Balduin Möllhausen Die Hyänen des Kapitals Erstes Kapitel. Eine nächtliche Zusammenkunft. Von unsäglichem Weh will ich erzählen; von Not, Tod und endlosen Seelenqualen. Ich will erzählen von den Hyänen des Kapitals und von ihren Opfern.   Wohl kostete es mich Überwindung, in einen, viele Monate dauernden geistigen Verkehr mit der Verworfenheit zu treten und mich mit dem Laster zu Tische zu setzen. Doch wenn bei solchem Schaffen der helle Enthusiasmus zu erbleichen drohte, der mich bisher durch zahlreiche Bände hindurch begleitet hatte, so fand ich neue Anregung, indem ich mich in die Schilderung lieber, freundlicher Gestalten versenkte, selbst unter Schutt und elenden Schlacken ein Goldkörnlein hervorzuschärfen trachtete.   »Quum finis est licitus, etiam media sunt licita« , schloß ich in einem früheren Werke meine Betrachtungen über die verhängnisvolle Konvikterziehung; mit demselben dehnbaren Jesuitenspruche beginne ich heute die »Hyänen des Kapitals«. * »Die Zeiten ändern sich und wir uns mit ihnen! Wie lange ist es her, seit ich ängstlich in deine Augen spähte, jeden helleren Blick zu meinen Gunsten zu deuten trachtete? Wie lange, seit dein erster schüchterner Händedruck mich bis über die Wolken erhob, der erste Kuß von deinen Rosenlippen mich beseligend durchschauerte? Alles, alles dahin!« »Wer verschuldete den traurigen Wechsel?« tönte es die bittere Anrede ebenso bitter, wenn auch mit sanfterer Stimme zurück. Der Mann lachte unheimlich. »Das jetzt noch ergründen zu wollen, wäre überflüssig,« antwortete er; »zwei Steine lösten sich von dem Gipfel eines Berges. Nachbarlich nebeneinander niederwärts rollend, erzeugten sie im gelegentlichen Zusammenstoß einen hellen Ton. Doch wie lange! Erdreich, das ihnen auf der abschüssigen Bahn anhaftete, raubte ihnen den ohnehin dürftigen Wohlklang. Jede kleine Unebenheit des Bodens trug dazu bei, sie einander immer mehr zu entfremden, bis sie endlich, ganz getrennt, verschiedene Wege verfolgten, und, jeder für sich, am Fuße des Berges in einen Abgrund der Vergessenheit hinabsanken. Wie jene kalten, herzlosen Steine schieden auch wir voneinander.« »Sechzehn Jahre liegen zwischen dem Gipfel des Berges und dem Abgrunde,« sprach schmerzlich aufseufzend die Frau, dann trat dumpfes Schweigen ein. Draußen heulte der Sturm durch die Wipfel hoher Waldbäume. Die bleigefaßten Scheiben des Fensters zitterten unter der Gewalt, mit der der Regen sie traf. Tief hängendes Gewölk verdichtete die nächtliche Dunkelheit. Mit dieser fielen in eine einzige schwarze Masse der niedrige, strohgedeckte Dorfkrug, die nahe Poststation, das hinter dieser sich ausdehnende Kirchdorf, die vorbeiführende Chaussee, Wald, Flur und Gärten zusammen. Bis auf einen Knecht, der in dem eigentlichen Schänkzimmer träumend auf der Ofenbank lag, hatten sich alle Bewohner des Kruges zur Ruhe begeben. Und auch er hätte längst seine Lagerstätte im Pferdestall aufgesucht, wäre er nicht durch die beiden Fremden gebunden gewesen. Kurz vor Abend waren sie eingetroffen: der Mann in einem von ihm selbst gelenkten einspännigen Leiterwagen, die Frau mit der Post aus entgegengesetzter Richtung. Ihren Aufbruch hatten sie von der Ankunft der nächsten Post abhängig gemacht, die gegen ein Uhr erwartet wurde. Bis dahin begnügten sie sich mit dem ihnen eingeräumten Wohnzimmer der Wirtsleute, in dem sie ungestört blieben. Ein einfaches Mahl war für sie aufgetragen worden; allein sie hatten die Speisen kaum angerührt. Desto verschwenderischer nährten sie das Feuer des neben dem weiß übertünchten Ziegelsteinofen in die Wand eingemauerten Kamins. »So gebt der Erde, was der Erde gehört,« antwortete Meredith erhaben, indem sie neben den Sarg hintrat und mit dem Finger auf das hohlklingende Holz klopfte. Der Mann, nahe den Fünfzigern, mochte früher eine angenehme Erscheinung gewesen sein. Heute dagegen ruhte auf seinem gelblich bleichen, von schwarzem Haar beschatteten Gesicht ein so sprechender Ausdruck von Weltverachtung, als ob er schon wer weiß wie lange mit dem Leben abgeschlossen gehabt hätte. Ähnliche Empfindungen prägten sich in seinen müden braunen Augen aus, während eine auf der linken Wange in den Mundwinkel verlaufende Narbe einen Zug böswilligen Hohnes erzeugte. Selbst in seiner vernachlässigten Bekleidung offenbarte sich spöttische Gleichgültigkeit gegen fremdes Urteil. Ärmlich gekleidet, oder vielmehr ausgestattet mit den verblichenen Resten glücklicherer Tage war auch die neben ihm sitzende Frauengestalt. Vor der Zeit gealtert, das Haar leicht ergraut, zeigte sie das ernste Teilnahme erweckende Bild herber Not und tiefen Grames. Was in ihren abgehärmten Zügen einst bezaubert haben mochte, das war erschlafft und abgestumpft. Die in langer Reihe aufeinander folgenden Täuschungen und Schicksalsschläge hatten die Ärmste zu schwach zum Widerstand gefunden. Von dem Augenblick an, in dem sie ihr Leben für ein verfehltes erkannte, hatte, indem die schwere Aufgabe an sie herangetreten war, tückisch herbeischleichenden Mangel vor der Welt zu verheimlichen, betrachtete sie ihr Dasein nur noch als eine Last, die abzuschütteln nur eine Tochter sie hinderte. »Sechzehn Jahre,« wiederholte der Mann nach einer langen Pause die Worte der tiefgebeugten Frau, »und von diesen fallen nur Monate auf unsern kindischen Glückstraum: alles übrige war elende, nüchterne Wirklichkeit.« »Durch wessen Schuld?« erneute die Frau träumerisch ihre Frage. Der Mann lachte feindselig. »Wälzen wir die Schuld auf den breiten und geduldigen Rücken des Schicksals,« erklärte er spöttisch, »und trösten wir uns mit dem Bewußtsein, zu einem dauernden Glück ebenso berechtigt gewesen zu sein, wie viele Tausend anderer Menschen. Daß es uns versagt blieb? Pah! Wer möchte darüber heute noch Betrachtungen anstellen?« »Raubte das Schicksal dir, dem gesuchten jungen Arzte, das Vertrauen von Freunden und Gönnern?« hieß es vorwurfsvoll. »Nicht unmittelbar,« versetzte der Doktor, »allein es verwickelte mich in politische Bestrebungen, die törichterweise einem jungen Arzte nicht gestattet werden. Die alten Freunde verwandelten sich in ebensoviele Feinde; andere Freunde traten an deren Stelle, und wiederum ist es einem übelwollenden Geschick zuzuschreiben, wenn diese, ein kleines Kapital witternd, mich in gewagte Börsenspekulationen hineinzogen und schließlich ruinierten. Doch hinweg mit diesen Rückerinnerungen! Planlos würfelte das Geschick uns zusammen, um uns zu spät zur Erkenntnis gelangen zu lassen, daß wir nicht füreinander paßten. Die aus solchem Bewußtsein entspringende Gleichgültigkeit aber beeinträchtigte unsere Tatkraft; die Not klopfte an unsere Tür, und dann geschah –« »Es geschah, was zwölf Jahre früher hätte stattfinden sollen,« fiel die Frau mit zitternder Stimme ein, »ich hätte dann wenigstens mein kleines Vermögen gerettet. Wir trennten uns; du bliebst, und ich zog von dannen, um auf einer Stätte, auf der ich nicht gekannt war, für mich und meine arme Tochter zu sorgen. »Ziehe das Kind nicht in unsere Betrachtungen,« nahm der Mann hastig das Wort, denn es wird nicht mittellos sein. Mein Tod –« er hielt inne. Wie befürchtend, zuviel gesagt zu haben, spähte er um sich. Dann kehrte er sein Antlitz dem Feuer wieder zu. Er war noch bleicher geworden; seine Lippen zuckten unheimlich; die Narbe auf seiner Wange schien sich zu vertiefen, den Ausdruck eines wilden Hohnes verschärfend. Ein Weilchen schürte er zwischen den flackernden Feuerbränden, und fuhr dann eintönig fort: »Die Summe, zu der ich mein Leben versicherte, erreicht beinahe die Höhe deiner Mitgift. Ich könnte daher kaum etwas Verständigeres tun, als mich hinzulegen und zu sterben. »Ein Glück für seine arme Frau, wird meine Grabrede lauten, ein Glück für uns alle wirst du selbst denken, wenn du in den unschuldigen Augen unserer Tochter eine Frage nach dem toten Vater entdeckst; – doch nichts mehr davon. Mein Wille ist unerschütterlich; und unsere Esther segnet dereinst ohne Zweifel das Andenken ihres Vaters, der in kluger Voraussicht ihre Zukunft einigermaßen sicherstellte.« Tiefer neigte die Gattin nach dieser Erklärung das Haupt. Auf ihrem geisterhaft bleichen Antlitz kämpften namenloses Entsetzen und unsägliche Traurigkeit. »Du warst von Anbeginn mein böser Stern, und wirst es bleiben bis zu meinem letzten Atemzuge,« das war die einzige Erwiderung, zu der sie sich emporzuraffen vermochte. Heftiger, wie um das hoffnungslose Paar aus seinen düsteren Grübeleien aufzuscheuchen, rüttelte der Sturm an den klirrenden Scheiben. Der Regen prasselte, mit dumpfem Geheul fuhr zuweilen ein Windstoß in den Schlot hinab. In dem morschen Holz der altväterischen Ofenbank nagte vernehmlich eine Totenuhr, scheinbar ihre Arbeit nach dem Takte der bestaubten Wanduhr regelnd. Unempfindlich gegen das geräuschvolle Auftreten der erregten Elemente, schien das stille Paar die enteilenden Sekunden nach dem heiseren Ticken abzuzählen. Da tönte aus der Ferne das Signal eines Posthorns herüber. Erschreckt fuhr die Frau empor; ihre Gestalt bebte. Sie wagte nicht, die Blicke zu dem Manne aufzuschlagen, der sich ebenfalls erhoben hatte und sie finster betrachtete. Wiederum und näher ertönte das Posthorn. Auf dem engen Flur polterte es; die Tür öffnete sich, und der verschlafene Knecht trat ein. »Es ist Zeit,« sprach er mürrisch, »die Post hält nicht länger, als sie Zeit zum Umspannen gebraucht.« »Gut,« antwortete der Doktor, indem er seiner Gattin beim Umhängen des Mantels behilflich war, »so mögt Ihr auch mein Fuhrwerk bereithalten. Ich begleite diese Dame zur Station; in fünf Minuten bin ich zurück.« »Bemühe dich nicht,« versetzte die Frau kaum verständlich, sobald der Knecht verschwunden war, »ich finde den Weg ohne deinen Beistand.« »Ich begleite dich,« entschied der Doktor barsch, und machte sich ebenfalls reisefertig; »der Leute wegen ist es notwendig.« Sie traten auf die Chaussee hinaus. Der Postwagen fuhr eben vorüber. Langsam und schwer gegen Sturm und Regen ankämpfend, folgten sie dem beweglichen Schein der Wagenlaternen. Kein Wort mehr wurde zwischen ihnen gewechselt. Erst vor dem Stationsgebäude, als seine Frau im Begriffe war, einzusteigen, reichte der Doktor ihr die Hand. »Lebe wohl,« sprach er laut genug, um von den im Wagen sitzenden Passagieren und dem leuchtenden Postknecht verstanden zu werden, »lebe wohl und grüße mir unser Töchterchen. Hoffentlich ist die Zeit des Wiedersehens nicht fern. Ich sehne mich nach deiner Pflege, zumal sich häufiger wiederholende Kongestionen mich daran erinnern, daß auch Ärzte sterblich sind.« Er küßte sie auf die Stirn. »Auf baldiges Wiedersehen!« Das war sein letztes Wort, und behutsam half er der zu jeder Erwiderung Unfähigen in den Wagen hinein. Der Kutschenschlag war kaum zugefallen, als der Postillon die Pferde antrieb. Der Postknecht schlüpfte mit seiner Laterne aus dem Unwetter unter Dach und Fach. Aus dem Dorfe schmetterten die munteren Signale herüber, mit denen der scheidende Postillon sein Herz zu erwärmen, allen Stürmen und Regenschauern Hohn zu sprechen schien. Der Doktor stand noch immer auf derselben Stelle. Erst nachdem der letzte Ton des Horns verklungen war, kehrte er nach dem Kruge zurück. Sein Fuhrwerk hielt vor der Tür: Schweigend bestieg er dasselbe; ein leichter Schlag mit der Peitsche, und das Pferd eilte davon. – – Vier Wochen waren nach jener stürmischen Herbstnacht verstrichen, als plötzlich die Kunde das Städtchen durchlief, daß der allbekannte Doktor Kabel einem Schlaganfall erlegen sei. Sein frühes Ende wurde von niemand betrauert. Im Gegenteil, das unvorhergesehene Ereignis wurde als ein Glück für die hinterbliebene Witwe und deren Töchterchen angesehen und beiden von Herzen die nicht unerhebliche Versicherungssumme, die durch den Tod des Gatten und Vaters fällig geworden war, gegönnt. Zwölf Stunden, nachdem der Doktor das Zeitliche gesegnet hatte, traf seine Witwe ein. Um Mitternacht hatte die ihr schleunigst übermittelte Kunde sie erreicht, und um acht Uhr in der Frühe hielt sie schon vor dem Trauerhause. Die Hausgenossen des Verstorbenen, die mit den unglücklichen ehelichen Verhältnissen vertraut waren, sahen mit Erstaunen wie tief der Verlust des Gatten, von dem sie sich doch freiwillig getrennt hatte, sie ergriff. Sie duldete nicht, daß fremde Hände den Verstorbenen berührten, und wollte nicht einmal da, wo er so viele Jahre hindurch gewirkt hatte, den Entschlafenen beerdigt wissen, sondern in ihrer Nähe, damit sie sein Grab besuchen und pflegen könne. Am folgenden Morgen in der Frühe wurde der Sarg in ihrer Wohnung, einem winzigen Häuschen des von ihr als Heimat gewählten Ortes, aufgestellt. Die Tochter hatte sie auf einige Tage zu fremden Leuten gegeben, sie selbst aber hielt die Totenwache allein und getreu. Wen in der folgenden Nacht sein Weg dort vorüberführte, der gewahrte deutlich Licht hinter den beiden verhangenen Fenstern, hörte sogar Schritte und das Rücken schwerer Gegenstände, als ob der Verlassenen Trauer sich in qualvollster Rastlosigkeit geäußert hätte. In der zweiten Nacht öffnete sich sogar die Haustür, und eine von Kopf bis zu Füßen dicht verhüllte Gestalt schlüpfte ins Freie hinaus. Behutsam drückte sie die Tür hinter sich zu; dann verschwand sie zwischen den nächsten Häusern. Nach Tagesanbruch aber, als die schwarzgekleideten Männer kamen, um die Leiche hinauszufahren nach dem Friedhofe, da fanden sie die arme Frau unentkleidet auf ihrem Bette liegen und mit wirren Fieberphantasien kämpfend. Ihre seit Jahren geschwächte Gesundheit hatte den furchtbaren Gemütsbewegungen nicht länger Widerstand zu leisten vermocht. Die Krankheit selber wurde zwar gehoben, allein trotz der sorgenfreien äußeren Lage und der damit verbundenen besseren Pflege wollten ihre Kräfte nicht zurückkehren, und kaum fünf Monate später hielt ihre Tochter, ein vierzehnjähriges Kind, die erste Totenwache am Sarge der Mutter. Zweites Kapitel. Staub zum Staube. Es war am Tage der Beerdigung, als vor dem Trauerhause eine fremde Frau erschien und mit scharfer Stimme fragte: »Ist es die Frau Doktor Kabul, deren Beerdigung man hier vorbereitet?« Die bedauernswerte Frau Doktor Kabel, hieß es berichtigend aus dem Chor der Neugierigen, die sich vor der Tür versammelt hatten, »der liebe Gott hat sie zu sich genommen,« »Friede ihrer Asche,« »uns allen ist der Tod sicher!« »Mein Name ist Kabul;« mit diesen Worten trat dieselbe Fremde in das Sterbezimmer, in dem sich sogleich die Blicke dreier Herren und eines Madonnenbildchens auf sie richteten. Dann folgte kurzes Schweigen, währenddessen die Fremde ihre Umgebung flüchtig prüfte, die anderen dagegen sich mit ihrer wunderlichen Erscheinung vertraut zu machen suchten. Und wunderlich genug war sie. Nur wenig über mittelgroß, machte sie doch den Eindruck einer ungewöhnlich langen Person, indem die Kleidungsstücke schlaff und wenig anmutig um ihre hageren Glieder niederfielen. Sie erinnerte dadurch an eine Stange, um die, zum Zweck des Vogelscheuchens, ein abgetragener faltiger Rock geschlungen worden war. Unsauber wirkte ihre Erscheinung nicht gerade, wohl aber sah sie verschlossen aus von ihren Schuhspitzen bis hinauf zu dem vergilbten Reiherbusch, der das kleine Filzbarett schmückte. Sie mußte gewöhnt sein, ihre Kleider ziemlich bis auf den letzten Faden aufzutragen, aber auch bei deren Anschaffung nicht den Preis in Betracht zu ziehen. So war der braune Sammetrock vor Zeiten gewiß von einem sehr teueren Stoff geschnitten worden; nicht minder der schwarzseidene Überwurf und der kurze Plüschmantel. Ihr hellbraunes Haar trug sie aufgelöst. Es reichte in dünnen Strähnen bis auf die Schultern nieder und lag in beständigem Kampfe mit dem Sturmriemen, der das kühn befiederte Barett in seiner gewagten Stellung hielt. Ihr Antlitz war das einer fünfundvierzigjährigen Jungfrau, die in ihrem Leben wichtigere Dinge zu bedenken gehabt hatte, als Eitelkeit, Liebe, Hochzeit und wer weiß was sonst noch. Die sehr bemerkbare Nase bildete einen stumpfen Winkel zur Stirn; einen Gedankenstrich die fest aufeinander ruhenden Lippen. Zwei lebhafte blaue Augen, die offenbar gewohnt waren, sich vor keinem Blick oder Anblick zu senken, starke Brauen und ein weißlicher Kinnbart, stark genug, um den Neid eines Primaners zu erwecken, vervollständigten das Bild eines Don Quixote, wie er im Buche steht. »Mein Name ist Meredith Kabul,« brach die wunderliche Fremde das Schweigen endlich, das bei ihrem Eintreten entstanden war. »Durch die Zeitung erfuhr ich zufällig den Tod einer verwitweten Frau Doktor Kabul, und, auf einer dringenden Geschäftsreise begriffen, scheute ich nicht den Umweg, um mich von meinen verwandtschaftlichen Beziehungen zu ihr, ihrem verstorbenen Gatten und der hinterbliebenen Tochter zu überzeugen.« »Nicht Kabul, sondern Kabel,« raffte der zum Vormund der jungen Waise kommandierte vorstädtische Hufenbesitzer sich mutig empor, augenscheinlich, um der angedrohten Verwandtschaft vorzubeugen, die ihn mit dem furchtbaren weiblichen Don Quixote näher zusammenführen mußte. »Kabel, Kabul, Kappel oder Kaplick!« versetzte Meredith, geringschätzig die Achsel zuckend. Meine Familie, unstreitig maurischen Ursprungs, stammt aus Spanien. Ein Kabul wanderte nach Italien aus, während zwei andere den Weg nach Deutschland einschlugen. Solches geschah vor dem dreißigjährigen Kriege, in dem mehrere Kabuls nicht unbedeutende Rollen spielten. Es kann daher nicht befremden, wenn im Laufe der Jahre der Name sich jedesmal dem Landesdialekt anbequemte – doch das dürfte außerhalb ihrer Sphäre liegen. Verständlicher wird Ihnen die wohlüberlegte Erklärung sein, daß ich diese Kabul als meine Verwandte anerkenne und sie daher zu mir nehme. Eine Kabul darf nicht nutzlos in der Welt umherirren oder auf die Wohltätigkeit anderer angewiesen sein. Tritt her zu mir, Meredith Kabul, auf daß ich dir ins Antlitz schaue,« wendete sie sich an die sie ängstlich beobachtende Waise. Diese, in dem Glauben, nunmehr allen Menschen gehorchen zu müssen, näherte sich zagend. »Esther Kabel heiße ich,« lispelte sie unter andringenden Tränen. »Esther? Esther?« fragte Meredith triumphierend, »ein neuer Beweis für die Richtigkeit meiner Voraussetzungen. Unter meinen Vorfahren in gerader Linie findet sich dieser Name einmal, in den Seitenlinien zweimal vertreten. Wie einzelne Familienähnlichkeiten vererben sich auch die Neigungen zu bestimmten Namen durch Jahrhunderte hindurch. Also: Esther Meredith Kabul, meine Herren,« kehrte sie sich der verwirrt dareinschauenden vormundschaftlichen Kommission zu, »ich hoffe, Sie erheben keine Schwierigkeiten, wenn ich meine Rechte geltend mache. Außerdem diese Familienähnlichkeit: Blaue Augen, gebogene Nase – Haltung, Blick – kühn geschwungene Brauen – eine auf Energie und Wissensdurst hindeutende Schädelbildung – Esther Meredith, ich wünsche dir Glück. Besitzest du noch lebende Verwandte?« Esther vermochte nur ein verneinendes Zeichen zu geben. »Das fällt nicht ins Gewicht,« fuhr Meredith fort, »je weniger Träger unseres Namens – er ist überhaupt sehr selten – um so leichter auf ihren Ursprung zurückzugehen, wo das reine Kabul zum erstenmal in das plattdeutsche Kabel oder Kavel verwandelt wurde –« »Es ist neun Uhr. Punkt neun Uhr soll die Beerdigung stattfinden,« meldete ein Mitglied der Kommission dienstlich an Meredith, »wir dürfen die Leute nicht warten lassen.« »So gebt der Erde, was der Erde gehört,« antwortete Meredith erhaben, indem sie neben den Sarg hintrat und mit dem Finger auf das hohlklingende Holz klopfte, und du, Esther Meredith Kabul, zeige durch ernste Fassung dich würdig deines Namens.« Die Tür öffnete sich, kurzes Flüstern und Knirschen des Sandes unter dicksohligem Schuhzeug, und hinaus schwankte der Sarg, begleitet von so verzweiflungsvollem Schluchzen, daß selbst die Sterbe-Kommission Tränen in ihre Augen dringen fühlte. Meredith, ihren jungen Schützling an der Hand, folgte den voraufschreitenden Männern auf die Straße hinaus. Langsam, so recht langsam und feierlich bewegten sich die schwarzverhangenen Pferde einher, und mit ihnen hielten gleichen Schritt die schwarzverhangenen Männer. Vier gingen auf jeder Seite; einer immer noch trauriger als der andere. Es war zum Erstaunen, woher sie alle die schmerzlichen Empfindungen nahmen, die die gesenkten Augen und Mundwinkel umlagerten. War es doch nur eine »kleine« Leiche, die sie beförderten. Aber der vergilbte Reiherbusch auf dem Baret hinter dem Wagen hatte es ihnen angetan, daß sie nicht aufzuschauen wagten. Denn die Trägerin des Reiherbusches schritt trotz ihres seltsamen Aufputzes und der verwunderten Blicke der ihnen Begegnenden so erhaben und zuversichtlich einher, als hätte auf ihren Schultern die Verantwortlichkeit für den richtigen Gang eines Sonnensystems geruht. Die verwaiste Esther war freilich unempfindlich für das Peinliche ihrer Lage. Sie hatte nur Tränen, die vereinzelt über ihre fieberisch geröteten Wangen rollten. Doch der feste Druck, mit dem Meredith ihre Hand hielt, erschien ihr tröstlich, und mit wachsendem Vertrauen schloß sie sich an diejenige an, die ihre entschlafene Mutter nach der letzten Ruhestätte begleitete. Eine Ahnung von ihrem nahe bevorstehenden Ende hatte deine Mutter wohl nicht?« fragte Meredith, nachdem beide eine Strecke schweigend zurückgelegt hatten. »Wohl nur in der letzten Stunde, wie mir jetzt scheint,« gab Esther leise zu, »denn als ich an jenem Abend, bevor sie einschlief, um nie wieder zu erwachen, mich über sie hinneigte, küßte sie mich, und unter krampfhaftem Schluchzen, wie von unnennbarer Angst ergriffen, bat sie mich, dafür Sorge zu tragen, daß sie nicht neben dem Vater begraben werde. Auch von einer unter den furchtbarsten Opfern erkauften Versicherungssumme sprach sie, und von dem Segen, die ohne Benützung jener Summe auf meiner Hände Arbeit ruhen würde – die arme, arme Mutter –« »Wunderbar, sehr wunderbar,« bemerkte Meredith sinnend; »unternahmst du Schritte zur Erfüllung ihres Wunsches?« »Fürchtend, daß sie im Fieber gesprochen oder ich sie mißverstanden habe, wagte ich es nicht. Liebte sie doch den Vater über alles, wie sie mir wohl tausendmal erzählte.« »Gut, gut,« beruhigte Meredith ernst, »die Nähe des Todes umnachtet und verwirrt zuweilen den im Scheiden unstät schwankenden Geist. Dein Vater war ein Kabul, und durch ihn ist auch deine Mutter eine Kabul geworden. Vielleicht, daß sie wähnte, als keine geborene Kabul nicht neben ihn zu gehören. Es liegt wenigstens kein Sinn darinnen, daß Ehegatten im Tode getrennt voneinander sein sollten.« Sie waren vor dem Tor des Friedhofes eingetroffen. Die Schwarzmäntel hoben den Sarg auf eine Bahre und trugen ihn nach einem frisch aufgeworfenen Grabe hin. Nach kurzen Vorbereitungen senkten sie ihn in die Erde hinab. Dann entblößten sie ihre Häupter. Esther, von Schmerz überwältigt, sank auf die Knie. Ihr Antlitz mit beiden Händen bedeckend, weinte sie bitterlich. Meredith betrachtete sie eine Weile schweigend. Darauf nahm sie eine Hand voll Erde und diese zu der Toten hinabsendend, rief sie mit eigentümlich hohler Stimme: »Staub zum Staube; der Geist zum Urquell des Lichtes! Es sterben dahin die Geschlechter, es verhallen ihre Namen. Wie lange, und mit der Asche der letzten Kabul spielt der Wind!« Dann zu Esther, indem sie sie leicht an der Schulter berührte: »Auch du wirf Erde hinab, zur eigenen freundlichen Erinnerung. Hier das Grab deiner Mutter, dort das deines Vaters. Nimm Abschied von ihnen, denn in diesem Orte und auf dieser Stätte ist deines Bleibens nicht mehr. Unser Weg führt uns weit fort.« Mechanisch, wie im Traume, hatte Esther sich erhoben, und ebenso mechanisch warf sie Erde zu ihrer toten Mutter hinab. Was Meredith zu ihr sprach, blieb ihr unverständlich; aber willig ließ sie sich von ihr führen, unbekümmert um die Richtung des Weges, unbekümmert um ihre ganze Zukunft. Sie war zu traurig, zu trostlos. – Vier Tage verbrachte Meredith noch mit ihrem Schützling in dem Gasthofe des Städtchens. Denn so viel Zeit gebrauchte sie, um sich mit der Vormundschaft in Einvernehmen zu setzen und den dürftigen Nachlaß der Verstorbenen zu ordnen. Die weisen Männer der Stadt, obwohl überzeugt, daß Meredith mit Esther Kabel ebenso nahe verwandt sei, wie mit dem verrosteten Hahn auf der Spitze ihres historischen Kirchturms, gelangten doch sehr bald zu der Einsicht, daß die junge Waise wenigstens keiner unfreundlichen Zukunft entgegengehe, und setzten sich leicht über manche Förmlichkeiten und Hindernisse hinweg. Außerdem aber fiel ins Gewicht, daß sie dadurch einer Sorge überhoben wurden. Denn so groß war die auf Esther vererbte Versicherungssumme nicht, daß sie als Grundlage einer gewissen Unabhängigkeit hätte betrachtet werden können. Dagegen wurde verabredet, daß erst binnen Jahresfrist, nachdem Esther selbst sich in ihrer Lage zufrieden erklärt haben würde, das Geld zur weiteren Verwaltung an Meredith übermittelt werden sollte. – Lange, nachdem auch diese letzte Verpflichtung erfüllt worden war, sprach man noch in dem Städtchen von der wunderlichen Fremden, von ihrem braunen Sammetrock und dem vergilbten Reiherbusch. Es steht sogar zu vermuten, daß eine genauere Schilderung der sich an ihre Person knüpfenden ungeheuerlichen Ereignisse ihren Weg bis in die Pergamentblätter der Stadtchronika hineinfand. Drittes Kapitel. Die Arche. Der Sonnenschein eines lieblichen Spätsommernachmittages ruhte auf breiten Sandflächen und düstern Kiefernwaldungen: aber auch Wiesen wurden von ihm bedacht, Wiesen mit duftendem Heu, abgeerntete Äcker, Dörfer mit langen und kurzen Dächern, und mit Gruppen zerstreuter Feldarbeiter, die sich mit dem Einheimsen von Erdfrüchten beschäftigten. Bläulicher Herbstduft verschleierte traumhaft die Fernsicht. Hier lief ein Landweg, dort eine Chaussee, dort wieder eine Eisenbahn, durch die von ihnen innegehaltenen Richtungen die Lage der Hauptstadt verratend. Auf einer Stelle der Chaussee, wo ein Landweg, zwischen zwei Dörfern vermittelnd, sie kreuzte, und zwar auf dem grasreichen Ufer eines tiefen Grabens, rasteten zwei Wanderer: ein älterer Mann und ein junges Mädchen, sie hatten offenbar ein tüchtiges Stück Weges zurückgelegt; denn dicker Staub bedeckte ihre Gesichter und Kleider. Zwischen ihnen auf dem Rasen lag ein Dutzend in heißer Asche geröstete Kartoffeln und ebensoviel reife Äpfel. Jene hatten sie einige hundert Schritt weiter zurück am Waldesrande von Leuten erbeten, die dort, von der Arbeit des Kartoffelausgrabens rastend, vor einem Krautfeuer ihre Vesperstunde hielten. »Auf dein Wohl, Maßliebchen; mögest du fortfahren, allezeit munter oben zu schwimmen, wie auf einer Tasse Cichorienwasser ein duftendes Tröpflein Rosenöl, das sich trotz allen Schüttelns nie mit jener verächtlichen Brühe vermischt.« Also sprach der ältere der beiden Reisenden, indem er ein breites Fläschchen von blauem Glase an seine Lippen führte. Der da sprach war ein Mann von etwa fünfzig Jahren, mit verwittertem Gesicht und gutmütigen Augen. Ein gewaltiger brauner Schnurrbart und ähnlicher Kinnbart vervollständigte sein Äußeres, das im übrigen noch merkwürdig erschien durch ein Paar Hände, die auffällig klein und wohlgebildet, doch so gebräunt waren und so hornige Schwielen aufwiesen, wie nur schwere Arbeit beides im Gefolge hat. Während er mit behaglich gurgelndem Geräusch den erquickenden Trank zu sich nahm, ruhten auf seinem Antlitz ein Paar Augen, groß und dunkel, aber übermütig dabei blitzend, als wären sie die Wohnstätte von mindestens zehntausend mutwilliger Kobolde gewesen. Den prachtvollen Diamantaugen entsprachen die vollen, leicht aufgeworfenen Lippen, die, indem sie sich zu einem spöttischen Lächeln voneinander trennten, blendendweiße Zähne hervorschimmern ließen. Der Anzug dieses fast noch auf der Grenze der Kindheit stehenden jungen Mädchens war nur wie der des Mannes, ärmlich, nebenbei vielfach geflickt und gestopft, und zwar mit riesenhaften und obenein unregelmäßigen Stichen. Doch umso sorgfältiger behandelt erschien das hübsche Gesichtchen mit den dunklen, seidenweichen Locken, die ein dichter Kranz von Eichenlaub schmückte und zugleich eine Art Schutz gegen den Sonnenbrand bildete. Auch die Lederschuhe, die die zierlichen Knöchel umschlossen, waren gut erhalten. Nachdem der alte Landstreicher getrunken hatte, reichte er tändelnd die Flasche seiner Gefährtin dar. Diese warf spöttisch die Lippen empor, und anstatt die Flasche aufzunehmen, schnitt sie eine Scheibe von dem in ihren Händen befindlichen Apfel. »Auf dein Wohl, Onkel Kappel!« sprach sie lachend, indem sie das Scheibchen zwischen ihre Perlenzähne legte, – »haßte ich, klares Wasser abgerechnet, nicht alle Getränke aus dem Grunde meiner Seele, würde ich's dennoch schwerlich übers Herz bringen, dir die scheußliche Labung um einen Tropfen zu verkümmern.« Kappel jodelte eine kurze Schweizermelodie, wozu er mit dem Pfropfen den Takt auf der Flasche rieb. Dann die Flasche auf seinem Körper bergend, kehrte er sich seiner Begleiterin wieder zu. »Maßlieb,« rief er sorglos aus, und eine Kartoffel mitten durchbrechend, ließ er deren noch warmen Duft wohlgefällig in seine recht bemerkbare Nase ziehen, »wenn du nicht das gescheiteste und obenein edelste Pflänzchen bist, das sich jemals unter verächtliches Unkraut verirrte, ohne selbst zum Unkraut zu werden, will ich mir an diesem vorzüglichen Gewächs einen Zopf essen, wie ihn kein jubiläumsfähiger verknöcherter Geheimrat stattlicher aufzuweisen vermag!« »Gescheit genug,« antwortete Maßlieb ernst einen neuen Apfel schälend, »und wäre der biedere Onkel Kappel in seiner Jugend nur halb so gescheit gewesen, möchte er heute selber Geheimrat sein.« »Womit du zu verstehen gibst, daß eine geringe Lebensstellung deinen Neigungen nicht entspricht,« lachte Kappel, »Maßlieb, Maßlieb hüte dich vor hochfahrenden Träumen; zu einer angesehenen Stellung gehört mehr, als du in deinem jetzigen Wirkungskreise dir hättest aneignen können.« »Maßlieb schälte ihren Apfel fertig; dann erwiderte sie: »Wie weit brachtest du es denn mit deiner furchtbaren Gelehrsamkeit? Das einzige, was von dem tollen Korpsburschen blieb, ist dein unverwüstlich heiterer Sinn, obwohl ich nicht begreife, wie du überhaupt noch zu lachen vermagst.« Kappel jodelte seine Lieblingsmelodie – wenn auch nicht ganz sorglos, wie kurz zuvor – und nahm drei Kartoffeln und zwei Äpfel, sie so geschickt handhabend, daß vier der stellvertretenden Jongleurkugeln beständig in der Luft schwebten. Durch diese Bewegung suchte er offenbar zu verheimlichen, daß Maßliebs Bemerkung eine wunde Stelle getroffen hatte. Plötzlich warf er Kartoffeln wie Äpfel in des jungen Mädchens Schoß, und seinen buschigen Kinnbart behaglich streichelnd, hob er an: »Keinen Grund zur Fröhlichkeit? Meinst du, ich sei als Geheimrat oder sonstiger gehorsamster Fußkratzer glücklicher daran, als heute, da ich als verantwortlicher Minister eines mit den edelsten Untieren der Schöpfung reich gesegneten Marstallbesitzers den Orgelschwengel drehe? Oder köstlicher, als dieser braun geröstete Erdapfel mundeten mir Austern und Hummersalat, wenn ich dabei mit dem einen Auge lüstern auf einen silbernen Teller spähen, mit dem andern dagegen die launenhaften Regungen meines gnädigen Vorgesetzten studieren müßte? bei aller überflüssig verspritzten roten Tinte der Welt! Heute bin ich imstande, jeder Lebenslage die angenehmste Seite abzugewinnen, was mir als subalternem Beamten nie gelänge. Und dann, Kind, was wäre aus dir geworden, hätte dir der biedere Kappel gefehlt, dieser getreue Genius, mit seinem ätzenden Balsam feiner und grober Satire? »Sehr dankbar, Onkel Kappel,« versetzte Maßlieb indem sie über jedes ihrer kleinen Ohren eine langgeringelte Apfelschale streifte; »lernte ich doch lesen und etwas mehr als meinen Namen schreiben –« »Pah! Wer gibt heute viel auf dergleichen halsbrechende Künste?« fiel der heruntergekommene Korpsbursche achselzuckend ein, »äußerer Anstand und Geld sind es allein, was das Weib zur begehrten Ware macht; und konnte ich keine gleißenden Schätze für dich sammeln, so hatte ich dafür den Trost, dich vor dem Versinken in den Morast der Gemeinheit zu bewahren. Und versunken wärest du rettungslos, hätte der Kappel dir nicht als Schutzgeist ununterbrochen wachsam zur Seite gestanden. Trotzdem ist's ein Wunder – beim Zeus und seiner eifersüchtigen Hausehre! daß bei den eigenen, gerade nicht rühmenswerten Neigungen mir solches gelang –« hier holte er die Flasche wieder hervor, um mit dem Pfropfen auf dem Glase flüchtig ein kreischendes Stückchen zu reiben – »und vor allem bei der Gemeinheit, deren wir täglich Zeugen sind. Denn gemein ist unser Admiral Lenkhart, dieser scheinheilige Beutelschneider; gemein ist seine Hälfte, von der es unentschieden ist, ob sie die bessere oder die schlechtere genannt werden muß. Gemein, grundgemein sind unsere Rosse, Hirsche, Drachen, Giraffen und Kamele, gemein ist unsere Beschäftigung, und noch gemeiner wäre alles, diente es nicht dazu, unsere Begriffe vom Schönen und Edlen gerade durch die niederschmetternden Kontraste zu verfeinern.« »Wenn alles dich in so hohem Grade anwidert warum zogst du nicht längst deines Weges?« fragte Maßlieb spöttelnd. Kappel fuhr mit erheucheltem Schrecken zurück. »Ohne dich?« rief er aus, »mich von dir trennen? Von dir, dem freundlichen Rätsel, zu dessen Lösung ich mit kaltem Blute das ganze Lenkhartsche Regime in die Luft zu sprengen, sogar vor die Kanzel eines modernen Inquisitors zu bannen vermöchte? Maßlieb, Maßlieb, ich frage wieder: Was wäre ohne den Kappel aus dir geworden!« »Und dennoch werden wir über kurz oder lang voneinander scheiden müssen,« entgegnete Maßlieb, »ich warte nur auf eine Gelegenheit, und fort bin ich, als ob der erste beste Sturmwind mich davongetragen hätte. Denn, Onkel Kappel –« hier erhielt ihre Stimme einen tieferen Klang – »du selbst wirst einräumen, daß ich für die Lenkhartsche Gesellschaft viel zu schön und zu schade bin. Und schön muß ich sein; weshalb sonst betrachteten mich die Menschen mit dummem Erstaunen? An meine Schönheit aber knüpfen sich die Pläne, bei deren Ausführung ich leider dich nicht gebrauchen kann. Hörte ich doch von Tänzerinnen, die in vergoldeten Wagen fahren, und von Sängerinnen, auf die Perlen und Diamanten einregnen! Meine Stimme aber?« Und: »Ein Jäger aus Kurpfalz, Der reitet durch den grünen Wald,« sang sie hell und melodisch in den sonnigen Äther hinaus. »Gleichwie es ihm gefällt,« wiederholte Kappel, nachdem Maßlieb geendigt hatte, die Schlußstrophe. Dann betrachtete er das liebliche Antlitz ein Weilchen mit sinnendem Ernst. »Auf daß du dereinst deiner Schönheit fluchst,« bemerkte er darauf mit einem Anfluge von Schwermut, »aber Gott sei Dank, Maßliebchen, du weißt nicht, was du sagtest.« »Keine Gefahr,« lachte das heitere Kind wiederum, »du selbst nanntest mich oft genug früh gereift und glaube mir, trotz meiner erst siebzehn Jahre bin ich in unserer täglichen Umgebung viel zu mißtrauisch geworden, um wie eine alberne Drossel meinen Kopf in eine Schlinge zu stecken und einiger verlockender Beeren halber elendiglich zugrunde zu gehen.« »Also Vater und Mutter willst du verlassen« – hob Kappel an. »Als ob du's nicht selbst am besten wüßtest,« fiel Maßlieb ihm munter ins Wort, »die Lenkharts sind gerade so viel meine Eltern, wie du, oder jener Landstreicher, der über die Richtung seines Weges in Zweifel zu sein scheint.« »Gut,« versetzte Kappel, dem in der Entfernung von einigen hundert Schritten sich langsam Nähernden einen flüchtigen Blick schenkend, ich bestreite nicht, was du sagst; allein sehnst du dich nicht zu erfahren, woher du stammst und auf welche Weise du in die Welt hinausgestoßen wurdest? Und dazu bietet sich doch nur die einzige Möglichkeit in unserm jetzigen Verhältnis. »Zwei Fälle sind möglich,« antwortete Maßlieb, und etwas sorgfältiger schnitt sie an ihrem Apfel, »entweder meine Eltern sind vornehme Leute und schämen sich meiner, oder sie gehören einem Stande an wie die Lenkharts, und die Reihe des Schämens ist an mir. Weshalb sollte ich mir übrigens die Mühe geben, meine Herkunft zu erforschen? Und was für Anrecht haben überhaupt Eltern an ihr Kind, nachdem sie es verstoßen und sich vierzehn, fünfzehn Jahre und wohl noch länger nicht drum kümmerten? Ihre Blicke hafteten wieder an dem Fremden, der sich mit lebhaften Bewegungen näherte. Auch Kappel beobachtete ihn aufmerksamer und unterließ daher, das ihm offenbar peinliche Gespräch fortzusetzen. Trotz seiner militärischen Haltung und des bis unters Kinn zugeknöpften Rockes war die Bezeichnung »Landstreicher«, mit dem Maßlieb den Fremden zuerst belegte, bis zu einem gewissen Grade gerechtfertigt. Denn schäbig waren seine Kleider, schäbig sein schwarzer Zylinderhut, schäbig seine ungesäuberten Stiefel, und sogar dem hageren, gelblichen Gesicht mit dem wirren, stachelfuchsigen Vollbart und der großen dunkelblauen Brille konnte eine Art vornehmer Schäbigkeit nicht abgesprochen werden. Je näher er den beiden Wanderern rückte, mit um so größerer Teilnahme schien er sie zu betrachten, bis er endlich vor ihnen stehen blieb und ungesäumt über den breiten Graben hinweg sie anredete. »Es rastet sich gut im Freien,« hob er an, »zumal nach einem tüchtigen Tagesmarsch.« »Jedenfalls ruht es sich da am besten, wo die Leute am wenigsten gehindert werden,« antwortete Kappel nachlässig; denn eben so sehr wie die blauen Brillengläser verdroß den streng auf Anstand haltenden heruntergekommenen Ästhetiker, daß der Fremde für überflüssig erachtet hatte, seinen Worten einen Gruß vorauszusenden. Dieser lächelte spöttisch und schärfer richteten die blauen Brillengläser sich auf das junge Mädchen. »Die Begriffe über das Hindern sind verschieden,« bemerkte er ruhig, »im vorliegenden Falle käme nur in Betracht, wie Sie eine bescheidene Frage auffassen.« »Für die Verschiedenheit der Fragen eröffnet sich noch ein weiteres Feld,« versetzte Kappel nicht minder spöttisch, »fragen Sie mich nach dem Stande meiner Kasse, so antworte ich: Ebbe. Fragen Sie mich nach Gewerbe und Namen, so habe ich keinen Grund, zu verschweigen: Kappel, fahrender künstlerischer Musensohn. Erkundigen Sie sich dagegen nach meinem Glaubensbekenntnis, so erteile ich Ihnen den wohlmeinenden Rat, bei einem Wohltätigkeitsverein Stellung zu nehmen.« »Meine Frage ist harmloserer Natur,« erwiderte der Fremde mit geringschätzigem Lächeln, »ich wünsche nämlich zu wissen, ob in der letzten Stunde eine Art Karawane, bestehend aus zwei auffälligen Wagen, von der Chaussee hier in den Landweg eingebogen ist.« In diesem Augenblick ließ sich von dem Punkte, auf dem die Chaussee den Forst verließ, dumpfes Poltern vernehmen. Maßlieb kehrte sich um, und mit der ausgestreckten Hand nach dem Waldessaum hinüberweisend, fragte sie dienstfertig: »Die dort drüben?« Der Fremde folgte mit dem Blick der angedeuteten Richtung. »Das müssen sie sein, ja, das sind sie,« antwortete er etwas lebhafter, »nun ihr Weg führt hier vorbei, und unnötige Mühe wär's, ihnen weiter entgegen zu gehen. Ich vermute, die beiden Herrschaften stehen in näherer Beziehung zu der Arche?« »Genau so nahe, wie es unserer Laune zusagt,« warf Kappel gleichmütig ein; »frei ist der Bursch, und denjenigen möchte ich sehen, der mich hindern wollte, dem Lenkhartschen Ehepaar Triangel, Pauke, Drehkasten samt seinem ganzen Marstall stückweise an den Kopf zu werfen, und bei dem ersten besten aufgeklärten Dorfpfaffen – nebenbei eine Seltenheit in diesen orthodox-inquisitorischen Zeiten – als Küster, Leichenbitter oder Souffleur in Dienst zu treten? Sie kennen diesen Lenkhart? »Nicht persönlich,« versetzte der Fremde, und grinste hämisch; »durch Zufall erfuhr ich sein bevorstehendes Eintreffen in der Stadt und da machte ich mich auf den Weg.« »Was von der Berühmtheit der Lenkhartschen Größe zeugt,« rief Kappel unter schallendem Lachen aus! »verdammt! Es sollte mich nicht wundern, wenn hohe Herrschaften die Ehre der Bekanntschaft mit dem Admiral suchten! Dann griff er wieder nach Äpfeln und Kartoffeln. Ein Weilchen ließ er sie in der Luft tanzen; schließlich aber sie rückwärts werfend, kehrte er sich dem offenbar unangenehm berührten Fremden wieder zu. »Sie bedienten sich der Bezeichnung »Arche«, hob er an, und er drehte seinen Schnurrbart mit der Miene eines Paschas, »und wenn je Blindheit ins Schwarze schoß, so geschah es, als Sie unsere Heimat mit dem Fährboot des weinseligen Noah verglichen, in dem nicht nur alle Bestien des Himmels und der Erde, sondern auch alle sieben Todsünden für die Nachwelt gerettet wurden. Und unser Noah? Hahaha! Nehmen Sie zehn Prozent von einem winselnden Kirchendiener; zwanzig Prozent von einem Bettelvogt und dreißig von einem sogenannten neumodischen Gründer; den Rest füllen Sie auf mit Heuchelei, Tyrannei und Spitzfindigkeit; kneten Sie alles in eine spröde Masse zusammen, geben Sie ihr die Gestalt eines betreßten Türhüters, beglücken sie diese nach unten mit den leise auftretenden Samtpfoten eines Katers, nach vorn mit den frommen Blicken eines Heiligen, nach hinten mit einem Fuchsschwanz; ordnen Sie zum Schluß nach oben sein Haar mit Bürsten der Geduld und Sanftmut, und Sie haben den Admiral Lenkhart vor sich, wie er leibt und lebt.« Lenkhart, seiner Karawane eine Strecke vorausschreitend, hatte sich unterdessen so weit genähert, daß seine bis auf einen schwarzen Backenbart glatt rasierten Züge ziemlich genau zu unterscheiden waren. Der Titel Admiral, den Kappel ihm beilegte, erschien auf den ersten Blick gerechtfertigt; er hatte sogar sein möglichstes getan, ihn zu verdienen, indem sein Anzug aus einem blauen Tuchrock bestand, und eine Goldtresse um die blaue Mütze geheftet war. Dabei befleißigte er sich eines wiegenden Ganges, als wenn er auf dem Quarterdeck eines Ostindienfahrers das Licht der Welt zum erstenmal angeschrien hätte. Er war auch wirklich Knecht bei einem Kahnfahrer gewesen. Aus dem Schifferknecht war dann ein glücklicher, und mit Hilfe seiner schriftgelehrten Gattin, der Tochter eines Schaustellers, sogar ein gebildeter Archenbesitzer geworden. Ursprünglich hieß er Lenk; nach seiner Verheiratung fügte er indessen diesem Namen noch den seiner Ehehälfte hinzu, woraus das wohlklingendere Lenkhart entstand. Den vorderen der beiden umfangreichen Wagen lenkte ein Bursche, der nicht zu der Arche gehörte, sondern mit seiner Stellung als Kutscher den wichtigen Zweck verband, nach beendigter Reise die vier Mietsgäule ihrem Besitzer zurückzubringen. Ein Stück Segeltuch schützte die hinter ihm aufgetürmte Ladung gegen den gelegentlichen Einfluß des Wetters, konnte aber nicht verhüten, daß ringsum eine Anzahl gräulicher Bestien sich mit den Köpfen und Vorderfüßen ins Freie drängte und nur mit Mühe am Entlaufen gehindert zu werden schien. Im übrigen konnte diesen Tieren, zumal sie aus Holz gemeißelt waren, ein gewisser Charakter des Umgänglichen nicht abgesprochen werden. Manche waren blind, manchen fehlten die Ohren, allen aber war im Laufe langjährigen schweren Dienstes die Farbe in einer Weise abgestoßen worden, daß die Giraffen sich kaum noch von den Pferden und Kamelen unterschieden, der Hirsche nicht zu gedenken, deren Geweihe wohlverpackt zwischen hölzernen und eisernen Stangen, Ketten und sonstigem Karussellzubehör zuunterst auf dem Boden des geräumigen Fuhrwerks lagen. Drehorgel, Pauke, Triangel, Becken und prachtvoll mit Schmelzperlen gestickte Vorhänge hatten dagegen ihre Stätte in dem zweiten Wagen, der eigentlichen Arche, gefunden. Diese in Form eines gewaltigen grünen, mit Fenstern und Türen versehenen Kastens eingerichtete Häuslichkeit wurde von Frau Lenk, geborener Hart, selbst gefahren. In der Tür ihres Vorzimmers, auf einem Feldstuhl sitzend, lenkte sie die beiden Pferde, wobei deutlich zu erkennen war, daß der tägliche Verkehr mit hölzernen Pferden und sonstigen Bestien eine vorzügliche Vorschule für die Gewandtheit war, mit der die zweifellos einst sehr schön gewesene Frau heute die Zügel lebendigen Getiers führte. – Vor der auf den beiden Grabenufern versammelten Gruppe blieb Lenkhart stehen. In seinem halb militärischen Gruß offenbarte sich deutlich der Wunsch, von dem Fremden angeredet zu werden. Dieser zögerte denn auch nicht, sich alsbald herablassend als einen aus fernen Landen heimgekehrten Reisenden vorzustellen, worauf er in demselben hochfahrenden Tone fortfuhr: »Sie werden begreifen« – und er sprach laut genug, um von Kappel und Maßlieb verstanden zu werden – »daß nur dringende Geschäfte mich veranlassen konnten, Ihnen so weit entgegenzugehen. Ich bin nämlich beauftragt worden, einen Schatz, der Ihnen vor fünfzehn oder sechzehn Jahren anvertraut wurde, zurückzufordern.« »Mir?« fragte Lenkhart zögernd, offenbar um Zeit zu gewinnen, und sein gebräuntes Antlitz erhielt eine pergamentartige Farbe. »Mir?« wiederholte er, die scharfen braunen Augen fest auf die blauen Brillengläser heftend, »ich wüßte nicht, daß irgend jemand in der Welt mir jemals einen Schatz anvertraute.« Der Fremde grinste hämisch, bis der Wagen mit dem Getier vorbeigefahren war. Dann näherte er seine Lippen des Admirals Ohr, ihm etwas zuflüsternd. Ein einziges Wort war es, und zwar ein Name, dessen Wirkung aber derart heftig war, daß der Karussellvater bestürzt einen Schritt zurücktrat. In seiner Verwirrung kam ihm das Eintreffen der grünen Arche zustatten. Sie hielt so an, daß die kundige Rosselenkerin sich ohne Mühe an dem Gespräche beteiligen konnte. »Dieser Herr gibt vor,« wandte Lenkhart sich alsbald an seine Ehehälfte, »uns im Auftrage eines andern einen geliehenen Schatz abverlangen zu sollen. Weißt du etwas von einem solchen?« Ihre zerknitterte, an Trödlerbuden erinnernde Umhüllung schüttelnd und die Fliegbänder ihrer Sturmhaube ordnend, antwortete sie mit bedauerndem Achselzucken: »Einen Schatz?« Wann könnte das gewesen sein? »Vor fünfzehn Jahren,« versetzte der Fremde zuversichtlich, »und wie ich sehe« – hier deutete er nachlässig auf Maßliebchen –, ist er nicht tot liegengeblieben, sondern durch das Anhäufen von Zins auf Zins zu einem wertvollen Kapital angewachsen.« »Wer sollte uns mit seinem Vertrauen in so hohem Maße beehrt haben?« forschte die Karussellmutter weiter, während auf ihrem roten Gesichte unverkennbare Bestürzung zu lesen war. »Er nannte einen uns nicht unbekannten Namen,« kam der Admiral dem Fremden mit einem wunderbar frommen Blick gen Himmel zuvor, offenbar in der Absicht, Kappels und Maßliebs halber einer lauten Wiederholung des Namens vorzubeugen; dann fuhr er mit seemännisch-biderbem Wesen fort: »Zweimal in meinem bescheidenen Leben sind mir wirkliche Schätze anvertraut worden, wenn ich wagen darf, mich bildlich auszudrücken. Das eine Mal vor siebzehn Jahren, als der Himmel mich und meine Frau mit einem Töchterchen beschenkte – dort auf dem Grabenufer sitzt unsere Augenweide, unsere Herzensfreude –, und das zweite Mal in der Tat vor fünfzehn Jahren, als wir uns entschlossen, trotz unserer unsteten Lebensweise, auch noch die Sorge für einen fremden, elternlosen Wurm zu übernehmen. Wir taten unser Bestes; wir liebten das Kind sogar zärtlich. Doch der Himmel hatte es anders beschlossen, als wir hofften. Ein schwarzes Kreuz auf einem Grabhügelchen in weiter Ferne ist alles, was uns von dem anvertrauten Gut blieb. Ich setze voraus, Sie sind mit dieser Erklärung zufrieden,« wandte Lenkhart sich an den Fremden, »und denken nicht etwa daran, Zweifel in das Gemüt des guten Kindes zu säen.« »Maßlieb komm zu mir in den Wagen,« nahm die Karussellmutter jetzt entschlossen das Wort, »komm, Tochter, kleide dich um; der Abend bricht bald herein.« »Umkleiden?« rief Maßlieb aus, indem sie leicht emporsprang, »mich putzen wie ein Menagerieaffe mit bunten Lappen und verdorbenen Tressen, um Pauke und Becken zu schlagen?« Sie lachte hell aus, und sich dem zweifelnd zu ihr aufschauenden heruntergekommenen Korpsburschen zukehrend, fuhr sie leidenschaftlich fort: »Die Gelegenheit, mich von dem Karussell zu trennen, ist jetzt da. Nun, da meine Peiniger mich da einem Fremden gegenüber für ihr Kind erklären, ertrag' ich's nicht länger –« »Maßlieb!« fiel die Frau zornbebend ihr ins Wort, »bedenke, es sind deine Eltern, deine eigene treue Mutter ist es, die du hier auf öffentlicher Straße schmachvoll verleugnest!« »Sie, meine treue Mutter?« rief Maßlieb spöttisch aus; »ja, wenn der Hunger, den ich ertragen mußte, die blauen Streifen, die Sie mir wohl hundertmal mit der Peitsche auf die Schultern zeichneten, Sie zur Mutter machen könnten; wenn die Drohungen, mit denen Herr Lenkhart mich schon im zartesten Alter fast bis in den Tod hinein ängstigte, seine schmerzhaften Griffe und das Ausraufen meines Haares ihn zur Stellung eines Vaters erhöben, dann möchte ich wohl Ihre Tochter sein! So aber?« Sie lachte wieder mit einem Ausdruck, als ob alle ihr innewohnenden Empfindungen sich in das Gefühl eines unauslöschlichen Hasses verwandelt gehabt hätten. »O, versuchen Sie nicht, jenen Fremden zu täuschen! Ich bin ebensowenig Ihre Tochter, wie die des Mannes dort mit den blauen Augengläsern. Den Wagen besteige ich nie wieder; zu genau weiß ich, welche Martern in dem scheußlichen grünen Gefängnis mich erwarten. Und stehe ich auch einsam in der Welt, und besitze ich weder Verwandte noch Freunde, so bin ich deshalb nicht verlassen. Dort liegt die Hauptstadt mit ihren Wundern; und kann ich mir nicht anders helfen, will ich lieber mein Stückchen Brot mühsam mit schwerer Arbeit auf den Feldern verdienen, als euch nur noch ein einziges Mal Vater und Mutter nennen! Solange Maßlieb mit wachsender Leidenschaftlichkeit sprach, standen die Karusselleltern da, als hätten sie ihren Sinnen nicht getraut. Wäre der Fremde nicht zugegen gewesen, würden sie, wie schon so vielfach, die heftigen Zornesausbrüche Maßliebs kaum beachtet und einen günstigen Zeitpunkt zu deren nachdrücklicher Bestrafung erspäht haben, gegen welche sogar der alte Korpsbursche die Ärmste nicht zu schützen vermocht hätte. Ihre Verwirrung aber wurde noch dadurch gesteigert, daß der Fremde bald sie, bald das Mädchen mit hämischem Ausdruck betrachtete und, nachdem er sich ein Weilchen an ihrer Ratlosigkeit ergötzt hatte, spöttelnd das Wort nahm. »Liebliche Familienverhältnisse,« bemerkte er mit einem Hohne, daß die Karussellmutter ihm die Peitsche um die Ohren hätte schlagen mögen, »fast zu lieblich, um an eine wirkliche Blutsverwandtschaft glauben zu können!« »Glauben Sie, was Sie wollen,« keifte die Karussellmutter, »nur scheren Sie sich aus meinem Wege, wenn Sie nicht Lust verspüren, gerädert zu werden!« Maßliebs funkelnde Diamantaugen aber flogen zwischen den Karusselleltern und dem Fremden hin und her. Wie die Anwesenheit des Fremden lähmend auf das würdige Ehepaar einwirkte, so empfand auch sie deren Einfluß auf ihre ohnehin mächtig aufgeregten Leidenschaften, doch mit ihrer Besorgnis wuchs auch ihre Entschlossenheit, als der unheimliche Fremde dicht an den Graben trat und über ihn fort seine Worte an sie richtete. »Wie weit du fähig bist, meinen Erklärungen mit Verständnis zu folgen, weiß ich nicht,« sprach er, seiner Stimme einen möglichst wohlwollenden Klang verleihend, »jedenfalls aber wird dir klar sein, daß verwandtschaftliche Bande dich nimmermehr an deine bisherigen Beschützer fesseln. Meinen vernünftigen Vorstellungen wollen diese kein Gehör geben. Ich wähle daher den Ausweg, dich zu fragen, ob du geneigt bist, mich zu denjenigen zu begleiten, die ein unbestreitbares Anrecht an dich haben.« – »Er lügt, Maßlieb!« schrie die Karussellmutter, während Lenkhart die Gebärden eines verzweifelten Vaters getreulich nachahmte, »er lügt, und ich selber will's ihm beweisen, sobald wir in die Nähe einer Stätte gelangen, auf der derartige Fragen von Rechts wegen verhandelt –« »Von Rechts wegen?« höhnte der Fremde einfallend, »hoffen Sie etwa, mich durch leere Drohungen zu verscheuchen? Ich möchte sehen, ob Sie wagten, vor dem grünen Tisch ebenso zuversichtlich aufzutreten, wie hier auf der öffentlichen Landstraße, wo außer den zunächst Beteiligten Sie niemand hört.« Dann wieder zu Maßlieb: »Komm, mein Kind, fasse Vertrauen zu mir.« – »Wohin möchten Sie mich führen?« unterbrach Maßlieb ihn ruhig, nachdem sie so lange, mit sich selbst zu Rate gehend, dagestanden hatte. »Dahin, wo deiner ein würdigeres Obdach harrt, als in diesem Kasten,« antwortete der Fremde aufmunternd. Die Karussellmutter war im Begriff, ihrer Wut in der bekannten geräuschvollen Weise die Zügel schießen zu lassen, als Maßlieb trotzig erwiderte: »Ich bin dessen überdrüssig geworden, mich von den Lenkharts mißhandeln zu lassen, habe aber ebensowenig Lust, einem ungeheuerlichen Fremden mit Glasaugen zu folgen? Wozu hätte ich eigene Augen und Füße, wenn nicht, um meinen Weg ohne fremde Hilfe zu finden? Einen Weg über Veilchen und Rosen! Zu Karossen, Pferden, Perlen und Diamanten! Adieu, Onkel Kappel, du guter, du weiser Onkel Kappel, du gesangesreicher Korpsbursche! Was du mich lehrtest, das soll dir unvergessen sein, und wohne ich erst in meinem eigenen Hause, so steht ein prachtvoll eingerichtetes Zimmer dir jederzeit zur Verfügung!« Bei den letzten Worten war sie schon eine kurze Strecke davongesprungen, um sich aus dem Bereich jeder Gefahr zu bringen; dann noch einmal rückwärts schauend und sich an der Bestürzung der um ihren Besitz Hadernden weidend, sandte sie ihnen wiederum ein spöttisches Lachen zu. »Fangen Sie mich,« rief sie fröhlich aus, »fangen Sie mich, wenn Ihnen so viel an meiner Person liegt! Worauf warten wir noch? Prüfen wir, wessen Füße die leichtesten und wessen Atem der längste ist!« »Hüte dich,« scholl die zornbebende Stimme der Alten ihr nach. »Hüte dich! die Polizei macht nicht viel Umstände mit einer Landstreicherin, wie du eine bist.« Maßlieb zuckte zusammen. Dann aber noch einen letzten Blick rückwärts sendend, sprang sie über den Graben und weiter hinein in den Wald, in dem sie, mit der Chaussee gleiche Richtung haltend, ihre Wanderung rüstig fortsetzte. Nacht, spärlich durch Sterngefunkel erhellt, ruhte auf der Erde, als endlich der Wald sich vor ihr öffnete und zahllose Lichter sowie ein in der Luft hängender bleicher Schein ihr die Lage der gewaltigen Stadt bezeichneten. Ratlos blieb sie stehen. Bei dem Gedanken, ohne Mittel sich in das wirre Getreibe vieler, vieler Tausend Menschen zu stürzen, drohte ihre Kraft zu erlahmen. »Ein Landstreicherkind,« flüsterte sie, dann setzte sie sich neben einen Haselnußstrauch nieder, und das Antlitz auf den emporgezogenen Knien in beide Hände vergrabend, weinte sie bitterlich. Das Bewußtsein gänzlicher Verlassenheit schien ihr armes Herz vollständig gebrochen zu haben; ihre phantastischen Träume von Glanz und überschwänglichem Reichtum waren zerflossen. Sie hätte einschlafen mögen, um nie, nie wieder zu erwachen. Und dennoch blieb ihr der Gedanke fern, sich ihren alten Beschützern und Peinigern wieder zuzugesellen. Nur wenige Schritte von ihr lief der Graben, der die Chaussee von dem Walde trennte. Mehrfach rollten Wagen vorüber. Manche führten jauchzende Landleute ihren abgelegenen Heimstätten wieder zu: andere, aus der entgegengesetzten Richtung kommende waren besetzt von Stadtbewohnern, die den im grünen Forst festlich begangenen Tag durch das Absingen bald lustiger, bald sentimentaler Volksweisen krönten. »Sie ist und bleibt doch nun einmal meine und meiner Frau leibliche Tochter,« vernahm sie plötzlich eine gleißnerische Stimme, deren erster Ton ihr alles Blut jäh zum Herzen trieb. Versiegt waren ihre Tränen, verscheucht die fast überwältigende Zaghaftigkeit. »Trotzdem könnte es nicht schaden, wenn Sie etwas offener zu Werke gingen. Zum Beispiel die in ihren Händen befindlichen Beweismittel –« »Wenn Sie mit mir, wie mit einem einfältigen Schulbuben verhandeln, erreichen wir allerdings nie unsern Zweck,« versetzte der Fremde höhnisch, »und welche andere Beweismittel verlangen Sie noch? Ist es nicht genug, daß ich seit Monaten nach Ihnen forschte und jedes mir erreichbare elende Provinzialwochenblättchen zu Rate zog, um auf die Spuren der grünen Arche zu gelangen? Heute ist freilich alles überflüssig, denn ich müßte mich sehr täuschen, gesellte der Flüchtling sich je wieder zu Ihnen. Nun, vielleicht bin ich selbst so glücklich –« Die beiden Männer waren vorüber. Ihre Stimmen fielen als Gemurmel mit dem Geräusch ihrer Schritte zusammen. Nicht lange, und auch diese verhallten und an deren Stelle trat das Poltern der beiden herbeirollenden Wagen. Schärfer spähte Maßlieb nach der Chaussee hinüber. Regungslos blickte sie dem sich schwerfällig einherwälzenden Gebäude nach. Da störten sie wiederum Schritte in ihren planlos durcheinanderwogenden Betrachtungen. Einige Sekunden lauschte sie. Dann erhob sie sich hastig, und gleich darauf befand sie sich neben dem heruntergekommenen Ästhetiker. »Onkel Kappel,« redete sie den freudig Erstaunten leise an, »ich konnte nicht in die Welt gehen, ohne dich zuvor noch einmal gesprochen, dir Lebewohl gesagt zu haben.« »So ist es dein ernster Wille, dich von uns zu trennen?« fragte Kappel schwermütig. »So wahrhaftig mein Ernst, wie die Sterne da oben vom Himmel auf uns niederblicken,« versetzte Maßlieb, indem sie Hand in Hand mit dem alten Freunde den Wagen folgte, »sie nannte mich unehrliches Landstreicherkind, und wenn andere Menschen mich ebenso nennen, so haben sie es von ihr.« »Eine Schmach war es von dem Weibe,« erwiderte Kappel zähneknirschend, »eine Schande und eine Schmach, dein armes, junges Gemüt zu verbittern und zu vergiften. Und dieses Scheusal will deine Mutter sein? Hoho! Die Mutter ihrer hölzernen Drachen und sonstigen Mißgeburten mag sie sein, aber nicht die eines lieben, herzigen Mädchens. O, Maßliebchen, ich hätte dem Weibe die Zunge ausreißen mögen, als es die teuflischen Worte an dich richtete! Und dennoch als ich beobachtete, wie du dadurch ergriffen wurdest, fühlte ich mich doppelt beruhigt. In deinem Stolz erblickte ich deinen sichersten Schutz. Vergiß daher das Weib samt seinen Schmähungen und sei überzeugt, daß es überall wohlwollende Menschen gibt, die dir gern mit Rat und Tat zur Seite stehen werden.« Maßlieb lachte spöttisch. Sie war in der letzten Stunde um Jahre gealtert. »Freunde, meinst du, Onkel Kappel?« hob sie an, »als ob nicht jedermann das unehrliche Landstreicherkind mir ansähe! Doch ich will deshalb den Mut nicht verlieren; mein Leben setze ich daran, dereinst selbst triumphierend in die Welt hinauszurufen: Seht hier ein Landstreicherkind!« Schweigend verfolgten sie ihren Weg. Sie hatten ihre Schritte gemäßigt, daß die Entfernung zwischen ihnen und dem Wagen sich vergrößerte. Hand in Hand gingen sie, wie unzählige Male in ihrem Leben. So legten sie eine lange Strecke zurück, als Maßlieb wieder das Wort ergriff. »Aber du, Onkel Kappel,« sprach sie sinnend, »wenn du die Lenkharts in so hohem Grade verachtest, warum trennst du dich nicht ebenfalls von ihnen?« Kappel seufzte tief. »Du zwingst mich zu einem schmerzlichen Geständnis,« antwortete er zögernd, »allein du lernst vielleicht daraus, und da soll es mir nicht schwer werden.« »Von einem leichtsinnigen, toll ins Leben hineinstürmenden, jede ernste Beschäftigung verachtenden Studenten bis zum Vagabunden ist nur oft ein Schritt. Wenn aber die Menschen erst das Vertrauen zu einem Mitmenschen verloren haben und ihm dadurch der Eintritt in den bescheidensten Wirkungskreis erschwert wird, so ist er nur zu geneigt, das Vertrauen zu sich selbst zu verlieren. Seltener und matter werden die Versuche, sich emporzuarbeiten, bis ihm schließlich kein anderer Ausweg mehr bleibt, als mit den letzten Erinnerungen an seine hoffnungsreiche Jugendzeit zu brechen und das erste beste Los willkommen zu heißen, das ihm ein nur einigermaßen sorgloses Hinvegetieren sichert. So erging es mir. Von den Lenkharts kann ich nicht fort; das unstete, mühelose Umherschweifen ist mir zu sehr zur anderen Natur geworden, und dann – nun, es muß heraus – bin ich zu nichts anderem mehr zu gebrauchen. Mit solchen Erfahrungen steht es mir wohl an, dir zuzurufen: Werde nicht wankend in deinem Entschluß; fliehe bevor es auch für dich zu spät ist! Bitter werde ich deine Abwesenheit empfinden; denn solange ich dich kenne – und über die vierzehn Jahre ist es her, seitdem ich mein Los an das des Karussells knüpfte –, bist du mein Liebling, meine Herzensfreude gewesen. Auf meinen Armen habe ich dich getragen, auf dem Rasen unter Blumen und bunten Steinen mit dir gespielt. Gemeinschaftlich haben wir gehungert und gefroren und uns gegenseitig unser Leid geklagt. Wir gingen nebeneinander im Unwetter wie im heiteren Sonnenschein; zusammengekauert saßen wir nebeneinander unter dem dürftigen Zeltdach, munter plaudernd oder auf den Sturm horchend, wenn er die Schloßen auf die straffe Leinwand trieb oder der Gewitterregen in den Baumwipfeln brauste. Wir zählten die Blitze in schwarzer Nacht, zählten an milden Sommerabenden die Stimmen der wetterverkündenden Frösche. Ja, Maßliebchen, so flossen unsere Tage dahin, und niemals und durch nichts ist unsere Freundschaft erschüttert worden. Der professionierte Vagabund und heruntergekommene Korpsbursche eignete sich wenig zum Erzieher, trotzdem habe ich mich bemüht, dein Wissen zu bereichern, und in einer Beziehung ist mir das ganz besonders gelungen: Du sprichst ein reines Deutsch und hast gelernt, dich stets anmutig zu bewegen. Infolgedessen vermagst du dich auch in gebildeten Kreisen zu bewegen, ohne daß du fürchten brauchst, Anstoß zu erregen. So mußt du denn notgedrungen den Kampf mit dem Geschick allein aufnehmen, mein gutes Maßliebchen, auf deine eigenen Kräfte dich verlassen. Aber sei guten Mutes; du besitzest viel Stolz, und so lange du ihn zügelst, wird dieser Stolz dein sicherster Schutz sein. Laß dich nicht schwach finden, wenn Unglück und harte Prüfungen an dich herantreten, hüte dich vor Überhebung, wenn das Glück dich begünstigt. Vergiß nicht diese meine letzten Worte: Bei deinem Charakter vermögen Glück und Unglück gleich nachteilig auf dich einzuwirken; dagegen wird andererseits eine richtige Würdigung beider dir zum Segen gereichen, deine Anschauungen läutern, deinem jugendlichen Gemüte einen immer festeren Halt gewähren.« Den letzten Rat des alten Korpsburschen schien Maßlieb zu überhören, so ausschließlich beschäftigte ihr Geist sich mit der nächsten Zukunft. Wie träumend schritt sie an Kappels Hand einher. »Wenn nur die erste Nacht überstanden wäre,« seufzte sie plötzlich emporschreckend. »Noch einmal in der Arche zu übernachten, rate ich dir nicht,« versetzte Kappel zweifelnd, »ich bin überzeugt, sie ließen dich nicht wieder aus den Händen. Allein in unserer Nähe magst du dich halten, und findest du kein anderweitiges Obdach – nun, Kind, ich werde munter bleiben und auf dich warten, um die Nacht entweder mit dir zu verplaudern oder über dich zu wachen, während du ein paar Stunden zwischen dem abgeladenen Gerümpel schläfst.« Erschrocken blieb er stehen. Indem seine Blicke die Straße hinunterschweiften, entdeckte er den Admiral, der, offenbar um seinen erprobten Stallmeister nicht zu verlieren, im Scheine der nächsten Gaslaterne auf ihn wartete. »Noch kann er dich nicht bemerkt haben,« flüsterte er ängstlich, und fester drückte er Maßliebs Hand, »aber die höchste Zeit ist es, daß wir voneinander scheiden. Lebe also wohl, mein teures Maßliebchen; solange du nichts Bessers weißt, halte dich im Bereich der Arche, um im Falle der Not deine Zuflucht zu mir nehmen zu können. Und hier, Maßliebchen – er legte dem zitternden Mädchen seine Börse in die Hand – trotz meines Leichtsinns sparte ich die Kleinigkeit für unvorhergesehene Gelegenheiten, und eine solche ist jetzt gekommen. Ein Jahr meines Lebens gebe ich darum, vermöchte ich die paar Pfennige in ebenso viele Taler zu verwandeln.« Bei den letzten Worten schritt er hastig davon, während Maßlieb, als habe eine plötzliche Erstarrung sie befallen, sich nicht von der Stelle rührte. Der feierliche Abschied des verkommenen Genies und seine Opferwilligkeit hatten sie doppelt tief erschüttert, weil sie ihn bisher nur als einen Menschen kennen lernte, dessen heitere Sorglosigkeit weder durch Not noch durch die nichtswürdigste Tyrannei seines Brotherrn aus dem Gleichgewicht gebracht werden konnte. Erst als sie ihn in des Karussellsvater Begleitung davonschreiten sah, erwachte sie wieder aus dem einer Betäubung ähnlichen Zustande. Besorgt spähte sie um sich. Leute kamen, Leute gingen; niemand der sich um sie gekümmert hätte. – – – Viertes Kapitel. Die Altertümlerin. In einer Vorstadt der Metropole, aber in einer Gegend, die bereits in den lebhafteren Weltverkehr hineingezogen wurde, liegt ein Haus, das vor einer noch nicht allzu langen Reihe von Jahren einem begüterten Patrizier als ländlicher Sommersitz diente. Der ursprünglich dazugehörende Grund und Boden ist indessen im Laufe der Zeit bis auf einen Garten von der Größe eines Morgens beschränkt worden. Das Haus selber ist einstöckig und schwer gebaut. Neugierig schauen oft die Vorübergehenden nach dem stillen, grauen Gebäude hinüber; manche lesen auch, so oft ihr Weg sie dort vorbeiführt, gewohnheitsmäßig immer wieder den an dem einen Torpfeiler auf einem großen Porzellanschilde auffällig prangenden Namen Kabul. Ob dieses »Kabul« eine männliche oder weibliche Person bezeichnet, wissen die wenigsten Menschen. Noch weniger ahnt jemand, daß seine auffallende Größe und Deutlichkeit den Zweck hat, jedem vom Zufall dort vorbeigeführten Kabul und jede Kabulin anzulocken, damit die Stammesgenossenschaft festgestellt und erörtert werden könne. – So grau und verwittert das Haus äußerlich wirkte, so seltsam war seine innere Einrichtung. Sogar die Klingel war von ganz anderer Art, als ihr sonst eigentümlich ist. Wo bei gewöhnlichen Menschenkindern ein ausdrucksloser Klöppel gegen die großmäulige Glocke schmettert, da wurde bei Meredith Kabuls Klingel durch eine sinnige Vorrichtung das Visier eines mittelalterlichen Turnierhelms emporgeschlagen, um es sogleich wieder leise klirrend in seine alte Lage zurücksinken zu lassen. Das Bildnis eines schlachtgewohnten Ritters war dadurch vervollständigt, daß innerhalb des Helms eine lebensfrisch gemalte Gesichtslarve angebracht war, der nur die Augäpfel fehlten. Der Helm selbst lag auf einer Konsole oberhalb des Arbeitstisches, der die ganze Breite der Spiegelwand zwischen den beiden großen Fenstern ausfüllte. Außerdem waren alle Wandflächen übersät mit Waffen aus allen Jahrhunderten, selbst mit steinernen und stählernen Äxten. Dazwischen hingen verrostete Arm- und Beinschienen, Harnische, Kettenpanzer, Sporen, sogar unförmliche Hufeisen, kurz, lauter Gegenstände, die der Besitzerin Vorliebe für das Altertum bekundeten und augenscheinlich nicht ohne Mühe und erhebliche Kosten aus allen Windrichtungen zusammengetragen worden waren. Altertümliche eichene Stühle mit hohen, steilen Lehnen, eine lange, auf Kreuzfüßen ruhende eichene Tischplatte und eine breite, dieser entsprechende Bank bildeten außer dem Schreibtisch und den schwergeschnitzten Rokokoschränken die Möbeleinrichtung. Auf der Erde lagen statt der Teppiche Wolfs- und Bärenpelze, hin und wieder auch ein Stoß in Pergament gebundener Bücher und Mappen mit alten Kupferstichen und Handzeichnungen. Eine blau verschleierte Lampe überströmte den Schreibtisch und die auf demselben durcheinandergeworfenen hunderterlei Gegenstände mit grellem, aber ruhigem Licht, wogegen sie in dem übrigen Raum nur eine Art Dämmerung erzeugte. Eine geeignetere Beleuchtung hätte zu der wunderlichen Umgebung kaum erdacht werden können, nicht minder zu Meredith Kabul selber, die vor dem Schreibtisch saß und, das Haupt auf die eine Hand gestützt, eifrig in einem vergilbten Folianten las. Ihr Antlitz hatte sich in den fünf Jahren, die seit ihrem Besuch in dem Hause der verstorbenen Frau Doktor Kabel verstrichen waren, wenig verändert. Nur etwas schärfer mochten ihre Züge geworden sein, und etwas dünner das hellbraune Haar, das zu beiden Seiten hinter die Ohren gestrichen, nach alter Weise auf ihre Schultern niederfiel. »Steh auf, Kind, und vor allen Dingen fasse dich,« versetzte Meredith, das zitternde Mädchen mit sanfter Gewalt emporziehend. »Auch ein Kapul, genannt Kaplik, fiel bei sotanem Scharmuzieren, nachdem er gekämpfet und gestochen mit dem Mute, so eines frummen Landsknechtes wert gewesen« – las sie laut. Dann sich aufrichtend, nahm sie einen seitwärts liegenden eisernen Handschuh, und ihn in den Schein der Lampe haltend, prüfte sie ihn aufmerksam. »Hier ist ein K.,« offenbarte sie gewohnheitsmäßig ihre Gedanken; »nun aber erhebt sich die Frage, ob dies das Zeichen des Waffenschmiedes ist, oder des Mannes, für den er die Wehr anfertigte.« Mißmutig warf sie die Reliquie vor sich auf den Tisch. »Ich werde nie Klarheit in diesen Zeitabschnitt bringen,« fuhr sie ernst fort, »und doch gewinne ich's nicht über mich, die Lücke fortbestehen zu lassen. Eine Lücke von hundert Jahren; von dem Landsknecht bis zu meinem Urgroßvater.« Wie um ihren Geist anderen und sie weniger peinigenden Dingen zuzuwenden, nahm sie einen Strauß Astern aus einem vor ihr stehenden Glase. Ein Weilchen betrachtete sie die farbenreichen Blumen sinnend, dabei prägte sich eine eigentümliche Milde auf ihren sonst wenig veränderlichen Zügen aus. »Schade um das Kind,« nahm sie ihr Selbstgespräch wieder auf, »nicht die leiseste Neigung ihrer Vorfahren ist auf sie übergegangen. Ich könnte irre an ihr werden, zeugten nicht andere lobenswerten Eigenschaften für die Verwandtschaft –« Das Visier des Helms schob sich empor. Die Larve sandte einen unheimlichen Blick aus ihren hohlen Augen in das Gemach hinein und klirrend fiel das Visier wieder herunter. Meredith ersah aus dieser Bewegung, daß jemand von der Straße aus durch die Pforte in den Garten eingetreten war. Der mit der Tür selbst vereinigte Mechanismus hatte gespielt, nicht der des Glockenzuges. »Ein mit der Hauseinrichtung Vertrauter,« lispelte die Altertümlerin, indem sie die Astern in das Glas zurückstellte. »Für Esther ist es noch zu früh,« fügte sie mit einem flüchtigen Blick auf die große Wanduhr hinzu. Hastige Schritte näherten sich und gleich darauf klopfte es an die Haustür. Meredith ergriff die Lampe, begab sich nach der Flurseite des Zimmers hinüber und trat auf eine Feder. Die Haustür sprang auf, und bevor noch der Einlaßbegehrende die Schwelle überschritten hatte, leuchtete sie auf den Flur hinaus. Kaum aber gewahrte sie ein paar ihr zugekehrter dunkler Brillengläser, als die Lampe ihr zu entfallen drohte und sie gezwungen war, sich an den Türpfosten zu lehnen. Keinen Laut vermochte sie hervorzubringen; aber die Lippen preßte sie krampfhaft zusammen, wie einen namenlosen Schmerz bekämpfend. Der Fremde verschloß unterdessen behutsam die Haustür, worauf er mit zuversichtlichem, an Unverschämtheit grenzenden Wesen der ihm vorausschwankenden Meredith in das Zimmer hinein folgte. Dort warf er sich auf die rohrgeflochtene Bank; flüchtig ließ er seine Blicke an den seltsam geschmückten Wänden hinschweifen, und dann erst kehrte er sich Meredith zu, die die Lampe vor ihn auf den Tisch gestellt hatte und wie versteinert seinen ersten Kundgebungen entgegensah. »Immer noch die alte kostspielige Liebhaberei, oder vielmehr Narrheit,« bemerkte er endlich mit demselben hämischen Ausdruck, mit dem er vor etwa drei Stunden dem Karussellvater in seinem Gespräch auf der Landstraße begegnet war. »Dabei nicht übel, verdammt! Selbst mich könnte solche Umgebung fesseln.« Er warf die ihm offenbar nicht unentbehrliche Brille auf den Tisch, und seine großen Augen fester auf die todbleiche Meredith gerichtet, fuhr er fort: »Vergeblich sehe ich dem ersten Zeichen eines freundlichen Willkomms entgegen.« »Eher hätte ich den Tod erwartet, freudiger mein Ende willkommen geheißen,« antwortete Meredith fast tonlos. »Nun, das klingt im allgemeinen wenig freundschaftlich,« spöttelte der Fremde, »hindert uns aber nicht, miteinander in geschäftlichen Verkehr zu treten.« »Was beschworst du, als du zum letztenmal meine Einsamkeit störtest?« fragte Meredith gefaßter. »Pah, Not bricht Eisen!« höhnte der Fremde, »du weißt, ich hätte Schlimmeres tun können, als noch einmal heimlich meine Zuflucht zu deiner Großmut nehmen.« »So hättest du wenigstens einen anderen Zeitpunkt zu diesem vergeblichen Schritt wählen sollen,« erwiderte Meredith mit einem Blick der Besorgnis und des Abscheues. »In jeder Minute kann Esther eintreffen, und ich dächte, es wäre genug, wenn mein Leben allein verbittert wird.« Der Fremde lachte feindselig. »Kümmert das Mädchen mich etwa?« herrschte er sie an, »es wäre überhaupt gescheiter gewesen, wenn du es da ließest, wo es zu Hause gehört –« »Sie ist eine Kabul,« raffte Meredith sich empor. »Kabul hin, Kabul her,« höhnte der Fremde wiederum, »mag sie immerhin kommen; das Haus ist geräumig genug, mich zu beherbergen, ohne daß ich mit ihr zusammenzutreffen brauche.« »Nimmermehr!« rief Meredith mit ersterbender Stimme aus; »eine Nacht mit dir unter demselben Dache? Lieber lege ich Feuer an die eigene Heimstätte, um als Bettlerin –« »Nun, nun, bis zur Bettlerin ist noch eine ziemliche Strecke,« fiel der Fremde ein. »Mit dir steht es wahrlich nicht mißlich und das wirst du alsbald beweisen, indem du durch Vorschießen einer mäßigen Summe mir den Aufenthalt in der Hauptstadt auf kurze Zeit erleichterst. Mit achtunggebietender Offenheit räume ich ein, daß ich vollständig mittellos bin und die Not mich treibt.« Entsetzt starrte Meredith auf ihren Gast. »Ich verfüge kaum über die zum täglichen Bedarf notwendigen Mittel,« bemerkte sie. »Kein Wunder,« hieß es sorglos zurück, und nachlässig wies die wohlgepflegte Hand im Kreise herum, »kein Wunder, wenn du deiner sinnlosen Neigung zum Trödlerleben fröhnend, alles hingibst, um dich in ein tolles Gewirr verrosteter, verschimmelter und vermoderter Scharteken zu vergraben.« »Ich brauche niemand Rechenschaft über mein Tun und Lassen abzulegen,« versetzte Meredith lebhafter, »dir nicht, noch einem anderen Menschen.« »Zugegeben,« lachte der Fremde, »auch will ich glauben, daß du augenblicklich nicht sonderlich bei Kasse bist. Andererseits aber kannst du nicht bestreiten, daß du im Besitz von Wertpapieren bist, die zu jeder Stunde mit Leichtigkeit umzusetzen sind.« »Ich darf mich ihrer nicht entäußern,« seufzte Meredith, »ich würde die Hälfte meines Vermögens verlieren.« »Nun, das will ich gern verhüten,« erwiderte höhnisch der unheimliche Gast. »Gib mir nur einige deiner Aktien. Wenn ich sie realisiere, trifft der Verlust nicht deine Person, sondern mich.« »Aus dir spricht die Hölle,« rief Meredith zagend aus, »es kann dein Ernst nicht sein, die Gewalt, die ein unseliges Geschick dir über mich einräumte, in solcher Weise mißbrauchen zu wollen.« »Wie heißen deine Papiere?« forschte der Fremde lauernd, statt eine Erwiderung auf Merediths Klage. »Aktien der deutschen Zentrifugalbank für transatlantische Kolonisation,« antwortete Meredith bereitwillig. In dem Gesicht des Fremden leuchtete heller Triumph auf. »Deutsche Zentralbank für Kolonisation,« wiederholte er langsam, »bei Gott, Meredith, das ist ein gutes Zeichen; kein anderes Papier wäre mir willkommener gewesen!« »So hältst du diese Kapitalsanlage für verständig und sicher?« fuhr Meredith erregt fort, und sie schien zu vergessen, daß vor einer Minute noch sie ihr Leben hätte hingeben mögen, den vor ihr Sitzenden zu den Verschollenen rechnen zu dürfen. »Sehr verständig, sehr sicher,« bestätigte dieser, indem er sich über den Tisch neigte und mit der blauen Brille zu spielen begann, »du hättest in der Tat nichts Vorteilhafteres kaufen können, und kauftest du heute noch doppelt so viel, würde es dich nie gereuen.« »Und doch sind diese Aktien in jüngster Zeit bis unter die Hälfte ihres ursprünglichen Wertes gesunken,« bemerkte Meredith besorgt. »Künstlich, alles künstlich gemacht,« erklärte der Fremde, »die Aktien werden durch Scheinverkäufe tief herabgedrückt, um ängstlichen Gemütern von der ihnen Unruhe bereitenden Ware, und zwar zum niedrigsten Preise zu verhelfen.« Meredith seufzte erleichtert. »Dann wäre es nicht ratsam, sich ihrer zu entäußern?« »Nimmermehr!« riet der unwillkommene Gast mit seltsamem Eifer, »denn erstens sichern die Aktien der Zentrifugalbank einen außerordentlich hohen Zinsfuß, außerdem aber ist jede Aktie von einem Besitztitel über zehn Morgen Land im südlichsten Teil der Vereinigten Staaten von Nordamerika begleitet –« »Zwölf Morgen,« verbesserte Meredith in ihrer freudigen Erregung zuvorkommend. »Also zwölf Morgen,« wiederholte ihr Gast mit einem bezeichnenden Lächeln, »oder vielmehr zwölf Akres, die nach Ablauf weniger Jahre und nachdem die Kolonien an Umfang gewonnen haben, mindestens den zweihundertfachen Wert erreichen und von denjenigen, die, den vollen Wert ihrer Aktie ausnutzend, sich drüben ansiedelten, mit wahrem Heißhunger aufgekauft werden. Bei Gott, Meredith, ich wüßte in der Tat nicht, ob ich die Aktien selber, oder die ihnen beigefügten Landbesitztitel höher schätzen sollte!« und wiederum lächelte er geheimnisvoll vor sich hin. »Gott sei Dank,« flüsterte Meredith, »du bestätigst freilich nur, was ich auch anderweitig erfuhr.« »Und ich bestätige es doppelt durch die Tat, indem ich mich bereit erkläre, auf der Stelle vier dieser Aktien zu ihrem vollen Nennwert anzunehmen,« fiel der Fremde heiter ein, die beinah undurchsichtige Brille wieder aufsetzend. Meredith fuhr empor, sie gehörte der Gegenwart wieder an. »Wie lange sollen diese Martern noch dauern?« sprach sie mit bebenden Lippen, »ist die Welt nicht groß genug, daß du auf einer andern Stätte ein Feld für deine zweifelhafte Tätigkeit fändest? Muß ich immer und immer wieder das Opfer sein? Wo soll das enden –« »Beruhige dich,« unterbrach der Fremde, »die Forderung, die ich heute an dich stelle, soll meine letzte sein. Zu deinem Troste will ich dir anvertrauen, daß es in meiner Absicht liegt, binnen wenigen Tagen spurlos von hier zu verschwinden, so daß nichts dich hindert, mich zu den Toden und Verschollenen zu zählen. Um dies aber auszuführen, bedarf ich des Geldes. Meine Gasthofsrechnung ist zu einer namhaften Höhe angewachsen: meine Ausrüstung muß ergänzt werden, und aus Gefälligkeit setzt mich niemand über einen elenden Mühlbach, geschweige denn über ein Weltmeer.« »Wer bürgt mir dafür, daß ich nicht wieder von dir belästigt werde?« fragte Meredith, vollständig mutlos; »du hintergingst mich bisher jedesmal.« »Mein heiliges Ehrenwort, ist es nicht Bürgschaft genug?« erwiderte der Fremde, »auch ich sehne mich endlich nach Ruhe, und mit einigen Aktien oder vielmehr Landbesitztiteln der deutschen Zentralbank für Kolonisation –« Ein leises Geräusch lenkte seinen Blick nach der Spiegelwand hinauf, und das Wort erstarb ihm aus den Lippen, als er gewahrte, daß das Helmvisier, wie von Geisterhand gehoben, von der hohläugigen Larve fortglitt und, ihn gleichsam warnend, klirrend wieder zurücksank. Meredith erhob sich schnell. »Fort!« rief sie mit unverkennbarer Angst aus, »fort, auf daß keine andern Augen dich bei mir sehen – Esther –« sie verstummte. Das Visier hatte sich zum zweitenmal gehoben. Nicht Esther war in den Garten getreten, sondern eine unkundige Hand hatte ungestüm die vermeintliche Glocke gezogen. Merediths Angst wurde indessen dadurch noch gesteigert. »Man sucht dich,« flüsterte sie kaum verständlich, »fort, um Gotteswillen, bevor es zu spät ist!« »Mögen sie mich immerhin finden,« versetzte der Fremde trotzig, »hier stehe ich, und nicht eher weiche ich von dannen, als bis du mir die Mittel zur Flucht einhändigest.« Meredith verharrte einige Sekunden sprachlos. Ihr Antlitz bedeckte Leichenfarbe. Da rührte sich das Visier zum dritten Male. Zittern durchlief ihre Gestalt. Dann eilte sie nach ihrem Schreibtisch, und hastig ein Fach öffnend, zog sie vier große, seltsam mit Zahlen, Wappen und wunderlich geschweiften Buchstaben bedruckte Bogen hervor. »Nimm lieber einen mehr,« riet der unheimliche Gast, der in dem Eintreffen von Zeugen statt der Gefahr eine sichere Förderung seiner Pläne erblickte. Meredith zögerte. Zum vierten Male klirrte der Helm, und in des unberufenen Eindringlings Händen befanden sich fünf Aktien mit dem verlockenden Titel: »Allgemeine deutsche Zentrifugalbank für transatlantische Kolonisation.« Willig folgte er ihr nunmehr durch die Hintertür des Hauses in den Garten hinaus. Dort öffnete sie ein Mauerpförtchen, durch das er in einen schmalen, zwischen der Gartenmauer und dem Nachbarhause hinführenden Gang gelangte. Gleich darauf hatte Meredith die Pforte hinter ihm geschlossen, und in der nächsten Minute stand sie in der geöffneten Haustür, nach der Straße hinüberfragend, wer Einlaß begehre. »Erwarten Sie ein junges Mädchen?« rief eine rauhe Stimme in befehlendem Tone. »Freilich erwarte ich ein solches,« antwortete Meredith verdrossen und mit neuer Besorgnis, denn sie dachte an Esther. »So öffnen Sie gefälligst,« lautete es höflicher. »Ziehen Sie an dem Knopfe unterhalb des Schildes,« rief Meredith befremdet. Klirrend öffnete sich die Gittertür, und mit ähnlichem Geräusch fiel sie ins Schloß zurück. »Ein andermal gebärde dich nicht, als ob du aus dem Gefängnis entsprungen wärest,« rief die tiefe Männerstimme. Er aber, der einen solchen Rat erteilte, hatte wohl ein Recht, so zu sprechen; denn er zählte zu den Wächtern der öffentlichen Sicherheit, und als solchem mußte es ihm doppelt auffallen, wenn ein dürftig und verdächtig gekleidetes Mädchen, scheu allen Menschen ausweichend, über die Straße schlüpfte, vor seiner barschen Stimme endlich beinahe in die Knie brach und in sichtbarer Verzweiflung nach dem nächsten Glockenzuge griff. Und wenn die verdächtige Erscheinung noch Worte gefunden hätte! Aber sie wußte weiter nichts, als schluchzend zu wiederholen: »Ich will hier hinein – ich muß in das Haus dort – man wartet auf mich!« Und ein gutmütiger Polizist war es obenein, daß er sich begnügte, zu fragen, ob man wirklich ein junges Mädchen erwarte, anstatt die verdächtige Person gleich mitzunehmen und sich näher nach ihren Verhältnissen zu erkundigen. Meredith war, Esther hinter sich vermutend, in das offene Zimmer getreten. Aber wie erschrak sie, als sie statt der Erwarteten eine fremde Gestalt mit fliegendem Lockenhaar und flatternden Gewändern sah, dazu ein todbleiches Antlitz mit großen, in ersterbendem Feuer glühenden Augen. Noch ehe sie sich von ihrem Befremden erholt hatte, fühlte sie ihre Knie von Armen umschlungen, die sich nie wieder öffnen zu wollen schienen. »Erbarmen,« seufzte Maßlieb, auf dem Gipfel ihrer Todesangst kaum verständlich, »ich bin entflohen, ich ertrug es nicht länger! Stoßen Sie mich nicht von sich! Auf der Straße sind schreckliche Menschen! Sie haben mich verfolgt und geängstigt, daß ich glaubte sterben zu müssen; in meiner Verzweiflung klammerte ich mich an den nächsten Klingelzug fest – ich wußte nicht, was ich tat – hier bin ich – helfen Sie – erbarmen Sie sich meiner –« sie konnte nicht weiter, die Stimme versagte ihr, ihre Tränen stockten; nur noch zu schluchzen vermochte sie, während ihre Blicke mit dem Ausdruck tödlicher Spannung starr an den ernst verschlossenen Zügen Merediths hingen. Von der sorglosen Genossin des heruntergekommenen, leichtfertigen Korpsburschen, von der trotzigen Tochter eines verruchten Ehepaares, von der kühnen Abenteuerin, die sich rühmte, im ersten Anlaufe Karossen und Pferde, Perlen und Edelsteine gewinnen zu können, war nichts geblieben, als die geängstigte, in namenlosem Entsetzen und in dem Bewußtsein ihrer gänzlichen Hilflosigkeit in sich zusammenschauernde Unschuld. Stunden waren erst verstrichen, seit sie die Fesseln einer heillosen Tyrannei gewaltsam brach, und diese kurze Frist hatte genügt, sie um die bitterste aller Erfahrungen zu bereichern, daß jeder in der Schutzlosen eine unehrliche Landstreicherin erblickte, jeder glaubte, nur die Hand ausstrecken zu dürfen, um die gerade ihrer Schutzlosigkeit halber doppelt verlockende Frucht in seinen Schoß fallen zu sehen. Ihre Pulse flogen fieberisch, schmerzlich entwand sich der Atem ihrer gepreßten Brust. Sie meinte über einem mit furchtbaren Ungeheuern angefüllten Abgrunde zu schweben, vergeblich tastete sie nach einem rettenden Halt, vergeblich erhob sie ihre trostlosen Blicke zum nächtlich erleuchteten Firmament. So vieler Angst und solchem Zutrauen gegenüber, vermochte Meredith nicht fühllos zu bleiben. Wohl eine Minute stand sie regungslos, dann sich von der festen Umschlingung Maßliebs sanft befreiend, fragte sie mit herzerwärmender Milde: »Wer sind deine Eltern, du armes Kind?« Bei diesen Worten durchlief heftiges Zittern Maßliebs Gestalt, das Wort: Landstreicherin tönte in ihr wieder. »Ich besitze keine Eltern, lernte sie nie kennen,« antwortete sie. »Wer sind denn die Leute, bei denen du bisher weiltest und die für dich sorgten?« forschte Meredith weiter. »Jetzt nicht, nein – ach, ich kann es nicht sagen,« flehte Maßlieb mit brechender Stimme, und furchtsam wich sie den auf sie gerichteten ruhigen Augen aus, »ich bin so unglücklich, so verlassen – o, beschützen Sie mich! Nur diese Nacht und einen Tag gönnen Sie mir unter Ihrem Dache, dann will ich gern weiterziehen!« »Steh auf, Kind, und vor allen Dingen fasse dich,« versetzte Meredith, das zitternde Mädchen mit sanfter Gewalt emporziehend, »denn in diesen Räumen bist du sicher. Niemand hat ein Recht, seine Forschungen nach dir bis hierher auszudehnen. Und bleiben magst du so lange, bis du freiwillig zu denjenigen zurückkehrst, die dir vielleicht näherstehen. Auch mit Fragen sollst du nicht belästigt werden; denn ich sehe, du bist guter, gesitteter Leute Kind, und wenn Unglück dich mit einer ärmlichen Hülle umgab, darf dir das nicht zur Last gelegt werden. Aber deinen Namen sagst du mir gewiß gern?« Flammende Glut schoß in Maßliebs Antlitz, und wiederum senkte sie die Augen vor den auf ihr ruhenden ernsten Blicken. Es widerstrebte ihr, vor der gütigen, teilnahmvollen Fremden die Wahrheit zu entstellen, und doch wäre sie lieber gestorben, als daß sie den Namen der Karusselleltern genannt und als ihren eigenen bezeichnet hätte. Nur wenige Sekunden dauerte dieser Kampf; dann sah sie wieder flehentlich zu Meredith empor, die ihr Zögern sichtbar befremdete, und »Maßlieb Kappel« entwand es sich kaum verständlich ihren Lippen. »Kappel?« rief Meredith erstaunt aus, indem sie, wie entsetzt, einen Schritt zurückwich, »Kappel? Höre ich recht? Kappel?« Maßlieb vermochte nur zustimmend das Haupt zu neigen. »Maßlieb Kappel, oder vielmehr Maßlieb Kabul,« hob Meredith nunmehr feierlich an, denn durch das Unerwartete dieser neuen Wendung war ihre Phantasie doppelt lebhaft angeregt worden, du konntest freilich nicht ahnen, daß deine Vorfahren die Orthographie ihres Namens leichtfertig behandelten, daß sie das sanfte spanische oder vielmehr maurische Kabul in das häßliche, scharfe deutsche Kappel entstellten. Nein, du bist schuldlos an diesem Frevel.« Dann segnend ihre Hände über die bestürzt zu ihr Aufschauende ausstreckend, sprach sie: »Maßlieb Kabul, sei mir tausendmal willkommen mit deinen dunklen Augen, mit deinem schwarzen Lockenhaar, diesen Andenken an die sonnige Wiege unseres Geschlechtes, diesen trauten Sendboten von den Ufern des Guadalquivir und des Ebro. Sei mir willkommen in deiner Verlassenheit, in deiner Not; denn du bist – ich ahne es – dazu bestimmt, eine Lücke in der Geschichte unseres gemeinsamen Stammes auszufüllen. Maßlieb Kabul, du, in deren Erscheinung die Repräsentanten ferner Zonen und entschwundener Jahrhunderte noch einmal neues Leben gewannen, sei mir herzlich willkommen, willkommen als eine wahre, als eine unverfälschte Kabul!« Eine halbe Stunde war kaum verstrichen, da saß Maßlieb, sorgfältig gekleidet in einen von Esthers zierlichen Hausanzügen, vor der langen, eichenen Tafel ihrer Beschützerin gegenüber. Zwischen ihnen über einer Spiritusflamme sang ein altertümlicher Teekessel seine eintönige und doch so anheimelnde Melodie. Tassen und Teller, jedoch nicht zwei, die zusammengehörten, reihten sich in bunter Auswahl um die Maschine. Jedes einzelne Stück, gleichviel ob Porzellan oder Metall, war anders bemalt, graviert und gestempelt, und von jedem wußte Meredith eine lange Geschichte zu erzählen, von seinem Alter und wie es in ihren Besitz übergegangen war, und vor allem, daß es ohne Zweifel vor Jahrhunderten schon einem Kabul diente. Zwischendurch aber sah sie nach der seltsam geformten Wanduhr, auf deren oberem Teil eine Mühle sich drehte, ein gläserner Wasserfall unablässig sprudelte und von Viertelstunde zu Viertelstunde ein braver Müller in Hemdärmeln nach dem Takt einer im Innern der Uhr geflöteten kurzen Melodie rüstig einige derbe Hiebe nach einer gemalten Holzklobe führte. »Wo meine Esther Kabul wohl bleiben mag?« fragte sie jedesmal. Dann klapperte sie wieder unter den Tassen und Tellern, immer neue Merkmale entdeckend, die der Erläuterung bedurften. Maßlieb saß da, als ob sie mit offenen Augen geträumt hätte. Sie konnte nicht an die Wirklichkeit glauben, wagte kaum zu atmen aus Furcht, die behagliche, ihre Sinne verwirrende Umgebung wie einen Hauch um sich her zerrinnen zu sehen. Die Uhr flötete, der Müller schwang seine Axt. »Wo die Kabul nur bleiben mag,« bemerkte Meredith mit einem flüchtigen Blick auf den wunderlich geschweiften Zeiger. Dann nahm sie die Kanne, um von dem dampfenden Inhalt in die große Wappentasse mit dem gekitteten Henkel zu gießen, die heute ausnahmsweise für die neue Kabul bestimmt war. »Wo die Kabul nur bleiben mag?« fragte Meredith mindestens zum zehnten Male. Wäre sie nur auf die Straße hinausgegangen, oder vielmehr vor dem Gittertor stehengeblieben, dann hätte sie von zehn zu zehn Minuten immer wieder Gelegenheit gefunden, sich von dem Wohlergehen der Abwesenden zu überzeugen. Da spazierten zwei junge Leute Arm in Arm um das Haus herum; das Mädchen, die sehnsüchtig erwartete Esther, von Zeit zu Zeit aufseufzend: »Die arme Tante, was sie wohl denken mag?« Und dann eine Entgegnung von wohlklingender Männerstimme: »Sie denkt nicht, sie poliert Sturmhaube und Fechthandschuh.« »Übrigens, teuerste Esther,« fuhr dieselbe volltönige Stimme einmal fort, »ich trage mich ernstlich mit dem Gedanken, den gordischen Knoten mit einem einzigen Hiebe zu lösen. Die Tante Kabul ahnt unstreitig, wie die Sachen stehen, und da in ihrem Schweigen wenigstens keine Mißbilligung liegt, so brauchen wir uns nicht zu fürchten. Ist sie aber mit uns einverstanden, dann kümmert's weder den Herrn Bankdirektor, noch die gnädige Frau Bankdirektor, wie oft ich dich nach Hause begleite. Außerdem erreichen die Quälereien ein Ende, denen du beständig ausgesetzt bist.« »Und die Frau Bankdirektor wird sich beeilen, meine Entlassung auszusprechen,« erwiderte Esther, »und ist das geschehen, was dann?« »Es wär kein Unglück,« entschied der junge Mann, »du bist überhaupt viel zu schade für die Stellung einer Erzieherin oder Gesellschafterin bei Kindern, deren Eltern in zwei Minuten das wieder verderben, was du in drei Wochen meinst gefördert zu haben. Ich selbst bin Zeuge: die Kinder halten dich geradezu für ihre Dienerin. Es fehlt nur noch, daß du gänzlich zu ihnen übersiedelst.« »Trotz ihres vorgeschrittenen Alters sind sie eben noch Kinder,« beschönigte Esther mit einer Stimme, aus der helle Gutmütigkeit herauszuhören war. »Und die Frau Bankdirektor?« fragte der junge Mann ungeduldig, »auf was willst du es zurückführen, wenn sie ihre scharfe Zunge an dir versucht? Ebenfalls auf ihre Kindlichkeit?« Esther lachte verstohlen. »Auf ihre Kindlichkeit nicht,« bemerkte sie darauf mit solch süßem Vertrauen, daß ihr Begleiter das von der Dunkelheit verschleierte holde Antlitz mit tausend Küssen hätte bedecken mögen, »nein, darauf nicht; wohl aber ist sie zu entschuldigen, weil es schwerlich an ihr selber lag, wenn in frühester Jugend ihr eine umsichtigere Anleitung versagt blieb.« »Du wärest imstande, den ewigen Juden selber in Schutz zu nehmen, wagte ich einen Angriff auf ihn.« »Nur Recht lasse ich gern jedem widerfahren,« floß es wunderbar verständig von Esthers frischen Lippen; »würdest du es zum Beispiel ruhig hinnehmen, suchte ich dir deinen Herrn Prinzipal zu verleiden? Wie ich das Brot seiner Frau, so ißt du wieder das seinige; wir sind daher beide abhängig von ihnen und müssen über manches hinwegsehen, was vielleicht nicht ganz mit unseren Neigungen und Wünschen im Einklange steht.« »Die Verkehrsweise unter Männern ist eine andere,« erwiderte Gerhard mit seiner gewöhnlichen Entschiedenheit, »und schließlich diene ich weniger dem Herrn Bankdirektor, als der Allgemeinen deutschen Zentrifugalbank für transatlantische Kolonisation, bei der ich mit meiner ganzen beweglichen Habe, also runden zweitausendfünfhundert Talern beteiligt bin.« »Und ich mit meinen zweitausend Talern, Tante Meredith mit ihrem ganzen Vermögen von ungefähr dreißigtausend Talern, und unser Nachbar Maller ebenfalls mit seinem Kapital von runden sechshundert Talern.« »Vollkommen richtig, teuerste Esther, und durch dieses kluge Verfahren hast du dein Einkommen verdoppelt, wenn's glückt, sogar vervierfacht, ein neuer Grund der Frau Bankdirektor keine zu große Gewalt über dich einzuräumen.« Gerhard und Esther waren wieder vor dem Gittertor eingetroffen. Bevor letztere aber den zum Öffnen bestimmten Knopf berührte, trat Gerhard vor sie ihn. »Nur noch ein einziges, letztes Mal den kleinen Umweg,« flehte er. Jedoch Esther war diesmal unerbittlich, die Pforte öffnete sich unter ihrer kundigen Hand, hastig schlüpfte sie in den Garten hinein, und die Pforte fiel hinter ihr klirrend ins Schloß. Esther aber war dicht an das Gitter getreten, treuherzig spöttelnd dem Geliebten die Hand reichend. »Auf Wiedersehen bis morgen,« flüsterte sie ihm zu, als er stürmisch ihre Hand an seine Lippen drückte, »nun aber gehe und bessere dich. Und hier« – sie küßte Gerhard zwischen zwei eiserne Gitterstangen hindurch – »das gebe ich dir mit auf den Weg, damit du recht lebhaft von mir träumst.« Dann schritt sie auf dem gewundenen Wege dem Hause zu. Als sie die Tür zu Merediths Zimmer öffnete, blieb sie überrascht stehen beim Anblick des bleichen Mädchens, deren Augen befangen an ihrem Gesichte hingen. Dann erhob Maßlieb sich schüchtern und trat Esther näher. Deren Anblick schien allmählich ermutigend auf sie zu wirken. Was ihr bisher in ihrer Umgebung unheimlich und beängstigend erschienen war, das erhielt durch Esthers Erscheinen einen freundlich anheimelnden Charakter, indem es sie aus wirren Träumen in eine tröstliche Wirklichkeit versetzte. »Eine Kabul,« stellte Meredith ihren neuen Gast mit einer erhabenen Handbewegung vor. »Eine Kabul,« kehrte sie sich darauf Maßlieb zu, indem sie auf Esther wies. »Demselben Stamm entsprossen, mögt Ihr Euch immerhin als dasselbe Fleisch und Blut betrachten. Je weniger zahlreich die Überreste eines vorzeiten nicht unberühmten Geschlechtes sind, um so inniger müssen diese letzten Sprossen sich einander anschließen.« Esther gedachte des Tages, an dem Meredith unter ähnlichen Formen sich auch ihrer erbarmt und der verlassenen Waise eine trauliche Heimstätte eingeräumt hatte. Herzliche Teilnahme äußerte sich daher in ihrem Wesen, als sie, bereitwillig auf Merediths Ideen eingehend, Maßlieb die Hand reichte und mit gewinnender Aufrichtigkeit sie als eine Verwandte begrüßte. Ein Weilchen beobachtete Meredith die beiden so seltsam zueinander kontrastierenden jungen Mädchen sinnend. Plötzlich erhob sie sich. »Ich muß fort,« sprach sie zu Esther gewendet, »um vielleicht erst spät wieder heimzukehren.« Eine Erwiderung wartete sie nicht ab, sondern einen Sammetmantel, der verrostet zu sein schien, wie die Altertümer um sie her, um ihre Schultern werfend und während des Gehens ein leichtes Tuch über ihren Kopf bindend, trat sie hastig auf den Flur hinaus. Gleich darauf verkündete das Helmvisier, daß sie den Garten verlassen hatte. »Es ist so ihre Weise,« beruhigte Esther, als sie bemerkte, wie Maßlieb wiederum mit Besorgnis zu dem gespenstischen Ritter emporschaute; »sie kommt und geht, und liebt es nicht, viel gefragt zu werden. Doch du wirst sie bald genug kennen und lieben lernen.« »Hier – soll ich bleiben?« ermannte Maßlieb sich endlich; es ist unmöglich, es kann nicht sein –« »Du bist eine Kabul,« fiel Esther mit ermutigendem Lächeln ein. »Nein – ein Irrtum!« rief Maßlieb klagend aus, »ach, wenn ich es nur wäre! Ich mißbrauchte den Namen Kappel –« »Wie ich selber einst den Namen Kabel,« tröstete Esther heiteren Blickes, »Kappel, Kabel oder Kabul, wen die gütige Dame, die uns eben verließ, einmal in ihr Herz schloß, den gibt sie nicht wieder auf, und ich selbst habe am wenigsten Ursache, damit unzufrieden zu sein.« Dann kehrte sie sich den nächstliegenden häuslichen Beschäftigungen zu, um der rätselhaften neuen Gefährtin Zeit zur Fassung zu lassen. – Meredith war unterdessen, um die Gartenecke herumbiegend, in ein großes fünfstöckiges Haus eingetreten. Es war ein kasernenartiges Gebäude, in dem, wie in so vielen ähnlicher Art, eine Unmenge von wenig zahlungsfähigen Mietern sich zusammendrängte. Sie begab sich in den feuchten, trüb erleuchteten Torweg, und ebenso zuversichtlich begann sie die nicht minder unzulänglich erleuchteten Treppen zu ersteigen. Auf der vierten Treppe fehlte die Beleuchtung ganz. Sich an dem Geländer hinauftastend, gelangte sie allmählich in undurchdringliche Finsternis, in der aus verschiedenen Richtungen schmale Lichtfäden sie über die Lage der einzelnen Wohnungen unterrichteten. Auf ihr Klopfen an einer dieser schlechtgefugten Türen, antwortete eine gedämpfte Männerstimme, und als sie öffnete, befand sie sich in einem Gemach, zu klein, um ein Zimmer genannt zu werden, und dennoch angefüllt mit einer so großen Zahl dicht zusammengerückter und übereinandergeschichteter alter Hausgeräte, daß wohl drei solcher Räume damit hätten ausmöbliert werden können. Sogar ein Sofa, dessen Überzug und Polsterung bereits zu den verflossenen Dingen zählten, hatte noch seinen Platz gefunden. Eine daraufliegende wollene Decke und ein Kopfkissen zeugten indessen dafür, daß es vorzugsweise als Bett benützt würde. Bei Merediths Eintritt erhob sich von einem mit Schreibmaterialien bedeckten Tisch ein Mann, der, obwohl noch in den besten Jahren, auf seinem Antlitz die verheerende Wirkung endloser Not und Sorgen und vieler, vieler kummervoll durchwachten Nächte zeigte. Bei Merediths Anblick erhellten seine tiefliegenden Augen sich vorübergehend, nahmen aber in der nächsten Sekunde ihren traurigen, entsagenden Ausdruck wieder an. Das Leidende in seiner äußeren Erscheinung wurde erhöht durch den abgetragenen Schlafrock, der sich eng an den hageren Körper anschmiegte, und die schleichende Bewegung, als er sich auf den Zehen nach einer halb offenen Tür hinüberbegab und sie behutsam schloß. Dann erst näherte er sich Meredith wieder, sie höflich einladend, neben dem Tische Platz zu nehmen. Dabei hingen seine Blicke mit auffallender Unruhe an ihren Lippen. Bevor Meredith sich niederließ, warf sie einen prüfenden Blick auf den von einer blechernen Schirmlampe dürftig beleuchteten Tisch. Ein Zeitungsblatt mit langen Zahlenreihen bedeckte die unterbrochene Arbeit. Meredith tupfte mit dem Finger auf das Blatt, und auf dem für sie hingeschobenen Stuhl Platz nehmend, bemerkte sie vorwurfsvoll: »Sie handeln unrecht, mein lieber Herr Maller, sich unablässig mit dem Studium der Kurse zu martern.« »Fräulein Kabul, mein Wohl und Wehe, und in erster Reihe das meiner Familie ist von diesen Kursen abhängig,« entschuldigte Maller zaghaft. »Bedenken Sie, wenn ich plötzlich durch Krankheit oder andere Unglücksfälle gezwungen wäre, meine Papiere zu verkaufen! Von den sechshundert Talern würde ich kaum zweihundertundfünfzig retten. Wie sollte ich das vor Frau und Kindern verantworten? Und fühle ich mich auch frei von Schuld, ich würde die Meinigen nicht mehr ansehen können, ohne die herbsten Gewissensbisse zu empfinden.« »Vor allen Dingen beruhigen Sie sich,« versetzte Meredith, obwohl auch auf ihrem Antlitz Zweifel arbeiteten, die durch Mallers ergreifende Klagen wieder ins Leben gerufen worden waren; »denn nur um Ihnen Trost zu bringen, entschloß ich mich, noch so spät Sie in Ihrer Arbeit zu stören. Die Aktien der Zentrifugalbank sind allerdings tief in ihrem Wert gesunken; das schließt indessen nicht aus, daß sie über kurz oder lang ebenso schnell wieder steigen. Ob sie aber fallen oder steigen, das darf Sie nicht kümmern, solange Sie im Vollgenuß der hohen Dividende bleiben; und eine hohe Dividende ist nach menschlicher Berechnung doch gewiß die sicherste Bürgschaft für das Emporblühen jedes Unternehmens. Erst heute Abend hatte ich Gelegenheit, mit einem Manne darüber zu sprechen, der in solchen Dingen einen klareren und unbefangeneren Blick besitzt, als wir beide. Auch ich äußerte mancherlei Bedenken, allein er überzeugte mich, daß den in diesen Aktien angelegten Kapitalien ernste Gefahr nie drohen könne.« »Gott sei Dank!« versetzte Maller innig, »so werde ich vielleicht wieder schlafen, anstatt in den wenigen mir gegönnten Stunden der nächtlichen Rast mit grausigen Bildern mich zu martern. O, mein Gott, wenn ich nur die Kraft besäße, die Blicke von diesen elenden Listen fernzuhalten,« und er schlug mit der Rückseite der Hand auf die Zeitung, »denn aus ihnen allein schöpfe ich meine Besorgnis, meine Angst, ohne dadurch etwas zu ändern. Außerdem diese ewige Störung in meiner Arbeit! Immer und immer wieder prüfe ich peinlich die Börsenberichte, um irgendwo zwischen den Zeilen einen Hoffnungsfunken zu entdecken. Dieses unausgesetzte Bangen aber, es ist unerträglich, es muß meine geistigen und körperlichen Kräfte untergraben.« Meredith, die Lippen zusammengepreßt, sah düster vor sich nieder. Sie gedachte der unruhigen Stunden, die sie denselben Ursachen verdankte. »Ein Mann in Ihrer Stellung hätte sich nie in derartige Spekulationen einlassen sollen,« bemerkte sie nach einer Weile tadelnd, »denn der größte nur denkbare Vorteil reicht nicht aus, Sie für Ihre Sorgen zu entschädigen.« »Meine Sorgen?« fragte Maller sichtbar erleichtert, »welche Sorge gäbe es, die ich nicht gern ertrüge, würde dadurch eine kleine Vergünstigung für die Meinigen herbeigeführt?« »Wer riet Ihnen, Ihr Geld aus sicheren Händen zu nehmen und es zu einer Quelle ewiger Unruhe zu machen?« »Niemand riet mir,« erklärte Maller lebhaft, »aber Sie kennen das dürftige Gehalt eines Gerichtsschreibers; Sie wissen, wie ärmlich meine nächtlichen Nebenarbeiten bezahlt werden; Sie ahnen aber nicht, welche Aufgabe es ist, anstatt den darbenden Angehörigen kräftigere Speisen bieten zu können, sich einen standesgemäßen schwarzen Anzug verschaffen zu müssen. Ha, wie viel bevorzugter sind dagegen die niedrigsten Arbeiter und Handlanger? Sie dürfen in Holzschuhen und in leinenen Jacken einhergehen, während ein armer Beamter den schwarzen Leibrock um seinen ausgehungerten Körper zusammenschnüren und sich glücklich schätzen muß, wenn die Blicke des Vorgesetzten nicht die bereits durchscheinenden Fäden seines Anzuges zählen oder die Stunden des Gebrauchs der wenig sichtbaren Wäsche berechnen. Dabei wurden die Zeiten teurer, meine Kinder größer und mit ihnen wuchsen die Sorgen. In einer solchen Lage, Fräulein Kabul, habe ich zugegriffen, als das neue Bankunternehmen von sich reden machte und sogar die halbjährigen Zinsen der aus den Markt gelangenden Aktien mit sieben Prozent im voraus bezahlte.« »So gebe Gott, daß Sie das Rechte taten,« versetzte Meredith. Dann fügte sie in leichterem Tone hinzu: »ich hätte gern Ihre Frau begrüßt, allein sie wird sich zur Ruhe begeben haben.« Maller schlich wieder nach der Tür des Seitengemachs hinüber und öffnete leise. Nachdem er einen Blick hineingeworfen hatte, winkte er Meredith neben sich hin, so weit zurücktretend, daß sie einen freien Überblick gewann. Ein längliches Zimmer lag vor ihr, spärlich erleuchtet durch eine Küchenlampe. Drei Betten und eine Wiege bildeten die Haupteinrichtung. In zwei Betten lagen je zwei Kinder verschiedenen Alters. Das fünfte schlummerte in der Wiege. Zwischen der Wiege und einer Art Klapptisch auf einem abgenutzten Lehnstuhl saß eine bleiche Frau. Sie war eingeschlummert. Auf ihrem Schoße lag eine Knabenjacke; in der rechten Hand hielt sie die Nähnadel. In dem Augenblick, in dem sie diese durch das Zeug ziehen wollte, hatte die Erschöpfung sie übermannt. Vor ihr in einer Reihe und nach der Größe geordnet, standen auf der Erde fünf Paar kleine Schuhe und Stiefel, alle geschwärzt und blank gebürstet. Minuten verrannen. Meredith schien sich von diesem Anblick nicht losreißen zu können. Endlich trat sie leise zurück. »Wie sanft alle ruhen,« bemerkte sie schwermütig, indem sie dem Schreiber die Hand reichte; »möge ein guter Stern über Ihrer Häuslichkeit walten, daß Krankheit Ihnen fernbleibe; dann werden auch wieder frohere Zeiten für Sie tagen.« – – – Fünftes Kapitel. Die Hyänen in der Höhle. In einem Hause, das, wie um jeden Sonnenblick auszuschließen, weit übergebaut war, wohnte Nathan Myer, auch schlechtweg genannt der weise Nathan. Ihm gehörte das mit sechs Fenstern und einem schmalen Eingange die Straße begrenzende Haus nebst allen Hintergebäuden; ihm gehörten sogar bis zu einem gewissen Grade die zahlreichen kleinen Mieter, die unter seinem Dache Zuflucht gefunden hatten und in ihrer Gesamtheit ihm einen Zins für sein Eigentum sicherten, wie er schwerlich aus einem Palaste von dem doppelten Umfange seines Grundstücks zu erpressen gewesen wäre. Dabei bildeten die hoch hinausragenden Baulichkeiten doch nur ein scheinbar unentwirrbares Chaos von düsteren Treppen und Fluren, engen und finsteren Zimmern und geschwärzten Wänden, Torfrauch, Staub und Asche. Und die Bewohner, große wie kleine, alte wie junge, bildeten zusammen eine Musterkarte aller nur denkbaren Gauner- und Verbrecherphysiognomien. Aber den weisen Nathan kümmerte die Trostlosigkeit dieses Eindruckes nicht, er war auch zu großmütig, sich viel um die Privatunterhaltung seiner Mieter zu kümmern, wenn sie nur pünktlich die Miete im voraus entrichteten und einen Lebenswandel führten, der ihn selbst nicht in unangenehme Beziehungen zu der Polizei brachte. Die drei stark vergitterten Fenster links von der Haustür gehörten zu des weisen Nathan bescheidener Wohnung. Er hätte die verrosteten Stangen mit den dazwischengefügten Rokokoarabesken längst entfernt, beteuerte er oft, diese heuchlerische Schutzwehr, von der die Vorübergehenden argwöhnen mochten, daß notgedrungen gewaltige Reichtümer hinter ihnen angehäuft sein müßten, allein einesteils befürchtete er, das Gleichgewicht des Mauerwerks durch Beseitigen der eisernen Stützen zu verschieben, dann aber beseelte ihn ein zu großer Respekt vor allem durch die Jahrhunderte Geheiligten. Diese Vorliebe für das Alte und Gediegene offenbarte sich auch in den beiden nach der Straße hinausliegenden Gemächern, in die von dem Hausflur aus eine mit Eisenblech überzogene Tür und eine zweite mit langhaarigem Fries gepolsterte führte. Denn alt, uralt und von der Zeit geschwärzt waren in dem Kontor das massive Schreibpult, die eisenbeschlagenen Kisten und Kasten und die hochlehnigen Stühle. Alt waren ferner die Möbel in dem kleineren, einfenstrigen Wohnzimmer, das mit Ledertuch überzogene Sofa und die waschbaren, aber ungewaschenen blechernen Gardinen; beinah ebenso alt die Fliegenspuren darauf, und uralt war der auf allen Gegenständen ruhende Staub. Neueren Datums waren nur ein in dem Wohnzimmer aufgestellter mächtiger, feuerfester Geldschrank und das Porträt eines jungen, schönen Mannes. Letzteres nahm den Ehrenplatz oberhalb des Geldschrankes ein, war unverkennbar von Meisterhand ausgeführt worden trotzdem aber eines Rahmens nicht für würdig befunden worden. Wie es von der Staffelei gekommen war schien es dort aufgehangen zu sein. Der Abend und damit die Stunde, in der der weise Nathan Besuche zu empfangen pflegte, war hereingebrochen; denn wer ihn besuchte, der liebte es nicht, gesehen und erkannt zu werden. Nathan selber befand sich in seinem Kontor, vertieft in mancherlei Berechnungen, wozu ihm eine reichlich mit Grünspanflecken verzierte messingene Schiebelampe die entsprechende Helligkeit spendete. Der Lärm auf der Straße störte ihn nicht, selbst seine Abendmahlzeit, zwei haushälterisch geschmierte Butterbrote und eine Flasche Dünnbier hatte er vergessen. Als aber eine heisere Klingel, wie aus weiter Ferne, in einer der nach hinten hinausliegenden Räumlichkeiten ertönte, wurde er sofort regsam. Seinen Schafspelz dicht um sich zusammenziehend, begab er sich nach der Eingangstür hinüber, und den gepolsterten Rahmen öffnend, fragte er hinaus, wer ihn zu sprechen wünsche. »Bankdirektor Nailleka,« hieß es gedämpft zurück. Über des weisen Nathan runzelige Züge eilte ein triumphierendes Grinsen, dem Ausdrucke der unersättlichen Gier vergleichbar, mit der die nach Blut lechzende Hyäne eine willkommene Beute in den Bereich ihres Sprunges treten sieht. »Ah, der Herr Bankdirektor,« antwortete er indessen mit ausnehmender Höflichkeit, indem er zuerst eine Sicherheitskette löste und dann vier schwere Riegel von der eisenbeschlagenen Tür zurückschob, »hätte ich doch eher erwartet den Einbruch des Himmels, als die Ehre eines so hohen Besuches. Belieben der Herr Bankdirektor sich hereinzubemühen,« und tief zog er sein Käppchen zum Gruß, worauf er die Tür hinter dem Eintretenden verriegelte und mit besonderer Sorgfalt den gepolsterten Rahmen, zum Zweck des Dämpfens der Stimmen, in seine Fugen zurückpreßte. Dann einen Stuhl neben den Schreibtisch schiebend, fuhr er mit seinem verbindlichsten Wesen fort: »Nehmen der Herr Bankdirektor Platz – leider habe ich nicht zu bieten seidene Polster, wie es gewohnt sind der Herr Bankdirektor; ich bedaure dies um so tiefer, als Sie nur bezwecken können, mir zu erweisen 'ne Ehre, und nicht abzuschließen 'n Geschäft.« Nailleka hatte unterdessen seinen Hut und den ihn bis zur Unkenntlichkeit verhüllenden Mantel abgelegt und zeigte sich als einen geschmeidigen, wohlgenährten, hellblonden Herrn von etwa fünfzig Jahren, dessen äußere Erscheinung, soweit sie von der Kunst abhängig war, vollkommen tadellos wirkte, in dessen glattem Gesicht und etwas verschwommenen blauen Augen sich aber deutlich verriet, daß er gewohnt war, sich keinen Genuß, unbekümmert um die Kosten, zu versagen. Zwei lange, blonde Schweifbüschel, die von seinen vollen Wangen bis auf die Brust niederreichten, erhöhten seinen vornehmen Ausdruck. Nicht minder zeugten Diamantknöpfe in den feinen Falten auf seiner Brust, eine unförmliche, schwere goldene Uhrkette und straffe Handschuhe von einem in der Schule des Geldzählens gewonnenen und ausgebildeten Geschmack. Doch geschmeidig und auch wieder erhaben, wie Nailleka sein mochte, seitdem er sich in des weisen Nathan Gesellschaft befand, wollte eine gewisse Befangenheit nicht aus seinem Wesen weichen. Es schien fast, als ob er ihn und seinen in unterwürfige Höflichkeit gehüllten Spott fürchtete, dabei aber seiner Scheu sich schämte. Erst nachdem er ihm gegenüber Platz genommen hatte, gelang es ihm einigermaßen, die der Gelegenheit entsprechende Haltung anzunehmen. »Mein verehrtester Gönner,« hob er verbindlich lächelnd an, »die Ehre ist ganz auf meiner Seite; doch wenn es sich um dringende Geschäfte handelt, sollten Schmeicheleien, und wären sie wirklich aufrichtig gemeint, etwas in den Hintergrund treten.« Nathan lächelte still vor sich hin. Plötzlich aufschauend, fragte er scheinbar unbefangen: »Wie viel ist dabei zu verdienen?« »Sagen wir einige hundert Taler in einer halben Stunde,« antwortete Nailleka, überrascht durch die praktische Kürze, mit der Nathan ihm entgegenkam. »Einige hundert Taler?« fragte dieser zurück, »o, mein hochverehrtester Herr Bankdirektor, wenn es sich handelt um eine Gefälligkeit, will ich mit Freuden und obenein umsonst für Sie gehen durchs Feuer; so Sie aber sprechen von Geschäften, muß ich erklären, daß ich nicht aufstehe für fünfhundert Taler von diesem Stuhl.« »So bestimmen Sie den Preis selber,« versetzte Nailleka mit unterdrücktem Mißmut. »Ihr Anerbieten, Herr Bankdirektor, verrät, daß Sie mir erweisen die hohe Ehre Ihres Besuches heute zum erstenmal,« erwiderte Nathan in freundlichem Schmeichelton, »Sie möchten aufgeschwänzt haben die Aktien der Allgemeinen Zentrifugalbank für transatlantische Kolonisation, wogegen ich verspüre selber keine Neigung zu dem Geschäft. Sind Sie bisher fertig geworden ohne den einfältigen Nathan, was soll er Ihnen helfen jetzt, da es beinah zu spät? Habe ich doch überhaupt kein Vertrauen zu der Zentrifugalbank, und ist 'n Papier erst gesunken von hundertundacht Prozent auf sechsundvierzig, so regt beim Publikum sich leicht Argwohn.« »Und dennoch werden und müssen Sie eingreifen,« versetzte Nailleka, zu ängstlich und dringend für einen Geschäftsmann; »bestimmen Sie nur selber den Preis und fürchten Sie nicht, zu hoch zu greifen.« Nathan wiegte sein Haupt billigend; er hatte Nailleka zur Anerkennung seiner souveränen Macht gezwungen, das Weitere mußte sich daher von selbst ergeben. »Wäre ich nicht abgeneigt, einzugehen auf des Herrn Bankdirektors Vorschläge,« bemerkte er sodann wie im Selbstgespräch, »so müßte es mir zuvor gestattet sein, mich zu unterrichten genau über die Lage der Bankverhältnisse.« »Mit dem offensten Vertrauen stehe ich zu Ihren Diensten,« erklärte Nailleka mit einer höflichen Verbeugung. »Wohlan denn: Bevor die Zentrifugalbank gegründet wurde, führte sie den Namen: ›Bankgeschäft von Nailleka und Kompagnie‹?« »Ganz recht, und eine bewährte Firma war es obenein.« »Zu welchem Preis verkauften Sie Firma und Haus an die Aktionäre?« »Für fünfmalhunderttausend Taler.« »Ein glänzendes Geschäft, zumal ein Jahr früher Sie alles hingegeben hätten mit Freuden für sechzigtausend Taler. Nicht zu vergessen, daß Sie konnten weiterleben in der alten, aber vergrößerten und geschmackvoll restaurierten Wohnung als Direktor der Bank.« »Sie vergessen den Verwaltungsrat und den Aufsichtsrat.« »Mit hunderttausend Talern läßt sich bewerkstelligen viel; bleibt immer noch 'n schöner Gewinn. Doch welche Sorte Menschen sind's, so sich teilen in Verwaltung und Aufsicht?« »Strohmänner im allgemeinen; ein oder zwei etwas schärfere Kunden, jedoch keiner unter ihnen, der nicht zugänglich wäre für Austern und Champagner.« »Eine Wahl, die zur Ehre gereicht dem Herrn Bankdirektor,« bemerkte Nathan anerkennend, »eine Wahl, die sogar jetzt noch, in der zwölften Stunde, bis zu einem gewissen Grade sichert 'nen guten Erfolg. Wie hoch beläuft sich die Summe, die Sie für den Ankauf transatlantischer Ländereien verausgabten?« Hier bohrten sich seine Blicke in Naillekas Augen ein. Dieser errötete bis unter sein wohlfrisiertes blondes Haar hinauf. Einige Sekunden zögerte er; doch erwägend, daß er dem schlauen, unstreitig längst unterrichteten Geschäftsmanne kaum etwas Neues erzählte, antwortete er: »Für achtmalhunderttausend Taler.« Wiederum das bezeichnende Lächeln Nathans, indem er die ihm ausweichenden Blicke Naillekas suchte. »Achtmalhunderttausend Taler repräsentieren eine umfangreiche Landschaft, wenn zum Gouvernementspreise gekauft; verkaufen Sie neun Zehntel wieder mit durchschnittlich zweihundert Prozent Gewinn – und der Wert des Bodens drüben steigt rasend schnell –, so bleibt Ihnen noch überflüssig genug zur Vergrößerung der Kolonien, und die Aktionäre haben keinen Grund, sich über zu geringe Dividenden zu beklagen.« »So ungefähr lautet meine Berechnung,« versetzte Nailleka zuvorkommend. »Eine feine Berechnung obenein,« bestätigte Nathan, »das Aktienkapital umfaßt mithin ungefähr anderthalb Millionen?« »Genau anderthalb Millionen, wenn selbstverständlich die an die Aktionäre gezahlte Abschlagsdividende von sieben Prozent, und weitere jetzt wieder fällig werdende sieben Prozent zur Vervollständigung der für das erste Jahr zugesicherten vierzehn Prozent, in Abschlag kommen.« »Ein hübscher Anfang,« bemerkte Nathan, seine buschigen, weißen Brauen hoch nach der Stirn hinaufschraubend, »die Aktionäre haben in der Tat Ursache, zufrieden zu sein, nicht nur mit dem ganzen Unternehmen, sondern auch mit der umsichtigen, uneigennützigen Verwaltung. Wie hoch beläuft sich Ihr Vorrat unverkaufter Effekten?« »Ich benutzte den niedrigen Kurs und die gefährliche Überstürzung der kleineren Aktionäre, um etwa achtzigtausend Taler wieder aufzukaufen. Der Vorrat ist dadurch auf beinahe viermalhunderttausend Taler gestiegen.« »Vollkommen korrekt gehandelt, nur darf jetzt kein Fehler gemacht werden. Erreicht der Wert der Zentrifugalaktien den Parikurs, werden viele Menschen sich beeilen, fortzugeben ein Papier, das Ihnen verursachte Unruhen und schlaflose Nächte, und in unserer Hand liegt es nicht, sie zu hindern. Zeit ist nicht zu verlieren; die Ernüchterung nach dem allgemeinen Börsenspekulationsrausch kann hereinbrechen jeden Tag. Wenn wir also schraubten den Kurs in nächster Zeit auf vier- bis fünfundneunzig, würde das genügen Ihren Zwecken?« In Naillekas Antlitz leuchtete es auf. »Gewiß,« antwortete er lebhaft, »wenn er sich auf dieser Höhe halten ließe, bis die letzten disponiblen Effekten auf den Markt geworfen worden.« »Eine schwierige Aufgabe,« meinte der weise Nathan zweifelnd, »eine sehr schwierige Aufgabe, dies zu bewerkstelligen auf den ersten Anlauf. Wir müssen Gelegenheit geben den Geiern in den Provinzen zu verdienen einige Prozent, auf daß sie arbeiten zu unsern Gunsten. Wir müssen durchblicken lassen matt die nächste Zukunft, das heißt nur matt; denn die Geier, so sich nähren von den Sehnen und Fleischresten, die sind hängen geblieben an den Gebeinen, wittern scharf und werden sich beeilen aufzukaufen größere Summen von dem Papier, das ist plötzlich Mode geworden, um sie zu spielen in die Hände ihren Kunden. Dazu aber gehören ein zweiter, dritter und vierter Anlauf; denn auch die Geier wollen leben und müssen finden Gelegenheit, ihre Hände zu waschen in dem beständigen Kurswechsel, oder sie lassen liegen die Reste zu unserem Nachteil und zum Ärgernis der Menschen, so dann erheben zu früh groß Geschrei. Ja, Herr Bankdirektor, so müssen Sie zu Werke gehen, und ich bin uneigennützig genug, Ihnen zu erteilen den Rat ohne Aussicht auf Entschädigung, und soll es mich freuen, wenn Sie erzielen 'nen guten Erfolg und hinausfahren auf Ihre neue Villa in 'ner glänzenden Equipage.« »Ein ebenso freundlicher wie verständiger Rat, Herr Nathan,« versetzte Nailleka gut gelaunt, »würden Sie ihn mir erteilen, wenn Sie wüßten, daß ich imstande sei, ohne Ihren anerkannten, weitreichenden Einfluß das vorgeschlagene Verfahren zu beobachten?« »Ich glaube nicht,« gab Nathan offenherzig zu, und in seinem grauen Bart verschwand ein verschmitztes Lächeln. »Gut, Herr Nathan, so lassen Sie uns abschließen,« nahm Nailleka schnell wieder das Wort, »stellen Sie Ihre Bedingungen und das Weitere ist Ihre Sache. An die Dringlichkeit der Lage erlaube ich mir nicht zu erinnern –« »Gut, Herr Bankdirektor: mit der Allgemeinen deutschen Zentrifugalbank für transatlantische Kolonisation lassen sich noch machen Geschäfte, zumal jeder Aktie beigefügt ist 'n Besitztitel über schönes Land in den freien Vereinigten Staaten. Ich will daher absehen von meiner Gewohnheit, zu machen bestimmte Prozente, dagegen mich begnügen mit der runden Summe von zwölftausend Talern für meine Gefälligkeit. Die Summe erscheint Ihnen vielleicht hoch, allein es wollen ziehen ihre Prozentchen die Mäkler, die Unterhändler, und ich kenne keinen Berichterstatter, der schriebe auch nur einen einzigen Buchstaben umsonst.« Anstatt zu antworten, zog Nailleka aus seiner Brieftasche ein Wechselformular, auf dem nur eine beliebige Summe verzeichnet zu werden brauchte, um diese vierzehn Tage später im Hauptkontor der Zentrifugalbank erheben zu können. »Füllen Sie ihn selbst aus,« bemerkte er höflich, indem er Nathan den unscheinbaren Papierstreifen darreichte, »füllen Sie ihn aus und halten Sie sich meiner Dankbarkeit versichert.« »Sehr schmeichelhaft, Ihre Dankbarkeit, Herr Bankdirektor,« erwiderte Nathan gleichmütig. Dann nahm er den Wechsel und nachdem er die Unterschrift des Ausstellers aufmerksam geprüft hatte, schrieb er mit großer Sorgfalt die Zahl zwölftausend in Ziffern und in Buchstaben nieder. Nailleka griff nach Hut und Mantel. »Wir werden machen ein flottes Geschäft,« schmunzelte Nathan halb spöttisch, halb selbstzufrieden, indem er seinen Gast zur Tür begleitete, »denn aufgeschwänzt werden die Zentrifugalaktien, daß deren Besitzer sollen schwimmen in einem Ozean des Entzückens. Sie erwarten in nächster Zeit den Agenten aus den Kolonien? Wenn ich nicht irre, machte er bis zur Gründung der Zentrifugalbank in Auswanderern?« »Eine zuverlässige Persönlichkeit, die auf diesem Felde sich schätzbare Erfahrungen sammelte,« erklärte Nailleka eifrig, »er soll Ihnen Bericht erstatten, sobald er –« »Überflüssig, sogar nicht gefahrlos,« tadelte Nathan, »ich ziehe vor, den Bericht zu verfertigen und ohne fremde Hilfe; nur den Tag seines Eintreffens möchte ich wissen. Kommt er früh genug, benutzen wir seinen Namen zum ersten Anlauf; andernfalls verheimlichen wir seine Anwesenheit bis zum zweiten. Hoffe ich doch, durch ihn den Kurs hinaufzuschnellen bis auf achtundneunzig und drüber; dann aber heißt's: Die Augen auf!« Behutsam öffnete er die Polstertür; behutsam entfernte er Riegel und Sicherheitskette. Nach einem flüchtigen Händedruck schlüpfte Nailleka in die Nacht hinaus, worauf Nathan sich einschloß. An den Schreibtisch zurückkehrend, nahm Nathan den Wechsel, und denselben fortgesetzt prüfend, begab er sich ins Nebenzimmer, wo er ihn im Geldschrank verschloß. Dann ging er an sein Abendbrot und ein Lamm hätte mit keinem harmloseren Ausdruck aus einer Quelle trinken können, als der weise Nathan sein letztes Gläschen Dünnbier schlürfte. Mit demselben milden Ausdruck zog er nach Beendigung seiner Mahlzeit an einer neben dem Schreibtisch niederhängenden Schnur. Gleich darauf tönte als Antwort im Nebenzimmer eine heiser rasselnde Glocke, Nathan ergriff die Lampe und verschwand in den hinteren Räumen. Zweimal wurde die Tür aufgeriegelt und verschlossen; dann erschien er wieder in dem Kontor, gefolgt von der Jammergestalt eines halbverhungerten Kontoristen. In seinem schäbigen, schwarzen Anzuge nahm dieser sich aus, als hätten Ratten und Mäuse schon eine Weile an ihm herumgezerrt. Klein und schmächtig, machte er den Eindruck eines früh gealterten Kindes, so unterwürfig war seine Haltung, so scheu sein Wesen, indem er sich an den Schreibtisch begab, die Feder eintauchte und sich zum Schreiben anschickte. »Sind Sie bereit Röchler?« fragte Nathan nach einer Weile. »Fertig,« antwortete dumpf die lebendige Maschine. »So schreiben Sie: »Handeln Sie morgen an der Börse Allgemeine deutsche Zentrifugalbank für transatlantische Kolonisation zu vorläufig mäßig, aber sehr stetig steigenden Kursen. Veranlassen Sie die Berichterstatter zu notieren: »Aktien für Zentrifugalbank in großen Posten aus dem Markt genommen. Man spricht von dem bevorstehenden Eintreffen des Generalbevollmächtigten aus den Kolonien, und von Abschlüssen mit einer südamerikanischen Regierung über den Bau von Eisenbahnen. Eine sehr hohe Dividende soll durch vorteilhafte Landverkäufe in den nordamerikanischen Freistaaten gesichert sein.« Um Gelder flüssig zu machen, drücken Sie einzelne Hauptdevisen, namentlich Darmstädter Bank, Diskonto-Kommandit durch Gerüchte über erhebliche Verluste und Reduktion der Dividende.« »Fertig?« fragte Nathan nach einer Pause mürrisch. »Fertig,« wiederholte die Schreibmaschine mit ihrem heiseren Organe. »Kopieren Sie das sechszehnmal,« fuhr Nathan fort; dann nahm er seinen Spaziergang wieder auf. Die Feder flog über das Papier. Fünfundzwanzig Minuten, und die sechszehn Briefe, deren Inhalt, so oft einer fertig war, Nathan jedesmal aufmerksam geprüft hatte, lagen in einer Reihe nebeneinander. Nathan nahm die Feder und fügte jedem als Unterschrift ein hebräisches Zeichen bei, und Röchler befehlend, sie alle einzeln zu kuvertieren, setzte er sich wieder in seine langsam wiegende Bewegung. Aufs Neue arbeiteten die kralligen Fäuste. Zehn Minuten, und fünfzehn Briefe lagen übereinandergeschichtet neben der Lampe, während der sechszehnte unter der gefüllten Feder seiner Adresse entgegenharrte. »Herrn Vermin,« diktierte Nathan. Ein anderer Brief glitt unter die Feder. »Herrn Rascal,« tönte es geschäftsmäßig durch das Zimmer, und die Feder kritzelte. Und so ging es fort und fort. Immer neue Namen, bald christliche, bald jüdische, wurden aufgerufen, und fast ebenso schnell fanden sie in festen Zügen ihren Weg auf die weißen Kuverts. Immer neue Namen, manche von gutem, manche von zweifelhaftem Klang, immer neue Namen, und vor jedem prangte ein stattliches »Herrn« und hinter jedem ein stattliches »Wohlgeboren«, auch »Hochwohlgeboren«. Neue Namen zur Besiegelung des Elends und des Verderbens jener Unglücklichen, die, gleichviel, ob von Not getrieben oder von der Sucht nach wachsendem Wohlstande, sich selbst Sand in die Augen streuten und daher blind dem betörenden Klingen des Goldes im Geiste lauschten. Immer neue Namen, bis endlich die sechszehn Briefe fertig waren, und der weise Nathan sie in eine verschließbare Tasche hineinzählte. Eine kleine Münze zum Glase Bier händigte er Röchler ein; dieser dankte unterwürfig für die Großmut; dann näherten sich beide der Flurtür. Bevor Nathan öffnete, kehrte er sich seinem Sekretär noch einmal zu. »Pünktlich müssen übermittelt werden diese Schreiben,« sprach er mit drohendem Ernste; »ginge eins verloren oder geriete es in unrechte Hände, so wäre ich selbst nicht imstande Sie zu bewahren vor dem Untergange.« Röchler erbleichte noch mehr. Eine Erwiderung schwebte ihm auf den Lippen, allein die heisere Stimme erstickte in dem Geräusch, mit dem seine Zähne aufeinanderschlugen. Gleich darauf schob Nathan ihn auf den Flur hinaus. Kaum aber hörte Röchler die Riegel hinter sich zuschlagen, als wie durch Zauber sein ganzes Äußere sich verwandelte. Nicht mehr die sklavisch unterwürfige Schreibmaschine war er, sondern ein Feind, vor dessen Anblick selbst eine Hyäne scheu hätte zurückbeben mögen. Kein Laut verließ seine Lippen; aber seine Zähne knirschten aufeinander, indem er die Faust drohend gegen die eisenbeschlagene Tür hob. Dann schlich er geräuschlos auf die Straße hinaus.– – Sechstes Kapitel. Die Hyänen auf dem Parkettboden. Allgemeine deutsche Zentrifugalbank für transatlantische Kolonisation! Wie das so ernst und Vertrauen erweckend klingt! Wer diesen glänzenden Titel zum ersten Male hört, der glaubt in einen gefeiten Kreis einzutreten, in dem deutsche Treue und deutsche Bruderliebe unter dem Schutz einer gewaltigen Zentrifugalkraft den Landsleuten auf jener Seite des Ozeans die Hand zur allgemeinen Veredlung des menschlichen Geschlechts bieten! Und wer wiederum in einer der schönsten Straßen der Hauptstadt diesen prachtvollen Titel in vergoldeten, zwei Fuß hohen Buchstaben zwischen den Fenstern des Erdgeschosses und denen des ersten Stockwerks über ein palaisartiges Gebäude fortreichen sieht, dessen Augen werden nicht minder geblendet. Er kann nicht anders: einem geheimnisvollen Zauber unterworfen, muß er an die beiden kolossalen Schaufenster herantreten, um die lüsternen Blicke an den wirklichen Schätzen zu weiden, die offen vor ihm liegen. Da stehen Mulden von den verschiedensten Sorten von Goldmünzen, vom Dukaten bis zum achteckigen Fünfzigdollarstück, und Glasschalen mit kalifornischem Goldstaub und australischem Golderz. Als Unterlage dieser Behälter dienen Wertscheine, deren geringster eine Hundertpfundnote ist. Den Hintergrund bilden Landkarten mit neu angelegten Städten, deutlich erkennbar an den roten und blauen Parallelogrammen; wogegen die Seitenwände der tiefen Nischen mit Photographien tapeziert sind, auf denen anmutig von Palmen und Bananenstauden beschattete Häuschen zu sehen sind. Angesichts so vieler Herrlichkeiten beginnt die Phantasie zu arbeiten: eine Bank, welche über solche kolossale Mittel gebietet, kann nur auf sicheren Grundlagen gegründet sein, nur einer ebenso gewissenhaften wie umsichtigen Verwaltung sich erfreuen. Es entsteht der natürliche Wunsch, in engere Beziehung zu dem glänzenden Unternehmen zu treten. Zunächst von den Aktien ein oder zwei Jahre hindurch die beträchtlichen Dividenden gezogen, um durch den Überschuß, welchen im Vergleich mit anderen sich erbärmlich verzinsenden Unternehmen und Staatspapieren die Zentrifugalbank gewährt, die Überfahrtskosten für Weib und Kind zuvor zu decken, und dann fort aus dem Gewirr und dem Staube der Städte und der engen Straßen! Fort so schnell der Dampf nur zu befördern vermag; hin, wo die Palmen sich in der erquickenden Seebrise wiegen, wo breitblättrige Bananen Schatten spenden, Wasserfälle rauschen und köstliche Südfrüchte im dunklen Laube glühen! Hin, wo die den Aktien beigefügten Landbesitztitel zur Auswahl der lieblichsten Stätte berechtigen, wo Häuser wie Pilze aus der Erde schießen und ein Kind mittels der Gartenharke und einigen Handvoll Getreidekörnern eine lohnendere Ernte erzielt, als in dem kalten Deutschland ein Büdner mit zwei Pferden und einer zahlreichen arbeitsfähigen Familie. Ach, diese zauberischen Bilder, wie sie an Farbenreichtum gewinnen, wenn man die Menschen aller Stände betrachtet, die fortgesetzt in dem großen Portal ein- und ausgehen! Hinein mit kleinen Taschen voll unsauberen Geldes, heraus mit anständig und geschmackvoll lithographierten Dokumenten. In ihren Herzen wohnt freudige Hoffnung auf hohen Gewinn; in ihren Augen leuchtet Triumph, daß es ihnen im letzten Augenblicke noch gelang, die bereits stark steigenden Aktien zu einem spottbilligen Preise zu erstehen! Doch auch mißmutige Physiognomien werden sichtbar; Physiognomien, auf welchen der Verdruß ausgeprägt ist, daß man sich in der Angst und um nicht alles zu verlieren durch die sinkenden Kurse zum Verkauf leiten ließ und nun gezwungen ist, dieselben Papiere um so viel teurer zurückzukaufen. Diese Einfältigen! Warum überlegten sie nicht, bevor sie handelten? Aber noch ist es nicht zu spät. Wer indessen die verhältnismäßig günstige Konjunktur sich zunutze machen will, der muß sich beeilen. Denn wenige Tage – die Börsenberichte lassen es deutlich genug durchblicken – und zwei Aktien kosten heute nicht mehr, als vordem eine. Wie dieser Gedanke den Entschluß erleichtert! Zwei Glastüren mit doppelten Flügeln führen in das Kontor! Nicht elende, von der Zeit geschwärzte eichene Tische, wie in den alten Bankhäusern, deren Chefs schon vor hundert und mehr Jahren auf denselben elenden Brettern ihre Millionen zählten, bilden die Ausstattung, sondern hell polierte, kostbare Platten, des goldenen Fortschritts würdig. Nicht ernste, wortkarge Gestalten, die die eintreffenden Kunden bedienen, sondern junges, leichtes Blut, gewandt und beweglich in seinem Verkehr und bereit, enthusiastisch jedem Rat zu erteilen, der sich eines solchen bedürftig zeigt. Der Glücklichste und Zufriedenste aber in dieser zahlreichen Gesellschaft ist der männlich gebaute Gerhard, das erkennt jeder auf den ersten Blick und gewinnt daher auch vorzugsweise zu ihm Vertrauen. Etwa vier Fuß höher als die Halle liegt das Privatkontor des Herrn Bankdirektors. Eine Glaswand trennt es von dem Hauptgeschäftsraume. Die Tür steht beständig offen, damit er sein blühendes Reich mit frohlockenden Blicken zu übersehen vermag. Aber auch den in die Halle Eintretenden kommt die Glaswand zustatten, indem es ihnen vergönnt ist, sich an dem Anblick des stattlichen Herrn Bankdirektors zu werden und über den Gleichmut zu staunen, mit dem er Tausende und Hunderttausende von Talern ihre Besitzer wechseln sieht, und über die Grazie, mit der er zuweilen an ein Blumenbukett riecht, gerade als hätten unter der weißen Weste in der breiten Brust neben dem Spekulationsgefühl die Unschuld eines tändelnden Kindes und die Poesie einer von süßen Liebesgeheimnissen bewegten Jungfrau gewohnt. Ach, was wären die elegant eingerichteten Räumlichkeiten gewesen, hätte ihnen dieser bezaubernde Zentralpunkt gefehlt! Der Herr Bankdirektor selber befand sich um diese Zeit im ersten Stockwerk im Kreise seiner glücklichen Familie. Er war eben von einer kurzen Spazierfahrt heimgekehrt und sprühte förmlich vor guter Laune. Seinen beiden halberwachsenen Töchtern mit den tief ausgeschnittenen Kleidern und den schleifengeschmückten, sorgfältig gekräuselten Löwenmähnen hatte er zärtlich die Wangen geklopft. Waren sie doch das getreue Ebenbild der Frau Bankdirektor, die ihnen gegenüber in Samt und Seide auf einer schwellenden Ottomane lagerte, das schwammige Antlitz auf die eine dichtberingte, schwammige Hand stützte und gelegentlich einen müden Blick auf zwei vor ihr auf dem Tische liegende Bücher warf. Heines Buch der Lieder war das eine, ein französisches Konversationsbüchlein das andere. Wo waren jene Zeiten, in denen die Frau Bankdirektor noch im baumwollenen Kleidchen als »schöne Klotilde« mit ihrem naivsten Lächeln durstigen Gästen die übermütig verlangten Getränke darreichte? Doch der Herr Bankdirektor liebte sie deshalb nicht weniger; im Gegenteil, er küßte sie zärtlich auf die recht ansehnlichen Lippen, wofür er durch die treffende Bemerkung: Je suis très fatiguée ! belohnt wurde. Er wollte ihr die volle Wange streichen, allein sie wehrte ihm lächelnd: der zart aufgetragene Mehlpuder vertrug solche Zärtlichkeit nicht. Doch ehe der Herr Bankdirektor scherzhaft entgegnen konnte, meldete sein Diener einen Fremden, der den gnädigen Herrn dringend zu sprechen wünschte. »Er sieht nach gar nichts aus,« erlaubte sich der Mensch die bescheidene Bemerkung, »wahrscheinlich eine Bettelei.« »Auch in einem Bettler muß man das Ebenbild Gottes ehren,« meinte Nailleka salbungsvoll – er dachte an eine Botschaft des weisen Nathan – »führe ihn also herein und sorge, daß ich ungestört bleibe.« Der Diener entfernte sich. Als die Tür sich wieder öffnete, trat ein Mann herein, den jemals gesehen zu haben, er sich nicht entsann. Der Fremde trug einen bis unters Kinn zugeknöpften, fadenscheinigen Rock und schiefgetretene Stiefel. Außerdem fiel an ihm die militärische Haltung, ein stachelfuchsiger Vollbart und eine fast bis zur Undurchsichtigkeit dunkelblaue Brille auf. »Womit kann ich dienen?« fragte Nailleka, nachdem jener die Tür hinter sich geschlossen hatte. Dieser betrachtete ihn lächelnd. »Erkennst du mich wirklich nicht?« fragte er endlich spöttisch. Nailleka erbleichte, sich aber sammelnd, antwortete er stolz: »Ich habe nicht die Ehre.« Der Fremde aber legte seine Brille ab und fuhr in demselben höhnischen Tone fort: »Und doch gab es eine Zeit, in der ein gewisser Nailleka willig die Gelder verprassen half, die sein Busenfreund und Kollege mittels kleiner Fälschungen erworben hatte.« Nailleka schwankte nach dem Sofa hin, und sich schwer darauf niederwerfend, starrte er entsetzt vor sich nieder, während der Fremde gleichmütig einen Polsterstuhl heranzog und ihm gegenüber Platz nahm. Nach einer längeren Pause blickte Nailleka wieder empor und gerade in die Augen seines früheren Genossen. »Spark,« hob er an. Dieser verneigte sich höflich. »Sehr dankbar, daß du dich meiner dennoch entsinnst,« bemerkte er spöttelnd, »aber wie könnte es anders sein, nachdem wir Jahre hindurch in demselben Kontor beschäftigt gewesen waren?« »Du bist zurückgekehrt, um meine Tasche in Anspruch zu nehmen,« hob Nailleka wiederum an, »und ich bin gern bereit, dir ein namhaftes Reisegeld zu gewähren, wenn du dich verpflichtest, mich fernerhin nie mehr zu stören.« »Hilfe gebrauche ich in der Tat,« gab Spark zu, »allein keine Hilfe, wie du sie dir denkst. Doch überzeuge dich,« und er legte mehrere Aktien der Zentrifugalbank neben sich auf den Tisch. »Meine Wünsche und Forderungen bewegen sich auf einem anderen Felde. Bevor ich indessen mit solchen vortrete, erlaube ich mir, dir meine letzten Erfahrungen zu schildern. Du magst daraus dann gleich ersehen, wie Fähigkeiten, begründet auf reiche Welterfahrungen, am rechten Orte von unschätzbarem Werte sein können. Erinnerlich ist dir, daß ich vor ungefähr zwanzig Jahren davonging, um nicht wegen mehrerer unangenehmen Zwischenfälle zur Verantwortung gezogen zu werden. Du selbst –« »Laß jene Zeiten ruhen,« fiel Nailleka ein. »Im Gegenteil,« nahm Spark schnell wieder das Wort, »niemand hört uns, und für meinen Zweck ist es sogar unabweislich, gerade jene Zeiten uns noch einmal recht genau zu vergegenwärtigen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß ohne deinen gütigen Beistand die Fälschungen mir schwerlich gelungen wären. Die Entdeckung konnte indessen nicht ausbleiben, und da du dich gerade mit Heiratsgedanken trugst, ich selber aber der schönen Rosamunde –« »Meine Frau heißt Clotilde,« unterbrach Nailleka ihn wieder hastig und mit sichtbarer Verwirrung. »Ich weiß, ich weiß,« beruhigte Spark grinsend, »ich hatte sogar mehrfach die Ehre, deine Gemahlin aus der Ferne in ihrer Kalesche zu bewundern. Das hindert indessen nicht, daß damals die schöne Rosamunde als deine Auserkorene galt und ich, aus besonderer Freundschaft für sie, und das ihr lächelnde eheliche Glück berücksichtigend, mich leichter dazu entschloß, alle Vorwürfe auf mich allein zu nehmen und zu verschwinden. Gelang es später der runden Clotilde, die ja in einem ähnlichen Geschäft wirkte, die arme Rosamunde aus deinem Herzen zu verdrängen, so ist das eine Sache für sich.« »Ich dachte nie ernstlich daran, Rosamunde zu heiraten,« warf Nailleka mürrisch ein. »So war das Ganze nur ein Manöver, um mich zu beseitigen? Ei, sehr hübsch ausgedacht und noch besser ausgeführt! Doch das kommt heute nicht mehr zur Geltung. Ich war also der steckbrieflich verfolgte Fälscher und entkam, wogegen der Herr Prokurist Nailleka, der erste Entdecker des leichtsinnigen Jugendstreiches seines Freundes, seine Stellung und das in ihn gesetzte Vertrauen noch befestigte. Mühsam habe ich mich seitdem durchs Leben geschlagen, während du auf den Stufen des Schwindels und durch die Gesetze gleichsam privilegierter Fälschungen den Gipfel deiner jetzigen Größe erstiegst –« Nailleka fuhr auf. »Erhitze dich nicht,« bemerkte Spark kaltblütig, »ich weiß genau, was ich spreche, denn ich treffe nicht eben erst vom Ausland ein, sondern halte mich bereits seit sechs Monaten in dieser Stadt auf. Schon einmal vor vierzehn, fünfzehn Jahren versuchte ich, wieder in Verbindung mit dir zu treten – warst damals noch kleiner Bankier –, allein ich kam nicht weit. Von einem fernen Landstädtchen aus, in dem ich mehrere Wochen weilte, erstreckten sich meine Forschungen bis hierher, mußte mich aber schleunigst wieder nach Amerika zurückbegeben. Neue Mühen, neue Entbehrungen, bis endlich der Bürgerkrieg mir Gelegenheit bot, meine Zeit zu verwerten. Nach beendigtem Kriege verfiel ich wieder in mein unstetes Vagabundenleben; einen Staat nach dem andern durchwanderte ich und schließlich erreichte ich auch die mit deinem Bankinstitut vereinigten Kolonien, hahaha! Der Zufall führte mich dorthin, und als ich deinen Namen dort mit nicht besonderer Hochachtung nennen Hörle, geriet ich auf den kühnen Gedanken, unsere alte Freundschaft zu erneuern.« Bei dieser Nachricht bedeckte Leichenfarbe des Bankdirektors Antlitz. »In den Kolonien?« fragte er stotternd. »In den Kolonien, sogar in Nailleka, Clotildenstadt und wie die jungen Ansiedlungen sonst noch deiner Familie zu Ehren genannt sein mögen. Doch weiter: Seit einem halben Jahre befinde ich mich also in deiner Nähe, allein ich lebte sehr zurückgezogen, um mich erst mit den hiesigen Verhältnissen vertraut zu machen. Deiner Person und der von dir gegründeten Zentrifugalbank wendete ich natürlich meine Hauptaufmerksamkeit zu. Ich war sogar kühn genug, mich mit einigen Aktien an dem Unternehmen zu beteiligen, also auf dem Wege der Praxis mich von deren Wert zu überzeugen. Hahaha! Ein prachtvolles Unternehmen! Und dann die famosen Landbesitztitel! Jedoch, was tut's? Die Welt will einmal betrogen sein, und was könnte ich besseres tun, als so lange mit zu betrügen, bis alles zusammenbricht und die gefallenen Opfer aus eigener bitterer Erfahrung lernen, was sie einsichtsvolleren Männern, jenen ernsten, wortkargen Vorstehern makelloser Firmen, nicht glauben wollten.« Nailleka, anfänglich wie betäubt, hatte allmählich seine Besonnenheit zurückgewonnen. Ein Lächeln der Überlegenheit schwebte aus seinen Zügen, und in dem Bewußtsein, keinen wirklichen Verräter vor sich zu sehen, fragte er ruhig: »Nennst du mein Unternehmen unsicherer als alle anderen?« »Wenigstens ebenso miserabel wie die meisten,« lachte Spark, »denn für wen wird überhaupt gegründet? Zunächst für die Eigentümer dieser oder jener industriellen Anstalt, oder dieses oder jenes Winkelbankgeschäftes, denen der zehnfache Wert für ihr Besitztum und Anrecht zufällt. In zweiter Reihe für den Erfinder der Idee, der nicht nur von dem Verkäufer seine Prozente zieht, sondern auch als Direktor mit einem Gehalt eintritt, um das ihn ein Staatsminister beneiden möchte. In dritter Reihe endlich für den Verwaltungsrat und einen Rechtsgelehrten zur Lösung heikeliger Fragen und gewandter Auslegung der Paragraphen im Strafgesetzbuch. Dann kommen das Kontorpersonal, die entsprechenden Lieferanten und der Aufsichtsrat an die Reihe; sind auch diese mit guten Honoraren und annehmbaren Remunerationen bedacht worden, und es bleibt noch etwas übrig, so wird das großmütig in Form von Dividenden an die geduldigen Aktionäre verteilt. Viel fällt allerdings für diese nicht ab, es sei denn, die Klugheit geböte – um das Emporblühen des Unternehmens durch die Tat zu beweisen, – im ersten Jahr auf das Kapital zurückzugreifen oder neue Aktien auszugeben, um von dem dadurch gelösten Gelde die hochgespannten Hoffnungen der Aktionäre glänzend zu befriedigen. Bleiben aber die Zinsen und Dividenden einmal ganz aus, nun, dann mögen sie sich mit dem Bewußtsein trösten, ihr Kapital zum Unterhalt und zum Vergnügen eines stattlichen Korps von Müßiggängern und Schwindlern hingegeben zu haben. Freilich, deine Aktionäre genießen den Vorteil der verbrieften Anrechte an paradiesische Landstriche! Die Glücklichen! Ihnen bleibt wenigstens das Mittel des Auswanderns; ihnen wird sogar freundschaftlich auf den Weg geholfen. Fein ausgedacht, in der Tat sehr fein; und hohen Gewinn muß das Unternehmen abwerfen, und dennoch ließe sich mehr, weit mehr daraus machen.« Nailleka, der wiederum dasaß wie ein Schulknabe vor seinem tadelnden Lehrer, sah überrascht empor. »Ich verstehe dich nicht,« bemerkte er mürrisch. »Nicht?« fragte Spark geringschätzig, »verdammt! dann bist du weniger einsichtsvoll, als ich bisher glaubte. Die Sache ist doch sehr einfach: der Einfluß der Klerisei muß uns dienstbar gemacht werden.« Ein Lächeln der Überlegenheit spielte auf Naillekas Gentlemanzügen. »Ist alles längst vorgesehen!« rief Nailleka mitleidig aus, ich könnte dir Quittungen von Seelsorgern aller Konfessionen zeigen, durch die der Empfang der pro Auswanderungskopf bestimmten Prämie dokumentiert wird –« »Spielerei,« fiel Spark erhaben ein, »die paar Menschen, die von den Agenten für die früheren Sklavenbesitzer angeworben werden, geben nicht den Ausschlag. Nein, nein, die Sache muß anders angefangen, sie muß des hemmenden Einflusses der Geheimniskrämerei enthoben werden. Schreibe also hinter unsere stolze Bankfirma das einzige Wort »Missionswesen« und du wirst staunen, welchen Anklang, und mehr noch, welche Unterstützung dein Unternehmen in allen Kreisen findet, und welche Summen durch den Verkauf von Aktien für das fromme Werk dir zufließen. Nicht nur Pfaffen werden zugunsten der Zentrifugalbank tätig sein, sondern auch Weiber, versimpelte Junker, Stellenjäger, kurz, alle jene Individuen, die das Augenverdrehen als Sport ausüben und auszuüben verstehen.« Nailleka blickte grübelnd vor sich nieder. Die umfassende Sachkenntnis des früheren Genossen flößte ihm offenbar Achtung ein. »Und wie lange kann solch Parforce-Treiben dauern?« fragte er plötzlich aufschauend. »Mindestens so lange, bis die Villa deiner Frau nicht nur fertig, sondern auch fürstlich eingerichtet ist,« versetzte Spark; »ha, schon wieder deine Verwunderung meines Vertrautseins mit allen Verhältnissen! Und dabei besitze ich doch nur meine gesunden Sinne! Zu der Villa gehört mindestens eine halbe Million, die deiner besseren Hälfte später erleichtert, den bankerotten Herrn Gemahl bei sich aufzunehmen.« – »Der größeren Hälfte der Aktionäre bleibt freilich nur die Wahl, auf Grund ihres Kupons nach dem südlichen Nordamerika überzusiedeln und sich mit den Alligators um ein Stückchen Sumpfboden zu schlagen, groß genug, ihren siechen Körper zur letzten Rast aufzunehmen, oder die Reihen der entartetsten Proletarier verstärken zu helfen. Jedenfalls haben die unglücklichen Opfer den süßen Trost, daß es dem Herrn Bankdirektor, der von seiner reichen Frau ernährt werden muß, nicht besser als ihnen erging, und sogar Verwaltungsrat und Kontorpersonal außer Brot gerieten.« »Und du?« fragte Nailleka. »Diese Frage ist zeitgemäß,« antwortete Spark mit einem billigen Kopfnicken, »denn sie beweist, daß du mich bereits als zu dir gehörig betrachtest. Nun ja, ich werde nicht leer ausgehen. Hindert mich doch nichts, kurz vor Sinken des Schiffes in deinem Auftrage mit ausreichenden Mitteln die Kolonien zu bereisen und unterwegs spurlos zu verschwinden. Bis dahin aber – ich erwog alles reiflich – werde ich mich als besoldeter Vizedirektor eifrigst an der Verwaltung der Allgemeinen Zentrifugalbank für transatlantische Kolonisation und Missionswesen beteiligen.« Nailleka fuhr betroffen zurück. »Das wird nicht gehen,« stotterte er – »Es wird gehen, mehr noch: es muß gehen,« unterbrach ihn Spark lachend, »bedenke wohl: entweder ich bin für dich, oder gegen dich. Was das gegen dich bedeutet, brauche ich nicht näher zu erörtern; bin ich dagegen für dich, so muß das Geschäft einen ganz anderen Aufschwung nehmen, muß die Presse anders wirken, muß der weise Nathan anders in Bewegung gesetzt werden, und wird er störrisch, wohlan, ich kenne ein mir durch Zufall in die Hände gespieltes Geheimmittel, ihn geschmeidig zu machen. Hinunter und hinauf muß der Kurs unserer Aktien fliegen, wie das Quecksilber im Barometer beim Herannahen eines Gewitters. Nicht zu Atem dürfen die Leute kommen. Angst und Hoffnung muß sie jagen, und wenn das Gebäude schließlich zusammenkracht – nun als bedachtsamer Hausvater wirst du für gute, einflußreiche Namen als Deckung gesorgt haben. Zum Schluß ordnest du selber die mißliche Angelegenheit, rettest mit dem entsprechenden Pomp einige Prozente für die einfältigen Opfer, und hängen will ich, wenn deine Bewerbung um 'nen ›Kommerzienrat‹, wohl gar 'nen ›Geheimen‹, unberücksichtigt bleibt!« »Also Vizedirektor?« fragte Nailleka, schlau verheimlichend, in wie hohem Grade er die umfassende Geschäftskenntnis des früheren Genossen bewunderte; »hm, wenn du erkannt würdest? Es leben noch Menschen, mit denen du früher verkehrtest.« Spark lachte spöttisch. »Nur zwei Tage, um Wohnung und Äußeres zu wechseln,« rief er aus, »und sogar deine Clotilde erkennt mich nicht wieder, wenn ich ihr vorgestellt werde! Zwanzig Jahre ist eine lange Zeit, und auch deine Frau wird schwerlich die leichtfüßige Hebe von früher geblieben sein. Also zwei Tage gebrauche ich und einige Geldmittel. Für letzteres ist leicht gesorgt, indem du mir diese Aktien zum vollen Nennwert abkaufst. Fünfhundert Taler sind's; für meine ersten Bedürfnisse gerade ausreichend. Und nun den besiegelnden Handschlag, und übermorgen nachmittag habe ich die Ehre, dir meine Aufwartung zu machen, um in deinem Kontor als Vizedirektor vorgestellt und offiziell eingeführt zu werden. Auf einen geeigneten Namen besinne ich mich bis dahin. Den Verwaltungsrat von der Notwendigkeit eines zweiten Direktors zu überzeugen, kann uns bei einem solennen Frühstück nicht schwer werden.« Zögernd legte Nailleka seine Hand in die des früheren Genossen. Noch im letzten Augenblick sann er auf Mittel, sich der gefährlichen Kompagnonschaft zu entziehen, allein vergeblich; und als er endlich ging, hatte Nailleka keinen heißeren Wunsch, als daß sein künftiger Mitarbeiter unterwegs von irgendeinem unvorsichtigen Dachziegel erschlagen würde! – Siebentes Kapitel. Ein besorgter Vater. Seit beinahe einer Woche weilte Maßlieb unter Merediths gastlichem Dache; seit beinahe einer Woche hatte sie die Beweise aufrichtigen Wohlwollens empfangen, aber noch immer war keine Änderung in ihrem scheuen; verschlossenen Wesen eingetreten. Noch immer peinigte sie das Bewußtsein, sich durch eine Täuschung an den freundlichen Menschen versündigt zu haben, und doch konnte sie sich nicht zur Offenbarung der Wahrheit entschließen. Das Wort »Landstreicherin« hatte noch immer die Bedeutung eines Schreckgespenstes für sie. So war beinah eine Woche dahingegangen, als Meredith ihren neuen Schützling zum ersten Male aufforderte, sie in die Stadt hineinzubegleiten. Sie war ungemein lebhaft, sogar heiter in ihrer Art, und mehrfach entschlüpfte ihr die Bemerkung über einen glücklichen Wechsel ihrer Vermögensverhältnisse, der ihr gestattete, auch für die äußere Erscheinung der neuen Kabul die entsprechende Sorge zu tragen. Wie im Traum folgte ihr Maßlieb, mit erzwungenem Lächeln schüchterne Antworten auf die an sie gerichteten Fragen erteilend. Sie wanderten durch Wäscheladen und Kleiderhandlungen, und überall entdeckte Meredith etwas, wovon sie meinte, daß es zu dem lieblichen Antlitz ihrer Begleiterin passe und daher um jeden Preis erstanden werden müsse. Allmählich gelangten sie auf ihrem Wege in die Nähe eines öffentlichen Platzes, wo gerade eine durch Pauke, Becken und Triangel unterstützte Drehorgel ihre betäubenden Klänge laut werden ließ. Ein Schwarm von Kindern, Kinderwärterinnen und Soldaten umringte die Musik, die den Mittelpunkt eines pilzartig gebauten Baldachins bildete, unter dessen breitem Dache gegen dreißig ungestaltete Bestien, je zu zweien, ein angestrengtes Wettrennen im Kreise herum abhielten, ohne eine der andern auch nur um einen Zoll näher zu rücken. Auf den Bestien thronten stolz die jugendlichen Reiter, die gegen mäßige Entschädigung sich kühnlich sogar auf feuerspeiende Drachen geschwungen hatten, und mit hochgehobenen Speeren nach den aus einem eigentümlich geformten eisernen Behälter hervorlugenden Ringen stachen. Maßlieb blieb bestürzt stehen. Gegen eine Ohnmacht kämpfend, starrte sie nach dem Karussell hinüber, in dessen Mitte die Karussellmutter stand, den Paukenschlägel handhabend und zugleich einen losen Messingdeckel auf den mit der Pauke vereinigten niederrasselnd. Ein weißes Mullkleid, ziemlich unsauber und zerknittert, umschloß ihre vierschrötige Gestalt. Rote und blaue Bandstreifen und eine geknickte schwarze Straußenfeder vervollständigten ein Kostüm, das auf die jugendlich lebhaften Phantasien des reitlustigen Publikums berechnet war. Neben ihr stand Kappel, der heruntergekommene Korpsbursche. Sein Aufputz beschränkte sich darauf, daß er Schnurbart und Knebelbart in etwas feindseligere Spitzen gedreht und den Hut mit einem Kranz verdorrter Eichenblätter etwas mehr nach dem einen Ohr hinübergeschoben hatte. Sein Gesicht konnte dagegen nichts weniger als ein festliches genannt werden; nicht einmal sein gewöhnliches alltägliches war es. Denn anstatt mit der ihn charakterisierenden, unendlichen Sorglosigkeit, blickte er melancholisch über die kreisenden Bestien und umstehenden Leute fort zum blauen Himmel empor. Die Orgel drehte er mit der rechten Hand, während er mit der linken den seitwärts von ihm hangenden Triangel rührte. Außerhalb der Reitbahn, auf einem erhöhten Gerüst, weithin kenntlich an seiner Goldtresse, stand der Karussellvater selber, immer neue Ringe in den Blechkasten werfend, die fast ebenso schnell von der beherzten Jugend fortgestochen wurden. Der gute, biedere Admiral Lenkhart! Plötzlich sah er von seiner Arbeit auf und sich halb umkehrend, sandte er seine Blicke zufällig auch zu Maßlieb hinüber. In ihrer Todesangst ergriff sie Merediths Hand, um sie mit sich fortzuziehen. Diese dagegen lächelte gutmütig spöttelnd, indem sie in das bleiche Antlitz und in die großen, flehenden Augen schaute. »Eine Kabul und so ängstlich,« fragte sie, ergötzt durch den Ausdruck einer nach ihrer Meinung kindischen Befangenheit, »bist du in so tiefer Zurückgezogenheit aufgewachsen, daß solch Treiben dir unnatürlich erscheint?« Dann fuhr sie aufmunternd fort: »Komm, laß uns die harmlose Kurzweil der Leute in der Nähe betrachten. Und dann jene auf Rädern erbaute Arche. Es sind zwar nur Landstreicher, denen sie eine Heimstätte bietet, das schließt indessen nicht gewisse Poesie aus. Komm, solche Leute besitzen zuweilen Altertümer –« »Ich kann nicht,« lispelte Maßlieb, auf dem Gipfel ihrer Todesangst, während sie fortgesetzt den Admiral betrachtete, der seine Aufmerksamkeit wieder den Ringen zugewandt hatte, »das Drehen – ich ertrage es nicht – alles dreht sich mit mir –« »So, so,« versetzte Meredith mit einem forschenden Blick in Maßliebs Augen, »also darin liegt der Grund deines Zitterns? Nun, ich bin die Letzte, welche dich quälen möchte.« So sprechend gab sie Maßliebs Drängen nach, und halb von ihr gezogen, schlug sie den Rückweg ein. Aber erst als sie sich fern von dem Karussell befanden, atmete Maßlieb freier, und erlangte sie ihre äußere ruhige Haltung zurück. Wie es aber in ihrem armen, ängstlich zitternden Herzen aussah, hätte nur derjenige geahnt, der nach ihrer Heimkehr sie beobachtete, wie sie in ihrem Giebelstübchen die Hände rang, und doch so besorgt war, keine Tränen zu vergießen, damit auf ihrem Antlitz keine Spuren innerer Verzweiflung und Trostlosigkeit zurückblieben. Die Annäherung des Abends trieb sie endlich wieder hinab. In das Wohnzimmer eintretend, gewahrte sie ihre Beschützerin in angelegentlichem Gespräch mit einem fremden Herrn. Leise wollte sie zurückweichen, als Meredith sie aufforderte, zu bleiben. Der Fremde, ein großer, bleicher Mann mit ernsten, fast leidenden Zügen hatte sich erhoben. Mit unverkennbarer Bewunderung betrachtete er Maßliebs freundliche Erscheinung, wie sie tief errötend, sich schüchtern näherte und, mit natürlicher Anmut auf seinen Gruß durch eine leichte Verbeugung dankend, sich an Merediths Seite niederließ. »Eine Kabul«, bemerkte Meredith, sichtbar geschmeichelt durch den Eindruck, den Maßlieb unbewußt gerade durch ihre Befangenheit ausübte, »zwar einer Seitenlinie entsprossen, steht es ihr als meiner Verwandten doch zu, unseren Verhandlungen beizuwohnen. Die Kabuls zeichneten sich von jeher durch Diskretion aus und verdienten das Vertrauen, das jedermann ihnen zollte.« Der Fremde hatte wieder Platz genommen. Auf seinem noch jugendlichen, von einem schwarzen Vollbart beschatteten, wohlgebildeten Antlitz ruhte Mißmut über das unerwartete Eintreffen eines Zeugen, und dennoch hätte er Maßliebs Anblick ungern eingebüßt. Mehrfach strich er mit der Hand über seine dunklen, ruhigen Augen, als traue er ihnen nicht, daß sie in Wahrheit ein Bild vor ihn hinzauberten, das gerade seiner augenblicklichen Stimmung angepaßt war. Da unterbrach Meredith sein Sinnen: »Ihr ernster Wille ist es also, sich von den ehrwürdigen Reliquien zu trennen? So gern ich auf Ihren Vorschlag eingehe, erweckt es doch traurige Betrachtungen, daß jemand Erbstücken entsagt, an denen ein Verstorbener nicht nur mit großem Eifer, sondern auch mit Sachkenntnis sammelte. Ich denke an die Möglichkeit, daß dereinst ähnlich über meine eigenen Altertümer verfügt werden könnte.« Über des jungen Mannes Antlitz eilte ein unsäglich bitteres Lächeln, indem er, den auf ihn gerichteten Blicken ausweichend, vor sich niedersah. »Es muß sein,« versetzte er zögernd, »innerhalb sieben oder acht Monaten verlasse ich diese Gegend auf Nimmerwiederkehr. Ein Mitnehmen der ganzen Sammlung verbietet sich aus naheliegenden Gründen. Meine Pietät für diese aber offenbart sich wohl hinlänglich, indem ich sie an Sie abzutreten wünsche, von der ich weiß, daß Sie sie in Ehren halten werden.« »Eine gute Stätte soll sie bei mir finden,« erwiderte Meredith, »allein ich möchte die Sachen doch vorher sehen. Sind Sie damit einverstanden, so erlaube ich mir, Ihnen schon in den nächsten Tagen einen Besuch abzustatten.« Der junge Mann erschrak. Aufschauend, sah er gerade in Maßliebs Augen, die mit der ängstlichen Spannung eines Kindes auf ihm ruhten. Aber, als sei er durch diesen Blick bis in die Seele hineingetroffen worden, kehrte er sich hastig Meredith wieder zu. »Es wird mir schwer,« wendete er verwirrt ein, »allein den mir gütig zugedachten Besuch muß ich ablehnen. Ich wohne auf dem Lande, mehrere Meilen von hier, und, abgesehen von der zeitraubenden Fahrt, befinde ich mich auch selten zu Hause. Bald hier, bald dort weilend, darf ich Ihnen nicht eine solche Reise zumuten. Ich fertigte daher ein Verzeichnis der betreffenden Gegenstände an – alle sind gut erhalten, und da ich weiß, daß Sie überhaupt geneigt sind, sie käuflich zu erwerben, so schaffe ich alles binnen kürzester Frist hierher. Eine Verpflichtung Ihrerseits wäre damit keineswegs verbunden.« »Eine volle Rüstung aus dem vierzehnten Jahrhundert«, las Meredith die ersten Nummern des Verzeichnisses laut; »ein Morgenstern mit vergoldeten Arabesken; Armbrust mit Elfenbein ausgelegt.« »Wertvolle Reliquien,« fügte sie hinzu, und ihre Augen leuchteten, »dabei die Preise mäßig, sehr mäßig. –« »Ich erlaubte mir, die Preise festzuhalten, die mein Vater selber zahlte,« fiel der Fremde verlegen ein, »er führte seine Bücher sehr pünktlich. Es kostete mich daher keine große Mühe, die einzelnen Nummern auszuziehen.« Meredith hörte nicht mehr. Von neuem in die Liste vertieft, war sie für alles um sie her unempfindlich. Maßlieb wendete dagegen keinen Blick von ihm, der mit sichtlicher Befangenheit und Besorgnis Merediths Entscheidung entgegenharrte. Sie erriet, daß nur die bitterste Not ihn zu dem Verkauf der letzten Andenken seines Vaters trieb, und seine Seele sich in Schmerzen wand unter der grausamen Notwendigkeit sich von den Wertsachen trennen zu müssen. Von Mitleid bewegt neigte sie sich näher zu ihm hin, aber dann raffte sie sich wieder empor. Welch ein Recht hatte sie, die Landstreicherin, zu Kundgebungen ihres Mitleides? Da öffnete sich zweimal hintereinander das Helmvisier. Maßlieb warf einen fragenden Blick auf Meredith; dann auf den dunkeln Flur hinauseilend, öffnete sie die Haustür und mittels eines besonderen Drahtzuges auch die Gartenpforte. Diese klirrte, und mit schleichenden Bewegungen näherte sich die Gestalt eines Mannes dem Hause. Kaum aber hatte Maßlieb ihn erblickt, als sie mit der Hand den Türpfosten suchte, um sich vor dem Umsinken zu bewahren. Tödliche Lähmung durchströmte sie; ebenso schnell aber belebte die Angst sie wieder. Ähnlich einem aufgescheuchten Reh eilte sie bis zur äußersten Grenze des Flurs zurück, und nur von dem Gefühl der Selbsterhaltung beseelt, legte sie die Hand auf das Schloß von Merediths Tür, mit atemloser Spannung nach dem Garten hinüberspähend. Gleich darauf unterschied sie die Schritte des Mannes auf den Stufen. Behutsam öffnete sie die Tür so weit, daß ein schmaler Lichtstreifen auf den Flur hinausdrang, und mit der Geräuschlosigkeit eines Schattens schlüpfte sie in den Seitengang. Der Fremde klopfte unterdessen höflich, und ebenso bescheiden schloß er die Tür wieder, nachdem er eingetreten war. Draußen aber lehnte Maßlieb ihre heiße Stirn an das Schloß, mit fliegenden Pulsen auf jedes in dem Zimmer zwischen Meredith und dem neuen Besuch gewechselte Wort lauschend. »Ein dringendes Anliegen zwingt mich, die geehrten Hausbewohner zu stören,« drang Lenkharts gleißnerisches Organ zu Maßlieb heraus, »mich treibt die Besorgnis um ein junges Mädchen, das hier Aufnahme gefunden haben soll.« »Ich nahm in der Tat ein junges Mädchen bei mir auf,« versetzte Meredith, ohne sich zu erheben oder die fremde Erscheinung, die durchaus keinen günstigen Eindruck auf sie machte, zum Nähertreten einzuladen, »und nachdem ein gutes Glück die junge Waise mir zuführte, bin ich wenig geneigt, sie wieder von mir zu lassen.« »Eine große Freude gewährt es mir, wenn das Kind verstand, sich einzuschmeicheln,« erwiderte Lenkhart noch immer unterwürfig, »trotzdem muß ich ernstlich darauf bestehen, mir mein Recht nicht zu verkürzen.« Hell und klar erklang das allen bekannte Lied über den Hof: Fern im Süd das schöne Spanien. »Zuvor würden Sie Ihre zweifelhaften Rechte zu beweisen haben,« entschied Meredith streng. »Eine leichte Aufgabe,« lächelte der Admiral milde, und die Blicke auf die zwischen seinen Fäusten sich drehende Goldtresse gesenkt, »eine sehr leichte Aufgabe, wenn einem Vater gegenüber seiner leiblichen Tochter überhaupt noch ein Recht eingeräumt wird.« Meredith sprang empor und maß Lenkhart finsteren Blickes. Ihr Gefühl sträubte sich dagegen, ihn als Verwandten anzuerkennen; doch ihrer wunderlichen Geistesrichtung, wenn auch mit Widerstreben, nachgebend, fragte sie ruhig: »So heißen Sie Kabul?« »Ich bitte um Verzeihung« lächelte Lenkhart heuchlerisch. »Oder vielmehr Kappel?« fuhr Meredith, ihn unterbrechend, fort. »Weder Kappel noch Kabul; mein ehrlicher Name ist Lenkhart, und das Karussellfach mein Gewerbe.« Meredith bedeckte ihre Augen mit der Hand. Sie vergegenwärtigte sich Maßliebs befremdendes Wesen, als der Zufall sie in die Nähe des Karussells führte. Ihr nächster Gedanke war, daß ein Betrüger vor ihr stehe, in dessen Gewalt Maßlieb bereits zu leiden gehabt habe, und unter dem Eindruck solcher Mutmaßungen blickte sie plötzlich wieder empor. »Sie behaupten, Lenkhart zu heißen und daß das Kind ihre Tochter sei,« hob sie drohend an, »das Mädchen stellte sich dagegen als eine Kabul vor. Wem soll ich glauben? Ihnen nicht. Und erklärte das Kind selber sich für Ihre Tochter, würde ich dennoch die gerechtesten Zweifel hegen; denn sie ist eine Kabul, eine echte Kabul, was auch immer Ihren Beziehungen zu ihr zugrunde liegen mag.« Merediths zuversichtliches Auftreten schien Lenkhart zu verwirren. Doch nur wenige Sekunden dauerte seine Unentschlossenheit. Dann rief er, die Hände faltend, inbrünstig aus: »Meine geliebte Tochter will man von mir reißen? Maßlieb, die Freude ihrer Eltern? O, Maßlieb! Warum müssen wir deinetwegen unser kärgliches Brot fortgesetzt unter Sorgen und Tränen essen?« »Was bewegte das Kind, sich von Ihnen zu trennen?« fragte Meredith ungerührt. »Sie treiben mich zu einem schmerzlichen Geständnis,« antwortete der Admiral, »allein um den Preis, wieder mit meiner Tochter vereinigt zu werden, bringe ich auch dieses Opfer, so schwer es mir auch werden mag: Unsere Maßlieb war ein gutes, freundliches Kind, eine folgsame Tochter, die die Stütze unseres Alters zu werden versprach. Doch unsere Hoffnungen sollten sich nicht erfüllen. War unsere blinde Liebe die Ursache, oder die unstete Lebensweise, genug, unsere Tochter wurde eine eigensinnige Landstreicherin. Sie begann damit, uns in kleinen Dingen zu hintergehen, und anstatt durch Züchtigungen gebessert zu werden, übten solche die entgegengesetzte Wirkung auf sie aus. Sie wurde störrisch, und als sie erst inne wurde, daß wir die Gewalt über sie eingebüßt hatten, erklärte sie, sie sei es müde, Pauke und Becken zu schlagen, und eh' wir uns dessen versahen, entlief sie. Ein glücklicher Zufall führte mich auf ihre Spur, und in dem Augenblick, in dem ich die noch immer geliebte Landstreicherin in meine Arme zu schließen hoffe, erfahre ich, daß sie sich einen falschen Namen beigelegt hat. In diesem Augenblick erhob sich der junge Fremde, der so lange mit ernster Spannung dem Gespräch gefolgt war. »Mit Ihrer gütigen Erlaubnis, Fräulein Kabul,« wendete er sich an diese, die, wie in einen wüsten Traum versenkt, finster vor sich niederschaute, dann vor Lenkhart hintretend, maß er ihn mit ruhigen Blicken. »Das junge Mädchen, auf das Sie Ihre Schmähungen häufen, sah ich vor einer Stunde zum erstenmal,« hob er an, und im Tone seiner Stimme offenbarte sich Verachtung und Ungläubigkeit, »und dennoch wage ich zu behaupten, daß Ihre Anklagen auf einer Entstellung der Wahrheit beruhen. Sie nennen sich den Vater des armen Kindes? Sie, in dessen Worten eher alles andere verborgen ist, als auch nur eine Spur jenes geheimnisvollen Instinktes, mit dem sogar eine Wölfin ihre Jungen verteidigt?« Lenkhart bedurfte der Überlegung zu einer Antwort. Endlich begann er zögernd, wie mit innerem Widerstreben: »Ich sehe, das Äußere meiner Tochter hat Sie bestochen – sie ist ja so gewandt in Schauspielerkünsten –, doch rufen Sie sie hierher und versuchen Sie, ob sie zu bestreiten wagt, daß ich ihr Vater bin, daß sie unter einem falschen Namen sich hier eindrängte. Gibt die böse Landstreicherin aber zu, den einen Betrug ausgeführt zu haben, welchen Glauben verdienen dann ihre anderen Beteuerungen? Im übrigen gestatten Sie die Frage: Wenn Sie mein Töchterchen erst seit einer halben Stunde kennen, wie darf ich mir erklären, daß Sie dennoch eine so innige Teilnahme für die Landstreicherin an den Tag legen? Sollte Ihre Bekanntschaft mit meiner ungeratenen Tochter wirklich erst eine halbe Stunde alt sein?« Der junge Mann prallte zurück. Er war so bestürzt über Lenkharts berechnende Bosheit, daß er ihm nur einen zermalmenden Blick zuzuwerfen vermochte. Wiederum das dumpfe Schweigen. Draußen aber, vor der Zimmertür, knisterte der Sand unter schmalen Füßen, indem eine in sich zusammengebrochene Gestalt von dem Flur in den Garten hinausschwankte. Meredith war die Erste, die nach Lenkharts hinterlistigem Angriff auf Maßlieb Worte fand. »Warum verlieren wir Worte?« fragte sie kalt, aber ihre Blicke verrieten, wie heftig es in ihrem Innern arbeitete, »das Mädchen ist eine Kabul und wird die scheußlichen Anklagen jenes Wahnsinnigen mit dem ganzen Stolz und der ganzen Verachtung einer echten Kabul zurückweisen –« Der Helm klirrte. »Eine andere Kabul,« fuhr sie nach einem flüchtigen Blick auf das niedersinkende Visier ruhiger fort, »auch sie besitzt ein klares Urteil. Sie soll das Kind herbeirufen und dann wird sich zeigen, ob jener Wahnsinnige den Mut besitzt, einer Unschuldigen gegenüber seine Anklagen aufrechtzuerhalten.« Lenkhart suchte nach Worten zu einer Erwiderung, als Esther eintrat und, erstaunt über die fremden Gesichter, in der Nähe der Tür stehen blieb. »Esther Kabul,« redete Meredith sie alsbald an, »dein frühes Eintreffen ist mir doppelt willkommen. Gehe hinauf zu Maßlieb und führe sie hierher. Sage ihr, es trete die Aufgabe an Sie heran, wie eine echte Kabul den bösesten aller Schmähungen zu begegnen habe. Du aber stehe ihr zur Seite, um jenem Menschen Gelegenheit zu geben, vor der aus deinem Antlitz sich spiegelnden Entrüstung kläglich in sich zusammenzuschauern.« Esther erschrak über den in Merediths Wesen sich offenbarenden feierlichen Ernst. Sie schien eine nähere Erklärung zu erwarten, als eine befehlende Handbewegung sie zur Eile trieb. Eine Minute verrann und noch eine, ohne daß die Stille in dem Zimmer anders als durch der Altertümlerin Schritte unterbrochen worden wäre. Plötzlich blieb Meredith stehen. »Das verleumdete Kind scheut sich einzutreten,« suchte sie vor den anderen wie vor sich selber Esthers langes Ausbleiben zu entschuldigen. Schnelle Schritte kamen die Treppe herunter und gleich darauf erschien Esther bleich und atemlos. »Sie ist verschwunden!« klagte sie laut, »sie ist entflohen –« »Nein, sie ist eine Kabul,« herrschte Meredith ihr zu, »sie besitzt ihren Stolz, sie verschmäht es, einem böswilligen Verleumder Rede zu stehen!« »Das Kleid, das sie heute trug – es liegt da,« wendete Esther angstvoll ein, »dagegen fehlt der Anzug, in dem sie bei uns eintraf.« Meredith sank schwerfällig auf einen Stuhl, und Lenkhart fest ansehend, sprach sie drohend: »Verursacht Ihr Eindringen, daß die Ärmste hilflos in die Welt hinausfloh, dann mögen Sie auf das Ärgste gefaßt sein. Das Karussell behalte ich im Auge und wehe Ihnen, wenn –« Lenkhart wich vor Merediths drohender Armbewegung bis an die Tür zurück, und entfernte sich gleich darauf eilig. »Also fort?« fragte Meredith, sobald Lenkhart verschwunden war. »Sie hält sich vielleicht noch im Garten oder im Hause selber verborgen,« antwortete Esther zaghaft. »Nein,« entschied Meredith streng, »sie wechselte die Kleider, und darin liegt alles. Arm und elend, wie sie hier einzog, ist sie wieder gegangen. Sie ist eine Kabul, mögen auch sonst gerechte Vorwürfe sie treffen. Ich aber will ihren Namen nicht mehr hören, will nicht mehr daran erinnert werden, daß auch eine Kabul zur – zur Landstreicherin herabsinken kann. Und nun zu den Geschäften,« raffte sie sich mit gewaltsam erzwungener Ruhe empor, und sich nach dem Schreibtisch hinüberbegebend, nahm sie die Liste der Altertümer wieder zur Hand. Der Name Maßlieb wurde nicht mehr ausgesprochen. Um so schwerer lastete die Erinnerung auf allen, die in flüchtigen Verkehr mit dem scheuen, märchenhaften Wesen getreten waren. Achtes Kapitel. Not zur Not, Elend zum Elend. Die letzten Worte Lenkharts, die Maßlieb an der Türe erlauscht hatte: seine boshafte Hindeutung auf die Möglichkeit ihrer längeren Bekanntschaft mit dem jungen Fremden, hatten ihr gewissermaßen den Todesstoß gegeben. Wie betäubt schwankte sie in den Garten, und weiter, auf die Straße hinaus, wie ein durch den Jäger und seine Meute aufgescheuchtes Wild, unbekümmert um Zeit, Umgebung oder Richtung. Sie seufzte nicht, noch schluchzte oder klagte sie. Von der Mitleidlosigkeit der Menschen zu fest überzeugt, dachte sie nicht daran irgendwen um Beistand oder Rat zu bitten. Da entdeckte sie vor sich wieder einen Polizeidiener, der ihr gerade entgegenkam, und unfähig, sich zur Flucht zu wenden, trat sie seitwärts in eine hellerleuchtete Flurhalle, als ob sie dort zu Hause gehört hätte. Mehrere Türen öffneten auf diesen Flur und aus allen strömte ihr das Summen zahlreicher Stimmen und der Duft von Speisen und brennenden Zigarren entgegen. Geräuschvoll scherzende Männer verließen die vor ihr liegenden Räume; andere drängten sich von hinten an ihr vorbei. Keiner gab sich die Mühe, nach ihrem Begehr zu fragen, bis endlich ein Aufwärter sich näherte, um die vermeintliche Bettlerin aus der Tür zu weisen. Sie wollte antworten, flehen, allein die Stimme versagte ihr. Trostlos um sich spähend, entdeckte sie endlich einen hochbetagten Mann in dürftigem, jedoch einen gewissen exzentrischen Geschmack verratendem Anzüge, der innerhalb des nächsten Zimmers neben der offenen Türe stand und die Gitarre spielte. Auf diesen zeigte sie mit einer matten Handbewegung, und trat in ihrer Verzweiflung neben ihn hin. »In einem kühlen Grunde,« tönte es melancholisch von den scharfgestimmten Saiten, während das Haupt des Greises traurig auf seiner Brust ruhte. Von seinem Ellenbogengelenk hing eine rostige Sparbüchse nieder, die jedem Vorübergehenden in die Augen fallen mußte. Der eine warf eine Kupfermünze hinein, der andere ein kleines, ganz kleines Silberstück; aber wie viele gingen vorbei, ohne den armen alten Mann zu bemerken, oder ihn zu beachten, der es sicher noch als eine hohe Vergünstigung des Schicksals pries, überhaupt dort geduldet zu werden! Sie gingen vorbei lachend und scherzend. Für sie gab es kein hinfälliges, unter Sorgen und Elend sich dem Grabe zuneigendes Alter, gab es keinen Hunger, keine Kälte. Noch weniger fiel es jemandem ein, den schüchternen Greis nach dem Woher oder Wohin zu fragen. »In einem kühlen Grunde,« begann der Greis die alte Volksweise, als Maßlieb neben ihn trat. Vorn die vielen geräuschvoll zechenden Männer, hinter ihr der drohende Kellner; sie wußte nicht, was sie tat; aber als ob ein freundlicher Genius ihr geraten und ihr zugleich die Kraft zur Ausführung ihres plötzlichen Entschlusses verliehen hätte, erhob sie ihre Stimme, und hell und klar ertönte das Liedchen, das sie wohl hundertmal dem heruntergekommenen Korpsburschen, dem getreuen Kappel, vorgesungen hatte, von ihm zum Dank dafür nach besten Kräften über Anstand und Vortrag belehrt. Beim ersten Ton, der über ihre Lippen drang, stockte das Spiel, und schüchtern sah der kleine, schwächliche Greis zu ihr empor. Als sie ihm aber mit einem unsäglich schmerzlichen Lächeln zunickte, durch ihre flehenden Blicke ihn bat, sich ihrer zu erbarmen, da wußte er, daß Unglück sich zum Unglück gesellt hatte. Kräftiger griff er daher in die Saiten, und aufmerksamer regelte er die Begleitung nach der zarten Stimme, die sich zutraulich an sein altes, vereinsamtes Herz anschmiegte. Die Blicke hielt er dabei starr auf das liebliche Antlitz gerichtet, das in seiner fieberhaft wechselnden Farbe und den furchtsam gesenkten Augen von rührender Schönheit war. Der Kellner hatte von ihr abgelassen, ja, er schien sogar durch ihre Stimme bezaubert zu sein. Eine schwere Last wälzte sich von ihrer Brust und freier achtete sie auf die ihren Gesang begleitenden Akkorde. Leise und zart vibrierend hatte sie begonnen, leise und zart wie eben erwachend aus einem Traum. Allmählich aber verdoppelte sie ihre Anstrengungen; immer weiter drangen die lieblichen Tonwellen infolge ihres wachsenden Mutes, aber auch weil das Geräusch der sorglos scherzenden Männer verstummt war und immer mehr Ohren sich lauschend ihr zuneigten. In ihrer Stimme barg sich eine eigentümliche Zauberkraft. Sie offenbarte die Leiden ihres ganzen Lebens, und damit öffnete sie sich auch das Herz des greisen Spielers. Er spielte, wie er sich nicht entsann, jemals gespielt zu haben, als des Lebens und Liebens holdestes Glück ihm lächelte, frische Lippen und heitere Blicke ihm Beifall spendeten. Aber indem die dumpfen Akkorde des Instrumentes schwollen, belebte sich sein tiefdurchfurchtes Antlitz, leuchteten enthusiastisch seine milden, blauen Augen, befleißigte er sich mehr und mehr einer theatralischen Heldenstellung. Aber auch Maßliebs Zuversicht wuchs und mit dieser die Innigkeit ihres kunstlosen, seltsam ergreifenden Vortrages. Durch alle Gemächer hatte sich Stille verbreitet. Niemand trat heraus, und wer kam, der blieb im Eingange stehen, um die vor Scham und Furcht erglühende junge Sängerin zu beobachten, und sich an dem sittigen Ausdruck zu werden, mit dem sie die Worte des alten Liedes aus ihrem eigenen Herzen ablas. Am liebsten möcht ich sterben, Dann wär's auf einmal still – Dann sah sie empor. Die Stille ringsum und die auf sie gerichteten Blicke erschreckten sie; unwillkürlich zurücktretend, suchte sie sich hinter ihrem zufälligen Beschützer zu verbergen. »Da capo!« hieß es hier und dort, »ein neues Lied!« riefen andere, während wieder andere, angefeuert durch den Gesang, nach neuen Flaschen verlangten. Da trat der Wirt vor den Guitarrespieler hin. »Ein neues Lied,« befahl er, um seinen Gästen gefällig zu sein, »ein neues schönes Lied!« und er zeigte eine größere Silbermünze. Der Greis blickte fragend in Maßliebs Augen. »Ich kann nicht mehr –« lispelte diese, kurz und schwer atmend, »gern möchte ich – allein es ist unmöglich – ich kann nicht –« »Nicht mehr singen!« riefen einige der zunächststehenden Gäste, mehr durch den flehentlichen Ausdruck ihrer feuchtschimmernden Augen, als durch die Worte selbst angeregt, »nicht mehr singen, kleine Nachtigall! Aber morgen abend erfreust du uns vielleicht wieder!« Ein munterer Bursche mit lebhaften, gutmütigen Augen, der uns bereits bekannt gewordene Gerhardt, näherte sich schnellen Schrittes dem alten Manne. Die Sparbüchse nahm er von seinem Arm, und mit ihr rasselnd eilte er durch alle Räume. Und als er endlich unter mancherlei jubelnden und aufmunternden Zurufen seinen Rundgang beendigt hatte, da begab er sich wieder an die Tür zurück, und Maßlieb die gefüllte Büchse einhändigend, wünschte er ihr scherzend, daß sie beim Nachzählen einige aus Versehen hineingeworfene goldene Dreier finden möge. Wie leicht war ihr bisher geworden, an des alten Kappel Seite Paukenschläge und Becken zu handhaben; und wie tief fühlte sie sich plötzlich entwürdigt, für ein Liedchen an der Tür so großmütig abgefertigt zu werden! Unwillkürlich spähte sie zu den wieder untereinanderwogenden Gästen hinüber. Schaudernd gedachte sie der Möglichkeit, daß der ernste junge Mann, der sich im Hause Merediths zu ihrem Verteidiger aufgeworfen hatte, sich hierher verirrt haben könnte, und hastig ihres greisen Begleiters Hand ergreifend, zog sie den willenlos Folgenden mit sich auf die Straße hinaus. Dort händigte sie ihm die Blechbüchse ein; als er sie aber aufforderte, den ungewöhnlich reichen Ertrag mit ihm zu teilen, da zog sie ihn immer weiter fort, und in stilles Weinen ausbrechend, gestand sie, daß er sie aus einer furchtbaren Lage gerettet habe, daß sie allein und verlassen in der Welt dastehe, nicht wisse, wohin sie sich wenden, wo ihr müdes Haupt niederlegen solle. Die Not zur Not, das Elend zum Elend! Wenige Fragen des alten Mannes, und offen und zutraulich erzählte Maßlieb, wie sie den Besitzern der grünen Arche entflohen sei, schilderte sie den Gemütszustand, in dem sie sich während ihres Aufenthaltes in Merediths Behausung befunden habe. Nichts verschwieg sie ihm; weder die Annahme eines fremden Namens, noch die Umstände, die sie aufs neue zur Flucht bewegt hatten. Als aber ihr greiser Begleiter wie tröstend erwähnte, daß er selber ebenfalls vereinsamt dastehe, nur einen engen, ärmlichen Raum seine Wohnung nenne, da bat sie ihn unter heißen Tränen, sie bei sich aufzunehmen, sie nicht grausam zu verstoßen. Sie berief sich auf ihren Gesang und daß sie bereit sei, mit ihm von Haus zu Haus zu ziehen, mit ihm vereinigt ihr Brot zu erwerben; für ihn zu sorgen, ihn zu pflegen und seine Güte ihm zu vergelten durch innige, kindliche Dankbarkeit. Der alte Mann antwortete lange nicht. Das Herz wollte ihm brechen vor Wehmut bei der ihm mit so viel Seelenangst angetragenen Liebe; und dennoch erschien es ihm wie ein Verbrechen, solch junges Leben an seinen hinfälligen Körper, an seinen sich bereits abstumpfenden Geist zu fesseln. Aber fester umspannte er die kleine, warme Hand Maßliebs und so gingen sie durch breite, hell erleuchtete Straßen und düstere Gassen; vorbei an offenen Türen, wo ihre Musik gewiß willkommen geheißen worden wäre, vorbei an Portalen, in denen langbärtige, phantastisch aufgeputzte Türhüter gravitätisch standen. Immer weiter und weiter durch Straßen und Gassen, weiter und weiter Hand in Hand. Nur einmal trennte sich der Greis von seiner ängstlichen Begleiterin auf einige Minuten, um in einen Kaufladen einzutreten und Lebensmittel für sich und seinen Gast einzukaufen. Und dann zogen sie wieder ihres Weges, Hand in Hand und in ernstes Schweigen versunken. Die Vergangenheit des hohen Alters, die Zukunft blühender Jugend, wie erzeugten sie einander so ähnliche Empfindungen! Keiner wußte des anderen Namen, noch fragte er danach. Bei ihnen bedurfte es dessen auch nicht: die Not zur Not, das Elend zum Elend, und vor allem zum warmen Herzen ein warmes Herz. Allmählich wurden die Straßen winkliger und unregelmäßiger. Sie waren in den Stadtteil gelangt, in dem des Lebens trübste Zugaben ihren Wohnsitz ausgeschlagen hatten. Vor einem hohen, in den oberen Stockwerken weit übergebauten Hause, dessen unterste Fenster auf der einen Seite des Einganges stark vergittert waren, blieb der alte Mann stehen. »Wir sind zur Stelle,« hob er mit erzwungener Sorglosigkeit an. »Einladend ist diese Stätte nicht, allein mir genügt sie. Das Alter darf überhaupt keine hohen Ansprüche mehr erheben, und so bin ich zufrieden, einen Winkel zu besitzen, in den ich mich zur nächtlichen Stunde und bei ungünstiger Witterung zurückziehen kann. Hier hinter den eisernen Stangen und den festgeschlossenen Läden wohnt der Hauswirt. Den weisen Nathan nennen sie ihn allgemein; und ein hoher Grad von Weisheit, vielleicht auch das Gegenteil, gehört dazu, bei einem unstreitig fürstlichen Vermögen sich in eine solche Umgebung zurückzuziehen. Denn das Vorderhaus und die umfangreichen Hintergebäude sind überfüllt mit Familien und einzelnen Leuten, deren Verkehr ich gern meide. Ich begegne ihnen indessen stets freundlich, und dadurch sichere ich mir meine Ruhe. Doch herrscht in dieser Republik die Sitte, daß jeder neu Zuziehende sich innerhalb der ersten vierundzwanzig Stunden vorstellt, auch wohl zum allgemeinen Besten ein kleines Antrittsgeld entrichtet. Um deinerselbstwillen möchte ich nicht gegen diesen Brauch verstoßen; wohl aber wünsche ich, das Verfahren abzukürzen. Ist dirs daher recht, so erfüllen wir die im Grunde harmlose Form jetzt gleich. Verrate nur keine Furcht, und sollte man das Verlangen an dich stellen, so gib statt des Antrittsgeldes ein Liedchen. Diese Menschen erinnern in manchen Beziehungen an gezähmte Bestien: füttere sie, schmeichle ihnen, erkenne ihren eingebildeten Wert an, und du verwandelst sie in Sklaven. Bist du bereit auf meinen Vorschlag einzugehen?« »Ich bin es,« antwortete Maßlieb entschlossen. »Fürchtest du dich nicht? Du wirst vielleicht Szenen beiwohnen, die dich mit Grausen erfüllen.« »Sie sind ja bei mir,« versetzte Maßlieb beklommen und mit einer kindlichen Einfachheit, als wäre der hinfällige Greis imstande gewesen, für sie mit Titanen zu kämpfen. »So folge mir,« entschied dieser alsbald, indem er die Paketchen in seinen Taschen unterbrachte und die Guitarre wieder an sich nahm. Dann Maßliebs Hand ergreifend, schritt er über die Straße hinüber. Die durch ein in Rollen laufendes Gewicht in ihren Fugen gehaltene uralte Haustür öffnete sich vor seinem Druck, und nachdem Maßlieb eingetreten war, ließ er sie geräuschlos zurücksinken. Sie befanden sich in einem finsteren Flurgange. Ein Weilchen zögerte der Greis. »In den Höhlen des Elends und in den Palästen beginnt um diese Zeit erst das eigentliche Leben,« flüsterte er, indem er, vorsichtig einherschreitend, Maßlieb nach sich zog; »eine wunderbare Ähnlichkeit der Gewohnheiten. Man sollte meinen, beide Teile scheuten das Tageslicht.« Er lachte bitter, und eine Tür aufstoßend, schritten sie über einen engen Hofraum. Hoch hinauf ragten ringsum die Mauern mit den vereinzelten, matt erleuchteten, bleigefaßten Fenstern. Maßlieb hatte kaum einen besorgten Blick zu den Sternen hinaufgesandt, die aus unberechenbaren Fernen zu ihr wie in einen Brunnenkessel niederfunkelten, da umgaben sie wieder die feuchte Kellerluft und schwarze Finsternis eines neuen Flurganges. »Beunruhige dich nicht,« tröstete der Greis, als Maßlieb, erschreckt durch die Nähe keifender, drohender und singender Stimmen, seine Hand fester umklammerte, »wir treten wohl auf den Tummelplatz der Wölfe, allein an meiner Seite bist du sicher. Muß ich dir doch meine Nachbarschaft zeigen, bevor ich sage: Komm, du armes, verlassenes Herz, komm zu mir in mein Winkelchen. Meine dürftige Stätte soll die deinige sein, mein Stückchen Brot will ich mit dir teilen um der liebevollen Anrede willen, die mir nach vielen, vielen Jahren durch dich zum ersten Male wieder zuteil wurde.« Wiederum öffnete sich eine Tür, und vor Maßliebs Blicken lag ein großer Hof, in dessen Mitte ein helles Feuer brannte, das mit zerlegenem Bettstroh und den verschiedensten, aus allen Himmelsrichtungen zusammengeschleppten Holzarten und Möbelüberresten genährt wurde. Die flackernden Flammen verbreiteten eine unheimliche Beleuchtung und schmückten mit grellroten Reflexen Szenen und Bilder, die Maßlieb mit Grauen erfüllten. Als rötlich gefärbte Wolke schwebte der Rauch in halber Höhe des baufälligen Gemäuers, sich vereinigend mit dem Pesthauch, der dem über den ganzen Hof reichenden Kehrichthaufen entströmte. Neben dem Feuer stand eine Handkarre, in dieser lag oder saß vielmehr ein breitschultriger Mann mit noch jugendlichem, jedoch verwittertem, bärtigem Gesicht. Seine Füße ruhten vor dem Karrenkasten auf der Erde, wogegen sein rückwärts hangendes Haupt durch das Rad gestützt wurde. Eine zusammengerollte Jacke diente ihm als Kopfkissen. Augenscheinlich im Begriff, in der wunderlichen Lage einen schweren Rausch auszuschlafen, duldete er willig, daß zwei verwilderte, halberwachsene Burschen zum Ergötzen der in der Nähe Kauernden und Lagernden ihm das Gesicht mittels Holzkohlenstaub schwarz färbten. Ein zottiger, weißer Hund, der an Häßlichkeit seinesgleichen suchte, saß neben der Karre aufrecht auf den Hinterfüßen, als hätte er das von einem Eichhorn gelernt gehabt. Alles übrige fiel zusammen in ein scheußliches Gewirr zerlumpter Weiber und Kinder, rauchender und Karten spielender Männer und dem Knabenalter noch nicht entwachsener Burschen, die alle zugleich sprachen, sangen, zeterten, fluchten und keiften und in den jammernden Tönen einer mit Fertigkeit mißhandelten Ziehharmonika die entsprechende Begleitung zu dem von ihnen erzeugten Getöse fanden. »Halloh! der Kapellmeister!« brüllte aus dem Hintergrunde eine heisere Männerstimme den Eintreffenden entgegen. »Platz für den Kapellmeister!« hieß es aus verschiedenen Richtungen. »Gebt ihm 'nen Stuhl, dem alten Herrn, denn er ist entweder schwach geworden, oder 'ne reiche Erbschaft fiel ihm zu, daß er uns endlich wieder einmal die Ehre erweist!« Und fast ebenso schnell, wie diese Rufe aufeinander folgten, rückten einige Weiber zur Seite, worauf eine Waschbank so für ihn vor das Feuer hingeschoben wurde, daß er von ihr aus sich bequem zu wärmen vermochte. Überallhin befangen grüßend, setzte der greise Guitarrespieler sich nieder. Kaum aber hatte Maßlieb, seiner Einladung folgend, neben ihm Platz genommen, daß der volle Schein der Flammen ihr bleiches, von dunklen Locken umwalltes Antlitz traf, da drängten sich von allen Seiten immer neue Gestalten herbei, um die fremde Erscheinung neugierig zu betrachten und den alten Mann mit Fragen über seine Begleiterin zu bestürmen. »Eine Verwandte von mir,« beruhigte der Greis die Leute, bei denen alles Neue Mißtrauen erweckte; »ich traf sie auf der Straße; verwaist und mittellos wußte sie nicht wohin, und da erbarmte ich mich ihrer.« Ein kurzer, breitschultriger Arbeiter bahnte sich mit den Ellenbogen einen Weg durch das Gedränge, und einen flackernden Feuerbrand ergreifend, beleuchtete er Maßlieb von oben bis unten, wobei der Dampf einer kurzen Tabakspfeife sein kupfrigglühendes, rotbärtiges Antlitz mit den kleinen, funkelnden Augen fast bis zur Unkenntlichkeit verschleierte. Maßlieb zitterte, gewann es aber über sich, den wilden Blicken mit Ruhe zu begegnen. »Wie heißt sie?« fragte er den Greis knurrend. Dieser blickte gespannt auf seine Gefährtin, die für ihn antwortete: »Maßlieb.« »Du mußt einen zweiten Namen besitzen,« fuhr der Unhold weniger brutal fort. Maßlieb sah ängstlich auf ihren Beschützer, und »Schwärmer«, »Maßlieb Schwärmer«, antwortete dieser an ihrer Stelle. »Also wie Sie selber,« versetzte der Arbeiter, gut; »wird sie länger als vierundzwanzig Stunden bei Ihnen hausen?« »Hoffentlich,« meinte Schwärmer, »denn es hält schwer, für solch Kind bald ein gutes Unterkommen zu finden.« »Wie stehts mit dem Antrittsgeld?« hieß es weiter, und drohend schallte bei dem plötzlich eingetretenen Schweigen die rauhe Stimme über den Hofraum, während alle Blicke mit dem Ausdruck gespanntester Neugierde an Maßliebs bebender Gestalt hingen. »Es soll nicht vorenthalten werden,« versetzte Schwärmer, die Lebensmittel zwischen sich und Maßlieb auf die Bank legend und nach seiner Sparbüchse greifend. »Womit ernährt sie sich? Denn Sie selber können nicht auch noch für andere sorgen.« Einen trüben Blick warf der alte Guitarrespieler auf seinen schwarzen, fadenscheinigen Anzug mit den polnischen Schnüren und die bereits schadhaften Stiefeln. Ein bitteres Lächeln spielte um seine eingesunkenen Lippen, während die matten, blauen Augen sich vor heftiger Gemütsbewegung röteten. »Maßlieb,« wendete er sich an seine jugendliche Begleiterin, »besitzest du die Kraft, den Leuten zu zeigen, was du verstehst?« Maßlieb neigte zustimmend ihr Haupt; Schwärmer stützte die Guitarre aufs linke Knie, schlug einige Akkorde an und begann die Saiten aufmerksam zu stimmen. Im Hintergrunde wurden aber wieder Stimmen laut, Rufe nach Musik erschallten, und zugleich machte die Ziehharmonika sich bemerklich. »Ruhe!« donnerte der rotbärtige Unhold, den noch immer in seiner Faust glimmenden Feuerbrand ums Haupt schwingend, bis er aufs Neue loderte, »der erste, der einen Laut von sich gibt, wird bis über die Knie in die Erde gegraben, und mag so lange kalt sitzen, bis die Sonne ihn warm scheint oder er sich mit den eigenen Fingernägeln freigescharrt hat!« Die Gitarre war gestimmt. Außer dem Knistern des Feuers und dem Röcheln des Trunkenen war kein Laut vernehmbar. Schwärmer richtete flüsternd eine Frage an Maßlieb. Diese nickte zustimmend. Ein kurzes Vorspiel auf den Saiten, und hell und klar mit einem unbeschreiblich schwermütigen Ausdruck tönte über den wüsten Hof: Fern im Süd das schöne Spanien. Ein altes Lied hatte Maßlieb gewählt. Ein Lied, dessen Kenntnis sie dem heruntergekommenen Korpsburschen verdankte, und das jeder einzelne ihrer Zuhörer gewiß unzähligemale gehört, auch wohl unter Begleitung der Ziehharmonika mitgesungen hatte; und dennoch, wie lauschten alle gespannt und glätteten sich die durch tierische Zügellosigkeit entstellten Physiognomien beim Klange der süßen Stimme! Nachdenklich blickte Schwärmer auf die Gruppen der Wölfe, die vor Spannung kaum zu atmen wagten. Trübe blickte er auf sie hin, während seine Finger gewandt über die Saiten eilten. Wohin könnten diese Elenden geführt werden, bliebe ihnen nicht jede Gelegenheit zu edleren Geistesanregungen verschlossen, dachte er. Aber geschieden durch unübersteigliche Hindernisse von allem, was die Sinne empfänglich macht für das Gute und Schöne, müssen sie versinken im Pfuhl des Lasters! Der erste Vers der zum Volkslied gewordenen Weise war verklungen, und innehaltend blickte Schwärmer auf Maßlieb. »Weiter! Weiter!« tönte es aus dem Hintergrunde herüber, daß ein Schauder Maßliebs Gestalt durchlief. »Nicht weiter,« donnerte der Mann in der Karre dazwischen, indem er emporschnellte. Der vorhergegangene Lärm hatte ihn nicht zu ermuntern vermocht, wohl aber die plötzliche Stille und die Wirkung des darauffolgenden, süßen Gesanges. »Nicht weiter, bei allen Teufeln!« wiederholte er noch wilder, so daß niemand wagte, ihn seines geschwärzten Antlitzes wegen zu verspotten! »wer singt wie 'ne leibhaftige Nachtigall, der hat 'n Recht, aufzuhören, wenns ihm gefällig ist. Will das Kind uns aber noch 'nen Vers aus freien Stücken zum besten geben – verdammt! Wenn sichs ums Antrittsgeld handelt, so ist's mit dem Vers abgemacht, und wer anders darüber denkt, der mag's sagen; hier steh ich!« und dröhnend schlug er sich mit der Faust auf die Brust. »Der Lampendoktor hat Recht!« heulte es ringsum, »der Lampendoktor ist 'n Mann auf dem Platz, und was er sagt, hat Hand und Fuß!« Der Lampendoktor, wie der frühere Laternenanzünder genannt wurde, fuhr mit der Hand über sein Gesicht, und als er gewahrte, daß ihm ein hinterlistiger Streich gespielt worden war, zuckte er geringschätzig die Achseln. »Verdammt,« bemerkte er sorglos, »das bißchen Schwärze hindert nicht, solange man nicht im wachen Zustande gefärbt wird, und das mag bei mir noch 'ne Weile dauern –« Schwärmer, Maßliebs Entschluß erratend und beseelt von dem Wunsche, die beängstigende Szene abzukürzen, riß an den Saiten, und wieder senkte sich Stille aus die bunte Versammlung. Maßlieb war jetzt mutiger geworden, und freier, ausdrucksvoller sang sie den letzten Vers. Wiederum lauschten alle mit unverkennbarer Befriedigung. Hier und da nickte wohl auch ein zottiges Haupt den Takt zu den begleitenden Akkorden. Als Maßlieb aber mit dem schwermütigen: Unter schattigen Kastanien Möcht ich einst begraben sein! abschloß, da schienen die baufälligen Mauern ringsum zu beben vor dem Beifallsgeheul, mit dem ihr Gesang belohnt wurde. Doch der Lampendoktor verschaffte sich wieder Gehör, und mit selbstbewußter Haltung vor Schwärmer hintretend, reichte er ihm die Hand. »Herr Kapellmeister,« redete er ihn an, »das Antrittsgeld für Ihre Verwandte, oder was sie sein mag, ist hiermit bezahlt, und so viel verspreche ich Ihnen: wer dem schwarzlockigen Dinge da mit 'nem Wort zu nahe tritt, der soll mich, den Lampendoktor, kennen lernen. Sie sind jetzt entlassen,« fügte er mit wunderlicher Erhabenheit hinzu, »und gute Freunde bleiben wir bis ans Ende der Welt, oder ich will verdammt sein.« »Und hier ist meine Hand, du kleine niedliche Zauberhexe!« rief der rotbärtige Unhold aus, indem er sich Maßlieb näherte. »Zurück!« brüllte der Lampendoktor ihm zu, »zurück, Kettenvogt, und rühre das Kind nicht an mit deiner Hand, die so lange mit 'nem eisernen Armband geschmückt gewesen ist.« »Und wenn ich das Mädchen küsse, kümmert's dich nicht,« schrie der frühere Strafgefangene wütend, und schien Lust zu hegen, den Worten die Tat folgen zu lassen, als ihn ein Faustschlag des Lampendoktors an der Schulter traf, daß er nach der anderen Seite des Feuers hinübertaumelte. Die auf diesen tätlichen Angriff folgende Verwirrung benutzte Schwärmer, um sich mit Maßlieb zu entfernen. Bevor er die Bebende mit sich in den Flurgang hineinzog, spähte er noch einmal zurück. Ein wahrer Höllenlärm hatte sich bei dem Feuer erhoben, indem manche für den rotbärtigen Kettenvogt, andere für den Lampendoktor Partei ergriffen, die Mehrzahl der Anwesenden aber, namentlich die Weiber mit ihren schrillen Stimmen, den Streit zu schlichten suchten. Und ihre von unverwüstlichen Lungen zeugenden Bemühungen hatten die meiste Aussicht auf Erfolg, zumal der Bursche mit der Ziehharmonika einen wilden Tanz angestimmt hatte und zugleich eine Anzahl jugendlicher Kehlen singend einfielen. Keinen Tropfen Wasser trinkt das Huhn, Ohne einen Blick zum Himmel 'rauf zu tun! hieß es im geräuschvollen Chor. Hier umschlangen sich zwei Männer, dort zwei Weiber; dort wieder faßte sich gegenseitig bei den Schultern, was sich gerade entgegen kam, und herum um das Feuer ging es wirbelnd in Sprüngen und Bewegungen, als hätte ein Hexensabbat gefeiert werden sollen. Keinen Tropfen Wasser trinkt das Huhn, Ohne einen Blick zum Himmel 'rauf zu tun! brüllte endlich auch der gutmütigere Lampendoktor, indem er den widerwillig nachgebenden Kettenvogt zum Tanz aufforderte. Durchdringendes Gellen, Kreischen und Jauchzen vervollständigten scheußlich das Höllenkonzert. Im tollen Rasen stürzten die Paare übereinander. Flaschen, so lange verheimlicht, wurden plötzlich hervorgezogen und kameradschaftlich hinüber und herüber gereicht, neues Feuer zu neuem Rasen in die Adern ergießend. Vergessen waren der Kapellmeister und Maßlieb; vergessen Sorgen und Leiden, vergessen die ganze Welt. Feindschaft und Freundschaft, verbrecherische und bessere Regungen, alles, alles ging unter in dem einzigen Trachten, die vom Zufall hingeworfenen kostbaren Minuten sorgloser Raserei nach besten Kräften und bis auf das letzte Zeitatom zu genießen. Keinen Tropfen Wasser trinkt das Huhn, Ohne einen Blick zum Himmel 'rauf zu tun! drang es dumpf zu Schwärmer und Maßlieb herüber, als sie sich über den schmalen Hof nach dem Vorderhause begaben. Träumerisch folgte Maßlieb ihrem Führer die knarrende Stiege hinauf, bis sie sich beide endlich in dem Asyl des greisen Guitarrespielers befanden. Etwa zwölf Fuß im Geviert und sechs Fuß in der Höhe mochte das düstere Dachkämmerchen halten. Ein kleiner Kochofen von Eisenblech, zwei Schemel und ein dreibeiniger, sich erschöpft an die Wand lehnender Tisch, ferner die allernotdürftigsten Küchengeräte, ein Häuflein Holz und Torf und ein verschimmelter Jagdranzen bildeten die Möbeleinrichtung des zugigen, staubigen Raumes. Als Bett diente ein breiter Strohsack, auf dem eine wollene Decke und ein alter Soldatenmantel noch genau so lagen, wie sie am frühen Morgen von den alten Händen hingeworfen worden waren. »Dies ist mein Reich,« erklärte Schwärmer, nachdem es ihm gelungen war, eine unsaubere Tranlampe in Brand zu setzen. Dann ordnete er die mitgebrachten Speisen auf dem Tisch und schob die beiden Schemel vor diesen hin. Sich Maßlieb zukehrend, forderte er sie nun auf, ihm gegenüber Platz zu nehmen und es sich nach Herzenslust munden zu lassen. »Not zur Not, Elend zum Elend, Vertrauen zum Vertrauen,« sprach er heiter, »sei mir willkommen an meinem Tisch, am Tisch des Mangels, willkommen auf dem harten Lager der Entbehrungen, und möge unser Mahl gesegnet sein, ein freundlicher Engel unsern Schlaf bewachen.« »Die Not zur Not, Elend zum Elend,« wiederholte Maßlieb, und sie lächelte ihrem greisen Wirt unter Tränen zu. Waren ihr doch solche Weisheitssprüche nicht fremd. Sie erinnerten sie an den heruntergekommenen Korpsburschen und seine mit sarkastischen Bemerkungen durchschossenen Vorlesungen über Anmut und feine Sitten. »Das Gitarrespiel muß ein nur wenig einträglicher Erwerbszweig sein,« bemerkte Maßlieb im weiteren Verlauf des traulichen Gespräches, »und wenn ich bedenke, so viele, viele Jahre hindurch –« Sie erschrak. Schwärmer war geräuschvoll emporgesprungen und mitten auf den beschränkten freien Raum hingetreten, mit der rechten Hand in sein spärliches graues Haar greifend, die linke, wie einem Phantom wehrend, von sich gestreckt. Sonst spielt ich mit Szepter, mit Krone und Stern; Das Schwert, schon als Knabe, ich schwang es so gern – sprach er mit hohler Stimme, daß Maßlieb sich vor ihm entsetzte. Dann erschlaffte seine theatralische Haltung; ein unsäglich schmerzliches Lächeln trat auf seine gramdurchfurchten Züge, und wie unter einer erdrückenden Last sich hervorarbeitend, begann er zu erzählen, ohne indessen von der einmal eingenommenen Stelle zu weichen. »Zu Höherem, zu Edlerem wurde ich geboren, als mir mein Brot mittels des unvollkommensten aller Instrumente zu erbetteln. Ja, du liebes, gutes Kind, von der Natur zu einer glänzenden Laufbahn bestimmt, mußte ich im Kampfe gegen eine neidische, intrigante Welt, gegen die ganze Menschheit unterliegen! Ich unterlag, aber mein Trost bleibt bis zum letzten Atemzuge, daß ich mit Ehren, daß ich kämpfend unterlag. Schon als Knabe fühlte ich den Beruf in mir« und seine Stimme erhielt wieder einen helleren Klang, »jene Bretter zu betreten, die die Welt bedeuten! Wohl wurden mir alle nur denkbaren Hindernisse in den Weg gelegt, sogar herben Zwang wendeten meine Eltern an, allein vergeblich. Ich lernte, ich studierte; das Bewußtsein des mir innewohnenden Talents verlieh mir Kraft und Ausdauer, und achtzehn Jahre zählte ich kaum, als mein unablässiges Streben endlich von Erfolg gekrönt wurde. Ich trat vor die Lampen hin, zwar nur in Nebenrollen, allein geleitet von einem unerschütterlichen Willen und den rosigsten Hoffnungen. Aber schon damals erfuhr ich, daß die weniger begabten Kräfte mich beneideten und von mir im Sturm überflügelt zu werden fürchteten; denn anstatt meine Mühen mit dem verdienten Beifall zu lohnen, mußte ich erleben, daß ich auf Anstiften heimlicher Feinde entweder gar nicht beachtet oder bei meinem Auftreten ausgezischt wurde. Was sollte ich tun?« fuhr der Greis fort, während seine blauen Augen in ersterbendem Feuer glühten – »ich konnte nur dulden und weiter streben. Aber alle Kämpfe blieben umsonst, meine Hoffnungen erfüllten sich nicht, und nach unsäglichen Leiden wurde ich, was du heute vor dir siehst: ein elender Gitarrespieler.« Er schwankte nach dem Tische hin, und sich auf seinen Sitz werfend, stützte er, von Schmerz überwältigt, das Haupt auf beide Hände. In Maßliebs Augen perlten Tränen. »Wenn alle Menschen Sie verkannten,« hob sie schüchtern und doch mit rührender Zutraulichkeit an, »wenn alle sich an Ihnen versündigten, so bin ich doch da, und ich bewundere, ich verehre Sie.« »Wohlan denn,« fuhr Schwärmer fort, Maßliebs Hand herzlich drückend, »so mag deine glückliche Zukunft unser einziges Sinnen und Trachten bilden; für deine Verehrung meinen Dank!« Seine Rührung über das in Maßliebs Blicken sich offenbarende Zutrauen verbergend, erhob er sich. »Die Not zur Not, das Elend zum Elend,« sprach er vor sich hin, indem er Strohsack und Decken ordnete. »Not zur Not, Elend zum Elend,« wiederholte er fast heiter, als Maßlieb, seiner Aufforderung Folge gebend, sich auf dem Strohsack dicht an die Wand schmiegte und er sich behutsam auf den äußersten Rand des harten Lagers neben sie bettete. Maßlieb hatte sich in die Decke eingehüllt, der alte Soldatenmantel schützte den greisen Bühnenhelden gegen die Kälte. Die Lampe erlosch. Ein Weilchen noch lauschte Maßlieb auf das eintönige Nagen der die morschen Bretterwände durchwühlenden Bohrwürmer und die tiefen Atemzüge ihres Beschützers. Ein Weilchen noch versuchte sie, die sie umringende Finsternis mit reger Phantasie in heitere Szenerien zu verwandeln, bis diese endlich in ihren Träumen eine freundliche Fortsetzung fanden und Vergessenheit aller überstandenen Leiden ihren mechanisch arbeitenden Geist umfing. – – Neuntes Kapitel. Ein Ständchen. Endlich war er eingetroffen, der Generalbevollmächtigte aus den Kolonien, und zwar nicht nur mit mündlichen Berichten, sondern mit Briefen von den glücklichen Ansiedlern selber an Freunde und Bekannte, mit Briefen, geschrieben im Schatten einer üppigen tropischen Vegetation, beim Rauschen langhalmigen Zuckerrohrs, beim Brüllen fetter Rinder und auf einem von Zeugungskraft strotzenden Boden. Es waren entzückende Briefe, und, großmütig hatten die Verfasser sie den Direktoren der Allgemeinen Zentrifugalbank für transatlantische Kolonisation und Missionswesen zur Verfügung gestellt, um durch deren Veröffentlichung klar vor Augen zu legen, daß reicher Segen auf dem ganzen Unternehmen ruhe, das von uneigennützigen Männern ins Leben gerufen worden war und sich einer so gewissenhaften und umsichtigen Verwaltung erfreute! Wie diese Berichte zündeten! Wie die Leute – vorzugsweise kleine Kapitalisten – sich mit ihren Ankäufen beeilten, um den von Tag zu Tag steigenden Wert der Kolonisationsaktien sich nicht bis zur Unerschwinglichkeit über den Kopf wachsen zu lassen! Die Kontorräume waren umlagert von Menschen, die die Gelegenheit zum Reichwerden nach besten Kräften auszunutzen gedachten. Wie Vertrauen weckend aber auch die Leiter des Unternehmens wirkten: die beiden Herren Direktoren, diese eleganten, von Reichtum strotzenden und dennoch so umgänglichen und fürsorglichen Persönlichkeiten! Und dann vollends der Generalbevollmächtigte, dessen gebräuntes, obwohl krankhaft bleiches Gesicht sofort bewies, daß transatlantische Luft, die Atmosphäre der Kolonien wie der Wüsten es lange umweht hatte. Seine Züge waren, der schweren Verantwortlichkeit seiner Stelle angemessen, ernst und streng verschlossen, sogar finster; wogegen eine lange, tiefe Narbe auf der linken Wange, die sich in dem dichten, wohlgepflegten Vollbart verlief, auf schwere Kämpfe mit gefährlichen Eingeborenen hinwies. Dazu die transatlantische Gewohnheit, überall bedeckt zu bleiben und gelegentlich seine Mitteilungen mit englischen Worten zu durchschießen, kurz, alles deutete auf reiche Erfahrungen hin, gesammelt auf sturmbewegten Meeren wie auf den einer prachtvollen Wildnis abgerungenen Fluren. Außerdem war es kein Geheimnis, daß er seit Jahren Emigrantenladungen über den Ozean begleitet, auch wohl sie drüben erwartet hatte, um für ihre schleunige Weiterbeförderung nach dem Innern des Landes gewissenhaft Sorge zu tragen. Unter solchen Auspizien mußten die Aktien der Zentrifugalbank steigen, und sie stiegen in der Tat bis auf Pari und sogar darüber hinaus. Wer aber über ihren täglichen Stand verbürgten Aufschluß zu haben wünschte, der brauchte nicht lange in den Zeitungsbeilagen zu forschen. Er brauchte seinen Spaziergang nur bis in die Nähe der Zentrifugalbank auszudehnen, um das, was er wissen wollte, aus den strahlenden Mienen der Leute zu lesen, denen er dort begegnete. Einen ähnlichen Ausdruck hätte er bei Merediths Nachbar, dem Gerichtsschreiber Maller, im fünften Stock entdeckt. Denn bei ihm, der vor kurzem noch der Verzweiflung anheimzufallen drohte, herrschte jetzt eitel Lust und Freude. Singend eilte er des Morgens die Treppen hinunter, um sich nach seinem Bureau zu verfügen; singend ergriff er des Abends die Feder zur nächtlichen Arbeit, und manches Fläschchen Bier, einmal sogar eine Flasche Wein – früher ein schwarzes Verbrechen an den Seinigen – gönnte er sich im Übermaß seines Entzückens, wenn der Kurszettel ihn so überaus günstig über den Stand seines Vermögens belehrte. Und die armen, lieben Kleinen, wie segneten sie in ihrer Weise die Allgemeine deutsche Zentrifugalbank für transatlantische Kolonisation und Missionswesen; denn selbst die jüngsten hatten diesen glänzenden Titel oft genug gehört, um ihn geläufig aussprechen zu können, wie den Namen eines lieben Hausfreundes, dessen Güte sie manche auf ihren Gaumen berechnete kleine Überraschung verdankten. Wie lachte die Mutter, und wie stolz nannte sie den Gatten einen klugen Spekulanten, als er ihr mehr als mäßiges Wirtschaftsgeld um eine Kleinigkeit erhöhte und in seiner Vertrauensseligkeit die teilweise schon ersparte Miete anbrach! Aber zu glücklich war der zärtliche Gatte und Vater! In seiner Herzensfreude lief er denn auch eines Tages zu seiner Nachbarin Meredith: »Bedenken Sie,« triumphierte er: »nicht nur meine sechshundert Taler sind gerettet, sondern auf jedes Hundert fallen noch zwölf Taler, volle zweiundsiebzig Taler, die so gut wie gefunden sind. Außerdem die Dividende und der Landbesitztitel, von denen verlautet, daß sie, bei dem wunderbaren Emporblühen der Kolonien, jetzt schon zu verwerten seien! Wer hätte sich das wohl träumen lassen! Statt sechshundert Taler nenne ich jetzt sechshundertundzweiundsiebzig mein!« »Möchten Sie Ihren Gewinn nicht realisieren?« fragte Meredith, die ihren Nachbar kaum wiedererkannte, von heimlicher Besorgnis beschlichen. »Jetzt? Verkaufen?« rief Maller geringschätzig aus; »nimmermehr! Das ebenmäßige Steigen der Aktien bietet die sicherste Bürgschaft für die solide Basis des Unternehmens.« »Und doch besitzen Sie das Geld wirklich erst nach dem Verkauf,« wendete Meredith zweifelnd ein. »Aber es arbeitet doch auch so für mich,« entgegnete Maller lebhaft. »Und das soll es tun, bis mein Vermögen sich verdoppelte, dann werde ich bei einem anderen Unternehmen dasselbe Verfahren mit zwölfhundert Talern einleiten. Eine herrliche Einrichtung, die Spekulation! Zweimal sechs macht zwölf; zweimal zwölf gleich vierundzwanzig; vierundzwanzig dazu ergibt achtundvierzig! Zweimal zehntausend! zwanzigtausend, und eine Köchin für meine Frau und eine Treppe niedriger, wohl gar zwei! Es lebe die Spekulation!« und herzlich lachend eilte er so leichtfüßig davon, als hätte die Hoffnung auf goldene Zeiten ihm die Gewandtheit der Knabenjahre zurückgegeben. Sinnend blickte Meredith ihm nach. Möge er sich nicht täuschen; es wäre sein Tod, lispelte sie vor sich hin, ohne zu bedenken, daß sie den drohenden Wechselfällen gegenüber sich in keiner günstigeren Lage befand, als ihr Nachbar Maller. Abweichend gegen früher, vermochte sie nicht einmal, sich an dem hohen Stande ihrer Aktien zu erfreuen. Zwei Dinge lasteten schwer auf ihrem Gemüt: die Nähe des unheimlichen Fremden, von dem sie befürchtete, daß er seinen Einfluß auf sie noch weiter ausbeuten würde, und dann das plötzliche Verschwinden jenes rätselhaften Wesens, von dem sie geglaubt hatte, daß es eine Kabul sei. Um sich der auf sie einstürmenden trüben Gedanken zu erwehren, vertiefte sie sich in eine alte Chronik; allein ihre Blicke glitten über die Schrift hin, ohne daß der Geist das Gelesene in sich aufnahm. Eine schwarze Ahnung drohenden Unheils lastete auf ihrem Gemüt! Auch auf Esther und Gerhard übte die vielgenannte Bank ihre Wirkung aus, indem sie bald bittern Hader erzeugte, bald wieder zur Nachsicht und Versöhnung stimmte. Denn je stürmischer Gerhard beteuerte, in der Zentrifugalbank das sicherste Mittel zu ihrer beschleunigten Vereinigung zu entdecken, um so geringschätziger beteuerte Esther, daß alle kaufmännischen Geschäfte ihr gründlich verhaßt seien, und der Zank war fertig. Nur Maßlieb fragte nicht nach Kursen und nicht nach Aktien: sorglos begleitete sie den alten Schauspieler auf seinen täglichen Rundreisen und ließ ihre liebliche Stimme zu seinen Gitarreakkorden ertönen. Schon des Morgens in der Frühe begaben sie sich auf den Weg, bald nach dieser, bald nach jener Richtung, wie Schwärmer sein Stadtrevier in besondere Distrikte eingeteilt hatte. Seitdem er aber im Verein mit Maßlieb wirkte, erhielt er oft statt der früheren Kupfermünzen, blankes Silber, nicht selten auch wurde diesem ein kräftiges Mahl beigefügt, wenn gerade irgendeine matronenhafte Hausehre, nach einem Blick auf das schöne Antlitz der schüchternen Sängerin, durch diese oder jene weltbekannte Volksweise an den eigenen entschwundenen Liebesfrühling erinnert worden war. Zwei Wochen und darüber waren verstrichen, und wie gewöhnlich saßen Schwärmer und Maßlieb in ihrem Dachkämmerchen vor dem invaliden Tisch. Der geheizte Kochofen verbreitete eine angenehme Wärme in dem engen Raum. In ihrem heiteren Geplauder über die Tagesereignisse störte sie das Knarren der Treppe. Gleich darauf klopfte es und auf Schwärmers Ruf trat den Hut in der Hand und sich höflich verneigend, der rotbärtige Kettenvogt ein. Schwärmer erhob sich befremdet, während Maßlieb besorgt den früheren Sträfling beobachtete. »Ich komme vom Hinterhofe,« begann er geheimnisvoll grinsend, »und zwar im Auftrag aller daselbst Versammelten. Ich soll den Herrn Kapellmeister und seine junge Verwandte bitten, zur Feier des Samstagabends uns allerseits durch ein Ständchen zu erfreuen. Besonders tragen die unschuldigen Kinder Verlangen nach der schönen Frau Nachtigall.« Der greise Schauspieler warf einen fragenden Blick auf Maßlieb, die sofort ihre Bereitwilligkeit erklärte. Sie knüpfte ein rotes Tuch um ihr Lockenhaupt; Schwärmer nahm die Gitarre, und der voraufleuchtenden Maßlieb folgend, stiegen alle drei die Treppen hinab, auf halbem Wege die Lampe auf einen Pfosten stellend. Aus dem Tummelplatz der Wölfe hatten alle sich bereits in bunter Reihe um das flackernde Feuer geordnet. Ein wilder Jubelruf begrüßte sie, worauf der Kettenvogt sie nach einer Bank hinführte, die er mit Bedacht so hingestellt hatte, daß die auf ihr Sitzenden von dem Gange des Hintergebäudes aus beobachtet werden konnten. Schwärmer griff in die Saiten, und als hätten gleich die ersten Akkorde Zauberkraft besessen, verstummten alle; keiner beachtete dabei, daß der frühere Sträfling nach dem Eingange des Hinterhauses hinüberschlich und dessen Tür, wie um Luftventilation zu erzeugen, weit öffnete. Eins ihrer Volkslieder wählte Maßlieb, und sie sang ungewöhnlich innig in dem Wunsche, denjenigen, deren Augen mit voller Hingabe an ihren Lippen hingen, eine wirkliche Freude zu bereiten. Plötzlich stockte sie, und die Farbe des Todes breitete sich über ihr eben vor Erregung glühendes Antlitz aus. Sie hatte in dem vom Feuer hell beleuchteten Flur den Karussellvater erkannt, und neben ihm zwei dunkle Brillengläser, hinter denen sie nur die lauernden Augen jenes Fremdlings vermuten konnte, der sie einst auf der Landstraße den Lenkharts streitig machen wollte. Aber noch eine dritte Person entdeckte sie zwischen den beiden ersten und über deren Schultern zu ihr hinüberspähend. Es war die eines jüngeren Mannes mit den unheimlich glühenden Augen eines Wahnsinnigen. Nur einen verschwindend kurzen Zeitraum hatten die Flammen die drei in dem Gange verborgenen Gestalten beleuchtet; doch er genügte, Maßlieb zu überzeugen, daß neue Gefahren sie bedrohten, und der schreckliche Kettenvogt sie nur darum in den Hof hinabgelockt hatte, um sie ihren Verfolgern zu zeigen. Als sie ihr Liedchen beendet hatte, bat sie, daß ihr gestattet werde, aufzuhören, und da alle sahen, daß sie sich tatsächlich kaum aufrecht halten konnte, ließen sie sie denn auch gewähren. Sobald sie aber in dem Bodenkämmerchen allein mit Schwärmer war, vertraute sie ihm, noch bebend vor Entsetzen, ihre Entdeckungen an. Eine Zentnerlast wälzte sich auf des alten Schauspielers Brust. Er wie Maßlieb waren überzeugt, daß letztere sich nicht geirrt hatte, ihres Bleibens nun aber auch nicht länger hier sein konnte. Schlaf kam diese Nacht weder in seine, noch in Maßliebs Augen. Sie wußten sich auf einer Stätte des Faustrechts, wo jeder Hilferuf der verfolgten Unschuld wirkungslos verhallte. – Doch Schwärmer und Maßlieb waren nicht die einzigen in dem Hause, die nicht zur Ruhe gelangten. Es wachte eine Hyäne; eine unersättliche Hyäne in ihrer dumpfigen Höhle: Der weise Nathan befand sich zufällig in seinem nach hinten hinausliegenden Schlafgemach, als durch den von dem Kettenvogt offengehaltenen Flurgang Maßliebs helle Stimme ihn erreichte. Behutsam öffnete er das vergitterte Fenster und lauschte mit angehaltenem Atem hinaus. Die holde Stimme schien furchtbare Erinnerungen in ihm zu wecken, denn er krallte beide Hände in das dürftige Haar auf seinen Schläfen, und dann wieder umklammerte er mit jeder Hand einen der schweren Gitterstäbe, als hätte er sie mit Gewalt aus dem Mauerwerk reißen wollen. Der Gesang verhallte. Die Stirn gegen das kalte Eisen gepreßt und die beiden Stangen noch immer umklammernd, suchte Nathan die vor seiner Seele auftauchenden Gespenster zu verscheuchen, allein vergeblich. Minuten verrannen; dann schloß er Fenster und Laden, und schwankenden Schrittes begab er sich in die Vorderräume zurück. Mehrere Male wandelte er auf und ab, das Haupt geneigt, wie um einen ihn peinlich berührenden Anblick zu vermeiden. Plötzlich blieb er vor dem Geldschrank stehen und das darüber befestigte Porträt feindselig betrachtend, sprach er: »Meinst du, meinem Fluche dadurch entgangen zu sein, daß du dich ins Grab legtest? Bei dem Gott meiner Väter, den du beleidigtest in meinem Blute, meine Verwünschungen treffen dich, wohin auch immer deine Seele ihren Flug nahm.« Sein Haupt neigte sich wieder. »Warum mußte ich öffnen das Fenster,« stöhnte er, »warum lauschen auf jene Töne, die erschüttern das Mark in meinen Gliedern, führen weit fort mich in die Vergangenheit? Gott meiner Väter, wie sich verwirren meine Gedanken! Soll ich beherbergen in meinem Hanse eine Stimme, durch die ich untauglich werde zu jeglichem Geschäft?« Von Fieberfrost geschüttelt, starrte er zu dem Bilde empor. Seine tiefliegenden Augen waren mit Blut unterlaufen und krampfhaft zitterten die eingefallenen Lippen. Ohne einen Blick von dem Bilde zu wenden, zog er eine Stecknadel aus dem Kragen seines Schafpelzes, und neben dem Geldschrank auf einen Stuhl steigend, bohrte er sie in die Herzgegend des Porträts durch die straffe Leinwand. »Fühlst du das?« fragte er zischend, indem er mit wahnwitziger Wollust die Nadel hin und her schob. Ein unterdrücktes gräßliches Lachen lief durch die stillen Gemächer. Er schien über sich selbst zu erschrecken, denn ängstlich spähte er um sich. Dann befestigte er die Stecknadel wieder an seinem Pelzkragen, und sich ins Kontor begebend, zog er an der Klingelschnur. Nach gewohnter Weise ließ er den pünktlich zurückklingelnden Sekretär eintreten. »Haben Sie geschlafen eine Weile, soll's mir sein lieb und angenehm,« redete er den unterwürfig vor ihm Stehenden an, »bin ich doch ein Mann, so gönnt jedem Menschen sein Recht und seine Ruhe und sein gutes Brot obenein, wenn er sich ausweist als einen gewissenhaften Arbeiter.« Die lebendige Schreibmaschine stand da, als wäre sie aus Holz und Metall zusammengefügt gewesen. Nur wenn Nathan sich abkehrte, funkelten ihre Augen mit einem so glühenden Haß auf den Gebieter, als hätte sie am liebsten ihn so behandelt, wie jener kurz zuvor das Porträt. »Weilt in meinem Hause eine Sängerin, oder jemand, so hat eine Stimme hell und klar wie eine Glocke von unverfälschtem Silber?« fragte Nathan nach einer kurzen Pause. »Die Leute entrichten pünktlich ihre Miete,« erklärte der Schreiber mit einer Unruhe, die Nathan in der eigenen Erregung übersah, »ebenso pünktlich habe ich sie Ihnen eingehändigt. Das ist alles, was ich von den Leuten weiß. Ich hatte keinen Auftrag, mich weiter um sie zu kümmern.« »Gut,« entgegnete Nathan dringend, »das ist gehandelt nach meinem Willen, denn so die Menschen treten in nähere Bekanntschaft mit Ihnen, werden sie sich halten für berechtigt, Aufschub zu erbitten von Ihnen für die Miete. Aber eine Sängerin weilt unter diesem Dach und sie wohnt mindestens drei Treppen hoch. Ich beauftrage Sie daher, zu schaffen aus dem Hause diese Sängerin, so mich stört in meiner Ruhe, jedoch nicht, indem Sie ihr weisen die Tür, sondern ihr abfordern zehn Taler Miete für den Monat.« »Wenn sie einwilligen sollte, die zehn Taler zu zahlen?« fragte der Schreiber. »So fordern Sie fünfzehn, fordern Sie zwanzig,« antwortete Nathan schnell, »fordern Sie so viel, daß sie verläßt mein Haus, damit ich nicht gestört werde zum zweitenmal.« »Mein Bestes werde ich tun,« erwiderte der Schreiber, und ein teuflischer Hohn blitzte verstohlen in seinen Augen, indem er sich der Aufträge entsann, die ihm bereits von anderer Seite erteilt worden waren, »vorausgesetzt, es gelingt mir, die betreffende Person ausfindig zu machen.« »Sie werden, Sie müssen sie ausfindig machen,« befahl Nathan drohend, »wofür sonst gönnte ich Ihnen ein sorgenfreies Leben bei geringer Arbeit? Also fort mit der Person, und höre ich wieder ähnlichen Gesang, werde ich verantwortlich machen Sie selber dafür.« Der Schreiber antwortete nicht. Nach einer Weile blieb Nathan wieder vor ihm stehen. »Röchler,« flüsterte er geheimnisvoll, »die Stimme muß aus meinem Hause. Sie muß hinaus! Will ich hören singen, kann ich gehen in die Opera, aber in meinem Hause will ich sein der Herr selber.« Hastig, als hätte er befürchtet, zu viel gesagt zu haben, öffnete er die beiden Flurtüren, und ebenso hastig schob er Röchler hinaus. Erst nachdem Sicherheitskette und Riegel befestigt waren, stellte sich die Ruhe wieder bei ihm ein. Aber welche Ruhe! Auf und ab wandelte er Stunde auf Stunde; auf und ab gesenkten Hauptes und die Hände auf dem Rücken ineinandergelegt. Bald seufzte und stöhnte er, wie von Höllenqualen gefoltert, bald verließen die entsetzlichsten Flüche und Verwünschungen seine eingefallenen Lippen. Es war eine Hyäne, die in rastlosen Bewegungen das eigentümliche Fieber des Raubtierblutes widerspiegelte. Zehntes Kapitel. Über Land. Noch zögerte das nächtliche Dunkel, sich in Zwielicht zu verwandeln, als die Haustür von Nathans Familienbaracke sich leise öffnete und zwei leichtverhüllte Gestalten auf die Straße hinausschlüpften. Behutsam zogen sie die Tür hinter sich zu, dann lauschten sie argwöhnisch. Tiefe Stille herrschte überall; nirgend eine Spur von Leben. Schwarz war der Himmel; eine schwere Dunstschicht lagerte auf der Erde und füllte die Straßen. Die Laternen verbreiteten nur geringe Helligkeit, der Nebel war zu dicht. Dabei war es kalt, so eisig kalt, wie nur je an einem frischen Oktobermorgen. »Wohin wenden wir uns?« fragte Schwärmer, dessen Schulter eine straff gefüllte Jagdtasche beschwerte, wogegen Maßlieb ein festes Bündelchen und die durch einen grünen Friesüberzug geschützte Gitarre trug. »Auf dem nächsten Wege zur Stadt hinaus,« antwortete Maßlieb leise, indem sie ihren Arm auf den Schwärmers legte und furchtsam sich an ihn anschmiegte. »Das Wohin kümmert uns nicht; Gelegenheit für unser Spiel finden wir überall und freundliche Menschen ebenfalls. Nur hinaus aus diesem Häusermeer, wo hinter jeder Ecke, in jedem Winkel ein Verfolger lauern kann; hinaus ins Freie, soweit die Füße uns tragen.« »Hätte ich doch nie geglaubt, daß ich mein langjähriges Asyl anders als in einem Sarge verlassen würde,« bemerkte Schwärmer nach einer Pause, während der sie mit beschleunigten Schritten durch die düstere Gasse eilten, »doch das sollte nicht sein. Gibt es aber überall freundliche Menschen, so findet sich auch wohl ein Fleckchen Erde, groß genug für einen müden Erdenwaller zur letzten Rast.« »Regen Sie nicht so trübe Gedanken an,« bat Maßlieb treuherzig; »es stimmt mich ohnehin traurig, mir sagen zu müssen, daß ich eigentlich die Ursache Ihres Kummers bin. Fast bereue ich, nicht heimlich entflohen zu sein.« »Um in dein Unglück zu stürzen?« fragte Schwärmer vorwurfsvoll; »nein, nein, nicht meinetwegen beunruhige dich. Du gibst mir nur Grund zur Dankbarkeit. Seit Jahren war ich nicht mehr als ein Bettler, durch dich, indem ich deine Lieder kunstgerecht begleite, bin ich wieder ein Künstler geworden, habe also wieder einen Schritt aufwärts getan, und der schwärzesten Undankbarkeit gegen ein freundliches Geschick machte ich mich schuldig, hätte ich in der Wahl zwischen dir und der elenden Dachkammer nur einen Augenblick geschwankt.« »Ein recht elender Aufenthaltsort war es in der Tat,« bestätigte Maßlieb heiter, »und als fahrende Künstler gehören wir am wenigsten in die engen Straßen einer Stadt. O, wie viel schöner ist es draußen in der freien Natur, wo der Sonnenschein lacht, und die Wolken am Himmel sich in die wunderlichsten Gebilde verwandeln! Wo der Tau auf dem Rasen funkelt, die Früchte reifen, altväterisch dareinschauende Windmühlen ihre Arme drehen, Lerchen in den Lüften jubeln, und zahllose Wandervögel zirpend und kreischend mit in das Konzert einstimmen.« Und weiter wanderten sie, zur Stadt hinaus; weiter in den schattigen Wald hinein und über anmutige Lichtungen. Die Stille der Natur übertrug sich auf ihre Stimmung, aus der Ferne herüberdringendes Geläute mahnte sei an die Sonntagsfeier. Ein neckischer Lufthauch rollte bald hier, bald dort die zarten Gespinste in Flocken zusammen, um sie tändelnd in die Lüfte zu entführen. Die Spechte hämmerten, die Nußhäher schnarrten, im Grase flüsterten Heuschrecken und Heimchen sich gegenseitig kleine Liebesgeschichten zu; und dann das Glockengeläute. – Und immer weiter wanderten die beiden Obdachlosen ihrer ungewissen Zukunft entgegen. Nachdem sie den Wald durchquert hatten, waren sie in ein Dorf gekommen. Auch hier rasteten sie nicht eher, als bis die letzten Häuser hinter ihnen lagen und sie nur noch ein einzeln stehendes Gehöft vor sich sahen. Beim Näherkommen bemerkten sie, daß der einsamen Lage des Gutshofes völlige Verwahrlosung sich zugesellt hatte. Die Einfriedigungen waren niedergebrochen, wilder Hopfen rankte sich an den unbeschnittenen Obstbäumen empor und weit über die Hecken fort in das daranstoßende Feld hinein. Leer standen Scheunen, Ställe und Tagelöhnerwohnungen. Es fehlte das Federvieh, fehlten die sonst eine Hofstätte geräuschvoll belebenden Hunde. Nur ein Flug Tauben schwebte über den langen, schadhaften Dächern, nach abwärts gelegenen Stoppelfeldern spähend, auf denen vielleicht noch einige Körner zu finden waren. Nathan streckte die hageren Hände aus. wie um sie in Sparks Kehle einzukrallen. Maßlieb und ihr greiser Begleiter näherten sich dem Wohnhause. Wie der verwilderte Vorgarten, so zeugten auch gesprungene Fensterscheiben für die traurige Dürftigkeit des ganzen Besitzes. »Schwerlich werden wir willkommen geheißen werden,« bemerkte Schwärmer trübselig. »Scheint doch die Not hier eingezogen zu sein.« »Not zur Not,« flüsterte Maßlieb mit erzwungenem Lächeln, ihr Bündelchen neben der Tür auf eine alte Steinbank legend, »dürfen wir denn nur da singen, wo Freude und Überfluß wohnt?« Sie waren auf den geräumigen Flur getreten. Mehrere Türen verbanden ihn mit dem Innern des Hauses; eine davon stand offen. Schwärmer schickte prüfend einige Akkorde voraus, und hell und klar, mit der redlichen Absicht, ein vielleicht in Kummer und Sorgen versenktes Gemüt zu erfreuen, begann Maßlieb eines ihrer Lieblingslieder. Fast gleichzeitig wurde die Hintertür geöffnet und eine betagte Haushälterin trat durch diese so weit vor, daß sie einen Blick in das offene Zimmer zu werfen vermochte. Aber ein beruhigendes Zeichen mußte ihr von dorther zugehen, denn sie verschwand alsbald wieder, anstatt, wie es wohl ursprünglich ihre Absicht gewesen war, den Gesang zu unterbrechen. Maßlieb sang unterdessen weiter mit bald lieblich schwellender, bald melancholisch verhallender Stimme, bis sie endlich mit einem Hauch der Klage schloß. Die letzten Akkorde erstarben. Einige Sekunden lautloser Stille; dann ertönte eine Klingel. Die Haushälterin erschien wieder, begab sich aber sogleich in das Zimmer, wo nach ihr verlangt worden war. »Sind warme Speisen zur Hand?« fragte eine ruhige, wohlklingende Männerstimme laut genug, um auf dem Flur verstanden zu werden. Maßlieb hatte indessen kaum den ersten Ton vernommen, als ihr Antlitz erbleichte und die Füße ihren Dienst zu versagen drohten. Einige Augenblicke verharrte sie regungslos; dann zog sie ihr rotes Kopftuch hervor, es mit zitternden Händen um ihr Haupt schlingend, daß nicht nur die dunklen Locken dadurch bedeckt, sondern auch ihre Stirn und Augen verschleiert wurden. Dumpf vernahm sie, wie die Haushälterin die Frage ihres Herrn verneinte, aber begierig lauschte sie auf weitere Kundgebungen. »Die armen Leute,« sprach der unsichtbare Hausherr, »so trage ihnen dieses hinaus und bitte sie, ein anderes Lied zu singen.« »Einen ganzen Taler,« fragte die Haushälterin vorwurfsvoll, »ist es kein Versehen?« »Nein, nein,« hieß es ungeduldig zurück, »der Gesang ist mir mehr wert.« Die Haushälterin beeilte sich, ihren Auftrag zu erfüllen. Schwärmer stimmte bereits wieder die Saiten, Maßlieb war daher gezwungen, das Geld in Empfang zu nehmen. Wie flüssiges Erz brannte es in ihrer Hand, und das Antlitz abwendend, vergegenwärtigte sie sich bestürzt ihre Lage, wenn der Hausbesitzer selber vor sie hintreten und in ihr diejenige wiedererkennen sollte, für die er in Merediths Wohnung mit so viel Wärme Partei ergriffen hatte. Schwer hob und senkte sich ihre Brust, und nur mühsam brachte sie hervor: In einem kühlen Grunde – aber ihre Stimme gewann bald wieder an Umfang und Klarheit. Lauter und lauter sang sie, als hätte ihr übervolles Herz wie das Ringlein, dessen sie erwähnte, zerbrechen müssen. Dann aber schlummerten die lieblichen Töne allmählich wieder ein. Zarter, träumerischer vereinigten sie sich mit den leise angeschlagenen Akkorden, und als sie schließend den Wunsch, zu sterben, äußerte, da vermochte sie nur mit Mühe sich der Tränen zu erwehren. Dann wär's auf einmal still – floß es wie ein Todesseufzer von ihren Lippen. Bei dem letzten Wort aber hatte sie Schwärmers Hand ergriffen und den alten Gefährten mit sich vom Hofe hinuntergezogen. Erst auf der Grenze der zu dem wüsten Gehöft gehörenden Feldmark atmete sie freier, und heiterer zogen die beiden einsamen Wanderer nunmehr einem fernen Dorfe zu. Die Sonne neigte sich gen Westen; die Niederungen begannen zu dampfen.– Elftes Kapitel. Auf den Trümmern des Wohlstandes und auf der Brutstätte des Unheils. Nachdem die fahrenden Musikanten die wüste Hofstätte verlassen hatten, saß Herr Ulrich noch lange grübelnd vor einem mit Briefschaften und Akten bedeckten Gartentische. Das Haupt hatte er auf den einen Arm gestützt, die Blicke auf die weißgestrichene Tischplatte gesenkt und auf die formlosen Figuren, die unter der mit einer Bleifeder spielenden Hand entstanden. Ein halbes Dutzend Stühle, ein einfacher Spiegel und eine Gartenbank bildeten die übrige Möbeleinrichtung des umfangreichen Gemaches. Schwere Ledertapeten zeugten dafür, daß der dürftigen Einfachheit ein gewisser Glanz voraufgegangen war. Die tiefe Stille wurde durch den Eintritt der Haushälterin unterbrochen. »Herr Ulrich,« redete sie den jungen Hausherrn zutraulich an, »Sie sollten hinausgehen ins Freie, in den Sonnenschein, anstatt hier ihren Sorgen nachzuhängen; oder es fällt mir das traurige Los zu, auch Sie, den Letzten der Familie, auf den Kirchhof hinauszubegleiten.« Ulrich sah empor und lachte spöttisch, daß der alten Frau Tränen in die Augen drangen. »Wäre es das Schlimmste, was mir begegnen könnte?« fragte er darauf milder: »denn blicke um dich: statt der schwellenden Polster eine Gartenbank; statt der eisernen Rüstungen an den Wänden leere Nägel; statt des heiteren, geräuschvollen Treibens Todesstille im ganzen Hause! Hörtest du, was die armen Leute sangen? Am liebsten möcht' ich sterben – »Hätt' ich sie lieber fortgewiesen –« hob Veronika bitter an. »Um mir diesen bescheidenen Genuß zu rauben?« fiel Ulrich trüb ein. »Den Sie teuer genug bezahlten,« versetzte Veronika tadelnd, »der dreißigste Teil wäre überflüssig genug gewesen. Zwar gönne ich den armen Menschen die Freude, doch sie sind einmal an eine derartige Freigebigkeit nicht gewöhnt, außerdem müssen wir selbst das Unsrige streng zu Rate halten. Wie weit reichen sonst die paar hundert Taler, die Sie für das alte Eisenzeug lösten?« Ulrich lachte wiederum, daß es mißtönig in den leeren Räumen widerhallte. »Dahin ist es also gekommen,« rief er aus, »daß auf der Stätte, auf der einst Tausende in Ausübung der ungebundensten Gastfreundschaft hingegeben wurden, armen Vagabunden kein Wegegeld mehr verabreicht werden darf! Ein herrlicher Abstand! Im vorigen Jahre mit reichem Kredit unter dem italienischen Himmel, und heute in Dürftigkeit und umgeben von den Trümmern zerfallenen Wohlstandes! Doch beunruhige dich nicht, Veronika; auf acht bis neun Monate sind wir durch die gelöste Summe gesichert, und länger dauert es nicht, bis das Gut unter den Hammer gebracht wird.« »Nun gut, mag das geschehen,« versetzte Veronika aufwallend, »mag das Gut immerhin verloren gehen; Ihre Ehrlichkeit wenigstens wird niemand anzutasten wagen. Weiß doch die ganze Welt, daß weder Nachlässigkeit noch Verschwendung das Unglück Ihres armen Vaters herbeiführten, sondern sein Verkehr mit Männern, die ihm zu hohen Preisen wertlose Schriftstücke verkauften, zu nichts anderem wert, als zum Anheizen der Öfen. O, ich erriet wohl, um was es sich handelte, wenn die Herren aus der Stadt kamen, ein langbärtiger Jude und Schurkengesichter von Christen, und danach Ihr verstorbener Vater wie ein Verzweifelnder umherlief und schließlich seinen Viehstand, sogar die Ernte im voraus verkaufte! Ja, Herr Ulrich, in zwei Jahren Ihrer Abwesenheit hat sich Schreckliches zugetragen. Hätte Ihre Mutter noch gelebt, sie wäre durch solche Erfahrungen sicher unter die Erde gebracht worden. Stieß es doch zuletzt Ihrem Vater selber das Herz ab, als sie kamen, um sich alles dessen zu versichern, was sie fortzuschleppen vermochten. Es wäre doch besser gewesen, Herr Ulrich, wenigstens einen Teil des Ackers bestellen zu lassen.« – »Womit?« fuhr der junge Mann heftig auf, »womit, nachdem das letzte Rind, das letzte Pferd und der letzte Scheffel Korn gepfändet worden war? Womit, ohne Leute und Ackergerätschaften? Wie die Ratten das einem Untergange geweihte Schiff verlassen, so waren auch die Leute nicht mehr zu halten, nachdem ihnen die Kunde geworden war, daß die Mittel zur Auslohnung versiegten. Und ich verdenke es ihnen nicht; was hätten sie länger hier sollen?« »Nicht einmal der Röchler blieb,« bemerkte Veronika trübselig, »und von ihm, der von Ihrem Vater so viele Wohltaten empfing, wäre wohl Besseres vorauszusetzen gewesen. Er hätte wenigstens Ihre Heimkehr abwarten müssen, um über die Führung der Wirtschaftsbücher Rechenschaft abzulegen.« »Ich frage wiederum: Was hätte er hier nützen können?« »Beweisen, daß Ihr Vater sein Vertrauen keinem Unwürdigen schenkte. Ich für meine Person habe ihm nie viel Gutes zugetraut. Er hatte einen bösen Blick und sein Gesicht war gezeichnet, und rotes Haar wächst auf keinem guten Boden. Und dann in den letzten Tagen, als er gemeinschaftlich mit dem verstorbenen Herrn beinahe das ganze Haus umkehrte – er sah aus, wie ein entlarvter Gauner.« »Was sie suchten, weißt du nicht?« »Weder das, noch ob sie es fanden.« »Was sie vermißten, sie werden es gefunden haben; ich entsinne mich wenigstens nicht, daß irgend etwas gefehlt hätte. Es liegt überhaupt kein Grund zum Argwohn gegen Röchler vor; die Bücher waren pünktlich geordnet, und für sein wenig gefälliges Äußere kann er nicht verantwortlich gemacht werden.« Veronika fegte mit ihrer Schürze den Staub von dem Tische. Dann begann sie zaghaft: »Wenn Sie eine neue Summe aufgenommen hätten, um wenigstens die Ackerbestellung –« »Du meinst es gut,« fiel Ulrich aber ein, und sich erhebend, begann er auf- und abzuwandeln, »meine Mutter hätte nicht besorgter um mich sein können; allein für solche Dinge besitzest du nicht das richtige Verständnis. Wer möchte mir Geld vorschießen in der sicheren Voraussicht es zu verlieren? Von meiner Seite wäre es sogar eine Art Betrug gewesen, jemanden um ein Darlehn anzusprechen.« »Da ist der Jude Nathan, der so manchen Vorteil von Ihrem Vater zog. Er war sogar sein Hauptgläubiger, und fällt das Gut wirklich in seine Hände, kann er nur wünschen, daß es nicht gänzlich verwildert. Reich genug ist er auch; das weiß ich; ich entsinne mich, daß Röchler mehrfach nach der Stadt gefahren ist, um große Geldsummen bei ihm zu erheben.« »Nathan würde mir keinen Pfennig vorstrecken, obwohl er es war, der durch schlaue Manöver meinen Vater um seine ganze Habe und wohl noch mehr brachte,« erklärte Ulrich zähneknirschend. »Und nun gar zur Aufbesserung des Gutes! Begreifst du nicht, daß es gerade in seinem Vorteil liegt, Felder und Gebäude verwüsten zu lassen, damit bei der Subhastation andern Menschen das Bieten verleidet wird und ihm die reiche Beute um ein geringes in den Schoß fällt?« »Wenn alles verloren ist, was hindert uns, dieser Unglücksstätte den Rücken zu kehren? Ich selbst ziehe zu meinen Kindern, die mich mit offenen Armen empfangen; und Sie finden leicht eine Anstellung, die Ihnen ermöglicht, über kurz oder lang mich wieder in Dienst zu nehmen.« »Das erstere soll auch geschehen,« entgegnete Ulrich, »aber die Stätte, auf der ich geboren wurde, verlasse ich erst, wenn der Zwang an mich herantritt. Früher zu gehen, würde kein günstiges Licht auf mich werfen. Im übrigen habe ich Weiteres schon eingeleitet, indem ich, den niedrigen Stand der Aktien benutzend, mit der Hälfte des für die Altertümer gelösten Geldes mich an der Allgemeinen deutschen Zentrifugalbank für transatlantische Kolonisation und Missionswesen beteiligte.« Veronika schlug erschreckt die Hände zusammen. »Das Unglück Ihres Vaters nahm seinen Anfang, als er mit den sogenannten Aktien zu handeln begann,« rief sie warnend aus. »Wohl wahr,« erwiderte Ulrich ernst, »ihm standen aber nicht wie mir seine bitteren Erfahrungen schützend zur Seite.« »So kauften Sie nicht von dem Nathan?« »Nein, Veronika, der weise Nathan wäre der letzte gewesen, an den ich mich gewandt hätte. Was ich kaufte, erstand ich von dem Direktor der Zentrifugalbank, einem gewissen Nailleka, einer allgemein beliebten und hochgeachteten Persönlichkeit. Mich lockten vorzugsweise die mit den Aktien vereinigten Landbesitztitel, laut deren ich Eigentümer einer meinen Wünschen vollkommen entsprechenden Bodenfläche geworden bin.« »Wirklichen Ackerlandes?« fragte Veronika mit neuem Erstaunen, »und in welcher Gegend?« »In Amerika,« antwortete Ulrich, dann aber der alten Frau in das verstörte Antlitz schauend, fuhr er beruhigend fort: »Ja, drüben in dem schönen, freien Lande, wo schon mancher, den hier das Glück verlassen hatte, sein auskömmliches Brot fand. Doch das ist noch lange hin–jetzt will ich einen Weg durch die Felder machen« und er griff nach seinem Hut, »so wüst sie sind, erleichtern sie mir den Gedanken an eine Trennung von hier.« Er verließ das Zimmer, und, in die Haustür tretend, sandte er einen trostlosen Blick über die verödete Hofstätte und den wüsten Vorgarten. Plötzlich erschrak er; auf der Steinbank neben der Tür hatte er einen harten Taler entdeckt. Sinnend betrachtete er das Geldstück, das er kurz zuvor den fahrenden Musikanten hinausgeschickt hatte, und es zu sich steckend, lachte er bitter. »Wer nichts besitzt, dem ist nichts gegönnt,« sprach er; »sie wissen schwerlich, wo und wie sie ihren Schatz verloren haben. Pah, was kümmern mich diese Landstreicher!« Langsam schritt er über den Hof und weiter hinaus auf die Felder. Herbstblumen wucherten überall; aber gerade diese Blüten zeugten von der gänzlichen Vernachlässigung des Bodens. Keine grünen Herbstsaaten, keine herbstlichen Stoppelfelder! Alles dahin, dahin! Rebhühner lockten in der Ferne; mißtrauisch schlüpfte ein Hase aus seinem Lager. Wie lange war es her, daß Ulrich selber den Freuden der Jagd huldigte? Alles, alles dahin! Der Westen färbte sich rot; scheidend sandte die Sonne ihre purpurnen Strahlen bis über den Zenit hinaus. Nebel entstiegen der Erde; die Gestirne traten in ihre Rechte ein. Wie in fernen, fernen Wildnissen drang das wolfsähnliche Jauchzen der Schäferhunde von abgelegenen Hürden durch die stille Luft. Ulrich lenkte seine Schritte heimwärts. Keilförmige Züge wanderlustiger Enten zogen mit pfeifendem Flügelschlage über ihn hin. Unwillkürlich blickte er zu ihnen empor: Wer so von dannen ziehen könnte, sprach es in seinem Herzen, oder zu wandern vermöchte, wie jene leichtherzigen Musikanten! Ob ärmlich gekleidet, ob hungernd und von dürftigen Gaben das Leben fristend, ein heiterer Sinn und eine süße Stimme entschädigen für alles – Am liebsten möcht' ich sterben, Dann wär's auf einmal still!– An demselben Sonntag und zu derselben Stunde hatte der weise Nathan sich bereits mit allen in sein Fach einschlagenden Tagesneuigkeiten vertraut gemacht, namentlich eine nicht unerhebliche Anzahl von eingelaufenen Briefen, Berichten und hieroglyphischen Andeutungen durchstudiert, um seine Schlachtenpläne für den folgenden Tag zu entwerfen, und seine Myrmidonen nach bestimmten Prinzipien in Bewegung zu setzen. Er war im Begriff, seiner Schreibmaschine zu klingeln, als vom Flur aus jemand Einlaß begehrte. Mit gewohnter Vorsicht öffnete er, und er erkannte den zweiten Direktor der Allgemeinen deutschen Zentrifugalbank für transatlantische Kolonisation und Missionswesen. Kaum hatte sich die Tür hinter diesem wieder geschlossen, als aus dem Hintergrunde des Flurs jemand geräuschlos neben die Tür hinglitt und, sein Ohr an die deckende Eisenplatte legend, aufmerksam lauschte. »Sie staunen, mein lieber Herr Nathan, mich bei sich zu sehen,« drang Sparks scharfe Stimme zu Röchler heraus, »allein die Dringlichkeit –« die gepolsterte Tür schob sich in ihre Fugen, und das schärfste Organ hätte keinen Ton mehr zu unterscheiden vermocht. Röchler aber richtete sich empor. Er war so verstört, daß er alle Vorsicht vergaß und seine Gedanken, wie um sie zu entwirren, in leise Worte kleidete. »Derselbe Mann,« entwand es sich den zitternden Lippen, »der Mann mit der blauen Brille; o, ich ahnte, daß er sein Äußeres entstellt hatte, als er mich so reich für meine Gefälligkeit lohnte und von der Sängerin wie von einer teuren Verwandten sprach. Dann wieder seine Bekanntschaft mit dem Karussellmann, und jetzt sein Besuch in diesem Hause, und obenein als Bankdirektor. Das Mädchen, das Mädchen! O, ich ahne, 's geht dem Nathan mehr an, als er zugestehen möchte; aber ich bin da – bin da –« Ein Mann polterte von der Straße auf den Flur. Röchler prallte von der Tür fort; er wie jener scheuten offenbar, sich vor einander zu erkennen zu geben, und durch das Geräusch ihrer Schritte über die gegenseitige Stellung belehrt, wollten sie aneinander vorbeischlüpfen, als der eben Heimgekehrte plötzlich hustete. »Kettenvogt?« flüsterte Röchler geheimnisvoll. »Ja, der Vogt,« antwortete dieser ebenso leise, jedoch mit drohendem Ausdruck, »und wären Sie's nicht selber, möchte ich die Ketten in Ihren Hals hinabwürgen.« Gleich darauf befand Röchler sich an seiner Seite, und den willig Folgenden bis in die Haustür ziehend, wo sie sicher waren, von niemand belauscht zu werden, fragte er ängstlich: »Ist's geglückt?« »Verdammt!« hieß es brutal zurück, »wenn ich 'ne Hand im Spiele habe, muß alles glücken. Aber hängen will ich, wie 'n Hund, wenn 'ne Silbe über meine Lippen kommt, bevor ich weiß, für wen und für was ich arbeite.« »Sie wissen, lieber Vogt, wie ich gestellt bin,« erwiderte Röchler, »ich kann mich erst dann erkenntlich zeigen, nachdem mir selbst einmal –« »Geld verlange ich nicht,« fiel der Kettenvogt ein, »denn so viel wie ich gebrauche, möchten Sie schwerlich in Ihrem ganzen Leben zusammenkratzen. Aber 'nen Blick in des alten Gauners Bude könnten Sie mir immerhin verschaffen. Bin nämlich neugieriger Natur und möchte wissen, wie's bei 'nem Manne aussieht, der Hunderttausende von Talern kommandiert, und dabei schlechter lebt, als 'ne Ratte im Eiskeller.« Wäre es Tag gewesen, so hätte der Kettenvogt sicher entdeckt, wie bei seinem Ansinnen ein teuflischer Triumph auf Röchlers Antlitz zum Durchbruch gelangte, obwohl er, wie zweifelnd, erwiderte: »Was ich einmal versprach, halte ich redlich. Sie sollen einen Blick in des alten Mannes Behausung werfen, und müßte ich es mit dem Leben bezahlen. Aber Sie begreifen, 's ist keine Kleinigkeit, bei dem Mißtrauen, mit dem der Herr Nathan mir begegnet. Doch ich wiederhole, einen Blick sollen Sie hineintun, sobald sich die Gelegenheit dazu bietet. Drängen Sie aber nicht, sondern geben Sie mir Aufschluß, wo der alte Kapellmeister und das Mädchen ihr Ende genommen haben.« »Auf dem Lande,« antwortete der Kettenvogt mürrisch, »bin ihnen nachgegangen, wer weiß wie weit, und es müßte mit dem Teufel zugehen, gelänge es nicht, ihre Spuren von Dorf zu Dorf zu verfolgen; 'n alter Mann mit 'nem Jammerkasten und 'n schwarzlockiges Frauenzimmer mit 'ner Nachtigallenstimme sind zwei leicht kenntliche Gegenstände.« »Sie wissen, wo das Karussell sich zurzeit befindet?« fragte Röchler gespannt. »Den Lenkhart begleitete ich selber dahin zurück,« antwortete der Kettenvogt, »und manchen blanken Taler versprach er mir, wenn ich ihm das Mädchen auslieferte.« »Wohlan, so beeilen Sie sich, zunächst die blanken Taler zu verdienen. Ich selbst verlange von Ihnen nur die Kunde, daß es glückte.« »Und der Blick in die Bude?« »Der soll Ihnen werden zu seiner Zeit; aber ich wiederhole ernstlich: drängen Sie nicht. Die Sache ist gefährlich für uns beide.« Mit kurzem Gruß entfernte sich der Kettenvogt. Röchler blickte ihm nach, bis jener das Ende der nur wenig belebten Gasse erreicht hatte, dann schlich er ins Haus zurück und die Treppe hinauf. – »Das Schicksal der Zentrifugalbank führt mich hierher,« hatte Spark unterdessen seine Unterhaltung mit Nathan eröffnet. »Wir sind hier ohne Zeugen; nichts hindert uns daher, offen zu Werke zu gehen, das heißt, uns voreinander so zu zeigen, wie wir im Grunde sind. Dies vorausgeschickt, erlaube ich mir die bündige Frage: ein wie langes Leben erkennen Sie der von mir und meinem Freunde Nailleka verwalteten Bank zu?« »Eine seltsame Frage,« schmunzelte Nathan in seinen Bart hinein, »bin ich gleich der Mann, hin und wieder einzugreifen in anderer Leute Geschäfte und ihnen emporzuhelfen, so kümmert mich doch nicht die Dauer eines Unternehmens. Mag die Zentrifugalbank leben noch viele Jahre, kann sie aber auch zugrunde gehen nach sechs Monaten, je nachdem die Verwaltung gebraucht Augen und Ohren und vor allen Dingen ihren Scharfsinn.« »Sie belieben zu scherzen,« versetzte Spark lachend. »Sie wissen so genau wie ich selber, daß die Existenz der Zentrifugalbank nach Tagen, höchstens nach Wochen zählt. Ich aber weiß ebensogut wie der weise Nathan, daß andere Unternehmen seiner Nachhilfe bedürfen, daß ihm für diese Nachhilfe erhebliche Summen geboten wurden, er also in der Lage ist, seine Opposition gegen die Zentrifugalbank zu einem guten Geschäfte zu machen. Erstaunen Sie nicht, versuchen Sie auch nicht, zu leugnen. Sie handeln wie ein kluger Geschäftsmann, und das umfaßt alles. Mir, als den Mitdirektor, kann dagegen nicht gleichgültig sein, wie lange die Geschichte dauert. Sie werden daher die Güte haben, mir genau anzugeben, mit welchem Tage Sie Ihre Operationen gegen die Zentrifugalbank zu eröffnen gedenken. Den Anfang machen selbstverständlich unverbürgte Gerüchte, um Ihren eigenen Rücken und den Ihrer Hilfsarbeiter zu decken.« Nathan, betroffen über des anderen Sicherheit, fragte jetzt lauernd: »Sie haben sich überworfen mit dem Herrn Nailleka?« »Weder mit Nailleka, noch mit sonst jemand in der Welt.« »So möchten Sie vor dem Zusammenbrechen der stolzen Firma ins Trockne führen ihr Schäflein und in Sicherheit bringen die eigene Person?« »Aufrichtigkeit erleichtert jedes Geschäft, Herr Nathan. Wie mein Freund Nailleka zuverlässig als reicher Mann sich unter den Trümmern hervorarbeitet, möchte ich selbst wenigstens nicht als Bettler meine Wege ziehen. Es wäre ein schlechter Dank für meine Mühewaltung.« »Wie kann ich verhandeln mit einem Direktor, ohne zugleich zu vernehmen das Urteil des andern?« versetzte Nathan zweifelnd; »außerdem bin ich verpflichtet dem Herrn Nailleka zu Dank, so er mich hat verdienen lassen manches, was bildet eine Stütze meines Lebensabends.« »Eine zarte Andeutung, daß eine angemessene Entschädigung Sie gesprächiger und willfähriger machen würde?« lachte Spark. »Doch Sie täuschen sich; nicht einen Pfennig verwende ich zu solchen Zwecken; trotzdem leisten Sie schließlich mit Vergnügen mir jeden gewünschten kleinen Dienst. Denn hören Sie,« fuhr er fort, sichtbar ergötzt über die ängstliche Spannung, die Nathan vergeblich zu verheimlichen suchte. »Fremd kann Ihnen unmöglich sein, daß ich weit in der Welt herumkam und reiche Erfahrungen auf allen Gebieten sammelte, viele Menschen kennen lernte, gute und schlechte, einfältige und gescheite, glückliche und unglückliche. So traf ich eines Tages – sechzehn Jahre mögen es her sein – mit jungen Leuten zusammen, die meine besondere Teilnahme wachriefen. Leider befand ich mich damals in der Lage, eine Reise unternehmen zu müssen, die mich viele Jahre hindurch im Auslande fesselte. Die Bekanntschaft erreichte daher ein jähes Ende, um so bedauernswerter für beide Teile, als ich Verpflichtungen übernommen hatte, die zu erfüllen mir jedenfalls eine große Freude gewesen wäre und nebenbei einen kleinen Vorteil gesichert hätte.« Hier schwieg Spark ein Weilchen, mit heimlichem Triumph den weisen Nathan beobachtend, der zusammengekrümmt vor ihm saß und mit einem Antlitz, aus dem der letzte Blutstropfen gewichen zu sein schien, vor sich niederstarrte. »Soll ich fortfahren, Herr Nathan?« fragte er mit erheuchelter freundlicher Teilnahme. Nathan schrak empor. Seine tiefliegenden Augen funkelten, während die auf seinen Knien ruhenden Hände, wie jemand würgend, sich in den Schafspelz einkrallten. »Soll mich doch nicht kümmern, ob Sie fortfahren oder nicht,« antwortete er mit unsicherer Stimme, »noch weniger kümmern mich Ihre Bekanntschaften. Können sie doch nicht stehen in Beziehung zu Geschäftssachen, und außer Geschäften gibt es nichts in der Welt, das möchte mich veranlassen, zu vergeuden eine einzige Minute.« »Wir wollen sehen,« nahm Spark alsbald seine Mitteilungen wieder auf. »Mit unsäglicher Mühe gelang es mir nach meiner Heimkehr, die Spuren jener armen Leute wieder aufzufinden. Leider führten diese Spuren auch an Gräber –« hier seufzte Nathan tief, als sei eine drückende Last von seiner Seele genommen worden, und selbstbewußter richtete er sich empor –, »ja, an Gräber,« wiederholte Spark unterdessen mit einem höhnischen Lächeln, »nur eine einzige schwache Spur lief von dort aus weiter abwärts, und auch dieser folgte ich aufmerksam, bis sie mich endlich gestern abend in dieses Haus führte –« »In mein Haus?« schrie Nathan auf, und er streckte die hageren Hände aus, wie um sie in Sparks Kehle einzukrallen, »in dieses Haus? Es ist eine Lüge! Nichts gibt es in der Welt, das ein Recht besäße, mir zu nahen –« die Sprache versagte ihm, indem er Sparks spöttisches, zuversichtliches Lächeln beobachtete. »Was erregt Sie in so hohem Grade,« fragte dieser boshaft freundlich, »wenn niemand mehr lebt, der berechtigt wäre, seine Hand auf jenes eiserne Spinde zu legen – ei, welch schönes, wohlgetroffenes Porträt da oben –, warum wollen Sie mir nicht erlauben, meine lustige Erzählung zu beendigen?« »Weiter, weiter,« lispelte Nathan, »Sie sind ein kluger Mann und gewandt im Erfinden von Geschichten. Meinen Sie aber zu überlisten den Nathan, so leben der Herr Direktor in einer schrecklichen Geistesbefangenheit.« »In der Tat, ich schmeichle mir, ein Mann zu sein, der die Gelegenheit beim Schopf zu fassen weiß,« fuhr Spark mit einer leichten Verbeugung fort, »und denjenigen möchte ich sehen, der besser versteht, längst verschollene Ereignisse aus dem Moder der Vergessenheit hervorzuscharren und als Mittel zu benutzen, daß er sich des weisen Nathan Freundschaft erwerbe. Hahaha! mein guter Herr Nathan, weshalb schauen Sie so starr? Fürchten Sie etwa, ich wäre töricht genug, Ihre Freundschaft zurückzuweisen? O, Sie verkennen mich – ein vorzügliches Porträt da drüben – sprechend ähnlich, bei Gott! Von wem kauften Sie es? Vielleicht überlassen Sie es mir –« Er wollte sich erheben und näher an das Bild treten, als Nathan die Hand auf seinen Arm legte. »Sie wünschen zu wissen den Zeitpunkt, bis zu dem die Zentrifugalbank wird beschließen ihre kurze Lebensbahn,« hob er an, als hätten Sparks bisherige Mitteilungen den leeren Wänden gegolten; »auf Tag und Stunde dies vorherzubestimmen, ist selbst für 'nen Geschäftsmann von meinen Erfahrungen keine leichte Aufgabe. Alles hängt wesentlich davon ab, wie lange bei den Aktionären gute Hoffnungen die Befürchtungen überwiegen. Ihre Bank wird also sterben eines sicheren und nicht übereilten Todes, es sei denn – und seine Blicke bohrten sich mit der Schärfe eines Dolches in Sparks Augen –, es sei denn, einer der Herren Direktoren zöge vor, um die Sache zu einem schnellen, für den Kompagnon nicht ungünstigen Abschluß zu bringen, eines Tages plötzlich mit einer Summe Geldes zu verschwinden, die ihm sicherte in fernen Landen ein behagliches Auskommen.« Spark versuchte, den spähenden Blick auszuhalten, allein es gelang ihm nicht. Das Bewußtsein durchschaut zu werden, raubte ihm vorübergehend die bisher bewahrte Ruhe. Einige Sekunden sah er vor sich nieder; gerade so lange, wie er Zeit gebrauchte, zu erwägen, daß sein eigener Einfluß auf Nathan diesen hinderte, Verrat an ihm zu begehen; dann blickte er wieder lächelnd empor. »Sagte ich nicht,« hob er erzwungen sorglos an, »Sie würden schließlich gern bereit sein, meine bescheidenen Wünsche freundlichst zu berücksichtigen? Gut, gut; wir sind einig, weitere Spitzfindigkeiten wären also überflüssig. Ich erwarte nur noch von Ihrer Güte, daß Sie mir drei Tage vor dem Zusammenbruch einen Wink erteilen.« »Zuversichtlich, wenn's steht in meinen Kräften,« antwortete Nathan wie geistesabwesend. »Nun gut – es bleibt also bei der Verabredung: drei Tage vor Toresschluß?« fügte Spark hinzu. »Drei Tage vor Toresschluß, das heißt, bis der Sturm losbricht, der im Gefolge haben muß die Unverkäuflichkeit der Aktien,« bestätigte Nathan, »so lange aber muß alles gehen seinen Gang.« Noch ein paar Worte des Abschiedes, und Spark ging. Nathan aber, sich kaum allein wissend, verfiel in eine an Raserei grenzende Wut. Sein Haar zerraufend und mit beiden Händen die Brust schlagend, eilte er hin und her. Seine Augen glühten, seine Lippen bebten, indem immer neue Flüche und Verwünschungen sich ihnen entwanden. Daß es hat kommen müssen so weit, zischte er, indem er vor dem Porträt stehen blieb und beide Fäuste nach ihm emporreckend, fremde Menschen müssen mir zutragen die Kunde! Bis unter mein Dach verfolgt er die Spuren, und gestern Abend erst. Gott meiner Väter! Und ich hörte ihre Stimme, eine Stimme aus dem Grabe, so mich mahnet, nicht einschlafen zu lassen den Haß, der hat Wurzel geschlagen in meiner Brust, hat vergiftet mein Blut! So aber meint jemand die Hand zu legen auf das Geld, das ich anhäufte während eines langen Lebens, will ich doch lieber alles verwandeln vor meinem Ende in elendes Papier, um es brennen zu sehen im Ofen, anstatt daß fremde Menschen sich wälzen wollüstig auf meinem Eigentum und verlachen den weisen Nathan und nennen ihn den einfältigen Nathan, der darbte für Andersgläubige und fuhr zur Grube selber wie ein schlechter Hund! Aber noch lebe ich, noch liegt es in meiner Macht, zu hemmen das Bäumlein, auf daß es nicht wachse bis in die Wolken hinein, sondern verkrüppele zum Giftstrauch, dessen Berührung ist schmachvoll und der wert ist, ausgerottet zu werden und vertilgt von der Erde! Trotz seiner heftigen Erregung öffnete er mit äußerster Vorsicht das Geldspinde, und ebenso vorsichtig verschloß er es wieder, nachdem er mehrere Papiere herausgenommen hatte. Dann riß er an der Klingelschnur, und einige Minuten später stand die sich unterwürfig windende Schreibmaschine vor ihm. Er hatte sich unterdessen so weit gesammelt, daß er mit ruhiger Überlegung zu sprechen vermochte. »Röchler,« hob er an, indem er auf die Papiere wies, die er eben hervorgesucht hatte und die nunmehr auf seinem Schreibtisch lagen, »Sie werden kennen jene Effekten?« dabei schien in seinen Augen die Zauberkraft eines Schlangenblicks zu ruhen. Röchler erbleichte; seine hageren Glieder schlotterten, während seine Augen sich verglasten. »Herr Nathan,« stammelte er entsetzt, »Sie versprachen mir –« »Ich versprach, daß ich wollte Sie schonen, wofern Sie mir dienten getreulich,« fiel Nathan kaltblütig ein. »Und treu gedient habe ich Ihnen,« stöhnte Röchler, »und nicht das geringste habe ich mir gegen Sie zuschulden kommen lassen.« »Was ich sehr genau weiß; doch das genügt nicht; ich muß mich halten versichert, daß auch in der Zukunft ich mag bauen auf Ihre Gewissenhaftigkeit. Denn wer einmal bestahl und hinterging seinen Herrn, der verdient kein Vertrauen –« »Sie selber ermunterten mich –« »Ich habe gesagt: Röchler, so Ihnen fällt in die Hände dieses und jenes beim Kramen unter den Papieren des alten Ulrich, so nehmen Sie Abschrift für mich, und ich will's Ihnen reichlich vergüten, da ich nicht gern belästige den kränklichen guten alten Herrn selber.« »Sie wünschten,« rief Röchler mit dem Mute der Verzweiflung aus, »Sie wünschten zwei Dokumente zu besitzen, laut deren Sie in Pfand genommen hatten altertümliche Geschmeide und Pretiosen im Werte von viertausend Talern, auf die Sie gezahlt hatten nur den vierten Teil dieser Summe –« »Richtig, vollkommen richtig,« bemerkte Nathan, mit unerschütterlicher Ruhe einfallend, »allein wenn Sie mich mißverstanden, ist's nicht meine Schuld. Wollte ich sie wirklich an mich bringen, brauchte ich nur hinzugeben dreitausend Taler. Sie aber kamen mir zuvor, indem Sie mißbrauchten das Vertrauen Ihres gütigen Brotherrn und ihm entwendeten Papiere, die waren wert dreitausend Taler unter Brüdern. Sie waren geworden Dieb, und meine Pflicht wäre es gewesen, Sie zu überantworten dem Zuchthause. Aber Sie lagen vor mir auf den Knien und ich empfand Mitleid, hoffte sogar, Sie zu bessern, und nahm Sie in meine Dienste, als ich suchte gerade einen zuverlässigen Sekretär. Denn der alte Ulrich war tot und gebrauchte das Geld nicht mehr, und da ich selber nicht besudele meine Hände mit übel erworbenem Reichtum, so liegen Geschmeide und Dokumente tot unter Verschluß. Und wenn ich sie nicht zurückgebe ihrem rechtmäßigen Besitzer und erhalte dafür meine tausend Taler, so geschieht's Ihretwegen, weil ich nicht will bringen ein junges Blut vor die Geschworenen. Ich kann leichter verlieren tausend Taler, als Sie zehn Jahre Ihres Lebens im feuchten Kerker. So viel von dieser mißlichen Angelegenheit. Ich erwähne dies, um Sie daran zu erinnern, daß der kleinste Verstoß gegen meine Befehle mich versetzt in die Notwendigkeit, mich Ihrer zu entledigen, Sie zu überliefern den Händen der Gerichtsbarkeit. Haben Sie mich genau verstanden?« Röchler, das Bild eines bösen Gewissens, vermochte nur, sich zustimmend zu verneigen. »Gut,« fuhr Nathan in beinahe zärtlichem Tone fort, »und ich mag darauf bauen, daß Sie sich wert zeigen meiner Güte und Nachsicht, und führen aus gewissenhaft meine Aufträge?« Röchler legte tiefaufatmend die Hand aufs Herz. »Dann nichts mehr davon,« versetzte Nathan, »die gefährlichen Pfandscheine in die Brusttasche seines Pelzes schiebend, »und nun zur Sache: Haben Sie gehandelt nach meinen gestrigen Anordnungen? Haben Sie aufgespürt das Geschöpf mit der Stimme, vergleichbar dem Ton einer silbernen Glocke?« »Ich entdeckte sie, oder vielmehr die Stätte, auf der sie übernachtete seit Wochen.« »Seit Wochen in meinem Hause und unter dem Dache, unter dem meine Väter patriarchalisch studierten die Weisheitssprüche des Talmud,« rief Nathan leidenschaftlich aus, »seit Wochen, und das erfahre ich erst heute?« »Bisher hatte ich keinen Auftrag, nach dem Mädchen zu forschen,« entschuldigte der Schreiber ehrerbietig. »Bei wem fand es sein Unterkommen?« »Beim alten Schwärmer.« »Dem verdorbenen Schauspieler,« schrie Nathan gellend, »bei ihm, den ich dulde seit Jahren gegen eine geringe Miete? Er hat gewagt, aufzunehmen jemand, so mich stört und raubt mir die letzte Ruhe, und obenein ohne zu zahlen einen erhöhten Mietzins? Er muß fort, hinaus aus meinem Hause, und mit ihm diejenige, die – die mich stört durch ihren Gesang.« »Sie sind bereits fort,« versetzte Röchler geheimnisvoll, »heute in aller Frühe, zwei Stunden vor Tage begaben sie sich auf den Weg. Sie waren zu einer Reise gerüstet und sind bis jetzt nicht heimgekehrt.« »Wohin wandten sie sich,« fragte Nathan heftig, »warum fragten Sie nicht? Warum folgten Sie ihnen nicht?« »Ich folgte ihnen,« erwiderte Röchler eifrig, »bis in die Vorstadt hinaus folgte ich ihnen, und so lange bis der anbrechende Tag Vorsicht gebot.« »Sie glauben, daß sie nicht zurückkehren?« »Schwerlich in den nächsten Tagen. Für spätere Zeiten bürge ich nicht.« Nathan wandelte einige Male grübelnd aus und ab, dann blieb er plötzlich vor dem unterwürfig zusammenschauernden Röchler stehen. »Das der alte Schauspieler ohne vorhergegangene Kündigung seine Heimstätte aufgibt, ist wenig wahrscheinlich,« hob er an, »dann aber sind nur drei Fälle möglich: entweder er hat untergebracht die Sängerin an einem Orte, von dem sie findet den Weg nicht mehr hierher, und alles ist gut, oder sie weilt an einem Orte, von dem aus sie besucht den alten Mann und mein Haus, was ich nimmermehr dulde der Störung halber, oder sie zieht wieder ein mit ihm, mir zum Trotz und zum Ärger, was ebenfalls hintertrieben werden muß, und das soll Ihre Aufgabe sein, für deren glückliche Lösung ich mich erkenntlich zeigen werde zu seiner Zeit. Gebrauchen Sie also Ihre Sinne, aber handeln Sie nicht eigenmächtig – der Leute wegen. Sobald Sie in Erfahrung gebracht haben, wo weilt die Sängerin, geben Sie mir Nachricht, damit ich mich zuvor entscheide über das Weitere. Denn ich hasse alle jungen Mädchen, so da herumlaufen und prangen mit ihren Stimmen. Sind sie doch elende Landstreicherdirnen, vor denen nicht sicher ist das Geringste, das bleibt unverschlossen –« er erbleichte über die eigenen Worte; dann aber bemächtigte sich seiner neue Wut – »ja, Diebe, Landstreicher sind sie, Menschen, von denen ich wünsche, daß sie nicht leben, daß sie modern in ihren Gräbern, auf daß sie nicht weiter belästigen ehrliche Menschen. Sie dagegen sind ein brauchbarer, ein gewissenhafter Diener, –« und zärtlich klang seine Stimme, indem er Röchler auf die Schulter klopfte und ihn dabei der Tür zudrängte, »Sie sind ein Mann, den ich bedenken werde in meinem Testament. Denn ich weiß, Sie finden Mittel auszuführen meine Aufträge. Und nun gehen Sie, handeln Sie, wie's die Ehre Ihnen eingibt; schlafen Sie aus gehörig, und bedenken Sie, daß ich's Ihnen lohnen werde in meinem Testament.« Mit den letzten Worten schob er den Schreiber auf den Flur hinaus. – – Zwölftes Kapitel. In der Schatzkammer und unter dem Strohdache. Meredith hatte ihren Nachbar, den armen Maller, fast sinnlos vor Freude über den glücklichen Wechsel seiner äußeren Verhältnisse gesehen; und einige Tage später war sie Zeuge seiner Verzweiflung und endlosen Selbstvorwürfe. Hausse und Baisse! Wie das Zünglein schwankt! Wie die Schalen abwechselnd hinauf- und hinunterschnellen! Bald langsam, bald in heftigen Stößen, je nachdem die Spekulation, wie der den Käse teilende Affe in der Fabel, bald diese, bald jene Schale, um das Gleichgewicht herzustellen, erleichtert und das für überflüssig Befundene in den eigenen Rachen schiebt! Hausse und Baisse! Hohe Dividenden und Zahlungseinstellungen! Ungetreue Buchhalter und prassende Direktoren! Hei! Wie die Hyänen ihre Zähne wetzen, um, nachdem der eine Jagdgrund rein gefegt worden ist, auf einem andern Felde mit erneuten Kräften ans Werk zu gehen! – Die gute, ehrliche Meredith, was wußte sie von solchen Dingen, als sie sich auf den Weg begab, um an der eigentlichen Quelle Beruhigung für den verzweifelnden Maller und nebenbei für sich selbst zu schöpfen? Wo aber hätte sie eine richtigere Quelle gefunden, als gerade in den Räumen der Zentrifugalbank selber, in dieser Schatzkammer schnellwachsenden Reichtums? Sollten die beiden Direktoren doch freundlich entgegenkommende Leute sein, die niemand ohne heiteren Trost entließen, geschweige denn eine einzelne Dame, die vorzugsweise die Besorgnis um andere trieb. So dachte Meredith, als sie den Zutritt zu den Geschäftsräumen der Zentrifugalbank erzwang und ihre Blicke nach allen Richtungen verstörten Physiognomien und angstvoll starrenden Augen begegneten. Langsam mit dem Strome schwimmend, erreichte sie endlich die Kassenhalle. Nur wenig Geld wurde daselbst ausgezahlt, dies dafür aber um so bereitwilliger; denn nur wenige verstanden sich dazu, den Verlust der Hälfte ihres dort angelegten Geldes durch Verkauf gleichsam zu quittieren. Meredith sah verständnislos über das geschäftige Treiben hin. Dabei fielen ihre Blicke auf die seitwärts stehenden Direktoren, und ihr war als wenn die kalte Hand des Todes sich auf ihr Herz legte. Sie hatte Spark erkannt, und vergessen war alles, was sie in der Bank gewollt hatte. Gesenkten Hauptes schlich sie auf die Straße hinaus und ihrer Wohnung zu. »Wäre sein Körper zu Asche und Schlacken verbrannt, wie seine Seele, ich würde seine Nähe gefühlt haben!« flüsterte sie im Weitergehen. »O, mein Gott, warum ließ ich mich zu diesem unglückseligen Schritte verleiten? Der Elende, jetzt weiß ich, daß alles – alles verloren ist! Unwiederbringlich verloren! Daß er mich beraubte, ich klage nicht darüber; aber meine arme Esther, der arme Maller und alle die Menschen, die sich heute noch zu ihm drängen! Und ich darf nicht sprechen, muß seine Mitschuldige werden durch mein Schweigen.« In ihrer Wohnung angelangt riegelte sie alle Türen fest hinter sich zu, auch die Fenster verhing sie. Sie fürchtete, daß Maller kommen konnte, fürchtete den Anblick seiner Verzweiflung. Und er kam in der Tat, als der Abend bereits heimlich durch die Straßen schlich, und enttäuscht mit kummervoller Haltung entfernte er sich wieder, nachdem er vergeblich Einlaß begehrt hatte. In der Hand trug er ein Zeitungsblatt. Den letzten Tagesschimmer benutzte er dazu, während des Gehens noch einmal den Bericht zu lesen, den er bereits auswendig kannte. »In Aktien der Allgemeinen deutschen Zentrifugalbank für transatlantische Kolonisation und Missionswesen äußerst lebhafter Verkehr bei schwankenden Kursen,« hieß die betreffende Stelle. »Mancherlei Gerüchte jagen sich im Publikum, ohne daß eine wirklich klare Veranlassung dazu vorläge. Beim Schlusse der Börse wurden sie zu dreißig gehandelt und gefragt. Man setzt voraus – und wohl nicht mit Unrecht –, daß selbst bei einer Zahlungseinstellung die Landbesitztitel den obengenannten Wert von dreißig Talern noch weit übersteigen. Der Generalbevollmächtigte für die Kolonien begibt sich in den nächsten Tagen auf seinen Posten zurück, um neue Ländereien anzukaufen. Einen größeren Andrang von Europamüden betrachtet man als die nächste Folge des geheimnisvollen Heruntergehens der Aktien.« »Wo soll das enden, wo soll das enden?« ächzte Maller leise. Lange wandelte er vor seiner Wohnung auf und ab. Ihm war, als hätte er ein Verbrechen begangen, als hätte er die Blicke der Seinigen nicht mehr zu ertragen vermocht. – Während Meredith auf solche Weise von einer Sorge in die andere hineingejagt wurde, während Maller, schier verzweifelnd, zur Arbeit kaum noch seine Gedanken zu sammeln vermochte, selbst Gerhard den gesunkenen Wert der Aktien zum Gegenstand seiner Unterhaltung mit Esther wählte, diese dagegen zu seinem Verdruß alle Geldgeschäfte nach dem Monde hinaufwünschte, zogen Schwärmer und Maßlieb von Dorf zu Dorf, von Haus zu Haus, durch Spiel und Gesang alle Menschen erfreuend, deren Herzen und Hände öffnend, und wo sie zu der entsprechenden Zeit erschienen, da fanden sie einen Platz am Tisch, ein Winkelchen, ihre müden Glieder eine Nacht zu beherbergen. Der Abend war hereingebrochen und traulich saßen die beiden Gefährten im strohgedeckten Hause eines Büdners vor dem lodernden Herdfeuer, über dem in einem an schwerer Kette niederhängenden Kessel das Mahl für alle Hausbewohner brodelte. Herr wie Gesinde, Mutter wie Kinder, alle hatten sich um sie gereiht und aufmerksam den Melodien und Akkorden gelauscht, die Schwärmer mit großer Gewandheit seinem Instrument entlockte. Die alte Schauspielernatur war wieder erwacht. »Die tiefe Stille ringsum, das auf allen Gesichtern ausgeprägte Erstaunen über seine Kunstfertigkeit versetzten ihn in jene Tage zurück, in denen er als verkanntes Genie über die Kurzsichtigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen trauerte. Mehr und mehr erwärmte sich das alte Herz. Das Strohdach über ihm wurde zum vergoldeten Plafond, das Herdfeuer zum strahlenden Kronleuchter. Die rußigen Kaminmauern verwandelten sich in Kulissen, in einen emporgezogenen Vorhang der schwarze Rauchfang. Er spielte nicht mehr um eine elende Mahlzeit für sich und seinen Liebling, nicht mehr um ein Nachtlager für sie beide, sondern um einen Beifall, der über seine augenblickliche Umgebung hinausreichte. Maßlieb sah unterdessen träumerisch in die Flammen. Sie lächelte wohl, wenn Schwärmer gelegentlich durch Blicke auch um ihren Beifall flehte, allein dieses Lächeln kam aus einem bedrängten Gemüt. Anstatt sie zu erfreuen, erwirkten des greisen Komödianten Anstrengungen ihr Mitleid. Sie bedauerte, ihn mit ersterbender Kraft nach Bewunderung haschen zu sehen, und Scham zog bei dem Gedanken durch ihre Seele, singend um ihr Stücklein Brot vielleicht ähnlich beurteilt zu werden. Was Schwärmer für hinreißend hielt, übte auf sie eine entgegengesetzte Wirkung aus. Sie beneidete die sie umringenden Leute um das Los, im Schweiße des Angesichts ihr Brot zu essen, nichts zu kennen, als schwere Arbeit auf der bescheidenen Heimstätte und gesunden Schlaf auf hartem Lager unter einem Strohdach; sie beneidete sie um die Einfalt, mit der sie Leistungen, wie die ihres greisen Begleiters, als etwas Unerhörtes anstaunten. Sie betrachtete die runden, vor Gesundheit strotzenden Bauernmädchen. Auch sie sangen gewiß oft genug, um sich die Arbeit zu erleichtern, nicht aber um Pfennige oder eine Mahlzeit. Tiefe Schwermut bemächtigte sich ihrer und helle Tränen rollten über ihre Wangen. Des alten Komödianten Finger tanzten dagegen lustig auf den Saiten herum, und atemlos lauschten alt und jung auf die seltsamen spanischen Fandangoweisen und die dazwischen gestreuten glockenreinen Flageolettöne. Niemand achtete darauf, daß auf der Straße ein Wagen hielt und Schritte sich der Haustür näherten. Ein Bauernbursche lugte herein und schaute ebenso schnell wieder zurück. »Ja, ja, sie sind es beide,« rief er dienstfertig aus, »der alte Mann und das Mädchen; ich wußte, daß sie hier hineingegangen waren!« »Gott sei Dank!« antwortete eine rauhe Weiberstimme mit überschwenglichem Ausdruck, »mein Kind, meine Tochter! Ach, welche Freude nach so viel Angst und Kummer!« Schwärmer hatte beim ersten Ton der ihm fremden Stimme sein Spiel eingestellt und lenkte dadurch, daß er Maßlieb besorgt ansah, auch der übrigen Anwesenden Aufmerksamkeit auf sie hin. Maßlieb saß da, als sei sie plötzlich in Marmor verwandelt worden, so bleich und starr. Leises Zittern lief durch ihre schlanke Gestalt, während ihre Augen ratlos im Kreise schweiften. Die Karussellmutter war unterdessen hereingestürmt, und zu Maßlieb hineilend, schloß sie die Bestürzte in ihre Arme. »Maßlieb, du böses Herzenskind,« stöhnte sie unter hervorbrechenden Tränen und heftigem Schluchzen, »warum hast du mir das angetan? Warum deine armen Eltern in ein Meer des Kummers und der Sorgen gestürzt? Doch du lebst, du bist gesund, und alles, alles soll verziehen und vergessen sein!« »Sie ist nicht meine Mutter!« Mehr vermochte Maßlieb in ihrem Entsetzen nicht hervorzubringen. »Noch immer eigensinnig?« rief die Karussellmutter traurig aus, und neue Küsse regnete es auf Maßliebs Stirn, »hörst du denn nicht, daß alles vergeben und vergessen sein soll? Siehst du nicht, wie alle die guten Leute hier erstaunen, daß solch junges Mädchen die Liebe seiner Eltern verleugnet? O, Maßlieb, möge Gott dir den Gram, den du uns bereitetest, verzeihen, wie deine Eltern ihn dir bereits verziehen haben! Seit du dich heimlich entferntest, ist kein Schlaf in meine Augen gekommen!« Neues Schluchzen erstickte ihre Stimme. Diese Pause benutzte der Admiral, näher zu treten, sichtbar gerührt Schwärmers Hand zu ergreifen und tief bewegt ihm zu danken für den Schutz, den er seiner Tochter habe angedeihen lassen. »Tochter nennen Sie das Kind,« stammelte der so barsch aus seinem Kunsthimmel gestoßene Komödiant befangen, »ich glaube Ursache zu haben, zu bezweifeln, daß ein wirkliches Recht Ihnen –« »O, du böses Maßliebchen,« tadelte der Admiral liebevoll. »Du böses Maßliebchen! Was sollen die braven Leute denken, wenn du sogar in ihrer Gegenwart die Wahrheit entstellst–« »Sie sind nicht meine Eltern!« rief Maßlieb, ihren ganzen Mut zusammenraffend, aus, und ihre Hände flehentlich den Bauersleuten entgegenstreckend, »wären sie es, könnten sie mich nicht so peinigen.« »O, du ungeratenes Kind,« sprach jetzt der Admiral mit väterlicher Strenge, die gänzlich Verwirrte der Tür zuziehend, wie schlecht lohnst du unsere Güte. Aber in der Freude des Wiedersehens soll dir alles verziehen sein. Komme jetzt nur. Gute Nacht, Ihr lieben Leute!« rief er zurück, »Gottes Segen über Euch alle!« Die Karussellmutter folgte ihm auf dem Fuße, und gleich darauf fiel die Haustür hinter den Scheidenden zu. Maßlieb war vor Entsetzen völlig willenlos geworden. Und als sie wieder zusammenhängend zu denken vermochte, da saß sie auf einem offenen Bankwagen zwischen den beiden Karusselleltern. Sie wollte um Hilfe rufen; doch neues Entsetzen packte sie: der Mann auf dem Kutschersitz war der Kettenvogt. Sie erkannte ihn an seinem schadenfrohen Lachen, an seiner Stimme, als er höhnisch fragte, ob der Vogel willig ins Netz gegangen sei. – Dreizehntes Kapitel. Die letzte Kabul. Die Aktien der Zentrifugalbank waren gefallen, um sich nicht mehr zu erholen. Gerüchte aller Art schwirrten in der Luft, neue Angst und Besorgnisse verbreitend. Niemand wußte, was er glauben, was hoffen sollte. Zum Verkauf ihrer Aktien entschlossen sich nur wenige. Zu vielfach war die Erfahrung gemacht worden, daß das kleinste Angebot eine neue Entwertung erzeugte, nach der ein Steigen vergeblich auf sich warten ließ. Überall Angst und Erbitterung – nur Esther kümmerte sich, soweit es ihr eigenes Kapital betraf, nicht um den Wert der Aktien und nicht um den Ernst, den Gerhard zur Schau trug. Schmerzlicher berührte sie nur, zu beobachten, wie Meredith sich heimlich abhärmte und in ihrer Haushaltung eine Sparsamkeit walten ließ, die dafür zeugte, wie ernst sie die ganze Sachlage auffaßte. Doch je schärfer sich in ihrem Wesen Furcht und Gram offenbarten, in um so höherem Grade regte in Esther sich das Verlangen, ihrer Wohltäterin Beruhigung zu verschaffen, die in zweiter Reihe auch dem armen, verzweifelnden Maller zugute gekommen wäre. Sie begriff, daß sie von den Direktoren der Zentrifugalbank keine wahrheitsgetreue Auskunft erhalten würde. Dagegen setzte sie ihre Hoffnung auf den Generalbevollmächtigten Ellenborough, der in nächster Zeit wieder nach den Kolonien zurückkehrte, von dem sich also erwarten ließ, daß er mit allen Verhältnissen vertraut sei. Sie entschloß sich daher ihn um seinen Rat zu bitten, nebenbei aber die entsprechenden Erkundigungen über die Kolonien einzuziehen. Denn für sie war es kein unfreundlicher Gedanke, gemeinschaftlich mit Gerhard und Meredith überzusiedeln und auf fremder Erde eine neue, sorglosere Heimat zu begründen. Niemand wußte um ihren Plan, weder Meredith noch Gerhard, niemand ahnte, was sie bezweckte, als sie im Hause Naillekas wie beiläufig nach Ellenborough und dessen Wohnung fragte. Aber früher, als sonst ihre Gewohnheit war, begab sie sich auf den Heimweg. Ihr Ziel war der Gasthof, in dem Ellenborough wohnte. Als sie in der Vorhalle eintraf, wurde gerade das Gepäck eines Reisenden aus einem oberen Stockwerk heruntergeschafft. »Ich wünsche Herrn Ellenborough zu sprechen,« wandte Esther sich an den nächsten Aufwärter. »Keine halbe Stunde später hätten das Fräulein eintreffen dürfen,« antwortete dieser gefällig, »der Herr steht im Begriff, abzureisen.« »Wollen Sie so gütig sein und mich zu ihm führen?« bat Esther befangen. Der Aufwärter ersuchte sie, ihm zu folgen, und gleich darauf öffnete er im zweiten Stock eine Tür, dienstlich hereinmeldend, daß eine Dame den Herrn Ellenborough dringend zu sprechen wünsche. »Nur wenige Minuten sind mir noch gegönnt,« antwortete dieser ungeduldig, »der Zug wartet nicht – aber ich lasse bitten.« Der Kellner öffnete die Tür und schloß sie sogleich wieder, nachdem Esther eingetreten war. Ellenborough saß vor einem Schreibtisch und beendigte die Adresse eines Briefes. Er bemerkte daher die Eintretende nicht gleich. Als er sich aber auf ein von ihr erzeugtes leises Geräusch nach ihr umkehrte und der Schein der Lampe voll auf sein düster blickendes Antlitz siel, dem eine tiefe, in den Mundwinkel verlaufende Narbe einen höhnischen Ausdruck verlieh, gewahrte er, daß sie, wie gegen eine Ohnmacht kämpfend, mit den Händen nach einem Halt suchte und mit einem tiefen Seufzer auf den nächsten Stuhl sank. – Ein Mietswagen hielt vor dem Portal des Gasthofes. »Der Herr wird den Zug versäumen,« sprach der Portier zu dem Kellner. »Gehen Sie hinauf und erinnern Sie ihn,« erwiderte dieser. »Kellner!« tönte von oben die Stimme des Generalbevollmächtigten nieder, jedoch heiser und kaum verständlich, »unabweisliche Geschäfte halten mich zurück. Mit dem Nachtzuge werde ich erst reisen!« Darauf schnell in sein Zimmer tretend, schloß er sich wieder ein. Eine Stunde verrann, ohne daß er ein Lebenszeichen von sich gegeben hätte. Dann aber kam die Dame, die die Leute zu ihm hinausgewiesen hatten, langsam die Treppe herunter. Den Schleier hatte sie niedergezogen. Schweigend begab sie sich auf die Straße hinaus. Dort stand sie ein Weilchen, wie in Zweifel über die einzuschlagende Richtung, und mit den unsicheren Bewegungen einer Träumenden entfernte sie sich. Kein Laut verließ die bleichen Lippen, kein Seufzer, keine Klage entrang sich der gequälten Brust. Ihr Leben war vergiftet, ihr Herz gebrochen. Der Trost, den sie anderen zu bringen hoffte, ihr selbst war er zum Fluch geworden. Schauder auf Schauder durchbebte ihre Gestalt. – Wiederum eine Stunde später, da verließ auch der Generalbevollmächtigte den Gasthof. Als er den Wagen bestieg, schüttelten die ihn hinausbegleitenden Aufwärter bedenklich die Köpfe. Ein reiches Geldgeschenk hatte er wohl für sie, dagegen kein Wort des Dankes, als sie ihm eine glückliche Reise wünschten. Es rief den Eindruck hervor, als hätten sie einer Leiche in den Wagen hineingeholfen, so geisterhaft bleich war sein Antlitz, so starr und ausdruckslos blickten seine Augen. – Am nächsten Morgen durchliefen dunkle Gerüchte die Stadt. Man sprach von einer jungen Dame, die beim hereinbrechenden Abend das Haus des Herrn Bankdirektors Nailleka verlassen habe, ohne an den Ort ihrer Bestimmung eingetroffen zu sein. Diesen Gerüchten folgten Aufrufe und Verheißungen von Belohnungen für Nachrichten, die auf die Spuren der Verschwundenen lenkten, doch alles vergeblich. Es wurde von unglücklicher Liebe, sogar von Selbstmord geflüstert. Allein diejenigen, die der Verschwundenen am nächsten standen: Meredith und der vor Schmerz fast wahnsinnige und zu jeder Beschäftigung unfähige Gerhard, die wußten, daß weder ein zum Tode verwundetes Herz, noch der Verlust eines kaum nennenswerten Vermögens solch unseligen Entschluß in der heiteren, sorglosen Esther, in diesem goldenen Gemüte gezeitigt haben könne. Aber die Trauer um eine zu früh Dahingeschiedene, was war sie im Vergleich mit den Folterqualen, die der Ungewißheit über das Schicksal der Teuren entsprangen? Während aber Gerhard in wilder Verzweiflung Tag und Nacht planlos umherstreifte, entzog Meredith sich jetzt vollständig jedem Verkehr mit der Außenwelt. Nachdem sie alles Erdenkliche darangesetzt, Aufschluß über Esthers geheimnisvolles Verschwinden zu erhalten, selbst deren Geburtsstätte in den Kreis ihrer unermüdlichen Nachforschungen mit hineingezogen hatte, verließ sie kaum noch ihre Behausung. Sie wollte niemand mehr sehen. Sogar den Anblick des sich in endlosem Grame verzehrenden Maller vermied sie ängstlich. Unerträglich war ihr der Gedanke, daß auch diese Kabul, die sich stets als eine echte Nachkomme ihres Geschlechtes bewährt hatte, diese Letzte ihres Stammes, sich heimlich von ihr getrennt habe, oder durch eine verhängnisvolle Fügung des Geschickes ihr gewaltsam geraubt worden war. Der Abend war hereingebrochen. Die Äquinoktialstürme machten ihr Recht geltend. Schwere Wolken verschleierten den Himmel und regenartig trieb die heftige Luftströmung die seinen Dunstbläschen vor sich her. Um das stille Haus der Altertümlerin seufzte und heulte der Sturm dem entschwundenen Sommer ein melancholisches Abschiedslied. Die Wetterfahnen kreischten; unstet flackerten die Gasflammen in den Laternen. Wer sich in den Straßen befand, hüllte sich fester in seinen Mantel und fröstelnd beschleunigte er seine Schritte, wie auf der Flucht vor einem Unhold. Es war ein rechter Abend für warme Ofen und singende Teekessel; für geselliges Beisammensein und heiteres Geplauder. Und doch hatte Meredith von diesem allem nichts; nicht einmal einen geheizten Ofen, geschweige das eigentümlich behagliche Singen des siedenden Wassers, das wohl geeignet gewesen wäre, einem Charakter wie dem ihrigen Gesellschaft, munteres Geplauder und Erzählen zu ersetzen. Fröstelnd, wie die späten auf den Straßen einherschießenden Fußgänger, saß sie vor ihren Schreibtisch. Den Kopf hatte sie auf den einen Arm gestützt; vor ihr lag ein aufgeschlagenes Buch, lag ein Berg Aktien, von denen sie wußte, daß sie binnen kurzer Frist kaum so viel wert sein würden, wie eine ähnliche Anhäufung von Hobelspänen. Ihre vergeistigten Blicke waren auf ein Paar kleiner, wohlgeformter Schuhe gerichtet, die sie zwischen die Papiere gestellt hatte. Einen traurigen Genuß gewährte es ihr, jener Tage zu gedenken, in denen ein zierlicher Fuß von dem seinen Leder umschlossen wurde; der Sand kaum hörbar unter den schmalen Sohlen knisterte, wenn die letzte Kabul das stille Haus heiter und anmutig belebte. Das Helmvisier schob sich empor und siel wieder zurück. Meredith lauschte mit atemloser Spannung in den Garten hinaus. Sobald sie aber sich nähernde Schritte vernahm, erschlafften ihre Gesichtsmuskeln wieder. Esthers Schritte wären unhörbar geblieben. Die Zimmertüre öffnete sich und Spark trat ein. »Schwerlich erwartetest du mich,« redete er sie in seiner gewöhnlichen spöttischen Weise an, und einen Stuhl neben den Schreibtisch schiebend, nahm er Platz, durch eine leichte Handbewegung Meredith auffordernd, seinem Beispiele zu folgen. »Deine Augen verraten es, mein Anblick überrascht dich im höchsten Grade,« fuhr er fort, nachdem Meredith willenlos auf ihren Stuhl gesunken war, »allein im Begriffe von hier zu scheiden, konnte ich nicht umhin, dir zuvor die tröstliche Nachricht zu übermitteln, daß wir uns in diesem Leben nicht wiedersehen werden.« »Der Herr Bankdirektor gebraucht Geld,« versetzte Meredith mit einem geisterhaften Lächeln, »wohlan, hier liegen Aktien, die vor kurzem noch einen Wert von dreißigtausend Talern repräsentierten; ich zahlte wenigstens soviel dafür, als mein Vermögen gekündigt wurde und ich weniger hohe Zinsen, als eine sichere Kapitalsanlage suchte. Nimm davon, so viel dir beliebt; nimm alles, wenn's dir Freude macht.« »Du erkanntest mich also in dem Kontor?« erwiderte Spark ruhig, »nun ja, ich sah's, und 's ist um so viel besser und bequemer für uns beide. Du bietest mir die Papiere an; gut, ich übernehme sie zu demselben Preise, zu dem du sie erstandest, also zum vollen Nennwert. Auf Nimmerwiederkehr von hier scheidend, möchte ich dich in einer Lage wissen, in der du nicht auf fremde Wohltätigkeit angewiesen bist.« Es dauerte ein Weilchen, bevor Meredith zu antworten vermochte. »Zum vollen Nennwert?« fragte sie wie geistesabwesend, »du mußt mit Erfolg spekuliert haben, um nach wenigen Wochen in solcher Weise mit dem Gelde um dich werfen zu können. Und ein Wegwerfen ist es, wenn –« »Pah, werfe ich mein Geld weg, so ist das meine Sache,« fiel Spark geringschätzig ein, »aber du täuschest dich nicht; die Aktien, die ich von dir entlieh, brachten mir reichen Segen – hahaha! Ich traf gerade zur rechten Zeit ein und wurde zum Direktor gewählt. Doch das ist Nebensache. Ahnend, daß du den günstigen Zeitpunkt zum Verkauf unbenutzt vorübergehen lassen würdest, komme ich, um dir das Geschäft nachträglich zu ermöglichen.« »Reicher Segen!« rief Meredith aus, Hände und Blicke vorwurfsvoll gen Himmel erhebend. »Reicher Segen! Was ist erforderlich, um binnen wenigen Wochen sich zu Reichtum emporzuschwingen? Reicher Segen! Gibt es keine Gerechtigkeit mehr, eine solche Lästerung auf der Stelle zu bestrafen?« Sie sprang empor, und einen Schritt zurücktretend fragte sie mit düsterer Ruhe: »Sollen alle Aktien zu ihrem vollen Nennwert eingelöst werden? Soll allen, die durch die Zentrifugalbank in Bedrängnis gestürzt wurden, geholfen werden?« »Die anderen haben warten gelernt,« lachte Spark, »räume ich dir aber eine Vergünstigung ein, so ist das meine persönliche Angelegenheit.« »Werden alle um das Ihrige betrogen, so will ich keine Ausnahme machen,« erwiderte Meredith verächtlich, »und betrogen sind sie, das wußte ich, sobald ich dein Antlitz in jener Halle des Fluches erkannte; in schamloser Weise um ihr Letztes betrogen, denn wo deine Hand im Spiel ist, da findet Rechtschaffenheit keinen Boden mehr.« »Beurteile mich ganz nach Belieben,« versetzte Spark gleichmütig, »hältst du aber kluge Spekulationen für Betrug, wohlan, so gehe, auf die Straße hinaus und nenne jeden dritten Mann in einem anständigen Kleide einen Schurken und Betrüger, und sei überzeugt, daß er es nicht weniger verdient als ich. Der eine wuchert mit seinem mittelalterlich hochklingenden Namen, indem er ihn schlau zur Deckung von Schurkereien benutzt und gegen Entschädigung ausleiht. Der andere wuchert mit Diensteiden nach demselben Prinzip. Wieder ein anderer stiehlt nach oben, indem er bei Kaufaufträgen die Bewilligung erhöhter Preise von der Güte der ihm selber zufließenden Geschenke abhängig macht, nach unten dagegen, indem er sich mit dem geringsten Stallknecht in dessen Trinkgeld teilt! Hahaha! Spekulation überall und in allen Schichten der Gesellschaft! Das Wort Betrug findet nur noch seine Anwendung auf Schulbuben, die ihre Lehrer hintergehen, das Wort Diebstahl auf arme Teufel, die ein Brot ohne Bezahlung mitgehen heißen! »Laßt mich hinaus«, flehte Maßlieb entsetzt. Alles, alles Spekulation; durch Spekulation bin ich ein reicher Mann geworden, und nur darin liegt keine Berechnung, daß ich dich vor Nachteil bewahren möchte. Und nun frage ich dich zum letzten Male: Willst du auf meinen Vorschlag eingehen?« Meredith aber erwiderte ohne zu zögern: »Ruhte in jedem einzelnen dieser Papiere ein zehnfacher Tod, ich würde ihn einer Rettung durch deine Hand vorziehen. Geh, der Gedanke, diese Stätte, die mir so lange als Heimat diente, als Bettlerin verlassen zu müssen, hat nichts Schreckliches für mich. Liegt doch eine Bürgschaft darin, fernerhin von dir verschont zu bleiben. Geh und vergeude deinen Raub, wie du ihn erlangtest; vergeude ihn mit vollen Händen, und möge der Fluch, den du für andere aussätest, auf dein eigenes Haupt zurückfallen!« »So sind wir fertig miteinander,« versetzte Spark achselzuckend, »möge es dich nie gereuen, meine Hilfe verschmäht zu haben.« Sich in den Mantel hüllend, trat er auf den finstern Flur hinaus, die Zimmertür weit offen lassend. Gleich darauf ertönten seine Schritte auf dem Sandwege, aber erst nachdem der geisterhafte Ritter verkündet hatte, daß außer ihr sich niemand mehr auf dem Grundstück befinde, belebte ihre Gestalt sich wieder. »Also eine Bettlerin,« flüsterte sie, indem sie die Aktien emporhob, sie aber sogleich wieder mit einer Gebärde des Abscheues vor sich auf den Tisch warf, »es trifft mich hart,« ihre Blicke schweiften traurig über die an den Wänden geordneten Reliquien, »allein um den Preis, von ihm verschont zu bleiben« – und Träne auf Träne entrollte ihren Augen. – »Die Allgemeine deutsche Zentrifugalbank für transatlantische Kolonisation und Missionswesen hat ihre Zahlungen eingestellt,« war am folgenden Tage in den Abendzeitungen zu lesen. »Wir bedauern den Herrn Bankdirektor Nailleka, eine in den weitesten Kreisen beliebte und wegen ihrer Kulanz hochgeachtete Persönlichkeit um so tiefer, weil die Ursache des über die Zentrifugalbank hereingebrochenen Unglücks außerhalb seiner Berechnung lag. Sein Mitdirektor Balsam, der sein vollstes Vertrauen besaß, ist mit Wertobjekten im Betrage von fünfmalhunderttausend Talern verschwunden. Auch in den Büchern sollen noch erhebliche Fälschungen entdeckt sein. Nailleka selber ist durch das ungeahnte Mißgeschick völlig mittellos geworden; denn da der Flüchtling keine Spuren hinterließ, dürfte an eine Wiedererlangung des unterschlagenen Gutes kaum noch zu denken sein. Der Andrang der Aktionäre war nach Bekanntwerden des Unfalls ein gewaltiger. Sogar die Landbesitztitel stellten sich als unverkäuflich heraus. Größere Firmen werden durch diese Zahlungseinstellung glücklicherweise weniger berührt oder gar erschüttert. Vorzugsweise trifft der Schlag Gewerbetreibende und kleinere Kapitalisten. Wie so vielfach, müssen sie ihr sinnloses Trachten nach hohen Dividenden – wovor wir stets vergeblich warnten – schwer büßen. Die Telegraphen spielen nach allen Richtungen, bisher aber noch immer ohne Erfolg.« Das war die Grabrede der vielgepriesenen und warm empfohlenen Zentrifugalbank für Kolonisation. Einige Tage später, und in höheren Finanzkreisen war die Erinnerung an sie und den flüchtigen Direktor verwischt. Andere Gründungen verlangten ihre Rechte; neue Jagdreviere mußten eröffnet, neue Opfer geködert werden! Vierzehntes Kapitel. Menschenhandel. Es war eine schauerliche Nacht. Auf dem Tummelplatz der Wölfe herrschte tiefe Finsternis, der ganze Hof hatte sich in einen Morast verwandelt. Dazu der dem aufgeweichten Kehricht entsteigende Pesthauch; das Heulen des Windes, indem er scharf um die hohen Hausgiebel herumfuhr und mit den klapperigen Laden der Speicherluken einen scheußlichen Takt zu dem Unwetter schlug. Die Wölfe selbst hatten sich frühzeitig in ihre Höhlen zurückgezogen. Die mangelnde Ofenwärme suchten sie dadurch zu ersetzen, daß sie auf ihren elenden Lagerstätten dichter zusammenkrochen, und über sich hinzogen, was nur immer an Lumpen aufzutreiben war. Darum war es auch so still im Reiche des weisen Nathan. Hier und dort murmelte, flüsterte und kicherte es wohl, wo der Schlaf mit dem Ausstreuen seiner Mohnkörner noch zögerte. Auch schmerzliches Stöhnen und Wimmern wurde zuweilen verstohlen laut, wo hohes Alter oder Siechtum dem Blute die Wärme raubte. Doch den Wölfen waren solche Töne nicht fremd; die Gemüter waren in der Schule der Roheit und des Lasters abgehärtet. Auch der greise Komödiant wachte noch hoch oben in seiner elenden Kammer. Doch nicht die Kälte hielt ihn munter, oder der Regen, mochte dieser noch so heftig auf die Dachziegel niederprasseln; ebensowenig der Hunger; obwohl das Unwetter ihn in seinem Broterwerb störte und er seine Kunstreisen auf einen nur sehr mäßigen Umkreis beschränkte. Aber an die verlorene Gefährtin dachte er, an die freundliche Maßlieb, die seinen Geist wachgerüttelt hatte aus langjähriger Versumpfung. Wie bei der Erinnerung an sie in den alten Augen das Wasser zusammenlief! Es war eine schauerliche Nacht; eine Nacht, so recht geeignet für das finstere Wirken der Hyänen. – Nathan hatte seinen Sekretär zur Ruhe geschickt, und fest in seinen Schafspelz gehüllt, wandelte er in dem Geschäftszimmer auf und ab, jemand erwartend, den er ohne Zeugen zu sprechen wünschte. Schon begann er ungeduldig zu werden, als es draußen klopfte und bald darauf die Karussellmutter ihn höchst gebildet begrüßte. Fast gleichzeitig entfernte sich auf dem finsteren Flurgange ein leiser Schritt nach den Hintergebäuden, wo er auf dem Tummelplatz der Wölfe verhallte. Aus einem kleinen Fenster im zweiten Stock schimmerte noch ein mattes Licht auf den morastigen Hof hinaus. Ein Weilchen lauschte der geheimnisvolle Späher, dann regte er sich wieder, und gegen das erleuchtete Fenster klapperten einige, mit mäßiger Gewalt geworfene Erbsen. Auf dieses Zeichen verdunkelte sich das Fenster. Der Späher schlüpfte von dem Hofe und gleich darauf traf er mit dem Kettenvogt im Flurgange des Vorderhauses zusammen. »Ist er drinnen!« fragte dieser flüsternd. »Eben eingetreten,« antwortete Röchler leise, jedoch verriet sich in der eigentümlichen Hast große Furcht wie zügellose Gier. »Dann vorwärts,« befahl der Kettenvogt, und die Schuhe ausziehend, schlichen sie die schmale Treppe hinauf. Im ersten Stockwerk eingetroffen, reichte der Schreiber seinem Genossen die Hand, und sich behutsam durch einen schmalen Gang hintastend, gelangten sie in ein geräumiges Zimmer, das gerade über dem Kontor des weisen Nathan lag. Hier zündete Röchler ein Licht an; mit Bedacht überzeugte er sich, daß der vor dem Fenster angebrachte Vorhang dicht schloß, dann legte er einen Finger auf den Mund, für den sachverständigen Kettenvogt ein Zeichen, die größte Vorsicht walten zu lassen. Aus ein Zeichen Röchlers legte der Kettenvogt sich auf die Erde neben ein von Motten zerfressenes Wagenkissen nieder; Röchler nahm ihm gegenüber an der anderen Seite des Kissens Platz, worauf sie dieses vorsichtig emporhoben und so weit ihre Arme reichten, aus dem Wege schafften. Ähnlich verfuhren sie mit zwei Brettern, die mit vieler Mühe losgeschnitten worden waren. Zwischen ihnen befand sich nun eine Öffnung von etwa drei Fuß Länge und zwei Fuß Breite. Nach unten reichte sie indessen nur einen halben Fuß tief, oder vielmehr bis auf die den Kalkputz von Nathans Kontordecke tragenden morschen Stäbe. Bei diesem Anblick nickte der Kettenvogt wohlgefällig. Der kundige Einbrecher bewunderte offenbar das Stückchen Arbeit; denn Röchler hatte nicht nur den Schutt zwischen den nächsten Tragebalken fortgeräumt, sondern auch Stroh und Lehm von den Stäben so weit fortgeschält, daß es nur eines leisen Druckes bedurft hätte, um dem weisen Nathan einen Teil seiner Zimmerdecke auf den Kopf zu senden. Auf diese Art die mit so viel Geduld begonnene Arbeit zu vollenden, lag indessen weder in Röchlers noch in des Kettenvogts Absicht. Nur lauschen wollten sie, und lauschend neigten sie ihre Köpfe der Öffnung zu. Doch wenn in des Kettenvogts braunrotem Antlitz sich die Raubgier eines wilden Tieres ausprägte, und ein gewisser Triumph, daß der vermeintlich einfältige Schreiber ihm einen Weg zeigte, der über kurz oder lang zu einem kühnen Unternehmen sich würde benutzen lassen, so lauschte Röchler nur auf das, was unter ihm in dem Kontor stattfand. »Diese Papiere schließen jede Möglichkeit eines Irrtums aus,« drang der Karussellmutter Erklärung verständlich zu den beiden Horchern herauf, »sollten Sie indessen Zweifel hegen, so brechen wir unsere Verhandlungen einfach ab. Vorläufig liegt mir überhaupt wenig daran, mich von dem Mädchen zu trennen – später vielleicht –« »Für richtig erkenne ich die Papiere allerdings,« fiel Nathan ungeduldig ein, »dagegen verlange ich Bürgschaft, daß außer Ihnen kein anderer irgendwelche Dokumente im Besitz hält.« »Was an Dokumenten existiert, besitze ich,« beteuerte die Karussellmutter; »wollen Sie sie mir abkaufen, gut, so nennen Sie Ihr Angebot. Ich antworte darauf mit meiner Forderung, und einigen wir uns nicht – so ziehe ich meiner Wege. Ich wiederhole, nur ungern trenne ich mich von dem Kinde.« Nathan überlegte ein Weilchen. »Verstehe ich recht,« hob er wieder an, »so steckt in dem Kinde große Vorliebe fürs Landstreicherleben?« »Als ob's fürs Vagabundieren geboren wäre. Sie selbst sollten das am besten wissen, zumal es so lange in Ihrem Hause lebte und von hier aus in Gesellschaft eines verdorbenen Komödianten seine Streifereien unternahm.« »Habe ich doch nicht gewußt, daß es gefunden hat Aufnahme in meinem Hause bis zum letzten Tage.« »So fragen Sie den alten Mann selber. Ich sollte denken, daß es so lange zu ihm hielt, ist Beweis genug für seine Landstreichernatur. Gleich und gleich gesellt sich gern.« »Unter keinen Umständen darf gefragt werden der Alte,« entschied Nathan bedächtig, »'s würde erregen seine Neugierde und würde er sich sehnen, zu erfahren mehr. Nein, nein, das Kind darf nicht kommen ans Tageslicht; das zu verhüten sind Sie aber nicht die geeignete Person. Wird es Ihnen doch entlaufen bei nächster Gelegenheit, und wird es Leute finden, weniger einfältig als der alte Komödiant, die es hinführen, wohin es gehört, zu Ihrem und zu anderer Leute Nachteil. Ich bin daher gesonnen, Ihnen abzukaufen nicht nur diese Papiere, sondern das Mädchen selber, um für es zu sorgen und es unterzubringen in einer Familie, die es nicht läßt aus den Augen und gibt ihm 'ne Erziehung, so angemessen in seinem Stande –« »Eine feine Erziehung mag's sein,« lachte das Weib spöttisch, »doch mich soll nicht kümmern, wo's sein Ende nimmt, ob zwischen seidenen Pfühlen oder in einem Krankenhause. Ich habe mich lange genug mit der Kröte herumgeärgert, und meinem Schöpfer will ich danken, wenn ich sie gegen eine angemessene Entschädigung für Kost und Erziehung wieder los werde.« »Da unsere Wünsche sind dieselben,« versetzte Nathan, »ist's überflüssig, Nebendinge zu beraten, 's schadet oft, zu wissen zuviel. Wissen Sie nicht, wo ist geblieben das Mädchen, können Sie nicht erteilen Auskunft; und kenne ich nicht die näheren Umstände, wie's gelangte in Ihren Besitz, brauche ich mir darüber zu machen keine Gedanken.« »Vergebens nennt man Sie nicht den weisen Nathan,« erklärte das Weib im Gönnertone. »Aber zum Schluß: Was zahlen Sie für die Papiere, was für das Mädchen, oder noch besser: Wieviel für beides?« »Will ich tun mein Äußerstes,« antwortete Nathan, »will ich Ihnen zahlen zweihundert harte Taler –« Das Schnurren eines Stuhles tönte zu den Lauschenden herauf, dem sich ein heiteres: »Gute Nacht, Herr Nathan!« anschloß. »Bleiben Sie, bleiben Sie,« fiel Nathan auf diesen energischen Abbruch der Verhandlung ein, »meinte ich doch für jedes zweihundert Taler, was machen vierhundert.« »Herr Nathan,« hob das Weib an, »wäre ich nur halb so bemittelt wie Sie, würde ich das Mädchen zu meinem Vergnügen an Sie abtreten. Da dies aber nicht der Fall ist, muß ich es so hoch wie möglich zu verwerten suchen. Sie haben meine Pflegetochter nicht gesehen? Wohlan, sie ist schön; nebenbei besitzt sie eine Anmut der Bewegungen, wie sie nur angeboren sein kann. Jetzt merken Sie auf: Verkauft – um offen zu sprechen – wird das Persönchen auf alle Fälle, und ich will mein letztes Stück Brot gegessen haben, wenn's nicht genug hohe Herren, betreßte Beamte und reichgewucherte Lumpe, Gründer und Bankiers gibt, die mit Freuden mir zwölfhundert Taler für die feine Ware zahlen. Bewilligen Sie mir also zwölfhundert Taler, so nehmen Sie Mädchen und Papiere und wir sind geschiedene Leute und ich kenne das Fräulein nicht mehr, – andernfalls, nun, ich seh's Ihnen an – gute Nacht, Herr Nathan –« »Nein, gehen Sie nicht,« versetzte dieser wieder schnell, und nach dem Geräusch zu schließen, vertrat er der Karussellmutter den Weg, wenn ich möcht' durchführen etwas ernstlich, so geschieht's, und sollt' es mich kosten schwere Opfer. Ja, ich will geben die zwölfhundert Taler; allein ich will dafür haben meine Ware, so mir entzogen werden kann durch einen unglücklichen Zufall. Geben Sie mir daher die Papiere für die Hälfte des Preises und zahle ich die andere Hälfte zu jeder Stunde, nachdem ich in Empfang genommen das Mädchen.« Das Weib zögerte. »Nicht mehr als recht und billig,« rief es aus, »sechshundert Taler auf der Stelle und den Rest nach Schlußlieferung der Ware.« Ein Weilchen ergingen beide sich jetzt in mancherlei Betrachtungen über Vorteil und Nachteil des Geschäfts und einzelner Nebenbedingungen, worauf Nathan, wenn auch mit gewohnter Vorsicht, jedoch klirrend das feuerfeste Spind öffnete. »Ist das lauter Geld?« fragte die Karussellmutter erstaunt. Bei diesem Ausruf richtete der Schreiber sich empor, und mit lauernder Spannung beobachtete er den Genossen. Dieser hatte ihm seine wild glühende Physiognomie zugekehrt und das Ohr beinahe unten auf die Lehmstäbe gelegt. Er schien durchbrechen zu wollen, um sich mit Gewalt der Schätze zu bemächtigen, die durch die Frage der Karussellmutter vor seine Phantasie hingezaubert worden waren. »Es ist Geld, aber nicht mein Eigentum,« antwortete Nathan stotternd, denn in seiner leidenschaftlichen Erregung hatte er die Anwesenheit eines Zeugen nicht beachtet; hab' ich's doch nur in Verwahrung genommen auf vierundzwanzig Stunden gegen eine mäßige Entschädigung und weil jeder kennt die Gewissenhaftigkeit und Sicherheit des alten Nathan.« Ein dumpfer Ton und neues Klirren bekundeten, daß er die Tür, nachdem er den vereinbarten Geldbetrag an sich genommen, wieder zugeschlossen hatte. Röchler erriet dies so genau, als hätte er sich unten in dem Kontor befunden. Leise berührte er den Kettenvogt an der Schulter, und als dieser ihn mit den blutunterlaufenen Augen anstierte, nickte er ihm höhnisch grinsend zu. Gleich darauf ertönte der helle Klang, mit dem Goldstücke ausgezählt wurden. Röchler hatte seine Blicke wieder scharf auf den Kettenvogt gerichtet. Dieser dagegen, von unbezähmbarer Raubgier erfüllt, ballte die neben der Öffnung auf den Brettern ruhenden Hände, als hätten sie sich in eine Kehle eingekrallt gehabt. Röchler frohlockte. Kein Küchlein, eben dem Ei entschlüpft, hätte sorglicher gepflegt werden können, als der in den Fesseln eines bösen Gewissens und der Furcht vor dem Zuchthause sich windende Sklave die Rache gegen seinen Verderber und unumschränkten Gebieter vorbereitete, um dadurch zugleich seine Freiheit zurückzugewinnen. Mehrere Minuten dauerte das Zählen des Geldes; erst nachdem die Karussellmutter die ausbedungene Summe auf ihrem Körper geborgen hatte, nahm sie ihr Gespräch mit Nathan wieder auf. Zugleich näherten sie sich der Tür, wodurch ihre Worte allmählich undeutlicher wurden und endlich in unverständliches Murmeln übergingen. Diese Zeit benutzte Röchler die Bretter in ihre alte Lage einzufügen und mit dem Wagenkissen zu bedecken. Aber Mühe kostete es ihn, den Genossen, dessen Räubernatur erwacht war, zum Aufstehen zu bewegen. Geräuschlos schlichen sie nach dem Ausgange hin, aber erst nachdem Röchler die Hand auf das Schloß gelegt hatte, löschte er das Licht aus. »Haben Sie alles gehört, was da unten verhandelt wurde?« fragte er flüsternd, bevor er öffnete. »Alles, alles,« antwortete der Kettenvogt ebenso leise, und fragend traf sein Atem Röchlers Gesicht; »er zeigte ihr seine Schätze – Hunderttausende von Talern – verdammt! Wer da einen Griff hineintun könnte! Dann zählten sie lumpige sechshundert Taler in Gold, – Silber klingt anders – und sechshundert erhält sie nachgezahlt. Zum Teufel mit dem Geldspinde! Kein Schlüssel richtet dagegen etwas aus, aber scharfe Zentrumbohrer; die echten schneiden Eisen wie Butter – welchen Weg mag das Satansweib eingeschlagen haben?« Röchler triumphierte. »Sie verstanden mich falsch,« bemerkte er scheinbar ungeduldig, »das Gold kümmert Sie so wenig wie mich. Aber von dem Mädchen sprachen sie, von der jungen Sängerin, eine Art Kaufkontrakt wurde abgeschlossen –« »Zum Teufel mit dem Mädchen, samt der Hexe,« fiel der Kettenvogt grimmig ein, »ich hörte nur von Gold und gelogen hat der alte Spitzbube obenein: 's ist alles sein Eigentum. Dem vertraut niemand 'ne Pfeife Tabak an, geschweige denn 'nen Sack voll Goldrollen.« »So wäre meine Mühe vergebens gewesen,« versetzte Röchler mit heimlichem Frohlocken, »ich hoffte, in Ihnen einen Zeugen zu gewinnen, wenn das zwischen Nathan und dem Weibe getroffene Übereinkommen vielleicht üble Folgen nach sich zöge.« »Gehört habe ich mancherlei,« gab der Kettenvogt nunmehr zu, »aber des Satans will ich sein, wenn ich weiß was. Doch das verschlägt nichts; ich bezeuge und beschwöre alles, was Sie verlangen – aber noch 'n Wort: Wenn Sie wieder jemand gebrauchen, nehmen Sie nie 'nen andern als mich. Denn kommt's unter die Leute, wie's hier drinnen aussieht, möchten des alten Gauners Schätze die längste Zeit unangetastet geblieben sein.« Unten ging wiederum eine Tür. Der Schreiber ergriff des Genossen Arm und preßte ihn krampfhaft. Aus der Richtung des Geräusches hatte er erkannt, daß Nathan seine Wohnung nach alter Weise durch eine Hintertür verließ. Anstatt aber Röchler, wie schon mehrfach, einen flüchtigen Besuch abzustatten, schlich er an der Treppe vorbei auf die Straße hinaus. Röchler seufzte erleichtert auf. »Kam er hier herauf, so waren wir verloren,« bemerkte er, wie zu sich selbst sprechend, indem er, dem Kettenvogt voraus, sich der Treppe näherte. »Ich hätte ihm's Genick gebrochen,« versetzte der Räuber wild, »und der Teufel hätt's ihm angesehen, ob er die Treppe hinuntergestolpert oder durch 'nen gesunden Fußtritt hinabgeschickt worden wäre.« Sie waren unten angekommen, wo sie sich voneinander trennten. Der Kettenvogt begab sich nach seiner Schlafstelle im Hintergebäude, Röchler schlich in seine Kammer, und Totenstille herrschte in den Höhlen der Wölfe und Hyänen. – Draußen stürmte und regnete es noch immer nach alter, ungeschwächter Weise, und mit den Wetterfahnen, Herbergsschildern und kranken Fensterladen wirtschaftete der Wind, als hätte er deren Vernichtung in Akkord übernommen gehabt. Doch was kümmerten Nässe und Unwetter den weisen Nathan, wenn ein Geschäft von Wichtigkeit seinen Geist rege hielt? Und ein Geschäft von großer Wichtigkeit mußte es sein, das ihn noch um Mitternacht durch die feuchten Straßen trieb. Freilich! der weise Nathan war keine furchtsame Natur; außerdem befand er sich auf vertrautem Boden. Das bewies die Sicherheit, mit der er um die Ecken der Gassen und Gäßchen herumhuschte, bald auf der einen Seite, bald auf der andern seinen Weg wählte und endlich vor einem hohen, weit übergebauten Hause, dessen niedrige Fenster kaum zwei Fuß über dem Straßenpflaster lagen, stehen blieb. Vier Stufen führten zu der Haustür niederwärts. Behutsam stieg er hinab; dann zog er zweimal an der Klingelschnur, deren Griff nur ein mit der Örtlichkeit sehr Vertrauter in der Finsternis zu entdecken vermochte. Nach einigen Minuten näherten sich im Innern schlurfende Schritte. Nathan rief ein hebräisches Wort hinein, eine ähnlich erteilte Antwort erfolgte, die Tür öffnete sich, ein gerunzeltes Eulengesicht, dessen hagerer Körper in einem unsauberen Kattunkleide steckte, und von einer flackernden Tranlampe beleuchtet wurde, erschien, und der weise Nathan befand sich an seinem Ziele. »Ist die Rosamunde daheim?« fragte er dringlich, nachdem die Tür wieder verschlossen worden war. »Alle daheim,« krächzte das Weib, »aber im tiefen Schlaf liegen sie. Haben sie gearbeitet bis nach Mitternacht jeder auf seine Weise, und ist ihnen zu gönnen die Ruhe.« »Geh', wecke mir die Rosamunda,« versetzte Nathan gebieterisch, »sage ihr, daß ich notwendig gebrauche ihre Hilfe: dann fertige mir 'nen warmen Trunk an und geselle dich zu uns, auf daß du aushelfest mit deinem Rat und deinem Urteil.« Das Weib stieß eine Tür auf, und Nathan die Lampe reichend, riet es ihm, sich seinen Weg zu suchen, während es selbst eilte, die empfangenen Befehle auszuführen. Als Nathan das Haus wieder verließ, meldeten die Turmuhren die dritte Morgenstunde. Es regnete noch immer, als hätte es nie aufhören wollen. Fünfzehntes Kapitel. Unter den Wölfen. Der Gerechte erbarmt sich auch seines Viehes.« Von solchen Grundsätzen waren unstreitig der Admiral und seine gebildetere Hälfte ausgegangen, als sie an dem ersten gesegneten Regentage, da kein reitlustiges Publikum zu erwarten war, eine Zeltwand rund um das Karussell herum an dessen Dach befestigten und auf diese Art ihren Bestien einen erträglichen Schutz gegen das Unwetter verschafften. Der Sturm blies wohl gelegentlich unter der Zeltwand hindurch, hob sie auch empor und sandte eine Ladung schwerer Tropfen in den luftigen Marstall hinein, allein die Bestien waren alle ziemlich abgehärtet, so daß sie deshalb ihren äußeren Charakter nicht veränderten. Sogar die hölzernen Flammen, die ununterbrochen aus diesem und jenem Drachenschlunde züngelten, erwiesen sich als unempfindlich gegen Feuchtigkeit. Ohne zu zischen oder zu erlöschen nahmen sie die kalten Tropfen entgegen, und wären die langen, blauen Zungen nicht mit Pfeilspitzen versehen, die Nüstern nicht so gespreizt und die Augen nicht gar zu schielend gewesen, so hätte man sie für die harmlosesten Geschöpfe halten können, die jemals aus der Hand eines biederen Drechslermeisters hervorgegangen waren. Weniger unempfindlich gegen klimatische Einflüsse war Kappel, der heruntergekommene Korpsbursche. Er hatte sein Lager auf der geschützten Karussellachse gerade unterhalb der Orgel aufgeschlagen, wo ihm die Zeit ohne die störenden Beigaben des Unwetters verhältnismäßig ruhig verstrich. Dort hatte er die ganze Nacht gelegen; dort lag er noch am darauffolgenden Nachmittage, nur dann seine Ruhe unterbrechend, wenn die fälligen Mahlzeiten ihn nach der grünen Arche riefen. Im übrigen betrachtete er das blaue Fläschchen und Tabak als bewährte Sorgenbrecher, die indessen an diesem mißgestimmten, grauen Regentage im allgemeinen ihren Zweck verfehlten. Erstaunte er doch über sich selbst, so unwirsch war er gelaunt, und niemand empfand dies herber, als die Karusselleltern, die im Verkehr mit dem sarkastischen, heiter bissigen, verdorbenen Genie stets eine recht anregende Unterhaltung fanden. Stumm erschien er in der Arche; schweigend setzte er sich zu Tisch, wortlos nahm er von den Speisen, und kaum hatte er den letzten Bissen über seine weiße Zähne geschoben und durch einen mäßigen Trunk aus dem blauen Fläschchen sein ernstes Verfahren besiegelt, so entfernte er sich auch schon wieder, um seine Decken nicht allzusehr auskühlen zu lassen. In einer solchen menschenfeindlichen Stimmung hatte er sich seit jener Nacht befunden, in der die entflohene Maßlieb wieder in die Arche einquartiert worden war. Zu seinem Erstaunen hatte Maßlieb sich widerstandslos in alles gefügt, was über sie verhängt wurde. Sie war eben in der kurzen Zeit ihrer Abwesenheit eine andere geworden. Kein Laut der Klage drang über ihre Lippen; auf keine an sie gerichtete Frage antwortete sie; selbst die Mißhandlungen der ergrimmten Karusselleltern ertrug sie mit unerschütterlicher Ruhe. Der Tag war in langweiliger, trüber Einförmigkeit verstrichen, und unterstützt durch den strömenden Regen begann die Dämmerung sich früher geltend zu machen, als eine weibliche Person von der Straße nach dem Karussellplatz hinaufbog und sich hastigen Schrittes der grünen Arche näherte. Ohne Säumen erstieg sie die sechs Stufen, und nachdem sie auf der kleinen Plattform unter dem vorspringenden Schutzdach, das überflüssige Wasser von ihren Kleidern und dem triefenden Regenschirm geschüttelt hatte, klopfte sie an die Eingangstür. »Habe ich die Ehre, Herrn Lenkhart zu Hause zu treffen?« fragte sie befangen, als die Karussellmutter öffnete und sich nach ihrem Begehr erkundigte. »Zu dienen,« antwortete diese nicht minder gebildet, durch eine anmutige Armbewegung die Fremde zu sich hereinnötigend, und zugleich klappte sie einen Feldstuhl für sie auseinander. »Im Auftrage der Fräulein Kabul komme ich,« bemerkte erstere, eine einfach und züchtig gekleidete Person mittleren Alters, auf deren leidendem Antlitz die Spuren früherer hoher weiblicher Reize erkennbar waren, »ein junges Mädchen namens Maßlieb soll unter Ihrem Schutze leben.« »Meine Tochter, meine Tochter,« fiel die Karussellmutter verbessernd ein, indem sie einen Blick des Einverständnisses mit dem Admiral wechselte, dann fuhr sie laut genug fort, um in jedem verborgenen Winkel der Arche verstanden zu werden: »Herzlich danke ich Fräulein Kabul für die meiner Tochter bewiesene Teilnahme, und ich freue mich, berichten zu können, daß mein wildes Maßliebchen sich wohl und munter befindet.« »Viel Unglück hat Fräulein Kabul in jüngster Zeit betroffen,« versetzte die Fremde, »so daß die Einsamkeit ihr zur Qual wird. Sie richtet daher die Bitte an Sie, das junge Mädchen auf einige Zeit an sie abzutreten.« »Obwohl das gütige Anerbieten mich überrascht,« antwortete die Karussellmutter vertraulich-innig, »so bin ich, nach den letzten Erfahrungen doch nicht abgeneigt, darauf einzugehen. Ich befürchte nur, daß wir bei dem etwas verzogenen Kinde auf Widerstand stoßen – doch versuchen Sie es selber; ich gebe zu allem meine Zustimmung, was dazu beiträgt, segensreich auf das Gemüt meiner armen, mißleiteten Tochter einzuwirken.« Die Fremde erhob sich und trat auf ein Zeichen des Admirals zu Maßlieb in das Gefängnis. Ein Lämpchen erhellte es, so daß beide sich gegenseitig in die Augen zu schauen vermochten. Der Anblick der scheinbar leidenden Fremden mit dem wohlwollenden Zug um die blaßroten Lippen übte offenbar einen günstigen Eindruck auf Maßlieb aus, und dennoch war sie im Begriff, die bereits durch die Bretterwände hindurch vernommene Einladung abzulehnen, als die Fremde sich ihr mit geheimnisvollem Wesen zuneigte und den Namen »Schwärmer« flüsterte. »Keine Unvorsichtigkeit,« fuhr sie beinah unhörbar fort, »der alte Mann stirbt vor Sehnsucht nach Ihnen, und nicht die alte Dame, sondern er selber schickte mich ab. Nur Vorwand ist die Einladung. Willigen Sie ein« – und nun begann sie laut zu wiederholen, was sie den Karusselleltern gegenüber ausgesprochen hatte. Maßlieb hörte sie ruhig zu Ende. Ihr armes Herz zitterte vor Freude, als sie den Namen ihres alten Begleiters hörte, und dennoch wagte sie kaum zu antworten, aus Furcht, die Aussicht auf ihre Befreiung wieder zu vernichten. »Ich werde mit Ihnen gehen,« sprach sie leise, und nachdem sie ein Tuch um ihr Haupt geschlungen hatte, hüllte sie sich in ihren abgetragenen Schal. »Ich werde mit dieser Dame gehen,« wiederholte sie, bei den Karusselleltern eintretend. Ihr Antlitz glühte dabei wie im Fieber, und starr hielt sie die Augen auf den Fußboden gesenkt; sie sah daher nicht die Blicke der Befriedigung, die über sie hin gewechselt wurden, nicht das teuflisch triumphierende Lächeln, mit dem die beiden Gatten ihre Hast beobachteten. »So gehe denn,« sprach der Admiral salbungsvoll, »gehe und vergiß nie deine Eltern –« »Nein, vergiß sie nicht,« fiel die Karussellmutter lebhafter ein, indem sie Maßlieb umarmte und auf die Stirn küßte, »wer weiß, wann wir uns wiedersehen, denn wir warten nur aus günstiges Wetter, um von hier fortzuziehen. Gehe, meine Tochter, grüße Fräulein Kabul – und – und möge des Himmels Segen mit dir sein für und für!« Stumm trat Maßlieb auf die Plattform hinaus und gleich darauf stand sie unten im strömenden Regen. Ein Weilchen zögerte sie. Es trieb sie, Kappel Lebewohl zu sagen; allein fürchtend, sich noch im letzten Augenblick zu verraten, ergriff sie schnell den ihr gebotenen Arm der neben sie hintretenden Fremden, und diese mit sich fortziehend, eilte sie an dem verhangenen Marstall vorbei, aus der Nähe der grünen Arche. »Der gute Schwärmer, wie er sich freuen mag, seinen Liebling wiederzusehen!« sprach die Fremde, indem sie in die nächste Straße einbogen, dann schien der vom Sturm gepeitschte Regen ihr die Stimme zu rauben. Ein Mietswagen kam ihnen entgegen. Die Fremde rief ihn an und nötigte Maßlieb, einzusteigen. »Der Weg ist zu weit für uns bei solchem Wetter,« bemerkte sie ermutigend, »zumal Schwärmer gezwungen war, seine Wohnung zu wechseln. Er fürchtete im Hause Nathans fernere Nachstellungen.« Maßlieb war unfähig zu antworten. Eine namenlose Angst ergriff sie. Unerklärlich erschien ihr, daß ihr greiser Freund plötzlich die Mittel besaß, einen Wagen für sie zu mieten. Und der Wagen selbst; noch nie hatte sie in einem solchen gesessen. Sie meinte ersticken zu müssen. Und dann die rasselnde Bewegung, die Schnelligkeit, mit der zu beiden Seiten die Laternen aufeinander folgten. Ein Gefühl beschlich sie, als hätte sie sich auf dem Wege zur Schlachtbank befunden, und um ihre Besorgnisse dadurch zu verscheuchen, begann sie die auf beiden Seiten vorüberfliegenden Laternen zu zählen. Zehn – zwanzig – fünfzig – hundert, und immer mehr und mehr, bis sie endlich die Zahl vergaß und ihre Aufmerksamkeit den Gebäuden zuwandte. Diese rückten näher zusammen und lagen so düster da, daß die Behausung des weisen Nathan im Vergleich mit ihnen die Bezeichnung eines Palastes verdiente. Immer weiter und weiter, bis der Wagen endlich mit einer heftigen Bewegung anhielt und ihre Begleiterin fast ebenso schnell den Kutschenschlag aufstieß. »Willst du die ganze Nacht da sitzenbleiben?« »Hu, wie's regnet!« sprach sie, indem sie Maßlieb voraus auf die Straße sprang und dem Kutscher das Fahrgeld reichte; dann nahm sie Maßliebs Arm, und bevor diese zum rechten Bewußtsein ihrer Lage gelangte, war sie mit ihr in eine schmale Gasse eingebogen. »Wohin führen Sie mich?« fragte Maßlieb, von neuem Entsetzen ergriffen. »Zu dem alten Komödianten,« antwortete die Fremde lachend, daß es Maßlieb durch die Seele schnitt, »gleich sind wir dort, und das Weitere wirst du ja sehen.« Maßlieb fühlte ihren letzten Mut sinken. Sie dachte daran, sich von dem festen Griff ihrer Begleiterin zu befreien und der Schnelligkeit ihrer Füße zu vertrauen. Bevor sie aber noch zu einem Entschluß gelangte, wurde sie seitwärts mehrere Stufen hinabgezogen, wo eine niedrige Tür vor ihr lag. Ihre Begleiterin zog eine Klingel, die wie in weiter Ferne dumpf verhallte. »Nicht hier, nein, nicht in dieses Haus!« flehte Maßlieb in ihrer Herzensangst. Die Stimme versagte ihr, die Tür wurde geöffnet und vor ihr stand ein Weib mit zahnlosem Eulengesicht, zottigem, grauen Haar und in einer unsauberen Kattunhülle, das, die rußgeschwärzte Lampe mit der Hand beschattend, den Eindruck hervorrief, als sei es eben einem Höllenpfuhl entstiegen. Maßliebs Kräfte schwanden. Widerstandslos duldete sie, daß sie in den finsteren Flurgang hineingeschoben wurde, aber ein Schauder durchrieselte sie, als sie hinter sich die Tür zufallen hörte. »Ist der alte Komödiant daheim?« fragte ihre Begleiterin mit plötzlich veränderter rauher Stimme und brutalem Ausdruck. »Fortgegangen, teure Rosamunda,« schluchzte das Weib, teuflisch grinsend, denn Sprechen konnten die von ihr ausgestoßenen Töne nicht genannt werden, »fortgegangen schon vor Stunden; sage mir, ich möchte bestellen an Maßlieb, sein Herzblatt, sie sollte nicht ungeduldig werden, wenn er auch fortbliebe zwei, drei Tage; und möchte sein Herzblatt lieben die alte Sarah, seine Freundin, und die schöne Rosamunda, so ist heute noch der Stolz der ganzen Männerwelt –« »Pah!« fiel Rosamunda geringschätzig ein, den triefenden Regenschirm auf ein zerbrochenes Garderobenspind werfend, »was thu' ich mit 'nem alten Kulissenfuchser, wenn er nicht besser Wort zu halten versteht? Schickt mich aus, um seinen Schatz herbeizuholen, und jetzt, da ich ihm den Leckerbissen bringe, ist er zum Teufel.« »Schadet's nicht, wenn fort ist die klimpernde Vogelscheuche,« röchelte Sarah, mit ihren langnägeligen, dürren Fingern Maßliebs Handgelenk fest umspannend, »ist nicht da die Vogelscheuche, tut's auch die Mutter Sarah, sie besitzt 'ne große Vorliebe für schöne Kinder –« »Laßt mich hinaus,« flehte Maßlieb entsetzt, als die knöchernen Finger des Weibes ihr durch das feuchte Lockenhaar pflügten, »laßt mich hinaus – ich ersticke –« »Wirst dich allmählich an alles gewöhnen,« spottete Rosamunda, indem sie die Widerstrebende dem Weibe nachschob, »die Mutter Sarah ist 'ne vortreffliche Frau, und wer bei ihr 'nen Kursus durchgemacht hat, der braucht sich nicht mehr vor der Welt zu schämen!« Sie lachte wild auf, daß es mißtönend durch die verworrenen Räumlichkeiten der Baracke schallte, – »nein,« wiederholte sie, »der braucht sich nicht zu schämen und schämt sich auch nicht mehr!« Das Weib hatte eine Tür aufgestoßen, und zur Seite tretend, forderte es Maßlieb auf in den vor ihr liegenden, dürftig erhellten Raum einzutreten. Vor Maßliebs Augen drehte sich alles im Kreise. Eine erstickende Atmosphäre strömte ihr entgegen: erzeugt von schwelenden Lampen, glimmendem Tabak der gemeinsten Sorte, von Speiseresten und Torfrauch spendenden Öfen. Erst nachdem Rosamunda sie bis in die Mitte des grauenerregenden Raumes hineingedrängt hatte, begannen die einzelnen Gegenstände sich vor ihren ratlos umherschweifenden Blicken zu trennen. Teils auf zusammengeschobenen Stühlen, teils auf bankartigen Pritschen, unförmliche Bündel als Kopfkissen und schreckliche Steppdecken über sich hingezogen, lag wohl ein Dutzend weibliche Gestalten an den Wänden umher. Meist jugendlich, zeigten die verschiedenen Physiognomien doch das unverkennbare Gepräge tiefer Sittenlosigkeit und einer im Feuer des Lasters verhärteten Gleichgültigkeit. Manche schliefen, mehrere rauchten Zigaretten, während noch andere eben aufgewacht zu sein schienen, und mit völliger Stumpfheit auf die Eintretenden hinstierten. »Dies sind meine Küchlein,« krächzte das Weib, die Hand in weitem Bogen schwingend, »und so muntere, gutgeartete Küchlein, wie nur je gebrütet wurden aus den goldenen Eiern eines Vogel Phönix –« »Wie sie schön tut mit dem neuen Fisch, der auf ihre Angel gebissen hat!« höhnte eins der elenden Geschöpfe mit einer Stimme, die an das Organ eines in der Trunkenheit gealterten Kärrners erinnerte. »Still, da hinten,« keifte Sarah, »möchte ich doch 'was drum geben, daß du selber nicht angebissen hättest, so ich gehabt habe an dir nur Schaden und obenein Schimpf!« »Du lügst, Mutter Sarah!« erwiderte die Person feindselig; »heute nach zehn Jahren magst du so sprechen; denn um aus dieser Spelunke des Satans zu kommen, müßte ich von neuem geboren werden. Allein ich weiß die Zeit noch genau, in der du in deiner zusammengestohlenen Garderobe keinen Mullrock fandest, den du für gut genug für mich befunden hättest, und du deine Seele dem Teufel darauf verschworest, daß ich die lieblichste Elfe sei, die jemals das Gehirn eines Mannes in Flammen setzte? Hahaha! Mutter Sarah! Du bist 'ne undankbare Kreatur und wirst's so lange treiben, bis ich –« »Still, still!« fiel die Megäre drohend ein, und warnend deutete sie auf Maßlieb, »wer gibt mir etwas für das, so ich selber gewesen bin? Zügle daher deine Zunge und erwäge, daß ich nicht komme allein, sondern bringe 'n Täubchen der Unschuld, dessen Ohren sind nicht gewöhnt an verworfene Redensarten –« »Sagtest du nicht dieselben Worte, als ich meinen Einzug hier hielt?« fragte das elende Geschöpf höhnisch, und mit einer Gebärde widerwärtigen Behagens schob es die Hände unter seinen Kopf. »Wie lange dauerte es dann, bis du – doch zum Teufel mit der Brüderschaft – bis Ihr, um neue Ankömmlinge nicht einzuschüchtern, diese vor mir warntet, wie jetzt den schwarzen Lockenkopf? Oh, Mutter Sarah, der Lockenkopf wird bald genug mit uns in einer Reihe schlafen! Ja, ja, mahlt immerhin Eure zahnlosen Kiefer aufeinander, als ob noch 'n paar Scherben drinnen säßen, ich kümmere mich den Henker drum! Und du da mit deinen Steinkohlenaugen, sei hübsch gescheit und benutze Mutter Sarahs Wohlwollen. Laß dir die schönsten und kostbarsten Kleider überwerfen und dich in 'ne Prinzessin verwandeln, denn du brauchst keine Miete dafür zu zahlen. Aber auch bei dir kommt die Zeit, in der du als Nachtfalter der Mutter Sarah Garderobe nur auf Stunden spazieren trägst und für 'n Paar weiße Strümpfe als Miete dein letztes natürliches Erröten hingibst! Hahaha! Was dann kommt, ist Schminke; rote und weiße; aber es hilft nicht, denn die Haut der Mutter Sarah selber ist trotz ihrer Hexenkünste Schweinleder geworden, zu schlecht um 'ne Hauspostille drin einzubinden.« Maßlieb war einer Ohnmacht nahe, wie durch einen schwarzen Schleier hindurch sah sie, daß Rosamunda, von der sie zunächst Rettung hoffte, gelangweilt gähnte und ihre Arme träge ausreckte, dann fühlte sie sich wieder von dem scheußlichen Weibe fortgezogen. »Sie ist dem Laster des Trunks ergeben,« raunte dieses ihr zu, indem es mit dem Fuße eine Tür aufstieß, »und trunkene Menschen reden irre, reden Dinge, so argwöhnisch machen nüchterne Menschen. Komm daher, mein Täubchen, ich will dich anvertrauen dem Schutze der Rosamunda, so ist ein Engel –« Ein gellendes Gelächter schallte ihr nach, als sie gefolgt von Rosamunda, in das Nebengemach trat, ein Gelächter, so feindselig und mißtönend, daß Maßlieb in blinder Verzweiflung sich mit Gewalt von dem Scheusal losriß und dahinstürzte, wo sie eine andere Tür erblickte. Diese wich vor ihrem Druck zurück, und von Todesangst gegeißelt, setzte sie in der Finsternis ihre Flucht nach der Richtung fort, in der sie mehrere Lichtstreifen zwischen altem Holzwerk hindurchfallen sah. Die hinter ihr herkreischende Megäre und Rosamundas schadenfrohes Lachen verschärften ihre Angst. Anstatt nach einem Schloß zu suchen, warf sie sich mit Gewalt auf die Tür, daß diese aus den Angeln wich und sie mit den krachend nachgebenden Brettern zu Boden stürzte. Ein Fluch tönte ihr entgegen und erhöhte ihr Entsetzen, so daß sie wie betäubt liegenblieb. In der nächsten Sekunde aber fühlte sie sich mit Gewalt emporgezerrt, und als sie nach einem neuen Wege der Rettung spähend, ratlos um sich schaute, gewahrte sie an dem sie haltenden Manne vorbei einen mit Kohlenbecken und mancherlei Gerätschaften bedeckten Tisch, von dem drei andere Männer aufgesprungen waren und sichtbar erschrocken auf sie hinstarrten. Derjenige, der sie hielt, war von athletischem Körperbau, bärtig und von verwildertem Aussehen, wogegen die anderen drei, ein Greis und zwei junge Burschen, den Eindruck hervorriefen, als ob sie in ihrem Leben weiter nichts als Hunger und verpestete Höhlenluft kennen gelernt hätten. »Wie kommt das Weibsbild hierher?« schnaubte ersterer zu Sarah hinüber, und der halb ohnmächtigen Maßlieb schwanden die Sinne vollends unter dem wüsten Griff, mit dem seine Faust ihren Nacken umspannte, »wer zeigte ihr den Weg und hieß sie die Tür einstoßen?« »Ist uns doch entsprungen das wilde Ding!« keifte das Weib zornbebend, während Rosamunda neben den Räuber hintrat, »'s ist entglitten meinen Händen wie 'n Aal – aber –« »Aber,« fiel der Räuber wütend ein, und Maßlieb schrie laut auf, indem seine Eisenfaust ihren Hals heftiger drückte, »aber – du weißt, was es bedeutet, wenn jemand diese Schwelle überschreitet!« »Die tut dir keinen Schaden, Schmelzer,« beteiligte Rosamunda sich jetzt an dem Gespräch, und sie legte die Hand auf den Arm des Mannes, dessen tierische Wut sich bei dem Ton ihrer Stimme sichtbar glättete, »nein, die am wenigsten; die ist zu einfältig und ich rate dir, von ihr abzulassen, wenn du nicht vorziehst, sie vor Schreck sterben zu sehen; und wohin dann mit ihr?« »'s wär am kürzesten,« versetzte der Mann, doch zog er seine Hand von Maßlieb zurück, »und besser obenein, als von der Laune eines halben Kindes abzuhängen.« »Ich frage noch einmal: Wohin mit ihr, wenn sie uns unter den Händen tot bleibt?« »So geht zum Teufel,« schnaubte der Mann, Maßlieb die Aussicht auf den Arbeitstisch vertretend, »aber das Unglück über euch alle –« Das Weitere verhallte für Maßlieb, indem das Weib sie mit sich fortzog. Rosamunda blieb dagegen zurück; erst nachdem der als »Schmelzer« Angeredete mit Hilfe seiner Genossen die Tür wieder einigermaßen befestigt hatte, folgte sie den beiden anderen. Sie traf Maßlieb vor dem Weibe auf den Knien liegend und unter einem Tränenstrom der Verzweiflung flehend, daß man sie auf die Straße hinauslassen möge. Doch Sarah war unerbittlich. »In einem solchen Unwetter hinausjagen, mein Täubchen,« fragte sie teuflisch grinsend, und ihre Geierkrallen pflügten wieder in Maßliebs weichen Locken, »hinausjagen, auf daß zugrunde gehe mein Schätzchen elendiglich auf der Straße? Nein, du bleibst; und wenn du erst kennen gelernt hast meine Hausordnung, wirst du lieben die alte Sarah und gern bleiben bei ihr. Und kleiden will ich dich, wie 'ne Prinzessin –« »Schert Euch in Euer Nest, Sarah,« herrschte Rosamunda dem Weibe zu, »und überlaßt mir, mit dem Kinde fertig zu werden. Um jemand zu beruhigen, ist Eure Art nicht die richtige; im übrigen, 's ist Schlafenszeit, und ich habe keine Lust, meine Ruhe länger zum Opfer zu bringen.« Sarah, obwohl Gebieterin des Hauses, hegte vor Rosamunda offenbar Scheu, denn sie entfernte sich grollend. Ein neuer Wortwechsel entspann sich im Vorzimmer zwischen ihr und den daselbst gebetteten, elenden Geschöpfen, allein auch der verstummte, nachdem Rosamunda einige Male mit der Faust an die Tür geschlagen hatte. Dann erst kehrte diese sich Maßlieb zu, die, ein Bild unsäglichen Jammers, mitten in dem Zimmer stand und mit ersterbenden Blicken Rosamundas Bewegungen verfolgte. »Kümmere dich nicht um das Weib,« sprach sie begütigend, und mit unverkennbarer Bewunderung betrachtete sie das in seiner Todesangst noch immer schöne Mädchen, »die Mutter Sarah ist ein Drache, und hast du dich erst an sie gewöhnt, beachtest du ihre Teufelslaunen nicht weiter. So mache ich es wenigstens, und ich fahre nicht schlecht dabei.« »In diesem Hause soll ich bleiben?« klagte Maßlieb, anfänglich durch Rosamundens Worte beruhigt, von neuer Todesangst ergriffen. »Du mußt bleiben,« bestätigte diese höhnisch lächelnd, »denn wer einmal die Schwelle dieser Baracke überschritt, läßt die Welt hinter sich zurück, zumal du, die in der ersten halben Stunde mehr sah, als alle anderen im Laufe von Jahren. Aber ängstige dich nicht,« fuhr sie fort, die Arme reckend, »anfänglich wird's wohl nicht ohne Zwang abgehen, allein das gibt sich allmählich, dann noch einige Schritte weiter und – nun, weshalb sollt' ich's dir verschweigen, wenn du's nicht errätst? – und du bist da angelangt, wo andere aufhören, und schätzest dich glücklich, wenn in dieser Baracke ein sicheres Winkelchen dir zur Verfügung steht.« »Warum ließen Sie mich nicht da, wo ich war?« jammerte Maßlieb, in ihrer Ratlosigkeit die Hände ringend, »was habe ich Ihnen getan, daß Sie mich hierher lockten?« »Getan hast du mir nichts, aber du bist jung und schön,« erklärte Rosamunda bitter, »doch mach dir's bequem,« und sie deutete auf ein elendes Bett, »dort ist dein Platz und dieses hier meine Lagerstätte. Also munter; wir können noch ein Weilchen plaudern, wenn's dir Vergnügen macht, denn sobald werden wir wohl nicht einschlafen.« Maßlieb schwankte nach der Bettstelle hin, und sich auf sie setzend weinte sie so bitterlich, als hätte sie in einem Tränenstrom ihre gefolterte Seele von dem armen mißhandelten, vor Kälte bebenden Körper trennen wollen. Rosamunda hatte sich unterdessen halb entkleidet auf ihr Lager geworfen und eine Decke über sich hingezogen. »Willst du die ganze Nacht da sitzenbleiben?« fragte sie endlich, als sie glaubte, daß Maßlieb wohl zur Genüge geweint habe, nun, ich hindere dich nicht. Die Lampe mag sogar brennen. Mir ergings anfänglich nicht besser; es dauerte indessen nicht lange, und ich schlief wie eine Ratte. Freilich,« und sie lachte feindselig, »ich war schon etwas vorbereitet worden, war bereits getäuscht, hintergangen, in meinen heiligsten Empfindungen mit Füßen getreten und demnächst zugunsten eines feilen Geschöpfs der öffentlichen Schmach Preis gegeben worden – hahaha! Maßliebchen, wie gefällt dir der Name Nailleka? Es gab eine Zeit, in der ich ihn mit Andacht aussprach! Später stellte ich die letzte Silbe vor die beiden ersten und es paßte vortrefflich. Hahaha! Wie der Zufall wunderbar selbst mit Namen spielt!« und sie stieß mit beiden Füßen an das untere Ende ihrer Bettstelle, daß sie laut krachte und in Trümmer zu brechen drohte. Zitternd blickte Maßlieb zu Rosamunda hinüber. Obwohl von den Dämonen eines unauslöschlichen Hasses beseelt, mußte in deren Stimme etwas gelegen haben, was sie sanfter berührte, denn sie erhob sich zögernd, worauf sie sich zu ihr hinüberbegab, vor dem Bette niederkniete und ihre gefalteten Hände auf die zerfetzte Decke legte. »Gibt es denn gar keine Möglichkeit, aus diesem schrecklichen Hause zu entkommen?« fragte sie leise, mit aller Macht gegen neues Schluchzen ankämpfend. »Nein, Kind,« lautete es heiser als Antwort zurück, »warum sollte ich dich täuschen? Und wenn ich mir alles überlege, bist du hier kaum schlimmer daran, als in der Gesellschaft des Gaunerpaares, das dich fälschlich für seine Tochter ausgab.« »Bei ihnen wollte ich nicht bleiben,« klagte Maßlieb so rührend, daß sogar Rosamunda die Wirkung davon empfand, »nein, bei ihnen nicht; Tag und Nacht harrte ich auf eine Gelegenheit, mich von ihnen zu trennen.« »Wohin wolltest du fliehen?« »Zu meinem alten Freunde – Sie kennen ihn – er spielte die Gitarre und ich sang dazu. Wir waren so glücklich –« »Das nennt die glücklich !« fiel Rosamunda mit rauhem Lachen ein, »pah, der alte Mann hätte dir nicht lange mehr geholfen, seine Zeit muß bald um sein.« »So lebt er gar nicht in diesem Hause?« rief Maßlieb bestürzt aus. »Wir gebrauchten nur seinen Namen als Vorwand,« – antwortete Rosamunda. »Nein, es ist nicht möglich, so schlecht könnten Sie nicht sein, so furchtbar, so grausam nicht an mir handeln!« Rosamunda kehrte ihr Antlitz der Wand zu. Sie wußte nicht, woher es kam, allein die vorwurfsvollen Blicke aus den großen, dunklen Augen, sie konnte sie nicht ertragen. »Wärest du mir etwa gefolgt, wenn ich die Wahrheit eingeräumt hätte?« fragte sie nach einer längeren Pause. »Nimmermehr! Lieber wäre ich in den Tod gegangen!« »Oder wenn ich dich in das Haus der verschrobenen Kabul geführt hätte?« »Auch dahin nicht; nein, niemals! Getäuscht und betrogen habe ich sie; um keinen Preis möchte ich ihr unter die Augen treten!« »Betrogen?« »In meiner Herzensangst und aus Furcht, von den Lenkharts wieder aufgefunden zu werden, sagte ich ihr einen falschen Namen, und dann fehlte mir der Mut, mein Unrecht einzugestehen.« »Das war also dein ganzer Betrug?« spöttelte Rosamunda; dann wurde sie ernst. Eine gewisse Achtung erfüllte sie vor derjenigen, die, trotz ihrer ungezügelten Vergangenheit, eine so scharfe Grenze zwischen Recht und Unrecht zog. »Maßlieb,« hob Rosamunda endlich wieder an, und um den angstvollen Blicken nicht zu begegnen, betrachtete sie ihre eigene Hand, mit der sie eine der dunkelbraunen Locken spielend ausreckte und wieder zusammenschnellen ließ: »eigentlich bedaure ich dich, und fast glaube ich, du wärest bei dem verruchten Ehepaar besser aufgehoben gewesen, als hier in diesem Hause; aber was einmal geschehen ist, kann nicht mehr rückgängig gemacht werden.« »Wer verursachte denn, daß ich hinterlistig hierher gelockt wurde? Wen habe ich gekränkt oder benachteiligt, daß er so schweres Mißgeschick über mich verhängte?« fragte Maßlieb mit herzzerreißendem Ausdruck; »war ich als Landstreicherin nicht elend genug? Soll ich auch noch für andere auf den Straßen betteln?« Ein tolles Lachen schreckte sie von Rosamunda zurück. Diese aber brach plötzlich mitten in ihrem Lachen ab, und Maßlieb fest anschauend, fragte sie mit feierlichem Ernst: »Du glaubst, zum Betteln hierhergebracht zu sein?« »Was könnte man sonst von mir verlangen?« erklärte Maßlieb mit unbeschreiblich rührender Unschuld, »ich sehe ja nur Elend und Not ringsum.« »In seidenen Kleidern und mit geschminktem Antlitz geht man nicht betteln,« versetzte Rosamunda erschüttert, denn von dem Pflegekinde vagabundierender Karussellbesitzer hatte sie sich ein ganz anderes Bild entworfen, »doch das verstehst du nicht,« ihre Stimme klang noch tiefer und rauher, »sage mir lieber, ob du den weisen Nathan kennst.« »Mehrere Wochen wohnte ich in seinem Hause, allein nie sah ich ihn.« »Du ahnst nicht, ob du in irgendwelcher Beziehung zu ihm stehst?« »Ebensowenig, wie ich ihn jemals sah, kennt er mich persönlich,« beteuerte Maßlieb. Rosamunda blickte wieder sinnend auf die um ihren Zeigefinger gewundene Locke. »Und doch muß es sein,« sprach sie nach einer Weile wie in Gedanken, »und gute Beziehungen sind es schwerlich, oder er hätte ein anderes Asyl für dich gewählt, als gerade diese Höhle des Lasters und des Verbrechens – doch was kümmert's mich?« fuhr sie plötzlich wild auf und Maßlieb von sich fortstoßend, warf sie sich wieder nach der Wand herum, »zum Teufel, was kümmert mich dein Schicksal? Leg' dich schlafen, – ich habe nicht länger Neigung, mir das Herz von dir in der Brust herumdrehen zu lassen.« Maßlieb, noch immer auf den Knien liegend, wäre durch den Stoß beinahe auf den Rücken geworfen worden. Trotzdem fühlte sie sich durch das leidenschaftliche Verfahren ermutigt, dann sich mit den Armen und Haupt über das Bett hinneigend, brach sie in so heftiges Schluchzen aus, daß sie nur noch unverständliche Worte hervorzubringen vermochte. »Soll ich ganz verlassen sein,« klagte sie leise, »gibt es keinen Menschen mehr auf der Welt, der sich meiner erbarmt? O, Fräulein Rosamunda, hier liege ich vor Ihnen auf den Knien, und inständig flehe ich zu Ihnen: Nehmen Sie sich meiner an; helfen Sie mir fort von hier, bevor ich vor Angst und Entsetzen sterbe. Und wenn der schreckliche Mann da drinnen meinte, ich würde über das sprechen, was ich hier sah – und ich sah ja nichts Böses – nur Jammer und Elend – so täuscht er sich. Ich will vergessen, wo ich war – will Ihr Andenken segnen – nur fort aus diesem Hause –« sie konnte nicht weiter. Ihr Antlitz in die Decke vergrabend, schluchzte sie, als ob ihr armes, geängstigtes Herz nunmehr gänzlich gebrochen wäre. Rosamunda hatte sich halb aufgerichtet. Ihr Antlitz glühte, wild erregte Leidenschaften leuchteten aus ihren Augen und knirschend preßte sie die Zähne aufeinander. »Hättest du mir alle süßen Namen beigelegt, die ich in goldenen Tagen von den heuchlerischen Lippen eines Schurken hörte,« murmelte sie über das krampfhaft zuckende Haupt hin, »oder alle Namen, die ich heute verdiene; wärst du mir mit Abscheu und Verachtung begegnet, oder hättest du mich gar geschlagen, höchstens würde es mir Lachen entlockt haben. Allein mein Andenken segnen willst du? Das Andenken einer Verworfenen?« Sie griff mit beiden Händen nach ihrem Halse, wie um sich selbst zu erdrosseln, und erschütternder entwand es sich ihren Lippen; »mich segnen? Nein, das ertrage ich nicht, nachdem ich so oft verflucht worden bin, nachdem ich selbst mich so oft verfluchte! Mich willst du segnen, die noch nie in ihrem Leben einen Segen kennen lernte? Gut, mögen sie mit dir machen, was sie wollen, ich leihe ihnen meine Hand nicht – nein. Maßlieb,« sprach sie lauter und freier, indem sie das auf ihrem Schoße ruhende Lockenhaupt aufrichtete und das jugendlich schöne Antlitz zwischen ihre Hände nahm, »fort von hier bringen kann ich dich nicht, es würde mich das Leben kosten – was ich um anderer willen vermeiden muß, – aber deine Freundin will ich sein, und in einem Hause wie dieses ist das viel wert. Nun aber beruhige dich, Maßlieb, und wenn ich von jetzt ab noch unglücklicher sein werde, so hast du es verschuldet. Aber ich zürne dir deshalb nicht – nein – ich wiederhole: Deine Freundin will ich sein – aber nun gehe, lege dich nieder und versuche zu schlafen.« Sie wollte Maßlieb auf die Stirn küssen, doch wie vor der Ausübung eines Verbrechens bebte sie schaudernd zurück; »ja, gehe und mache es dir so bequem, wie die elenden Mittel es erlauben.« »Ich fürchte mich,« hob Maßlieb zitternd an. »Nein, fürchte dich nicht,« fiel Rosamunda eigentümlich milde ein, »solange ich in deiner Nähe weile, bist du sicher; selbst das Weib, die Sarah, hat keine Gewalt über dich – und nun gute Nacht – gute Nacht. Sage mir, wenn ich die Lampe auslöschen soll. Das Dunkel der Nacht bietet dir Gelegenheit, dich im Geiste auf andere Stellen zu versetzen, und entzieht dir den Anblick der häßlichen Umgebung – gute Nacht, Maßlieb, gute Nacht!« Wiederum kehrte sie sich der Wand zu, und die Decke zog sie über ihr Haupt, um die jugendliche Gefährtin nicht mehr zu sehen, ihre Stimme nicht mehr zu hören. Wie eine Träumende schwankte Maßlieb nach ihrem Lager hin. Ihr Herz war so schwer, so unendlich schwer, daß sie hätte sterben mögen, und doch fühlte sie sich nach ihrem letzten Gespräch mit Rosamunda getrösteter. Ein kaum bemerkbares Fünkchen von Weiblichkeit hatte noch in der Asche eines verkohlten Herzens geglommen und unter dem unbewußten Einfluß reiner, kindlicher Wahrheit sich zu regen begonnen. »Gute Nacht!« rief Maßlieb schüchtern, indem sie fröstelnd die Decke über sich zog – »gute Nacht, ich liege jetzt.« Die Lampe erlosch, und still wurde es in dem Gemach. – Sechzehntes Kapitel. Verwandte Seelen finden sich. Wenige Tage, wie erzeugen sie oft einen tief in alle Verhältnisse eingreifenden Wechsel! Die Allgemeine deutsche Zentrifugalbank für transatlantische Kolonisation und Missionswesen war geschlossen, und Tausende von Aktionären sahen mit Angst und Sorge der Liquidation entgegen. Man hoffte noch immer auf Schadenersatz, zumal der Chef der Bank, dieses arglose Opfer eines ungetreuen Mitdirektors, mit wahrhaft christlicher Großmut freiwillig seine ganze Habe in die Masse geworfen hatte und als Bettler aus den so lange friedlich bewohnten glänzenden Räumen des Bankgebäudes fortgezogen war. Allgemeine, aufrichtige Teilnahme folgte ihm, und von Herzen wurde ihm gegönnt, daß seine Gemahlin sich in der Lage befand, den Verarmten draußen vor der Stadt in ihrer teilweise noch im Bau begriffenen, jedoch lieblich gelegenen Villa bei sich aufzunehmen und ihn für die empfangenen harten Schicksalsschläge dadurch zu entschädigen, daß sie die ein glückliches Familienleben umschlingenden Bande inniger Liebe von Tag zu Tag fester zusammenzog. Trotzdem war ein giftiger Stachel in seinem biederen Herzen haften geblieben. Gegen bemerkbare Spuren der herben Prüfungen in seinem Äußern schützte ihn zwar sein kräftige Körperkonstitution; dagegen erhielt sein Blick, so oft er zur Stadt kam – was täglich geschah und zu seiner Beschämung in der Equipage der Frau Bankdirektor –, einen überaus ernsten, trüben Ausdruck. Wer ihn sah, mußte den schwer Heimgesuchten bedauern. Lastete das eigene Unglück doch sichtbar weniger drückend auf ihm, als die trostlose Lage derjenigen, die vereint mit ihm ins Verderben hinabgerissen worden waren; und nirgend offenbarte sich dies verständlicher, als da er tränenden Auges das Kontorpersonal entließ und im Übermaß seines Schmerzes jedem einzelnen noch ein volles Jahresgehalt aus der eigenen – oder vielmehr aus der Tasche seiner besser situierten und nicht minder zartfühlenden Gemahlin mit auf den Weg gab. Die meisten der jungen Leute hatten freilich bei dem Sturz der Bank ihre Ersparnisse und mütterlichen Notgroschen eingebüßt, allein das Bittere ihrer Lage wurde erheblich gemildert, wenn sie den wohlwollenden Chef beobachteten, der um seine ganze sauer erworbene Habe gekommen war und sein Unglück dennoch mit so viel christlicher Geduld und Ergebung in einen höheren Willen trug. Und wie er sie dabei so wahrhaft ergreifend tröstete und ihnen zusicherte, bei der Liquidation ihren Vorteil wahrnehmen zu wollen! Er selber, der gezwungen war, von der Gnade seiner Gemahlin zu leben, er hatte niemand, der ihn tröstete – so deutete er wenigstens tiefbewegt an –, denn der Trost seiner Gattin, wenn auch innig und süß, der wühlte wie zweischneidige Klingen in seiner Brust, und es stand zu befürchten, daß er diesen harten Wechsel seiner äußeren Verhältnisse nicht lange überleben würde. Der arme, bedauernswerte Herr Bankdirektor! Unter dem entlassenen Personal befand sich keiner, der den Verlust seines Vermögens mit größerem Gleichmut ertragen hätte, als Gerhard. Er hatte seine geliebte Esther verloren; ihn bewegte daher nur noch Trauer um sie und das Sinnen und Trachten, die ganze Welt nach der Teuren zu durchforschen. Zwei Umstände leisteten dabei seiner unablässig schaffenden Phantasie Vorschub. Zunächst die festgestellte Tatsache, daß am Tage von Esthers Verschwinden eine tiefverschleierte Dame den sich zur Reise nach den Kolonien rüstenden Generalbevollmächtigten besucht hatte; und dann die nicht unerhebliche Geldsumme, die er der Großmut Naillekas, als eine Entschädigung für seine Entlassung ohne vorhergegangene Kündigung, verdankte. Was Esther zu der geheimnisvollen Flucht mit einem Fremden bewegt haben konnte, ob List oder Gewalt bei der Entführung angewendet worden, suchte er nicht zu ergründen; nicht einmal, ob ein Irrtum in der Person waltete, um nicht auch diesen letzten Hoffnungsschimmer zu vernichten. Gerhards Entschluß, Ellenborough in den Kolonien selber aufzusuchen und von ihm die Wahrheit zu erpressen, fand bei Meredith die vollste Billigung, obwohl sie mit geisterhafter Ruhe erklärte, daß alles vergeblich sei und er weiser handelte, unter dem sonnigen Himmel Spaniens, der Wiege des Geschlechts der Kabul, nach der Verschwundenen zu forschen. Doch aus dem sorglosen, kühne Luftschlösser bauenden, gleichsam in überschwenglichen Träumen lebenden Jünglinge war ein Mann, ein Herr seines Willens geworden. Nur kurze Zeit verstrich, bis die Wogen des Atlantischen Ozeans ihn in einem Segelschiff nach Herzenslust schaukelten. Doch auch Meredith schickte sich an, einer Stätte zu entsagen, auf der sie zwar eine lange Reihe von Jahren in friedlicher Zurückgezogenheit gelebt, zugleich aber Leiden erduldet hatte, die Geist wie Körper gleich unheilbar zu erschüttern drohten. Die Zeit, auf die sie das Haus gemietet hatte, war allerdings noch nicht abgelaufen, allein da ihr nach dem Bruch der Zentrifugalbank und der gänzlichen Entwertung ihrer Aktien die Mittel fehlten, in gewohnter Weise weiter zu leben, so säumte sie nicht, sich ein anderweitiges, ihren dürftigen Verhältnissen entsprechendes Unterkommen zu suchen. Schwer, sehr schwer wurde es ihr, sich von ihren Reliquien und Altertümern zu trennen. Woran sie ihr ganzes Leben sammelte, was allein sie noch erfreute, wenn bittere Rückerinnerungen ihren Geist trübten, das sollte unter den Hammer gebracht werden, um ihr wenigstens einen Zuschuß für die notwendigsten täglichen Bedürfnisse zu liefern. Der Aufgabe, den Verkauf selbst einzuleiten, fühlte sie sich nicht gewachsen. Sogar den Termin zu bestimmen vermochte sie nicht. Sie übertrug daher alles ihrem Nachbar Maller, ihm anheimgebend, mit der Versteigerung so lange zu warten, wie der Mietskontrakt ihren Kleinodien eine kostenfreie Stätte sicherte. »Um mich allmählich mit dem Gedanken daran vertraut zu machen,« meinte sie schwermütig lächelnd zu Maller; dann sprach sie wieder ernst mit ihm über seine eigenen Verhältnisse, ihn tröstend und in der unberechtigten Hoffnung bestärkend, daß durch die Liquidation der Zentrifugalbank ein erheblicher Teil seines Kapitals gerettet, sie selbst wohl gar der Notwendigkeit des Verkaufs ihrer Schätze überhoben werden möchte. – Da waren die Lenkharts heiterer gestimmt; doppelt heiter, weil auf die düsteren Regentage ein klarer Himmel folgte, und sie noch ihren Tribut von der schulpflichtigen Jugend einziehen konnten, ehe sie mit neuen Kräften und vollen Taschen ein tüchtiges Stück Weges zwischen sich und den Schauplatz ihrer jüngsten Tätigkeit legten. Es war Feierabend. Die den Marstall abschließende Zeltwand war niedergelassen worden. Kappel lag zwischen seinen Decken, das Haupt auf beide Hände gestützt. Seitwärts von ihm stand ein Licht, dem eine Bierflasche als Leuchter diente. Vor ihm lag aufgeschlagen ein vielgebrauchter Livius. Mechanisch glitten seine Blicke über die wohl tausendmal gelesenen Zeilen hin. Das Flackern des von einem Luftzuge getroffenen Lichtes veranlaßte ihn, aufzuschauen. »Nur näher!« rief er unwirsch, als er eine gekrümmte Männergestalt entdeckte, die den Vorhang emporgehoben hatte, »wer Sie auch sein mögen, scheuen Sie sich nicht, wenn ein guter Zweck Sie leitet.« »Herr Kappel?« fragte der Fremde schüchtern, indem er sich behutsam zwischen den Ringelschwänzen zweier zusammengekoppelter Drachen und den Köpfen zweier wutschnaubenden Kamele hindurchwand. »Kappel in höchsteigener Person, mein teurer Herr Schwärmer,« antwortete das verdorbene Genie, sobald es den ihm von Maßlieb in einem unbewachten Stündchen beschriebenen grünen Friesüberzug einer Gitarre bemerkte, »seien Sie mir willkommen, doppelt willkommen, weil unsere beiderseitigen Neigungen sich in einer braunlockigen Elfe begegnen. Hier ist Raum für Sie –« und er rückte etwas zur Seite, »nehmen Sie Platz.« Schwärmer ließ sich nieder, und der heruntergekommene Korpsbursche fuhr fort: »Leider erwartet Sie hier schlechter Trost. Maßlieb ist spurlos verschwunden, und obenein mit Wissen des sauberen Ehepaars; denn bis jetzt wurde noch kein Schritt zu ihrer Wiedererlangung unternommen.« »Fort,« lispelte der alte Komödiant, und tief neigte er das Haupt auf die Brust; »ich ahnte, als man uns trennte, daß ich das Kind nicht wiedersehen würde.« »Fort,« bestätigte Kappel melancholisch, »und der Teufel mag wissen, wohin die Ärmste verschleppt oder verkauft wurde! Dem Admiral und seinem weiblichen Kutscher ist das Schlimmste zuzutrauen. Bei Gott!« und er schlug mit der Faust auf den Livius, »diese meine letzte Reliquie aus den Jahren klassischen Leichtsinns verwandelte ich mit Freuden in lauter Fidibus, wüßte ich, ob's dem Kinde erträglich geht.« »Unfreundlich kann man ihm nimmermehr begegnen,« beteuerte Schwärmer lebhaft, »und wäre es in einen Pfuhl des Lasters gestoßen worden, es würde durch seine heilige Unschuld den verhärtetsten Bösewicht bekehren.« »So denken wir,« versetzte Kappel zähneknirschend, »allein was wir für den sichersten Schutz halten, ist für andere nur ein Reizmittel.« Grübelnd blickten die beiden Abenteurer vor sich nieder. »Sie liebten das Kind sehr?« fragte Schwärmer nach einer längeren Pause. »Auf meinen Armen habe ich es getragen,« erwiderte Kappel ernst, »unter meinen Augen ist es aufgewachsen, und was von seinem Wissen, Benehmen und äußeren Anstände über die Grenzen der mit allen sieben Todsünden befrachteten Arche hinausreicht, verdankt es mir, seinem besten Freunde und Gefährten.« »So werden Sie meine Absichten verstehen, wenn ich vorschlage, uns gegenseitig im Auge zu behalten. Sie ziehen von Ort zu Ort, während ich nach wie vor die Straßen der Stadt durchwandere; vor uns beiden aber liegt die Möglichkeit, eines Tages Maßlieb zu begegnen –« »Gut gesprochen, Freund,« fiel Kappel ein, indem er Schwärmer vertraulich auf die Schulter schlug, »gut und weise gesprochen, beim Styx und allen denjenigen, die aus einem Bade in den trüben Fluten dieses unterweltlichen Abzugskanals vergeßlich, verklärt und vergoldet hervorgegangen sind. Haben wir Maßlieb erst gefunden, mag der Admiral sich nach einem andern Stallmeister für sein Karussell umtun! Wir sind unserer zwei, und mit dem Henker müßte es zugehen, gelänge es uns nicht, mit vereinten Kräften das Kind gegen Not zu schützen.« Die alten Abenteurer, ihre Anhänglichkeit an Maßlieb war eine Lebensfrage für sie geworden. Indem in der Sorge um sie ein ernstes Ziel vor ihnen erstand, gewann das irdische Dasein neuen Reiz für die beiden verwandten Seelen. – Siebzehntes Kapitel. Der Prüfstein. Pflanze einen zarten Eichenschößling mit unbeschädigten Wurzeln und gesundem Mark mitten in ein Dickicht von Schierlingskraut, Nachtschatten und Belladonna, so wird die ihn umgebende giftige Atmosphäre seinen Blätterschmuck wohl anfeinden, jedoch nur so lange, bis er sein Haupt über das Unkraut erhebt und dieses nur noch zu ihm emporzuschauen vermag. Was den Giftpflanzen üppige Nahrung zuführt, daß sie blühen und ungehindert Früchte und Samen erzeugen, das treibt den edlen Schößling zum schlanken Stämmchen empor, kräftigt sein Mark und gestaltet ihn zur freundlichen Augenweide. Wie ein solches Stämmchen auf sumpfigem, mit giftigem Kraut überwucherten Erdreich, so bewahrte auch Maßlieb in jener scheußlichen Höhle des Verbrechens sich ihre Eigenart. Was mit teuflischer Bosheit dazu bestimmt war, entsittlichend auf sie einzuwirken, das verfehlte seinen Einfluß und prallte an ihrer Seelenreinheit ab. Eine lange Reihe von Tagen war verstrichen, und wie der eingefangene Waldsänger im ersten Jammer um den Verlust der Freiheit blindlings und unbekümmert um die schmerzhaften Folgen gegen die Vergitterung seines Käfigs flattert, dann aber in dumpfe, seine Lebenskräfte zerstörende Trauer versinkt, so hatte auch Maßlieb, das Vergebliche ihres Flehens und Klagens einsehend, sich mit stiller Ergebung in das Unabänderliche gefügt. Ihre Hoffnung auf Befreiung, ihre stete Wachsamkeit, um die erste sich ihr darbietende Gelegenheit zur Flucht zu benutzen, erhielten reiche Nahrung durch Rosamunda selber unter deren besonderer Leitung sie gestellt worden war. Ohne unmittelbare Aufmunterungen zu empfangen, fühlte sie doch heraus, daß diese eine Aufgabe übernommen hatte, der sie nicht gewachsen war. Ein düsterer Abend war es. Draußen funkelten zwar die Sterne vom Himmel auf die geräuschvolle Stadt nieder, und träumerisch ging der Mond zwischen ihnen spazieren, allein in der Baracke der Mutter Sarah gab es überhaupt nur trübe Abende. Denn je Heller draußen unter freiem Himmel, um so unheimlicher hinter den rußigen und zerbröckelnden Mauern, zwischen denen schon durch Generationen hindurch Verbrechen aller Art ersonnen und vorbereitet wurden. Mutter Sarahs Küchlein waren ausgeflogen; ausgeflogen wie Schmetterlinge, so leicht, nachdem Mutter Sarah zuvor ihre lustigen Schmetterlingskleider eigenhändig geordnet und eigenhändig die Klebelöckchen auf den mehlig zart angehauchten Schläfen befestigt hatte. In dem Zimmer, in dem Maßlieb in der ersten Nacht ihr Unterkommen gefunden hatte, saß sie auch heute wieder vor einem viereckigen Tisch. Sie war eifrig beschäftigt, nach einer ihr erteilten Anweisung einen silbernen Löffel zu polieren, der namentlich am oberen Rande des Stiels, wo der Name hingehörte, mittels eines scharfen Instruments abgeschabt worden war, außerdem aber neue Ränder erhalten hatte. Ihr gegenüber saß Rosamunda, die Blicke auf die emsig schaffenden kleinen Hände gerichtet. Träg hatte sie sich auf ihrem Stuhl zurückgelehnt und beide Arme hinter ihren Kopf geschoben. Sie befand sich in einem schlotterigen Hauskleide, während Maßlieb denselben schadhaften Anzug trug, in dem sie ihren Einzug in die Baracke gehalten hatte. Zwischen ihnen brannte eine Schiebelampe. »Wie du fleißig bist!« brach Rosamunda das bereits Minuten währende Schweigen. »Raste doch ein Weilchen, Dank hast du ja doch nicht von deiner Mühe.« »Um Dank arbeite ich nicht; ich möchte mir die Zeit verkürzen. Ich bin nicht gern hier,« erklärte Maßlieb wie aus einem Abgrund endlosen Schmerzes, »mit ganzer Seele sehne ich mich fort; darum suche ich Zerstreuung in nützlicher Arbeit – vielleicht daß Frau Sarah in Anerkennung –« Ein mißtönendes Lachen schnitt ihr das Wort ab. »Dir alle Türen öffnet?« fragte Rosamunda mit einem flüchtigen Blick in die bestürzt forschenden Augen, »und nützliche Beschäftigung, meinst du? Hahaha! Du liebe, einfältige Unschuld! Was glaubst du, was du augenblicklich tust?« »Arbeite ich nicht für eine Fabrik?« fragte Maßlieb befremdet. »Ja, für eine Fabrik,« rief Rosamunda höhnisch aus, »für eine Fabrik, in der alte Löffel in neue verwandelt werden! Hahaha! Und 'n einträgliches Gewerbe ist's obenein!« Maßlieb nahm ihre Arbeit wieder auf. Sie war an das exzentrische Wesen der Gefährtin bereits gewöhnt, legte also kein hohes Gewicht auf die Ausbrüche ihrer tollen, gehässigen Launen. Kaum aber hatte sie begonnen, als Rosamunda ihr den Löffel entriß und klirrend in einen Winkel schleuderte. »Zweimal sagte ich dir schon, du möchtest innehalten,« rief sie leidenschaftlich aus, »denn ich ertrag's nicht, zu sehen, wie deine Hände das Silber arglos berühren und deine Augen so ernst darauf niederschauen!« Maßlieb saß vor Schreck wie erstarrt da. »Ich sehe keinen Grund,« hob sie mit einem so rührenden Ausdruck heiliger Unschuld an, daß der Ton ihrer Stimme Rosamunda wie eine vergiftete Waffe traf. »Keinen Grund?« kreischte sie, und ihr Antlitz verzerrte sich zu einem häßlichen Lachen. »Keinen Grund? – aber stiere nicht so furchtsam auf mich – ich bin im vollen Besitz meiner gesunden Sinne und weiß, was ich sage –« Im Nebenraum fiel eine Tür zu. Maßlieb erkannte den schwerfällig schlürfenden Schritt der Haushexe. Schnell setzte sie ihre Arbeit fort. In diesem Augenblick öffnete Sarah die Tür. »Hat mein Täubchen aufgearbeitet?« fragte sie mit hämischer Zärtlichkeit. »Hei, das nenne ich ein fleißiges Kind! Der Fabrikant wird erstaunen; aber zeige her, ob keine Schrammen zurückgeblieben sind; denn funkelnagelneu müssen die Geräte aussehen, damit die Menschen nichts Böses von ehrlichen Bürgersleuten denken.« Maßlieb sandte einen ängstlichen Blick zu Rosamunda hinüber, die jetzt hochaufgerichtet vor die alte Megäre hintrat und furchtlos zu ihr sprach: »Es ist das letztemal, daß jene dort solche Arbeit macht. Das Silber färbt ab, versteh' mich recht, Mutter Sarah, es färbt ab und besudelt reine Hände. Ist das deutlich genug?« Wiederum das höllische Lachen der Megäre; dann beide Fäuste auf ihre Hüften gestützt, trat sie vor Rosamunda hin. »Abfärben, meinst du?« kreischte sie, »haben sie etwa bei dir nicht abgefärbt? Hei! Ich weiß 'ne Zeit, in der auch du mit polieren anfingst, und wie bald –« »Noch eine Silbe,« sprach Rosamunda mit finsterer Entschlossenheit, indem sie emporsprang und den auf dem Tische liegenden Poliermeißel ergriff, »nur noch eins deiner vergifteten Worte, und mir soll's gleich sein, ob ich heute oder morgen ins Zuchthaus wandere!« Sarah schien an ihrer eigenen Fassungsgabe zu zweifeln. So hatte sie während ihres vieljährigen Zusammenseins mit Rosamunda diese nie gesehen. Eine Antwort schwebte ihr auf den Lippen; allein die drohende Haltung der Gegnerin flößte ihr offenbar Furcht ein. Maßlieb aber stand zitternd da; nicht einmal Tränen hatte sie in ihrer Not und Verzweiflung. Rosamunda wandelte auf und ab, die Blicke finster gesenkt und die Arme ineinander verschlungen. »Nur noch 'ne halbe Stunde Arbeit, mein Täubchen, und dem Löffel sieht's kein Teufel an, wie lange er schon –« begann Sarah. »Still jetzt,« herrschte Rosamunda ihr zu, und drohend hob sie die Hand empor, »weder heute, noch an einem andern Tage wird das Kind diese Arbeit fortsetzen; und was ich will, das geschieht, und müßte ich den Schmelzer zu Hilfe rufen!« »Was soll sie denn hier?« keifte die scheußliche Megäre bebend vor Wut, »gebe ich ihr das Essen umsonst? –« »Heute noch werde ich sie in die Welt einführen,« versetzte Rosamunda entschlossen, »denn ob heute oder nach Wochen oder Monaten, bei Maßlieb bleibt die Wirkung dieselbe!« Sie lachte höhnisch; »ja, die Wirkung bleibt dieselbe,« wiederholte sie noch entschiedener, »und daher lieber heute, damit du in dieser Pesthöhle nicht verschimmelst und verrottest,« wendete sie sich an Maßlieb, »und benimmst du dich verständig, wird die Mutter Sarah deine beste Freundin –« »Deine beste Freundin,« fiel Sarah grinsend ein, »und wohlmeinend rate ich dir, den Anweisungen der Rosamunda pünktlich zu folgen; denn sie ist in solchen Dingen sehr erfahren, und du bist nicht die Erste, die von ihr in die Welt eingeführt wird –« »Es ist gut,« schnitt Rosamunda die Rede des Weibes kurz ab, »in diesem Aufzuge können wir indessen nicht gehen –« »Ich eile, ich eile,« nahm Sarah schnell und im höchsten Grade befriedigt das Wort, »aber nicht gleich zu prachtvoll, denke ich; mehr ländlich bescheiden und einfach, wie's solchen Lockenkopf am besten kleidet – und außer den Locken kein Schmuck –« »Mach's wie du willst,« grollte Rosamunda, »geh nur mit, Maßlieb – doch nein, du darfst nicht allein mit ihr bleiben; die Alte hat 'ne Art zu reden, die du vielleicht nicht verstehst, aber dennoch –« »Nun gut,« fiel Sarah lebhaft ein, »wenn die Rosamunda darauf besteht, hole ich die Garderobe herbei, und sie selber mag 'ne Hand mit anlegen.« Damit schlüpfte sie aus der Tür. Sie befand sich kaum außer Hörweite, als Rosamunda vor Maßlieb hintrat und beide Hände auf deren Schultern legte. »Maßlieb,« hob sie ernst an, diesmal ohne Scheu in die angstvoll auf sie gerichteten großen Augen blickend, »ich verspreche nichts; allein unmöglich ist's nicht, daß wir nächstens voneinander getrennt werden. Sollte dieser Fall eintreten, Maßlieb, dann erwarte ich zuversichtlich von dir, daß du über deinen Aufenthalt in dieser Höhle und über das, was du hier sahst und erfuhrst, unverbrüchliches Schweigen beobachtest, und meiner gedenke fortan nur noch mit Bedauern – mehr kann ich dir nicht sagen.« »Sie wollen mich befreien, Sie wollen mich hinausführen aus diesen entsetzlichen Räumen!« flüsterte Maßlieb, und Furcht und Hoffnung kämpften auf ihrem plötzlich erglühenden Antlitz. Rosamunda schüttelte verneinend das Haupt. »Du wirst mich begleiten,« sprach sie unsäglich bitter, »du wirst mich begleiten, wie das Lamm den Menschen, der es zur Schlachtbank führt. Und dennoch können wir voneinander getrennt werden, und geschieht's nicht heute, so geschieht's zu einer anderen Zeit. Doch da kommt die Alte mit den Kleidern. Wundere dich über nichts; tue alles, was von dir verlangt wird, und sprich so wenig wie möglich.« Gleich darauf trat Sarah ein, schwer beladen mit weißen Röcken und Mullkleidern, außerdem mit einem dunkelfarbigen Regenmantel. Sogar Handschuhe, Strümpfe und Schuhe hatte sie nicht vergessen. Nachdem sie alle Vorzüge jedes einzelnen Stückes in ihrer widerwärtigen Weise aufgezählt hatte, ging sie ans Werk, Maßlieb, die wie eine Träumende alles mit sich geschehen ließ, umzukleiden. Auch Rosamunda vertauschte ihren schlotterigen Hausanzug mit einem schweren, seidenen Kleide, worauf sie ihr Haar flüchtig ordnete und eine mit Schwanendaunen verbrämte Sammetkappe aufsetzte. Sie war schneller fertig, als Maßlieb, die sich nur mechanisch nach den Anordnungen Sarahs bewegte. Als sie dieser aber ihre Aufmerksamkeit zuwendete, vermochte sie kaum, einen Ausruf des Erstaunens über das sich ihr darbietende liebliche Bild zu unterdrücken. Von Kopf bis zu den Füßen in duftiges Weiß gekleidet, mit der bräunlichen Hautfarbe, den üppigen Locken und den dunkeln Samtaugen, glich Maßlieb einem verkörperten Märchen. Ihre holde Erscheinung wurde aber noch verschönt durch ein süßes Lächeln, das bekundete, daß natürliche, harmlose Eitelkeit vorübergehend alle anderen, selbst die schmerzlichsten Regungen verdrängte. »Du siehst gut aus, Maßlieb,« bemerkte Rosamunda mit tiefem, zitternden Organ; »weiß ist die Farbe der Unschuld; o, Mutter Sarah versteht es, ihre Küchlein herauszuputzen.« »Gut?« schmunzelte das Weib, indem es einige Schritte von Maßlieb zurücktrat, und, bald nach der einen, bald nach der andern Seite tretend, ihr Werk mit funkelnden Blicken prüfte, »nur gut? Was ist gut? Köstlich! Wunderbar! Bezaubernd! Das ist's, was sie ihr zuraunen werden beim perlenden –« »Kein Wort mehr!« herrschte Rosamunda wiederum, »noch eine einzige Silbe aus deinem giftigen Munde, und ich zerstöre alle deine teuflischen Hoffnungen auf einen Schlag! Hahaha! Wie kann ich als Lehrerin und Ehrendame auftreten, ohne zuvor beobachtet zu haben, welchen Eindruck die glänzende Welt auf meine Schülerin ausübt? Der natürliche Anstand aber darf bei solcher Jugend nicht durch verfrühte Verhaltungsregeln verkrüppelt werden. Wird die Jugend verblendet – wohlan, ich wasche meine Hände in Unschuld –, was soll das Geschmeide?« fragte sie heftig, als Sarah mehrere wie echtes Gold glänzende Armbänder aus der Tasche zog und sich Maßlieb näherte, um sie ihr anzulegen. »Schmücken will ich mein Täubchen,« versetzte das Weib, verwirrt durch Rosamundens ungewöhnliches Auftreten; »schmücken, daß es bezaubert –« Nichts da,« entschied Rosamunda, »das Bild der Unschuld bedarf keines Geschmeides; hat es in einer Lumpenhülle mich doch schon mehr bezaubert, als mir lieb ist – setze ihr eine Sammetkappe auf, zum Schutz gegen die kühle Nachtluft –, so, nun den Mantel, und dann vorwärts.« Bevor sie den düstern Raum verließen, betrachtete Rosamunda ihren Schützling noch einmal von allen Seiten, sorgfältig den Regenmantel über die weißen Kleider hinziehend. Dann trat sie mit Maßlieb auf den feuchten Flur hinaus. Letztere schritt wie betäubt einher, während Sarah Riegel und Sicherheitskette von der Tür entfernte. Diese war kaum nach innen gewichen, als ein breitschulteriger Mann sich von der Straße hereindrängte. Beim Schein von Sarahs Lampe erkannte Maßlieb in ihm denjenigen wieder, der sie am ersten Abend ihres Aufenthalts in der Baracke beinah gewürgt hatte. Bei Rosamundens Anblick prallte er überrascht zurück. »Wohin?« fragte er drohend, indem er auf ihre vor Entsetzen zusammenschauernde Begleiterin wies. »Hinaus in die Welt,« antwortete Rosamunda mit krampfhafter Heiterkeit, »hin zu Spiel und Tanz! Was weiß ich's? Dahin, wo Glanz das Auge blendet, rauschende Musik dem Ohr schmeichelt, des Lebens höchste Freuden und Genüsse uns winken!« »Damit sie dir entwischt?« versetzte der Mann in demselben wilden Tone. »Geh aus dem Wege, Schmelzer!« erwiderte Rosamunda halb begütigend, halb trotzig, »ich bürge für alles, aus dem Wege, sage ich dir!« »Aus dem Wege!« fiel Sarah, der offenen Tür wegen flüsternd, ein, je eher ins Leben hinaus, um so früher reifen die Früchte. Und geputzt haben wir das Kind, wie'n Dornröschen – die reine, weiße, himmlische Unschuld –« »Komm, Maßlieb,« versetzte Rosamunda ungeduldig, die Hand ihres jungen Zöglings ergreifend, und hastig drängte sie sich in die Tür. Bevor sie auf die Straße hinaustrat, neigte Schmelzer sein Haupt ihrem Ohr zu. »In dir steckt der Teufel,« flüsterte er leidenschaftlich. Wenn du nichts Schlimmes im Sinne hast, gebe ich keinen Strohhalm für meine Augen. Aber hüte dich, ich verstehe in solchen Dingen keinen Spaß.« »Nie habe ich dich betrogen, und auch heute werde ich's nicht tun,« entgegnete Rosamunda, und in der nächsten Sekunde schlüpfte sie mit Maßlieb die Stufen nach der Straße hinauf. Die Tür schlug hinter ihnen zu und schnellen Schrittes entfernten sie sich. Es war ein kalter, sternenklarer Abend. Die starken Regenschauer der letzten Wochen hatten die Gossen gesäubert und ausgewaschen. Eine verhältnismäßig frische Atmosphäre umfächelte daher Maßliebs Schläfen. Nach dem ununterbrochenen Aufenthalt in den dumpfen Räumen der elenden Baracke atmete sie mit Entzücken die kühle Nachtluft ein; und je weiter sie sich von dem Orte des Entsetzens entfernte, um so freier klopfte ihr armes, geängstigtes Herz, um so hoffnungsvoller blickte sie in die Zukunft. Verlangte und wünschte sie doch nichts weiter, als Freiheit und den Verkehr mit Menschen, denen sie vertrauensvoll nahen durfte. »Was wollte der Mann von uns?« forschte sie zaghaft, nachdem sie aus einem Gewirr enger Gassen in eine breitere Straße getreten waren; »er sah drohend aus und geheimnisvoll klangen seine Worte.« »Vergiß ihn,« antwortete Rosamunda bitter. »Auch er zählt nicht zu den Glücklichen. Er verschuldet das zwar selbst, allein wenn sich das Herz an jemand gehangen hat, fragt's nicht lange, ob achtbar der Charakter, oder ob tief gesunken.« Maßlieb schwieg. Vor ihrer Seele schwebten freundliche Gestalten, durch deren äußere Verhältnisse ihre Anhänglichkeit nicht im entferntesten beeinflußt wurde. »Wo liegt unser Ziel?« fragte sie nach einer Pause, denn es beängstigte sie, daß Rosamunda, fortgesetzt ihre Hand haltend, sie schweigend mit sich zog. Die Angeredete lachte gehässig. »Nicht weit mehr,« bemerkte sie, »und ob es dir daselbst gefallen wird, ist deine Sache. Hörtest du jemals von einem Prüfstein?« »Das Wort kenne ich, allein dessen eigentliche Bedeutung ist mir fremd.« »Wohlan, auf einem Prüfstein wird untersucht, ob edles Metall unverfälscht oder mit wertloseren Stoffen vermischt ist. Siehst du dort die bunten Lampen? Da hinein gehen wir. Was für andere eine Quelle üppiger Genüsse bildet, für dich ist's ein Prüfstein.« »Wie soll ich mich benehmen an dem fremden Ort?« fragte Maßlieb, von neuen Besorgnissen erfüllt; »ich fürchte mich; der weiße Anzug, die vielen Lichter – am liebsten ginge ich nicht hinein. Die Prüfung muß gegen mich zeugen – und es schmerzt tief, durch unverschuldetes –« »Wie's der Augenblick und dein Herz von dir fordern, so zeige dich, und nicht anders,« belehrte Rosamunda ernst, dein Geschick liegt in deinen Händen.« Maßlieb sann noch über die Bedeutung des ihr erteilten Rates nach, als sie vor den bunten Lampen eintrafen, die ein großes, prachtvolles Portal umkränzten. Zahlreiche Menschen wogten durcheinander. Manche kamen, andere gingen. Alle waren mehr oder minder festlich gekleidet. Wilde Ausgelassenheit charakterisierte jedes Antlitz. Hinüber und herüber flogen von tollem Lachen begleitete Bemerkungen, die Maßlieb ebenso unverständlich blieben, wie die seltsam forschenden Blicke und vertraulichen Grüße, denen sie nach allen Richtungen hin begegneten. Ängstlicher schmiegt sie sich an ihre Begleiterin, als diese sie in eine blendend erleuchtete Vorhalle hineinzog. Männer des verschiedensten Alters schoben sich seitwärts nach einem kleinen Fenster hin, um dort Eintrittskarten zu lösen. Rosamunda nickte nur hinüber; der Kassierer antwortete ähnlich, und durch eine breite Glastür gelangten sie in einen geräumigen, mit Spiegeln, Statuen und kostbaren Pflanzengruppen geschmückten Korridor. Rauschende Musik, durch dazwischenliegende Räumlichkeiten gedämpft, strömte ihnen entgegen. Maßlieb, geblendet durch die vielen Gaslampen, fühlte ihren Atem stocken. Der Übergang von kalter Nacht zu sinnebetäubendem Glanze war zu plötzlich, der Unterschied zwischen der verpesteten Höhle der Mutter Sarah und den dufterfüllten, strahlenden Festhallen zu gewaltig: sie vermochte die Wirklichkeit nicht zu fassen. Weiter fortgezogen, wagte sie nicht mehr aufzuschauen. Die sie verfolgenden Blicke verwirrten sie vollständig. Plötzlich blieb Rosamunda stehen, und als Maßlieb die Augen emporschlug, sah sie in das volle, vor Lebenslust sprühende Antlitz eines älteren Herrn, der sich durch die Gewähltheit des Anzuges, eine schwere, goldene Uhrkette und mehrere blitzende Diamantknöpfe auszeichnete, und mit einer gewissen Selbstgefälligkeit an den lordmäßig von seinen Wangen niederhängenden Paradiesvogelschweifen zupfte. »Rosamunda, ich grüße dich! Aber bei allen frohen Stunden, die wir jemals zusammen verlebten, wen bringst du hier?« fragte er, indem er Maßlieb ins Antlitz starrte, als hätte er in ihrer Seele lesen wollen. »Ei, Herr Bankdirektor,« erwiderte Rosamunda vertraulich spöttelnd, »der Bankerott scheint Ihnen nicht übel bekommen zu sein? Immer frisch und munter, wie ich sehe; freilich, wer sich im Besitz einer so reichen Frau befindet – hahaha! Ich wäre gewiß eine ebenso stattliche Frau Bankdirektor geworden, wie die stumpfnasige Klotilde – wunderbar, wie das Schicksal zuweilen mit dem Lebensglück armer Sterblichen würfelt!« Nailleka, dem derartige Bemerkungen offenbar nichts Neues waren, zuckte die Achseln geringschätzig, ohne seine Blicke von Maßlieb abzuziehen. Er bemerkte daher nicht, wie auch Rosamunda ihren Schützling mit atemloser Spannung beobachtete, und fuhr daher im leichtfertigsten Tone fort: »Bei Gott, Rosamunda, dies holde Pflänzlein macht deinem Geschmack alle Ehre, ich lade euch beide hiermit zu einem Champagnersouper ein.« »Ich habe nicht zu bestimmen,« versetzte Rosamunda, und sie erbleichte, als sie bemerkte, daß Maßlieb, dieselbe Maßlieb, die dem warnenden Kappel gegenüber behauptet hatte, für des Lebens Kämpfe gerüstet zu sein, mit rührender, fast ehrerbietiger Befangenheit zu dem Bankdirektor emporschaute, »die Entscheidung liegt in den Händen meiner Begleiterin.« »In deinen Händen?« fragte Nailleka süßlich, indem er Daumen und Zeigefinger der rechten Hand an Maßliebs Kinn legte und ihr Antlitz höher emporrichtete, »nun, über deine frischen Lippen ist noch nicht viel Champagner geflossen, mein süßes Schneewittchen; und fragen soll ich dich? O, solch' süße Kinder sind nur zum Gehorchen da,« und Maßliebs Hand ergreifend, zog er ihren Arm unter den seinigen. Rosamunda seufzte tief auf. Sie hatte entdeckt, daß die Glut auf Maßliebs Zügen in tödliche Blässe übergegangen war und heftiges Zittern ihre Gestalt durchlief. Über die verlassene Waise hatte ihr guter Engel seine Arme schützend ausgebreitet, die arglos vertrauende Kindlichkeit wachgerufen zu dem Bewußtsein einer drohenden Gefahr. Woher diese Gefahr kam, wohin sie zielte, sie wußte es nicht, ahnte es nicht; aber das Bild einer Hyäne hatte seinen Schatten in den klaren Spiegel ihrer Seele geworfen und sie mit Entsetzen erfüllt. Einen Blick der Verzweiflung warf sie auf Rosamunda, die sie erwartungsvoll beobachtete, einen Blick der Abscheu auf den Bankdirektor, der gefallsüchtig an seinen lordmäßigen Bartschweifen zupfte; dann riß sie sich los, und mit der Gewandtheit eines unter freiem Himmel aufgewachsenen Karussellkindes zwischen den ab- und zugehenden Menschen hindurchschlüpfend, eilte sie auf die Straße hinaus. Rosamunda triumphierte; denn Nailleka stand da mit offenem Munde, als hätte er seinen Augen nicht getraut. »Auch auf diesem Felde scheinen der Herr Bankdirektor vor dem Konkurs zu stehen,« höhnte sie, »ei, ei, 's gibt also dennoch Naturen, die nicht leicht verblendet werden durch alternde, goldklingende Liebenswürdigkeit!« »Was soll das heißen?« fragte Nailleka entrüstet. »Es heißt, daß wir alt und unansehnlich werden,« geißelte Rosamunda ihren einstigen Verehrer; »auch Ihre Frau Gemahlin, Herr Bankdirektor außer Dienst, ist nicht mehr das frische Mädchen von damals, die so gewandt die Gäste bediente.« Nailleka zuckte wiederum die Achseln, während er vor Wut mit den Zähnen knirschte. Dann kehrte er sich mit erhabener Bewegung ab, im Gedränge des Ballsaales verschwindend. Die Hyäne war nur auf eine falsche Spur geraten; kurzes Umherspüren und neue Beute trat in ihren Gesichtskreis. – Wie damals, als Maßlieb zum ersten Male schutzlos und auf ihr gutes Glück bauend in die Welt hineinstürmte; wie wenige Tage später, als sie auf ihrer Flucht aus Merediths Hause atemlos durch die belebten Straßen eilte, so eilte sie auch an dem heutigen Abend flüchtigen Fußes davon. Wohin sie ihre Schritte lenkte, es war ihr gleichgültig; nur fort von der Stätte des Glanzes, die ihr noch mehr Angst einflößte, als die Höhle des Verbrechens. Fort und immer tiefer in die Stadt hinein, beflügelten Schrittes und angstvoll pochenden Herzens, und doch langsam weiter, um kein Aufsehen zu erregen. Weiter durch hellerleuchtete Straßen und über umfangreiche Plätze. Nur hinaus aus dem Häusermeer und dem Menschengewirr; hinaus ins Freie auf die herbstlich kahlen Fluren, unter die blätterstreuenden Bäume. Jammernden Herzens dachte sie an den greisen Komödianten und an ihren Freund Kappel. Wie wären sie zu ihrem Schutze herbeigeeilt, hätten sie gewußt, daß ihr Liebling obdachlos umherirrte! Doch wo mochten sie weilen? Leerer wurden die Straßen und weniger vertrauenerweckend erschienen ihr die vereinzelten Fußgänger, die sie in ihrer Not um freundlichen Rat hätte ansprechen können. Ihre Füße erlahmten und Tränen entrollten ihren Augen in dem Bewußtsein, binnen kurzem erschöpft zusammenbrechen zu müssen. Wiederum schritt sie über einen Platz, auf dem der Schein der Laternen nur dürftig wirkte. Sie stolperte über einen Pfahl. Erschreckt spähte sie um sich. Strohhalme zeichneten sich matt auf dem Erdboden aus. Auch einen Kreis unterschied sie, der allmählich unter menschlichen Füßen entstanden war. Nur zu genau kannte sie solche Stätten. Ein Karussell hatte dort gestanden, und zwar, wie sie durch einen Blick auf die nächsten Häuserreihen sich leicht überzeugte, das zur grünen Arche gehörige. Sie entsann sich des Weges, den sie in Merediths Begleitung nach deren Wohnung zurückgelegt hatte. Nicht einmal weit war es bis dahin. Und die alte gütige Dame gewann vor ihren geistigen Blicken Leben, und Esther, die heitere Esther mit dem bezaubernden hausmütterlichen Wesen winkte ihr und lud sie ein, sich ihrer wieder zuzugesellen! Noch immer stand sie auf der alten Karussellstätte. Die Zunge klebte ihr am Gaumen, während die nächtliche Kälte doppelt empfindlich auf ihren erhitzten und unzureichend geschützten Körper fiel. Nur unter Aufbietung ihrer äußersten Kräfte hielt sie sich aufrecht. »Sie werden mich nicht fortweisen,« sprach es in ihrem Herzen, sie werden Erbarmen mit mir haben, mir ein Winkelchen gönnen für diese einzige Nacht, und dann will ich ja gern weiterziehen. Sie ging weiter, aber nur langsam kam sie von der Stelle. Wie Blei ruhte es in ihren Gliedern, und endlos erschien ihr die Strecke bis zu Merediths Heimstätte. Endlich lag diese vor ihr. Die Läden waren geschlossen. Wie auf den Straßen sich kaum noch ein Mensch zeigte, schien auch in Merediths Wohnung sich alles zur Ruhe begeben zu haben. Zögernd öffnete sie auf die ihr bekannte Weise die Pforte, zögernd trat sie in den Garten ein, und quer über den Rasenplatz schlich sie auf die Haustür zu. Vor den Stufen eingetroffen, bemächtigte sich ihrer neue Besorgnis. Es war so spät; wenn Meredith und Esther schliefen, besaß sie ein Recht, deren Ruhe zu stören? Leise schlich sie die Stufen hinauf, und auf der obersten in den von dem Mauerwerk und der Tür gebildeten Winkel niederkauernd, hüllte sie sich in ihren Regenmantel ein. Kalt waren die Steine, kalt das Holz, und dennoch fühlte sie sich getröstet und ermutigt unter dem kaum nennenswerten Vordach. Sich vorbereitend zum Schlaf, hauchte sie fröstelnd in ihre Hände; fröstelnd zog sie die Falten des Mantels über ihr Antlitz, so daß sie das leise Klirren des Schlosses zu ihren Häupten und das Zurückweichen des einen Türflügels nicht vernahm. Ein flackerndes Licht sandte seinen unsteten Schein in den Garten hinaus. »Von selbst schlägt er sein Visier nicht empor,« lispelte Meredith über die von ihrer Hand beschattete Flamme hin, und geisterhaft spähte das mit rötlichen Reflexen geschmückte Antlitz nach der Straße hinüber; »ein Kundiger öffnete und schloß die Pforte.« Dann rief sie laut aus: »Ist jemand hier, der mich zu sprechen wünscht?« Ein leises Geräusch seitwärts von ihr veranlaßte sie, in den Türwinkel hinabzuleuchten. Furcht hatte Meredith nie kennen gelernt, und dennoch erschrak sie, als sie in ein bleiches, in Tränen schwimmendes, liebliches Antlitz schaute; als sie sah, wie zwei Arme sich ihr flehentlich entgegenstreckten, dem unter einem Regenmantel verschwindenden schlanken Körper aber die Kraft fehlte, sich zu erheben. »Vor meiner Tür eine Kabul?« brach ihr Erstaunen sich Bahn, sobald sie Maßlieb erkannte. »Vor meiner Tür eine Kabul?« brach ihr Erstaunen sich Bahn, sobald sie Maßlieb erkannte; dann trat sie eine Stufe niedriger, wie um sich von der Wirklichkeit zu überzeugen. »Erbarmen,« flehte Maßlieb, indem sie Merediths Hand ergriff und an ihre zuckenden Lippen führte; »ich habe Sie getäuscht und betrogen, dann haben die Menschen mich gequält, verfolgt und gehetzt bis auf den Tod – retten Sie mich – ich will alles eingestehen, nur vor den schrecklichen Menschen retten Sie mich!« »Vor meiner Tür in kalter Nacht, du armes, armes Kind?« versetzte Meredith, Maßlieb zu sich emporziehend, und Tränen des heiligsten Mitgefühls drangen unaufhaltsam in ihre Augen, »zu mir hast du dich geflüchtet? Zu mir, der Verlassenen, der Vereinsamten? Aber ich begreife, ein versöhntes Geschick sandte dich mir, auf daß ich nicht die letzte Kabul bleibe –« »Ich habe Sie getäuscht,« klagte Maßlieb mit herzzerreißendem Ausdruck, »weder Kabul noch Kappel –« »Für mich bleibst du eine Kabul,« versetzte Meredith unbeschreiblich milde, »aber komm,« und sie freundlich unterstützend, führte sie die Schwankende ins Haus hinein, »an deiner Rechtschaffenheit zweifelte ich nie, mögen immerhin widrige Verhältnisse dich feindlich umhergestoßen und zur Umgehung der Wahrheit gezwungen haben. Bei mir ist deine Stelle, und so frei von Fehl ist kein Mensch, daß er leichtfertig den Stab über einen Mitmenschen brechen dürfte.« Sie waren in das Wohnzimmer eingetreten, das sich vollständig verändert hatte. Die Wände waren leer, an den Fenstern fehlten die Gardinen. Dafür standen große Kisten auf der Erde umher und mehrere Koffer, die die sorgfältig verpackten Altertümer bargen. Nur der Anmeldehelm thronte noch auf seiner Konsole. Meredith hatte Maßlieb nach der rohrgeflochtenen Bank hingeführt, auf die sie erschöpft niedersank. Ihre Blicke schweiften im Kreise und blieben fragend auf dem Antlitz ihrer Beschützerin haften. »Du erstaunst,« beantwortete diese die stumme Frage: »Ein feindliches Geschick hat mir alles, alles, bis auf einen kaum nennenswerten Rest geraubt. Verlassen von der ganzen Welt, von allem, was ich so herzlich liebte, nicht einmal mehr freie Gebieterin meiner teuren Reliquien, habe ich dir, die Hilfe suchend sich zu mir flüchtete, nichts zu bieten – nein, Maßlieb, nichts, als eine Stelle in meinem vereinsamten Herzen.« Da entstürzten Maßliebs Augen aufs neue heiße Tränen, während eine tiefe Glut ihr liebliches Antlitz bedeckte. Sie, die bisher nur mit heimlicher Scheu Merediths gedachte – als sie solche Worte vernahm, gab sie den überwältigenden Regungen furchtlos nach. Mit einer heftigen Bewegung sprang sie empor, und ihre Arme weit ausbreitend, fiel sie Meredith laut schluchzend um den Hals. »Ich kann arbeiten,« sprach sie kaum verständlich, als sie fühlte, wie die sie umschlingenden Arme sie fester drückten, »viele Lieder lernte ich, und reichen Ertrag erzielte ich mit meinem Gesang. Für uns beide will ich arbeiten und singen, wie ich es getan für einen treuen, alten Mann –« »Eine echte Kabul, eine echte Kabul,« lispelte Meredith tief ergriffen, »stets opferwillig und beständig.« »Und Esther?« fragte Maßlieb plötzlich wieder befangen und von neuen Besorgnissen erfüllt. »Von ihr sprich nicht,« antwortete Meredith dumpf, daß es Maßlieb kalt durchrieselte, »nein, nicht von ihr – wenigstens nicht in nächster Zeit. Die Verhältnisse waren stärker, als ihr und mein Wille. Sie ist verschwunden auf unerklärliche Weise. Aber sie ist eine Kabul, und wie du heute, so wird auch sie einst zur guten Stunde dahin zurückkehren, wohin sie laut heiliger Naturgesetze gehört.« Erschüttert hatte Maßlieb die betrübende Kunde vernommen. Vor ihrem Geiste schwebten die Fährnisse, denen sie selbst ausgesetzt gewesen war und Besorgnis sprach aus ihren zu Meredith erhobenen Augen. Diese blickte ein Weilchen sinnend aus das gute, offene Antlitz, dann bemerkte sie mit schwermütigem Ausdruck: »Ich beklage das Verlorene; Dankbarkeit beseelt mich für das Zurückerstattete; du aber sollst nicht mehr von meiner Seite weichen. Ich will über dich wachen und mit allen Kräften dich gegen Nachstellungen verteidigen, denn ich allein besitze noch ein Recht über dich.« Maßlieb vermochte nicht zu antworten. Es verwirrte sie, gerade da eine Welt voll Anhänglichkeit zu finden, wo sie sich verachtet glaubte. Als sie aber später, nachdem sie sich des Flitterstaates entledigt hatte, traulich neben Meredith saß, da durchströmte sie ein Gefühl süßer, friedlicher Ruhe nach vollbrachtem schwerem Tagewerk. Aufrichtig und wahr erzählte sie alles, was sie über sich selbst wußte. Nichts verschwieg sie; weder ihr Verhältnis zu dem heruntergekommenen Korpsburschen, noch ihr Zusammenleben mit dem alten Schwärmer. Mit Grauen schilderte sie ihre gewaltsame Entführung und den Aufenthalt in Mutter Sarahs scheußlicher Baracke, wohin sie durch List gelockt worden war; wehmütig erregt dagegen ihren Besuch auf dem zerfallenen Gute, dessen Besitzer seine Altertümer und Reliquien an Meredith verkauft hatte. Als sie dann endlich schloß, da legte Meredith ihre Hand schmeichelnd auf das liebliche Lockenhaupt; in ihrem ernsten, nachdenklichen Blick aber offenbarte sich das in ihrer Phantasie auftauchende Bild eines Engels mit erstarrten Gliedern und gebrochenen Augen. – »Spurlos werden wir verschwinden,« mit diesen Worten verabschiedete Meredith sich von Maßlieb, nachdem sie sie sorglich gebettet hatte, »vollständig spurlos, um da, wo wir unsere Zuflucht suchen, gegen alle Nachstellungen gesichert zu sein. Und ein friedliches Los ist es, dem wir entgegenziehen, ein stilles zurückgezogenes Leben in ländlicher Umgebung –« sie starrte ein Weilchen ins Leere. Plötzlich zog sie aus der Tasche zwei schmale Saffianschuhe, und sie vor Maßlieb hinlegend, fuhr sie fort: »Diese Schuhe passen dir. Trage sie daher: ebenso der armen Esther Kleider. Ich glaube dann, ihr beide seid eins geworden, und das geheimnisvolle Verschwinden der letzten Kabul bohrt nicht mehr so unablässig hier,« sie berührte mit dem Finger die Stirn, worauf Maßlieb sich erhob und sie küßte. »Ja, es hat gebohrt und gebohrt,« fuhr sie fort, »und ich konnte den Gedanken nicht verbannen, daß Esther in diesen Schuhen gestanden und im Hause – doch vorbei, vorbei! Blumen wollen wir pflanzen, Gemüse bauen, aber nie wieder uns in nutzlose Grübeleien und Forschungen vertiefen. – Gute Nacht, Maßlieb! – Gute Nacht Kabul!«, sprach sie fast heiter, indem sie hastig aus der Tür trat. – Der Morgen war nicht mehr fern. Maßlieb versuchte noch munter zu bleiben, um sich mit ihrer neuen Lage vertraut zu machen, allein sie war zu erschöpft. Wenige Minuten, und ihre Gedanken flossen ineinander zu einem einzigen undurchdringlichen Schatten süßer Bewußtlosigkeit. Achtzehntes Kapitel. Die beiden Pilgerinnen. Wüst und öde sah es in Merediths Wohnung aus. Die wenigen Gegenstände, die zur Einrichtung eines bescheidenen Hausstandes notwendig waren, hatte sie fortgeschickt. Niemand wußte wohin. Den Rest hatte sie Maller übergeben. Ihre Altertümer standen dagegen noch in den schweren Kisten in dem Wohnzimmer. Auf einer dieser Kisten saß Meredith, das Haupt sorgenvoll auf beide Hände und Knie gestützt. Bis zum letzten Augenblick wollte sie in den Räumen weilen, die so viele Jahre hindurch ihre Heimat gewesen waren, dann – die Welt lag offen vor ihr da – brauchte sie nur Maßliebs Hand zu ergreifen, und zerrissen war das letzte Band, das sie an die traute Stätte fesselte. Ihr gegenüber saß Maßlieb, mit schmerzlicher Teilnahme ihre Wohltäterin beobachtend. Wohl eine halbe Stunde war in dumpfem Schweigen verronnen, als der Helm den Eintritt eines Fremden in den Garten meldete. Maßlieb eilte ans Fenster, kaum aber hatte sie einen Blick ins Freie hinausgeworfen, als sie entsetzt zurückschwankte. Einige Sekunden verharrte sie regungslos, dann zu Meredith hineilend, ergriff sie angstvoll deren Hand. Meredith sah befremdet zu ihr empor. »Er ist's!« preßte Maßlieb mühsam hervor. Meredith erhob sich entschlossen. »Noch bin ich Herr in diesem Hause,« sprach sie drohend, denn sie konnte nur glauben, daß jemand komme, um Maßlieb von ihr zurückzufordern. »Nein,« flüsterte diese atemlos, »niemand, der mir nachstellt – nein – der Gutsherr – derselbe, vor dessen Tür ich sang – ich kann ihn nicht wiedersehen – will nicht von ihm gesehen werden; die Scham würde mich vernichten –« »Tröste dich, Kind,« beruhigte Meredith ernst; aber Maßliebs erglühendes Antlitz schärfer beobachtend, trat ein bitteres Lächeln auf ihre Züge; »du willst ihn nicht wiedersehen? gut; ich kenne solche Empfindungen,« und tieftraurig klang ihre Stimme, »wurden sie an mir nicht geachtet, will ich sie wenigstens an dir achten. Dort hinein gehe;« und sie wies auf die offene Tür des Nebenzimmers, »gehe hinein und verhalte dich ruhig – kann's sich doch nur um eine kurze Zusammenkunft handeln.« Auf dem Flur ertönten Schritte. Maßlieb verschwand im Nebenzimmer und gleich darauf klopfte es. »Ich komme, um Lebewohl zu sagen,« sprach Ulrich grüßend, indem er eintrat, »ich hörte von Ihrer Abreise –« »Eine halbe Stunde später, und sie hätten ein verschlossenes Haus gefunden,« fiel Meredith freundlich ein, »Sie sehen, nur Holzkisten ermöglichen es mir noch, Sie zum Niedersitzen einzuladen.« Ulrich nahm Platz. Er war sichtlich befangen, wie jemand, der den Erfolg eines Anliegens bezweifelt. »Sie ließen sich bestimmen, meine Waffensammlung anzukaufen,« hob er zögernd an; »da mir nun die Kunde von Ihrer bevorstehenden Abreise zuging, so hielt ich mich zu der Frage verpflichtet, ob Sie vielleicht geneigt wären, den Kauf – das heißt nur teilweise –« hier bedeckte eine dunkle Glut sein Antlitz – »rückgängig zu machen.« »Alles ist bereits verpackt,« versetzte Meredith befremdet. »Wird das Mitführen dieser Kisten Ihnen nicht zu beschwerlich, wohl gar lästig?« fragte Ulrich zaghaft. Meredith antwortete nicht gleich, sondern betrachtete den jungen Mann durchdringend, bis er die Augen vor ihr senkte. »Warum verbergen Sie ihre wahren Gedanken?« brach sie das peinliche Schweigen, und ihre Stimme zitterte leise; – »warum gönnen Sie mir nicht, eine freundliche Erinnerung mehr – es sind ohnehin deren so wenige – mit von hier fortzunehmen?« »Sollte ein Mißverständnis –« stotterte der Angeredete. »Kein Mißverständnis,« fuhr Meredith milde fort, »Sie hörten von meinem Unglück, hörten, daß ich durch die Zentrifugalbank um mein ganzes Vermögen gebracht wurde, und das erweckte Ihre Teilnahme. Es berührte Sie um so schmerzlicher, weil Ihnen selbst drückender Mangel nicht fremd ist! Darf ich nach diesen einleitenden Worten fortfahren?« Der junge Mann, anfänglich bestürzt, verneigte sich zustimmend. »Wohlan: Sie entäußerten sich Ihrer Altertümer, weil die Not Sie zwang – o, scheuen Sie nicht die Wahrheit; denn Ihre Schuld ist es nicht, wenn alles so kam – und nun, da Sie sich sagen, daß ich heute nicht mehr imstande wäre, meinen Liebhabereien erheblichere Summen zu opfern, beeilen Sie sich, durch Rückgabe des Geldes, soweit Ihnen dies noch möglich ist, zur Erleichterung meiner Lage beizutragen. O, ich durchschaue alles: Der Gedanke, kurz vor dem Hereinbrechen des Mißgeschicks mich zu einer ungewöhnlichen Ausgabe veranlaßt zu haben, gönnt Ihnen keine Ruhe.« »Ich leugne es nicht,« antwortete nunmehr Ulrich freier, »und hoffe jetzt um so zuversichtlicher auf die freundliche Billigung meines Vorschlages.« »Und dennoch muß ich Ihr Anerbieten zurückweisen,« entgegnete Meredith, dem jungen Manne mit Herzlichkeit die Hand reichend. »Durch den Verkauf meines übrigen Hausstandes habe ich mich für das nächste Jahr und wohl noch länger vollkommen sicher gestellt, so daß ich die Versteigerung meiner Altertümer noch eine geraume Zeit hinausschieben mag. Unwahrscheinlich ist dagegen, daß Sie augenblicklich sich in einer ähnlichen günstigen Lage befinden; ich befürchte sogar, daß der Rückkauf Sie in neue Verlegenheiten stürzen würde. Lassen wir daher alles beim alten; bringt die Zeit doch oft genug Rat. Sie sind jung; die ganze Welt steht Ihnen offen, und die Möglichkeit ist nicht ausgeschlossen, daß über kurz oder lang Sie daran denken, die ungeteilte Sammlung käuflich zu erwerben. Es wäre mir eine wahre Herzensfreude, gingen die mit so viel Liebe und unter manchen schweren Opfern gesammelten Schätze in den Besitz jemandes über, von dem ich wüßte, daß er ihnen eine gute Stätte in seinem Hause nicht versagte. Mit mir ist es freilich anders« – und wiederum zitterte ihre Stimme – »für mich gibt es keine Hoffnung mehr, das Verlorene auf die eine oder die andere Art zu ersetzen – und im Grunde – was sollen mir noch Glücksgüter?« In Merediths Erklärung, obwohl in mildester Weise dargelegt, hatte sich dennoch ein so fester Wille offenbart, daß Ulrich eine Erneuerung seines Vorschlages nicht wagte. Selbst eine Fortsetzung des Gespräches über den angeregten Gegenstand war ihm peinlich, zumal er ähnliche Empfindungen bei Meredith voraussetzte. Plötzlich schrak er aus seiner grübelnden Stellung empor, und Meredith fest anschauend, fragte er mit sichtbarer Unruhe: »Darf ich wissen, durch wen Sie über meine äußeren Verhältnisse unterrichtet wurden?« Meredith warf einen verstohlenen Blick auf die halb geöffnete Tür des Nebenzimmers, dann sah sie überlegend vor sich nieder. »Sollte ich mir selbst eine unvorsichtige Äußerung zum Vorwurf machen müssen?« fragte Ulrich besorgt. »Nein,« versetzte Meredith lebhaft, »aber wie Sie Kunde von meinem Unglück erhielten, mag ähnlich eine solche mir über Sie zugetragen worden sein. Denn gerade mißliche Ereignisse werden mit besonderer Vorliebe in der Öffentlichkeit verbreitet.« »Von Ihrer entschwundenen Pflegetochter hörten Sie nichts?« fuhr Ulrich teilnahmvoll fort. »Nichts,« antwortete Meredith eintönig. Es lag eine unsäglich herbe Klage in diesem einzigen Wort. Wiederum eine kurze Pause. »Noch eine zweite freundliche Erscheinung lernte ich in Ihrem Hause flüchtig kennen –« »Geheimnisvoll, wie sie sich mir zugesellte, verschwand sie auch wieder,« suchte Meredith die weiteren Bemerkungen Ulrichs abzuschneiden. »Eine rätselhafte Begebenheit,« versetzte dieser sinnend; »viel habe ich an die Ärmste gedacht; vielleicht daß bei eigenem Mißgeschick fremdes Unglück nachhaltiger berührt. Und unglücklich war das freundliche, scheue Kind offenbar –« »Gewiß, sehr unglücklich,« bestätigte Meredith einfallend, und wie kurz zuvor Maßlieb, so beobachtete sie jetzt den Gesichtsausdruck des jungen Mannes mit gespanntester Aufmerksamkeit, »auch ich erinnere mich ihrer oft und zwar vorwurfsvoll; denn an ihr allein lag es, daß sie nicht meine liebe Hausgenossin wurde.« »Verhältnisse überwiegen oft den Willen und die Wünsche der Menschen,« entschuldigte Ulrich träumerisch, »und viel« – er lächelte bitter – »viel darf ich kaum sagen, aber Jahre meines Lebens gebe ich dafür hin, ihr wieder zu begegnen – und dennoch, welchen Trost hätte ich ihr zu bieten?« »Folgen Sie meinem Beispiel,« versetzte Meredith ernst, denn sie fürchtete den Einfluß solcher teilnahmvollen Worte auf die Seelenstimmung ihres nur wenige Schritte entfernten Schützlings, »gedenken Sie ihrer als eines Traumgebildes – und im Grunde war's nur ein Traum, von dem wir nicht wissen, woher er kam und wohin er sich verflüchtigte.« »Ein freundlicher, ein holder Traum –« fuhr der junge Mann fort, neues Weh in Maßliebs erwachendes Herz zu säen – »ein Traum, an den ich durch die geringfügigsten Umstände gemahnt werde. Ein alter Mann und ein junges Mädchen, wahrscheinlich seine Verwandte, kehrten draußen auf meinem verwaisten Gute ein. Sie spielten und sangen in kunstloser Weise; allein in der lieblichen Stimme der Sängerin ruhte eine so tiefe Innigkeit, eine so rührende Klage, daß ich dabei an jene rätselhafte Erscheinung denken mußte. So macht das Unglück empfänglich für Eindrücke, denen wir im Sonnenschein des Glückes vielleicht fremd blieben. Die armen Leute –« und schwermütiger tönten seine Worte in das Nebenzimmer hinein – das Geld, das ich ihnen hinausschickte, hatten sie gedankenlos auf der Bank vor dem Hause liegen lassen.« »Dem Darbenden ist nichts gegönnt,« fiel Meredith rauh ein, und sich hastig erhebend, begann sie auf- und abzuwandeln, »wer weiß, ob jene Musikanten überhaupt so viel Teilnahme verdienten. Sie sahen sie nicht?« »Nein, Und fast bereue ich, sie nicht persönlich begrüßt zu haben. Ich wäre dadurch vielleicht in den Stand gesetzt worden, jetzt nachdrücklicher für sie einzutreten. Jedenfalls bereiteten sie mir freundliche Minuten, für die ich ihnen einen Beweis meiner Dankbarkeit gegönnt hätte.« Auch er hatte sich erhoben. Die auf Merediths Antlitz sich ausprägenden wechselnden Empfindungen deutete er als einen Wunsch, allein zu sein. Er säumte daher nicht, sich zu verabschieden. Es geschah mit herzlichen Worten von beiden Seiten, und doch schien eine gewisse Entfremdung sich zwischen ihnen geltend zu machen. Durch das Fenster blickte Meredith dem Scheidenden nach. Sobald er den Garten verlassen hatte, seufzte sie tief auf, und als sie sich umkehrte, stand Maßlieb vor ihr. Ihr Antlitz war bleich, in ihren dunkelglühenden Augen waren noch Spuren von Tränen sichtbar. Deutlich machte sich bemerkbar, wie schwer es ihr wurde, ihrer Beschützerin dankbar zuzulächeln. »Du hörtest alles, was hier gesprochen wurde?« fragte Meredith gütig. Maßlieb bejahte leise. »Und ich handelte in deinem Sinne?« »Unmöglich wäre mir gewesen, ihm unter die Augen zu treten. Er hätte erraten, daß ich es war, die vor seiner Tür sang und seine Gabe verschmähte, daß ich es war, die in jener entsetzlichen Höhle –« »Nichts mehr davon,« tadelte Meredith sanft. »Komm jetzt; je schneller von hier fort, um so leichter wird es uns gelingen, das ganze Ereignis zu vergessen.« Schweigend rüsteten sie sich zum Aufbruch. Die Fensterladen wurden von innen befestigt, dann traten sie in den Garten hinaus. Als Meredith die Haustür verschloß, rollten Tränen über ihre Wangen. Das war das einzige Zeichen ihres Schmerzes. Arm in Arm wandelten die beiden heimatlosen Pilgerinnen um den Rasenplatz herum. An der Gartenpforte löste Meredith die Drähte von den Griffen, und klirrend fiel die Gittertür hinter ihnen zu. Mit einem vergeistigten Lächeln deutete Meredith auf die leere Stelle, auf der so viele Jahre hindurch der Name Kabul geprangt hatte; ohne ihre Bewegungen zu beschleunigen, bogen sie in die nächste, dem Innern der Stadt zuführende Straße ein. Die Sonne hatte bereits den Zenit überschritten. Nachdem sie den ganzen Vormittag hinter schweren Dunstschichten verborgen gewesen war, sandte sie plötzlich zwischen dem sich zerteilenden Gewölk hindurch ihre Strahlen auf das vereinsamte Haus und den von den stillen Wanderinnen gewählten Weg nieder. Es war wie ein freundliches Lebewohl, das ihnen nachgerufen wurde. »Es ist überstanden,« bemerkte Meredith nach einer längeren Pause, »die Stunden, die uns bis zur Abfahrt bleiben, verbringen wir besser in den Straßen.« Maßlieb pflichtete ihr freundlich bei; dann wanderten sie weiter Arm in Arm. Sie sprachen wenig, und dennoch entrann ihnen die Zeit wie im Fluge. Als aber die Sterne erst wieder funkelten und unter heimlicher Kälte die aufsteigenden Dünste sich in feine Eiskristalle verwandelten, da befanden sie sich so weit von der Hauptstadt, daß selbst am hellen Mittag ihre Blicke deren Türme nicht mehr erreicht hätten. Neunzehntes Kapitel. Auf dunklen Wegen. Der Admiral säumte noch immer, die Anker der Arche zu lichten. Sein Plan, möglichst bald das Weite zu suchen, hatte dadurch eine Änderung erfahren, daß Nathan ihm die Kunde von Maßliebs Flucht übermittelte und zugleich eine neue Belohnung versprach, wenn er der Entflohenen wieder habhaft werde. Kappel witterte wohl mancherlei, allein seine Entdeckungen beschränkten sich darauf, daß etwas vor ihm verheimlicht wurde. Daraus schloß er, daß es sich um nichts Geringeres als um Maßlieb handle; die Erinnerung an die junge Waise aber genügte, des heruntergekommenen Korpsburschen Lebensgeister nicht nur aufzurütteln, sondern auch wach zu erhalten. Die Abende waren bereits zu kühl, als daß Drehorgel, Pauke und Triangel noch sehr erfolgreich auf das reitlustige Publikum hätten einwirken können. Um so unermüdlicher zeigten sich dafür die gesattelten Bestien im Laufe des freundlichen Herbstnachmittages, so daß es ihnen wohl zu gönnen war, wenn beim Hereinbrechen des Abends der Leinwandstall ringsum geschlossen und sie der wohlverdienten Ruhe und den ihren Geistesfähigkeiten entsprechenden stillen Betrachtungen überlassen wurden. Kappel hatte seine Mahlzeit in der Arche beendigt. Die kurze Pfeife mit den farbigen Studentenquasten rauchend, verschaffte er sich körperliche Bewegung, indem er den seiner besonderen Aufsicht anvertrauten Marstall lustwandelnd umkreiste, gelegentlich stehen blieb und das Standbild des großen Bären betrachtete, das sich seiner besonderen Vorliebe erfreute. Seine Gedanken schweiften in jene unberechenbaren Fernen, in denen Gruppen von Weltkörpern, ohne ihre Stellung zueinander zu verändern, ihre ewigen Bahnen wandelten. Er hatte sich so sehr in das Anschauen der ihm noch bekannten Sternbilder vertieft, daß er nicht darauf achtete, als jemand sich ihm näherte. Erst als er angeredet wurde, kehrte er sich ihm zu, und zwar nicht sehr erfreut über die unerwartete Unterbrechung seiner philosophischen Betrachtungen. »Mich suchen Sie?« fragte er erstaunt, indem er die Physiognomie einer vor ihm stehenden dürftig gekleideten weiblichen Person zu unterscheiden suchte. »Keinen andern,« antwortete diese mit auffallend tiefem Organ, »keinen andern, wenn ihr Name Kappel ist und Sie zu dem Karussell gehören.« »Beides trifft zu,« versetzte Kappel mit einem mißtrauischen Seitenblick auf die Arche, »ich heiße Kappel, meine Stellung ist die eines Karussellstallmeisters; und das Weitere?« »Daß ich Sie zu jemand führen soll,« erwiderte die Fremde leise, »der Sie dringend zu sprechen wünscht.« »Mich? Ich wüßte nicht, daß ich Freunde und Bewunderer in dieser Metropole besäße.« »Es genügt, wenn man Sie kennt.« »Mir nicht ganz. Ich liebe Aufrichtigkeit und möchte ich gerade in diesem besonderen Falle zuvor wissen, was mir die zweifelhafte Ehre fremder Teilnahme verschafft.« »Auch wenn es sich um Leben und Tod handelt?« »Auch dann noch,« beharrte Kappel auf seinem einmal ausgesprochenen Willen, »bevor ich nicht weiß, wer nach mir verlangt, gehe ich keinen Schritt. Die Jahre der Lust an Abenteuern sind verrauscht.« »Sie werden keinen Unbekannten finden. Doch Ihre Weigerung ist vorgesehen worden. Mir wurde ein Paßwort anvertraut, das Sie zugänglicher machen dürfte, vorausgesetzt, Sie treiben keinen Mißbrauch damit.« »Heraus mit dem Paßwort! Fürchten Sie aber das Gaunerpaar dort in der Arche, so bauen Sie darauf, daß mir dieses gerade so nahe steht, sogar noch weniger nahe, als jede einzelne der hinter dieser Zeltwand hausenden Bestien.« »Ich bin zufrieden,« versetzte die Person schnell; »entsinnen Sie sich einer jungen Waise, Namens Maßlieb?« »Maßlieb?« fuhr Kappel erstaunt empor, »zu ihr soll ich kommen? Nach mir verlangt das Kind?« und bereitwillig folgte er seiner Führerin, die ungesäumt die Richtung nach der nächsten, vor dem Platze mündenden Straße einschlug. »Nicht sie selber schickte mich, sondern jemand, der glaubte, daß Teilnahme für sie Ihren Entschluß, mich zu begleiten, bestimmen würde.« »So wählte er das richtige Mittel,« gab Kappel zu, seine Schritte beschleunigend; »und wer es auch sei, er muß Gründe haben, die in Beziehung zu dem Kinde stehen.« »Das weiß ich nicht,« hieß es kurz zurück, »ich bin nur der Bote. Außerdem liegt mir ob, bevor wir unser Ziel erreichen, Ihnen ein Versprechen abzufordern.« »Um Maßliebs willen verspreche ich alles, was nicht gegen die Billigkeit verstößt, und ich bin der Mann dazu, mein Wort zu halten.« »Das wurde vorausgesetzt, oder ich hätte mich zu der Botschaft nicht verstanden. Sie werden eine Höhle der Not und des Elends betreten.« »Hat sie eine Tür, um hineinzukommen, wird sie nicht minder eine haben, die wieder hinausführt.« »Ohne Zweifel; sie öffnet sich dagegen nur für jemand, der gelobt, sobald deren Schwelle hinter ihm liegt, zu vergessen, sie jemals überschritten zu haben.« »Über das Vergessen ist niemand Herr,« erklärte Kappel freimütig und von Besorgnis um Maßlieb erfüllt, »allein wünschen Sie mein Versprechen, daß ich über die Erlebnisse dieser Nacht unverbrüchliches Schweigen bewahre, wohlan, so haben Sie es.« »Das genügt,« versetzte die Person. Eine größere Strecke legten sie schweigend zurück, ohne indessen ihre Eile zu mäßigen. Kappel gab sich den wunderlichsten Mutmaßungen über die Zwecke hin, zu denen er von dem Karussell fortgelockt worden war. Auch seine Führerin hatte sich düsteren Grübeleien hingegeben. Vor sich niederstarrend, schritt sie einher, als hätte sie ihren Begleiter vergessen gehabt. So wanderten sie wohl eine Viertelstunde schweigend durch ein Gewirr von Gassen hin, die vergangenen Jahrhunderten anzugehören schienen. Plötzlich bog die geheimnisvolle Person durch eine schadhafte Brettereinfügung auf eine Art Hofraum, auf dem, wie ein schmaler Lichtstreifen der nächsten Laterne, belehrte, längst vergessene Baumaterialien lagerten. Hier ergriff seine Führerin ihn bei der Hand, und ihn nach sich ziehend, erreichten beide nach mehrfachem Stolpern das Ufer des Flusses, der seine schlammigen Fluten in mancherlei Windungen durch die Stadt sandte. Besorgt spähte Kappel stromaufwärts und -abwärts. In weitem Bogen blinzelten auf der gegenüberliegenden Seite die Uferlaternen und erleuchteten Fenster der Häuserreihen. Zu beiden Seiten von ihm schien dagegen alles ausgestorben zu sein. Aus größeren Entfernungen schimmerten die winzigen Kajütenlucken der ankernden Frachtkähne wie entschlummernde Irrlichter zu ihm herüber. Sogar die Schiffer mieden den dem Elend und dürftigen Schaffen eingeräumten Stadtteil. »Folgen Sie mir,« redete seine Führerin ihn nach einigen Sekunden an. Dann stieg sie eine zum Wasser niederführende schlüpfrige Treppe hinab. Unten vor der letzten Stufe lag ein Fahrzeug, das mehr einem Backtrog, als irgendeiner Bootsart glich. In dieses stieg die geheimnisvolle Person ein, Kappel auffordernd, in dessen Hinterteile niederzukauern. Gleichzeitig löste sie den das Fahrzeug haltenden Strick, worauf sie eine halb im Wasser, halb auf dem Bord ruhende Stange ergriff. »Von jetzt ab haben Sie blindlings sich meinem Willen unterzuordnen,« bemerkte sie flüsternd, und die Stange vorsichtig benutzend, schob sie das Boot dicht am Ufer hin stromaufwärts, »folgen Sie meinen Anweisungen pünktlich, sitzen Sie ruhig, und geben Sie nicht den Schwankungen nach, oder Sie stören das Gleichgewicht und wir haben den Genuß eines Schlammbades, aus dem uns so leicht keiner herauszieht. Zwei Fuß Wasser und Morast bis in den Mittelpunkt der Erde hinein – rührende Aussichten!« und sie lachte spöttisch. Die Fahrt, nur einige hundert Schritte lang, dauerte gegen zehn Minuten; denn nur langsam vermochte die Person ihre Last gegen die schwache Strömung zu schieben. Anderen Fahrzeugen begegneten sie nicht. Es war als hätten sie sich in einem für Schiffer gefährlichen und deshalb gemiedenen Fahrwasser befunden. Rechts von ihnen dehnte sich die stille schwarze Wasserfläche mit den aus der Ferne beinahe bis zu ihnen reichenden, eigentümlich zitternden Lichtreflexen aus. Links dagegen, oberhalb des morschen Bollwerks, erhoben sich Baulichkeiten, die mit ihren unregelmäßigen Umrissen, ähnlich einer gezackten Hügelkette, von dem gestirnten Himmel sich abhoben. Endlich glitt das Fahrzeug unter einen schwarzen Überbau. Eine kurze Anstrengung des weiblichen Bootsmannes, ein leichter Stoß, und fest lag es vor einer Leiter, die vom Wasser nach dem Überbau hinaufführte. Nach einer flüchtigen Unterweisung seiner Führerin tastete Kappel sich nach den Sprossen hin, und deren acht überwindend, gelangte er durch eine offene Falltür auf eine Art Bodenraum, dessen Umfang und Charakter zu unterscheiden die undurchdringliche Finsternis ihn hinderte. Anstatt sich aber ihm zuzugesellen, sprach seine Begleiterin von unten her zu ihm herauf: »Bleiben Sie auf derselben Stelle sitzen, denn dem Bretterwerk ist nicht zu trauen. In einer Viertelstunde, höchstens zwanzig Minuten bin ich zurück. Um keinen Argwohn zu erregen, muß ich auf einer anderen Stelle das Haus betreten.« Bei den letzten Worten stieß sie das Fahrzeug ab. Kappel war weit entfernt, sich in seinem Versteck sicher zu fühlen. Wohin er tastete, überall traf er auf morsches, feuchtes Holzwerk, das nicht den zehnten Teil seines Gewichtes tragen zu können schien. Doch schweigend fügte er sich ins Unvermeidliche. Konnten doch nur wichtigste Umstände dem seltsamen Verfahren zugrunde liegen. Endlich vernahm er das Zuschlagen einer Tür und Schritte, die von der Uferseite her sich seinem Versteck näherten. Dicht hinter ihm wurde eine Tür behutsam aufgeschoben, und zu seinen Ohren drang die Stimme seiner bisherigen Führerin. »Kommen Sie,« sprach sie flüsternd. Nach einigem Umhertasten ergriff sie seine Hand, um ihn von dem morschen Gerberschuppen auf einen finsteren Hofraum zu geleiten; »der Weg ist frei, wenn auch nicht so sicher und gefahrlos, wie ich gewünscht hätte. Wir haben alle Ursache, vorsichtig zu Werke zu gehen. Noch einmal erinnere ich Sie an Ihr Versprechen: Geben Sie keinen Laut von sich und gebrauchen Sie Ihre Sinne. Mein Plan, Sie durch das Hintergebäude hinaufzuführen, ist vom Zufall vereitelt worden. Wir müssen durchs Vorderhaus.« Kappel antwortete nicht. Er hatte genug zu tun, sich auf dem mit Schutt und Kehricht bedeckten schmalen Hofraum vor geräuschvollem Stolpern zu bewahren. Vor ihm lag es wie ein himmelhoher, schwarzer Wall. Nur in der Höhe des vierten Stockwerks bemerkte er ein matt erleuchtetes Fenster mit kleinen bleigefaßten Scheiben. Gleich darauf öffnete seine Führerin eine Tür. »Treten Sie leise auf,« flüsterte sie ihm zu, »und suchen Sie Ihre Schritte hinter das Geräusch der meinigen zu verstecken.« Dann zog sie ihn in das Haus hinein, die Tür nachlässig hinter sich zuwerfend. Nach mehreren Schritten öffnete sie wiederum eine Tür, durch die statt der früheren warmen Atmosphäre feuchte Kellerluft ihnen entgegenströmte. Sie waren um eine Ecke herumgebogen, als aus der Richtung, aus der gedämpftes, regelmäßiges Poltern Kappels Ohren schon früher erreicht hatte, plötzlich das heftige Zurückschieben eines Stuhles erschallte. Fast gleichzeitig fühlte Kappel sich hinter die Mauerecke zurückgedrängt. »Keine Bewegung, wenn Ihr Leben Ihnen lieb ist,« vernahm er noch die Warnung seiner Führerin, dann, indem eine Tür knarrend ausgestoßen wurde, schoß ein heller Lichtstrahl in den dumpfigen Gang hinein, seine Wirkung bis in die äußersten Winkel ausdehnend. In der Tür stand, scharf beleuchtet durch eine seitwärts von ihm in dem Zimmer brennende Lampe, ein Mann, von herkulischem Körperbau. Neben ihm erblickte Kappel seine bisherige Führerin: eine Frau, deren Blütezeit allerdings weit hinter ihr lag, die aber noch immer Spuren früherer Reize an sich trug. »Muß der Teufel dich zehnmal des Abends hier vorbeiführen und uns ebensooft stören?« schnaubte der Mann ihr zu, sobald er die vor ihm Stehende erkannt hatte. »Warum laßt Ihr Euch stören?« fragte Rosamunda höhnisch, und aus Besorgnis für Kappel trat sie in das Zimmer, jedoch ohne die Tür hinter sich zu schließen. »Leben außer dir keine anderen Menschen in diesem Hause?« fuhr Schmelzer grimmig fort, und aus dem zu ihm herüberdringenden Geräusch erriet Kappel, daß er sich niedersetzte. »Höchstens Mutter Sarahs Küchlein,« versetzte Rosamunda trotzig, »die aber sind ausgeflogen. Auch wüßte ich nicht, wer von ihnen sich hierher wagen möchte.« »Wer brach vor kurzem hier ein?« fragte Schmelzer. »Die hat dir keinen Schaden getan« – hob Rosamunda an, als Schmelzer ihr wütend ins Wort fiel: »Keinen Schaden? Sie hat uns den Schaden getan, daß unsere Sicherheit zum Teufel ist und nur 'ne Ratte durch diesen Gang zu schleichen braucht, um mich wild zu machen! Verdammt! Das Spionieren hätte ich mir gefallen lassen, allein die Hexe mitzuschleppen und ihr die Freiheit zu geben, das ist's, was ich dir noch heimgeben werde!« »Die Freiheit gab ich ihr nicht,« erwiderte Rosamunda, »und wenn ihr Entsetzen erregt und sie dadurch veranlaßt wurde, zu entlaufen, so ist's nicht an mir, ihr nachzusetzen. Ich schere mich übrigens weder um deine, noch um Sarahs Wut. Schlagt mich tot, wenn Ihr wollt, mir ist's recht, lieber heute, als morgen!« »Und das geschieht,« fuhr Schmelzer auf, »ja, 's geschieht, sobald sich herausstellt, daß du uns den Teufel auf den Hals gezogen hast. Denn daß dir's die schwarzlockige Hexe angetan hat, brauchst du nicht zu leugnen. Ich bin heller, als du denkst, und ich müßte einfältiger sein, als Mutter Sarahs zerkratzte Haubenstöcke, sähe ich nicht ein, daß mit dir irgend etwas nicht richtig ist. Aber hüte dich! Ist innerhalb vierzehn Tagen die Kröte nicht zur Stelle, dann würgte ein Krametsvogel sich nie schneller in einer Pferdehaarschlinge, als dir die Luftröhre zugedrückt wird.« »Wo soll ich sie suchen?« »In der Stadt, aus dem Lande, mir ist's einerlei. Sie muß herbei, und danach richte dich. Hier in dem Gange hast du ebenfalls nichts zu suchen; es sind mehr als zu viel andere Röhren in diesem Fuchsbau!« »Vom liegt jemand krank, und Kranke sind mir 'n Widerwillen; ich mag nicht bei ihnen durchgehen.« »Bis du selber daliegst und vergeblich nach Atem ringst – das aber dauert nicht lange, wofern du mir nicht die Unsicherheit von der Seele nimmst.« »Heute störe ich dich nicht mehr,« versetzte Rosamunda ruhig; »vielleicht daß ich später noch auf 'ne Stunde fortgehe.« Das Hämmern hatte wieder begonnen, und Rosamunda trat auf den Gang hinaus, doch nicht eher zog sie die Tür zu, als bis sie Kappel einen Wink gegeben hatte, der alsbald neben sie hinglitt und sogleich von ihr mit fortgezogen wurde. »Das war die gefährlichste Stelle,« bemerkte Rosamunda, nachdem sie aus dem Gang in ein finsteres Gemach getreten waren, »das andere ist Kinderspiel. Aber Vorsicht ist trotzdem bis zum letzten Augenblick geboten.« Sie schlichen noch durch zwei Räumlichkeiten, in denen eine Art Kellerluft schwebte, bevor sie auf den eigentlichen Hausflur gelangten und dort eine knarrende Treppe zu ersteigen begannen. Im vierten Stockwerk, unmittelbar unter dem Dache, bog Rosamunda von der obersten Stufe aus auf eine Tür zu, vor der sie Kappel bedeutete zurückzubleiben und sich hinter einem Schornsteinverschlag zu verbergen. Sie selbst begab sich in das Zimmer hinein, dessen Tür sie hinter sich aufließ, so daß Kappel den dürftigen Raum zu überblicken vermochte, gleichzeitig aber auch hören konnte, was drinnen gesprochen wurde. Zunächst entdeckte er einen elenden Strohsack, auf dem unter einer wollenen Decke eine menschliche Gestalt lang ausgestreckt lag. Das Gesicht konnte er nicht unterscheiden; wohl vernahm er einen schwer röchelnden Atem, zuweilen unterbrochen durch schmerzliches Stöhnen. Vor dem Strohsack auf einem niedrigen Schemel und weit übergebeugt saß die Besitzerin des Hauses, die alte Sarah, durch ihren Anblick sogar den furchtlosen Korpsburschen mit Grausen erfüllend. Als Rosamunda die Tür öffnete, kehrte Sarah sich ihr zu. »Lange genug habe ich auf dich gewartet,« hob sie krächzend an, »oder glaubst du etwa, 's sei 'ne Lust, bei 'nem Verscheidenden zu sitzen?« »So weit ist's nicht, nein, es kann nicht so weit sein,« versetzte Rosamunda hastig. »Meine Minuten sind gezählt,« sprach eine matte Männerstimme, »und meine Rechnung mit der Welt ist abgeschlossen. Hier in meiner Hand halte ich das Letzte, was mir gelassen wurde – vier Goldstücke sind's – und die werden wohl ausreichen für die Pflege der paar Stunden, die mir noch beschieden sein können.« »Ich bin zufrieden damit, zufrieden damit« – fiel die alte Wölfin gierig ein, »allein 's ist ratsamer, Sie geben mir das Geld gleich. Im Todeskampfe möchten Sie's von sich werfen oder gar verschlingen –« »Laß ihm seinen Willen,« schnitt Rosamunda des scheußlichen Weibes Erklärung ab, »ich habe ihm versprochen, daß er unbehelligt sterben soll, und ich werde sorgen, daß das geschieht.« »Das danke Ihnen der Himmel,« ließ sich die matte Stimme wieder vernehmen, »obwohl mir's gleichgültig sein könnte, wie ein Hund abgetan zu werden.« »Ihre Wünsche sollen erfüllt werden,« bestätigte Rosamunda, »dafür bürge ich, und geschäh's auch nur der Erinnerung an alte Zeiten wegen.« »Meine Leiche wird in den Fluß gesenkt?« »So soll es geschehen.« »Nachdem ich zuvor rasiert und in einen schwarzen Gesellschaftsanzug gekleidet wurde?« »Was helfen seine Kleider einem Toten?« hob Sarah an, »sie machen ihn nicht lebendig –« »Für alles bürge ich,« fiel Rosamunda heftig ein, dann zu dem Weibe: »Ich dächte, du hättest genug von ihm gezogen. Doch gehe hinab jetzt; dein Anblick gereicht ihm ebensowenig zum Trost, wie dir drum zu tun ist, jemanden vor seinen letzten Richter hintreten zu sehen.« Die letzten, mit feierlichem Ernste gesprochenen Worte übten auf das Scheusal offenbar einen tiefen Eindruck aus. Es erhob sich, als wäre ein Gespenst vor ihm aus den morschen Brettern aufgetaucht, und wie auf der Flucht vor einem solchen schlüpfte es nach der Tür hin. Dort kehrte es sich noch einmal um. »Leuchte mir, Rosamunda,« flüsterte es in grausigster Weise, »leuchte mir, Schätzchen, die Treppe hinunter. Meine Füße sind nicht mehr so sicher, wie vor Zeiten –« »Ja, ja,« höhnte Rosamunda, indem sie die Lampe nahm und sich zu Sarah hinausbegab, »leuchten will ich dir, und wär's bis in die Hölle hinein. Deine Füße sind zwar sicher genug, allein der Tod, der in diesem Stalle umgeht, möchte dich aus irgend 'nem dunkeln Winkel beim Genick fassen –« »Laß die Spottreden,« flüsterte Sarah, die Treppe hinunterschlüpfend, »ich bin noch zu jung – viele Menschen sind über hundert Jahre alt geworden – nur noch 'ne Minute leuchte, Schätzchen, nur noch 'ne halbe Minute!« rief sie hinauf, sobald sie inne wurde, daß Rosamunda von der Treppe zurücktrat, »und wenn er tot ist, rühr' ihn nicht an – ich selbst will seine Hand öffnen –« Rosamunda lachte heiser. Nicht mehr auf das Geräusch der sich mit verdoppelter Eile Entfernenden achtend, kehrte sie sich um. Vor ihr stand Kappel, mit einem Gesicht so bleich, als hätte der umherschleichende Tod auch nach ihm bereits seine Hand ausgestreckt gehabt. »Es ist entsetzlich hier,« flüsterte er. »Für jemand, der an dergleichen nicht gewöhnt ist, wohl,« bestätigte Rosamunda, »allein für mich?« Wiederum ihr unmelodisches, gehässiges Lachen, dann Kappel winkend, ihr zu folgen, begab sie sich in den Verschlag zurück. »Lassen Sie die Tür offen,« gebot sie, und gemeinschaftlich mit jenem trat sie vor dem Sterbenden hin. Zwanzigstes Kapitel. Ein letzter Wille. Kappels erster Blick fiel auf ein Antlitz, dem der Tod seinen unverkennbaren Stempel aufgedrückt hatte. Aschfahl starrte es ihm entgegen, aber aus den tief eingesunkenen Augen sprach eine gewisse Befriedigung. Um den mit kurz geschorenem Haar bedeckten Kopf hatte der Leidende ein Tuch geschlungen; ein mehrere Wochen alter, struppiger Bart ließ die hageren Gesichtszüge noch leichenhafter erscheinen. »Gott sei Dank!« sprach er kaum verständlich und seine letzten Kräfte schonend, »ich hatte bereits die Hoffnung aufgegeben. Erkennen Sie mich, Herr Kappel?« »Ich weiß nicht –« stotterte der jäh aus seiner ewigen Sorglosigkeit aufgerüttelte heruntergekommene Korpsbursche, »ich entsinne mich nicht – freilich – Ihre Züge erinnern an jemand –« »An den Fremden, der sich einst auf der Landstraße zu Ihnen gesellte,« half der Sterbende seinem Gedächtnis nach, »derselbe, der mit den schurkigen Lenkharts um Maßlieb – »Sie?« rief Kappel erstaunt aus, »Sie und in einer solchen Lage?« »Noch furchtbarer würden Sie meine Lage finden,« versetzte Spark, und er versuchte zu lächeln, »noch weit furchtbarer, ahnten Sie den Wechsel; dem ich in dem Zeitraume von kaum zwei Monaten unterworfen gewesen bin. Doch von mir will ich nicht sprechen. Anderer wegen ließ ich Sie hierher bitten; denn ich selbst bedarf keines Menschen Hilfe mehr. Es fragt sich nur, ob Sie geneigt sind, die letzten Wünsche eines Sterbenden mit der Gewissenhaftigkeit eines Ehrenmannes zu erfüllen.« »Ich bin bereit,« antwortete Kappel überzeugend, »mag ein wenig freundliches Geschick mich in eine unwürdige Rolle hineingestoßen haben, die Heiligkeit des gegebenen Wortes ist mir nie fremd geworden.« »Dann setzen Sie sich zu mir,« fuhr Spark fort, und nachdem jener Platz genommen hatte, zu Rosamunda gewendet! »Geben Sie mir die Briefschaften.« Rosamunda schritt nach der einen Seite des düsteren Gemaches hinüber, und hinter ein loses Brett langend, zog sie ein versiegeltes Schreiben und ein vergilbtes, mehrfach zusammengefaltetes Papier hervor, was sie beides Spark darreichte. »Sonst noch etwas?« fragte sie ruhig. »Nichts mehr,« antwortete Spark leise, »ich möchte nur noch in Gegenwart eines Zeugen wiederholen, daß ich Ihnen die Gelegenheit zum Schreiben dieses Briefes verdanke – woher hätte ich in meiner Hilflosigkeit das Material nehmen sollen? – und daß ich Ihnen, nachdem ich ihn zum letztenmal benutzte, meinen Siegelring zum Andenken gab. Es war das einzige, was mir von der alten Harpyie gelassen wurde. Wäre es doch möglich, daß Sie sich über dessen Besitz ausweisen müßten, in welchem Falle der Brief mit dem Siegel und das Zeugnis dieses Mannes genügten, jeden Verdacht gegen Sie zu zerstreuen.« »Den Ring behalte ich gern,« versetzte Rosamunda unsäglich bitter, »allein um einen Verdacht gegen mich zu vernichten? Welchen Wert könnte das für mich haben? Doch bei Ihrem Gespräch mit diesem Herrn bin ich überflüssig. Ich gehe daher, um zu wachen, daß Sie nicht überrascht werden; es wäre ein Unglück für uns alle.« So sprechend trat sie aus den Bodenraum hinaus, die Tür hinter sich schließend. Auf die oberste Stufe der Treppe sich setzend, versank sie in ein durch bitteres Grübeln erzeugten Zustand zwischen Wachen und Träumen. Rosamunda hatte kaum das Gemach verlassen, als Sparks vergeistigte Züge sich plötzlich mehr belebten. »Es ist besser, daß sie sich unaufgefordert entfernte,« bemerkte er flüsternd zu Kappel gewendet, »was ich Ihnen anzuvertrauen habe, darf kein anderer Sterblicher erfahren – wenigstens so lange nicht, bis Sie Gelegenheit finden, sich mit denjenigen ins Einvernehmen zu setzen, auf die meine Mitteilungen sich beziehen.« Er zögerte, augenscheinlich um seine Gedanken zu sammeln, dann fuhr er fort: »Um nicht Bestimmungen unmöglich zu machen, die ich mit Rücksicht auf meinen Tod getroffen habe, ist es notwendig, Sie darüber zu unterrichten, wie ich hierher gelangte: Ich hatte die dringendsten und leider nicht die ehrenhaftesten Gründe, mich verborgen zu halten, und blieb daher dort, wo man mich am wenigsten suchte, um erst, nachdem die Telegraphen ausgespielt haben würden, das Weite zu suchen. Was andere verprassen, das gedachte ich in fernen Landen nach eigenem Geschmack anzulegen. Wo ich mich bis vor drei Tagen aufhielt, kommt nicht in Betracht. Es widerstrebt mir, ihn, der mich am dritten Orte beherbergte, ins Verderben zu stürzen. Genug, ich nahm Abschied von ihm auf Nimmerwiedersehen. Es geschah um Mitternacht. Meine Vorsicht ließ mich diese Stunde wählen; wäre ich am hellen Tage gegangen, möchte es für meine Person besser gewesen sein. Nun, da es mit mir zu Ende geht, kümmere ich mich indessen nicht mehr darum. Festen Schrittes, wie ein seines Rechtes bewußter Mann, wanderte ich durch die stillen Straßen, und keine Viertelstunde mehr hätte es gedauert, bis ich die Stadt im Rücken gehabt hätte, als ich entdeckte, daß jemand mir folgte. Wer sich nicht frei von Schuld weiß, ist in den meisten Fällen zu ängstlich darauf bedacht, Gefahren zu vermeiden, zu denen in seiner erregten Phantasie die geringfügigsten Umstände anwachsen. So erging es mir. In dem Verfolger einen Feind vermutend, beschleunigte ich nicht nur meine Schritte, sondern bog auch in jede nächste Straße oder Gasse ein, wobei es sich ereignete, daß ich beinah einen Kreis beschrieb. Dieser Umstand erhöhte ohne Zweifel den Argwohn meines Verfolgers, denn seine Bewegungen wurden schneller; aber auch meine Furcht wuchs, so daß ich in einen mäßig schnellen Lauf verfiel. Sobald ich aber hinter mir die Signalpfeife eines Wächters vernahm, die in der Ferne schrill beantwortet wurde, änderte ich in meiner Verwirrtheit so oft die Richtung, bis ich selbst nicht mehr wußte, wo ich mich befand. So erreichte ich endlich den Strom auf einer Stelle, auf der eine Brücke hinüberführte, dessen Ufer dagegen nach rechts und links durch Baulichkeiten abgeschlossen waren. Ein einziger Weg öffnete sich also nur vor mir; wurde dieser mir auf der Brücke selber verlegt, so war ich verloren. In meiner Not – die Verfolger hörte ich ja beständig hinter mir – kletterte ich, anstatt über die Brücke zu fliehen, neben ihr hinab. Ich wollte mich in ein Boot schwingen, trat aber zu kurz; mein Fuß glitt aus, ein furchtbarer Schmerz durchzuckte meinen Körper, und ich stand bis an die Schultern in Morast und Wasser. Ja, ich stand, weil ich mit beiden Händen mich an dem Fahrzeug hielt; ich wäre sonst unfehlbar zugrunde gegangen; denn ich fühlte, daß ich den einen Fuß gebrochen hatte. Trotz der rasenden Schmerzen und der schneidenden Kälte des Wassers war der Selbsterhaltungstrieb so stark, daß ich in jenen entsetzlichen Minuten an weiter nichts dachte, als den mir Nachsetzenden zu entkommen. Ich verhielt mich still und hatte die Genugtuung, zu beobachten, daß die Verfolgung über die Brücke hin fortgesetzt wurde und niemand daran dachte, daß ich den gefährlichen Sprung ins Wasser gewagt haben könne.« »Mit einem gebrochenen Fuße liegen Sie hier,« fragte Kappel, der seinen Ohren kaum traute, »mit einem gebrochenen Fuße auf dieser elenden Stätte und ohne jeglichen Beistand?« »Was hätte ich beginnen sollen?« fragte Spark höhnisch zurück, »jede für mich herbeigerufene Hilfe wäre für mich gleichbedeutend mit dem Verlust meiner Freiheit gewesen.« »Wie aber gelangten Sie gerade hierher?« forschte Kappel bestürzt weiter. »Was mir auf festem Boden unmöglich war, führte ich im kalten Wasser aus,« erklärte Spark mit einem grausig triumphierenden Lächeln: »ich löste das Boot von seiner Kette, und mich daranklammernd und zugleich seinen Lauf bestimmend, folgte ich immer dicht am Ufer hin der Strömung. So strandete ich endlich nach unsäglichen Qualen zwischen den Stützbalken eines Schuppens, nach dem eine Leiter hinaufführte. Meine Kräfte waren aber jetzt vollständig erschöpft; sie reichten nur noch so weit, daß ich die Sprossen hinaufzukriechen vermochte. Kaum oben, sank ich bewußtlos nieder. Heftiges Rütteln weckte mich aus meiner Betäubung, und als ich die Augen aufschlug, erblickte ich bei hellem Tageslicht dasselbe Weib, das Sie hier an meiner Seite gesehen haben. Der von dem gebrochenen Fuß herrührende Schmerz wurde noch übertäubt durch Fieberfrost, der mich unfähig zum Denken und Sprechen machte. Trotzdem begriff ich, daß ich in keine guten Hände geraten war; allein in einem Zustande, wie der meinige, schwinden alle Rücksichten. Unbekümmert um die Zukunft, flehte ich um Hilfe, um Erwärmungsmittel; meine Bitten eindringlicher zu machen, zog ich die Börse hervor, dem Weibe von dem Inhalte gebend, und zugleich forderte ich Verschwiegenheit und das tiefste Geheimnis. Doch was soll ich weiter sagen? Die Raubgier des Scheusals war beim Anblick des Goldes erwacht; eine Viertelstunde später, und ich lag zwischen den Falten einer Decke. Aber erst am Abend wurde ich aus meiner Gefangenschaft in dem zugigen Schuppen erlöst und von dem Weibe und der Person, die draußen Wache hält und sich meiner, aus weit zurückliegenden Ursachen, noch besonders annahm, heimlich hier heraufgeschafft. Da liege ich nun seit drei Tagen. Mein Fuß wird wohl verbunden und mit Salzwasser gekühlt; allein was kann aus einer Verletzung, bei der die umsichtigsten Ärzte oft vergeblich ihre Kunst anwenden, bei solch dürftiger Pflege werden? Und hätte mich dieser Unfall nicht betroffen, würde mein Geschick sich dennoch erfüllen: denn daß mein erhitzter Körper stundenlang im eisigen Wasser zubringen mußte, rächt sich jetzt in furchtbarer Weise. In meiner Brust wühlt der Tod nicht minder, als in meinem gebrochenen Fuß. Mein Atem – jedes Wort – bald ist es überstanden –« »Ich darf nicht dulden,« bemerkte Kappel erschüttert, sobald Spark schwieg, um neue Kräfte zu sammeln, »daß Sie hier so verkommen, es muß Ihnen geholfen werden, Sie sind nicht unbemittelt –« Spark aber unterbrach ihn, jetzt fieberig erregt: »Nichts davon; ich bin ein Bettler, die Papiere, der Raub, den ich in Sicherheit bringen wollte, das Wasser vernichtete ihn. Alle meine Pläne umsonst – – aber anderes kann noch geschehen, und darum ließ ich Sie rufen.« Nach einigen Minuten, die Kappel wie eine Ewigkeit erschienen, hob er wieder an: »Kennen Sie ein Fräulein Meredith Kabul?« »Nur ihren Namen hörte ich, sie soll eine menschenfreundliche, wenn auch wunderliche Dame sein.« »Hier ist ein Brief,« versetzte Spark leise, »ihre Wohnung ist auf der Adresse verzeichnet. Diesen Brief nehmen Sie an sich; warten Sie drei Tage – länger kann ich nicht mehr unter den Lebenden weilen – dann begeben Sie sich zu ihr und überreichen Sie ihn ihr, jedoch nur, wenn keine Zeugen zugegen sind. Sagen Sie, er käme von einem Toten, und nur auf ihre ausdrückliche Frage teilen Sie ihr mit, wo und wie Sie mich fanden und was Sie über mein Ende wissen. Anderenfalls – und ich baue auf Ihre Gewissenhaftigkeit – erwähnen Sie weder zu ihr, noch zu sonst jemand in der Welt das leiseste Wort. Kann ich auf Sie bauen? Wollen Sie mir diesen Trost mit in den Tod hineingeben?« Kappel nahm den Brief und drückte die ihm gereichte Hand. Ein tausendfacher Eid hätte den Sterbenden nicht mehr beruhigt, als das zustimmende Neigen des ernst zu ihm niederschauenden Mannes. Spark seufzte tief auf. Eine Last schien von seiner Seele genommen zu sein. »Was Sie an mir tun, kann ich Ihnen nicht vergelten,« flüsterte er, das zweite Papier nebst einer Einlage mit unsicheren Händen entfaltend und Kappel ebenfalls darreichend, »aber Sie finden Ihren Lohn vielleicht hierin. Lesen Sie; es betrifft Ihr Maßliebchen. Das vergilbte Blatt – seltsamerweise das einzige, was nicht verdarb, weil ich es, anstatt mit den Wertpapieren in einem Gurt, in der Brusttasche trug – ist der unwiderlegliche Beweis ihrer Herkunft. Das andere – ich schrieb es erst gestern in flüchtigen Umrissen nieder – enthält Aufschlüsse und Erklärungen, die die Echtheit des ersteren Schriftstückes noch bekräftigen und jede Möglichkeit eines Irrtums der Person ausschließen. Sie selbst erhalten dadurch die Lösung des Rätsels, weshalb ich das Kind an mich zu bringen wünschte. Gelang mir der Plan mit dem Mädchen, so hätte ich zu keinen andern Mitteln der Bereicherung meine Zuflucht zu nehmen brauchen. Aber lesen Sie – lesen Sie. Ich will etwas ausruhen, und ist Ihnen nach Beendigung noch irgend etwas unklar, so wird es mir um so leichter, Ihnen weitere Aufschlüsse zu erteilen.« Kappel tat, wie ihm geheißen war. Kaum aber hatte er die erste Seite unter des Sterbenden angstvoll forschenden Blicken zu Ende gelesen, als das Erstaunen, das sich in seinen Zügen ausprägte, einem Ausdruck der Enttäuschung wich. »Nathan?« fragte er mit schlecht unterdrücktem Widerwillen, »der Jude Nathan?« »Sie kennen ihn?« »Ich hörte nur von ihm.« »Wohlan, der weise Nathan besitzt genug Reichtümer, um die längste Straße der Stadt mit harten Talern zu pflastern – doch lesen Sie weiter; vielleicht finden Sie ein bessers Verständnis für die Gewalt, die in Ihren Händen ruht und die Sie – ich weiß es – nur zugunsten der verstoßenen Waise in die Wagschale legen werden.« Kappel hatte die Blicke auf das Schriftstück gesenkt. Er las eine, zwei Seiten, und mit jedem neuen Wort wurde sein Antlitz erregter. Als er zu Ende war fragte er fast atemlos: »Ist alles verbürgt?« und er schien zu vergessen, daß er sich bei einem Sterbenden befand. »Ich bürge dafür mit meinem letzten Atemzuge,« flüsterte Spark. »Sie hegen die Überzeugung, daß dieses Dokument und Ihre schriftlichen Aussagen vom Gericht als gültig angenommen werden?« »Das Gericht ziehen Sie nicht zu in dieser Angelegenheit,« warnte Spark mit äußerster Kraftanstrengung, »denn dadurch würden Sie gerade derjenigen am meisten schaden, der Sie einen Dienst zu leisten wünschen. Aber dessen bedürfen Sie auch nicht; benutzen Sie nur die in Ihren Händen ruhende Macht zu Drohungen, und Sie werden Ihr Ziel auch ohne gerichtliche Hilfe erreichen.« Kappel hatte das Haupt geneigt. Was an ihm dem Vagabundentum angehörte, es fiel von ihm ab, wie die Raupenhülle von einem dem Sonnenlicht zustrebenden Falter. Zum erstenmal in seinem Leben war eine ernste, sein ganzes Sinnen erfüllende Aufgabe vor ihm erstanden; in ihm erwachte der so lange in Scheintod versenkt gewesene Enthusiasmus jener glücklichen Jahre, in denen er meinte, spielend den Himmel erstürmen zu können. Plötzlich schlug er sich mit der Faust vor die Stirn, dann ergriff er Sparks beide Hände. »Aber Maßlieb, wo finde ich sie? seitdem sie zum zweitenmal von dem Karussell getrennt wurde –« »Sie weilte in diesem Hause, wohin sie auf Nathans Anstiften gelockt worden war,« versetzte Spark, als Kappel stockte, »und dem unglückseligen Geschöpf, das draußen auf der Treppe sitzt, verdankt sie allein, daß sie aus diesem Sumpf der Verderbnis entkam. Wohin die Ärmste sich wandte, Gott mag es wissen, und an Ihnen ist es, sie auszukundschaften –« »Nathan kann vielleicht Auskunft geben,« fiel Kappel hastig ein, »und er soll es, muß es, und wäre ich gezwungen – ha, ein alter Gitarrespieler – ich entsinne mich jetzt – er wohnt in demselben Hause –« Die Tür öffnete sich und in ihr erschien Rosamunda. »Es ist Zeit,« sprach sie ernst, »Sie müssen sich trennen, oder es wird mir unmöglich, den Herrn unentdeckt auf die Straße hinauszuschaffen.« »Wir sind fertig,« erklärte Spark matt, »meine letzten Anordnungen sind getroffen, bleibt mir nur noch der Schritt in die ewige Finsternis – Unten schlug eine Tür, und herauf drang das eigentümlich schlürfende Geräusch, mit dem Sarah die Treppe erstieg. »Hinaus,« riet Rosamunda dringend, »hinaus und hinter den Schornstein, bevor es zu spät wird!« Kappel drückte dem Sterbenden die Hand. »Seien Sie eingedenk meiner Worte,« seufzte dieser schwer. Dann zog Rosamunda den alten Korpsburschen auf den Vorboden hinaus. Er war eben in sein Versteck getreten, als von dem vorletzten Stockwerk der matte Schein einer Lampe heraufdrang. Sarah hatte noch immer nicht das Grauen überwunden, welches durch Rosamundens Hinweisen auf den Tod erzeugt worden war; sie wäre sonst im Dunkeln gekommen. Als sie, auf der obersten Stufe angelangt, Rosamunda in der offenen Tür stehen sah, fragte sie geheimnisvoll: »Ist er hinüber?« »Er mag noch bis morgen leben,« antwortete Rosamunda, »aber er schläft; willst du bei ihm wachen, ist mir's recht. Ich gehe hinaus auf die Straße; zwischen diesen Mauern ersticke ich.« »Ja, Schätzchen gehe,« versetzte das Weib, in die Kammer schlüpfend, und auf dem widerwärtigen Antlitz prägte sich die Hoffnung aus, dem Sterbenden im Schlafe seine letzte Habe zu entwinden, »ja, gehe; 'n Stündchen halte ich gern bei ihm aus, und nachher kommt's nicht darauf an, ob überhaupt noch jemand bei ihm bleibt.« Rosamunda schloß die Tür hinter der Eintretenden. Kappel schlich aus seinem Versteck an ihre Seite, und vorsichtig von ihr geführt, tastete er sich die Treppe hinunter. Er befand sich so vollständig unter dem Eindruck der jüngsten Erlebnisse, daß er kein Wort hervorzubringen vermochte. »Vergessen Sie nicht Ihr Wort,« tönte es im letzten Augenblick ihm wie ein Hauch ins Ohr, »fühlen Sie sich aber mir verpflichtet, so beweisen Sie Ihre Dankbarkeit durch ewiges Schweigen über gewisse Dinge.« Mit leisem Klirren schlug der Riegel des Schlosses in seine Haft, und Kappel war allein. Ein Weilchen stand er wie betäubt; als aber Schritte sich ihm näherten, entfernte er sich schnell in entgegengesetzter Richtung. Seine rechte Hand ruhte auf der Brusttasche, auf den ihm von Spark anvertrauten Papieren.– Am folgenden selbigen Nachmittage war in den Zeitungen zu lesen: »Ein Ereignis, ganz dazu angetan, ernste Betrachtungen über das geheimnisvolle Verschwinden des der Veruntreuungen verdächtigen Mitdirektors der Zentrifugalbank zu erwecken, beschäftigt alle Gemüter. Dieser wurde als Leiche aus dem Wasser gezogen, in dem er höchstens vierundzwanzig Stunden gelegen haben konnte. Wahrscheinlich hat er seinem Leben selbst ein Ziel gesetzt. So endet das Drama der Zentrifugalbank, eines mit treuem Willen ins Leben gerufenen und gewissenhaft verwalteten Unternehmens, dem wohl ein längeres Bestehen zu gönnen und zu wünschen gewesen wäre. Unter der unermüdlichen Leitung des Herrn Bankdirektors Nailleka, der zugunsten der Aktionäre mit gewohnter Selbstverleugnung keine Opfer scheut, nimmt die Liquidation einen guten Fortgang.« Das war die Grabrede für die Zentrifugalbank, der letzte Trost für diejenigen, deren Habe von ihr verschlungen worden war. – Einundzwanzigstes Kapitel. Bemooster Bursche zieh ich aus! Den ihm anvertrauten Brief hatte Kappel an Meredith nicht besorgen können. Ihre Wohnung fand er leicht genug, jedoch nur, um zu hören, daß sie seit mehreren Tagen ausgezogen sei. Wohin sie sich gewendet hatte, wußte niemand anzugeben; dagegen stellte sich bei weiteren Nachforschungen heraus, daß sie nicht mehr in der Stadt weilte. Freundlichen Trost gewährte dem alten Korpsburschen, daß ein braunlockiges junges Mädchen in ihrer Begleitung gesehen worden war; das konnte nur Maßlieb gewesen sein. Doch wo sollte er sie suchen, wie auf ihre Spuren geraten, zumal er die Mitwirkung von Zeitungen und Behörden nicht in Anspruch zu nehmen wagen durfte. Lange war er trübselig durch die Straßen geschlichen, als er endlich nach vielem Hin- und Herfragen vor dem Hause des weisen Nathan eintraf. Enttäuscht betrachtete er das rußige Gebäude von außen, und seine Hoffnungen beschränkten sich auf das allergeringste Maß, als er auf dem düsteren Flur an der zu Nathans Wohnung führenden Klingel zog. »Es wird gegeben gar nichts an Bettler in diesem Hause,« fuhr Nathan den heruntergekommenen Korpsburschen feindselig an, und war im Begriff, die Tür vor ihm zuzuschlagen, als Kappel durch Vorschieben seines Fußes ihn daran hinderte, zugleich aber, die Arme über die Brust verschränkt, mit spöttischer Erhabenheit ihn von seinem fettig glänzenden Käppchen bis herunter zu seinen ausgetretenen Filzschuhen betrachtete. »Für einen Bettler halten Sie mich,« fragte er höhnisch. »Hahaha! Wer weiß, wer von uns zuerst den anderen anbettelt!« »Wollen Sie erzwingen eine Unterstützung,« entgegnete Nathan ungeduldig, und wiederum trachtete er, den lästigen Besuch aus der Tür zu drängen, »so ist jetzt weder die Zeit noch der Ort dazu; gehen Sie in Straßen, wo Paläste sind mit galonierten Portiers, so haben Auftrag –« »Sparen Sie Ihre Mühe,« fiel Kappel ihm ins Wort. »Nicht um Ihre Mildherzigkeit anzusprechen stehe ich hier; aber hinein zu Ihnen möcht' ich auf ein Stündchen, um über Dinge von Wichtigkeit mit Ihnen zu beraten.« »Kenne ich doch nicht 'ne Sache, die ich könnte haben zu beraten mit 'nem Fremden,« versetzte Nathan, durch Kappels zuversichtliches Auftreten befangener, »und ist meine Zeit mir sehr viel mehr wert, als alles, so Sie nennen wichtig.« »Auch wenn ich erschienen wäre, um Auskunft über ein junges Mädchen, vorläufig bekannt unter dem Namen Maßlieb, von Ihnen zu fordern?« fragte Kappel, förmlich entzückt über die Verwirrung, mit der Nathan ihn einige Sekunden sprachlos anstarrte. »Maßlieb? Woher sollte ich kennen ein Mädchen mit irgend 'nem Namen, denn ich bin nur ein einfacher Geschäftsmann?« stotterte er endlich, »werden Sie doch verfehlt haben die richtige Tür –« »Der weise Nathan ist der Mann, den ich suche,« nahm Kappel nunmehr mit drohendem Ernst das Wort, »derselbe Nathan, der dem Karussellgauner, dem Admiral Lenkhart, das Mädchen abhandelte, um es in eine Schule zu bringen, die –« »Dies ist kein Gespräch, zu führen im Freien,« lenkte Nathan bestürzt ein, und weit öffnete er die Tür, um Kappel hereinzulassen, »bemühen Sie sich daher in meine ärmliche Wohnung, und erklären Sie, was Sie wünschen, auf daß ich Ihnen mag Antwort erteilen, wie sie ist am geeignetesten und liegt im Bereich meiner Kräfte.« Kappel drückte dem Sterbenden die Hand. Während Nathan die Türen hinter ihm wieder verriegelte, warf Kappel sich mit ganzer Schwere auf das krachende Sofa, worauf er eine heitere Melodie zwischen den Zähnen hindurchpfiff. »Nehmen Sie Platz,« lud er spöttisch den weisen Nathan ein, als dieser befangen vor ihn hintrat, »Sie sehen, trotz meines abenteuerlichen Aufzuges bin ich nicht stolz, dagegen gern geneigt, mich freundschaftlich mit Ihnen zu verständigen.« »Und ich bin gern geneigt, Ihnen zu gewähren eine Unterstützung nach meinen schwachen Kräften, wogegen meine Zeit –« »Ihre Zeit mir zur Verfügung steht,« unterbrach Kappel ihn zuversichtlich; »meinen Sie es indessen mit der Unterstützung ehrlich, so werden wir auch zu einem befriedigenden Abschluß gelangen.« Eine neue einladende Handbewegung; Nathan, von unbestimmter Besorgnis erfüllt, ließ sich auf einen Stuhl nieder, worauf Kappel fortfuhr: »Um genau verstanden zu werden, ist es erforderlich, mit meinem Bericht weit auszuholen. Ich bitte daher um Ihre gütige Aufmerksamkeit und den besonderen Vorzug, in meinem Bericht nicht unterbrochen zu werden. Denn auch ich schätze meine Zeit hoch und möchte, bevor der Abend hereinbricht, eine endgültige Entscheidung herbeigeführt wissen. Zunächst eine Frage: Kennen Sie die bereits erwähnte junge Waise?« »Ich kenne Sie nicht,« antwortete Nathan zögernd. »Was veranlaßte Sie trotzdem, das Mädchen von den beiden gaunerischen Besitzern des Karussells fortlocken zu lassen?« »Sie erwähnen Dinge, so sind mir vollkommen fremd.« »Gut. Wußten Sie, daß es in Ihrem Hause ein Unterkommen gefunden hatte?« »Entdecke ich doch keinen Grund, weshalb ich mich soll unterwerfen 'nem Verhör,« erwiderte Nathan scharf, »und obenein unter meinem eigenen Dache von einem Unbekannten.« »Und dennoch fühlen Sie sich nicht frei von Besorgnis, oder Sie hätten mir nicht Ihre Tür geöffnet.« »Weder Sie noch einen andern fürchte ich,« versetzte Nathan mit unsicherem Wesen, »am wenigsten brauche ich zu scheuen die öffentliche Wahrheit. Räume ich doch ein, daß wohnte in diesem Hause ein Mädchen bei 'nem alten Schauspieler gegen mein Wissen und Wollen, und als ich gedachte zu gebrauchen mein Hausrecht, waren beide verschwunden.« »Sehr gut,« bemerkte Kappel mit unerschütterlicher Ruhe. »Können Sie mir angeben, wo das Mädchen sich zurzeit befindet?« »Ich weiß von nichts, kümmere mich um nichts, so nicht steht in Beziehung zu meinen Geschäften.« »Meine Frage war eine müßige,« entschuldigte sich Kappel mit einem sarkastischen Grinsen, »denn ich weiß, daß, nachdem Maßlieb der Pension entfloh, Sie die Ärmste aus den Augen verloren haben.« Nathan kämpfte mit aller Macht, ein ruhiges Äußere zu bewahren. Kappel dagegen begriff seinen Vorteil, und nahm ohne Säumen das Verhör wieder auf: »Kannten Sie jemals einen gewissen Pattern?« Nathan prallte entsetzt zurück. Seine Züge schienen zu versteinern, indem er kaum verständlich antwortete: »Mir fremd – ganz fremd – nein, den Namen hörte ich – allein –« »Schon gut,« fuhr Kappel gleichmütig fort, »vielleicht entsinnen Sie sich dafür um so besser eines sehr schönen Mädchens, einer Jüdin, einer gewissen Rebekka Myer.« »Rebekka Myer?« schrie Nathan entsetzt auf; dann aber in sich zusammenbrechend, stierte er auf seine Hände nieder, die sich krampfhaft ballten, wie um ein Leben zu vernichten. Nach einer Pause sah er wieder empor; sein Antlitz schien keinem lebenden Menschen mehr anzugehören. Nur seine tiefliegenden Augen funkelten in unheimlichem Feuer. »Ein schönes Mädchen war die Rebekka,« flüsterte er mit bebenden Lippen, »und die Stimme einer Nachtigall war ihr von der Natur verliehen worden, aber sie ist tot, ich entsinne mich ihrer als einer Toten, so mich angeht nichts. Sie war einst meine Tochter; von dem Augenblick an aber, in dem sie lieh ihr Ohr den Einflüsterungen eines Mannes, und verleugnete den Glauben ihrer Väter und ließ sich taufen, habe ich sie nicht mehr gekannt. Und so ihr hätte gebaut der Segen des Vaters Häuser, hat sein Fluch sie getrieben in den Tod. Das ist alles, so ich weiß selber. Woher Sie erfuhren ihr Geheimnis, es soll mich nicht kümmern; aber ich bin bereit, Ihnen entgegenzukommen und es Ihnen abzukaufen, auf daß Sie schweigen und nicht stören weiter meine Ruhe. Ich will Ihnen geben hundert Taler – und Sie gebrauchen Geld – ich will Ihnen zahlen noch mehr, wenn ich gewinne die Bürgschaft, nie wieder gemahnt zu werden an den Fluch meines Hauses, an die Schmach meiner Familie.« »Ein anständiges Gebot,« meinte Kappel spöttisch, »allein Sie übersehen, daß ich nicht bezweckte, Geld zu erpressen – obwohl einige hundert Taler mir zustatten kämen –, sondern nur ein Einverständnis mit Ihnen zu erzielen –« »Ich will kein Einverständnis,« kreischte Nathan, »ich verstehe mich zu nichts, erkläre alles für Lug und Trug, ersonnen und erdacht, mich zu bringen um das Meinige, so ich mühsam erwarb und ersparte in einem langen Leben –« »Wir wollen sehen,« unterbrach Kappel ihn wieder kalt, »vor allen Dingen hören Sie mich zu Ende und dann entscheiden Sie. Aber wie auch Ihr Urteil lauten möge, die Zwecke, die mich hierherführten, erleiden dadurch keine Änderung.« Nathan neigte das Haupt. In seiner Haltung verriet sich eine gewisse fanatische Verstocktheit, von der Kappel vorhersah, daß an ihr alle seine Pläne scheitern würden, und dennoch gab er die letzte Hoffnung nicht auf. Ein Weilchen sann er nach, dann hob er mit ruhiger Würde an: »Fünfzehn oder sechszehn Jahre mögen es her sein, als in einem, wohl hundert Meilen weit entfernten Dorfe zwei junge Eheleute eintrafen. Sie hatten ein Kind, ein Mädchen von kaum zwei Jahren bei sich. Es war ihre Tochter, und nebenbei die einzige Gesunde der kleinen Familie. Die Mutter, eine auffallend schöne Erscheinung, vermochte zwar noch, sich aufrechtzuerhalten, der Vater dagegen befand sich in einem so trostlosen Zustande, daß sie die Reise unterbrechen und in einer Bauernhütte liegen bleiben mußten. Fast gleichzeitig mit dieser schwer heimgesuchten Familie war ebenda aus fernen Landen ein einzelner Reisender eingekehrt. Was diesen bewog, gerade in dem abgelegenen Ort einige Tage zu rasten, ich weiß es nicht. Jedenfalls empfand er aufrichtige Teilnahme für die armen Leutchen, so daß er sich mit der jungen Frau in die Pflege des totkranken Mannes redlich teilte. Letzterer beschäftigte sich in seinen Gedanken nur mit seiner armen Frau, und um deren Zukunft einigermaßen zu sichern erteilte er dem Fremden den Auftrag, gleich nach seinem Hinscheiden mit dem noch lebenden Vater seiner Frau sich brieflich oder mündlich in Verkehr zu setzen und Gattin und Tochter seiner Fürsorge anzuempfehlen. ›Sagen Sie ihm, derjenige, um dessentwillen seine Tochter ihn verlassen habe, ruhe in seinem Grabe; das wird ihn versöhnlich stimmen,‹ so lauteten die Worte, mit denen er die dem Fremden eingehändigten und zu seiner Beglaubigung erforderlichen Papiere begleitete. Ganz mittellos war er übrigens nicht, allein mit dem ersten Auftreten seiner Krankheit – er war Schauspieler, während seine junge Frau sich als Sängerin großen Ruf erworben hatte – versiegten ihre beiderseitigen Erwerbsquellen, viel konnte es füglich nicht mehr sein, was ihnen nach der langen und beschwerlichen Reise aus einem südlicheren Klima geblieben war. Der Fremde, vertraut mit allen Verhältnissen, versprach sein Bestes, und gewiß in der Absicht, sein Versprechen zu halten. Daß dies trotzdem nicht geschah, lag nur in der Ungunst seiner eigenen Lage. Mit dem innigsten Danke auf den Lippen entließ ihn auch die junge Frau, als er sich nach der Beerdigung ihres Gatten von ihr verabschiedete, allerdings überzeugt, daß auch ihre Tage gezählt seien. Die letzten Wünsche des Gatten hatte er ihr mitgeteilt, auch die ihm eingehändigten Papiere wollte er an sie abtreten, allein in Vorahnung ihres nahen Endes bat sie ihn, alles zu behalten und in der ihm geratenen Weise zu benutzen. Doppelt schmerzlich berührte den Fremden die traurige Lage der verlassenen Frau, weil zu derselben Zeit in dem Örtchen das Kirchweihfest eröffnet worden war und zu der Sterbenden die geräuschvolle Musik herüberdrang, mit der das Drehen eines Karussells begleitet wurde. Letzteres gehörte einem Ehepaar, das durch sein überfrommes und gesittetes Auftreten den günstigsten Eindruck bei allen Dorfbewohnern hervorrief. Namentlich gefiel allgemein, daß die Frau auf die Nachricht hin, daß in dem Bauernhause eine Sterbende liege, zu dieser eilte und nicht nur ihre Dienste anbot, sondern auch gegen eine mäßige Entschädigung deren Pflege übernahm. Wie lange die junge Witwe noch lebte, erfuhr der Fremde nicht; er reiste sogar ab, ohne die Besitzer des Karussells persönlich kennen gelernt zu haben. Erst spätere Ermittelungen belehrten ihn, daß die Karusselleltern das volle Vertrauen der Sterbenden gewonnen und diese in ihrer Todesangst das Kind nebst Barschaft ihnen gegen das Versprechen übergeben hatte, es an einen bestimmten Ort zu bringen und dort auch Rechnung über die ihnen anvertrauten Gelder abzulegen.« »Sie sind der Fremde, der sich entledigt der Aufträge eines Sterbenden nach fünfzehn Jahren so gewissenhaft?« fragte Nathan lauernd, ohne indessen in die gespannt auf ihm ruhenden Augen zu blicken. »Nein, der bin ich nicht,« antwortete Kappel rauh, »wäre ich es, so hätten Sie schon vor fünfzehn Jahren die Genugtuung gehabt, mein ehrliches Angesicht zu bewundern. Nein, jener Fremde, dessen Name ich nicht einmal kenne, bin ich nicht; allein ein Jahr später verschlug ein launenhaftes Geschick mich zu den scheinheiligen Karusselleltern, und da befand sich ein kleines braunlockiges Mädchen bei ihnen. Ich hielt es natürlich für deren Tochter, bis endlich nach langen Jahren die Lieblosigkeit, mit der dem armen Kinde begegnet wurde, den Verdacht in mir anregte, daß eine arge Verräterei verübt worden sei.« »Eine rührende Geschichte,« nahm der weise Nathan freier das Wort, denn er hatte hinlänglich Zeit zum Nachdenken gehabt, »in der Tat eine sehr rührende Geschichte, von der Sie schwerlich erwarten, daß ich meine Person in irgendeine Beziehung zu ihr bringe?« Kappel sprang entrüstet empor. »Unnatürlicher Vater!« rief er aus, und von Abscheu erfüllt hob er die Hand drohend empor; »Sie wollen mich glauben machen, daß Sie nicht längst errieten, von wem ich spreche? Wohlan, so will ich mit klaren Worten es Ihnen zurufen und sehen, ob Sie die Wahrheit ertragen, ohne schaudernd auf die Knie zu sinken und Ihr graues Haar zu zerraufen! Ja, hören Sie: Rebekka Myer hieß jene arme, verstoßene Frau; derjenige aber, dem sie als Christin angetraut worden war, jener pflichtgetreue Mann, der durch seinen Tod der armen Rebekka den ersten Kummer bereitete, er nannte sich Pattern, und Hildegard Pattern, deren Tochter, ist jene arme, verfolgte Maßlieb, ist Ihre eigene Enkelin, Ihr eigen Fleisch und Blut, an dem Sie sich schmachvoll versündigten!« Nathan hatte sich ebenfalls erhoben. Sein Antlitz erschien blutleer; aber seine Augen leuchteten dämonisch, während wilder Fanatismus sich in dem Zucken seiner Lippen verriet. »Sie bringen mir Kunde von jemand,« hob er mit erzwungener Ruhe an, »der sich lossagte von dem Glauben seiner Väter und damit von dem elterlichen Hause; Kunde von jemand, der durch seine Verführungskünste trennte ein Glied von meiner Familie, wofür er verflucht sein möge bis in Ewigkeit. So viel über das Ehepaar, das ein mir freundlich gesinntes Geschick davor bewahrte, mir noch einmal unter die Augen zu treten. Beide sind tot und vergessen. Und was nun? Kümmert es Sie oder einen andern, wenn feindselige Fügungen eingriffen in meine Familienverhältnisse? Kümmert es Sie, daß jemand seinem Richter verfiel, bevor er verbrecherisch ausstreckte die Hand nach den Ersparnissen eines Mannes, der keine Tochter mehr hatte?« Kappel stand da wie erstarrt. »Aber Maßlieb!« rief er aus, »was auch immer Sie den Eltern vorwerfen mögen, das Kind – es kann deren Schuld nicht teilen!« »Ist jene Maßlieb mosaischen Glaubens?« fragte Nathan, und seine Entschlossenheit wuchs in demselben Maße, in dem er wähnte, daß das Zünglein sich ihm zuneige. »Sie ist die Tochter christlicher Eltern,« versetzte Kappel verstört. »Gut, ist sie die Tochter einer christlichen Mutter, kann sie nur führen den Namen ihres Vaters, kann sie nur heißen Maßlieb Lenkhart –« »Eine Lüge, eine schmachvolle Lüge!« fiel Kappel entrüstet ein, »ich selbst, unter dessen Augen das Kind heranwuchs, muß das wissen. Hier,« und er breitete die von Spark empfangenen Dokumente vor sich auf den Tisch aus, so daß Nathan sie zu prüfen vermochte, »hier ist der Beweis für meine Behauptung. Hier ist der Taufschein, hier auf der anderen Seite die mit einem vor Schmerz zuckenden Vaterherzen niedergeschriebene Schilderung seines braunlockigen Töchterchens und die Bitte an dessen Großvater, Mutter und Kind nicht dem Elend anheimfallen zu lassen. Der Ärmste, er ahnte nicht, daß seine Gattin ihm so bald folgen würde.« Nathan hatte sich über den Tisch geneigt und betrachtete aufmerksam die Papiere. Er prüfte sie länger, als für seinen scharfen Verstand notwendig war, um Zeit zu seinen Entschlüssen zu gewinnen. Für Kappel verrannen bange Minuten. Noch immer hoffte er, daß in der Brust des fanatischen Greises mildere Regungen den Sieg davontragen würden. Das biedere, bemooste Haupt, er ahnte nicht, daß er in der Person des greisen, scheinbar an talmudische Satzungen sich anklammernden Juden eine jener scheußlichen Hyänen vor sich sah, deren Gemüter bei dem ununterbrochenen Zerfleischen und Zerlegen arglos vertrauender Opfer allmählich verhärteten, daß sie schließlich sogar beim Klange des Goldes gegen ihre eigenen Angehörigen wüten. »Diese Dokumente schließen jeden Zweifel aus,« bemerkte Nathan endlich spöttelnd, indem er die mit Blut unterlaufenen Augen lauernd auf Kappel richtete, »die von Ihnen genannten Personen sind in der Tat die Eltern eines Kindes – ich erkenne sogar diese Handschrift – allein Ihre näheren Angaben – ei, ei, 's gibt gar viele braunlockige Töchter, und ich müßte so einfältig sein, wie Sie glauben, wollte ich auf Ihre Angaben hin mein hohes Alter belasten mit Sorgen um 'nen Sprößling von jenen Karusselleuten. Und dennoch, ich bin ein alter Mann und liebe reinen Tisch in meinen Geschäften; wollen Sie mir verkaufen diese Papiere –« »Nimmermehr!« rief Kappel aus, und fast ebenso schnell verschwanden die Schriftstücke in seiner Tasche, und in der Erregung jede Vorsicht außer acht lassend, fuhr er heftiger fort: »Diese Dokumente sind ein Vermögen wert, nicht für mich, sondern für jemand, der ein heiliges Anrecht an sie besitzt; sie sind es wert, weil sie der Gerichtsbarkeit die Mittel bieten, für die verfolgte Unschuld einzutreten und deren Ansprüche geltend zu machen – und darum, ja darum sind sie mir um keinen Preis feil!« Je leidenschaftlicher der empörte alte Korpsbursche wurde, um so mehr befestigte sich Nathans Hoffnung, als Sieger aus dem Kampfe hervorzugehen. »Wollen Sie mir nicht verkaufen die Dokumente,« bemerkte er lächelnd, während unversöhnlicher Haß aus seinen Augen sprühte, »so behalten Sie sie immerhin; was Sie beweisen gebe ich gern zu; was Sie dagegen nicht beweisen, nämlich, daß das überlebende Kind die Tochter jener Rebekka ist, das anzuerkennen, vermag kein Gericht mich zu zwingen, weil alles auf Fälschung beruht. Wäre dieses Mädchen aber wirklich eine Frucht des von meinem Stamme losgerissenen, entarteten Sprößlings, wer wollte mich zwingen, anzuerkennen eine im Landstreicherleben herangewachsene, in verrufenen Häusern zur Reife gelangte Person als meine Erbin? Hahaha!« und schauerlich hallte das teuflische Lachen durch die dumpfigen Räume, »gehen Sie und tun Sie, was Ihnen beliebt; ich hindere Sie nicht, ebensowenig, wie ich selbst mich hindern lasse, zu handeln nach meinem Wohlgefallen.« Kappel starrte ratlos auf den dämonischen Greis. »Sie beabsichtigen, das Mädchen zu verleugnen, was durch die Bande des Blutes zu Ihnen gehört?« brachen seine Empfindungen sich gleich darauf wieder Bahn, »dabei übersehen Sie aber eins, nämlich daß die Lenkharts zunächst wegen Unterschlagung, Kinderraub und Menschenhandel zur Rechenschaft gezogen werden, was nicht ohne üble Nachwirkung auf Sie selber bleiben dürfte.« »Handeln Sie nach Ihrem Ermessen,« versetzte Nathan höhnisch, »wird mir zugesprochen die Sorge für eine Person, werde ich sie unterbringen, wie's mir gefällt und im Einklang steht mit ihrer Vergangenheit; und so ich die Bedingung stelle, daß sie übertrete zum mosaischen Glauben, hat niemand zu erheben Einwendungen; am allerwenigsten kann jemand mir wehren, anzulegen meine Ersparnisse so, daß keinem andern zugute komme ein Pfennig.« Kappel sah ein, daß er zu weit gegangen war. Sinnend schaute er vor sich nieder. Er erinnerte sich Sparks Warnung und vergegenwärtigte sich den Eindruck auf Maßlieb, wenn sie von ihrem eigenen Großvater öffentlich als eine Betrügerin zurückgestoßen würde. Einen letzten Ausweg meinte er zu entdecken, und ebenso schnell war er bereit, ihn einzuschlagen. »Versuchen wir, uns in Güte zu einigen,« hob er an, indem er wieder Platz nahm, »und dazu gehört vor allen Dingen, daß wir uns gegenseitig mit offenem Vertrauen begegnen. Gern räume ich ein, daß ich durch meine Anhänglichkeit an Maßlieb mich zu weit fortreißen ließ. Und mehr noch: Wie ich den Charakter Maßliebs kenne, müssen wir ebensowohl vermeiden, die Sache in die Öffentlichkeit zu tragen, wie das Kind selber den gefährlichen Eindrücken einer ihr Gemüt beängstigenden Begegnung auszusetzen. An Ihr Herz richte ich daher meine Worte, indem ich Sie bitte, Ihrer Enkelin wenigstens insoweit eingedenk zu sein, daß Sie deren Zukunft zu einer sorgenfreien gestalten und ihr Gelegenheit und Mittel verschaffen, sich eine ihrem Äußeren wie ihren geistigen Fähigkeiten entsprechende Ausbildung anzueignen.« Solange der alte Korpsbursche mit wahrhaft rührendem Eifer sprach, schaute Nathan grübelnd vor sich nieder. Die Röte, die in seinem scharfen Gesicht aufstieg, deutete der ehrliche Kappel in der günstigsten Weise, und mit neuerwachender Hoffnung sah er einer Rückäußerung Nathans entgegen. »Wer wäre nicht zugänglicher für die Worte des Friedens, als für Drohungen?« versetzte dieser endlich, Kappel die Hand reichend, »und bin ich doch der Mann, zu achten und zu ehren Ihre Gesinnungen. Wenn ich aber geneigt bin, einzugehen auf Ihren Vorschlag, wäre da nicht dennoch ein Irrtum möglich, daß ich schenkte meine Teilnahme der Tochter von Karusselleuten? Darum müßt ich das Kind erst sehen, bevor ich mich entscheide. Vielleicht haben Sie die Güte, mir zu verschaffen die Gelegenheit –« »Hätte ich gewußt, wo die Ärmste zurzeit weilt, meinen Sie, ich wäre anders, als in deren Begleitung vor Sie hingetreten?« fragte Kappel einfallend. »Sie ahnen nicht, wohin sie entfloh?« fragte Nathan mit sichtbarer Spannung. »Die ganze Stadt durchforschte ich nach ihr,« erklärte Kappel bereitwillig, »um das teure Kind Ihnen zuzuführen, allein mein guter Wille scheiterte an der Unmöglichkeit. Die Erfolge meiner Mühen beschränken sich auf die Kunde, daß sie wahrscheinlich in Begleitung einer älteren Dame die Stadt verlassen habe. Besäße ich nur einige Mittel, ich bin überzeugt, es gelänge mir, Maßliebs Spuren auszukundschaften;« er brach ab und ängstlich spähte er in Nathans Antlitz nach einem Zeichen, das auf das Verständnis der ihm nahe gelegten Bitte um die entsprechende Unterstützung hindeutete. Doch Nathan blieb unempfindlich. Grübelnd sah er wieder vor sich nieder. »Ich bin ein Geschäftsmann,« begann er endlich zögernd, »und als solcher hänge ich an bestimmten Formen mit ganzer Seele. Bevor ich also fasse einen endgültigen Entschluß, will ich Ihre junge Freundin sehen. Stellen Sie sie mir vor, aber wohl verstanden: nur als Maßlieb; nicht als die Tochter von Eltern, die ich strich aus meinem Gedächtnis, und dann wollen wir weiter beraten.« »Sie selber beteiligen sich nicht an den Forschungen?« fragte Kappel plötzlich kleinmütig. »Ich kann nicht, darf es nicht,« entschied Nathan mit einem tiefen Seufzer, indem er sich erhob und dadurch Kappel das Zeichen zum Aufbruch gab, ich darf nicht vergiften meinen Lebensabend –« »Genug!« fuhr Kappel auf, denn nunmehr war der Bann gebrochen, unter dem er sich während des letzten Teiles seines Gesprächs mit Nathan befunden hatte. Er begriff, daß alle seine Mühe vergeblich gewesen war, und durch fernere Nachgiebigkeit nichts mehr gewonnen, durch Drohungen nichts mehr verdorben werden könne, »ja, mehr als genug! Ihr Hohnlächeln verstehe ich wohl: Bei dem ewigen Geldzählen ist Ihre Seele für alle milderen Regungen abgestorben; lächerlich erscheinen Ihnen die redlichen Anstrengungen eines Mannes, der außer dem Rock auf seinen Schultern kein anderes Eigentum besitzt. Sie hohnlächeln, weil ich offenherzig einräumte, daß ich, aus Schonung für die arme Waise, nie zu den Gerichten meine Zuflucht nehmen würde! Nun ja, den Gerichtshöfen will ich fern bleiben. Dagegen sollen Sie erfahren, was ein Mann mit ernstem Willen auch ohne glänzende Mittel vermag. Ich werde die Welt durchstreifen; von Haus zu Haus werde ich gehen und jeden Menschen nach der Waise, nach dem freundlichen Kinde fragen, an das sich meine Seele hing. Und wenn ich den Anstrengungen, wohl gar dem Elend erliege, nun, dann wird sich wohl jemand finden, der meine Erbschaft antritt und vielleicht mit besserem Erfolge arbeitet. Denn nicht alle Menschen sind Wölfe, die im erbitterten Kampfe sich gegenseitig anfallen, nicht alle Menschen sind Hyänen, die feige ihre Raubgier an wehrlosen Geschöpfen befriedigen, leichenschänderisch selbst den Toten ihre Ruhe nicht gönnen,« und stolz richtete der heruntergekommene Korpsbursche sich empor, und bewegter klang seine Stimme, »aber ich weiß, ein gutes Geschick wird meine Schritte lenken, ein höherer Wille meine Mühen lohnen. Und wenn ich sie fand, die Verstoßene, dann werde ich wieder auf diese Schwelle treten, und Sie an das heute mir gegebene Wort erinnern. Wehe Ihnen aber, wenn Sie es verleugnen, und sich feige hinter die Satzungen Ihres Glaubensbekenntnisses zurückziehen, mit dem heiligen Namen Gottes freventlich Ihre Schmach zu verdecken suchen.« – – Kappel hatte das Zimmer Nathans stolzen Schrittes verlassen, nun er aber unten, in der Haustür stand, folgte seiner heftigen Erregung die natürliche Abspannung. Mißmutig griff er in die Tasche, in der einige wenige Groschen klirrten; mißmutig betrachtete er die Ärmel seines fadenscheinigen Überrockes und die bereits von der Vergänglichkeit alles Irdischen zeugenden Stiefel. Sein Wille war derselbe unerschütterliche geblieben, allein das »Wie« trat wie ein drohendes Gespenst vor seine Seele, und unwillkürlich faltete er die Hände. »Lieber Gott,« betete er halblaut, unbekümmert um die Vorübergehenden, »laß mich hinter einem Zaune sterben, wenn es dir genehm ist; willst du indessen meine einzige Bitte erhören – und ich habe dich ja in meinem Leben selten genug belästigt –, so laß mich nicht von dieser Erde scheiden, ohne dem armen, unschuldigen Kinde den Weg zu seinem Recht gezeigt zu haben!« Schüchtern legte eine Hand sich auf seinen Arm, und als er sich umkehrte, sah er in das schwermütig lächelnde Antlitz des greisen Komödianten. »Sieh da, sieh da, Timotheus!« rief er jubelnd aus, den alten Mann mit beiden Händen an den Schultern ergreifend, »woran ich in meiner Not am wenigsten dachte, das führt ein gutes Glück mir zu.« »Sie suchten mich?« fragte Schwärmer, offenbar befremdet über Kappels aufgeregtes Wesen. »Und ich fand Sie!« gab dieser lachend zu, »ja, ich fand Sie, wenn auch ungesucht; denn Sie treffen mich auf dem Wege zu Maßlieb, wo auch immer sie weilen mag. Kommen Sie, kommen Sie,« fuhr er fort, den Arm des alten Mannes unter den seinigen ziehend, »Sie stehen im Begriff, Kunstvorstellungen zu geben, und da mögen wir gleich erproben, wie sich's mit vereinten Kräften arbeitet. Frei ist der Bursch! Heute abend noch einige Gastrollen, und: morgen muß ich fort von hier!« sang er lustig in das sich verdichtende Zwielicht hinaus, den willig folgenden Schwärmer mit sich ziehend. »Überall bin ich zu Hause! Ein Winkelchen in Ihrer Wohnung für die letzte Nacht! Federleicht ist mein Gepäcke! Schmollis! Fiducit! Und denken Sie morgen früh ebenso wie ich, nun, dann für uns beide: Bemooster Bursche zieh' ich aus, Ade!« sang er wieder so lustig, daß Schwärmer besorgt zu dem wunderlichen Genossen emporschaute. Als dieser aber zu erzählen begann, halb lachend, halb weinend seine jüngsten Erlebnisse schilderte und seine Pläne und Vorschläge offenbarte, da entzündete sich in der alten Komödiantenbrust neue Lebenswärme, und aufmerksamer hatte er kaum jemals die Lieder Maßliebs begleitet, als heute, da es galt, der noch immer leidlichen Stimme des heruntergekommenen Korpsburschen erhöhten Ausdruck zu verleihen. – Nach Mitternacht erst und überaus zufrieden mit ihren Erfolgen kehrten die beiden Genossen in Schwärmers Wohnung zurück. An Schlaf dachten sie nicht viel; dagegen kramten sie eifrig zwischen ihren Habseligkeiten, die sich allerdings aus das wenigste beschränkten. Als aber der Morgen graute, da schlüpften sie wohlgemut auf die Straße hinaus. Federleicht war ihr Gepäck: Ein alter Jagdranzen, ein schäbiger Tornister und die Gitarre in ihrem grünen Friesüberzuge, dazu in anstandsvoll gedämpftem Tone: »Bemooster Bursche zieh' ich aus, Ade!« Zweiundzwanzigstes Kapitel. Kontraste. Und dort liegt Nailleka!« schloß der gesprächige Negerbursche, indem er dem Herrn, den er geführt hatte, die offene Hand hinhielt. Gerhard gab ihm den ausbedungenen halben Dollar. Der Negerbursche schlug ein Rad und entfernte sich singend; Gerhard aber ließ von dem Hügel aus, auf dem er stand, seine Blicke über die vor ihm sich ausbreitende Landschaft schweifen. Sinnend betrachtete er Lichtungen, Wald, Hütten und Wasserspiegel. Eine feierliche Ruhe charakterisierte alles, soweit seine Blicke reichten. Er befand sich auf der Grenze, auf der die dem Norden eigentümliche Vegetation in ihrem Zusammenstoß oder vielmehr Ineinandergreifen mit der von einer tropischen Sonne durchglühten die anmutigsten Kontraste bewirkt. Denn wo zwischen Eichen und Hickories die Zypresse und der großblütige Magnoliabaum ihre Wipfel hoch emporsenden; wo Sykomore und Zuckerahorn nachbarlich beisammen stehen mit vereinzelten Palmen und breitblätterigen, riesenhaften Bananenstauden, endlose, rotblühende Lianen gemeinschaftlich mit wilden Reben in ihrem kühnen Hinaufranken und malerischen Senken ein verwandtschaftliches Band um die Kinder verschiedener Zonen schlingen, da müssen Szenerien und Gruppierungen entstehen, die das Auge entzücken und den Geist mit andächtiger Verehrung erfüllen. Lange stand Gerhard auf derselben Stelle, der einst so lebenslustige, liebeglühende, sorglose und jetzt so männlich ernste Gerhard. Mit einem Gemisch von Rührung und banger Sehnsucht blickte er auf die sich kaum auszeichnenden Lichtungen und spärlich zerstreuten, schilfgedeckten kleinen Baulichkeiten nieder. So schön hatte er sich die Wirklichkeit nicht gedacht, wenn er in der Heimat die aus der Ferne gesandten künstlerischen Ansichten betrachtete. Trauer schlich in sein Gemüt ein, daß ein Unternehmen, wie das der Zentrifugalbank, das sich auf eine so wunderbar reiche Natur stützte, nicht über den ersten Anfang hinausgelangen sollte. Wie viele, wie unendlich viele Menschen hätten noch Platz gefunden auf der unabsehbaren Niederung mit den stolzen Waldungen! Und dazu der milde Winter, der sich nur durch befruchtende Regenstürme bemerkbar machte. Sonst ewiger Frühling zum Säen, beständiger Sommer zum Reifen und das ganze Jahr hindurch ununterbrochene Ernte! Wie oft, wie unzählige Male hatte er sich nach dem Anblick der jungen Kolonie gesehnt, wenn Trauer um die verlorene Geliebte ihm die Sinne zu verwirren drohte! Wie innig hatte er sich an die trügerische Hoffnung angeklammert, in den neuen Ansiedlungen den Generalbevollmächtigten zu finden, mit dessen schleuniger Abreise Esthers Verschwinden zusammengefallen war. Nun aber, da die Kolonie Nailleka vor ihm lag, eingenestelt in exotisches Immergrün und von ihm versteckt, da sie vor ihm lag in friedlicher Stille und weder Menschen noch die unmittelbar von ihnen abhängigen Tiere die erhabene Ruhe des verlockenden, die Sinne umfangenden Bildes unterbrachen, scheute er sich fast hinabzugehen. Er meinte, daß ihm die Worte auf der Zunge stocken müßten, wenn er auf den Zügen der Leute, bevor er fragte, die Kunde las, daß sie von keinem Generalbevollmächtigten wüßten, noch weniger von einem fremden, jungen Mädchen. Wenn er hörte, daß sie in paradiesischer Eintracht und Zufriedenheit lebten, sich um nichts kümmerten, was außerhalb ihres Gesichtskreises lag, weder um das Eingehen der Zentrifugalbank, noch um das Verschwinden des ungetreuen Direktors, wenn nur der Himmel ihnen im hellsten Sonnenschein zulächelte oder befruchtende Regenströme spendete. – Langsam bewegte er sich auf dem Hügelabhange niederwärts. Ein wenig benutzter Fahrweg führte in vielen Windungen nach der Kolonie. Kraut- und Strauchvegetation war in ihn hineingewuchert. Die Aussicht auf die Kolonie hatte Gerhard schon nach wenigen Schritten verloren. Selbst der Anblick des blauen Himmels wurde ihm entzogen durch die über ihn sich hinwölbenden Baumwipfel. Wo aber zwischen dem üppigen Blätterwerk hindurch ein Sonnenstrahl seinen Weg bis auf das feuchte Erdreich fand, da gewahrte er grüne Eidechsen und zusammengerollte Schlangen, die bei seiner Annäherung entweder scheu davonhuschten oder, starr auf ihn schauend, mit ihren seltsam gespalteten Zungen ihm entgegenspielten. Eine Wanderung von zehn Minuten brachte ihn auf die nächste kleine Lichtung. Was er aus der Ferne für üppigen Fruchtsegen gehalten hatte, erkannte er jetzt für erstickend dicht gewuchertes Unkraut, über das nur wenige kränkelnde Maisstauden hinausragten. Eine unbeendigte hohe Einfriedigung verschwand unter Hopfenranken und Klettenbüschen. Auf dem sumpfigen Erdboden schien alles zu gedeihen, nur nicht das, was der Mensch zu seinem Unterhalt ausgestreut hatte. Die kleine Lichtung war überschritten; dann ein schmaler Waldstreifen, und vor Gerhard öffnete sich eine andere von Bäumen befreite Stätte. Mittelst Feuer hatte man sie gesäubert, und gespenstisch ragten noch mehrere geschwärzte, der Rinde, Blätter und schwächeren Zweige entkleidete Stämme empor. Die Asche aber hatte den fetten Sumpfboden zu neuem Schaffen angeregt, dafür zeugte die Üppigkeit der Ranken- und Krautvegetation, die ein undurchdringliches Gewebe bildete. Ein halb verkohlter Baumstamm war quer über den Weg gefallen. Gerhard erstieg ihn, um einen freien Überblick über seine Umgebung zu gewinnen und frische Spuren menschlicher Betriebsamkeit zu entdecken. Und er entdeckte sie! aber wie Eis legte es sich um seine Brust, als er deren Bedeutung erkannte. Mehrere noch frische Erdhügel reihten sich an andere an, auf denen die erste Vegetationsschicht heiter grün ins Leben getreten war, und die in ihrer Fortsetzung allmählich unter dem dichten Unkraut verschwanden. Gräber waren es, zahlreiche Gräber, große und kleine; manche geschmückt mit einem bescheidenen Kreuz, die meisten ohne Auszeichnung. In heiter wirkende Familienkreise hoffte Gerhard einzutreten, und Gräber waren es, die ihm ein gebieterisches Halt zuriefen. Von seinen Empfindungen überwältigt, stieg er von dem Stamm, und sich auf ihn niedersetzend, barg er sein Gesicht in beide Hände. Vergeblich suchte er sich durch den Gedanken zu beruhigen, daß zu jeder Stadt, zu jeder Ortschaft ein Friedhof gehöre. Aber eine Kolonie von so jugendlichem Alter, sie mußte schwer heimgesucht sein, wenn es dem Tode gestattet gewesen war, eine so reiche Ernte zu halten. Seine Betrachtungen wurden verfinstert durch die Erinnerung an Esther. Die letzten Gräber, sie waren so neu – ihn schauderte! Eine Bewegung veranlaßte ihn, aufzuschauen. Vor ihm stand ein Mann, der eben einem der Gräber entstiegen zu sein schien. Noch im besten Mannesalter, hatten Krankheit und Seelenqualen ihn fast zu einem Skelett abgemagert. Die gelbe, ungesunde Haut war ihm förmlich auf den Knochen festgetrocknet; mit beiden Händen stützte er sich schwer auf einen keulenähnlichen Stab. Seine Bekleidung bestand aus einem abgetragenen Hemde von farbigem Wollstoff, schadhaften Beinkleidern von ungebleichtem Linnen und einem ausgedienten Strohhut. Gegen die Feuchtigkeit des Erdbodens schützten seine Füße grobe Stiefel, von denen die Schäfte abgeschnitten worden waren. Gerhard war über diesen Anblick so erschrocken, daß er sitzen blieb. Nicht einmal ein Wort des Grußes stand ihm zu Gebote. Der Fremde erriet offenbar seine Empfindungen, denn ein unsäglich bitteres Lächeln trat auf seine Züge. »Sie haben sich verirrt,« redete er Gerhard an, und die röchelnde Stimme entsprach seinem elenden Äußern. »Die Kolonie Nailleka ist mein Ziel,« antwortete Gerhard, indem er sich erhob. »Nailleka?« rief der Fremde höhnisch aus, »hahaha! Nailleka suchen Sie, und weilen mitten drinnen? Halloh! Sie vermissen die Bevölkerung?. Was meinen Sie denn, was hier nebenan unter allen den Hügeln verborgen ist? Menschen sind es; die größere Hälfte der Einwohner von Nailleka – verdammt! und dennoch sind Sie zu beneiden um ihr Los: Sie sehen nicht, wie die Ihrigen dahinsiechen und sterben, erfahren nicht, daß die Maschine noch fortarbeitet, jene höllische Maschine, eigens zu dem Zweck erfunden, um unerfahrene, arglose Menschen zu verlocken und zu berauben.« Die lange Erklärung schien seine Kräfte erschöpft zu haben, denn nach dem Baumstamm hinschwankend, setzte er sich schwerfällig darauf nieder. Gerhard betrachtete ihn mit banger Teilnahme. Der andere aber fuhr fort: »Erst kürzlich sind Sie von drüben gekommen und erfreuen sich noch jugendlicher Rüstigkeit. Hören Sie daher auf den Rat jemandes, der kennen lernte, was es heißt, unbarmherzig unter die Füße getreten zu werden. Kehren Sie um auf Ihrem Wege, bevor es zu spät ist; kehren Sie um, bevor der über diesen Niederungen schwebende Pesthauch Ihr Blut vergiftet und in dem dahinsiechenden Körper nicht minder der Geist verkrüppelt. Kehren Sie um, wiederhole ich, bevor die Zeit eintritt, in der Ihnen die Kräfte dazu fehlen, wenn Sie wirklich fliehen möchten. Da setzen Sie sich her zu mir,« – die in Gerhards Antlitz sich ausprägende schmerzliche Teilnahme stimmte ihn augenscheinlich mitteilsamer – »ja, setzen Sie sich hierher, damit ich Sie warne, wie ein Freund, der einen Mitmenschen vor endlosem Leid bewahren möchte.« Wohl eine Minute blickte er vor sich auf den feuchten Pfad nieder, dann sich Gerhard wieder zukehrend, fuhr er mit unbeschreiblich traurigem Ausdruck fort: »Dort auf jenen felsigen Abhängen haben vor Ihnen Hunderte gestanden und mit Tränen der Rührung auf das weite Tal niedergeschaut, von dem sie glaubten, daß es ihre Heimat werden sollte. Sie konnten das Glück nicht fassen, daß die in ihren Händen befindlichen Besitztitel sie zu einem Anteil an dem paradiesischen Landstrich berechtigten. Hochklopfenden Herzens zogen sie in das ihre Blicke berauschende Tal hinab, und einen Tag später, da brachen sie unter der Wucht der ersten Enttäuschungen zusammen. Vor die Aufgabe hingestellt, dem mit undurchdringlicher Vegetation bedeckten Sumpfboden einige Morgen Acker zu entwinden, befiel sie vollständige Mutlosigkeit; diese aber ebnete den klimatischen Krankheiten den Weg, und wenn erst ein Glied der Familie auf das Krankenlager gesunken war – und wie lange dauert das in der über diesen Sümpfen hängenden giftigen Atmosphäre? –, war das Schicksal auch der andern besiegelt. Nur wenige vermögen dem Klima mit seinen Krankheiten zu widerstehen, und diese wenigen, sie sinken zu elenden Sklaven herab! Nicht mehr für Begründung eines freien, friedlichen Herdes arbeiten sie, sondern um dürftiges Hungerbrot für sich und ihre arbeitsunfähigen Angehörigen; um die täglich wachsenden Schulden, die als unzerreißbare Sklavenkette ihnen den Weg zur Flucht abschneiden. Fluch aber, tausendfacher Fluch jenen Menschenhändlern, die von Erdteil zu Erdteil sich gegenseitig in die Hände arbeitend, ihre Netze ausspannen, jedem das letzte Mark, den letzten Tropfen Blut aussaugen, der sich arglos den verräterischen Fäden nähert und sie nicht eher gewahrt, als bis er das elende Opfer unersättlicher Raubgier geworden ist. Fliehen Sie, solange es noch Zeit ist! Mein dem Grabe verfallener Körper möge Ihnen als Warnung dienen. Auch ich warf von jenem Hügel aus entzückte Blicke auf die liebliche Landschaft, und zog Weib und Kinder ans Herz, inbrünstig dankend dem Allmächtigen, daß er mich, den armen, geknechteten deutschen Schulmeister, so weit begnadet hatte, daß ich meine kleine Habe nach der viel versprechenden Zentrifugalbank tragen und dadurch mir und den Meinigen nicht nur eine billige Überfahrt, sondern sogar einige Morgen Land sichern konnte. Im Geiste sah ich mich als den Mittelpunkt der eben erst gegründeten Kolonie, geehrt und geliebt von allen Ansiedlern, mit denen ich durch die meiner Leitung anvertraute Jugend in ein freundschaftliches Verhältnis trat. O, es waren vermessene Gedanken, ein Traum, dem ein entsetzliches Erwachen folgte! Mein Weib und meine Kinder! Eins nach dem andern habe ich sie begraben, und um sie herum schlummern die meisten derjenigen, deren Lehrer, Freund und Berater ich zu werden hoffte –« »Unmöglich können alle –« fiel Gerhard von dumpfer Verzweiflung ergriffen ein. Der Leidende legte die Hand auf seinen Arm und fuhr mit erschütternder Ruhe fort: »Nein, alle nicht. Aber die Überlebenden, ob sie besser daran sind, als die Toten? Nun, ich dächte, die Antwort wäre deutlich genug in meinem Äußeren ausgeprägt. Was zu schwach zur Arbeit oder krank ist, finden Sie zerstreut in den erbärmlichen Hütten. Die noch Kräftigeren dagegen – ha! Suchen Sie auf den benachbarten Plantagen; und wenn Sie dort abgehärmte Gestalten erblicken, die die Arbeit der früheren schwarzen Sklaven verrichten, dann mögen Sie darauf bauen, daß sie Nailleka oder die ebenfalls von der Zentrifugalbank gegründete Palmenstadt oder Bananenruh ihre Heimat nennen, und mit letzten schwindenden Kräften ihr Brot für sich und ihre Lieben erwerben.« »Ist denn kein Entkommen aus dieser furchtbaren Lage denkbar?« fragte Gerhard schaudernd. »Wir leben hier in einem jener Staaten, in dem bis vor wenigen Jahren noch die Sklaverei herrschte,« nahm der Andere seine Mitteilungen wieder auf, »nach Abschaffung der Sklaverei zerfielen die Plantagen bis zu einem gewissen Grade; infolgedessen verwilderten die Felder. Ein Auskunftsmittel mußte ersonnen werden, und da lag der Gedanke nahe, die Farbigen durch auswanderungslustige Deutsche zu ersetzen. Agenten, die diese verlockten, waren leider genug unter den Deutschen selber vorhanden, und so trat sehr bald ein Handel ins Leben, der in seinen Folgen schwerlich von dem afrikanischen Ebenholzhandel an Scheußlichkeiten übertroffen worden war. Wurde früher ein schwarzer Sklave mit sechshundert bis zwölfhundert Dollars bezahlt, so waren jetzt die weißen für sechszig bis siebenzig Dollars das Stück zu bekommen; denn höher beläuft sich die Summe nicht, in die, nach Abzug eines mäßigen Überfahrtsgeldes, die europäischen und hiesigen Lieferanten und Agenten sich teilen. Die Masse bringt es eben, und da nicht nur Privatleute, sondern sogar Handelsgesellschaften sich an dem Unternehmen beteiligten, so ist für die Gestorbenen immer schnell wieder Ersatz da. Dieses Verfahren erinnert an jenen Deutschen, der während des Bürgerkrieges auf den einlaufenden Emigrantenschiffen unter seinen Landsleuten Rekruten für die blutigen Schlachten anwarb und dafür mit dem Titel eines Generals bedacht wurde. O, es ist ein entsetzlicher Wucher, der mit Menschenkräften und Menschenleben getrieben wird, und um so leichter ausführbar ist, weil die armen Opfer gezwungen sind, ähnlich den mexikanischen Peons oder Leibeigenen, alle Lebensmittel von ihren Arbeitgebern zu entnehmen, die dann wieder Sorge tragen, daß durch weitere Kreditgewährung die Schuldenlast der Ärmsten bis ins Unendliche hineinwächst!« »Und nach Europa drangen die verlockendsten Schilderungen der hiesigen Verhältnisse,« versetzte Gerhard, entsetzt durch die ihm gewordenen grausigen Aufschlüsse. »Wäre das Gegenteil geschehen,« erwiderte der Ansiedler mit verzweiflungsvollem Hohne, »hätten diese Verhältnisse dann eintreten können? Für glänzende Berichte zu sorgen, ist keine schwere Ausgabe, ebensowenig, wie die aus diesen gefährlichen Sumpfniederungen abgeschickten Briefe nicht an den Ort ihrer Bestimmung gelangen zu lassen. Findet aber wirklich einmal ein Klagebrief seinen Weg hinüber – o, ich weiß das an mir selber – wer schenkt den Worten eines einzelnen Glauben.« Ehe Gerhard etwas erwidern konnte, drang aus der Ferne eine Mädchenstimme herüber, die mit unbeschreiblich rührendem Ausdruck ein deutsches Lied sang. »Auch ein Opfer dieser fluchwürdigen Hyänen des Kapitals,« schaltete der frühere Lehrer tief aufseufzend ein – »nun, vielleicht trifft dennoch die Rache des Himmels diese Brut, im Vergleich mit denen die Krokodile und Giftschlangen unserer Sümpfe Engel der Unschuld genannt zu werden verdienen.« »In seinen Armen das Kind war tot!« schloß die geheimnisvolle Sängerin unsäglich traurig. Der kranke Ansiedler bedeckte seine Augen mit der Hand; ein Seufzer, als hätte er ersticken wollen, entwand sich seiner Brust, dann blickte er vorwurfsvoll zum Himmel empor. Gerhard rang die gefalteten Hände ineinander. Ihm war, als habe ein Fluch ihn betroffen, weil er selber ein willenloses Werkzeug in den Händen der verbrecherisch wirkenden Hyänen gewesen war. »Ich suche einen gewissen Ellenborough?« fragte er endlich nach einer langen Pause, »kennen Sie ihn vielleicht?« »Ellenborough? o, ich kenne ihn wohl. Er ist der schlimmsten einer von den fluchbeladenen Agenten,« antwortete der Ansiedler, »zurzeit hält er sich in Europa auf, doch wird seine Rückkehr jetzt täglich erwartet.« »Wohin würde ich mich zu begeben haben, um verbürgte Nachrichten über ihn einzuziehen?« forschte Gerhard weiter, und das Herz sank ihm angesichts der sich immer düsterer gestaltenden Zukunft. »Vielleicht auf der Plantage des Mister Highway, bei dem er zu wohnen Pflegt. Doch ich empfehle Ihnen vorsichtig zu Werke zu gehen, denn Sie ahnen nicht, wessen die hiesigen Grundbesitzer und deren Anhänger fähig sind, wenn sie ihren Vorteil gefährdet wähnen.« Die geheimnisvolle Sängerin hatte ein neues Lied angestimmt, gleichzeitig aber auch sich etwas weiter entfernt, denn wie Geistergruß tönte es herüber: » I come from Alabama with My bango on my knee –« Der Ansiedler erhob sich schwerfällig. »Meine Tochter,« sprach er, während helle Tränen über seine eingefallenen Wangen rollten, »meine arme Tochter, die einzige, die mir von meiner einst so zahlreichen Familie blieb. Aber begleiten Sie mich; ich muß zu ihr; aus der Richtung des Gesanges und aus dem Liede selbst errate ich, wo sie weilt. O, es ist solch furchtbare und gefährliche Gesellschaft, die sie aufsuchte, und in der sie sich heimisch fühlt!« Erschüttert trat Gerhard an des Leidenden Seite; freundlich bot er ihm den Arm, der mit einer gewissen Hast angenommen wurde, und dann bewegten sie sich so schnell auf den vielfach gewundenen Wege einher, wie es die Kräfte seines Begleiters gestatteten. Bald darauf befanden sie sich wieder im Schatten des Waldes. Hoch oben in den Baumwipfeln spielten die schräge hereinfallenden Sonnenstrahlen mit dem saftreichen Grün der Blätter. Ein Lufthauch strich durch die Zweige; kaum bemerkbar wiegten sich die malerisch geschwungenen Festons der von Stamm zu Stamm hinüberreichenden Schlinggewächse. Hin und wieder der durchdringende Ruf eines weißen Reihers oder das heisere Krächzen grüner Papageien; dann wieder das Zetern einer Lokustgrille oder das leichte Rascheln des abgefallenen Laubes unter den flüchtigen Füßen großer Eidechsen. Pflanzengruppen, würdig eines Ehrenplatzes in den größten Kunstgärten; Gifthauch, Blütenpracht und Moderduft; dazu das melancholische: Oh Susannah, oh don't you cry for me, I'm going to Louisiana, my true love for to see! « Dreiundzwanzigstes Kapitel. Nailleka. Meine unglückliche Tochter,« hob der Ansiedler nach einer Weile wieder an, »sie ist in doppelter Beziehung ein Opfer jener scheußlichen Hyänen des Kapitals geworden. Denn Hyänen waren es, die uns von drüben verjagten, indem sie, ihren Raub sichernd, uns das Auswandern nahe legten, Hyänen waren es, die uns hier in Empfang nahmen. O, dieser Kontrast, als mein Kind vor anderthalb Jahren von dem Hügelrande aus jubelnd die neue Heimat begrüßte, und dann wenige Wochen später die stillergebene Pflegerin aller ihrer Angehörigen wurde! Und als wir beide dann nur noch übrig waren, mit welcher Entsagung verstand sie sich dazu, mit anderen Leidensgenossen auf den Plantagen die Schulden abzutragen, in die wir hineingerissen wurden!« Die ersten Monate waren verstrichen, als eines Tages meine Tochter sich zur ungewöhnlichen Stunde mir zugesellte. Ihre ohnehin bleichen Wangen waren noch bleicher geworden und stier blickten ihre Augen. Befürchtend, daß auch sie ein Opfer klimatischer Krankheiten werden würde, drang ich mit freundlichen Vorstellungen in sie, allein die einzige Antwort, die ich erhielt, bestand in einem herzzerreißenden Lachen. Ich war entsetzt; ich forschte bei ihren Arbeitsgenossen, allein nur mitleidige, ausweichende Antworten wurden mir zuteil. In meiner Not begab ich mich nach der Plantage zu ihrem Arbeitgeber hinüber; doch auch von ihm erhielt ich keine Lösung des Rätsels; dagegen erklärte er sich bereit, ohne dafür geleistete Dienste mir ferneren Kredit zu gewähren. Was aber konnte mir das helfen? Meine Tochter war und blieb gestört; kein Wort sprach sie mehr zu mir oder einem andern; einsam durchstreifte sie Wald und Lichtungen, einsam bei Tag und bei Nacht, unbekümmert um Regen und Sonnenschein, unbekümmert um nächtliche Kälte und dörrende Mittagshitze. Meine unschuldige, meine schmachvoll und hinterlistig geopferte Tochter,« flüsterte der Ansiedler nach einer längeren Pause schmerzlichen Sinnens vor sich hin, »ist geopfert worden, so schrecklich, daß ich's nicht zu sagen vermag. Auf dem Leichenfelde, auf dem wir zusammentrafen, befindet sich ein winziges Grabhügelchen. Nach ihm begibt sie sich in den hellen Mondscheinnächten, um in liebevollen Anreden ihrem gebrochenen Herzen Genüge zu tun oder in lauten Anklagen Rechenschaft vom Himmel zu fordern. Zu allen anderen Zeiten ist sie still und fügsam; allein für diese Welt ist sie verloren.« » Oh Susannah, oh don't you cry for me, I'm going to Lousiana, my true love for to see! « verhallte der Schlußvers in geringer Entfernung von den beiden Wanderern. Noch einige Schritte, und sie traten auf eine natürliche Lichtung, auf der eine mit dichtem Rasen bewachsene Bodenerhebung das schroff abfallende Ufer einer trüben von einem Bach gespeisten Wasserfläche bildete. Ein junges Mädchen saß auf dem höchsten Punkte des Ufers. Das Haupt geneigt und Blumen von ihrem Schoß in die stillen Fluten hinabsendend, schien die Ärmste sich mit jemandem tief unten zu unterhalten. Ihr dürftiges, abgetragenes Kleid reichte kaum aus, die zwar geschwächten, aber noch immer schönen Formen ihres Körpers zu decken. Erstaunlich langes Haar verhüllte in dichten, blonden Wellen beinah den ganzen Oberkörper. Das bleiche Antlitz sah Gerhard nur im Profil. Es war lieblich geschnitten; die Augen hatte sie niedergeschlagen; sie schien etwas in der Tiefe zu suchen, während sie immer neue Blumen von ihrem Schoß nahm und hinabwarf. »Grausam nennen Euch die Menschen,« sprach sie vernehmlich mit dem Ausdruck einer Träumenden, »und dabei seid ihr so zahm. Wären die Menschen nicht schlechter, als Ihr, wie schön könnte die Erde sein! Dafür seid Ihr meine besten Freunde, und manches Liedchen singe ich Euch; ist aber die Zeit erst da, in der ich auf Erden unnütz geworden bin, dann eile ich in eure Arme.« Vor dem Uferabhange kräuselte sich das Wasser, und Gerhard glaubte seinen Sinnen nicht trauen zu dürfen, als zwei Alligatoren, die er bisher für die Zweige eines versenkten Baumes gehalten hatte, plötzlich Leben gewannen, sich langsam umkehrten und der Mitte der seeartigen Bacherweiterung zuglitten. Ein Weilchen sah er es noch wie Schneiden mächtig gezahnter Sägen über den Wasserspiegel emporragen, dann verschwanden beide in der Tiefe. Nur die sich allmählich vergrößernden Wellenringe bezeichneten den Punkt, auf dem die hornartig beschuppten Scheusale sich seinen Blicken entzogen hatten. Die Bewegungen der beiden Alligatoren hatten Gerhards Aufmerksamkeit in so hohem Grade gefesselt, daß er das unglückliche Mädchen außer acht ließ. Als er wieder nach ihr suchte, hatte die Ärmste sich erhoben; wie aus schweren Träumen erwachend, strich sie mit den Händen über ihre Augen. Diesen Zeitpunkt benutzte der Ansiedler, sich ihr zu nähern. »Else, meine liebe Else,« sprach er tiefbewegt, »immer läßt du mich allein, der ich mich doch beständig nach dir sehne?« Einen leeren Blick hatte Else auf ihren Vater und Gerhard geworfen; sobald ersterer aber zu ihr sprach, leuchtete es in ihren großen, blauen Augen auf, während ein süßes Lächeln um die entfärbten, aber noch immer vollen Lippen spielte. »Du wärst allein?« fragte sie mit kindlichem Erstaunen, »du, der du mitten unter Menschen lebst? Grad so wie ich,« und leiser, flüsternder klang ihre Stimme, »überall finde ich Freunde,« und mit kindlicher Anmut wies sie nach der schlammigen Wasserfläche hinüber, wo nur noch die Nasen und die Höcker oberhalb der Augen der beiden gräßlichen Amphibien sichtbar waren. »Es ist wahr, selbst die Tiere huldigen meiner lieben Else,« bestätigte der Ansiedler begütigend und offenbar bestrebt, die Gedanken der Unglücklichen andern Dingen zuzuwenden, »doch auch zu mir gesellen sich Freunde,« fügte er hinzu, durch eine Handbewegung Gerhard vorstellend; »er fragte nach Ellenborough, und ich wußte ihm keine genaue Auskunft zu erteilen.« Else blickte Gerhard ein Weilchen ausdruckslos in die Augen. Dann belebte ihr Antlitz sich plötzlich. »Ellenborough?« fragte sie neugierig, »er ist noch nicht eingetroffen. Man erwartet ihn zwar seit Monaten, fürchtet indessen, daß er in einem scheiternden Schiffe zugrunde ging.« Gerhard entsetzte sich bei dieser Nachricht. Im Geiste sah er seine geliebte Esther beim Heulen des Sturmes und umgeben von Schiffstrümmern aus einem Berge wirbelnden Schaumes ihm die Arme entgegenbreiten. »Man hörte in neuerer Zeit von keinem Unglück auf hoher See,« brachte er mühsam hervor. Else sann ein Weilchen nach. Ein rührendes Lächeln trat wieder auf ihre Züge, und mit kindlicher Befangenheit Gerhard eine Blume darreichend, flüsterte sie geheimnisvoll: »Wolken verschwinden am blauen Himmel, Schiffe auf blauer See. Sanfter aber ruht es sich auf dem muschelreichen Meeresboden, als hier im schwarzen Schlamm. Kennen Sie Highway?« fragte sie plötzlich unvermittelt. Gerhard verneinte, während sein Begleiter sich schwerer auf seinen Stab lehnte. »Dieser Highway ist ein Teufel,« nahm Else ihre Mitteilungen alsbald wieder auf, »er tötet die Seelen; allein sie ganz zu seinem Eigentum zu machen, fehlt ihm glücklicherweise die Kraft. Ich weiß das, und darum scheue ich nicht, ihm unter die Augen zu treten. Zu ihm werde ich Sie daher begleiten, und mögen Sie ihn nach allem fragen, was Sie zu wissen wünschen; denn er ist der eigentliche Regent von Nailleka. Ich warte und warte – wenn nur erst auf sein Geheiß Häuser und Straßen aus diesem Moor emporwachsen wollten? Und dann der Magnoliabaum – vielleicht wurde er zu tief in die Erde gesenkt –« In ihren Augen, die so lange in mildem Feuer geglüht hatten, erlosch plötzlich der schwache geistige Funke wieder. Eine sentimentale Negermelodie leise vor sich hinsummend, trat sie an ihrem Vater vorbei, und gleich darauf war sie auf dem Pfade im nahen Dickicht verschwunden. Erschüttert blickte Gerhard ihr nach. Das vor ihm entrollte Bild grenzenloser Verworfenheit hatte durch der armen Irrsinnigen Erscheinung und Worte eine furchtbare Bestätigung erhalten. Es gab keine Art Verbrecher, die in den Reihen der Hyänen des Kapitals nicht ihre Vertreter gefunden hätten. Über Länder und Meere fort reichten die Scheusale sich die Hände, wechselweise der eine dem andern den Boden für eine fluchwürdige Saat ebnend. Der Lehrer hatte Gerhards Arm wieder ergriffen, und den von Else eingeschlagenen Pfad verfolgend, gelangten sie auf eine größere Lichtung, auf der etwa achtzehn Hütten sich in unregelmäßigen Zwischenräumen erhoben. Bei jeder einzelnen lag ein kleiner eingefriedigter Garten; jedoch nur schmale Beete waren mit Gemüsen bestellt. Der übrige Boden befand sich auf dem besten Wege, sich wieder in Urwald zu verwandeln. Die wenigen Palmen senkten traurig ihre Wedel, sie erinnerten an zerzauste Vögel, die hinter den Gitterstäben ihres Käfigs vor ungestillter Sehnsucht nach der fernen Heimat vergehen. Träumerisch ragten fünf oder sechs Bananenstauden empor; ihre riesenhaften Blätter waren geschlitzt; sie trugen den Tod im Herzen, wie die Menschen, die gelegentlich an ihnen vorbeischlüpften und nicht einmal in ihrem Schatten auf dem feuchten Erdreich zu rasten wagten. Mehrere Hütten waren unbewohnt; andere harrten der spät von der Arbeit heimkehrenden Besitzer, während in den Türen wieder anderer bleiche Frauen saßen und sich mit dürftig gekleideten, elenden Kindern des verschiedensten Alters beschäftigten. Der Alligatorsee trug keinen düstereren Charakter, als diese Ansiedlung. Nur zwei oder drei Schornsteine und mehrere auf den Vorplätzen der Hütten geschürte Küchenfeuer sandten schmale Rauchsäulen empor, vermischt mit dem Duft röstender Speckscheiben und warmer Maiskuchen, neben Kaffee fast die einzige Speise aller Bewohner der Kolonie, kranker wie gesunder. Zwei alte Kühe bildeten den ganzen Viehbestand; dieser stand in ähnlichen Verhältnissen zu den nach Europa gesandten Photographien strotzender Rinderherden, wie der Alligatorensumpf zu den gleicherweise dargestellten Wasserfällen und Kaskaden. Gerhard war vernichtet durch den Anblick des vielen Elends, so niedergedrückt, daß er keine Frage mehr an seinen Begleiter zu richten wagte. Wie ein Träumender bewegte er sich einher; nur zaghaft erwiderte er die ihm und seinem Begleiter gespendeten Grüße. In jedem auf ihn gerichteten trüben Blick meinte er die Anklage zu entdecken, daß auch er das Seinige zu der Täuschung beigetragen habe, der so viele Opfer gefallen waren und noch immer neue fielen. Vor einem Häuschen, vor dem eine größere Anzahl Kinder auf Schilfschütten lagerte, auch wohl mechanisch mit Blumen und bunten Kieseln spielte, blieb der Ansiedler stehen. »Ist meine Tochter drinnen?« fragte er eine ältere Frau, die vor dem Feuer mit der Zubereitung unschmackhaften Maisbrotes beschäftigt war. Die Angeredete nickte zustimmend. In demselben Augenblick erschien das junge Mädchen aber auch schon in der Tür. »Kommen Sie,« redete sie Gerhard an, und ihr schönes, bleiches Antlitz erinnerte in seiner Ausdruckslosigkeit an ein Gebilde vom reinsten Wachs, »die Sonne versinkt im Walde, der Mond steht hoch und färbt rötlich sein falbes Gesicht. Kommen Sie, die Nebel entsteigen den Niederungen, und im Dickicht rüstet der Uhu sich zur Jagd. Kommen Sie, wir sind sicher überall, bei Tag und bei Nacht; die Tiere des Waldes selber beschützen uns.« Gerhard warf einen fragenden Blick auf den Ansiedler; dieser gab ein billigendes Zeichen und reichte ihm die Hand. »Gehen Sie,« fügte er schwermütig hinzu, »und möge über Ihnen ein freundlicher Stern walten, ein besseres Glück Sie begleiten, als dasjenige war, das mich hierher führte.« Bevor Else in den Wald eintrat, blieb sie stehen, bis Gerhard sie erreichte. »Zwei Wege führen an unser Ziel,« sprach sie geheimnisvoll, »der eine ist breit und bequem, wie der zur Sünde, der andere schmal und gewunden, wie der zum ewigen Frieden. Auf ersterem wandern die Bewohner von Nailleka zur Arbeit und wieder zurück, den anderen dagegen betreten außer mir nur Waschbären und Opossums. Auch schwarze Waldschlangen schlüpfen bei Tage über ihn fort, allein sie sind unschädlich und friedlich. Oft bin ich über sie hinweggeschritten, ohne daß sie sich regten. Ich weiß, Sie wählten lieber den bequemeren Weg, allein wir würden auf ihm meinen heimkehrenden Freunden begegnen, und ich liebe das nicht; denn durch Schatten und Dunkelheit hindurch fühle ich ihre mitleidigen Blicke, und sie selbst sind doch diejenigen, die am meisten Mitleid verdienen.« Bei den letzten Worten kehrte sie sich ab, und ohne auf eine Erwiderung Gerhards zu warten, verfolgte sie eine kurze Strecke den Fahrweg, worauf sie in einen Pfad einbog, der gerade breit genug war, daß ein einzelner Mensch sich auf ihm einherzubewegen vermochte. Gerhard fügte sich ohne Widerrede in Elses Anordnungen. Ihm war schließlich gleichgültig, welche Richtung sie einschlug, und hätte sie über die Rücken grimmiger Krokodile hingeführt. Durch die jüngsten Erfahrungen waren seine Hoffnungen schwer erschüttert worden. Bisher hatte er sich noch immer zu überreden gesucht, daß mehr Unglück, als schurkische Berechnung die Zentrifugalbank zu Fall brachte; nachdem er aber einen Blick in die durch Bild und Wort hoch gepriesenen Kolonisationsverhältnisse geworfen hatte, legte es sich wie Betäubung um seine Sinne. – Buschwerk und hochaufgeschossenes Kraut raschelten, indem sie es im Vorübergehen streiften. In den Baumwipfeln flüsterte die sanfte nächtliche Luftströmung. Der jagende Uhu lachte gespenstisch. Von den Sümpfen drangen unheimliche Töne herüber; bald das dumpfe Brüllen des Ochsenfrosches, bald der seltsame Ruf der großen Rohrdommel. Matt funkelten die Sterne; der Mond schien hell. Lustig wirkten die als weißer Nebel den Niederungen entsteigenden giftigen Dünste. Vierundzwanzigstes Kapitel. Auf der Plantage. Dasselbe liebliche Abendrot, das Else und Gerhard in den engen Waldpfad hineinleuchtete, warf seine zauberischen Reflexe auf die breite Veranda, die sich, anmutig geschmückt mit üppig wuchernden Schlingpflanzen, vor der ganzen Vorderseite des Landhauses von Mr. Highway hinzog. Das Landhaus bildete den Mittelpunkt der zu der Plantage gehörenden Baulichkeiten, die aus Schuppen für die Bearbeitung des Zuckerrohrs und der Baumwolle, aus geräumigen Ställen und endlich aus einer doppelten Reihe kleiner Negergehöfte bestanden. Doch die Negerhäuser waren bis auf einige wenige leer. Einesteils hatte der Krieg unter der farbigen Bevölkerung aufgeräumt, andernteils war entflohen, was nur immer eine günstige Gelegenheit entdeckte, und als nach Beendigung des Krieges die Kunde von der Befreiung aller Farbigen auch den Süden durchlief, da ließen sich nur noch diejenigen halten, die zu alt und zu schwach waren, einen Fuß vor den anderen zu setzen, oder solche, die patriarchalisch der Familie ihres Gebieters einverleibt waren, oder endlich noch andere, die durch die ihnen hinterlistig aufgebürdete Schuldenlast noch immer in einer Art Sklaverei schmachteten und ihrer zur heimlichen Flucht unfähigen Angehörigen halber nicht zu entrinnen wagten. Auf der Veranda vor einem runden, gedeckten Tische saß Highway, ein hoher Vierziger von hagerem, knochigem Körperbau und mit allen sonstigen, einen Südländer charakterisierenden Merkmalen; saß ferner Mrs. Highway, eine verblichene Schöne, die die entschwundenen Jugendreize durch schwere Seide und kostbaren Schmuck zu ersetzen suchte; saß endlich Claudia, die achtzehnjährige Tochter, die für tadellos schön hätte gelten können, wären in ihrem, von dunklem Haar prachtvoll eingerahmten Antlitz nicht die Anklänge an den hochmütigen, gehässigen Charakter ihres Vaters vorherrschend gewesen. Von der Mutter besaß sie dagegen die großen, braunen Augen mit dem müden, sinnlichen Blick, ferner die nachlässige Haltung und die in ihrem Äußern sich kundgebende Vorliebe für reiche Stoffe und Geschmeide. Die Abendmahlzeit war beendigt, und mit einer gewissen Stumpfheit blickten die drei Familienmitglieder in das lieblich glühende Abendrot hinein. Mutter und Tochter schwangen sich langsam in ihren Wiegestühlen, wogegen Highway mit einem spitzen Federmesser an seinen Zähnen schabte. »Ich möchte wissen, wo Ellenborough bleibt,« bemerkte er verdrossen zu Frau und Tochter, »abgereist ist er von Europa vor drei Monaten, dies unterliegt keinem Zweifel. In Amerika eingetroffen ist er ebenfalls, oder man hätte von einem Schiffbruch gehört.« »Kennst du den Namen des Schiffes, in dem er reiste?« fragte Mrs Highway. »Zum Teufel, nein,« versetzte ihr Gatte ungeduldig, »ich hätte längst Nachforschungen nach ihm angestellt!« »Er wird ein Auswandererschiff gewählt haben,« bemerkte Claudia gelangweilt, »und Auswandererschiffe sind oft Monate unterwegs.« »Auch dann hätte er längst hier sein müssen,« entgegnete Highway, »in jüngster Zeit ist überhaupt keine Ware für unseren Distrikt eingelaufen. Alles zieht westlich; geht das so weiter und erhalten wir keinen Nachschub, mögen wir schließlich selber die Baumwollfelder bestellen. Denn schon jetzt schaffen die vier Dutzend Arbeiter nicht mehr so viel, wie vier Paar gesunde Negerarme. Jeden Tag Abgang und keinen Ersatz; verdammt! Wie lange kann das dauern?« »Vielleicht ist der Bruch der Zentrifugalbank Ursache der Stockung,« warf Mrs. Highway ein. »Nein,« entschied Highway, und zornig stieß er das Federmesser durch das Tischtuch hindurch in die Tischplatte, worauf er den aufrechtstehenden Griff in Schwankungen versetzte, »gerade auf den lange vorhergesehenen Zusammenbruch der Bank rechnete ich am meisten, indem gar vielen der Betrogenen kein anderer Ausweg bleibt, als mit den Landbesitztiteln ihr Glück hier zu versuchen. Es muß durchaus Verrat im Spiele sein, und zwar von einer Seite, von der wir es am wenigsten erwarteten. Die Agenten sind nicht die Leute, die Prämie von zehn Dollars für den Kopf sich leicht entschlüpfen zu lassen. Aber,« unterbrach er sich, »der da drüben scheint uns seinen Besuch zugedacht zu haben,« damit lenkte er die Aufmerksamkeit der Seinigen auf einen Reiter, der sich im scharfen Trabe der Plantage näherte. Die Wirkung des Abendrots hatte sich bereits abgeschwächt, so daß sie eben nur noch einen Mann zu Pferde zu unterscheiden vermochten. Über seine Person erhielten sie erst Aufschluß, als er, anstatt nach den Ställen zu reiten, vor der Veranda sich aus dem Sattel schwang, die Zügel über eine Stacketenspitze warf und, die paar Stufen nach der Veranda hinaufeilend, mit einer gewissen Hast zuerst die beiden Damen und demnächst Highway begrüßte. »Wenn Euch ein guter Wind hierherführt, Worthleß, will ich des Teufels sein,« fügte Highway seinem Gruß bei, »ich kenne Euch so genau, wie das Deckblatt einer Havannazigarre –« »Ein guter Wind nicht, wenn auch nicht der schlechteste,« erwiderte Worthleß, indem er sich auf einen leeren Stuhl warf, den Hut von seinem schwarzbehaarten Kopf nahm und die Schweißtropfen von dem galligen, mit einem dünnen Kinnbart geschmückten hageren Gesicht entfernte, »denn schlecht kann die Ursache eines Rittes nimmermehr genannt werden, wenn durch ihn – nun – sagen wir: Unannehmlichkeiten vorgebeugt werden. Darf ich offen sprechen?« fragte er, einen scheuen Blick um sich werfend. »So offen, als säßen wir auf der höchsten Spitze der Alleghanyberge,« beruhigte Highway, und sich seiner Tochter zukehrend, fuhr er fort: »Claudia möchtest du so gut sein und in der Halle eine Lampe anzünden? – Hol's der Teufel! Schlimm genug, daß das deutsche Pack sich nicht zu Kammerdienern eignet und den letzten Negern, die uns blieben, nicht zu trauen ist.« Dann sich wieder an seinen Gast wendend, fuhr er fort: »Nun heraus mit den Neuigkeiten, ich errate, die Nördlichen haben uns wieder 'nen Streich gespielt und einen der uns günstig gesinnten Beamten abgesetzt.« »Nichts von Politik, nichts dergleichen,« erwiderte Worthleß, »doch vor allen Dingen: Hörtet Ihr von Ellenborough?« »Nicht 'n verdammtes Wort,« fuhr Highway besorgt auf. »Ist Emigrantennachschub eingetroffen?« »Ebensowenig. Das elende Gesindel in Nailleka wird nächstens bis auf ein Dutzend Kinder eingegangen sein, und dann mögen wir selber die Hacke in die Hand nehmen. Hahaha! Rührende Zustände in einem Landesteile, der einst den Beinamen eines Paradieses verdiente.« » Well , dies hat alles seinen Grund,« nahm Worthleß schnell wieder das Wort, »wie ich brieflich benachrichtigt wurde, ist Ellenborough in Begleitung eines auffallend schönen Mädchens in Neuorleans gesehen worden. Er soll mit einem Dampfer gekommen sein. Bald nach ihm trafen zwei Ladungen Emigranten ein, von denen die eine hierher und nach Palmstadt bestimmt war. Da aber Ellenborough fehlte, um sie zu führen, mischte das Konsulat sich in die Sache und pries den Leuten die Richtung nach dem Norden an. Wenn das aber nicht nach Verrat und Schurkerei riecht, will ich mir den Tod an dieser Zigarre rauchen.« »Ihr meint?« »Ich meine, daß Ellenborough beim Sturz der Zentrifugalbank seine Taschen mit Gold fütterte und, um sich weiß zu waschen und in der alten Heimat nicht proskribiert zu werden, in die Rolle eines Angebers eintrat. Denn nur er war vertraut mit allen Verhältnissen, nur er kann es gewesen sein, der dem Konsulat die Augen aufknöpfte.« »Unmöglich,« eiferte Highway, »war ich doch vorsichtig genug, beständig in seiner Schuld zu bleiben! Sein Guthaben beläuft sich mindestens auf fünftausend Dollars, und er ist nicht der Mann, seines Rufes in der Heimat wegen eine solche Summe schießen zu lassen.« »So bleibt bei Eurem Glauben, wie ich bei dem meinigen,« versetzte Worthleß aufwallend, »schwerlich wird es Euch dagegen gelingen, zu leugnen, daß unser ganzes Unternehmen gefährdet ist. Vielleicht wärs dennoch besser, die Leute in den gesunderen Negerhäusern unterzubringen –« »Um die ganze Welt in Flammen zu setzen über die Südstaatler, die weiße Sklaven auf ihren Plantagen einführen? Und verenden Tausende in den Sümpfen, ist's nicht halb so gefährlich für uns, als ein halbes Dutzend von ihnen zu wirklichen Nachfolgern der Farbigen zu machen. Bei Gott! Wo blieben außerdem die Kolonien, dieser sinnreich erdachte Köder? Brach die Bank, so hindert das nicht das wunderbare Emporblühen von Nailleka, Palmstadt und Bananenruh. Im Gegenteil, wir müssen uns jetzt mit doppelter Energie der Sache annehmen. Neue Photographien müssen angefertigt werden – Rinder und Pferde sind bald genug zu solchem Zweck zusammengetrieben – für Briefe müssen wir sorgen und für deren Veröffentlichung – Schlag auf Schlag muß folgen, daß die Leute nicht zu Atem kommen.« »Und Ellenborough?« fragte Worthleß zweifelnd, »liegt es nicht in seiner Gewalt, alle unsere Pläne zu durchkreuzen und zu zerstören?« »Wäre er unser Feind? ja; allein – freilich, sein geheimnisvolles Verschwinden – nun, er muß dennoch wieder auftauchen, persönlich sein Anrecht auf die fünftausend Dollars geltend machen, oder ich bin um diese Summe reicher.« »Erweist er sich aber trotz aller für ihn zeugenden Umstände als Verräter?« »Wenn das wäre,« versetzte Highway ernst, »dann allerdings dürften wir ihm keinen Spielraum mehr gönnen.« »Er selbst hat, um den Verdacht von sich abzulenken, seine Person wohlweislich in Sicherheit gebracht,« erwiderte Worthleß, »dagegen beauftragte er andere, hier noch unbekannte Personen – 's mag auch vom Konsulat ausgehen –, sich wenig auffällig von der Lage der Dinge zu überzeugen und ohne Zweifel darüber nach Europa zu berichten.« »Von wem rührt diese Lesart her? Wer behauptet, daß Spione unsern Distrikt durchschleichen, muß sie notwendigerweise gesehen haben.« »Gesehen und gesprochen,« bestätigte Worthleß, »doch urteilt selber,« und sich erhebend forderte er Highway auf, ihn in die Halle hineinzubegleiten, wo Claudia mehrere Lampen angezündet hatte. »Ich schicke dieses Schreiben durch einen expressen Boten,« las Worthleß aus einem an ihn gerichteten Briefe vor, »denn die Sache hat Eile. Im Gasthofe traf ich einen jungen Mann, der sich sehr angelegentlich nach der Lage von Nailleka erkundigte. Anfänglich gab er ausweichende Antworten; ich brachte indessen allmählich heraus, daß er Gerhard heiße und in den Kolonien jemand suche. Auch nach Ellenborough forschte er. Er wählte die Richtung auf Nailleka; ein Negerbursche führt ihn. Zwei Dinge sind möglich: entweder er ist beauftragt, Ellenborough zu vertreten, und in diesem Falle ist er der schlaueste Hund, der jemals das Fahrwasser prüfte, bevor er sich hineinwagte – sicherlich für ihn die beste Empfehlung –, oder er wurde abgeschickt, die Kolonien kennen zu lernen und über seine Erfahrungen zu berichten, und unter solchen Umständen wäre er der einfältigste Narr, der jemals seinen Kopf in eine Schlinge steckte. Also Vorsicht! Ich halte die Angelegenheit für wichtig genug, den Burschen auf Schritt und Tritt zu beobachten. Herrscht Einverständnis zwischen ihm und Ellenborough, so ist es allein ihrem Einfluß zu verdanken, daß die für die Kolonien bestimmten Emigranten stromaufwärts geschickt wurden. Näheres später. Ich bin usw.« »Da habt Ihr's,« fuhr Worthleß sprechend fort, »meine Ansichten haben sich nach denen anderer und mehr unterrichteter Leute gebildet, und ich wiederhole, auf Ellenboroughs Treue gebe ich keinen Strohhalm.« »Zurzeit könnte dieser Gerhard, oder wie ihr ihn nennt, also schon in Nailleka eingetroffen sein?« fragte Highway, dessen Züge während des Vorlesens einen immer drohenderen Ausdruck angenommen hatten. »Unstreitig, wenn er den Weg nicht verfehlte,« hieß es ernst zurück. »Dann sah und erfuhr er manches, was auf dem Emigrantenmarkte zu unserm Nachteil gedeutet werden dürfte.« »Zuverlässig geschah das.« Highway erhob sich; nachdem er einigemal auf- und abgegangen war, blieb er plötzlich vor seinem Gaste stehen. »Werdet Ihr hier übernachten?« fragte er düster. »Nein; meine Anwesenheit ist zu Hause sehr nötig. Wer weiß, der junge Spürhund hat vielleicht den Weg nach meiner Plantage eingeschlagen. Man möchte des Teufels werden bei dem Gedanken, durch einen grünen Burschen beunruhigt zu werden. Möge er verdammt sein, daß er sich überhaupt berufen fühlte, unsere patriarchalische Ruhe zu stören!« »Führt er Gepäck bei sich?« »Einen Koffer, da er keine Fahrgelegenheit fand, übergab er ihn dem Wirt des Gasthauses.« »Ihr wohnt der Stadt so viel näher; wollt Ihr daher morgen in aller Frühe den Koffer in des Burschen Namen abholen lassen?« »Gern; aber wohin damit?« »Hierher. Ich habe meine besonderen Pläne. Zuvörderst muß ich ihn kennen lernen; und das geschieht nicht, wenn er, nach einem flüchtigen Besuch der Kolonien argwöhnisch geworden, schnell wieder umkehrt. Er mag dann seine Habseligkeiten hier in Empfang nehmen. Die größte Gastfreundschaft soll ihm zuteil werden. Er kann sogar Ellenboroughs Wohnung im Hintergebäude beziehen; aber fort kommt er nicht wieder, es sei denn, ich hätte mich von seiner Unschädlichkeit überzeugt, oder –« hier wechselte er mit Worthleß einen Blick des Einverständnisses. Ein Weilchen sprachen die beiden Männer noch über gleichgültigere Dinge. Dann verabschiedete Worthleß sich von den Damen und schwang sich in den Sattel. Highway lauschte ihm nach, bis der schnelle Hufschlag des Pferdes in der Ferne verhallte. Verdrossen wollte er in die Halle zurückkehren, als er zwei Gestalten entdeckte, die sich dem Hause näherten. Zugleich unterschied er Elses Stimme. »Es ist wieder Vollmond,« flüsterte Highway mit verhaltenem Grimme, »der Teufel steckt in dem Mädchen. Was, in der Hölle Namen, führt sie noch so spät hierher?« Sich halb umkehrend, warf er einen scheuen Blick in die Halle. Mutter und Tochter hatten sich in Zeitungen vertieft. Ein Weilchen sann er nach, wie diese wenig auffällig zu entfernen wären. Dann zuckte er die Achseln, und von der Veranda niedersteigend, ging er Else und ihrem Begleiter entgegen. »Ich wünsche sehr, daß du wenigstens die Nächte bei deinen Angehörigen verbringst,« redete er das Mädchen hart an, sobald er mit ihm zusammengetroffen war. »Bei meinen Angehörigen?« fragte Else, wie aus einem tiefen Traume erwachend und vollkommen klar, »meine Angehörigen liegen in der schwarzen, feuchten Erde.« »Ich rate dir ernstlich,« fuhr Highway strenge fort, »wenn du nicht umhin kannst, die Nächte im Freien umherzustreifen, so vermeide wenigstens die Nachbarschaft der Plantage. Meine Hunde sind wütende Tiere; sie möchten dich anfallen.« »Alle Tiere sind mir befreundet,« versetzte Else mit rührender Milde, »und fern von hier bleiben? Wer sollte Euch Auskunft erteilen über den kleinen Grabhügel? Auch heute benetzte ich ihn mit meinen heißesten Tränen, allein der verschlafene Keim regt sich nicht. Nur übel duftendes Unkraut wuchert auf dem moorigen Erdreich, und vergeblich harre ich auf das erste Erscheinen des stolzen Magnoliabaumes.« »Laß das, Else,« entgegnete Highway erzwungen freundlich, denn er hatte plötzlich einen Mann in des Mädchens Nähe gesehen, »beruhige dich, wir haben Vollmond, und da redest du gern irre. Das aber sollst du nicht tun, namentlich nicht in Gegenwart von Fremden, die deine Worte schwerlich zu deinen Gunsten deuten.« »Was habe ich begangen, das zu meinem Nachteil gedeutet werden könnte,« fragte Else, so kindlich unschuldig, daß selbst Highway, obwohl rasende Wut in seinem Innern tobte, dadurch ergriffen wurde, »und irre soll ich reden? Nein, ich versuche nur zuweilen, mir einen entsetzlichen Traum zu vergegenwärtigen – eine helle Mondscheinnacht wars, und Ihr hattet die Gestalt eines Teufels angenommen – bitteren Duft atmete ich ein – dann wurde es schwarze Nacht um mich her. Aber den Mondschein lieb ich noch immer; in Mondscheinnächten besuche ich gern das Hügelchen; ein weißgekleideter Engel mit himmelblauen Flügeln wächst aus ihm statt des Magnoliabaumes hervor. Das eine Händchen legt er auf mein Herz, daß es ruhig klopft, und mit dem andern droht er hier herüber, als wünsche er Euren Tod –« »Schweige mit deinen Tollheiten,« vermochte Highway nicht länger an sich zu halten, »sage, was dich hierher führt, und beeile dich –« »Sie war so gütig mich zu begleiten,« nahm Gerhard nunmehr das Wort, »ich suche einen gewissen Ellenborough – mein Name ist Gerhard – man riet mir, hierher zu gehen, darauf hinweisend, daß er zuweilen hier wohne.« »Ah, Ihr seid es?« versetzte Highway überrascht, dann seine Unvorsichtigkeit bereuend, fuhr er gemessener fort: »Ich habe zwar nicht das Vergnügen, Euch zu kennen, allein wie einen Freund begrüße ich jeden, durch den ich Nachricht über Ellenborough zu erhalten hoffe.« »Leider weiß ich nicht mehr, als ich bereits andeutete,« entgegnete Gerhard, »und ich wiederhole, mich führt nur der Wunsch hierher, näheres über seinen Aufenthaltsort zu erfahren. Ich muß ihn sprechen; das Lebensglück anderer ist abhängig von meiner Zusammenkunft mit ihm. Würde ich durch Euch aus seine Spuren gelenkt, meine Dankbarkeit wäre unbegrenzt.« Highway, Gerhards wurmen Eifer nur als Teilnahme für die Unglücklichen in den Kolonien auslegend, ergriff jetzt mit erheuchelter Herzlichkeit Gerhards Hand, und lud ihn ein, so lange unter seinem Dache zu weilen, bis sie Zuverlässiges über Ellenborough ausgekundschaftet haben würden. Gerhard ließ sich durch diese gutgespielte Freundlichkeit nicht täuschen, dennoch aber sah er sich gezwungen, die Gastfreundschaft des Mannes anzunehmen, den er, nach allem, was er über ihn erfuhr, für einen der verruchtesten Bösewichte halten mußte. Sie hatten einige Schritte zurückgelegt, als er, um ihr zu danken, sich nach seiner Begleiterin umkehrte. Sie war verschwunden; so weit seine Blicke reichten, entdeckte er keine Spur von ihr. »Eine unglückliche Person,« bemerkte Highway, dem diese Bewegung nicht entging, »klimatische Krankheiten, auch wohl mehrere Todesfälle in ihrer Familie haben sie um den Verstand gebracht. Gott mag wissen, womit ihre kranke Phantasie sich beschäftigt; aber wenn die Tollheit über sie kommt ist keiner sicher, in Beziehung zu ihrer Person gebracht zu werden. Nun, 's läßt sich nicht ändern; sie bleibt für unsere Gegend eben eine unangenehme Zugabe, von der nur zu wünschen wäre, daß der Tod sie bald erlösen möge,« und Gerhards Arm ergreifend, bewegte er sich schneller aus die Veranda zu. – Sie traten in die Halle ein, wo der Pflanzer alsbald Gerhard Frau und Tochter als seinen mehrtägigen Gast vorstellte. Dann ließ Highway einen scharfen Pfiff ertönen, worauf ein alter Neger herbeieilte, dessen Sorge er Gerhard anempfahl, ihn zugleich beauftragend, seinem Gaste Ellenboroughs Wohnung einzuräumen und angemessene Erfrischungen vorzusetzen. Das Zimmer Ellenboroughs war ein geräumiges Gemach, mit dem verblichenen Glänze eines südlichen Fremdenzimmers ausgestattet. Der Neger blieb noch bei ihm, mit der seiner Rasse eigentümlichen Redseligkeit ihn belehrend, wie er sich am bequemsten einzurichten habe. Gerhards Kopf brannte. Gern wäre er allein gewesen, um einen Ausweg aus seinen chaotisch durcheinander schwirrenden Gedanken zu finden, allein er gewann es nicht über sich, den alten Mann hinauszuweisen. Hatte er doch die Empfindung, als harre dieser nur auf einen Wink, um sein Herz vor ihm auszuschütten. »Ihr liebt Euren Herrn gewiß sehr?« befriedigte er endlich den stillen Wunsch des Greises. »Mich ihn lieben?« fragte Androklus entsetzt, denn sein Instinkt belehrte ihn, daß er von dem jungen Deutschen nichts zu fürchten habe, »mich ihn lieben, der verkaufen vor Zeiten meine Kinder und Kindeskinder?« »Ich glaubte, weil Ihr keinen Gebrauch von der Euch nunmehr schon seit einer Reihe von Jahren zustehenden Freiheit machtet,« erklärte Gerhard freundlich. »Wohin sollen gehen der alte Androklus?« versetzte dieser mit einem tiefen Seufzer, »kein Mark mehr in meinen Knochen; ich froh sein, daß besitzen 'n Obdach, und dann möchte ich sterben, wo ich erduldete so viele Leiden und nur sehr, sehr wenig Freuden. Wenn ich mich freuen, war's nur, um hinterher desto schmerzlicher zu klagen.« »Und doch seid Ihr gut aufgehoben im Hause Eures Gebieters,« tröstete Gerhard, »wenigstens besser, als die armen Menschen in den Sümpfen von Nailleka. Ihr geht anständig gekleidet, an guter Kost gebricht's Euch ebenfalls nicht, wogegen die bedauernswerten Ansiedler langsam dahinsiechen und sterben.« Nach dieser Erklärung spähte der Neger scheu um sich; dann dicht neben Gerhard hintretend, ergriff er dessen Hand, und die Lippen seinem Ohr nähernd, flüsterte er geheimnisvoll: »Mich jetzt wissen, was zu erfahren wünschte. Ihr nicht ein Mann, wie Masser Ellenborough, der empfangend zehn Dollars für jeden Arbeiter, den er hereinholen vom alten Lande, Ich jetzt zufrieden und nicht in Zweifel mehr. Ihr bedauert die armen weißen Nigger in den Alligatorsümpfen, und das seiend erstaunlich gut von Euch und verständlich. Ihr mir aber glauben, daß es nicht halb so bitter, wenn begraben ganze Familie, als wenn sehend verkaufen ein einziges liebes Kind. Vielleicht alle tot, und das um so viel besser; vielleicht auch ich bald sterben, und ich nichts mehr fühlen von so viel Elend, nicht mehr sehen, wie weiße Herren jetzt hassen doppelt farbige, freie Menschen, hassen hundertfach weiße Leute, die halten freundlich zu schwarzen Brüdern. Ihr also merkend auf: Ihr jetzt lebend in einem Lande, wo Haß, Pistolen und Messer arbeiten im stillen; wo keiner trauen einem andern; wo vorgehen viele Geheimnisse; wo beraten Sklavenmänner darüber, wie verderben den ganzen Norden. Aber auch gute schwarze Menschen und braune und gelbe haben Geheimnisse; und wenn nicht verhindern können viele Sünde und Missetat, sie doch können warnen und helfen, wo seien in Not Nördliche und deren Freunde. Ich daher raten Euch, daß Ihr nicht sprechen frei und offenherzig und wenn's angeht, dann Ihr fliehen aus dieser Gegend. Dieses ich alles verraten, weil ich in Euch erblicke einen erstaunlich guten Gentleman und mich Euch wünschen sehr viel Glück.« Neue Mitteilungen, neue Verwirrungen, Gerhard wußte kaum noch, was er glauben sollte. Gewarnt und doch gänzlich freundelos in einem fremden Lande, hatte er die Empfindung, als stehe er auf einem Vulkan, auf dem er gewärtig sein mußte, in jedem Augenblick von einem mit glühender Lava angefüllten Krater verschlungen zu werden. »Ich kann nicht fort,« antwortete er nach kurzem Sinnen zögernd dem ergrauten Diener, »ich forsche nach jemand, von dem ich nur durch Ellenborough Kunde zu erhalten vermag, und ohne diesen gesehen zu haben – nein, ich muß ihn finden und wäre ich gezwungen, auf dieser Stätte Jahre auszuharren.« »Ellenborough?« wiederholte Androklus nachdenklich, »wer weiß, ob der jemals wiederkommen in diese Gegend. Ich mancherlei hören, daß man ihm nicht traue« – ein schriller Pfiff drang vom Vorderhaus herüber. Audroklus erschrak. »Masser mich rufend,« bemerkte er, indem er schleunigst der Tür zuschritt, »er nicht schlafen können ohne starken Nachttrunk. Mich denkend, er habe Furcht vor bösen Träumen, weil in ihnen erscheinen alle verkauften Farbige und alle Geister aus den Gräbern in Nailleka. Darum er trinken so vielen Kognak, der betäuben ihn und lassen keinen Platz für Traum.« Leise schloß sich die Tür hinter ihm. Gerhard aber stand noch immer auf derselben Stelle, regungslos vor sich niederstarrend. Vorsichtiges Klopfen an eine Fensterscheibe schreckte ihn aus seinen wirren Betrachtungen, und als er hinüberschaute, erkannte er Else, die im Garten vor dem offenen Fenster stand. Gerhard blickte ratlos in die schönen und doch so starren Augen. »Kann ich Ihnen in irgendeiner Weise gefällig sein?« fragte er befangen, »glauben Sie mir, ich bin zu jedem Opfer bereit –« »Mir wollen Sie Opfer bringen?« fragte Else schwermütig lächelnd zurück, »mir, die ich mit den Nebeln auf den Niederungen ein Bündnis geschlossen habe? Mir, der Krokodile und Schlangen wie gut gezogene Haustiere folgen? Nein, ich bedarf keiner Opfer; denn ich bin dazu da, um über andere zu wachen, damit das Verderben sie nicht ereilt. Wie gefällt Ihnen Highway?« fragte sie plötzlich lebhafter. »Zu kurze Zeit kenne ich ihn erst, habe also noch kein klares Urteil über ihn,« antwortete Gerhard vorsichtig, um die arme Nachtwandlerin nicht noch mehr zu erregen. »Es ist wahr, Sie verlebten noch keine Nacht mit ihm unter demselben Dache,« lispelte Else, während ein Schauder ihre zarte Gestalt durchlief, »allein ich kenne ihn. Er ist ein Giftmischer, er versteht es, die Menschen durch Duft zu betäuben, daß sie gefühllos werden wie Leichen. Er ist ein Teufel, der nur zeitweise Menschengestalt annimmt – ach – ich wollte etwas sagen – ich sah ihn vor wenigen Minuten, ohne daß er meine Nähe ahnte. Die Menschengestalt hatte er abgelegt, die lang bewehrten Krallen weit von sich gestreckt, und so schwor er Tod und Verderben jemandem, an dem er eigentlich keinen Anteil haben sollte. Ja, Tod und Verderben – hüten Sie sich vor Teufeln! Gehen Sie nicht nach den Kolonien; kümmern Sie sich um nichts, was Sie dort sahen und erlebten! Denn die Teufel mit ihren wunderlichen Mänteln und Gesichtslarven sind listig und stark; ein unbedachtsames Wort, und es ist um Sie geschehen.« Die letzten Worte sprach sie bereits in der Entfernung, und bald darauf ertönte ihr melancholischer Gesang durch die verwilderten Parkanlagen, indem sie den Mond pries und die Sterne, die dem späten Wanderer auf seinen dunklen Wegen leuchteten. Ihr folgten dieselben Hunde, vor welchen Highway sie gewarnt hatte. Die klugen Tiere schienen sich von ihr nicht trennen zu können. Wie ein Hauch verstummte in der Ferne Elses Stimme, und langsam begab Gerhard sich nach seiner Lagerstätte. Nur den Rock legte er ab; dann löschte er die Lampe aus und schwer warf er sich aufs Bett. Freundlich schien der Mond zu ihm herein. So hatte er ihn gesehen in der fernen Heimat, so auf dem unendlichen Ozean, so als Kind, als Jüngling und als Mann, und überall und zu allen Zeiten meinte er, daß der getreue Freund mit einem gewissen Wohlwollen vom hohen Himmel auf ihn niederschaue. Fünfundzwanzigstes Kapitel. Ellenborough. Eine gute Tagereise von Highways Plantage lag ein Landstädtchen. Ohne wichtigere Handelsbeziehungen nach außen, war es vorzugsweise von Leuten bewohnt, die ihren Unterhalt aus dem Verkehr mit den Pflanzern gewannen, also Gewerbetreibenden, kleineren Kaufleuten und Agenten, die aus der Vermittelung größerer Zucker-, Baumwoll- und Tabakslieferungen nach bedeutenderen Stapelplätzen ihren Vorteil zogen. Einer Eisenbahn verdankte das Städtchen überhaupt sein Bestehen. Seit Aufhebung der Sklaverei war seine ohnehin nicht übermäßige Wichtigkeit indessen erheblich gesunken, indem die Ernten kaum noch den zehnten Teil des Ertrages lieferten, der erforderlich gewesen wäre, alles nach alter Weise in Bewegung zu erhalten. Durch das Einschlummern der Geschäfte hatten sich viele Einwohner bewogen gefunden, anderweitig günstigeren Boden für ihre Tätigkeit zu suchen, Entwertung des Bodens war die nächste Folge, ferner das Leerstehen von Häusern, für die den Nachbarn der billigste Preis noch immer viel zu hoch erschien. Diejenigen, die Trinkhäuser eingerichtet hatten, waren am wenigsten durch den Wechsel der Zeiten betroffen worden; denn nach wie vor vereinigten sich bei ihnen die Pflanzer, um beim Grog und sonstigen Getränken ihre politischen Ansichten auszutauschen und die ihnen zur Verbesserung ihrer Lage zu Gebote stehenden Mittel zu beraten. Ein derartiger Zusammenkunftsort lag auf dem äußersten Ende des Städtchens, von diesem sogar durch einen mehrere Hundert Schritte breiten Zwischenraum getrennt. Früher mochte das weiße Bretterhaus den Charakter des vornehm Behaglichen nicht entbehrt haben; heute war es unsauber und verwittert, während die leeren Ställe kaum noch fest genug erschienen, zwei Maultiere zu beherbergen, deren einzige Aufgabe war, die für die Wirtschaft notwendigen Fuhren zu leisten. Abseits von der Trinkhalle lag ein mäßig großes Rauch- und Lesezimmer. In dieses hatten an einem heißen, sonnigen Nachmittage der Wirt und drei Gäste sich zurückgezogen, sogar, um ungestört zu bleiben, die Türen abgeschlossen. Die Gäste waren Highway, Worthleß und ein totbleicher Mann, der sich nur noch mit Mühe auf seinen Füßen aufrecht zu halten schien, dessen leidendes Antlitz aber mit dem starkgebleichten Bart durch eine tiefe Narbe auf seiner Wange einen noch düstereren, unheimlicheren Ausdruck erhielt. Er befand sich im Reiseanzuge, als ob er eben erst eingetroffen wäre. »Also hier müssen wir uns wiedersehen, Mr. Ellenborough,« bemerkte Highway nach der ersten flüchtigen Begrüßung argwöhnisch und finster zu diesem gewendet, »seit Monaten schauen wir ängstlich nach Euch aus, und das erste, was wir über Euch hören, ist, daß Ihr in nicht allzu großer Entfernung von uns eine Art Einsiedlerleben führt. Wie sollen wir das erklären? Seid Ihr nicht mehr einer der unsrigen? Geht Ihr damit um, zu unseren Feinden überzutreten?« »Zu euch zähle ich durch die Vergangenheit,« erwiderte Ellenborough mit einem unsäglich bitteren Lächeln, »ich habe es bewiesen, indem ich eurem Rufe Folge leistete; für die Zukunft dagegen möchte ich getrennt von Euch bleiben –« »Der nächste Schritt zum Verrat, zur Unterbindung der Ader, durch die allein uns noch Arbeitskräfte zugeführt werden,« fiel Worthleß zähneknirschend ein. »Durch Verrat würde ich mich selbst an den Pranger stellen,« entgegnete Ellenborough ruhig, »das mag euch als Bürgschaft dienen.« »Daraufhin erwartet Ihr die Herausgabe der fünftausend Dollars Unterpfand?« fuhr Highway auf. »Behaltet das Geld immerhin,« versetzte Ellenborough, »widerstrebt's euch, es zum eigenen Besten zu verwenden, so laßt's den unglücklichen Ansiedlern in Nailleka zugute kommen.« »Halloh! Das riecht nach Philanthropie!« lachte Worthleß höhnisch; »bei der ewigen Verdammnis, Mann! Nachdem Ihr eine Reihe von Jahren hindurch Eure Landsleute in die Sklaverei locktet und 'nen guten Vorteil von der Sache hattet, wollt Ihr plötzlich ein anderer geworden sein? Darin liegt keine Vernunft, und steckt kein Verrat dahinter, oder wanderte nicht mindestens 'ne gute runde Summe von den Yankees dafür in Eure Tasche, will ich mir den Tod an diesem Grog trinken,« und das Glas an die Lippen führend, leerte er es in einem Zuge bis auf den letzten Tropfen. »Ihr täuscht euch,« erwiderte Ellenborough gelassen, »weder Versprechungen noch klingendes Geld sind imstande, mich zum Verrat an denjenigen zu bewegen, mit denen ich so lange an demselben, wenn auch tadelnswertem Werk beteiligt gewesen. Wünsche ich aber, mich zurückzuziehen, so mögt ihr den Grund dafür in andern Verhältnissen suchen. Näher auf diese Verhältnisse einzugehen, fühle ich mich nicht verpflichtet; trotzdem gebe ich zu erwägen, daß oft Umstände stärker, gebieterischer sind, als ein eiserner Wille. Und dann – versteht mich recht – leben in der Brust jedes Menschen Empfindungen, die wohl eingeschläfert, jedoch nur in seltenen Fällen ganz getötet werden können.« Ein schallendes Gelächter folgte auf diese mit eigentümlich zitternder Stimme gesprochenen Worte. Dann hob Worthleß wieder spöttisch an: »Ihr haltet uns für Kinder, oder wie soll ich es anders deuten, daß Ihr, der Ihr Eure Landsleute für einen bestimmten Kopfpreis verhandeltet, plötzlich von sanfteren Regungen sprecht? Verdammt! Der Pakt, den Ihr mit uns eingegangen, kann nicht nach Belieben gelöst werden. Wir müssen uns gegen Verrat schützen, frei bleiben von der Besorgnis, von einem Vertrauten aus unserer Mitte hintergangen zu werden und Ihr wißt, wie dies am schnellsten zu bewirken ist?« »Ein guter Messerstoß, eine Pistolenkugel oder eine hänfene Schlinge, dazu ein Spottzettel mit dem verhängnisvollen K.=K.=C., und alles ist vorbei,« bestätigte Ellenborough mit einem herben Lächeln. »Und ein solches Verfahren, fürchtet Ihr es nicht?« fragte Highway. »Für mich selber nicht,« antwortete Ellenborough fest, »für andere dagegen–,« sein Antlitz zuckte und zitterte krampfhaft – »freilich, für andere wäre es ein Unglück, müßte ich die mir bekannten Geheimnisse mit dein Tode besiegeln. Nein, ich muß leben,« fuhr er leidenschaftlicher fort, »und ich hoffe, diese meine Beteuerung beruhigt euch vollständig; sie mag euch als Bürgschaft dienen, daß ich alles vergesse, was in irgendeiner Beziehung zu euch steht, daß ich weiter nichts mehr vom Leben erwarte, als auch von euch vergessen zu werden.« »Aber wie, wenn derartige glatte Worte uns nicht genügen?« versetzte Worthleß drohend. In Ellenboroughs Antlitz schoß flammende Glut. »So werdet ihr dennoch eine Verständigung zwischen uns herbeiführen,« entgegnete er heftig, »denn was ihr auch immer in eurem Argwohn beschlossen haben mögt, mein Leben wird in euren Augen geheiligt sein. In Voraussicht der kommenden Dinge habe ich aus verschiedenen Stellen Briefschaften niedergelegt, die bei der ersten Nachricht von meinem Tode geöffnet werden und dem Ku-Klux-Clan einen schwer zu überwindenden Stoß versetzen dürften. Namen habe ich genannt –« »Seid Ihr des Teufels, daß Ihr mit Eurem Leben spielt?« fiel Worthleß grimmig ein. »Nicht um mein Leben spielte ich, sondern um meine Sicherheit, und ich gewann,« versetzte Ellenborough, »mein Gewinn aber beschränkt sich darauf, daß ich von den weißen Brüdern fortan unbeachtet bleibe.« »Wenn Euch heute der Schlag rührte,« zischte Highway vor Wut zwischen den geschlossenen Zähnen hindurch, »so hätten morgen unsere Feinde die gefährlichsten Waffen gegen den Clan in Händen?« »Sterbe ich eines natürlichen Todes, so werden jene Papiere ungelesen vernichtet.« »Durch wen?« fragten Highway und Worthleß gleichzeitig und sogar der Wirt, welcher, offenbar ein Mitglied des verrufenen Clans, bisher nur als stummer Zeuge gehandelt hatte. »Durch jemand, den ihr nicht kennt, auf dessen unerschütterliche Treue ich dagegen bauen kann.« Ein kurzes Schweigen folgte. Jeder schien über das Vernommene nachzudenken. Endlich hob Worthleß wieder an: »Für andere wollt Ihr leben und alle Beziehungen zu uns und Eurer bisherigen Tätigkeit abgebrochen wissen? Gut, uns hindert nichts, gegen ausreichende Bürgschaft auf Euren Vorschlag einzugehen. Wer aber bürgt dafür, daß Ihr uns nicht bereits verrietet?« »Das Gegenteil wäre längst durch die Folgen bewiesen worden.« »Und es ist bewiesen,« versetzte Highway mit unterdrückter Wut, »bewiesen durch die nach den Kolonien bestimmten Ansiedler, die von Neuorleans aus die Richtung nach dem Norden einschlugen.« »Ihr übersehet, daß ich mich in Neuorleans nur allen Geschäften fern zu halten brauchte, um die Eintreffenden zu bewegen, in ihrer Verlegenheit sich an die Konsulate zu wenden.« »Schickten die Konsulate einen Spion aus, um sich in den Kolonien von dem Wohlbefinden der Leute zu überzeugen?« »Einen Spion?« fragte Ellenborough erstaunt. »Nennt ihn, wie Ihr wollt,« erwiderte Worthleß leidenschaftlich, »Spion oder geheimer Agent, die Wirkung bleibt dieselbe. Doch Ihr kennt ihn ohne Zweifel, Gerhard ist sein Name.« »Gerhard?« wiederholte Ellenborough sinnend, »fremd ist mir der Name allerdings nicht; allein ich weiß nicht, wohin ihn zu bringen. Schwerlich wurde er von der Bank geschickt, denn die ist längst zusammengebrochen.« »Nein, von der Bank nicht,« gab Highway zu, »so viel lockte ich trotz seiner Schlauheit aus ihm heraus; dagegen handelte er wahrscheinlich im Auftrage derjenigen, die nach Verlust ihres Geldes wenigstens die Landbesitztitel zu verwerten wünschten, aber nicht blindlings ins Unglück stürzen wollten. Rätselhaft bleibt dabei –« und durchdringender richtete er seine Blicke auf Ellenborough – »daß er Euch kennt und dringend eine Zusammenkunft mit Euch wünscht.« »Mit mir? Ich kenne ihn nicht,« versetzte Ellenborough sinnend, als hätten seine Gedanken in weiter Ferne geweilt, »ist er wirklich im Besitz von Aufträgen, so müssen sie notgedrungen dem Generalbevollmächtigten und nicht meiner Person gelten.« »Satanshexe!« schrie der alte Sezessionist, und er erhob die Pistole nach dem Haupt der ihn furchtlos anlächelnden Irren. »Unstreitig,« gab Highway zu, »und zwar, wie ich vermute, um Euch auf die Finger zu sehen – vorausgesetzt, Ihr wißt nicht um die Sache. Jedenfalls begann er damit, daß er Nailleka durchstöberte, unter meinem Dache, sogar in Eurem Zimmer Wohnung nahm und von dort aus sich mit jenen Räubern in Verbindung setzte, die, seit Abschluß des Krieges in fast unzugänglichen Sümpfen hausend, das Land unsicher machen. Genug, der Bursche hat einen zu tiefen Einblick in unsere Angelegenheiten gewonnen, um ihm noch freien Abzug gestatten zu dürfen.« »Woraus schließt ihr auf feindliche Absichten?« fragte Ellenborough, und auf seinem finstern Antlitz prägte sich aus, wie er seine ungeteilten geistigen Kräfte aufbot, für den jungen Fremden einen Ausweg aus der bedrohlichen Lage zu ersinnen. Highway lachte gehässig. »Ein junger Mensch, dem keine glänzenden Mittel zu Gebote stehen, soll sich zwecklos in unserer Gegend umhertreiben?« rief er aus. »Verdammt! Seid Ihr wirklich nicht mit ihm verbündet, so erzeugts wenigstens den Eindruck, als möchte er Euch in die Heimat zurücklocken, wo man mit dem alten Auswandereragenten schwerlich sehr glimpflich verführe, zumal wenn der Bursche keine allzu schmeichelhafte Schilderung der Kolonie beifügte. Bei Gott! Ich durchschaue die Sache: der Nailleka hat Neider, die nach einer geeigneten Handhabe suchen, um einen Kriminalprozeß gegen ihn einzuleiten –« »Neigung, mich hinüberzulocken, verriet er?« fiel Ellenborough ein. Dann senkte er die Augen, offenbar um den auf ihn gerichteten Blicken auszuweichen. »Nachdem ich mein Verhältnis zu der Zentrifugalbank schweigend löste, gibt es drüben niemand mehr, der noch irgendwelche Teilnahme für meine Person hegen könnte – nein – niemand« – fügte er wie im Traum hinzu, während Frösteln seine Gestalt durchlief. »Ich müßte mich sehr täuschen, fesselte die Sehnsucht nach Euch den Burschen nicht allein an die Stätte Eurer Tätigkeit,« versetzte Worthleß. Doch die Sache mag einen Verlauf nehmen, welchen sie wolle, dem Urteilsspruche des Clans ist er verfallen – es sei denn, er entpuppte sich schließlich dennoch als Euer Stellvertreter.« »Stellvertreter?« wiederholte Ellenborough ängstlich, »seit Eingehen der Bank undenkbar!« – er erhob sich, um, auf- und abwandelnd, die ihn fast übermannende Unruhe niederzukämpfen – »sucht er mich wirklich, können nur Privatangelegenheiten zwischen uns schweben – Angelegenheiten, die weit zurückliegen und die – hm – der Zufall spielt oft wunderbar – aber ich bin keinem Menschen Rechenschaft schuldig, und daher – nein, ich will ihn nicht sehen, will ihn nicht kennen lernen.« »Es scheint, Ihr vollbrachtet in der Heimat Dinge, welche Euch den Boden unter den Füßen zu heiß machten,« bemerkte Worthleß grinsend. Ellenborough fuhr erschreckt zusammen und blieb stehen. Die in seinen Bart verlaufende Narbe schien sich tiefer in das hagere, bleiche Antlitz einzugraben. »Was ich vollbrachte,« entgegnete er, »schädigte niemanden. Im Gegenteil, nicht die schlechtesten Zwecke leiteten mich bei meinen Handlungen – freilich – ein Ereignis mag falsch gedeutet werden – doch was kümmerts euch? Treu habe ich zu dem Clan gestanden, und wohl verdiene ich, meinen Lebensabend unbeachtet in der Stille zu verbringen. Den jungen Mann hingegen, auf welchem euer Verdacht ruht, schickt wohin ihr wollt, nur mich verschont mit seinem Besuch. Ich will überhaupt mit niemandem in Verkehr treten, der von drüben kommt, das ist alles, was ich wünsche, zu verlangen gewiß ein Recht habe.« »Mag's drum sein, erklärte Highway achselzuckend, »die Sicherheit aber, deren Ihr Euch erfreut, erstreckt sich nicht aus den Burschen, welcher sich zum Spion hergab.« Ellenborough prallte einen Schritt zurück. »Einen Menschen, welchen vielleicht nur der Zufall hierher führte, wollt ihr –« hob er an; er stockte, als hätte es ihn mit Entsetzen erfüllt, seine Gedanken weiter zu spinnen. »Wer sich unberufen in unsere Angelegenheiten mischt,« nahm Highway schnell wieder das Wort, »gleichviel, ob mit hinterlistigen Absichten oder vom Zufall gelenkt, der mag es sich selbst zuschreiben, wenn er seinen Untergang findet.« Ellenborough neigte das Haupt und begann wieder auf- und abzuwandeln. »Wenn eure Rache einen Unschuldigen träfe?« fragte er plötzlich stehen bleibend. »Das möchte schwer zu beweisen sein. Ich selber schaute ihm ins Angesicht, als er unter dem Schutze der Nacht eine Ratsversammlung der Clansgenossen belauschte. Verdammt! Ein tiefes Wasser trennte uns, oder er wäre mit seinen Entdeckungen nicht weit gekommen.« »Wer führte ihn, den Fremdling, dorthin? Ohne Beistand kann er den Weg nicht gefunden haben.« »Unstreitig die Räuber der Sümpfe, in deren Mitte ihn der böse Feind selber schleuderte.« »So schont ihn wenigstens, bis ich ihn ausforschte.« »Ohne ihn selbst zu sprechen?« Ellenborough versank wieder in sein dumpfes Grübeln. »Macht überhaupt, was ihr wollt,« rief er nach einer längeren Pause mit gepreßter Stimme aus, »ich habe den Burschen nicht gerufen und trage nicht die Schuld an seinem Verderben,« und den Hut ergreifend, stürzte er ins Freie hinaus. Highway und Worthleß sahen ihm nach, bis er durch die Hausecke ihren Blicken entzogen wurde; dann rückten sie näher zusammen. Lange sprachen sie noch zueinander mit vorsichtig gedämpften Stimmen. Ihre Augen glühten fanatisch, ihre Gesichter verzerrten sich, indem unaussprechlicher Haß und Rachsucht immer mehr zum Ausdruck gelangten. Wer sie gesehen hätte in ihrem Gespräch, dem wäre wohl begreiflich gewesen, daß eine so geringe Anzahl von Männern, Schrecken unter Millionen ihrer Mitmenschen zu verbreiten vermochte. – – Es war in den späten Nachmittagstunden des folgenden Tages, als Gerhard, verlockt durch die sich bereits einstellende abendliche Kühle, in den Garten hinaustrat und langsam den schattigen Parkanlagen zuwandelte. In den bitteren Betrachtungen über seine Lage, die ihm durch die aufgezwungene Untätigkeit peinlich zu werden begann, wurde er gestört durch Claudia, die, wie vom Zufall geführt, sich ihm zugesellte. Ihr Antlitz strahlte in den glühendsten exotischen Reizen, allein eine gewisse Befangenheit prägte sich in ihrem Wesen aus, als sie ihn aufforderte, gemeinschaftlich mit ihr den Park bis zu dessen äußerster Grenze zu durchstreifen. Bereitwillig trat Gerhard an ihre Seite, und gleichsam unwillkürlich an seine jüngsten Gedanken anknüpfend, äußerte er ernste Bedenken, auf unbestimmte Hoffnungen hin länger die Gastfreundschaft auf der Plantage für sich in Anspruch zu nehmen. »Ihr müßt den Verhältnissen Rechnung tragen,« erwiderte Claudia, ihren Arm auf den seinigen legend, eine Vertraulichkeit, deren er sich bisher nie zu erfreuen gehabt hatte; »waren wir früher imstande, die Gastfreundschaft in fürstlicher Weise auszuüben, so sind wir durch den unheilvollen Krieg und die ungerechtfertigte Befreiung der Sklaven fast unseres ganzen Eigentums beraubt worden – denn welchen Wert hätten brache Felder? – so daß die bei uns einkehrenden Gäste gezwungen sind, mit unserem Bettlerbrot vorlieb zu nehmen. Leider erkältet Ihr auch noch unsere Herzen dadurch, daß Ihr Euch zu den Grundsätzen unserer Unterdrücker bekennt.« »Wäre es Euch lieber gewesen, Miß Claudia, ich hätte versucht, durch Verheimlichung der Wahrheit mir das Vertrauen Eurer Familie zu erwerben?« fragte Gerhard. »Ja,« versetzte Claudia schnell, »Ihr wäret dadurch in die Lage geraten, da als Freund betrachtet zu werden, wo Euch jetzt feindliche Absichten zugeschrieben werden. Aber auch heute wäre es noch nicht zu spät,« fuhr sie leidenschaftlich fort, und fester lehnte sie sich auf Gerhards Arm, »noch heute könntet Ihr erklären, in Ellenboroughs Stelle einzutreten –« »Miß Claudia!« rief Gerhard aus, indem er, seinen Arm von dem ihrigen trennend, einen Schritt zurücktrat, »unmöglich erwartet Ihr im Ernst, daß ich mich an einem Verfahren beteilige, durch das Hunderte von Familien ins Verderben hinabgezogen werden!« Über Claudias Antlitz breitete sich eine tiefe Glut aus, und wie Blitze sprühte es aus ihren dunklen Augen. Sie faßte sich indessen schnell und mit einem erzwungenen Lächeln sich Gerhard nähernd, legte sie ihren Arm wieder auf den seinigen. »Vermeiden wir Prinzipienfragen,« sprach sie scheinbar sorglos, »Fragen, durch deren Erörterung wir doch nicht einander näher geführt werden. Wie ich selbst davon abstehe, Euch zu bekehren, zu überzeugen, daß mit dem Wachsen des Wohlstandes der Grundbesitzer auch dem Arbeiter reichere Früchte zufließen – Ihr seht, uns südlichen Frauen ist Politik nicht fremd – daß ferner da ein gewisser Zwang ausgeübt werden muß, wo vernünftige Vorstellungen scheitern würden, so mögt Ihr den Versuch aufgeben, Eure idealistischen Anschauungen zu den meinigen zu machen. Beobachten wir aber beiderseits diese Vorsicht, dann mögen wir ein Menschenalter hindurch miteinander verkehren, ohne daß die zwischen uns waltende Harmonie auch nur im Geringsten getrübt wird. Glaubt mir nur, daß einzig persönliche Teilnahme mich dazu bewegen konnte, in solcher Weise zu Euch zu sprechen; doch auch diese Teilnahme gelangte nie laut zum Ausdruck, befändet Ihr Euch in einer weniger gefährlichen Lage.« »Eure Teilnahme beglückt mich,« versetzte Gerhard, ergriffen durch den innigen Ton, in dem Claudia die letzten Worte zu ihm sprach, »sie bereichert meine Erinnerungen um die schönsten Blüten, und doch liegt die Frage nahe: Warum entscheidet Eure Güte sich nicht dafür, jene Gefahren, die mich gewiß ungerechtfertigt bedrohen, zu beseitigen, zumal kein anderer Zweck mich in diese Gegend führte, als der Wunsch, mit jemandem zusammenzutreffen, von dem ich wichtige, tief in mein ganzes Leben einschneidende Aufschlüsse erwarte?« »Nun gut,« entgegnete Claudia ernst, »seid Ihr imstande, zu vergessen, was Ihr in den Kolonien sahet?« »Nimmermehr,« antwortete Gerhard fast rauh, »wie könnt Ihr voraussetzen, daß ich das entsetzliche Elend vergessen könnte, dessen Zeuge ich gewesen bin?« »Ob ich es voraussetze oder nicht, kommt nicht zur Geltung,« sprach Claudia abweisend, »denn meine Ansichten sind nicht maßgebend für die schmachvoll unterdrückte Bevölkerung der Südstaaten. Doch weiter: Nachdem Ihr diese Gegend verlassen habt, werdet Ihr Euer Bestes aufbieten, die kaum gegründeten und deshalb noch schwer um ihr Fortbestehen kämpfenden Kolonien wieder zu vernichten?« »Mein Bestes, so wahr mir Gott helfe!« »Ihr seid also im Begriffe, den ihrer Arbeitskräfte beraubten Pflanzern das letzte Mittel zu entziehen, ihren Feldern einen kärglichen Ertrag zu entwinden.« »Ihr meint, ich würde sie schädigen? Wohlan, Miß Claudia, gestattet mir eine Gegenfrage: Mit welchem Rechte werden die durch die verworfensten Mittel ihrer Heimat entrissenen Ansiedler nicht nur um ihre letzten Ersparnisse, sondern auch um Gesundheit und Leben gebracht?« Claudia biß die Zähne zusammen, daß deren Knirschen deutlich zu Gerhards Ohren drang. Eine Strecke legten sie schweigend zurück. Sie erreichten die Grenze des Parks, und umkehrend vertieften sie sich wieder in die schattigen Gänge. Beide schienen die Gegenwart vergessen zu haben, so ernst gaben sie sich den auf sie einstürmenden Betrachtungen hin. Plötzlich blieb Claudia wieder stehen, und sich Gerhard zukehrend, zeigte sie ihm ein Antlitz, aus dem die letzte Spur von Lebensfarbe gewichen war. »Ich gehe weiter, als meiner Stellung und meinem Geschlechte geziemt,« sprach sie, und heftige Erregung raubte ihrer Stimme den eigentümlich bezaubernden Wohlklang, »allein das Geschick gebietet es so. Ihr dagegen mögt danach ermessen, wie entscheidend diese Minuten für Euch sind. Hört daher: Die freie Tochter eines freien Mannes bittet Euch, Eure bisherigen Grundsätze, und wäre es nur scheinbar, zu verleugnen und zu uns zu stehen! Beharrt Ihr auch jetzt noch auf Eurem Entschluß?« »Unerschütterlich!« entwand es sich Gerhards Lippen, während Claudias Blicke sengend in seine Seele eindrangen. Claudia rang verstohlen die Hände und flammende Röte schoß in ihr Antlitz. »Ihr seid ein Mann und Eure feste Weigerung stellt Euch in meinen Augen um so höher,« hob sie kaum verständlich an; »Ihr seid ein Mann, vor dem ich offen sprechen darf. So hört denn mein letztes Wort: Die Welt ist groß und es gibt Stätten genug, auf denen man ungestört durch das feindliche Getriebe der Welt zu leben vermag. Nur auf kurze Zeit unterdrückt Eure Anschauungen, die ich im Grunde des Herzens nicht verdamme, nur so lange, bis ich – meine Hand – worüber ich frei zu Euren Gunsten –« »Haltet ein«, rief Gerhard von einem Taumel ergriffen aus, »haltet ein, Miß Claudia, und zerreißt nicht meine Seele, indem Ihr die Saat zu endlosen Zweifel ausstreut! Eine unübersteigliche Kluft – nein – sagt, daß ich Euch mißverstand – straft mich für die Vermessenheit –« »Kein Mißverständnis,« fiel Claudia gepreßt ein, und näher neigte sie sich zu Gerhard hin, und angstvoller suchten ihre unheimlich glühenden Augen in seinem Innern zu lesen, »kein Mißverständnis,« wiederholte sie fast atemlos, »kein Mißverständnis, wenn ich Euch meine Hand – und mehr noch – mein Herz anbiete. Ein verwegener Schritt ist es, zu dem ich mich hinreißen lasse, aber nicht zu verwegen für den Preis, um den es sich handelt. Was Euch droht, ich weiß es nicht; wohl aber weiß ich, daß gewaltsam von Euch erzwungen werden soll, was Ihr freiwillig nicht zusagt. Ebensowenig kenne ich die Mittel, die diesen Zwecken dienen sollen: aber eine Gefahr bedroht Euch, eine gräßliche Gefahr; und angesichts derselben frage ich Euch: Wollt Ihr mit mir von dannen ziehen? Wollt Ihr gemeinschaftlich mit mir eine Stätte aufsuchen, auf der Eure Feinde, die alsdann auch die meinigen sein werden, uns nicht mehr zu erreichen vermögen?« Eine Weile stand Gerhard betäubt da. Seine Blicke ruhten in den Augen der leidenschaftlichen Südländerin. Vor seinen Ohren sauste es, und wie um sie zu sprengen, hämmerte das Blut in seinen Schläfen. Er fühlte, daß er nur die Arme auszustrecken brauchte, um Claudia an seine Brust sinken zu sehen. Seine Sinne umnachteten sich; vergeblich kämpfte er, das holde Bild Esthers heraufzubeschwören. In dem Flammenmeer der ihn durchtobenden Leidenschaften sank alles dahin, was ihn zum Bewußtsein hätte zurückrufen können. Wie von unwiderstehlicher Gewalt gezogen, neigte er sich der von berauschendem Zauber umwobenen Südländerin zu; indem aber seine Blicke absichtslos an dem schönen, ihn mit verzweiflungsvoller Spannung beobachtenden Antlitz vorbeistreiften, prallte er, wie von einer tödlichen Waffe getroffen, zurück. Er hatte im Hintergrunde des schattigen Pfades die im grünen Zwielicht fast verschwimmende Gestalt der jungen Irren entdeckt, wie sie die Hände flehentlich erhob, ihm ein warnendes Zeichen gab und, sobald sie sich bemerkt sah, seitwärts im Dickicht verschwand. Flüchtig, wie der Anblick war, er hatte genügt, ihn zu sich selbst zu bringen und die Zauberbande zu zerreißen, mit denen Claudia ihn umschlungen hielt. Was er aber empfand, bevor er es aussprach, hatte Claudia in seinen Zügen gelesen; denn die Glut ihrer Blicke erlosch und jäh wich das bewegliche Blut aus ihrem Antlitz. Gerhard aber hob an: »Miß Claudia, ich erkenne dankbar an, daß Ihr Euch selber opfern wolltet, um einem Verbrechen an einem harmlosen Fremden vorzubeugen, allein nichts in der Welt, und wäre mein Leben der Preis, könnte mich bestimmen, ein Opfer anzunehmen, von welchem ich fürchten müßte, daß es, nur ein Kind augenblicklicher Empfindungen, bei ruhiger Überlegung bereut werden könnte –« »Sehr gewandt sucht Ihr mich vor mir selbst zu entschuldigen«, versetzte Claudia einfallend, und ihre Lippen bebten, während verletzter Stolz aus ihren großen Augen funkelte, »und an mir ist es, mich näher zu erklären: Ich war in der Tat bereit, jenes Opfer zu bringen – die Gründe zu erörtern, erlaßt Ihr mir wohl – aber baut darauf, daß ich in der Tat nur dann mich zu demselben entschlossen hätte, wenn es als ein Glück begrüßt und entgegengenommen worden wäre. Dies geschah nicht, und zertreten und vernichtet ist alles, was bisher freundlich zwischen uns vermittelte.« »Nicht im Zorn wendet Euch von mir,« flehte Gerhard nunmehr, denn in dem erzwungenen Lächeln Claudias offenbarte sich eine unsägliche Bitterkeit, »nein, ich kann Euer Opfer nicht annehmen, da ich seit Jahren innig verbunden bin mit einem treuen, lieben Wesen –« »Gut,« lachte Claudia mißtönend, »so begebt Euch zu ihr und triumphiert, daß eine der stolzesten Südländerinnen sich vor Euch erniedrigte und daß Ihr sie verschmäht habt, jedoch großmütig vorgabt, sie nur mißverstanden zu haben, um ihr dadurch ein jungfräuliches Erröten zu ersparen. – Nein, nein, entschuldigt Euch nicht,« und wiederum lachte sie unmelodisch, »Ihr, ein namenloser Fremdling, habt mir eine gute Lehre erteilt, habt mich geheilt von allen kindisch menschenfreundlichen Regungen und dafür bin ich Euch zu Dank verpflichtet.« »Miß Claudia, ich beschwöre Euch,« hob Gerhard an, als diese ihm wieder stolz ins Wort fiel. »Was bezwecken Eure ferneren, unverlangten Erklärungen?« fragte sie hoheitsvoll, »unsere Bahnen liegen in verschiedenen Sphären, und bald genug werden wir einer den andern vergessen haben. Doch fast vergaß ich: Ihr verlangtet sehnsüchtig nach Ellenborough, und ich bin beauftragt, Euch jemand zu überweisen, der Euch zu ihm führt – er selber scheint unsere Nachbarschaft mit Überlegung zu meiden – aber bitte – Euren Arm; sehe ich doch keinen Grund, weshalb ich Euch plötzlich fremd gegenübertreten sollte – ein herrlicher Abend, in der Tat; diese Beleuchtung der scheidenden Sonne« – und ihre Schritte beschleunigend, näherten sie sich auf einer andern Stelle der Grenze des Parkes – »und das Laub, welche Pracht! Ein Regen von Gold und Smaragden scheint auf uns niederzuströmen. Und dann die Spottdrossel – hört, wie süß die Töne, die sie der Sonne nachruft.« So plauderte sie mit krankhafter Heiterkeit, daß es Gerhard verwirrte, denn wie seine Blicke gleichsam sprungweise ihren Andeutungen folgten, so beschäftigten seine Gedanken sich bald mit der ihn fast beängstigten Begleiterin, bald mit der in der Nähe weilenden Irren, die offenbar einen Auftrag für ihn hatte, bald wieder mit einem traumähnlichen Himmelsbilde, mit seiner geliebten Esther. Wie aus einem Traume schreckte er denn auch empor, als sie plötzlich aus dem Park aufs freie Feld hinaustraten, wo ein von flinken Maultieren gezogener leichter Reisewagen, der in geringer Entfernung von ihnen hielt, bei ihrem Erscheinen sogleich auf sie zurollte. Zwei Männer saßen auf der vorderen Bank. Der eine hielt Zügel und Peitsche, wogegen der andere zur Erde sprang und das eiserne Trittbrett niederschlug, um Gerhard beim Einsteigen hilfreiche Hand zu leisten. »Ihr wartet schon lange?« fragte Claudia, die scheinbar ihre heitere Sorglosigkeit zurückgewonnen hatte. »Beinahe eine Stunde,« antwortete der Diener höflich. »Ellenborough befindet sich wohlauf?« fragte sie weiter. »Vollkommen; er erwartet den Herrn.« »Mr. Gerhard,« wendete Claudia sich an diesen, »Ihr braucht nur den Wagen zu besteigen, um Eure Sehnsucht nach Ellenborough binnen kurzer Frist gestillt zu haben.« »Ellenborough?« fragte Gerhard bestürzt, denn er traute seinen Sinnen kaum. »Zu keinem andern,« versetzte der Diener ehrerbietig, obwohl die Frage nicht an ihn gerichtet war; »Mr. Ellenborough ist ungeduldig, zu erfahren, wer ihn so dringend zu sprechen wünscht.« Gerhard, wenn auch befremdet durch die unerwartete Wendung der Dinge, hatte zu sehr seine Selbständigkeit verloren, um noch irgendwelche Fragen an jemand zu richten. Kaum wußte er, was er tat, als er sich von Claudia verabschiedete und, von dem Diener unterstützt, auf der hinteren Bank des Wagens Platz nahm; ebensowenig achtete er darauf, als jener, anstatt vom zum Kutscher, sich neben ihn setzte und gleich darauf die Maultiere, von scharfen Peitschenhieben getroffen, mit ihrer Last im Galopp über das Feld hin dem nächsten Wege zustürmten. Mit einem letzten Gruße kehrte er sich Claudia zu. Sie dankte nicht; aber wie von Schwäche übermannt, hatte sie sich an einen Baum gelehnt, ihr Antlitz war so bleich, als hätte, sie ins Grab gelegt werden sollen. Gerhard fühlte es wie Eis durch seine Adern rinnen. »Werden wir heute Abend zurückkehren?« fragte er befangen den neben ihm sitzenden Mann. »Schwerlich,« antwortete dieser kurz mit geringschätzigem Achselzucken. Gerhard betrachtete ihn mit heimlicher Scheu. Das Ehrerbietige war aus seinem Wesen geschwunden. Gern hätte er sich genauer nach Ellenborough erkundigt, allein er wagte es nicht, aus Furcht vor weiteren verletzenden Zurückweisungen. Gerhard blickte noch einmal zurück. Claudia befand sich noch immer auf derselben Stelle. Deutlich schimmerte ihr helles Kleid durch das sich verdichtende, rötliche Zwielicht zu ihm herüber. Eine zweite Gestalt hatte aber auch auf der Hügelseite den Park verlassen und flüchtete auf die bewaldeten Höhen zu. Gerhard meinte die Irrsinnige zu erkennen. Beruhigend wirkte auf ihn das Bewußtsein, daß sie um seine geheimnisvolle nächtliche Fahrt wußte. Sechsundzwanzigstes Kapitel. Am Alligator-See Der neue Wechsel der Lage und der finstere Ernst seiner Begleiter, dazu die Schnelligkeit, mit der er davongeführt wurde, dies alles hatte Gerhards Sinne in einer Weise umfangen, daß er nicht auf die innegehaltene Richtung achtete. Erstaunt sah er daher auf, als der Wagen beinahe auf derselben Stelle hielt, auf der, wie er trotz der Dunkelheit an den Umrissen der Hügelreihe erkannte, er in Davids Gesellschaft von seinem Reittier gestiegen war. »Wir müssen eine kurze Strecke zu Fuß gehen,« bemerkte der neben ihm sitzende Mann, indem er vom Wagen heruntersprang. »Ellenborough kann unmöglich diesen Ort zu seinem Aufenthaltsort gewählt haben,« erwiderte Gerhard, von bangen Ahnungen beschlichen. Die beiden Männer lachten wie im Einverständnis; dann kehrte der auf der Erde stehende sich Gerhard zu. »Was wißt Ihr davon?« fragte er höhnisch; »erscheint es doch wunderbar, daß Ihr Eure Spaziergänge bis hierher ausgedehnt haben solltet.« Gerhard bereute seine Unvorsichtigkeit; anstatt aber seine Frage auf Mutmaßungen zurückzuführen, antwortete er verwirrt: »Wie hätte ich meine Zeit besser verwerten können, als auch die weitere Umgebung der Plantage zu durchstreifen?« »Wohl gar zur nächtlichen Stunde? Denn bei Tage seid Ihr kaum jemals aus Miß Highways Nähe gewichen.« Dieser neue Beweis, daß man ihn, den arglos Vertrauenden, ununterbrochen ängstlich überwacht hatte, erhöhte seine Verwirrung. Er antwortete daher nicht gleich, sondern verließ den Wagen, und nach den besten Kräften Sorglosigkeit zur Schau tragend, versetzte er scheinbar gleichmütig: »Ob ich diesen Punkt genauer kenne, dürfte kaum in Betracht kommen. Sei es in einem Gasthofe oder unter freiem Himmel, finde ich Gelegenheit, Ellenborough zu sprechen, so sind alle meine Wünsche befriedigt.« »Gut geurteilt«, erwiderte der Mann an seiner Seite, während der andere mit dem Wagen sich langsam entfernte. »Für ernste Geschäfte eignet sich jeder Ort – aber folgt mir, wenn's beliebt,« und hastig bog er in einen das Dickicht durchschneidenden Pfad ein, »die Nacht rückt vor, und ehe der Tag graut, möchtet Ihr gewiß gern in Eurem Bett liegen.« Gerhard zauderte. Doch erwägend, daß er auf alle Fälle in der Gewalt etwaiger Feinde sei, schloß er sich seinem Führer an. Wenige Schritte hatte er auf dem schwarzbeschatteten Pfade zurückgelegt, als es hinter ihm in den Zweigen rauschte, und er, besorgt rückwärts spähend, inne wurde, daß jemand ihm. auf dem Fuße folgte. Unwillkürlich blieb er stehen, und sich halb umkehrend, fragte er, ob der Fremde an ihm vorbeizutreten wünsche. »Geht nur,« lautete die Antwort, »unser Weg ist derselbe, unser Ziel das nämliche.« Mehr wurde auf dem ganzen Wege nicht gesprochen. Tiefer drangen die drei Wanderer in das Dickicht ein, und in demselben Maße schwand Gerhards Hoffnung, sich wirklich auf dem Wege zu Ellenborough zu befinden. Wohl beschlich ihn die dumpfe Ahnung einer Gefahr; am wenigsten aber glaubte er an eine sein Leben bedrohende. Seine Besorgnisse beschränkten sich auf die Vermutung, daß vielleicht das Versprechen unverbrüchlichen Schweigens über seine Erfahrungen in der Gegend von ihm gewaltsam erzwungen werde. Zu fern lag ihm der Gedanke, daß man zur Sicherung eines Geheimnisses einen Mord allen nur denkbaren heiligen Eiden vorziehen könne. Nach halbstündiger Wanderung auf schmalen Pfaden und in undurchdringlicher Finsternis strömte ihm endlich an seinem Führer vorbei ein matter Feuerschein zwischen dem Laubwerk hindurch entgegen. Noch einige Schritte, und vor ihm öffnete sich eine wenig umfangreiche Lichtung, deren Grenze aus der gegenüberliegenden Seite durch eine hoch aufstrebende Felswand gebildet wurde. Das Feuer brannte in einer Art Höhle, groß genug, etwa einem halben Dutzend Personen notdürftiges Obdach zu gewähren. Der von den Flammen ausströmende Schein traf ringsum auf üppige, dicht verschlungene Baum- und Strauchvegetation. Nur auf der einen Seite der Lichtung und in der Breite von ungefähr dreißig Fuß sandte er seine matten Reflexe über einen schwarzen Wasserspiegel nach vereinzelten Gruppen breitblätteriger Sumpfgewächse hinüber. Es war dies eine Fortsetzung des toten Wassers, von dessen Ufer aus Gerhard das Forschen der Clansmitglieder nach ihrem verschwundenen Genossen beobachtet hatte. Wie dort, so erhob sich auch hier der aus festgelagertem Gerölle bestehende Uferstreifen gegen vier Fuß hoch steil aus den morastigen Fluten, war also auf geradem Wege unzugänglich für die Krokodile, die, den natürlichen Kanälen in den zusammenhängenden Sümpfen folgend, diesen geschützten Winkel, zumal die das Gestein erhitzende Sonne ihn doppelt behaglich für sie machte, als ihren Lieblingstummelplatz zu betrachten schienen. Einem kundigen Auge, das aufmerksam über den beleuchteten Teil der stillen Wasserfläche hingespäht hätte, würden schwerlich mehrere unförmliche Köpfe, schwimmenden Baumästen nicht unähnlich, entgangen sein, die regungslos, wie geblendet, zu den lodernden Flammen hinüberglotzten. Doch die düstere Umgebung erregte weniger Gerhards Aufmerksamkeit, als vier oder fünf bärtige Männer mit wahrhaften Räuberphysiognomien, die, den Rücken an die Felswand gelehnt, vor dem Feuer kauerten und abwechselnd rauchten und einer von Hand zu Hand gehenden Korbflasche zusprachen. Es war eine Gesellschaft jener verrufenen Marodeure, die während des Krieges ihre Haut für die Sklavenbarone zu Markte getragen hatten, seitdem aber, untauglich zu jeglicher Arbeit, noch untauglicher zu einem gesitteten Lebenswandel, als dienende Brüder des Ku-Klux-Clan Der Ku-Klux-Clan bildete eine Art Femgericht, das sich aus früheren Sklavenhaltern zusammensetzte und so ziemlich dieselben Formen beobachtete, wie die deutsche mittelalterliche Feme. eine Art Henkerdienst bei ihren Brotherren versahen. Als Gerhard auf die Lichtung trat, richteten sie sogleich ihre Blicke forschend auf ihn. Sogar der Mann, der vom Rande der Waldung aus ihn begleitet hatte, eine ähnliche Erscheinung, wie die vor dem Feuer Kauernden, trat vor ihn hin, um ihm ins Antlitz zu schauen. Eine gewisse Geringschätzung prägte sich auf allen Physiognomien aus, sobald man, statt in das strenge Gesicht eines gereiften, die ihn umringenden Gefahren nicht unterschätzenden Mannes, in die jugendlich frischen Züge Gerhards blickte, auf welchen zwar kein Grauen, aber doch eine gewisse Ängstlichkeit sich mit einer ehrlichen, beinahe freundlichen Befangenheit paarte. »Also dies ist der Bursche, der seine Nase unberufenerweise in anderer Leute Angelegenheit steckt,« wandte einer der vor dem Feuer Sitzenden sich spöttisch an Gerhards Führer. Gerhard erbleichte. In der Frage selbst wie in dem Ton, in dem sie gestellt wurde, offenbarte sich zu unzweideutig, daß Ellenboroughs Name nur als Vorwand gedient hatte, ihn hilflos seinen unbekannten Feinden in die Hände zu liefern. »Mit den redlichsten Absichten besuchte ich diese Gegend,« stotterte er verwirrt unter den auf ihm ruhenden höhnischen Blicken, »und ich wüßte nicht, daß ich meine eigenen persönlichen Zwecke verfolgend, jemand benachteiligt haben könnte.« Schallendes Gelächter lohnte diese Entschuldigung. »Verdammt grün,« ließ sich darauf wieder eine branntweinheisere Stimme vernehmen, »so grün, daß er verdiente, ohne weiteres zu einem Bade in dem Tümpel der Erkenntnis dort verurteilt zu werden!« »Alles zu seiner Zeit,« versetzte Gerhards Führer gleichmütig, und er hob die ihm dargereichte Korbflasche an die Lippen, »zuvor müssen wir Nachricht von oben erwarten; in jedem Augenblick kann sie eintreffen.« »Nach den mir gemachten Zusagen glaubte ich hoffen zu dürfen, Ellenborough hier zu finden«, hob Gerhard wiederum an. »Unsinn«, fiel der eine Strolch ihm ins Wort, während sein bisheriger Führer sich flüsternd mit den übrigen unterhielt und mehrfach ungeduldig die Achseln zuckte, »ein Spion hat überhaupt nichts mehr zu hoffen, und ich denke, –« hier wandte er sich an die Genossen, indem er die Ärmel seines roten Flanellhemdes bis über die Ellenbogen emporrollte – »je schneller ein Ende damit, um so unbesorgter mögen wir geradeaus denken. Der Teufel hat zuweilen sein Spiel; ich erlebte schon, daß zwischen 'nem brennenden Schwefelholz und 'ner frisch gefüllten Tabakspfeife dem gesundesten Burschen der Hals abgesprochen wurde.« Gerhard fühlte das Herz in seiner Brust stocken. Er begriff, daß er sich in der Gewalt von Menschen befand, die kein Erbarmen kannten, schon auf geringfügigere Gründe hin, als die des Verdachts eines an ihnen begangenen Verrats, ihre Hände in Blut tauchten. Und dennoch konnte er nicht fassen, daß er von einem feindlichen Geschick dazu auserkoren sei, sein Leben an einem Ort und in einer Weise auszuhauchen, daß er fortan zu den Verschollenen gerechnet werden mußte. Er dachte an Esther, die nie eine Ahnung davon erhalten würde, daß er, verzweiflungsvoll nach ihr suchend, von einem furchtbaren Geschick ereilt worden war; er dachte an Claudia, die fast in demselben Atemzuge sich ihm zu eigen gab und ihn seinen Mördern überantwortete. In seiner Seele brannten noch ihre glühenden Blicke, während wie aus lichten Himmelshöhen das süße Bild seiner geliebten Esther zu ihm niederschaute, ihm holdselig zulächelnd, ihn freundlich tröstend. Neue Lebenskraft durchströmte ihn; der Selbsterhaltungstrieb erwachte, und mit den Augen die Entfernung zwischen sich und dem nächsten Feinde messend, trachtete er, die Gelegenheit zu erspähen, ihm eine Waffe zu entreißen und wenigstens kämpfend zu unterliegen. »Bis jetzt machte ich gute Miene zu einem zweifelhaften Spiel,« hob er an, seinen ganzen Mut zusammenraffend, »allein die Geduld selbst des friedfertigsten Menschen ist nicht unerschöpflich. Es liegt am Tage, daß ich auf unverantwortliche Weise getäuscht wurde, sagt daher, was ihr verlangt, zu welchem Zweck ich gewaltsam hierher geschleppt wurde, und ist euch das zu viel, wohlan, so hindert nicht länger meine Heimkehr. Auch ohne euren Beistand finde ich den Weg aus diesem Dickicht.« Er wich einen Schritt zurück, um sich dem Pfade, auf dem er gekommen war, zu nähern, als sein Führer ihm schnell den Weg vertrat. »Wißt Ihr, was es heißt, die Rache der weißen Brüder herauszufordern?« fragte er zähneknirschend und mit der ganzen Wut eines fanatischen Sezessionisten; »wißt Ihr, was es heißt, sich nächtlicher Weise in Geheimnisse einzudrängen, die für den Nichteingeweihten – ha! für den Feind einer gerechten Sache gleichbedeutend mit dem Tode sind?« Er wollte fortfahren, als Gerhard, von dem Mut der Verzweiflung beseelt und unter Aufbietung seiner äußersten Gewandtheit auf ihn zusprang und ihm die Drehpistole aus den Gurt riß. Aber er hatte die Sicherheit des Blickes und die Schnelligkeit der Bewegung der Räuber unterschätzt. Außerdem war er selber zu wenig vertraut mit dem Gebrauch der Waffen; denn bevor es ihm gelang, den Hahn der Pistole zu spannen, hatte ihn ein heftiger Stoß zur Erde geschleudert und gleichzeitig neigten drei der Räuber sich über ihn hin und schnürten mit wunderbarer Gewandtheit seine Hände und Füße zusammen. Kaum zwei Minuten, und er lag so hilflos da, als hätte nicht mehr Leben und eigener Wille in ihm gewohnt, als in einem der Geröllblöcke am Fuße der Felswand. Sein Führer aber, derselbe, dem er die Waffe entrissen hatte, stand vor ihm, in der einen Hand die Pistole, in der andern einen lodernden Feuerbrand, während die übrigen Räuber seitwärts in eine Gruppe zusammentraten, mit rohen Scherzreden seinen Mut priesen und ihm viel Glück zur nächsten Reise wünschten. Geräuschvoll, wie sie miteinander verkehrten, entging ihrer Aufmerksamkeit, daß es ringsum in Strauch und Kraut leise raschelte, als ob Schlangen sich ihren Weg hindurchbahnten, oder ein Panther behutsam seine Beute umkreiste. Noch weniger bemerkten sie, daß hier und dort die breitblättrigen Pflanzen sich teilten, um wildglühenden, schwarzen Augen einen freien Durchblick zu gestatten. Kaum fünf Schritte befanden sich die nächsten von Gerhard entfernt, der, auf dem Rücken liegend, den letzten Gedanken an Rettung aufgab, und mit einer gewissen trotzigen Todesverachtung zu dem alten Sezessionisten emporschaute. »Daß du Hund von einem Deutschen mich hast beißen wollen,« höhnte dieser, mit dem Schloß seiner Pistole spielend, und zugleich beleuchtete er Gerhards bleiches Antlitz, »nun, das gereicht dir zur Ehre. Wenn ich dagegen nicht gutwillig oder ungestraft mich beißen lasse, so ist das eine andere Sache. Eigentlich hindert mich nichts, dir eine Kugel durch den Schädel zu senden, allein das sähe aus wie Rache an 'nem erbärmlichen Burschen für 'ne Dummheit. Außerdem warten wir auf jemanden, der dich vielleicht über dieses oder jenes befragen möchte, und ich erlebte noch nie, daß ein Toter den Mund zum Sprechen öffnete. Bis dahin aber will ich ungestört bleiben.« »Ich habe nichts zu beantworten, nichts mitzuteilen,« versetzte Gerhard trotzig, jedoch mit äußerster Kraft gegen ein ohnmachtähnliches Gefühl ankämpfend; »durch eine Schurkerei bin ich in eure Hände gefallen, und soll ich wirklich einem Mißverständnis, einem leeren Wahn geopfert werden, so baut fest darauf, daß mir ein Rächer erstehen wird.« »Gut gesprochen,« höhnte der Geselle des Mordclans weiter, »gesprochen wie 'n Mann, damit aber hat's ein Ende. Ihr seht das Stückchen See. Wohlan, in demselben wohnen Alligators genug, um Euch schneller von der Erde zu vertilgen, als Ihr ein Vaterunser zu beten vermögt. Nun betrachtet den scharfen Uferrand. Auf demselben werdet Ihr Euer Lager angewiesen erhalten und verdammt will ich sein, wenn ich mich 'nen Strohhalm darum schere, gleitet Ihr durch eigene Schuld zu den Bestien in den Pfuhl hinab.« Er hatte kaum ausgesprochen, als seine Genossen die teuflische Idee mit wildem Lachen begrüßten und sogleich zur Ausführung schritten. Fortgesetzt höhnend, ihn auch wohl spöttisch bedauernd, ergriffen sie Gerhard, und ihn nach dem Ufer hintragend, legten sie ihn so auf dessen äußersten Rand nieder, daß er, da ihm die Hände auf dem Rücken gefesselt waren, sich nur zu regen brauchte, um das Gleichgewicht zu verlieren und in die Tiefe hinabzurollen. Mit schadenfroher Berechnung berücksichtigten sie dabei, daß das Feuer in seinem Gesichtskreis blieb, es seiner Phantasie anheimstellend, den hinter ihm liegenden Pfuhl mit den grellsten Farben zu schmücken. Darauf begaben sie sich auf ihre Lagerstätte zurück, mit erneutem Eifer der weitbauchigen Flasche zusprechend und den Dampf der Tabakspfeife mit dem Rauch des vernachlässigten Feuers vereinigend. Minuten verrannen; für Gerhard entsetzliche Minuten. Mit äußerster Kraftanstrengung erwehrte er sich einer, durch körperlichen Schmerz und das Bewußtsein einer hoffnungslosen Lage erzeugten Betäubung, die gleichbedeutend mit seinem Verderben gewesen wäre. Angesichts eines unabweisbaren gräßlichen Endes wuchs seine Liebe zum Leben. Der Schweiß der Todesangst perlte ihm auf der Stirn, die Augen drängten sich aus ihren Höhlen, und während die Räuber sich geräuschvoll ihren, die letzte Spur von Menschlichkeit vernichtenden Genüssen hingaben, sah er mit Grauen dem Zeitpunkt entgegen, in dem er unter den Zähnen der Alligatoren, die den Höllenpfuhl scheußlich belebten, mit dem Leben abzuschließen haben würde. Plötzlich durchrieselte ihn Eiseskälte; ein Schrei wilder Verzweiflung schwebte ihm auf den Lippen, als er sich auf dem Rücken betastet fühlte. »Keinen Laut gebt von Euch,« tönte ihm gleichzeitig wie ein Hauch die Stimme Davids ins Ohr, der sich aus dem nahen Dickicht auf dem schroffen Uferabhange selber, Wurzeln und vorspringende Steine als Haltepunkte für Hände und Füße benutzend, bis zu ihm hingeschlichen hatte, »keinen Laut und keine Bewegung; aber späht scharf und versäumt nicht den günstigen Augenblick zur Flucht.« Gerhard seufzte tief auf. »Halt dich, Bursche!« rief ihm einer der Strolche zu, der offenbar den lauten Atemzug vernommen hatte – »auf deine Gesundheit und 'ne glückliche Heimfahrt!« Er hob die Korbflasche an die Lippen und vergessen war der Gefangene mit allen seinen Leiden. Gerhard dagegen fühlte einen kalten Gegenstand über seine Hände hingleiten und die Riemen unter der scharfen Schneide eines Messers sich lösen. Ebenso trennte ein Schnitt die Bande an seinen Füßen. Eine neue Warnung, seine Lage nicht zu verändern, erreichte sein Ohr, und angestrengt lauschend, unterschied er, wie David sich auf dem gefährlichen Wege wieder in das Dickicht zurückbegab. Hatte aber kurz zuvor Todesangst ihm fast übermenschliche Kräfte verliehen, so geschah es jetzt durch die neuerwachende Hoffnung auf ein glückliches Entkommen. Nur mit der linken Hand stützte er sich leicht auf den Uferrand; sonst verhielt er sich regungslos, als ob die Fesseln noch immer sein Fleisch schmerzhaft zusammengeschnürt hätten. Wiederum verstrich eine Weile. Die tolle Laune der Räuber steigerte sich fortgesetzt. Niemand achtete darauf, wie es in dem nahen Gebüsch rauschte, als ob jemand beim Vordringen die hindernden Zweige zur Seite gebogen habe. Erst als Else aus dem Dickicht in den Schein des Feuers trat, verstummten alle, und starr, wie ihren Sinnen nicht trauend, blickten sie auf die geisterhafte Erscheinung der Unglücklichen hin. Lebten sie doch der Überzeugung, daß sie gemeinschaftlich mit dem zu ihrer Beseitigung ausgeschickten Mörder ihr Ende in den schlammigen Fluten des Alligatorsees gefunden habe. Nur der Sezessionist, welcher Gerhard geführt hatte, war emporgesprungen, und die Pistole aus dem Gurt ziehend und deren Hahn spannend, nahm er eine Stellung an, als hätte er sich eines furchtbaren Feindes erwehren wollen. Else, trotz des unbeschreiblich leidenden Zuges in ihrem bleichen Antlitz, der fast ausdruckslosen Augen und der schadhaften Bekleidung, noch immer eine gleichsam zu Tränen rührende Schönheit, strich das lang niederwallende Haar von ihren Schläfen zurück. Die grelle Beleuchtung der Flammen schien sie zu blenden, denn sie beschattete ihre Augen mit der Hand; dann sandte sie einen verwunderungsvollen Blick im Kreise herum. »Ihr seid Teufel,« sprach sie sanft, »böse Geister, die das Wachsen meines Magnoliabäumchens gewaltsam unterdrücken. Ihr seid Teufel, die nur ihre Gestalt verwandelten. Wo sind eure Roben und Kappen, geschmückt mit dem Abzeichen der Hölle? Wo ist Highway, der mit Mohnkörnern spielt und sie schutzlosen Mädchen zum Schlaf auf die Augenlider streut?« »Satanshexe!« schrie der alte Sezessionist, der nunmehr die Überzeugung gewonnen hatte, nicht den Geist einer Gemordeten, sondern ein Wesen von Fleisch und Bein vor sich zu sehen. »Satanshexe!« wiederholte er kaum verständlich vor Wut, und er erhob die Pistole nach dem Haupt der ihn furchtlos anlächelnden Irren, »mir sollst du nicht entrinnen, denn du bist es, welche die Spione auf unsere Fährten – Er senkte die Waffe; selbst er, der verhärtete Bösewicht, mußte sich beugen vor dem Jammerbilde der durch ein unerhörtes Verbrechen in geistige Nacht unheilbar gestürzten Unschuld. »Ihr habt keine Gewalt über mich,« fuhr Else sogleich wieder fort, »auch nicht über ihn,« und sie wies nachlässig auf Gerhard, »zu viele Freunde beschützen mich; nur meines Willens bedarf es, um euch dahin zurückzuscheuchen, von woher ihr gekommen seid. Meine Freunde aber sind schuppig und schlafen im heißen Moorgrunde, bis meine Stimme sie wachruft –« »Hängen will ich, wenn dahinter kein Verrat steckt!« fuhr einer der beim Feuer kauernden Räuber nunmehr empor. Fast gleichzeitig erscholl aus verschiedenen Richtungen das künstlich nachgeahmte eigentümlich zischende Hauchen, mit dem der gereizte Alligator seinem Feind begegnet. Von der etwa dreißig Fuß hohen Felswand aber wurde dieses Signal durch mehrstimmiges gellendes Lachen beantwortet, das die Clansknechte völlig verwirrte. »Hinunter mit dem Burschen!« schrie der alte Sezessionist auf, indem er auf Gerhard zusprang, um ihn durch einen Fußtritt von dem Uferrande zu senden, »greift die Hexe!« brüllte ein anderer, indem er eine Bewegung machte, über das Feuer fort sich Elses zu bemächtigen. Ihr Ruf aber erstarb in dem Gepolter, mit dem ein Haufen Gerölle, begleitet von neuem gellenden Lachen, von der Felswand in das Feuer, es zerstäubend und verlöschend, niedergesandt wurde. Mehrere Steine trafen den über das Feuer hinwegsetzenden Räuber, daß er zu Boden stürzte. Dunkle Gestalten huschten über die plötzlich in Nacht gehüllte Lichtung. Niemand wußte, wer Freund oder Feind war, gegen wen er seine Waffe erheben sollte. Gerhard war emporgesprungen; er sah, wie ein Mann zwischen ihn und den ihn bedrohenden Sezessionisten hinglitt, er sah diesen unter einem gewaltigen Keulenschlage zu Boden sinken und während des Sturzes noch einmal seinen Revolver blindlings abfeuernd. Bei der flüchtigen Beleuchtung des Schusses erkannte er das wildverzerrte Antlitz Highways, der, von seinen Genossen längst erwartet, eben auf die Lichtung treten wollte und wieder zurückprallte. Dann fühlte er sich bei der Hand ergriffen und fortgezogen, zugleich vernahm er die Stimme des Mannes, der seine Stricke durchschnitten hatte. »Fort, fort!« flüsterte dieser, ihn hinter Else in einen Wildpfad hineindrängend, worauf er sich ihm anschloß, wie um beide gegen ihre Verfolger zu verteidigen. Auf der Lichtung krachten neue Schüsse und ertönten wilde Flüche, indem man sich eines unsichtbaren Feindes zu erwehren suchte. Als dann endlich die Besonnenheit zurückkehrte und das Feuer wieder emporloderte, da herrschte ringsum, auf der Felswand wie im Dickicht, eine so tiefe Stille, als ob noch nie der Fuß eines Menschen jenen Ort betreten habe. Sogar die vereinzelten Alligators, erschreckt durch die Schüsse, hatten sich in ihre Schlammbetten zurückgezogen. Gerhard, geführt von David und Else, befand sich um diese Zeit so weit abwärts, daß er eine Verfolgung nicht mehr zu befürchten brauchte. Unter seinen Füßen fühlte er feuchten, schwammigen Boden. Es war derselbe Pfad, welchen Else, einen weiten Umweg vermeidend, eingeschlagen hatte, um, dem Rate ihrer farbigen Freunde blindlings gehorchend, diesen die Kunde von Gerhards gewaltsamer Entführung zu überbringen und sich an der mit schlauem Bedacht eingeleiteten Rettung zu beteiligen. Eine halbe Stunde später wurde er von der dunkelfarbigen Gesellschaft an einem Orte willkommen geheißen, der für jeden Fremden unzugänglich war. »Glaubt Ihr jetzt, daß Ihr sicherer auf einem Faß mit Pulver säßet, und spielte der Sturm mit den Funken Eurer Pfeife, als auf Highways Plantage?« fragte ein junger Neger, der Enkel von Androklus, nachdem sie sich auf ein Bündel Schilf niedergelassen hatten. Gerhard blickte schweigend in das düstere Gesicht seines Retters, jenes jungen Mannes, den er David nennen hörte. Zu mächtig wirkten in ihm die Eindrücke, denen er während der letzten Stunden unterworfen gewesen. »Ohne den Beistand des armen Mädchens wäret Ihr schwerlich gerettet worden,« fuhr David träumerisch fort, und mitleidig blickte er nach dem Feuer hinüber, vor dem eine Anzahl Farbiger mit sichtbarer Andacht Elses seltsamen Kundgebungen lauschte; »es ist wunderbar, wie die Ärmste, sobald man auf ihre Ideen eingeht, sich gefügig und scharfsinnig zeigt.« Er lachte unsäglich bitter. »Doch was hilfts? Durch dieses Nachgeben verschaffe ich ihr wohl eine gewisse Befriedigung, es gelingt mir wohl, ihren Geist zeitweise zu fesseln, allein nicht den erloschenen Funken der Vernunft wieder dauernd anzufachen.« Er schüttelte sich, wie eine böse Vision von sich abwehrend, dann fuhr er ruhiger fort: »Oft erscheint es mir als ein Verbrechen; aber ich kann nicht anders, in meiner Teilnahme für sie – nun, 's wird wohl vorbei sein, nachdem es uns gelungen, Euch wohlbehalten von hier fortzuschaffen.« »Eine schwierige Ausgabe bei der Wachsamkeit der erbitterten Feinde,« versetzte Gerhard dumpf. »Und doch dürft Ihr hier nicht bleiben, oder die Pestluft vollbringt, was Eure Feinde vergeblich erstrebten. Ihr sucht Ellenborough?« »Ich muß ihn sehen.« »Er weilt in der Nachbarschaft, wie ich durch den alten Androklus erfuhr; wo er seinen Wohnsitz aufgeschlagen hat, wurde dagegen noch nicht ausgekundschaftet. Morgen vielleicht oder übermorgen erhalte ich indessen neue Nachrichten.« »Die arme Else,« bemerkte Gerhard nach einer längeren Pause tiefen Sinnens, »was wird ihr Ende sein? Wie wird es ihr gelingen, bei dem krankhaften Vertrauen in ihre Unverletzbarkeit und bei ihrem unsteten Wesen und rastlosen Umherstreifen sich ferneren Nachstellungen zu entziehen?« »Wir wachen über sie,« beruhigte David mit einer ernsten Innigkeit, in der sich eine Welt der Teilnahme und der Besorgnis offenbarte. Gerhard neigte das Haupt auf die emporgezogenen Knie. Eine unbesiegbare Schwermut bemächtigte sich seiner. Wohin er blicken, wohin er denken mochte, überall Kummer und Herzeleid, überall Schwierigkeiten und Gefahren. Die Nacht schritt vor. David, der neben ihm saß, hatte es aufgegeben, ein neues Gespräch mit ihm anzuknüpfen. Er mochte ahnen, was in der Seele seines Gastes vorging. Schweigend begab er sich zu einer Gruppe harmlos plaudernder Genossen hinüber, sich alsbald an deren Unterhaltung beteiligend und derselben einen ernsteren Charakter verleihend. Seine Blicke ruhten dabei fast unablässig auf Else, welche im vollen Scheine des Feuers saß und aus grünen Binsen ein zierliches Blumenkörbchen flocht. Die Atmosphäre war lau, sogar schwül. Wetterleuchten spielte ringsum am schwarzen Horizont. Es war wie das Blinzeln eines müden, vergeblich gegen Schlafsucht ankämpfenden Himmels. Bald hier, bald dort prüfte ein Riesenfrosch seine brüllende Stimme. Ihm antworteten im Chor Unken und Laubfrösche, wie im Vorgefühl kommenden Regens. Gerhard hatte sich auf seinem duftenden Lager gedörrten Schilfgrases ausgestreckt. Die Blicke auf den gestirnten Himmel gerichtet, lauschte er mechanisch auf die summenden Stimmen der Farbigen, auf die fremdartigen Töne der zur Nachtzeit regen Tierwelt. Siebenundzwanzigstes Kapitel. Die Wanderung aufs Land. Vier Nächte war Gerhard, geführt von David, gewandert, und drei Tage hatte er in den Schlupfwinkeln der Farbigen gerastet. Denn wie die aus dem Kriege hervorgegangenen heimlichen Feinde der Ordnung und zu gräßlichen Taten Verschworenen, so wußten sich auch diejenigen zu finden, die aus der Sklaverei den Haß gegen ihre früheren Gebieter mit in die Freiheit hinübergenommen hatten, dagegen, ähnlich den vertriebenen Bewohnern eines zerstörten Wespennestes, die Verbindung mit der alten Heimat nicht ganz aufzugeben vermochten. Wie mit Ketten festgeschmiedet, weilten sie in der Nähe der Stätten, auf welchen, wenn auch als verkäufliche Ware, sie die einzige sorglose Zeit ihres Lebens, die Tage der Kindheit verlebten, oder einen ihren Rasseneigentümlichkeiten entsprechenden Liebesfrühling feierten. Aus den unterwürfigen Sklaven, welche das Selbstvertrauen nicht besaßen, Arbeit suchend sich den nördlichen Distrikten zuzuwenden, waren zum Teil Müßiggänger geworden, welche sich berechtigt hielten, für die langen Jahre der Sklaverei, für den Verkauf von Geschwistern, Gatten und Kindern sich an dem Eigentum ihrer früheren Herren schadlos zu halten. Sie bildeten eine Art von Raubbanden, gefährlich denjenigen, die sie für Feinde hielten, hingegen gern zu jeglichem Beistande bereit, wo sie vom Zufall mit Gesinnungsgenossen, gleichviel welcher Farbe, zusammengeführt wurden. So erreichte Gerhard endlich ein Landstädtchen, in dem Ellenborough gesehen worden sein sollte – Genaueres auszukundschaften war David nicht geglückt – und von wo aus er hoffte, seine Reise ungefährdet auf Eisenbahnen und Dampfschiffen nördlich fortsetzen zu können. In einem unscheinbaren Kosthause war er eingekehrt und hatte seit mehreren Tagen bereits die Stadt selbst wie deren Umgebung mühsam durchforscht, ohne auf die leiseste Spur des Gesuchten zu stoßen. Der Abend näherte sich und mutlos wandelte er durch die Straßen, als ein leichter Wagen, bespannt mit einem Pferde, seine Aufmerksamkeit fesselte. Ein dem Knabenalter noch nicht entwachsener Bursche saß auf der Kutscherbank und hielt Zügel und Peitsche. Gerhard mochte noch hundert Schritte weit von ihm entfernt sein, als aus dem nächsten Hause eine schwarzgekleidete Dame auf die Straße trat, um die eben erstandenen Waren zu dem Kutscher auf die Bank zu legen. Kaum aber hatte er die Fremde erblickt, als er, wie vom Blitz getroffen, stehen blieb und starr zu ihr hinüberschaute. »Esther!« entwand es sich seinen Lippen; ihm fehlte die Kraft, der Mut, laut zu rufen. Es erfüllte ihn die Besorgnis, die ihm so vertraute Erscheinung vor seinen Blicken zerrinnen, sich bei der nächsten Bewegung in eine Unbekannte verwandeln zu sehen. Erst als sie im Begriffe war, das Gefährt zu besteigen, kehrte sie ihm ihr Antlitz zu; es war in der Tat das Antlitz seiner geliebten Esther, jedoch abgehärmt und bleich. Wiederum wollte er rufen, aber gleichsam erstickt unter der Wucht der auf ihn einstürmenden Empfindungen versagte ihm die Stimme. Nur seine Arme vermochte er auszustrecken, dann blieb er wieder wie von Todeskälte durchschauert stehen. Seine Esther war es wohl, deren Blicke einige Sekunden fest, jedoch mit ersterbendem Ausdruck auf ihm ruhten, seine Esther, deren Hand den zum Ersteigen des Gefährtes dienenden Griff verfehlte, daß sie mit schwankender Bewegung einen Schritt zurücktrat, und doch war sie es nicht. Denn sie, mit der er so unzählige Male heiße Schwüre ewiger Liebe und Treue austauschte, die ihm angelobte, unter allen Verhältnissen und in allen Lebenslagen nur ihm angehören zu wollen, sie hätte bei seinem Anblick nicht den schwarzen Schleier niedergezogen, hätte nach langer Trennung nicht mit so viel Sicherheit den Wagen bestiegen, nicht gleichmütig sich von ihm abgekehrt und auf der Bank Platz genommen, nicht so hastig dem jugendlichen Kutscher einige Worte zugeraunt, auf welche dieser heftig auf das zusammenschreckende Pferd einhieb, daß es in eine Gangart verfiel, welche jeden Gedanken an Einholen für einen Fußgänger vollständig ausschloß. Nein, seine Esther hätte es nicht über sich gewonnen, ihm auch hier auszuweichen, nicht widerstanden, als er sie laut bei Namen rief, als sie wohl gar das Geräusch seiner schnellen Schritte vernahm, indem er ihr nacheilte! Sie hätte dem Burschen die Zügel entrissen und selbst das Pferd zum Stehen gebracht! Sie hätte ihm die Arme entgegengebreitet, um ihn an ihr Herz zu ziehen, an seiner Brust auszuweinen allen Gram über die lange Trennung, ihm zu danken unter Tränen, daß er sich durch keine Hindernisse, weder durch Entfernungen noch durch Gefahren hatte zurückhalten lassen, ihren Spuren zu folgen, bis er sie endlich wieder in seinen Armen hielt, ihr in die lieben treuen Augen schaute, welche sonst nur gewohnt gewesen, ihm heiter zuzulächeln. Nein, seine Esther war es nicht; das sagte er sich, als er, wie vom Donner gerührt, atemlos dem enteilenden Fuhrwerk nachspähte. Und dennoch: Weshalb schien die aufrechte Gestalt, nachdem sie sich eine Strecke entfernt hatte, plötzlich zusammenzubrechen, weshalb – er glaubte es deutlich zu erkennen – neigte sie ihr Haupt und schob sie von der Seite ein weißes Tuch unter ihren Schleier? Wie erstarrt blickte Gerhard dem Wagen nach, bis er bei einer Biegung des Weges hinter Baum und Strauch verschwand. Er betrachtete die von den Rädern erzeugte Staubwolke, welche noch lange nachher die von dem leichten Fuhrwerk eingeschlagene Richtung bezeichnete. Menschen kamen und gingen; er achtete ihrer nicht. Von dem staubigen Wege schweiften seine Blicke nach der Tür hinüber, aus der die rätselhafte Gestalt ins Freie getreten war, und in der nächsten Minute stand er vor dem Eigentümer des Ladens. »Eine junge Dame verließ eben dieses Haus«, fragte er befangen, »kann ich durch Eure Güte deren Namen und Wohnort erfahren?« Der Amerikaner betrachtete Gerhard, in welchem er sofort einen Deutschen erkannte, mit sichtbarem Unwillen vom Kopf bis zu den Füßen. Die den Sitten des den Damen eine Ausnahmestellung einräumenden Landes so wenig entsprechende Frage hatte seinen Grimm aufgestachelt. »Viele Damen besuchen mein Geschäft,« antwortete er mit zurückweisender Kälte, »und ebensoviele gehen wieder, ohne daß es mir einfiele, an eine derselben Fragen zu richten, welche kaum mit dem Anstand eines Gentleman vereinbar.« »Eine Verwandte glaubte ich zu erkennen«, stotterte Gerhard bestürzt, indem er sich der Tür wieder zu bewegte, »am wenigsten ahnte ich, durch mein Eindringen Ärgernis zu erregen.« »Nun, so gilt meine Lehre für die Zukunft«, versetzte der Amerikaner spöttisch, dann noch einen Blick in Gerhards Augen und er wandte sich einem andern Kunden zu. Niedergedrückt und mit einem schmerzlichen Gefühl trostloser Vereinsamung trat Gerhard auf die Straße hinaus. Der durch die Wagenräder emporgewirbelte Staub hatte sich gesenkt. Rötliche Beleuchtung lagerte in der Atmosphäre, auf Wald und Flur und auf den von der niedrigstehenden Sonne gestreiften Dächern. Ein Weilchen sann Gerhard über die eben erlebte Szene nach; dann kehrte er sich der Richtung zu, in welcher der Wagen davongerollt war. Langsam und die Augen auf die staubige Straße gesenkt, verfolgte er dann denselben, mechanisch die Spuren der Schraubenköpfe zählend, die der eine Radreifen des Wagens in dem nachgiebigen Erdreich ausgeprägt hatte. Jedesmal die achte Schraube fehlte, denn statt der durch den Kopf geschaffenen Vertiefung bemerkte er ein Hügelchen, erzeugt durch die leere Öffnung in dem Reifen. Sieben Vertiefungen und dann wieder ein Hügelchen, und so ging es fort und fort, bald im Schatten hoher Waldbäume, bald zwischen den landesüblichen Einfriedigungen hin, welche die Saatfelder gegen die Eingriffe des Viehes schützten. Weiter und weiter, sieben Vertiefungen und ein Hügelchen, und neben der unverkennbaren Fährte hin schritt Gerhard grübelnd und zählend die in regelmäßigen Zwischenräumen aufeinanderfolgenden Abzeichen in dem Geleise. Wohin die Spuren ihn führten, es kümmerte ihn nicht, nicht, wie weit er sich vom Städtchen entfernte. Vor seinen geistigen Blicken schwebte eine schlanke, schwarz gekleidete Gestalt, schwebte ein bleiches Antlitz mit teuren, vertrauten Zügen, ein Rätsel, dessen Lösung ihm einen Himmel reinsten Liebesglücks, aber auch einen Abgrund endloser Seelenqualen, eines verfehlten Erdendaseins bringen konnte. Sieben Vertiefungen und ein winziges Hügelchen! Immer weiter und weiter! Im Städtchen hatten die Spuren ihren Anfang genommen; auf irgendeinem Punkte mußten sie ihr Ende erreichen, und hätten sie den Kontinent in seiner ganzen Länge durchschnitten. Weiter und weiter, durch Haine, deren schlummerndes Echo nicht mehr kannte das Niedersausen scharfer Peitschenhiebe auf zuckendes Fleisch und farbige Haut; über Gefilde, welche prangend im lieblichen Schmuck grünender Saaten, verständlich erzählten von der Betriebsamkeit freier Arbeiter. Abendlicher Duft verschleierte die Fernsichten, umlagerte rosig die zerstreuten Farmen. In süßen Tönen klagte der prächtig gefiederte Kardinal, seine einfachen melancholischen Melodien wiederholte sanft die gesangsreiche Spottdrossel. Holder Friede überall, zum Chorgesang der Laubfrösche gesellte sich munter das Zirpen und Rasseln lebenslustiger Heimchen und großmäuliger Lokustgrillen, diese prahlerisch thronend aus einem hochgetragenen Baumblatt, jene eifersüchtig bewachend den Eingang zu ihrer mühsam geschaufelten Erdhöhle. Nicht mehr die wunderlich geschlitzten Blätter riesenhafter Bananenstauden und malerisch gewölbte Palmenwedel wiegten sich leise im kaum wahrnehmbaren Abendhauch, sondern flüsternd zog es durch die stolzen Wipfel der Eichen und Hickorybäume, flüsternd als hätte die sanfte Luftströmung ihnen liebliche Träume zugeführt von fernen Waldungen und fremdartigen, dicht ineinander verschlungenen Formen, hervorgerufen aus feuchtem, schwarzem Erdreich von einer exotischen Sonne. Sieben Vertiefungen und dann wieder ein Hügelchen! Immer weiter und weiter! Gerhard hörte nicht das Feiern der kleinen Tierwelt, nicht den Gesang der Spottdrossel und des Kardinals, sah nicht den rosigen Abendduft, nicht die lieblichen Schattierungen einer üppigen Vegetation. Die Blicke festgebannt auf die Radspur, wandelte er neben ihr einher. Sieben Vertiefungen und ein Hügelchen bezeichneten jedesmal eine Drehung des Rades, welches, gemeinschaftlich mit drei anderen, jene geheimnisvolle Gestalt davongetragen hatte, jenes Rätsel, von dessen Lösung – er fühlte es deutlicher, denn jemals – sein ganzes Lebensglück abhing. – Eine Stunde und darüber war er gewandert, die Sonne berührte bereits den oberen Rand der westlichen Waldung, als die Spuren von der Landstraße in einen schmaleren Seitenweg einbogen, der zwischen zwei Einfriedigungen einherlief und zur Vermittelung des Verkehrs zwischen den abgelegenen Farmen und der Stadt diente. Noch heute an sein Ziel zu gelangen, hatte Gerhard längst aufgegeben, denn höchstens eine Viertelstunde dauerte noch die volle Wirkung der scheidenden Sonne; allein jeden neuen Schritt betrachtete er als einen Gewinn, welcher ihm am folgenden Tage die Fortsetzung seiner Forschungen erleichterte, namentlich ihn über die innezuhaltende Richtung belehrte. Auf einem neuen Kreuzweg überzeugte Gerhard sich, daß der Wagen nicht abgebogen war. Dann aber, nachdem die Sonne gänzlich in die ferne Waldung hinabgetaucht war und das rötliche Zwielicht sich schnell zur grauen Dämmerung verdichtete, erreichte sein Spüren ein Ende. Denn ob die von dem feurigen Westen ausgehenden Strahlen sich bis zum Zenit hinauf ausdehnten, violette und rosenfarbige Wolkenschäfchen der Atmosphäre einen gewissen Grad von Helligkeit verliehen: nahe dem Erdboden verschwamm alles ineinander. Kaum daß der staubige Fahrweg sich von seiner Raseneinfassung unterschied. Ein Wagen kam von der Stadt herbeigerasselt. Bestürzt blieb Gerhard stehen. Er hoffte durch freundliche Vorstellungen Schonung für das gekennzeichnete Geleise zu erwirken. Doch wer hätte eines Fremdlings Bitten Gehör geschenkt, welche mindestens als eine spöttische Zumutung erschienen, zumal Leuten, die bei einem kräftigen Trunk sich verspäteten und das Versäumte durch erhöhte Eile einzuholen trachteten? Und beim Glase hatten sie sich verspätet, das bewiesen die drei oder vier Männer, welche auf dem polternden Farmerwagen saßen, jauchzend eine tolle Negermelodie in den stillen Abend hinaussangen, mit Peitschengeknall und gellendem Hurrah vorüberrollten und im Übermut dem einsamen Fußgänger eine glückliche Fahrt wünschten. Mit feindseligen Empfindungen blickte Gerhard dem Wagen nach. Hielten seine Räder doch so vorzüglich die Geleise. Die letzten Spuren der sieben Vertiefungen und des Hügelchens mußten vernichtet werden, und wer konnte wissen, wie lange es dauerte, bis jener Einspänner wieder einmal zur Stadt fuhr, und ob dann die dem Radreifen fehlende Schraube nicht längst ersetzt war! Ein Landhäuschen lag seitwärts vom Wege. Schon aus der Ferne war ihm beim scheidenden Tageslicht aufgefallen, wie es aus einer Obstbaumpflanzung so freundlich weiß über die angrenzenden Felder hinausschaute. Ein Vorgarten trennte es von der Landstraße. Ein kleines Stallgebäude schob sich nach hinten in den Obstgarten hinein. Gerhard wollte umkehren, als er einen Mann in der Haustür entdeckte, der an den Türpfosten lehnend, nach vollbrachtem Tagewerk zu rasten schien. Nur zwei Fenster auf der einen Seite der Tür waren erleuchtet. Transparente Vorhänge, geschmückt mit grellfarbigen Blumenguirlanden, verhinderten einen Einblick in das Zimmer. Deutlich aber gewahrte Gerhard von der Straße aus, wie ein Schatten sich zwischen Lampe und Vorhängen ab und zu bewegte. Er erkannte sogar eine weibliche Gestalt, schenkte ihr indessen keine größere Aufmerksamkeit, zumal deren Schatten auf den Vorhängen den wunderlichsten Verwandlungen unterworfen war. Müde trat er an den Gartenzaun, und sandte einen höflichen Gruß zu dem Manne in der Tür hinüber. Dieser dankte eben so höflich. Hätte Gerhard aber genauer auf den Schatten in dem Zimmer geachtet, so wäre ihm schwerlich entgangen, wie derselbe beim ersten Ton seiner Stimme sich plötzlich verlängerte, darauf verschwand, endlich wieder, jedoch nur in der unteren Ecke des Vorhanges, zum Vorschein kam und sich regungslos verhielt, als ob jemand neben dem Fenster Platz genommen und sein Haupt sinnend auf die Hände gestützt habe. »Kann ich durch Eure Güte erfahren, ob vor etwa einer Stunde ein einspänniger Wagen mit einer schwarzgekleideten Dame hier vorüberkam?« fragte Gerhard zaghaft, denn er gedachte der schnöden Abfertigung, welche ihm in dem Laden zuteil geworden war. »Wer möchte auf alle Wagen achten, die im Laufe des Tages diese Landstraße befahren?« hieß es zögernd zurück. »Vor höchstens einer Stunde,« wiederholte Gerhard, aufs neue enttäuscht, und von ungefähr hafteten seine Blicke auf dem Schatten, welcher sich noch verkleinert hatte und das Bild einer tief über ihre Handarbeit geneigten Hausfrau vor seine Seele rief. »Ich wüßte nicht, daß ich ihn gesehen hätte,« lautete die mit einem Ausdruck von Ungeduld erteilte Antwort. »Wohnt vielleicht in der Nachbarschaft ein Mann namens Ellenborough?« forschte Gerhard höflich weiter. Der Mann in der Haustür schien nachzusinnen, denn wohl eine Minute verrann, bevor er rauh erwiderte: »Ich hätte viel zu tun, wollte ich mit allen Menschen, die hier herum sich niederlassen, in näheren Verkehr treten. Ellenborough? Hm, der Name ist mir fremd; doch der Zufall führt zuweilen Leute zusammen. Schon morgen mag er mir begegnen; und wenn ich dann wüßte, woher Ihr kommt und was Ihr von ihm wünscht –« »Mein Anliegen ist nicht mit zwei Worten erledigt«, fiel Gerhard vorsichtig ein, »aber solltet Ihr ihn zufällig sehen, so würde genügen, wenn er erführe, daß jemand aus Europa dringend wünsche, ihn zu sprechen – Ihr könntet hinzufügen, in Familienangelegenheiten, und daß er in der Stadt in dem deutschen Kosthause Wohnung genommen habe. Noch eine Frage erlaubt mir: Der Name Kabel, ist er Euch bekannt?« »Kabel?« fuhr der Mann in der Haustür heftig auf, »und Familienangelegenheiten? Was habe ich mit einem Kabel oder sonstigen Fremden zu schaffen? Weder einen Kabel kenne ich, noch einen Ellenborough. Forscht Ihr aber nach diesen, so handelt Ihr weiser, es am hellen Tage von der Stadt aus zu tun, anstatt die Leute zur Nachtzeit zu belästigen.« Gerhard legte seinen Arm um der Geliebten Hals. »So verzeiht,« entschuldigte sich Gerhard, nunmehr vollständig eingeschüchtert, und er wendete sich, um zu gehen, als seine Blicke wieder die erleuchteten Fenster streiften. Der Schatten hatte sich aufgerichtet und schien in den Vorgarten hinauszulauschen, wie sich werdend an der unfreundlichen Kürze, mit welcher er von der Tür fortgewiesen wurde. »Gute Nacht!« rief er rückwärts. »Glückliche Reise!« tönte es ihm mit einem spöttischen Ausdruck nach.– »Ein wunderlicher Menschenschlag in diesem Lande«, seufzte Gerhard, indem er langsam den Weg nach der Stadt verfolgte, »überall wittert man Nebenabsichten; überall werde ich mit Mißtrauen begrüßt und argwöhnisch zurückgestoßen.« Schwerer legte es sich auf sein Gemüt. Der Gefahren, seitdem er denselben entronnen zu sein meinte, gedachte er kaum noch; allein sein letzter Jugendmut drohte zu brechen angesichts der zahlreichen Hindernisse, die sich fast mit jedem neuen Tage unübersteiglicher vor ihm auftürmten. Den vierten Teil seines Weges hatte er zurückgelegt, als er hinter sich den scharfen Trab eines Pferdes vernahm und bald darauf ein Reiter an ihm vorbeisprengte. Derselbe schien sehr große Eile zu haben und kaum vor sich auf den Weg, noch weniger auf einen einzelnen Fußgänger zu achten. Selbst am hellen Tage hätte Gerhard schwerlich in dem Manne mit dem finstern, wachsbleichen Antlitz den Generalbevollmächtigten der Kolonien wiedererkannt, wie derselbe seit der flüchtigen Begegnung in den Räumen der Zentrifugalbank seinem Gedächtnis vorschwebte. Er ritt dasselbe Pferd, welches vor wenig mehr als einer Stunde den Wagen zog, dessen Rad abwechselnd die sieben Vertiefungen und das Hügelchen in dem Straßenstaube ausprägte. Bevor Gerhard die Stadt erreichte – zehn Minuten Weges mochten ihn noch von den ersten Häusern trennen –, kam derselbe Reiter ihm wieder entgegen. Er ließ sein Pferd langsam gehen, als hätte er, von Besorgnis für einen Kranken zur Stadt getrieben, nach einem Besuche beim Arzte beruhigter den Heimweg angetreten. Das Haupt hatte er auf die Brust geneigt, wie jemand, der im Geiste weilt vor in weiter Vergangenheit ruhenden Ereignissen, vor mit Blumen geschmückten Gräbern und einem leeren Sarge. Bei demselben Kaufmanne war er gewesen, durch welchen Gerhard die herbe Zurechtweisung erfuhr. Nach kurzer Beratung mit ihm hatte er einen Brief geschrieben, welchen jener noch in derselben Nacht durch einen expressen zuverlässigen Boten pünktlich an seine Adresse abzusenden versprach. Dann war er ohne Säumen wieder aufgebrochen. Die Beruhigung aber, welche er von seinem Verfahren erhoffte, sie blieb ihm fern. Vergeblich wiederholte er in Gedanken die Worte des Briefes, welche darauf berechnet waren, jene weit zurückliegende Vergangenheit, von welcher er meinte, daß Gerhard sie als »Familienangelegenheiten« bezeichnete, aufs neue zu verschleiern und seine eigene Person für die Zukunft sicher zustellen: »Derjenige, welchen Ihr sucht, er weilt zurzeit in dieser Stadt«, lauteten die verhängnisvollen Mitteilungen; »möget Ihr diese Kunde als meinen letzten Euch geleisteten Dienst hinnehmen, aber auch als eine Bürgschaft betrachten, daß aus meiner ferneren ungestörten Zurückgezogenheit Euch keine Mißhelligkeiten erwachsen.« – Der arme Gerhard! Einen freundlichen Gruß bot er dem Reiter, ohne eine Antwort zu erhalten. Bitter lachte er vor sich hin. »Ich werde mich allmählich an alles gewöhnen,« tröstete er sich in Gedanken, und vergessen war der Reiter, vergessen die Unfreundlichkeit, mit der er vor dem einsamen Hause abgefertigt wurde, vergessen alles, bis auf die Zeichen in dem Wagengeleise. Achtundzwanzigstes Kapitel. Das Wiedersehen. Die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne trafen Gerhard bereits wieder unterwegs und weitab von der Stadt. Überall erkannte er die Merkmale, die er am vorhergehenden Abend beim Schein der sinkenden Sonne seinem Gedächtnis eingeprägt hatte. Lieblich glitzerten Haine, Felder und Wiesen im erquickenden Tau; frischer und lebenslustiger klangen nach der nächtlichen Ruhe die zahlreichen Stimmen der Natur; allein das, was er suchte, die Zeichen in dem Geleise, sie waren vernichtet, ausgelöscht durch Wagen, die desselben Weges gefahren waren. Niedergeschlagen bog er in den Weg ein, der sich im rechten Winkel von der Landstraße trennte. Das einsame Landhaus, vor dem er mit dessen Besitzer gesprochen hatte, lag vor ihm. Einen mißtrauischen Blick warf er auf die geschlossene Tür und die noch verhangenen Fenster; dann schlich er scheu vorüber, als hätte er neue verletzende Bemerkungen gefürchtet. Nur die eine Richtung konnte der rätselhafte Wagen auf einer langen Strecke innegehalten haben, und diese verfolgte er unermüdlich und doch so trostlos. Höher stieg die Sonne, den Tau von Halm und Blatt trinkend und demnächst heiß auf die friedliche Landschaft niederscheinend; doch Gerhard achtete nicht der zitternden Glut. Wo ein Weg sich abzweigte, da prüfte er ihn geduldig, wo eine Radspur sich von der eigentlichen Fahrbahn trennte, da suchte er mit Eifer nach den sieben Vertiefungen und dem Hügelchen. Es näherte sich die Mittagszeit, die Sonne neigte sich dem Westen zu. Bald aus der einen, bald auf der andern Farm sprach Gerhard vor, um sich durch einen Trunk zu erquicken oder an einer Mahlzeit zu beteiligen. Zuvorkommend beschrieb man ihm die Wege, auf welchen er in weitem Bogen wieder an die Stelle zurückkehren würde, von welcher er ausgegangen war; den Namen Ellborough oder Kabel kannte dagegen niemand. Noch weniger wußte man von einem leichten Einspänner und einer schwarzgekleideten Dame, wie er beides genau beschrieb. So traf ihn der Abend in weiter Ferne von der Stadt, und fand die aufgehende Sonne, nachdem er bei einem Farmer übernachtet hatte, ihn wieder unterwegs. Doch wie auf dem Hinwege, so auf dem Rückwege: seine Hoffnungen blieben unbefriedigt, ungestillt sein banges Sehnen. Es war am dritten Tage seines mühevollen Umherstreifens, als er wieder bei dem einsamen Landhause eintraf. Einen flüchtigen Blick warf er auf dasselbe; es schien ihm einen förmlich feindseligen Ausdruck zu tragen, und sich scheu abkehrend, spähte er über die sich vor ihm ausdehnende freundliche Landschaft hin. Plötzlich blieb er erschrocken stehen. Indem er die Augen senkte, begegneten sie in der von einem Wagen zurückgelassenen Fährte mehreren, durch die Beschlagschrauben ausgeprägten Vertiefungen. Er zählte: sieben Vertiefungen und ein Hügelchen; nicht mehr und nicht weniger, und immer abwechselnd in regelmäßigen Zwischenräumen. Nur auf der anderen Seite des Weges liefen die Spuren, ein sicheres Zeichen, daß der Wagen vor kurzer Zeit zur Stadt gefahren war, was durch die frischen Hufspuren eines einzelnen Pferdes noch besonders bestätigt wurde. Von bangen Ahnungen bestürmt, blickte Gerhard nach dem Landhäuschen hinüber. Es lag so still da, als ob es unbewohnt gewesen wäre. Die Haustür war verschlossen, verhangen waren die Fenster. Bebend vor Spannung schritt er den Spuren entgegen. Seine Ahnungen hatten ihn nicht getäuscht; sie führten durch ein angelehntes Torgatter und den Vorgarten an dem Häuschen vorbei auf einen von diesem und dem Stallgebäude gebildeten Hof. Genau erkannte er die Stelle, auf welcher der Wagen gestanden hatte und das Pferd eingespannt worden war. Zu den neu erwachenden Hoffnungen gesellten sich neue Befürchtungen, die seine Sinne zu verwirren drohten. Zagend spähte er um sich; aber nirgend entdeckte er die Spuren eines lebenden Wesens. Der Wagen schien alles entführt zu haben, um es nie wieder zurückzubringen. Sein Kopf brannte; fieberisch kreiste das Blut in seinen Adern. Die er vor drei Tagen, als man ihn von der Tür fortwies, vielleicht gefunden hätte, wo weilte sie heute? Schwankenden Schrittes begab er sich nach dem neben dem Statt befindlichen Pförtchen hinüber. Dasselbe war ebenfalls nur angelehnt. Es öffnete in einen Garten, in welchem Obstbäume sich zu Gruppen zusammendrängten, üppig wucherndes Strauchwerk und Weinranken sich zu schattigen Gängen und Lauben wölbten. Ein Bild des Friedens lag vor ihm, eine Szenerie, welche den Eindruck hervorrief, als ob in ihr nur ungetrübtes Glück habe wohnen können. Zierliche Schlinggewächse wanden sich an Bäumen und Pfosten hinauf und hinunter, lachende Blütenkelche schmückten die schmalen Beete zu beiden Seiten der Wege und Pfade. Dazu die glänzende Beleuchtung der sich westlich neigenden Sonne und die lautlose Stille, die nur durch das Summen der Bienen, Goldkäfer und funkelnden Kolibris unterbrochen wurde. Einem unwiderstehlichen Drange nachgebend, war Gerhard in den Garten eingetreten. Geräuschvoll fiel das seinen Händen entgleitende Pförtchen hinter ihm zu, und fast gleichzeitig wurde seine Aufmerksamkeit durch eine Bewegung vor ihm in dem Wege gefesselt. Eine schwarzgekleidete Gestalt, augenscheinlich erschreckt durch das von ihm erzeugte Geräusch, war aus einer Laube getreten, wo sie, wie ihrer letzten Lebenskraft beraubt, stehen blieb. Einige Sekunden starrte Gerhard in ein marmorbleiches, entsetztes und doch so liebes Antlitz; dann aber eilte er mit ausgebreiteten Armen nach vorn, und die in namenlosem Schmerz Dahinsinkende an sich drückend, bedeckte er die tränenleeren Augen mit heißen Küssen. »Esther, meine geliebte Esther,« flüsterte er, und Wehmut und Entzücken raubten ihm fast die Sprache, »warum bist du von mir gegangen? Ich habe dich gesucht seit jenem verhängnisvollen Tage, gesucht in wilder Verzweiflung! Esther, Esther, was verbrach ich an dir, daß du mich nicht erkennen wolltest? Was verbrach ich, daß deine Augen so seltsam blicken, dein Antlitz so bleich ist, kein Wort des Trostes mir von deinen Lippen entgegendringt?« Da löste Esther sich aus der stürmischen Umarmung, und einen Schritt zurücktretend, betrachtete sie Gerhard mit einem Ausdruck, so unbeschreiblich traurig und entsagend, daß dieser, wie in Vorahnung eines furchtbaren Unglücks, den Schlag seines Herzens stocken fühlte. »Ja, ich ging von dir,« tönte es endlich leise von ihren bebenden Lippen, während sie mit Gewalt eine ruhige Haltung erzwang, »ich ging von dir ohne Abschied, ohne dir die Richtung meines Weges zu sagen. Ich wollte von dir als eine Verlorene betrauert sein; denn Gerhard – die deinige kann ich nie werden – nein – niemals – und dies Geständnis, ich wollte es dir, ich wollte es mir selber ersparen. Nun aber, da du es weißt, kehre um. Gehe zurück zu den Deinigen. Erzähle ihnen von deiner ungetreuen Braut – erzähle ihnen von einem Mädchen, das zu sehr am eitlen Mammon hing, um sich, nachdem es selbst verarmte, noch mit einem ebenfalls mittellosen Manne zu verbinden. Ja, alles nur Denkbare erzähle, und wenn du jeden von meiner Unwürdigkeit überzeugtest, dann, ja dann kostet es dich gewiß keine Überwindung mehr, mich zu vergessen, wie auch ich dich vergessen werde.« Bei dieser, mit starrer Ruhe an ihn gerichteten Anrede griff Gerhard nach seinen Schläfen, wie um sie vor dem Zerspringen zu bewahren. Seine Augen erweiterten sich, indem er auf die hoch aufgerichtete Geliebte hinstarrte. Er meinte, sich unter dem Einfluß einer Sinnestäuschung zu befinden, konnte nicht glauben, den wahren Ausdruck von Esthers Empfindungen vernommen zu haben. Und dann die Selbstanklagen, die Spuren unsäglicher Seelenleiden auf dem teuren, abgehärmten Antlitz, und die großen treuen Augen, die gewaltsam gegen Tränen kämpften und vor tiefem Weh brechen zu wollen schienen. »Esther, heiß geliebte Esther,« hob er endlich wieder an, obwohl deren Haltung eine derartige war, daß er nicht einmal ihre Hand zu ergreifen wagte; »ein solches Wiedersehen, ich konnte es nicht ahnen, oder es wäre besser für mich gewesen, anstatt den drohenden Gefahren zu entrinnen, ihnen frei zu begegnen und mit der ungetrübten Erinnerung an dich in den Tod zu gehen. Und dennoch, Esther, was du sagen magst, wie du auch trachtest, mein Herz zu zerreißen, mir die furchtbarsten Qualen zu bereiten: ebensowenig wie es dir gelingt, dich selber zu täuschen, täuschest du mich. Ich lese es in deinen Zügen, in deinen Augen: du hast nicht gesprochen, was dein Herz dir vorschrieb. Du bist das Opfer schändlicher Intriguen geworden – ja, Esther, mit den hinterlistigsten Absichten hat man dein Gemüt vergiftet – und der Name und die Person Ellenboroughs, dieses Mitschuldigen einer verbrecherischen Gesellschaft, bürgen dafür –« Er sprang auf Esther zu, um sie zu unterstützen, die bei seinen letzten Worten, wie von einer Ohnmacht überwältigt, schwankte und zu Boden zu sinken drohte. Kaum aber hatte er sie berührt, als neues Leben sie durchströmte und sie, gewaltsam sich ausrichtend, vor ihm zurückwich. »Gehe,« sprach sie streng, doch schienen die Worte mit Widerstreben ihre Lippen zu verlassen, und Gerhards Blicke meidend, starrten ihre Augen ins Leere, »gehe, ich beschwöre dich bei allen Rückerinnerungen, die dir vielleicht noch heilig sind! Die mildeste Form wählte ich nur, die zwischen uns bestehende unübersteigliche Kluft vor dir zu enthüllen; ich wählte sie nach reiflichem Überlegen; denn nachdem ich dich in der Stadt erkannt hatte, blieb mir Zeit, mich für ein mögliches Wiedersehen vorzubereiten. Diese Form der Darstellung versagte indessen ihre Wirkung, und ich zürne dir deshalb nicht. Wohl aber bin ich dadurch in die Lage geraten – schwer, wie es mir werden mag, dich zu betrüben – um dich von der Unmöglichkeit einer erneuten Annäherung zwischen uns zu überzeugen, zu dem äußersten Mittel greifen zu müssen. Aber auch hierbei leitete mich die redliche Absicht, dich von einem leeren Wahn zu heilen, auf daß du in Zukunft meiner nur noch als einer – wohlwollenden Freundin gedenken mögest. So vernimm denn die Wahrheit, Gerhard,« und leiser klang ihre Stimme, blutleerer wurde das schöne Antlitz und regungsloser blickten die großen, tiefer in ihre Höhlen zurückgesunkenen Augen, »ja, die Wahrheit; bitter, wie sie anfänglich sein mag, sie wird ihre segensreiche Einwirkung auf dein Gemüt nicht verfehlen: »Heimlich ging ich von dir, weil ich nach ernster Prüfung zu dem Schlusse gelangte, daß meine Liebe zu dir nicht eine solche ist, wie sie zwischen der Gattin und dem Manne ihrer Wahl bestehen soll. Über eine innige Freundschaft gingen meine Regungen nicht hinaus.« »Heute sehe ich ein, daß ich mich an dir verging. Anstatt dich in Zweifel zu erhalten, wäre es meine Pflicht gewesen, ein offenes Bekenntnis vor dir abzulegen. Du hättest zurzeit den unvermeidlichen Kampf überstanden gehabt, hättest in der Heimat dir ein glückliches Los bereitet, anstatt unter Mühen und Gefahren über den halben Erdkreis hin einem trügerischen Phantom nachzujagen. Ja, Gerhard,« und ihre Stimme erhielt einen noch schwermütigeren Klang, »dies ist alles, was ich dir mitzuteilen habe, und ich denke, es ist genug, um dir das Entsagen kindischer Träume zu erleichtern, unserem Abschiede das Bittere zu rauben. Und Abschied voneinander nehmen müssen wir, Abschied auf ewig –« »So wären die Beteuerungen deiner Liebe falsch gewesen?« rief Gerhard klagend aus. Heftiges Zittern durchlief bei dieser Frage Esthers Gestalt, und zweimal öffnete sie die Lippen, bevor ein Ton sich ihnen entwand. »Falsch nicht,« hob sie kaum hörbar an, »nein, Gerhard, so unnachsichtig beurteile mich nicht; sie waren nur der Ausdruck – mißverstandener Regungen.« Eine neue Frage schwebte auf Gerhards Lippen; allein nach dem harten Schlage, der ihn betroffen hatte, schien die letzte Kraft ihn zu verlassen. Einen verzweiflungsvollen Blick senkte er in Esthers Augen; dann neigte er das Haupt tief auf die Brust, und wie von unbesiegbarer, seinen Geist umnachtender Erschöpfung befallen, schwankte er in die nahe Laube, wo er sich auf die Bank niederließ und das Antlitz in beide Hände vergrub. Kaum aber hatte er Platz genommen, als Esther vor ihm auf der Erde kniete, ihre Arme um seinen Hals schlingend und sein Haupt zu ihrem Antlitz niederziehend. »Gerhard, teurer Gerhard,« schluchzte sie krampfhaft, während heiße Tränen ihren Augen entströmten, »es übersteigt meine Kräfte, dich so von mir scheiden zu sehen, in einer solchen Stimmung und in solchem Glauben über mich! Verzeihe mir, Gerhard, wenn ich dich täuschte! Denn nie, nie habe ich aufgehört, dich zu lieben – und was ein böses Verhängnis über uns beschlossen haben mag – nie werde ich aufhören, dich mit ganzer Seele zu lieben!« Neues Schluchzen erstickte ihre Stimme und fester zog sie Gerhards Antlitz an das ihrige, der wieder, wie aus einem schweren Traum zu einem Leben des Entzückens erwachend, seine Arme um der Geliebten Hals schlang, als hätte nunmehr keine Macht der Erde ihm die Teure zu entreißen vermocht. Feierliche Stille herrschte in der Laube; heilige Minuten verrannen den beiden Herzen, indem sie sich gleichsam ineinander ergossen. Keine neue Frage wurde laut, keine Erklärung. Das Bewußtsein ewiger, unvergänglicher Liebe erfüllte beide. Nicht mehr die tändelnden, in der Bewahrung ihres holden Geheimnisses überglücklichen Gemüter waren es, die auf verstohlenen Spaziergängen den Himmel bereits auf Erden gefunden zu haben meinten und übermütig hadernd das Geschick vermessen gegen sich herausforderten, sondern zwei durch die an sie herantretenden schweren Prüfungen geläuterte und von tiefem Ernst durchschauerte Seelen, welche fühlten, daß sie zueinander gehörten durch die Bande unverbrüchlicher Zuneigung, gekeimt auf dem verheißenden Boden kindlich rosiger Träume und kindlich kühnen Hoffens. Minuten entflohen, feierliche Minuten! Tränen der Wehmut und des Entzückens rannen. Es begegneten sich die warmen Pulsschläge, es begegneten sich die warmen Lippen im süß berauschenden, langen Kuß. – Auf der Außenseite des Gartens an der dicht verschlungenen Hecke hin, die beinahe an die Rückwand der Laube stieß, regte es sich leise, indem ein Fuß sich behutsam seinen Weg durch das dicht und hoch hinausragende Unkraut bahnte. Ein Mann stellte sich in der Nähe der Laube auf, sorgfältig darauf achtend, daß jeder zufällige Blick achtlos über ihn hingleiten mußte. Das hagere, erschreckend fahle Antlitz mit dem ergrauten Vollbart und der langen in diesen verlaufenden Narbe hatte der geheimnisvolle Lauscher dicht an die Hecke gelegt; seine Augen glühten, indem er durch das Blätterwerk hindurch einen Anblick der ahnungslos in der Laube Sitzenden zu gewinnen suchte. – In demselben Augenblick, in welchem er in seinem Einspänner von der Stadt kommend, von der Landstraße in den Seitenweg abbog, hatte Gerhard die seit Tagen gesuchte Spur entdeckt und aufgenommen. Befremdet hielt er das Pferd an. Sobald er aber gewahrte, daß Gerhard im Vorgarten verschwand, ergriff ihn fieberhafte Unruhe. Ihn, welchen er für einen ihm nachstellenden Feind hielt, an einer Zusammenkunft mit Esther zu hindern, war es zu spät. Aber belauschen konnte er ihn in seinem Verkehr mit ihr, um zu ermessen, inwieweit sein störrisches Suchen nach ihm in Beziehung zu seiner Vergangenheit stand, inwieweit seine Worte geeignet, das ohnehin schon so tief gebeugte Gemüt eines Engels der Liebe und der Versöhnung zu vergiften. Schnell schwang er sich vom Wagen, und die Zügel über den nächsten Einfriedigungspfosten werfend, begab er sich nach dem Landhause hinüber. Er traf in dem Augenblick ein, in welchem Gerhard die Gartenpforte öffnete. Seine Bewegung belehrte ihn, daß er Esthers ansichtig geworden, und jeden Fuß breit des kleinen Grundstücks genau kennend, gelangte er unentdeckt bis in die fast unmittelbare Nähe der beiden jungen Leute. Sein nächstes Gefühl, als er beobachtete, wie Esther vor dem verzweifelnden Geliebten auf die Knie sank und von diesem mit schmerzlichem Entzücken in die Arme geschlossen wurde, war das eines freudigen Erstaunens. Dann aber ergriff ihn, wahres Grausen. Lange hatte Esther sich in seiner Begleitung befunden, lange Monate, ohne ein Wort der Klage oder des Vorwurfs, trotzdem sie seinetwegen ein Verhältnis jäh abbrach, von dem sie ihr ganzes Lebensglück erhoffte. Obwohl dahinsiechend, wie eine von tötlichem Hauch berührte Frühlingsblume, hatte sie nie mit einer Silbe des ihr ganzes Sein vernichtenden Opfers erwähnt, das sie meinte einer traurig gebieterischen Pflicht darbringen zu müssen. Was die Farbe auf ihren Wangen bleichte, ihre guten Augen trübte, das schrieb er allein den Umständen zu, welche er selbst ihr gegenüber nicht zu berühren wagte. Nun aber, da er sie in den Armen desjenigen sah, der trotz seiner bescheidenen Mittel, trotz der ihn von allen Seiten bedräuenden Gefahren sie über alle Hindernisse fort zu finden wußte, desjenigen, der augenscheinlich weder seine früheste Vergangenheit ahnte, noch von irgendeinem feindlichen Gedanken gegen seine Person geleitet wurde, nur einzig und allein den alles überwindenden Einflüssen seiner Liebe zu Esther nachgab, kam es über ihn, als ob ein Heer von Furien ihn umringt, mit geschwungenen Geißeln sich bereit gehalten hätte, über ihn herzufallen, ihn zu hetzen und zu jagen über den ganzen Erdball, bis er endlich eine Stätte gefunden, auf der er unter einem Grabhügel in einem leeren Sarg ihrer Wut würde entschlüpfen können. Solche Empfindungen waren es, die seinen Atem verkürzten, den Schlag seines Herzens lähmten, den letzten Blutstropfen aus seinem Antlitz trieben und ihn so starr, so verzweiflungsvoll in die Laube hineinspähend machten. Die enteilenden Minuten, sie waren ihm eine Ewigkeit, für Gerhard und Esther dagegen ein flüchtiger Sonnenblick aus den lichten Höhen eines ungetrübten Liebeshimmels. Nur wenige Minuten, und aus ihrem wehmütigen Entzücken erwachten sie zu einer bitteren Wirklichkeit, erwachte Ellenborough zu neuen Folterqualen. »Du weißt jetzt, wie ich denke,« hob Esther endlich wieder an, als hätte in der kurzen Umarmung der Inhalt eines ganzen Buches gelegen, und sich von der Erde erhebend, setzte sie sich neben Gerhard, willig duldend, daß er seinen Arm um sie legte – »Du weißt, wie ich denke, und was auch immer Schmerzliches zwischen uns zur Sprache gebracht werden muß, das Bewußtsein gegenseitiger unvergänglicher Liebe wird uns fortan zum Trost gereichen, wird uns stärken, das Unvermeidliche zu ertragen.« »Das Unvermeidliche?« verlieh Gerhard seinen aufs neue erwachenden schwarzen Ahnungen klagend Ausdruck, »haben wir uns nicht gefunden, um uns nie mehr voneinander zu trennen?« Esther seufzte tief auf. Es wurde ihr so schwer, so unendlich schwer, Gerhards kaum ins Leben getretenen Glauben an ein neues Morgenrot des Glückes wieder jäh zu vernichten. »Das Unvermeidliche,« bestätigte sie leise und zögernd, »ja, du getreuer Gerhard, das Unvermeidliche, welches uns Opfer auferlegt, wie sie nicht schwerer erdacht werden können. O, glaube mir« – und obwohl ihre Augen sich umflorten, die jüngst entflammte Röte auf ihren Wangen erlosch, erhielt ihre süße Stimme doch wieder einen Anflug jener gleichsam mütterlichen Verständigkeit, wie sie dem armen Gerhard aus früheren, glücklicheren Tagen unvergeßlich – »die Kluft, die uns voneinander scheidet, sie ist unübersteiglich – nein, nein, du lieber Gerhard, sei ein Mann – laß mich aussprechen und tröste dich, wie ich selber mich zu trösten suche – kein Wort sagte ich zuviel, als ich bei unserm ersten Wiedersehen dich barsch zurückwies. Ich war nur im Zweifel, wie es mir gelingen würde, die vor mir liegende Aufgabe zu erfüllen. Ich versuchte, dich zu täuschen; ich wollte lieblos, falsch erscheinen, wollte dich gegen mich erbittern; als ich aber sah, wie dieser Schlag dich niederschmetterte, der du doch zum Zweck unserer Wiedervereinigung Übermenschliches leistetest, da sank mir der Mut. Der Gedanke, von dir verkannt zu werden, war mir unerträglich, doppelt unerträglich, weil es, so lange ich dich kenne, mein holdester Traum gewesen, dir dereinst anzugehören. Ja, Gerhard, ich fühlte, daß es besser sei; wenn keine Zweifel zwischen uns schwebten, und daher zeigte ich mich ganz so, wie ich im Grunde meines Herzens bin: als deine dich ewig liebende, getreue Esther. Doch nun sei auch du verständig und beschwere mein Herz nicht noch mehr dadurch, daß du widerstandslos dich einer wilden Verzweiflung hingibst, durch welche nichts geändert werden würde.« Tief holte sie Atem. Neue Kräfte sammelnd, blickte sie einige Sekunden vor sich zur Erde, dann fuhr sie mit sichtbarer Anstrengung fort: »Wir müssen uns trennen nach diesem kurzen Wiedersehen, trennen, um nie wieder – nein, es wäre zu hart – vielleicht im hohen Alter erst – als treu anhängliche Freunde einander zu begegnen –« »Esther!« fiel Gerhard förmlich betäubt ein, denn gerade die von einer unendlichen Liebe zeugenden Worte trafen ihn am vernichtendsten, »was oder wer kann zwischen uns treten, zum leeren Schall herabwürdigen die Beteuerungen unwandelbarer Treue, die wir so oft, so unzählige Male austauschten?« »Als einen Beweis deiner Anhänglichkeit und deines Vertrauens verlange ich von dir,« bat Esther mit bewegter Stimme, indem sie sich fester an den Geliebten anschmiegte, »daß du nicht fragst nach den Gründen, die mich in meinem Entschlusse dir gegenüber bestimmen. Sei überzeugt, daß sie heiliger Natur sein müssen, um mich zu einer so herben Entscheidung zu zwingen; sei aber auch überzeugt, daß weder ich, noch du, noch irgendein anderer Mensch der Welt sie zu beseitigen vermag –« »Ellenborough,« rief Gerhard bestürzt aus, und er drückte Esthers Hand leidenschaftlich, »Ellenborough ist die Ursache! Kein anderer Sterblicher war imstande, einen derartigen Zwang auszuüben, als derjenige, der die geheimnisvolle Macht besaß, dich aus deiner Heimat, von allen, welche du liebtest und die dich liebten, fortzuschleppen!« »Frage nicht nach Gründen, frage nicht nach Personen oder den Verhältnissen, die mich an Ellenborough fesseln,« versetzte Esther fast tonlos, daß es Gerhard durch die Seele schnitt, vertraue mir, wenn ich mich darauf berufe, daß eine entsetzliche Notwendigkeit uns scheidet, daß ich ein Verbrechen an dir beginge, ließe ich mich dennoch aus Liebe zu dir zu unüberlegten Schritten hinreißen.« »Er hat ein fluchwürdiges Mittel ersonnen, dich an seine Person zu binden!« hob Gerhard wieder heftig an, und Tränen der Wut drangen ihm in die Augen, »kein anderer als Ellenborough, der Menschenhändler, Ellenborough, der Mitschuldige schurkischer Spekulanten, der Genosse von Räubern –« »Halt ein, Gerhard!« rief Esther laut aus, ihre Hände flehentlich auf des Geliebten Brust faltend, und wilde Verzweiflung leuchtete aus ihren sonst so milden Augen, »weshalb jemand schmähen, der nicht imstande ist, sich zu verteidigen? Warum Anklagen erheben, von den man nicht weiß, ob sie gerechtfertigt sind, ob sie nicht bösartig erfunden –« »Zu seinem Verteidiger wirfst du dich auf,« fiel Gerhard vorwurfsvoll ein, »zum Verteidiger desjenigen, der, von einem feindlichen Geschick begünstigt, sich als ein verkörperter Fluch zwischen uns drängte?« »O Gerhard, teurer Gerhard!« nahm Esther schnell das Wort, und wiederum auf die Knie sinkend, zog sie aufs neue sein Haupt an sich, »hier liege ich vor dir im Staube, dich anflehend, nicht weiter forschend in mich zu dringen, mir, deiner dich ewig liebenden Esther, zu vertrauen, wenn ich unsere Trennung als eine von den Verhältnissen gebotene hinstelle; wenn ich beteuere, daß ich selber unter diesem bösen Verhängnis am meisten leide, daß ich tausendmal lieber mich ins Grab gelegt hätte, als ein Verhältnis zu lösen, von dem ich meine irdische Seligkeit erwartete! Du siehst, wie Verzweiflung mich ergreift, wie ich leide unter der eisernen Notwendigkeit! Doch du ahnst nicht, wie viel ich schon gelitten habe und fortan noch leiden werde; denn das Glück, auf welches ich an deiner Seite hoffte, ach, Gerhard, es ist dahin auf Nimmerwiederkehr, dahin unwiderruflich, auf ewig! Bei den Seelenqualen aber, die ich erdulde, teurer Gerhard, beschwöre ich dich: höre auf, einen Abwesenden zu schmähen, ihm zu fluchen – er kann sich ja nicht verteidigen; und hätte er etwas begangen, was deinen Unwillen verdiente, bedenke, wir sind alle Menschen, und mancher findet für einen begangenen Fehltritt schon in sich selbst eine Strafe, härter und grausamer, als solche von irdischen Richtern erdacht werden können, härter und grausamer, als sie jemals von einer versöhnenden Gottheit zuerkannt wurden. Nein, Gerhard, nicht den Abwesenden –« »Nicht den Abwesenden,« wiederholte Gerhard, die Geliebte fester an sich drückend, und einen Blick des entsetzlichsten Vorwurfs sandte er zum Himmel empor, während seine Stimme vor Schmerz zitterte; »nein, nicht einen Abwesenden will ich schmähen; aber suchen will ich ihn, gegenübertreten dem hinterlistigen Vernichter deines Glückes und des meinigen! Rechenschaft will ich von ihm fordern –« »Nein, Gerhard,« rief Esther klagend aus, »suche ihn nie auf, wenn du nicht willst, daß ich zu deinen Füßen sterbe! Trachte nicht, ein Geheimnis zu enthüllen, das in seinen Folgen mich mit in das Verderben hinabziehen müßte. Vergiß seinen Namen, vergiß, daß du ihn jemals sahst; und wenn du ihn erblickst, dann weiche ihm aus, weiche ihm weit aus, damit er keine Gelegenheit finde, zu dir zu sprechen – ja, Gerhard, wenn dir an meinem Seelenfrieden gelegen ist; wenn meine Liebe dir nur noch ein klein wenig gilt, o, dann weiche ihm aus, und mit meinem letzten Atemzuge will ich dich segnen, mit deinem Namen auf den Lippen will ich in die Ewigkeit hinübergehen, am Throne des Allmächtigen nur allein für deine Ruhe, für deinen Frieden flehen, du armer, du armer, du heiß geliebter Gerhard!« Leises Schluchzen war nur noch in der Laube vernehmbar. In den Armen seiner geliebten Esther und bei dem süßen Klange ihrer Stimme, die so unwiderstehlich, so schmeichelnd und doch so wehevoll zu seinem Herzen drang, hatte Gerhard seine ganze Selbständigkeit, seinen eigenen Willen verloren. Inniger preßte er die Geliebte an sich, deren Arme auf seinen Schultern ruhten, deren fiebrisch glühendes Antlitz sich so fest an seine Wange legte. Worte standen ihm nicht mehr zu Gebote, aber seine Tränen vermischten sich mit den ihrigen. Wie vor einer offenen Gruft, das ihr Liebstes, ihre ganze Herzensfreude in Empfang nehmen sollte, hielten sie sich umschlungen; wie vor einer offenen Gruft, in die sie sich am liebsten selber hineingelegt hätten. Zu ihnen herein in die Laube drangen die rötlichen Strahlen der tiefstehenden Sonne, ihre Häupter gleichsam mit einer Glorie schmückend. Falter und Kolibris umspielten die Blüten der duftenden Rankengewächse, die sich zu einem grünen Dach über ihnen wölbten. Zwischen den an schwankenden Stielen haftenden beweglichen Blättern hindurch hauchte die erquickende Abendbrise. Mit dem geheimnisvollen Flüstern vereinigte sich das Geräusch, mit dem auf der Außenseite des Gartens jemand seinen Weg durch das hohe Unkraut der Landstraße zu bahnte. Als der Lauscher in den Schutz des Hauses trat, wo er vom Garten aus nicht mehr bemerkt werden konnte, blieb er stehen. Die Arme stützte er auf die Hofeinfriedigung, wie um sich vor dem Zusammenbrechen zu bewahren. Sein Antlitz, schon vorher bleich wie der Tod, schien keinem Lebenden mehr anzugehören. Aschfarbe hatte sich über dasselbe ausgebreitet, während die Sehkraft seiner Augen erloschen zu sein schien und der Atem sich leise röchelnd und in unnatürlich langen Zügen seiner Brust entwand. Der Anblick eines Gorgonenhauptes schien auf ihn eingewirkt zu haben. Endlich seufzte er tief auf. Dann biß er die Zähne knirschend zusammen und mit schwankenden Bewegungen begab er sich auf die Landstraße hinaus. Dort wurde seine Haltung allmählich eine sicherere und schneller wurde sein Schritt. Der Wagen, der ihn hierhergebracht hatte, hielt noch dort. Niemand hatte ihn bemerkt. Still lag die Landschaft, überflutet vom glänzenden Abendsonnenschein. Wiederum der unsäglich schmerzliche Seufzer; er klang, wie der letzte Abschied von einer liebgewonnenen Stätte. Hastig löste er die Zügel von der Einfriedigung, und den Wagen besteigend, lenkte er das Pferd im Halbkreise in den Hauptweg zurück, so daß die Richtung nach dem Städtchen wieder vor ihm lag. Zuerst bewegte sich das Pferd langsam einher, dann aber schneller und schneller, je nachdem die gleichsam krampfhaft geschwungene Peitsche es traf, bis es endlich im scharfen Trabe dahineilte, hinter sich in den Lüften eine langgestreckte Staubwolke zurücklassend, in dem einen Wagengeleise dagegen abwechselnd sieben leichte Vertiefungen und ein winziges Hügelchen. Sieben Vertiefungen und ein Hügelchen! Wen kümmerten jetzt noch diese unscheinbaren Merkmale? Im Garten des Landhauses spielten noch ein Weilchen Falter und Kolibris, und geheimnisvoll flüsterte es zwischen den Blättern. – Im Schatten der Laube wohnte tiefes Weh. Was zwei gebrochene, in endlosen Qualen zuckende Herzen empfanden, die Lippen vermochten nicht, es auszusprechen. – Neunundzwanzigstes Kapitel. Lösung eines Rätsels. Bringt Ihr Nachricht von dem Burschen?« fragte derselbe Kaufmann, von welchem Gerhard einige Tage früher so unfreundlich abgewiesen worden war, sobald Ellenborough den Wagen vor seiner Tür anhielt. »Im Kosthause ist er noch nicht eingetroffen; statt seiner aber Highway, Worthleß und die anderen. Man wird ungeduldig und wünscht der Sache ein Ende zu machen, bevor es zu spät ist, zumal sich Stimmen gegen Euch erheben. Man argwöhnt, daß Ihr ihn möchtet entschlüpfen lassen.« »Verlangt man noch vollgültigere Beweise meiner Zuverlässigkeit, als daß ich, gewissermaßen als Unterpfand, den jungen Menschen fast im Augenblicke meines Scheidens aus dieser Gegend der Brüderschaft überantworte?« fragte Ellenborough, indem er vom Wagen sprang. »Doch ich muß Euch ohne Zeugen sprechen,« und nachlässig warf er den Zügel über ein zu solchem Zwecke vor dem Hause angebrachtes Gerüst. »Zum Teufel, Mann, wie seht Ihr aus?« fragte der Besitzer des Ladens, als er sich an Ellenboroughs Seite nach einem Hinterzimmer begab; »habt Ihr Euch doch verändert, als wär's Sumpffieber in Eure Glieder gefahren.« »Aufregung, nur innere Aufregung,« entgegnete Ellenborough heiser, »denn was ich in der letzten Stunde erlebte, ist genug, zehnmal des Satans zu werden. Ich habe den jungen Menschen gesehen,« fügte er hinzu, indem er sich erschöpft auf einen Stuhl warf. »Und gesprochen? Wird er in sein Quartier zurückkehren?« »Gesprochen ebensowenig, wie er die Stadt jemals wieder betritt«, erklärte Ellenborough zur sichtbar unangenehmen Überraschung des Genossen, »dagegen wird er in meinem Hause übernachten, und daran knüpfe ich Pläne, die Ihr den Brüdern zur Begutachtung vorlegen mögt.« »Warum geht Ihr selber nicht zu ihnen?« »Damit der Bursche entschlüpft und ihr das Vergnügen habt, ihm bis nach Kanada hinauf nachzusetzen?« fragte Ellenborough ungeduldig; dann fuhr er ruhiger fort: »Durch das Eintreffen einer jungen Verwandten ist meine Stellung eine wesentlich andere geworden. Ich bin gezwungen, mehr auf meine Sicherheit bedacht zu sein und vor allen Dingen zu vermeiden, daß Nachrichten über meine Beziehungen zu dem Clan in die Öffentlichkeit dringen. Ich schlage daher vor, daß das gegen den jungen Mann beschlossene Verfahren gerade draußen in meinem Hause ins Werk gesetzt werde. Hier mitten in der Stadt würde es ohnehin zu viel Staub aufwirbeln, zumal die Mehrzahl der Einwohner zu den Nördlichen hält.« »Wie soll ich das verstehen? Um Eure Sicherheit seid Ihr besorgt und doch bietet Ihr Euer Haus zum Schauplatz an?« »Laßt mich endigen: Noch in dieser Nacht trete ich meine Reise nach dem Norden an, wo ich das Mädchen treuen Händen zu übergeben beabsichtige, und da kommt der junge Deutsche mir gerade gelegen, während meiner Abwesenheit das Haus zu bewachen. Geschieht es nun, daß gleich in der ersten Nacht mein Haus ausgeplündert und niedergebrannt wird, so trifft meine Person am wenigsten ein Vorwurf. Den Schaden aber ertrage ich gern, weil es sich darum handelt, meine letzten Verpflichtungen gegen den Clan zu erfüllen und damit mir und der mir anvertrauten jungen Waise eine gewisse Unabhängigkeit zu sichern.« »Das läßt sich hören; verdammt! Denjenigen möchte ich sehen, der schlau genug wäre, aus der Asche herauszulesen, wer den Brand unter die Betten warf. Und zu leugnen ist's nicht, seit den jüngsten Vorfällen in Cincinnati und Philadelphia ist die Regierung aufmerksamer geworden. Man spricht von der Absicht des Präsidenten, den Ku-Klux-Clan durch Gewaltmaßregeln zu unterdrücken. Nun, wir wollen sehen, wer länger lebt: der Präsident mit der Hauptsorge für sich und seinen Anhang, oder die »Weißen Brüder« mit Messer und Strick.« »Die Zeit wird's lehren,« versetzte Ellenborough düster, »ich selbst bin weniger siegesbewußt, oder ich scheute, den vor kurzem erst erstandenen Landbesitz wieder zu opfern.« »Ihr seid entschlossen?« »Fest entschlossen.« »Um Mitternacht?« »Nicht früher, nicht später.« »Welche Maßregeln trefft Ihr im Hause selbst?« »Beteiligt Ihr Euch an dem Unternehmen?« fragte Ellenborough schnell. »Ich zog eine hohe Nummer.« »Um so besser, denn Ihr seid mit den Räumlichkeiten vertraut. Die Haustür bleibt offen und in dem Zimmer zur rechten Hand schläft der junge Mensch. Das weitere ist Eure Sache. Macht, was ihr wollt; ich wasche meine Hände in Unschuld. Nur nicht vor zwölf Uhr, auf daß das Mädchen nicht durch fremde Gestalten eingeschüchtert werde.« »Baut auf mein Zartgefühl. Glückt's, so wird man's euch dank wissen. Spielt ihr dagegen mit falschen Karten – nun – ihr kennt die langen Arme des Clans. Wenn erforderlich, reichen sie bis zum Nordpol hinauf.« »Ich kenne sie zur Genüge,« versetzte Ellenborough lächelnd, »und deswegen ist's gleichgültig für mich, ob den jungen Mann hier oder einige Wochen später auf einer anderen Stätte sein unabweisbares Geschick ereilt.« Er erhob sich und begleitet von dem Genossen trat er auf die Straße hinaus. Nachdem er in seinem Wagen Platz genommen hatte, reichte er jenem noch einmal die Hand. »Ein Mißverständnis waltet nicht mehr?« fragte er erzwungen sorglos. »Punkt zwölf Uhr in Eurem Hause,« antwortete der Kaufmann mit billigendem Kopfnicken. »Alles wird zum Empfange bereit sein.« Ein leichter Schlag mit der Peitsche; das Pferd zog an und in langgestrecktem Trabe ging es zur Stadt hinaus. Der Besitzer des Ladens blickte ihm ein Weilchen nach. »Des Teufels will ich sein, wenn ich ihm traue!« sprach er kopfschüttelnd vor sich hin; dann eine heitere Melodie summend, begab er sich ins Haus zurück. Der Einspänner verfolgte unterdessen seinen Weg mit ungeschwächter Eile. Erst auf der zweiten Hälfte seiner Fahrt und als die Sonne kaum noch eine Viertelstunde zu scheinen hatte, zog Ellenborough die Zügel wieder straff. Er wünschte Gerhard, den er auf dem Heimwege zur Stadt vermutete, zu treffen. Sorgfältig spähte er um sich. Wo nur immer der Weg durch einen Hain führte, der einen müden und niedergedrückten Wanderer zur Rast hätte einladen können, da fuhr er nicht von dannen, ohne Gerhards Namen einige Male laut ausgerufen zu haben. Doch alles vergeblich. Erst als er sich dem Punkte näherte, auf dem der Seitenweg von der Landstraße abbog, bemerkte er jemand, der seitwärts vom Wege im Grase saß. Das Haupt auf Arme und Knie gestützt, schien er eingeschlafen zu sein, denn er beachtete weder den herbeirollenden Wagen, noch daß Ellenborough, neben ihm angekommen, das Pferd anhielt und mit unverkennbarer Teilnahme zu ihm niederschaute. »Herr Gerhard,« hob dieser nach einer längeren Pause tiefen Sinnens an, »ich suchte Sie auf dem ganzen Wege von der Stadt bis hierher, um Angelegenheiten von der dringendsten Wichtigkeit mit Ihnen zu besprechen.« Sobald Gerhard seinen Namen nennen hörte, schrak er empor, und sein erregtes, schmerzentstelltes Antlitz zu Ellenborough erhebend, betrachtete er ihn mit beinahe stumpfem Ausdruck. »Ich wüßte nicht, daß ich zu irgend jemand in der Welt in Beziehung stände, die eine solche Anrede rechtfertigte,« antwortete er darauf ruhig. »Mein Name ist Ellenborough,« fuhr jener fort. »Wie ich vernahm, suchen Sie mich seit längerer Zeit.« »Auf den ersten Blick erkannte ich Sie,« gab Gerhard zu, und die in ihm tobenden Leidenschaften offenbarten sich darin, daß er mit Heftigkeit einzelne längere Grashalme aus der Erde riß, »auch geforscht habe ich nach Ihnen, allein alle Mühe war überflüssig; die Gründe, welche mich dazu bewegten, sind geschwunden. Fahren Sie Ihres Weges, ich bedarf Ihrer nicht mehr.« Ellenboroughs Nacken krümmte sich wie unter einer schweren Last. Unwillkürlich beugte er sich in Achtung vor dem jungen Manne, der augenscheinlich nach einem vor Esther abgelegten Versprechen handelte. Plötzlich richtete er sich wieder empor. »Sie forschen nicht nach mir,« begann er zögernd, »Sie weichen mir sogar aus, das hindert indessen nicht, daß ich eine Zusammenkunft mit Ihnen suche; denn Ihr, dem jungen Mädchen dort drüben in der zu dem Landhause gehörenden Laube verpfändetes Wort ist für mich nicht bindend.« Gerhard sprang auf. Er glaubte falsch verstanden zu haben. »Mein verpfändetes Wort?« fragte er bestürzt. »Wer verleiht Ihnen das Recht, leere Mutmaßungen als vollendete Tatsachen hinzustellen?« »Wer es mir verlieh?« sprach Ellenborough, einen vergeistigten Blick zum Himmel emporsendend – »nun, rechten wir darüber nicht, sondern wenden wir uns Dingen zu, die Ihnen näher liegen: es droht Ihnen eine furchtbare Gefahr.« »An Gefahren habe ich mich während meines kurzen Aufenthalts in diesem Lande gewöhnen müssen,« versetzte Gerhard bitter, »jetzt beachte ich sie nicht mehr, gehe ihnen nicht mehr aus dem Wege.« »Ich möchte Sie vor dem Verderben bewahren.« »Von Ihnen erwarte und verlange ich das am wenigsten. Ist mein Untergang beschlossen, so findet er mich nicht unvorbereitet.« »Sie sind jung, Sie müssen dem Leben erhalten bleiben.« »Über mein Dasein zu verfügen, steht mir allein zu. Sie sind der letzte, von dem ich Gefälligkeiten entgegennehmen möchte.« »Das entbindet Sie nicht von der Verpflichtung, Ihr Leben einer gewissen Esther Kabel zu weihen,« versetzte Ellenborough nunmehr langsam und mit feierlichem Ausdruck, »derselben Esther Kabel, deren Haupt vor kurzem noch auf Ihrer Schulter ruhte und deren Tränen sich mit den Ihrigen vereinigten.« Gerhard stand wie betäubt. Der Mann, der einen so entscheidenden Einfluß auf Esther ausübte und nunmehr mit der Gabe des Hellsehens ausgerüstet zu sein schien, flößte ihm Grauen ein. »Sie hörten von geheimen Verbindungen, die in ihrem unauslöschlichen Parteihaß Mord und Brand zu Bundesgenossen wählten, um Schrecken über den ganzen nordamerikanischen Kontinent zu verbreiten?« fragte Ellenborough, bis zu einem gewissen Grade sich weidend an dem Eindruck, den seine Worte auf Gerhard ausgeübt hatten. Dieser gab ein zustimmendes Zeichen. »Wohlan denn,« fuhr Ellenborough fort, »dieselben Mitglieder dieser finsteren Genossenschaften, deren Verfolgungen Sie ausgesetzt gewesen sind, haben auch mich und Esther zu ihren Opfern erkoren. Es fragt sich nun, ob Sie geneigt sind, durch tätigen Beistand dazu beizutragen, daß wir zu dreien glücklich entkommen, anstatt einzeln der Gefahr zu erliegen.« »Ich – ich soll Ihnen, soll Esther meinen Beistand leihen! Ich, der ich selber hilflos in der Welt umherirre?« fragte Gerhard verstört; »nein, es ist unmöglich – Sie täuschen mich!« »Sie mißtrauen meinen Worten,« sprach Ellenborough mit seltsamer Dringlichkeit, »ich besitze nicht das Recht, mich darüber zu beklagen. Um Ihren Glauben zu gewinnen, mahne ich Sie daher an die Worte unvergänglicher Liebe, die Sie mit Esther austauschten. Bei dieser Erinnerung aber beschwöre ich Sie bei allem, was Ihnen heilig: in Ihrer Hand liegt es, jene geheimnisvollen Gründe, deren das arme Kind mit brechendem Herzen erwähnte, zu beseitigen oder wenigstens inhaltslos zu machen.« »Sie sind ein Dämon,« rief Gerhard bei dieser neuen Kundgebung entsetzt aus, »ein Dämon, oder ein hinterlistig lauschender Dämon hat Sie gut bedient!« »Nennen Sie mich Dämon oder Engel,« erwiderte Ellenborough leidenschaftlich, indem er zur Erde sprang und seine Hand schwer aus des jungen Mannes Schulter legte, »halten Sie mich für was Sie wollen, nur verlieren Sie keine Zeit mehr mit Zweifeln und Erörterungen! Was Ihnen rätselhaft erscheint, wird bald kein Geheimnis mehr für Sie sein; und nun entscheiden Sie – von jeder neuen Minute kann das Lebensglück eines schuldlosen Wesens abhängen – wollen Sie blindlings meinen Anweisungen folgen? Wollen Sie ohne Einwendungen sich meinen Ratschlägen unterwerfen? Erwägen Sie aber wohl: es handelt sich um den Seelenfrieden jemandes, für welchen Sie mit Freuden Ihr Leben hundertfach zum Opfer bringen.« Gerhard war noch immer von Argwohn erfüllt; und dennoch lag in dem Ausdruck, mit dem Ellenborough zu ihm sprach, etwas, das ihn unwiderstehlich anzog. Dann sich aufraffend: »Wenn Sie ein unedles Mittel wählten, um mich für Ihre Pläne zu gewinnen,« bemerkte er nach kurzem Überlegen, »so mögen Sie es vor Ihrem eigenen Gewissen verantworten, ich dagegen kann nicht anders: nachdem Sie einen mir heiligen Namen anriefen, muß ich mich zu Ihrer Verfügung stellen.« Über Ellenboroughs Antlitz flog ein Ausdruck der Genugtuung. »Es ist acht Uhr,« bemerkte er eintönig, »drei und eine halbe Stunde bleiben mir zur Ausführung meines Planes, keine Minute länger. Merken Sie daher auf meine Worte: Nach Ablauf von zwei Stunden erwarte ich Sie drüben im Landhause; so viel Zeit gebrauche ich zu meinen Vorbereitungen. Werden Sie kommen?« »Zur festgesetzten Minute bin ich dort,« antwortete Gerhard entschlossen. »Als Zeichen, daß ich Sie erwarte, mag dienen, daß dieser Wagen, von dort herkommend, in die Landstraße einbiegt, aber die nördliche Richtung einschlägt. Esther selbst lenkt ihn; reden Sie sie indessen nicht an. Es hängt alles davon ab, daß ihre Ruhe nicht gestört, sie nicht im letzten Augenblick irre gemacht wird.« »Bauen Sie auf meinen heiligen Willen. Doch eine Gegenfrage, zu der ich vielleicht durch Ihre Andeutungen berechtigt bin: Werde ich Fräulein Kabel wiedersehen?« »Das steht in Gottes Hand. Um ein Wiedersehen zu ermöglichen, entfernen Sie sich vom Wege und vermeiden Sie jede Gelegenheit, mit zufällig Vorübergehenden in ein Gespräch verwickelt zu werden.« Bei den letzten Worten bestieg er hastig den Wagen; die Peitsche knallte leicht und einige Minuten später verhallte das Geräusch, mit dem er nach dem gepflasterten Hofe des Landhauses hinauffuhr.– Wie betäubt stand Gerhard da, die Blicke dahin gerichtet, wo der Wagen aus seinem Gesichtskreise getreten war. Er wußte nicht, was von dem Gehörten er glauben, was für die Erzeugnisse einer überreizten Phantasie halten sollte. Der Name Esther vibrierte in seinem Herzen; er hatte ihr versprochen, Ellenborough auszuweichen, und nun war er von ihm selber mit Gewalt in seine verwickelten Verhältnisse hineingezogen worden. Das Landhaus zeichnete sich nur noch matt in der tiefen Dämmerung aus. Ein Licht schimmerte zu ihm herüber. Leuchtete es der vereinsamten Geliebten, oder demjenigen, der sich zu ihrem Beschützer aufgeworfen, ihr Los mit unerklärlichen Banden an das seinige gekettet hatte? Schwankenden Schrittes begab er sich nach der anderen Seite des Weges hinüber. Im Schatten eines Haselstrauches warf er sich auf den Rasen. Die Arme schob er rückwärts unter den Kopf, die Blicke richtete er empor zum strahlenden Firmament. Wie weit, wie unberechenbar weit waren die friedlich ihre ewigen Bahnen wandelnden Himmelskörper; und dennoch, wie nahe erschienen sie ihm im Vergleich mit seinen erbleichten Hoffnungen. Nachdem Ellenborough heimgekehrt war, hatte er das Pferd in den Stall gezogen, jedoch nicht abgeschirrt, dagegen ihm reichlich Futter vorgeworfen. Dann begab er sich zu Esther, in deren Augen noch Tränen schimmerten. »Esther,« hob er alsbald in eigentümlich weichem Tone an, »dein Wunsch, alle meine früheren Beziehungen gänzlich abgebrochen zu sehen, naht seiner Erfüllung.« Esther blickte erstaunt, aber sichtbar befriedigt empor, senkte indessen sogleich ihre Augen wieder. »Wir werden unsere jetzige Umgebung verlassen?« fragte sie kaum vernehmbar. »Heute Abend noch brechen wir auf.« »Ohne leicht zu verfolgende Spuren zurückzulassen?« »Auch darauf habe ich Bedacht genommen.« »Gott sei dank!« hauchte Esther anfänglich schmerzlich. Ellenborough betrachtete sie besorgt, dann sprach er weiter: »Ich bin sogar zur größten Vorsicht gezwungen; denn nachdem ich mit der Vergangenheit brach, drohen mir in hiesiger Gegend ernste Gefahren. Welcher Art diese Gefahren sind, erfährst du zu gelegenerer Zeit; nur so viel deute ich an, um dir den Ernst unserer Lage zu veranschaulichen, daß sie in den Nachwehen des schon vor Jahren beendigten Bürgerkrieges wurzeln. Ja, mein Kind, wir ziehen von dannen nicht wie freie Menschen, sondern als Flüchtlinge und unter dem Schutze der Nacht. Schon die nächsten Stunden können eine verderbliche Entscheidung für uns herbeiführen, doppelt verderblich, weil ich offen für einen bedrohten Deutschen, namens Gerhard, einen früheren Buchhalter der Zentrifugalbank, eingetreten bin.« Er zögerte, um heimlich zu beobachten, wie Esther, bei Nennung des Namens tödlich erbleichend, ihr Antlitz abkehrte; dann nahm er seine Mitteilungen wieder auf: »Nur schleunige Flucht kann uns retten, und um eine solche zu ermöglichen, müssen wir im vollkommensten Einverständnis handeln. Leider dürfen wir nicht zugleich von hier fort, doch nur wenige Stunden werden wir getrennt sein. Zur Vorsorge versehe ich dich mit ausreichenden Geldmitteln, damit du im Falle der Not dich auf eigene Hand nach Neuyork zu begeben vermagst. Ordne daher deine notwendigsten Habseligkeiten – nicht zu viel – höchstens deinen Koffer voll. Eine Stunde gebe ich dir Zeit; ich werde unterdessen einige Briefe schreiben. Nach Ablauf dieser Frist besteigst du den Wagen, und in die Landstraße hinüberfahrend, schlägst du die nördliche Richtung ein. Nach langsamer Zurücklegung einer Stunde Weges hältst du an, um mich zu erwarten. Am liebsten begleitete ich dich von hier aus, allein ich fürchte Späheraugen. Ich werde mich zu Fuß über die Felder auf den Weg begeben und erst in sicherer Entfernung in die Hauptstraße einbiegen. Sollte ich wider Vermuten auf Hindernisse stoßen, so sende ich dir einen Boten mit den betreffenden Ratschlägen. Die Gelder, die ich dir anvertraue, sind redlich erworbenes Gut; sie stehen in keiner Beziehung –« »Ich bin zu allem bereit,« fiel Esther mit ersterbender Stimme ein. »Mir genügen wenige Minuten, um reisefertig zu sein – ja, fort – nur fort von hier – es ist dies alles, was ich noch hoffe und wünsche – fort, bis wir einen Winkel finden, in dem wir ungestört und unbehelligt durch –« »Ja, fort«, wiederholte Ellenborough einfallend, und die in Esthers abgebrochenen Sätzen sich offenbarende, obwohl nicht beabsichtigte furchtbare Anklage erzeugte auf seinem Antlitz schmerzliches Zucken – »fort, jedoch ohne Übereilung. Das Pferd bedarf einer kurzen Ruhe und des Futters, und ich selbst darf diese Stätte nicht verlassen, ohne zuvor einige dringende Geschäftsangelegenheiten erledigt zu haben. Also nach Ablauf einer Stunde, nicht früher.« Ohne eine Erwiderung abzuwarten, begab er sich in sein Zimmer hinüber. Ein Bett stand in demselben und ein mit Schreibmaterialien bedeckter Tisch. Mit dem in seiner Hand befindlichen Licht zündete er eine Lampe an, bei deren Schein er zunächst eine Anzahl Banknoten in ein Päckchen zusammenschnürte und versiegelte. Mit einer erheblich größeren Summe verfuhr er ähnlich. Er schien damit seine Kasse erschöpft zu haben. Dann erst setzte er sich zum Schreiben nieder. Zunächst beendigte er mehrere kurze Geschäftsbriefe, erst nachdem er diese versiegelt und mit Adressen versehen hatte, erhielt die Form eines neuen Schreibens den Charakter längerer, eingehenderer Mitteilungen. Die Hand flog über das Papier, als hätte er befürchtet, nicht fertig zu werden, und dennoch zitterte sie zuweilen; sie stockte sogar, wie um sich zur Fortsetzung zu stählen. Über sein Antlitz verbreitete sich dabei tiefe Röte, und während seine Augen ins Leere starrten, schien sich die Narbe auf seiner Wange zu vertiefen, sein Gesicht die scharfen Züge einer bereits in einem Sarge ruhenden Leiche zu erhalten. Es mußte Furchtbares sein, was in dem kurzen Zeitraum einer halben Stunde in der Brust des sonst so starken, sich selbst beherrschenden Mannes vorging; Kämpfe, deren Ursprung nicht in den Ereignissen jüngster Tage zu suchen war, sondern in weit zurückliegenden Fernen, als er, vielleicht noch im Besitze vollster Jugendkraft und heiteren Jugendmuts, von den sich vor ihm teilenden Wegen denjenigen wählte, auf dem gleißendes Farbenspiel seine Augen blendete, seinen Geist in die Irre führte. Dafür zeugten die vereinzelten Tränen, die langsam und schwer aus den mit finsterer Entschlossenheit auf das sich mit Schrift bedeckende Papier gesenkten Augen in den ergrauten Bart und von diesem zu der schnarrenden Feder hinabrollten. Ach, diese heißen, sengenden Tränen, sie schienen zu wissen, wohin sie gehörten, schienen zu wissen, daß da, wo Worte nicht ausreichten, einen Gemütszustand treu zu schildern, sie nur einige Buchstaben zu verlöschen brauchten, um den Inhalt eines Briefes den Stempel heiliger Wahrheit aufzudrücken! Der Brief war beendigt und geschlossen; es fehlte nur noch die Aufschrift, als Esther eintrat. Sie befand sich im Reiseanzuge. Ihr Antlitz trug einen gewissen teilnahmlosen Ausdruck. Fast tonlos war auch ihre Stimme, als sie bei ihrem Eintritt zu sprechen anhob. »Fünf Minuten fehlen noch an der anberaumten Zeit,« begann sie leise und, indem ihre Blicke auf Ellenborough fielen, offenbarte sich in denselben eine unbeschreiblich schmerzliche Entsagung – »ich bin reisefertig; Dunkelheit herrscht in meinem Zimmer, soll ich hier warten?« Wie aus einem schweren Traume schrak Ellenborough empor. Doch sich ermannend steckte er alle Briefe zu sich, auch das größere Geldpaket, worauf er das kleinere Esther einhändigte. »Nimm das an dich,« sprach er, und seine Stimme vibrierte seltsam, »der Zufall spielt oft wunderbar und macht unsere sorgfältigsten Berechnungen zuschanden.« Nach diesen Worten trat er hinaus; Esther dagegen sank auf einen Stuhl. Nur noch das Leben eines künstlich hergestellten Gebildes schien in ihr zu wohnen. Denn wie die Quellen ihrer Tränen versiegt waren, schwiegen auch die eine bedrängte Brust erleichternden Ausbrüche eines herben Wehs. Regungslos saß sie da. Selbst ihr Geist rastete, in so hohem Grade hatte sie sich daran gewöhnt, ohne Widerspruch oder Klage alle Schickungen über sich ergehen zu lassen. Erst als nach einer Weile der Wagen vorfuhr, erhob sie sich, um mit der Lampe auf den Flur hinauszutreten. Gemeinschaftlich mit Ellenborough trug sie das Gepäck in den Vorgarten hinaus; schnell war es verladen; als sie aber selbst den Wagen besteigen wollte, hielt Ellenborough sie zurück. »Meine Weisungen waren klar genug?« fragte er leise, wie gegen Luftmangel kämpfend. »Du bist nicht in Zweifel über die nächste Zukunft?« »Über nichts,« tönte es gedämpft zurück; »ich kenne den Weg und das Pferd ist fromm und leicht zu lenken.« »So fahre denn mit Gott; sollte ich selbst zurückgehalten werden, so sende ich weitere Verhaltungsregeln durch eine zuverlässige Person, der du dich furchtlos anvertrauen darfst. Und nun lebe wohl –« heftig zog er Esther an seine Brust, und sie auf Stirn und Wange küssend, wiederholte er gepreßt: »Lebe wohl – lebe wohl –« »Was ist es,« sprach Esther, und bestürzt wich sie zurück – »du verheimlichst mir Schreckliches –« »Säume nicht, säume nicht,« bat Ellenborough dringend und seine Unvorsichtigkeit bereuend; »ließ ich mich von meinen Empfindungen hinreißen – nun – Esther, versetze dich in meine Lage; es ist so schwer, sich an jemandem versündigt zu haben und das Bewußtsein zu hegen, daß alle Mühe, aller guter Wille vergeblich, das begangene Unrecht zu sühnen.« Esther schauderte. Sie besaß nicht die Kraft, ein Wort des Trostes zu sprechen, aber Ellenboroughs Hand preßte sie krampfhaft, und als dieser sich ihr wiederum zuneigte, reichte sie ihm willig die Lippen zum Kuß. Dann bestieg sie den Wagen und gleich darauf setzte sich das Pferd in Bewegung. Im Schritt näherte es sich der Landstraße und im Schritt bog es, dem leichten Druck der schmalen Hand folgend, in diese ein. Esther hatte das Haupt geneigt. Sie sah nicht das zauberisch funkelnde Firmament, nicht den bleichen Schein, der in klaren Nächten, wie eine träumerische Fata Morgana, von Westen nach Norden und Osten herumschleicht, gleichsam vermittelnd zwischen dem Abendrot und dem goldig aufleuchtenden jungen Tage. Sie sah nicht die Gestalt eines Mannes, der auf ihrer linken Seite sich in den Schatten eines Haselstrauches schmiegte und dennoch so angstvoll sich ihr zuneigte, wie um ihre Züge von der Dunkelheit zu trennen. Sie sah ihn nicht, obwohl er, geschmückt mit den wärmsten Farben des Lebens, ihrem Geiste vorschwebte; hörte nicht, wie ein Seufzer sich leise und doch so unendlich herbe seiner Brust entwand, als sei mit demselben ein junges, jeder Hoffnung auf Glück beraubtes Leben dem müden Körper entflohen. Schlaff ruhten die Zügel in ihren Händen. Das Pferd schnaubte zuweilen. Sonst kein Laut in der Natur; nur hin und wieder ließ sich aus dem Grase das verstohlene Zirpen eines Heimchens vernehmen. Alles war still, alles war schwarz und dunkel; die Felder, die Zukunft wie die Vergangenheit der beiden Herzen, zwischen welchen die Entfernung sich von Minute zu Minute vergrößerte. – Nachdem der Wagen, der Esther davontrug, Ellenboroughs Blicken entschwunden war, begab er sich in sein Zimmer zurück. Die Briefe warf er wieder auf den Tisch, worauf er den zuletzt beendigten mit der Adresse »An Esther Kabel« versah. Ein unheimliches Lächeln trat auf seine vergeistigten Züge, als er die noch feuchte Schrift prüfend betrachtete. Grübelnd schritt er nach dem Hintergrunde des Zimmers hinüber, wo er aus dem Schrank eine Drehpistole nahm. Behutsam untersuchte er die sechsfache Ladung; dann ließ er mit lustigem Klirren und Knacken den Zylinder spielen. Das Geräusch schien seine Lebensgeister anzufachen, denn sein Antlitz rötete sich und aus seinen Augen sprühte erwachende Kampfeslust. Da vernahm er Schritte in dem Vorgarten. Hastig verbarg er die Waffe auf seinem Körper, und mit der Lampe sich der Tür nähernd, leuchtete er dem eintretenden Gerhard. »Bis jetzt glückte alles,« redete er ihn erzwungen ruhig an, und nachdem er ihn durch eine Handbewegung zum Niedersitzen eingeladen hatte, prüfte er die festschließenden Fenstervorhänge – »sogar über Erwarten geglückt,« wiederholte er, Gerhard gegenüber Platz nehmend; »Esther befindet sich zurzeit in Sicherheit; es handelt sich jetzt nur noch darum, daß auch wir unentdeckt entkommen. Ich darf noch immer auf Ihren guten Willen zugunsten des schwer heimgesuchten Kindes rechnen?« Gerhard verneigte sich zustimmend. Ellenborough erschien ihm plötzlich in Haltung und Wesen so Achtung gebietend, daß er sogar den unerhörtesten Zumutungen gegenüber keine Einwendungen zu erheben gewagt hätte. »Wohlan,« nahm Ellenborough sogleich wieder das Wort, »erledigen wir zunächst den geschäftlichen Teil. Die Zeit, die uns dann noch bleibt, mögen wir zu vertraulichem Geplauder verwenden. Die uns bedrohenden Gefahren legen uns den Zwang auf, einzeln von hier zu verschwinden; jeder muß daher auf alle Möglichkeiten vorbereitet sein, das heißt, über ausreichende Mittel gebieten, dem weniger Glücklichen von einem sicheren Orte aus Beistand leisten zu können. Nehmen Sie also dieses Paketchen. Es enthält eine erhebliche Geldsumme; ferner – für den Fall, daß es mir nicht gelingen sollte, bald zu Ihnen zu stoßen – diesen Brief an Esther, den Sie indessen nicht vor morgen mittag übergeben. In ihm sind auch für Sie fernere Ratschläge betreffs des Schutzes des armen Kindes niedergelegt –« »Was hindert Sie, mich zu begleiten?« fragte Gerhard besorgt, indem einzelne Anordnungen ihm geradezu unverständlich erschienen. »Meine äußeren Verhältnisse müssen zuvor geordnet werden,« versetzte Ellenborough finster, »denn bin ich erst frei, so muß meine Reise wie im Fluge gehen, und deshalb schicke ich Sie und Esther voraus. Hier sind noch zwei Briefe; diese beziehen sich aus die unglücklichen Ansiedler in den Sumpfkolonien, dürfen aber nicht vor Ablauf zweier Wochen an ihre Bestimmung abgehen, wenn ich vielleicht über diesen Zeitraum hinaus mich fern und verborgen halten sollte.« Er lächelte seltsam vor sich hin; dann fuhr er fort: »Die armen Menschen! Das Los der Überlebenden mag vielleicht noch gemildert werden; aber die Toten, die Toten, sie ruft niemand ins Leben zurück. – Sie sahen Esther?« »Ich erkannte ihre Gestalt trotz der Dunkelheit; keine andere konnte es sein.« »Keine andere,« bestätigte Ellenborough; »Sie achteten auf die Richtung, die sie einschlug?« »Die nördliche.« »Es ist die alte Landstraße, die auf viele Meilen denselben Charakter beibehält und mit den Nebenwegen nicht zu verwechseln ist. Folgen Sie also dieser Straße und innerhalb einer Stunde höchstens werden Sie Esther finden. Steigen Sie zu ihr auf den Wagen und setzen Sie gemeinschaftlich mit ihr die Reise fort. Bald nach Tagesanbruch erreichen Sie eine Eisenbahnstation. Dort warten Sie bis Mittag. Bin ich um diese Zeit nicht bei Ihnen, so verkaufen Sie Pferd und Wagen zu jedem Preise und eilen Sie auf dem nächsten Wege nach Neuyork. Das Nähere ist in dem Briefe an Esther enthalten. Sind meine Anordnungen Ihnen verständlich?« »Es können keine Zweifel walten,« antwortete Gerhard zögernd. »Dann kommen Sie,« versetzte Ellenborough dringender, indem er nach der Uhr sah, »ich werde Sie eine Strecke begleiten und der Sicherheit halber auf einem Umwege hierher zurückkehren. Sogar durch die Fußspuren müssen unsere Feinde irregeführt werden, oder wir sind dennoch verloren; denn Sie ahnen nicht, wie weit deren Macht reicht.« Er löschte die Lampe aus, und Gerhard voranschreitend, trat er ins Freie. Aber erst auf der Landstraße nahm er das Gespräch wieder auf, und zwar leise und mit wunderbarer Innigkeit, indem er Gerhards Arm ergriff und, obwohl er selbst die Richtung bestimmte, sich von ihm führen ließ. Er begann in einem Tone, wie wohl ein Vater zu seinem Sohne spricht, wenn er dem vor seinem Sterbelager Stehenden besorgnisvoll die letzten Ratschläge erteilt. Er sprach in einem so bewegten Tone, daß Gerhard, von namenlosem Erstaunen ergriffen, keine Gegenbemerkung wagte, sondern mit wachsender Ehrerbietung lauschte und zurückrief alle Schmähungen und Flüche, mit den er jemals Ellenboroughs, als seines und Esthers bösen Engels, gedacht hatte. Ellenborough aber erzählte immer weiter mit einer gewissen Hast, als hätte er befürchtet, mit seinen Mitteilungen nicht zu Ende zu kommen. Er sprach von geträumtem Familienglück und von dem Elend, wenn tadelnswerte Leidenschaften eine ursprünglich reine Zuneigung überwuchern und endlich ersticken. Er sprach von Herzen, die, einmal einander entfremdet, den Mut nicht besitzen, böse Stunden aus der Erinnerung zu streichen und, sich hinwegsetzend über die Spottreden der Menschen, ihre Lebensbahn gleichsam von neuem zu beginnen, in den bitteren Erfahrungen aber, wenn auch hart kämpfend gegen Not, ihren treuesten Beschützer finden würden. Er sprach von Elternliebe und von verbrecherischen Handlungen, zu den man sich in der Besorgnis um ein teures, geliebtes Wesen nur zu leicht hinreißen lasse. Er wies darauf hin, wie ein Mann, jeglichem milden Einfluß entzogen, allmählich abstumpfe und endlich die letzte Teilnahme für seine unglücklicheren Menschen verliere, sich sogar weide an fremdem Elend und darin eine Art Rache suche für erlittenes, wenn auch selbst verschuldetes Mißgeschick. Auch von leeren Gräbern sprach er, jedoch nur flüchtig und mit unverkennbarem Entsetzen, daß es Gerhard wie ein eisiger Schauer durchrieselte, als hätte er die Geständnisse eines Wahnsinnigen vernommen. Hieran schlossen sich aber wieder Schilderungen der wildesten Verzweiflung, die ihn beim ersten Anblick Esthers ergriffen hatte, und der unsäglichen Seelenqualen, den er im täglichen Verkehr mit der Teuren, ohne Klage oder Vorwürfe in ihr trauriges Los sich Ergebenden unterworfen gewesen. In den letzten Minuten seines Zusammenseins mit Gerhard hatte er jedoch nur noch Worte der Liebe, inniger, aufrichtiger Liebe für diejenige, deren irdische Wohlfahrt der einzige und letzte Wunsch seines Lebens, und für ihn, dessen treue Anhänglichkeit an Esther durch die vernommenen Geständnisse nicht hatte erschüttert werden können und in dessen Händen er das Glück Esthers für ewige Zeiten gesichert wußte. Von Ellenboroughs Kugel durch den Kopf getroffen, brach er lautlos zusammen. »Wir kennen uns einander jetzt,« schloß er endlich, als sie, auf der Landstraße auf und ab wandelnd, wieder in der Nähe des Seitenweges eintrafen; »mag das Schicksal entscheiden, wie es wolle: was ich an meiner Tochter verbrach, es ist gesühnt, wird in erhöhtem Maße durch Sie gesühnt werden. Gehen Sie zu ihr und bringen Sie ihr meine Grüße. Geben Sie ihr zu verstehen, daß kein Geheimnis mehr zwischen Ihnen beiden schwebe, und aus dem neu befestigten rückhaltlosen Vertrauen wird ein Glück ersprießen, wie ich es meinem armen Kinde vom Himmel zu erflehen kaum noch gewagt hätte. Leben Sie wohl,« und krampfhaft drückte er Gerhards Hand, »möge des Himmels Segen mit Ihnen sein immerdar!« »Wann dürfen wir Sie erwarten?« fragte Gerhard, wie von Glück verheißenden Tränen umgaukelt und daher unempfindlich gegen die in Ellenboroughs Wesen sich offenbarende, Unheil verkündende Entschlossenheit. »Morgen um die Mittagszeit,« antwortete dieser kurz; »treffe ich nicht ein, so setzen Sie, nach Eröffnung meines Briefes an Esther, Ihre Reise nördlich fort.« Hier drückte er ihm noch einmal die Hand, rief ihm noch einmal zu: »Beeilen Sie sich, zu Esther zu kommen!« dann bog er schnell in den nach dem Landhause führenden Weg ein. Einige Minuten blieb Gerhard wie betäubt auf derselben Stelle stehen. Er meinte die Wirklichkeit des Erlebten bezweifeln zu müssen. Dann schritt er in der ihm vorgeschriebenen Richtung langsam davon. Doch indem die seinem Geiste vorschwebenden, bisher ihm unlösbar erscheinenden Rätsel sich mehr entwirrten, beschleunigte er seine Bewegungen. Was hinter ihm lag, sich hinter ihm vollzog, er hatte keine Gedanken mehr dafür. Nach vorn richteten sich seine Blicke, nach vorn, wo das teure Bild seiner geliebten Esther, holdselig geschmückt mit einer Glorie edler Selbstverleugnung und Selbstaufopferung, ihm verheißend winkte. Dreißigstes Kapitel. Über Tod und Grab hinaus. Es mochte gegen halb zwölf Uhr sein, als Ellenborough in seine Wohnung zurückkehrte. Die Haustür lehnte er nur an; ebenso blieb die Zimmertür unverschlossen, und ohne zuvor ein Licht angezündet zu haben, warf er sich auf sein Lager. Manche, manche tadelnswerte Handlung hatte er sich zuschulden kommen lassen; manche Handlung, zu deren Ausführung es mehr als gewöhnlichen Mannesmutes, sogar eines gewissen Zerfallenseins mit sich und der ganzen Welt bedurfte; allein nie war er von dem Ernst seiner Lage höher durchdrungen gewesen, als jetzt, da er sich die Aufgabe gestellt hatte, Gerhards Verfolger von dessen Spur abzulenken. Regungslos starrte er auf die beiden sich nur matt auszeichnenden Fenster, während er sein Leben noch einmal vor seinem Geiste vorüberrollen ließ. Es bot ihm nur wenig Punkte, vor den er länger hätte weilen mögen, wenig Ereignisse, die ihm in dieser ernsten Stunde zum Trost gereicht hätten. Die erste Erschütterung erhielt sein verdorrtes Herz damals, als seine Tochter unerwartet vor ihn hintrat und er in ihren Augen nicht nur las, daß sie ihn erkannt hatte, sondern auch wie verächtlich ihr jetzt der erschien, dessen sie bisher nur als eines geliebten, neben ihrer armen Mutter schlummernden Toten gedacht hatte. Was ihr seit den Tagen ihrer Kindheit am heiligsten gewesen, die treue Erinnerung an ihre heimgegangenen Eltern, es war ihr mit einem Schlage geraubt und vernichtet worden; vernichtet in einer Weise, daß sie bis in den Mittelpunkt der Erde hinein hätte fliehen mögen, um nie wieder ein bekanntes Auge in Liebe und Vertrauen auf sich gerichtet zu sehen. Keinen anderen Ausweg entdeckte sie in ihrer Not, als sich ihm anzuschließen, mit ihm zu teilen das Los, das er sich selber bereitet hatte. Und welches Los! Nachdem er auf Grund eines unerhörten Betruges die Heimat verlassen hatte, war es, als ob die finstersten Dämonen der Hölle ihn hätten für seine kühne Tat lohnen wollen. Denn was er beginnen mochte: alles glückte, alles brachte ihm reichen Gewinn, zuerst auf dem Wege rechtlicher Arbeit und in Ausübung seines ärztlichen Berufes, bis er endlich, reicheren Vorteilen nachjagend, sich den südlichen Verschworenen anschloß. Da traf ihn ein neuer, der härteste Schlag. Es geschah in jener verhängnisvollen Stunde, in der er, Gerhard argwöhnisch belauschend, den eigentlichen Umfang des Opfers kennen lernte, zu dem Esther durch ihr Zusammentreffen mit ihm gezwungen worden war. Bis in den innersten Lebensnerv hinein erschüttert, ließ die furchtbare Entdeckung seinem Dasein nur noch in so weit einen Wert, als er es für denjenigen einsetzen konnte, an dessen Untergang, wenn auch widerwillig und mittelbar, er mitgearbeitet hatte. Schaudernd vergegenwärtigte er sich die Folgen, wenn er im entscheidenden Augenblick nicht heimgekehrt und daher nicht in der Lage gewesen wäre, sich auf der Außenseite des Gartens nahe der Laube im Unkraut zu verbergen. Seine Betrachtungen stockten, die Zeit verrann. Mitternacht war vorüber und noch immer ließen die Gesellen des teuflischen Clans auf sich warten. Er erhob sich und schritt nach dem Fenster hinüber. Eine Gruppe schwarzer Gestalten bewegte sich durch den Vorgarten auf die Haustür zu. Eine andere Abteilung begab sich nach der Hintertür, wogegen eine dritte sich auf die verschiedenen Fenster verteilte. Ellenborough lächelte bitter, als er die umfassenden Maßregeln sah, die getroffen wurden, um einem einzelnen, harmlosen jungen Manne den Untergang zu bereiten, weil man von dessen unerschütterlicher Rechtlichkeit glaubte Verrat befürchten zu müssen. Doch er wußte, daß die Rachehandlungen der südstaatlichen Verbrüderungen absichtlich mit einem gewissen Pomp und unter zahlreicher Beteiligung ins Werk gesetzt wurden, um dadurch einen nachhaltigeren Eindruck zu erzeugen und größeren Schrecken zu verbreiten. Die einzelnen Abteilungen hatten kaum ihre Posten eingenommen, als Ellenborough hörte, daß die Haustür behutsam geöffnet wurde. Er trat einige Schritte zurück und zog die Pistole. Auf dem Flur wurde ein Licht angezündet, die Zimmertür wich nach innen, ein Lichtstrahl fiel auf das Bett und zugleich wurde der Lauf eines Doppelgewehrs sichtbar. »Bei Gott, er liegt nicht drinnen!« flüsterte es seitwärts von Ellenborough und nur durch die Türbretter von ihm getrennt. Dieser schauderte. Er hatte die Stimme Highways erkannt, desselben Highway, mit dem er so lange in geschäftlichem Verkehr gestanden, dem Verderber Elses, dem hundertfachen Mörder. War er bisher auf das Äußerste gefaßt gewesen, so wußte er jetzt, daß eine unwiderrufliche Entscheidung über Leben und Tod nahe sei. Weiter öffnete sich die Tür, und vor ihn hin trat Highway selber in der ihm nur zu vertrauten Verkleidung. Noch hatte er ihm den Rücken zugekehrt, offenbar um den nachdrängenden Genossen freien Raum zum Gebrauch ihrer Waffen zu geben und ihnen zu leuchten. Plötzlich aber kehrte er sich bei einer zufälligen Bewegung ihm zu, und durch die Augenlöcher der Schleiermaske hindurch meinte er die auf ihm haftenden, vor Erstaunen und Wut glühenden Blicke zu fühlen. Er begriff, daß sein Tod, wenn man ihn erkannte, Gerhard nicht gegen weitere Nachstellungen schützen würde, und sein letzter Entschluß war gefaßt. »Bei der ewigen Verdammnis! Hier ist –!« schrie Highway auf und zugleich hob er das Licht höher. Bevor er aber den Namen auszusprechen vermochte, erschütterte ein Schuß das Haus, und von Ellenboroughs Kugel durch den Kopf getroffen, brach er lautlos zusammen, im Fallen das Licht verlöschend. Ein Aufschrei der Wut folgte auf diesen unvorhergesehenen Angriff, sich schnell fortpflanzend vom Flur ins Freie hinaus und um das ganze Haus herum. »Besetzt Türen und Fenster!« rief gellend derselbe Kaufmann, mit dem Ellenborough vor wenigen Stunden noch verkehrte, und zugleich verließ er mit den Genossen den finsteren Flur. Die Minute grenzenloser Verwirrung aber benutzte Ellenborough, die Bettdecke über sein Haupt zu werfen und den Oberkörper so einzuhüllen, daß nur die mit dem Revolver bewaffnete Faust frei blieb. Was auch immer vorher sein Entschluß gewesen, angesichts eines unvermeidlichen Endes erwachte in ihm der Selbsterhaltungstrieb. Mit dem wohlüberlegten Verlangen, unerkannt zu bleiben, verband er die Hoffnung, nach dem Boden des Hauses hinauf zu entkommen und von dort über das Dach fort seine Flucht weiter zu bewerkstelligen. Doch ihn umringten Feinde, die nicht gewohnt waren, ihre Opfer entschlüpfen zu lassen. Er hatte die Zimmertür noch nicht erreicht, als vor den Fenstern Strohfackeln aufflammten, Fensterscheiben klirrten, die Vorhänge mit Gedankenschnelligkeit vom Feuer verzehrt wurden und bei der unheimlichen Beleuchtung wohl ein halbes Dutzend Gewehrschüsse auf die verhüllte Gestalt abgefeuert wurden, in der man augenscheinlich den mit teuflischer Ausdauer verfolgten Gerhard vermutete. Von zahlreichen Rehposten durchbohrt, stürzte Ellenborough neben Highways blutige Leiche hin. Draußen aber stritt man sich noch darüber, ob man letztere mit fortnehmen oder unter der Asche des Hauses begraben solle, als die Fackelträger ihre lodernden Strohbündel mitten in das Zimmer hineinschleuderten. Neue Strohbündel, deren Hof und Stall einen reichen Vorrat bargen, folgten und binnen wenigen Minuten erfüllte eine knisternde Lohe und erstickender Rauch den blutigen Raum. Ähnlich verfuhr man auf den anderen Seiten des Hauses, und keine zehn Minuten waren nach dem ersten Angriff verstrichen, da schlugen die Flammen ringsum weit über das leicht brennbare, mit dürren Schindeln gedeckte Dach hinaus. – Auf den benachbarten Farmen wurde der Feuerruf laut. Die Landstraßen und Seitenwege belebten sich mit Wagen, Reitern und Fußgängern. Man eilte herbei, um zu löschen und zu retten. Wer indessen so weit gelangte, daß er die von den Flammen grell beleuchteten Teufelsgestalten zu unterscheiden vermochte, dem entschlüpfte wohl das verhängnisvolle Wort »Ku-Klux-Clan«, und sich scheu umkehrend, beeilte er sich, dem Bereiche derjenigen zu entkommen, deren Rache er glaubte fürchten zu müssen. – Nur eine einzelne Reiterin wagte sich trotz der ihr entgegenschallenden Drohrufe bis auf die Brandstätte. Sie war sichtbar erschöpft von einer anstrengenden Reise auf Wagen und Eisenbahnen; das in der nächsten Stadt gemietete und schäumende Pferd drohte unter seiner leichten Last zusammenzubrechen. Angesichts des wild lodernden Brandes hielt sie ihr Pferd an, und mit einem Antlitz, auf das der Tod seine kalte Hand gelegt zu haben schien, so starr und doch so schön, blickte sie vor sich in die Glut. »Wo ist der junge Deutsche, den man bis hierher verfolgte?« fragte sie mit unheimlicher Entschlossenheit. Niemand antwortete; dagegen suchten die in ihrer Nähe befindlichen Teufelsmasken sich aus dem Bereich ihrer Blicke zu entfernen. »Er ist tot, er ist ermordet!« fuhr Claudia mit einem Ausdruck fort, wie er nur durch Entsetzen erzeugt werden konnte; dann sich wieder ermannend, fragte sie weiter: »Wo ist Highway? Wo ist mein Vater? Er muß hier sein! Unter welcher Hülle steckt er? Ich bin hier, um Rechenschaft von ihm zu fordern, ihn zu fragen, warum er seine eigene Tochter dazu benutzte, einen Unschuldigen ins Verderben zu treiben!« Tiefes Schweigen ringsum. Nur die Flammen sausten, indem sie knisternd die trockenen Bretterwände und Schindeln verzehrten. »Gut, mein Vater,« rief sie verzweiflungsvoll aus, daß es schauerlich durch die Nacht hinschallte, »du scheust den Anblick deines eigenen Kindes! Wohlan, ich will dich desselben für immer entheben! Nicht mehr unter demselben Dach mit dir will ich hausen, und wäre ich gezwungen, gemeinschaftlich mit der von dir geopferten Lehrertochter rastlos die Sümpfe zu durchstreifen; denn sie allein war es, der ich die Kunde von dem beabsichtigten Verbrechen verdanke!« Mit dumpfem Gepolter brach das Haus zusammen. Lange noch stierte Claudia in die Glut, aus der ein entsetzlicher Duft ihr entgegenströmte. Als sei sie ein böser Geist gewesen, Tod und Verderben um sich her verbreitend, schlichen die Teufelsmasken aus der grellen Beleuchtung in die Schatten der Nacht hinein. Sogar ihre verstockten Gemüter schauerten ängstlich zusammen, als sie die Tochter mit einem Fluch auf den Lippen vor dem Grabe ihres Vaters halten sahen. »Zu spät, zu spät,« flüsterte Claudia über die Mähne ihres Pferdes hin, »möge diejenigen des Himmels Rache treffen, welche ein solches Elend verschuldeten!« Langsam wandte sie ihr Pferd, und bald darauf war sie in Nacht und Dunkelheit verschwunden. Hinter ihr leuchteten die Flammen noch lange, aber nicht mehr so weithin sichtbar. Nur der geschwärzte Schornstein, seltsam geschmückt mit blutroten Reflexen, ragte noch hoch empor. Alles übrige war Holzwerk gewesen und daher leicht und schnell von dem Feuer vernichtet worden. Als der Morgen graute, spielte die sanfte Luftströmung nur noch mit weißer Asche, unter der in einem Trümmerhaufen die letzte Kohlenglut erstickte. – Den roten Feuerschein am fernen Horizont hatten weder Gerhard noch Esther bemerkt, denn als ersterer nach halbstündiger schneller Wanderung den in der Nachbarschaft eines größeren Gehöftes haltenden Einspänner erreichte, da saß Esther auf der Wagenbank, als ob sie entschlafen gewesen sei. Das leise Wiehern des Pferdes verriet ihr die Annäherung eines Fremden. Sie richtete sich empor, und rückwärts spähend, unterschied sie die Gestalt eines Mannes, der gerade auf sie zuschritt. »Bist du es, Vater?« fragte sie gedämpft. »Dein Vater sendet mich,« antwortete Gerhard hochklopfenden Herzens und durch diese Andeutung sein unerwartetes Erscheinen entschuldigend. »Gerhard!« rief Esther vorwurfsvoll und dennoch mit einem unbeschreiblichen Ausdruck innigen Entzückens, als ob nunmehr alle Last von ihrem Herzen genommen wäre, »Gerhard – du suchtest ihn dennoch auf – warum hast du mir das angetan?« »Ich forschte nicht nach ihm,« versetzte Gerhard tief bewegt, die ihm vom Wagen niedergereichte Hand an seine Lippen pressend, »nein, er suchte mich auf – alles vertraute er mir an, und mir allein gehörst du, seitdem er selber dich meiner Sorge übergab –« »Nimmermehr!« klagte Esther, ihre Hand auf Gerhards Stirn legend, »du kannst nicht alles wissen, unmöglich kann er dir alles anvertraut haben.« »Teuerste Esther,« flüsterte Gerhard dem ihm zugeneigten Antlitz so leise entgegen, als hätte er von der Nacht selber eine Verbreitung des Geheimnisses befürchtet, »meine erste Handlung wird sein, in seinem Auftrage und in dem deinigen eine bestimmte Geldsumme nebst langjährigen Zinsen an eine Lebensversicherungsgesellschaft als das Vermächtnis eines unbekannten Verstorbenen auszuzahlen. Genügt diese Beteuerung, dich –« »Es ist genug, Gerhard,« versetzte Esther bestürzt, »aber nicht weiter gehe mit deinen Offenbarungen. Laß in ewige Vergessenheit begraben sein, was mich noch heute um meinen Verstand zu bringen droht – und daß du jetzt noch zu mir kommst, jetzt noch deine alte Treue mir bewahrst – o, Gerhard, und wenn meine ganze Seele sich dagegen sträubt, den meinem Namen anhaftenden Makel auf dich zu übertragen, ich kann nicht – nein, ich kann mich nicht von dir wenden. Meine Liebe zu dir überwiegt alle anderen Rücksichten; mir ist, als beginge ich ein Verbrechen an dir, führe ich fort, zu zweifeln und zu bangen. Von meinen Empfindungen allein will ich mich leiten lassen, und Gott wird mir verzeihen, wenn ich unrecht an dir handle – ich kann nicht anders –« heftiges Schluchzen erstickte ihre Stimme. Gerhard war zu ihr auf den Wagen gestiegen und hatte neben ihr Platz genommen. Seinen Arm legte er um die Geliebte, und als hätte das Pferd, sich selbst überlassen, Verständnis für die augenblickliche Lage besessen, setzte es sich langsam in Bewegung. Stumm lehnte sich Esther an Gerhards Brust. Sie war so glücklich und doch so bange, aber reichlich flossen ihre Tränen, während Gerhard ihr Ellenboroughs Grüße darbrachte, sein letztes kurzes Zusammensein mit ihm schilderte. »Was du mir sagst,« nahm Esther endlich wieder tief bewegt das Wort, »es klingt wie der letzte Gruß eines Sterbenden. Bange Ahnungen bestürmen mich. Mir ist, als sollten wir ihn nicht wiedersehen.« »Ihn – nicht wiedersehen?« fragte Gerhard erschreckt, und jetzt, da er seine geliebte Esther im Arm hielt, gewannen beim Rückblick Ellenboroughs Aufträge und sein ganzes Verfahren plötzlich eine andere Bedeutung – »nicht wiedersehen? Unmöglich – er versprach, sich um die Mittagszeit uns zuzugesellen.« »Nein, Gerhard,« versetzte Esther, noch immer leise weinend, »ich täusche mich nicht, sein Abschied, als ich mich von ihm trennte, war ein anderer, als gewöhnlich. Ernste Gedanken bewegten ihn, und Worte verließen seine Lippen, wie sie wohl auf einem Sterbelager gesprochen werden.« Gerhard wagte nicht, eine Meinung zu bekämpfen, die bei ihm selbst schnell zur Überzeugung wurde. Aber fester drückte er die Geliebte an sich, während sein geistiger Blick in die Zukunft drang, sich werdend an den holdesten Szenen des Friedens und des Glücks. Das Pferd verfolgte unterdessen ruhig seinen Weg. Bald über Fluren hin, bald durch Haine und an Ansiedlungen und vereinzelten Gehöften vorbei auf wohlgebahnter Landstraße. Über den Niederungen schwebten Nebelschleier; mit geheimnisvollem Säuseln hauchte durch die Wipfel der Bäume die kühle Morgenbrise. Bald hier, bald dort bellte ein wachsamer Hofhund. Hin und wieder krähte ein Hahn. Beim hellsten Morgensonnenschein erreichten die beiden Reisenden die ihnen bezeichnete Ortschaft, wo die Vorkehrungen zur Weiterreise fast den ganzen Vormittag in Anspruch nahmen. Ellenborough war nicht eingetroffen. Der Brief an Esther wurde daher erbrochen. Dessen Inhalt bestätigte Esthers bange Ahnungen. »... Ihr werdet daher nicht säumen,« schloß der Brief, »bevor Ihr Eure Reise fortsetzt, Euch durch einen Notar der Landessitte gemäß trauen und in das betreffende Register als Ehegatten eintragen zu lassen. Ihr vereinfacht dadurch nicht nur Eure Reise durch die Euch fremden Landesteile, sondern erhöht auch Eure beiderseitige Sicherheit. In Neuyork übermittelt sogleich die in Gerhards Händen befindlichen Briefe an ihre Adressen. Durch diese wird das Ordnen meiner Vermögensverhältnisse – im Fall ein Unglück mich ereilen sollte – wesentlich erleichtert und gefördert. Der bei weitem größte Teil meiner Habe kommt selbstverständlich den Bewohnern der Sumpfkolonien zugute. Ich setze voraus, daß Ihr Neuyork nicht zur Begründung Eures Hausstandes wählt. Gibt es doch in der alten Heimat Gelegenheit genug für einen strebsamen jungen Mann zum Broterwerb. Aber wohin Ihr Euch wenden mögt, mein Segen begleite Euch auf allen Wegen und in allen Lebenslagen, mein Segen und meine Dankbarkeit für den Trost, der mir in meiner letzten Stunde – Gott mag wissen, wann sie schlägt – durch die Erinnerung an Euch gewährt wird.« Nachdem sie den Brief gelesen hatten, reichten sie sich die Hände. Was sie hätten aussprechen mögen, es ruhte in ihren Augen, in ihren ernsten Blicken, die sich über das beschriebene Blatt hin begegneten. Als sie gegen Abend den Ort verließen, hatte Esther Gerhards Namen angenommen. Ihr Aufenthalt in Neuyork dauerte länger, als sie erwarteten. Wie ihr Vater gestorben war, erfuhr Esther nicht. Selbst Gerhard ersah es nur zufällig aus einer Zeitung, in der, unter Hinweis auf das fortgesetzte verbrecherische Treiben des Ku-Klux-Clan, die Ermordung eines jungen Deutschen, Namens Gerhard, ausführlich geschildert wurde. Zugleich sprach man von dem geheimnisvollen Verschwinden eines der verrufensten Sezessionisten, und daß die in dem Schutt des niedergebrannten Hauses aufgefundenen Überreste eines zweiten Mannes wohl die des vielleicht im Kampfe mit dem jungen Fremden gefallenen Pflanzers Highway gewesen sein möchten. Die Übermittelung der Summe, über die Ellenborough zugunsten der Bewohner von Nailleka verfügte, veranlaßte Gerhard, genauere Erkundigungen über die Kolonie einzuziehen. Claudia hatte, als alleinige Erbin, die Besitzung ihres Vaters verkauft und war mit ihrer Mutter nach einer größeren Stadt gezogen. Den alten Androklus hatte David nördlich zu Verwandten geschickt. Mit ihm verließen die meisten Farbigen die Sümpfe. Die Zurückbleibenden suchten auf Davids Rat Beschäftigung auf Highways Plantage, wo ihnen solche von dem neuen Besitzer gegen entsprechenden Lohn im Überfluß geboten wurde. David selber blieb noch. Er schien sich von der Stätte seiner früheren Tätigkeit nicht losreißen zu können. Durch die von Ellenborough ihnen zugewandten Geldmittel vermochten die weißen Arbeiter nicht nur ihre als Sklavenketten benutzten Schulden zu tilgen, sondern auch Landstriche aufzusuchen, auf den Klima und Bodengestaltung sie gleichsam gastlich begrüßten, ihnen reichen Ertrag für ihre Mühen versprachen. Doch bevor sie dahin gelangten –! Wie eine Botschaft vom Himmel traf die Bewohner der Sumpfkolonien die Kunde ihrer Befreiung. Was sie kaum noch zu hoffen wagten, was von der Gottheit zu erflehen ihnen der Mut fehlte, unerwartet war es in Erfüllung gegangen. Tränen der Dankbarkeit verschleierten die Blicke, indem diese Kunde von Haus zu Haus getragen wurde, und doch wollte eine eigentliche Fröhlichkeit nicht zum Durchbruch gelangen. Denn was die Erde einmal in Empfang genommen hat, das gibt sie nicht wieder heraus! Mit der Trennung von dem Schauplatz unsäglichen Elends war der Abschied von Gräbern verbunden, in denen so manche Lebensfreude, so manche Lebenshoffnung der Ewigkeit entgegenschlummerte. Es war ein zu schwerer, ein unsäglich trauriger Gedanke, und viele gab es, die sich am liebsten zu den Teuren in die kalte Sumpferde gebettet hätten, anstatt aufs neue einer ungewissen Zukunft entgegenzuziehen, und zwar mit gebrochenem Herzen, gebrochener Gesundheit und gebrochenem Mute. Fehlten doch diejenigen, für die man länger hätte leben, Geist und Arme zu neuen Anstrengungen erheben mögen! Und dennoch, welch scharfer Unterschied herrschte zwischen dem Früher und dem Jetzt – zwischen jenen Tagen, in den die mit der letzten Habe erkauften Landbesitztitel den nur zu gern zu überspannten Hoffnungen hinneigenden Gemütern einen trügerischen Rückhalt boten, und dem Jetzt, da man zagend die erlahmten Kräfte beim Schnüren der kleinen Bündel prüfte! Damals verblendet und berauscht durch falsche Vorspiegelungen und in dem Wahne, in ein irdisches Paradies einzuziehen, sagte man jetzt mit leeren Händen und hoffnungslos einer Landscholle Lebewohl, die eben nur durch die in ihr ruhenden Teuren den Charakter einer Heimstätte erhalten hatte. Auf die unberechtigten, durch verbrecherisches Beginnen künstlich emporgeschraubten Erwartungen und Träume war ein entsetzliches Erwachen gefolgt, ein ohnmächtiges, qualvolles Winden in Sklavenketten. Dem seiner letzten Hoffnungen Beraubten, der außer dem Wanderstabe kaum noch etwas sein Eigentum nannte, winkten dagegen in fernen Distrikten ein heimatliches Klima und der anregende Wechsel der Jahreszeiten; winkten ein gastlicher dankbarer Boden und endlich Freundeshände, bereit, den Schwankenden zu stützen, zugleich ehrend in der Freiheit des Denkens und Schaffens den Mitmenschen und in ihm das Ebenbild einer schöpferischen Gottheit. Familienweise waren die Bewohner der Sumpfkolonien aufgebrochen, familienweise und je nachdem es der Gesundheitszustand der einzelnen Mitglieder zuließ. Die gemeinschaftlich ertragenen Leiden hatten alle einander nähergeführt, die gelichteten Kreise gleichsam zu einer einzigen Familie vereinigt. Unter Tränen nahm man voneinander Abschied, und unter den aufrichtigsten Versprechungen, auch in den fernen glücklichen Distrikten sich gegenseitig aufsuchen zu wollen. So war eine Hütte nach der andern in Nailleka leer geworden, bis endlich nur noch einige junge Männer bei dem alten Schulmeister blieben, um den tiefgebeugten Hausfreund aller nicht gänzlich vereinsamt seinem Geschick zu überlassen. Denn niemand besaß den Mut, ihn aufzufordern, sich den Scheidenden anzuschließen, ihn, der Tag und Nacht darauf harrte, daß seine unglückliche Tochter sich ihm wieder zugesellen und ihn von dannen begleiten würde. Tag und Nacht wartete er, und mit ihm warteten seine Freunde. Es war als ob das Scheiden so vieler Leidensgenossen die Ärmste mit Scheu erfüllt hätte, als wäre sie von Furcht erfüllt gewesen, mit Gewalt einer Umgebung entrissen zu werden, auf welcher mit einem Stück ihres Körpers auch ein Teil ihrer Seele begraben worden war, jenen zum Dahinwelken, diesen zum planlosen Umherschweifen zwischen wirren Phantasien vorbereitend. Man hörte wohl zur nächtlichen Stunde vielfach ihre sanfte Stimme, indem sie bald hier, bald dort ihre formlosen Ideen in melancholische Melodien kleidete, allein das leiseste Rauschen der Blätter in ihrer Nähe verursachte, daß sie wie ein Schatten verschwand, um erst wieder aus der Ferne durch einen Klagegesang ihre Anwesenheit zu verraten. So folgten Tage auf Nächte und Nächte auf Tage; ratloser schaute der alte Lauter in die Zukunft, und dringender wurden seine Bitten an die jungen Leute, ihn und seine Tochter ihrem Schicksal zu überlassen, ein Ansinnen, dem Folge zu leisten diese sich standhaft weigerten. Eine neue Nacht war hereingebrochen, eine Nacht, so lieblich, als sei sie eigens dazu bestimmt gewesen, die Sterblichen nach des Tages Hitze zu erquicken, und wie um ihnen auf ihren einsamen Spaziergängen zuvorkommend zu leuchten, sandte der volle Mond seine milden Strahlen auf die dichten Waldungen wie auf die Gefilde, auf klare Wasserspiegel und menschenfeindlich belebte Sümpfe nieder. Lauter rastete auf einer Schilfanhäufung unter dem vorspringenden Dache seiner traurig verödeten Hütte. Seine Freunde, vier rüstige junge Männer, hatten bis gegen Mitternacht bei ihm gesessen; dann hatten sie sich entfernt, um innerhalb der Hütte ihr gewohntes Lager aufzusuchen. Traurig blickte er in der Richtung nach der Beerdigungsstätte hinüber, von woher Bruchstücke einzelner Melodien zu ihm drangen. Schon als die jungen Leute sich noch bei ihm befanden, hatten die klagenden Töne zuweilen die Stille der Nacht unterbrochen, aber zusammenhängender waren sie gewesen und heller. Den Rat, sich der Ärmsten von verschiedenen Seiten zu nähern und mit freundlicher Gewalt sie wieder an die Lebenden zu ketten, hatte der alte Mann dagegen zurückgewiesen. Und nun lauschte er fortgesetzt hinüber, einen unsäglich schmerzlichen Genuß suchend in der sanften Stimme, die eigentlich das letzte, was ihm von einem einst zahlreichen Familienkreise geblieben. »Schlaf in süßer Ruh –« tönte das holde Wiegenlied zu ihm herüber. Seine Blicke verdunkelten sich. Während heiße Tränen über seine eingefallenen Wangen rollten und die gefalteten Hände benetzten, begann seine Phantasie mächtig zu arbeiten. Er vergegenwärtigte sich jene Zeiten, in den er selbst dieses Lied über einen schlummernden Engel hinsang, der treuen Gattin dadurch Muße verschaffend, unter einer Anzahl nicht minder teurer Kinder mütterlich zu walten. Er vergegenwärtigte sich jene Zeiten der Sorgen, in den die gesunde Nachkommenschaft trotz des trockenen Brotes kräftig heranwuchs, ihm zur Freude, der Mutter zum Stolz. Zwischen den Gräbern war es still geworden. »Der Wolf, der hat das Schaf gebissen –« hallte es plötzlich wieder unbeschreiblich sanft, wie unter dem Einfluß nahender Träume herüber. »Ja, der Wolf, der hat das Schaf gebissen,« wiederholte der alte Mann, und verzweiflungsvoll bedeckte er sein Antlitz mit beiden Händen. Der Schmerz hatte ihn erschöpft. Tiefe, unwiderstehliche Müdigkeit, wie erzeugt durch den leisen Kuß des bleichen Mondes, bemächtigte sich seiner. »Schlaf in süßer Ruh –« unterbrach es nach einer längeren Pause wieder geisterhaft die nächtliche Stille. Des Schulmeisters Haupt war auf seine emporgezogenen Knie gesunken. Wohltätige Vergessenheit legte sich um seine Sinne. »Schlaf in süßer Ruh!« hallte es zart und leise. Dann noch einmal: »in – süßer–Ruh –« und auch auf der Beerdigungsstätte trat Stille ein. Selbst das Pochen eines armen, gequälten Herzens hatte aufgehört. Süße, ewige Ruhe war an Stelle der rastlos arbeitenden Phantasien getreten. Durch die Wipfel der Bäume zog es wie heiliges, segnendes Geflüster. Mit milchweißen Nebelstreifen spielte das bläuliche Mondlicht. Armen ähnlich streckte es sich zwischen den dicht verschlungenen Zweigen hindurch, wie Arme, sehnsüchtig ausgebreitet, einen Engel zu empfangen, ihn sanft hinüberzuführen in seine himmlische Heimat. – – – Glänzender Sonnenschein, funkelnde Tauperlen und heller Jubel der befiederten Waldsänger begrüßten den alten Schulmeister bei seinem Erwachen. Er hatte so süß geruht, nachdem er in den Schlaf gesungen worden von seiner eigenen Tochter. Die jungen Leute waren längst munter. Als er ihrer ansichtig wurde, rief er sie herbei. Er entsann sich der letzten Minuten, bevor der Schlaf ihn überwältigte, entsann sich des träumerischen Ausdruckes, mit dem die Schlußworte des Wiegenliedes zu ihm herüberdrangen. »Begleitet mich,« sprach er gedämpft, wie um eine Schlummernde nicht zu stören, »ich weiß jetzt, wo mein armes Kind weilt. Es schläft; die Erschöpfung hat es übermannt; aber behutsam tretet auf, um es nicht zu wecken.« Maßlieb eilte ihren alten Beschützern entgegen und reichte ihnen mit einem süßen Lächeln die Hände. Dann schritt er ihnen voraus mit unsicheren schwankenden Bewegungen der Beerdigungsstätte zu, voraus im glänzenden Sonnenschein und durch funkelnde Tauperlen. Als er sich der Stelle näherte, auf der ein winziges Hügelchen die Reihe der seine Angehörigen bergenden Gräber abschloß, entdeckte er in der Tat Else, und noch behutsamer schlichen er und seine Freunde einher, bis er sich endlich vor seinem letzten Kinde befand. Zu Häupten des Hügelchens saß die Ärmste, den Rücken angelehnt an das Grab, unter dem ihre eigene Mutter schlummerte. Das Haupt mit dem lang niederwallenden schönen Haar hatte sie tief auf die Brust geneigt, das marmorbleiche Antlitz vergraben in die Blätter eines Magnoliazweiges, welchen sie mit beiden Händen an ihr Herz drückte. Zitternd vor Jammer legte der Schulmeister seine Hand auf das betaute Haupt. Was seine Freunde längst erraten hatten, er konnte es ja nicht glauben. »Else, mein liebes, liebes Kind, warum weilst du deinem Vater stets fern?« versuchte er sie sanft zu ermuntern – »wache auf mein geliebtes, armes Kind! Wache auf und folge mir, daß ich nicht länger so vereinsamt –« Er stockte. Heftiges Zittern erschütterte seine Gestalt; dann aber die Hände erhebend, sandte er einen Blick des entsetzlichsten Vorwurfs zum Himmel empor. »Herr, Herr, womit habe ich das verdient?« rief er verzweiflungsvoll aus. »Was habe ich verbrochen, daß du mir auch noch dieses letzte Kleinod raubst?« Dann hafteten seine Blicke lange starr auf der geliebten Toten. Er mochte sich die Ursachen vergegenwärtigen, welchen er seine jammervolle Lage, den jähen Verlust aller der Seinigen verdankte; denn eine tiefe Röte breitete sich über sein gramdurchfurchtes Antlitz aus. Plötzlich richtete er sich wieder empor. Seine Augen glühten, und während er den Arm mit der geschlossenen Faust über seine Tochter hinstreckte, entwand es sich schwer, aber mit wachsender Kraft der keuchenden Brust: »Dir meinen Segen, du armes, armes Wesen; meinen innigsten, ewigen Segen! Mein über das Grab hinausreichender Fluch dagegen denjenigen, die mich, den arglos Vertrauenden, in Jammer und Elend hinausjagten, meine geringe Habe mir raubten und die meinigen mordeten! Fluch, tausendfacher Fluch den Hyänen des Kapitals; ihnen und ihrer am blutbesudelten Raube sich atzenden Brut! Möge die Rache des Himmels auf diese scheußlichsten aller Verbrecher niederfahren! Möge er sie, die durch Lug und Betrug das Lebensmark ihrer Mitmenschen verräterisch einheimsen, die das Lebensglück Tausender von Familien frohlockend unter die Füße treten und spöttelnd den schamlos Betörten den Glauben an eine rächende Vorsehung gewaltsam entreißen, um ihnen dafür die Tore zum ewigen Jammer zu öffnen, möge er sie von der Erde vertilgen, wie die Sonne die Nacht verdrängt, ihr Name aber verflucht sein bis in die Ewigkeit!« »Und dieser Fluch,« fuhr er nach einer kurzen Pause wilder, leidenschaftlicher fort, »entsprungen einem Herzen, das bisher nur Versöhnung und Nächstenliebe kannte, und angesichts einer geliebten Toten! O, möchte ich die Kraft besitzen, ihn jeder einzelnen dieser Hyänen in die Ohren zu schreien in der Stunde, in der der Tod seine Hand nach ihr ausstreckt, um sie vor ihren letzten Richter hinzuführen! Der gesättigte Tiger verliert vorübergehend seine Mordlust, allein unersättlich bleiben diese Hyänen!« Er lachte mit dem Ausdruck des Wahnwitzes, daß es seine jungen Freunde durchschauerte, dann fuhr er fort: »O, mein Gott, wie ärmlich sind die Strafen, welche irdische Gerechtigkeit diesen Verhöhnern aller göttlichen Gesetze zuerkennt! Der Darbende, wenn er die Hand heimlich nach einem Laib Brot ausstreckt, verfällt in Strafen, erleidet Ehrenverlust, wogegen die Hyänen des Kapitals mit ihrer Unantastbarkeit sich freventlich brüsten, sogar die verlangenden Blicke auf Titel und schillernde äußere Auszeichnungen richten!« Wiederum lachte er unheimlich in den tauigen Morgen hinaus. Dann sank er auf die Knie vor der geliebten Leiche, und deren schönes, in einem süßen und doch unbeschreiblich wehevollen Lächeln erstarrtes Antlitz zwischen beide Hände nehmend, herzte und küßte er es, als hätte er dadurch die Teure zu neuem Leben wachrufen wollen. Mit tiefer Wehmut beobachteten ihn die jungen Männer. Keiner befand sich unter ihnen, der nicht in glücklicheren Tagen mit heimlichen Sehnen die Blicke zu der schönen Schulmeisterstochter erhoben hätte, und nun saß sie da, kalt und tot, übersät mit funkelnden Tautropfen, als ob der Himmel selber seine Tränen auf sie herabgeweint hätte. Schon manchen hatten sie in der Sumpfkolonie sterben sehen, Freunde und Angehörige; vor manchem Grabe geweint und geklagt; allem jetzt, da sie die arme Else in ihrem dürftigen Anzuge und mit allen äußeren Spuren nur durch den Tod heilbarer Seelenleiden betrachteten, meinten sie, nie Schwereres erlebt zu haben. Eine Weile ließen sie den jammernden Vater ungestört. Dann richteten sie ihn mit sanfter Gewalt empor, ihn mahnend, daß nicht gesäumt werden dürfe, die jugendliche Tote der Erde zu übergeben. Wie aus einem wüsten Traum erwachend, blickte Lauter um sich. Willig duldete er, daß die jungen Leute seinen Liebling in den Schatten einer Zypresse hinübertrugen und mit Palmenwedeln und duftenden Sassafraszweigen bedeckten. Willig folgte er ihnen, als sie sich nach den Hütten zurückbegaben, um die entsprechenden Vorbereitungen zur Beerdigung zu treffen und demnächst ein letztes Grab in der langen Reihe der Gräber zu schaufeln. – – Zur späten Nachmittagsstunde wurde der aus rohen Brettern zusammengefügte Sarg in die feuchte Gruft hinabgesenkt. Blumen in den mannigfaltigsten Farben hatten bei der Toten das Sterbekleid ersetzt. In ihren Armen hielt sie den Magnoliazweig. Gern ließ man ihr das von einem jungen Stämmchen gewaltsam losgetrennte und eine tötliche Verblutung erzeugende Reis, dieses, ihre eigenen Qualen versinnbildende Zeichen. Auf einem Lager von Zypressenzweigen ruhte der Sarg; Palmenwedel schieden ihn an den Seiten und von oben von dem schwarzen, feuchten Erdreich. – »Die Rache ist mein, ich will vergelten! spricht der Herr,« begann der Vater die Leichenrede vor der offenen Gruft mit fester Stimme. Dem ersten Ausbruch der Verzweiflung waren ernste männliche Ruhe und fromme Ergebung in einen höheren Willen gefolgt: durch das schrecklichste Strafgericht konnte das Verlorene ihm nicht zurückgegeben werden. – »Der Herr segne deinen Eingang und deinen Ausgang,« schloß er mit bebenden Lippen, indem er die erste Handvoll Erde zu seinem geliebten Kinde hinabsandte. Dann beobachtete er stumm, wie unter den schaffenden Händen die Gruft sich füllte und neben dem kleinen Hügelchen ein neuer Hügel sich wölbte. Ein Weilchen rastete er noch zwischen den teuren Gräbern, während die jungen Leute sich nach den Hütten begaben und ihre Schultern mit den besten Habseligkeiten beluden. Es war so wenig, und das Wenige so leicht; die Geldmittel aber, die ihnen durch Ellenboroughs letzten Willen zugewandt worden waren, sie achteten ihrer kaum. – Im letzten Abendsonnenschein verließen sie die Kolonie, die Stätte unsäglichen Elends. Im letzten Abendsonnenschein nahmen sie den alten Schulmeister zwischen sich und erstiegen den Hügel, von dem aus sie die Sumpfniederung noch einmal weithin überblickten. Schweigend sahen sie hinab auf die im üppigsten Naturschmuck prangende Landschaft. So still, so friedlich lag sie da, zauberisch angehaucht vom purpurn glühenden Abendrot. Kein Lüftchen regte sich. Domförmig wölbten sich die vereinzelten Palmen; himmelwärts wiesen die Riesenblätter der saftreichen Bananenstauden. Fledermäuse tummelten sich in den Lüften; Heimchen zirpten auf dem Hügelabhange. Giftiges Gewürm und scheußlich gepanzerte Amphibien entkrochen den schädliche Miasmen aushauchenden Morästen. »In der Natur wie bei den Menschen,« sprach Lauter träumerisch, »oft, oft bergen vielverheißende und einladend geschmückte Außenseiten einen verrotteten, feindlich wirkenden Kern.« Die fünf Wanderer bogen in den Weg ein, welcher sie nach dem nächsten Städtchen führte. Anspruchslos, wie das ihnen vorschwebende Endziel war, die Hoffnung es zu erreichen, stählte ihren Mut, beflügelte ihre Schritte. – Weit hinter ihnen mit dem frisch aufgeworfenen Grabhügel koste das Mondlicht. Ein Mann saß zu Häupten desselben, wie rastend nach schwerem Tagewerk. Neben ihm lehnte eine Schaufel an ein eben gepflanztes Magnoliabäumchen. »Es wird sterben,« sprach er traurig vor sich hin, indem er den jungen Stamm sinnend betrachtete, »sterben in dem feuchten Erdreich, sterben wie sie, deren Leben eine fremde Atmosphäre vergiftete und tötete.« Tief auf seufzte er. Er hatte sie zu sehr geliebt, die arme Else, und noch immer liebte er sie, zu der er bei ihren Lebzeiten nur wie aus dem Staube zu einer Heiligen emporzublicken wagte. Weder sie noch ein anderer hatten jemals sein ängstlich bewachtes Geheimnis geahnt. Heute dagegen, da die Letzten aus der Kolonie fortgegangen waren und niemand ihn sah, durfte er, ein Farbiger, wohl bei ihr sitzen, die, frei von aller Pein, sanft der Ewigkeit entgegenschlummerte. Bekannte, Freunde und sogar der eigene Vater, alle, alle waren sie fortgezogen von der armen Else! Der Mond schien hell; der Tau perlte; der Morgen graute; neben ihrem Grabe saß aber noch immer schmerzerfüllt der getreue David.– Einunddreißigstes Kapitel. Die reisenden Musikanten. Ein altes Stift, eine Zufluchtsstätte für wenig bemittelte alternde Frauen, erhebt sich in der unmittelbaren Nachbarschaft eines deutschen Küstenstädtchens. Aus der Ferne gesehen, erscheint das altertümliche Gebäude wie eine von vergangenen Jahrhunderten erzählende Kirche. Erst beim Nähertreten verraten die in drei Reihen übereinanderliegenden Fenster mit den bleigefaßten Scheiben seinen eigentlichen Charakter. Auf einer leichten Bodenanschwellung liegt es, und mehr Nutzgärten sind es, die es umgeben, als Anlagen, die geschaffen wären zur Augenweide oder zu traulichen Spaziergängen. Denn wer von den Bewohnern des grauen Gebäudes Bewegung im Freien sucht, der wandelt gern weiter hinaus, um von den höher gelegenen Punkten aus einen Überblick über die nordisch eintönige Landschaft bis zu dem blauen Meeresspiegel zu gewinnen, oder geht rings um das Städtchen herum, das, auf dem Landwege nur dürftig im Verkehr mit dem sich überstürzenden großhändlerischen Treiben, gleichsam eine kleine Welt in sich selbst bildet. Doch mögen die Gärten immerhin den Charakter einer gewissen Küchensparsamkeit tragen, mag der Vorhof des Stiftes im Umfange kaum der Zahl der Bewohnerinnen entsprechen: Sauberkeit und freundliche Ordnung herrschen überall. Sogar einen Ausdruck friedlicher Behaglichkeit vermißt man nicht, ausreichend in den meisten Fällen für Gemüter, welche nach vielen und langen Seelenkämpfen endlich zwischen den grauen Mauern und unter dem bemosten Ziegeldach ein Asyl für ihren Lebensabend fanden. Die Sonne eines hellen Sommernachmittags sandte ihre schrägen Strahlen durch alle Giebelfenster dieses alten Gebäudes, jedoch in keines freundlicher, als in die beiden nach dem Hofe zu liegenden zur ebenen Erde, hinter denen Meredith Kabul und Maßlieb traulich beieinandersaßen und emsig ihre Stricknadeln handhabten. Denn Meredith Kabul, die alte exzentrische Altertümlerin, die seit ihrer Kindheit sich nie zu weiblichen Handarbeiten verstanden hatte, war plötzlich eine andere geworden. Sie strickte nicht nur mit Todesverachtung, sondern auch für Geld, und mit ihr um die Wette – nicht minder staunenswert – strickte Maßlieb, die in dem kurzen Zeitraum eines halben Jahres auf diesem Felde sich eine solche Fertigkeit angeeignet hatte, daß sie, ohne die flinken Bewegungen der zierlichen Finger oft mit den Blicken zu überwachen, zugleich aus einem Buche vorzulesen vermochte. Und eine freundliche Gruppe bildeten sie bei dieser Beschäftigung: Meredith im verschossenen abenteuerlichen Glanze, Maßlieb dagegen dunkel gekleidet und säuberlich, wie ein junges Hausmütterchen, und mehr denn je ein Bild holder Jugendarmut und Schönheit. Zu ihrem lieblichen Antlitz mit dem leicht wechselnden Ausdruck aber kontrastierten doppelt seltsam Merediths ernste Züge mit den energisch zusammengepreßten Lippen und einer beinahe starren Ruhe, die das Hereinströmen eines Schatzes von Millionen schwerlich bemerkenswert gestört hätte, obwohl ein solcher Glücksfall gewiß recht willkommen gewesen wäre. Denn herrschte auch kein eigentlicher Mangel in dem zweifenstrigen Zimmer, so konnte ihm eine große Einfachheit der Ausstattung doch nicht abgesprochen werden; diese aber hatte sich wieder freundlicher gestaltet unter den regsamen Händen Maßliebs, welche es ebensogut verstand, wie einst ihrem eigenen sorglosen Ich, jetzt ihrer Umgebung durch Blumenschmuck und phantastisches Ordnen in den kleinsten Dingen erhöhte Reize zu verleihen. Neben dem einfachen Wohnzimmer lag eine nicht minder einfache Schlafkammer mit zwei Betten, und auf der anderen Seite des schmalen Flurganges eine Küche, gerade groß genug, um für zwei Personen ein nahrhaftes Mittagsmahl herzustellen. Sparsamkeit war überall geboten; denn da mit der Stiftsstelle, außer Wohnung, Holz und Torf, nur ein geringes Einkommen an Geld verbunden war, so mußten beide notgedrungen fleißig arbeiten, um die Mittel zum täglichen Unterhalt zu gewinnen. Ganz mittellos war Meredith freilich nicht; noch lag eine kleine Reservesumme unter Verschluß, noch besaß sie ihre wohlverpackten Altertümer in der Hauptstadt; allein jene wagte sie nicht anzugreifen, den Auftrag zum Verkauf dieser nicht zu erteilen. Gewährte es ihr doch eine große Beruhigung, etwas zu besitzen, auf das sie in besonderen Verhältnissen, namentlich bei Krankheitsfällen zurückgreifen konnte. Und was sollte aus Maßlieb, dieser letzten Kabul, werden, wenn ihre Beschützerin das Zeitliche segnete und sie aus dem Stift hinausgewiesen wurde? Was sollte aus ihr werden, wenn ihr nicht wenigstens ein kleines Vermögen zu Gebote stand? Und so führten die beiden im Grunde ein stillzufriedenes Leben. Von der Vergangenheit sprachen sie wenig oder gar nicht; die Zukunft verursachte ihnen keine Sorge; den Verkehr mit anderen Menschen vermißten sie nicht, noch weniger suchten sie ihn, und wenn ihre Gedanken zuweilen abwärts schweiften, planlos schmerzliche Erinnerungen wachriefen, dann brauchten sie einander nur in Sie Augen zu schauen, um in dem Ausdruck inniger Anhänglichkeit reichen Ersatz zu finden für das Verlorene, auch wohl Unerreichte. »Noch ein Kapitel,« entschied Meredith, als ihre liebliche Vorleserin eine kurze Pause eintreten ließ, »oder ein halbes, wenn es dir recht ist, und dann hinaus ins Freie.« »Es ist noch früh,« meinte Maßlieb, »und zwei Kapitel wären –« Sie stockte und erbleichte. Vom Hofe her waren die Akkorde einer Gitarre durch die offenen Fenster hereingedrungen. »Reisende Musikanten,« erklärte Meredith, indem sie die Börse zog und nach einer kleinen Münze suchte. »Es geschieht selten, daß solche sich bis in diesen Erdenwinkel verirren,« fügte sie aufmunternd hinzu, als sie bemerkte, daß Maßlieb fortgesetzt auf das offene Fenster starrte. Sie begriff, daß deren Erinnerungen peinlich angeregt worden waren, und wünschte ihre Gedanken in andere Bahnen zu lenken. Noch einige Akkorde, und eine Baßstimme, der man auf der Stelle anhörte, daß sie unzählige Male im Kreise froher Zechgenossen den »Landesvater« in die Welt hinausgedonnert hätte, sang mit einen: gewissen sentimentalen Ausdruck: »Wir hatten gebauet ein stattliches Haus!« »Auch ein Sänger,« sprach Meredith mit einem besorgten Blick auf die von dunklen Locken umwallten totbleichen Züge ihres Lieblings, vielleicht –« »Er – sie sind es!« flüsterte Maßlieb fast atemlos, und über ihr Antlitz breitete sich plötzlich flammende Glut aus: »sie sind es beide –« »Sie? Wer?« fragte Meredith, in freudiger Erregung emporspringend, denn sie kannte Maßliebs Geschichte bis in die kleinsten Einzelheiten. »Schwärmer und – und –« »Und?« fiel Meredith hastig ein. »Kappel!« brachte Maßlieb in ihrem namenlosen Erstaunen mühsam hervor. »Kappel?« wiederholte Meredith fast drohend, und indem ihre schlummernden Erinnerungen und wunderlichen Neigungen plötzlich neues Leben erhielten, warf sie sich stolzer in die Brust, »ein Kabul, der als Minstrell von Tür zu Tür wandert? Ein Nachkomme jenes berühmten –« und sie eilte mit langen Schritten hinaus, wo sie in der Tat den greisen, trübselig dareinschauenden Schwärmer gewahrte, der nach alter Weise die an einem verschossenen, grünseidenen Bande hängende Gitarre spielte, und neben ihm das Urbild eines heruntergekommenen Korpsburschen mit langem, buschigem Schnauzbart, noch längerem Knebelbart und auf dem Rücken einen vollgepfropften Tornister mit kühnlich hervorlugender Kleiderbürste und Stiefelbürste. Auf dem Ohr saß eine abgegriffene Studentenmütze; in der einen Hand hielt er einen gewaltigen Ziegenhainer, in der anderen ein leeres Notenblatt, von dem er alle seine Lieder abzusingen pflegte, um sie hinterher auf demselben Notenblatt mit barer Münze bezahlt zu erhalten, und dabei zeigte er ein so biederes, wettergebräuntes Antlitz, wie nur je eins nach einem verlorenen Schatz suchte. Meredith hatte die beiden treu vereinigten Genossen ebensowenig jemals gesehen, wie sie selbst von ihnen gekannt wurde, und dennoch blieb sie keinen Augenblick im Zweifel über dieselben. Einige Sekunden zögerte sie, um sich zu sammeln. Dann trat sie mit einer Entschlossenheit auf die beiden bestaubten Musikanten zu, daß diese, wie in schüchterner Erwartung, vom Hofe gewiesen zu werden, Spiel und Gesang einstellten. Vor Kappel angekommen, senkte sie einen durchdringenden Blick in seine ehrlichen Augen. Bedächtig tupfte sie ihn mit dem Finger auf die Brust, und: »Kabul?« tönte es ihm mit einer gewissen verhängnisvollen Ruhe entgegen. Kaum aber hatte Kappel die eine ganze ihm vertraute Lebensgeschichte enthaltende Frage vernommen, als zehntausend lustige Studentenstreiche aus seinen entzückten Augen sprühten. Hastig riß er die Mütze von seinem Haupt, und die andere Hand mit einer anmutigen Bewegung nach Merediths Herzgegend schwingend, fragte er gleichfalls: »Kabul?« Die Beantwortung der beiderseitigen Frage aber lag in dem kräftigen Druck, mit dem sie ihre Hände ineinanderlegten. »Sie sind nicht der erste Kabul, der als Minstrell die Länder durchstreift,« sprach Meredith, wieder vollständig Altertümlerin, tief bewegt, »und herzlich heiße ich Sie willkommen als Träger eines edlen Namens, wie auch als einen Mann, in dessen Adern das Blut meiner Vorfahren rinnt.« »Und ob ich Sie mit frohem Herzen begrüße?« fragte Kappel, er hätte laut aufjubeln mögen über die wunderbare Fügung des Zufalls, »Sie, die wahrhaft edle Fräulein Meredith Kabul, nach der ich schon seit mehr als acht Monaten vergeblich das Land durchforsche? Ha, teurer Schwärmer –« und er schlug den greisen Schauspieler auf die Schulter, daß dieser in die Knie zu brechen drohte – »sagte ich's nicht vor jedem elenden Kreuzwege, daß wir beide unter einem günstigen Stern geboren seien und wir daher den richtigen Weg nicht verfehlen könnten? Wiederholte ich es nicht oft genug, wenn wir viele Tage hintereinander vergeblich auf die gerechte Anerkennung unserer hervorragenden Talente spekulierten? Wiederholte ich's nicht, wenn Hunger und Kälte uns schüttelten, der Sturm unsere Gesichter peitschte und Ihr getreuer Jammerkasten vor Wehmut seufzte? Und wie hat es sich bewahrheitet? Denn hier –« er verneigte sich anstandsvoll – »Fräulein Meredith Kabul; und hier, meine hochverehrte Dame –« wiederum eine anmutige Verneigung und eine empfehlende Handbewegung nach dem alten Schauspieler hin – »Herr Schwärmer, ein verkanntes Kunstgenie, ein würdiger Sohn Melpomenens, ein goldenes Herz, eine stählerne Treue, und mit mir denselben hohen Zweck verfolgend!« Hätte Kappel sich unter seinem wahren Namen vorgestellt, hätte er seine übersprudelnden Empfindungen mehr zu beherrschen gewußt und, anstatt Meredith bereitwillig entgegenzukommen, Einwendungen erhoben, so würde diese sich um so krampfhafter an ihre wunderlichen Ideen angeklammert haben. Der Ausdruck eines gleichsam wilden Triumphes in dem Wesen des heruntergekommenen Korpsburschen, der berechnender Zudringlichkeit so ähnlich, erweckten dagegen ihren Argwohn. Konnte sie doch nicht ahnen, was ihn, nachdem er bereits alle Hoffnung aufgegeben hatte, förmlich berauschte und bis über die Wolken hob. Vergeblich suchte sie das sonst mit einem Kabul nicht ganz in Einklang stehende tolle Auftreten sich zu erklären, sich zu überzeugen, daß er nicht dennoch ein lästiger Vagabund, welcher ihre Eigentümlichkeiten zu seinen Gunsten auszubeuten trachtete. Mit einer gewissen abwehrenden Kälte antwortete sie daher auf seine Begrüßung: »Wer Sie auch sein mögen, ein Kappel oder ein Kabul, von mir soll keiner dieses Namens unberücksichtigt scheiden; nein, schon allein eines jungen –« »Fräulein Kabul,« fiel der heruntergekommene Korpsbursche mit dem höflichen, würdevollen Anstande eines auf die Mensur tretenden bemoosten Hauptes Meredith ins Wort, denn die langen Jahre eines unsteten Stallmeisterlebens hatten sein Zartgefühl nicht abzustumpfen vermocht, »ich bedauere unendlich, den Ausdruck meiner reinsten, ungeheuchelten Freude mißverstanden zu sehen. Wenn ich aber wagte, im Übermaß meines Entzückens scheinbar unverschämt auf die von Ihnen angeregten Ideen einzugehen, so geschah es nur, weil ich glaubte, daß unsere beiderseitigen Sorgen sich in einer armen Waise begegnen würden. Ich handelte vorschnell und bitte um Ihre gütige Nachsicht. Ich heiße Kappel; meine Aufträge lauten auf Ihren geehrten Namen wie auf den Maßliebs. Sie sind wichtig genug, das seltsamste Auftreten zu rechtfertigen, und wäre ich auf dem scheußlichsten aller Karusselldrachen oder auf dem Leibpferde des Doktor Faust seligen Andenkens, einem vollen Ohmfaß, hier vorgesprengt. Sie schließen in sich Lebensfragen ein – das heißt, nicht für meine hohe Person; denn nach gewissenhafter Erfüllung heiliger Versprechen gehe ich – Pah!« »Die Woge nicht haftet am einsamen Strand!« Er lachte bitter, setzte achselzuckend die Mütze aufs Ohr, strich seinen Knebelbart und schaute blinzelnd in die Sonne, daß seine Augen, wie durch die glänzenden Strahlen geblendet, sich mit Wasser füllten. »Ein echter Kabul,« versetzte Meredith mit aufrichtiger Herzlichkeit, indem sie Kappels Hand abermals heftig drückte. Denn mehr noch als die wohlgefügten Worte, hatte der Ton seiner Stimme ihr Urteil zu seinem Gunsten umgewandelt – »ein echter Kabul, und als ein solcher seien Sie mir doppelt willkommen!« »Ha, ich wußte, daß der Schicksalszensor an dieser Stelle keinen schwarzen Pinselstrich statt einiger herzerwärmenden Zeilen in mein Lebensdiarium eintragen würde!« erwiderte Kappel nicht minder herzlich, jedoch mit mehr Zurückhaltung als zuvor: »und so wünsche ich denn, daß meine Botschaft eine Welt der Last und der Sorge von Ihrem Gemüt entferne, ein heiterer Lebensabend die an Bedrängnis reiche Vergangenheit kröne, gleich wie ein lustiger Dämmerungsfalter der im Sonnenschein schwerfällig einherkriechenden Raupenhülle entschlüpft. Ja, solches wünsche ich Ihnen – Ihretwegen sowohl, als einer teuren Waise halber, für die, so Gott will, jetzt sorgenfreiere Zeiten tagen.« Meredith erbleichte. Die rätselhafte Andeutung hatte bange Ahnungen in ihr wachgerufen. Einen bestürzten Blick sandte sie nach den verschiedenen Stockwerken hinauf, wo zahlreiche gerunzelte Gesichter aus den geöffneten Fenstern neugierig auf sie niederschauten; doch in dem Bewußtsein, daß man sich bereits zu sehr an ihre Seltsamkeiten gewöhnt hatte, um noch durch irgendetwas befremdet zu werden, lud sie die beiden Genossen freimütig ein, ihr ins Haus hinein zu folgen. »Maßlieb – das Kind, ich hoffte es bei Ihnen zu finden,« bemerkte Schwärmer schüchtern, indem sie sich der Hausecke näherten, »alles, was wir über sie erfuhren, beschränkte sich darauf, daß in Ihrer Gesellschaft ein braunlockiges Mädchen die Stadt verlassen habe. Wir vermuteten daher –« »Und Ihre Vermutungen täuschten Sie nicht,« bestätigte Meredith, indem sie wieder stehenblieb und nach der Ecke hinüberwies, wo Maßlieb, ein rührendes Bild ungeheuchelter Freude, tränenden Auges und mit gefalteten Händen ihren alten Beschützern entgegensah, »es sei denn, Sie verleugneten in jener jungen Dame Ihr dankbares Maßliebchen.« »Fast möchte ich mich weigern, die junge Dame wiederzuerkennen,« versetzte Kappel, nur mit Mühe seine Selbstbeherrschung bewahrend und, wie beiläufig, mit dem seidenen Taschentuch – er wäre lieber verhungert, bevor er sich solchen Luxus versagt hätte – über seine ehrlichen Augen hinfächelnd, »und doch kann es nicht anders sein; wo natürliche Anmut gefördert wird durch wohlüberlegte Lehren, da muß jedes Meisterwerk einer schöpferischen Hand zur tadellosen Vollkommenheit gelangen. Hm – Gott segne dich –« murmelte das alte Haus tief ergriffen vor sich hin, »Gott grüße und segne dich vieltausendmal, du einziger Lichtpunkt in meinem armen Leben! Er segne dich, daß unermeßliche Schätze dich ebenso treu finden mögen, wie Armut, Elend und feindliche Nachstellungen es getan!« Meredith vernahm seine Worte, und wiederum drängte sie gewaltsam die auf ihren Lippen schwebende Frage zurück. Aber mit innigem Wohlgefallen beobachtete sie Maßlieb, die, wie von einem sie fesselnden Bann befreit, nunmehr ihren alten Beschützern entgegeneilte und, sprachlos vor Erstaunen, mit einem süßen Lächeln die Hände reichte. Der alte Schwärmer, von Jugendmut durchströmt, nahm einen gewaltigen Anlauf, um, wie einst auf den Brettern, auch in seiner äußeren Haltung die ihn überwältigenden Empfindungen zu offenbaren, allein alles mißglückte. Das kühn vorgeschobene rechte Knie schlotterte nicht minder, als das linke, den zurückgebogenen Oberkörper tragende, die malerisch auf die Hüfte gestützte Gitarre sank ebenso schlaff nieder, wie die auf dem Herzen ruhende Hand. Nur Tränen standen dem viel und hart geprüften Greise zu Gebote und das einzige Wort »Maßliebchen,« das er mehrfach und obenein so undeutlich wiederholte, als wäre es aus einem Souffleurkasten hervorgedrungen. Kappel hatte seine Mütze wieder gezogen. Selbst unter dem Eindruck einer ihn fast verwirrenden Freude vergaß er nicht den äußeren Anstand, berücksichtigte er taktvoll die aus den Fenstern lugenden, gerunzelten Gesichter und daß sein bestaubtes Kleid und das liederreiche Notenblatt sich kaum recht zu der sittigen und sauberen Erscheinung Maßliebs passen dürften, mindestens eine vertraulichere Begrüßung vor Zeugen verboten sei. In dem Zimmer dagegen, von dem die seitwärts gleitende Sonne Abschied zu nehmen drohte, da taute er wieder vollständig auf, und keinen Ausdruck der Liebe und der Freude gab es in seinem ziemlich reichen Lexikon, den er nicht aus überströmendem Herzen auf die holde Gefährtin einer langen Reihe seiner Stallmeisterjahre angewandt hätte. Dazwischen aber flössen geheimnisvolle Andeutungen von ungeahntem Glück, das zuweilen aus teuren Gräbern ersprieße, ein Erwecken wehmütiger Rückerinnerungen erheische und rechtfertige. Ernster wurde bei solchen Worten Merediths Antlitz und sorgenvoller. Sie fühlte selbst, daß dieselben mehr auf ihre eigene Person berechnet waren. Ein Weilchen zögerte sie noch; dann aber ihren Mut zusammenraffend, bat sie Kappel, sie nach der Küche hinüber zu begleiten und dort mit ihr über Maßliebs Zukunft zu beraten. Kappel folgte ihr gern, zumal er sah, wie Maßlieb, dieses goldene Herz ohne Falsch und Fehl, sich neben den vor Wehmut zitternden Greis setzte, seine Hand, wie in den Zeiten ihrer größten Not, zwischen ihren beiden Händen hielt, und mit kindlichem Erröten jener Tage gedachte, in denen er sein dürftiges Strohlager mit ihr geteilt hatte. »Sie sind auf gutem Wege,« meinte der heruntergekommene Korpsbursche, sobald er auf den Flur hinausgetreten war und Meredith die Zimmertür hinter sich schloß, »holde Jugend und gebrechliches Alter; in beiden aber ein gleich kindliches Gemüt – o, Fräulein Kabul, könnten wir das von uns selber behaupten!« Er lachte bitter, dann fuhr er anscheinend sorglos fort: »Leider gibt es nur zu oft Menschen, die das Geschick zu besonderen Spielbällen seiner Laune wählt. Es würzt ihr Leben mit einem herben Beigeschmack, der, gleichviel ob selbst verschuldet oder unverdient, die letzte Heiterkeit raubt und wie Gift in der Seele wirkt. Man lacht und scherzt, Fräulein Kabul, allein nur um sich selbst und andere zu täuschen, nicht zu verraten, daß hinter einer solchen Maske hier Gram um das eigene verlorene Erdendasein, dort unheilbarer Kummer um das von fremder Hand gewaltsam Entzogene am Herzen nagt. Mit einer Verbeugung ließ er Meredith den Vortritt in die enge Küche, in der ein Brettschemel und eine Waschbank zu ihrer Aufnahme bereit standen. »Sie haben mir Wichtiges – ein Geheimnis anzuvertrauen,« hob Meredith an, sobald sie in der Nähe des Fensters Platz genommen hatten, und schmerzliche Spannung prägte sich in ihren scharfen Zügen aus. »Die letzten Grüße eines Verstorbenen,« antwortete Kappel feierlich, indem er eine vielbenutzte Brieftasche hervorzog und Meredith die Adresse eines versiegelten Schreibens zeigte. Meredith erbleichte noch mehr. »Ich kenne sie,« antwortete sie schaudernd, ohne indessen den Brief, obwohl an sie gerichtet, anzurühren. Kappel seufzte erleichtert auf. »So ist die letzte Möglichkeit einer Täuschung ausgeschlossen,« sprach er wie zu sich selbst, dann fuhr er lauter und eindringlicher fort: »Wohlan denn, Fräulein Kabul, die Hand, die dieses verfaßte, ist längst kalt und starr, und mit ihr modert der Schreiber in seinem Sarge. Ein furchtbares Los traf ihn; es traf ihn so schwer, daß er allein schon deshalb auf die Vergebung seiner Mitmenschen Ansprüche erheben darf.« Zögernd nahm Meredith nunmehr den Brief, ihn uneröffnet neben sich auf den Küchentisch legend. Verriet er Ihnen die Beziehungen, in denen er zu mir stand?« fragte sie beinahe tonlos. »Nichts verriet er mir,« beteuerte Kappel ernst; »noch weniger glaubte ich berechtigt zu sein, Fragen an ihn zu stellen. Er ließ mich zu sich bescheiden, um mir seine letzten Wünsche anzuvertrauen; ich nahm sie entgegen mit dem Versprechen gewissenhafter Erfüllung.« »Er ist tot?« fragte Meredith wie im Traum. »Tot,« bestätigte Kappel, »gestorben wie das elendeste Geschöpf unter den Klauen gefräßiger Geier.« Über Merediths Antlitz rollten Tränen. Dann sah sie mit einer hastigen Bewegung empor. »Kennen Sie seinen wahren Namen?« fragte sie mit erhöhter Spannung. »Nein,« hieß es zurück, »er beauftragte mich, nur im Namen eines Toten zu Händeln.« »Eines Toten«, wiederholte Meredith sinnend, als hätte sie es nicht fassen können; »und in Erfüllung eines Ihnen übertragenen letzten Willens durchstreiften Sie so lange suchend das Land?« »Bis an mein Lebensende hätte ich gesucht und geforscht, wäre ich nicht von einem glücklichen Zufall vor diese Tür geführt worden; denn von den Spuren, auf die jener Unglückliche mich wies, durfte ich nur schwache Hoffnung auf Erfolg hegen. Nach Ihrer Wohnung schickte er mich, und die fand ich leer. Kaum daß es mir gelang, die Richtung auszukundschaften, in der Sie die Stadt verlassen hatten.« »Warum wendete der Verstorbene sich gerade an Sie?« »Weil er wußte, daß die Aufklärungen über Maßliebs Herkunft bei mir am sichersten aufbewahrt seien. Und er handelte überlegt; denn viele in den ihm nur noch zugänglichen Kreisen hätten schwerlich den Anerbietungen widerstanden, die mir für Aushändigung der Beweise von des teuren Kindes Geburt gemacht wurden.« »Wunderbar,« flüsterte Meredith vor sich hin, dann wieder lauter zu Kappel: »Sie besitzen die erwähnten Beweismittel?« »Hier sind sie,« antwortete Kappel, die Brieftasche wieder öffnend und ein dünnes Päckchen Papiere zu dem Brief auf den Tisch legend. Auch diese rührte Meredith nicht an. Sie wünschte augenscheinlich zuvor noch weitere Erklärungen. »Sie ist vornehmer Leute Kind, ich ahnte es längst,« bemerkte sie nach einer Pause tiefen Sinnens. »Die Tochter eines Schauspielers und einer Sängerin, einer getauften Jüdin.« Meredith schrak empor. »Eine Verwandtschaft, die am besten vor ihr verheimlicht wird,« sprach sie zweifelnd. »Dazu fehlt uns das Recht,« wendete Kappel ein, »einesteils hatte sie keine Ursache, sich ihrer Eltern zu schämen, außerdem aber knüpfen sich an ihre Herkunft so bedeutende materielle Vorteile, daß es Torheit wäre, dieselben in Frage zu stellen. Und dürfen wir überhaupt ihr vorenthalten jenen freundlichen Gruß, mit Wehmut und Zärtlichkeit ihrer Heimgegangenen Eltern zu gedenken?« »Sie urteilen edler, als ich,« versetzte Meredith düster, »allein wenn man so lange einsam in der Welt lebte, kann es nicht überraschen, wenn die angeborenen milden Regungen allmählich einen gewissen sagenhaften Charakter erhielten. Gern ordne ich daher mein Urteil dem Ihrigen unter. Doch von wem kommen jene materiellen Vorteile?« »Von ihrem Großvater mütterlicherseits.« »Von einem Juden?« »Von Nathan Myer, allgemeinbekannt als der weise Nathan.« »So ist alle Mühe vergebens,« nahm Meredith schnell das Wort, »ich hörte von ihm; er soll ein fürstliches Vermögen besitzen. Weiß er um das Kind?« »Ich selbst nahm Veranlassung, mit ihm darüber zu sprechen, erlangte indessen nur den Bescheid, daß ich vor allen Dingen seine Enkelin ihm vorzustellen habe.« »In welcher Beziehung stand der Tote zu Maßlieb? Sie selbst erwähnte seiner nie.« »Der Zufall hatte ihn mit ihren Eltern kurz vor deren Hinscheiden zusammengeführt, und von ihnen erhielt er diese Schriftstücke.« »Warum erbarmte er sich nicht der verlassenen Waise?« »Dringende Geschäfte führten ihn übers Meer –« »Dringende Geschäfte,« lachte Meredith höhnisch, »sehr dringende Geschäfte! Ha! Nannte er Ihnen nicht deren Charakter? Sprach er nicht –« sie erschrak über sich selbst und senkte das Haupt; dann fügte sie milder hinzu: »Doch er steht vor seinem letzten Richter; mag dieser ihm verzeihen, wie ich es tue; denn geschähe das Gegenteil, die von mir erduldeten Leiden würden dadurch nicht rückgängig gemacht. Ja, verzeihen will ich ihm, seine letzten Worte will ich lesen, um zu erfahren, was er zu seiner Entschuldigung anführt; Vielleicht daß dadurch die Erinnerung ihren schärfsten Stachel verliert.« Sie nahm den Brief, prüfte die Adresse noch einmal aufmerksam, dann riß sie ihn auf, sich alsbald in den Inhalt vertiefend. Kappel beobachtete sie gespannt. Er begriff, daß geheimnisvolle Beziehungen zwischen Spark und Meredith bestanden hatten; vergeblich aber trachtete er, aus den Gesichtszügen der Lesenden näheres zu erraten. Starr und ausdruckslos flogen ihre Blicke über die Zeilen hin. Erst nachdem sie eine Weile gelesen hatte, erwärmte ihr Antlitz sich wieder, während die großen Augen versöhnlicher blickten. Allmählich gelangte sogar Mitleid zum Ausdruck, bis endlich Tränen über ihre Wangen rollten, die bebenden Lippen zu flüstern begannen und sie bald darauf, sichtbar unbewußt, halblaut, jedoch mit eigentümlicher Weichheit vorlas. Regungslos saß der heruntergekommene Korpsbursche. Er ahnte nicht, ob Meredith ihm den Inhalt des Briefes wirklich mitzuteilen wünschte, oder ob ihr Verfahren ein absichtsloses sei. In dem einen wie in dem andern Falle war es ihm peinlich, die offenbar unter einem schweren geistigen Druck Befindliche zu unterbrechen. Er überließ daher dem Zufall, nach irgendeiner Richtung hin eine Entscheidung herbeizuführen. »Meine Qualen sind unbeschreiblich,« las Meredith, als hätte sie sich allein befunden, »doch was sind alle körperlichen Schmerzen im Vergleich mit den Leiden, die beim Rückblick auf die erste Zeit unserer Bekanntschaft meine Seele zerfleischen! Dein verfehltes Erdendasein, es fällt mir zur Last, und jetzt, da ich alles sühnen möchte, ist es zu spät. Denn vernimm die Wahrheit und dann frage den Himmel, ob es noch eine Verzeihung gibt für das, was ich an dir verbrach. Versetze dich zurück in jene Tage, in den ich um deine Gunst, um deine Liebe warb. Du, die einzige Tochter deiner Eltern, wurdest für eine reiche Erbin gehalten, und das – zu meiner Schmach gestehe ich es – verlieh dir in meinen Augen erhöhte Reize. Deine Eltern aber schnitten mir jede Hoffnung ab, sie wußten mehr über mich, als ich ahnte. Sie kannten meinen Leichtsinn und meine sträflichen Neigungen, und wohl wäre es dir zu gönnen gewesen, daß du ähnlich gedacht hättest. Allein du warst unempfindlich für alles, nur nicht für meine Schwüre ewiger Liebe und Treue. Wäre es mir beschieden gewesen, offen mit dir vor den Altar zu treten, so wäre dein Einfluß auf mich ein segensreicher geworden, er hätte mich umgewandelt. Allein das sollte nicht sein! Um in der Öffentlichkeit zu glänzen und für reich zu gelten, namentlich deinen Eltern gegenüber, ließ ich mich zu Ausgaben verleiten, die meine Kräfte weit überstiegen. Meine Schulden wuchsen, so daß ich endlich keinen andern Ausweg mehr entdeckte, als zu Fälschungen meine Zuflucht zu nehmen, was nur durch meine Stellung als Kassierer nur zu sehr erleichtert wurde. Doch mit Entsetzen sah ich den Tag herannahen, an dem ich dem Gericht übergeben werden würde, und es reifte in mir der Plan, dessen Ausführung dich in das Verderben hinabstürzte. Du solltest meine Retterin werden; und ich entschloß mich zu dem verzweifelten Schritt, meinen Einfluß auf dich zu einer heimlichen Verheiratung zu mißbrauchen und demnächst meine und deine Rettung von der Schande von deinen Eltern mit Gewalt zu erzwingen. Verblendet, wie du warst, lauschtest du willig meinen Ratschlägen; allein die Ausführung meiner Pläne war um so schwieriger, weil ich keinen Geistlichen kannte, der mir zu solchem Beginnen die Hand geliehen hätte. Da gab mir der Böse einen Gedanken ein, dessen Verwirklichung er gleichsam selber überwachte. Zu meinen Bekannten zählte ich einen Kandidaten der Theologie – er starb später im Armenhause –, der ein würdiges Seitenstück zu meiner eigenen Person bildete. Stets in Geldnot, bedurfte es bei ihm keiner großen Überredungsgabe, in die Rolle eines Geistlichen einzutreten und uns in aller Form zu trauen. Nur er und ich wußten um unser Geheimnis und die drei Zeugen, die ich einlud, gehörten ebenfalls jener Gesellschaft an, die sich gegen eine mäßige Entschädigung zu allen Dingen gebrauchen läßt. Alles gelang. In einer für den Abend von dem Kandidaten gemieteten Wohnung wurde der entsetzliche Betrug vollzogen, worauf wir beschlossen, die Feier durch ein kleines Festmahl zu verherrlichen. Auf dem Wege nach dem Gasthofe betrachtetest du dich bereits als meine Gattin, während ich selber in der ungesetzlichen und daher ungültigen Handlung nur den ersten Schritt zu meiner Rettung erblickte. Denn meine Berechnungen reichten bis dahin, daß deine Eltern mich fußfällig darum bitten würden, mich in wirklich bindender Form mit ihrer Tochter trauen zu lassen. Doch in diesen Berechnungen hatte ich mich getäuscht. Du entsinnst dich, daß ich auf jenem verhängnisvollen Wege von einem Manne angehalten wurde, der mir einige Worte zuraunte, nach denen ich das Festmahl auf einen anderen Tag verschob und mich flüchtig von dir verabschiedete. Ich ging, um nach vielen Jahren erst wieder vor dich hinzutreten; denn meine Fälschungen waren entdeckt worden, und nur mit Mühe gelang es mir, zu entfliehen. Die öffentlichen Bekanntmachungen konnten unmöglich deiner Aufmerksamkeit entgehen, und auf deine Seele wälzte sich das furchtbare Bewußtsein, durch kirchlichen Segen einem Fälscher als Gattin anzugehören.« – »Was ich in der Ferne trieb, es gehört nicht mehr hierher. Nur anklagen will ich mich, daß ich auf der einmal beschrittenen Bahn des Frevels weiter arbeitete und an nichts weniger dachte, als dir Nachricht von mir zu geben oder dich gar über das zwischen uns bestehende Verhältnis aufzuklären. Beständig schwebte mir die Möglichkeit vor, gerade dieses Verhältnis noch einmal zu meinen Gunsten auszubeuten.« Hier sanken Merediths Hände mit dem Schreiben auf ihren Schoß. Ihr Antlitz schien sich versteinert zu haben, und wie mit erloschener Sehkraft stierten ihre Augen ins Leere. Das Bewußtsein, die vielen langen Jahre hindurch sich unter einem furchtbaren Drucke vermeintlicher heiliger Verpflichtungen befunden zu haben, die sie mit Leichtigkeit zu jeder Stunde hätte abschütteln können, schien wie ein Todesstoß zu wirken, den Haß gegen ihren Verderber noch einmal zur hellen Flamme anzufachen. Denn der Starrheit auf ihrem Antlitz folgte eine lodernde Glut; ihre Augen sprühten, mit einer heftigen Bewegung hob sie den Brief wieder empor, und scharf und unheimlich tönte ihre Stimme durch den engen Raum. »Nach langen Jahren abenteuerlichen Umherstreifens sehnte ich mich endlich nach Ruhe und nach einem meine Ruhe sichernden Besitztum,« las Meredith mit feindseligem Lächeln. »Ich dachte an dich, an den heimatlichen Boden, wo man mich, wenn ich unter einem andern Namen auftauchte, schwerlich wiedererkannte. Gegen Erwarten fand ich dich unverheiratet; du führtest zwar noch immer deinen Mädchennamen, allein starr hingst du an dem Wahne, daß Bande dich an einen Mann knüpften, die nicht gelöst werden konnten, ohne dich zugleich der öffentlichen Schande preiszugeben. Dein Entsetzen, als ich zum ersten Male bei dir eintrat, sagte mir alles, lieferte mir aber zugleich den Beweis, daß ich mein ferneres Schweigen zu den günstigsten Bedingungen an dich würde verkaufen können. Wie dies geschah, du hast es nicht vergessen; auf welche Gründe hin ich deiner Hilfe nicht mehr bedurfte, ist dir ebenfalls nicht fremd. Ich zählte zu jenen verworfenen Hyänen des Kapitals, zu jenen Scheusalen, deren einzige Lebensaufgabe ist, alle nur denkbaren, im Strafgesetzbuch nicht besonders vorgesehenen Mittel und Wege sich zunutze zu machen, ihre Mitmenschen bis auf den letzten Faden auszuplündern. Doch wenn es den meisten dieser Verworfenen vergönnt ist, sich an den Früchten ihres Raubes zu mästen, ihre Verruchtheit hinter äußeren Glanz zu verstecken, sogar durch jesuitische Mittel sich den Ruf der Achtbarkeit und Frömmigkeit zu bewahren, so traf die Rache des Himmels mich schon in dieser Welt: Elend und unter den gräßlichsten körperlichen Qualen liege ich auf einer Brutstätte roher, verbrecherischer Gewalten. Wie ich hierher gelangte, wird der Überbringer dir erklären. Schildern aber kann er nicht die Höllenqualen, unter denen ich deiner gedenke, unter denen ich mit meinem letzten Atemzuge das an dir Begangene – leider zu spät – zu sühnen suche. Ich könnte jemand zwingen – und du errätst den Namen meines Hauptmitschuldigen –, dir jene fluchwürdigen Aktien zum vollen Nennwerte abzukaufen; allein ich kenne deine Gesinnungen, weiß, daß du lieber dein letztes verlierst, bevor du dich entschließest, von den Tausenden der um ihre Habe Betrogenen eine Ausnahme zu machen und durch solche Abfindung gewissermaßen eine Mitschuldige der Hyänenzunft zu werden. Ebenso vermeide ich, die Handhaben zu liefern, mittels deren dieser und jener vor die Schranken der Geschworenen geführt werden könnte. Mag des Himmels Rache sie suchen, wenn die weltliche nicht geneigt ist, sie zu treffen. Mit ihnen habe ich nichts mehr zu schaffen. Meine letzte Stunde naht, und ich benutze sie, mit der Welt sich abzufinden. Was nach diesem Leben kommt, es ist mir gleichgültig! So nimm denn hin als Vermächtnis meine heilige, durch den Tod besiegelte Beteurung: Schändlich betrog ich dich um deine Ruhe, um deinen Seelenfrieden; denn du warst weder gezwungen noch berechtigt, meinen Namen zu tragen! Als Meredith Kabul bist du unter den Augen treu liebender Eltern herangewachsen. Als Meredith Kabul bist du gealtert, und wirst du dereinst zur ewigen Ruhe eingehen! Deine Verzeihung, ich erflehe sie nicht; zu schwer sündigte ich an dir; den größten Dienst aber, den ich dir hätte leisten können, ich leiste ihn gern durch meinen Tod. Für eine andere möchte ich indessen bei dir bitten. Ein liebliches Kind, an dem ich mich nur mittelbar verging, ein junges Mädchen, namens Maßlieb; solltest du durch den Überbringer näheres über dasselbe erfahren, so erbarme dich seiner. Nimm es in deinen Schutz und sei ihm behilflich, daß es zu seinem Rechte gelange, daß es nicht dem grausamen Schicksal verfalle, das andere ihm bereiten möchten. Ich leide so furchtbar, daß ich den Tod als meinen Erlöser mit ganzer Seele herbeisehne. Meredith Kabul, lebewohl! Dieser letzte Wunsch eines Sterbenden, er wird dir nicht zur Schande oder zum Nachteil gereichen.« Wiederum sanken die Hände mit dem Brief auf Merediths Schoß, und lange starrte sie grübelnd auf ihn nieder. Ihr Antlitz zeigte einen Ausdruck, als hätte sie selbst ins Grab gelegt werden sollen. Zu überwältigend waren die durch Sparks Geständnis erzeugten Empfindungen. Als sie nach einer langen Pause wieder emporsah, erhellte ein versöhnliches Lächeln ihre Züge. Ihre Blicke trafen in die Kappels. Ein Weilchen ordnete sie ihre Gedanken, erwägend, inwieweit sie den heruntergekommenen Korpsburschen zu ihrem Vertrauten gemacht habe, dann sprach sie ernst und frei von jeder Regung des Hasses oder der Befriedigung: »Mögen die Toten ruhen in ihren Gräbern. Die Kunde, ob sie früher oder später mich traf: die bitteren Lebenserfahrungen wären in ihrer traurigen Wirkung nicht gemildert worden. Wo einem jugendlich hoffenden und liebenden Herzen einmal der Glaube ans Heiligste gewaltsam entrissen wurde, da ist eine Erneuerung und Wiederholung holden Sehnens nicht mehr denkbar. Aus einem kalten Aschenhügel schlagen keine hellen Flammen mehr empor.« Ihre Stimme bebte, als hätte sie in lautes Weinen ausbrechen mögen; darauf fuhr sie fort: »Seltsam! Hätte ich alles gewußt, so wäre nicht – ach, ich sehe es ein – das krankhafte Sinnen und Trachten in mir entstanden, meinen Geburtsnamen beständig in den Vordergrund zu stellen, eifersüchtig darüber zu wachen, daß nie der Verdacht einer Änderung desselben auftauchte. Und dennoch, dieses Haschen nach Verwandten oder vielmehr Kabuls, diese Besorgnis, daß der seltene Name als ein gefälschter hingestellt werden könne: ein Segen wars vielleicht, daß meine Gedanken nach dieser Richtung hin abgelenkt wurden; unter den furchtbaren heimlichen Seelenkämpfen wäre ich sonst wohl kaum vor einem geistigen Tode gewahrt geblieben.« Sie schauderte. Es war wie das Zurückbeben vor dem Abgrund einer gefährlichen krankhaften Idee. Wiederum das schmerzliche Lächeln, und inniger, wärmer tönte ihre Stimme, indem sie ihre Worte gleichsam an sich selbst richtete: »Trotzdem habe ich keinen Grund unzufrieden zu sein. Ich fand nicht, aber ich schaffte mir in meiner Not Namensverwandte, um nicht die einzige und letzte dieses Stammes zu sein, und liebe, herzige Seelen waren es, die sich mir zuneigten – meine arme Esther, mit ihr verlor ich ein Stück von meinem Leben – und dann mein gutes, getreues Maßliebchen, diese freundliche Fee, wohl geeignet, Segen um sich her zu verbreiten und dereinst der Mittelpunkt einer glücklichen Familie zu werden. Doch ich fürchte, die Erfahrungen ihres jungen Lebens haben einen Stachel in ihrem Herzen zurückgelassen, der ihr die Pforten eines Glücks verschließt, wie ich es ihr so herzlich gern gegönnt hätte. Mein armes, getreues Maßliebchen! Meine letzte Kabul –« sie lächelte über sich selbst bei der erneuten Anwendung dieses Namens – »nein, nein«, fügte sie hinzu, dem mit tiefer Ehrerbietung zu ihr aufschauenden Kappel die Hand reichend, »warum soll ich meiner langjährigen Gewohnheit untreu werden? Auch Sie begrüße ich noch als einen echten Kabul, als einen Mann, wie in meinen phantastischen Träumen wohl der eine oder der andere meiner Vorfahren vor mir auftauchte, als einen Mann, opferwillig und treu und jederzeit bereit, für das Recht einzutreten und die verfolgte Unschuld zu schützen und zu beschirmen. Außerdem kennen Sie die Spuren, die – so Gott will – zu einem erwünschten Ziele führen; Sie lieben das teure Kind hinlänglich, um in Ihrer Sorge für dasselbe alles andere zu vergessen; und die Mittel? Nun, etwas steht mir noch zu Gebote, und genügt das nicht, wohlan, jetzt soll es mich keinen Kampf mehr kosten, alle meine Reliquien und Altertümer hinzugeben, von denen ich bisher meinte, daß durch deren Sammeln und Ordnen der Name Kabul als der einzige mir gebührende eine gewisse sichere Unterlage erhalte, Sie sind mit mir einverstanden?« fragte sie wunderbar zutraulich. »Alles für unser Maßliebchen«, versetzte Kappel bewegt, und wohl nie in seinem Leben erschien ihm die Armut bitterer, bereute er tiefer und aufrichtiger sein bisheriges sorgloses Vegetieren; »alles, alles für unser Maßliebchen, alles für das teure Kind, das schon in seiner ersten Jugend gewissermaßen das rettende Eiland bildete, an das der auf unabsehbarer Meereswüste planlos umhertreibende verlorene Weltbürger sich mit seinen letzten Kräften anklammerte.« »Gut, mein lieber Herr Kappel – oder vielmehr Kabul,« und ein kaum bemerkbares gewinnendes Lächeln umspielte Merediths schmale Lippen, »wir sind einig, und ich müßte mich sehr täuschen, träte Ihr greiser Gefährte nicht gern als Dritter unserm Bunde bei. Doch eine Bedingung,« und sie tupfte mit dem Zeigefinger leicht auf Sparks offenen Brief, »dies ist der Sarg meiner Jugendhoffnungen; möge das Geheimnis zwischen uns beiden ruhen, nie wieder zwischen uns, noch weniger vor fremden Ohren erwähnt werden.« Kappel verneigte sich, indem er mit tadellosem Anstände die Hand auf sein biederes Herz legte. »Und dieses,« fuhr Meredith fort, auf die Maßlieb betreffenden Papiere weisend, »ich kann jetzt noch nicht, und – es sind ohnehin der Aufregungen schon mehr als zu viel. Wenn ich erst einigermaßen mich in die neue Lage gefunden habe, wollen wir weiter beraten, Maßlieb aber vorläufig noch im Dunkeln über alles erhalten. Weshalb Hoffnungen erwecken, die sich vielleicht nicht verwirklichen? Warum Aufklärungen erteilen, von welchen wir nicht wissen, ob wir später Ursache finden, sie zu bereuen? Und lieber kehre ich mit ihr in die friedliche Stille dieses traulichen, dem Geräusch der Welt fernen Asyls zurück, ehe ich ihren Seelenfrieden ganz aufs Spiel stelle, sie wohl gar mit einem kranken, vergifteten Herzen, wie eine vom Nachtfrost grausam getötete Blüte dahinsiecht.« Sie erhob sich. Kappel, eitel Ehrerbietung und Hochachtung, folgte ihrem Beispiel. Der verkommene Korpsbursche schien plötzlich um Kopfeslänge gewachsen zu sein, so veredelt fühlte er sich unter seinem bestaubten Röcklein. Hätte er vor dreißig Jahren solche Empfindungen kennen gelernt, er wäre mindestens bis zum Minister – nein, dazu war er zu offenherzig –, dagegen zu der geachteten Stellung eines kindlich gesinnten Vikar of Wakefield emporgestiegen, um, anstatt als Karussellstallmeister die Welt zu durchstreifen, seine Reisen – wie jenes Urbild eines treuen Geistlichen – auf die Strecke von dem blauen Himmelbett nach dem roten zu beschränken und, wie jener, als braver Familienvater sich am selbstgekelterten Johannisbeerwein zu laben. Wie langjährige Freunde traten sie gleich darauf in das Wohnzimmer ein. Die Sonne hatte sich längst aus demselben empfohlen. Nur noch verschämt spielten ihre rötlichen Strahlen mit den offenen Fensterflügeln und lugte sie durch die kleinen bleigefaßten Scheiben, auf den das Alter vor lauter Langeweile die schönsten Regenbogenfarben echt eingebrannt hatte. Schwärmer und Maßlieb saßen noch immer nebeneinander. Aber der alte Schauspieler hatte, sobald Maßlieb die erste Anregung dazu gab, seine Natur nicht verleugnet. Den rechten Fuß auswärts etwas nach vom gestellt, den linken sittig unter den Stuhl zurückgezogen und den Oberkörper sanft über die anmutig umfaßte Gitarre geneigt, hielt er sich bereit, auf ein gegebenes Zeichen kräftig in die Saiten zu greifen; wogegen Maßlieb, das gute herzige Maßliebchen, die Perlenzähne verlockend zwischen den leicht geöffneten Rosenlippen hindurchschimmern ließ, ebenfalls bereit, die süße Stimme auf das erste Signal zu erheben. Und das Signal erfolgte. Höflich scharrende Männerschritte auf dem Flurgange von der Küche her, und die ersten leisen Akkorde zogen durch das Zimmer. Die Tür öffnete sich, und: »Fern im Süd das schöne Spanien« tönte es unbeschreiblich rührend von den Rosenlippen, während die großen, dunklen Augen, wie Verzeihung erflehend und doch so heiter zwischen Meredith und dem heruntergekommenen Korpsburschen hin- und herflogen. Letzterer schob leise die Tür hinter sich zu. Tiefe Bewegung hatte ihn ergriffen. Nicht um die Welt hätte er eine Note des Liedes verlieren mögen, das er selbst einst mit gleichsam väterlichem Stolze dem zutraulichen Kinde einprägte. Merediths Augen schwammen in Tränen – gewiß eine Seltenheit – zu genau begriff sie Maßliebs Regungen. Hätte sie doch kein geeigneteres Mittel wählen können, die alten treuen Freunde zu überzeugen, daß trotz Zeit und Entfernung ihre Dankbarkeit unwandelbar geblieben. »Unter schattigen Kastanien Will ich einst begraben sein!« schloß die süße Stimme. Die Sonne versank. Dämmerung schlich durch die kleinen Gemüsegärten um das altertümliche Gebäude herum und in das trauliche Zimmer hinein, in dem gedämpfte Stimmen zueinander sprachen und berieten, und vor lauter Eifer beinahe die allernotwendigsten Lebensbedürfnisse vergaßen. – Am folgenden Morgen begaben die beiden Musikanten sich wieder auf den Weg nach der Hauptstadt. Aber nicht zu Fuß reisten sie, sondern stattlich in einem Postwagen und ausgerüstet mit Geldmitteln und Verhaltungsregeln, wie sie notwendig für die vor ihnen allen liegende Aufgabe war. Meredith und Maßlieb, die sich weniger schnell von ihrer Heimstätte zu trennen vermochten, sollten später folgen und an Ort und Stelle von den beiden Freunden erwartet werden. Das Posthorn ertönte, der gelbe Wagen rasselte über das holperige Straßenpflaster. Hell und klar schien die Sonne vom blauen Himmel auf die im Morgentau erglänzende Landschaft nieder. Die Lerchen jubelten, und mit ihnen jubelten die alten Herzen, die überall eine gute Vorbedeutung zu entdecken meinten. – Zweiunddreißigstes Kapitel. Eine Hochzeit der Wölfe. Auf dem Tummelplatz der Wölfe, dem Hinterhofe von des weisen Nathan Grundstück, ging es an einem schönen Sommerabend gar lustig her. Jeder hatte zu dem gemeinschaftlichen Freudenfeuer sein Scherflein, oder vielmehr reinen Span, ein zerbrochenes Stuhlbein oder einen Kistendeckel beigetragen. Jeder hatte die Hände gerührt, gefegt, gekratzt und wer weiß was sonst noch getan; auch hatten sich bei jedem noch einige Pfennige vorgefunden, um die betreffenden Getränke nicht zu früh eintrocknen zu lassen; kurz, es war alles geschehen, was nur immer möglich war, um das seltene Fest einer Hochzeit nach besten Kräften zu verherrlichen. Wer der Bräutigam, wer die Braut war, kam weniger zur Sprache; sie gehörten eben zur Sippe der Wölfe, und das genügte, allen Mietern des weisen Nathan den Kopf zu verrücken. Der Hof und die ihn umringenden Baulichkeiten waren freilich dieselben geblieben: derselbe Kehrichtduft und dieselben schadhaften Wände, dieselben schielenden Fensteröffnungen und klapperigen Ladenreste, dieselben aus Mauerlöchern weit hinausragenden Stangen mit zum Trocknen aufgehangenen Wäschestücken, die an Papiermühlen erinnerten, und endlich dieselben wunderlichen Kreide- und Kohlenzeichnungen aus den noch zu Kunstwerken geeigneten Mauerflächen; und dennoch hatte der äußere Charakter des ganzen sich wesentlich zu seinem Vorteil verändert: da hingen sieben oder acht farbige Papierlaternen mit Unschlittkerzen auf solchen Stellen, auf die das von dem Feuer ausströmende Licht zu matt wirkte; da war der Kehricht geebnet, festgestampft und dann wieder sauber gefegt und sogar mit weißem Sand bestreut worden; da standen ringsumher Schemel – manche auf drei, manche auf vier Beinen – und Bänke, sinnig hergestellt aus je zwei Eimern und darüber hingelegten Brettern. Auf einem Sägebock ruhte ein Faß Bier, umringt von Tassen, Töpfen und Gläsern, deren manche fußlos, in den nachgiebigen Kehricht eingedrückt waren. In nächster Nachbarschaft überwachte eine Megäre Flaschen mit verschiedenen Branntweinsorten, während einige Schritte weiter eine halb in die Glut geschobene riesenhafte Kaffeekanne dampfte. Aber auch Eßwaren spreizten sich in Fülle auf drei nebeneinander umgekehrten Schiebkarren und verwaltet von einer mit Krücken bewaffneten Lumpensammlerin; lauter delikate Sachen: kleine Weißbrote, ähnlich geformte Käse, Würste und sonstige nach Knoblauch duftende Fleischspeisen. Denn nichts, gar nichts war vergessen worden, was die Herzen der Wölfe hätte erfreuen, ihre tolle Laune bis auf den Gipfel hinaufschnellen können. Und die Wölfe selber endlich? Diese mit Hunger, Not und Elend, mit schwerer Arbeit, Müßiggang und Verbrechen vertraute gemischte Gesellschaft? Die prangte in ihrem besten Sonntagsstaat und bot ein so buntes Gewirre von zerlumpten Kindern, flatterhaubigen und schlotterröckigen Weibern und hemdärmeligen Männern, daß ein beobachtendes Auge, wenn plötzlich dorthin versetzt, längere Zeit gebrauchte, diese oder jene Gestalt von dem beweglichen Quodlibet zu trennen. Einen Ehrenplatz nahmen selbstverständlich die Musikanten ein. Sie saßen so viel höher, als alle andern, wie die einem Sitzbrett untergeschobenen leeren Kalktonnen über die Bankeimer und Schemel hinausragten. Und eine stattliche Auswahl von Künstlern war es obendrein; alle geschmückt mit Papiermützen und Rußschnurrbärten, um ihre Jugend zu verdecken, und obwohl ohne Kapellmeister, spielten sie so taktfest, daß der Dirigent einer Konzerttruppe dadurch hätte beschämt werden können. Zunächst machte sich bemerklich die mit unerschöpflichem Atem ausgerüstete Ziehharmonika; zu dieser gesellten sich zwei Naturvirtuosen, die auf in Papier gewickelten Kämmen jede Melodie, sogar ohne Noten zurecht grunzten; ferner trommelte ein fingergewandter Bursche mit zwei außer Kurs gesetzten hölzernen Küchenquirlen auf einer leeren Zigarrenkiste. Auch fehlte nicht der Beckenschläger, dem aus einem bevorzugteren Hausstande zwei Blechdeckel zur Verfügung gestellt worden waren; ebensowenig ein an dünnem Faden hängender eiserner Ladestock, welcher sich im Tone kaum von dem allerbesten Triangel unterschied. Und wie das alles klappte und klingelte, namentlich in den Zwischenpausen, in den immer und immer wieder der Jung und Alt begeisternde Refrain nach der Melodie der von einem Könige komponierten und auf die Leierkasten verirrten Gavotte in die Nacht hinaus gejodelt und gesungen wurde: »Keinen Tropfen Wasser trinkt das Huhn, Ohne einen Blick zum Himmel 'rauf zu tun!« zum fünfzigsten, zum hundertsten Male. »Einen Walzer, meine Herren!« brüllte der Lampendoktor, indem er die in einem grellfarbigen Wollenkleide und in einem Blumenturban prangende Braut umschlang und sich zum Tanze anschickte, »einen Walzer und einen zerbrochenen Schädel euch allen, wenn ihr 'nen einzigen Takt verfehlt!« »Hurrah, einen Walzer!« dröhnte und gellte es ringsum. Was Arme zum Halten hatte, umklammerte sich gegenseitig, was Füße zum springen hatte, machte den Kehrichtstaub aufwirbeln. Dazwischen bellten Hunde und kreischten sich balgende Kinder. Weiber jauchzten, Männer wetterten; doch lauter als alles ertönte die wilde Janitscharenmusik der rußbärtigen jungen Galgenvögel, während bedächtigere Seelen, denen die Behendigkeit der Glieder mangelte, je nach ihren Neigungen, sich zutraulich dem Bierfaß, den Branntweinflaschen oder der Kaffeekanne näherten, und mutwillige Burschen durch Schüren des Feuers eine Illumination erzeugten, gegen die die Papierlaternen elende Schatten genannt zu werden verdienten. »Eine lustige Nacht,« meinte die bei dem Faß aufgestellte Megäre, indem sie behutsam von dem Bier in eine als Becher dienende alte Austernbüchse laufen ließ, zu ihrer Nachbarin, der siebzigjährigen Schänkmamsell bei den Branntweinflaschen, »'ne Nacht, wie damals, als ich selber noch 'ne Krone trug; bessere Zeiten damals,« und sie trank bedächtig aus der Austernbüchse. »Muß lange her sein,« zweifelte die Siebzigjährige, ihre Geiernase ein Weilchen über dem vollen Spitzglase rümpfend, bevor sie ihre Enthaltsamkeit sich gebührend belohnte, »denn so lange ich denken kann, war mit der Krone nicht viel los.« »Hol's der Teufel,« entschied die erstere, »Krone oder nicht, lustige Burschen bleiben die Hauptsache. Schade drum, daß der Kettenvogt nicht zur Hand ist, in dem steckt Leben für zehn.« »Es ist besser so,« versetzte die andere mit hochweisem Ausdruck, »denn er und der Lampendoktor sind einander gram. Haben sie etwas im Kopfe, so liegen sie sich gleich in den Haaren, und anstatt im Ländler lustig hinten auszuschlagen, müssen die Weiber ihnen die abgeschundenen Beulen kühlen.« »Ich halt's dennoch mit dem Kettenvogt,« hieß es aus der anderen Seite; »ist immer ein Mann auf dem Platz, und vornehm geworden ist er obendrein; man sieht ihn nicht anders, als mit der Zigarre. Möchte wissen, wo er steckt.« »Wie lange ist er fort?« »Seit vier Tagen.« »Und wohin?« »Der Teufel mag's wissen. Sprach schon immer von Amerika und Australien. Traue ihm zu, daß er Ernst damit machte, denn spurlos verschwunden ist er, und 's Schlafstellengeld soll er heute noch bezahlen.« »Zum Reisen gehört erst recht Geld.« »Der Kettenvogt ist der Mann dazu, solches anzuschaffen, und müßte er es von den eigenen Rippen herunterschneiden.« Hier wurde die Unterhaltung der beiden Weiber durch das Getöse unterbrochen, mit dem nach Einstellung der Musik die Paare sich voneinander trennten und in ihrer Raserei eine Art von Knäuel bildeten, von welchem die einzelnen Gestalten sich nur mit Mühe abzuwickeln schienen. Jauchzen, Gellen und Fluchen vermischte sich mit dem dichten, in der Luft schwebenden Kehrichtstaub. Es war ein Höllenlärm und ein Höllenanblick. »Keinen Tropfen Wasser!« jodelte der Lampendoktor, mit seiner Tänzerin auf die Biertonne losstürzend. Das Orchester fiel mit Kraft ein, und Ohren zerreißend und Sinne betäubend brüllte und heulte alles mit: »Keinen Tropfen Wasser trinkt das Huhn, Ohne einen Blick zum Himmel 'raus zu tun!« Die morschen Gebäude ringsum schienen in ihren Fundamenten zu beben und sich über die tolle Gesellschaft hinwerfen zu wollen. Die Sterne funkelten, die Augen glühten, die Laternen trauerten, das Feuer loderte. »Ein Hurrah dem schönsten Brautpaar, das jemals mit zehn Groschen in der Tasche 'nen Hausstand gründete!« rief der Lampendoktor, mit der einen Hand seine Soldatenmütze, mit der anderen einen vollen Henkeltopf schwingend. Ein furchtbares Geheul begleitete seinen wohlgemeinten Toast. Klirrend und jammernd unterstützten ihn die Instrumente; aus dem chaotischen Getöse aber entwickelte sich wieder jener ewige, unabänderliche Refrain. Hei! wie das gellte und tobte und wie es durch die morschen Baulichkeiten hindurch bis auf den stillen Vorhof drang! Sogar in dem Wohnhause des weisen Nathan, das an dem heutigen Abend von oben bis unten verödet war, ließ sich der Lärm als eine Art dumpfen Brausens unterscheiden. Der weise Nathan achtete indessen wohl kaum darauf; aufmerksamer lauschte dagegen der rotbärtige Kettenvogt auf die fernen dumpfen Töne, wie um aus denselben die allgemeine Stimmung und den Stand der Festlichkeit zu berechnen. Denn der Kettenvogt war ebensowenig nach Amerika oder Australien gegangen, wie nach dem Monde. Der befand sich weit näher als irgendeiner auf dem Tummelplatz der Wölfe geglaubt hätte. Der lag wohlgemut in dem Räume oberhalb des Kontors des weisen Nathan, die herkulischen Glieder behaglich auf den zusammengeschobenen Wagenkissen reckend, mit denen Röchler die Öffnung im Fußboden zu bedecken pflegte. Seit vier Tagen hatte er dort oben gelebt, und sicher hätte er noch einige Tage, ohne Not zu leiden, daselbst zubringen können, wie mehrere volle Flaschen und ein kleiner Vorrat von Lebensmitteln in seiner Nähe zwischen einer Anhäufung fettigen Papiers verrieten. In seinem Bereich lagen ein kurzes Brecheisen, mehrere Schraubenzieher, Stahlbohrer, Dietriche, eine zusammengerollte Leine und eine Art Schmetterlingsnetz, lauter Gegenstände, die er allmählich, ohne durch Röchler gestört zu werden, dort oben zusammengetragen hatte. Sogar einen eigenen Schlüssel zu dem Zimmer hatte er sich nach einem Wachsabdruck angefertigt, um sein Treiben in dem staubigen Räume vor Röchler verheimlichen zu können. Acht Monate waren verstrichen, seitdem er zum erstenmal dort oben eingeführt worden war und durch die dünne Scheidewand hindurch dem berauschenden Klingen des Goldes gelauscht hatte, und acht Monate hatte er geduldig an seinen umfassenden Vorbereitungen gearbeitet, bevor er endlich in der das Vorderhaus entvölkernden Hochzeit der Wölfe eine günstige Gelegenheit zu seinem Vorhaben entdeckte. Denn während auf dem Hinterhofe ein wahres Höllenbacchanal gefeiert wurde, lag der Kettenvogt auf den von Motten zerfressenen Wagenkissen, das Haupt der Stelle in der Fußbodenöffnung zugeneigt, auf der nur die dünne Lehmschicht zwischen den Stäben es ihm erleichterte, mit scharfem Ohr jede unter ihm stattfindende Bewegung genau zu beobachten. Bevor Nathan noch einen Hilferuf hervorbringen konnte, schmetterte der Kettenvogt die Brechstange auf sein unbedecktes Haupt nieder. Der weise Nathan hatte bis in die Nacht hinein Geschäftsbesuch, mit dem er mancherlei kleine Unternehmen beriet, die indessen in ihrer steten Wiederholung selbst dem geduldigen Kettenvogt nur zu bald langweilig wurden. Man prüfte Wechsel von vornehmen jungen Leuten, namentlich von Offizieren, und vereinbarte die Bedingungen weiterer Prolongationen. Mit einer gewissen Vorliebe behandelte man vereinzelte gefälschte Dokumente, durch die die Aussteller in die verzweifelte Lage gerieten, entweder ihren Namen gebrandmarkt zu sehen oder ihre Freiheit und Sicherheit unter den erdenklichsten Opfern zurückzuerkaufen. Von diesem allem verstand der Kettenvogt überhaupt nur so viel, daß der weise Nathan eine Art Fabrik gegründet hatte, zu welcher er selbst die betreffenden Vorschüsse leistete, wogegen seine Myrmidonen auf eigene Gefahr, im geheimen wie durch öffentliche, etwas verblümte Ankündigungen die eigentlichen Netze für Gimpel und leichtsinnige Zeisige stellten. Endlich rüstete der Besucher sich zum Aufbruch. »Haben Sie einen endgültigen Entschluß betreffs der Subhastation des Ulrichschen Gutes gefaßt?« fragte eine Stimme. »Wann findet der Verkauf statt?« fragte Nathan zurück, obwohl niemand den Termin besser kannte, als er selber. »Über drei Wochen,« lautete die Antwort. »Nun, in dieser Zeit läuft bergab sehr viel Wasser,« versetzte Nathan, »jedenfalls möchte ich selbst als Hauptgläubiger nicht auftreten, auch nicht als Hauptbieter. Würde der junge Mensch doch erraten, daß mir gelegen sei an der Feldmark, und treiben hinauf durch seine Freunde den Preis noch um zehntausend Taler. Nein, nein, einer von euch muß mich überbieten um 'ne nicht unerhebliche Kleinigkeit, auf daß es heißt; wenn nicht will haben der weise Nathan die Feldmark, und zieht vor 'nen Verlust an dem auf dem Grundstück stehenden Gelde, so ist nicht zu machen 'n Geschäft, und es werden zurücktreten alle.« »Aber die Nachbarn?« hieß es weiter. »Die Baulichkeiten sind geraten in Verfall,« erwiderte Nathan spöttisch. »Unkraut wuchert auf den Feldern, und des Nathan Schuldforderungen sind groß. Unter solchen Verhältnissen werden sich hüten die Nachbarn, auf ihre Schultern zu laden 'ne Last in dem wüsten Hof und den brachen Feldern, am wenigsten aber zahlen 'nen Preis, so hinausreicht über meine Forderungen. Doch drei Wochen ist 'ne lange Zeit und werden wir sprechen weiter darüber.« Es erfolgte nunmehr wirklich der Aufbruch. Nathan gab seinem Gaste das Geleite bis auf den Flur hinaus; dann in gewohnter Weise die Doppeltür von innen verschließend und verriegelnd, begab er sich durch die beiden Kontorräume nach den Hinterzimmern. Mehrere Türen fielen rasselnd zu; Riegel schlugen in ihre Haften, dann war alles still. Nur vom Hinterhofe, wie aus weiter, weiter Ferne, drang dumpf herüber die lustige Gavotte: »Keinen Tropfen Wasser trinkt das Huhn.« Eine Weile lauschte der Kettenvogt atemlos. Dann zündete er eine Blendlaterne an, bei deren Schein er die bereits bis auf einen dünnen Splitter durchgeschnittenen Querhölzer mit Leichtigkeit emporhob, wobei er, sobald die erste schmale Fuge es ihm gestattete, das Schmetterlingsnetz benutzte, um den losbröckelnden Kalk aufzufangen und dadurch verräterischem Poltern vorzubeugen. In wenigen Minuten war die Öffnung so groß, daß zwei Männer nebeneinander hätten hindurchschlüpfen können. Ohne Säumen entfernte der Kettenvogt die letzten Kalkteile, worauf er die durch Zusammenknoten in eine Art Strickleiter verwandelte Doppelleine um den Sockel des schweren Ofens schnürte, das lose Ende dagegen behutsam in das Kontor hinabließ. Schnell bewaffnete er sich mit seinen Werkzeugen; flüchtig prüfte er noch einmal die Haltbarkeit der Leine, und mit den Füßen in die Öffnung hinabsteigend, in der einen Hand die Laterne, mit der anderen die Leine umklammernd, sank er in das Erdgeschoß hinab. Er hatte indessen kaum festen Fuß im Kontor gefaßt, als oben die von ihm selbst in Schloß und Angeln sorgfältig geölte Tür sich unhörbar öffnete und ein Schatten in den eben von ihm verlassenen Raum hineinglitt. Zögernd kroch der geheimnisvolle Späher nach dem Ofen hinüber; dort lauschte er ein Weilchen; sobald er aber an dem durch die Öffnung heraufdringenden Schein erkannte, daß der Kettenvogt sich in das anstoßende Gemach begab, zog er ein Messer hervor, womit er in den um den Ofen liegenden Strick so tief einschnitt, daß dieser unter dem Gewicht eines Kindes hätte zerreißen müssen, und geräuschlos, wie er gekommen war, entfernte er sich wieder. Der Kettenvogt, der sich seiner Schuhe entledigt hatte, war unterdessen vor das eiserne Spinde hingetreten. Er trat auf die eine Seite, und einen Zentrumbohrer von der Härte eines Diamanten hervorziehend, begann er da, wo, wie er wußte, sich ihm der geringste Widerstand entgegenstellen würde, mit großer Hast zu arbeiten. Er trug sich mit dem wohlüberlegten Plane, zunächst eine Öffnung für die Brechstange zu schaffen, dann durch mehrere nebeneinander gefügte Löcher die Wandfüllung hinlänglich zu schwächen, um ein seinem Vorhaben entsprechendes Stück entweder ganz auszubrechen oder so weit abzubiegen, wie erforderlich war, um mit der Hand und anderen Werkzeugen hineinzufahren und auch die zweite Wand zu zertrümmern. Eine leichte Aufgabe war es gewiß nicht, die vor ihm lag; bei seiner ungewöhnlichen Körperkraft und den vorzüglichen Instrumenten dagegen keine unausführbare. Er durfte nur nicht gestört werden, um nach seiner Berechnung nach Ablauf von höchstens zwei Stunden mit goldgefüllten Taschen den Rückweg wieder anzutreten. Mit gutem Mut und vollen Kräften arbeitete er daher, und leichter, als er befürchtet hatte, gelang es ihm, ein Loch nach dem anderen durch die äußere Eisenverkleidung hindurch zu schneiden; namentlich glückte es ihm mehrfach, Schrauben zu vernichten, die die doppelten Wände miteinander vereinigten. So war es zwei Uhr geworden. Auf dem Tummelplatz der Wölfe hatte der Hochzeitsjubel den höchsten Gipfel erreicht und Nathan lag in seinem besten Schlaf, als er plötzlich durch Klopfen an das vergitterte Hoffenster geweckt wurde. »Herr Nathan,« unterschied er gleich darauf seines Schreibers gedämpfte Stimme, »mir war, als hörte ich ein seltsames Geräusch im Kontor; vielleicht eine Katze oder ein Hund, die hineinschlüpften, als Sie die Tür öffneten.« Nathan fuhr empor und lauschte, ohne etwas zu vernehmen; als er sich aber in den rußigen Küchenraum begab, der die Hinterzimmer von dem Kontor trennte, traf seine Ohren ein leise mahlendes Geräusch, das ihm das Blut in den Adern erstarren machte. Behutsam schlich er ans Hoffenster zurück, um sich mit Röchler ins Einvernehmen zu setzen; doch dieser, nachdem er meinte, seine Schuldigkeit getan zu haben, war bereits in seine Wohnung zurückgekehrt, um das Ende einer Begebenheit abzuwarten, die mit so viel schlauer Berechnung eingeleitet worden war und zugleich als Abschluß einer langsam, aber sicher vorbereiteten Rache gelten konnte. Der Kettenvogt arbeitete zu derselben Zeit unverdrossen weiter. Je näher er seinem Ziele zuzurücken meinte, um so mehr schienen seine Kräfte zu wachsen. Der Schweiß rieselte ihm von der Stirn, allein er achtete dessen nicht; das behutsame Offnen von Türen aber und leises Einherschleichen gingen für ihn verloren in dem eigentümlichen Knirschen, mit dem der Bohrer sich in die Eisenplatte hineinnagte. Plötzlich streifte ein heller Schimmer seine Augen. Erschreckt sah er empor und gerade in das Antlitz des weisen Nathan, der, ein Bild tödlichen Entsetzens, in der einen Hand ein brennendes Licht, mit der anderen den Schafspelz um sich zusammenziehend, in der nach den Hintergemächern führenden Tür stand und vor Schreck das Bewußtsein verloren zu haben schien. Doch auch dem Kettenvogt schlotterten die Knie; den Bohrer ließ er zur Erde fallen, während er sich mit der rechten Hand auf das noch in einem Bohrloch haftende Brecheisen stützte. »Kettenvogt,« stotterte Nathan endlich, seine Hand nach dem Räuber ausstreckend, wie um ihn zu halten; denn angesichts der Gefahr, die seinen Schätzen drohte, überwog sein Mut alle anderen Empfindungen, selbst die Furcht vor dem Tode; »Kettenvogt, du bist ein Schurke, du willst mich bestehlen!« »So mach' ich's mit dir nicht besser, als du mit anderen Menschenkindern verfährst,« erwiderte der Kettenvogt, zu dessen Raubgier sich nunmehr der Selbsterhaltungstrieb gesellte; »ich gebrauche Geld, viel Geld, und du bist der Mann dazu, es mir zu geben, oder ich will verdammt sein!« und unheimlich funkelten seine Augen und fester umklammerte die rechte Faust das schwere Eisen. Einige Sekunden starrte Nathan aus den grimmigen Einbrecher, als hätte er ihn mit den Blicken zermalmen mögen. Dann näherte er sich ihm mit den schleichenden Bewegungen einer Katze. »Also Geld gebrauchst du?« flüsterte er kaum verständlich, »von meinem Gelde, was ich mühsam ersparte, Kettenvogt –« und mit dem Mute der Verzweiflung auf ihn einspringend, umschlang er seinen Hals mit beiden Armen, und: »Hilfe! Hilfe!« gellte seine kreischende Stimme durch das Haus. Der Kettenvogt war indessen nicht der Mann, durch einen plötzlichen Angriff sich einschüchtern oder gutwillig eine lebenswierige Kerkerhaft über sich verhängen zu lassen. Wie der verwundete Bär einen Hund, so schüttelte er den Greis von sich, und bevor dieser den Hilferuf zum dritten Male wiederholte, schmetterte er die scharfkantige Brechstange auf dessen unbedecktes Haupt nieder, daß er lautlos zu Boden sank und ein dicker Blutstrahl sein fahles Gesicht überströmte. Ob der Kettenvogt wirklich die Absicht gehegt hatte, den alten Wucherer zu töten, wäre schwer zu entscheiden gewesen. Anstatt beim Anblick des Ermordeten von Verzweiflung ergriffen zu werden, schien, wie bei einem Tiger, nachdem er einmal Blut kostete, eine Art Tollwut sich des Kettenvogtes zu bemächtigen. Seine Augen unterliefen rot und drängten sich weit aus ihren Höhlen, seine Zähne knirschten hörbar aufeinander, und indem er argwöhnisch auf die mögliche Wirkung von des Erschlagenen Hilferuf lauschte, bewies er durch seine Stellung, daß er vor neuen Morden nicht zurückschreckte, um sich seine Freiheit zu bewahren. Doch alles blieb still. Die Straße vor dem Hause war leer, das Haus selbst verödet und vereinsamt. Vom Hinterhofe aber tönte durch Mauem und dumpfige Räume hindurch das dämonische Kreischen und Jauchzen herüber. Flucht, schleunige Flucht war der nächste Gedanke des Mörders, nachdem er sich überzeugt hatte, daß bisher noch keine Entdeckung stattgefunden. Doch wohin sollte er fliehen, wohin ohne Geld und Mittel? Schaudernd betrachtete er die leblose, von Blut überströmte Gestalt. Er dachte an eiserne Fesseln und Henkerbeile. In jedem Augenblicke meinte er, daß der Erschlagene sich erheben, als Gespenst sich an seine Fersen heften und, ihn auf Schritt und Tritt verfolgend, vor der ganzen Welt als Mörder bezeichnen und anklagen würde. So furchtbar hatte er sich die Folgen eines Mordes nicht vorgestellt. »Fort! fort!« summte und heulte es ihm in den Ohren, und dennoch, wohin sollte er sich wenden, wo sich entziehen dem Arme der irdischen Gerechtigkeit? Wie um sich zu ermutigen, sich zu stählen, beugte er sich zu seinem Opfer nieder; zuerst auf die blutfreie Schläfe, dann auf die Herzgegend legte er seine Hand. Der alte Mann war tot; sein letzter Pulsschlag war mit dem nach ihm geführten furchtbaren Hiebe zusammengefallen. Vor der Phantasie des Kettenvogts tauchte Röchlers Bild auf, der ihn einst auf die Stelle führte, auf der beim unsichtbaren Klingen des Goldes zum ersten Male der Gedanke an einen Raubmord in ihm erwachte und ihn seitdem nicht wieder verlassen hatte. Indem er aber der schlau berechneten Worte sich entsann, bemächtigte sich seiner neue Wut. Wäre Röchler ihm erreichbar gewesen, mit Wollust hätte er ihn erdrosselt, mit Wollust sich geweidet an dem Anblick des unter seinen Händen gräßlich Erstickenden. Es war ein entsetzliches Schwanken zwischen Blutdurst und Feigheit; zwischen dem Trotz eines verstockten Mörders und dem Grausen eines von allen Furien der Hölle Gehetzten. Meinte er in dieser Minute eine gewisse Beruhigung zu schöpfen aus dem Umstände, daß den alten Wucherer ein wohlverdientes Geschick ereilt habe, so erschütterte ihn in der nächsten Minute die furchtbare Mahnung, daß auch ihn die rächende Hand der Vergeltung ereilen werde. Die Augen des Toten standen halb offen; ausdruckslos stierten sie ins Leere, und doch meinte der Mörder, daß sie ihm bis ins Herz hineinschauten. Von Grauen erfüllt, zog er den Schoß des Pelzes über das blutige Haupt hin. Da durchströmte es seine Adern plötzlich wieder wie flüssiges Erz: indem er an dem Pelze zupfte und zog, war ein eigentümliches Klirren aus demselben zu seinen Ohren gedrungen. Hastig, als hätte seine Rettung davon abgehangen, suchte er zwischen den Falten. Gleich darauf zog er ein Bund Schlüssel hervor, und laut aufbrüllen hätte er mögen vor wildem Entzücken, als er die eigentümlich geformten Schlüssel des Geldspindes erkannte. Er war gezwungen, niederzusitzen, um seine Gedanken zu ordnen, das fieberisch durch seine Adern jagende Blut zu beruhigen. »Gerettet,« stöhnte er, die Schlüssel aufmerksam betrachtend; »mit Gold beladen ziehe ich von dannen, und den will ich sehen, der Verdacht gegen mich schöpft. Nicht einmal zu fliehen brauche ich. Verdammt! Flucht würde Mißtrauen erwecken. Kettenvogt, sei stark! Wenn sie dich auffordern, ihm gegenüber zu treten, mußt du ihm in die starren Augen blicken ohne zu zittern oder zu erbleichen. Pah! Ein Toter kann nicht sprechen, nicht zum Ankläger werden.« Wie um sich auf alle Fälle vorzubereiten, zog er den Pelz von dem furchtbar entstellten Antlitz zurück. Trotzig wollte er in die gebrochenen Augen schauen, allein heftiges Beben erschütterte seine Gestalt und deutlich fühlte er, wie er erbleichte. »Fort, fort!« flüsterte er, dann lauschte er wieder argwöhnisch. »Keinen Tropfen Wasser trinkt das Huhn, Ohne einen Blick zum Himmel 'rauf zu tun!« drang wieder einmal jener Allerweltsvers herüber. »Hol sie alle der Satan!« fluchte er, sich schüttelnd, wie ein dem Wasser entstiegener Hund, »und dennoch, wer so lustig sein könnte, wie sie! Doch sie wissen nicht, was es bedeutet –« er stockte und wagte den Gedanken nicht auszusprechen; aber vor den toten Nathan hintretend, stieß er ihn verächtlich mit dem Fuß an die Schulter. »Ich fürchte dich nicht«, hob er mit unsicherer Stimme an. Dann kehrte er sich hastig um, und nachdem er das, Nathan entfallene Licht an seiner Blendlaterne angezündet hatte, stellte er beides oben auf das Spind. Vertraut mit dem Mechanismus solcher Behälter, schob er die beiden Rosetten auf der Mittelfüllung der Tür zur Seite, und gleich darauf haftete ein Schlüssel in der betreffenden Öffnung. Rechts herum drehte er; neues Nachschieben und wieder links herum. Ein ähnliches Verfahren mit einem zweiten Schlüssel auf der anderen Stelle, und er brauchte die schwere Tür nur nach sich zu ziehen, um des weisen Nathan Schätze freizulegen. Noch zögerte er; der Mut schien ihm zu versagen, und um sich an die Notwendigkeit des Raubes und der Flucht zu mahnen, sandte er wieder einen Blick zu seinem Opfer hinüber. »Wie großmütig du geworden bist«, höhnte er mit wahnwitzigem Ausdruck, »da stehe ich vor deiner offenen Schatzkammer und du sagst kein Wort dazu! Nun, alter Gauner, wieviel soll ich mir aneignen? So viel mir gefällt? Recht so; 's kommt dir wohl hart an? Ei, verdammt! So hindere mich doch, wenns deine Genehmigung nicht findet! Rufe um Hilfe!« Mit sicherer Hand faßte er die Tür. Eine Handbreit folgte sie willig dem auf sie ausgeübten Druck: dann aber schien sie nicht weiter weichen zu wollen. Er hatte versäumt – was er freilich nicht ahnen konnte – oberhalb der Türeinfassung einen kaum bemerkbaren eisernen Knebel zu drehen, wodurch innerhalb des Spindes ein Fallhaken aus einem an der Tür befestigten Ringe gehoben wurde, ein Verfahren, das Nathan, so oft er das Spinde öffnete, jedesmal mit Sorgfalt beobachtete. Der Kettenvogt dagegen, das Hindernis anderen Ursachen zuschreibend, trat vor die Spalte hin, und mit der rechten Schulter sich gegen das Spinde stemmend, gelang es ihm leicht, den geheimnisvollen Widerstand zu beseitigen. Mit vierfachem dumpfen Krachen, begleitet von schwachem Blitzen und einer schwachen Rauchwolke, flog die Tür auf. Der Kettenvogt aber taumelte zurück, und die Arme krampfhaft auf seinen Leib pressend, starrte er mit grausig verzerrten Zügen zu dem toten Nathan nieder. Das Krachen hatte er vernommen, Rauch und Blitz gesehen; allein nach längerem Ringen gegen ein ohnmachtähnliches Gefühl begriff er erst, daß Nathan, nicht zufrieden mit den eisernen Wänden seiner Schatzkammer, innerhalb derselben vier festzusammengefügte Terzerole sinnig angebracht und derartige Vorkehrungen getroffen hatte, daß sie, sobald die Tür von einem Uneingeweihten geöffnet wurde, sich entladen mußten. Mindestens zwei Dutzend grober Schrotkörner waren dem elenden Mörder in den Leib gedrungen, ohne indessen ihn gleich zu töten. Nicht einmal zu Boden stürzte er, obwohl er fühlte, daß er nicht lange mehr sich aufrecht halten würde. Das Entsetzen, neben seinem Opfer in hilflosem Zustande gefunden zu werden, verlieh ihm dagegen übermenschliche Kräfte. Unbestimmte Hoffnung auf Rettung, wohl gar, den Verdacht des Mordes von sich abzuwälzen, durchzuckte sein Gehirn. Nicht mehr an das Gold dachte er, nach dem er nur seine Hand auszustrecken brauchte, nicht mehr an die Mordwaffe und die ringsum auf der Erde liegenden Werkzeuge. Seine Hoffnung auf Entkommen aber erhielt dadurch neue Nahrung, daß auch die von allen Seiten eingetretenen Schüsse dumpf verhallt waren, ohne auf der Straße oder im Hause Aufmerksamkeit zu erregen. Fortwährend die Arme über seinen Leib gepreßt, schlich er nach dem Kontor. Der Anblick der Strickleiter ermutigte ihn. Krampfhaft ergriff er sie mit beiden Händen; sobald er aber mühsam den einen Fuß in die als Stufe dienende Schlinge gestellt hatte, erhielt er eine heftige Erschütterung. Die um den Ofen geschlungene Leine war gerissen, und indem er kraftlos zu Boden sank, fiel die Strickleiter über ihn hin. Er war gefangen. Nirgends bot sich ihm ein Ausweg. Dieser Gedanke aber wirkte so niederschmetternd auf ihn ein, daß er die Besinnung verlor. Nur noch einmal gelangte er zum Bewußtsein seiner Lage; es geschah, als einzelne Hochzeitsgäste vom Hinterhofe in das Vorderhaus zurückkehrten, trotz der von Nathan streng gehandhabten Hausgesetze geräuschvoll die Treppe hinaufpolterten und unmelodisch den Refrain wiederholten, der ihnen allmählich ins Fleisch und Blut übergegangen war. »Keinen Tropfen Wasser trinkt das Huhn, Ohne einen Blick zum Himmel 'rauf zu tun« summte und grunzte es in allen Winkeln des Hauses. Jeder, gleichviel ob alt oder jung, was er mehr als tausendmal in seinem Leben in allen nur denkbaren Tonarten gesungen hatte, es verfolgte ihn auf. Schritt und Tritt. Was der Kettenvogt selber bei jeder Gelegenheit nach besten Kräften angewendet hatte, es vibrierte fort und fort in seinen Ohren; er konnte die Melodie nicht los werden. Der tote Nathan lag unterdessen bei seinen Schätzen so ruhig und friedlich, so unbesorgt und gleichmütig, wie schwerlich jemals in seinem Leben. Die gebrochenen Augen stierten mit geisterhaftem Ausdruck auf die offene Tür des feuerfesten Spindes, aus dem kleine, übelduftende Rauchwolken ins Zimmer hineinzogen. Das Feuer der Terzerole, mitten aus einer Anhäufung von Papierpacketen hervorbrechend, hatte gezündet. Jedoch nicht in Flammen und Flämmchen wirkte der versteckte Brand, sondern langsam glimmend. Vernichtend schlich er von einem Paket Papiere nach dem andern hinüber, nichts hinter sich zurücklassend, als Aschenhäufchen, höchstens in der Mitte der Pakete, wo sie durch Schnüre zusammengehalten wurden, ein Bündelchen gebräunten Blätterwerks, das man bei einem oberflächlichen Hinblick für sorgfältig sortierten Tabak hätte hinnehmen können. Von andern Rollen blieben nur die Ränder übrig, wieder von andern kaum die innersten Anfänge derselben. Und so kletterte das hinterlistige Element geduldig und gewandt langsam von Fach zu Fach, hinauf und wieder hinunter und seitwärts. Wo nur erst ein Fünkchen festen Fuß gefaßt hatte, da erweiterte es sehr schnell seinen Wirkungskreis. Denn die Papiere, gleichviel ob Aktien, Schuldverschreibungen oder Wechsel, ob Hypothekeninstrumente, Prolongationsscheine oder Banknoten, alles zündete und glimmte, als wäre auf seiner bald kürzeren, bald längeren Wanderung durch saubere und unsaubere Hände überall etwas von dem höllischen Zündstoff verrotteter Seelen an ihm haften geblieben, als hätte es vor Scham über die Zwecke, zu den es vielfach benutzt worden, selbstmörderisch gewissermaßen sich selbst den Tod gegeben. Das Feuer aber, obwohl gern bereit, jenen mit tausendfachen Flüchen beladenen Papieren von der Welt zu helfen, ging nicht über die ihm für heute vorgeschriebenen Grenzen hinaus. Es schien den starren Blick Nathans zu fürchten, sich zu scheuen, durch weitere Ausdehnung das Leben zahlreicher Wölfe zu gefährden, die nach dem lustigen Hochzeitsfeste sich einem Schlafe hingegeben hatten, der sich nur dadurch von dem des weisen Nathans unterschied, daß ihnen ein Erwachen, wenn auch mit wüstem Kopfe und zu Not und Elend bevorstand. So glimmte und sengte es in dem feuerfesten Spinde, und so hielt der weise Nathan Wache bei seinen der Vernichtung verfallenen Schätzen. Dichter und dichter hüllte die Raubhöhle einer von ihrem Geschick ereilten Hyäne sich in ätzenden Rauch. Denn zu fest und sorgfältig waren die Türen und Fensterläden gearbeitet, um den Brandgeruch einen Weg ins Freie zu gestatten. Selbst durch die geöffnete Zimmerdecke steigend, traf er auf undurchdringliche Schranken. Und so hinderte denn nichts die Funken, fortgesetzt ihr Wesen zu treiben, als hätten sie die Zerstörung in Akkord übernommen gehabt; denn nachdem sie ein recht wertvolles Dokument in schwarze Asche verwandelt hatten, eilten einzelne von ihnen immer wieder zurück, um im flüchtigen Hinundherschlüpfen sich zu überzeugen, daß nichts vergessen worden. Sogar an die schweren Erzrollen wagten sie sich heran, um die schönen Gold- und Silbermünzen ihrer papierenen Röcklein zu entkleiden und ihnen die Freiheit zu geben, daß sie auseinanderfielen, manche sogar aus dem Spinde herausklirrten und, einmal in Bewegung, nicht nur nach dem blutigen Haupte des weisen Nathan hinrollten, sondern auch bis in die Nähe des betäubten Mörders, wie um ihm beim Erwachen einen recht verführerischen Anblick zu bereiten. Der Tag graute bereits, als der letzte der Hochzeitsgäste die knarrende Treppe hinaufkroch und seine unsicheren Bewegungen mit dem ebenso unsicher vorgetragenen Allerweltsrefrain begleitete. – – Um dieselbe Zeit machte auch auf dem Parkettboden eine glücklichere Hyäne Feierabend. Der biedere, warmherzige Nailleka! Wenn es ihm gut erging, wenn er selbst Ursache hatte, heiter zu sein, duldete er nicht gern finstere Gesichter in seiner Umgebung. Alle mußten sich mit ihm freuen, alle mittelbar teilnehmen an den goldenen Früchten, die ein gerechtes Geschick ihm in den Schoß warf. Und nachdem er den Gram über den elenden Zusammenbruch der Zentrifugalbank und das damit verbundene Unglück so vieler braver Menschen überwunden hatte, war er gewiß der Mann dazu, seinen zum Teil sehr hochgestellten Gästen eine glänzende, genußreiche Nacht zu bereiten. Nach Gründen aber zu Festlichkeiten brauchte er nicht lange zu suchen, zumal es von jeher in seiner Natur lag, besondere Ereignisse auf seine eigene Art zu verherrlichen; und wie er es früher in seinem großen Wirkungskreise gehalten hatte, so sollte es auch jetzt bleiben, da er mit seltener Selbstverleugnung von seiner Höhe einige Schritte rückwärts getan hatte. Die Gründung der weltberühmten Bank wurde einst von ihm solenn gefeiert; nicht minder der günstige Verkauf seiner kleinen Firma an die Herren Aktionäre, womit zusammenfiel, daß er sein Haus, trotz des ungewöhnlich hohen Preises mit schwerem Herzen an die Gesellschaft abtrat, um dafür schüchtern, jedoch mutig das Direktorat zu übernehmen und wiederum in seine alten, jedoch standesgemäß hergerichteten Räume einzuziehen. Heute nun feierte er den Rückkauf seiner gediegenen Firma. Obwohl zerfallen mit sich und der ganzen Welt – wie er vor wenigen Wochen noch jedem, der es hören wollte, eidlich beteuerte – und fest entschlossen, sich jeglichem Geschäftsverkehr fernzuhalten, war er doch schwach genug gewesen, endlich dem Ansinnen vieler Freunde, namentlich des früheren Aufsichtsrates der verschollenen Bank, nachzugeben und wenigstens seine Firma der Nachwelt zu erhalten, zumal dieselbe ihm samt dem stolzen Bankgebäude und allen Utensilien, wie solche noch recht wohl erhalten aus dem Ruin hervorgegangen waren, zu einem Spottpreise überlassen wurde. Er dachte dabei wiederum mehr an andere, als an sich selbst – wie er seine Inkonsequenz verschämt entschuldigte – und zum Beweise seiner Anspruchslosigkeit wurde dieser Rückschritt zu den alten Verhältnissen ganz mit demselben Pomp gefeiert, wie einst die vielversprechende Gründung der Zentrifugalbank. Dieses Fest des Rückkaufs bildete gleichsam den Schlußstein der Regulierung des traurigen, durch übelwollende Menschen herbeigeführten Konkurses. Wie überall, so war auch bei dieser Regulierung Nailleka die eigentliche Seele gewesen; dafür aber hatte er das große Glück, seine endlosen Bemühungen für die armen Aktionäre dadurch gekrönt zu sehen – er beteuerte es in jener schönen Nacht mehrfach tränenden Auges und mit gen Himmel erhobenen Blicken – daß ihnen aus der Masse noch volle zwei und ein halbes Prozent ausgezahlt werden konnten. Der biedere Nailleka, er war zu glücklich in seiner Demut, so glücklich, daß, hätten die Wölfe aus des alten Nathan Behausung sich als Zuschauer in der Nähe befunden, sie ohne Zweifel aus vollem Herzen ihren Lieblingsvers, wenn auch mit einigen unwesentlichen Abänderungen, auf seine Person würden angewendet haben. Und dann die liebe, straff geschnürte, nervenschwache Frau Bankdirektor – der Titel wurde ja beibehalten – und endlich die für den Beweis der Darwinschen Theorie wie geschaffenen kleinen Damen! – Dreiunddreißigstes Kapitel. Alte Bekannte. Was der alte Nathan bei unserm Erscheinen denken mag?« bemerkte der heruntergekommene Korpsbursche zu dem verfehlten greisen Bühnenhelden, als sie, in aller Frühe vom Bahnhof kommend, munter durch das Straßengewirre der Hauptstadt schritten. »Er wird seinen Augen nicht trauen,« versetzte Schwärmer bedächtig, und es gewann den Anschein, als ob die Spitzen seiner nach Schwärze lechzenden Stiefel etwas theatralischer auswärts wiesen. Kappel lachte herzlich, und lustig klingelte er mit einigen harten Talern in seiner Tasche. »Schwerlich wird er sich der Überzeugung verschließen,« bemerkte er sorglos, »daß wir nicht leerer Ideen halber so lange die Landstraßen unsicher machten.« »In Maßliebs Seele möchte ich mich fast der Verwandtschaft schämen«, meinte Schwärmer sinnend. »Sie gehen zu weit,« wendete Kappel ernst ein, »stolz braucht sie gerade nicht zu sein; allein schämen? Steht man auf rechtmäßigem Boden, so gehört das Schämen in das Reich inhaltloser Träume. Glauben Sie mir, hätte es in Maßliebs Gewalt gelegen, sich einen Großvater nach eigenem Geschmack auszuwählen, so würde sie unstreitig im Gefolge Apolls sich umgesehen und für einen von uns beiden entschieden haben.« »Aber Schonung, Schonung für das arme Herzchen,« versetzte Schwärmer, der, je näher sie ihrem Ziel rückten, um so zaghafter wurde. »Schonen? das Kind? Ja,« entschied Kappel, und er drehte seinen Schnurrbart mit einer Grazie, als hätte auf jeder Seite von ihm jemand gestanden, die entsprechende Spitze zum Weiterdrehen höflich in Empfang zu nehmen, »allein den alten Cerberus? Nein, ihn schonen wir nur solange, wie es mit unsern Zwecken vereinbar. Seinen zusammengewucherten Reichtum mag er behalten, allein es läßt sich vermuten, daß außerdem Gelder –« Aber bestürzt schwieg er plötzlich und Schwärmers Arm ergreifend, wies er die Gasse hinunter, wo vor einem ihm bekannten Hause sich ein Volksauflauf gebildet hatte. Er faßte sich indessen schnell wieder, und den nicht minder erschrockenen Schwärmer fortziehend, bemerkte er mit erzwungener Heiterkeit: »Man wird sich in den Hintergebäuden gerauft haben, wodurch das Einschreiten der Polizei notwendig geworden.« »Ich bezweifle es«, wandte Schwärmer furchtsam ein, »zu genau kenne ich die Hausordnung; in der Handhabung derselben ist Nathan unerbittlich.« Ihr Gespräch stockte, und bis auf wenige Schritte hatten sie sich der summenden Menge genähert, als Kappel sich zwei eifrig miteinander verhandelnden Arbeitern mit der Frage nach der Ursache der Bewegung zukehrte. – »Was sollte es sein?« hieß es mit unverkennbarer Schadenfreude zurück, »Mord und Totschlag hat's gegeben, daß ist alles.« »Mord und Totschlag?« fragte Kappel erstaunt. »Ist das nicht genug?« lautete die brutale Antwort, »und dieses Mal hat's obenein 'nen Richtigen getroffen: dem weisen Nathan, der so reich ist, daß er selber nicht weiß, wieviel er besitzt, ist der Schädel eingeschlagen worden, nachdem er zuvor seinem Mörder 'ne Handvoll Schrot in den Leib jagte.« »Nathan – der weise Nathan tot?« fragte Kappel entsetzt und mit einem Blick der Verzweiflung in die Augen seines erbleichenden Gefährten. »Tot wie 'n Nußsack,« lachte der Arbeiter, »hat aber trotz seines eingeknickten Schädels noch lange genug gelebt, um Feuer an sein Geld zu legen. Sollen an die zwanzig Millionen Papiergeld verbrannt sein. Der Schurke; anstatt den Plunder an arme Leute zu verteilen, vernichtete er ihn. Schade drum, daß es vorbei mit ihm ist; hätte er doch verdient, für jedes Hundert Taler seiner zusammengegaunerten Schätze besonders umgebracht zu werden.« Die beiden Freunde waren von dem Arbeiter fortgetreten. Sie fürchteten sich fast, weitere Erkundigungen einzuziehen. »Wie finden Sie die Grabrede?« fragte Kappel kleinlaut, der seine Fassung zuerst zurückgewann. »Ein böses, ein furchtbares Ende«, antwortete Schwärmer niedergeschlagen, »und ich meine, wir brauchen nicht weiter zu gehen,« fuhr er unsäglich bitter fort. »Wäre es doch ein Verbrechen, das arme Kind jetzt noch seinem friedlichen Asyl zu entreißen. Ein Brief würde genügen, Fräulein Kabul von der Reise zurückzuhalten – und wir selber – nun, sogar im günstigsten Falle wäre uns kein anderes Los beschieden gewesen, als –« »Als unsere paar Lebensjahre abzusingen und abzuspielen,« fiel Kappel mit feindseligem Lachen ein; »ganz recht, teurer Freund, und ich wüßte nicht, daß meine Hoffnungen jemals weit über ein solches Los hinausgereicht hätten, nachdem ich mein Leben – doch das sind Nebensachen. Aber etwas anderes gibt es, und das werde ich nicht mehr los, nämlich meine Anhänglichkeit an das Kind, das unter meinen Augen zu einer lieblichen Jungfrau heranreifte, an das Kind, über das ich, trotz eines entwürdigenden Vagabundentums, mit den Augen eines Vaters und einer Mutter und endlich eines Lehrers eifersüchtig wachte. Ach, wer so lange mit ihr lebte und verkehrte wie ich –« »Und wer gleich mir sein herbes Spielerbrot mit ihr teilte!« fiel Schwärmer lebhafter ein, und seine Gitarre mit beiden Händen ergreifend, schien er sie zertrümmern zu wollen. »Gut, gut«, beruhigte Kappel, und seine Unverzagtheit gewann wieder die Oberhand, »aber auch ohne diese Anhänglichkeit wären wir verpflichtet, für die Abwesende und ihre Rechte einzutreten,« und sich kurz umkehrend, bahnte er dem ihm folgenden Gefährten einen Weg mitten in das Gedränge hinein. Vor der Tür von Nathans Wohnung wurden sie anfangs durch einen Gerichtsdiener zurückgewiesen. Man hielt die beiden alten, schäbigen Burschen für neugierige Mieter des weisen Nathan. Erst nachdem Kappel, durch Vorlegen der auf Maßlieb bezüglichen Papiere sich als einen Zeugen ausgewiesen hatte, wurde ihm und Schwärmer der Eintritt gestattet. Die betreffenden Behörden waren eben mit Aufnahme des Tatbestandes beschäftigt, würdigten daher das Erscheinen der beiden Ankömmlinge nach Gebühr, legten ihnen aber zugleich die Verpflichtung auf, das Gericht fortgesetzt in Kenntnis über ihren Verbleib zu erhalten. Damit war die Angelegenheit den Händen der beiden alten Freunde entwunden. Ungern gab Kappel die in seinem Besitz befindlichen Dokumente hin; doch gewährte es ihm eine Beruhigung, nunmehr mit Zuversicht auf eine gerichtliche und gerechte Entscheidung rechnen zu dürfen. Von Grauen erfüllt, betrachteten sie die starre Leiche Nathans, die noch immer da lag, wo sie durch den Kettenvogt hingestreckt worden war. Er, von dem sie eine günstige Wendung von Maßliebs Zukunft erhofften, dessen Herzlosigkeit sie kannten und fürchteten, war jetzt tot. Wo sie aber glaubten, auf dem Wege gütlichen Vergleichs die besten Bedingungen zu erzielen, da sollte nunmehr streng nach dem Buchstaben des Gesetzes verfahren werden. Noch dampfte es aus dem eisernen Geldspinde; noch dampften die verschiedenen schwarzen Aschenhaufen, die man aus den Fächern hervorgezogen und behutsam von den nur angekohlten Papierresten getrennt hatte. Diese lagen in Reihen geordnet auf einem Tische; kaum daß noch hin und wieder zu erkennen, was sie ursprünglich gewesen. Ihren Wert hatten sie vollständig verloren. Auf einem anderen Tische lagen Tausende von Talern in Gold und Silber, sogar mehrere altertümlich geformte und reich mit Edelsteinen besetzte Geschmeide und ein Talmud, den der feste, vor Hitze zusammengeschrumpfte Einband gegen Vernichtung geschützt hatte. Der Deckel war zurückgeschlagen; auf dem ersten Blatte standen Anmerkungen in hebräischer Schrift, offenbar zu verschiedenen und weit auseinander liegenden Zeiten eingetragen. Den Mörder hatte man nicht fortgeschafft, um sein augenscheinlich nahe bevorstehendes Ende nicht zu beschleunigen, sondern seinen letzten Lebensatem zu einem Verhör zu benutzen. Als Kappel und Schwärmer eintrafen, war letzteres bereits geschehen. Der Kettenvogt lag auf dem Ledersofa; ein Arzt stand ihm zu Häupten, aufmerksam seinen Gesichtsausdruck beobachtend. »Es dürfte die höchste Zeit sein«, bemerkte der Arzt zu einem der Gerichtsherren gewendet, »später bin ich nicht imstande, für die Klarheit seines Verständnisses zu bürgen.« Der Angeredete erhob sich von dem Pult, vor dem er so lange mit Schreiben beschäftigt gewesen, und mehrere Aktenbogen entfaltend, schickte er sich an, dem Mörder das aufgenommene Protokoll vorzulesen. Die übrigen Anwesenden forderte er auf, in die Rolle von Zeugen einzutreten. »Sie sind bei vollem, klaren Bewußtsein?« redete er den Verwundeten an. Dieser kehrte ihm sein entstelltes Gesicht zu und gab ein bejahendes Zeichen, worauf der Notar zu lesen anhob. Zunächst schilderte er den Zustand, in dem er die Räumlichkeit und deren Besitzer gefunden hatte. Hieran schlossen sich das umfassende Eingeständnis des Mordes, wie der Kettenvogt es abgelegt hatte, und sein Bericht, wodurch er zuerst auf den Gedanken der Beraubung Nathans gekommen sei. Röchler, der zugegen war, bestätigte alles, gab indessen vor – was zu bezweifeln vorläufig niemand Ursache hatte –, nur aus Verhinderung eines Verbrechens bedacht gewesen zu sein. Dann folgte das zwischen Nathan und der Karussellmutter geführte Gespräch, so weit dieses bruchstückweise und unbestimmt von dem Mörder wiederholt und von Röchler vervollständigt worden war. Den Schluß bildete, daß Nathan von dem Weibe ein Dokument erstanden habe, um die gerechten Ansprüche einer abwesenden Person zu vernichten. Kappels und Schwärmers Aussagen wurden noch hinzugefügt, worauf der Notar zur Vollziehung des Protokolls schritt. »Sie stehen im Begriffe,« hob er zu dem seiner Auflösung schnell entgegengehenden Mörder gewendet an, »durch den Tod der härtesten irdischen Strafe entzogen zu werden. Nichts in der Welt kann Sie retten. Binnen kurzer Frist stehen Sie vor Ihrem letzten Richter. Erwägen Sie dies wohl und vermeiden Sie, mit einer Unwahrheit auf den Lippen Ihre Augen auf ewig zu schließen. Und so frage ich Sie: Ist in dem Ihnen vorgelesenen Protokoll ein Wort zu viel oder zu wenig gesagt worden?« »Nein,« antwortete der Kettenvogt mit sichtbarer Anstrengung. »Können Sie Ihren Namen schreiben?« »Ich kann es.« »Sind Sie bereit, dieses Dokument durch Ihre Unterschrift zu vollziehen?« »Her mit der Feder, oder 's ist zu spät.« Zwei Gerichtsdiener halfen dem Verwundeten in eine sitzende Stellung, und seine Hand auf das durch eine Unterlage gestützte Papier legend, erleichterten sie es ihm, seinen Namen auf die betreffende Stelle zu schreiben. »Nun noch ein Wort«, bemerkte der Kettenvogt, sobald er wieder zurückgesunken war, und er versuchte, höhnisch zu lachen, »ob der Teufel mich heute holt oder morgen, kümmert mich wenig. Dafür aber, daß ich den da drinnen vorausschickte, habe ich mir 'nen Gotteslohn verdient. Denn so viel verstehe ich von der Sache, daß ich mit meinem letzten Atemzuge behaupten kann: Wenn Leute wie der Nathan und seine Geschäftsfreunde in demselben Verhältnis bestraft werden sollten, wie unsereins für 'nen einfachen Diebstahl, dann müßten sie sechs Monate hindurch täglich auf offener Straße ausgepeitscht und demnächst zum Verhungern an einen Pumpenbaum geschmiedet werden. Hahaha! Ich weiß, was so ein Gründer bedeutet! Schurken sind die meisten, je höher hinauf, um so ausgefeimter –« Die Stimme versagte ihm. Mit einer Bewegung der Abscheu warf er sein Gesicht nach der Wand herum. Alle ferneren Fragen ließ er unbeantwortet, und mit der stoischen Ruhe eines unverbesserlichen Räubers und Einbrechers sah er seinem Ende entgegen. Das weitere warteten Kappel und Schwärmer nicht mehr ab. Als hätten sie sich unter der Einwirkung eines wüsten Traumes befunden, schlichen sie auf die Straße hinaus, planlos die Richtung einschlagend, in der gerade ihre Gesichter standen. Erst nach einer geraumen Pause entsannen sie sich ihrer weiteren Aufträge. Um die Mittagszeit war es, als Kappel und Schwärmer auf ihrem Wege zu Maller vor dem zu Merediths Wohnung gehörigen Garten eintrafen. Sie hatten geglaubt, das Haus mit verschlossenen Läden und Türen zu finden, und nun sahen sie es plötzlich anscheinend in allen seinen Teilen belebt. Bevor Kappel sein Erstaunen äußerte, trat ihm durch die Gartenpforte ein Herr entgegen. »Kann ich durch Ihre Güte erfahren, wer in den Räumen dort drüben zurzeit haust?« fragte er den Fremden höflich. Dieser betrachtete ihn verwundert von seiner bestaubten Kopfbedeckung bis herunter zu seinen rötlich schimmernden Stiefeln. Eine Ahnung schien in ihm aufzusteigen. »Meine Frage ist vollkommen gerechtfertigt,« fuhr Kappel alsbald fort, da der Fremde mit einer Antwort zögerte; »ich lebte nämlich bisher der unschuldigen Überzeugung, daß nur ein Fräulein Kabul das Recht besäße, in jenem Hause zu schalten.« »Kabul?« fragte der Herr erstaunt. »Mit Ihrer Erlaubnis; was wissen Sie von Fräulein Kabul?« »Nicht weniger, als daß ihr Mietskontrakt noch nicht abgelaufen ist, und es schwerlich ihre Billigung finden dürfte, daß man ihre Abwesenheit dazu benutzte, jene Räumlichkeiten anderweitig zu verwerten.« Der Herr, das Bild eines echten Bureaubeamten, schaute noch verwunderter darein. »Wenn Sie mit Fräulein Kabuls Verhältnissen so vertraut sind, wie zu sein Sie vorgeben,« hob er nach kurzem Sinnen an, und bei des alten Schauspielers Anblick schien es in seiner Erinnerung zu tagen, »so werden Sie wissen, daß es Menschen in der Welt gibt, denen Fräulein Kabul nie das Recht absprechen würde, sich da drinnen wohnlich einzurichten.« »Wenn wir uns weniger in allgemein gehaltenen Phrasen bewegen, gelangen wir unfehlbar schneller zum Einverständnis,« nahm Kappel nunmehr mit einer gewissen Würde das Wort: »ich heiße Kappel – haha, dem Namen nach habe ich wenigstens die Ehre –« schaltete er ein, als der Fremde erstaunt seine Hände ineinander legte, »dies ist mein Freund Schwärmer, und wir beide dürfen uns des Vorzugs rühmen, zu Fräulein Kabuls treuesten Freunden zu zählen. Und mehr noch, zwei Tage ist es kaum her –« »Als Sie Fräulein Kabul verließen?« fiel der bleiche Herr ein, und stürmische Freude leuchtete in seinem Antlitz auf. »Als wir sie und ihren jungen Schützling –« »Maßlieb?« fiel der Herr wiederum ein. »Sie beauftragte uns, vorauszureisen, ihr eine Stätte zu bereiten in dem alten Hause –« »Den Schlüssel – sie besaß deren zwei – einen nahm sie indessen nur mit fort, gab sie Ihnen diesen?« »Nein, aber sie wies uns an jemand, von dem sie behauptete, daß eher der Himmel einstürze, bevor er das kleinste Unrecht billige. Um so mehr mußte es uns überraschen, das Haus, das wir leer zu finden erwarteten, bewohnt zu sehen.« Auf des fremden Herren Antlitz offenbarte sich tiefe Rührung. »Aber seinen Namen, den Namen des Mannes, dem sie blindlings ihr Vertrauen schenkte!« brachte er stotternd hervor. »Maller,« antwortete Kappel freundlich, denn er hatte bereits erraten, wen er vor sich sah, »Maller, ein gewissenhafter Beamter, der durch andere hinterlistig um seine Habe betrogen wurde –« »Ja, ja, das bin ich,« hielt dieser nicht länger an sich, und freundschaftlich drückte er den beiden alten Abenteurern die Hand, »und wenn Fräulein Kabul von meinem Unglück sprach, so hatte sie nur bis zu einem gewissen Grade recht. Mein kleines Vermögen ist hin, ich leugne es nicht, aber, nachdem ich einmal in die Schlingen der Hyänen des Kapitals gefallen war, mit ihm eine unerschöpfliche Quelle namenloser Sorgen und Unruhe. Ich schlafe wieder, ich freue mich mit den Meinigen jedes kommenden Tages, der uns gesund findet, und der Ausfall in unserer Einnahme –« er seufzte schmerzlich, lächelte indessen sogleich wieder, dann fuhr er mit erhöhter Wärme fort: »Gott sei Dank, mich quälen nicht mehr Kurszettel noch Hyänen, und so wahr ein Gott über uns lebt: in meiner sehr dürftigen Lage möchte ich nicht mit jenen privilegierten Wegelagerern tauschen, vor denen jeder rechtlich Denkende mit Abscheu und Verachtung den Staub von seinen Füßen schüttelt.« »Doch treten Sie näher,« und hastig öffnete er die Gitterpforte, »Sie sind berechtigt, sich zu überzeugen, ob Fräulein Kabuls Wünsche mißachtet wurden oder nicht. Aber ich weiß, ich handelte in ihrem Sinn, als ich einer Kabul den Schlüssel einhändigte, und hätte ich gewußt, in welchem Erdenwinkel meine verehrte Gönnerin weilte, so wären auch die äußeren Formen nicht unbeachtet geblieben.« Die beiden alten Abenteurer waren verstummt. Ihrem gesprächigen Führer um den Rasenplatz herum folgend und die mit weißen Gardinen geschmückten offenen Fenster mechanisch betrachtend, entdeckten sie an einem derselben ein holdes, mit allen Reizen unergründlicher Herzensgüte geschmücktes Antlitz, das zu ihnen heraussah. Vor diesem Fenster vorüberschreitend, entblößten die drei Männer grüßend ihre Häupter. »Meine verehrteste Frau Gerhard,« rief Maller zu der jungen Frau hinauf, »die Vorläufer unserer teuren Gönnerin und Maßliebs!« und er wies auf seine beiden Gefährten. »Fräulein Kabul? Maßlieb?« antwortete Esther bestürzt vor Freude. »Die würdige Dame selber schickt uns,« bestätigte der heruntergekommene Korpsbursche mit einem Anstande, der sofort seinen fadenscheinigen Anzug Lügen strafte. »Und als nächste Wirkung dieser Kunde begrüße ich, daß Herrn Gerhards nebst Frau Gemahlin Wohnung wohl auf die linke Seite des Hausflurs beschränkt werden wird,« fügte Maller im Übermaß seines Entzückens hinzu. Dann beeilte er sich, Esthers Einladung Folge zu geben, und gleich darauf betraten sie das Zimmer, in dem Meredith vorzugsweise zu wohnen pflegte und jetzt Esther sie herzlich willkommen hieß. Erstaunt blickten Kappel und Schwärmer um sich. Sie hatten gehört von leeren Räumen und in Kisten aufgespeicherten Sammlungen, die ihrer Versteigerung entgegenharrten. Mit wehmütigem Ausdruck und wie ein zerstobener Traum waren ihnen geschildert worden zahlreiche Altertümer, die einst dem großen Zimmer einen so wunderbar behaglichen Charakter verliehen, und nun sahen sie plötzlich jenen Traum verwirklicht vor sich. Die Lösung dieses Rätsels aber entdeckten sie leicht in Esthers holdselig erglühendem Antlitz, indem sie mit lieblicher Befangenheit die Abwesenheit ihres Gatten entschuldigte. Denn nur jemand, der so lange in innigem Verkehr mit Meredith lebte, wie Esther, hatte vermocht, dem Zimmer seinen alten Charakter zurückzugeben; aber auch nur eine flinke und gern gehorchende Hand, wie die des biederen Gerhard war imstande gewesen, mit ganzer Seele auf Esthers Ideen eingehend, deren Pläne binnen kürzester Frist in Ausführung zu bringen. Doch bei allem, was sie unternahmen, fanden sie in Maller, Merediths Bevollmächtigtem, einen getreuen und gefälligen Bundesgenossen. Denn er war es, der ihnen zuerst Auskunft über Merediths geheimnisvolles Verschwinden erteilte, der ihnen die verödeten Räume des stillen Hauses öffnete, die Altertümer wieder ans Tageslicht zog, außerdem manches Stück Möbel, das, von Meredith an einen Trödler verkauft, bei diesem noch vorgefunden wurde. Sechs Wochen waren erst seit dem Eintreffen des jungen Ehepaars verstrichen, und doch hatte dieser Zeitraum genügt, nicht nur das ganze Haus in einen wohnlichen Zustand zu versetzen, sondern auch für Gerhard eine Buchhalterstelle auszukundschaften, die ihm und seiner Esther ein sorgenfreies Leben sicherte. Die bei der verschollenen Zentrifugalbank gewonnenen Erfahrungen kamen ihm so weit zu statten, daß er in der Wahl seiner Stellung Vorsicht walten ließ, um nicht zum zweitenmal zu einem Werkzeug der Hyänen des Kapitals herabgewürdigt zu werden. Denn die Hyänen lebten noch immer, trotzdem ihre Blütezeit vorüber war; aber wie ihre Opfer aus herben Erfahrungen gelernt hatten, so waren auch an ihnen solche nicht spurlos vorübergegangen. Sie wußten sich künstlich in so zarte Lämmerfelle zu kleiden, daß sie in den meisten Fällen kaum noch von ehrlichen Menschen zu unterscheiden waren. Gegen Nailleka trat Gerhard nicht auf aus Rücksicht für Esther, zumal mit dem Bruch der Zentrifugalbank auch auf dieser Stelle wenigstens das Kolonisationsverfahren sein Ende erreicht hatte. Er wich dem früheren Bankdirektor sogar aus. Durch nichts wollte er an Ereignisse erinnert werden, durch die er in der Seele seiner geliebten Esther nur schmerzlich berührt werden konnte. Und so bereitete die Ungewißheit über Merediths Verbleib den beiden jungen Gatten den einzigen Kummer. Sie bauten indessen ihre Hoffnung darauf, daß sie nach Ablauf des Mietskontraktes und zur Erneuerung des Stättegeldes für ihre Altertümer notgedrungen ein Lebenszeichen von sich geben müsse, und dann war es noch Zeit, sie zurückzurufen und im Triumph in ihr altes, trautes Asyl einzuführen. Sich für alle Fälle sichernd, hatte Gerhard in seinem eigenen Namen den Mietskontrakt auf längere Zeit erneuert. Eine Störung seiner Pläne wäre daher selbst dann nicht zu befürchten gewesen, wenn Merediths Schweigen über den entscheidenden Termin hinaus gedauert hätte. Durch Kappels und Schwärmers Eintreffen wurden ihre letzten Sorgen verscheucht. Sie begrüßten dieselben wie alte Freunde und räumten ihnen nicht nur ein Giebelstübchen ein, sondern wirkten auch dahin, daß bei den bevorstehenden Gerichtsverhandlungen sie auch äußerlich der Gelegenheit angemessen erscheinen konnten. Letztere Aufgabe wurde durch den auf dem Gebiete der Sparsamkeit unübertrefflich erfahrenen Maller mit verhältnismäßig sehr geringen Kosten gelöst. Nathans Tod hatte Kappel sofort an Meredith berichtet, und daß Maßliebs Anerkennung als einzige Erbin kaum noch ein Hindernis entgegenstehe, man sogar alle notwendigen Maßregeln ergriffen habe, die Karusselleltern mit in den Prozeß hineinzuziehen. Ferner schrieb er, daß er so frei gewesen, mit Schwärmer sich auf so lange in ihrem Hause einzuquartieren, wie ihre Anwesenheit in der Stadt erheischt würde. Von Esther und Gerhard verriet er dagegen auf deren Wunsch keine Silbe. Er sollte und wollte nicht die freundliche Überraschung stören, die sie Meredith zugedacht hatten. – Vierunddreißigstes Kapitel. Die Erbin. Wenn nach langem, trübem Winter der Südwind über die starren Fluren streicht und belebend rüttelt an den verschlafenen Keimen, wenn dann die Sonne vom klaren Himmel auf die sich in heiteres Grün kleidende Natur niederblickt, so ist's, als ob alles, was der Wirkung ihres Lichtes und ihrer Wärme unterworfen, gleichviel, ob begabt mit Odem oder geheimnisvoll entsprießend verschwiegenem Erdreich, hell aufjuble, sich festlich schmücke mit den ihm zu Gebote stehenden kleidsamsten Farben. Ähnlich wirkte Merediths Erscheinen, als sie in Maßliebs Begleitung und geführt von dem bereits wieder etwas emporgekommenen Korpsburschen und dem dankbaren Maller vor ihrer Gartenpforte eintraf. »Überflüssige Mühe,« bemerkte sie mit einem leisen Anflug von Bitterkeit, als sie das große Schild mit dem weithin lesbaren »Kabul« auf seiner alten Stelle erblickte, »wie lange wird's dauern, und wir sind gezwungen, es wieder zu entfernen!« »Und prangte es nur einige Wochen, ja, nur Tage dort,« versetzte Maller lächelnd, »so erfüllte es reichlich den beabsichtigten Zweck, Ihnen ein herzliches Willkommen zuzurufen.« Mit einem Ausdruck von Wehmut glitten ihre Blicke über das Haus hin. »Überall neue Gardinen,« bemerkte sie leise zu Maßlieb, »und sogar beinahe dasselbe Muster. Diese Aufmerksamkeit unseres Freundes Maller – nur etwas verschwenderisch für meine Verhältnisse – ich könnte glauben, gar nicht von hier fortgewesen zu sein, sondern nur geträumt zu haben.« »Der gute Kappel unterstützte ihn gewiß mit seinem Rat,« suchte Maßlieb einen Teil der Dankbarkeit ihrer mütterlichen Freundin dem alten Korpsburschen zuzuwenden. »Ebenfalls ein Kabul,« versetzte Meredith zutraulich, sich gleichsam selbst verspottend; »doch die Zeiten phantastischer Visionen sind verrauscht; schlafen gegangen sind die wunderlichen Ideen, an die ein geängstigtes Gemüt auf der Flucht vor bösen Grübeleien sich anzuklammern suchte.« Sie bemerkte den von der Pforte in das Haus hineinlaufenden Draht. »Sollte man nicht meinen, der Helm mit dem geisterhaften Ritter sei noch in Tätigkeit,« sprach sie trübe lächelnd vor sich hin, und mechanisch folgte sie dem ihr voraufschreitenden Maller die Stufen hinauf. Kappel, der, seitdem sie ihn scherzhaft Kabul genannt hatte, noch um Kopfes Länge gewachsen zu sein schien und mit wahrhaft väterlichem Stolze in Maßliebs gespannt zu ihm aufschauende große Augen blickte, schloß sich ihr an. Maller öffnete die Tür zu dem Wohnzimmer und Meredith seufzte tief auf. Das Schloß klang genau so, wie vor Jahren, genau so, wie vor Jahren, fiel ein matter Schein des Tageslichtes auf den schattigen Flurgang. Um Merediths Brust legte es sich schwer. Sie hätte in Tränen ausbrechen mögen. Wie oft, wie unzählige Male war sie durch jene Tür getreten, begrüßt von ihren ringsum an den Wänden geordneten Reliquien und Altertümern, begrüßt und willkommen geheißen von der holdselig erblühenden Esther! Sie wagte nicht, aufzuschauen, nicht dem schmerzlich wirkenden Kontrast mit den Blicken zu begegnen. Ihre Bewegungen wurden langsamer und schwerfälliger; wie mit Widerstreben trat sie auf die Schwelle. Maller wich zur Seite. So viele Menschen beieinander, und dennoch feierliche Stille! Meredith sah empor. Leises Beben durchlief ihre Gestalt. Dann strich sie mit beiden Händen über ihre Augen, wie um ein Nebelbild zu verscheuchen. Sie konnte ja nicht glauben, daß es Wirklichkeit war, was sie umgab, daß sie überhaupt nicht aus einem langen, wüsten Traum in ihrer alten Behausung erwache. Denn ringsum standen die geschnitzten, rohrgeflochtenen, altertümlichen Möbel; an den Wänden hingen die mittelalterlichen Waffen und eisernen Bekleidungsstücke, wogegen auf den Gesimsen von Kamin und Schränken und endlich in diesen selbst in alter Ordnung und wie unangetastet seit Jahren, Hunderte von Gegenständen sich aneinander reihten. Fast ein Menschenalter hatte sie an ihnen gesammelt, um ihren Geist in eine bestimmte Richtung zu lenken, sich nicht zu vertiefen in gefährliche Betrachtungen über ein verlorenes–und mehr noch, über ein ihr böswillig geraubtes Glück, an das sie sich, alle Schranken übersteigend, mit ganzer Seele angeklammert hatte. Ihre Lebensgeschichte war es gewissermaßen, was sie auf den ersten Blick gewahrte. Aber wie ein Zauber durchströmte es sie, wie ein milder, süßer Zauber aus einer Märchenwelt, als sie in ein Paar großer, blauer Augen schaute, die in Tränen des Glücks und der Wonne schwammen; als sie sah, wie zwei Arme sich ihr sehnsuchtsvoll entgegenbreiteten und sie gleich darauf sich umschlungen, geherzt und geküßt fühlte, daß ihr fast der Atem verging und sie nur noch die Kraft besaß, ihr Antlitz auf Esthers Schulter zu lehnen und so recht aus Herzensgrunde zu weinen, als hätte ihr altes Herz vor Freude und Wehmut zerfließen wollen.– – – Als Esther, damals noch die letzte Kabul, auf geheimnisvolle Art von ihrer Seite gerissen wurde, da war sie stark genug, ihre Empfindungen in sich zu verschließen, mit eisernem Willen deren äußere Ausbrüche zurückzudrängen. Nunmehr aber, da sie die Teure in üppigster Jugendfrische wieder vor sich sah, mußte sie den gewaltigen inneren Regungen nachgeben. Die Selbstbeherrschung war dahin, das Glück war zu groß. Ach, sie weinte ja so bitterlich, daß sie keine Worte, nicht einmal zu Fragen über das Wunder fand, bis Esther sich endlich wieder emporrichtete und mit lieblichem Erröten erklärte, keine Kabul mehr zu sein, und dennoch bitte, in der kleinen Haushaltung, die sie auf der anderen Seite des Flures eingerichtet habe, wirken zu dürfen. Dabei wies sie mit verschämtem Stolz auf Gerhard, der alsbald heiter beteuerte, daß es ihn namenlose Mühe gekostet habe, der von einem nahen Verwandten entführten Geliebten wieder habhaft zu werden. Weiter gingen seine Enthüllungen nicht. Wer aber auf die im reinsten Glück strahlenden Züge des jungen Paares blickte, der überzeugte sich leicht, daß die Ursache ihrer Trennung wie die hinter ihnen liegenden Ereignisse, welcher Art sie auch sein mochten, weit überwogen wurden durch das beseligende Bewußtsein, über alle Wechselfälle des Lebens hinaus zueinander zu gehören, nur durch den Tod voneinander geschieden werden zu können. Auch in Maßliebs Augen perlten Tränen, als sie von Esther schwesterlich willkommen geheißen wurde, dagegen bedeckte flammende Glut ihr holdes Antlitz, als Gerhard sie in seiner treuherzigen Weise begrüßte. Hatte sie ihn doch wiedererkannt, den jungen Mann, der an jenem Abend der Angst und der Not unter den Gästen des Weinhauses für sie sammelte. Aber während ihre Lippen sich zum schüchternen Lächeln voneinander trennten, zog es wie heimliches, unheilbares Weh durch ihre Brust. Sie wußte nicht, woher es kam; allein sie sehnte sich zurück nach dem stillen, friedlichen Asyl, in dem sie so lange im innigsten Verkehr mit ihrer alten Beschützerin gelebt hatte; wo jedermann sie nicht minder herzlich begrüßte; niemand ihre Vergangenheit kannte, niemand sie bemitleidete oder beklagte wegen der ihr von der Karussellmutter zugeschleuderten Mitgift: der bösen Offenbarung, daß sie nur ein Landstreicherkind sei. So süß lächelten ihre Augen und Lippen; aber in ihrem Herzen nagte es wie mit giftigen Zangen. Sogar der Anblick des sorglosen Kappel und des stillen Schwärmer, die ihr immer wieder Glück wünschten zum Einzüge unter dasselbe Dach, unter das auf ihrer ersten Flucht ein guter Engel sie geführt habe, wirkte, trotz ihrer Anhänglichkeit an die beiden wunderlichen Gesellen, mehr peinlich als beruhigend auf sie ein. Doch heimliche Scheu und bange Ahnungen auf ihrer Seite, ernste Besorgnisse auf seiten ihrer Freunde, die einen nachteiligen Einfluß von dem Bekanntwerden ihrer Beziehungen zu dem toten Nathan befürchteten, alles ging unter in dem geschäftigen Treiben, mit dem Meredith von ihren alten Räumen Besitz nahm, wurde übertäubt durch die frohen Empfindungen, mit den man der überstandenen Leiden gedachte und sich den kommenden Tagen wieder zuwandte. Wochen waren dahingegangen, und noch immer schwebten die Verhandlungen über den an dem alten Nathan verübten Mord und den an seine Hinterlassenschaft erhobenen Erbansprüchen. Wochen, seitdem das Karussell verwaist war und die beiden Karusselleltern, fern ihren in einer Scheune untergebrachten Bestien, in Untersuchungshaft schmachteten, um über den wunderbaren Wechsel des Geschickes ungestört ihre Betrachtungen anzustellen. Auch Röchler war gefänglich eingezogen worden, ein Schrecken für manche feine Hyäne, die Ursache zu haben glaubte, die Enthüllungen des Geschäftsträgers des weisen Nathan zu fürchten. Dieser war indessen scharfsinnig genug, zu berechnen, daß die den Hyänen nachteiligen Aufschlüsse ihm selbst am wenigsten Vorteil brachten. Auf deren Dankbarkeit zählend – und er hatte die Ehre, eine ziemliche Reihe derselben persönlich zu kennen – beschränkte er sich daher nur auf solche Aussagen, die in unmittelbarer Beziehung zu Nathan und dessen Hinterlassenschaft standen. Da alle Papiere des Verstorbenen durch das Feuer vernichtet worden waren, so wurden zunächst öffentliche Aufforderungen an diejenigen erlassen, welche noch Zahlungen zu leisten hatten. Es meldeten sich sehr wenige, und zwar nur solche, deren Haftbarkeit für Schuldforderungen auch anderweitig erwiesen werden konnte. Und so blieb man vollständig im Unklaren, ob der Wert der zerstörten Wechsel und sonstigen Effekten nach Tausenden oder Hunderttausenden von Talern berechnet werden müsse. Die verpfändeten Hypotheken waren am leichtesten zu ersetzen, zumal deren ursprüngliche Besitzer auf schleunigste Rückgabe drangen; allein die auf solche empfangenen Darlehne waren in allen Fällen so gering, daß die Restmasse des Vermögens dadurch nur wenig gesteigert wurde. Ein einziger Schuldner meldete sich mit einer größeren Summe: ein junger Gutsbesitzer, dessen Vater auf dem Wege der Aktienspekulation, des Zuschlagens von Zins auf Zins und barer Darlehne im Laufe von kaum zehn Jahren Verpflichtungen von über neunzigtausend Talern auf sich geladen hatte. Da indessen die Schuldscheine ebenfalls verloren gegangen, so geriet er in die Lage, alle Briefschaften seines Vaters, die sich auf dessen Verkehr mit Nathan bezogen, vorzulegen, und es ergab sich, daß derselbe kaum den dritten Teil des Geldes wirklich empfangen, die andern beiden Drittel dagegen durch unerhörte Zinsen und Ausgleichung von Kursdifferenzen allmählich einen so gewaltigen Umfang gewonnen hatten. Er war eben eines jener unglückseligen Opfer gewesen, wie sie täglich den Hyänen zur Beute fallen, ohne daß viel Aufhebens von solchen, durch scharfsinnige Verklausulierungen geschützte Vorkommnisse gemacht würde. Infolge dieser Entdeckungen und des Todes des Hauptgläubigers war die bereits anberaumte Subhastierung des Gutes auf so lange hinausgeschoben worden, bis eine Einigung mit den Erben des weisen Nathan oder deren Vertreter stattgefunden haben würde. An barem Gelde waren gegen zwölftausend Taler in Gold und Silber vorhanden, außerdem Geschmeide im Werte von viertausend Talern, über die Röchler, der nichts mehr zu fürchten brauchte, bereitwillig Auskunft erteilte. Sie wurden, nachdem Ulrich sich für unfähig erklärt hatte, die auf denselben haftenden tausend Taler zu entrichten, vorläufig zurückbehalten, um später auf dem Wege des Verkaufs oder der Teilung eine Lösung der zwischen Gläubiger und Schuldner schwebenden Verbindlichkeiten herbeizuführen. Wie groß die Summe des vernichteten Papiergeldes gewesen, ließ sich nur ahnen. Zu dem hinterlassenen baren Geld trat dagegen noch das Haus mit dem Tummelplatz der Wölfe, das auf dem Wege des gerichtlichen Verkaufs einen Ertrag von fünfundvierzigtausend Talern lieferte und das ganze verfügbare Vermögen, ohne die unsicheren Außenstände, auf die Höhe von etwa sechzigtausend Talern brachte. Zu diesen unsicheren Forderungen gehörten auch die an Ulrich, die ihm von seinem Vater aufgebürdet worden waren. – Soweit war alles von seiten des Gerichts geordnet worden, und es näherte sich die Stunde, in der, nach einer letzten Prüfung der Erbberechtigung, die genannte Summe an Maßlieb oder deren Vertreter ausgehändigt werden sollte. Zu umgehen war nicht, daß die junge Waise denjenigen gegenübergestellt wurde, die neben den vorhandenen, auf ihre Geburt bezüglichen Dokumenten als Zeugen für die Identität ihrer Person dienen sollten. Ein schwerer Tag war das für die arme Maßlieb; um so schwerer, als ihr mit Bedacht erst in der letzten Stunde ein Bild ihrer ganzen Lage gegeben worden war. Bei ihr befanden sich Meredith, Esther und Maller; außerdem erkannte sie unter den Zeugen die befreundeten Gesichter Kappels und Schwärmers. Die Karusselleltern standen im Hintergrunde, bestrebten sich aber, durch vertrauliches Nicken der vor Scham fast Besinnungslosen ihr Wohlwollen zu erkennen zu geben. Das Verfahren nahm nur kurze Zeit in Anspruch. Nicht der leiseste Zweifel erhob sich gegen die Zeugenaussagen; eine völlige Einstimmigkeit bildete sich zu Maßliebs Gunsten, aus der das Resultat hervorging, daß die junge Waise als Hildegard, Tochter des verstorbenen Schauspielers Pattern und dessen ebenfalls verstorbenen Ehefrau Rebekka, der Tochter des verblichenen Nathan Myer, den unbestrittenen Besitz ihres Erbes anzutreten habe. Da gegen die Karusselleltern kein Strafantrag erhoben wurde, ebenso nicht gegen den Sekretär Röchler, so wurden diese in Ansehung der verbüßten Untersuchungshaft sofort entlassen. Jene wie dieser erschienen nicht unzufrieden, so leichten Kaufs davongekommen zu sein. Bis auf Kappel und Schwärmer hatten die Zeugen sich entfernt. Maßlieb saß zwischen Meredith und Maller, der als gerichtlicher Vormund seine Instruktionen in Empfang zu nehmen hatte. Ihr schien die Kraft zu fehlen, den an sie gerichteten Worten zu folgen. Zu überwältigend waren die Eindrücke der letzten Stunden gewesen, zu furchtbar wirkte in ihrem armen Herzen das Bewußtsein der unmittelbaren Abstammung von jenem Nathan, über den sie nicht nur soviel Böses vernommen hatte, sondern von dem sie auch in grausiger Weise verfolgt worden war. Doch wenn Meredith den Richter bereits um Schonung und freundliche Rücksicht gebeten hatte, so brauchte dieser nur einen Blick auf die junge Waise zu werfen, um teilnahmsvoll und mit Bedacht die mildesten nur denkbaren Formen für seine Mitteilungen zu wählen, selbst im Tone seiner Stimme die Eindrücke zu offenbaren, die das schöne junge Mädchen mit der sittigen Haltung, den schüchtern gesenkten großen Augen, dem schmerzlichen Zug um den lieblichen Mund und der zu dem dunkeln Lockenhaar so scharf kontrastierenden bleichen Farbe auf ihn ausübte. »Fräulein Hildegard Pattern,« hob er ermutigend an, »sind Sie darauf vorbereitet, die mit Rücksicht auf ihre gegenwärtige Lage notwendigen Eröffnungen entgegenzunehmen.« Bei dem Namen Hildegard Pattern richtete Maßlieb sich erschreckt und doch mit einem gewissen Selbstvertrauen empor. Ihre gleichsam um Erbarmen flehenden Augen schweiften im Kreise, bis sie auf dem ängstlich gespannten Antlitz Merediths haften blieben. Diese nickte ihr aufmunternd zu, und sich ermannend, antwortete sie mit bebender Stimme: »Ich glaube – ich bin hinlänglich vorbereitet.« »Wohlan, Fräulein Pattern,« fuhr der Richter nicht minder ermutigend fort, »bevor ich auf die eigentliche Verhandlung eingehe, bitte ich Sie dringend, Ihre Fassung zu bewahren. Bauen Sie darauf, nichts habe ich vor Ihnen zu enthüllen, was Ihnen, namentlich im Kreise innig befreundeter Personen, peinlich sein könnte. Das Geschick hat an Ihnen gesündigt, das Geschick und mißliche Umstände; wir alle aber haben uns hier vereinigt zu dem Zweck, die Ihnen so lange vorenthaltene Sühne endlich in Kraft treten zu lassen. Ich setze voraus, Sie sind durch Fräulein Kabul mit der Geschichte Ihrer verewigten, schwer heimgesuchten Eltern besser vertraut gemacht worden, als es bei den zur Identifizierung Ihrer Person notwendigen gerichtlichen Verhandlungen möglich gewesen.« Maßlieb, deren Antlitz allmählich die Farbe des reinsten Marmors angenommen hatte, vermochte nur, sich zustimmend zu verneigen, und der Richter fuhr fort: »Ich bin also in der günstigen Lage, von allem absehen zu dürfen, was Sie schmerzlich berühren könnte. Nur so viel deute ich an: Versuchen Sie, im Geiste sich das allerfreundlichste Bild von Ihren heimgegangenen Eltern zu entwerfen; zollen Sie diesen Eltern aus vollem Herzen und mit ganzer Seele diejenige Liebe und Verehrung, die wir alle den längst in ihren Gräbern Schlummernden weihen; dann aber vergegenwärtigen Sie sich, daß Ihre Mutter in nächster Beziehung zu einem Manne stand, dessen wir jetzt nur noch versöhnlich und mit ernster Teilnahme gedenken dürfen. Fassen Sie sich, liebes Kind,« schaltete der Richter ein, als er gewahrte, daß helle Tränen über Maßliebs Wangen rollten, »fassen Sie sich und hegen Sie die feste Überzeugung, daß keine traurigen Enthüllungen fernerhin Ihren Frieden stören werden. Gehen Sie mit beruhigtem Gemüte davon aus, daß Sie die Enkelin des verstorbenen Kaufmanns Nathan Myer, daß außer Ihnen kein Nachkomme Ihres Großvaters mehr lebt, Sie also für dessen Universalerbin erklärt werden müssen.« »Ich will nichts – nein, ich bedarf keiner Erbschaft,« schluchzte Maßlieb erschüttert, dann aber sich mit Heftigkeit emporrichtend, fügte Sie mit festerer Stimme hinzu: »und müßte ich in meine ärgste Not zurücksinken – ich will nichts von seinem Reichtum.« Der Richter betrachtete das liebliche, von einer sich schnell verflüchtigenden Glut überströmte Antlitz mit stiller Bewunderung, dann wechselte er einen Blick des Einverständnisses mit Meredith, auf deren Zügen ein heller Triumph zum Ausdruck gelangte. »Die Gründe Ihrer Weigerung errate ich,« nahm er alsbald wieder das Wort, »ich errate alles und finde es erklärlich. Allein das Gesetz will seinen freien Lauf haben; es kann nicht Ihren natürlichen Wünschen Rechnung tragen, ebensowenig sind Ihre Vertreter berechtigt, über das Ihrige nach Willkür zu entscheiden. Später hingegen, wenn Jahre oder andere Ereignisse Sie in die Lage versetzt haben werden, frei über die Ihnen zufallenden Mittel zu verfügen, liegt es noch immer in Ihrer Hand, sich alles dessen, was zu besitzen Ihnen peinlich, zu entledigen.« Er zögerte einige Sekunden. Über Maßliebs Antlitz flog es wie ein Sonnenblick. Sie schloß die Augen, wie um schon jetzt einen Plan über die Verwendung des Erbteils zu entwerfen, öffnete sie aber sogleich wieder, sobald der Richter fortfuhr: »Übereilen Sie sich daher nicht mit Ihrem Urteil, mein liebes Kind, warten Sie, bis Sie ein genaues Bild von der ganzen Sachlage gewonnen haben, und ich weiß, die Bedenken werden schwinden, die heute noch Ihr Gemüt mit bangen Zweifeln erfüllen.« »Diese Papiere, die Fräulein Kabul an sich zu nehmen die Güte haben wird, geben genaue Auskunft über den Umfang und die Anlage Ihres Vermögens. Dasselbe beläuft sich auf die Summe von zweiundsechzigtausend Talern und einen Bruchteil, deren Zinsen regelmäßig für Sie erhoben und berechnet werden sollen. Etwaige Ersparnisse kommen dem Kapital wieder zugute. Über das, was bei dem Unglücksfall verloren gegangen, jetzt noch zu sprechen, vermeide ich, und ich weiß, ich begegne darin Ihren Wünschen. Auf angemeldete unsichere Forderungen komme ich dagegen später noch einmal zurück. Vorläufig bleiben wir dabei stehen, daß die genannte Summe Ihr rechtmäßiges, unantastbares Eigentum bildet, erblich übertragen auf Sie nicht durch Ihren verstorbenen Großvater, sondern durch jemanden, dem das erste Recht der Verfügung darüber zustand.« Hier blickte Maßlieb wieder mit angstvoller Spannung empor; eine Frage schwebte auf ihren Lippen, als der Richter ein altes, durch Feuer beschädigtes Buch von großem Umfange zu sich heranzog, den zusammengeschrumpften Deckel zurückschlug und zugleich ein neben ihm liegendes Blatt Papier emporhob. »Als ob ein freundliches Geschick Ihren Empfindungen Rechnung getragen hätte,« begann er feierlich, jedoch Zutrauen erweckend, »ist gerade dasjenige von dem zerstörenden Feuer verschont geblieben, was ohne Zweifel für Sie einen weit höheren Wert hat, als wären die in Asche zerfallenen Papiere alle miteinander gerettet worden. Sie sehen dieses Buch. Eine uralte Ausgabe des Talmud ist es, und, wie aus den Notizen auf den vorgehefteten Blättern hervorgeht, von Ihren Vorfahren mütterlicherseits jedesmal auf die älteste Tochter oder Schwiegertochter vererbt. Die letzte Besitzerin dieser ehrwürdigen Reliquie war Ihre längst verstorbene Großmutter; was sie kurze Zeit vor ihrem Tode in das ihr heilige Buch einschrieb, kann auch für Sie, muß für uns alle als maßgebend gelten. Ihre letztwilligen Verfügungen hat sie in hebräischer Schrift niedergelegt, und hier ist die gerichtlich beglaubigte Übersetzung.« Dann begann er vorzulesen: »Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs möge sein Antlitz neigen auf seine demütige Magd; möge er segnen ihre Gedanken und Wünsche, daß sie getragen werden als Heiligtum von Kind auf Kind bis ins tausendste Glied hinein! Meine Tage sind nicht mehr lang bemessen; nur Monate, und eine treue Magd geht zu dem Gott ihrer Väter ein. Hinter mir bleibt eine Welt der Täuschungen, bleibt ein Gatte, dem ich eine treue Dienerin gewesen, bleibt meine Tochter, ein Kind von kaum acht Jahren. Was mich bewegt zu nachfolgenden Bestimmungen, ich nehme es mit ins Grab; sie sind gerechtfertigt vor dem Allmächtigen und allen Menschen. Als ich dem mir als Gesetz geltenden Willen meiner Eltern folgte, mich meinem Eheherrn, dem Nathan Myer, verlobte und sein Weib wurde, brachte ich ihm ein Heiratsgut ein, das nicht unter hundertunddreißigtausend Taler, über dessen Erträge er wohl zu verfügen hatte, jedoch nicht über die Kapitalien selber. Denn diese Kapitalien gehören mir, und sind auf mich vererbt worden als ein im Schweiße des Angesichts und im redlichen Handel erworbenes Vermögen, an dem haftet kein Makel, um von mir hinterlassen zu werden meiner Tochter und deren Nachkommen. Und so bestimme und verfüge ich denn endgültig vor dem Allmächtigen, vor meinem Eheherrn und vor allen Menschen, daß das mir zugehörende Vermögen von einmalhundertunddreißigtausend Talern unverkürzt ausgezahlt werde meiner einzigen Tochter Rebekka an dem Tage ihrer Großjährigkeit, oder an dem sie folgen wird als Gattin dem von ihr auserkorenen Manne in sein Haus und an seinen Herd. So bestimme und verfüge ich ohne Anwendung äußerer bindender Formen; denn ich weiß, daß mein letzter Wille heilig gehalten wird von dem Vater meiner Tochter, meinem Eheherrn, dem Nathan Myer. Dieser aber wird einsehen, daß gerechtfertigt sind solche Verfügungen, nachdem er selber verlor in einem gewagten Unternehmen ein weit größeres Vermögen, und er im Begriffe steht, die Zinsen meines Heiratsgutes als Mittel zu neuem Erwerb zu benutzen. Mögen aber solche Mittel verdienen den Segen des Herrn und sich mehren zugunsten unserer Tochter Rebekka Myer. So geschrieben im Jahre 5594 nach jüdischer Zeitrechnung am 27. Januar. Rachel Myer.« Hier schloß das Schriftstück. Der Richter legte das Blatt vor sich auf den Tisch und säumte einige Minuten, um den Zuhörern Zeit zu gönnen, das Vernommene noch einmal vor ihrem Geiste vorüberziehen zu lassen. Totenstille herrschte dabei in dem Zimmer; die einzelnen Atemzüge hätte man voneinander trennen können. Maßlieb schien zu träumen. Ihre großen Augen hingen starr an dem Talmud. Die verlesenen Worte hatten einen Eindruck auf sie ausgeübt, als wären sie ihr aus dem Jenseits zugerufen worden. Auf ihr aber hafteten mit innigster Liebe und Bewunderung die Blicke Merediths und der übrigen Anwesenden. »Was auch immer Bedenken über die Besitzergreifung des Vermögens in Ihrem Herzen angeregt haben mag,« begann der Richter endlich wieder zu Maßlieb gewendet, »vor diesem klar ausgesprochenen Testamente schwinden die letzten Zweifel. Denn die ganze, bisher sicher gestellte Summe beträgt nicht die Hälfte des Heiratsgutes Ihrer Großmutter, über das testamentarisch zu verfügen sie ein unbestreitbares Recht besaß. »Einer angemeldeten Schuldforderung erwähnte ich. Gesetzlich gültige Mittel, dieselbe einzutreiben, stehen uns nicht zur Seite. Allein wir haben es mit einem Ehrenmanne zu tun, der uns bereitwillig alle Materialien zur Verfügung stellte, durch die wir gewissermaßen zu Herren seines Landgutes werden. Ein Vergleich wird ihm wie uns zustatten kommen; ihm doppelt, indem durch unser Entgegenkommen er vielleicht davor bewahrt wird, der letzten Habe bar, von dem Erbe seiner Väter abzuziehen. Wir sind sogar moralisch verpflichtet, ihm die Mittel zu gewähren, die zerfallene Heimstätte allmählich wieder zur Blüte zu bringen.« Bei den letzten Mitteilungen hatte flammende Glut Maßliebs Antlitz überzogen. Ein Ausdruck des Trotzes, wie damals, als sie sich von den Karusselleltern trennte, gelangte auf ihren lieblichen Zügen zum Durchbruch. Ihre Haltung wurde sicher und zuversichtlich wie in jener Stunde, in der sie dem heruntergekommenen Korpsburschen erklärte, mit eigenen Kräften sich einen glanzvollen Weg durchs Leben bahnen zu können, und indem sie sich erhob, stand sie da, als hätte, einem unsichtbaren Feinde gegenüber, der Mut der Verzweiflung sie durchströmt. Sie achtete weder auf die verwunderungsvollen Blicke des Richters, noch darauf, daß Meredith, die in ihrem Herzen zu lesen glaubte, sie mit unverkennbarer Bangigkeit betrachtete und die übrigen Freunde mit stummem Erstaunen zu ihr aufschauten. »Sie erwähnten eines zerfallenen Gutes – der Besitzer desselben – wie heißt er?« fragte sie laut, jedoch wie erschreckt über die eigene Kühnheit mit schnell wieder sinkender Stimme. »Ulrich,« antwortete der Richter befremdet. »Fräulein Kabul,« wandte sie sich darauf an diese, mit sichtbarer Bangigkeit in deren besorgnisvoll blickende Augen spähend, »wie heißt der Herr, von dem Sie im vorigen Jahre die Altertümer käuflich erwarben?« »Ulrich,« sprach Meredith zögernd. Über Maßliebs Antlitz breitete sich Marmorblässe aus. Sie schien, wie erschöpft, wieder Platz nehmen zu wollen. Gleich darauf aber hatte sie ihre entschlossene Haltung zurückgewonnen. »Steht mir das Recht zu,« fragte sie erzwungen ruhig, »Entscheidungen zu treffen über das mir von meiner Großmutter hinterlassene Vermögen« – sie betonte das Wort Großmutter schärfer. »Gewiß wird Ihren Wünschen Rechnung getragen,« antwortete der Richter, »das heißt, insoweit Ihr Besitz dadurch nicht geschmälert wird.« Maßlieb sah vor sich nieder. Die Farbe ihrer Wangen kam und wich in schneller Folge. In ihrer Brust arbeitete es gewaltig; in langen und tiefen Zügen entwand sich derselben der Atem. Man hätte ein Blatt können fallen hören. Plötzlich richtete sie sich empor. Ihr liebes, sonst so freundliches Antlitz schien zu Marmor zu erstarren. »Manches lernte ich aus Ihren Mitteilungen,« begann sie mit bebenden Lippen, »auch gewann ich aus denselben den Mut, jetzt zu fragen: Besitzen Sie Quittungen – oder – Beweise – ich meine schriftliche Beweise über die angeblichen Forderungen an den Herrn Ulrich?« »Leider wurden alle auf diese Angelegenheit bezüglichen Dokumente vernichtet,« erklärte der Richter. »Auf die Behauptung des Herrn Ulrich, jemandem etwas zu schulden, wollen Sie gegen ihn einschreiten?« fuhr Maßlieb fort. »Einschreiten ist nicht ganz das geeignete Wort. Herr Ulrich ist ein Ehrenmann, und wir haben keinen Grund, seine Angaben zu bezweifeln.« »Wenn er nach einiger Zeit erschiene und eine doppelt so große Summe anmeldete, die mein Großvater ihm schuldig geblieben sei, würden Sie auf sein bloßes Wort hin ihm das ganze, von meiner Großmutter herrührende Vermögen aushändigen?« Der Richter warf einen Blick des Erstaunens auf Meredith, deren Antlitz trotz der wehmütigen Erregung förmlich strahlte, während Kappel sich nicht versagen konnte, seinen Schnurrbart in einer Weise zu handhaben, als hätte er dem neben ihm sitzenden Schwärmer zugemutet, die ihm zugekehrte Spitze einige Ellen weiter zu drehen. Alle schienen eine solche Frage am wenigsten erwartet zu haben. »Einen Unterschied müssen wir gelten lassen«, nahm der Richter nach kurzem Sinnen das Wort, um Maßlieb zu beruhigen, »und es ist ein großer Unterschied, ob jemand sich verpflichtet fühlt, nach bester Überzeugung eines anderen Rechte anzuerkennen, oder ob er eine Entschädigung für nicht nachweisbare Leistungen fordert. Das Gericht ist allerdings nicht befugt, auf Zahlung einer Forderung zu dringen, der die entsprechenden Beläge fehlen.« »So verlange ich, daß der Herr Ulrich mit seinem Anerbieten abgewiesen werde,« versetzte Maßlieb, ihre letzte Kraft zusammenraffend, und schwer stützte sie sich mit der rechten Hand auf die Lehne ihres Stuhls, »durch meine Großmutter bin ich mehr als zu reich geworden, zu reich, um noch Geschenke annehmen zu brauchen, am wenigsten aber von einem Fremden –« und leidenschaftlicher wurde ihre Stimme, und stolzer, selbstbewußter ihre Haltung – »ich weigere mich daher standhaft, irgendeine auf dem Wege der Erbschaft auf mich übergegangene Forderung anzuerkennen, so lange nicht die schriftlichen Beweise dafür beigefügt sind. Wer weiß, die in Frage stehenden Summen mögen längst berichtigt sein! Nein, ich nehme nichts; und wenn diejenigen, die dazu ausersehen sind, meine Rechte als die einer Unmündigen zu vertreten, sich auf einen Vergleich mit Herrn Ulrich einlassen, so erkläre ich im voraus – und der Himmel sei mein Zeuge –, daß ich nur auf den Tag und die Stunde warte, die mir das Recht dazu in die Hand geben, um dem Herrn Ulrich das zurückzuerstatten, was mir von seiten der Vormundschaft unrechtmäßiger Weise aufgedrungen wurde – nein – ich will nichts von ihm – will mein Gewissen nicht belasten mit Zweifeln – nur das von meiner Mutter Herrührende – es ist redlich erworben, ist geheiligt – und dann jenes Buch –« Indem sie auf den Talmud hinwies, drohten ihre Kräfte sie zu verlassen. Die Anstrengung, mit der sie sich so lange aufrecht erhalten hatte, die Empfindungen, die gleichsam erdrückend auf sie hereinbrachen, das ihr vorschwebende Bild Ulrichs und das Bewußtsein, vor seiner Tür um ein Almosen gesungen zu haben, dazu der fremde Ort, an dem sie sich befand, und die auf sie gerichteten erstaunten Blicke, dies alles wirkte so vernichtend auf sie ein, daß es sich wie Betäubung um ihre Sinne legte. Sie kannte nur noch das einzige Gefühl gänzlicher Hilflosigkeit, eines erbarmungslosen Alleinseins mit einem Geheimnis, vor dessen Aufklärung sie hätte fliehen mögen, wie einst von den Karusselleltern, oder aus Merediths gastlicher Häuslichkeit; oder endlich aus jener, sie wie ein Höllenschlund angähnenden, befremdlich schillernden Gesellschaft. Ratlos spähte sie um sich; überall stummes Erstaunen; nirgend ein Ausweg, auf dem Flucht möglich gewesen wäre. Wenige Sekunden dauerte dieser Kampf; in dem verschwindend kurzen Zeitraum aber drängten sich die Empfindungen eines ganzen Lebens zusammen. Nur Meredith verstand, was die Brust der jungen Waise bewegte, nur sie, der es einst vergönnt gewesen, einen flüchtigen Blick in das bange Herz zu tun. Was sie damals ahnte, war ihr jetzt zur Gewißheit geworden, und bevor ein anderer Laut die plötzlich eingetretene Stille unterbrach, erhob sie sich, und ihre Arme weit ausbreitend, duldete sie, daß Maßlieb sich an ihre Brust flüchtete. »Fort, fort von hier,« hauchte Maßlieb der sie innig umfangenden Freundin zu, »nur fort – er möchte kommen und erfahren, daß ich die Enkelin des Mannes, dem er sich verschuldet wähnt – er würde mir das Geld vor die Füße werfen – mit Abscheu zurückweisen, was die – eine Landstreicherin, ihm bietet – fort, fort, oder ich sterbe vor Entsetzen über die ringsum auftauchenden Schreckbilder.« Während sie in ihrer Todesangst also zu Meredith flüsterte, fand diese Gelegenheit, mit dem Richter einen Blick des Einverständnisses zu wechseln. Darauf küßte sie Maßlieb auf die Stirn, und an Schwärmer und Kappel vorbei trat sie mit ihr in das Vorzimmer. Einige Minuten gönnte sie ihr, sich zu sammeln und die Tränen von ihren Wangen zu entfernen, dann begaben sie sich auf die Straße hinaus, wo sie sogleich den Heimweg einschlugen. Maßlieb zitterte noch immer, während sie sich fester auf Merediths Arm lehnte, sich gleichsam willenlos von ihr führen ließ. Ihren Ideengang zu unterbrechen wagte Meredith nicht; sie fürchtete einen neuen Ausbruch der mit sichtbarer Gewalt gezügelten Leidenschaften. »Wären wir in unserm friedlichen Stift geblieben,« seufzte Maßlieb endlich leise, wie zu sich selbst sprechend, »das viele Geld, was soll es mir? Es macht mich unglücklich. Mögen andere Leute nach Belieben darüber verfügen – ich kümmere mich nicht darum.« »Und doch läßt sich gerade mit Geld so viel Gutes erwirken,« bemerkte Meredith vorsichtig, »viele hilfsbedürftige Menschen leben in der Welt –« »Kappel und der arme alte Schwärmer,« fiel Maßlieb freier ein. »Auch sie, liebes Kind,« bestätigte Meredith aus vollem Herzen. »Und die bedauernswerte Rosamunde, von der ich erzählte,« fuhr Maßlieb mit wachsender Erregtheit fort; »sie ist nicht schlecht; sie hat mich beschützt, und ohne ihre Hilfe schmachtete ich heute noch in jener furchtbaren Gefangenschaft.« Ein Schauder durchlief ihre Gestalt. Sie vergegenwärtigte sich, auf wessen Anstiften sie an jenen unheimlichen Ort gebracht worden war. Eine Strecke legten sie wieder schweigend zurück. Plötzlich blieb Maßlieb stehen, und Meredith mit angstvoller Spannung anschauend, bemerkte sie flüsternd, wie ein gefährliches Geheimnis berührend: »Ist es notwendig, daß ich dem Herrn Ulrich noch einmal begegne?« »Unumgänglich nicht,« antwortete Meredith, ihren Schützling sanft mit sich fortziehend, »ich bezweifle indessen nicht, daß er alles aufbietet, eine Zusammenkunft mit derjenigen herbeizuführen, der er zum größten Danke verpflichtet ist. Denn können deine Wünsche auch nicht in ihrem ganzen Umfange berücksichtigt werden, so wird ihm jedenfalls durch die Vormundschaft eine große Erleichterung gewährt. Eine Erleichterung ist aber eine Lebensfrage für ihn; er wird dadurch in den Stand gesetzt, nicht nur seine Besitzung zu behalten, sondern sie auch allmählich wieder in Vorteil bringender Weise umzugestalten.« »Die Zeit entflieht; auch der Tag meiner Großjährigkeit wird anbrechen,« sprach Maßlieb wie im Traume wieder vor sich hin. »Klammere dich nicht zu fest an diesen Gedanken an,« erklärte Meredith freundlich, »denn ich täusche mich nicht, ein Mann wie Ulrich nimmt keine Geschenke.« »Er kann sich nicht weigern,« grollte Maßlieb, »es sei denn, man verriete ihm, es käme von einer Landstreicherin.« »Erinnere dich deiner armen Eltern,« ermahnte Meredith ernst. Maßlieb lachte bitter. Dann bemerkte sie ruhig: »Die treue Erinnerung an meine armen, schwer heimgesuchten Eltern hindert nicht, daß ich als Landstreicherkind aufwuchs; und vor seiner eigenen Tür habe ich gesungen.« »Laß ruhen jene Zeiten,« versetzte Meredith gütig, und klarer wurde ihr Maßliebs Seelenstimmung, »o, laß sie ruhen und gib nicht gänzlich widerstandslos dich den Eindrücken hin, den du während der letzten Stunden unterworfen gewesen. Dauernde, ruhige Überlegung ändert oft die Anschauungsweise.« »Die meinige wird nie eine Wandlung erleiden,« wendete Maßlieb zuversichtlich ein, »so lange ich lebe, fürchte ich ihn.« »Und doch bewies er die freundlichste Teilnahme für dich.« »Er wußte nicht, wer ich war; hätte er es geahnt, würde er mich bemitleidet haben. Ich aber will nicht von ihm bemitleidet sein – nein, nimmermehr. Wäre er vertraut gewesen mit meinen Beziehungen zu dem Vater meiner – zu dem alten Nathan, er hätte mich gehaßt, verachtet; und deshalb – nun, mir ist, als müßte auch ich ihn hassen – ich kann nicht anders – nein, meine Schuld ist es nicht.« »Du gehst zu weit,« riet Meredith liebreich, »an deiner Stelle würde ich mich überhaupt weniger mit einem Fremden beschäftigen, den du kaum einmal in deinem Leben sahst und dessen Charakter du daher unmöglich gründlich kennen gelernt haben kannst.« »Zweimal sah ich ihn, und einmal hörte ich seine Stimme, ohne ihn zu sehen. Sie schnitt mir in die Seele – o, nimmermehr vergesse ich das – denn seine Stimme war Ursache, daß es über mich kam wie die Ahnung eines Unglücks, daß ich meiner Vergangenheit mich schämte und am liebsten gleich gestorben wäre. Solche Gedanken entstehen nicht, wenn man weiß, daß wirklich jemand freundliche Gesinnungen hegt. Wie die böse Leukhart mit ihren Worten, so vergiftete er mit seinem Blick mein Leben. Es lag so vieles, es lag alles darinnen; so oft ich seinen Namen höre, befällt mich Grauen.« Meredith antwortete nicht mehr. Sie wünschte, das für Maßlieb tiefschmerzliche und doch mit einer gewissen herben Wollust geführte Gespräch abzubrechen. Und wiederum verfolgten sie eine Strecke schweigend ihren Weg, bis Maßlieb, während Tränen in ihren schönen Augen perlten, Merediths Hand ergriff und in sanft flehendem Tone anhob: »Können Sie mir verzeihen –« »Verzeihen?« fiel Meredith wohlwollend ein und sie lächelte ermutigend, »was tatest du, das der Verzeihung bedürfte?« »Ich habe Sie gekränkt, tief gekränkt; ich habe mich hinreißen lassen zu wilden, leidenschaftlichen Ausbrüchen. Ich wußte nicht, was ich tat. Es kam über mich, wie in jenen Tagen, da ich so viel Unrecht von meinen Peinigern erduldete. Woher ich den Mut nahm, ich begreife es nicht – ich war wieder die zügellose Landstrei –« »Nicht weiter, Maßlieb, nicht weiter,« unterbrach Meredith sie schnell, »du hast gehandelt, wie die Regungen deines Herzens es verlangten, und kein Tadel trifft dich dafür. Du sträubtest dich, unerwiesene Forderungen zu deinen Gunsten gelten zu lassen, und dadurch hast du dir die Achtung aller derjenigen erworben, die zugegen waren.« Nach dieser Erklärung versank Maßlieb in Träumereien. Mechanisch folgte sie den Bewegungen ihrer ebenfalls schweigsam gewordenen Beschützerin. Wohin sie geführt wurde, es war ihr gleichgültig. Überrascht sah sie auf, als plötzlich die Gartenpforte sich klirrend öffnete. Sie begaben sich in das Altertümerzimmer. Nur Esther war in demselben anwesend, mit sichtbarer Spannung beide begrüßend und beobachtend. »Es ist bereits eingetroffen,« flüsterte sie Meredith zu, indem sie auf den Schreibtisch wies, auf dem mehrere verdeckte Gegenstände lagen. Meredith nickte. Dann führte sie Maßlieb vor den Tisch hin. »Hier ist dein wahres Erbe,« sprach sie feierlich, indem sie einen großen Papierbogen zurückschlug, »nimm es hin und vergiß nie, daß da, wo ich weile, auch deine Heimat ist; das gelobe ich dir, du treue Gefährtin meiner schwersten Lebenstage; ich gelobe es dir hier angesichts der Porträts deiner beiden Eltern, angesichts des unscheinbaren Buches, in das deine Großmutter in treuer Voraussicht ihren besten Segen zusammen mit ihrer Habe für dich niederlegte.« Sie trat zurück, und Esthers Hand ergreifend, entfernte sie sich leise mit ihr. »Lassen wir sie ungestört,« bemerkte sie gerührt, »was ich bisher vergeblich ersehnte und erstrebte: das Gift abzutöten, welches einst vermessenerweise in ihr empfängliches Gemüt gesäet wurde, vielleicht wird es bewirkt durch den Anblick derjenigen, den sie ihr Leben verdankt.« Auf den Flur hinaustretend, warf sie einen Blick rückwärts. Maßlieb stand auf derselben Stelle, die Hände vor sich gefaltet, bald in die Augen des einen, bald in die des anderen Porträts schauend. Als die Tür sich mit leisem Geräusch schloß, schien sie wie aus einer Erstarrung zu erwachen. Einen scheuen Blick warf sie um sich, und flammende Glut schoß in ihr herziges Antlitz, sobald sie sich allein und unbeobachtet wußte. Freundliche, wenn auch phantastische Bilder erstanden vor ihrem Geiste. Wie einst, als sie kindlich spielend tote Dinge, sogar die scheußlichen Bestien des Karussells gleichsam mit Leben begabte, so nahm sie jetzt die Porträts einzeln in die Hände, und nachdem sie deren glücklich blickende Augen geküßt hatte, stellte sie dieselben nebeneinander auf. Dann einige Schritte zurücktretend, daß sie beide zugleich betrachten konnte, sank sie auf die Knie, und als hätten die bereits in Staub Zerfallenen auf der toten Leinwand noch Verständnis dafür besessen, sprach sie zu ihnen in innigem halblautem Tone. Sie sprach zu ihnen von herben Erfahrungen und von den Verfolgungen, den sie als elternlose Waise ausgesetzt gewesen. Sie sprach von ihren Freunden und Wohltätern, wie von denjenigen, die sie zu verderben gedachten. Alles, alles, was ihr Herz belastete und wieder mit Freuden erfüllte, alles vertraute sie, wie wohl ein Kind zu seinen Eltern spricht, den beiden Bildern, dem Vater mit den seltsamen kleinen Wunden in der Herzgegend, der Mutter, deren wunderbar schönes Antlitz lange Jahre hindurch nur den Schatten eines düstern Winkels in des alten Nathans Wohnung kennen gelernt hatte. Wenn aber in der einen Minute süßes Lächeln ihre holden Züge verklärte, so flossen in der anderen wieder reichlich Tränen, als ob nunmehr die Rinde gänzlich geschmolzen wäre, die sich unter Trübsal und Not und unter dem gefährlichen Einflusse hinterlistig berechneter Nadelstiche und ätzender Gifttropfen um die junge Brust gelegt hatte. Sie war nicht mehr das Landstreicherkind, in dessen Ohren solche Bezeichnung verbitternd wirkte; sie war die Tochter ihrer Eltern, den sie mit kindlichem Gemüt und nie geahnten süßen Empfindungen ihre zärtlichen Huldigungen darbrachte. Meredith und Esther waren in den Garten hinausgegangen. Vorsichtig lösten sie den mit dem Visier des geisterhaften Ritters in Verbindung stehenden Draht von dem Glockenzuge. Was galten Merdith jetzt noch jene Einrichtungen, darauf berechnet, unheimliche Träumereien ebenso unheimlich zu stören. Ein neues Leben war für sie angebrochen, seitdem sie verlernt hatte, mit krankhafter Eifersucht über ihren Geburtsnamen zu wachen. Hoch über ihr strahlte die helle Mittagsonne. Im Schatten der Ziersträucher schwebte der Duft von Rosen und Jasmin. Falter hingen an den Blüten. Finken und Sperlinge badeten sich flatternd im heißen Sande des Weges. Ein lieblicher Sommertag war es; ein Tag, wie eigens dazu geschaffen, die Herzen zu erweitern, auszuscheiden von ihnen alles Herbe, neue Kraft zu verleihen den zarten Keimen einer geheimnisvoll wirkenden unergründlichen Liebe. Fünfunddreißigstes Kapitel. Der Besuch im Armenhause. Die Verkündigung des Testamentes und die sichere Unterbringung des flüssigen Geldes hatte auch nach anderen Richtungen hin Veränderungen im Gefolge; Pläne gelangten zum Abschluß, die von Maller und dem geschäftskundigen Gerhard längst heimlich eingeleitet und gefördert worden waren: Das Haus, das Meredith so lange als Mieterin bewohnte, war ihr Eigentum geworden. Als Anzahlung genügten die aus den Trümmern der Zentrifugalbank geretteten zwei und ein halb Prozent ihres Vermögens; dagegen begrüßte die Vormundschaft mit Freuden die Gelegenheit, die Hauptsumme aus Maßliebs Vermögen hypothekarisch auf das Grundstück eintragen zu lassen. Gerhard und Esther behielten als Mieter die eine Hälfte des Hauses, während Meredith in ihren alten Räumlichkeiten ungestört weiterlebte und Maßlieb sich mit ihr in diese teilte. Die Verhältnisse hatten sich dadurch so gestaltet, daß Meredith den Verlust ihres Geldes nur in soweit empfand, als ihr die Mittel zu neuen Ankäufen von Altertümern fehlten. Letzteres war ihr um so weniger eine schmerzliche Prüfung, als die krankhafte Vorliebe für solche seit Kappels geheimen Mitteilungen schlafen gegangen war. Ein bescheidenes Auskommen sicherten ihr die aus dem Hause gezogenen Mietserträge; eine Erhöhung derselben versprach der voraussichtliche Verkauf eines entbehrlichen Teiles des die Straße begrenzenden Gartens. Maßliebs Vermögensverhältnisse waren bis auf einige noch angezweifelte Außenstände, namentlich die zwischen Ulrich und Nathan schwebenden Beziehungen, geordnet worden. Sie selbst gewann es nicht über sich, denselben ihre Teilnahme zuzuwenden; ruhte doch alles in Mallers sicheren Händen, dem durch die gewissenhafte Verwaltung eine willkommene Nebeneinnahme zu seinem zwar erhöhten, jedoch immer noch sehr mäßigen Gehalt zufloß. Dem greisen Schwärmer war ein Giebelstübchen auf Gerhards Wohnungsseite eingeräumt worden, für ihn, den so vielfach Enttäuschten, eine Art irdischen Paradieses, zumal seine Kräfte noch ausreichten, die Stelle eines Haushofmeisters und Gärtners auszufüllen. Er ging störrisch davon aus, sich bis zu seiner letzten Lebensstunde redlich ernähren zu können. Der heruntergekommene Korpsbursche hatte dagegen das Haus verlassen. Es war Gerhard gelungen, in dem Bankhause, in dem er selbst als Prokurist tätig war, eine Stelle für ihn zu erwirken. Bei seinen Kenntnissen und seiner Gewissenhaftigkeit wurde ihm sogar die Aussicht auf Avancement eröffnet, was ihn indessen ziemlich kalt ließ. Denn im Grunde sehnte das alte verdorbene Genie sich wieder nach Wald und Feld hinaus, wo keine Mauern ihn von Gottes freier Natur trennten. – Ein trüber, gewitterschwüler Nachmittag lagerte über der Hauptstadt, als Maßlieb und Meredith sich auf dem Weg nach einem der verrufensten Stadtteile begaben. Bei ihnen befand sich der biedere Kappel, der, fußend auf seinen Ortssinn und prangend in stattlicher Sonntagsgarderobe, sich als Führer angeboten hatte. Trotz des alten Korpsburschen Pfadfindertalentes streiften sie lange in elenden Gassen und Gäßchen umher, bevor sie an die richtige Tür gelangten, die ihnen aber erst nach mehrfachem Klopfen geöffnet wurde. Die Mutter Sarah trat ihnen entgegen, mit dem Wesen einer unter dem Drucke trauriger Verhältnisse schwer leidenden Arbeiterfrau nach ihrem Begehr fragend. »Ich wünsche eine Person namens Rosamunda zu sprechen,« antwortete Meredith mit drohender Entschiedenheit. Das Weib zuckte die Achseln und beschwor bei allem, was ihr heilig sei, nie in ihrem Leben eine Rosamunda gesehen zu haben. Sie hatte indessen kaum ausgesprochen, als sie Maßliebs ansichtig wurde. Ein Ausruf des Erstaunens entschlüpfte ihrem zahnlosen Munde; dann aber heftete sie einen so frechen und zugleich schadenfroh verständnisvollen Blick auf Maßlieb, daß diese wie von einem tödlichen Hauch bis ins Herz hinein getroffen wurde. Die anfängliche Scheu des Weibes schien durch Maßliebs Anwesenheit beseitigt zu werden, denn sie lachte in Entsetzen erregender Weise. »Hoho, mein Täubchen,« begann sie mit nichtswürdiger Berechnung, »man hat also jemand gefunden, der sich des tugendsamen Kindes erbarmte – 'nen Baron, 'nen Grafen oder gar 'nen Gründer – und kommt nun, um die Bekanntschaft mit der lieben Mutter Sarah für 'ne runde Summe vergessen zu machen? Und dann mein schöner weißer Ballanzug! Ei, ei, was der gute Herr Nathan wohl dazu sagte, wenn er noch lebte, um's zu wissen!« Maßlieb war einer Ohnmacht nahe. Kappel gewahrte es und drängte sich zu der Megäre auf den finsteren Hausflur, ihr dadurch den Anblick Maßliebs entziehend. »Noch ein einziges Wort,« rief er zähneknirschend aus, »nur noch eine Silbe aus Ihrem geifernden Munde, und ich führe Leute hierher, die Sie ausfragen werden, wer im vorigen Jahre dem sterbenden Fremden seiner Geldmittel und seiner Uhr beraubte, und schließlich den seinen Wunden Erliegenden –« »Nicht so laut, nicht so laut,« lispelte das Weib, plötzlich in sich zusammenschauernd, »'s war alles Schein, ich weiß nichts, weder von einem Fremden, noch von einer Rosamunda –« »Auch nicht, daß jene Rosamunda dem Sterbenden den letzten Dienst leistete?« fuhr Kappel ingrimmig fort, »nicht, daß ein Weibsbild in Teufelsgestalt die Treppe hinunterkroch, die den Tod des Unglücklichen nicht erwarten konnte und dennoch vor dem Tode zitterte?« »Was soll's – ich weiß nichts,« röchelte das Weib, von Todesangst ergriffen, »ich bin zu allem bereit, was nicht die Rechtschaffenheit –« »Die Rosamunda will ich sprechen,« fiel Kappel ungeduldig ein, »führen Sie mich zu ihr, oder sie zu uns heraus, und was sonst noch Sie selber für das Zuchthaus reif macht, soll mich nicht kümmern!« »Die Rosamunda?« fragte das Scheusal nachdenklich, und wiederum suchten die giftigen Blicke Maßliebs Augen, »hm, die Rosamunda? Ja, ja, ich entsinne mich – sechs oder sieben Monate mag's her sein, da erkrankte sie schwer, daß sie ins Armenhaus geschafft werden mußte. Alles, was ihr Eigentum war, nahm sie mit, und da sie nicht Abschied von mir nahm, hatte ich keinen Grund, mich weiter um sie zu härmen.« »Im Armenhause?« fragte Kappel streng, »gut, wir werden dort nach ihr forschen; aber wehe Ihnen, wenn wir den Weg vergeblich machen!« »Ins Armenhaus,« bestätigte das Weib noch einmal. Sobald aber Meredith und Kappel sich von ihr abgewandt hatten, Maßliebs Blicke dagegen, wie durch Zauberkraft gebannt, noch auf ihr ruhten, verzerrte sie ihre scheußliche Physiognomie zu einem so gehässigen, schadenfrohen Grinsen, als wäre jeder Hauch von ihr mit einem besonderen Fluch vermischt gewesen, so daß Maßlieb bis in ihr armes Herz hinein erbebte. Und ins Armenhaus begaben sich die drei in der Tat auf dem nächsten Wege. Denn auf Maßliebs Seele ruhte es wie das erdrückende Bewußtsein einer ungelösten Pflicht der Dankbarkeit. Diejenigen aber, die mit zärtlicher Liebe an ihr hingen, boten gern alles in ihren Kräften Stehende auf, jenen Schleier sanfter Schwermut, der sich selbst in ihrem herzigsten Entgegenkommen verriet, von ihrem Gemüt zu entfernen. Wie der Kristall, wenn aus scharfer Kälte plötzlich in eine warme Atmosphäre hinübergetragen, den Glanz seiner tadellos geschliffenen Flächen verliert, um ihn erst dann wieder zurückzugewinnen, wenn die Wärme ihn gänzlich durchdrang, so bildete es sich wie ein trübender Hauch um die schüchtern und oftmals mit heimlichem Bangen in die Zukunft schauende reine Seele. Die sich in ihr spiegelnde Liebe fand wohl eine bleibende Stätte, zugleich aber war sie dem lange nachwirkenden Eindruck der gehässigsten aller Leidenschaften unterworfen, die ihr nie verziehen, daß sie dem Pfuhle des Lasters und des Verbrechens ungefährdet entschwebt war. – Im Armenhause hatten im Verlauf der letzten sechs oder sieben Monate gar viele ihren Einzug und Auszug gehalten. Manche, um zu ihrer gewohnten ehrlichen Arbeit zurückzukehren; manche, um unter einem Erdhügel eine Wohnung zu finden, aus der sie niemand mehr vertrieb. Andere griffen wieder zu ihrem alten Gewerbe, einem Gewerbe, das sich gern der Öffentlichkeit entzog; und noch andere, kaum gesundet, sahen sich der Not und dem Elend preisgegeben und griffen nur zu bald zu Mitteln, die sie unter polizeiliche Aufsicht und schließlich hinter feste Mauern und eiserne Gitter brachten. Lange suchte der Inspektor in den Listen nach einer Rosamunda; und als er diesen Namen endlich fand, zuckte er geringschätzig die Achseln. » Innerlich unheilbar erkrankt,« bemerkte er gleichmütig, »äußerlich die Spuren vielfach wiederholter schwerer Mißhandlungen, so ist sie hier aufgenommen worden. Sie sprach kein Wort, weigerte sich, Arzneien zu nehmen, war überhaupt ein störrischer Charakter, wie man solche vielfach in der Verbrecherwelt vertreten findet. Drei Wochen befand sie sich in der Anstalt, als sie starb. Ihr Leben hätte noch Monate hingehalten werden können, allein mit raffinierter Bosheit trug sie das ihrige dazu bei, ihr Ende zu beschleunigen. Nur einmal, wenige Tage vor ihrem Tode, gewann es den Anschein, als ob neue Lebenslust sie anwandle. Sie bat um Schreibmaterialien und setzte einen Brief auf, den ich auf ihr dringendes Flehen an den Herrn Bankdirektor Nailleka beförderte. Ich hätte es sollen bleiben lassen, allein Sterbenden gegenüber, wenn auch der verworfensten Menschenklasse angehörend, beschleicht mich immer eine gewisse Teilnahme.« »Und welche Antwort wurde ihr?« fragte Meredith nach einem besorgten Blick in Maßliebs angstvolle, gespannte Augen. »Eigentlich gar keine, gerade so, wie ich es erwartete,« versetzte der Inspektor, »der Herr Bankdirektor schickten geneigtest den offenen Brief – der sicherste Beweis, daß die Person kein Recht besaß, ihn durch Zudringlichkeiten zu belästigen – mit einem durchaus nicht schmeichelhaften Kompliment an mich zurück – doch hier liegt er bei den Akten jenes Monats,« und ein Schreiben zwischen den Heften hervorziehend, reichte er es Meredith dar. Diese betrachtete die unsicheren, kaum leserlichen Schriftzüge, dann las sie laut: »Herr Bankdirektor! Bei den Erinnerungen, die sich an das verfehlte Dasein einer Unglücklichen knüpfen, beschwöre ich Sie, flehe ich zu Ihnen: Schützen Sie meine Leiche gegen das Seziermesser! Rosamunda .« »Ihr Geist mußte nicht mehr recht klar sein, als sie solche Zumutungen an einen ihr fernstehenden, hochgeachteten Herrn richtete,« schaltete der Inspektor ein, während Maßlieb, von namenlosem Grauen erfüllt, sich auf den ihr höflich gebotenen Arm Kappels lehnte. Meredith lächelte feindselig, worauf sie fortfuhr: »Der Bescheid auf das unerhörte Ansinnen ist gleich hier unten beigefügt,« und lesend: »Beifolgend zwanzig Taler zu Preisen für die Kinder des Armenhauses, die sich durch bereitwilligen und regelmäßigen Besuch der Betstunden auszeichnen. Ergebene Bitte an den Herrn Inspektor, fernere Anregungen zu gern von mir gewährten Beiträgen zu wohltätigen Zwecken, insbesondere zu gunsten dero segensreicher Anstalt, mir in einer anderen Form, als der von einer Verworfenen beliebten, zugehen zu lassen. Mit vorzüglicher Hochachtung und Ergebenheit, Nailleka.« »Mit vorzüglicher Hochachtung und Ergebenheit,« wiederholte Meredith mit unverkennbarem Hohn, »ei, ei, der wohltätige, fromme Herr Bankdirektor, wie sein jungfräuliches Gemüt sich empört bei derartigen Zumutungen! Und die unverschämte Bettlerin, diese Wespe, die, in den letzten Zügen liegend, sich an dem Kapital zu rächen, den guten Ruf eines edelgesinnten, frommen Mannes zu begeifern gedachte, was meinte sie zu dieser Antwort?« »Sie lachte gellend wie eine Wahnwitzige,« erwiderte der Inspektor befremdet, »dann kehrte sie sich der Wand zu; sie aß nicht mehr, noch trank sie, kein Laut kam über ihre Lippen und am dritten Tage wurde sie hinausgetragen.« »Nach dem Seziersaal?« fragte Meredith höhnisch, »oder fühlten der fromme und wohltätige Herr Bankdirektor sich dennoch bewogen, die Wünsche einer Sterbenden zu berücksichtigen?« »Der Herr Bankdirektor scheinen bei Ihnen in keinem guten Andenken zu stehen,« meinte der Inspektor bedauernd, »und doch wüßte ich keinen Menschen, der gerechtere Ansprüche auf die allgemeine Hochachtung hätte, als gerade er, dessen Edelmut selbst durch die harten Schläge, die ihm aus der Undankbarkeit seines Mitdirektors erwuchsen, nicht erschüttert werden konnte. Es ist schmachvoll, wie sein blindes Vertrauen in die Menschheit getäuscht wurde; trotzdem sollte er seinen Wohltätigkeitssinn an die Überreste einer elenden Person verschwenden, die sich einer abscheulichen Überhebung gegen ihn schuldig machte? Ich selbst würde ihm abgeraten haben; dagegen fügte ich das von ihm großmütig übersandte Geldgeschenk gewissenhaft unserer Weihnachtskasse bei. Eigentlich gegen den vielfach ausgesprochenen Wunsch des edlen Gönners unserer Anstalt trug ich seinen Namen in die Liste ein, und merkwürdigerweise kam er gleich hinter den Namen Seiner Hoheit –« »Und die elende Person verfiel dem Seziermesser?« fragte Meredith wiederum ungeduldig, während sie Maßliebs Hand ermutigend drückte. »Nein,« antwortete der Inspektor, den ihm zurückgegebenen Brief wieder zwischen die Akten schiebend, »man bemühte sich nicht um sie; die jungen Mediziner sind zuweilen wählerisch, und sie war in der Tat –« »Genug, genug,« unterbrach Meredith ihn mit einer Gebärde der Abscheu, »ich sehe wie die Sachen stehen. Mag das arme Geschöpf im Tode die Ruhe finden, die im Leben ein Schurke ihr raubte, um sie demnächst erbarmungslos ins Verderben hinabzustoßen. Sie, die nur den Mund zu öffnen brauchte, um eine Bestie in Menschengestalt, einen nichtswürdigen Heuchler zu entlarven, aber vorzog, ihre Geheimnisse mit ins Grab zu nehmen, sie steht höher, als irgend jemand, der von seinem Raube ein Scherflein an die Armen schenkt.« »Ihre Bemerkung kann sich unmöglich auf den hochgeachteten Herrn Bankdirektor beziehen,« warf der Inspektor sich zu Naillekas Verteidiger auf. »Sie bezieht sich auf einen Schuldigen,« versetzte Meredith, indem sie sich zum Gehen anschickte; »sollten der Herr Bankdirektor gelegentlich wieder einmal seine Großmut Ihren Armen zuwenden, dann mögen Sie ihm immerhin von meinem Besuch erzählen. Fügen Sie hinzu, daß in den Kolonien der Zentrifugalbank Hunderte von Gräbern um Rache zum Himmel schreien; die Geister elendiglich Gemordeter sich als Furien an die Fersen ihrer Verderber hängen, sie noch in ihrer letzten Stunde mit Schlangengeißeln peitschen und foltern würden. Ja, das sagen Sie ihm; aus Ihrem Mund klingt's vielleicht freundlicher, als aus dem meinigen.« Sich leicht verneigend trat sie, Maßlieb an der Hand und gefolgt von Kappel, aus dem Zimmer. Der Armenhausinspektor gab ihnen das Geleite bis an die Straßenpforte, wo er sich von ihnen verabschiedete. Er war scharfsinnig genug, zu erraten, daß nicht um geringer Ursache halber sie die Anstalt besucht hatten. Sein Glaube an die fromme Rechtschaffenheit Naillekas hatte indessen zu tief Wurzel geschlagen, als daß er durch die geheimnisvollen Andeutungen einer Fremden zu erschüttern gewesen wäre. – Mehrere Straßen hatten die Heimkehrenden durchwandert, und Maßlieb schritt neben Meredith einher, als ob sie nur noch ein Traumleben geführt habe, als Kappel, im Hinblick auf das tiefernste bleiche Antlitz seines Lieblings, das drückende Schweigen nicht länger zu ertragen vermochte. »Eine freundliche Genugtuung gewährt es mir,« hob er an, »daß es mir beschieden gewesen, bei meinem Besuch in jenem verrufenen Hause der Ärmsten für ihre uneigennützige Sorge um einen dem Tod Verfallenen meine aufrichtige Anerkennung auszusprechen.« »Was sie in ihrem Leben verbrach, sie hat es schwer gesühnt,« versetzte Meredith düster, »und ich bin die letzte, die einen Stein auf sie wirft, weil sie den auf sie einstürmenden Verhältnissen unterlag. Zwischen Hungertod und Schande wählen zu müssen, ist eine entsetzliche Lage.« »Spuren harter Mißhandlung trug sie auf ihrem Körper,« schien Maßlieb vor sich aus dem Staube der Straße abzulesen; »ich ahne, der Umstand, daß sie mir zur Flucht verhalf, besiegelte ihr furchtbares Schicksal.« »Wenn solches geschah,« fügte Meredith hinzu, »so war die Erinnerung an das Opfer, welches sie dir uneigennützig brachte, der Engel der Barmherzigkeit, der ihr die letzten Lebensstunden erleichterte, ihren Eingang zum ewigen Licht versüßte.« Wiederum das dumpfe Schweigen. »Die Blicke der schrecklichen Frau und ihre höhnischen, rätselhaften Bemerkungen – vergeblich trachte ich, beides zu vergessen,« flüsterte Maßlieb nach einer Weile; »was habe ich ihr getan, ihr und derjenigen, die mich zwang, sie so lange Mutter zu nennen, was habe ich ihnen getan, daß sie mich hassen, mir Ruhe und Frieden raubten, meine eigenen und bösesten Erfahrungen zu meinen unerbittlichsten Verfolgern machten?« Meredith wechselte einen besorgten Blick mit Kappel. »Und gilt es dir nichts,« fragte sie darauf Maßlieb, deren Arm inniger an sich drückend, »gar nichts, daß du Glück und Freude um dich her verbreitest, alle guten Menschen sich dir mit herzlicher Liebe zuneigen?« »Wird Geschehenes dadurch ungeschehen gemacht?« fragte Maßlieb leise zurück; »tötet die nachsichtige Liebe anderer mein Bewußtsein, daß ich so lange in jenem entsetzlichen Hause lebte und mich tätig an dem Gewerbe der Hehlerei beteiligte? Daß ich vor seiner – vor der Leute Türen als Land –« »Nicht weiter, liebes Kind«, fiel Meredith milde tadelnd ein, »wo das Geschick uns Wunden schlug, da sollen wir nicht einen grausamen Genuß darin suchen, sie offen zu halten, sondern alles aufbieten, deren Heilung zu beschleunigen. Glaube mir, ich kenne das. O, ich könnte dir aus meinem Leben Ereignisse schildern, daß dein armes liebes Herz sich vor Mitleid zusammenkrampfte; Ereignisse, gegen die deine Erfahrungen, die am wenigsten von dir selber gelenkt werden konnten, kaum ein Schatten genannt zu werden verdienen. Trotzdem lebe ich noch und erwärmt sich mein Herz wieder beim Anblick fremden Glückes. Und auch du wirst die Heiterkeit des Lebens zurückgewinnen, wirst an die jetzigen Stunden ohne Zagen zurückdenken, sogar Trost in deinen trübsten Rückerinnerungen finden. Wie oft nach schmerzlichen Eindrücken sorgt die Vorsehung selber dafür, daß sie schnell wieder durch unvorhergesehene, freundlichere, gemildert, vermischt werden!« Ein Schauder durchlief Maßliebs Gestalt. Meredith fühlte ihr Zittern, und wie ins Leere hineinstarrend, suchte sie sich die Bilder zu vergegenwärtigen, die nicht aus der unstet arbeitenden Phantasie ihres Schützlings weichen wollten. Der bereits hübsch emporgekommene Korpsbursche kaute verzweiflungsvoll auf seinem Schnurrbart. Wie gern hätte er sein Leben hingeworfen, wäre auch nur die leiseste Möglichkeit vorhanden gewesen, dadurch Maßliebs Seelenfrieden zurückzukaufen! Indem die Freunde um die Straßenecke bogen, bemerkten sie einen Kohlenwagen, dessen Ladung mittels Tragekörben in das nächste Haus hineingeschafft wurde. Eine kurze Stockung in der Arbeit war Ursache, daß der freie Verkehr vorübergehend gehemmt wurde. Indem Kappel aber einen Weg durch das Gedränge zu bahnen suchte, prallte er mit einem hochgewachsenen, vierschrötigen Arbeiter zusammen, der eben mit einem leeren Korbe aus der Haustür trat und sofort sein geschwärztes Gesicht den drei Fußgängern zukehrte. Verdrossen, jedoch nicht unhöflich wollte er ausweichen. Kaum aber hatte er einen Blick auf Maßliebs Antlitz geworfen, als er vor Erstaunen einen Schritt zurücktrat und den Korb von seiner Schulter vor sich auf die Erde stellte. »Soll mich Gott strafen, wenn das nicht unsere Nachtigall ist,« sprach er, indem er fortgesetzt auf Maßliebs erbleichendes Antlitz schaute und dann seine prüfenden Blicke über ihre zwar schmucklose, jedoch anmutig geordnete Bekleidung hingleiten ließ; »nun, kleine Nachtigall,« fuhr er fort, und im Tone seiner Stimme offenbarte sich rauhe Herzlichkeit, »wenn ich jemand in der Welt 'n gutes Glück wünsche, so ist's keine andere, als du – ich wollte sagen: Sie, denn Sie sind ja 'ne wahre Dame geworden.« Kappel, die Bemerkung des Kohlenträgers für übel angebrachten Spott haltend, wollte dazwischen treten, als Maßliebs Antlitz sich zu einem süßen Lächeln verklärte. Sie seufzte erleichtert auf, und sich Meredith zukehrend, sprach sie mit freudiger Erregung: »Der Lampendoktor ist es, derselbe Mann, von dem ich so viel Gutes erzählte.« »Wofür Sie herzlich bedankt sein sollen,« versetzte der Kohlenträger triumphierend, und seine Mütze vor Meredith ziehend, die ihn mit sichtbarem Wohlwollen betrachtete, entfernte er die schweren Wassertropfen von seiner geschwärzten Stirn, »herzlich bedankt, kleine Nachtigall – hab's immer nicht glauben wollen, was die Leute Wunderbares munkelten; nun aber seh ich's mit klaren Augen, und ich sag's noch 'mal, 'ne rechte Freude ist mir's, daß es Ihnen glückte.« Sie hatten sich einige Schritte von dem Gedränge entfernt, wo sie wieder stehen blieben. »Und Ihnen?« fragte Maßlieb in ihrer schüchternen, herzgewinnenden Weise, »wie ergeht es Ihnen? Wohnen Sie noch in dem schrecklichen Hause?« »Seit dem Tage des Unglücks nicht mehr,« versetzte der Lampendoktor schaudernd, »'ne Lehre war's für mich, daß mir die Augen hätten übergehen mögen; und ich sagte mir, wohin 's mit 'nem Menschen kommen könne, wenn er auf der faulen Haut liege, 's Arbeiten verlerne und über den Durst trinke. Und da suchte ich mir 'ne Schlafstelle bei 'nem Fabrikanten und Arbeit zugleich. Mit dem Trinken ist's vorbei, aber 'ne paar Groschen spare ich alle Tage, und sind erst 'n fünfzig Taler zusammen, dann gehe ich über's Meer, um nicht mehr an die schlechten Zeiten erinnert zu werden; 's war zu schrecklich.« »Wie lange wird es dauern, bis Sie Ihr Überfahrtsgeld erspart haben?« beteiligte Meredith sich an dem Gespräch. »Zwölf bis achtzehn Monate,« antwortete der Lampendoktor, »das heißt, wenn ich gesund bleibe und die Zeiten nicht zu teuer werden.« »Eine lange Zeit,« bemerkte Meredith mit einem gespannten Blick auf Maßlieb. Diese schien nachzusinnen. Plötzlich errötete sie wie eine junge Rose, und Merediths Hand ergreifend, sah sie zutraulich zu ihr empor. »Bin ich in der Lage, ihn zu unterstützen?« fragte sie mit einem Ausdruck, daß Kappel so heftig an seinem Knebelbart riß, daß ihm das helle Wasser in den Augen zusammenlief und er gezwungen war, in eine andere Richtung zu schauen. Meredith nickte zustimmend; das Sprechen schien ihr schwer zu werden. »Kann ich – darf ich – ich meine das ganze Überfahrtsgeld?« fragte Maßlieb weiter zu des Kohlenträgers namenlosem Erstaunen. Meredith nickte wiederum. »Auch noch etwas mehr?« fuhr Maßlieb freier fort. »Sie sehen, was das Kind will,« nahm Meredith nunmehr, Maßlieb zu Hilfe kommend, das Wort, »und ein liebes, dankbares Kind ist sie obenein, Ihre Nachtigall. Sie vergißt nicht leicht ihr geleistete Dienste, und hier haben Sie ein Zettelchen, darauf steht meine Wohnung verzeichnet. Scheuen Sie sich also nicht, sondern besuchen Sie mich, wann es Ihnen gelegen ist; das übrige wird sich dann finden.« Der Lampendoktor schien seinen Sinnen nicht zu trauen. »Maßliebchen – Nachtigall – Fräulein – ich weiß nicht,« stotterte er verwirrt, »mir armem Teufel – das ganze Überfahrtsgeld?« »Und noch etwas mehr,« bestätigte Maßlieb gerührt. Auf den geschwärzten Zügen des Kohlenträgers zuckte es seltsam. Dann streckte er seine rußige Hand Maßlieb entgegen; zog sie aber sogleich wieder zurück. »Ihre feinen Hände – die feinen Handschuhe,« entschuldigte er sich, als Maßlieb nunmehr ihrerseits seine Hand nahm. Maßlieb lachte und mit ihr lachten Meredith und Kappel. »Sind meine Handschuhe besser, als Ihre fleißigen Hände?« fragte sie, die schwarze, schwielige Faust noch immer haltend. Sie wurde gewahr, daß Leute sich um sie sammelten, und ihre Scheu gewann wieder die Oberhand. »Also auf Wiedersehen,« flüsterte sie dem Lampendoktor zu, und hastig zog sie Meredith mit sich fort. Bis zur nächsten Straßenecke blickte der Lampendoktor ihr nach. Dann betrachtete er den Zettel, wie um sich zu überzeugen, daß er nicht geträumt habe, und eifrig begab er sich wieder an seine Arbeit. So leicht wie heute war ihm noch nie die Last eines gefüllten Kohlenkorbes geworden, so leicht wie heute hatte ihm aber auch noch nie das Herz in der breiten Brust geschlagen, und dennoch verschmähte er hartnäckig die ihm von seinen Arbeitsgenossen dargereichte Flasche. – »Wie oft nach schmerzlichen Eindrücken sorgt die Vorsehung selber dafür, daß unerwartete freundliche Ereignisse diese mildern«, wiederholte Meredith ihre kurz vor dem Zusammentreffen mit dem Kohlenträger angewandten Trostesgründe. Maßlieb blickte lächelnd zu ihr empor. Eine schwermütige Zustimmung lag in diesem Lächeln. Dann wandelten sie weiter durch die belebten Straßen, schweigend und jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, weiter und weiter der traulichen Heimstätte zu. Sechsunddreißigstes Kapitel. Um Mein und Dein. Maßlieb! Holde Wiesenblume! Gekeimt auf ungepflügtem Boden in frischer, freier Luft; gezeitigt unter einem wechselnden Himmel im warmen Sonnenschein; gekräftigt durch niederströmende Regenschauer; abgehärtet und geprüft durch feindliche Kälte und wild einherbrausende, mit Vernichtung drohende Stürme! Und dennoch, wie zart, du anspruchsloses Wiesenblümchen, du teures, teures Maßliebchen! Als ein freundliches Rätsel erschienst du mir einst auf meinem Lebenswege; ich blickte in deine unergründlich tiefen Augen, suchte den leisen Anflug einer sanften Schwermut auf deinen jugendlichen Zügen zu entziffern, und lauschte mit Wohlgefallen dem Klange deiner süßen Stimme. Wie dein Bild mir vorschwebt! Wie es gewinnt an Wärme und Leben! Und dennoch: ein liebliches Rätsel, mit dem ich in einen viele Monate dauernden geistigen Verkehr trat, ein Rätsel, das am hellen Tage meine Sinne unwiderstehlich umfing, als holdes Rätsel mich bis in meine Träume hinein begleitete! Wie einem holden Rätsel reichte ich über Zeiten und Räume hinweg in der Erinnerung dir die Hand zur gemeinschaftlichen Wanderung auf dornenvollen Pfaden. Ich machte dich vertraut mit dem Vagabundentum, stellte dich unter den Schutz ehrlicher Verkommenheit, brachte dich in Zwiespalt mit Heuchelei und Verbrechen, und du bliebst mir ein Rätsel. Ich gestattete dir einen Blick in geregelte häusliche Verhältnisse, führte dich sicher in die Höhlen der Hyänen und Wölfe und wieder hinaus auf lachende Fluren und in schattige Wälder, und – du bliebst mir ein Rätsel. Ich lockte dich in den Pfuhl des Lasters, jagte dich atemlos durch Nacht und Gefahr und zeigte dir eine traute Heimstätte; ich weckte deinen Mutwillen, reizte deinen Zorn und zwang dich zu Täuschungen; Hoffnung und Entsetzen ließ ich mit Bedacht in deinem armen Herzen abwechseln; wilde Verzweiflung, Haß und Liebe, banges Sehnen und ängstliche Scheu! Alles, alles versuchte ich an dir, du schöne, anspruchslose Wiesenblume, und du bliebst mir fort und fort ein Rätsel, ein Rätsel über viele, viele Seiten hinweg, durch lange Bände hindurch. Diejenigen, die sich um dich gruppierten, eingriffen in dein Leben, gleichviel ob mit rauher, feindlicher Hand, oder zart und liebevoll, mein Verkehr mit ihnen erreichte sein Ende. Mit Wehmut trennte ich mich von den einen, erleichtert aufatmend von den andern. Ich schloß Gräber über Beweinte, wie über die von einem rächenden Geschick Ereilten, führte freundliche Gestalten an ein beglückendes, friedliches Ziel. Diesen lenkte ich zurück auf die Bahn der Gesittung, jenen ließ ich ungestraft weiter jagen auf den ergiebigen Revieren der Hyänen des Kapitals. Wie im Leben das Geschick, so habe ich ausgeteilt in der Erzählung nach bester Überzeugung, jedem angewiesen seine Stätte, wie er sie selbst sich bereitete. Von allen nahm ich Abschied, nur nicht von dir, du teures Maßliebchen, du anspruchslose, liebliche Wiesenblume. Indem ich mich aber dir allein zuwende, erstehst du vor mir in erhöhter Anmut und Holdseligkeit, und – du bist mir kein Rätsel mehr. Ich sehe dich im Geiste, wie du sitzest vor dem alten, bekannten Hause in der von Jasmin und Rosen eifersüchtig bewachten Ligusterlaube. Dort vor dem kleinen Tischchen, wo niemand dich beobachtet, weder von der Straße, noch von den Fenstern des Hauses aus, weilst du oft stundenlang einsam mit deiner Handarbeit beschäftigt. Du bist ernster, stiller geworden. Deine Freunde achten deine Stimmung, und ob ein süßes Lächeln sie jedesmal lohnt, ungern stören sie dich in deinen Betrachtungen. Deine Betrachtungen aber? Mechanisch lauschest du aus das schrille Zirpen der Heimchen in der nahen Mauer. Es sind dieselben Heimchen, die einst einem glücklichen Herzen lustige Geschichten vom Kosen und Hadern zusangen. Auch dir singen sie ein helles Liedchen, gleichsam deine geheimsten Gedanken begleitend. Sie singen von einem dem Verfall geweihten Gehöft und von wüsten Feldern; sie singen von einem jungen, ernsten Manne mit schwermütigem Blick. Du glaubst seine ruhige Stimme zu hören – Tränen rollen über deine Wangen, die geschäftigen Hände rasten. Dann schreckst du empor. »Landstreicherin!« gellts in deinen Ohren; in deiner Seele brennen die furchtbaren Blicke der Mutter Sarah. Und wiederum erschrickst du wie eine Taube, über die der Schatten des in den Lüften schwebenden Stößers hingleitet; und doch hat nur der Draht leise gerasselt, der von der Pforte aus im Hause die Anwesenheit eines Einlaß Begehrenden verkündet. – Einen Blick warf Maßlieb zwischen dem Blätterwerk hindurch; krampfhaft preßte sie die Hand auf ihr Herz, einige Sekunden zögerte sie noch; dann aber auf einem Seitenpfade durch das Gebüsch um den Giebel des Hauses herumeilend, verschwand sie durch die Hintertür. »Er ist da!« flüsterte sie angstvoll, indem sie vor Meredith auf die Knie sank und die gefalteten Hände flehentlich erhob, »wenn er mich sieht, ich ertrage es nicht – ich muß entfliehen – retten Sie mich – vor ihm –« Meredith betrachtete sie ein Weilchen verständnisvoll. »Beruhige dich,« antwortete sie darauf ernst, Maßlieb sanft zu sich emporziehend, »wohl hätte ich ein Wiedersehen gewünscht, allein wenn du unerschütterlich darauf bestehst, will ich dir keinen Zwang auferlegen. Gehe nur wieder hinein in das Nebenzimmer, wie vor Zeiten. Es ist das geringste, was ich von dir verlangen darf, daß du mein Gespräch mit ihm überhörst, zumal ihn nur der Zweck hierherführen kann, über die Schuldforderung mit uns Rücksprache zu nehmen.« »Ich will nichts von ihm – alles soll er behalten – ich hasse ihn; ich würde ihn verachten – zwänge er mich –« Auf dem Flur ertönten Schritte; Maßlieb verschwand in dem Nebenzimmer, und gleich darauf klopfte es. Noch unter dem vollen Eindruck von Maßliebs Bestürzung hieß Meredith Ulrich mit einer gewissen höflichen Gemessenheit willkommen. »Ich hoffe, Ihre Verhandlungen mit Herrn Maller haben zu einem befriedigenden Resultat geführt,« eröffnete sie alsbald das Gespräch. »Zu gar keinem Resultat,« antwortete Ulrich sichtbar heftig erregt, »nach mehrstündiger Beratung befanden wir uns auf demselben Punkte, von dem wir ausgegangen waren, und ich komme daher mit der Bitte, Ihren Einfluß zu meinen Gunsten geltend zu machen. Es kann mir unmöglich zugemutet werden, Schuldforderungen an meinen verstorbenen Vater als erloschen zu betrachten, weil die schriftlichen Belege dafür verloren gegangen. Ein solches Verfahren steht der Vormundschaft rechtlicherweise nicht zu. In Vertretung der minorennen Hildegard Pattern ist es sogar deren Pflicht, meine Verbindlichkeiten anzuerkennen.« »Ich glaube, sie ist zu nichts gezwungen, was auf unbestätigte Aussagen eines einzelnen Mannes beruht,« versetzte Meredith überlegend. »So bezweifeln Sie mein Wort? Freilich, ich bin nicht in der Lage, solche Zweifel zu verscheuchen,« erwiderte Ulrich tief errötend. »Ihr Wort in Ehren,« bemerkte Meredith, den jungen Mann mit unverkennbarem Wohlwollen betrachtend, »allein können Sie selbst nicht einer Täuschung unterworfen sein?« »Ich zog meine Berechnungen aus den noch vorhandenen Briefschaften meines verstorbenen Vaters,« fiel Ulrich ein. »Und diese Briefschaften ergeben mancherlei, was des verstorbenen Nathans halber, namentlich mit Rücksicht auf dessen Erbin, am besten der Vergessenheit überantwortet würde,« erwiderte Meredith laut genug, um von Maßlieb verstanden zu werden, »außerdem würde, wenn ich nicht falsch unterrichtet bin, bei genauerer Prüfung des vorhandenen unzuverlässigen Materials die Summe sich vielleicht auf den dritten Teil reduzieren lassen.« »Ich erkenne Ihre freundlichen Gesinnungen für mich an,« versetzte Ulrich mit leichtem Spott, »war aber mein Vater zufrieden mit dem ihm vorgeschlagenen Zinssatz und den Prolongationsprämien, so habe ich, sein Andenken ehrend, keine Veranlassung, die von ihm eingegangenen Verträge zu brechen.« »Wenn trotz alledem die ganze Summe berichtigt wäre?« wendete Meredith ein, »es hat sich herausgestellt, daß kurz vor dem Dahinscheiden Ihres Herrn Vaters mehrere Dokumente vergeblich gesucht wurden. Wer bürgt dafür, daß nicht eins derselben eine Generalquittung?« »Ich berufe mich auf das Zeugnis Röchlers,« entgegnete Ulrich schnell; »nach seinen Aussagen, die zu bezweifeln wir keinen Grund haben, bezogen sich jene Dokumente auf verpfändete Pretiosen. Es ist sogar festgestellt worden, daß nur tausend Taler als Pfandsumme auf ihnen ruhen.« »Und Sie kauften dieselben zurück?« fragte Meredith gespannt. »Bis jetzt nicht,« räumte Ulrich ein, und im Tone seiner Stimme prägte sich aus, wie schwer ihm das Geständnis wurde, »sie liegen noch auf dem Gericht; eine kurze Frist bedang ich mir aus, um zu entscheiden, ob ich alles zurückkaufe oder durch einen Teil der verpfändeten Gegenstände selbst die tausend Taler decke. Letzteres wird wohl geschehen; was sollte ich mit Schmuck, durch dessen Anblick nur trübe Erinnerungen in mir wachgerufen würden?« Er lachte vor sich hin, daß es Meredith durch die Seele schnitt; dann fuhr er ruhiger fort: »Doch ich schweife ab von meinem Hauptzweck, und wiederhole noch einmal, daß ich alle nur denkbaren Schritte tun werde, um die drückende Last von meiner Seele zu wälzen. Selbst eine Kreditgewährung auf eine Reihe von Jahren würde ich ablehnen, weil ich die Unmöglichkeit einsehe, unter den obwaltenden Verhältnissen das Gut jemals wieder emporzubringen. Neuer Kredit legt mir neue Verpflichtungen auf, und ich habe mich im Laufe des letzten Jahres durch meiner eigenen Hände Arbeit überzeugt, wie schwer es ist, ohne die entsprechenden Mittel nur für einen einzigen Menschen den Unterhalt einem vernachlässigten Boden zu entwinden. Nein, es ist vorbei, und tief beklage ich den Tod des alten Nathan; das Gut wäre längst subhastiert, den schwersten Schritt hätte ich überstanden und ich wäre frei.« »Aber wie, Herr Ulrich,« nahm Meredith nach einer kurzen Pause das Wort, »wenn die Vormundschaft in dem von Ihnen getadelten Verfahren sich streng an die Wünsche der jungen Erbin hielte?« »Fräulein Hildegard Pattern ist minorenn; sie dürfte bei derartigen Entscheidungen kaum eine Stimme haben,« bemerkte Ulrich kalt. Meredith biß sich auf die Lippen, bezwang indessen ihren Unmut, und obwohl nicht blind dafür, daß die Fortsetzung des Gespräches weitere Prüfungen für Maßlieb in sich barg, hob sie zögernd an: »So lassen Sie alles auf sich beruhen, bis Hildegard Pattern ihre Volljährigkeit erreicht, bis zu dem Tage, an dem sie unumschränkte Besitzerin ihres Vermögens geworden.« »Noch Jahre auf diesem Prokrustesbett liegen?« rief Ulrich leidenschaftlich aus, »noch Jahre hindurch mich winden unter einer Last, die bis jetzt zu tragen nur die Pietät für das Erbe meiner Väter mir die Kraft verlieh? O, Fräulein Kabul, wenn auch geleitet von den freundlichsten Absichten, Sie muten mir Übermenschliches zu. Und ginge ich wirklich auf die Vorschläge der Vormundschaft ein, entschlösse ich mich wirklich, noch einige Jahre zu opfern, planlos zu vergeuden, anstatt mich irgendeiner nützlichen Beschäftigung zuzuwenden, was dann?« »So würden Sie aus dem Munde der jungen Hildegard Pattern rechtsgültig bestätigt hören, was die Vormundschaft vorgeschlagen hat, nur vorschlagen konnte,« erklärte Meredith lebhaft, denn sie meinte, bereits den Sieg halb errungen zu haben. Als Maßlieb aufblickte, gewahrte sie den greisen Komödianten und die Haushälterin in der Tür. Ulrich betrachtete sie ein Weilchen ernst, jedoch nicht unfreundlich. »Man scheint zu glauben,« hob er an, und seine Stimme bebte seltsam, »daß ich mit Rücksicht auf die Übervorteilung meines Vaters durch den alten Nathan mich geneigt zeigen würde, ein Geschenk – nein, ein Almosen von seinen Erben anzunehmen? Doch man täuscht sich. Möge es sich um neunzigtausend Taler handeln oder um einen leeren Bogen Papier, ich besitze einen gesunden Kopf, meine gesunden Arme, bin also nicht in der Lage, fremdes Mitleid für mich in Anspruch zu nehmen, am allerwenigsten von jemand – mag er immerhin tot sein –, dem mein Vater gewiß die schwersten Stunden seines Lebens, wenn auch nur mittelbar, verdankte.« Meredith war während des letzten Teils von Ulrichs Rede unruhig geworden. Sie bedurfte kurzer Zeit, um sich zu sammeln; dann hob sie plötzlich in einem Tone an, als hätte sie den Verlust eines teuren Kleinods zu betrauern gehabt: »Ich begreife die Sie leitenden Empfindungen, und wenn auch nicht mit Ihnen einverstanden, werde ich es doch aufgeben müssen, Ihren einmal gefaßten Entschluß zu bekämpfen. Aber auch Sie mögen es als vergebliche Mühe betrachten, eine andere Entscheidung von seiten der Vormundschaft oder der jungen Waise selber herbeiführen zu wollen. Beide Teile stellen sich auf den Standpunkt des Gesetzes, Ihnen anheimgebend, nach Belieben über die betreffenden Summen zu verfügen. Es bleibt Ihnen also kein anderer Ausweg –« »Kein anderer Ausweg,« fiel Ulrich erregter ein, »als das Gut zu verlassen, in die Welt hineinzugehen ohne die Genugtuung, die Anerkennung empfangen zu haben, daß die Verpflichtungen, die mein Vater einging, von mir gewissenhaft gelöst wurden. O, Fräulein Kabul, ich glaubte die Achtung der Menschen von der Stätte meiner Kindheit mit fortzunehmen; statt dessen wird es heißen, daß es nicht die ehrenhaftesten Gründe gewesen, die mich zu einer heimlichen Flucht veranlaßten. Hahaha, –« und in diesem Lachen offenbarte sich eine so lange mit Gewalt bekämpfte Verzweiflung – »warum ging ich nicht früher? Warum ließ ich mich wie ein Kind durch die Scholle selber fesseln? Warum mich halten durch den Vorsatz, wenn auch nichts weiter, als den fleckenlosen Namen meines Vaters aus den Trümmern zu retten?« »Sie könnten – Sie wollten jene Stätte, an der Ihr Herz mit so viel Liebe hängt, ihrem Schicksal überlassen?« fragte Meredith zweifelnd. »Ihrem Schicksal,« lachte Ulrich herbe, »ist dieses Schicksal nicht längst besiegelt gewesen? Trifft doch nur das ein, was seit Jahren vorbereitet wurde und allein durch Nathans unerwartetes Ende einen Aufschub erfuhr. Nathan wünschte das Gut in seinen Besitz zu bringen, und da er selber nicht mehr lebt, brauche ich nur meiner Wege zu gehen, und es fällt ohne weitere Hindernisse an die Hauptgläubigerin, an Fräulein Hildegard Pattern. »Welche es ausschlagen wird, und müßte sie dafür das tägliche Brot mit ihren schwachen Händen erwerben,« versetzte Meredith heftig. »Fräulein Kabul,« rief Ulrich mit einer gewissen krankhaften Heiterkeit aus, »hinter Ihnen liegen gewiß reichere Erfahrungen, als ich von mir behaupten darf, und dennoch ruft es den Eindruck hervor, als ob Sie die Welt weniger genau von deren unfreundlichster Seite kennen lernten! Stellen Sie die Mehrzahl der Menschen zwischen ein namhaftes Vermögen und den Bettelstab, knüpfen Sie an die Wahl die bösesten Bedingungen, und Sie werden kaum jemand finden, der dem Glanze des Goldes lange zu widerstehen vermöchte. Und wer heute noch, edleren Regungen nachgebend, Verzicht auf Fülle und Reichtum leistet – o, Fräulein Kabul, unter hundert Fällen ist kaum einer, in dem nach Ablauf einiger Jahre nicht Reue erwachte und zugleich der Wunsch, den begangenen Fehler wieder auszugleichen!« »Und diesen einzigen Ausnahmefall würde Hildegard Pattern bilden,« eiferte Meredith, gänzlich vergessend die Nähe Maßliebs, »wie heute, so würde sie nach Jahren es als eine – als eine Gefälligkeit von Ihnen betrachten – nein, mehr noch – mit Entrüstung würde sie die Zumutung zurückweisen, sich durch eine Geldsumme zu bereichern, an die kein Anrecht zu haben sie überzeugt ist.« »So würde ich ihr ebenso wie heute, den ganzen Betrag oder vielmehr das Gut vor die Füße werfen,« ließ Ulrich sich in seiner verzweifelten Stimmung hinreißen, »wie von dem alten Nathan so von ihr –« Meredith war aufgesprungen, nahm aber sogleich wieder Platz, ihre Hand abwehrend gegen Ulrich erhebend. Ihr Antlitz hatte sich entfärbt, um ihre Lippen zuckte es wie verhaltener Schmerz. »Kennen Sie Hildegard Pattern?« fragte sie vorwurfsvoll, und durchdringend blickte sie in die Augen des jungen Mannes. »Nein, Fräulein Kabul,« erwiderte dieser beschämt – »verzeihen Sie meine Leidenschaftlichkeit – nein, ich kenne sie nicht, und ich verspüre auch nicht die leiseste Neigung, diejenige kennen zu lernen, die sich – nun – ich will annehmen: aus jugendlich freundlicher Laune zu meiner Wohltäterin aufwerfen möchte. Nein, ich will sie nicht kennen lernen, will ihr und mir das Peinliche einer solchen Zusammenkunft ersparen.« »Sie würden Ihr Urteil ändern,« versetzte Meredith, und ängstlicher blickten ihre Augen. »Nimmermehr, Fräulein Kabul,« entschied Ulrich, und er reichte Meredith mit einer gewissen zutraulichen Höflichkeit die Hand, dann fuhr er beinahe bittend fort: »Wie bei Herrn Maller, so ist auch hier mein Besuch resultatlos geblieben, nur der Unterschied waltet, daß ich von hier, erzeugt durch Ihre Herzensgüte und den Wunsch, alles zu einem guten Ende zu führen, freundlichere Eindrücke mit fortnehme.« Er lachte sorglos, wenn auch nicht frei von Bitterkeit, und gleichsam schmeichelnd sprach er weiter: »Würde es mich jetzt doch kaum noch überraschen, wenn Sie mir vorschlügen, den gordischen Knoten mit einem Schlage zu durchhauen und mit Fräulein Hildegard Pattern mich zu verheiraten.« Merediths Atem stockte, und suchend nach einem Auswege aus der peinlichen Lage, antwortete sie fast tonlos: »Wäre das etwa ein Unglück?« »Eine Heirat sollte ich als Mittel benutzen, mein zerfallenes Gut und die wüste Feldmark neu zu beleben?« fragte Ulrich geringschätzig; »nimmermehr! Da indessen unser Gespräch einmal die scherzhafte Wendung nahm,« lenkte er herzlicher ein, »so will ich meine Weigerung von einer freundlicheren Seite beleuchten. Ich bin vielleicht Phantast, und es kann kaum anders sein bei dem vollständig zurückgezogenen Leben, das ich seit länger als Jahresfrist führte und in dem ich mehr als jeder andere Gelegenheit fand, mich in Grübeleien und oft in recht düstere Grübeleien zu versenken. Ich beschäftigte mich sogar mit Idealen, und es entstanden Bilder in meiner Phantasie, in den nicht Glanz und Reichtum – wie es wohl meinem Lebensalter angemessen gewesen wäre – den Mittelpunkt bildeten, sondern Armut sich zur Armut gesellte zu regem Schaffen, zur Begründung eines dauernden Glückes. Seltsamerweise fällt in diesen idealen Entwürfen die Hauptrolle einem Wesen zu, das ich nie in meinem Leben sah. Ich erinnere Sie an einen früheren Besuch, bei dem ich den Eindruck schilderte, den eine jugendliche Mädchenstimme auf mich ausübte. Arme Leute sangen und spielten vor meiner Tür, und ich war so ergriffen von der ganzen Art des Vortrages, daß ich darüber verabsäumte, hinauszugehen und sie persönlich zu begrüßen. Ich sollte es vielleicht nicht bereuen; denn das Bild der Wirklichkeit wäre sicher hinter dem meiner Phantasie zurückgeblieben, und um einen freundlichen Traum, oder vielmehr um eine ausgiebige Quelle zu freundlichen, bis zu einem gewissen Grade sogar tröstlichen Träumereien hätte ich mich selber gebracht.« Er stockte und blickte, wie in das Anschauen einer lieblichen Szene versunken, vor sich nieder. Er sah daher nicht, wie es auf Merediths Zügen arbeitete, wie in ihren guten Augen ängstliche Spannung und tiefe Rührung um den Vorrang kämpften. »Was hindert Sie, jener geheimnisvollen Sängerin das Bild eines jungen Wesens zu verleihen, an dessen Seite Sie hoffen dürften, das Ihnen so verlockend erscheinende Ziel zu erreichen?« brach Meredith endlich wieder das Schweigen. Wie aus tiefem Schlaf erwachend, sah Ulrich empor. Ein herbes Lächeln ruhte auf seinen Zügen. »Fast möchte ich glauben,« bemerkte er gutmütig, »daß es mit dem Vorschlage betreffs des Fräuleins Hildegard Pattern ernstlich gemeint gewesen. Aber es ist vorbei, und fände ich in ihr einen Engel der Anmut und Herzensgüte, und wäre sie wirklich geneigt, einem zu früh gealterten Sonderling ihre Hand zu reichen, so würde dadurch nimmermehr die unübersteigliche Scheidewand beseitigt, die jene leidige Vermögensfrage mit ihren Ursachen und Folgen zwischen uns errichtete. Doch abgesehen von diesem allem – und wiederum muß ich mich als einen Sonderling anklagen –« schaltete er heiterer und lebhafter ein, »wäre es auch zu spät. Denn zu jener Stimme fand sich längst ein Bild, das ich gern in meine phantastischen Grübeleien verflechte und bereits so innig verflocht, daß es von jener Stimme unzertrennbar geworden, ein Bild, das Ihnen selbst nicht fremd, das wie ein Traum unter Ihrem Dach erschien und wieder verschwand, und dessen ich selbst eben nur als einer holden Vision zu gedenken vermag.« »Maßlieb – Maßlieb Kabul,« brachte Meredith mühsam hervor unter dem Andrange ihrer Empfindungen; denn erfüllte auf der einen Seite Ulrichs Schilderung sie mit freudigem Erstaunen, so unterschätzte sie auf der anderen nicht die Wirkung seiner Worte auf Maßlieb, als er der unübersteiglichen Kluft erwähnte. »Ja, Maßlieb nannten Sie das rätselhafte junge Mädchen mit dem schüchternen Blick und dem sprechenden Ausdruck leidvoller Erfahrungen. Doch das ist alles dahin –« er erhob sich, um sich zu verabschieden – »und bleibt es auch nur ein phantastischer Traum, er soll mir viel tausendmal willkommen sein in der nackten Wirklichkeit eines nüchternen Lebens.« Begleitet von Meredith war er auf den Flur hinausgetreten. »Sie beharren störrisch auf Ihren Willen?« fragte Meredith noch im letzten Augenblick in der Haustür, als Ulrich ihr die Hand zum Abschied reichte. »Störrisch,« erwiderte Ulrich entschieden, »für mich gibt es nur zwei Möglichkeiten: entweder der Verkauf des Gutes wird binnen kürzester Frist bewirkt und mir dadurch Gelegenheit geboten, mich mit meinen Gläubigern auseinanderzusetzen, oder ich antworte auf eine Weigerung von seiten der Vormundschaft damit, daß ich augenblicklich abreise und ein schwer zu entwirrendes Chaos in den Händen irgendeines beliebigen Rechtsanwalts zurücklasse. Wohin ich mich wende, mag Gott wissen.« – – – Meredith schien noch etwas auf dem zu Herzen haben, denn sie begleitete den Scheidenden, ganz gegen ihre Gewohnheit, bis an die Straßenpforte. Ihr war, als hätte sie ihn mit Gewalt zurückhalten müssen und doch bebte sie vor der Enthüllung eines Geheimnisses, das sie nicht als das ihrige betrachtete, wie vor einem Abgrunde zurück. Hatte es doch bisher ihrer peinlichsten Aufmerksamkeit bedurft, zu verhüten, daß Ulrich durch andere über Maßliebs Beziehungen zu Hildegard Pattern unterrichtet wurde. Um den Rasenplatz herumschreitend, führten sie daher eine Unterhaltung, wie wohl zwischen Personen geschieht, die der Zufall miteinander bekannt machte, um sie bald darauf wieder nach verschiedenen Himmelsrichtungen zu entführen. Sie sprachen vom Wetter und von der Jahreszeit, von dem Duft der Rosen und den betäubenden Eigenschaften des blühenden Jasmin. Und als Ulrich endlich vor der Gitterpforte von Meredith schied, da meinte er mit bedauerndem Ausdruck und einem freundlichen Blick: »Auf Nimmerwiedersehen! –« Maßlieb befand sich um diese Zeit noch in dem Nebenzimmer. Sie lag auf den Knien, die Arme auf einen Sessel gestützt und ihr Antlitz in beide Hände vergraben. Erst als sie Meredith eintreten hörte, erhob sie sich, und festen Schrittes und mit aufrechter Haltung ging sie ihr entgegen. Ihre Augen waren trocken, ihr liebes Antlitz dagegen bleich, erschreckend bleich. »Das war eine schwere Stunde für mich,« flüsterte sie, wie aus Besorgnis, daß ihr Geheimnis von den ringsum hängenden Altertümern hätte weiter getragen werden können. »Und ich handelte in deinem Sinne?« fragte Meredith tief ergriffen. »Ich werde ihn nicht wiedersehen,« antwortete Maßlieb, »das ist alles, was ich hoffen und wünschen konnte.« Sie vermochte nicht, weiter zu sprechen. Ihre Arme ausbreitend, sank sie an Merediths Brust. Ihre Fassung, die sie mit äußerster Anstrengung bewahrte, sie war dahin. Sie weinte so bitterlich, als hätte das junge Leben, vereinigt mit ihren Tränen, der gequälten Brust entströmen wollen. Siebenunddreißigstes Kapitel. Durch Nacht zum Licht. Nicht ohne Besorgnis sah man im Hause der Altertümlerin den Abend hereinbrechen. Was von der Karussellmutter begonnen, was durch die späteren Ereignisse in Mutter Sarahs Raubhöhle und im Hause Nathans gefördert und gezeitigt worden, das schien Ulrichs Besuch und das zwischen ihm und Meredith gepflogene Gespräch zum Abschluß gebracht zu haben. Tiefe Niedergeschlagenheit hatte sich Maßliebs bemächtigt. Auf ihrer Seele ruhte es sichtbar wie ein schwerer Bann; wenn ihre Augen auch freundlich lächelten, von ihren Wangen war die Farbe jugendlicher Lebenskraft gewichen, und um die frischen Rosenlippen lagerte es, als hätte sie in bitterliches Weinen ausbrechen mögen; und doch verließ kein Laut der Klage dieselben. Liebevoll, wie man ihr begegnete, hatten auch ihre Ausdrücke innigster Zuneigung und Dankbarkeit keine Wandlung erfahren, aber in Blick und Wort offenbarte sich eine gewisse Befangenheit, der stille Wunsch, allein zu sein. So war der Rest des Tages dahingegangen und Nacht senkte sich auf die Stadt, als Maßlieb sich endlich zur Ruhe begab. Ihr Abschiedsgruß von allen war ein fast herzlicherer, als gewöhnlich. In ihren Augen perlten sogar Tränen, als sie nach alter Weise Merediths Hand küßte und sie flüsternd bat, zu verzeihen alle die unruhigen Stunden, die sie ihr schon bereitet habe und wohl noch bereiten werde. Dann besuchte sie den alten Schwärmer in seinem Giebelstübchen, und bald darauf war es so still im Hause, als ob es ausgestorben gewesen wäre. Nur in dem Gemache, das Maßlieb ausschließlich für sich allein angewiesen erhalten hatte, brannte noch lange Licht, wie um heimlich nahende und gefürchtete Träume zu verscheuchen. Im Osten begann das nächtliche Dunkel sich zu lichten, als die Tür von Merediths Hause geräuschlos geöffnet wurde, und zwei Gestalten in den Garten hinausschlüpften. Ebenso geheimnisvoll traten sie auf die Straße hinaus, wo sie sogleich mit hastigen Schritten dem Innern der Stadt zueilten. Des alten Schauspielers Giebelstübchen war leer, es fehlte sogar die Gitarre, die in ihrem grünen Überzug zu Häupten seines Bettes zu hängen pflegte. Auch Maßliebs Zimmer war vereinsamt; ihr einfaches Kleid und das rote Kopftuch, das sie in früheren Zeiten zu tragen pflegte, hatte sie nur mitgenommen. Auf dem Tisch lag dagegen ein Brief an Meredith. Unter den Beteuerungen innigster Anhänglichkeit und ewiger Dankbarkeit beschwor sie ihre mütterliche Freundin, nicht nach ihr zu forschen oder besorgt um sie zu sein. »Wie ich gekommen, werde ich gehen,« schloß sie die mit kindlicher Einfachheit niedergeschriebenen Mitteilungen, »ich folge dem unwiderstehlichen Drange meines Herzens; wohin er mich führt, Gott mag es wissen. Mir ist, als hätte ich eine heilige Pflicht zu erfüllen, um anderer, um meiner selbst willen, und ist das geschehen, und drohen Angst und Not mich zu verzehren, dann weiß ich, wohin ich immer wieder flüchten darf, um den Frieden meiner Seele zurückzugewinnen.« Weit, weit befanden Maßlieb und ihr greiser Begleiter sich von der trauten Heimatsstätte, als das erste Wort zwischen ihnen gewechselt wurde. Die letzten Häuser der Vorstadt waren bereits hinter ihnen zurückgeblieben. Sie wandelten dieselbe Straße, wie vor beinahe Jahresfrist. Wie damals legte auch heute der weiße Chausseestaub sich auf ihre Kleider. Klar wie damals war der Himmel, und in Milliarden von Tautropfen spiegelte sich die aufgehende Sonne. Doch was damals ihr Herz erfreute, sie gleichsam tröstlich begrüßte, heute wandelten sie stumm vorüber. Sie hörten nicht den Jubel der in die Lüfte steigenden Lerchen, sahen nicht das gesättigte Grün dicht belaubter Waldbäume und reich gesegneter Fluren. Auch Sonntag war es nicht. Marktwagen begegneten ihnen, Milchmädchen und Arbeiter, die ihren Feldbeschäftigungen nachgingen. Maßlieb hatte das rote Kopftuch tief über ihre Stirn gezogen gegen den Sonnenbrand, auch gegen die Blicke der ihnen begegnenden Leute, von den sie meinte, daß sie ihr bis ins Herz hineinzuschauen vermöchten. Sie empfand weder Hunger noch Durst, noch verriet sie Neigung zu rasten auf grasreichem Grabenufer oder im Schatten des Waldes. Aber dem alten Manne bot sie wie vor Zeiten den Arm, um ihn zu stützen, ihm das Gehen zu erleichtern. Dabei erzählte sie, daß er ihr bester Freund sei und der einzige Sterbliche in der Welt, von dem sie einen derartigen Liebesdienst habe erbitten können. Daß sie nur noch ein einziges Lied von ihm begleitet zu haben wünsche, und dann nie, nie wieder in ihrem Leben zum Gesange ihre Lippen sich öffnen würden. Indem sie aber also sprach, meinte der alte Mann, daß ihm vor Wehe das Herz brechen müsse; denn es klang ihm wie ein letzter Wille, wie ein letztes Aufatmen heiterer Jugendkraft vor ihrem Dahinsinken in düsteren unheilbaren Gram. Zerknirscht beteuerte er ebenfalls, dem alten Instrument nie wieder einen Ton entlocken zu wollen, und müßte er deshalb eines gräßlichen Hungertodes sterben. Nicht einmal Trostworte standen ihm zu Gebote, eine solche Entschiedenheit offenbarte sich in seines Lieblings Wesen. Wehmutsvoll gedachte er jener Tage, da sie vereinigt um eine Stückchen Brot und Pfennige spielten und sangen. Damals trieb sie die Not und dennoch schauten sie so wohlgemut in die Zukunft; und heute? Ach, heute mußte die Not noch viel, viel größer sein, da Maßlieb sich dazu entschloß, alle Liebe und alle Freundschaft hinter sich zurückzulassen und sich aufs neue planlos in die Welt hineinzustürzen. Den Grund, gern hätte er ihn gewußt, und doch wagte er nicht, danach zu fragen, noch weniger einen Tadel auszusprechen. Und so wanderten sie ihres Weges, still und in sich gekehrt, als hätten sie sich in einem Trauerzuge befunden. Sie wanderten dahin, unbekümmert darum, daß die Natur ringsum ihnen aus vollem Herzen zulachte, jede Blüte am Wege, jeder Vogel unter seinem Laubdach sie zur Lust und Freude aufzufordern schien. Hinter ihnen hüllte die Stadt sich in einen duftigen Nebelschleier; vor ihnen tauchten die Strohdächer eines Kirchdorfes aus grünen Obstgärten empor. Dasselbe Dorf, in dem sie einst einer unbekannten Toten die letzte Ehre erwiesen! Dasselbe Dorf und doch erschien es ihnen so fremd! Die Häuser waren leer; nur hin und wieder ein altes Mütterchen und einige sich im Staube balgende kleine Kinder. Was Arme zum arbeiten hatte, befand sich draußen auf dem Felde; und die heranwachsende Dorfjugend? Sie kamen an einem stattlichen Hause vorbei. Die Fenster desselben waren weit geöffnet; eine laute Männerstimme drang zu ihnen heraus; die Worte verstanden sie nicht, allein sie klangen belehrend, und als sie verstummten, da sangen wohl fünfzig helle Kinderstimmen vom schönen Monat Mai, der alles so frisch frei mache, daß Maßlieb vor Rührung heiße Tränen über die Wangen rollten und sie, anstatt den alten Mann zu unterstützen, sich selber auf seinen Arm lehnte. Die Kirche erkannten sie von fern wieder. Sie war verschlossen; auch die Friedhofspforte, sie wären sonst hingegangen, um sich zu überzeugen, daß man auch in einem Dorfe mit treuer Liebe der Dahingeschiedenen gedenke. Heute war niemand zur Hand, der sie gastfrei an seinen Tisch führte, ihnen nach Beendigung der Mahlzeit ein glückliche Reise wünschte. Auch war die Mittagsstunde noch nicht da. Aber eine Erfrischung erbaten sie sich im Dorfkruge, und angemessen bezahlten sie dieselbe, anstatt, wie wohl früher geschah, durch Spiel und Gesang sich dankbar zu beweisen. Und nach kurzem Säumen verfolgten sie ihren Weg weiter aus dem Dorfe hinaus und durch einen schattigen Wald, und dann wieder an wogenden Saatfeldern vorbei, wo die hohe Mittagsglut sie mit voller Gewalt traf. Aber sie waren unermüdlich, das hinfällige Greisenalter wie holde Jugendanmut. Erst nachdem sie die Grenze überschritten hatten, auf deren anderer Seite wüste Brachfelder ihnen von allen Seiten entgegenstarrten, erklärte Maßlieb, ein Weilchen rasten zu müssen. Auf das Ufer eines halb zugewucherten Grabens setzten sie sich nieder, so daß in nicht allzu großer Entfernung ein zerfallenes Gehöft sich in ihrem Gesichtskreise befand. Schweigend blickten sie hinüber. Der alte Schauspieler verglich in Gedanken sich selbst mit den öden Flächen, die, des pflegenden Beistandes der Menschen beraubt, sich in eine traurige Wüstenei verwandelten. Maßlieb hatte ein Männertreublümchen abgepflückt. Einen langen Blick sandte sie nach dem Wohnhause des Gutes hinüber, und als sie wieder auf ihre Hand sah, da war das himmelblaue Sternlein abgefallen. Sie erschrak und meinte, daß sie selber die so leicht jedem Hauch erliegende Blüte gewesen, und ihrem greisen Begleiter emporhelfend, bat sie ihn schmeichelnd, nur noch eine kurze Zeit auszuhalten, nur so lange, bis sie auf dem Gute ihr letztes Lied gesungen; dann wollte sie ihm folgen, wohin nur immer sein Sinn stehe. Und weiter wanderten sie auf einem wenig befahrenen Feldwege, vorbei an verödeten Weiden, vorbei an einer Fläche mit Feldfrüchten bestellten Ackerlandes, etwa so groß, wie ein einzelner Mann mit zwei Pferden im Laufe der Frühlingsmonate zu bearbeiten vermag. Ein Pflug lag dort. Sinnend betrachtete Maßlieb die glattgegriffene Handhabe. Sie erriet, wer sie, Furchen ziehend, zuletzt gehalten, wer die in frohen Knabenjahren spielend angeeignete Fertigkeit im reiferen Alter als Mittel zu einem kläglichen Broterwerb benutzt hatte. Bevor sie nach dem Hofe hinaufgingen, zog Maßlieb das rote Tuch noch tiefer über ihr Antlitz. Ein Weilchen zögerte sie, wie zurückbebend vor einer ihr unausführbar erscheinenden Aufgabe. Plötzlich ergriff sie Schwärmers Hand. »Verlassen Sie mich nicht,« flüsterte sie bleichen Antlitzes und schwer atmend, »nur noch wenige Minuten leihen Sie mir Ihren Schutz; mag dann kommen, was da wolle, keine Klage soll über meine Lippen dringen. Nur noch dies eine – mein letztes Lied –« Hastig zog sie den greisen Komödianten mit sich fort, und bald darauf standen sie in der offenen Tür des geräumigen Hausflurs. Schwärmer hatte bereits vorher die Gitarre aus dem Überzug genommen und gestimmt. Einige Akkorde schlug er an, und: »In einem kühlen Grunde« tönte es der Verabredung gemäß silberklar und doch sanft durch das öde Haus, daß es mit einem Traume zu vergleichen gewesen wäre, wie solcher die am einsamen Ort über unergründlicher Tiefe sich verschlafen wiegende Wasserlilie beschleichen mag. Nichts rührte sich; das Gebäude schien in der Tat ausgestorben zu sein. Bis in die entferntesten leeren Räume drang der süße Gesang. Indem aber Strophe auf Strophe folgte, schwollen die glockenreinen Töne wie nie zuvor. Aber auch nie zuvor war Maßlieb in so hohem Grade von dem unbewußten Trachten durchdrungen gewesen, ihr bestes zu leisten. Es war ihre Seele, was sie in den Gesang legte; ihr Leid und ihr Bangen, ihr Sehnen und ihr Hoffen, den Geliebten, bevor er in unbekannte Fernen floh, durch ihre Stimme süßen Trost in das vereinsamte Herz zu senken, ihn um eine letzte freundliche Erinnerung zu bereichern. Ihr Antlitz, unkenntlich durch die Falten des roten Tuches, hatte sie dem Hofe zugekehrt, wie in Furcht vor den weit offenstehenden, in das Innere des Hauses führenden Türen. Zugleich aber lauschte sie mit tödlicher Spannung nach der Richtung hinüber, in der sie den Herrn des Hauses vermutete. Sie war am Schluß des Liedes angekommen. »Am liebsten möcht ich sterben, Dann wär's auf einmal still –« wiederholte sie noch einmal unbeschreiblich zart und innig, als hätte sie in diese Worte einen letzten Abschiedsgruß verflechten wollen. Da vernahm sie das Knistern des Sandes unter behutsam einherschreitenden Füßen. Sie sah niemanden, allein sie wußte, wer aus dem Zimmer auf den Flur getreten war und, stehenbleibend, die beiden wandernden Musikanten betrachtete. Mit dem letzten ersterbenden Hauche des Liedes ergriff sie daher Schwärmers Hand, um ihn mit fortzuziehen. Dieser dagegen leistete Widerstand. Er meinte, einer Pflicht zu genügen, als Ulrich sich ihm näherte, offenbar um ihn anzureden. »Heute treffen Sie zu einer günstigeren Zeit ein,« hob eine Stimme an, die Maßlieb bis in ihr armes, banges Herz hinein erbeben machte, »wer mir einen so freundlichen Genuß bereitete, der soll nicht von dannen gehen, ohne das Mittagbrot mit mir geteilt zu haben.« Er trat seitwärts, um einen Blick in Maßliebs Antlitz zu gewinnen, aber vergeblich. Sie hatte das Haupt gesenkt; nur einige schwarze Locken quollen unter dem faltigen, roten Tuch hervor. »Ich bedaure,« stotterte Schwärmer auf die Einladung, und er gab Maßliebs krampfhaftem Drängen nach, »unsere Zeit ist sehr kurz bemessen – wir müssen fort – in dem letzten Dorfe, durch das unser Weg führte, fanden wir Gelegenheit, uns zu erfrischen.« »Um ein anderes Lied würde ich also vergeblich bitten?« fragte Ulrich befremdet, und aufmerksamer betrachtete er die Gestalt des jungen Mädchens, das den greisen Komödianten noch immer nach sich zog. »Ich bedaure,« antwortete Schwärmer wiederum in seiner Not, »Sie sehen, ich glaube, meine Begleiterin – nein, die Anstrengung und die Hitze –« »Gut, gut,« versetzte Ulrich bitter einfallend, »zum Singen kann niemand gezwungen werden – obwohl es mir eine sehr große Freude bereitet hätte, die schöne Stimme – doch ich sehe, meine Worte fallen auf keinen günstigen Boden; nehmen Sie wenigstens dies,« und wie vor Zeiten reichte er auch jetzt wieder dem alten Mann einen Taler. Schwärmer war Maßlieb auf den Hof hinaus gefolgt. Aus dem heftigen Zucken ihrer Hand erriet er, daß sie eine Weigerung der Annahme des Geldes verlangte. Bei ruhiger Überlegung hätte sie diese Bewegung vermieden. Schwärmer hätte das Geld dankend eingesteckt und ungehindert wären sie vom Hofe hinuntergegangen. Als Ulrich aber sah, daß der alte Mann, anstatt die Gabe anzunehmen, mit unverkennbarer Befangenheit sich verabschiedend grüßte, stieß er ein unsäglich bitteres Lachen aus. »Sogar die Armut wendet sich in Verachtung von mir,« sprach er vor sich hin, jedoch laut genug, um von den Davonschreitenden verstanden zu werden, »nun, auch das muß getragen werden,« und wiederum sich selbst verlachend, kehrte er ins Haus zurück. Er hatte die Tür des Zimmers noch nicht erreicht, als er plötzlich seine Hand ergriffen und krampfhaft gedrückt fühlte. Befremdet trat er zur Seite, und dann blickte er in ein Antlitz, von dem er glaubte, daß es nur in Träumen den Weg zu ihm finden würde. Das rote Tuch hatte Maßlieb in der Hast ihrer gleichsam unbewußten Bewegung zurückgeworfen; die sonst so frische Lebensfarbe ihrer Wangen war erloschen, in ihren großen Augen aber ruhte der Ausdruck jemandes, der, hinabgeschleudert ins stürmisch bewegte Meer, in der nächsten Sekunde von den schäumenden Wogen verschlungen und begraben zu werden erwartet. »Niemand verachtet Sie,« entwand es sich flüsternd ihren bebenden Lippen –, ihre Sprache stockte, und indem sie jetzt erst zu dem eigentlichen Bewußtsein ihrer Lage gelangte, breitete flammende Glut sich über ihre lieblichen Züge aus. Die Augen aber, die sie mit einem unbeschreiblichen Ausdruck freudigen Erstaunens auf sich gerichtet sah, flößten ihr Todesangst ein. Wie um deren Blick zu entfliehen, hob sie die krampfhaft gehaltene Hand empor, und ihr Antlitz über dieselbe hinneigend, brach sie in so heftiges Schluchzen aus, daß nur einzelne ihrer Worte des noch immer sprachlosen Ulrichs Ohr verständlich erreichten. »Ich wußte nicht, was ich tat,« tönte es leise zwischen dem Schluchzen hindurch, »Verzeihung – nun will ich wieder gehen –« Sie richtete sich empor, und wie aus Angst vor den auf ihr ruhenden Blicken das Haupt gesenkt, schwankte sie der Haustür zu. Kaum zwei Schritte hatte sie zurückgelegt, da stand Ulrich wieder vor ihr. »Maßlieb,« sprach er tiefbewegt und doch im hellsten Jubelton, »ist es denn wahr? Sind Sie es selber? Ist es kein Traum? War die süße Stimme die Ihrige? Sind Sie dasselbe rätselhafte Wesen, dem ich einst im Hause jener Altertümlerin begegnete?« Maßlieb vermochte nicht zu antworten, aber willig duldete sie, daß Ulrich sie in das Wohnzimmer führte und dort sanft auf einen Stuhl niedergleiten ließ. »Die Armut zur Armut,« sprach er dabei, und wies auf die leeren Wände und den einfach gedeckten Tisch, »du aber, du mein geliebtes Maßliebchen, ich frage dich nicht, woher du kommst, nicht, wohin du deine Schritte lenktest. In deinen Blicken las ich die Verwirklichung meiner Träume, und das ist mir alles. Arm, wie du sein magst, bringst du mir dennoch des Himmels reichste Schätze. Sei mir daher vieltausendmal gegrüßt, du mein Sehnen und Hoffen! Sei mir gegrüßt in deiner Armut, in deiner Dürftigkeit; sei mir gegrüßt mit deinen Augen, in denen dein liebes, liebes Herz sich so getreulich spiegelt! Sei mir gegrüßt, wie du dasitzest, mit deinem Bangen und Zagen, mit deinem Zweifeln und Hoffen! Sei mir gegrüßt, wie du hervorgegangen aus Mißgeschick und Widerwärtigkeiten, und wie du längst, längst eine Stätte in meinem durch die Wucht der Ereignisse bereits erkaltenden Herzen fandest! Nicht um die Welt möchte ich dich anders haben, als ich jetzt dich vor mir sehe! Denn ein guter Gott hat dich dahin geführt –« und inniger, wärmer erklang seine Stimme –, »wohin du gehörst: an meine Seite, an mein Herz, von wo keine Macht dich mehr fortzureißen vermag.« Er schwieg und betrachtete leuchtenden Blickes und mit atemloser Spannung die holde Gestalt, die dasaß, als wäre sie bereits der Erde entrückt gewesen. Die Augen wagte sie nicht zu erheben. Wunderbar verlockende Bilder schwebten ihrem Geiste vor. Es regte sich die unbestimmte Hoffnung, das Verlangen, die Sehnsucht, in ihre frühere Dürftigkeit zurückzusinken, zu verleugnen Herkunft und Reichtum, auf nichts mehr Anspruch zu erheben, als auf den Namen Maßlieb, nur auf die einzige Aufgabe, ihm dienen und treu sein zu dürfen, ihm, der nicht nach dem Woher und Wohin fragte, ihr seine Arme entgegenbreitete, ihr ein Herz bot voll lauterer, unvergänglicher Liebe. »Maßlieb,« hob Ulrich nach einer längeren Pause an, während der er, hingerissen von Bewunderung des süßen Bildes der Geliebten, im Geiste gleichsam gemeinschaftlich mit ihr rang gegen jungfräuliches Zagen und verschämtes Bangen, »ich habe dir nichts zubieten als mein Herz; du dagegen befreist mich aus den Fesseln, in die unverschuldetes Mißgeschick mich einschnürte, bahnend den Weg der finsteren Dämonen des Hasses und der Verbitterung. Hier stehe ich vor dir –« und seine Stimme zitterte angesichts der Regungslosigkeit Maßliebs, und wie um die seiner Seele vorschwebenden Bilder festzubannen, legte er seine Hand auf das gesenkte teure Haupt, »hier stehe ich vor dir, nicht Herr der kleinen Stätte, auf der meine Füße ruhen, nicht Gebieter der Luft, die ich zwischen diesen öden Mauern einatme. Man hat mir Wege angedeutet, bis zu einem gewissen Grade sogar angebahnt, auf den ich bald wieder zu Reichtum mich emporschwingen könnte, allein mit Verachtung wies ich alles zurück. Man zeigte mir ein Bild sorgenfreien Familienlebens – wenn vielleicht auch nur scherzweise – doch auch das hatte keinen Reiz für mich, drohte vielmehr die günstige Meinung zu erschüttern, die ich seit lange von anderen hegte. Ja, Maßlieb, alles, alles verwarf ich mit Entrüstung. Die Anerbietungen freundlich gesinnter Menschen, wie die Opfer eines noch unselbständigen, mit einer gewissen Überspannung urteilenden Wesens, das sich vielleicht in der Rolle gefiel, als meine Wohltäterin aufzutreten; alles verwarf ich, während dein liebes Antlitz mir vorschwebte, deine süße Stimme unablässig in meinem Herzen vibrierte. Dir aber, die du vor mir sitzest im vollsten Reichtum der von einer gütigen Natur dir verschwenderisch verliehenen Vorzüge, die du außer diesen Schätzen nichts dein Eigentum nennst, dir biete ich aus dem tiefsten Grunde meiner Seele alles, worüber ich frei verfüge, ich biete dir meine unwandelbare Liebe, eine über das Grab hinausreichende treue Zuneigung. »Maßlieb, du bebst – du versagst mir den Blick in deine freundlichen Augen – ich besitze keine Heimstätte, um dich in dieselbe einzuführen; aber zu dir sprechen kann ich und heilig beteuern: wohin du ziehst, ich will dich begleiten; die Vergangenheit will ich aus meinem Leben streichen; von Tür zu Tür will ich mit dir gehen, in dir allein alles suchen, was mir bisher versagt geblieben: meines Lebens Glück, meines Lebens Freude.« Maßlieb regte sich immer noch nicht; aber die gefalteten Hände rangen sich ineinander, und tiefer, wie der letzten Kraft beraubt, neigten sich Haupt und Oberkörper über dieselben hin. Ulrich erbleichte, indem er mit unsicherer Stimme, jedoch mehr wie zu sich selbst sprechend, fortfuhr: »Soll auch dieser, mein letzter, mein süßester Traum zerrinnen, nachdem er kaum die Farben und Formen der Wirklichkeit gewann? Soll in Nichts versinken ein ganzes Leben, das, trotz des Erbleichens früherer, wohlberechtigter kühner Hoffnungen, sich dennoch so gern an ein holdes Liebesglück angeklammert hätte?« Er sprach noch, da war Maßlieb emporgesprungen. Ein Weilchen schien sie zu schwanken, wohin sie sich flüchten sollte. Ihre Blicke hingen, wie um Erbarmen flehend, an seinen Zügen. Ihre Wangen glühten, es verkürzte sich ihr Atem und heiße Tränen entstürzten ihren Augen. Dann aber Ulrich beide Hände reichend, duldete sie, daß er sie an seine Brust zog, ihre Lippen küßte, und sie sein eigen nannte. Sie duldete, daß er ihr Haupt sanft an seine Schulter lehnte, ihr beteuerte, daß nichts in der großen, weiten Welt mehr zwischen sie treten könne, sie hinausziehen wollten, um fern den Stätten trüber Erinnerungen sich eine neue Heimat zu begründen. Wie in süße Bewußtlosigkeit versenkt, aus der zu erwachen sie fürchtete, lauschte Maßlieb seinen Worten. Ihr fehlte die Sprache, fehlte der Mut, über die Gegenwart hinauszudenken in die Zukunft, von der sie meinte, daß sie wie ein Abgrund sich vor ihr öffne. Aber fester schmiegte sie sich an Ulrich an. So verrannen Minuten, der armen Maßlieb selige und doch so bange Minuten. Ein unmelodischer schriller Ton schreckte beide aus ihrem Taumel, und als sie hinüberschauten, erblickten sie den greisen Komödianten in der Tür. Tränen befeuchteten seine eingefallenen Wangen; unter dem krampfhaften Griff, mit dem er die Gitarre hielt, war eine Saite gesprungen. Ihm über die Schulter lugte die alte Haushälterin, freudiges Erstaunen in ihren Zügen, einen heiligen Segenswunsch auf den Lippen. – Draußen brannte die Sonne mit sengender Mittagsglut auf das zerfallene Gehöft und die brachen Felder nieder. Die über dem erhitzten Erdboden lagernde Atmosphäre zitterte. Im Schatten ruhten die Vögel. Die rastlosen Bienen badeten sich wollüstig im Blütenstaub. In dem alten Wohnhause gelangten immer neue Empfindungen frohen Hoffens zum Ausdruck. Nur Maßlieb schien sich ihres Glückes nicht freuen zu können. Selbst Ulrichs zärtlichste Aufmerksamkeiten genügten nicht, eine ängstliche Befangenheit aus ihrem Wesen zu verscheuchen. Schüchtern sprach sie von ihrer Sehnsucht nach Meredith Kabul, wie es sie hinziehe zu ihr, von der sie einst liebevoll aufgenommen worden war; wie eine schwere Last ihr Gemüt bedrücke und sie nicht frei auszuatmen vermöge, bevor sie jene gesehen, von ihren Lippen vernommen habe, ob sie eines dauernden irdischen Glückes wert oder unwert sei. Die Schatten waren bereits um ein Erhebliches gewachsen und wiesen östlich, da stand vor der Tür der mit den beiden Ackerpferden bespannte Leiterwagen, um Maßlieb ihrer alten Wohltäterin zuzuführen. Schwärmer stieg auf; Ulrich und Maßlieb folgten; ein letzter Gruß der treuen Veronika, und dahintrabten die beiden Pferdeveteranen so munter, als wäre selbst ihnen eine Ahnung kommender besserer Zeiten nicht fremd gewesen. Doch je weiter sie sich von der wüsten Feldmark entfernten, um so unruhiger wurde Maßlieb. Leise, als hätte sie befürchtet, ein Unrecht dadurch zu begehen, bat sie, absteigen und ein Weilchen zu Fuß dem Wagen folgen zu dürfen. Schwärmer ergriff die Zügel mit unkundigen Händen und ließ sich von den verständigen Gäulen fahren; eine Strecke hinter dem Wagen aber wandelten Arm in Arm Ulrich und Maßlieb. Die Atmosphäre war kühler geworden. Liebliche Beleuchtung ruhte auf den Baumwipfeln, zauberische Streiflichter suchten ihren Weg zwischen den Zweigen hindurch. Im innigsten Ton erzählte Ulrich von seinen bitteren Erfahrungen und wie er um seine Habe gekommen sei; daß er aber jetzt, da er Maßlieb gefunden, nichts bereue, nichts vermisse. Er sprach von der kleinen Restsumme, die ihm vielleicht durch den Verkauf einiger Pretiosen zufalle, und daß er nicht mehr gebrauche, um sein Glück zu vervollständigen. »Das Gut mag immerhin auf meine Gläubiger übergehen,« erläuterte er sorglos, »mag Fräulein Hildegard Pattern immerhin alle Annehmlichkeiten des freien Landlebens genießen, ich beneide sie nicht darum, gönne ihr sogar alles Gute, wenn ich nur nicht gezwungen bin, in persönlichen Verkehr mit ihr zu treten. Es gibt zuviel, was bittere Erinnerungen wachrufen würde.« Maßlieb lauschte bangen Herzens. Gesenkten Hauptes und noch immer ihre Bewegungen mäßigend, schritt sie an Ulrichs Seite einher. Sie schien die Steine vor sich im Wege zu zählen. Plötzlich sah Maßlieb empor, und erglühend vor Verwirrung fragte sie stotternd: »Aber wie, wenn ich meine Kindheit im Kreise von Menschen verbracht hätte, deren elendes Gewerbe, mit einem Karussell –« »So solltest du mir um so teurer sein,« nahm Ulrich einfallend das Wort, »um so teurer, weil das unstete Leben und eine unfreundliche Umgebung dich nicht hinderten, das zu werden, was du jetzt bist: ein Bild der Anmut und der Schönheit, begabt mit einem reichen Herzen, mit klarem Verständnis für alles Gute und Edle und mit einer weit über jene angedeutete Sphäre hinausreichenden geistigen Ausbildung.« Mit einem tiefen Seufzer sah Maßlieb endlich wieder zu Ulrich empor. Sein inniger Blick entzündete erhöhte Glut auf ihren Wangen. »Und wenn ich noch tiefer gestanden hätte?« fragte sie, und ihr entging nicht, daß Ulrich erbleichte, jedoch um ihr sogleich wieder vertrauensvoll zuzulächeln, »wenn ich fortgeschleppt worden wäre in eine Gesellschaft von Leuten, deren Werke das Tageslicht scheuen, in die Gesellschaft von Verbrechern und Verworfenen?« »Auch das würde meine Liebe nicht erschüttern,« antwortete Ulrich aus vollem Herzen, »denn nur wie der Diamant aus dem Feuer, kannst du aus solchen Prüfungen hervorgegangen sein.« Wiederum senkten sich Maßliebs Augen. Ihr Atem verkürzte sich, denn das Ende des Waldes lag vor ihnen. Der von den klugen Gäulen gelenkte Komödiant fuhr bereits im letzten Abendsonnenschein. »Nur noch eine Frage,« flüsterte Maßlieb kaum verständlich, und sie wagte nicht, aufzuschauen, »wenn ich reich wäre, wenn ich viel, viel Geld besäße, genug Geld, um das verwaiste Gut zu kaufen?« Ulrich lachte herzlich und fester drückte er Maßliebs Hand. »Sogar dadurch vermöchtest du nicht, mich zum Entsagen zu bewegen,« suchte er heiter auf Maßliebs Stimmung einzuwirken, »mir gehörst du, ob reich oder arm! Ich würde deinen Reichtum mit Freuden begrüßen, wie jetzt deine Armut!« Wenige Schritte und der Wald öffnete sich ganz. In der Ferne wurden die Türme der Stadt sichtbar. Maßlieb zitterte. Hinauf und hinunter spähte sie die Straße. Dann blieb sie stehen, und Ulrichs beide Hände ergreifend, blickte sie bleichen Antlitzes zu ihm empor. Ulrich erschrak. Bevor er seinen Empfindungen Worte verlieh, hob Maßlieb flüsternd an, als hätte sie befürchtet, von den nahen Bäumen belauscht zu werden: »Herr Ulrich, wenn ich die Enkelin des verstorbenen Nathan wäre – desselben Nathan, der –« Ihre Stimme erstarb. Sie deutete Ulrichs starres Erstaunen, sein sichtbares Erschrecken und demnächstiges Ringen nach Klarheit in dem von ihr am meisten gefürchteten Sinne. »Maßlieb – Hildegard –« entwand es sich seinen Lippen, »unmöglich – es kann nicht sein – o, sage, daß ich mich täuschte, deine Worte mißverstand!« Aus Maßliebs Augen blickte der Tod. Sanft löste sie ihre Hände von Ulrichs krampfhaftem Griff. »Ich will gehen,« lispelte sie mit einem wehevollen Lächeln, »denn ich bin – ich machte mich einer Täuschung schuldig – ich bin Hildegard Pattern.« Mit schwankender Bewegung kehrte sie sich ab, um sich im Waldesdunkel zu verlieren. Betäubt durch das Vernommene, blickte Ulrich ihr nach. Doch nur einige Sekunden beugte der Geist sich unter dem Einfluß des unerwarteten Schlages, und das Herz trat wieder in seine vollen Rechte ein. »Maßlieb,« rief er aus, jedoch, wie einem bannenden Zauber unterworfen, in derselben Stellung verharrend, »Maßlieb, geh nicht von mir!« Maßlieb schien seine Stimme nicht zu hören. Tiefer neigte sie ihr Haupt und unsicherer wurden ihre Schritte, indem sie sich weiter von dem Geliebten entfernte. »Maßlieb!« wiederholte Ulrich mit einem Ausdruck von Todesangst; fast gleichzeitig aber befand er sich an ihrer Seite, die völlig Willenlose in die Arme schließend und sein Antlitz in ihren Locken vergrabend. »Dein Name,« flüsterte er mit halb erstickter Stimme, »möge er sein, welcher er wolle, ob reich oder arm – mein eigen bleibst du, mein eigenes, mein einziges, mein ewig geliebtes Maßliebchen!« Da weinte Maßlieb bitterlich; aber frei umschlang sie den Geliebten, und frei und offen blickte sie in seine Augen. Jetzt erst, da sie kein Geheimnis mehr vor ihm hatte, gehörte sie ihm ganz. Ihre Empfindungen in Worte zu kleiden vermochte sie nicht; aber die Sonne, die zwischen den braunen Baumstämmen hindurch sie noch einmal voll beleuchtete, hätte nicht so viel Glück ausstrahlen können, als Ulrich aus den glitzernden Tautropfen auf ihren Wangen entgegenschimmerte. – Dem guten Schwärmer war es nach vielen fruchtlosen Bemühungen endlich gelungen, die gemächlich einherschreitenden Pferde zum Stehen zu bringen. Dann schaute er rückwärts. Eine weite Strecke trennte ihn von Maßlieb und Ulrich. Sie gingen wieder Arm in Arm, schienen den Wagen und den alten Komödianten, den Wald, die Fluren, die Stadt und das purpurn glühende Abendrot vergessen zu haben. Erst als er sie schüchtern bat, aufzusteigen, kehrten sie aus ihrem Himmel auf die dürftige Erde zurück. – – Der Wagen rasselte, die durch den Staub der Landstraße belästigten Pferde schnaubten und beschleunigten, von kundigeren Händen angetrieben, ihre Eile. Maßliebs Herz pochte ungestüm. Im Geiste weilte sie bereits da, wo man bange ihrer Heimkehr entgegensah, ihr Erscheinen an Ulrichs Hand mit Tränen der Rührung begrüßte und mit endloser Dankbarkeit gegen ein versöhntes Geschick. – * Ein Jahr ist dahin, und neu erstanden aus den Trümmern ist Ulrichs Gut. Die Spuren des Verfalls sind getilgt; reiche Arbeitskräfte beleben Hof und Feld. Es hätte in der Tat kein geeigneteres Mittel zum Ordnen aller Verhältnisse erdacht werden können, als die Verheiratung der streitenden Parteien. Und diese Verheiratung, sie steht in naher Aussicht. Nur noch einige Wochen, und Maßlieb oder vielmehr Hildegard Pattern hält als Frau Ulrich ihren Einzug in die hellen, luftigen Räume des Landhauses. Die alte Veronika reibt sich förmlich auf, der neuen Herrin eine wohlgeordnete Häuslichkeit zu übergeben und einen festlichen Empfang zu bereiten. Merediths Altertümer sind wieder geteilt worden. Sie ließ sich nicht nehmen, den, Ulrich gebührenden Anteil selbst nach dem Gute hinauszubegleiten, eigenhändig nach ihrem eigenen Geschmack und obendrein chronologisch zu ordnen. »Damit es ihr draußen ebensogut gefalle wie in der Stadt,« meinte sie ernsthaft. Als ob es bei ihr der Altertümer bedurft hätte, sich in Esthers oder Maßliebs Nähe heimisch zu fühlen, bei ihr, die nur bedauerte, nicht sich selbst, ähnlich einer alten Rüstung, ebenfalls zum Zweck einer gleichmäßigen Verteilung zerlegen zu können! Nicht minder ernsthaft behauptete sie, längst mit dem Gedanken sich ausgesöhnt zu haben, die letzte Kabul zu bleiben. – Esthers und Gerhards Hausstand ist um ein kleines, blauäugiges Mädchen vergrößert worden, das trotz seiner großen Jugend mehr Unruhe verursacht, als alle übrigen Hausgenossen zusammengenommen. An schönen Tagen sieht man es vielfach um den Rasenplatz herum in einem Korbwagen spazierenfahren. Bespannt ist dieser mit einer sehr zusammengeschrumpften Greisengestalt, vor deren zufrieden blickenden, klaren Augen und gewandten Händen keine Mücke oder Fliege sicher ist, die es wagen möchte, die Last des zierlichen Fuhrwerks um ihr eigenes Gewicht zu vermehren. Der Glücklichste aller Glücklichen bleibt indessen Kappel, der jetzt erst in sein richtiges Fahrwasser gekommen ist. Feind allen Zahlen, Mauern und Straßen, ist er zu Ulrichs aufs Land hinausgezogen, wo er sich auf dem besten Wege befindet, ein brauchbarer Ökonomieinspektor zu werden. Er trägt mit Anstand Stulpenstiefel und Sporen, hat einen scharfen Blick für alles, was in sein neues Fach schlägt, und ist nebenbei ein so anspruchsloser, dankbarer, anhänglicher Hausgenosse, ein so würdevoller, treuer Gesellschafter und Freund, wie nur je einer dazu beitrug, die Annehmlichkeiten des stillen Landlebens zu erhöhen. An seine Burschenzeit erinnern nur noch die drei gewichsten Bartspitzen und der Livius, an die Laufbahn eines Karussellstallmeisters seine Vorliebe für Pferde und Vieh überhaupt, und an das unstete Wanderleben seine wachsende Neigung zur Jagd. Obwohl Maßlieb ihn immer noch gern Onkel Kappel nennt, beobachtet er ihr gegenüber eine gewisse respektvolle Zurückhaltung; sorgfältig vermeidet er alles, wodurch er an frühere Zeiten und Verhältnisse mahnen könnte. Sogar sein beißender Sarkasmus ist eingeschlummert; an dessen Stelle trat eine gewisse Milde, von der sich sogar der allereinfältigste Gänsejunge freundlich berührt fühlte. – Und noch einmal Maßlieb! Im bräutlichen Schleier, die Myrte im dunkeln Haar, so trittst du scheidend vor mich hin. Süße Befangenheit thront auf deinem guten Antlitz; Liebe, unergründliche Liebe spricht aus deinen großen Augen. Maßlieb, holde Wiesenblume, lebe wohl! Lebe wohl, du guter Genius, von einem freundlichen Geschicke dazu auserkoren, Glück und Segen um dich her zu verbreiten! Rührung ergreift mich. Wie bisher auf dornenvoller Bahn, möcht ich dich begleiten auch auf den Blumenpfaden eines reich gesegneten Familienlebens. – Neue Bilder tauchen vor mir auf. Ich sehe dein bezauberndes Lächeln, höre den Ton deiner süßen Stimme – Maßlieb, holde Wiesenblume, lebe wohl! lebe wohl, du herziges, du treues, treues Maßliebchen!   Ende.