Johannes Scherr Rosi Zurflüh Eine Geschichte aus den Alpen Erstes Kapitel. Schwarzelsi. Der herbstliche Morgenwind hatte sich noch nicht aufgemacht, und das Gebirge lag stumm unter einer dichten Nebelhülle. Regungslos, wie gefroren, standen die grauen Schwaden. In die Monotonie dieses Niflheim dunkelten die Umrisse von Bergkolossen herein, Schwarz in Grau. Tief herauf aus den Klüften kam ein dumpfes Rauschen, als murmelte diese Welt von Granit und Schnee in bangem Traume. Jetzt aber glomm ein fahles Geflimmer die äußersten Säume des Dunstmeeres an, und langsam hellte sich hoch droben ein Punkt. Der rötliche Schimmer wuchs an Umfang und Stärke, und, vom Frührot angeglüht, leuchtete die Schneekuppe des Ritzlihorns in das chaotische Düster hernieder. Der Tag hatte sein Banner ausgesteckt, und gebrochen war der Bann der Nacht. Ein leises Wogen und Wallen kam in die Nebelflut unten, während droben die Lichtsignale triumphierend von Firn zu Firn sprangen. Lauter rauschte im Talgrund der Bergstrom, und hüben und drüben ging mit klingendem Geplätscher die Gletschermilch in den Felsrunsen. An dem schmalen, längs der jäh abfallenden Bergwand hinführenden Geißenpfad steht auf einem Vorsprung die Teufelskanzel, eine bizarre Zusammenwürfelung halb verwitterter Steinblöcke. Von da herab, meldet die Sage, habe in unvordenklicher Zeit einmal Satan den Bergen gepredigt, und vor Entsetzen darob seien alle die munteren Ströme, welche dazumal durch das Gebirge gegangen, zu Gletschern erstarrt. In den Rissen und Zwischenräumen des Steingetrümmers hatte sich eine Gruppe niedriger Arven angesiedelt, der letzte kümmerliche Versuch von Baumwuchs, denn höher hinauf gibt es nur noch dürftigen Rasen, der bald durch die Schneeregion begrenzt wird. Die Dunstmassen, welche noch auf der Tiefe wuchteten, schoben sich, an der Oberfläche vom Widerschein der droben leuchtenden Kuppen, Hörner und Zacken weißlich angeschimmert, langsam an der ungeheuren Felswand aufwärts, über deren Rand hinweg ein Gletscherbach in den schwindelnden Absturz schießt, in Myriaden weißer Flocken zerstäubend, bevor er drunten sein Wasser mit dem des jungen Bergstroms mischt, welcher die schmale Talsohle durchrauscht. Nur ein paar Schritte von der Teufelskanzel entfernt, kreuzt vor seinem Sprung in den Abgrund der Bach den Geißenpfad, milchweiß in der tiefen Furche schäumend, die er sich da gewühlt hat. Aus den Nebelschwaden aufgetaucht, setzt mit dem flüchtigen Sprung einer Gemse ein junges Mädchen über die Runse, eilt auf die Teufelskanzel zu, steht dort hochaufatmend still und bohrt mit schwarzen funkelnden Augen in das Dunstgewoge der Tiefe hinab, welches sich mählich zu lichten beginnt. Denn die Sonne ist am östlichen Himmel jetzt so weit heraufgestiegen, daß ihre Strahlen die Spitzen der Bergkolosse aus Rot in Gold umfärben und langsam auch in die verworrenen Talzüge des Hochgebirges hinabgreifen. Das junge Mädchen oder, landesüblich zu reden, das junge Meitschi hat sich in der Teufelskanzel an einem Arvenstamm auf das feuchte Moos niedergekauert. Es trägt die Landestracht, aber die einzelnen Stücke des Anzugs sind ärmlich, halb verschlissen und nicht gar säuberlich. Ihm zur Seite liegt ein kleines Bündel, das es unter dem Arme getragen. Wie das junge Ding so dahockte, die nackt in plumpen, abgetragenen Schuhen steckenden Füße unter den Saum des verfärbten schwarzen Röckleins zurückgezogen, ein rotes Tuch, unter welchem halb aufgelöste rabenschwarze Haarflechten hervorkamen, nachlässig um den Kopf gewunden, die Ellbogen auf die Knie, die Wangen auf die geballten Hände gestützt, stier, fast glotzend vor sich hinstarrend, konnte man es für ein pures Kind ansehen. So klein und halbwüchsig, um nicht zu sagen verbuttet, erschien die Gestalt. Aber die Täuschung schwand sofort, wenn die Kleine, wie von wilden Affekten gestachelt, aus ihrem Hinbrüten auffuhr und sich schüttelte, als wollte sie die Last eines peinigenden Gedankens von sich werfen. Dann zeigten die bräunlichen Züge des Mädchens einen Ausdruck, der weit über seine Jahre ging. Zwischen den starken dunkeln, über der Nasenwurzel ineinander greifenden Brauen bildete sich eine finstere Falte, die Flügel des allerliebsten Stumpfnäschens dehnten sich zitternd, und zwischen den zurückgezogenen Lippen des kleinen Mundes schimmerten die weißen Zähne hervor, fest zusammengebissen, als sollten sie einen wilden Schrei zurückhalten. So war das hübsche Gesicht nicht mehr das eines Kindes, sondern schon das eines Weibes und zwar eines Weibes voll ungestümer Leidenschaft, unter deren Anhauch auch die kleine, aber zierliche und ebenmäßige Gestalt zu so vollschwellenden Formen gereift war, wie sie in einem Alter von sechzehn Jahren nicht eben gewöhnlich sind. Auffallen mußten bei dem Armut verratenden Anzug der Kleinen ihre feinen, zierlich geformten Hände, welche, wenn auch jetzt vom Morgenfrost bläulichrot angelaufen, deutlich verrieten, daß sie nur wenig oder gar keine schwere Arbeit getan. Aber noch auffallender war die seltsame Mischung von Intelligenz und Sinnlichkeit, von Leichtsinn und Trotz, welche sich in diesem zu vorzeitiger Reife gediehenen Mädchengesicht ausprägte. In der scharfen Gebirgsluft wachsen sonst die Menschen an Geist und Körper nur langsam. Hier jedoch war einmal eine Menschenpflanze zu jener frühzeitigen Treibhausreife gekommen, wie sonst nur die Atmosphäre großer Städte sie befördert. In phantastischen Gestaltungen und Windungen hatten sich inzwischen die Nebelschwaden aus der Tiefe bergwärts gehoben und zerflatterten hoch droben am Firnschnee oder zerflossen im Blaßblau des Morgenhimmels. Der Blick zu Tal war jetzt frei, obgleich da unten noch alles in fahlgrünlichem Dämmerlicht verschwamm, weil das Ritzlihorn die ganze Mulde mit seinem gigantischen Schatten erfüllte. Wer freilich den Falkenblick des jungen Mädchens besaß, konnte sich unschwer zurechtfinden. Hinten im Grunde des schmalen, etwa eine Wegstunde langen Hochtals blinkte und blitzte es himmelan wie von Sonnenstrahlen, die von Eis und Firnschnee abprallen. In der Tat steigt dort ein mächtiger Gletscher in getürmten Massen bis zur Talsohle herab, und am Fuße seiner Moräne sammeln sich die Wasser, welche, bald durch Zuflüsse von allen Seiten her verstärkt und deshalb mehr schon den Namen eines Flusses als den eines Baches verdienend, an der rechten Seite des Tales herabkommen, jetzt durch tiefe Felsklüfte rauschend, dann wieder aus den Schluchten in offene Matten hervorströmend und zuletzt, hart unter der über die an tausend Fuß hohe Felswand halb hinaushängenden Teufelskanzel, abermals in eine schwarze enge Kluft abstürzend. Mitten im Tal, am linken Ufer des Flusses, legt sich ein niedriger Hügelkamm wie ein Riegel quer durch die Niederung. Im Schutze dieser Aufdachung, in welcher man wohl die ursprüngliche oder wenigstens eine frühere Moräne des großen Gletschers zu erkennen hat, liegen die zerstreuten Häusergruppen des kleinen Pfarrdorfs Windgellen. Es ist wie andere Dörfer im Hochgebirge ganz aus Holz gebaut. Nur die Kirche, etwas abseits in einer Einbuchtung des Hügelkamms gelegen, ist aus Steinen aufgemauert, aber ihr Dach wie das ihres Turmes besteht gleich den Dächern der andern Gebäude aus Schindeln. Vom Dorf aus führt ein Weg, der zur Not mit leichten Karren befahren werden kann, talabwärts, zwischen Feldstücken hin, auf denen Gerste, Hafer und Kartoffeln gebaut werden, erstere Fruchtarten aber freilich nur in günstigen Sommern recht zur Reife gelangen. Von diesem Wege zweigt sich ein zweiter links ab und führt über fette Matten aufwärts gegen die mittägliche Bergseite des Tals. Hier lehnt sich im Schütze eines kleinen Ahornwäldchens ein Gehöft an die Halde, welches ein stattliches oder landesmundartlich ein »habliches« zu nennen ist. Die Stelle heißt »In der Zwihl«, und der Zwihlbauer, welcher in den umliegenden Bergen die besten »Alpen« und darauf zwei »urchige« Sennereien oder »Sennten« besitzt, ist so recht der Magnat des Tals. Rechter Hand führt von der Zwihl aus ein Fußpfad bergan und bergab durch Gruppen von Berglärchen und malerische Felswindungen hin, bis er in der Entfernung von einer Viertelstunde in eine Senkung niedersteigt, die von einem kleinen Bergsee ausgefüllt ist. Ein Bach, welcher weißschäumend hoch droben vom Glanzhorn herabkommt, speist den See, dessen dunkelgrüne Fläche eine Schale von Granit einfaßt. Da und dort senkt eine Legföhre, die zwischen dem Gestein Wurzel geschlagen, ihr schweres Geäste gegen das Wasser herab, dessen Spiegel noch mehr verdüstert wird durch einen ungeheuren Felsblock, der am nördlichen Ende des Sees aufragt und von den Talleuten der Schudereulkopf, das ist Schuhukopf, genannt wird. Falls man dem Auge mit der Phantasie ein wenig nachhilft, kann man in der Tat meinen, der auf seiner Spitze breit abgeplattete Block habe auf seiner südwärts, also dem See zu gerichteten Seite etwelche Ähnlichkeit mit der Kopf- und Gesichtsform des genannten Vogels der Nacht. Hart diesem Felsen zur Seite ergießt der tiefe stille See den Überschuß seines Wassers in ein mit Steingeröll angefülltes Rinnsal, welches sich weiter unten im Tale mit dem früher erwähnten Fluß vereinigt. Zunächst durchbricht das Rinnsal ein dichtes Tannengehölz, jenseits dessen der Bach in ein schluchtartiges Seitentälchen einbiegt, an dessen Ende er sich dann in einem scharfen Winkel wieder in das große Tal herauswindet. Die düstere Schlucht heißt nicht unpassend »Zur Höllenschwärz«, und es steht da ein großes, mehr noch infolge von Vernachlässigung als von Alter halb zerfallenes Haus. Die Entfernung von hier bis zum See hinauf beträgt bloß ein paar Büchsenschüsse, und doch sieht es droben ganz anders aus. Der an und für sich düstere Wasserkessel wird durch seine Umgebung ins freundlich Malerische gewendet; denn die Hand des Menschen ist hier sorglich tätig gewesen, einen traulichen Wohnsitz, ein »Heimeli« zu gründen. Der See ist an seiner Mittagsseite offen, und es steigt da ein sanft geschwungener Rain zu mäßiger Höhe hinan. Eine gut gepflegte Umzäunung faßt den Hügelrand ein, und hinter derselben zieht sich eine ländliche Gartenanlage bis zu einem neuerbauten Hause hin, dessen zierliche Beschindelung und helle Fenster Wohlstand verraten. Das Haus mit seinem weit vorspringenden Dach ist zwar ganz in der Form der Gebirgshäuser aufgeführt, aber in seinen Einzelnheiten verrät es überall einen gewissen bei dem Bau rege gewesenen Schönheitssinn. Der offene Söller, welcher um das zweite Stockwert herläuft, zeigt hübsches Schnitzwerk. An der Ostseite über dem Haupteingang stehen in kunstreichen Zügen die Worte: »Zum Rütli«, der Name des Hauses. Gerade darüber erhebt sich, auf starkem Gebälke ruhend, ein erkerhafter Vorbau, dessen Dach sich wie ein Turm zuspitzt und der ein einziges Fenster hat, welches aber fast dreimal so groß ist wie die übrigen. Auf der Westseite des Hauses sprudelt ein Röhrbrunnen seinen fast armsdicken Strahl in einen großen Steintrog, und von da hat man nur ein Paar Schritte bis zu einem Gaden, welcher die Winterstallung für etliche Kühe enthält. Die ganze Lage des Hauses muß eine gegen die rauhen Winde sehr geschützte sein, denn sonst hätten in solcher Höhe nicht die Obstbäume gedeihen können, welche die Matte hinter dem Hause beschatten. Diese Matte zieht sich sanft geneigt bis zu einer jäh aufspringenden Felswand hinan, deren oberer Rand dicht mit Arven bestanden ist. Hinter diesem Steinwall fällt der Boden in ein tiefes Tobel ab, welches zur Sommerzeit mit Lawinentrümmern angefüllt ist, und jenseits desselben bauen sich die Abstufungen des gewaltigen Glanzhorns hoch in die Lüfte empor. Alle die bezeichneten Örtlichkeiten sind von der Teufelskanzel aus sichtbar: das Dorf, die Kirche, der Hof in der Zwihl, das Haus zum Rütli am See »im Bödeli«, wie die Stelle genannt wird. Die Blicke des jungen Mädchens wanderten von der Kirchturmspitze nach der Zwihl und von da zum Rütli. Da hafteten sie lange, und es schien, als wollte sich ein feuchter Schleier über die schwarze Glut des bohrenden Auges herziehen. Aber es schien nur so, denn sogleich wieder brannte in diesem Auge ein Feuer, das jede Träne schon im Entstehen aufzehrte, und ein Zug des Hasses ringelte sich schlangengleich um die Mundwinkel. Auch das aus der Höllenschwärz hervorlugende Dach des zerfallenden Hauses lag im Gesichtskreis. Allein dorthin fiel kein Blick des Mädchens, nicht einer, und doch war es sein Vaterhaus. Seit ein paar Fahren hauste dort der Strobelchäpi mit seinem Weibe, der Strobelbäbi , ein Menschenpaar, das man im ganzen Tale überall mit Scheu und Verachtung, aber auch mit Furcht ansah. Denn daß die Strobelbäbi eine Hexe, galt bei der Mehrzahl der Talleute für ebenso ausgemacht als die Tatsache, daß ihr Mann ein Gauner, welcher in verschiedenen Zuchthäusern seine Ausbildung erhalten hatte. Zuletzt war er als Mitglied einer Falschmünzerbande mehrere Jahre zu Bern »im Schellenwerk«, das ist in Ketten, gewesen. Bei seiner Entlassung hatte sich herausgestellt, daß er von Kindheit auf ein »Heimatloser« gewesen, wie sich das auch bei seiner aus Zigeunerblut stammenden Frau von selbst verstand. Weil sich aber die öffentliche Kalamität des Heimatlosenwesens dem Staat gerade fühlbarer als je gemacht hatte, war auch der Strobelchäpi von der Maßregel betroffen worden, durch Einbürgerung der Heimatlosen dem Vagabundentreiben die Axt an die Wurzel zu legen. Der entlassene Schellenwerker wollte sich erinnern können, daß er vorzeiten in der Feldmark der Gemeinde Windgellen irgendwo geboren sei, und so mußte sich die besagte Gemeinde nach langem Sträuben dazu hergeben, den übelberüchtigten Mann in ihren Verband aufzunehmen. Die Strobelbäbi, welche während des Aufenthalts ihres Eheherrn im Berner Vollerbayes auf eigene Hand das allgewohnte Vagantenleben fortgesetzt hatte, war nicht sehr von der Aussicht auf ein seßhaftes Dasein erbaut gewesen, aber sie hatte sich fügen müssen, und so war das würdige Paar mit seinem Töchterlein Elfi , welches seiner braunen Gesichtsfarbe wegen das Schwarzelfi hieß, nach Windgellen heraufgekommen. Natürlich hatten die guten Leute sofort Ansprüche an das Armengut erhoben und wollten es gar nicht begreifen, daß die Gemeindevorsteher der » lockeren « Meinung waren, Leute, die noch so gut bei Kräften wären, müßten ihr Brot selber verdienen. Doch gab ihnen die Gemeinde Dach und Fach, nämlich das Haus in der Höllenschwärz, welches unbewohnt und herrenlos dastand. Der letzte kinderlose Besitzer desselben, vormals ein hablicher Bauer, hatte in wüstem Wandel all seinen Besitz vertan und dann, eines kalten Wintermorgens beim Erwachen aus seinem letzten Bränntsrausch zu der unliebsamen Einsicht gelangt, daß er nichts mehr zu vertrinken hätte, an einem der morschen Dachsparren seines Hauses sich erhängt. Niemand im Tale hatte Lust, das verfallende Haus »des vom Tüfel Geholten« an sich zu bringen, und so war es von der Gemeinde zur Armenherberge bestimmt worden. Es wohnte aber nur die Familie des Strobelchäpi darin, dessen Gewerbe jetzt war, den Holzschnitzern – die Holzschnitzerei wird in diesem Teile des Gebirges eifrig betrieben – das Ahornholz zu ihren Arbeiten zu beschaffen. Man munkelte freilich und sagte sogar laut, weder der Strobelchäpi noch seine Bäbi hätten ihre früheren Erwerbswege ganz verlassen. Beide waren oft längere Zeit von Hause abwesend, und wenn sie dann wieder heimkehrten, würde, wie die Klatschbasen des Dorfes wissen wollten, in der dürftigen Küche der Höllenschwärz gebraten und geküchelt wie bei einer Kirchweih. Aber sicher war, daß der Strobelchäpi und sein Weib, mochten sie in der Ferne treiben, was sie wollten, mit richtigem Takt wenigstens in der Nähe ihre Hände von allen gefährlichen Dingen fernhielten. So mußte man sie schon dulden, wenn auch noch so ungern. Zweites Kapitel. Der Pfarrherr von Windgellen. Schwarzelsi schaute noch immer von der Teufelskanzel talwärts. Das Haus in der Zwihl und das Rütli im Bödeli waren die Zielpunkte ihrer dunkeln Augen. Mit gekniffenen Lippen murmelte sie: »Jetzt wird die Rosi allgemach ihren Hochzeitsstaat antun, und der Ruodi ist wohl schon auf dem Wege nach der Zwihl. s' Chämmi raucht ja schon mächtig, und die Zwihlbäu'rin rüstet mit dem Frätzli, dem Vreneli , den Morgenimbiß. Derweil zählt der Zwihlbau'r den Sack voll harter Feufliber , den er seiner Tochter mitgibt. Das ist ja alles und alles schüli schön! O, ich wollt' nur, der rot' Güggel säß' auf dem Dach, daß all' z'sämme verbrännten, all' z'sämme, und wenn auch er drunter sein müßt' – mira !« Nach diesem leidenschaftlichen Ausbruch versank sie wieder in ihr starres Hinbrüten und hatte nicht acht, daß ein Mann den Geißenpfad am Bergrand daherkam. Sie sah den Kommenden gar nicht, der langsam vorschritt. Sein schwarzer Anzug hob sich kaum von dem Schattendüster ab, in welches die Bergseite noch gehüllt war. Von Zeit zu Zeit verbargen die noch immer vom Tal heraufwallenden Nebelzüge die schlanke Figur halb und halb, und sie schien dann über dem Felsabsturz, an dessen Saum der Weg sich hinwand, in der Luft zu schweben. So kam der Mann näher. Er hatte im Wandeln die Hände auf den Rücken gelegt, und seine Augen hafteten am Boden. Wenn er aber, wie öfter geschah, stillstand, um nach dem gegenüber ragenden, jetzt in goldenem Lichte badenden Gipfel des Glanzhorns oder ins Tal hinab zu sehen, wurde ein stilles, sanftes braunes Augenpaar bemerklich, über welchem sich eine Stirne wölbte, deren intelligente Form selbst unter der Krempe des tief in die Brauen gedrückten Hutes sich deutlich verriet. Es war jedoch nicht allein die Hutkrempe, was einen schwermütigen Schatten auf die hübsch geschnittenen, feinen und blassen Züge des jungen Mannes warf: der trübe Anhauch derselben schien mehr von innen als von außen zu kommen. Die ganze Erscheinung trug unverkennbar den landpfarrherrlichen Stempel und zwar die protestantische Nuance desselben; denn bekanntlich weiß jedes Auge den protestantischen Landpfarrer auf hundert und zweihundert Schritte weit von seinem katholischen Amtsbruder in Christo zu unterscheiden. Im übrigen war keine Spur von gleißnerischer Gottseligkeit im Antlitz oder in der Haltung des Mannes, wohl aber etwas Resigniertes, eine gewisse Müdigkeit. Und doch auch verriet dann und wann wieder eine heftige Bewegung oder ein momentanes Aufleuchten des Auges, nur eine ungewöhnlich starke Willenskraft habe hier ein heißes Herz so weit gebändigt, daß oberflächliche Betrachtung die rote Glut nicht unter dem bleichen Aschenflor vorschimmern sah. Die meisten seiner früheren Freunde würden freilich in dem stillen Pfarrer von Windgellen kaum noch den Mann erkannt haben, der nur zwei Jahre zuvor drunten im Lande in der Vorderreihe einer rührigen und mächtigen Partei gestanden, den Mann, der damals in mancher tosenden Volksversammlung »des Wortes Feuerbrände« in die Gemüter geschleudert und bei Freund und Feind die bestimmte Erwartung erregt hatte, daß er binnen kurzem einen vorragenden Platz unter den Lenkern des Gemeinwesens einnehmen würde. Aber die Hoffnungen der Parteigenossen und die Befürchtungen der Gegner waren gleichermaßen getäuscht worden. Der junge Agitator, dem man neben vielen glänzenden und löblichen Eigenschaften eine bedeutende Dosis von Ehrgeiz zugeschrieben, hatte plötzlich und ohne sich selbst gegen seine nächsten Bekannten zu einer Erklärung herbeizulassen, die Berufung der Gemeinde Windgellen zu dieser entlegenen Pfarrstelle angenommen, und die allgemeine Verwunderung darüber war um so größer gewesen, als man in Erfahrung gebracht, der neue Pfarrer habe sich angelegentlich um diese von keinem seiner geistlichen Mitbrüder beneidete Stelle beworben. Hierauf hatte man noch einige Tage, da und dort noch einige Wochen von sotanem »dummen Streich« gesprochen; dann hatte man sich damit beruhigt, den jungen Geistlichen achselzuckend einen Sonderling oder auch wohl geradezu einen Narren zu nennen, und endlich hatte man ihn in seinem »am Ende der Welt« gelegenen Bergwinkel vergessen, wie das ja so überall Brauch der Parteien ist, wenn eins ihrer Werkzeuge abgenutzt ist, oder wenn es sich ihnen versagt. Wie verschiedenartig immer die Gefühle und Gedanken des langsam daherkommenden Pfarrherrn und des jungen an einem der Steinblöcke der Teufelskanzel kauernden Mädchens sein mochten, beide waren sie so davon erfüllt, daß sie für anderes keinen Sinn hatten. Sie bemerkten einander noch nicht, als der Geistliche der Teufelskanzel schon bis auf wenige Schritte nahe gekommen. Aber waren denn ihre Gefühle und Gedanken wirklich verschiedenartige? Seltsam zu sagen, der junge Theologe dort, hochbegabt, tüchtig und vielseitig gebildet, voll idealer Anschauung und sittlichen Strebens, und das junge Vagantenkind da, zeit seines Lebens auf der haardünnen Grenzlinie zwischen Leichtfertigkeit und Laster, Gemeinheit und Verbrechen schwankend, voll vorzeitig gereifter Sinnlichkeit und doch wieder die Antriebe derselben mit kühlster Berechnung zu bändigen wissend, von frühauf in der Welt umhergetrieben, bei Gelegenheit einen verirrten und getrübten Strahl vom Lichte der Bildung auffangend, voll unklaren Dranges, voll rachelustigen Menschenhasses, dabei verschlagen, keck, skrupellos – ja, die Seelen dieser beiden Wesen waren am heutigen Morgen von denselben Vorstellungen erfüllt. Auch der Pfarrherr war, während er zur Teufelskanzel heraufstieg, mit seinen Gedanken in der Zwihl; auch vor seiner Phantasie stand die schlanke Gestalt der schönen Rosi, im Begriffe, den Hochzeitsstaat anzulegen; auch er sah im Geiste den Ruodi von seinem Haus im Bödeli nach der Zwihl wandeln, um von da die Braut zur Kirche zu führen. Aber der bange Seufzer, welcher bei der Anschauung dieser Bilder aus der Brust des Geistlichen aufstieg, ward auf seiner Lippe nicht, wie das vorhin auf den Lippen Elfis geschehen, zu einem Laut der Drohung und des Fluches. Stephan Milder war überhaupt kein Mann des Fluchens. Hatte er doch am Ende seiner Studentenzeit bei einem theologischen Kolloquium, als sein Kirchengeschichtslehrer beiläufig die Angabe eines leuchtenden Beispiels priesterlichen Hochsinns verlangte, die ganz und gar undogmatische Antwort gegeben, das leuchtendste Beispiel, dessen er sich erinnere, sei die Priesterin Theano im heidnischen Athen; denn dieselbe habe die Zumutung, den verbannten Alkibiades von Staats wegen zu verfluchen, mit den Worten abgewiesen, sie sei Priesterin zum Segnen, nicht zum Fluchen. An der Bachrunse vor der Teufelskanzel angelangt, stand der Pfarrer still, wie unentschieden, ob er weiter gehen sollte. Das scharfe Ohr Elsis hatte aber durch das Geräusch des Wassers hindurch nahende Tritte vernommen, und als sie jetzt mit einem raschen Seitenblick die Gestalt des Geistlichen erfaßte, griff sie mit der Hand nach ihrem Bündel und erhob sich halb, als wollte sie sich wegstehlen. Aber sie gab diese Absicht sofort wieder auf und sank in ihre kauernde Stellung zurück, das Auge gleichgültig von dem Pfarrer ab- und wieder dem Tale zukehrend. Milder hatte nun auch seinerseits das Mädchen wahrgenommen, und von der Anwesenheit desselben an diesem Orte zu früher Stunde augenscheinlich überrascht, rief er über die Runse hinüber: »Was machst denn du hier, Elsi?« »Nichts.« Sie sagte das, ohne nach dem Frager umzusehen, und das trockene Wort klang genau wie: »Was geht's dich an?« Des Pfarrers Blick fiel auf das Bündel, welches der Kleinen zur Seite lag, und er sagte: »Ich will nicht hoffen, daß du wieder einmal in der Welt herumvagiertest öder herumvagieren willst?« »Herumvagieren? Ein jedes geht seinem Ehsek nach. Das ist keine Busche .« »Nimm dich in acht, Elfi, du redest wieder das garstige Rotwelsch, und doch hast du mir bei deiner Konfirmation versprochen, diese schlimme Angewöhnung aufzugeben.« »Versprechen ist leichter als halten.« »Kind, ich fürchte, du bist wieder auf bösen Wegen. Weiß dein Vater, daß du so früh am Morgen von Hause gingest?« »Der Strobelchäpi? Was geht mich der Baal an? Er ist gar nicht mein rechter Vater.« »Und deine Mutter?« »O, die ist eine gute Golle . Sie hat mich nie mehr geschlagen, seit ich ein Schicksel geworden, und weiß wohl, warum.« »Warum?« »Weil sie wußte, daß ich ihr das Gesicht grandig zerkratzen würde.« Der Pfarrer war durch die freche Sprache des Mädchens wie angedonnert. So hatte er Elfi noch nie reden gehört. Es war eine vollständige Rücksichtslosigkeit, eine wilde Energie in dem Gebaren der Kleinen. Und außerdem griff diese Begegnung so störend in die Gedanken ein, welche den jungen Geistlichen auf seinem Morgengange tief und traurig bewegt hatten, daß er im Augenblicke gar nicht wußte, wie er dem Wildling gegenüber die Ausübung seiner Seelenhirtenpflicht anfassen sollte. Dem gutmütigen Manne kam dabei nicht entfernt zu Sinne, daß Elfi mit bewußtem Trotze sich gegen ihn stellte, und daß sie auch recht absichtlich rotwelsche Ausdrücke gebrauchte, um ihn zu ärgern. Während er sich besann, drehte Elfi den Kopf halb gegen ihn und musterte ihn mit ihren brennend schwarzen Augen vom Scheitel bis zur Sohle. Dann ließ sie ihren Blick keck auf seinem Antlitz ruhen und sagte: – »Herr Pfarrer, was tut denn Ihr so früh hier oben? Sie werden jetzt drunten in der Dufe bald das erste Zeichen zur Chaßne läuten. Habt Ihr gäng Eure Predigt noch nicht fertig? Was werdet Ihr der herzigen Kalle, der Rosi, die so große Augen hat wie die größte Kuh, alles sagen? Von Jakob und Lea und Rahel, wie's in der Kohdel-Flittermännche steht? Aber der Jakob, wenn er auch nicht Jakob heißt, führt ja die Rahel heim, und der andere geht leer aus. 's wird gäng beim Koozen in der Zwihl heut' hoch hergehen. Der Gotsche und seine Goje werden ihre Mittel sehen lassen, und in der Finkelei wird's riechen wie in unseres Herrgöttlis Paradies. Aber lugt nur auf Euren Lupper, Herr Gallach, Ihr habt gäng keine vorige Zeit mehr. Horch, da läutet's zum ersten. Und wenn Ihr die Hochzeitsleut' zusammengebt, so lugt der Braut nicht so tief in ihre großen Linzer, Ihr könntet sonst drin versaufen und der Ruodi könnte daro mefayisch werden. Und wenn Ihr beim Hochzeitmahl sitzet, so trinkt gäng brav Jaim, damit Ihr rote Backen überkommt, sonst könnten die Leut' was merken und 's Vreneli grillisch werden, 's Vreneli ist ja gäng auch keine treife Hische und hat was recht's hinter'm Klemmerle und einen Sack voll Massumen gibt ihr der Oltrisch-Kaffer auch mit. Eia, vielleicht gibt's bald wieder 'ne Graunerei in der Zwihl!« Das alles sprudelte Elfi nur so heraus, und es schlug dem Pfarrer in das Gesicht wie ein plötzlich abgefeuerter Schuß. Die Farbe wechselte rasch auf seinen Wangen, und seine, Lippen zuckten. Es mußten in den Worten des überkecken jungen Dinges Anspielungen liegen, die sein innerstes Leben trafen. Schwarzelsi werdete sich an der Verlegenheit des Geistlichen, und während er nach Worten rang, funkelten ihre Augen vor Schadenfreude und spielte ein höhnisches Lächeln um ihren trotzig aufgeworfenen roten Mund. »Die Rosi,« sagte sie wieder, »hätt' freilich 'ne staatsmäßige Gallächin fürgestellt, ja, ja; aber sie hat gäng nicht g'wollt. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst, und der Ruodi ist zuerst gekommen.« Und dazu kicherte die Kleine boshaft wie ein Teufelchen. Das Blut schoß dem Pfarrer ins Gesicht, aber er bezwang seine leidenschaftliche Wallung und sagte nur mit nachdrücklichem Ernst: »Was faselst du, törichtes Ding?« Sie wollte ihm keck ins Wort fallen, aber seine schlanke Gestalt aufrichtend und die Kleine fest anblickend schnitt er ihre Entgegnung mit den Worten ab: »Du wirst mir sagen, was dieses morgenfrühe Herumstreifen bedeuten soll und wohin du willst.« Für einen Augenblick, aber auch nur für einen Augenblick eingeschüchtert, versetzte sie: »Ich will fort.« »Wohin?« »In die weite Welt.« »In welcher Absicht?« »Mein Glück zu suchen.« »Dein Glück? Dein Glück?« Und das Mädchen und sein seelsorgerliches Amt für einen Moment vergessend, fügte er murmelnd hinzu: »Wo ist das Glück, und wer findet es?« Elfi hatte aber diese Worte doch gehört. »Wer sucht, der findet,« sagte sie, »und wer anklopft, dem wird aufgetan. Ich will suchen und anklopfen.« »Nein, du wirst jetzt zunächst mit mir ins Dorf zurückkehren, und nachmittags werd' ich in die Höllenschwärz gehen, um deinen Eltern ins Gewissen zu reden, daß sie ein achtsameres Aug' auf dich haben sollen.« »Ihr seid gar zu gütig, Herr Pfarrer. Aber ich bin kein Gambes mehr. Ich bin b'hört Dufe Kirche. Chaßne Hochzeit. »Gäng« ist nicht rotwelsch, sondern ein Füll- und Flickwort von unbestimmtem Sinn, welches in der Berner Mundart unzählig oft wiederkehrt. Ebenfalls mundartlich sind »vorig« statt vorrätig und »b'hören«, einsegnen, konfirmieren. Kalle heißt im Rotwelsch Braut, Kohdel-Flittermännche die Bibel, Koozen ein reicher Mann, Gotsche Bauer, Goje Frau, Finkelei Küche, Lupper Taschenuhr, Gallach Pfarrer, Gallächin Pfarrerin, Linzer Augen, mefayisch verdrießlich oder mißtrauisch, Jaim Wein, grillisch eifersüchtig, treife unschön oder unrein, Hische Weibsbild, Klemmerle Brusttuch, Massumen Geld, Oltrisch-Kaffer Vater, Graunerei Hochzeit, Gambes Kind. und kann gehen, wohin ich will.« Damit stand sie auf, faßte mit der linken Hand ihr Bündel, stützte sich mit der rechten an den Felsblock, der neben ihr aufragte, schlug ihr rechtes Bein um das linke und balanzierte mit keineswegs kindlicher Koketterie ihr hübsches Figürchen auf der linken Fußspitze. So sah sie verführerisch genug aus, mehr aber noch komisch; denn sie wollte sich offenbar das Air einer jungen Dame geben, die mit ihrem Anbeter kokettiert. Deshalb vermied sie jetzt auch die rotwelschen Redensarten und befliß sich ein Hochdeutsch zu sprechen, wie sie es nicht so fast in der Schule von Windgellen als vielmehr zuzeiten auf dem »Juhe« des Theaters in Bern kennen gelernt hatte. Milder nahm von alledem keine Notiz, Er sah in dem Mädchen nur ein unartiges Kind, welches vor der Zeit der Rute entlaufen wollte. Aber das Kind hatte ihm Teilnahme abgewonnen, seit er es kannte, und er war zu der Annahme berechtigt gewesen, Elfi auf einen besseren Weg gebracht zu haben. In der »Unterweisung«, das ist, im Konfirmationsunterricht, hatte sie es in schneller Fassungskraft und Fleiß allen ihren Mitschülern weit zuvorgetan und den Pfarrherrn durch ihre scharfsinnigen Fragen in Erstaunen, manchmal auch wohl in Verlegenheit gesetzt. Ein unaustilgbarer Zug von Bosheit war freilich auch da mit untergelaufen und hatte Elfi keine Gelegenheit versäumt, in ihrer Art für die bauernstolze Verachtung, welche sie von seiten ihrer Mitschüler und Mitschülerinnen zu befahren gehabt, Rache zu nehmen. So hatte eines Tages der Pfarrer, nachdem er seinen Konfirmanden eindringlich auseinandergesetzt, innerhalb welcher sittlichen Schranken der Mensch berechtigt und sogar verpflichtet sei, auch für sein zeitliches Heil zu sorgen, den Jakob Dötterli gefragt: »Nun, Jakobli, sag mir mal, was muß man tun, um hienieden glücklich und zufrieden zu leben?« Die Antwort abwartend, ging Milder nach seiner Gewohnheit in der Schulstube auf und ab, und sowie er den Rücken gewandt, beugte sich Schwarzelfi blitzschnell zum Ohr des vor ihr sitzenden Jakob, ihm einzublasen, und sofort platzte der hoffnungsvolle Junge mit der Erwiderung heraus: »Ma nmeß luege, daß ma e ryche Buretochter zum Wyb erwitscht.« »Man muß sehen (das ist sorgen), daß man eine reiche Bauerntochter zur Frau bekommt,« Natürlich lachte Elfi über ihren gelungenen Streich hellauf und die andern ihr nach, und der gute Pfarrer hatte, seit er im Amte war, noch nie größere Mühe gehabt, seine seelenhirtliche Würde zu bewahren, als bei Anhörung dieser Probe ländlich sittlicher Moral. Der Pfarrer überschritt den Bach, und Elsi ließ ihn ruhig herankommen. Nur warf sie rasch einen Blick rückwärts über ihre linke Schulter, als wollte sie sich auf alle Fälle der Möglichkeit eines ungehinderten Rückzugs vergewissern. »Nein, törichter Wildfang,« sagte Milder, »du bist nicht in den Bund erwachsener Christen aufgenommen worden zu dem Zwecke, schlimmen Trieben frei nachleben zu können. In die weite Welt willst du? Weißt du denn nicht, daß die Heimat ein Segen ist, den man in der Fremde vergebens sucht?« »Davon weiß ich freilich nichts, weil ich nie von einer Heimat wußte,« erwiderte Elsi kalt, aber in so respektvollem Tone, daß sich der Pfarrer dadurch täuschen ließ. Deshalb sagte er mit zutraulicher Güte: »Aber du kannst lernen, was Heimat zu bedeuten hat, indem du dir eine gründest und zwar hier in unserem Tale. Deine Aufführung ist die letzte Zeit her tadellos gewesen, und du mußt wohl bemerkt haben, daß demzufolge die Leute freundlicher gegen dich geworden sind.« »Nein, davon hab'ich nicht viel bemerkt. Was hilft mir die gute Aufführung? Ich bleibe doch 's Schwarzelsi aus der Höllenschwärz, die den Strobelchäpi, den Schellenwerker, zum Vater hat, wenn er's schon nicht ist. Ja, wenn ich Batzen hätte! Nur wer Geld hat, gilt in der Welt.« »Bei den Dummen und Schlechten, ja. Der rechtschaffene Arme, welcher mit redlichem Fleiße sein Brot erwirbt, darf auf die Achtung aller verständigen Leute Anspruch machen, und sie entgeht ihm auch nicht. Arbeite, Kind, arbeite! Das ist der feste Grund, auf welchen du deine Zukunft, deine Zufriedenheit gründen mußt. Leben heißt tätig sein. Du hast eine entschiedene Gabe fürs Zeichnen und Bildschnitzen. Der Ruodi Zurflüh hat es mir wiederholt gesagt.« »Der Ruodi hat Euch das gesagt?« »Ja.« »Und weiter nichts?« »Doch. Er meinte, man müßte dafür sorgen, daß du nach Brienz in die Holzschnitzerschule kämest. Da konntest du, wenn du nur wolltest, es in der Holzschneidekunst zu was Rechtem bringen.« Elfis Miene war sanft, fast weich geworden. Sie schwieg nachdenklich, es arbeitete in ihrer Brust, und sie senkte die Augen. »Der Ruodi hat Gutes von mir gesagt, der Ruodi!« flüsterte sie selbstvergessen. Milder sah, daß er Terrain gewonnen, und wollte den Vorteil verfolgen, indem er fortfuhr: »Glaub mir nur, Kind, es gibt Leute, die es gut mit dir meinen. Da ist die Rosi –« »Die Rosi?« fiel das Mädchen ein, heftig aufzuckend. Der Pfarrer beachtete in seinem wohlwollenden Eifer nicht, daß schon wieder ein Wechsel über die beweglichen Züge Elfis gekommen war, daß ihr Mund sich trotzig auswarf und ihre Stirne zornrot brannte. »Ja, die Rosi,« sagte er. »Sie war dabei, als der Ruodi mir zuletzt von dir sprach, und sie meinte, ihr Vater, der ja Gemeindevorstand ist, sollte dafür sorgen, daß in der angegebenen Richtung die Gemeinde etwas für dich tue. Und wenn das nicht ausreichte, wollte sie, wie sie sagte, gern ihren Spartopf hergeben –« »Sie mag ihn behalten,« fiel Elfi hastig ein. »Ich will nichts von ihr, keinen Sahntihm , gar nichts!« »Was soll denn das wieder bedeuten? Was hast du denn?« »Nichts hab' ich, und das ist gäng eben das Kreuz und der Jammer.« »Still mit deinen koboldischen Einfällen! Und jetzt kommst du mit mir heim. Ich habe keine Zeit mehr zu verlieren.« Der Pfarrer hatte mit Fug das Wort koboldisch gebraucht. Jede Spur von Weichheit war aus Haltung und Rede des Mädchens verschwunden. Die tiefschwarzen Augen blinzelten wie die eines schelmischen Kobolds, und den kleinen Mund kräuselte wieder das alte Hohnlächeln. Leicht wie ein Vogel war sie ein paar Schritte weit von dem Pastor weggehuscht, hinter einen Steinblock im Innern der Teufelskanzel, welcher ihr bis an die Brust reichte. Dort stand sie still, und ihr allerliebstes rundes Köpfchen guckte über den bemoosten Granitwürfel herüber. »Lieber Herr Pfarrer,« sagte sie, »liegt Euch denn wirklich etwas daran, daß ich in Windgellen bleibe?« »Allerdings. Meine Pflicht als Seelsorger und als Vorstand der Armenpflege –« »Ach was! Eure Pflicht geht mich nichts an. Ich meine, seid Ihr dem armen Schwarzelfi e chli gut?« »Gewiß bin ich dir gut, wenn du nur –« »Nun dann, wißt Ihr was? Heiratet mich!« Sie sagte das mit einem so possierlich-schelmisch-naiven Ausdruck, daß die beste Schauspielerin sie darum beneidet haben würde. Ihre Augen schossen dabei unter den halbgeschlossenen Lidern hervor schmachtend-zärtliche Blicke auf den guten Pfarrer, und die Spitze ihres Züngleins spielte schlangenhaft zwischen den wie – zum Kuß gerundeten Lippen. Der arme Pfarrer wußte nicht recht, ob er lachen oder fluchen sollte. »Nun, was meint Ihr?« sagte sie wieder. »Ich sag' Euch, ich werde die Frau Pfarrerin spielen, daß es 'ne Art hat und Ihr 'ne rechte Freud' dran haben sollt.« Dem guten Milder war jetzt der Geduldfaden gerissen. »Unverschämter Baggäugel !« brach er los. »Ah so, Ihr wollt mich nicht haben? Ich merke schon, Ihr seid noch immer in die Rosi verschossen.« Der Pfarrer machte eine rasche Wendung nach dem Felsblock zu, und es steht zu vermuten, daß der sanftmütige Mann große Lust hatte, den Heiratsantrag des Vagantenkindes mit dem theologisch-pädagogischen.Argument einer Ohrfeige zu erwidern, wozu er in Wahrheit vollwichtige Ursache hatte. Allein Schwarzelsi schlüpfte hinter dem Felsblock weg, bevor er dessen Rückseite erreicht hatte, flog durch das Steingetrümmer aufwärts und erschien in der nächsten Minute hoch über Milders Haupt auf einem vorspringenden Zacken. »Lieber Herr Pfarrer,« rief sie herunter, »b'hüt' Euch Gott und nichts für ungut! Wenn ich das Glück gefunden, komm' ich wieder und will Euch auch ein Stückli davon geben. Und höret, ich weiß noch alle die Bibelsprüch', die Ihr mich gelehrt, und im zweiten Buch Mose, zwanzigstes Kapitel, Vers da und da, steht geschrieben: Laß dich nicht gelüsten deines Nächsten Weib, noch seines Knechtes, noch seiner Magd, noch seines Ochsen, noch seines Esels.« Ein schmetterndes Gelächter aufschlagend verschwand sie. Milder stand bestürzt. »Es hilft nichts, dem Wildfang nachzugehen,« sagte er dann. »Ich könnte ebenso leicht eine Gemse einfangen. – Aber was war das? Mein Gott, das Geheimnis meiner Seele, das ängstlich verwahrte Geheimnis im Munde dieses halbwüchsigen Kindes!« Glockenklang, welcher abermals aus dem Tale heraufkam, weckte ihn aus seinem schmerzlichen Hinbrüten. Er fuhr zusammen und raffte sich mühsam auf. Er war sehr bleich geworden und nahm den Hut ab, um sich die in kaltem Schweiß gebadete Stirne zu trocknen. »Ich will die Last tragen, die mir auferlegt ist, solange meine Kraft aushält,« murmelte er. »Wenn nur sie es nicht merkt, daß ich sie trage.« Damit sprang er über den Bach und ging eilenden Schrittes den Pfad zurück, den er gekommen. Drittes Kapitel. 's wird doch was aus der Sach'. Beim reichen Kuori Leuenberger in der Zwihl ging es an diesem Tage wirklich hoch her. Der Zwihlbauer hatte nur zwei Kinder, zwei Meitschi, und dem älteren derselben richtete er heute die Hochzeit aus. Da mußte etwas draufgehen, das verlangte schon die bäuerische Kleiderordnung, und zwar um so mehr, als es galt, dadurch zugleich das Gerede zu widerlegen, der Magnat von Windgellen sei nur schwer dazu vermocht worden, seine Rosi dem Ruodi Zurflüh zu geben. Es war etwas an diesem Gerede, es war etwas dran. Der Ruodi war zwar ein »hablicher« Mann, keine Frage, und ein stattlicher und braver Chnab' war er ebenfalls, kein Zweifel; aber er hatte auch, wie der Zwihlbauer seinerzeit ziemlich ungrammatikalisch gesagt haben sollte, »zwo bedenkli Items« an sich. Denn fürs erste war er ein Fremder, das heißt, er war in dem sieben bis acht Stunden von Windgellen entfernten Hasli im Grund geboren, und fürs zweite war er kein Bauer, sondern »gäng nur « ein Holzschneider. Kein Stolz geht über den rechten Bauernstolz. Überall, wo noch eine unvermischte Bauersame deutscher Zunge sitzt, namentlich eine solche, auf deren Nacken das demoralisierende Joch der Hörigkeit nie gelegen, macht sich in ihrer Denkweise, in ihrem ganzen Gebaren der trotzige Geist altgermanischer Gemeinfreiheit fühlbar, aber auch die starre Ausschließlichkeit altgermanischen Kastenwesens. So ein Bauer, auf seiner Hufe sitzend, deren Vererbung von Urväterszeiten her die Familientradition genau nachzuweisen vermag, ist gewohnt, die ganze Menschheit einzuteilen in Bauern und andere Leute, und wie immer die Lebensstellung dieser »anderen Leute« sei, ob hoch oder niedrig, arm oder reich, gleichviel, sie sind keine Bauern und demzufolge nicht ebenbürtig. Auch der Kuori Leuenberger war vom echten und gerechten alten Bauernschlag, wenn schon durch sein knorriges Wesen eine weiche Ader lief, die ihm, wie er meinte, schon manchen Possen gespielt hatte. Wahrscheinlich war diese Ader durch den Umstand genährt worden, daß seine Heirat mit dem Anneli, der Erbtochter des Zaglibauers, nicht allein eine bäuerliche Konvenienzheirat, sondern zugleich auch eine gegenseitige Neigungsheirat gewesen war. Die Zwihlbäu'rin war aber zuvörderst Weib und Mutter und dann erst Bäu'rin. Auch eine große dörfliche Diplomatin war sie, die ihren Kuori vortrefflich zu handhaben wußte und sich durch sein Brummen nicht abschrecken ließ, wenn sie sich mal etwas Gutes und Rechtes vorgesetzt hatte. Eines schönen Frühlingsabends, etwa ein Vierteljahr vor Eröffnung unserer Geschichte, hatte die Zwihlbäu'rin, während ihr Eheherr auf dem Söller droben tubäkelte, das heißt, seine Abendpfeife rauchte, unten in der Wohnstube eine lange flüsternde Unterredung mit ihrer älteren Tochter, der Rosi, welche an demselben Tage ihr zwanzigstes Jahr angetreten hatte. Als die jüngere Tochter, s' Vreneli, ein lebhaftes hübsches Chind Überall in der deutschen Schweiz heißen die Mädchen, auch die erwachsenen, Chind', d.i. Kinder. von sechzehn Jahren, in die stille Stube kam, brachen Mutter und Schwester verlegen ihr Gespräch ab, und 's Vreneli bemerkte im Zwielicht, daß die Wangen Rosis hochrot waren und Tränenspuren zeigten. Bei so bewandten Umständen ging 's Vreneli sogleich wieder hinaus und in die Küche, wo sie zu der alten Magd, einem Inventarstück des Hauses, sagte: »Gib acht, Kathri, 's gibt ebbis .« – »Was denn?« – »'ne Hochzyt.« – »Warum nit gar, du Göhl! Was weißt du von Hochzyten?« – »Ei ja fryli! Bin ich nit an Ostern b'hört worden? Und meinst, ich hätt's gäng nit g'merkt, daß d' Rosi und der Ruodi einander gäng gern haben?« – »So, du Äffli, das hast du g'merkt? Papperlapapp! Da wird gäng nüd draus.« Während dieses Gespräch in der Küche seinen Fortgang hatte, stieg die Zwihlbäu'rin nachdenklich zum Söller hinauf, setzte sich neben ihren Eheherrn und begann die Unterhaltung damit, daß sie meinte, bei der ungewöhnlich günstigen Witterung dürfte es bald an der Zeit sein, mit dem Veh zu Berg zu fahren. Aus der Verhandlung des Viehkapitels merkend, daß ihr Alter guter Laune sei, lenkte die Bäu'rin mit behutsamen Übergängen die Unterhaltung allmählich auf ein ganz anderes Feld, und dabei wurde ihre Sprache immer wärmer und eindringlicher. Der Bauer hörte ihr nach seiner Weise bedächtig zu und verriet weiter keinen Anteil, als daß er sehr energisch tubäkelte. Die Bäu'rin achtete in ihrem Eifer wahrscheinlich nicht sehr darauf, denn sonst hätte sie sich nicht so weit mit dem herausgelassen, wessen ihr Herz voll war. Wenn der Zwihlbauer große Tabakswolken von sich paffte, so war das kein Zeichen der Beistimmung; im Gegenteil, ganz im Gegenteil. Die gute Zwihlbäu'rin sollte auch bald genug innewerden, daß es ihr nicht immer gelänge, ihren Kuori »anzubohren«, mit welchem sonderbarlichen Ausdruck sie ihre auf diplomatischer Kunst beruhende Oberherrlichkeit im Hause zu bezeichnen pflegte. Der Zwihlbauer ließ seine würdige Ehehälfte ruhig ausreden. Hernach stand er auf, klopfte über die Brustwehr des Söllers hinweg seine Pfeife aus, trat vor sein Anneli hin, zupfte, wie das bei feierlichen Anlässen seine Gewohnheit war, seinen bretsteifgestärkten, ein gut Teil über die Ohrläppchen hinaufreichenden Hemdkragen noch mehr in die Höhe und sagte dezidiert: »Da schlag' gäng der Dunder dri! Aus der Sach' wird nüd, säg' i.« Nach also abgegebenem Konklusum drehte sich der würdige Beherrscher der Zwihl gegen die Türe hin, hinter welcher in wohlverwahrter Kammer das mächtige Ehebett stand, worin schon der Ähni mit der Ahne und der Vater mit der Mutter ihre Nachtruhe gehalten hatten. Das ehrwürdige Möbel füllte die Schlafkammer zur Hälfte aus und war von einem »Himmel« überdeckt, dessen vier eichene Tragsäulen im Notfall ein Haus hätten tragen können. Auf der inneren Fläche des Betthimmels war ein Schnitzwerk angebracht, welches Adam und Eva im Paradiese darstellte. Die Zeit hatte dieses Kunstwerk schwarz gebeizt, und in der Kammer war es zudem nicht mehr hell genug, daß der Zwihlbauer, als er seine gewaltigen Glieder in das hochaufgestapelte Federbett versenkte, das Bild noch hätte gewahren können. Dennoch richtete er die Augen nach der Stelle hin, und wie wenn ihm der schlimme Streich, welchen Frau Eva ihrem Eheherrn weiland gespielt, eine wunderliche Ideenverbindung eingegeben hätte, brummte er: »'s Wybervolk ist gäng allzyt e Dunderszüg gsi.« Derweil wälzte die Zwihlbäu'rin draußen auf dem Söller schwere Gedanken im Gemüte. Sie fühlte, daß ein großer Wendepunkt in ihrem Leben eingetreten, und daß es jetzt, wenn je, gälte, ganz ungeheuer klug und fest zu verfahren. Nachdem sie die Angelegenheit, welche sie beschäftigte, nach allen Seiten hin gewendet und gedreht hatte, kam sie zu dem Schluß: »Er wird gäng brummen, länger und ärger brummen als je; aber 's könnt' doch gehen, 's könnt' doch gehen. Man muß nur sachte tun, sachte, sachte.« Damit machte die rüstige Frau noch ihren allabendlichen Gang durch das Haus, zu sehen, ob alles in seiner Ordnung sei, und verfügte sich dann in die Schlafkammer. Als auch sie unter dem erwähnten Betthimmel Platz genommen, sprach sie nach ihrer Gewohnheit mit über der Bettdecke gefalteten Händen halblaut den Abendsegen und wollte sich dann, im Glauben, ihr Kuori schliefe schon, ebenfalls zum Schlafen zurecht legen. Da drehte der Bauer halbwegs den Kopf auf seinem Kissen und brummte: »Anneli, los', i säg', aus der Sach' wird nüd!« Sprach's und legte sich wieder aufs Ohr. Die Zwihlbäurin sagte nur ganz sanft: »Nu, so schlaf' gäng in Gottesnamen.« Sie hütete sich wohl, Widerspruch zu erheben oder auch nur ein weiteres Gespräch zu veranlassen, und begnügte sich zu denken: »Der Brei ist eingerührt, jetzt mag er kochen.« Er kochte auch wirklich so wacker, daß der Zwihlbauer in dieser Nacht nicht viel schlief. Kaum eingeduselt, fuhr er wieder auf und murmelte: »Mein' Rosi so 'nem Fremden geben, der gäng kaum in die G'meind' hereing'schmeckt hat, so 'nem Holzschnäfler? Ja, ahsograd! Aus der Sach' wird nüd! Der Dunder schlag'!« Die Zwihlbäurin hörte es gar wohl, tat aber nicht dergleichen. – Am folgenden Morgen rief der Bauer seine ältere Tochter in sein Oberstübli. Sie müsse ihm, sagte er, während die Familie mit den Knechten und Mägden ihre Hafersuppe zum Frühstück aß, bei einer Schreiberei helfen. Das kam oft vor, und wußte männiglich, daß die Gemeindeakten von der Hand Rosis geschrieben wurden. Dennoch pochte bei der Bestellung dem Mädchen das Herz so stark unter dem roten Brusttuch, daß sie bald den Löffel hinlegte und hinausging. Während sie dann beim Vater im Oberstübli war, schlich 's Vreneli leise wie ein Mutterkätzchen die Stiege hinauf. Das Chind merkte Wohl, daß ebbis im Hause vorging. Und es sollte nichts davon wissen? Das war gäng » schüli «! Aber wart', es hat feine Ohren, es, und es konnte doch wohl nicht schaden, e chli an der Stüblitür' zu löslen. Da drinnen sprach der Vater laut genug und auch gäng ernsthaft, aber die Lauscherin konnte es doch nicht recht hören; und dann sprach 's Rosi, aber das war noch weniger zu verstehen. Zuletzt ging die Türe halb auf, und so hörte 's Vreneli den Vater sagen: »Los', Rosi, aus der Sach' wird nüd, sag' i – der Dunder schlag'!« Die Lauscherin huschte erschrocken über den Gang und die Treppe hinab. Aber ihre heraustretende Schwester hätte das Chind auch bei geringerer Eile kaum wahrgenommen, denn ihre Augen waren vom Weinen trüb. Und doch wurde was aus der Sach'! Geduld überwindet Sauerkraut und noch viel mehr, will sagen einen Bauer aus dem Bernerbiet, der doch aus dem zähesten Holz geschnitten ist, das auf Gottes Erde wächst. Zunächst freilich gab's eine trübe Zeit in der Zwihl. Der Bauer war brummig, die Bäurin unruhig, die Rosi traurig, und 's Vreneli lachte weit weniger als sonst. Es war etwas, wie es nicht sein sollte. Das merkten auch die Knechte und Mägde, welche die Köpfe zusammensteckten und untereinander munkelten. Die Zwihlbäurin machte die Erfahrung, daß der fragliche Brei sich keineswegs von selbst auskochte, und befliß sich daher, von Zeit zu Zeit frisches Holz unterzulegen. Aber es wollte nicht brennen, und die gute Frau begann zum erstenmal ihrer diplomatischen Kunst zu mißtrauen. Eines Morgens nach der Hafersuppe sagte der Bauer mit einem ganz eigentümlichen Seitenblick auf seine ältere Tochter, er werde sich gäng resolvieren müssen, den Türk, den alten Hofhund, abtun zu lassen; denn der Hundsketzer, meinte er, sei gäng gar nicht mehr wachsam. Und im Hinausgehen brummte er noch zwischen Türe und Angel verständlich genug, er werde dem Kiltgänger, der nachtschlafender Weile um das Haus streiche, schon das Handwerk zu legen wissen. Rosi wurde vor Schrecken über und über rot. Aber am Tage darauf hatte sie noch gewichtigere Ursache, zu erschrecken. Nämlich vor dem Schlafengehen sagte ihr der Vater, der Schurbauer drüben in der Schur, sein alter Sozi , habe bei ihm für seinen einzigen Sohn und Erben um die Hand der Rosi angefragt und sei das gäng ein Wort, welches sich hören lasse. Ein urchiges Heime , der Schurhof, und sei des Schurbauers langer Toni ein Chnab, der einem rechten Meitschi gäng anstehen könne. »Was meinst, Chind?« – »Oh, Vater, Ihr wißt ja –« – »Was weiß ich – der Dunder schieß'! B'sinn' dich drüber, Rosi, und sag' mir morgen gäng ein g'scheiteres Wort.« Rosi war kein »Zimpferthrineli«, kein »Teigaff'«, keine Buttersemmelnatur, sondern ein kerngesundes, frisches Bergmädchen, das seinen Katechismus gut innehatte, geläufig lesen und schreiben, für den Hausgebrauch auch rechnen konnte, aber weiter von der Blässe der Zivilisation nicht angekränkelt war. Sie wußte weder von Nerven noch von Empfindsamkeit, und Siegwart und Werther waren ihr wildfremde Namen. Sie hatte sich daher aus der Liebe kein Geschäft zurechtgemacht, wie »gebildete Töchter gebildeter Stände« zu tun pflegen, welche dann doch nicht gar selten, sondern recht häufig, ja gewöhnlich, aus den ätherischen Regionen einer irrlichterierenden Liebespoesie mit einmal und im Grunde ohne viel Federlesen, jedenfalls aber ohne Herzbruch in die Konvenienzprosa einer »standesmäßigen Versorgung« herabplumpen, mitunter auch wohl noch erklecklich tiefer. Aber die arme Rosi liebte, und tief und wahr, wie ihr ganzes Wesen, war auch ihre Neigung. Romantik war dabei eigentlich blutwenig im Spiele. Sie hatte einen Mann liebgewonnen, der, kaum fünf Jahre älter als sie, stattlich von Gestalt, gewandt im Benehmen, freundlich und mild von Sitten war, einen Mann, an dessen Lebensführung kein Makel haftete, der außerdem ein hübsches Heimwesen besaß, völlig unabhängig war und sein gutes Auskommen hatte. Warum also sollte sie dieses Mannes Weib nicht werden? Weil er nur erst seit kurzer Zeit ein eingebürgerter, nicht aber ein geborener Windgellener oder weil er kein Bauer im vollen Sinne des Wortes war? Rosi ehrte und liebte ihren Vater aus Herzensgrund; aber daß ihr nur ein Altburger von Windgellen und ein Bauer als Mann anstünde, das hätte ihr Verstand nicht begriffen, auch wenn das Herz einer solchen Logik nicht den Weg zum Kopfe verlegt haben würde. Vielleicht wurde Rosis Zuneigung vermehrt und gestärkt durch den Umstand, daß Ruodi Zurflüh, welcher als angehender Jüngling zum Lehrerberuf bestimmt gewesen und demnach eine länger dauernde und einläßlichere als die gewöhnliche Volksschulbildung genossen hatte, auch geistig über das bäuerische Niveau bedeutend emporragte; aber so viel ist gewiß, Rosi hatte sich diesen Umstand nie zum Bewußtsein gebracht. Dazu war sie viel zu naiv, viel zu wenig reflektiert. Mit der ganzen Frische und Kraft ihres bis dahin mehr herben als weichen Mädchentums hatte sie den Eindruck von Ruodis Persönlichkeit empfangen, und mit der ganzen Frische und Kraft ihres Herzens hielt sie diesen Eindruck fest. Das war alles, und es war gerade genug. »Da braucht's gäng kein Besinnen: es kann nit sein!« dachte Rosi, als sie in ihre Kammer hinaufstieg. Es war ihr jetzt, wo ihr plötzlich der bestimmte Vorschlag gemacht worden, einen anderen zu heiraten, erst recht klar geworden, wie sie mit so ganzer Seele an dem Ruodi hing. Das Nichtseinkönnen, nämlich die Unmöglichkeit einer Heirat mit des Schurbauers langem Toni, war ihr so etwas Abgemachtes, Tatsächliches, daß sie sich darüber weiter keine Gedanken machte. Aber die Gedanken kamen von selbst, denn sie kannte ihren Vater und mußte um so mehr glauben, derselbe würde einen einmal gefaßten Plan mit allen Mitteln durchzusetzen trachten, da sich die Zwihlbäurin mit richtigem Takt von jeher wohl gehütet hatte, ihren Töchtern einen Einblick in die Diplomatie zu gestatten, womit sie ihren Kuori in letzter Instanz zu dessen eigenem Besten lenkte. Sanft von Gemüt, wie Rosi war, fühlte sie instinktartig und mit nicht geringem Bangen, daß in ihrem Leben eine Wendung eingetreten, wo das Geschehenlassen, das geduldige Hinnehmen und Abwarten nicht mehr ausreiche, sondern wenn auch nicht Begehrtes keck anzustreben, so doch Verhaßtes mutig abzuweisen sei. »Nei au, Rosi, was machst du für ein grüsli ernst Gesicht!« rief 's Vreneli von dem gemeinschaftlichen Bette der Schwestern her, als die ältere in die Kammer getreten war und die Lampe auf den Tisch gestellt hatte. »Was werd' ich gäng für ein besonderes Gesicht machen, Chind? Schläfst du denn noch nicht?« »Ei was, bei Nacht soll ich allzyt schlafen und bei Tag nüd merken. Du und ihr alle im Haus vergesset allweil, daß ich letzte Ostern b'hört worden. Aber ich bin nicht so dumm, ich. Los', ich will dir ebbis sagen. Gelt, der lang' Toni aus der Schur geht dir im Kopf umme ?« »Der? B'hüt' mi Gott!« »Hast recht. Was nur dem Vater einfällt? Als war' der Toni ein Mann für dich! Pfüdi! Der lang' Dalk ist gäng grad' so ein Gythung Geizhund. Das Wort Hung (Hund) kommt in der Berner Mundart in vielfachsten Zusammensetzungen vor. Die originellste von allen dürfte sein, daß der Berner einen Frömmler einen Bet-Hung nennt. wie sein Alter.« »Aber woher weißt du denn –« »So, meinst, unsereins hab' keine Ohren? Wer Ohren hat, zu hören, der höre, heißt's in der Bibel. Verstanden?« »Ja, du hast deine Ohren überall, wo sie hingehören und nicht hingehören. – Aber weißt du was, Vreli?« fuhr Rosi fort, sich zum Scherzen zwingend. »Weil du doch kein Kind mehr sein willst, so könntest du mir einen großen Gefallen tun.« »Gern, Rosi, gern. Sag nur, was du haben willst,« »Du könntest die Sach' mit dem langen Toni ins recht' Gleis bringen, wenn du dem Vater sagtest, du wolltest ihn nehmen. Dem Toni wird's gäng einerlei sein, und so wäre dir und mir geholfen.« »Jetzt schweig aber, Rosi. Du red'st gäng schüli! Den langen Toni nehmen – pfüdi! Nei! nei! Los', laß dir sagen, im Abc kommt nach dem R nicht das T, wohl aber das S. Verstehst mi?« »Nein, wahrli nit,« entgegnete Rosi, die Lampe löschend und zu der Schwester ins Bett steigend. »Gelt, ich kann dir gäng auch Rätsel aufgeben?« »Ja, das seh' ich. Aber jetzt halt dein Plappermüli . Ich bin gäng schläfrig.« Mit Rosis Schläfrigsein war es jedoch nicht weit her. Denn als sich die jüngere Schwester mit der glücklichen Sorglosigkeit ihres Alters auf bie Seite gedreht hatte und bald eingeschlafen war, setzte sich die ältere im Bett auf und versank in ein quälendes Nachdenken über ihre Lage. So mochte sie etwa eine Stunde lang gesessen haben, als die Stille um sie her durch ein kaum bemerkbares Geräusch unterbrochen wurde. Es kam von dem Laden her, womit das Kammerfenster von außen verschlossen war. Dort pöppelte es in drei Absätzen, ungefähr so, als würden kleine Steinchen an den Laden geworfen. Dann ward es wieder ganz still. Rosi lauschte mit verhaltenem Atem. Hierauf beugte sie sich zu der Schwester hinüber, deren tiefe Odemzüge einen festen Schlaf bezeugten. Nun schlüpfte sie sachte, sachte aus dem Bett, warf ihre Jüppe über und zog ihr Hemdprisli fest am Halse zusammen. So ging sie, schob leise das Schiebfenster hinauf und öffnete vorsichtig den Laden. Kein Lichtstrahl, aber ein feuchtkalter Lufthauch drang in die Kammer, denn eine Regennacht lag schwarz über Berg und Tal. Rosi beugte sich hinaus und fühlte nicht den kalten Regenschauer, welcher ihr ins Gesicht schlug; sie fühlte nur die warme Hand, welche ihre in die Finsternis hinausgebotene ergriffen hatte. Ein heftiger Föhn schüttelte rauschend die Äste des alten Ahornbaumes, welcher dem Kammerfenster nahe stand, aber doch konnte er vier Ohren nicht verhindern, das Geflüster zu verstehen, welches zwischen dem Kammerfenster und dem Ahorn hin und her flog. Es währte lange. Endlich zog Rosi ihre Hand zurück, aber schon im Begriffe, den Laden wieder zuzuziehen, beugte sie sich noch einmal hinaus und flüsterte mit einer tief aus der Seele kommenden Betonung: »Nei, Ruodi, nei. Dich oder keinen!« Darauf schloß sie behutsam den Laden, schob das Fenster nieder, tat die Jüppe ab und glitt vorsichtig wieder in das Bett. Fast erschrak sie, denn sie hörte die Schwester murmeln, und aufhorchend vernahm sie von Vrenelis Lippen die Worte: »Der Herr Pfarrer, ja, der ist gäng e Männli!« Aber das war nur im Traume gesprochen. »Das Kind träumt von dem Pfarrer,« dachte Rosi, »und es spricht auch im Wachen immer von ihm, wo es nur kann. Arm's Vreli, solltest auch du schon – Aber 's ist ja noch ein pures Kind. Und doch – Nun, Gott wende alles zum besten!« fügte sie laut hinzu, und so schlief sie ein. Unerwarteterweise sprach der Zwihlbauer am folgenden Tage kein Wort von dem langen Toni aus der Schur und seiner Freiwerberei. Sollte während der Nacht die Politik der Zwihlbäurin mit Erfolg tätig gewesen sein? Es schien doch kaum. Wenigstens wußte die Mutter der Tochter wenig Tröstliches zu sagen, und als ein paar Tage darauf vormittags 's Rosi mit dem Vreneli nach der gegen das Bödeli zu gelegenen Matte hinabgehen wollte, um den frühmorgens dort gemachten ersten Grasschnitt zu wenden, hatte sie im Hausflur eine Begegnung von übler Vorbedeutung. Wie nämlich die Mädchen mit ihren Rechen auf der Schulter zur Haustüre hinauswollten, kam der alte Schurbauer die steinerne Staffel herauf. Der Mann hatte ein höchst wichtiges Aussehen, auch seinen Sonntagstschopen an und darunter ein ganz frisches Hemd, dessen Kragen akkurat so hoch hinaufging wie die Ohren. Die Zwihlbäurin, welche, unter der offenen Stubentüre stehend, den Kommenden wahrgenommen, trat hervor und begrüßte ihn. Der Alte gab den Gruß zurück, und als die beiden Mädchen ohne Zeremonie an ihm vorüberschlüpfen wollten, sagte er galant: »Potz Bluest, wei't die Jumpfere scho in Heuet? Nei, bym ewige Dunder, 's geit doch kei tölleres Meitschi als 's Rosi in der Zwihl. Das wird gäng 's prächtigst Brütli abgä das ma centum g'seh' cha.« Rosi ging schnell zur Haustüre hinaus, aber 's Vreneli kehrte sich um und sagte schnippisch: »Wisset Ihr, Schurbaur, was sie im Dütschland draußen für ein Sprichwort haben?« »Was denn für eins, Chind?« »D' Nürnberger henken keinen, eh' sie ihn haben.« »Wart', du Äffli! Bym ewige Dunder, 's ist doch schad', daß mein jüngerer Bub', der Uli, hat sterben müssen. Der wär' für dich wie a'g'messen, gäng wie der –« 's Vreneli war aber schon weg, und die Zwihlbäurin unterbrach den Gast mit den Worten: »Wollet Ihr nicht in die Stube treten, Nachbar, und ein Schnäppsli nehmen, bis mein Baur von den Mähderen auf der Bühlmatte heimkommt? 's wird nicht lang währen.« Sehr neugierig kam 's Vreneli, sehr zaghaft die Rosi zum Mittagessen heim. Dieses ging aber so gemessen vorüber wie immer. Rosi warf zuweilen einen verstohlenen Blick auf den Vater. Aber das braunrote Gesicht des Zwihlbauers in seinem weißen Hemdkragen war undurchdringlich. Als die Dienstleute hinausgegangen, sagte 's Vreneli draußen zu der alten Küchenmagd: »Paß auf, Kathri, jetzt wird's drinnen losgehen.« Es ging aber drinnen nicht los. Rosi räumte den Tisch ab, an welchem Vater und Mutter noch sitzen blieben. Während sie das Geschirr hinaustrug, hörte sie die Mutter sagen: »Kuori, der Schurbauer ist gäng –« »Schwyg', Anneli,« unterbrach ihr Eheherr die Redende barsch. »I säg', der Tüfel kann meinthalb den –« Weiter hörte Rosi nicht, aber bald darauf kam die Mutter aus der Stube, zog ihre Tochter beiseite und flüsterte ihr froh erregt zu: »Los, Rosi, wenn du z' Obig z' Bett gehst, so knie nieder in deiner Kammer und dank unserem Herrgott! Vom langen Toni in der Schur bist erlöst. Aus der Sach' wird gäng wahrli nüd.« »Gott sei Lob und Dank, Müetti !« »Ja, Chind, kannst gäng froh sein, daß das so ausg'ländet hat. Weißt, der alt' Schlufi , der Schurbaur, war e Stündli bei mir, eh' der Vater kam, und da hab' ihn gäng es bizzeli z'wegg'no, Hab' ihm nämli so viel vo euserem Geld und Gut g'seit, daß der Ma vor Gyd und Nyd ahsograd' hätt' veräbble möge. Da ist er dann in seiner Gytbrunst mit dem Vater uffe ins Oberstübli und bald hernacher sind die beiden Mannen wieder abe cho und hät der Schurbaur gäng den Kopf lampen lassen, als hätt' ihm einer mit dem Holzschlägel drauf g'schlagen. Und der Vater hat nur noch zu ihm g'feit: B'hüt' Euch Gott und lebet wohl, Nachbar, und der Toni soll sich gäng anderswo umsehn. Und als der Alt' fort war, hat der Vater zu mir g'seit: ›Der Dunder schlag'! Der Gythung hat nu ahsograd' die ganz' Zwihl zum Heiratsgut für d' Rosi haben wollen, als wären du und ich schon tot und begraben und 's Vreneli gar nicht da‹ – Siehst du, Chind, so ist mir der alt' Vogel uf d' Leimrut' gangen, und sei du gäng ruhig, von denen in der Schur, vom Alten oder vom Jungen, will der Vater nüd meh wissen.« »Anneli, wo steckst?« rief der Bauer in der Stube, und die Bäurin folgte hastig dem Rufe. Es war heute augenscheinlich ein Tag für Staatsaktionen in der Zwihl, denn man sah sofort den Hausherrn und seine würdige Hälfte von der Stube her über den geräumigen Flur nach der Treppe gehen, welche ins Oberstübli führte, von wo die Hausbewohner alle wichtigen Beschlüsse und Erlasse ausgehen zu sehen gewohnt waren. Im Vorübergehen an der offenen Küchentüre rief der Bauer seinen Töchtern zu: »Nu, ihr Meitschi, machet gäng, daß ihr waidli wieder uf d' Bühlmatt' kommet. Wenn ihr euch brav an d' Arbeit haltet, cha ma den heutigen Frühschnitt morgen fürzundeltrocken eintun.« Rosi bemerkte, daß der Vater, die Treppe hinaufsteigend, einen Blick nach ihr zurückwarf, und es wollte ihr vorkommen, dieser Blick sei ein freundlicherer gewesen, als sie seit lange von ihm zu erhalten pflegte. »Gib acht, Rosi,« wisperte 's Vreneli, als es mit der Schwester das Haus verließ, »das hat gäng ebbis z' bedeuten. Für nüd und aber nüd geht der Vater nit an 'em Werchtig mit dem Muetti ins Oberstübli.« Die Nachmittagssonne brannte heiß auf die Bühlmatte herab, und die beiden Mädchen hatten die Hände wacker zu rühren, um ihr Geschäft zu Ende zu bringen. Endlich, kurz vor Sonnenuntergang, waren die duftenden Grummetschwaden regelrecht zu zierlichen »Schochen« zusammen gehäuft, in welcher Gestalt sie der Einwirkung des Nachttaus besser zu widerstehen vermochten, und die Schwestern machten sich nach vollbrachtem Werk auf den Heimweg. Vreneli ging voran und stimmte munter einen Jodler an, daß die Bergwand, an deren Fuß der Weg im Zickzack hinführte, von der hellen Stimme des frohherzigen Mädchens widerhallte. Rosi folgte langsamer, blieb dann ganz zurück und setzte sich auf einen Stein am Wege. Sie nahm den breitrandigen Strohhut ab, damit ihre heiße Stirne sich verkühle, und blickte auf das Tal hinab, welches im abendlichen Frieden vor ihr lag. Da und dort sah man kleine Gruppen von Dorfleuten aus den Matten und Feldern heimwärts schlendern. Durch die Schluchten drüben rauschte eintönig der Fluß wie tagmüde und die Berggipfel schwammen im Purpurlicht des scheidenden Tagesgestirns, während auf die Niederung schon die Schleier der Dämmerung sich zu breiten begannen. Die Szene war ganz dazu angetan, einen Bergwanderer zu entzücken, aber die Wahrheit zu sagen, Rosis Gedanken machten sich wenig mit der schönen Abendlandschaft zu tun. Nicht einmal ihre Augen. Von ihrem Ruheplatz aus war linkshin das neue Haus auf dem Hügel am See zu sehen, und dorthin waren ihre Blicke gerichtet, so fest, so selbstvergessen, daß sie zusammenfuhr, als der Schall derber Schritte sie aufstörte. Hinter einer Arvengruppe hervor kam der Zwihlbauer auf seine Tochter zu, und im nächsten Augenblick war er bei ihr. Sie achselte ihren Rechen, um sich dem Vater auf dem Heimweg anzuschließen. Allein der Bauer stand still, schaute nach der Richtung hin, woher er gekommen, und sagte trocken: »So, so, Rosi? Da sieht ma gäng gut ins Bödeli nüber.« Das Mädchen senkte die Augen. »Seid ihr fertig worden da drunten auf der Bühlmatt'?« fragte der Bauer. »Ja, Vater.« Der Bauer sah das schöne Kind an, wie es so verlegen vor ihm stand, und etwas wie väterlicher Stolz blitzte in seinem Falkenauge auf. Dann sagte er: »Was wahr ist, ist wahr. Der Ruodi hat sich ein hablich's Heime eingericht't. 's fehlt seinem Haus gäng jetzt nur noch e recht's Huswyb.« Rosi senkte den Kopf noch tiefer, und das Blut schoß ihr bis zu den Schläfen hinauf. Um doch etwas zu sagen, fragte sie: »Wo kommt Ihr denn her, Vater?« »Woher ich komm'? Woher werd' ich kommen? Vom Rütli komm' ich.« »Vom Rütli?« entgegnete Rost mit einem Ton, worin Überraschung, Staunen, Freude und Angst sich mischten. »Nu, ja doch, Rosi. Weißt, Chind, ich mußt' gäng mit dem Ruodi ein Wörtli reden von wegen der Aussteuer und der Hochzeit, da du ihn doch absolute haben willst. Der Dunder schlag'!« Rosi ließ den Rechen fallen und sprang dem Vater an den Hals, weinend, lachend, halb närrisch vor Glück. Viertes Kapitel. Von der Zwihl zum Bödeli. Die Grundzüge des Bauerncharakters sind in der ganzen Welt die gleichen, und sie konzentrieren sich in der Umkehrung eines berühmten evangelischen Wortes: »Nehmen ist seliger denn geben.« Der echte Text steht auf dem Papier, die Travestie ist eine Maxime, die in der ganzen Welt und unter allen Standen praktische Geltung hat. Sie ist obenan in jener weltlichen Bibel, welche nicht aufgezeichnet wurde, wohl aber unendlich eifrig praktiziert wird. Unbefangener jedoch wird jener Grundsatz nirgends befolgt als in der bäuerischen Welt, nicht einmal in der kaufmännischen, und das will doch viel sagen. Man muß den krassen, den bleiernen Egoismus der Bauern kennen, um zu wissen, wie unendlich lächerlich die kunstfeuerwerksmäßige Glorifikation des »Volkes« war, welche zum Beispiel Anno 1848 von gutmütigen Enthusiasten getrieben wurde. Und doch trotz alledem, wo ist etwas wahrhaft Großes, dessen Wurzel nicht ins Volk hinabreichte? Das liebe Ich ist und bleibt im Grunde die Springfeder aller menschlichen Tätigkeit, und am Ende aller Enden hat es etwas Ehrenwertes, wenn der Bauer dieses liebe Ich herb und derb, sozusagen in klassischer Nacktheit ins Leben herausstellt, während die »gebildeten« Klassen dem Ding ein chamäleonisch schillerndes Mäntelchen umzuhängen lieben. Glücklicherweise geht, dem großen Gemälde menschlicher Selbstsucht die Monotonie ab. Es ist an Farbennuancen noch reicher als die Landkarte des weiland Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Und mitten in dieser bunten Farbenwüste taucht unversehens da und dort eine Oase auf, so frisch, so grün und heilig still, als blinkten die Tauperlen des Schöpfungsmorgens noch an allen Gräsern, und ein Quell von köstlicher Lauterkeit sprudelt aus dem unentweihten Boden. Ja, es gibt Ausnahmen von der großen Regel des Egoismus, sogar in der Bauernwelt. Ist es dir nie begegnet, daß du, im Hochgebirge wandernd, mit freudiger Überraschung am Gletscherrand mitten unter starren Granitmassen eine Soldanelle fandest, die taubesprengte Blütentraube in der Morgensonne funkelnd? So eine Blume gedeiht nicht selten auch inmitten granitharter Bauernmoral. Das Mädchen, dessen Geschichte ich erzähle, kann den Beweis dafür liefern. Und das auch darf nicht übersehen werden, daß der grundgleiche Typus bäuerischer Anschauungsweise eine unendliche Mannigfaltigkeit im einzelnen nicht ausschließt, eine unendliche Mannigfaltigkeit in der Art und Weise schon der Stämme, geschweige der Personen. So ist zum Beispiel der Berner Bauer, so hagebuchen er sein mag, immerhin in gewissem Sinne ein nobles Wesen, verglichen mit der Bevölkerung anderer Gegenden der Schweiz, wo die Verquickung des bäuerlichen Elements mit dem industriellen alles mit einer Kruste kalkulierender Gemeinheit überzogen hat. Freilich wäre es sehr gewagt, zu meinen, der Zwihlbauer habe, als er so plötzlich und unverhofft in die Heirat seiner Tochter mit dem »Holzschnäfler« Ruodi willigte, nur einer reinmenschlich schönen Regung nachgegeben. Ein sehr stark wirkendes Motiv war dabei vielmehr ein echt bäuerisches gewesen. Der Zwihlbauer wollte dem Schurbauer, welcher bei der Verhandlung über die Mitgift der Rosi nicht nur schrankenlose Habsucht an den Tag gelegt, sondern auch ein gewisses beleidigendes Mißtrauen in betreff der Leistungsfähigkeit des Leuenbergers hatte durchblicken lassen, einen recht gesalzenen Possen spielen, indem er seine Tochter auf der Stelle einem anderen gab. Aber nachdem er sich einmal dazu entschlossen, hatte er freimütig und nobel gehandelt. Er war ohne weiteres zu dem Ruodi gegangen, hatte diesem den ganzen Hergang der abgebrochenen Heiratsunterhandlung mitgeteilt, hatte dann dem Überraschten selber seine Tochter angetragen und schließlich beigefügt, er werde jetzt der Rosi eine größere Aussteuer geben, als im Falle sie den langen Schurtoni geheiratet hätte. Also war des Zwihlbauers ältere Tochter fast noch schneller, als der Schurbauer gemeint hatte, aber keineswegs in seinem Sinne, ein »prächtig's Brütli« geworden. Ja, das mußte ihr selbst der Neid lassen, und »wenn's auch allen Mäusen in den Schwänzen wehtät,« wie sich die Jungfer Bibbeli dichterisch ausdrückte, des Sahli-Jakoblis Tochter, ein Meitschi von sehr »bestandenem« Alter, genannt die Zytig vo Windgellen, eine sehr respektable und nicht wenig gefürchtete Person, von welcher ein dörflicher Witzbold behauptete, sie hätte sich aus Ärger und Kummer, keinen Mann bekommen zu haben, einen »urchigen« Schnurr- und Kinnbart wachsen lassen. Selbige Jungfer Bibbeli musterte mit der ganzen kritischen Schärfe ihrer Augen den Hochzeitszug, welcher im Laufe des Septembermorgens, in dessen Frühe der junge Pfarrer das Schwarzelsi droben bei der Teufelskanzel getroffen hatte, von der Zwihl herab zur Kirche ging. Bei dieser Gelegenheit tat die Zytig vo Windgellen den erwähnten Ausspruch, konnte aber doch nicht umhin, beizufügen, die Augen der Rosi seien doch gäng es bizzeli zu groß, und ferner, der Hut des Ruodi sei gäng es bizzeli zu modig, ja, und 's Vreneli, das als »Brutjümpferli« hinter der Schwester herging, sei nummeeinisch für sein Alter mehr als es bizzeli zu viel wie ein »Dökkeli« oder gäng wie 'ne »Prinzeßli« aufgeputzt, und der Brautvater, der Zwihlbaur, der gäb' sich gäng gar ein Ansehen, als wär' er der Burgermeister von Bern. Groß waren die Augen der Rosi, das ist wahr, aber beileibe nicht zu groß, und es war eben kein Wunder, daß noch andere Leute als der Ruodi gern, zu gern in diese sanften und guten Kornblumenaugen schauten. Da war kein Falsch darin, und so war auch kein Tadel und Makel an der ganzen hochschlanken Mädchengestalt, welche die Blüte ihrer Jugendfülle so leicht trug, als hätte sie nichts an ihr zu tragen. Wie jedermann weiß, gedeiht im Bernerbiet ein Mädchenschlag, so hübsch wie nicht bald wo. Ja es ist 'ne rechte Freude, diese Meitschi in ihrem Sonntagsstaat zu sehen, und recht staatsmäßig ist auch diese Frauentracht. Das müssen wahrlich »habliche« Bauern sein, welche ihre Weiber und Töchter so »ufrüsten« können, ja bei Gott! nichts als Seide und feines Linnen der ganze Anzug. Aber ihr kennt ja die faltenreiche dunkelfarbige Jüppe mit dem handbreiten Sammetstreif am unteren Saum, den kurzen Tschopen, welcher den Wuchs straff hervorhebt, das schwarze Mieder, von welchem schwere silberne Ketten herab und unter der Achselhöhle durchgehen, das blendend weiße Koller, welches aus dem Mieder hervor bis zum Hals sich hinaufwölbt und sich eng um diesen und den Nacken schließt. Droben in Windgellen tragen die Mädchen zwischen Mieder und Koller noch ein fünffingerbreites Brusttuch von Scharlach, und trug das auch die Rosi an ihrem Ehrentag, heute zum letztenmal. Auch die beiden prächtigen, mit einem roten Seidenband durchstochtenen Zöpfe ihres goldbraunen Haares fielen ihr nur noch heute frei über den Rücken hinab. Morgen schon mußte sie sich dieselben um den Kopf winden, denn so wollte es der Brauch bei jungen Frauen. O, sie war schön, die Rosi, wie sie züchtig einherging unter dem Brautkranz, der ihr an der Stirne und den Schläfen von der Natur gar reizend gekräuseltes Haar einfaßte. Der Bräutigam seinerseits war, wie schon früher erwähnt worden, ein stattlicher Chnab, und der weltberühmte Schneidermeister Düpferli drunten in Meyringen hatte alle seine Kunst aufgeboten, daß der schwarze Anzug des Hochzeiters »gäng herrenmäßig« sei, und wie prosaisch auch dieser Anzug neben dem malerischen Kostüm der Braut erschien, so gefiel er dieser doch. Wenigstens warf sie im Gehen zuweilen einen verstohlenen Blick auf ihren Bräutigam, und so oft der Ruodi so einen Blick auffing, ließen seine lachenden braunen Augen gewahren, daß in seinem Herzen die Freude mit Trompeten und Pauken musizierte. Das tat sie auch in dem Herzen der Brautmutter, die heute so rote Backen und so frohmütige Augen hatte, als wollte sie aller Welt damit sagen: »Lueget, aus der Sach' ist gäng doch ebbis worden!« Für eine alte Jungfer ist jede Hochzeit, von der sie Zeugin, und wenn auch eine freiwillige, immer so 'ne Art von Daumenschrauben- oder Spanischestiefelprozedur. Man muß daher die herben Gefühle, womit des Sahli-Jakoblis ehrsame Tochter heute in die Kirche von Windgellen eintrat, mit christlicher Billigkeit beurteilen. Es ist wahrhaftig kein Spaß, noch immer nur ein Mädchen zu sein, während man hinlänglich Zeit gehabt hat, Mutter und sogar Großmutter zu werden. Das arme alte Geschöpf! Es war kein Gebet, was die dünnen bleichen Lippen der Jungfer Bibbeli zitternd sich regen machte, als das Hochzeitgefolge in den Stühlen Platz genommen. »Auch ich,« dachte sie, »hatte dermaleinst einen roten Mund, frische Backen, lange Zöpfe und – noch keinen Bart.« Ob sie den letzteren Gedanken, den Bartgedanken, wirklich gehabt, will ich allerdings nicht beschwören; daß sie aber denselben hätte haben können, ist eine, wie die Studenten sagen, »haarige« Tatsache, von der ich mich mit eigenen Augen zu überzeugen Gelegenheit hatte. »Und auch Batzen hatt' ich,« sprach die Gute weiter zu sich, »ja, gäng auch Batzen, 's kann drum gäng nicht mit rechten Dingen zugegangen sein, daß mich keiner genommen. O, das Mannenvolk, das grüsli dumm Mannenvolk!« Bei solchen Betrachtungen war es kein Wunder, daß die ehrsame Jungfrau nicht in die andächtige Stimmung hineinkommen konnte, welche Zeit und Ort forderten, ebensowenig, daß der Stachel der Kritik in ihrem jungfräulichen Gemüte zu dieser Stunde ganz besonders spitzig sich regte. Sie war sonst eine große Verehrerin des Herrn Pfarrers, aber heute konnte er ihr nichts recht machen. »Der sieht ja nummeeinisch so elend dri, als wär die ganz' Nacht der Stollwurm auf ihm gelegen,« dachte sie. Und als Milder, neben dem Taufstein im Chor stehend, die Traurede begonnen hatte, flismete Jungfer Bibbeli ihrer Nachbarin zu: »Du, los' au, der Herr Pfarrer datteret und gackeret ja wie 'ne Henn', die ihr Ei verlegt hat. 's ist ja, als ob er gäng drieggen wött'.« Der Tadel war nicht ganz unbegründet. Dem armen Milder war es noch nie so schwül im Kirchenrock gewesen wie heute. Dürfte es doch eine der peinlichsten Situationen sein, in welche man überhaupt kommen kann, das Mädchen, das man liebt, mit einem anderen zusammenzugeben, und es gehört fürwahr kein geringer Aufwand von großherziger Selbstüberwindung dazu, wenn da der laut zu sprechende Segen nicht auf den Lippen in einen stillen Fluch sich verkehrt. Aber Stephan Milder war ja kein Priester zum Fluchen, sondern zum Segnen, und, oh, in der ganzen Kirche schlug kein Herz, das reicheren Segen auf das Haupt der Braut herabgefleht hätte als das seinige. Er fühlte wohl, daß seine Gedanken in der Irre gingen, und daß seine Stimme zitterte; aber vermöge eines energischen Aufschwungs seines Geistes bemeisterte er im Verlaufe seiner Rede seine Unruhe, und so gelang es ihm, weihende Worte zu sprechen, die vom Herzen kamen und zum Herzen drangen. Dann kam noch eine große Prüfung, Der Pfarrer mußte vortreten, um die Hand der Braut in die des Bräutigams zu legen. Er tat es, aber dabei zitterte seine Rechte, und die Agende, welche er in der Linken hielt, bebte, als wollt' er das Buch zu Boden fallen lassen. »Dem Pfarrer wird gäng übel,« dachte Jungfer Bibbeli, und es war in der Kirche noch ein Augenpaar, welches das Beben des Pfarrers wahrnahm, als er, seine Rechte auf die zusammengefügten Hände des Brautpaares legend, die entscheidende Segensformel sprach. Wie ein Blitz schlug die Ahnung dessen, was in dem Pfarrer vorging, in das junge Herz Vrenelis. Das blendend plötzliche Licht, das ihr aufging, hellte ihr auch die eigene Seele. Jetzt, von diesem Augenblick an war sie kein Kind mehr. Sie liebte und – sie wußte es. Die Trauung war geschehen. Milder trat in seinen Stuhl im Chor zurück, und als er, wie es Brauch, zu stillem Gebet seinen Hut vor das bleiche Gesicht hielt, murmelte er darunter: »Es ist getan. Das Bitterste ist vorüber!« Er fühlte sich matt und krank, Lichtfunken tanzten ihm vor den Augen, und als jetzt der Vorsänger das Lied anstimmte: »Gott, dessen liebevoller Rat den Ehestand gestiftet hat –« und die Gemeinde einfiel, meinte er, ein Meer umbrausete ihn und die Fluten rauschten über seine Seele. Er saß aber doch mittags mit beim Hochzeitsmahl in der Zwihl. Wir alle sind nun einmal in die Kette der menschlichen Gesellschaft eingeringt und müssen wohl oder übel unsere Stelle ausfüllen. Was hätte das nicht alles den Leuten zu reden gegeben, wenn der Herr Pfarrer heute dort gefehlt haben würde? Die ehrsame und sozusagen auch ehrwürdige Jungfer Bartbibbeli, wie eine pietätlose Dorfjugend sie zu nennen pflegte, wäre imstande gewesen, aus diesem Umstand, zusammengehalten mit den Beobachtungen, die sie morgens in der Kirche gemacht hatte, die merkwürdigste Dorfnovelle zu erschaffen, welche jemals in Windgellen ausgeheckt worden. Das Dekorum, die Etikette, das Komplimentierbuch, überall regieren sie. Ihre Vorschriften lauten freilich anders in einem Alpendorf und anders in großstädtischen Salons, aber der Sinn ist allenthalben derselbe: Du mußt dich in die Leute schicken! Auch Milder mußte das und noch dazu auf einem der Ehrenplätze an des Zwihlbauers gastlichem Tische, an einem Platze, wo er sich die schöne Braut gerade gegenüber hatte. Und wie war sie freundlich gegen ihn! Es war, als sagten ihre sanftleuchtenden Augen, so oft sie den armen Pfarrer ansah: »Wie dank' ich dir, daß du mich meinem Ruodi für immer verbunden hast, für ewig!« Wie gerne wäre er weiter hinuntergerückt, aber das ging nicht an. Unser ganzes Leben ist ein Netz von kleinen, unumgänglichen Rücksichten, und zuletzt geht uns unter den eisernen Maschen desselben der Atem aus. Zum Glück für den Pfarrer saß der heute ganz ungewöhnlich gesprächige Brautvater ihm zur Seite und verwickelte ihn mehr und mehr in ein ernstes Gespräch über das Projekt einer neuen Schulhausbaute, welche Milder angeregt hatte. Das war doch ein Thema, das nach und nach seinen Gedanken eine andere Richtung gab. Aber was war denn dem Chind, dem Vreneli, übers Leberli gekrochen? All die Zeit her hatte es sich ganz unbändig auf den heutigen Tag gefreut, und jetzt lugte es drein, als müßt' es etwa nicht nur des Schurbauers langen Toni, nein, vielmehr den Schurbauer selber heiraten, der ja auch unter den Gästen war. Denn der Leuenberger hatte sich den boshaften Spaß gemacht, seinen »alten Sozi« ebenfalls einzuladen, und der Schurbauer, ob er auch im Herzen die ganze Familie in der Zwihl hätte vergiften mögen, war nicht der Mann, sich eine Gelegenheit entgehen zu lassen, wo es vollauf zu essen und zu trinken gab, ohne daß es was kostete. Er aß noch immerzu, als die Mahlzeit eigentlich schon längst zu Ende war und draußen auf der geräumigen Haustenne die Musikanten von Hasli im Grund dem jungen Volk zum Tanze aufspielten. Er machte sich auch gar nichts daraus, daß sich's Vreneli, das »Dundersäffli«, zu ihm setzte und ihm, ihre verzweifelt üble Laune an irgend jemand auszulassen, mit allerlei »Baggäugelzüg«, das heißt, stachligen Anzüglichkeiten zu Leibe ging. Zuletzt war auch sein Appetit erschöpft, und um sich seinen Quälgeist vom Halse zu schaffen, forderte er das Mädchen auf, einen Tanz mit ihm zu tun. Vreneli aber nahm den alten »Chümmi« zu dessen nicht geringem Schrecken beim Wort und zog ihn lachend hinaus. Ihre Stimmung war mit einmal in eine tolle Lustigkeit umgeschlagen. Sie drehte sich, nachdem sie ihren ersten Tänzer bald entlassen, mit den jungen Burschen den ganzen Abend über wild im Kreise und ließ sich nicht wieder in der Stube sehen. So ein sechzehnjährig Herz möchte sich nur geradezu ausschäumen, wenn ein heftiger Anstoß, sei's in Freud, sei's in Leid, es zu stürmischem Wallen gebracht hat. Als die Lichter angezündet worden, winkte Mutter Anneli die bräutliche Tochter ins Oberstübli, um ihr noch alle die guten Worte zu sagen, welche sich den Müttern auf die Lippen drängen, wenn sie ihre Töchter weggeben, damit diese selber Mütter werden, fortwirkend an des Lebens unendlichem Gewebe. »Und das Weib wird Vater und Mutter verlassen, um dem Manne anzuhangen.« Einer jener Aussprüche, vor welchen alle Sophistik zuschanden wird, ein Naturlaut von furchtbarer Wahrheit, der das Herz einer Mutter zerreißen müßte, wenn nicht jede die unwiderstehliche, die süße Notwendigkeit an sich selber erfahren hätte. Der Ruodi war den beiden Frauen bald nachgeschlichen, denn er verlangte danach, seine Braut und sich selbst aus dem Geräusch hinweg zu retten, hinaus in die stille Nacht. Der junge Mann war ein Stück von einem Künstler, ja, man durfte ihn in seinem Fache wirklich für ein rechtes und ganzes Stück von einem solchen ansehen, und darum widerstrebte es seinem Gefühle, die bäuerischen Hochzeitsscherze länger mitanzuhören, welche, durch die Anwesenheit des frühzeitig weggegangenen Pfarrers nicht länger gezügelt, drunten in der Stube laut geworden. »Ihr habt jetzt einander, Kinder,« sagte die gute Zwihlbäurin, sich die Augen trocknend. »Nun seht zu, daß ihr einander behaltet, bis in den Tod.« Damit öffnete sie ihnen die Hintertüre auf dem Gange neben dem Oberstübli, von wo eine schmale Stiege in den hintern Hof hinabführte. Während die beiden da hinunterstiegen, blieb die Mutter in der Türöffnung stehen und flüsterte ein inbrünstiges Gebet, daß Gott den Weggang der Tochter aus dem Vaterhaus und ihren Eintritt unter das Dach des Gatten segnen möchte. Verstohlen eilten Bräutigam und Braut über den Hof, um keinen Blick auf sich zu ziehen und dadurch etwa die mutwilligeren der Gäste zu einer unerwünschten lärmenden Geleitgebung zu veranlassen. Als sie dann durch den zwischen Scheune und Stallung gelegenen Gang ins Freie geschlüpft und rechtshin abbiegend auf den zum Bödeli führenden Weg gelangt waren, mäßigten sie ihre Eile. Rosi blieb stehen und schaute nach dem väterlichen Gehöfte zurück. Die Tränen, welche ihr der Abschied von der Mutter in die Augen getrieben, zitterten noch an ihren Lidern. Ruodi verstand, was seine Braut bewegte. »Lieb's Rosi,« sagte er, »es tut dir weh, von der Zwihl wegzugehen.« »Nein, Ruodi, nein,« versetzte sie, das Naß von den Wimpern schüttelnd und dem Geliebten die Hand hinreichend. »'s ist schon vorbei. Ich geh' ja mit dir und würde mit dir freudig bis ans Meer gehen, wenn du wolltest, und über das Meer.« Man muß die Anhänglichkeit der Bergbewohner an ihre Heimat sowie das geheime Bangen kennen, welches ihnen die Vorstellung vom Meer erregt, um die ganze Innigkeit dieser Beteurung von seiten Rosis zu würdigen. Ruodi zog die Braut an sich, küßte ihr die Tränenspuren von den Wangen und schlang seinen rechten Arm um ihren Nacken, während sie den linken um seinen Leib legte und mit der rechten Hand seine linke festhielt. So verschlungen wandelten sie langsam den Pfad hinab. Die Herbstnacht war ungewöhnlich mild und klar. In den letzten Tagen hatte der Föhn geweht und den Himmel aufgehellt. Die Sterne zogen leuchtend in ihren ewigen Bahnen, und hinter der Weißen Kuppe des Ritzlihorns stieg prächtig der Mond herauf, seiner Völle zuwachsend. Bei dem Stein am Wege, wo Rosi damals ausgeruht, als der Vater mit der frohen Botschaft zu ihr getreten, standen sie still. »Lueg', lieb's Manni,« fagte sie, »du weißt gar nicht, wie lieb mir der Stein da ist.« Und sie erzählte ihm wieder, was er schon wußte und doch immer wieder gern hörte. Dann gingen sie weiter durch die Stille, deren träumerische Magie durch das klingende Rauschen der stürzenden Bergwasser eher erhöht als gestört wurde. Sie empfanden den Zauber der Stunde. Sie fühlten sich so leicht, so frei, so glücklich, daß sie meinten, es müßte schön sein, fort und fort durch die mondhelle Einsamkeit so hinzugehen. Im Bödeli angelangt, hatten sie ihre stille Freude daran, zu sehen, wie klar der Spiegel des kleinen Sees das Mondlicht widerstrahlte, und statt sich sofort links die Halde zum Rütli hinan zu wenden, machten sie noch einen Umweg das Seeufer entlang, denn was hatten sie sich nicht alles noch zu sagen! Sie plauderten fröhlich mitsammen wie Kinder. Ihr war zumute, als müßte sie singen, und ihm stieg ein Jodler in die Kehle. Jetzt lachten sie hellauf, ohne doch eigentlich zu wissen warum, und jetzt gingen sie wieder schweigend, eng Seite an Seite gedrückt, an dem schlafenden Wasser hin, auf welchem die Mondstrahlen gaukelten wie neckische Träume von Liebe und Glück. Der Felsspalt, durch welchen der See seinen Überfluß talwärts entrauschen läßt, hemmte ihre Schritte. Da gingen sie zurück, nahmen einen Anlauf und sprangen Hand in Hand und mit Lachen über den Spalt hinweg. »Komm', Rosi,« sagte er, als sie am Fuß des Schuhukopfes stillstanden, »komm', wir wollen noch da hinauf, 's muß schön sein, von da droben herab noch einen Blick auf das Tal zu werfen.« Sie hatte ihm einmal gesagt, daß sie als Kind gar gern auf den Schudereulkopf geklettert sei und von der Höhe des Felsens nach den schwimmenden Wasserlilien des Sees hinabgeblickt habe. Da hatte er ihr eine Überraschung bereiten wollen, indem er in der letzten Zeit heimlich einen bequemen Fußsteig auf die Höhe des Felskegels, welcher auf seinem Grund und Boden stand, angelegt. Rosi merkte im Hinaufsteigen diese Freundlichkeit wohl und war gar angenehm überrascht, als sie droben auch eine neu angebrachte Bank antraf. Der Scheitel des Schuhukopfes war von der Natur abgeplattet, und bestand der größere Teil dieser Fläche aus blankem Gestein, auf welchem sich nicht einmal Moos ansetzen konnte. Aber etwas seitwärts hatten in den Felsspalten Zwergföhren und Hagedorngesträuche Wurzel geschlagen, und inmitten dieses Gebüsches hatte Ruodi die Bank hingezimmert. »O, du!« sagte Rosi. »Das hast du mir zuliebe getan.« »Wem sonst?« entgegnete er. »Da nimm, denn dafür sollst du einen Extrakuß haben.« Er war nicht blöde, und der durch das Buschwerk lugende Mond sah nicht nur diesen einen Kuß. Sie setzten sich auf die Bank, und Rosi legte ihren Kopf an die Brust des teuren Mannes. »Lueg', Rosi,« sagte er und deutete mit der Hand über den kleinen Seespiegel hinweg nach dem Hügel, von welchem die mondbeglänzten Fenster des Rütli herüberschimmerten, »lueg', das ist jetzt dein Heimeli.« »Ja, Ruodi, bei dir, bei dir!« Und nun begann wieder jenes süße Geplauder mit allen seinen »Weißt du noch?« und »Denkst du noch daran?«, womit Liebende so gern alle die frohen und traurigen Szenen des durchlebten Liebedramas einander im Gedächtnis auffrischen. Am längsten weilten ihre Erinnerungen bei der Stunde, wo sie einander zuerst gesehen und einander liebgewonnen hatten. Das war jetzt zwei Jahre und etliche Monate her. Damals war drunten in Meyringen eins jener »Schießen«, das ist Schützenfeste, abgehalten worden, welche zur Sommerszeit in der Schweiz so häufig sind. Dabei war auch der Zwihlbauer mit seiner Rosi erschienen und hatte das junge Meitschi, welches, wie viele andere Meitschi im Berner, Aargauer und Solothurner Biet, den »Stutzer« gar weidlich zu handhaben verstand, auf dem Schießstand sich vor vielen Schützen hervorgetan. Der Ruodi, sonst gäng ein urchiger Schütz, hatte an jenem Tage nicht eben viele Nummern auf den Hut gesteckt. Das machte, er lugte eifriger, viel eifriger nach der »niedlinetten« Schützin als nach der Scheibe. Rosi ihrerseits mußte wohl auch den stattlichen Chnaben mehr als einmal angelugt haben. Denn wenige Tage darauf kam er nach Windgellen herauf – nach altem Ahornholz, wie er im Dorfe sagte. Er war aber gäng nicht von wegen Altem, sondern von wegen Jungem gekommen, fand auch Gelegenheit, die Rosi zu sehen und ihr zu sagen, daß es ihm hier oben ganz absonderlich gefalle, und daß er wohl wüßte, was er täte, wenn sie ihn bleiben hieße. Sie hieß ihn nicht gehen, soviel ist gewiß. Denn als während seiner Anwesenheit die Halde und der Grund im Bödeli samt dem alten dort stehenden Hause zum Verkauf kam, tat der Ruodi das höchste Angebot und erhielt das Heimwesen zugeschlagen. Nach einigen Wochen kam er wieder aus Hasli im Grund herüber und brachte eine Schar von Werkleuten mit. Das alte Haus auf dem Hügel wurde abgetragen und ein neues nebst Zubehör aufgebaut. Als es fertig dastand und recht stattlich auf den See hinabschaute, fragte Ruodi – es war bei Gelegenheit der Windgellener Kilbe – die Rosi zum erstenmal, ob sie sich wohl entschließen könnte, mit ihm in seinem Rütli zu wohnen. Sie hatte nicht nein gesagt, aber der Ruodi hatte doch noch lange allein in seinem neuen Hause leben müssen. Das alles sprachen sie, die jetzt Vereinten, droben auf dem Schuhukopf noch einmal durch und fiel ihnen dabei nicht entfernt ein, auch nur mit einem flüchtigen Gedanken des armen Mannes zu denken, der zur selbigen Stunde droben im Dorfe in seinem einsamen Pfarrhause saß und sich bemühte, seine Gedanken auf das vor ihm aufgeschlagene Buch zu bannen. Aber er vermochte kaum zu unterscheiden, ob er griechische oder deutsche Buchstaben vor sich hätte, und der vergeblichen Anstrengung müde, schlug er das Buch zu, stützte das Kinn in die Hand und starrte, in düstere Träumerei versunken, in das herabgebrannte Licht. – Armer Milder! Auch du warst damals bei dem Schießen in Meyringen gewesen, auch du hattest damals die Rosi zum erstenmal gesehen und ihr viel zu tief in die blauen Augen geblickt, auch du warst ihrer wegen nach Windgellen heraufgekommen und warst ihrer wegen dageblieben. Ihrer wegen hattest du die Entwürfe jugendlichen Ehrgeizes und die schon erlangten Erfolge desselben beiseite gestellt, um dich in dieses entlegene Hochtal zu vergraben. Und das alles war umsonst gewesen; denn nur wer das Glück hat, führt die Braut heim. Wer aber das Glück nicht hat, muß unter Umständen wohl gar noch die Braut mit einem andern trauen. Das Volkslied vom traurigen Priester weiß davon zu singen, und vielleicht wühlte die schwermütige alte Weise dem jungen Pfarrherrn zu dieser Stunde im Herzen. Er war fünfundzwanzig Jahre alt, also gerade alt genug, um über jenen glücklichen Leichtsinn der Jugend hinaus zu sein, welcher gar kein Arg hat, heute als Werther sich zu fühlen und die nächste beste Lotte ossianisch als »Stern der dämmernden Nacht« anzuseufzen, morgen aber schon den Don Juan zu spielen, der in Ermangelung einer Donna Anna auch mit einer Zerline vorlieb nimmt. Und auf der andern Seite war Stephan Milder noch lange nicht alt genug, Liebe und Liebesglück vom Standpunkte der Objektivität, das ist der Enttäuschung anzusehen, als die schimmerndste jener vielen schimmernden Illusionen junger Seelen, welche der rauhe Wind der Wirklichkeit so bald zerflattern macht. Die Wunde, welche dem Flackerherz eines achtzehnjährigen Jungen geschlagen wird, heilt sich leicht und schnell aus, spurlos sogar. Bei einem fünfundzwanzigjährigen Manne ist die Sache viel bedenklicher. Heilt auch die Wunde wieder, so geschieht es doch nur langsam und schmerzlich und – die Narbe bleibt. Später, wann uns die Erfahrung das leidige Kohelethsche Kredo: »Alles ist eitel!« in sehr leserlichen Zügen auf die Stirne geschrieben, sind wir gar zu geneigt, Narben der bezeichneten Art nur noch mit einem Lächeln der Verachtung anzusehen. Und doch drängt sich hinter diesem Lächeln der Selbstverspottung immer wieder der verhaltene Seufzer hervor: »Du bist damals doch besser und glücklicher gewesen.« Nein, das Leben ist kein Traum, wie der spanische Poet, sondern »Sorg' und viel Arbeit,« wie der deutsche gesagt hat. Aber der Glückstraum dieses sorgenvollen Wachens ist die Liebe. Und wo sie einmal in ihrer ganzen Wahrheit gewaltet, bleibt sie auch: es ist nie ein wahreres Wort gesprochen worden als dieses, vom Apostel Paulus bis zum Propheten Schiller herab. Sie saßen noch immer mitsammen auf dem Felsen im Schutze des Buschwerks, durch dessen Gezweige das träumerische Mondlicht auf das schöne, an der Brust des Bräutigams halb versteckte Antlitz der Braut niederrieselte. Kein Lüftchen regte sich. Drunten hob zuweilen eine neugierige Bergforelle den blitzenden Schuppenleib schnalzend aus dem Wasser, und droben von der Zwihl herab kam durch die Stille der Jodler oder Juheischrei eines ins Dorf heimkehrenden Burschen, langsam an den Bergwänden verhallend. Da tastete und trippelte mit einmal etwas den Schuhukopf herauf, und im nächsten Augenblick stand ein großer Hund mit langem, schwarzgrauem Zottelhaar vor unserem Paar und legte seine Schnauze auf das Knie Rosis, die sich horchend aufgerichtet hatte. »Türk, Türk, lieber alter Türk, bist du mir nachgegangen?« Der Hund setzte sich auf die Hinterpfoten, wedelte eifrig mit dem Schweif und blickte die Fragerin an, als wollt' er sagen: »Siehst du, ich lasse mich nicht nur so beiseite stellen, jetzt, da man mich nicht mehr braucht.« Den Liebenden kamen der Ahorn vor Rosis Kammerfenster und die zarten Rücksichten, welche der kluge Türk auf die verstohlenen Kiltgänge Ruodis genommen, zumal zu Sinne. Rosi tätschelte den Kopf des Hundes, und Ruodi sagte lachend: »Der alte Kerl will gewiß sein Trinkgeld haben für geleistete gute Dienste.« »Und er soll es haben. Wär' er doch gäng fast ums Leben gekommen, weil er aus Vorliebe zu dir und mir still geblieben, wo er, wie der Vater dazumal meinte, gar nicht laut genug hätte sein können. Oh, Ruodi, das war gäng 'ne schwere Zeit!« »Ja, das war sie. Aber jetzt ist sie vorbei und du bist mein, Rosi, ganz mein, und ich wollt', der Türk könnt's ausbellen, daß die ganz Welt centum wüßt', wie froh ich darüber bin.« »Und ich erst, Ruodi, ich erst! Aber du weißt es wohl.« »Ja Rosi, ich weiß, ich weiß; aber glaub' nur, Chind, ich weiß auch, was ich an dir hab'. Doch komm' jetzt, komm' ins Heimeli. Lueg', der Mond steht schon über dem Gipfel des Glanzhorns da oben und will alsg'mach abe gehen.« Sie erhoben sich von der Bank. Rosi schaute zu dem Gestirn der Nacht empor, aber in demselben Augenblick verschwand die silberne Scheibe hinter dem Berggipfel, und geisterhaft kalt und unheimlich dämmerte droben der Firnschnee. Die Braut fuhr unwillkürlich zusammen. Ein unerklärliches Zittern und Zagen fröstelte ihr das Herz an. Aber es verschwand so schnell, wie es gekommen, als sie sich wandte und Ruodis Augen voll Zärtlichkeit auf sich geheftet sah. Sie stiegen den Felspfad hinab, umkreisten die kleine Seebucht und gingen die Halde zum Rütli hinan. Droben auf der Terrasse bemerkte Rosi, daß der Türk ihnen gefolgt war, und sagte freundlich zu ihm: »Türk, du mußt jetzt heim in die Zwihl. Aber komm' nur gäng recht oft zu uns ins Bödeli. Du wirst sehen, daß ich dir dein Trinkgeld allweil redlich auszahlen werde.« Der Hund zögerte und sah mit gesenkten Ohren zweifelnd zu ihr auf. »Weißt, Türk,« fuhr sie fort, die Hand Ruodis drückend, »du brauchst kein' Kummer und kein' Sorg' um mich z' haben. Lueg', da ist mein Schutz und Schirm. Du kennst ihn ja wohl und hast ihn gäng auch lieb. Geh' drum jetzt heim, Hundli, geh' heim!« Der gute Türk sah ein, daß diese Aufforderung ernstlich gemeint sei, und schlich mit hängendem Schweife den Hügel hinab. Drunten blieb er noch einmal stehen, lauschend, ob er nicht zurückgerufen würde. Aber er wurde nicht zurückgerufen, und so trottete er der Zwihl zu, in tiefen Gedanken über die Freundschaft der Menschen. Derweil waren die beiden an der Tür des stillen Hauses angelangt. Der im Scheiden seitwärts über die Arvenschatten der Bergeinsattelung hereinblickende Mond beschien hell die Inschrift über dem Eingang. »Lueg', Rosi,« sagte der Bräutigam, auf die Schriftzüge weisend, »ich hab' mein, unser Heimeli Rütli genannt zum Andenken an den Bund der Altvorderen, der unser Schweizerland frei und glücklich gemacht. So wollen auch wir unsern Rütlibund halten, fest in Freud' und Leid. Sag', willst, lieb's Wybli?« »Oh, my lieb's, lieb's Manni!« Mehr sagte sie nicht. Aber wie sie es flüsterte und sich innig an ihn schmiegte, fühlte er, daß er grenzenlos geliebt sei. Mit einem unwillkürlich ihm aus dem Herzen brechenden Jauchzlaut faßte er die Braut in seine Arme, führte sie hinein, und die Türe fiel hinter den Glücklichen ins Schloß. Fünftes Kapitel. Ruodi und Rosi. Wie alles, was die Menschen beseligt oder vergrämt, vorübergeht, ging für das junge Ehepaar auch jene süße Zeit vorüber, für welche sich unsere teure Muttersprache das schöne Wort Honigmond geschaffen hat. Ach, der Honig ist oft schon ausgeschlürft, bevor der Mond Zeit gehabt, zweimal seine Gestalt zu ändern, und nicht selten birgt der Ehebecher unter dem rasch genippten Schaum des Glückes nur noch die Bitterkeit der Enttäuschung, der Sorge, der ganzen herben Lebenswirklichkeit. Nicht so im Rütli auf dem Hügel am See. Mochte der Herbst gehen und der Winter kommen mit seiner ganzen Schneelast und allen seinen Nordstürmen, da droben in dem wohnlichen Haus mit seinen hellen Fenstern grünte das Reis der Liebe und des Glückes fort und fort. Gegen Lichtmeß zu, wo sich auch in diesem hochgelegenen Alpental die ersten leisen Anzeichen verspüren ließen, daß wieder eine Zeit kommen würde, wann Eis und Schnee sich Schritt für Schritt aus der Niederung weiter und weiter berghinan zurückziehen müßten, um zuletzt auf den Gipfeln des Ritzlihorns und des Glanzhorns sommerlang ihr Standquartier zu nehmen – also gegen Lichtmeß zu gingen der Zwihlbauer und seine Bäurin von dem Rütli heimwärts zur Zwihl. Es war den Winter über keine Woche vergangen, ohne daß sie mehrmals ins Bödeli herabgekommen wären. Die Mutter mußte doch gäng ihre Herzensfreude daran haben, wie ihre Rosi so 'ne »gattige« Hausfrau fürstellte, wie in Stube, Kammer und Küche, in Gaden und Stall alles und jedes so »hübschli in Ordnig« war und wie der Ruodi beim dritten Wort immer sagte: »My guet's Rosi« oder: »My lieb's Wybli.« Der Vater seinerseits hatte den »Holzschnäfler« mächtig liebgewonnen. Sowie es ihm in den Winternachmittagen daheim langweilig wurde, tubäkelte er ins Rütli abe und sah da stundenlang dem Schwiegersohn zu, wie der, an seinem Werktisch am großen Erkerfenster sitzend, so fix und flix Sägen, Messer und Meißel von allen Arten handhabte und, ohne daß man sich's versah, unter seinen »künstlichen«, will sagen kunstreichen Händen so »verflixt niedlinetti« Sachen und Sächelchen hervorgehen ließ, deren er gar nicht genug gen Bern und anderswohin versenden konnte, so begehrt waren sie. Und dabei wußte der Ruodi so »wetterli g'schyd« z' reden von Gemeinds- und Staatssachen, und war es drum nummeeinisch nur billig g'si, daß er neulich in den Gemeinderat gewählt worden. Ein weiteres Band zwischen Schwiegervater und Schwiegersohn knüpfte der Umstand, daß dieser ein ebenso großer Jäger vor dem Herrn wie jener und es für beide eine Feiertagsfreude war, droben in den Bergen den Gemsen nachzustreichen. Für den Ruodi war das zudem noch ein künstlerisches Studium, was nicht ohne Früchte blieb. Von allen seinen Schnitzwerken hatten seine Gemsen und anderen Alpentiere, einzeln oder zu mancherlei Gruppen vereinigt, den größten Ruf. Das machte, er lauschte sie der Natur ab, und arbeitete nie rascher und glücklicher, als wenn er tags zuvor mit seiner Büchse in den Bergen gewesen war und der Hausfrau einen feisten Jährling von Gemsbock in die Küche geliefert hatte. »Nu, Vater,« fugte die Zwihlbäurin im Heimgehen zu ihrem Bauer, »gelt, ich hei doch recht g'ha, daß euser Rosi mit dem Ruodi würd' glücklich werden? 's ist gäng e Freud', die junge Lütli so beisamme z' g'seh'.« »Wohl, wohl, Müetti« – seit der Verheiratung ihrer Tochter nannte der Leuenberger sein Anneli Mutter und die Bäurin ihren Kuori Vater – »wohl, Müetti, hast recht g'ha. Aber säg', ist denn gäng noch nüd um d' Weg'?« »Was meinst?« »Der Dunder schlag'! Was werd' ich meinen? Weißt gäng wohl.« Ein höchst charakteristischer Kopfruck und ein ungeheuer pfiffiges Augenblinzeln begleitete diese Worte. »Ah so, Vater? Nei, wahrli nei, 's ist noch nüd um d' Weg'.« Der Zwihlbauer kratzte sich auf diesen Bescheid hinter den Ohren, tubäkelte mörderisch und sagte auf dem ganzen Heimweg kein Wort mehr. Es ging ihm ein widerwärtiger Gedanke im Kopf herum; es war etwas nicht, wie es sein sollte, das war klar. Er blieb den ganzen Abend über schweigsam, und als die Bäurin beim Zubettegehen beschwichtigend zu ihm sagte: »'s wird sich wohl machen, Vater; 's hat ja gäng noch alle Zyt dazu,« brummte er nur wie zweifelnd: »Gott geb's!« Der Winter ging, der Frühling kam und diesem folgte ein zweiter, ein dritter, ohne daß das Leben in dem Tal von Windgellen eine Abweichung von den gewohnten Gleisen gezeigt hätte, wenigstens im ganzen und großen, denn im besonderen wurde doch dies und das anders, als es gewesen. Da war zum Beispiel 's Vreneli während dieser Zeit aus einem überlustigen Chind zu einer recht gesetzten Jungfrau geworden, so daß sie nicht mehr Gefahr lief, von der alten mürrischen Kathri ein »Göhl« gescholten zu werden. Ja, selbst der alte Schurbauer hätte kaum noch Veranlassung gehabt, sie ein »Äffli« oder einen »Baggäugel« zu nennen. Die Zwihlbäurin fragte sich oft verwundert: »Was ist's denn mit dem Chind? 's tut ja gäng so still und sacht wie ein Nönneli.« Zuzeiten brach freilich die angeborene Heiterkeit des Mädchens wieder durch, aber zu anderen Zeiten hörte man wochenlang Vrenelis herzliches Lachen weder in der Zwihl noch sonstwo. Ihre größte Lebensfreude war der zweimalige sonntägliche Kirchgang. Da saß sie in ihrem Stuhl, die ganze Seele in den Ohren, um ja kein Wort von den Predigten des Pfarrers zu verlieren. Sie hätte dieselben nachher immer auswendig hersagen können und tat es auch oft im stillen, ganz im stillen. Eine Kopfhängerin wurde sie darum doch nicht. Wohl aber wurde sie, weil sie sich nach und nach ganz in die Anschauungs- und Denkweise Milders hineinlebte, mehr auf die geistigen Lebensbezüge hingewiesen, als sie sich je hatte träumen lassen. Ihr Gedankenhorizont wurde weiter, denn sie ergriff jede Gelegenheit zur Erweiterung desselben mit Begierde. Sie las gerne, an den Sommersonntagsnachmittagen und zur Winterszeit, wenn das Spinnrad Feierabend hatte. Ihr Schwager hatte ein Bücherbrett in seinem Erkerwinkel und standen darauf Tschudis Chronik, Zschokkes Schweizergeschichte, Hebels Schatzkästlein und Alemannische Gedichte, ein sehr zerlesenes Exemplar von Schillers Tell und noch mehr solche »herzige« Sachen, deren Inhalt sich Vreneli nach und nach aneignete. Daß sie nicht verbildet wurde, dafür war gesorgt. So ein Bauerngewerb wie die Zwihl gibt der Tochter des Hauses jahrein jahraus genug zu schaffen. Aber ihr Geist war für ihre Stellung ungewöhnlich bereichert, ihre Vorstellungsweise geklärt, sie wußte sich auszudrücken und die Feder zu führen. Als einmal, etwa zwei Jahre nach Rosis Hochzeit, der Herr Gemeindspräsident dem Pfarrer einen schriftlichen Bericht über Armensachen zu Händen der Bezirksbehörde zugestellt hatte, kam Milder nach der Zwihl und sagte dem Hausherrn viel Artiges über die umsichtige und klare Fassung des Schriftstücks. »Ja, lueget, Herr Pfarrer,« meinte darauf der Zwihlbauer mit verzeihlicher Vatereitelkeit, »eigetli solltet Ihr das dem Chind da, dem Vreli sagen. Denn es hat gäng den B'richt nit nur g'schriebe, sondern au g'machet, nach myne Angabe, versteht si.« Vreneli wurde blutrot, dann ganz bleich und wieder rot, aber es tat ihr doch bis ins Herz hinein wohl, daß sie der Pfarrer so wohlgefällig ansah und ihr ein so herzliches Lob spendete, wie er tat. In Wahrheit, Milder hatte bei dieser Gelegenheit das junge Mädchen aufmerksamer angesehen als jemals. »Sie ist schön,« sagte er auf dem Heimweg bei sich, »und besitzt eine ganz eigene Anmut in ihrem Tun und Reden. Auch ist sie gewiß von Herzen gut, aber eine Rosi ist sie doch nicht. Es gibt in der weiten Welt keine zweite Rosi.« Vreneli, als sie in der Dämmerung auf dem Söller stand und, wie es allabendlich geschah, nach dem Pfarrhaus hinübersah, wo das Licht in Milders Studierzimmer schon brannte, flüsterte in sich hinein: »Ein so braver, seelenguter, g'lehrter Herr, den centum alle Leut' voll Achtung und Zutrauen ansehen, und doch ist er so traurig. Wenn ich nur wüßt', was ihm Kummer und Sorgen macht. Ich wött' eins meiner Augen, ich wött' alle beide ich wött' mein Leben drum geben, daß ich ebbis könnt' tun, was ihn fröhli und glückli tät machen.« Und allweg, glücklich und fröhlich war der arme Milder nicht. Schon zum äußerlichen Behagen ist es so einem Landpfarrer, und vollends in solcher Bergeinsamkeit, schlechterdings notwendig, daß er verheiratet sei, wohlverstanden mit einer Frau, die ihrem Eheherrn wirklich häusliches Behagen zu schaffen vermag. Er aber lebte noch immer einsam in seinem Pfarrhaus, welches daher auch von einem gewissen anfröstelnden Unbehagen durchzogen war. Die »Zytig vo Windgellen« hatte zwar schon zu wiederholten Malen »aus sicherer Hand« die bestimmte Nachricht in Umlauf gesetzt, daß der Herr Pfarrer ein »Hochzyter« sei. Zuletzt wollte sie drunten in Meyringen ganz gewiß, ja diesmal gäng ganz gewiß in Erfahrung gebracht haben, daß der Herr Pfarrer mit nächstem eine der »rychsten Jumpfere« von Bern heimführen werde. Aber es hatte mit diesen geredeten Zeitungsnachrichten die nämliche Bewandtnis wie mit so vielen gedruckten, das heißt es war am Ende immer wieder nichts daran, gar nichts. Jungfer Bartbibbeli ermüdete aber nicht, stets neue Heiratspartien für den Pfarrer auszuhecken. Denn was man wünscht, hofft man. Ein lediger Pfarrer war ja gäng eigetli gar kein rechter Pfarrer und in ein Pfarrhaus gehörte eine Frau Pfarrerin, so gut wie die Bibel und der Kirchenrock. Die Gute hätte nachgerade »verzwarzeln« mögen, daß ihr der Herr Pfarrer, »abg'seh davon ein meisterlicher und kreuzbraver Herr«, noch immer nicht den Gefallen tun wollte, ihren kanonischen Rechtsbegriffen nachzuleben. Milder hatte freilich keine Ahnung davon, welche schwere Sorgen sich das Bartbibbeli um ihn machte. Es war etwas in dem ganzen Wesen und Auftreten des jungen Geistlichen, was Schranken um ihn zog, welche dörfliche Klatschfreude nicht zu durchbrechen wagte. Er war eine vornehme Natur, wenngleich ein standhafter Bekenner des demokratischen Glaubens. Alles Gemeine widerte ihn an und war das vielleicht sein Unglück, insofern wenigstens, als dieses sein Feingefühl den nach Rosis Heirat unternommenen Versuch, seine unterbrochene politische Laufbahn wieder aufzunehmen, scheitern gemacht. Er hatte bei aller von der Hinneigung zur Beschaulichkeit nicht ganz freien Idealität seiner Denkweise die Notwendigkeit empfunden, aus der lähmenden Verdüsterung, die infolge jenes Ereignisses ihn übermannt, sich aufzuraffen. Er wollte im Geräusche der Parteipolemik sich selbst vergessen, und noch einmal tauchte sein Name im Staatsleben auf. Aber nur vorübergehend. Man merkte bald, daß er nicht mehr der studentische Heißsporn, der rücksichtslose Agitator sei, und er merkte es selber. Er merkte noch mehr. Einsamkeit und Nachdenken hatten seinen Geist gereift, und es konnte daher nicht ausbleiben, daß er manches, vieles, ja, alles anders ansah als früher und daß er, der Redliche und Selbstsuchtslose, an dem vulgären Liberalismus mit seinen aufgebauschten Phrasen, seinen kleinen Pfiffen und Kniffen und seinen jammerseligen Persönlichkeitskrämereien sich verekeln mußte. Dieselbe Gemeinheit erkannte er unter der frommen Tünche des Konservatismus, welcher ihn noch dazu durch seine aller schaffenden Kraft bare Borniertheit abstieß. Solche sensible Naturen passen nicht für das Forum und vollends nicht für das Forum einer kleinen Republik, wo sie täglich und stündlich Begegnungen und Reibungen mit den zudringlichsten und widerwärtigsten Elementen ausgesetzt sind. Milder trat daher ebenso rasch wieder in seine Verschollenheit zurück, wie er plötzlich aus derselben hervorgetreten. Fortan wollte er sich damit begnügen, der Pfarrer von Windgellen zu sein; aber wohl ihm, daß ihm sein Amt Zeit ließ, aus jenem ewigen Jungbrunnen des Trostes zu schöpfen, welchen dem wahrhaft Gebildeten Kunst und Wissenschaft allzeit sprudeln lassen. Er hatte eine Ader vom Poeten in sich, allein er täuschte sich nicht über den Umfang derselben. Er wußte, daß er kein produktives Talent sei, aber seine Gabe der Reproduktion bildete er um so schöner aus, als ihm dabei sein reiches Wissen, namentlich im Fache der Sprachenkunde, zu Hilfe kam. Der hagestolzen Unbehaglichkeit des Pfarrhauses ungeachtet gingen dort Götter und Genien aus und ein und weilten gerne unter dem stillen Dache. Er las wieder und wieder die großen Dichter und Geschichtschreiber des Altertums, verwandte viele seiner Mußestunden auf die Sammlung und Sichtung der Sagen und Mythen des Gebirges oder versuchte sich in der poetischen Übersetzungskunst, indem er die Idyllen des Theokrit, das Gedicht Virgils vom Landbau und die Lieder von Burns und Hogg in die Berner Mundart, übertrug. Unter solchen Beschäftigungen und überall, wo er als Mensch oder Geistlicher dazu Gelegenheit hatte, mit Rat und Tat wohltätig eingreifend lebte er so hin. Äußerlich stets ruhig und gefaßt, konnte er doch den großen Fehlschlag seiner schönsten Lebenshoffnung nimmer verwinden, so wenig als er die Nachwehen dieses Fehlschlags aus seinen Zügen zu wischen vermochte. Es war doch immer etwas Störendes da, ein Stachel, den die Zeit wohl einigermaßen stumpfte, aber nicht vernichtete. Er vermied es, wo er, ohne auffällig zu werden, konnte, Rosi Zurflüh zu sehen; denn so oft er sie sah, flüsterte es schmerzlich in seiner Seele: »Oh, wie glücklich hättest du werden können!« Und wenn vollends die junge Frau, in der Zwihl oder wo sie sonst sich gelegentlich trafen, in ihrer freundlichen Art mit ihm sprach oder ihn gar scherzend fragte, ob denn die Gemeinde noch lange ohne eine Frau Pfarrerin sein sollte, dann kamen finstere Stunden und Tage über ihn, Tage, wo ihm das Herz in Galle schwamm, Himmel und Erde, die Menschen und das eigene Selbst ihm verleidet waren. Dann trieb es ihn in die ödesten Wildnisse des Gebirges hinauf, als müßte er, dem düsteren Helden Byrons gleich, sein geheimes Weh den Gletscherwinden preisgeben. Das Rütli hatte er noch nie betreten, obgleich der Ruodi es gerne gesehen hätte, weil sich mit dem geistlichen Herrn gar so »unterhaltlich sprächlen« ließ. Einmal aber konnte er doch nicht wohl umhin, in das Haus im Bödeli zu gehen. Nämlich bei einer Begegnung mit der Rosi in ihrem väterlichen Hause, wohin den Pfarrer häufige Amtsgänge führten und zwar nicht immer die angenehmsten – pflichttreue Landgeistliche, die mit protzigen Dorfmagnaten zu verhandeln haben, besonders in Armensachen, wissen davon zu erzählen – also die junge schöne Frau lud den Pfarrer einmal zu einem »Familienanlaß« ein, zur Feier ihres zweiundzwanzigsten Geburtstags, welche im Rütli von der Familie begangen werden sollte. Er konnte die Einladung nicht wohl ablehnen, obgleich et es gerne getan hätte. Er versuchte es auch, aber während er sich anschickte, seine Entschuldigung vorzubringen, sahen ihn Rosis Augen mit so viel Herzensgüte an, daß er es nicht über sich brachte, ihr zuwider zu handeln. So sagte er denn ja statt nein; aber indem sie, zufrieden mit dem Bescheid, sich wegwandte, murmelte er zwischen seinen Zähnen den Virgilschen Vers: Infandum, regina, jubes renovare dolorem . Die gute, harmlose Rosi! Ihre großen Kornblumenaugen blickten doch sonst klar und verständig in die Welt, aber in betreff der Gefühle des Pfarrers für sie waren diese Augen wie blind. Sie hatte in der Unschuld ihres Herzens keine Ahnung davon, daß sie die »Königin« Milders gewesen war und noch war. Es ist freilich eine der gewagtesten Behauptungen, zu sagen, es gebe ein Mädchen oder eine Frau, welche die innige, wenn auch noch so stumme und zurückhaltende Neigung eines Mannes für sie jahrelang nicht gemerkt hätte. Aber trotzdem, es gibt solche weibliche Wesen, nicht viele allerdings, aber es gibt welche, deren Seele und Augen von dem Bilde dessen, den sie lieben, so voll sind, daß ein zweites keinen Platz darin findet, nicht den allerkleinsten. Solche Frauen bewahren die Jungfräulichkeit der Seele, die mädchenhafte Unbefangenheit auch in der Ehe. Die Einsicht in solche Frauengemüter hat jenen großen Malern den Pinsel geführt, welche Madonnen schufen, die mit dem vollen Ausdruck der Jungfrauschaft auf den göttlichen Säugling an ihrer Brust niederblicken. Der arme Pfarrer hatte am folgenden Tage einen schweren Abend im Rütli durchzumachen. Er mußte mit ansehen, wie glücklich der Ruodi war, mit ansehen, wie Rosi, weit entfernt von jener Zurschaustellung von Zärtlichkeit vor Zeugen, welche die Taktlosigkeit junger Eheleute leider nicht immer vermeidet, dennoch eigentlich nur für ihren Gatten da war. Eine brennende Eifersucht wandelte ihn an, und es half wenig, daß er sich die Torheit dieser Regung in ihrem ganzen Umfange klar machte. Um sich aus dem quälenden Gedränge seiner Gefühle zu retten, zwang er sich zuletzt, recht angelegentlich mit dem neben ihm sitzenden Vreneli zu plaudern, und es fiel ihm dabei nicht im entferntesten ein, zu bemerken, daß die schönen Augen seiner Nachbarin freudig aufleuchteten. Der Rosi entging es nicht, daß die Schwester heute so munter war und so herzlich lachte wie seit lange nicht mehr, und wenn sie das traulich mitsammen plaudernde Paar ansah, lächelte sie stillvergnügt. Sie hätte wenig Ursache dazu gehabt, wenn sie ein paar Stunden darauf den heimgekehrten Milder in seiner Studierstube gesehen haben würde, wo er bis spät in die Nacht ruhelos auf und ab ging. Er hatte noch nie einen solchen Überdruß am Leben empfunden. Jener Dämon, welcher uns in Stunden herbster Prüfung zuflüstert: »Was bist du für ein feiger Tor, daß du das alles länger tragen magst!« wisperte auch ihm ins Ohr. Zum Glück war der Pfarrer ein Mann, dem es groß erschien, wie Demosthenes und Kato, aber klein, wie Werther und Ortis zu sterben. Eine zufällige Wendung des Gesprächs hatte es an diesem Abend gefügt, daß die Rede auf das anrüchige Ehepaar in der Höllenschwärz kam, und so erinnerte man sich auch wieder einmal des Schwarzelsis, mit welchem 's Vreneli in die Schule gegangen und »b'hört« worden war. Das wilde Kind war verschwunden, seit es damals, an Rosis Hochzeitsmorgen, einen so wunderlichen Abschied von Milder genommen – spurlos verschwunden. Der Pfarrer war zwar, bevor er sich an jenem Tage zum Brautmahl in die Zwihl begab, nach der Höllenschwärz gegangen und hatte den Strobelchäpi und sein Weib tüchtig »abkapitelt«, daß sie auf ihr Kind nicht besser achtgegeben. Aber die Leute hatten das Abkapiteln nicht minder gleichmütig aufgenommen als die Nachricht, daß Elsi in die weite Welt gelaufen. Der Strobelchäpi meinte, das wunderfitzig Närrli würde schon von selber wiederkommen, wenn es ihm draußen unter den Leuten schlecht ginge, und die Strobelbäbi sagte mit Fassung, es sei gar nicht verwunderli, daß 's Elsi sich auf und davon gemacht. Was hätt' es denn da in der Höllenschwärz hocken bleiben sollen? Es hätt' ja doch nie ein Windgellener Gotschem ihr Töchterli zum Weib genommen. Und 's Elsi sei ein verflixt kochem Schiksel , das gut lisamen und kesfajemen könne und zu was Besserem da sei, als all sein Lebtag' Hafersuppe und Knollen zu essen. Nein, nein, sie habe gar keine Mooren für das Elsi. Das werde sich schon forthelfen können in der Welt, und sicherlich in keine Misemaschinne geraten. Als dann der gute Pfarrer dieser zigeunerischen Lebensphilosophie und diesem Rotwelsch gegenüber den sittlichen Gesichtspunkt betonte und die Gefahren andeutete, welchen ein so junges, leichtsinniges und unerfahrenes Mädchen in der Welt ausgesetzt sei, gab ihm die würdige Mutter die tröstliche Versicherung, 's Elsi sei gar nicht so unerfahren, wie er glaube, 's Elsi sei kein schlimiil Gambes , es werde sich nicht mit Zores einlassen, und was seine Tugend angehe, o, da brauche der Herr Gallach keine Sorge zu haben, 's Elfi sei viel zu gewitzt, als daß es sich nur so mir nichts dir nichts zur Nafkine machen ließe. – Gegen diese mütterliche Überzeugung war nicht aufzukommen, und es blieb dem gewissenhaften Pfarrer nichts anderes übrig, als von Amts wegen die Bezirkspolizei aufzufordern, den Flüchtling im Betretungsfalle anzuhalten und heim zu liefern. Diese Maßregel kam aber zu spät. Elfi war zurzeit schon über alle Berge und hatte die Polizei der Mühe enthoben, sich mit ihr zu beschäftigen. Wohin sie geraten und was aus ihr geworden, man hatte darüber nicht einmal Vermutungen. Doch ja, das ehrsame Bartbibbeli wollte allerlei über diesen Kasus wissen. Hatte doch das Schwarzelsi nach seinem Verschwinden vierzehn Tage oder gar drei Wochen lang einen stehenden Artikel auf den Blättern, will sagen auf der Zunge der Zytig vo Windgellen ausgemacht, bis es durch eine Fatalität »abg'löst« wurde, welche des Grüblibauers Hans Heiri begegnete, indem er beim Kiltgang von einer Holzbeige fiel und den Arm brach. Tatsache war aber, daß weder damals noch später weder 's Bibbeli, die allwissende Schöne von fünfzig und etlichen Jahren, noch sonst jemand etwas vom Elsi wußte. Auch das würdige Ehepaar in der Höllenschwärz nicht und, die Wahrheit zu sagen, es kümmerte sich wenig darum. Hatte doch 's Strobelbäbi, als es, wenige Tage vor der erwähnten geselligen Zusammenkunft im Rütli, bei einer zufälligen Begegnung von dem Pfarrer gefragt worden, ob denn Elsi nie geschrieben, beim Nachhausekommen weiter nichts zum Strobelchäpi gesagt als: »Was geht's den Gallach an, ob das Schiksel gekesfajemet hat oder nicht? Die Schwarzfärber müssen doch ihre Schnorre in jede Massenmaite stecken.« Da, so um Ostern herum, ja gerade in der Karwoche geschah es, daß das verschollene Schwarzelsi wieder zu Windgellen in aller Leute Mund kam. Herrgott, was bekam da Bartbibbeli zu tun! Die ehrsame Jungfrau war Feuer uud Flamme. Sie galoppierte nur so im Dorfe herum, als wären ihre Beine fünf- statt fünfzigjährig. Die Zytig vo Windgellen erlebte täglich fünf bis sechs Auflagen. Es war aber auch gäng 'ne große G'schicht'. Der Postbote, welcher in der Regel wöchentlich einmal, zuweilen auch zweimal von Hasli im Grund herüber kam, brachte eine »grüsli schweri« Talerrolle mit und war dieselbe an die Strobelbäbi in der Höllenschwärz adressiert. Nun allgemeiner Klatschaufruhr. Zwei Stunden nachdem der Postbote vom Dorfe zur Höllenschwärz gegangen, fegte Bartbibbeli das Tal hinunter. Sie mußte ja um jeden Preis heute noch ein Telegramm ausgeben, was es mit dieser mysteriösen Talerrolle für eine Bewandtnis habe. Allein selbst der redliche Pflichteifer kann nicht immer, was er will. Das angekündigte Telegramm erschien nicht, denn Bibbeli war bald wieder heimgekommen und zwar mit dem Aussehen einer Person, die einen großen Staatszweck verfehlt hat. Sie hatte die Höllenschwärz noch nicht erreicht, als ihr der Strobelchäpi und sein Weib begegneten und ohne viel Notiznahme an ihr vorübergingen, als wollten sie gen Meyringen hinunter. Weiter wußte die Zytig nur zu sagen, das Bäbi habe sie »schüli spöttisch« angelugt und dazu mit harten Talern in der Tasche »gekläpperet«. Indessen klärte sich dieses nicht unwichtige Kapitel der Geheimnisse von Windgellen schon am Ostersonntag einigermaßen. Da kam nämlich die Strobelbäbi in die Kirche und hatte eine »spritzfunkelnagelneue« Jüppe an von schwarzem Tibet, die Elle zu zwei Franken mindestens – (Zytig vo Windgellen vom Ostermontag 185*) – und ein dito neues Schäpli mit Seidenbändern und Silberzindeln auf ihrem struppigen grauschwarzen Haar. Und aber am Nachmittag erschien, angetan mit einem neuen oder wenigstens wie neu aussehenden Tschopen und auf dem Kopf einen ewig hohen neuen Zylinder, der Strobelchäpi im blauen Fuchs, das heißt im Wirtshaus von Windgellen, und hatte, wie er bald sehen ließ, ein neues »Bohrmunnäh« in der Tasche und darin wohl 'ne Handvoll Franken- und Halbfrankenstücke. Und nachdem der Mann erst warm geworden, das ist, nachdem er einen Schoppen »Brännt's« versorgt, fing er an zu flunkern und zu glorifizieren und erzählte von seinem Elsi, dem »Tusigedundersglüntli«, wie er das Mädchen in überwallender Zärtlichkeit nannte. Ja, das syg es Meitschi, das, centum gäb's kei sölligs. Es Meitschi? Ja, ahsograd'! Nei, e Dam' syg's , und was für eine! E grüsli große, ja, bym ewige Stralsakerment! Jetzt sollten nur die herkommen, welche früher sein Schwarzelsi uszännet hätten. Er woll's ihnen schon sagen, er! Da draußen, »im Dütschland«, in der schüli großen Stadt Soundso, da hätt' 's Elsi sy Glück g'macht. Nüd als Syde uf em Lyb, urche Syde und Sammet, sogar an den Füßen, und Geld hätt's wie Dreck. Und mit de fürnehmste Herre, im Verglüch mit dene d' Herre vo Bern syge wie Gülle im Verglüch mit Rosooli , geh' das Ketzersglüntli um, als hätt's sy Lebtig nüd anders g'seh'. Ja, das syg e wahre Pracht, und d' Windgellener würden, bym ewige Hagel, nit schlecht d' Augen ufryße, wenn 's Elseli so eines Tages daher käm' g'fahren, vierspännig und langg'spanne . Er könnt' no viel sagen, er, wenn er wött', bym Eid! Aber ma werd' schon sehen, ma werd' schon sehen. – In dieser Tonart ging die Litanei noch lange fort. Als gegen Abend zu der Strobelchäpi, mehr beduselt als billig, sich heimgetrollt hatte, hielt Bartbibbeli in der Küche des blauen Fuchses mit der Wirtin eine geflügelte Zungenkonferenz ab, und hernach telegraphierte die Pflichteifrige im Dorfe umher, es sei richtig, das Schwarzelsi werde einen Grafen, einen Fürsten, einen Prinzen oder gar einen König zum Ma übercho . Sechstes Kapitel. Wolken. Während weder die Zeitung von Windgellen noch ihre Abonnenten darüber einig werden konnten, ob der Zukünftige des verlaufenen Vagantenkindes aus der Höllenschwärz, welches laut dem Strobelchäpi da draußen in Deutschland in Seide und Sammet einherging, ein Graf, ein Fürst, ein Prinz oder gar ein König sei, während die einen die ganze Geschichte gläubig hinnahmen, die andern sie anzweifelten und einige kühnste Skeptiker sie wohl auch geradezu für ein »Märli« erklärten, erhielt die öffentliche Meinung der Talschaft durch ein wirkliches Ereignis nach einer andern Richtung hin neues Material. Der »erst' Ma« in der Gemeinde, der Beherrscher der Zwihl, erkrankte so gefährlich, daß man bald an seinem Aufkommen verzweifeln mußte. Der Rüstige, all sein Lebenlang Kerngesunde hatte sich auf der Gemsjagd eine Erkältung zugezogen, aus der er sich aber nicht viel machte. Sein Anneli drang zwar darauf, daß er die Sach' besser abwarte, insonderheit bei dem unbeständigen Frühlingswetter, das zwischen Wärme und Frost so häufig und jäh wechselte. Er meinte aber, er hätte jetzt keine Zeit zum Kranksein, und wies den Vorschlag, einen Arzt zu beschicken, brummig zurück. Es schien auch wirklich, das Unwohlsein des Bauers sei wieder verschwunden, und es wäre auch wohl so geschehen, wenn nur der Patient, wie die Bäurin wollte, noch ein Paar Tage lang die Stube gehütet hätte. Aber er mußte hinaus, er mußte, maßen das »ewig' Sumpfloch« drunten am Fluß, die Haardtmatt', jetzt einmal »in Ordnig g'stellt« werden sollt'. Er leitete aller diplomatischen Opposition seiner Ehehälfte ungeachtet die dort angeordneten Drainierarbeiten und die Folge davon war ein Rückfall, der sich sofort zu einer heftigen Lungenentzündung gestaltete. Die Bäurin ließ hinter dem Rücken des Kranken, der auch jetzt noch von dem »Ap'thekerzüg« nichts wissen wollte, eilends einen Arzt von Meyringen heraufholen; aber es war zu spät. Der Doktor konnte erst am folgenden Tag kommen, und er traf den Kranken bereits in einem Delirium, welches nur das Vorspiel des Todeskampfes war. Bevor dieser eintrat, kam der Kranke noch einmal zu klarer Besinnung. Er sah seine Töchter an, die seit vielen Stunden nicht von seinem Bette gewichen waren, und sagte: »Kinder, ich merk', mit mir ist's Matthäi am letzten. Nu, nu, briegget gäng nit so schüli! Sterben muß nummeeinisch jeder. Bleibet brav, wie bisher, und machet dem Müetti Freud', wie ihr mir g'machet habt. Und loset, Rosi und Vreli, i säg', der erst Bub', den eine von euch überkommt, der soll ein rechtschaffener Bauer werden und soll auf der Zwihl hausen. Lasset d' Zwihl nit in fremde Händ' kommen! Ich müßt' mich ja sonst im Grab umdrehen.« Diese Vorstellung regte einen Gedanken in dem Sterbenden an, der ihn seit langer Zeit gequält hatte. Er blickte die verweinte Rosi forschend an und sagte dann halbleise zu seinem Anneli: »Müetti, säg', ist bei der Rosi noch immer nüd um d' Weg'?« Rosi bedeckte das Antlitz mit den Händen, wie um die Tränen wegzuwischen, in Wahrheit aber, um ein schmerzliches Erröten zu verbergen. Die Mutter warf über das Bett hinweg ihrer Tochter einen ängstlich bittenden Blick zu, bevor sie antwortete. Ach, die treffliche Frau fühlte jetzt in ihrem Jammer, daß es auch fromme Lügen gäbe. Warum sollte man einem Sterbenden nicht seine letzten Augenblicke versüßen? So sagte sie: »Doch, Väterli, doch!« »Ist's wahr, Rosi?« fragte er hastig und sein schon umdunkeltes Auge glomm noch einmal auf. In qualvoller Verlegenheit beugte sich Rosi zu ihm herab. Er nahm ihr Schweigen für eine verschämte Bejahung seiner Frage, legte seine Hände auf ihr Haupt und segnete sie. So tat er auch mit Vreneli, und dann sagte er zu seiner Frau, indem er ihr die Hand hinbot: »Anneli, was meinst, wir hei doch glückli mitsämme g'lebt?« Als sie das unter strömenden Tränen bejahte und beschwichtigend beifügte, Gott würde so gnädig sein, sie noch länger beisammen zu lassen, versetzte er: »Nei, nei, Anneli, mit dem ist's gäng nüd. 's ist neime do in mir inne 'ne Schrub losgange und will si nimme la festmache. Aber 's ist au so recht. 's ist alles in Ordnig jetzt und der alt' Basti, euser Oberknecht, wird dir und dem Vreneli an d' Hand go im G'werb – 's ist e treue Seel'. Haltet nu allzyt fest z'sämme, du, Müetti, mit den Chinde und ihr, Chinde, mit dem Müetti. Und loset, i säg', lasset d' Zwihl nit in fremde Händ' cho, nie, nie!« Eine Stunde darauf verschied er in den Armen des herbeigeeilten Ruodi, der den wuchtigen Körper des Sterbenden in den Armen hielt, bis er ausgeatmet hatte. Es war ein großer Leichenzug, der den toten Zwihlbauer zu Grabe geleitete. »Er war wie die Tannen unserer Berge,« sagte der Pfarrer in der Leichenpredigt, »rauh von außen, aber innen gesund und voll Markigkeit. Ein Mann vom echten alten Bauernschlag, der überall, soweit sein Blick reichte, das Rechte gewollt und demgemäß gehandelt hat. Er tat, was er für seine Pflicht erkannt hatte, unter allen Umständen, ohne rechts oder links zu schauen, und wohl geziemt uns deshalb, mit aufrichtiger Trauer zu sagen: Ein Mann ist von uns gegangen.« In der ganzen Gemeinde und soweit außerhalb derselben der Kuori Leuenberger bekannt war, hätte diesem Nachruf niemand widersprechen mögen. Eine so auf sich gestellte, spröde, im Auftreten herbe und barsche Natur, wie der Zwihlbauer gewesen, hatte freilich nicht ohne Feinde bleiben können. Bald nach seinem Hingang gestanden aber auch diese, es dürfte lange währen, bis wieder so einer der Gemeinde Windgellen vorstünde. Er sei gäng es bizzeli und neime mehr als es bizzeli » eigenrichtig « und » stiergrindig « drein g'fahren, aber dabei hätt' er 's Herz auf dem rechten Fleck g'habt, sei sauber über's Nierenstück g'si, Er sei unbestechlich gewesen oder kein Heuchler, der unter dem Deckmantel seines Amtes seinen persönlichen Vorteil gefördert. und für d' G'meind' hätt' er 's Leben g'lassen, wenn's hätt' sein müssen. Dieser Wahlspruch des über den Zwihlbauer gehaltenen Totengerichts charakterisiert zugleich das Wesen bäuerischen Patriotismus. Die Gemeindemark ist die Welt des Bauers, wenigstens die des Bauers von germanischem Stamme. Sein durchaus lokaler Patriotismus ist noch gar nicht oder doch nur in seltenen Fallen dazu gelangt, sich zur mit dem Herzen erfaßten Vorstellung vom Staat zu erweitern. Im Gegenteil, vom Staat möchte er am liebsten gar nichts wissen, und er betrachtet ihn ziemlich unverhohlen als seinen und der Gemeinde Feind. Der Rosi ging des Vaters Verlust sehr nahe, und die Mutter, obschon selber tief betrübt, mußte der Tochter Trost zusprechen, als diese nach dem Leichenbegängnis mit ihrem Manne von der Zwihl zum Rütli sich aufmachte. Die junge Frau hatte ihren Vater doppelt liebgehabt, seit er, ihr schüchternes Hoffen nicht nur erfüllend, sondern überbietend, den Ruodi so recht wie einen Sohn gehalten. Und jetzt, gerade jetzt, da sie alle so freundlich und friedlich mitsammen gelebt, hatte der Vater sterben müssen! Als auf dem Wege zum Bödeli dieser Gedanke Rosis Herz mit Bitterkeit erfüllte, ließ sie sich nicht träumen, daß bald eine Zeit kommen würde, wo sie den Toten glücklich preisen müßte, daß er hingegangen, bevor er sein Kind unglücklich gesehen. Daheim ging die Trauernde in das an ihre Schlafkammer stoßende Hinterstübli, sich auszuweinen. In diesem kleinen Gemach, welches Ruodi mit besonderer Sorgfalt hatte ausrüsten lassen, verwahrte die junge Frau ihre und ihres Mannes liebste Sachen. In Kasten und Kästchen hing und lag da mancherlei Wertvolles und Wertloses, Andenken an frohe und trübe Stunden, Denkzeichen der Freuden- und Leidenstationen der Lebensreise. Dort auf der Kommode stand eine zierlich geschnitzte Lade, und darin verwahrte der Ruodi seine Papiere, worunter auch die Kapitalbriefe, in der Schweiz schlechtweg Briefe genannt, welche seine Frau ihm zugebracht hatte. Über der Lade hing hinter Glas und Rahmen Rosis Brautkranz an der Wand, für die junge Frau immer noch eine Reliquie, welche nur die süße Erfüllung der liebsten Hoffnung ihres Lebens bezeugte. Gegenüber zog sich eine Truhe oder Sidel an der Wand hin, und darin lag das Brautkleid Rosis in schimmernde Leinwand sorgfältig eingeschlagen. Auf dieser Sidel sitzend überließ sich die junge Frau ihrer Wehmut. Was müßte aus den Frauen werden, wenn ihnen Tränen versagt wären! Man ist versucht, ihre Gabe, zu weinen, für ein wohltätiges Ventil anzusehen, mittels dessen das reizbare weibliche Gemüt sich Luft macht, der zusammengepreßte Schmerz sich ausströmt. Dank dieser vorsorglichen Einrichtung der Natur setzt sich in der Seele der Frau nicht so leicht jener bittere Niederschlag an, welcher nur zu oft wie eine Salzkruste die Seele des Mannes überzieht. Als Rosi sich ausgeweint und ihre Fassung wiedergewonnen hatte, fiel ihr Blick auf einen Gegenstand, der sie mit neuer Kümmernis erfüllte. In einer Ecke des Stübchens stand eine allerliebste Wiege, die, ach, noch immer leer war. In der ersten Zeit ihrer Ehe hatte Ruodi all seinen Fleiß und Geschmack auf die Herstellung dieses Hausratsstückes verwandt und richtig die schönste Wiege zustande gebracht, die man je im Gebirge gesehen. Aus Stücken blütenweißen Ahornholzes war sie zusammengefügt und mit seinem Lack überzogen. Ein zierlich geschnitzter Kranz von Alpenrosen zog sich außen herum. An der Innenseite des Kopfstücks hatte Ruodi, der ein gewandter Zeichner war, ein Medaillonbild seiner Rosi in Reliefschnitzwerk angebracht, und darunter war sein und ihr Name und das Datum ihrer Hochzeit eingegraben. Wie hatte sich der Zwihlbauer gefreut, als er die fertige Wiege gesehen! »Nu, Rosi,« hatte er gesagt, »jetzt ist's gäng an dir, 's Kinderbettli herz'richten und z'luege, daß d' Hauptsach' dry kommt.« Das Kinderbett war auch richtig bald genug in die Wiege gekommen, und recht niedlich guckten die kleinen weißen Kissen und die rosafarbene Decke daraus hervor; aber die Hauptsache war ausgeblieben. Das alles beschäftigte die Gedanken der jungen Frau und bemühte sie schwer. In ihrer trüben Stimmung machte sie sich einen Vorwurf daraus, daß sie den fast leidenschaftlich lebhaften Wunsch ihres Vaters, einen Enkel auf den Knien zu schaukeln, nicht erfüllt hatte. Sie zog die Wiege aus der Ecke, und während sie in schmerzlicher Betrachtung davor stand, kam Ruodi herein. Sie versuchte den teuren Mann anzulächeln, um ihn durch den Anblick ihrer Trostlosigkeit nicht zu betrüben. Aber das Lächeln erstarb auf ihren Lippen, als sie den eigentümlichen Blick erhaschte, welcher aus den Augen des Gatten auf die Wiege fiel, in welche er so viele zärtliche Vaterhoffnungen hineingearbeitet hatte. Dieser unbedachte Blick ging der schönen armen Kinderlosen wie ein Stich durch das Herz. »O Ruodi,« stammelte sie, in Schluchzen ausbrechend, »ich weiß wohl, ich –« Ruodi begriff unschwer, was seine Frau so heftig bewegte; aber da er des Zartgefühls keineswegs ermangelte, schien es ihm wohlgetan, sich unwissend zu stellen. »Was meinst, lieb's Rosi?« fragte er, ihre Hand zärtlich drückend. »O, du weißt schon, du weißt schon! – Dem Vater selig hat's ja noch auf dem Todbett' Kummer und Sorg' g'machet, und als d' Mutter, ihn z' trösten, sagte, es sei ebbis um d' Weg' bei mir, da dürft' ich ja doch nit nein sagen, damit er im Frieden sterben könnt'. Aber – o, gelt, Ruodi, du bist mir nit bös?« »Dir bös sein, arm's Wybli? Was denkst doch auch! Mach' dir doch, ich bitt', keine so trübsinnig' Gedanken und laß dir die Sach' nit so z' Herzen gehn. Weißt, was noch nit ist, kann werden, und kommt Zeit, kommt Rat.« »Will's Gott, Ruodi!« Er merkte, daß der Ton dieses Wunsches wenig hoffnungsreich klang, und fuhr fort: »Gib dich z'frieden, Rösli, my lieb's Rösli, gib dich z'frieden. Lueg', ich will mit dir wetten, was d' wott'st, eh' zwei Jährli um sind, liegt e hübsch Chnäbli in der Wiege da.« Jetzt konnte sie lächeln, wenn auch immer noch durch Tränen; denn, o, wie gern nimmt ein kummervolles Weib Beschwichtigung und Trost von dem entgegen, welchen sie liebt. Ihm und ihr schwante nicht, wie seine Prophezeiung in Erfüllung gehen sollte. In dem Hinterstübli im Rütli war zu dieser Stunde eins jener rätselhaften Worte gesprochen worden, wie sie manchem Menschengeschick bestimmenden Ereignis lange vorangehen, aber selten beachtet, geschweige in ihrer ganzen Bedeutung gefaßt werden. Seltsam, Rosi glaubte an die tröstliche Verheißung ihres Mannes, und doch kostete sie es von jenem Tage an eine Art Überwindung, die schmucke Wiege anzusehen. Der Blick, welchen er da bei seinem Hereintreten von ihr ab auf die Wiege hatte gleiten lassen, sie konnte ihn nicht vergessen. Er blieb auf dem Grund ihres Herzens haften, schwer wie ein Bleigewicht, dessen Druck die Zeit nicht minderte, sondern nur mehrte. Siebentes Kapitel. Schwüle. Das Leben ging in dem Hochtale von Windgellen wieder seinen altgewohnten Gang. Doch trat bald ein für die Bewohner des Rütli und mittelbar auch für die der Zwihl nicht unwichtiger Zwischenfall ein. Unser Tal mit seinen ragenden Bergkolossen, seinem Gletscher, seinem Seespiegel, seinen bizarren Felsbildungen und seinen stäubenden Wasserfällen ist für jene Rasse von ungefiederten Zweifüßlern, welche in der Zoologie unter genus: homo, species: Tourist Linn. rubriziert sind und Sommers das Berner Oberland, den Vierwaldstätter und Genfer See unsicher machen, noch nicht »entdeckt«. Wenigstens steht es noch nicht im Bädeker oder Tschudi oder Berlepsch. Auch nicht im Murray, und aus letzterem Umstand erklärt es sich hinlänglich, warum sich hier noch keins jener Beefeatersgesichter, welche der darauf eingefrorene anglikanische Heuchlerdünkel so widerwärtig macht, hatte sehen lassen. Wenn es wahr ist – und es ist so wahr wie nur irgend eine »brutale« Tatsache – daß das Touristenwesen auf den schweizerischen Volkscharakter nicht sehr moralisierend gewirkt habe und fortwährend wirke, so muß auf der andern Seite auch zugegeben weiden, dasselbe habe die poetische Begabung der Schweizer, mit der es, wie Unkundige fälschlich meinen, nicht eben weit her sei, höchst bedeutend angeregt und entwickelt. Phantasie ist die Grundkraft dichterischer Tätigkeit, das steht fest. Nun wohl, niemand wird leugnen wollen, daß die Einbildungskraft der Schweizer bei dem löblichen Bestreben, die Gastlichkeit ihres Landes den Fremden darzulegen, zu einem wahrhaft bestaunenswerten Reichtum an Hilfsmitteln aller Art sich entfaltet habe. Die Wirte und andere Besitzer von Wasserfällen, Gletscheransichten, dito von Felswänden mit obligaten Echos, haben sich zu einem Virtuosentum hinaufästhetisiert, dessen Spiel auf der G(eld)-Saite das eines Paganini unendlich weit hinter sich läßt. Und was vollends jene edle freie Kunst, die achte, anlangt, welche in dem prosaischen Lexikon der Polizei unter dem Buchstaben B eingereiht ist, so wird, wer die paradiesische Tour von Meyringen über Rosenlaui, Grindelwald, Wengernalp und Lauterbrunnen nach Interlaken oder umgekehrt ein- oder ein paarmal gemacht, nicht anstehen, zu bekennen, daß auf diesem klassischen Boden die Idee des Bettels voll und ganz und in wahrhaft bezaubernder Mannigfaltigkeit zur künstlerischen Erscheinung gekommen sei. Die Verehrer der guten alten frommen Zeit der Romantik haben es zu beklagen, daß die Bewohner der Ost- und Nordschweiz des prosaischen Dafürhaltens sind, die achte der freien Künste gehöre nicht notwendig zum Leben, ja, daß sie es auf dem Wege privatvereinlicher Tätigkeit in mehreren Kantonen glücklich dahin gebracht, dieselbe gänzlich abzutun. Du kannst da in manchen Gegenden tagelang reisen, ohne auch nur einmal angefochten zu werden, woraus wieder klärlich erhellt, daß die Schweiz der Herd der Revolution ist. Ewig sich erneuernd und unbestimmbar buntscheckig wie die Menschheit selbst ist das Gebiet der menschlichen Narrheit. Weder Sebastian Brant noch Erasmus von Rotterdam noch alle die Autoren des Anno 1575 in furchtbarem Folio gedruckten Theatrum diabolorum haben sich träumen lassen, daß am Ausgange des 18. Jahrhunderts eines schönen Tages der dänische Poet Baggesen an den Höllenschlund des Handeckfalls sich hinsetzen und in das betäubende Gewühl und Gedonner der stürzenden Aare hinein die Flöte blasen würde, um so seiner Naturbegeisterung Ausdruck zu verleihen. In unsern eigenen Tagen aber kam ein deutscher Freiherr auf den sublimen Einfall, in einer der trostlosesten Lüneburgerflächen, wo seine Güter lagen, in der unmittelbaren Nähe einer großen norddeutschen Haupt- und Residenzstadt, sich eine kleine Schweiz anzulegen. Wunderlicher Zusammenhang der menschlichen Dinge! Der Umstand, daß ein norddeutscher Junker, der mit viel Narrheit und viel Geld behaftet war, auf die Idee verfiel, in einer Art Raritätenkabinett müßte sich's hübsch wohnen lassen, sollte zerstörungsmächtig in das Leben der schönen armen Rosi Zurflüh eingreifen. In seiner Art ein Mann von Tätigkeitstrieb und Energie, ruhte der Freiherr von der Schnarrbitz nicht, bis er mittels Aufwandes von viel Zeit und Geld das zustande gebracht hatte, was er seine Berge und seinen See nannte; erstere zwei Erdaufwürfe, die sich aus dem bräunlichen Sandboden der Baronie Schnarrbitz erhoben wie die zwei Höcker auf dem Rücken eines Kamels, letzterer ein schwarzgrüner Tümpel, welcher einer in denselben versetzten unglücklichen Bergforelle wie ein Dantescher Inferno hätte vorkommen müssen. Ein ganzer Steinbruch wurde geleert, um diese »Schweiz« mit der gehörigen Anzahl von Felspartien auszustaffieren. Die Kiefern gaben ein leidliches Surrogat für Arven ab, und mittels eines starken Verbrauchs von flüssiger Ölfarbe wurden schwarze Geißböcke in Steinböcke und grauweiße Ziegen in Gemsen umgeschaffen. An Adlern ist bekanntlich in den Gegenden, wo der von der Schnarrbitz nach Kräften Patriarchalismus trieb, durchaus kein Mangel; auch lassen sich diese edlen Vögel dort so leicht fangen und zähmen, daß schier jeder anständige Mensch vom Militär und Zivil einen mit sich herumträgt. Dagegen hatte der Freiherr mit der Erstellung von Wasserfällen eine Not, die, ganz entgegen dem Sprichwort, kein Eisen und kein Silber zu brechen vermochte. Ein mitfühlender Freund riet unserem Liebhaber der Alpennatur, mit der Intendanz der Oper einen Mietkontrakt abzuschließen, um zeitweilig die bekannten Kaskaden aus dem Freischütz und anderen Opern, Dekorateur und Maschinisten inbegriffen, auf sein Gut zu übersiedeln. Allein Herr von der Schnarrbitz wies diesen Vorschlag mit geziemender Entrüstung zurück. Er bildete sich nämlich ein, zu der bekannten kleinen, aber großmächtigen Partei zu gehören, welche so viel von »organischer Entwicklung«, von »naturwüchsigem Leben in Staat und Kirche« redete und verlangte, daß jeder Polizeidiener, bevor er eine recht saftige Brutalität zur Ausführung brächte, sich mit Weihwasser wüsche. Kein Wunder also, daß unser Freiherr in seinem »Gebirge« nur naturwüchsiges, organisch fallendes Wasser haben wollte. Wenn er des Reichenbachs, des Gießbachs, der Pissebache, des Rheinfalls, der Reuß- und Aarefälle gedachte, begann der fünfzigjährige Knabe – viele meinten, er sei weitaus ein sechzigjähriger – unbändig zu schwärmen. Alle die genannten Wasserfälle rauschten, während er schlief, mit Donnergetöse in seinen Ohren und gingen ihm während des Wachens unaufhörlich im Kopfe herum. Da war er denn nahe daran, das zu werden, für was ihn die unermeßliche Mehrheit seiner Bekannten schon längst hielt. Es verbreitete sich das Gerücht, der edle Freiherr sitze stundenlang in seinem halbausgebauten, zwischen der »Jungfrau« und dem »Schreckhorn« – die beschriebenen beiden Kamelhöcker – gelegenen Schweizerhause, starre melancholisch auf seinen »See« hinab, fahre dann oft wie rasend auf und schreie, als ob er vor Durst lechzte: »Wasser! Wasser! Die Baronie Schnarrbitz für einen organischen Wasserfall!« Unter so bewandten Umständen war es ganz in der Ordnung, daß aus dem hintersten Pommern, wo dem kinderlosen Hagestolz zwei Neffen saßen, deren Grundbesitz gerade so kurz wie ihr Stammbaum lang war, die Anfrage bei den Behörden einlangte, ob es nicht im Interesse der geheiligten Sache von Thron und Altar wäre, den teuren Oheim für wahnsinnig zu erklären oder wenigstens vorläufig unter Kuratel zu stellen. Es heißt aber bekanntlich in jenen gesegneten Gegenden: »Wir leben in einem freien Lande« – und in der einem »Stück beschriebenen Papiers« (alias Verfassungsurkunde) voranstehenden Erklärung der Herrenrechte und der Volkspflichten lautet ein Paragraph ausdrücklich: »Jeder, der Geld hat, ist berechtigt, ein Privatnarr zu sein, falls er nur im übrigen ein loyaler Untertan ist.« Man überließ also den von der Schnarrbitz ungestört seiner Wassersucht, deren Nichtbefriedigung dem guten Manne ums Haar seine ganze Alpenschöpfung verleidet hätte. Seine Lust daran kehrte jedoch zurück, als das Schweizerhaus, genau im Stil der stattlichen Gehöfte im Emmen- oder Haslital aufgeführt, fertig dastand. Als es an die Ausrüstung und Möblierung des Innern ging, kam der Freiherr täglich aus der Stadt gefahren, um den Fortgang der Arbeiten zu beaufsichtigen. Er war dabei immer von einer jungen Dame begleitet, welche ebenfalls großes Interesse für die ganze schweizerische Anlage bezeugte und nach deren Angaben vielfach verfahren wurde. Augenscheinlich übte diese junge Dame einen bedeutenden Einfluß auf den Gebieter der Schnarrbitz, in dessen Hause sie seit einiger Zeit unter dem Titel einer Vorleserin lebte. Ein gewisses romantisches Halbdunkel umgab ihre hübsche Persönlichkeit. Der Freiherr, hieß es, habe sie von einer seiner Reisen mit heimgebracht. Andere wollten mit Bestimmtheit wissen, sie sei eine natürliche Tochter des »alten Narren«, die er jetzt zu sich genommen. Dritte glaubten sich zu erinnern, die junge Dame in der vorhergehenden Saison unter dem Ballettkorps, vierte, sie anderswo in noch weniger tugendhaften Umgebungen gesehen zu haben. Hausfreunde des Freiherrn waren des Dafürhaltens, die Mamsell Vorleserin vereinige die Manieren einer Lorette aufs glücklichste mit der Sprache einer Soubrette zweiten Ranges, im übrigen sei sie ein allerliebstes Persönchen von der niedlichsten »Verve«. Wie dem sei, der von der Schnarrbitz wollte seine schweizerische Schöpfung bis ins kleinste Detail hinein vollendet haben. Aus diesem Grunde reiste er sehr frühzeitig im Sommer nach der Schweiz, um an Ort und Stelle alle nur immer möglichen raren Sachen von nationalem Geschmack einzukaufen. Zu Meyringen im Gasthaus zum wilden Mann sah er in dem großen Glasschranke, welcher im Speisesaal steht und jederzeit eine reiche Sammlung von Holzschnitzwerken aufzeigt, mit Bewunderung eine Gruppe von Gemsen, eine Arbeit, welche Ruodi Zurflüh im letzten Winter zustande gebracht. Er kaufte sie sogleich und erkundigte sich mit Anteil nach dem trefflichen Holzschneider, von welchem er, wie es schien, schon gehört haben mußte. Am folgenden Tage machte er sich nach dem Tale von Windgellen auf den Weg. Seine Erscheinung im blauen Fuchs war ein Ereignis, denn das Tal ist, wie schon erwähnt worden, für Touristen noch nicht entdeckt. Nachdem er das Gemüt der Wirtin durch hier oben unerhörte und unerhörbare Wünsche inbetreff des von ihm bestellten Essens in den Zustand gelinder Verzweiflung versetzt hatte, ließ er sich zum Rütli führen, stellte, im Bödeli angelangt, eine unliebsame Vergleichung an zwischen dem dortigen See und seinem Daheim, den Umstand verwünschend, daß der erstere nicht transportabel war. Die Rosi, welche er in dem Gärtchen vor dem Hause traf, brachte er als Mann von Welt durch das sehr herablassende Kompliment zum Erröten und Lächeln, welches er der jungen Frau über ihre »merkwürdig feine Taille« und ihre »exquisit schönen« Augen machte. Er besichtigte dann die Schnitzarbeiten, welche der Ruodi gerade vorrätig hatte, und kaufte sie samt und sonders, ohne viel zu markten. Hierauf lud er gar den »Herrn Künstler« ein, im blauen Fuchs mit ihm zu speisen, beifügend, er hätte ein wichtiges Geschäft mit ihm zu besprechen. Natürlich wurde diese »Ehre« angenommen, und Rosi holte, voll Freude über die Anerkennung, welche ihrem Manne widerfuhr, seinen Sonntagsrock herbei. Erst gegen Abend zu kam Ruodi zurück, begleitet von einem Diener in Livree, welcher die eingekauften Sachen in den blauen Fuchs abholte. Als er fort war, sagte Ruodi in freudiger Erregung zu seiner Frau: »Denk' dir, Rosi, der fremd' Herr – und ein großer Herr muß er sein, denn er hat außer dem Bedienten, den du vorhin gesehen, noch einen zweiten bei sich, der einen schwarzen Frack anhat, als wär' er gäng selber ein Herr – ja, der fremd' Herr hat mir ein Geschäft angetragen, das gäng viel Geld einbringen muß. Er hat sich draußen in Dütschland, in seinem Heime, ein Schwyzerhus gebaut, gäng ein recht's Schwyzerhus, und drin ist, sagt er, ein Saal, und den möcht' er nummeeinisch mit allerhand Schnitzwerk gar reich und schön ausziert haben. Den Saal soll ich ihm machen, so wie ich's für recht und gattig fänd'. Er müßt' ganz schweizerisch sein, sagt er, Derhalb soll ich mit ihm ins Dütschland und soll unter unsern besten Holzschneidern hier herum zwei oder drei Gehilfen auslesen, ganz, wie ich's für gut fänd', und die sollten auch mit. In einem halben Jährli oder so wär' die Sach' g'machet, so viel könnt' ich aus seinen Reden schon abnehmen. Bezahlen will er gäng alles so splendid, daß ich z'erst glaubte, er spaße nur. Doch er blieb dabei und will zu meiner Sicherheit gäng alles schriftli mache. Aber ich müßt' mich schnell entschließen, denn 's pressiert dem Ma gar schüli, und müßt' ihn schon nach drei Tagen z' Bern im Bernerhof treffen, um von da mit ihm über Basel ins Dütschland z' reisen. Was meinst, Rosi?« Die junge Frau war überrascht und schwieg eine Weile nachdenklich. Sie merkte wohl, daß Ruodi höchlich für das ihm gemachte Anerbieten eingenommen sei, welches seinem Künstlerbewußtsein – er besaß wirklich ein solches – und seinem Erwerbssinn gleichermaßen schmeichelte. Was den letztern betraf, so genügt es, zu sagen, daß Ruodi ein Schweizer war. Ja, auch Rosi ihrerseits war hinlänglich Schweizerin, um die in Aussicht gestellten Vorteile des Unternehmens nach Gebühr zu würdigen. Aber – aber – ihr Ruodi sollte von ihr fort? Für ein ganzes halbes Jahr und vielleicht noch für länger? Rosis Erwerbssinn verhielt sich zu ihrer Liebe wie eins zu hundert, zu tausend. Aber ihr Mann freute sich offenbar ganz außerordentlich über den ihm gemachten Vorschlag. Konnte er sie so leicht verlassen? Für ein halbes Jahr und vielleicht für noch länger? Nein, leicht würde ihm das nicht: sie glaubte, sie wußte es. Und doch wollte er gehen? Rosi hatte das Geistigere, das Künstlerische in Ruodis Wesen von Anfang an instinktmäßig herausgefunden, und so fühlte sie auch jetzt gar wohl, wie lockend für ihn eine noch dazu so gewinnreiche Gelegenheit sein müßte, seine Kunst einmal in ihrem ganzen Umfange zu zeigen. Und doch wollte sich mit alledem ein geheimes Bangen, welches die junge Frau vor dieser Reise »ins Dütschland« empfand, nicht beschwichtigen lassen. So, zwischen Für und Wider schwankend, setzte sie der Frage ihres Mannes diese entgegen: »Und du könntest nur so von mir fortgehen, Ruodi?« »Ja so, Rösli? Lueg', an das hab' ich, by Gott, gar nicht gedacht!« versetzte er aufrichtig, denn in der Frage Rosis lag ein Ton, der ihm das Herz bewegte. Und er hatte auch wirklich nicht daran gedacht oder wenigstens die Vorstellung einer zeitweiligen Trennung von seiner Frau nicht weiter in Erwägung genommen. Es rollten in seinem Blut einige Teilchen Künstlereitelkeit, ja, ja, und auch etliche Teilchen Künstlerleichtsinn, wenigstens zuzeiten. Jenen wie diesen hatte es bislang an Anregung gefehlt. Nun eine solche erfolgt war, rührten sie sich. Der Erzähler dieser Geschichte aus den Bergen hat einen erfahrenen und daher etwas schwarzsichtigen Menschenkenner zum Freunde, welcher zu sagen pflegt, alle menschliche Tugend reduziere sich, genau angesehen, auf Mangel an Veranlassung und Gelegenheit zum Sündigen. Das ist, so ohne Einschränkung hingestellt, wohl mehr pessimistisch als wahr; aber auf die Durchschnittszahl der Menschen dürfte es doch so ziemlich passen. »Weißt du was, Rosi?« fuhr Ruodi fort. »Es wird sich gäng wohl machen lassen, daß du mit mir gehst. Denk' nur, wie wir da mitsammen die Welt sehen könnten.« »Nein, nein, Ruodi, das geht nit. Man kann Haus und Heime nit nur so stehen lassen, und was sollt' ich da draußen im Dütschland tun? Ich weiß auch gar nit, wie man leben kann, wo's keine Berg' gibt.« »Ja, ohne Heimweh wird's gäng auch bei mir nit abgehen, aber ich hätt' g'wiß noch mehr Heimweh nach dir als nach eusere Berg'. Doch die ganz' Sach' währt ja nit lang und, lueg', 's wird gäng ein grüsli groß Sümmli einbringen.« »Aber los', Ruodi, hast ja ohne das dein gut's Auskommen. Weißt, die Brief in der Lad' im Hinterstübli sind noch alle da und sind sogar zwei neue dazu gekommen, und von der Zwihl muß uns ja zu seiner Zeit – die aber noch ferne, ferne sein mag! – auch ein schöner Anteil zufallen. O, wir haben, Gott sei Dank, was wir brauchen, und noch mehr, viel mehr; ebbis anders wär's freilich, wenn wir –« Sie brach erschrocken ab und verschluckte den Schluß, um ihren Mann nicht zu betrüben. In seiner Stimmung lag es aber heute nicht, den heikeln Punkt unberührt zu lassen. »Wenn wir Kinder hätten, willst du sagen, lieb's Rösli? Jetzt lueg', das ist's gäng grad'! 's ist nummeeinisch noch nit aller Tag' Abend, noch lang nit. Weißt, dein' Mutter hat dich auch erst vier Jahr' nach ihrer Hochzeit zur Welt bracht als ihr erstes Kind.« »Ja, das ist wahr, Ruodi, das ist wahr, und sie tröstet mich drum auch allfort.« »Siehst du, lieb's Wybli, siehst du? Nur Geduld, nur Geduld! Ich bin g'wiß, das ich 's Wiegli nit umsonst g'machet hab', und daß du mir nit eins und zwei, aber ein voll's Halbdutzend Kinder schenken wirst, Chnabe und Chinde, und wenn sie nur halb so schön und gut sind wie mein' Rosi, so werd' ich der glücklichst' Vater sein centum, und wenn sie dann da sind, so wird ihr Müetti gäng auch froh sein, daß ihr Vater beizeiten drauf aus ist g'si, 'z sorgen, daß für die liebe Dingli ein hübsch Vermögeli« vorhanden sei.« Der Schlaukopf! Aber seine Schlauheit kam aus dem Herzen, und gerade deshalb wirkte sie so überzeugend auf Rosi, daß diese ihren Widerstand aufgab. Sie verlangte nur noch, daß Ruodi in betreff seines Vorhabens die Mutter um Rat fragen sollte, und dazu war er ganz willig, weil er zum voraus wußte, daß die lebenskluge Zwihlbäurin, welche rüstig und umsichtig nicht nur auf die Erhaltung, sondern auch auf die Mehrung der Erbschaft ihrer Töchter bedacht war, seine Beweggründe, den Vorschlag des fremden Herrn anzunehmen, billigen würde. Das geschah denn auch, wiewohl so ganz erst dann, als Ruodi seiner Schwiegermutter den schriftlichen Vertrag vorlegen konnte, welchen er im Laufe des folgenden Tages im blauen Fuchs mit dem fremden Herrn vereinbart hatte. Nein, so 'nen Vorteil, so 'ne gattig's G'schäftli dürfe man sich nicht entgehen lassen – potz Tusig, nein! meinte die Zwihlbäurin, 's wär' 'ne Sünd', ahsograd' 'ne Sünd'. Der Ruodi soll gäng in Gottes Namen mit dem fürnehmen Herrn, der d' Wirtin im blauen Fuchs von wegen sei'm Essen so schüli drangsaliert habe – nit drum, die Wirtin syg auch keine von denen, die wüßten, was kochen heiße – ins Dütschland gehen. Was syg es auch, wenn e Ma nummeeinisch für e halb's Jährli von Heime fort war'? Nit der Red' wert! Das syg auch schon vorkommen in der Familie. Da syg der Tochtermann von ihrer Schwester Schwager drüben in Grindelwald; der hätt' eines Erb's wegen vor ein paar Jährli weit, weit hintere ins Rußland müssen und syg doch wiederkommen. Und heutig'stag's ging's ja auf den Posten und Eisenbahnen – sie hätt' zwar nuch kei so Ding selber g'seh, aber der Herr Pfarrer syg scho druf g'fahre – ja, da ging's wie g'floge. Und was vollends 's Briefschicken angeh', da hätten sie ja gäng jetzt auch drunten in Meyringen so 'nen Tregelaff oder wie neime di Dinger g'heiße syge, ufg'richt't; da häng' ma d' Brief' nur so d'ra und, wutsch, syge sie in aller Wyte. Der Ruodi solle nur fleißig schreiben; sie wolle im übrigen schon Sorg' haben, daß sein jung's Frauli derweil nit trübsinnig werde. So war denn die Frage entschieden, und Ruodi ging sofort nach Hasli im Grund hinüber, wo er zwei geschickte Holzschnitzer kannte, die er sich zu Gehilfen bei seinem Unternehmen ausersehen hatte. Sie gingen auf seine Vorschläge ein, und er bestellte sie auf den Abend des dritten Tags gen Bern in den Bernerhof. Heimgekehrt, machte er sich, während Rosi ihres Gatten Wäsche und Kleider in den Koffer legte und dabei jedes Stück insgeheim mit einem liebevollen Wunsch feite und weihte, ans Auswählen und Verpacken von Zeichnungen, Holzmustern und Werkzeugen. Zwei Träger schafften das Gepäck nach Meyringen hinunter und am folgenden Morgen machte sich, vor Sonnenaufgang, der Ruodi selber auf den Weg. Rosi war früh auf, um dem geliebten Reisenden noch den Morgenimbiß zu bereiten. »Will's Gott, ist's gut Wetter!« dachte sie, während sie in ihre Kleider schlüpfte; denn dem Volksglauben von Windgellen gemäß, war es von übler Vorbedeutung, bei Regenwetter eine Reise anzutreten. Ruodi schlief noch, als die junge Frau leise das Fenster öffnete, um nach dem Stande der Witterung zu sehen. Es hatte während der Nacht gewittert, und schwere Regenwolken wuchteten von den Bergen tief in das Tal herein, von einem schwülen Luftzug träge hin und her geschoben. Himmel und Erde zeigten nur ein verdrießliches Grau in Grau. Ein widrig schwüler Windhauch schlug von draußen in Rosis Gesicht, und eintönig, sozusagen mürrisch plätscherte der Regen herab. »Ach Gott, was für ein grüsli Wetter!« rief die junge Frau unwillkürlich aus. »Was hast, Rösli?« fragte der inzwischen erwachte Ruodi von dem ehelichen Lager her. »O, Rundi, lieb's Manni, geh heut' nicht! Weißt, 's bringt keinen Segen, bei Regenwetter ausz'reisen.« »Ei, du Närrli, da müßten ja die Leut' 's Reisen ahsograd' ganz bleiben lassen,« entgegnete Ruodi, aus dem Bette springend. »Aber könntest du die Abreis' nicht verschieben, wenn auch nur auf morgen? 's Wetter könnt' sich derweil ändern.« »Nein, Rösli, das geht nicht. Was würd' der Herr Baron, der z' Bern auf mich und die zwei andern wartet, denken? Ich muß allweg fort.« »Bei solchem Wetter?« »Freilich, 's ist widerwärtig, ja. Aber weißt, auf Regen folgt Sonnenschein. Ich darf mich nit säumen und muß tüchtig ausschreiten, wenn ich z' Mittag 's Dampfschiff z' Brienz nit verfehlen soll.« Rosi machte Licht, aber sie vermochte einen schweren Seufzer, der ihr die Brust hob, nicht zu unterdrücken. Er entging ihrem Manne nicht. »Komm, komm, Rösli,« sagte er. »Du mußt dir die Sach' nit schwerer machen, als sie ist. Denk, Schätzli, wie viel Manne müsset zeitweilig von ihren Frauen fort! Bist doch gäng sonst 'ne rechte Schweizerin, hast ein kräftig G'müt. Muß ich denn in den Krieg oder in sonstige G'fahr? Bewahre! 's ist ja neime nur 'ne einfache G'schäftsreis'. Drum mach dir und mir 's Herz nit schwer! Lueg', ich freu' mich schon jetzt unbändig auf den Tag, wo ich wieder heimkomm' zu mei'm liebe gute Wybli.« So tröstete er sie und Rosi bemühte sich eine Fassung zu zeigen, die sie nicht besaß. Sie konnte ein rätselhaftes Bangen, daß diese Reise für Ruodi und sie selber zum Unheil ausschlagen würde, nicht loswerden. Aber sie wollte dem teuren Manne das Herz nicht schwer machen und gab sich deshalb, als sie mitsammen frühstückten, alle Mühe, ruhig zu erscheinen. Sie versuchte sogar über die zärtlichen Scherze zu lächeln, womit er sich und sie über den Ernst der Stunde zu täuschen strebte. Als er zum Aufbruch bereit war, ließ sie es sich nicht nehmen, ihm bis zum Ausgange des Tals das Geleite zu geben. So gingen sie Hand in Hand durch das Regengeriesel der Morgendämmerung hin. Da, wo der Fluß, durch eine enge Felsenklause sich drängend, in ein breiteres Talgebiet hinabfällt, bat er sie, umzukehren, und so ging es ans Scheiden. Mit nach der ihm Nachschauenden rückwärts gewandten Augen schritt er dann den Weg abwärts. Da rief sie laut seinen Namen, eilte ihm nach und umklammerte ihn fest mit den Armen. Sie mußte noch einmal ihr Antlitz an sein Herz legen, das jetzt noch ganz ihr gehörte. Jetzt noch? Sollte es denn je anders sein können? Sie vermochte den unwillkürlich in ihr aufgestiegenen Gedanken nicht auszudenken und doch war ihr, als müßte sie den Geliebten mit Gewalt zurückhalten, mit der ganzen Kraft und Gewalt ihrer Liebe. Er hatte sich zuletzt mit feuchten Augen sanft von ihr losgemacht und war gegangen. Sie wußte nicht, wie sie zum Rütli zurückgekommen. Da saß sie nun im Hinterstübli, allein mit ihrer Trübsal. Es ward ihr zu eng in ihrem Mieder, zu eng in dem Zimmer, Sie meinte, der Atem müßte ihr ausgehen vor lastender Schwüle, und sie mußte das Fenster aufreißen. Aber es war auch draußen schwül und trübe. Ihr Blick fiel auf die Wiege in der Ecke. »Hätt' ich ein Kind, so wär' ich jetzt nicht so allein und verlassen,« sagte sie und weinte bitterlich. Achtes Kapitel. Wetterleuchten. Der Sommer verstrich und der Herbst hatte droben auf den Bergen schon deutlich genug die weißen Vorboten des Winters mehr und mehr talwärts vorrücken lassen, aber noch immer verzögerte sich Ruodis Heimkehr. Mit dem Wechsel der Jahreszeit wurde Rosis Sehnsucht nach dem Abwesenden wieder quälender, als sie sommerlang gewesen. Denn während der guten Zeit hatten doch allerhand Beschäftigungen im Freien willkommene Ableitung und Zerstreuung geboten. Es gehörte ein kleines »Feldg'werb« zum Rütli, und wenn auch den Sommer über zwei von den drei Kühen, welche den Viehstand ausmachten, mit der Herde aus der Zwihl auf die Alpen gingen, so gab es doch in Haus und Feld für eine so arbeitsame Hausfrau, wie Rosi war, genug zu schaffen. So oft sie abends mit ihrer Magd, dem Mareili, einer stillen und anhänglichen Person, ermüdet heimkam, sagte sie immer: »Gottlob! schon wieder ein Tag weniger!« und es braucht nicht erklärt zu werden, was sie damit meinte. Die Zwihlbäurin, obgleich die Rüstigkeit und Tätigkeit selbst, sagte zuweilen: »Los', Rosi, du brauchst dir's gäng nit so sauer z'machen. Hast's ja nit nötig.« Aber die Tochter war gleich mit der Entgegnung bei der Hand, 's Arbeiten tät' ihr wohl und sie hielt' was darauf, daß ihr Ruodi, wenn er heimkam', Haus und Heime in bester Ordnung vorfand'. Ruodi schrieb fleißig, recht fleißig – bis in den Herbst hinein. Er war wohlauf und es ging ihm nach Wunsch. Seine Briefe waren anfangs der süßeste Trost für Rosi: es war darin ganz der herzliche Ton, die ungezwungene Wärme und unerkünstelte Zärtlichkeit, wie er stets zu seiner Frau gesprochen hatte. Traf es sich, daß der Postbote so einen Brief an einem Samstag brachte, so gab es immer eine Sonntagsfreude in der Zwihl. Denn Rosi aß dann nach dem vormittäglichen Kirchgang im väterlichen Hause zu Mittag, und nach dem Essen las sie im Oberstübli den eingelangten Brief der Mutter und Schwester vor. Im Oktober schrieb Ruodi zum erstenmal eine kürzere Epistel als bisher, und er sagte darin, seine Arbeit würde noch bis zum Neujahr, ja vielleicht bis zum Hornung oder März währen, denn der Herr Baron, welcher ihn übrigens sehr freundlich behandle, wisse immer wieder diese oder jene Erweiterung des ursprünglichen Planes in Vorschlag zu bringen. Das war freilich ein leidiger Umstand. Rosi zählte an den Fingern ab, wie viel Monate, Wochen, Tage es noch währen könnte, bis sie ihren Mann wiedersehen sollte. Es war noch lange, lange. Aber noch viel leidiger war es doch, daß die arme Frau zu fühlen glaubte, es hauche sie etwas – sie wußte nicht was – aus dem Briefe kühl an. Mit unsäglicher Spannung sah sie dem nächsten Briefe entgegen. Es dauerte zwei volle Wochen länger als gewöhnlich, bis er eintraf. »O, gottlob! er ist doch nicht krank!« sagte Rosi schwer aufatmend, als sie das Schreiben überflogen hatte. Dann las sie es genauer und las es zum dritten und viertenmal. Sie fuhr sich mit der Hand über das Gesicht, wie um etwas abzuwischen oder abzuwehren. War der kühle Hauch wieder da? Vielleicht stärker, anfröstelnder sogar? »Was ich mir nur wunderlich's einbilde!« dachte sie. »Da steht es ja: My lieb's Rosi – und da wieder und noch einmal!« Und doch – was war das nur? – fühlte sie dunkel, daß etwas, vieles, alles an und in diesem Briefe, wie schon im vorhergehenden, nicht war, wie es eigentlich sein sollte. Sie konnte sich mit dem besten Willen dieses Gefühls nicht erwehren und doch auch nicht weiter darüber ins klare kommen. Hätte sie das gekonnt, würde sie vielleicht erkannt haben, daß zwischen den Zeilen Ruodis ein Verschweigen zu lesen war, ein Verschweigen von bedrohlichem oder gar von schon eingetroffenem Unglück. Aber der Ruodi schien ja ganz heiter zu sein. Freilich auch in einer gewissen Unruhe und Hast. Der Brief sprang so unstet, fast zappelig von einem zum andern. Da eine abgebrochene Beschreibung von einer großen Militärparade, dort die nur zur Hälfte vollendete Schilderung einer Vorstellung im Opernhause, in welcher von einem »gesungenen« und »getanzten« Tell die Rede war. Rosi wußte nichts von Rossini, sie hatte überhaupt von einer Oper keine Vorstellung und sagte sich naiv, das müßten »apartige« Leute sein, da draußen im Dütschland, die den Wilhelm Tell so auf dem Theater singen und herumspringen ließen. Es waren in dem Briefe noch andere Vorgänge aus dem Leben einer großen Residenzstadt beschrieben oder vielmehr angedeutet, welche sich die junge Frau nicht zurechtzulegen wußte. Soviel aber entnahm sie daraus, daß ihr Mann neuestens mehr in der Stadt verkehren müßte als draußen in der schnarrbitzschen Schweiz, welche er ihr in seinen früheren Briefen so greifbar anschaulich und mit soviel Humor geschildert hatte, daß sie und das Vreneli oft mitsammen über das »Schreckhorn« und die »Jungfrau« und den »Brienzersee« in der Schnarrbitz herzlich gelacht hatten, während die Zwihlbäurin über die Schnarrbitz und deren Beherrscher das Konklusum abgab: »Große Herre dürfet gäng so baggäugelig sein, als es ihnen g'fällt.« Die folgenden Briefe Ruodis hielten sich im nämlichen Ton. Wenn sich Rosi nur zu sagen gewußt hätte, warum denn eigentlich dieser hastige, fahrige Ton sie so tieftraurig machte! Ihr Mann ließ es doch an Liebesbeteuerungen, an zärtlichen Worten wahrhaftig nicht fehlen. Ja – aber gerade das war es! Diese Zärtlichkeiten, diese Beteuerungen, sie klangen doch so ganz anders als früher, so fremd, so frostig! Früher brauchte er ja seine Frau seiner Liebe gar nicht zu versichern, die verstand sich ja von selbst, und er hatte es auch nicht getan, wenigstens nicht so, nicht so! Wenn Rosi das Theater gekannt hätte, würde sie die Zärtlichkeitsergüsse in den späteren Briefen ihres Mannes theatralisch gefunden und gemeint haben, das sei in den großen Städten so Mode. In ihrer ländlichen Einfachheit jedoch wußte sie mit den hochtrabenden Redensarten gar nichts anzufangen. Aber nein, etwas doch. Aus der unklaren Beängstigung, in welcher sie schwebte, entwickelte sich ein bitterer Zweifel, nicht gegen Ruodi, o nein, aber gegen sie selbst. »Wird er,« fragte sie sich mit Schrecken, »der so viele Dinge gesehen, von denen du nichts weißt und verstehst, er, der jetzt soviel mit den Herrenleuten umgegangen ist und sich, scheint's, ihre Art angeeignet hat, wird er dich noch gern haben können? O, ich hätt' ihn nicht gehen lassen sollen, ich hätt' ihn nicht gehen lassen sollen!« Das »Zu spät!« ist ein Alltagswort in den Familiengeschichten so gut wie in den Staatsgeschichten, aber dort gerade von so wenig Belang wie hier. Man gedenkt seiner überall erst dann, wenn es eben zu spät ist. Indessen da droben im Rütli schien alles wieder gut zu werden, alles wieder ins alte glückliche Geleise zu kommen, als zu Ende des März der Ruodi heimkehrte, volle vierzehn Tage früher, als seinem letzten Briefe zufolge Rosi ihn hatte erwarten dürfen. Aber sie hatte ihn das Tal heraufkommen sehen, im Zwielicht von der Hügelhalde spähend, wie sie seit Wochen allabendlich zu tun pflegte. Das Mareili drinnen am Küchenherd hörte ihre Frau draußen einen lauten Schrei ausstoßen, und als es hinausging, zu sehen, was es gäbe, sah es die Rosi schon unten am Seeufer hineilen. Wie stürmisch sie den Kommenden bewillkommte! Es war etwas rührend Wildes in ihrer Freude. So heiß hatte sie den geliebten Mann nie geküßt, nie, selbst in den Tagen und Nächten des Honigmonds nicht. Das war ein Jubel! In der Unschuld ihres Entzückens übersah es die Glückliche, daß Ruodi vermied, ihr in die Augen zu sehen. Sie fand auch nichts Besonderes, nichts Störendes darin, daß er, kaum in seinem Hause angelangt, mit einer fast prahlerischen Eile und Wichtigkeit seine Reisetasche auftat und in Gold und Silber den bedeutenden Nettoertrag seines glücklich abgetanen Geschäftes auf den Tisch hinzählte. Nur sollte er nicht verlangen, daß sie sich gar zu viel daraus machte. Was war ihr das alles gegen das eine, daß sie ihn wieder hatte? Ihren Ruodi! Ihren Ruodi? So glaubte sie. Sie nahm keinen Anstoß daran, nein, sie fand es ganz in der Ordnung, daß der Heimgekehrte mit einer gewissen Hast noch an demselben Abend nach der Zwihl hinaufbegehrte. Hätte sie doch in ihrer Seligkeit eher an den plötzlichen Einsturz des Glanzhorns gedacht als daran, daß in den ersten Stunden des Wiedersehens für den geliebten Mann in dem Alleinsein mit ihr etwas Drückendes, Beängstigendes liegen könnte. Sie war sogleich bereit, mit ihm zu gehen, und bis tief in die Nacht hinein saßen sie mit der Mutter und der Schwester im Oberstübli der Zwihl, dem Reiseberichte Ruodis lauschend. Was hatte der Mann inzwischen nicht alles gesehen, und wie wußte er davon zu erzählen! »Ma könnt's ahsograd drucken,« meinte die gute Zwihlbäurin. 's Vreneli war zwar etwas abweichender Meinung. Sie dachte: »Der Ruodi ist gäng ein g'scheiter Mann, aber was er da erzählt, ist doch lang' nit so schön, wie wenn der Herr Pfarrer vom Dütschland redet, wo er auf Hochschulen gewesen.« Aber sie hütete sich wohlweislich, diesen Gedanken zu äußern. Der Rost war alles recht, und sie hing mit Aug' und Ohr an den Lippen ihres Mannes. In ihrer freudigen Aufregung nahm sie jedes Wort, das er sprach, wie ein Orakel hin, und wo sie seine vornehm tuende Redeweise nicht immer ganz verstand, so war ja nicht er, sondern nur sie daran schuld. Ja, sie fühlte sich glücklich, endlich wieder so ganz glücklich. Alles Leid, alles Bangen war vorüber, war vergessen, für den Augenblick – nein, für eine ganze Woche. Eine ganze Glückswoche ist aber schon viel im menschlichen Leben. Hat nicht der siebzigjährige Goethe, den man vor und nach seinem Tode mit Grund als einen der glücklichsten Menschen pries, gesagt, wenn er alles zusammenzählte, so ergäbe sein ganzes Leben kaum die Summe von vier Wochen reinen Glückes? Ruodi war in den Freudensturm, welcher Rosis Seele bewegte, mit hineingerissen worden. Sehr bald jedoch mußte die arme Frau die Bemerkung machen, daß aus seinem ganzen Gebaren sie etwas so Fremdes, Kühles anhauche, wie damals aus seinen Briefen. Sie glaubte sich zu täuschen und, o, wie gab sie sich Mühe, sich wirklich zu täuschen! Aber es ging nicht, es ging nicht! Der wochenlange Glückstraum zerrann wie ein Regenbogen, wie der Schatten eines Regenbogens. Sie bemerkte, daß ihr Mann, der sonst so rastlos und fröhlich Tätige, halbe und ganze Stunden lang müßig an seinem Werktisch im Erker saß, nachdenklich, träumerisch vor sich hinsehend. Wenn sie ihn ansprach, schrak er auf, heftig, fast wie zornig. Gewahrte er dann ihr Befremden, so versuchte er sie anzulächeln wie sonst. Aber, o, dieses Lächeln, es war nicht mehr wie sonst, so gar nicht mehr wie sonst. Es kam ihr auch vor, Ruodi sei abgemagert, und gewiß, seine früher so hellen Augen waren trübe. Er hatte auch keinen rechten Appetit. »Ruodi,« fragte sie ihn liebevoll, »bist du krank?« »Krank? Ich? Rosi, was fällt dir ein? Ich bin mein' Lebtag' nie krank gewesen.« »Aber du magst nicht essen, bist mager und müde –« »O, das hat gar nichts zu sagen. Die Luftveränderung und der plötzliche Wechsel der Lebensweise – weißt du? Laß nur erst noch ein paar Wochen um sein, so wird unsere Bergluft alles wieder in Ordnung gebracht haben.« Alles? Rosi meinte, ihr Mann habe das Wort so ganz eigen betont. Was wollte er nur damit sagen? Zweifelnd äußerte sie: »Aber los', lieb's Manni, wenn ebbis nit in Ordnig sein sollt', so war' es gäng –« »Ei was, Rösli! Das war ja nur so 'ne Redensart von mir. Ich bin ganz wohlauf. Aber da fällt mir ein, daß ich nach meinem Holzvorrat sehen muß, der jedenfalls einer Erneuerung bedarf.« Damit ging er rasch zur Stube hinaus und die Treppe hinunter. »Was ist denn das?« fragte sich Rosi. »'s ist neime, wie wenn er ungern mit mir würd' reden. 's kann ihn doch nit verzürnen, wenn er sieht, daß ich um ihn b'sorgt bin? G'wiß und sicherli ist er nicht wohlauf.« Es ließ ihr keine Ruhe, sie mußte nach einer Weile ihm nachgehen und traf ihn hinter dem Hause in dem Gaden, wo das Material seiner Kunst aufbewahrt war. Da kramte er unter den Hölzern und Brettern herum, so in Gedanken verloren, daß er seine Frau lange dastehen ließ, ohne sie anzureden. Endlich sagte er: »Mit dem Zeug da ist nicht mehr viel zu machen, 's muß je bälder je besser neuer Vorrat beschafft werden. Ich will drum noch heut' in d' Höllenschwärz zum Strobelchäpi.« »Zum Strobelchäpi? Aber du wolltest ja nichts mehr mit dem Mann zu tun haben, seit er dir vor zwei Jahren das versprochene und zur Hälfte schon vorausbezahlte Holz nicht lieferte.« Sie sprach das arglos so hin und dachte sich dabei nicht um ein Haar mehr, als sie sagte. Dennoch schien ihr Einwurf den Ruodi unangenehm zu berühren. Er warf ihr einen forschenden Seitenblick zu und entgegnete: »Das verstehst du nicht, Rosi. Ihr Weiber versteht überhaupt nichts von Geschäften. Der Strobelchäpi ist ein Bränntsludi, ein Schlufi, ja, das ist er; aber daneben hat er wie kein zweiter centum 'nen Blick und Schick, 's best' Holz z' finden und herbeiz'schaffen. Wie gesagt, das verstehst du nicht.« Das mochte nun wohl so sein, und Rosi gab in ihrer Bescheidenheit unbedenklich zu, daß ihr Mann recht habe. Aber so kurzweg, fast barsch hatte er bis zum heutigen Tag noch nie zu ihr gesprochen. Es traf sie hart, und sie fühlte, daß ihr die Tränen in die Augen stiegen; aber sie bezwang sich und schwieg. Sie wollte ihn nicht reizen, um keinen Preis, jetzt, da er augenscheinlich krank war. Denn wie hätte er sich sonst gegen sie so unfreundlich bezeigen können? Er schwieg ebenfalls eine Weile, Hölzer und Bretter zwecklos von ihren Stellen rückend und dann wieder hinwerfend. Dann begann er wieder: »Ei, Rosi – ja, das hab' ich dir noch gar nicht erzählt. Denk dir, ich hab' z' Berlin auch eine Bekanntschaft von Windgellen getroffen.« Er sagte das so leichthin, wie man von einer reinen Bagatellsache zu sprechen pflegt. Aber es war keine natürliche, sondern eine gemachte Leichtigkeit in seiner Stimme und Betonung. »Einen Bekannten von Windgellen?« fragte Rosi mit unbefangener Neugier. »Ich sage nicht: einen Bekannten.« »Was meinst?« »Keinen Er, aber eine Sie.« »Ja so! Aber was könnt' denn das für eine sein?« »Rat mal!« »Ich rat' schon, aber ich errat's gäng nit.« »Wirklich nicht?« »Wahrli, nein.« »Ja, du wirst Augen machen, wenn ich dir sag', daß ich z' Berlin 's Schwarzelsi aus der Höllenschwärz getroffen.« Rosi machte jedoch zu dieser großen Neuigkeit gar keine besonderen Augen, sondern fragte ohne großen Anteil: »Was, Ruodi? 's Elfi, das wegg'laufen wild Chind aus der Höllenschwärz?« »Eben 's Elsi. Du würdest 's aber nicht mehr erkennen. Aus dem Chind ist 'ne staatsmäßige Dam' worden.« »Was du nit sagst, Ruodi! 'ne Dam? Das hätt' man wahrli dem wilden Baggäugel nit ang'sehen. Aber wie ging denn das zu?« »Ja, siehst du, 's muß ihr »anfangs da draußen im Dütschland recht knapp gegangen sein. Sie will auch davon nicht viel wissen oder wissen lassen. Soviel merkt' ich, daß sie eine Zeitlang beim Theater gewesen sein muß.« »Beim Theater? Unter den Komödianten? Da hat sie gang nit viel Guts g'sehen und g'lernt. Nit drum, sie war ja von klein auf ein leichtsinniges Dingli. Aber ich will ihr damit kein Unrecht tun. 's hat mich oft verbarmet, daß es unter Leuten wie der Strobelchäpi und 's Strobelbäbi aufwachsen mußt', 's kann sich gäng in der Fremde draußen auch gebessert haben. Hat doch, mein' ich, der Herr Pfarrer mal in der Zwihl g'sagt, daß es neime auch unter oem Komödienvolk rechtschaffene Leut' gab'.« »Jawohl, jawohl. Du mußt dir die Komödianten bei den großen Theatern nicht vorstellen wie die, welche auf unsern Jahrmärkten herumziehen. Das sind Künstler und Künstlerinnen, Rosi, ja, Herren sind's und Damen.« »Und so 'ne Dam' ist 's Elsi? Drum wollte der Strobelchäpi nit sagen, was für eine, als er gäng vorm Jahr um die Zeit mit sei'm Töchterli so schüli großtat im Dorf!« »Nein, sie ist keine Theaterdam' mehr.« »Was denn?« »Sie ist Haushälterin bei unserem Freund, dem Herrn Baron von der Schnarrbitz.« »Haushälterin? Das ist gäng g'späßig. Wie sollt 's Elfi so 'nen Haushalt führen können?« »O, sie hat damit nicht viel zu tun. Ihr Hauptgeschäft ist, dem Baron vorzulesen.« »Vorz'lesen? Kann er denn nit selber lesen?« »Freilich, aber weißt, große Herren wollen's bequem haben.« »Und bei dem Herrn Baron hast du 's Elfi getroffen?« »Wo sonst? Sie hatte eine große Freude, wieder mal einen Landsmann zu sehen – und daß ich's nicht vergess', sie läßt dich schön grüßen.« »Mich schön grüßen? Ei, als sie noch daheim war, hat sie mich ja nit ausstehen können und hat mir, obschon ich ihr mit Wissen nie ebbis z'leid tat, mit ihrem losen Mundstück manchen Schlötterlig a'g'hängt.« »Ja, sie hat mich daran erinnert und, indem sie hellauf lachte, gesagt, es sei aus purer Eifersucht geschehen.« »Aus Eifersucht? Das Ding war ja noch ein Kind. Das ist wirkli zum lachen. – Aber los', Ruodi, der Herr Baron hat doch eine Frau?« »Nein, er hat nie eine gehabt.« »Er hat keine Frau und lebt mit so 'nem jungen Meitschi im Haus? Pfüdi!« »Oh, jetzt tust du dem Baron und dem Elfi unrecht! Ei ist ja so alt, daß er ihr Großvater sein könnt'.« Wie eifrig er das sagte! Viel zu eifrig, als daß Rosi der Sache nicht größere Beachtung als bisher hätte schenken sollen. Sie schaute verwundert auf und nach ihrem Gatten hin. Aber der war, von ihr abgewendet, wieder in seinem zwecklosen Herumkramen begriffen. »'s ist neime wunderli!« dachte sie mehr nur laut, als sie es sagte oder sagen wollte. »Was?« »Daß du mir nie von dem Elfi geschrieben.« » Ei, was denkst? Das schien mir gäng zum Schreiben gar nicht wichtig genug.« Er stockte und setzte nach einer Weile, in ein gezwungenes Lachen ausbrechend, hinzu: »Am End' bist gar jetzt du eifersüchtig, Rosi? Aber komm', sei kein Närrli! Gib mir's Vesperbrot, 's ist Zeit dazu, und ich will dir zeigen, daß ich essen mag. Hernach muß ich in d' Höllenschwärz.« Neuntes Kapitel. Ein Donnerschlag. Der Frühling kam und verging den Bewohnern des Rütli in leidlichem Frieden. Aber ein Liebesfrühling war es nicht mehr. Es stand etwas zwischen Rosi und ihrem Gatten, etwas, das kalt und hart war wie eine eiserne Wand. Sie fühlte es wohl, und in mancher schlummerlosen Nacht setzte sie sich neben dem Ruodi im Bette auf, ängstlich lauschend, wann er sich im Schlafe unruhig hin und her warf, wie von schweren Träumen gequält. »Er hat eine Last auf dem Herzen,« dachte sie dann, »eine schwere Last. O, wenn er sie mir nur offenbaren wollte; ich würde sie ja gern mit ihm tragen, für ihn!« Doch der Ruodi schwieg. Er war überhaupt sehr schweigsam geworden, zerstreut, mitunter sogar launisch. Manchmal überkam ihn die alte Arbeitslust wieder, und er konnte dann tagelang an seinem Werktische sitzen wie hingebannt. Mit solcher fieberhaften Tätigkeit wechselte ein Müßiggang, der ihn jede Veranlassung, vom Hause abwesend zu sein, mit Begierde ergreifen ließ. Manchen Tag streifte er mit seiner Büchse in den Bergen, aber er brachte nur selten eine Jagdbeute heim. Abends saß er auch viel im blauen Fuchs, was früher kaum ein paarmal im Jahre vorgekommen, und da war der alte Strobelchäpi sein beständiger Gesellschafter. Die Glossen, welche man über den letztern Umstand im Dorfe machte, waren jedenfalls keine schmeichelhaften. Einmal kam er erst nach Mitternacht heim. Rosi war aufgeblieben, ihn zu erwarten, und wie erschrak sie nun über den stieren Glanz seiner Augen, über sein launisches Lachen! Sie verging fast vor Scham und Jammer, als sie die widerlichen Liebkosungen eines Berauschten abwehren mußte. Und dennoch hoffte sie noch, hoffte auf die Wiederkehr früherer glücklicher Tage. Sie betrachtete und behandelte ihren Mann wie einen Kranken. Mittels Geduld, Sanftmut, Güte würde es ihr, redete sie sich ein, vielleicht doch gelingen, ihn auf den rechten Weg zurückzuführen und zu ihr. Vielleicht! Wort voll Täuschung und doch voll Trost! Wenn die Menschen das »vielleicht« nicht hätten, würden sie sich über den zahllosen häßlichen »aber« auf ihrem Lebenswege den Hals brechen, bevor sie zwanzig Jahre alt sind. Mit ängstlicher Sorgfalt suchte die arme junge Frau vor aller Welt, besonders aber vor der Mutter und Schwester zu verbergen, was aus ihrem häuslichen Glücke geworden. Das konnte jedoch nicht ganz gelingen. Aber wenn die Mutter sie ins Gebet nahm oder wenn's Vreneli, die ihrer Schwester von ganzer Seele zugetan war, verfänglich-mitleidige Fragen an sie richtete, nahm sie doppelt sich zusammen und suchte wohl gar die von jenen geäußerten Besorgnisse in Scherz zu verkehren. Wie ihr dabei zumute war, sie hatte es nicht verraten mögen, nicht um die Welt! Selbst der Mutter und Schwester nicht. Diese sollten ihren Ruodi liebhaben wie bis dahin, denn sie selbst liebte ihn ja immer noch. Ein wahrhaft liebendes Weib vermag alles, wenn auch nicht über andere, so doch über sich selbst. Aber der Liebe Lebensodem ist die Achtung. Mit unendlicher Seelenqual fühlte Rosi manchmal, daß dieser Odem in ihrer Brust schwächer und immer schwächer wurde. Wenn er eines Tages ganz ausginge? O, dann müßte alles dahin und vorbei sein! Eines Vormittags kam die Zwihlbäurin zum Rütli herab. Sie war gestern drüben auf einem Hof gewesen, welcher zur Gemeinde Hasli im Grund gehörte. Es hauste dort eine Tochter ihres verstorbenen Bruders. Sie war die Gotte der jungen Bäurin, welcher gestern das siebente Kind getauft worden. Dabei hatte die Gottebas' natürlich nicht fehlen dürfen. Die Mutter grüßte ihre unten in der Küche beschäftigte Tochter nur flüchtig, fragte dem Ruodi nach und stieg, als sie erfahren, daß er oben sei, die Treppe hinan. »Was hat denn nur die Mutter?« fragte sich Rosi. »Sie hat mit ja gar nichts von der gestrigen Taufe verzählt und macht ein so schüli ernst G'sicht.« Sie überwand sich, nicht hinaufzugehen, obgleich eine geheime Besorgnis bei dem um diese Tageszeit ganz ungewohnten Erscheinen der Mutter sie angewandelt hatte. Zuletzt brannte ihr aber der Boden so unter den Füßen, daß sie doch hinaufgehen mußte. Als sie mit möglichst unbefangener Miene in die Stube trat, brachen die Mutter und der Ruodi das Gespräch, welches sie mitsammen geführt, plötzlich ab und ganz unverkennbar in jener Weise, welche deutlich genug verrät, daß man eine dritte Person nicht wissen lassen will, um was es sich handelt. Rosi konnte das leicht merken. Sie machte sich einige Augenblicke an einem Schrank zu schaffen und wollte dann wieder hinausgehen. Da brach aber auch die Mutter auf und sagte, der Ruodi sollte sie eine Strecke zur Zwihl hinauf begleiten. Sie hätte ihn um einen Rat zu fragen. Derweil könnte 's Rosi 's Imbißessen vollends rüsten. Das Essen stand auf dem Tisch, als er zurückkam. Aber er schlang nur hastig einige Bissen hinunter. Er war augenscheinlich sehr aufgeregt, fing bunt über Eck von allerlei zu reden an, brach dann schnell wieder ab und versank in ein finsteres Brüten. »Ruodi, was hast?« fragte Rosi, als das Mareili hinausgegangen war. »Was werd' ich haben? Nichts, gar nichts! Aber ich hab' vergessen, dir zu sagen, daß ich heut' noch, jetzt gleich nach Hasli im Grund 'nüber muß.« Und aufstehend murmelte er zwischen den Zähnen: »Der Hundsketzer, der! Aber ich will dem Fluoch 's Mul scho stopfe, ich!« Was meinte er nur damit? Das war ja gar nicht die gewählte, »herrenmäßige« Redeweise, in welcher sich, wie die Leute von Windgellen spöttelten, der Ruodi so gefiel, seit er »draußen im Dütschland«, gewesen. Rosi wagte keine weitere Frage. Er hätte ihr ja doch kaum eine Antwort gegeben, so hastete er sich mit dem Anziehen und Fortgehen. Gegen Abend drängte es sie nach der Zwihl: die Mutter mußte ja doch gewiß etwas von der wunderlichen Sach' wissen. Aber die Zwihlbäurin war heute die diplomatische Zurückhaltung selbst, wollte Rosis Anspielungen gar nicht verstehen, und als diese mit deutlicheren Fragen herausrückte, sagte sie: »Was wird's groß's sein? Man kann neime nit nach allen Mucken schlagen, Rosi, weißt? Der Züfimelcher z' Hasli im Grund, der Holzschneider, der mit dem Ruodi im Dütschland g'si ist, hat gäng den Leuten allerhand vorpäpperet . 's ist dumm's Zug!« »Aber, Müetti –« »O, ich hab' gar nit druf g'loset, Rosi. Mach's du gäng auch so, wenn d' ebbe ebbis hören solltest. Aber du wirst neime nüd hören. Der Ruodi wird, denk' mir, dem Schlufi scho 's Mul stopfe.« Verzeihlicherweise wollte sich Rosi damit nicht zufrieden geben. Aber die Zwihlbäurin wurde gerade in den Stall gerufen, wo eine Kuh im Begriffe war, den Viehstand der Zwihl zu vermehren, und dieses idyllische Ereignis entzog sie den besorgnisvollen Fragen ihrer Tochter. Der Ruodi kam erst spät in der Nacht heim, roch stark nach Wein und bot seiner Frau mit so schwerer Zunge gute Nacht, daß sie gerne darauf verzichtete, ihn zu fragen, warum er denn nach Hasli im Grund hiuübergemußt. Von jetzt an zog sich die arme junge Frau mehr und mehr in sich zurück. Sie mochte nicht fragen, sie mochte nicht klagen. Sanft und still trug sie ihre Last. Die Rosen auf ihren Wangen blaßten mehr und mehr, und ihr Gang verlor die Schnellkraft. Sie verbarg ihren Kummer vor den Menschen, sie hätte ihn gern vor sich selbst verborgen. Nur dachte sie oft: »O, wie gut ist's, daß der Vater gestorben. Er hätte das alles nicht so mit ansehen können.« Unter die Leute zu gehen vermied sie, wo sie nur immer konnte, und je mehr ihr so traurig verwandelter Gatte von Hause fortstrebte, um so eingezogener hielt sie sich, fast klösterlich. Sie meinte – und nicht ohne Grund – die Leute müßten's ihr ansehen, daß das Glück nicht mehr im Rütli daheim, und das drückte sie schwer, so schwer, daß sie dadurch manchmal auf die selbstquälerische Vorstellung kam, am Ende sei nur sie daran schuld, daß das Glück nicht geblieben: sie habe es nicht zu fesseln verstanden. Wahrhaft reine und edle Gemüter wissen ja nichts von jener wohlfeilen Selbstgerechtigkeit, zu welcher sich unlautere und selbstsüchtige so gern hinaufheucheln, und kommen unschwer dazu, sich als Fehlende anzuklagen, wo sie nur Opfer sind. Ließ sich die Zwihlbäurin durch das heitere oder wenigstens ruhige Gesicht, welches ihr, wenn sie ins Rütli kam, die Tochter zu zeigen sich bemühte, wirklich täuschen, oder tat sie nur so? Jedenfalls war sie eine von jenen Naturen, welche die Sachen gern an sich herankommen lassen und dann erst klug und resolut einzugreifen lieben. Wenn sie daher merkte, wie es eigentlich zwischen der Tochter und dem Tochtermann stand, so mochte sie es noch nicht für an der Zeit halten, zu intervenieren, und ließ demnach die Sachen vorderhand ihren Gang gehen, 's Vreneli seinerseits war nicht so diplomatisch. Das Mädchen verriet dem Schwager, welchen sie zu hassen oder zu verachten begann, deutlich, wie sehr es sein Tun und Treiben mißbilligte. Einmal traf sie den Strobelchäpi im Rütli, welcher jetzt, zu Rosis Qual, nicht selten dahin kam und allerhand mit dem Hausherrn zu verhandeln hatte, geheim und offen, 's Vreneli rümpfte ihr hübsches Näsli und sagte laut genug, daß der Chäpi und der Ruodi im Erker es hören mußten, zu der Schwester: »Pfüdi, der Bränntsludi! Rosi, geh' doch und hol' d' Räucherpfann'. 's ist gäng schüli nötig, daß man da mit Essig und Wachholder räuchert.« Der Ruodi kam aus dem Erker in die Stube herein und bemühte sich, seine Schwägerin zornig anzusehen. Es wollte aber nicht recht gelingen. Er war unruhig und fahrig, und 's Vreneli meinte nachher, er sei gäng ganz » verdatteret « gewesen. Er zeigte seiner Frau an, daß er nach Meyringen hinab müßte, in »Geschäften« – er hatte jetzt immer solche Geschäfte bei der Hand – und wahrscheinlich erst morgen abend heimkommen würde. Bald darauf ging er mit dem Strobelchäpi fort. Der folgende Tag – es war inzwischen Sommer geworden – war ein Sonntag. Sonnenbeglänzt, in der Hut seiner gewaltigen Berge, lag das Tal in jener sonntäglichen Ruhe, welche die ländliche Stille noch stiller macht. Über die ganze Landschaft war jene feierliche Stimmung hingehaucht, welche Uhlands Sonntagslied so wunderbar reproduziert hat. Rosi stand am offenen Fenster, und als jetzt ein sanfter Luftzug den Glockenklang vom Dorfe zum Bödeli herabbrachte, bereute sie es fast, daß sie nicht mit ihrem Mareili zur Kirche gegangen. Aber vor acht Tagen, als sie dort gewesen, hatten die Frauen, welche hinter ihr saßen, einander so seltsam in die Ohren gezischelt, und als sie nach dem Gottesdienst über den Kirchhof gegangen, hatte eine Stimme, welche sicherlich die der Jungfer Bibbeli war, vernehmlich genug hinter ihr drein gesagt: »Habt ihr g'seh', wie bleich 's Rosi ist? 's muß gäng aus sein mit der Herrlichkeit im Rütli.« Es war aus damit, und wie sehr, machte der armen Frau das peinliche Nachdenken klar, in welches sie versenkt blieb, bis sie ihre aus der Kirche zurückkehrende Magd die Halde heraufkommen sah. Was hatte denn das Mareili? Es war doch sonst eine ziemlich phlegmatische Person, die sich in nichts übereilte. Nun aber lief sie mit rotem Gesicht und wie scharfgeladen eilends den Abhang herauf, und als sie, durch das Gärtchen vor dem Hause daherkommend, die Hausfrau am Fenster erblickte, schoß sie alsbald ihre Ladung los, indem sie ausrief: »Denket au, Frau, denket au!« Das übrige ging für Rosis Ohren verloren, da 's Mareili derweil um die Hausecke eilte; aber gleich darauf platzte die Magd zur Stubentüre herein. »Was hast du denn, Mareill? Du tust gäng, als ob's wo brännte.« »Nei, nei, brennen tut's nit. Aber denket au, Frau, 's Strobelchäpis Elfi aus der Höllenschwärz ist in der Kille g'si. Herrgöttli, das ist 'ne Dam'!« Das gute Mareili hatte nicht die entfernteste Vorstellung von der schrecklichen Gewißheit, welche diese Neuigkeit der armen Rosi verschaffte. Es war ihr, als hätte der Blitz vor ihr in den Boden geschlagen. Sie wankte auf ihren Füßen und mußte mit der Hand hinter sich greifen, um sich am Tischrand zu halten. »Was? Das Schwarzelsi?« brachte sie mühsam hervor, denn der Name wollte sie ersticken. »Ahsograd' 's Schwarzelsi. Nei, was di alles an sich umme g'hängt hat! Ma cha nit g'nug luege. 's ist 'ne wahre Pracht!« »Wirkli?« entgegnete Rosi tonlos. »Aber weißt, Mareili, 's ist jetzt hohe Zeit, z' Imbiß z' kochen.« Es ist merkwürdig, daß der Mensch oft gerade in solchen Augenblicken, wo sein ganzes Wesen in den Grundfesten erschüttert ist; nach dem allergewöhnlichsten als einem Anhaltspunkte greift. Ein tiefer Menschenkenner und mehr noch Frauenkenner hat gesagt, eine Frau sei imstande, in demselben Augenblicke, wo sie den Bankrott ihres Mannes erfahren, über die Magd wütend zu werden, welche einen Suppenteller zerbrochen habe. Allerdings, aber es möchte sich doch fragen, ob der bankrotte Suppenteller nicht nur der zufällig gegebene Gegenstand sei, an welchem sich der Jammer über den größeren Bankbruch auslassen kann. Was Rosi angeht, so war ihr die Vorstellung des Kochens von dem Instinkt eingegeben, ihre Magd nicht sehen zu lassen, wie sie litt, 's Mareili hatte aber auch Augen im Kopfe und sagte daher: »Ich mein', Frau, Ihr müsset krank sein. Ihr seht gäng so schüli übel aus. Ja, da will ich waidli e kräftig's Süppli kochen.« Als die Magd hinaus war, brach die arme Frau nicht in Tränen aus. Der wohltätige Quell in ihrer Brust hatte sich erschöpft; sie konnte nicht mehr weinen und murmelte nur vor sich hin: »Also darum hat er gestern so eilends nach Meyringen hinab gemußt? Das war das wichtige Geschäft! Das Schwarzelsi konnte ja nur von dorther kommen. Er hat sie abgeholt. Und wo ist er jetzt? Aber wo wird er sein? In der Höllenschwärz! Er war ja die letzte Zeit her schon halbe Tage lang dort. – O, Ruodi, das hab' ich doch nicht um dich verdient, das nicht!« Ja, ein Blitz war vor ihr niedergefahren, und sein grelles Licht zeigte ihr die ganze Trostlosigkeit ihrer Lage. Dem Blitze pflegt aber der Donner zu folgen. Er zögerte zwar ungewöhnlich lange, mehrere Stunden, allein er blieb doch nicht aus. Die Zytig vo Windgellen ließ ihn los. Wie dehnte sich der unglückselige Nachmittag hin! Wollte es denn heute gar nicht Abend werden? Einmal war Rosi schon auf dem Wege zur Zwihl, aber sie kehrte wieder um. Sie konnte sich unmöglich vor jemand sehen lassen, selbst vor der Schwester, selbst vor der Mutter nicht. Sie schämte sich bis in die tiefste Seele hinein, für ihren Mann, für sich selbst, daß er, ihr Ruodi, ein solcher geworden. Unstet trieb es sie im Hause umher, und hinauszugehen fürchtete sie sich. Es konnten ja Leute vorbeikommen und sie ansehen, um ihrer Schmach willen. Um ihrer Schmach willen? Ja! Seine Ehre war ja auch die ihrige gewesen. O, noch immer fühlte sich die Unglückliche in allen Fibern ihrer Seele mit dem verlorenen Manne verwachsen. Sie trat endlich in den Erker, wo in glücklicher Zeit ihr Ruodi sonst um diese Stunde oft mit ihr und dem Vreneli gesessen und den Schwestern aus seinen Büchern vorgelesen hatte. Daran dachte sie, als sie aufs Geratewohl ein Buch von dem Brett herunterlangte. Es war der Tell, und da steckte noch das Papierzeichen bei der Stelle, die Ruodi zuletzt vorgelesen. Wie lange war es her, und was lag alles zwischen damals und heute! Nur ein Jahr, und doch soviel Enttäuschung und Kummer! Sie schlug mechanisch das Buch auf, und mechanisch überlief ihr Auge die Stelle, wo Ruodi damals stehen geblieben, jene wunderbare Szene auf dem Rütli, die zu dem Besten gehört, was je von Menschenhand niedergeschrieben wurde. Aber die von Unruhe verzehrte Seele der armen Rosi hatte jetzt weder Sinn noch Verständnis dafür. Nur der Name des Schauplatzes im Schauspiel erregte ihr Interesse. Das Rütli! Hatte Ruodi, als er sie in jener Nacht, wo sie sich ganz ihm zu eigen gegeben, in sein Haus führte, ihr nicht auch von einem Rütlibund gesprochen, den sie mitsammen haben und halten wollten in Freud' und Leid? Die Freuden hatte er mit ihr geteilt, das Leid überließ er ihr allein. Das Buch entsank ihren Händen, die wie im Fieber zitterten. Sie durchflog im Geiste die ganze Zeit von jener Nacht an bis zum heutigen Tag. Sie mußte doch irgendwie gefehlt, irgendwas verschuldet haben, daß sich die Liebe Ruodis von ihr hatte abwenden können. Es konnte nicht anders sein! Sie peinigte sich mit dieser Untersuchung, bis ihr der kalte Schweiß auf die Stirne trat und – »Gott grüetzi, Frau Rosi! Nei au, so andächtig? Ging neime grad' da vorbei und dacht' mir, wollt' doch mal einsprechen, z' luegen, wie's dem junge Fraueli ging' in diesen Zytläuften.« Rosi schrak auf. Sie hatte die Türe nicht gehen hören, und da stand sie nun schon mitten in der Stube, die ehrsame Jungfer Bibbeli, in der ganzen Länge ihrer dürren Jungferschaft, mit Bart und allem. »Nehmet Platz, Jungfer Bibbeli, nehmet Platz.« sagte Rosi, sich gewaltsam fassend. »O, gar z' gütig, gar z' gütig! Bin grad' nit müd« – das war richtig, denn auf Geschäftsgängen begriffen, kannte die Zeitung von Windgellen keine Müdigkeit – »aber loset, Frau Rosi, ich komm' eigetli nit ohne Ursach'.« Die arme junge Frau zitterte, denn sie wußte schon, was kommen würde, wenigstens etwas davon. Aber Bartbibbeli täuschte zunächst ihre Besorgnis. »Ja, was ich sagen wollt',« fuhr die Zytig fort. »Ihr wisset doch, daß ma seit , es gab' nummeeinisch Krieg?« »Krieg?« versetzte Rosi, leichter aufatmend. »Nein, ich hört' nüd davon.« »Ja, lueget, ma seit, der Bonapartle – nit der alt', wisset Ihr? aber der jung', der wöll' gäng Krieg afäh von wege des Kaisers Tochter vo Östrych. Die soll neime e gar niedlinette Italeri sy und hätt' den Bonapartle nit wolle zum Ma näh , und drum syg er jetzt schüli bös und wöll' Krieg. Und 's muß ebbis dra sy, 's muß ebbis dra sy. Vo wege was sonst müßtet ensere Scharfschützen in Dienst, i 's Übigslager ge Thun abe? Der Joggeli, wisset Ihr? mein jüngster Bruder, der ist au by de Scharfschütze und, Bibbeli, seit er vorig, Bibbeli, gang doch gäng ins Rütli abe und frag' den Ruodi, der ja Feldwaibel ist by euserer Kompagnie, ob er gäng scho morgen z' Imbig oder erst übermorgen in der Früh' sich ge Thun auf den Weg mach'. Der Joggeli meint neime, sie könnten mitsammen marschieren.« »Da bin ich überfragt, Jungfer Bibbeli, und der Ruodi ist nit z' Haus,« versetzte Rosi, die sich schämte, merken zu lassen, daß ihr von seiten ihres Mannes noch gar keine Mitteilung geworden, daß er in Dienst müßte . »So? Ist er nit z' Haus?« fragte Jungfer Bibbeli, ihre Flöte mit einem kühnen Übergang vom Präludium zum Hauptstück umstimmend. »Nein,« sagte Rosi kalt, fest entschlossen, der Bärtigen keinen Vorteil einzuräumen. »Ung'schickt das! Ich sollt' gäng dem Joggeli B'richt bringen. Der Ruodi ist also noch nit vo Meyringen heimkommen?« Rosi konnte nicht wissen, daß sie in eine Falle ginge, wenn sie die Frage verneinte, wie sie wirklich tat. »Ei, ei, das ist neime doch recht wunderli!« »Wunderli? Was?« »Daß die Leut' so böse Mäuler haben. Nit drum, man muß ihnen gäng nit alles glauben.« »Ja, da habt Ihr sehr recht.« »Nit wahr? Lueget, da ist der jung' Schurbauer, der lang' Toni, wisset Ihr, den Ihr hättet heiraten sollen und der hernach 's Bumpibauers Kathri vo Guttannen g'no hät – 's Kathri hät d' Hosen an, seit ma, aber nit drum, der Toni ist e Lappi, der so 'ne Wybervolk gäng nötig hat – ja, was ich sagen wollt', der jung' Schurbauer der hät den Mannen heut' vormittag auf dem Kirchhof verzählt, 's syg scho Nacht g'si, als das Wägeli, auf dem 's Strobelchäpis Elsi gestern bis zur Schur syg g'fahre – wisset Ihr, bei der Schur geht's rechter Hand uffe zur Höllenschwärz – ja, kurzum, als das Wägeli bei der Schur stillhielt, da syg 's Schwarzelsi abstyge und nit 's Elsi allein und neime auch nit 's Elsi und der Strobelchäpi allein und nummeeinisch auch nit 's Elsi und der Strobelchäpi und der Ruodi allein –« Rost parierte den Stoß oder verheimlichte wenigstens die Wunde, welche derselbe schlug. »Aber, liebe Jungfer Bibbeli,« sagte sie, »Ihr redet von einem Wägeli, und doch laßt Ihr von demselben einen ganzen Haufen von Leuten absteigen, der kaum auf einem Wagen Platz gehabt hätte.« »Ha, ha, ha! Ihr machet 'nen G'spaß aus der Sach'? Recht so! Hab' ich doch all'zyt g'seit, 's Rosi im Bödeli syg die g'schydest und wackerst Frau centum, die sich in d' Welt, z' schicken wüßt'. Aber loset, was ich neime von dem Abstyge g'seit, ist nit so wörtli z' näh . Der Ruodi und der Chäpi – hat der jung' Schurbauer verzählt – gingen eigetli neben dem Wägeli her und war auf selbigem nur 's Elsi und noch ebbis so Kleines, ebbis so Kleines, daß es gäng gar nit der Red' wert.« Der Stoß saß tief in dem Herzen der armen Frau. Darauf war sie doch nicht vorbereitet gewesen. Ihre gesunde Gebirgsnatur schützte sie zwar vor einer städtischen Ohnmacht, aber es flimmerte ihr doch vor den Augen, und sie wurde bleich wie ein Sterbender. Es starb auch in diesem schrecklichen Augenblick etwas in ihr, der letzte Funken von Achtung vor ihrem Gatten. Alte Jungfern vom Schlage der Zeitung von Windgellen haben zwar an der Stelle des Herzens nur eine sohllederne Kapsel, gefüllt mit Neid und Klatsch; aber trotzdem vermochten Bibbelis dünne Lippen nicht zu lächeln, als sie die unglückliche Frau so zerschmettert sich gegenübersitzen sah. Sie empfand sogar etwas wie Mitleid, und so sagte sie tröstend, freilich in der Weise von Hiobs Tröstern: »Ich glaub's neime nit, Rosi, das von dem kleinen Dingli. Der jung' Schurbauer hät's au gar nit g'seh', er hät's gäng nur brieggen g'hört. – Ja, aber was ich sagen wollt', 's ist nummeeinisch recht schad', daß Ihr heut' nit in der Kille g'si seid. Herrgöttli, die Pracht und Glori, wie 's Schwarzelsi ufzogen ist! Wer hätt' vor e paar Jährli glaubt, daß der russig Nickel eines Tags so daher kommen würd'? Urche Syde und Sammet am ganzen Lyb! Und es Hütli hät's ufg'ha – nei au, es Hütli mit Blume und Federe, und 's ist ihm nur so hinten am Kopf g'hange wie es Sommervögeli. So tragen's jetzt neime die fürnehmen Wybervölker. Und es guldig's Uhrli hät's, nei au, was für es glitzerig's Ührli, und e guldige Kette dra, so lang. Und in den Ohren hät's Dingerli, die funkle, 's ist nit z'sage. Und als es syne ankegähle Handschuh' uszoge hät, sind seine Finger voll vo Ringe g'si – 'ne wahre Pracht! Und da vorne uf der Brust häts ein Fürspann g'ha, Brotschg, mein' i, g'heißet's, au ganz guldig und so groß wie es Tellerli. Und e Unterjüppe, nei au, was für e Unterjüppe! So 'ne Karline oder Kirline oder wie das fürnehm Ketzersg'stellaschi g'heißt. Der Rock ist ihr drum nach alle Syte so usseg' stande, wie wenn es in 'ner Glock' drin stund' – ja, ahsograd, wie wenn es die groß' Glock' vo euserem Killeturm als Unterjüppe anhätt'. – Und es Schnäbeli hät's, e Müli, wie 'ne Mühlrädli, und reden tut's wie es Buch, ahsograd' wie es Buch. Säg' i da zu'n ihm, als ich mit ihm den Killeweg abe ging: ›Loset, Elfi, i weiß gäng nit, ob ich Euch Madamm oder Jumpser betitle muß – Ihr seid ja in der Fremde ebbis recht's fürnehm's worden.‹ – ›Ja,‹ seit es druff und blinzelt mich mit seine schwarze Dundersäugli an, als wollt's mich verstechen, ›ja, Jumpfer Bibbeli, Ihr hättet auch beizeiten in die Fremde gehen sollen; Ihr wäret dann daheim nicht so verschimmelt.‹ – Denket au, Frau Rosi, verschimmelt, ja so hät's g'seit – das Rotzäffli, das! Und als es merkt', daß die dumme Wyber und Meitschi afinge z' kichere, seit das unverschämt' Ding no weiter zu mir: ›'s ist aber immer noch Zeit, Jumpfer Bibbeli, und könntet Ihr's noch jetzt in der Fremde zu was rechtem bringen. Ihr dürftet nur Euren Bart – ja, so seit es – Euren Bart für Geld sehen lassen‹ – Hat man je so ebbis g'hört? Ich meint', der Schlag müss' mi treffen. Und die Wyber und die Meitschi lachten gäng hellauf; aber ich will's ihnen schon werden lassen , ich! Ich bin e gutmütig's Tierli, aber wenn ma mir's z' arg macht, so weiß i mi au z' wehren. Drum hab' ich au g'seit: ›Loset, Madamm oder Jumpfer Elfi, was ich hab' oder nit hab', das darf ich alles mit Ehren sehen lassen. Ihr aber nit, mein' i. Oder wie ist's denn mit dem Dingli, das gestern abend so briegget hat, drunten bei der Schur, als Ihr da vom Wägeli g'stiege?‹ Dazu hät das boshaftig Äffli nur g'lachet; denn 's ist neime grad' noch so e boshaftig's Äffli wie vor Zyten, das ist sicher und g'wiß. – Und drum ist au g'wiß und wahrli nüd an der Sach' mit dem Ruodi. So e Ma und so es Glüntli, wie kämen die z' sämme? Nei, nei! D' Leut' haben so böse Müler, und 's wird so schüli viel g'logen in der Welt. Weiß der Tüfel, woher sie's hat, das Dingli, was der jung' Schurbaur gestern z' Nacht so brieggen g'hört hat. Nei, Rosi, 's geht den Ruodi gar nüd an, ich glaub's sicherli. Dem Züfimelcher drüben z' Hasli im Grund, der scho vor etlicher Zyt so ebbis g'munkelt hät, dem hät er ja gäng 's Mul g'stopfet – mit Feuflibere, seit ma. Ich glaub's aber au nit, nei, wahrli nit. 'S ist g'wiß alles verstunken und verlogen.« Während dieser Redestrom sich ergoß, unaufhaltsam wie der Wassersturz drüben bei der Teufelskanzel, hatte die arme Rosi Zeit gehabt, sich wieder zu fassen. Das Ärgste war überstanden, meinte sie, weil der Schmerz der Überraschung, welcher wie ein glühendes Eisen ihr in die Seele gedrungen, sich zur Resignation verkühlt hatte. »Ja,« sagte sie nachdrücklich, indem sie aufstand und das Bartbibbeli fest ansah, »ja, alles ist verstunken und verlogen! Das könnt Ihr allen Leuten sagen, allen! Und loset, wenn ich auch den Leuten nicht vor die Mäuler sitzen kann, so kenn' ich doch meinen Ruodi zu gut, als daß ich auch nur es Tüpfeli von dem glauben möcht', was die bösen Mäuler über ihn schwätzen.« Zehntes Kapitel. Eine zuviel in der Welt. Der sehr ehrsamen Jungfer Bibbeli machte es auf ihrem Rückweg vom Bödeli ins Dorf nicht wenig zu schaffen, sich das Benehmen der Hausfrau vom Rütli zurechtzulegen. Anfangs war die Bärtige geneigt, alle Schwierigkeiten einfach mittels der Annahme, Rosi müßte hintersinnig sein, zu beseitigen. Bei reiflicherem Nachdenken jedoch kam sie zu dem Schluß, entweder sei Rosi »das best' oder aber das dümmst' Wyb auf Gottes Erdboden«. Diesen Schluß teilte sie samt der Motivierung desselben noch am nämlichen Abend ihren intimsten Bekannten mit und erfuhr die Genugtuung, allseitige Beistimmung zu finden. Rosi hatte inzwischen ihren Entschluß gefaßt. Es war einfach dieser, ihre Handlungsweise nach der ihres Mannes einzurichten. Sie war bei aller Sanftmut nicht ohne Stolz, das heißt, die Reinheit ihres Bewußtseins verlieh ihr die Kraft, sich aufrecht zu halten. Sie hatte zuerst beabsichtigt, bei der Heimkunft Ruodis offen mit ihm zu reden; aber sie war wieder davon abgekommen, weil sie schon bei dem Gedanken, gewisse Dinge zur Sprache bringen zu müssen, ihre Wangen vor Scham brennen fühlte. Diese einfache Frau, deren geistiger Gesichtskreis nicht eben ein weiter war, trug in ihrer Seele jenen Hauch von Poesie, der die wilden Affekte schweigt und schwichtigt, jene edlen Instinkte, welche vor jeder Berührung mit Gemeinem zurückbeben. Sie wußte, daß sie ihren Gatten verloren. Was half es noch, gegen diese Tatsache anzukämpfen? Ihr Weg war ihr vorgezeichnet: es war der der Ergebung und Entsagung. Und dann hatte ja Ruodi schon seit lange jede offene Erörterung, jedes trauliche Gespräch mit ihr geflissentlich vermieden. Nein, sie konnte ihn nicht darum angehen. Bei Einbruch der Nacht kam Ruodi heim. Er war schweigsam und düster wie gewöhnlich, seit sein Haus nicht mehr seine Heimat war. Und doch schien er etwas, was ihm auf dem Herzen lastete, loswerden zu wollen. Mehrmals kam er aus der obern Erkerstube, wo er unruhig herumkramte, in die Wohnstube herunter, wo Rosi mit dem Mareili bei einer Handarbeit saß, und ging um seine Frau herum, als drängte es ihn, ihr eine Eröffnung zu machen. Aber er konnte nicht dazu kommen. Das böse Gewissen würgte ihm die Worte, welche er schon auf der Zunge hatte, wieder in die Kehle hinab. Endlich sagte er: »Los, Rosi, ich muß morgen in Dienst nach Thun, für vierzehn Tage oder drei Wochen. Ich wollt', der Teufel holte dieses ewige Militärlen, was einem soviel Zeit und Geld kostet.« – Der unglückliche Mann war auf der schiefen Ebene der Unwahrheit im Reden und Tun schon so weit hinabgeglitten, daß er auch ohne besondere Veranlassung heuchelte und log. War es ihm doch keineswegs so unangenehm, wie er sich anstellte, für ein paar Wochen vom Hause wegzukommen, da er die ganze Mißlichkeit der Lage empfand, in welche er sich gebracht hatte. – »Ich möcht', daß mein Weißzeug und meine Montur herg'richtet würden, damit ich morgen früh meinen Habersack packen kann.« »Es ist schon alles herg'richtet,« versetzte Rosi. »Jungfer Bibbeli war heut z' Imbig da und frug, ob ihr Bruder, der Joggeli, der auch in Dienst muß, mit dir gehen könnt'.« »So, 's Bartbibbeli war da? Wenn ich das gewußt hätte! Dem Ketzersmensch würd' ich 's Wiederkommen verleidet haben. Wenn ich von Thun heimkomm', will ich e Wörtli mit der Zytig, dem alten Tüfelsripp', und mit noch anderen reden. Ja, das will ich!« Er war ganz zornig oder tat wenigstens so und brach das kurze Gespräch ab, indem er bemerkte, er habe noch vollauf zu tun, Stutzer, Hirschfänger, Weidtasche und Tschako in ordonnänzmäßigen Stand zu stellen, und am folgenden Morgen tat er sogleich nach dem Frühstück seine Armatur an, schnallte den Habersack um und brach auf. Es pressierte ihm augenscheinlich sehr. Als er seiner Frau unter der Haustüre die Hand zum Abschied reichte, neigte er sich gegen sie, um sie zu küssen. Aber das zu dulden vermochte sie doch nicht. Sie kehrte ihr Gesicht ab und sagte nur: »Bleib' g'sund!« Sie sah ihm auch nicht nach und bemerkte also nicht, daß er, beim Schuhukopf drunten am See angelangt, links am Bache hinabging, statt sich rechtshin nach dem großen Talweg zu wenden. Es duldete die junge Frau nicht im Hause. Wenn sie so still da saß, stürmten die leidvollen Gedanken gar zu heftig auf sie ein. Ihre noch immer gesunde Natur verlangte nach Luft und Bewegung, und so nahm sie Grastuch und Sichel zur Hand und ging zur Bilgismatt' hinüber, um für die »Bläß« im Stall ein Bündel Frischfutter zu holen. Ihr Weg führte sie den Bach entlang, welcher, wie früher erwähnt worden, nach seinem Austritt aus dem See mit einer scharfen Wendung nach links gegen die Höllenschwärz hinfließt. Sie kam aber nicht in die Schlucht hinein, denn die zum Rütli gehörende kleine Bilgismatt' liegt linker Hand oben am Berghang hinter dem dichten Ahorn- und Haselgestrüppe, welches sich bis zu dem dumpf rauschenden Wasser herabzieht. Als Rosi oben am Ende des schmalen Zickzackpfades angelangt war, welcher durch das Gebüsch zur Matte emporsteigt, konnte sie durch das Laubwerk hindurch die Höllenschwärz drunten liegen sehen. Aber sie wandte sich mit einem Seufzer ab und murmelte: »Ich kann's nicht ändern, ich kann's ja nicht ändern!« Sie ging an ihre Arbeit und hatte das Grastuch bald vollgesichelt. Sie schlang die Bänder desselben zusammen, steckte die Sichel in das festgepackte Gras und hob das Bündel auf einen niedrigen Steinblock am Rande des Abhangs, um sich so dasselbe leichter auf den Kopf zu helfen. Im Begriffe dies zu tun und dann den Heimweg anzutreten, schlug der halb verlorene Ton einer wohlbekannten Stimme an ihr Ohr. Sie hielt inne und kehrte sich dem Buschwerk hinter dem Steinblock zu. Von dorther kam die Stimme, welcher jetzt eine lautere begegnete, eine weibliche, Rosi machte eine Bewegung des Schreckens. Dann schickte sie sich mit der Miene gewaltsamer Selbstüberwindung an, ihr Bündel aufzunehmen. Aber sie tat es nicht: das ging denn doch über die Natur des Weibes. Nachdem sie einige Augenblicke stillgestanden, wie schwankend und zagend, wandte sie sich mit auf dem bemoosten Rain unhörbaren Tritten gegen das Gebüsch zu, glitt hinein, blieb dann inmitten der Blätterhülle stehen und bog vorsichtig die Zweige und Ranken auseinander. So konnte sie auf einen kleinen freien Platz hinaussehen, dessen betaute Rasenfläche in der Morgensonne glänzte. In der Mitte der abschüssigen Lichtung stand ein Ahorn, bei dessen Anblick die arme junge Frau unwillkürlich des Ahorns droben vor dem Fenster ihrer Mädchenkammer in der Zwihl denken mußte, wie ja oft gegenwärtiges Leid durch die plötzlich ihm sich gesellende Erinnerung an vergangenes Glück noch bitterer gemacht wird. An dem Ahornstamm lehnte die Kugelbüchse Ruodis. Sein » Habersack « lag am Boden und diente einem Frauenzimmer zum Sitze, dessen modischer Anzug zu der Umgebung einen grellen Gegensatz bildete. Vor der Dame stand Ruodi, in lebhafter Erörterung begriffen; aber sein Gesicht war düster, und seine Augen blickten unter den zusammengezogenen Brauen hervor mit einem seltsam aus Neigung und Abneigung gemischten Ausdruck auf Schwarzelfi. Denn »Schwarzelfi!« flüsterte ein stechender Schmerz in Rosis Brust. Das Vagantenkind war ein Weib von ganz eigentümlicher Schönheit geworden. Diese zierliche Figur mit dem runden Köpfchen, der olivenbräunlichen, zart inkarnierten Gesichtsfarbe, den feingeschnittenen Zügen voll Spott und Frivolität und den schwarzen Sammetaugen, die sich so verführerisch aufschlugen – ja, sie mußte auch auf ganz andere, auf charakterfestere Männer, als der Ruodi einer war, anziehend wirken. »Sie ist schön – schön wie, wie die Sünde!« War das eine letzte Regung wilder Eifersucht, was so in der armen Rosi sprach, oder was war es sonst? Sie horchte angestrengt, denn wenn auch durch ihre Lauscherrolle tief vor sich selbst gedemütigt, hätte sie jetzt nicht um die Welt ihren Platz verlassen mögen. »Es geht nicht, wenigstens nicht auf der Stelle; man kann die Sache nicht übers Knie abbrechen,« schloß der Ruodi seine Auseinandersetzung. Elfi schwieg eine Weile und schlug ihre in grauen Sammetstiefelchen steckenden Füßchen, die so allerliebst kokett unter dem Saum ihres bauschigen Seidenkleides hervorguckten, spielend aneinander. Dann sagte sie: »Es geht nicht? Dummes Wort! Es geht nichts von selber; man muß es gehen machen, und kurz und gut, ich will nicht länger warten.« »Aber, Elfi, sei doch nur um's Himmels willen kein Kind!« »Ein Kind? Ei, ich denke, schon dieses Wort sollte dich zur Eile anspornen. Sie, weißt du, gibt dir ja doch keine Kinder.« »Herrgott!« »Ei, was ist da zu lamentieren? Ich bleib' dabei, ich mag nicht länger warten. Meinst du, ich sei hierher gekommen, nur um mich da in der garstigen Spelunke, der Höllenschwärz da unten, zu langweilen oder mir von Leuten wie das Bartbibbeli Sottisen sagen zu lassen? Nein, ich will meinen Zweck erreichen, das merke dir! Ich will ins Rütli einziehen und zwar bald möglichst, als deine Frau, verstanden? All diesem dummen Bauernvolk zum Trotz und zum Possen! Wir bleiben dann dort bis zum Herbst, denn länger hielt' ich's nicht aus. Dann verkaufst du das ganze Gerümpel, und wir ziehen mitsammen nach Berlin, wo dir deine Kunst – du bist ja ein Künstler, Ruodi, vergiß das nicht! – ein reichliches Auskommen gewähren wird. Auch bist du ja außerdem nicht ohne Vermögen. O, wir wollen mitsammen leben wie die Vögeli im Hanfsamen.« »Das wäre alles schön und gut. Aber mein Weib –« »Die Rosi? Ah, sind etwa ihre Kuhaugen noch immer so anziehend für dich?« »Du sollst nicht so von ihr reden, ich leid's nicht. Sie hat's wahrlich nicht um mich verdient.« »Wirklich nicht? Seht mir doch einmal den empfindsamen Mann! Aber ich will gar nicht von ihr reden, um dein ehemännisches Zartgefühl nicht zu beleidigen. Sieh du zu, wie du mit ihr fertig wirst. Das ist deine Sache, mein Lieber.« »Du hast gut reden, Elfi!« »Ich rede, wie ich muß, wenn ich auf meinem Recht bestehen will, und das will ich. Ich wollte deine Frau werden, schon vor Jahren, und das will ich noch, und wenn alle Windgellener darüber verrückt würden. Daß ich es wollen darf, wollen muß, weißt du recht gut, ebenso, wann und wo und unter welchen Umständen du mir es feierlich versprochen.« »Ja, Elfi, aber –« »Aber du meinst, versprechen sei leichter als halten?« »Nein, aber eine Angelegenheit von solcher Wichtigkeit und Schwierigkeit läßt sich nicht so Knall und Fall abmachen. Bedenk' doch nur, ich habe, wenn ich auf Scheidung von meiner Frau antrage, alles gegen mich. Ich kann ja, was Rosi betrifft, keinen Grund vorbringen, nicht den Schatten eines Grundes.« »Ei was! Warum nicht gar! Du magst sie nicht mehr, erster Grund; sie ist unfruchtbar und du willst Kinder haben, zweiter Grund; du willst eine andere heiraten, dritter Grund. Es müßte doch wunderlich zugehen, wenn daraus ein tüchtiger Advokat, nach welchem du dich unverweilt umsehen mußt, nicht ein Messer schmieden konnte, welches das Band deiner Ehe zerschneidet, 's ist ja ohnehin nur noch ein Faden, was sag' ich? nur noch ein Fädeli, weißt du? Kaum der Rede wert.« »Du stellst dir das alles viel zu leicht vor, Elfi. Wenn nun Rosi nicht will?« »Firlefanz! Sie wird wollen müssen. Aber hör', Ruodi, wir haben jetzt lange genug hin und her geredet und kämen zuletzt gar noch ins Zanken hinein, was sich allenfalls unter Eheleuten schickt, nicht aber, unter Liebesleuten. Also, mein gutestes Männiken, wie die Berlinerinnen sagen, es bleibt bei unserer Verabredung von gestern. Es ist dumm, daß du jetzt gerade in Dienst mußt; aber ich begreife, daß du nicht ungerne gehst: es mag dir unter obwaltenden umständen daheim etwas schwule vorkommen. Laß mich nur erst ins Rütli eingezogen sein, es wird dann daselbst schon munterer zugehen, ganz so, wie es in dem Haushalt eines Künstlers zugehen muß, wenn er nicht versauern und verbauern soll, weißt du?« Er sah die Sprecherin finster an, wie keineswegs sehr erbaut von der Aussicht in die Zukunft, welche sie ihm eröffnete. »Pfui doch, Ruodi,« sagte sie darauf mit ihrem reizendsten Lachen, »pfui, welche garstigen Runzeln da zwischen deinen lieben schönen braunen Augen, die mir's leider schon angetan haben, als ich noch ein pures Kind war, wie du meintest. Aber laß uns vernünftig reden, Liebster. Du warst doch gestern so entschlossen, und heute – aber ich will dir keine Vorwürfe machen. Ich bin kein Zankeisen, ich, sondern nur dein armes, närrisches Elfi, das dich glücklich machen will und sich selbst damit auch ein bißchen, nicht wahr?« Sie wußte das mit einer so schmelzenden Modulation der Stimme zu sagen, und ihre Augen blickten so zärtlich bittend, daß das Gesicht des schwachen Mannes sich aufhellte. Der Zauber seiner Verführerin waltete wieder voll und ganz über ihm, wenigstens für den Augenblick. Die lauschende Rosi bemerkte es wohl. Vorhin, als er Elfi verboten, übel von seiner Frau zu reden, war in ihrer Seele noch ein letzter Hoffnungsfunke aufgeglüht. Jetzt erlosch er. Da mußte sie doch mit beiden Händen in die Ranken greifen, um sich auf ihren Füßen zu halten. »So, Ruodeli, so gefällst du mir!« sagte Elfi wieder. »Und also von Thun aus tust du unverzüglich die nötigen Schritte wegen der Scheidung, nicht wahr?« »Ich werde alles tun, um dich zufrieden zu stellen; aber verlange du nur nicht platterdings Unmögliches. Es ist sicher für dich und für mich das klügste und beste, wenn ich in Frieden und Güte mit der Rosi – sein schönes armes Weib war ihm also nur noch »die Rosi« – abzukommen suche. Sie wird sich wohl fügen und in die Scheidung willigen, wenn sie erfährt, wie die Sachen nun einmal liegen. Sobald ich aus dem Dienst zurückkomme –.« »Nein, nein!« unterbrach ihn Elfi heftig, mit dem Fuß aufstampfend. »Du kannst die Sache ebensogut brieflich von Thun aus einleiten. Ich mag mich nicht länger so hinziehen lassen, ich mag nicht, hörst du? Hab' ich doch das Leben in der Höllenschwärz schon jetzt gründlich satt, und was das Dorf betrifft, so machte ich gestern beim Kirchgang die Erfahrung, daß ich dort erst dann mit Sicherheit auftreten kann, wann ich deine Frau bin. Also kein Hinziehen, kein Zögern, nein!« Diese Heftigkeit berührte den Ruodi offenbar sehr unangenehm. Er schwieg verstockt. Aber Elfi glaubte ihrer Herrschaft über ihn sicher zu sein und fuhr daher fort: »Merke dir's, mein Teurer, was ich schon gestern und vorgestern sagte, dabei bleib' ich. Du hast die Wahl – die Wahl zwischen mir und der Rosi, zwischen einem freien, fröhlichen Künstlerleben in dem lustigen Berlin und einem trübseligen Hindämmern zwischen den einfältigen Bergen da. Nun wähle! Wenn ich nicht binnen längstens acht oder zehn Tagen die triftigsten Beweise zur Hand habe, daß du mit Entschiedenheit die Scheidungssache betreibest, so weiß ich, was ich zu tun habe.« »Was?« »Ei, was sich von selbst versteht. Ich gehe wieder hin, woher ich gekommen. Mein guter alter närrischer Baron wird mich mit offenen Armen aufnehmen; denn es macht ihm ja Spaß, meinen Großpapa zu spielen. Aber bedenke wohl, ich werde allein gehen, hörst du? allein . Du kannst dann zusehen, wie du mit allem fertig wirst, was ich hinter mir zurücklasse.« »Elfi!« sagte er mit zornigem Vorwurf. »Ruodi, liebster Ruodi, sei ein Mann, und alles wird gut werden.« Dies sagend sprang sie auf, schnellte sich ihm mit dem Sprung einer Lacerte an den Hals, strich ihm schmeichelnd die Haare aus der Stirne, funkelte ihn mit feuerwerfenden Augen an und überhäufte ihn mit stürmischen Liebkosungen, welche er nicht von sich wies. Rosi hatte genug gesehen, genug gehört. Mit brennenden Wangen und pochenden Schläfen wankte sie rückwärts aus ihrem Versteck, und als sie draußen auf der Matte im Sonnenschein stand, hätte sie die Sonne fragen mögen: »Kannst du denn, darfst du denn das alles bescheinen?« Dann preßte sie die Hände auf die Brust, als wollte sie das furchtbare Hämmern ihres Herzens unterdrücken, und flüsterte in sich hinein: »Da ist eine zuviel in der Welt, und die bin ich!« Sie stand einige Minuten schwankend, schwindelnd. Ein Meer von Weh warf Wogen in ihrer Seele. Endlich murmelte sie wie irrsinnig: »Ich möcht' wohl den Wildsee wieder mal sehen.« So ging sie die Bilgismatte aufwärts, immer aufwärts, bis sie zu der Felswand kam, die hinter der Rütlihalde aufsteigt. Sie warf keinen Blick nach ihrem Hause hinunter, sie sah es gar nicht, sondern ging immer zu, sich in das Schluchtengewinde vertiefend, welches um den östlichen Abhang des Glanzhorns hergebreitet ist. Dem daherrauschenden, da und dort von Lawinentrümmern überbrückten Bach entgegen stieg sie höher und höher in die Wildnis hinauf, als hätte sie der Welt und den Menschen entfliehen wollen, für immer. So mochte sie eine Stunde und noch länger gestiegen sein, als sie, um einen Vorsprung der Bergwand biegend, den Wildsee in seiner tiefen Mulde vor sich liegen sah. Es ist eine Szene von unendlicher Traurigkeit. Von drei Seiten steigen die Granitwände schroff und nackt empor, und in diesem Kessel breitet der kleine See seine dunkle Wassermasse aus. Mit grauen Moosbärten überhangene Arven stehen um das Ufer her und beleben nicht, sondern erhöhen nur das Düster einer Öde, die einem das Herz beklemmt. Man muß den Kopf weit in den Nacken zurückwerfen, soll das in diesem Felsenkerker gefangene Auge droben ein Stückchen blauen Himmels erhaschen. Selbst wenn die Sonne im Zenit steht, herrscht hier unten ein kaltes, bleiches Dämmerlicht, und die unheimliche Stille wird nur momentan durch den Pfiff eines Murmeltiers droben am Firnschnee unterbrochen oder durch den heiseren Schrei eines über die Schlucht hinschwebenden Geiers. Rosi war dem See bis auf wenige Schritte nahegekommen, als sie zusammenschrak und stehen blieb. Am Ufer saß ein Mann auf dem Stamm einer von der Zeit gefällten Arve. Er hatte die Arme auf die Knie und den Kopf auf die Hände gestützt. So schien er schon lange gesessen zu haben, auf die düstere Wasserfläche starrend. Jetzt aber wandte er den Kopf der Kommenden entgegen, und Rosi erkannte den Pfarrer. Sie erwachte wie aus einem schweren Traume. »Es sollte nicht sein,« sprach sie bei sich, »o, mein Gott, es soll nicht sein!« Elftes Kapitel. Am Wildsee. Es waren auch keine heiteren Gedanken gewesen, welche den Pfarrherrn von Windgellen schon frühmorgens in die Bergwildnis getrieben hatten. Am gestrigen Abend war 's Vreneli aus der Zwihl zu ihm ins Pfarrhaus gekommen und hatte ihn unter Tränen angegangen, der Mutter und ihr einen Rat an die Hand zu geben, was sich für die arme Rosi tun ließe. Denn was seit vormittags in betreff des Ruodi und des Schwarzelfi im ganzen Dorfe in aller Mund war, hatte natürlich auch nach der Zwihl gelangen müssen, und jetzt war dort der Jammer groß. So etwas war der Zwihlbäurin noch nicht vorgekommen, und sie wußte sich in der ersten Bestürzung gar nicht zu helfen. Der Pfarrer hatte heute am frühen Morgen mit der bekümmerten Mutter eine Unterredung in der Zwihl gehabt und war dann ins Rütli hinabgegangen. Er hatte zu diesem Gange die ganze Stärke seines seelsorgerlichen Pflichtgefühls aufbieten müssen, um so mehr, da er wohl fühlte, daß bei Gestalt der Sachen mit den gewöhnlichen pastorlichen Hausmitteln nicht auszukommen sei. Er wollte aber doch bei dem Ruodi einen ernsten Versuch machen, zu retten, was überhaupt noch zu retten sei. Da er aber im Rütli weder den Hausherrn noch die Hausfrau antraf und vom Mareili erfuhr, daß jener nach Thun in den Dienst sei, mußte er einstweilen unverrichteter Dinge fortgehen, da er die Heimkunft Rosis nicht abwarten wollte. Er hatte nicht den Mut dazu, das Leid der armen Frau mit anzusehen. Schon die Öde und Stille des Hauses machte einen tiefschmerzlichen Eindruck auf ihn, dem er sich nicht lange hingeben mochte. »Hier waren alle Bedingungen eines friedlichen und glücklichen Daseins gegeben,« dachte er im Fortgehen, »und dennoch – was ist jetzt aus diesem Frieden und Glück geworden? Nur Zerstörung. Vertrauen, Wahrhaftigkeit, Liebe – alles dahin, der törichtsten Schwäche, der jämmerlichsten Sinnlichkeit zum Opfer gefallen. O, der Elende, der Elende! In den Armen einer herzlosen Gauklerin hat er das treueste Herz vergessen, das je für einen Mann geschlagen. Einer Schwarzelfi hat er eine Rosi geopfert. Ist es denn möglich, wirklich möglich? Kann es denn sein, daß der Mensch den lautersten Diamant wegwirft um einer Glasperle willen? O, du arme, arme Rosi, du wirst das nie verwinden, so wie ich dich kenne, nie! Du wirst nicht verzweifeln, wirst nicht klagen, wirst ohne Murren dein Kreuz auf dich nehmen; aber du wirst auch all dein Leben lang nie mehr von Herzensgrund lachen. So jung du noch bist, ist dein Leben doch schon beschlossen; denn was noch übrig bleibt, ist nur wie ein Schatten, welchen die Vergangenheit in die Gegenwart hinüberwirft. Glücklich kannst du nie mehr werden, denn du gehörst zu jenen Wesen, die nur glücklich sind, wenn sie beglücken, und beglücken kann nur ein ganzes, nicht aber ein bis in seine Tiefen zerrissenes Herz. Armes Weib, nicht drei volle Jahre ist dir der Mann treu geblieben, für welchen du tausend Tode gestorben wärest. Und du hast auch kein Kind, an dessen Lächeln du dir das wunde Herz heilen könntest und das dich, indem es dir den süßen Namen Mutter zuriefe, erinnerte, daß dein Leben doch noch einen heiligen Zweck hätte. Nein, du bist nur dazu da, ein neues trauriges Beispiel für die trostlose Lehre abzugeben, daß das Schöne bloß geschaffen sei, um in den Staub getreten zu werden, und daß die Guten nur in die Welt kommen, um zu leiden. – O, diese Welt, diese Welt! Es liegt in dem finsteren Glauben an ihre Ver- und Durchteufelung ein tieferer Sinn, als unsere Philosophie sich träumen läßt. Dieser Glaube ist nur der wahnsinnige Aufschrei der Kreatur über die schreckliche, zwischen Geburt und Tod sich bewegende Komödie, in welcher wir alle in dieser oder jener Rolle aufzutreten gezwungen sind. Wohl dem noch, der nur eine allerbescheidenste Nebenrolle zu spielen hat! Er entgeht wenigstens jenem Martyrium, welches die bleichen, todesbangen Stirnen seiner Opfer wie zum Hohn mit Lorbeer bekrönt. Der banausischen Mittelmäßigkeit gehörte von jeher die Erde mit ihren Genüssen, während die Träger des Genius, die Verkünder des Ideals, alle die Denker und Dichter, Seher und Propheten, alle die wirklichen Helden der Menschheit als unerkannte, ja verkannte, verlästerte und verfolgte Fremdlinge darüber hinwandeln und zufrieden sein müssen, wenn ihnen die Brosamen vom Bankett des Lebens zufallen. Dann, wann sie, von Mühen und Sorgen verzehrt, in ihren frühen Gräbern schlummern, kommt die gemeine Betriebsamkeit und Eitelkeit herbei und bläst die Trompete und schlägt die Pauke, und derselbe stumpfsinnige Haufe, der die Lebenden verkümmern und verhungern ließ, vergöttert die Toten oder stellt sich wenigstens so an. Da hab' ich gestern in der Zeitung gelesen, daß in England die Säkularfeier von Burns', in Deutschland die Säkularfeier Schillers aufs festlichste begangen werden soll. Und den Burns ließen sie sein Leben lang zwischen der Pflugschar und dem Schuldturm sich abmühen und den Schiller ließen sie sich zu Tode arbeiten, und als der große Tote begraben werden sollte, war nicht Geld genug im Hause, den Sarg zu bezahlen. O, man könnte angesichts solcher Tatsachen unschwer zu der Überzeugung kommen, das ganze menschliche Leben, die ganze Weltgeschichte sei nur eine Ironie Satans.« Wenn der gute Milder, wie nicht selten geschah, in Selbstgesprächen von solcher Färbung sich erging, war er schon gewohnt, die Einsamkeit der Berge aufzusuchen, und so war er denn auch an diesem Morgen vom Rütli aus ohne Plan und Ziel die Schluchten am Glanzhorn hinaufgestiegen bis zum Wildsee. Er kannte den Ort und war schon häufig da gewesen. Schon manche Stunde lang hatte er unter den moosbehangenen Arven gesessen und auf den düsteren Wasserkessel zu seinen Füßen geblickt! Schon manchmal hatte er dabei träumerisch vor sich hin gesprochen: »Da unten ist's kühl und still, da müßte sich's gut ruhen.« Er traute auch kaum seinen Augen, als er die arme Rosi an diesem unheimlichen Orte so plötzlich vor sich sah. Hatte ein schrecklicher Entschluß sie hergeführt? Die trübe Unstete in ihrem sonst so klaren und sanften Auge gab ihm diese Frage ein. Aber er sprach sie nicht aus, sondern seine Überraschung, so gut er konnte, bemeisternd, stand er auf, ging ihr entgegen, bot ihr nach Landesbrauch die Hand und sagte, sich zu einem unbefangenen Tone zwingend: »Euch hätte ich wahrlich nicht hier zu sehen erwartet, Frau Zurflüh.« »Ja,« versetzte sie, nach Fassung ringend, »ich weiß nicht – 's ist wunderlich – es trieb mich so, den Wildsee wieder einmal zu sehen.« Da er bemerkte, wie sie zitterte, führte er sie sanft zu dem Baumstamm, worauf er gesessen. Als sie sich niedergelassen, blickte sie auf die finstere Tiefe, schauderte zusammen und sagte mit bebender Stimme: »Herr Pfarrer, Ihr seid stets so gut gegen mich gewesen – ich kann und will's Euch nicht verschweigen – ich – oh, wenn Ihr nicht dagewesen, läge ich jetzt da unten.« »Arme, arme Rosi, so weit ist's mit Euch gekommen?« »Ja, so weit! Oh, ich hab' heut' morgen und gestern und schon lange, lange her mehr Leid erfahren, als Fleisch und Blut zu ertragen vermögen.« »Ich weiß, ich weiß und – glaubt mir, es lebt einer, der um Euch und mit Euch litt, seit er bemerkte, daß das Lächeln von Euren Lippen verschwunden.« Sie sah zu ihm auf mit dem Zutrauen eines Kindes, das eine Vertrauen erweckende Stimme in seinem Leide tröstet. Der teilnahmevolle Blick des Pfarrers tat ihr wohl. »Aber wir müssen die Last tragen, die uns auferlegt ist, Rosi,« fuhr er fort. »Wir müssen sie tragen. Es ist ein hartes Gebot, aber es ist das Gebot einer Pflicht, welche den Fortbestand der menschlichen Gesellschaft verbürgt. Sei es ein Segen, sei es ein Fluch, das Leben muß ertragen werden. Doch ich will Euch nicht vorpredigen. – Arme Frau, es sind schon andere hierher gekommen als ihr, in der Absicht, den Wildsee zu sehen und – sonst nichts mehr. Es ist viel Leid in der Welt und erträglich wird es nur dadurch, daß es auf so viele verteilt ist. Seht mich an, Rosi, seht mich an! Glaubt Ihr, ich sei glücklich?« »Meine Schwester, 's Vreli, meint, nein. Ihr seied immer so still und schwermütig, Herr Pfarrer, sagt sie. Ihr glaubt nicht, wie sie sich oft um Euch abkümmert. Das Kind hängt ja mit ganzer Seele an Euch.« »An mir?« »An Euch. Ich hab' es wohl bemerkt, obschon ich schon seit lange mehr, als es recht ist, nur an mich selbst dachte. – Ich fürcht', ich nehme mir zu viel gegen Euch heraus, Herr Pfarrer; aber haltet's mir zugut, ich bin heut' nicht recht bei Verstand. Ihr solltet nicht länger so allein sein, solltet eine Frau in Euer einsam Haus führen, und wenn auch 's Vreli meine Schwester ist, so darf ich's doch sagen: Heiratet sie! Sie wird Euch glücklich machen. Oh, sie ist gesund, heiter und klug wie ein Vögeli und die best' Seel' von der Welt.« »Und das sagt Ihr mir, Rosi, Ihr?« Sie hob fragend das Auge zu dem vor ihr Stehenden, senkte es aber erschrocken sogleich wieder. So hatte Milder sie noch nie angesehen. Es lag ein lang und schmerzlich verhaltenes Geständnis in seinem Blick. »Ihr sagt mir das, Rosi?« wiederholte er. »Ihr ratet mir, eine andere zu heiraten? Wißt Ihr denn nicht, daß ich Euch grenzenlos geliebt habe?« »Mich?« »Ja, Euch, Rosi! O, hättet Ihr mein Gefühl beizeiten bemerkt, vielleicht daß Ihr dann gelernt, es zu erwidern. Ich hätte Euch auf den Händen getragen all mein Leben lang.« »So hat er einst auch zu mir geredet, und jetzt – jetzt trägt er eine andere im Herzen und auf den Händen.« »Ihr habt das Recht, so zu sprechen – ja, Eure Bitterkeit ist gerecht.« »Nein, nein, verzeiht mir! verzeiht mir! Ich weiß ja kaum, was ich rede. – Aber da ich nun doch einmal von meinem armen Schwesterli geredet, seid Ihr denn dem Kinde gar nicht es bizzeli gut?« »Doch, Rosi, doch. Wer müßte auch dem Vreneli nicht gut sein? Aber ich muß doch bezweifeln, ob, was ich für das herzige Mädchen fühle, ausreichend sei zu einem Bunde für das ganze Leben.« »Zweifelt nicht, Herr Pfarrer, zweifelt nicht!« sagte sie eifrig, und Milder fühlte sich von diesem Eifer gerührt. Er merkte wohl, daß Rosi mit dem ihr angeborenen Takt ihn rasch über die leidenschaftliche Regung, welche er soeben gezeigt, hinwegführen wollte, und er widerstrebte um so weniger, als es seiner Herzensgüte wohltat, zu sehen, wie die Verzweiflung der armen Frau durch die Beschäftigung mit dem Glücke der Schwester sich milderte. »Lueget, Herr Pfarrer,« fuhr sie fort, »ein kleines, aber stetig glimmendes Fünkchen überdauert einen Flackerbrand. Schnelles Feuer Strohfeuer, pflegte mein Vater selig – Friede sei mit ihm! – zu sagen. O, ich hab's ja erfahren, wie es mit dem Flackerfeuer und dem Strohfeuer endigt, ich hab's erfahren. Alles Lug und Trug! – Verraten und verlassen zu werden um eine solche!« Und murmelnd wiederholte sie: »Um eine solche – eine solche – solche!« Es drängte den guten Pfarrer, die Unglückliche wieder von der peinvollen Vorstellung abzulenken, welche ihren Geist beschäftigte, und er sagte daher: »Ihr sprachet von einem Fünkchen, Rosi. Angenommen, es glimmte mir so eins im Herzen, fürs Vreneli –« »O, so pflegt es, Herr, pflegt es und laßt es anwachsen zu einer still und stet brennenden Flamme. Mein lieb's gut's Schwesterli wird die Flamme zu nähren wissen. Sie ist so klug und hat so viel gelernt. Wär' sie an meiner Stelle gewesen, vielleicht – Doch wir wollen von Euch sprechen, Herr Pfarrer, und vom Vreli. Und Ihr seid also dem Kind gut, gewiß, Ihr seid ihm gut?« »Das bin ich, Rosi; aber ich darf Euch nicht verbergen, daß ich über mein Gefühl noch nicht klar genug bin, um Eure Schwester der Gefahr auszusetzen, sich in mir getäuscht zu finden. Ich möchte sagen, meine Zuneigung für das liebe Mädchen sei nur erst wie ein Veilchen –« »O, das Viönli ist ein herzig's Blüemli, Herr Pfarrer – unscheinbar, aber voll Wohlgeruch. Lueget, da fällt mir ein, Ihr habt mal in der Predigt gesagt, in einem einzigen duftenden Vionli sei schon der ganze Frühling enthalten. Zeigt dem Vreli, daß das Viönli da ist, in Eurem Herzen, und Ihr werdet sehen, daß dem Kind ein ganzer Glücksfrühling aufgeht.« »Ich will es bedenken, Rosi, ich will es bedenken, und wenn das Ergebnis meiner Selbstprüfung ein solches ist, wie es einen Mann von Ehre und Gewissen befriedigen kann, so will ich mein Glück beim Vreneli versuchen.« »Tut das und Ihr werdet das Glück finden.« »Ich nehme die Weissagung an und sie klingt mir aus Eurem Munde doppelt verheißungsvoll. Aber jetzt kommt, Rosi. Seht, die Sonne steht schon über den Felswänden. Wir wollen uns auf den Heimweg machen.« Sie sprachen auf dem Wege die Schluchten abwärts nicht viel mitsammen, denn beide waren zu sehr mit ihren Gedanken beschäftigt. Als sie aber, beim Rütli angelangt, sich trennten, sagte Rosi ruhig und gefaßt: »Loset, Herr Pfarrer, der Ruodi wird wohl nächster Tage aus Thun an Euch schreiben, von wegen – von wegen der Scheidung, Ich erklär' Euch, daß ich darein willige. 's wird zwar meiner armen Mutter schier das Herz brechen, aber ich kann nicht anders. Er soll seinen Willen haben, er soll ihn haben, Gott verhüte, daß ich seinem Glück im Wege stünde.« »Seinem Glück? Er wird bald mit bitterster Reue erfahren, was das für ein Glück sei.« »Ich fürcht' es auch, ja, das tu' ich; aber ich kann's nicht ändern. Ich kann ihm nur zeigen, daß ich bis zuletzt das meinige tun will, ihn zufrieden zu stellen.« Zwölftes Kapitel. Die Nacht der Prüfung. Sie glaubte schon alles sich zurechtgelegt, alles überwunden, sich ganz in das Unvermeidliche gefunden zu haben, die arme Rosi, und dennoch erbebte sie jedesmal, wenn in den nächsten zwei Wochen die Haustüre aufging, bei dem Gedanken: »Jetzt kommt ein Brief von Thun oder eine Botschaft von dem Pfarrer, welche dich vor den Stillstand »Stillstand« heißt die Gemeindebehörde, welche die kirchliche Disziplin zu handhaben und auch, in erster Instanz, Ehesachen, Scheidungen usw zu behandeln hat. Der Name rührt von dem Umstand her, daß die Mitglieder dieser Behörde, welche ihre Sitzungen früher in der Kirche selbst hielt, nach beendigtem Gottesdienst beim Taufstein stillstanden, bis die Gemeinde sich entfernt hatte. beruft, von wegen der Scheidung.« Es kam aber weder ein Brief noch eine derartige Botschaft. Einmal hatte sie sich schon hingesetzt, dem Ruodi zu schreiben, daß sie auf alles gefaßt sei, daß sie ihm volle Freiheit gebe, zu handeln, wie er es passend fände, daß sie, mit einem Wort, in die Scheidung willige. Aber da versagte ihr doch die Kraft. Sie vermochte es doch nicht, ihn davon zu entbinden, daß er den ersten Schritt täte. Sie wollte auch ihrer Mutter nicht das Leid antun, daß diese glauben könnte, sie hätte die Sache zu leicht genommen und zu leicht behandelt. Unterrichtet war jetzt die Zwihlbäurin von der ganzen Sachlage, aber die gute Frau bemühte sich immer noch, ihrer Tochter und sich selbst einzureden, es sei nur ein vorüberziehendes Gewitter am Ehestandshimmel Rosis. Anderer Ansicht war freilich 's Vreneli. »Das läßt sich nicht mehr flicken und leimen, Müetti,« sagte das kluge Mädchen, welches seinen Schwager so grimmig verabscheute und haßte, als ihn nur immer jemand verabscheuen und hassen konnte. »Lueget, 's Rosi, 's arm' Rosi kann den schlechten Mann nicht mehr liebhaben, 's kann nicht sein! O, Müetti, d' Mannen sind doch ein schülich's Volk. Was hat 's Rosi um den Ruodi gelitten, bis es ihn hatte, und doch hat er sein schön's und brav's Weib um so eines schwarzäugigen Glüntlis willen verlassen. Nein, Müetti, los', ich will gar keinen nehmen, keinen, aber auch gar keinen.« – »Ja, du bist mir die Recht', Chind! Wart' nur, bis gäng der Recht' kommt und dich haben will. Ich mein', ich kenn' so 'nen Rechten.« – »Was meinst?« – »Was werd' ich neime meinen? Ebbis geistlich's mein' ich.« – »Jetzt schweig' aber, Müetti, oder ich lauf dir davon.« – »Lauf nur!« Und das neunzehnjährige Kind lief wirklich davon, nämlich aus der Kammer, wo es mit der Mutter hatte zu Bett gehen wollen, auf den Söller hinaus, um zu sehen, ob im Dorfe drunten in des Pfarrers Studierstube das Licht noch brenne. Es brannte richtig noch, wie allnächtlich. »Er studiert zu viel,« dachte das schöne Meitschi, welches keinen, aber auch gar keinen nehmen wollte, »er sitzt zu lange bei seinen Büchern auf, und das macht ihn so bleich. Ich wollt', ich – nun ja, ich wollt', ich säß' bei ihm. Ich würd' ihm dann mit der Hand über seine schöne Stirn fahren, so, und recht lieb und gut zu ihm sagen: Stephan, lieber, lieber Stephan, willst du nicht Feierabend machen?« Vreneli würde wohl mit leichterem Herzen zu Bette gegangen sein, wenn sie hätte ahnen können, daß so ziemlich in demselben Augenblicke der gute Pfarrer da drunten in seiner einsamen Bücherstube so ziemlich auch so was wünschte, nämlich, daß 's Vreli bei ihm säße. Er hatte seit der Begegnung mit Rosi am Wildsee doch recht viel an das Mädchen denken müssen, das »so gesund und heiter und klug wie ein Vögeli« und – fügte er in Gedanken dem Lobspruch der Schwester bei – auch so schön! Heute abend hatte er seine Berndeutschung der Burnsschen Lieder wieder vorgenommen. Was wohl 's Vreneli dazu sagen würde? dachte er beim Hin- und Herblättern. Gewiß würde es sie freuen, wenn er ihr, die den halben Hebel auswendig kannte, diese der Heimat mundartlich angeeigneten herzigen Sachen vorläse. Es müßte dann doch recht heimelig in der Stube sein, wenn sie so beisammen säßen, ja, ganz anders als jetzt. Freilich nicht ganz so, wie er sichs vorzeiten vorgestellt, wenn die Rosi bei ihm säße, nicht ganz so, ach nein! aber doch auch heimelig und gut. 'S Vreli sei bei all ihrer Munterkeit so verständig und feinfühlend, und ihr Lachen klänge so silbern und hell wie ein Glöcklein, das zum Maifest läutet. Da sei der arme Burns, der hätte ja auch sein angebetetes Liebchen, die Hochlands-Mary, verloren und hätte nachmals doch mit Hannchen Armour in glücklicher Ehe gelebt. – Ob ihm aber das Mädchen wirklich geneigt sei? Es wäre doch wunderlich, er hätte nichts davon gemerkt, er. Aber Rosi hätte es ihm ja versichert, und Rosi könne keine Unwahrheit sagen, nein, soviel stehe fest. Er müsse sich eben jetzt ein Herz fassen und sich Gewißheit zu verschaffen suchen. So könne es nicht länger fortgehen; es sei doch gar zu einsam in dem Pfarrhaus, ja, und gar zu kalt, sogar jetzt im Sommer. So spannen sich nachtschlafender Weile von der Zwihl zum Pfarrhaus und vom Pfarrhaus nach der Zwihl Gedankenfäden hin und wieder, Gefühle und Wünsche, die sich im Mondschein begegneten wie spielende Elfen. Rosis Gang zum Wildsee war doch zu etwas gut gewesen. Das ist's ja überhaupt, was die Menschenwelt zusammenhält und fortbaut ins Unendliche, daß hart neben den Trümmern einer zerstörten Existenz unentmutigt eine andere und immer wieder eine andere sich ansiedelt, mit der Hoffnung, sie, gerade sie würde und müßte der Blitz verschonen. Derweil saß zur selben Stunde Rosi auf dem Schuhukopf droben auf der Bank, mit welcher sie der Ruodi einst so freundlich überrascht hatte. Das war lange her, und seitdem hatte er, ach, dafür gesorgt, ihr ganz andere Überraschungen zu bereiten. Sie kam gerne hierher und saß, nach beendigtem Tagwerk, da sie ohnehin erst spät den Schlaf finden konnte, oft bis tief in die Nacht hinein da droben, in die Betrachtung der Gestirne oder in jene schwermütigen Träumereien versunken, welche die balsamische Stille der Sommernächte den Unglücklichen so süß und vertraut macht. Sie liebte diese Stelle, denn immer, wenn sie in nächtlicher Einsamkeit da verweilte, atmete ihre gepreßte Brust leichter auf. Da, auf dieser Bank hatte sie ja die seligste Stunde ihres Lebens verlebt, damals in der Hochzeitnacht, bevor der Ruodi sie in sein Haus führte. Die heutige Augustnacht war so klar, wie jene Herbstnacht gewesen. Die Wasser rauschten schlaftrunken, die Sterne funkelten am wolkenlosen Firmament, und der über dem Glanzhorn schwebende Vollmond machte die Schneekuppen der Bergkolosse ringsher geisterhaft schimmern – alles wie in jener Stunde voll süßgestillten Sehnens, voll bebender Glücksgewißheit. Alle Einzelnheiten derselben, alle, alle, bis zu den geringfügigsten herab, erwachten in Rosis Erinnerung. Sie glaubte Ruodis Hand auf ihrer Schulter, seine flüsternde Stimme in ihrem Ohr zu fühlen, und unwillkürlich streckte sie ihre Rechte nach ihm aus: er mußte ja da sein, neben ihr auf der Bank. Aber sie griff in die leere Luft, das Traumbild der Erinnerung zerstoß, sie war allein. Und doch nicht so ganz allein. Vor ihr saß der alte Türk, wie er auch in jener Nacht vor ihr gesessen. Aber heute lief das treue Tier nicht mehr Gefahr, heimgeschickt zu werden. Ein wunderlicher Kerl, der alte Zottelhund! Er mußte sich über die Zustände im Rütli, wo er sogleich nach Ruodis Abreise nach Berlin sein ständiges Quartier genommen, eigene Vorstellungen gebildet haben. Es schien ihm alles daran gelegen, der Rosi zu zeigen, daß es doch noch Treue in der Welt gäbe trotz alledem, und ganz merkwürdig war die Abneigung, die er dem Ruodi seit dessen Heimkunft aus Deutschland bezeigte. Wenn der Hausherr daheim war, hielt sich der Türk außerhalb des Hauses; sobald jener fort, kam er herein. Saß Rosi in traurigen Gedanken, schlich der Hund herbei, legte leise seine Schnauze auf ihr Knie und sah sie so ganz eigen an, als wollt' er sagen: »Wenn ich dir nur helfen könnt'!« Und es lag Trost in seiner Treue. Wer das Unglück kennt, wird nicht leugnen, daß auch der teilnehmende Blick eines Hundeauges etwas Tröstliches habe. Der Mond war schon lange hinter dem Glanzhorn verschwunden, und der Nachthauch wehte kühl und kühler von den Bergen. Dem alten Türk schien die Träumerei seiner Herrin heute gar zu lange zu währen. Er verriet Ungeduld und vorhin war er gar an den Rand des Felsens getreten, hatte die Schnauze schnobernd gegen die Rütlihalde ausgereckt und ein heftiges Gebell ausgestoßen. Rosi beachtete es kaum. Die Bilder von Vergangenem, welche die junge Frau umschwebten, waren freilich jetzt keine goldenen mehr. Zuletzt kam eins, o, das grellste, qualvollste: die kleine Lichtung hinter dem Gebüsch, welches die Bilgismatte säumt, und darauf das Schwarzelfi, dem Ruodi an Hals und Lippen hängend. Das jagte sie auf. Sie stieg rasch den Felsen hinab und eilte dem von seinem Hügel herabdunkelnden Hause zu, als hätte sie jeder Erinnerung an wonne- oder wehvolle Augenblicke entfliehen mögen und können. Der Hund sprang ihr voraus und erwartete sie droben vor der Haustüre, auf dem Boden umherschnüffelnd und leise knurrend. »Was hast du denn, Türk? Komm, Alter, komm!« sagte sie, die nur angelehnte Türe öffnend. Sie hatte kaum einige Schritte in dem Flur vorwärts getan, als ihr Fuß im Dunkel an einen Gegenstand stieß. Sie bückte sich nieder, zu erfahren, was ihr denn da im Wege läge, und ihre Hand faßte eine längliche Schachtel von Holz, über deren Rand etwas Weiches herhing, wie ein Tuch von Linnen oder Wollenzeug. »Was ist denn das?« Tastend fuhr sie mit der Hand über den Gegenstand hin, zuckte plötzlich zurück, als hätte sie Feuer berührt, und schnellte mit einem Schreckensschrei empor. Eine furchtbare Ahnung, nein, eine furchtbare Gewißheit griff ihr ans Herz wie mit der Hand des Todes. Sie stand wie erstarrt, keiner Regung mächtig. In kaum artikulierten Tönen brach die Klage aus ihrem Munde: »O, das noch! Auch das noch!« Das Geknurre des Hundes ihr zur Seite weckte sie aus ihrer Betäubung. Kaum wissend, was sie tat, nahm sie mit einer raschen Bewegung die Schachtel vom Boden auf, trug sie in die dunkle Stube und setzte sie auf den Tisch. Dann machte sie, fliegenden Busens, Licht und näherte sich damit ihrem Fund. Die Hand, womit sie den Leuchter hielt, zitterte wie Espenlaub, und mehr noch zitterte die andere, welche sie nach dem Tuch ausstreckte, womit die Schachtel bedeckt war. Sie mußte innehalten, das Licht auf den Tisch stellen, sich auf einen Stuhl werfen, um den Schwindel, der sie anwandelte, vorübergehen zu lassen. Der Hund legte seine Vorderpfoten auf den Tischrand und schnoberte an der Schachtel herum. Aber er knurrte nicht mehr, sondern winselte nur. Rosi stand auf, leichenblaß, aber nicht mehr zitternd. So schob sie den Hund zur Seite und zog langsam die Decke von der Schachtel. Da lag, auf ein Kissen gebettet, ein schlafendes Kind vor ihr, kaum zwei Monate alt, schön und wohlgebildet, aber schön wie – Schwarzelfi. » Ihr Kind!« stammelte die unglückliche Frau. Das Blut schoß ihr mit einer Gewalt ins Antlitz, welche die Adern ihrer Schläfe zu sprengen drohte, und ein Blick wilden Hasses fiel aus ihren weitgeöffneten Augen auf den schlummernden Findling. Als sie so stand und starrte, bewegte sich das Kind und schlug die Augen auf – die braunen guten Augen Ruodis, wie sie vormals gewesen. » Sein Kind!« rief Rosi aus, und ein Strahl himmlischen Erbarmens spielte auf ihrer Stirne, als sie sich jetzt zu dem Findling niederbeugte. Sie nahm das Kind sanft aus dem Behälter, drückte es an ihre Brust, und ein Strom von Tränen rollte ihr über die Wangen herab. Sie konnte wieder weinen, nach so vielen Leidenstagen zum erstenmal wieder weinen und, o, wie taten ihr diese Tränen wohl! »Sie haben dich ausgesetzt, armes Geschöpf,« sagte sie schluchzend. »Die dich geboren, ließ es zu, tat es vielleicht selbst. – Aber du sollst nicht verlassen sein. Ich will dich hegen und pflegen, als hätt' ich dich unter meinem Herzen getragen, will deine Mutter sein und dich lieben, lieben – bis zu meinem letzten Atemzug.« Ein neuer Gedanke kam ihr. Sie trug den Findling in das Hinterstübli, zog die zierliche Wiege aus der Ecke und bettete das Kind darein. Es war bis dahin still geblieben, jetzt aber ließ es jenes Gewimmer vernehmen, womit gesunde Kinder anzeigen, daß sie nach Nahrung verlangen. »Ja, du sollst haben, arm's Närrli, du sollst haben!« sagte Rosi; »wart' nur es bizzeli, ich bin gleich wieder da.« Eilends und leise, um ja das droben schlafende Mareili nicht zu wecken, weil sie alles selber tun wollte, ging sie durch die hintere Haustüre zum Stall hinüber und kam bald mit einem Napf voll frischgemolkener Milch zurück. Der Türk saß hart neben der Wiege, wedelte mit dem Schweif und leckte die zappelnden Händchen des wimmernden Kindes. »Das ist schön, Türk, das freut mich von dir,« sagte Rosi lächelnd und nahm geschäftig ein Gütterli aus dem Glasschrank, das »Mämmeli«, welches die vorsorgliche Zwihlbäurin seinerzeit unter das übrige zur Aussteuer ihrer Tochter gehörende Geschirr gestellt hatte. In dieses Mämmeli goß sie von der frischen Milch und tränkte daraus das Kind, das recht herzhaft zog und sog und, nachdem es satt war, wieder einschlief. Rosi stand noch lange an der Wiege, das Kind zu betrachten. Sein Anblick war ihr nun schon vertraut uud lieb, auch wenn es die Augen zuhatte. Es war ihr wie ein Geschenk, vom Himmel gefallen. Sie konnte nicht satt werden, mit linder Hand die Kissen zurecht zu rucken und die Decke glatt zu streichen, damit der Findling ja recht sanft und warm gebettet sei. Immer wieder kehrte sie zu der Wiege zurück, nachzusehen, ob doch ja alles in Ordnung sei und mit herabgeneigtem Ohr zu lauschen, ob der Atem des schlummernden Kleinen ruhig und regelrecht ginge. Endlich ging auch sie zu Bette, in dem Hinterstübli, wo sie schon seit Wochen schlief, seit jenem Unglückstag, wo das Mareili mit der großen Neuigkeit aus der Kirche heimgekommen war und Jungfer Bibbeli auf den Blitz den Donner gesetzt hatte. Seitdem hatte sie nicht mehr in der Kammer drüben neben der Stube geschlafen, denn schon der Anblick ihres Ehebettes erregte ihr einen Schauder, welchen sie nicht zu überwinden vermochte – nie mehr! Aber jetzt dachte sie gar nicht daran, weil sie überhaupt an nichts dachte als an das Kind, dessen Wiege sie hart an ihr Lager gerückt hatte. Es jubilierte etwas in ihr wie erfüllte Muttersehnsucht, und dieser Jubel war vielleicht höher und heiliger, als wenn das Kind ihr eigen Fleisch und Blut gewesen. Sie fühlte, daß ihr Leben wieder einen Inhalt habe, und drückte das in ihrer Weise aus, indem sie vor sich hin sagte: »Jetzt weiß ich doch, wozu ich noch auf der Welt bin. –« Sie sprach ein inbrünstiges Dankgebet, und in die Worte desselben hinein läutete eine helle Freudenglocke in ihrem Herzen. Unter diesen Klängen schlief sie ein und schlief so sanft und süß, wie sie seit langer, langer Zeit nicht mehr geschlafen hatte. Dreizehntes Kapitel. »Freut euch des Lebens!«. Man hat es tausendmal gesagt, und doch drängt es sich unserer Betrachtung täglich von neuem wieder auf, daß das Narrenspiel des Lebens seine Zugkraft nur den grellbunten Gegensätzen verdanke, aus welchen es sich zusammensetzt. Allerdings ist dieses Narrenspiel überwiegend mehr traurig als lustig, aber als Hersteller des Gleichgewichts ist ja Vater Humor da, der alte und ewigjunge Tröster der Menschheit, der mit dem Munde zu lachen vermag, während ihm die Träne im Auge steht, der gute Papa, der die über Mühsal und Schmerz seufzenden und schreienden Kinder in salomonische Weisheit einwindelt und die klagenden mit den Worten schweigt: »Was soll der Lärm? Alles ist eitel, wißt ihr? Drücken euch die Schuhe, in denen ihr springen und tanzen müßt? Tun euch die Hühneraugen weh, an den Füßen oder gar am Herzen? Bagatelle, nicht der Rede wert! Ihr habt bei alledem nichts zu tun, als ein paar Jahre mehr oder weniger Geduld zu haben. Dann fällt der Vorhang, die Lampen verlöschen und die ganze Narretei ist aus.« Der gute Papa hat vollkommen recht, aber um »die paar Jahre« ist's doch eine gar eigene Sache: denen, die mit in spanische Stiefel gepreßten Beinen das große Narrenspiel mitmachen müssen, werden denn doch die paar Jahre lang, sehr lang, entsetzlich lang! Nur den Glücklichen gehen ja die Uhren zu schnell. Wer in der Nacht, wo im Hause zum Rütli eine Tat des edelsten Heldentums getan wurde, nicht so gut schlief wie die Rosi, das war der Pfarrer von Windgellen. Wunderliche Geschöpfe, die wir sind! Als der gute Milder das Zerwürfnis zwischen Rosi und ihrem Gatten zuerst in dessen ganzem Umfang erfahren, als er sich klar gemacht, wie unheilbar dieser Bruch sei, hatte sich daran eine unbestimmte, aber süße Hoffnung für ihn geknüpft. Wenn die Scheidung wirklich vollzogen würde, könnte es dann nicht geschehen, daß das Herz der unglücklichen, trostbedürftigen Frau ihm sich zuwendete, ihm, der sie so lang und so innig geliebt? Aber diese Hoffnung und was sich von Aussicht auf Glück damit verbunden, war ebenso schnell wieder verschwunden und zwar nicht erst verschwunden bei dem ängstlich-staunenden, wildfremden Blick, womit ihn Rosi angesehen, als er ihr droben am Wildsee so lange Verhehltes gestanden – nein, nicht erst da. Selbst edlen Gemütern wohnt eine instinktartige Scheu vor dem Unglück inne, und wenn ihnen auch der von Zeus' Blitze getroffene Baum heilig ist, wie er es den frommen Griechen war, so tragen die meisten doch Bedenken, aus dem zersplitterten Stamm eine Hütte sich zu zimmern. Aber eine Hütte, ein Heim will am Ende jeder haben, und so ist es begreiflich, daß sich Milders Gedanken mehr und mehr von der älteren Schwester ab und der jüngeren zuwandten. Und doch machte er sich wieder ein Gewissen daraus, seiner ersten Neigung untreu zu werden; aber zu seinem Troste fiel ihm dann ein – selbst die besten Menschen sind nicht immer frei von Sophistik – daß er als Vrenelis Gatte für Rosi zu tun vermochte, was ein Bruder nur immer tun könnte. War' nur das Vreneli erst seine Frau! Aber das war ja auch vorderhand eine bloße Phantasie. Die Rosi könnte sich doch getäuscht haben und – und – kurz, eine ganze Rotte von lauter »und« und »wenn« und »aber« turbulierte und drangsalierte den armen Pfarrer, während er sich schlaflos in seinem Bette hin und her warf. Am Ende mußte sich jedoch diese ganze Rotte vor dem Zaubersprüchlein ducken: »Es wäre doch möglich! Es könnte doch sein!« Jungen Leuten, selbst jungen Pfarrherrn, ist diese Formel sehr geläufig. Älter geworden, verlernt man sie oder glaubt wenigstens nicht mehr an ihre magische Kraft. »Ja, es könnte doch sein!« Damit duselte Stephan Milder gegen Morgen zu endlich ein und erwachte denn auch viel später als gewöhnlich. Er wäre auch dann noch nicht erwacht, wenn nicht die alte Klephe, Kleophea, welcher kothurnhafte Frauenname in der angegebenen Korrumpierung in der Schweiz sehr häufig ist. seine » Spetterin «, die ihm Frühstück und Abendkost bereitete und das Mittagessen aus dem blauen Fuchs holte, an die Türe seiner Schlafstube gepöpperlet hätte, »gäng verwunderet«, daß der Herr Pfarrer »so lang im Nest syg«. Der Kaffee stehe auf dem Tisch, und binnen einer halben Stunde würde gäng der Leichenzug des alten Schurbaurs das Tal heraufkommen, und gäng sei vorhin auch der Strobelchäpi, der Bränntsludi, dagewesen und hätt' neime 'nen Brief gebracht. »Schurbauer, Strobelchäpi, Bränntsludi, Brief?« brummelte der schlaftrunkene Pfarrer, sich die Augen reibend. »Ach ja, der wird heute begraben, nämlich der Alte aus der Schur.« Damit fuhr er in seine schwarzen Amtshosen, welche dem in solchen Dingen nicht sehr akkuraten Pfarrherrn die alte Klephe am Abend zuvor fürsorglich hingelegt hatte. Er war aber immer noch halb im Schlaf und Traum, »'s Vreneli ist ein so allerliebstes, ›dundersnettes‹, ja noch viel dundersnetteres Vreneli, als sich der gute Hebel nur irgendmal von einem träumen ließ – soviel ist gewiß!« sagte er mit voller Überzeugung vor sich hin und lachte dazu und fiel in eine so angenehme Zerstreuung, daß er ohne Arg, das heißt, ohne es zu merken, über die engen schwarzen Amtshosen noch die weiten grauweißen Sommerbeinkleider anzog, die er zu dieser Jahreszeit zu tragen gewohnt war. Seine übrige Toilette war bald gemacht, und so ging er in die Stube hinaus, um sich seinen Morgenkaffee durch den fraglichen Brief, der auf dem Tische lag, nicht versüßen, aber versalzen zu lassen. Schon das Äußere des Briefes verstimmte ihn, weil die Adresse, eine nicht unzierliche Frauenhand verratend, lautete: »Meinem sehr lieben Herrn weiland Seelenhirten, Jugend- und Tugendlehrer Stephan Milder.« Auch roch das Papier so nach Patschuli, und das konnte der Pfarrer nicht leiden. Er vertiefte sich aber doch so eifrig in das Schreiben, daß er nicht beachtete, wie der zahme Star, welchen er sich als Gesellschafter hielt, mitten in der Zuckerbüchse sich etablierte und da nach Herzensluft wirtschaftete. Schwarzelfi schrieb dem Pfarrer, unter Anwendung von allerlei krausen und frivolen Redensarten, ihre sonst klostertief gewurzelte Tugend sei leider zu Falle gekommen, wie dies ja in dieser sündigen Welt der Tugend überhaupt öfter passiere als nicht. Im vorigen Jahr habe es nämlich zu Berlin schon im Oktober Glatteis gegeben, und da sei es nicht eben wunderbar zugegangen, daß sie eines schönen Abends ausgeglitscht und gefallen sei. Die Folgen dieses Unfalls würden ihm, dem Pfarrer, ohne Zweifel schon bekannt sein, da es ja in Windgellen eine vortreffliche Zeitung gebe. Zu ihrem Bedauern habe sie in den letzten Tagen die Überzeugung gewinnen müssen, daß der Mann, welcher besagtes Berliner Glatteis so schnöde mißbraucht hätte, sie sitzen lassen wollte, indem er seinem feierlichen Versprechen zum Trotz, von Thun aus die nötigen Schritte zu ihrer Rehabilitation einzuleiten, nichts habe von sich hören lassen. Sie hätte aber weder Zeit noch Lust, sitzen zu bleiben, weder im wörtlichen noch im figürlichen Sinn. Demzufolge sei sie, wann er diese Zeilen lese, schon über alle Berge, welche jemals wiederzusehen sie nicht das geringste Verlangen trage. Seien ihr doch die letzten vierzehn Tage unendlich lang geworden, noch um einen ganzen Zoll länger als der Bart der berühmten Jungfer Bibbeli. Das hätte sie nicht länger prästieren können, nicht um tausend Dutzend Ruodis willen. Er, der Pfarrer, und wohl auch noch andere Leute seien sicherlich so billig und christlich, einzusehen, daß sie sich mit dem Kinde, das übrigens getauft sei und Rudolf heiße wie sein Vater, nicht habe schleppen können, um so weniger, da sie nicht ganz sicher gewesen, ob ihr guter alter närrischer Baron und Großpapa von der Schnarrbitz für dieses schweizerische Produkt auch so eine große Zuneigung empfunden haben würde wie für anderes Schweizerspielzeug. Sie habe daher, in Abwesenheit des Vaters, gestern abend das Kind einstweilen der Rosi ins Haus gestellt. Die Rosi habe sich ja ohne Zweifel schon lange ein Kind gewünscht, und das ihr jetzt über Nacht bescherte sei ein allerliebstes Püppchen. Durch dieses simple Arrangement sei ihr, der Elfi, von einem und der Rosi zu einem Kinde, und also sei beiden geholfen. Im übrigen empfehle sie sich der öffentlichen Meinung von Windgellen zu Gnaden und – auf Nimmerwiederkehr. »Die Rabenmutter!« brach der Pfarrer zornig los. Fast hätte er gesagt: »Das Rabenaas!« Es gibt Dinge, über welche selbst ein Milder wild werden kann, werden muß, und unser guter Pastor war wenigstens früher keiner von denen gewesen, in welchen sich die Zornesader nie regt. In der ersten Zeit nach seiner Ordination hatte er in einer Gemeinde im Emmental vikarisiert, und da war es ihm begegnet, daß er als Katechet über einen Bauernjungen wild wurde, der nicht nur vernunftwidrig, sondern sozusagen polizeiwidrig vernagelt war. Was hatte sich der Vikar Mühe gegeben, wenigstens den einen oder andern von den berühmten Sprüchen der Bergpredigt in dem Tohuwabohu dieses Schädels anzusiedeln! Umsonst. Da riß ihm endlich die Geduld, und während er dem hoffnungsvollen Jungen zum hundertstenmal den Spruch vorsagte: Seid sanftmütig von Herzen usw., schlug er ihm zugleich das Buch nach Noten um die Ohren. Da er nicht ohne Sinn für das Komische war, konnte er an diesen Akt evangelischer Sanftmut nie zurückdenken, ohne innerlich zu lachen. Aber derselbe war auch eine große Lehre für ihn geworden. Er hatte doch den Vernagelten nie mehr ansehen können, ohne sich im stillen vor demselben zu schämen, und so hatte er jener theologischen Sanftmut entsagen gelernt, welche im kleinen Stil dumme Jungen beohrfeigt und im großen die Weltgeschichte mit einem von Scheiterhaufenflammen rot angestrahlten Meer von Blut und Tränen erfüllt hat. Derweil hatte es drüben auf dem Kirchturm zu läuten begonnen, und der Pfarrer warf den Brief auf den Tisch, was für den Star eine Andeutung war, seine Razzia in der Zuckerbüchse zu beendigen. Er flog auf die Ofenstange und, höchlich zufrieden mit seiner Morgenarbeit, pfiff er hellauf die Melodie: »Freut euch des Lebens!« »Ja, freut euch des Lebens!« fagte der verstimmte Milder. »Du hast gut pfeifen, du! In der Vogelwelt gibt es keine ausgesetzten Kinder, keine Rabenmütter. Und doch – Kuckucksmütter. – 's ist ein Elend – Aber jetzt möcht' ich nur wissen, wo meine schwarzen Hosen stecken.« Er war in das Schlafzimmer getreten und suchte dort nach dem fraglichen unentbehrlichen Stück seines pfarramtlichen Anzugs. Es war hohe Zeit, denn schon kam die alte Klephe herein mit der Meldung, daß der Leichenzug auf dem Kirchhof angelangt sei. »Ich komme schon, auf der Stelle. – Aber, Klephe, wo sind denn nur meine schwarzen Hosen?« »Herr Jessis, jetzt hat er noch nit einmal die Pfarrershosen an!« »Wo habt Ihr sie denn?« »Ich? Ich hab' sie gäng nit an, ich! Sie müssen neime dort neben dem Bett liegen, wo ich sie gestern z' obig, hing'legt.« »Sie sind nicht da. Helft mir doch suchen! 's pressiert!« »Fryli, fryli, Herr Pfarrer. Sie läuten ja da drüben, daß ahsograd d' Glocke zerspringen möcht'.« Große, eilfertige, fliegende Untersuchung, da, dort, hüben, drüben, Kasten-Auf- und Zuschlagen, Umkehrung aller Ordnung, vollständige Anarchie. »Die Hosen!« rief der Pfarrer. »Die Hosen!« jammerte die alte Klephe. »Hosen!« echote der Star. »Klephe, wo bleibt denn der Herr Pfarrer?« rief eine Stimme drunten an der Treppe. »Herr mynes Lebens, jetzt kommt noch 's Bibbeli dazu!«, ächzte die alte Frau. Und richtig, schon erschien die Gestalt der ehrsamen Jungfer in ihrer ganzen Länge unter der offenen Stubentüre. Drüben auf dem Kirchhof stand harrend der Leichenzug, und der Pfarrer kam nicht. Das hatte was zu bedeuten. Die Zytig vo Windgellen witterte ein Ereignis. Es hatte sie herübergetrieben und herauf. »Schön guten Morgen, Herr Pfarrer. Nichts für ungut. Wollte nur sagen, die Leich' –« »Ich weiß, ich weiß. – Aber die Sache ist, ich kann meine Hosen nicht finden.« »Seine schwarzen Hosen!« erklärte die Klephe außer sich. »Er kann seine schwarzen Hosen nicht finden?« erwiderte Bartbibbeli tragisch und hätte gern die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, wenn sie nur nicht in der einen Hand das Sacktuch und in der andern das Gesangbuch gehabt hätte. »Aber, Herr Pfarrer,« sagte die Klephe, sich ermannend. »Ihr habt ja noch ein anderes Paar. Die alten, wißt Ihr?« »Richtig, richtig; wo sind sie? Geschwind her damit! – Aber halt, da fällt mir ein, ich habe sie, glaub' ich, vor etlichen Tagen einem armen Handwerksbursch gegeben, den sein Unstern da herauf verschlagen hatte.« »Herr Jessis, Herr Jessis! Jetzt hat er die anderen verschenkt. Ja, so ist er! Der gäb' gäng alles weg. – Aber wo sind denn die neuen Hosen? Sie können doch nit wegg'flogen sein? Man möcht' ja nu ahsograd' verzwarzle und verräble.« »Das ist 'ne G'schicht'!« bemerkte Bartbibbeli sententiös. »Zum Tollwerden!« der unglückliche Pfarrer. »Freut euch des Lebens!« schrie der Star wie besessen auf seiner Ofenstange. Das schlug dem Faß den Boden aus. Milder mußte hell hinauslachen. »Herr Jessis, jetzt lacht er gar noch! Hat man je so was verlebt?« »Aber, Herr Pfarrer, was werden die Leut' denken? Die Leich' kann doch nit länger warten, 's ist gäng grüsli! Nit drum, ich mein', der alt' Schurbaur könnt' neime auch in Himmel kommen, wenn Ihr ihm in so helli Hösli d' Leichenpredigt haltet.« »Weise gesprochen, Jungfer Bibbeli, weise wie Salomo. Alles ist eitel, wißt Ihr? Sogar die schwarzen Hosen.« Und in komischer Verzweiflung wollte er sich in seine Stiefel stürzen. Da, als er zu diesem Zwecke die hellen Sommerhosen hinaufstreifte, kamen darunter die theologischen schwarzen zum Vorschein. »Viktoria!« rief er aus. »Hat man je so was g'sehen?« sagte 's Bibbeli hinausgehend. »Er hat zwei Paar' Hosen an und merkt's nit!« Die Zeitung konnte es kaum erwarten, bis der alte Schurbauer im Grabe war. Hunderttausend Paar Hosen, schwarze und hellgraue, baumelten ihr vor den Augen, vor der Seele. O, das gab wieder mal einen Geschäftstag für sie! Kaum war die Zeremonie vorüber, lief die erweckliche und erschreckliche Hosengeschichte wie ein Lauffeuer durchs Dorf. Die Windgellener lachten, aber die Zytig nahm die Sache nicht so leicht. Das sei gar nicht so lächerlich, meinte sie. Im Gegenteil, ganz im Gegenteil! Sie wolle zwar nichts gesagt haben, sie, gar nichts. Sie sei keine so eine, die ihre Freude dran habe, ihre Mitmenschen in üble Nachrede zu bringen, und vollends gar so 'es Männli, wie der Herr Pfarrer sei. Aber man werde schon sehen, wie das noch ausländen würde, man werde schon sehen. Sie hätte es ja schon längst gemerkt, daß es dem braven Herrn nummeeinisch rabbeln müßte. Er sei ja immer so ernsthaft und traurig gewesen, und jetzt fang' er plötzlich an, hellauf zu lachen, und hab' in hellgrauen Hosen, in Sommerhosen eine Leichenpredigt tun wollen. Nur ihre Dazwischenkunft habe dieses Spektakel verhütet. Der arme Herr hätte eben heiraten sollen, ja, das hätte er. So allein in seinem Pfarrhaus hab' er sich überstudiert. Das ginge gäng so. Sie habe mal einen verflixt gescheiten Mann sagen hören, von dem ewigen Bücherlesen wüchse gäng der Verstand, aber rückwärts wie ein Kuhschwanz. Sie könne aber nichts dafür, sie hätte es dem armen Herrn mängist deutlich merken lassen, daß er beizeiten heiraten sollte, wie andere Pfarrer auch. Jetzt habe man's, jetzt sei er letzköpfig, und man würd's erleben, daß er mal drei Paar Hosen oder soviel er nur immer hätte, übereinander antäte oder aber gar – pfüdi, sie mög's kaum denken, es sei eine g'schämige Sach' – eines Sonntags ohne Hosen auf die Kanzel käme. Doch, wie gesagt, sie wolle nichts gesagt haben, sie; aber man würd's sehen, man würd's schon sehen. »Was wird man sehen, alt's Bibbeli?« schrie der Wirt zum blauen Fuchs, in dessen Küche die Zytig ihren Leitartikel über die pfarrherrliche Hosenfrage zum besten gab. »Was wird man sehen? Das wird man sehen, daß deine Zahnluck' gäng allwyl größer und dein Bart allwyl länger wird.« Bibbeli hob die Augen gen Himmel und warf dann ihrem Vetter, dem Fuchswirt, einen Blick zu, einen Blick, wie ihn etwa der Prophet auf das dem Untergang geweihte Ninive geworfen. Hierauf schritt sie mit schweigsamer Majestät hinaus. »Es liebt die Welt, das Strahlende zu schwärzen« – würde sie gedacht haben, wenn sie nur den Vers gekannt hätte. Inzwischen war der Pfarrer zur Zwihl hinaufgegangen, Schwarzelfis Brief in der Tasche. Er wollte mit der Zwihlbäurin darüber reden. Er wollte aber noch über etwas anderes reden, nicht mit der Zwihlbäurin, wenigstens nicht in erster Linie, aber mit dem Vreneli. Als er nach der Bestattung des Schurbauers heimkam und den Kirchenrock abtat, mußte er noch einmal herzlich über die Szene lachen, die zuvor von ihm und der Klephe und dem Bibbeli und dem Star aufgeführt worden, und als er ausgelacht, meinte er: »Meine liebe Mutter selig hat ja oft gesagt, wenn man etwas recht Wichtiges vorhabe, so soll man es ausführen an einem Tage, welcher recht lustig angefangen. Nun, die Geschichte mit den verwunschenen Hosen war lustig genug. Der Brief freilich – aber einerlei, probier's mal, Stephan, probier's!« So ging er denn, es zu probieren. In die große Stube des Zwihlhofs getreten, fand er dieselbe leer und wollte eben die zur Küche führende Türe öffnen, wo er Geräusch hörte, als dieselbe von draußen aufging und mit vorgebundener weißer Küchenschürze 's Vrenelt hereintrat. Es war doch auf und eben so ein Hebelsches »Hexli«, das duntersnette Meitschi! Nicht geputzt, aber doch so frisch und sauber in den weißen Hemdärmeln und dem roten Brusttuch wie ein Vögeli, akkurat wie ein Vögeli. Dem Pfarrer ward es siedend heiß, als er sich dem Mädchen so plötzlich allein gegenüber sah. Er hatte den ganzen Weg her eine schickliche Anrede einstudiert; die war aber jetzt bis zum letzten Buchstaben aus seinem Gedächtnis verschwunden, verdunstet, rein weg. Er drehte den Hut in den Händen, mit einem Eifer, als wär' ihm aufgegeben worden, die Krempe wegzudrehen. Seine Verlegenheit machte auch das Mädchen verlegen, auf dessen Wangen die Farben rasch wechselten. Aber nicht für lange. Die Frauen haben einen merkwürdig schnellen Überblick und finden sich unschwer zurecht. »Mein Müetti wird sogleich da sein, Herr Pfarrer,« sagte Vreneli. »Sie ist neime nur in den Heugaden hinüber. Ich will sie rufen.« »Ja, tut das, Vreneli, das heißt, ich kann schon warten, ich –« »Ihr wollt doch mit dem Müetti reden, Herr Pfarrer?« »Eigentlich ja, indessen – nun ja, ich wollte auch mit Euch reden, Vreneli.« »Mit mir?« »Ja, und – seht, ich kann nicht lange hinter der Hecke halten, und so will ich es denn gerade heraussagen, daß ich als Freiwerber komme.« Das Wort traf Vreneli schwer. Es ist in dem Tal von Windgellen der Brauch, daß namentlich in Fällen, wo die Heiraten nicht Herzens-, sondern Konvenienzsache sind, der Heiratslustige durch einen guten Bekannten die Anfrage an seine Erwählte tun läßt. Vreneli wurde bleich und schlug die Augen nieder. Aber als sie dieselben wieder erhob und bang forschend den Pfarrer ansah, kehrte die Röte auf ihre Wangen zurück, und in den allerliebsten Grübchen derselben kicherte der Schalk. »Als Freiwerber kommt Ihr?« fragte sie. »Für wen?« »O, ich glaube sagen zu dürfen: für einen ordentlichen Mann. Wenigstens wird man ihm nicht gar viel Übles nachreden können.« »Ich meinte –« »Was meintet Ihr, Vreli?« Wie sprach er nur diese vertrauliche Abkürzung ihres Namens so gar eigen! Er hatte dieselbe auch noch gar nie ihr gegenüber gebraucht. Es klang so gut, so lieb, so süß! Die Jugend hat solche seelenlösende Laute und Akzente in der Brust, die Jugend und das Glück. »Ich meinte – aber ich darf's nit sagen.« »O, Ihr dürft mir alles sagen, Vreli.« Schon wieder »Vreli!« Nun wohl, da mußte es schon heraus. »Ich meinte,« stammelte sie hochrot, »ich meinte, Ihr wolltet für Euch selber sprechen.« »Und wenn ich's wollte, Kind, wenn ich's wollte?« »So würd' ich sagen: Tut es in Gottes Namen!« »In Gottes Namen denn: Vreli, wollt Ihr meine Frau werden?« »Ja, und von ganzem Herzen und von ganzer Seele ja und tausendmal ja!« Der arme Hut mit seiner mißhandelten Krempe fiel auf den Boden, denn der Pfarrer hatte jetzt etwas anderes zu halten. Es ward ihm doch recht »himmelhochjauchzend« zumute, als er das frische, schöne, vor Wonneüberschwang lachende und weinende »Chind« von neunzehn Jahren in den Armen hielt. Die Glücklichen! Auch sie umklang jetzt das alte Hohelied, welches in seiner ganzen Kraft und Glut nur einmal dem Menschen tönt und für neunundneunzig Paare von hunderten so bald verklingt, wenn nicht gar in trübselige Dissonanz umspringt. Und dennoch, wer es nie gehört, der darf auf die Frage: »Was tust du denn eigentlich in der Welt?« mit gutem Grund zur Antwort geben: »Ich weiß es selber nicht.« Die Zwihlbäurin, welche unter der offen gebliebenen Küchentüre erschien, ohne daß die beiden sie wahrnahmen, mußte wohl auch etwas von dem Liede hören; denn sie schien die Gruppe, welche sie vor sich erblickte, gar nicht mit Mißfallen anzusehen, im Gegenteil, ganz im Gegenteil. Endlich tat sie einen Schritt vorwärts in die Stube, und die Liebenden mußten jetzt wohl auch wieder in die Wirklichkeit zurückkehren. »Werte Frau Leuenberger,« hob der Pfarrer an. Aber Vreneli ließ ihn nicht vollenden. Das Antlitz voll Glut und Glück und die Hand des geliebten Mannes festhaltend, lachte sie der Mutter entgegen: »Müetti, lieb's Müetti, lueg', der Recht' ist kommen!« »Ich seh's, Kind, ich seh's und gäng mit Freuden. Und loset, Herr Pfarrer, ich darf wohl sagen, 's Vreli wird ein brav's Fraueli werden und bleiben, wenn Ihr gut mit ihm seid.« »Wie könnt' ich anders? Nicht wahr, Vreli, du vertraust mir?« »Von ganzem Herzen, lieber Stephan.« »Ja, das tut sie fryli, Herr Pfarrer, 's ist kein falsch Äderli im Vreneli. Aber, Kinder, die Sach' hat neime doch ein Häkli.« »Ein Häkli?« erwiderten die Verlobten aus einem Munde. »Ja, aber seid nur nit gleich so erschrocken. Lueget, 's ist so. Du weißt, Vreli, der Vater selig hat uns noch auf dem Todbett anbefohlen, die Zwihl nit in fremde Hand' kommen zu lassen. Nun hat aber das arm' Rosi keine Kinder und du, Vreli, wirst Frau Pfarrerin. Ich wüßt' wohl 'nen Ausweg, Chind, wenn mir dein Hochzyter ebbis versprechen wollt'.« »Von Herzen gern, liebe Mutter,« sagte Milder. »Was wollt Ihr, daß ich verspreche?« »Daß Ihr den ersten Chnaben oder mira auch den zweiten, den Euch 's Vreli bringt, zu 'nem rechtschaffenen Bauersmann erziehen wollt. So blieb die Zwihl doch im Leuenberger Blut und könnt' ich mei'm Kuori, wenn ich wieder zu ihm komm', sagen, daß sein letzter Wille getreuli erfüllt worden.« »Es soll so sein!« erwiderte ernst der Pfarrer, der Mutter die Hand hinreichend. Und scherzend fügte er, zu seiner Braut gewandt, hinzu: »Du wirst mich mit meinem Versprechen nicht zuschanden werden lassen, Vreli, nicht wahr?« Die errötende Braut antwortete nur mit einer Senkung der Wimpern, aber diese Antwort stellte den glücklichen Pfarrer vollkommen zufrieden. Nachher brachte er den Brief Schwarzelsis zur Sprache, dessen Inhalt Mutter und Tochter sehr bestürzt machte. Da kam aber gerade die Rosi selber, und das gefaßte und sichere Auftreten der jungen Frau verwunderte die drei nicht wenig. Sie hatten Verzweiflung erwarten müssen und fanden jetzt nur milde Gefaßtheit. Es entging dem Pfarrer auch nicht, daß die Haltung Rosis wieder viel aufrechter als seit langem und daß ein Hauch der früheren Rosenfarbe auf ihre bleichen Wangen zurückgekehrt sei. Natürlich wurde die ältere Tochter des Hauses von dem soeben eingetretenen frohen Familienereignis sofort in Kenntnis gesetzt. Ihrer jüngeren Schwester zärtlich zugetan und voll Hochachtung vor Milders Charakter, sah sie damit einen lange gehegten Wunsch erfüllt. Ihre Freude war groß, und innig rührte sie es, als der Pfarrer sie mit einfacher Herzlichkeit bat, ihn von jetzt an als ihren Bruder zu betrachten und zu halten. Sie erzählte dann in ihrer ruhigen Weise ihre Erlebnisse während der letzten Nacht. Was sie dabei gelitten, wie sie gekämpft, wie sie gesiegt, verschwieg sie; aber ihre Zuhörer fühlten das alles mit, ohne daß sie davon sprach. Daß sie hätte handeln müssen, wie sie gehandelt, setzte sie als selbstverständlich voraus, und eröffnete schließlich ihren festen, unabänderlichen Entschluß, dem Findling Mutter zu sein und denselben in aller Form an Kindes Statt anzunehmen. »Dein Herz hat dir gut geraten, und du hast das Beste erwählt, liebe Schwester Rosi,« sagte der Pfarrer tiefbewegt. »Segen über dich!« Die Zwihlbäurin schüttelte den Kopf, aber es geschah nur aus Verlegenheit, wohin sie mit ihren feuchten Augen sollte. »Ich hätt' das nit gekonnt, Rösli,« sagte sie, und Vreneli fügte hinzu: »Arm's, arm's Rösli, ich glaub', ich hätt's auch nit gekonnt.« »O, Vreli, du und 's Müetti ihr hättet grad' so getan, wäret ihr an meiner Stelle gewesen und hätt' euch das arm' Kind so ang'luegt wie mich. Was hätt' ich denn anderes tun können?« Vierzehntes Kapitel. Die gesprungene Saite. Rosi war darauf gefaßt, zu erfahren, daß Schwarzelsi sich nicht ohne einen Begleiter auf den Rückweg nach Berlin gemacht habe. Sie hatte ja droben hinter der Bilgismatte mit anhören müssen, wie die beiden, Elsi und Ruodi, künftig mitsammen in der genannten Stadt leben wollten. Freilich deutete der Brief an den Pfarrer an, daß Elsi mit derselben Leichtfertigkeit, womit sie ihr Kind verlassen, auch dessen Vater aufgegeben habe. Aber was war einem solchen Geschöpfe überhaupt zu glauben? Ohnehin hatte aller Wahrscheinlichkeit nach ihr Weg sie über Thun geführt, und da würde sie den verleiteten Mann wohl abgeholt haben. Hierin irrte sich aber Rosi ganz und gar. Schwarzelsi war allerdings über Thun gereist, aber in aller Eile, und hatte sich wohl gehütet, den Ruodi aufzusuchen. Sie war fertig mit ihm, sobald sie zu der Überzeugung gelangt, daß die Charakterschwäche des Mannes sie verhindern würde, den Zweck zu erreichen, um dessen willen sie ins Tal von Windgellen gekommen. Zur Entschädigung für diesen Fehlschlag ergötzte sie sich an dem Gedanken, an der Verhaßten, die ihr als halbwüchsigem Kind eine brennende Eifersucht eingeflößt hatte, vollwichtige Rache genommen zu haben. Auch war es doch der prächtigste »Jux« von der Welt, wie sie ihr Kind nicht nur losgeworden, sondern dasselbe auch der Nebenbuhlerin aufgehalst hatte. Der Ruodi interessierte sie weiter nicht mehr. Hatte er sich doch, meinte sie, während ihrer Anwesenheit in der Höllenschwärz gar so miserabel benommen! Auch hatte es sie angewidert, den Ruodi mit dem Strobelchäpi trinken zu sehen, und endlich war sie eine echte Lorettennatur, deren zigeunerisches Blut lebhaft neuen Abenteuern entgegenpulsierte. So war sie gegangen, ohne es auch nur der Mühe wert zu halten, den Ruodi davon in Kenntnis zu setzen. Ein paar Tage darauf kehrte dieser aus dem Dienst nach Hause und traf seine Frau allein in der Stube. Er mußte unterwegs endlich seinen Entschluß gefaßt haben, denn kaum hatte er Waffen und Gepäck abgelegt, als er mit aller Fassung, welche er aufzubieten vermochte, anhob: »Los', Rosi, so kann es nicht länger gehen. Du mußt alles wissen –« Sie unterbrach ihn, indem sie, von ihrer Arbeit – sie nähte Kinderzeug, was er aber nicht beachtet hatte – aufstehend, sagte: »Ich weiß alles. Komm!« Sie winkte ihm, und er folgte ihr in das Hinterstübli, wo er mit Überraschung ein Bett aufgeschlagen und neben demselben die Wiege stehen sah. Rosi schlug sachte das grüne Tuch zurück, welches über den Wiegenbogen gebreitet war, und der treulose Mann erblickte sein schlafendes Kind. Er fuhr mit einem Schrei zurück, der ihm in der Kehle erstickte. »Lueg,« sagte sie mit jener einfachen Erhabenheit, von welcher nicht die Kunst, sondern nur die Natur weiß, »lueg, Ruodi, deine Prophezeiung ist erfüllt. Noch sind nicht zwei Jahre um, und da liegt ein Chnäbli in der Wiege.« Der kalte Schweiß trat ihm auf die Stirne, und er konnte nur eine flehende Gebärde mit der Hand machen. »Seine Mutter,« fuhr sie fort, »hat mir das Kind nachtschlafender Weile ins Haus gestellt. Da hab' ich es in meine Arme genommen und hab' das Gelübd' getan, ihm Mutter zu sein, und das will ich halten, so mir Gott helfe. – Und jetzt los, Ruodi, ich bitt' dich, fass' dich und merk, was ich sag'. Um des Kindes willen, um deines Kindes willen, welches auch das meine sein soll, wollen wir, wenn dir's recht ist, mitsammen fortleben, als wäre nichts geschehen, und wollen Eheleute bleiben vor den Leuten. Aber unter uns, Ruodi, unter uns kann es nicht mehr sein wie früher. Verlang das nicht, Ruodi, verlang das nicht – es brächt' mich um! 's ist ebbis abenand da innen in mir. Ob es wieder zusammenheilen wird oder kann, ich weiß es nicht. Die Zeit, sagt man, heil' alles, und ich will dran glauben, ich will dran glauben. Aber rühr du jetzt nicht daran, nur um das bitt' ich dich!« Sie sprach das, wenn auch, ernst, doch milde. Aber gerade diese Milde, diese Großmut erdrückte den unglücklichen, schon lange haltlos gewordenen Mann, so daß er ganz in sich zusammenbrach. In dieser qualvollen Stunde ward er sich erst recht klar bewußt, was er besessen, was er verraten, was er verloren. Vernichtet warf er sich seiner Frau zu Füßen, umfaßte flehend ihre Knie und konnte nur schluchzend das Wort »Verzeihung!« hervorstammeln. »Ich habe verziehen,« sagte sie, sanft seine Hände lösend und ihn aufrichtend, »dir und auch der, welche ihr Kind und dich so leichtfertig verlassen konnte. Ja, ich habe verziehen. Wäre sonst das Kind hier? Woher hätt' ich sonst die Kraft genommen, es mein Kind zu nennen, unbekümmert, was die Leute dazu sagen? Laß auch du sie reden. Nie sollst du ein Wort des Vorwurfs von mir hören, nie! Aber sei ein Mann, Ruodi, sei ein Mann! Werde wieder brav und gut, noch ist es Zeit, und lueg, wir haben ja jetzt ein Kind!« Er konnte nicht hinsehen, wie sich Rosi, zu dem inzwischen erwachten Kinde neigte, wie der Kleine, der seine zärtliche Pflegerin schon kannte, die Händchen nach ihr ausstreckte, und wie sie ihn mit Liebkosungen bedeckte. Nein, er konnt' es nicht mit ansehen. Er fühlte auch, daß er seine Augen nie mehr zu denen seiner Frau erheben könnte, nie mehr! Einige Wochen lebte er so hin. Er hielt sich zu Hause und versuchte seine Arbeiten wieder aufzunehmen. Aber er war wie ein Schlafwandler, und alles mißriet unter seinen matten Händen. Das Hinterstübli floh er. Das Kind war ja dort – ein atmender Gewissensbiß. Zur Zwihl hinaufzugehen konnte er nicht über sich bringen. Wenn die Zwihlbäurin oder das glückliche Vreneli ins Rütli herabkamen, verschloß er sich ängstlich in die Oberstube. Rosi war freundlich und gütig gegen ihn und sparte weder tröstlichen Zuspruch noch verständige Ermunterung. Aber dabei ließ sie es. Eine von geliebtester Hand so tief geschlagene Herzenswunde, wie sie eine empfangen, heilt nur langsam, wenn sie überhaupt jemals wieder heilt. Es sei da innen in ihr ebbis abenand, hatte sie gesagt, und so war es. Sie hatte damit gemeint, die Saite des innigsten Vertrauens sei in ihrer Seele gesprungen, und wenn die gesprungen, knüpft kein Gott sie wieder so zusammen, daß sie den früheren reinen und vollen Klang gäbe. An einem der ersten Septembertage – es war der vierte Jahrestag, seit Ruodi die Rosi von der Zwihl ins Rütli heimgeführt – trat er, zur Jagd gerüstet, vormittags zu seiner Frau in die Stube. »Willst du denn heute auf die Jagd?« fragte sie, etwas verwundert, da er diesem seinem früheren Lieblingsvergnügen schon lange nicht mehr nachgegangen. »Ja, Rosi, ich muß wieder mal in die Berge hinauf.« Und nach einigem Bedenken fügte er unwillkürlich hinzu, was ihm bittere Reue eingab: »Hätt' ich nur unsere Berge nie verlassen und dich! Aber es ist nun schon so, ja, es ist nun schon so. – Weißt aber, Rosi, heut' vor vier Jahren –« »Heut' vor vier Jahren? Was meinst?« »War unsere Hochzeit.« O, das war eine schmerzliche Erinnerung für die arme Rosi. Wie war alles, alles anders gekommen, als sie damals geträumt, gehofft, geglaubt! »Unsere Hochzeit? Es ist ja wahr!« Sie schaute betroffen auf, und innigstes Mitleid schmolz ihr Herz, als sie bemerkte, wie gebeugt der einst so stattliche Mann vor ihr stand und wie er nur noch so in seinen Kleidern hing. »Los, Ruodi,« sagte sie, »geh' heut' nicht jagen, 's ist stürmisch Wetter und der Föhn weht so grüsli.« »O, das macht nichts. Grad' bei solcher Witterung kommen die Gemsen gern weiter herab als sonst. Ich will zum Gummgletscher, wo ein guter Standort ist. Gib mir noch deine Hand, Rosi. Das wird mir Glück bringen.« »Da!« Ermutigt durch den leisen Gegendruck ihrer Hand, beugte er sich zu ihr herab, und sie ließ es geschehen, daß sein Mund den ihrigen berührte. Aber ihre Lippen waren kalt und regten sich nicht unter den seinigen. Unter der Türe blieb er stehen und sah nach ihr zurück. »Du tätest besser, heute nicht zu gehen, Ruodi,« sagte sie. »Aber wenn du durchaus willst, so nimm dich doch recht in acht auf deinen Wegen.« Es lag Güte und Besorgnis in dieser Mahnung, als käme sie von den Lippen einer Schwester; aber keine bebende Zärtlichkeit. Wenn er in früheren Tagen zur Gemsjagd ausgezogen, 0, da war's anders gewesen! In diesem Augenblicke hörte man durch die geöffnete Türe das Kind vom Hinterstübli her weinen, und Rosi eilte hinüber. Das Kind! das Kind! – Es trieb ihn fort. Als Rosi mit dem Kleinen auf den Armen zurückkam, war Ruodi gegangen. Ja, er war gegangen und – kehrte nicht wieder. Weit droben in der Öde, in einem wilden Tobel, auf dessen Grund ein Eisarm des Gummgletschers lastet, fand am folgenden Tage ein Geißbub den Ruodi Zurflüh, der kalt und starr auf dem Eise lag, mit gebrochenem Rückgrat. Über der Stelle, wo er lag, erhebt sich zu schwindelnder Höhe das Nägelisgrätli, ein schmaler, scharfzulaufender Felskamm, dessen Scheitel über den Gletscher zu seinen Füßen hoch heraushängt, ein den Gemsjägern der Umgegend wohlbekannter, aber gefährlicher Steig, der von dem Gumm in die Schluchten des Glanzhorns herüberführt. Da droben mußte ihn der heftige Wind, der gestern wehte, erfaßt haben. Da mußte sein Fuß ausgeglitten sein zum rettungslosen Sturze. Oder? Ach, dieses Oder? Es wühlte wie ein Schwert in der Brust Rosis. Wenn sie ihn doch zurückgehalten, wenn sie seinen Abschiedskuß erwidert hätte? Sie fühlte, sie hätte es tun sollen, tun müssen. Jetzt, als man ihr den Toten gebracht, als sie sich aufschreiend über ihn warf, als sie seinen bleichen Mund küßte, als sie seine Stirne, an welcher das blutgetränkte Haar festgeklebt war, mit ihren Tränen badete – jetzt liebte sie ihn wieder! Am Tage der Bestattung ihres Gatten fiel sie in ein hitziges Fieber, das diesem schwer, zu schwer geprüften Herz jene Ruhe bringen zu wollen schien, wie nur das Grab sie sichert. Aber sie genas unter der liebevollen Pflege der Mutter und Schwester. Als sie aus den Fieberphantasien wieder ins Bewußtsein zurückkehrte, war ihr erstes Wort: »Das Kind! Sein, mein Kind!« Man brachte es ihr, und als der Kleine sie anlächelte, fühlte sie, daß sie noch leben könne, leben müsse. Der geliebte Tote hatte ihr ja ein Vermächtnis hinterlassen, das ihrer bedurfte. An dem Stabe dieser Pflicht rankte sich ihr Dasein wieder empor, nicht mehr zu seiner vollen Höhe, aber doch zu jener ruhigen Ergebung, die sich über schwergeprüfte edle Gemüter herbreitet wie nach vertostem Gewitter die Abendstille über die Landschaft. Bevor der Winter einbrach, wurde in der Zwihl eine recht stille Hochzeit gefeiert. Das war ganz im Sinne Milders, und Vreneli hatte es ausdrücklich so verlangt, damit die kaum wieder genesene Schwester auch dabei sein könnte, ohne daß ihr das Herz zu schwer würde. Als das Pfarrhaus von Windgellen durch die Anwesenheit einer Frau Pfarrerin endlich ein rechtes Pfarrhaus geworden – zur nicht geringen Genugtuung der ehrsamen Jungfer Bibbeli – zog Rosi, den vereinten Bitten der Ihrigen nachgebend, mit dem Kinde zur Mutter in die Zwihl. Aber sie tat das erst, nachdem sie eines Tages ihre Mutter unversehens überrascht hatte, wie diese mit großmütterlicher Zärtlichkeit den kleinen Ruodeli in den Armen wiegte. Eine große, noch während Vrenelis Brautstand in Ordnung gebrachte Angelegenheit war es ihr, die Adoption des Kindes in aller Form vollzogen zu wissen. Als die Sache durch den Pfarrer auf dem Bezirksamt bereinigt wurde, fragte ihn nach vernommenem Bericht der nicht wenig verwunderte Statthalter: »Aber ist' die gute Frau auch völlig zurechnungsfähig?« »Zurechnungsfähig?« erwiderte Milder. »Jawohl! Aber ihr Rechnungsfaktor war und ist ihr selbstloses, lauteres, treues Herz.«