußte Arnesen suchen und sich die ganze Geschichte noch einmal erzählen lassen. – »Ja, aber, wenn du jetzt Geld bekommst und dich wieder rühren kannst?« sagte sie. – »Nein«, erwiderte er. Und weiter gab es gleichsam nichts mehr. Sie ließ ihn stehen und mischte sich unter die Menge. Dort aber fühlte sie sich auch nicht wohl, die anderen stießen und drängten, als sei sie gleichsam nicht da, der eine wollte dahin, zwei andere wollten dorthin, und alle waren so fröhlich, daß sie förmlich leuchteten. – »Hast du es gehört?« sagte sie zu Ola. – »Nicht nur gehört, sondern auch gesehen, ja.« – »Ach, das da!« meinte sie verächtlich, und sie war schon im Begriff, wieder weiterzugehen. Jetzt aber hatten die Kräfte sie verlassen, sie kam nicht vom Fleck. Sie erzählte, wie die Sachen standen, mit einem trockenen leisen Kichern; dann blickte sie um sich; immer mehr und mehr verwundert. – »Merkwürdig, Ola, mir ist, als sehe ich jetzt. Die Stube und die Leute und alle Gesichter, das alles ist wie in einem Nebel für mich, aber ich sehe es doch so brennend deutlich. Und dahinter sehe ich die ganze Wirtschaft, sie steht da und grinst mich an – der Arnesen ist ein Dummkopf, hast du das nicht bemerkt, Ola? Warum sagtest du mir das nicht? Ich stehe nicht hier und schaue zu, hörst du, ich tanze, jawohl, bis ich umfalle. Was ist denn aus euch geworden, ihr wolltet doch mit mir tanzen?« Es dauerte nicht lange, bis sie alle herkamen, denn es schmeckte so seltsam gut, sie umfaßt zu halten, so fein war sie, so wie sie war kein Mädchen. Ola aber sah, daß sie dem Burschen, der gerade jetzt mit ihr herumtrabte, schwer im Arm lag – jetzt gab der es übrigens auf, und daraufhin sagte sie laut und trocken zu ihm: »Die ganze Herrlichkeit war ja nur ein Märchen. Alles nur Schall und Rauch – ein Fleck auf dem anderen, und ein Lappen auf dem anderen, so sieht es aus. Das ist merkwürdig, Junge!« Die jungen Leute stampften und johlten, und ein Betrunkener kam hereingetaumelt und stellte sich allen mitten in den Weg. In jeder Stube spielten sie Karten, Aasel hatte schon längst nachgegeben – »ich habe in der neuen Zeit nichts mehr zu sagen«, seufzte sie, aber sie mußte doch fast lachen: je toller, desto besser, jetzt war es schon alles eins. Da kommen zwei herein, kreidebleich, bleiben in der Tür stehen und stammeln etwas. Was war ihnen denn geschehen? Hatten sie etwas gesehen ? Einer von ihnen ging seiner Wege, er wollte nicht mit der Sprache herausrücken. – »Jetzt aber Schluß mit diesem Sündenleben, das rate ich euch!« warnte er. Der andere brachte es endlich hervor. Sie hatten drüben am Stalltor eine schneeweiße Gestalt gesehen, einen Ausreißer vom Friedhof. Da verging ihnen das Lachen, einem jeden. War das wirklich wahr? »Im Totenhemd!« murmelte er nur, ihm schlotterten die Kinnladen. Auch die Lampe flackert und will erlöschen, und die Weiber sperren den Mund auf, als wollten sie schreien. Jens rennt hinaus und will den Spuk beim Kragen packen – beim Kal war er nicht rasch genug gewesen; verschiedene andere folgten ihm. Sie fanden nichts. So nahe lag der Friedhof nicht. Und noch einmal gingen die Leute hinein und tanzten. Aber sie waren jetzt zu müde, hatten keinen Schwung mehr, und so legten sie sich denn zu Bett, so gut es anging, paarweise oder zu mehreren, wie es sich gerade fügte. Draußen herrschte vollkommen stille Nacht. Häuser und Berge standen schwarz gegen die Luft und die Dunkelheit da, und die Milchstraße leuchtete quer über dem ganzen Himmel. Der Atemzug des Meeres war nicht zu vernehmen, außer man lauschte aufmerksam darauf. Ola und Anetta gingen auch heute zum Hof des Tierarztes hinüber, ebenso wie gestern nacht. Aber heute waren sie allein unterwegs. Sie tasteten sich zu einem Dachraum hinauf und legten sich schlafen. 4 Am dritten Hochzeitstag bekamen die Leute allmählich müde Augen. Die Eßlust war ihnen vergangen und auch sonst verschiedenes; es dauerte einige Zeit, ehe sie wieder in Schwung kamen. Die Älteren, die schon mehreres mitgemacht hatten, zogen sich nur an und gingen wartend herum, denn das gehörte mit zum Schönsten bei einem Gastgelage; sie gingen umher und dachten sich allerlei Zeitvertreib aus. Viele von den Jungen froren durch und durch. Es hatte gewiß zu lange gedauert, und wie sollte es jetzt werden, wenn die Festtage vorüber waren und der graue Werktag wieder anfing? Würden solche Tage sich nicht rächen? So lange waren sie noch nie von daheim fortgewesen. Da erzählte einer, daß ein Prediger in die Gemeinde gekommen sei. Er las aus dem Gotteswort vor und predigte darüber beinahe wie der Priester selber, und wer ihn gehört hatte, sagte, daß er merkwürdige Dinge verkünde. Heute nun um elf Uhr sollte er wieder sprechen, auf einem der Nachbarhöfe. In ganzen Scharen zogen sie vom Hochzeitsfest weg, das war ja gleich ein Wechsel in der Kost. Der Prediger war ein großer und breitgewachsener Mann mit einem so starken Ausdruck im Gesicht, daß alle sofort schwiegen und kleinlaut wurden, die er ansah. Die Stube war voll von Menschen und jene, die nicht zur Hochzeit gehörten, hatten ihr Gesangbuch mit und sangen, daß es durch Haus und Menschen wogte. Dann stand er auf und redete, und es lag die gleiche Kraft darin wie im Gesang, die gleiche seltsame Schärfe wie in seinem Blick. Der Pfarrer in der Kirche sagte sicherlich dasselbe wie er, aber er war so fern von einem, meistens, man konnte dabei trotzdem an alles denken, was man wollte. Hier war das etwas ganz anderes. Die Frauen schluchzten und weinten auf ihren Bänken, eine Reihe hinter der anderen. Und die erwachsenen Männer konnte man erbleichen sehen; es wurde immer schwerer, zu atmen. Einer der jungen Leute von der Hochzeit stieß ein lautes Häh aus und noch eines, denn das hier war das Merkwürdigste, was er je erlebt hatte, er mußte laut lachen. Andere versuchten es ihm nachzumachen; sie wollten diesen Druck los werden; einer von ihnen verfiel sogar auf den Gedanken, mit seiner Bank zu scharren, so daß ein Lärm in der Stube entstand. Aber sie blieben allein in ihrem Vergnügen, und ehe sie sich's versahen, saß auch ihnen der Prediger wieder im Nacken. Es führte zur Hölle, dieses Leben hier, ganz unzweifelhaft, sie sahen es, und es war unheimlich zu sehen. Auch Gjartru war hingekommen. Sie hatte die ganze Nacht keinen Schlaf gefunden, und jetzt war es eine stärkere Gewalt, die sie dorthin zog. Gjartru wandte die Augen von dem Prediger nicht ab, er hielt sie fest und trug sie überallhin, wohin er nur wollte. – »Das Leben«, sagte er, »das Leben ist der Weg zum Tode. Wie der Fluß zum Meer, so eilt das Leben dem Tod entgegen, liebe Seele; alles ist eitel.« – »Ja, ja!« seufzte sie laut. Das bohrte sich in die Brust ein, Wort für Wort; aber es schmeckte doch so unendlich süß. Den Tränen widerstand sie, solange sie nur konnte. Tränen zeigen war für sie dasselbe, wie sich vor allen Leuten nackt hinstellen, dieses Gefühl steckte noch von früher in ihr. Als sich aber rings um sie alle nachgaben, hing es auch bei ihr nur noch an einem Haar. Der Redner sah sie unverwandt an, redete nur zu ihr; er war so groß, und seine Augen waren so gütig, es strahlten Dinge darin, von denen die Welt nichts wußte – Herr, du mein Gott, wie klein, wie armselig klein war alles andere! Die verschiedensten Gedanken durchzuckten sie, alles mögliche tauchte aus der Dunkelheit in ihr auf und verschwand wieder. Aber das Leben war ein Weg zum Tode! Mina! flüsterte sie ein paarmal, sie hätte ihr nachlaufen und sie hierher holen sollen, denn wie sollte es ihr ergehen, jetzt, da alles rings um sie zusammenstürzte? Aber der Mann dort oben redete, und es war unmöglich, wegzugehen. – – – Mina hatte andere Dinge vor. Sie hatte bereits am Abend vorher gewußt, wie es stand. Sie hatte nicht die ganze Nacht wach gelegen, sondern nur so lange überlegt, bis sie eingeschlafen war, und als sie erwachte, fing sie wieder damit an. Sie war sich klar darüber, daß hier ein Bat gefunden werden mußte. Dann ging sie hinunter und traf als ersten Ola. Ruhig wartete sie ab, bis er und die anderen miteinander ausgeredet hatten. Der Tierarzt war da, und den fürchtete sie; er sah so allwissend aus, und dem Großvater gegenüber fühlte sie sich auch nicht ganz sicher. – »Früher«, sagte der Tierarzt, »waren ganz andere Zeiten; da lebte das Volk so, wie es sich gehörte, nicht wahr, Anders?« – »Nun, ich weiß nicht recht; das war eben damals. Wollen wir nicht lieber die Karten mischen und ein neues Spiel anfangen. Es kann schlimmer werden, o ja, aber nicht wieder genau so!« Der Tierarzt lächelte den anderen rings um sich zu: Das gerade sollten sie hören. Hörten sie, oder hörten sie nicht? Er wandte sich Ola zu: »Was stehst du denn da und verziehst das Gesicht, Junge? Weil die Zeit dich nicht nimmt und auf den Händen trägt? Ja. Aber sie mag nicht. Es ist alles ganz einfach hier auf der Welt, eins kommt aus dem andern, verstehst du.« – »Ist das so einfach? Dann dreht sich mir alles vor den Augen. Wo fängt es an? Und wo hört es auf, kannst du mir das sagen?« Ola ging von ihnen fort und trat dicht an Mina heran. So ernsthaft hatte sie ihn noch nie gesehen. Sie ging mit ihm hinaus, und die ganze Zeit war ihr, als wisse er, was sie wollte. Draußen vor der Haustreppe blieb er stehen. – »Wenn er doch nur reden könnte«, sagte er. – »Wer denn?« – »Dein Arthur.« – »Kann er nicht reden?« – »Nein. Er sagt alles nur so, wie es ist. Er sieht nichts anderes als das, was da ist. Er ist nicht derjenige, der kommen soll, wir müssen auf einen anderen warten. Du weißt: der Kuckuck? Der Kuckuck, der zu zeitig ruft. Später kommt der richtige.« »Du mußt uns helfen, Oheim, du weißt, wie die Sachen stehen!« »Ja, ja, ja!« er seufzte vor sich hin: »Ich hätte allen miteinander helfen sollen. Die Welt dreht sich, und die Menschen kommen nicht mit. Es gibt nichts Schlimmeres als dazustehen und zu wissen, daß etwas Neues kommen muß, und nicht zu ahnen, woher es kommen wird!« Dann wandte er sich ihr zu und sah sie so scharf an, daß sie zusammenschrak: »Weißt du, warum ich dich so gern habe, Mina, wenngleich du doch eigentlich ein dummes Ding bist? Weil du glaubst, daß es hier unter allen miteinander einen gibt, der tüchtig ist.« Sie sah ihn mit großen Augen an. Und er murmelte vor sich hin: »Ich werde es auch noch glauben müssen, ich auch. Da hilft nichts. Es muß doch in den andern Menschen etwas Gutes wohnen, denn in mir wohnt es nicht.« »Wir sollten den Feder nicht beim Wort nehmen, meinst du wohl?« Mina hatte sich jetzt gefaßt. »Ach so, an das denkst du? Ja, das weiß ich nicht. Aber ist es wirklich wahr, ist es schief gegangen mit deinem Vater? Dann mußt du Segelsund nehmen, mußt dir den Hof verbriefen lassen, und zwar gleich. Für deinen Vater wird sich immer noch ein Rat finden.« Nicht lange darauf hatte Mina den Vater gefunden. Sie bat ihn, die Sache nicht so schwer zu nehmen, der Arthur und sie wollten Segelsund kaufen, so groß sei die Schuld denn doch nicht, daß dies nicht noch möglich wäre. – »Und die Haut können sie dir doch nicht abziehen«, tröstete sie. »Denn so ist es in der Welt, weißt du, eins kommt aus dem anderen.« Arnesen wurde feuerrot. Womit wollten sie denn kaufen? Mit zehntausend Kronen war Segelsund auf der Bank belastet – wußten sie denn nicht, daß die Hälfte genügt hätte? Und daß er den gleichen Betrag ringsumher schuldig war, he? Mina blinzelte ruhig mit den Augen und schwieg. – »Der Ola hat mir diesen Rat gegeben«, sagte sie. »Er dachte wahrscheinlich, daß Onkel Jens für uns bürgen würde, für den Hof. Der Rest, ja, das weiß ich nicht, aber sie können dir doch wohl nicht die Haut abziehen? Darin liegt doch kein Betrug?« Arnesen murmelte nur etwas. – »Ich will meinen Frieden haben! Ich will Frieden vor euch haben, sage ich! Was seid ihr doch für ein Pack: Zuerst ruinieren sie mich, dann fressen sie mich mit lauter Dummheiten und Einfällen bei lebendigem Leib auf! Wo ist sie denn, deine Mutter? Denn sie ist an allem schuld, hörst du? Und du bist noch schlimmer als sie – ich will Frieden haben!« »Armer Vater!« murmelte sie, sie biß sich auf die Lippe und ging fort. Sie und Arthur machten einen langen Spaziergang. Es fügte sich gut, daß sie Heggerud, den Bankmann, unterwegs trafen, er wollte wieder zum Hochzeitshof zurück. Mina ging sofort auf ihn zu, und der Alte war freundlich, wie er zu sein pflegte. Ja, das sollten sie tun, sagte er, und sollten nicht damit zögern, sich die Urkunde zu beschaffen, und wenn er ihnen auf irgendeine Weise behilflich sein könne, so würde er das gerne tun. – »Verkauft nur alles, was daliegt; Fischerplätze und Häuslerhöfe«, murmelte er im Gehen vor sich hin; »und die Fahrzeuge übernehmen wir, und die Bank in der Stadt soll das Nachsehen haben, jawohl. – Aber daß der Jens für euch bürgt, das wirst du niemals erreichen!« rief er mittendrin aus. Das müßten sie eben versuchen, meinte sie. – »Mit ihm ist es ja am schlimmsten zu reden, aber in diesem Fall –« Sie suchte ihn auf ganz Haaberg, aber er war nicht da. Droben im Dachraum fand sie Peder, und er sah bleich und schmal aus. Er saß auf dem Bettrand. Andrea waren sie auf der Treppe begegnet. – »Jetzt will ich dir etwas erzählen«, sagte Mina. »Du bleibst jetzt auf Haaberg sitzen und ich auf Segelsund, was sagst du dazu? Wir kaufen den Hof, wir werden den Jens dazu überreden, zu bürgen. Nach Amerika ausreißen, sagtest du? Das tust du nicht, nein; obgleich es wohl das leichteste wäre. Weit eher müßten wir fahren, der Vater hat alles miteinander verloren und noch mehr dazu. Nein, du wirst nicht ausreißen – aber wo steckt er denn nur, der Onkel Jens?« Peder sah mit leerem Blick vor sich hin. Seine Augen waren gläsern und die Lider steif wie Binde. »Die Schöngans!« gähnte er hinter ihr her. Um diese Zeit kehrten die Leute aus der Versammlung zurück, und das ganze Haus füllte sich mit Lärm und Reden. Man bat die Gäste, auf den Hof des Tierarztes zu kommen, denn dort stand das Mittagsmahl bereit, frisch gesalzener Seebarsch und zerlassene Butter, wollten sie das nicht versuchen? Nach und nach kam die Menge in Bewegung. Gjartru und Arnesen saßen nicht bei Tisch. Er hatte sich zu Bett gelegt, mochte nicht einmal antworten, wenn man nach ihm rief, und sie war nirgends zu finden. Aasel war die gleiche wie immer und Kristen mit ihr. Sie aßen, daß es eine Lust war, und man sah ihnen nicht an, daß sie an andere Dinge dachten. Im übrigen dachte man nur noch an den Laienprediger, alle rings am Tisch. Namentlich ein Ereignis hatte auf alle Gemüter Eindruck gemacht. Ein kleiner Lausbub, der hinter dem Prediger saß, hatte ihm verstohlen einen Teufel aus Papier auf dem Rücken befestigt; die Leute sahen dies am Schluß der Versammlung, und gar mancher, der eben noch geweint hatte, mußte jetzt lachen. Auf dem Heimweg aber glitt der Junge aus und verrenkte sich den Fuß, so daß man ihn auf einer Rodel heimschaffen mußte. Gegen Abend kam der Prediger nach Haaberg und mit ihm Gjartru. Es sollte dort eine Versammlung abgehalten werden. Aasel erfuhr nicht eher etwas davon, als bis es zu spät war. Sie hatte sich um so vieles andere zu bekümmern. Und als sie endlich kam und die Sache noch verhindern wollte, sagte der alte Anders, man solle doch den Mann reden lassen, es könne ganz unterhaltend sein, zu hören, was der zu verkünden habe, schließlich müßte man solch einen Mann auch einmal gehört haben. Die Versammlung wurde sehr ergreifend. Die Leute bekehrten sich haufenweise, und Gjartru befand sich unter ihnen. Der Prediger drang immer härter und härter auf sie ein, es gab nur eine Wahrheit: Wenn du erlöst werden willst, so muß das heute noch geschehen, heute noch ! Anders saß da, das Gesicht der Stimme zugewandt. Bisweilen bestand es nur aus Falten und Bart; bisweilen aber öffnete es sich groß und treuherzig wie bei Kindern, und die Augen wurden weniger blauweiß, beinahe, als könnten sie sehen. – »Ja, ja«, sagte er. Aber je mehr Menschen sich überzeugen ließen, desto härter erklangen Gottes Worte über ihnen, und jetzt schluchzten einige schon laut auf – und das war die Gjartru, erkannte Anders. Er sitzt da und streicht sich den Bart, immer und immer wieder. Jetzt senkt der Prediger seine Stimme, bedrückend sanft und von Herzen kommend erklingt es: »Wer jetzt sein Herz dem Herrn verschließt, der verschließt es vielleicht für ewig, und der Tod steht vor der Türe und wartet. Der Tod! meine Freunde.« Da steht Anders jäh auf, hoch ragt er über sie alle hinaus und wendet sich dem Redner zu, sein Haupt ist wie die weiße Wolke über der Erde an einem Herbstabend. Er räuspert sich zweimal, hoch und scharf, und streckt die Hand vor sich aus: »Nein, nein, nein , Mann! Jetzt mußt du aufhören. Wo steckst du, Aasel?« Er wandte sich zur Seite. »Hier bin ich, Vater, und jetzt soll – –« »Ja, tu das, mach, daß du den Mann hinausbringst. Nimm deine Drehorgel und geh zu einem anderen Marktplatz. Laß den Tod sein, was er ist.« Mit weitaufgerissenen Mündern hatten sich alle umgedreht, und so blieben sie sitzen. Ein kalter Hauch fuhr durch die Stube, als hätte man die Decke abgehoben. Der Redner suchte seine ganze Kraft zusammen. Da aber sagte Aasel trocken und ruhig: »Singt noch ein Lied zum Schluß, das ist so schön.« Der Prediger packte seine Sachen zusammen und ging sofort, und mit ihm noch viele. Die übrigen saßen da und entbehrten das Lied. Gjartru saß noch wie im Traum da. Sie sah zu, wie alle rings um sie aufstanden und umhergingen. Dann beugte sie sich vor, schloß die Augen und betete. Sie wollte dem Herrgott danken, und sie wollte für sich und die Ihren beten, aber sie kam nicht über die erste Bitte hinaus: Sie betete für Aasel, betete so, daß sie am ganzen Leib zitterte, der Herr möge sie doch herausreißen wie ein brennendes Scheit aus dem Feuer, sie sagte, er müsse das tun. Denn es gab keinen Himmel für sie, Gjartru, wenn nicht auch Aasel dorthin kam! Sie murmelte und flüsterte, sie achtete nicht darauf, ob die Leute zuhörten oder nicht. Und es hörte es auch niemand als Aasel. »Ja, jetzt kannst du ebensolange für mich beten, wie ich für dich gebetet habe«, sagte diese dicht über Gjartru. Menschen gingen durch die Türen aus und ein. Einige hatten den Wanderprediger begleitet, einige waren geradeswegs heimgegangen, hier sah es nicht mehr nach Hochzeit aus. Kristen Folden kam selber herbei und bat sie, wieder hereinzukommen, jetzt sollte es einen Grog geben. Jens schenkte ein und arbeitete mit dem Grog wie ein Großknecht bei der Heuernte, und endlich war das Trinken wieder in vollem Gang. – »Soll das wirklich in der Weise weitergehen?« sagte Anders, er saß noch da und dachte an die Versammlung. – »Ja«, meinte Ola, »wer weiß, ob die Leute jetzt nicht einen Anfall von Krämpfen bekommen. Von Krämpfen im Glauben. Ich fühlte an mir selber, daß es dahin kommen könnte. Später werden andere Dinge kommen, muß man wohl glauben.« – »Ja, das muß man wohl glauben«, sagte Anders. Arnesen kommt mit dem Glas in der Hand herein, sieht blinzelnd in der Stube umher, gleichsam als sei er noch kaum recht wach, und als er Kristen sieht, steuert er geradeswegs auf ihn zu: – »Jetzt wollen wir einmal schauen, Kristen Folden, ob dich die Gerechtigkeit nicht auch bald einholt. Wegen der Netze und wegen anderer Dinge. Ich bin fertig, das ist wahr, aber jetzt kommst du an die Reihe. Du bist ein windiger Kerl, hörst du, was ich sage? Ein – ein –« Mina kam herbei und nahm ihn beim Arm, und er taumelte mit ihr weg wie ein schläfriges Kind. Kristen wieherte nur ein wenig und half dann die Stube wieder zum Tanzen zu räumen. Diesmal mußten die älteren Leute dran glauben. Den Jungen war es kalt über den Rücken gelaufen, und sie standen geknickt an den Wänden. Anders brachte sie in Schwung. – »Heute abend will ich leben, ebenso wie ihr, Burschen; es fragt sich sogar, ob ich nicht auch noch einmal rund herum tanzen muß, ehe ich aufhöre.« Als der Tierarzt hereinkam und einige Zeit später zu ihm trat, war Anders übermütig wie ein Junger, und mehr als das. »Paß auf, du Tierquäler, jetzt will ich dir etwas erzählen!« lachte er. »Der Kristen Folden, mein Schwiegersohn, das ist ein Ehrenmann. Er schenkte mir ein gehöriges Bierglas voll Kognak ein und sagte dazu, das sollst du trinken, sagte er; und das trank ich. Und der Kristen Folden schenkte noch ein zweites gehöriges Bierglas voll Kognak ein und sagte das gleiche; und das trank ich. Und wahrhaftig, da wurde ich ein ganz anderer Kerl!« Er saß eine Weile da und lauschte: »Jetzt, meine ich, spielt der Ola wieder – hört doch zu, wie wenn man eine Ziege schlachtet! Den ganzen Kerl sollte man noch einmal machen. Tanzt nur zu, zum Tanzen ist's gut genug, ihr braucht ja weiter nicht drauf zu hören!« Jetzt kam Andrea mit Peder an der Hand herein, und sie mischten sich unter die anderen Tanzenden. Peder hatte eine Weile geschlafen und war jetzt wieder guter Dinge. Er hielt sie so treuherzig fest – mit gutem Gewissen, wie Kjersti Rönningan sagte. Sie war gerade oben gewesen und hatte sich nach Petter umgeschaut, der lag sternhagelvoll da und schlief. 5 Mina war es ein wenig heiß zumute, aber jetzt mußte es geschehen. Sie mußte mit Jens reden, es gab keinen anderen Ausweg. Sie fing ihn mitten auf der Treppe ab, er kam gerade mit einem Krug vom Dachboden herunter. Jens sah sie scheel und trocken an; seine Kinnladen wurden immer größer und größer. Er schüttelte den Kopf: »Ich schreibe nie meinen Namen auf ein Papier, Kind. Nie, nein.« – »Nein, nein, aber du kannst uns doch etwas leihen, oder nicht? Leih uns zehntausend Kronen, wir geben dir dafür Segelsund mit allem, was drum und dran ist, zum Pfand.« Jetzt lächelte er, und Mina wurde glühend rot. »Ich glaube nicht, daß ich das tun werde. Da müßte ich den Jens schlecht kennen. Du, mein Herzblatt, bist all right ; daran fehlt's nicht. Aber ich bin eben ein – self-made man , verstehst du das? Ich habe meine principles , da ist nichts zu machen. Und dein Vater übrigens – na ja, und das ganze Land hier – – nicht für zwei Cents business zu machen. So, jetzt weißt du's. Komm doch mit mir hinüber, wie? Überleg dir's einmal.« Mina hatte sich steiler und steiler aufgerichtet, und der eine Mundwinkel zog sich straff hinauf. Da kam Peder hinzu. Er stand still da und hörte zu, betrunken zwar, aber auf sicheren Füßen; er sah aus, als wolle er den Nächstbesten anspucken. Er kam die letzte Stufe herauf und stellte sich neben Jens. »Ich hatte einmal einen Oheim, ich, der hieß Per –, hieß genau so wie ich, sozusagen. Er sagte einmal für einen gut, hat man mir erzählt; war nahe daran, den ganzen Haaberghof aufs Spiel zu setzen. Aber es blieb ihm erspart, war's nicht so?« Jens wollte an den beiden vorüberkommen, er wollte den Krug hinuntertragen, aber Peder stellte sich ihm in den Weg. »War es nicht so? Ja, ja, geh du nur. Jetzt ist das meine Sache. Was er nicht getan hat, das tue ich. He? Hast du etwas gesagt? Komm her, Mina, und du auch, Arthur, dann wollen wir einmal sehen«; er ging vor ihnen die Treppe hinauf. Aasel hatte sich in der Schlafkammer neben der Oststube hingesetzt. Dorthin kam Gjartru und fand sie. »Du sollst nicht böse auf mich sein, Aasel«, sagte sie; »ich bin so froh, daß ich es gar nicht allein mit mir herumtragen kann. Ich fühle es wie eine Quelle des Glaubens in der Brust, ich bin so reich, wie ich es mir nie hätte träumen lassen. Ich glaube sogar, daß der Herr uns auf mancherlei Weise helfen wird. Ach, es ist etwas Beseligendes darum, so zerknirscht zu sein, wie ich es jetzt bin.« Aasel lächelte vor sich hin: »Ist es denn so leicht, in das Reich Gottes zu gelangen? Ja, ja, ich habe dich ja so oft gebeten, dich an ihn zu halten, aber –. Ich hätte nie gedacht, daß es auf diese Art kommen würde. Das war es nicht, was ich von unserm Herrgott erbat, nein.« Gjartru schluchzt noch ein paarmal auf, es stößt sie und stößt sie, und ihre Blicke schweifen in weite Fernen. »Dieser Gedanke an die Sippe, Aasel, wenn er dir nur nicht einmal zum Stein im Weg wird – und kannst du sie denn nicht dazu bringen, daß sie endlich einmal mit dem Tanz und all dem sündhaften Treiben da unten aufhören? Du warst doch sonst so ängstlich?« Aasel meinte, sie solle lieber mit den Leuten reden. »Und jetzt läufst du wieder mitten im Nebel herum. Glauben, sagst du. Träume nenn ich es. Auf diese Kunst versteh ich mich nicht; ich muß die Welt schon so sehen, wie sie ist, und muß trotzdem meinen Kopf aufrecht tragen. Aber willst du nicht einen Schluck Wein haben? Er ist gut, du wirst sehen!« »Ach, du weißt nicht, Aasel, wie seltsam es ist, alles miteinander! Als wäre schon das Ende der Welt gekommen!« »Ja, das ist alles schön und gut, aber –.« Aasel tat einen Zug aus der Flasche. – Aber sie mußten nun eben Hochzeit feiern, dieses Mal, meinte sie. Denn auch ihr schien alles so seltsam, sie mußte das zugeben. »Meine Kinder sind bleich und weich, ich sehe das selber am besten, und vielleicht will keines von ihnen den Hof haben, sie reißen ihn mir aus den Händen und verschleudern ihn; und das, was wir hätten tun sollen, ist ungeschehen geblieben; und die ganze Zeit bin ich umhergegangen und habe mich damit gequält, daß ich etwas hätte opfern müssen, das Kostbarste, was ich wüßte – es kam nicht dazu. Die Sippe, ja, ich mußte doch auch wohl einen Halt haben. Aber was kommen soll, das wird wohl kommen. Halt du dich nur an deinen Glauben. Jetzt fühle ich mich zum erstenmal jung, trotz allem.« »Ja, wenn doch bloß Arnesen sich dem Herrn ergeben wollte!« »Ach du !« murmelte Aasel. Sie wandte sich von ihr ab. Da kam Peder, und hinter ihr Arthur und Mina. »Hast du jetzt die Sprache gefunden, Mutter?« sagte er. »Du hast's ja leicht, du brauchst dich nur um mich zu sorgen. Da weißt du wenigstens, daß du recht hast. Meinst du, ich nehme Reißaus? Das sähe mir nicht gleich. Nein, aber jetzt habe ich für den Arthur hier unterschrieben, für zehntausend Kronen, soviel muß Haaberg doch wohl wert sein? Was sagst du dazu, Mutter?« Seine Stimme klang nüchtern, sie gerbte und zog einen zusammen wie scharfe Lohe, schien es Aasel; aber trotzdem war er gleichsam so weit weg, dachte sicherlich an ganz andere Dinge. Plötzlich drehte er sich ihr zu und stieß hervor: »Laßt es euch gesagt sein, ihr beide, du und der Vater, daß das hier abgemacht und festgenagelt ist. Wenn nicht – – dann heißt es Lebt wohl und Auf nach Amerika!« Er schwenkte steif herum und ging weg. Andrea traf ihn im Gang, und er umarmte sie heftig und hart; sie wurde rot und erstaunt. »Jetzt sind wir arme Leute, Andrea, hörst du? Jetzt habe ich mich von einem schweren Alp befreit. Ich wußte doch, daß ich auch noch etwas wert sei. Wo ist denn eigentlich mein Glas?« Zuerst stand sie nur da und sah ihm nach. Dann arbeitete sich das Glück in ihren Augen hervor und legte sich über das ganze Gesicht, und als sie Aasel begegnete, hätte sie sich am liebsten versteckt. Aasel aber sagte nur, während sie die gekochte Schokolade kostete: »Du hast mit dem Peder gesprochen, nicht wahr? Und wenn du mit ihm einig bist, kann ich es ja auch sein.« Das Hochzeitstreiben war wieder auf seinem Höhepunkt angelangt, das konnten sie hören. Aasel lauschte und lächelte: »Wie merkwürdig das ist. Als sollten wir es zum letztenmal hören.« Jetzt läßt sich ein halb betrunkener Bursche draußen im Gang vernehmen: »Drauf, Burschen, jetzt tritt bald der Jüngste Tag in Kraft!« Und ein älterer Mann antwortete darauf: »Der Jüngste Tag ist schon überstanden.« Nie hatten die Leute mehr gefeiert. »Und wenn die Heringspreise gefallen sind, so ist es gut, daß wir vorher verkauft haben«, sagte einer. – »Dann war es ein Glück, daß wir keine reichen Leute sind und daß wir nicht kaufen konnten«, antwortete ein anderer. Und immer noch war Hochzeit und eine gute Zeit, und der Rest stand in einem blauen Nebel vor ihnen. Keiner dachte mehr an Sünde, nicht mehr als in früheren Tagen. Draußen war es schwarz und kalt, und dorthin wollten sie nur ungern; schließt die Tür und schraubt die Lampe hoch, hervor mit den Messinghörnern! Ola hätte am liebsten bis in den hellen Morgen hinein dagesessen und gespielt, und er dachte gar nicht daran, daß er die Leute quälen könnte. Er hatte sich warm gespielt, das war es. Jetzt war er gerade so weit, daß er alles spielen konnte, was ihm durch den Sinn fuhr, und das war gar vieles. Er lernte die Tanzweisen vom Teufel, wie die Alten sagten; das war ein Leben, so wie er es sich früher immer gewünscht hatte. Aber man mußte vielleicht auch an die denken, die es mit anhören mußten. Er legte die Ziehharmonika weg. Da fährt die äußere Haustüre auf, und die Leute im Gang brechen in ein Geschrei aus, in ein gellendes Schreckensgeschrei und ein heiseres und vielfaches Tiergebrüll: Dort steht ein Toter auf der Haustreppe! Ja, da steht er: im weißen Totenhemd und mit Augen und Zähnen wie ein Toter, ein grünes Licht geht von ihm aus, und jetzt lacht er: He, he, he! Alles weicht zurück und tiefer ins Haus hinein, Frauen wie Männer, und so weiß sind sie wie gebleichtes Leinen. Diesmal hört der Tanz mit einem Schlag auf. Ola bahnt sich einen Weg durch das Gedränge, und hinter ihm noch zwei, drei andere. Sie sehen die Erscheinung zurückweichen, die schwarze Nacht steht wie ein Keller dahinter, und dorthinein war die Gestalt verschwunden. Anders hat gehört, worum es sich handelt, und er stellt nun das kleine Mädchen von Aasel auf den Boden – die Kleinen die liefen immer zu ihm, wenn es irgend etwas gab –, und dann tastete er sich langsam vorwärts. »Macht Platz!« ruft er. »Ich werd ihm schon heimleuchten, werd ihm schon den richtigen Kurs beibringen, in dem Fahrwasser kenn ich mich aus.« Sie machen ihm Platz, Ola bleibt stehen und wartet, und Anders geht hinaus. Sein Gesicht war blaurot, das konnte Ola sehen. Die Erscheinung war nicht mehr da, aber Anders trat über die Treppe hinaus und fiel nach vorn, kopfüber auf die Erde hinunter und blieb dort liegen. Betrunkene Männer und fast alle übrigen stürmen hinaus und halten Umschau. Keine Erscheinung mehr, nichts mehr weit und breit, das Biest hatte nachgeben müssen! Aber der Anders? Hat er sich verletzt? Und dann diese elend hohe Treppe, die er selbst einmal gezimmert hatte! Sie packten Anders an und zogen, hoben und zerrten und wollten ihn ins Haus schaffen, aber er war schwer für zwei, und ihre Füße verloren immer wieder den Halt. Und es war ihm auch nicht möglich, selber eine Hand oder einen Fuß zu rühren, heute abend war er schwer gegerbt. Da machten sie es wie mit einem Boot, das auf Land gezogen wird: »A-hoi, o-hi holi-op!« So brachten sie ihn über die Treppe hinauf und in den Gang hinein, wartet nur, jetzt in die Stube mit ihm! »Hast du dir weh getan, Anders? Mir scheint, du bist gefallen? Dem Knochenkerl hast du wahrhaftig den Garaus gemacht.« Aber Anders lachte heute abend nicht. Da streckt er sich mit Riesenkraft, und dann sinkt er schlaff zusammen. Ola kam herzu, bat die anderen wegzugehen. Eine Weile steht er dicht über ihn gebeugt da. Dann hebt er den Kopf und sieht alle ringsum an. »Nein, das ist ja nicht möglich?« fragte einer nach dem andern. »Das ist doch nicht möglich!« »Ja, jetzt ist es zu Ende. Mit ihm.« Mariane, das kleinste Mädchen, hat alles begriffen. Ihr Gesicht ist erstarrt und verzerrt, sie steht noch eine Weile da und betrachtet den Großvater, und als Aasel und Gjartru kommen, dreht sie sich weg und geht in die Kammer des Großvaters hinaus. Die beiden Schwestern bleiben ebenso wie die anderen stehen. Andrea war oben im Dachraum bei Peder, denn er fühlte sich krank und lag zu Bett; das letzte Glas war um eins zuviel gewesen. Arnesen kam gerade herauf, und da ging Andrea hinunter, um Wasser zu holen. Sie kam nicht sogleich wieder, und so ging Arnesen nach Wasser hinunter. Peder trank gierig. »Ich danke dir!« sagte er. »Du bist ein braver Mann, wenn du auch ein großer Dummkopf bist.« – »Du kannst mich nennen, was du willst, von nun an, Peder. Denn ich weiß, du hast versprochen, uns zu helfen – den jungen Leuten zu helfen, wollte ich sagen. Aber mir, mir ist deswegen doch nicht geholfen – was soll ich jetzt mit mir anfangen? Ich bin betrunken, ja, aber trotzdem sehe ich alles vor mir. Zehntausend, sagst du, aber du darfst nicht vergessen, daß viertausend im Hof festgelegt sind, von früher her; weißt du nichts von diesem Legat? Es sind also nur sechstausend, für die du bürgen mußt, und dann verkaufen sie das ganze Eigentum drinnen am See mit Stumpf und Stiel, es bleibt also fast nichts an dir hängen, und außerdem mußt du dir noch einen Bürgen dazu nehmen, allein wiegst du nicht schwer genug. Ja. Aber wenn du wirklich und ganz der Peder bist, dann schreibst du auch noch für mich einen Zettel, eintausend Kronen oder so etwas, so viel wenigstens, daß ich hier wegkomme und nach Amerika fahren kann, hier hab ich doch nur Gegenwind; was meinst du dazu?« Peder lag da und sah zur Decke hinauf. Er lächelte ein paarmal leise, dazwischen aber war er ernsthaft und unruhig, schaute immer wieder zur Tür hin. »Was ist denn aus der Andrea geworden?« sagte er. »Bringt sie denn kein Wasser?« – »Hier ist doch Wasser!« – »Ach du !« In diesem Augenblick kam Mina. Sie war beunruhigt, weil der Vater hinter Peder her war, ihn überall gesucht hatte, wußte aber nicht, was sich unten zugetragen hatte. »Du mußt dich doch schämen!« sagte sie und zog ihn mit sich fort. Peder aber rief ihr nach: »Es ist nicht ausgeschlossen, daß ich es doch noch tue!« Man hatte Anders gerade auf sein Bett in der Kammer gelegt, als die beiden herunterkamen. Und jetzt war es mit der Hochzeit zu Ende. Es wurde still, drinnen wie draußen – dort stand die Nacht grauschwarz zwischen den Bergen, mit kleinen Schneefurchen in den Gesichtern der Berge, und da und dort mit einer Sternschnuppe am Himmel, er war so ausgeglüht und leer. Die Leute legten sich zu Bett, nach und nach – und nüchtern waren sie alle miteinander. Aasel und Gjartru waren die letzten in der Kammer beim Vater. – »Ich wußte doch, daß es so enden mußte!« seufzte Gjartru. – »Ach nein, wir wußten gar nichts. Und das war gut so.« Andrea saß auf dem Bett bei Peder, als sie erzählte, wie es stand. Er hatte ihre Hand auf seine Stirn gelegt, und dort mußte sie liegen bleiben, denn ihm tat der Kopf so weh. – »Ja, so«, sagte er nur. »Ja, allzu früh war es ja nicht«, fügte er hinzu. Andrea zuckte unter diesen Worten ein wenig zusammen, sie klangen so unwahrscheinlich kalt; dann aber richtete sie sich auf und sagte, nun sei ihre Zeit gekommen, nicht wahr? Darauf gab er keine Antwort. Nach der Hochzeit Das Wetter war still und blieb still. Es war ins Stocken geraten. Tag und Nacht die gleiche seltsame Stille; in der Dämmerung oder gegen Morgen kam mitunter ein leiser Lufthauch auf, raschelte im Jungwald, strich tuschelnd an den Wänden entlang; dann vergaß er sich gleichsam und legte sich wieder. Und die See sagte kein Wort mehr. Die Leute wunderten sich über dieses gute Wetter; aber sie sprachen nicht darüber. Schließlich lag es wie eine Last über der Gegend. Der Wind hätte gern wieder blasen dürfen, hätte gern einen Laut von sich geben dürfen. Nein, sie sagten nichts. Sie waren verlegen, wenn sie zusammenkamen, besonders jene, die mit auf der Hochzeit gewesen waren, und die waren ja jetzt die wichtigsten geworden. Aber sie gingen umher und schauten, viele von ihnen, und zum Schluß sahen es alle. Einzig und allein Arnesen versuchte es auszusprechen. Das hätten sie sich auf Haaberg doch erwarten können, sagte er. Wenn einer den Teufel an die Wand malt, dann kommt er, und wenn die Menschen nicht verständig genug sind, dann muß der Herrgott es sein. Und jetzt hatten sie ausgespielt, und das war gut so. – Sie sahen ihn an und blickten dann wieder weg. Er merkte, daß sie mit ihm einig waren. Wenn aber Gjartru dabeistand und zuhörte, stieß sie nur verächtlich die Luft durch die Nase und sah trocken vor sich hin: »Ach du !« Der Prediger wanderte von einem Hof zum anderen, hin und her, und überall folgten ihm die Leute, ob es nun Werktag war oder Feiertag. Es gab keine andere Möglichkeit. Man konnte auf andere Weise nicht leben. Aber Aasel verweigerte ihm ihr Haus. Die Leute glaubten es zuerst nicht, und am wenigsten Gjartru, aber sie war nicht nur einmal, sondern mehrere Male dort, und es war immer das gleiche: »Hier soll das Leichenbegängnis sein. Laß mich in Frieden, hörst du! Selig, sagst du? Ja, Kind, ich werde selig werden, und noch mehr als selig. Aber ich will den Vater noch richtig unter die Erde bringen, ehe ich verrückt werde. Du magst dich auf deine Art trösten!« Diese Worte verbreiteten sich in der Gemeinde, und die Leute sahen einander an: Daß sie es wagte! Daß hier noch einer ist, der so etwas wagt! Sie war verhärtet. Verhielt es sich wirklich so, daß der Peder krank geworden war? Die gleiche Krankheit bekommen hatte, an der seine Schwester gestorben war? Aasel hatte nicht im Sinne, einen großen Leichenschmaus auszurichten, sie wollte das Leichenbegängnis nur so abhalten, daß sie sich nicht zu schämen brauchte. Ola war da und half mit. Es bedeutete für ihn eine Erleichterung, da zu sein, denn sie brauchten ihn wirklich. Am Abend machte er gern einen Gang nach Rönningan hinüber. Anetta hatte so schrecklich scheue Augen, war immer auf dem Sprung von ihm weg, in ihrem Innersten; dies wurde immer schlimmer, so oft er hinkam, und darum mußte er hinüber. Was sah sie denn? Denn das erkannte er schließlich doch; es war wie ein diebisch frohes Aufblitzen in ihren Augen, wenn er kam, sie wußte, daß sie ihm gehörte. Und dann war noch Oheim Petter da. Er lag wieder zu Bett, aber er sah einen so hell und unruhig an, besonders wenn man ihn verlassen wollte; Ola erinnerte sich dessen nachher und mußte wieder zu ihm. Eines Abends, die anderen waren schon schlafen gegangen, rückte er damit heraus. »Nein, daß der Anders noch vor mir ins Gras beißen mußte! Ist es nicht merkwürdig, daß der Herrgott so nach allen Seiten gerecht sein soll? Jetzt glaubst du wohl, ich hätte meinem Bruder das Leben genommen? Nein, nein. Ich war nur so ein kleines Gespenst, dann kam er selber – dann besorgte der Herrgott den Rest. So ist es immer gewesen. Ich muß so sagen wie jener Mann: ›Fast wie ein Geschenk!« sagte er, als er den Engel im Fuchseisen fing. Aber glaubst du, daß der Anders und ich einander noch einmal begegnen werden? Das kann ich mir kaum vorstellen; ich glaube nie und nimmer, daß sie ihn ins Himmelreich hineinlassen; und ich, ich bin doch mein ganzes Leben lang ein Lazarus gewesen. Und wenn er mich zu sehen bekommt, Ola, dann pfeift er vielleicht auf mich und die ganze Seligkeit. Ja, ja; so ist's also zwischen uns beiden ausgegangen. Du mußt den Pfarrer holen, Ola, wenn du siehst, daß es mit mir zu Ende geht. Sag ihm, daß ich inwendig nicht so schwarz bin, wie die Leute glauben.« Petter trocknete sich den Schweiß vom Schädel und sah vergnügt drein: »Wir beide, Ola, wir sind noch nicht die Schlimmsten.« Als Ola nach Haaberg kam, war im Dachraum bei Peder noch Licht. Da saß wohl Andrea oben und wachte bei ihm; das war nun ihre Arbeit, seit sie hierhergezogen war. Denn es hatte seine Richtigkeit mit dem, was sich die Leute erzählten, Peder war krank geworden. Es hatte mit Frost und Fieberhitze angefangen. Andrea war es endlich mit Bitten und Drohen gelungen, ihn ins Bett zu bringen, und da lag er nun. Er hustete Blut. In den Nächten war er so unruhig, daß er es kaum aushielt, stand er aber auf, so wurde er fast bewußtlos vor Schwindel und mußte sofort wieder ins Bett geschafft werden. »Ich schwitze wie ein Taglöhner«, lachte er – »was soll das denn heißen?« Erstaunt und ungläubig sah er die anderen an. Der Doktor hatte ihn besucht, aber er war alt und wollte nicht viel sagen. Peder sollte liegenbleiben und Tropfen nehmen. Doch die schmeckten nach nichts, und Peder spuckte sie aus und weigerte sich, sie ein zweites Mal zu schlucken. Es fehle ihm doch gar nichts, behauptete er, er sei nur ein wenig verschleimt seit der Fahrt in die Stadt und seit der Hochzeit, und er erzählte, daß er schon früher Blut gespuckt habe, schon öfters, er würde bald wieder gesund sein. »Du sollst nicht so bleich sein, Andrea; du wirst mich doch nicht für solch einen Krüppel halten?« Als aber noch ein paar Tage vergangen waren, fiel er immer mehr zusammen. Er sagte nichts, redete so gut wie kein Wort mehr und sah aus, als wisse er, was es nun geschlagen hatte. Aasel erkannte es klar genug. Genau so war es mit Valborg gegangen, als sie starb. Es war eben diese Schwindsucht, und dagegen gab es keinen Bat. Die saugte das Blut aus dem Menschen. Aber, wie gesagt, der Vater sollte trotzdem dem Brauch gemäß zu Grabe getragen werden. Ola ging umher und beobachtete sie; das Gesicht war immer gleichmäßig ruhig, man konnte es mit dem Fjord und dem ganzen Ufer ringsum vergleichen, und die Augen blickten immer gleich sanft und bergblau wie das Gebirge drein, überlegten beständig vom Morgen bis zum Abend: jetzt muß das geschehen und dann jenes. Er ging von ihr fort und zur Versammlung, Dort war alles ebenso fremd wie auf Haaberg, lauter Leute, die gläubig waren, sich darein verbissen und gläubig waren, so daß man wie ein Geächteter zwischen ihnen saß. Oft schlenderte er schon heim, ehe es zu Ende war. Eines Abends, als er von solch einer Versammlung kam, war Andrea gerade in der Küche, und da fragte sie ihn, ob er wirklich zu diesen Zusammenkünften ginge. – Jawohl, das tat er. – »So, so, ist das wahr?« erwiderte sie. – »Warum nicht?« – »Ja, aber was willst du denn dort?« – »Ich will ein Berg werden. Dann kann der Glaube anpacken und mich versetzen. Ich kann doch nicht Zeit meines Lebens hier umhergehen und ein Sumpf sein?« Er wollte noch verschiedenes sagen, aber da merkte er, daß sie ihm nicht mehr zuhörte. Er fragte, ob er nicht einmal zu Peder hinaufsehen könne. Da flog ein Ausdruck der Not und Angst über ihr Gesicht, und sie hielt ihre Augen gerade auf ihn gerichtet: »Er will kaum mich sehen. Geschweige denn einen anderen.« Ola wisse das doch übrigens. Nicht einmal die Mutter wolle er sehen. Aber allein wolle er auch nicht bleiben. Am Tage darauf kam Andrea zu Ola auf den Hof hinaus; sie kam so seltsam ungewiß und dennoch rasch einher, und er blieb stehen und wartete und hielt dabei das Pferd. Ihr Haar ist noch in Unordnung, aber sie hat die Frauenhaube auf und ihr Frauenkleid angezogen – es war trotz allem die Andrea, und überdies so schön wie noch nie, man wäre am liebsten weggegangen und hätte sich irgendwo hingesetzt. Jetzt war ihr Gesicht ganz verzerrt: »Hol den Doktor aus der Stadt, Ola, willst du nicht? Oder kannst du nicht jemand andern schicken, Ola!« Er legte die Zügel aus der Hand, schirrte das Pferd aus und führte es wieder hinein, die Fahrt zum Landhändler hatte noch Zeit; dann kam er wieder heraus, und sie stand immer noch da. »Du glaubst wohl nicht, daß noch zu helfen ist?« Ihr standen Tränen in den Augen. »Doch, das glaube ich voll und ganz.« Er ging hinaus zu den Häuslerplätzen, dingte sich dort drei Ruderknechte, schrieb einen Zettel und schickte sie damit fort. Der Doktor kam am anderen Tag. Er untersuchte Peder immer und immer wieder und sagte schließlich, die Sache sei wohl nicht so gefährlich. »Eine Art Lungenentzündung, die ihre Zeit braucht«, sagte er. Peder ließ sich zurücksinken, ein bleiches Hohnlächeln auf den Lippen. Aber Andrea lief hinunter und erzählte allen, erst der Aasel und dann dem Ola, den sie in der Schreinerwerkstatt fand: »Er kommt mit dem Leben davon! Er kommt mit dem Leben davon, Ola! Und ich – – , die nicht froh war an dem Tag, an dem ich mich verheiratete!« Sie sah ihn mit großem Erstaunen an. Und das erzählt sie mir, dachte er. So alt bin ich schon in ihren Augen; so bin ich also. Auf allen Hängen lag Neuschnee, und alle Sunde lagen spiegelblank da; und Andrea ging umher und war zum erstenmal jung und glücklich; Ola stand lange da und sah um sich. Er sagte es zu Aasel, gleich nachdem sie vom Stall herübergekommen war. »Sie leuchtete wie der hellichte Tag«, sagte er. – »Ja, die Ärmste, ich habe es gesehen – kannst nicht du mit ihr reden? Mir brauchst du nichts vom Peder zu erzählen. Für uns ist er verloren. Das konnte ich auch dem Doktor anmerken. Aber daß der Kristen heute zur Bank gefahren ist?« fügte sie hinzu. – »Ja, es muß doch noch eine Rettung geben?« Ola war ganz lahm um den Mund wie ein blaugefrorenes Kind. Dann flackerte Röte über sein Gesicht: »Und unser Herrgott, wenn du ihn bitten – –« Er hatte sich schon abgewandt, und jedes ging seiner Wege. Kristen hätte sich wohl für diesen Tag von der Bank freimachen können, Aasel hatte recht; aber er fand so wenig Ruhe daheim, er machte sich Sorgen wegen der Bank. – Aha, dachte er, als er Arnesen kommen sah, und das gleiche dachte er, als Arnesen ein Papier hervorzog und an Heggerud ablieferte. Arnesen zuckte ein wenig zusammen, als er Kristen hier begegnete, aber er raffte sich auf und ging gleich auf die Sache los. Es handle sich darum, ob man ihm dieses Geld ein wenig rasch verschaffen könne? So daß er nicht erst bis zur Bank in die Stadt müsse. Heggerud überflog das Papier und gab es Kristen. Es war ein Blankett auf eine Wechselobligation in der Bank hier, und Peder Haaberg hatte seinen Namen daruntergeschrieben; zweitausend Kronen stand darauf. »Denn rasche Hilfe ist doppelte Hilfe, so ist es nun einmal im Geschäftsleben«, schwätzte Arnesen. Kristen saß da und starrte auf das Papier, verzog aber keinen Muskel im Gesicht. Heggerud ging auf einen Augenblick hinaus. »Ja, ja«, sagte Kristen. »Ich weiß davon, daß Peder versprochen hat, Euch zu helfen. Und dagegen ist nichts einzuwenden. Aasel ist sogar froh, daß er auf diesen Gedanken kam. Aber war nicht von einer Pfandobligation die Rede? Und handelte es sich nicht um eine viel größere Summe?« Arnesen erwiderte verächtlich, das sei eine andere Sache, das ginge die jungen Leute an. – Aha, dachte Kristen wiederum. – »Aber hier hat zuerst ein tausend gestanden? Und mit einer anderen Tinte, soviel ich sehe.« – »Das setzten wir zuerst an, ja, und dann änderten wir es um, siehst du das nicht?« Kristen schaut Arnesen an. Sie blicken einander in die Augen. »Du wirst doch wohl nicht anfangen zu – zu –« »– dich zu betrügen, sag's nur. Doch, darauf kannst du dich verlassen! Das hast du ehrlich verdient, und jetzt sollst du daran glauben!« Arnesen mußte Kristen sogar noch anlachen, der sah aus, als habe man ihn in kaltes Wasser getaucht. »So ist es in der Geschäftswelt«, kicherte er, »dein Geld soll mein Geld werden, hm?« »Dieses Gesetz ist nicht nur alt, sondern auch gut. Aber es ist nur für erwachsene Leute. Du hast vergessen, daß der Hof noch mir gehört. Und daß der Peder zu Bett liegt. Ja, ja. Willkommen beim Leichenschmaus, morgen!« Arnesen legte sich zu Bett, als er heimkam. Da verstanden die anderen, wie es auf der Bank gegangen war. Und das war gut so, sagte Mina, denn was hatte er dort eigentlich zu tun? Gjartru gab keine Antwort. Sie sah von dort keine Hoffnung mehr. Ein Traum ist ein Traum, und Arnesen mochte streben, soviel er konnte; und morgen abend mußte Versammlung sein, mochten sie doch auf Haaberg Leichenschmaus halten, soviel sie nur wollten. »Ich weiß, du folgst mir und gehst auch auf die Versammlung«, sagte sie zu Mina; »das freut mich.« »Auf gar keinen Fall!« sagte Mina; sie erhob sich jäh und ging hinaus. Kleine Schatten flogen über ihr Gesicht, die Augen begegneten dem Neuschnee und der abendlichen Stille draußen und glitten in jungem und frohem Hohn darüber hin: »Auf gar keinen Fall, nein! Den Eltern gehorchen? Das war früher einmal.« Kristen mied Aasel den ganzen Abend, solange es nur anging, aber ehe er sich's versah, stand er doch mitten vor ihr, und da war denn nichts anderes mehr zu machen, als ihr zu sagen, wie es sich verhielt. – »Er kam mit einem Papier«, sagte er. – »Der Arnesen wohl?« – »Ja, Zweitausend Kronen. Wenn ich den Versuch machen würde, auf diese Weise zu stehlen, käme ich an den Galgen.« Er zeigte Aasel das Papier, das er in die Tasche gesteckt hatte: »Das ist eine schöne Sache, nicht?« Aasel sah nur Peders Namen; dann stand sie da und starrte die Wand an. Ihre Augen flatterten lind wanderten von einem Gegenstand zum anderen. Ihre Haut hatte immer noch jenes Jungmädchenhafte, aber sie wurde immer durchsichtiger und dünner, man konnte förmlich auf den Augenblick warten, da Alter und Machtlosigkeit hervorbrachen. »Das ist freilich hart«, sagte sie. »Da haben wir nun all die Jahre her gearbeitet und gespart, und dann geht der, der es einmal haben soll, hin und wirft es einfach weg – das ist hart !« »Aber diesmal ist er zu kurz gekommen.« »Ich rede vom Peder.« »Ja, aber das Gesetz – –.« »Ich rede vom Peder. Er ist jetzt das Gesetz.« Sie sah Kristen nicht an, als sie ihm das Papier aus der Hand nahm und fortging. Er blieb stehen und gehörte nicht zu Haaberg. Peder lag da und sah zur Decke, wurde nicht gewahr, daß die Mutter hereinkam; Andrea saß still am Fenster, sie sah mit großen Augen auf – es lag ein so scheues Glück darin. Aasel wartete ein wenig. Denn er hatte sie in der Türe bemerkt. Sein Blick erkannte sofort das Papier in ihrer Hand, noch während er sich herumdrehte, Aasel durchzuckte der Gedanke, daß sein Lächeln dünn war wie die Schneide einer Axt. Jetzt aber sah er den Zweier, den Arnesen eingesetzt hatte, und das Blut stieg ihm heiß in die Wangen. Nur einen Augenblick lang; dann gab er das Papier zurück und blickte wieder zur Decke hinauf. – »Gut, sagen wir also zwei!« Er lächelte wieder. »Sag das dem Vater. Das tut gut; nicht nur ihnen, sondern auch uns.« Er schlug mit der flachen Hand auf die Bettdecke. Aasel war ganz verändert, so wie Andrea sie noch nie gesehen hatte, als sie sich ihr nun zuwandte: »Ich danke euch allen beiden. In ihrem und auch in unserem Namen. Es ist falsch , aber es ist vielleicht doch richtig.« Sie packte Andrea hart beim Arm, als sie in der Tür standen: »Daß ich dich mit hineinziehen mußte, Kind!« Andrea küßte sie auf die Stirne. Aasel wurde glutrot und beeilte sich, hinunterzukommen. Mehrere Male griff sie sich an die Stirn und murmelte vor sich hin: »Eigentlich bin ich jetzt genau wieder dort, wo ich mit dem Leben angefangen habe. – Ich sah ihn unter seiner Bürde schwanken.« Während sich all dies zutrug, lag Anders' Leichnam in der Scheune drüben. Man hatte ihm das Gesangbuch in die Hand gegeben. Aber verkehrt, dies sah Ola; die Hände jedoch hielten es getreulich umschlossen. Im übrigen lag er da, wie der Vater und der Großvater gelegen hatten, mit blauroten Rosen auf den Wangen – den Mund unter dem Bart versteckt wie eine Meinung, die er für sich behalten wollte. Niemand konnte sagen, er läge da und lächelte wie andere. Am Tag des Leichenbegängnisses erschien Mina mit beiden Eltern. – »Sie sind nun doch mitgekommen«, sagte sie. Als sie die Leiche in der Scheune anschauten, stand Aasel dem Sarg am nächsten. Sie stand mit dem Tuch in der Hand da, hinter ihr waren die anderen, eine Menge schweigender Menschen. Niemand weinte. Sie standen nur still da. Es war gleichsam, als schreite die Zeit durch ihre Herzen, die Zeit, die gewesen war und die nicht wiederkehrte. Man hörte Gjartru seufzen. Da breitete Aasel das Tuch über das Gesicht des Vaters, und der Deckel wurde geschlossen. Ola sang den Vater zum Haus hinaus. Er wählte ein Lied, das kein anderer kannte, und sang allein. Ehe er das Vaterunser betete, sagte er einige Worte. Seitdem der Pfarrer über den Fjord gezogen war, war das nicht mehr der Brauch, die Leute machten sofort ein wenig lange Gesichter und wußten nicht, wie sie das Ganze auffassen sollten. Aasel aber sah ihn groß und ruhig an. – »Hier liegt der letzte von uns«, sagte er. »Er hatte keine Eile, aber jetzt ist er seiner Wege gegangen. Ich will euch nur in seinem Namen Lebewohl sagen und für alles danken, allen, jung wie alt, denn ich weiß, daß er das tun würde. Er hat seine Zeit zu Ende gelebt. Und vielleicht saß er hier und fragte sich, ob er das gleiche von uns sagen könnte. E r hatte die Zeit immer zu nehmen gewußt, gleichgültig wie sie auch sein mochte, für uns ist das schwerer. Das aber mag uns wie ein Gruß von ihm sein: Die Zeit dreht sich, wenn wir uns drehen; wir brauchen Mißjahre und knappe Zeiten nicht länger zu haben, als wir sie selbst in uns herumtragen.« Es war nicht seine Absicht gewesen, etwas zu sagen, jetzt aber brannte es ihm wie ein Klumpen in der Brust, daß er ihnen alles zeigen müßte, was er sah, ein versengtes und aufpeitschendes Gesicht, es sollte wie eine kalte Hand in sie greifen. Dann aber ließ er es sein – es kam wohl noch einmal die Zeit, da man alles so sagen mußte, wie es war, so armselig wurde das Leben, vielleicht, aber noch lag der Vater hier. In diesem Augenblick stand Andrea auf und ging hinaus, sie wollte wohl im Dachraum nachschauen; er sah ihren Rücken in der Tür – so war der Rücken eines gutherzigen Menschen, und mag sein, daß sie die einzige war, die eine neue Zeit in weiter Ferne schimmern sah. Olas Gesicht erstarrte über den Brauen und bis über die Wangen herab, gleichsam als stünde er da und sähe die Wände rings um sich zurückweichen. Und jetzt war das Vaterunser gesprochen. Die Glocke sang dünn und gedankenlos über Anders in die leere Luft hinaus. »Und aus der Erde sollst du wieder auferstehen«, sagte der Priester. Allen, die ringsum standen, war es, als hätten sie diese Worte noch nie gehört. Sie räusperten sich, ohne es zu wollen. Der junge Mond stand schon am Himmel, als die Gäste sich vom Mittagstisch erhoben. – »Ist denn der Mond schon wieder im Wachsen?« sagten sie. Dies kam ihnen beinahe so unerwartet wie die Worte des Pfarrers über Anders' Grab. Aber nach und nach wurden sie sich klar darüber, daß der junge Mond und Anders zu allen Zeiten Freunde gewesen waren. Auch Peder konnte den Mond sehen, der mitten im Fenster stand und sich ihm zeigte. – »Was will denn der da draußen?« fragte Peder. »Von mir willst du doch nichts. Du sollst ja für die anderen scheinen; und viel Glück dazu übrigens.« Er dreht sich verdrossen herum und richtete seine Blicke auf das Fußende des Bettes, wo Andrea sich hingesetzt hatte. – »Wozu sitzt du hier und läßt den Kopf hängen? Ich sehe doch, daß du das tust. Es ist schlimm, daß ich krank wurde, willst du sagen? Und am schlimmsten für dich, ja, das weiß ich. Aber wer von uns beiden muß unter die Erde, du oder ich?« Er warf sich in die Kissen zurück, lag lange da und blickte zur Decke und atmete schwer. – »Einen Tropfen Wasser!« bat er. Andrea beeilte sich; Wasser einzuschenken und brachte es ihm. – »Pfui, soll ich denn abgestandenes Wasser trinken? Nein, nein, werd nur nicht wieder blaß, ich habe es nicht so schlimm gemeint.« – »Warte ein wenig, ich laufe schnell!« sie war schon in der Türe und rannte die Treppe hinunter. Als sie mit frischem Wasser zurückkam, war er nicht mehr durstig. Andrea fuhr ihm mit den Fingern durchs Haar. Sie biß sich in die Lippe und glaubte, in ein Stück kaltes Holz zu beißen. »Du darfst mich nicht schelten, Peder – ich – ich –« Er lag lange Zeit still da. – »Ach! Es ist so heiß hier«, stöhnte er vor sich hin. »Ich koche, bis mir das Fleisch von den Knochen fällt. – geht denn gar kein Wind draußen?« Andrea trat ans Fenster und sah hinaus: »Jetzt kommt, scheint's, ein Wind auf. Ich hörte ihn im Osten zwischen den Hügeln, ein leises Bauschen.« – »Ja, freilich, der Peder braucht einen Trost. Aber morgen stehe ich auf. Wenn ich nur erst zu arbeiten anfange, bin ich wieder gesund, ich habe das schon früher ausprobiert. He? Glaubst du das etwa nicht?« – »Du mußt noch eine Weile Geduld haben, Peder, dann geht es schon wieder vorwärts. Ich habe Glauben für uns beide.« Er wurde bis in die Lippen weiß: »Geduld haben? Für was hast du mich eigentlich gehalten? Du bist wohl noch nie mit einem Bauern verheiratet gewesen. Aber sag lieber dem Oheim Ola, er solle ein wenig heraufkommen. Dann hast du solange deine Ruhe; glaubst du, ich gönne dir das nicht? Er ist zwar ein Hanswurst, aber du hast dann deine Ruhe, wie gesagt.« »Red doch nicht so!« sagte sie bittend. Aber sie stand auf und ging hinunter. Ola kam und setzte sich ans Bett. Peder betrachtete ihn höhnisch. – »Da unten geht's munter her«, sagte er, »aber du kannst wohl trotzdem ein wenig bei mir sitzen. In der Zeit reiße ich wenigstens meiner Frau die Ohren nicht aus.« Er warf sich ins Bett zurück, wischte sich den Schweiß von der Stirne: »Oh! Wie sie mich quält!« »Jetzt schäm dich aber!« Peder wurde glühendrot: »Tu ich das denn etwa nicht, zum Teufel noch einmal! Den ganzen Tag und die Nacht dazu geht sie wie ein Engel Gottes umher; wie vom Himmel herabgestiegen. Und da liege ich wie irgendein Gewürm. Du solltest nur mit ihr verheiratet sein, dann wüßtest du's. Wenn du ein Wolf von einem Menschen wärest und ein Bauer zugleich und lägest hier und müßtest so eine wie sie das immer sehen lassen? Pfui! Ich bin doch wohl genau so gut wie sie? Jetzt geht der Hof hier zum Teufel; und als sie mich bekam, bekam sie einen Kranken. Einen, der opferte, als es zu spät war. He? Und wenn ich sie zur Hölle wünsche, dann seufzt sie nur und weint vor sich hin. Du warst schlau, daß du verlorst. Warum sagst du denn gar nichts?« Ola tat so, als denke er an andere Dinge, und das beruhigte unglaublich. »Aber sag mir eines, Ola: Glaubst du nicht, daß ich wieder gesund werde?« »Wenn du ein richtiger Kerl wärst, Peder, dann würdest du nicht so fragen. Und dann würdest du gesund werden, ja.« »Aber sie glaubt es, weißt du. Sie glaubt es für uns beide. Ebenso wie die Menschen, wenn sie glauben, daß bald bessere Zeiten kommen müssen; sie müssen kommen, sagen sie, es wäre ja zu trostlos.« Seine Augen blitzten vor Hohn: er sah dies alles so deutlich vor sich. Dann kam ein Hustenanfall. Als Peder danach eine Weile still gelegen hatte, fragte er, ob Ola nicht die Nacht über dableiben könne. Und Ola versprach ihm das. Andrea mußte in der Türe umkehren. Drunten klang der Lärm der Gäste unverändert weiter. Am Tag darauf, als Ola hinunterkam, fand er Aasel und Gjartru allein in der Oststube. Er setzte sich zu ihnen. Durch die südlichen Fenster sah man die Äcker und die Berge gerade gegenüber. Es war alles weiß in weiß vom Neuschnee, und über den Bergrücken sah man bereits die Sonne schimmern; hier auf Haaberg blieb sie auch im Winter nie ganz weg. Kleine weiße Federwolken flogen dem Feuerbrand entgegen, verweilten dort einen Augenblick oder zwei und zogen dann wieder weiter. Ola konnte nicht darauf kommen, an was es ihn erinnerte. Dann wurde er gewahr, daß die beiden anderen dagesessen und miteinander gesprochen hatten, ehe er zu ihnen gekommen war. Aasel lächelte noch, und über ihr und rings um sie lag eine hohe Ruhe. So hatte er schon früher einmal einen Menschen mitten im Unglück sitzen sehen. Es war schon lange, lange her, und wer war es doch? Jetzt begann Aasel wieder eine Hand über die andere zu legen: – »Ich halte mich an das Alte; denn das wollte der Vater. Und du, Gjartru, du wolltest mit Händen und Füßen vorwärtskommen, durch alles Neue hindurch; denn so wollte es der Vater. Und beide sind wir gleich weit gekommen. Wie der Fisch aufs Trockene.« – »Ich für mein Teil, ich danke Gott dafür!« sagte Gjartru. – »Das tue auch ich. Jetzt sehen wir doch wenigstens den Weg vor uns; jedes auf seine Art.« Ola wußte nicht, ob Gjartru jetzt erst blaß wurde oder ob sie schon die ganze Zeit so bleich dagesessen hatte. Gjartru sieht Aasel von unten bis oben an; in ihren Augen leuchtet es auf: »Sag mir, Aasel, kommt es dir nicht ein wenig seltsam vor, daß der Peder die Schwindsucht bekommen mußte?« »Ja, gewiß. Aber: ich wußte ja, daß die Abrechnung nicht ausbleiben würde. Daß das Leben selber sich melden würde.« Aasel saß noch eine Weile da; dann stand sie auf. Sie lächelte wiederum, und ihre Augen wanderten von Gjartru zu Ola und hinaus in den hellen Tag: – »Ich wußte, daß die Abrechnung kommen würde; darauf habe ich schon immer gewartet; und wen sollte mir das Schicksal sonst nehmen?« Sie nahm den Tag mit sich, als sie hinausging; die anderen standen auf und verließen hinter ihr die Stube, ohne ein Wort zu sagen. Ola machte einen Gang durch das ganze Haus; er suchte irgend etwas. Es waren noch einige Gäste vom Leichenschmaus her da, die meisten davon aber waren im Begriff, Abschied zu nehmen. Draußen auf dem Weg zur Küche begegnete er Anetta, und jetzt wußte er, daß sie es war, die er gesucht hatte. Sie schlüpfte gerade in ihre Jacke, wollte fortgehen. – »Finde ich dich also doch, mein Mädchen. Ja, denn jetzt bin ich ganz allein, hätte ich dich nicht, so würde ich auf und davon gehen. Aber wo willst du denn hin?« Er merkte, daß sie auf dem Sprung war, und diesmal hatte sie wirklich Angst vor ihm. »Zur Versammlung«, sagte sie. Und als dies gesagt war, hatte sie keine Angst mehr. Wie ein Feind sah sie ihm ins Gesicht. Dann glitten ihre Blicke an ihm vorbei zur Tür hinaus, und dort auf dem Weg standen ein paar junge Burschen und Mädchen und warteten auf sie. – »Ach so, sind die dort auch bekehrt?« wollte Ola schon fragen. Aber er war zu benommen, brachte es nicht zuwege. Anetta war ihm verloren. Sie hatte sich vor ihm gerettet. Sie leuchtete vor lauter Glauben. »Du gehst aber doch nicht von mir fort, Anetta, wenn ich dich bitte, zu bleiben!« Wie Stiche durch die Brust waren die Worte gekommen und gegangen, und jetzt lief brennende Röte über ihre Wangen. Nur einen Augenblick lang, dann sah er ihren Rücken in der Türe. Sie glaubten alle rings um ihn, ein jeder und eine jede; jeder wurde selig in seinem Glauben. Außen herum waren die anderen, die nicht glaubten; die lebten in einem ewigen Mißjahr, waren aber trotzdem glücklich. – »Das ist das Schwerste, was ich je erlebt habe«, sagte er zu sich selber. Ob es nun Trauer oder Freude war, wußte er nicht. Und nun wollte er fortgehen. Zuerst nur einen ganz kurzen Sprung nach Hause, und dann in die Welt hinaus. Sie sollte groß sein, hatte er gehört. Er dachte einen Augenblick an Jens und an Amerika und ließ den Gedanken wieder fallen, wie man einen wasserschweren Balken wieder weitertreiben läßt. Und das hier war Haaberg. Aber in diesem Augenblick kommt Mina, in Hut und Mantel und in voller Eile. Das Gesicht leuchtet jung und frisch wie eine Waldblöße voller Preiselbeeren im blanken Herbstmorgen, und die kleine Haabergnase steuert mutig auf ihn zu. Diese Augen konnten einen aufhalten, selbst wenn man schon mit dem Strick unter dem Ast stand. Arthur ist dicht hinter ihr. »Ja, Onkel, jetzt mußt du mir helfen, du mußt heute noch mit mir in die Stadt zu Toresen, du weißt, er ist Vaters Onkel und ist unglaublich reich, wenn ich nur bis zu dem vordringe, dann findet sich bestimmt ein Rat. Oder es geht mit ganz Segelsund und unserer eigenen Zukunft schief – denn wir nehmen nicht das geringste von denen hier auf Haaberg an, das ist ganz unmöglich, wir wollen selber zurechtkommen – beeile dich jetzt, dann nehmen wir den Dampfer! Mit dem Vater will er nichts zu tun haben, weißt du, aber jetzt soll er dran glauben – kannst du denn nicht schneller machen!« »Ja, und der Arthur?« »Pah, er !« Ola nahm seinen Mantel und seine Mütze. Mina drehte sich zu Arthur herum und strich ihm mit der Hand über den Arm: »Ja, du weißt, daß du schon auch mitkommen darfst.« Ola erzählte Aasel, wie die Sachen standen, sie kam gerade durch den Gang. – »Und nun ist also Haaberg gesichert«, sagte er. Sie blieb stehen und war ganz sprachlos. Der Ausdruck in ihrem Gesicht wurde immer leerer und leerer. – »Hm, hm!« sagte sie. »Ja, ja, Mina« – jetzt lächelte sie ihr zu. »Und ich, die dich früher nie beachtet hat. Ich fange erst jetzt an, auf die Leute rings um mich zu achten. Aber du lebst ja mitten in der Gemeinde, du; dort, wo man leben soll.« Mina hörte das nicht mehr, sie war schon fort. Arthur konnte ja mit dem Schlitten nachkommen. Aasel drehte sich um und ging hinein. Kristen sah ihre Hände an, als sie von Mina erzählte. Sie hatte die Hände in die Hüften gestemmt, und das bedeutete, daß sie nicht so ruhig war, wie sie dastand, sie war nicht allzu froh. »Aber es war doch aufrichtig gemeint«, sagte sie. »Ja, ja, aber der Peder hat nun doch getan, was er konnte. Vielleicht habe ich mich damals zu sehr gefreut.« Sie einigten sich darauf, Peder nichts davon zu erzählen. Andrea gebrauchte Aasel gegenüber die gleichen Worte, als sie von der Sache hörte: Der Peder hat doch getan, was er konnte. Aasel stand da und sah vor sich hin. Andrea fühlte sich ganz allein gelassen. »So mußt du ihn betrachten, Kind. So wie ich es jetzt eine Zeitlang getan habe. Ich – werde ihn wohl so sehen, wie er ist.« – – – Ein paar Tage darauf kamen sie mit dem Ruderboot aus der Stadt heim, und Toresen hatte Hilfe zugesagt. Mina und Arthur übernahmen Segelsund. Auf diese Weise hatten sie zunächst genug zu tun. Gjartru und Arnesen reisten zusammen mit Jens nach Amerika. Er hatte eine ganze Schar dabei, junge und ältere Leute. Das kam daher, daß es hier im Lande nach lauter Mißjahr und Verlust aussah. Das Unwahrscheinliche trat ein: Aasel ließ die Häusler von Haaberg zu sich kommen und stellte ihnen frei, ihr Stück Land zu kaufen. Die Hände in die Seiten gestemmt, stand sie da und sprach es aus, sie meinte es ehrlich mit ihnen, das konnten sie sehen. Die Häusler jedoch erklärten, sie wollten sich nicht ewig hier abrackern, aber Dank und Ehre für dieses Angebot. Man müsse versuchen, sich aus diesem armseligen Leben herauszuretten und in ein besseres Land zu kommen; oder, wenn man das nicht könne, sich in dem Glauben an Gott zufrieden zu geben und sein Sklavenleben zu Ende führen. – »Ja, wenn ihr's so empfindet, dann ist es auch so«, sagte sie, und dann seufzte sie und ließ sie stehen. »Und du, Ola?« sagte sie, als er an ihr vorüberkam und zu Peder hinauf wollte. »Es sah doch neulich beinahe auch schon so aus, als wolltest du fortfahren?« Und dann drehte sie sich ab und schaute durch die Gangtüre hinaus: Hier gab es keinen einzigen mehr, der irgendeine Last auf sich nehmen wollte – der die Gemeinde auf den Rücken nehmen und vorwärtstragen wollte, wie würde das wohl enden? »Nein, ich will hier den Küstertod sterben. Aber ich warte auf den, der kommen soll.« »Der kommen soll, ja … Ich meine, wir sollten lieber selber kommen.« Es war so merkwürdig, wie er so auf der Treppe stand. Er sah alles vor sich genau so wie Aasel: Peder lag oben und sollte sterben, und der Hof war wie ein lebendes Wesen, das darum wußte, es aber nicht begreifen konnte; und dahinter lag die Gemeinde mit Häusern und Menschen – Schatten und Sonne überall –, und sie nahmen ihre Bürde auf sich und trugen sie nicht besser und nicht schlechter, als sie konnten. Es fiel ein so sanftes Licht darauf, alles wurde so himmelhoch und groß, wenn er es mit ihren Augen betrachtete. Still setzte er sich auf die Treppe. Er hatte bisher noch nie gewußt, was Hoffnung war und wie schwer man an ihr trug. In den Nächten saß er oben bei Peder. Die Nacht ist so lang, im Winter, für den, der nicht schlafen kann, und da war Ola der einzige, den Peder um sich haben mochte. Tagsüber ließ er Andrea nicht von sich fort. Alle Augenblicke fragte er: »Schläfst du, Oheim?« Und gleich darauf dann: »An was denkst du jetzt?« Erst gegen das Frühjahr zu, als er nicht mehr lange zu leben hatte, kam er eines Nachts mit dem heraus, was ihn ständig geplagt hatte: »Hast du nie geglaubt, daß aus mir ein ordentlicher Kerl hätte werden können?« – »Aus dir?« – »Nein, ich glaube es selber nicht. Hier wächst kein Häuptling mehr heran. Er braucht's wohl auch nicht; sie müssen jetzt mit sich selber zurechtkommen, die kleinen Leute.« Dann lag er eine Weile da, als verbeiße er ein Lächeln. Die Finger zuckten und tasteten auf der Decke herum. – »Das aber sehe ich jetzt selber ein, Oheim, daß es nicht diese dumme Geschichte auf Juwika war, die mich in die Knie zwang. So geht es in der Welt nicht zu – dann wäre es allzu einfach. Jetzt wird die Mutter diese Sache tragen müssen; sie ist zum Tragen geschaffen.« Er war wie ein kleines Kind, ehe er starb, und da mochte er am liebsten die Mutter um sich haben. Ola wollte er nicht sehen. – »Hinter dem steht der Leibhaftige!« flüsterte er. Aasel drückte ihm die Augen zu, und dann legte sie den Arm um Andrea und führte sie hinaus. Gleich nach dem Leichenbegängnis zog Ola nach Segelsund. Man brauchte ihn dort.