Ernst von Wildenbruch Schwester-Seele Erstes Buch Erstes Kapitel War das heute wieder einmal reizend bei Benneckes! Hübsch war es ja immer bei ihnen; natürlich. In einem Hause, wo eine Wirtin war wie Frau Majorin Bennecke! Die Tante Löckchen, wie sie in der ganzen Stadt hieß, die gute Tante Löckchen. Wenn man sie so sah, mit dem runden, freundlichen Gesicht, wie sie durch die Straßen der Stadt zog und über die große Brücke, die zu ihrem Hause jenseit des Flusses führte – den Kopf in beständig nickender Bewegung: »Guten Tag, Kindchen – liebes Kindchen, guten Tag« – und die altmodischen grauen Löckchen, die zu beiden Seiten des Gesichts wie Traubenbüschel niederhingen, nach vorn fliegend und wieder zurück – wahrhaftig, man blieb geradezu stehen und horchte, ob nicht die Löckchen, aneinanderschlagend, einen leise klingenden Ton geben würden, so ein ganz zartes Geläute, wie man es aus Rokokouhren vernimmt, die auf Rokokokaminen stehen, leise und fein wie die Stimme der alten Zeit, als die Damen noch ausgeschnittene Schuhe mit kreuzweise gelegten Bändern trugen, sich nachmittags beim Kaffee Gedichte vorlasen, und als es noch keine pfeifenden Lokomotiven gab. Manchmal ging sie allein, manchmal auch am Arme ihres Gatten, des alten Herrn Majors a. D. Bennecke, und dann schritt hinter ihnen noch ein drittes, die braune Hühnerhündin Diana, die uralte, mit dem langen seidenweichen Fell und dem sanftmütigen Augenaufschlag. Außer der Diana hatten sie keine Kinder, hatten nie welche gehabt. »Hat eben nicht sein sollen«, meinte Tante Löckchen. Aber wenn man keine Kinder hat und doch gern welche haben möchte, na – so adoptiert man sie sich. Alles was fröhlich war, alles was lachen und, wenn's sein mußte, sich verlieben konnte, alle jungen Männer und Mädchen der Stadt waren Adoptivkinder vom Hause Bennecke. Und sie vergalten es ihnen, dem guten alten Onkel und dem Tantchen, vergalten es ihnen mit feurigem Danke, mit der ganzen holden Überschwenglichkeit der Jugend. Onkel Bennecke hatte zwei Eigenschaften, die man bei alten verabschiedeten Majors selten trifft: allzeit gute Laune und etwas Geld. Darum konnte er »ein Haus« machen. Und über dem Hause stand der Wahlspruch: »Semper fidel!« Immer lustig. Darum, wenn zum Abend Einladungen nach dem Hause jenseit des Wassers ergangen waren, gab's ein freudiges Rumoren unter dem jungen Geschlecht: »Heute abend bei Tante Löckchen! Heute abend wird ›gesempert!‹« Und wenn nun der Abend gekommen war und die großen behaglichen Räume sich mit den geladenen Gästen füllten und ein Kranz von Jugend, Schönheit und blühendem Menschentum sich um die alten Leute schlang – nun, wer hätte sagen können: hier ist der Gebende, hier der Empfangende – es war eben eine gegenseitige allgemeine Glückseligkeit. Heute abend aber, wie gesagt, war es ganz besonders reizend. Abend war es eigentlich noch nicht ganz, sondern erst Nachmittag, dämmernder Winternachmittag, denn heute war man früher zusammengekommen als gewöhnlich. Tante Löckchen hatte große Dinge vor: es sollte bei ihr Theater gespielt werden. Jetzt war man bei den Proben, und die Proben sind ja eigentlich das Schönste bei solchen Haustheatern. Da erhält die gesellige Zusammenkunft einen höheren Zweck: man dient der Kunst. Mögen auch die »Kunstwerke«, in deren Schatten man sich versammelt, fragwürdiger Art sein – das schadet nichts. Der narkotische Duft, den die Theaterkulissen ausströmen und der die menschlichen Gemüter gefangennimmt, macht sich auch in solchen Dilettantenvereinigungen geltend, und wenn dann zwei Stühle mitten ins Zimmer gerückt werden – »hier ist die Bühne« – ja, wer kann es leugnen, daß das altbekannte prosaische Zimmer dann etwas Geheimnisvolles, beinahe Weihevolles erhält. »Hier ist die Bühne – und dort, vor den Stühlen, sitzen die Zuschauer« – da ist also mit einemmal in dem Zimmer, durch das man bisher frei hin- und hergehen durfte, ein Raum entstanden, den nur noch einige Auserwählte betreten dürfen, solche, die mit Rollen bedacht sind, die mitspielen werden. Die andern haben sich jenseit der Stühle zu halten, dürfen nicht hinein. Jene sind die Bevorzugten. Und dadurch kommt nun ein netter Reiz zu dem bisherigen, einer, der das Blut prickeln und gären macht: die Eifersucht. All die Leidenschaften, die auf der großen wirklichen Bühne ihr Wesen treiben und sich dort manchmal dämonisch auswachsen, Ehrgeiz, Eitelkeit, Rollenneid und wie sie heißen, kehren in solcher Dilettanten-Theatergesellschaft in verkleinertem Maßstabe, aber mit photographischer Treue wieder. »Was Auguste kann, die die Rolle bekommen hat, das hätte Emilie, die die Rolle nicht erhalten hat, wahrhaftig auch gekonnt« – und es steht dahin, ob Auguste und Emilie, die bis heute Busenfreundinnen gewesen waren, vom heutigen Tage an in ihren Empfindungen zueinander nicht erkalten werden. Im Hause von Tante Löckchen aber kam es zu solcher Heftigkeit der Leidenschaften nicht. In erster Linie trug dazu die liebenswürdige Persönlichkeit der Wirtin bei, die selbst die Rollen verteilt hatte und deren Kommando sich alles ohne Widerrede beugte; dann aber kam noch etwas hinzu. Man hatte ein kleines, einaktiges Lustspiel zur Aufführung gewählt, in dem nur vier Personen auftraten: ein junger Mann, ein junges Mädchen, Liebhaber und Liebhaberin, dann eine ältliche Tante und ein älterer Herr. Die Tante konnte natürlich niemand anders spielen als »Fräulein Nanettchen«, die Klavierlehrerin, deren Popularität in der Stadt beinahe der von Tante Löckchen gleichkam. »Fräulein Nanettchen« spielte immer und unter allen Umständen die Tantenrollen. Ebenso rasch war der ältere Herr untergebracht. Für den war selbstverständlich niemand anders möglich als Rechtsanwalt Feßler, der joviale, grauköpfige Herr, von dem man behauptete, daß, wenn er des Vormittags mit seinen Handakten aufs Gericht zog, er zwischen den gerichtlichen Schriftstücken immer ganz außergerichtliche verbarg, entweder Rollen, die er zu memorieren, oder Gelegenheitsgedichte, die er zu irgendeinem Familienfeste zu verfassen hatte. Blieb also nur noch das Liebhaberpaar zu besetzen und damit freilich die schlimmste Klippe. Auch diese aber wurde rasch und glücklich umschifft. »Den jungen Mann übernimmst doch natürlich du, Percy«, hatte Tante Löckchen zu dem Regierungsreferendar Percival Nöhring gesagt, und natürlich hatte dieser bejaht. Percival Nöhring war der Liebling Tante Löckchens. Und wenn man den bildhübschen Jungen ansah, dessen schlank aufgeschossene Gestalt einen kleinen, braunumlockten Kopf trug, so begriff man das. Sein Gesicht hatte feingeschnittene Züge, denen der leise Anflug eines ersten Bärtchens eine gewisse Keckheit verlieh; diese Keckheit aber wurde durch den freundlichen Ausdruck der etwas kleinen, aber hellen Augen zur Anmut gedämpft. »Ich weiß ja doch, daß alle Welt mich gern mag«, sagten die Augen, und sie hatten recht; er war der Liebling der Gesellschaft, beinahe ihr Verzug. »Der Edelknecht, sanft und keck«, so hatte ihn Onkel Bennecke, der, wie seine Gattin, wohlbewandert in Schiller und Goethe war, getauft, und die Bezeichnung traf zu. Das Bewußtsein von seiner Sieghaftigkeit verlieh seinem Auftreten in der Gesellschaft elegante Sicherheit; er war ein guter Tänzer, des Klaviers so weit mächtig, daß er zur Not einen Tanz aufspielen konnte, ein wenig Maler, leidlich belesen in der Literatur – kurz, mit all den Sachen und Sächelchen wohlausgestattet, die die Natur dem Menschen in die Taschen schiebt, wenn sie zu ihm sagt: »Geh in die Gesellschaft und werde ihr Löwe.« Was Wunder also, daß Tante Löckchen ihn zum Liebhaber in dem Stücke ausersehen hatte, das bei ihr gespielt werden sollte. Alle fanden es ganz natürlich und Percival Nöhring erst recht. Mit beiden Händen hatte er darum zugegriffen, als die Rolle ihm angeboten wurde, denn er spielte gern Theater. Theater war Dramatik – Dramatik war Poesie – und für Poesie hatte Percival Nöhring eine heimliche Neigung. Heimlich, aber stark. Das sah man eigentlich schon seiner äußeren Erscheinung an. Seine Kleidung war zwar nach der Mode, aber keineswegs stutzerhaft, viel eher mit einem Stich ins Romantische. Nie anders ging er aus als mit breitkrempigem, künstlerischem Schlapphut – dazu trug er mit Vorliebe breitbandige, flatternde Krawatten. Ganz modern waren diese eigentlich nicht, aber sie standen ihm, standen ihm sehr gut. »Der reine Byron«, flüsterten die jungen Mädchen hinter ihm auf der Straße, wenn sie mit bewundernd sehnsüchtigen Blicken seiner elastischen Gestalt nachblickten. Und er hörte es nicht ungern, wenn man ihn mit Byron verglich. Daß ein so poetischer Mensch mit einem so romantischen Namen selbst Dichter sein und Gedichte machen müßte, war für das junge Volk eine ausgemachte Sache. »Gedichte von Percival Nöhring« – wie sich das als Titel auf einem Buche hätte ausnehmen müssen! Und wenn es dann, in zierlichem Miniaturformat, mit Goldschnitt und in seidenem Einbande auf den Tischen der jungen Damen gelegen hätte, entzückend! Es war denn auch ein allgemeines Gemunkel, daß Percival Nöhring in der Tat Gedichte machte – wunderschöne natürlich. Aber er hielt damit zurück; sie waren ihm noch nicht gut genug. Das erhöhte die Bewunderung. Die einzigen, denen er sie vorlas, waren seine Schwester und Tante Löckchen. Ob er sie Tante Löckchen vorlas, wußte man nicht genau, man glaubte es, man nahm es an. Aber seiner Schwester teilte er sie mit, das war gewiß, seiner Schwester, der Freda – Freda Nöhring. Und nun hieß es weiter, daß diese eigentlich die Ursache sei, daß Percivals Gedichte noch nicht in die Welt kämen. Einige behaupteten, weil sie zu kritisch, andere wieder, weil sie ganz einfach zu eifersüchtig sei. Sie war nicht so beliebt wie ihr Bruder Percival, die Freda Nöhring, lange nicht. Man hätte sie beinahe unbeliebt nennen können. Daß sie klug, sehr klug sei, wurde allseitig zugestanden. Dafür sprach ja auch schon der Respekt, den ihr Bruder ihr, wie alle Welt wußte, entgegenbrachte. Denn daher allein, daß Freda zwei Jahre älter war als er, kam sein Respekt sicherlich nicht; er beugte sich vor ihrer kritischen Überlegenheit. Aber, kritische Überlegenheit, geistige Bedeutung – mein Gott ja – alles ganz schön und gut, aber wenn es nun einmal in einem Frauenleibe wohnte, so gehörte doch auch Liebenswürdigkeit dazu, damit es einem gefiele, und liebenswürdig war Freda Nöhring nicht, das sagten nicht die jungen Mädchen nur, das sagten die jungen Männer auch. Freda – der Name war eigentlich auch so schön, beinahe so schön wie Percival – Freda und Percival, wie romantisch das zusammenklang! Man wunderte sich, wo eigentlich die beiden schönen Namen hergekommen sein mochten, und es hatte damit auch seine besondere Bewandtnis. Der alte Herr Nöhring, der Vater der beiden, der früher an der Regierung am Orte Regierungsrat gewesen war und jetzt, nachdem er in Ruhestand getreten, in einem eigenen kleinen Hause in den reizenden Anlagen der Stadt mit seinen Kindern wohnte, der alte Herr Nöhring war nämlich in seiner Jugend auch poetisch angehaucht gewesen. Wahrscheinlich hatte Percival die dichterische Ader von ihm geerbt. Sehr stark war der Anhauch bei dem alten Herrn Nöhring nicht gerade gewesen, nur eine dünne Silberhaut, unter der das eigentliche Metall seiner Natur, mochte es nun Kupfer oder Eisen sein, bald wieder zum Vorschein kam. Darum hatte es ihn keine allzu schweren Kämpfe gekostet, über die Leichen seiner Jugenddichtungen hinwegzuschreiten und die Landstraße des Lebens zu gewinnen, die ihn zu Amt und Rang und vernünftigem Auskommen führte. Aber die Sehnsucht war ihm geblieben, nicht eben leidenschaftlich, aber nachhaltig, gewissermaßen chronisch, und das Bedürfnis, sich in seinem Berufsleben ein Guckloch offenzuhalten, aus dem er in das Land der Träume hinausschauen könnte. Dazu hätte es ihm ja nun füglich genügen können, wenn er die Werke der Dichter las und genoß – aber das war ihm doch nicht genug. Etwas Selbsttätigkeit sollte dabei sein. Und weil die eigene Kraft dazu nicht ausreichte, so wartete er, ob ihm Natur und Schicksal vielleicht einmal behilflich sein, ob er vielleicht einmal Kinder haben würde, in denen seine Sehnsucht wieder auferstehen und sich mit Kräften paaren würde, die zu reicheren Erfolgen führten, als sie ihm beschieden gewesen waren. Vom Tage an, da er sich mit seiner, jetzt schon vor Jahren verstorbenen Frau vermählt, hatte er deshalb beinahe mit Neugier darauf gewartet, welcherart denn nun wohl diese Kinder, diese jungen Nöhrings, diese verbesserten Auflagen seiner selbst sein würden. Denn daß sie verbessert sein würden, daran zweifelte er im stillen keinen Augenblick, wenn er auf die kluge, schöne Lebensgefährtin an seiner Seite blickte, aus deren Schoß sie ihm hervorgehen sollten. Immerhin – wie die Kinder nun einmal ausfallen würden an Leib und Geist, das mußte in Geduld abgewartet werden; eines aber konnte er selbst tun, und zwar jetzt schon, jetzt gleich, und das besorgte er denn auch vom ersten Tage an: Namen für sie ausdenken, schöne, poetische Namen. Nicht solche gewöhnliche, triviale, aus denen die Küchen- und Kellerluft des Alltagslebens herausduftet, wie etwa »Auguste«, »Emilie«, »Ottilie«, oder »Gustav«, »Julius« oder »Anton« – nein – schöne Namen, phantastische, stimmungsvolle Namen, die er ihnen wie ein Geschmeide in die Wiege legen, wie ein goldenes Krönchen auf das junggeborene Haupt setzen konnte; Namen, bei deren Klang, wenn man sie laut durchs Haus rief, das ganze Haus sich mit romantischem Duft erfüllte, so ungefähr, wie wenn man eine Räucheressenz entzündet, und deren Gewölk die Räume durchdringt. Und so war er denn, nach langem Erwägen und oftmaligem Verwerfen, zu dem Entschlusse gelangt, daß wenn ihm das Schicksal einen Knaben schenken sollte, dieser nicht anders heißen dürfte als »Percival« und das etwaige Mädchen »Freda«. Percival – ihm war so in der Erinnerung, als ob einer der Ritter von König Artus' Tafelrunde so geheißen hätte. Wenn er den Namen vor sich hin sprach, war ihm zumute, als täten sich weite, dunkle, grüne Wälder vor ihm auf, vom Hifthorn durchhallt, durch welche der weiße Hirsch dahinschlüpfte, von Rüden und Jägern verfolgt. Und das alles würde ihm nun dauernd gehören, wenn der liebe famose Junge erst gekommen sein würde, der Percival, in dessen Augen er schon jetzt, obgleich sie noch gar nicht da waren, eine ganze Märchenwelt von Sage und Romantik erschaute. Und dann wieder »Freda« – welche Reinheit, welche Weihe und Majestät in dem Klange des Wortes! Wenn er den Namen dachte, verwandelte sich ihm sein Haus in eine mittelalterliche Burg mit spitzen gotischen Türmen, mit Zinnen gekrönt, mit Söllern und Altanen, und durch die Gänge der Burg sah er eine Jungfrau dahinwandeln, schlank wie die Lilie, weiß wie ein Schwan, in fließenden Gewändern, mit goldenem Haar und blauen, strahlenden Augen – und das würde sein Kind sein, seine Freda, seine! Er war doch ein reicher, ein glücklicher Mann, der Regierungsrat Nöhring! Und wenn er dann am Nachmittag von den langen Spaziergängen, die er einsam in der Umgegend zu machen pflegte, zur Stadt zurückkam, dann strahlte ihm das Gesicht so von innerer Glückseligkeit, daß die Leute stehenblieben und sich fragten: »Was mag denn dem Regierungsrat Nöhring wieder Gutes passiert sein? Der sieht ja aus, als hätte er das große Los gezogen?« Es war ihm aber gar nichts passiert, sondern er war nur im Geiste mit dem »Percival« und der »Freda«, die beide noch kommen sollten, spazierengegangen, er war eine Stunde lang wieder Dichter gewesen, der Regierungsrat Nöhring. Als dann endlich die große Stunde schlug und das kleine Mädchen zuerst ans Tageslicht gekrabbelt kam – klapp – saß ihr der Name auf dem Köpfchen, und als »Freda« lief sie in die Welt. Und als zwei Jahre später das gehorsame Schicksal, um Herrn Regierungsrat Nöhrings Wünsche zu erfüllen, ihm ein Jüngelchen schickte – klapp – hatte ihn sein Name weg, und Papa Nöhring, die kleine Freda auf dem Arm, tanzte um die Wiege herum: »Da guck hin, Fredchen, da guck hin, da liegt Brüderchen Percival!«, und die kleine Freda tat ihre großen Augen auf und streckte beide Ärmchen aus, strampelte auf dem Arm des Vaters und lallte: »Brüderchen – Brüderchen.« »Merkwürdig,« pflegte Papa Nöhring in späteren Jahren zu sagen, wenn er seinem Busenfreunde, dem Major a. D. Bennecke, den Vorgang erzählte, und das geschah in jedem Jahre etwa drei- bis viermal, »merkwürdig, wie sich das Mädchen damals schon über den Bruder gefreut hat. War doch noch ein ganz kleines Ding dazumal, war aber schon wie toll mit dem Jungen und hat ihn gehätschelt und getätschelt und für nichts Augen und Ohren gehabt als nur für den Percival und ist so geblieben bis auf den heutigen Tag. Merkwürdig.« »Ist aber auch danach, der Percy,« pflegte dann ebenso regelmäßig der Major a. D. Bennecke hinzuzusetzen, der die Geschichte geduldig jedes Jahr drei- bis viermal anhörte, weil er wußte, daß er seinem alten Freunde keinen größeren Gefallen tun konnte, »ist ja auch wirklich ein ganz famoser, allerliebster Junge, ein lieber Kerl.« Und so war die Zeit hingegangen. Papa Nöhring war ein alter Mann, und Freda und Percival waren junge erwachsene Leute geworden von vierundzwanzig und zweiundzwanzig Jahren, und heute nachmittag also waren sie zusammen bei Tante Löckchen, um dort Theater zu proben. Zweites Kapitel In dem Raum, welcher durch die zwei Stühle als Bühne abgegrenzt wurde, standen die vier Darsteller, wie es schien, zur Schlußgruppe vereinigt. Die Probe neigte sich dem Ende zu, und das war gut, denn die Dämmerung war so tief hereingebrochen, daß beinahe Dunkelheit herrschte. Lampen hatte man noch nicht angezündet; die Dame, welche das Soufflierbuch handhabte, lehnte sich in ihren Stuhl zurück; lesen konnte sie nicht mehr. Sie saß zur Seite eines kleinen Tisches, auf einem der beiden Stühle, nach der Zuschauerseite hin. Es wäre nicht leicht gewesen, zu beschreiben, wie sie aussah; ihre von einem dunkelfarbigen Kleide umschlossene Gestalt vermengte sich mit dem grauen Dämmerlichte, das sie umgab. Soviel man indessen noch zu erkennen vermochte, war sie hochgewachsen und schlank. Aus dem weißen Spitzenkragen, der den Hals umgab und in breiten Kanten auf die Schultern niederging, wuchs ein Nacken hervor, schlank und gerade aufsteigend, von rebellischen blonden Nackenhaaren umkraust, wie ein aufschießender Pfeil, den das Gefieder umwallt. Und dieses Aufschießende, dieses jugendlich Hagere und Magere, beinahe Eckige war in dem ganzen Körper; es verbreitete sich wie ein herber Duft über die feinen Glieder und atmete aus dem Gesicht, das im letzten Tagesschimmer auffallend bleich erschien, von dichten dunkelblonden Augenbrauen und Augenwimpern beschattet. Die Darsteller standen, wie gesagt, in einer Gruppe vereinigt; Herr Rechtsanwalt Feßler etwas im Hintergrund der Bühne, Fräulein Nanettchen, die kugelrunde, kleine Klavierlehrerin, auf den Fußspitzen erhoben, beide Hände, wie segnend, über dem Paare ausgebreitet, das ganz vorn in theatralischer Umarmung stand, über Herrn Percival Nöhring und seiner Partnerin, Fräulein Therese Wallnow. Die soufflierende Dame schien gleichzeitig die Regie zu führen, denn ihre Augen hingen mit schweigenden Blicken, wie prüfend, an der Gruppe, insbesondere an dem Liebhaberpaar im Vordergrund. Fräulein Nanettchen wurde ihrer segenspendenden Haltung müde. »Aber Freda,« rief sie, aus der Rolle fallend, »wie lange soll ich denn hier stehen? die Arme sterben mir ja ab!« »Vorhang – Schluß!« rief jetzt auch Herr Rechtsanwalt Feßler, und »Vorhang – Schluß!« wiederholte Percival Nöhring. Freda Nöhring griff nach der Klingel, die auf dem Tischchen neben ihr stand, und setzte sie in Bewegung. Dann erhob sie sich, zum Zeichen, daß die Probe beendet sei. »Schluß, und Bravo! Bravo! Bravo!« rief jetzt Tante Löckchen, die mitten im Zuschauerraum auf einsamem Sessel thronte. »Kinderchen, es geht ja schon famos, und es wird reizend werden, ganz reizend!« Ihre weißen, kleinen, runden Hände patschten ineinander, und plötzlich, wie ein Echo ihres Klatschens, kam aus dem hinteren, ganz dunklen Teile des Zimmers ein kraftvolles Applaudieren von Männerhänden und ein »Bravo! Bravo! Ausgezeichnet!« aus Männerkehlen. Herr Major a. D. Bennecke und Papa Nöhring, die ihren gemeinschaftlichen Nachmittagsspaziergang gemacht hatten, waren geräuschlos eingetreten und, vom Dunkel verborgen, dem Spiele als Zuschauer gefolgt. Jetzt schritten sie nach vorn; die Künstler kamen ihnen von der Bühne entgegen; alles sammelte sich zu einer plaudernden, lachenden, summenden Gruppe um Tante Löckchen, die auf ihrem Sessel inmitten des Zimmers saß. »Kinderchen, aber jetzt etwas zu essen«, erklärte sie, indem sie sich mit einem Stoße erhob, und hinter ihr drein begab sich die ganze Gesellschaft in das nebenan gelegene Speisezimmer. Hier war die große Hängelampe bereits angezündet; unter der Hängelampe stand der Tisch mit einem reichlichen kalten Abendessen angerichtet; hier war es hell, hier war es warm und gemütlich, hier war es, wie es eben nur bei Tante Löckchen sein konnte. Alle Gesichter leuchteten förmlich auf, selbst über Freda Nöhrings strenge, beinahe finstere Züge, die man jetzt erst deutlich zu erkennen vermochte, ging ein Lächeln. Vielleicht aber kam dieses Lächeln nicht daher allein, daß sie sich behaglich fühlte, sondern weil sie ihren Bruder ansah, der, wie es schien, auch jetzt noch in der Rolle war, indem er den Arm noch immer um Therese Wallnow geschlungen hielt. »Aber Percy – Junge –« sagte sie, indem sie die großen blauen Augen auf ihn richtete, »du vergißt wohl ganz, daß das Theater zu Ende ist? Jetzt ist Fräulein Wallnow wieder Fräulein Wallnow und nicht mehr Alice Forster« – so hieß die Figur des Lustspiels, die Therese Wallnow soeben dargestellt hatte. Alles lachte. Therese Wallnow errötete ein wenig; Percival Nöhring ließ sie aus seinem Arme und machte ein Verbeugung gegen seine Schwester. »Zu Befehl, Herr Regisseur«, sagte er; dann wandte er sich zu Tante Löckchen. »Tantchen, was bekomme ich für meinen Eifer? Du siehst, wie ich in meiner Aufgabe lebe und webe!« Tante Löckchen funkelte mit ihren Äuglein zu ihm empor. »Auch noch was bekommen, du Taugenichts, für all deine Lumpazivagabunderei?« Sie faßte ihn an beiden Ohren, zog seinen braunen Kopf zu sich herab und küßte ihn mitten in die Locken. »Da hast du's,« sagte sie, »Schlingel!« Ein allgemeiner Jubel brach aus; das runde Fräulein Nanettchen war nahe daran, sich vor Begeisterung in Percivals Arme zu rollen und ihm schlankweg einen Kuß zu geben; Fredas Augen ruhten auf dem Bruder, ganz weit, ganz groß, mit dem stillen Glanze stolzer innerer Glückseligkeit. Wie hübsch der Junge ausgesehen hatte, als Tante Löckchen seinen Kopf zu sich herabzog! Wie ritterlich er ihr die Hand geküßt hatte! Wie er jetzt dastand, so liebenswürdig, so der Mittelpunkt aller Augen und aller Gedanken, so wirklich wie ein genialer Mensch, der alles tun darf, weil alles ihm steht – es war eben der Percival, der Percy, ihr Percy, ihr Heißsporn, ihrer, und keines andern, und kein andrer neben ihm! Papa Nöhring legte den Arm um ihre Schultern. »Na, Freda, hat unser Junge seine Sache gut gemacht?« Sie standen beide vor Percival; Freda faßte ihn mit beiden Händen an der flatternden Krawatte und strich und zupfte sie zu malerischer Wirkung zurecht. Indem sie ihn dabei mit leuchtenden Blicken anschaute, sah es aus, wie wenn jemand einen jungen Hengst am Halfter festhält, den er darauf ansieht, was künftig einmal aus ihm werden wird. »Die Aufgabe,« sagte sie, »die er heute zu absolvieren hat, das ist keine Aufgabe; ich denke, er wird einmal andere vollbringen.« »Was denn für andere?« fragte Percival, gutmütig lächelnd. Die Schwester ließ seine Krawatte los und gab ihm mit der flachen Hand einen Schlag auf die Schulter. »Größere«, erwiderte sie kurz und bestimmt. Inzwischen hatte man sich an der gastlichen Tafel niedergelassen; Papa Nöhring setzte sich neben seine Tochter. »Und deine übrigen Akteurs?« fragte er, indem er sich ein Stück kalten Lachs mit Remouladensoße auf den Teller häufte. »Bist du mit ihnen zufrieden?« Es war, als wenn der helle Glanz, der eben noch von Fredas Stirn und Wangen geleuchtet hatte, mit einer grauen Hand fortgewischt worden wäre. »Ach, die« – gab sie achselzuckend zur Antwort. Ihre Augen blickten gleichgültig und kalt, und ihre Züge nahmen einen beinahe wegwerfenden Ausdruck an. Die Gesellschaft aber war zu sehr mit Essen, Trinken und Lustigsein beschäftigt, als daß sie den Wechsel in Fredas Gesicht und Stimmung hätte bemerken sollen. Die Speisen verschwanden, die Gläser wurden leer und wieder voll; ein Klappern von Tellern, Messern und Gabeln, ein immer lauteres, vergnügteres Durcheinander von Stimmen – plötzlich sprang Percival Nöhring vom Stuhle auf und schlug klirrend ans Glas. »Meine Damen und Herren« – dann schwieg er. Sobald Freda den Bruder hatte aufspringen sehen, war der gleichgültige Ausdruck von ihrem Gesicht verschwunden und eine gespannte Aufmerksamkeit dahin zurückgekehrt. Als er jetzt schwieg, wurde sie ganz blaß. »Um Gottes willen – der Junge bleibt stecken mit seinem Toaste und blamiert sich!« Sie klemmte die Unterlippe zwischen die Zähne; trotz des lächerlich unbedeutenden Anlasses schlug ihr das Herz. Ihre Besorgnis aber war unnötig gewesen; Percival hatte nicht gestockt, sich vielmehr nur besonnen; die dichterische Ader in ihm war flüssig geworden; nicht in Prosa, sondern in improvisierten Versen wollte er seinen Toast ausbringen. Mit der Klangfülle des Tons, mit welcher er begonnen und das »Meine Damen und Herren« hervorgebracht hatte, schoß er jetzt los: »Zu Schinken und Braten, Kompott und Salaten, Zu Eiern und Würsten Und Lachsremouladen, Zu würdigen Taten, Die heut sie mit Käthen, der Köchin – ihr kennt sie – Frühmorgens beraten. Hat heut Tante Löckchen Mit klingenden Glöckchen Uns wieder geladen. Sie füllt uns den Humpen, Damit wir nicht dürsten, Nun sind wir gar fröhlich Und springen wie Böckchen Über Steine und Stöckchen. So laßt euch nicht lumpen, Ergreift eure Humpen – Doch macht kein Geplemper – Die Freud' uns gegeben, Tante Löckchen soll leben Fideliter semper!« »Fideliter semper!« – Ein wändeerschütternder Jubel brach aus; alles sprang auf, um mit Tante Löckchen anzustoßen. Sogar die alte Diana mit dem braunseidenen Fell und dem sanftmütigen Augenaufschlag, die schläfrig blinzelnd vor dem Kamin gelegen hatte, erhob sich und mischte sich mit vergnüglichem Bellen in den jauchzenden Lärm. »Fideliter semper – fideliter semper.« Tante Löckchen saß strahlend auf ihrem Platz, während das Wort, wie ein Widerhall des immer wiederholten Gläserklangs, um sie her sauste und brauste. Dann schlug sie auch ihrerseits an das Glas. Allgemeines Schweigen trat ein. »Ich trinke mein Glas«, sprach sie, »auf die Künstler des Hauses Bennecke, die heute solch famose Probe von ihrem Können abgelegt haben – vor allem aber« – und sie funkelte wieder mit den Äuglein zu Percival empor, der noch aufgerichtet am Tische stand – »auf unsern Dichter!« Der kaum beschwichtigte Freudentumult brach von neuem aus; alles drängte jetzt, die Gläser in den Händen, auf Percival Nöhring zu. »Der Dichter! Unser Dichter!« hieß es, während die Gläser an seines klangen. Mit sonorer Stimme übertönte Herr Major a. D. Bennecke den Lärm. »Unser Dichter von Gottes Gnaden,« erklärte er mit lautem, beinahe feierlichem Tone, »er soll leben – semper!« »Soll leben – semper! semper!« erscholl es lachend und jubelnd zurück. Percival Nöhring stand da, bis über die Ohren errötend vor Vergnügen und geschmeichelter Eitelkeit. »Aber Onkelchen,« wandte er lächelnd ein, mit einem Tone, wie jemand Komplimente ablehnt, die ihm zwar etwas weitgehend, aber doch nicht ganz unberechtigt erscheinen, – »Onkelchen, nur nicht die jungen Pferde scheu machen!« Major Bennecke aber hielt ihn an der Schulter gefaßt. »Junge,« sagte er, »dein Toast war das Entzückendste, was ich lange gehört habe, den mußt du mir nachher aufschreiben.« »Aufschreiben!« erklärte Tante Löckchen, indem sie mit dem Glase auf den Tisch stieß, und »Aufschreiben! Aufschreiben!« wiederholte die ganze Gesellschaft. »Wenn er's nicht tut, tue ich's,« rief Fräulein Nanettchen, die Klavierlehrerin, »ich habe ihn gleich auswendig behalten und glaube, ich könnte ihn hersagen von Anfang bis zu Ende!« Sie fing auch wirklich sofort an: »Zu Schinken und Braten, Kompott und Salaten, Zu Eiern und Würsten –« hier stockte sie. »Und Lachsremouladen«, half Freda ein. Alles wandte sich lachend nach ihr um. »Natürlich,« erklärte Tante Löckchen, »wenn ihr Percy etwas spricht, dann kann sie aufpassen, die Freda!« Sie war vom Stuhle aufgestanden und zu Freda hingegangen. Mit beiden Armen umfing sie ihren Kopf und küßte ihr bleiches, jetzt ganz von Glück strahlendes, von der Freude verschöntes Gesicht. »Gott – Kindchen, Kindchen, Kindchen!« sagte sie voller Zärtlichkeit. Alles hatte sich erhoben, und man begab sich in den Saal zurück, wo vorhin die Probe stattgefunden hatte, und wo die beiden Stühle, welche die Bühne abgrenzten, noch an ihrer Stelle standen. »Junge,« wandte sich Tante Löckchen zu Percival, »nun mal rauf auf die Bühne und deklamiere uns etwas.« Ohne sich lange bitten zu lassen, ging Percival hinaus, und als die übrigen im Zuschauerraume Platz genommen hatten, erschien er wieder, den breiten schwarzen Schlapphut auf dem Kopfe, eine dunkle Tischdecke in malerischen Falten um die Schultern geworfen. So trat er hinter die beiden Stühle und blieb einige Zeit gesenkten Hauptes stehen, als wollte er den Zuschauern Zeit lassen, seine Erscheinung zu bewundern. Und in der Tat, er sah wunderhübsch aus, wahrhaft romantisch. Dann legte er das Gesicht in finstere Falten und mit einer Stimme, die aus dem Grabe hervorzutönen schien, begann er Hamlets »Sein oder Nichtsein« zu rezitieren. Während er den Monolog sprach, setzte er abwechselnd den rechten und dann wieder den linken Fuß nach vorn; dazu machte er gestikulierende Bewegungen mit den Händen. Freda hatte sich ganz hinten im Zimmer niedergesetzt, und während sie den Bruder mit den Augen verfolgte, lauschte sie auf die Kundgebungen der Zuhörer. Sie tat es mit einiger Sorge, denn sie konnte sich nicht verhehlen, daß sein Sprechen und seine Bewegungen ganz dilettantenhaft waren. Sie fürchtete, daß die andern ebenso empfinden würden. Ihre Sorge war aber wieder unnötig gewesen, denn sobald Percival geendigt hatte, brach ein allgemeines Bravoklatschen aus. »Vortrefflich, wirklich ganz vortrefflich!« rief Herr Major Bennecke laut, und »Wunderschön!« erklärten Tante Löckchen und die übrigen. Stumm lächelnd blickte sie vor sich hin; sie wußte nicht recht, ob sie sich freuen sollte oder nicht. Von seinem Erfolg begeistert, warf Percival Nöhring jetzt den Schlapphut und die Tischdecke ab, reckte sich hoch auf, machte eine Verbeugung gegen die Zuhörer und begann mit dröhnender Stimme und rollendem Zungen-R die »Kraniche des Ibykus« zu deklamieren. Nachdem er auch für diese Leistung eine rauschende Beifallssalve geerntet hatte, fügte er noch Goethes »Füllest wieder Busch und Tal« hinzu und ließ endlich noch Lenaus »Drei Zigeuner fand ich einmal« folgen. Nun hatte er genug, und die Zuhörer waren ebenfalls befriedigt. Tante Löckchen zog ihr weißes Taschentüchlein hervor und trocknete ihm die erhitzte Stirn. »Wie du das alles auswendig weißt«, sagte sie bewundernd. »Und diese Vielseitigkeit!« fügte Fräulein Nanettchen hinzu, indem sie den Gefeierten an beiden Händen ergriff, »diese Modulation im Ton! diese Nuancen!« Jeder bemühte sich, eine Huldigung zu finden und ihm zu Füßen zu legen; die einzige, die sich schweigend verhielt, war Freda. Das sonderbare zwiespältige Gefühl von vorhin wollte nicht von ihr weichen: während sie sich sagte, daß all sein Deklamieren nicht mehr als mittelmäßig gewesen war, schwoll ihr das Herz in stummer Wonne, als sie ihn so von allen Seiten umdrängt und umschmeichelt sah. »Jetzt aber was zu trinken und zu rauchen«, gebot Herr Major Bennecke. Bierflaschen wurden aufgesetzt und Zigarren angeboten, und während die blauen Dampfwolken sich im Zimmer ausbreiteten, nahm alles zu erneuter Gemütlichkeit um den runden Tisch im Salon Platz. »Aber jetzt«, sagte Tante Löckchen, indem sie Percival, der sein erstes Glas in einem Zuge hinuntergestürzt hatte, von neuem einschenkte, »mußt du mir noch einen Gefallen tun, Junge. Einen Prolog brauch' ich, den mußt du mir schreiben.« Percival schob den Stuhl, auf dem er saß, mit einem Ruck zurück. »Einen Prolog?« rief er, »Tantchen, du fängst an, mir fürchterlich zu werden!« Die Idee hatte aber sofort gezündet. »Das ist reizend,« erklärte Fräulein Nanettchen, »und Percy spricht ihn natürlich selbst!« »Natürlich, natürlich«, kam die Bestätigung von allen Seiten. »Aber meine Herrschaften,« wandte Percival Nöhring lachend ein, »wie komme ich dazu, daß ich einen Prolog dichten soll? Was denken Sie denn von mir?« »Wir denken gar nichts,« erwiderte Tante Löckchen, »wir wissen.« »Was weißt du denn?« Tante Löckchen beugte sich über den Tisch. »Daß du ein Dichter bist«, erklärte sie mit resolutem Ton. »Und solche Kleinigkeiten wie einen Prolog schüttelt ein Dichter wie du aus dem Ärmel.« Percival Nöhring warf sich lachend gegen die Stuhllehne zurück. »Das hat man davon, wenn man mit Toasten in Versen um sich schmeißt.« Seine Augen blickten wie hilfesuchend umher und begegneten denen seiner Schwester, die gespannt und beobachtend auf ihm ruhten. »Freda,« rief er, »so tu doch deine Iphigenienlippen auf und steh deinem armen Bruder Orest bei.« »Abraten aber dürfen Sie ihm nicht, Fräulein Freda,« erklärte Rechtsanwalt Feßler, und »Abraten gilt nicht«, wiederholte der Chor. Alle schienen zu wissen, daß ihre Entscheidung maßgebend für ihn sein würde. Freda verzog etwas spöttisch die Lippen. »Wer sagt denn schon, daß ich ihm abraten werde?« Sie senkte, wie überlegend, einen Augenblick das Haupt, dann erhob sie das Gesicht, und über den Tisch hin sah sie dem Bruder mit einem plötzlich aufleuchtenden Blick gerade in die Augen. »Na, Junge« – sie nahm ihr Glas auf und stieß damit an Percivals Glas – »warum denn nicht? Zeig' einmal, was du kannst!« »Das lass' ich mir gefallen,« rief Herr Major Bennecke, »prost, Fräulein Freda, dafür muß ich auch mit Ihnen anstoßen!« »Bravo, Fräulein Freda, bravo!« Alle Gläser wanderten über den Tisch, um mit dem ihrigen zusammenzuklingen. Percival aber warf sich, wie gebrochen, zurück. »Auch du, Brutus?« stöhnte er, indem er die Hände gegen Freda ausstreckte. Er sprang auf. »Nun, wenn es so steht,« donnerte er pathetisch – er reckte den Arm empor, spreizte die Finger und wandte sich an Tante Löckchen: »nun beim kristallnen Äther«, deklamierte er, »verpfänd' ich hier mein Wort: Du sollst ihn haben, Tante, den Prolog!« »Hurra!« rief Tante Löckchen, und »Bravo, bravo, bravo!« widerhallte die ganze Tafelrunde. »Aber Percy, Dichter meiner Seele,« mahnte Fräulein Nanettchen, »etwas feierlich Erhabenes muß es sein, was du schreibst; etwas, was du sprechen kannst wie vorhin die ›Kraniche des Ibykus‹, damit man in Stimmung kommt. Nicht wahr?« »Jawohl,« erklärte Tante Löckchen, »etwas Ernsthaftes muß es sein, damit die Menschen sehen, daß wir um der Kunst wegen zusammenkommen. Und dann lassen wir das Klavier hinter die Bühne bringen, und Nanettchen leitet die ganze Geschichte mit etwas Musik ein.« »Famos«, sagte Papa Nöhring, und »Das tu ich, natürlich tu ich das«, entgegnete eifrig Fräulein Nanettchen. »Ihr braucht nur zu sagen, was ihr haben wollt; die Ouvertüre zum ›Tannhäuser‹ vielleicht?« »Ausgezeichnet,« erklärte Herr Major Bennecke, »ausgezeichnete Idee«, und mit Akklamation wurde beschlossen, daß Fräulein Nanettchen mit der Ouvertüre zum »Tannhäuser« anfangen, Percival Nöhring darauf mit seinem Prolog folgen und alsdann die Aufführung beginnen sollte. »Das wird eine Stimmung geben,« meinte Herr Rechtsanwalt Feßler, »wie sie überhaupt noch gar nicht dagewesen ist.« Und somit hatte denn auch dieser heutige entzückende Abend bei Benneckes sein Ende erreicht. Tante Löckchen, mitten im Zimmer stehend, wurde von Fräulein Nanettchen stürmisch, von Therese Wallnow zärtlich und von Freda Nöhring freundlich zum Abschied umarmt und geküßt. Dann zogen die Herren in Defiliercour an ihr vorüber, und sodann begleitete Herr Major Bennecke, von der braunseidenen alten Diana gefolgt, mit der Lampe in der Hand, seine Gäste an die Haustür, die er selber aufschloß. Aus den Mantelkragen, die hoch aufgeschlagen waren, weil man in die Winternacht hinaus mußte, und aus den Pelzboas der Damen, die bis zum Munde hinaufgezogen waren, tönte ein »Auf Wiedersehen, auf Wiedersehen!« zurück, und dann schlug die Pforte des gastlichen Hauses hinter der kleinen Karawane zu. Drittes Kapitel Fräulein Therese Wallnow, die dicht neben Benneckes auf derselben Seite des Wassers wohnte, wurde vor ihrer Haustür abgesetzt; die übrigen wandten sich, um über die große Brücke den Weg zur Stadt zu gewinnen. Papa Nöhring führte Fräulein Nanettchen, Herr Rechtsanwalt Feßler ging neben beiden; Freda hatte sich in Percivals Arm gehängt, und sie schritt so langsam, daß zwischen ihnen und den Vorauswandelnden ein Zwischenraum entstand. Der Wind hatte sich erhoben und fegte in schweren Stößen, wie der beklommene Atem des Winters, den Strom entlang. Das Wasser ging mit Eis. Wenn man stromaufwärts blickte, wo ein fahler weißlicher Schimmer den nächtlichen Himmel erhellte, so sah man, wie die Schollen in endlosem Zuge einhertrieben. Wie ein Volk von wandernden Tieren, beinahe wie Wölfe in grauen Pelzen sahen sie aus. Unter der Brücke schoben sie sich mit dumpfem Rauschen hindurch, an der Bohlenbekleidung der hölzernen Brückenjoche rieben sie sich, an den Pfosten, die vor den Brückenjochen standen, bäumten sie sich auf. Dann entstand eine Stauung, eine kurze Hemmung in dem treibenden Gange; klirrend brachen einzelne Schollen in Stücke, andre wälzten sich darüber und tauchten sie unter die Oberfläche des Wassers, daß es aussah, als kämpften sie miteinander wie lebendige Geschöpfe. Ein Gurgeln, Seufzen und Ächzen tönte von drunten herauf wie die sinnlose Stimme ohnmächtiger Wut, und unter der Brücke sah man sie dann wieder hervorkommen und weitertreiben, den Fluß hinunter, in endloser Masse, in rastlosem Gange, weiter und weiter. Freda war an das Brückengeländer getreten und stehengeblieben; dabei hatte sie den Bruder mit sich gezogen. »Sieh das«, sagte sie, indem sie in die Tiefe hinunterblickte. »Was soll ich sehen?« fragte Percival. »Nun – das; es ist doch ein großartiger Anblick.« »Ja, ja,« entgegnete er, »wenn's noch ein paar Tage so weitergeht, wird das Eis sich gesetzt haben.« Dann schlug er den Mantelkragen höher, weil ihm der eisige Wind um die Ohren pfiff. »Nun komm aber,« mahnte er, indem er Freda vom Brückengeländer fort und an sich zog, »hier in der Kälte stehenbleiben – da holt man sich mit unfehlbarer Sicherheit Husten und Schnupfen, und du weißt, ich brauche mein Organ.« Sie setzten ihren Weg fort; Freda huschte sich eng an seine Seite; dabei lachte sie leise. »Dein Organ,« meinte sie, »na ja – aber solch einen Anblick kannst du doch erst recht gebrauchen.« »Zu was denn?« Sie drückte seinen Arm mit ihrem Arme. »Aber Junge, zu was! Ein Dichter muß doch große Eindrücke in sich aufnehmen, wenn er große Gedanken aussprechen will? Und du willst doch ein großes Gedicht machen?« »Ein – großes Gedicht?« Dann lachte er auf. »Du denkst wohl gar an den Prolog?« »Warum nicht?« entgegnete sie. »Tante Löckchen hat dir ja doch gesagt, daß er feierlich und erhaben werden soll.« »Na ja, weil das Nanettchen, die Begeisterungstante, ihr die Idee eingegeben hat! Ihr habt mich schön hineingelegt mit dem verdammten Prolog!« Freda drückte wieder seinen Arm. »Du mußt dir nur Mühe geben,« sagte sie, »weißt du, ich bin furchtbar gespannt, was du schreiben wirst.« Percival lachte. »Ich auch, das kann ich dir versichern.« »Traust du dir's denn zu?« forschte sie, indem sie die Augen zu ihm erhob. »Vorläufig will ich mir die Sache beschlafen«, versetzte er, dann schritten sie eine Zeitlang schweigend ihren Weg dahin. »Manchmal aber«, fing Percival wieder an, »bist du doch wirklich urkomisch, Freda. Sag' mir in aller Welt, wie du darauf kommst, während du auf das Treibeis hinuntersiehst, an den dämlichen Prolog zu denken?« »Aber Heißsporn,« entgegnete sie, »ich hab's dir ja doch erklärt?« »Bloß des großen Eindrucks wegen?« Sie nickte stumm vor sich hin. »Ja, aber weißt du,« sagte er, »ich glaube eigentlich, daß ich mehr Talent zum Humoristen habe. Wie hat dir denn mein Toast heute abend gefallen?« Freda schüttelte den Kopf. »Ach, Junge, an so etwas muß man doch gar nicht mehr denken, wenn es vorbei ist.« Die Dunkelheit verhinderte sie, zu sehen, wie er ärgerlich errötete. »Na ja,« murrte er, »du bist auch immer die Kritische. Den andern hat er doch sehr gut gefallen; du hast doch gehört, was Onkel Bennecke gesagt hat?« Sie drückte sich an ihn, so daß ihr Gesicht dicht neben dem seinigen war. »Gott – Percy, Junge – du weißt doch, was ich darum gäbe, wenn man einmal von dir sagen könnte, du wärest ein Dichter von Gottes Gnaden. Aber das mußt du doch einsehen, daß man das noch nicht ist, weil man Braten auf Salaten reimt?« Er lachte unwillkürlich auf. »Ist es denn nicht wahr?« fragte sie. »Fahren Sie nur fort, Herr Oberlehrer,« erwiderte er, »ich halte still.« »Nun ja,« redete sie eindringlich auf ihn ein, »und darum hab' ich heute abend zugestimmt, daß du den Prolog übernehmen solltest, weil ich wirklich möchte, daß du dich mal an etwas Ernsthaftes, Größeres machtest. Gott – solch ein Prolog – das weiß ich ja recht gut, ist auch noch nicht die Welt; aber es ist doch ein Anfang. Und siehst du, wenn du nun etwas zustande brächtest, etwas wirklich Großes und Schönes, daß die Menschen wirklich aufrichtigen Respekt vor dir bekommen müßten – Gott – Junge – Junge – Junge!« Sie drückte seinen Arm und drückte ihn wieder, und an ihrer Bewegung fühlte er die leidenschaftliche Zärtlichkeit, mit der sie an ihm hing. Er wußte kaum, was er sagen sollte, und blickte stumm vor sich hin. »Du bist doch wirklich anders als all die andern«, bemerkte er dann. Freda war so mit ihren Gedanken beschäftigt, daß sie dies kaum zu hören schien. »Und übrigens,« fuhr sie fort, »um noch einmal auf das Treibeis zurückzukommen – siehst du – da ließe sich doch gleich ein sehr guter Anfang zu deinem Prolog finden, sollt' ich meinen –« Percival wurde aufmerksam. »Wie denn?« fragte er. »Nun – ich meine nur ungefähr – wenn man so den Gegensatz zeigte, wie da draußen kalte, finstere Nacht ist, und wie der Strom mit Eis geht, und wie es dagegen bei Tante Löckchen warm und schön gemütlich ist –« »Donnerwetter,« unterbrach er sie, »das ist ja aber eine ganz famose Idee! Hör' du, Freda, weißt du was? Wir wollen den Prolog zusammen machen. Hast du Lust?« Sie neigte beinahe ernsthaft das Haupt. »Gott, Percy, wenn ich Gedichte machen könnte, wollt' ich sie dir alle schenken, daß du deinen Namen draufsetzen und sagen könntest, du hättest sie gemacht – das kannst du mir glauben –« »Aber?« fuhr er wieder dazwischen. Sie seufzte und lachte zugleich. »Ja – aber es geht eben nicht; ich kann absolut keine Gedichte machen.« »Ach was, jemand, der solche Gedanken im Kopfe hat!« wandte er ein. »Du kannst mir trotzdem glauben«, versicherte sie. »Nicht einen Vers bring' ich zustande. Ich hab's ja oft genug probiert; nicht einen Vers, nicht einen Reim. Es ist wirklich merkwürdig, aber es ist einmal so.« »Also bloß Kritik?« fragte er. Freda atmete aus tiefer Brust. »Wie soll man's schließlich anders nennen – aber eigentlich ist's doch was andres; eine wahre Wonne, siehst du, wenn ich so ein recht schönes, bedeutendes Gedicht lese, und einen kolossalen Respekt fühl' ich vor einem, der so etwas kann. In der Beziehung, siehst du, bin ich wohl Papas Tochter, denn er hat ja auch solch ein Vergnügen daran, und doch hat er eigentlich niemals ein wirkliches Gedicht zustande gekriegt. Das Können, siehst du, das hast du mitbekommen.« »Wollen's wenigstens hoffen«, entgegnete er lachend. Freda schob sich die Pelzboa tiefer am Halse hinunter; in der Erregung war sie ganz warm geworden. »Wollen mußt du's, Percy, wollen, wollen, wollen!« Sie hatte sich aus seinem Arm gelöst und schlang den Arm um seine Hüften. Beschwichtigend nahm er ihre Hand und legte sie wieder in seinen Arm. »Aber Freda, laß mir doch Zeit, sei doch vernünftig! Ich kann dir doch jetzt nicht versprechen, daß ich ein großer Dichter werden will; höchstens, daß ich mir Mühe geben will –« »Mehr verlange ich ja nicht«, warf sie eifrig ein; »willst du dir denn Mühe geben? Ja?« »Ja, ja,« versetzte er, halb lachend, halb ernsthaft, »Mühe will ich mir geben, und du sollst nachher zu lesen bekommen, was ich fertiggekriegt habe.« Sie hüpfte vor Freude auf und riß ihn so heftig nach ihrer Seite, daß Percival beinahe ins Schwanken geriet. »Aber nun hör' auf,« mahnte er, »gib Ruh!« »Wenn ich dir nur helfen könnte,« flüsterte sie leidenschaftlich, »die ganze Nacht wollt' ich dazu aufbleiben!« Ihr Arm zuckte in dem seinigen, ihre Augen hingen an seinem Gesicht. »Siehst du, wenn ich einmal Respekt vor dir bekommen könnte, so einen großen, riesigen Respekt – daß ich klein vor dir würde, ganz winzig, und zu dir aufschauen müßte wie eine Maus zum Löwen – Gott – Junge – Percy, Heißsporn –« In diesem Augenblick waren Papa Nöhring und Fräulein Nanettchen vor deren Haustür angelangt und stehengeblieben. Man wartete auf Percival und Freda, und als diese herangekommen waren, gab es von Nanettchens Seite noch einen Abschiedskuß für die eine und einen letzten Händedruck für den andern. »Gute Nacht, Dichter meiner Seele«, sagte Nanettchen, und Percival nickte ihr gedankenvoll zu. Das Gespräch mit der Schwester hatte ihn so sonderbar gestimmt, daß er bei Nanettchens Worten, zu denen er sonst gelacht haben würde, ernsthaft blieb. An der nächsten Straßenecke verabschiedete sich Herr Rechtsanwalt Feßler, und nun setzte die Familie Nöhring ihren Weg allein fort. Freda hatte den Bruder losgelassen und sich in den Arm des Vaters gehängt; Percival schritt vor ihnen her, indem er den Kopf bald zur Erde senkte, bald wieder, wie einem Gedanken nachjagend, emporwarf. Papa Nöhring beugte sich zu seiner Tochter. »Du,« flüsterte er, auf Percival deutend, »er dichtet wohl schon an seinem Prolog?« Freda, den Finger auf den Mund gelegt, nickte dem Vater schweigend zu. Geräuschlos, als fürchteten sie, ihn in seinem Schaffen zu stören, schritten sie hinter ihm drein, beide nur einen Gedanken im Kopfe und ein Gefühl in der Brust: den Stolz ihres Hauses, Percival Nöhring. Viertes Kapitel Ja – es war, wie Freda angedeutet hatte: Percival dichtete an seinem Prolog. Das sah man ihm an, denn den ganzen nächsten Tag ging er mit wolkenumlagerter Stirn umher. Bei der Mahlzeit saß er in Gedanken, und man konnte sehen, wie er auf dem Tischtuche leise fingerte, ungefähr wie jemand, der die Silben eines Verses abzählt. Von Zeit zu Zeit verschwand er, um sich auf sein Zimmer zurückzuziehen, und von dort kam er dann, umwölkt, wie er gegangen war, wieder zurück. Es wurde ihm offenbar sauer, sehr sauer. Den zweiten Tag ging das ungefähr ebenso. Am Abend aber erschien er, einen Bogen Papier in der Hand, der von oben bis unten vollgeschrieben war. »Mühe habe ich mir wenigstens gegeben,« sagte er kleinlaut, indem er das Gedicht auf Fredas Tisch legte, »das, denk' ich, wirst du sehen.« Man sah es dem Werke allerdings an, daß er sich Mühe damit gegeben hatte; ganze Strophen waren ausgestrichen, massenhafte Korrekturen übersäten das Ganze. Lautlos setzte Freda sich an den Tisch; indem sie das Papier anfaßte, zitterten ihr beinahe die Hände. Während sie las, zündete Percival eine Zigarre an und lehnte, scheinbar gleichgültig, am Ofen. Scheinbar, denn in Wahrheit war er mächtig aufgeregt. Mit blinzelnden Augen verfolgte er die Schwester, die langsam, schweigend seine Verse studierte. Jetzt hatte sie das Gedicht durchgelesen; einen Augenblick verharrte sie stumm, dann fing sie noch einmal von vorn an und las es langsam noch einmal bis zu Ende durch. Dem Dichter wurde unheimlich. Zum zweitenmal war Freda fertig geworden; nun schob sie das Papier mit einer zögernden Handbewegung von sich, bis in die Mitte des Tisches. Dann lehnte sie sich, ohne den Bruder anzusehen, im Stuhle zurück. Ein fatales Stillschweigen trat ein. Percival wurde bis über beide Ohren rot; er kannte das Gesicht seiner Schwester; das Gedicht hat ihr offenbar nicht gefallen. So verhielt es sich in der Tat. Freda saß da und versuchte, mit ihrer Enttäuschung fertig zu werden. Zwei Tage lang war sie stillschweigend hin und her gegangen, die Aufgeregtheit des Bruders beobachtend, sie selbst kaum minder aufgeregt als er. Und nun lag das Ergebnis der zwei Tage vor ihr, und es war ein schwaches Gedicht. Alle schwesterliche Liebe in ihr vermochte gegen ihren prüfenden Verstand nicht aufzukommen – es war schwach, sehr schwach. In einer Reihe von mühseligen Strophen war ein Inhalt zutage gefördert, der eigentlich gar kein Inhalt war. An den Gedanken, den sie ihm gegeben, hatte er sich angeklammert, er hatte ihn breitgetreten, indem er Tante Löckchens gastliches Haus ausmalte, auch das aber ohne Wärme, Licht und Kraft. Dann, als wenn er sich des höheren Zwecks der Zusammenkunft besänne, hatte er noch einige Phrasen über Kunst und Dramatik hinzugefügt, alles ganz alltäglich und banal, und das war alles. Freda litt geradezu Schmerzen; eine große Erwartung war ihr zuschanden geworden; sie konnte kein Wort hervorbringen. Percival räusperte sich. »Na,« sagte er, indem er sich zu heiterem Tone zwang, »scheint dir nicht übermäßig zu gefallen? Hm?« Freda raffte sich auf, erhob sich und ging auf ihn zu. Sie nahm seinen Kopf zwischen ihre Hände und küßte ihn auf die Stirn; er tat ihr so furchtbar leid. »Gott – Percy,« sagte sie, »denen da bei Tante Löckchen, siehst du, würde es ja, so wie es ist, vermutlich ganz gut gefallen –« »Aber dir gefällt es nicht?« unterbrach er sie, einigermaßen ärgerlich. »Nun – wenn du mich fragst – ich meine freilich, du kannst etwas Besseres machen.« »Na ja,« erwiderte er, »hatte ich mir ja gedacht –« Er machte sich von ihren Händen los, trat an den Tisch, nahm das Papier auf und riß es von oben bis unten mit einem Griff durch. »Der dämliche Prolog!« knurrte er, indem er die Fetzen zerknüllte und auf den Fußboden warf. Freda raffte die Papierstücke auf und strich sie wieder glatt; wenn es auch verfehlt war – es war doch von ihm, und er hatte zwei Tage lang darüber gesessen. Percival ging im Zimmer auf und nieder. »Warum hast du mich auch dazu gebracht! Nun hab' ich's einmal versprochen, und machen also muß ich ihn jetzt!« »Sollst du ja auch,« beschwichtigte ihn die Schwester, »sollst du ja auch.« »Sollst du ja auch,« maulte er ihr nach, »aber wenn du mir immer den kritischen Spieß vor den Leib hältst, daß ich darauf auflaufen muß, dann kann ich es nicht.« Freda war hinter ihm dreingegangen und hielt ihn jetzt an den Schultern fest. Kopfschüttelnd lächelnd, sah sie ihm ins Gesicht. »Aber Junge, wer wird denn so die Flinte ins Korn werfen? Geh, schäm' dich was! Morgen setzt du dich hin und machst einen viel schöneren, einen wunderschönen, das weiß ich.« »Weißt du das?« fragte er ungläubig. »Ja, ja, ja,« erwiderte sie, indem sie ihn dreimal nacheinander auf die Schulter schlug. »Das weiß ich; die Disposition in deinem Gedicht ist ja ganz gut, nur die Gedanken mußt du noch ein bißchen tiefer herausholen, so recht vom Grunde heraus, verstehst du?« Ob sie sich wirklich so des Erfolgs bewußt war, den sie ihm versprach? – Jedenfalls gab ihre Sicherheit ihm neuen Mut. »Soll mich der Teufel holen,« sagte er, mit dem Fuß aufstampfend, »ich krieg's dennoch fertig.« Er war jetzt wirklich ganz versessen darauf, ein vernünftiges Gedicht zustande zu bringen. Es war etwas in ihn gekommen, das er früher nicht gekannt hatte, etwas, das ihn stachelte und erhitzte; zum erstenmal in seinem Leben war er ehrgeizig. Alle seine bisherigen Triumphe in der Gesellschaft hatte er vermöge seiner liebenswürdigen Erscheinung, seiner äußeren Gaben errungen, das wurde ihm mit einemmal klar. Jetzt, da er durch seinen Geist triumphieren wollte, sollte er Schiffbruch leiden? Teufel noch einmal! Seine Eitelkeit bäumte sich auf wie ein Pferd, das zum erstenmal die Peitsche fühlt. Er wollte ihnen schon zeigen, wer er war! Bewundern sollten sie ihn, sie alle, und seine Mamsell Schwester erst recht! Den ganzen nächsten Tag sprach er mit Freda kein Wort. Er fürchtete sich vor ihr, und beinahe haßte er sie. Vierundzwanzig Stunden, nachdem er ihr seinen ersten Prolog zur Begutachtung vorgelegt hatte, lag ein zweiter Entwurf vor ihr. Mit dem hingegebenen Eifer, mit dem sie den ersten gelesen hatte, studierte sie auch diesen zweiten durch. Die Zigarre zwischen den Zähnen kauend, sah Percival ihr zu. »Schon besser,« sagte Freda, nachdem sie zu Ende gelesen hatte, »schon viel besser als der gestrige.« Percival stieß mit dem Rücken gegen den Ofen, an dem er lehnte. »Schon besser heißt noch nicht gut«, knurrte er. Fredas Brust hob und senkte sich. Man sah ihr an, wie gern, wie ums Leben gern sie das Gedicht gut gefunden hätte, aber es war wie ein Siegel vor ihrem Munde; das befreiende Wort wollte und konnte nicht heraus. Mißmutig trat er an den Tisch, nahm das Papier auf und las das Geschriebene selbst noch einmal durch. Dann faßte er den Bogen zwischen beide Hände und – ratsch – flog das Papier, in zwei Hälften zerrissen, zur Erde wie das gestrige. »Ist ja nichts,« murrte er, »ist ja wieder nichts!« Ohne ein Wort hinzuzusetzen, ging er aus dem Zimmer und aus dem Hause. Den Abend verbrachte er am Biertisch mit seinen Kollegen. Vielleicht hatte er sich dort eine andre Stimmung geholt; am dritten Tage, bald nach dem Essen, kam ein dritter Entwurf zum Vorschein, diesmal in humoristischer Gestalt. Freda las auch diesen, und diesmal blickte sie, nachdem sie zu Ende gelangt war, beinahe schmerzlich zu dem Bruder auf. »Junge,« sagte sie, »lieber, einziger Junge, quäl' dich doch nicht so furchtbar, laß dir doch Zeit, die Sache eilt ja nicht so.« Es war also wieder nichts – natürlich! »Hat gar keine Zeit«, fuhr er unwirsch auf. »Das weißt du doch selbst. Heute haben wir den Zwölften, und am Fünfzehnten ist die Aufführung!« Die Hände in den Hosentaschen, ging er im Zimmer auf und ab. Freda saß stumm und traurig vor ihrem Tisch. Sie fühlte sich ganz niedergeschlagen, sie wußte nicht, was sie sagen, wie sie ihm helfen sollte. Nachdem er eine Weile gewartet hatte, daß sie etwas sagen sollte, blieb er vor ihr stehen; sie faßte nach seiner Hand und blickte ihm liebevoll bekümmert in die Augen. »Jesses, solch eine Leichenbittermiene«, sagte er ärgerlich lachend, indem er ihr die Hand entzog. »Du siehst mich im Geiste natürlich schon unsterblich blamiert. Aber diesmal, Herr Oberlehrer, sollen Sie sich getäuscht haben.« Die Hände auf den Tisch gestützt, sah er ihr mit grellen, schlauen Augen ins Gesicht. Sie verstand nicht recht, was er wollte. »Was meinst du denn?« fragte sie. »Du denkst natürlich,« fuhr, er fort, »ich werde jetzt zu Tante Löckchen hinlaufen und ihr sagen: ›Tantchen, ich kriege den Prolog nicht fertig‹« – er unterbrach sich und fing wieder an, im Zimmer auf und nieder zu gehen – »wäre auch eigentlich das allervernünftigste. Gerade daran, daß ich solch ein dummes bestelltes Gedicht nicht fertigkriege, könntest du ja eigentlich erkennen, daß wirklich vielleicht ein Dichter in mir steckt –« »Das habe ich ja aber noch gar nicht bezweifelt«, beeilte Freda sich einzuwenden. »Na ja, schon gut, ich weiß schon, was du denkst,« schwadronierte er weiter, »aber dir gerade zum Tort will ich den Prolog nun doch schaffen; und wenn ich ihn spreche, soll alle Welt bravo, bravo, dakapo schreien!« Freda stand auf und hielt ihn, wie sie zu tun pflegte, an den Schultern fest. »Aber Heißsporn, wer verlangt denn etwas andres?« Sie sah ganz glücklich wieder aus; alles konnte sie ertragen, seinen Ärger, seine Unliebenswürdigkeit, seine Prahlerei, nur seinen Kummer nicht. »Hast du eine neue Idee?« forschte sie. Er lachte ihr ins Gesicht. »Aber eine ganz famose! Du wirst einmal sehen!« Er nickte ihr, lustig lächelnd, zu und ging hinaus. Gleich darauf sah sie, wie er mit hastigen Schritten, so daß der weite Wintermantel hinter ihm herflog, durch die Anlagen dahinstürmte, nach dem Innern der Stadt zu. Zum Abendessen kam er zurück, mit entwölkter Stirn, wieder ganz der lustige Percival, der er immer gewesen war. Fredas Augen hingen mit stummer Verwunderung an ihm, und indem er ihren staunenden Blick gewahrte, drückte er die Serviette an den Mund, um nicht laut herauszulachen. »Na, Freda,« sagte Papa Nöhring, »unser Dichter macht ein Gesicht – ich will wetten, er hat seinen Prolog fix und fertig.« »Noch nicht ganz, Papachen,« erwiderte der Dichter, »aber beinahe, und wenn's fertig ist, wird's was Feines werden – das glauben Sie wohl nicht, Herr Oberlehrer?« wandte er sich über die Tafel hin an Freda. »Junge!« rief sie, indem sie vom Sitze aufsprang, um den Tisch herumkam und seinen Kopf mit beiden Armen umfing, »wenn du mir sagst, daß du die ganze deutsche Literatur mit deinem Gedicht über den Haufen rennst, ich glaube dir alles! alles!« Sie küßte ihn leidenschaftlich auf den Kopf. »Papa,« sagte sie, indem sie den Bruder umschlungen hielt, »es ist doch wahr – er ist nun einmal unser Hausgenie!« Papa Nöhring lachte seelenvergnügt vor sich hin. »Ja, ja, aber verzieh du nur den Schlingel nicht zu sehr und verdreh' ihm nicht den Kopf.« Percival machte sich aus den Armen der Schwester frei und ergriff diese an beiden Händen. »Die und verziehen?« Mit großen runden Augen blickte er zu ihr auf. »Na, hör' mal, Papa, du kennst aber Herrn Oberlehrer Freda Nöhring nur schwach.« Fünftes Kapitel Die halbe Nacht lag Freda schlaflos im Bett, weil sie immerfort an Percivals Prolog denken mußte. Was ihm nur plötzlich für ein neuer Einfall gekommen sein mochte? Vorher hatte er doch so bekümmert ausgesehen, und dann nachher so aufgeräumt und sicher – er mußte also doch etwas gefunden haben? Sie dachte daran, wie rat- und hilflos sie ihm gegenüber gesessen hatte; aus eigener Kraft also hatte er den Ausweg gefunden. Das war ja ein Beweis dafür, daß wirkliche Kraft in dem Jungen steckte, das war ja herrlich. Und in dem Glücksgefühle, das ihr dieser Gedanke verursachte, schlief sie süß und sanft ein. Zum Mittagessen am darauffolgenden Tage kam Percival etwas unpünktlich, etwas später als gewöhnlich. Er hatte noch eine Besorgung vorher gehabt. Offenbar war er rasch gegangen; er war etwas erhitzt, beinahe erregt. Während des Essens verhielt er sich schweigsam, in Gedanken versunken. Sobald die Tafel aufgehoben war, zog er sich auf sein Zimmer zurück. Eine Stunde später, als Freda in ihrem Zimmer mit einer Handarbeit am Fenster saß, erschien Percival, einen Bogen Papier in der Hand. Auf dem Tisch inmitten des Raumes, auf dem die verunglückten Entwürfe gelegen hatten, legte er ihn nieder. »Da«, sagte er, indem er mit flacher Hand auf das Papier schlug und mit einem herausfordernden Blick zu der Schwester hinübersah. Dann ging er durch die Tür zurück. Heute blieb er nicht am Ofen stehn, um ihr Gesicht beim Lesen zu beobachten, heute schien er seiner Sache gewiß. Ein beklommener Atemzug schwellte Fredas Brust, indem sie die Handarbeit fortlegte und langsam an den Tisch trat. War ihr doch nicht anders zumute, als handelte es sich um die Entscheidung seines Lebensschicksals. Der erste Blick auf das Papier machte sie stutzen; wie anders sah das heute aus als die vorigen Male. Glatt hingeworfen in Percivals kräftiger, geläufiger Schrift, ohne Striche, ohne Änderungen und Korrekturen reihte sich Strophe an Strophe, drei Seiten des Bogens bedeckend von oben bis unten und mit einer letzten Strophe überschießend auf die vierte Seite. Wie ein mühseliges, aus dürftigen Brocken zusammengeleimtes Flickwerk hatten jene ausgesehen – wie ein einheitlicher Guß von funkelndem Edelmetall, so sah dieses aus. In ahnungsvoller Erregung setzte sie sich nieder und begann zu lesen. Und diesmal las sie nicht wie an den Tagen vorher, nicht Wort für Wort und Zeile mühsam nach Zeile, mit weit aufgerissenen Augen verschlang sie die Strophen, mit fiebernder Hand schlug sie die Seiten um, wie ein brausender Strom drang es in sie ein, das, was da vor ihr lag, das herrliche, gewaltige Gedicht. Percival war in den anstoßenden Salon gegangen, und dort, die Beine übereinandergeschlagen, saß er auf dem Sofa, während die Schwester las. Jetzt vernahm er aus dem Zimmer nebenan einen jauchzenden Schrei, und im nämlichen Augenblick erschien Freda auf der Schwelle der Tür. Unwillkürlich ließ er das übergeschlagene Knie sinken – wie anders sah sie aus als gewöhnlich, wie großartig, wie schön! Die schlanke Gestalt war hoch aufgerichtet, beide Arme erhoben, und das sonst so strenge Gesicht bis über die Stirn in flammende Glut getaucht. Einen Augenblick noch stand sie, die Augen in begeisterter Wonne auf ihn gerichtet. »Percival!« rief sie dann, und mit hochgereckten, wie zur Umarmung geöffneten Armen flog sie durch den Salon auf das Sofa zu, dahin, wo er saß. Vor dem Sofa sank sie in die Knie; mit beiden Armen umschlang sie seinen Oberleib, und indem sie seinen Kopf an ihre Brust riß, küßte, küßte und küßte sie ihm das Gesicht. »Junge,« stammelte sie, »wie herrlich! Wie herrlich! Wie herrlich!« Percival hatte sich des leidenschaftlichen Überfalls nicht zu erwehren vermocht; jetzt machte er sich langsam von ihr los; er sah die Schwester nicht an; ein stummes, beinahe verlegenes Lächeln zuckte um seinen Mund. Freda bemerkte es nicht; sie war wie berauscht. Noch einmal fing sie den Widerstrebenden in ihre Arme, und mit der rechten Hand strich sie ihm die Locken aus der Stirn. »Du merkwürdiger Mensch«, sagte sie mit tiefem, aus der Brust quellendem Tone, und ihre Augen senkten sich staunend in die seinigen, als wollte sie sein Geheimnis ergründen, als wollte sie begreifen lernen, wie es möglich war, daß derselbe Mensch, der gestern und vorgestern so kläglich am Boden gekrochen war, jetzt plötzlich das Fliegen gelernt hatte. Dann sprang sie auf die Füße. Sie hatte das Gedicht ja erst einmal gelesen; sie schoß zurück, um es wieder aufzunehmen. Noch einmal lesen! Noch einmal und immer wieder! Mit dem Papier in der Hand kam sie aus ihrem Zimmer zurück. Die Dämmerung war eingebrochen; sie zog die Hängelampe, die inmitten des Salons über dem großen runden Tisch schwebte, herab und zündete sie an. Dann, während Percival in seiner Sofaecke sitzenblieb, nahm sie unter der Lampe Platz, breitete den Bogen vor sich auf den Tisch, strich noch einmal mit leiser, liebender, beinahe ehrfurchtsvoller Hand über die Fläche des Papiers, und nun von der Seite her sah Percival, wie sie von neuem mit trunkenen Augen, mit steigender und sinkender Brust in dem Strom der Verse versank. Es war in der Tat ein merkwürdiges Gedicht, großartig und lieblich zugleich. Zwei Schwestern waren geschildert; auf eisernem Thron sitzend, mit starren, finsteren Zügen die eine, die Weltgeschichte; neben ihr lehnend, ähnlich, doch freundlicher von Gesicht, die andre, die Muse der dramatischen Kunst. Im Schoße der finsteren Schwester lagen die Ereignisse, rauhe, eckige, farblose Blöcke; aus ihrem Schoße hob die sanftere Schwester sie empor, und siehe da, in ihren Händen nahmen die rauhen Blöcke Rundung und Gestalt an, das farblose Eisen wurde zu strahlendem Gold. Und nun, die goldenen Gaben im Schoße, wandelte sie vom Berge zu Tal, zu den Menschen hernieder und teilte ihre Gaben aus, nach rechts und nach links, den Großen und Kleinen, den Reichen und Armen, und das harte Gold wurde zur weichen, saftigen Frucht, und die Menschen genossen davon und stillten daran Hunger und Durst. Und nun endlich, als sie alle ihre Schätze ausgeteilt und nur ein kleines, winziges Goldperlchen noch übrig hatte, schlüpfte sie lächelnd und das königliche Haupt bescheiden neigend über die Schwelle eines Hauses, wo gute Menschen wohnten; zu der lieben, freundlichen Wirtin des Hauses trat sie heran und legte ihr das Perlchen in den Schoß; da ward ein Leuchten, Flimmern und Glühen in dem Hause – und das Haus war Tante Löckchens Haus, die liebe, freundliche Wirtin war Tante Löckchen. Aufatmend aus übervoller Brust, in tiefer, wortloser Glückseligkeit lehnte Freda sich im Stuhle zurück. War solche Wonne denn erhört? War sie wirklich und wahr? Die Stube war nicht die Stube mehr; der Klang der herrlichen Verse tönte in ihr nach; als das Verheißende, all das Erlösende der echten großen Poesie strömte in sie ein, ihre Seele erfüllend mit einem Meere von tiefem, sattem, goldenem Licht. Und der Zaubergewaltige, der alles das vermocht, das war – er? Ihr Bruder? Ihr Percy? Ihr Alles und Eines? Für ihn gebangt hatte sie, an ihm gezweifelt – und plötzlich richtete er sich auf, und mit der stillen Gelassenheit der wahren Größe, die lächelnd ihrer Stunde harrt, schüttete er diese ganze Fülle des Reichtums über sie aus. Ihr war, als umfinge sie ein Traum. Sie faltete die Hände im Schoß und richtete die tränenschwimmenden Augen zu ihm hin. Er saß noch immer, wie er gesessen hatte, in die Sofaecke gelehnt, die Blicke von ihr abgewandt, um den Mund das seltsame, beinahe gekniffene Lächeln. Freute er sich denn so wenig seines Werkes? Trug er ihr etwa noch nach, daß sie ihn so getrieben und gequält hatte? Vom Sitze aus streckte sie beide Hände nach ihm aus. »Percy!« sagte sie mit tiefer, bebender Stimme. Nun sprang er auf, trat an den Tisch, und am Tische stehend, nahm er selbst das Gedicht noch einmal auf und las es schweigend für sich durch. »Ist wahr,« sagte er dann, indem er den Bogen nachdenklich wieder niederlegte, »es ist wirklich famos; geradezu großartig.« Sie haschte nach seiner Hand und hielt sie fest. Dabei schaute sie lächelnd zu ihm auf. Die Art, wie er das Gedicht gelesen hatte, die Art, wie er davon sprach – es war ja wirklich, als spräche er von einem fremden Werk. »Percy,« sagte sie, »was wird das dem Papa für eine Freude bereiten! Wollen wir zu ihm hinaufgehen?« Sie wollte sich erheben, aber mit einer jähen Bewegung drückte er ihre Hand auf die Tischplatte nieder, ihr andeutend, daß sie sitzenbleiben sollte. Die Hände in den Hosentaschen vergrabend, fing er an, im Zimmer auf und ab zu gehen, dann blieb er vor ihr stehen. »Na, aber Freda,« sagte er, »nun tu mir den Gefallen – du hast's doch natürlich längst gemerkt?« »Was soll ich gemerkt haben?« Sie verstand nicht, was er meinte. »Was« – er lachte kurz auf, wie jemand, der seine Verlegenheit nicht zeigen will – »na – daß das Gedicht natürlich gar nicht von mir ist.« Freda wollte etwas erwidern, aber der Mund blieb ihr halb offen, sie brachte keinen Laut hervor. Mit großen Augen starrte sie ihn an; der freudige Glanz war von ihrem Gesicht wie weggewischt. »Hurrjeh, macht sie ein Gesicht!« rief Percival. Er lachte laut und polternd, dann zündete er sich, um zu zeigen, wie wenig wichtig die Sache sei, mit langsamer Geflissenheit eine Zigarre an. »Das ändert aber nichts an der Geschichte,« fuhr er fort, »mein Gedicht ist es darum doch.« »Dein – Gedicht?« brachte sie stockend hervor. »Na ja, mein Gedicht«, erwiderte er, mit einem Tone, als ärgerte er sich über ihre Schwerfälligkeit im Begreifen. »Es gehört mir, und ich werde es bei Tante Löckchen sprechen.« »Aber – wenn es doch ein anderer gemacht hat?« »Aber wenn er mich doch beschworen hat,« erklärte Percival, indem er seine Wanderung durch den Salon wieder aufnahm, »geradezu fußfällig beschworen hat, daß ich das Gedicht sprechen und den Leuten sagen soll, es wäre von mir!« Es klang, als bereute er sein Geständnis, und als wollte er die Sache wieder gutmachen, indem er sich in den Ärger hineinredete. Freda saß ganz stumm; sie war wie benommen von dem, was sie gehört hatte. Ihr Schweigen reizte ihn immer mehr. »Und so übrigens,« fuhr er fort, »daß er das Gedicht ganz allein gemacht hätte und ich gar nichts, so mußt du die Sache nun nicht verstehen. Den Grundgedanken habe ich ihm gegeben, und er – na – er hat ihn eben ausgeführt, also kann man dreist sagen, wir haben's zusammen gemacht.« Er hatte während der letzten Worte das Gesicht von Freda abgewandt; bis über beide Ohren war er rot geworden, denn er wußte, daß er log, herzhaft log. Das einzige, was er dem Verfasser des Gedichts gesagt hatte, war gewesen, daß man für eine Theateraufführung einen Prolog brauchte, und daß der Prolog eine Verherrlichung der dramatischen Dichtung enthalten sollte. Freda stützte die Stirn in die Hand. »Wie soll man das alles denn verstehen? Er will nicht, daß man seinen Namen nennt?« »Wenn ich's dir doch sage,« entgegnete Percival, »er will's nicht! Nein!« »Aber – warum denn nicht?« »Weil er glaubt, daß er dann bei Tante Löckchen Besuch machen muß, und weil er ein Verlegenheitstierchen ist und vor Gesellschaften, namentlich wo junge Damen dabei sind, und wo nachher gar getanzt wird, eine Angst hat wie vorm Feuer! Darum hat er sich's ausbedungen – wenn er das Gedicht machen sollte, müßte ich sagen, es wäre von mir. Na – also kannst du sehen, ich bin auf ehrliche Weise dazu gekommen.« Jetzt ließ Freda die Hand sinken und richtete die Augen auf den Bruder. »Aber wer ist der Mensch denn eigentlich, von dem du sprichst?« »Wer wird's sein,« versetzte Percival, »natürlich doch der Schottenbauer, der komische kleine Referendar hier vom Gericht. Hast du nie von ihm gehört?« Freda schüttelte langsam verneinend das Haupt. »Aber gesehen hast du ihn jedenfalls hundertmal, hast vielleicht bloß nicht Obacht gegeben. Ein ganz komischer kleiner, dicker Kerl mit einem großen runden Kopf. Ja natürlich, du mußt ihn ja gesehen haben! Immer im Sturmschritt rennt er durch die Straßen, den Kopf an der Erde, als ob er den Leuten zwischen den Beinen durchlaufen wollte. Urkomisch, sag' ich dir; urkomisch!« Freda senkte die Augen auf das Gedicht. »Und der – hat das hier geschrieben?« »Na ja – das heißt – in der Art, wie ich's dir erklärt habe.« Sie verharrte eine Zeitlang in stummen Gedanken und ließ die Blätter des Papiers noch einmal durch die Hand gleiten; in der Bewegung, mit der sie es tat, war eine gewisse Gleichgültigkeit, nicht mehr die ehrfurchtsvolle Liebe von vorhin. »Ein Referendar – am Gericht« – dann schob sie den Bogen von sich und richtete sich auf. »Wer ist denn dieser Mensch? Dieser Schottenbauer?« Ja – wer war es? Sechstes Kapitel Wenn man sich in der Stadt nach ihm erkundigt hätte, würde man vermutlich gar keine, bei seinen Kollegen eine spöttische Auskunft erhalten haben. »Schottenbauer? Referendar? Ach so – ja – das ist eine Sage.« »Eine Sage? Was sollte das heißen?« »Na ja, eine Sage, daß ein Mensch dieses Namens am Gericht arbeitet.« »Ein Jahr und etwas darüber war er am Orte, von irgendeinem andern Gericht, an dem er bisher tätig gewesen war, hierhergekommen. Wie er aber aussah, wußte man kaum. Er besuchte ja keine Gesellschaften, verkehrte nicht einmal mit seinen Kollegen, überhaupt mit niemandem.« »Mit niemandem?« »Mit keinem Menschen wenigstens.« »Mit wem denn also, wenn nicht mit Menschen?« »Mit seiner Muse!« Ein allgemeines Gelächter hatte sich an dem Biertisch erhoben, an dem die Regierungs- und Gerichtsreferendarien abends zusammenzukommen pflegten. Dort hatte Percival Nöhring zum erstenmal von ihm sprechen hören. »Mit seiner – Muse? Soll das heißen, daß er dichtet?« »Na eben – und wie! Als wenn er's bezahlt kriegte.« »Kriegt's aber gar nicht bezahlt«, setzte einer aus der Tafelrunde, ein Sachkundiger, hinzu. »Wieso denn?« fragte Percival Nöhring, »wissen Sie was Genaueres?« Natürlich wußte er etwas Genaueres. Es war ein wohlfrisiertes, elegantes Herrchen, das seinen Spitznamen »der Gardereferendar« nicht mit Unrecht trug. Als solcher war er Gönner des Theaters – denn ein Theater war am Orte – und erlangte, was ihn sehr stolz machte, hie und da Zutritt hinter den Kulissen. Er kannte auch den Theaterdirektor, und das machte ihn wieder sehr stolz, obschon er es hinter blasierter Gleichgültigkeit verbarg. Ja, und bei einer solchen Gelegenheit hatte ihn neulich der alte Eduard – er nannte den Direktor stets beim Vornamen, um sein vertrautes Verhältnis zu ihm anzudeuten – mit so einem gewissen Schmunzeln gefragt, ob er seinen Kollegen, Herrn Schottenbauer, kennte? Sein Kollege im strengeren Sinne wäre er nun ja nicht, hatte er erwidert, denn er wäre bei der Regierung und jener beim Gericht – aber was denn mit ihm los wäre? »Hat mir ein Stück eingereicht«, hatte der alte Eduard gesagt und dabei den Mund von einem Ohr bis zum andern gezogen. »Hört, hört!« erschallte es rund um den Biertisch. Der Gardereferendar ließ den Lärm austoben. Er wußte, daß er noch mehr Bonbons in der Tasche hatte. »Ein Trauerspiel.« »Ein Trauerspiel!« Die Heiterkeit wuchs. Jetzt klemmte der Berichterstatter das Monokel ins Auge und sah sich um. »In fünffüßigen Jamben.« Ein wieherndes Gelächter brach aus. »In fünfbeinigen Jamben! Das ist ja ausgezeichnet! Wann wird's denn gespielt?« »Am dreißigsten Februar.« »Was? Wann? Am dreißigsten Februar?« »So hat mir der alte Eduard gesagt.« Man wollte sich totlachen über den Witz des alten Eduard. »Aber konnten Sie denn nichts dazu tun, daß er's annahm? Das hätte ja einen Hauptulk gegeben!« Der Gardereferendar zuckte die Achseln. Der alte Eduard wäre nicht zu bewegen gewesen, leider. »Wäre ja ein sehr schönes Stück«, hätte er gesagt. »Natürlich! schauderhaft schön!« antwortete der Chor. »Nein« – der Gardereferendar war ein genauer Berichterstatter –, »es wäre wirklich was drin, hatte der alte Eduard gesagt, so etwas ganz Merkwürdiges eigentlich –« »Na, aber warum führt er's denn nicht auf?« »Ja – es wäre nicht für sein Publikum, hatte er gemeint.« »Aha!« Und das Gewieher brach wieder aus. »Stücke sind nu mal leider fürs Publikum!« Auf die Art hatte Percival Nöhring den Referendar Schottenbauer kennengelernt. Er hatte den Abend mit den andern mitgelacht, dann aber war er gedankenvoll nach Haus gegangen. Im Grunde bestand ja eine Art von innerer Verwandtschaft zwischen ihnen beiden, denn im geheimen verbrach er doch auch Gedichte. Nur mit dem Unterschiede, daß er der Vernünftigere von beiden war, denn so »verrückt ernsthaft« nahm er die Sache denn doch nicht, daß er Trauerspiele schrieb und sie dem Theater einreichte. Trotzdem konnte er sich nicht verhehlen, daß ihm der verrückte Kerl eigentlich imponierte. »Sitzt da in seiner einsamen Stube und schreibt Trauerspiele in fünffüßigen Jamben!« Dabei kam es ihm immer wieder ins Gedächtnis, was der Theaterdirektor gesagt hatte, »daß in dem Stück wirklich etwas wäre – etwas ganz Merkwürdiges eigentlich.« Die andern hatten darüber natürlich hinweggelacht – er hatte es behalten, vielleicht weil er unbewußt mit dem Ohr des Rivalen zugehört hatte – und das Ohr des Rivalen hört scharf. Nun, als er über seinem Prolog druckste und ihn nicht fertigbekam, fiel ihm der »Dichter« Schottenbauer ein. Wie wär's, wenn er sich einmal an den wendete? Er hatte ihn inzwischen von Ansehen kennengelernt; auf der Straße war er ihm gezeigt worden. Ein kleiner, vierschrötiger Mann mit einem großen runden Kopfe; so ziemlich das Gegenteil von dem, wie die Menschen sich einen Dichter vorzustellen pflegen. Ein Gesicht, an dem man vorüberging, unschön, aber unsäglich gutmütig. Ein Mensch, der nicht »nein« sagen, der keine Bitte abschlagen konnte. Würde er es ihm abschlagen, wenn er ihn um den Prolog bat? Welch ein Gedanke! Der unscheinbare, verlegene Mann, der sich auf der Promenade schüchtern vorbeischob, wenn Percival Nöhring, hochaufgerichtet in Schönheit und Eleganz, Arm in Arm mit den andern Löwen der Gesellschaft, des Wegs daherkam, er sollte »nein« sagen, wenn der strahlende Percival Nöhring zu ihm kam und ihn um das Gedicht bat? Es gibt Menschen, die am stärksten sind, wenn sie bitten. Zu ihnen gehörte Percival Nöhring. Außerdem schlug er damit zwei Fliegen mit einer Klappe. Wenn er ihm den Prolog machte – na gut, so hatte er das Gedicht und konnte sein Versprechen halten. Machte er es nicht – na, so konnte er es eben nicht, so konnte er eben auch nicht mehr als er, Percival, selbst; dann wußte er, woran er mit dem »Dichter« Schottenbauer war, mit dem »Rivalen«. Auf dem Gericht hatte er erfahren, wo er wohnte: am Wasser, in ziemlich entlegener Gegend – natürlich. »Sie müssen über den Hof gehen, er wohnt nach hinten hinaus«, hatte man ihn belehrt. Über den Hof – nach hinten 'raus – natürlich – immer besser. An dem Nachmittag, als Freda ihn mit flatterndem Mantel in den Anlagen hatte verschwinden sehen, war er geradeswegs dahin gegangen, wo Schottenbauer im Fluß nach hinten 'raus wohnen sollte. Durch den Flur des niedrigen Vorderhauses war er über einen engen Hof in das Hinterhaus gelangt. Eine dicke, asthmatische Frau stand am Fuß der Treppe, die hinaufführte. »Wohnt hier Herr Referendar Schottenbauer?« Sie zeigte mit dem Finger. »Eine Treppe hoch.« Es war beinahe dunkel geworden; die Hand am Geländer, tastete er sich die steile Treppe hinauf. An einer Tür, die sich auf den Flur im ersten Stock öffnete, war etwas wie eine Visitenkarte angebracht. Den Namen zu entziffern, war nicht mehr möglich, der Flur war ohne Licht. Percival klopfte an. »Herein!« – und er trat ein. Ein sonderbares Gefühl überkam ihn, indem er die Tür öffnete: auf der Treppe und im Flur unwirtliches, armseliges Dunkel – hier drinnen warmes, wohltuendes Licht; beinahe Gemütlichkeit und Behaglichkeit. Es war ein kleiner, quadratischer Raum, den auf der gegenüberliegenden Seite eine große Glastür abschloß, anscheinend auf einen Balkon hinausführend. Ein Bücherregal befand sich an der Wand rechts; zur Linken öffnete sich eine Tür in ein zweites anstoßendes Gemach. Inmitten des viereckigen Raumes stand ein viereckiger Tisch, mit Büchern bedeckt. Auf dem Tisch stand eine hell brennende Lampe, vor dem Tisch, auf einen großen Foliobogen gebeugt, saß rauchend und schreibend ein Mann – und dieser Mann wandte jetzt dem Eintretenden das überraschte Gesicht zu. »Herr Kollege Schottenbauer?« fragte Percival Nöhring mit hellklingender, liebenswürdiger Stimme. Der schreibende Mann erhob sich mit einer hastigen Verbeugung, indem er rasch ein Löschblatt auf das beschriebene Papier warf, dann suchte er mit den Augen nach dem Gesichte des fremden Gastes, der noch im Halbdunkel an der Tür stand. »Entschuldigen Sie zunächst, daß ich Sie überfalle,« fuhr Percival fort, indem er hervortrat, »mein Name ist Nöhring.« »Ah – so –« Ein unmerkliches Lächeln huschte über Schottenbauers Züge. Er wußte ja sehr wohl, was der Name in der Stadt bedeutete. Percival sah sich um – war ihm doch, als hätte er noch nie im Leben solch ein Zimmer gesehen. Und doch wußte er kaum, warum. In die Gegend, wo das Haus sich befand, kam er selten, fast nie; und hier in der entlegenen Gasse, über den Hof hinweg, eine dunkle Hintertreppe hinauf, dieses stille, warme, lichterfüllte Gemach. Die Bücher dort im Regal – an der Wand, dem Schreibenden gegenüber, ein einziges Bild, eine Photographie nach einem Böcklin oder etwas ähnlichem – auf dem Tische die großen gelblichen Foliobogen, hell leuchtend im Lichte der Lampe, das sich darüber ergoß – alles so warm, so licht, so traulich in sich zurückgezogen. »Geht das da auf einen Balkon?« fragte Percival, indem er auf die Glastür deutete. »Ja, ja,« entgegnete Schottenbauer, »ich hab' die Wohnung gleich am ersten Tage, als ich hier angekommen war, durch einen glücklichen Zufall entdeckt; es ist ein herrlicher Blick.« Er riß die Glastür auf; man trat auf einen schmalen Balkon hinaus, von dem man, über das Bollwerk hinaus, in den Strom hinuntersah, der breit und mächtig an dem Hause vorüberzog. »Nicht wahr?« fuhr er fort, »wie die Schollen so an einem vorbeitreiben! Und dann, bei Tage, wissen Sie, wenn die Krähen geflogen kommen und sich auf die Schollen setzen und mit ihnen den Strom hinuntertreiben! Und dann erst im Frühling und Sommer, wenn die großen Kähne mit vollen Segeln heraufkommen – stundenlang kann man stehen, sag' ich Ihnen, und nichts tun, als zusehen.« Percival hörte ihm schweigend zu, indem er sich neben ihm über das Geländer des Balkons beugte. »Bei dem würde Freda Verständnis für ihre Bewunderung des Treibeises gefunden haben«, dachte er im stillen für sich. Indem er über den Strom hinwegschaute, bemerkte er, daß er sich hier gerade Tante Löckchens Haus gegenüber befand, und nun kam es ihm in Erinnerung, wie oft er, von Tante Löckchen kommend, das stille Licht am jenseitigen Ufer bemerkt hatte. Von hier also kam das her. Während er drüben in der Gesellschaft glänzte, deklamierte, den Mädchen den Kopf verdrehte und sich als »Dichter von Gottes Gnaden« feiern ließ, saß der hier einsam und still und schrieb Dramen in fünffüßigen Jamben. Sie waren vom Balkon wieder in das Zimmer getreten, denn der Wind blies kalt herein. Schottenbauer wußte noch immer nicht, was der Besuch eigentlich bedeutete. »Darf ich Ihnen eine Zigarre anbieten?« Er ging in das anstoßende Zimmer und kehrte mit einer Zigarrenkiste zurück. Percival hatte seine hastigen Bewegungen verfolgt, unwillkürlich brach er in Lachen aus. »Entschuldigen Sie,« sagte er, als der andere ihn fragend ansah, »was – hängt denn da an Ihnen?« Indem Schottenbauer ins Nebenzimmer ging, hatte er bemerkt, wie etwas, das beinahe wie eine Schleppe von Fetzen aussah, hinter ihm herschleifte. Der Angeredete sah lächelnd an sich herab. »Ah – Sie meinen meinen Schlafrock?« »Ein – Schlafrock ist das?« – Schottenbauer lachte gutmütig auf. »Schlafrock, Tintenwischer, unter Umständen auch Wischtuch – alles in einer Person. Schön ist er nicht mehr, das ist wahr, aber ich habe ihn so lange und bin so dran gewöhnt und kann mich so schwer von alten Sachen trennen. So ein alter Rock, in dem man jahrelang an seinem Tisch gesessen und geschrieben hat – ist ja schließlich wie ein alter Freund.« Percival Nöhring hatte sich die Zigarre angezündet und einen Stuhl genommen; Schottenbauer saß, wo er vorhin gesessen hatte. »Seit Jahren schreiben Sie?« fing Percival langsam an. Ein kurzes, verlegenes Lachen war die Antwort. »Und – immer das da?« Percival deutete mit dem Kopfe auf die Foliobogen. »Das da? Was?« Ein Zucken ging über Schottenbauers Gesicht. Er errötete. »Immer – Trauerspiele?« »Und daneben noch manches andere.« Die Antwort kam hastig hervorgestoßen, rauh. Er rückte mit dem Stuhle näher an den Tisch, legte die Hand auf das Papier, und die Finger der Hand spielten nervös darauf herum. Dann warf er den Kopf zu Percival herum, und in dem Augenblick erlosch das Lächeln, das Percivals Mund umzuckt hatte. Ein funkelnder Blick hatte ihn getroffen; die Nasenlöcher – beinahe hätte man sie Nüstern nennen können – blähten sich auf. Was drängst du dich an mich? Was suchst du? Was willst du? fragte der Blick. Eine jähe, leidenschaftliche Heftigkeit loderte in dem Manne auf. Jetzt kam das Erröten an Percival. Er merkte, daß er recht täppisch vorgegangen war, und kam sich einigermaßen einfältig vor. Mit dem »komischen Kerl« da mußte man doch wohl etwas vorsichtiger umgehen! »Bitte, bitte,« wandte er hastig ein, »ich – ich erwähnte das nur, weil es mich – dem Anliegen näherbringt, das mich zu Ihnen führt.« Schottenbauer war schon wieder beruhigt. »Ein Anliegen?« sagte er lächelnd, und das Lächeln schien zu sagen: »Habe ich mir gedacht.« »Ja – indem ich vorhin von Ihrem Balkon sah, habe ich bemerkt, daß Sie gerade gegenüber von Frau Majorin Bennecke wohnen –« »Tante Löckchen«, unterbrach der andere leise. »Ah – Sie kennen sie?« »Bin ihr nie vorgestellt worden.« »Aber – weil Sie den Namen nannten?« Schottenbauer neigte lächelnd das Haupt und sah Percival mit einem Blick an, den dieser nicht recht verstand. Es war etwas darin – beinahe Mitleidiges – eigentlich beinahe ein wenig Beleidigendes. Es war auch so. Denn indem er ihn anschaute, sagte er für sich: »Du Esel. Du Esel – denkst du denn, weil ich in meinen Gedanken über die Straße gehe, ich höre und sehe und weiß nicht, was um mich her geschieht? Denkst du, ich kenne dich nicht und deine Kollegen und euch alle und weiß nicht, wie ihr von mir sprecht und über mich lacht, wenn ihr unter euch seid?« Er hatte den Blick wieder abgewandt und stützte den Kopf in die Hand. »Also – das Anliegen?« Nun rückte Percival mit seinem Antrage heraus. »Ich will Ihnen natürlich nicht vorgreifen,« schloß er, »aber – ich hatte mir so gedacht – wenn der Prolog vielleicht eine Verherrlichung der dramatischen Kunst enthielte –« Schottenbauer erwiderte zunächst nichts, sondern nickte stumm in Gedanken vor sich hin. Seltsame Gedanken waren es. Eben hatte sich der Mensch dort darüber lustig gemacht, daß er Dramen schrieb – und jetzt bat er ihn um ein Gedicht zur Verherrlichung der dramatischen Kunst. Wie die verkörperte Wohlhabenheit saß jener da in seiner eleganten Kleidung – wie ein Bettler er in seinem zerrissenen Schlafrock – aber weil er etwas von ihm haben wollte, weil er ihn brauchte, besann er sich keinen Augenblick, ihn, den armen Teufel, nach dem er sonst im Leben nicht gefragt haben würde, in seiner ärmlichen Behausung aufzusuchen und anzubetteln! Unwillkürlich schüttelte er das Haupt. Jetzt aber zog Percival alle Register seiner Liebenswürdigkeit. »Sie täten uns allen einen so großen, wirklich großen Gefallen, und Frau Majorin Bennecke ganz besonders! Wenn Sie wüßten, was Frau Majorin Bennecke für eine Kunstfreundin ist! Und wie es sie kränken würde, wenn sie den Prolog nicht bekäme!« Schottenbauer lächelte vor sich hin. Wie oft war er der alten, freundlichen Dame unterwegs begegnet; wie gern sah er sie an, sooft es geschah. Und dazu machte jetzt Percival Nöhring seine liebenswürdigen Augen, und wenn er die machte, bekam sein Gesicht wirklich einen so lieben, so herzigen Ausdruck. Schottenbauer stand auf, trat an die Balkontür und drückte die Stirn gegen die Glasscheiben. All die Gedanken, die soeben durch seinen Kopf gezogen waren, stürmten wieder auf ihn ein. Es war ihm ja bekannt, was für ein Leben in der Stadt herrschte, wie man zu Mahlzeiten, zu Bällen, zu allen möglichen und unmöglichen Gelegenheiten sich vereinigte, um vergnügt zu sein, um zusammen zu sein, um als Mensch unter Menschen zu sein – und abseits von all dem fröhlichen Treiben saß er in seiner Stube am Wasser wie ein Tier, das sich in seine Höhle zurückzieht, einsam und verlassen, und nur wenn sie etwas von ihm haben wollte, sah diese lustige, glänzende Gesellschaft sich nach ihm um. Er besaß also doch etwas, was diese Kinder des Glücks nicht besaßen? Er, der Unscheinbare, der arme Teufel, konnte diesen Glänzenden, diesen Reichen etwas schenken? Ein stolzes Gefühl schwellte ihm die Brust, und während er, die Stirn an die Scheiben gedrückt, die Augen auf den nächtlichen Strom gerichtet, noch so stand, erschien ihm das Bild der furchtbaren, süßen Göttin, der er in Verzweiflung diente, die ihn zu solchen Qualen verdammte, der dramatischen Muse. Er sah sie, an den eisernen Thron ihrer Schwester, der Weltgeschichte, gelehnt, sah, wie sie die goldenen Schätze im Schoß barg und damit zu den Menschen hinunterstieg, das Gedicht, das er zu ihrer Verherrlichung dichten sollte, brach jählings, wie eine Naturgewalt, aus den Tiefen seiner Seele hervor – und er fühlte, daß er ein Dichter war. Tief aufseufzend, ohne seine Stellung zu verändern – denn die Phantasie hatte ihn gepackt und hielt ihn wie gebannt an seinem Platze –, wandte er das Gesicht zu Percival, und Percival sah staunend in zwei völlig verwandelte, große, leuchtende Augen. »Vielleicht –« sagte Schottenbauer leise, »werde ich es machen – fragen Sie morgen wieder an.« Percival saß stumm und konnte die Augen nicht vom Gesicht dieses Menschen wenden. Es war ihm ganz merkwürdig zumut; als er zu ihm kam, war ihm die ganze Sache eigentlich mehr wie ein Spaß erschienen, wie eine Gelegenheit, einen sonderbaren Kauz kennenzulernen, den man nachher, wenn man ihn nicht mehr braucht, wieder laufen läßt – jetzt hatte er plötzlich ein Gefühl, als stünde er vor einer ganz ernsthaften Angelegenheit, als würde er diese Stunde nie wieder vergessen, diesen Menschen dort nie wieder aus den Augen verlieren können. »Also – morgen?« fragte er endlich. »Ja, ja, morgen mittag.« »Morgen mittag?« Im Tone seiner Frage spiegelte sich sein Erstaunen. Er dachte daran, wie er zwei Tage lang über seinem unglücklichen ersten Entwurfe gebrütet hatte. Schottenbauer schien es nicht zu bemerken. »Werden Sie ihn sprechen?« erkundigte er sich. »Ja – wenn Sie nicht vielleicht selbst –« meinte Percival zögernd. Der andere warf den Kopf auf. »Aber Sie wissen ja, daß ich bei Frau Majorin Bennecke ganz unbekannt bin.« »Nun – ich dachte – wenn Sie vielleicht Besuch machten.« Jetzt verließ Schottenbauer seinen Platz an der Glastür, an der er noch immer stand. »Nein, nein, nein!« erklärte er. »Aber – es ist eine so freundliche, kunstsinnige Frau!« »Mag sein,« erwiderte Schottenbauer, »mag alles sein,« – mit langen Schritten, so daß die Schlafrockfetzen hinter ihm drein flogen, durchmaß er das Zimmer und, weil das Zimmer zu eng war, auch das Zimmer nebenan – »aber ich weiß – da kommt die ganze Gesellschaft zusammen – die ganze elegante,« – eine wilde Unruhe hatte ihn erfaßt; er fuchtelte mit den Händen; die Worte kamen abgerissen zwischen den murrenden Lippen hervor – »lauter feine Herren und Damen – Lackstiefel – wird nachher getanzt – spielt man eine lächerliche Rolle.« – Er warf sich auf seinen Stuhl und wandte den Kopf von Percival ab, der Glastür zu. »Hinter meinem Rücken mögen sie über mich lachen – ist mir egal – aber mir ins Gesicht – paßt mir nicht!« »Aber ich bitte Sie«, versuchte Percival dreinzureden, »wer lacht denn?« Schottenbauer warf den Kopf zu ihm herum und sah ihm gerade in die Augen; eine düstere Röte überflammte sein Gesicht. »Sie und die andern und Sie allesamt!« Percival murmelte etwas Unverständliches; konnte er darauf »Nein« sagen? Schottenbauer achtete nicht darauf; seine Finger tanzten wieder auf dem Papier umher, das vor ihm lag. »Mögen ja recht haben – haben vielleicht ganz recht – bin vielleicht ein Verrückter – vielleicht auch nicht – wird sich ja zeigen, wird sich alles zeigen – aber das Gedicht sprechen – tu ich nicht – vor denen da – in Lackstiefeln.« Er schlug mit der Faust auf das Papier. »Und ich will überhaupt nicht, daß man erfährt, daß ich's gemacht habe!« »Aber das ist doch gar nicht anders möglich«, wandte Percival ein. »Aber ich will nicht«, erklärte der andere mit rauher Entschlossenheit. »Für Sie allesamt ist ja das Theater und das Gedicht und das alles nur Nebensache, und auf das Tanzen nachher kommt es an – und für so etwas mache ich keine Gedichte! Für mich ist so was etwas ganz anderes, ganz anderes! Und diese Menschen brauchen nicht zu denken, daß ich ein Gelegenheitsdichter bin, daß ich für so etwas Gedichte mache! Kommt mir gar nicht darauf an! Mache das Gedicht überhaupt nur für mich selbst, gar nicht für diese Leute, dieses – Publikum!« Er verstummte, ein höhnisches Lächeln verzog seinen Mund. Er dachte daran, wie er vor einiger Zeit dem Theaterdirektor des Orts ein Stück eingereicht und dieser es abgelehnt hatte, »weil es nichts für sein Publikum« sei. Percival war ganz kleinlaut geworden. »Aber – wenn ich das Gedicht spreche und nicht sagen darf, daß es von Ihnen ist – dann – das müssen Sie doch selbst einsehen – komme ich ja in eine ganz schiefe Lage.« Er wartete auf eine Antwort, aber es kam keine. »Dann glauben die Leute schließlich – es wäre von mir selbst,« fuhr er fort, »und ich schmücke mich, ohne es zu wollen, mit fremden Federn.« Schottenbauer sah ihn überrascht, beinahe verblüfft an. »Machen Sie denn auch Gedichte?« Der Ton der Frage klang nicht sehr schmeichelhaft. Percivals Erscheinung hatte ihm offenbar gar nicht den Gedanken aufkommen lassen, daß so einer Gedichte machen könnte. Percival errötete. »Na, mein Gott,« sagte er verlegen, »ich reime Braten auf Salaten – Sie verstehen?« Schottenbauer ließ den Blick auf ihm ruhen. Indem er ihn so ansah, wie er mit niedergeschlagenen Augen dasaß, bemerkte er zum erstenmal, was für ein hübscher Mensch es eigentlich war, was für einen angenehmen Ausdruck das Gesicht besaß. Die Art, wie er von seinen Dichtungen sprach, war so bescheiden – zum erstenmal regte sich etwas Wärmeres in ihm für den da drüben. »Aber das trifft sich ja sehr gut,« sagte er freundlich, »dann lassen Sie doch die Menschen glauben, es wäre von Ihnen. Was schadet's denn? Von mir, das versichere ich Ihnen, erfährt niemand, daß Sie es nicht gemacht haben.« Percival knurrte und murrte etwas Unverständliches. Der Gedanke wollte ihm durchaus noch nicht eingehn. »Na, sehen Sie mal,« fuhr der andere fort, »die Sache liegt jetzt einfach so: machen tu ich nun das Gedicht, ob Sie es nachher nehmen wollen oder nicht, einerlei; die Idee ist in mir warm geworden, und nun muß sie heraus, da hilft nichts dagegen. Bleibt Ihnen also ganz freigestellt, ob Sie morgen kommen wollen oder nicht, und wenn Sie kommen, zwingt Sie niemand, das Ding zu nehmen. Sie wissen ja noch gar nicht, ob's was Vernünftiges wird, ob's Ihnen gefallen wird. Nehmen Sie's also nicht, gut, so bleibt's hier liegen, hier liegt schon so manches« – er schlug mit einem leisen Lachen auf die Papiere, die den Tisch bedeckten. »Wollen Sie's aber haben, dann müssen Sie's so nehmen, wie ich es Ihnen gesagt habe. Dürfen nicht sagen, daß es von mir ist, denn ich will nun mal nicht, daß man mich hier noch obendrein als ›Braten-Barden‹ proklamiert! Ich schenk's Ihnen, samt allem Ruhm und aller Ehre. Und wenn's Ihnen zu schwer ankommt, na – so denken Sie, ich schenk's der Frau Majorin Bennecke, der Tante Löckchen, der tät ich sowieso gern einmal etwas zu Gefallen.« Er hatte sich erhoben und stand vor Percival, dem er mit gutmütig lachenden Augen ins Gesicht sah. Dieser war gleichfalls aufgestanden und blickte stummverwundert auf den sonderbaren Menschen herunter, den er beinahe um Kopfeslänge überragte. Alle möglichen widersprechenden Empfindungen kreuzten sich in ihm. Wie er da vor ihm stand, der kleine vierschrötige Kerl, auf seinen kurzen, fest in den Boden gepflanzten Beinen! Wie ein knorriger Baumstamm, der zum Winde sagt: »Puste du nur – wollen sehen, ob du mich umpusten kannst.« Eigentlich zum Lachen – und doch, wenn man sein Gesicht sah, mit dem energischen Blick, wieder nicht zum Lachen. Und wenn einen die Augen so gutmütig schalkhaft ansahen wie jetzt, mußte man sie beinahe liebgewinnen, und den ganzen putzigen Kerl dazu. »Ich schenk's Ihnen, samt allem Ruhm und aller Ehre« – wie das herausgekommen war, so voller Selbstvertrauen, und doch ohne Prahlerei, mit kurzem Auflachen, wie eine Welle, die aus dem Kraftgefühl aufspringt, sich selbst verspottend, wie nur der Starke sich selbst verspotten kann, wie die Handbewegung des freigebigen Reichtums: »da hast du's – ich habe mein Bewußtsein, und das ist mir genug.« Wäre in Percival auch nichts rege gewesen als die Neugier, festzustellen, ob das alles wirklich in ihm vorhanden war, ob er wirklich einlösen würde, was er versprach – jetzt mußte er zugreifen. Er langte nach dem Hute und streckte die Hand aus. »Morgen mittag also.« Schottenbauers Hand kam ihm langsam entgegen, dann aber griff sie fest zu. »Morgen mittag.« Sie hielten sich einen Augenblick fest. Percival fühlte eine warme, trockene, feingliedrige Hand, die in merkwürdigem Kontrast zu dem vierschrötigen, beinahe plumpen Körper stand, zu dem sie gehörte. In den Fingern der Hand war ein Zucken, Tasten und Befühlen, als wollte sie die Hand des andern und damit diesen andern selbst kennenlernen. Beider Augen ruhten ineinander, als sagte ihnen ein Gefühl, daß sie sich von nun an noch manchmal im Leben begegnen würden, noch manchmal. Dann nahm Schottenbauer die Lampe vom Tisch auf. »Ich leuchte Ihnen die Treppe hinunter«, sagte er. »Sie brechen sonst Hals und Beine.« Als Percival hinuntergestiegen war und den Hof erreicht hatte, hörte er, wie droben die Tür des Zimmers wieder zugeschlagen wurde – jetzt saß er also wieder an seinem Tisch, vor den gelben Foliobogen. Während er kopfschüttelnd aus dem Hause trat und den Heimweg einschlug, geschah da oben, da hinter ihm vielleicht ein Wunder, und der leere nichtssagende Bogen Papier verwandelte sich in atmendes Leben, in Zauber, Wonne und Duft, in das, was man ein Gedicht nennt. »Merkwürdig!« – Wenn es nur erst morgen mittag gewesen wäre! Eine unbezwingliche Neugier hatte ihn erfaßt, ein Verlangen, eine Unruhe – er wußte selbst nicht, was es war. Sobald er am nächsten Tag mit seiner Arbeit auf der Regierung fertig war, machte Percival Nöhring sich auf den Weg nach der Gasse am Fluß. An der Haustür traf er mit Schottenbauer zusammen, der eben vom Gericht kam. »Sie sehen, ich bin pünktlich«, sagte Percival liebenswürdig. Der andere nickte. »Bitte, kommen Sie nur 'rauf. – Aber nun müssen Sie sich noch einen Augenblick gedulden,« fuhr er fort, nachdem sie eingetreten waren, »ich muß es bloß noch aufschreiben.« »Sie wollen es ins reine schreiben?« meinte Percival, »o bitte – machen Sie sich keine Mühe, geben Sie mir das Brouillon.« Schottenbauer schob ihm einen Stuhl hin. »Nein, es ist noch nicht auf dem Papier; aber es soll nicht lange dauern; bedienen Sie sich inzwischen mit einer Zigarre.« Während Percival sich aus der Kiste, die er vor ihn hinstellte, eine Zigarre nahm und sie anzündete, setzte er sich vor den Tisch, und dann begann er, das Gedicht Strophe nach Strophe auf den Bogen zu setzen. Es war wie eine rein mechanische Tätigkeit, als schriebe er von einer unsichtbaren Vorlage ab; nur von Zeit zu Zeit richtete er, wie nachdenkend, den Kopf für einen Augenblick auf, dann ging es weiter. Percival sah ihm mit offenem Munde zu. – Wie machte der Teufelskerl das? Er dachte daran, wie er an seinem Prolog gebastelt und geleimt hatte. Sobald unter Hängen und Würgen eine Strophe fertig geworden war, hatte er sich auf das Papier gestürzt, um sie festzunageln, denn im nächsten Augenblick, das fühlte er, würde er sie wieder vergessen haben, und der da schrieb sein langes Gedicht herunter, von der ersten bis zur letzten Zeile, aus dem Kopfe, ohne zu feilen und zu ändern, gleichmütig wie ein Kopist. – »Gleich sind wir so weit«, sagte Schottenbauer jetzt, indem er den Bogen zwischen zwei Löschblätter legte. Er hatte drei Folioseiten vollgeschrieben und ging auf die vierte über. Noch ein paar Minuten – dann drückte er abermals das Löschblatt auf und erhob sich von seinem Sitze. »Da haben Sie das Ding, wenn Sie's haben wollen«, sagte er, indem er Percival den vollgeschriebenen Bogen hinschob. Wie ein Stoßvogel fiel dieser darüber her. Aber die Handschrift machte ihm zu schaffen; sie war eckig, krakelig und nervös. »Sie können's nicht recht lesen,« meinte Schottenbauer, indem er das Papier wieder an sich nahm, »ja – ich hab' ein bißchen rasch geschrieben.« »Ich werd's Ihnen vorlesen – aber ganz ohne rethorischen Schwung«, setzte er mit einem kurzen Lächeln hinzu. Dann nahm er den Bogen vor, und mit eintöniger, beinahe verlegener Stimme begann er, das Gedicht herunterzulesen. »Herunterzulesen«, es gab keinen andern Ausdruck dafür, wie wenn es ihm vollständig gleichgültig gewesen wäre, was für einen Eindruck es auf den Hörenden machen würde. Lautlos hörte Percival zu, ganz in starrem Staunen gefangen. Solch ein Gedicht! Und so vorgetragen! Wenn er das vorzulesen gehabt hätte – Donnerwetter! Die Verse des Gedichtes rollten an ihm vorüber wie ein träger, schwerer Strom; aus den Wellen aber blitzte und blinkte es hervor in sprühenden Funken, in flimmernden Lichtern; Wort, Gedanke und Bild in unerschöpflicher Fülle, in drängender Gewalt, ein Reichtum, der sich gar nicht zu fassen und zu lassen vermochte. Mit weit aufgerissenen Augen saß Percival immer noch laut- und regungslos da, als der Vorlesende jetzt geendigt hatte. Er konnte sich noch gar nicht fassen; das war ja ein Erlebnis, etwas ganz Fabelhaftes. Schottenbauer warf das Papier auf den Tisch. »Na – wollen Sie's haben?« Mit einem Griffe hatte Percival es an sich gerissen. »Und das wollen Sie mir wirklich geben?« »Ja, ja – ich hab's Ihnen ja gesagt.« Percival wußte nicht, was er sagen sollte. »Und in dieser Geschwindigkeit – solch ein Gedicht –« Er blickte in das Manuskript. »Ich werde es mir abschreiben und Ihnen das Original dann zurückbringen.« Schottenbauer sah ihn an. »Wozu denn?« »Aber – so etwas – können Sie doch nicht so fortgeben. Das müssen Sie doch bei sich behalten?« Statt aller Antwort sprang Schottenbauer auf, kniffte den Bogen zusammen und drückte ihn Percival in die Hand. »Da haben Sie's,« rief er, »und nun nehmen Sie's, sprechen Sie's, behalten Sie's, machen Sie damit, was Sie wollen! Ich schenk's Ihnen, ich hab's Ihnen gesagt, ich will nichts mehr damit zu tun haben!« In leidenschaftlicher Erregung ging er hin und her. Kopfschüttelnd sah Percival ihm zu. »Aber warum wollen Sie denn Ihr eigenes Fleisch und Blut so verstoßen?« »Ich hab's gemacht, und nun bin ich's los, und nun geht's mich nichts mehr an!« Er trat an die Kommode, die unter dem Bücherregal stand, riß ein Schubfach auf und griff mit beiden Händen hinein. Ein dickes, schweres Pack Manuskripte, lauter lose Foliobogen wie der, auf den er soeben das Gedicht geschrieben hatte, kam zum Vorschein. Er hielt sie Percival vor das Gesicht. »Da,« sagte er knirschend, »sehen Sie da! Ist das noch nicht genug? Soll das da auch noch dazu? Damit es zum Mäusefraß wird? Nein – fort damit! Ist genug! Wenn Sie mir einen Gefallen tun wollen, nehmen Sie's und reden Sie nicht mehr davon!« Mit einem Wurf schleuderte er die ganze Papiermasse in das Schubfach zurück, so daß eine Staubwolke sich erhob, dann warf er die Kommode wieder zu. »Meine Wirtin,« fuhr er fort, »die weiß, wozu meine Sachen gut sind – da – bitte, kommen Sie einmal her!« Er war an die Balkontür gegangen; Percival stand auf und trat hinzu. Schottenbauer zeigte auf die Türfugen; mit säuberlich geschnittenen Streifen eines Manuskripts waren dieselben verklebt. »Ach – so etwas –« sagte Percival. Er dachte daran, mit welcher Sorgfalt Freda seine Manuskripte bewahrte. Jedes Schnipselchen. Sogar die Fetzen des verunglückten Prologs hatte sie aufgehoben, des Prologs, an den zu denken, ihm jetzt geradezu die Röte ins Gesicht trieb. Schottenbauer lachte laut. »Ja, nicht wahr? Oh, daß die Erde, der die Welt gebebt, vor Wind und Wetter eine Wand verklebt!« Dann unterbrach er sich. »Ja, sie wird ihm was beben, die Welt! Wird ihm was! dem großen Cäsar, ja!« Das letzte ging in einem dumpfen, grollenden Murmeln unter; dann warf er den Kopf zu Percival herum. »Na – und nun wünsche ich Ihnen viel Glück mit Ihrem Vortrag bei Tante Löckchen.« Percival lächelte; er fühlte sich an die Luft gesetzt. »Aber so viel werden Sie mir doch noch erlauben,« sagte er, »daß ich Ihnen danke?« Er hielt ihm die Hand hin. Zögernd wie gestern, beinahe zögernder noch, legte Schottenbauer die seinige hinein; in der zuckenden Hand wählte die Erregung nach, die ihn soeben durchschüttelt hatte. »Leben Sie wohl!« erwiderte er, »leben Sie wohl!« und wandte das umdüsterte Gesicht von Percival hinweg, der Balkontür zu. Das Gedicht in der Brusttasche bergend, verließ ihn Percival, und so kam er zu den Seinigen zurück, die bereits mit dem Mittagessen auf ihn warteten. Siebentes Kapitel Der große Abend bei Tante Löckchen rückte heran. Am nächsten Tage, in den Nachmittagsstunden, sollte die Generalprobe sein. Während des Vormittags hatte Percival sich befleißigt, das Gedicht auswendig zu lernen; Freda war einsilbig und gedankenvoll im Hause hin und her gegangen. »Soll ich's dir einmal sprechen?« fragte er, nachdem man sich von der Mahlzeit erhoben hatte. »Willst du's denn heute schon, bei der Probe, sprechen?« fragte sie gleichgültig. »Das nicht, aber ich möchte es doch auswendig hersagen, auch wenn ich das Papier in den Händen halte. Und dann vielleicht, daß du dies und jenes zu erinnern findest.« »Also gut – bring' das Gedicht!« Seit gestern abend, nachdem sie ihn von sich geschoben, hatte Freda den Bogen nicht mehr angerührt. Percival holte ihn herbei; bald darauf saß sie am Tische im Salon, Percival stand vor ihr und deklamierte den Prolog. Ein paarmal stockte er, und Freda mußte einhelfen. Es dauerte aber jedesmal merkwürdig lange, bis sie die Stelle im Manuskript gefunden hatte – sie war offenbar nicht recht bei der Sache. Nachdem er geendigt hatte, nickte sie. »Ganz gut, recht gut!« Er war einigermaßen überrascht. Hatte er wirklich so gut gesprochen, oder war sie mit den Gedanken anderswo gewesen? Beinahe wollte es so scheinen, denn sobald sie ihr Urteil abgegeben hatte, stand sie auf. »Wir werden uns fertigmachen müssen; es wird Zeit.« Arm in Arm durchwandelten sie die Straßen der Stadt, und indem die beiden schlanken Gestalten gleichmäßigen Schrittes nebeneinander hergingen, gewährten sie ein prächtiges Bild. Jetzt hatten sie die Brücke erreicht, und als sie bis in deren Mitte gelangt waren, kam ihnen vom andern Ende ein einsamer Spaziergänger entgegen. Plötzlich fühlte Freda, wie der Bruder sie am Arme zog. »Du – Freda – das ist er!« Er hatte keinen Namen genannt; sie wußte auch ohnedem, wen er meinte. Unwillkürlich warf sie den Kopf in die Höhe und riß die Augen auf. Er war noch so weit entfernt, daß sie Zeit behielt, ihn zu mustern. Sie sah einen kleinen, vierschrötigen Mann, der mit gesenktem Haupte, die Hände auf dem Rücken, eilends fürbaß schritt. Seine Gestalt war in einen dicken Winterüberzieher eingeknöpft, und dadurch bekam sie etwas Plumpes; ein niedriger Filzhut bedeckte den Kopf. Er war ganz nahe an die Geschwister gekommen; im letzten Augenblick erst richtete er das Gesicht auf und erkannte Percival. Instinktiv griff er nach dem Hute, dann, als er die Dame an dessen Seite gewahrte, riß er den Hut vom Kopfe und machte eine Verbeugung. Hatte er vor Freda einen Schreck bekommen? Im Augenblick, als er die Augen zu ihr erhob, hatte es beinahe ausgesehen, als ob er zurückprallte. Dann war er raschen Schrittes weitergegangen und unter den übrigen Fußgängern verschwunden. Freda und Percival setzten ihren Weg fort, anfangs ohne zu sprechen. Nach einiger Zelt unterbrach jedoch Freda das Schweigen. »Ist das aber ein garstiger Mensch!« Das Wort kam laut, hart und gehässig heraus; sie warf es von den Lippen, als steckte der Mensch selbst darin, und als würfe sie ihn fort, beiseite, irgendwohin. Percival lachte kurz auf. »Der Schönste ist er nicht,« sagte er, »das ist wahr; aber weißt du, was seinerzeit der Kardinal Cajetan zum Papst sagte, als er ihm Luther beschrieb? Habet bestia illa oculos profundos et mirabiles speculationes in capite suo.« »Was heißt das?« fragte sie rauh, indem sie mit feindseligen Augen vor sich hinblickte. »Der Kerl hat tiefe Augen«, übersetzte Percival, »und wunderbare Gedanken in seinem Kopfe.« Freda gab keine Antwort; sie verharrte schweigend, und auch den ganzen Abend während der Generalprobe blieb sie stumm. Ein Gefühl war in ihr, das ihr Seele und Kehle zusammenschnürte, ein böses, widerwärtiges Gefühl. Als sie das Gedicht gelesen hatte, war ihr gewesen, als richtete sich hinter demselben etwas Majestätisches auf, und in Ehrfurcht war sie davor niedergesunken. Dann, als sie erfuhr, daß nicht ihr Bruder der Verfasser war, sondern ein andrer, ein Fremder, hatte sie sich in Empörung, Stolz und Wut aufgesträubt – vor diesem andern, diesem Fremden hatte ihre Seele auf den Knien gelegen, ihm hatte sie demütigen Tribut gebracht! Und dieser andre war ja der Vernichter ihres Bruders, sein Totschläger, sein Mörder! Sie verwünschte, haßte und haßte ihn! Um Kopfeslänge – das fühlte sie ja nur zu genau – überragte er ihren Bruder, das ganze Gedicht war ja wie die zuckende Handbewegung eines Riesen, vor welcher der arme Percival wie ein Zwerg in den Staub sank! Mochte Percival darüber lachen können, daß es so war, sie konnte es nicht. Ihr war, als sähe sie ihn daliegen, an der Erde, im Staube, gebrochen und besiegt – das Leid, das er gar nicht zu empfinden schien, wühlte wie Gift und Tod in ihrer Seele. Und wenn es nun einmal nicht zu ändern war, daß dieser andre auf der Welt war, dann mußte es wenigstens wirklich ein Riese sein, wirklich ein majestätischer Mann; nur einem solchen durfte ihr Bruder erliegen; dann war es wenigstens ein großer, ein adliger Untergang! Und nun – jetzt eben – dieser Anblick – dieser Mensch – diese Enttäuschung! Solch ein kleiner, häßlicher, unbedeutender Kerl – vor dem hatte ihre stolze Seele gekniet? Solch ein Wurzelmann sollte es sein, der ihren Bruder, ihren Heißsporn, ihren schönen, strahlenden Percy, unterkriegte? Nein, nein, nein! das war nicht möglich, war wider die Natur, das konnte, sollte, durfte nicht sein! Ein geradezu verzweifelter Haß stand in ihr auf, und der Haß war vergiftet, denn der Abscheu mischte sich hinein. Nicht ein Riese war's, der ihren Bruder daniederstreckte, ein Insekt war's, das an ihm heraufkroch und ihn stach. Ja – ein Insekt! denn wie ein Käfer, der seine kurzen Beine strampelnd durcheinanderwirft, so hatte er ja ausgesehen, als er bei ihr vorüberging, unter der dicken Schale seines dicken Winterüberziehers. Ein Glück war es, daß die Darsteller ihre Rollen so gut innehatten, daß sie des Einhelfens nicht mehr bedurften. Freda würde ihres Amtes als Souffleuse schlecht gewaltet haben heute abend. Sie war nicht lustspielmäßig gestimmt. Ihr war, als trüge sie eine Wunde in der Brust, und unablässig spielten ihre Gedanken daran herum wie tastende Finger, die sich nicht enthalten können, immerfort nach der Wunde zu greifen, obschon jedes Berühren den Schmerz vermehrt. Ihre Augen hingen unverwandt an dem Bruder; sie behüteten ihn gleichsam. War ihr doch, als wenn eine feindliche Macht ihn bedrohte, vor der sie ihn schützen, ihn decken mußte mit ihrem eigenen Leibe. Staunend blickte sie auf seine harmlose Fröhlichkeit. Kannte er denn den Skorpion nicht, der um ihn herumschlich, der Minute wartend, da er ihn stechen, ihn zunichte machen, sein fröhliches Blut vergiften würde? Aber natürlich – zum Verdachte war seine Natur ja viel zu arglos, viel zu vornehm und zu gut. Wie er ihr leid tat, der Junge, und wie sie ihn liebte, liebte, liebte! Nachdem die Probe beendet war und man sich im Speisezimmer zum Abendessen niedergesetzt hatte, kam das Gespräch auf den Prolog. Tante Löckchen erkundigte sich, ob er fertig wäre. Percival errötete und ließ ein verlegenes Lachen als Antwort hören. Plötzlich aber kam ihm ein unerwarteter Helfer. Freda, durch die ganze Länge der Tafel von ihm getrennt, hatte die Frage gehört. »Sein Prolog ist fertig, Tantchen,« sagte sie mit klarer, fester Stimme, »und ich denke, er wird damit vor dir und deinen Gästen Ehre einlegen.« Unwillkürlich fuhr Percival mit dem Kopfe herum. Das Gesicht seiner Schwester war leichenblaß; ihre Augen sahen ihn mit kalt entschlossenem Ausdruck an. Langsam wandte er sich ab; er hatte sie verstanden; er schwieg. Tante Löckchens Augen funkelten. »Siehste, Junge, das ist recht!« Sie erhob das Glas, um mit ihm anzustoßen; die verlegene Bescheidenheit, mit der Percival ihren Dank in Empfang nahm, erweckte die Begeisterung der Gesellschaft. »Hoch soll er leben,« stimmte Fräulein Nanettchen singend an, und »hoch soll er leben, hoch soll er leben, dreimal hoch!« sang jubelnd der ganze Chor nach. Als die Gläser an das seinige klangen, stand plötzlich auch Freda vor ihm. Einen Augenblick sah er sie mit fragendem Lächeln an. Sie aber setzte hastig das Glas auf den Tisch, nahm seinen Kopf in beide Hände und küßte ihn einmal, zweimal auf Augen und Stirn. Ein allgemeines »Bravo« begleitete den Ausbruch schwesterlicher Zärtlichkeit. »Percy,« erklärte Major a. D. Bennecke, »so gespannt wie auf deinen Prolog morgen, bin ich noch im ganzen Leben auf nichts gewesen. Das wird morgen ein Triumph für dich werden.« Alles stimmte bei. Ein Gedicht, für das sich Freda Nöhring so begeisterte, mußte etwas Außerordentliches sein. Als die Geschwister nachher Arm in Arm nach Haus gingen, wurde der Prolog mit keiner Silbe zwischen ihnen erwähnt. Achtes Kapitel Daß er glücklicher Vater eines hübschen Sohnes war, das hatte Herr Regierungsrat Nöhring im Laufe der Jahre ja wohl sattsam erfahren. Daß aber auch sein Töchterchen, wenn es darauf ankam, dem Bruder an Schönheit nichts nachgab, dessen wurde er sich eigentlich heute zum erstenmal bewußt, als er am Morgen des großen Tages, an dessen Abend die Aufführung im Hause Bennecke stattfinden sollte, mit seinen Kindern zusammenkam. Wie merkwürdig sah Freda heute aus! Eine fremdartige Erregung war in ihr, die ihre Wangen mit Glut überhauchte und aus ihrer ganzen, für gewöhnlich so herb geschlossenen Persönlichkeit heraus atmete. Der strenge Körper war weich geworden; sie war wirklich schön. Seit frühestem Morgen schleppte sie sich mit einer Toilette von meergrünem Krepp, an der sie bastelte und nähte, und die sie nur während des Frühstücks beiseitelegte. »Das wird ja aber ganz was Prachtvolles, wie es scheint«, sagte Papa Nöhring, indem er lächelnd auf das Kleid blickte, das auf einem Stuhle neben ihm lag. Freda griff wieder zur Arbeit. »Heute ist dem Jungen sein Ehrentag«, erwiderte sie. »Heute abend wird Staat gemacht!« Mit zärtlichen, beinahe verliebten Augen sah sie zu Percival hinüber. Dieser lächelte vor sich hin. Sie war doch wieder einmal »urkomisch«, die Freda. Sein Ehrentag – sie wußte doch, wie es mit dem Prolog bestellt war. Erst gestern abend – und jetzt – wollte sie sich denn selbst etwas weismachen? Er hatte es so ziemlich getroffen. Es war ein geradezu krampfhaftes Bestreben in ihr, sich vorzunehmen, daß das Gedicht, das Percival heute abend sprechen würde, von ihm selber verfaßt sei. Die Menschen würden es glauben; ihr Entschluß war gefaßt: sie wollte es die Menschen glauben lassen. Percival schwankte noch; das merkte sie, das wußte sie. Darum eben hatte sie gehandelt, wie sie getan, hatte ihn auf den Weg gestoßen, den er gehen sollte, denn sie wollte es nun einmal. Wollte ihn gefeiert und bewundert sehen heute abend, wollte sich einmal im Leben wenigstens an dem Triumphe berauschen, der ihm bereitet wurde. Würde sich ein zweites Mal Gelegenheit dazu bieten? Da er doch nun einmal da war, der andre! Das, was sie vorhatte, hieß ja täuschen und lügen – freilich – aber gleichgültig – sie konnte nicht anders, sie mußte! Es war wie ein Fieber in ihr, das ihr die Glut in die Wangen und den Rausch ins Gehirn trieb. Sie war die Stärkere von beiden, darum konnte sie dem Bruder vorangehen, darum ging sie ihm voran. Daß er ihr nachfolgen würde, wenn er sie auf dem Wege vor sich erblickte, das wußte sie. Ob die Liebe zu ihm allein imstande gewesen wäre, das Wahrheitsgefühl in ihr so zu unterdrücken, wer weiß – aber der Haß gegen den andern kam hinzu, und nun war sie unzugänglich für die Vernunft, gefeit aber auch gegen Schwäche. War's denn auch eine Schuld, daß sie ihn bewahren wollte, ihren Percy, vor diesem andern, diesem – diesem – der sich natürlich jetzt schon höhnisch über Percival erhob? Und wenn's denn also Schuld war – gut denn und wohlan! So war sie es, die den Bruder dazu getrieben hatte, seine Schuld fiel auf sie; für ihn wurde sie schuldig, für ihn duldete sie und litt; war's denn nicht ein wonnevolles Gefühl, das zu wissen? Was hätte sie denn nicht alles für ihn getan, für den Percy, den Heißsporn, den Geliebten! Wenn man glühende Kohlen auf den Weg gestreut hätte, den sie beide gehen mußten, würde sie ihn nicht zurückgestoßen haben und voraufgeeilt sein, damit die Glut erloschen wäre, wenn er herankam? Und wenn man von ihr verlangt hätte, daß sie mit nackten Füßen die feurigen Kohlen zerträte, würde sie sich besonnen haben? Sie würde lachend Schuh' und Strümpfe abgestreift und lachend den sengenden Schmerz ertragen haben, weil sie wußte, daß er nun ihn nicht mehr verletzen würde, der hinter ihr drein kam. Darum, weil sie wollte, daß er heute abend alle Augen gefangennehmen und alle Köpfe verdrehen sollte, mußte sie ihm Kraft und Mut und Selbstvertrauen einflößen; darum mußte sie heiter sein und fröhlich den Tag hindurch, darum wollte sie sich putzen und schön sein heute abend, damit sie neben ihm stände wie der strahlende Widerschein seiner eigenen Persönlichkeit, wie der Genius des Siegs, als die würdige Schwester eines solchen Bruders! In solcher Erregung verging ihr der Tag, und diese Erregung mochte die Ursache sein, daß ein Vorgang, der sich im Laufe des Nachmittags abspielte, ein an sich ganz harmloser Vorgang, ihr einen so merkwürdig fatalen Eindruck machte: als sie nämlich am Nachmittag, noch immer mit ihrem Kleide beschäftigt, am Fenster ihres zu ebener Erde nach der Straße gelegenen Zimmers saß und zufällig hinausblickte, sah sie unter den Bäumen, die auf der gegenüberliegenden Seite der Straße den Fußweg einfaßten, einen eilig schreitenden Mann daherkommen, bei dessen Anblick sie zusammenzuckte. Es war der, welchem sie gestern auf der Brücke begegnet war. Wie er nur gerade heute hier vorüberkam? Hatte sie ihn doch früher nie auf diesem Wege erblickt! Hastig senkte sie das Gesicht auf ihre Arbeit; die Hände aber ruhten, und die Augen spähten aus dem Winkel nach ihm aus. Wie gestern, so ging er auch heute, die Hände auf dem Rücken, den Kopf an der Erde. Aber jetzt – was war das? Indem er näher kam, verlangsamte sich sein Schritt, sein Kopf hob sich empor, und seine Augen musterten, als wenn sie etwas suchten, die gegenüberliegenden Häuser. Indem er ihr Haus und die Hausnummer über der Tür ins Auge faßte, sah er aus, als hätte er gefunden, was er suchte, als wollte er stillstehen und sich dieses Haus genauer betrachten. – War das alles nur eine Täuschung? Aber nein – sie sah ja doch ganz deutlich, wie er langsam, langsam und immer langsamer ging, als würde es ihm schwer, an dem Hause vorüberzugehen, als könnte er sich gar nicht entschließen, weiterzukommen. Und jetzt – indem eine plötzliche Glut, wie eine Stichflamme, über ihr Gesicht zuckte – sprang Freda vom Stuhle auf und vom Fenster hinweg in die Stube hinein – jetzt hatte er sie ja dort am Fenster sitzen sehen und offenbar erkannt, und ein Blick war zu ihr hinübergeschossen – wie hatte Percival gestern gesagt? »Tiefe Augen hat der Kerl und wunderbare Gedanken in seinem Kopfe.« Mitten im Zimmer stand sie da, so weit vom Fenster entfernt, daß sie sicher war, hier von ihm nicht mehr gesehen zu werden, während sie wahrnehmen konnte, wie er langsam, und indem der Kopf wieder niedersank, seinen Weg fortsetzte. Sie wußte nicht, was sie sagen, was sie denken sollte, kaum, was sie fühlte. Eine Täuschung war ja gar nicht möglich. Er hatte zu ihr hinübergesehen! Offenbar hatte er erfahren, daß dieses das Nöhringsche Haus sei, und an den Fenstern dieses Hauses hatte er jemand gesucht, und dieser Jemand – das war sie? Freda schüttelte sich am ganzen Leibe; ihr war zumute, als hätte sie eine tödliche Beleidigung erfahren. Sie war ganz außer sich, ganz kochend von Entrüstung. Dieser Wurzelmann – dieser Käfer – dieser Molch – und das machte Fensterparade vor ihrem Hause! – Das fahndete mit den Augen und warf Blicke – und was für Blicke! Also war er wohl etwa gar – sie reckte sich lang auf, dann brach sie in ein lautes häßliches Lachen aus. Sie trat an das Fenster, stützte beide Hände auf das Fensterbrett und schaute hinaus in der Richtung, in der er gegangen war. Er war nicht mehr zu sehen. Schade! Ihre Lippen zuckten. Wenn er jetzt noch da drüben gestanden hätte, wahrhaftig, sie wäre imstande gewesen, zu ihm hinüberzublicken und ihm ein Gesicht zu schneiden oder etwas Ähnliches, wie böse, ungezogene Mädchen tun, die jemand zeigen wollen, daß sie ihn verachten, verabscheuen und hassen. Sie setzte sich auf den Stuhl zurück und nahm ihre Arbeit wieder vor. Immer wieder aber unterbrach sie sich, um hinauszuschauen, immerfort zuckten und bebten ihr die Lippen, ohne daß Worte hervorkamen, und immer wieder lachte sie dazwischen auf, mit dem harten, bösen Lachen von vorhin. Das Blut in ihr siedete und wallte wie das brodelnde Wasser im Kessel, unter dem eine Flamme brennt. Endlich war sie mit ihrer Arbeit fertig geworden, und nun war es auch Zeit, sich anzuziehen; es dunkelte bereits. Sie raffte das seidene Kleid auf und schwang es empor. »Jetzt wird Staat gemacht«, sagte die Bewegung. Sie wußte ja nun, daß es der Mühe wert war, wenn sie sich putzte, hatte ja erfahren, was für Eroberungen zu machen sie imstande war! Eine schöne Eroberung das! Eine famose Geschichte! Wahrhaftig! In ihrem Schlafzimmer, das im oberen Stock nach dem Garten hinaus lag, brannten schon die Lampen; die Sachen lagen bereit; sie brauchte nur hineinzuschlüpfen. Dort standen die Schuhe von meergrüner Seide, dem Kleide entsprechend, das sie anzuziehen gedachte. Daneben lagen die schwarzseidenen Strümpfe. Ganz benommen von Gedanken, begann sie sich umzuziehen. Vor ihrem Bett lag ein Bärenfell, das ihr der Vater vor zwei Jahren geschenkt hatte, ein braunes, zottiges Fell, an dem der dicke, ungeschlachte Kopf des Bären angebracht war. Sie wechselte die Strümpfe, und indem sie es tat, setzte sie den entblößten Fuß in das Fell, so daß er beinahe unter den Zotten verschwand. Es war ein wunderschöner Fuß, mit stolz gewölbtem Spann, mit langen, regelmäßig gelagerten Zehen, ohne Tadel und ohne Fehl, der sich schneeweiß von dem dunklen Untergrunde abhob. Sie beugte den Nacken und sah herab. Wie ein selbständiges Wesen begann der nackte Fuß in dem Bärenfell umherzuspielen, mit lüsternem Behagen sich einwühlend in den warmen, dichten Pelz. Er schlich weiter und weiter, zum Kopfe des Bären hin, und plötzlich, mit einem Ruck, setzte sie die Fußsohle mitten auf den breiten Schädel des Tieres auf. Der Kopf stand etwas in die Höhe; sie drückte ihn mit dem Fuße nieder, und indem der Kopf herauf und hinab schnellte, war es, als würde er lebendig, als täte sich der Rachen des Ungeheuers gierig begehrlich auf. Das verursachte ihr ein tolles, kindisches, grausames Vergnügen. Sie kicherte und lachte, mit geschlossenen Zähnen, beinahe knirschend. »Herunter, Petz! Herunter, Petz!« Gedanken, wie sie sie nie gedacht, Gefühle, wie sie sie nie empfunden, tauchten in ihr auf. Immer wieder sah sie den Blick, der vorhin über die Straße zu ihr hinübergeflogen war und ihr gesagt hatte, daß einer da war, der nach ihr ausschaute, nach ihr verlangte, zu ihren Füßen lag. Und dieser eine war der, den sie haßte, weil sie ihn fürchtete! Zwischen den geschlossenen Zähnen brach wieder das knirschende Lachen hervor. Die Geschichte war ja wirklich zu toll, ganz über alle Maßen toll! Sie stieß und trat auf dem Bärenkopfe umher, aber der Bär war nicht der Bär mehr; ein andrer war es, der da vor ihr, unter ihren Füßen lag, und diesem andern gab sie Fußtritte, ja, Fußtritte! »Stärker als Percival bist du, nicht wahr? Und darauf bildest du dir Wunder was ein, nicht wahr? Aber Freda Nöhring ist stärker als du! stärker als du!« Und sie stieß mit Sohle und Hacken und trat den Kopf, daß er flach an den Boden gedrückt wurde. Simson war ja auch stärker als alle Männer, aber Delila dennoch stärker als er – und plötzlich taten sich ihre Augen weit auf, und mit offenen Augen versank sie wie träumend in Gedanken, die jählings wie ein neues Bewußtsein über sie herfielen. Törin, die sie war! Wo hatte sie die Männer denn bisher gesucht? Da oben, in der reinen Höhe des Gedankens und des Geistes, während sie da unten zu finden waren, in der dunstigen Tiefe des Verlangens und Begehrens. Und da wunderte sie sich, daß sie sie nicht gefunden hatte! Ihnen zur Seite hatte sie gehen wollen, als Teilnehmerin an ihrem Werke, als Mitarbeiterin an ihrer Arbeit – und da wunderte sie sich, daß die Männer sie hatten beiseite stehenlassen! Was brauchten die Männer denn ihre Mitarbeiterschaft? Was fragten sie danach? Was kümmerte sie die Seele des Weibes, da sie nur eins von ihm verlangten, etwas ganz andres, seinen Leib! Sie war von ihrem Sitz aufgesprungen; ein verachtender Hohn schnellte ihr die Lippen auseinander, daß die weißen Zähne sichtbar wurden – das also seid ihr? So also seid ihr? Wie recht ihr Instinkt sie beraten hatte, als Leib und Seele sich ihr in eisiger Kälte gegen dieses Geschlecht verschlossen. Jetzt wußte sie, worauf es ankam diesen Männern gegenüber, was man zu tun hatte, um sie dahin zu bringen, wohin sie gehörten, an die Erde, in den Staub, daß man mit Füßen auf sie treten konnte wie auf den plumpen Schädel des Bären: Begehren mußte man erwecken, Sinnenglut und betäubenden Rausch. Sie stand vor dem Spiegel, sie reckte die Arme, die nackten weißen Arme, sie verschränkte sie hinter dem Haupte, so daß die volle Brust sich hervordrängte, und, indem sie lächelnd, mit höhnischen Lippen, sich im Spiegel beschaute, war es, als begänne sie ein Zwiegespräch mit ihrem Gegenüber dort. »Bin ich ausgerüstet, wie man gerüstet sein muß, wenn man auf die Bärenjagd geht?« Und das Spiegelbild nickte »Ja«. »Habe ich die Waffen in Händen, mit denen man es erlegt, dieses Männergeschlecht, dieses starke Geschlecht? Mit denen man es zu seinen Füßen wirft, in den Staub wirft und zum Sklaven macht?« Und das Spiegelbild nickte »Ja, ja, ja«. »Ja, ja, ja!« Mit einem triumphierenden Lachen warf sie die Arme empor und wandte sich ab, um sich fertig anzukleiden. Es war ihr, als wäre sie größer geworden, mächtiger geworden, als sie bisher gewesen war, als könnte sie ungeahnte Dinge vollbringen, um denen zu helfen, denen sie helfen, und um die zu vernichten, die sie vernichten wollte. Wie glücklich doch Natur und Instinkt sie geleitet hatten, indem sie es ihr unmöglich machten, jemand anders zu lieben als einzig allein den Bruder! Das war Reinheit, das war Schönheit, und alles andre häßlich, schmutzig, pfui! Als wenn sie sich an einem Trunk eiskalten Wassers berauscht hätte, so war ihr zumute; aber diese Kälte war ja ihre Wonne. Da war kein Zittern eines Neros, kein leisestes Glimmen des verborgensten Funkens von Sinnlichkeit, alles nur Ruhe, Besonnenheit und Kraft, ihr ganzes Innere wie kühler, fester Stahl, der die Funken sprühen läßt, an denen andere sich verbrennen, selbst aber unverletzlich bleibt gegen das Feuer. So vollendete sie ihren Anzug, und nachdem sie fertig angekleidet war, stieg sie rauschenden Gewandes, schön und schrecklich wie eine Walküre, die Treppe hinunter, um den Wagen zu erwarten, der sie mit dem Bruder zu Tante Löckchen tragen sollte. Neuntes Kapitel Und während sich nun drüben in dem gastlichen Hause Tante Löckchens die Lichter entzündeten, stand diesseit des Wassers der Referendar Schottenbauer einsam in seinem einsamen, dunklen Zimmer. Trotz der winterlichen Kälte hatte er die Glastür geöffnet und war auf den Balkon getreten; so war doch eine Schranke weniger zwischen ihm und ihr –- zwischen ihm und Freda Nöhring. Ihm zur Rechten war die große Brücke. Die Laternen funkelten herüber. So oft ein Wagen mit dumpfem Rollen über den hölzernen Belag der Brücke von der Stadt zum jenseitigen Ufer fuhr, richtete er die Augen darauf hin. »Ob sie darin sitzen mochte?« Seine Gedanken begleiteten sie, umkreisten sie, hingen an ihr, wie verzaubert und gebannt. Freda Nöhring hatte ihm gestern, als er ihr auf der Brücke begegnete, einen Eindruck gemacht, der sich seines ganzen Innern bemächtigt, der ihn mit einem Schlage überwältigt hatte. Mit aller Gewalt einer phantasievollen Natur war er in sie verliebt. Diese schlank aufgebaute Gestalt mit dem stolz gereckten Haupte, dieser Nacken, der sich mit so königlicher Gebärde zur Seite bog, als sie zu ihm hinschaute, es war ja wie die Verkörperung aller Frauengestalten, die je in seiner Dichterphantasie aufgegangen waren. Er war keine sinnenkühle Natur, im Gegenteil. Eine unaussprechliche Wonne erfüllte ihn, eine Wonne von Seele und Leib. War's denn nicht wahr? Auf den ersten Blick hatte er ja doch erkannt, daß dies nicht nur ein schönes, sondern auch ein geistig bedeutendes Weib sei. Schön, im landläufigen Sinne, hübsch, was man so nennt, war das Gesicht ja eigentlich gar nicht; dazu war das Untergesicht viel zuwenig weich, viel zu mächtig. Aber eben das war es ja, was ihn an dem Gesicht entzückte; es war ein mächtiges Gesicht, ein großes, ein bedeutendes! Und dann der Blick, mit dem sie ihn angesehen, beinahe getroffen hatte, vor dem er beinahe zurückgeprallt war beim ersten Begegnen – immer wieder mußte er sich den Blick vergegenwärtigen; wenn er ein Maler gewesen wäre, so hätte er sich hingesetzt und das Gesicht und die Augen und den Blick gemalt, so lebendig war er ihm, so unablässig gegenwärtig. Weit aufgerissen waren die Augen gewesen, ganz seltsam weit, und als sie ihn erfaßten, war etwas Durchbohrendes darin gewesen, beinahe etwas Zorniges und Wildes, eine jäh aufflackernde Glut. War das die Seelenstimmung, die gewöhnliche Seelenstimmung dieses Weibes? Und wie konnte es anders sein? Denn, was hatte sie mit ihm zu schaffen, den sie gar nicht kannte, den sie zum erstenmal sah? Und wenn es so war, welch eine leidenschaftlich erregbare Seele war es dann, die in diesem schönen Leibe wohnte! Welch eine große, mächtige Innerlichkeit! Welch ein Weib! Welch ein Weib! Er trat vom Balkon zurück, er zündete die Lampe an, die im Nebenzimmer auf dem Tische vor dem Spiegel stand. Indem er die Glocke aufsetzte und über die Lampe hin sein Bild im Spiegel erblickte, blieb er sinnend, melancholisch davor stehen. Er sah, daß er ein kleiner, unscheinbarer Kerl war, ein Knirps. Mit hastigem Griff nahm er die Lampe auf, um sie auf den Arbeitstisch zu setzen. Die gelben Foliobogen leuchteten im stillen Lichte auf. Er stand vor dem Tisch; sein mißmutiges Gesicht heiterte sich auf, indem er auf das Papier niedersah, das beschriebene und das leere; dies war auch ein Spiegel, und ein besserer als jener dort nebenan. Aus jenem blickte Schottenbauer der Referendar, aus diesem Schottenbauer der Dichter. Er warf sich auf den Stuhl und über seine Arbeit her. Aber die Wirklichkeit war stärker als die Phantasie; Freda Nöhring stand vor seiner Seele, und indem sie den gebieterischen Nacken reckte, traten die Gestalten seines Trauerspiels zurück. Wie schön das heute mittag gewesen war, als er im Wohnungsanzeiger gesucht hatte, wo sie wohnte! Mit welch heimlichem Schauer er die Anlagen entlang gegangen war, die Häuser drüben zählend, Nummer für Nummer – jetzt muß es kommen – und jetzt – wie ihm das Herz im Leibe gezuckt hatte, als er das Haus gefunden hatte – und nun gar, als er sie am Fenster sitzen sah! Schade nur, daß sie so rasch aufgesprungen war; er hätte sie so gut ein Weilchen betrachten können, da sie, so ganz in ihre Arbeit versenkt, ihn gar nicht sah. Es mußte sie jemand aus dem Innern des Zimmers abgerufen haben – so hatte es ausgesehen. So hatte er denn seinen einsamen Spaziergang fortgesetzt, weit hinaus vor die Tore der Stadt, und so war er dann, als es zu dunkeln begann, zurückgekehrt in sein einsames Gemach, und hier saß er nun und dachte an sie. Er dachte an sie, und sein Denken war ein tiefes, seliges Träumen. Die Zukunft tat sich vor ihm auf wie eine weite grüne Wiese, von Blumen übersät, und durch die grünende Flur schritt er dahin, lauschend auf die Worte, die klugen, sinnigen Worte, die sie zu ihm sprach, die an seiner Seite dahinging, die Teure, die Schöne, die Geliebte! In Gedanken lächelnd, nickte er vor sich hin, nach der Stelle hin, wo neulich Percival Nöhring gesessen hatte. Es war ihm, als sähe er die hübschen, freundlichen Augen, und das Herz wurde ihm warm, weil er ihm einen Gefallen hatte erweisen können; er war ihm ja so gut – war's denn nicht ein Stück von ihr, war's nicht ihr Bruder? Ob er der Schwester gesagt haben mochte, daß er ihm den Prolog gemacht hatte? Vielleicht – vielleicht auch nicht – es war ihm gleichgültig. Mochte Freda es wissen oder nicht. Jedenfalls würde Percival ihn heute abend sprechen, und während er hier saß, gerade in diesem Augenblick vielleicht, lauschte sie da drüben den Versen, die er gedichtet hatte, seinen Worten, seinem Gedicht, gerade in diesem Augenblick vielleicht beugte sie den gebieterischen Nacken, weil das Flügelrauschen der Poesie darüber hinging, und während sein Körper fern von ihr in einsamer Stube saß, schmiegte seine Seele sich an ihr stolzes, schauerndes Herz. Ein Wonnestrom ging durch alle seine Glieder. Er sprang vom Sessel und riß die Balkontür auf, als wollte er dabei sein, da, wo sie war. Schwarz lag die Nacht auf dem Strom; ein eisiger Dunst stieg vom Wasser auf, und durch den Dunst blickten die Fenster in Tante Löckchens Haus matt leuchtend, mit halbersticktem Glanz herüber. Es war, als wenn eine kalte Hand ihm winkte »zurück« – er trat zurück und schloß fröstelnd die Tür. Der kurze Vorgang war ja wie ein Sinnbild seines ganzen Lebens gewesen: draußen die Nacht – hier drinnen das Licht, das er sich entzündet; rings um ihn her das Dunkel der Unbekanntheit, die Kälte der Ablehnung – hier drinnen er mit seiner glühenden Seele, die dennoch durchdringen würde durch Dunkel und Kälte, durch Unbekanntheit und Ablehnung – dennoch! dennoch! Er ging in seiner Wohnung auf und ab, von einem Ende derselben bis zum andern, so daß die Schlafrockfetzen hinter ihm herflogen. Das, was Freda Nöhring heute von ihm kennenlernte, das Gedicht, war ja nur ein Tropfen von der Flut, die ihn erfüllte, nur ein einzelner Akkord von der großen Melodie, die sein Inneres durchwogte. Einst würde sie das ganze Meer an ihre Füße spülen sehen, die ganze gewaltige Melodie vernehmen; dann würde er nicht mehr vor ihr stehen, wie er jetzt vor ihr stand, als der kleine, unscheinbare Kerl, als der Knirps, sondern als einer, vor dem sie sich beugen mußte, die stolze Freda, weil alle sich vor ihm beugten, als der Dichter. So würde es kommen, und sie würde sich beugen; der flammende Blick der stolzen Augen würde übergehen in staunendes Fragen, das staunende Fragen in süßes Bangen, und alsdann würde eine neue, eine andere, eine schönere Flamme aus den herrlichen Augen aufschlagen, und das würde die Liebe sein! die Liebe – die Liebe! Er blieb mitten im Zimmer stehen und breitete die Arme aus. So würde es kommen, so mußte es kommen! Denn er glaubte an sich; es war noch kein Augenblick in seinem Leben gewesen, da er nicht an sich geglaubt, da er nicht heimlich über die gelacht hätte, die ihn auslachten. Er glaubte an sich, weil er an die ewige Gerechtigkeit der Dinge glaubte. Er sagte sich, daß jede wahrhafte Kraft einen Wert im Haushalt der Welt darstellt, und daß die Welt mit ihren Werten rechnet, damit rechnen muß, ganz gleichgültig, ob die Menschen wollen oder nicht. Und die Kraft war in ihm, das wußte er; und wenn er es nie gewußt hätte bis heute, so würde er es erfahren haben in diesem Augenblick, da diese Kraft auf ihn fiel wie die Hand Gottes auf einen Propheten, da sie ihn auf den Stuhl vor seinem Schreibtische zwang und ihm die Feder in die Hand drückte, so daß er wie ein schnaubender Löwe über das Trauerspiel herfiel, das aus den gelben Foliobogen unter seinen Händen erwuchs. Tief in der Nacht, als seine Lampe erlosch, war ihm, als flüsterte eine Stimme ihm zu, daß eine Zeit kommen würde, wo man das, was er in dieser Stunde geschrieben, das Schönste nennen würde, was er jemals geschrieben hatte. Zehntes Kapitel Inzwischen wurde bei Tante Löckchen drüben ein Fest gefeiert, wie es auch in den Annalen dieses an festlichen Ereignissen so reichen Hauses noch nicht verzeichnet war. Im Salon war eine regelrechte kleine Bühne aufgeschlagen, mit Vorhang und allen Requisiten; nur der Souffleurkasten fehlte, denn man konnte von Freda Nöhring füglich nicht verlangen, daß sie sich mit ihrem glänzenden Gesellschaftskleid in ein solches Loch hineinzwängte. Sie saß hinter den Kulissen und blieb während der Aufführung für die Gesellschaft unsichtbar. Auf den Stuhlreihen vor der Bühne waren Theaterzettel verteilt, alle säuberlich, kalligraphisch ausgeführt. »Hoftheater Bennecke«, lautete die Überschrift; dann folgte »Ouvertüre zu Tannhäuser, vorgetragen von Fräulein Nanette Burow, Pianovirtuosin, Ehrenmitglied verschiedener zu gründender Kunstakademien«. Dann: »Prolog von Herrn Percival Nöhring, gesprochen vom Dichter«. Und endlich der Titel des Lustspiels mit den Namen der Personen und der Darsteller. Eine halbe Stunde, bevor die übrigen Gäste sich versammelten, kamen die Darsteller an. Großer Vorbereitungen bedurfte es nicht; eine halbe Stunde genügte. Percival nahm einen Theaterzettel auf und las; ein rasches Erröten ging über sein Gesicht. »Prolog von Percival Nöhring – gesprochen vom Dichter.« Da stand es schwarz auf weiß – und war gelogen. Die ganze Geschichte war ja kaum der Rede wert; Schottenbauer hatte ihn nicht nur ermächtigt, sondern sogar aufgefordert, den Prolog als den seinigen zu bezeichnen – und doch, indem er es nun schwarz auf weiß geschrieben, gewissermaßen verewigt sah, bereitete es ihm eine fatale Empfindung. Er erhob die Augen und sah Freda vor sich stehen, die ebenfalls einen Zettel aufgenommen hatte und studierte. Was würde sie denn sagen? Aber sie sagte gar nichts. Gleichmütig legte sie das Blatt auf den Stuhl zurück, und als sie seinen fragenden Blick gewahrte, nickte sie ihm mit einem halben Lächeln ermunternd zu: »Nur los!« Nur los also! Jetzt war ja auch nichts mehr an der Sache zu ändern. Einen Dienst konnte er dem Verfasser des Gedichts immerhin erweisen, und den wollte er ihm tun, er würde es prachtvoll sprechen, ein bißchen anders, als der gute Schottenbauer es ihm neulich heruntergeleiert hatte. Der erste Klingelschlag draußen, welcher die Ankunft der ersten Gäste verkündete, scheuchte die Darsteller und die Souffleuse hinter den Vorhang, und nun kam es »trapp – trapp –« hereingeströmt; ein Ankömmling gab dem andern die Tür in die Hand. Die Stuhlreihen füllten sich; in der vordersten, der Mitte des Vorhangs gegenüber, saß Tante Löckchen in grauem Seidenkleide, eine große goldene Brosche vor der Brust, mit klingelnden Locken, indem sie den Kopf bald nach rechts, bald nach links wandte, Glück erwartend, Glück verheißend wie der gute Geist eines guten, freundlichen Hauses. Die Tasten des Flügels erdröhnten unter Fräulein Nanettchens kurzen, kräftigen Fingern; die Tannhäuserouvertüre rollte hinter dem Vorhang hervor. Das Publikum geriet in Stimmung; eine brausende Applaussalve belohnte die unsichtbare Spielerin, nachdem sie geendigt hatte. »Nanettchen 'raus! Fräulein Nanettchen 'raus!« ertönte es. Hinter dem Vorhang hervor antwortete Nanettchens Stimme: »Danke, danke, danke! Rauskommen aber kann ich nicht, denn ich muß mich noch schminken!« Ein Jubelgeschrei antwortete dieser Erklärung; Tante Löckchen ging beinahe auseinander vor Vergnügen; die erste Programmnummer war glänzend erledigt. Nun erfolgte ein allgemeines Kopfrecken – Percival Nöhring sollte mit seinem Prolog erscheinen. Ein Klingelzeichen – ein letztes »Pst – Pst –« vom Munde Herrn Majors Bennecke, dem die jüngeren Mitglieder der Zuhörerschaft nicht andächtig genug waren – dann ging der Vorhang auf, und inmitten der Bühne stand Percival Nöhring im schwarzen Frack und weißer Krawatte, das Manuskript des Prologs in Händen. Sein für gewöhnlich so heiteres Gesicht war ganz ernst, beinahe blaß; indem er die Augen über die Gesellschaft dahingehen ließ, wurde alles still. Langsam, mit anfänglich etwas unsicherer, dann aber sich kräftigender Stimme begann er zu sprechen, und als er die erste Strophe zu Ende gebracht hatte, war ein atemloses Schweigen auf allen Lippen, ein staunendes Starren in allen Augen – niemand sprach es aus, aber ein jeder fühlte und empfand: das war ja etwas ganz Unerwartetes! Percival sprach weiter; der Inhalt des mächtigen Gedichts ergriff ihn selbst dermaßen, daß er immer besser, daß er wirklich gut sprach; dabei war er so ruhig und Herr seiner selbst, daß er die Gesichter der vor ihm Sitzenden zu mustern vermochte, daß ihm war, als läse er in jedem Herzen die staunende Frage: »Wo kommt das her?« Wo kam es her, dieses Gedicht, dessen Gedanken, dessen Bilder im tönenden Rhythmus prachtvoller Verse vor diesen Bewohnern der kleinen Stadt dahinschritten wie Gestalten einer Welt, von der sie bisher nichts gewußt, kaum etwas geahnt hatten? War das hier entstanden? Wirklich, hier am Orte? Das war ja gar kein Prolog für eine Dilettantenaufführung, das war ja ein wirkliches, wahres, alle Höhen und Tiefen umfassendes Gedicht. Und solch einen Dichter hatte man hier mitten unter sich? Und solch ein Dichter war – Percival Nöhring? Der Eindruck war ein so überwältigender, daß, als Percival geendigt hatte, zunächst eine lautlose Stille eintrat. Dann aber brach ein wahrhaft tosender Beifallssturm aus, geradezu ein Tumult. Herr Major a.D. Bennecke schäumte förmlich vor Begeisterung und mußte mit Gewalt von seiner Frau daran verhindert werden, daß er die Bühne erstieg. »Ich muß dem Jungen einen Kuß geben!« erklärte er, »ich muß ihm einen Kuß geben!« Der Vorhang, der sich herniedersenkte, machte es ihm unmöglich, seinen Vorsatz auszuführen; in Ermangelung des Sohnes kriegte er den Papa Nöhring zu packen, seinen alten Freund. »Nöhring,« sagte er, indem er ihn umarmte, »das ist ja kolossal! kolossal! kolossal! Das ist ja eine Pracht von Kerl, dein Junge! Ein Dichter von Gottes Gnaden mit Eichenlaub und Schwertern!« Seine Worte knatterten wie Gewehrfeuer durch den Salon; im ganzen Salon war aber kein einziger, der ihnen nicht beigestimmt hätte. Nachdem die Aufregung sich gemäßigt hatte, ging der Vorhang zu dem kleinen Lustspiel auf. Glatt und ohne Anstoß spielte es sich ab. Die Rollen saßen fest, die Darsteller, von den bisherigen Erfolgen angefeuert, überboten sich in ihren Leistungen; nach dem Schlusse wurden sie dreimal, viermal herausgerufen. Nun rückte Tante Löckchen mit dem Stuhle; alles erhob sich; das Theater war zu Ende. Tante Löckchen sah sich um – »und siehe, es war alles sehr gut gewesen«. Die Darsteller kamen von der Bühne, um wieder Menschen unter Menschen zu werden; alles drängte sich, sie zu begrüßen; um Percival Nöhring bildete sich ein vollständiger Knäuel. Die älteren und gewichtigeren Mitglieder der Gesellschaft bemächtigten sich seiner Hände, die sie schüttelten und schüttelten; die jüngeren standen um ihn her, indem sie ihn mit offenen Augen anstarrten; es war, als getrauten sie sich gar nicht mehr an ihn heran, an den »berühmt« gewordenen Mann. Die Aufmerksamkeit war so ausschließlich auf ihn gerichtet, daß man zunächst seiner Schwester, die ebenfalls hinter den Kulissen hervorgekommen war, kaum irgendwelche Beachtung schenkte. Herr Major Bennecke war es, der, indem er sie mit schallender Freude begrüßte, ihr den gebührenden Anteil am allgemeinen Interesse verschaffte. »Fräulein Freda – mein Kompliment! Sie sehen aus – daß sich ein alter Knasterbart wie ich in Sie verlieben könnte!« Er hatte recht; in ihrem ausgeschnittenen Kleide von meergrüner Seide, das den Hals und die Arme in jugendlicher Fülle hervortreten ließ, sah Freda Nöhring heute schöner aus denn je. Auf ihrem Gesicht lag sonnige Heiterkeit; ihre ganze Persönlichkeit atmete eine ungewohnte Liebenswürdigkeit. Solch ein Triumph! Sie schwamm und badete förmlich darin und war gesonnen, sich dem Rausche des Augenblicks rückhaltlos hinzugeben. Der Gedanke daran, wie der Triumph zustande gekommen war, zog ja wohl blitzartig durch ihr Gemüt. Aber jetzt sollte nicht daran gedacht werden, jetzt wollte sie den Augenblick genießen und nichts als den Augenblick, jetzt wollte sie einmal glücklich, glücklich sein. Ein glänzendes Abendessen folgte. Während man es genoß, wurde im Salon die Bühne abgebrochen, und als man aus dem Speisezimmer in den Salon zurückkehrte, ertönten bereits die ersten Klänge der Tanzmusik. Tante Löckchen tanzte die Polonäse mit. Percival Nöhring mußte sie führen; er war heute mehr als alle Regierungs- und Oberregierungsräte, er war der Stern des Abends. Auch um Freda Nöhring drängten sich die Herren; sie war ja heute wie eine Blume, die unter Eis und Schnee begraben gelegen hat und plötzlich in voller sommerlicher Pracht emporschießt. Der Name Nöhring war auf aller Lippen und in aller Gedanken. Papa Nöhring schaute mit feucht verklärten Augen zu und brachte im stillen seinen Hausgöttern sein Dankopfer dar, die ihm solche Kinder beschert hatten. Mitternacht war längst vorüber; eine Tanzpause war eingetreten; die Familienväter und -mütter fingen an, Zeichen zu geben, daß es nun bald genug sei. Im Salon, in welchem die Tänzer und Tänzerinnen erhitzt und ermüdet umhersaßen und sich Kühlung fächelten, erschien plötzlich, aus dem Rauchzimmer kommend, ein älterer Herr, ein Oberregierungsrat, der sich in die Mitte des Salons stellte und für einen Augenblick das Wort erbat. »Meine Herrschaften,« begann er, »es wäre schnöder Undank an unsern liebenswürdigen Wirten, wenn wir die Freuden des heutigen Abends zergliedern und sagen wollten, dies oder jenes war heute das Schönste. Trotzdem, meine Herrschaften, glaube ich in Ihrem und im Sinne unsrer liebenswürdigen Wirte zu handeln, wenn ich sage: Wir können diesen Abend nicht schöner beschließen, als wenn wir den großen Eindruck von Herrn Percival Nöhrings wahrhaft herrlichem Gedichte auf den Heimweg nehmen. Und so erlaube ich mir, im Namen der Gesellschaft an Herrn Percival Nöhring die Bitte zu richten, daß er uns seinen Prolog noch einmal spreche.« Alle Hände wurden lebendig. »Bravo, bravo, bravo!« Fräulein Nanettchen flog wie eine Kanonenkugel aus dem Geschützrohr hinüber, um die Herren aus dem Rauchzimmer herbeizuholen. »Percival spricht noch einmal sein Gedicht!« Im nächsten Augenblick drängte sich Kopf an Kopf, und ob er wollte oder nicht, Percival mußte in die Mitte des Salons treten, um das Gedicht noch einmal zu deklamieren. Indem er aufblickte, begegnete er den Augen Fredas, die ihm gerade gegenübersaß. Ihr Gesicht war vom Tanze erhitzt; ihre Brust ging wallend auf und nieder, und über den Fächer hin trafen ihre Augen lodernd in die seinigen. Sie hatte ja vorhin, als er sprach, hinter ihm in den Kulissen gesessen; jetzt sollte sie mit eigenen Augen sehen, wie der Heißsporn sprach und wie sich Männer und Weiber zu seinen Füßen neigten. Sie war schön wie eine berauschte Mänade; und indem er sie ansah, überkam auch ihn ein trunkenes Vergessen. Es war sein Gedicht, er war wirklich ein Dichter, und wenn er es noch nicht war – hol's der Teufel – so schwur er sich zu, daß er es von nun an wirklich werden wollte! Er warf das Papier beiseite; er konnte es ja auswendig; und nun mit groß ausladenden Gesten, mit rollendem Pathos sprach er das Gedicht noch einmal. Sobald er geendet, brach der Jubel wieder stürmisch aus; im nämlichen Augenblick ergriff der Oberregierungsrat das Blatt, das Percival beiseitegelegt hatte, und schwang es empor. »Herr Nöhring,« rief er, »solch ein Gedicht darf nicht verlorengehen! Morgen geb' ich's in Druck für unsre nächste Sonntagsbeilage!« Der Oberregierungsrat hatte die Herausgabe des amtlichen Kreisblattes zu überwachen, welches wöchentlich zweimal erschien und des Sonntags eine Beilage belletristischen Inhalts brachte. Als Percival Nöhring dieses hörte, bekam er einen Schreck. Die Geschichte fing an, ihm über den Kopf zu wachsen. Er fand aber keine Zeit zu Einwendungen irgendwelcher Art, denn schon war Fräulein Nanettchen zwischen ihm und dem Gewaltigen des Kreisblattes. »Lieber, einziger Herr Oberregierungsrat,« sagte sie, »das Amtsblatt ist ja wunderschön – aber es liest's ja kein Mensch. Im städtischen Wochenblatt, da muß unser Dichter abgedruckt werden, damit die Menschen erfahren, was für einen gottbegnadeten Dichter sie unter sich haben!« »Ja, ja, jawohl,« mischte auch Tante Löckchen sich ein, »ins städtische Wochenblatt, da gehört es hinein!« Der Oberregierungsrat, der mit guter Miene die Bemerkung, daß kein Mensch das Amtsblatt läse, hinuntergeschluckt hatte, erhob beschwörend die Stimme. »Meine Damen – meine Damen – eins schließt ja das andre nicht aus, keineswegs aus. Wir bringen in unsrer Sonntagsbeilage eine Besprechung dieses entzückenden Festes und das Gedicht – der Nachdruck wird gestattet, und den nächsten Tag kann das städtische Wochenblatt den ganzen Artikel samt dem Gedicht bringen. Ich gehe selbst auf die Redaktion des Wochenblattes – sind Sie nun zufrieden?« Nun war Fräulein Nanettchen zufrieden, Tante Löckchen zufrieden, alles war zufrieden – nur Percival Nöhring stand da und wußte nicht, was er sagen und tun sollte. In diesem Augenblick fühlte er, wie sich zwei Arme von hinten um seine Schultern legten. Er wandte sich und sah in Fredas Gesicht, das unmittelbar vor seinem Gesicht war. Unbekümmert um die Menschen, die ringsumher waren, blieb sie vor ihm stehen, die Augen in die Züge seines Gesichtes gesenkt, als wollte sie darin studieren. Dann drückte sie beide Hände auf seine Ohren und schüttelte seinen Kopf leise hin und her. »Junge,« sagte sie flüsternd, »sei kein Esel.« Indem sie das sagte, lächelte sie, und es war ein Lächeln eigentümlicher Art; es zuckte um ihren Mund, sprühte aus ihren Augen, es war wie ein verhaltenes Lachen, das, wenn es laut geworden wäre, vielleicht ganz toll und unbändig geklungen haben würde. Percival sah sie verdutzt an; er verstand den Ausdruck in ihrem Gesicht nicht. Und wie sollte er auch? Wußte er doch nicht, was sich heute nachmittag begeben hatte, was in ihr vorgegangen war, als sie den Bärenkopf unter ihren weißen Fuß trat. Erklären konnte sie es ihm doch nicht; für so etwas gibt es keine Worte. Ob Delila viel Worte gemacht hatte, als die Philister zu ihr kamen und ihr zuflüsterten, daß sie ihnen Simsons Geheimnis verraten möchte? Schwerlich. Sie hatte gewiß keinen Laut von sich gegeben; hatte nur so vor sich hingelächelt, mit einem Ausdruck – »wir werden ja sehen – aber ihr wißt ja, wo mein Herz ist, wenn es zu wählen hat, zwischen meinen Blutsverwandten, meinem Bruder und dem Fremden – ihm!« Solch ein Lächeln war das in Fredas Gesicht. »Sei doch ruhig, Junge! dummer, schwacher, einzig geliebter Junge, sei doch ruhig! Weißt du denn nicht, daß du einen Bundesgenossen hast, der stärker ist, als du ahnst? Stärker als du, als all diese sogenannten starken Männer, und stärker auch als er, vor dem du in diesem Augenblick zitterst und bangst?« Sie nahm ihren Fächer, und mit dem geschlossenen Fächer zog sie ihm, bei den Haarwurzeln über der Stirn beginnend, langsam einen Strich über Stirn und Nase herab, indem sie ihm unabänderlich lächelnd in die Augen sah. Es war, als wenn sie seine Gedanken bannen, als wenn sie ihn hypnotisieren wollte. Und ihr Vorhaben schien ihr zu gelingen, denn in sein Gesicht, das vorhin beinahe verstört gewesen war, kehrte das Lächeln zurück. Er fühlte wieder einmal instinktmäßig, wie überlegen ihm die Schwester war. Als Freda ihn wieder lächeln sah, ließ sie von ihm ab, gab ihm noch einen leichten, zärtlichen Fächerschlag auf die Wange und wandte sich, als wäre nichts gewesen und geschehen, zu der Gesellschaft zurück. Inzwischen war es aber so spät geworden, daß man nun ernstlich ans Nachhausegehen denken mußte. Es wurde noch Kaffee herumgereicht; dann begannen einzelne der Gäste sich zu empfehlen. Zu diesen gehörten Fräulein Therese Wallnow und deren Mutter. Als die beiden Damen Tante Löckchen die Hand zum Abschied reichten, stand Percival plötzlich neben ihnen. »Wie kommen die Damen denn nach Haus?« »Nun – wie?« entgegnete Therese Wallnow lächelnd, »wie gewöhnlich doch. Zu Fuß.« »Aber dann gestatten Sie, daß ich Sie begleite?« Die Wallnowsche Wohnung lag zehn Schritte entfernt; Percivals Eifer war eigentlich auffallend. Therese Wallnow schien es zu fühlen; sie errötete. Vielleicht kam ihr Erröten auch daher, daß Tante Löckchen verdächtig aufkicherte und Percival mit dem Finger drohte, oder daher, daß Freda, die dabeistand, einen langsam beobachtenden Blick über Therese und den Bruder dahingehen ließ. Es war kein übermäßig wohlwollender Blick. »Papa!« wandte sich Percival an den Vater, »wartest du mit Freda noch einen Moment? Ich bin gleich wieder zurück.« Papa Nöhring ließ statt aller Antwort ein behagliches Lachen hören. Freda lächelte etwas scharf. »Aber laß uns nicht zu lange warten; es ist spät.« Ob Percival die Mahnung der Schwester noch vernommen hatte – große Beachtung schenkte er ihr jedenfalls nicht, sondern wie ein Sturmwind war er hinter den Damen Wallnow einher, die bereits Mäntel und Überschuhe draußen angelegt hatten und ihres Ritters warteten. Fredas Gesicht war nicht mehr so strahlend, wie es bisher gewesen war; ein leichter Schatten wölkte sich darüber. Aber die Verfinsterung dauerte nicht lange. Sobald Percival zurückkam, und er kam wirklich bald zurück, klärten ihre Züge sich wieder auf. Nun gehörte er ja wieder ihr, und mehr noch als vorhin; die andre war ja fort. Nöhrings waren die letzten, die gingen; der Abschied war der zärtlichste. Tante Löckchen schwoll über von Dankbarkeit, Herr Major a. D. Bennecke von Begeisterung. In der viersitzigen Nöhringschen Mietskutsche wurde Fräulein Nanettchen bis vor ihre Haustür mitgenommen. Elftes Kapitel Am Freitag war das Fest gewesen; am Sonntag darauf stand die Beschreibung in der Sonntagsbeilage des Amtsblattes, und am Dienstag früh brachte das städtische Wochenblatt die Beschreibung samt dem Gedicht noch einmal. Neben der Zeitung, die wie gewöhnlich auf dem Frühstückstisch der Familie Nöhring lag, befand sich ein Schreiben der Redaktion des Wochenblattes »an Herrn Regierungsreferendar Percival Nöhring«, worin dieser, unter schmeichelhaften Komplimenten über sein Gedicht, aufgefordert wurde, dem Wochenblatte Novellen, Romane, Gedichte und Besprechungen, kurz Beiträge jeder ihm beliebenden Art einzusenden. Der Brief machte die Runde um den Tisch, von Hand zu Hand, jeder dachte sich schweigend sein Teil. Papa Nöhring machte ein Gesicht, als wenn er das große Los gewonnen hätte; Freda zeigte ein in sich gekehrtes abwartendes Lächeln; in Percival sah es ganz verwirrt aus. Er war im stillen entschlossen gewesen, die ganze Geschichte als abgetan anzusehen und womöglich gar nicht mehr daran zu denken. Das Assessorexamen machen, Anstellung bekommen, Therese Wallnow heiraten – und fertig! Das war das Programm, das er sich gestern abend in kurzen Zügen entworfen hatte. Für die Poesie täglich eine Stunde nach dem Nachmittagskaffee, das würde ja wohl genügen. Statt dessen kam jetzt der Dichterruhm förmlich ins Haus gelaufen, kriegte ihn am Kragen und schleppte ihn mit Gewalt in die Öffentlichkeit. Er mochte wollen oder nicht, er war ein berühmter Mann. Und der berühmte Mann einer kleinen Stadt zu sein, ist etwas ganz andres als ein solcher in einer großen. Da braucht man nicht erst durch Photographien, die in den Buchläden im Schaufenster ausliegen, den Leuten bekannt gemacht zu werden; jedermann kennt einen ja von Angesicht. »Da geht ›unser‹ Percival«, heißt es, wenn man über die Straße geht; und wenn man in die Kneipe kommt, verbeugen sich die Kellner, und alle Köpfe wenden sich um, »da kommt ›unser‹ Percival«. Man müßte ja ein Stockfisch oder ein Philosoph sein, wenn einem das keinen Eindruck machen sollte, und Percival Nöhring war weder das eine noch das andre. Die Geschichte schmeichelte ihm ganz gehörig. Dazu kam, daß er einen Teil des Lobes, das man ihm spendete, mit gutem Gewissen annehmen durfte; wenn in der Besprechung gesagt war, daß er das Gedicht prachtvoll gesprochen hätte, so war das ja nur die Wahrheit. Aber die Hauptsache – die Hauptsache! da stand das Gedicht, schwarz auf weiß gedruckt, in seiner gedruckten Gestalt jetzt erst recht machtvoll und gewaltig, und darüber stand sein Name, und die Menschen lasen, daß es von ihm sei, und das war nicht wahr! Auf seiner ehrlichen, guten Seele lag das Bewußtsein wie ein Alp. Ob Freda Rat wußte? Sie wußte ja doch immer Rat. Sobald er es vermochte, richtete er es ein, daß er mit ihr allein war. »Weißt du,« fing er ohne Umschweife an, »die Geschichte ist mir eigentlich ganz greulich!« »Die – Geschichte –?« »Na, daß das Gedicht da im Wochenblatt steht, und ich als Verfasser darunter! Ich weiß gar nicht, was ich machen soll!« Mit einem kurzen energischen Griff raffte sie den Brief der Redaktion auf und hielt ihn empor. »Da!« Er sah die Schwester fragend an. »Da? Was?« »Schreib' etwas Eigenes, etwas Gutes, Schönes, Bedeutendes, und schick' ihnen das; dann kannst du mit gutem Gewissen deinen Namen daruntersetzen und bist wirklich der Dichter.« Er schwieg. »Es gibt ein Wort von Gutzkow,« fuhr sie fort, »ein wundervolles: »Der Held bereut durch eine zweite Tat.« Sie brach ab, als könnte sie nicht weitersprechen, als versagte ihr der Atem. Sie saß am Tische, die Arme flach aufgelegt. Über den Tisch hin sah sie den Bruder an, der mitten im Zimmer stand, mit den großen, stahlblauen Augen, mit einem forschenden, drängenden, flehenden und zugleich gebietenden Blick. »Bist du ein Held? Ach, sei doch, sei doch ein Held!« Percival sah wenig heldenmäßig aus in dem Augenblick. Er hatte eine Salbe von ihr haben wollen, und statt dessen gab sie ihm ein Schwert in die Hand – mit dem Temperament sollte der Teufel Schritt halten! »Was ich später tue,« murmelte er, »das bleibt dahingestellt. Jetzt zunächst aber will ich zu ihm hin.« »Zu wem?« »Zu wem?« erwiderte er unwirsch, »zu dem Schottenbauer doch; es läßt mir absolut keine Ruhe; ich muß ihm die Geschichte erklären.« Freda blickte gedankenvoll vor sich hin. Etwas war doch in diesen Männern, was ganz anders war als bei den Frauen. Wäre es nach ihr gegangen, so wäre der Name dieses Menschen nie mehr genannt, jeder Gedanke an ihn überhaupt verbannt worden – und dieser Percy wollte selber zu ihm hingehen, Auge in Auge ihm gegenüberstehen – »Junge,« sagte sie langsam, »du bist doch wirklich ein ungeheuer anständiger Mensch.« Percival erwiderte nichts; sie saß im Stuhl zurückgelehnt und sah ihn an. Indem sie ihn ansah, kam ihr die Sorge, wie es ihm ergehen würde, wenn er zu jenem in dessen eigene Höhle ging. Jedenfalls war er doch wütend, aufgeregt, der Mensch, in seiner Eitelkeit gekränkt wie ein giftiger Molch? Wenn er nun sein Gift nach ihm spritzte, nach ihrem Percy, ihrem Heißsporn? Sie stand plötzlich auf und legte ihm die Hände auf die Schultern. »Weißt du,« sagte sie, »ich ängstige mich beinahe! Wenn er dir nun häßliche Sachen sagt?« »Dann bin ich mit ihm quitt,« entgegnete er, »dann hab' ich getan, was ich tun konnte, tun mußte, und dann ist's gut. Dagegen wenn ich ihm jetzt auf der Straße begegne, muß ich bei ihm vorbeigehen wie ein begossener Pudel. Und das paßt mir nicht, das will ich nicht!« In seinen Worten und in seinem Ausdruck war etwas so männlich Gebietendes, daß Freda allen Widerstand aufgab. Zärtlich nahm sie seinen Kopf zwischen die Hände und küßte ihn auf die Stirn. »Du armer Kerl,« sagte sie begütigend, »daß du dich so aufregen mußt. Aber nicht wahr – du tust mir den Gefallen und ärgerst dich nicht, wenn der Mensch unangenehm wird? Und wenn er schimpft und schreit, dann nimmst du ruhig deinen Hut und gehst davon! Ja? Nicht wahr? Mir zuliebe?« Percival schaute sie lächelnd an. »Du denkst wohl, ich werde mich mit ihm duellieren?« Seinerseits legte er nun den Arm um ihren Nacken, zog ihr Gesicht an sich heran und küßte sie. »Sei unbesorgt, so schlimm wird die Sache wohl nicht werden.« Noch einmal nickte er ihr zu, und dann, fest aufgerichtet, verließ er das Zimmer und gleich darauf das Haus. Freda sah ihm nach. Wie er dahinging – schlank, vornehm, schön von außen und innen und ohne Arg! Ach – wenn er es wagte, der Wurzelmann, ihr diesen da zu begeifern! An diesem da zu rühren! Eine Motte flog auf der Tischdecke umher; sie stürzte über sie her, hinter ihr drein, verfolgte sie, als sie zu entwischen versuchte, und ruhte nicht, bis daß sie sie gefangen und zwischen den Händen zerrieben hatte. Um die Mittagsstunde, zu der Zeit, da er Schottenbauer neulich zu Hause getroffen hatte, machte sich Percival Nöhring auf den Weg nach dem Hause am Wasser. Der Gang war ihm recht herzlich zuwider – aber es mußte sein. Über die Hintertreppe hinaufgelangt, klopfte er an; Schottenbauer war zu Haus. Über den Tisch gebeugt saß er da, heute einmal zur Abwechslung Gerichtsakten vor sich, aus denen er ein Referat zu verfertigen hatte. Einigermaßen überrascht blickte er zu dem Eintretenden auf. »Guten Morgen«, sagte Percival, der sich zu möglichster Unbefangenheit zwang; dann schüttelte er ihm die Hand und setzte sich, wo er neulich gesessen hatte. »Ich komme zu Ihnen,« fuhr er fort, indem er den Hut auf den Tisch warf, »weil mir die Geschichte höchst unangenehm ist, und weil sie ganz gegen meinen Willen gekommen ist, und das wollte ich denn sagen, und – darum komme ich zu Ihnen.« »Was denn für eine Geschichte?« fragte der andre. »Na – mit der Zeitung das; daß es in der Zeitung steht.« Schottenbauer sah ihn mit einem beinahe dummen Ausdruck an. »Steht etwas in der Zeitung? Wo denn? Was?« »Ja – lesen Sie denn das städtische Wochenblatt nicht?« Schottenbauer lachte. »Nein – das tu ich freilich nicht.« Percival errötete unwillkürlich; dann war ja die ganze Aufregung eigentlich überflüssig gewesen. Aber nun war er wieder in der Geschichte drin. Er zog das Zeitungsblatt, das er eingesteckt hatte, aus der Tasche. »Dann können Sie's also lesen – da.« Während Schottenbauer sich in den Artikel vertiefte, zündete Percival sich aus der Zigarrenkiste, die jener ihm zugeschoben hatte, eine Zigarre an. Verlegenheit versteckt sich am besten hinter einer solchen; Mundwinkel, die etwa verdächtig zucken möchten, klammern sich gern um solch einen Rettungspfahl. Schottenbauer hatte zu Ende gelesen. »Na,« sagte er, »was ist denn eigentlich los? Da steht ja, daß Sie's wunderschön gesprochen haben? Und es scheint ja ganz gut gefallen zu haben?« »Ganz gut?« fragte Percival. »Kolossalen Eindruck hat's gemacht.« Schottenbauer lächelte und wurde rot. »Weil Sie sagten, die Geschichte wäre Ihnen so unangenehm?« Percival wurde beinahe ungeduldig. »Aber da sehen Sie doch, daß da steht, daß ich das Gedicht gemacht hätte?« »Ach – so –.« Schottenbauer schien wirklich jetzt erst zu verstehen, um was es sich handelte. »Ich hab's Ihnen neulich gleich gesagt,« redete Percival sich in den Eifer hinein, »daß ich auf die Art dahin kommen würde, mich mit fremden Federn zu schmücken.« Die Finger seiner Hand trommelten auf der Tischplatte; begütigend legte Schottenbauer seine Hand darauf. »Mein Gott,« sagte er, »das tut mir ja aufrichtig leid, wenn's Ihnen so unangenehm ist.« Percival riß die Augen weit auf. »Aber was sagen Sie denn dazu? Ihnen muß es doch in erster Linie unangenehm sein?« »Mir unangenehm? Wieso denn?« Er sah ihn so treuherzig an, daß Percival wirklich nicht mehr wußte, was er sagen sollte. »Wie – so? Wenn man Ihnen Ihr Gedicht fortnimmt? Und es einem andern zuschreibt?« Schottenbauer lachte wieder auf, ganz laut und hell; dann erhob er sich und ging schweigend im Zimmer auf und ab. Percival sah verblüfft hinter ihm drein. Er verstand ihn absolut nicht. Einem eitlen Menschen ist es völlig unmöglich, sich in die Seele eines andern, der nicht eitel ist, zu versetzen. Und dieser Mensch da war nicht eitel. Es war ihm wirklich gleichgültig, ob das Publikum Tante Löckchens und die Leser des städtischen Wochenblatts von ihm wußten, daß er ein Dichter sei oder nicht. Etwas ganz andres war in ihm, etwas ganz Mächtiges, das ihm die Brust weitete und keinen Raum ließ für alberne Kleinigkeiten, und das jetzt, indem er sich plötzlich zu dem Bruder Freda Nöhrings umwandte, wie ein warmer Strom aus seinen Augen quoll. »Seien Sie doch nicht so furchtbar stolz,« sagte er zu Percival, vor dem er stehengeblieben war, und dem er die Hände auf die Schultern legte, »eine Schande ist es ja doch nicht, daß das Gedicht auf Ihren Namen geht; ich hab's Ihnen doch gemacht, weil ich glaubte, ich täte Ihnen einen Gefallen damit, wenn ich's machte, und – ich – sehen Sie – tue Ihnen wirklich gern einen Gefallen.« Er lächelte beinahe schüchtern und verlegen; im Ton seiner Stimme war eine solche Zärtlichkeit – plötzlich wurde er feuerrot, wandte sich von Percival hinweg und trat an die Balkontür. Percival wußte wieder einmal nicht, was er sagen sollte. Das war ja geradezu die verkehrte Welt. Er war hergekommen, um dem da Erklärungen zu geben, eigentlich, um ihn um Entschuldigung zu bitten, denn gewissermaßen kam er sich doch wie ein Dieb vor – und jetzt gab ihm der da gute Worte und bat ihn, sich's doch um Gottes willen gefallen zu lassen, daß er mit seinem Geiste vor den Leuten einherstolzierte. – Was war denn das für ein Mensch? Ein Dummkopf? Das konnte man doch wahrhaftig nicht sagen, und er, der gute Percival Nöhring, erst recht nicht. Aber ein ganz absonderlicher Kauz, ein furchtbar unpraktischer Kerl – ja – einer von denen, die dazu da sind, daß sie von den übrigen ausgebeutet und dafür ausgelacht werden; so einer, in der Tat. Es war ja wirklich zum Lachen eigentlich, warum lachte er denn nicht? Weil Percival Nöhring freilich kein bedeutender, aber auch kein gemeiner Mensch war, und weil ihm ein dunkles Gefühl sagte, daß, wenn er jetzt über den da lachte, er eine nichtsnutzige Gemeinheit begehen würde, und weil plötzlich etwas in ihm emporstieg, etwas Weiches, Warmes, wie eine große Rührung, wie ein Gefühl, das ihn zwingen wollte, aufzustehen und dem da um den Hals zu fallen und zu sagen: »Du bist ein famoser, famoser Kerl!« Bevor er aber dazu gelangte, fing der andere wieder an. »Das war doch neulich«, fragte er, ohne sich umzuwenden, »Ihre Fräulein Schwester, mit der Sie über die Brücke gingen?« Percival stutzte auf. »Neulich – auf der Brücke? Ach so – jawohl.« Schottenbauer behielt das Gesicht abgewandt; von hinten aber konnte Percival sehen, wie er bis in die Ohren rot geworden war. »Und – Ihre Fräulein Schwester – ist in der Gesellschaft bei Tante Löckchen, wo Sie das Gedicht gesprochen haben, auch gewesen?« »Natürlich.« »Und – hat es Ihrer Fräulein Schwester – einigermaßen gefallen?« »Einigermaßen? Rein wie toll ist sie gewesen, als ich ihr das Gedicht gezeigt habe.« Ein tiefer Atemzug hob Schottenbauers Brust. Er kam von der Balkontür zurück und blieb wieder, gesenkten Hauptes, stehen. »Hat sie – erfahren, von wem es war?« »Natürlich hab' ich ihr gesagt, daß Sie es gemacht haben.« Mit einem Schritt war Schottenbauer heran; mit einem Griff hatte er Percival an beiden Händen gepackt. Er wollte etwas sagen, aber er konnte nicht; es war, als wenn er erstickte; er nickte nur mit dem Kopfe; dazu preßte und preßte er, als wenn er ihm danken wollte, Percivals Hände, und sein Gesicht war wie mit Blut übergossen. Percival brachte auch kein Wort hervor – so also stand die Sache? Langsam erhob er sich vom Stuhl; dann standen beide, ohne sich anzusehen, voneinander entfernt, der eine ebenso verlegen wie der andere. Percival griff zum Hute; nun konnte er gehen – und doch hatte er ein Gefühl, als könnte er so nicht gehen. Wenn er ihm jetzt Adieu sagte und die Tür hinter sich schloß, dann war alles wieder, wie es gewesen war, das heißt, alles war aus. Auf der Straße würden sie sich grüßen, wenn sie sich begegneten, und weiter nichts. Denn der da drüben, der schüchterne Junge, würde von selbst nicht kommen, der würde bleiben, wo er war. Das Schicksal hatte ihn mit einem merkwürdigen Menschen zusammengeführt, mit einem bedeutenden, und jetzt sollte er die Tür zwischen ihm und sich zumachen und sagen: bleib' ein jeder, wo er hingehört – du in deiner Einsamkeit mit deinen großen Gedanken, ich in meiner Gesellschaft, bei denen »in Lackstiefeln und Frack«? O nein – so bloß ein »Frack- und Lackstiefelmann« war er denn doch auch nicht; so ganz unbedeutend, daß ein wirklich interessanter Mensch ihn nicht interessieren sollte, war er denn doch auch nicht. Und dazu kam ja nun noch etwas hinzu: dieser Mensch liebte seine Schwester. »Ganz unglaublich« – das war sein erster – »ganz natürlich« – sein zweiter Gedanke. Ein armer Teufel ohne Sold und Lohn, vielleicht sogar ohne Brot – und die stolze, verwöhnte Freda – ganz unglaublich! Ein Mann, der Gedichte im Kopfe trug, vor denen Mann und Weib, alt und jung sich beugte wie vor einer höheren Gewalt – und die kluge, die geistesgewaltige Freda – ganz natürlich! Bisher hatte sich kein Mann noch mit seiner Liebe an Freda herangewagt. Das wußte er ja, und er wußte auch, warum. Sie war ihnen unheimlich, denen »in Lackstiefeln und Frack«, war ihnen ungemütlich, denn sie war ihnen zu klug. Darum gingen sie an ihr vorüber wie am Feuer. Natürlich. Denn wenn ein Strohkopf dem Feuer zu nahe kommt, läuft er Gefahr, daß er verbrennt. Und nun kam dieser da, und kaum, daß er sie einmal gesehen, wußte er, was für ein Weib diese Freda war! Kaum, daß er ihr einmal begegnet, war er in sie verliebt! Alles, was die andern abstieß, der Ernst in ihrem Gesicht, die Strenge, die Mächtigkeit, gerade das riß ihn hin, zog ihn zu ihr, wie das Feuer sich zum Feuer hingezogen fühlt. Freilich, ja; das war der Mann, um Freda zu verstehen; und Freda war das Weib, um diesen da zu würdigen! Einem plötzlichen Gefühle gehorchend, trat Percival auf Schottenbauer zu. Er streckte ihm die Hand hin, und die Worte kamen, beinahe wie unbewußt, aus ihm hervor: »Ich möchte Ihnen einen Vorschlag machen – Sie haben mir zwar gesagt, daß Sie nicht in Gesellschaften gehen – aber ich möchte Sie dennoch einladen – und da, wohin ich Sie einlade, brauchen Sie keine Lackstiefel anzuziehen.« In seiner zögernden Art hatte Schottenbauer seine Hand ergriffen und sah ihn fragend an. »Mein Vater«, fuhr Percival fort, »ist ein großer Freund von Literatur und Poesie; also können Sie sich denken, daß in unserm Hause überhaupt Sinn dafür vorhanden ist; so möcht' ich mir den Vorschlag erlauben – wissen Sie, wo wir wohnen?« Schottenbauer nickte und wurde wieder bis über die Ohren rot. »Also kommen Sie einmal zu uns und lesen Sie uns Ihr Stück vor – ja?« Ein Zucken ging um Schottenbauers Mund und durch sein Gesicht. Percival fühlte, wie seine Hand kalt wurde vor innerer Erregung. »Es – sind schon mehrere da«, erwiderte er dann leise, mit verlegenem Lächeln. »Na, um so besser,« rief Percival lachend, »also eins nach dem andern – allesamt!« Ein abermaliges Zucken in des andern Gesicht. – »Und da – würden wir dann ganz unter uns sein?« »Nur mein Vater, meine Schwester und ich – wenn Sie aber wollen, laden wir noch ein paar Menschen dazu.« »Nein, nein!« Mit einem Ruck hatte Schottenbauer seine Hand aus Percivals Hand gerissen. »Niemand weiter! Niemand!« Gesenkten Hauptes, in tiefer, stummer Erregung stand er da. »Und das – würde Ihnen wirklich Freude machen? Ihrem Herrn Vater – und Ihnen – und – ?« »Meinem Vater und mir und meiner Schwester,« half Percival ihm ein, »wirkliche, aufrichtige Freude, ja.« Ein Leuchten brach aus Schottenbauers Augen; mit beiden Händen erfaßte er Percivals Hände. »Ich danke Ihnen! Ich danke Ihnen! Ich – ich – ja, ich werde kommen – werde Ihnen etwas vorlesen – ich–« Seine Zunge wurde gar nicht fertig mit dem Schwall von erregten Worten, die aus seinem Innern herauf wollten – er ließ Percivals Hände fahren, ging im Zimmer auf und ab, riß die Balkontür auf und schloß sie wieder, nahm Bücher vom Tisch auf und legte sie wieder hin, endlich griff er nach der Zigarrenkiste. »Darf ich Ihnen nicht noch eine Zigarre anbieten?« Percival lachte unwillkürlich laut auf. »Nein, nein, danke! ich bin noch vor dem Essen.« »Tut mir wirklich leid«, sagte Schottenbauer. Er sah sich im Zimmer um, als ob er irgend etwas suchte, was er dem andern hätte anbieten, womit er ihm hätte einen Gefallen erzeigen können. Als er nichts fand, blieb er vor ihm stehen, und beide sahen sich an, und beide fingen gleichzeitig an zu lachen, der eine mit gutmütig zugekniffenen, der andere mit weit offenen, verklärten Augen. »Auf Wiedersehen also – nächstens?« fragte Percival, indem er ihm zum Abschiede noch einmal die Hand bot. »Ja, auf Wiedersehen! Bald!« Vom Hofe drunten sah Percival noch einmal zurück und hinauf – am Flurfenster droben stand Schottenbauer und nickte ihm nach: »Auf Wiedersehen! Auf Wiedersehen!« Zwölftes Kapitel Heute war es das zweitemal, daß Papa Nöhring und Freda mit dem Mittagessen warten mußten. »Der Junge« war immer noch nicht da. Freda stand am Fenster und blickte nach ihm aus. Sie wurde von Minute zu Minute aufgeregter; und dabei durfte sie dem Vater nichts sagen. Ihre Phantasie malte ihr allerhand abenteuerliche Schrecknisse vor. Immerfort sah sie Percival im Kampf, im körperlichen Kampf mit dem andern. Sie sagte sich, daß der Gedanke lächerlich sei, aber sie konnte sich nicht helfen. Wo blieb er denn auch nur? Das, was er jenem zu sagen hatte, erforderte doch höchstens ein paar Minuten! Percival war ja um mehr als einen Kopf größer als der andere, jedenfalls auch viel stärker; wenn sie wirklich handgemein geworden sein sollten, würde er den Wurzelmann ja wohl mit einem Faustschlag niedergestreckt haben – aber trotzdem – Solche kleine Männer – die waren gewiß ganz gräßlich, wenn sie wütend wurden, kämpften gewiß mit Waffen, von denen anständige, große, solche wie Percival, nichts ahnten! Hatte sie nicht oft genug in der Zeitung gelesen, wie solche Männer, wenn sie sich zu schwach fühlten, um ehrlich Widerstand zu leisten, zum Messer gegriffen und es dem Gegner von unten her in den Leib gestoßen hatten? Herrgott – Herrgott – Im Augenblick aber, da sie sich so in ihren Phantasien verstiegen hatte, sah sie Percival eilenden Schrittes durch die Anlagen daherkommen. Er hatte sie am Fenster gewahrt und nickte ihr von ferne zu. Fuchsmunter sah er aus, gar nicht nach überstandenem Ärger und Kampf. »Papa,« rief sie, »der Junge kommt!« Ihr Ruf war wie ein Freudenschrei; im nächsten Augenblick war sie zur Tür hinaus, auf dem Flur und hing an Percivals Hals. »Junge, was hab' ich mich um dich geängstigt!« Sie war wirklich ganz blaß; ihre Augen weit geöffnet. Percival lachte ihr ins Gesicht. »Aber Freda, ich glaube wahrhaftig, du bist nicht recht gescheit.« Wie ihr das wohltat, sich von ihm auslachen zu lassen, mit seiner kraftvollen, lustigen Stimme! »Ist denn nun alles gut?« flüsterte sie, »alles in Ordnung?« Er nahm ihr Gesicht zwischen beide Hände und sah ihr mit einem pfiffigen Lächeln in die Augen. »Sehr gut alles – ob's aber in Ordnung ist – na – wir werden ja sehen – du brauchst aber nicht zu erschrecken«, fuhr er fort, als er sie schon wieder ängstlich werden sah. Er legte den Mantel ab und hing ihn an den Kleiderständer; dabei wandte er den Kopf nach der Schwester um. »Du, Freda – erinnerst du dich noch, was ich dir neulich erzählte, was Cajetan von Luther gesagt hat? ,Er hat wunderbare Gedanken in seinem Kopfe, der Kerl'.« »Als wir über die Brücke gingen?« erwiderte sie, indem sie die Falten am Mantel des Bruders glatt strich. »Ganz recht, als wir über die Brücke gingen und – einem Gewissen begegneten« – er hatte den Arm um ihre Schultern gelegt und sah ihr wieder mit vieldeutigem Augenzwinkern ins Gesicht – »na, weißt du, dieser – Gewisse ist aber wirklich ein merkwürdiger Kerl, aber ein sehr merkwürdiger.« Freda sah ihn verwundert an. »Was meinst du denn?« »Werden Sie alles erfahren, Herr Oberlehrer« – damit hatte er sie über die Schwelle ins Zimmer hineingeschoben, wo Herr Regierungsrat Nöhring ihrer wartete. »Papachen,« sagte Percival, indem er den Vater umarmte, »ich komme etwas spät – dafür aber bringe ich dir etwas mit.« »Bringst mir was mit?« fragte Papa Nöhring, »was wird denn das sein?« »Einen homo sapiens dramaticus .« Man setzte sich zu Tisch; Vater und Sohn Nöhring lachend und vergnügt, Freda ernst, schweigsam und scheinbar ganz in ihr Amt vertieft, den beiden Männern Suppe aufzufüllen. »Nun drück' dich mal etwas deutlicher aus, wenn's gefällig ist,« sagte Papa Nöhring, indem er sich den Mund abwischte, »wer ist dein homo sapiens dramaticus ?« »Ein Jüngling, Schottenbauer geheißen; seines Zeichens Referendar am hiesigen Gericht. Hast du nie von ihm gehört?« Papa Nöhring verneinte. »Also wirst du von ihm hören und zu hören kriegen; denn über ein kleines wird besagter Schottenbauer antreten und Herrn Regierungsrat Nöhring seine Visite machen, und aber über ein kleines wird er wiederum erscheinen, mit einem dicken Ipse fecit -Manuskript in der Tasche, wird es aus der Tasche hervorholen und der Familie Nöhring ein Drama vorlesen, so er ohne fremde Beihilfe in fünffüßigen Jamben verfertigt hat.« Papa Nöhring lehnte sich im Stuhl zurück. »Na, aber sag' mal. Junge –?« Dann lachte er laut auf. »Dir scheint die Geschichte ja einen heidenmäßigen Spaß zu machen?« Percival griff über den Tisch nach der Hand des Vaters. »Macht's dir denn nicht auch Vergnügen? Solch ein Literaturfreund, wie du es bist?« »Na – warum soll mir's schließlich kein Vergnügen machen?« meinte Papa Nöhring. »Die Geschichte kam mir bloß im ersten Augenblick so ein bißchen komisch vor. Er mag nur kommen, rausschmeißen werden wir ihn schon nicht; nicht wahr, Freda?« Freda hatte an der Lustigkeit der beiden nicht teilgenommen. »Wenn's nun aber nichts taugt?« fragte sie knapp und scharf, indem sie über den Tisch vor sich hin blickte. »Na – dann taugt's eben nichts,« lachte Percival, »wir haben's ja nicht verbrochen.« »Ja, dann ist das aber eine sehr peinliche Situation.« »Na, mein Gott,« erwiderte Percival, »zum Tragischnehmen ist das denn doch auch noch nicht. Dann macht man eben so ein paar allgemeine Redensarten.« »Das kannst du dann auf dich nehmen, Junge,« sagte Papa Nöhring, »denn du hast nun einmal die Suppe eingebrockt.« »Will ich auch«, erklärte Percival; »übrigens aber glaube ich, wir können beruhigt sein; was Dummes wird's gewiß nicht sein, was der geschrieben hat.« »So soll er's doch drucken lassen; dann können wir's für uns lesen«, wandte Freda ein. »Drucken lassen – dazu muß er einen Verleger haben – hat er nicht.« »So soll er's aufführen lassen.« »Aufführen lassen – dazu braucht er ein Theater, und die Theater nehmen seine Stücke nicht.« Freda verzog den Mund zu einem verächtlichen Lächeln. Percival stieg der Arger rot in die Stirn. Ihre herben, mit bewußter Ablehnung hervorgestoßenen Äußerungen hatten ihn ohnedem gereizt; jetzt sah er sie an – wie unliebenswürdig sie wieder einmal aussah! Wie war es möglich, daß ein Mann an ihr Gefallen fand; wenn sie so dreinschaute. Eine heftige Antwort schwebte ihm auf den Lippen. »Du hättest am allerwenigsten Ursache, so gegen ihn aufzubegehren.« Aber das ging nicht an, darum schwieg er und aß und trank seinen Ärger schweigend hinunter. Freda aber war nicht minder aufgeregt als der Bruder. »Ich begreife doch aber gar nicht, wie der Mensch dazu kommt, von uns zu verlangen, daß wir seine Stücke anhören sollen?« Jetzt warf Percival Messer und Gabel auf den Teller. »Wer sagt dir denn, daß er's verlangt?« »Na – du erzählst uns doch eben, daß er kommen will?« »Aber doch nicht, weil er sich danach gedrängt hat! Sondern ich habe ihn dazu aufgefordert und darum gebeten.« »Du?« »Na ja – allerdings, ich!« Er sah sie herausfordernd an, mit einem Blick, als wenn er sagen wollte: »Ich begreife dich nicht! Du weißt doch so gut wie ich, was wir dem Mann schuldig sind.« Freda war stumm geworden. Jetzt mischte sich begütigend Papa Nöhring ein, der lächelnd weitergetafelt hatte, während seine Kinder sich aufregten. Wie er die Natur der beiden wieder einmal erkannte! Dort die verstandeskühle, kritische Freda, hier sein enthusiastischer Percy, der Dichter! »Na, Kinder,« sagte er, »streitet euch nicht; wir werden ja sehen, wer von euch recht behält. Aber sag' mal, Junge, du bist ja ganz Feuer und Flamme für deinen – Schottenbauer – heißt er nicht so?« Percival nickte. »Was weißt du denn von ihm? Du sprichst ja, als handelte es sich um ein verkapptes Genie?« Percival biß sich auf die Zunge; er war im Begriff gewesen, die ganze Prologgeschichte zum besten zu geben. Eine fliegende Röte ging über sein Gesicht. »Gott, siehst du, Papa, wie so etwas kommt; in der Kneipe habe ich von ihm gehört, und daß er auf seiner Bude säße und Stücke schriebe. Na, und da bin ich denn mal hingegangen, eigentlich mehr aus Ulk, um ihn mir doch mal anzusehen; denn so etwas interessiert doch schließlich.« »Natürlich«, meinte Papa Nöhring. »Und da kann ich denn eben nur sagen, es ist wirklich ein ganz merkwürdiger Kerl; und wer weiß, ob die, die ihn heute auslachen, nicht noch einmal höllisch begossen dastehen werden, weil sie ihn ausgelacht haben.« »Also schreibt er wirklich Stücke?« »Aber ganze Stöße«, erwiderte Percival. Er hielt die Hand über dem Tisch und deutete die Dicke der aufgehäuften Manuskripte an. »Der arme Kerl«, sagte Papa Nöhring, indem er nachdenklich mit dem Kopfe nickte. »Nicht wahr?« rief Percival. »Und darum dachte ich, so einem armen Teufel, der überall abgewiesen und ausgelacht wird, dem muß man doch ein wenig helfen, soweit man eben kann! Er ist nämlich so furchtbar verlegen und bescheiden – also hab' ich mir gesagt, dem muß man entgegenkommen, von selbst kommt er nicht; also hab' ich zu ihm gesagt: ›Kommen Sie mal zu uns, und lesen Sie uns Ihr Stück vor‹ – ist das nun ein Unrecht?« Sein hübsches Gesicht war vor Eifer ganz heiß geworden; bei den letzten Worten hatte er sich zu Freda gewandt, als wollte er sie zu einer Antwort, zu irgendeiner Äußerung bringen. Freda aber gab keinen Laut von sich. In ihren Augen war etwas Unergründliches. Sie hatte eine Makrone vom Nachtisch genommen, aber sie aß nicht, sie zerbröckelte sie nachdenklich zwischen den Fingern. Wie komisch das alles war! Da hatte sie sich um den Bruder geängstigt, als ginge er zu einem wilden Tier in den Käfig, und während sie hier in ihren Sorgen gestanden und gewartet, hatten die beiden, so schien es, in aller Gemütlichkeit miteinander geplaudert und geschwatzt. Mit ihrem eigenen Leibe war sie bereit gewesen, ihn vor dem stechenden Wurm, vor dem Skorpion zu beschützen – nun saß sie und hörte, wie er von dem Menschen als wie von einem Freunde, beinahe mit Begeisterung, sprach. Auf die großen Erregungen, die sie durchgemacht hatte, folgte der Rückschlag. Ohne Grund hatte sie ihre Seele verausgabt, ohne Grund und ohne Auftrag. Das war eigentlich lächerlich. Percival brauchte ihren Schutz ja gar nicht; im Gegenteil, seine Augen, die sie voller Zorn angeblitzt hatten, sagten ihr ja deutlich genug, daß er ihn nicht haben wollte. Eine kalte Traurigkeit bemächtigte sich ihrer. »Dann, denk' ich,« begann sie nach einiger Zeit, »werden wir es noch Benneckes sagen? Die interessieren sich ja für so etwas.« Herrn Regierungsrat Nöhring leuchtete der Gedanke ein; Percival aber erklärte sich dagegen. »Nein, nur wir allein; ich hab's ihm ausdrücklich versprechen müssen, daß niemand sonst dabei sein wird; es ist ja ein so furchtbar verlegenes Tierchen; sobald mehr dabei sind, verliert er die Courage.« »Also wollen wir ihm allein die Beichte abhören«, sagte Papa Nöhring, indem er sich von der Tafel erhob. »Verrückt genug, um ein wirklicher Dichter zu sein, scheint er ja zu sein, dein Schottenbauer.« Freda war stumm geblieben, vielleicht weil ihr zu unangenehm zumute war, um zu reden. Wenn Benneckes dabei gewesen wären, nun, dann wäre es schließlich eine Gesellschaft wie andere Gesellschaften gewesen – jetzt sollte sie ihn nicht nur empfangen, den Menschen, sondern ganz im engsten Hause, ganz intim, beinahe wie man einen Hausfreund empfängt. Sie setzte den Stuhl, von dem sie sich erhoben hatte, hart an den Tisch – dieser Mensch ein Hausfreund! Indem man sich gesegnete Mahlzeit wünschte, trat Percival an die Schwester heran. Von seinem gutmütigen Gesicht war jede Spur des Ärgers wieder verschwunden; er fing sie in seine Arme, und als sie nicht von selbst kam, drehte er ihr Gesicht mit Gewalt zu sich herum und gab ihr einen herzhaften Kuß. »Na, hör' mal, Freda, du bist doch wirklich wieder einmal urkomisch – was hast du denn nur?« Was sollte sie darauf erwidern? Sie sagte nichts, ihre Lippen spitzten sich, halb schmollend, beinahe weinerlich, nach vorn zu; ihr war wirklich beinahe zum Weinen. Sie mußte ihm ja eigentlich böse sein, dem Percy, sie war ihm auch böse, der ihr mit Gewalt diesen Menschen aufnötigte, ihn zwischen sich und die Schwester stellte – und doch – von ihm sich umarmen und küssen zu lassen – die alte süße Gewohnheit – auch ihrerseits schlang sie die Arme um ihn und küßte ihn und sah ihm dabei halb vorwurfsvoll in die Augen. Ahnte er denn gar nicht, der törichte Junge, für wen ihre stolze Seele kämpfte und litt? Für wen sie sich zur Wehr setzte gegen jenen – andern? Freilich – sie mußte ihn ja schon wieder entschuldigen. Den Blick von neulich hatte er ja nicht gesehen; er konnte ja nicht wissen, warum es ihr unleidlich sein mußte, ohne andere Frauen neben sich mit einem Menschen zusammenzukommen, der – und sie beugte das Haupt – denn der Gedanke allein, daß dieser Mensch in sie verliebt sei, war ihr unerträglich. Und indem sie so gebeugten Hauptes stand, konnte sie das Lächeln nicht sehen, das pfiffige, mit dem Percival auf sie herabsah, ahnte nicht, was für Gedanken hinter dem Lächeln lauerten, und wie er des Menschen gedachte, der ein so sonderbarer Kauz war, daß gerade diese es ihm angetan hatte, die gegen ihn so aufbegehrte, diese sonderbare, trotzige, eigentlich doch so gar nicht liebenswürdige, stachelige Freda. Und so verschlossen sie, ohne es zu ahnen, eines des andern Geheimnis in der eigenen Brust. Die Stimmung Fredas aber besserte sich im Laufe des Tages nicht; im Gegenteil, sie wurde immer düsterer. Sonst, wenn sie so in den stillen Nachmittagsstunden einsam für sich im Hause war, wenn Vater und Bruder aus waren, wie war das schön! Was waren das für Stunden voll schweigender Glückseligkeit, von der niemand etwas ahnte! Dann ging sie treppauf und treppab, in das Zimmer, wo der Vater wohnte, und sah nach, ob auch die Bücher alle so standen, wie er es gern mochte, ob die Pfeifen alle frisch gestopft waren, ob man nicht dies und das noch tun könnte zu seiner größeren Behaglichkeit; und dann in das Zimmer des Heißsporns, wo es immer ein bißchen unordentlicher aussah als bei dem Papa, wo man dies und jenes zurechtzurücken hatte, und an den Kasten, wo seine Handschuhe und Krawatten lagen, um nachzusehen, ob alles auch gehörig vorhanden war und gut instand und so, daß der Junge damit Staat machen konnte. Und nie verschloß sie den Kasten, ohne daß sie einmal wenigstens mit zärtlicher Hand über die Krawatten gestrichen hätte – dann ging sie noch ein wenig im Garten spazieren, hinter dem Hause, und dann kam sie in ihr Zimmer vorn zurück, und da saß sie dann mit einer Handarbeit oder auch wohl mit einem Buche manchmal stundenlang ganz für sich allein; aber es wurde ihr nie zu lang; sie verlangte nichts weiter, brauchte nichts weiter, sie war glücklich, war reich, sie hatte ihre Welt, und diese Welt war das Haus, in dem sie mit dem Vater und dem Bruder wohnte. »Eine Hausunke« hatte Percival sie spottend genannt, und sie hatte es sich lächelnd gefallen lassen. »Hast ja recht, ,aber laß du mich nur.« Was verlangte sie denn weiter, als wie der stille Hausgeist dazusitzen und Wache zu halten über dem Hause und den geliebten beiden, die es umschloß? Was fragte sie nach Gesellschaften? Was gingen die Leute da draußen sie an? Es war, als wenn zwei ganz verschiedene Menschen in ihr wären; den einen zog sie an, beinahe wie einen Überrock, wenn sie aus dem Hause ging; dann wurde sie kalt, dann wurde sie herb, dann wurde sie die Freda Nöhring, bei der die Leute draußen vorübergingen, weil sie sich nicht an sie herangetrauten. Und dann, wenn sie dann nach Haus zurückkam und die Luft der heimatlichen Zimmer sie wieder umfing, dann zog sie diesen andern Menschen wieder aus, eben wie man einen Überrock auszieht, und dann war sie warm, dann war sie weich und liebevoll und glücklich. Wenn man so abends zu dreien unter der Hängelampe saß – denn alle Abende ging Percival nicht in Gesellschaft und auch nicht in die Kneipe – wenn sie dann alles um sich sah, was die Welt ihr zu bieten hatte an geliebten Menschen, an liebem, vertrautem Hausrat – wahrhaftig, es überkam sie doch manchmal alsdann, als müßte sie die Arme ausbreiten in die leere Luft – die ja aber nicht leer war, sondern erfüllt von allen guten Geistern des heimatlichen Friedens. Und nun, seit heute mittag, hatte sie ein Gefühl, daß das alles anders werden, alles vorbei sein sollte. In ihre abgeschlossene Dreieinigkeit sollte ein Fremder eindringen, und der Percy selber war es, der ihn hereinrief. Er hatte also doch lange nicht so stark das Bedürfnis, mit Vater und Schwester allein zu sein, wie sie es hatte mit Vater und Bruder. Ihm war das Haus, über dem sie mit solcher Eifersucht wachte, gar nicht solch ein Allerheiligstes wie ihr. Seine Welt war hier nicht abgeschlossen; er brauchte noch eine andre. Das gab ihr einen Stich ins Herz. Und indem sie diesem Gedanken nachhing, erschien plötzlich, kaum wußte sie wie, ein Bild vor ihrer Seele, das Bild, das sie neulich abends nach dem Theater bei Tante Löckchen gesehen hatte, als Percival neben Therese Wallnow und deren Mutter stand und voller Beflissenheit fragte, ob er die Damen nach Hause begleiten dürfte. Therese Wallnow – Ihre Lippen hatten sich lautlos bewegt, hatten den Namen nicht genannt, aber ihr Herz hatte ihn gehört, und indem es ihn vernahm, stieg eine heiße Bitterkeit darin auf. Wie rasch sich das Bild der Welt doch in des Menschen Seele verwandelt! Vor wenigen Stunden, als sie Percival heiter und gesund hatte nach Haus kommen sehen, war alles strahlendes Licht um sie her gewesen – jetzt war ihr, als schritte aus der Ferne der Zukunft das Dunkel auf sie zu und die einsame Nacht. Auf ihrem Nähtische stand ein Bild, das nie von dort verschwinden durfte, eine alte Photographie, auf der sie als ganz junges Mädchen, als Backfisch, dargestellt war, auf einem Stuhle sitzend, und Percival neben ihr, der sich zärtlich zu ihr herabbeugte. Jeden Tag sah sie das Bild an, das für sie wie ein Symbol des ganzen Lebens war, des vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen. Auch jetzt ruhten ihre Augen darauf; und indem sie es taten, wurden die Augen warm und schwer und feucht. Wie sie sich des Tages erinnerte, als das Bild aufgenommen worden war! Sie hatten dem Papa ein Geburtstagsgeschenk machen wollen, indem sie sich für ihn photographieren ließen. Wie der Frühlingsmorgen vor ihrer Seele stand, als sie Arm in Arm mit Percival durch die Anlagen der Stadt zum Photographen gegangen war! Blütenschnee überdeckte alle Büsche, und die Nachtigallen, die in Scharen die Anlagen bevölkerten, begleiteten ihren traumselig schlendernden Gang. Glückseligkeit war es gewesen! Unter einer Laube waren sie dargestellt, so daß das Bildchen aussah wie ein kleines Idyll. Percivals Arm war um die Lehne des Stuhles geschlungen, auf dem sie saß, seine Hand ruhte in der ihrigen. Wie sie ihn jetzt noch lebendig fühlte, den Griff, mit dem sie seine herabhängende Hand erfaßt hatte! »Nicht zu fest zufassen, wenn ich bitten darf«, hatte der Photograph mahnen müssen; »die Hand bekommt dadurch eine ungünstige Gestalt.« Schamrot lächelnd hatte sie nachgeben müssen; aber wenn auch »manierlicher«, fest hatte sie Percivals Hand darum doch gehalten, fest; sie hatte sich ja im stillen mit ihm lobt, ernsthaft und für alle Zeiten. »Nie werd' ich dir untreu werden, nie wird ein Mensch mir lieber sein als du« – das hatten ihre Augen gesagt, als sie stumm zu ihm emporblickten. Und er – hatte er denn nicht dasselbe zu ihr gesagt? Und wenn er es nicht ausgesprochen, so hatte sie es als selbstverständlich angenommen, daß er so dachte. In dem Glauben hatte sie dahingelebt, jahre- und jahrelang; ihr ganzes Leben wie begleitet von einer süß eintönigen, einlullenden Melodie. Und nun zum erstenmal dämmerte ihr die Möglichkeit auf, daß eine Stunde kommen könnte, da es ihm nicht genug sein würde, wenn er ihre Hand und immer nur ihre Hand in der seinigen fühlte, da er seine Hand zurückziehen und ausstrecken würde nach andern Menschen und nach einer andern Frau. »Untreu willst du mir werden?« Es war, als spräche sie mit dem alten Bilde, mit dem Bruder auf dem Bilde. Ein dumpfes, schweres Weh erdrückte ihr das Herz. Und in diesem Augenblick, diesem unglückseligen Augenblick mußte es geschehen, daß sie drüben unter den Bäumen einen Mann daherkommen sah, einen kleinen vierschrötigen Mann, der heute statt des niedrigen Filzhutes einen hohen Zylinder auf dem Kopfe trug und helle Handschuhe an den Händen und ganz so aussah wie ein Mensch, der zu Besuchen ausgeht. Aller Kummer, alles Leid, all das Schmerzgefühl, das sie eben weich und tränenvoll gestimmt hatte, schlug plötzlich in ihr um und verwandelte sich in leidenschaftlichen Grimm, in harten, tauben, der Vernunft unzugänglichen Haß. Der war ja doch schuld an dem allem, und kein andrer als der – der Eindringling – der Einbrecher! Keine Stimme war in ihr, die ihr sagte, daß Percival es doch gewesen war, der ihn gesucht hatte, daß Percival es war, der seine Hilfe in Anspruch genommen hatte, und der sich jetzt mit dem Ruhme schmückte, der jenem dort gebührte. Nur den Fremden sah sie, der in ihr Haus eindringen und den Frieden ihres Hauses stören wollte, nur den Menschen, der ihr das Herz des Bruders zu entfremden begann. Und jetzt schon kam er? Sie hatte geglaubt, daß immerhin ein paar Tage mindestens noch vergehen würden – und heute schon, am nämlichen Tage, kam er an! So wenig konnte er seine Zudringlichkeit zügeln, seine unverschämte?! Wie ein Pfeil war sie aus dem Zimmer, auf dem Flur, wo bereits das Dienstmädchen erschienen war, um dem Klingelnden zu öffnen. »Wenn jemand kommt – niemand ist zu Hause! Niemand!« Mit fliegendem Atem hatte sie den Befehl erteilt, und hochaufatmend schlug sie die Stubentür hinter sich zu. Mitten im Zimmer stehend, sah sie ihn über den Straßendamm zurückgehen, den Abgewiesenen – den – Menschen. »Trag' du nur deinen Zylinderhut wieder nach Hause, deinen glattgebürsteten, und deine Glacéhandschuhe, die du dir wohl extra für heute gekauft hast! Für heute bin ich dich los, und wenn's nach mir ginge, kämst du nicht wieder! Niemals!« Das Dienstmädchen trat ein und brachte ihr zwei Karten. »Walther Schottenbauer – Referendar.« »Legen Sie sie nur da auf den Tisch.« Es widerstrebte ihr, die Karten auch nur zu berühren. Zwei Karten – also eine davon für sie! Ein böses Lächeln zuckte um ihren Mund. »Du wirst Glück haben mit deinem Besuche bei mir – wahrhaftig!« Die Aufregung lag noch auf ihrem Gesicht, als gegen Abend der Vater und der Bruder nach Hause kamen. Das erste, was ihnen in die Augen fiel, waren die Karten, die noch auf dem Tische lagen. Percival brach in lautes Lachen aus; Papa Nöhring stimmte ein. »Der hat's aber eilig!« »Warst du zu Hause, als er kam?« wandte sich Percival an die Schwester. »Ja«, erwiderte sie kurz. »Und hast ihn nicht angenommen?« »Nein.« »Das ist aber schade; du hättest es doch tun sollen.« Ganz heftig fuhr sie auf. »Wenn jemand so wenig von Lebensart versteht, daß er zu einer so unpassenden Zeit Besuche macht –« »Na, mein Gott,« sagte Percival, »du siehst – es hat ihm eben keine Ruhe gelassen; er freut sich, daß er kommen darf.« Wieder sah er sie mit dem komischen Augenzwinkern an, das sie jetzt schon öfters an ihm wahrgenommen hatte, und das sie reizte, weil sie es nicht verstand. »Was hätte ich denn auch mit ihm sprechen sollen, mit dem wildfremden Menschen?« Percival schüttelte den Kopf. »Aber – Freda!« »Na ja!« Er legte ihr die Hand auf das Haupt. In diesem Augenblick fühlte er sich seiner bedeutenden Schwester wirklich überlegen. »Was du mit ihm hättest sprechen sollen? Weißt du denn, daß in der ganzen Stadt hier und vielleicht in der ganzen Welt kein Mensch ist, mit dem du besser sprechen könntest als mit dem?« Er hatte ganz ernsthaft gesprochen, ohne Spott und Lächeln, mit einem Blick, als wenn er sagen wollte: »Denkst du denn an gar nichts mehr? Gar nicht mehr an das Gedicht, das dich so begeistert hat?« Freda blickte zur Erde nieder und wurde stumm. »Das weiß aber der Kuckuck,« bemerkte Papa Nöhring, »daß ihr auch immer aneinander geraten müßt, sobald von dem Menschen die Rede ist! Das vernünftigste wird nun schon sein, daß wir die Geschichte möglichst bald abmachen; wann wollen wir ihm also sagen, daß er zu uns kommen soll?« Freda verhielt sich schweigend; Percival rechnete nach. »Morgen – Mittwoch – ist Ball beim Regierungspräsidenten, Donnerstag Diner bei Noldemeyers – da kommt man immer erst spät fort.« Freitag hat Papa Nöhring Lomberabend mit Major Bennecke und andern im Kasino. »Also Sonnabend?« Sonnabend lag nichts vor – also Sonnabend. »Gut, dann ladet ihn nur auf Sonnabend ein – schreibst du ihm, Freda?« Freda wandte sich ab; sie hatte mit der Sache nichts zu schaffen. »Also werde ich's besorgen,« sagte Percival, »oder noch besser, ich werde zu ihm gehen und es ihm sagen. Um welche Zeit wollen wir denn anfangen?« Papa Nöhring kraute sich hinter dem Ohr. »Es wird wohl ein langwieriger Genuß werden – also nur nicht zu spät – um halb acht? Wie?« Freda ließ ein kurzes Lachen hören. Percival aber blieb ruhig. »Bon,« sagte er, »nächsten Sonnabend um halb acht.« Dreizehntes Kapitel Ob es daher kam, daß draußen die Kälte umgeschlagen war und sich in dunstiges Tauwetter verwandelt hatte – jedenfalls herrschte am Sonnabend, welcher diese Woche beschloß, eine dumpfe Schwüle im Nöhringschen Hause. Freda ging den ganzen Tag wie ein Gewittergewölk umher; Percival hatte seine Versuche, ihre düstere Stimmung durch leichten Spott aufzuhellen, schließlich aufgegeben; schweigend saß man sich bei Tische gegenüber. Papa Nöhring schüttelte den Kopf. Eine so harmlose Sache wie die, daß heute abend ein poetisch angehauchter kleiner Referendar ein Drama bei ihnen vorlesen wollte, wurde geradezu zu einem Familienereignis – zu einem tragischen noch dazu. Er mußte sich gestehen, daß Freda es war, die dem Vorgange den ungemütlichen Charakter verlieh, und obschon er es nicht laut werden ließ – denn im Grunde bewunderte er seine Tochter –, machte er sich Sorgen um sie. Wie wollte sie denn durch das Leben kommen, wenn sie bei so geringfügigem Anlaß alle Register der Leidenschaft spielen ließ? Noch war er ja da – aber einmal würde die Zeit doch kommen, wenn er nicht mehr da war. Was dann? Daß die Männer an Freda vorübergingen, hatte er ja auch wohl bemerkt; aber es hatte ihn nicht weiter gegrämt; so behielt er seine beiden Kinder um sich, er wünschte sich nichts Besseres. Aber später – wenn er nicht mehr da sein würde? – Als man sich von Tische erhob, war sein für gewöhnlich so heiteres Gesicht getrübt; eine Falte zeichnete sich in seine Stirn, und mit einer gewissen Sorge zog er die Tochter an sich, als sie ihm gesegnete Mahlzeit bot. Alles das sah Freda und empfand es, und alles das bestätigte ja nur, was sie vom ersten Augenblick an gefühlt hatte, als sie erfuhr, daß Percival den Menschen ins Haus rufen wollte. Er war der Friedensstörer; es war der Anfang vom Ende ihrer bisherigen glücklichen Harmonie. Darum, als der Vater sie jetzt so besorgt in die Arme schloß, brach sie unwillkürlich in Tränen aus. Als er sie aber, ganz erschrocken, nach dem Grunde ihres Kummers befragte, konnte sie nur schweigend das Haupt schütteln; das, was sie auf dem Herzen trug, wie sollte sie das mit einem Worte aussprechen? Ihr war, als stände das Schicksal draußen vor der Tür; und wenn der Mensch dessen dumpfen Schritt vernimmt, verstummt er, und groß angelegte Naturen schweigen tiefer als kleine. Stumm ging sie hinaus und ließ den Papa und den Bruder einigermaßen verblüfft zurück. So verging der Nachmittag, so kam der Abend heran, und als die siebente Stunde vorüber war, brannten im Salon und im Speisezimmer, das sich an den Salon anschloß, die großen Hängelampen. Haus Nöhring war zum Empfange bereit. In Anbetracht des kleinen Zuhörerkreises hatte Papa Nöhring beschlossen, daß in seinem, im oberen Stock gelegenen Zimmer gelesen werden sollte. Nach der Vorlesung wollte man zum Abendbrot hinuntergehen. Freda war mit der Zurichtung der Abendtafel beschäftigt; Percival hielt sich vorn im Salon. Er war jetzt auch in eine gelinde Aufregung geraten. Gewissermaßen fühlte er sich für den Ausgang der Sache verantwortlich, und indem er daran dachte, wie trostlos Schottenbauer neulich sein Gedicht gelesen hatte, fragte er sich nicht ohne Besorgnis, wie es heute abend werden würde, wenn er sein Stück vortrug. Er ahnte etwas von einer Blamage, und das wäre ihm nicht angenehm gewesen, schon Fredas wegen, deren Spott er denn acht Tage lang zu tragen gehabt haben würde. Jetzt schlug es halb acht, und im nämlichen Augenblick ertönte die Hausklingel. Man hörte ihr an, daß sie mit schüchterner Hand gezogen worden war. Es war wie eine zagende Frage: »Darf ich herein?« »Du – Freda,« rief Percival, »er kommt!« »Also führ ihn nur hinauf!« gab sie vom Speisezimmer her zur Antwort, »ich komme dann schon nach.« Gleichmütig klapperte sie mit Tellern und Schüsseln fort. Percival trat hinaus. Auf dem Flur draußen stand der Gast in seinem Winterüberzieher, den Zylinderhut in der einen, eine Papierrolle in der andern Hand. Es war gar keine Möglichkeit, ihm die Hand zu reichen; er machte einen ganz unbehilflichen Eindruck. »Vertrauen Sie mir Ihr Manuskript an,« sagte Percival freundlich, »und bitte, legen Sie ab! Mein Vater erwartet uns oben in seinem Zimmer; es wird Ihnen, denk' ich, recht sein, wenn Sie lieber in einem kleineren Raum lesen?« Während Schottenbauer sich des Überziehers entledigte, hielt Percival die Rolle in der Hand. Sie hatte den Umfang eines mäßigen Kanonenrohres und war mit einem Bindfaden – man hätte es eigentlich eine Strippe nennen können – zusammengebunden. »Tüchtiges Kaliber«, sagte Percival lachend, indem er die Rolle in der Hand wog. »O – ich lese rasch«, gab Schottenbauer zur Antwort. »Ich hoffe – es wird Sie nicht zu lange aufhalten.« Übermäßiges Selbstbewußtsein sprach aus seinen Worten nicht. Sie stiegen die Treppe hinauf. Die Tür an Papa Nöhrings Zimmer war nur angelehnt, und jetzt erschien dieser selbst auf der Schwelle. »Na, seien Sie willkommen und treten Sie ein!« sagte er, indem er dem Ankömmling gutmütig die Hand reichte. »Mein Sohn hat mir erzählt, daß Sie uns ein Stück vorlesen wollen – Trauerspiel?« »Ja, ein Trauerspiel«, erwiderte Schottenbauer. Papa Nöhring nickte, als wollte er sagen: »Natürlich.« Er betrachtete Schottenbauer, der noch immer, den Hut in der Hand, dastand, dann sah er auf die Papierrolle, die Percival auf dem Tisch niederlegte. »Fast so lang wie er selbst«, dachte er für sich. »Geben Sie mir doch Ihren Hut«, sagte Percival; und er bemächtigte sich des Zylinders, um ihn hinunterzutragen. Schottenbauer zog die Handschuhe von den Händen. Während er das tat, schaute er schweigend mit staunenden Augen umher. Es war ein kleiner, warmer, mit dunkelgrüner Tapete und dunkelgrünen Türvorhängen ausgestatteter Raum, ein wahres Nest von Gemütlichkeit und Behaglichkeit. Auf dem runden Tisch vor dem Sofa stand eine große, mit grünem Schirm versehene Glockenlampe; an den Wänden, soweit sie nicht von Bücherschränken eingenommen waren, hingen Kupferstiche in alten, schwarzen Ebenholzrahmen. »Na – meinen Sie, daß Sie hier Stimmung zum Lesen haben werden?« fragte lächelnd Papa Nöhring, indem er den Blicken seines schweigsamen Gastes folgte, »gefällt es Ihnen?« »Ja – außerordentlich,« gab Schottenbauer zur Antwort, »wirklich, ganz außerordentlich.« Es war mehr als eine höfliche Phrase, das hörte man dem Ton der Worte an. Der heimliche, schöngeschmückte Raum – der freundliche alte Herr, von dessen Munde das »Willkommen« vorhin so liebenswürdig geklungen hatte – es überkam ihn wie eine tiefe, ruhevolle Wonne – der einsame, heimatlose Mensch hatte ein Gefühl, als täte sich eine Heimat vor ihm auf. Percival kehrte zurück, und nun versuchte man, ein Gespräch in Gang zu bringen; Freda kam und kam noch immer nicht. »Mein Sohn sagte mir, daß Sie schon mehrere geschrieben haben«, meinte Papa Nöhring, indem er auf die Rolle deutete; »alle so – stark?« Schottenbauer lachte verlegen. »So ziemlich.« Er wollte noch etwas hinzusetzen, aber plötzlich verstummte er. Seine Augen richteten sich nach der Tür; auf dem Flur draußen hatte er das Rauschen eines Frauenkleides gehört – im nächsten Augenblick stand eine hohe Gestalt unter dem Türvorhang – Freda Nöhring. Ihm war, als legte sich eine Hand auf seinen Kopf und drückte ihn hinunter – gleichzeitig aber, als käme von drunten eine andre Hand und faßte ihn und höbe ihn hinauf bis in den Himmel – das ungeheure, unaussprechliche Gefühl, das den Menschen beim Anblick des geliebten Menschen ergreift, war in ihm und um ihn und machte ihn besinnungslos und hellsehend zugleich; er wußte kaum mehr, wo er war, wer um ihn war; und während alles übrige wie ein Nebel um ihn zerfloß, sah er das Weib dort stehen und wußte, daß so, wie er sie jetzt dort sah, ihr Bild vor seiner Seele stehen würde jahre-, jahre- und jahrelang, immer und ewig, sein Leben lang! Percivals Stimme weckte ihn aus seiner Betäubung. »Darf ich Sie meiner Schwester vorstellen? Herr Referendar Schottenbauer.« Fredas Augen hatten auf ihm geruht, mit dem Ausdruck, mit dem sie ihn damals auf der Brücke angesehen hatte, aber noch bohrender vielleicht, doch unerklärlicher. In ihrem starren Antlitz war kein Lächeln, auch nicht eine Spur der leisesten Freundlichkeit. Bleich, streng, beinahe feindselig stand sie da – und das alles, indem er es sah und fühlte und begriff, warf ihn zu ihren Füßen. Ein Weib, das nicht lächelte, wenn es wollte, sondern nur, wenn es mußte; eine Natur, für die es die laue Zimmer- und Ofenluft der Freundlichkeit, der Liebenswürdigkeit und Höflichkeit nicht gab, sondern nur elementare Kälte – oder elementare Glut. Glut? Ob es auch die in ihr gab? Vorläufig empfand er nur die Kälte. Aber zu denken, daß es in solchem Weibe einmal warm werden könnte – Himmel und Erde mußten sich dem Manne zu Füßen legen, an dessen Brust dieses Weib zusammenbrach. Mit einer kaum wahrnehmbaren Neigung des Nackens hatte Freda Schottenbauers Verbeugung erwidert, dann trat sie herein. »Wollen wir anfangen?« Sie wandte sich nach einer Ecke des Gemachs, um dort Platz zu nehmen. Es war das erstemal, daß er ihre Stimme hörte, und er beugte unwillkürlich das Haupt vor, als wollte er den Ton auffangen. Wunderbar, wie diese tiefe, gleichgültige Stimme dem Leibe ähnelte, aus dem sie kam! Percival, der nicht anders glaubte, als daß Fredas abweisende Art ihn stutzig machte und verletzte, beeilte sich, Schottenbauer mit verdoppelter Liebenswürdigkeit zu begütigen. Er schob einen Stuhl an den runden Tisch und rückte die Lampe zurecht. »Werden Sie so sehen können?« »O ja – danke!« Schottenbauer setzte sich und band das Manuskript auf. Errötend steckte er die »Strippe« in die Tasche – es war ihm gewesen, als hätte Freda mit stummem Staunen, beinahe spöttisch, darauf hingesehen. Daß er auch so ungeschickt gewesen war, sein Manuskript nicht ein bißchen manierlicher vorzuführen! Dazu kam, daß er das gerollte Papier erst mit Gewalt wieder glätten mußte, und daß der Stuhl, den Percival ihm herangeschoben hatte, für seine Körperbeschaffenheit zu niedrig war. Alles ein ungünstiger Anfang. Verlegen erhob er sich von seinem Sitze. Freda saß wie eine Statue, ohne ein Glied zu rühren, möglichst weit von ihm entfernt. Papa Nöhring merkte, um was es sich handelte. »Ist Ihnen zu niedrig?« sagte er gutmütig, »wollen wir abhelfen – so.« Von dem Armsessel, der vor seinem Schreibtisch stand, nahm er ein Kissen und legte es auf Schottenbauers Stuhl. »Wird's nun recht sein?« Nun war es recht, und nun begann er. Bei den ersten Tönen, die er anschlug, richtete Percival den Kopf in die Höhe. Was war denn das? Die Stimme von neulich erkannte er ja wieder, aber nur den Klang, nicht den Charakter. Neulich eine öde, monotone Leierei – heute ein kraftvoll zusammengeraffter, gebieterischer Ton. Das Stück war in Jamben geschrieben. Wie eine springende Flut rollten die Verse dahin, schäumend in jugendlicher Kraft, ohne sich doch zu überhasten und zu überschlagen, in allen Lauten der Menschenseele wechselnd, in Freude und Klage, in Liebe, Leidenschaft und Zorn. Szene reihte sich an Szene; mit stürmender Gewalt schritt die Handlung fort, eine merkwürdige, auf einem alten geschichtlichen Stoff mit kühner Phantasie aufgebaute Handlung. Der erste Akt war zu Ende; ohne abzusetzen ging es in den zweiten hinein. Der Vorlesende hatte nicht einmal aufgeschaut, nicht einmal nach den Gesichtern der Zuhörenden gespäht; er brauchte den ermunternden Zuruf der Menschen nicht; aus seiner Seele wurde, indem er las, sein Werk aufs neue geboren, und aus seinem Werk strömte ihm die Kraft. Wie ein Pfeil vom Bogen, mit sausendem Gefieder, flog das Stück seinem Ziel entgegen, von der straff gespannten Exposition wie von einer Bogensehne vorwärts geschnellt. Die Gestalten traten markig gegliedert hervor; aus dem Wogenschlag von Handlung und Wort stieg der berauschende, aus Märchen und Wirklichkeit gemischte Duft empor, den man Poesie nennt, und indem von dem Platz da am runden Tisch der unablässige Sturm daherschoß, verstummte jedes andere Geräusch, jedes Lebenszeichen in dem kleinen Gemach. Die Zuhörer saßen lautlos, regungslos, wie Menschen tun, wenn jählings etwas Unerwartetes, etwas Großes vor sie hintritt, wenn plötzlich, dem Odysseus gleich, der die Bettlerlumpen von sich streift, die Majestät des Genius sich vor ihnen enthüllt. Was in der Ecke drüben vorgehen mochte, wo das Weib saß, wo Freda sich tief und immer tiefer in den Schatten zurückzog – es ließ sich nicht sagen. Percival, der sich dem Vorlesenden gegenüber an dem runden Tisch befand, hing mit unverwandten Blicken an ihm; seine für gewöhnlich etwas zugekniffenen Augen waren ganz rund und groß geworden. Das Licht der Lampe floß auf das gelbe Foliopapier; Seite auf Seite flog herum, und hinter den gelben Bogen, darüber gebeugt wie ein Alchimist, der in der Retorte rührt, saß der kleine Kerl mit dem dicken Kopf, mit den plumpen Gliedern, und unter seinen Händen verwandelten sich die schwarzen, krausen Schriftzeichen, die das Papier bedeckten, in einen bunten, farbenglühenden Teppich, das mechanische Knistern des Papiers wurde zum organischen Laute des Lebens, und der ganze merkwürdige Mensch erschien ihm wie ein Gefäß, gefüllt mit einer rätselhaften ungeheuren Kraft, wie ein Vulkan, aus dem statt der Lava Gold entströmte, Gold in schwerer, heißer, alles umstrickender, alles betäubender Welle. Die lautloseste Stille aber und das tiefste Staunen herrschte da, wo halb hinter Schottenbauer, von diesem nicht gesehen, der Herr des Hauses, Herr Regierungsrat Nöhring, an seinem Schreibtische saß. Was er sein Leben lang erträumt und ersehnt hatte, daß ihm die Wunderblume, die blaue Blume der Romantik, einmal aufgehen möchte, sichtbar vor seinen Augen, greifbar für seine Hände – da hatte er's, da war es da. Gedanken, die er längst nicht mehr gedacht, all die Hoffnungen seiner jungen Tage, die Pläne und Entwürfe, an die er klopfenden Herzens vorzeiten herangegangen war, und die er dann kopfschüttelnd, weil's eben nichts werden wollte, von sich geschoben und beiseitegelegt hatte – jetzt war's, als wachte das alles wieder auf, als würde das alles wieder lebendig, als wäre eine andere, eine fremde, eine riesenstarke Hand darübergekommen und hätte all diese Bruchstücke, diese Trümmer, dieses Gedankengeröll zusammengerafft mit unbegreiflicher Gewalt, zusammengedrückt und zusammengeschweißt zu einem einheitlich gewaltigen Gebilde, zu einer Statue, deren Augen ihn ansahen mit dem süßen Blick der ersten jungen Liebe. Wer war dieser Mensch? Immerfort zuckte es ihm in den Gliedern, immerfort war ihm, als sollte er aufspringen und den Vorlesenden unterbrechen: »Mensch, woher wissen Sie das? Das alles hab' ich ja mein Leben lang sagen wollen und hab's nur nicht gekonnt! Woher haben Sie das? Wer hat Ihnen das alles gesagt?« Aber der rollende Strom ließ sich nicht unterbrechen, und Papa Nöhring wollte ihn auch gar nicht unterbrechen, denn indem er über ihn hinwegging, tat sich ja der grüne Wald vor ihm auf, der ewig ersehnte grüne, geheimnisvolle Wald der Sage und Romantik; er sah den weißen Hirsch dahinschlüpfen und hörte das Rüdengekläff und das Horn der Jäger von König Artus' Tafelrunde, und die Romantik war da, die Poesie war da; mitten in seinem gesegneten Hause schoß die blaue Blume empor und faltete sich auseinander in breiten, duftenden, wunderbaren Blättern! Und dieses alles brachte ihm der Fremde dort? War's denn aber ein Fremder? Konnte es denn einer sein, dieser Mensch, der seines Herzens innersten Gedanken Sprache verlieh wie der Erwachsene dem Kinde? Und wenn er ein Fremder gewesen war, so war er's von jetzt an nicht mehr, von heute, von dieser Stunde an nicht mehr. Ein Gefühl, wie das des Vaters zum Sohn, ein tiefes, warmes Liebesgefühl quoll in dem alten Mann empor, und als nun, nach einer Vorlesung von drei Stunden, Schottenbauer geendigt und den letzten Bogen aus der Hand gelegt hatte, als alles für einige Augenblicke in dem Schweigen verharrte, das während der Zeit wie eine körperliche Last auf allen gelegen hatte, trat Papa Nöhring einen Schritt auf Schottenbauer zu. »Junger Mann,« sagte er, indem er diesen, der vom Stuhl aufgestanden war und gesenkten Hauptes hinter seinem Manuskript stand, an beiden Händen ergriff, »junger Mann –« seine Lippen bewegten sich, als würden sie mit dem nicht fertig, was sein Herz ihnen auftrug; seine Augen feuchteten sich; plötzlich ließ er Schottenbauers Hände fahren und preßte dessen Gesicht zwischen seine beiden flachen Hände – »junger Mann« – und nun riß er ihn an sich, umarmte ihn und küßte ihn auf Stirn, Mund und Augen. »Das war herrlich! Das wird bleiben! Das – ich danke Ihnen! Ich danke Ihnen!« Mit sanfter Gewalt machte Schottenbauer sich aus seiner Umarmung los, dann ergriff er seinerseits die Hände des Regierungsrats, und nun standen sich der alte und der junge Mann gegenüber, schweigenden Blicks, die Augen ineinandergesenkt. Jedes Wort würde gestört haben. Percival verhielt sich mäuschenstill; nach einiger Zeit indes trat er heran, und sein ganzes hübsches Gesicht lachte vor Vergnügen. »Darf man Ihnen denn nun auch einmal die Hand geben«, sagte er, »und Ihnen sagen, daß es famos war? Ganz famos von Anfang bis zu Ende?« Er hielt Schottenbauer beide Hände hin, und tief aufatmend kam dieser aus seiner Ergriffenheit zurück. Percivals jovialer Ton zog ihn wieder zur Erde; jetzt erst konnte er vergnügt werden. »Hat's Ihnen gefallen? Ja?« Damit schlug er in die dargebotenen Hände ein. »Gefallen«, erwiderte Percival, »ist gar nicht das richtige Wort; begeistert hat's mich, begeistert!« Strahlend sah Schottenbauer ihm ins Gesicht, dann ließ er, wie suchend, die Augen umhergehen. Es waren doch drei Zuhörer gewesen – und jetzt waren nur noch zwei da. Freda war verschwunden. Niemand hatte ihr Fortgehen bemerkt; offenbar war sie ganz geräuschlos entwichen; in der ersten Aufregung hatte niemand weiter acht auf sie gegeben. Bevor aber noch die Ahnung einer Mißstimmung aufkommen konnte, ergriff Papa Nöhring das Wort. »Jetzt wollen wir Abendbrot essen,« sagte er, »Freda, seh' ich, ist schon voraus, um anrichten zu lassen – und ein Glas Wein daraufsetzen. Percival« – er wandte sich an diesen –, »du könntest hinunterspringen und einen Tropfen besorgen.« »Eine Pulle Sekt?« fragte Percival. »Nein,« entgegnete Papa Nöhring, »ein so deutsches Stück muß man mit deutschem Wein begießen.« »Verstehe«, sagte Percival. »Markobrunner oder Scharlachberger?« wandte er sich an Schottenbauer, »was ziehen Sie vor?« Schottenbauer lächelte wie jemand, der den Unterschied nicht kennt. »Scharlachberger,« sagte er zögernd – »das klingt ja ganz poetisch.« »Also Scharlachberger«, rief Percival, indem er ihn auf die Schulter schlug. Dann schoß er hinaus. Als er durch das Speisezimmer kam, fand er Freda, die sinnend um den gedeckten Tisch herumging. Die Tafel war vollkommen zugerüstet; es war offenbar ganz überflüssig gewesen, daß sie vorausgegangen war. »Heute abend wird Rheinwein getrunken«, rief er sie an, indem er sie mit den Augen anblitzte. »Papa hat's befohlen. Gib mir den Kellerschlüssel!« Langsam holte sie das Schlüsselbund aus der Tasche. »Rheinwein? Des Abends? Das ist ja aber ganz unvernünftig.« »Wenn ich dir sage, daß Papa es befohlen hat«, erwiderte er, indem er ihr die Schlüssel beinahe aus der Hand riß. »Aber das bekommt ihm doch nicht!« »Aber wenn's ihm doch nun einmal solches Vergnügen macht!« Er stand dicht vor ihr; er sah ihr in die Augen; mit ruhiger Kühle erwiderte sie seinen Blick. »Also werdet ihr beide morgen Katzenjammer haben.« Ihre Lippen verzogen sich spöttisch. Percival machte kurz kehrt. Er war beinahe wütend. Von der Tür kam er noch einmal zurück. »Aber Freda, willst du Papa denn mit Gewalt den Abend verderben?« Freda spielte die Überraschte. »Wie–so denn?« »Wieso! Wieso!« Er stampfte mit dem Fuß. »Den ganzen Abend bist du schon so gewesen – ich begreife dich wirklich gar nicht – kaum guten Abend hast du ihm gesagt – und jetzt stellst du dich an – und dabei bist du ja gar nicht gleichgültig – das merk' ich ja ganz gut – und es ist ja auch gar nicht möglich, daß du gleichgültig bist – dazu bist du schließlich denn doch zu klug.« Er sah ganz verzweifelt aus, ungefähr wie ein Hühnerhund, der vor einem zusammengerollten Igel steht und außer sich gerät, weil er dem stachligen Gesellen nicht an den Leib kann. Freda strich ihm mütterlich begütigend über die Stirn. »Rege dich doch nicht so auf, Junge; was willst du denn eigentlich?« »Nur, daß du ihm ein Wort sagst, ein einziges Wort.« »Eurem – Shakespeare? Eurem neugebackenen?« Sie lachte auf; gleich darauf aber, als sie den Bruder wieder auffahren sah, hielt sie ihn an den Schultern fest. »Na, laß nur gut sein, ich will ja artig sein; geh nur, sie kommen schon.« Als Percival bald darauf, mehrere verstaubte Flaschen Rheinwein unter den Armen, aus dem Keller zurückkehrte, trat gerade Papa Nöhring mit Schottenbauer ins Speisezimmer ein. Papa Nöhring hatte den Arm um des jungen Mannes Schultern gelegt; es sah aus, als könnte er sich keinen Augenblick mehr von ihm trennen. Vom andern Ende des langen Zimmers kam Freda ihnen entgegen. »Ich habe noch gar nicht Gelegenheit gehabt, Ihnen zu danken«, sagte sie. »Es war sehr interessant!« Schottenbauer machte eine Verbeugung und erwiderte nichts. Ein Schatten ging über sein Gesicht. Dieser gleichgültige Ton! Und dieses Wort! »Sehr interessant« – von allen Worten, die dem Menschen zu Gebote stehen, um den Eindruck einer Dichtung wiederzugeben, das ödeste und schnödeste. Ein Wort wie eine kahle Wand, die scheinbar ein ganzes Arsenal von Urteil und Verständnis verbirgt und hinter der in Wahrheit nichts weiter steckt als die Unfähigkeit, Poesie zu empfinden. Er hatte gar nicht verlangt, daß sie überhaupt etwas sagte – aber diese kalte gesellschaftliche Phrase – War dieses Weib taub für die Stimme der Poesie? Und mitten unter all diesen drängenden, quälenden Gedanken ging es wie ein elektrischer Strom durch seinen Körper – Freda hatte ihm, indem sie ihre Worte an ihn richtete, die Hand gereicht. Alles war vergessen – er fühlte sie – zum erstenmal durfte er sie berühren. In seiner Hand lag die marmorweiße, marmorkalte Hand, ohne Regung und Bewegung, beinahe wie tot. Aber tot war sie nicht, das fühlte er. Der Puls des Lebens war da; nur daß er nicht herauf wollte an die fühlbare Oberfläche, daß er sich in der Tiefe verbarg wie ein trotziges Geheimnis. Unwillkürlich hielt er ihre Hand fest, als wollte er die Tiefe ergründen, in der sich dieses erstarrte Leben verbarg. Freda fühlte, wie die heiße trockene Hand an ihren kalten Fingern herumtastete; das, was diese stumme Hand da sprach, war dasselbe, was der Blick gesagt hatte, der schweigende, leidenschaftliche, der damals über die Straße hin zu ihr hineingeflogen war. Delila! Das ganze männliche Haus Nöhring kroch ihm zu Füßen – und er verschmachtete nach einem Worte von ihrem Munde. Der Bärenkopf! Wie sie im Geiste darauf herumtrat! Sie hatte, während sie sprach und ihm die Hand bot, ihm mit boshafter Freundlichkeit in die Augen gesehen – jetzt entzog sie ihm die Hand und wandte sich ab. »Ich muß es nur gestehen,« sagte sie mit leichtem Auflachen, »ich hatte Ihnen so etwas gar nicht zugetraut.« Percival stand wie angedonnert, als er diese Ungezogenheit vernahm; Papa Nöhring ließ ein erschrecktes »Na – aber das muß ich sagen!« hören; der einzige, den das Wort geradezu entzückte, war Schottenbauer selbst. Alle Finsterkeit war von seinem Gesichte verschwunden; er lachte aus vollem Halse. »Das glaube ich Ihnen,« sagte er, »das glaube ich Ihnen gern.« Nöhring Vater und Sohn sahen ihn ganz verdutzt an. War das Komödie, um seinen Ärger zu verbergen? Aber seine Heiterkeit schien ihm wirklich von Herzen zu kommen; und es war auch so. Weil er nicht eitel war, besaß er Humor; und weil er Humor besaß, konnte er über sich selbst lachen. Und darum hatte ihn das naseweise Wort so entzückt. Das war ja ein Blitz gewesen, der ihm das ganze Weib da durchleuchtet und verständlich gemacht hatte, das gedankentrotzige Weib, das sich nicht gab, sondern bezwungen sein wollte. Das war die Natur, die er brauchte! Mit geradezu anbetenden Augen schaute er hinter ihr drein, als sie jetzt zum Tische ging und mit einer leichten Handbewegung einlud, Platz zu nehmen. Indem sie bei Percival vorüberschritt, sah sie ihn mit kurzem, herausforderndem Blick an. »Na – was willst du nun noch?« Im stillen stellte sie bei sich fest, daß dieser Mensch so vom Dünkel der Sieghaftigkeit erfüllt sei, daß ihm alles, auch der Spott, zur Schmeichelei würde. »Na warte du nur – wir können dir auch noch anders dienen.« Und indem sie mit heiterster Miene am Tische Platz nahm, dachte sie nach, was für Waffen es geben möchte, um dem da weh zu tun; so daß er's fühlte, weh bis aufs Blut! »Junger Freund,« begann der Regierungsrat Nöhring, indem er den gefüllten Römer erhob, »Sie haben uns einen großen Genuß und eine wahre Herzensfreude bereitet. Heute sind es nur wenige gewesen, die Ihnen gelauscht haben, aber die Menschenherzen sehen sich schließlich doch im allgemeinen ähnlich; was die wenigen Herzen heute ganz bezwungen hat, wird auch an den übrigen nicht wirkungslos vorübergehn – unser aller Dank kann ich Ihnen nicht besser ausdrücken als mit dem Wunsche: möchte Ihr herrliches Werk hinausgehen in die Welt, Ihnen Freunde erwerben bei den Menschen, und Ehre, Glück und Ruhm!« Er hatte mit seinem Glase an Schottenbauers Glas angestoßen. Percival sprang vom Stuhle auf. »Prost! Prost! Prost! Es kommt ihnen ein Ganzes auf Ihr allerspeziellstes Wohl!« Mit einem Zuge stürzte er den Inhalt seines Glases hinunter. Schottenbauer hatte sich dankend erhoben. Freda hatte das Glas zur Hand genommen, war aber nicht aufgestanden. Ob er zu ihr gehen und mit ihr anstoßen sollte? Jetzt aber reckte sie den Arm Über den Tisch, so daß er über den Tisch hin sein Glas an das ihrige bringen konnte. Ihr Gesicht zeigte den immer gleichen, lächelnden, etwas boshaften Ausdruck. »Jedenfalls beweisen Sie großen Mut«, sagte sie. »Mut?« fragte er, einigermaßen erstaunt, »wieso?« »Ein historisches Stück – heutzutage – noch dazu in Versen –« »Ach, was das heißen soll!« unterbrach sie Papa Nöhring ärgerlich, »mit solchen Redensarten schlägt man ja alle Poesie tot!« Percival war ganz rot im Gesicht geworden. Er ergriff die Flasche und schenkte Schottenbauer von neuem ein. »Meine Schwester«, sagte er, »ist nämlich ein großer Kritikus vor dem Herrn, müssen Sie wissen.« Fredas Züge waren unverändert lächelnd geblieben. Daß der Papa und Percival sich ärgern würden, hatte sie ja gewußt – aber was sagte denn er? Schottenbauer zog das Glas, das Percival ihm gefüllt hatte, an sich und nickte diesem dankend zu. »Aber ich bitte Sie,« sagte er, »was das gnädige Fräulein sagt, ist ja vollkommen richtig; ich kann's aus Erfahrung bestätigen, daß sie recht hat – leider.« Er lachte kurz auf. »Aber das ändert ja nichts an der Sache. Anders schreiben werde ich darum doch nicht – könnte ich ja gar nicht.« »Bravo!« unterbrach Papa Nöhring. »Drum kann ich auch das Kompliment nicht annehmen,« fuhr er fort, indem er sich leise und diesmal auch seinerseits mit einem etwas spöttischen Lächeln gegen Freda verneigte, »daß ich besondern Mut bewiese; das, was einen zum Schaffen treibt, ist doch nicht die Richtung einer Zeit, sondern die eigene Natur.« »Wenn man nämlich ein Dichter ist,« unterbrach Papa Nöhring von neuem, »ein wirklicher und wahrer Dichter!« »Und wenn meine Natur mich zum historischen Drama und zum Verse treibt, na – so ist das eben mein Unglück – Verdienst ist das gewiß nicht – ein Unrecht aber auch nicht.« Schottenbauer hatte ruhig vor sich hin gesprochen, bei den letzten Worten aber Freda angesehen, und dabei war etwas in seinen Augen erschienen, was sie noch nicht darin gesehen hatte, eine kurz auflodernde Flamme. »Bravo und nochmals Bravo!« rief Papa Nöhring. Freda nippte lächelnd von ihrem Weine und schwieg. Sie kochte vor Ärger. Dieser maßlos eingebildete Mensch! Diese Siegesgewißheit, die sich ihrer mitleidsvoll gegen Vater und Bruder annahm, um ihr nachher mit schulmeisterlicher Ruhe zu sagen: »Du hast Unsinn geredet, mein Kind, und die Zeit wird schon kommen, wo du dich auch bekehren wirst.« Nun – wir werden ja sehen, ob ich mich zu dir bekehren werde – werden ja sehen! »Sehen Sie,« sagte Papa Nöhring, mit beiden Backen kauend, »was mir an unsrer Zeit so mißfällt, was mir geradezu greulich ist, das ist, daß es noch nie eine Zeit gegeben hat, wo der Individualität des Dichters so alle Berechtigung abgesprochen worden ist wie heutzutage. Die Poesie, um mich so auszudrücken, ist doch wie ein Garten, und in einem Garten blüht alles durcheinander, und das gerade gibt ihm doch seinen Reiz. Wenn nun ein Mensch käme, der nur eine bestimmte Sorte Blumen mag, und darum alles andre, was die Blumenart nicht ist, ausrisse und zertrampelte – na, sehen Sie, man würde solchen Hottentotten doch am Kragen nehmen und hinausjagen auf Nimmerwiedersehn. In der Literatur aber, da ist es erlaubt. Da kommen diese Kerle mit ihren verfluchten sogenannten ›Richtungen‹, und damit wird alles, was nicht in die Richtung paßt, kurz und klein geschlagen! Ist das erlaubt, frag' ich?« »Pereant!« rief Percival Nöhring, indem er sein Glas an Schottenbauers Glas anstieß und dann auf einen Zug austrank. »Percy,« mahnte Freda, »gieß den Wein doch nicht so hinunter; es bekommt dir ja nicht.« »Ah was,« erwiderte Percival, »im Keller ist noch mehr.« »Im Keller ist noch mehr,« erklärte Herr Regierungsrat Nöhring, indem er mit der Hand auf den Tisch schlug, »und solch ein Abend kommt nicht alle Tage!« Er wandte sich an Schottenbauer. »Trinken Sie aus, Dichter, trinken Sie aus! Der Wein da ist wie Ihr Stück, beides Originalgewächs, das gehört zusammen beides!« Er drückte ihm das Glas in die Hand; dann, nachdem Schottenbauer getrunken, klopfte er ihn auf die Schulter. »Und das, sehn Sie, ist's, was mir an Ihnen gefällt, daß Sie nicht rechts noch links sehen, nicht nach Hinz und Kunz fragen, sondern geradeaus gehen, Ihren eigenen Weg, so wie der Gott Sie treibt, der in Ihnen ist. Und es ist ein Gott in Ihnen, das sage ich Ihnen, und das können Sie einem alten Manne glauben, der noch mit Goethe und Schiller im Leibe groß geworden ist!« In überwallender Zärtlichkeit nahm er Schottenbauers Kopf zwischen beide Hände und küßte ihn auf die Stirn. Dann trat ein allgemeines, beinahe verlegenes Schweigen ein, wie es zu geschehen pflegt, wenn das Gefühl der Menschen einen Höhepunkt überschritten hat. Man tafelte schweigend zu Ende, jeder in seine Gedanken versunken, und dann rückte Percival mit Zigarren an. »Aber nun habe ich noch eine Bitte,« sagte Papa Nöhring, indem er seinem Gaste die Kiste darbot, »lassen Sie mir Ihr Manuskript noch ein paar Tage da. Ich möchte das Stück gern in aller Gemütsruhe noch einmal für mich lesen.« Schottenbauer erwiderte anfänglich nichts, dann erhob er sich von seinem Stuhl. »Herr Regierungsrat,« sagte er, und seine Worte kamen stockend hervor wie Tropfen aus einem übervollen Gefäße, die sich durch eine enge Ausgußröhre drängen, »solch ein Manuskript, über dem man Wochen und Monate gesessen hat – sehn Sie, das ist etwas Merkwürdiges. Solch ein Mensch wie ich, der so einsam durch die Welt läuft – ich habe nämlich nicht Vater noch Mutter mehr und überhaupt keine Verwandte – ja, nun – der hat doch auch, wie andre, ich möchte sagen zivilisierte Menschen, ein Bedürfnis, irgendwo zu Hause zu sein. Und sehn Sie, da kann ich's Ihnen nun nicht anders beschreiben: das Manuskript da ist mir Haus und Heimat gewesen. Als ich hier ans Gericht her versetzt worden und in die Stadt hier gekommen bin, die ich nicht kannte, und wo niemand mich kannte, sehn Sie, da schrieb ich schon an dem Stück, das ich Ihnen heute vorgelesen habe, und das Manuskript hatte ich im Koffer stecken. Und wie ich den ersten Abend auf meiner einsamen Stube gesessen habe und die neue fremde Welt mir in die Fenster geguckt hat, und wie sich mir das Herz im Leibe vor Einsamkeit zusammengezogen hat, da habe ich mein Manuskript vorgeholt und auf den Tisch gelegt und die Lampe angezündet, und mit einemmal, sehn Sie, bin ich nicht mehr verlassen und nicht mehr einsam gewesen. Und so ist's dann weitergegangen, die ganze Zeit, daß ich nun hier bin; wenn ich auf dem Gericht gesessen, habe ich an die gelben Bogen zu Hause gedacht; wenn ich spazierengegangen bin, habe ich an mein Manuskript auf meinem Tisch zu Hause gedacht. In den Seiten von dem Manuskript – ich kann's Ihnen nicht anders beschreiben –, da habe ich drin gewohnt! Und indem ich jetzt zu Ihnen spreche, ist mir, als schlüge ich Seite für Seite um; da kenne ich jedes Wort, jeden Strich, jeden Klecks. Das ist, wie wenn man durch den Ort geht, wo man vorzeiten an der Hand der Mutter hindurchgegangen ist; da kennt man jeden Pflasterstein. Hier ist mir der Gedanke gekommen und hier der und da der. Und nun sehn Sie, Herr Regierungsrat, das alles sage ich Ihnen nicht, weil ich mir einbilde, daß das Manuskript etwas für andre besonders Wertvolles wäre, sondern nur, um Ihnen zu zeigen, daß es für mich auf der Welt nichts Teureres gibt, keinen größeren Schatz, nichts. – Und nun – Herr Regierungsrat –« Seine Stimme wurde immer stockender, dann verstummte er für einen Augenblick plötzlich, und eine dunkle Glut überströmte sein Gesicht. »Und nun – Herr Regierungsrat – wie ich heute zum erstenmal in Ihr Haus gekommen bin und oben in Ihr Zimmer – ich weiß nicht, wie es gekommen ist, aber – mir ist so eigentümlich ums Herz geworden – ich kann's Ihnen nicht beschreiben – und indem ich denke, daß mein Manuskript da oben in Ihrem Zimmer, auf Ihrem Tische liegt, ist mir das ein so – liebes Gefühl, so – als ob es nirgends besser aufgehoben sein könnte; als ob ich's nirgends lieber wissen möchte – und weil Sie mir nun gesagt haben, daß Sie es gern noch ein paar Tage behalten möchten – und weil ich Ihnen für alles, was Sie mir heute gesagt haben und – und – wie Sie zu mir gewesen sind, so recht, recht danken möchte – und weil ich denke, daß Ihnen vielleicht ein Gefallen damit geschieht – so möchte ich Sie bitten – das heißt – ich wollte sagen – ich – wenn Sie es haben wollen – ich schenke Ihnen mein Manuskript!« Papa Nöhring griff nach Schottenbauers Hand. »Schenken wollen Sie's mir? Ich soll's behalten?« Schottenbauer nickte stumm; sein Gesicht war in Glut getaucht; er lächelte wie ein schämiges Kind. Papa Nöhring sprang auf und riß ihn an seine Brust. »Schottenbauer, Sie machen mir ein königliches Geschenk! Ich danke Ihnen! Und das verspreche ich Ihnen: Ihr Manuskript soll gut aufgehoben sein in meinem Hause! Gut!« Er ließ ihn aus den Armen; beide setzten sich; zwei dicke Tränen liefen Schottenbauer über die Wangen. Alles schwieg. Der ganze Vorgang hatte einen merkwürdigen Eindruck gemacht. So ungekünstelt waren die Worte herausgekommen, so holperig und eigentlich ungeschickt; vielleicht hatten sie dadurch gerade so gewirkt. Es war gewesen, als bräche der Sprechende mit jedem Wort ein Stück von seinem Herzen ab. Eine Liebeserklärung an das ganze Haus Nöhring. Seines Lebens besten und einzigen Besitz legte er darin nieder; für alle Zeiten würde seine Seele, diese feueratmende Seele, von nun im Hause Nöhring wohnen. Nach längerer Pause stand Percival Nöhring von seinem Platze auf; das gefüllte Glas in der Hand, kam er um den Tisch herum auf Schottenbauer zu. Nach alter Studentenart steckte er den Arm durch dessen Arm, bedeutete ihn mit den Augen, sein Glas zu ergreifen, und so, Ellbogen in Ellbogen gekreuzt, tranken sie ihre Gläser aus. »Fiducit, Bruder!« sagte er dann, indem er Schottenbauers Hand ergriff und schüttelte, als wollte er ihm den Arm aus der Schulter reißen, »möge es dir so ergehen, wie du's verdienst, das heißt bene, melius, optime!« »Bravo, Junge, das war recht!« rief Papa Nöhring mit feuchtglänzenden Augen, während Schottenbauer mit freudig verwirrtem Ausdruck in Percivals über ihn gebeugtes Antlitz aufblickte. Lautlos saß inzwischen Freda und schaute dem allem zu. Von ihren Zügen war das Lächeln verschwunden; als sie sah, wie Percival mit jenem Brüderschaft trank, wurde sie leichenblaß, ihre stahlblauen Augen sahen plötzlich ganz dunkel aus und glühten aus dem weißen Gesicht hervor. Aber die Anwandlung ging rasch vorüber; mit aller Kraft des Willens zwang sie die aufwogende Brust zur Ruhe; gleich darauf, als Percival zu seinem Platze zurückgekehrt war, saß sie wieder lächelnd, kühl und gleichgültig, wie sie vorhin gesessen hatte. Schottenbauer hielt den Kopf gesenkt; es war, als getraute er sich jetzt noch weniger denn zuvor, zu Freda hinüberzublicken. »Aber nun sagen Sie mir, junger Freund,« begann Papa Nöhring wieder, »wenn Sie mir Ihr Manuskript lassen – Sie werden Ihr Stück doch nicht so im Winkel liegenlassen wollen? Das muß doch an die Bühnen geschickt werden! Brauchen Sie denn Ihr Manuskript dazu nicht?« »Oh,« erwiderte Schottenbauer, »das hat keine Gefahr. Ich habe mir eine Abschrift davon anfertigen lassen, und die habe ich dem Theater eingeschickt.« Er lachte wieder kurz auf, wie er es vorhin getan hatte, »aber – ich hätt's auch ebensogut bleibenlassen können.« »Sie haben's abgelehnt?« Schottenbauer nickte. Freda rückte näher an den Tisch heran. »Welchem Theater hatten Sie's denn eingereicht?« »Dem Königlichen Schauspielhause in Berlin«, versetzte Schottenbauer. »Und das hat's abgelehnt?« fragte Papa Nöhring mit dem Tone äußersten Erstaunens. »Ja, aber mein Gott, warum denn nur?« Schottenbauer trommelte mit den Fingern auf der Tischplatte. Es zuckte ihm etwas um den Mund, halb wie Ärger und Wehmut, halb wie ironischer Spott. Dann warf er den Kopf in die Höhe und sah Freda geraden Blicks in die Augen. »Weil's ein historisches Stück und noch dazu in Versen wäre. Das zöge nicht mehr heutzutage.« Alle hatten verstanden, warum er Freda bei den Worten ansah; und weil er die Sache mit Humor nahm, brach alles in lautes Lachen aus. Am lautesten lachte Freda selbst; und während sich in Papa Nöhrings und Percivals Lachen ein Ton des Bedauerns mischte, klang das ihrige ganz hell und seelenvergnügt. Sie hatte den Ellbogen auf den Tisch und das Kinn in die Hand gestützt, und indem sie Schottenbauer ins Gesicht sah, bannte sie diesen förmlich mit ihrem Blick, so daß er unverwandt zu ihr hinüberschauen mußte. Was war das nur mit diesem Weibe? Ihr Lachen hatte doch geradezu geklungen, als freute sie sich, daß sein Stück abgelehnt worden sei; in ihrem Lächeln war eigentlich ein feindseliger, beinahe bösartiger Ausdruck – und während er sich das alles sagte, überkam ihn der Gedanke, wie es sein müßte, wenn er diesen höhnischen Mund unter seinen Lippen begraben und unter seinen Küssen ersticken könnte. Und indem er das dachte, taumelten ihm Leib und Seele zusammen. Der Schweiß trat ihm auf die Stirn; die Gestalten seines Stücks standen vor seinem Geiste auf und sahen ihn mit staunenden Augen an; er fühlte sich wie in einem Bann, einem knechtischen, und beinahe gewaltsam riß er die Augen von dem Weibe los, von dem er in diesem Augenblick wußte, daß es sein Feind war. Sein Gesicht verfinsterte sich, und seine Hand, die auf dem Tische lag, ballte sich zur Faust. »Und dennoch,« sagte er grollend, »es hilft ihnen nichts. Die Zeit kommt doch, wo sie kommen und meine Stücke aufführen werden – weil sie müssen!« Seine Worte stachen sonderbar gegen seine bisherige Bescheidenheit ab. Vielleicht trug der schwere Wein dazu bei, dem er unverdrossen zugesprochen hatte. Eine finstere Leidenschaftlichkeit war in ihm erwacht. Die böse Stunde kam ihm in Erinnerung, als er sein Manuskript aus Berlin zurückerhalten und mit wütenden Tränen den kalten, einfältigen, ablehnenden Bescheid gelesen hatte. Je wilder er aber wurde, um so ruhiger ward Freda. Da war ja die Stelle, wo der Pfeil in diesen vom Dünkel umpanzerten Menschen eingedrungen war, und an der Stelle tat es ihm weh. Sie lehnte sich im Stuhle zurück. Nun fing er auch gar noch an zu prahlen; halb und halb war er also schon besiegt. »Renommiere du nur; sie werden dich darum doch nicht aufführen, und deine Stücke werden im Tischkasten liegenbleiben.« Sie fühlte sich im Geiste als Bundesgenossin der Theaterintendanz in Berlin. Papa Nöhring und sein Sohn Percival bliesen trübsinnig den Zigarrendampf vor sich hin. Seitdem Schottenbauers gute Laune versiegt war, hatte die gehobene Stimmung nachgelassen, die bisher geherrscht hatte. Schottenbauer schien es zu empfinden. Bei seiner Gutmütigkeit war es ihm ein unleidlicher Gedanke, daß er seinen Wirten den Abend verdarb. Er raffte sich auf. »Noch aber«, sagte er, indem er lächelnd umhersah, »ist nicht alle Hoffnung verloren. Ich habe einen Schritt getan – wenn der fehlschlägt – na – dann – aber noch ist's nicht entschieden.« Nöhring Vater und Sohn reckten die Köpfe auf. »Was haben Sie unternommen?« »Ich habe mein Stück dem Herzog von Meiningen geschickt«, erwiderte er. »Sie wissen, das ist heutzutage der Hoffnungsstern für alle Dramatiker Deutschlands.« »Ausgezeichnete Idee!« rief Herr Regierungsrat Nöhring und »Famos! famos!« bestätigte Percival. Schottenbauer sprang erregt auf; die beiden Männer taten ihm gleich, und nun gingen alle drei, rauchend, durcheinandersprechend, mit den Händen in der Luft herumfuchtelnd, im Zimmer auf und ab. Freda sah von ihrem Platze aus dem aufgeregten Treiben zu und stellte für sich fest, daß es unglaublich komisch aussah. »Der Meininger nimmt das Stück an! Der Meininger nimmt es an!« »Wir wollen's hoffen wenigstens.« »Der Meininger reist mit dem Stück!« »Wir wollen's hoffen wenigstens.« »Verlassen Sie sich darauf! Verlassen Sie sich darauf!« »Ich habe gewiß nichts dagegen.« »Dann kommt er nach Berlin damit! Dazu fahren wir alle hinüber! Das wird groß! Das wird groß!« »In besseren Händen könnte das Stück jedenfalls nicht sein.« »Darauf wollen wir noch einmal anstoßen!« Alle drei ergriffen ihre Gläser. »Der Stern von Meiningen möge darüber aufgehen und die Sonne der Welt darüber leuchten!« Die Gläser schlugen klirrend aneinander und wurden leer. »Und nun sagen Sie: Sie haben noch mehr solche Stücke zu Hause liegen?« »Eins davon«, erwiderte Schottenbauer, »könnt' ich Ihnen vorlesen; es ist fertig.« »Großartig!« sagte Papa Nöhring, indem er bewundernd vor Schottenbauer stehenblieb. »Also, wann wollen wir's lesen? Heute in acht Tagen?« »Heute in acht Tagen – gern.« »Soll ein Wort sein!« Und sie schlugen Hand in Hand. »Aber nun noch eine Bitte«, fügte Papa Nöhring hinzu. »Ich habe da einen alten Freund, der sich enorm für Literatur interessiert; Herr Major Bennecke und seine Frau –« »Tante Löckchen?« unterbrach Schottenbauer lächelnd. »Jawohl – kennen Sie sie?« »Habe oft von ihr gehört.« »Um so besser – haben Sie was dagegen, wenn die das nächste Mal zuhören? Es würde ihnen ein enormes Vergnügen bereiten.« »Herr Regierungsrat,« erwiderte Schottenbauer, »jeder einzige, den Sie dazu einladen, ist mir lieb und recht; vor allen aber Frau Tante Löckchen.« »Sie – sind nicht nur ein Dichter von Gottes Gnaden, Sie sind auch ein lieber, famoser Mensch!« Und noch einmal in stürmischer Zärtlichkeit riß Papa Nöhring den jungen Mann in seine Arme und an die Brust. Dann sah man nach der Uhr und stellte fest, daß es halb zwei nach Mitternacht war. »Also auf Wiedersehen heute abend in acht Tagen!« »Heute abend in acht Tagen.« Damit trennte man sich. Freda war aufgestanden. Schottenbauer trat auf sie zu, ihr seine Verbeugung zu machen; sie reichte ihm zum Abschied die Hand. Es war ihm, als wäre die Hand noch schmaler als vorhin; lautlos schlüpfte sie, wie eine weiße kühle Schlange, in seine heiße Hand. Sein Gesicht und die Gesichter der beiden andern waren vom Wein erhitzt, das ihrige war weiß und klar, wie es gewesen war. Und indem sie jetzt vor ihm stand und, ohne zu sprechen, ihn mit den lächelnden, lauernden Augen ansah, war ihm, als sprängen diese Augen zu ihm hinüber in seine Brust, bis in sein Herz, und als bissen sie sich darin fest mit kleinen, weißen, scharfen, reißenden Zähnen. Er fühlte den Schmerz; aber dieser Schmerz war ein so glühendes Wonnegefühl, daß ihm beinahe der Atem versagte und er an sich halten mußte, um ihr nicht zu Füßen zu fallen oder sonst eine Tollheit zu begehen. Seiner selbst kaum bewußt, preßte er ihre Hand mit einem leidenschaftlichen Griff zusammen; dann drehte er sich kurz um und war hinaus. Freda blieb stehen, wie sie gestanden hatte, bis daß die Tür hinter ihm ins Schloß fiel; dann warf sie den Kopf mit einem kurzen Lachen auf und wandte sich ab. Percival hatte dem Gast das Geleit gegeben; sie war mit dem Vater allein. »Daß man so etwas auf seine alten Tage erlebt!« sagte dieser, noch immer auf und nieder gehend. »Ich möchte am liebsten die ganze Nacht aufbleiben, mich hinsetzen und das Stück gleich von Anfang bis zu Ende noch einmal lesen.« Freda trat auf ihn zu, und wie sie es mit Percival gewohnt war, hielt sie jetzt den Vater an beiden Schultern fest. »Aber Papachen – nachgerade, mein' ich, wär's doch nun endlich genug mit der Begeisterung!« »Das mußt du aber doch selbst zugeben,« versetzte er, »daß es geradezu wie ein Wunder ist, die ganze Geschichte. Ein kleiner unscheinbarer Referendar – und das kommt einem plötzlich ins Haus – und liest einem solch ein Stück vor –« Freda machte ein ironisch-tragisches Gesicht. »Solch ein Stück – die vom Königlichen Schauspielhaus in Berlin scheinen ›solch ein Stück‹ nicht so hoch anzuschlagen.« »Ach, was verstehen denn die?« knurrte Papa Nöhring. Jetzt ließ sie die Hände von seinen Schultern und lachte hell auf. »So viel wie wir doch wohl noch!« In diesem Augenblick kam Percival zurück. Geraden Schrittes ging er auf die Schwester zu. »Na, Herr Oberlehrer? Was sagen Sie nu?« Er sah sie mit funkelnden Augen an. Statt aller Antwort strich sie ihm die Stirnlocke aus dem erhitzten Gesicht. »Was ich sage? Daß ich neugierig bin, wer von euch beiden morgen früh den größeren Kater haben wird.« Percival faßte ihre beiden Hände und hielt sie beinahe ingrimmig gepackt. »Was du von ihm sagst? Und von seinem Stück? Und von – dem allem?« Sie sah ihn mit dem unzerstörbaren Lächeln an, das sie den ganzen Abend gezeigt hatte. »Daß er Talent hat.« »Also wirklich? doch?« lachte Percival zwischen den Zähnen. Sie nickte ihm zu, als wollte sie sagen: »Ja, geliebter Dummkopf.« »Und daß, wenn er so viel Talent hätte,« fuhr sie fort, indem sie dem Heißsporn fortwährend in die Augen sah, »als er sich einbildet – Shakespeare gegen ihn ein Waisenknabe wäre.« Ihre schlanken Hände entschlüpften den Händen des Bruders, und als sie die beiden Männer verblüfft dastehen sah, flog sie plötzlich wie ein gänzlich verwandeltes Wesen, wie ein tolles, ausgelassenes Kind erst auf den Vater, dann auf den Bruder zu, schlang die Arme um sie und küßte sie wie wild. »Und nun zu Bett, ihr Zechbrüder!« rief sie, und ehe man sich's versehen, hatte sie die große Hängelampe heruntergezogen und mit einem Griff ausgedreht. »Aber Freda!« rief Papa Nöhring halb ärgerlich, halb lachend, »solche Kindereien!« Schon aber klappte in der Dunkelheit eine Tür; ein kicherndes »Zu Bett! zu Bett!« kam wie ein Echo von dorther, und dann vernahm man, wie ein Kleid durch die Tür rauschte, der Treppe zu, die zu Fredas Schlafzimmer hinaufführte. Vierzehntes Kapitel Mit dem Spott auf den Lippen war sie davongegangen, und als sie jetzt in die Einsamkeit ihres Zimmers gelangt war und Anstalten traf, zu Bett zu gehen, war es wie ein Kichern und Lachen in ihr und rings um sie her. Aus allen Ecken des Gemachs, hinter Fenstergardinen und Türvorhängen tauchten Kobolde auf, krausköpfige, bockbeinige Gesellen, mit pfiffigen, listigen, grinsenden Gesichtern. »Na, was sagst du nun? Was sagst du nun?« Ja – was sagte sie? Mitten im Zimmer, dem Spiegel gegenüber, vor welchem sie an jenem Abend gestanden, blieb sie stehen, die Arme, von denen sie das Kleid bereits abgestreift hatte, die nackten weißen Arme ausbreitend und hinter dem Kopfe ineinanderschlingend; dann nickte sie ihrem Spiegelbild zu. »Spieglein, Spieglein an der Wand«, fing sie an, aus dem alten Märchen von Schneewittchen zu rezitieren – dann brach sie in lautes, tolles Lachen aus. Solch eine Geschichte! Solch eine komische, komische Geschichte! Auf dem Fußboden an ihrem Bett, wo es immer gelegen hatte, lag das Bärenfell mit dem Kopf des Bären daran. Sie saß auf dem Bettrand. »Bist du da, Petz? Bist du da?« Und rasch, bevor sie unter die Decken schlüpfte, setzte sie noch einmal beide Füße auf den Bärenkopf, und mit beiden nackten, weißen Füßen trommelte sie darauf, immerfort kichernd und lachend, als müßte sie all den Teufeleien, die sie heute abend gedacht und gefühlt, einen Ausweg geben, um nicht daran zu ersticken. Dann streckte sie sich auf das Lager und löschte das Licht, und nun kam die Nacht, die große, dunkle, ernsthafte Nacht. Und es war, als träte sie wie eine feierliche Frau an das Fußende ihres Bettes und blickte auf sie nieder, kopfschüttelnd, mit großen, fragenden Augen. »Du tolles, unbegreifliches Weib – was treibst du? Mit was für Dingen spielst du?« Sie kicherte nicht mehr, sie lächelte nicht mehr, still lag sie unter ihren Decken; und indem ihr Selbstbewußtsein und ihr Wille im Dämmer des Halbschlafs zu zerschmelzen begannen, kam ihr der ganze heutige Abend noch einmal zurück, und sie fühlte, daß dieser Abend ein Erlebnis gewesen war, ein Ereignis, dessen Spuren sich nie mehr verwischen lassen würden, das hinauswirken würde in eine Zukunft, deren Ferne sie noch nicht absah, von der sie nur ahnte, daß es die Zukunft ihres eigenen Lebens sein würde und ihres eigenen Schicksals. Sie warf das Haupt auf dem Kopfkissen herum. Er war ja nun aus dem Hause, war fort – aber sie seufzte auf – er war ja nicht fort. Percival hatte Brüderschaft mit ihm getrunken, der Vater ihn ans Herz gedrückt und geküßt, er war ja wie ein Kind des Hauses geworden! Nein, er war nicht fort, würde nie wieder ganz fort sein, denn seine Seele war hier geblieben; drüben im Zimmer des Vaters lag sein Manuskript, und das würde nun da bleiben, solange es ein Haus Nöhring gab. Und nun, indem sie des Manuskripts gedachte, war es, als schwömme aus den Tiefen der Nacht etwas empor wie eine dunkelrot leuchtende, glühende Kugel, langsam steigend wie der rote Vollmond, der am sommerlichen Himmel aufgeht; das war das Stück, das sie heut abend gehört hatte, vor dem sie sich verschlossen, gegen das sie sich gewehrt hatte. Sie drückte die Augen zu, sie wollte nicht sehen – aber sie sah. Sie vergrub den Kopf in den Pfühl, sie wollte nicht daran denken – aber es half nichts, sie mußte. Haß und Eifersucht sind ja viel genauere Zuhörer als Liebe und Verehrung; und mit Haß und Eifersucht hatte sie heute abend zugehört, mit der inbrünstigen Hoffnung, daß es schlecht sein würde, daß, wenn es zu Ende wäre, sie beruhigt würde aufstehen und sagen können: »Es ist nichts.« Darum war ihr kein Wort von dem Stück entgangen, darum kam es ihr jetzt wieder, Besitz nehmend von ihrer Erinnerung, Gewalt gewinnend über ihre Seele, unwiderstehlich, mächtig, übermächtig. Solange sie heute abend mit dem Vater und dem Bruder zusammen gewesen war, hatte deren überschwengliche Begeisterung ihren Trotz geweckt und ihr Kraft verliehen, sich spöttisch über die Sache zu erheben. Und sie hatte wirklich geglaubt, mit der Sache fertig zu sein. Jetzt waren die beiden nicht mehr da; jetzt war sie mit dem Werke allein, und indem es nun auf sie zuschritt, erlag sie unter seiner Gewalt. Aber ihr Erliegen war kein schmerzlich-süßes Dahinsinken, nicht der vernichtungsselige Schauer, mit welchem der Mensch sich der eigenen Persönlichkeit einer größeren Persönlichkeit gegenüber begibt – es war ein wütendes Ankämpfen und Zurücksinken, ein Zerbrechen, als ginge eine feindselige Gewalt über sie dahin, unter der sie gerädert liegenblieb. Ja freilich – das wußte sie nun, daß hier eine Kraft auftrat, die über Mauern und Dächer der kleinen Stadt hinauswachsen und sich Bahn brechen würde in die Welt. Mochten die Theater heute noch seine Stücke ablehnen – sie hätte nicht Freda, die kluge Freda Nöhring sein müssen, wenn sie sich damit hätte trösten wollen. Jetzt noch an einen Wettkampf Percivals mit dem da zu denken – bei aller Liebe zu dem geliebten Heißsporn –, der Gedanke war ja nur zum Lachen. Das hatte Percival ja auch selbst gefühlt, hatte es rascher gefühlt als sie selbst, denn ohne weiteres hatte er kapituliert und sich dem Gegner auf Gnade und Ungnade ergeben. Und das alles nicht aus ruhiger, kühler Überlegung, nicht, weil er, der Not gehorchend, einen vernünftigen Frieden schließen wollte, sondern aus Herzensdrang, weil er den Menschen liebgewonnen hatte. Jawohl – dagegen half auch kein Verleugnen mehr, er hatte ihn liebgewonnen, und der Vater auch. Mit einem Schlag hatte er die beiden überwältigt und erobert. Und so kam ja nun alles, wie sie vorausgeahnt hatte, daß es kommen würde, wenn der unheimliche Wurzelmann ihr Haus beträte. Wie eine neue Atmosphäre kam er ins Haus, die sich in alle Winkel drängte, in alle Seelen drängte wie ein fressendes Feuer, das alles verschlang. Bald würde kein Eckchen im Hause mehr sein, das ihm nicht mitgehörte. Wer gab ihm zu dem allem das Recht? Nur weil er ein bißchen Talent besaß? Daraufhin wollte er sich auch ihr aufdrängen? Daraufhin sollte auch sie ihm zur Beute fallen? »Ach, Narr!« Und sie streckte sich im Bett aus, daß sie starr wie eine stählerne Stange lag. Mochten Vater und Bruder, mochte die ganze Welt ihm zujauchzen und zu Füßen fallen – was galt das ihr? »Liebe, mein eingebildeter Herr, erkauft man sich noch nicht durch Talent!« Und sie ihn lieben – sie lachte laut auf, indem sie es nur dachte. Und nun sah sie ihn wieder vor sich stehen, mit der schwer atmenden Brust, mit den trunkenen Augen, die Hand um ihre Hand geschlossen wie einen glühenden Ring – und plötzlich sagte sie sich, daß sie eine Närrin sei, sich aufzuregen und ihn als ihr Schicksal zu empfinden, während er es ja war, der wie ein Bettler vor ihr stand und Seligkeit oder Verzweiflung von ihren Lippen erwartete. Ja freilich, so war es – die starr gewordenen Glieder lösten sich. Törin, die sich ängstigte und marterte, während sie einen ungeheuren Triumph errungen hatte! War's denn etwa kein Triumph, daß dieser plumpe Herkules vor sie hintrat, den Nacken vor ihr beugte und sagte: »Steig' auf, ich will dich tragen und dein Knecht sein?« Und indem sie also dachte, stieg halb wie ein Traum ein Bild vor ihr auf, ein seltsames, fremdartiges Bild: Einen Zentauren sah sie. Auf seinem Rücken saß ein Weib mit flatterndem, blondem Haar, mit blauen, blitzenden, wilden Augen; in seine Weiche grub sich die Ferse ihres Fußes. Funken stoben unter seinen Hufen; unaufhaltsam ging sein Lauf; seine Brust keuchte; Schaum troff ihm vom Bart, aber die stachelnde Ferse trieb weiter, weiter und immerzu. Und plötzlich kam ein Augenblick – er konnte nicht mehr, er bäumte sich auf, und dröhnend kam er zu Fall. Das Weib glitt herab, aufgerichtet stand sie auf ihren Füßen; zusammengebrochen, verendend lag er da, und während sie mit blauen, blitzenden Augen triumphierend auf ihn herniedersah, schaute er zu ihr auf mit einem langen, stummen, nicht zu beschreibenden Blick. Fünfzehntes Kapitel Am nächsten Tag, Sonntag, war Ruhe im Hause Nöhring. Die drei Insassen des Hauses gingen schweigend umeinander herum, die beiden Männer mit etwas schweren Häuptern, Freda mit offenen, scharfen, spottlustigen Augen. Am Montag aber hatte man sich erholt, und am Abend sollte Familie Nöhring drüben überm Wasser bei Familie Bennecke sein; niemand außer ihnen. »Heute abend«, sagte Freda, »werden Benneckes geimpft.« »Geimpft? Wieso?« »Mit dem Bazillus Schottenbauer.« Das Bild war nicht gerade liebenswürdig gewählt; aber es gab die Sachlage wieder. Als man sich spät in der Nacht trennte, waren Herr Major Bennecke und Tante Löckchen über den ihnen bisher fremden Mann in einer Weise unterrichtet, als hätten sie monatelang mit ihm verkehrt. Der Vorschlag, am nächsten Sonnabend bei Nöhrings der zweiten Vorlesung beizuwohnen, war mit Begeisterung aufgenommen worden. Einigermaßen verstimmt kehrte Freda nach Hause zurück. Sie hatte sich gelangweilt. Der Papa hatte den ganzen Abend hindurch von dem Stück gesprochen und nur von dem Stück. Haarklein hatte er es Benneckes nacherzählt. Dazu kam, daß sie doch nicht ganz allein drüben gewesen waren; sie hatten Therese Wallnow und deren Mutter vorgefunden. Und dann war Percival auf den Einfall geraten, daß die beiden Wallnowschen Damen am Sonnabend auch dabei sein sollten. Freda hatte lächelnd zu bedenken gegeben, daß der Dichter eigentlich einen größeren Zuhörerkreis nicht wünschte, sie hatte also – und das war eigentlich komisch – in seinem Interesse gesprochen. Percival aber hatte sie rasch widerlegt, indem er daran erinnerte, wie Schottenbauer dem Regierungsrat erklärt habe, daß jeder ihm recht sein würde, den dieser einlade. Daraufhin war dann mit Akklamation beschlossen worden, daß Thereschen und deren Mutter auch zuhören sollten, und beide hatten mit wahrer Dankbarkeit angenommen. »Natürlich – die dummen Gänse!« Es war Freda keineswegs entgangen, wie sie beide, als sie ihre Einwendung vorbrachte, rot geworden waren, rot bis über die Ohren, halb aus Verlegenheit, mehr aber wohl noch aus Ärger. Mutter Wallnow hatte ihr dabei einen Blick zugeworfen, der an Unzweideutigkeit nichts zu wünschen übrig ließ. »Du hättest uns natürlich am liebsten da, wo der Pfeffer wächst – hilft dir aber nichts, meine Liebe.« Nein – es half ihr nichts. Das war das Gefühl, mit dem sie nach Hause zurückkehrte. Schottenbauer würde kommen – Wallnows würden kommen – die Zukunft kam, und das Schicksal ging seinen Weg. Im Laufe der Woche fing man an, in den Gesellschaftskreisen des Städtchens zu raunen und zu munkeln, daß noch ein zweiter Dichter außer Percival Nöhring im Orte sei, und »beinahe ein noch größerer«. Der komische kleine Referendar, der Schottenbauer. Freda selbst wurde darauf angeredet. Beim thé dansant war es, am Mittwoch, beim Regierungspräsidenten. Sie mußte ja Bescheid wissen; in ihrem Hause war ja das neue Licht aufgegangen! Außerdem lief der Regierungsrat Nöhring überall herum und posaunte förmlich den Ruhm des neuen Genies aus. Also, was half's – sie mußte Rede und Antwort stehen, mußte von dem Menschen erzählen, und noch dazu in liebenswürdiger Weise; denn wenn sie anders tat, hätte es geheißen, daß sie eifersüchtig auf ihn sei wegen des Nöhringschen Hauspoeten, wegen ihres Bruders, und sie hätte sich lächerlich gemacht. Widerwärtige Qual! Mit gleichgültigem Lächeln von Dingen sprechen zu müssen, die ihr ganzes Dasein umwälzten! Heute war immer noch ein verstecktes Kichern dabei, wenn man von dem neuen Licht sprach; heute war Percival noch der erste. Wie lange würde es dauern, dann würde man nicht mehr kichern, sondern bewundern, und wo würde Percival dann sein? Am Sonnabend war es kaum sieben Uhr, als bereits das Ehepaar Bennecke erschien. Tante Löckchen glühte förmlich. »Kindchen, Kindchen,« erklärte sie, »ihr müßt entschuldigen, daß wir so früh kommen; ich hab' es vor Erwartung nicht mehr ausgehalten. Ist euer Dichter noch nicht da?« Nein, er war noch nicht da; wohl aber Wallnows, die zusammen mit Benneckes gekommen waren, und gegen die man nun auch liebenswürdig sein mußte. Pünktlich um halb acht schlug die Hausklingel an; Percival eilte hinaus; alle Hälse reckten sich; alle Köpfe wandten sich nach der Tür. »Als wenn der Kaiser käme«, sagte Freda für sich. Besonders ärgerte sie sich über Therese Wallnow und deren Mutter, die schon wieder ganz rot waren, bis über die Ohren rot. Wenn das wirkliche Neugier war – so war es abgeschmackt. Wenn es erheucheltes Interesse war, um sich bei Percival einzuschmeicheln – so war es elende Koketterie! Schottenbauer trat ein und wurde von Herrn Regierungsrat Nöhring vorgestellt. Sein Manuskript trug er unter dem Arm; heute war es nicht mit einer »Strippe« zusammengewürgt, heute steckte es in einer manierlichen schwarzen Ledermappe. Als er sich vor Tante Löckchen verneigte, die mit dem weißen Batisttaschentüchlein zwischen den weißen, runden Händen auf ihrem Stuhle saß und ihn mit wohlwollend neugierigen Augen anblitzte, lächelte er; man sah ihm das Vergnügen an, der lieben alten Dame einmal die Hand drücken zu können. Sein ganzes Auftreten war heute überhaupt sicherer und unbefangener als das erstemal. Freda stellte für sich fest, daß er schon anfing, sich bei ihnen »zu Hause« zu fühlen. Herr Major a. D. Bennecke streckte ihm die Hand zu. »Nummer eins haben wir leider versäumt,« sagte er mit jovialem Ton, »um so gespannter sind wir auf Nummer zwei. Mein alter Freund Nöhring ist ja Feuer und Flamme; soll ja etwas ganz Famoses sein.« Es entstand nun die Frage, wo man heute abend lesen wollte. Freda war der Ansicht, daß das Zimmer des Vaters zu eng sein würde für die zahlreiche Gesellschaft; Papa Nöhring aber erklärte, daß der Dichter entscheiden sollte, ob man hier unten im Salon oder oben bei ihm lesen sollte. »Oh,« sagte Schottenbauer, »wenn's auf mich ankommt – ich könnte mir kaum denken, daß ich woanders lesen sollte als in dem gemütlichen grünen Zimmer.« »Also vorwärts, nach dem grünen Zimmer hinauf!« sagte Papa Nöhring, indem er Tante Löckchen den Arm bot. Freda lächelte, wandte sich dann ab und biß sich auf die Lippen. Er fing also schon an, in ihrem Hause zu kommandieren. Herr Major Bennecke bemächtigte sich der Mutter Wallnow, Percival nahm Therese unter den Arm – also würde er wohl gar Freda führen wollen? Um Gottes willen – hastig wandte sie sich nach dem Speisezimmer. »Gehen die Herrschaften nur voran, ich komme gleich nach.« Mit seinem Manuskript, aber ohne Dame unter dem Arm, trottete Schottenbauer hinter den andern her. Oben angelangt, nahm er, wie neulich, hinter dem runden Tisch Platz; die Zuhörer brachten sich, so gut es gehen wollte, in Winkeln und Ecken unter. Er zögerte anzufangen, bis Freda erschien. Endlich rauschte der Türvorhang, und da kein anderer Platz mehr frei war, setzte sie sich unmittelbar vor der Tür, so daß sie ihm gerade gegenüber saß und ihr Gesicht vom Lichte der Lampe beleuchtet wurde, nieder. Es war ihm, als senkte sich ein Mund mit heißen Lippen auf seine Brust, und als dränge der glühende Kuß in sein Herz und bis in das Mark seines Lebens. Die Buchstaben, die er selbst geschrieben, tanzten vor seinen Augen. Dann raffte er sich zusammen, und wie ein lang anhaltender, gewaltiger Jubelschrei brach das Stück aus ihm hervor. Es war noch einheitlicher und kürzer zusammengefaßt als das erste; gleichfalls in Versen wie dieses und von machtvoll spannender Gewalt. Die Wirkung war eine ungeheure, bei denen, welche das erste Stück mit angehört hatten, noch mächtiger als damals. Ganz so lautlos aber, wie neulich, ging es heute nicht zu. Herr Major a. D. Bennecke war nicht der Mann, um seine Bewunderung im schweigenden Busen zu verschließen. Gleich nach dem ersten Akt sprang er auf. »Nee, hören Sie – geht das so weiter? Das ist ja etwas Riesiges!« Er wußte gar nicht, an wen er sich wenden sollte, ob an den Dichter, der stumm auf sein Papier lächelte, oder an seinen alten Freund Nöhring, der wie eine Bildsäule an seinem Schreibtisch saß. Endlich, als niemand ihm Antwort gab, zupfte Tante Löckchen ihn am Rockschoß und bedeutete ihn, sich hinzusetzen. Dabei flüsterte sie ihm etwas ins Ohr, wahrscheinlich eine Mahnung, seiner Begeisterung Zügel anzulegen und fürderhin nicht mehr zu unterbrechen. Er folgte ihrer Aufforderung, aber seine Erregung verpuffte in halblaut gemurmelten Äußerungen. »Na ja – na ja – aber es ist doch wahr – wenn man so etwas hört –« Weit vorgebeugt, die Hände auf den Knien, verfolgte er den weiteren Verlauf des Stückes, nur von Zeit zu Zeit mit den flachen Händen auf die Beine schlagend. »Das muß man sagen – das muß man sagen!« Als die Vorlesung beendigt war, trat wieder, wie neulich, ein tiefes Schweigen ein; auch Herr Major Bennecke war still geworden. Papa Nöhring stand vor dem jungen Mann, beide Hände desselben in seine Hände fassend wie in zwei Schraubstöcke. Er umarmte ihn heute nicht, der Gäste wegen; sein stummer Blick sagte genug. »Du wunderbarer Mensch!« Tante Löckchen, die hinter dem runden Tische auf dem Sofa eingekeilt gesessen hatte, wickelte sich aus ihrer Polsterecke hervor, um Schottenbauer zu erreichen, und nun strömte auch Herrn Major Benneckes gewaltsam unterbrochene Begeisterung wieder hervor. »Das kommt gleich hinter Schiller! So etwas ist seit Goethe und Schiller noch nicht dagewesen! A la bonheur! A la bonheur!« Endlich gelangten auch die beiden Damen Wallnow dazu, dem Dichter die Hand zu drücken. Frau Wallnow trocknete, indem sie es tat, eine Träne im Auge; Therese glühte wie ein Purpurröschen. »Herrlich – wundervoll – entzückend!« hörte man von ihren lispelnden Lippen. Freda, die bis dahin im Zimmer mit den übrigen geblieben war, wandte sich hinaus, als sie die beiden Wallnows auf ihn zutreten sah. Die ganze Art der beiden Frauen erschien ihr gemacht und gesucht, ihre Worte waren so nichtssagend. Wozu brauchten sie überhaupt etwas zu sagen? Zuhören und schweigen, das war's, was sich für sie gehörte – wenn sie schon dabei hatten sein müssen, was ganz überflüssig war. Sinnend stieg sie die Treppe hinunter, um nach der Abendtafel zu sehen. Drei Sachen hatte sie nun von ihm kennengelernt, den Prolog, das neuliche Stück und das von heute. Sie sagte sich, daß hier ein Reichtum vorhanden war, in dem man geradezu mit Händen wühlen konnte. Der Gedanke erzeugte ihr beinahe einen Widerwillen, wie es einen widerwärtig überkommt, wenn man ein ungeheures Kapital aufgehäuft sieht und an diejenigen denkt, die nichts davon abbekommen und darben müssen. Und nun gar, wenn es der eigene Bruder ist, den man dabeistehen und darben sieht! Aber was wollte sie denn? Sie brauchte ja nur zu wollen, so bekam sie den Schlüssel zu dem Schatzgewölbe in die Hand! Dann konnte sie ja hineingreifen mit beiden Händen und wühlen und mit dem Golde umherwerfen nach rechts und links, und wie es ihr beliebte. Ja, ja – das konnte sie. Und indem sie also dachte, wurden ihr die Augen heiß und das Herz im Leibe kalt. Die Gäste erschienen zum Abendbrot; voran schritt Tante Löckchen, von Schottenbauer geführt, mit dem sie sich sprudelnd unterhielt. – Percival war also schon abgedankt; Freda fühlte es wie einen Stich im Herzen. Als sie dann aber Percival mit Therese Wallnow daherkommen sah, sagte sie sich, daß er überhaupt gar nicht nach Tante Löckchens Arm verlangt haben mochte. Und nun wurde sie sich bewußt, daß sie ja heute nicht die einzige junge Dame war, daß noch eine andere vorhanden war, eine sehr reizende, hübsche, die den Männern im allgemeinen viel besser gefiel als sie selbst. Wer weiß – vielleicht machte er es wie all die andern, und Freda Nöhring wurde über Therese Wallnow vergessen! Dann war sie ja ihre Sorgen und Gedanken mit einemmal los. Das mußte festgestellt werden. Und also, während die Gäste sich um den Tisch sammelten, blieb sie erwartungsvoll im Hintergrunde des Zimmers stehen und lauerte, ob er für Therese Wallnow Blicke und Worte haben würde. Sie brauchte nicht lange zu warten. Sobald Tante Löckchen ihn freigegeben hatte, tat er einen Schritt auf Freda zu; an dem Blick, mit dem er sie ansah, wurde sie sich klar, daß Therese Wallnow für ihn gar nicht vorhanden war, und indem sie das empfand, ging ihr ein heimliches Prickeln durch alle Nerven. Er war ihr auch heute nicht um ein Haar breit lieber als das vorige Mal – wenn er sich um die andere bekümmert und sie darüber vergessen hätte, so wäre sie ihn los gewesen – und dennoch – als er jetzt an der andern wie an einem Schatten vorüberging und auf sie zukam, fühlte sie etwas wie eine Genugtuung, und als sie jetzt die Augen zu ihm erhob, war zum erstenmal ein Ausdruck darin, bei dem ihm das Herz im Leibe aufjauchzte. Heute streckte er ihr die Hand zum Gruße entgegen, und sie legte die ihrige hinein, und als sie es tat, fühlte sie, wie neulich, den glühenden Ring um ihre Hand. »Hat es Ihnen gefallen?« fragte er leise. Und im Augenblick, da er so fragte, zuckte wieder das spöttische Lächeln in ihrem Gesicht auf, und alles Herbe, Kalte, Trotzige war in ihr wieder wach. Wozu sollte die Frage denn? Natürlich erwartete er, daß sie, wie all die andern, in Begeisterung ausbrechen würde: »Ausgezeichnet! Wunderschön!« Sie zog die Hand zurück. »Brauchen Sie wirklich noch die Anerkennung der einzelnen, nachdem alle Ihnen gehuldigt haben?« Sie wandte sich ab, den Nacken aufwerfend, mit der kurzen Bewegung, die ihr eigentümlich war. Nicht um die Welt hätte sie ihm ein gutes Wort geben können, dem Menschen, dem eingebildeten. Natürlich wußte sie recht gut, daß es gerade die Anerkennung »der einzelnen« war, auf die es ihm ankam. Und darum gerade verweigerte sie sie ihm. Alles gehörte ihm, und alle beugten sich vor ihm – nur eine nicht, und diese eine war sie. Und indem sie sich versagte, fühlte sie, daß sie diesem Krösus die Perle aus der Krone seines Reichtums brach, daß sie der stolzen Freude, die ihn erfüllte, den letzten, süßesten Duft raubte, den Duft, der den Triumph des Ehrgeizes erst in Herzenswonne verwandelt haben würde. Dies alles zu denken, verursachte ihr ein boshaftes Vergnügen, beinahe eine Schadenfreude. Wie stark sie war! Er war mächtiger als all die andern, und sie war mächtiger als er! Mit solchen Gedanken setzte sie sich an den Tisch. Aber sie hatte es so eingerichtet, daß sie ihm gegenübersaß, nur durch die Breite des langen, viereckigen, nicht eben breiten Tisches von ihm getrennt. Wenn sie den Menschen auch nicht ausstehen konnte, wäre es ihr doch unmöglich gewesen, sich gleichgültig fern von ihm zu halten. Warum eigentlich? Sie hätte es selbst kaum sagen können, sie wußte nur, daß sie tun mußte, wie sie tat; daß sie ihn unter Augen behalten mußte, diesen Menschen, diesen – diesen – daß sie es weiterspielen mußte, das tolle, abenteuerliche Spiel, das sich zwischen ihnen beiden angesponnen hatte. Denn ein Spiel war die ganze Geschichte – natürlich. Ob er, der ihr gegenübersaß, auch nur ein Spiel in dem allem sah? Wenn man ihn ansah, wenn man den heißen Blick gewahrte, mit dem er Freda Nöhring ihm gegenüber Platz nehmen sah, konnte man es nicht glauben. Man merkte ihm an, wie schwer es ihm wurde, die Unterhaltung mit Tante Löckchen an seiner Seite fortzuführen, wie sogar der Regierungsrat Nöhring, sein väterlicher Freund, der an seiner andern Seite saß, ihn kaum zu fesseln vermochte, wenn er von seinem Stücke sprach. Sein ganzes Wesen strebte zu dem Weibe hinüber, das ihm gegenübersaß. Eine Blumenvase stand zwischen beiden, und so oft Freda vom Gespräche mit ihren Nachbarn aufblickte, sah sie seine Blicke, die zwischen den Blumen hindurch wie lodernde Pfeile auf sie eindrangen. Jedesmal lächelte sie alsdann, jedesmal gedachte sie des Bärenkopfes dort oben vor ihrem Bett; aber unmerklich rötete sich ihr blasses Gesicht, und mit lüsternem Behagen fühlte sie, wie die Pfeile sie trafen. Die Stimmung während des Abendessens war die gehobenste und wurde geradezu überschäumend, als Herr Major a. D. Bennecke sich erhob und einen knatternden Toast auf den »neu auferstandenen Schiller« ausbrachte. Kaum daß er sich gesetzt hatte, stand Papa Nöhring auf und pries in dankbaren, innigen Worten das Schicksal seines Hauses, dem durch die Bekanntschaft mit dem genialen jungen Mann ein so köstliches Stück Menschentum angewachsen war. Und sobald er geendigt hatte, erklirrte schon wieder das Glas, das vor Percival stand; mit einem Satze fuhr Nöhring der Sohn von seinem Stuhle auf und forderte die anwesenden Herren auf, anzustoßen und auszutrinken »auf das, was den Dichter begeistert und den Menschen erfreut, auf den Sonnenschein in unserm trüben Dasein, den Blütendufte im Aktenstaube unsres Lebens, auf die Damen, unsre Damen!« Das war die Losung, um die bisher immer noch etwas feierliche Stimmung in Glückseligkeit zu verwandeln. Tante Löckchen schwamm in Wonne; die Herren schwangen die Gläser, und da gab es zwei Damengläser, die ernsthaft in Gefahr gerieten, durch die Gewalt, mit welcher daran gestoßen wurde, in Scherben zu gehen, das Glas von Therese Wallnow und von Freda Nöhring. »Kinderchen, Kinderchen,« erklärte Tante Löckchen, »das ist ein zu schöner Abend heute, das müssen wir so bald als möglich wiederholen! Nächsten Mittwoch müßt ihr alle miteinander bei uns zu Mittag essen!« »Und Sie, mein lieber Dichter, kommen doch natürlich auch?« fuhr sie fort, indem sie mit ihrem weißen, fleischigen Händchen Schottenbauers Hand tätschelte, die neben ihr auf dem Tische lag. »Natürlich kommt er!« schrie Percival dazwischen, noch bevor Schottenbauer zur Antwort Zeit gefunden hatte. »Weit hat er ja nicht; weißt du denn, Tantchen, daß er dir gerade gegenüber wohnt?« Tante Löckchen sah Schottenbauer an; dieser nickte lächelnd. »Gott – nein – sagen Sie – dann sind Sie also wohl derjenige, bei dem des Abends immer solange das Licht brennt?« »Ja, natürlich,« nahm Percival dem Befragten wieder das Wort vom Munde weg, »in dem Zimmer mit dem Balkon davor, du weißt ja, Tantchen, da sitzt er, eingehüllt in einen prachtvollen Schlafrock – Schottenbauer,« unterbrach er sich, »in dem Schlafrock mußt du dich photographieren lassen, dann widersteht dir niemand und keine!« Er langte mit dem Glase über den Tisch zu ihm hinüber. »Verstehst du wohl? Niemand, niemand!« Und während er das sagte, schielte er mit einem so pfiffigen Blick zu seiner Schwester hinüber, daß diese hastig auf ihren Teller niederblickte und Schottenbauers Gesicht sich bis über die Stirn in Glut tauchte. Percival aber war in so ausgelassener Laune, daß er aufsprang, zu Freda lief, ihren Kopf in beide Hände nahm und hin und her schüttelte. »Huhuhu, Herr Oberlehrer,« sagte er, »ich bitte um ein freundliches Gesicht, wie der Photograph sagt, heute abend wird gesempert!« Und so stark war die Macht dieses einen Menschen über das trotzige Weib, daß ihr Gesicht, das anfänglich finster aufgeblickt hatte, indem es seine glückstrahlenden Augen vor sich sah, heiter wurde, freundlich wurde und zu lächeln begann. Schweigend hatte Schottenbauer den kurzen, bedeutsamen Vorgang verfolgt. Sechzehntes Kapitel Mittwoch also, nachmittags um halb fünf, geschah der Einzug der Gäste im Hause Bennecke. Wallnows waren schon da, als Nöhrings ankamen – alles war da, nur einer fehlte – Schottenbauer. Die Stunde, zu der eingeladen worden, war vorüber; beinahe eine Viertelstunde mehr – man begann an die Fenster zu treten und hinauszuschauen. »Er wird doch nicht die ganze Geschichte etwa vergessen haben?« Plötzlich rasselte das Straßenpflaster vor dem Hause: eine Droschke fuhr vor; man merkte dem Rosselenker an, daß er durch eine besondere Gabe zur beschleunigten Fahrt angetrieben worden war. Aus dem Innern des Wagens sprang ein kleiner vierschrötiger Mann, einen frisch gebügelten Zylinderhut auf dem Kopfe. »Der Visitenzylinder«, stellte Freda Nöhring, die am Fenster stand, für sich fest. Einen Augenblick darauf wurde die Tür aufgerissen; Schottenbauer erschien; er war erregt und erhitzt. »Ich muß – um Verzeihung bitten« – er war ganz außer Atem – »ich mußte – im letzten Augenblick noch einen notwendigen Gang – zu meinem Direktor machen – das hat mich so aufgehalten –« Er hatte die Wirte begrüßt, beinahe flüchtig, dann trat er auf Papa Nöhring zu. »Herr Regierungsrat« – seine Augen strahlten – »Herr Regierungsrat – heute abend fahre ich nach Meiningen! « »Der Meininger hat Ihr Stück angenommen?« »Angenommen!« Das Wort war ein Jubelruf; mit ausgebreiteten Armen flog er auf den alten Herrn zu, umarmte und küßte ihn. Papa Nöhring leuchtete über das ganze Gesicht. »Schottenbauer, das freut mich! Schottenbauer, das freut mich!« Alles drängte heran, um Glück zu wünschen, ein allgemeines Durcheinander fragender, antwortender, staunender und zufriedener Stimmen, vom Kamin her das freudige Gebell der braunseidenen alten Diana, die von dem vergnüglichen Lärm geweckt worden war. – Indem alles sich zu einem Knäuel um Schottenbauer versammelte, hatte man nicht acht, wie zwei von der Gesellschaft abseits traten, wie Percival Nöhring Therese Wallnow an beiden Händen ergriff und ihr hastig, leise eine Frage zuflüsterte, auf die sie mit erglühenden Wangen und schwimmenden Augen »Ja« nickte. »Und nun zu Tisch,« rief Herr Major Bennecke, »und vor allem Sekt! Sekt! Sekt!« Noch bevor man aber seiner Aufforderung Folge leisten konnte, trat ein neues, unvorhergesehenes Hindernis ein. »Einen Augenblick noch, Onkelchen,« rief Percival Nöhring, »nur einen Augenblick noch, wenn ich bitten darf!« Den Arm mit zärtlicher Gewalt um Therese Wallnows liebliche Gestalt geschlungen, trat er vor den Vater. »Papa,« sagte er, und sein hübsches Gesicht erschien doppelt hübsch in der Verlegenheit, die darüber flammte, »im ganzen Leben und auf der ganzen Welt würde sich keine bessere Stunde und kein besserer Ort finden – um – um dir zu sagen – kein besserer Ort, als hier das Haus von unsrer geliebten Tante Löckchen, und keine bessere Stunde als diese Ehrenstunde unsres Freundes – um – dir zu sagen – das heißt – um dich zu bitten –« »Junge – ich falle um und bin hin!« kreischte Tante Löckchen. Mit einem Schritte war Papa Nöhring auf ihn zu, mit beiden Armen umschlang er das junge Paar und riß es an seine Brust. »Junge – Percy – Junge –«, eine Flut von Küssen schauerte auf den Sohn und auf Therese Wallnows holdes Gesicht nieder. »Aber was sagen denn Sie zu der ganzen Geschichte, Frau Wallnow?« Mutter Wallnow näherte sich mit einer gewissen Feierlichkeit, umhalste auch ihrerseits Tochter und Sohn und reichte alsdann Herrn Regierungsrat Nöhring würdevoll die Hand. Der Überfall war gelungen, die Sache abgemacht; Percival Nöhring und Therese Wallnow waren verlobte Leute. Der erste Laut, der sich der verblüfften Umgebung entrang, war ein geradezu donnerndes Lachen, das von Herrn Major Bennecke kam. »Junge, das ist wahrhaftig schade, daß aus dir kein Soldat geworden ist! Ein Ziethen wärst du geworden! ein Ziethen aus dem Busch!« Er wollte sich vor ihn hinpflanzen und ihn mit weiteren Lobsprüchen bedenken, aber jetzt kam Tante Löckchen herangeschossen, schob ihren Herrn und Gemahl ohne weiteres beiseite und bemächtigte sich Percivals, den sie an beiden Händen ergriff. »Siehst du, Junge – und daß du das bei mir, in meinem Hause, fertiggebracht hast – siehst du, Junge – dafür – da vergebe ich dir alle Nichtsnutzigkeiten, die du früher schon begangen hast und später noch begehen wirst!« Die dicken Freudentränen liefen ihr über das Gesicht. Percival beugte sich zu ihr nieder, indem er sie mit beiden Armen umschlang, und als er ihr auf diese Weise nicht genügend beikommen konnte, warf er sich auf die Knie vor ihr nieder, preßte sie an sich und herzte und küßte sie wie ein großer, guter, liebenswürdiger Junge. »Nun aber endlich und wirklich zu Tisch!« kommandierte Herr Major a. D. Bennecke, indem er Frau Wallnows Arm in seinen raffte. »Nöhring, alter Freund, du nimmst meine Frau, Schiller führt Fräulein Freda, und der Pirat, der – der Ziethen aus dem Busch – nimmt seine Jungfer Braut!« Er lachte, daß ihm der weiße Schnurrbart wackelte. Schottenbauer sah sich um; er wußte kaum recht, wie ihm geschah. Unvermutet und plötzlich sah er sich in die innersten Angelegenheiten der Familie Nöhring hineingezogen; vor acht Tagen noch ein Wildfremder, stand er jetzt mitten in dem Hause wie ein Freund, beinahe wie ein Angehöriger des Hauses. Er suchte Freda mit den Augen – im Hintergrunde des Zimmers, ganz für sich allein, in einem Armstuhle, saß sie da. Er mußte mehrere Schritte tun, um zu ihr zu gelangen. Als er vor ihr stand und ihr den Arm bot, schaute sie auf – und er erschrak, indem er sie ansah. Sie erschien ihm wie verwandelt. Eine fahle Blässe bedeckte ihre Züge; die sonst so kecken, spottlustigen Augen blickten stumpf; all die Kobolde, die in diesem Gesichte ihr Spiel trieben, ihr manchmal so übermütiges, beinahe schlimmes Spiel, waren wie weggeblasen und weggefegt; es sah aus, als hätte sich eine schwere, plumpe Hand auf dies Gesicht gelegt und die seinen, schönen Linien desselben zu einem grauen, trüben Gemisch zusammengedrückt. Er vermochte kein Wort hervorzubringen; lautlos erhob auch sie sich und schob ihren Arm in den seinigen. Es schien ihr ganz gleichgültig, wer sie führte; mochte es Schottenbauer sein oder ein andrer – ganz einerlei – wie jemand, den nichts mehr freut und nichts mehr reizt. Als er sie so gebrochen aufstehen und seinen Arm ergreifen sah, konnte er sich nicht enthalten, sie leise anzusprechen. »Fehlt Ihnen etwas?« Sie zuckte in seinem Arm; dann lachte sie auf. »Wie soll mir denn etwas fehlen? Bei solch einem Freudenfeste?« Ihr Lachen klang nicht gut. Er schwieg. Ganz verstand er sie nicht – nur das eine fühlte er, daß diese da keinen Trost brauchen konnte, der ihr von andern kam. Eine Natur, die aus sich selbst heraus glücklich sein mußte oder, wenn sie sich das nicht zu geben vermochte, an sich selbst zugrunde ging – unwillkürlich preßte er ihren Arm in den seinen – eine große Natur. Bevor man sich zu Tisch setzte, entstand nochmals eine Zögerung. Es waren Plätze belegt worden, im letzten Augenblick aber warf Tante Löckchen alles wieder um, weil sie durchaus zwischen den beiden Helden des Tages, Percival und Schottenbauer, sitzen wollte. Danach mußten sich die andern einrichten. Endlich war auch das besorgt, endlich saß alles, und nun faßte Tante Löckchen Schottenbauer an der einen, Percival an der andern Hand. »Zwischen einem gottbegnadeten Dichter auf der einen und einem Bräutigam auf der andern Seite – Kindchen, Kindchen, man weiß ja gar nicht mehr, wohin vor lauter Wonne!« Die allgemeine Aufmerksamkeit lenkte sich jetzt wieder auf Schottenbauer, den man über Percival und Therese Wallnow für einen Augenblick beinahe vergessen hatte. »Also heute noch soll es nach Meiningen gehen?« »Ja.« – Er hatte vor kurzem eine telegraphische Depesche von dem Intendanten in Meiningen erhalten, daß morgen schon die Proben beginnen sollten, und daß ihn der Herzog dazu erwartete. Darum war er spornstreichs zu seinem Direktor gelaufen, um sich Urlaub auszuwirken für mehrere Tage. Der Herzog selbst lud ihn zu den Proben ein – eine beinahe ehrfürchtige Stille trat ein. »Haben Sie die Depesche bei sich?« Natürlich hatte er sie bei sich; solche Dokumente legt man nicht aus der Hand. Aus der Brusttasche zog er das Telegramm hervor und zeigte es über den Tisch hin dem Regierungsrat. Das Papier wanderte um die Tafel; jeder einzelne faßte es so behutsam an, als könnte es entzweigehen. Als es zu Schottenbauer zurückgekehrt war, streckte Papa Nöhring von neuem die Hand danach aus. »Schottenbauer,« sagte er, »Sie haben mir das Manuskript von dem Stücke geschenkt – die Depesche da gehört zur Sache zu – schenken Sie mir die auch, dann leg' ich sie dazu, und beides kommt ins Hausarchiv.« Mit beiden Händen drückte ihm Schottenbauer das Telegramm in die Hand; dann hielt er die Hand in beiden Händen fest. »Herr Regierungsrat« – sein Atem flog und sein Gesicht erglühte – »Herr Regierungsrat, die Depesche, und – und wenn Ihnen daran liegt – auch das Manuskript von dem andern Stück – alles – dann – ist alles in Ihren Händen, was ich habe – und – in Ihrem Hause ist dann mein Herz und meine Seele –« Er war halb aufgesprungen; die Gedanken wirbelten ihm, daß er kaum wußte, was er sprach. Papa Nöhring wollte etwas erwidern, kam aber nicht dazu, denn: »Sekt! Sekt! Sekt!« brüllte jetzt Herr Major Bennecke mit einer Stimme, als müßte er eine feuernde Batterie übertönen. Im nächsten Augenblick war die Flasche in seiner Hand; wie eine Keule schwang er sie empor. »Die Gläser her!« Das schäumende Gold sprudelte in den Kelchen. »Nöhring, alter Freund« – der weiße Schnurrbart wehte wie vom Sturmwind gepeitscht – »seit dreißig Jahren kennen wir uns jetzt – Nöhring, alter Freund, das gönn' ich dir, daß du solch einen Tag erlebst, hol mich der Teufel, das gönn' ich dir! Was ich dir immer gesagt habe von deinem Jungen, deinem Percival, daß das ein ganz famoser Bengel ist – siehst du, Nöhring, da hast du's nun, und ich habe recht behalten, und nun bringt er dir ein Töchterchen ins Haus, ein – ein – daß ich nur sagen kann: schade, daß ich schon verheiratet bin!« »Taugenichts!« kreischte Tante Löckchen auf, indem sie die Serviette nach ihm warf, »alter Sünder und Lumpazivagabundus!« »Unterbrechen Sie mich nicht, Madame,« sagte Herr Major a. D. Bennecke, »ich bin noch lange nicht zu Ende. Nein – ich habe noch viel zu sagen, Nöhring. Denn siehst du, daß in Deutschland ein neuer Schiller geboren wird, und daß er bei dir, in deinem Hause, in deiner Stube geboren wird – na hör' mal, Nöhring, alter Freund, da muß man sagen, du bist doch wirklich ein von Gott gesegneter Mann! Aber ich gönne es dir, Nöhring, denn ich kenne dich jetzt seit dreißig Jahren; und in den dreißig Jahren ist nicht ein Tag gewesen, wo ich nicht gesagt habe, es ist doch ein, Gentleman, mein alter Freund Nöhring, ein durch und durch anständiger, famoser Kerl, der alte Nöhring – und darum – will ich jetzt von dem nichts weiter sagen, was noch alles kommen könnte« – und er warf einen listig zwinkernden Blick nach der Richtung, wo Freda neben Schottenbauer saß – »wie gesagt – ich hätte darüber noch viel zu sagen, denn es ist noch lange nicht aller Tage Abend – aber – wie gesagt, davon will ich jetzt nichts sagen – sondern ich fordere Sie auf, meine Herrschaften – mein alter Freund Nöhring – und das ganze Haus Nöhring, mit allem, was dran und drum hängt und dran und drum hängen wird – es soll leben hoch! hoch! und nochmals hoch!« »Nochmals und immer wieder hoch!« krähte Tante Löckchen mit ihrer feinen Stimme dazu, und »hoch, hoch, hoch!« donnerte Percival, obgleich der Toast seinem eigenen Hause und also auch ihm selbst gegolten hatte. Ein wahrer Enthusiasmus bemächtigte sich der Gesellschaft; ein ganzer Himmel voll glückverheißender Zukunft hing über den Menschen, die schwatzend, lachend und trinkend um den Tisch geschart saßen. Endlich griff Schottenbauer nach der Uhr. »Ich muß fort«, sagte er, und er erhob sich vom Stuhle. Eine augenblickliche Stille trat ein; alle fühlten, daß da ein Mensch einem großen unbekannten Schicksal entgegenging. Er stand vor Papa Nöhring. »Leben Sie wohl, Herr Regierungsrat!« – seine Augen waren feucht; er streckte ihm beide Hände hin. »Schottenbauer,« sagte Papa Nöhring, »Sie nehmen ja Abschied wie fürs Leben?« Schottenbauer neigte das Haupt. »Ich werde ja wohl wiederkommen.« »Ja, das hoff' ich,« lachte Papa Nöhring, »das hoff ich sehr.« »Wirklich? Wünschen Sie's?« In seinen Augen leuchtete es auf. Dann, um die Tischgesellschaft nicht zu stören, machte er eine rasche, allgemeine Verbeugung. »Adieu, allerseits!« »Und auf Wiedersehen! Und gut Glück auf den Weg!« Alle Hände reckten sich nach ihm aus; er mußte sie alle drücken. »Und hören Sie, Schottenbauer,« rief Herr Regierungsrat Nöhring, »telegraphieren Sie uns von Meiningen!« »Ja, ja, telegraphieren!« wiederholte Tante Löckchen, indem sie in die Hände schlug. »Und schreiben Sie uns aus Meiningen«, fuhr Papa Nöhring fort. Schottenbauer hielt die Tür in der Hand und hörte lächelnd an, was alles von ihm verlangt wurde. Ihm gegenüber saß Freda Nöhring; er sah ihr gerade ins Gesicht. Sie hatte das Haupt erhoben und schaute zu ihm hinüber. In ihrem Antlitz regte sich kein Zug; ihre Augen blickten ganz starr; es war ein Ausdruck darin – eine öde Trostlosigkeit und zugleich ein dumpfes Drohen – ein Antlitz, daß man meinte, man sähe dem Schicksal ins Gesicht. Unwillkürlich neigte er das Haupt gegen sie – sie rührte sich nicht. Er riß sich los und ging hinaus, und die ganze Nacht hindurch, während die Eisenbahn ihn der fremden Stadt und dem unbekannten Schicksal entgegentrug, stand dieses Antlitz vor seiner Seele, in das man wie in das Schicksal hineinsah. Die ganze Nacht – und die Nacht, in die er hinausfuhr, war dieselbe, die hinter ihm in der Stadt zurückblieb, die er soeben verlassen hatte, und welche dort das Haus Nöhring umhüllte und in dem Hause Nöhring auf ein Weib herabsah, das sich schlaflos auf seinem Lager wälzte. Heute ließ Freda den Bärenkopf in Ruhe; heute bedurfte es der Dunkelheit nicht, um das Lächeln auf ihrem Gesicht verschwinden zu lassen; wie ein Stein war sie in ihr Bett gefallen und hatte die Augen geschlossen, um zu vergessen. Einen Augenblick hatte sie auch geglaubt, daß sie einschlafen und vergessen würde – gleich darauf aber waren alle Gedanken wieder da, und nun wußte sie, daß sie die ganze Nacht nicht wieder einschlafen würde. Es war ja das Bett, in dem sie immer gelegen, das Zimmer, das sie immer umgeben hatte – unwillkürlich aber tastete sie auf den Decken herum, als müßte sich das alles ganz anders anfühlen als bisher, als wäre ihr Zimmer nicht ihr Zimmer, das alte Haus nicht das Haus mehr, als wäre etwas geschehen, wodurch sich das alles verwandelt hätte – was denn nur? Was denn nur? Wie man nach dem Tode eines geliebten Menschen das Gefühl hat, als könnte die Welt gar nicht so weitergehen wie bisher, als könnte man gar nicht weiterleben, wie man bisher gelebt hat, so war ihr zumute. Aber es war ihr ja doch niemand gestorben? Niemand? Niemand? Percival war tot – tot für sie und dahin! Sitzend fuhr sie im Bett auf; beide Arme schlang sie um die hochgezogenen Knie, und indem sie das Gesicht in die Arme drückte, brach sie in Schluchzen aus. Es war nicht das sanfte Weinen, mit welchem die Natur des Weibes sich von allzu schwerem Gram befreit, bittere Tränen waren es, wütende; und als der angespannte Rücken ihr ermüdete, sank sie zurück und wühlte das Gesicht ins Kopfkissen, und unter dumpfem Schluchzen biß sie ins Kopfkissen hinein. So hatte er sie verlassen! So war er ihr untreu geworden! So mit lachendem Munde, ohne sie zu fragen, ohne eine Ahnung von dem, was er ihr antat! So – so–so! Alle gräßliche Qual der Eifersucht zerriß und zerschnitt ihr das Herz. Wenn er wirklich gestorben wäre – wäre es nicht beinahe besser gewesen als so? Dann hätten die andern mit ihr gejammert und geweint – jetzt mußte sie ihren Jammer noch dazu verstecken und verschweigen! Was hätte man denn gesagt, wenn man sie weinen sah, wo alles eitel Lust und Freude war? »Geh – schäme dich, du bist schlecht – oder gar, du bist verrückt!« Vielleicht war sie ja wirklich verrückt; wenn jemand mit seinen Empfindungen so ganz aus der Reihe der andern heraustritt, ihnen so ganz entrückt steht – nun, so ist solche »Entrücktheit« in den Augen der vernünftigen Menschen eben »Verrücktheit« – was denn anders? Und das also wäre Wahnsinn, daß eine Schwester ihren Bruder liebte? Nein, nein, nein! Und noch dazu einen solchen Bruder! Jetzt, da er sich von ihrer Seite wandte, ging das ganze Leben noch einmal an ihr vorüber, das sie an seiner Seite gelebt. Jeder Tag war da und jede Stunde, jeder Gedanke und jede Hoffnung, dieses ganze jahre- und jahrzehntelang nur für ihn da sein, nur für ihn sorgen, trachten und tun. Wie sie ihn vor sich sah mit dem kurzen Jäckchen, in Kniehöschen, den Schulranzen in der Hand, das Käppchen auf dem lockigen Haupte, als er noch als Schuljunge in die Schule ging! Wenn er am Schlusse des Halbjahrs eine gute Zensur nach Hause brachte – dieser Jubel, dieser schmetternde, durchs ganze Haus! Und immer brachte er ja gute Zensuren nach Haus! Immer war er ja der Fleißigste, Klügste, Beste, Schönste, Geliebteste von allen, allen, allen! Wenn er dann als Student während der Ferien nach Haus kam und mit dem Cerevis auf dem Kopf durch die Straßen der Stadt wandelte, der Stadt, wo es keine Universität gab und man nur selten einmal einen Studenten zu sehen bekam – wie alt und jung dann stehenblieb, groß und klein ihm nachschaute, wie die Mädchen an die Fenster gestürzt kamen: »Kinder, kommt rasch, da geht Nöhring! Percival Nöhring!« Wenn dann an solchen Tagen sie an seiner Seite ging, den Arm in seinen Arm gehängt, ihn sehend, ihn hörend, ihn fühlend in allernächster Nähe – wie sie sich an ihn preßte alsdann, wie sie an sich halten mußte mit Gewalt, daß sie nicht auf offener Straße die Arme um ihn schlang, nicht aufjubelte vor allen Menschen! So hinzugehen mit ihm, die Straßen entlang, die Welt entlang, das Leben entlang – alle Tage so und immer, immerzu – nichts zu brauchen als das, nichts zu wollen als das – kein Gedanke im Herzen, daß das je anders werden könnte, jemals – Und die Menschen, die ihnen begegneten – denen die Gesichter aufleuchteten, wenn sie das schöne, reizende Paar daherkommen sahen – ob sie auch nach ihr fragten? Gott weiß es, sie fragte nicht danach – was sie für Augen machten, wenn sie den Percy sahen, darauf kam es ihr an, das beobachtete, das belauerte sie. Und jedesmal drückte sie alsdann schweigend seinen Arm; sie hatte ja gelesen und verstanden, was die Augen der Menschen sagten: »Aus dem wird einmal was.« »Aus dem wird einmal was«, das war der Orgelton gewesen, der ihr ganzes Leben durchhallt hatte, der Gedanke, mit dem sie abends einschlief und morgens aufstand, »aus dem Percy wird einmal was; ein genialer Mann, ein großer, ein berühmter, vor dem sie in Bewunderung dastehen werden, alle!« Das war die Sonne gewesen, die am Himmel ihres Lebens stand, der Gedanke war ihr Mut und ihre Kraft. Wenn sie merkte, daß sie den Leuten unliebenswürdig erschien, daß sie an ihr vorübergingen – pah – was fragte sie danach – auf den Percival sollt ihr sehen, ihn sollt ihr lieben und bewundern, an ihn sollt ihr glauben! Und sie glaubten an ihn, und sie selbst – ob sie an ihn geglaubt hatte! Ob! Und nun das heute! Das! Dieser Hagelschlag! An ein unbedeutendes elendes Geschöpf warf er sich fort! Von aller Zukunft nahm er Abschied, um in ein erbärmliches Ehejoch zu kriechen! Nun gab's ja keine Zukunft mehr für ihn! Die ganze Fülle von Hoffnungen und Erwartungen, die sie ein Leben lang aufgesammelt und aufgespeichert hatte – nun floß sie dahin wie ein Faß edlen Weins, das in den Sand fließt! Aus war nun alles und dahin! Aus, aus, aus – und das Kissen, auf dem ihr Haupt ruhte, wurde feucht von ihren strömenden Tränen. Ja – wenn Percival es gewesen wäre, dem heute die Depesche galt; wenn er es gewesen wäre, der heute abend nach Meiningen fuhr, um dort sein Stück aufführen zu lassen – unwillkürlich malte sie sich aus, wie das alles geworden sein würde, wie sie ihn mit dem Vater auf den Bahnhof begleitet, wie sie ihn noch einmal vor der Abfahrt auf Stirn und Augen geküßt haben würde: »Reise glücklich – werde groß!« – aber sie brach die Gedanken ab, die törichten, lügnerischen Gedanken, die ihren Jammer zur Verzweiflung steigerten – er war es ja eben nicht, dem das alles galt, sondern der andere! Der andere – dieser Mensch – der wie ein Wegelagerer Percival überall den Weg ablief! Der neben ihrem Percy dastand wie ein plumper Weidenknorren neben einer schlanken Edeltanne – nur daß der Weidenknorren bis in die letzten Spitzen mit quellendem Safte gefüllt war und die Edeltanne mit trägem, schwerem Harz – nur daß der Weidenknorren überhaupt gar keine Weide war, sondern ein Fruchtbaum, dessen Äste schwer waren von hängenden Früchten! Sie preßte die Hände zusammen und bäumte sich im Bett auf. Gegen wen? Gegen das Schicksal, das nichtswürdige, ungerechte Schicksal, das ihrem Percival alles versagte und diesem da alles in den Schoß warf! Diese Mittagsstunde heute, die wie ein steinernes Erinnerungskreuz, das einen Unfall bezeichnet, nun für immer an ihrem Lebenswege stehen würde! Diese böse Stunde, die das niederträchtige Schicksal sich eigens für sie ausgedacht hatte, um ihr recht handgreiflich zu zeigen, wie verschiedene Bahnen nun das Leben der beiden wandeln würde, wie der eine sich, ein freier Adler, in die Lüfte schwang, großen, unbekannten Zielen zu, während der andere, einem zahmen Kanarienvogel gleich, hinter die Stäbe des Vogelbauers schlüpfte, zu Futternapf und Wassertrog, nicht mehr fragend nach dem Himmel und der Sonne, glücklich und zufrieden, weil er sein Kanarienweibchen auf der Käfigstange gefunden. Dieser blutige Hohn, daß das so zusammentreffen mußte, so! Aber ein Zusammentreffen? Ein Zusammentreffen war es ja gar nicht gewesen, sondern eins hatte sich aus dem andern ergeben. Wie hatte Percival gesagt, als er vor den Vater trat? »Keine bessere Stunde könnte er finden als diese Ehrenstunde seines Freundes« – also gerade weil der andere hinausging, ein berühmter Mann zu werden, schien ihm die Gelegenheit günstig, seinerseits allem Ruhm und aller Ehre zu entsagen, alle große Ungewißheit hinzugeben für eine erbärmliche kleinbürgerliche Gewißheit? Wer also war es, von dem alles Unheil wieder ausging? Was tobte sie gegen das Schicksal? Was kämpfte sie mit der Luft, während der Feind leibhaftig körperlich vor ihr stand? Er! Er! Und immer wieder Erl Er, auf den sie alle mit zwinkernden Augen hinwiesen, als wollten sie sagen: »Du entgehst ihm doch nicht«; den sie von sich stieß, und der sich nicht fortstoßen ließ; der sich an sie hing mit aller Schwere seiner lechzenden Seele; dessen Augen zu ihr sprachen: »Komm doch zu mir, so will ich dir Ersatz schaffen für alles, was du verlierst!« »Du mir Ersatz schaffen? Du – mir?!« Sie sprach es unwillkürlich laut vor sich hin; ihre Arme fuhren unter der Decke hervor und stießen in die dunkle Luft, als hätte er sich über sie gebeugt, und als wollte sie ihn vertreiben. »Du mir Ersatz geben? Womit? Mit deinem Können vielleicht und deinem Geist? Daß du ein Dichter bist und ein berühmter Mann werden wirst, das soll mich trösten dafür, daß Percy es nicht ist und nicht werden wird?« Und plötzlich streckte sie sich wieder lang im Bett aus. Der ringende Leib wurde starr. Wenn es denn also Schicksalsschluß war, daß sie Percival verlieren und diesem da anheimfallen mußte – nun denn – so laßt uns überlegen, wie er mir's bezahlen soll, alles, was ich durch ihn verliere. Ein Fruchtbaum also war er, ein saftquellender? Hatte sie nicht als Kind mit angesehen, wie die Knaben Birkenbäume anschnitten, den Mund an die aufgeschlitzte Rinde legten und den Saft aus den Bäumen sogen? Wenn man ihn anbohren könnte, den kraftstrotzenden Baum, bis daß er welk würde und matt und schwach und schwächer noch als der andere. Ah – ein tiefer Atemzug hob ihre Brust –, es gab also doch noch einen Weg in diesem zur Wüste gewordenen Leben; schwer sank ihr Haupt in die Kissen zurück, und tief und schwer schlief sie ein. Siebzehntes Kapitel Seit dieser Stunde, da sie so mit dem Schicksal gehadert und sich dann gewissermaßen mit ihm abgefunden hatte, war eine Art von Resignation über Freda Nöhring gekommen, eine dumpfe Gespanntheit, ein Erwarten der Dinge, die nun eintreten würden. Der Boden, auf dem ihr Dasein und das Leben der Ihrigen bis dahin in so friedlicher Beharrlichkeit gestanden hatte, war ins Treiben gekommen; unsichtbare Mächte, die stärker waren als der sich selbst regierende freie Wille, griffen herein und rückten und schoben. Percival sah sie schon dahingleiten, natürlich dem Unglück zu, das er durch eine so törichte Verbindung über sich heraufbeschwor; ein dunkles Gefühl sagte ihr, daß unter ihren eigenen Füßen der Boden auch nicht mehr fest sei. In der Ferne stand etwas, etwas Unbekanntes, Dunkles; dem wurde sie entgegengeschoben. Bis heute war Percivals Schicksal ihr Schicksal gewesen; daß sie daneben ein eigenes haben könnte, daran hatte sie eigentlich niemals gedacht. Jetzt wurde das anders, jetzt, da die andere gekommen war und an ihre Stelle trat. Gleich nach dem Frühstück war Percival heute aufgesprungen. Noch bevor er auf die Regierung, an seine Akten ging, wollte er hinüberlaufen zu Wallnows, um seiner Braut guten Morgen zu sagen. Er hatte Freda mit dem Vater sitzenlassen. So würde das nun weitergehen; immer öfter würde sie für sich sitzenbleiben, immer länger, stiller und verlassener – da bekommt der Mensch Zeit, über sich nachzudenken. Kein Wort hatte sie gesagt, als sie Percival aufspringen und hinauseilen sah; nur hinter ihm drein hatte sie gelächelt, bitter und verächtlich. Was war's denn nur, was ihn so mit Fiebergewalt zu der da drüben trieb? Die Liebe? Ja natürlich – so also sah das in der Nähe aus, was man so nennt, diese sogenannte Liebe. Kläglich, dumm und widerwärtig! Pah! Zu denken, daß solch ein Geschöpf Macht gewann über einen Mann, ihm Sinn und Verstand unterjochte – wodurch? Durch ihren Geist etwa? Therese Wallnow und Geist! Lächerlich! Also nur, weil der unbestimmbare Hauch über ihr lag, den die Männer, wenn sie Bücher schreiben, »Weiblichkeit« nennen, der sogenannte »Duft«, der aber in Wirklichkeit nichts weiter ist als ein Dunst, als ein Rausch, der die Männerköpfe betäubt. – Pfui! – Nun wuchs der Tag; der Vormittag schritt weiter, und wie an allen Vormittagen saß sie auch heute an ihrem Fenster vor ihrem Nähtisch. Indem sie dort saß und von Zeit zu Zeit auf die Straße hinausblickte, kam ihr die Erinnerung an den Winternachmittag, als dort drüben unter den Bäumen einer entlang gekommen war und zu ihr hineingeschaut hatte mit einem Blick – und plötzlich sanken ihr die Hände in den Schoß. Warum setzte sie sich denn so hochmütig über Therese Wallnow zu Gericht? Ging nicht von ihr dieselbe Macht aus, die sie an jener so verachtete, der »Dunst«, der die Männerköpfe betäubt? Hatte sie denn nicht erfahren, daß auch zu ihren Füßen ein Mann lag, unterjocht an Sinnen und Verstand? Unwillkürlich, wie sie an jenem Nachmittage getan hatte, stand sie auf und ging vom Fenster hinweg ins Zimmer hinein. Sie hatte ein Gefühl von Erniedrigung, als müßte sie sich schämen. So erbärmlich erschienen ihr diese Männer, so widerwärtig die Weiber mit ihrer betörenden Gewalt – und nun erlebte sie, daß auch ihr Bruder, ihr Percy, zu jenen Männern gehörte, daß auch sie ein Weib wie andere Weiber war. Was für Erfahrungen! Was für Erfahrungen! Ihr jungfräulicher Stolz stand zürnend in ihr auf. Sie wollte nicht! Wenn diese schlanken Glieder, diese Augen, dieses Gesicht, wenn dieses alles ihm gefiel – hatte sie je einen Schritt getan, jemals auch nur den Wunsch gehabt, daß es ihm gefallen sollte? Wahrhaftig – nein! Mit welchem Recht also kam die Natur, diese dumpfe, tierische Macht, und machte dies alles, was ihr gehörte, und machte sie selbst zum Gegenstand seines Verlangens? Er sollte nicht nach ihr verlangen! Niemand sollte es! Sie wollte nicht. Schlimm genug, daß die Rose, wenn sie einmal aufgebrochen ist, nicht mehr die Fähigkeit besitzt, ihre Blätter wieder zusammenzuschließen und ihren Duft dem zu versagen, dem sie nicht duften will – aber sie war kein willenloses Gewächs; sie war ein Mensch, ein Geschöpf mit freiem Willen und selbstbewußtem Verstand. Und mitten in all diesem großen Zorn war ein ganz kleines Gefühl, ganz klein, ganz fein, wie eine Nadelspitze so fein, bei dessen Stich sie in Empörung aufzuckte, das war das Bewußtsein, daß sie sich trotz allem darüber freute, daß auch sie die betörende Macht des Weibes besaß, daß auch zu ihren Füßen ein Mann dahingeworfen lag. Der Zorn loderte ihr im Gesicht auf – nein, nein, nein! Aber im tiefsten Winkel ihres Innersten saß ein Kobold und kicherte: »Ja, ja, ja!« Sie ging im Zimmer auf und ab, sie schüttelte das Haupt, als wollte sie den fluchwürdigen Gedanken hinauswerfen; dann setzte sie sich und nahm ihre Arbeit wieder vor. Und nachdem sie ein Weilchen gestichelt hatte, sanken ihr die Hände wieder herab; die Augen gingen darüber hin, auf die Straße hinaus – und vor ihren träumenden Augen weitete sich der enge Rahmen der kleinen Stadt; die Welt tat sich auf. Ihr war, als vernähme sie aus der Ferne das Brausen unzähliger Stimmen; und jetzt sah sie einen daherkommen, den, welchem der tausendstimmige Zuruf galt. – Sie sah, wie er daherkam aus der Ferne der Welt, mit Schätzen beladen, mit Lorbeeren bedeckt, wie er daherkam, nicht rechts blickend noch links, die starrenden Augen auf ein Ziel gerichtet, auf ein Haus, auf ein Fenster in dem Hause, auf ein Weib an dem Fenster – mit Entsetzen beinahe fuhr sie auf – war es denn möglich und erhört – Sie dachte an – ihn?! Wieder sprang sie auf und verließ ihren Platz. Sie wollte an ihn nicht denken! Er war für sie nicht da! An irgend etwas denken muß der Mensch aber doch. Also, an was denn nur? An die Besorgung des Hauses? Das Haus war ihr so gleichgültig heute. Oder an Percival vielleicht und seine Therese? Gott – Gott – Gott – Also wollte sie einen Gang durch den Garten machen. Vielleicht würde das ihr zur Ruhe verhelfen. Sie raffte das Tuch um die Schultern und ging hinaus. Im Augenblick, als sie auf den Flur trat, klingelte es; der Telegraphenbote stand vor der Tür, eine Depesche in der Hand. Sie nahm sie ihm ab und las die Adresse. »Nöhring« stand darauf und die Angabe des Orts. Einen Augenblick hielt sie das verschlossene Papier in der Hand. Sie ahnte, von wo die Depesche kam. Wahrscheinlich war sie für den Vater bestimmt. Aber »Nöhring« war allgemein; unter dem Namen ging sie ja auch. Mit einem Schritt war sie ins Zimmer zurück, und im nächsten Augenblick hatte sie die Depesche aufgerissen. Aus Meiningen – natürlich! »Mitten in der Probe« – so las sie – »der Herzog von Anfang an dabei; das Stück schlägt seine Augen auf. Tausend Grüße! Brief folgt. Schottenbauer.« Mit hastigen Blicken hatte sie gelesen; jetzt wandte sie sich zur Tür, um dem Vater die Depesche zu bringen; an der Tür blieb sie stehen und las noch einmal. Das Telegramm war so allgemein gehalten – es war offenbar an das ganze Haus Nöhring gerichtet. Von den tausend Grüßen würde einer doch auch wohl für sie bestimmt sein – ihr Mund verzog sich spöttisch. Und nachdem sie zum zweitenmal und langsamer als das erstemal gelesen hatte, ging sie auch jetzt noch nicht, vielmehr setzte sie sich am Tische im Salon nieder und versank in brütende Gedanken. »Das Stück schlägt seine Augen auf« – was für ein merkwürdiger Ausdruck das war! Was für ein Jubel aus der Depesche klang! Offenbar ging alles herrlich vorwärts, so herrlich, daß er sich nicht hatte halten können, sondern mitten in der Probe, wahrscheinlich während eines Zwischenakts, hinausgelaufen war aufs Telegraphenbureau, um denen, die er liebte, seine Glückseligkeit mitzuteilen. Denen, die er liebte – sie warf das Blatt, das sie noch immer in Händen hielt, auf den Tisch. Was ging das alles sie an? Wenn unter den Worten, die sie da las, ein anderer Name, wenn Percival darunter gestanden hätte – die Wonne! – aber so – Es trieb sie vom Sitz auf; stöhnend, mit großen Schritten, ging sie im Zimmer auf und nieder; alle Resignation war dahin; die ganze Qual der vergangenen Nacht brach wie ein Sturm wieder in ihr los und fegte alle Ruhe, Vernunft und Ergebung fort. Verzweiflung um den Bruder, Haß gegen das Weib, das ihn verdarb, Ingrimm und Neid gegen ihn, dem alles glückte und alles – das alles tobte und wütete in ihrer Seele, daß es wie Fieber durch ihre Glieder jagte, und daß sie fühlte, wie das Gesicht sich ihr verzerrte. Es dauerte lange, bis sie sich so weit gefaßt hatte, daß sie zum Vater hinaufgehen konnte. In einem Gewölk von Pfeifenqualm saß der Regierungsrat vor seinem Schreibtisch, als Freda, die offene Depesche in der Hand, bei ihm eintrat. »Aus Meiningen«, sagte sie gleichgültig, indem sie das Blatt vor ihn hinlegte; »ich hab' es aufgemacht; es scheint mir so gewissermaßen an uns alle zusammen gerichtet.« Papa Nöhring riß die Depesche an sich und las. »Sieh mal an,« sagte er, »das scheint ja famos zu gehen! Der Herzog von Anfang an dabei« – er schlug mit der flachen Hand auf das Papier – »siehst du, was wir den Abend damals gesagt haben – der Meininger! der Meininger!« So seelenvergnügt war er – Freda schaute ihn gedankenvoll von der Seite an; solch ein selbstloser Mann – wie viel mehr war Percival doch sein Kind als sie. Unwillkürlich trat sie heran, strich ihm das spärliche weiße Haar aus der Stirn und küßte ihn auf die liebe, von so edlen Gedanken erfüllte Stirn. Lächelnd blickte er auf. »Na – du?« sagte er, »freust du dich auch?« Hastig wandte sie sich ab; in seinen Augen war schon wieder das schalkhafte Blinzeln, das sie ja so gut verstand und so gar nicht ertrug. Der Regierungsrat lachte hinter ihr drein, dann riß er ein Schubfach am Schreibtisch auf. »Da kommt's hinein,« erklärte er, »in das Archiv«, dann besann er sich. »Vorher müssen wir's aber dem Jungen zeigen; der wird sich bärenmäßig freuen, wenn er's liest.« Freda nickte schweigend. Wie würde er sich nicht freuen, der selbstlose Sohn dieses selbstlosen Vaters? Dann ging sie rasch hinaus, denn plötzlich traten ihr die Tränen in die Augen. Solch ein Mensch! So edel, so rein und schön – und dieses ungerechte, nichtswürdige Schicksal. Achtzehntes Kapitel Ganz erhitzt kam Percival zu Mittag nach Hause. Er hatte ja solch eine Masse von Besorgungen gehabt! Erst der Besuch bei Wallnows, wo alles wohl und munter war und tausendmal grüßen ließ, dann ein Sprung auf die Regierung, um nach seinen Akten zu sehen – na, und auf der Regierung, da war denn die Geschichte natürlich schon herum; vom Kanzleidiener an hatte alles ihn mit neugierig fragenden Augen angesehen, sobald er eingetreten war. »Ist's wahr? ist's denn wahr?« Dann waren die Regierungsräte und die Kollegen angerückt, auf sein Zimmer. »Nöhring – was hör' ich? Ist's wahr? Ist's denn wahr?« Und nun ein Händeschütteln, ein Gratulieren, eine allgemeine Freude –. Er fiel dem Vater plötzlich um den Hals wie jemand, dem das Herz davon übergeht, daß er bei den Menschen so viele Freunde hat und Liebe genießt. Papa Nöhring klopfte ihn verständnisvoll auf den Rücken. Von der Regierung dann auf die Redaktion des städtischen Wochenblatts, um die Verlobungsanzeige aufzugeben, und von da zum Lithographen, um Anzeigekarten zu bestellen. Denn das erforderte doch der Anstand. »Natürlich, das erforderte der Anstand.« »Wollen wir denn nun nicht zu Tisch gehen?« unterbrach Freda den unablässigen Bericht. »Ja, ja, wir wollen zu Tisch gehen; der Junge kann ja beim Essen weitererzählen.« Beim Essen erzählte er dann weiter; von der Hauptsache hatte er ja noch gar nicht gesprochen, nämlich von der wahrhaft liebenswürdigen Art, mit welcher der Regierungspräsident seine Anzeige aufgenommen hatte. »Ah so – du bist also persönlich zu ihm gegangen?« Natürlich war er persönlich zu ihm gegangen – das erforderte doch der Anstand. »Ja freilich, freilich, das erforderte der Anstand.« »Na? und der war so nett also gewesen, der Regierungspräsident?« »Aber ich kann's dir wirklich gar nicht beschreiben, Papa!« An beiden Händen hatte er ihn genommen. »Das ist mir eine erwünschte Gelegenheit, Nöhring, Ihnen zu sagen, daß ich mit Ihnen zufrieden bin. Sie sind ein tüchtiger, begabter, strebsamer junger Mann; werden mal ein brauchbarer Beamter werden.« Dazu hatte er ihn auf die Schulter geklopft. »Hört, hört!« unterbrach Papa Nöhring. »Ja, nicht wahr? Der Regierungspräsident, der doch verschrien war wegen seiner Unzugänglichkeit – ›Und nun haben Sie sich verlobt?‹ hatte er weiter gesagt, ›ist vernünftig, ist recht; kenne Ihre Fräulein Braut, ist eine scharmante junge Dame. Nun will ich Ihnen einen Rat geben, Nöhring; das war der erste Streich, und der war gescheit –‹« »Der erste Streich?« Freda war's, die so fragte – es war das erste Wort, das sie hervorbrachte. »Ja, ja – er war ordentlich witzig geworden, der Regierungspräsident – ›nun lassen Sie möglichst bald den zweiten folgen, das heißt, machen Sie Ihr Examen. Wenn Sie sich dranhalten, nehme ich Sie als Assessor an meine Regierung, und ich glaube, ich kann Ihnen in Aussicht stellen, daß Sie dann in nicht zu ferner Zeit hier als Regierungsrat angestellt werden.‹« Papa Nöhring griff über den Tisch nach Percivals Hand. »Junge – wenn das alles so käme – du, als Regierungsrat hier am Ort –?« Der Gedanke machte ihn ganz glückselig. Percivals Augen leuchteten mit den seinigen um die Wette. »Nicht wahr, Papachen? Nicht wahr?« »Dann wirst du dich nun wohl bald daran machen, an dein Examen?« »Aber natürlich doch, sofort; alt und grau wollen wir doch wahrhaftig nicht werden, bis daß wir heiraten.« Papa Nöhring schob sich vom Tische ab. »Denn, siehst du, mein Junge, wir müssen doch nun mal ernsthaft über diese Dinge reden; ohne Anstellung, das heißt ohne Gehalt wenigstens, kannst du natürlich nicht heiraten, das wirst du ja begreifen.« Ja natürlich begriff er das. »Denn, siehst du, ein reicher Mann bin ich ja keineswegs, das brauch' ich dir wohl nicht erst zu sagen. Und Thereschen ist ja ein liebes Ding – und – ich sage es ja nicht deshalb – das weißt du ja wohl – aber ein Goldfisch ist sie doch auch keineswegs.« »Das könnte man ihr nicht nachsagen. Nein.« Nein; preußische Appellationsgerichtsräte pflegen ihren Kindern keine Schätze zu hinterlassen, wenn sie sterben, und Theresens Vater, der Appellationsgerichtsrat Wallnow, hatte davon keine Ausnahme gemacht. »Darum, siehst du, mein Junge, auch mit Gehalt und allem, was ich dir etwa geben könnte, werdet ihr euch dennoch sehr nach der Decke strecken müssen; denn was das Leben eigentlich kostet, lernt man ja immer erst, wenn man verheiratet ist. Sekt für alle Tage – dazu wird's nicht reichen; nicht mal zu Wein.« Percival klopfte den Vater auf die Hand. »Wenn wir Sekt trinken wollen, kommen wir zu dir 'rum, Papa!« Der Regierungsrat lachte. »Kommt nur; solange es welchen bei mir gibt, sollt ihr davon abbekommen – vorausgesetzt, daß Freda die Kellerschlüssel dazu hergibt.« Er schaute zu der Tochter hinüber; Freda gab keine Antwort. Noch nie im ganzen Leben hatte sie mit so völlig abwesender Seele mit Vater und Bruder zusammengesessen. Es war ihr, als wenn sich zwei fremde Menschen über Dinge unterhielten, die sie nicht begriff. War das Percivals zukünftiges Leben, wovon die beiden sprachen? Wirklich? Diese Zukunft, aus der es nach engen Stuben, nach schlechter Küche, nach »armen Leuten« roch, das seine Zukunft? Gehalt ergattern, Beamter werden, in der Tretmühle gehen, das war's, woran sie sich ergötzten, wofür sie sich begeisterten? Sie war wie benommen. Als der Vater sich an sie wandte, war es, als müßte sie sich auf sich selbst besinnen. »Du wolltest ihm ja die Depesche zeigen?« Sie sagte es, nur um irgend etwas zu sagen. Richtig, das hatte Papa Nöhring doch beinahe vergessen. Er holte das Telegramm hervor, und Percival las es durch. Die Wirkung war nur mäßig; er schmunzelte und reichte es zurück. Seine Gedanken hatten offenbar keine Zeit, jetzt nach Meiningen zu wandern; sie waren hier verankert »bei seiner Therese«. Auch behielt man jetzt keine Muße, sich mit Schottenbauer und dessen Stück zu beschäftigen. Kaum daß man von Tisch aufgestanden war, kamen die Verlobungsanzeigen vom Lithographen an. Nun hieß es beraten, wer alles eine Anzeige bekommen sollte, und dann: die Adressen schreiben. Dazu mußte Freda mit heran. Am runden Tisch im Salon saß sie mit Percival und schrieb; die Tischplatte bedeckte sich mit einem Haufen von Kuverts. Als die Arbeit endlich vollbracht war und Freda sich mit einem Seufzer erhob, klingelte es schon wieder. Wer kam denn nun? Wer anders als Mutter Wallnow und Therese, die jetzt ihrerseits anrückten, um bei Nöhrings Kaffee zu trinken. Natürlich – Wallnows und Nöhrings, Nöhrings und Wallnows, das war von jetzt alles eins, ein Haus, eine Wirtschaft, ein Kuddelmuddel, es kostete Freda geradezu Anstrengung, die beiden Frauen auch nur mit der notdürftigsten Liebenswürdigkeit zu empfangen. Und dazu kam nun auch noch Percivals Zärtlichkeit gegen seine Braut, die entsetzliche Zärtlichkeit. Sie waren hier ja zu Hause, also brauchte er sich keinen Zwang anzutun; und er tat sich keinen an, nicht den allermindesten, nein. Es war Freda immer unangenehm gewesen, wenn Brautleute sich vor den Augen anderer herzten und küßten – jetzt wurde es ihr geradezu widerwärtig, unerträglich. Sie ging hinaus, sie konnte es nicht mit ansehen, wie die beiden »sich ableckten«. Sie ging in den Garten, in die freie Luft; es war, als wenn der »Arme-Leute«-Geruch, den sie vorhin verspürt hatte, sie überall verfolgte. Und das ging von ihm aus, von ihm, der bisher in ihrem Leben gestanden hatte wie ein grünender Waldbaum, aus dessen Zweigen die Erquickung auf den Wanderer herniederweht. Als sie zweimal um den Garten herumgegangen war, hörte sie schon wieder die Klingel im Hause vorn anschlagen. Beinahe mußte sie lachen. Das wurde ja ein Gasthof, wo sie wohnte, nicht viel besser als eine Kneipe! Indem sie den Flur betrat, vernahm sie die Stimme des neuen Ankömmlings und wußte, wer es war. Fräulein Nanettchen, die natürlich schon alles erfahren hatte und nun, bevor sie noch eine Anzeige erhalten, hergestürmt kam, um ihren Jubel und ihre Begeisterung zu entladen. Das Haus dröhnte förmlich wider. Als Freda in das Zimmer kam, sah sie, wie Percival und Therese in Nanettchens Armen soeben platt gedrückt wurden; dann wandte sich diese ganze verkörperte Zärtlichkeit auf sie, auf Freda. »Nein, aber sag' mir, einziges Kind, wie ist dir denn zumute? Bist du denn nicht ganz glückselig? Ich bin ja rein entzweigegangen vor Freude, als ich es gehört habe!« Sie wischte sich die Augen. Ein Vorteil war es, daß sie gar keine Antwort verlangte; so brauchte Freda nichts zu sagen. Nachdem sie diese aus den Armen gelassen, wandte sie sich wieder zu dem Bräutigam zurück, und dann bekam auch Mutter Wallnow ihre Umarmung. Von einem ging sie zum andern, mit immer erneuten Zärtlichkeitsbeteuerungen – »ungefähr wie ein Ballon,« stellte Freda für sich fest, »dem man das Ventil öffnet, damit er nicht platzt«. Die Tränen der Rührung standen Nanettchen noch in den Augen, als man sich im Speisezimmer zum Kaffee setzte. Beim Genusse des anregenden Getränks aber ging die Rührung in sanfte Heiterkeit und die sanfte Heiterkeit allmählich in ausgelassene Lustigkeit über. Es wurde ein wahres Kaffeebacchanal. Als Nanettchen erfuhr, das Percival möglicherweise hier am Orte Regierungsrat werden würde, kannte sie sich nicht mehr vor Entzücken. »Kinder, Kinder, von morgen fang' ich an, mich nach einer Wohnung für euch umzusehen! So ein huschliches, muschliches Nest! Nicht wahr? Mit einem Blick ins Grün? Und für das arme alte Nanettchen ist auch noch ein Plätzchen hinterm Ofen frei? Nicht wahr? Gott – Kinder – Kinder – Freda, mein Engel, gib mir noch eine Tasse Kaffee!« Dann wandte sie sich wieder an Therese Wallnow. »Meine geliebteste Regierungsrätin in spe, bei deiner Schwägerin mußt du dir das Rezept geben lassen, wie man Kaffee kocht; besseren Kaffee als den Nöhringschen gibt's auf Gottes weiter Welt nicht mehr!« Nun aber wollte sie fort, denn es war ja schon ganz spät geworden. Aber es stand in den Sternen geschrieben, daß sie heute abend nicht so früh davonkommen sollte, denn im Augenblick, da sie aufsprang, kam ein Getrappel von Schritten durch den Salon; Papa Nöhring erschien und mit ihm Tante Löckcken und Herr Major a. D. Bennecke. Sogar die braune Diana stattete abwechslungshalber einen Besuch bei Nöhrings ab. Mit Jubelgeschrei wurden die Ankömmlinge begrüßt; die kaum besänftigte Fröhlichkeit schlug jetzt in haushohen Wellen auf; Freda bekam alle Hände voll zu tun, um in der Eile ein Abendessen herzurichten. Als sie zur Tür hinaus wollte, stand Therese Wallnow plötzlich neben ihr. »Freda – kann ich dir nicht ein bißchen behilflich sein?« Das Wort kam so bittend heraus; man merkte dem armen kleinen Dinge das Verlangen an, im Herzen der Schwägerin ein wenig besser angeschrieben zu stehen. Freda sah sie mit einem erstaunten Lächeln an. »Aber Kind – was würde dein Bräutigam dazu sagen? Nein, nein, du gehörst in den Salon.« Damit war sie hinaus und warf die Tür hinter sich zu. Therese ging in den Salon, und es war ihr, als ginge sie in die Verbannung. Freda klapperte draußen mit Tellern und Schüsseln, machte sich krampfhaft zu schaffen und kam fürs erste nicht wieder nach vorn. Nachher, beim Abendessen, saß sie schweigsam und wie geistesverloren unter diesen fröhlichen, plaudernden Leuten. Von Zeit zu Zeit sah sie sich mit einem träumenden Blick um – es war ihr, als säße sie an einem fremden Ort unter lauter fremden Menschen. Kaum daß man abgespeist hatte, sprang Fräulein Nanettchen vom Stuhle. »Kinder, ich kann mich nicht mehr halten, ich muß ein Klavier unter die Finger bekommen und Musik machen!« Das war ein Gedanke! »Musik! Musik!« Alles ging in den Salon; gleich darauf erdröhnten die Tasten unter Nanettchens Händen. »Percival,« wandte sie sich an diesen, nachdem sie ein stürmisches Präludium heruntergerast hatte, »nun mal ran hier! Zeig', daß du als Bräutigam das Singen nicht verlernt hast!« Percival räkelte sich. »Aber Tantchen – nach dem Abendbrot singen?« Sogleich aber erhob sich die allgemeine Stimme. »Ah was! Nur zu!« Er trat an das Klavier und blätterte unter den Noten. »Was soll ich denn singen?« Er schien wirklich nicht recht bei Stimmung. »Freda – gib mir doch mal deinen Rat!« Freda saß an der Tür, dem Klavier gegenüber, und gab keine Antwort. Nun wählte er irgendein gleichgültiges Lied aus, das er mit seiner hübschen Baritonstimme ziemlich gleichgültig heruntersang. Während des Gesangs aber schien er Feuer zu fangen; sobald er geendigt, griff er nach einem andern Notenheft und stellte es auf das Pult. »Aha, etwas Zweistimmiges«, sagte Nanettchen, indem sie einen vieldeutigen Blick zum Sofa hinüberwarf, wo Therese Wallnow saß. Percival lachte und wurde etwas rot; dann, den Blick in der nämlichen Richtung entsendend wie Nanettchen, setzte er mit kräftigem Ton ein: »O säh' ich auf der Heide dort Im Sturme dich, im Sturme dich, Mit meinem Mantel vor dem Sturm Beschützt' ich dich, beschützt' ich dich.« Im Augenblick, als er begann, wurde Freda leichenblaß; lautlos stand sie auf und ging hinaus. Dies Lied war ihr Lieblingslied gewesen. Das Herz im Leibe schlug ihr, sooft er es sang, obschon eine keusche Scham sie abhielt, ihn darum zu bitten. Immer war sie es gewesen, die mit ihm über die Heide ging, um die er seinen Mantel warf. So süß war der Traum gewesen, so beseligend das Bild – Bruder und Schwester Arm in Arm, Herz an Herz. »O wär' mit seinen Stürmen dir Das Unglück nah, das Unglück nah, setzte jetzt Nanettchen ein – Dann wär' dies Herz dein Zufluchtsort, Gern teilt' ich ja, gern teilt' ich ja!« Das war sie ja selbst, die da sprach; ihre Seele, die aus den Worten des Dichters widerklang! Ob ihr Herz sein Zufluchtsort hatte sein sollen! ob sie hatte teilen wollen mit ihm! Und nun – mit ansehen zu müssen, wie er sich bei den Worten von ihr hinweg zu der andern wandte, die da im Sofa drüben saß mit ihrem runden, kleinen, vergnügten Gesicht und es sich eben gefallen ließ, daß ihr das, was eines Menschen Lebensinhalt gewesen war, wie ein Kotillonbukett vor die Füße gelegt wurde! Nun zu wissen, daß sie nie wieder mit ihm über die Heide gehen, nie seinen Arm um sich geschlungen fühlen, nicht bei ihm sein würde, wenn der Sturm des Lebens erbrauste – daß er dahin war und zu Ende, der ganze, große, selige Lebenstraum – dahin für immer, immerdar – In den Winkel hinter dem Ofen, in den dunkelsten Winkel hatte sie sich gedrückt. Die Töne des Liedes wurden ihr zu einer furchtbaren Qual; wie das letzte Aufleuchten der Sonne über der Heimat, von der man für immer Abschied nimmt; – das Herz schwoll ihr im Leibe, die Tränen brachen aus ihren Augen – sie riß das Taschentuch hervor, ballte es zu einem Klumpen und stopfte es sich in den Mund, damit nur die da nebenan ihr Weinen nicht hörten! Denn das kam ja zu allem noch hinzu, all den Jammer verbergen und verstecken zu müssen wie ein Verbrechen, wie eine heimliche Schande, wie den Wahnsinn, von dem die andern nichts merken dürfen. Endlich hielt sie es nicht länger aus; sie ging hinaus auf den Flur, die Treppe hinauf; auf dem Flur droben wanderte sie auf und ab, und endlich, endlich, endlich kam sie zu ihren Gästen zurück. Niemand hatte ihre Entfernung bemerkt, und wenn man sie bemerkt, so hatte man sie mit ihren Hausfrauenpflichten erklärt. Ein Weilchen saß man noch, dann brach alles auf. Percival begleitete Wallnows nach Hause. Papa Nöhring war so guter Laune, daß er sich auch noch anschloß. »Kommst du nicht auch noch mit, Freda?« Nein – sie hatte noch im Hause zu tun. »Immer die sorglich waltende Hausfrau«, erklärte Herr Major a. D. Bennecke. Tante Löckchen umarmte sie. »Kindchen, du siehst mir ein bißchen blaßschnäbelig aus. Nimm's Leben nicht gar zu ernst! Setz dich in den Wagen und laß dem Herrgott die Zügel! Das ist der beste Kutscher.« Setz' dich in den Wagen und laß ihn laufen – ja, ja – so viel hatte sie in den letzten Tagen auch nun erfahren, daß die Schicksalsrosse, die unsern Lebenswagen ziehen, stärker sind als die Hand des Menschen, der sie leiten möchte. Alles ging, und sie blieb allein. In den Räumen, wo eben lustig schwatzender Lärm geherrscht hatte, trat Schweigen ein, und nun erst wurde sie sich ganz bewußt, was für ein öder Tag, was für ein leerer Abend es gewesen war. Hastig löschte sie alle Lichter aus. Sie wollte den Vater und den Bruder nicht mehr erwarten; sie konnte mit niemand mehr sprechen, auch mit den beiden nicht, mit ihnen beinahe noch weniger als mit den andern. Sie ging in ihr Schlafzimmer, um mit sich allein zu sein. Bevor sie sich indessen zur Ruhe begab, sank sie vor ihrem Bett in die Knie, drückte Arme und Gesicht in die Kissen und lag so lange Zeit. Sollte das nun so weitergehen? Alle Tage so wie dieser? Schauderhafter Gedanke! Worüber hatte man sich den ganzen Abend unterhalten? Über die Aussichten in der Beamtenlaufbahn, über Wohnungsverhältnisse, Lebensmittelpreise, lauter Dinge, die ihr gleichgültig und zuwider waren. Merkwürdig, daß man nicht auch über Kinderwindeln und Ammen gesprochen hatte! Als wenn eine stillschweigende Vereinbarung unter allen diesen Menschen bestände, daß es nun Zeit sei, von Torheiten zurückzukommen und vernünftig zu werden, Zeit, daß der »Dichter« Percival aufhörte und ein regelrechter Mann würde, ein Beamter, ein Ehemann, ein ordentliches Mitglied der ordentlichen Gesellschaft. Und so bereitwillig ging er ja darauf ein! »Laß mich in Ruh' mit deinen sogenannten großen Zielen! Der Alltag ist die Wirklichkeit, und die Wirklichkeit hat recht!« Also gab es auch für sie von nun an nichts weiter als den Alltag und den Kleinkram des Lebens! Denn Percivals Leben war ja doch das Leben des Hauses Nöhring. Aber das konnte sie ja nicht aushalten, darin erstickte sie ja! Und plötzlich war's als wenn ein Glockenton durch das Zimmer hallte: »Das Stück schlägt seine Augen auf.« Sie fuhr mit dem Kopf in die Höhe; es war, als wenn jemand das Wort laut ausgesprochen hätte. Ja – das war's. Da, wo das Wort herkam, da tat sich die Welt auf. Ob sie wollte oder nicht – es half ihr nichts; ihre Gedanken schwangen sich herum, dahin, wo jener zur Stunde weilte, nach dem Ort, wo jetzt auch ein Schicksal geschmiedet ward, aber anders als hier, nicht mit Ammenweisheit und Kleinkindergeschrei, zu dem Menschen, der in die Nacht hinausgestürmt war, der Ungewißheit entgegen wie ein Komet, der seine Bahn noch nicht kennt, der aber seinen Weg finden wird, weil eigenes Licht ihm leuchtet. Ob es die Wirkung in die Ferne war? Ober er jetzt im fernen Meiningen an sie dachte? Ob er auf seiner Stube saß und schrieb? Ob seine Phantasie die Arme nach ihr ausstreckte und sie zu sich zwang und an sich riß? Etwas Derartiges mochte es sein. Es war ihr, als stände etwas hinter ihr wie ein großer Schatten, als dürfte sie sich nicht umwenden, weil dann der Schatten Fleisch und Blut gewinnen, die Arme um sie schlingen und sie an sich pressen würde in verzehrendem Kuß. Ein Angstgefühl hielt sie an die Stelle gefesselt, wo sie kniend lag; ihre Glieder zitterten. Es half also nichts; das Unabwendbare kam, kam dennoch. Der Wagen rollte, in dem sie saß, und die Schicksalsrosse gingen ihren Lauf. Dazu war es ihr, als hörte sie das stammelnde Flüstern von seinen Lippen: »Siehst du, daß du nun doch hast kommen müssen?« Als sähe sie in seinem Gesicht das Lächeln, das übermütige, sieghafte, verhaßte, verhaßte Lächeln. – Mit einer verzweifelten Anstrengung riß sie sich empor und sprang auf – niemand war da. Sie fuhr sich mit der Hand über die Stirn; ihre Lippen flogen. »Noch hast du mich nicht! Noch hast du mich nicht!« Als sie sich aber zu entkleiden begann, zauderte sie unwillkürlich. Niemand bedrohte ihre jungfräuliche Einsamkeit. Dennoch zögerte sie, als fürchtete sie sich, als fühlte sie, daß sie alsdann ganz schutz- und hilflos dem dunklen Etwas gegenüber sein würde, das Schritt für Schritt herangezogen kam. Wer bewahrte, wer rettete sie davor, wenn sie sich nicht selbst zur Wehr setzte? Niemand. Also mußte sie, wie die Walküre, sich in den Panzer hüllen und sich selbst verteidigen. Endlich hörte sie die Pforte unten gehn – Percival und der Vater waren nach Haus gekommen. Hastig warf sie die Kleider ab und flüchtete ins Bett. Dann löschte sie das Licht, und indem sie die Augen schloß und an nichts mehr zu denken sich vornahm, kam ihr die Erinnerung an seine Depesche zurück, und daß er versprochen hatte zu schreiben, und ihr letzter Gedanke vor dem Einschlafen war, was er wohl schreiben würde. Neunzehntes Kapitel Briefe laufen langsamer als Telegramme, namentlich wenn sie erwartet werden. Aber wer wartete denn auf seinen Brief? Percival gewiß nicht, der hatte an anderes zu denken. Papa Nöhring hatte ihn ja auch wohl darüber vergessen. Also – Freda doch nicht etwa gar? Lächerlich! Trotzdem hätte man so denken können, wenn man sah, wie sie am Abend, als nun wirklich ein Brief mit dem Poststempel »Meiningen« kam, ihn dem Dienstmädchen, das ihn brachte, aus der Hand riß. Diesmal freilich lautete die Adresse an »Herrn Regierungsrat Nöhring« – das Schreiben zu öffnen, ging also nicht wohl an. Als sie aber so dastand, das verschlossene Kuvert in Händen, sah es doch aus, als hätte sie nicht übel Lust dazu. Und, was Wunder – hatte sie doch wieder einen langen, langweiligen Tag hinter sich. Hatte sie doch wieder von nichts gehört als von Kleinbürgerlichkeit und Schranken und Enge – nun kam das da und erzählte von einer andern Welt. Noch immer hielt sie den Brief in den Händen, noch einmal besah sie die Adresse und den Poststempel. Ganz früh heute morgen war er auf die Post gegeben worden; also hatte er noch gestern abend, vielleicht in der Nacht, geschrieben, vielleicht gerade zu der Stunde, als sie vor ihrem Bett gelegen und gemeint hatte, ihn hinter sich stehen zu sehen. Gab es denn so etwas? Merkwürdig! Percival war aus dem Hause, der Vater allein in seinem Zimmer oben. Sie brachte ihm das Schreiben; während er es öffnete und las, setzte sie sich hinter ihn an den runden Tisch. Der Zufall fügte es, daß sie an der Stelle saß, wo jener gesessen hatte, als er seine Stücke vortrug. »Soll ich dir vorlesen?« fragte der Regierungsrat. »Nein – lies nur für dich – ich lese ihn nachher allein.« So lässig, gleichgültig kam das heraus – und während sie nun saß, verkam sie schier vor Ungeduld, bis er fertig sein und ihr den Brief geben würde. »Das ist ja alles sehr schön«, sagte Papa Nöhring endlich. »Die Aufführung steht unmittelbar bevor.« Er reichte den Brief hinter sich; mit langgerecktem Arm nahm Freda ihn in Empfang. Das Gesicht des alten Mannes zeigte den vergnügten Ausdruck, mit dem er gestern von Percivals zukünftiger Anstellung hier am Ort gehört hatte. Beides gleich erfreulich für ihn. Nun las sie: »Meiningen, Am Abend des Tags, da ich geboren wurde. Teuerster Herr Regierungsrat! Wundern Sie sich nicht über die sonderbare Art, in der ich meinen Brief datiere; ich bin nämlich dahintergekommen, daß ich zwar vor vierundzwanzig Jahren zur Welt gekommen, aber heute erst geboren worden bin. Teuerster Herr Regierungsrat, wie wenig Stunden liegen zwischen dem letzten Händedruck, den ich mit Ihnen ausgetauscht, und diesem Augenblick, da ich im Zimmer meines Gasthofes bei zwei flackernden Kerzen sitze und an Sie schreibe und ein Tag hinter mir liegt, reich wie ein Leben und wunderbar wie ein Märchen. Sie wissen ja wohl, lieber, verehrter Herr Regierungsrat, was für länglich-säuerliche, gurkenähnliche Gesichter die Herren vom Gericht bei uns zu Hause zu machen pflegen, wenn das Gespräch auf den schiefgegangenen Referendar kommt, der statt ordentlicher Referate Trauerspiele schreibt – und nun stellen Sie sich vor, wie diesem Menschen zumut sein mußte, als ihm hier an diesem wunderbaren Ort ein Mann entgegentrat, ein Mann, dem man es ansah, wenn man's nicht sonst erfahren hätte, daß es ein Fürst, ein Herzog sein müßte, und ihm die Hand reichte und sagte: ›Kommen Sie herein. Nun wollen wir Ihr Stück einstudieren, und ich denke, wir werden beide unsere Freude daran haben.‹ Mein Gott, mein Gott – es gibt also doch noch Orte auf der Welt, wo der Mensch nicht aufhört, zur Kategorie der ›Vernünftigen‹ zu zählen, wenn er was anderes will, als am großen Mühlrade des praktischen Lebens mitzudrehen! Einen wenigstens gibt's, und den habe ich heute kennengelernt, und der ist hier; denn sehen Sie, teuerster Herr Regierungsrat, hier steht die Sache umgekehrt, hier fängt der Mensch erst mit dem Künstler an! Und ein Künstler ist dieser Herzog – ein Künstler – Maler und Dichter, Leiter des Ganzen und Beobachter des Kleinsten – alles so zusammen, daß man meint, die dramatische Kunst müßte vom Himmel heruntersteigen und die Arme um ihn schlingen: ›Sei du mein Verkünder!‹ Glauben Sie ja nicht, daß ich übertreibe; es ist so. Ich spreche so, weil ich begeistert bin, weil ich liebe; aber es ist die Nüchternheit, welche die Liebe verleumdet, wenn sie behauptet, daß sie blind mache. Nein, ist nicht wahr! Liebe macht das Herz weich, so daß sich das Bild des geliebten Gegenstandes darin abdrückt wie in weichem Wachs, mit allen geraden und krummen Linien. Davon haben wir nun auch schon erfahren – aber darüber vorläufig weiter nichts – heilig ist das Schweigen. Und als mich nun der kleine dicke Intendanzrat – denn das ist das einzige, was mich bisher an diesem Götterorte zum Lächeln gebracht hat, daß man auch hier für nötig befindet, dem Menschen einen Ratstitel unter die Füße zu schieben, damit er ein bißchen höher steht – als der mich auf die Bühne führte und den Schauspielern vorstellte und ich nun allen diesen Männern die Hand drücken durfte, zu denen ich wie zu einer Schar von Heroen aufgeschaut hatte damals, als sie in Berlin den Julius Cäsar spielten und die Hermannsschlacht, dem herrlichen Nesper, der auf mich herniedersah, stark und sanft wie der Farnesische Herkules, und Teller mit dem prachtvoll charakteristischen Kopfe, und Kraußneck, der wie ein feuriger edler Hengst in die Verse des Dichters hineinschäumte, und all den andern, deren Namen, das fühl' ich, mich durch das Leben begleiten werden wie die Namen von Kameraden, neben denen man in der Schlacht gestanden hat, Grube und Kober, und Heine, und der junge Nollet, und Frau von Moser-Sperner, Fräulein Werner – Gott – Gott – Gott – Sie lachen gewiß, lieber Herr Regierungsrat, und sagen: ›Was gehen mich all diese Leute an?‹ – aber sehen Sie, es sind ja die ersten Namen, die ich in meiner Geburtsstunde vernommen habe – da werden Sie begreifen, was sie für mich sind. Und wie es nun anfing, und die Worte, die ich da fern von hier in meiner einsamen Stube am Wasser in tiefer Stille niedergeschrieben hatte, im Munde dieser Männer und Frauen lebendig wurden und daraus hervorstürmten, daß ich mir immer sagen mußte; ›Das hast du geschrieben, aber nun ist es nicht mehr dein, das alles hat dir eine geheimnisvolle Macht zugeflüstert, die auf dir gespielt hat wie auf einem Instrument, und nun kehrt das alles zu seinem geheimnisvollen Ursprung zurück und wird etwas, ein Ding für sich, das nach dir nicht mehr fragt, sondern dahingeht durch die Welt, seinen eigenen Gang,‹ – wenn ich Ihnen beschreiben könnte, was das für ein Gefühl ist! wenn ich's Ihnen beschreiben könnte! Und als nun das Stück vor mir aufwuchs und sich reckte in seinen Gliedern, und als ich sah, daß die Glieder hielten und trugen, und als ich sah, wie das Stück in der Seele des einzigen Mannes, des ›Verkünders‹, des Herzogs, gelegen hatte, wie seine Seele darüber gebrütet hatte, daß es nun lebendig geworden war bis in die tiefste Faser der Seele und das letzte Kräuseln der Haut, wie es daraus hervorstieg, von prachtvollen Dekorationen umrahmt, in aller Farbenglut eines farbenfreudigen Malerauges gebadet, jede Szene angeordnet bis zur letzten Hergabe des letzten Tropfens dramatischer Wirkung – dieser Stolz! diese Wonne! diese tiefe, große Seligkeit! Und allernächstens soll es nun gespielt werden, und darum will ich nun schließen und für heute nichts weiter sagen, weil ich zuviel, zuviel zu sagen hätte – und will nur noch sagen, daß ich mitten in all der Herrlichkeit wohl hundertmal an das grüne Zimmer und den runden Tisch gedacht habe, und daß ich auch jetzt daran denke, und daß ich jetzt aufstehe und Ihnen um den Hals falle und Sie küsse, lieber Herr Regierungsrat, und alle küsse – aber darüber vorläufig weiter nichts – heilig ist das Schweigen. Nur daß ich Sie noch bitten wollte, lieber Herr Regierungsrat, daß Sie alle grüßen, die um den runden Tisch gesessen haben, alle! alle! von Ihrem Sie innig liebenden Walther Schottenbauer.« Der Regierungsrat Nöhring hatte sich wieder zu seinem Schreibtisch gewandt; hinter ihm war es so still geworden, daß er sich endlich herumdrehte, weil er glaubte, seine Tochter hätte das Zimmer verlassen. Nein – sie saß noch da; der Brief lag vor ihr auf dem Tische. Als der Vater sich umwandte, stand sie auf, um hinauszugehen. »Na,« rief er ihr nach, »hat's dir gefallen, was er schreibt?« Sie murmelte etwas zur Antwort; er konnte nicht verstehen, was es war. »Willst du Percival nicht den Brief zeigen?« Freda blieb an der Tür stehen. »Ach,« sagte sie, »der hat ja jetzt keine Gedanken für so etwas.« Sie ließ den Brief auf dem Tische liegen und ging. Unten fand sie Wallnows, die inzwischen mit Percival angekommen waren. In der Nacht, als der Regierungsrat Nöhring bereits im Schlafzimmer war und im Bett lag, hörte er, wie jemand sein Wohnzimmer nebenan betrat. Es war ein weicher Schritt. »Bist du's, Freda?« rief er. Er hörte, wie sie auf dem runden Tisch umhertastete. »Ich – hatte geglaubt,« erwiderte sie, »ich – hätte meine Schlüssel liegenlassen.« Gleich darauf war sie wieder hinaus. Sie hatte den Brief nicht mehr gefunden, weil der Vater ihn bereits ins »Archiv« gelegt hatte. Eine seltsame Unruhe war in ihr. Sie machte noch einen Rundgang durch das nächtlich stille Haus. Dabei vernahm sie, wie der Märzwind draußen um das Haus brauste und die kahlen Baumwipfel im Garten niederbeugte. Sie sagte sich, daß es der Frühling sei, der sich verkündigte, und das erste Frühlingswehen wühlt ja bekanntlich das Blut im Menschen seltsam auf. Wahrscheinlich kam es daher, daß sie so erregt war. Dann, als sie sich niedergelegt hatte und Stille ringsumher war, fiel ihr der Ausdruck wieder ein, den sie in dem Briefe gelesen hatte – »heilig ist das Schweigen«. – Zweimal war das Wort darin vorgekommen, sie erinnerte sich ganz deutlich. – Der nächste Tag verging und der darauffolgende, ohne daß sich etwas ereignete. Was sollte sich denn auch ereignen? Alles war ja im schönsten Geleise; das sah man Percival und Papa Nöhring an den Gesichtern an. Freda störte ihre Heiterkeit nicht; sie schien ebenfalls vollkommen ruhig. Nur wenn sie für sich allein am Fenster vor dem Nähtische saß, geschah es, daß ihr die Arbeit öfter als früher in den Händen niedersank, daß sie das Haupt in die Hand stützte und sich in langem, träumendem Denken verlor. Jedesmal war es ein weiter Weg, den ihre Gedanken gingen, jedesmal wunderte sie sich, daß hier solche öde Stille herrschte, während es einen Ort auf der Erde gab, wo jetzt die Hörner zum Streite riefen, zum Streite für eine große Sache. Dann seufzte sie und nahm ihre Arbeit wieder auf. Es war doch ein abgelegener Ort, wo sie wohnte; nicht viel besser als ein Kirchhof. – Am Abend des zweiten Tages aber oder vielmehr in der Nacht, Mitternacht war schon vorüber, wurde das Haus Nöhring in ungewohnter Weise aufgeschreckt. Stürmisch riß es an der Klingel. Als man die Haustür aufschloß, stand, vom Märzschnee triefend, der Telegraphenbote davor. Da war's! Das Dienstmädchen hatte dem Boten die Depesche abgenommen. Freda war die erste, die hinzukam. Mit dem Lichte in der Hand stieg sie die Treppe herab. Als Papa Nöhring und Percival bald darauf aus ihren Zimmern erschienen, um sich nach dem Grunde der nächtlichen Störung zu erkundigen, fanden sie Freda bereits vor, die im Salon unter der Hängelampe am großen Tische saß und ihnen, ohne ein Wort zu sprechen, die geöffnete Depesche hinschob. »Aus Meiningen?!« Freda nickte schweigend. Papa Nöhring raffte die Depesche auf; die Hände flogen ihm. »Überwältigender Erfolg! Verzeihen Sie die Störung, die Freude ist zu groß. Tausend Grüße! Schottenbauer.« Er hatte laut vorgelesen. Jetzt ließ er das Blatt auf den Tisch zurückfallen; zwei große Tränen liefen ihm über die Backen; und plötzlich, wie von einem instinktiven Gefühle getrieben, schlang er beide Arme um Fredas Nacken und küßte ihr dreimal, viermal das Gesicht. »Mein Gott,« sagte er, »der liebe, liebe Kerl!« Es war, als wenn er das Bedürfnis empfände, seine Freude an jemandem auszulassen; merkwürdig nur, daß er gerade seine Tochter dazu ausersah. Freda schien es ebenso zu empfinden; sie saß wie leblos in der Umarmung des Vaters; ihr Gesicht war weiß wie Wachs. Percival ging mit großen Schritten auf und ab. Es wurde beraten, ob man ihm vom Fleck aus einen telegraphischen Glückwunsch senden sollte. Aber das Telegraphenbureau im Innern der Stadt hatte keinen Nachtdienst; man hätte bis auf den Bahnhof hinauslaufen müssen, und das Wetter war gar zu abscheulich. »Morgen ist auch noch ein Tag«, meinte Freda mit leisem Lächeln. »Ja, ja – morgen ganz früh. Aber schlafen können wir jetzt doch nicht gleich wieder«, erklärte Papa Nöhring; »Percy, hol' uns eine Zigarre! Freda, mach' uns einen Punsch! Dann wollen wir auf ihn anstoßen, auf den lieben, famosen Kerl.« Das war eine Idee! Alles war wie elektrisiert. Percival ging hinauf in des Vaters Zimmer, wo die »feinste Sorte« stand, Freda eilte nach der Küche. Bald darauf kam sie zurück, den Teekessel auf dem Tablett; die Spiritusflamme loderte hoch auf; noch einmal schoß sie hinaus, um die Flasche mit dem Punschextrakt und Gläser und Löffel zu bringen; in ihren Bewegungen war eine ungewohnte, beinahe fröhliche Geschäftigkeit, auf ihren Wangen verbreitete sich ein liebliches Rot. Nicht lange, so brodelte das Wasser; Freda ergriff drei Gläser, und mit kundiger Hand mischte sie für den Vater, den Bruder und sich selbst einen kräftigen Punsch. Dann wurden die Gläser hochgehoben. »Er soll leben, unser Schottenbauer!« sagte Papa Nöhring, »er soll wachsen, blühen und gedeihen!« »In aeternum!« fügte Percival hinzu. Dann wurde angestoßen, und wieder war es sonderbar zu sehen, wie Nöhring, Vater und Sohn, instinktmäßig zuerst an Fredas Glas stießen, beinahe, als gälte der Glückwunsch ihr zugleich. »Jetzt ist nur eins schade,« sagte Papa Nöhring, indem er sich die Zigarre anzündete, »daß Benneckes nicht hier sind – würden die sich freuen!« In dem Augenblick sprang Freda auf, rückte einen Stuhl neben den Vater, so daß sie zwischen ihm und Percival saß, und ehe sich's die beiden Männer versahen, hatte sie den linken Arm um den Hals des Vater, den rechten um den des Bruders geworfen, und nun zog sie, übermütig lachend, erst den Kopf des einen, dann den des andern an sich heran und küßte sie, einen nach dem andern. »Aber Papa, wen brauchen wir denn noch? Wen brauchen wir denn noch?« Dann nahm sie ihr Glas vom Tische auf. »Prost ihr beiden!« und sie tat einen herzhaften Schluck. Papa Nöhring und Percival waren einen Augenblick ganz verdutzt, dann brachen sie in lautes, fröhliches Lachen aus. »Die Freda,« sagte Percival, »heute ist sie doch wieder mal urkomisch, die Freda!« So lange war es her, daß sie das geliebte Wort nicht von seinen Lippen vernommen hatte – mit einem Sprunge war sie über ihn her, griff mit beiden Händen in seine braunen Locken und schüttelte seinen hübschen Kopf hin und her. »Und was bist denn du? du – du – ach, du nichtsnutzig geliebter Bengel du!« Dazu küßte und küßte sie ihn, und dann, ganz wie ermattet von der Freude, sank sie auf ihren Stuhl zurück. Wer sie gesehen hatte in diesen letzten Tagen, wie sie stumm und blaß und mit erloschenen Augen und Zügen durch das Haus gegangen war, und wer sie jetzt sah, wie sie sich im Überschwall der Zärtlichkeit auf den Bruder stürzte, so daß ihr der zarte Stoff des Schlafrocks, den sie übergeworfen hatte, als sie vorhin aus dem Bette sprang, um die schlanken Glieder flatterte, wer sie jetzt sah, wie sie mit strahlenden Augen, mit glückatmendem Gesicht zwischen Vater und Bruder saß – der mußte sich fragen, ob dies wirklich ein und dasselbe Weib war. So Tür an Tür wohnten in ihr Verzweiflung und jauchzende Freude, so den ganzen Menschen nahm die jedesmalige Stimmung mit sich fort – und jetzt, in diesem Augenblick, war die Freude an der Herrschaft. Das war ja wieder eine Stunde wie in der alten Zeit, nur noch schöner, als es je gewesen war, weil sie inzwischen die Seligkeit der alten Zeit durch den Verlust zu würdigen gelernt hatte. Alles, was sie liebte, um sie vereint; alles, was sie nicht mochte, da draußen und fernab von ihr. Fühlten denn die beiden nicht, daß es so am schönsten war? »Trinkt,« sagte sie, »trinkt! ich mache euch noch ein Glas.« Sie ermunterte sie, trank ihnen zu, lachte sie an; sie sollten vergnügt sein wie sie. Die Hand des Vaters in der einen, die des Bruders in der andern Hand, wie ein harmloses Kind, das keine Bedürfnisse hat, als von den Seinen geliebt zu werden, sich anschmiegend bald an den einen, bald an den andern, mit einer so lieblichen Gebärde, als wollte sie hinter ihnen Schutz suchen gegen alles das, was da in der Ferne stand, was aus der Zukunft herüberblickte – ach, daß es doch keine Zukunft gäbe! Daß dem Menschen die Macht verliehen wäre, zum Augenblick zu sagen: »steh still!« – Dies wäre der Augenblick gewesen. Papa Nöhring und Percival schauten dem allem lächelnd zu, ließen es sich gefallen, daß sie ihnen noch ein Glas Punsch bereitete und mit ihren Lippen, die für gewöhnlich etwas scharf waren und jetzt wie rote Rosen blühten, die Gläser kredenzte, und stellten, jeder für sich, fest, daß all ihre Glückseligkeit von der Nachricht herrührte, die Schottenbauer aus Meiningen gesandt hatte, und daß sie bis über beide Ohren in Schottenbauer verliebt sei. Zwanzigstes Kapitel Am nächsten Morgen ging das Glückwunschtelegramm der Familie Nöhring nach Meiningen ab, und sodann stürmte der Regierungsrat, Schottenbauers Depesche in der Tasche, auf die Redaktion des städtischen Wochenblattes, um die Sache an die große Glocke zu bringen. Mit Dank wurde die interessante Neuigkeit in Empfang genommen. »Werden die Meininger mit dem Stücke reisen?« Nun – davon stand in der Depesche eigentlich nichts, aber – »das versteht sich doch von selbst«. »Also können wir's hinzufügen?« »Fügen Sie's hinzu, in Gottes Namen!« lachte Herr Regierungsrat Nöhring. In der Abendnummer des städtischen Wochenblattes erschien die Nachricht – und von dem Abend an war Schottenbauer der berühmte Mann der Stadt. »Stellen Sie sich vor – ein Referendar vom ›hiesigen‹ Gericht – dessen Stück vom Herzog von Meiningen persönlich einstudiert – hat einen Bombenerfolg errungen – ist's denn wirklich möglich und wahr?« »Da sehen Sie's, daß es wahr ist – schwarz auf weiß.« Einigermaßen skeptisch verhielt man sich am Referendarstisch in der Bierstube. Der Gardereferendar hatte das Monokel ins Auge geklemmt. »Wo steht's zu lesen?« »Na – im städtischen Wochenblatt.« »Im städtischen Wochenblatt –- ach so –« Das »Ach so« wirkte etwas ernüchternd. Anders aber sah die Sache am nächsten Abend aus, als inzwischen die Berliner Zeitungen angelangt waren und die Nachricht des städtischen Wochenblatts vollinhaltlich bestätigt hatten. Man hielt sie dem Gardereferendar vor die Nase. »Da können Sie's lesen – ein kolossaler Erfolg.« Er lächelte verächtlich und sah in sein Bier. »Mein Gott – ich glaub's Ihnen ja.« Er hatte ein Gefühl, als wäre er empfindlich beleidigt worden, und seit diesem Augenblick hatte Schottenbauer, ohne es zu ahnen, einen Menschen zum Feinde, dem er nie das geringste zuleide getan hatte. Anders Tante Löckchen und Herr Major a. D. Bennecke, die beide durch die Stadt zogen, die eine wie eine Glocke, der andre wie eine Posaune, und Schottenbauers Ruhm verkündeten. Tante Löckchen war glücklich, Herr Major Bennecke stolz. Er stellte die Bekannten auf der Straße. »Was sagen Sie zu unserm Schiller? Was sagen Sie zu unserm Schiller?« Natürlich war die Bezeichnung in ein paar Stunden in der ganzen Stadt herum. Der erste teilte dem zweiten lachend mit, was er soeben vernommen hatte, daß der Schottenbauer, der Referendar – Sie wissen ja – »Schiller« genannt würde. Der zweite hielt den dritten an und fragte ihn mit ernster Miene, ob er es auch schon gehört hätte, daß der Schottenbauer, der Referendar – Sie wissen ja – »sich Schiller titulieren ließe?« Der dritte zeigte bereits ein vollständig empörtes Gesicht, als er dem vierten begegnete und ihm erklärte, »daß das denn doch ein starkes Stück sei«. – »Was denn?« – »Na, von dem Schottenbauer, dem Referendar – Sie wissen ja – daß der sich jetzt Schiller nennt!« »Ah – nicht möglich!« – »Ja, verlassen Sie sich darauf!« Es dauerte nicht lange, so war ein Flüstern und Zischeln in der ganzen Stadt, »über die unglaubliche Eingebildetheit dieses Referendars, dieses Schottenbauers«. Insbesondere unter den Lehrern an der Schule, und hier wieder bei dem Lehrer für deutsche Literatur, herrschte eine tiefe moralische Entrüstung. Dieser, der zugleich Philosoph und in Philosophie stark war, beschloß, »diesen Herrn Schottenbauer denn doch einmal auf etwaigen Größenwahn zu beobachten«, und erwog bei sich, ob es nicht angezeigt sei, ihn mit einem satirischen Lustspiel in aristophanischem Stil zu geißeln – er schrieb nämlich im stillen selber Stücke. Von all diesem Gerede und Geklatsche hörten natürlich, wie es immer zu geschehen pflegt, diejenigen am wenigsten, die es am meisten interessiert hätte, Nöhrings. »Nöhrings waren ja Partei – also wer würde denn zu ihnen davon sprechen?« Und noch weniger als Nöhrings erfuhr derjenige, den es am nächsten anging, Schottenbauer selbst, der nun, nach Ablauf seines Urlaubs, ahnungslos, das Herz von Glückseligkeit erfüllt und in einer Stimmung, als wenn er die ganze Welt hätte umarmen mögen, von Meinungen zurückkehrte. Gleich seine Rückkehr zum Gericht gab zu einer kleinen Geschichte Veranlassung, die mit Behagen weitererzählt wurde und auch zu Nöhrings gelangte. Wallnows waren es, die ihnen die Geschichte mitbrachten. Vom Vater her standen sie mit den Kreisen des Gerichts in Verbindung. Heute morgen war Schottenbauer wieder eingetroffen. »Na – und da ist er also zu seinem Direktor gegangen?« Es war Papa Nöhring, der so fragte, als er nachmittags mit Wallnows und den Seinigen beim Kaffee saß. Therese Wallnow war ganz rot geworden und kicherte; sie hatte solche Lust, den Klatsch weiterzuerzählen, und wußte doch nicht, wie man es hier aufnehmen würde. »Ja – da ist er also zum Direktor aufs Gericht gegangen, und der Direktor – ich erzähle ja nur, was ich gehört habe –« »Der Direktor – –« »Der Direktor soll ihn furchtbar angeblasen haben, weil er einen Tag über Urlaub geblieben wäre, und hätte gesagt, was er in Meiningen oder sonstwo für Allotria triebe, das wäre ihm einerlei, aber hier wäre er Referendar am Gericht und hätte seine Arbeiten zu machen. Und er schiene überhaupt sehr wenig Interesse für seinen Beruf zu haben, und darum würde er dafür sorgen, daß er ein wenig mehr zu tun bekäme; und wie der arme Schottenbauer nach Hause gekommen wäre, hätte man ihm einen solchen Haufen Akten aufs Zimmer gebracht, daß es ein vollständiger Berg gewesen wäre.« Percival zündete sich knurrend eine Zigarre an. »Wird wohl alles nicht so schlimm sein.« Mit sanfter Stimme aber mischte sich Frau Wallnow ein.! »Gott, weißt du, lieber Percival, das ist ja immerhin wahr, daß die Herren vom Gericht allerdings sehr wenig gut auf ihn zu sprechen sind.« Papa Nöhring lachte laut auf. Mutter Wallnow schien es als Ermunterung zu nehmen; ihr Redefluß wurde ergiebiger. »Und was man sich in der Stadt überhaupt über ihn erzählt – wie fabelhaft eingebildet und hochmütig er mit einemmal geworden sein soll –« Jetzt fuhr Papa Nöhring auf. »Was sind denn das für alberne Klatschereien? Wer sagt denn das?« Mutter Wallnow setzte ruhig die Kaffeetasse nieder. »Abscheuliche Klatschereien!« Das hatte sie den Leuten auch gesagt, denn sie kannte ja den Mann. Es war ja auch nur – weil es doch immer gut ist, wenn man weiß, was alles über jemand geredet wird – nur darum hatte sie zu Nöhrings davon gesprochen. Mit sonderbar gemischten Gefühlen hatte Freda dem allem zugehört. Wie die beiden Weiber dasaßen! Wie ihre engen, kleinen Seelen an der Scheelsucht, der Mißgunst leckten und schleckten, die sich über den Mann ergoß! Was hatte er ihnen, was hatte er den andern allen getan? Nichts. Wie sie die ganze Gemeinheit des Neides empfand! Wie sie die beiden da verachtete! Von der Seite sah sie sie an, sie waren schon wieder bis über die Ohren rot. So niedlich Theresens kleine Ohren an sich waren, so verhaßt Therese Wallnow und deren Mutter ihr im ganzen waren, die roten Ohren an ihnen waren ihr das Verhaßteste. Sie sahen so einfältig aus, diese Ohren, so recht wie die ewig aufgeregte, aller Bösartigkeit zugängliche Dummheit! Alles dessen war sie sich bewußt, das alles sagte sie sich, das alles empfand sie – und während sie es tat, fühlte sie eine hämische Freude in sich selbst, daß sein Triumph ihm gleich eine solche Masse von Feindseligkeit auf den Hals lud. »So, so, mein guter Herr Schottenbauer – man wandelt also nicht ungestraft unter Lorbeeren?« Es war ja so bequem; sie brauchte keine Hand zu rühren, kein Wort zu sagen, die andern besorgten alles. Wie die Affen im zoologischen Garten, die zähnefletschend hinter dem herjagen, der sich auf eine höhere Stange setzen will, so waren sie hinter dem Manne her – sie brauchte nur zuzusehen und sich im stillen zu freuen. All diese stille, heimliche Freude erlitt aber eine plötzliche Störung, als jetzt hastige Schritte im Flur draußen ertönten. Die Tür wurde aufgerissen – strahlend wie die verkörperte Freude stand einer in der Tür – »Schottenbauer!« Der Regierungsrat fuhr vom Sessel; wie ein Sturm war der Angerufene heran, und im nächsten Augenblick hielt er den alten Mann in leidenschaftlichen Armen umfangen. Nach dem Vater kam der Sohn daran, den er gleich jenem umarmte und küßte, und dann, ohne weiteres, ging er auf Freda zu, ergriff ihre Hand und drückte sie zweimal, dreimal an die Lippen, indem er ihr mit lachenden, glückseligen Augen in die Augen sah. Heute gab es keine Zurückhaltung, keine Scheu; wie konnte heute irgend jemand anders als gut und freundlich und lieb ihm gegenüber empfinden, dem das Herz überfloß von Liebe und Wohlwollen gegen alle Welt und alle Menschen? »Ah – da sind ja die Damen auch!« – damit ging er begrüßend auf Therese und deren Mutter zu. Frau Wallnow war jetzt die teilnehmende Freude selbst. »Percival,« rief der Regierungsrat, »hier dürfen Benneckes nicht fehlen!« Er hatte noch kaum ausgesprochen, als Percival bereits hinaus war, um wie ein Sturmwind über die Brücke zu Onkel Bennecke und Tante Löckchen zu jagen. »Schottenbauer nimmt sich inzwischen eine Zigarre – trinken Sie noch 'ne Tasse Kaffee?« »Kaffee, Wein, Zigarren, alles, was Sie mir geben«, erwiderte Schottenbauer lachend; dann trat er vor Papa Nöhring, der sich wieder niedergelassen hatte. »Herr Regierungsrat« – er faßte ihn an beiden Händen – »wie geht es Ihnen, Herr Regierungsrat? Ist es Ihnen gut ergangen in all der Zeit? Mir ist, als hätten wir uns ein Jahr lang nicht gesehen!« Er streichelte dem alten Mann die Wangen, beugte sich über ihn und küßte ihn mitten auf das weiße Haupt; dann richtete er sich auf und sah sich im Zimmer um. »Wahrhaftig,« rief er, »alles noch wie früher!« Plötzlich breitete er beide Arme aus. »O du Himmelherrgott, diese Seligkeit!« Freda ging hinaus, um noch einmal Kaffee zu bereiten. Wenn es wirklich so war, daß sein Direktor ihn »angeblasen« hatte, und daß die Herren vom Gericht »so wenig gut auf ihn zu sprechen waren«, so schien's ihm keinen großen Kummer zu bereiten. Wie er so dastand, mit den ausgebreiteten Armen, dem lachenden Gesicht, sah er aus, als stampfte er all das Nesselkraut von Klatsch und Gezischel und Geflüster, das um ihn aufzuwuchern versuchte, mit einem Tritt in den Boden. Ob er überhaupt etwas davon wußte – ob er es verachtete – wenn man ihn so sah, erschien er einem unverwundbar. Als sie zurückkam, stand er schon wieder mitten im Zimmer. Er spielte dem Regierungsrat eine Szene vor, den großen Monolog des Helden. »Störe ihn nicht,« rief der Regierungsrat, »Schottenbauer ist jetzt Nesper!« Freda blieb in der Tür stehen, bis daß er fertig war. In seinem Eifer sah er drollig genug aus. Die alte Spottlust regte sich in ihr. »Also so hat Nesper ausgesehen? Dann sehen ihm seine Photographien aber nicht sehr ähnlich.« Schottenbauer lachte hell auf, wie immer, wenn sie sich über ihn lustig machte. »Ein bißchen anders sah er schon aus – Gott sei Dank! Als ich zu ihm in die Garderobe kam, bevor das Stück anfing, und ihn da im Kettenpanzer, mit dem riesigen Schwert an der Seite, stehen sah – Herrgott – sehen Sie, wenn ich Ihnen beschreiben könnte, was das für ein Gefühl ist, wenn man die Gestalten seiner Phantasie so zum erstenmal Fleisch und Blut werden sieht –« Er wurde in seinen weiteren Ausführungen durch das Rollen einer Droschke unterbrochen, die vor dem Haufe vorfuhr. Tante Löckchen hatte es zu lange gedauert, zu Fuß bis zu Nöhrings herüberzugehen, der Major hatte eine Droschke spendieren müssen. In Hut und Mantel, den beiden Männern voraus, kam sie hereingesegelt, mit ausgebreiteten Armen auf Schottenbauer los. »Kindchen, Kindchen!« – sie packte seinen Kopf mit beiden Händen und küßte ihn ab. Er war jetzt Adoptivsohn des Hauses Bennecke, der jüngste, nicht der geringste. Und nun mußte er erzählen, den ganzen Abend bis spät in die Nacht, von der Aufführung, von dem Herzog von Meiningen und den Meiningern. »Nun aber schlafen Sie tüchtig aus!« sagte Papa Nöhring, als er ihm zum Abschied die Hand reichte. Schottenbauer senkte den Kopf. »Schlafen? Erst muß ich mich hinsetzen, Referate machen.« »Aber das hat doch Zeit bis morgen?« Er zuckte die Achseln. »In vierzehn Tagen spielen sie in Meiningen mein Stück zum zweitenmal; damit ich dazu wieder Urlaub bekomme, muß ich jetzt alles pünktlich abmachen – der Direktor ist etwas mißtrauisch geworden.« Er lächelte, halb spöttisch, halb wehmütig, dann warf er den Kopf auf und schüttelte sich. »Ist aber egal! Seit das hier fort ist, ist alles andere ganz egal!« Er hatte die Faust auf die Brust gedrückt. Er schien etwas Bestimmtes zu meinen; man verstand ihn nicht recht. »Das hier?« fragte Papa Nöhring, »was ist denn da?« »Etwas Merkwürdiges«, erwiderte Schottenbauer mit schwerer Stimme. Er machte eine Pause, als müßte er die Erinnerung in seiner Seele sammeln. »Sehen Sie,« fuhr er dann fort, »die ganze Zeit – ich kann kaum sagen, seit wann, war es mir gewesen, als trüge ich hier auf der Brust eine Last, eine körperliche Last. Und zugleich, als wäre hier in meinem Innersten eine dunkle Stelle, wo es nicht hell werden wollte. Auch als ich hier so vergnügt bei Ihnen saß, daß erste- und das zweitemal, immer war die Last da, und immer der dunkle Fleck. Als ich nun in Meiningen am Abend vor der Aufführung aus dem Fenster meines Gasthofes zum Theater hinübersah, das schräg gegenüber lag, und sah, wie sich auf dem Schnürboden des Theaters das Licht entzündete – sehen Sie, Sie mögen lachen oder nicht – da war's mir, als wäre das ein großes geheimnisvolles Auge, das mir ins Herz blickte, und da zum erstenmal fing die dunkle Stelle in mir da drinnen an, sich leise, leise aufzuhellen. Und wie nun die Aufführung zu Ende und der Vorhang zum letztenmal niedergegangen war, und wie ich aus dem Hause trat, und wie die tiefe, große Bewegung, die da drinnen geherrscht hatte, an mir vorüber- und hinausflutete wie das Rauschen des Meeres, das von lauter flüsternden Menschenlippen kam – und wie ich aufblickte und die goldenen Sterne über den grünen Thüringer Hügeln stehen sah – sehen Sie – in dem Augenblick war die Last plötzlich nicht mehr da und ist nicht wiedergekommen seitdem und wird nicht wiederkommen – denn seitdem weiß ich –« Er brach plötzlich ab. Die Umstehenden hatten schweigend gelauscht. »Sprechen Sie doch weiter!« sagte Papa Nöhring. Er schüttelte den Kopf, er konnte nicht. Ihm gegenüber stand Freda; bei den letzten Worten hatte er sie angeblickt und gesehen, wie ihre Augen sich in sein Gesicht bohrten; und vor dem Blick war ihm das Wort im Munde zurückgetreten. Es war etwas Verzehrendes in dem Blick; eine Spannung, als wartete sie auf das Wort, das jetzt von seinem Munde kommen wollte, und als würde sie sich darüber herstürzen wie über ein lebendiges Wesen und es mit den Zähnen packen und zerreißen – »Seitdem also wissen Sie –?« setzte Papa Nöhring wieder ein. »Seitdem – weiß ich –« Die Zunge stockte ihm; es war, als wenn seine Worte nicht den Weg fänden, weil seine Gedanken nicht bei ihnen waren; seine Augen hingen an dem Weibe, dessen Blicke sich mit den seinigen kreuzten. Ihre Augen senkten sich nicht, wichen und wankten nicht; um ihre Lippen begann es zu zucken. »Sprich doch heraus, wenn du den Mut hast!« Es war ihm, als hörte er das Wort. Seine Wangen übergossen sich mit dunkler Glut, eine lodernde Flamme sprang in seinen Augen auf und schoß zu ihr hinüber. »Seitdem weiß ich, daß die deutsche Literaturgeschichte nicht mehr an meinem Namen vorbeigehen kann.« Sobald er das gesagt hatte, wandte er sich ab und griff nach seinem Hut. Alles schwieg. Noch einmal kam er zurück, Fredas Blick vermeidend, auf den Regierungsrat zu. »Sie denken, daß ich ein Prahlhans bin? Nicht wahr? Aber Sie haben das in Meiningen nicht erlebt – den Abend – das – das haben Sie nicht mit angesehen und erlebt –« Der alte Nöhring ergriff seine zuckende Hand. »Ich denke gar nicht, daß Sie ein Prahlhans sind; ich weiß, daß das, was Sie sagen, ganz richtig ist, und Sie haben vollkommen recht, wenn Sie stolz sind auf einen ehrlichen Sieg in einer famosen Sache. Wissen Sie, was mir nicht gefallen haben würde? Wenn Sie hierhergekommen wären und so getan hätten, als wäre das alles nichts so Besonderes gewesen, und als freuten Sie sich darüber nicht aus voller Seele; sehen Sie, dann würden die Menschen wahrscheinlich gesagt haben: ›Bravo – das ist ein verständiger junger Mensch, der Schottenbauer, der weiß, daß man nach einem Triumph hübsch bescheiden zu sein hat – hübsch um Nachsicht zu bitten hat und um Vergebung bei den Menschen.‹ – Jawohl – nicht wahr? Ihr Fettschwänze und Neidhammel! Um Verzeihung, daß man mehr kann als ihr! Aber ich hätte nicht so gesagt, sondern ich hätte gesagt, er ist entweder ein blasierter Esel, der Schottenbauer, oder ein Heuchler und ein bescheidener Lump! Und das alles beides sind Sie nicht, und das gefällt mir an Ihnen, daß Sie es nicht sind, und darum bleiben Sie so, wie Sie sind, Schottenbauer, bleiben Sie so. Denn Sie haben etwas, was heutzutage die allerwenigsten haben, Sie sind ein naiver Mensch.« Er war gestikulierend im Salon auf und ab gegangen, während er so sprach; Schottenbauer und die andern hatten ihm schweigend zugehört. »Sehr wahr! Sehr wahr!« rief jetzt Percival. Schottenbauer schwieg; seine Blicke hingen nach wie vor an Freda Nöhring. Sie hatte den Arm auf das Klavier gestützt, und so, gesenkten Hauptes, stand sie da. Ob die Worte des Vaters einen so besonderen Eindruck auf sie gemacht hatten? Ob etwas darin war, was sie beschämte? Eine leise Röte war in ihrem Gesicht aufgestiegen, und jetzt, indem sie Schottenbauers Blick empfand, verstärkte sich die Glut, wuchs bis zu den Schläfen hinauf und wurde dunkler und dunkler. – Nie war sie ihm schöner erschienen. Es entstand eine kurze, stumme Pause; dann ging er noch einmal zu dem Regierungsrat heran. »Haben Sie Dank und – leben Sie wohl!« Noch einmal blieb er stehen, noch einmal zögerte er, als hätte er noch ein letztes Wort auf dem Herzen – dann, ohne etwas weiteres zu sagen, wandte er sich und ging rasch hinaus. Einundzwanzigstes Kapitel Acht Tage lang blieb Schottenbauer unsichtbar. Man sah und hörte nichts von ihm im Nöhringschen Hause. Wahrscheinlich saß er über den Akten, die ihm der Gerichtsdirektor zudiktiert hatte. Am Ende der Woche machte der Regierungsrat Nöhring seinen gewohnten Nachmittagsspaziergang, und als er gegen Abend zurückkam, zeigte er ein bekümmertes Gesicht. Er wollte anfangs nicht mit der Sprache heraus – endlich erfuhr man, was ihm begegnet war. Weit draußen vor der Stadt, in dem hochstämmigen Kiefernwald, den er mit Vorliebe aufzusuchen pflegte, hatte er Schottenbauer getroffen, der einsam durch die Heide streifte. Er hatte ihn angerufen, weil es ihm wirklich erschienen war, als ob er ihm ausweichen wollte; daraufhin war jener herangekommen, und nun hatte der Regierungsrat bemerkt, daß er blaß und verstört aussah. »Ist Ihnen was Unangenehmes passiert?« hatte er gefragt. Schottenbauer hatte geschwiegen, dann hatte er kummervoll genickt. »Ich habe heute nachmittag eine recht häßliche Nachricht bekommen.« »Was denn?« Wieder war eine Pause entstanden. »In Meiningen wird mein Stück nicht wieder gespielt werden.« Der Regierungsrat war ganz erschrocken. »Aber ich denke, es war alles abgemacht?« »Ja natürlich; ganz zuverlässig war es mir versprochen worden, und ich hatte mich so namenlos darauf gefreut, wieder dazu hinzureisen – und nun ist's alles nichts.« »Na, lassen Sie nur den Kopf nicht hängen!« hatte der Regierungsrat getröstet; »wenn die Meininger mit Ihrem Stück reisen, ist alles wieder gut.« Schottenbauer war wie in Verzweiflung stehengeblieben. »Aber das tun sie ja nicht! Sie reisen nicht mit meinem Stück!« Nun war auch der alte Nöhring kleinlaut geworden. »Aber – wie kommt denn das alles nur?« »Weiß ich's?« Schottenbauer hatte es laut herausgerufen. »Die Dispositionen des Reiserepertoires haben sich geändert, so schreibt mir der Intendanzrat, und darum geht es nicht mit meinem Stück!« Lautlos war er neben dem Regierungsrat einhergegangen. In seiner Seele wühlte der erste Schmerz, den ihm das schöne Ungeheuer mit den falschen Augen, das Theater, angetan hatte. »Sehen Sie, als ich Ihnen den Abend aus Meiningen schrieb – Sie werden's ja wohl gefühlt haben, wie mir das Herz von Liebe zu den Menschen überschwoll und überquoll! Totschlagen hätte ich mich lassen für diesen Herzog und seine Leute! Die Tage im Kalender habe ich gezählt, bis es wieder so weit sein würde – und nun von diesen Menschen, die ich so himmelhoch über alle andern Menschen stellte, diese – diese Treulosigkeit! Dieser Wortbruch!« Sie waren bis an die Stadt herangekommen, Schottenbauer hatte die Hand seines Begleiters erfaßt und hastig gedrückt. »Leben Sie wohl für heute, Herr Regierungsrat!« »Aber Sie kommen doch bald und lassen sich bei uns sehen?« »Ja, sobald ich kann, sobald ich kann.« Damit hatten sie sich getrennt. Der Regierungsrat war traurig nach Haus zurückgekehrt, und hier hatte er nun sein Erlebnis zum besten gegeben. Mit teilnahmsvollem Bedauern hatten Mutter Wallnow und Therese dem Berichte gelauscht – am nächsten Tage war die Geschichte in der Stadt herum. Es war alles ganz übertrieben gewesen, es war alles gar nicht wahr. Das Stück hatte in Meiningen nur einen ganz mäßigen Erfolg gehabt, darum war es einmal gespielt worden und dann nicht wieder; die Meiniger würden nicht mit dem Stück reisen – das Stück war eigentlich durchgefallen. In dieser freundlichen Steigerung wurde der Vorgang in der Stadt besprochen. Es hatten sich bereits zwei Parteien gebildet, die Schottenbauerianer und die Antischottenbauerianer. Jene ließen die Ohren hängen, diese triumphierten. Am Biertisch saß der Gardereferendar mit blitzendem Monokel und sandte verächtlich überlegene Blicke umher. Der Philosoph vom Gymnasium forderte seine Kollegen auf, ihm zu bezeugen, daß er der einzige gewesen sei, der sich von dem Schwindel nicht hatte betölpeln lassen. Sein Gesicht zeigte jetzt wieder den Ausdruck von Gelassenheit, der ihm für gewöhnlich zu eigen war; das literarische Gleichgewicht war wiederhergestellt, das Strohfeuer verpufft. Er zog den Tischkasten auf, in dem seine Dramenmanuskripte lagen, und musterte sie mit wohlwollendem Blick. »Verständige Menschen lassen ihre Werke ausreifen – Toren bringen sie auf den Markt, wenn sie noch grün sind, und dann verderben sie andern den Magen damit und schließlich sich selbst.« Der Gedanke gefiel ihm so gut, daß er ihn in Gestalt eines Distichons mit der Überschrift »Schottenbauer« seinem Tagebuch einverleibte: »Schüttle den Baum nicht zu früh, du schüttelst dir saure Früchte – Warte, bis er im Herbst selbst seine Früchte dir gewährt.« Inzwischen saß der, welchem all dieses Wohlmeinen galt, einsam auf seiner Stube am Wasser und kaute an seinem Gram. Erfolg erwarten, wenn auch vergeblich, ist ein Krankheitszustand, an den man sich allmählich gewöhnt – Erfolg genießen und dann wieder verlieren, ist ein Schlag, der plötzlich in die Nerven trifft. Das machte Schottenbauer an sich durch. Mochte er sich, wenn er einsam hinter seinem Tisch saß, wenn er bei der neuen Arbeit, die er vorgenommen hatte, die Kraft seines Könnens empfand, stolz über Ärger und getäuschte Hoffnung hinwegsetzen – das alles half nichts dagegen, daß, sobald er auf die Straße trat, die Blicke der Begegnenden sich auf ihn richteten, teils mit kummervoller Teilnahme, die beschämt, teils mit verhohlener oder unverhohlener Schadenfreude, die verletzt. Man kann an solchen Blicken vorübersehen – natürlich – aber man fühlt trotzdem, daß sie da sind. Man fühlt es, und daß man es fühlt, das ist das Gefährliche und Schlimme, das den Menschen bedroht, der in der Öffentlichkeit steht. Sein Inneres gehört ihm nicht mehr ausschließlich an, fremde Augen spähen darin umher. Dadurch entsteht ein Zustand fortwährender Suggestion, der von der umgebenden Welt auf solche Menschen ausgeübt wird, und daher, daß diejenigen, welche verborgen in der Masse leben, diesen Zustand nicht nachempfinden können, entstehen die falschen und gehässigen Beurteilungen, denen die Leute der Öffentlichkeit von seiten der andern so häufig ausgesetzt sind. Zu all dieser kleinlichen, widrigen Pein, die ihn aufregte und nervös machte, weil er sie als etwas Unwürdiges empfand und doch nicht ganz von sich zu stoßen vermochte, gesellte sich der Gedanke, wie denn sie zu dem allem dachte und fühlte, sie, an der seine Gedanken und Sinne hingen, Freda Nöhring? Immer wieder stand der Augenblick vor seiner Seele; als er damals von der Ablehnung seines Stücks durch das Königliche Schauspielhaus erzählt und dabei wahrgenommen hatte, wie sie sich darüber freute. Sie hatte sich gefreut – jetzt, da sein Auge durch die scharfe Brille des Pessimismus blickte, konnte er es sich nicht verhehlen. Was also würde sie jetzt tun? Natürlich erst recht sich freuen. Das war es gewesen, warum er in diesen Tagen nicht zu Nöhrings gekommen war. Er würde die spottenden Augen und den höhnisch zuckenden Mund jetzt nicht ertragen haben. Sein Zusammenkommen mit ihr bedeutete ja jedesmal einen Kampf, wie den zwischen dem Knaben und der wilden Rose auf der Heide, einen Kampf, bei dem er sie im Geist umarmte und sie ihn mit ihren Dornen stach. Wenn Glück und Stolz ihm die Brust umpanzerten, war es ihm eine Wonne, ihre Stacheln zu empfinden – jetzt würden sie ihm ins Herz und ins Leben gedrungen sein. Er schüttelte das Haupt – unbegreifliche Macht, die den Menschen in die Gewalt des Menschen gibt! Fühlte er denn nicht, daß dieses Weib ihn nicht liebte? Freilich fühlte er's, und im Zimmer nebenan hing ja der Spiegel, der ihm deutlich genug sagte, warum sie es nicht tat, warum sie es nicht konnte. Und dabei diese Allgewalt, die ihn zu ihr hinzog. Jeder Gedanke an sie war eine stürmende Welle in seinem Blut. Gerade dieses Widerstreben, diese wilde Herbheit, diese unbändige Keuschheit, das alles war es ja, was ihr den Duft verlieh, der ihn berauschte. Der Gedanke, daß sein Geist dennoch als Sieger einziehen würde in diesen Eispalast der Jungfräulichkeit, er war es ja, der ihn mit immer erneuter Wonne in den Kampf trieb, der alle schaffende Kraft in ihm verdoppelte und verdreifachte. Und jetzt zu ihr gehen? Nachdem er vor ihren lauschenden Ohren erklärt hatte, daß die Literaturgeschichte nicht mehr an seinem Namen vorbeigehen könnte, und nachdem er gleich darauf diese Niederlage erlitten hatte? Jetzt vor ihr stehen mit gesenktem Haupt? Nein, nein, nein – alles, was gekränkter Stolz, beleidigte Eitelkeit heißt, bäumte sich in ihm auf – unmöglich! unmöglich! Und als er so, von finsteren Gedanken umflutet, auf den Stuhl gesunken war und brütend vor seinem Tische saß, klopfte es an die Tür. Der Briefträger stand draußen, mit einem Briefe in der Hand »an Herrn Schottenbauer, dramatischen Dichter«: – »Sind Sie das, Herr Referendar?« Er war es und nahm ihm das Schreiben ab. Als der Postbote die Treppe hinunterstieg, vernahm er aus dem Zimmer, dessen Tür er hinter sich geschlossen hatte, einen lauten Schrei. Schottenbauer hatte das Kuvert aufgerissen und das Schreiben gelesen und, nachdem er es getan, in lauter Freude aufgejauchzt. Er fühlte, daß er auf dem Ozean des Lebens war, wo eine Welle in die Tiefe und die nächste an den Himmel trägt; Menschen und Dinge um ihn her hatten plötzlich wieder ein anderes Gesicht angenommen; er griff zum Hut und warf den Mantel um, weil es ihn im Zimmer nicht mehr duldete, weil er hinaus mußte in die Welt, in die neugeschenkte, große, herrliche Welt. Zweiundzwanzigstes Kapitel Nachmittag war es, als das geschah; und an diesem Nachmittag sahen die Bewohner der Stadt den Referendar Schottenbauer, der sich ja stets in schneller Gangart zu bewegen pflegte, durch die Straßen nicht dahingehen, sondern dahinschießen. Den Kopf zur Erde, die Hände bald auf dem Rücken, bald gestikulierend rechts oder links, so kam er daher. »Wie eine entgleiste Lokomotive!« meinte der Begleiter des Gardereferendars, der mit diesem in der Hauptstraße promenierte, als Schottenbauer an ihnen vorübergestürmt kam. »Schon mehr Brummkreisel!« verbesserte der Gardereferendar. Im Schaufenster des Blumenladens an der Hauptstraße lag ein prächtiges Bukett aus. Man sah den Referendar Schottenbauer in dem Laden verschwinden und gleich darauf, das Bukett schwingend, wieder herauskommen. War der Mensch plötzlich verrückt geworden? Man hätte es glauben können, wenn man seine Augen sah, die leuchtend und lachend jedem Begegnenden ins Gesicht schauten und doch nichts zu sehen schienen; und wenn er sich Rechenschaft darüber ablegte, wie er eigentlich dazu gekommen war, das Bukett zu erstehen, so hätte er zu ähnlichen Vermutungen über sich selbst gelangen können. Es war wie eine plötzliche Raserei über ihn gekommen; ein ungestümes Bedürfnis, jemanden zu beschenken. Als er das Rosenbukett im Schaufenster liegen sah, brach ein Feuerstrom in seine Phantasie ein; die wenigen Rosen verwandelten sich ihm in eine unendliche Menge, in eine Flur von Rosen, in ein Meer. Und diese ganze Fülle raffte er im Geiste zusammen und schüttete sie über dem Haupt des geliebten Weibes aus, so daß es um sie herum sich auftürmte wie ein duftender Berg, bis daß ihre schlanke Gestalt zusammenbrach unter der köstlichen Last, bis daß nichts mehr von ihr zu sehen war als das Antlitz, das stolze, kecke, böse, spottende, geliebte und ersehnte Antlitz, dessen Lippen jetzt nicht mehr höhnen konnten, weil sie in halber Erstickung seufzten, dessen Wangen mit süßer Glut umhaucht und dessen Augen gebrochen waren im Taumel des Duftes und der Liebe. Darum hatte er sich nicht halten können, war hineingestürmt in den Laden und hatte das Bukett gekauft, obgleich die Rosen zu der Jahreszeit noch sehr teuer waren und der Preis des Buketts seine Mittel eigentlich weit überstieg. Er fragte auch gerade danach! Nun hatte er es in Händen, und nun, geradeswegs, ging es damit zum Hause Nöhring. Erst als er vor der Tür angelangt war, kam er aus seinem Rausch zu sich. Er hatte ja bisher noch nie gewagt, ihr die geringste Spende darzubringen – wie würde sie es denn aufnehmen? Aber nun gab es kein Zurück mehr. Im nächsten Augenblick war er im Zimmer, wo er die ganze Familie beisammen fand, und nun stand er, von blutroter Verlegenheit übergossen, den Hut in der einen, das Bukett in der andern Hand, mitten im Raum, einen Anblick gewährend, der unwillkürlich alle Anwesenden zu einem lauten Lachen herausforderte. O Phantasie – o Wirklichkeit! »Na, aber sagen Sie mal, Schottenbauer, was bringen Sie uns denn da?« Es war Papa Nöhring, der mit diesem Zuruf den Bann brach. Schüchtern lächelnd blickte Schottenbauer ihn an. »Ich – habe eben eine große Freude erlebt – und darum trieb es mich –« Er konnte nicht weitersprechen. Mit einer plötzlichen Hast trat er auf Freda zu, die hinter dem großen Tisch saß. »Würden Sie es mir nicht übelnehmen – wollen Sie mir erlauben – daß ich Ihnen – dieses hier –« Er hielt ihr das Bukett entgegen. An Freda kam jetzt die Reihe des Errötens; eine Glutwelle stieg in ihrem Gesicht auf. »Für mich soll das sein? Aber das ist ja geradezu eine Kostbarkeit.« Zögernd hatte sie die Hand nach dem Blumenstrauß ausgestreckt; indem sie ihn ergriff, fühlte sie, wie Schottenbauers Hand sich mit sinnloser Gewalt um ihre Finger schloß. Ein tiefer Atemzug schwellte ihre Brust; sie senkte unwillkürlich das Haupt; der Mensch, der da vor ihr stand, brannte ja lichterloh. »Nun aber sagen Sie,« fing Papa Nöhring wieder an, »was ist denn eigentlich passiert? Eine große Freude, sagen Sie? Also, kommen Sie heraus damit, kommen Sie heraus!« Mit bebenden Händen griff Schottenbauer in die Brusttasche, aus der er den Brief hervorholte, den er vorhin erhalten hatte. »Eben – bekomme ich das –« Er hielt dem Regierungsrat den Brief hin. »Lesen Sie doch vor,« sagte dieser, »damit alle es hören.« »Ich – kann nicht«, erwiderte er, und der Ton seiner Stimme war so stammelnd, daß man ihm glauben mußte. Papa Nöhring nahm also das Schreiben an sich. Es kam aus Berlin von einem Theaterdirektor, der eine neue Bühne zu errichten gedachte. Der Theaterdirektor war in Meiningen gewesen, gerade als man Schottenbauers Stück dort gab; er hatte es gesehen und wandte sich nun mit enthusiastischen Äußerungen der Bewunderung an den Dichter, damit er ihm sein Stück zur Aufführung übergäbe. Papa Nöhring hatte laut vorgelesen. Nachdem er zu Ende gelangt war, trat ein allgemeines Schweigen ein. »Das ist der Anfang zu großen Dingen«, sagte der Alte, indem er noch einmal gedankenvoll in das Schreiben blickte. Niemand sagte ein Wort; alle fühlten, daß er recht hatte, daß das Schicksal dieses Menschen seinen Weg ging, und daß er jetzt an die Schmiede kam, wo heutzutage die Schicksale der Dichter und Schriftsteller Deutschlands zurechtgehämmert werden. Unterdessen hatte sich Schottenbauer in einem entfernten Winkel des Salons niedergesetzt und schweigend in einem Armstuhl zusammengekauert. Es erging ihm wie den andern; eine Last drückte ihn nieder; es war ihm, als stünde die Zukunft wie ein großes verschleiertes Weib mitten im Zimmer, und durch den Schleier blickte ihr geheimnisvolles Auge auf ihn herab. Der Regierungsrat erhob sich von seinem Stuhl. »Na, Schottenbauer,« sagte er, »man soll ja den Tag nicht vor dem Abend loben; aber es scheint mir, daß hier etwas kommt und wird, woran Sie und woran wir alle Freude erleben werden; und ich denke, man kann Ihnen mit gutem Gewissen Glück wünschen, recht von ganzem Herzen Glück.« Er hatte beide Hände nach ihm ausgestreckt. Schottenbauer trat heran. »Herr Regierungsrat,« sagte er halblaut, indem er den Kopf zu Boden senkte, »bitte, sagen Sie mir mal ganz ehrlich, verachten Sie mich eigentlich nicht ein wenig?« Der alte Nöhring riß die Äugen weit auf. »Warum sollte ich Sie denn verachten?« »Weil ich so mutlos geworden war, als die Geschichte mit Meiningen passierte – Sie wissen ja – und jetzt so außer Rand und Band vor Freude bin, weil's wieder gut zu gehen verspricht.« Der alte Mann legte den Arm um seine Schulter und sah ihn lächelnd mit den großen, schönen Augen an. »Schottenbauer,« sagte er, »ich will Ihnen als Antwort auf Ihre Frage etwas wünschen, etwas, was man eigentlich jedem Dichter wünschen kann: möchten Sie immer jemand an Ihrer Seite haben, der Sie versteht. Einer, der Sie versteht, wissen Sie, wird vielleicht manchmal, vielleicht jeden Tag einmal den Kopf über Sie schütteln, aber verachten wird er Sie nicht und Ihnen böse sein auch nicht.« Er strich mit der Hand über das Haar des jungen Mannes. »Na, und ich, sehen Sie, bilde mir nun ein, daß ich Sie so ein bißchen verstehe – also können Sie sich das übrige denken.« Alle Augen hatten auf die Gruppe der beiden Menschen geblickt, alle Ohren auf das hingehört, was dort eben wie ein edler, aus Erfahrungen des Lebens gekelterter Wein von den Lippen des alten Mannes geflossen war. Darum hatte niemand auf Freda Nöhring achten und bemerken können, welch tiefer Erregung sie zur Beute geworden war. Die Blumen lagen vor ihr auf dem Tisch; sie hatte sich im Sessel weit vorgebeugt, als wollte sie erlauschen, was der Vater sprach; ihr Gesicht war tief erblaßt. Nachdem er geendet, richtete sie sich unhörbar auf, raffte das Bukett an sich und verschwand. Als Schottenbauer aufblickte, war ihr Platz leer. Unwillkürlich hafteten seine Augen an der Stelle, wo sie gesessen hatte; dann griff er zum Hut. »Ich habe noch zu arbeiten«, sagte er, indem er sich von dem Regierungsrat verabschiedete. »Wir sind heute abend bei Benneckes, kommen Sie nicht hinüber?« fragte Papa Nöhring. »Heute abend? Nun – das ließe sich überlegen.« Im Augenblick, als er hinausging, trat Freda wieder ein; er hatte ihr nicht mehr adieu sagen können. »Wo hast du denn seine Blumen gelassen?« wandte sich der Vater an sie, als er ihre leeren Hände gewahrte. »Draußen,« erwiderte sie kurz, »ich habe sie in Wasser gestellt.« »Draußen –,« murrte der Regierungsrat, »solch ein schönes Bukett gehört doch in den Salon.« Sie lächelte mit Anstrengung. »Also können sie auch im Salon stehen.« Sie ging wieder hinaus und kehrte gleich darauf zurück, eine Vase in Händen, in welcher das Bukett stand. Auf dem großen Tisch inmitten des Salons stellte sie das Gefäß auf; dann machte sie sich, um niemand ansehen zu müssen, an den Blumen zu schaffen. Ihre Lippen waren aufeinandergeschlossen, der Atem ging gepreßt durch ihre Nase, so daß die Nasenflügel leise erzitterten; sie fühlte, wie Mutter Wallnow und Therese mit neugierigen Augen auf sie einblickten. Es war ihr zumute, als ob sie vor Qual und Pein laut aufschreien sollte. Papa Nöhring trat an den Tisch. »Was für eine Pracht von Rosen!« sagte er mit lächelnder Bewunderung. »Hast du ihm denn eigentlich dafür gedankt?« Freda gab keine Antwort; ihr Atem ging so schwer, daß der Vater es vernahm. Mit einer hastigen Bewegung wandte sie sich ab. »Ich begreife eigentlich überhaupt nicht, wie er dazu kommt–« Sie wollte vom Tisch hinweggehen; der Vater warf den Arm um sie und hielt sie fest. »Wie er dazu kommt? Hast du denn nicht gehört, daß er eine große Freude erlebt hat?« Unwirsch, ohne den Vater anzusehen, schüttelte sie den Kopf. »Was hat denn das für einen Zusammenhang?« »Was das für einen Zusammenhang hat?« fuhr Papa Nöhring immer gleich ruhig und gleich eindringlich fort, »soll ich dir das erklären? Siehst du, es gibt Menschen, die, wenn sie eine Freude erleben, nur ein Bedürfnis haben: andern auch eine Freude zu bereiten. Und siehst du, mein Kind, solch ein Bedürfnis ist ein edles Bedürfnis, und solche Menschen sind gute Menschen.« Er schwieg, als wartete er auf eine Antwort. Freda aber wand sich, als wollte sie sich aus seinen Armen befreien. »Aber warum er sie mir bringt?« stieß sie endlich hervor, »das meine ich.« »Das meinst du?« »Ja, das meine ich allerdings!« Sie hatte nicht laut gesprochen; ein heißes Flüstern war es, beinahe ein Zischen, mit dem ihre Worte herauskamen. Papa Nöhring fühlte, wie ihr ganzer Leib erzitterte und erbebte. Mit leiser, zärtlicher Hand strich er über ihre Wangen. »Das fragst du? Das verstehst du nicht? Aber Freda –« Er hatte die Stimme gleichfalls sinken lassen, so daß es war, als unterhielten sich Vater und Tochter nicht Mund zu Mund, sondern Herz zu Herzen. Und nun verstummte das Gespräch gänzlich. Er sah und fühlte den Sturm, der sie durchwühlte. Das war nicht das süße Schauern des Weibes, das vor der nahenden Liebe erbebt, das war aufrichtige, bittere Qual. Schweigend blickte er auf sie nieder, auf sein unbändiges, unbegreifliches Kind, und indem er an die einsame Zukunft dachte, zu welcher dieses herbe, seltsame Geschöpf sich eigenwillig selbst verdammte, faltete sich seine Stirn, und ein Schatten senkte sich über sein Gesicht. Als er so verstummte, blickte Freda auf, und als sie sein sorgenvolles Antlitz über sich gebeugt sah, hielt sie es nicht länger aus. Sie standen nicht weit von der Tür des Nebenzimmers. Mit einem verzweifelten Griff erfaßte sie die Hand des Vaters und riß ihn über die Schwelle in das andere Zimmer hinein. Dann warf sie die Tür zu, und nun in einen Tränenstrom ausbrechend, der ihren Körper auf und nieder fliegen ließ, stürzte sie sich dem Vater in die Arme, an die Brust. »Papa, Papa, Papa, quäle mich doch nicht so! Quäle mich doch nicht so fürchterlich!« Er drückte ihr tränenbenetztes Antlitz an sein Herz, er streichelte ihr den Kopf, das Haar und die Wangen. »Freda, mein Töchterchen, mein Herz, wer quält dich denn? Wer tut dir denn etwas zuleide?« »Ihr alle – ihr wißt es ja nicht – aber – ihr alle!« Ihre Stimme klang dumpf; das Schluchzen zerriß ihre Worte. Sie hob nicht das Haupt und sah den Vater nicht an. Wie in Verzweiflung schüttelte sie den Kopf. Dann machte sie sich von ihm los, ging in die Ecke am Ofen, wo sie an jenem Abend gesessen hatte, sank auf einen Stuhl, legte beide Arme auf die Stuhllehne und das Gesicht in die Arme und weinte. Der alte Mann stand ganz ratlos vor diesem Ausbruch leidenschaftlicher Verzweiflung. »Aber Freda,« sagte er endlich, und er bemühte sich, einen möglichst straffen Ton anzuschlagen, »nun sei endlich einmal vernünftig! Zwinge ich dich zu etwas? Habe ich dich je zu etwas gezwungen? Ist überhaupt von irgend etwas die Rede gewesen? Ich denke, du kennst mich doch und weißt, daß du tun und lassen kannst, was du willst!« Sie richtete das Gesicht auf; dann sprang sie vom Stuhl empor. »Wenn ich doch nur wäre, wie ihr wollt! Wenn ich doch nur könnte, wie ihr wollt!« Sie hatte in unbewußter Bewegung beide Arme emporgeworfen; ihr Haupt war hintenüber in den Nacken gesunken; so stand sie da wie eine Hilfesuchende und Anklagende zugleich; ihre Augen, noch von Tränen schimmernd, richteten sich ins Leere, als suchte sie die unbekannte Macht, die ihr all dies Leiden verhängt, die ihr alles das versagt hatte, was Frauen schwach und durch die Schwäche glücklich macht, den süßen Schauer der Sinne, das selige Spielen mit der Liebe des Mannes. Ein Rätsel für Menschen, ein Gegenstand dumpfer Sorge für die Ihrigen, durch das geordnete Menschenleben dahingehend wie ein Irrstern, der sich von der Bahn des Regelrechten getrennt hat – so fühlte sie sich in diesem Augenblick, so blickte sie in ihr eigenes, unverständliches Innere hinein, so stand sie da und ahnte nicht, daß, wie sie dastand in ihrem Jammer, ihrer Not, sie ein Bild darbot, so überwältigend in seiner weiblichen Schönheit, daß das Geschlecht, dem sie sich versagte, daß alle Männer hingerissen zu ihren Füßen hätten sinken müssen. Papa Nöhring wollte weitersprechen, aber mit einer hastigen Bewegung der Hand schnitt Freda ihm das Wort ab. Sie riß das Tuch aus der Tasche und trocknete sich mit energischer Bewegung die letzten Tropfen von den Wimpern; sie war zu sich zurückgekommen, wieder Herrin ihrer selbst. »Laß nur, Papa,« sagte sie, »laß nur gut sein! Ich bin schon wieder vernünftig und werde vernünftig sein.« Dann ging sie auf ihn zu und schlang beide Arme um ihn her. »Du armer Papa – was ich dir aufgebe! Nicht wahr?« Mit ihrem Munde suchte sie seinen Mund, ein Lächeln ging über ihre Züge, und indem sie die Lippen auf die Lippen des Vaters drückte, war es ein Bild aller Anmut und Lieblichkeit. Papa Nöhrings Gesicht wurde wieder freundlich und hell. »Du Mädel, du Mädel – was ich dem Schottenbauer vorhin gesagt habe, das paßt auch für dich: daß du nur immer jemand an deiner Seite haben möchtest, der dich versteht.« Sie schmiegte sich in seine Arme. »Aber Papachen – Hab' ich denn nicht dich?« Einen Augenblick schwieg er, dann neigte er sich zu ihrem Ohr. »Aber Freda, mein Herzenskind, du mußt doch nicht vergessen – ich bin ein alter, alter Mann.« Mit einem krampfhaften Griff packte sie seine Schultern, so daß er fühlte, wie ihre Fingernägel sich in das Tuch seines Rockes gruben. »Vater –« Ihre Lippen waren ganz blutlos, ihre Augen wie erloschen. »Na – erschrick nur nicht,« sagte er begütigend, »noch steh' ich ja ganz fest auf meinen zwei alten Beinen.« Sie ließ ihn los und ging durch das Zimmer; ein Gedanke schien sie zu beschäftigen. Dann blieb sie stehen. »Aber weißt du, Papa, dabei fällt mir ein, was der Arzt dir voriges Jahr gesagt hat, daß du in diesem Sommer durchaus eine lange, tüchtige Kur gebrauchen mußt.« »In irgendeinem Altenmännerbade«, meinte Papa Nöhring lächelnd. »Warum denn nicht? Wenn es dir nur bekommt. Also, siehst du,« fuhr sie fort,»hab'ich mir die Sache so gedacht: Percy geht nun so bald wie möglich nach Berlin, um sein Examen zu machen – er wird sich wohl noch etwas vorbereiten müssen?« »Natürlich!« meinte Papa Nöhring. »Aber bis zum Herbst kann er fertig – und alles abgemacht sein? Wie?« »Bis zum Herbst – na – das denk' ich auch.« »Also, siehst du, schlage ich vor: sobald es einigermaßen wärmer wird, schließen wir einfach unser Haus zu und gehen alle miteinander davon – Percy nach Berlin und wir zwei beide nach irgendeinem schönen, warmen, traulichen Winkel.« Papa Nöhring schmunzelte vor sich hin. »Das heißt – wir kneifen aus.« »Kneifen aus? Wieso?« Er schüttelte lachend den Kopf. »Na, wissen Sie, Mamsellchen, für so dumm brauchen Sie Ihren alten Papa nun auch nicht zu nehmen.« Freda errötete. War sie so durchsichtig geworden, daß man jeden ihrer Gedanken erriet? »Aber du mußt doch zugeben,« fuhr sie eifrig fort, »daß der Gedanke gut ist?« »Ja, ja«, meinte Papa Nöhring, »der Gedanke ist ganz gut. Aber wo sollen wir denn so früh hingehen? Nach Karlsbad vielleicht?« »Karlsbad – nein, Gott sei Dank – das brauchst du nicht.« »Aber Gastein,« meinte er, »und wie die andern Altenmännerbäder da oben in den Bergen heißen, werden so früh nicht aufgemacht; da können wir also noch nicht hin.« Freda zuckte die Achseln. »Mit deinen Altenmännerbädern! Ich hatte mir gedacht, ob wir nicht einmal an einen der oberitalischen Seen gehen möchten? Die kenne ich noch gar nicht, und da soll es ja im Frühlingsanfang so schön sein?« Der Alte war ihr nachgegangen und sah ihr listig ins Gesicht. »Und da bekommt man so wenig deutsche Zeitungen zu lesen, nicht wahr? Und erfährt nicht, was an deutschen Theatern unterdessen gespielt wird?« Freda blickte geradezu betroffen auf. Als sie aber den drolligen Ausdruck in seinem Gesicht sah, brach sie unwillkürlich in lautes Lachen aus. »Nein, aber sag' mir, Papa, an dir ist ja wahrhaftig ein Polizeispitzel verloren?« »Komm nur weiter 'raus mit deinen Plänen«, fuhr er fort; »also an einen der oberitalischen Seen? Vielleicht an den Comersee? Hm?« Sie sah ihn mißtrauisch an, als witterte sie wieder irgendeine Falle. »Nun – warum also nicht zum Beispiel an den Comersee?« »Sehr gut,« fiel er ein, »am Comersee, das weißt du doch, liegt die berühmte Villa vom Herzog von Meiningen, die Villa Carlotta. Ist wunderschön, kann ich dir sagen. Da gehen wir im Garten spazieren, und dann setzen wir uns unter einen Magnolienbaum; und weil wir keine Zeitungen haben, lese ich dir dann den Brief vor, den ein gewisser Jemand aus Meiningen geschrieben hat.« Wie von einem Stiche getroffen, fuhr Freda herum und auf ihn zu. »Aber Papa!« Sie drückte ihm die flache Hand auf den Mund; in ihren Augen flimmerte es durcheinander, Schreck, Zorn und Lachlust, aber die Lachlust trug für dieses Mal den Sieg davon. »Ein Ungeheuer bist du, ein vollständiges Ungeheuer!« Er hatte sie an sich gezogen und sah in ihr Gesicht herab, das so wechselnden Ausdruckes fähig und jetzt so holdselig war. Dann setzte er sich, und indem er sie an sich geschlossen hielt, sank sie an ihm nieder, auf sein Knie, und auf seinem Knie saß sie nun, den Kopf an seine Schulter gelehnt wie ein Kind. »Soll ich dir mal ein Märchen erzählen?« fragte er. Sie nickte. »Ja – aber es muß mir gefallen.« »Kritik«, erwiderte er, »kommt hinterdrein.« »Also, siehst du, es war einmal eine Amazone. Du weißt doch, was Amazonen sind und worin ihr Beruf besteht? Nämlich, so viele Männer umzubringen als nur möglich. Die, von der ich erzähle, hatte nun ihren Beruf famos erfüllt; jeden Abend, wenn sie sich zu Bett legte, sagte sie: »Wieder einer um die Ecke, und dann schlief sie beruhigt ein. Das wäre nun alles ganz schön gewesen – aber eines störte ihre Gemütsruhe. Da war nämlich ein einziger Mann, über den sie nicht Herr wurde; und noch dazu war es ein ganz kleiner Kerl, eigentlich ein Junge. Der hatte einen Köcher umgehängt und in dem Köcher Pfeile, kleine, spitze, goldene Pfeile. Wenn nun die Amazone so durch Feld und Wald geritten kam, saß der nichtsnutzige kleine Kerl hinter irgendeinem Büsche, den Bogen gespannt, und ehe sie sich's versah – surr – hatte er abgeschossen, und sie hatte ihren Pfeil im Leibe.« »Aber sie drangen nicht ein«, unterbrach ihn Freda. Sie hatte ihre Stellung nicht verändert; das Wort kam tonlos aus ihrem Munde. »Sie drangen nicht ein«, fuhr Papa Nöhring fort, »es ist wahr, und sie schüttelte sie ab. Aber, siehst du, das wiederholte sich, immer und immerzu. Und sie konnte seiner nicht habhaft werden, so sehr sie's versuchte. Und darum wurde ihr die Geschichte lästig, und eines schönen Tages ging sie zur Königin und sagte: ›Gib mir das beste Pferd aus deinem Stall, ich will verreisen.‹ Eigentlich, siehst du, wollte sie ja gar nicht verreisen, sondern entfliehen; aber das sagte sie natürlich nicht, da hätte sie sich geschämt. Und weil sie sich nun so große Verdienste erworben hatte, so erfüllte die Königin ihre Bitte und gab ihr das beste Pferd aus ihrem Stall; und da setzte sich die Amazone darauf und jagte davon, über Berg und Tal, immer Galopp, Galopp, damit ihr der abscheuliche kleine Kerl nicht nachkommen könnte. Als sie nun so viele, viele hundert Meilen weit geritten war, hielt sie ihr Pferd endlich an und sah sich um, und, Gott sei gelobt! da war weit und breit nichts von dem kleinen Kerl mit seinem Bogen und seinen Pfeilen zu sehen. Wie nun aber die arme Amazone die Arme ausbreitete und so recht aus tiefster Brust aufatmete, weil sie endlich den Verfolger los war – da, mit einemmal – piek – dringt von hinten wieder ein Stich in sie ein, gerade nach ihrem Herzen zu, und wie sie sich ganz entsetzt umsieht, springt etwas hinter ihr vom Pferde und kichert und lacht – und da ist es der wieder, der kleine, schändliche Kerl, der nichtsnutzige Junge, der sich hinter sie gesetzt hatte, so daß sie ihn nicht sehen konnte, und mit ihr geritten war, die vielen, vielen hundert Meilen weit, auf ihrem eigenen Pferde.« Freda hatte sich allmählich aufgerichtet, während der Vater sprach. Jetzt glitt sie von seinem Knie und ging von ihm hinweg an das Fenster. Dort blieb sie stehen, gedankenvoll hinausblickend in den Garten, in dem es zu dunkeln begann. »Na,« sagte Papa Nöhring nach einer Pause, »denkst du über mein Märchen nach?« »Bei deinem Märchen«, gab sie zur Antwort, »ist mir ein andres eingefallen, das ich einmal irgendwo gelesen habe, und das ihm etwas ähnlich sieht, wenn's auch anders ist. Soll ich dir das auch erzählen?« »Also schieß los!« sagte der Regierungsrat. Sie kam vom Fenster zurück, setzte sich wieder, wie sie vorhin gesessen hatte, und nestelte sich mit langsamer Umarmung an seine Brust. »Also – es war einmal ein Kalif,« begann sie, »und der hatte einen Wesir, der ihm lange, lange Jahre treu gedient hatte. Alle Morgen, im Vorzimmer des Kalifen, empfing der Wesir die Leute, die ein Anliegen an den Kalifen hatten, und dann ging er zu seinem Herrn und trug ihm alles vor. Eines Morgens nun erschien unter den andern einer, den der Wesir noch nie gesehen hatte und der ihm ganz merkwürdig erschien. Er hätte kaum sagen können, ob es ein Mann oder eine Frau war. Es war eine lange Gestalt, in einem langen schwarzen Mantel, und das Gesicht war halb verhüllt. Der stand nun in einer Ecke des Gemachs und rührte sich nicht, bis alle andern abgefertigt waren. Und wie nun die andern alle hinaus waren, wandte sich der Wesir an ihn und fragte: »Was hast du für eine Bitte?« Da sagte der Unbekannte: »Ich habe keine Bitte, sondern eine Botschaft, und die sollst du deinem Herrn bestellen.« »Also nenne deine Botschaft«, sagte der Wesir. Darauf sprach der Unbekannte: »Sage deinem Herrn, daß ich morgen um diese Stunde wieder hier sein werde, und dann soll er sich fertig halten, denn dann muß er mit mir gehen.« Und wie er das gesagt hatte, war er plötzlich nicht mehr da, und doch hatte ihn der Wesier nicht zur Tür hinausgehen sehen. Da wurde es dem Wesir schaurig zumute, und er ging eilends zu dem Kalifen und berichtete ihm, was sich eben begeben hatte. Und als der Kalif das vernahm, wurde auch er beklommen in seinem Gemüt, und mit dem Wesir riet er hin und her, wer der Unbekannte gewesen sein möchte, und sie konnten es doch nicht ergründen. Darauf sprach der Wesir: »Laß deinen schnellsten Hengst satteln, Herr, und reite davon, damit du morgen, wenn der Unbekannte kommt, tausend Meilen fern von hier bist.« Und der Kalif tat, wie der Wesir ihm geraten hatte, und ließ seinen Hengst satteln, der so schnell lief, daß der Wind hinter ihm zurückblieb, und dessen Füße so leicht waren, daß, wenn er über ein Ährenfeld dahinjagte, die Ähren unter ihnen nicht knickten, und auf den setzte er sich und ritt davon, aus seinem Palast hinweg, aus seiner Stadt hinweg, ganz allein, daß niemand erführe, wohin er geritten war. Er ritt den ganzen Tag und die ganze Nacht, und als der Morgen graute, war er tausend Meilen weit von seinem Palast, und da blieb der Hengst stehen, weil er nicht weiter konnte. Da blickte der Kalif auf und sah, daß er am Rande der Wüste war. Und in der Wüste war ein Stein, und auf dem Stein saß einer in langem schwarzen Mantel, dessen Gesicht war halb verhüllt. Und als das Roß des Kalifen anhielt, stand die Gestalt auf und trat heran und sprach: »Bist du gekommen? Ich war schon vor dir da.« Und damit reckte sie die Hand nach ihm und senkte den Schleier – und da erkannte der Kalif den Unbekannten –« Freda brach ab. Ein Schweigen entstand. »Und wer war also der Unbekannte?« fragte der Regierungsrat. Sie schmiegte das Gesicht an seine Wange. »Das war der Tod«, sagte sie leise. Er schwieg abermals und diesmal noch länger als vorhin. »Das hast du gelesen?« fragte er dann, »und jetzt fällt es dir plötzlich ein?« »Ja«, flüsterte sie, »bei dem Märchen, das du mir eben erzählt hast. Denn es mag ja sein, daß es Dinge gibt, denen man nicht entrinnt. Aber wenn sie uns erreichen – dann – ist es – der –« Sie fühlte plötzlich seine Hand, die ihr den Mund verschloß, so daß sie nicht zu Ende sprechen konnte. Sein Gesicht senkte sich auf ihr Haupt, und es war ihr, als würde das Haar auf ihrem Scheitel feucht. Im Zimmer war es inzwischen völlig dunkel geworden, und in der Finsternis saßen die beiden Menschen, eng aneinandergedrückt, ohne Laut, beinahe ohne Regung. Endlich, nach langer Zeit, richtete der alte Mann sich auf und erhob sich vom Stuhl. Ein Seufzer drang aus seiner Brust. Ohne ein Wort zu sagen, ging er zur Tür, aber nicht nach dem Salon, wo Percival mit den beiden Wallnows saß, sondern nach dem Flur hinaus, um von dort in sein Zimmer zu gelangen. Freda ließ ihn schweigend gewähren. Als er hinaus war, ging sie leise hinter ihm drein, die Treppe hinauf, in ihr Schlafzimmer. Lange aber duldete es sie dort nicht. Auf den Fußspitzen schlich sie an sein Zimmer, geräuschlos öffnete sie die Tür und lugte hinein. Papa Nöhring saß an seinem Schreibtisch; die Lampe stand neben ihm; er hatte das Fach geöffnet, in welchem er das »Archiv« aufbewahrte; die Briefe, Telegramme und Manuskripte Schottenbauers lagen vor ihm. Von der Seite konnte sie ihn betrachten; sie sah den Ausdruck liebevollen Kummers in seinem greisen Gesicht und konnte sich nicht entschließen, ihn zu stören. Unhörbar, wie sie gekommen war, zog sie sich zurück. Eine halbe Stunde später klopfte sie an seine Tür. »Ja, ja, nur herein!« rief er von innen. Sie trat hinein und sah, wie er das Schubfach zuwarf und verschloß. »Ich glaube,« sagte sie, »es wird Zeit, Papachen, für Benneckes.« Mit einer straffen Bewegung stand er auf. »Hast recht; Benneckes werden schon warten. Bist du fertig?« Sie war fertig. »Also wollen wir gehen.« Trotzdem zögerte sie noch einen Augenblick. »Na –,« fragte er, »was ist noch?« Mit einer jähen Bewegung lag sie wieder an seiner Brust. »Bist du böse auf mich?« Er hielt ihr Gesicht mit beiden Händen umfaßt. »Du Kind – wir Menschen sind Eintagsfliegen, verstehst du, denn der Augenblick gehört jedem, aber die Zukunft niemandem –« Er drückte ihr die Wangen zusammen, so daß ihr Mund sich nach vorn spitzte, und auf die gespitzten Lippen küßte er sie. »Die Zukunft lassen wir darum vorläufig in Ruhe – jetzt wollen wir dem Augenblick leben, das heißt, zu Benneckes gehen.« Dreiundzwanzigstes Kapitel Der Abend war schon ziemlich weit vorgerückt, als Schottenbauer im Hause Bennecke erschien. Sein Eintritt wurde von Tante Löckchen mit Jubel begrüßt; sie hoffte, daß er der Stimmung aufhelfen würde, die heute nicht so recht in Gang kommen wollte. Es war gar keine »Semperei« wie gewöhnlich. Daß Freda sich schweigsam verhielt, fiel nicht weiter auf, redselig war sie ja nie. Aber auch der Regierungsrat, der doch sonst die gute Laune in Person zu sein pflegte, war heute nachdenklich und in sich gekehrt. Percival hatte natürlich nur für seine Therese Augen und Ohren, und Mutter Wallnow zählte kaum mit. Ein wahres Labsal war es daher für sie und ihren Gatten, daß sie jetzt mit Glückwünschen über Schottenbauer herfallen konnten. Herr Major a. D. Bennecke fühlte sich immer erst ganz wohl, wenn er sich mit vollem Brustton über irgend etwas oder irgend jemand begeistern konnte, wenn er Menschenstimmen übertönen mußte. »Ich bin ein altes Soldatenpferd, das Kommandorufe und Musik braucht.« Tante Löckchen fehlte etwas, wenn sie das schmetternde Organ ihres alten »Lumpazivagabundus« nicht hörte. Mit gefülltem Glase trat er dem Ankömmling vom Tisch aus entgegen. »Willkommen, Schiller! Berlin hat gesprochen, Berlin kommt einen rauf! Gratuliere, gratuliere, gratuliere! Hol' der Teufel alle Malkontenten, Opponenten, Quackelenten!« »Aber so laß den Schottenbauer doch endlich einmal los, daß andere auch an ihn heran können!« krähte Tante Löckchen von ihrem Platz aus. Lächelnd trat Schottenbauer zu ihr heran, um ihr die Hand zu küssen; sie zog seinen Kopf hernieder und küßte ihn auf die Stirn. »Kindchen,« sagte sie, »das tue ich auf Vorrat, verstehen Sie; nächstens werden Sie so ein berühmter Mann sein, daß man gar nicht mehr wagen wird, Ihnen einen Kuß zu geben. Werden Sie dann überhaupt noch an uns denken, wenn Sie erst in dem großen Berlin herumschwimmen und in Lorbeer waten?« »In Lorbeer waten ist gut«, wieherte Herr Major a.D. Bennecke. Schottenbauer sah Tante Löckchen ins Gesicht. »Glauben Sie wirklich, daß ich Sie vergessen könnte?« In seinen Augen lag ein so treuherziger, inniger Ausdruck, daß es keines Wortes weiter bedurfte. Wohlwollend blickte Papa Nöhring zu ihm auf. »Ihr müßt ihm ein Glas Wein geben,« sagte er zu Benneckes, »er sieht ja ganz angegriffen aus – haben Sie so viel Akten jetzt zu schmieren, Schottenbauer?« Es war so, wie der Regierungsrat gesagt hatte; Schottenbauer sah blaß und überarbeitet aus. Die Hoffnung Tante Löckchens, daß er Stimmung in die Gesellschaft bringen würde, schien sich nicht ganz zu verwirklichen. Auch auf ihm, wie auf Nöhrings, Vater und Tochter, schien etwas zu lasten, das ihn einsilbig machte. Ihm gegenüber am Tisch saß Freda Nöhring. Er hatte ihr rasches Erröten bemerkt, als er sie begrüßte; jetzt hielt sie das Haupt gesenkt und sah ihn nicht an. Sehr begreiflich, wenn er des Buketts von heute nachmittag gedachte. Die erste wirkliche Liebeserklärung, die er ihr gemacht hatte. Und eine solche Erklärung ist ja doch ein Weltereignis im Leben des Menschen. Das dunkle Ich, das, von seiner eigenen Atmosphäre umhüllt, in wunschlosem Schlaf gelegen hat, wird jählings geweckt. Es fährt auf und erschrickt – denn es sieht, daß es nackt ist. Zwei Menschen, die sich so mit den Fühlfäden der Seele betastet haben und sich dann, als wäre nichts vorgefallen, unter andern Menschen gegenübersitzen sollen – können sie anders, als beklommen sein? »Na, Schottenbauer,« fing Percival laut über den Tisch an, »nun sieh dir nur die Familie Nöhring genauer an, damit du nicht vergißt, wie sie aussieht. Nächstens wird die Bude zugemacht, und dann sind wir allesamt futsch, in alle vier Winde.« Schottenbauer blickte auf; er verstand ihn nicht. »Ja, was sagen Sie dazu?« bestätigte Tante Löckchen Percivals Worte, »diese Menschen wollen ja verreisen!« »Verreisen –« Er hatte Freda mit dem Blick gestreift und gesehen, wie sie blutrot bis über die Stirn geworden war. »Ja, nicht wahr?« fuhr Tante Löckchen fort, »zu dieser Jahreszeit – man sollt' es nicht für möglich halten.« »Tantchen,« fiel Percival ein, »ich hätte wahrhaftig nichts dagegen, wenn ein anderer das Examen für mich machte; du mußt nämlich wissen,« wandte er sich an Schottenbauer, »daß ich demnächst nach Berlin wallfahrte, um mich zum Examen einzupauken. Mein Tun bekundet also die äußerste Vernunft.« »Na ja, aber dein Papa und die Freda!« wandte Tante Löckchen ein. »Der Papa und die Freda«, nahm jetzt Herr Regierungsrat Nöhring das Wort, »wollen eben, daß der Herr Bengel da wirklich zum Examen arbeitet und nicht alle drei Tage von Berlin zu ihnen herübergeflitzt kommt. Darum brauchen sie ein Radikalmittel, schließen ihm das Haus vor der Nase zu und reisen ab. übrigens brauchen Sie sich wegen der Jahreszeit nicht zu ängstigen,« wandte er sich an Tante Löckchen, »wir gehen in ein warmes Land, wahrscheinlich an den Comersee.« Freda hatte das Gesicht auf den Teller gesenkt. Er hatte sich also aus seiner Nachgiebigkeit etwas zurechtgemacht, daß es aussah, als wäre es sein eigener Plan. Tante Löckchen schlug die Hände über dem Kopf zusammen. »An den – Comersee?« »Warum denn nicht?« lachte Papa Nöhring; »kommen Sie doch mit, das wäre das allergescheiteste.« »Ist eigentlich ein Gedanke«, meinte Herr Major a. D. Bennecke. Ganz entsetzt aber fuhr Tante Löckchen auf ihn ein. »Aber, alter Mensch! Der Comersee, der ist ja wohl tausend Meilen von hier! Wir bleiben hübsch, wo wir sind, und gehen im Sommer, wie immer, nach Teplitz.« »Na, also können wir uns im Sommer in Teplitz treffen«, meinte der Regierungsrat; »im Sommer soll ich sowieso eine Kur gebrauchen.« So ging das Gespräch herüber und hinüber – aber es klapperte. Wenigstens kam es Schottenbauer so vor. Man lachte – aber die Gesichter der Menschen sahen aus, als ob ihnen das Lachen Muskelschmerzen verursachte. Zum erstenmal, seit er in diesem Kreise verkehrte, hatte er das Gefühl, daß man sich unbefangen stellte, um Befangenheit zu verbergen, als ob die Worte, die er da hörte, nicht den Inhalt der Herzen herausschaufelten, sondern an der Oberfläche herumkritzelten, weil in der Tiefe etwas war, was man nicht gern berührte. Was war es denn nur? Heute nachmittag bei Nöhrings hatte doch noch keine Silbe von der bevorstehenden Reise verlautet? Auch pflegt man es doch einem Hausstande anzumerken, wenn er plötzlich aufgelöst, wenn das Haus auf Wochen und Monate zugeschlossen werden soll? Von dem allem war doch keine Spur gewesen? Und nun mit einemmal dieser Entschluß, der so aussah oder aussehen sollte, als wäre er seit langem gefaßt gewesen, und dazu dies glühende Erröten in Fredas Gesicht – plötzlich legte es sich wie ein Alp auf seine Brust. Tor, der er war – das Bukett heute nachmittag, das Bukett und seine Liebeserklärung! Flucht also – vor wem? Mußte er danach fragen? Tausend Meilen weit reisen und, wenn es sein mußte, noch mehr, wenn sie nur da nicht war, wo er war! Denn daß sie es war, von welcher der Plan ausging, das erkannte er nun wohl, indem er sie ansah, indem er ihren Blick gewahrte, der sonst so ruhig und bewußt auf sein Ziel losging und jetzt wie ein verflogener Vogel im Zimmer umherflatterte. Ein dumpfes Wehgefühl klemmte ihm die Brust zusammen. Von den Blumen, die er ihr mitgebracht, hatte sie nicht eine angesteckt; von allem, was in solchen Augenblicken süß geheimnisvoll im Auge des Weibes aufsteigt und schamhaft bangend beim Auge des Mannes anfragt, von dem traumhaften Erwachen der Seele, dem schauernden Aufatmen des erwärmenden Leibes, von dem allem war in diesem Weibe nichts. Eine lastende Qual, eine peinigende Unruhe, das war es, was seine Annäherung in ihr erweckt hatte; ein ödes Verstummen, ein krampfhaftes Sichabwenden, das war ihre Antwort auf die Frage, die er schweigend an sie gerichtet hatte, indem er mit zitternder Hand den Blumenstrauß in ihre Hand drückte. Eine Absage, eine Absage, hinter der es keine Hoffnung und Zukunft mehr gab. Wie eine Erlösung bedünkte es ihn, als man sich endlich von der Tafel erhob, als er aufhören durfte, der gegenüber zu sitzen, die unter seiner Nähe so offenkundig litt. Nun wurden Zigarren angezündet, und auch das war eine Wohltat; in die Zigarre kann man hineinbeißen, wenn man nicht sprechen will oder nicht sprechen kann – und wie hätte er sprechen können! Zu wem? Von was? »Das Haus Nöhring wird zugeschlossen – das Haus Nöhring geht davon –«, es war wie ein Sausen in seinen Ohren, aus dem diese Worte immer wieder auf ihn eindrangen. Hatte er denn etwas verbrochen? Hatte er sich vielleicht so ungeschickt benommen, daß auch Papa Nöhring böse auf ihn geworden war? Freilich – wenn man am hellen, lichten Nachmittag in den Blumenladen läuft, ein Bukett kauft, groß wie ein Wagenrad, und damit vor aller Augen und mit einem Gesicht wie ein glücklicher Bräutigam zum Hause Nöhring stürmt – Gott, Gott, Gott, wo hatte er denn Sinne und Gedanken gehabt! Morgen würde es natürlich in aller Munde sein, daß er Freda Nöhring die Blumen gebracht, daß er ihr seine Liebe gestanden, ihr womöglich einen Antrag gemacht hatte – Er und einen Antrag! Einen Antrag – worauf? Vielleicht, daß sie ihn heiraten sollte? Ihn, den Referendar ohne Vermögen und Gehalt? Der wahrscheinlich nie im Leben zu Gehalt gelangen würde? Den unscheinbaren kleinen Kerl, der nichts von allem besaß, was den Mann dem Weibe anziehend und verführerisch macht, dessen ganzer Besitztitel ein Stück war, das man einmal und nicht wieder in Meiningen aufgeführt hatte, und das man nun irgendeinmal an irgendeinem Theater in Berlin wieder aufführen wollte? Hatte ihm das so den Kopf verdreht? Ihn so die Mutlosigkeit und Verzweiflung vergessen lassen, mit der ihn die böse Nachricht aus Meiningen erfüllt hatte? O Phantasie! O Wirklichkeit! Narr, der er war! Narr seiner Phantasie! Wußte er denn nicht, daß man in dieser Welt Liebe nicht gestehen darf, wenn man nicht zugleich mit dem Heiratsantrage kommt? Daß, wenn man anders tut, wenn man tut, wie er getan hatte, daß man alsdann ein Weib kompromittiert? Und das hatte er ihr angetan! Ihr, der er die Hände unter die Füße hätte breiten mögen! Der schlanke Nacken, dessen stolze Haltung ihn so entzückte, nun würde er sich beugen müssen, wenn sie über die Straße ging und das Gezischel um sich her vernahm; Tränen würde sie weinen, wütende Tränen bitterer Scham, wenn sie von der Straße nach Hause zurückkam! Und wer hatte ihm das Recht gegeben zu alledem? Sie etwa? Hatte sie ihn mit einem Worte, einem Blick oder einer Gebärde auch nur ermutigt und ermuntert, heranzukommen? Wahrhaftig – nein! Gegen ihren Wunsch und Willen hatte er sich an sie herangedrängt, wieder und immer wieder, wie ein Aufdringlicher, wie ein Verrückter, wie ein Kind, wie ein törichter Narr! Eine brennende Scham zerschnitt ihm das Herz. Wäre er doch nur wenigstens heute abend nicht hierhergekommen! Das hätte er sich doch sagen können, daß es eine gräßliche Pein für sie sein mußte, nach solchem Vorgange wieder mit ihm zusammenzutreffen! Das ganze stolze Siegesgefühl, das ihn heute nachmittag erfüllt hatte, war dahin, als wäre es nie dagewesen. Am liebsten wäre er nach Hause gelaufen, hätte seine Siebensachen zusammengepackt und wäre auf und davon gereist. Dann konnten sie ja ruhig hierbleiben, Papa Nöhring und seine Tochter, die jetzt vor ihm davonliefen, vor dem einfältigen, gefährlichen Menschen. Er konnte kein Wort hervorbringen. Die finstere Stimmung nahm so überhand in ihm, daß sie ihn buchstäblich erdrückte; er hatte gar keine Gedanken mehr. Die Veränderung seines Wesens war so auffallend, daß Tante Löckchen und die übrigen ihn ganz verdutzt ansahen und nicht wußten, was sie aus ihm machen sollten. Er merkte das, und je mehr er es merkte, um so verzweifelter machte es ihn, denn er konnte nicht dagegen an, konnte nicht den Unbefangenen spielen, nichts Gleichgültiges sprechen; die Tränen standen ihm im Herzen, in der Kehle, bis zum Munde und zu den Augen heran. Die Unterhaltung wurde auf die Art natürlich immer stockender und vertrocknete endlich beinahe ganz. Anzeichen machten sich bemerkbar, daß man demnächst aufbrechen würde – und nun erfaßte es ihn geradezu mit Entsetzen, indem er bedachte, daß er mit Nöhrings über die Brücke und noch ein weites Stück Weg zusammen gehen müßte. Es gab keinen andern Weg. Das war unmöglich. Mit einem verzweifelten Entschluß raffte er sich auf, trat auf Tante Löckchen zu und bot ihr gute Nacht. Sie sah ihn ganz angstvoll an. »Ich – habe noch zu arbeiten – Sie müssen entschuldigen.« »Kindchen, Kindchen,« sagte sie, »ich glaube wahrhaftig, Sie arbeiten zuviel. Das tut Sie ja nicht, das bekommt Ihnen nicht.« Mit dumpfem Schweigen hörte er ihren wohlgemeinten Rat an, dann ging er zu Herrn Major Bennecke und von ihm zu dem Regierungsrat. Als er diesem die Hand reichte und Papa Nöhring zu ihm aufblickte, mußte er mit aller Gewalt an sich halten, um nicht in Tränen auszubrechen. Hatte er doch ein Gefühl, als sähe er den alten Mann zum letztenmal im Leben. Papa Nöhring fühlte seine Hand, die sonst so warm und jetzt so eisig kalt war. Eine plötzliche Sorge überkam ihn. »Schottenbauer,« sagte er, »wir sehen Sie doch noch, bevor wir abreisen?« Schottenbauer ließ den Kopf hängen. Er konnte in diesem Augenblick nicht »ja« sagen. »Sie – gedenken auf lange zu verreisen?« fragte er endlich. »Na – so etwa bis zum Herbst«, erwiderte Papa Nöhring mit erzwungener Heiterkeit. Schottenbauer wiegte das Haupt. »Was wollen Sie sagen?« fragte Papa Nöhring, indem er ihm in die Augen sah. »Ja – sehen Sie – Herr Regierungsrat – solche Referendarien sind eigentlich Nomaden – bis zum Herbste – wer weiß –« Er wollte lächeln, aber sein Lächeln wurde ein Zucken des Gesichts; seiner Selbstbeherrschung zum Trotz füllten sich ihm die Augen mit Tränen. Mit einem Ruck entriß er dem Regierungsrat die Hand, wandte sich ab, und ohne noch jemand anzusehen, ohne weiteren Abschiedsgruß stürzte er zur Tür und verschwand. Eine drückende Stille blieb hinter ihm zurück. Alle fühlten, daß jener dort in Verzweiflung davongegangen war; niemand fragte nach dem Grund. Mitten unter ihnen faß totenstill und totenbleich Freda Nöhring. Wenn man sie anblickte, ahnte man, daß hier die Erklärung saß. Alle ahnten es, einer wußte es, dieser eine aber schwieg. Und weil er schwieg, fragte man nicht; man mochte fühlen, daß Fragen ihm weh tun würden. Ein Weilchen harrte man noch aus und blieb zusammen. Es war, als wenn Nöhrings ihm Vorsprung lassen wollten. Endlich brachen sie auf, und der Abschied, der nun erfolgte, war vielleicht der bedrückteste, den das Haus Bennecke jemals erlebt hatte. Als Freda Tante Löckchen Lebewohl sagte, legte diese beide Hände um das schöne, bleiche Gesicht des Mädchens. »Kindchen,« flüsterte sie kopfschüttelnd, »armes Kindchen!« Fredas Lippen bewegten sich; man hörte kaum, was sie sprach; beinahe aber klang es wie ein »Warum?« Tante Löckchen sah sie kummervoll an. »Wenn ich doch einmal ein bißchen Mutter bei dir spielen dürfte – möchtest du es mir nicht erlauben? Hm?« Freda sah ihr mit festem Blick in die Augen. »Ich habe es nie anders empfunden, Tantchen.« Dann beugte sie sich tiefer zu ihr. »Aber wenn du es auch wirklich wärst – ändern würdest du darum doch nichts.« »Wirklich nicht?« fragte Tante Löckchen. Ein unmerkliches Lächeln ging über Fredas Gesicht. »Tantchen,« sagte sie, und ihre Stimme hatte wieder den tiefen, ruhigen Klang gleichmütiger Tage, »Gefälligkeit ist ja eine gute Sache – aber aus Gefälligkeit sein Leben hingeben – das wäre doch ein bißchen zuviel verlangt! Nicht?« Sie richtete sich hoch auf und bemerkte Mutter Wallnow, die möglichst nahe herangetreten war. Ohne sich zu besinnen, ging Freda auf sie zu, so daß Frau Wallnow beinahe erschrak. »Liebe Frau Wallnow, was ich Ihnen noch sagen wollte – wissen Sie, was es mit dem Bukett von heute nachmittag für eine Bewandtnis hat?« Mutter Wallnow lauschte mit beiden Ohren. »Der Papa hatte mit Herrn Schottenbauer gewettet, daß sein Stück in Berlin aufgeführt werden würde; Herr Schottenbauer hatte dagegen gewettet, und weil er verloren und nicht gewußt hat, wie er sich abfinden solle, hat er das Bukett gebracht.« Mutter Wallnow wurde feuerrot. Sie fühlte, daß ihr etwas vorgelogen wurde, und war schlau genug, den Zweck zu durchschauen. »Wie – merkwürdig!« stotterte sie endlich hervor. Freda sah ihr mit kühlem Lächeln ganz nahe ins Gesicht. »Aber es ist so.« Sie wußte eigentlich selber kaum, wie sie auf den Gedanken verfallen war, der Frau die seltsame Erfindung aufzubinden. Dachte sie ernsthaft daran, daß diese ihr glauben würde? Schwerlich. Aber sie wußte, daß Wallnows die Geschichte mit dem Bukett weitererzählen würden, und darum gab sie ihnen die Direktive an, in welcher Art sie klatschen sollten. Mutter Wallnow zeigte ein etwas ungeschicktes Lächeln, nickte aber ganz unterwürfig mit dem Kopf. Fredas Entschlossenheit hatte ihr Eindruck gemacht. Freda fühlte es, und nun fing die Sache an, ihr Spaß zu machen; sie fühlte, daß sie Herrin der Lage wurde; ihr war ganz leicht, beinahe fröhlich zumute. Das merkte man ihr an, als sie jetzt mit anmutigem Lächeln Herrn Major a. D. Bennecke gute Nacht wünschte und sich dann in den Arm des Vaters hing. Als sie mit ihm zur Tür hinaustrat, blieb der Regierungsrat stehen. Er blickte über das Wasser hinüber, dahin, wo Schottenbauers Wohnung lag. Beinahe sah es aus, als ängstige ihn etwas – und so war es in der Tat. Er sah kein Licht hinter Schottenbauers Fenstern. War er denn noch nicht nach Hause gekommen? Irrte er etwa gar in den Straßen umher? Jetzt aber wurde es hell; der Schein der Lampe ergoß sich durch die Fensterscheiben über den Balkon. »Er ist nach Haus gekommen«, murmelte der alte Mann. Unwillkürlich nickte er mit dem Kopfe, als wollte er dem da drüben »gute Nacht« sagen. Dann wandte er sich und schlug mit Freda den Weg nach der Brücke ein. Der Abschied von den Wallnowschen Damen ging sehr einsilbig und kurz vonstatten; schweigend wandelte er, seine Tochter am Arm, des Wegs dahin. Freda störte ihn nicht; sie war schweigsam wie er. Aber während er vor Kummer verstummte, schwieg sie, weil ihre Gedanken sie beschäftigten. Und ihre Gedanken waren nicht trauriger Natur. Nach dem leidenschaftlichen Durcheinander von Stimmungen und Gefühlen, die heute nachmittag und abend ihre Seele durchstürmt hatten, war jetzt eine große, kalte Ruhe in sie eingekehrt. Kalt allerdings – aber das störte sie nicht; es war das Gefühl, an das sie gewöhnt, in dem sie glücklich gewesen war, das Gefühl der alten Tage. Und so wie in alten Tagen war es ja nun wieder; der Mensch, der sich in ihr Leben gedrängt hatte, war fort, und sie war frei. Ein tiefer Atemzug schwellte ihre Brust. Ja, er war fort. Sie fühlte, daß er es war, daß er nicht wiederkommen würde; sie hatte gesiegt. Daß der Vater darunter litt, dessen war sie sich bewußt, und es tat ihr leid, aufrichtig und von Herzen. Aber sie tröstete sich; das würde vorübergehen. Gerade heute hatte sie ja erfahren, wie zärtlich er an ihr hing, und mit doppelter, dreifacher Liebe wollte sie ihm alles ersetzen, was er verloren hatte. Wie schön und bequem würde sich das machen lassen, wenn sie allein mit ihm auf Reisen war. Ja, ja – die Reise! Das war wirklich ein herrlicher Gedanke gewesen; jetzt erst fühlte sie ganz, wie sehr sie ihr zustatten kam. Fort von hier! Fort von allem, was hier hemmte, fesselte und drückte! Hinaus in die freie Welt wie die Walküre, die in Lüften reitet, und die kein Band an die Erde knüpft. Das Märchen fiel ihr ein, das der Vater ihr von der Amazone erzählt hatte, und sie mußte herzlich lachen. Der gute Papa – auf sie traf es nicht zu, nein. Hinter ihr saß der kleine Bube mit den goldenen Pfeilen nicht; sie war stark wieder, stark und fest. Darum würde es ihr auch gelingen, den allzu guten und weichen Papa fest zu machen. Seit heute wußte sie ja, wie mächtig ihr Wille über ihn war, wie sie ihren Entschluß zu dem seinigen zu machen verstand. Das mußte festgehalten werden; darum nur jetzt keine Schwäche von ihrer Seite, keine Sentimentalität! Alle Welt hatte sich verschworen, ihr den Menschen aufzudrängen – sie hatte nicht gewollt. Und weil sie nicht gewollt hatte, war es nicht geschehen, sie hatte gesiegt. Sie war die einzige von allen, die einen ruhigen Kopf behalten, die Verhältnisse richtig erwogen hatte, sie war stärker als alle die andern, sie war die stärkste. Welch ein stolzes Gefühl! Nun hatte sie die Zügel in Händen, und nun würde sie die Sachen lenken zum guten und richtigen Ziele; ja, ja. Wenn sie ihn erst draußen hatte, den Papa, in fremden Ländern, unter fremden Menschen, dann würde es ja von selbst dahin kommen, daß er die »Episode Schottenbauer« vergaß. Es mußte ja so kommen; er mußte ja doch erkennen, daß der Mensch eben eine »Episode« in seinem Leben gewesen war und nichts weiter. Wenn er es nicht jetzt schon empfunden hätte, wäre er dann so leicht auf ihren Plan eingegangen? Wenn sie von der Reise zurückkamen, würde Schottenbauer vermutlich nicht mehr hier sein, das hatte er ja selbst angedeutet. Blieb also nur noch die Frage: ob er, bevor sie abreisten, noch einmal zu ihnen kommen und Abschied nehmen würde? Oder ob er vielleicht an den Papa schreiben würde? Das hätte sie nicht verhindern können. Aber sie glaubte es nicht. Nach den Erlebnissen von heute würde er keins von beiden tun, weder herankommen noch schreiben; er würde verschwinden, sich unsichtbar machen, fort sein. Es war ja im Grunde solch ein bescheidener, schüchterner Mensch, vielleicht sogar ein guter Mensch – ja doch, ja – aber es gibt viel gute Menschen auf der Welt, und darum, weil jemand gut ist, braucht man ihn noch nicht zu lieben. So war sie mit dem Vater bis vor das Haus gelangt; Percival hatte sie unterwegs eingeholt. Man trat ein und trennte sich, um zur Ruhe zu gehen. Die beiden Männer waren nachdenklich und still; sie begaben sich in ihre Zimmer hinauf. Freda machte, wie es in ihrer Gewohnheit lag, noch einen letzten Rundgang durch das Haus. Als sie mit dem Lichte in der Hand in den dunklen Salon trat, war der ganz Raum mit einem lieblichen Duft erfüllt. Das Bukett stand noch auf dem Tisch; die Rosen hatten sich in der Zimmerwärme völlig erschlossen und atmeten ihren süßen Wohlgeruch aus. Unwillkürlich sog sie den Duft ein und blieb vor der Blumenvase stehen. Die Rosen ließen ihre schweren Häupter über den Rand des Gefäßes hängen. Niemand hatte nach ihnen gefragt, niemand nach ihnen gesehen; in der Dunkelheit hatte man sie zurückgelassen; das hatte sie aber nicht verhindert, zu tun, wie die Natur ihnen gebot, und ihre Seele ausströmen zu lassen, gleichgültig, ob jemand danach fragte oder nicht. Nun war das ganze Zimmer von ihrer Seele durchhaucht, der Raum wie zu einer Art von Heiligtum geworden, wie von den Gedanken eines gütigen Herzens erfüllt, so still, so süß. Und das alles hinter sich lassen und hinausgehen zu sollen in die kalte, fremde Luft der Fremde – war es nicht eine Torheit eigentlich? Freda straffte sich auf. Kam die Sentimentalität ihr doch über den Hals? Sie setzte das Licht auf den Tisch und ging im Salon auf und ab; sie kämpfte mit einem Entschluß. Plötzlich trat sie wieder heran, um ihren Mund war ein kalter, harter Zug. Mit einem Griff erfaßte sie das Bukett und hob es aus der Vase; nun hielt sie es in der Hand und überlegte. Es sollte verschwinden; aber wohin damit? Sehr einfach – auf den Kehricht draußen auf dem Hof. Da gehören welk gewordene Blumen hin. Indem sie aber die frische Kühle der Rosenblätter zwischen ihren Fingern spürte, kam es ihr selbst wie ein Hohn vor, daß sie verwelkt sein sollten, und als sie auf den Hof hinausgetreten war, zuckte ihr die Hand zurück, und sie konnte sich nicht entschließen, das Bukett fortzuwerfen. Sie zürnte wider sich selbst, aber sie konnte nicht. Wie sie so dastand, von niemand gesehen, in der totenstillen Nacht, kam es ihr vor, als ob sie ein Verbrechen, beinahe, als ob sie einen Mord begehen wollte. Sie schlüpfte ins Haus zurück; das Bukett war immer noch in ihrer Hand. Aber fort sollte es; morgen wollte sie es nicht mehr sehen – also, was machte sie damit? Endlich entschloß sie sich, raffte ihr Tuch um die Schultern und ging in den Garten hinaus. Rund um den Garten schritt sie herum; Stück für Stück riß sie die Rosen aus dem Bande, das sie umschloß, dann schleuderte sie dieselben eine nach der andern, indem sie zwischen jedem Wurfe mehrere Schritte machte, in die Gebüsche, die rund an der Gartenmauer entlang gepflanzt waren. Auf die Art fielen die einzelnen Blumen nicht mehr ins Auge, auf die Art verschwanden sie – als sie zum Hause zurückkehrte, waren ihre Hände leer. Sie nahm das Licht wieder auf, das sie im Salon hatte stehenlassen, und ging in ihr Schlafzimmer hinauf. Indem das flackernde Kerzenlicht über ihre Hand glitt, blinkte es von Tropfen auf der weißen Haut – die Rosen hatten ihre feuchte Spur hinterlassen – beinahe sah es aus, als hätte jemand auf ihre Hand geweint. Gleichmütig zog sie das Taschentuch hervor und trocknete sich die Hände ab. Zweites Buch Erstes Kapitel Das Wetter kam Fredas Entschlüssen zu Hilfe; es wurde warm. Der Gedanke an eine Reise, der kurz vorher noch etwas abenteuerlich ausgesehen hatte, erschien jetzt nicht mehr so unvernünftig. Im Hause Nöhring erwachte die ganze Unrast, die einem solchen Ereignisse vorherzugehen pflegt. Percival zog singend und pfeifend im Hause umher. Die paar Monate in Berlin konnten ganz nett werden. Vor dem Examen hatte er keine große Angst; er war immer ein fleißiger Arbeiter gewesen; dann im Herbste würde er seine Therese heimführen und wohlbestallter Assessor und demnächstiger Regierungsrat im Städtchen sein – Herz, was willst du mehr? Die Koffer wurden aus ihrer Bodenbeschaulichkeit heruntergeholt, auf ihre Haltbarkeit geprüft; bald wollte man ans Einpacken gehen. Freda war vom Morgen bis zum Abend in Tätigkeit. Ihre Lektüre bildeten jetzt einzig und allein Kurs- und Reisebücher. Beim Anblick der Landkarte bekamen ihre Reisepläne immer längere Beine. Die oberitalischen Seen genügten ihr jetzt schon nicht mehr. Wenn man einmal in den Frühling hinausreiste, dann auch gleich bis in die Heimat des Frühlings hinein, und das war, nach allem, was sie gehört hatte, die Riviera. Sie war ja eigentlich noch nie auf Reisen gewesen; nun überkam es sie wie eine Art von Gier, diese ihr so fremd gebliebene Erde kennenzulernen, mit Siebenmeilenstiefeln darüber hinzufahren. Dabei strahlte sie von Lebensmut und Freudigkeit, und das war gut, denn sie bedurfte dessen, um den Papa, der immer noch kopfschüttelnd dem allem zusah, bei guter Laune zu erhalten. Jeden Morgen erschien sie mit dem roten Baedeker in der Hand, und dann mußte der Regierungsrat Vorlesungen über die Herrlichkeit der Meeresküste von Genua bis Nizza über sich ergehen lassen. Es gab ja gar nichts Vernünftigeres, als jetzt in all die Pracht hinunterzudampfen – das mußte er doch einsehen. »Siehst du, Papachen, und nun habe ich auch den Ort gefunden, der gerade für uns passend sein muß, nach allem, was hier steht: das ist zwischen San Remo und Mentone – wie heißt es gleich« – rasch wurde noch einmal nachgeblättert – »richtig – ja – nach Bordighera gehen wir, da ist es ruhiger als in San Remo, da sind keine Kranken wie in Mentone, da ist es jedenfalls auch ein ganz Teil billiger – Gott, Papachen« – und sie stürzte mit Küssen über ihn her – »wenn wir da in unsrer schönen Behaglichkeit sitzen und Briefe von dem Jungen bekommen – denn alle acht Tage zweimal schreibst du mindestens, Percy, verstanden! – und wenn wir lesen, wie er jeden Tag zunimmt an Weisheit und Verstand – Papachen, Papachen, fühlst du denn nicht, daß es die reine Wonne alles sein wird?« Papa Nöhring ließ sich lächelnd von ihr küssen und dachte im stillen für sich, daß er all die Wonne ebenso gut würde genießen können, wenn er hier in seinen alten vier Pfählen säße und Percivals Briefe läse. Aber er hatte nun einmal ja gesagt, und das Mädchen war so glückselig, und er hatte ja erfahren, wie unglücklich sie sein konnte, und wie er unter ihrem Leide litt. Und schließlich regte sich in ihm auch wieder der alte Romantiker. Er dachte an Uhlands Gedicht, das er stets mit Inbrunst gelesen hatte: »Hast du das Schloß gesehen, das hohe Schloß am Meer?« Wer weiß – vielleicht stand dort unten am blauen Meere wirklich solch ein Schloß, und er würde es auf seine alten Tage noch zu sehen bekommen, denn er war auch noch nie dort unten gewesen. Seine Phantasie wurde lebendig und zauberte ihm Burgen vor mit Söllern und Altanen, auf denen Könige standen mit goldenen Kronen auf den Köpfen – Also schließlich – warum denn nicht? Je näher der Tag der Abreise heranrückte, um so mehr löste sich die Gemütlichkeit des Hauses Nöhring auf. Fredas Zimmer glichen dem Warenlager eines Modemagazins. Wenn man auf Monate hinausging, mußte man doch für Toiletten sorgen. Percival hatte seine Bücher zusammengepackt; seine Zimmer waren bereits ganz kahl. Überzüge bedeckten den Kronleuchter und die Möbel im Salon. Der einzige Raum, der noch unberührt geblieben, war das Zimmer Papa Nöhrings. Er sollte so spät wie möglich in seiner Ruhe gestört werden. Dazu kamen nun die Abschiedsbesuche. Die Sache war ruchbar geworden; von allen Ecken und Enden strömten die Bekannten herzu, um adieu zu sagen; und wieviel Bekannte man eigentlich hat, merkt man ja immer erst bei solchen Gelegenheiten. Die Tür stand gar nicht mehr still. Wallnows hatten sozusagen ihr Standquartier im Hause Nöhring aufgeschlagen, sie gingen gar nicht mehr fort. Jeden Tag ein paarmal erschien Fräulein Nanettchen. Sie war in einem Zustand beständiger Gerührtheit, so daß Freda ihr den Beinamen »Tränenreservoir« zulegte. Dabei stellte sie fortwährend Fragen, die Freda langweilten und nervös machten. »Auf Reisen geht ihr?« »Ja, du hast's ja gehört.« »Bis an den Comersee?« »Vielleicht sogar noch weiter.« »Noch weiter?« »Ja, an die Riviera.« »An die – Riviera! Nein, aber sage mir, einziges Kind, warum denn nur eigentlich?« Es wurde Freda unerträglich. Sie ging hinaus und ließ Nanettchen mit den beiden Wallnows beim Kaffee. Diese Spießbürgerei! Welch ein Segen, daß sie daraus hinauskam! wäre sie nur erst draußen gewesen! Häufig, wenn auch nicht so oft wie Nanettchen, erschienen natürlich auch Benneckes. Auch deren Besuche aber dienten nicht dazu, Heiterkeit in die Stimmung zu bringen. Im Gegenteil. Herrn Major a. D. Bennecke las man die Betrübnis aus den Augen, daß er sich auf solange von seinem alten Freunde trennen sollte; Tante Löckchen ging wie ein schweigender Vorwurf einher. Sagen wollte sie nichts, sie getraute es sich nicht recht, denn sie hatte, wie alle andern, heimlich Angst vor Freda. Aber sie hätte viel zu sagen gehabt, sehr viel, und darum ging sie wie eine mit Vorwurfstoff geladene Kanone umher. Wäre die Kanone losgegangen, so hätte es einen fürchterlichen Knall gegeben; denn die ganze Geschichte war doch zu unsinnig und verdreht! Alle kamen – ein einziger kam nicht. Und daß er nicht kam, das wurde für den Regierungsrat Nöhring allmählich zu einem Gegenstand nagenden Kummers. Daß er nicht gleich nach jenem bösen Abend erschien, das begriff er; auch die nächsten Tage noch hielt er geduldig aus. Aber nun ging ein Tag nach dem andern um, nun rückte die Abreise näher und näher – und Schottenbauer kam noch immer nicht. Würde er überhaupt noch kommen? Zwei Menschen waren im Hause, die sich das fragten, der eine voll Sehnsucht, die andre voller Angst, der eine von Tag zu Tag trauriger, die andre täglich aufatmender. Sie hatte ihn also doch richtig beurteilt, er machte sich unsichtbar, er war nicht mehr da. Percival war mit sich und seiner Zukunft und seiner Therese beschäftigt; Papa Nöhring und Freda vermieden es, das Gespräch auf Schottenbauer zu bringen, es war, als wenn sie sich voreinander scheuten; so kam es, daß sein Name nicht mehr genannt wurde, daß er verhallte und verschallte – »wie eine Episode im Leben der Familie Nöhring«, sagte sich Freda, und sie bestätigte sich, daß es so das Richtige sei. Von Benneckes war auch nichts über ihn zu erfahren; Schottenbauer war seit dem bewußten Abend auch bei ihnen nicht mehr erschienen. So setzte denn der Regierungsrat seine letzte Hoffnung darauf, daß er ihm noch einmal bei einem Spaziergang begegnen würde – die Hoffnung erfüllte sich nicht. War es Zufall, war es Absicht – Schottenbauers Wege kreuzten sich mit dem seinigen nicht mehr. War er überhaupt noch in der Stadt? Ja, er war noch da. Wallnows hatten festgestellt, daß er nach wie vor auf das Gericht kam, und wenn der Regierungsrat jenseit des Flusses entlang ging, sah er das Licht in der einsamen Stube. Jedesmal, wenn er desselben gewahr wurde, verlangsamte sich sein Schritt, damit er den Lampenschimmer lange sehen könnte, lange. Wie tief er den seltsamen Menschen ins Herz geschlossen hatte, das fühlte er jetzt erst mit ganzer Macht. Es kam ihm der Gedanke, ob er nicht einmal zu ihm herangehen, ihn aufsuchen sollte in seiner Wohnung. Aber ein peinliches Gefühl hielt ihn zurück. Wenn er doch nun einmal nicht mehr kommen wollte – und dann – was hätte er ihm eigentlich sagen sollen? Konnte er ihn mit gutem Gewissen auffordern, noch einmal zu ihnen zu kommen? Daß er Freda damit keinen Gefallen getan hätte, das wußte er ja doch – und so komisch es war, seitdem er seiner Tochter mit dem Reiseplan nachgegeben hatte, fühlte er sich ein wenig unter ihrem Pantoffel. Konnte er ihm zumuten, noch einmal mit der zusammenzukommen, die ihn von sich stieß? Und andrerseits – zu ihm gehen und ihn nicht auffordern, noch einmal zu ihnen zu kommen, das war ja auch wieder nicht möglich. Also ließ er den Gedanken fallen; mit einem Seufzer begrub er ihn in der Brust. Alter Phantast, der er war – er wischte sich mit dem Taschentuch über die kahle Stirn – zu was für einem Märchen hatte er sich da einmal wieder die Zukunft ausgebaut! Diesen Menschen seinen Sohn nennen zu können – diesen Menschen, der vor ihm aufgegangen war wie seine eigene in Verklärung wiedergeborene Jugend, ihn mit sich verbunden zu wissen durch ein so schönes, liebliches Band, durch die Hand seines geliebten Kindes – wie schön war der Gedanke gewesen – wie traurig brach er entzwei. Armer alter Mann – armer alter Phantast! Jetzt waren die Reisevorbereitungen so weit gewachsen, daß sie auch in die bisher noch unentweihte Stube des Regierungsrats hineingriffen. »Papachen,« sagte Freda, »heute gehe ich an deinen Koffer. Deine Kleider, Wäsche und was dazu gehört, besorge ich; aber was du an Büchern, Papieren usw. mitnehmen willst, das mußt du selbst hineintun.« Der Koffer stand aufgeklappt auf dem Flur neben Papa Nöhrings Zimmertür; im untersten Fache war ein Raum für die Bücher und Schreibereien frei gelassen. Papa Nöhring schaute sinnend hinein. Ja, ja – er würde seine Bücher selbst hineinlegen. Als Freda im Laufe des Nachmittags zu dem Koffer zurückkehrte, fand sie, daß er seine Sache besorgt hatte. Mehrere Bücher lagen im unteren Fache und unter ihnen, in Zeitungen eingewickelt, mit einem Band zusammengebunden, ein ziemlich dickleibiger Stoß von Papieren. Die Neugier plagte sie, nachzusehen, was der Papa da alles mit sich nahm. Ohne das Band zu lösen, öffnete sie ein wenig den Zeitungsumschlag und lugte darunter; es waren die beiden Dramenmanuskripte Schottenbauers, sein Brief und seine Telegramme; das ganze »Archiv«. Eine glühende Röte schoß ihr in die Schläfen; mit scheuen Blicken sah sie sich um; sie hatte ein Gefühl, als wäre sie bei ihrem Vater eingebrochen und hätte das Geheimnis seines Herzens entwendet. Hastig und geräuschlos streifte sie die Papiere in die Umhüllung zurück, dann packte sie seine Kleidungsstücke darauf, seine Wäsche, sein Waschzeug, recht viel Sachen, recht viel, wie man einen Gedanken, an den man nicht denken will, unter andern Gedanken begräbt, wie man die Stimme des Gewissens unter einem Wortschwall erstickt. Zweites Kapitel Ein leuchtender, verheißungsvoller Aprilmorgen war es, an dem die Familie Nöhring auseinander ging. Papa Nöhring und Freda fuhren zu früher Stunde auf den Bahnhof; Percival sollte am Nachmittag nach Berlin übersiedeln. Er gab ihnen zur Abfahrt das Geleit. Wallnows hatten natürlich auch dabei sein wollen, aber Freda hatte es abgelehnt. »Sie könnten durchaus nicht verlangen, daß Frau Wallnow so früh aufstände« – in Wahrheit wollte sie mit dem Jungen beim Abschied allein sein. War es doch das erstemal, daß sie auf längere Zeit von ihm ging. Im Wagen saßen sie nun beieinander, die drei Menschen. Papa Nöhring sinnend und beinahe wehmütig, Percival nachdenklich, Freda heiter, redselig, ein Lächeln auf den Lippen. Ob es ihr so ganz von Herzen kam? Wer wollte es sagen! Wenn sie aber einen Kummer empfand, so war es kein andrer als der, daß sie den Heißsporn nun solange nicht sehen sollte. Im Wagensitze vorgebeugt, hielt sie seine Hand in ihren Händen und blickte ihm in die Augen. »Also, nicht wahr, Junge, du schreibst gleich, sobald du nach Berlin gekommen bist?« Er würde gleich schreiben, ja, ja. »Poste restante Bordighera? Damit wir den Brief womöglich schon vorfinden, wenn wir ankommen?« »Postlagernd Bordighera, ja, ja.« »Und dann alle Wochen zweimal? Nicht?« Na – ob es nun gerade so oft sein würde, das wußte er selbst noch nicht, aber sie würden schon Nachricht von ihm bekommen, über ihn selbst und über alles, was sie interessierte. Freda verkniff ein Lächeln zwischen den Lippen. Was sollte sie interessieren außer ihm? Indem sie so mit ihm und dem Vater zusammensaß, hatte sie beinahe vergessen, daß er verlobt war, daß es eine Therese Wallnow auf Erden gab. Die Liebe zu dem Bruder stand wieder wie eine heiße Sonne in ihrem Herzen und brannte jede andre Empfindung zu Asche. Nun war der Bahnhof erreicht, nun kam der wirkliche Abschied und das Leid der Trennung. Alle drei wurden weich. Über Percivals Backen rollten ein paar dicke, gutmütige Tränen; Fredas Augen blitzten und funkelten wie Blumen, auf denen der Tau liegt; das Gesicht des Regierungsrats zeigte eine tiefe Kummerfalte. Er umarmte den Sohn mit väterlicher Zärtlichkeit; dann schlang Freda die Arme um Percivals Hals und küßte, küßte und küßte ihn. Ihr Gesicht war leichenblaß. Dann riß sie sich los und stieg in das Kupeé. Bevor der Papa ihr folgte, nahm er Percival noch einmal beiseite. »Wenn du von dem Schottenbauer etwas erfährst, dann schreib es mir – hörst du?« Percival versprach es mit einem Händedruck. Die Abrede war so leise, so hastig zwischen beiden getroffen worden, als handelte sich um ein Geheimnis, beinahe um eine verbotene Sache. Papa Nöhring schlüpfte zu seiner Tochter in das Kupeé; die Tür schlug hinter ihm zu; ein schrilles Pfeifensignal – »Adieu Percy!« »Adieu Freda, adieu Papa!« Und der Zug trug sie hinaus aus der engen, kleinen Stadt in die weite, große Welt. Es war beschlossen gewesen, über Frankfurt a. M. und Basel in einem Zuge bis nach Genua hinunterzufahren. Papa Nöhring selbst hatte darauf bestanden. Er wollte sich unterwegs nicht aufhalten, wollte rasch an den Ort der Bestimmung gelangen, damit er sich dort alsdann häuslich einrichten und niederlassen konnte. Er mußte stillsitzen können, wenn er das Leben genießen sollte. Als man jedoch am Abend in Frankfurt ankam, fühlte der alte Mann sich so angegriffen, daß man die Fahrt unterbrechen und die Nacht im Gasthofe zubringen mußte. »Habe mich doch für jünger gehalten, als ich bin«, sagte er lächelnd. Es war ein etwas müdes Lächeln. Freda schlug vor, den nächsten Tag in Frankfurt zu bleiben, damit der Papa sich ausruhen könnte. Aber er wollte davon nichts wissen. Es war wie eine Unruhe in ihm, rasch da hinunter zu gelangen; beinahe wie jemand, der sich ein Schicksal heraufbeschworen hat und nun wenigstens rasch bis ans Ende desselben gelangen will. Am nächsten Morgen ging es weiter. In Basel erreichten sie die Gotthardbahn, und nun tat sich vor den beiden Menschen die ungeheure Pracht auf, durch welche der Zug sie mühelos dahintrug. Staunend wie ein Kind saß Freda am Fenster des Wagens, und der Regierungsrat, der diese Triumphstraße der menschlichen Kraft auch noch nicht befahren hatte, saß ihr mit kaum geringerem Staunen gegenüber. Am Nachmittag überschritten sie die Grenze von Italien. Es war das erstemal in ihrem Leben, daß Freda eine andre Sprache als die deutsche vernahm. Tief in der Nacht kamen sie in Genua an. Hier wurde ausgestiegen, hier sollte Station gemacht werden. In einem offenen Wagen fuhren sie durch die Stadt, die schon ganz ausgestorben war und im Schlafe lag. Mit weit aufgerissenen Augen blickte Freda nach rechts und links; zum erstenmal in ihrem Leben sah sie italienische Paläste. Hie und da war eines der großen Bogentore noch geöffnet; dann verlor sich ihr Blick in einem Gewirr von Marmortreppen, von Säulenhöfen und Gärten. Sie wagte kaum, nach Haus zurückzudenken, an die kleine norddeutsche Stadt, aus der sie kam, die ihre Heimat war. Der Abstand war zu ungeheuer. Sie war ja wohl manchmal in Berlin gewesen, aber was war auch Berlin gegen das, was sie hier sah! Indem sie weiterfuhren, drang ein Brausen und Rauschen, erst fern, dann näher und näher an ihr Ohr. Der Gasthof, in dem sie abzusteigen gedachten, lag am Hafen; sie näherten sich dem Meer. Jetzt bogen sie um eine Straßenecke, und in dem Augenblick tauchte vor ihren Augen, wie ein wiegender Wald, die unendliche Masse der Schiffsmasten auf. Die See war unruhig geworden; die Schiffe stiegen auf und nieder; das Tauwerk knarrte und ächzte, und draußen an den Hafenmolen donnerte die brandende Flut. Freda war beinahe froh, als sie den Gasthof erreicht hatten und in ihre Zimmer gelangt waren; der Übergang aus der stillen Enge, darin sie gelebt, in die neue, dunkle Weite war zu plötzlich; vielleicht kam auch die Abspannung infolge der langen Fahrt hinzu – sie fühlte sich schier überwältigt und erdrückt. Dem Vater schien es ebenso zu ergehen. Mit hastigem Gutenachtkuß trennten sie sich und begaben sich eilends zur Ruhe. Lange aber dauerte ihre Ruhe nicht, denn kaum daß der Tag angebrochen war, weckte sie der geradezu brüllende Lärm, der vom Hafen herauf erscholl. Dann kam die italienische Sonne und lugte mit brennenden Augen durch Spalten und Fugen der hölzernen Fensterläden herein, neugierig, als wollte sie sich die beiden komischen Kleinstädter ansehen, die da aus dem barbarischen Norden herzugereist gekommen waren. An Schlafen war für Freda nicht mehr zu denken; lange bevor der Papa sich erhob, lag sie schon im offenen Fenster und blickte auf das quirlende Leben hinunter, das sich da vor ihr entfaltete. Solche Bilder hatte sie noch nie gesehen, solche Töne noch nie gehört. Das war wirklich die Fremde. Es war ihr zumute, als müßte sie eine andre Natur anziehen, sich andre Organe anschaffen, um die Äußerungen dieses Lebens in sich aufnehmen und ertragen zu können. Markerschütterndes Getöse von den Schiffen – ohrenzerreißendes Geschrei von Straßenverkäufern, die ihre Waren verkündeten. Wagengerassel und die anfeuernden Zurufe der Maultiertreiber. Und von all den Stimmen, die da zu ihr hinaufdonnerten, krächzten und quiekten, nicht eine, die sie verstand; fremde Menschen, fremde Sprache und Worte, alles und alles fremd. Zu ihrer Rechten türmten sich die kahlen Berge, die die Stadt umlagern, und unwillkürlich flogen ihre Gedanken über sie dahin. Da oben, weit hinter den Bergen, lag die Heimat und ihr stilles Haus. Wie anders klopfte dort oben der Frühling an Fenster und Türen als hier! Hier kam er wie ein glutäugiges Weib, mit entblößter Brust und entfesseltem Haar – dort oben wie eine keusche Maid, die mit weißen, zierlichen Füßen durch die betauten Wiesen schreitet, Veilchen auf ihrem Wege pflückt und sie den schlummernden Menschen lächelnd auf die Betten wirft. Wie manchmal, wie unzähligemal, wenn die Frühlingsmorgensonne zu ihr hereinblickte, war sie aufgestanden, früher als alle andern Hausbewohner, hatte sich angekleidet und war hinuntergestiegen in den jungen Morgen, in den taubesprengten Garten. Wie still war es da. Wie selig ging es sich im Garten auf und ab! Nur der Amseln fröhliches Kauderwelsch ertönte aus den Bäumen, und weil sie die schwarzgefiederten Schwätzer so lieb hatte, brachte sie jeden Morgen ganze Hände voll Brotkrumen mit, die sie ihnen auf den Rasenplatz inmitten des Gartens streute. Und dann, wenn der neunzehnte April gekommen war, dies heimliche Lauschen und Erwarten – denn am neunzehnten April, pünktlich wie nach dem Kalender, kamen ja die Nachtigallen. Wenn sie dann einige Tage von der Wanderfahrt gerastet hatten, fingen sie an zu singen, und im Nöhringschen Garten war eine, die jedes Jahr dort einkehrte. Jedes Jahr geschah es alsdann, wenn Papa Nöhring eines Morgens zum Frühstück herunterkam, daß Freda ihm ganz erregt entgegenflog: »Papa, Papa! die Nachtigall ist gekommen!« Und jedesmal, bevor sie noch etwas zu sich genommen, eilten sodann alle drei Nöhrings an die Gartentür und standen und lauschten, bis ein flüsterndes »Ja, da ist sie« Fredas Botschaft bestätigte, und jedesmal war es wie ein Familienfest im Hause Nöhring. Dieses Jahr würde sie nun auch kommen, die Nachtigall, der Tag rückte heran – und niemand würde da sein, sie zu empfangen. Vom Fensterbrett, auf dem sie mit beiden Armen aufgestützt lag, ruckte Freda empor. Was sollte denn das alles heißen? Nichtsnutzige Sentimentalität, die ihr im Blut steckte! Heimweh wohl gar? Nach was? Nach wem? Nach Therese Wallnow vielleicht? und ihrer Mutter? und ihren roten Ohren? Oder nach Nanettchen mit den kurzen, dicken Fingern und dem Tränenreservoir? Pah! Eben hatte sie ihren Willen durchgesetzt, eben war sie frei geworden, und da kamen ihr solche Gedanken! Solche Gedanken hier, in einem Lande, wo man von Sentimentalität nichts wußte, das Wort wahrscheinlich gar nicht kannte! Wo die Leute sich unter die Bäume stellen, nicht um dem Gesang der Nachtigallen zu lauschen, sondern um sie vom Baum zu schießen, in der Pfanne zu braten und aufzuessen. Sie lachte vor sich hin. Zu Hause, wenn sie das von den Italienern erzählen hörte, war es ihr ganz abscheulich erschienen – ah bah – sie raffte mit beiden Händen das lange Haar, das noch aufgelöst um ihren Scheitel hing, zusammen und warf es in den Nacken zurück – andere Länder, andere Leute; andere Leute, andere Sitten – mußte denn alles überall so sein wie bei ihr zu Hause? Keineswegs. Und wenn man in andere Länder kommt, so muß man eben die Kleinstädterei abtun, die dumme, enge, norddeutsche Kleinstädterei, und die Augen aufmachen und sich Land und Leute ansehen – jawohl – ansehen, auch wenn man dabei Dinge sieht – Sie war vom Fenster zurückgewichen bis in den Hintergrund des Zimmers, denn soeben hatte sie da unten ein Schauspiel erblickt, wie sie es früher und zu Hause freilich noch nie gesehen hatte. Gerade unter den Fenstern des Gasthofes, am Bollwerk des Hafens, lag ein Kohlenschiff; Arbeiter waren beschäftigt, die Kohlen auszuladen. Der Hitze wegen hatten sie sich bis auf die Beinkleider entblößt, so daß sie beinahe nackt einhergingen. Bei dem Anblick war Freda zurückgefahren; nun stand sie schamrot so weit hinten im Zimmer, daß sie die Männer nicht sehen konnte. Ein drolliger Kampf entstand in ihrem Innern. »Kleinstädterei! Deutsche Simpelei und Prüderie!« So schalt sie sich, so spornte sie mit Verstandesgründen ihr Gefühl – aber das arme Gefühl kroch wie ein Schulmädchen, das sich vor Schlägen fürchtet, in sich zusammen. »Nein, bitte, nein! Nicht ans Fenster gehen, nicht hinuntersehen!« Sie biß die Zähne aufeinander. »Jetzt gerade wird ans Fenster gegangen!« Plötzlich aber drangen ihr die Tränen in die Augen, und sie brach in ein nervöses Weinen aus. Sie wollte ja nicht weinen! Sie ging im Zimmer auf und ab, schwang die Arme, griff sich ins Haar und warf es wieder und wieder in den Nacken zurück. Aber die elenden schwachen Nerven waren stärker als der starke Verstand, und die arme Walküre mußte weinen und weinen, bis daß sie sich ausgeweint hatte und mit dem nassen Schwamm sich das verweinte Antlitz kühlen konnte. Während des Ankleidens überlegte sie, warum sie eigentlich geweint hatte. Sie fand keine Antwort, wenigstens keine bestimmte; nur ein dumpfes Gefühl war da in der Herzgegend, und bei dem wollte sie nicht anfragen. Es war, als fürchtete sie sich vor der Antwort, als würde es heißen: »Der Anfang ist nicht ganz so, wie er hätte sein sollen.« Jetzt aber waren die Augen wieder klar gewaschen, das reiche blonde Haar zierlich auf dem Haupte geordnet; im Spiegel ihr gegenüber stand die schlanke, schöne Freda – der stolze Nacken fuhr empor, mit der kurzen Bewegung, die ein gewisser Jemand da oben hinter den Bergen so abgöttisch liebte – »ach was! es wird besser werden, immer besser und ganz gut!« Drittes Kapitel Als sie mit dem Vater beim Frühstück zusammensaß, konnte sie sich nicht verhehlen, daß er nicht zum besten aussah. Er schien müde und abgeschlagen; er aß und trank, aber mehr aus Pflichtgefühl, wie es schien, als mit herzhaftem Appetit. Sie streichelte seine Hand. »Gut geschlafen. Papachen?« Der Regierungsrat lächelte, mit seinem gewohnten gutmütigen Lächeln. »Na – er hatte schon besser geschlafen, um die Wahrheit zu gestehen–« Dann legte er seine Hand auf die ihrige. »Aber ängstige dich nur nicht.« Hatte sie so ängstlich ausgesehen? Sie war sich dessen kaum bewußt. »Wann fahren wir denn weiter?« fragte er, indem er sich in den Stuhl zurücklehnte. Freda blickte auf. »Wollen wir uns denn Genua nicht ein bißchen ansehen?« »Ja, ja, freilich – man kann doch nicht so an den Sachen vorübergehen.« Er nickte wie jemand, der die Unabwendbarkeit einer Pflicht anerkennt. »Dann mußt du aber die Führung übernehmen«, fuhr er lächelnd fort; sein Lächeln sah aus, als wollte er sagen: »Du hast ja überhaupt die Führung.« »Bist du über Genua unterrichtet?« Das war Freda nur in sehr geringem Maße. Aber sie hatte ja den roten Ariadnefaden bei sich, den Baedeker. Sie klopfte auf das Buch. »Der hier wird uns schon sagen, was und wo wir zu suchen haben. Ich schlage vor, Papachen, du setzt dich jetzt still hin und rauchst deine Zigarre; währenddessen lese ich hier unser Pensum nach und dann gehen wir los.« Papa Nöhring war es zufrieden. Während seine Tochter sich über den Baedeker hermachte, setzte er sich in einen Schaukelstuhl, zündete seine Zigarre an und rauchte träumerisch vor sich hin. Es war ihm ganz recht, daß sie von ihrer Lektüre lange in Anspruch genommen wurde. In dem kühlen, weiten Salon zu sitzen, war gut, besser als da draußen die Hitze und der Lärm. Hier war Ruhe – und er brauchte Ruhe. Endlich war es so weit, daß man sich auf den Weg machen konnte, und nun wurde es ein schöner, aber auch sehr heißer und anstrengender Tag. Nachmittags kam man zurück. »Es ist noch vieles, was wir nicht gesehen haben«, meinte Freda. »Aber nur heute nicht mehr«, wehrte der Regierungsrat ab. Also blieb man noch den nächsten Tag. Und weil der alte Mann nicht ermüdet werden durfte und nicht zuviel auf einmal sehen sollte, auch noch den dritten und den vierten. Nun aber ließ es ihm keine Ruhe mehr; er wollte fort nach dem Bestimmungsorte, nach Bordighera. Wenn er die kahlen Bergwände ansah, von denen die Sonnenstrahlen wie Pfeile abprallten, um sengend auf die Menschen herniederzufallen, zauberte ihm seine Phantasie, wenn er an Bordighera dachte, einen Ort voll tiefer, schattiger Ruhe vor, einen Ort voller idyllischen Behagens, der mehr und mehr und ohne daß er es merkte, die Gestalt des Gartens annahm, wo die Amseln sangen und die Nachtigallen, des heimatlichen, des Nöhringschen Gartens. Endlich also, am fünften Tage, saß man wieder im Eisenbahnzug, und nun fuhr man in mehrstündiger Fahrt den Küstenweg entlang, auf der einen Seite das Meer, das wie ein unermeßlicher, blendender Schild lag, auf der andern Seite die Berge, kahl und sonnenverbrannt wie die Berge bei Genua. »Daß man auch gar kein Grün zu sehen bekommt!« stöhnte Papa Nöhring leise. Freda, den unfehlbaren Baedeker in der Hand, tröstete ihn. »In Bordighera sind Palmen, Papachen, wirkliche echte Palmen.« »Palmen – soso.« »Ja, und Ölbäume in ganzen Wäldern, und Zypressen.« »Wälder?« meinte der Regierungsrat, »na – das ist gut.«! Er dachte an seinen hochstämmigen Kiefernwald zu Hause, an die Eichenwaldungen und Birkenalleen bei der heimatlichen Stadt. Er sprach es nicht aus, um die Tochter nicht zu betrüben, aber er sehnte sich nach seinen grünen deutschen Bäumen. Am Nachmittag kam man in Bordighera an. »O Papa,« rief Freda, als sie ausgestiegen waren, »sieh, wie herrlich! Die Berge!« Sie deutete in die Ferne, wo man die schneebedeckten Häupter der Seealpen zur Küste hinuntersinken sah. Es war allerdings ein großartiger Anblick; der Regierungsrat bestätigte es mit stummer Gebärde. Dann sah er sich um, als ob er etwas suchte. »Wo ist denn nun – der Wald?« murmelte er halblaut. Freda deutete auf die Bergabhänge gerade vor ihnen. »Aber so sieh doch nur!« Die Abhänge waren in der Tat mit dichten Baummassen bestanden; nur daß die Farbe des Laubes eine andere war, als an die er gewöhnt war. Es war nicht das helleuchtende Grün der norddeutschen Bäume, sondern ein stumpfes Graugrün! Papa Nöhring hielt die Augen darauf gerichtet. »Was sind denn das für Bäume?« Seine Frage klang beinahe, als wollte er sagen: »Das sind ja gar keine echten.« Freda vermochte keine Auskunft zu geben; aber der Portier des Hotels, ein Schweizer, der auf den Bahnhof gekommen war und sie in Empfang genommen, hatte die Frage gehört. »Das sind Ölbäume«, unterrichtete er den Regierungsrat. »So – so,« erwiderte dieser, »also – die Ölbäume.« Jedes der langgezogenen Worte enthielt eine Kritik. Freda war anfänglich auch durch den ersten Anblick der Ölbäume etwas enttäuscht gewesen, nun aber raffte sie sich auf. »Komm nur, Papachen,« sagte sie lachend, »morgen, wenn wir darunter spazierengehen, werden sie dir schon gefallen, die Ölbäume.« Sie schlang ihren Arm in den seinen, und von dem Portier geführt, machten sie sich auf den Weg nach dem Hotel. Der Gasthof war ein stattliches Gebäude, am Bergabhänge prächtig gelegen. Als sie aber vor demselben ankamen, erfuhren sie, daß das Haus von oben bis unten mit Gästen besetzt war. Des Reisens unkundig, wie sie beide waren, hatten sie versäumt, sich brieflich oder telegraphisch Zimmer zu sichern. Nun mußten sie mit dem vorliebnehmen, was noch übrig blieb; und das war nicht eben viel. Zwei kleine Räume im obersten Stock, durch den Flur voneinander getrennt, das eine nach vorn, nach dem Meere hinaus, das andere auf den Garten hinter dem Hotel hinausgehend und über den Garten hinweg den Ausblick in die Ölbäume des Bergabhanges gewährend. Papa Nöhring wählte dieses Zimmer für sich; das leuchtende Meer hatte ihn heute während der ganzen Fahrt geblendet; er scheute sich davor. So richtete er sich hüben und Freda drüben ein. Kaum daß sie damit fertig waren, rief die große Hotelglocke zur Mahlzeit in den Speisesaal. Papa Nöhring wäre am liebsten gar nicht hinuntergegangen. Wieder die Treppen hinab und dann wieder hinauf – er war so müde – aber um Fredas willen mußte es doch sein. In dem großen, strahlend erleuchteten Speisesaal waren die Gäste des Hotels in Scharen versammelt; an einer der langgestreckten Tafeln erhielten Freda und der Papa ihre Plätze. Freda wurde etwas verlegen, als sie die Augen der Herren und Damen auf sich gerichtet sah, die die neuen Ankömmlinge musterten. Und ihre Verlegenheit wuchs, als sie rings um sich her fremde Sprachen vernahm. Französisch, Englisch, Italienisch – aber nirgends Deutsch. Kein deutsches Wort. Das Gefühl der Fremde drang mit aller Wucht auf sie ein. Sie dünkte sich ganz verlassen, und dem alten Papa an ihrer Seite erging es offenbar nicht anders. Nur leise flüsternd wagten sie, sich miteinander zu unterhalten, denn als echte Deutsche fühlten sie eine Verlegenheit, beinahe eine Scham, ihre Muttersprache laut vor den Angehörigen anderer Nationen ertönen zu lassen. Der Wirt des Hotels, ein freundlicher Deutschschweizer, begrüßte sie, indem er hinter ihre Stühle trat, und drückte ihnen sein Bedauern aus, daß er sie vorläufig nicht besser hätte unterbringen können. »Ja – und die Herrschaften träfen es insofern übel – im Winter, da wären immer viel Deutsche da, wären auch diesen Winter dagewesen, aber um diese Jahreszeit würde es ihnen meistens schon zu warm, da gingen sie fort, und da kämen dann hauptsächlich Gäste aus Italien und Frankreich.« Freda lächelte ihm Dank. Ein Mensch doch, der mit ihnen sprach; sonst hätten sie ja wirklich wie wilde Tiere dagesessen. Papa Nöhring hatte schweigend zugehört. Lauter Nachrichten, die ihm nicht gefielen. Er würde niemand haben, mit dem er sich unterhalten konnte; außerdem war es für Deutsche hier zu heiß; und gerade in die Hitze reiste er hinein. Zu dem allem kam noch etwas, was der Regierungsrat weniger empfand als seine Tochter, diese aber beinahe peinlich. Die Toiletten der Damen, die an der Tafel um sie her saßen, waren der Luxus selbst, kostbar im Stoff, elegant und vielfach reizend im Schnitt. Freda hatte Blick für so etwas; im Geiste stellte sie Vergleiche zwischen ihrer Erscheinung und der der Tischgenossinnen an. Dabei kam sie zu wenig erfreulichen Resultaten. Heute war sie noch im Reisekleid, und die hellgraue Bluse mit dem gleichfarbigen, etwas dunkleren Unterkleid schmiegte sich ihrer schlanken Gestalt auf das glücklichste an und stand ihr allerliebst. Heute ging es noch – aber morgen? Sie konnte doch nicht stets im Reisekleid bei Tafel erscheinen; die fremden Damen waren ja geradezu in Salontoilette. Im Geiste überschlug sie das Inventar von Kleidern, das sie im Koffer mitgenommen hatte. Es waren mehrere, und als sie sie zu Hause einpackte, waren sie ihr ganz schön, sogar recht schön erschienen. Aber freilich – zu Hause! Sie bohrte mit der Fußspitze in den Fußboden. Ein Nest war's, in dem sie da oben gelebt hatte! Und der Geschmack daselbst erbärmlich! Im Vergleich zu Therese Wallnow und den anderen Damen dort oben ging sie ja wie ein Prinzessin einher – im Vergleiche zu diesen Französinnen und Italienerinnen erschienen ihre schönen Gewänder ihr wie Plunder. Wie ein Haubenstock würde sie unter ihnen sitzen, wie eine komische Figur. Wer weiß, was für Bemerkungen da rings in den fremden Sprachen über sie gemacht werden würden. Fatal – fatal – sie mußte sich wirklich Mühe geben, um ihre Mißstimmung nicht sichtbar werden zu lassen und das freundliche Lächeln auf dem Angesicht zu bewahren, das die Gesellschaft verlangt. Endlich war die reichhaltige Speisekarte zu Ende getafelt; man erhob sich. Indem Papa Nöhring aufstand, machte er den Zunächstsitzenden seine Verbeugung, um ihnen nach deutscher Sitte gesegnete Mahlzeit zu wünschen. Freda bemerkte, daß man seinen Gruß einigermaßen überrascht ansah und kaum erwiderte. Das ärgerte sie wieder. War der schlichte alte Mann diesen Leuten etwa nicht gut genug? Sie wußte eben noch nicht, daß man in andern Ländern die schöne deutsche Sitte nicht kennt, sich gesegnete Mahlzeit zu wünschen, daß andere Nationen es vorziehen, sich stumm an den Tisch zu setzen und stumm wieder aufzustehen. Als sie am Arme des Vaters den Speisesaal verlassen hatte und auf die Terrasse vor dem Hotel getreten war, wo jetzt die Kühle des Abends sich niedersenkte und eine köstliche Luft vom Meer dahergeweht kam, wurden sie vom Wirt aufgesucht, der ihnen einen Brief überreichte, der für Herrn Regierungsrat Nöhring eingelaufen war und auf der Post gelegen hatte. Freda nahm ihm den Brief ab – allmächtiger Gott – die Freude! Krampfhaft drückte sie den Arm des Vaters. »Papa« – sie hielt ihm das Kuvert vor die Augen – es war Percivals versprochener Brief. Von Hause war sie fortgelaufen, um die Heimat loszuwerden – und die erste, volle, aufrichtige Freude, die sie seitdem empfand, war jetzt dieser Brief, dieses Stück Heimat, das sie in Händen hielt. Wie inkonsequent schon wieder, wie töricht und sentimental – aber sie fragte nicht danach, ob es das alles war, sie empfand nur die Freude, die große, geradezu erlösende Freude. Nicht nur, weil er von Percival kam, der Brief, nein, nein, sondern daß er aus Deutschland kam, das war es, was sie so aufatmen ließ aus tiefster Brust. Wie der Poststempel »Berlin« sie vertraut ansah! Und die roten deutschen Briefmarken auf dem Kuvert! Mitten unter all diesen Menschen, deren Lachen, Plaudern und Scherzen sie nicht verstand, ein deutsches Wort – mitten in dieser fremden Welt, die ihr herzlos erschien, weil sie den Schlüssel zu ihrem Herzen, die Sprache, nicht besaß, dieser Brief, dieses schweigende Zeugnis, daß es da oben eine Welt gab, wo man dachte, fühlte und sprach wie sie! O Heimat, die dem Menschen immer erst gehört, wenn er sie nicht mehr besitzt! Hatte sie je, solange sie dort oben im stillen, alten Städtchen saß, geahnt, daß sie so mit Leib und Seele an der Heimat hing?! Wenn sie mit Percival und dem Papa, oder wenigstens mit einem von beiden zusammen wäre, dann, hatte sie gemeint, würde es ihr gleichgültig sein, ob sie auf dem Monde oder der Erde sei. Hier nun zum erstenmal kam ihr eine Ahnung von dem dunklen, großen Etwas, das man »Muttererde« nennt, eine Ahnung, daß unzerreißbare Bande uns an die Scholle binden, die uns geboren hat, und daß der Mensch, wenn er sich willkürlich davon losreißen will, an dem Risse unter Umständen verbluten kann. Papa Nöhring streckte die Hand nach dem Brief aus, Freda aber gab ihn noch nicht her. Sie drückte das Kuvert an sich, streichelte mit der flachen Hand darüber hin, drängte sich schäkernd an den Vater und kicherte und lachte. »Erst wenn wir oben bei uns allein sind, Papachen, hier unten vor all den fremden Leuten nicht.« Sie war wie ein Kind, das eine langersehnte Leckerei in Händen hält und sich den Genuß aufspart, höchstens daß es ein bißchen daran nascht. Der Regierungsrat gab lächelnd nach. Der Brief war da, und das war ja die Hauptsache; die Gemütsruhe kehrte auch ihm zurück. Arm in Arm mit der Tochter lustwandelte er die Terrasse auf und ab. Die elektrischen Lichter, die in der Vorhalle des Hotels glühten, beleuchteten das Paar, das sich in den Schatten nach rechts und links verlor und dann aus dem Schatten wieder auftauchte. Die Gäste, die unter der Vorhalle saßen, wurden aufmerksam; ihre Augen richteten sich auf das schöne, schlanke Geschöpf, das in unbewußter Grazie neben dem alten Mann einhertändelte und eifrig auf ihn einredete, der freundlich schweigend zuhörte. Unter den Gästen war ein einzelner, elegant gekleideter junger Mann, der für sich an einem runden Tischchen saß und seine Zigarre zum Kaffee rauchte. Seine Augen gingen wie die der andern hinter Freda her; indem er ihr nachblickte, hörte und verstand er, was um ihn herum geflüstert wurde. »Deutsche?« »Heute abend angekommen. Vater und Tochter offenbar.« »Hübsches Ding, die Kleine!« »Klein würde ich sie nicht gerade nennen, hat aber Schick und, wie es scheint, Temperament.« »Die Freude wird von dem Brief herkommen, den ihr der Wirt vorhin gebracht hat.« »Einen Brief?« »Sehen Sie nicht, wie sie das Papier ans Herz drückt?« »Richtig – hatt' ich gar nicht gesehen.« »Faust hat aus Deutschland geschrieben, und sein blondes Gretchen freut sich.« Ein halb unterdrücktes allgemeines Lachen. »Das hat ein Talent zum Verliebtsein –- diese deutschen ›Jungfrauen‹.« Das Gelächter verstummte, denn die beiden, von denen man sprach, kamen jetzt heran, um durch die Vorhalle in das Hotel hineinzugehen. Indem sie die flachen Stufen überschritten, richtete der junge Mann sich auf und sah in Fredas Gesicht. »Sakrament –!« Ihr Gesicht war in verlegener Schamhaftigkeit erglüht, als sie die Blicke von rechts und links auf sich gerichtet sah; sie hatte sich enger an den Vater genestelt, ihre Augenlider waren etwas gesenkt – sie sah bezaubernd aus. Die Befürchtung des Regierungsrats, daß er die drei Treppen hinaufklettern müsse, war überflüssig gewesen; der Fahrstuhl trug sie über jede Anstrengung hinweg und zu ihren beiden Kämmerchen hinauf. Im Zimmer des Papas setzten sie sich beim Kerzenschimmer nieder und öffneten den Brief. Sie brauchten nicht viel Zeit, um ihn durchzulesen. Percival hatte sich sehr kurz gefaßt; offenbar hatte er nur ein Lebenszeichen von sich geben wollen; sein Brief war eigentlich nur eine Anzeige, daß er glücklich in Berlin angekommen war, eine Wohnung gefunden hatte, und daß es ihm gut ging. Morgen wollte er zu arbeiten anfangen. »Ihr Glücklichen«, so schloß der Brief, »schwelgt nun wohl schon, aller Sorge frei und ledig, in allen Wonnen des Südens?« Papa Nöhrings Lippen kräuselten sich unmerklich, als er dies letzte las; er sagte kein Wort. Freda las den Satz gleichfalls schweigend. Briefe sind wie Menschen; sie geben uns oft am meisten, solange sie noch stumm sind – wenn sie erst gesprochen haben, ist manchmal nicht mehr viel daran, und unsere Phantasie kann ihnen keinen Inhalt mehr verleihen. Das beste, beinahe das einzige, was ihr von dem Brief blieb, war das Bewußtsein, daß er das Papier in Händen gehalten hatte, daß es aus seiner Atmosphäre kam. Als sie den Vater umarmte, um ihn allein zu lassen, mußte sie sich Gewalt antun, um ihm ein heiteres Gesicht zu zeigen; als sie ihm aber »gute Nacht« wünschte, kam das Wort unwillkürlich wie ein Seufzer heraus. Sie ging in ihr Zimmer hinüber, wo das Fenster offen stand. Ohne Licht anzuzünden, setzte sie sich am offenen Fenster nieder und blickte lange in die Nacht hinaus. In dunkler Unermeßlichkeit lag das Meer vor ihren Augen; die Sterne standen darüber und leuchteten mit einer Glut, wie sie sie bisher niemals gesehen hatte – ein Bild der Herrlichkeit und Majestät. Sie sagte sich das und bemühte sich, es zu empfinden – wenn nur der dumpfe Druck nicht gewesen wäre, da in der Herzgegend, den sie schon neulich in Genua gefühlt hatte. Die freudige Aufwallung war verflogen; jetzt war es nicht mehr sie, die nach dem Grunde ihrer Mißstimmung fragte, sondern es war, als wenn von da drinnen, wo das Herz saß, etwas aufblickte und eine Frage an sie richtete. Und diese Frage war ihr unangenehm, sie wollte sie nicht hören, und um ihr zu entgehen, schloß sie das Fenster, ließ das Rouleau herunter und begab sich rasch zu Bett. Als sie aber auf dem fremden, ungewohnten Gasthauslager die Glieder ausstreckte, kam die Frage dennoch wieder, so deutlich, daß sie sie am Einschlafen verhinderte, und es war ihr, als hörte sie die Worte: »Wozu soll das alles nun eigentlich?« Viertes Kapitel Am nächsten Mittag um ein Uhr war Lunch, zu dem man sich wieder im großen Speisesaal versammelte. Freda hatte den ganzen Vormittag schneidernd über ihrer Garderobe gesessen, Papa Nöhring auf seinem Zimmer. Die Sonne brannte vom frühen Morgen an mit solcher Gewalt, daß man sich nicht in die Hitze hinaus getraute. Als sie ihre Plätze an der Tafel eingenommen hatten, bemerkten sie eine Persönlichkeit, die sie gestern nicht gesehen hatten. Schräg gegenüber von ihnen, an der andern Seite des Tisches saß ein junger Mann in hellgrauem Anzug, elegant, beinahe auffallend elegant gekleidet. Ein Brillant funkelte in seiner Krawatte; wenn er die Hände auf den Tisch legte, was er gern zu tun schien, sah man Ringe an seinen Fingern blitzen und unter der Manschette an der rechten Hand ein goldenes Armband, das sein Handgelenk umschloß. »Wahrscheinlich irgend solch ein reicher, junger, englischer Lord,« dachte Freda für sich, »der sein Geld in der Welt spazierenträgt.« Sie hatte zu ihm hinübergeblickt, nicht weil er sie besonders interessierte, sondern nur, weil das Gesicht ihr neu war. Im Augenblick, als sie nach ihm ausschaute, sah er von seiner Seite zu ihr hin mit einem ruhigen, beinahe gleichgültigen Blick; dann richteten beide die Augen vor sich hin und sahen sich nicht mehr an. Freda hatte so viel bemerkt, daß er einen sorgfältig frisierten, schwarzen Schnurrbart und einen spitzgeschnittenen Kinnbart trug, daß sein Haar in der Mitte des Kopfes gescheitelt und in zwei breiten, runden Flügeln in die Stirn hinuntergebürstet war, so daß es den etwas plumpen Stirnknochen halb verdeckte. Im nächsten Augenblick dachte sie nicht mehr an ihn. Physiognomien an der Gasthaustafel – Tropfen im Strom, der vorüberrauscht. Abends, als Freda mit dem Papa zur Mahlzeit erschien, war der »englische Lord« schon an seinem Platz. Jetzt aber nicht grau wie am Vormittag, sondern tadellos schwarz, im Gesellschaftsfrack und weißer Krawatte. Freda befand sich in einiger Aufregung, denn sie mußte heute abend den ersten Wettkampf mit den eleganten Französinnen und Italienerinnen bestehen. Sie hatte ein ausgeschnittenes Kleid angetan und über die Schultern ein Mäntelchen von orangefarbenem Sammet geworfen, das ihr der Papa einmal geschenkt und das ein rettender Instinkt sie hatte einpacken lassen. Als sie sich jetzt auf dem Stuhl niedergelassen hatte und das Mäntelchen von den Schultern legte, flammte ihr die Röte über das ganze Gesicht – der entscheidende Augenblick war gekommen; die Augen der Damen und Herren richteten sich auf sie. »Na – wie sieht es denn nun aus, das blonde Gretchen?« Unwillkürlich schlug sie die Augen nieder; unter den gesenkten Augenlidern aber gewahrte sie, wie auch der »englische Lord« zu ihr herübersah, und jetzt ging es ihr wie eine angenehme Wärme über die Brust – sein Blick blieb an ihr haften, er sah nicht fort; sie fühlte, daß sie ihm gefiel – und es freute sie, daß sie ihm gefiel. Ja, ja – sie freute sich, die stolze Freda. Nicht, weil es ihr auf den Menschen ankam, aber er erschien ihr in diesem Augenblick wie ein Prüfstein für ihre Erscheinung, beinahe wie ein Spiegel. Wenn sie diesem übereleganten Dandy gefiel – nun, so war ja wohl Aussicht vorhanden, daß sie auch vor den andern Gnade finden würde. Und sie fand Gnade, und wenn sie sich hätte sehen können, würde sie begriffen haben, daß es sehr erklärlich war, wenn sie Gnade fand. Aus dem ausgeschnittenen Kleide von mattgelber Brussaseide blühte der Nacken schlank wie ein Lilienstengel empor; daneben die Schultern, noch etwas jugendlich eckig, eben erst sich wölbend zur Rundung der Weiblichkeit, und unter den Schultern die reizend modellierten nackten Arme. Es war wie ein leises Raunen und Flüstern um sie her, und dieses leise, summende Geräusch berauschte sie. Ein Gefühl, das sie eigentlich noch nie im Leben empfunden hatte, das Gefühl geschmeichelter Eitelkeit, ging wie eine warme Welle über sie dahin; sie schwamm und badete förmlich darin, und indem sie anscheinend gleichgültig vor sich hin tafelte, bemerkte sie mit einer Freude, deren sie sich anfänglich erwehren wollte und schließlich ganz und gar nicht erwehren konnte, wie »der Lord« öfter und immer öfter die Augen auf sie richtete und mit unverhohlener Bewunderung auf sie hinstarrte. Papa Nöhring schien von der ganzen Aufregung, die neben ihm kochte und brodelte, nichts zu bemerken; in sich gekehrt widmete er sich der Mahlzeit, und es kam für Freda ein Augenblick, wo sie sich beinahe ärgerte, daß der Vater so gar keine Notiz von ihrem Triumphe nahm. Einen Frack hatte sie ihm nicht eingepackt; jetzt machte sie sich Vorwürfe darüber, denn die Folge davon war, daß er unter all diesen eleganten, befrackten Herren in seinem einfachen Alltagsrock saß. Morgen wollte sie wenigstens seinen schwarzen Überrock aus dem Koffer holen, denn daß er so dasaß – unmöglich! Als man das Dessert abgespeist hatte und die Tafel sich dem Ende näherte, erhielt Papa Nöhring von seiner Tochter einen leichten Ellenbogenstoß. Es begab sich etwas – er sollte aufblicken. Der junge Herr drüben hatte sich erhoben und verneigte sich gegen Nöhring Vater und Tochter mit einer beinahe feierlichen Höflichkeit. Freda war bis über die Stirn rot geworden und erwiderte seine Verbeugung, indem sie das Haupt neigte. Sie neigte sich um so tiefer, als sie bemerkte, daß der Papa den Gruß des Gegenübers nur ziemlich leicht zurückgab. Er hätte eigentlich etwas mehr tun können – einem solchen Mann gegenüber. Als sie von Tisch aufstanden, fühlte sie sich beinahe schwindelig. Das Blut war ihr zu Kopf gestiegen; und der letzte Vorgang war es, der hauptsächlich dazu beigetragen hatte. Was sollte das nur bedeuten? Das war ja eine Demonstration gewesen! Nicht viel anders als eine Huldigung! Sie raffte ihr Mäntelchen wieder um die Schultern und hing sich in den Arm des Papas, um mit ihm auf der Terrasse zu lustwandeln. Heute durfte der Papa auch nicht so früh wie gestern hinauf; es war ja zu köstliche Luft hier unten. Er schlug ihr vor, daß sie noch ein wenig vom Hotel fort und auf der Straße draußen spazierengehen wollten. Freda war nicht dafür. In ihrem Staatskleid, mit den zarten Schuhen draußen auf der Straße – er mußte selbst einsehen, daß das nicht gut ging. Natürlich sah er das ein und sagte nichts weiter. Daß es für sie viel verlockender war, hier auf der hellen Terrasse zu bleiben, wo alle Welt sie sehen und bewundern konnte, während draußen auf der dunklen Straße niemand sie gesehen hätte – ob er das auch einsah? Jedenfalls sagte er darüber nichts. Die Gesellschaft des Hotels saß teils in der Vorhalle, teils auf der Terrasse plaudernd und kaffeetrinkend um kleine Tische gruppiert. Freda schlug vor, daß sie sich doch auch an ein solches Tischchen setzen sollten; warum wollten sie sich immer absondern, als gehörten sie nicht dazu? Im nächsten Augenblick saßen sie bereits, und ein Kellner brachte ihnen Kaffee. Kaffee, zu so später Stunde, wäre wohl eigentlich nichts für ihn, meinte Papa Nöhring. Freda redete ihm zu. Es würde ihm gewiß nichts schaden; alle täten ja so, und es wäre doch so gemütlich. Er könnte ja seine Zigarre dazu rauchen. Also zündete er sich die Zigarre an und saß mit seiner Tochter, bis daß es ziemlich spät geworden war und Zeit, um hinaufzugehen. Als sie sich droben trennten, um sich zur Ruhe zu begeben, nahm er Fredas Kopf zwischen beide Hände, wie er es gewöhnt war, und küßte ihre weiße Stirn. Er sprach kein Wort, er sah ihr nur in die Augen, mit dem gleichmäßigen, freundlichen Lächeln, das sie an ihm kannte. Sie fragte nicht, was er meinte; sie begnügte sich damit, ihm schweigend auch ihrerseits zuzulächeln; dann ging sie in ihr Gemach. Die beiden Kerzen, die auf ihrem Tisch standen, zündete sie an und stellte sie zu beiden Seiten des Spiegels auf, der an der Wand des Zimmers hing. Dann nahm sie das Mäntelchen von den Schultern und betrachtete sich, wie sie im ausgeschnittenen Kleid im Spiegel erschien. Die Betrachtung dauerte ziemlich lange. Während sie sich ansah, kehrte das Lächeln in ihr Gesicht zurück, mit dem sie vorhin dem Vater gute Nacht geboten hatte, und dieses Lächeln blieb. Es ging auch nicht fort, als sie sich entkleidete und ins Bett legte; es war sogar noch da, als sie das Licht auslöschte. Nun war es dunkel, und niemand hätte mehr das zufriedene Gesicht sehen können, das in den Kissen lag. Und das war eigentlich gut; denn das Lächeln stand nicht so recht zu dem stolzen Gesicht der stolzen Freda Nöhring. Die klugen, bedeutenden Züge bekamen dadurch etwas Leeres, beinahe Törichtes, als wäre es gar nicht mehr Freda Nöhrings wirkliches Gesicht. Fünftes Kapitel Am nächsten Vormittag war es etwas weniger heiß. Nun also machte man sich auf, um Bordighera doch endlich kennenzulernen. Als sie einige Schritte weit auf der Straße gekommen waren, begegnete ihnen der junge Mann, der seinen Morgenspaziergang, wie es schien, bereits hinter sich hatte. Jetzt war er wieder hellgrau von oben bis unten; die Beinkleider waren, der Mode gemäß, über den gelben Lederschuhen aufgeschlagen. Indem er bei den beiden vorüberkam, zog er den Hut vom Kopf und grüßte. Einigermaßen überrascht dankte Papa Nöhring. »Wer ist denn das?« wandte er sich an seine Tochter. Freda lachte. »Keine Ahnung – es ist ja unser Visavis bei Tische – erinnerst du dich denn nicht?« »Ja, ja« – es fiel dem Regierungsrat ein, und zugleich, daß er ihm schon gestern abend seine Verbeugung gemacht hatte. »Wie kommt er denn darauf, daß er uns immerfort grüßt?« Freda drückte den Arm des Vaters. »Aber Papachen – immerfort – gestern zum ersten- und heute zum zweitenmal. Ist doch kein Unrecht, wenn jemand höflich ist?« Sie lachte unausgesetzt. Schweigend setzte Papa Nöhring seinen Weg mit ihr fort, am Ufer des Meeres entlang. Sie gingen ziemlich weit, auf der Straße nach San Remo zu. Freda machte sich vom Arm des Vaters los, und während dieser gemächlich auf der Chaussee weiterwanderte, schlüpfte sie an den Strand hinunter und watete mit aufgerafftem Kleidersaum durch den Uferkies. Der Regierungsrat sah ihr von oben zu, wie sie dahinschritt, mit der einen Hand das Kleid emporziehend, mit der andern das Sonnenschirmchen über dem Kopfe schwenkend, wie sie mit erschrecktem Lachen zur Seite wich, wenn eine Welle sich brandend überschlug und mit weißem Gischt bis an ihre Füße heranleckte – er sah ihr zu und dachte eines Menschen – wenn der sie hier gesehen hätte! Die Sonne stieg zur Mittagshöhe; es wurde heiß; Papa Nöhring wollte umkehren und rief es seiner Tochter zu. Freda zeigte ein etwas mauliges Gesicht. »Schon umkehren?« Es war ja so wundervoll kühl hier unten am Wasser. Aber der Papa bestand auf seinem Willen. Als sie zum Gasthause zurückkehrten und den Weg einschlugen, der hinter dem Hause am Bergabhange unter den Ölbäumen entlang führte, kamen sie an dem zum Hotel gehörigen Lawn-tennis-Platz vorüber. Eine Anzahl von Damen und Herren war beim Spiel; unter den Herren befand sich der »englische Lord«, jetzt natürlich im vorschriftsmäßigen Lawn-tennis-Anzug. Nöhrings blieben stehen, um dem Spiel zuzuschauen. Der junge Mann, der eben seinen Ball geschlagen hatte, wandte sich um, und als er Freda erkannte, richtete er aus der Entfernung einen langen, festen Blick auf sie. Papa Nöhring ergriff den Arm der Tochter und ging weiter. »Er gefällt mir eigentlich nicht recht«, sagte er nach einiger Zeit. »Wer?« erwiderte Freda kurz. »Na – der – unser Visavis – du weißt ja.« Freda sagte nichts. »Er hat so etwas von einem Dandy,« fuhr der Regierungsrat fort, »beinahe, wie man heutzutage sagt, von einem Gigerl.« »Kann ich aber wirklich nicht finden,« entgegnete sie, »wir sind's eben bei uns zulande nur nicht gewöhnt, daß junge Männer sich ein bißchen elegant anziehen; scheint mir aber eine ganz gute Mode.« Ihre Worte kamen hastig, beinahe empfindlich heraus. »Außerdem ist er doch wirklich sehr aufmerksam und höflich«, begann sie nach einer Pause von neuem. Jetzt schwieg der Regierungsrat, wie er meistens zu tun pflegte, wenn sich eine Meinungsverschiedenheit zwischen ihnen beiden ergab. Schweigend traten sie in das Haus ein, und schweigend fuhren sie im Fahrstuhl empor. Indem sie sich zum Lunch zurechtmachte, überlegte Freda, wie schade es war, daß sie bei sich zu Hause keine Gelegenheit gehabt hatte, Lawn-tennis zu lernen. Man erfuhr da oben doch auch nichts von der großen Welt! Rein gar nichts! Beim Lunch wiederholte sich der Vorgang von gestern: gemessene Verbeugung des jungen Mannes, diesmal aber nicht erst zu Ende der Tafel, sondern schon als er Platz nahm, errötende Verneigung von seiten Fredas, ziemlich kurzer Dank des Regierungsrats. Bei der Mahlzeit am Abend desgleichen. Freda kam es vor, als ob der Papa eigentlich immer kürzer dankte, je respektvoller jener sich verneigte. Sie begriff den Papa gar nicht recht – was hatte er denn nur? Nach dem Essen, als sie auf der Terrasse an ihrem kleinen Tisch saßen, wo Papa Nöhring jetzt ganz gehorsam seinen schwarzen Kaffee trank, begab sich wieder etwas. Nöhrings hörten sich plötzlich auf deutsch angesprochen; als sie aufblickten, stand der elegante Fremde vor ihnen. Er hielt eine Zeitung in der Hand. »Interessiert es Sie vielleicht?« wandte er sich mit artiger Verbeugung an den Regierungsrat, indem er ihm das Blatt anbot. »Wir haben ein Lesezimmer im Hotel,« fuhr er fort, »aber keine deutschen Zeitungen, das heißt, keine aus Deutschland. Der ›Berner Bund‹ wird gehalten und die ›Neue Züricher Zeitung‹, beides Schweizer Zeitungen in deutscher Sprache, sehr lesbar beide, und bringen vielfache Nachrichten aus Deutschland.« Papa Nöhring war ganz verblüfft von dem Überfall. »Sie – sind sehr liebenswürdig«, sagte er, indem er das Zeitungsblatt in Empfang nahm. An dem Tisch stand ein dritter Stuhl. Papa Nöhring sah den Stuhl an, ohne etwas zu sagen. Zwanglos nahm der Fremde Platz. Er saß zwischen Vater und Tochter, und seine ruhige Sicherheit stach bemerkbar von der Verlegenheit der beiden ab. Denn sie waren sehr verlegen, Freda nicht minder als der Papa. Da war er also in ihrer unmittelbaren Nähe, dieser Mensch, der Eindruck auf sie machte, sie wußte selbst kaum, warum. Sie wußte es nicht, und doch war die Erklärung so einfach – sie war eine Deutsche, noch dazu aus einer kleinen Stadt – und er war ein Fremder. Wäre er ihr da oben, zu Hause, als »gewöhnlicher« Deutscher begegnet, er hätte wahrscheinlich nicht die geringste Wirkung auf sie geübt – jetzt war sie in der Fremde, und in der Fremde ist der Deutsche ein andrer Mensch als bei sich zu Hause. Nicht, daß ihm der Fremde immer sympathisch wäre – im Gegenteil, manchmal ist er ihm durchaus unangenehm und gegen den Strich – aber das ändert nichts an der Sache, er imponiert ihm unbedingt. Wieviel ist über diese Erscheinung bereits gesagt worden, wie verschieden hat man sie zu erklären versucht! Selbstbeschönigend bezeichnet man es als eine Tugend des Deutschen, der das Fremde willig in sich aufnimmt und die eigene Art in der fremden aufgehen läßt. Aber das ist Heuchelei; denn wir nehmen den Fremden nicht auf wie ein Hausherr, der einen Gast empfängt, sondern wie Dienstboten, die einen neuen Herrn bekommen. Man tut dem deutschen Volke einen schlechten Dienst, wenn man ihm als Tugend auslegt, was eine Schwäche ist, wenn man ihm vorspiegelt, daß es in dieser Beziehung andern Nationen voranstehe, während es darin allen nachsteht, wenn man diesen Mangel an Stolz fälschlicherweise mit dem stolzen Begriffe der »Herzenshöflichkeit« umkleidet. Wir sind schüchtern von Natur – darum erscheint uns der Fremde, der uns prüfend ansieht, ohne weiteres als der berufene Richter. Wir sind im Grunde unsrer Natur Phantasiemenschen – darum erscheint uns das Fremde mit poetischem Nimbus verklärt. Denn alles, was anders aussieht als die tägliche Umgebung, ist ein neues Weltbild, und jedes neue Weltbild ist ein Stück Poesie; es erlöst uns von dem, was wir täglich gesehen haben und dessen wir überdrüssig geworden sind. Eine neue Sitte, die wir dem Fremden zuliebe annehmen, eine neue Tracht, die wir anlegen, um ihm ähnlich zu werden, verwandelt uns gewissermaßen, macht uns zu andern Menschen, als wir bisher gewesen sind. Darin liegt ein poetischer Reiz, denn es befreit uns von unsrer eigenen Persönlichkeit. So wirken die Ursachen zusammen, die es uns zum Bedürfnis machen, im Fremden aufzugehen, und dieses Zusammenwirken mochte es sein, was unbewußt die Seele des deutschen Mädchens dort erfüllte, als sie jetzt neben diesem unbefangenen fremden Mann so befangen dasaß, so ihrer gewöhnten Sicherheit beraubt, daß sie auf die paar höflich gleichgültigen Worte, die er an sie richtete, kaum zu antworten vermochte. Allzulange dauerte die gespannte Lage indessen nicht. Mit artigem Lächeln stand er auf. »Ich darf Sie in Ihrer Lektüre nicht stören«, wandte er sich an den Regierungsrat. Dann verneigte er sich gegen Freda. Indem er es tat, sah er ihr mit einem festen Blick in die Augen. Er zog sich zurück. Gleich darauf sah Freda ihn im Kreise der jungen Damen, mit denen er heute vormittag Lawn-tennis gespielt hatte. Er sprach mit ihnen jetzt ebenso geläufig Englisch, wie er vorhin mit ihr und dem Papa Deutsch gesprochen hatte. Was war er denn nun eigentlich? Ein Engländer? Ein Deutscher? Ihre Gedanken beschäftigten sich notgedrungen immer mehr mit ihm, immerfort. Mit welcher Leichtigkeit er sich überall bewegte. Der Verkehr mit der großen Welt bot für ihn absolut keine Schwierigkeit. Und sie stand vor dieser großen Welt wie vor einer verrammelten Pforte. Dabei sprach er Deutsch wie ein Deutscher. Wenn er ein solcher war – nun, dann war es mit dem »englischen Lord« freilich nichts, aber andrerseits brachte ihn das ihr mit einem Schlage um so viel näher. Landsleute, die man im Auslande trifft, erscheinen einem ja halb und halb wie Bekannte. Empfand sie es nicht jetzt schon wie eine Art von Zwang und Bann, daß sie nur mit dem Vater sprechen konnte und immer nur mit ihm? Jetzt war noch einer da, mit dem man sich unter Umständen unterhalten konnte – und was für einer. Sie sagte es sich im stillen, indem sie ihn unmerklich mit den Augen verfolgte und wahrnahm, wie er plaudernd und scherzend die Gesellschaft da drüben beherrschte. Schweigend saßen beide Nöhrings an ihrem Tischchen, der Regierungsrat in seine Zeitung versenkt, Freda in Gedanken verloren. Endlich erhob sich der Regierungsrat. »Ich muß die Zeitung ins Lesezimmer zurückbringen.« Die Tochter begleitete ihn. Als sie vor dem großen Tisch standen, auf welchem die Journale lagen, ließ Papa Nöhring einen öden Blick darüber hingehen. Freda stöberte in den illustrierten Blättern. »Siehst du, Papachen, eine Menge Stoff für Stunden, wo du nichts Besseres vorzunehmen weißt.« Er nickte etwas mürrisch, als wollte er sagen: »Dazu reist man auch Hunderte von Meilen von Hause fort.« »Es war doch aber wirklich sehr liebenswürdig von dem Herrn,« nahm sie das Gespräch wieder auf, als sie mit dem Papa im Fahrstuhl saß, »daß er dir die Zeitung brachte, das mußt du doch zugestehen?« Papa Nöhring gestand nichts zu. Er blickte stumm auf den Teppich, der den Fußboden des Fahrstuhls bedeckte. Es war, als wenn sich ein unausgesprochener Kampf zwischen beiden entwickelte; sie wollte durchaus das Gespräch auf den Fremden bringen, er wollte nicht darauf eingehen. Als sie ihm heute gute Nacht sagte, vermißte sie das gewohnte freundliche Lächeln an ihm. So gingen die Tage hin, und im Laufe der Tage lernte man nun allmählich Bordighera und seine nächsten Umgebungen kennen. Über die nächsten kam man vorläufig nicht hinaus, weil die Wärme von Tag zu Tag stieg und weitere Ausflüge unratsam erscheinen ließ. Ganze Stunden des Tages hindurch war Papa Nöhring gezwungen, in seinem Zimmer zu sitzen oder auf der Terrasse des Hotels, unter dem Schutze ausgespannter Leinenzelte. Am liebsten aber saß er still für sich da oben. Das Verhältnis mit dem Unbekannten machte keine Fortschritte. Er begrüßte Nöhrings, wo er ihnen begegnete, an der Tafel und auf Spaziergängen draußen; dabei aber hatte es sein Bewenden; näher trat er ihnen nicht; eine Annäherung hatte er seit jener ersten nicht wieder versucht. Allmählich fing es Freda an zu wurmen, daß er nicht näher kam. Sie war allein mit dem Papa – jener war mit der ganzen Hotelgesellschaft bekannt. Das war der Unterschied. Für ihn gab es keine Langeweile; er hatte Menschen zur Verfügung, soviel er wollte. Es regte sich etwas wie eine Art von Eifersucht in ihr. Wenn sie bei Tische ihm gegenüber Platz nahmen, wenn sie ihm auf Spaziergängen begegneten, so wartete sie auf seinen Gruß. Sie lauerte beinahe darauf. Seine Aufmerksamkeit war ihr schon zum Bedürfnis geworden; sie hätte sie nicht mehr entbehren können. Jedesmal, wenn er sie begrüßte, sah er ihr in die Augen, immer länger, immer tiefer, immer bohrender. Und sie senkte schon nicht mehr die Augen, sie erwiderte seinen Blick. Die stolze Freda Nöhring, die Amazone, die Walküre. – Es war, als wenn seine Blicke einen weichen Fleck in ihrer Natur entdeckt hätten, und da drangen sie ein, langsam, unaufhaltsam, zielbewußt, wie Meißel, und der weiche Fleck breitete sich aus, wuchs immer weiter; der Stolz dieser Natur fing an zu bröckeln, langsam, Stück für Stück, wie ein Eisberg abbröckelt, der in ungewohntes südliches Wasser gerät. Und alles das hinter dem Rücken des Vaters. Dieses schweigende Wechselspiel ihrer Augen ging an ihm vorbei, und er merkte nichts davon – wenigstens schien es so. Er sagte kein Wort. Nur sein Gesicht verlor mehr und mehr den gewohnten freundlichen Ausdruck; mißmutig schaute er drein, und es war ein passiver Widerstand, den er den Annäherungsversuchen des Fremden entgegensetzte. Dieser merkte es wohl. Freda merkte es auch, und allmählich wuchs etwas in ihrer Seele, was sie nicht gekannt hatte bisher, was sie nicht für möglich gehalten haben würde bisher, ein Gefühl des Grolls gegen den Vater. Warum widersetzte er sich dem Menschen? Was hatte er gegen ihn? Warum verwehrte er ihr, mit ihm zusammenzukommen? Er mußte doch fühlen, wie einsam sie war, wie sehr sie sich langweilte. War sie nicht Fleisch und Blut wie andre? Alle ihre Versuche, das Gespräch auf ihn zu bringen, prallten an dem Stillschweigen des Vaters ab. Papa Nöhring hatte es in der Art, daß, wenn ihm etwas unangenehm war, er sich in sich selbst zurückzog und schwieg, beharrlich schwieg. Sie kannte diese Art an ihm; jetzt empfand sie dieselbe beinahe mit Verzweiflung. So entstand zwischen Vater und Tochter eine Art von dumpfer Spannung; einsilbig gingen sie nebeneinander her; die Spaziergänge, die sie machten, wiederholten sich, immer am Strande hinauf und den Strand herab – wie lange sollte das so weitergehen? An einem Nachmittag war es, als sie von solchem Gang zurückkehrten, beide mißmutig, der Regierungsrat beinahe übellaunig. »Es ist eben,« murrte er, indem er in die Hotelpforte trat, »nirgends und nirgends ein wirkliches, echtes Grün in der ganzen Gegend!« »Oh, wenn Sie danach suchen,« hörten sie in dem Augenblick eine Stimme hinter sich, »dann müssen Sie einmal nach dem Tale von Dolceacqua einen Ausflug machen. Sind die Herrschaften da schon gewesen?« Nöhrings blickten auf. Der Fremde stand vor ihnen. Unwillkürlich hellten Fredas Züge sich auf. Seine Stimme hatte ihr geradezu belebend geklungen. Der Regierungsrat war gefangen. »Dolceacqua? Kann man das zu Fuß erreichen?« »Nein, es ist eine Wagenfahrt.« »So, so« – aber der Regierungsrat hatte bemerkt, daß das Hotel nur eine Kutsche besaß, und die war alle Tage schon in Beschlag genommen. »Natürlich«, lachte der junge Mann. Es wäre auch ein schlechtes Vergnügen, in dem schweren Rumpelkasten auf der sonnigen Chaussee entlang zu fahren. Wenn die Herrschaften erlaubten, würde er ihnen morgen früh einen leichten Wagen aus dem Orte besorgen, mit einem echten italienischen Leinendach darüber, in dem man vortrefflich säße und gegen die Sonne geschützt wäre. Fredas Augen leuchteten. Lächelnd schaute er sie an. Und wenn die Herrschaften erlaubten, so böte er sich ihnen als Führer an; im Tal von Dolceacqua stände die Ruine der alten Stammburg der Dorias. Richtig – davon hatte Freda ja im Baedeker gelesen! Wie ein Kind hatte sie aufgeschrien; es war wie eine Annahme des Anerbietens, eine sofortige, unbedingte Annahme. Papa Nöhring ließ den Kopf hängen. Konnte er hiernach noch ablehnen? Er fühlte sich überrumpelt. »Also – morgen früh – soll es losgehen?« Morgen, nach dem ersten Frühstück, würde der Wagen an der Hotelpforte bereitstehen; sie würden sich bloß hineinzusetzen brauchen – alles weitere würde besorgt werden. Seine Blicke kreuzten sich wieder mit Fredas Blicken. »Du wirst alles schon so besorgen, daß es dir gefällt«, sagten ihre Augen. »Ich werde alles schon so besorgen, daß es dir gefällt«, erwiderten die seinigen. Den ganzen Rest des Tages über war Freda in heiterster Stimmung. Das Blut ging wieder rascher durch ihre Adern. Endlich einmal etwas Neues! Endlich einmal hinaus! Und der Löwe des Hotels würde ihr Reisemarschall sein! Mochte der Papa brummen; mochte er zwischen den Zähnen »von einem Menschen, der sich einem mit Gewalt aufdrängt«, murmeln, sie ließ ihn brummen, sie hörte nicht darauf hin. Ihr Sinnen und Trachten war jetzt einzig darauf gerichtet, sich eine Toilette auszudenken, in der sie morgen früh »mit Anstand« erscheinen könnte, in der sie »seiner würdig« sein würde. Ihre Bemühungen waren mit Erfolg gekrönt. Als sie am nächsten Morgen erschien, sah sie reizend aus. Ein Kleid von weißem, türkischem Baumwollenstoff umschloß ihre schlanken Glieder; ein kleiner, mit natürlichen Blumen geschmückter Strohhut bedeckte das Haupt, ohne das reiche, schöne Haar zu verbergen; in der ganzen schlanken Gestalt, die sich auf zwei feingeformten, in gelbe Schuhe gekleideten Füßen einherbewegte, war etwas Lebenatmendes, Duftiges, Freudiges, daß, als sie auf die Terrasse des Hotels in die Sonne hinaustrat, sie aussah wie der deutsche Frühling, der bei dem italienischen Sommer zum Besuch kam. Papa Nöhrings Gesicht wurde hell beim Anblick dieser Lieblichkeit an seiner Seite, und der »Reisemarschall«, der schon am Wagen bereitstand, empfing sie mit strahlendem Blick. Man setzte sich ein. Freda hatte noch nie einen solchen italienischen Landwagen mit seiner Vorrichtung gegen die Sonnenglut gesehen. Sie amüsierte sich über das luftige Leinendach, das, von vier schlanken Eisenstäben getragen, über ihren Köpfen schwankte. Man plauderte, man lachte, in bester Laune fuhr man davon. Der »Reisemarschall« bewährte sich in seiner Eigenschaft. Er schien die Gegend aus- und inwendig zu kennen; Weg und Steg war ihm vertraut, jeder Felsvorsprung in der Nähe, jeder Berg in der Ferne; er wußte ihre Namen und nannte sie. Jedes Dorf war ihm bekannt, durch das sie hindurch, jede Villa, an der sie vorbei kamen; er wußte, wem sie gehörte, und ob der Besitzer anwesend war oder nicht. Man hätte meinen können, daß er hier in der Gegend ansässig und zu Hause, nicht daß er nur ein Fremder und nur Gast wie andere sei. Nöhrings hörten seinen Erklärungen zu, Freda beinahe mit Andacht, der Papa mit Staunen. Es war ihnen, als lernten sie das Land, wo sie sich befanden, zum erstenmal sehen und kennen, als hatten sie vor einem verschlossenen Buch gestanden. Dieser da löste ihnen heute das Siegel. »Dieser merkwürdige, bedeutende Mensch«, dachte Freda. »Dieser hellgrau eingebundene Baedeker auf zwei Beinen«, dachte Papa Nöhring für sich. Der Weg, den sie dahinfuhren, war wunderschön. Bald ging er am Meer entlang, dann wieder, vom Strand abbiegend, durch Ölbaumwaldungen und zwischen engen, sonnendurchglühten Mauern hin, über welche die Agaven ihre dicken, stacheligen Blätter herabhängen ließen, während die Wurzeln von Feigenbäumen sich in das Mauergestein einkrallten und es hier und dort aufrissen und durchbrachen. Vor ihnen erhoben sich die blauschillernden, runden Bergkuppen, die hinter Ventimiglia aufragen, und hinter diesen, wie ein kolossaler Theaterprospekt, türmten sich schneebedeckt die Seealpen empor. Freda war ganz in den herrlichen Anblick versunken. Die frische Meeresluft umspielte ihre Wangen. Unwillkürlich, als wollte sie den erquickenden Hauch tiefer einsaugen, hatten sich ihre Lippen halb geöffnet, so daß man die weißen Zähne dahinter schimmern sah. Indem ihre Augen jetzt aus der Weite zurückkehrten und den jungen Mann trafen, der ihr gegenüber auf dem Rücksitz des Wagens saß, schloß sie jählings den Mund. Etwas Unerklärliches hatte sie überlaufen; sie hatte die Augen des Mannes auf sich und auf ihren Mund gerichtet gesehen – mit einem Blick – was war es nur gewesen? Etwas Gieriges, Wüstes, beinahe Entsetzliches. Unwillkürlich senkte sie die Augenlider, wie man tut, wenn man in zu grelles Licht gesehen hat. Als sie die Augen wieder öffnete, saß er ihr gegenüber, wie er ihr bei Tisch gegenüberzusitzen pflegte, gleichmütig lächelnd, ohne eine Spur von Verlegenheit, ohne daß ihm eine Wimper zuckte, völlig unverändert. War das eine Sinnentäuschung gewesen? Eine Halluzination? »Blendet Sie das Licht?« fragte er mit seiner hellen, angenehmen Stimme. »Die Sonne meint es etwas zu gut.« Er deutete zur Seite, wo das Meer wie ein ungeheurer Brennspiegel die Sonnenstrahlen auffing. »Aber es dauert nicht mehr lange«, fuhr er fort. »Wir biegen gleich vom Strande ab, und dann wird es besser; da haben Sie die Sonne im Rücken.« Seine unerschütterliche Ruhe, die verbindliche Art, in der er sprach – Freda schalt sich im stillen wegen ihrer kindischen Anwandlung. Was mußte er von ihr gedacht haben! In diesem Augenblick vollzog sich, was er prophezeit hatte, der Wagen bog rechts ins Land hinein, und gleich darauf fuhr der Regierungsrat wie elektrisiert empor. »Freda,« rief er, »Bäume, Bäume!« Eine Allee von mächtigen Platanen tat sich vor ihnen auf, in deren Schatten sie jetzt dahinrollten. Der alte Mann wurde ganz ausgelassen vor Vergnügen. Er schwenkte den Hut vom Kopf. »Endlich kann man doch wieder einmal Atem holen!« Er war ausgesöhnt mit der Fahrt. Das Tal erinnerte ihn an die Heimat, und je weiter sie hineinkamen, um so üppiger wurde das Grün, um so mannigfaltiger der Baumwuchs, um so lauschiger die grüne Bergwildnis ringsumher. Sie fuhren jetzt an einem fließenden Wasser hinauf, das hoch aus den Bergen droben kam und rasch, rasch, rasch, als könnte es sein junges Leben gar nicht rasch genug beenden, zum Meer hinuntertrippelte. Dann ging es über eine kühn geschwungene Bogenbrücke in ein kleines, aus finsteren, steinernen Häusern zusammengewürfeltes italienisches Städtchen hinein – und hier, vor einer Osteria, hielt der Wagen an. Sie waren am Ziel. Über dem Städtchen, malerisch sich abhebend von einem Bergvorsprung, stand die Ruine der alten Doriaburg. Sobald man anhielt, war der »Reisemarschall« aus dem Wagen hinaus und in der Osteria verschwunden. »Ich schlage vor,« sagte er, als er zurückkam, »daß wir zunächst zur Ruine hinaufgehen und dann hier unten frühstücken. Ich habe eine Kollation bestellt – echt italienisch – das müssen die Herrschaften doch auch einmal kennenlernen.« Natürlich mußte man das kennenlernen. Nicht Freda allein, diesmal war auch der Regierungsrat der Ansicht. Immer unter seiner Führung stieg man also durch die engen modrigen Gassen des Städtchens hinauf, bis daß man auf der Höhe und bei der Ruine angelangt war. Hier wurde die Aussicht auf das ferne Meer genossen, in dem alten, vermorschten Mauerwerk ein wenig herumgeklettert, dann machte man sich auf den Rückweg, zur Kollation. Das Frühstück war schon fertig, als sie ankamen. Im besten Zimmer der Kneipe war der Tisch gedeckt; zwei langhalsige, mit Stroh umflochtene Flaschen prangten auf der Tafel. Durstig, wie er war, wollte sich Papa Nöhring von dem dunkelroten Wein, der in den Flaschen leuchtete, ein Glas einschenken. Der »Reisemarschall« aber bedeutete ihn lächelnd, daß er dann Öl statt Wein trinken würde. Er nahm die Flaschen und zeigte, wie man kunstgerecht die Ölschicht, womit in Italien der Flaschenhals geschlossen wird, abschnippt. Mit brummigem Lächeln sah Papa Nöhring, mit Staunen Freda ihm zu – er wußte alles, er kannte alles; alle Verhältnisse gehorchten ihm. Mit einer großen, dampfenden Schüssel erschien jetzt die Wirtin. »Vermicelli mit Tomaten!« erklärte der »Reisemarschall« mit launig feierlicher Betonung, »das nationalste aller Nationalgerichte dieses Landes.« Und nun begann ein Essen mit Hindernissen. Freda und deren Vater, denen das Gericht fremd war, wurden gar nicht fertig damit; die fetten, rundlichen Nudeln glitten ihnen von der Gabel, und wenn sie einen Bissen zum Mund führen wollten, war die Gabel leer. Jedesmal gab es dann ein Aufschrei und Lachen, und unterdessen schob der Fremde große Portionen des Gerichts in den Mund. »Wie bringen Sie denn das nur fertig?« meinte Papa Nöhring, »das ist ja eine ganz unmenschliche Esserei.« »Übung macht den Meister«, entgegnete jener, indem er sich einen neuen Haufen auf den Teller füllte. »Ja – sind Sie denn eigentlich von hier? Man sollte es wirklich glauben«, erkundigte sich Papa Nöhring weiter. Der Fremde schien die Frage überhört zu haben. Sein Augenmerk war auf Freda gerichtet, die eben einen erneuerten Versuch machte und nach einem Bissen schnappte. Sie sah ganz aufmerksam darein; ihr schöner Mund machte so niedliche Bewegungen – »Bravo!« rief der »Reisemarschall«, »diesmal ist's geglückt.« Sie hatte eine Portion in den Mund balanziert. »Schmecken Ihnen die Vermicelli?« fragte er weiter. »Vortrefflich«, entgegnete sie. Dann sprang sie auf, spickte dem Papa eine Gabel voll und half ihm dieselbe zum Munde führen. »Du fütterst mich ja wie ein Kind«, meinte der Regierungsrat. Sie küßte ihn hastig auf den Kopf. Ihr war so frei, so leicht, so glücklich zumute. Und diese fröhliche Stimmung wurde allgemein. Man trank von dem roten Landwein, den die beiden strohumflochtenen Flaschen hergaben, und nachdem man mit den Vermicelli zustande gekommen war, tat man sich an weißem Ziegenkäse gütlich. »Na – jetzt kann man doch endlich sagen, daß man in Italien gewesen ist«, sagte Freda, indem sie sich mit gesättigtem Behagen im Stuhle zurücklehnte. »Gefällt es Ihnen in Italien?« fragte der Begleiter, indem er ihr über den Tisch in das vom Wein rosig angehauchte Gesicht blickte. »Aber sehr«, versetzte sie. Rückhaltlos gab sie seinen Blick zurück; es überkam sie wie eine süße Auflösung. »Wir müssen Ihnen wirklich dankbar sein«, hub sie wieder an. »Sie haben uns die Gegend gewissermaßen aufgeschlossen.« »Sie machen mich stolz«, entgegnete er, »aber es gibt hier noch vieles und noch Schöneres zu sehen.« Er füllte sein Glas. »Vielleicht gestatten die Herrschaften mir, daß ich Ihnen auch fernerhin noch hie und da meine Dienste zur Verfügung stelle?« Mit einer respektvollen Verbeugung näherte er sein Glas dem des Regierungsrats, und nachdem er mit ihm angestoßen hatte, wandte er sich zu gleichem Zweck an Freda. Ihre Gläser begegneten sich über der Mitte des Tisches, und im Augenblick, als sie aneinanderklangen, erbebte Freda – der kleine Finger des Fremden hatte hinter dem Glase herumgegriffen und sich auf ihren kleinen Finger gelegt, ihn fest anpressend an das Glas; und während ihr das Herz in der Brust emporschlug, als wollte es sie übermannen, blieben seine Züge unverändert, wie aus Stein gemeißelt. Sie nippte an ihrem Glase, setzte es nieder und senkte die Augen auf das Tischtuch – es war, als wenn ein glühender Funke aus dem Finger des fremden Mannes zu ihr hinübergesprungen und in ihr tiefstes Innere gedrungen sei. Er näherte sich – er kam. – Nachdem die größte Hitze vorüber war, machte man sich auf den Heimweg, und spät am Nachmittag erst, als es schon zu dämmern begann, kehrte man in das Gasthaus zurück. »Besten Dank, wirklich besten Dank«, sagte Papa Nöhring, indem er dem jungen Mann die Hand schüttelte. Ohne ein Wort zu sagen, legte auch Freda ihre Hand in die seine. Sie gedachte des Fingers, der sich verstohlen auf ihren Finger gedrückt hatte – die Verwirrung stieg ihr in die Wangen, wie eine schwere, glühende Rose sank ihr das Haupt auf die Brust. Als Nöhrings ihre Zimmer erreichten, fanden sie eine Überraschung vor; ein Brief von Percival lag auf dem Tisch des Regierungsrats. »Siehst du, was das heute für ein Tag ist!« rief Freda aus. Die Ankunft des Briefes erschien ihr wie ein gutes Omen. Mit stürmischer Zärtlichkeit fiel sie über den Vater her, umarmte und küßte ihn. Percivals Brief war auch diesmal nicht übermäßig lang, aber doch etwas länger als der erste. Zunächst kamen Mitteilungen über Berlin, wo er nun mitten in der Arbeit saß und wo alles gut ging. Dann erzählte er von Haus, wo er mittlerweile zum Besuche gewesen war. Wallnows waren wohl und munter, ebenso Benneckes, und ließen vielmals grüßen – Der Regierungsrat, der bis dahin laut vorgelesen hatte, wurde plötzlich still – Freda, die ihm behaglich zuhörend gegenüber gesessen hatte, blickte auf. Sie sah, wie er den Brief stumm zu Ende las und ihn dann mit schwerer Hand auf den Tisch legte. Der heitere Ausdruck war von seinem Gesicht verschwunden; ein Schatten lagerte darauf. Leise nahm sie das Schreiben auf. Die Stelle, wo der Vater abgebrochen hatte, war bald gefunden. »Was Schottenbauer anbelangt,« schrieb Percival, »so kann ich von ihm nichts sagen. Ich habe ihn nicht wiedergesehen, ich weiß nicht, wo er steckt, überhaupt weiß es niemand recht. Er soll vom Gericht fort sein. Leider habe ich neulich, als ich drüben war, keine Zeit gehabt, bei seiner Wohnung heranzugehen. Ob er an ein anderes Gericht versetzt ist oder den Referendar überhaupt an den Nagel gehängt hat, ich kann's nicht sagen. Bei Benneckes ist er noch einmal gewesen. Tante Löckchen meinte, sie hätte ihn kaum wiedererkannt, so verändert wäre er gewesen. Eine halbe Stunde hätte er bei ihnen gesessen und kein Wort gesprochen und nach niemand gefragt. Es ist recht traurig. Wenn ich etwas über ihn erfahre, schreibe ich.« Damit schloß der Brief. Eine Nachschrift folgte: »Im Garten bin ich neulich auch gewesen. Die Nachtigall ist wieder da, und der Flieder blüht, als wenn er's bezahlt kriegte. Schade beinahe, daß ihr das versäumt.« Lautlos, wie sie ihn aufgenommen, legte sie den Brief wieder hin. Der Regierungsrat sprach kein Wort. Eine drückende Stille trat ein. Freda stand auf und ging hinaus, in ihr Zimmer hinüber. Schottenbauer – mein Gott – wie ein halbverwehter Klang drang der Name zu ihr heran, wie die Erinnerung an einen Traum, wie ein Wort aus einer Sprache, die man nicht mehr versteht. Jetzt dieser Name – und hier – wie plump er eigentlich klang – es fiel ihr zum erstenmal auf, und sie mußte beinahe darüber lachen. Daß er auch gerade jetzt an ihr Ohr dringen mußte, jetzt, wo seit heute nachmittag dieses dumpfe Rauschen in ihrer Brust war, dieses eigentümliche, das sich anhörte, als wenn in ihrem innersten Innern, in den tiefsten Kammern ihres Blutes ein Feuer angezündet worden wäre, das knisternd und prasselnd um sich griff – Ihr war, als stände sie im brennenden Sonnenschein inmitten einer Wiese, von fremdartigen Blumen umringt, aus deren großen offenen Kelchen ein wundersamer, schwüler Duft strömte, und während sie dastand, zog ferne an den kahlen Hügeln dort oben ein Schatten vorbei, langsam, lautlos gleitend, zu ihr hinblickend, noch einmal, bevor er verschwand, und immer noch einmal zu ihr hinblickend, ob sie nicht Zeit finden würde, ein einziges Mal auf ihn zu schauen – Sie warf das Haupt auf und lächelte mit zuckenden Lippen. Nein, wahrhaftig – sie hatte keine Zeit für ihn! Und sie dachte daran, daß es Zeit war, sich zum Essen anzuziehen; sie legte das Kleid von Brussaseide an, von dem sie wußte, wie reizend es ihr stand, und trat vor den Spiegel und sah, wie ihr weißer Hals aus dem matten Gelb des zarten Stoffs hervorblühte – entzückend – und über der Brust, die unter dem Kleid wie die Erwartung auf und nieder wogte, nestelte sie eine purpurrote, volle Rose fest. Und nun war sie bereit – und die große Glocke des Hotels rief hinunter in den Speisesaal. Sie wartete, daß sie drüben die Tür des Vaters klappen und ihn hinaustreten hören würde. Er kam nicht. Endlich entschloß sie sich, selbst zu gehen und ihn zu rufen. Als sie die Tür seines Zimmers öffnete, sah sie den Vater am Tisch sitzen. Er hatte beide Kerzen angezündet; Manuskripte lagen vor ihm ausgebreitet. Sie erkannte mit einem Blick, was für Manuskripte es waren. Aber sie tat, als bemerkte sie nichts. »Es wird Zeit, Papachen«, sagte sie mit unbefangenem Ton. Der Regierungsrat fuhr auf; er hatte das Läuten, so schien es, und ihr Eintreten gänzlich überhört. Jetzt richtete er das Gesicht zu ihr hin. In seinen Augen war ein dunkler, heißer Blick, wie sie ihn noch nie an ihm bemerkt hatte. Dann stand er auf. Freda trat hinein. »Komm, Papachen«, sagte sie lachend, indem sie seinen schwarzen Gehrock aus dem Schrank nahm und mit beiden Händen vor ihn hinhielt, damit er ihn anziehen sollte. Er war noch in dem Vormittagsanzuge, in dem er den Ausflug nach Dolceacqua gemacht hatte. Papa Nöhring machte Miene, als wollte er dem Willen der Tochter willfahren. Dann nahm er ihr den schwarzen Rock ab und warf ihn über eine Stuhllehne. »Ah – wozu!?« sagte er. Und das Wort kam so unwirsch heraus, daß Freda keine Einwendung mehr zu machen wagte. Ohne ein Wort zu erwidern, nahm sie seinen Arm und stieg mit ihm die Treppe hinunter. Sechstes Kapitel Etwas spät kamen Nöhrings heute zu Tisch; die übrigen Gäste waren schon in voller Tätigkeit. Der Regierungsrat hielt den Kopf gesenkt. Der Gruß des Gegenübers wurde heute noch kürzer beantwortet als gewöhnlich. Es sah beinahe aus, als hätte er ihn am liebsten gar nicht gesehen. Ein fragender Blick kam zu Freda herüber. »Ist etwas vorgefallen?« Es fehlte nicht viel, so hätte sie ihm zugenickt: »Ja – es ist etwas vorgefallen.« Sie mußte an sich halten. Nun wußte sie ja mit einemmal, woher die Abneigung des Papas gegen jenen dort drüben kam. Daß sie daran auch nicht früher gedacht hatte! Aber zugleich regte sich jetzt die Auflehnung in ihr. War sie darum von Hause fortgegangen, um jetzt, weil der Name jenes Menschen zufällig erwähnt worden war, wieder an ihn gekettet zu werden? In ihrem Gesichte war eine Spannung, als rüstete sie sich zum Kampfe, und dadurch erhielten ihre Züge einen ganz anderen, viel bedeutenderen Ausdruck als den, welchen sie hier bisher gezeigt hatten, den Ausdruck ihrer eigentlichen Natur. Der Fremde drüben hatte es sofort bemerkt; seine Augen gaben es ihr in unzweideutiger Weise zu verstehen. Und indem sein Blick immer unablässiger auf sie eindrang, schwamm auch der ihre immer rückhaltloser zu ihm hinüber, und es war schon nicht mehr der Blick allein, es war, als löste sich ihre Persönlichkeit mehr und mehr auf, um da drüben von zwei stählernen Armen empfangen und in eine andere Persönlichkeit umgestaltet zu werden. Den Regierungsrat duldete es heute nicht lange auf der Terrasse, unter all den fremden, sorglosen, vergnügten Leuten. Seine Gedanken waren weit fort, da oben, im fernen deutschen Land; da liefen sie umher und suchten, suchten nach dem einsamen, traurigen, verzweifelten Menschen, und fanden ihn nicht. Er war fort – mein Gott – wie das klang! Wo denn nur hin? Immer war es ihm, als sähe er ihn bei Benneckes sitzen, wie Tante Löckchen ihn beschrieben hatte, ohne ein Wort zu sprechen, ohne nach jemand zu fragen – Tante Löckchen ihm gegenüber, das Battisttuch zwischen den Händen zerdrückend, Herr Major a. D. Bennecke im Zimmer auf und ab gehend, den Schnurrbart wirbelnd, der freundliche Raum, wo sonst das vergnügte Leben ertönte, voll dumpfem, totem Schweigen, der warme, zärtliche, liebe Mensch kalt, blaß und still – Mit einem Ruck drehte er sich vom Tisch ab und stand auf. Er konnte hier nicht länger sitzen, unter den gleichgültigen Menschen! Was hatte er überhaupt hier zu tun? Warum war er hergekommen? Zu ihm hinauf hätte er gehen sollen, in sein einsames Zimmer am Wasser, das hätte er tun sollen, hätte mit ihm sprechen, ihm zureden, ihm sagen sollen, daß er nicht verzweifeln sollte, daß, wer solchen Reichtum zu verwalten hätte wie er, nicht verzagen und verzweifeln dürfte. Das würde ihn getröstet, vielleicht gerettet haben – denn jetzt – es war ihm, als umwitterte ihn ein kalter Hauch – und er fühlte, daß es in diesem Augenblick nur eine Möglichkeit für ihn gab: sich in seinem Zimmer still hinsetzen, Fenster und Türen schließen, die ganze Welt ausschließen und seine Stücke lesen, seinen Brief, seine Handschrift – wie man sich die Töne einer verklungenen Melodie zusammensucht, wie man sich aus den Sachen eines Menschen sein Bild zurückbeschwört, wenn er nicht mehr da ist, nie mehr da sein wird. »Willst du schon hinaufgehen?« fragte ihn Freda, als sie ihn aufstehen sah. Er nickte. »Aber dir ist's freilich wohl noch zu früh?« meinte er. Er überlegte. »Du könntest ja noch ein wenig ins Lesezimmer gehen! Da sind ja illustrierte Zeitungen? Hm?« Sie würde sich noch ins Lesezimmer setzen – ja, ja. Damit erhob sie sich und begleitete ihn bis an den Fahrstuhl. Im Lesezimmer war sie ganz allein; wer setzte sich bei solcher Wärme in geschlossene Räume? Als sie ein paar Journale durchgeblättert hatte, klappte die Tür hinter ihr – als sie aufblickte, stand der Fremde ihr am Tisch gegenüber. Sie hatte kaum Zeit, verlegen zu werden. »Es ist so heiß hier,« begann er, »ich möchte mir den Vorschlag erlauben, Sie ein wenig am Strande spazierenzuführen? Herrliche Luft draußen.« So einfach kam das alles heraus, als handelte es sich um etwas ganz Selbstverständliches. Freda hatte ein Gefühl, als würde es gräßlich kleinstädtisch sein, wenn sie ablehnte. Sie erhob sich; er bot ihr den Arm, und an seinem Arm ging sie hinaus. Er führte sie nicht über die Terrasse, wo die Gäste saßen und sie sehen konnten, sondern gleich hinten hinaus auf die große Straße und von dieser zum Strand hinunter. Trotz aller Mühe, die sie sich gab, sich einzureden, daß gar nichts daran sei, daß sie allein mit ihm in dunkler Stunde spazierenging, war ihr der Mund wie verriegelt, und das Herz schlug ihr schwer. Beide schwiegen, und man hörte nur das Rauschen des Meeres, das gleichmäßig am Ufer brandete, und das Rasseln im Kies, der von den Wellen zum Ufer hinaufgeschleudert wurde und dann mit der abfließenden Welle zurückrollte. Sie waren ein ganzes Stück in der Richtung gegangen, die sie heute früh gefahren waren. »Zu weit aber wollen wir nicht gehen«, sagte Freda. Er stand sogleich still. Sie ließ seinen Arm los. »Ist es nicht der Mühe wert,« fragte er, »sich das anzusehen?« Er blickte über die See hinaus, über welcher der zunehmende Mond in einer leuchtenden Sichel stand. »Herrlich –« gab sie leise, beinahe dumpf, zur Antwort. Dann streckte sie die Hand aus und deutete nach vorn. »Was ist denn das?« Über dem Wasser gewahrte sie in der Ferne ein Flimmern und Leuchten, das sie sich nicht zu erklären vermochte. Er blickte in der Richtung, in der sie zeigte. »Ah so – das ist der Fels von Monako mit seinen Lichtern. Sie haben das noch nicht gesehen?« »Nein – wie merkwürdig«, entgegnete sie. Er griff in die Rocktasche. »Hier zulande muß man eigentlich nie ohne Operngucker ausgehen – darf ich Ihnen den meinigen anbieten?« Er hielt ihr das Glas hin. »Nun werden Sie sehen, wie die Laternen in Zickzacks am Felsen hinaufklettern.« Freda hob den Operngucker vor die Augen. »Aber das ist ja ein Märchen!« rief sie. »Vollständig ein Märchen!« Sie sah einen Felsen, der steil aus dem Wasser emporstieg, so daß er darauf zu schwimmen schien, und dieser Fels war vom Fuß bis zur Spitze von Flammenlinien umgürtet und umrankt, so daß das Ganze, indem es über dem Wasser leuchtete und flimmerte und in dem Wasser sich spiegelte, ganz phantastisch, ganz fabelhaft, beinahe wie ein gläserner, von innen leuchtender Berg aussah, von denen man im Märchen von Tausendundeiner Nacht liest. »Monako also ist das?« Sie ließ die Hand von den Augen sinken. »Aber das scheint ja wundervoll zu sein?« Er lachte mit geschlossenen Zähnen, leise, höhnisch und wie aus unterdrückter Leidenschaft heraus. »Ob das schön ist? Das ist überhaupt der einzige Ort, wo man leben kann! Wo sich 's noch lohnt! Daneben ist alles andre langweiliger Plunder.« Er hatte leise, beinahe flüsternd gesprochen. Sein Gesicht hatte sich dem ihrigen genähert. Ob es das weiße Mondlicht war – sein Gesicht sah marmorweiß aus und die Augen darin ganz groß und schwarz. Es war, als wenn eine unbekannte Macht Gewalt über ihn gewonnen hätte. »Sie haben ja überhaupt gar keine Ahnung,« fuhr er fort, »von all den Wundern, in deren nächster Nähe Sie hier leben – aber das ist erklärlich; wenn man so eingezogen lebt, wie Sie es tun.« Seine Worte überhasteten sich; seine Stimme klang, als würde sie sich im nächsten Augenblick überschlagen. Freda fühlte sich einigermaßen unheimlich. »Ich glaube allerdings,« sagte sie, »daß wir noch recht viel zu sehen haben.« Sie strengte sich an, einen möglichst gesellschaftsmäßigen Ton zu finden. Dann gab sie ihm das Opernglas zurück. »Ich denke, wir kehren um? Es wird spät.« »Wie Sie befehlen«, stieß er hervor. Und ohne ihre Erlaubnis abzuwarten, ergriff er ihren Arm und schlang ihn unter den seinen. Sie fühlte, wie er ihren Arm an sich preßte, daß dieser wie in einer eisernen Zwinge lag. Eine Zeitlang schritten sie schweigend fürbaß. »Das ist mir so unbegreiflich,« fing er dann wieder an, »wenn man so von der Natur geradezu auserlesen ist, um in der Welt zu herrschen, und wenn man dahin kommt, wo man die Herrschaft ausüben kann, wie nirgends sonst in der Welt – und wenn man dann dem allem so entsagt und aus dem Wege geht und andern, die daneben gar nicht zu nennen und anzusehen sind, das Feld frei läßt – aber das ist eben die deutsche Bescheidenheit!« Fredas Brust hob und senkte sich. »Von wem – sprechen Sie denn?« fragte sie gepreßt. Er hatte vor sich hin gesprochen; jetzt wandte er das Gesicht zu ihr hin. »Von wem –?« Er lachte, wie er vorhin gelacht hatte, mit geschlossenen Zähnen. Freda gab keinen Laut von sich. Sie beschleunigte den Schritt. Er mochte fühlen, daß er sie erschreckt hatte. Jählings verwandelte sich sein Wesen; der Druck seines Armes lockerte sich, und seine Stimme wurde wieder gleichmütig höflich, wie gewöhnlich. »Das alles habe ich mir nur zu sagen erlaubt, weil ich glaubte. Sie hätten mir heute früh die Erlaubnis erteilt, Ihnen die Umgegend von Bordighera zu zeigen. Und da man nun einmal wirklich diese Gegend nicht kennt, wenn man Monako nicht gesehen hat, so würden Sie mich glücklich machen, wenn ich Sie an einem der nächsten Tage dahin führen dürfte. »O – ich denke – es würde meinen Vater ja wohl auch interessieren«, gab sie zur Antwort. Sie hatte das »meinen Vater« betont; sie fühlte die Notwendigkeit, dem da neben ihr die Schranke bemerkbar zu machen, an der er anzuhalten hatte. »Ganz so hatte ich es mir gedacht«, erwiderte er, indem er sich verbeugte. »Vielleicht nehmen Sie Gelegenheit, mit Ihrem Herrn Vater davon zu sprechen? Es ist eine kleine Eisenbahnfahrt dazu nötig; ich würde mir dann erlauben, den Reiseplan zu entwerfen.« Er war jetzt wieder die Verbindlichkeit und Artigkeit selbst. Indem sie in die Nähe des Hotels kamen, fühlte er, wie sie ihm den Arm zu entziehen wünschte. Sogleich ließ er sie frei und ging ehrerbietig neben ihr her. Im Flur des Gasthauses angelangt, verneigte er sich noch einmal, indem er in gemessener Entfernung stehenblieb, mit respektvollem Gruß, mit der gleichgültig unzerstörbaren Höflichkeit, die er bei der Tafel zur Schau trug. Sein Auge traf noch einmal in das ihrige. »Wirst du mit deinem Vater sprechen?« »Ich – werde es meinem Vater sagen«, lispelte sie. Dann stieg sie in den Fahrstuhl, und mit wirbelndem Kopfe fuhr sie empor. Papa Nöhring saß noch immer über seinen Manuskripten, als sie bei ihm eintrat. Sie beugte sich über seine Schulter und küßte ihn leise auf die Stirn. Ihr war nicht gut zumute; ungefähr wie jemand, der aus einem wüsten Traum zu sich kommt. Als der alte Mann ihre zärtliche Berührung und ihren Hauch an seiner Wange spürte, richtete er sich auf, warf beide Arme um sie und drückte sie an sich. »Ach mein Kind – mein Kind – mein Kind.« Er hatte das Haupt an ihre Brust gelehnt, und seine Worte gingen wie ein Seufzer über sie dahin. Offenbar, indem er Schottenbauers Stücke las, war die ganze Vergangenheit mit all ihren Hoffnungen und Enttäuschungen wieder in ihm aufgewacht; sein Herz war hungrig geworden und suchte Nahrung. Eine Zeitlang hielt er Freda schweigend umfangen, dann gab er sie frei. »Na – hast du dir unten Bilder angesehen?« »Weißt du, Papachen,« entgegnete sie, »es ist mir eingefallen – wir sollten uns doch einmal Monako ansehen?« »Monako?« »Ja, es liegt ja ganz nah von hier und soll ja geradezu märchenhaft schön sein. Man kann eigentlich gar nicht sagen, daß man an der Riviera gewesen ist, wenn man Monako nicht gesehen hat.« Der Regierungsrat blickte vor sich hin. »Hm – warum schließlich nicht? Weißt du, wie man hinkommt?« Eine Flamme zuckte über ihr Gesicht. »Der – Herr – du weißt ja – hat sich erboten, uns hinzuführen und es uns zu zeigen.« »Ach so –.« Papa Nöhring versank in Gedanken. »Wir haben ihm heute früh doch eigentlich die Erlaubnis gegeben,« fuhr sie fort, »uns noch weiter in der Gegend umherzuführen. Weil er seine Sache so gut gemacht hatte.« Sie hatte möglichst leichthin gesprochen. Papa Nöhring hielt das Haupt gesenkt und verharrte noch immer in Schweigen. Plötzlich fuhr er auf. »Sag' mir bloß einmal – gefällt dieser Kerl dir denn eigentlich?« Der Ton war so heftig, der Ausdruck so gehässig, daß Freda ganz erschreckt zurückwich. »Aber mein Gott – was ist denn plötzlich los?« Der Regierungsrat schlug mit der Faust auf das Papier. »Ich kann mir absolut nicht denken, daß solch ein Mensch dir gefällt!« Freda war auf die andre Seite des Tisches getreten; ihre Augen ruhten auf dem Manuskript von Schottenbauers Drama. Hier lag die Erklärung. Weil sie von ihm nichts hatte wissen wollen, sollte ihr nun auch der andre nicht gefallen dürfen. Ihre Lippen preßten sich zusammen. In bußfertiger Stimmung war sie gekommen – jetzt wachte der Trotz wieder in ihr auf. Der Mensch war ihr vorhin selbst unheimlich geworden – jetzt empfand sie ihn als Gegengewicht gegen den andern, und es war ihr, als müßte sie sich an ihn klammern, um jenem zu entgehn. »Ob er mir gefällt –« sagte sie mit kühlem, beinahe wegwerfendem Ton – »begreife wirklich nicht, wieso es darauf ankommt. Er macht den Eindruck eines anständigen Menschen, ist höflich gegen uns, zuvorkommend, hat uns absolut nichts getan, im Gegenteil, hat uns eine wunderhübsche Partie gezeigt, während wir sonst hier sitzen und vom hellen lichten Tage nichts sehen; was soll man denn schließlich mehr verlangen? Wenn man auf Reisen geht, scheint mir, muß man ein bißchen vorliebnehmen.« Papa Nöhring sprang auf und ging im Zimmer auf und ab; weil das Zimmer aber zu eng war, gab er das wieder auf und fiel auf seinen Stuhl zurück, stöhnend. Er sah zu seiner Tochter nicht auf; er konnte nicht; ihre kalten Worte waren wie ein greulicher Mißklang in seinem Herzen, in seinem weichen, reichen, warmen Herzen, das in diesem Augenblick nach Menschlichkeit dürstete und sich darum voller Abscheu gegen alles verschloß, was alltäglich, gewöhnlich, konventionell war. Er schüttelte, wie in dumpfem Staunen, den Kopf. Solche Worte von seiner Tochter, von seinem Fleisch und Blut! Sie erschien ihm plötzlich ganz fremd; zum erstenmal begriff und verstand er sie nicht. Da oben in der Heimat dieser herrliche Mensch, der ihr die ganze Fülle seines Geistes und seines Herzens wie ein Verschwender zu Füßen legte – und an dem ging sie vorüber, vor dem stand sie da wie ein totes, stummes Götzenbild, das auf seinen Anbeter herniederglotzt, während es, der Gerechtigkeit der Dinge nach, heruntersteigen müßte von seinem Postament und zu ihm sagen: »Steige du hinauf, daß ich dich anbete, denn du bist tausend- und zehntausendmal mehr wert als ich!« Und jetzt hier unten dieser Mensch, dieser Kerl, dieser geschniegelte und gestriegelte Patron, mit dem aufgewichsten Schnurrbart, mit dem Armband und den Ringen an den Fingern, dieser ekelhafte Geck! Und von dem ließ sie sich imponieren, der konnte mit ihr machen, was er wollte, dem lief sie womöglich gar nach – ein Orkan tobte durch seine Seele, eine Erschütterung wie ein Erdbeben. Aber, wie es nun einmal in seiner Natur lag – er konnte nicht sprechen. Der Ausruf vorhin war beinahe unbewußt aus ihm hervorgebrochen – wenn ihr der nicht genug sagte, was sollte er dann noch sagen? Also verrauschte und verbrauste die ganze Sturmflut der Empfindungen lautlos nach innen, und alles, was erfolgte, war wieder ein langes, drückendes Schweigen, das zwischen Vater und Tochter eintrat. Und dann siegte wieder die Güte seines Herzens. Er stand auf, nahm ihren Kopf zwischen seine Hände, drückte sie an sich und küßte sie. In der Öde, in der er hier lebte – was blieb ihm denn noch, wenn er sein Kind nicht mehr liebte? Leise klopfte er sie in den Rücken, in seiner alten, gutmütigen Art. »Meinetwegen,« sagte er leise, »also wollen wir nach deinem geliebten Monako fahren.« Freda blickte auf. Ob sie ahnte, was in der Seele des alten Mannes vorgegangen war? Sie legte den Arm um ihn. »Tust du's aber auch wirklich gern, Papachen?« Ja, ja – er tat es gern. Warum sollten sie denn schließlich nicht? Monako war ja gewiß sehr schön. Er hatte ja Abbildungen davon gesehen. »Nun geh nur zu Bett und schlaf, schlaf gut.« »Wirst du auch schlafen, Papachen?« Ja, ja – er würde schon schlafen. – »Geh nur – gute Nacht.« Sie ging und trug ihr Bewußtsein mit sich, daß sie ihm nichts von dem Spaziergang im Dunkeln gesagt hatte, und trug all die seltsame Unruhe mit sich, die seit der Stunde in ihr war, dieses dumpfe Pochen im Herzen, dieses Knistern im Blut, dieses ganze, an Fieber gemahnende Gefühl. »Gefällt dieser Kerl dir denn eigentlich?« Es ging ihr immer wieder ein Schauder über den Rücken, wenn das Wort ihr zurückkam; solchen Ton hatte sie noch nie aus dem Munde des Vaters vernommen. Nun und – gefiel er ihr denn? Unbegreiflich, wenn der Mensch darauf nicht antworten kann – und dennoch Tatsache, daß sie es nicht vermochte. Was war es denn nur, was von diesem Menschen ausging? Vielleicht das dunkle Bewußtsein, daß er einer ganz andern Welt anzugehören schien als sie, und daß er gerade darum der Rechte sei, um sie aus der Welt zu befreien, die sie bedrückte? Aber welches war denn seine Welt? Sie wußte noch immer nicht, wie er hieß, noch nicht einmal, was für ein Landsmann er eigentlich war; das Geheimnisvolle umgab ihn wie die angeborene Natur. Und das Geheimnis reizt, aber es ängstigt zugleich. Ja, ja – konnte sie es sich verhehlen, daß sie im Grunde der Seele etwas wie Furcht, beinahe wie Grauen empfand? Und dann wieder der sinnbetörende, schmeichlerische Gedanke, daß unter all diesen eleganten, schönen Frauen der verschiedensten Länder sie es war, die ihm den größten Eindruck gemacht hatte – denn ihres Eindrucks war sie ja gewiß. Diese Worte vorhin, mit dem seltsamen, gellenden Ton – wie hatte er gesagt? daß sie ausersehen sei von der Natur, um in der Welt zu herrschen – hatte sie je eine ähnliche Huldigung empfangen? Und solche Huldigung hier, wo sie gemeint hatte, zufrieden sein zu dürfen, wenn sie, die norddeutsche Kleinstädterin, nicht allzuweit hinter Französinnen, Engländerinnen und Italienerinnen zurückblieb. Und dazu das bleiche Gesicht des Mannes, in welchem die Augen ausgesehen hatten wie Schächte, die in dunkle Tiefe führen. Ja – so war's – wie dunkle Schächte hatten sie ausgesehen, die Augen. Dieser Gedanke ging mit ihr zu Bett, und als sie schlief, hatte sie einen Traum sonderbarer Art: Sie befand sich in einem rabenschwarzen, finsteren Gelaß, zu dem sie auf einer langen Treppe hinuntergestiegen war; es mußte also tief unter der Erde sein, wo sie war. Plötzlich ging ein grelles Licht, ungefähr wie von einer Magnesiumflamme, auf, nun blickte sie umher und sah, daß sie in einem Keller stand, und ringsherum lagen und standen Gegenstände, die sie nie gesehen hatte, fremdartig, unbekannt und unheimlich. Und nun überkam sie, kaum wußte sie warum, ein Gefühl, als befände sie sich an einem gräßlichen Orte, eine Todesangst ergriff sie – fort von hier – hinaus! – und in Schweiß gebadet, wachte sie auf. Siebentes Kapitel Alle diese nächtlichen Beängstigungen wurden aber, wie Nebeldünste, von der Sonne aufgesogen, die strahlend am nächsten Morgen aufging. – Einige Tage später begab man sich auf die Reise nach Monako. Als sie am Bahnhof erschienen, hatte Freda wieder einmal Gelegenheit, sich wegen ihrer nordischen Gespensterseherei auszuschelten; sie waren nicht die einzigen Reisenden. Das ganze Hotel, so schien es, flog nach Monako aus. Scharen von schwatzenden Herren und Damen standen auf dem Bahnsteig und warteten des Zugs, der von San Remo kam. Im Augenblick, als Freda sich nach dem Führer umsehen wollte, war er schon an ihrer Seite; aus einer der lachenden Gruppen trat er hervor, und mit der gewohnten, beinahe demonstrativen Höflichkeit begrüßte er Herrn und Fräulein Nöhring. »Fahren diese Herrschaften alle nach Monako?« wandte sich Freda an ihn. Ein unmerkliches Zwinkern war in seinen Augen. »Zum größten Teil wohl nach Monte Carlo.« »In die Spielsäle?« fragte Papa Nöhring. Der Fremde lächelte. »Es geht gegen das Ende der Saison.« Der Regierungsrat mochte sich aus dieser unbestimmten Antwort herauslesen, was ihm beliebte. In diesem Augenblick kam der Zug herangebraust, und nun drängte alles in die Kupeés. Die Abteilung, in welche Nöhrings einstiegen, war sogleich überfüllt; die Gewandtheit des Begleiters aber wußte es einzurichten, daß sie beide Eckplätze nach der See hinaus erhielten, so daß sie in die ganze aufgetane Herrlichkeit hinausblicken konnten. Als er schräg gegenüber von Freda Platz nahm, sah er sie mit einem fragenden Blick an. »Merkst du, daß es gut ist, wenn man sich meiner Führung anvertraut?« Konnte sie anders, als schweigend bestätigen, daß es so war? Sie kam aber bald zu der Erkenntnis, daß der Reisemarschall ihnen heute nicht ausschließlich angehörte; die übrige im Kupeé anwesende Gesellschaft, namentlich der weibliche Teil, nahm ihn beständig mit Fragen in Anspruch, auf die er Auskunft erteilen mußte. Nur zum geringsten Teil verstand sie, um was es sich handelte, weil das Gespräch hauptsächlich auf italienisch geführt wurde – jedenfalls aber schien es höchst aufregende Gegenstände zu betreffen, denn die Stimmen der Damen wurden immer lauter, beinahe kreischend, eine nervöse Röte färbte ihre Wangen, und das Sprechen wurde allmählich zum Geschnatter. Mißmutig wandte der Regierungsrat das Gesicht ab, zum Fenster auf die See hinaus, an deren Erhabenheit jene dort vorüberfuhren, als wäre sie gar nicht vorhanden. Freda tat ihm gleich und genoß das wunderbare Landschaftsbild. Auf dem Felsen droben, der hinter ihnen zurückblieb, sah sie das alte Städtchen Vordighera, mit seinen steinernen Häusern in sich zusammengekrochen, die aussahen wie ein Schwarm von Vögeln, die sich vor dem Sperber ducken. Sie hatte gelesen, daß die Ortschaften an diesen Küsten alle in der Art gebaut waren, vom Ufer rückwärts in die Felsen hinein, damit die Bewohner einigermaßen vor der Überrumpelung durch Seeräuber geschützt wären. Unwillkürlich, indem sie die Wellen in unermeßlicher, unablässiger weißer Schaumlinie an die Küste anrollen sah, vergegenwärtigte sie sich, wie das in alten Zeiten gewesen sein mochte, wenn plötzlich die spitz geschnäbelten Piratenboote über die Flut herangeschossen kamen. Wie die Fischer, die am Strande mit ihren Netzen beschäftigt waren, dann kehrtgemacht haben und mit gellendem Geschrei zur Stadt hinauf geflüchtet sein mochten! Wie man dort oben Türen und Tore geschlossen und verbarrikadiert haben mochte! Und wenn das da unten nun angelangt war und ans Ufer sprang – wie sie ausgesehen haben mochten, diese Piraten – Furchtbare Gestalten, sehnig und sonnenverbrannt, mit glühenden Augen im Kopf und spitzen Bärten und schlachtenden Messern im Gurt. Wie den Frauen dort oben zumute gewesen sein mochte, wenn die Räuber heraufgeklettert kamen, mit Geheul, die gezückten Messer in der Faust, so daß die nackten Klingen in der Sonne auflechzten wie Zungen, die nach Blut dürsten. Wenn dann das Krachen der Beilhiebe gegen die Tore begann, wenn die Männer, die sich zur Wehr setzten, niedersanken, einer nach dem andern, blutend, röchelnd – und wenn dann endlich der letzte gräßliche Augenblick kam – wenn man gepackt wurde von zwei nackten, haarigen, blutbesprengten, furchtbaren Armen, gepackt und fortgerissen ohne Rücksicht auf Jammer, Tränen, Klagen und Geschrei –! Sie schauderte unwillkürlich unter ihrer Phantasie und schüttelte das Haupt, als wollte sie die schrecklichen Bilder hinauswerfen. Dabei fiel ihr Blick auf den fremden Mann, der schräg gegenüber von ihr saß. Er war in eifrigem Gespräch mit den andern Damen. Ohne daß er es bemerkte, konnte sie ihn von der Seite betrachten. Eine der Damen hatte eine mit Ziffern bedeckte Papptafel hervorgeholt, die sie ihm hinhielt und über die sie sich lebhaft mit ihm unterhielt. Freda konnte sich den Zweck dieser Tafel nicht erklären, aber sie sah, wie er mit dem Zeigefinger darüber hin und her fuhr, wie er der Dame Erklärungen dazu machte, Anweisungen gab – sie sah, wie ihm die Augen dabei im Kopfe glühten – wie der spitze Bart, indem sein Kinn beim Sprechen auf und nieder ging, in die Luft stach – der lange spitze Nagel an dem Zeigefinger und dieser Zeigefinger selbst, der nervös über die Tafel fuhr, bald hier auf eine Ziffer tupfend, bald dort – sah er nicht wie eine Kralle aus, wie eine Raubvogelkralle? Und plötzlich kam ihr ein ganz abenteuerlicher Gedanke: hätte man nicht wirklich meinen können, es säße dort drüben solch einer, wie die waren, von denen sie eben geträumt hatte – ein Pirat? Freilich nicht mit aufgestreiften Ärmeln, nicht mit dem Messer im Gurt, sondern in der geschniegelten, gebügelten, parfümierten Toilette des neunzehnten Jahrhunderts – aber dennoch – Es wurde ihr ganz kalt im Rücken. Im nächsten Moment wandte er sich zu ihr herum – und wieder hatte sie Gelegenheit, sich über ihre aufgeregten Nerven zu schelten, die ihr jetzt wirklich einen Streich nach dem andern spielten. Dieses gleichmäßige, ruhige Gesicht, dieser höfliche, aufmerksame, verbindlich lächelnde Mann – der und ein Pirat – mein Gott, mein Gott – die heiße Luft der Riviera war ihrem Gehirn, wie es schien, wirklich unzuträglich! »Das ist Mentone«, erklärte er, zum Fenster hinausdeutend und auf die schmucken Häuser zeigend, an denen sie soeben vorbeifuhren. Seine Stimme, die vorhin, während er mit den andern Damen sprach, aufgeregt und beinahe heiser geflüstert hatte, war klar und glatt wie gewöhnlich; er schien so beflissen, die Gegend, durch welche sie dahinfuhren, zu erklären, als hätte er die ganze Zeit über an nichts andres gedacht. Freda blickte stumm zum Fenster auf die Stadt hinaus, die in reizenden Terrassen zum Meere hinabstieg. Sie war so verlegen, daß sie kein Wort hervorzubringen vermochte. Wie so gar nicht sie sich doch an die große Welt zu gewöhnen lernte! Eine kurze Strecke rollte der Zug noch weiter, dann hielt er vor einer Treppe an, die in breiten marmornen Stufen zu einem Gebäude emporführte, dessen prachtvollen Giebel man über der Treppe aufragen sah. Die Kupeetür wurde aufgerissen. »Monte Carlo!« Die Damen und Herren, die im Wagen saßen, sprangen auf und drängten zum Ausgang. »Wir sind am Ziel«, wandte sich der Reisemarschall lächelnd an die beiden Nöhrings, die ruhig auf ihren Plätzen verharrten. »Ich denke aber doch, wir wollen nach Monako?« brummte der Regierungsrat. »Das hier, höre ich, ist Monte Carlo?« »Der Bahnhof von Monte Carlo«, erwiderte er, immer mit dem gleichen verbindlichen Lächeln, »ist zugleich der von Monako; wir gehen von hier nachher hinüber oder fahren mit einer Droschke, wenn die Herrschaften es vorziehen.« »Soso –«, es half also nichts; man mußte aussteigen, und dann mußte man auch die Treppe hinauf, auf die Terrasse, auf welcher das Spielsaalgebäude steht. »Die reine Mausefalle,« murrte Papa Nöhring, »wundert mich nur, daß sie nicht auch noch Fußangeln gelegt haben, damit niemand an dem Mordloch vorbei kann, ohne hineinzufallen.« Freda hörte ihm mit schweigendem Lächeln zu; der Reisemarschall, der elastischen Schrittes die Stufen voraussprang, schien ihn gar nicht vernommen zu haben. Jetzt waren sie oben angelangt, und nun sahen sie sich gegenüber den mächtigen Felsen von Monako, durch eine kreisrunde Meeresbucht von ihrem Standpunkt getrennt. Auf dem Felsen droben, wie eine Zinnenkrone, erhoben sich die Häuser und Dächer des Städtchens, um seine Kanten lief ein dichter Gürtel von Bäumen und grüner Vegetation, so daß er wie mit einer Girlande geschmückt erschien – rechts, so weit das Auge reichte, hoch aufragende, graue, kahle Felsenmassen, und über diesen die Schneefelder der Seealpen – das alles flimmernd im goldenen Sonnenlicht. »Finden Sie es schön?« fragte der Begleiter mit siegesgewissem Lächeln. Freda atmete statt aller Antwort aus tiefster Brust auf. Der Regierungsrat stand versunken in den herrlichen Anblick. Solcher Gewalt der Schönheit konnte sich niemand entziehen. Sie wandten sich und schritten um das Gebäude herum. Die Terrasse war rechts und links mit Restaurationspavillons besetzt, mit Blumenanlagen geschmückt; wenn man umhersah, glaubte man einen Ausschnitt aus Paris zu erblicken. »Möchten die Herrschaften sich die Geschichte nicht einmal in der Nähe ansehen?« fragte jetzt der Begleiter. Man war am Eingange des Spielsaales angelangt, der sich auf der Hinterseite des Gebäudes befand. Menschengruppen standen vor der Tür, fluteten hinein und heraus, plaudernd, lachend. »Das also ist das berühmte und berüchtigte Monte Carlo«, sagte Freda, indem sie zu dem Hause emporsah. »Sie sehen,« versetzte der Führer, »es ist nicht so gefährlich, wie es in den Zeitungen geschildert wird.« Er lachte laut, beinahe ein wenig verächtlich, und er hatte recht; man konnte sich kaum etwas denken, was einen stärkeren Eindruck von leichtlebig fröhlichem Daseinsgenuß gemacht hätte. Sein Vorschlag war in gleichgültigstem Ton gemacht worden – »wenn ihr nicht wollt – mir liegt gewiß nichts daran« – in gleicher Weise fuhr er jetzt fort: »Ich schlug es den Herrschaften nur vor, weil ich meinte, daß es doch schließlich interessant ist, eine Sache, von der man tagtäglich in den Zeitungen liest, einmal mit eigenen Augen gesehen zu haben.« Dann kniffen sich seine Lippen zu einem Lächeln zusammen. »Ein Zwang zum Spiel besteht ja keineswegs. Man zeigt einfach seine Visitenkarte vor, dann wird man hineingelassen und hat vollkommene Freiheit, zu tun und zu lassen, was man will. Wenn man will, geht man einfach durch die Säle hindurch, sieht sich das Spiel an und geht wieder hinaus – falls man sich nicht im Lesezimmer hinsetzen und eine Zeitung lesen will.« Er wandte sich an den Regierungsrat. »Ein Lesezimmer wie hier finden Sie nirgends – alle Zeitungen der Welt!« Seine Berechnung hatte ihn nicht getäuscht; der Hinweis auf das Lesezimmer stimmte den Regierungsrat, der bis dahin immer noch störrisch ablehnend gestanden hatte, offenbar günstiger. Freda sah man an, daß ihr vor Ungeduld schon längst der Boden unter den Füßen brannte. »Aber nur, um gerade einmal hindurchzugehen«, meinte Papa Nöhring. Im nächsten Augenblick hatte der Reisemarschall ihre Visitenkarten in der Hand, die er im Bureau vorwies. Dann kam er zurück, und alles war abgemacht. Papa Nöhring sah hinter ihm drein. »Der Kerl ist ja hier wie Kind im Hause?« Unter seiner Führung begab man sich in die Spielsäle. An der Tür war ein Gedränge; er bot Freda den Arm. »Jetzt sind Sie in der Hölle«, flüsterte er ihr zu, indem sie eintraten; in seiner Stimme war der verhaltene Hohn, den sie schon einmal gehört hatte. »Glauben Sie, daß der Himmel schöner möbliert ist?« Freda sah sich um. Wenn es die Hölle war, so war der Teufel jedenfalls ein reicher Mann, und es fehlte ihm nicht an Geschmack. Der weitläufige Saal strotzte von schwerem Prunk. An den Längswänden standen die Roulettetische, und um diese drängten sich die Besucher, Männer und Frauen; andere gingen im Saal auf und nieder, teils für sich, den Kopf zur Erde, die Hände in den Hosentaschen, teils zu zweien, gestikulierend, fragend, antwortend. Alles aber sprach halblaut, so daß in dem großen, weiten Raum ein dumpfes Summen und Surren war, aus welchem das harte Klappern der rollenden Kugeln und die blechernen Stimmen der Croupiers grell hervortönten. Ehe Freda es bemerkte, hatte ihr Führer sie an einen der Tische herangezogen, so daß sie dicht vor einem der Roulettes, mitten unter den Spielern stand. Nun sah sie Männer, die gleichgültig bequem an den Tisch gelehnt standen, in die Tasche griffen, goldene Zwanzigfrankstücke aufsetzten und, wenn diese verloren waren, wieder in die Tasche griffen und einen neuen Haufen Goldstücke hervorholten; sie sah Frauen, die sich zwischen den Männern herandrängten und mit nervös zuckenden Händen ihren Einsatz machten, häufig noch einmal zugreifend, den Einsatz von dieser Ziffer auf jene schiebend und wieder zurück, bis daß das blecherne »rien ne va plus« des Croupiers ihrem Schwanken ein Ende machte; sie sah den Croupier, der hinter seinem Haufen von Gold- und Silbermünzen auf erhöhtem Stuhle thronte und mit Augen, kalt und gleichgültig wie die eines gesättigten Geiers, jede Handbewegung der Spielenden und jeden Einsatz beobachtete; endlich gewahrte sie dicht neben sich einen alten, kahlköpfigen Mann, der am Tisch saß und das Spiel mit heißen, stieren Augen verfolgte. Er beteiligte sich nicht selbst daran; er hielt eine Ziffertafel, wie sie sie heute im Kupee gesehen hatte, in Händen, und sobald die Kugel gefallen und ein Gang beendet war, punktierte er mit einer Stecknadel auf der Tafel herum. »Der berechnet Chancen,« hörte Freda die höhnisch flüsternde Stimme ihres Begleiters neben sich, »alle halbe Stunde einmal macht er einen Einsatz, und sitzt vom Morgen bis zum Abend.« Sie hätte kaum sagen können warum – aber dieser alte Mann erweckte ihr einen unsäglich widerwärtigen Eindruck. Indem sie neben und über ihm stand, konnte sie seinen kahlen, von einigen spärlichen silbernen Locken umrahmten Schädel sehen – und unter diesem ehrwürdigen Dach lugte ein Gesicht hervor, so gierig, so mit dem abscheulichen Stempel der Habsucht gezeichnet, so – Mit einem unwillkürlichen Schauder wandte sie sich ab. »Hätten Sie nicht Lust, einmal auch Ihr Glück zu probieren?« vernahm sie jetzt die heisere, drängende Stimme des Begleiters. Sie gab ihm keine Antwort – sie konnte nicht. Es war ihr, als ob die ungesunde Glut, die auf all diesen Gesichtern lag, sich plötzlich wie eine dicke, schwere, atemberaubende Last auf ihre Brust legte. »Wir – wollten ja nur hindurchgehen«, stammelte sie hervor. Sie sah sich um und sah den Vater inmitten des Saales stehen, und sah, wie er mit verwunderten, verblüfften Augen umherschaute und das fremdartige Schauspiel in sich aufnahm. Wie anders sein Gesicht aussah als die Gesichter dieser Menschen ringsumher! Wie edel, kindlich und rein! Wie das Gesicht eines Menschen, der hier nicht hergehörte, den ein böser Zufall, ein Irrtum hierher verschlagen hatte! Mit einem Schritt war sie bei ihm und hing an seinem Arm. »Komm, Papachen.« Im nämlichen Augenblick stand der Begleiter an ihrer Seite. »Wollen Sie nicht den Trente-et-Quarantesaal ansehen? Er ist wirklich sehenswert.« Freda strich sich über die Stirn; ihr Blick glitt über ihn hin; ganz nahe stand er vor ihr, äußerlich unverändert, korrekt und glatt wie immer, trotzdem fühlte sie, daß etwas in ihm vorging, etwas Dunkles, schwer zu Beschreibendes. Als wenn die schwüle Atmosphäre des Spielraumes ihn angesteckt hätte, in ihn eingedrungen wäre und nun mit lodernden, züngelnden Flammenspitzen aus seinen Augen, seiner Stimme, seiner ganzen Persönlichkeit hervorleckte – so kam es ihr vor. »Der Saal ist von Pariser Malern mit Fresken ausgemalt«, fing er noch einmal an. »Kunstwerke ersten Ranges!« Er wollte sie festhalten, sie fühlte es; zugleich aber war ein dumpfes Bewußtsein in ihr, daß, wenn sie jetzt nachgäbe, sie fürderhin nie mehr zu widerstehen imstande sein würde. – »Ich glaube – es ist zu heiß hier für meinen Vater,« stotterte sie, »es ist besser – wir gehen jetzt an die Luft und nach Monako hinüber.« »Ja, natürlich«, erklärte der Regierungsrat. Wie mit einem Zauberschlag verwandelte sich das Gesicht des Fremden; alle Erregung verschwand und machte einem liebenswürdigen Lächeln Platz. »Gehen wir also nach Monako, die Herrschaften haben vollkommen recht; nachher würde es zu heiß dazu werden.« Der Mund stand ihm kaum einen Augenblick still, während er mit ihnen von der Terrasse von Monte Carlo zum Strande hinunter und dann durch den zwischen Monte Carlo und Monako gelegenen Stadtteil Condamine hindurch zum Felsen hinüberschritt. Er war der heiterste, plauderhafteste Cicerone, den man sich vorstellen konnte. Auf Zickzackwegen stieg man am Felsen empor, und oben angelangt, schlug man einen Pfad ein, der um die Brüstung des Felsens rund um die Stadt herum führte. Es war ein zauberhaft schöner Weg. In schwindelnder Höhe ging man über dem Meere dahin, das tiefblau, beinahe ultramarinfarbig von drunten heraufleuchtete und mit leichten Schaumkämmen an die senkrechten Felsen anspülte; wild wachsendes Geranium umwucherte wie eine grüne Wildnis Wege und Stege, senkte sich in langen, schwebenden Ranken an den Felswänden hinab und erfüllte die Luft mit einem Gewölk von Duft; auf den Wellen drunten wiegten sich Möwen und badeten ihr weißes Gefieder in der dunkelblauen Flut. Mit geöffneten Lippen trank Freda die reine, köstliche Luft ein. Nie hatte sie die Heiligkeit der Natur so tief empfunden wie jetzt, da sie eben von da drüben herkam, wo der Mensch inmitten dieses Paradieses dem scheusäligen Gotte Mammon seinen Tempel errichtet hatte. Es war ihr, als wäre sie schmutzig geworden, als hätte sie in einem Hause voll ansteckender Krankheit verkehrt und als müßte sie sich rein baden von dem allem. Der Rundgang dauerte lange, denn alle fünf Schritt blieb Papa Nöhring stehen, um den immer wechselnden, stets aber bezaubernden Ausblick zu genießen. Endlich war man bis zu der Terrasse gelangt, wo sich das Residenzschloß der Fürsten von Monako erhebt, und wo einige Kanonen ältesten Kalibers und einige ebenso altmodische Haufen von eisernen Kanonenkugeln dem Ganzen einen kriegerisch gewichtigen Anstrich verleihen sollten. Der Führer konnte sich gar nicht genug tun in schnöden Witzen über diese Kanonen, diese Kugelhaufen und über die Soldateska Monakos, von der man ein Mitglied als Schildwache vor dem Palast schildern sah, in einer so schreiend überladenen Uniform, daß es aussah, als wenn ein Feldmarschall auf Posten stände. Ob sie wollten oder nicht – Nöhrings mußten zu seinen boshaften Bemerkungen lachen, und ihre Heiterkeit wurde eine ganz rückhaltslose, als jetzt mit gravitätischen Schritten ein alter gezähmter Rabe herangehumpelt kam, dem man die Flügel gestutzt hatte und der hier auf der Terrasse, wie es schien, in Pension lebte. »Huckebein! Das ist ja Hans Huckebein!« jubelte Freda. Es war seit langer Zeit der erste Ausdruck unbefangener Fröhlichkeit, der sich von ihren Lippen rang. Der Reisemarschall trieb allerhand Possen mit dem Raben, mit dem er gut bekannt schien; endlich bekam auch Freda Lust dazu. Sie wollte ihn mit ihrem Sonnenschirm necken, aber der Führer warnte: »Nehmen Sie sich in acht; der Kerl schnappt zu und ist imstande, Ihnen ein Loch in den Schirm zu reißen.« Nun streckte sie ihm die Fußspitze entgegen, und klapp – ehe sie sich's versehen, war der schwarze Bursche darauf losgefahren und hatte die Spitze ihres gelben Lederschuhes mit seinem Schnabel gefangen. Mit einem kichernden Aufschrei fuhr sie zurück, aber der Rabe ließ nicht los. Anrufen und Drohen half nichts – es blieb nichts übrig – der Reisemarschall mußte niederknien, um sie gewaltsam von dem Vogel zu befreien. Während er mit der rechten Hand nach dessen Schnabel griff, um ihn zu öffnen, umfaßte seine Linke ihren Fuß. Eine Glutwelle schoß in Fredas Wangen auf – sie fühlte, wie seine Hand sich mit heißem Druck um die Wölbung ihres Spanns preßte. Als er sich nach vollbrachtem Werk erhob, war sein Gesicht dunkel gerötet – vielleicht war ihm das Blut zu Kopfe gestiegen, während er kniete. Glücklicherweise schnitt jetzt der Rabe, der davonhumpelte und fortwährend entrüstete Blicke zurückwarf, ein so komisches Gesicht, daß alle drei in lautes Lachen ausbrachen. So kam man über den peinlichen Moment hinweg, und in dieser angeregten Stimmung wurde beschlossen, frühstücken zu gehen. »Wo denn aber?« »Ja freilich – hier oben in Monako gab es keine Gelegenheit dazu. Am besten wäre man natürlich in Monte Carlo drüben aufgehoben gewesen – aber wenn das den Herrschaften nicht paßte – in Condamine unten gäbe es auch ein paar passable Restaurationen.« Also zog man nach Condamine hinunter, und bald darauf saß man bei einem guten Frühstück, zu dem man moussierenden Asti-Wein trank, ein süßes, aromatisches Getränk, das Freda außerordentlich zusagte. Verdurstet wie sie war, trank sie hastig ihr Glas aus und, als dasselbe wie durch Zauberschlag neu gefüllt wieder vor ihr stand, auch noch ein zweites. Der Begleiter zeigte sich so beeifert, ihr wieder und immer wieder einzuschenken, daß sie lächelnd abwehren mußte. Er beruhigte sie aber, »es wäre ein ganz unschuldiger Wein«. Nachdem man in Gemächlichkeit gegessen und getrunken hatte, wurde Rechnung gemacht. Freda zog das Portemonnaie aus der Tasche. »Also wirklich,« meinte der Reisemarschall, »es war mir doch neulich schon in Dolceacqua so vorgekommen – Sie führen die Reisekasse?« Freda lachte. Ja, in der Tat, sie führte die Kasse. Sie hielt das geöffnete Portemonnaie in der Hand und blickte auf die Rechnung nieder; dabei entging es ihr, wie der Mann an ihrer Seite einen raschen lauernden Blick in ihre Geldtasche warf, gleich als wenn er ihre Barschaft überzählte. Was aber nun? Der nächste Eisenbahnzug nach Bordighera war erst in zwei Stunden fällig – was sollte man bis dahin beginnen? »Wie wäre es, wenn man sich bis dahin in das Lesezimmer drüben setzte?« , Natürlich. – Der Gedanke leuchtete ein. Also zog man nach Monte Carlo in das böse Haus zurück. Achtes Kapitel Es war, wie jener gesagt hatte: Blätter in allen Sprachen lagen zu Haufen auf dem großen Tisch inmitten des Raumes. Papa Nöhring war müde geworden; ohne weiteres setzte er sich nieder und versenkte sich in eine deutsche Zeitung. Freda stand noch in der Tür. Plötzlich fühlte sie sich leise an der Hand berührt; es war der Fremde, der sie von der Schwelle zurück, aus dem Lesezimmer hinauszog. »Ich mache Ihnen einen Vorschlag« – er lächelte, während er dies mit kaum vernehmbarer Stimme sagte – »einen Vorschlag« – hinter dem lächelnden Gesicht fing es an zu zucken wie ein Feuer, das herausbrechen, wie eine Leidenschaft, die sich nicht mehr bändigen lassen wollte – »wir wollen versuchen, ob Sie Glück haben.« Er deutete mit einer Kopfbewegung nach dem Spielsaal. »Glück?« Freda sah auf – sie verstand ihn nicht. »Nun ja – da drin – vertrauen Sie mir zwanzig Frank an.« »Spielen – ?« Fredas Augen taten sich ganz entsetzt auf. Er zuckte die Achseln. »Sie brauchen ja nicht selbst, wenn es Sie so in Schrecken setzt, ich werde es für Sie besorgen.« Freda war ratlos; der Atem versagte ihr. »Mein Gott« – er knirschte beinahe vor Ungeduld, »zwanzig Frank – was ist denn das?« Ob es der Ton seiner Worte war, die so klangen, als hielte er sie für geizig, ob es das herrische Gebaren war, das jählings aus ihm hervorbrach – Freda griff stumm in die Tasche, holte ein Zwanzigfrankstück hervor und hielt es ihm hin. Mit einem Griff riß er das Geldstück aus ihrer Hand. »Ist ja alles nur zum Spaß«, flüsterte er ihr zu. »Warten Sie einen Augenblick – ich bin gleich wieder bei Ihnen!« Damit war er verschwunden, und Freda blieb allein zurück. Sie setzte sich auf einen Stuhl und wischte sich mit dem Taschentuch über das Gesicht. »Was war das? Wohin führte das?« So überraschend, so plötzlich war das gekommen – sie hatte kaum Zeit gefunden, zu überlegen, geschweige denn, Widerstand zu leisten – wie zerschlagen fühlte sie sich, wie vernichtet. Einige Minuten saß sie so dumpf und stumpf – dann näherte sich ihr ein hastiger Schritt – der Mensch stand vor ihr. »Soll ich Ihnen etwas sagen? Soll ich Ihnen etwas sagen?« In seiner Stimme war ein schnappendes Gellen, über sein Gesicht liefen rote Streifen. – »Sie haben Glück! Sie haben Glück!« Er öffnete die geschlossene Faust und hielt sie ihr vor die Augen – statt des einen Goldstücks, das sie ihm gegeben, lagen jetzt vierzig in seiner Hand. Freda blickte auf das Geld, dann erhob sie das Gesicht und schaute ihm in die Augen – sie wußte noch immer kaum, was eigentlich vorging. Plötzlich fühlte sie, wie er ihre rechte Hand ergriff, die Goldstücke hineindrückte und die Finger ihrer Hand über dem Golde schloß. Das alles geschah, ohne sie um Erlaubnis zu fragen; die Art, wie er mit ihrer Hand umging, war rauh und rücksichtslos, beinahe gewalttätig. »Was soll ich denn damit?« brachte sie endlich hervor. »Was Sie damit sollen?« Er lachte mit dem heiseren, höhnischen Ton, den sie nun schon des öftern von ihm vernommen hatte – »nun – was Sie wollen. Es ist Ihr Geld.« »Mein Geld – ? Aber wie komme ich denn dazu?« »Aber, mein Gott, begreifen Sie denn nicht? Das haben Sie gewonnen!« »Gewonnen?« »Na ja – da drinnen, jetzt eben, an der Roulette! Ich sagte Ihnen doch, daß ich mit Ihren zwanzig Frank arbeiten wollte – da haben Sie den Gewinn. Ist's Ihnen nicht genug?« Er hatte einen Stuhl neben den ihrigen geschoben, er saß jetzt unmittelbar neben ihr, so daß es aussehen mußte, als wären sie beide innig befreundet und vertraut. Er hatte den rechten Arm auf die Lehne ihres Stuhles gelegt; es war ihr, als würde er jeden Augenblick den Arm sinken lassen und um ihren Leib schlingen. Sie fühlte sich unfähig zu jeder Bewegung, wie gefangen saß sie, wie unter einem körperlichen Zwang und Bann. Alles, was sie tun konnte, war, daß sie das Haupt zur Seite wandte und gedankenlos auf die Goldstücke niederstarrte, die sie in der Hand hielt. »Gefällt Ihnen das?« fragte er, indem er sich zu ihr hinüberbeugte. »Ich verstehe mich auf den Rummel; Sie haben Glück, kann ich Ihnen sagen, Sie haben ein Glück, wie ich's selten erlebt habe! Und heute haben Sie offenbar Ihren glücklichen Tag! Das muß man benutzen; kommen Sie!« Er nickte wieder mit dem Kopf nach dem Spielsaal hin, als wollte er ihr andeuten, daß sie aufstehen und ihm folgen sollte. »Aber – spielen mag ich nicht«, stieß sie hervor. Unwirsch zuckte er mit den Achseln; sein ganzes Wesen war wie mit ungeduldiger Leidenschaft geladen. »Was ist denn dabei? Hier spielt jeder vernünftige Mensch!« »Aber – der Eisenbahnzug muß gleich kommen.« »Keine Idee – Sie haben noch eine volle Stunde Zeit. Ich verspreche Ihnen, daß Sie pünktlich am Bahnhof sein sollen.« Das Blut strömte ihr zum Herzen; schwer atmend saß sie da und konnte zu keinem Entschluß kommen. Plötzlich fühlte sie, wie sein Arm sich um ihre Hüfte schlang. »Aber mein Gott–« Während sie aufzuckte und sich sträubte, hatte er sie schon emporgezogen. »Aber so seien Sie doch nicht so! Wer wird denn so an seinem Glück vorübergehn? Das kommt Ihnen vielleicht im ganzen Leben nicht wieder! Ich werde für Sie spielen, Sie brauchen bloß dabei zu sein und zuzusehen; aber dabei sein müssen Sie; das Glück hängt an der Person; das ist eine alte Erfahrung; verlassen Sie sich darauf. Wenn Sie selbst dabei sind, haben wir noch einmal so viel Glück als vorhin – kommen Sie, kommen Sie.« Seine Stimme drang heiser flüsternd in ihr Ohr; beinahe besinnungslos, fühlte sie sich in der körperlichen und seelischen Gewalt dieses Menschen – ehe sie sich's versah, war sie mit ihm in den Spielsaal eingetreten; gleich darauf befand sie sich an einem der Roulettetische, ein Stuhl wurde ihr zugeschoben; sie sank darauf nieder und beugte das erglühende Haupt. Ihr war, als müßte alle Welt sich kopfschüttelnd nach ihr umsehen. Wie ein wüster Traum umfing es ihre Sinne. Sie hörte wieder das Klappern der Kugel, die blecherne Stimme des Croupiers, und ein dumpfes Bewußtsein sagte ihr, daß diese Töne, denen sie vorhin als teilnahmlose Zuhörerin gelauscht hatte, jetzt auch ihr galten. Ein Schicksalsstrom war losgelassen, und sie saß mitten darin. Wie knisternde Funken ging es durch ihre Erinnerung; all die Zeitungsberichte fielen ihr ein, in denen sie gelesen hatte, wie dieser sich den Kopf zerschossen, jener Gift genommen und ein anderer sich von den Felsen gestürzt hatte, weil er in diesem Saale zum Bettler geworden war. Und in dem Räderwerke, das jene zermalmt hatte, war nun auch sie. Wer sagte ihr, ob nicht auf dem Platze, wo sie jetzt saß, kurz zuvor einer von denen gesessen hatte, die von hier hinaus und in den scheußlichen Tod gegangen waren. Ein lähmendes Angstgefühl preßte sie auf den Stuhl nieder. Die Regeln des Spieles waren ihr vollständig fremd; die Zahlentabelle, die das grüne Tuch des Spieltisches bedeckte, vor welchem sie saß, war ihr unverständlich. Sie begriff nicht, warum der Croupier nach der Beendigung eines Spielgangs hierhin und dorthin Geld warf und sodann mit seinem Rechen die übrigen Einsätze an sich zog. Sie war ratlos, hilflos – und in dieser Betäubung ihrer Sinne und Gedanken blickte sie unwillkürlich zu dem Menschen auf, zu dem fremden, unheimlichen, schrecklichen Menschen, der zwei Schritte von ihr an den Tisch gelehnt stand, Einsätze machend, Goldstücke einstreichend und dabei lächelnd und lächelnd, als säße er an der Wirtstafel in Bordighera, als handelte es sich um eine Bagatelle, um eine Sache, nicht der Mühe wert, daß man darum mit einer Wimper zuckte. Alles, was ihr unverständlich und fremd, war ihm geläufig und bekannt; der Vorgang, der sie erdrückte – er beherrschte ihn. Ein Grausen überschwemmte ihr Herz, wenn sie den Menschen ansah, und zugleich fühlte sie sich ihm unterworfen – sie wäre am liebsten aufgesprungen und meilenweit von ihm fortgelaufen, und zugleich sagte sie sich, daß sie ohne diesen Menschen verloren gewesen wäre, verraten und verkauft an dem fremden, schrecklichen Ort, unter den fremden, schrecklichen Menschen, daß er in diesem Augenblick ihr Ritter war, der für sie kämpfte, der Helfer, an den sie sich klammern konnte, klammern mußte, der einzige – einzige – Mit bleiernen Gliedern saß sie am Tisch, immerfort in der dumpfen Erwartung, als würde sich im nächsten Augenblick irgend etwas Schreckliches ereignen und auf sie niederfallen. Dann sah sie, wie jener das Spiel unterbrach und die Uhr hervorzog. Er machte eine Verbeugung zu ihr hin, als wollte er ihr andeuten, daß sie aufstehen und kommen sollte, daß es nun Zeit sei. Eine Verbeugung konnte man es kaum nennen; es war eigentlich nur ein Kopfnicken, eine vertrauliche Bewegung, wie ein Kamerad sie dem andern macht, wie zwei Menschen sie austauschen, die sich verstehen. Dabei sah er ihr mit einem dreisten, lachenden Blick in die Augen. Mechanisch gehorchend erhob sie sich und trat an seine Seite. Mit dem Zeigefinger winkte er ihr, ihm zu folgen. Ohne ein Wort zu sagen, führte er sie abseits, in eine entlegene, menschenleere Ecke des Saales. Dort angekommen, bedeutete er sie, auf dem Sofa Platz zu nehmen, das in der Ecke stand, und als sie sich niedergelassen hatte, setzte er sich an ihre Seite. Alsdann griff er in die Tasche seines Beinkleides, einmal, zweimal und dreimal, und mit jedem Griffe holte er eine Handvoll Goldstücke hervor, die er auf das Sofa zwischen ihnen beiden legte, so daß ein Haufen von Zwanzigfrankstücken, ein Berg entstand. »Das haben wir gewonnen,« sagte er, jedesmal, so oft er eine Handvoll niederlegte, »das haben wir gewonnen, haben wir gewonnen.« Plötzlich, ehe sie es verhindern konnte, hatte er sie an beiden Händen gefaßt; er beugte sich zu ihr hinüber, so daß sein Gesicht dem ihrigen unmittelbar gegenüber war, so daß seine Barthaare sie beinahe berührten. Das Lächeln auf seinem Gesicht war zu einem Grinsen geworden, zu einem frech vertraulichen, gemeinen Grinsen. »Fräulein Kompagnon – ich gratuliere.« Mit einer krampfhaften Bewegung warf Freda Kopf und Oberleib zurück, so weit sie vermochte, dann riß sie ihre Hände aus seinen Händen und machte Miene, aufzuspringen. Mit verblüfftem Lachen sah er sie an. »Aber so nehmen Sie doch Ihr Geld an sich!« Mit beiden Händen schaufelte er die Goldstücke auf und drückte sie ihr in die Hände, in den Schoß. Sie sträubte sich, sie widersetzte und wehrte sich; aber gewaltsam, beinahe roh bezwang er ihren Widerstand. Dabei lachte er unausgesetzt. »Wenn ich nur begriffe, was Ihnen eigentlich ist? Sie haben ein Glück, wie es noch gar nicht dagewesen ist. Ist das eine Schande? Ist das ein Verbrechen?« Freda stöhnte auf. Mit verzweifelter Energie raffte sie die Goldstücke zusammen und packte sie neben sich auf das Sofa, wo sie zuvor gelegen hatten. Ein Schauder ging durch ihre Glieder. »Es wird Zeit,« sagte sie rauh, »ich muß zu meinem Vater, wir müssen auf den Bahnhof!« Noch einmal riß er die Uhr heraus. »Sie haben noch Zeit.« »Nein – nein« – und sie versuchte aufzustehen. In dem Augenblick aber legte sich sein Arm um sie, und von eiserner Kraft fühlte sie sich auf dem Sitze festgehalten. Sie wurde leichenblaß, ein Zittern überlief sie vom Haupte bis zu den Füßen; ihre Lippen preßten sich aufeinander, ihre Augenlider senkten sich. Ohne den Arm von ihr zu lassen, saß der Mann neben ihr und sah sie von der Seite an. Und indem er sie ansah, verwandelte sich sein Gesicht; die höfliche, lächelnde Maske fiel, und eine wüste, gierige, brutale Fratze kam darunter hervor. Wie er sie dasitzen sah, hintenüber gesunken an die Lehne des Sofas, in tödlichem Erbangen, wie er das Zittern des schönen Leibes in seinem Arme, diese blasse Wehrlosigkeit in den Fängen seiner rohen Gewalt empfand, öffneten sich seine Lippen mit einem Ausdrucke wilder, hungriger Begehrlichkeit, beinahe fletschend, und es kam ein Augenblick, wo es so aussah, als würde er sich über sie stürzen und ihr Gesicht bedecken und beflecken mit plumpen, dicken, scheußlichen und abscheulichen Küssen. Aber er bezwang sich. Weniger vielleicht, weil eigenes Gefühl ihn zurückhielt, als weil er sich scheute, im Angesicht der Leute, die den Saal füllten, einen Auftritt herbeizuführen. Lautlos saß er neben ihr, die stieren Augen auf sie gerichtet, den Wogenschlag ihrer Brust beobachtend, die sich stürmisch hob und senkte, wie ein Pirat, der seine Beute bewacht, wie ein Peiniger, der sein Opfer belauert. Allmählich lockerte sich der Griff seines umschlingenden Armes, so daß sie etwas freier aufzuatmen vermochte. »Sagen Sie mir in aller Welt, was eigentlich los ist?« begann er, »warum Sie sich so unmotiviert aufregen? Die Damen, die mit Ihnen im Hotel zusammen wohnen, tun jeden Tag dasselbe, was Sie heute getan haben – bloß daß sie nicht solches Glück haben wie Sie.« – Das Lachen, mit dem er dies letzte begleitete, sollte beifällig klingen; Freda hörte nur den gemeinen Klang desselben, der zu der Plumpheit seiner Ausdrücke paßte. Während sie noch immer mit halbgeschlossenen Augen saß, kehrte ihr die Überlegung zurück, die eisige Ruhe, die dem Menschen in den Augenblicken äußerster Gefahr kommt. Denn daß sie sich in einer solchen befand, das fühlte sie. Daß sie sich in der Gewalt eines gewerbsmäßigen Spielers, eines Menschen befand, in dem der Golddurst aufgewacht war und jede Rücksicht, jedes feinere Gefühl, sogar die angelernten Formen äußerlichen Anstandes erstickte, dessen war sie sich bewußt. Der Instinkt sagte ihr, daß sie sich jetzt ruhig verhalten, daß sie ihn zu Ende sprechen lassen mußte, um ganz zu erfahren, mit wem und mit was sie es eigentlich zu tun hatte. Darum hielt sie sich ruhig und schlug die Augen auf, gerade vor sich hinblickend, ohne ihn anzusehen. Dabei ahnte sie freilich nicht, wie der Anblick dieser Augen, die in hilfloser Not in die Welt hinausgingen, in dem Menschen neben ihr die ganze Hölle des Verlangens auflodern ließ. »So überlegen Sie doch nur« – in der Aufregung, in der er sich befand, holperten ihm die Worte aus dem Munde – »was ich Ihnen neulich gesagt habe; Sie sind dazu gemacht, daß Sie die Welt beherrschen – warum wollen Sie denn durchaus nicht? Das ist doch geradezu unvernünftig! Sie sind schön, das werden Sie wohl selbst wissen – und dazu haben Sie Glück im Spiel. In ein paar Tagen können Sie ein Vermögen zusammen haben – wenn Sie jemand finden, der die Sache versteht, der Ihnen dabei hilft, und der bin ich.« Wieder griff er nach ihrer eiskalten Hand, wieder näherte sich der spitzige Bart ihrem Gesicht – »denn das werden Sie wohl auch gemerkt haben, daß ich die Sache verstehe.« Ein selbstgefälliges, heiseres Kichern kam wie ein »Nicht wahr?« hinter den Worten her. Freda gab keinen Laut von sich; sie saß wie erstarrt. »Also sehen Sie – was ich Ihnen vorschlagen wollte – Sie haben sich mir schon einmal anvertraut und haben es nicht zu bereuen gehabt – also vertrauen Sie sich mir weiter an. Ich arbeite für Sie, ich bin nur für Sie da, ich garantiere Ihnen den Gewinn. In ein paar Tagen sind Sie reich; dagegen, daß er reich wird, hat niemand etwas einzuwenden, dagegen wird auch ihr Vater nichts haben. Geld ist Macht, dann sollen Sie erst einmal sehen, was leben heißt – jetzt haben Sie ja von dem allem keine Ahnung! Und wie gesagt, zu fürchten brauchen Sie sich nicht; ich bin immer bei Ihnen; und ich verstehe die Geschichte. So gewissermaßen – verstehen Sie – als Ihr Impresario; Sie wissen ja, was das heißt? Denken Sie zum Beispiel an die Patti oder an andre berühmte Frauen, von denen alle Welt spricht und denen alle Welt zu Füßen liegt – Herrgott, so denken Sie doch nur« – in seinen Augen war ein unreines Feuer, ein wüstes Flackern und Flimmern – »seit ich heute so glücklich gewesen bin – Sie wissen, als der Rabe Ihren Fuß nicht loslassen wollte – solch ein Fuß mit solchem Spann, sehen Sie – ich verstehe mich auf so etwas – solch ein Fuß ist dazu gemacht, daß er der Welt auf den Nacken gesetzt wird und daß die Welt ihn küßt und anbetet und –« Ihrer Selbstbeherrschung zum Trotz zuckte Freda auf und riß ihre Hand zurück, die er noch immer mit seinen heißen, feuchten Fingern umklammert hielt. »Ja, was wollen Sie denn?« drang er mit verdoppeltem Eifer auf sie ein, »warum fürchten Sie sich denn fortwährend? Das ist ja doch ganz unvernünftig! Weil Sie da oben in irgendeinem kleinen deutschen Nest gesessen haben, wo man von der Welt nichts weiß – Herrgott im Himmel – hier sind Sie in der großen Welt. Und hier ist auch noch nicht einmal die eigentliche große Welt, die ganz eigentliche, darum sehen Sie, wenn wir hier unsre Sache gemacht haben, gehen wir weiter; es gibt noch andre Orte auf der Welt. Außerdem ist es nicht praktisch, daß man immer aus ein und derselben Quelle schöpft – da wird das Glück überdrüssig, das ist eine alte Erfahrung – also da ist zum Beispiel Nizza, und hinter Nizza noch etwas ganz andres, nämlich Paris. Da gehen wir hin, da führe ich Sie hin, da gehören Sie hin! An Orte, wo man schöne Frauen zu ehren und zu feiern weiß, da gehören Sie hin, da sollen Sie einmal sehen, was leben heißt und was Freude am Dasein, und was herrschen heißt, und daß es nichts Prachtvolleres gibt, als zu herrschen und der Welt zu kommandieren –« Er war in eine Art von wüstem Taumel geraten. Je länger er sprach, um so überzeugter wurde er von der Unfehlbarkeit dessen, was er sagte. Freda erwiderte keinen Laut. Das faßte er dahin auf, daß sie nichts einzuwenden wüßte. Seine gemeine Natur ließ keine andre Bedeutung für ihr Verstummen zu, als daß sie zur Erkenntnis käme, wie recht er hätte, wie herrlich die Zukunft sei, die er ihr ausmalte. Jetzt also »nur nicht locker lassen«! Jetzt nur die letzten Bedenken des »zimperlichen Frauenzimmers« beiseitefegen! »Ist es durchaus nötig, daß Sie jetzt schon nach Bordighera zurückfahren?« fing er unvermittelt wieder an, »es geht nämlich heute abend noch ein Zug.« Unwillkürlich maß sie ihn mit einem Blick. »Natürlich jetzt«, preßte sie zwischen den bleichen Lippen hervor. Er ließ ein dumpfes Murren hören. »Es ist nur, weil ich Ihnen schon gesagt habe, daß wir mehr Glück haben, wenn Sie selber dabei sind.« Freda biß mit den Zähnen in die Unterlippe. Dann rückte sie zur Seite, schob den Goldhaufen, der noch immer auf dem Sofa lag, von sich, so weit sie vermochte, zu ihm hin. »Das ist Ihr Geld – nehmen Sie es – machen Sie damit, was Sie wollen – ich habe nichts zu schaffen damit! Während sie diese Worte herausstieß, sah er ihr mit einem lauernden Blick in die Augen. Dann faßte er ihre Hand, die ihm den Goldhaufen zuschob, und hielt sie, trotz ihres Zuckens, fest. »Begreifen Sie doch nur – das hier ist ja für den Anfang ganz gut, aber es ist nicht genug. Es kann doch auch sein, daß wir nicht fortwährend Glück haben, daß wir zwischendurch ein paarmal verlieren; dann sind wir aufgeworfen. Außerdem – wir wollen doch nicht so ein Zwanzigfrankstück nach dem andern eingrapsen, wir wollen einen großen Schlag machen. Wenn man einen Schlag machen will, muß man etwas riskieren können – also – was ich sagen wollte – Sie führen ja die Kasse – haben Sie sie bei sich?« Freda fühlte es wie einen jähen Krampf in der Brust; zweimal, dreimal mußte sie schlucken, um Luft zu bekommen – »Lassen Sie meine Hand los!« stöhnte sie. Er ließ nicht los. Sie warf den Kopf zu ihm herum und traf ihn mit einem Blick, vor dem er trotz all seiner Unflätigkeit erschrak. »Beruhigen Sie sich doch nur,« sagte er rasch, »seien Sie doch vernünftig – wenn Sie die Kasse jetzt nicht bei sich haben, ist's ja auch gut – heute abend bringe ich Ihnen Bescheid, was wir ausgerichtet haben, und morgen können wir dann weiter sehen.« Ein Knirschen kam von ihren Lippen. »Sprechen Sie nicht von ›wir‹ – was erlauben Sie sich? Lassen Sie meine Hand los – lassen Sie augenblicklich meine Hand los, oder ich rufe laut um Hilfe!« Das war Ernst; er fühlte es und ließ ihre Hand fahren. Wie von einer Feder emporgeschnellt, sprang sie auf die Füße und stand vor ihm. Er war gleichfalls aufgestanden – sie sahen sich Auge in Auge. Das freche, vertrauliche Lächeln war von seinem Gesicht wie weggewischt; mit blöden Augen starrte er das Weib an, das vor ihm stand; er sah ein völlig verwandeltes Wesen. In der maßlosen Erregung, die sie beherrschte, hatte ihr schlanker Körper sich in allen Gelenken gereckt, so daß sie größer erschien als vorher; keine Spur von Angst und Scheu war mehr in ihren Augen, sondern nur ein sprühender Zorn, eine ungeheure Verachtung; ihre Lippen zuckten und bebten, als suchten sie das Wort und könnten es nicht finden, das für diesen da gehörte, für diesen – Endlich hatte sie sich so weit in der Gewalt, daß sie sprechen konnte: »Ich gehe jetzt – wenn Sie sich erlauben, mir auch nur einen Schritt zu folgen – so rufe ich um Hilfe! Wenn Sie sich in Bordighera ein einziges Mal noch erlauben, mich oder meinen Vater anzusprechen – sich bei Tisch mir und meinem Vater wieder gegenüberzusetzen – so werde ich den Wirt bitten, daß er uns vor Ihnen beschützt!« Mit einer königlichen Gebärde warf sie den Nacken empor und wandte ihm den Rücken. Mit festem, sicherem Schritt ging sie zum Saale hinaus. Sprachlos blieb jener stehen und stierte hinter ihr drein mit dem Ausdruck eines Menschen, der einen Schlag ins Gesicht, eine Züchtigung erhalten hat und nicht zur Besinnung darüber kommen kann, was ihm geschehen ist. Neuntes Kapitel Als Freda in das Lesezimmer eintrat, saß der Vater noch an dem Platze, wo er sich niedergelassen hatte. Die Zeitung lag ihm im Schoß, sein Haupt war auf die Brust gesunken – in der drückenden Schwüle, die im Raum herrschte, war er eingeschlafen. Es war doch wirklich nur – Schlaf? Freda war es, durch deren Hirn diese Frage zuckte, jählings wie ein Blitz, an deren Herz diese Frage griff, jählings wie eine krallende Hand – So blaß sah er aus. Eilends war sie an seiner Seite. »Papachen –«, sie berührte seine Schulter. »Papachen –«, sie schüttelte ihn stärker – er kam zu sich, er erwachte. Er erwachte, und in demselben Augenblick lagen ihre Lippen auf seiner Stirn, und die Tränen schössen ihr in die Augen. Aber mit übermenschlicher Gewalt drängte sie die Tränen zurück. Später war Zeit zum Weinen – jetzt nicht. Jetzt hieß es stark sein, fest und mutig sein. Alles, was von Adel, Stahl und Kraft in ihrer Natur war, stand plötzlich in ihr auf. »Es wird Zeit, daß wir zum Bahnhof gehen«, sagte sie, und ihre Stimme klang leicht und frei. Schlaftrunken erhob er sich. »Ja, ja – komm nur – komm.« Er lallte beinahe – dann stützte er sich auf ihren Arm und verließ mit ihr das Haus. Die Treppe stiegen sie hinunter. Immer wuchtiger stützte er sich auf die Tochter, und indem sie die Schwere seines Körpers empfand, war es ihr, als trüge sie eine heilige Last. Es war höchste Zeit. Der Zug stand zur Abfahrt bereit; sie hatten eben noch Zeit, hineinzuschlüpfen. Glücklicherweise war der Zug nur schwach besetzt; sie saßen in ihrem Kupee allein. Kaum daß sie Platz genommen hatten, sank der Regierungsrat in die Wagenkissen zurück und schlief wieder ein. Schräg gegenüber von ihm saß Freda am Wagenfenster; aber nicht zum Fenster blickte sie hinaus, nicht auf das Meer, nicht auf die Landschaft und die Schönheit der Landschaft – bei dem alten Mann dort weilten ihre Gedanken, an seinem Gesicht hingen ihre Augen, ihre heißen, brennenden, fieberhaft starrenden Augen. Wie müde es war, dieses Gesicht, dieses greise! Wie eine Last, beinahe wie eine Krankheit lag die Erschöpfung darauf. Jetzt, da kein Lächeln die gütigen Züge erhellte, traten alle Falten darin hervor, und in den Falten der Gram, all der verschwiegene Kummer, den er im Herzen verbarg und verschloß, um sein Kind nicht zu betrüben, und der nun aus seiner Tiefe hervorkam und zu seinem Kinde zu sprechen anhob, leise vernehmlich wie die flüsternde Stimme des Gewissens, wie die unentrinnbare Stimme der Anklage. Eingepreßt saß sie in ihrer Wagenecke; ihre Hände lagen im Schoß, und die seinen Finger rangen sich ineinander wie im Krampfe. Wer hatte dem alten Mann das alles angetan? Wer hatte ihn fortgenötigt und gehetzt aus der heimatlichen Stadt, aus dem heimatlichen Hause? Fort aus dem Garten, wo die Nachtigall sang und die Amsel schwatzte, aus dem Schatten seiner Bäume, den er so liebte, den er so brauchte, und hinunter in die brennende Sonne, zwischen das blendende Meer und die glühenden Berge? Wer war es, die ihn fortgescheucht hatte von lieben Gewohnheiten, von seinen stillen, bescheidenen Freuden, von Freunden und Bekannten, von allem, woran sein Herz und seine Seele hing, und die sich groß und bedeutend gedünkt hatte, weil sie den alten Mann zu dem allem vermocht hatte? Die in Eitelkeit aufgeschwollen war, weil sie den Vater beherrschte, ohne zu fühlen, daß der alte, gute Vater nur nachgegeben hatte, weil er zu weich, zu gütig war? Ohne zu fühlen, daß er seinem Herzenswunsch entsagt hatte, weil sie ihm gesagt hatte, daß die Erfüllung seines Wunsches ihr Tod sein würde? Die Tränen, die sie vorhin bemeistert hatte, stießen ihr wieder zu den Augen herauf, vom Herzen her, wie ein glühender Strom aus einem glühenden See. Wenn er nun wirklich krank wurde, wenn er dem Klima erlag, das ihm nicht bekam – wenn er – Die Tränen traten ihr zurück, ein Angstgefühl, schrecklich und schwer, legte sich zermalmend auf ihre Brust, daß ihr der Atem röchelnd aus der Brust stieg. Wie hatte er zu ihr gesagt damals, an dem Nachmittag, als er allein mit ihr im Zimmer neben dem Salon gewesen war? »Freda, mein Herzenskind, du mußt doch bedenken, daß ich ein alter, alter Mann bin –« So war es gewesen, ja – das Wort, das ihr wie ein Stich durch Leib und Seele gegangen war! Das hatte er gesagt, das hatte sie gehört, und statt darauf bedacht zu sein, jeden Tag, jede Stunde und Minute, daß sie sein Leben, das heilige, teure Gut, behütete, beschützte und bewachte, hatte sie es aufs Spiel gesetzt, dem Schicksal und dem Zufall preisgegeben, wie eine – wie eine – und warum? Für wen? Für – jenen da drüben? Ein Ekel schüttelte sie. Weinen konnte sie nicht; das trockene Schluchzen zerriß ihr die Kehle; mit den Zähnen faßte sie die Spitzen ihrer Handschuhfinger und biß hinein in wütender Reue. Wenn es einmal käme, daß das Gesicht da vor ihr läge, daß sie neben ihm in die Knie sänke – »Vater – ich habe dir noch etwas zu sagen – Vater, ich habe dir noch etwas abzubitten« – und die Augen sich nicht mehr öffneten, um sie anzusehen, die Ohren nicht mehr vernähmen, was sie ihm zu sagen hatte – Jesus! Jesus! Jesus! Jetzt waren sie in Bordighera angelangt, und jetzt hielt der Zug, und jetzt saß sie neben dem schlafenden alten Mann, ihre Lippen an seinem Ohr, ihre Wange an seiner Wange – »Papachen!« Er fuhr auf. »Aber, mein Gott – warum schreist du denn so?« »Nun – ich wollte dir nur sagen – wir sind da!« Er rieb sich die Augen. »Na – also ist's ja gut. Aber ich dachte doch wirklich, es wäre was passiert, weil du so schriest.« Er sah sie an und lachte. Als sie ihn lachen hörte, fiel sie mit beiden Armen um ihn und hing an seinem Halse. Nie hatte sie einen wonnevolleren Laut gehört. »Ja – nicht wahr – ich bin recht kindisch?« Dann fing sie selbst zu lachen an, heftig, immer heftiger, beinahe konvulsivisch; und mitten in dem Lachen stürzten ihr die Tränen aus den Augen, und das Lachen wurde jählings zum Schluchzen, zu einem Schluchzen, das ihr das Herz zu sprengen drohte und ihre Brust an seiner Brust auf und nieder fliegen ließ. »Aber – Freda – was ist dir denn?« »Nichts, Papachen, komm nur, komm nur, komm!« In seinen Arm gehängt, zog sie ihn fort, den Weg zum Gasthof hinauf, das Gesicht zur Erde gebeugt, damit man ihre verweinten Augen nicht sehe. Unterwegs überlegte sie. Was sollte sie tun? Sollte sie ihm alles sagen? Ihm erzählen, was zwischen ihr und jenem Menschen vorgegangen war? Nein, nein, nein! Das hätte ihn aufgeregt, und sie zitterte jetzt vor jeder Aufregung, die ihn treffen konnte. Ihre Tat war es gewesen und ihre Schuld – so sollte nun auch das Bewußtsein davon ihr eigen bleiben, und er sollte nicht mitzutragen haben daran. Noch lag das Erlebnis der letzten Stunde wie eine wüste, ungeordnete Masse in ihrer Erinnerung, noch getraute sie sich nicht, an alle Einzelheiten zurückzudenken, noch begriff sie kaum, wie sie jemals in ihrem Bewußtsein damit fertig werden und darüber hinwegkommen würde – aber der Vater war ihr wiedergeschenkt, und es hatte einen Augenblick gegeben, wo er ihr beinahe schon verloren gewesen war. Das war es, was jetzt ihre Seele erfüllte und alles andre zurücktreten und verschwinden ließ wie hinter einem großen Licht. Ob es nicht möglich sein würde, die ganze abscheuliche Geschichte aus dem Gedächtnis zu werfen und darüber hinwegzuleben, als wäre sie nie dagewesen? Sie preßte die Lippen zusammen und die Fingernägel in die Hand – versuchen wir's! Versuchen wir's! Als sie in den Gasthof zurückkehrten, zeigte die Uhr beinahe die Essensstunde, und als sie ihr Zimmer droben betrat, sah sie die Toilette bereit liegen, die sie heute zum Mittagessen hatte anziehen wollen. Das Kleid von mattgelber Brussaseide, das sie an jenem ersten Abend getragen hatte, das ihr so gut stand, in dem sie – jenem so gefallen hatte. Mit beiden Händen fuhr sie an die Schläfen – vergessen wollte sie, während jeder Gegenstand eine Erinnerung und jede Erinnerung ein Greuel war. Mit einem Blick voller Haß riß sie das Gewand an sich, als wollte sie es zerfetzen von oben bis unten – dann warf sie es zurück – der unschuldige Lappen, was konnte er dafür? Schwer atmend sank sie auf einen Stuhl; ein unaussprechlich widerwärtiges Gefühl drückte sie nieder und erdrückte sie. Die große Hotelglocke rief zur Mahlzeit, und es fiel ihr ein, wie die Stimme dieser Glocke ihr gestern noch und vorgestern und diese ganze Zeit hindurch wie ein Kommandoruf ertönt war, wie ein Befehl, dem sie sich rasch und unbedingt gefügt hatte. Warum? Weil sie wußte, daß – jener sie unten erwartete – ah! Wohin sie dachte und sah, immer – jener! Wie ein Schmutzfleck, der in ihre Seele gefallen war, an dem sie vorbeisehen wollte und auf den sie hinstarren mußte, an dem sie vorbeischlüpfen wollte und nicht vorbeikommen konnte, nicht konnte und nie können würde! Die Glocke läutete und läutete, es war, als ob sie persönlich nach ihr rief. Aber sie drückte die Stirn auf den Tisch. »Läute du nur, ruf du nur, was gehst du mich an?« »Weil ich heute früh das Kleid da zurechtgelegt habe, um mich heute abend hineinzustecken und damit zu putzen? Nicht wahr? Darum, meinst du, müßte ich jetzt kommen, nicht wahr? Aber was geht das Weib, das Weibstück mich an, das heute morgen hier ihre Torheiten getrieben hat? Ich weiß nichts von ihr, will nichts wissen, habe nichts zu schaffen mit ihr! Nichts! Nichts!« Auf dem Stuhle rückte sie herum; denn dort über dem Sofa hing ja der Spiegel, der ihr das Bild dieser Person zeigte. Beide Hände drückte sie vor das Gesicht und verbarg ihr Gesicht darin; und wieder fing es in ihrer Brust zu wühlen an, wieder stieg der Tränenstrom von drunten empor, heiß wie aus einem kochenden See. – Aber fort mit den Tränen – hinter ihr klappte die Tür. Heute war es der Papa, der nach seiner Tochter zu sehen kam. Hurtig sprang sie auf. Halb überrascht sah er von der Türschwelle zu ihr hin. »Na, sag' einmal, Kind? Noch im Reisekleid? Wird heute keine Toilette gemacht?« Sie flog auf ihn zu, ihm um den Hals. Ach, Papachen, wozu? Für die da unten ist das ja wahrhaftig genug! Schon zu gut, viel zu gut!« Ihre Augen waren weit aufgerissen; indem sie sprach, öffnete sich ihr Mund, als ob sie nach Luft ringen müßte; sie schrie beinahe, indem sie sprach. Papa Nöhring strich ihr die Stirnlocken zurück; ihre Stirn war mit kaltem Schweiß bedeckt. Mit dem alten, bekannten, schalkhaften Lächeln sah er sie forschend an, dann küßte er sie schweigend auf beide Augen. Als sie seinen Kuß fühlte, stieg ein Seufzer der Erleichterung aus ihrer Kehle. »Ach – du lieber Papa –«, und ihr Haupt sank an seine Brust. »Komm jetzt nur,« mahnte er, »es wird Zeit, und du mußt etwas essen.« »Ja, ja –«, und sie gingen hinunter. Als sie den Speisesaal betraten, fühlte der Vater, wie sie an seiner Seite aufzuckte. Ihre Augen gingen in Todesangst umher – würde jener da sein? Gott sei Dank, nein, er war nicht da. Wie konnte er denn auch? Er hätte ja geradezu durch die Luft fliegen müssen. Aber er war für sie zum Gespenst geworden, und Gespenster sind überall. Aufatmend setzte sie sich an die Tafel, und nun tat sie sich Gewalt an, um Speise und Trank zu sich zu nehmen. Viel wurde es freilich nicht, und Papa Nöhring sah die winzigen Portionen, die sie sich auf den Teller füllte. Er sah es, aber er sagte nichts und fragte nicht. Und sie bemerkte, daß er es sah, und daß er nicht fragte – wie sie ihm dafür dankte! Wie sie sie empfand, die feine, milde, rücksichtsvolle Seele des alten Mannes, der an ihrer Seite saß! Und es fiel ihr ein, daß einmal ein Tag gewesen war, an dem sie sich geärgert hatte, daß der alte Mann an ihrer Seite keinen Frack anhatte wie die andern; ein Tag, an dem er ihr so kleinstädtisch und kleinbürgerlich erschienen war, so wenig höflich und verbindlich gegen den »englischen Lord«, ein Tag, an dem sie nicht weit davon entfernt gewesen war, daß sie sich seiner geschämt hätte. Die Plätze ihr gegenüber am Tische waren leer, wie denn heute überhaupt viele von den Gästen fehlten, und das war gut für Freda Nöhring. Denn wenn jemand ihr gegenübergesessen hätte, so würde er nicht gewußt haben, was mit dem schönen Mädchen vorging, dessen Gesicht plötzlich aschfahl wurde und dessen Züge ganz verstört waren. Nach dem Essen saßen sie wieder auf der Terrasse an ihrem kleinen Tische, und der Kellner brachte ihnen den Kaffee. Auch dazu hatte sie ihn vermocht, obschon sie doch wissen mußte, daß er den Kaffee so spät nicht gewöhnt war, daß er ihm unmöglich gut bekommen konnte. Unter dem Tisch setzte sie einen Fuß auf den andern und bohrte sich den Hacken des Schuhs in den Fuß; sie hatte ein Bedürfnis, sich etwas anzutun, etwas, das ihr weh tat, womit sie sich bestrafte. Zum erstenmal begriff sie, wie Menschen in früheren Zeiten dazu gekommen waren, daß sie sich Geißeln flochten und sich selbst bis aufs Blut züchtigten. Sie legte die Hand auf seine Hand. »Bekommt der Kaffee dir auch, Papachen?« Überrascht blickte er auf. Wie kam sie denn heute plötzlich zu der Frage? »Na, mein Gott – man gewöhnt sich schließlich.« »Man gewöhnt sich –« Wenn er ihr eine donnernde Standrede gehalten hätte, wäre die Wirkung vernichtender gewesen als dieses traurig resignierte Wort? Daß man fern von allem, was einem teuer und lieb ist, fremd in der Fremde lebt – man gewöhnt sich schließlich daran. Daß man jedem Herzenswunsch und jeder Lebensfreude entsagt – man gewöhnt sich daran. »Aber eine Zigarre rauchst du, nicht wahr?« Das war ja beinahe das einzige, was er hier so gut wie zu Hause tun konnte, beinahe das einzige, was ihm ein Vergnügen bereitete; und jeder Gedanke in ihr fahndete und suchte jetzt danach, wo sich etwas bot, das ihm lieb und angenehm sein mochte; was sie nie getan hatte, all diese Abende lang – mit eifriger Hand steckte sie ein Streichholz in Brand und hielt es ihm hin, damit er seine Zigarre daran anzündete. Freundlich streichelte er ihre Hand. »Ich danke dir, liebes Kind, ich danke dir.« Sie lächelte ihm über den Tisch zu, lächelte, weil sie in Tränen ausgebrochen sein würde, wenn sie ihr Gesicht nicht zum Lächeln gezwungen hätte, und es war ein wütendes Bedürfnis in ihr, sich auf den Tisch zu beugen und seine Hand zu küssen. Aber die Menschen ringsumher – es durfte nicht sein. So zwang sie sich, ruhig und scheinbar heiter ihm gegenüberzusitzen, bis daß er zu Ende geraucht hatte, und so glaubte sie wirklich, ruhig geworden zu sein, als sie aufstanden, um ihre Gemächer aufzusuchen. Ihr »Gute Nacht, Papachen« klang noch ganz frisch und wohlgemut – dann aber war sie in ihrem Zimmer, allein mit sich und ihren Gedanken, und nun fielen die Gedanken über sie her wie reißende Hunde über ein gehetztes Wild. Sie hatte sich ja vorgenommen, zu vergessen, hinwegzuleben über das greuliche Erlebnis, als wäre es nicht dagewesen – also nur vorwärts! Die Kleider herab! Ins Bett! Die Augen geschlossen und dann von nichts mehr wissen, von nichts! Aber indem sie die Kleider abwarf und ihr Blick an ihrem Leibe niederging, fiel es ihr ein, daß dies nicht mehr Freda Nöhrings unentweihter Leib war, daß eines Mannes Arm sich heute darum geschlungen hatte, eines Mannes Hände diese ihre Hände gepackt und gehalten hatten, daß dieser stolze, weiße Fuß kein Recht mehr hatte, stolz zu sein, weil eines Mannes Hand ihn umspannt und gedrückt hatte – und was für eines Mannes! Was für eines! Des scheußlichsten, den die weite Erde trug, und dem sie das Recht zu all seiner Frechheit gegeben hatte, sie! sie! sie selbst! Stöhnend, wie unter Geißelhieben, wälzte sie sich auf ihrem Lager; mit brennenden Augen starrte sie in die Finsternis. All die Wochen, die sie nun hier am Orte verbracht hatte, zogen an ihrem Geiste vorüber, jede Stunde war ihr gegenwärtig, von der ersten bis zu dieser letzten, jeder Gedanke und jedes Gefühl, und alles war Äußerlichkeit, Elendigkeit und Erbärmlichkeit. Wenn sie wenigstens aus großem Antriebe in großen Frevel verfallen wäre, wenn eine große Leidenschaft sie hingerissen und betört hätte – Leidenschaft ist Kraft, und jede große Kraft, auch wenn sie ins Verderben führt, versöhnt uns schließlich mit sich selbst, weil sie uns fühlen läßt, daß wir echte Kinder der Natur sind, in der es auch Vulkane und Erdbeben und Kämpfe der Selbstvernichtung gibt. Aber von dem allem war es ja nichts gewesen, sondern das Kleinste des Kleinlichen, Eitelkeit, dumme, kindische Eitelkeit! Warum hatte sie sich denn geputzt und geschmückt? Warum hatte sie sich beeifert, ihm zu gefallen, dem – Menschen? Etwa weil er ihr gefiel? Weil sie sich hingezogen fühlte zu ihm? Nein – sondern weil sie geglaubt hatte, er wäre ein »englischer Lord«, irgendein bedeutender Fremdländer. Darum hatte es sie gekitzelt und ihr geschmeichelt, daß sie ihm gefiel, obgleich sie doch »nur eine Deutsche« aus einer kleinen norddeutschen Stadt war. Darum hatte sie ihm erlaubt, Blicke zu ihr hinüberzusenden, hatte seine Blicke sogar erwidert, hatte ihm erlaubt, sie spazierenzuführen in nächtlicher Stunde, einsam am Strande des Meeres, hinter dem Rücken des Vaters, des Vaters, den sie vernachlässigt hatte um dieses Menschen willen, dessen Gefühl sie als das des Kleinstädters verachtet hatte, weil er ihn richtig durchschaut hatte, diesen – diesen Piraten! Darum hatte sie ihren eigenen Instinkt unterdrückt, wenn zu unbewachter Stunde ein Licht über das Gesicht des – Menschen gegangen war, bei dem sie schaudernd geahnt hatte, wes Geistes Kind er eigentlich war, hatte ihr Gefühl unterdrückt und unterdrückt, bis daß es zu spät geworden war, bis daß sie ihn zu dem Glauben gebracht hatte, daß sie seinesgleichen sei, ein albernes Weib, mit dem er machen könnte, was ihm beliebte, bis daß sie voller Entsetzen zu sich gekommen war und sich in den Armen dieses Menschen gesehen hatte, dieses Menschen, dieses Spielers, dieses Räubers, der ihr den Vorschlag zu machen wagen durfte, daß sie ihren Vater bestehlen sollte, ihren alten, gütigen, geliebten Vater! An einen solchen hatte sie sich fortgeworfen! Ja – nichts von Bemäntelung und Beschönigung jetzt – fortgeworfen hatte sie sich an ihn, sie, Freda Nöhring, die stolze, die keusche, die unnahbare Freda Nöhring, die Walküre, die auf die Männer verachtend herabgesehen hatte, um sich nun hier in die Macht des niedrigsten, schlechtesten, gemeinsten aller Männer zu begeben, eines Mannes, der wahrscheinlich nichts anderes war als ein fortgelaufener, steckbrieflich verfolgter, spitzbübischer Kassier! Und warum das alles? Weil er einen wohlgebügelten und geschniegelten Anzug, einen aufgewichsten, parfümierten Bart trug, weil er Englisch und Französisch zu sprechen, Lawn-tennis zu spielen und sich ungezwungen zu benehmen wußte. Darum! darum! Darum war seine Frechheit ihr wie weltmännische Überlegenheit, seine hohle, angenommene Maske wie geistige Bedeutung erschienen! So hatte sie sich versehen, verlaufen und verirrt! So war sie hineingetaumelt und hineingefallen! So! So! So! Von Scham und Verzweiflung überwältigt und zermalmt, warf sie sich im Bett herum, das Gesicht in das Kopfkissen gedrückt, die Hände in die Haare gewühlt, mit stoßender Brust, mit ächzendem, beinahe heulendem Jammer. Und das wollte sie vergessen? Darüber wollte sie hinwegkommen, als wenn es nicht gewesen wäre? Mit dem allem wollte sie fertig, darüber wollte sie Herr werden mit sich allein und in ihrem eigenen schweigenden Bewußtsein? Während ihr ganzes Bewußtsein nichts andres mehr war als ein einziger schreiender Vorwurf? Während in ihrem zermalmten Innern nur ein Verlangen noch war, nach Trost, nach Hilfe, nach einem Wesen, dem sie sich anvertrauen, zu dem sie flüchten, von dem sie, wenn es noch möglich war, Absolution erlangen konnte? Wo fand sie einen solchen Menschen? Wo war er? Törin, verstockte – wo er war? Der fieberglühende Leib richtete sich auf; sie schlug Licht, und aus dem heißen, zerwühlten Bett stieg sie hinaus, um einen Mantel umzuwerfen und in die Schuhe zu schlüpfen. In der tiefen, lautlosen Nacht war es, als der Regierungsrat Nöhring aus seinem Halbschlafe aufschrak – fest und tief schlafen konnte er ja schon seit langem nicht mehr. – Vorsichtig wurde die Tür seines Zimmers geöffnet, und eine hohe Gestalt trat geräuschlos ein. War das – Freda? Er verhielt sich ganz still. Auf den Fußspitzen kam sie heran; an seinem Lager kniete sie nieder; ihr Haupt schob sich zu seinem Gesicht empor, so daß ihr Kinn sich auf sein Kopfkissen stützte. »Vater –!« Seine Hand legte sich auf ihr Haupt; er fühlte, wie verwirrt das Haar auf ihrem Haupte war. »Was willst du, mein Kind? Warum kommst du zu mir?« »Verzeih, Papa, daß ich dich störe.« »Du störst mich nicht; ich habe nicht geschlafen.« Ein Wimmern stieg aus ihrer Brust. »Das ist meine Schuld, daß du nicht schlafen kannst.« Er gab keine Antwort – konnte er »nein« sagen? »Das ist meine Schuld, daß du hast hierherkommen müssen, daß du hier sitzen mußt, wo die Luft dir nicht bekommt, unter den fremden Menschen, die du nicht magst – o du lieber Vater – du armer Vater –« Sie hatte sich höher zu ihm hinaufgeschoben, ihr Gesicht lag an seinem Gesicht, ihr kühles blondes Haar floß über ihn hin, und die Tränen, die von ihren Augen strömten, netzten seine Wange. »Liebst du mich noch, Vater? Liebst du mich noch ein bißchen?« »Ein bißchen?« Er drückte ihre schluchzende Brust an sich, er küßte ihr tränenüberflutetes Gesicht. »Freda, mein Kind, werde ruhig; zünde Licht an und sage mir, was los ist.« Sie glitt von seinem Bett herab und tat, wie er geboten hatte. Dann, als das Licht auf dem Nachttische brannte, sank sie auf den Stuhl, der am Kopfende seines Lagers stand, und hängenden Hauptes saß sie alldort. »Papa« – und sie griff nach seiner Hand –, »ich habe eine Bitte, eine große; laß uns fortgehen von hier, ja? Recht bald, womöglich noch morgen!« »Fort von hier?« fragte er langsam. »Noch weiter hinaus?« »Nein,« erwiderte sie hastig und laut, »nicht weiter, sondern zurück!« »Zurück – nach Haus?« »Wohin du willst – nur nach Deutschland zurück!« Nun richtete sich der Alte im Bett auf, so daß er sie mit der Hand erreichen konnte; er strich ihr das wirre Haar aus Stirn und Gesicht, drehte ihr Haupt zu sich herum und sah ihr in die Augen. »Freda, mein liebes Kind, ich glaube beinahe, du bist einen Weg gegangen, der gefährlich hätte werden können; aber ich habe dich gehen lassen, weil ich mir wohl gedacht habe, daß du von selbst dich zurückfinden würdest; bist du nun zurückgekommen?« Sie beugte das Haupt auf sein Kissen; es war ein schütternder Krampf in ihr. »Ja, ja, ja!« »Bist du nun fertig mit deinem – Reisemarschall?« Das schalkhafte Lächeln wollte aus seinen Augenwinkeln hervorblicken, aber es wich zurück, als er den Verzweiflungsanfall sah, der sie bei diesen Worten erfaßte. Mit ausgestreckten Armen, das Gesicht an seiner Brust verbergend, warf sie sich über ihn hin. »Sprich nie mehr von diesem Menschen, Papa! Nie mehr, um Gottes Barmherzigkeit willen! Siehst du – was ich verdiente, das wäre, daß du aufständest und mich straftest, mich schlügest – dieser Mensch, Papa – dieser Mensch –« »Was ist mit dem Kerl?« fragte er rauh. »So etwas wie ein Spieler? Was?« Sie nickte, ohne ihn anzusehen. »Und er hat dich verleitet? Du hast mit ihm gespielt? Wohl gar eine Masse Geld verloren?« »Ach,« seufzte sie, »ich habe ihm zwanzig Frank gegeben, und damit hat er ja mindestens tausend gewonnen.« Papa Nöhring fuhr zurück. »Und das hast du genommen?« Sie richtete das Angesicht auf und sah ihn an. »Aber – Papa –« Mit beiden Armen riß er sie an sich und küßte sie auf Augen, Stirn und Mund. »Mein Herzenskind, das war eine dumme Frage! Das war eine dumme Frage! Nimm's deinem alten Papa nicht übel!« Er hatte sich aufgesetzt, und wie ein Kind ließ er sie neben sich auf dem Bettrande sitzen. »Hast es ihm vor die Füße geworfen, dem – dem Kujon?« »Ja – natürlich.« »Na, brav, mein Kind! Na, brav, mein Kind!« Alle Zärtlichkeit, die während dieser ganzen Zeit in ihn zurückgetreten war, daß es ihn gepeinigt und gedrückt hatte wie eine Krankheit, brach hervor und strömte über sie aus. »Siehst du, mein Mädel, nun wollen wir unsre Koffer packen, und dann machen wir uns auf. Das ist eine famose Idee! Zurück. Aber nicht gleich nach Haus, sonst lacht Tante Löckchen uns aus, und den Spaß wollen wir ihr nu mal nicht machen; irgendwo in Deutschland hin, wo es so recht deutsch und schön ist, zum Beispiel vielleicht an den Bodensee, den kenn' ich von meiner Studentenzeit her, und der wird dir auch gefallen, mit seinem kühlen, schönen, grünen Wasser, wenn wir drauf umherfahren werden. Und dann, wenn es höher in den Sommer hineinkommt, überfallen wir Benneckes in Teplitz, und dann macht der Junge sein Examen, und dann kann er Hochzeit machen, und im Herbst sind wir wieder daheim in unserm lieben, alten, gemütlichen Haus –« Er hatte den Kopf an ihre Schulter gedrückt; seine Phantasie war wieder wach geworden, und in den Augen dieser Phantasie spiegelte sich ja das Bild der Welt, wenn nicht eine gar zu unangenehme Wirklichkeit ihren Schatten darüber warf, in so fröhlichen Farben. Von seinen Armen umschlungen, saß Freda auf dem Bettrand, in ihrem weißen Frisiermantel, über den das lange, blonde Haar hinabwallte, mit gesenktem Haupt, mit hängenden Gliedern. Sollte sie ihm jetzt gute Nacht sagen und gehen? Es wäre solch ein guter Augenblick gewesen, jetzt, da er so glücklich wieder war. Aber sie konnte nicht, sie hatte ihm noch etwas zu sagen, was gesagt werden mußte. Wenn sie es nicht sagte, wäre dieser nächtliche Besuch, dieser Bußgang ein halber, ein verfehlter gewesen. Auch ihre Seele war wach geworden, und nun stand das auf, was den Grundzug dieser Seele bildete, der rücksichtslose, mitleidslose Ernst. Alle Fenster ihres Innern tat er auf, alle Vorhänge riß er zur Seite, so daß die Luft hereindrang in die Dumpfheit da drinnen und das helle, grelle Licht in die wunde, zuckende Seele. Aus den Armen des Vaters machte sie sich los; an seinem Bett glitt sie noch einmal in die Knie; wie eine Büßerin lag sie vor ihm. »Papa – du bist so gut, viel zu gut – aber ich habe dir noch etwas zu gestehen. Ich bin schlecht gewesen in dieser Zeit, ich habe mich benommen wie ein – wie ein miserables Frauenzimmer.« »Freda« – wollte er sie unterbrechen; aber sie schüttelte den Kopf. Er sollte ihr nicht zu früh die Hand bieten zur Vergebung; ganz hinunter mußte sie, bis in die Tiefe des Abgrundes; dann vielleicht konnte er ihr helfen, daß sie wieder zum Lichte emporstieg. »Ich bin schuld gewesen, Papa, daß dieser – Mensch sich einbilden konnte, er dürfte mit mir umgehen, wie er's nachher getan hat. Während du hier oben in deinem Zimmer saßest, bin ich allein mit ihm spazierengegangen, in der Dunkelheit, am Meer entlang.« »Das hättest du nicht tun sollen«, sagte Papa Nöhring. »Nein, Gott weiß es, Gott weiß es«, erwiderte sie, und das dumpfe Klagen stieg wieder in ihrer Stimme auf. »Und darum hat er sich unterstanden – als wir heute früh auf der Terrasse in Monako waren – du weißt – als der Rabe nach mir geschnappt hatte – meinen Fuß zu drücken, und nachher, als wir im Spielsaal waren, hat er sich neben mich gesetzt – und meine Hände gefaßt – und den Arm um mich geschlungen – und es war nahe daran – so hätte – dieser Mensch – mich geküßt –« Sie war zu Ende – Papa Nöhring schwieg. »Und siehst du, Papa, daß dieser Mensch mich hat berühren dürfen, und daß ich schuld daran gewesen bin, das werde ich nun nie mehr los, solange ich lebe, und nun – bin ich eigentlich gar nicht deine Tochter von ehemals mehr – sondern verunreinigt und – und befleckt – für immer – für immer.« Ein langes Schweigen trat ein. Mit ernsten Augen blickte der alte Mann auf seine Tochter, wie sie geknickt vor ihm lag, sich in Reue zermarternd, in Selbstvorwürfen wühlend. Ob dies die Stunde war, von der er geahnt hatte, daß sie ihr einstmals kommen würde, da sie zerbrechen würde in ihrer Selbstherrlichkeit? Da ihr die Augen aufgehen würden über ihre Unfehlbarkeit, die im Grunde nichts weiter war als Unerfahrenheit? »Stehe auf, Freda,« sagte er sanft, aber bestimmt, »setze dich zu mir. Über solche Sachen muß man sich aussprechen; Tränen und Klagen helfen darüber nicht hinweg.« Sie gehorchte und setzte sich auf den Stuhl, auf dem sie vorhin gesessen hatte. »Siehst du, mein Kind,« fuhr er fort, »nun könnt' ich ja sagen, gehe jetzt zu Bett, wir wollen morgen über die Sache weitersprechen; aber es ist besser, wir sprechen gleich jetzt, wo du noch ganz die Lehre empfindest, die das Schicksal dir gegeben hat. Denn es ist wirklich eine schwere Lektion, die du bekommen hast; das, was dir passiert ist, das ist wirklich etwas sehr Schlimmes für ein Mädchen, und du hast ganz recht, wenn du darüber außer dir bist. Freda, mein Kind, was ich dir zu sagen habe, ist etwas ganz Einfaches; aber die einfachen Dinge lernt man im Leben am schwersten, weil man sich einbildet, man braucht sie gar nicht erst zu lernen – bis dann die Erfahrung kommt, und da merkt man, daß man noch nichts gewußt hat. Siehst du, der Mensch kann nicht immer bloß mit sich selbst verkehren; dazu ist keiner stark genug, auch nicht der bedeutendste; er muß hie und da andere um Rat fragen. Und nun hat die Natur es so angeordnet, siehst du, daß der Mann am besten bei der Frau, und die Frau am besten bei dem Mann sich Rat erholt; das ist nun einmal so, und dem muß man sich nicht widersetzen.« Er strich ihr leise über das Haar. »Verstehst du mich, mein Kind?« Sie nickte leise. »Ich glaube.« »Und nun hast du dir ja wohl manchmal bei deinem alten Papa Rat erholt – allzuoft freilich auch nicht –« Er hob ihr das Kinn empor, und ein leises Lächeln zwinkerte um seine Augen. »Aber das meine ich damit nicht, sondern das, was ich meine, ist etwas ganz anderes, viel Größeres. Siehst du, mein Kind, man kann einen sehr klugen Kopf und einen großen Verstand haben, aber wenn man daneben ein – na, wie soll ich sagen – ein unausgewachsenes Herz hat, dann ist und bleibt man mit alledem ein unreifer Mensch, und dann passieren einem solche Dinge, wie sie dir jetzt passiert sind. Darum, siehst du, muß man sein Herz wachsen lassen, und wenn die Sonne hineinscheinen will, muß man es nicht zuschließen mit Gewalt, und sich noch dazu einbilden, daß man etwas Großes tut; denn dann kann das Herz nicht aufblühen, und man tut damit etwas, das gegen die Natur ist, und die Natur läßt sich nicht foppen, und wenn du ihr heute ein Schnippchen schlägst, bricht sie dir morgen oder übermorgen dafür, ein Glied.« Er schwieg und blickte sie an. Regungslos saß sie auf ihrem Stuhl, die Hände im Schoß verschränkt, das Haupt gesenkt, in Gedanken verloren. »Hörst du mich, Freda?« »Ja, Papa – ich höre dich.« Ohne Seufzer, wie aus tiefer Tiefe kam ihr Wort herauf. xxxEr holte Atem; es wurde ihm schwer, zu sagen, was er noch zu sagen hatte. »Und nun fühlst du dich bemakelt, weil ein schlechter, gemeiner Mann dir zu nahe getreten ist – und nun möchtest du, daß ich dir sage, wie du darüber hinwegkommen kannst in deinem Bewußtsein – und siehst du, mein Kind, da kann ich dir nur eines sagen: über das, was dir heute der schlechte Mann angetan hat, darüber kann dir nur ein anderer Mann wieder hinweghelfen. Daß heute dieser Mensch den Arm um dich gelegt hat, davon kannst du nur wieder rein werden, das kannst du nur vergessen, wenn ein guter und edler Mann kommt und seinen Arm um die Stelle legt, wo heute der Arm dieses Menschen gelegen hat, und wenn du dich alsdann nicht in Stolz verhärtest, sondern fühlst, daß jeder Mensch einmal in die Lage kommen kann, daß er sich von andern etwas vergeben lassen muß, und daß es eine wunderschöne Sache ist, wenn man sich von einem edeln, guten Menschen etwas vergeben lassen kann.« Er schwieg wieder, und so lautlos still wurde es in dem Gemach, daß man den Hauch zu hören vermeinte, der von den Lippen des in sich gebeugten Weibes kam. Bleich, wie ein atmendes Marmorbild saß sie da. »Freda,« hub Vater Nöhring noch einmal an, und seine Stimme bekam einen feierlich eindringlichen Ton, »das, was ich dir sage – verstehe mich recht – geht nicht auf einen einzelnen und einen Bestimmten. Wenn ich dich jetzt, in der Stimmung, in der du bist, dahin bringen wollte, daß du irgendein Versprechen, irgendeine Zusage machtest, auch nur innerlich, weil du dächtest, daß du mir einen Gefallen damit tätest, siehst du, dann wäre das so, als wenn ich den Notstand eines Menschen ausbeuten wollte, um ihm etwas abzuzwingen, und von allem Niederträchtigen, was es auf Gottes weiter Welt gibt, ist dies das Niederträchtigste. Freda« – er griff nach ihrer Hand und sah sie mit großen, heißen, trockenen Augen an –, »was ich von dir verlange, ist nur, daß, wenn einmal die Sonne kommt und hineinscheinen will in dein Herz, daß du dann an die Worte denkst, die jetzt hier dein Vater zu dir gesprochen hat, dein Vater, der zugleich dein Freund ist, der dich versteht – fühlst du das, mein Kind?« Langsam erhob sie das Haupt, und indem sie die Augen mit einem tiefen, staunenden Blick auf ihn richtete, lösten sich zwei schwere Tränen von ihren Augen. Ihre Lippen bewegten sich – er konnte nicht verstehen, was es war. »Was willst du mir sagen, mein Kind?« Statt aller Antwort stand sie vom Stuhl auf, mit einer schweren, feierlichen, beinahe majestätischen Bewegung. So beugte sie sich über ihn, daß sein Haupt in ihren Armen lag, sie neigte das Gesicht auf seines und küßte ihn einmal, zwei- und dreimal. »Vater« – in ihrer Stimme war ein tiefes Beben –, »mein lieber Vater – ich will mich bemühen, daß ich deiner würdig werde, würdiger als ich es bisher gewesen bin.« Sie richtete sich auf. »Nun schlaf – du Teurer – schlaf.« An der Tür wandte sie sich noch einmal um, ihre Arme taten sich auseinander; ein herrliches Lächeln verklärte ihr Gesicht: »Übermorgen, Papa, wieder in Deutschland?« Er nickte ihr vom Bett aus zu. »Ja, mein Kind, übermorgen wieder in Deutschland.« Er hörte, wie der weiche Schritt über den Flur draußen dahinging, wie die Tür ihres Zimmers hinter ihr ins Schloß fiel, und während das Licht auf seinem Nachttisch wieder erlosch, wurde es hell in seinem Herzen. Zehntes Kapitel Eine eigentliche Hochzeitsreise, so hatte der Herr Regierungsassessor Percival Nöhring mit seiner jungen Frau Therese, geborenen Wallnow, ausgemacht, wollte man nicht unternehmen. Er war ja den ganzen Frühling und Sommer von Hause fort gewesen, in Berlin, wo er jetzt im Oktober sein Examen gemacht hatte. Nicht gerade ein glänzendes, aber immerhin ein befriedigendes, so daß er sogleich, mit Anwartschaft auf Beförderung, eine besoldete Hilfsarbeiterstelle an der Regierung in der Heimatstadt erhalten hatte. Und die Heimatstadt war gerade jetzt so schön! Die Büsche in den Anlagen, die Alleen und Waldungen in der Nähe und in der Ferne, alles noch im reichsten Blätterschmuck, leise vergoldet, aber noch nicht vergilbt vom Anhauche des Herbstes, der zögernd, als bedauerte er den armen Sommer, den er verdrängen mußte, in die Welt geschritten kam. »Eigentlich die schönste Zeit vom ganzen Jahr«, hatte der Regierungsrat Nöhring gemeint, der soeben, kurz vor der Hochzeit seines Sohnes, nach Hause gekommen war und sogleich mit seinem alten Freunde, dem Herrn Major a. D. Bennecke, einen herzhaften Spaziergang gemacht hatte. Er war zufrieden, der Regierungsrat Nöhring, sehr zufrieden. Die alten bekannten Wege – es war ja, als wenn einem der Boden unter den Füßen wippte und federte, indem man darauf entlang ging! Und die Bäume! Sahen sie einen nicht an, als wollten sie sagen: »Na? wieder da? Wo bist du denn solange gewesen?« Und weil der Regierungsrat Nöhring sich freute, war auch der Major a. D. Bennecke innerlichst vergnügt, und die Zufriedenheit des Herrn Majors Bennecke wirkte wieder ansteckend auf die alte braunseidene Diana, die schweifwedelnd vor ihnen hertrottete, jeden Baum beschnüffelte und mit jedem Prellstein die Bekanntschaft erneute, dabei immerfort zu den beiden Alten zurückblickend, als wollte sie sich vergewissern, daß keiner davon verlorengegangen sei. Und nicht die alte braune Diana allein, sondern alles, was sonst noch an den beiden alten Menschenkindern hing, Familie Nöhring und Familie Bennecke, samt Freunden und Bekannten brummelte und brodelte in lauter stiller Freude, Zufriedenheit und Beglücktheit. Im Frühling, als man auseinander ging, war es eigentlich so ungemütlich gewesen, und jetzt war die alte Gemütlichkeit zurückgekehrt, wie eine Luft, an die man gewöhnt ist; etwas dick vielleicht, aber so behaglich, warm und mollig, mollig! Tante Löckchen zog durch die Straßen mit großen, runden, stillglänzenden Augen. Die Lockentrauben an ihren Schläfen klingelten nicht nur, sie läuteten wie ferne Kirchenglocken. Energischer in ihrer Freudenbezeigung war Fräulein Nanettchen, die wie eine fidele Kugel durch die Straßen rollte, wie eine Kegelkugel, die da weiß, daß sie »alle Neune« umwerfen wird. Eigentlich hatte sie schon »alle Neune« geschoben, denn sie hatte sich Verdienste um das junge Paar erworben, große Verdienste, indem sie, im Verein mit Herrn Rechtsanwalt Feßler, eine Wohnung für dasselbe gesucht und gefunden hatte, eine »huschliche, muschliche«, allerliebste Wohnung, mit einem Blick ins Grüne. Ihren Dank hatte sie denn auch schon empfangen, in reichlichem Maße, bei Gelegenheit der Rede, die Herr Regierungsassessor Percival Nöhring bei der Hochzeitstafel gehalten hatte. Es ist ja sonst nicht üblich, daß junge Ehemänner beim Hochzeitsmahl sprechen; junge Eheleute haben zu schweigen und stillschweigend über sich ergehen zu lassen, was der Redestrom der andern über sie dahinführt, Erbauliches und Vertrauliches, Ernstes und Scherzhaftes. Sie haben zu lauschen und bescheiden zu erröten, wenn eine Breitseite von Anerkennung auf sie abgefeuert wird, mit ernster Miene auf den Teller zu blicken, wenn freundlich-sanfte Vermahnungen an sie ergehen, und bescheiden zu lächeln, wenn der »Humorist« der Gesellschaft zum Wort greift. Laut lachen ist eigentlich auch schon zuviel für sie. Herr Assessor Percival Nöhring aber, der sich ja in so manchem von den herkömmlichen Regeln der Gesellschaft emanzipierte, hatte auch bei dieser Gelegenheit seinen Freiheitsdrang bekundet und das Rednertalent, das er doch nun einmal besaß, »nicht halten« können. Zu einer fulminanten Rede hatte er sich erhoben, um für sich und seine Therese für all die Liebe zu danken, die ihnen in so überreichem Maße zuteil geworden sei und die sie »in aufrichtig gerührten, treubewahrenden Herzen hegen, pflegen und weitertragen würden.« Als das stürmische Bravo, das diesen Worten gefolgt war, sich gelegt, hatte er sich noch in unmittelbarer Anrede an Fräulein Nanettchen gewandt und ihr, indem er ihr für ihre treu geleisteten Dienste dankte, einen Strom gerührter Tränen entlockt. Erst seine Schlußwendung, in welcher er Nanettchen aufforderte, nun auch fürderhin als Stütze, gewissermaßen als »Karyatide« des jungen Haushalts fortzudienen, zu welcher Tätigkeit sie ja von der Natur vermöge ihrer robusten Körperlänge wie prädestiniert erscheine, hatte das ernsthafte Schweigen der Gesellschaft in Heiterkeit und Nanettchens Schluchzen in ein lautes Quietschen verwandelt. Aber er durfte sich solche Scherze erlauben; man war ja unter sich, oder wenigstens so gut wie unter sich. Zwar bedeutete die Vermählung Percival Nöhrings ein Ereignis, woran die ganze Stadt, namentlich der weibliche Teil der Einwohnerschaft, innigsten Anteil nahm. Das hatte sich bei der Trauung in der Kirche kundgegeben, wo das große Kirchenschiff in einer Weise gefüllt gewesen war, wie es der alte Geistliche, der das Paar einsegnete, bei seinen Predigten niemals erlebte. Percival Nöhring »zog« unbedingt mehr als der Herr Prediger, daran war nicht zu zweifeln. Und als er, seine Therese am Arm, die wie ein weißes Federwölkchen neben ihm herschwebte, im Bräutigamsstaat die Kirche betrat, war es, wie wenn ein Windstoß über ein Blumenfeld dahingeht; all die Köpfe und Köpfchen von Frauen und Mädchen, von enganschließenden oder breitrandigen Hüten bedeckt, beugten sich plötzlich zueinander, und es war, als wenn ein leise verhallendes allgemeines »Ah« durch den weiten Raum ginge. Ein Ausdruck der Bewunderung und ein Seufzer des Kummers zu gleicher Zeit – denn wieviel stillgehegte Hoffnungen flogen mit diesem »Ah« in die Luft, um in dem weiten Nichts zu zergehen wie platzende Seifenblasen, die einst in allen Farben geschillert haben und nun nicht mehr sind. Einst hatte er keiner gehört und darum allen – jetzt gehörte er der einen und darum keiner andern mehr. Die Glückliche! Ob sie denn seiner auch wert war? Ob er schon Gedichte auf sie gemacht hatte? Ach sicherlich. Mehrfach wurden heute, nachdem die Trauung vollzogen war, aus der elterlichen Bibliothek, soweit eine solche vorhanden war, Chamissos Werke hervorgeholt und darin der Liederzyklus »Frauenliebe und Leben« aufgeschlagen. Manches holde Wangenpaar erglühte, manche junge Brust hob sich in sehnsuchtsvollem Seufzer, und in manchem Hause ging heute nachmittag das Töchterchen des Hauses in sanfter Melancholie umher. So sah es in der Stadt aus. Beim Hochzeitsschmaus aber, wie gesagt, war man unter sich; nur Familie, engste Freundschaft und einige ganz besondere Ehrengäste; unter diesen aber Spitzen der Gesellschaft. Der Herr Regierungspräsident selbst und die Frau Präsidentin verherrlichten durch ihre Anwesenheit das Fest. Das war etwas! Und um sein ganz besonderes Wohlwollen für die Familie zu bekunden, führte der Präsident die Tochter des Hauses, Fräulein Freda Nöhring, zu Tisch. Seit der Heimkehr war Freda noch wenig sichtbar geworden; sie hatte zuviel mit der Wiedereinrichtung des Hauses zu tun gehabt. Heut zum erstenmal erschien sie wieder öffentlich, und natürlich bildete sie nächst dem jungen Ehepaar den Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit. Das Urteil war rasch festgestellt, sie hatte gewonnen; ganz entschieden, sie hatte während ihrer Abwesenheit gewonnen. Ob es der Aufenthalt in südlicherem Klima oder nur der längere Aufenthalt in freier Luft überhaupt war – ihre bleiche Hautfarbe hatte eine dunklere Tönung bekommen, und das stand ihr vortrefflich. Aber nicht ihr Aussehen nur, auch ihr Wesen hatte eine Änderung erfahren, ja geradezu eine Wandlung, wie es schien. Mutter Wallnow konnte sich gar nicht genug tun mit lauter Verkündigung, wie liebenswürdig und nett sie ihr und ihrer Tochter beim Wiedersehen entgegengekommen sei. Und sie hatten sich vor diesem Wiedersehen recht gehörig gefürchtet. Nanettchen hatte die gleiche Erfahrung gemacht, und nun Tante Löckchen erst! »Freda, mein Schatz,« hatte Tante Löckchen gesagt, indem sie sie zärtlich, nachdem die Trauung vorüber war, in die Arme schloß, »wenn ich dir sagen könnte, wenn du wüßtest, wie dieses Lächeln dir steht, dieses sanfte – wie du hübsch bist, wenn du freundlich bist –« Und es war so, wie Tante Löckchen gesagt hatte, etwas Weiches war in ihr, was man früher nicht an ihr gekannt hatte, in ihren Bewegungen und in ihrem Sprechen. Etwas Hingebendes. Wenn sie heute jemandem die Hand reichte, so drückte sie die Hand des andern, während sie sich früher damit begnügt hatte, sich die Hand drücken zu lassen. Und dieses alles war nicht die Herablassung des Stolzes, der einmal den andern Audienz erteilt, sondern Teilnahme an Freude und Leid der Mitmenschen, stille, bescheidene Teilnahme. Nicht nur schön, beinahe lieblich sah sie aus in ihrem blonden, mit einer purpurroten Ranke wilden Weins durchflochtenen Haar, in ihrem ausgeschnittenen weißen Seidenkleid, in dem altmodisch geformten schweren Halsgeschmeide, das sie von der Mutter geerbt und heut zu dem Ehrentage des Bruders angelegt hatte. Aus breiten, mit Perlenschnüren verbundenen Goldplatten war das Halsband zusammengesetzt. Jahrelang hatte es im Kasten gelegen; der herbe Sinn der Besitzerin, die nichts geben und nichts haben wollte, hatte es verschmäht, sich den Menschen zuliebe damit zu schmücken. Heute, da es endlich seinem Beruf einmal wiedergeschenkt war, sah es aus, als wäre es sich dessen bewußt; es war, als küßte es den Hals, der es trug, und die schweren Goldplatten drückten sich wie mit kosender Zärtlichkeit in die weiche, warme Haut des herrlichen Nackens. So saß sie während der Mahlzeit zur Seite des Präsidenten, anscheinend ganz der Unterhaltung mit ihm hingegeben; nur von Zeit zu Zeit erhoben sich ihre Blicke und wandelten langsamen Ganges nach einer Stelle des Tisches, einige Plätze zur Linken, ihr schräg gegenüber. Die, welche sich in ihrer Nähe befanden und diesen Blick gewahrten, bemerkten, daß er stets die nämliche Richtung nahm, und bemerkten, wie ihre Augen sich alsdann heiß, groß und geheimnisvoll auftaten, so daß es den Anschein gewann, als wäre ihr Gespräch mit dem Präsidenten nur etwas nebensächlich Äußeres und dieser stumme Augenaufschlag der eigentliche Ausdruck ihres Innern. Der Regierungsrat Nöhring war es, der an jener Stelle saß und an den sich die Blicke der Tochter richteten. Schweigend erwiderte er ihre Blicke, so daß die beiden Menschen eine von der übrigen Unterhaltung ganz abgesonderte Unterredung miteinander führten, unvernehmbar für die andern, über Dinge, von denen die andern nichts wußten. Auch wenn Freda ihn nicht ansah, suchte der Vater sie mit den Augen; dieser heutige erste öffentliche Tag war ja wie ein Prüfstein, und immer, wenn er sie ansah, freute er sich an ihrer sanften, klaren Freundlichkeit, an dem Lächeln ihres Gesichts, das ihn an ein Lächeln erinnerte, das er vor Monaten in diesem Gesicht gesehen hatte, damals, als sie das Wort gesprochen hatte: »Übermorgen, Papa, wieder in Deutschland«. Ein einziges Mal war diese ihre Ruhe ins Schwanken gekommen; Papa Nöhring hatte gesehen, wie sie bei einem Wort, das der Präsident an sie richtete, bis über die Stirn errötet und wie die Glut nachher in einer fahlen Blässe erloschen war. Der Präsident, der sich mit ihr über Bordighera unterhielt, hatte sie halb scherzend gefragt, ob sie denn auch einmal nach Monako und Monte Carlo gekommen wäre? Das läge ja doch nicht weit davon? Ihr Erröten war die stumme Antwort auf diese Frage gewesen; ihr Nachbar aber hatte es nicht bemerkt. Er hatte sich lebhaft darüber ereifert, daß solche Unsitte, wie das Spiel in Monte Carlo, im zivilisierten Europa immer noch geduldet würde. Heute morgen erst war der Regierung durch das Ministerium in Berlin das Signalement eines Mannes zugegangen, der sich vor vierzehn Tagen in Monte Carlo erschossen hatte. Man hatte keinerlei Papiere bei ihm vorgefunden und nicht feststellen können, was für ein Landsmann er gewesen war. Aber man glaubte, daß es ein Deutscher gewesen sei, und nun wurde im Deutschen Reich herumgefragt, ob dort eine Persönlichkeit dieser Art bekannt gewesen sei und vermißt würde. »Zu vermissen wird wohl nicht viel dran gewesen sein,« hatte der Präsident lachend seine Erzählung geschlossen, »wahrscheinlich irgend so ein Verzapfer eigener und fremder Kassen; die Sorte kennt man ja.« Das war der Augenblick gewesen, als der Regierungsrat Nöhring seine Tochter hatte erbleichen sehen. Ein Brausen war plötzlich in ihren Ohren gewesen, ein Gefühl, als schwängen sich düstere Flügel um ihr Haupt. Die Vergangenheit rauschte empor; mitten in der vergnügten Gesellschaft stand sie da wie ein Gespenst, das immer nur einer sieht – und die eine, die es sah, war sie. Ob sie sich erkundigen sollte nach der Beschreibung dieses Menschen? Ob sie fragen sollte, wie er ausgesehen hatte? Ob er einen spitzgeschnittenen Bart und Ringe an den Fingern und ein Armband – und – nein, nein! Ein schaudernder Frost ging ihr am Rücken hinunter, bei dem Gedanken, daß sie das alles hören würde. Es würde ihr zumute gewesen sein, als sähe sie sich selbst mit geschändeten, zerschmetterten Gliedern da drunten an den heißen, erbarmungslosen Felsen von Monako liegen. Nacht über den Menschen und über den schrecklichen Tag! Mochte er bei den Lebenden oder den Toten sein – nur die Verbindung nicht wieder aufnehmen, die einstmals eine grauenvolle Lebensstunde lang zwischen ihm und ihr gewesen war, nur die Verbindung nicht wieder anknüpfen, durch keine Frage, keine Erinnerung! Entzwei damit, entzwei! Und indem sie sich das vornahm und versprach, war es ihr, als schwebte dort vor ihr in der Luft etwas Unbestimmtes, Weißliches, Gräßliches, beinahe anzusehen wie ein blutloses menschliches Gesicht; als regte es die Lippen und als flüsterten diese Lippen: »Vergessen wirst du nicht«. Besorgten Blicks sah der Regierungsrat Nöhring zu seiner Tochter hinüber. Jetzt gewahrte sie seinen Blick; von den andern unbemerkt, nickte er ihr leise zu. Sie wollte ihm in gleicher Weise erwidern, aber die nickende Bewegung wurde zu einer schweren, demutvollen Neigung des Hauptes, und die Augen, mit denen sie ihn ansah, hatten den Ausdruck wie in der Nacht, als sie in Bordighera an seinem Bette gekniet und das Haupt an seiner Brust verborgen hatte. – Nach Aufhebung der Tafel hatte Tante Löckchen ihre Rechte geltend gemacht; daß Nöhrings den Abend des heutigen Tages bei ihr beschließen müßten, verstand sich für sie von selbst; für Nöhrings nicht minder. Gleich aber konnte man doch nicht aufbrechen. Ihre Zigarren mußten die Herren wenigstens zu Ende rauchen dürfen. Während man also damit beschäftigt und in den verschiedenen Räumen der Restauration, in welcher das Diner stattgefunden hatte, verteilt war, kam das Gespräch, das sich bisher ausschließlich um das neugebackene Ehepaar gedreht hatte, auch auf andre Gegenstände. Papa Nöhring saß mit seiner Tochter und der Familie Bennecke in einem gemütlichen Sofaeckchen – plötzlich lauschte er auf. Hatte da nicht jemand von – Schottenbauer gesprochen? Der Oberregierungsrat, der die Fürsorge für das Amts- und Kreisblatt auf den Schultern trug, der sich unter den Geladenen befand und jetzt plaudernd, rauchend und Kaffee schlürfend unter einer Gruppe dort drüben stand, war es gewesen. Papa Nöhring trat heran. »Sprachen Sie nicht eben von – Schottenbauer?« »Ja – haben Sie die Zeitung nicht gelesen?« Nein, in der Tat – weder Nöhrings noch Benneckes hatten diese Tage über eine Zeitung vor Augen bekommen. Die Heimkehr, die Vorbereitungen zur Hochzeit und dann die Hochzeit selbst – man hatte über der Welt da drinnen nicht Zeit noch Gedanken für die Außenwelt gehabt. »Na – sein Stück ist ja in Berlin aufgeführt worden«, fuhr der Berichterstatter fort, »und hat einen durchschlagenden Erfolg gehabt.« Papa Nöhring starrte dem Sprecher auf die Lippen. »Einen – durchschlagenden – ?« »Aber kolossal, wie es scheint. Nach dem, was in den Zeitungen steht, ist es eine ganz enorme Geschichte gewesen.« Papa Nöhring kam zu seinen Damen zurück. »Habt ihr's gehört?« – seine Stimme klang heiser – »Schottenbauers Stück hat in Berlin einen kolossalen Erfolg gehabt.« Er setzte sich schwerfällig auf den Stuhl nieder, strich sich über die Stirn und senkte die Augen zu Boden. Nach einiger Zeit erhob Freda sich von dem Sofa, auf dem sie saß, trat hinter den Vater und beugte sich über seine Schulter. »Papachen –« »Hm?« Sie legte den Mund an sein Ohr. »Ich gratuliere dir. Papachen; es freut mich.« Er richtete das Haupt zu ihr empor. Ihre Augen waren über seinem Gesicht; er hatte das Gefühl, daß diese Augen da eigentlich doch die einzigen waren, die ganz zu begreifen imstande waren, um was es sich handelte. Sie hatte die Arme um seinen Oberleib geschlungen; ihre verschränkten Hände ruhten auf seiner Brust. Mit einer plötzlichen Bewegung senkte er den Mund und drückte die Lippen auf die schlanken, weißen Hände. Im nächsten Augenblick war er wieder aufgesprungen. »Wann ist denn das alles gewesen?« Der Oberregierungsrat konnte es so genau nicht sagen. »Etwa acht Tage wird's her sein.« »Acht Tage – mein Gott – und da sitzt man und hat von so etwas keine Ahnung!« Herr Major Bennecke beruhigte ihn. Sie hätten ja die Zeitungen bei sich zu Hause aufgehoben; da könnte er nachher alles nachlesen. Ja, ja – alles nachlesen, das wollte er! Und nun hatte er keine Ruhe mehr; es duldete ihn hier nicht länger. Mochten die andern zusammenbleiben, solange sie wollten; Nöhrings und Benneckes machten sich auf den Weg. Tante Löckchen zog mit Freda voran; Papa Nöhring folgte mit Herrn Major a. D. Bennecke; das junge Ehepaar wollte nachher auch nachkommen. Als man die Brücke überschritten hatte und am Wasser entlang ging, blieb Papa Nöhring plötzlich stehen. »Da ist ja Licht?« Er sah über den Strom hinüber auf die bekannten Fenster. Alle blieben stehen. Ja – da drüben war Licht, und es sah geradeso aus wie früher. »Wohnt jemand anders jetzt da drüben?« »Jedenfalls doch,« meinte Herr Major Bennecke, »die möblierten Wohnungen von diesen Referendarien – einer gibt sie ja, wenn er geht, dem andern immer in die Hand.« Papa Nöhring stand und konnte sich nicht losreißen. Unter all den leuchtenden Sternen da unten über dem Meere – immer war dieses Licht wie ein Stern vor seiner Seele gewesen. Und nun leuchtete es einem andern. Der neue Bewohner schien aber dieselben Gewohnheiten zu haben wie der frühere; die Balkontür war weit geöffnet, so daß man zu spüren meinte, wie die warme Oktoberluft sich in weichem Schwalle zu dem einsamen Zimmer hinein und um das Licht der Lampe her wälzte. Dann trat ein Schatten vor die Lampe, und eine Gestalt erschien auf dem Balkon. Deutlich erkennen ließ sich nichts – die Entfernung war zu groß, und weil das Licht hinter der Gestalt stand, blieb diese für die Beschauer im Dunkel. Aber es sah aus, als lehnte sie sich über das Balkongeländer und stände regungslos und blickte herüber zu Tante Löckchens Haus. »Nun kommt aber«, mahnte Tante Löckchen, und ihre Worte unterbrachen ein Stillschweigen, das sich unwillkürlich über alle gelagert hatte. Man hätte doch wirklich denken können – Im nächsten Augenblick ertönte aus der geöffneten Haustür das freudige Begrüßungsgebell der alten Diana, und in der warmen Benneckeschen Behaglichkeit zerrann das nächtliche Spukbild da draußen – denn wie ein Spukbild war es ja beinahe gewesen. Das erste, was geschah, war, daß Herr Major Bennecke den Stoß von Zeitungen, der sich inzwischen angesammelt hatte, hervorholte und auf den Tisch warf. Mit wahrer Gier stürzte sich Papa Nöhring darüber her. Politische Leitartikel – telegraphische Depeschen – fort, fort, fort damit! Was ging ihn das alles an? Kein Schauspieler, kein Dichter, kein Künstler, der zum erstenmal seine Zeitungsschicksale sucht, hatte je mit fieberhafterem Eifer die Rubrik »Kunst und Literatur« durchstöbert, als es jetzt der alte Regierungsrat Nöhring tat. Endlich hatte er gefunden, und mit einem kurzen »Freda!« herrschte er die Tochter zu sich heran. Da stand es. Vor acht Tagen war das Stück aufgeführt worden und hatte das Publikum zur Begeisterung hingerissen. Ein ungeheurer Erfolg stand verzeichnet und gebucht. Ganz erschöpft sank er in den Stuhl zurück. Der Schweiß perlte auf seiner Stirn. Freda holte ihr Tuch hervor und trocknete ihm das Gesicht. Während sie noch dabei war, erschallten laute, fröhliche Stimmen im Flur; Percival brach wie ein junger Sturmwind herein, seine Therese an dem einen, die »Karyaride« am andern Arm. Hinter ihnen erschienen noch Mutter Wallnow und Herr Rechtsanwalt Feßler. Ein Hallo aus Tante Löckchens Munde begrüßte die Ankömmlinge. »Kinder Gottes,« begann Percival, nachdem er Tante Löckchen halb erdrückt aus den Armen gelassen und sich auf einen Stuhl geworfen hatte, »habt ihr's denn schon gehört?« Er wollte sich ausschütten vor Lachen; alles wartete, bis er zu Worte kommen würde. »Der Schottenbauer ist ja da!« Papa Nöhring riß die Augen weit auf. »Aber du hast uns doch geschrieben–« »Ja natürlich, und es war auch ganz richtig. Offiziellerweise ist er fort, futsch und heidi! Aber inkognito steckt er noch immer hier – in loco, wie wir Juristen sagen – hält sich am Wasser da drüben versteckt – latitiert – wie wir Juristen sagen.« »Dann ist er das selbst gewesen,« fuhr Papa Nöhring heraus, »der vorhin da auf dem Balkon drüben stand.« »Hat jemand auf dem Balkon gestanden?« fragte Percival. »Ja, vorhin, als wir kamen.« »Natürlich,« erklärte Percival, »dann ist's kein andrer gewesen als er; wahrscheinlich hat er auf das Treibeis heruntergesehen, das war ja immer sein Hauptvergnügen. Er setzt sich der Gefahr aus, an zwei Orten Steuer bezahlen zu müssen; der verdrehte Kerl hat nämlich jetzt zwei Domizile, eins in Berlin, und sein altes hier – Herr Rechtsanwalt Feßler wird euch die Sache spezifizieren.« Herr Rechtsanwalt Feßler war derjenige, durch welchen die Sache ruchbar geworden war. Er hatte für einen ihm empfohlenen jungen Rechtskandidaten, der sich am Gericht hier die Sporen holen wollte, eine Wohnung gesucht, und dabei war er an Schottenbauers Behausung gelangt, die ja frei war, wie er annahm. Aber sie war nicht frei. »Schon wieder vermietet?« hatte er die Wirtin gefragt. »Vermietet, allerdings« – hatte sie erklärt, »aber – schon wieder« – dabei hatte sie ein komisches, nicht gerade geistreiches Lächeln gezeigt, wie jemand, der ein Geheimnis zu bewahren hat und darauf brennt, daß es ihm abgefragt wird. »Na also, wer wohnt denn hier?« »Gott – wissen Sie – Herr Justizrat – es ist ja immer so ein sonderbarer Mann gewesen –« »Ja, von wem sprechen Sie denn?« »Aber Sie dürfen's nicht weitersagen, Herr Justizrat; er will ja partout nicht, daß man davon erfährt.« »So kommen Sie doch 'raus damit.« »Gott, Herr Justizrat, der Herr Schottenbauer hat ja die Wohnung behalten.« »Ist er denn hier?« »Augenblicklich nicht, aber er kann jeden Augenblick kommen. Er ist ja wohl jetzt in Berlin für gewöhnlich, aber alle Augenblick kommt er plötzlich an, bald des Abends ganz spät, bald des Morgens ganz früh. Und da muß dann alles so sein, wie es früher immer gewesen ist; kein Stück Papier darf angerührt sein auf seinem Tisch, kaum daß ich abstauben darf. Und wenn er findet, daß alles so ist, wie er's immer gehabt hat, dann wird er vergnügt und gibt mir die Hand, und was ihn besonders freut, wissen Sie, das sind die Winden, die ich auf dem Balkon in Kasten gezogen habe, die machen ihm jedesmal so viel Spaß, wenn er sieht, daß sie ein Stück größer geworden sind. Und dann wird an den Tisch gesetzt und losgearbeitet – Herr Justizrat –! Früher, wie er noch am Gericht hier war, ist's ja auch schon toll genug gewesen, aber jetzt – von morgens, bis daß es Abend wird, geht das hintereinander weg. Und wenn's schummerig wird, dann wird der Hut aufgesetzt, und dann geht's raus. Und nach einer Stunde – zwei, ist er schon wieder zurück, und dann geht die Geschichte weiter, immer bis spät in die Nacht. Und dann am Morgen ganz früh klopft's bei mir an: »Kaffee, Kaffee, Madame, ich muß gleich fort!« und hast du nicht gesehen – weg ist er wieder nach Berlin. Und sehen Sie, Herr Justizrat, so geht das nun den ganzen Sommer lang; aber pünktlich jeden Ersten wird mit der Miete angerückt, ganz pünktlich, das muß wahr sein. Und darum, sehen Sie, Herr Justizrat, es wäre mir ja eine große Ehre, wenn ich Ihnen die Wohnung – aber Sie müssen's doch selbst einsehen, Herr Justizrat, daß ich's partout nicht kann,« Während der Erzähler sprach, hatte Percival mit zwinkernden Augen den Vater beobachtet, der dem Berichte lautlos gefolgt war. Jetzt sprang er auf. »Therese,« rief er, indem er den Arm um sie schlang, »jetzt gehen wir! Ich seh' es Papa an, daß er im nächsten Augenblick von mir verlangen wird, daß ich vom Fleck hier zu dem Schottenbauer hinüberlaufe und ihn so, wie er ist, herhole. Dazu aber haben wir jetzt keine Zeit; nicht wahr?« Er drückte ein paar schallende Küsse auf das Gesicht seiner jungen Frau, dabei blieb er in beständigem Lachen, und alle übrigen, bis auf Papa Nöhring und Freda, lachten mit. Freda begriff nicht recht, warum er eigentlich fortwährend lachte. Das, was sie da eben gehört hatte, erschien ihr wohl sonderbar, aber durchaus nicht komisch. Nein – gar nicht komisch. »Nanettchen,« erklärte Percival, »jetzt gehen wir in die ›huschliche, muschliche‹ Wohnung! Morgen darfst du kommen und nachsehen, ob das Haus noch steht und ob der Blick ins Grüne noch vorhanden ist, und so weiter und so weiter!« Er nannte alle Welt »du«, er hob Therese in den Armen empor und drückte sie an sich, daß sie um Hilfe rief, dann ging er herum, umarmte einen nach dem andern, zuletzt auch Freda. »Kannst morgen auch mitkommen, Herr Oberlehrer, und zusehen, wie es steht.« Sie spürte den Weindunst, der von ihm ausging, und es wurde ihr klar, woher seine übertriebene Heiterkeit stammte. »Habe allerseits die Ehre –« An der Tür aber blieb er noch einmal stehn. »Papa – eine Idee: du weißt, ich habe ein paar Wochen Bummelurlaub; seht zu, wann dem Schottenbauer sein Stück in Berlin wieder gespielt wird; wir fahren hinüber, alle wie wir sind – in corpore, wie wir Juristen sagen – und sehen's uns an. Nachher große Kneiperei im ›Kaiserhof‹ oder sonst einem Ort der Metropole, wo man was zu essen und zu trinken kriegt! Einverstanden? Natürlich! Kann riesig fidel werden! Riesig!« Damit war er hinaus, und im Flur draußen verhallte sein Lachen und Schwatzen wie Regengeplätscher, wenn das Gewitter vorüber ist. Während die übrigen dem jungen Paar das Geleit bis an die Haustür gaben, blieb Freda still für sich sitzen. Das war nun die Trennung von dem Bruder. Heut abend würde er nicht mehr ins elterliche Haus zurückkehren. Und so war er gegangen. Nicht eine äußere Trennung nur – es kam ihr vor, als wäre er auch einen Schritt weiter aus ihrem Innern fortgegangen. Woher kam das? Ernster als er war sie ja immer gewesen, und doch hatte sie lachen können, wenn er gelacht hatte – warum jetzt nicht mehr? Hatte sie inzwischen etwas erfahren, was er nicht erfahren, etwas gesehen, was er nicht gesehen hatte? Vielleicht. Als sie später, der Begleiter entledigt, mit dem Vater einsam nach Hause ging, wanderten sie schweigend nebeneinander her. Keines verriet dem andern seine Gedanken, aber sie mochten ahnen, daß ihre Gedanken sich zusammenfanden bei demselben Menschen, bei derselben Frage. Warum war er zurückgekommen? Warum war er hier? Nur weil er hier ungestörter arbeiten konnte als in Berlin? Oder weil ihm in der alten, vertrauten Umgebung die Gestalten reicher zuströmten als in neuen, ungewohnten Räumen? Die Phantasie der Dichter arbeitet ja verschieden; der eine muß von Ort zu Ort fliegen, um aus immer neuen Anschauungen neue Gestaltungskraft zu saugen – der andre kann nur schaffen, wenn er immer an derselben Stelle sitzend immer in dieselbe Ecke starren kann, aus der ihm, wie aus unerschöpflichem Born, die Gebilde hervorquellen. Vielleicht gehörte Schottenbauer zu dieser letzteren Art, wahrscheinlich sogar; hatte nicht Percival einmal erzählt, daß er nicht einmal von seinem alten, zerfetzten Schlafrock lassen konnte, nur weil er ihn schon solange getragen hatte? Aber es gab vielleicht auch noch einen andern Grund. Wie war doch die Sage von jenem Könige, dem seine sterbende Buhle einen Ring hinterließ, der ihn mit unlöslicher Gewalt an ihr Andenken fesselte und band? Um des Bannes ledig zu werden, schleuderte er den Ring in einen Sumpf, und von dem Tage an zog es ihn zu dem Sumpf, daß er nichts anderes zu tun vermochte, als dort zu sitzen, tage-, monde- und jahrelang, bis daß er über dem Sumpf eine Stadt erbaute, mit ragenden Türmen und Kuppeln, die noch heute steht und die man Aachen nennt. War es das vielleicht? War es darum, daß er die Wohnung am Wasser behalten hatte und immer wieder dahin zurückkehrte, weil er von dort aus die Brücke sehen konnte, wo er ihr zum erstenmal begegnet war? Weil er von dort das Haus sehen konnte, wo er mit ihr zusammengetroffen und zusammengewesen war zum letztenmal? Wie hatte die Wirtin gesagt? Vom Morgen sitzt er bis an den Abend und dann wieder bis tief in die Nacht und arbeitet – arbeitet – Wunderbar eigentlich, wie die Bilder zusammenpaßten: Wie der alte König über dem Grabe seiner Liebe die ragende Stadt erbaute, einen steinernen Sarg, darin er seine Liebe versenkte – so saß der Mann dort oben in seinem Gemach, und über dem Andenken an das verlorene Weib türmte er Werk auf Werk, Gebilde auf Gebilde, eins immer anders als das andre, alle aber durchtönt von dem Schrei der Sehnsucht nach ihr. Wie aus nachtwandelndem Traume kam Freda zu sich, als sie mit dem Vater an der Haustür anlangte; mechanisch war sie dahingeschritten, denn ihre Seele war es gewesen, durch welche der seltsame Traum soeben gegangen war. Eine tiefe, feierliche Stille war in ihr; ein Gefühl, als müßte sie der Dinge warten, die da kommen würden. Warten – und dann – sich beugen? Sie wußte es noch nicht – aber ihr jungfräulicher Leib erschauerte, als das heimatliche Bett sie wieder umfing und als sie mit diesem Gedanken die Augen schloß. Und als sie die Augen geschlossen, stand wieder wie einstmals die hohe, dunkle Frau zu Füßen ihres Lagers, die Nacht, und kopfschüttelnd wie einstmals blickte sie auf sie nieder: »Törin, die du nicht erkennen willst, warum seine Seele die Arme nach dir ausstreckt – weil sein ahnendes Gefühl ihm sagt, daß auch in dir eine Dichterseele wohnt.« Elftes Kapitel Seit dem Abend, an welchem Schottenbauers Stück zum erstenmal in Berlin aufgeführt worden war, herrschte in dem Theater, in dem es seitdem ohne Unterbrechung wiederkehrte, eine ganz eigentümliche, gehobene, beinahe andächtige Stimmung. Der Direktor, von dem eine Sage behauptete, daß er vor vierzehn Tagen noch ein ganz magerer Mann gewesen wäre, ging allabendlich, sobald die Kasse eröffnet war, wie ein Vollmond in sanftem Silberlicht in den Räumen seines Kunsttempels auf. Nie anders als im Frack, in weißer Krawatte und weißer Weste. »Denn wenn die Geschichte so weitergeht, haben wir nächstens den Hof hier – und dann muß man angezogen sein.« Er trat in die Kasse, er stand hinter dem Kassierer und sah, wie der Strom der Besucher am Schalter vorüberzog, sich in Tropfen niederschlagend, die als Ein-, Zwei- und Dreimarkstücke in der Kasse liegenblieben. Man wollte bemerkt haben, wie er in stiller Rührung die Hände über der weißen Weste faltete und etwas bemerkte, als ob er betete. Ein Gebet war es aber nicht, sondern nur ein staunendes, beinahe ungläubiges Flüstern: »Und dabei ein Trauerspiel in Versen!« Von der Kasse wandelte er sodann mit kurzen, raschen Schritten durch die Flure, an den Garderoben vorüber, wo die Mäntel und Hüte sich häuften, zwischen den Logenschließern hindurch, die ihn mit ehrfurchtsvoll-vertraulichem Lächeln begrüßten. Auf allen Gesichtern war dieses heimliche Schmunzeln, dieses unausgesprochene Staunen, dieser »Silberblick« des Daseins. Und endlich erschien er dann auf der Bühne, wo sich die Darsteller, in Kettenpanzern und mit Schwertern, rasselnd versammelten, vorläufig noch vielfach mit Kneifern auf der Nase, die erst nachher, wenn der Vorhang sich erhob, dem brillenlosen Mittelalter wichen. Mit sanftem Gruße trat er in ihre Mitte, und mit dem leisen Ton eines Mannes, der aus Erfahrung weiß, daß man das Glück nicht »beschreien« darf, sprach er das bedeutungsvolle Wort: »Wir haben ein ausverkauftes Haus.« Wie ein elektrischer Strom ging das Wort von der Bühne bis in die entfernteste Garderobe, und mit Feuereifer schritt man ans Werk. Es war aber auch wirklich eine Freude, mit dem Stück zu arbeiten. Das Publikum, das alle Räume des Theaters füllte, saß fast wie in der Kirche, in lautloser Andacht lauschend, solange der Akt dauerte, um dann, wenn der Vorhang niedergegangen war, in einen Sturm des Beifalls auszubrechen, der die Schauspieler wieder, wieder und immer wieder hinter dem Vorhang hervor an die Rampe trug. An dem heutigen Abend war die große Orchesterloge nahe der Bühne ebenfalls voll besetzt. Sechs Personen hatten darin Platz genommen, die, wie es schien, zueinander gehörten, drei Damen und drei Herren. Die Damen saßen in der vorderen Reihe; eine ältere, kleine, in ihren grauen, hängenden Locken etwas altmodisch aussehende in der Mitte; eine sehr junge, sehr niedliche, mit neugierigen Augen in das Parkett blickende links, und eine schlanke, blasse, ernst dreinschauende Dame rechts von ihr. Diese letztere, deren fein behandschuhte Hand auf der Brüstung ruhte, saß in die Logenecke gedrückt, keinen Blick auf das Publikum wendend, sondern die Augen, beinahe starren Blicks, auf den Vorhang gerichtet. Der alte Mann, der hinter ihr saß, verhielt sich ebenso schweigsam wie sie, und jedenfalls schweigsamer als der joviale Alte in weißem Schnurr- und Knebelbart, der links von ihm und zwischen ihm und einem hübschen, jungen, eleganten Mann saß, welcher sich fortwährend zu der niedlichen Kleinen vor ihm hinüberbeugte und ihr alle möglichen Tollheiten ins Ohr flüsterte. Tollheiten wenigstens schienen es zu sein, da die Angeredete in beständigem Kichern blieb und von Zeit zu Zeit mit dem Fächer nach hinten langte, um dem Sprecher einen zärtlich verweisenden Klaps zu verabfolgen. Übermäßig schienen diese beiden nicht gerade bei der Sache zu sein. »Nu kann's aber losgehn«, sagte Herr Major a. D. Bennecke laut, indem er sich mit beiden Händen auf die Knie schlug. »Ob denn Schiller da sein mag? Hat jemand ihn gesehen?« Tante Löckchen drehte sich um. »Alter Mann,« eiferte sie, »sprich doch hier nicht so laut per ›Schiller‹ von ihm; das gehört sich hier doch nicht.« »Na, mein Gott,« brummte der Gescholtene, »ist doch schließlich keine Schande.« Weitere Erörterungen wurden abgeschnitten, denn das Klingelzeichen erscholl, das den Beginn der Vorstellung verkündete. Über das Gesicht des schweigsamen alten Mannes ging ein Rucken und Zucken, seine Augen brannten auf; der Vorhang schwebte empor. Und nun waren zwei Menschen in dem weiten Hause, die jählings vergaßen, daß sie mitten unter Menschen, als Zuschauer in einem Theater saßen, die sich plötzlich einsam fühlten, wie jemand sich fühlen würde, der von der Erde auf einen andern Planeten versetzt wird, die mit stummen, staunenden Augen in der Welt umhergingen, die der zauberkundige Mann, der Dichter, da vor ihnen aufgebaut hatte. Der erste Akt war vorüber, und ein Orkan brauste aus dem Hause gegen den niedergelassenen Vorhang an. Herr Major a. D. Bennecke, Tante Löckchen, Percival und Therese klatschten wie besessen; alle Hände in der Orchesterloge schlugen ineinander, alle, mit Ausnahme derer, welche dem schweigsamen alten Mann und seiner Tochter gehörten. Diese beiden klatschten nicht, diese beiden saßen wie erstarrt; in den Augen des alten Mannes aber glitzerte es wie von Tränen. Nach kurzer Unterbrechung ging es weiter. »Ganz so wie damals,« dachte Papa Nöhring für sich, »als er sein Stück auch beinahe ohne Pausen vorlas.« Und die Erinnerung kam ihm, wie er bei ihm gesessen hatte, an seinem runden Tisch, wie er ihm ein Kissen hatte unterlegen müssen, weil er ja kaum viel länger war als seine lange Manuskriptrolle, und wie die blaue Blume sich vor ihm aufgeschlossen und er ein Wunder erlebt hatte mitten im wunderlosen neunzehnten Jahrhundert. Und so wie bei ihm, so klopfte auch bei seiner Tochter, bei Freda Nöhring, die Erinnerung wieder an; aber eine andere, die Erinnerung an die Nacht nach jener Vorlesung, als sie mit geschlossenen Augen im Bett gelegen hatte und vor ihren geschlossenen Augen das Stück emporgestiegen war, dunkel leuchtend wie der rote Mond in der Sommernacht, als sie sich dagegen gesträubt und gewehrt hatte und schließlich davor erlegen war in knirschender Ohnmacht. Nach dem zweiten Akt war große Pause. Percival schoß hinaus, um den Damen Erfrischungen zu holen, und nun griff Papa Nöhring zum Operngucker und richtete den Blick in das Publikum. Er fing an zu suchen. War er denn nicht im Theater? Nicht bei seinem Werk? Würde nicht plötzlich die Logentür aufgehen und – einer hereintreten – der – Aber er fand nichts; niemand kam; und als die Logentür sich auftat, waren es nur Percival, der mit zwei Gläsern Limonade erschien, und Herr Major a. D. Bennecke, der draußen »ein Seidel« gemacht hatte. »Nichts zu sehen von dem Schiller,« erklärte er, indem er sich den Schnurrbart wischte, »scheint wirklich nicht vorhanden zu sein.« Das Publikum suchte seine Plätze wieder auf; die Vorstellung ging weiter; das Stück rollte zu Ende. Nachdem der Vorhang zum letztenmal gesunken war, brach der Enthusiasmus noch einmal und jetzt beinahe wütend aus. Die Leute blieben in den Sitzreihen stehen; drei-, vier- und fünfmal mußten die Darsteller an der Rampe erscheinen, dann kamen vereinzelte Rufe »Schottenbauer!« Sobald der Name einmal genannt war, sprang er, wie im Widerhall, aus allen Ecken des Theaters auf, und plötzlich ging ein einziger donnernder Schrei durch das Haus: »Schottenbauer!« Es war ja eigentlich etwas ganz Ungewöhnliches, da man den Dichter nur am ersten Abend herauszurufen pflegt, aber für die Menschen, die heute im Theater waren, wurde das Stück zum erstenmal aufgeführt, und das Stück selbst und alles, was damit zusammenhing, war ja etwas ganz vom Herkömmlichen Abweichendes, ganz Ungewöhnliches, also wollten sie den Dichter des Werkes sehen, das sie so merkwürdig bewegt hatte. Die Insassen der Orchesterloge hatten sich erhoben. An der Logenbrüstung stand Freda und sah in das Parkett, wo die Menschen sich abarbeiteten und klatschten und tobten. Es war ihr, als erlebte sie ein Märchen. Noch kein Jahr war es her, seitdem sie zum erstenmal den Namen gehört hatte; so absonderlich war er ihr erschienen, beinahe lächerlich – und nun war er ein Gemeingut der Welt; wie etwas Selbstverständliches erschien es, daß jeder ihn kannte und wußte, wer »Schottenbauer« war. Es war ja derselbe Name wie früher, und doch, wie so ganz anders ertönte er, da er jetzt wie ein Kriegs- und Triumphschrei aus dem Munde der Masse kam; der Erzklang des Ruhmes war darin. Immer länger und beharrlicher rief das Publikum nach dem Dichter. Eine zarte Röte stieg in Fredas Wangen auf, die Röte der Erwartung – würde er kommen? Endlich rauschte der Vorhang noch einmal auf – eine plötzliche gespannte Lautlosigkeit trat an die Stelle des bisherigen Lärms – an der Rampe stand ein wohlbeleibter Mann in schwarzem Frack, weißer Krawatte und weißer Weste. Eine allgemeine Enttäuschung summte durch das Haus – nicht der Dichter, sondern der Theaterdirektor war das. Nach allen Seiten verneigte er sich, »einem hochverehrten Publikum dankend, dankend, dankend für diese großartige Kundgebung des Beifalls, von welcher er dem Dichter, der leider, leider, leider nicht anwesend sei, Mitteilung machen würde«. Wieder senkte sich der Vorhang, und mit murrendem Brausen entleerte sich nun das Haus. Nöhrings und Benneckes harrten in ihrer Loge aus, bis der Strom sich einigermaßen verlaufen haben würde. In Gedanken versunken stand Freda. Er war also wirklich nicht gekommen. Obschon eine tausendköpfige Menge ihn rief. Ja, ja – wie hatte doch Percival von ihm gesagt, als er zuerst von ihm sprach? Daß er noch nie einen Menschen gesehen hätte, der so wenig eitel gewesen wäre. Merkwürdig, wie alles sich wiederholte: damals, als er bei ihnen sein Stück vorgelesen hatte, war ja auch die ganze Zuhörerschaft voller Begeisterung auf ihn eingedrungen, alle, mit Ausnahme einer einzigen. An allen war er vorbeigegangen, und zu dieser einen, die ihm kein Wort gesagt hatte, war er herangetreten und hatte sie leise gefragt, ob ihr sein Werk gefallen habe. Und was hatte sie erwidert? Ein schnippisches Wort, über das sie sich nachher noch gefreut hatte, weil sie fühlte, daß es ihm weh tat. Mein Gott, mein Gott – wie kindisch war sie doch bisher durch das Leben gegangen! Der eiserne Vorhang, der rasselnd niederging, mahnte die kleine Gesellschaft, daß es nun auch für sie Zeit würde, das Haus zu verlassen. Man machte sich auf; jeder Herr nahm seine Dame an den Arm; Papa Nöhring seine Tochter. Als sie an die Ausgangspforte des Theaters gelangt waren, machte Papa Nöhring, der mit Freda vorausging, mit einem Ruck halt. Neben der Tür, halb in die Ecke gedrückt, wie jemand, der den andern sehen und nicht selbst gesehen sein will, stand ein Mann – und dieser Mann war Schottenbauer. Er hatte den Mantel umgehängt, einen weichen Filzhut tief in die Stirn gedrückt; unter dem Hutrande flimmerten die heißen Augen, die er auf den Regierungsrat, und dessen Tochter gerichtet hielt. »Schottenbauer«, stammelte Papa Nöhring. Der Name kam tonlos von seinen Lippen. Er ließ den Arm sinken, an dem er seine Tochter führte. Gesenkten Hauptes, ganz erblaßt, stand Freda neben ihm. Ein Sichverstecken war nicht mehr möglich. Mit einer zögernden Bewegung trat Schottenbauer heran, dann, als überkäme ihn jählings eine übermächtige Gewalt, schoß er auf den alten Mann zu und packte seine Hand mit beiden Händen. »Herr Regierungsrat – sind Sie – glücklich heimgekehrt?« Seine Stimme bebte; mit einem Griff zog er Papa Nöhring einen Schritt weiter, auf die nachtdunkle Straße hinaus, als wollte er dem Lichte und den neugierigen Blicken der Menschen entfliehen. »Herr Regierungsrat« – er hielt den alten Mann an beiden Ellenbogen gefaßt – »Herr Regierungsrat« – es sah aus, als wollte er ihn auf offener Straße umarmen, aber er hielt an sich. Der Hut hatte sich ihm in den Nacken geschoben – ob es das weiße elektrische Licht war, das über der Theaterpforte leuchtete –, sein Gesicht sah blässer aus als früher, und magerer. Papa Nöhring war nicht weniger benommen als er. »Schottenbauer,« flüsterte er hastig, »wir bleiben die Nacht in Berlin, im ›Kaiserhof‹, sind heute abend noch zusammen, kommen Sie mit uns, kommen Sie!« Schottenbauer trat zurück. Freda war hinzugekommen; er schien zu zögern. »Wenn es – Ihnen nicht unangenehm ist«, sagte er schweren Tones, indem er sich gegen sie verneigte. Sein Blick war an ihrer Gestalt hinuntergefahren, ohne an ihrem Gesicht zu haften. Sie war so befangen, daß sie kaum wußte, was sie tat, als sie ihm zögernd die Hand hinstreckte. »Es würde mich sehr freuen,« sagte sie leise, »wenn Sie kämen.« Er hob das Haupt zu ihr auf, er ergriff ihre Hand. Freda hatte die Handschuhe angezogen – durch das Leder des Handschuhes hindurch fühlte sie die glühende Wärme seiner Hand – und in diesem Augenblick wußte sie alles; wußte, warum er nach der Wohnung am Wasser zurückgekommen war, warum er dort gesessen hatte, den ganzen Sommer hindurch, vom Morgen bis zum Abend, und wußte, daß die Flamme in ihm nicht erloschen war, sondern brennender loderte denn je. Einen Augenblick noch hielt er ihre Hand; dann kamen Benneckes mit Percival und Therese. Er ließ sie los und trat rasch zu dem Regierungsrat. »Gehen Sie voraus, bitte – ich komme nach.« Es war ihm unmöglich, jetzt die andern zu begrüßen; er wandte sich ab und verschwand im Dunkel. Eine halbe Stunde später war man im »Kaiserhof«, wo Percival einen abgesonderten, kleinen Salon besorgt hatte. Unterwegs hatten er und Benneckes von dem Zusammentreffen mit Schottenbauer erfahren. Tante Löckchen war wütend. »Solch ein Mensch – so vor seinen Freunden davonzulaufen!« – Aber er sollte es zu hören bekommen, wenn er heute abend käme – er käme doch auch sicher? »Ja, ja,« beruhigte Papa Nöhring, »er hat's versprochen.« »Na, ist gut,« erklärte sie, »er soll's schon merken. Wie Eis werde ich sein! Wie Eis!« »Bin neugierig, wie du das anstellen wirst«, meinte Herr Major a. D. Bennecke. »Wie ich das anstellen werde – ?« Aber im Augenblick, als sie es erklären wollte, wurde die Tür von außen aufgetan und mit einem »Hurra, da ist er!« stürzte Percival hinzu und riß ihn an beiden Händen herein. Mit einem verlegenen und doch glückseligen Lächeln stand er mitten im Salon, von einem zum andern blickend mit den alten schalkhaft schüchternen Augen des einstigen kleinen Referendars Schottenbauer. »Aber daß Sie heute abend nicht rausgekommen sind,« erklärte Herr Major a. D. Bennecke, »als das Publikum nach Ihnen schrie, das war nicht recht, wahrhaftig!« Er hatte ihm beide Hände auf die Schultern gelegt. »Meine Frau, von der kriegen Sie kein gutes Wort mehr zu hören, so wütend ist sie auf Sie.« Schottenbauer trat auf sie zu. »Sind Sie mir wirklich so böse?« Tante Löckchen saß auf dem Sofa. Sie drehte das Batisttüchlein in den Händen, als wollte sie einen Zopf daraus winden. »Sie – abscheulicher Mensch! Was hab' ich gesagt? Wenn Sie erst in Berlin sein werden, und in Ruhm waten werden, wollen Sie von Ihren alten Freunden nichts mehr wissen. Höchstens Nöhrings sind noch für Sie da! Nicht wahr? Aber Benneckes – was sind Benneckes?« Statt aller Antwort ergriff er ihr weißes, gepolstertes Händchen und führte es stumm an die Lippen. Dabei wurde er feuerrot und sah sie mit einem Blick an – Als Tante Löckchen den Blick sah, war sie wie umgewandelt, flog vom Sofa empor und mit ausgebreiteten Armen um seinen Hals. »Kindchen, Kindchen – Sie sind ja ein gottbegnadeter Mensch!« »Das Eis schmilzt!« rief Herr Major Bennecke, indem er auf die Gruppe zeigte. Und er hatte recht; das Eis schmolz; man sah es sogar, denn zwei dicke Tränen liefen an Tante Löckchens runden Wangen herab. »Es schmilzt,« wiederholte Percival, »und damit es nicht wieder zum Stehen kommt, wollen wir uns jetzt setzen!« Er gab ein Klingelzeichen; die aufwartenden Kellner stürmten herein; man ging zum Abendessen. »Wie wollen wir sitzen?« fragte Herr Major a. D. Bennecke. Eine kurze Pause entstand – Tante Löckchen überlegte. »Der Schottenbauer«, erklärte sie dann, »soll entscheiden; zwischen wem wollen Sie sitzen?« Er wollte eine Einwendung machen, aber sie ließ keine gelten. Freda war einen Schritt zurückgetreten; es zuckte ihr am Herzen. Jetzt atmete sie auf – Schottenbauer reichte Tante Löckchen den Arm. »Zum Zeichen, daß Sie mir nicht mehr böse sind«, sagte er. Tante Löckchen strahlte über das ganze Gesicht. »Aber wer kommt an die andere Seite?« Schweigend richtete er sich auf, und seine Augen suchten den Regierungsrat Nöhring. Dieser, der die ganze Zeit über mit still beglücktem Gesicht gestanden hatte, kam heran und faßte seinen Kopf zwischen beide Hände. »Schottenbauer – Schottenbauer – dieser Abend – daß wir diesen Abend zusammen –« Er konnte nicht weitersprechen – mit einem Räuspern, das ihm die ganze Kehle durchrasselte, setzte er sich an Schottenbauers Seite nieder. Gegenüber von diesem saß Freda. Wenn Schottenbauer sie zu führen verlangt hätte, würde sie sich gefügt haben – daß er es nicht getan hatte, das empfand sie wie ein Zeichen des Zartgefühls von seiner Seite. Und nun sah sie das Gesicht des alten Vaters, das beglückte Gesicht, und die Erinnerung kam ihr, wie sie mit ihm von Monte Carlo nach Bordighera zurückgefahren war, und wie gramvoll dieses selbe Gesicht in den Wagenkissen gelegen hatte. Mein Gott, mein Gott – dort neben dem Vater der Mensch, war er denn nicht die Quelle, aus der das geliebte, greise Leben sich Verjüngung trank? Mußte sie ihm nicht dankbar sein? In diesem Augenblick war es, als Schottenbauer beinahe der Atem versagte. Freda Nöhring beugte sich über den Tisch zu ihm hinüber. »Herr Schottenbauer« – es war das erstemal, daß sie ihn bei Namen anredete –, »ich bin Ihnen noch zu besonderem Dank verpflichtet. Der Papa hat Ihre beiden Dramenmanuskripte auf die Reise mitgenommen, und sie haben ihm da unten in der Fremde gute Stunden bereitet.« Ihm war, als träumte er. Dieser tiefe, klangvoll metallische Ton der Stimme, diese Worte voll ernster, gehaltvoller Anerkennung – wo kam das alles plötzlich her? Aus derselben Seele, die sich vor ihm verschlossen hatte wie eine kahle Wand? Aus demselben Munde, dessen stolz geschwungene Linie ihm gegenüber eine Bogensehne gewesen war, die Pfeile schoß? Er vermochte kein Wort hervorzubringen und blickte ihr lautlos ins Gesicht. Das tiefe Leuchten aber, das in seinen Augen aufging, sagte ihr, was er empfand. Woher diese Wandlung? Weil sie den heutigen Abend im Theater, und seinen Triumph erlebt hatte? Allmächtiger Gott – dann war der Erfolg freilich ein wahrer, ein ungeheurer Erfolg gewesen! In seiner Seele stand das Wonnegefühl auf, dem kein anderes gleichkommt, das Gefühl des Mannes, der seine Kraft empfindet. Und nicht anders als ihm erging es der übrigen Gesellschaft. Alle empfanden die Worte Fredas wie ein Ereignis, und ein unwillkürliches Schweigen trat ein. Percival war es, der die Stille in seiner Weise unterbrach. Ein schmetterndes Klingelzeichen ertönte von seiner Hand, und unmittelbar darauf, wie auf ein Signal, das sie erwartet hatten, brachen die Kellner mit Champagnerflaschen und Eiskübeln herein. »Was wird denn das?« hieß es, »was wird denn das?« »Was das wird?« Percival stand mit gebieterischer Gebärde am Tisch aufgerichtet. »Das ist der ehemalige unbesoldete Referendar, jetzt wohlbesoldete Assessor Nöhring, der die versammelte Gesellschaft auf ein Glas Sekt einladet und sie auffordert, mit ihm auf das Wohl des einstigen unbesoldeten Referendars, jetzt tantiemenüberschütteten Dichters Schottenbauer anzustoßen.« »Ein famoser Bengel!« donnerte Herr Major a. D. Bennecke, »immer das richtige Wort zur richtigen Zeit!« Alle Gläser stürmten an Schottenbauers Glas. »Ich habe wirklich vergessen,« wandte sich dieser an Percival, »dir zum Examen und zur Verheiratung zu gratulieren.« »Das hast du allerdings getan,« erwiderte Percival, indem er ihm auf die Schulter schlug, »aber darum keine Feindschaft nicht! Im übrigen habe ich Mittel, um mich an dir zu rächen: ich arbeite, damit du es weißt, in Steuersachen an unserer Regierung, und weil man in Erfahrung gebracht hat, daß du immer noch Hausbewohner in unserer löblichen Regierungsstadt bist, so bist du mir als Steuerschraubenzieher verfallen!« »Ja, nun sagen Sie mal,« krähte Tante Löckchen dazwischen, »was das für Geschichten mit Ihnen sind, daß Sie da in Ihre alte Wohnung zurückkommen und darin sitzen und alle Abend Ihre Lampe anbrennen und von Ihren alten Freunden keinem Menschen ein Wort sagen? Ist das alles wahr?« Schottenbauer erglühte in Verlegenheit. »Es – ist schon wahr.« »Und die ganze Zeit haben Sie gearbeitet?« fragte Papa Nöhring. »Da ist wohl wieder ein ganzes neues Stück fix und fertig geworden?« Schottenbauer nickte. »Das zweite Stück, das ich Ihnen damals vorgelesen habe, das hat nun das Königliche Schauspielhaus in Berlin angenommen.« Papa Nöhring schlug auf den Tisch. »Hat es? Hat es wirklich? Hat es 'rangemußt? Sehen Sie, was Sie den Abend damals gesagt haben: sie würden doch einmal kommen müssen!« Schottenbauer lächelte. »Ja – und es hat gleich noch eins dazu angenommen.« »Fiducit, prost!« rief Percival, indem er um den Tisch lief und alle Gläser bis zum Überschäumen füllte. »Fiducit, prost! Das ist ja riesig! riesig!« Wieder klirrten die Gläser zusammen, und alles blickte auf den Menschen, der wie ein Wundertier zwischen ihnen saß. Papa Nöhring lachte vor Vergnügen laut vor sich hin. »Kommen Sie denn nun gleich wieder mit uns nach Hause?« fragte er. »Noch nicht gleich«, versetzte Schottenbauer. »Das Stück, das Sie heute gesehen haben, wird jetzt an verschiedenen Bühnen vorbereitet; dazu will ich hinreisen, und das kann immerhin ein paar Wochen dauern.« Er machte eine Pause. »Aber nachher – hatte ich allerdings die Absicht – und – wenn Sie dann erlauben –« Er hatte das Gesicht auf den Teller gesenkt; eine dunkle Glut überflammte seine Stirn; die letzten Worte waren kaum vernehmlich gewesen. Papa Nöhring aber hatte verstanden, Papa Nöhring und eine andere auch, Freda. Percival war es wieder, der über das augenblickliche Herzstocken hinweghalf. »Aber das bitte ich mir aus, Schottenbauer, wenn du herüberkommst, daß du dir die ›huschliche, muschliche‹ Wohnung ansiehst, wo der Regierungsassessor Nöhring mit seiner Gemahlin Therese, geborenen Wallnow, wohnt. He?« »Das versteht sich«, erwiderte Schottenbauer. Percival stieß mit ihm an, dann schlang er den Arm um seine junge Frau. »Sie dürfen mir einen Kuß geben, Frau Therese Nöhring, geborene Wallnow.« »Du Laps«, erwiderte Therese, indem sie ihm lachend mit dem Fächer über die Wange strich. Percival fuhr pathetisch empor. »Ha, dieser Streich – wie er gerochen werden soll, dieser Streich – heißt es nicht so bei Franz Moor? – Kinder« – unterbrach er sich –, »wie wär's, ich bin gerade in der Stimmung, soll ich euch einmal den Franz Moor hinlegen? oder Richard den Dritten?« Alles lachte. Man merkte, daß er allerdings sehr in der Stimmung war. Schon vor dem Theater, beim Mittagessen, hatte er tüchtig den Humpen geschwungen, und jetzt hatte er sich auch nicht dürsten lassen. »Ein andermal, Junge«, meinte Papa Nöhring. »Na ja, ist auch richtig«, erklärte Percival. »Hier wo jetzt der Schottenbauer dominiert, darf man mit andern Dichtern nicht kommen. Aber, Schottenbauer, das sage ich dir, wenn du zu uns kommst, veranstalten wir ein riesiges Zauberfest, ganz riesig, sage ich dir! Bis dahin habe ich deine Stücke auswendig gelernt, und dann sollst du deine Verse mal zu hören bekommen, anders als heute von diesen elenden Mimen, das kann ich dir sagen!« Er war in eine Stimmung geraten, die nicht mehr weit vom Randalieren entfernt war, und fing an zu prahlen. Daran erkannte man, daß es Zeit war, die Sitzung aufzuheben. Man stand auf; man rüstete sich, auseinander zu gehen. Von dem Regierungsrat verabschiedete sich Schottenbauer zuletzt; an der Tür standen sie beisammen; Papa Nöhring hielt seine Hand. »Also – auf Wiedersehen?« »Auf Wiedersehen.« Der Atem ging ihm schwer. Jetzt endlich war er wieder mit den beiden allein, um derenwillen er eigentlich hergekommen war. Schweigend neben dem Vater stand Freda. Je lauter der Bruder wurde, um so stiller war sie geworden. Der stolze Nacken war gesenkt, das einst so kecke Antlitz in Traum verloren; die Augen, die früher der Welt so übermütig ins Gesicht gesehen, blickten in Hilflosigkeit. Schottenbauer sah sie an – welch einen neuen Ausdruck sie bekommen hatte! Wie dieser Ausdruck süßer Schwäche ihr stand! Wie ein Hammer schlug ihm das Herz. Er streckte ihr die Hand hin. »Auf Wiedersehen?« fragte er leise. Sie legte die Hand in die seinige; ihre Hand zuckte und zitterte. »Auf Wiedersehen«, hauchte sie. Dann zog sie die Hand zurück und drückte das Gesicht an die Schulter des Vaters. Eine Flamme loderte, um sie zu verschlingen – sie hatte zu der Flamme gesagt: »Fall über mich, ich bin bereit.« Zwölftes Kapitel Sie war bereit – ja. Aber nicht so, wie man bereitwillig zu fröhlichem Tagewerk aufsteht. War es denn freier Wille, diese Bereitschaft? Kam sie aus eigenem Antrieb? Nur eins war ihr klar: es hatte nicht anders sein können. So wie es gekommen war, hatte es kommen müssen; auch daß sie selbst mit ihren Worten die Pforte aufstieß, durch welche das Schicksal nun eintreten würde – ja, ja – sie fühlte es deutlich, es war wie eine fremde Macht gewesen, unter deren Zwang sie handelte und sprach – es hatte sein müssen. Es mußte sein, und darum sollte es sein – ihre starke Seele stand auf und biß die Zähne aufeinander. Es sollte sein – wie eine stählerne Klinge stieß sie sich das Wort ins Herz, durch das zuckende Fleisch hindurch. Äußerlich verliefen ihre Tage jetzt sehr ruhig. Percival trieb sich mit seiner jungen Frau in der Welt umher. Von Berlin, wo sie noch ein paar Tage Station gemacht hatten, waren sie nach Dresden gegangen, von da wollten sie nach Leipzig und dann »im Bogen« nach Hause zurück. Wie weit der Bogen gespannt werden sollte, war nicht gesagt. Freda hauste also mit dem Vater allein. Der Regierungsrat war jetzt ein eifriger Zeitungsleser geworden. Die Politik allerdings ließ ihn kalt; Theater, Kunst und Literatur, das war sein Jagdgebiet, und jeder Tag beinahe brachte ihm gute Beute. Wie man den Gang eines neu entdeckten Kometen registriert, so verfolgten die Zeitungen den Lauf von Schottenbauers Stück. Es war ein Siegeslauf. Eine große Stadt nach der andern, ein Theater nach dem andern tat sich vor ihm auf; wie mit Siebenmeilenstiefeln sprang es durch Deutschland, und wohin es sprang, da schlug es Funken und Feuer aus dem Boden. Daran reihten sich Berichte von einem zweiten, dritten und sogar vierten Stück, das bereits an dieser, jener und wieder jener Bühne angenommen war. Man konnte sie kaum aufzählen, man wurde schwindelig, wenn man es las. Papa Nöhring aber las alles; und wenn er fertig geworden war, nahm Freda das Blatt auf und las es gleichfalls, und weil der Vater dicht an ihrer Seite saß und sie die Freude sah, die auf seinem Gesicht nachglühte, und weil sie – vernünftig sein wollte, so las sie mit ruhiger Aufmerksamkeit und freundlichem Lächeln – bis daß der Vater aufgestanden und sie allein mit sich war, und nun der Kampf wieder ausbrach, der Streit zwischen ihrem Verstand, ihrer Vernunft und den dunklen, unvernünftigen Gewalten, die in ihr gewesen waren, die jetzt wieder heraufbegehrten, die nicht herauf sollten und trotz allem sich aufbäumten, trotz allem, trotz allem! In solchen Augenblicken ging sie stöhnend umher, ein Kampf auf Leben und Tod zerriß ihr Inneres. So viel ernster war alles jetzt als früher, so furchtbar ernst. Lachen konnte man jetzt freilich nicht mehr über den Mann; ihn mit einer schnippischen Redensart abtun – damit war es vorbei. Und es war kein schaumgebackener Erfolg; besser vielleicht als alle andern hatte sie vom ersten Tage an gewußt, welch eine Kraft in dem Stücke da auf die Füße sprang. Das alles wußte sie ja, das alles sagte sie sich ja – aber liebte sie ihn darum? Liebte sie ihn darum? Nein, nein, nein! All das böse, gehässige Gefühl, das sich gegen ihn aufgelehnt hatte, als der Nöhringsche Salon ihm Bravo rief, alles das zuckte wieder in ihr auf, alles das war wieder da, jetzt, da ganz Deutschland ihm Beifall jauchzte. Er übermannte, überwältigte sie, er drückte und erstickte sie mit seinen Triumphen und mit seinem Ruhm. Ohnmächtig ihr Widerstand; nicht ihre Seele nur, ihr Körper zerbrach; Tränen stürzten aus ihren Augen, und wie eine Verzweifelnde fiel sie in die Knie. Daß das alles Torheit, Tollheit, Wahnsinn war, das fühlte sie ja! Daß sie dagegen ankämpfen mußte, das sagte sie sich ja! Aber nur einen Fußbreit Boden, um Fuß fassen, nur einen Anhalt, um sich daran klammern zu können! Alle ihre Erlebnisse stürmten durch ihre Seele; alle Erinnerungen wühlte sie wieder herauf. Wie hatte der Vater damals gesagt, in der schrecklichen Nacht? »Wenn die Sonne hineinscheinen will in dein Herz, dann schließ es nicht zu.« Aber war denn das die Sonne, was da vor ihrem Herzen stand? Das Feuer war es, das brennende, lodernde Feuer, das nach ihr züngelte und verlangte, nach ihrer Seele und ihrem Leibe, ihrem unentweihten Leibe. Und indem sie dieses dachte, versiegten plötzlich ihre Tränen, als wenn sie zu Eis geworden wären in ihren Augen – Ihr – unentweihter Leib –? Ein furchtbarer Schauer rann wie der Todesfrost durch ihre Glieder – starr und schwer richtete sie sich vom Boden auf – Törin, wahnwitzige, elendes Weib – hatte sie den Arm vergessen, der sich damals um diesen Leib geschlungen hatte wie um den Leib einer Dirne? Und die Hände, die ihre Hände gefesselt gehalten, und die wüsten, gierigen Äugen – und – und sie wagte es, sich aufzulehnen gegen den Mann, der monatelang ihr Bild in seinem Herzen getragen hatte wie ein keusches Heiligtum? Gegen den reinen Mann, der an der beifalltobenden Welt vorüberging und aus Siegen und Triumphen zurückkehrte zu ihr, um ihr wiederzubringen, was sie verloren hatte, die heilige Reinheit? Und an einem solchen Tage, am Nachmittag – der Vater war droben in seinem Zimmer und sie allein im Salon unten, Dämmerung erfüllte bereits das Gemach, und es war noch kein Licht entzündet – an solch einem Nachmittag war es, als sie den Klingelschlag an der Haustür draußen vernahm und ein Flüstern darauf, wie wenn jemand dem Dienstmädchen bedeutete, daß Anmeldung nicht nötig sei – und einen Schritt – und die Tür tat sich auf – Mitten im Raum, schneeweiß aufragend im grauen Zwielicht, wie ein steinernes Bild, stand Freda Nöhring – auf der Schwelle war er – und als er leise die Tür hinter sich schloß, wußten die beiden, daß die große Stunde des Lebens für sie gekommen war. »Fräulein Nöhring,« sagte Schottenbauer mit schwankender Stimme, »ich finde Sie allein – wollten Sie mir erlauben – ich hätte – ein Wort mit Ihnen –« So regungslos stand sie da, das Antlitz so entgeistert nach dem Fenster gerichtet, daß man kaum hätte sagen können, ob sie ihn vernommen hatte. Von der Türschwelle blickte er zu ihr hinüber. Er wagte sich nicht heran. Jetzt, da keine Schranke und kein Dritter mehr zwischen ihm und dem ersehnten Weibe war, da Traum und Phantasie zur Wirklichkeit zu werden und ihm körperlich in die Arme zu geben versprachen, was er in Gedanken tausendmal umschlungen und umarmt hatte, jetzt packte ihn die Scheu, die er stets in ihrer Nähe empfunden hatte, mit doppelter und dreifacher Gewalt. Ob es das schwindende Tageslicht war, das wie ein grauer Nebel auf ihrem marmorweißen Antlitz lag und wie eine eisig rieselnde Flut an ihrer Gestalt herniederfloß – es bedünkte ihn, als ginge ein kalter Hauch von ihr aus, bis zu ihm hinüber und in sein Herz. Alles, was ihm Mut und Kraft zu verleihen vermochte, raffte er in seinem Bewußtsein zusammen. Wie die Menschen ihm zugejubelt hatten – wie ihre Blicke in staunender Bewunderung an ihm gehangen hatten – das alles suchte er sich wieder zu vergegenwärtigen, damit es ihm hinaushelfen sollte aus seiner schüchternen Persönlichkeit und darüber hinweg – und er fühlte, daß alles das zu nichts ihm half. Wäre er eitel gewesen, so würde ihm dies alles geholfen haben, so würde er, da er jetzt der »berühmte Mann« war, ein andrer in seinem Bewußtsein geworden sein, als da er noch der Unbekannte, Ungenannte gewesen war – weil er es nicht war, half es ihm nichts. Der Flitterrock, den er sich hatte anziehen wollen, um seine Gestalt imposanter erscheinen zu lassen, sank herab, und es blieb nichts übrig als der Mensch, als der Mann gegenüber dem Weibe, der Mann, den die Liebe hergetrieben hatte wie mit feuriger Geißel und dem sie jetzt die Kehle würgte wie mit eisiger Faust. Kaum daß er wußte, wie es gekommen, war er jetzt herangetreten, so daß er einen halben Schritt von ihr entfernt stand. »Fräulein Nöhring –« Sie stand noch immer, wie sie gestanden hatte. »Fräulein Nöhring – ich – glaube beinahe – Sie wissen, warum ich komme.« War es ein Seufzer, was er da vernahm? Ein Seufzer aus allen Tiefen heraus – oder hatte er nur so zu hören geglaubt? Das steinerne Bild fing an zu leben; sie sah ihn nicht an, aber nach der Richtung, wo er stand, drehte sich ihr Haupt in halber Wendung. »Fräulein Nöhring« – mit zagender Hand langte er nach ihrer herabhängenden Linken – sie ließ ihm die Hand; kalt und weich lag sie in seinen heißen beiden Händen; er wußte nicht weiter mit dem Wort; er hob ihre Hand an seinen Mund; sie fühlte seine Lippen, die sich mit inbrünstigem Kuß in ihre Hand wühlten. Dann kam ein heißer Atem in ihr Ohr, ein Stammeln und Flüstern: »Fräulein Nöhring – ich glaube – Sie wissen nicht – ahnen nicht – wie ich Sie liebe?« Jetzt ging ein Zucken und Zittern durch ihre Gestalt; jetzt war es, als hätte sein stammelndes Wort sich wie eine Meereswoge in sie ergossen, wie eine Woge, die nicht Raum in dem Leibe des Weibes fand, so daß der Leib sie nicht zu fassen vermochte, daß die Brust des Weibes zu steigen und zu sinken begann, daß ihre Lippen sich öffneten, als haschten sie nach Luft – ein Stöhnen ging von ihren Lippen – ein Schwanken, Sinken und Zusammensinken kam – und plötzlich war das Ungeheure geschehen; die Gestalt, nach der er ausgeblickt hatte durch die Welt, die Glieder, die seine Sehnsucht umspielt hatte – Freda Nöhring lag in seinen Armen. Nicht an ihn geschmiegt in erwidernder Liebe – rücklings übergesunken, wie zerbrochen lag sie an seiner Brust – aber er fühlte nur, daß sie an seiner Brust lag. Nicht die Augen hatte sie zu seinen Augen erhoben – aber er sah nur, daß ihre Augen, ihre Lippen und ihr Gesicht hingegeben im Bereiche seiner Lippen waren. Und nun kam es, nun schwoll es empor, nun brach es aus ihm hervor, alles, was sich da drinnen in ihm aufgesammelt hatte, wochen- und monatelang, all die Glut, all die Liebe und die allmächtige Gewalt. »Freda!« Wie ein wilder Naturlaut klang sein Schrei. Er drückte die Lippen auf ihre Stirn, auf ihre geschlossenen Augen, auf ihre Wangen; unter seinen glühenden Lippen fühlte er die weiße, kühle Haut – das war ihre Haut, das war ihr Leib, das war sie, die er küßte, Freda, Freda Nöhring – und nun fiel er mit lechzenden Küssen über ihren Mund her, über den stolzen, spöttischen, jetzt so bebenden, zitternden Mund.! »Freda – Geliebte – Ersehnte – Traum meiner Tage und Nächte –« Ein dumpfes, rasendes Murmeln war es, mit dem diese Worte einzeln, sinnlos und zerstückt zu ihren Ohren drangen. So wie er das Weib unter seinen Küssen erstickte, so erstickte er an den eigenen Küssen selbst. Krampfhaft sich aufbäumend – denn sie fühlte sich wirklich halb erstickt – riß Freda sich empor. Er ließ von ihr ab. Beide Hände an die Schläfen gedrückt, stand sie da, als hätte sie die Besinnung verloren, und als müßte sie sie zurückrufen aus weiter Ferne. Dann wandte sie ihm das Gesicht zu, mit langsamer Bewegung, und mit schweigendem Blick sah sie ihn an, mit einem wunderbaren, schwer zu enträtselnden, staunenden, fragenden Blick. »Kommen Sie« – es war ein Hauch, mit dem sie das sagte, und kaum so viel als ein Hauch. Sie ging zu dem Sofa, das in dem Hintergrunde des Zimmers stand; dort saß sie nieder, das Haupt vornüber, die Hände im Schoß. Ihr zu Linken setzte sich Schottenbauer. Nun war es, als überlegte sie, als suchte sie sich auf etwas zu besinnen – dann rückte sie auf dem Sofa, so daß Raum an ihrer andern Seite ward. »Bitte – setzen Sie sich dahin.« Er verstand sie nicht, aber er stand auf und tat, wie sie gebeten. Dann, als er an ihrer rechten Seite Platz genommen hatte, ergriff sie, ohne ein Wort zu sprechen, seinen linken Arm und schlang ihn um ihren Leib, um ihre Hüfte; mit beiden Händen langte sie nach seinen Händen, als sollte er ihre Hände ergreifen – und als er nun ihre Hände ergriff und mit feurigem Druck hielt, als sein Arm, der sie umfaßte, ihren Leib mit leidenschaftlicher Gewalt an seine Brust und sein klopfendes Herz preßte, sank ihr Haupt plötzlich an seine Brust, und ein Tränenstrom brach von ihren Augen. Sie schüttelte das Haupt, als wollte sie seiner Frage zuvorkommen, als sollte er nicht fragen; an seinem Halse spürte er ihre Tränen; Mund und Wangen umspielte ihm ihr kühles, blondes Haar. »Ich – will dir – gehören,« sagte sie mit tiefer, vom Schluchzen durchbebter Stimme, »ich will dir gehören.« Droben im grün tapezierten Zimmer, bei der grün umsponnenen Lampe, die neben ihm auf dem Tisch stand, saß Papa Nöhring und las. Jetzt richtete er das Haupt empor – auf dem Flur draußen näherten sich Schritte. War Percival zurückgekehrt? Aber das war nicht Percivals Gang, dieser langsame, beinahe feierliche Schritt. Die Tür seines Zimmers wurde aufgetan, der Vorhang schlug auseinander – vor ihm stand Freda, seine Tochter, und neben ihr, den linken Arm um sie geschlungen, ihre Hände in seine gedrückt, Schottenbauer. Der alte Mann, der sich im Stuhle herumgedreht hatte, sank in die Stuhllehne zurück. Er wollte aufstehen, aber die Knie versagten ihm den Dienst. Bevor er jedoch einen zweiten Versuch machen konnte, waren beide heran und lagen kniend vor ihm, ihre Häupter in seinen Schoß gebeugt. Nun warf er die Arme um sie her, aber seine Arme zitterten so schwer, daß er sich auf die jungen Schultern stützen mußte. Das klopfende Herz übermannte ihn beinahe; er schloß die Augen. »Wie gut – daß das noch kommt,« murmelte er, »wie gut, daß das noch kommt.« Ob es die Hinfälligkeit seiner greisen Glieder, ob es dieses Wort war, was sie erschreckte – Freda und Schottenbauer richteten gleichzeitig die Köpfe auf und sahen ihm ins Gesicht... »Vater – ?« Als er den angstvollen Blick der beiden gewahrte, als er den Strom von Liebe empfand, der wie ein lebendiger Quell aus den jungen Herzen aufstieg und sein altes Leben umwärmte und umfing, wurde er Herr über seine Schwäche, und in dem schönen, greisen Gesicht ging die Glückseligkeit auf wie ein tiefes, sanftes, erquickendes Licht. »Keine Sorge, Kinder,« sagte er mit kräftiger Stimme, »an der Freude stirbt der Mensch nicht. Und das – ist eine Freude – eine Freude –« Er drückte die beiden jungen Häupter aneinander und legte die Wange darauf. »Meine Tochter – mein Sohn – meine Tochter – mein Sohn.« Von dem Scheitel des einen gingen seine Lippen zum Scheitel des andern; er streichelte, klopfte und küßte sie – und es wäre schwer zu entscheiden gewesen, welchem von beiden der inbrünstigere Kuß galt. Dreizehntes Kapitel Gut wäre es gewesen, wenn man heute abend hätte allein bleiben können – aber es sollte nicht sein. Die Stille des grünen Zimmers, wo die drei Menschen im leisen, beinahe wortlosen Herzensaustausche beisammen waren, wurde durch ein gellendes Läuten der Hausglocke unterbrochen, und gleich darauf ertönte eine laute, fröhliche Stimme im Flur drunten – Percival war angekommen. Schottenbauer und Freda richteten sich hastig auf: sie hörten ihn schon in langen Sprüngen die Treppe heraufkommen. Kaum daß Freda sich glattgestrichen hatte, erschien er bereits in der Tür. »Na – nu?« Mit beiden Armen hielt er den Türvorhang auseinander; seine Augen wanderten mit pfiffigem Lächeln von Schottenbauer zu Freda und von dieser zu Schottenbauer zurück. »Na – nu?« Schottenbauer, der ebenso verlegen wie Freda geworden war, raffte sich auf und ging ihm entgegen. Lächelnd streckte er ihm die Hand hin. »Na – also ja.« Ein Ausbruch stürmischer Heiterkeit war Percivals Erwiderung. Dann stürzte er auf Schottenbauer zu und umarmte ihn. »Aber Mensch, das ist ja famos!« »Papa« – auch der Regierungsrat wurde umarmt; dann trat er vor die Schwester, faßte sie an beiden Händen und sah ihr aus nächster Nähe mit lachenden Augen ins Gesicht. »Na – aber nun sagen Sie einmal, Herr Oberlehrer?« Freda bog den Kopf zur Seite; die Art, wie Percival die Sache aufnahm, wirkte auf ihre Stimmung wie ein kaltes Sturzbad auf einen erhitzten Körper. Percival schien es nicht zu bemerken; jedenfalls nahm er keine Notiz davon. Er lief an die Tür. »Therese,« donnerte er hinaus, »Therese! Komm rasch! Hier ist etwas los! Etwas Riesiges!« Therese war offenbar schon auf der Treppe gewesen, denn kaum, daß er nach ihr gerufen hatte, trat sie bereits ein. »Nu mal gratulieren!« kommandierte Percival. »Nu mal schön gratulieren, dem Herrn Schottenbauer und der Frau Schottenbauer in spe!« Beinahe unwillig zuckte Freda auf; Percival aber wollte sich vor Lachen ausschütten, und schon war Therese über sie hergefallen und hing an ihrem Halse. »Aber Freda« – und sie bedeckte sie mit Küssen – »das ist ja reizend! Das ist ja wirklich ganz entzückend! Was wird Mama sich freuen und Tante Löckchen und Herr Major Bennecke!« »Tante Löckchen,« sagte Percival, »gut, daß du daran erinnerst. Das ist was für sie! Radschlagen wird sie vor Vergnügen, wenn sie die Geschichte hört. Ich laufe gleich selbst hinüber und bringe ihr die Neuigkeit – oder noch besser – ich hole sie samt Onkel Bennecke gleich zu uns her.« Er wollte vom Fleck aus hinaus – Schottenbauer hielt ihn zurück. »Weißt du – ich denke beinahe – es hat damit eigentlich bis morgen Zeit.« Percival sah ihn ganz erstaunt an; er verstand ihn offenbar gar nicht. »Aber ich bitte dich, keine Idee! Wenn Tante Löckchen erfährt, daß wir ihr die Geschichte eine ganze Nacht lang verschwiegen haben, das verzeiht sie uns im Leben nicht mehr. Außerdem, warum denn nicht? Das kann ja ein riesig fideler Abend werden!« Er war nicht zu halten; er schoß hinaus; gleich darauf hörte man die Haustür hinter ihm zuschlagen. Schottenbauer mußte sich in die Störung ergeben. Denn eine Störung, eine fatale, war es ja in der Tat. Nun mußte Freda hinausgehen, um Vorbereitungen zum Empfang der Gäste zu treffen; gleich in der ersten Stunde wurden sie so voneinander getrennt durch die trivialsten Dinge. Ein Unmut erfaßte ihn. Daß Percival auch gerade heute hatte wieder kommen müssen! Seine Gedanken dürsteten nach dem geliebten Weibe. Am liebsten hätte er sich in einer weltenfernen Ecke mit ihr niedergesetzt, den Arm um sie geschlungen und stundenlang jeden Zug in ihrem Antlitz studiert, jede Linie darin mit seinen küssenden Lippen nachgezogen – mit dem allem war es nun also nichts. Jetzt ging Freda hinaus, um nach ihrer Wirtschaft zu sehen – er hatte das Gefühl, daß sie noch schneller ging, als es eigentlich nötig gewesen wäre, ja sogar, daß sie gar nicht einmal ungern ging: hatte sie also nicht das Bedürfnis, mit ihm allein zu sein? War es ihr wohl gar erwünscht, daß andre dazukamen, deren Gegenwart seiner Zärtlichkeit Schranken auferlegen würde? Ein finsteres Mißtrauen stieg in ihm auf. So ganz ohne Gruß und Blick war sie hinausgegangen, und dann so rasch, rasch, rasch die Treppe hinunter, beinahe als fürchtete sie, daß er ihr nachkommen und sie auf dem Flur draußen, wo niemand es sah, festhalten und umarmen und küssen könnte. Ob er nicht einfach fort und nach Hause gehen sollte? Aber der Gedanke an Papa Nöhring – und fortgehen von da, wo sie war? An deren Anblick er sich weiden konnte, mit dem Gedanken, daß diese Menschenwonne nun sein Besitztum war? Also blieb er mit Papa Nöhring und Therese allein und erstattete Bericht über die Aufführungen seines Stücks, und indem er es tat, erschrak er beinahe über sich selbst, als er fühlte, wie gleichgültig es ihn ließ, von seinem Werke zu reden und daran zu denken. Lange dauerte es indessen nicht, so rollte die bekannte Droschke vor, die regelmäßig von jenseits des Wassers dahergerasselt kam, wenn sich etwas Wichtiges bei Nöhrings begab. Tante Löckchens freudiger Diskant durchzitterte das Haus; des Herrn Major a. D. fröhlicher Baß mischte sich darein, und dann wurden Schottenbauer sowie Freda unter einer Flut von Küssen begraben. »Wo habt ihr den Percy denn gelassen?« fragte Papa Nöhring. »Ach, der,« entgegnete Herr Major Bennecke, »der ist ja jetzt der reine Sektierergeist geworden; unterwegs ist er beim Weinhändler ausgestiegen, um ein paar Flaschen Champagner zu holen.« Er hatte noch kaum ausgesprochen, als Percival erschien, vier silberköpfige Flaschen unter den Armen. »Aber Junge,« lachte der Regierungsrat, »wo soll denn das hinaus? Du wirst ja rein toll jetzt mit deinem ewigen Sekt.« »Papa,« erwiderte er, »soll ein Abend wie dieser unbegossen bleiben? Das würde ich ja noch bereuen, wenn ich künftig einmal als Oberpräsident im Grabe liege.« Und nun kam der Abend und ging, wie er unter solchen Umständen kommen und gehen mußte. Man saß zusammen, man aß und trank und war vergnügt; Percival ließ seine Champagnerpfropfen knallen und brachte einen humoristischen Toast aus. Die große, feierliche Stimmung, die vorhin in diesen Räumen geherrscht hatte, verflachte sich und plattete sich ab, und Schottenbauer wurde sich bewußt, wie der Alltag des menschlichen Lebens mit den größten Ereignissen fertig wird. Zwei Menschen hatten sich verlobt – und was ihm ein Ereignis erschienen war, wie es noch keines gegeben hatte und keines wieder geben würde, war für diese vergnügten Menschen etwas so Außerordentliches nicht. Es hatten sich schon früher Menschen verlobt, würden sich auch künftig welche verloben – also was weiter? Freda war für ihn so gut wie gar nicht vorhanden. Zwar saßen sie jetzt nebeneinander, das durfte natürlich nicht anders sein, aber sie war so mit der Tafel und mit dem Gespräch und mit den andern beschäftigt, daß er kaum einmal verstohlenerweise ihrer Hand habhaft werden und sie drücken konnte. Beinahe mit Gewalt mußte er sich erinnern, daß dies ja nicht mehr die Freda Nöhring von früher, daß es seine Freda, seine Braut war, und immer wieder, wie ein bohrender Wurm, kroch der Gedanke in ihm herauf, daß sie es eigentlich zufrieden war, nicht mit ihm allein sein zu müssen. Zum Schluß, als er schon wieder nahe an die Stimmung gelangt war, in welcher er den Franz Moor oder Richard den Dritten »hinzulegen« pflegte, erklärte Percival, daß er nun in nächster Zeit sein erstes großes Fest zu geben gedächte. Ein Völkerfest sollte es werden. »Damit du weißt, Freda, es soll dein Brautdiner vorstellen, verstehst du? Also fein, wenn ich bitten darf. Das weißseidene ausgeschnittene Kleid, weißt du, in dem du neulich bei unserm Hochzeitsdiner warst – alle Achtung – ich kann dir sagen, es stand dir famos.« »Natürlich,« meinte Tante Löckchen, »was soll eine Braut denn auch anders tragen als Weiß – Gott, Frettchen, mein Frettchen eine Braut!« – sie unterbrach sich, um über Freda herzufallen. »Nur das Halsband,« fuhr Percival fort, »das du umhattest –« »Ist von der Mama her«, entgegnete Freda kurz. »Weiß ja, weiß ja – ist auch ganz schön, aber etwas altmodisch, hm?« Sie lächelte ihn an. »Herr Assessor werden vorliebnehmen müssen – andere hab' ich nicht.« In dem Augenblick fühlte sie, wie eine Hand sich auf die ihre legte; Schottenbauer war es, der zärtlich ihre Hand streichelte und sie mit einem glücklichen Lächeln ansah. Nachdem man aufgestanden war, zog er sie in eine Ecke des Salons, so daß sie ein wenig von den andern entfernt standen. »Morgen früh«, sagte er, »muß ich nach Berlin, und komme vor abends spät nicht zurück – übermorgen erst werde ich dich wiedersehen. Um welche Zeit darf ich dann kommen?« »Oh,« erwiderte sie mit einem flüchtigen Lächeln, »ich stehe früh auf.« »Es ist,« sagte er, »– weil ich eine Bitte an dich habe,« – er wurde ganz verlegen – »eigentlich eine etwas komische Bitte.« »Nun, was denn?« Er näherte sich ihrem Ohr. »Ich habe dich noch nie in ausgeschnittenem Kleid gesehen – wenn ich nun so um die Mittagsstunde käme – würde es dir sehr unbequem sein, wenn du –?« Freda lachte kurz und leise auf. »Aber geh doch – um Mittag im ausgeschnittenen Kleid?« Sein Gesicht spannte sich wie das eines Kindes, das jemand überraschen will. »Es ist – siehst du – ich kann's dir jetzt nicht sagen – du wirst sehen, warum ich dich darum bitte.« Sie hatte das Haupt gesenkt. Er faßte sie an beiden Händen. »O bitte, mir zuliebe! Ja?« Sie zögerte. Es regte sich etwas in ihr, als sollte sie ihm mit einem kurzen »Nein« ihre Hände entreißen. »Mir zuliebe« – wie er das gesagt hatte. Sie sah ihn an mit dem schwer zu enträtselnden Blick, den er schon früher an ihr wahrgenommen hatte – »mir zuliebe« – jemand, den man liebt, tut man wohl etwas zuliebe, aber – aber jetzt riß sie sich wieder zusammen – war sie schon wieder so weit, daß sie Pflicht und Vernunft vergessen wollte? Sie drückte seine Hand. »Gut also – wenn du übermorgen mittag kommst, wollen wir sehen, was sich tun läßt.« Er dankte ihr mit einem beglückten Aufleuchten der Augen. Und als man sich nun trennte, um nach Hause zu gehen, waren zwei Menschen, die kopfschüttelnd ihre Behausung suchten, Schottenbauer und Freda; kopfschüttelnd darüber, daß man so nach Hause ging, nachdem man sich verlobt hatte, so, als wenn nichts Besonderes geschehen wäre. Beide seufzten, indem sie darüber nachdachten; aber der eine vor Kummer, die andere wie in Erleichterung. Vierzehntes Kapitel Pünktlich zur Mittagsstunde am übernächsten Tage stand Schottenbauer vor der Tür des Nöhringschen Hauses und klingelte um Einlaß. Das Hausmädchen, das ihm öffnete, zeigte ein verständnisvolles Lächeln. »Herr Schottenbauer möchten nur in den Salon eintreten und sich einen Augenblick gedulden, ließe das Fräulein sagen.« Er begriff und nickte zufrieden. Aus der Brusttasche des Mantels, den er ablegte, holte er ein Paket hervor; dann trat er ein. Schmunzelnd sah das Mädchen ihm und seinem Paket nach. – »Aha.« Der Salon war leer. Schottenbauer hatte Zeit, sich zu setzen. Er tat es, denn das Herz klopfte ihm an die Brust. Die Tür zu Fredas nebenan belegenem Zimmer stand offen; auch hier schien niemand zu sein. Vorsichtig lugte er hinüber, dann erhob er sich und trat hinein. Das also war der Raum, der sie für gewöhnlich umschloß – zum erstenmal sah er sich darin um. Es war ihm, als atmete er den Duft ihrer Persönlichkeit, der in dem Gemach schwebte. Dort das Fenster – ja, ja – an dem hatte sie gesessen, als er damals vorüberging. Ihr Stuhl auf dem erhöhten Tritt und ihr Nähtischchen davor. Er trat hinzu und streichelte den Stuhl; dann gewahrte er ein Bild auf dem Tischchen – eine alte Photographie in Glas und Rahmen – Freda mit Percival Hand in Hand, beide noch ganz jung. So also hatte sie ausgesehen, als sie noch ein Kind war. Eine ganze Lebensgeschichte erzählte ihm das alte Bild. Mit welcher Zärtlichkeit sie zu dem Bruder aufblickte! »O du geliebtes Herz, kannst du so leidenschaftlich lieben?« Scheu blickte er sich um, dann nahm er die Photographie, und auf die Stelle des Glases, unter der ihr Gesicht sich befand, drückte er die Lippen. Hastig setzte er das Bild zurück, und mit dem Gesicht eines Schuljungen, der etwas Dreistes getan hat, schlüpfte er in den Salon zurück. Kaum daß er dahin zurückgekehrt war, klappte eine Tür; ein Kleid rauschte durch das Speisezimmer, und es kam ein weicher Schritt – auf der Schwelle des Speisezimmers erschien Freda, in einen langen, dunklen Mantel eingeknöpft, unter dem ihre Füße in weißen Atlasschuhen hervorkamen. Schottenbauer war aufgesprungen und starrte ihr wortlos mit leuchtenden Blicken entgegen. Auch sie sprach kein Wort; mit einem flüchtigen Lächeln begrüßte sie ihn. Dann trat sie in die Mitte des Salons und begann, kopfschüttelnd wie jemand, der sich seines eigenen Tuns schämt, den Mantel aufzuknöpfen. Ihre Hände arbeiteten zögernd, langsam nur kam sie vonstatten; je weiter sich der Mantel öffnete, um so heißer wurde die Glut, die von Anfang an auf ihren Wangen gelegen hatte. Jetzt war es soweit – nur mit den Händen noch hielt sie den Mantel zusammen. Es war, als wenn sie noch einmal überlegte – dann, mit einem letzten Entschluß, warf sie die dunkle Hülle zurück, so daß sie an ihr niederglitt, und nun, mit nackten Armen und Schultern, im weißseidenen ausgeschnittenen Kleid, stand sie da. Mit einem Wonneschrei war er heran und kniend ihr zu Füßen. Beide Arme schlang er um sie her. »O du Angebetete! Geliebte! Himmlisches Herz!« Fredas Brust hob sich in schweren Atemzügen. Das Gesicht des Mannes glühte zu ihr auf, und sie sagte sich, daß dieser Mann da ein berühmter Mann war, auf dessen Tun und Schaffen tausend Augen blicken, dessen Namen tausend Lippen nannten – und so lag er zu ihren Füßen. In ihrer Erinnerung blitzte es auf – der Bärenkopf, und die Geschichte von Delila und Simson. Das also waren die Männer und der Mann. – Zwar von ihr selbst ja ging er aus, der Taumel und Rausch, der ihn überwältigte und wie einen Knecht zu ihren Füßen warf – aber Taumel und Rausch war es darum doch. »Steh doch auf«, sagte sie endlich, und ihre Stimme klang beinahe hart. Mit einem Sprung war er auf den Füßen und an dem Tisch, auf dem er vorhin sein Paket niedergelegt hatte. Mit fliegenden Händen riß er es auf. »Freda – das ist es, warum ich dich gebeten hatte, mir so zu erscheinen, wie du mir erschienen bist –« Aus der Umhüllung kam ein goldener Fingerreif hervor, der in der Mitte einen Brillanten umschloß, ihr Verlobungsring, und dann noch etwas, etwas Großes, Funkelndes, Herrliches, ein Halsband von Perlen, an dem ein prachtvoller Amethyst hing. Erschreckt fuhr sie zurück. »Aber – nein –!« »Aber ja, Freda, aber ja!« Mit jubelndem Entzücken hatte er den Arm um sie geschlungen; dann ergriff er ihre schlaff niederhängende Hand, schob den Ring an ihren Finger und küßte ihre Hand, ihr Handgelenk und den weißen, nackten Arm bis zur Schulter hinauf. »Meine Braut ist sie nun, die Freda Nöhring, die stolze, geliebte! Und mein Brautgeschenk ist das! Mein Brautgeschenk!« Wie ein unbändiger Junge sprang er im Zimmer umher, dann kehrte er zu ihr zurück. »Komm, komm, das mußt du mir erlauben, daß ich es selbst um deinen Nacken lege – um diesen Nacken – o du Himmel und Herr –« Er trat hinter sie, um ihr den Schmuck umzulegen, aber bevor er dazu gelangte, mußte er diesen Nacken, der wie eine Lilie vor ihm aufblühte, erst noch küssen; seine Lippen verirrten sich in den blonden Löckchen, die ihren Nacken umkrausten. Ungeduldig schüttelte sie das Haupt; das brachte ihn zu sich. Mit fiebernden Händen schlang er die Kette um ihren Hals. »Nun sieh sie an,« rief er triumphierend, »die Freda Nöhring, ob es ihr steht!« Er zog sie vor den Spiegel, und wie angewurzelt blieb sie stehen. Ihre Augen wurden weit und groß; ihre Lippen öffneten sich halb; ein Staunen erfaßte sie vor ihrem eigenen Anblick. Er hatte die Wange an ihre Schulter gedrückt und weidete sich an ihrer Überraschung. »Weißt du, wie du aussiehst? Wie die Walküre Odins, die ihm in Walhall den Becher kredenzt, weil sie die Schönste ist in der ganzen unendlichen Welt!« Mit zärtlicher Hand strich er über ihren blonden Scheitel. »Siehst du, da gehört noch ein Diadem hin, so eine Art Krone, verstehst du, dann siehst du aus wie eine Märchenkönigin des Nordens.« Lachend unterbrach er sich. »Aber dazu, weißt du, muß ich erst noch ein paar Stücke geschrieben haben.« In Fredas Gesicht war ein Lächeln aufgegangen, das unwillkürliche Lächeln der Zufriedenheit, mit der das Weib seinen Schmuck und seine Schönheit betrachtet. Jetzt wurde sie wieder ernst. »Ja, aber sag' mir, das muß ja ein furchtbares Geld gekostet haben? Wie – kannst du denn das?« Ein glückliches Lachen war seine Antwort. »Aber Freda, hast du denn vergessen, daß mein Stück gespielt wird? In Berlin alle Abend, und auf soundso viel Theatern außerdem.« »Bringt dir das so viel ein?« fragte sie. »Ob mir das einbringt?« – die Hände auf dem Rücken, ging er im Zimmer auf und ab – »Gott, weißt du, als ich die Masse Geld in die Hand bekommen habe, ist es mir ordentlich unheimlich gewesen. Das da, siehst du, ist bloß von den Berliner Aufführungen; was mir die andern Theater einbringen, weiß ich noch gar nicht einmal. Und nun kommt das Königliche Theater in Berlin gleich mit zwei Stücken von mir, ich hab's euch ja neulich erzählt – siehst du, mir ist manchmal zumut, als hätte ich Fortunas Glücksbeutel in die Hände gekriegt. Gestern noch ein armer Teufel, und mit einemmal ein Krösus. Siehst du, als ich das alles schrieb, hab' ich eigentlich gar nicht daran gedacht, daß man mit so etwas Geld verdienen kann, so massenhaft. Aber jetzt freut mich das; jetzt ist es mir ein köstlicher Gedanke, daß ich mir das alles durch meinen Kopf und meine Hände erwerbe.« Er hatte wieder den Arm um Freda gelegt, und sie mußte ihn auf seiner Wanderung durch das Zimmer begleiten. »Siehst du, es klingt komisch, aber es ist wirklich, wie ich dir sage: als ich das erste Geld bekam – ihr wart damals noch nicht zurückgekommen, oder wenigstens hatte ich euch noch nicht wiedergesehen, und ich wußte auch noch gar nicht, ob wir uns überhaupt wiedersehen würden – wie gesagt also, wie ich das bekam und die Hand aufmachte und den Haufen Goldstücke so darin fühlte – hu – ganz kalt kam mir das Zeugs vor. Und nun, seit ihr wieder da seid, wie ich neulich zum zweitenmal die Hand vollgestopft bekommen habe, mit einemmal war es ein ganz anderes Gefühl, und die Goldstücke waren ganz warm.« Er unterbrach sich. »Das glaubst du wohl nicht? Kannst es aber wirklich glauben. Und weißt du, woher das kommt? Weil sich mir in dem Augenblick das Geld in etwas ganz anderes verwandelte und gar kein Metall eigentlich mehr war. Sondern das waren mit einemmal lauter Teppiche, so dick wie Moos, und Stoffe von Seide und Atlas und Samt und Perlenhalsbänder und Brillantendiademe und Armspangen, und über die Teppiche sah ich zwei Füßchen hinhuschen, zwei weiße, zarte Füßchen, und die freuten sich, daß man ihnen eine so weiche, warme Unterlage gegeben hatte; und in die Seiden- und Samtkleider sah ich eine Gestalt hineinschlüpfen, und die freute sich, daß sie so reizend gekleidet war; und die Perlen schmiegten sich um einen Hals, die Spangen um zwei Arme, die Diademe um einen blonden Kopf; und wie das nun alles zusammen funkelte und knisterte und rauschte, da war es alles zusammen ein Weib, ein süßes, einziges, geliebtes, da war es die Freda, die Freda Nöhring. Und die Freda Nöhring streckte beide Arme aus, verstehst du, so, wie wenn jemand sich so recht in lauter Behagen reckt, und sagte: ,Das freut mich, daß wir jetzt so viel erwerben und uns das Leben so schön machen können, denn was dem Schottenbauer gehört, das gehört ja mir, und was der Schottenbauer erwirbt, das erwerbe ich ja –'« Mit einem Ruck blieb er stehen und schloß sie in seine Arme. Seine Augen, in Zärtlichkeit schwimmend, tauchten sich in die ihrigen. »Und nun sage mir doch einmal, ob du mich denn eigentlich ein bißchen lieb hast?« So, wie ich dich liebe, kannst du mich ja gar nicht wiederlieben, das weiß ich. Aber nur, ob du mich ein bißchen lieb hast, das sage mir doch einmal ehrlich heraus.« Mitten ins Herz traf seine Frage sie. Ihr Innerstes erbebte; sie senkte die Augen. »Ach, weißt du« – ihre Lippen bewegten sich beinahe tonlos – »so – solltest du nicht fragen. Du – bist solch ein merkwürdiger Mensch, da – kann man gar nicht so einfach wie bei andern Menschen sagen – ob man –« Sie fühlte, wie die Umarmung, in der er sie hielt, sich lockerte. Unwillkürlich faßte sie seine Hände fester; kopfschüttelnd, mit staunendem Blick sah sie ihm ins Gesicht. »Was für ein reicher Mensch du bist.« Ob ihre Art und Weise ihm kalt, ob ihre Antwort ihm wie ein Ausweichen erschien – ein Zucken ging über sein Gesicht, und in seinen Augen sprühte das dunkle Leuchten auf, das sie so manches Mal und immer dann an ihm gewahrt hatte, wenn sie es zu arg mit ihm getrieben und seine Geduld erschöpft hatte. »Weil ich so viel Geld verdiene?« fragte er kurz und spöttisch. »Nein – so meinte ich es nicht.« Und so hatte sie es wirklich nicht gemeint, wenigstens nicht bloß so. Zwar hatte es Eindruck auf sie gemacht, als sie sich vergegenwärtigte, daß dieser Mann, der gestern noch ein Habenichts gewesen war, ohne fremde Hilfe, einzig durch eigene Kraft sich dahin aufgeschwungen hatte, daß man ihn heute beinahe reich nennen konnte – aber das war es doch nicht allein, was sie gemeint hatte. Nein – sondern als sie ihn jetzt so sprechen gehört und ihm dabei in das glühende, lachende, zärtliche Gesicht gesehen hatte, war ihr der Unterschied zwischen ihnen beiden zum Bewußtsein gekommen. So von heißer Liebesseligkeit war sein ganzes Wesen erfüllt, daß sein Gefühl aus ihm hervorbrach wie ein reißender Strom. Alles, was er hatte, konnte und besaß, warf er ihr zu Füßen. »Da nimm hin, da nimm hin! Alles ist dein!« Wie ein Verschwender, wie ein Reicher, ja wirklich wie ein Krösus – so hatte er sich selber genannt. Und während die warme Lebensflut ihre Füße umspielte, stand sie darin und hatte ein Gefühl, als blieben ihre Füße kalt wie Marmor, der nicht warm werden kann. Während dieser Strom von Liebe zu ihrem Herzen emporschwoll, hatte sie ein Gefühl, als bliebe ihr Herz hart wie tauber, dumpfer Stein. Königlicher Reichtum war in seiner Seele – und in ihrer – was? Eine Verzweiflung erfaßte sie; Tränen traten ihr in die Augen. Sobald Schottenbauer das sah, verwandelte sich sein Gesicht zum tiefsten Schrecken. »Freda – warum weinst du?!« Mit weich-inbrünstiger Zärtlichkeit preßte er sie an sich. »Hab' ich dich gekränkt mit der einfältigen Frage, die ich eben getan habe? Sei mir nicht böse – es – es fuhr so aus mir heraus. Ich bin solch ein Hitzkopf –« Sie hielt seine Hände und beugte das Haupt. »Nein – nein – du hast mich nicht gekränkt.« Sie hatte leise antworten wollen, aber das Gefühl preßte ihr Herz und Kehle zusammen, so daß ihr Wort mit einem dumpfen Klagelaut hervorkam. Er zog sie zum Sofa; dort setzte er sich neben ihr nieder. »Meine Freda – meine Freda – siehst du, vom ersten Tage an, da ich dich gesehen, habe ich dich ja so maßlos geliebt. Zu keinem Menschen, weißt du, habe ich je ein Wort von dem sagen können, was ich gerade unter der Feder hatte und schrieb. Aber wenn du an meiner Seite wärst, hab' ich mir gedacht, dir würde ich alles sagen können, dir würde ich alles anvertrauen, mit dir all meine Pläne besprechen können. Und nun, siehst du, weil ich nun denke, daß mir das alles nun wirklich werden soll, daß ich mit dir zusammen sein und leben soll, daß ich gewissermaßen mit dir zusammen schaffen und schreiben soll – siehst du, Freda, das ist es ja, was mich so glückselig macht. Und wenn ich dir vorhin gesagt habe, daß es mich freut, daß ich dir schöne Kleider und Schmucksachen schenken kann, dann mußt du mir darum nicht böse sein; es ist ja etwas Äußerliches, das weiß ich ja; aber ich sagte es ja nur, weil ich so unsäglich froh bin und irgendeinen Ausdruck dafür brauchte. Aber das Eigentliche ist es ja natürlich nicht; das Eigentliche ist das, was ich dir jetzt eben gesagt habe; und nun sage mir dies eine doch« – er hielt ihre Hände mit sanftem Druck umfaßt–, »kannst du dir nicht vorstellen, daß es schön und wundervoll sein wird, wenn wir so miteinander und füreinander leben und durch Welten wandern, die wir uns selbst erschaffen, und in die wir dann später, wenn wir sie durchmessen haben nach allen Richtungen, die andern Menschen eintreten lassen, damit sie sich an unserm Werke erfreuen?« Ihre Hände von seinen Händen umspannt, mit vorgebeugtem Oberleib saß Freda auf ihrem Platz. Sie lauschte den Worten, die er zu ihr sagte; mit einem Gefühl von Andacht lauschte sie ihnen. So hatte ihr Bild sich in seiner Seele gemalt, vom ersten Tage an, so groß, so rein, so über all ihr Verdienst! Langsam wandte sie sich zu ihm. Aller Ernst, alle Wahrheit, aller Adel ihrer Seele war in dem Blicke, mit dem sie ihn ansah. »Was du da sagst, ist herrlich und schön« – ihre Stimme hatte einen Klang wie eine Glocke –, »du mußt nicht denken, daß ich dich falsch verstanden habe«, – sie legte beide Hände auf seine Schultern; in einem Seufzer schwoll ihre Brust ihm entgegen; dann war es wie ein letztes Zaudern und Zögern in ihr, und zum erstenmal in freiwilligem Kuß schmiegten Freda Nöhrings Lippen sich auf seine Lippen. »Wollen wir uns nun bald gehören?« raunte er fragend in ihr Ohr, »ganz gehören und bald Hochzeit machen?« Er fühlte, wie sie in seinen Armen erschauerte. »Ach –« sagte sie leise, »laß mir Zeit.« Dann erhob sie sich. Den Mantel, der immer noch am Boden lag, raffte sie auf, und indem sie Schottenbauer mit weicher, schwerer Neigung des Hauptes zum Abschied winkte, ging sie hinaus, um die Alltagskleidung wieder anzulegen. Fünfzehntes Kapitel Zwei Einladungen gingen Herrn Regierungsrat Nöhring in den nächsten Tagen zu. Beide kamen aus der Familie, und beide erweckten seine Heiterkeit, so verschieden sie unter sich waren. Von Percival kam die eine, von Schottenbauer die andere. Percival lud zu seinem großen Diner ein, schriftlich, und nicht nur schriftlich, sondern mit großer, goldgeränderter Karte. »Herr Regierungsassessor Nöhring und Frau beehren sich, Herrn Regierungsrat Nöhring und Fräulein Tochter zum Mittagessen am 3. November, nachmittags sechs Uhr, ergebenst einzuladen. Um Antwort wird gebeten.« Laut lachend warf Papa Nöhring die Karte auf den Frühstückstisch. »Der Bengel wird wahrhaftig rein toll; ich weiß gar nicht, was in ihn gefahren ist. Heute haben wir den 20. Oktober – also volle vierzehn Tage voraus.« Mit leisem Lächeln las Freda die Karte durch. »Er hat es ja neulich gleich in Aussicht gestellt, daß es ein Völkerfest werden sollte; darum ladet er so früh ein.« »Na ja, aber wer, zum Kuckuck, heißt ihn denn solche Feste geben? Mir scheint wirklich, das bißchen Gehalt, das er jetzt bekommt, ist ihm zu Kopfe gestiegen.« Freda wurde ernst. »Weißt du, Papa, der Gedanke ist mir schon öfters in letzter Zeit gekommen. Er ist jetzt mit Therese, wie ich höre, beinahe alle Abend irgendwo eingeladen; jedenfalls wird er sich revanchieren wollen, und dabei wird es dann hoch hergehen, vermute ich.« »Wenn er nur keine dummen Streiche macht und über seine Mittel geht«, meinte Papa Nöhring. Und beide schwiegen in Gedanken. »Der 20. Oktober,« nahm Papa Nöhring das Gespräch wieder auf, »dann ist ja wohl morgen das Schokoladenfrühstück bei Schottenbauer? Wie?« Freda nickte. Es war so. Der Regierungsrat hatte neulich geäußert, daß er doch nun endlich einmal die vielbesprochene Wohnung am Wasser kennenlernen möchte; mit Enthusiasmus war Schottenbauer darauf eingegangen. »Ob Freda den Papa nicht begleiten wollte?« Als sie eingewilligt, hatte er es sich erbeten, daß sie ihm erlauben möchten, ihnen ein Schokoladenfrühstück vorzusetzen. »Na, aber Schottenbauer – wozu denn das?« Er hatte aber den Alten wie ein Kind umschmeichelt. »Das dürft ihr mir nicht abschlagen; jetzt in diesen schönen Herbsttagen an dem offenen Balkon – ganz mit euch beiden allein – ach, das ist ein zu hübscher Gedanke!« Was sollte man machen? Die Sache war ja unschuldig genug; und wenn jemand so liebenswürdig bat – Papa Nöhring konnte sich nie satt daran sehen, wenn die Gebensfreudigkeit ihm vom Gesicht strahlte, dem – lieben Kerl. »Na also, Freda, was meinst du? Wollen wir Schokolade bei ihm trinken?« Freda errötete etwas, aber – »nun ja denn.« Dankbar ergriff Schottenbauer ihre Hand und küßte sie. »Du mußt doch endlich einmal den Raum sehen,« lachte er, »wo du schon so lange gewohnt hast.« »Ich – dort gewohnt?« »Aber Freda – so kannst du fragen?« Er blickte ihr in die Augen, und nun verstand sie, was er meinte. »Zudem«, fuhr er fort, »ist es gewissermaßen ein Abschiedsfest, mein ganzes Leben lang kann ich die Wohnung doch nicht behalten; einmal muß ich sie doch aufgeben und eine ordentliche, vernünftige Wohnung in Berlin suchen – Freda, nicht wahr?« Er schmiegte sich an sie; ihr tiefes Erglühen verriet, daß sie ihn diesmal gleich verstanden hatte. Also am 21. Oktober sollte es sein. Vorläufig mußte er auf einige Tage nach Berlin. »Geht es mit dem Stück am Königlichen Schauspielhaus los?« erkundigte sich Papa Nöhring. Ja, allerdings, aber am Zwanzigsten, abends, käme er wieder. »Aber was ich noch sagen wollte,« erklärte Papa Nöhring, »ich weiß, Schottenbauer, daß auf deinem Tisch nicht aufgeräumt werden darf. Außerdem – deine Schokolade in Ehren – aber ich will deine Werkstatt kennenlernen, verstehst du? Wir kommen also nur unter der Bedingung, daß es so bei dir aussieht, wie es immer bei dir ausgesehen hat.« Schottenbauer kratzte sich hinter den Ohren. »O jemine! Wohl etwa gar in meinem Schlafrock – ?« »Richtig,« lachte Papa Nöhring, »der famose Schlafrock, von dem Percival erzählt hat! Den mußt du anziehen!« Nun aber setzte Schottenbauer sich energisch zur Wehr. »Unter keinen Umständen. Nein. Wenn Freda ihn darin sähe, nähme sie jetzt noch ihr Wort zurück.« Also wurde ihm der Schlafrock erlassen. »Aber zeigen mußt du ihn. Sehen müssen wir ihn wenigstens.« Das sollte in Erwägung gezogen werden; bestimmte Versprechen gab er nicht. Am 21. Oktober also, mittags um zwölf, an einem köstlichen, warmen Tage, als das herbstliche Gold, das auf Büschen und Bäumen lag, wie ein strahlender Widerschein zum Himmel leuchtete und die ganze Luft mit goldigem Licht erfüllte, stand Schottenbauer an der Tür seines Hauses, die sich auf die Straße öffnete, und sah klopfenden Herzens den Herrn Regierungsrat Nöhring die Straße entlang kommen, feierlich im schwarzen Rock, und neben ihm, in hellgrauem Herbstkleide, ein Kapotthütchen auf dem blonden Haupt, entzückend, wie er sie noch nie gesehen hatte, Freda, seine Tochter. Mit einem prächtigen Strauß von Spätrosen empfing er sie; dann führte er sie über den Hof, die steile, ausgetretene Hintertreppe hinauf. »Damit ihr den Weg findet,« erklärte er lachend, indem er voranging, »und nicht vor Schrecken umkehrt.« Als nun aber die Tür seines Zimmers sich öffnete und der Blick über Strom und Landschaft sich vor ihnen auftat, blieben Papa Nöhring und Freda in unwillkürlicher Überraschung stehen. »Aber das ist ja herrlich – wundervoll!« kam es gleichzeitig von ihren Lippen. Sie traten auf den geöffneten Balkon. »Da drüben,« rief Freda, »Tante Löckchens Haus!« »Und da rechts,« setzte Schottenbauer leise hinzu, »die Brücke – und dort –« er zeigte mit dem Finger und lächelte verlegen – »gerade dort war die Stelle.« Sie folgte seinem Fingerzeig; indem er neben ihr am Eisengeländer stand, legte er den Arm um sie; Freda blickte stumm und errötete gleich ihm. Inzwischen hatte Papa Nöhring das nebenan liegende Gemach durchmustert und voller Rührung die Bedürfnislosigkeit erkannt, in welcher dieser Mensch zu leben gewohnt war. Jetzt, als Schottenbauer sich mit Freda vom Balkon umwandte, stand er sinnend vor dem Tische, auf dem die Manuskripte lagen. »Aber nun die Schokolade!« Schottenbauer lief an die Tür und klatschte in die Hände. »Madame! Madame! Die Schokolade!« Mit einer frischgewaschenen Haube angetan, freundlich knicksend, erschien die alte Wirtin. Ein Tischchen wurde zwischen den Arbeitstisch und die Schwelle des Balkons geklemmt. Und nun begann zwischen ihr und Schottenbauer ein förmlicher Wettlauf zur Küche hinüber und wieder in das Zimmer zurück. Ein Kuchenteller erschien, dann noch einer und noch einer; alsdann eine dickbauchige Kanne und Tassen, und endlich, von Schottenbauer wie eine Trophäe getragen, ein mächtiger Baumkuchen, in dem ein ungeheures Bukett von Astern und Georginen steckte. »Aber Schottenbauer, bist du denn rein des Teufels?« schrie Papa Nöhring. Hinter dem zackigen Kuchen sah Schottenbauer zu Freda hinüber. »Ich weiß nicht – hab' ich's von dir selbst oder von jemand andrem gehört, oder hab' ich's geträumt, daß Baumkuchennasen dein Lieblingsessen wären –« »Das mußt du wirklich geträumt haben,« erwiderte sie, »aber es gibt ja Träume, die die Wahrheit verkündigen.« »Siehst du,« sagte er mit zufriedenem Lächeln, »wie ich in deiner Seele lese.« Er stellte den Baumkuchen auf den Tisch. »Aber nein,« rief Papa Nöhring, »der Turm da nimmt uns ja die ganze Aussicht fort!« Also wurde er wieder aufgehoben, und nun hielt ihn Schottenbauer Freda hin. »Du hast sooft dein stolzes Näschen über mich gerümpft, nun gib mir einmal Revanche und laß dir von mir eine Nase geben.« Er ruhte nicht, bis daß sie sich die längsten und schönsten Zacken abgebrochen hatte. Dann goß er seinen Gästen Schokolade ein, und man sah ihm an, was für ein Vergnügen es ihm bereitete, den Wirt zu spielen. Und nun saßen die drei und aßen und tranken. Die Sonne blinkte in Tante Löckchens Fenstern und in dem Wasser des rinnenden Stromes; ein leichter Wind zog den Fluß herauf; er trieb die geblähten Segel der Schiffe wie große weiße Schwäne vor sich her, er raschelte in den Winden, mit denen der Balkon umrankt war, und spielte in dem blonden Haar des schönen Mädchens, das an der offenen Balkontür saß und mit träumenden Augen hinausschaute. Was für Gedanken es sein mochten, die ihre Seele erfüllten. – Vom Bollwerk, unterhalb des Balkons, scholl der Lärm der Arbeit herauf. Schiffe wurden ausgeladen. Man hörte das Ächzen der Stricke, an denen die großen Tonnen aus dem Schiffsraum emporgewunden, das Kreischen der Faßdauben, wenn die Fässer über das Steinpflaster und auf die Rollwagen hinaufgeschrotet wurden; dann das Hufgestampf der Pferde und das Rasseln der Lastwagen. Ihre Gedanken kehrten zu dem Tag zurück, zu dem Morgen, als sie in Genua am Fenster gelegen und auf den Hafen hinuntergesehen, auf das Getöse hinuntergelauscht hatte. Wie weit war sie damals von dem Menschen dort entfernt gewesen. Auf Nimmerwiedersehen – so hatte sie gemeint. Und jetzt saß sie auf seinem Zimmer und trank bei ihm Schokolade und aß seinen Kuchen. Schicksal des Menschen – Wille des Menschen. Ein lautloser Strom das eine, unscheinbar und unwiderstehlich in treibender Gewalt – eine kleine, flitternde, glitzernde Welle der andre, die sich einen Moment dem Strom entgegenwirft, um im nächsten Augenblick, kopfüber gerissen, mit ihm dahinzufließen. Wirklich? War es so? War jeder Wille so? Oder waren die Willenskräfte der Menschen vielleicht verschieden? Gab es vielleicht Menschen, deren Wille nicht nur der aufspritzenden Welle, sondern dem Strom ähnlich sah, unscheinbar nach außen, in der Tiefe aber stoßend mit immer gleichmäßiger, unaufhaltsamer Gewalt, dem Ziele, dem Ziele, dem Ziele zu? Mit einer geheimen Scheu blickte sie über den Rand der Tasse hinüber, wo Schottenbauer jetzt daran war, mit dem Regierungsrat die gelben Papierberge zu durchstöbern, die auf dem Schreibtisch lagen – ob dieser Mensch da vielleicht von der Art war? Einer der wenigen, der geheimnisvollen Menschen, deren Seele zu schweigen vermag, zu warten und zu wollen? Papa Nöhring richtete sich vom Tisch auf. »Ja, aber sag' mal, der Percy hat uns doch noch von einem ganzen Ballen Papier erzählt, den du irgendwo in einer Kommode aufbewahren sollst?« »Ah so!« Schottenbauer trat an die Kommode, die er damals vor Percivals Auge geöffnet hatte. Er zog das Schubfach auf. »Vermutlich hat er das da gemeint.« »Um Gottes willen –« Papa Nöhring fuhr beinahe erschreckt zurück. Das hast du alles geschrieben? und das läßt du so daliegen, daß es im Staube verkommt?« Schottenbauer zuckte die Achseln. »Ach, ich bitte dich – sind ja, wie die Bildhauer zu sagen pflegen, lauter verhauene Blöcke. Abgetanes Zeugs. Wenn ich mal die Wohnung aufgebe, kommt der ganze Wrast ins Feuer.« »Das verbitte ich mir«, erklärte Papa Nöhring. Schottenbauer mußte unwillkürlich auflachen. Der alte Mann hatte ganz entrüstet gesprochen. »Wenn du kein Herz für deine Sachen hast,« fuhr der Regierungsrat fort, »gut, so nehme ich sie an mich. Das kommt alles ins Archiv.« Mit einem Griff langte er in das Schubfach und hob den ganzen Haufen loser Bogen heraus. »Papachen,« rief Schottenbauer, »tu mir den einzigen Gefallen – das ist ja so gräßlich verstaubt!« Er hatte recht; denn als jetzt Papa Nöhring die Papiermasse auf dem Schreibtisch niederlegte, stieg eine Staubwolke daraus empor. »Schadet nichts«, entgegnete Papa Nöhring. Mit heißhungerigen Fingern begann er zu blättern. Unterdrückte Ausrufe des Staunens begleiteten sein Tun. »Ist es denn möglich? Ist es denn erhört?« Ganze, fertige, mehraktige Dramen, Stöße von Gedichten. »Und Novellen schreibst du auch?« unterbrach er sich. Er hatte das Manuskript einer Erzählung entdeckt; mindestens dreißig von den gelben Bogen lang. Wie in einer Art von Verzweiflung lief Schottenbauer aus einem Zimmer ins andre. »Ja doch, ja doch, ja! In allem habe ich gefrevelt, worin so ein unglückseliger Poet freveln kann! Aber ich beschwöre dich, laß das Zeugs liegen; ich gebe dir mein Wort, wenn ich an die alten Sachen zurückdenke, versetzt es mir den Atem. Wie bleierne Berge liegt das alles auf mir! Es ist ab und ab und abgetan!« Papa Nöhring hatte sich vor dem Schreibtisch niedergesetzt. Jetzt wandte er das Gesicht zu dem Mann, der immer noch hin und her lief. »Ja, aber sag' mir« – Schottenbauer blieb stehen –, »wenn das alles für dich abgetan ist – arbeitest du immer nur mit neuen Plänen?« Schottenbauer trat heran; sein Gesicht war ernsthaft geworden. »Ja – es ist mir selbst manchmal merkwürdig, beinahe unheimlich – das, was ich geschrieben habe, wird mir, wenn ich fertig damit bin, gleichgültig, als hätte es ein andrer gemacht. Ich lebe immer nur in dem, was gerade wird.« »Und – wird denn immer etwas Neues? Hast du immer neue Ideen?« »Papachen« – Schottenbauer streichelte das Haupt des alten Mannes –, »damit ist es ein eigen Ding. Für den Dichter darf es nur eine Qual geben: Überfülle. Am Tage, wo er nicht mehr an Überfülle leidet, ist er eigentlich schon bettelarm und sollte die Feder weglegen.« Papa Nöhring hielt ihn an beiden Händen. »Menschenkind – was bist du für ein reicher Mensch!« Am Tisch drüben zuckte Freda auf. Wo hatte sie das Wort doch neulich schon gehört? Ja – sie selber hatte es gesagt. Papa Nöhring war noch nicht fertig mit Staunen und Fragen. Es war eine Art väterlicher Besorgnis in ihm für diesen jungen Geistesverschwender. »Schreibst du dir denn auch alles hübsch auf?« »Ob ich aufschreibe – was?« »Na, die neuen Ideen, die du hast.« Schottenbauer lachte kurz auf. »Wozu denn?« »Wozu?« fragte Papa Nöhring, »damit du sie nicht vergißt.« Schottenbauer streichelte wieder über den greisen Kopf vor ihm. »Papachen, eine Idee, die man wieder vergessen kann, ist überhaupt gar keine gewesen. Um die ist es nicht schade, wenn sie zum Teufel geht.« Der Regierungsrat sah ihn an, als wenn er ihn nicht recht verstände. »Solch eine Idee,« fuhr Schottenbauer fort, »siehst du, heutzutage brauchen sie dafür den Ausdruck, daß man einen ›Einfall‹ hat« – er lachte ärgerlich auf. »Solch ein dummes, nichtswürdiges Wort! An dem einzigen Wort, siehst du, erkennt man, daß die Menschen heutzutage gar nicht mehr wissen, was Poesie ist, wie sie entsteht. Ein Einfall! Als ob einem eine Dichtung einfallen könnte! als ob sie einem von draußen wo angeflogen käme! Das, was man eine dichterische Idee nennt – nun – was find' ich denn nur für einen Ausdruck, um es zu beschreiben – siehst du – das ist ein Aufleuchten der Seele, des tiefsten Innern, wo man plötzlich in Fernen sieht, von denen man keine Ahnung gehabt hat. Na, mit einem Wort, solch eine Idee, das ist eben ein Erlebnis, und ein Erlebnis, das man gehabt hat, nicht wahr, das braucht man nicht erst aufzuschreiben, das vergißt man nicht?« Papa Nöhring schwieg, als erwartete er, daß Schottenbauer weitersprechen würde. Freda saß lautlos an dem Tisch drüben. »Ein Erlebnis, das vergißt man nicht« – dieser Mensch, der immer noch halb einem Knaben glich, der da mit gesenktem Kopf, seinen Gedanken nachhängend, durch die Zimmer stapfte – wer hatte ihn Wahrheiten erkennen gelehrt, die sie unter so furchtbaren Erfahrungen hatte erlernen müssen? Besaßen diese Menschen, die man Dichter nennt, wirklich etwas, was andere Menschen nicht besitzen, einen Seherblick, der sie befähigt, in die Seele des andern zu blicken, und dem andern die Geheimnisse seines eigenen Innern, die verschwiegenen, verborgenen, nie aufgestandenen Geheimnisse zu verkünden? Sie erhob sich, und indem sie an dem Schreibtisch vorüberging, fiel ihr Blick auf ein Blatt, das der Vater nicht bemerkt zu haben schien. Durch seine seltsame Gestalt fiel es ihr auf. »Was ist denn das?« fragte sie, mit dem Kopf hindeutend. Sie sah ein Briefkuvert, von oben bis unten vollgekritzelt mit flüchtigen Notizen, in welchem einige lose Blätter Papier steckten. »Ach, das«, sagte Schottenbauer lächelnd. »Na ja, siehst du, wenn du willst, kannst du mich jetzt einen inkonsequenten Prahlhans schelten. Das, wovon ich vorhin sprach, siehst du, das sind so die ganz großen Ideen, aus denen die großen Dichtungen wachsen. Aber im Walde, weißt du, gibt es neben den Bäumen auch Unterholz. Da liest man nun so einmal in der Zeitung etwas, da erfährt man eine Geschichte, die einen interessiert, da hört man einmal ein Wort, einen Ausdruck, der einem merkwürdig erscheint – na, und siehst du, das schreibt man sich dann eben auf.« »Aha«, sagte Papa Nöhring. Schottenbauer nahm das Kuvert auf. »Na ja, lach' du mich nur aus. Wenn man nun einmal die Passion hat, aus allen Bruchstücken der Menschenäußerungen sich ganze Menschen zusammenzubauen und Menschenschicksale zu kombinieren, na, siehst du, dann setzt man sich eben hin, und wenn man nichts Besseres zu tun hat, entwirft man sich so einen Plan, wie man dies und das anfangen und zu Ende bringen würde.« Er blickte wieder auf das Blatt. »So eine Art Magazin, verstehst du, für spätere Zeiten, wenn einmal die großen Funken nicht mehr aus der Seele sprühen.« »Warum hast du denn auf ein Kuvert geschrieben?« fragte Papa Nöhring. »Ich hatte gerade kein andres Papier zur Hand.« Er warf das Kuvert auf die übrigen Papiere. »Wenn du also durchaus willst, dann kannst du das auch ins Archiv nehmen.« Dann nahm er es wieder auf. »Oder, Freda, du hast es doch eigentlich entdeckt« – er hielt es ihr lachend hin. »Wenn du es annehmen willst, ich schenk' es dir.« »Aber Schottenbauer,« sagte Papa Nöhring ganz ernsthaft, »so etwas verschenkt man doch nicht; auch nicht im Spaß.« »Aber Papachen –« Schottenbauer lachte hell auf und küßte ihn auf das weiße Haar. »Wenn ich es Freda schenke, bleibt's doch im Haus?« Er wischte das ganz verstaubte Kuvert mit seinem Taschentuch ab, dann reichte er es Freda noch einmal dar. »Willst du's haben? Ja?« Freda zögerte. Eine feine, nervöse Röte bedeckte ihre Wangen. »Du – überschüttest einen ja mit Geschenken.« In ihren Worten zitterte etwas wie ein verhaltener Ärger. Statt »überschüttest« hatte sie eigentlich sagen wollen »erdrückst«. Es wurde ihr wirklich beinahe zuviel. Schottenbauer sah sie einigermaßen betroffen an. »Das sind doch immerhin Pläne,« fuhr sie fort, »die du wahrscheinlich einmal ausführen wirst; wenn sie dir auch jetzt bei dem Überfluß, in dem du schwelgst, nebensächlich erscheinen. Nun sagst du, daß du sie mir schenken willst – wie ist denn das zu verstehen, wenn es dein Ernst ist? Etwa so, daß ich mich hinsetzen dürfte und sie ausführen, als wenn es meine eigenen Eingebungen wären?« »Aber das wäre ja reizend,« unterbrach er sie, »wenn du das tätest. Ich habe mir immer gedacht, wie hübsch es sein müßte, mit einer klugen, geliebten Frau zusammen zu arbeiten. Und ich weiß nicht – aber ich habe ein Gefühl, als steckte auch in dir so etwas von einem Dichter.« Fredas Nasenflügel erzitterten leise. »Sehr liebenswürdig von dir,« erwiderte sie, »daß du mich so mit deinem Geiste – wie soll ich sagen – füttern willst; aber ich glaube, du irrst dich; ich habe gar kein Talent.« Schottenbauer trat zu ihr heran und legte den Arm um sie. »Aber Freda – was ist denn? Bist du mir böse? Ich sagte dir ja, daß ich das, was ich da gesammelt und aufgeschrieben habe, so gewissermaßen als eine Vorratskammer ansehe, wie ein Magazin, in das ich vielleicht später einmal hineinsteige. Wenn ich dir nun die Blätter da übergebe, so – so lege ich gewissermaßen die Verwaltung meines Magazins in deine Hand, vertraue sie dir an. Der Gedanke war mir so lieb – ist er es dir nicht? Sind meine Gedanken und Entwürfe von jetzt an denn nicht die deinigen auch? Nun siehst du – wenn ich immer mit meinen schweigenden Gedanken im Kopfe herumlaufe – in meinen Kopf kannst du schließlich nicht hineinsehen. Darum meinte ich, weil dies da doch auch Gedanken von mir sind, es würde dir Vergnügen machen, wenn du wenigstens einen Teil von mir kennenlerntest.« Freda hielt noch immer die Hand zurück. Nun warf er das Kuvert auf den Papierstoß zurück. »Na also – wie du willst! Ich habe die Empfindung, als wenn ich heut alles mögliche und recht viel Unnötiges daherschwatze, nicht wahr? Aber nehmt's nicht so genau. Daß ich euch heut so bei mir habe, das – das macht mich ja ganz kindisch vor Vergnügen, geradezu wie betrunken!« Er unterbrach sich lachend. »Betrunken von Schokolade!« Dann kam er wieder zu Freda zurück. »Aber daß ich euch überschütte, das mußt du nicht sagen, niemals! Hast du denn keine Ahnung, was ihr mit eurem Besuch mir geschenkt habt?« Mit sanfter Zärtlichkeit legte er beide Arme um sie; liebevoll blickte er ihr in die Augen. »Weißt du denn nicht, daß, wenn ich dir gäbe und immerfort gäbe, ich dennoch mein ganzes Leben lang in deiner Schuld bleiben würde? Freda – meine Freda!« Seine Stimme war zum Flüstern herabgesunken. Freda trat an den Schreibtisch. »Also – will ich es nehmen.« Sie nahm das Kuvert vom Tisch auf und versenkte es in ihre Tasche, und sie tat es jetzt mit unwillkürlicher Hast. Die ganze Zeit über hatte sie ja eigentlich vor Neugier gebrannt, den Inhalt der sonderbaren Blätter kennenzulernen, den Ursprung der Werke zu erfahren, die bisher so geheimnisvoll fertig, wie aus dem Nichts geboren vor sie hingetreten waren. Menschliche Neugier und wirkliches sachliches Interesse vereinigten sich in ihr, und nur ihr Stolz hatte sie zurückgehalten, zuzugreifen, als er ihr das Kuvert anbot. »Also hat jedes sein Teil«, sagte Papa Nöhring, indem er aufstand und den Papierballen an sich nahm. »Willst du denn damit über die Straße gehen?« fragte Schottenbauer. »Warum denn nicht? Hast du vielleicht die Strippe noch, mit der du damals dein erstes Manuskript zusammengebunden hattest?« Schottenbauer suchte umher. »Da hab' ich so ein Ding – ob's die von damals ist, weiß ich nicht –« »Aber sie sieht ihr ähnlich,« meinte Papa Nöhring, »die gehört auch ins Archiv.« Er rollte den Haufen zusammen und umschnürte ihn, so daß eine geradezu ungeheuerliche Papierröhre entstand. Dann nahm er Schottenbauers Kopf zwischen beide Hände und schüttelte ihn. »Leben Sie wohl, Monsieur Krösus, auf Wiedersehen. Morgen geht's wieder nach Berlin?« »Heute noch,« erwiderte Schottenbauer, »heute nachmittag.« »So, so? Sie sind also wohl höllisch hinter dem Stück her?« »Ja – in den ersten Tagen des Novembers sollte es herauskommen«, unterrichtete Schottenbauer. »Wenn nur die erste Aufführung nicht gerade auf Percivals großen Dinertag fällt.« »Das wäre dann freilich vom Übel. Na, wir werden ja sehen.«! Damit gingen sie, und bis an die Straßentür gab ihm Schottenbauer das Geleit. Sechzehntes Kapitel So lange wie heut abend hatte die Lampe selten in Freda Nöhrings Zimmer gebrannt. Den ganzen Tag über hatte sie vergessen, was sie da mittags in die Tasche gesteckt hatte; gegen Abend erst, als sie das Kleid ablegte und sich in den bequemen, weichen Hausrock hüllte, war das Papier aus der Tasche des Kleides herausgefallen. Also nahm sie es mit hinunter. Nach dem Abendessen, als der Vater sich zurückgezogen, holte sie es wieder hervor. Man mußte doch einmal zusehen – Sie war in ihr Zimmer gegangen und hatte sich bei der Lampe niedergesetzt, und als sie wieder aufstand, war es tief in der tiefen Nacht. So lange hatte sie an den paar Worten gelesen, die auf dem Kuvert standen, und an den paar Zetteln, die darin steckten? Ja – und als sie nun durch das schweigende Haus zu ihrem Schlafzimmer hinaufging, hatte sie ein – wie sollte sie es nennen – ein fabelhaftes Gefühl. So war ihr eigentlich im ganzen Leben noch nicht zumute gewesen. Was war's denn nur? Immerfort, während sie sich entkleidete, kam ihr die Frage; sie vergaß, was sie vorhatte, und versank in ein träumerisches Nachsinnen. Was war's denn nur? Eine zusammenhängende Dichtung etwa, die sie gefesselt und gespannt und nicht losgelassen hatte? Nein, Gott bewahre! Sondern nur lauter Andeutungen von Dichtungen, Skizzen, Keime. Aber was für Keime! Und welche Masse! In jedem einzelnen fühlte man den kommenden Baum. Und dieser Reichtum! Als wenn man über einen unabsehbaren Garten hinblickte, wo es aus allen Beeten quoll und schwoll und sich nicht zu lassen wußte vor treibender Lust – so war es. Den Kopf in beide Hände gestützt, saß sie auf dem Bettrand. Wie hatte er doch gesagt? »Für den Dichter darf es nur eine Qual geben, Überfülle« – bei Gott, ja – nun verstand sie, was er damit gemeint hatte. Und der solches besaß und vermochte, das war – dieser Mann? Merkwürdig, aber – indem sie jetzt seiner gedachte, geschah es zum erstenmal, daß sie vergaß, was für ein kleiner, unscheinbarer Gesell er eigentlich war. Wenn er jetzt dort vor ihr gestanden hätte – weiß Gott, sie wäre imstande gewesen, seinen Kopf zwischen ihre Hände zu nehmen, so wie es der Papa mit ihm machte, und ihm in die Augen zu sehen – »wer bist du denn eigentlich, du Mensch, du?« und ihn – liebzuhaben wohl gar? Ja wirklich, sie hatte solch ein Gefühl in diesem Augenblick, so unbegreiflich es ihr eigentlich erschien; küssen hatte sie ihn können, wahrhaftig, auf den Mund küssen, der so an wundersamen Erzählungen reich war. Denn das war das Merkwürdige an der Sache; alle diese Andeutungen und Skizzen waren die Keime zu Erzählungen, zu Novellen und Romanen. Er hatte ja gesagt, daß er seine großen Entwürfe nicht aufschriebe. Seine Dramen waren ihm demnach die Hauptsache und dieses alles nur so ein Nebenbei. In ihre Gedanken verloren, lächelte Freda Nöhring vor sich hin. »Du Kindskopf!« Es war nämlich eigentümlich; das, was ihm nebensächlich erschien, war für sie eine Hauptsache. Diese Stücke Leben, die er da vor sie hingebrockt hatte, verstand sie eigentlich viel besser als die Schauspiele in Versen, die sie von ihm kennengelernt hatte. Ja, sie gefielen ihr so, daß ihr zumute war, als wäre ihr eine ganz neue Welt aufgetan worden, und alles Wohlgefühl, das den Menschen bei solcher Gelegenheit erfüllt, sie empfand es in diesem Augenblick. Sie konnte gar nicht einschlafen; die Gedanken hielten sie wach. Aber es waren keine schlimmen Gedanken. Ihr war so ganz eigentümlich zu Sinn, so, als wenn sie in ihre Decken hineinkichern sollte. Und jetzt fiel ihr ein, was er gesagt hatte, als er ihr das Kuvert anbot: daß es reizend wäre, wenn sie sich hinsetzte und die Skizzen, die er da hingeworfen hatte, ausführte; und wie hübsch er sich das gedacht hätte, mit einer klugen, geliebten Frau zusammen zu arbeiten. Mit beiden Armen fuhr sie aus dem Bette in die Luft, gerade als wenn sie jemand umhalsen und umarmen wollte. Wen denn nur? Ihn? Aus Dankbarkeit, weil er sie teilnehmen lassen wollte an dem Leben, das ihn erfüllte, das nun auch ihr Leben werden sollte? Sie verstand ja ihr eigenes Gefühl in diesem Augenblick nicht, aber etwas Derartiges mußte es wohl sein. Denn es regte und bewegte sich etwas in ihrem Innern, das sie nicht begriff, etwas, wovon sie fühlte, daß es eigentlich immer dagewesen war, aber geschlafen und geschlummert hatte wie die Ahnung von Kräften, die in der Tiefe ihrer Seele ruhten und heute zum erstenmal die Augen auftaten. Was war denn das? War es nur die Wonne, die den Menschen überkommt, wenn er neben und mit einem schaffenden Menschen einhergeht und immerfort den Quell des Lebens neben sich sprudeln hört? War es, daß ihre Ohren zum erstenmal aufgegangen waren und zum erstenmal dieses Sprudeln vernahmen? Oder war es, daß ihre eigene Seele aufstand und mit tastenden Händen nach der wunderbaren Lust des Schaffens und Gestaltens griff? Vielleicht etwas von alledem, vielleicht – und mit dem Gefühle eines Kindes, welches weiß, daß morgen Weihnachten sein wird, schlief sie endlich ein. Siebzehntes Kapitel Am nächsten Tage, als Freda Nöhring vor ihrem Nähtischchen am Fenster saß, hörte sie, wie die Tür des Nebenzimmers klappend zugeworfen wurde, und dann einen lauten Schritt im Salon. Auf der Schwelle ihres Gemachs stand Percival. »Mo'jen, Freda.« Sie stand auf. »Guten Morgen, Junge; kommst du von der Regierung?« Er kam von der Regierung. »Was gibt's denn?« Lachend wandte er sich in den Salon zurück. »Was soll's denn geben?« Freda war ihm gefolgt. Die Hände in den Hosentaschen, ging er im Salon auf und ab. Bildete sie es sich ein, oder war eine gewisse Verlegenheit in ihm? Eine Gedrücktheit? Er sah sie nicht an; von der Seite mußte sie den Ausdruck seines Gesichts erhaschen; sie kannte ja die Regungen in diesem Gesicht. »So sage doch, was ist denn los?« »Herrgott, was soll denn los sein?« Wie immer, wenn er aufgeregt war, polterte er los, und um seine Unruhe zu verbergen, griff er zu seinem üblichen Mittel und zündete sich mit scheinbarer Gleichgültigkeit eine Zigarre an. »Sage mal,« begann er, indem er paffend anrauchte, »hat eure Reise euch eigentlich auch so viel gekostet?« Freda erblaßte; sie wußte plötzlich, was ihn hergeführt hatte. »Ob sie – uns auch?« versetzte sie zögernd. »Hat deine Reise mit Therese dir so viel gekostet?« »Aber schmählich,« entgegnete er, »ich hab's mir gar nicht vorgestellt, daß eine Frau solch ein kostspieliger Luxus ist.« Er lachte etwas gezwungen. »Wir sind ja schließlich gar nicht einmal weit fort gewesen; bloß in ein paar Städten –« Freda lächelte. »Na, weißt du, Junge, ob wirklich die arme Therese daran schuld ist? Und nicht vielleicht –« »Was?« »Na, was? Du kommst ja in letzter Zeit gar nicht mehr aus der Champagnerflasche heraus.« Percival zuckte die Achseln. »Die paar Tropfen«, murmelte er. »Liegt nun einmal nicht in meiner Natur, jeden Groschen nachzuzählen.« »Wenn man sich aber einmal verheiratet,« fuhr sie heraus, »dann muß man sich eben klar darüber sein, daß man nicht mehr wirtschaften kann wie als Junggeselle! Sonst –« »Sonst? Was?« »Sonst – muß man sich's eben vorher überlegen.« »Ob man heiraten soll?« Sie gab keine Antwort. Sie hatte sich hinter den großen runden Tisch gesetzt, hinter dem sie früher zu sitzen pflegte, wenn sie dem Heißsporn die Beichte abnahm und ihm in seinen Nöten Rat erteilte. Auf der Tischdecke strich sie mit der Hand entlang. Percival setzte seine Wanderung durch das Zimmer fort. Die Geschwister sahen sich nicht an; seine Lippen preßten sich aufeinander, so daß sein Gesicht einen verkniffenen Ausdruck annahm. »Ist ja aber alles ganz natürlich,« fuhr er fort, »wenn man so zum erstenmal Gehalt in die Hände kriegt, bildet man sich ein, es wäre wunder wieviel, bis man dahinterkommt, daß es so viel eigentlich gar nicht ist.« »Und daß man damit fertig ist«, warf sie beinahe höhnisch ein. Er schleuderte ihr einen Blick zu. »Kann ja sein – Erfahrungen sind dazu da, daß sie gemacht werden. Wenn man erst weiß, wie man sich einzurichten hat, passiert einem so etwas nicht zum zweitenmal.« Langsam stand Freda auf. »Also bist du – jetzt schon so weit?« Percival blieb stehen. »Tu mir den einzigen Gefallen und mach nicht gleich dein Oberlehrergesicht! Die Sache ist wahrhaftig nicht der Rede wert.« Sie ließ sich aber durch sein Gepolter nicht abschrecken. Wie in alter Zeit legte sie die Hände auf seine Schultern und hielt ihn fest. »Nicht der Rede wert?« »Nein, allerdings. Ein paar hundert Mark – was ist denn dabei?« Freda wurde bis in die Lippen blaß. »Also richtig – Schulden.« »Schulden!« Er schüttelte wie in sittlicher Entrüstung den Kopf und machte sich von ihr los. »Was das gleich für ein Ausdruck ist! Ein paar Rechnungen, die man zu bezahlen hat –« »Und nicht bezahlen kann!« sagte sie, indem sie ihm grell in die Augen sah, »was ist denn das anders als Schulden?« Nachdenklich blickte sie zum Fenster hinaus. Percival stand an dem andern. Eine Pause trat ein. Dann wandte sie den Kopf herum. »Ist's sehr viel? Kann ich's vielleicht aus meinem Wirtschaftsgeld bezahlen?« Er lachte kurz auf. »Ach – ist ja Unsinn.« »Wieso denn, Unsinn? Ich begreife dich gar nicht. Dazu bist du doch hergekommen?« »Dazu? Zu was?« »Zu was? Zu was?« Sie stampfte unwillkürlich mit dem Fuß auf. »Damit du das Geld bekommst. Willst du also den Papa anborgen?« »Anborgen!« Er fuhr wie gestochen auf. »Ich weiß gar nicht – ihr Frauen habt doch von solchen Sachen wahrhaftig keine Ahnung! Anborgen – was das immer gleich für Ausdrücke sind –« Unwirsch schüttelte Freda den Nacken auf. »Die Ausdrücke – so versteck' dich doch nicht hinter deiner moralischen Entrüstung, zu der du gar kein Recht hast! Es ist doch nicht anders; du kommst doch her, um den Papa zu bitten, daß er dir heraushelfen soll.« »Gar nicht komme ich dazu her!« Er war flammend rot geworden. »Wenn ich jemand anpumpen wollte, dann – dann hätte ich mich an jemand anders gewandt als an dich! Aber du kannst dich beruhigen; ihr könnt euer Geld behalten; ich will weder dich anpumpen noch den Papa.« Gesenkten Hauptes ging er auf und ab; er sah wirklich gekränkt aus. »Aber – was willst du denn also?« »Mir selbst helfen; das will ich.« Sie sah ihn voller Überraschung von der Seite an. »Dir – selbst?« »Ja, allerdings! Und darum kam ich her, weil ich dachte, du – du würdest mir vielleicht einen Rat – aber jetzt mag ich's gar nicht mehr sagen.« Er griff wirklich zum Hut. Mit einem Schritt war sie wieder bei ihm. »Percy – so sag's mir doch.« Er sah an ihr vorbei; sein hübsches Gesicht war ganz finster geworden, von einem Ausdruck der Sorge überschattet, der früher nie darin gewesen war. »Nein, nein – laß nur – ich hatte gedacht, du würdest mir – aber ich weiß nicht – du bist gar nicht mehr wie sonst – gleich so heftig, so verletzend –« Mit einem Griff hatte sie ihn wieder an den Schultern gefaßt. »Percy, um Gottes willen, was redest du denn?« Der Anblick seines Kummers zerriß ihr das Herz. Unglücklich war er, und statt ihn zu trösten, hatte sie mit scharfen Worten in sein Herz gegriffen. So bissig und spitz hatte sie ja nie zu ihm gesprochen wie eben jetzt. »Percy – sei mir doch nicht böse; sage mir doch, was du vorhast? Ob ich dir helfen kann?« Sie suchte seine Augen. Tränen standen hinter ihren Augen; Tränen zitterten in ihrer Stimme. Leise klopfte er sie in den Rücken. Ja, ja – das war ja die Freda wieder, die da sprach; zu der er, als er schon groß und erwachsen war, all seine Sorgen hingetragen hatte, wie ein kleiner Junge zu der Mutter. Er legte den Hut wieder beiseite und löste sich mit sanftem Druck von ihren Händen. »Es ist mir nämlich ein Vorschlag gemacht worden, ein eigentümlicher, der mir aber sehr gefällt. Wenn's mir gelingt, bin ich mit einem Schlag aus – aus aller Verlegenheit heraus und kann mir sogar für die Zukunft vielleicht eine dauernde Einnahmequelle verschaffen.« Freda hatte sich niedergesetzt und sah mit staunenden Augen zu ihm auf. »Aber das klingt ja ganz wundervoll.« »Der Oberregierungsrat – du weißt ja, der die Herausgabe von dem Amts- und Kreisblatt zu besorgen hat, ist nämlich heute zu mir gekommen. In dem Amts- und Kreisblatt sollen nämlich von jetzt an kleine Erzählungen veröffentlicht werden, Novellen, verstehst du, und derartiges, damit die Leute mehr Geschmack daran finden und es mehr lesen.« Freda drückte die Hände im Schoß zusammen. »Und da ist er zu dir gekommen?« »Die Sachen werden nämlich sehr gut bezahlt,« fuhr Percival fort, »ausgezeichnet sogar; der Oberregierungsrat hat mir die Summe genannt.« »Ja, ja, aber – zu dir ist er damit gekommen?« »Na ja –« Percival sah sie flüchtig an. »Was ist denn dabei?« Er errötete und blickte nach dem Fenster. »Hast du denn den Prolog vergessen? Von damals? Bei Tante Löckchens Zauberfest?« »Ach – so. Na ja; er hat gemeint, so etwas müßte ich ja nur so aus dem Ärmel schütteln können.« Er verstummte. Freda war auch ganz kleinlaut geworden. »Was – hast du ihm denn nun darauf gesagt?« fragte sie endlich. »Was soll ich ihm gesagt haben? Ich konnte doch jetzt nicht die alte Geschichte wieder aufwärmen?« »Nun nein – aber ich meine – auf sein Anerbieten, daß du ihm eine Erzählung schreiben solltest?« »Na, mein Gott,« erwiderte er, »Zeit dazu habe ich ja vollauf; mit dem, was ich an der Regierung zu tun habe, werde ich bequem fertig; da habe ich des Abends immer noch ein paar Stunden für mich übrig.« »Also hast du–« »Na ja – ich – habe ihm so gut wie zugesagt.« Er errötete noch stärker als vorher; in Wahrheit hatte er ganz fest zugesagt, und zwar für die nächste Zeit schon. Freda stand auf und ging auf ihn zu. In ihrem Gesicht war eine Mischung von Lächeln und Angst. »Aber einziger Junge – traust du dir denn zu, daß du das können wirst?« Percival warf den Kopf auf. »So eine lumpige Novelle! Das wird man doch wohl noch fertigkriegen.« »Ja, aber weißt du denn schon, was du schreiben willst?« Ein peinliches Schweigen erfolgte. Das war es ja eben gewesen, was ihn hergeführt hatte. Die kluge Freda würde vielleicht irgendeinen Einfall haben. Er wartete, ob sie nicht anfangen würde. Aber sie schien nichts zu wissen; sie schwieg. Er räusperte sich verlegen. »Erinnerst du dich nicht mehr – wie war doch die Geschichte gewesen, von der ich dir mal erzählt habe, daß sie hier in der Nähe auf einem Dorf passiert war – du sagtest damals, das wäre eigentlich ein famoser Stoff für eine Novelle.« Freda strengte ihr Gedächtnis an. »Ja, ja – mir ist so – es war eine Kriminalgeschichte gewesen.« »Ganz recht.« »Ein alter Bauer hatte einen andern – war's nicht sein Schwiegersohn – zum Meineid verleitet?« »Da haben wir's ja!« rief Percival, indem er sich auf die Lende schlug. »Natürlich, so war's auch. Aber nu mal weiter; denn damit allein kann man noch keine Novelle schreiben. Wie war denn der Zusammenhang?« Er sah die Schwester an – Freda sah ihn an. »Weißt du's nicht mehr?« fragte sie leise. »Hol's der Teufel, nein! Ich habe die Geschichte total vergessen. Ich dachte, du würdest dich vielleicht dran erinnern.« Freda bohrte die Augen in den Fußboden; sie drückte die Hände an den Kopf und strengte alle Fasern ihres Gehirns an – es half nichts. »Hast du dir damals nichts aufgeschrieben?« forschte sie. »Hab' ich dummerweise versäumt«, murrte er. »Wer konnte denn damals denken –« Ärgerlich sah er zu ihr hinüber. »Fällt es dir denn wirklich gar nicht wieder ein?« »Nein, nein,« versicherte sie, »ich muß wohl damals nicht sehr aufgepaßt haben; und es ist schon zu lange her.« Mißmutig nahm er seine Wanderung durch den Salon wieder auf. »Dann bleibt wahrhaftig nichts übrig, als daß man sich das übrige selbst hinzudenkt.« Er blieb wieder stehen. »Wie würdest du dir denn, zum Beispiel, die Geschichte weiter denken?« Freda lachte unwillkürlich laut auf. Die Naivität, mit der er ihre Mitarbeiterschaft herausforderte, hatte wirklich etwas Drolliges. »Aber Junge, wie soll ich denn dazu kommen?« »So denk doch ein bißchen nach – das ist doch nicht zuviel verlangt.« Er maulte und trotzte wie ein kleiner Junge. »Na ja, laß mir nur ein paar Tage Zeit; hier vom Fleck aus kann ich's dir doch nicht sagen.« »Ein paar Tage Zeit habe ich aber nicht,« platzte er heraus, »das ist ja eben der Kuckuck, daß die Geschichte so rasch gemacht sein muß.« Freda erschrak. »Um Gottes willen – was hast du denn für Zusagen gemacht?« »Ich hab' dir ja alles gesagt. Daß ich die Geschichte in acht Tagen fix und fertig liefern will.« Er hatte nichts davon gesagt; darum vermied er es, die Schwester bei diesen Worten anzusehen. Freda senkte das Haupt. Der ganze Vorgang war ja im Grunde so abgeschmackt und lächerlich; durch die Aufregung aber, unter welcher der Bruder litt, und durch den Hintergedanken an seine Geldnot bekam er etwas Tragisches für sie. Im Vertrauen auf ihre Hilfe hatte er sich in törichte Versprechungen verfilzt – und nun konnte sie ihm nicht helfen. Er tat ihr so leid; sie kam sich vor, als beginge sie ein Unrecht an ihm. »Fällt dir denn nicht vielleicht etwas anderes ein?« fragte sie nach einer Pause. »Mein Gott, wie oft soll ich's dir denn sagen,« versetzte er aufbrausend, »daß ich keine Zeit habe! Wenn ich Zeit hätte, dann wär's wahrhaftig keine große Sache, sich etwas anderes auszudenken – aber wenn einem das Feuer auf den Nägeln brennt, dann – dann hat man keine Ruhe dazu.« »Aber Percy,« wandte sie bittend ein, »dann wäre es doch wirklich vernünftiger, du gingst noch einmal zu dem Oberregierungsrat hin –« »Und sagte ihm, daß ich ein impotenter Schwachmatikus bin?« unterbrach er sie wütend. »Und daß ich damals den Prolog gar nicht gemacht habe? Nicht wahr? Hol' der Teufel den verdammten Prolog! Der ist an allem schuld, und du hast mir zugeredet damals!« In echter Schwächlingsweise griff er begierig nach der Gelegenheit, sich vor sich selbst zu rechtfertigen, indem er Vorwürfe auf einen andern häufte. Mit traurigen Augen blickte Freda ihn an. Immer wütender redete er sich in die Hitze hinein. »Jawohl – und nun hab' ich die Bescherung! Aber eh' ich jetzt zu ihm hingehe und mich so miserabel blamiere, wie du mir vorschlägst – eher tu ich, ich weiß nicht was – eher – eher schieß' ich mir wahrhaftig eine Kugel vor den Kopf!« »Versündige dich doch nicht so«, wollte Freda ihm zurufen. Aber er hörte nicht auf sie hin. Mit weiten Schritten durchmaß er den Salon, und dann, als wenn ihm der Salon zu eng würde, auch noch Fredas anstoßendes Gemach. Als er dort hinein verschwunden war, hörte Freda, wie er plötzlich seinen Gang unterbrach, und als sie um die Ecke der Tür verstohlen nach ihm ausschaute, sah sie ihn am Tisch stehen – und in dem Augenblick griff ihr etwas, wie eine Kralle, ans Herz – auf dem Tisch lag vom gestrigen Abend her Schottenbauers Kuvert, und dieses hatte er entdeckt. Bevor sie noch etwas sagen oder tun konnte, war er schon wieder zu ihr zurück, die Blätter in den Händen. »Was ist denn das?« Freda war totenblaß geworden. In der Aufregung der Auseinandersetzung hatte sie vollständig vergessen, daß das Kuvert dort lag, hatte sie an dessen Vorhandensein überhaupt nicht mehr gedacht. Sie war so fassungslos, daß sie zunächst gar keine Antwort gab. Percivals Augen wühlten förmlich in den krausen Schriftzeichen. »Das ist ja dem Schottenbauer seine Handschrift?« »Nun – ja,« erwiderte sie mit schwacher Stimme, »er hat es mir ja auch gegeben.« Percival warf sich auf einen Stuhl, legte das Kuvert auf den Tisch vor sich hin und fing an, wie ein Fanatiker zu lesen. »Donnerwetter,« murmelte er halblaut dazwischen, »Donnerwetter.« Freda stand mitten im Zimmer und sah ihm zu. Sie fühlte sich ganz ratlos. Es zuckte ihr in den Händen, als sollte sie hinzutreten und ihm die Papiere fortnehmen – aber sein Aussehen deutete an, daß er sie nicht gutwillig hergeben würde. Außerdem – wenn sie gewollt hätte, sie hätte es nicht vermocht. So blieb sie in qualvoller Entschlußlosigkeit stehen und konnte nichts anderes, als ihn ansehen und immerfort ihn ansehen. Und indem sie ihn so anblickte und sah, wie er vor den Papieren saß und mit einem gierigen Ausdruck den Inhalt derselben verschlang, kam ihr ein Gefühl – beinahe wie ein Bettler erschien er ihr. Sie sträubte sich gegen die abscheuliche, nie dagewesene Empfindung, die ihr den Bruder plötzlich verwandelte und verzerrte, aber sie wurde sie nicht los. Mit einem jähen Ruck stand Percival jetzt auf. »Ist er zu Haus, der Schottenbauer?« Er war hochrot im Gesicht, er griff zum Hut. »Nein,« entgegnete Freda leise, »er ist in Berlin und kommt in den nächsten Tagen nicht zurück.« »Dumm –« sagte Percival, indem er den Hut fortwarf. Dann blieb er vor dem Fenster stehen, und an der Lippe nagend, blickte er hinaus. »Warum fragst du denn?« fuhr sie zögernd fort. Er zuckte die Achseln und ließ ein kurzes Lachen hören, das so viel heißen mochte wie »einfältige Frage«. Freda, die hinter ihm gestanden hatte, trat leise zu ihm heran. Er hielt die Papiere noch in der Hand – mit einem begütigenden Kopfnicken, als wollte sie sagen: »Nicht wahr, so ist es recht?« nahm sie dieselben aus seiner Hand. Percival sah die Schwester an. »Na – nu?« Dann ließ er wieder ein Lachen hören, und dieses Lachen klang eigentlich nicht hübsch. »Also, wenn er nicht hier ist, werde ich ihm schreiben«, erklärte er mit einem kurzen Entschluß. Freda hielt ihn an den Schultern fest. »Was willst du ihm schreiben? Was hast du vor?« Mit angstvollen Augen, beinahe flehend, sah sie ihm in die Augen. »Herrgott,« sagte er polternd, »wieder mal ganz die alte Freda! Immer gleich aus jeder Mücke einen Elefanten machen! Das da – hat er dir doch gegeben, du hast es ja selbst gesagt?« »Nun – ja.« »Also gehört's dir doch.« Er hatte ihr noch einmal das Kuvert entrissen und hineingeblickt. »Aber mein Gott, es – es ist doch eine Vertrauenssache!« Aus gepreßter Brust stieß sie das Wort hervor. Er drückte ihr das Kuvert wieder in die Hand. »Da hast du's, da hast du's – was ist denn los? Was denkst du denn eigentlich? Wenn ich – wenn ich wirklich vielleicht eine Anregung – du tust ja geradezu – ist das ein Unrecht, wenn man eine Anregung – ist ja geradezu lächerlich!« Er wandte sich und griff wieder nach dem Hut. Es sah aus, als brenne ihm der Boden unter den Füßen. »Percival!« schrie sie unwillkürlich laut auf, als sie ihn auf die Tür zugehen sah. Er blieb stehen. Sie trat zwischen ihn und die Tür. »Aber – aber du darfst nichts tun – ohne ihn gefragt zu haben!« »Ich weiß gar nicht, was du willst,« erwiderte er murrend, »ich habe dir ja gesagt, daß ich es will.« »Aber du mußt's auch wirklich tun!« Ihre Stimme gellte, indem sie das sagte. Percival schüttelte den Kopf. »Diese Aufregung, diese gänzlich unmotivierte Aufregung! Ein Glück nur, daß der Schottenbauer ein vernünftiger Mensch ist, mit dem man ein Wort reden kann. Zehntausendmal vernünftiger ist er als du – wahrhaftig –« Damit ging er an ihr vorbei und hinaus. In einem unbeschreiblichen Zustand blieb Freda zurück. Sie hatte ein Gefühl, als hätte sie sich nicht energisch genug widersetzt, als hätte sie mehr tun sollen, als sie getan hatte. Aber was? Einer Schuld konnte sie sich ja eigentlich nicht zeihen – daß sie das Kuvert hatte liegenlassen – mein Gott, ja – aber wer konnte denn auch denken – Und dennoch lag es auf ihr wie das Bewußtsein einer lastenden Schuld, eines schweren, abscheulichen Unrechts, das sie an dem vertrauenden Menschen begangen hatte. Wenn der Mann, der da vorhin am Tische gesessen und die Aufzeichnungen gelesen hatte, nicht ihr Bruder gewesen wäre – würde sie dann auch unentschlossen geblieben sein? Elend und schwach? Nein, nein, nein! Mit einem Griff würde sie ihm die Papiere entrissen haben. »Das ist nicht für dich!« Aber eben – weil es ihr Bruder gewesen war – weil sie wußte, daß ihm das Messer an der Kehle stand – In dumpfer Verzweiflung starrte sie auf das Kuvert und die Zettel, die sie immer noch, halb mechanisch, in Händen hielt. Wie ein knospender Frühlingsgarten war ihr das alles gestern erschienen – jetzt kam es ihr vor, als wäre es entweiht. Immer wieder kam ihr das Bild vor die Seele, wie Percival gesessen und den Inhalt der Papiere mit heißhungrigen Augen verschlungen, geradezu gefressen hatte – so häßlich war das Bild. Sie drückte die Hände vor die Augen, als wollte sie es nicht sehen, und sie sah es doch. Sie sah das aufgeregte Gesicht, das ihr so fremd geworden war in dem Augenblick, als wäre es gar nicht das Gesicht ihres Bruders mehr – und daneben sah sie ein anderes, mildes, trauriges Gesicht, das kopfschüttelnd zu ihr herübersah – »Habe ich dir dazu das Teuerste geschenkt, was ich zu schenken hatte?« Sie warf die Hände in die Luft und rang sie ineinander. »Nein – das weiß ich, daß du es mir dazu nicht geschenkt hast! Das weiß ich! Das weiß ich!« Sie sprach es laut, als wäre er im Zimmer anwesend, mit schluchzender Stimme vor sich hin. Am Tisch setzte sie sich nieder, ein Strom von Tränen brach aus ihren Augen und benetzte die Worte, die er geschrieben hatte. Achtzehntes Kapitel Schottenbauer war in Berlin und ließ nichts von sich hören noch sehen, seine Tätigkeit nahm ihn offenbar vollständig in Anspruch. Percival war am Ort, ließ jedoch im elterlichen Haus gleichfalls nichts von sich hören noch sehen. Wie in einer großen Stille wandelte Freda umher, und diese Stille verursachte ihr das Gefühl, als bereitete sich etwas vor. Wo steckte Percival? Zu Hause bei sich? Und wenn er zu Hause war, was tat er? Schrieb er wirklich an seiner Erzählung? Die Mittelsperson zwischen beiden Häusern Nöhring war Therese, die von Zeit zu Zeit herankam, um nach dem Schwiegervater zu sehen. Heut war sie wieder dagewesen und hatte dem Regierungsrat einen Gruß von Percival überbracht. »Warum kriegt man denn den jetzt gar nicht zu sehen?« erkundigte sich Papa Nöhring. »Ach Gott, weißt du, Papachen« – dabei hatte sie mit unterdrücktem Kichern zu Freda hinübergesehen, die mit ihr in das grüne Zimmer hinaufgegangen war –, »er hat jetzt so furchtbar viel zu tun. Alle Abend sitzt er und schreibt.« Als sie dann mit Freda die Treppe hinunterstieg, hatte sie diese am Arme gefaßt. »Du, Freda, weißt du denn, was Percival macht? Ich hab's vorhin dem Papa nur nicht sagen dürfen, weil er will, daß man eigentlich gar nicht davon spricht – er – er dichtet ja!« Sie hatte es, obschon niemand sonst zugegen war, Freda ins Ohr gesagt. Jetzt wollte sie sich ausschütten vor Lachen. »Was sagst du dazu? Was sagst du dazu?« Freda sagte gar nichts. Sie stand ganz steif und starr. So rot Theresens kicherndes Gesicht geworden war, so blaß und weiß war sie. »Was denn?« stieß sie endlich heiser hervor. »Genau weiß ich's ja nicht; ich darf ja nicht nachsehen; aber ich glaube, es wird so etwas wie eine Novelle oder dergleichen. Dabei ist er furchtbar vergnügt, und gestern abend hat er mir gesagt, wir würden nächstens eine Masse Geld ins Haus bekommen.« Freda verharrte lautlos. Sie stand mit der Schwägerin im Flur; sie forderte sie nicht auf, einzutreten. »Nun muß ich mich aber auf den Weg machen,« erklärte Therese, »ich habe noch solch eine Menge für unser Diner zu besorgen.« Sie ging – Freda hatte sie nicht gehalten. Nachdem Therese hinausgegangen, trat sie in den Salon. Eine Empfindung schwoll ihr zur Kehle hinauf, an der sie beinahe erstickte, eine gräßlich widerwärtige Empfindung. »Er dichtet« – wie die alberne kleine Person das gesagt hatte! Wie sie dazu gelacht hatte! Er dichtete – in zorniger Verachtung schüttelte sie das Haupt – das heißt, er schlachtete die Erfindung des Dichters aus, um etwas daraus zu machen, was ihm Geld einbrachte, womit er seine Champagnerrechnungen bezahlen konnte. – War es denn möglich? War es erhört? Ein verzweifelter Grimm stand in ihr auf. Nicht die Persönlichkeit Schottenbauers war es, woran sie in diesem Augenblick dachte, sondern die Sache, das Werk. Das verunglimpfte, entweihte Werk. Diese Entwürfe, in deren jedem einzelnen ein Diamant als Kern steckte, den nur des echten Dichters Hand herauszuschleifen berufen war, hingegeben einem – Menschen, der mit plumper Faust danach langte, um irgend etwas herauszuschlagen, was einem plumpen Leserkreise gefiel. Mein Gott – mein Gott – mein Gott! So tief waren ihr die Ideen, die sie da gelesen hatte, in die Seele gedrungen; daß sie sie wie ihr eigenes Fleisch und Blut empfand. An ihren eigenen Gedanken war Raub verübt, in ihr eigenstes Eigentum war eingebrochen worden. Sie vergaß, daß es ihr Bruder war, der das getan hatte, der Percy, der Heißsporn, der einst so angebetete, vergötterte; zum erstenmal empfand sie, daß etwas in ihr war, woran niemand die Hand anlegen durfte, auch er nicht, der bis dahin alles gedurft hatte. Ihre Seele stand auf und nahm Partei für den Dichter und dessen Werk gegen den Eindringling und den Verunglimpfer des Werks. Einige Tage nach diesem klopfte Therese wieder bei Nöhrings an. Heut ging sie nicht erst zu dem Regierungsrat hinauf; vom Flur aus riß sie Freda in den Salon hinein. Man sah ihr an, daß etwas Besonderes sich ereignet haben mußte. Aus der Tasche ihres Mantels zog sie ein Zeitungsblatt hervor, eine Nummer des Amts- und Kreisblattes; sie schlug es auseinander und hielt es Freda vor die Augen. Mit fetten Buchstaben war ein Titel gedruckt, darunter las man »Erzählung von Bruno Waldenberg«. Verdutzt starrte Freda auf das Blatt. Jetzt aber krümmte Therese sich vor Lachen, während sie wie ein Kreisel im Zimmer umherfuhr. »Verstehst du's denn nicht? Verstehst du's denn nicht? Bruno Waldenberg – das ist ja er!« »Percival?« »Na aber natürlich doch! Und das ist ja die Erzählung, von der ich dir gesagt habe.« Sie hatte so gelacht, daß sie das Taschentuch herausholen und sich die Augen trocknen mußte. Mit einem Griff hatte Freda die Zeitung an sich gerafft. »Er meinte ja,« erklärte Therese weiter, »für einen Regierungsassessor paßte es sich nicht, wenn man von ihm im Kreisblatt läse, daß er Novellen schreibe. Er hat ja auch natürlich ganz recht. Darum ist er zu dem Oberregierungsrat gegangen – du weißt ja – und hat mit ihm ausgemacht, daß er als Bruno Waldenberg schreiben wolle.« Therese bekam abermals einen Erstickungsanfall. »Seitdem nenn' ich ihn nie anders mehr als Bruno Waldenberg!« Freda hatte unterdessen wie geistesabwesend in die Zeitung geblickt und auf Theresens Geplapper kaum hingehört. Die Buchstaben schwammen vor ihren Augen. Der Titel war Percivals Erfindung, denn Schottenbauer hatte seinen Entwürfen vorläufig keinen Namen gegeben; ein Blick aber hatte ihr verraten, daß er in der Tat eine von den Skizzen zu seiner Erzählung benutzt hatte. Ohne einen Laut von sich zu geben, stand sie da. »Na – du wirst es wohl noch behalten und lesen wollen?« fing Therese wieder an. Das brachte Freda wieder zu sich. »Ja, ja – laß es mir hier.« »Ich kann's mir abholen, wenn ich dir die Fortsetzung bringe; es hat natürlich eine ganze Menge Fortsetzungen. Ist der Papa oben?« »Der Papa –?« Freda war so mit ihren Gedanken beschäftigt, daß sie sich auf das Nächstliegende besinnen mußte. »Nein, nein – er ist ausgegangen.« »Also grüß' ihn und sag' ihm, Percival ließe ihm sagen, das Diner würde pikfein werden; hörst du? pikfein –« Sie wandte sich, um hinauszugehen. »Aber was mir dabei einfällt – dein Schottenbauer weißt du, hat uns einen recht dummen Strich durch die Rechnung gemacht.« Freda blickte auf. »Er hat uns zum Diner abgeschrieben.« »Ab–geschrieben?« »Ja, weil sein Stück gerade den Abend zum erstenmal aufgeführt wird. Dumm – nicht wahr? Hätten wir das früher gewußt – aber jetzt war's doch natürlich zu spät, unser Diner zu verschieben? Nicht wahr?« Freda atmete auf. Hatte sie doch im ersten Augenblick nicht anders gedacht, als daß er von Percivals Handlungsweise erfahren und aus Zorn darüber abgesagt hätte. »Na – nun geh' ich aber wirklich«, erklärte Therese – noch einmal aber kam sie zurück und fiel der Schwägerin um den Hals. »Gott, du, Freda, was mir einfällt – nun haben wir ja jede einen Dichter zum Mann!« Sie barst wieder vor Lachen über ihren Einfall, so daß sie den empörten Blick nicht wahrnahm, mit dem Freda sie maß, und gar nicht merkte, wie unsanft diese sich von ihr losmachte. »Also adieu, Freda; soll ich Percival von dir grüßen?« Ein unverständliches Gemurmel war die Antwort, und dann war Freda allein. Endlich. – Und nun fing sie an zu lesen. Sie hatte aber kaum die erste Seite zu Ende gebracht, als sie das Blatt von sich schleuderte, so weit sie vermochte, voller Empörung. Es war wirklich ganz wie sie vermutet hatte, und beinahe noch schlimmer. Die Gedanken Schottenbauers waren in roher Weise verwandt; der Vorgang voll tief innerlichen Lebens, den er angedeutet, war zu einem rein äußerlichen Geschehnis verunstaltet; der Anfang ließ erkennen, daß die ganze Geschichte auf einen plumpen, für das untergeordnetste Lesevolk berechneten Effekt hinauslaufen würde. Dabei eine Form und ein Stil, die in jeder Zeile den ungelenken Dilettanten, ja den Stümper verrieten. Keuchend ging Freda im Zimmer auf und nieder. Sie erlebte das Entsetzlichste, was eine vornehme Seele erleben kann, mit ansehen zu müssen, wie ein hervorragender Geist durch einen untergeordneten vergewaltigt wird. Ein untergeordneter – ja. Sie unterbrach ihren hastigen Gang und schlug die Hände vor das Gesicht – dieser untergeordnete Geist war der, von dem sie einst gefabelt und geträumt, um dessentwillen sie den andern gehaßt und verfolgt hatte – war ihr Bruder, ihr Bruder. Sie war die Phantastin gewesen, die sich aus dem hübschen Jungen mit dem freundlichen Gesicht ein höheres Wesen zusammenfabuliert, die ihre dichtende Seele in ihn hineingetragen und sich eingebildet hatte, sie sähe ihn, während sie in Wirklichkeit immer nur sich selbst gesehen hatte. Die Hülle war gefallen, die Stunde der Erkenntnis schlug; kein Ausweichen, kein Bemänteln und Verbrämen war jetzt möglich mehr; so hoch er einst vor ihr gestanden hatte, so tief sank er in diesem Augenblick hinab. Die verzweifelte Grausamkeit des Fetischanbeters war in ihr, der den Götzen, wenn er nicht mehr hält, was er versprochen, in die dunkelste Ecke schleudert und ihm die eigene Torheit als Schuld und Sünde anrechnet. Ein Bewußtsein kam ihr, daß es zwischen Menschen eine höhere Verwandtschaft als die des Blutes, eine tiefere Liebe als die zwischen Blutsangehörigen gibt – sie gedachte des Mannes, dem sie in ihrem Innern unrecht getan hatte, solange sie ihn kannte, und an dem heut ein Verbrechen, ein häßliches, verübt worden war, ein Verbrechen, an dem auch sie mitschuldig war, auch sie. Ob sie nicht zum Vater hinaufgehen und ihm vorschlagen sollte, daß sie bei Percival absagen wollten? Der Gedanke an das Diner war ihr so greulich in diesem Augenblick. Bevor sie aber den Gedanken noch zur Ausführung zu bringen vermochte, kam ihr der Regierungsrat schon mit einem Briefe Schottenbauers entgegen, den er soeben empfangen hatte. Schottenbauer bat ausdrücklich, daß sie nicht zur ersten Aufführung nach Berlin kommen, sondern zu Percival gehen möchten. Percival freute sich nun einmal so auf sein Fest; er hätte ihm schon absagen müssen; wenn auch sie fernblieben, würde er es sein, der ihm die ganze Freude zerstörte. Außerdem – solch eine erste Aufführung wäre immer solch eine aufregende Geschichte. Wenn irgend möglich, würde er noch am Abend nach der Aufführung mit dem Nachtkurierzug zu ihnen kommen, und er dächte es sich so köstlich, aus dem Trubel und Lärm in ihre süße Stille zu entfliehen. »Na,« meinte Papa Nöhring, »wenn sie ihn den Abend wirklich von Berlin fortlassen und er dann noch zu uns kommt und uns alles erzählt, das kann wirklich sehr hübsch werden. Meinst du nicht?« Freda nickte bejahend. »Also wollen wir nur dem Jungen den Gefallen tun und zu seinem famosen Diner gehn.« Neunzehntes Kapitel Es war wirklich ein famoses Diner; ein Völkerfest, wie Percival es angekündigt hatte. Daß Tante Löckchen da war und Herr Major a. D. Bennecke, verstand sich von selbst. Mutter Wallnow und Fräulein Nanettchen rechneten ebenfalls zum Hausrat. Außerdem aber waren noch andre da, noch viele. Beinahe das ganze Regierungskollegium war eingeladen. Die kleine Wohnung reichte für die Menge von Gästen kaum aus; man hatte im Salon anrichten müssen, und auch der Salon war halb ausgeräumt worden, um Raum zu schaffen. Aber das störte die Gemütlichkeit nicht; im Gegenteil. Gastereien, die man sich gegenseitig gab, bildeten ja den Hauptbestandteil der winterlichen Vergnügungen in der Stadt; mit Percival und seinem netten jungen Frauchen wuchs eine schätzbare Kraft hinzu; der gesellige Kreis erweiterte sich. Als Papa Nöhring mit seiner Tochter erschien, waren die übrigen Geladenen schon ziemlich vollzählig versammelt; ein Stimmengewirr erfüllte die engen Zimmer; allen Gesichtern sah man an, daß es heut abend gemütlich werden sollte, sehr gemütlich. Therese hatte die Ankömmlinge begrüßt und war sofort beim Anblick Fredas in laute Bewunderung ausgebrochen. »Percival! komm bloß und sieh die Pracht!« Freda hatte Schottenbauers Halsschmuck angelegt. Sie hatte lange mit sich gekämpft und anfänglich nicht gewollt; dann aber hatte eine andre Überlegung gesiegt. Nein, nein – sie mochten es nur erfahren, diese Menschen, daß sie es von ihm hatte, sollten es sogar. Sie sollten erkennen lernen, was er mit seines Geistes Kraft zustande zu bringen vermochte, der kleine abgegangene Referendar, und sollten wissen, daß sie stolz auf ihn war. Sorgfältig hatte sie Toilette gemacht. Das ausgeschnittene weiße Seidenkleid hatte sie angelegt und sein Halsgeschmeide; ganz so, wie sie neulich vor ihm gestanden hatte, wollte sie heut aussehen. Wenn er auch nicht zugegen sein würde, um sie zu sehen – sie schmückte sich dennoch für ihn. Das süße, heimliche Gefühl des Weibes war in ihr, das sich geliebt weiß und dem die eigene Persönlichkeit nicht mehr als ausschließliches Eigentum, sondern halb und halb schon als das Besitztum des andern erscheint. Kein Wunder daher, daß, sobald sie eingetreten war, sich ein staunender Kreis um sie gebildet hatte; und während die andern ihren Beifall in diskreten Tönen zu erkennen gaben, schwang sich Nanettchens Stimme bis an die Zimmerdecke empor. »Nein, aber sag' mir, einzigstes Kind, das hast du wirklich von ihm?!« Dann wandte sie sich zu den übrigen. »Kinder Gottes, man soll nicht sagen, was aus dem Menschen werden kann! Wer dem Mann das zugetraut hätte, als er hier noch umherlief!« »Und heute abend,« mischte sich Percival jetzt ein, »wird schon wieder ein Stück von ihm in Berlin aufgeführt, am Königlichen Schauspielhaus.« »Ein Lope de Vega an Produktivität,« erklärte der literarisch gebildete Oberregierungsrat, der Lenker des Amts- und Kreisblattes, »hoffen wir nur, daß er nicht der Überproduktion anheimfällt und ein Vielschreiber wird.« Freda sah den Mann an, dem dieser Gemeinplatz so salbungsvoll über die Lippen ging. Sein ausrasiertes Kinn, von zwei Bartkoteletten eingefaßt, sah in der Tat wie eine Landstraße aus, auf welcher Trivialitäten einherstolzieren. Herr Major a. D. Bennecke war es, der ihr die Mühe abnahm, dem Oberregierungsrat zu antworten. Er klopfte dem besorgten Mann lachend auf die Schulter. »Mein wertester Herr Oberregierungsrat, den Schottenbauer, den kenn' ich; den lassen Sie nur gehen, wie der sogenannte Spiritus ihn treibt; der ist klüger, kann ich Ihnen sagen, als Sie und ich zusammen.« Alles lachte, der Oberregierungsrat lächelte. Herr Major a. D. Bennecke genoß nun einmal das Vorrecht in der Gesellschaft, Wahrheiten zu sagen. »Er wird doch telegraphieren?« wandte er sich an Papa Nöhring. »So denk' ich«, entgegnete dieser. Und nun endlich erschien Mutter Wallnow und flüsterte ihrer Tochter zu, daß sie ihre Gäste auffordern könne, sich in Bewegung zu setzen; alles war fertig. Sie spielte dem jungen Haushalt gewissermaßen die Haushofmeisterin. Also schritt man zu Tisch. Es war halb sieben vorüber, als man zum Sitzen kam. Und nun begann eine Mahlzeit, von der Freda vom ersten Augenblick an empfand, daß sie dauerhaft sein würde. Sie kannte ja aus Erfahrung diese Feste ihrer Heimatstadt, wo man stundenlang bei der Tafel saß, eine Unzahl von Gerichten verzehrte, eine endlose Reihenfolge verschiedener Weinsorten angeboten erhielt und endlich, nach Aufhebung der Tafel, stundenlang bei Bier und Selterwasser zusammensaß, um spät in der Nacht mit vollem Magen und leerem Herzen nach Hause zu gehen. Sie kam sich wie im Gefängnis vor. Noch nie war es ihr so fürchterlich schwer geworden, sich an der kleinstädtischen Vergnügtheit zu beteiligen, die nach jedem Gange lärmender wurde. Dabei wollte der Gedanke an die »besondere Einnahmequelle« sie nicht verlassen, welche zu all dieser Freigebigkeit die Möglichkeit gewährte. Hätte sie es früher für möglich gehalten, daß sie einmal am Tisch ihres Bruders sitzen und sich wie durch eine Kluft von ihm getrennt fühlen würde? Als man in der Gegend des Bratens angelangt war und alles so durcheinander sprach, daß kaum einer mehr den andern verstand, sah sie, wie der Oberregierungsrat das Glas erhob und zu Percival hinüberblickte. »Kollege Nöhring!« schrie er; und als Percival sich nach ihm umwandte, fügte er etwas gedämpfteren Tones hinzu: »Bruno Waldenberg soll leben!« Er trank ihm zu, und mit einem laut lachenden »Prosit!« tat Percival ihm Bescheid. Freda hatte ein Gefühl, als wenn sie einen Schlag ins Gesicht bekommen hätte. Sie senkte die Augen auf den Teller, um den Bruder nicht ansehen zu müssen. Ein letzter Blick hatte ihr verraten, daß er nach ihr hingesehen hatte und feuerrot geworden war. Er hatte allen Grund, zu erröten – wahrhaftig. Um halb sieben Uhr hatte man sich gesetzt – jetzt war es halb elf, als die letzten Schüsseln mit dem Dessert herumgereicht wurden. In diesem Augenblick klingelte es draußen, und gleich darauf brachte der Lohndiener zwei telegraphische Depeschen herein, eine für den Regierungsrat Nöhring, die andre für Freda. Ein allgemeines »Hallo« erhob sich. Mit beinahe zitternder Hand öffnete Papa Nöhring sein Telegramm. »Stück soeben beendet,« las er leise vor, während alles verstummte, »großer, herrlicher Erfolg.« »Die Batterie soll abprotzen, um Viktoria zu schießen! Sekt! Sekt! Sekt!« brüllte Percival dem Lohndiener zu. »Sekt! Sekt!« donnerte Herr Major a. D. Bennecke. Alles wiederholte lachend und jauchzend das Kommando. Während des Spektakels, der sich erhob, nahm Freda ihre Depesche und brach sie still für sich auf. Sie hielt das Papier im Schoße, unter der Tischkante, als wollte sie verhindern, daß irgendein andres Auge läse, was nur für sie bestimmt war. »Komme heut abend mit dem Kurierzuge«, las sie, »um mit dir und dem Papa allein zu sein. Glückselig. Schottenbauer.« »Aber jetzt mal vorlesen, was er dir telegraphiert hat, Freda!« zeterte Fräulein Nanettchen über den Tisch. Mit einem leichten, blassen Lächeln schüttelte Freda das Haupt. »Ist für mich«, erklärte sie, und damit ließ sie das Telegramm in der Tasche ihres Kleides verschwinden. »Aber Nanettchen,« rief Percival, »teuerste Karyatide, Gespräche zwischen Brautleuten belauscht man doch nicht!« »Sehr wahr! Sehr wahr!« ertönte es von allen Seiten, und unter allgemeiner Heiterkeit erhob man sich. Sobald man aufgestanden war, trat Freda zum Vater heran. »Er kommt heute abend«, vertraute sie ihm heimlich an, »und will allein mit dir und mir sein.« Papa Nöhring preßte ihr schweigend mit heißem Druck die Hand. »Der Zug kommt bald nach zwölf«, fügte sie leise hinzu. »Wir gehen bald? Nicht wahr?« »Sobald wir können«, erwiderte er, und beide mischten sich noch einmal unter die Gesellschaft. Wie die Barbarei kam ihr diese Gesellschaft jetzt vor, und indem sie nach Hause dachte, wo sie nun bald zu dreien zusammensitzen würden, ging ihr ein Schauer über das Herz. Zum erstenmal würde sie ihn wiedersehen, nachdem sie ihm geistig in so ganz wunderbarer Weise nähergekommen war – zum erstenmal aber auch, nachdem der Frevel an ihm und seinem Werke begangen worden, zu dem sie mitgeholfen hatte. Ob er schon davon wußte? Ob nicht? Bange Frage. So leicht war es indessen nicht, davonzukommen. Die kleine Frau Therese war eine eifersüchtige Wirtin, die einen zu frühen Aufbruch als persönliche Kränkung nahm. Freda wollte nicht verraten, daß sie heute abend noch Schottenbauer bei sich zu Hause erwarteten; sie fand daher keinen triftigen Grund, der ihr verfrühtes Scheiden gerechtfertigt hätte, und die Folge davon war, daß sie länger festgehalten wurde, als sie ursprünglich gewollt hatte. Endlich schlug es zwölf, und nun erhob sie sich. »Papachen – in zwanzig Minuten kommt der Zug.« »Dann nur fort also«, erwiderte er; und nun ließen sie sich nicht länger halten. Mit dem Abschiednehmen und dem Anziehen der Mäntel und Überschuhe verging auch noch einige Zeit; dann setzten sie sich gemächlichen Schrittes in Bewegung, und als sie die Anlagen erreicht hatten, in denen ihr Haus lag, waren die zwanzig Minuten herum. »Was ist denn nur los?« fragte Papa Nöhring, als sie nur wenige Schritte noch von der Haustür waren, »es sind ja heute noch soviel Menschen auf den Beinen.« Für gewöhnlich war die Stadt um diese Zeit schon ganz ausgestorben, namentlich die Gegend, wo Nöhrings wohnten, völlig menschenleer. Heute war es anders. Gruppen von zweien und dreien kamen an ihnen vorüber, hastig schreitend, aufgeregt untereinander flüsternd. »Das sieht ja wirklich aus,« sagte Papa Nöhring, »als ginge das alles nach dem Bahnhof hinaus?« Er blieb mit Freda stehen. In dem Augenblick wurden sie von einer größeren Schar von Männern überholt, und nun vernahmen sie, daß in der Tat vom Bahnhof die Rede war. »Verzeihen Sie,« fragte der Regierungsrat, indem er den Davonschreitenden nachging, »gehen Sie nach dem Bahnhof? Ist da was los?« »Es soll ein Unfall geschehen sein,« erwiderte der Gefragte, »der Kurierzug, heißt es, ist auf einen Güterzug gestoßen.« »Der Kurierzug – aus Berlin?« »Ja, ja«, und der Mann lief hinter den andern drein. Freda kam heran; der Vater war stehengeblieben, ohne ihr entgegenzugehen; beim Schein der Laternen gewahrte sie, daß sein Gesicht leichenblaß geworden war. »Geh' nach Hause,« sagte er, »ich – muß gleich – auf den Bahnhof hinaus.« »Um Gottes willen, was ist denn geschehen?« »Der Kurierzug – mit dem er kommt – hat auf dem Bahnhof einen – Zusammenstoß gehabt.« Freda fuhr mit beiden Händen an den Mund. »Herrgott im Himmel – Papa, laß mich mit!« »Nein, nein, nein,« entschied er, »in deinem Kleid – ist ja ganz unmöglich – vielleicht – ist es ja auch gar nicht nötig – ach, gewiß ist es nötig – o Mein Gott, mein Gott, mein Gott –« Er wandte sich. »Geh' nach Hause,« sagte er noch einmal, »zünde Licht an – ich komme gleich wieder.« Damit setzte er sich in Gang, und nach einigen Schritten fing er an zu laufen, so rasch die alten Beine ihn tragen wollten. Freda ging über den Straßendamm; ihre Glieder waren schwer wie Blei. Der Vater hatte den Hausschlüssel mitgenommen; sie mußte klingeln. Das Mädchen öffnete. »Gnädiges Fräulein,« rief sie, als sie Freda erblickte, »aber wie sehen gnädiges Fräulein denn aus? Was ist denn passiert?« »Auf dem Bahnhof«, sagte Freda mit lallender Zunge, »ist ein Unglück geschehen.« Sie mußte sich an die Wand lehnen. »Zünde Licht im Salon an,« gebot sie, »die große Hängelampe; dann mach' auch Licht – auf der Treppe – und oben – überall.« Das Mädchen wollte ihr den Mantel abnehmen. Ungeduldig wehrte Freda ab. »Tu, wie ich dir gesagt habe – mach' Licht – mach' Licht.« Es war ein Bedürfnis in ihr nach Helligkeit und Licht; vielleicht um dem finsteren Grauen entgegenzuwirken, das in ihr aufstieg, vielleicht auch, weil ein Vorgefühl ihr sagte, daß man im nächsten Augenblick Licht brauchen würde, um – genau sehen zu können. Ein Schüttelfrost ging ihr vom Nacken bis in die Füße. Was würde sie zu sehen bekommen?! Schweren Schrittes trat sie in den Salon, wo das Mädchen unterdessen die Hängelampe angezündet hatte. Unter der Hängelampe, am großen runden Tisch, setzte sie sich nieder. Sie vergaß, daß sie noch das Tuch um den Kopf, daß sie noch den Mantel anhatte; vorgebeugten Leibes, die Hände im Schoß gefaltet, saß sie da, ihre Brust ächzte. Dann stand sie auf, um umherzugehen, an das Fenster zu gehen, weil sie meinte, daß sie das Stillsitzen nicht mehr ertrüge. Aber sie konnte nicht gehen und nicht stehen; die Füße trugen sie nicht. Sie fiel auf den Stuhl zurück und sah sich mit weit geöffneten Augen um. – Wie leer das Zimmer war, wie totenstill – war das derselbe Raum, in dem sie früher – in dem sie zuletzt mit ihm – ? Das Licht der Lampe – hatte das früher auch so fahl geleuchtet wie jetzt? Wo war sie denn nur? Was begab sich denn nur? Sie riß die Handschuhe ab und preßte sich die Fingernägel in die Hände, weil sie fühlte, wie die Ohnmacht, einer bleiernen Spinne gleich, ihr aus den Eingeweiden zum Hirn hinaufzukriechen begann. Jetzt lauschte sie auf – in der Ferne rasselte ein Wagen – der Wagen kam die Straße entlang – auf ihr Haus zu. Ohnmacht und Lähmung waren verschwunden – sie stand auf den Füßen – im nächsten Augenblick war sie draußen vor der Haustür. Aus der Richtung, in welcher der Bahnhof lag, kam eine Droschke heran; die Laternen zu beiden Seiten des Kutscherbocks leuchteten matt durch die Nacht; so langsam bewegte sich das Gefährt – so langsam – gewissermaßen vorsichtig – wie Wagen fahren, in denen – jemand sitzt – oder liegt – der – Sie biß mit den Zähnen in die Lippe – sie krallte mit den Nägeln in die hölzerne Tür – schreien wollte sie ja nicht, wollte sie ja nicht. – Jetzt hielt die Droschke an, vor ihrem Hause hielt sie an; einen Augenblick noch, dann wurde der Schlag von innen geöffnet; aus dem Innern stieg jemand heraus, ein Mann, ein fremder Mann, der leise in den Wagen hineinsprach, zu dem oder zu denen, die sich im Wagen befanden. Er wandte sich um und kam herüber, auf Freda zu; an der Mütze, die der Mann auf dem Kopf trug, sah sie ein messingenes Schild, es war ein Gepäckträger vom Bahnhof. Er hatte Freda stehen sehen. »Haben Sie ein Bett,« fragte er leise, »wo wir ihn hinlegen können?« Freda wollte etwas erwidern, aber der Atem schlug ihr in die Kehle zurück. Ohne zu wissen, was sie tat, packte sie den unbekannten Mann am Arm. »Ist er – tot?« »Nein, nein – tot ist er nicht. Haben Sie ein Bett?« Tot war er nicht – sie schüttelte sich, als wollte sie das Blei aus den Gliedern schütteln, das Blei – Percivals Zimmer war ja leer – seine Bettstelle stand in dem Zimmer, und eine Matratze war darin. Sie wandte sich zu dem Mädchen, das zähneklappernd hinter ihr stand. »Lauf hinauf – nimm die Schlüssel aus meinem Korb – geh' an den Wäscheschrank – tu Bettwäsche heraus – überzieh das Bett von meinem Bruder – lauf rasch –« Das Mädchen schoß die Treppe hinauf. Der Gepäckträger ging zur Droschke zurück. Der Kutscher war vom Bock gesprungen, um mit Hand anzulegen – sie griffen in den Wagen hinein, und nun kam es langsam, langsam aus dem Wagen hervor. Der Körper eines Menschen wurde sichtbar, lang ausgestreckt, regungslos, mit baumelnden Armen. Hinter ihm erschien ein anderer, der den Kopf des Dahingestreckten in beiden Händen hielt, ein alter Mann, dem der Hut vom Kopf gefallen war, dem das weiße Haar in feuchten Strähnen an der Stirn klebte, der Regierungsrat Nöhring, ihr Vater. Ihre Bürde in den Armen, mit tastenden Schritten, kamen die drei Männer über den Straßendamm, die flachen Stufen zur Haustür hinauf, sich gegenseitig mit flüsternder Stimme Weisungen erteilend. Freda wich in den Flur zurück. Jetzt traten sie in den hell erleuchteten Flur; jetzt konnte sie sehen. In Papa Nöhrings Händen lag ein wachsbleiches Haupt, mit geschlossenen Augen, mit einem weißen Verband umhüllt, den auf der einen Schläfenseite das rote Blut durchfeuchtete – Schottenbauer. Der Regierungsrat deutete mit dem Kopf nach der Treppe. »Alles fertig oben?« »Ja!« – ein heiserer Ton war es, der ihm den Bescheid gab. Als sie jedoch die Treppe zu ersteigen begonnen, reichte die Kraft des alten Mannes nicht mehr aus. Der Kutscher trat an seine Stelle und faßte den Ohnmächtigen unter den Achseln. Freda eilte voran, um ihnen den Weg zu zeigen. Langsam, langsam, langsam kamen sie hinter ihr drein. Neben ihnen ging Papa Nöhring, die Augen auf Schottenbauers Antlitz gerichtet – unablässig – unablässig. In Percivals ehemaliges Zimmer traten sie ein, draußen an der geschlossenen Tür blieb Freda stehen, das Ohr an die Tür gepreßt. Würde sie keinen Laut hören? Kein Lebenszeichen, auch wenn es nur ein Ausdruck des Schmerzes war? Sie hörte nichts. Nach einiger Zelt kamen die beiden fremden Männer wieder heraus. Die Tür blieb offen – sie sah hinein – regungslos wie vorhin, mit geschlossenen Augen, wachsbleich, in den schneeweißen Bettlinnen lag er da. Papa Nöhring stand über ihn gebeugt an der anderen Seite des Bettes. Er richtete das Gesicht auf. »Die Leute müssen etwas bekommen.« Freda stürzte hinaus. »Bitte, warten Sie.« Sie eilte in ihr Schlafzimmer, riß den Schrank auf und griff blindlings in ihre Kassette. Dann drückte sie den Männern das Geld in die Hand. »Is ja zuviel«, lehnten diese bescheiden ab. Freda drückte ihnen die Hände über dem Gelde zusammen. »Nehmen Sie! Nehmen Sie! Wir – wir danken Ihnen!« Der Gepäckträger nahm das Wort. »Sind Sie man nicht zu ängstlich, Fräulein; es is ein Arzt oben gewesen auf dem Bahnhof; kann alles wieder gut werden, hat er gesagt.« »Kann wieder – gut werden?« Ihre Augen waren trocken gewesen wie heißer Stahl; jetzt quollen ihr die Tränen hervor. »Ach – warten Sie – ich – möchte Ihnen noch etwas –« Sie machte Miene, noch einmal an ihre Kassette zu eilen. »Nich doch, nich doch«, wehrte der Gepäckträger ab. Mit dem Kutscher verließ er das Haus; die Tür fiel hinter ihnen zu. Im nächsten Augenblick war Freda wieder im Zimmer oben. Papa Nöhring hatte sich einen Stuhl herangeschoben und saß neben dem Bett. Sie beugte sich zu seinem Ohr. »Der Arzt – hat gesagt – es könne wieder gut werden.« Papa Nöhring blickte auf wie ein Ertrinkender, der Boden unter den Füßen fühlt. Er drehte sich herum, als wollte er Schottenbauers Kopf zwischen beide Hände nehmen; aber er besann sich, und so blieben seine Hände über dem bleichen Haupte schweben, ausgebreitet, als wenn Segen von ihnen ausgehen sollte, Segen, Hilfe und Errettung. Dann erhob er sich. Freda drängte sich an seine Brust. Mit stummer Gewalt preßte er sie an sich. Ihre Tränen flossen lautlos ineinander. Zwanzigstes Kapitel Aus Percivals Zimmer führte eine Tür in Papa Nöhrings anstoßende Gemächer. Freda nahm den Vater an beiden Händen, und indem sie ihm mit dem Kopf winkte, zog sie ihn hinter sich her, in sein Zimmer hinein. Wenn sie die Tür hinter sich offen ließen, behielten sie den Verwundeten im Auge und konnten jede seiner Bewegungen sehen. Wie war das Schreckliche denn nur geschehen? Gedämpften Tones erzählte ihr der Vater, was er wußte; viel war es nicht. Wie immer bei solchen Gelegenheiten, übersah man im ersten Augenblick das Geschehnis nur halb und halb. Der Kurierzug, so schien es, war zu rasch in den Bahnhof eingefahren; infolge davon war er auf einen Güterzug aufgerannt, der im Bahnhof stand. Ob der Güterzug auf falschem Geleise gewesen war, oder der Kurierzug – man wußte es noch nicht. Übermäßig groß war das Unglück allem Anschein nach gar nicht gewesen. Nur der vorderste Personenwagen hatte sich auf den vor ihm rollenden Gepäckwagen aufgebäumt – und gerade in jenem hatte Schottenbauer gesessen. Im Augenblick, als Papa Nöhring ankam, hatte man ihn aus dem Bahnhofsgebäude hinausgetragen; ein Arzt, der im Zuge fuhr, hatte ihm den ersten Verband angelegt. Auch ihm aber wäre vielleicht gar nichts geschehen – ein Reisender, der mit ihm in demselben Kupee gesessen hatte, war unbeschädigt davongekommen –, wenn er nur hätte stillsitzen wollen. Als sie aber in die Nähe der Stadt gekommen waren und die Lichter hatten aufleuchten sehen, wäre er so ungeduldig geworden, hatte der Mitreisende erzählt, daß er es auf seinem Sitz nicht mehr aushielt. Er war an das geöffnete Fenster getreten und hatte hinausgeblickt – gleich darauf war der Anprall erfolgt; durch den furchtbaren Stoß war er zur Seite geschleudert worden, mit dem Kopf gegen die Fensterkante, mit solcher Gewalt, daß er lautlos zusammengebrochen und bewußtlos liegengeblieben war. Papa Nöhring sah zu Boden. »Wenn er ruhig sitzengeblieben wäre – aber weil er sich so gefreut hatte – uns wiederzusehen – darum –« Die Stimme brach ihm ab. Er setzte sich nieder und weinte still vor sich hin. In dem Augenblick ertönten Schritte. Der Arzt, zu dem man das Mädchen geschickt hatte, kam mit dem Mädchen an. Er schritt zur Untersuchung und nahm den Verband ab. Freda und der Regierungsrat standen dabei und sahen zu. Ein langer, klaffender Spalt, aus dem es noch immer rot hervorsickerte, ging über die linke Schläfe bis in den Kopf hinauf. Es war das erstemal, daß Freda Blut und Verletzung an einem menschlichen Körper sah. Als der Arzt den Verband lockerte, hatte sie mit heimlicher Angst auf das gewartet, was sie zu sehen bekommen würde – nun sie es sah, war sie ganz ruhig. Der Kopf des jungen Mannes, der unter der dicken Umhüllung fast unkenntlich geworden war, kam jetzt, von allen Hüllen entblößt, in seiner ursprünglichen Gestalt hervor – sie sah nicht mehr den blutigen Spalt, sie sah nur noch diesen Kopf. Es war ihr, als sähe sie ihn zum erstenmal. War es der Ausdruck des Leidens und des Schmerzes, der wie eine feierliche Weihe darüber gebreitet lag, oder hatte sie früher nie bemerkt, wie edel die Linien dieses Hauptes waren? Diese breite, wölbende Stirn – diese schön geschwungene Linie, in der das jugendlich volle Haupthaar an die Stirn angesetzt war – und diese Blässe, in welcher das alles wie reiner, unbefleckter Marmor aussah – »Es läßt sich noch nichts sagen«, das war der achselzuckende Bescheid des Arztes. Ein wenig tröstlicher Bescheid. »Er ist noch immer bewußtlos; es kommt darauf an, wann er zu sich kommt. Geschieht es bald, dann ist es gut – sonst –« Der Arzt verschluckte den Rest seines Satzes. Man verstand auch ohnedem, was er sagen wollte. »Sonst ist es nicht gut« – und wenn etwas nicht gut ist, dann steht es schlimm. Schweigend nahmen Papa Nöhring und seine Tochter den Bescheid hin. »Kalte Umschläge müssen gemacht und die ganze Nacht hindurch erneuert werden«, fuhr der Arzt fort; »ist jemand da, der das besorgen kann?« »Das versteht sich«, entgegnete Papa Nöhring dumpf. »Es ist auch nicht nötig, daß die dicke Bandage immer wieder umgelegt wird; es genügt, wenn ein einfaches Leinentuch um den Kopf geknüpft und die Kompresse auf die Wunde gedrückt wird.« Der Arzt richtete sich auf. »Vorläufig ist nichts weiter zu machen; morgen früh komme ich wieder.« Damit ging er hinaus. »Papa,« sagte Freda, sobald der Arzt das Zimmer verlassen hatte, »nun tu mir die Liebe und geh' und lege dich nieder. Ich werde jetzt bei ihm bleiben und die Umschläge besorgen.« Papa Nöhring wollte Einwendungen machen. »Du hast ja immer noch dein seidenes Kleid an –« »Was kommt's denn darauf an?« Sie bestand auf ihrem Willen, und weil der alte Mann infolge der körperlichen Überanstrengung wirklich wie zerbrochen war, gab er nach. »Aber nur ein paar Stunden – dann löse ich dich ab.« »Dann lösest du mich ab.« Er warf noch einen Blick auf Schottenbauer, dann ging er und lehnte die Tür seines Zimmers leise an. Freda blieb zurück. Sie hatte von dem Mädchen eine Schüssel mit Eis heraufbringen lassen. Nun schickte sie auch das Mädchen zur Ruhe. Und nun war sie mit ihm allein. Sie machte eine neue Kompresse und befestigte sie, nach den Anweisungen des Arztes, auf der verwundeten Schläfe. Dann setzte sie sich auf den Stuhl zur Seite des Bettes, und dort saß sie nun. Unter dem feuchten Umschlage, den sie ihm aufgelegt hatte, kam ein Tropfen hervor, halb Wasser, halb Blut, und rollte langsam zwischen Ohr und Wange zum Halse hinab. Immerfort sah sie dem gleitenden Tropfen nach; wie eine Träne beinahe sah er aus, wie eine schwere, dicke Träne. Weinte er? Nein, nein – und doch – indem sie das bleiche, schmerzensvolle Antlitz betrachtete, kam sie von der Vorstellung nicht los, daß er dennoch weinte. Warum? Weil er Abschied nehmen mußte von dem Leben, das er sich, einer spottenden Welt zum Trotz, kraft eigener Kraft erschaffen hatte, und aus dem ihn nun, mitten in der Jugend, ein brutaler Zufall hinausriß? Oder sammelte sein scheidender Geist sich in letzter Stunde noch einmal und fühlte all die Schmerzen noch einmal, die ihm die Menschen angetan hatten, und unter den Menschen am bittersten sie, die jetzt hier an seinem Lager saß in grimmer Gewissenspein, in brennender, trostloser Reue? Unverwandt hingen ihre Augen an seinem Gesicht; kein Glied ihres Körpers bewegte sich; lautlos und unerschöpflich rannen die Tränen aus ihren Augen und fielen tropfend auf ihre Hände im Schoß. Wie jeder Gedanke wieder da war, mit dem sie seiner gedacht hatte, und wie häßlich ein jeder war, wie häßlich! Wie sie sich geärgert hatte, wenn die andern ihm Beifall spendeten, wie sie sich daran ergötzt hatte, wenn sie ihn mit Klatscherei und Hohn verfolgten. Wie sie die Blumen behandelt hatte, die er ihr damals gebracht, die schönen, stillen, duftenden Rosen, wie sie sie zerpflückt, zerfetzt und von sich geworfen, und wie sie ihr Herz zum Schweigen gebracht hatte, das ihr zurief: »Du tust nicht recht!« War denn kein Gedanke da, an den sie sich klammern, kein Trost, hinter den sie sich flüchten konnte vor ihren Selbstvorwürfen? Nun – zuletzt hatte sie ihm ja doch nachgegeben und ihm erlaubt, daß er sie in die Arme und an sein Herz schloß – Zuckend aber fuhr sie auf. Warum hatte sie es getan? Aus Liebe? Nein! Weil sie durch seine reine Umarmung wieder rein werden wollte von der Befleckung, die sie erlitten hatte. Aus Eigennutz also, aus schnödem, gemeinem Eigennutz! Es war ihr, als stünde sie sich körperlich gegenüber und müßte sie sich anspeien vor wütender Verachtung. Darum hatte sie wie ein Eisblock in seinen Armen und unter seinen Küssen gelegen, hatte wie eine Bettlerin vor ihm gestanden, die ihm nichts zu geben vermochte, während er ihr alles, alles und alles gab. Belogen hatte sie sein Gefühl und betrogen, und sich wohl gar noch gefreut, daß er sich so leicht belügen ließ, weil sie zu elend war, zu fühlen, daß er zu der seltenen Menschenart gehörte, deren Herz leichtgläubig ist, leichtgläubig, groß und unvermögend, zu denken, daß es elende, kleine, erbärmliche Herzen gibt! Und nun jetzt, da endlich, endlich, endlich ein Bewußtsein in ihr aufzudämmern begonnen hatte, was dieser Mann und wer er war, daß es eine Welt war, die er ihr geben konnte, geben wollte, daß sie wie eine Törin und Närrin, wie ein trotziges, kindisches Kind sich gegen ihn gesträubt und gewehrt hatte, jetzt, da ihr Herz endlich warm zu werden begonnen hatte, da sie zum erstenmal mit sehnsüchtig zitternder Hand nach der Hand des Mannes hatte greifen wollen, die sie hinausführen sollte aus Enge und Dumpfheit in die Lebenslust des Geistes, jetzt, da alles in ihr sich zu wandeln, da sie ihn zu lieben angefangen hatte, jetzt kam dieser Donnerschlag des Geschicks, und alles war zu Ende und zu spät! Zu Ende nun das Leben, das wie ein ahnender Traum der Glückseligkeit vor ihr aufgegangen war, das mitschaffende Leben an der Seite des schaffenden Mannes! Zu spät nun, daß sie mit gerungenen Händen neben ihm saß und daß ihr brechendes Herz ihm zuschrie: »Ich habe unrecht an dir getan! Vergib! Vergib! Vergib!« Er hörte sie nicht, er würde sie nie mehr hören. Diese Augen, die im Feuer des Geistes gelodert und gleich darauf wie die schalkhaft freundlichen Augen eines freundlichen Kindes geblickt hatten, sie öffneten sich nicht mehr, würden sich nie mehr öffnen, nie mehr! Diese Hände, die jetzt so weiß, so kalt, so tot auf der Bettdecke lagen, sie würden sich nie mehr in ihre Hand schmiegen, nie mit Blumen mehr für sie füllen, nie mehr Worte schreiben, die ihr Seele und Geist mit Wonne und süßer Seligkeit erfüllten – nie mehr! nie mehr! nie mehr! Von der Gewalt ihrer Verzweiflung übermannt, glitt sie vom Stuhl und sank vor dem Bett in die Knie. Auf seine bleichen Hände drückte sie die Lippen und überströmte sie mit ihren Tränen. Und dann, als wenn sie ihn festhalten könnte im Leben, und weil ein wütendes Verlangen in ihr war, ihn festzuhalten im Leben und bei ihr, schlang sie die Arme um seinen regungslosen Leib und drückte den Mund auf seinen Mund und küßte ihn auf die Augen, auf Wange und Stirn, und »Bleibe bei mir!« stöhnte sie unter Schluchzen und Tränen, »geh nicht von mir! Bleibe bei mir!« Und in dem Augenblick fuhr sie mit dem Gesicht zurück – Ein Zucken war durch seine Glieder gegangen – ein Seufzer kam von seinen Lippen – langsam schlug er die Augenlider zurück, und mit großen, dunklen, traumumflorten Augen blickte er sie an. Sie wagte kein Glied zu rühren, sie wagte kaum zu atmen. Lautlos starrten die beiden Menschen sich in die Augen. »Walther,« sagte sie dann mit leisem, süßem Ton, »kennst du mich nicht?« Es war, als müßte sein Geist aus weiter Ferne zurückkommen; man sah ihm die Anstrengung an, sich zu besinnen und zu erinnern. Dann hob er die Hände und strich mit schwacher Bewegung über ihre Stirn und ihr blondes Haar. »Mein Gott – ist das nicht – Freda?« Sie verschlang die Tränen, die ihr aus den Augen brechen wollten, sie zwang den Jubelschrei nieder, der sich von ihren Lippen ringen wollte, nur das Zittern ihrer Hände und ihres Leibes verriet den Sturm, der sie durchwühlte, während sie mit gefaßter Stimme antwortete: »Freilich ist es die Freda, Walther; und weißt du denn nicht, daß du bei ihr und bei dem Papa bist?« Ein dämmerndes Lächeln ging über seine Züge, beinahe der Widerschein eines Lächelns nur, aber es verstärkte und verstärkte sich, und jetzt lachte ihm wirklich das ganze Gesicht, und er hob beide Arme auf. »Ach ja – und da ist ja auch der Papa.« In der Tür des Zimmers stand Papa Nöhring, der durch Fredas laute Worte geweckt worden und aufgesprungen war. Als er jetzt die Worte vernahm, als er begriff, daß Schottenbauer lebte, wieder bei sich war und ihn erkannte, brach ein dumpfer, unartikulierter Laut aus seiner Brust hervor. Beide Arme streckte er aus. Es sah aus, als wollte er sich über ihn herstürzen. Freda flog ihm entgegen. »Papachen! Vorsicht, um Gottes willen!« Sie hatte sich an seine Brust geworfen. Die Tränen liefen ihm über die Backen, Er weinte, er lachte, alles durcheinander. »Hast recht.« Dann schob er sie beiseite. Mit einem Schritt war er am Bett; er sank in die Knie, drückte das Gesicht auf Schottenbauers Brust und klopfte und streichelte ihn. »Mein Junge – bist du wieder da? Mein Junge – mein Junge!« Papa Nöhring hatte sich wieder aufgerichtet; er saß auf dem Stuhl; zur andern Seite des Lagers stand Freda. Stumm lächelnd, wie ein müdes Kind, griff Schottenbauer nach Papa Nöhrings und nach Fredas Hand. Eine nach der andern zog er an seine Lippen und küßte sie; dann vereinigte er die beiden geliebten Hände auf seiner Brust, sah noch einmal, glücklich lächelnd, in die Gesichter der beiden auf, schloß sodann die Augen, und mit einem langen, aus tiefster Brust entströmenden Atemzuge schlief er sanft und ruhig ein. Lange, lange ließen Freda und der Vater ihre Hände da ruhen, wo Schottenbauer sie zusammengefügt hatte. Dann, als sie merkten, daß seine Hände nachließen und daß er wirklich eingeschlafen war, nickten sie sich zu und zogen behutsam ihre Hände zurück. Auf den Fußspitzen, leise, leise, schlichen sie hinaus, in Papa Nöhrings Zimmer, in das alte grüne Zimmer hinüber; dort, an dem runden Tisch, blieb der alte Mann stehen und breitete beide Arme aus. Aufschluchzend warf Freda sich in seine Arme, an seine Brust, und wortlos hielten sie sich umschlungen. »Gott wird ihn uns nicht nehmen,« stammelte Papa Nöhring, »er wird ihn uns nicht nehmen.« »Nein, Vater« – Freda reckte sich auf, so daß ihr Mund am Ohr des Vaters war –, »er wird ihn dir lassen, und er wird dein Sohn sein und dir mehr gehören als je zuvor, denn von heute an wird deine Tochter ihm gehören mit Herz und Seele und Leib.« Einundzwanzigstes Kapitel Früh am nächsten Morgen erschien der Arzt wieder und stellte mit Erstaunen fest, daß der Zustand des Verwundeten sich überraschend zum Guten gewandt hatte. »Die Luft hier im Hause scheint ihm merkwürdig zu bekommen«, sagte er, als er mit Nöhring Vater und Tochter aus dem Krankenzimmer trat. Dabei zwinkerte er mit den Augen zu Freda hinüber. Es war der alte Medizinalrat, der langjährige Hausarzt bei Nöhrings. Papa Nöhring schlug ihm auf die Schulter. »Immer ein gutes Zeichen,« sagte er, »wenn die Doktoren anfangen, schlechte Witze zu machen.« Inzwischen hatte sich die Nachricht von dem Eisenbahnunfall und von Schottenbauers Verletzung in der Stadt verbreitet. Bald nachdem der Arzt gegangen war, klingelte es wieder hastig und laut an der Haustür. Percival stand davor. »Kann ich ihn nicht sehen? Nicht einen Augenblick sehen?« Sein Gesicht war wie vereist in Bestürzung und Angst. Vor der Tür des Krankenzimmers berieten Papa Nöhring und Freda, ob sie ihn hineinlassen dürften. Im Augenblick, als sie zu der Entscheidung gelangt waren, daß es unmöglich sei, vernahm man aus dem Innern des Zimmers Schottenbauers Stimme. »Ist es der Percival? Oh, den laßt nur herein.« »Aber keine Aufregung!« flüsterte ihm die Schwester hastig zu, »Ruhe!« »Ja, ja –« Seinem Versprechen zum Trotz liefen ihm aber dennoch die Tränen über die Wangen, als er zu Schottenbauer herantrat und dessen Hand ergriff. Schottenbauer sah zu ihm auf und sah den Ausdruck tiefen Mitgefühls in dem gutmütigen, hübschen Gesicht. »Wie konntet ihr ihn denn fortschicken wollen?« wandte er sich an Freda und den Papa; »wißt ihr denn nicht, daß alles mir gut tut, was Nöhring heißt?« Er hielt Percival noch immer an der Hand, dann machte er ihm ein Zeichen, daß er den Kopf zu ihm herabbeugen sollte. Ein Lächeln ging über seine Züge, das alte freundlich-schalkhafte Lächeln. Er flüsterte ihm etwas zu, und Freda, die unverwandt zugesehen und gehört hatte, gewahrte, wie Percival feuerrot wurde. Sie glaubte verstanden zu haben, daß er ihn gefragt hatte: »Wie geht es denn, Bruno Waldenberg?« Als Schottenbauer Percivals Verlegenheit sah, streichelte er begütigend über sein Gesicht. »Ich habe soviel zu tun gehabt – habe dir noch gar nicht antworten können auf deinen Brief – du hast dich gewiß schrecklich aufgeregt – armer Kerl.« Percivals Augen leuchteten förmlich auf. Er preßte Schottenbauers Hand. »Morgen komm ich wieder,« sagte er, »morgen komm ich wieder, du – du – famoser –« Mit einem hastigen Kopfnicken riß er sich los. Als er draußen war, flog Freda hinter ihm drein. »Percy!« Auf der Treppe hatte sie ihn erhascht und hielt ihn fest. »Du hast an ihn geschrieben?« Die Röte der Verlegenheit lag noch immer auf seinem Gesicht. Er blickte an der Schwester vorbei. »Natürlich, und du siehst, wie er es aufgenommen hat.« Sie hatte mit beiden Händen in sein Haar gegriffen und schüttelte seinen Kopf in der zärtlichen Art der früheren Tage. »Ach – du Junge – du Junge!« Eine Zentnerlast hatte auf ihrer Seele gelegen – und ein Lächeln des Menschen dort drinnen hatte die Last hinweggeblasen. Percival duldete, daß sie ihn an den Haaren zupfte. Dann riß er sich los. »Es ist ein Mensch – na, überhaupt – ich sage kein Wort!« Damit sprang er die Treppe hinunter. Freda kehrte zurück und setzte sich wieder neben Schottenbauers Bett. Ganz leise setzte sie sich, ganz befangen und demütig. Mit beiden Händen nahm sie seine Hand auf und führte sie an die Lippen. »Aber – Freda?« sagte er. Es dauerte lange, bis eine Antwort kam. Auf der Zunge schwebte ihr das Wort: »Du hast mir meinen Bruder wiedergegeben.« Aber sie streichelte nur seine Hand. »Ich habe bis heute nicht gewußt, was du für schöne Hände hast.« Sie hielt seine Hand in ihren Händen verwahrt. Dann beugte sie das Haupt auf sein Kopfkissen. »Wird sie bald wieder schöne Sachen schreiben, die geliebte Hand?« Er blickte ihr stumm in die Augen, und in seinen Augen las sie, daß der Quell wieder lebendig in ihm war, aus dem seine Dichtung floß, das große, gütige Herz. Papa Nöhring kam hinzu. »Die Hausklingel«, sagte er, »habe ich schon mit Papier umwickeln lassen, damit sie nicht solchen Spektakel macht. Aber wir müssen wirklich eine Tafel anbringen, daß Besuche nicht angenommen werden. Das ist ja ein Taubenschlag, unser Haus, ein Taubenschlag.« Es war, wie er sagte; alles, was mit dem Hause Nöhring auch nur in entferntesten Beziehungen stand, kam herbei, um persönlich Auskunft einzuholen, und alles wurde im Flur drunten abgefertigt und durfte nicht weiter. Wie eine Löwin verteidigte Freda die Pforte seines Gemachs. Mit Fräulein Nanettchen kam es beinahe zum Kampf; sie wollte die Treppe im Sturm nehmen und mußte fast gewaltsam unten festgehalten werden. Nur das Versprechen, daß, sobald er es vertragen würde, sie sich im Salon bei geöffneten Türen sollte an den Flügel setzen und ihm von unten etwas vorspielen dürfen, bewog sie endlich zum Rückzuge. Eine aber war, gegen die Fredas und Papa Nöhrings vereinte Kräfte nichts ausrichteten, denn als deren Stimme im Flur erscholl, griff Schottenbauer wieder in die Sache ein. »Nein,« rief er aus seinem Zimmer, »Tante Löckchen schickt nicht fort, die will ich sehen.« Ein Triumphschrei war die Erwiderung. »Seht ihr's? Tante Löckchen will er sehen.« Ein Rauschen ging über die Treppe, und im nächsten Augenblick saß sie an seinem Bett. »Aber nun sagen Sie mir, Kindchen, Kindchen, was Sie uns für Geschichten machen! Halb zu Tod haben wir uns erschrocken, als wir es gehört haben! Aber nun geht es schon wieder besser, nicht wahr? Und nächstens wird es wieder ganz gut sein, nicht wahr?« Er nickte lächelnd. »Wenn man so gepflegt wird –« Draußen vor der Tür erhob sich jetzt eine schmetternde Stimme. »Guten Morgen, mein lieber Schottenbauer –« »Du darfst nicht herein, alter Mann,« erklärte eifrig Tante Löckchen, »du darfst unter keinen Umständen herein!« »Weiß ich ja,« entgegnete Herr Major a.D. Bennecke, »wollte ihm ja nur sagen, ich bin auch da, und wollte fragen, ob er irgend was braucht, ob ich ihm was besorgen kann?« Papa Nöhring machte ein beinahe eifersüchtiges, ärgerliches Gesicht. Wer sollte ihm denn etwas zu bringen brauchen, wo er, Papa Nöhring, war? Schottenbauer griff nach der Hand des Regierungsrats. Er konnte jetzt schon wieder lachen. »O ja, Herr Major, Sie könnten mir einen großen Gefallen tun, die braune Diana könnten Sie mir einmal zum Besuche mitbringen, damit ich ihr schönes seidenes Fell streicheln kann.« »Soll geschehen, mein lieber Schottenbauer! Morgen bringe ich sie Ihnen mit! Komm jetzt mit, Alte, du hast lange genug bei ihm gesessen.« Tante Löckchen schüttelte den Kopf, daß die Lockentrauben klingelten. »Sehen Sie solch einen Mann! Das ist nun die reine Eifersucht, daß er mich weg haben will von Ihnen, weil er nicht hereingedurft hat! Ach Kindchen, Kindchen, die Männer – aber Sie sind ja selbst einer. Na – also will ich jetzt nur gehn – aber morgen komm ich wieder. Nicht wahr? Und alle Tage. Nicht wahr? Und sobald Sie wieder auf den Beinen sind, kommen Sie herüber zu uns. Nicht wahr?« Sie wollte fort – an der Hand hielt er sie fest und sah ihr von seinem Kopfkissen aus in die Augen hinauf. »Tante Löckchen – wissen Sie, woran ich dachte? An den Tag, als ich Sie zum erstenmal über die Brücke habe gehen sehen. Ich war damals eben angekommen, und die ganze Stadt war mir so fremd, und ich dachte so bei mir: ›Hier wirst du gewiß nicht lange aushalten.‹ Und wie ich Sie nun so sah, und obgleich ich noch gar nicht wußte, wer Sie waren, sehen Sie, Tante Löckchen, da wurde mir mit einemmal so ganz anders – und in dem Augenblick hab' ich eine Ahnung gehabt –« Er unterbrach sich – alle Anwesenden schwiegen – eine lauschende Stille trat ein. Unmerklich öffnete sich die Tür, und allen Verboten zum Trotz wurde ein weißer Schnurrbart sichtbar und ein grauer Kopf, der horchend hereingestreckt wurde. »Eine Ahnung,« fuhr er leise fort, »daß alles ganz anders kommen würde, als ich es in dem Augenblick gedacht hatte, daß ich mit der Stadt zusammenwachsen würde wie mit einer Heimat, und daß sie mir das Bild der ganzen Menschheit immerdar abspiegeln würde in den Menschen, die hier diese Stadt bewohnen – und nun ist meine Ahnung eingetroffen, Tante Löckchen – ist das nicht merkwürdig?« Die alte Frau sah auf ihn nieder, und während ihr Tränen in die Augen traten, ging ein schönes, kluges Lächeln über ihr liebes Gesicht. »Schottenbauerchen, Kindchen, liebes, das kann ich so merkwürdig nicht finden. Ich habe ja von dem, was man die Dichtung nennt, nur so einen schwachen Dunst, wie man zu sagen pflegt. Aber so viel ist mir doch klar geworden, daß die wahre Dichtung, ich meine die, verstehen Sie, die den Menschen wirklich etwas gibt, einen Trost im Kummer und eine Freude in Freuden, nur aus der Erfahrung kommt. Und Erfahrung kann man doch nur an einigen wenigen Menschen machen. Und wenn man die so in sein Herz hereinnimmt und dann wieder aus seinem Herzen herauskommen läßt, daß sie die andern erkennen mit allen ihren Fehlern und Tugenden und Großem und Kleinem, und gleich fühlen, so wie die einigen wenigen sind eben die andern Menschen ungefähr alle auch, sehen Sie, dann ist man eben ein Dichter, und dem ist man dankbar, weil er einem Gutes tut, und den – hat man darum lieb – lieb – sehr lieb.« Sie neigte sich herab und küßte ihn mit einem langen, langen Kuß. Dann richtete sie sich auf, wischte sich die Augen, nahm ihren alten Mann unter den Arm und ging still mit ihm die Treppe hinunter. Auf dem Flur drunten blieb sie noch einmal stehen. Freda war ihnen gefolgt. Tante Löckchen breitete die Arme nach ihr aus. »Freda, Herzenskind, hat er dich gut gefahren, der alte Kutscher, von dem ich dir gesagt habe?« Fredas Wange lag an ihrer Wange. »Besser, als ich's verdient habe, Tante Löckchen, ja.« Zweiundzwanzigstes Kapitel Man war im November, der Winter schritt vor; ein Winter mit Frost und Kälte und reichlichem Schnee. Auf dem Dache des Nöhringschen Hauses türmten sich weiße Ballen; Wege und Bäume des Gartens waren tief verschneit; alle Fensterkanten wie mit silbernem Flaum umwoben. Wenn man draußen vorüberging, erschien das Haus wie ein Gesicht, das aus weißer Pelzkappe hervorschaut; wenn man hineintrat, spürte man, daß drinnen nicht Winter war. Wer hätte sagen können, welche Jahreszeit dort herrschte? Im Märchen gibt es keine Zeit. Und ein Märchen war in dem Hause. Drei glückselige Menschen waren darin. An dem Tage, als Schottenbauer zum erstenmal, noch blaß und mühselig, die Treppe hinuntergestiegen und in den Salon getreten war, hatte er beide Hände über dem Kopf zusammengeschlagen – auf dem großen runden Tisch mitten im Salon lagen all seine Papiere und Schreibereien; sein Arbeitsstuhl stand vor dem Tisch. »Nicht, daß du darum nun gleich wieder anfangen und schreiben sollst,« erklärte Papa Nöhring, »nur damit du es gemütlich hast und siehst, daß du zu Hause bist.« Schottenbauer wiegte langsam den Kopf. »Aber mitten in dem eleganten Salon?« »Was das anbetrifft,« sagte Freda, »siehst du, da hab' ich mir einen ganz besonderen Federwisch angeschafft, mit dem ich jeden Morgen die Papiere abstäube – darf ich's?« Sie zeigte ihm den zierlichen Federquast. Er nahm ihn ihr aus der Hand und umspielte damit zärtlich ihr feines Näschen. »Ob du es darfst? Ich bin abergläubisch, siehst du. Nun weiß ich, daß deine Augen und deine Hände jeden Morgen auf meiner Arbeit ruhen werden – das wird mir Glück bringen.« So ging ihnen die Zeit vorbei wie ein Traum, wo hundert Jahre sind wie ein Tag, und wo ein Tag gleich hundert Jahren ist. Von der schneegepolsterten Straße drang kaum ein Laut zu ihnen hinein; Besuche durften immer nur kurz verweilen; Gesellschaften waren vorläufig noch ganz ausgeschlossen. Wie abgeschieden von der Welt lebten die drei Menschen, und in der Stille, die sie umgab, war es wie ein feiner, geheimnisvoller Ton, wie der Ton, den wir vernehmen würden, wenn unsre Sinne scharf genug wären, um das Wachsen der Blätter an den Bäumen, das Sprießen der Frucht auf dem Felde hören zu können – ihre Seelen waren es, deren Aufblühen sie vernahmen, die sich öffneten in schauernder Lust und ineinanderwuchsen mit Fasern, Fäserchen und sehnsüchtig klammernden Trieben. Jeder Tag war ein Fortschritt in Schottenbauers Genesung; und indem er zwischen Vater und Tochter saß mit dem Gefühl, daß er es sei, der alles von ihnen empfinge, war in ihnen die Empfindung, daß er sie beschenkte, indem er ihnen das ersehnte Gut, seine Wiederherstellung, nicht plötzlich und auf einmal, sondern langsam, Tag für Tag, gewährte, so daß jeder einzelne Tag seinen Reichtum und seine Gabe besaß. Des Abends mußte immer noch früh zur Ruhe gegangen werden, und Freda war es, die mit sanfter Energie darüber wachte, daß es geschah. Der alte Papa fing schon wieder an, über die Stränge zu schlagen, und wenn sie des Abends plaudernd zusammensaßen, fand er es immer noch zu früh zum Gutenachtsagen. Wenn Schottenbauer dann verschwunden war, blieb er gewöhnlich noch mit der Tochter ein Weilchen allein. Er reckte die Arme aus: »Es ist um toll zu werden vor rasender stiller Glückseligkeit.« Nun kam auch die Zeit, wo Schottenbauer wieder zu lesen anfangen konnte. Eines Tages, als er allein im Salon saß und lässig mit den Augen umhersuchte, bemerkte er einen Haufen Blätter, die, locker in eine Zeitung eingeschlagen, auf dem untersten Fach des Notenrepositoriums neben dem Flügel lagen. Waren das Noten? Er nahm den Pack auf und entfaltete ihn. Es waren mehrere Nummern des Amts- und Kleisblatts, und es war Bruno Waldenbergs Erzählung. Als Freda, die in der Wirtschaft tätig gewesen war, einige Zeit später eintrat, sah sie ihn lesend am Fenster sitzen. Sie erkannte, was er las, und blieb lautlos stehen. Soeben legte er das letzte Blatt aus der Hand. Er wandte das Haupt, und als er sie in der Entfernung stehen sah, reckte er die Hand nach ihr aus. Schüchtern trat sie heran. »Du – hattest es schon gewußt?« fragte sie. »Er hatte mir ja geschrieben, daß er wollte,« erwiderte er, »gelesen hatt' ich's noch nicht.« »Und nun – bist du ihm – böse?« Sie hatte das Haupt an seine Wange geschmiegt. Er legte den Arm um sie und schob sie sanft herum, so daß ihr Gesicht dem seinigen gegenüber war. »Aber Freda – böse? Wenn ein Stoff benützt ist, so ist er darum doch noch nicht geschrieben?« Sie schlug die Hände zusammen. Ihr Gesicht leuchtete auf. »Mein Gott,« rief sie, »wie einfach das ist und wie wahr! Und daran hatte ich gar nicht gedacht!« Vor dem Stuhl, auf dem er saß, stand eine Fußbank; kniend sank sie darauf nieder und stützte die Arme auf seine Knie. »Wieviel klüger du bist als ich! Wieviel besser, größer und klüger als wir alle, alle, alle!« Sie ließ sich niedergleiten, so daß sie zu seinen Füßen saß; mit schweigendem Lächeln blickte er in das holde Antlitz hinab, das sich zu ihm erhob. »Siehst du,« sagte er dann, »nun sitzest du geradeso bei mir, wie auf dem alten Bilde mit dem Percival.« »Was für ein Bild?« fragte sie. »Auf deinem Nähtischchen – geh', tu mir die Liebe, bring' mir's einmal her.« Freda erhob sich, und als er das Bild in Händen hielt, sah er mit liebevollem Blick darauf nieder. »Siehst du, wenn ich den Percival nicht liebgehabt hätte vom ersten Augenblick an, so würde ich ihn liebgewonnen haben, seit ich gesehen habe, wie ihn die Freda hier auf dem Bilde ansieht.« Sie saß wieder, wie sie eben gesessen hatte. Zärtlich streichelte er das geliebte Haupt. »Es ist nicht mehr weit bis zu Weihnachten«, fing er wieder an; »willst du mir ein Geschenk machen?« Fragend blickte sie auf. »Schenk mir das Bild – willst du?« Sie schlang sich mit den Armen um ihn. »Das alte Ding – möchtest du haben?« »Ja,« erwiderte er, »und dafür will ich dir alsdann auch etwas schenken – weißt du was? Die Geschichte des alten Bildes will ich erzählen, die Geschichte von Freda und Percival Nöhring. Und das wird eine von denen sein, weißt du, die man nicht aufzuschreiben braucht vorher, weil es ein Erlebnis ist, das man nicht vergißt.« Er hatte das Haupt zu ihr gesenkt. So tief ineinander versunken saßen sie da, daß sie es überhörten, wie die Tür sich geräuschlos öffnete. »Na, Kinder!« ertönte Papa Nöhrings fröhliche Stimme. Nun fuhren sie auf, und Schottenbauer ging auf ihn zu. »Weißt du, was wir gemacht haben, Papachen? Wir haben uns gegenseitig aufgebaut, die Freda und ich, zu Weihnachten.« »Wahrhaftig,« rief Papa Nöhring, »daran hatt' ich ja noch gar nicht gedacht.« »Siehst du,« meinte Schottenbauer, »wie gut, daß wir dich daran erinnern; denn von dir erwarten wir auch ein Geschenk.« »So, so? Na, was wird's denn sein?« »Daß du uns die Hochzeit ausrichtest unter dem Weihnachtsbaum.« »Ist 'ne Idee!« lachte Papa Nöhring auf. »Was sagt denn die Freda dazu?« Sie sagte nichts. Sie schmiegte sich an den Vater, eng, fest und süß, und ihre schweigenden Augen sprachen vernehmlicher, als Worte vermocht hätten: »Ja, ja, ja.«