Wilhelm von Polenz Der Pfarrer von Breitendorf – Zweiter Band I. Eine Stimmung unzufriedener Zerfahrenheit war über Gerland gekommen, – ein Erfolg seines letzten Besuches in Annenbad. Ihm war zu Mute wie einem Menschen, der das Haus des Nachbars brennen sieht und weiß, daß seine eigene Behausung mit Stroh gedeckt ist. Das altbewährte Mittel, in angestrengter Thätigkeit die Zweifel zu ersäufen, wollte diesmal nicht recht verfangen. Es war etwas wie ein Reif auf seine Freudigkeit gefallen; mitten in einer Amtshandlung begegnete es ihm, daß er den tollen Wunsch in sich aufsteigen fühlte, laut aufzulachen. Am schlimmsten stand es mit dem Gebet, er konnte es zu keiner Inbrunst, keiner unbefangenen Hingabe bringen. Die Flamme des Opfers schwelte am Boden hin, als halte sie ein feindlicher Wind danieder. Und seine Freude am Konfirmationsunterricht war in das gerade Gegenteil umgeschlagen. Die Vorbereitung der Hauptstücke führte ihn auf tausend Fragen und Zweifel; Symbole, die ihm bisher heilig in der Ehrwürdigkeit ihres grauen Alters gewesen waren, sahen ihn auf einmal in heller Tagesbeleuchtung mit befremdend nüchternen Zügen an. – Über Kleinigkeiten stolperte er und blieb an einem Worte, einer Wendung im Bibeltext oder Katechismus hängen, über die er früher glatt hinweggelesen hatte. Mit der naiv freudigen Hingabe an den Stoff war es zu Ende; es gab ein Aufdruseln und Wiederzusammenflicken – eine Arbeit, bei der mehr Maschen fielen, als aufgenommen wurden. Ganz anders trat er jetzt vor die Kinder, nicht mehr frei und freudig, sondern mit dem Gefühle schwerer Verantwortung belastet. Er wollte nicht, daß die jungen Seelen etwas einbüßen sollten, sie durften es nicht empfinden, daß er ein anderer geworden war; nach wie vor wollte er ihnen das beste geben – und so schraubte er sich zu Gefühlen hinauf, die er nicht empfand. Dabei hatte er immer die Empfindung, die Kinder müßten ihn durchschauen – als würden sie matter, weil ihres Lehrers Begeisterung matt geworden. Er war mißtrauisch gegen sich und andere. In jene Zeit fielen Ereignisse innerhalb der Gemeinde, die bald seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen und ihn über die unfruchtbare Trostlosigkeit dieser Stimmung hinwegrissen. Bei einem Gange durchs Dorf traf er gänzlich unverhofft auf die Pastorin Menke. Als er die bekannte Gestalt der Witwe etwa fünfzig Schritte vor sich in einer Wegekrümmung auftauchen sah, durchzuckte ihn heftiger Schreck. Sie bemerkte ihn etwas später; für einen Augenblick machte sie Halt, offenbar unschlüssig, was sie thun solle. An ein Ausweichen war nicht mehr zu denken; so überwand er denn seine Verlegenheit und blickte ihr im Entgegengehen scharf ins Gesicht. Auch sie hatte sich inzwischen gefaßt, sie schien die Beleidigte spielen zu wollen; mit zurückgeworfenem Kopfe und gerümpfter Nase kam sie heran. Was mochte sie in Breitendorf wollen? Gerland stellte die Frage an den Gemeindevorsteher, den er bald darauf traf. Er erfuhr von ihm, die Witwe sei bereits am vorigen Sonntage, – den der Geistliche in Annenbad verbracht, – nach Breitendorf gekommen, angeblich um das Grab ihres verstorbenen Gatten zu besuchen. Sie wohnte bei ihrer Busenfreundin, der Frau des Gutsbesitzers Finke. Der Gemeindevorsteher ließ dann noch einige, zweideutige Bemerkungen fallen, von diesem Weibsstücke, das nur Stänkereien ins Dorf bringen wolle. Aber die Gemeinde werde sich an ihrem Pastor nicht irre machen lassen. – Mehr war nicht aus dem vorsichtigen Manne herauszubringen. Die Witwe hatte ihn verleumdet, das war klar. Welcher Art die Verleumdung sein mochte, lag auf der Hand; wenn anders der alten Regel zu trauen, daß man den Nächsten nur gar zu gern des eigenen Unrechts bezichtigt. Auch daß sie bei den Finkes wohnte, war wohl kein Zufall. Sie mochten sich dort alle recht hübsch zusammenfinden, die Clique seiner Widersacher in der Gemeinde. – Pastorin Menke schien für einige Zeit in Breitendorf bleiben zu wollen. Gerland bemerkte sie am nächsten Sonntage in der Kirche. Mit blumengeschmücktem Hut und Seidenmantille, paradierte sie im Schiff des Gotteshauses. Mancherlei geringfügige Anzeichen deuteten auf ihre geheime Minierarbeit: der Gutsbesitzer Finke, Mitglied des Gemeinderates, grüßte den Geistlichen nicht, als sie sich zufällig begegneten; an der Thür des Pfarrhauses entdeckte er eines Morgens ein zotiges Bild mit Kreide angezeichnet. Das Bewußtsein, klug gehandelt zu haben, ließ keinen rechten Haß in seiner Seele aufkommen. Lächeln mußte er, wenn er an sie dachte, – mitleidig, ohne Groll. In diesem Spiele stand der Erfolg zu deutlich auf seiner Seite. Eines Abends saß Gerland an seinem Schreibtische, die Lampe brannte bereits seit Stunden – er war mit kirchlicher Verwaltungsarbeit beschäftigt – als ihn ein Geräusch vom Garten her aus seiner Rechnerei riß. Summendes Durcheinander von Stimmen – eine Art mißtönender Gesang. – Sollten es Betrunkene sein? – Gerland wollte den Lärm überhören, aber das ging nicht; immer zudringlicher wurden die unharmonischen Töne. Dazwischen halbunterdrücktes Gekicher und übermütiges Schreien und Pfeifen. Jetzt glaubte er etwas wie einen Refrain herauszuhören: »Pfarr« und darauf »Narr«! Es war klar – das galt ihm. Eine Katzenmusik in optima forma . Wie hatte er sich zu verhalten? – Die Sache ihren Gang gehen lassen – nicht darauf achten, sich die Ohren zustopfen – thun, als sei nichts vorgefallen? – Nein! Das hätte ausgesehen, als fürchte er sich; die Leute meinten wohl gar, er sei gänzlich ohne Stachel. Wie er war, lief er die Treppe hinab. Klingelnd und dröhnend flog die Hausthür hinter ihm ins Schloß. – Der Gesang war jäh abgebrochen; er hörte noch einige Psts – Stimmengeflüster, und Schritte, die sich schnell entfernten. Sehen konnte er zunächst gar nichts, bis sich seine Augen an das Nachtdunkel gewöhnt hatten. Er tappte auf gut Glück die Stufen hinab und that einige Schritte in den Garten. Vor ihm duckten sich ein paar dunkle Gestalten, dann hörte er den Gartenzaun knacken und knistern. Es waren Männer, soviel konnte er jetzt schon erkennen; einer verlor in der Hast seinen Hut, mußte zurück, um ihn aufzuheben. Gerland sprang zu, kam aber zu spät, um den Flüchtling zu greifen. Wie ein Affe kletterte die lange Gestalt an den Latten empor. Als der Bursche über dem Zaune schwebte, hob sich sein Kopf scharf vom hellen Himmelsrande ab, nur für einen Augenblick, der zum Erkennen genügte. Einen solchen Kahlschädel und eine solche Nase gab es nur einmal im Kirchspiel. Gerland war derartig betroffen durch die gemachte Entdeckung, daß er an ein weiteres Verfolgen der Störenfriede gar nicht dachte. – Wenzel, Kantor Wenzel! – Jede Täuschung war ausgeschlossen. Der Geistliche ging ins Haus zurück. – Es war zu außerordentlich. Ein Mensch, den er bisher immer zu seinen Getreuen gezählt. Wieviel Gutthaten hatte er dem Lehrer erwiesen! Der schwer kompromittierte Mann war sein besonderer Günstling gewesen. Noch kürzlich hatte er auf eine Anfrage von seiten der Schulbehörde, bezüglich des Kantors, im günstigen Sinne geantwortet. Unwillkürlich ging er zu seinem Schreibtische und entnahm ihm das Heft, in dem er die Charakterbeschreibungen seiner Beichtkinder niedergelegt. – Wenzel! – Wieviel Hoffnung er an den Mann verschwendet hatte; – es war beschämend. Kopfschüttelnd schloß er das Heft wieder weg; hatte er den Menschen irgend einmal gekränkt.? Er sann nach; nichts fand sich in seinem Gedächtnisse. Es war der pure, blanke Undank, die Auflehnung der Gemeinheit gegen die Güte, der Roheit gegen die Kultur. Nachdem die erste Erregung verflogen war, überlegte der Geistliche, welchen Gebrauch er von der Entdeckung machen wolle. Daß er das Vorkommnis nicht ignorieren könne, war von vornherein klar. Sein Ansehen der Gemeinde gegenüber war gefährdet, wenn er eine solche Beleidigung ungeahndet hingehen ließ. Es gab mehrere Wege, die er einschlagen konnte, um sich Genugthuung zu schaffen. Der eine war: Anzeige bei Gericht zu machen; den verwarf er bald. Die gerichtliche Untersuchung des Falles würde wahrscheinlich wenig ergeben und viel böses Blut hervorrufen. Es blieb ihm noch eine andere Möglichkeit, er konnte Wenzel bei der Schulbehörde anzeigen. Eine zeitlang erwog der Geistliche diesen Gedanken ernstlich; verdient hätte der Mann das sicherlich, sein Kerbholz war voll. – Aber schließlich siegte das Mitleid in Gerlands Seele; er wußte, daß solche Anzeige den Abschied des Kantors nach sich ziehen mußte. Ein Rest von Sympathie für Wenzel war immer noch in seinem Herzen geblieben. – Schon seit einiger Zeit hatte Gerland den Religionsunterricht in der Schule nicht mehr visitiert; nicht umsonst sollte Wenzel ihn heute abend daran erinnert haben, daß er besonderer Kontrolle bedürfe. Der Geistliche nahm den Stundenplan zur Hand; die erste Stunde bei den Kleinen war Religionsunterricht. ›Gut, ich werde mich einfinden, Herr Kantor, morgen früh.‹ – Die Sache kam anders, als Gerland sie sich im Geiste zurechtgelegt hatte. Am nächsten Morgen begab er sich beizeiten zur Schule; zu seinem Erstaunen sah er durch die Scheiben des zur ebenen Erde gelegenen Schulzimmers, daß die Kinder sich balgten. Zwanzig Minuten nach sieben Uhr und der Unterricht noch nicht begonnen! Als der Geistliche eintrat, fand er das Katheder leer und die Klasse in größter Unordnung. Einige Knaben sprangen schnell auf ihre Plätze zurück. Eine arge Balgerei schien stattgefunden zu haben; mehrere Köpfe waren tüchtig zerzaust, unter den Mädchen gab es verweinte Gesichter. »Wo ist euer Lehrer, ihr Kinder?« fragte der Geistliche. Eine verlegene Pause entstand. Die Kinder sahen einander verdutzt an, sie schienen sich in der Seele ihres Lehrers zu schämen. – Gerland stand mit verdüsterter Miene im Mittelgange, der die Knabenabteilung von der der Mädchen trennte. Hinten im äußersten Winkel steckten ein paar Bengel die Köpfe zusammen. »Sag's ack – sag's ack!« – Ein Knabe wurde von seinen Nachbarn mit Püffen traktiert. »Was habt ihr mit dem da – was soll er denn?« »Dar weeß es, wu dar Lahrer is; – dar hat's vurhin derzahlt.« »Was weißt du, mein Kind?« fragte Gerland in aufmunterndem Tone und ging dem Knaben entgegen, welcher von den andern nach vorwärts gedrängt wurde. Der Kleine blickte mit scheuer Miene zu Boden; er wollte nicht mit der Sprache heraus. Endlich platzte ein anderer los: »Der Lahrer leit ein Wirtshause – besuffen!« – Einige Kinder kicherten; die meisten blieben still und hingen in atemloser Spannung an den Zügen des Geistlichen. Gerland war erbleicht. »Was – was sagst du da?« »Dar hat 's derzahlt,« erklärte der Sprecher und wies auf den ängstlichen Knaben vor Gerland – »dar is aus 'n Kretzschame – dar Lahrer is besuffen und leit bei uns ei der Gaststube, hat 'r gesagt.« – Gerland stand eine Weile wie erstarrt. Welch ein Schaden ist hier angestiftet! – das war der einzige Gedanke, den er zu fassen vermochte. Dann mechanisch vorwärts schreitend, begab er sich aufs Katheder. »Setzt euch auf eure Plätze, Kinder!« Nachdem alle ihre Plätze inne hatten und die Klasse das Bild musterhafter Ordnung bot, sprach Gerland ein lautes Gebet: Worte des Dankes für die glücklich und gesund verlebte Nacht. Die Ironie, welche in diesen Worten liegen konnte, fiel Gerland in diesem Augenblicke nicht ein; noch weniger den Kindern, die, wie Kinder stets in solchen Momenten, ganz unter dem Banne des Außergewöhnlichen standen. Der Geistliche ließ sie ein bekanntes Kirchenlied anstimmen. Während des Gesanges sammelte er sich selbst. Durch Fragen unterrichtete er sich bald darüber, an welcher Stelle des Unterrichtes sich die Klasse gegenwärtig befand. Joseph in Ägyptenland, war das letzte Pensum gewesen. Der Geistliche erzählte ihnen die Geschichte von Josephs Wiedersehen mit seinen Brüdern, gab ihnen eine leichtfaßliche Erläuterung des Geschehnisses, und hatte ihre Aufmerksamkeit bald ganz erobert. Gegen Schluß der Stunde merkte er an den Mienen der dem Fenster zunächst sitzenden Kinder, daß draußen etwas Ungewöhnliches vor sich gehe. Unwillkürlich blickte er hinaus. Eine hagere Gestalt wankte schlotternd heran, mit vertiertem Ausdruck nach den Klassenfenstern stierend. Gerland verließ sofort das Katheder und eilte zur Thür; so sollte die Klasse ihren Lehrer nicht sehen. Im Hausflur kam ihm Wenzel entgegengestolpert. Vor dem Geistlichen machte er mit der blöden Miene des ertappten Sünders halt. »Kantor Wenzel,« sagte Gerland und dämpfte seine Stimme soviel wie möglich – »gehen Sie auf Ihr Zimmer, legen Sie sich! Ich werde Ihren Unterricht heute übernehmen – verstehen Sie!« Der Betrunkene wollte etwas erwidern; er machte einen schwachen Versuch, den Nüchternen zu spielen. Er tastete nach Gerlands Hand, und als dieser, angewidert von dem durchdringenden Branntweingeruch, zurücktrat, lallte er: »Betrunken – nee, betrunken bin ich nich –Herr Pastor! – Etwas Medizin – mir war nicht recht wohl – etwas Medizin – weiter nichts – Herr Pastor – auf Ehre!« – Gerland überwand sich und faßte den Schwankenden unter den Arm. Er führte ihn ein paar Stufen hinauf, und hieß ihn, sich am Treppengeländer festhalten; dann wiederholte er seine Mahnung, daß er sich legen und ruhig verhalten solle. Unter Beteuerungen, daß er nur ein wenig Medizin zu sich genommen habe, weil er krank gewesen sei, stolperte der Betrunkene die Treppe hinauf. Gerland erteilte an diesem Tage den Unterricht in sämtlichen Fächern. Abends setzte er dann ein Schreiben an die Schulbehörde auf. Die Beteiligung Wenzels an der nächtlichen Ruhestörung vor seinem Hause erwähnte er nicht, aber den Zustand, in welchem er den Lehrer am Morgen betroffen, schilderte er ohne Abstrich. Die Behörde war schnell mit ihrem Eingreifen. Der Kreisschulinspektor selbst erschien am Platze; eine Untersuchung des Falles wurde eingeleitet. Es ergab sich, daß Wenzel mit einer Anzahl Gesinnungsgenossen die Nacht bei Kartenspiel und Trunk im Kretzscham verbracht hatte. Interessant war es für Gerland, die Zusammensetzung dieser Gesellschaft zu erfahren. Sämtlich waren es Leute, denen er wohl zutrauen konnte, sich an der Katzenmusik vor seinen Fenstern beteiligt zu haben. Herklotz, der Schuster, sein Gegner aus der Gemeindeversammlung, fehlte nicht unter ihnen. Sie mochten nach vollbrachter Heldenthat ihren Triumph im Kretzscham gefeiert und dabei zu viel des Guten gethan haben. – Der Erfolg der Untersuchung war, daß Wenzel seines Amtes enthoben und ein anderer interimistisch an seinen Platz gesetzt wurde, bis die Stelle ausgeschrieben sein und die Gemeinde sich für einen neuen Kantor entschieden haben würde. Wenzel verschwand ohne Sang und Klang aus Breitendorf. Auch die Witwe bekam Gerland nicht mehr zu Gesicht; am Tage nach dem Auftritte vor dem Pfarrhause hatte sie das Dorf verlassen. – Etwa eine Woche mochte vergangen sein, als der alte Gärtnergewendbauer beim Pfarrer erschien, um das Pachtgeld für den Pfarracker, welchen er in Nutzung hatte, abzuliefern. Der Gärtnergewendbauer war ein kleines, krummbeiniges, dürres Männchen, mit spitzem Kopfe und rotumränderten Augen. Unter vielem Ächzen und Räuspern holte er aus seinem Schafwollpelze einen alten Lederbeutel hervor, der neben Tabakrollen auch Geld enthielt. Langsam klaubte er die Münzen zusammen, und zählte dann die harten Thalerstücke, nebst einigem Nickel und Kupfer in regelmäßigen Reihen auf den Tisch. Diese Manipulation kostete Zeit. Als Gerland schließlich durchgezählt und erklärt hatte, es stimme, nahm der Alte mit einem wehmütigen Blicke Abschied von seinem Gelde. Dann sackte er den Beutel wieder ein, griff nach der Mütze, ging aber noch nicht. Wie es schien, hatte er noch etwas auf dem Herzen. Der Bauer räusperte sich und meinte: »Na, de Pastern Menke war nu also och wieder furt – ju ju!« Dann fuhr er sich mit dem Handrücken über das Gesicht, wo es stets irgend etwas Feuchtes abzuwischen gab. Als Gerland keinerlei Miene machte, auf diese Einleitung des Gespräches einzugehen, fuhr der Bauer fort: »Se wohnt ei der Stadt, de Pastern Menke, sagn se. – Na, ich will nur nu machen, daß 'ch heem kima. – Laben Se wuhl, Herr Paster!« – Er schob auf seinen krummen Beinen nach der Thür; dort blieb er stehen, drehte sich rasch um, und, mit einer verschmitzten Miene, in der sich Schadenfreude, Neugier und Klatschsucht die Wage hielten, meinte er: »De Leite sagen, se wird sich Kanter Wenzeln heiraten.« Jetzt fiel Gerland doch aus seiner wohlerwogenen Rolle des Schweigens. »Was sagen Sie! – Pastorin Menke will den Kantor heiraten?« Solch direktes Fragen liebt der Bauer nicht. Der Alte war viel zu vorsichtig, von seinem Nebenmenschen etwas auszusagen, worüber er möglicherweise zur Rechenschaft gezogen werden konnte. »De Leite sag'n 's ack, Herr Paster; ich weeß eegentlich nischt niche, ees denkt'ch nur suwas, weil duch zwischen Wenzeln und der Pastern Liebschaft war. – Das wern Se duch och wissen, Herr Paster?« – »Was soll ich wissen?« fragte Gerland, ehrlich entsetzt. »Nu freilch!« meinte der Alte und wurde lebhafter; seine Äuglein leuchteten auf, er trat näher zu dem Geistlichen heran und sprach halblaut: »Die hoan schun bei Labzeiten vun sel'gen Pfarrn zusammde gestackt – die beeden. Nu hat sen 'n richt'g neigeritta, dan Wenzel – denn schlacht war dar ne – wenn er och saufen that, aber die hat an Teifel in Leiba – und Se kinna fruh sen, Herr Paster, daß Se die su heila lus gewurn sein. Ju ju, zwischen dar Menken und Wenzeln is Liebschaft, da kinna Se a jeds hier fragen – doas wissen mer alle.« – Das Vernommene bestätigte dem Geistlichen manches, was er früher zwar gesehen, wobei er sich jedoch nichts gedacht hatte. – Als habe man eine Grube voll eklen Unflats unter seinen Füßen geöffnet, so kam es ihm vor. II. Diese Ereignisse hatten viel Aufregendes für den jungen Geistlichen. Alles andere war vor der Herbheit der eignen Erfahrungen in den Hintergrund getreten. Fröschels tragisches Geschick, erschien ihm bereits wie ein fremdes, beinahe unverständliches. Etwas wie ein Nebel hatte sich zwischen ihn und jenen gelegt – der feine Dunst, der über den weiter gleitenden Strom der Zeit sich breitet und die Züge alles Vergangenen langsam verwischt. – Fröschel selbst brachte sich dem Freunde wieder ins Gedächtnis. Gerland kam aus der Schule zurück, wo er der Einführung des neuen Lehrers beigewohnt hatte, da fiel ihm, als er ins Wohnzimmer trat, eine vertraute Gestalt ins Auge: Fröschel, ein Buch in der Hand. »Das nenne ich mir eine Überraschung!« rief Gerland und streckte dem Diakonus beide Hände entgegen. – Im ersten Augenblicke wußte er nicht, wie er es mit dem »Du« halten solle, das sich neulich in einer Stimmung besonderer Erregung zwischen ihnen eingefunden hatte. Fröschel überhob ihn dieses Zweifels. »Wenn du gestattest, bleibe ich bis zum Abend bei dir, Gerland; meine Mutter ist verreist.« »Aber natürlich, lieber Freund! Bleibe eine Woche – bleibe ganz! Du hast übrigens außerordentliches Glück, heute habe ich Gebratenes zu Tisch – was nicht oft der Fall ist.« Gerland versuchte zu scherzen, um sich und dem Freunde über die erste gezwungene Stimmung des Wiedersehens hinweg zu helfen. Fröschel lächelte trübe. Er zeigte mehr denn je sein ungesundes, mißgestimmtes Aussehen. »Ich habe hier ein wenig in deinem Schleiermacher gelesen.« – »Du sagst, deine Frau Mutter sei verreist?« »Ja, auf einige Tage. Eine Jugendfreundin von ihr liegt im Sterben und will sie vor ihrem Ende noch einmal sehen.« Das Gespräch von neulich und das, was ihm gefolgt, wurde nicht erwähnt. Gerland kannte den leicht verletzten Charakter Fröschels jetzt zur Genüge, um jede Frage zu vermeiden, die ihn irgendwie peinlich hätte berühren können. Ob er sich mit der Mutter ausgesprochen – ob alles beim alten geblieben war? Gerland wartete, daß der Diakonus selbst eine Aufklärung in dieser Richtung geben solle. – Nach Tisch unternahmen sie einen gemeinsamen Spaziergang. Gerland hatte für den Nachmittag einen Besuch bei der alten Marzliebs-Hanne in Eiba angesetzt. Der Kirchenstand der Alten war schon seit einigen Sonntagen leer geblieben, und als der Geistliche sich nach ihr erkundigte, erfuhr er, daß sie ein böses Bein habe und bettlägerig sei. Es war ein klarer Märztag, die Wintersaaten leuchteten saftig grün neben dem toten Braun der Ackerscholle. In Gräben, hinter Zäunen, am Waldrande, überall, wo die Sonne nicht hindrang, lagen Streifen körnig-schmutzigen Schnees, – wie verachtete Kleiderfetzen, die der scheidende Winter zurückgelassen. Die Salweiden an den Rainen trieben ihre samtweichen Kätzchen. Über dem Niederwald am Rand des Nadelholzes lag ein matt lilaer Schimmer; Birken und Erlen bereiteten die Frühlingstoilette vor. Den Geistlichen erinnerten diese Lenzesanzeichen daran, daß er vorm Jahre um diese Zeit etwa nach Breitendorf gekommen sei. Er rechnete genauer nach und fand, daß er gerade heute den Jahrestag seines Einzuges in die Parochie begehe – ihm kam die Zeit viel länger vor. Er erwähnte Fröschel gegenüber diese Entdeckung. »Und du bist zufrieden – du fühlst dich hier an deinem Platze?« meinte Fröschel. Gerland bejahte nach einigem Überlegen. »Ich kann mit diesem ersten Jahre zufrieden sein.« »Wohl dir! Ich will dir wünschen, daß du nie anders denken mögest.« Jetzt würde wohl eine Aussprache folgen, dachte Gerland; aber der andere schwieg. – In Eiba angelangt, wies Gerland den Freund nach einer Anhöhe, von der man eine schöne Aussicht auf das Thal und die umliegenden Berge genoß. Dort wollte er ihn nach kurzem Besuche bei der alten Märzliebs-Hanne wieder treffen. Er eilte dem bekannten Häuschen zu. Man hatte die alte Frau unter dem Dache in einem Bretterverschlag untergebracht. Nebenan war Heu aufgespeichert, dessen scharfer Geruch den ganzen Raum durchdrang. Die Greisin lag in einer wurmstichigen, mit Stroh ausgefüllten Lade, die man notdürftig zur Bettstätte hergerichtet hatte. Ein schmutziges, an mehreren Stellen durchlöchertes Laken war alles, womit sie sich gegen die Kälte schützen sollte. So fand der Geistliche seine alte Freundin vor. Er erkannte sie kaum wieder; die Züge waren verfallen, ihre Sprache glich nur noch einem Krächzen. Dem jungen Manne krampfte sich das Herz zusammen bei diesem Anblick. Waren das Menschen, die eines ihrer Angehörigen so verkommen ließen? Noch nie hatte er das Fehlen einer Gemeindeschwester in der Parochie so schmerzlich empfunden, wie an diesem vernachlässigten Lager. Ein Geruch herrschte in der Nähe der Kranken, der ihm fast das Atmen unmöglich machte. Sie habe ein »bieses Been«, erzählte die Alte. Mit ihren zu hautüberspannten Knochen abgemagerten Armen zog sie die Decke weg – ein unbeschreiblicher Anblick bot sich dem Auge des Geistlichen. Gerlands erste Frage war, welchen Arzt sie gerufen habe. Die Alte wollte nicht recht mit der Sprache heraus; schließlich gestand sie ein, daß sie sich von der Tonchen, der Besprechfrau, behandeln lasse. »Sahn Se, Herr Paster, ich kunnte Se duch gurnich mih furt uf das meschante Been, und hernachen that's och su siere schwella – und a ella Jaucha lief raus – dernoa wußt'ch mer kennen Rat ni mih, und de Tonchen hat duch sicke gute Heelsalbe. Doa hat se mer a Brinkel dervun gegahn – de Tonchen.« »Und verspüren Sie denn irgend welche Besserung?« fragte Gerland. »Nee, basser is es su racht no ne gewurn, Herr Paster; aber de Tonchen meenta, erscht müßt's schlachter warn – dernoa ufn Neimund würd's heelen, meent se.« »Was soll denn Ihr Leiden mit dem Neumonde zu thun haben?« »Nu sahn Se, Herr Paster, se hat mersch duch besprocha, mei Been, im ersta Viertel.« »Wie, Sie haben sich besprechen lassen! – Eine christlich gesinnte Frau wie Sie, Frau Heinze, hängt solchem Aberglauben an?« Die Alte wurde verlegen. »Nee nee, Herr Paster,« beteuerte sie, »Se müssen nich denka, mir hoan Teifelswark getrieba. Nee nee! De Tonchen is och ene Frumme, die batet immer zun lieben Gutt, weil se ees besprecha thut. Und dar lieba Gutt kann duch nischt dodergegen hoan. Ar geit 's ar duch och worim se bitt. Neilch dan Blitzerbauern sei Klenner, den hat se och besprucha – de Tonchen, dar hoat an Knuchenfraß gehoat dar Kleene, und mit den is glei basser gewurn, och uf 'n neien Mund. Und an Duchter dirft'ch's gurne erscht weesen, mei bieses Been, sunste is mit dar Heelkraft glei verspielt – verstiehn Se! A Duchter darf gurne ei's Haus, sinste is mit dar Sympathie aus – sagt de Tonchen.« – Der Geistliche sah ein, daß hier mit guten Rate nichts auszurichten sei; er beschloß zu handeln. Da er aber Fröschel nicht allzulange warten lassen wollte, verschob er sein Eingreifen auf morgen. – Er eilte, den Diakonus aufzusuchen. Schon von weitem fiel ihm die charakteristische Figur des Freundes auf: seine hohen Schultern, der kleine Kopf auf kurzem Halse. Er stand dort in den Anblick der Landschaft vertieft; ganz nahe kam Gerland an ihn heran, bis jener ihn bemerkte. »Entschuldige, daß ich dich so lange habe warten lassen, lieber Fröschel. – Eine schöne Aussicht, nicht wahr?« – Fröschel antwortete nicht. Gerland blickte erstaunt in das Gesicht des Freundes; es sah verändert aus – verräterische Tropfen erzählten, daß er geweint habe. »Lieber Fröschel!« – rief Gerland. – Sein Herz schwoll in Mitgefühl dem Freunde entgegen. Aber der Diakonus wandte sich mit verdüsterter Miene ab. »Wem gehört das große Haus dort?« fragte er schnell in rauhem Tone. Gerlands Blick folgte der ausgestreckten Hand. »Das Haus – einem gewissen Doktor Haußner – Weshalb?« »Ich wollt's nur wissen. – Übrigens, es wird kühl – wir gehen besser.« – Sie schritten bergab, auf dem Wege nach Eichwald. Gerland brannte vor Begier, den Seelenzustand des Freundes zu erforschen. »Was fehlt dir, Lieber, – warum willst du mirs verheimlichen?« brachte er endlich heraus. »Frage mich nicht, Gerland! – Ich verspreche dir, daß du es in Bälde erfahren sollst.« – Die Worte waren bedeutungsvoll, fast in feierlichem Tone gesprochen worden. Gerland fühlte, daß hiernach alles weitere Forschen unzart erscheinen mußte, er hatte sich zu bescheiden. Sie schritten am Haußnerschen Grundstücke vorbei. Gerland hatte bis zu diesem Tage, Fröschel gegenüber, des Arztes nicht mit einer Silbe erwähnt. Jetzt gab es sich von selbst, daß er dem Freunde von dieser eigenartigen Bekanntschaft erzählte. Er berichtete die Geschichte Haußners, wie er sie von Pfarrer Valentin erfahren hatte. Gerland nahm unwillkürlich an, Fröschel müsse Interesse, ja Sympathie für den Freigeist empfinden. Aber der Diakonus schien heute in einer abwesenden, traumverlorenen Stimmung; Gerland merkte bald, daß er seiner Erzählung wenig Aufmerksamkeit schenke. – Beim gedämpften Schimmer der Studierlampe saßen die beiden dann noch eine Stunde beisammen. Gerland machte den Versuch, den Freund aufzuheitern; er holte sein »Seelen-Herbarium« hervor, wie er die eigenen Aufzeichnungen über die Beichtkinder benannt hatte, und las dieses und jenes vor, mit Absicht Charakteristiken wählend, die lichte Seiten aufwiesen. Es gab ja genug Gestalten in der Kirchfahrt, die eines humoristischen Anstrichs nicht entbehrten: die »Tonchen«, der »taube Tobis«, der »Gärtnergewendbauer« und andere mußten herhalten, für den wohlgemeinten Zweck, Fröschel zu unterhalten. Der Diakonus saß auf dem Sofa und rieb, seiner Gewohnheit gemäß, die Finger gegen einander, in sich zusammengesunken, als laste eine unsichtbare Bürde auf seinen Schultern. Hin und wieder lächelte er mechanisch zum Vortrage seines Freundes. Gerland hielt im Lesen inne, da ihm der vergrämte Ausdruck dieses bleichen, hohläugigen Gesichtes Bedenken einflößte. – Ob es jenem nicht vielleicht zu viel werde, fragte er. Fröschel bat ihn, fortzufahren; es thue so wohl, einen glücklichen Menschen zu sehen, meinte er. Den Geistlichen berührte sein weiches, resigniertes Wesen ganz fremdartig. Als Fröschel aufbrach, war es schon dunkel. Gerland wollte ihn ein Stück Weges geleiten, aber der Diakonus lehnte die Begleitung ab. Feuchtwarme Nachtluft empfing sie, als sie aus dem Pfarrhause traten. Der Himmel war bedeckt mit Wolkenfetzen – es lag Regen in der Luft. Gerland öffnete die Gartenpforte nach der Dorfstraße hinaus; noch eine Weile blieben die Männer beieinander stehen – Fröschel schien sich schwer von dem Freunde zu trennen. Plötzlich ergriff er Gerlands Hand; es war, als kämpfe er mit einem außerordentlichen Entschlusse. – Ein Bekenntnis – eine Frage – irgend ein Geheimnis schien sich losringen zu wollen von seiner Seele. Und – es kam doch nicht dazu; er ließ die Hand wieder fahren und verschwand mit einem leisen »Lebwohl!« in der Dunkelheit. Gerland blieb wie gebannt auf seinem Platze stehen. In der finsteren Nacht war nichts zu erkennen; nur als jener durch den Lichtkegel schritt, den ein spät erleuchtetes Fenster auf die Dorfstraße warf, sah er die Umrisse der bekannten Gestalt noch einmal flüchtig. Wunderbar scharf prägte sich gerade dieses Bild dem Gedächtnisse Gerlands ein, so daß es unzertrennbar für ihn wurde mit der Persönlichkeit Fröschels und ganz von selbst emportauchte, so oft er später an seinen armen Freund zurückdachte. III. Durch Bitten und Drängen hatte es Gerland bei den Angehörigen der alten Märzliebs-Hanne durchgesetzt, daß die Greisin aus dem Verschlage hinabgeschafft wurde in das Kämmerchen neben der Wohnstube. Dort lag sie an derselben Wand, im selben Bette, wo ihre Enkelin Christel vordem gestorben war. Der Geistliche besuchte die alte Frau täglich. Die Kranke war sehr redselig. Sich mitzuteilen, schien ihr große Erleichterung zu gewähren. Sie erzählte mit Vorliebe aus ihrer Jugendzeit. Über Leute und Geschehnisse von vor siebenzig Jahren sprach sie wie über Gegenwärtige. Die letzten Jahrzehnte mit ihren Erlebnissen schienen ihr weit entfernter zu liegen – die berührte sie nur selten. Schon daraus glaubte Gerland schließen zu dürfen, daß sie einer baldigen Auflösung entgegengehe. Oft wußte sie von Verstorbenen zu erzählen, mit denen sie in der Nacht Verkehr gehabt hatte. So war ihre Nichte, Christel, einmal bei ihr gewesen, angethan wie ein Engel, und hatte ihr vom Himmel erzählt. »Se kenn mersch gleba, Herr Paster, dohie ein Stiebel is se gewasen – 's Christel. Ne su schiena, wie die aber ging – urdentlich mit a Fliegeln, wie de saal'gen Engel – und ganz weeß – ganz weeß war se gekledt. Hernoa that se darzahlen, 's Madel, vun Herrn Christus – und vun heil'gen Geiste, und vun a heil'gen zwölf Aposteln. Alle kannte die – man sullt's nich gleba – su a kleenes Dingla. Mir is ganz andersch zu Mute gewurn, wi 'ch 's Madel su darzahlen hierte – gerade wie ei dar Kircha. – Und sicke schiena Wurta findt Se da – 's Christel – sicke schiene Wurta, nee nee! – Ich hoa iber se gesagt: Christel, bleib ack hier, oder nimm 'ch glei mitta. Aber als 'ch, und 'ch that nach er greifa, da war se furt – nischt ne gesahn und gehiert ho 'ch vun er mih.« In der Nacht darauf war die Alte selbst im Himmel gewesen, nicht im Traum, sondern, wie sie wiederholt versicherte, in Wirklichkeit. Sie gab Beschreibungen von der Erscheinung Gottes, des Heilandes, der Engel und der Seligen, die nichts an Deutlichkeit zu wünschen übrig ließen. Gerland wollte ihr anfangs Einhalt thun; es erschien ihm wie Blasphemie, wenn sie Gottvater selbst in ihrem Dialekte redend einführte, aber die Alte ließ sich nicht beirren. – Sie sei im Himmel gewesen, versicherte sie, und habe das alles mit eignen Augen gesehen und mit eignen Ohren gehört. Schließlich ließ der Geistliche sie gewähren; ja er lauschte ihren Berichten mit wachsendem Wohlgefallen. So war es doch eigentlich das Ideale: ein schlichtes Gemüt, dem nichts unglaublich war, das ohne Kritik die biblische Legende wörtlich nahm. Ein einfach kindlicher Verstand, dem sein Gott nicht ein fernes, hinter Wolken der Metaphysik thronendes, kunstvoll konstruiertes Wesen bedeutete – der im lieben Gott einen Mann in weißem Barte, einen Bekannten und Vater sah. War ein solcher Seelenzustand nicht der wahre Boden für den Glauben? Wenn man dahin hätte zurückkehren können, zu diesem Gotte unserer Vorfahren, den die Theologie dem Auge in fast unabsehbare Fernen gerückt hatte! – Und am Lager dieser alten Christin fühlte der gelahrte, mit Erfolg durch harte Examina geschrittene, Pfarrer und Doctor licentiatus , wehmutsvolles Heimweh nach seinem Kinderglauben, den er im Religionsunterricht der Schule und den Vorlesungen der Universität eingebüßt. – Auch der Teufel spielte in den Erzählungen der Alten eine große Rolle. »Neilch war der Biese bei mer, nächtens – ich hoe zun gesagt: ›Hebe dich weg vun mir, Satan!‹ Sahn Se, das kunnt er ne vertragen – da sak er glei, daß 'ch a Christenmensch wor, und ar machte daß ar furt kam, der Versucher. Se gleben mersch wuhl ne, Herr Paster? Nee, Se kenn mersch gleba – ich tu se nischt vurliega. Ich kenn' dan Biesen gar wuhl – der is manchmal bei mer gewast, och schun frieher – ich kenn 'n. Und mit dar Tonchen is es grade a su, zu der kimmt ar och, der Versucher. Neilch darzahlt 'ch 's dar, daß 'ch den Biesen gesahn hätte – du, Tonchen, sagt 'ch, heute Nacht is ener bei mer gewast – sagt 'ch – mit an feierruten Gesichte und an zweezipplichten Barte. – Und da ward de Tonchen duch fragn: Hatte dar och Beene wie a Ziegenbuck? – Ju ju! sagt 'ch. A feierrutes Gesicht, an zweezipplichten Bart und Beene wie a Ziegenbuck. Dos is dar Versucher, sagt de Tonchen; bei mir is dar och schun ofte gewast. Dernoa wüßt 'ch's, daß ar dar och derschienen war, dar Versucher.« – Als trete ihm ein Stück unverfälschten Mittelalters entgegen, so ward es Gerland zu Mute, als er die Alte sprechen hörte. – Er störte sie nicht in ihrem Bericht. Stumm saß er an ihrem Lager und ließ sich von ihr vorerzählen. Ihr Leben war voll von Wundern gewesen. Einmal war ihr die Scheuerbürste abhanden gekommen, niemand wußte, wo sie hin sei – sie nahm an, daß der Teufel seine Hand im Spiele gehabt habe – dann war die vermißte Bürste auf einmal des Abends zum Fenster hereingeflogen. Ein andermal waren im Garn auf dem Webstuhle eine Menge Knoten – wie von böswilligen Händen verfitzt – da hatte sie zum lieben Gott gebetet, und am nächsten Morgen war alles wieder in schönster Ordnung gewesen. Nachbarsleute aber wollten in derselben Nacht Licht in der Stube gesehen haben – und doch hatte keine Lampe gebrannt. So häufte sich Wunderbericht auf Wunderbericht. Gerland zweifelte nicht daran, daß sie von der Wahrhaftigkeit ihrer Erzählungen völlig durchdrungen sei. Was bedeutete dieser Alten, daß sie auf halb verfaultem Stroh, in einer dunklen Kammer, geplagt von Schmerzen, dem Tode entgegensiechte! Sie hatte ihren Glauben; sie war der beruhigenden Zuversicht voll, daß im Jenseits Freuden ihrer warteten, die sie für alles, was sie hienieden entbehrt und gelitten, reichlich entschädigen würden. Ihr machte die »bange Grabesnacht« keine Gedanken. – Wer dereinst so sterben könnte, getrost und seiner Sache sicher, dachte der junge Geistliche bei sich. Doktor Herzner war inzwischen auf Gerlands Aufforderung hin von Färbersbach herüber gekommen und hatte die alte Frau aufgesucht. Er bestätigte die Vermutung des Geistlichen, daß die Kranke einem schnellen Ende entgegengehe. Herzner speiste im Pfarrhause. Gerland hatte eine gewisse Vorliebe für den jungen Arzt. Anfangs hatte ihn zwar das derbe Wesen und der Cynismus des Mediziners abgestoßen, aber der natürliche Witz und die unverkennbare Tüchtigkeit des Mannes gewannen allmählich seine Sympathie. Der Geistliche erkundigte sich bei dem Arzte, ob der alten Märzliebs-Hanne durch irgend etwas – vielleicht durch starken Wein – Linderung zu schaffen sei. Herzner verzog den Mund zu einem kaustischen Lächeln. – Um den Wein sei es schade, meinte er; in spätestens einer Woche sei es ja doch alle mit der Alten – Gerland möge ihn lieber selbst trinken. »Sie sind überhaupt viel zu menschenfreundlich,« meinte Herzner. »Lassen mich da extra von Färbersbach herüberkommen. Ich muß Ihnen natürlich den Wagen und meine Zeit anrechnen – eine Masse Unkosten – und alles das für nichts und wieder nichts. Lassen Sie doch die alten Leute in Ruhe, wenn sie sterben wollen. – Was haben Sie eigentlich von Ihrer Philanthropie?« – »Darauf könnte ich Ihnen mit schönen Tiraden antworten, aber ich weiß, daß Sie darüber lachen würden. Ich will Ihnen nur einen meiner Gründe nennen, und der ist selbstischer und sehr menschlicher Natur: das Wohlthun macht mir Vergnügen – beglückt mich.« »Nun meinetwegen! – Es giebt schließlich noch verrücktere Sports in der Welt, als den.« – Über Tisch blickte Herzner sein Gegenüber plötzlich mit klugen Augen forschend von der Seite an: »Was ist denn eigentlich aus der hübschen Witwe geworden, die Sie damals hier hatten, als ich Sie behandelte?« Der Geistliche ahnte, daß die Frage nicht harmlos sei und war auf seiner Hut. Mit dem Anschein ziemlicher Gleichgültigkeit gelang es ihm, zu antworten: »Sie meinen die Pastorin Menke. – Die hat mich verlassen; ihr Gnadenhalbjahr war abgelaufen.« »Hm – wissen Sie, daß die betreffende Dame heiraten will, und das sehr bald?« »Wen denn?« »Einen gewissen Wenzel. Der soll ja hier bei Ihnen Kantor gewesen sein.« »Natürlich – ja –« Der Arzt lächelte, als habe er seine Hintergedanken. »Das junge Paar wird nach Färbersbach ziehen; sie haben dort bereits gemietet.« – Die Nachricht hatte einen peinlichen Beigeschmack für den Geistlichen. – Die beiden einzigen Feinde, deren er sich bewußt war, hatten sich gefunden, und in solcher Nähe von ihm würden sie sich niederlassen. – – Am Abend desselben Tages erhielt Gerland einen Brief. Die Handschrift war ihm halb und halb bekannt; doch wußte er im Augenblick nicht, auf wen er raten solle. Er entzifferte den Poststempel: »Annenbad«. Also konnte nur Polani oder Fröschel der Schreiber sein. Als er das Kuvert aufgerissen, vielen ein Paar eng beschriebene Briefbogen heraus. Die Unterschrift lautete: Moritz Fröschel. Neugierig, was der Diakonus ihm zu sagen habe, begann Gerland zu lesen: »Mein lieber Freund! Ich habe mir ausgerechnet, daß Du meinen Brief morgen abend haben wirst. Wenn Du diese Zeilen in der Hand hältst, bin ich nicht mehr am Leben. – Ich weiß, Du entsetzt Dich. – Laß es gut sein – der Entschluß ist gefaßt, nicht übereilt, sondern nach reiflicher Überlegung. – Als ich Dich neulich besuchte, war ich bereits im reinen damit. So gern hätte ich Dir einen Wink gegeben – aber, die Besorgnis, Du möchtest mir hindernd in den Arm fallen, hieß mich schweigen. – Man wird nach den Motiven meiner That forschen; ich sehe sie schon wittern und schnüffeln, die Herren Vorgesetzten und Amtsbrüder – wie sie über den Abtrünnigen zu Gerichte sitzen und sich blähen werden in moralischer Entrüstung – wie sie die Augen verdrehen und ausrufen werden: ›Sehet, so vergehet der Gottlose!‹ – Die Motive meiner That! – wenn auch Du danach fragen solltest – so erinnere Dich unseres Gespräches von neulich, Gerland! – Dies ist ja nur das natürliche Ende eines langen, fruchtlosen Kampfes – ich ziehe nur ein Fazit. Mir selbst erscheint das, was ich thue, so furchtbar einfach, so durchaus notwendig. Dir, in Deiner optimistischen Freude am Dasein mag das unverständlich, mag das wohl gar frivol klingen. – Ich kann Dir versichern, Gerland, mir ist sehr ernst zu Mute. Ich sehe keinen Ausweg – nach keiner Seite – höchstens den, das Leben leicht zu nehmen, und dazu ist mir die Anlage versagt. Wer könnte beschreiben, mit einem faßbaren Ausdrucke umgrenzen, was auf mir lastet! – Ich kann es nicht. Es ist mein von Grund aus verfehltes Dasein, das wie ein bergabeilender Stein unaufhaltsam dem Ende entgegenstürzt. Es ekelt mich, zu leben – und zehnfach ekelt es mich, als ein Heuchler zu leben. Es ist schwer, es ist furchtbar schwer, die Rolle des Priesters zu agieren. Den Dummen spielen für Geld, das ist doch das erniedrigendste Handwerk, das es giebt. – Ich weiß, man kann mir viele und gerechte Vorwürfe machen: Warum ergriff ich den Beruf? Warum harrte ich so lange in ihm aus? Ja, warum that ich es? – Aus Schwäche, Schwäche, Schwäche! – – Ich will in dieser Stunde ihr nicht fluchen, die mir das Leben gab. – Wenn ich ihr doch den Schmerz, den Vorwurf ersparen könnte! Aber, ich weiß es, sie hat einen Tröster: ›Der Herr ist gerecht in allen seinen Wegen. Was er thut, das ist wohlgethan.‹ – Wer so sprechen kann mit aufrichtiger Seele, der wird auch noch über den Tod des abtrünnigen Kindes hinwegkommen. Ja, wenn man ihr das mit gutem Gewissen nachsprechen könnte! – Wie lieblich, wie bequem muß das Leben für die Kinder Gottes dahinfließen. Das, mein Freund, ist das Furchtbare für uns, die wir uns selbst ausgestoßen haben aus dem Lande, da Milch und Honig fließt – die Erinnerung, die geheime Sehnsucht, die wir stets nach dem Verlassenen bewahren. Wir verlorenen Söhne sind belastet mit dem Heimweh nach dem Vaterhause – belastet mit dem noch quälenderen Gefühle, daß wir unser bestes Teil verscherzt haben – leichtsinniger noch als Esau; denn was tauschten wir ein für die gesicherten Güter des Glaubens und die Anwartschaft auf das ewige Heil? Ein Erkennen, das in einem ignoramus gipfelt, ein Sehen, das an dem dunklen Punkt im Auge scheitert, ein Forschen, das nach kurzem Wege überall an verschlossene Thüren führt. – Für Sicherheit Zweifel, für Ruhe Unrast, für die süße, kindliche Hoffnung der ewigen Seeligkeit die bittere, kalte Trostlosigkeit des Nichts. Mag sein, daß spätere Zeiten diesen Widerspruch lösen mögen, – was nutzt das uns, uns, die wir hineingestellt sind in das Zwielicht! Unglückliche Zwittergeschöpfe, aufgepäppelt mit all den Wärmemitteln der dualistischen Weltanschauung – angefüllt in jungen Jahren bis zum Platzen mit eudämonistischem Supranaturalismus. Und dann, wenn das Leben, der große Empiriker, all diese künstlichen Hüllen und Binden und Präservativs gegen den Unglauben von unserem also verweichlichten Geiste reißt, dann stehen wir da in bitter kalter Luft, für die wir nicht abgehärtet waren. Und dort, wo sich der Märchenbau der christlichen Mythologie erhob, steht die mechanische Weltanschauung – nüchtern und abstoßend für unser verwöhntes Auge. Und nichts – nichts ist da, um dieses kahle Brettergerüst zu verkleiden, nichts als Kompromisse. Davon freilich giebt es genug, in den unendlichsten Arten und Unterarten, mit Prächtigen, großklingenden Namen – herrliche, in allen Farben schillernde Exemplare. Der eine will aus Vernunft die Offenbarung annehmen, der andere auf die Offenbarung hin zur Vernunft gelangen. Ein anderer hat sich zur doppelten Buchführung entschlossen, sammelt Erkenntnissätze und fromme Gefühle in getrennte Scheuern und schließt, wenn er von einer zur andern will, hübsch hinter sich ab. – Nein, diese Hinterthüren mag ich nicht! Für den Mystizismus sehe ich zu scharf, für den Materialismus fehlt mir der Leichtsinn, und dieses neueste Allheilmittel des religiösen Empirismus ist mir lächerlich. Vom Erkennen so lange wegnehmen und dem Glauben zulegen, bis die Wage richtig spielt, daran hindert mich – wie soll ich es nennen – ein gewisser Ernst – ein Anstandsgefühl, das mir angeboren sein muß, denn in theologischer Schulung habe ich es sicherlich nicht erlernt. – Und so stehe ich denn tatsächlich an der äußersten Peripherie – dort, wo alle Wege in die Wüste enden – wo die Luft zum Atmen ausgeht. – Wozu erzähle ich Dir alles das – wozu? Kein Mensch kann den andern verstehen. Wir sind allein – ganz allein, gerade dadurch, daß wir leben. Vereinigung mit dem Stoffe, aus dem wir stammen, das ist mir eigentlich, so lange ich denken kann, als das natürlichste erschienen, und nur mancherlei anerzogene und angewöhnte Lügen haben mich über dieses echte Gefühl hinweggetäuscht. Über diesen Punkt habe ich einiges aufgesetzt, auch manches andere Blatt ist vorhanden. Ich habe das alles zusammengelegt. Du wirst das Paket in meinem Schreibtische finden, rechter Hand, im oberen der kleinen Fächer. Bitte, nimm die Manuskripte an Dich, noch ehe andere unberufene Hände darüber geraten. Ich übergebe meinen schriftlichen Nachlaß Deinem Gewahrsam und Deiner Diskretion. Meine Mutter ist verreist, ein Brief an sie liegt auf der Schreibtischplatte. Leb' wohl! Du hast das Zeug dazu, auf dieser Welt relativ glücklich zu werden. Ich vertraute Dir mehr als andern, weil Du, obgleich anders denkend, doch nie einen Versuch gemacht hast, mich geistig zu beeinflussen. Leb' wohl! Dein Moritz Fröschel.« IV. Gegen sieben Uhr abends hatte Gerland Fröschels Brief erhalten, um acht Uhr bereits saß er im Wagen des Gärtnergewendbauers; – die Fahrt ging nach Annenbad. Er befand sich in einer Aufregung sondergleichen; die Gedanken wogten wild, wie sein fieberisch erregtes Blut. Tausenderlei drängte sich gleichzeitig von allen Seiten – Gleichgiltiges und Banales eingemengt in ernsteste Erwägungen. Und gerade der Kontrast zwischen den albernen Fratzen seiner Phantasie und dem furchtbaren Ernste des Ereignisses hatte etwas unheimlich Beängstigendes. Ein Gedanke hob sich wie ein schreckliches Haupt aus der tobenden See seiner Gefühle: wie würde er Fröschel finden? – Im Innersten hegte Gerland die Überzeugung, daß er zu spät komme. Wer einen solchen Brief geschrieben, der hatte auch nicht gezaudert, auf das Wort die That folgen zu lassen. Er versuchte es, sich den Freund zu vergegenwärtigen. Und mit einem Male stand der kleine Diakonus vor ihm mit dem kränklich müden Ausdrucke in seinem Knabengesichte. Wie mochte dieses Gesicht jetzt aussehen? Der entsetzliche Gedanke beherrschte ihn ganz. – Ob er's mit Gift – mit der Pistole – ausgeführt, oder gar? – Eine häßliche Neugier hielt ihn in dämonischem Banne. – Tief über das Geschehnis in seiner ganzen Bedeutung nachzudenken, dazu war Gerland bisher gar nicht gekommen. Wie ein Schlag hatte es ihn getroffen, betäubend; zur Empfindung wirklichen Schmerzes war er noch viel zu zerfahren. Einmal versuchte er zu beten; aber eine Welle fremdartiger Gefühle wusch diesen Versuch hinweg. Dann zog er Fröschels Brief wieder hervor, seine Aufmerksamkeit zwingend, las er das Schreiben von neuem – versuchte in den geheimsten Sinn jedes einzelnen Satzes einzudringen. Als er geendet, war er hoffnungslos; er wußte es jetzt bestimmt, er konnte nur einen Toten finden. So furchtbar der Gedanke war, Gerland fing bereits an, sich an ihn zu gewöhnen, ja mit ihm als einer Thatsache zu rechnen. Aufsehen würde dieser Fall machen – außerordentliches Aufsehen – der Selbstmord eines Geistlichen! Was für Vermutungen und Kontroversen – wieviel müßiges Gerede und Geschreibe, würde sich an dieses Ereignis knüpfen. – Daß Fröschel ihm seinen schriftlichen Nachlaß übertragen, erfüllte Gerland im geheimen doch mit Stolz. Zugleich war er im höchsten Grade auf den Inhalt dieses Nachlasses gespannt. Ob die Mutter schon wußte, was sich ereignet hatte – und wie würde sie es ertragen? Und als er sich den Schmerz dieser Mutter um solch einen Sohn vergegenwärtigte, wurde dem Geistlichen mit einem Male die Größe des Verlustes klar, den auch er erlitten hatte. – Die Pferde waren gut gelaufen; der Bauernknecht hatte, aus Ersparnisrücksichten, oder weil es ihn kitzelte, eine behördliche Verordnung zu übertreten, keine Laterne angezündet. Im Walde war es dunkel, wie im Keller, aber die Pferde fanden ihren Weg. Endlich war der Wald zu Ende, im Thale blitzten lichte Punkte auf – Annenbad. Bald hielt der Wagen vor dem Diakonat. Gerland musterte die Front des Hauses – durch verschlossene Läden blitzte ein Lichtstreif. Er zog an der Hausklingel – seine Nerven waren so erregt, daß ihn der bloße Klang erzittern machte. Lange mußte er warten, dann öffnete ein weibliches Wesen mit mürrischem Gesichte. Die Frage, die ihm in diesem Augenblicke auf den Lippen lag, wagte Gerland nicht zu stellen. Er fragte: »Sind schon Leute gekommen?« Die Frau war offenbar aus dem Schlafe gestört; ärgerlich gab sie zur Antwort, es wären Herren oben. Gerland stolperte die dunkle Stiege hinauf und klingelte zaghaft an der Vorzimmerthür. Sein Blut hämmerte so heftig, daß er die einzelnen Herzschlage zu hören vermeinte. Polani war's, der ihm öffnete. »Wie steht's?« fragte Gerland noch in der Thür. »Hoffnungslos! – Der Arzt hat ihn aufgegeben.« Die Thür zum Wohnzimmer war offen geblieben. Gerland sah einen Mann in Hemdsärmeln; ohne zu fragen nahm er an, daß es der Arzt sei. – Sich weiter umblickend, erkannte er im Hintergründe des Zimmers, auf dem Sofa ausgestreckt, eine Gestalt – halbzugedeckt. Gerland trat näher – zagend – kaum wagte er hinzublicken. – Der Kopf schien unversehrt, die Züge geisterhaft bleich und gedehnt, wie bei einem Toten. »Er lebt noch?« fragte Gerland. Der Arzt, ein älterer, graubärtiger Mann, nickte. »Wie –« Gerland stockte – er wußte nicht, auf welche Weise er das ausdrücken sollte. »Wie – hat er's denn ausgeführt?« fragte er schließlich. »Mit dem Revolver,« erwiderte der Arzt. »Zweimal in die Brust – der eine Schuß ungefährlich – wahrscheinlich der erste, der andere durch die Lunge. Innere Verblutung! – Noch in dieser Nacht wird's zu Ende sein.« Gerland war tief erschüttert. Merkwürdigerweise rührte ihn am meisten der Gedanke, daß Fröschel gerade in diesem Zimmer das Ende gefunden. Sein Blick suchte die frommen Bilder an der Wand; dort hingen sie: Geburt, Kreuzigung, Auferstehung, Himmelfahrt, schauten mit ernsten Augen herab auf den Sterbenden. Zu seinen Häupten erhob sich das große, schwarze Ebenholzkruzifix mit dem weißen Elfenbeinkorpus. – Gerland entsann sich des Gespräches, das er mit Fröschel in eben diesem Zimmer gehabt, und jener anderen Auseinandersetzung mit der Mutter. Bei diesen Erinnerungen übermannte ihn die Rührung; er ging in eine Ecke des Zimmers und weinte sich aus. – Jemand trat hinter ihn; eine Hand legte sich auf seine Schulter – es war Polani. Er ergriff Gerlands Rechte und drückte sie. Mit einem Blick gen Himmel meinte Polani: »Es ist sehr traurig, lieber Gerland – sehr traurig.« »Ist die Mutter unterrichtet?« »Ich habe telegraphiert, daß er gefährlich erkrankt sei. Die ganze Wahrheit konnte ich ihr doch nicht mitteilen. – Ich fürchte, die Frau wird das nicht überleben. Es ist traurig – tief traurig! – Übrigens, eine Frage, lieber Gerland: auf welchem Wege haben Sie denn eigentlich davon erfahren?« »Er hat an mich geschrieben.« »Wer?« »Nun – Fröschel. Der Brief datiert von gestern; ich erhielt ihn heute abend und fuhr sofort hierher.« »Und – da hat er ihnen wohl Mitteilung gemacht – in dem Briefe – von seiner Absicht?« – »Jawohl!« »Haben Sie den Brief bei sich, Gerland? »Allerdings!« »Darf ich ihn lesen?« Gerland zog das Schreiben hervor und reichte es dem Amtsbruder. Während Polani in dem Brief vertieft stand, trat Gerland zu dem Arzte. »Ist er bei Bewußtsein?« fragte er mit gedämpfter Stimme. »Nein!« war die Antwort. »Glauben Sie, daß er viel gelitten hat, Herr Doktor?« »Während der ersten Stunden jedenfalls.« »Wann hat er 's denn ausgeführt?« »Am frühen Morgen wahrscheinlich. Gefunden wurde er erst im Laufe des Nachmittags. Das Quartier war leer, niemand hatte die Schüsse gehört. Mir ist erst vor einigen Stunden die Meldung zugekommen, sofort kam ich herüber. Ein hiesiger Kollege hatte bereits die Kugel entfernt, sie saß im Rücken unter der Haut, Aber es ist alles umsonst; der Blutverlust, während der Stunden, wo er hier gelegen, ist zu groß gewesen.« »Ist er seitdem noch einmal zu vollem Bewußtsein gekommen?« »Jawohl – vorhin, während der Operation – so sagte mir der Kollege.« Der Arzt widmete sich jetzt wieder dem Kranken, maß den Puls und sah nach den Bandagen. Unter den Händen des Doktors schlug Fröschel plötzlich die Augen auf, groß und glänzend. Gerland stellte sich so auf, daß er in das Gesichtsfeld des Liegenden kam; aber Fröschel schien ihn nicht zu erkennen, wenigstens deutete keine Veränderung der Mienen darauf. »Darf ich ihn anreden?« wandte sich Gerland flüsternd an den Arzt. »Immerzu! – Aber es wird keinen Erfolg haben.« Gerland rief einigemale den Namen des Freundes mit deutlicher Stimme. Der starre Gesichtsausdruck blieb unverändert – und dabei diese glänzenden Augen mit dem eigentümlich durchdringenden, tiefen Blicke – ein unheimliches Phänomen. Der Arzt bereitete eine Eiskompresse für die Stirn und legte sie auf, dann nahm er den Schirm von der Lampe, der bis dahin das Licht gedämpft hatte, und keß den vollen blendenden Strahl dem Liegenden in die Augen fallen. Jetzt schlossen sich die Augenlider, zwinkernd, und öffneten sich wieder. Durch die Muskeln um Mund und Nase ging ein Zittern, die Finger begannen zu spielen. Es war klar, das Bewußtsein begann sich einzustellen. Gerland erneuerte seine Versuche, des Sterbenden Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Nach längerer Zeit schien sich etwas wie Verständnis in den Zügen zu regen. Der Mund öffnete sich, aber ein Ton kam nicht hervor. In der Kehle arbeitete es, wie man deutlich am Muskelspiel des Kehlkopfes erkennen konnte. Der Sterbende machte Anstrengungen zu sprechen. Die Nasenlöcher vibrierten, die Augäpfel schienen herausdringen zu wollen. Gerland trat dicht an das Lager heran und beugte sich über den Freund. Dann sagte er, jede Silbe betonend: »Ich bin's, lieber Fröschel, dein Freund Gerland aus Breitendorf. – Verstehst du mich?« – Gerland wartete. Etwas wie Verständnis glaubte er aus den Mienen des Liegenden herauslesen zu können. Er fuhr fort: »Hast du noch irgend was auf dem Herzen – einen Wunsch – lieber Freund?« Weiter kam Gerland nicht, denn jetzt bereitete sich offenbar etwas Außerordentliches in dem Zustande des Sterbenden vor; die Augen verdrehten sich, die Hand kämpfte in die Decken, die Gesichtszüge verzerrten sich, wie im furchtbarstem Schmerze. »Helfen Sie stützen!« rief der Arzt, und schob dem Sterbenden den Arm unter den Rücken. Gerland griff zu. Ein paarmal hob und senkte sich Fröschels Brust; ein Röcheln, scharf wie ein Rasseln, drang aus dem weit geöffneten Munde, dann ein Ruck durch den ganzen Körper – und ein dunkler Strahl schoß aus dem Munde, so daß Gerland entsetzt einen Schritt zurücksprang. – Eine zweite und eine dritte Ergießung erfolgten. Dann sank der Körper zurück, schlaff, ganz besudelt mit Blut, die Züge entstellt, die Augen weit offen, mit verdrehten Pupillen ins Leere starrend. »Das ist der exitus ,« sagte der Arzt, zog den Arm unter dem zusammengebrochenen Körper hervor und erhob sich. Gerland stand bebend. – In so entsetzlicher Gestalt war ihm der Tod noch nie in den Weg getreten. Der jammervolle Anblick schnitt ihm ins Herz, und doch war er wie gebannt; er konnte das Auge nicht von der entstellten Masse wenden. Der Arzt hatte die Hand des liegenden Körpers ergriffen; wie es schien, forschte er noch einmal nach dem Pulsschlage. Gerland hing an den Zügen des Mannes, die nichts als sachliches Interesse wiederspiegelten. Nach einiger Zeit legte der Arzt die Hand auf die Brust zurück, mit einer gewissen feierlichen Sorgfalt. »Tot?« fragte Polani. Jener nickte und machte sich darüber, seine Kleidung zu reinigen. Gerland stand wie betäubt. Wie aus weiter Ferne klangen die Worte Polanis, der dicht neben ihm stand, an sein Ohr: »Kommen Sie, Gerland – wir wollen ihm die Augen zudrücken.« Er überließ es dem anderen, diesen letzten Liebesdienst vorzunehmen. Wie ein Traum erschien es ihm, daß Polani an der Leiche niederkniete. Jetzt beten! – Das hätte für ihn gar keinen Sinn gehabt. Der Arzt rief ihn in die Wirklichkeit zurück. Er hatte seine Sachen zusammengepackt und erklärte, daß er nach der Kreisstadt zurückwolle. Es sei bereits ein Uhr vorüber, meinte er, nach der Uhr sehend; dann warf er noch ein weißes Tuch über die Leiche und entfernte sich. Polani und Gerland blieben allein bei dem Toten zurück. Eine Zeit lang schwiegen beide, jeder seinen eigenen Gedanken nachhängend. »Die Sache wird sehr viel unliebsames Aufsehen machen,« stieß Polani plötzlich hervor. Gerlands Gedanken hatten sich in ganz anderen Sphären bewegt. »Sehr unliebsames Aufsehen wird die Sache machen,« wiederholte Polani. »Man wird mir vorwerfen, ich hätte es als erster Geistlicher an der gehörigen Wachsamkeit fehlen lassen. Aber ich bitte einen Menschen, wer konnte denn so etwas ahnen! Daß er nicht positiv, ja daß er ziemlich frei sei in seinen Anschauungen, daß wußte man ja. Und ich habe mich's keine Mühe verdrießen lassen, ihn auf den rechten Weg zu führen – im Vereine mit seiner Mutter – dafür habe ich Zeugen. Sie müssen das auch wissen, Gerland.« Polani seufzte. Gerland vermochte kein Mitleid mit dem andern aufzubringen. Ja, er konnte sich nicht helfen; Polani war ihm in diesem Augenblicke widerlich. »Rätselhaft bleibt die Sache doch!« fuhr Polani fort, nichts ahnend von den Empfindungen, die er in dem anderen wachgerufen. »Der Brief an Sie, Gerland, nimmt auf Gespräche Bezug. – Hat er Ihnen denn jemals Andeutungen gemacht über sein Vorhaben?« – »Hätte er es doch gethan! – Er läge vielleicht jetzt nicht hier.« – »Und die Manuskripte, von denen er spricht. – Wollen Sie denn nicht nach denen sehen, lieber Gerland? Vielleicht könnten die uns Aufschluß geben über seine eigentlichen Beweggründe.« – Die Manuskripte! – Gerland hatte in der Erregung der letzten Stunden den Auftrag seines Freundes gänzlich vergessen. Der Schreibtisch war bald entdeckt, nebenan im Arbeitszimmer. Vor diesem Schreibtische sitzend, schien Fröschel die That ausgeführt zu haben. Man hatte ihn am Boden neben dem Stuhle zusammengekauert aufgefunden. Auf der Platte lag ein versiegelter Brief: »Nur von meiner Mutter zu eröffnen!« – stand darauf geschrieben. In dem obersten Fache der rechten Seite – genau wie es der Tote geschrieben – fanden sie die Manuskripte. Eine Anzahl dünner Hefte und loser Bogen in einem Umschlage zusammengeschnürt. Gerland nahm das Paket an sich und versenkte es in eine Tasche. Polani war gegangen. Gerland hatte ihm noch die Treppe hinab geleuchtet, dann kehrte er in das Zimmer zurück. Endlich allein mit der Leiche des Freundes! – Er konnte es sich nicht versagen, das Tuch abermals von dem Körper zu heben. Einige Blutspuren verdarben ihm den Anblick. Suchend blickte er im Zimmer umher; Wasser und Schwamm waren zur Hand, und so machte er sich daran, das Gesicht zu reinigen. Dann breitete er das Tuch nur so weit wieder über den Körper, daß der Kopf unverhüllt blieb. Gerland versenkte sich ganz in den Anblick dieser Züge; die Spuren des Schmerzes waren bereits daraus gewichen. Der Anblick war friedlich. Das Gesicht hatte den Ausdruck kindlicher Zufriedenheit angenommen, der dem Charakter des Verstorbenen doch so fremd gewesen. – Der Geistliche kniete nieder. Anfangs sprach er angelernte Formeln, wie sie ihm aus seiner Praxis an Sterbebetten und Totenlagern im Gedächtnisse waren – allmählich aber nahm sein Gebet höheren Schwung; bis es in eine Ansprache an den Toten selbst überging. Wie zu einem Gegenwärtigen sprach er, den Blick auf diese friedlichen Züge gerichtet, die nur von leichtem Schlummer umfangen schienen. »Lieber Freund,« sagte er, »du bist nun gegangen. Mich allein fandest du würdig, dein Geheimnis zu erfahren; du wußtest wohl, daß ich fähig sei, dich zu verstehen. Wenn du jetzt ein Geist bist – wenn etwas mehr von dir geblieben ist, als das, was hier liegt – seiest du wo du seiest – gieb mir ein Zeichen! – Teile dich mit – verrate mir auf irgend einem Wege das, was du weißt, damit ich nicht in dieser Finsternis weiter tappen muß, in der wir hier gelassen sind. – Bei unserer Freundschaft beschwöre ich dich, gieb mir ein Zeichen!« – Hier hielt er inne: die Anstrengung, die er gemacht, war außerordentlich. Seine Seele hatte er ausgeschickt, um die des Freundes zu suchen. Für Augenblicke gab er sich der Empfindung hin, jener müsse ihn gehört haben – müsse sich ihm mitteilen. Eine Erscheinung würde ihn nicht erstaunt haben – sein Auge, sein Ohr wartete auf irgend eine außerordentliche Enthüllung. Alles blieb stumm. Das Gesicht des Toten lag unbewegt in starrer Ruhe. – Gerland kam zurück aus seiner Extase zur Nüchternheit. Die Wellen des Empfindens ebbten ruhiger. – Es gab keine Brücke nach jener unbekannten Welt. Wir besaßen keine Organe, um uns mit der großen Sphynx des Jenseits zu verständigen. Die heilige Schrift überlieferte zwar allerhand Wunderberichte: die Auferweckung der Toten und die große Verheißung der Auferstehung alles Fleisches. Herrliche Worte. Trost und Labsal für den, der sie glaubte. Und hier lag das große Dilemma; glauben mußte man können. – Diese wunderbare Verheißungen versanken wie die Herrlichkeit einer Märchenwelt für den Zweifler Glauben, – oder, ohne diese süße Musik mit dem Leben fertig werden, das war die Alternative. Und in diesem Konflikte war der Tote zu Grunde gegangen. – Gerland erhob sich, er zog das Paket hervor und löste den Faden. Beim Scheine der Lampe, die das Gesicht des Toten geisterhaft beschien, las er Bekenntnis um Bekenntnis, das jener dem Papiere anvertraut hatte. – Und da ward es ihm wahrhaftig, als dränge eine Stimme von jenseits des Grabes zu ihm herüber. – V. Der Morgen war heraufgekommen: durch die herabgelassenen Vorhänge drängte sich fahles Licht in das Zimmer; Gerland löschte die Lampe aus. Er war übernächtig. Das Zimmer mit seiner lieblosen Unordnung machte in der blassen Beleuchtung des anbrechenden Tages einen unendlich trostlosen Eindruck. Die Leiche hatte er jetzt wieder ganz zugedeckt; er wollte nicht Zeuge der unausbleiblichen Veränderung sein, die mit diesen Zügen bald vor sich gehen mußte. Seine Uhr hatte er nicht aufgezogen; sie war gegen vier Uhr stehen geblieben. Er ahnte nicht, wie spät es sei. Endlich wurde Leben im Hause, das beruhigte ihn. Gerland sehnte sich danach, menschliche Gesichter zu sehen nach dieser Nacht. Aus dem Hausflur tönten Stimmen herauf, Thüren gingen, bald ertönten auch Schritte auf der Treppe und im Vorzimmer. Der Lokalarzt und die Leichenfrau traten auf. Nach kurzer Verständigung überließ sie Gerland ihren Geschäften; er wollte an die frische Luft gehen. In der Küche war Leben. Der aromatische Geruch gebrannten Kaffees traf den Vorüberschreitenden, das wirkte anreizend auf seinen Appetit. Er dachte daran, daß er am Abend vorher nichts genossen habe, und bat die Aufwartung um etwas Frühstück. Die Person erkannte ihn, hielt es für nötig, einigemale die Schürze an die Augen zu führen, und fragte dann, ob der Herr Pfarrer wisse, wann Frau Oberlehrer zurückkommen werde. Gerland konnte ihr bloß mitteilen, was er darüber während der Nacht von Polani erfahren hatte. Er überließ die Person ihren Jeremiaden und begab sich durch die hintere Hausthür in den kleinen, an das Diakonat anstoßenden Garten. Frische Morgenluft umfächelte sein unbedecktes Haupt. Er blickte nach dem Himmel aus; es versprach ein schöner Tag zu werden. Hier in geschützter Lage sproßten wahrhaftig schon die ersten Frühlingsblumen: Schneeglöckchen, Leberblümchen, Krokus, in kleinen von Buchsbaum umsäumten Quartieren. Harmlos zutraulich streckten sie ihre jungen Köpfchen der aufsteigenden Sonne entgegen. – Gerlands Gedanken waren bei der Mutter des Toten, deren Ankunft er jeden Augenblick erwarten durfte. »Sie wird das nicht überleben,« hatte Polani gesagt. Auch Gerland vermochte sich keine Vorstellung zu machen, wie sie den Schlag ertragen würde. Der einzige Sohn – und welch ein Sohn! – Sie liebte ihr Kind, und die Liebe hatte in diesem selbstbewußten Charakter eine ganz besondere verhängnisvolle Form angenommen; unterjochen hatte sie ihn wollen – Vernunft und Willen des Sohnes in Bahnen zwingen, die ihr als die rechten erschienen. Bei Hunderten wäre ihr das gelungen, aber nicht bei ihm, der selbst zuviel von ihrer geistigen Selbständigkeit geerbt hatte, und der mit dem freieren, rücksichtsloseren Verstande des Mannes die letzte Schranke bald überflog, vor der die weibliche Zahmheit anbetend Halt machte. Von dem frühzeitig verstorbenen Vater hatte der Knabe die traurige Mitgift eines zweifelnden, unzufriedenen, grübelnden Sinnes ins Leben mitbekommen. Mit Stumpf und Stiel wollte die Mutter die skeptische Anlage, die ihr ein Greuel war, bei dem Kinde ausrotten – sie wollte den Zweifel von vornherein abschnüren, daß er gar nicht erst in das junge Reis dringen könne – und darum hatte sie den Sohn der Kirche dargebracht. Der Priestertalar, meinte sie, sei der beste Schutz gegen die Versuchungen moderner Häresie. Sie ahnte nicht, daß sie dadurch den Feuerbrand zur Pulvermine heranbringe. – In der erzwungenen Beschäftigung mit dem Supranaturalistischen, für das seiner Natur die Organe fehlten, wurde aus religiöser Gleichgültigkeit Haß gegen die Religion, in der er nur eine Fessel erblicken konnte. Ein Blick hinter die Kulissen der Dogmatik machte ihn vollends zum Ketzer. Sein nüchterner, scharfer Verstand, gereizt durch den Schematismus einer gemüt- und gedankenlosen Theologie, erhob sich zum Widerspruch – und bald war das fadenscheinige Gewebe von der scharfen Säure durchätzt und zerlöchert. – Aber nicht bei Vernichtung der Hülle blieb er stehen, mit ihr zerstörte er den in der Tiefe verborgenen edlen Kern – verlor in diesem Prozesse Glauben – Hoffnung – Lebensfreude. Und die Mutter stand dabei, wollte löschen, und merkte nicht, daß sie statt Wassers Öl in die Flammen gieße. Mit allen Mitteln, die nur der anschlägige Kopf einer Frau ersinnen kann, suchte sie den Sohn an das zu fesseln, was in ihren Augen das Heil war. Sie vertuschte, stützte, linderte – denn die Fesseln des verhaßten Berufes, in den sie ihn gezwängt, schnürten ihm immer tiefer ins Fleisch. – Er fühlte sich entmannt, geschändet, entwürdigt im Joch erniedrigender Heuchelei, unter das ihn jede Handlung seines Amtes zwang. Und die Mutter sah es mit an, wie sich der Sohn prostituierte, wie er verzweifelt an den Ketten riß – und sie betete, pries ihren Gott und hoffte – züchtete in verzücktem Eifer den Widerspruch größer und größer, an dem der Sohn zu Grunde gehen mußte. Lüge glaubte sie in Wahrheit, Heuchelei in Wahrhaftigkeit umwandeln zu können, durch den guten Zweck. – Zu solchem Jesuitismus würdigte die fanatische Protestantin ihre Überzeugung herab; sie pochte auf ihre evangelische Gesinnung und vergaß die vornehmsten evangelischen Tugenden: Gerechtigkeit und Freiheit. Sie übersah, daß sich Glaube nicht erzwingen läßt, und daß Liebe nicht in Tyrannei ausarten soll – daß man die Denkfreiheit eines jeden, und stünde er uns noch so nahe, respektieren muß. In ihrer Verblendung hatte diese Mutter geglaubt, den Sohn zur Seligkeit hinanzuführen, und sie hatte ihn hineingetrieben in die Verzweiflung, welche ihn das Nichtsein einem Leben voll Selbstverachtung vorziehen ließ. – Wie eine Gerichtete – so wollte es Gerland erscheinen – würde die Mutter vor der Leiche des Sohnes stehen. – Die nahe Kirchenuhr verkündete ihm, daß es acht Uhr sei. Der Geistliche begab sich ins Haus zurück und nahm sein Frühstück ein. Ein Wagen rollte vor. Gerland eilte ans Fenster; es war die Mutter. – In diesem Augenblicke fiel es ihm wie Centnerschwere auf die Seele – sie wußte das Schlimmste noch gar nicht. – Polanis Telegramm hatte ihr ja nur von einer schweren Erkrankung des Sohnes berichtet. – Wer sollte der unglücklichen Frau die ganze schreckliche Wahrheit beibringen? Gerland konnte darüber nicht lange im Zweifel sein – das war sein Amt. Er eilte, so schnell ihn die Füße trugen, die Treppe hinab, um dem Dienstmädchen, dessen klagende Stimme er bereits im Haufe vernahm, zuvorzukommen. Atemlos stand er im Augenblick darauf der Mutter gegenüber. Die Frau mußte Böses ahnen. »Wie steht's – wie steht's?« fragte sie hastig mit verängsteter Miene. Eine Thür im Parterre öffnete sich; eine Anzahl weiblicher Personen, die Gerland nicht kannte, drängten sich herbei. Ein sinnloses Klagen, Schluchzen und Durcheinanderreden begann. – Der Geistliche schob die heulenden Weiber beiseite und bot der Matrone den Arm. »Kommen Sie mit mir, Frau Oberlehrer!« – »Herr Pfarrer – Herr Pfarrer Gerland!« – brachte sie nur hervor. – Er führte sie die Treppe hinan. Oben angekommen, sah er sie wanken; schnell öffnete er das Vorzimmer und ließ sie niedersitzen. In das Zimmer durfte sie unvorbereitet um keinen Preis. »Ich muß Sie auf das Schlimmste vorbereiten,« – begann er, und verfing sich in Redensarten, die in ihrer Gesuchtheit dieses Schlimmste nur allzu deutlich durchblicken ließen. »Er ist tot!« sagte sie tonlos – so, daß es geradezu ruhig klang. Gerland schwieg. Sie senkte das Haupt und verharrte eine Weile so – nur an dem Zittern, das ihren ganzen Körper konvulsivisch bewegte, erkannte er den Grad ihrer Bewegung. Dann warf sie den Kopf plötzlich zurück – mit hilfeflehenden, verstörten Blicken, den Mund geöffnet, das Kinn krampfartig bewegend, als wolle sie sprechen – die Augen ohne Thränen. Der Anblick schnitt ins Herz. – Und dabei wußte sie das Schrecklichste noch immer nicht. Oder ahnte sie etwas? – Das Entsetzen in ihren Zügen – die Beängstigung, die sie keine Worte finden ließ, deuteten darauf hin. »Aber – Moritz war ja gar nicht krank, als ich fortging.« »Ihr Sohn – Frau Oberlehrer – ist – ist nicht eines natürlichen Todes gestorben.« – Sie packte seinen Arm und preßte ihn mit solcher Gewalt, daß er heftigen Schmerz empfand. »Selbst – selbst!« – mehr brachte sie nicht hervor. Gerland nickte und wandte das Gesicht ab. – Alles blieb still. – Als er wieder nach ihr hinblickte, erschreckte ihn der Ausdruck: ein leerer, irrender Blick – starre, wie im Schrecken versteinerte Züge. – Er fürchtete einen Augenblick für ihren Verstand. »Frau Oberlehrer – aber, Frau Oberlehrer –« Einige unartikulierte Töne wurden laut. Sie schnappte nach Luft – machte den Versuch aufzustehen. Ihr Blick war nach der Thür des Wohnzimmers gerichtet; dorthin wollte sie. – Aber sie kam nicht weit – knickte ein – Gerland sprang hinzu, schob ihr den Stuhl unter, dann lief er selbst in das Zimmer und rief die Leichenfrau. Von unten kam auch das Mädchen jetzt herbei – man war um die unglückliche Mutter bemüht. Die Frauen schafften die Ohnmächtige in ihr Schlafgemach. – Die Kunde von dem außergewöhnlichen Ereignisse mußte sich schnell verbreitet haben. Die verschiedensten Leute kamen, Neugierige aller Art. Bald glich das Diakonat einem Bienenkorb. Auch die offiziellen Persönlichkeiten traten auf; der Bürgermeister, der Amtsrichter, der Superintendent in Begleitung Polanis. Es war ein Zusammenlauf profaner und geistlicher Personen, wie ihn das kleine Haus wohl noch nicht erlebt haben mochte. – Unendlich viel wurde argumentiert, debattiert, Müßiges gefragt und Unnützes geschwätzt. – Der Fall werde sehr viel unliebsames Aufsehen erregen, das war das Wort, welches, wie eine gegebene Parole, von Mund zu Mund ging. Aus den benachbarten Ortschaften kamen eine Anzahl Geistlicher herbei, zu denen das Außerordentliche gerüchtweise gedrungen war. Mit bestürzt neugierigen Mienen traten die Herren auf. »Weshalb hat er sich denn erschossen?« war die Frage, auf die jeder zuerst Antwort haben wollte. – »Religöser Zweifel halber!« – hieß es. Verdutzte Gesichter, beunruhigtes Durcheinanderflüstern, scheue Blicke nach der Leiche, die inzwischen aufgebahrt worden war. Es wurde viel getuschelt und mit den Köpfen geschüttelt. »Religöse Zweifel!« welchen Ausdruck naiven Staunens zeigten die meisten Mienen bei dem Worte. Auch der katholische Ortsgeistliche erschien; ein großer, starker Mann mit einer soliden Bauernphysiognomie und der selbstbewußten Würde im Wesen, welche Rom den niedrigsten seiner Diener verleiht. Er trat nahe an die Leiche heran, machte fast unmerklich das Zeichen des Kreuzes und murmelte ein kurzes Gebet. Ernst ruhte sein Blick auf dem Angesicht des Toten; doch besaß er Haltung genug, um sich äußerlich kein Zeichen des Triumphes anmerken zu lassen. Die Schar der evangelischen Kollegen beobachtete den Fremdling voll nervöser Unruhe. Mit einem leichten Neigen des Kopfes nach den Klerikern hin, entfernte sich der Mann schweigend, wie er gekommen war. – In einer Ecke des Zimmers standen die wichtigen Persönlichkeiten bei einander: der Superintendent, Polani und die Vertreter der weltlichen Behörden. Mit gewichtigen Mienen besprachen sie den Fall und seine möglichen Folgen. – Gerlands größte Sorge war immer noch, wie es der Mutter gehen möge; der Arzt war inzwischen bei ihr gewesen. Es hieß, sie habe sich von ihrem Anfalle erholt, sei aber noch sehr schwach und weine viel. Später brachte das Dienstmädchen die Kunde, Frau Oberlehrer wünsche den Herrn Pfarrer Polani zu sprechen. Polani leistete dem Rufe ungesäumt Folge. – Die Offiziellen blieben noch länger in lebhafter Diskussion beieinander stehen; Gerland empörte ihr rücksichtslos lautes Durcheinanderreden in Gegenwart der Leiche. »Er hat Schriften hinterlassen – jawohl – er hat Schriften hinterlassen,« – hörte Gerland aus dem Stimmengewirr heraus; das näselnde Organ des Grafen war nicht zu verkennen. »Jawohl – Polani hat die Manuskripte selbst gesehen!« – Gerland schoß das Blut in die Wangen, als er vernahm, wie das ihm anvertraute Geheimnis des Toten bereits in aller Munde war. Gleich darauf hörte er seinen Namen nennen und bemerkte, daß man auf ihn blicke. Der Superintendent trennte sich von der Gruppe und kam auf Gerland zu, ihn mit verbindlicher Miene begrüßend: »Eine traurige Veranlassung – lieber Pfarrer Gerland – eine traurige, tief beklagenswerte Veranlassung, die uns heute hier zusammenführt, lieber Amtsbruder.« – Dann kam die halblaut gesprochene Aufforderung zu einem Gespräche unter vier Augen. Sie traten ins Nebenzimmer, das leer war. Fröschels Schreibtisch stand noch mit geöffneter Klappe, wie ihn Gerland verlassen hatte. Der Superintendent ließ sich daran nieder. Nachdem der alte Mann seinem Schmerze über den Fall unter vielem Seufzen, Kopfschütteln und feuchten Blicken nach oben genügenden Ausdruck gegeben, fragte er: »Übrigens – Pastor Gerland – Sie haben den Unglücklichen ja wohl, wie ich höre, näher gekannt – nicht wahr?« »Er war mein Freund, Herr Superintendent.« »Hm – dann könnte man also annehmen, daß Ihnen der religiöse Standpunkt des Toten nicht ganz unbekannt gewesen ist – Herr Pfarrer?« – Gerland fühlte die persönliche Bedeutung wohl heraus, die für ihn in dieser Frage seines Oberen lag. Nur für einen Augenblick kam ihm die Versuchung, hier mit Vorsicht zu Werke zu gehen; dann beschloß er, der Wahrheit die Ehre zu geben. »Allerdings, Herr Superintendent; ich war mit den religiösen Zweifeln Fröschels vollauf vertraut – er hatte mich selbst eingeweiht.« »So, so – hm – wissen Sie, mein lieber Pastor – wissen Sie, was ich da eigentlich von Ihnen erwarten konnte? – Daß Sie mir Meldung von dem machten, was Sie erfahren. – Das hätte ich von Ihnen erwartet, und konnte und durfte ich erwarten von jedem meiner Diöcesanen. Denn hier kamen höhere Interessen in Betracht, die der Kirche. Wenn ich rechtzeitig avertiert worden wäre, hätte ich Schritte thun können – man würde auf den jungen Menschen aufgepaßt – würde ihn zum guten geleitet haben – es hätten sich Wege gefunden, das Schlimmste zu verhüten. So hat man nichts erfahren, und das Unglück, der Skandal ist da – großer Schaden ist angerichtet. Gerade in unserer Gegend, wo der Katholizismus soviel Macht besitzt, ein solcher Fall! – Wie wird man diese Affäre ausnutzen was für Waffen wird man daraus gegen uns schmieden! – Die Katholiken, die immer behaupten wollen, der Protestantismus sei nur die Vorstufe zur Irreligiosität. – Ist das nicht Wasser auf ihre Mühle? Ich sehe sie schon mit Fingern auf uns weisen, höre wie Rom sich brüstet: seht da habt ihr's, eure Priester fallen bereits dem Atheismus anheim. – Und oben ist man gerade jetzt so sehr empfindlich – so sehr nervös in solchen Dingen. Die Affäre wird aufs peinlichste berühren – ich weiß das. Und auf wen wird schließlich die ganze Schuld kommen? – Auf mich!« Gerland schwieg dazu. Alles Reden schien hier verlorene Mühe. Fröschel auf den rechten Weg zurückführen – große Worte! Dieser Alte sah wahrhaftig nicht danach aus. Der Superintendent fuhr jetzt in milderem, väterlichem Tone fort: »Nehmen Sie sich eine rechte Lehre aus der ganzen Sache, lieber Amtsbruder! Ihr jungen Leute seid heutzutage alle zu einer freieren Auffassung geneigt. Ich kenne diese Bestrebungen gar wohl. Kritisch-historische Auffassung des Dogmas – Reinigung der Symbole – Weiterentwickelung des Reformationsgedankens – und unter welcher Flagge die Neuerungsgelüste immer steuern mögen! – Mit Kleinigkeiten fängt es an – man treibt allerhand Wissenschaften nebenbei, spielt den gelehrten, aufgeklärten Mann, liest moderne Bücher, statt in der Schrift zu forschen und sich theologisch weiterzubilden – so kommt man Schritt für Schritt von der ewigen Wahrheit ab, bis man endlich draußen steht in der Nacht.« Der Superintendent legte das Prälatengesicht in ernste Falten und blickte sorgenvoll drein. »Herr Superintendent,« begann Gerland, »ich wollte mir erlauben, das eine zu bemerken – zur Verteidigung meines Freundes Frösche! – Frivolität kann ihm nicht wohl zum Vorwurfe gemacht werden. Er hat schwer mit sich gerungen, dessen bin ich Zeuge. Ehrlich hat er gesucht und gekämpft.« »Wollen Sie seine That beschönigen, Pfarrer Gerland!« »Nein, Herr Superintendent, ich wollte versuchen, sie zu erklären; als Freund des Verstorbenen glaubte ich ein Recht dazu zu haben.« – Die runden Augen des Superintendenten nahmen einen erstaunten Ausdruck an. Er maß Gerland mit mißtrauischen Blicken. »Ich höre, Pfarrer Gerland, Sie haben einen Brief von dem Verstorbenen erhalten, den er kurz vor seinem Ende geschrieben hat. Aus verschiedenen Gründen würde es mich interessieren, diesen Brief zu lesen. – Ferner erfahre ich, daß der Tote eine Anzahl Manuskripte hinterlassen hat, in deren Besitz Sie sich gesetzt haben, Herr Pastor.« – »Mein Freund hatte mir in seinem Briefe den Auftrag gegeben, die Manuskripte ohne Verzug an mich zu nehmen, Herr Superintendent.« »Jedenfalls würde es mir von Wert sein, Einsicht in diese Manuskripte zu nehmen. Haben Sie die Schriftstücke bei sich?« »Jawohl, Herr Superintendent! Aber ich weiß, es wäre nicht im Sinne des Verstorbenen, wenn der Inhalt seiner Schriften bekannt würde.« »Ich habe Sie bereits vorhin darauf hingewiesen, Pfarrer Gerland, daß höhere Interessen vorliegen. Vieles in dieser unseligen Affäre ist noch im dunklen. Diese Schriftstücke können uns vielleicht am ersten Aufschluß darüber geben, was eigentlich den unglücklichen Menschen zum Selbstmord getrieben hat. Es werden bereits jetzt allerhand Hypothesen aufgestellt über die Motive seiner That. Besonders aus dem römischen Lager wird es an Verdächtigungen nicht fehlen, und auch oben wird man eine befriedigende Antwort verlangen – nun – da muß man sich also rechtzeitig vorsehen – vorbereiten. Man muß doch etwas Stichhaltiges erwidern können. Und dazu mag vielleicht der Nachlaß diese oder jene Handhabe bieten.« »Ich halte mich nicht für berechtigt, Herr Superintendent, ein Geheimnis zu brechen, das der Tote gewahrt wissen wollte.« Der Prälat war aufgestanden und ging erregt im Zimmer auf und ab. Die Blicke, mit denen er den jungen Geistlichen maß, waren nicht besonders freundlich. Dann schien er es für rätlich zu halten, andere Saiten aufzuziehen. – Plötzlich vor Gerland stehen bleibend, legte er diesem beide Hände auf die Schultern und begann in vertraulichem Tone: »Mein lieber Pfarrer, ich denke, Sie werden sich die Sache noch überlegen; ich lasse Ihnen Bedenkzeit, Sie werden sich davon überzeugen, daß Sie keine Pflicht verletzen, wenn Sie mir die Schriftstücke anvertrauen. Es ist ja nur um der guten Sache willen. – Um die kirchliche Autorität – um Ruf und Ansehen unseres Standes handelt es sich – verstehen Sie? – um das Renommee des geistlichen Standes, der arg genug gelästert und angefeindet wird in unserer Zeit. – Morgen erwarte ich eine Antwort hierauf.« Er versuchte sogar, huldvoll zu lächeln, aber seine blinzelnden Augen straften ihn Lüge; dort leuchtete etwas von geheimem Ärger und verstecktem Groll. Gerland fühlte instinktiv, daß er sich diesem Manne für immer verdächtig gemacht habe. – Gleich darauf öffnete sich die Thür, Polani trat ein. Gerland begann zu empfinden, daß er überflüssig geworden sei. Er sah allerhand unlautere Kräfte am Werke, das traurige Ereignis in selbstischer Weise auszubeuten. Noch einen Blick warf er in das Zimmer, wo die Leiche aufgebahrt stand. Ans Kopfende war das große Kruzifix gestellt worden, das den Toten hoch überragte. Und immer noch die frommen Bilder an den Wänden, auf dem Betpulte: Bibel und Gesangbuch. – Wohin das Auge blickte, Zeichen des religiösen Sinnes der Frau, die hier hauste. – Die Leiche hatte nach wie vor ihren kindlich freundlichen Ausdruck. Niemand, der's nicht wußte, konnte von dem kleinen, kreisrunden Loche auf der Brust etwas ahnen, das einen Protest bedeutete gegen den falschen Frieden der Umgebung. Gerland mochte das zufrieden lächelnde Gesicht nicht länger ansehen. Er wußte, wie zerrissen, gefoltert, verzweifelt die Seele gewesen, die in dieser Hülle gelebt; der Ausdruck erschien ihm wie eine Grimasse. Im Vorzimmer traf Gerland auf Dornig. »Höre mal, Gerland, du mußt mir die Geschichte erzählen!« rief der Pfarrer von Färbersbach. »Du warst ja befreundet mit ihm, – weshalb, zum Teufel – hat sich der Mensch eigentlich erschossen?« Gerland gab einige kurze Andeutungen über die seelische Verfassung seines toten Freundes, denen Dornig mit Kopfschütteln zuhörte. Offenbar war ihm einer solchen Erscheinung gegenüber nicht recht behaglich zu Mute. Er begann zu erzählen, auf welche Weise das Gerücht von Fröschels Ende zu ihm gedrungen sei. Schon am frühen Morgen war's in Färbersbach verbreitet worden. Dornig hatte sich sofort aufgemacht, seinen Weg über Breitendorf nehmend. Dort erfuhr er, daß Gerland bereits am Abende zuvor nach Annenbad gefahren sei. »Die Sache zieht Blasen,« bemerkte Dornig, wahrend sie auf der Straße dem nahen Marktplatz zuschritten. »Ich habe im Adler gefrühstückt; wir waren wohl unserer zehn Geistliche; kommst du nicht mit zu Tisch, Gerland? Wir haben ein separates Zimmer bestellt.« Gerland hatte Dornig im Verdacht, daß er das traurige Ereignis als eine kapitale Gelegenheit ansehe, sich auf seine Weise Unterhaltung zu schaffen; aber er fühlte in der That Hunger und schloß sich dem anderen an. Im separaten Zimmer saß eine stattliche Korona von Schwarzröcken. Essen und Unterhaltung waren bereits im Gange. Natürlich drehte sich das Gespräch der Hauptsache nach um den »Fall Fröschel«. Gerland nahm Platz, wo er gerade einen Stuhl leer fand. Sein Nachbar war einer von jenen verkümmerten Studierzimmererscheinungen, wie man sie nicht selten unter den evangelischen Klerikern findet. Der Superintendent, den Gerland hier anzutreffen gefürchtet hatte, war nicht zugegen; er speiste, wie man gelegentlich erfuhr, bei Polani. Gerland sah sich um; er kannte die wenigsten der Anwesenden. Ihm schräg gegenüber saß ein junger Mann, der durch seinen modischen Anzug und den wohlgepflegten braunen Vollbart auffiel. Gerland kam das Gesicht bekannt vor, er entsann sich, den Mann bei Gelegenheit einer Pastoralkonferenz gesehen zu haben. Er war erst kürzlich in die Gegend gekommen und hatte trotz seiner Jugend eine der reich dotiertesten Pfarrstellen in der Provinz inne. Irgend eine unangenehme Erinnerung knüpfte sich für Gerland an diesen Menschen, über deren Grund er sich eine Zeit lang vergebens Rechenschaft zu geben versuchte. Endlich fiel's ihm ein: Fröschel hatte ihm von diesem Amtsbruder erzählt und ihn als den Typus des rücksichtslosen Strebers und Pfründenjägers hingestellt, der sich das Studium des Pfarralmanachs zur besonderen Aufgabe mache. Pfarrer Roßbach – so hieß der bärtige Geistliche – führte an diesem Ende des Tisches das große Wort. Er habe Fröschel besser gekannt, als irgend einer der Anwesenden, behauptete er. – Von Gerlands Freundschaft mit dem Toten schien er nichts zu ahnen. Er sei mit Fröschel schon auf der Schule und später auch auf der Universität zusammen gewesen. Das Bild, welches er von dem Verstorbenen zeichnete, war kein sonderlich liebenswürdiges. Schon als Schüler sei Fröschel mißtrauisch, verstockt und menschenscheu gewesen. Weder mit Lehrern noch mit Mitschülern habe er sich zu stellen vermocht. Auf der Universität sei das noch schlimmer geworden. Wenn er gelegentlich einmal mit den Kommilitonen zusammengekommen, habe Fröschel durch sein spöttisches Wesen alle verletzt. Sein geistiger Hochmut sei grenzenlos gewesen. – Worauf er sich eigentlich soviel eingebildet, wäre gar nicht zu ersehen. Denn wenn er auch die Examina ganz leidlich bestanden, so habe er es schließlich nicht einmal zum ersten Geistlichen gebracht. – Kein Wunder – denn als Prediger sei er ja die reine Null gewesen. Es lag Naivität darin, wie der vom Glücke begünstigte Streber über die Mißerfolge des toten Amtsbruders sich lustig machte. – Ja freilich, ein Stellenjäger war Fröschel nie gewesen, das war richtig. Gerland glaubte es dem Andenken des Toten schuldig zu sein, dieses leichtfertige Urteil zu berichtigen. Pfarrer Roßbach nahm eine sehr erstaunte Miene an, als hier dem Verstorbenen plötzlich ein gänzlich unerwarteter Verteidiger entstand. Ein älterer Geistlicher, mit magerem, bartlosem Gesicht und dunklen, fanatischen Augen, der nicht weit von Gerland saß, mischte sich plötzlich in die Diskussion: »Dieser Fröschel soll womöglich noch zum Märtyrer gestempelt werden!« rief er. »Ich mag das Wort unglücklich, auf ihn angewandt, gar nicht hören. Ruchlos – ja – geradezu ruchlos ist seine That.« Er blitzte Gerland mit seinen dunklen Augen vernichtend an. »Das ist ein hartes Urteil über einen Toten, Herr Amtsbruder,« erwiderte Gerland mit erkünstelter Ruhe. Innerlich kochte er gegen die dünkelhafte Intoleranz. »Hartes Urteil!« rief der andere, und sein mageres Gesicht färbte sich plötzlich dunkelrot. »Ein solcher Fall kann gar nicht hart genug beurteilt werden. – Mitleid ist hier geradezu Sünde.« »Ich dachte, das Christentum sei die Religion des Mitleids,« hielt Gerland dem Eiferer entgegen. Aber mit diesem Worte schien er den Mann an einer empfindlichen Stelle verletzt zu haben. Puterrot im Gesicht, beugte er sich über den Tisch und rief, seine Rede mit hitzigen Gesten begleitend: »Ich kenne diese Richtung: Toleranz – und nichts als Toleranz, bis schließlich vor lauter Toleranz Unrecht zu Recht, und Sünde zur Großthat wird. Das ist sentimentale Schwäche! Durch diesen Geist ist unsere protestantische Kirche soweit heruntergekommen – wie sie jetzt dasteht – ein Spott der Welt!« – Von verschiedenen Seiten wurde Widerspruch gegen diese Behauptung laut. »Allerdings ist die protestantische Kirche heruntergekommen – geradezu jämmerlich heruntergekommen!« rief der Zelot und wandte sich den neuen Gegnern zu. »Beweise!« wurde ihm entgegengerufen. »Beweise wollt ihr! – Genießen wir irgend welche Achtung bei der Laienwelt? – Sind wir nicht nach und nach aller Machtmittel entblößt worden? – Ja, spielen wir denn überhaupt noch irgend eine Rolle im öffentlichen Leben?« »Macht und Ansehen sind nicht die Güter, auf die Christus die Seinen hingewiesen hat,« erwiderte ihm Gerlands bleicher Nachbar. »Es stünde besser um den Protestantismus, wenn er die Kirche nur in den Herzen seiner Anhänger aufgebaut hätte, statt so mancherlei von den Machtmitteln der mittelalterlichen Hierarchie beizubehalten. Unser Herr und Heiland hat von einer etablierten Landeskirche nichts gewußt. ›Im Geist und in der Wahrheit‹ sollten wir ihn anbeten – das war sein Wille.« – »Wie, Sie wollen unserer evangelischen Kirche auch noch die wenigen Rechte, die sie besitzt, verkümmern – damit sie ganz ein Geist ohne Leib – ganz zum Schemen wird? Sie ist das Aschenbrödel sowieso. – Das weltliche Regiment, das, wie jetzt die Sachen liegen, uns nur duldet, müßte uns unterthan sein. Unsere Stellung einer ecclesia tolerata ist unwürdig. Ich bestreite dem Staate das jus inspectionis . Wir müssen uns selbst regieren, eher wird es nicht besser.« »Das ist römisch gedacht,« hielt man ihm vor. »Allerdings! Und Rom kann uns darin ein Beispiel sein, wie man konsequent und ohne einen Schritt nachzugeben, seine Stellung wahrt. Freilich, dort ist Disziplin, dort ist Festigkeit, und dort ist Autorität.« »Und dort ist Geld!« rief Dornig von der anderen Seite des Tisches herüber. »Das ist nicht zum Lachen!« rief der Eiferer und wandte sich der anderen Tischecke zu, wo Dornig inmitten einer Anzahl jüngerer, offenbar zu Ulk aufgelegter Amtsbrüder saß. »Daß unsere Kirche arm ist, wie die Kirchenmaus, muß leider wahr sein; aber auch das bedeutet nur ein Symptom. Nichts sind wir – wir haben keinen Einfluß, weder auf das öffentliche noch auf das private Leben.« »Wer so herb tadelt, müßte wenigstens Vorschläge zur Besserung haben,« meinte jemand. »Gewiß, die werde ich auch vorbringen.« »Na – lassen Sie mal anhören, Herr Amtsbruder!« rief einer von Dornigs Kumpanen dazwischen. »Das jus circa sacra gestehe ich dem Staate gern zu, aber ich bestreite ihm das jus in sacra ganz energisch. Die weltliche Oberhoheit muß uns in unseren Rechten und Privilegien schützen, sie muß uns nach außen das Ansehen verschaffen, das uns gebührt; aber sie darf sich nicht in unsere inneren Angelegenheiten mischen, denn dazu fehlt ihr die Berufung. – Ich verlange auf der einen Seite Wegfall aller öffentlichen Bevormundung, wie sie durch das Laienelement in Ministerien und Synoden so unerträglich geübt wird, auf der anderen Seite fordre ich Wiedereinsetzung der Kirche in ihre alten Rechte. Die Jugenderziehung muß wieder unser ausschließliches Privileg werden – auf die Jurisdiktion müssen wir einen entscheidenden Einfluß bekommen; nur so können wir wieder ein christliches Geschlecht und christliche Zustände bekommen. Die Wiedereinführung von Tauf- und Trauzwang ist eine ganz selbstverständliche Forderung für jeden, dem das Heranwachsen von Heiden in unserem Volke eine Schmach erscheint. Um den Einfluß auf die Laienwelt, den wir fast ganz eingebüßt haben, wiederzugewinnen, müssen die Kirchenstrafen wieder eingeführt werden; nach innen und außen brauchen wir eine straffere Organisation, eine gute Disziplin – ein strammes Kirchenregiment.« – »Und vor allem einen Papst,« warf Dornig dazwischen. »Nein, keinen Papst, aber eine Regierung, die endlich einmal die Behauptung, wir hätten ein christliches Staats-Wesen, zur Wahrheit macht.« Ein heftiger Streit entzündete sich bei dieser Frage, an der sich jetzt ziemlich die ganze Tischgesellschaft beteiligte; jeder ritt sein Steckenpferd. Der eine sah das Heil in der Staatskirche, der andere in der Trennung der Kirche vom Staate, ein dritter pries das Gemeindeideal, ein vierter das allgemeine Priestertum – einer plaidierte für das Episkopalsystem, der andere für die Presbyterialverfassung. – Soviel Köpfe, soviel Sinne; einig war man sich nur in einem Punkte, daß der gegenwärtige Zustand einer Wandlung dringend bedürfe. Die Amtsbrüder unter sich! – Gerland hatte stets ein Grauen davor gehabt; es lag so etwas Würdeloses darin, wie man, sobald die beobachtenden Laien fehlten, das priesterliche Dekorum an den Nagel hängend, sich aneinander rieb. – Er sehnte sich nach frischer Luft. »Du wirst doch nicht etwa schon gehen!« rief ihm Dornig zu, als er bemerkte, daß der Amtsbruder seine Zeche berichtigte. »Ich weiß hier in Annenbad ein sehr anständiges Lokal, wo man abends hingehen kann.« – Aber selbst diese Aussicht vermochte Gerland nicht zum Bleiben zu bewegen. »Du bist wirklich ein toller Philister geworden!« damit entließ Hochwürden von Färbersbach den Amtsbruder von Breitendorf. VI. Zwei Tage später zu früher Stunde befand sich Gerland wieder auf dem Wege nach Annenbad. Wie groß doch das Anpassungsvermögen des Menschen selbst dem Herbsten gegenüber ist! Das Ende seines Freundes Fröschel, der heute beerdigt werden sollte, hatte für Gerland schon nichts Außergewöhnliches mehr; er hatte sich an die Thatsache gewöhnt. Wie die Muschel den hineingeworfenen Splitter sofort mit einem Überzuge bedeckt, so umkleidete sein Geist die schmerzliche Erfahrung eifrig mit allerhand subjektivem Empfinden. – Wie sie wohl das Begräbnis eingerichtet, wie weit sie bei der Beerdigung des Selbstmörders die kirchlichen Ehren gewähren würden? – Ob nicht wenigstens Polani ein paar Worte über dem Grabe sprechen, oder ob man ihn ganz ohne Sang und Klang einscharren würde? – Viel beschäftigten sich seine Gedanken auch mit der unglücklichen Mutter. Ob sie wohl bei der Bestattung zugegen sein werde? – Welcher Art mochte ihre Gemütsverfassung sein? Zwei Tage war es bereits her, daß sie das Schreckliche aus seinem Munde erfahren – und zwei Tage sind eine lange Zeit im Seelenleben des Menschen. Auf alle Fälle wollte er die alte Frau aufsuchen; aus diesem Grunde war er so zeitig aufgebrochen. – Kurz vor Annenbad kam ihm ein offener Zweispänner entgegen; Graf Mahdem saß mit einem anderen, Gerland unbekannten Herrn darin. Der Geistliche grüßte, und bemerkte, als er bereits einige Schritte vorbei war, am Aussetzen des Hufgeklappers, daß der Wagen halte; er hörte seinen Namen rufen und sah, als er sich daraufhin umwandte, den Grafen absteigen. »Auf ein Wort, Herr Pastor! Es ist mir sehr lieb, daß ich Ihnen begegne!« rief der Graf. Er gab dem Kutscher noch einen Befehl, wechselte halblaut ein paar Worte mit dem Herrn im Wagen und kam dann auf den Geistlichen zu: »Nur ein paar Worte, Herr Pastor!« Es fiel Gerland auf, daß sein Patron diesmal bei der Begrüßung den üblichen Händedruck wegließ. Sie gingen auf dem sandbestreuten Sommerwege zur Seite der Straße entlang, von dem Wagen, der halten geblieben war, langsam sich entfernend. Der Graf hatte die Hände in den Taschen seines Überziehers versenkt und räusperte sich mehrfach, ehe er zu sprechen begann. »Sie gehen wohl zum Begräbnisse dieses Diakonus – – mir ist der Name entfallen.« »Fröschel,« ergänzte Gerland. – »Jawohl, Herr Graf!« »Hm, – ja – eine böse Sache – eine sehr böse Sache! – Wenn unter den Geistlichen so etwas vorkommt, was soll dann eigentlich mit dem Volke werden? – Das führt mich gleich auf das, weshalb ich mit Ihnen zu sprechen wünschte, Herr Pastor. – Durch den Superintendenten erfahre ich, daß dieser Fröschel Papiere hinterlassen hat – Manuskripte und dergleichen – atheistischen Inhalts –« »Herr Graf, ich glaube –« »Ich weiß schon« – fiel ihm der Graf ungeduldig ins Wort – »atheistisch – auf alle Fälle antireligiös – freigeistig – auf das Wort kommt es gar nicht an. Der Superintendent hat die Schriften so bezeichnet.« »Der Herr Superintendent kennt den schriftlichen Nachlaß des Verstorbenen gar nicht, Herr Graf.« Der Graf nahm eine hochfahrende Miene an und meinte in ärgerlichem Tone: »Der Superintendent wird wohl wissen, was er sagt, Herr Pastor! Nach dem Vorleben und der ganzen – wie soll man sagen – nach der ganzen geistigen Richtung dieses Diakonus Fröschel, ist man wohl berechtigt, von antireligiöser, atheistischer Gesinnung zu sprechen. Ein gutgesinnter Mann erschießt sich nicht. – Also, ich will mich auf weitere Erörterungen gar nicht einlassen – dazu habe ich weder Zeit noch Lust! Der Superintendent hat Ihnen gegenüber den Wunsch ausgesprochen, Herr Pastor, von den besagten Schriftstücken Einsicht zu nehmen – wozu er als Vorgesetzter vollständig berechtigt ist! Und Sie haben sich geweigert, diesem Wunsche Ihres Oberen nachzukommen, Herr Pastor! Ich weiß nicht, was Sie sich dabei denken? Ich muß sagen, daß ich mich sehr gewundert habe, als der Superintendent mir diese Mitteilung machte, Herr Pastor; die Sache hat mich äußerst peinlich berührt. Als ich Sie auf die Breitendorfer Stelle berief, nahm ich als selbstverständlich an, daß Sie mein Vertrauen rechtfertigen würden; nun erfahre ich nicht nur diese Sache über Sie, sondern auch, daß Sie überhaupt einer freien Richtung huldigen! – Nein – versuchen Sie sich nur gar nicht erst reinzuwaschen – die Thatsache, daß Sie mit diesem Fröschel so eng liiert waren, allein schon genügt, um die Vermutung zu bestätigen.« – Gerland hatte wiederholt den Versuch gemacht, den Grafen zu unterbrechen, – erfolglos. Der Magnat hatte seinen roten Kopf bekommen, und schnitt jede Einrede kurzer Hand ab. »Das will ich gar nicht untersuchen – ich will gar nichts weiter hören, Herr Pastor!« – Sie waren inzwischen umgekehrt und gingen auf ihren Fußtapfen zurück, dem Wagen zu. »Ich bin orientiert – vollständig orientiert, Herr Pastor. Die Sache gehört zwar nicht in mein Ressort – aber – immerhin, als Ihr Patron, denke ich, steht mir das Recht zu, Ihnen meine Ansicht auszusprechen. Ich habe gar keine Zeit – wie gesagt – – Adieu!« – Damit bestieg der Graf den Wagen und rief dem Kutscher zu: »Weiterfahren!« In der Parentationshalle begann sich die Geistlichkeit zu versammeln. Der Sarg war in der Mitte des kahlen Raumes aufgestellt – aller Blumenschmuck weggelassen, auch die Kerzen fehlten. Kalt fiel das Mittagslicht über den kleinen, braunen Kasten, gleichgiltig blickten die vier weißgetünchten Wände des nüchternen Raumes drein. Als einer der ersten betrat Gerland die Parentationshalle. Nach und nach kamen die Amtsbrüder. Es schien, als würde die Ephorie ziemlich vollzählig vertreten sein. In allen Gesichtern malte sich erwartungsvolle Neugier. Es war bekannt geworden, daß der Superintendent selbst sprechen werde; man war gespannt, wie er sich der Aufgabe entledigen werde. »Eine heikle Sache – eine sehr heikle Sache!« hörte Gerland hinter sich äußern. Es wurde viel mit gedämpften Stimmen durcheinandergetuschelt. Außerordentliche Gerüchte waren im Umlaufe. Einer der Amtsbrüder hatte ein Zeitungsblatt mitgebracht, in welchem der Fall Fröschel erörtert und in liberalem Sinn ausgebeutet wurde. Das Blatt ging von Hand zu Hand. Pfarrer Roßbach, der es liebte, sich das Ansehen des Gut-unterrichtet-seins zu geben, behauptete, von maßgebender Seite erfahren zuhaben, die Affäre habe höchsten Ortes äußerst peinlich berührt, und von seiten des hohen Kirchenregiments sei bereits eine eingehende Untersuchung der ganzen Angelegenheit angeordnet worden. »Die Sache kann dem Superintendenten höllisch ans Bein laufen,« meinte jemand. »Er wird sich schon zu helfen wissen, unser Alter,« erklärte ein anderer. Gerlands Aufmerksamkeit wurde von diesen Gesprächen abgelenkt, als jetzt die ehrwürdige Patriarchenerscheinung Pfarrer Valentins eintrat. Der Alte hatte in seinem entlegenen Gebirgsdörfchen von dem außerordentlichen Ereignisse vernommen und es sich nicht nehmen lassen, den weiten Weg von Göhdaberg nach Annenbad zurückzulegen; zu Fuß – trotz seiner siebzig. Ein Wagen hätte die Kräfte seines Geldbeutels überstiegen. Gerland eilte sofort auf Pfarrer Valentin zu, um ihm die Hand zu schütteln. Der alte Mann kannte nur das Faktum, die näheren Umstände von Fröschels That waren ihm unbekannt. Gerland lag daran, daß sein verehrter Freund die Nachricht möglichst ungefärbt und frei von dem, was der Klatsch bereits hinzugedichtet, erfahren solle. Er gab dem Amtsbruder in aller Eile einen kurzen Bericht. Pfarrer Valentin war tief erschüttert. Er drückte Gerlands Arm mit seinen zitternden alten Händen: »Gott sei uns gnädig – Gott sei uns allen gnädig!« war sein stereotyper Ausruf. Das gute Greisengesicht drückte in allen Zügen Ergriffenheit aus. – Hier ist wirkliches Mitgefühl, sagte sich Gerland. Die Seelenverfassung Fröschels, die Tragik seines Daseins zu begreifen – den Zustand eines Menschen, der den Gottverlust nicht zu ertragen vermochte – zu verstehen, dazu war dieser Alte, der den Zweifel nur von Hörensagen kannte, wohl außer Stande. Aber Trauer, tiefe herzliche Trauer um die Vernichtung eines Menschendaseins, wehmütigen Kummer um einen Bruder, der vom rechten Wege abgeirrt und in der Nacht der Verzweiflung geendet, die empfand dieses mitleidige, freundliche Gemüt. Ihm trübte theologische Voreingenommenheit sicherlich nicht die Lauterkeit des echt menschlichen Schmerzes. Neid, Eifersucht, Gehässigkeit waren an diesem milden Charakter gnädig vorübergegangen. Er hatte seine schlichte Frömmigkeit nicht herabgewürdigt zu Ketzer richtendem Fanatismus. Thun und Denken dieses Alten war durchtränkt von evangelischem Geiste; sein gesunder Sinn und sein vortreffliches Herz hatten ihn bewahrt vor beschränkt gehässiger Selbstgerechtigkeit. – Während Gerland noch mit dem Alten sprach, entstand plötzlich ein Flüstern und Zusammenstecken der Köpfe unter den Amtsbrüdern. Durch die halbgeöffnete Thür sah man den Superintendenten und Polani herankommen, beide im Ornat. Die Gespräche setzten aus, als der Oberhirte eintrat; er grüßte die Versammlung mit stummem Neigen des Kopfes. Nach ein paar halblauten mit Polani gewechselten Worten nahm der Superintendent am Fußende des Sarges Aufstellung, dem Toten zugewendet. Er faltete die Hände über dem Gesichte und verharrte so während Minuten – man hörte jeden Atemzug. Dann erhob der Prälat die Hände vom Angesicht, wandte sich der Versammlung zu und begann zu sprechen. Einen biblischen Text legte er seiner Rede nicht zu Grunde. Er sprach von den unerforschlichen Ratschlüssen Gottes, an denen wir nicht zu deuten, die wir hinzunehmen hätten in demutsvoller Ergebenheit. Unerforschlich seien die Wege der göttlichen Vorsehung, und die Wege, die er die Menschen führe, unserem Auge in Dunkel gehüllt. Ratlos, erschreckt, betäubt, stünden wir armen Menschenkinder an diesem Sarge – niemand, als Gott allein wisse, was in der Seele dieses Unglücklichen vor sich gegangen sei. – »Dieser Tote, den wir heute der Erde übergeben wollen, war einer der Unseren, geliebte Amtsbrüder – ein verordneter Diener unserer Kirche, ordiniert zu dem heiligen Berufe, eingewiesen in sein Amt – ein Verwalter des Wortes und der Sakramente – ein Hirt der Gemeinde – der sein Gelübde abgelegt hat, wie jeder von uns auf das heilige Evangelium von Christo und die Bekenntnisschriften unserer Konfession – der auf dieses Gelübde das heilige Abendmahl genommen, vor einer christlichen Gemeinde – ein eingeschworener Diener Gottes und seiner Sache – – Und nun sehet, Geliebte, – sehet: hier liegt er, der Amtsbruder – der Diener der Kirche, der Haushalter über Gottes Geheimnisse, der das Evangelium lauter und rein verkündigen, die Verlorenen suchen, die Verirrten wiederbringen, die Schwachen stärken, und alle, die seines Amtes bedurften, auf den rechten Himmelsweg führen sollte. – Hier liegt er, der Hirte, der die Lämmer weiden, der die Herde schützen sollte vor dem Wolfe – hier liegt er, selbst eine Beute des bösen Feindes! – Der Haushalter erschlagen, aber nicht auf seinem Posten, nicht mit dem Gesicht gegen den Feind. Nein, zu unserem großen Schmerze, zu unserer tiefen Bekümmernis – wir müssen es aussprechen – dürfen mit der Wahrheit nicht zurückhalten – der Hirt war geflohen – der Haushalter hatte seinen Posten verlassen – der Krieger ist fahnenflüchtig geworden – der Schild des Glaubens, der Panzer der Gerechtigkeit, der Helm des Heils und das Schwert des Geistes, all die herrliche Rüstung, mit der Gott seinen Diener ausgestattet, sie ist befleckt, zerbrochen, geschändet. Der Knecht hat seinen Herrn, dem er Treue zugeschworen, verraten – zwar nicht um Mammons willen, aber doch um anderen schnöden Judassold – um jenes gleisnerischen Truggoldes willen, um dieser unechten Scheidemünze willen, die in unserer Zeit so oft für das echte Gold der Wahrheit ausgegeben wird. – Und wie jener Jünger ist er hingegangen in seiner Verzweiflung und hat seinen Leib, den Tempel Gottes, zerstört; hat dieses Leben, ein Geschenk des Ewigen, von sich geworfen in entsetzlicher Verblendung, weil er sich selbst zur Qual und zum Ekel geworden war. – »Geliebte Brüder, meint ihr vielleicht, ich sollte nicht also streng ins Gericht gehen mit einem Toten? Glaubt mir, ich weiß es, dieser unser Bruder steht jetzt vor dem Antlitz dessen, der die Nieren prüfet und in das Herz siehet – ich weiß es! Aber meine Freunde, im Angesichte dieses Falles, eines Falles, der von nicht geringer Bedeutung ist der weit hinaus Aufsehen erregen und die Gemüter bewegen wird – im Angesichte eines solchen Falles, der den Widersachern unsrer Kirche neuen Stoff zur Lästerung und Anfeindung und Verdächtigung der Rechtgläubigen geben wird – im Angesichte eines solchen Falles, muß es ausgesprochen werden – offen und ohne Furcht: nicht ein Diener des Wortes, nicht ein Mitglied unserer Kirche war er, der die grauenvolle That begangen – nein! Mit diesem Manne hatte die Kirche, hatten wir nichts mehr zu schaffen; er war abgefallen, er hatte sich selbst losgesagt von unserer Gemeinschaft, er hatte sich ausgestoßen in seinem Herzen; er war nicht mehr der Unsere – und darum fällt auch uns die Schuld nicht zu, als hätten wir nicht gewacht, und nicht um ihn gesorgt. Heimlich, hinter unserem Rücken, hat er sich von uns gestohlen, ist übergelaufen in das Lager des Antichrists. Uns kann die Verantwortung für solches Thun, welches das Licht scheut, nicht aufgebürdet werden. Auf ihn allein, und auf das Haupt derer, die etwa um sein heimliches Denken und Sinnen gewußt haben – fällt die Verantwortung dieser That. – »Und nun laßt mich einer Persönlichkeit gedenken, Geliebte, die zu schwach, zu gebeugt, zu tief im Innersten getroffen ist durch den Schmerz, um an diesem Orte erscheinen zu können, die aber im Geiste mit uns ist: der Mutter, der unglücklichen, beklagenswerten Mutter des Toten laßt mich gedenken. »Auch sie, die seinem Herzen am nächsten gestanden, seine Mutter, die ihn geboren, die ihn geliebt und erzogen, die ihn der Kirche zugeführt hat, diese echte Christin, die wir kennen als eine treue Magd des Herrn und erprobte Anhängerin unserer Lehre, auch diese Frau steht ratlos vor solchem Ereignisse. Ihr Sohn, ihr geliebter Sohn, die Stütze ihres Alters, ihr Liebling, ihr Stolz, ihr einziges Kind – ihr Moritz – das Ebenbild ihres frühverstorbenen geliebten Gatten – er, der ihren Herzenswunsch, ihr erträumtes hohes Ideal erfüllen sollte, ein Diener des Herrn und seiner Kirche zu werden – dieser ihr Sohn liegt vor ihr, abtrünnig – gottlos dahingefahren – selbstentleibt. – Sie kann es nicht fassen; dieser junge, vielverheißende Stamm, an den sich ihr dem Grabe zureifendes Leben anlehnen wollte, dieser Stamm ist umgemäht – und noch schlimmer, sie muß erkennen, daß der, den sie für fromm und gut gehalten, daß der innerlich angefressen war von dem Wurme des Zweifels. – Ihr Sohn ist gottlos gewesen, und jetzt wo die Hülle gefallen, gähnt sie die entsetzliche Leere dieser Seele an – ausgebrannt, verzehrt bis aufs innerste Mark durch den Unglauben. »Und so hat diese Mutter die inhaltschwere Frage an mich gerichtet: Wie ist es möglich! Wie hat er mir das anthun können? – Ich habe ihr keine Antwort darauf geben wollen, der unglücklichen, schwer geprüften Mutter. Sie bedarf der Schonung; für ihr Ohr ist nicht alles bestimmt, was wir, seine Amtsbrüder, seine Vorgesetzten, von ihm urteilen. Aber wir – unter uns – wollen uns die Wahrheit offen gestehen, wir wollen nicht beschönigen und nichts verschweigen, wir wollen dieser Sache, die mancherlei Rätselhaftes enthält, bis auf den tiefsten Grund gehen. »Der Tote war mir anvertraut, er war einer meiner Diözesanen. Der Fall ist mir tief ans Herz gegangen, glaubt mir das, meine Brüder. Mir ist es gewesen wie einem Vater, dem der Blitz einen Sohn vor den Augen erschlägt, – wie der Henne, der ein heimtückischer Raubvogel eines ihrer Küchlein raubt. Ich darf es sagen: im Laufe eines Lebens, das ich im Dienste unserer geliebten Kirche zugebracht, in meiner gesamten, langjährigen und an Sorgen nicht armen Amtsthätigkeit ist das die schmerzlichste Heimsuchung, die der Herr über mich geschickt hat. Viel und angestrengt habe ich nachgedacht, in den letzten Tagen; habe es nicht an Fleiß und Bemühen fehlen lassen, habe mit heiligem Ernste nachgeforscht, habe die Gewohnheiten des Toten, seine Lebensweise, sein körperliches und geistiges Wesen erkundet, habe mich vor allem auch mit Leuten besprochen, die den Toten gekannt, um eine Erklärung seiner rätselhaften That zu finden – eine Entschuldigung, wenn ihr so wollt, seiner Sünde – eine Antwort vor allem auf die Frage, die uns alle beschäftigt, und die noch oft an uns gestellt werden wird: welcher Art war der Seelenzustand, die geistige Verfassung eines Menschen, der eine solche That zu begehen vermochte? – »Nun – und da hat sich mir denn unwillkürlich ein Gedanke aufgedrängt – ein Gedanke, zunächst außergewöhnlich, vor dem wir zurückbeben – aber der doch mehr und mehr unsere Seele erobert, ja der uns schließlich beruhigt, weil er das Schrecklichste doch mildert und erklärlicher macht. – Vielleicht ist einem von euch, liebe Amtsbrüder, dieser Gedanke auch schon gekommen – er liegt nahe – und je mehr ich ihm nachsinne, desto mehr nimmt er mich ein. »Ich meine, ist es nicht möglich, ja, ist es nicht wahrscheinlich und geradezu notwendig, anzunehmen, daß der Verstorbene in der letzten Zeit seines Lebens und vor allem, als er die schreckliche That vollführte, die seinem Dasein ein Ende bereitete, daß er da nicht im Vollbesitze seiner geistigen Kräfte – seines Verstandes war? – Spricht nicht sein scheues, verstecktes Wesen dafür? – das Mißtrauen, die Schroffheit seines Gebarens, die Art und Weise, wie er sich zurückzog von allem Verkehr – seine abweisende Stellung den Amtsbrüdern gegenüber? – Ist das natürlich bei einem jungen Menschen, frage ich – eine solche menschenfeindliche Weltflucht? – Und dann die Art, wie er seine Studien betrieb – nicht theologische – was ja näher für ihn gelegen hätte – nein, Studien auf den abgelegensten Gebieten. – Studien, die keinerlei absehbaren Zweck für ihn hatten, die ihm von keinerlei Nutzen waren – nein, die nur dazu führen konnten, seinen Geist zu verwirren, sein Gemüt zu beunruhigen, seine Seele abzulenken von dem Heilswege und ihn selbst untauglich zu machen, für seinen heiligen Beruf. Ist das natürlich? – frage ich. »Meine Lieben, dürfen wir angesichts solcher Thatsachen nicht mit Recht die Vermutung aussprechen: dieser unglückselige Mensch war, als er sich selbst entleibte, nicht bei klaren Sinnen – er hat nicht mit vollem Bewußtsein dessen, was er that, gehandelt. »Und ist es so nicht auch viel besser – hat diese Annahme nicht viel Beruhigendes – entlastet sie nicht ihn, und wendet sie nicht das Odium von uns ab, als seien wir Mitschuldige an seinem Tode? – Dieser Vorwurf ist verkehrt und falsch, und doch wird er uns entgegengeschleudert werden – ich weiß es! »Schon haben sich vermessene Stimmen erhoben, die behaupten, unsere Kirche und ihre Verfassung sei schuld an diesem Tode. Die Unfreiheit, der Glaubenszwang, der bei uns herrsche, sagen die einen, habe dieses Menschenleben auf dem Gewissen, Denen sei erwidert: unsere Kirche ist frei – wir zwingen, wir vergewaltigen niemanden – wer seine Ansichten mit den unseren nicht glaubt bereinigen zu können, der trete aus, wir halten keinen wider seinen Willen. – »Aber da höre ich andere Stimmen, aus einem anderen Lager, die uns zurufen: die übergroße Freiheit, die bei euch herrscht, der Mangel an Disziplin in eurer Kirche, die Lehr- und Denkfreiheit in Glaubenssachen – die verhängnisvolle Nachwirkung der Reformation – das ist der Geist, aus dem heraus solche Thaten geschehen, das ist der Boden, auf dem der Unglaube gedeiht. »Denen antworte ich: Es ist wahr, daß unsere evangelische Kirche nach Wahrheit und Erkenntnis forscht, aber sie lockert nicht die Bande göttlicher Lehre und Ordnung, sondern sie festigt und stärkt sie in den Herzen ihrer Anhänger durch Verständnis und Liebe. Nicht aber kann unsere Kirche verantwortlich gemacht werden für die That eines unglückseligen, beklagenswerten Menschen, dessen Geist umnachtet war. »Meine Lieben, ich will euer Urteil nicht beeinflussen – für mich jedoch ist es klar, und steht als unumstößliche Thatsache fest: der Verstand des Beklagenswerten war verwirrt, er mußte verwirrt sein. – Der Unglückliche wußte nicht, was er that, als er seinem Leben mit eigner Hand ein Ende bereitete. In Wahnsinn ist er dahingefahren. – »Stehen wir hier nicht vor einer erschütternden Tragödie, liebe Amtsbrüder? – So endet der, welcher abfällt vom Glauben. ›Die Thoren sprechen, es ist kein Gott‹ – aber Gott läßt sich nicht spotten. ›Der im Himmel wohnet, lachet ihrer, und der Herr spottet ihrer.‹ Ist das nicht ein Menetekel in unserer übermütigen, hoffärtigen Zeit die da meint, Gott sei bereits abgesetzt? – Der alte Gott lebt noch! Hier sehen wir seinen Finger! »Und eine Warnung für uns ist es, liebe Amtsbrüder! Dahin gelangen wir, wenn wir die Überlieferung verachten, wenn wir der Autorität spottend, unsere eignen selbsterwählten Wege gehen. Mit kleinem fängt es an, mit kleinen Zweifeln; da wird dieses oder jenes in Frage gestellt, in diesem oder jenem einer freieren Ansicht gehuldigt – bis eine Schranke nach der andern fällt, bis schließlich der Glauben verscherzt ist – bis man im Gestrüpp der Irrlehre und des Zweifels nicht mehr weiß, wo aus wo ein – den Weg zum wahren Heil nicht wiederfindet. – Immer unlöslicher verwickelt sich der Unglückliche in die Schlingen des Unglaubens – der Fuß strauchelt – das Licht des Himmels verdüstert sich, und umgarnt, verstrickt, hoffnungslos verirrt, verzagt er – sinkt die Nacht der Verzweiflung über ihn – und sein Ende ist Selbstmord. »Und was bleibt uns nun zum Schlusse übrig? – Worauf weist uns dieses traurigste aller Erlebnisse? – Auf die Allmacht und Allweisheit unseres Gottes weist es uns hin. Wer hier Gottes Walten nicht erkennen will, wahrlich, der muß mit Blindheit geschlagen sein! – Sehet hier den Priester – den abgefallenen, durch die Mächte moderner Irrlehre an seinem Gotte irre gewordenen Priester – in Verzweiflung, in dunkler Nacht des Unglaubens, in Wahnsinn hat er geendet. »Tief erschüttert stehen wir an diesem Sarge. Wehe ist uns um den Toten, wehe auch um seine Mutter, die mit diesem Sohne alles verliert – alles, außer ihrer Gottesfurcht, und die wird ihr ein Trost sein und ein Stab in ihrem schweren Leid. »Auf Gott blicken auch wir, Geliebte. Laßt uns beten! »Allmächtiger, barmherziger Gott, deine Wege sind eitel Weisheit und Güte und was du thuest, ist wohlgethan. Deiner Gnade und allgütigem Erbarmen empfehlen wir unsere Toten, – auch diesen Toten. Wir wissen, daß deine Gerichte recht sind, doch deine Gnade, o Vater, müsse unser Trost sein. Daß aber etliche nicht glauben, was liegt daran! Sollte ihr Unglaube deinen Glauben aufheben? Lehre uns bedenken, daß wir sterben müssen, auf daß wir klug werden. Ewiger, starker Gott, du wollest uns im Glauben stärken, damit wir in deinem Gehorsam wandeln und dir zum Ruhme leben und dereinst, wenn unser Stündlein kommt, selig sterben. Amen!« Eine Bewegung ging durch die Reihen, als der Superintendent geendet. Es gab Augen, in denen Thränen blinkten; einzelne aus der Versammlung näherten sich dem Ephorus und schüttelten ihm die Hand. Pfarrer Roßbach äußerte wiederholt und so laut, daß es sein Oberer wohl hören konnte: »Eine herrliche Ansprache, große – herrliche Worte!« – In der Thür erschienen bereits die Träger. Ein Zug sollte nicht stattfinden. Wahrend die Träger den Sarg nach dem Grabe schafften, stand man in Gruppen zu zweien und dreien umher, in Unterhaltung. Die Rede des Superintendenten war das Thema, welches alle beschäftigte. Das allgemeine Urteil schien dahin zu gehen, daß er sich seiner schwierigen Aufgabe in bewunderungswerter Weise entledigt habe. Gerland war es während der Rede zu Mute gewesen, als müsse er auftreten und seinem Oberen ins Wort fallen. Gab es denn noch Wahrheit und Gerechtigkeit im geistlichen Stande, wenn solche Worte geduldet wurden?! – Und niemand schien seine Empörung zu teilen. Im Gegenteil, man gab dem alten Manne recht; seine Worte schienen zu befriedigen, zu beruhigen. War das böser Wille, bewußte Heuchelei, oder war es nur Gedankenlosigkeit, die sich mit jeder Auslegung, auch der absurdesten, zufrieden giebt, wenn sie nur bequem ist – mundgerecht gemacht wird – und unangenehme Thatsachen verhüllt? – Fröschel in Wahnsinn gestorben! Eine größere, plumpere Lüge war nie verbreitet worden. Gerland hatte der Atem gestockt, als er merkte, worauf der Superintendent mit all den phrasenreichen Vorbereitungen hinaus wollte. – Fröschel unzurechnungsfähig, in geistiger Umnachtung geendet! – Gerland hatte sich umgesehen; würde denn niemand dazwischen springen! – Aller Mienen blieben ruhig, alle hingen sie andächtig an den Lippen dieses Alten, der es verstand, in seinem salbungsvollen Redeflusse Logik, Wahrheit, Thatsächlichkeit zu ersäufen und in einer trüben Flut davonzuschwemmen. Auf viele hatte er gewirkt. Waren denn diese Leute wirklich allesamt Heuchler; oder gehörten sie zu denen, die alles, was sie gern hören, imstande sind, in voller Aufrichtigkeit zu glauben, wenn es nur ihrer Sache, ihrer Anschauung, ihrem Vorteile angepaßt und förderlich ist? – Die Träger schienen inzwischen mit ihrem Geschäfte fertig geworden zu sein. Unter den umherstehenden Amtsbrüdern gab's eine allgemeine Bewegung; nach einer entfernten Ecke des Friedhofes ging es – dort war das Grab ausgeworfen. Ein sanfter Frühjahrsregen ging nieder, die Männer knöpften ihre Überzieher fester und wer einen Regenschirm mit sich führte, spannte ihn auf. Am Grabe übernahm Polani, als Ortsgeistlicher, die Amtierung. Er sprach einen kurzen Segen und das Vaterunser. Weder Glockenlauten noch Gesang ertönten, während der Sarg hinabgelassen wurde. Auf das »Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staube«, wurde die übliche Hand voll Erde nachgeworfen. Damit war die kurze Feier beendet. Die Trauergesellschaft lief schnell auseinander, denn jetzt fing der Regen au stärker niederzugehen. Gerland hatte sich mit dem alten Pastor Valentin zusammengefunden, sie wollten den Regen abwarten und dann den Heimmarsch antreten – ein gutes Stück des Weges hatten sie ja gemeinsam. Wahrend sie den langen, cypressenbepflanzten Hauptweg des Kirchhofes hinabschritten, hörte Gerland seinen Namen hinter sich rufen. Sich umwendend, erkannte er Polani, der ihm nachgekommen war. »Auf ein paar Worte, lieber Gerland.« Gerland erklärte dem alten Valentin, wo sie sich treffen wollten, ehe er sich Polani zur Verfügung stellte. Des starken Regens wegen traten sie unter ein Vordach, das den Eingang der Kirche schützte. »Wollen Sie nicht zu uns ins Pfarrhaus kommen, lieber Gerland? – Meine Frau würde sich sehr freuen; Sie sind ein seltner Gast geworden bei uns!« Gerland lehnte die Einladung mit deutlicher Kühle ab. Er war nicht gewillt, die Entfremdung, welche nach den letzten Vorgängen zwischen ihm und Polani Platz gegriffen hatte, irgendwie abzuschwächen. »Schade!« meinte Polani. »Sie würden den Superintendenten bei uns getroffen haben.« – Gerland zuckte die Achseln. Er habe genug von dem Superintendenten gesehen in der letzten Zeit und vor allem gehört, erklärte er bitter. »Sie fürchten vielleicht, Gerland, der Superintendent könnte nochmals das Ansinnen an Sie stellen, die bewußten Manuskripte herauszugeben. Seien Sie ohne Besorgnis, das hat er sich aus dem Kopfe geschlagen – die Schriften des armen Fröschel sind ja schließlich auch belanglos.« »Jawohl! Ihr habt es ja fertig gebracht, ihn auch ohne Einblick in seine Schriften für verrückt zu erklären!« rief Gerland, der die angestaute Entrüstung nicht länger zurückzuhalten vermochte. Polani lächelte. »Lieber Gerland, an dieser Auffassung des Superintendenten sind Sie selbst zum guten Teil schuld.« »Wieso – ich?« »Wenn Sie ihm, wie er es wünschte, Einblick gewährt hätten in Fröschels schriftlichen Nachlaß, so möchte er sich vielleicht eine andere Ansicht über die geistige Verfassung des Toten gebildet haben.« »Das ist wirklich ein starkes Stück!« rief Gerland außer sich. Die Erregung stieg ihm zu Halse. »Einfach Verdrehung aller Thatsachen! Die Manuskripte durfte ich nicht ausliefern, das wissen Sie sehr gut, Polani, der Sie Fröschels letzte Worte an mich gelesen haben. Ich lege Protest ein dagegen – hören Sie, Polani – ausdrücklichen Protest! Die Leichenrede war eine Schamlosigkeit – ein Theatercoup! Und ich will Ihnen ganz offen meine Ansicht sagen, Polani, was hinter diesem Theatercoup steckt: Angst! Lächerliche, feige Angst – weiter nichts! Angst vor der vorgesetzten Behörde, Angst vor der öffentlichen Meinung. Die nackte Thatsache, daß ein Geistlicher der evangelischen Kirche am Glauben irre geworden und in Verzweiflung seinem Leben ein Ende gemacht hat, soll vertuscht werden. Und da ist man auf den wundervollen Ausweg verfallen, auszusprengen: er sei nicht zurechnungsfähig – er sei nicht bei klarem Verstande gewesen, als er die That vollführte. – Gut, sehr gut! Aber ich kann diese Behauptung widerlegen – ich kann beweisen, daß alles, was der Superintendent vorgebracht hat, leere Erfindung ist. Ein Mensch, der wenige Stunden vor seinem Tode einen solchen Brief zu schreiben vermochte, wie ich ihn von Fröschel in Händen halte, gegen dessen Geistesklarheit kann nur böser Wille, oder bewußte Heuchelei, Zweifel erheben. – Und Fröschels nachgelassene Schriften! – Kirchenfreundlich sind sie allerdings nicht – das ist richtig! – aber ich wünschte manchem von uns die Logik und die Konsequenz des Denkens, die dort aus jeder Zeile spricht. – Ich brauchte diese Manuskripte nur zu veröffentlichen, ich brauchte nur eins von ihnen drucken zu lassen, und der Superintendent steht da gebrandmarkt als lächerlicher Lügner.« – Polani hatte ein eigenartiges, überlegenes Lächeln. »Das können Sie ja nicht, lieber Gerland.« »Warum nicht! Wenn es gilt, Fröschels Andenken gegen Infamie zu schützen! Dafür würde ich schließlich auch riskieren, den Zorn des gesamten Kirchenregiments auf mich zu laden!« »Und Sie können es doch nicht!« meinte Polani mildspöttisch. »Sie vergessen in Ihrem Eifer, aus welchem Grunde Sie selbst dem Superintendenten Einblick in Fröschels Nachlaß verweigert haben. Sie erklärten sich für gebunden durch den Wunsch des Toten. Ich meine, das Hindernis, welches Sie Ihrem Oberen gegenüber geltend machten, muß doch wohl auch dem Publikum gegenüber Geltung haben.« – Das Argument war unwiderleglich; Gerland sah das sofort ein. Er hatte sich verrannt in und in argen Widerspruch gebracht. Es war noch sehr gnädig von Polani, daß er ihn in äußerlich schonender Weise auf den Fehler aufmerksam machte. Die Überlegenheit dieses aalglatten Gegners hätte einen zur Verzweiflung bringen mögen! Diese kühle, zielbewußte, temperamentlose Ruhe war empörender noch als der geschwätzige Eifer des senilen Superintendenten. »Ich habe den jungen Menschen mit tiefem Interesse beobachtet vom ersten Tage an, wo er hierher kam,« sagte jetzt Polani. »Er war mir – ich sage es offen heraus – ein Problem. Ich habe meine Augen nicht von ihm gelassen. Und sehr bald hat sich mir die Überzeugung aufgedrängt, daß dieses Gehirn anders organisiert sein müsse, als das anderer Menschen.« »Darüber haben Sie mir gegenüber nie ein Wort fallen lassen? Ich entsinne mich noch sehr genau der Worte, die Sie gebrauchten, als Sie mir zum ersten Male von Ihrem Diakonus sprachen.« – »Ich auch, Gerland! – Ich entsinne mich gerade dieser Worte sehr gut. Ein außergewöhnlicher, hochbegabter junger Mensch – so ähnlich beschrieb ich ihn wohl; dasselbe sage ich noch jetzt. Er war ein außergewöhnlich von Gott mit Gaben ausgestatteter Mensch – um so größer der Jammer um so viel vergeudete edle Kräfte. Aber sehen Sie, Gerland, das war es ja gerade – wie soll ich es ausdrücken – überbildet, überreizt – überspannt war dieser Geist. Es war eine Art Höhenwahn, der ihn beseelte. Das Einfache, das Rationelle, womit andere Menschen auskommen, genügte ihm nicht – er war ein geistiger Nimmersatt – unzufrieden, skeptisch – ein unruhiger Kopf; – über die Linie, wo dem gesunden Denken Schranken gesetzt sind, wollte er hinaus – und so verflog er sich ins Leere, wo die Luft zu dünn wird für menschliche Lungen. Ich habe dem Vorgange mit geheimer Sorge zugesehen.« – »Und warum, wenn Sie darüber wirklich so klar sahen, sind Sie denn nicht eingesprungen – beizeiten?« »Die Frage ist durchaus berechtigt, Gerland. Als erstem Geistlichen lag mir die Pflicht ob, den jungen Menschen zu überwachen und ihm mit brüderlicher Liebe bei Seite zu stehen. Ich war mir dieser Pflicht bewußt, und ich habe es auch versucht, ihr nachzukommen. Freilich, wenn man eine Hand anbietet, so gehört eben dazu, daß der andere einschlägt. – Fröschel war mißtrauisch von Natur; er hegte, ich weiß nicht welchen Argwohn gegen mich – den Verdacht wohl, ich könnte ihn geistig bevormunden und überwachen. Es war eine krankhafte Furcht vor Beeinflussung, eine Art Verfolgungswahn, wenn man will. Glauben Sie mir, Gerland, alle Funktionen seines Geistes waren übertrieben, überreizt. – Unnatürlich war auch sein Verhältnis zur Mutter. Er liebte sie – gewiß – aber selbst die Liebe zur Mutter wurde vergiftet durch die argwöhnische Furcht vor Beeinflussung. – Die Frau steht mir sehr nahe. – Ich habe oft und ernst mit ihr über den Sohn gesprochen, seine religiösen Zweifel waren ihr ja kein Geheimnis. Sie hoffte auf den Einfluß der Zeit. – Ich ließ sie bei ihrem Hoffen, aber teilen konnte ich es nicht. Mir ahnte Schlimmes für diesen Geist. Und meine Befürchtungen haben sich ja bestätigt.« »Und teilt denn die Mutter Ihre Ansichten – zweifelt sie etwa auch an dem Verstande des Sohnes?« »Das ist eine Frage, Gerland, auf die ich Ihnen die Antwort schuldig bleiben muß. – Die Frau kannte ihren Sohn besser, als irgend jemand. Und ich weiß, daß ihr heißestes Gebet gewesen ist, der Herr möge den im Dunklen Irrenden zurückführen zum Lichte.« – Gerland war still geworden; des anderen Worte gaben ihm zu denken. Polani entging es nicht, daß er Eindruck gemacht hatte. »Wir sprechen darüber noch ein andermal ausführlicher, lieber Gerland,« sagte er. »Ich habe es wohl gemerkt, daß Sie Vorwürfe gegen mich auf dem Herzen hatten, in den letzten Tagen – und das schmerzte mich aufrichtig. – Wie gesagt, wir sprechen noch hierüber; vielleicht wird das ein Anlaß für Sie, mich aufzusuchen. Das sollte mich von Herzen freuen. – Ich muß jetzt heim. Auf Wiedersehen!« – VII. Das erste, was Gerland that, als er am Abende dieses Tages vor seinem Schreibtische stand, war, die hinterlassenen Schriften seines toten Freundes hervorzuholen. Er wollte doch sehen, wer recht habe: die Behauptungen derer, die Fröschel zum Irren stempeln wollten, oder seine eigne innerste Überzeugung, wonach dieser Geist klar und gesund gewesen war und sein Denken folgerichtig bis zum letzten Augenblicke. – Und so blätterte er denn in den Manuskripten. Als ihm diese kleine, steile, eigensinnige Handschrift vor die Augen kam, wurde ihm die ganze Eigenart des Toten wie mit einem Schlage lebendig. Er sah das runde, blasse Knabengesicht mit den matten, hinter den Brillengläsern versunkenen Augen – sah das spöttisch-melancholische Lächeln um die schmalen Lippen zucken – sah ihn die Fingerspitzen in nervöser Hast gegeneinander reiben. »Krankhaft, anormal, überreizt, überspannt« – all die Worte, die der beredte Polani auf den Toten angewandt hatte, schwirrten Gerland im Kopfe. Dazwischen ertönte das ölige Organ des Superintendenten: »Der Verstand des Beklagenswerten war verwirrt; er mußte verwirrt sein!« – Und das Gesicht des Toten lächelte dazu, bitter ironisch, als wolle er sagen: Hatte ich sie nicht erkannt, die Welt, aus der ich ging? – Gerland las noch einmal die Titel der einzelnen Aufsätze, sich ihren Inhalt vergegenwärtigend: »Göttliche Vorsehung und menschliche Freiheit.« – »Der Mensch ein Geschöpf oder ein Schöpfer Gottes?« – »Über den jüdischen Kern der christlichen Ethik.« – »Warum wir einen sogenannten christlichen Staat haben.« – »Vom Lachen der Auguren.« – Ein kleines Heftchen, nur wenige Seiten stark, fiel, ihm in die Hand, das er bisher übersehen hatte; jede Überschrift fehlte. Er las da folgendes: »Neulich kam mir ein interessantes Dokument zur Hand: meine erste Predigt. – Ich hatte sie fein säuberlich ausgeschrieben; denn ich wollte sie bei mir tragen, im Falle ich stecken bleiben sollte. Ich nehme die Blätter vor und lese da unter anderem: ›Denn daß man weiß, daß Gott sei, ist ihnen offenbar; denn Gott hat es ihnen geoffenbaret, damit daß Gottes unsichtbares Wesen, das ist, seine ewige Kraft und Gottheit, wird ersehen, so man das wahrnimmt, an den Werken, nämlich an der Schöpfung der Welt; also, daß sie keine Entschuldigung haben.‹ – »Wir nehmen Gottes Geist wahr an seinen Werken, und diese Werke sind die Welt und die Menschheit, Damit ist nicht nur gemeint die äußere Erscheinung dieser Welt, sondern der Geist, der in ihr lebt und webt, die ewigen Gesetze, die sich uns in der Natur offenbaren – vor allem aber auch das ewige Gesetz, das wir in uns selbst tragen. Gott wird uns offenbar nicht nur im Ursprung der Welt, in ihrer Erhaltung und weisen Regierung, sondern auch in uns selbst, in unserer Vernunft, die nach einem ewigen Grunde alles Seins verlangt, in unserem Gewissen, dessen Mahnung auf ein überirdisches, diese Welt regierendes Gesetz hinweist, in unserem Heilsbedürfnis, das nach einer Erlösung verlangt, in unserem gesamten Geistes- und Seelenleben, das die Unsterblichkeit zur Bedingung hat.« u.s.w. – Glaube ich das? – Nein! – Habe ich das damals geglaubt, als ich es niederschrieb, um es ein paar Tage darauf der Gemeinde zum besten zu geben? – Nein! Habe ich irgend einen dieser leichtfertig hingeworfenen Sätze bewiesen? – Nein! – Konnte ich sie überhaupt beweisen? Dreimal nein! »Das führt mich mit einem Schritte auf den Grundirrtum, den wir alle begehen, Freunde wie Feinde des Christentums, daß wir die Berechtigung, oder Nichtberechtigung der Religion beweisen wollen. Als ob hier etwas zu beweisen möglich, oder auch nur notwendig wäre. Jeder Versuch einer Glaubensrettung oder einer Glaubensverneinung scheint mir ein Schlag in die Luft. Religion ist eine innere Thatsache des menschlichen Geistes, sie ist eine Eigenschaft, eine Fähigkeit; dadurch, daß sie in Wirksamkeit tritt, beweist sie sich selbst. »Der Glaube ist etwas eminent Praktisches. Er ist eine Thätigkeit und hat wie jede menschliche Thätigkeit, ihren Zweck. »Die Entwickelung des Religionsbedürfnisses liegt in der prähistorischen Zeit. Wir sehen die Menschheit als eine religiös begabte Gruppe in die Geschichte eintreten. Der Fromme wird sich über das Woher des Religionsbedürfnisses nicht den Kopf zerbrechen; für ihn ist der Mensch nach Gottes Ebenbild geschaffen und darum von Natur religiös. Der, welcher nicht an Wunder glaubt, muß hier seine Zuflucht zur Hypothese nehmen. Durch Analogie wird er darauf geführt, daß die Mutter der Religion die Not ist. Wann fühlen wir am stärksten das Bedürfnis, in die Spuren unserer Ahnen zurückzufallen – religiös zu werden? – In Zeiten der Not; und das trifft für den Einzelnen, wie für ganze Völker. Religion ist der Balken, nach dem der Arm sich suchend streckt, wenn die Wogen hochgehen. Oder anders ausgedrückt: der Glaube fängt da an, wo die Macht des Menschen aufhört. Glaube ist also ein Produkt menschlicher Schwäche. »Vor allem will der Mensch Hilfe gegen das Leben selbst. Von dem Augenblicke an, wo er über sich und die Welt nachzudenken begann, scheint er das Leben als eine Bürde empfunden zu haben. Da nun aber neben diesem Lebensekel eine merkwürdige Lebenslust und ein eingefleischtes Glücksbedürfnis in der menschlichen Brust wohnen, so hat der anschlägige Kopf des Menschen mancherlei erfunden, um sich über die Lebensqual hinweg zu helfen. Die beliebteste Medizin aber bleibt immer die Betäubung durch Illusion. »Das menschliche Hirn ist ungemein erfindungs- und phantasiereich, besonders wo es gilt, sich selbst zu täuschen. Nirgends hat es sich anschlägiger erwiesen, als im Aufstellen religiöser Systeme. Alle entspringen sie der einen Wurzel: Glücksbedürfnis des Menschen. Neu, genial und epochemachend war die Art und Weise, wie der Nazarener das Erlösungsbedürfnis der Menschen befriedigen wollte. Gott, ein liebender Vater; die Menschen seine Kinder und unter sich Brüder. Dieses Leben unwert und nur eine Prüfung für ein besseres Jenseits. Das Reich Gottes schon auf dieser Welt: in der Gotteskindschaft, der Bruderliebe, in Herzensreinheit, Verachtung der Welt und ihrer Güter und im Streben nach Gottannäherung. Diese Lehre übertraf alles bisher an religiösen Erfindungen Dagewesene in zwei Punkten, durch offenes Eingestehen ihres wahren Grundes: Lebensnot, Gefühl der Endlichkeit, Unzulässigkeit aller anderen Hilfsmittel, Furcht vor dem Nichtsein; zweitens durch Veredelung, Verfeinerung der in dieser Not angebotenen Hilfe. Die Hilfe war nicht mehr eine materielle, sondern eine geistige. Sie sollte nicht mehr in einem sinnenfälligen Eingreifen der Gottheit in das Einzelleben bestehen, sondern in gegenseitiger Liebe. – Hingabe von seiten des Menschen, Hinneigung von seiten Gottes. Der himmlische Vater bot seine Gnade an. Und nun kam der feinste Zug des Systems: dem Menschen war es überlassen, ob er die dargebotene Hand annehmen oder ausschlagen wolle. Die Freiheit des Individuums wurde gewahrt, freilich nicht ohne daß die Lehre sich dadurch in Widersprüche verwickelt hätte; die göttliche Vorsehung und Vorausbestimmung widerspricht der menschlichen Freiheit. Die ideale Lehre Christi von der Gotteskindschaft aller Menschen wurde aber sehr bald vergröbert, verfinstert und verfälscht. Schon seine Jünger und seine Biographen begannen damit. Aus dem Menschensohne, dem Knechte Gottes, wurde eine Gottheit gemacht. Sein Reich der Brüderlichkeit ward eng eingegrenzt, und nur die, welche an Jehovah, den Vater, und ihn, den Sohn, glaubten, sollten darin Platz haben, Paulus trat auf mit seiner Theorie von der Sündhaftigkeit und der Sühne. Den Wundergarten Christi verwandelte der praktische, in jüdischer Gesetzesherrlichkeit aufgewachsene Römer in nützliches Ackerland. Und Johannes giebt dem ganzen, damals schon in seinen größten und freiesten Gedanken vergröberten Systeme einen besonderen, übersinnlich metaphysischen Anstrich durch die Idee vom fleischgewordenen Logos. Taufe, Abendmahl und andere Symbole werden festgelegt; zu Gott dem Vater und Gott dem Sohne noch eine dritte göttliche Person hinzugedichtet – und die christliche Mythologie ist fertig. Der Gott, von dem Christus selbst gesagt: ›Gott ist ein Geist; die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten‹, war unter ihren groben Händen zu einer anthropomorphen Figur geworden mit einem Metathronos, dem Sohne, und einem Diener, dem heiligen Geiste. Und an dieser Trinitätslehre setzen jene widerlichsten, geistlosesten aller Religionsstreitigkeiten ein, welche die an Aberwitz so reiche Geschichte der Theologie aufzuweisen hat. Ob Apologeten, ob Monarchianer – ob ebjonitisch, ob patripassianisch, ob modalistisch – ob Arianer, ob Athanasianer – den so einfachen Sinn der Gottessohnschaft Christi wollte und konnte keiner dieser eifernden Silbenstecher verstehen. Nur eins ist an der ödesten aller religiösen Zänkereien interessant: wie weltliche Macht, verquickt mit kirchlicher Hierarchie, auf Konzilen und Synoden die Frage, wieviel Götter, wie geartet und in welcher Rangordnung künftig existieren sollten, durch Mehrheitsbeschlüsse und Machtsprüche entschieden und damit die Grundlage des offiziellen Christenglaubens festgelegt hat. Und der Rest ist nur noch Ausbauen, Verbauen, Abbrechen, Stützen, Wiederaufrichten, neues Einreißen und Restaurieren. Das Christentum war unter theologischer Führung glücklich am entgegengesetzten Ende der Lehre seines Begründers angelangt: ›Mein Reich ist nicht von dieser Welt.‹ – Gewiß muß die Auflehnung der Reformatoren gegen diese Veräußerlichung und Geistesknechtung eine Läuterung genannt werden; aber der Protestantismus war eine halbe Reform, er that das Reinigungswerk nicht gründlich. Nicht den einigen, von Christus gepredigten Gott stellte er her, vor der Trinitätslehre machte er schonend Halt; die Wunder, die Inspiration, die Symbole und andere Mythen, nahm er mit hinüber aus dem Pseudochristentum des Mittelalters. So blieb auch diese religiöse Revolution in den Kinderschuhen stecken, sie versandete und verflachte, und der Grundsatz: Rechtfertigung allein durch den Glauben, verknöcherte, da eben dieser Glaube von neuem an den Buchstaben gebunden wurde. Und nicht einmal das gelang den Reformatoren, die Religion auf eigne Füße zu stellen, sie aus der verderblichen Verquickung mit anderen Mächten zu befreien. Sie bedurften des weltlichen Armes zum Schutze der Religion, und so verrieten sie unbewußt den Reformationsgedanken. In der widernatürlichen Umarmung von Kirche und Staat mußte der Geist erdrückt werden. Der Staat thut nichts umsonst; für den Schutz, den er gewährt, verlangt er eine Gegenleistung, und diese heißt: Stützen seiner Autorität. Und so entstand das widersinnige Gebilde der Landeskirche; die Religion erniedrigt zur Magd der Politik – benutzt als Damm gegen allerhand gesellschaftsfeindliche, staatsgefährliche Regungen – recht eigentlich eine Ausgeburt der Angst. Nach wie vor wird eine rein geistige, innere, private Angelegenheit des Menschen, sein Glaube, zu einer offiziellen, der Einmischung weltlicher Mächte preisgegebenen Frage gemacht. Aller Kirchlichkeit, ob katholisch, ob lutherisch, ob reformiert, ist eines gemein: Bindung des Geistes an die Lehrautorität. Wieder der große Grundirrtum: als ob sich der Glaube binden ließe – als ob man ihn einbläuen oder künstlich erzeugen könnte. Allerdings das Lippenbekenntnis – das Namenchristentum, die lassen sich wecken und durch künstliche Mittel am Leben erhalten. Auf diesem faulen, lügnerischen Grunde ruht unsere jetzige Kirche. Darum glaube ich nicht an ihren Bestand. An dem Widerspruche gegen ihr eigenstes Wesen, an der Veräußerlichung und Verweltlichung, an der Lüge wird sie zu Grunde gehen. Die Füße derer, die sie begraben werden, sind vor der Thür.« – VIII. Am nächsten Morgen erschien ein Mann im Pfarrhause, dessen Physiognomie Gerland nicht unbekannt war, doch wußte er nicht sofort, mit welchem seiner Parochianen er diese ausgemergelte Gestalt, das hohlwangige, bartlose Webergesicht identifizieren sollte. Der Mann mußte ihm erst seinen Namen nennen: Karl Heinze aus Eiba. – Richtig! der Sohn der alten Märzliebs-Hanne. »Nun was bringen Sie mir, Heinze? – Vor allem, wie geht es Ihrer Mutter?« »Ich wollt ack, Herr Paster – und de Mutter is och gastern gesturba.« – Die Nachricht kam niederschmetternd und, obgleich die Alte in der letzten Zeit sichtbar dem Ende entgegengegangen war, überraschend für Gerland. »Warum haben Sie mich denn nicht rufen lassen?« »Mer wullten – und mer hoan och nach Se geschickt, Herr Paster. De Mutter that gor su sihre batteln – nee, wenn 'ch ack und 'ch kinnt an Pfarrn nuch a engstes Mal sahn, bevur 's alle werd. – Gih ak und ruf den Herrn Paster, sagte de Frue über mich. Und ich bin och und ha och. – Aber mir sagt's dar Küster schun uf'n halben Wage, Se wiern ne derhema, Se wiern salber uf ne Leicha – sagte der Küster. Nu do bin 'ch umgekahrt, uf heme zu.« – »Wann war denn das, Heinze?« »Gastern ei dar Fruh, und uf'n Mittch is se gesturba.« – Gerland war es leid um die alte Frau; die Ereignisse der letzten Tage hatten es ihm unmöglich gemacht, sie aufzusuchen. Und nun war sie gestorben, ohne seinen Zuspruch, ohne daß er ihr die letzte schwere Stunde hätte erleichtern können. Nun war sie tot, seine alte Freundin, an deren Frömmigkeit und naiver Gottesfurcht er sich so oft erfreut und erbaut hatte. – Er fragte den Sohn nach den näheren Umständen ihres Todes, aber aus dem schwachköpfigen Menschen war nicht viel herauszubekommen; er mochte auf dem Wege zum Pfarrhause bereits eingekehrt sein, wenigstens sprach verdächtiger Branntweingeruch, den er verbreitete, dafür. Es fiel dem Geistlichen schwer, mit ihm das zum Begräbnis Nötige zu verabreden. – Gerland eilte schnurstracks nach Eiba hinauf. Der äußeren Erscheinung des Hauses merkte man nicht an, daß hier das älteste und würdigste Familienmitglied am Tage zuvor verschieden war und noch unbeerdigt liege; alles ging seinen gewohnten Gang. Das älteste Mädchen hockte barfuß und in Hemdsärmeln hinter dem Webstuhle, wie gewöhnlich, wenn der Geistliche kam, sich mit halb verlegenem, halb dreistem Lächeln hinter der Lade verkriechend. Eines ihrer Kinder saß am Spulrad und spulte. Die Hausfrau bereitete das Essen zu. An sie wandte sich Gerland mit seinen Fragen. Aus dem ungeschminkten Berichte dieser derben Frau erfuhr er ungefähr folgendes: Die Kranke war während der letzten Tage nicht mehr imstande gewesen, die dargereichte Nahrung bei sich zu behalten. Immer schwächer war sie infolgedessen geworden und hatte oft stundenlang bewußtlos gelegen. Einige Male schon hatten sie geglaubt, die Mutter sei tot, aber sie habe sich doch wieder »gerappelt«. Die Tonchen sei dagewesen und habe ihr einen Thee gekocht, und als sie den auch nicht bei sich behalten, habe die Kräuterfrau erklärt, das sei ein sicheres Zeichen, daß es alle mit ihr werde. In der Nacht hätte die Mutter viel »Traume gesahn vun lieben Gutt und vun Herrn Christus, und dan Engeln« – auch mit der verstorbenen Enkelin schien sie wieder Verkehr gehabt zu haben – und mit dem Herrn Pastor hätte sie ebenfalls lebhafte Zwiesprache gehalten. Am Morgen sei sie dann zu sich gekommen und habe nach dem Geistlichen verlangt. Auch die Tonchen hatte geraten, nach dem Pfarrer zu schicken, denn den Abend würde sie nicht überleben. Um ihr noch eine Freude zu bereiten, habe man ihr ihre Lieblingsspeise »Wuchteln« zubereitet, aber sie habe das Essen zurückgewiesen und erklärt, daß sie nur noch den heiligen Leib ihres Erlösers genießen wolle. Daraufhin habe man nach dem Pfarrer geschickt; aber die Antwort war gekommen, der sei auswärts. Nachher habe es geschienen, als ob es der Mutter angst würde. Immer wieder hatte sie nach dem Verbleib des Geistlichen geforscht und dann auf einmal gefragt, ob denn Gertrud Haußner noch nicht zurück sei und ob die nicht wenigstens zu ihr kommen wolle? Man hätte nach Eichwald geschickt, um der Mutter den Gefallen zu thun, und Gertrud sei auch gekommen. – »Wie denn!« fragte Gerland, der seinen Ohren kaum traute, »Doktor Haußners Tochter?« »Ju, iu! Haußners sein duch wieder zurücke, a Tage a zahne.« »Und Fräulein Haußner war hier?« »Ju, ju! Glei is se gekumma, – de Gertrud – weil mer se rufa ließa.« Gerland war aufs äußerste überrascht. Doktor Haußner und Gertrud wieder in der Gegend! – Und das erfuhr er so gelegentlich. »Se is ju immer su sihre gutt zu dar Mutter gewast, woas de Gertrud is,« – hieß es. Die letzten Stunden der alten Frau bekamen doppeltes Interesse für den Geistlichen, seit er wußte, daß Gertrud um sie gewesen war. Er suchte nun erst recht alles was auf ihr Abscheiden Bezug hatte in Erfahrung zu bringen. Die Mutter hatte sich von Gertrud aus Bibel und Gesangbuch vorlesen lassen, wurde berichtet, manchen Vers habe sie anfangs mit klarer deutlicher Stimme nachgesprochen, dann seien die Worte immer undeutlicher geworden, bis sie ganz still gewesen. Sie hätten alle gedacht, sie schliefe nur. Gertrud habe es zuerst gemerkt, daß es der Tod sei. Sie hatten die Mutter angefühlt, und richtig, sie war kalt gewesen. – Gerland verlangte die Leiche zu sehen. Sie lag nebenan in der Kammer. Der Ausdruck der Züge war schmerzlos und zufrieden. Das war die zweite Leiche, an die Gerland im Laufe weniger Tage gestellt wurde. Aber welch ein Unterschied! Er drängte sich von selbst auf. Im felsenfesten Vertrauen auf ihren Gott und Heiland und in seliger Hoffnung auf ein ewiges Leben war diese Alte sanft entschlafen. – Und da drüben, der arme Freund! – er, der höher begabt und höher begnadet, alles vernichtet hatte, was die alte Bettlerin gestärkt und getröstet. Wer von den beiden hatte recht? Hatte jene Alte das gefunden, was ihr brechendes Auge in Verzückung gesehen? – Schwebte sie jetzt, ein seliger Geist, in Verklärung, lächelnd im blauen Äther der Ewigkeit? – Oder war das Lichtlein ausgeblasen, bis auf den Stumpf niedergebrannt – dieser verbrauchte, verfallende Körper, das letzte elende Überbleibsel eines siebzigjährigen Daseins voll Not und Sorge? War dieses Leben mit all seinem Hoffen, Beten und Ringen eine große Thorheit gewesen von Anfang bis zum Ende – betrogen die Hoffnung – umsonst das Beten – und jener hatte doch recht, da er einer solchen sinnlosen Farce mit rascher Hand ein Ende machte? Wieder stand der junge Mann vor dem großen Rätsel, das ihn kalt und versteinend ansah, mit dem unheimlichen Blicke der Sphinx. Die alte Märzliebs-Hanne wurde zu Grabe getragen. Die Beteiligung an dem Begräbnisse war stark. Die Anverwandten hatten bei dieser Gelegenheit ein übriges gethan; Chorgesang und Rede am Grabe war erbeten worden. Prächtiges Frühlingswetter hatte seinen Einzug gehalten. Die alten Linden auf dem Friedhofe leuchteten im Schmucke ihres frühen Blätterkleides. Der junge Geistliche stand im Ornate und wartete. Von dem oberen Teile des sanft lehnan gelegenen Friedhofes genoß man eine gute Aussicht über die ganze Thalmulde. Hinter Breitendorf in einer Wegkrümmung erblickte Gerland jetzt den Leichenzug – eine schwarze, sich windende Schlange, die von Eiba herab zu Thale vorrückte. Ein leichter Windzug trug ihm ein paar verlorene Klänge des Gesanges zu: »Jesus meine Zuversicht und mein Heiland ist im Leben!« – Ein leichter Schauer lief ihm über den Rücken, trotz des hellen Sonnenscheines, der rings um die Gräber spielte. – »Dieses weiß ich, sollt ich nicht darum mich zufrieden geben? Was die bange Todesnacht mir auch für Gedanken macht.« – Er war voll Wehmut – voll melancholischen Mitleids mit der Welt und der eignen Person. Ein Zeichen sich vorbereitender Heilung; die Wunde wollte sich schließen. Sein Auge ruhte auf Grabsteinen, Holzkreuzen, Glaskugeln und eingerahmten Sinnsprüchen. Da hing manch ein verwelkter Kranz um Gedenktafeln, manch kindlich thörichtes Wort war da niedergeschrieben – unter mannigfachen Zeichen echter Trauer und Liebe standen unnatürliche, geschmacklose Bildnisse. Denn das Landvolk, von Natur derb und nüchtern, zeigt doch in allem, was es erheben und erschüttern soll, einen Zug zur Sentimentalität. Ein paar Schritte noch stieg Gerland höher. Der Leichenzug war seinen Augen entschwunden. Der Blick des jungen Mannes schweifte hinaus nach den Höhen – klar umrissen lagen sie da. – Ringsum auf den Lehnen grünten die Saaten, die Obstbäume standen umhüllt vom duftigen Brautschleier ihrer jungen Blüte. – Der zweite Frühling war das nun, den er in diesem Thale heraufkommen sah. – Der Leichenzug kam jetzt die Dorfstraße langsam herab, näher ertönte der Gesang der Schulkinder. In Eile überlegte der Geistliche noch einmal die Worte, die er am Grabe seiner alten Freundin sprechen wollte. Seiner Rede hatte er den Text aus dem Hebräerbriefe unterlegt: Es ist noch eine Ruhe vorhanden dem Volke Gottes; denn wer zu seiner Ruhe gekommen ist, der ruhet auch von seinen Werken, gleichwie Gott von seinen. So lasset uns nun Fleiß thun, einzukommen zu dieser Ruhe. – Jetzt war der Zug nicht mehr fern; er sah die Spitze mit dem Kruzifix bereits um die Ecke am Schulhause biegen. Der Geistliche stieg herab, dem Zuge entgegenzugehen. Das Grab war in einer der tiefergelegenen Reihen ausgeworfen. Dort sah er zu seinem Befremden ein paar weibliche Wesen stehen, städtisch gekleidet – Damen ihrer Erscheinung nach – die eine von ihnen hielt einen Kranz in der Hand. »Sollte das etwa gar – –?« Er musterte näher kommend in höchster Spannung die jüngere der beiden Frauen mit schärferem Blicke. Ja, sie war es! – Er erkannte das weiße Gesicht und die guten Augen wieder, deren Anblick er so lange entbehrt. – Sie hatten ihn auch bemerkt; er sah, wie Gertrud der anderen in Hast etwas zuflüsterte. Aber jetzt war keine Zeit, sie anzureden; er grüßte im Vorbeigehen zu den Damen hinüber und schritt der Leiche bis zum Eingange des Friedhofes entgegen. Die Feier ging ihren gewohnten Gang. Der Geistliche brauchte keine besonderen Hebel anzusetzen, um sich in die dem Vorgange entsprechende Stimmung zu erheben. Was er sagte, kam ihm von Herzen. Eines der ältesten und würdigsten Gemeindeglieder wurde mit der alten Hanne in die Grube gesenkt, und er wußte gar wohl, was er an der Greisin verloren. »Es ist noch eine Ruhe vorhanden dem Volke Gottes.« – Die Worte waren wie geschaffen für dieses Grab. Viel Weinen und Schluchzen war zu vernehmen ringsum von Jung und Alt. In die menschlichen Klagelaute mischte sich wunderlich genug das muntere Gezwitscher übermütiger Vögel über ihnen, in den Baumkronen. – Als alles vorüber war, trat Gerland zu den beiden Damen; die ältere war ihm unbekannt, er bat darum, vorgestellt zu werden. »O, das ist gar nicht von nöten!« rief ein zartes Stimmchen. »Ich kenne Sie sehr gut, Herr Pfarrer Gerland!« Der Geistliche blickte verwundert auf die kleine, ältliche Person mit dem spitzen Naschen und den dunklen, runden Äuglein. Diese Physiognomie war ihm seines Wissens doch noch nicht im Leben begegnet. »O ja, ich kenne Sie, Herr Pfarrer! Ich bin Martha Herberge.« Den Namen hatte Gerland allerdings schon gehört. Von dieser Jugendfreundin pflegte seine verstorbene Mutter oft zu sprechen. »Ja, ja, ich habe Sie gesehen, Herr Pastor, als Sie nicht größer waren als so – bei Ihrer lieben, seligen Mutter. – Jawohl, nicht größer als so waren Sie, ein feines Knäbchen mit langem Lockenhaar.« Die letzte Bemerkung war wohl für Gertrud berechnet, die zuhörend daneben stand. Wie kam diese Martha Herberge mit Haußners zusammen? – Gerland ließ die Frage einstweilen auf sich beruhen; ihm war es noch wichtiger, von Gertrud zu erfahren, wie sie den Winter verbracht. Während er langsam mit den beiden Damen dem Ausgange des Kirchhofs zuschritt, brachte er es über sich, die Frage an das Mädchen selbst zu richten. Wie Musik klang ihm die weiche Frauenstimme ins Ohr. Sie waren in Zürich gewesen, während des Winters, ihr Vater und sie, und hatten in den letzten Wochen noch einen Ausflug nach den norditalienischen Seen unternommen. Er erkundigte sich, wie ihr die Reise gefallen, was für Wetter sie gehabt. Auf ihre Antworten achtete er kaum. – Von der Seite schielte er neugierig nach ihrer Erscheinung – sie hatte sich entwickelt, war nicht mehr der Backfisch vom vorigen Sommer. Wirklich, etwas erschreckend Damenhaftes hatte sie an sich in ihrem anliegenden Jackett und dem schwarzen Filzhute mit Schleier. Sofort überfiel ihn eine Art von Neid – von Ärger – von eifersüchtigem Unbehagen – und er wußte nicht einmal recht weshalb und gegen wen. Wie sie so von der Reise sprach, so selbständig, von so vielen Dingen, die er nicht gesehen. – Wer weiß, was sie erlebt hatte in der langen Zeit! – Das ältere Mädchen trippelte munter neben den beiden jungen Leuten her; sie schien keine Freundin von langem Schweigen zu sein. Ziemlich unmotiviert mischte sie sich plötzlich in die Unterhaltung, erzählte über Gertruds Reise – von der sie eigentlich nichts wissen konnte – als sei sie selbst dabei gewesen; berichtete dann ungefragt, daß sie eine Cousine von Doktor Haußners verstorbener Frau sei. »Cousine – eigentlich noch mehr Freundin. Die Cousine war nur die Brücke zur Freundin.« – Und nun war sie im Fahrwasser harmloser Geschwätzigkeit. Eigentlich lebte sie in Gnadenthal, im Schwesternhause, aber einmal hätte sie doch die Tochter ihrer lieben Bertha wiedersehen wollen. Und da habe es jetzt gerade gepaßt – und nun sei sie da – und nicht sagen könne sie, wie sie sich gefreut habe, daß der Sohn ihrer lieben Agnes hier Geistlicher sei, Willy Gerland, von dem sie soviel gehört – Und so ging es weiter. Ein Persönchen wie Quecksilber; das junge Mädchen erschien geradezu gesetzt neben der lebhaften, alten Jungfer. »Das ist also die Kirche!« zwitscherte Martha Herberge. »Und das da wohl das Pfarrhaus? – Nein, die Schule – ach, dort ist das Pfarrhaus. Lieber Gott, wie reizend! Rosen zieht der Herr Pfarrer auch – ach richtig, das erzähltest du mir ja schon, Trudel! – Und die Kirche – kann man mal reingucken? Aber, wir müssen ja zurück; der Papa wird sonst böse. – Also bis zum Sonntage. Herrlich haben Sie gesprochen, Herr Pfarrer, vorhin am Grabe – so trostreich und ergreifend. Sie predigen doch am Sonntag – nicht wahr? Was für eine dumme Frage. Nein, den Sohn meiner lieben Agnes so im Talar zu sehen. Es ist zu schön!« Gerland bekam einen warmen Händedruck. »Komm, Trudel! Adieu, Herr Pfarrer! Wir kommen am Sonntag in die Kirche!«– Gerland ging dem Pfarrhause zu. Am Gartenthore stehen bleibend, blickte er noch einmal verstohlen nach den beiden Frauen aus. Eben sah er noch Gertruds schlanke Gestalt um die Ecke biegen. Sie war zurück – Gertrud war zurück! – Nun schien ihm erst wahrhaftig das Frühjahr angebrochen. – IX. Zu Doktor Haußners Besitzung in Eichwald, auf der in früheren Zeiten Dominialrechte geruht hatten, gehörte auch eine Loge in der Breitendorfer Kirche. Solange Pfarrer Gerland in Breitendorf amtierte, war diese Loge stets leer geblieben. Heute zum ersten Male, als er die Sakristei betrat, fielen ihm, gegen das lichte Fenster gegenüber zwei dunkle Silhouetten sofort ins Auge: Gertrud Haußner und das alte Fräulein von neulich. Während der ganzen Predigt wurde der Geistliche das Bewußtsein nicht los, beobachtet zu sein. Der Schallverteilung wegen hatte er sich daran gewöhnt, nach jener Loge hin zu sprechen; heute vermied er das – richtete seine Worte nach der Orgel zu. Als er nach dem Amen doch nicht unterlassen konnte, einen Blick hinüber zu werfen, sah er, wie Martha Herberge das Taschentuch zu den Augen führte. – Die Kirche verlassend, bemerkte er das alte Fräulein, abgesondert von der übrigen Gemeinde, neben dem Kiesweg stehen, der nach dem Pfarrhause führte – offenbar wartete sie dort auf ihn. Sowie sie Gerlands ansichtig wurde, kam sie auf ihn zu und hielt ihm beide Hände entgegen. »Wunderschön – wunder- wunderschön!« Gerland hörte zerstreut lächelnd ihren enthusiastischen Reden zu; ihn beschäftigten ganz andere Gedanken. Wo war Gertrud? – Warum war sie nicht auch geblieben? – Unwillkürlich spähte er nach der Schar der Kirchgänger hinüber, ob er sie dort irgendwo erblicken möchte. Das alte Fräulein schien seine Gedankengänge zu erraten. »Das liebe Kind ist nach Eichwald hinaufgegangen. Der Vater durfte sowieso nichts davon ahnen, daß sie in der Kirche war. Sie wissen ja, wie er nun einmal gesinnt ist. Ich bleibe noch zum zweiten Gottesdienst; es war zu schön – zu wunder- wunderschön! Wie herrlich, daß Gertrud das mit anhören konnte.« – Man schritt langsam dem Pfarrgarten zu. Die kleine Person, in ihrer fransenverzierten Atlasmantille, trippelte neben dem Geistlichen her. Als sie zur Gartenthür gekommen waren, forderte er sie auf, einzutreten und im Pfarrhause den zweiten Gottesdienst abzuwarten. Voll Begeisterung nahm sie den Vorschlag au. »Daß ich das noch einmal erleben würde – den Sohn meiner lieben Agnes auf der Kanzel, als Diener am Worte –!« Wieder ein warmer Händedruck und ein inniger Blick. Gerland führte sie die Treppe hinauf in sein Wohnzimmer. – Da er inzwischen Leute bemerkt hatte, die unten auf ihn warteten, drückte er dem alten Mädchen ein Buch in die Hand und begab sich hinunter ins Expeditionszimmer, um die mannigfachen, geschäftlichen Angelegenheiten zu erledigen, die sich Sonntags zwischen den Gottesdiensten wie gewöhnlich zusammendrängten. – »Ich bin so glücklich, Herr Pfarrer, daß ich einmal unter vier Augen mit Ihnen sprechen kann,« meinte Martha Herberge, als Gerland, endlich von Amtsgeschäften befreit, wieder vor sie trat. »Ich hätte so mancherlei auf dem Herzen.« Das zarte Stimmchen paßte zu ihrer Vogelerscheinung. Martha mochte in den Fünfzigen sein; doch machte sie durchaus nicht den Eindruck einer verblühten, alten Jungfer. Die kleine Figur erschien wohlproportioniert und zierlich, das feine Gesichtchen war noch immer recht niedlich. Eine Stelle in der heutigen Predigt sei ihr unklar geblieben, behauptete sie; sie bat den Geistlichen um Aufschluß darüber. Sie sprach lebhaft und mit viel Zungenfertigkeit. Die Technik religiöser Gespräche war ihr durchaus geläufig. Gerland fühlte sich unwillkürlich an jene Zeiten erinnert, wo er als junger Prediger in der Provinzialhauptstadt unter den älteren, heilsbedürftigen Mädchen mehr denn eine Seelenfreundin gehabt hatte. Er mußte lächeln; daß ihn das nun auch hier hinaus aufs Land verfolgte! – Er wartete immer noch, daß Martha Herberge mit etwas Besonderem herausrücken werde. Er hatte sich nicht getäuscht; allmählich drängte die Unterhaltung nach einem bestimmten Punkte hin. Die Augen senkend, zupfte sie an den Fransen ihrer Mantille: »Ich glaube mich nicht zu täuschen, Herr Pfarrer – aber, ich meine – wir verfolgen dasselbe Ziel.« – Gerland blickte sie befremdet an. »Wie meinen Sie? –« Sie wurde verlegen. »Ich meinte natürlich nur – daß Sie – weil Sie doch im vorigen Jahre Doktor Haußner aufgesucht haben – und Gertrud hat mir ja auch von Ihnen erzählt. –« Das alte Mädchen verhaspelte sich immer mehr. »Ich meine natürlich nur, daß Sie die beiden bekehren wollen, Herr Pfarrer.« Eine kurze Pause entstand. Gerland antwortete nicht. Errötend und mit gesenkten Blicken fuhr Martha fort: »Ich würde es gar nicht gewagt haben, Herr Pfarrer, das vor Ihnen zu erwähnen; aber – mir liegt das ja selbst so sehr am Herzen. Ich kann gar nicht sagen, wie bange mir ist um diese beiden Seelen – besonders um Gertrud. – Nicht getauft – denken Sie nur, nicht getauft! – Mit siebzehn Jahren noch nicht aufgenommen in den Bund der Christenheit. Sehen Sie, Herr Pfarrer, das jammert mich – das beängstigt mich so – ich kann des Nachts darüber oft nicht schlafen. Die beiden so in Sicherheit dahinleben zu sehen – es ist doch ein furchtbarer Gedanke!« Jetzt war der Knoten gerissen; sie sprach frei von der Leber weg, und Gerland hatte die Empfindung, daß sie es ehrlich meine. »Was kann denn das arme Kind für den Unglauben des Vaters!« rief sie. »Wenn Bertha am Leben geblieben wäre, dann würde es freilich anders sein – sie war ein religiöser Charakter – dann wäre das Kind nicht ungetauft geblieben, das weiß ich! Ich kenne Haußner schon manches liebe Jahr; Sie werden sich vielleicht wundern über das, was ich jetzt sagen will – ich weiß eben nicht – aber ich halte Haußner nicht für schlecht – für unbedingt schlecht kann ich ihn nicht halten – trotz seines Unglaubens.« Gerlands Lächeln verstärkte sich; er erklärte dem alten Mädchen, daß er Doktor Haußner nach allem, was er von ihm gesehen und gehört, sogar für einen guten Menschen halte. »Das sagen Sie, Herr Pfarrer!« rief Martha und riß erstaunte Augen auf. »Warum soll ich das nicht sagen?« »Nun, ich dachte. – Ist Ihnen denn Haußners Geschichte nicht bekannt?« »Genauer als Sie denken mögen.« »Wissen Sie auch die Sache mit dem Superintendenten Großer?« – »Jawohl!« »Und dann später mit Pastor Menke, Ihrem Amtsvorgänger?« »Alles weiß ich – und trotzdem – ja vielleicht gerade deshalb, sage ich: Doktor Haußner ist ein tüchtiger, ehrlicher und im Grunde guter Mann.« »O, das beruhigt mich – das beruhigt mich unendlich! Sehen Sie, Herr Pfarrer, es wird mir vielfach verdacht, daß ich im Verkehr mit Haußner geblieben bin – nach all diesen Ereignissen. Ja, ich kann Ihnen versichern, mir sind die schwersten Vorwürfe daraus gemacht worden, gerade auch von geistlicher Seite. Aber sehen Sie, ich sage mir: man hat doch als Christ die Pflicht, sich um das Seelenheil solcher Verirrter zu kümmern. Und ich habe mich auch darin nicht irre machen lassen; selbst durch die Worte meines Beichtvaters nicht, der mich ernstlich vor dem Verkehr mit den Abtrünnigen gewarnt hat, wegen der Seelengefahr. – Es ist mir eine große Beruhigung, Herr Pfarrer, daß auch Sie so denken. Sehen Sie, ich kann mir eben nicht helfen; ich fühle mich mitverantwortlich für dieses Kind. Sie werden ja wissen, unter welch traurigen Umständen die arme Bertha gestorben ist und nun will er die Tochter in seinem Unglauben aufziehen, er, der der Mutter das Herz gebrochen hat. Aber das läßt Gott der Herr gar nicht zu. – Haußners Pläne mit dem Kinde werden zu schanden werden – ich weiß es! Gott hat wunderbare Wege. Sehen Sie, er hat ihr ja allerhand freie Ideen beigebracht, schon in frühester Jugend – allerhand wissenschaftliche und gottlose Lehren. Ich bin selbst dabei gewesen und habe mit Grauen gehört, wie er dem Kinde die Entstehung der Welt erklärte, und daß alles auf natürliche Weise zugegangen sei. Unser Heiland soll ein Mensch gewesen sein. – Und aus der Naturwissenschaft erzählt er dem Kinde – über Pflanzen, Tiere und Steine – und wie der Mensch innerlich aussehe – alles das mußte das Mädchen erfahren; nur das eine, was not thut, davon hielt er sie geflissentlich fern. – Und was hat es ihm schließlich genützt? Er ist mit Gertrud ins Ausland gegangen, weil er nicht wollte, daß sie hier Religionsunterricht genießen solle; das Mädchen hat niemals wirkliche Unterweisung in den heiligen Dingen gehabt. Und sehen Sie, Herr Pfarrer, trotzdem ist sie ein gutes Kind geworden, und ich kann es nicht anders sagen, sie ist voll frommer Wißbegier. – Und dann ist sie ja auch Berthas Tochter. Ich denke immer, die Verstorbene hat dem Kinde ihre Frömmigkeit als köstliches Erbteil vermacht. Gewiß betet die Selige da oben für das Heil ihres Kindes. Und auch ich lasse es ja nicht am Gebete fehlen und thue, was an mir ist, um sie im geheimen vorzubereiten. Und es ruht ein sichtlicher Segen auf meiner Arbeit an dieser Seele. Nun werden Sie begreifen, Herr Pfarrer, wie überglücklich ich war, als ich wahrnahm, daß ich einen Bundesgenossen gewonnen hatte – daß Sie dasselbe anstreben, was ich seit Jahren betreibe – die Gewinnung dieser Seele für das Reich Gottes.« – »Erlauben Sie, Fräulein Herberge!« fiel hier Gerland ein. »Sie haben da doch zuviel gesehen. Selbst wenn ich gewollt hätte, was Sie mir unterschieben, ich würde gar keine Gelegenheit dazu gefunden haben. Aufdrängen will und darf man sich nicht. Mir ist es bisher versagt geblieben, irgend welchen Einfluß auf das junge Mädchen auszuüben.« Das alte Fräulein sah ihn auf diese Worte hin, den Kopf nach ihrer Vogelweise ein wenig zur Seite legend, mit unendlich schlauem Blick an. »Wirklich, gar keinen Einfluß – Herr Pfarrer?« fragte sie. »Nein! – Mir hat bisher alle Gelegenheit gefehlt.« »Und das Neue Testament von Ihrer seligen Mutter, das ich bei Gertrud gesehen habe?« – fragte Martha – Triumph malte sich in ihren Mienen. Gerland errötete über und über. Vergessen hatte er jene regnerische Abendstunde nicht, in der er das junge Mädchen von der Bibelstunde nach Haus begleitet hatte. – Daß er das Buch in ihren Händen zurückgelassen, war ihm stets als eine der glücklichsten Eingebungen erschienen. »Nun ja – allerdings –« stotterte er, »ich gebe zu, das mag wie eine Art Beeinflussung – wie ein Annäherungsversuch von meiner Seite erscheinen – aber – erlauben Sie, daß ich Ihnen das erkläre, Fräulein Herberge!« – »Aber, ich bitte Sie, Herr Pfarrer!« rief Martha, die in ihrer Erregung vom Sitze aufgesprungen war. »Ich sagte Ihnen doch schon, wie froh, wie innig beglückt ich bin, einen Bundesgenossen gefunden zu haben. Wir wollen ja nichts Böses – das Reich Gottes zu mehren, darin kann doch nie und nimmer ein Unrecht gefunden werden. Im Gegenteil! Wir wären strafwürdig, wir beide, wollten wir ruhig mit ansehen, wie dieses Kind ohne Gottes Wort aufwächst. Ein so liebes, gutes Geschöpf – so herzensgut – mein Trudel – und die sollte in der Nacht des Unglaubens verkommen! Wir werden dieses Kind der christlichen Gemeinschaft zuführen. Dazu sind Sie ganz der Mann, Herr Pfarrer; das habe ich neulich schon gemerkt und heute wieder. Gehüpft und gejauchzt hat mein Herz, und die Schauer des Göttlichen haben es erfaßt, bei Ihrer Predigt. Und auch bei Gertrud sind Ihre Worte nicht auf unfruchtbaren Boden gefallen – glauben Sie mir das! Sie hat mir schon von Ihnen erzählt; gleich wie ich diesmal nach Eichwald kam, begann sie von Ihnen, Herr Pfarrer – nun, ich will Sie nicht eingebildet machen. – Wahrhaftig, Gottes Segen liegt ersichtlich auf unserem Thun – das Herz des Kindes ist wohlvorbereitet für die Glaubenssaat.« – Sie hatte, vor ihm stehend, seine Rechte ergriffen, die sie mit ihrem kleinen Händchen festhielt, daß er das Blut in ihren Adern klopfen fühlte. – Was doch für eine Leidenschaft in diesem Persönchen steckte! Martha sah ihm mit Blicken in die Augen, die ihn gewiß verwirrt haben würden, wäre sie um dreißig Jahre jünger gewesen. »Um eins nur möchte ich Sie dringend gebeten haben, Herr Pfarrer – Vorsicht! – Haußner darf von unserem Plane keine Ahnung haben.« Sie sprach bereits von einem Plane; Gerland war völlig verdutzt. »Jawohl, wir müssen die Sache ganz im geheimen betreiben; denken Sie doch nur, um was es sich handelt. Gertrud – mein liebes, süßes Trudelchen! O, ich kann Ihnen ja gar nicht sagen, lieber Herr Pfarrer, wie glücklich es mich macht, zu sehen, daß wir uns so ganz verstehen.« Und wieder drückte sie ihm stürmisch die Hände. Gerland fühlte sich in einer sonderbaren Lage dieser kleinen, exaltierten Person gegenüber; sie hatte ihn eingenetzt, er wußte nicht wie. Er schwankte zwischen dem Gefühle des Unbehagens über die eigne Nachgiebigkeit und der Belustigung, welche ihr Wesen ihm unwillkürlich bereitete. Um ihren Eifer, der gefährlich werden konnte, ein wenig abzudämpfen, erklärte er, daß hier noch mancherlei zu überlegen sei. Sie wußte auch diese Antwort sofort zu ihrem Vorteil zu wenden: »Natürlich!« rief sie. »Sehr behutsam müssen wir sein! Wie steht denn in der Schrift: ›Siehe, ich sende euch wie die Schafe mitten unter die Wölfe; darum seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben.‹ – Also, nicht wahr, lieber Herr Pfarrer – wir sind Bundesgenossen?« Gerland mußte sie jetzt bitten, mit ihm zur Kirche zu gehen, denn die Zeit zum zweiten Gottesdienste war herangekommen. Inbrünstige Gebete schickte Martha zum Himmel empor, daß der liebe Gott doch den Arzt ja nicht merken lassen solle, was vorgehe. Vor Haußner hegte die alte Jungfer entsetzliche Angst. Sie hatte manches mit ihm erlebt, sie wußte, daß er von Natur zum Jähzorn geneigt war und nahm an, daß er nicht viel Federlesens machen würde, wenn er hinter ihre Absichten kommen sollte. – Sie wollte ihn vor eine fertige Thatsache stellen, an der er nichts mehr würde ändern können. Gerlands glaubte sie sicher zu sein; ihren runden Vogeläugelchen, die sie so schamhaft zu senken verstand, war das Interesse des Geistlichen für die Nichte nicht entgangen. Aber sehr bald merkte sie auch, wie unerfahren, unbeholfen und schüchtern in solchen Dingen der junge Mann noch sei; man mußte ihm vorwärtshelfen, ihn unterstützen – vor allem ihm Gelegenheit schaffen. »Ach, wie schön ist es doch jetzt abends auf dem Querwege über Eichwald!« – ließ sie gelegentlich Gerland gegenüber fallen. »Bei Sonnenuntergang – der Blick auf Breitendorf hinab – entzückend! – Ich bin jeden Abend dort mit Gertrud.« – Bis jetzt hatte Gerland allen offenen und versteckten Versuchen der alten Jungfer, mit ihr und Gertrud einen gemeinsamen Spaziergang zu unternehmen, widerstanden. Er wußte, wohinaus die Bemühungen Marthas wollten. Im geheimen hatte auch er sich manch liebes Mal mit Gedanken an Gertrud beschäftigt – schon im vorigen Jahre. Das Mädchen hatte beim ersten Anblicke Eindruck auf ihn gemacht. Er ahnte allerhand süße Geheimnisse hinter ihrem kindlich unentwickelten Wesen. Kleine Züge, die er an ihr beobachtet – am Krankenlager – im Verhalten ihrem Vater gegenüber – in der Bibelstunde – hatte er zusammengetragen und sich ein liebliches Bild von ihr gemacht, das er wie ein besonderes Kabinettstück im Herzen trug, zu dem er gern sich flüchtete. Er glaubte, dieses Mädchen, nach den wenigen Malen, wo er sie gesehen, durch und durch zu kennen; sie war gut, rein und keusch – darauf hätte er schwören mögen. Soweit hatte er sich ihre Erscheinung und ihren Charakter schon zurechtgestutzt, daß sie in allem seinen Wünschen entsprach. Sie war ein gesundes Geschöpf, frisch wie eine Feldblume, gut erzogen, gebildet, dabei einfach, selbständig und in häuslichen Dingen wohlbewandert. War sie nicht wie geschaffen zur Lebensgefährtin eines Mannes? – Konnte es denn wirklich ein Unrecht sein, auf ein solches Ziel hinzuarbeiten? Der Plan, der dem Geistlichen anfangs unheimlich gewesen war, schmeichelte sich mit der Zeit mehr und mehr bei ihm ein. – Und so fand er sich denn eines Spätnachmittages auf dem Wege nach jenem Platze, von wo aus man nach Marthas Aussage den Sonnenuntergang so schön sehen konnte. Er schritt auf Fußpfaden und Feldrainen quer über Wiesen und an Feldstücken hin – weit und breit kannte er jetzt die Wege in der Umgegend. Die Leute hielten in der Arbeit inne, wenn der Geistliche an ihnen vorüberkam, sie grüßten und machten ihre Bemerkungen über Wetter und Stand der Feldfrüchte. »Guntagoh« und »Gunabendoh, Herr Paster!« klang's von allen Seiten. Gerland war ein populärer Mann geworden im Breitendorfer Thale. – »Ich will nicht von hier fort,« sagte der junge Geistliche zu sich, im Anblicke dieses redlichen, ihm wohlgesinnten Völkchens. Hier hatte er Liebe gefunden, hier hatte er Grund gefaßt, und immer weiter und tiefer wollte er seine Wurzeln treiben in diesen Boden. Oben am Rande des Holzes machte er Halt. Hier führte der Querweg, von dem Martha gesprochen, auf dem Kamme hin, durch den gräflichen Forst. Die Sonne stand noch hoch; er war zu zeitig eingetroffen. Langsam schritt er auf dem Wege hin, nach einigen tausend Schritten umkehrend. Keine Menschenseele zeigte sich um diese Tageszeit hier. Nachdem er dieselbe Strecke noch einigemale hin und zurückgeschritten war, änderte er seinen Plan. In der Nähe war eine Lichtung am Berghange, von dort aus mußte man einen Ausblick auf das Grundstück des Arztes haben. Richtig, dort unten lag das Haus; er meinte es greifen zu können. Das große Gebäude erschien, von hier gesehen, wie ein Spielzeug. Aus einer der beiden Essen stieg langsam weißlicher Rauch empor. Die hintere Hausthür stand offen; der Fußpfad, welcher sich durch die Gartenanlagen zur Höhe schlängelte, war gut zu übersehen, auch ein Stück der Landstraße vor Doktor Haußners Besitzung. Er setzte sich auf einen vom Sonnenscheine geheizten Granitblock. Vor ihm dehnte sich die Kultur aus; zwischen den Pflänzchen wuchs Gras und mannigfaches Unkraut, die kleinen Bäume häufig vollkommen überwuchernd. Gerlands botanisches Interesse wurde wach. Aus Erfahrung wußte er, daß auf solchen Standorten die seltensten und üppigsten Exemplare gediehen. Wenn der hundertjährige Forst dahingesunken ist vor der Axt des Holzfällers, dann tritt mit einem Male ein völliger Wechsel ein; der Waldboden lernt den Himmel aus eigner Anschauung kennen. Keime, die nur darauf gewartet, daß die Riesen fallen sollten, werden munter, und schießen in Übermut empor. Die Zwergexistenzen sind jetzt Herren des Platzes und blähen sich in frecher, koketter Pracht, bis ihre Zeit kommt und sie verdrängt werden von einem langsam wachsenden Geschlecht, das zielbewußt und ernst dem Himmel zustrebt, schlicht, in einfachem Kleide, ohne seine Kraft in farbenprächtigem Blütenschmucke zu vergeuden. – Gerland pflückte ein paar Blumen, beinahe unabsichtlich wand er sie zusammen. Darüber hatte er gänzlich versäumt, das Haus da unten weiter im Auge zu behalten. Erst die purpurne Glut des Sonnenunterganges erinnerte ihn daran, weshalb er eigentlich hier sei. Er verließ die Lichtung. Im hohen Holze herrschte schon gedämpftes Zwielicht. Von Breitendorf herauf hörte er in langgezogenen Schlägen das Abendläuten. Mißmutig schritt er noch einmal den Querweg hinab. Sein Gang war umsonst gewesen. Marthas Bemerkung konnte ja auch ganz absichtslos gefallen sein, und er hatte ihr nur einen besonderen Sinn untergelegt. Plötzlich hörte er Stimmen tiefer unten im Walde; er lauschte klopfenden Herzens. Lange, ehe er sie sah, konnte er die beiden Frauen sprechen hören. Langsam schienen sie den Berg herauf zu kommen, seinem Auge versteckt durch einen dichten Fichtenbestand. Ein Mädchenlachen hüpfte ausgelassen zu ihm empor – heiße und kalte Ströme jagten ihm vom Herzen zum Kopfe. Fünfzig Schritt vor ihm in der Wegebiegung tauchten jetzt die Silhouetten der beiden Frauen auf. Gertrud in hellem Sommerkleide und breitkrämpigem Strohhut; daneben huschte Martha in grauer Gewandung – wie ein Fledermäuschen der Dämmerstunde. Langsam ging er zurück und ließ sich absichtlich einholen. »Herr Pfarrer!« rief Martha hinter ihm. Gerland wandte sich. »Nein, welch reizende Überraschung! – Trudel – der Herr Pfarrer!« Es war gut für Gerland, daß schon Dämmerlicht herrschte. Er errötete, als er den beiden gegenüber trat. Ihm war unheimlich zu Mute bei der Komödie. Martha blinzelte ihn mit listigen Äuglein an; Gertrud allein war unbefangen. Er bot dem Mädchen mit linkischer Verbeugung seinen Strauß an. Gertrud dankte und meinte, sie würde die Blumen zu Haus in Wasser stellen, damit sie die Köpfe wieder aufrichten sollten. Es stellte sich heraus, daß sie die Namen all der Blumen wußte, und daß auch sie daheim ein kleines Herbarium besitze. »Das mußt du dem Herrn Pfarrer einmal zeigen, Trudel!« rief die alte Jungfer. Die Unterhaltung ging mit Marthas Hilfe, die, sobald eine Stockung drohte, mit Fragen rechtzeitig zur Hand war, leidlich flott. Plötzlich blieb sie stehen. »Ach du lieber Gott!« »Was ist denn, Tante?« »Ich habe mein Taschentuch verloren!« Gerland bot sich an, es zu suchen. »Nein, nein! – Bleiben Sie nur! Ich kann mir schon denken, wo es liegt! – Bleiben Sie nur bei Gertrud, Herr Pfarrer!« »Wir helfen dir suchen, Tante!« »Nein, nein! Ich gehe selbst – mir ist das lieber. Geht nur inzwischen weiter; ich, komme euch nach.« Damit war sie auch schon im abendlichen Dunkel verschwunden. Dem Geistlichen war nicht recht geheuer zu Mute. Verstohlen blickte er Gertrud von der Seite an; sie wenigstens schien vollkommen arglos. »Wir wollen langsam gehen,« sagte sie, »damit uns die Tante einholen kann.« Und so schritten sie weiter, zwischen den dichten Mauern eines zwanzigjährigen Fichtenbestandes hin. Nur ein schmaler Streifen des Abendhimmels blickte von oben hinein. Die Welt schien weitab zu liegen. – Wie oft in den letzten Tagen hatte Gerland eine Gelegenheit herbeigesehnt, mit dem Mädchen allein zu sein. – In Gedanken war es so einfach gewesen. Und jetzt schien alles so ganz anders, als er sich's gedacht. Als er in ihr liebliches Gesicht blickte, das unbefangen lächelte, da ihre Augen einander begegneten, fühlte er sich vollständig unfähig zu irgend welchen Phrasen. An so viel Naivetät scheiterte jede unlautere Absicht. Er kam sich wie ein Dieb vor. Beschämung war es, die ihn plötzlich von jedem weiteren Versuche, die Gelegenheit auszunutzen, abstehen ließ. Er blieb stehen und schlug dem Mädchen vor, umzukehren und die Tante aufzusuchen. Sie gingen bis an die Stelle zurück, wo man sich getrennt hatte. Keine Spur von Martha. Gertrud lief voraus und rief mit heller Stimme den Namen der Tante in den Wald hinein. Von einer fernen Baumwand kam es zurück: »Martha – Tante Martha!« – Sie hatte ein kindliches Vergnügen an dem Echo und wiederholte den Ruf immer und immer wieder. Gerland sagte kein Wort. »Wo kann die Tante nur hin sein?« Von neuem eilte sie vorwärts, Gerland folgte, die elastischen Bewegungen der schmiegsamen Mädchengestalt – wie sie vor ihm her durch die Halbdämmerung huschte – mit Wonne in sich aufnehmend. Endlich erblickte man Martha. Sie habe ihr Taschentuch wiedergefunden, berichtete sie, und zeigte es vor, zum Beweise. In dem Blicke, mit dem die alte Jungfer die beiden musterte, lag eine neugierige Frage. Ein Zug von Enttäuschung malte sich in ihrer Miene, als sie weder an dem Geistlichen, noch an ihrer Nichte etwas Außergewöhnliches entdecken konnte. Und nun mußte Gertrud in ihrer Harmlosigkeit auch noch fragen: »Warum bist du uns denn nicht nachgekommen, Tante?« Martha entschuldigte sich damit, daß sie müde geworden sei. »Und darüber haben wir den Sonnenuntergang ganz verpaßt,« meinte Gertrud in bedauerndem Tone. »Nun, die Sonne geht jeden Abend unter, Trudel; das können wir noch oft haben. Ach, und jetzt ist auch immer solch schöner Mondschein, nach neun Uhr, da sitzen wir oben am Kuhsteine – nicht wahr, Trudel? – Sind Sie dort schon mal bei Mondschein gewesen, Herr Pfarrer? – Sie kennen doch die Bank am Kuhsteine? Der Blick hinunter aufs Thal – die Beleuchtung – Wenn der Mond so herüberkommt über die Berge. – Ach, da wird einem immer so schwärmerisch zu Mute – so – ich weiß nicht wie! – Da schwärmen wir – was Trudel, mein Herzchen? – Sie sind gewiß auch schwärmerisch – ein ganz klein bißchen schwärmerisch – nicht wahr, Herr Pfarrer?« – Ein paar Tage schwankte er; dann eines Abends, als die Dämmerung hereinbrach und es ihm gar zu einsam wurde in den vier Pfählen seines öden Junggesellenheims, lief er hinaus, durch das abendliche Dorf, dem Walde zu. Als er durch den Tannenforst schritt, oberhalb Eichwalds, fielen verräterische Lichtstreife über seinen Weg. – So war er also schon aufgegangen, der freundliche Mond! – Um so mehr beeilte sich Gerland. Als er dem Gipfel der Anhöhe näher kam, zügelte er seine Hast, vorsichtig auftretend gleich einem, der auf unerlaubten Wegen geht. – Das Herz klopfte ihm wie einem Schulknaben bei verbotenen Streichen. Durch die letzten Bäume schimmerte schon der graue Felsblock; von der Kuhgestalt hatte diese weit und breit bekannte Landmark den Namen bekommen. Keine Täuschung! Martha und Gertrud waren zur Stelle; dort saßen sie auf der Holzbank. Noch einen Augenblick zauderte Gerland; dann faßte er sich ein Herz, trat vor auf den mondbeschienenen Platz. Martha sprang wie elektrisiert auf. »Da ist der Herr Pfarrer!– Siehst du, Trudel, ich wußte 's doch, daß er kommen würde.« – Sie preßte Gerlands Hand mit einem starken Drucke. – Der Geistliche setzte sich zu den beiden. Es war eine wunderbar klare Mondnacht. Das gemütlich schelmische Vollgesicht stand erst wenige Spannen über der gegenüberliegenden Bergkette. Als ginge Wärme von diesem milden Gestirne aus, so weich und lau strömte die Nachtluft. Kein Wölkchen am Himmel, hin und wieder ein Geflüster in den schlafenden Kronen des nahen Forstes – gleich Traumreden. Massig lag der Fels da, wie ein Haus, breiten Schatten hinauswerfend. In weißem Dunst versteckte sich das Thal. Selbst die silbereingefaßten Berge schienen sich auflösen zu wollen in Duft. Wie ein Heimchenpaar saßen die beiden Mädchen dicht aneinandergedrückt. – Der Schatten des Felsens lag über den dreien. Gerland sah ihre Gesichter nicht; aber er fühlte die weibliche Nähe, in beseligter Erregung. »Denken Sie nur, Herr Pfarrer!« rief das ältere Mädchen, »wir sprachen eben von Ihnen; ich erzählte Gertrud von Ihrem Elternhause, wo ich so manche schöne Stunde zugebracht vor Jahren. – Von Ihrer seligen Mutter – und von Ihrer guten Tante Ulrike. – Können Sie sich noch auf Tante Ulrike besinnen?« – Ob er sich noch auf Tante Ulrike besann! Ihr altes, rötlich, faltiges Gesicht in der Herrnhuter Haube, das den Knaben stets an gebratene Äpfel denken machte, war eine seiner ersten Kindererinnerungen. Unzertrennlich war die Tante mit gnadenthaler Schmätzchen und Brüderherzen verbunden. Tante Ulrike führte diese Süßigkeiten im Strickbeutel mit sich. Die backen die lieben Englein im Himmel für artige Kinder, pflegte sie zu sagen. »Wir saßen in der Kirche nebeneinander,« berichtete Martha weiter, »Ihre gute Tante und ich. Durch Ulrike habe ich auch Ihre selige Mutter kennen gelernt und dadurch ja auch gewissermaßen Sie, Herr Pfarrer. – Was wußte Ihre selige Tante nicht für allerliebste Geschichten von Ihnen zu erzählen. Was für ein frommes, sinniges Kind Willy sei. Sie hatte eine Photographie von Ihnen – ich besinne mich noch ganz genau auf die bloßen Ärmchen und die kurzen Höschen.« – Hier unterbrach sie ein Kichern der Nichte. »Sehen Sie bloß! Das Mädchen findet das lächerlich. So oft ich davon erzähle, will sie sich ausschütten vor Lachen. – Trudel, der Herr Pfarrer war doch auch einmal ein kleiner Junge! – Natürlich, wenn man ihn jetzt so vor sich sieht – so groß – und würdig – kann man sich das schwer vorstellen. – Wer hätte damals ahnen können, als mir die gute Ulrike von ihrem kleinen Neffen Willy vorschwärmte, daß ich dem Knaben noch einmal als geistlichem Herrn begegnen würde – und – unter welchen Umständen – unter welchen ganz besonderen Umständen! – Meinen Sie nicht auch, daß das höhere Fügung ist? – Ich wenigstens erkenne darin den Finger Gottes, ganz deutlich.« – Sie bat den Geistlichen, er möge ihnen doch selbst etwas aus seiner Jugend erzählen. Gerland begann mit einer Beschreibung des väterlichen Hauses, der Eltern, des Kreises von Menschen, der ihn während der ersten Jahre umgeben. Allmählich erwärmte er sich über dem Erzählen. Von allen Seiten schossen ihm Erinnerungen zu; Dinge, Menschen, Ereignisse, an die er jahrelang mit Bewußtsein nicht mehr gedacht, standen plötzlich in Lebendigkeit vor seiner Seele. Die Spiele der Kinderzeit wurden beschrieben – die ersten Freundschaften – der Tod eines Schwesterchens, das an den Zahnkrämpfen starb – der tiefe Eindruck, den dieses Ereignis auf das kindliche Gemüt hervorgebracht – dann die auf sehr realer Basis gegründete Freundschaft mit dem Zuckerbäckerslehrling von der Ecke – der Kanarienvogel – Emmy, das Stubenmädchen, die er heiraten wollte; deren Weggang, als sie Knall und Fall wegen Diebstahls entlassen wurde, den Knaben zum ersten Male die Tragik des Lebens ahnen ließ. – Dann die Kinder des Oberkirchenrats. Dieser Hermann, den er im Grunde nicht ausstehen konnte, weil er ihm stets als Beispiel von Folgsamkeit und Fleiß vorgehalten wurde. – Wo war der Musterknabe wohl jetzt? Längst verschollen! – Und Ännchen, in die er verliebt war? Seit Jahren verheiratet, Mutter vieler Kinder. Und nun die Schulzeit, die Prügeleien, die Ränke, die Streiche. Der Kampf um die Censuren, das Rennen um den ersten Platz in der Klasse – eine Vorschule für die Rücksichtslosigkeit des Lebens. – Lehrerphysiognomieen. – Die großen und kleinen Sünden, die man täglich begangen, aus Dummheit, aus Schwachheit – weil man's nicht besser wußte. Wie anders stellte sich das dem rückschauenden Blicke dar. Welch ein superkluger, frühreifer, kleiner Gernegroß war man gewesen! – Wie hatte man sich die Jugendzeit selbst verdorben und verderben lassen, durch Neid, Lieblosigkeit – Egoismus in jeder Form. – Gerland näherte sich in dem Berichte einem Abschnitte seines Lebens, über den offen zu sprechen, er sich gescheut haben würde, selbst wenn er andere Zuhörer als die beiden Mädchen vor sich gehabt hätte. Das ahnungsvolle Aufkeimen der Männlichkeit, die qualvollen Stimmungen – Kämpfe mit der erwachenden Sinnlichkeit – schwüle Ahnungen – erhitzte Phantasieen – asketische Anwandlungen – Verzweiflung über die Schwachheit des Fleisches – ein immerwährendes Auf und Ab von heroischen Entschlüssen und jämmerlichen Rückfällen. – Und mitten in diesem Chaos als wichtigstes Erlebnis, die Liebe zur Cousine. Die mystische Richtung, in die das Verhältnis zu dem Mädchen ihn geführt. Das Ideal, auf das sie ihn gewiesen – Das Christentum, welches als asketischer Zuchtmeister während der nächsten Jahre seine Geißel über dem Jünglinge schwang. Von alledem konnte und wollte Gerland den beiden Frauen nichts verraten. Er überging die Kämpfe dieser Zeit, gab nur einen Bericht von den äußeren Ereignissen. Vor allem ließ er es sich angelegen sein, ein Bild von dem elterlichen Hause zu entwerfen. Dem Vater, mit dem er eigentlich nie besonders gestanden, versuchte er Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Er rühmte die Festigkeit seines Charakters, die er oftmals als Härte und Schroffheit empfunden hatte. Das Verhältnis zwischen Vater und Mutter war ihm immer interessant gewesen; schon als Knabe hatte er Betrachtungen darüber angestellt. Mit dem scharfen Blicke des heranwachsenden Kindes hatte er frühzeitig bemerkt, daß die Eltern nicht in allem einig waren. Der Vater hatte durch tyrannische Pedanterie seine Frau häufig gequält – sie recht eigentlich daran gehindert, ihr sonniges Naturell in ganzer Liebenswürdigkeit zu entfalten. Der Knabe stand in seinem Herzen immer auf Seiten der Mutter. Sie liebte er mit der ganzen Zärtlichkeit, deren ein erwachendes Jünglingsgemüt fähig ist. Gerland verwandte alle Strahlen von Schönheit, deren er habhaft werden konnte, die Gestalt der Mutter damit zu umgeben – das verblichene Haupt der innig Verehrten zu schmücken. Martha weinte. Ihm war mehr daran gelegen, zu erkennen, welchen Eindruck seine Worte auf Gertrud hervorbrächten. Das Mädchen saß auf der äußersten Kante der Bank, ihm zugewandt, mit geöffneten Lippen lauschend. Ihr offenbares Interesse spornte ihn an. Unbewußt wurde er zum Dichter. Der Mond, der jetzt hoch über ihnen schwamm, war ihm ein stummer Helfer. Seine mildträumerische Gegenwart löste die Seele; der Erzähler ging aus sich heraus, wie er's im nüchternen Tageslichte nimmermehr vermocht hätte. – Gerland war eben dabei, auseinanderzusetzen, wie er unter dem Mißverhältnisse der elterlichen Charaktere schon als Kind halb bewußt gelitten habe, als Martha plötzlich, mit einem Ausrufe des Erschreckens, seinen Arm gewaltsam drückte. Was gab es! Schritte nahten. »Das ist er!« sagte Martha mit bebender Stimme. Eine massive Gestalt tauchte vor ihnen auf. Im vollen Mondlicht stand Doktor Haußner da. Beide Teile starrten einander für Sekunden sprachlos an. »Dachte mir's doch!« vernahm er die tiefe Stimme des Arztes, der mit langsamen Schritten näher kam. Martha hielt in wahnsinniger Angst Gerlands Arm mit beiden Händen umklammert. »Da ist ja Papa!« sagte Gertrud gänzlich arglos. Der Geistliche machte seinen Arm frei, schritt dem Manne entgegen. – Eine hastig gestotterte Entschuldigung sollte die Zweideutigkeit der Situation abschwächen. Haußner antwortete ihm nicht. – »Kommt nach Haus, ihr beiden!« »Aber, Papachen, es ist doch so schön hier! – Setz dich doch zu uns. Wir sind alle Abende hier.« »Heute zum letzten Male. – Kommt, ihr beiden – aber sofort!« Die Stimme des Mannes schwoll zu einem Grollen an, das jeden Widerspruch abschnitt. Gerland wußte nichts Besseres in seiner Verwirrung, als »gute Nacht« zu wünschen. Martha, am ganzen Leibe zitternd, reichte ihm doch noch die Hand. Gertrud wollte ein gleiches thun. Ein drohender Ruf des Vaters hielt das Mädchen zurück. – Die drei verschwanden. Wie betäubt blieb der Zurückgelassene auf dem mondbeschienenen Platze stehen. X. Pfarrer Gerland hatte seinen Plan, für Breitendorf eine Gemeindeschwester zu gewinnen, keineswegs aufgegeben. Immer wieder nahm er den Gedanken vor und liebäugelte mit seiner Ausführung. Die Summe, welche er seinerzeit von einigen städtischen Damen erhalten, war zu gering zur Erreichung des Zweckes. So kam er auf den Gedanken, eine Sammlung durch die Blätter zu veranstalten. Es gelang ihm, den Gemeindekirchenrat wenigstens dazu zu überreden, daß ein Aufruf aufgesetzt und erlassen werden durfte. Trotz des warmen Appells an das öffentliche Mitleid, ging so gut wie nichts ein. Da inzwischen auch eine abschlägige Antwort von seiten des Kreises eingelaufen war – an den sich der Geistliche um Unterstützung gewandt hatte – beschloß er, mit dem wenigen, was da war, auf gut Glück einen Anfang zu machen. Irgend ein Zufall, ein außergewöhnlicher Glücksumstand, konnte ja eintreten. – Vielleicht gewann er in der Lotterie, oder das Herz eines Reichen wurde auf rätselhafte Weise gerührt. – Im Notfalle mußte er selbst eben mit seinem kleinen Vermögen für den Riß stehen. Er schrieb an die Oberin eines Diakonissenhauses, die ihm von seiner früheren Amtsthätigkeit her bekannt war. – Es entspann sich ein längerer Briefwechsel; er hatte die Verhältnisse in der Parochie darzulegen – die Oberin hegte Bedenken, welche beseitigt werden mußten – die Bedingungen wollten festgestellt und Garantieen geleistet sein. Endlich war es soweit; eine Schwester sollte nach Breitendorf kommen, vorläufig nur probeweise, auf ein halbes Jahr. – Gerland holte die Diakonissin selbst von der Bahn ab. Auf den ersten Blick war er ein wenig enttäuscht. Ein kleines, junges Ding entstieg dem Coupé dritter Klasse, mit rundem, unbedeutendem Gesichtchen – Farben wie Milch und Blut. – Mit verschämtem Augenniederschlag begrüßte sie ihn. Die sah nicht aus, als ob sie nach Breitendorf passen werde. Und dabei hatte Gerland der Vorsteherin des Diakonissenhauses doch geschrieben, daß hier ein Augiasstall zu reinigen sei. – Die Schwester überreichte dem Geistlichen einen Brief von der Oberin. Noch einmal wurde ihm darin das Mädchen besonders ans Herz gelegt, Schwester Elisabeth sei geeignet wie keine andere für eine schwierige Stelle, durch ihre Charakterfestigkeit und ihren Eifer für den Beruf. – Gerland hatte beim Küster, in einer freien Kammer für die Schwester Quartier gemacht. Er führte sie selbst in die Wohnung ein. Im stillen bangte er, daß sie an der Dürftigkeit des Raumes Anstoß nehmen möchte; aber das zufriedene Lächeln, mit dem sie die enge Kammer betrachtete, befreite den Geistlichen von dieser Sorge. Gegen Mittag war Schwester Elisabeth eingetroffen. Da sie eine längere Eisenbahnfahrt hinter sich hatte, riet ihr der Geistliche, sich auszuruhen. Aber schon am Nachmittage begegnete er ihr im Dorfe, wie sie im schwarz und weißen Berufskleide, die Röcke wegen des Schmutzes hochgerafft, mit starken Lederschuhen, die Straße hinabschritt, als neue Erscheinung von den Dorfleuten natürlich neugierig angegafft: »Saht ack – nee, saht ack – dan Pfarrn sene Diakunisse!« – Gerland schloß sich ihr an und nahm die Gelegenheit wahr, sie in die örtlichen Verhältnisse einzuführen. Er machte die Schwester auf die Lebensweise der Leute aufmerksam, weihte sie in Gewohnheiten, Laster und Aberglauben ein. Er wollte das Mädchen nicht schonen. Sie sollte von vornherein inne werden, daß sie an dieser Stelle wenig mit Rosen, aber viel mit Dornen zu thun haben werde. Um sie sogleich mit dem Allerschlimmsten bekannt zu machen, führte er sie ins Armenhaus. – Hier wohnte gegenwärtig eine Frau mit fünf Kindern. Das Familienhaupt war wegen Vagabundierens in einer Arbeitsanstalt untergebracht. Die unglückliche Frau hauste einstweilen mit ihren Fünfen, von denen eines ein Säugling, in dem völlig kahlen Räume. Der Ofen in der Ecke des Zimmers war kalt; es gab kein Brennmaterial und nichts zum Kochen. Die Kinder waren thatsächlich in Lumpen gehüllt, die allerorten ihre mageren Glieder durchblicken ließen. Mit blutleeren Gesichtern starrten sie die Eintretenden verwundert aus hohlen Augen an. Eines lag am Boden, in einen alten Kartoffelsack gebettet. Die Mutter saß über dem elenden Säugling zusammengesunken – ein Bild völliger Apathie. – Das waren die Insassen des einen Zimmers. Jenseits des Ganges wohnten zwei Ortsarme gemeinsam in einem Raume: der taube Tobis und Schunkelernst, der Lumpensammler. Die beiden alten Junggesellen hausten in diesem Raume bereits seit Jahren, ein würdiges Freundespaar! Sie hatten es sich verhältnismäßig gemütlich eingerichtet. Allerhand merkwürdige Gegenstände schmückten die Wände und lagen in den Ecken umher. Holzstücke, Leisten, Schnitzel, Säcke, Lumpen, Gerümpel jeder Art. Der taube Tobis war ein sogenannter »Bastelch«. Er bastelte mit äußerst primitiven Instrumenten an aufgelesenen Holzstücken herum, stellte die wunderlichsten Gegenstände aus nichts zusammen, führte gelegentlich wohl auch eine Reparatur aus, und verdiente sich auf diese Weise einige Pfennige zu Rauch- und Priemtabak. Er gehörte zu den ältesten Leuten im Dorfe und fehlte trotz seiner Taubheit am Sonntage niemals in der Kirche. Schunkelernst war auch kein Jüngling mehr. Als kleinem Jungen war ihm das Unglück passiert, von einer Schaukel zu fallen; davon hatte er ein gekrümmtes Rückgrat und seinen Spitznamen wegbekommen. Mit einem schmutzigen Sack, der geradezu ein Teil seiner Person zu sein schien, auf dem Buckel, lief er durch die Dörfer, und sammelte alles, wovon sich andere Leute gern trennten. Er stand im Verdacht, gelegentlich auch lange Finger zu machen, doch war ihm ein Diebstahl niemals wirklich nachgewiesen worden. Diese beiden Junggesellen führten gemeinsame Wirtschaft; sie säeten und ernteten nicht, aber sie halfen sich auf ihre Weise durch. Das Holz zur Heizung lasen sie im gräflichen Forste auf, Kartoffeln erbettelten sie sich bei den Bauern. Was sie verdienten, ging für Knaster und Schnaps auf. Als Gerland heute mit Schwester Elisabeth zu dem Freundespaar ins Zimmer trat, verschwand ein grünliches Fläschchen, das auf dem Tische gestanden, unter Schunkelernsts gewandten Händen. Der Geistliche hatte einen besonderen Grund, hier zu visitieren. Von Zeit zu Zeit erschienen die beiden abwechselnd auf dem Pfarrhause und bettelten, weil sie angeblich arbeitsunfähig seien; der eine wegen »Reeßens«, der andere wegen »Kuppangst«. Beide hatten es im Erbärmlich-thun zu einer wahren Virtuosität gebracht. – Vom Armenhause ging es weiter, das ganze Dorf durch. In jedes Haus, wo der Geistliche von einem Kranken wußte, trat man ein. Das Verhalten der Schwester während dieses Ganges erfüllte Gerland mit hoher Befriedigung. Ihr schlichtes Wesen gefiel ihm. Ohne Zimperlichkeit griff sie zu – sagte nicht viel und that um so mehr – voll Sicherheit und Ruhe – mit dem immer gleichen zufriedenen Lächeln auf ihrem runden Gesichtchen. – XI. Nach langem Schweigen ließ Polani endlich wieder etwas von sich hören. Ein Brief aus Annenbad forderte Gerland auf, sich doch einmal sehen zu lassen; wenn möglich zu Tisch. Der Amtsbruder bezeichnete einen bestimmten Tag, der ihm besonders angenehm sein würde; Grüße von seiten der Frau Pastorin waren beigefügt, der Bote wartete auf Antwort. Polani – die schöne Frau Pastorin – Annenbad! – Das war für ihn wie eine versunkene Welt. Gerland schwankte; sollte er von neuem mit den Leuten anknüpfen; sie waren ihm so unendlich weit gerückt. Zweierlei bewog ihn schließlich, zuzusagen: einmal der Wunsch, Fröschels Grab in Annenbad zu besuchen, dann eine Art Neugier, sich selbst der Pastorin gegenüber zu beobachten – vielleicht auch der geheime Reiz, ihr zu beweisen, wie gleichgiltig ihre Person ihm geworden sei. – Er fuhr mit einem Bauernwagen hinüber. Polani empfing ihn im Studierzimmer. Sie hatten sich nicht gesehen seit Fröschels Beerdigung. Nicht viel mehr als ein viertel Jahr war seitdem verflossen, und doch – beide Männer fühlten es gleichzeitig bei der Begrüßung – sie waren einander fremd geworden. Niemals konnte das alte vertraute Verhältnis wieder hergestellt werden. – Die Erinnerung an den Toten stand zwischen ihnen. Es hätte nahe gelegen für die beiden, Erfahrungen und Erlebnisse der letzten Zeit auszutauschen; sie vermieden das, wie auf Verabredung. Seit jenen Verhandlungen über den Fröschelschen Nachlaß mißtraute Gerland dem Amtsbruder – und in Polanis Seele war der Stachel der Beleidigung stecken geblieben. Sie näherten sich einander mit verbindlichem Lächeln auf den Gesichtern, aber jeder für sich mit dem Entschlusse, vor dem anderen auf der Hut zu sein. Willkommenen Anlaß zu einem Gespräche, das keine Tiefen aufrührte, bot da ein Buch, welches aufgeschlagen auf dem Tische lag: »Religionsphilosophie auf geschichtlicher Grundlage«, von einem Kathedertheologen. Man vertiefte sich mit scheinbarem Eifer in das Thema, und beide suchten einander in Entwicklung theologischer Kenntnisse zu überbieten. Draußen ertönten Schritte. Polani unterbrach sich in einer schwer gelehrten Auseinandersetzung. »Sie werden meinen neuen Diakonus heute kennen lernen, lieber Gerland.« – Weß Geistes Kind würde Fröschels Nachfolger wohl sein? – Gerland blickte dem Neuling mit Spannung entgegen. Der Eintretende war ein schlanker, gut gewachsener junger Mann, von gesunder Hautfarbe und blondem Schnurrbart. Polani stellte ihn als Diakonus Schwenker vor. Er war noch nicht allzulange von der Universität fort, und hatte kürzlich sein Jahr abgedient. Der Bart vermochte eine Narbe nicht ganz zu verdecken, die sich vom linken Nasenflügel nach dem Ohre hinzog. Seine Kleidung war sorgfältig gehalten. Also, die Laune des Schicksals, die sich oft in Kontrasten gefällt, hatte ein Weltkind zu Fröschels Nachfolger ausersehen. – Der Diakonus war ganz und gar erfüllt von Landpartieen, Konzerts und Tanzereien, die kürzlich innerhalb der Badegesellschaft stattgefunden hatten; er erzählte den beiden älteren Geistlichen voll Wichtigkeit davon. Nach einiger Zeit erschien die Dame des Hauses. Sie zeigte sich nicht ohne Verlegenheit beim Wiedersehn mit Gerland. Hinter lebhaften Vorwürfen, daß er sich so lange nicht habe blicken lassen, suchte sich ihre Unsicherheit zu verstecken. Man ging gleich darauf zu Tisch; Gerland saß zwischen den Wirten. Während sie die Suppe austeilte, streifte sein Blick forschend ihre Erscheinung. – War es Voreingenommenheit? Aber es kam ihm vor, als habe sie verloren. – Die Züge schienen vergröbert. – Er konnte nicht begreifen, daß diese Frau jemals auch nur einen flüchtigen Eindruck auf ihn gemacht habe. Sie machte ein paar Versuche, ihn aus seiner Zurückhaltung hervorzulocken; mit voller Absicht blieb er einsilbig. Sie rümpfte die Nase und meinte, daß er sich sehr verändert habe. »Das habe ich, in der That!« konnte er sich nicht enthalten, zu bemerken. Ob er denn etwas Besonderes erlebt habe, fragte sie und sah ihm scharf in die Augen. Er schüttelte den Kopf. Sie wandte sich von da ab nur noch dem jungen Manne an ihrer anderen Seite zu, welcher ihre Zuvorkommenheit besser zu würdigen verstand. Diakonus Schwenker blieb in einem Lachen; bei eignen wie fremden Worten, oft auch, wenn gar kein Grund abzusehen war, verzog er den Mund und zeigte dabei prächtige Zahnreihen. Im Laufe des Gespräches stellte es sich heraus, daß auch die Frau Pastorin an jenen Festlichkeiten teilgenommen, von denen der Diakonus vorhin geschwärmt. Sie sprachen mit intimen Wendungen von gemeinsamen Bekannten und Erlebnissen, die für den Fremden unverständlich blieben. Gerland blickte gespannt auf Polani; der nahm das Verhalten seiner Frau mit der üblichen Kühle hin. Nur einmal als sie von einem Feste sprach, wo man nachträglich getanzt hatte, hielt er es für notwendig, dem Amtsbruder zu erklären, daß es sich um eine Veranstaltung zu Wohlthätigkeitszwecken gehandelt habe. – Polani schlug vor, den Kaffee nach Tisch im Pfarrgarten einzunehmen; aber sie wollte davon nichts wissen. Dort waren so viel Mücken, meinte sie, und dann, der Blick nach dem Kirchhof hinüber sei ihr fatal. Der Diakonus schien die letztere Bemerkung für einen gelungenen Witz zu halten; er lachte aus vollem Halse los. – Als nach Tisch Gerland und Polani im Studierzimmer allein waren, kam man nach einigen Präliminarien nun doch auf das Thema, das all die Zeit über unsichtbar zwischen den beiden geschwebt. »Ist Frau Oberlehrer Fröschel noch in Annenbad?« fragte Gerland. »Allerdings ist sie noch hier; und wie es scheint, will sie ihre Tage hier beschließen. Aus dem Diakonat mußte sie ja natürlich heraus, nach dem Tode des Sohnes. Sie hat sich anderwärts eingemietet.« »Ich hatte daran gedacht, sie heute aufzusuchen.« »Hm – thun Sie das lieber nicht, Gerland!« »Ist sie nicht in der Verfassung, Besuch zu empfangen?« »Das schon! – Aber ich kann Ihnen, aufrichtig gesprochen, nicht dazu raten.« »Um sie nicht»an ihren Verlust zu erinnern, meinen Sie?« – »Das ist es nicht!« – »Ist sie etwa – ich meine – wie steht es mit dem Geisteszustand?« – »Anfangs – gleich nach dem Tode – muß ich Ihnen offen gestehen, hegte ich dieselbe Befürchtung, die Sie eben andeuten. – Es ist eine eigene Sache. – In den Augen des Psychiaters würde sie vielleicht nicht völlig normal erscheinen in allen ihren geistigen Funktionen. Eine merkwürdige Wandlung hat thatsächlich mit ihr stattgefunden. Auch äußerlich hat sie sich sehr verändert. Sie würden die Frau kaum wieder erkennen, Gerland. – Dem oberflächlichen, gedankenlosen Urteile mag es – als Wahn – als fixe Idee – erscheinen, aber wenn man tiefer blickt, versteht man solche Erscheinungen anders zu deuten. – »Es ist etwas mehr als ein physiologischer Prozeß. – Schütteln Sie nicht den Kopf, Gerland! Wenn Sie diese Frau kennten, wie ich sie kenne, wenn Sie die Kraft, die Wucht – ich kann es nicht anders nennen – die verzehrende Glut erlebten, mit der sie ringt – wie sie ihre Seele ausschickt – wie sie kämpft mit Gott – wenn sie das mit ansehen, mit anhören! – Es ist außerordentlich, dieser Wandel! Denken Sie doch nur, wie die Frau früher war: die Ruhe, Nüchternheit, Gemessenheit in Person. Und so auch im Religiösen – klar und positiv durch und durch – und jetzt droht sie, sich ganz in Mystik zu verlieren. So hat das furchtbare Ereignis bei ihr alles um und um gewendet. – Es ist wunderbar, sage ich Ihnen – es gehört zu den Dingen im Leben, vor denen unser Verstand Halt machen muß. – Wo das andere Bereich beginnt, können wir hier eben nur ahnen.« – »Ich möchte sehen, ob sie sich mir gegenüber auch so zeigen wird.« »Wie Sie wollen, Gerland!« Sie wurden durch die Pastorin gestört, die vom Nebenzimmer herüberkam und einen gemeinsamen Spaziergang auf die Brunnenpromenade vorschlug. Polani war anderer Ansicht. Sie warf sich aufs Schmeicheln, streichelte die Hand des Gatten. – Auf Gerland machte es den Eindruck, als ertrage er ihre Liebkosungen wie etwas Lästiges. Dann versuchte sie es mit dem Fremden; er sollte sie unterstützen gegen den Gatten. – Die Zeiten waren vorbei, wo Gerland ihr jeden Willen nur zu gerne gethan hätte. Sie rümpfte die Nase über die Unliebenswürdigkeit der Männer, und ging mit gekränkter Miene. – Gerland verabschiedete sich bald darauf von Polani und begab sich auf den Kirchhof. Er fand Fröschels Grab frisch bepflanzt. Am Kopfende stand ein Kreuz von dunklem Diabas. Kein Name, kein Spruch war darauf eingegraben. – Gerland war es lieb so. Der junge Geistliche suchte kein Zwiegespräch mit der Seele des Toten, wie damals an der Leiche. Er gedachte des Verstorbenen – versuchte es, sich sein Bild ins Gedächtnis zurückzurufen. Mit erstaunlicher Deutlichkeit stand die kümmerliche Erscheinung vor seiner Erinnerung. Sein kleines, rundes, blasses Knabengesicht – die tiefliegenden, blinzelnden Augen – das matte Lächeln, der Zug von skeptischer Bitterkeit um den Mund. Sein hastig nervöses Wesen – sein nimmersatter Wahrheitsdrang – sein Glücksbedürfnis und seine Scheu vor der Kälte des Lebens – sein warmes, liebeheischendes, mißverstandenes Herz. – Wo war das alles jetzt? – – – Was war von diesem eigenartigen Menschen, von dieser Welt voll unendlicher Wunder übrig, als die Erinnerung der wenigen, die den kleinen Mann gekannt, die ihn kaum verstanden in seinen Bedürfnissen und Wünschen, und in deren Gedächtnis sein Bild nun bereits zu verblassen begann. Gerland selbst mußte sich unbegreifliche Gedankenlosigkeit vorwerfen. Wie spät war ihm eine Ahnung davon aufgegangen, was in der Seele seines Freundes vor sich gehe. – Es hatte der rohen Aufklärung durch Thatsachen bedurft, um ihn darüber zu belehren, wie wund die Seele des Unglücklichen gewesen, der neben ihm im Verzweiflungskampf gefochten, bis ihm in seiner Vereinsamung der Lebensmut ausging. Wie leicht wird der Mensch zum Mörder, ohne es zu wissen! – Durch Worte, Blicke, Reden – durch Unterlassung – durch Kälte – Unduldsamkeit – ja durch bloße Gleichgiltigkeit – durch Nichtverstehen! Sie alle waren schuldig an diesem Toten: Die Mutter – Polani – Gerland selbst. Hier war ein Mensch im Lebensfroste erstarrt. Nach Licht hatte er gesucht – nach Erkennen – rücksichtslos hatte er all die wärmenden Hüllen und Schutzmittel der Illusion von sich geworfen – und war nun doch zu zart und schwach gewesen, die schneidende Kälte eines gottlosen Daseins zu ertragen. Und wenn er Menschen um sich gehabt, die ihn verstanden, die ihn geschützt und getragen hätten! – Wenn seine Vorgesetzten, statt ihn zu peitschen, ihn mit Freundschaft, Verständnis und Takt unterwiesen hätten; wenn seine Mutter, statt ihn mit dem kategorischen Imperativ der Pflicht, mit der unbarmherzigen Forderung kirchlicher Rechtgläubigkeit, zu foltern, ihn erwärmt hätte durch milde, schlichte, alles verstehende und alles verzeihende Weibesliebe – dann vielleicht würde er nicht in Verzweiflung geendet haben. – Gerland hatte den Gedanken, Frau Oberlehrer Fröschel zu besuchen, nicht aufgegeben. Er traute der Beschreibung, die Polani von ihrem Seelenzustande gegeben, nicht recht. Fröschels Mutter in trübem Mysticismus untergegangen! – Diese einstmals stolze Natur so herabgeschraubt in ihrer Würde, daß sie aus der Religion ein Beruhigungsmittelchen machte – ein Opiat gegen den Schmerz! – Sich tröstend und hinweglügend über schwere Vorwürfe! Das wollte er selbst sehen, ehe er es glaubte! Der junge Mann wurde aus seinem Nachsinnen aufgeschreckt durch Stimmen aus dem nahen Pfarrgarten. Der Kirchhof lag um einige Fuß erhöht, man konnte von hier aus das schmale Pfarrgärtchen gut übersehen. Ein helles Kleid und ein bunter Schirm – die Pastorin kam vom Hause her den Mittelgang hinab, begleitet von Diakonus Schwenker. Ihr Kichern und sein breites Gelächter klangen durcheinander. Unwillkürlich war Gerlands Neugier rege geworden; er lugte scharf hinüber. Die beiden kamen langsam nach vorn. Ihr Gesicht konnte er nicht sehen, da sie sich nach seiner Seite gegen die Sonne deckte. War es Voreingenommenheit? Aber er bildete sich ein, aus ihrem Gange, aus der Art, wie sie schwänzelnd die Röcke warf – Koketterie zu lesen. Jetzt blieben sie vor einem Rosenstocke stehen; der junge Mann schien ihr mit dem Messer behilflich zu sein, einige Blüten abzuschneiden. Jedenfalls wurde viel dabei gelacht. – Dann schrie sie plötzlich auf, als habe sie sich gestochen. Gerland sah noch mit an, wie sie dem Menschen eigenhändig eine Knospe ins Knopfloch steckte. Hastig pflückte er ein paar Epheublätter von dem Grabe und eilte von dannen. – Es fiel ziemlich schwer, die Wohnung von Frau Oberlehrer Fröschel ausfindig zu machen. Sie war in einen entlegenen Teil des Städtchens Annenbad gezogen, dorthin, wo die ärmere Bevölkerung wohnte. Gerland wunderte sich, daß sie so weit entfernt lebte von dem Teuersten, was es jetzt noch für sie gab: dem Grabe ihres Sohnes. In einem kahlen Hause wohnte sie nach hinten hinaus, mit dem Blick auf einen engen, schmutzigen Hof. Er wollte sich melden lassen, erfuhr aber von den Hausleuten, daß Frau Oberlehrer kein Mädchen halte. Sie öffnete ihm selbst die Thür auf sein Klingeln. Er vermochte in der verfallenen, gebeugten Gestalt und in dem zusammengeschrumpften welken Gesicht, das er plötzlich vor sich hatte, kaum die Mutter seines Freundes mit ihrer ehemals straffen, selbstbewußten Haltung wiederzufinden. Einen Augenblick zweifelte er, ob die Frau ihn erkenne. Mit leerem Blicke, wie einen Fremden, starrte sie ihn an. Er nannte seinen Namen. Sie nickte. Kein Lächeln der Begrüßung erhellte die maskenhaft starren Züge. Schleppenden Schrittes, das Haupt gesenkt, schritt sie durch den Korridor und öffnete die Thür zur Stube. Ein nüchterner, kahler Raum, der nichts von der Wohlgepflegtheit ihres ehemaligen Heimes an sich hatte. Die Frau setzte sich, Gerland mit einer stummen Bewegung zum Niedersitzen einladend. Er war gespannt gewesen, wie er Fröschels Mutter wiederfinden würde. Daß ein Schicksalsschlag, wie er sie betroffen, selbst an ihrem granitenen Charakter nicht spurlos vorübergegangen sein konnte, schien von vornherein klar. Würde der Schmerz ihren Stolz gebeugt, ihre Schroffheiten gemildert haben? Sah sie nun endlich ein, daß sie den Sohn in ihrem Eifern um das Heil seiner Seele nicht zum Guten geleitet hatte? Empfand sie Reue? Verstand sie das Kind jetzt vielleicht besser? Und worin suchte sie Trost? In ihrem Gesichte war auf solche Fragen keine Antwort zu lesen. Was ruhte auf diesen fest auf einander gepreßten schmalen Lippen, hinter dieser bleichen, wie aus Erz gemeißelten Stirn? Wie Reue sah es nicht aus. Eher sprach aus diesen geschlossenen, undurchdringlichen Mienen ein unabänderlicher Entschluß. Ihre Augen blickten den vor ihr Sitzenden fest an, aber Gerland hatte nicht das Gefühl, daß sie ihn sähe. Der Blick ging an einem vorbei, schien in Fernen gerichtet, die nur sie allein sah und sehen wollte. Er begann vorsichtig von dem, was zu sagen er sich vorgenommen hatte, sprach von ihrem großen Schmerz und wie er ihr nachfühlen könne, daß dieser Schmerz noch ungemindert sei, wie am ersten Tage. Die üblichen Worte geistlicher Tröstung, die Gerland hunderte von Malen den Hinterbliebenen Entschlafener gegenüber angewendet hatte, wollten ihm vor diesem Gesichte, mit seinem tragischen Ausdruck, nicht auf die Lippen. Und doch wollte er trösten und Hoffnung geben. Er sagte der Mutter, Gottes Herz sei so groß wie die Welt. Sein Verzeihen gehe über Menschenbegriffe. Gewiß sei der Verstorbene irre geworden am Christentum, aber wer sage uns, daß darum Christus irre geworden sei an ihm! Aus seinen Aufzeichnungen spreche ein so tiefes Heilsbedürfnis, eine solche Verzweiflung über den Abfall und ein solcher Durst nach Erkennen, daß es heiße, klein denken vom allgütigen Gott, wenn man annehmen wollte, solch ehrliches Streben solle sein Vaterherz nicht rühren. Die Frau schüttelte den Kopf mit einer Energie, die Gerland verstummen machte. »Er hat mir einen Brief hinterlassen,« begann sie leise aber fest im Ton. »Der Brief ist geschrieben, mich zu beruhigen, mir Sand in die Augen zu streuen. Ich soll auf Gottes Güte hoffen, soll beten. Mein Sohn verweist mich auf die Gnade des Herrn, ebenso wie Sie, Herr Pfarrer! Wie kann man andere auf den verweisen, an den man nicht glaubt? Wie kann Gott Gebete annehmen für einen, der selbst nicht gebetet? Ich hoffe nichts für ihn.« Dieses »Ich hoffe nichts für ihn!« klang furchtbar. Was mußte eine Christin erlebt haben, um das Fundament des Glaubens: die Hoffnung, zu verlieren! Was mußte eine Mutter durchgemacht haben, bis sie dahin kam, von ihrem geliebten Kind zu sagen: sie gebe seine Seele verloren! Nun begriff er die verfallene Gestalt, den leeren Blick, den Zug bitterer Entschlossenheit um die schmalen Lippen, die nicht lächeln konnten. Diese Frau hatte mit vollem, klarem Bewußtsein resigniert. Nichts ließ sie mehr an sich heran von Tröstung. »Ich habe alles verbrannt!« fuhr sie fort. »Alles, was an ihn erinnert: seine Briefe, seine Bücher. Er hat Gott gekränkt, darum soll sein Andenken ausgelöscht werden.« »Aber sein Grab?« rief Gerland. »Sie pflegen doch sein Grab?« Sie schüttelte das Haupt. »Das thun andere. Pfarrer Polani hat ihm ein Kreuz setzen lassen, gegen meinen Willen. Dem, der vom Erlöser abgefallen, gebührt kein Kreuz!« Bei diesen Worten leuchtete etwas auf in ihrem erloschenen Auge, wie Haß. Gerland blickte entsetzt auf die Frau. War es dahin mit ihr gekommen? Sie haßte ihr Kind! – Weil der Sohn abgefallen vom Glauben, hatte sie sein Andenken aus ihrem Herzen gerissen. Der Fanatismus der Rechtgläubigen hatte die menschlichste aller Tugenden: die Mutterliebe, ertötet. War dem Gott der Liebe jemals ein schrecklicheres Opfer gebracht worden? – War das noch Christentum? War hier nicht vielmehr das Gegenteil von Christi Lehre der unergründlichen Sünderliebe? War ein Mensch, der so handeln konnte, nicht da angelangt in seinem religiösen Empfinden, wo Religion zum Götzendienst wird, Glaube in Wahnsinn, Liebe in mörderische Wollust umschlägt? – Es graute dem jungen Manne vor diesem Zerrbild alles Menschlichen, Weiblichen, Mütterlichen. Hier war jedes Wort der Teilnahme verschwendet, das sah er wohl. Denn der Trost, der jedem Schmerz auf dem Grunde schlummert: das Vergeben-können und Vergessen-wollen, diesen göttlichen Balsam, der alles menschliche Verfehlen ausgleicht und sühnt, den hatte diese Frau sich selbst in eine Schale bitteren Wermuts verwandelt, die sie nun leeren mußte, ihrem stolzen, verhärteten, selbstgerechten Herzen zur furchtbaren Strafe. XII. Ein Paar Tage darauf kam eine alte Frau aufs Pfarrhaus. Gerland kannte die Alte wohl, sie wohnte in Eichwald und arbeitete als Gartenfrau im Grundstücke des Arztes. Voll Umständlichkeit wickelte sie ein Briefchen ans dem bunten Einschlagetuche. Von Martha Herberge, wenige mit Bleistift hingeworfenem Zeilen. Gerland hatte Mühe, die zitterigen Krähenfüße zu entziffern. »Lieber Herr Pfarrer! Kommen Sie sofort zu mir. Ich bin sehr krank . Martha Herberge.« – Dann kam noch eine Nachschrift: »Lassen Sie mich nicht ohne geistlichen Zuspruch – ich flehe!« – Martha, so plötzlich erkrankt! – Der Geistliche suchte aus der Botin etwas Näheres heraus zu bekommen; aber die wußte nichts. Der Brief war ihr von der Köchin übergeben worden, mit der Weisung, ihn sofort aufs Pfarrhaus zu tragen. Würde Doktor Haußner an ihrem Lager sein? Und wenn etwa Marthas Zustand so schlimm sein sollte, daß sie nach der letzten Speisung verlangte, wie würde sich der Arzt zur Spendung des Abendmahls in seinem Hause stellen? Ging Gerland vielleicht einem Skandal entgegen – einem Zwist, wie ihn sein Amtsvorgänger mit dem Dissidenten gehabt? – Und wie würde Gertrud sich stellen – Würde sie Partei ergreifen – und welche? Seine Phantasie war geschäftig, ihm die wunderbarsten Möglichkeiten auszumalen. – Klopfenden Herzens riß er, vor dem ärztlichen Grundstücke angelangt, an dem Glockenzuge. Vom Hause aus kam ihm die Köchin entgegen. Er fragte nach Fräulein Herberges Befinden. Sie liege im Bette und schwitze. – Ob Doktor Haußner bei ihr sei? Der Hausherr sei weggefahren, hieß es. »Wohl um einen andern Arzt hinzuzuziehen?« »Heut morgen ist er weggefahren, in aller Frühe – und mittags hat sie sich gelegt.« Während er noch, im Hausflur stehend, weitere Auskunft von der Person zu erhalten versuchte, kam ein anderes dienstbares Wesen vom ersten Stock herab; Fräulein Herberge bäte den Herrn Pfarrer, sofort zu ihr zu kommen. Gerland folgte dem Mädchen die Treppe hinauf. Er wurde in ein halbdunkels Zimmer gewiesen; die Fensterläden waren geschlossen, eine Nachtlampe brannte. Vom hellen Tageslicht in stumpfes Dämmerlicht versetzt, konnte er für den ersten Augenblick gar nicht erkennen, wo sich die Kranke befinde. Ein zart flötendes Stimmchen belehrte ihn, wo Martha liege. Aus mächtigen, bauschenden Kissen blickte ein spitzes Gesichtchen. Martha bis ans Kinn verhüllt, eine Nachthaube über dem Haar. An der andern Seite des Bettes stand Gertrud. Der Geistliche fragte mit gedämpfter Stimme nach dem Befinden der Kranken. »Ein wenig besser!« hauchte sie. »Ich danke Ihnen, daß Sie gekommen sind, lieber Herr Pfarrer! – Mir war so angst – so fürchterlich angst.« – Mit schwacher Stimme bat sie ihn, sich zu setzen. Sie streckte ihre Hand aus den Kissen heraus und griff nach Gerlands Rechter. Glühend lag das magere Händchen in der seinen. Der Geistliche erkundigte sich teilnamsvoll, wie das so plötzlich gekommen sei. »Es ist das Herz – ja, das Herz! Ich habe das manchmal.« – »Ganz kalte Hände und Füße bekam die Tante auf einmal,« flüsterte Gertrud von der andern Seite herüber. »Sie hat mich gepflegt, wie der beste Doktor!« – meinte Martha. »Und dann hatte ich ja auch den Trost, Sie in der Nähe zu wissen, lieber Herr Pfarrer. Wenn solches Kreuz über einen kommt, dann fühlt man recht, was es um das Wort Gottes ist. Hier das gute, liebe Kind hat mir vorgelesen. – Trudel, reiche einmal dem Herrn Pfarrer das Buch! – Nun, so reiche es ihm doch! – Es wird ihm ja nicht unbekannt sein.« – Gertrud stand da mit niedergeschlagenen Augen und rührte sich nicht. Martha richtete sich ein wenig in den Kissen auf, sorgsam die Bettdecke über der Brust festhaltend und griff nach dem Buche, das neben ihr auf dem Tischchen lag. – In der That! Gerland kannte dieses Buch mit dem goldenen Kreuz auf dem Deckel. – »Hier, Herr Pfarrer! Von Ihrer seligen Mutter haben Sie das zur Konfirmation erhalten. – Und daraus hat mir Gertrud vorgelesen. – O, Kinder – Kinder!« – Sie kam nicht weiter. Tiefe Stille herrschte im Räume; man hörte jeden Atemzug. – Gerland überlief es heiß und kalt. – Er blickte nach Gertrud hinüber, die noch immer dastand, regungslos. Von der Straße her ertönte Hufgeklapper; plötzlich setzte das taktmäßige Klipp-Klapp aus – man vernahm die Glocke des Gartenthores. »Er!« sagte Martha mit bebender Stimme und versteckte das Gesicht in den Kissen. Gerland wußte es, das konnte nur Haußner sein. »Verstecken Sie sich!« flüsterte ihm Martha zu. »Er darf Sie nicht hier finden. Schrecklich ist er, wenn er in Zorn gerät. Verstecken Sie sich!« Gerland mußte lächeln über dieses Ansinnen. Er fürchtete sich nicht. Daß der Arzt in diesem Augenblicke gerade zurückkehrte, erschien ihm ein Glück. Nun mußte sich ja alles entscheiden. Wie er jetzt handelte, davon hing sein Lebensglück ab. Er trat auf Gertrud zu. Das Mädchen sah es wohl seinem Mienenspiele an, daß er Großes von ihr wolle. Sie senkte die Augen. Ihr Atem flog. »Gertrud!« sagte er. »Wenn ich jetzt vor Ihren Vater trete, wird er mich fragen, was ich hier zu suchen hätte. Kann ich dann – darf ich – –« Er zauderte, weil ihm das rechte Wort fehlte. »Darf ich dann Ihrem Vater sagen, daß ich ein Recht habe, hier zu sein? Darf ich sagen, daß Sie – meine Braut sind?« Einen kurzen Augenblick zauderte das Mädchen. Wie ein Schauer ging es über ihren jungen Leib. Dann blickte sie auf, sah ihn voll an, und sagte: »Ja!« Gerland legte seine Hand auf die ihre. Sie in diesem Augenblicke zu küssen, verbot ihm Ehrfurcht vor der Größe der Stunde. »Ich danke dir, Gertrud!« sagte er nur. Noch einmal drückte er die Hand des Mädchens und ging zur Thür. Er wollte allein vor Haußner treten – Mann gegen Mann würde er zu Gertruds Vater sprechen. Seine Nerven waren aufs höchste gespannt und doch kam er sich selbst gefaßt, ja beinahe kalt vor. Jener verzweifelte Mut erfüllte ihn, den das Bewußtsein einer unabweisbaren Entscheidung zu geben vermag. Während er aus der Thür schritt, hörte er Martha ein lautes Gebet anstimmen. Auch er sprach unwillkürlich einige Gebetsworte, während er die Treppe hinabging – aber es war Lippenwerk; er fühlte das und hörte zu beten auf, seine Energie einzig und allein auf das richtend, was ihm die nächsten Minuten bringen mußten. Haußner ließ auf sich warten; durch die offen stehende Hausthür erblickte Gerland seine vierschrötige Figur am Garteneingang. Er trug ein größeres Paket in Händen, Kutscher und Mädchen folgten ihm mit einigen Ballen. Gerland sah ihn langsam mit aufgeknöpftem Überzieher auf das Haus zukommen. Nichts entging dem jungen Manne in diesem Augenblicke. Er erkannte, daß Pflanzen in dem Pakete seien. Die Blumenköpfchen guckten oben aus dem grauen Papiere heraus. »Legt das Zeug alles zusammen vors Gartenhaus!« ließ sich die tiefe Stimme Haußners vernehmen. Es folgten noch einige Befehle, dann endlich betrat der Mann die Hausflur, in der bereits das Zwielicht der Dämmerung herrschte. Haußner legte das Paket in die Fensternische neben der Thür, dann streckte er sich gähnend – und erblickte nun erst den Geistlichen. Der Mund blieb ihm offen stehen, er ließ die Arme sinken. – Gerland machte seine Verbeugung. »Warten Sie hier auf mich?« fragte Haußner. »Fräulein Herberge ist erkrankt – und hat mich rufen lassen.« »Martha erkrankt! – was?« »Ich glaube, es liegt kein Grund zu ernster Besorgnis vor, Herr Haußner. – Es wurde dem Fräulein Angst, und da schickte sie nach mir, des geistlichen Zuspruchs wegen.« »Das alberne Frauenzimmer!« – Trotz des Halbdunkels konnte der Geistliche in Haußners Mienen den aufsteigenden Zorn erkennen. Der Arzt wollte den Überzieher ablegen, konnte aber damit nicht recht zu stande kommen. Gerland sprang zu – wollte ihm behilflich sein. »Lassen Sie das!« damit riß er sich den Paletot mit Gewalt herunter. »Die ganze Geschichte ist Komödie. Na, wart, dir will ich –« damit schritt er zur Treppenthür. Aber Gerland vertrat ihm den Weg. »Herr Haußner! – Nur einen Augenblick! – Ich bitte um Gehör.« – »Was wollen Sie?« »Ich muß Sie um einige Worte unter vier Augen bitten. Es ist in unser aller Interesse.« Haußner musterte ihn mit mißtrauischen Blicken. »Nun – aber ich bitte kurz!« »Nicht hier, Herr Haußner!« »Nun, zum Donner –!« der Arzt riß widerwillig eine Thür auf. Gerland trat ein. Es war das nämliche Zimmer, in dem er bereits einmal im vorigen Sommer zu später Abendstunde gewesen. Der Geistliche blieb an der Thür stehen, Hut in der Hand. Haußner war etwas tiefer ins Zimmer hineingetreten. »Was wollen Sie eigentlich?« Gerland zögerte mit der Antwort, bemüht, die passendste Form der Ansprache zu finden. Haußner wandte sich nach ihm mit einem ungeduldigen: »Nun?« – »Herr Haußner, ich betrachte mich als verlobt mit Ihrem Fräulein Tochter.« »Sind Sie toll geworden?« Kurze Pause. – Der Arzt stand vor seinem Schreibtische, beide Hände auf die Platte gestützt, mit vorgestrecktem Kopfe den anderen anstarrend. »Jawohl – ich bin verlobt mit Gertrud – seit heute abend.« »Heute abend?« »Ja!« Der Arzt machte ein paar unmotivierte Griffe an seinen Kleidern, die ihm auf einmal zu eng zu werden schienen. Die Weste riß er auf, wobei ein Knopf absprang. Gerland sprach ruhig weiter. Haußner griff sich unter den Bart, an den Hals, als wollte er sich dort Luft machen. Mit wuchtigem Tritte schleuderte er einen Stuhl bei Seite, der ihm im Wege stand. Schwer atmend kam er auf Gerland zu; seine rotunterlaufenen Augen weissagten nichts Gutes. Er hob den Arm gegen den Geistlichen. Gerland schwieg und rührte kein Glied. Das Blut summte in seinen Ohren irgend eine sonderbare Melodie, auf die er lauschen mußte, gegen seinen Willen. Keuchend, mit funkelnden Augen, stand der bärtige Mann da und schüttelte seine Cyklopenfäuste. – Nicht mit einer Wimper zuckte der Geistliche, beinahe heiter war ihm zu Mute; er wußte es zu genau, daß ihm nichts geschehen könne. Wie ein empörtes Unwetter löste sich jetzt die Wut bei Haußner. Er sparte nicht an groben Schimpfworten. Gerland ließ ihn sich austoben. Dem erregten Manne ging endlich der Atem aus; er mußte sich setzen. Mit voller Absicht dampfte der Geistliche sein Organ zu einschmeichelnder Weichheit. Er erklärte, die Anschuldigungen, welche der Arzt gegen ihn geschleudert, seien falsch. Der Schein verurteile ihn. – Vor allem aber bat er, daß nunmehr auch Gertrud gehört werde. »Was soll Gertrud hier!« fuhr Haußner auf. »Sie wird bekunden, daß sie sich als meine Braut betrachtet.« Ein Fluch entfuhr Haußners Lippen. Mit gesenktem Haupte saß er einen Augenblick da, dann sprang er auf, rannte nach der Thür und rief, daß es durch das Haus dröhnte: »Gertrud!« Das Mädchen kam augenblicklich vom oberen Stockwerke heruntergeeilt. – »Hierherein!« – Der Vater zog sie am Arme ins Zimmer. »Gertrud – wie ist das? – Hier, dieser – behauptet, mit dir verlobt zu sein.« »Jawohl. Papa.« Gerlands Herz jubelte bei ihrem frischen Bekenntnisse, Er hütete sich wohl, etwas zu sagen. »Infame Kupplerin! – Ich – ich breche ihr die Knochen entzwei!« – Haußner wollte zur Thür, aber Gertrud hatte sich an ihn gehangen. »Wo willst du hm, Papa?« »Laß mich!« »Nein, Papa, du sollst Tante Martha nichts Böses thun.« – »Laß mich!« Es entspann sich ein Kampf. Das Mädchen wurde ein kurze Strecke geschleift. – Gerland, dem vor Schreck der Atem stockte, war drauf und dran, ihr zu Hilfe zu eilen. Da hielt der Arzt inne – er war von selbst zur Besinnung gekommen. Gertrud richtete sich auf – sie war ganz ruhig; das Haar zurückstreichend, meinte sie: »Papa – wirklich – die Tante kann gar nichts dafür.« – Haußner, der an der Wand lehnte, gab dem Kinde ein Zeichen mit der Hand. »Soll ich wieder gehen, Papa?« Er nickte schwerfällig mit dem Kopfe. Sie huschte von dannen, leicht wie ein Reh. Den Geistlichen, der ihr die Thür öffnete, durchzuckte es, wie ein elektrischer Schlag, als er den flüchtigen Druck ihrer Hand verspürte. – Haußner schwieg lange. Gerland hatte keinen Grund, das Schweigen zu brechen. Endlich begann der Arzt mit rauher Kehle: »Sie haben das wirklich sehr fein eingefädelt – das muß ich sagen! Aber bilden Sie sich nur nicht ein, daß das irgend etwas zu bedeuten hat. – Daß Gertrud »ja!« gesagt hat, bedeutet gar nichts! Sie ist erst siebzehn. – Ich bestimme über sie – und von mir bekommen Sie sie nun und nimmer – das sage ich Ihnen!« – Der ganze Mann war in fürchterlichster Erregung. Der Geistliche erkannte, daß hier vorläufig nichts zu machen sei. Durch jedes Wort, das er sprach, vermehrte er den Zorn des andern. Er entschloß sich, zu gehen. Nur noch eine Bitte wagte er: daß er am nächsten Tage kommen dürfe. »Sie betreten mein Haus nicht wieder! Meine Antwort wissen Sie. Wir sind überhaupt fertig mit einander!« schrie Haußner. »Und ich werde mir trotzdem erlauben, wiederzukommen,« sagte Gerland, sich zur Ruhe zwingend. »Dann werden Sie die Thüren verschlossen finden.« Der Geistliche zauderte noch einen Augenblick. Er wäre gern mit einem freundlicheren Worte geschieden. Aber da der andere beharrlich schwieg, ging er schließlich, ohne eine Antwort auf seinen Abschiedsgruß zu vernehmen. – Der Abweisung zum Trotze, die er soeben erfahren, fühlte er sich ruhig, heiter und im Innersten beglückt. Gertrud stand ja zu ihm! – Am nächsten Morgen – Gerland saß in Kirchenrechnungen vertieft – erschien Doktor Haußner im Pfarrhause. Der Geistliche sprang erstaunt von seinem Lederstuhle auf – unwillkürlich lachte er dem Arzte entgegen; er konnte in dessen Kommen nur ein gutes Omen erblicken. Haußner blieb kalt und düster; den Stuhl, welchen Gerland ihm anbot, wies er ab – er könne stehen, meinte er. »Ich komme hierher, Herr Pastor,« begann er, »um Ihnen nochmals in aller Ruhe – gestern war ich erregt – um Ihnen in Ruhe zu wiederholen, daß ich das, was zwischen meiner Tochter und Ihnen vorgefallen, nicht anerkenne. – Gertrud ist nicht in dem Alter, um über sich selbst zu bestimmen.« »Eine Frage, Herr Haußner: was liegt denn gegen mich gar so Schlimmes vor? – Ist es vielleicht, daß ich Geistlicher bin, was mich Ihnen so verhaßt macht?« Der Arzt lachte höhnisch auf. »Ich weiß, daß mein Kleid in Ihren Augen keine Empfehlung ist. – Aber schließlich! Warum sollte denn ein Geistlicher nicht wieder gut zu machen versuchen, was andere meines Standes an Ihnen verschuldet haben?« – Haußner stutzte. – »Was wissen Sie darüber?« »O, ich weiß alles, Herr Haußner! Ich weiß, wie theologischer Fanatismus an Ihnen gesündigt hat. – Nicht jeder von uns ist ein Superintendent Großer, oder ein Pfarrer Menke. – Ich weiß es, was Sie dem Manne, der hier vor mir Seelsorger war, vorzuwerfen haben.« – Das Gesicht des Arztes hatte sich verdüstert; er machte eine Bewegung mit den Schultern, als ob er etwas von sich schieben wolle. »Darum handelt es sich gar nicht!« meinte er. »Es wäre das größte Glück für mich, Herr Haußner, wenn es mir vergönnt würde, Ihnen einen besseren Begriff von unserem Stande beizubringen.« – »Schöne Worte kann jeder machen! – Mit Redensarten lasse ich mich nicht fangen – ich halte mich an das, was ich sehe.« »Und haben Sie denn irgend etwas gesehen, Herr Haußner, das Sie berechtigte, mich mit jenen in einen Topf zu werfen?« »Sie sind naiv! – Denken Sie denn, man hat keine Augen im Kopfe? – Seit Sie hier im Amte sind, spionieren Sie um mein Haus herum, suchen mich unter den lächerlichsten Vorwänden auf, erzwingen die Bekanntschaft. – Hinter meinem Rücken knüpfen Sie mit Gertrud an, stecken sich hinter diese alte Betschwester Martha, geben sich Rendezvous mit den beiden bei Mondschein, dringen, während ich abwesend bin, in mein Haus, um sich mit meiner Tochter, einem halben Kinde, zu verloben. – Das sind ja nur die Dinge, die ich in Erfahrung gebracht habe; was Sie sonst noch angestellt haben mögen, Herr Pastor, um von meiner Tochter das Jawort herauszubekommen, entzieht sich natürlich meiner Kenntnis.« – Gerland stand bestürzt vor diesen Anschuldigungen. So also stellte sich in Haußners Kopfe dar, was er unternommen hatte, um sich Gertrud zu nähern. Diese ganze, ihm allein bekannte Liebesgeschichte, die ihm wie ein heiliges Wunder erschien, galt dem Vater des Mädchens als ein raffiniert ersonnenes, mit Lüge und Kniffen ausgeführtes Intriguenstück. Wie sollte er den tiefeingewurzelten Verdacht entkräften, der sich in der Seele dieses Mannes gegen ihn festgesetzt hatte? – »Herr Haußner, ich bitte eines erwägen zu wollen,« begann er, mit Nachdruck sprechend. »Ich würde durch die Verbindung mit Ihrer Tochter manches auf mich nehmen, was nicht leicht für mich zu tragen ist. Gertrud steht außerhalb der Kirche.« – Haußner fuhr unwillig auf. »Mißverstehen Sie mich nicht!« rief Gerland ihm schnell zu. »Ich erwähne das nur, Herr Haußner, weil diese Thatsache Ihnen doch klar machen muß, daß es egoistische Gründe nicht gewesen, die mich bei der Wahl geleitet haben. Sie können selbst darüber nicht im Zweifel sein, Herr Haußner, daß ich, so wie die Verhältnisse nun einmal liegen, mein Amt riskiere – ja, daß ich es ganz sicher einbüße, wenn ich ein Mädchen heimführe, welches dem christlichen Bekenntnisstande nicht angehört. Sie werden vielleicht von Ihrem Standpunkte aus sagen, damit verlöre ich nichts. – Ich kann Ihnen eben nur versichern: dem ist nicht so! Ich verliere viel – ich verliere nicht bloß die paar Studien- und Kandidatenjahre, wenn ich gezwungen würde, mein Amt niederzulegen – ich verliere meinen Lebenszweck. Der Talar ist mir ein teures Kleid. – Sie mögen das belächeln; aber es ist so! Ich habe auf diesen Beruf losgearbeitet, habe ihn mir erstritten unter vielen Zweifeln und Kämpfen; der Seelsorgerberuf ist mir ans Herz gewachsen. – Ich versichere Ihnen, ich erblicke darin mehr, als die Pflicht, Sonntags auf die Kanzel zu treten, und eine Predigt zu halten. Ich fasse meinen Beruf als den eines Hirten auf – eines Erziehers.« – Hier unterbrach ihn Haußner durch ein Gelächter. »Lachen Sie, Herr Haußner? Sie halten alles das für Phrasen? – Das thut mir sehr leid! Ich weiß ja, welche Erfahrungen Sie mit andern Klerikern gemacht haben – leider! – Aber Sie sollten doch zwischen Person und Person unterscheiden.« Eine kurze Pause entstand. »Herr Haußner,« – begann der Geistliche, bei dem bloßen Gedanken an das, was er jetzt sagen wollte, errötend, »darf ich mir eine offene Frage erlauben? Hegen Sie vielleicht den Verdacht gegen mich, daß ich – aus – wie soll ich es nennen – aus materiellen Rücksichten um die Hand Ihrer Tochter werbe? – Trauen Sie mir das zu?« »Sie haben recht, Herr Pastor,« erwiderte Haußner, und blickte ihn mit seinen grauen Augen scharf und feindselig an. »Das traue ich Ihnen zu – und habe ich Ihnen von vornherein zugetraut. – Ihr Pastoren heiratet ja alle nach Geld!« fügte er giftig hinzu. Gerland fuhr auf, der Cynismus des andern fing an, seine Galle zu erregen. »Nein, wirklich, Herr Haußner, um Ihr Geld ist es mir nicht zu thun – wahrhaftig nicht! Ich bin nicht reich; aber ich habe so viel, daß ich leben kann. – Auch eine Frau, denke ich, würde ich noch ernähren können; selbst wenn Sie mir nichts zubrächte, hören Sie! Ich möchte doch um soviel Gerechtigkeit bitten, daß Sie nicht alles, was Sie gerechtfertigt oder ungerechtfertigt gegen meinen Stand einzuwenden haben, auf mich anwenden. Ich kann doch wohl verlangen, daß meine redlichen Absichten unparteiisch geprüft werden – daß mir nicht von vornherein Motive niedrigster Art untergeschoben werden und mein Charakter verunglimpft wird. Ich meine, das ist nicht gerecht und ist weder meiner, noch Ihrer würdig, Herr Haußner!« Sein Eifer und der freie Ton, in dem er sich verteidigte, hatten doch einigen Eindruck auf den andern hervorgebracht. Unruhig im Zimmer auf und abgehend, knurrte Haußner Worte in den Bart, die Gerland nicht verstehen konnte. Nach einiger Zeit machte der Arzt Halt, und brachte stoßweise, Gerland von der Seite ansehend, folgendes vor: »Ich will das alles gar nicht weiter untersuchen! – Dazu bin ich nicht hier – habe auch weder Zeit noch Lust dazu. Jedenfalls sage ich Ihnen soviel, daß ich keine Annäherung von Ihrer Seite wünsche. Ich bin deshalb hierher gekommen, um mir Ihre weiteren Besuche in meinem Hause ein für allemal zu verbitten. Ferner verbiete ich Ihnen auch jede Korrespondenz mit meiner Tochter – überhaupt jeden Verkehr! – Haben Sie mich verstanden?« »Vollkommen, Herr Haußner! Aber ich muß Ihnen erklären, daß ich nach wie vor an dem Verlöbnis mit Gertrud festhalte.« – Haußner funkelte den Geistlichen an; aber dieser hielt dem Blicke stand. – Der Ärger, den zu verstecken der Arzt sich vergeblich bemühte, allein schon bewies, daß er sich selbst nicht mehr als Herrn der Situation betrachte. Er ging einigemale mit rotem Kopfe im Zimmer auf und ab, an den Lippen nagend; dann vor Gerland Halt machend, rief er: »Noch einmal – ich verbitte mir jede Annäherung an meine Tochter – und – das wissen Sie jetzt!« – Er schien mehr auf dem Herzen zu haben; setzte auch zum Sprechen an, ließ es aber schließlich bleiben, wohl in der Empfindung, daß er seine Worte hätte wiederholen müssen. Dann ging er zur Thür, und war schon fort, noch ehe sich Gerland zurecht machen konnte, ihm das Geleit zu geben. Der Geistliche sah ihm zum Fenster hinaus nach, wie die massive Gestalt hinter dem Zaune des Pfarrgärtchens verschwand. Gerland mußte in diesem Augenblicke daran denken, wie er – zwei Jahre war's jetzt vielleicht her – von dem Manne gegangen war, mit dem demütigenden Gefühle einer schweren Niederlage. Jetzt lagen die Dinge doch etwas anders. XIII. Superintendent Großer hatte die Geistlichen seiner Ephorie zu vertraulicher Besprechung eingeladen. Der Gärtnergewendbauer mußte also den Schecken einspannen, um den Herrn Pfarrer nach der Kreisstadt zu fahren. Man war etwa eine halbe Stunde von der Stadt entfernt, als Gerland vor sich auf der Chaussee einen korpulenten Mann in schwarzem Rock erblickte. Es war Dornig. Gerland ließ Halt machen, als er auf gleicher Höhe mit dem Amtsbruder war, und fragte, ob er Dornig einen Platz im Wagen anbieten dürfe. »Das will ich glauben!« rief der dicke Pfarrer. »Solche Rentiers, wie du, können fahren!« Er lachte sich erst über die eigene Bemerkung gründlich aus, wischte sich den Schweiß, der ihm bereits den Hemdkragen völlig durchweicht hatte, von Gesicht und Hals; dann stieg er ein, und nahm stöhnend Platz. »Na, wie geht's denn in Breitendorf?« Gerland dankte. »Du hast ja jetzt auch eine Gemeindeschwester dort.« – »Woher weißt du denn das?« »Ja, von wem habe ich das doch gleich – richtig! Wenzel, dein früherer Kantor, erzählte mir's neulich! – Ich sehe ihn hin und wieder – man kann das natürlich nicht ganz vermeiden, wenn man an einem Orte lebt. Schließlich – die Frau ist eben früher doch auch Pastorenfrau gewesen. – Na, ich weiß ja schon – du bist auf alle beide nicht gut zu sprechen. Übrigens so schlimm sind die Leute wirklich nicht bei näherer Betrachtung. Er hält sich jetzt leidlich nüchtern; sie hat ihn höllisch unter der Fuchtel und hängt ihm die Schnapsflasche hoch. – Wir haben da so ein Skatkränzchen im Kretscham; die feineren Leute unter sich – verstehst du! Da kommt Wenzel auch manchmal dazu. Aber Punkt dreiviertel elf Uhr muß er nämlich zu Haus sein, sonst geht's ihm hundsschlecht. Sie führt den Pantoffel, aber so!« – Dornig machte eine beredte Geste mit der Hand. »Was sagst du dazu?« Er brach in ein dröhnendes Gelächter aus, in das der Gärtnergewendbauer auf dem Bocke mit einstimmte. Die traurigen Ehe-Erfahrungen des ehemaligen Kantors von Breitendorf bereiteten dem Bauern offenbar vielen Spaß. »Woas ho 'ch Se gesagt, Herr Paster!« meinte der Alte und wandte den beiden Geistlichen sein rotes Gesicht zu. »Zwischen dan beeden wor Liebschaft! Schun bein salgen Pfarrn Menken senen Labzeiten – ju ju – Se kin mersch heelig gleba. – Nu hoat ar sei Fett – Wenzel! – Dan giht's nu dreckch – die werd en schu oan dar kurzen Leine hoalen – ju ju! – Su mußt's ack kimina. – Eist de Wenzel, nu host de dei Fett wag!« – Und der Alte sank in stillem Gekicher ganz in sich zusammen auf seinem Bocke. Dornig, in seiner plump vertraulichen Art, forschte, wie Gerland sein Hauswesen eingerichtet habe, seit die frühere Pastorswitwe ihn verlassen, wo er jetzt esse, ob er billiger oder teurer lebe. »Sage 'mal, da soll ja dieser Doktor Haußner wieder im Lande sein?« – »Jawohl!« meinte Gerland. »Und die Tochter ist auch mit?« »Ja!« »So so! – die Tochter ist auch wieder da – – hm! Ich hörte darüber neulich, ganz zufällig. – Was für eine Art Person ist sie denn eigentlich – ich meine, ist sie ein nettes Mädchen?« Gerland sah Dornig an. Eine merkwürdige Mischung von Neugier, Verschmitztheit, Phlegma und Verlegenheit spiegelten sich in dem fetten Gesichte wieder. »Warum fragst du mich das?« sagte Gerland scheinbar kalt; er nahm sich zusammen. »Gott – nur so! – Eigentlich geht's mich ja nichts an. Aber, schließlich, man interessiert sich doch für seine Freunde.« – »Stammt diese Nachricht vielleicht auch aus derselben Quelle?« fragte Gerland, den Amtsbruder scharf anblickend. »I Gott bewahre!« rief Dornig voll Eifer. »Du denkst wohl gar, ich lasse mir von den Wenzels was vorklatschen. Da kennst du mich falsch! Wirklich, um solche Sachen kümmere ich mich gar nicht!« – Das Gespräch verstummte für einige Zeit. Eine Verstimmung war eingetreten zwischen den beiden ehemaligen Schulkameraden. Dornig war das Gefühl, Gerland verletzt zu haben, doch schließlich peinlich geworden; er fing von einem anderen weniger verfänglichen Stoffe an – die bevorstehende Konferenz der Ephoren. »Die Sache soll ganz vertraulich sein, diesmal,« meinte Dornig. »Im Hause des Alten selbst!« – womit er den Superintendenten meinte. – »Was will er denn eigentlich von uns?« forschte Gerland. »Was wird's denn sein! Diaspora-Angelegenheiten. – Vom Konsistorium ist eine Verordnung gekommen – und dann will er uns wohl noch einiges in Sachen Fröschel mitteilen.« »Wie – in Sachen Fröschel?« – »Der Alte hat sich da wieder mal sehr geschickt aus der Affaire gezogen. Als sich Fröschel damals erschoß, dachte man doch, es würde ihm höllisch ans Bein laufen – ja, ich glaube, da hat's manche gegeben, die sich auf eine Superintendentenvakanz schon spitzten: die haben sich nun freilich geschnitten. Unser Alter ist auch nicht von gestern. Er muß einen sehr geschickten Bericht eingereicht haben. Oben scheint man ganz zufrieden gestellt. Auch in der Presse hat sich der Lärm schnell gelegt. Jetzt hört man schon gar nichts mehr von der Geschichte; und neulich hat der Superintendent ja auch eine Auszeichnung erhalten.« »Der Superintendent – eine Auszeichnung?« »Mensch, liest du denn gar keine Zeitungen! Den roten Piepmatz vierter. Jawohl! Vergiß nur nicht, ihm zu gratulieren.« – Sie waren inzwischen in der Stadt eingefahren, und hielten bald vor der Superintendentur. Gerland ging dieser Sitzung mit den unangenehmsten Empfindungen entgegen. – Die beiden wurden in ein Zimmer gewiesen, in welchem eine längliche Tafel aufgestellt war. Eine Anzahl Geistlicher war bereits zur Stelle, unter ihnen Polani. Es gelang Gerland, den Pfarrer von Annenbad von der Gruppe loszumachen, bei der er gerade stand. Er hatte sich längst vorgenommen, mit jenem zu sprechen. Was er neulich erfahren, daß es Polani gewesen sei, der dem toten Fröschel ein Kreuz aufs Grab habe setzen lassen, hatte in Gerlands Augen vieles gut gemacht. Eine solche That sprach dafür, daß unter dem glatten Äußeren dieses Mannes doch ein Herz schlug, welches tieferer Gefühle fähig war. Polani hörte sich Gerlands Dankesworte an mit jenem ihm eigentümlichen müden, selbstironischen Lächeln. »Niemand sollte es eigentlich wissen,« sagte er »von wem das Kreuz stammt. Nun haben Sie's doch erfahren Gerland! Aber sprechen Sie wenigstens nicht davon, darum bitte ich Sie!« Gerland versprach das. »Glauben Sie mir nur, lieber Gerland,« fuhr Polani fort, »ich habe diesen Fröschel ganz gut verstanden. Jeder von uns modernen evangelischen Theologen hat einmal da gestanden, wo Fröschel geendet ist, an der kritischen Wegekreuzung. Der Arme hat den Weg zur Kirche nicht zurückgefunden, das ist seine Tragik. Er büßt gewissermaßen für den ganzen Stand. O, ich habe Fröschel ganz gut verstanden! Er ist unseres Mitgefühls wert, vielleicht sogar unserer Abbitte. Aber öffentlich seine Partei ergreifen, geht nicht. Um des Beispiels willen darf das nicht sein! Das Kreuz auf seinem Grabe trägt keine Inschrift, wie Sie bemerkt haben werden. Dieses Kreuz sollte weiter nichts bedeuten als meinen Ausdruck des Mitfühlens für einen Mann und Amtsbruder, der über einen Stein gestürzt ist, vor welchem Gott unseren Fuß gnädig bewahrt hat.« Gerland schüttelte Polani die Hand. Es gewährte ihm große Befriedigung, den Mann, den er einstmals hoch geschätzt, und den er später tiefer und tiefer in seiner Achtung hatte sinken lassen müssen, so sprechen zu hören. Das ermutigte ihn auch, sich an Polani zu wenden mit der Befürchtung, welche Dörings Worte in ihm wachgerufen. War es denn wirklich so? Sollte Fröschels Selbstmord heute noch einmal zur Besprechung kommen? – »Es ist richtig!« erwiderte Polani. »Der Superintendent will diese Angelegenheit berühren. Aber Sie brauchen nichts zu befürchten, Gerland. Es wird kein Wort fallen, das Sie oder irgend einen Freund des Toten verletzen könnte. Der Herr Superintendent gedenkt die Sache in irenischem Sinne zu behandeln – rein in irenischem Sinne.« – Polani wurde hier von einem Amtsbruder angeredet. Er entschuldigte sich bei Gerland, dem die Gedanken im Kopfe herumwirbelten. ›Im irenischen Sinne – also, im irenischen Sinne wird er über Fröschel sprechen!‹ Es war Gerland, als sähe er das Gesicht des kleinen Mannes, der jetzt in einsamer Kirchhofsecke lag, vor sich – das spöttische Zwinkern der Augenlider und den bitteren Zug um die müden Lippen. – Die Diözesanen waren inzwischen vollzählig erschienen, Gerland sah manches bekannte Gesicht wieder. Diakonus Schwenker, Fröschels Nachfolger in Annenbad, Pfarrer Roßbach und andere – selbst Pfarrer Valentin war von Göhdaberg herabgekommen. Gerland riß sich aus einer Unterhaltung los, in die ihn Roßbach verwickelt hatte, als er das weißumrahmte Gesicht seines alten Freundes erblickte. Er hatte den Alten kaum begrüßt, als die Schultern und Rücken der Amtsbrüder sich beugten; der Ephorus war eingetreten. Der Herr Superintendent hielt zunächst seinen Rundgang. Mit prälatenhafter Würde teilte er Ansprachen aus, schüttelte hier und da eine Hand, machte eine launige Bemerkung, die pflichtschuldigst belacht wurde. Der Oberhirte war gut gelaunt. Von diesem und jenem der Amtsbrüder wurde er beglückwünscht zur neuen Auszeichnung. Er nickte leutselig zu solchen Bemerkungen, dankte mit vielsagendem Lächeln, bescheiden jedes Verdienst ablehnend. Auch Gerland wurde ganz gegen Erwarten von Seiten des Superintendenten durch eine besonders freundliche Ansprache ausgezeichnet. Es würde ihn nicht erstaunt haben, wenn sein Oberer ihn völlig links hätte liegen lassen, nach den Auseinandersetzungen, die neulich zwischen ihnen stattgefunden. – »Nun zum Geschäft, meine Herren Amtsbrüder!« – rief der Superintendent, nachdem er mit den Begrüßungen durch war. Man eilte zu den Plätzen und hörte zunächst das Einleitungsgebet an, welches der Ephorus sprach. Der erste Teil der Tagesordnung betraf mannigfache Vorkommnisse aus der letzten Zeit: Todesfälle, Vakanzen, Neubesetzungen in der Diözese. Dann wurden verschiedene Verordnungen von seiten des Provinzial- und Landeskonsistoriums verlesen und besprochen. Nachdem dieser Teil mit der dem Superintendenten eignen Breite zu Ende geführt war, machte der Prälat eine Pause – er schien seine Gedanken zu sammeln. Gerland ahnte, was kommen werde. »Noch einmal, liebe Amtsbrüder,« begann der Ephorus endlich und legte sein Gesicht in ernste Falten, »noch einmal muß ich auf einen traurigen Fall zu sprechen kommen, mit dem, im Beginne dieses Jahres, der Herr unsere Diözese heimgesucht hat. Sie alle werden wissen, welches Ereignis ich damit meine: den Selbstmord unseres unglücklichen Amtsbruders Fröschel, weiland Diakonus in Annenbad.« – Wieder eine Pause. »Die Befürchtungen; die wir damals an den überaus betrübten Fall knüpften, die berechtigten Sorgen wegen der möglichen Folgen dieses Ereignisses für die Diözese – liebe Amtsbrüder – haben sich, Gott sei Dank, nicht bewahrheitet. Schnell ist das Geschrei verstummt, das sich in der Presse einer gewissen kirchenfeindlichen Richtung gegen uns erhob – auch Rom und seine Anhänger haben aus dem Vorfalle keine Waffen gegen uns schmieden können – und ein hohes Kirchenregiment hat sich nach eingehender Prüfung der Sache überzeugt, daß die Schuld nirgend anders zu suchen war, als bei dem Thäter selbst, der sich durch seine That freilich jeder Verantwortung vor menschlichen Tribunalen entzogen hat. »Und so haben sich denn alle billig Urteilenden von der Überzeugung durchdrungen, daß uns irgendwelche Vorwürfe in dieser Angelegenheit nicht treffen. Denn es ist ja eben klar erwiesen, daß Fröschel bei seinem Thun die volle Zurechnungsfähigkeit nicht besessen hat. »Das Ungewitter ist vorübergezogen, die Wolken sind zerstreut. Man hat uns nichts anhaben können, nicht das geringste! – Ihr gedachtet es böse zu machen, Gott aber gedachte es gut zu machen. – Fester denn je steht der rechte Glaube unter uns aufgerichtet, und wir ruhen gesichert auf diesem Felsengrunde. Die Zaghaften und Kleingläubigen unter uns, und auch unsere Feinde und Widersacher, müssen es jetzt unumwunden anerkennen: viel zu fest ist das Gefüge unserer Kirche, als daß der Abfall eines Verirrten ihr etwas anhaben könnte. »Im Gegenteil, aus Bösem ist Gutes geworden. Der Herr hat es herrlich hinausgeführet, wunderbar sind seine Wege. ›Groß und wundersam sind deine Werke, Herr, allmächtiger Gott, gerecht und wahrhaftig sind deine Wege, du König der Heiligen!‹« – Superintendent Großer wollte damit die Konferenz beschließen, aber aus der Mitte der Diözesanen erhob sich Pfarrer Roßbach. Er bat um Verzeihung, daß er, obgleich einer der jüngsten, es wage, nach dem verehrten Herrn Superintendenten das Wort zu ergreifen – aber es dränge ihn dazu; er könne nicht zurückhalten mit seinen überschwellenden Empfindungen, und er glaube, im Sinne aller Anwesenden zu handeln, wenn er dem Herrn Superintendenten ihrer aller wärmsten Dank – innigste Anerkennung – tiefste Bewunderung ausspräche für die schöne, echt christliche, priesterliche, taktvolle, homiletische Art und Weise, mit welcher der Oberhirte in dem Falle Fröschel vorgegangen sei. – Wie er in dieser überaus schwierigen Angelegenheit durch Weisheit und Vorsicht große Gefahren von der Diözese abgewendet habe. »Dafür, Herr Superintendent, unser aller tiefgefühlten Dank! Mit Ihnen fühlen wir uns stolz und geehrt durch die hohe Auszeichnung, die Ihnen, so wohlverdient, kürzlich zu teil geworden ist. Ich weiß es, ich spreche aus der Seele aller hier versammelten Amtsbrüder, wenn ich Gott den Herrn anflehe, Sie uns noch recht lange zu erhalten teurer Herr Superintendent, zum Segen der Diözese, zu Schutz und Schirm der guten Sache, zu Nutz und Frommen der Kirche.« – Der Superintendent war tief ergriffen, Thränen in den Augen, stammelte er Worte des Dankes. Pfarrer Roßbach empfing zustimmende Händedrücke. – Die Versammlung lief nach diesem Abschluß schnell auseinander. Die Auswärtigen gingen in den Gasthof zum gemeinsamen Mittagsmahl. Bei Tisch fiel es auf, daß Polani und Roßbach fehlten. Jemand wollte wissen, daß sie vom Superintendenten zum Mittagessen aufgefordert worden seien. »Aha!« rief Dornig. »Das ist die Quittung für Roßbachs Rede – 's ist nur gut, daß Polani endlich einen Konkurrenten im Schustern gefunden hat.« – Wenn den beiden, Polani und Roßbach, in der nächsten Viertelstunde die Ohren klangen, so stammte das jedenfalls nicht von guter Nachrede seitens der Amtsbrüder. – XIV. Gerland fuhr bei Zeiten nach Haus zurück. Er hatte den alten Pfarrer Valentin zu sich in den Wagen genommen, um dem Greise wenigstens ein Stück Weges das Marschieren zu ersparen. Selbst auf den harmlosen, alten Mann, der, wenn irgend möglich, Dingen und Menschen die beste Seite abzugewinnen versuchte, hatten die Vorgänge des Morgens einen unangenehmen Eindruck gemacht. Mißtrauen war dieser friedliebenden Natur durchaus fremd, aber heute stimmte er in Gerlands kritische Betrachtungen über die Amtsbrüder trauernden Herzens ein. Er werde alt, klagte er, und die Welt um ihn her habe sich verändert. Die Schlichtheit, die Innigkeit des Glaubens sei verloren gegangen. Auch in den geistlichen Stand habe sich das Strebertum eingeschlichen. – Man blicke nach oben; aber nicht auf den lieben Gott. – An Stelle der Frommheit mache sich Phrase und Heuchelei breit. – Eine zweite Periode des Nationalismus sei im Anzuge. Der alte Mann schüttelte trübe sein Haupt und sprach davon, sich nun bald emeritieren lassen zu wollen. Gerland hatte Valentin gegenüber etwas Besonderes auf dem Herzen – eine Beichte! – Sein Verhältnis zu Gertrud wollte er dem Onkel des Mädchens nun endlich eröffnen. Er holte weit aus, erzählte, wie alles gekommen sei. Auf Bedenken, Kopfschütteln, ja auf ernstes Abreden hatte sich Gerland gefaßt gemacht; die Wirkung, die seine Eröffnung in Wahrheit auf den alten Mann hatte, kam ihm völlig unerwartet. – Pfarrer Valentin weinte vor Freude. Das sei ja seine Hoffnung gewesen im stillen, von dem Augenblicke an, wo er erfahren, daß Gerland in Verkehr mit Haußner getreten. Gerland fiel ein Stein vom Herzen, als er den Alten so ganz auf seiner Seite sah; nun schüttete er ihm ein ganzes Herz voll Sorgen aus. Jetzt, wo er alles darlegen mußte, wurde ihm selbst erst klar, wie schwierig die Lage sei, in die er sich begeben. Er machte Valentin gegenüber all die Hindernisse geltend, die sich seiner Verbindung mit Gertrud in den Weg stellten. Da war vor allem Haußners schroff ablehnende Haltung. – Die Tochter taufen zu lassen, dazu würde ihn keine Macht der Welt bringen. Wie aber konnte Gerland im Amte bleiben, wenn er ein ungetauftes Mädchen heimführte? – Nach keiner Seite schien ein Ausweg aus diesem Dilemma vorhanden. – Aber Pfarrer Valentin wollte nichts davon wissen, daß Gerlands Lage trostlos sei. »Das wird alles zu einem guten Ende kommen, mein lieber junger Freund!« – tröstete er. »Ich sehe hier zu deutlich Gottes Finger. Wenn man alt wird, fängt man an, weit zu blicken, während das Nahe verschwimmt. Ich ahne jetzt, welchen Weg unser Herrgott uns alle geführt hat. – Wir sind nicht mehr weit vom Ziele, will mich bedünken.« – Der Alte saß eine Weile, ohne ein Wort zu sagen, mit freundlich stiller Miene; er schien in sich zu blicken, während die sinkende Sonne rings ihre Flammenzeichen aufsteckte. Gerland hütete sich, ihn zu stören; er ahnte, daß der Greis vergangener Zeiten gedachte. Dann ergriff Valentin die Hand des jüngeren Mannes: »Hören Sie mich, mein Freund, ich habe mich zu etwas entschlossen – ich will mit Haußner sprechen. Manches Jahr ist es her, daß ich dem Manne Auge in Auge geblickt habe. Die Zeit scheint mir erfüllt. – Ich denke, wir haben uns vieles zu sagen, Haußner und ich.« – Sie waren am Haußnerschen Grundstück in Eichwald vorgefahren. Gerland hatte den Wagen entlassen. Er ging langsam auf der Straße auf und ab. Die Zeit verstrich ihm sehr langsam. Zweimal schon, seit Pfarrer Valentin hineingegangen, hatte er es in Breitendorf schlagen hören. Daß der Alte den Arzt angetroffen habe, wußte Gerland; er hatte das tiefe Organ Haußners, das mit keinem andern zu verwechseln war, vom Garten her vernommen. Da drinnen wurde jetzt sein Geschick entschieden. – Dem jungen Geistlichen klopfte das Herz. Es war thöricht von ihm, zaghaft zu sein; je länger die Unterredung dauerte, desto besser war es ja für seine Aussichten. Die Front des großen Hauses lag gänzlich im Dunkel; selbst die Fenster des ärztlichen Studierzimmers waren nicht erleuchtet. Ob Gertrud und Martha eine Ahnung hatten, was vorgehe? – Wo mochten sie jetzt wohl sein? – Als Gerland das nächste Mal an dem Gartenthore vorüberschritt, öffnete sich dieses leise. Durch die Spalte zwängte sich ein graues Wesen. Jemand faßte Gerland am Rock »Herr Pfarrer!« flüsterte ein Stimmchen. Eine Gestalt, wie ein Fledermäuschen im Abenddunkel, huschte heran. – »Kommen Sie schnell, Herr Pfarrer!« – Als er zögerte, zog sie ihn mit sanfter Gewalt zur Thür. »Ich habe die Glocke ausgehängt – niemand kann etwas hören. Kommen Sie!« – »Aber, Fräulein Herberge, das geht doch nicht!« meinte Gerland, dem allerhand Bedenken aufstiegen. »Kommen Sie nur – kommen Sie! – Hinauf nach dem Walde sind sie gegangen, Haußner und der alte Herr. – Kommen Sie nur!« – Das Thor schloß sich unhörbar hinter ihm. Gerland wollte etwas sagen, – »Pst, Pst!« Martha hielt ihm den Mund zu. Man that ein Paar Schritte über Rasen. Da hüpfte aus der Dämmerung eine andere Gestalt herbei. Einige ihm unverständliche Worte flüsterte Martha noch; dann war er allein mit Gertrud. Das alte Mädchen schien der Schatten der Gebüsche verschluckt zu haben. Er fühlte eine weiche Hand in der seinen zittern – blickte in ein Paar glänzend zu ihm aufgeschlagene Augen. Wortlos beugte er sich zu dem lieblichen Gesichte herab, das sich vor ihm aufthat, wie der Kelch einer Blume – ein Paar halbgeöffnete Lippen kamen den seinen entgegen. Er fühlte, wie die kleine Hand in der seinen zuckte, – etwas Neues durchrieselte ihn vom Kopf zu den Füßen. Keines sagte ein Wort – nur noch in halbbewußten Bewegungen lösten sich die Gefühle aus. Ein Gedanke blitzte ihm durch den Sinn: die Laube. Sie schien ihn sofort zu verstehen, obgleich keine Worte gewechselt wurden. Die Laube lag dicht nebenan; auf Zehen schlichen sie hinein, klopfenden Herzens. Er stieß sich hart an der Tischkante und fühlte es nicht. Tastend fand er im Dunkeln die Bank, setzte sich und zog das Mädchen neben sich. Jeder seiner Bewegungen folgte sie. Bald hatte er sie ganz in seiner Gewalt – sein Arm lag um ihren Körper, sein Kuß durchdrang ihre Lippen – sie schien keinen eignen Willen mehr zu haben. Wie ein Schüler folgte sie willig seiner Anleitung. Und dabei war er selbst ein Lernender. Jetzt sank des Mädchens Kopf zurück; er blickte ihr, über sie gebeugt, ins Gesicht; ein matter Schimmer des Abendhimmels fiel darauf. Sie schloß die Augen; ein tiefer Seufzer entrang sich ihrer Brust. Nun fand er an ihrem Ohre die ersten stammelnden Worte – ein unzulängliches Geständnis von dem, was er empfand. Wie ein Kind, das im Einschlummern begriffen, lag sie in seinen Armen. Sie nickte mit dem Kopfe und lächelte. Er küßte ihr die geschlossenen Augen und das Haar, streichelte ihr die Wangen. Sie schmiegte sich an ihn. Jetzt hörte er draußen ein ihm wohlbekanntes männliches Organ, Das Mädchen richtete sich ein wenig auf. »Der Vater!« flüsterte sie. Stimmen und Schritte kamen näher. Gerland erwog mit angehaltenem Atem, was er zu thun habe, im Falle man sie entdecke. Aber die Gefahr ging diesmal vorüber; dicht an der Laube, so daß ihre Gestalten für einen Augenblick den hellen Himmelsabschnitt verdunkelten, schritten die beiden Männer vorbei. Sie waren eifrig im Gespräch vertieft. Valentin und Haußner standen noch einen Augenblick vor der offenen Hausthür. Gerland konnte jedes Wort hören, das sie sprachen. »Du mußt hier bleiben für die Nacht. So spät kannst du doch unmöglich bis nach Göhdaberg laufen« hörte man Haußner sagen. Der alte Valentin schien sich dagegen zu sträuben. Der Arzt redete weiter in ihn hinein, aber nicht in unfreundlichem Tone, wie es Gerland vorkam. Dann verschwanden die beiden im Hause. XV. Schwester Elisabeth, die Gemeindediakonisse, lag ihren Pflichten mit großem Fleiße ob. Gerlands Befürchtung, sie möchte dem schweren Berufe nicht gewachsen sein, bewahrheitete sich nicht. Zu jeder Tageszeit und bei jedem Wetter war er ihr schon im Dorfe begegnet. Sie schien das Geheimnis zu verstehen, an mehreren Stellen gleichzeitig zu sein. Die widerlichsten Dienste am Lager Schwerkranker, oder bei verwahrlosten Kindern, that sie mit freundlichem Lächeln. Ohne Lärm und Aussehen flog dem Mädchen die Arbeit von den Händen; still wie ein Heimchen war sie, und stets guter Dinge. Die Gleichmäßigkeit ihres Wesens schien eine beruhigende Wirkung auf die Kranken auszuüben. Schwester Elisabeth war im Laufe weniger Wochen eine beliebte Persönlichkeit im Breitendorfer Thale geworden. Und all die Bedenken, welche man erst gegen die Anstellung einer Gemeindeschwester geltend gemacht, waren verstummt oder sie schwiegen wenigstens einstweilen. Eine merkwürdige Ironie des Schicksals fügte es, daß Schuhmacher Herklotz, der am gehässigsten gegen die Berufung einer Diakonisse aufgetreten war, jetzt in die Lage kam, den Geistlichen um Überlassung der Schwester zur Pflege seiner erkrankten Frau zu bitten. – Herklotz, ein vorgeschrittener Fünfziger, hatte trotz seiner Mißgestalt in zweiter Ehe eine junge Person geheiratet, von der er mehrere Kinder besaß. Kürzlich wieder von einem Kinde entbunden, hatte sich die Frau im Wochenbette nicht gehalten; schon am dritten Tage nach der Geburt war sie aufgestanden, um eine Verrichtung in der Wirtschaft vorzunehmen: nun lag sie an schwerem innerem Schaden darnieder. Herklotz besaß einige Bildung; er las viel – seine Litteratur bezog er von herumziehenden Kolporteuren; auch hatte er selbst ein Blatt radikaler Färbung im Vertriebe. Gegen die Kirche zu opponieren, hielt er für die erste Pflicht des freien Mannes; und da er nicht logisch genug dachte, um die Person von der Sache zu trennen, so trat er dem Geistlichen von vornherein mit grimmigem Hasse entgegen. Gerland hatte mehr als einen Annäherungsversuch diesem verbissenen Querkopf gegenüber gemacht, aber ohne Erfolg. Nun mußte dem Manne dieses Unglück passieren. Seine junge Frau, die ihm als Wirtschafterin und Kinderpflegerin ganz unentbehrlich war, wollte er doch nicht gern einbüßen. Zuerst hatte er es mit einem Doktor aus der Stadt versucht; aber der verschrieb dem geizigen Manne viel zu viel Medikamente, die ins Geld liefen. Man war also sehr bald von dem kostspieligen Medikus abgegangen und hatte sich Rat bei der Besprechfrau Tonchen geholt. Die hielt denn mit ihrer Weisheit nicht hinter dem Berge; die Folge ihrer Wunderkuren aber war, daß es jetzt, nach einem halben Jahre, schlimmer mit der Kranken stand, denn anfangs. – Schuhmacher Herklotz befand sich in keiner beneidenswerten Lage mit einer bettlägerigen Frau, und vier Kindern, von denen eins noch nicht aus dem Säuglingsalter heraus war. Die Not hatte ihren Höhepunkt erreicht, als Schwester Elisabeth in Breitendorf eintraf. Gerland war über die Zustände im Haufe des Schuhmachers wohl unterrichtet, aber er vermied es, die Schwester dort hinzuführen; aufdrängen wollte er sich dem Manne nicht, so wie sie zu einander standen. – Diesem Charakter gegenüber schien größte Vorsicht geboten. Der Geistliche beschloß, sich in diesem Falle suchen zu lassen. Gerland konnte sich daher einer gewissen Befriedigung nicht erwehren, als Herklotz eines Tages im Pfarrhause erschien und mit dem »Pfarrn« zu sprechen verlangte. Nach einigem Drucksen kam der Schuhmacher denn auch damit heraus, daß er sich die Gemeindeschwester zur Pflege seiner Frau ins Haus wünsche. Der Geistliche setzte ihm auseinander, daß die Schwester bereits aufs äußerste in Anspruch genommen sei, und daß sie in der nächsten Zeit kaum noch neue Patienten würde zu den alten übernehmen können. Der Buckelige stand da, den großen kahlen Kopf mit der unsauberen Platte gesenkt, so daß Gerland sein Mienenspiel nicht zu beobachten vermochte. »Ja, es wird jetzt beim besten Willen nichts zu machen sein, Meister Herklotz!« meinte der Geistliche. »Es ist doch wohl nur billig, wenn diejenigen, welche sich zuerst beworben haben, auch zuerst berücksichtigt werden. Hier, ich will Ihnen mal vorlesen, wo die Schwester jetzt überall pflegt und wie oft sie bereits vorgemerkt ist.« Er begann aus der Liste vorzutragen. »Sie sehen daraus, Herklotz, daß das Bedürfnis nach einer Gemeindeschwester in unserer Parochie ein großes ist.« – Gerland machte eine Pause; diese Pille mußte er seinem Widersacher doch zu kosten geben. »Die Schwester möchte sich zerreißen, soviel hat sie hier zu thun vorgefunden. – Aber ich will Sie vermerken auf der Liste. – Das ist alles, was ich gegenwärtig thun kann, Meister Herklotz.« Innerlich war Gerland längst mit sich im reinen, daß er Schwester Elisabeth veranlassen wolle, sich dieses Falles anzunehmen. Der Schuhmacher war offenbar mit dem erhaltenen Bescheide nicht zufrieden. Er blieb auf seinem Platze und drehte die schmutzige Kopfbedeckung in den Händen. Gerland blickte voll höchster Spannung auf ihn; würde der trotzige Geselle sich wirklich zu einer Bitte herbeilassen? Mit seinem schnarrenden Organ, das Gerland von der Gemeinderatssitzung her noch im Ohre klang, begann der Buckelige: »Is es etwan, und Se wulln mer de Diakunisse ne hergahn, weil'ch 's latzte Kind no ne zur Tofe gebracht habe?« Der junge Geistliche hatte in der Breitendorfer Stelle ja schon manch eigenartige Erfahrung gesammelt, aber diese Logik machte ihn zunächst doch stutzen. »Ich bitte Sie, Meister Herklotz, was hat denn das für einen Zusammenhang? Gewiß wünsche ich nichts sehnlicher, als daß mir die Kinder zur heiligen Taufe gebracht werden, aus freien Stücken von seiten der Eltern; und ich muß es Ihnen ganz offen sagen, Meister Herklotz, ich warte schon lange besorgten Herzens darauf, daß Sie mir nun auch Ihr Jüngstes endlich zur Taufe anmelden. Aber nie würde ich aus Ihrer bisherigen Versäumnis ein Recht dazu ableiten, Ihnen, oder gar Ihrer armen Frau, die Hilfe abzuschlagen, deren Sie bedürfen. – Ich glaube, Sie verkennen mich völlig, Herklotz! Ich fürchte beinahe, Sie hassen mich! Ich würde viel darum geben, wenn ich es wenigstens so weit brächte, daß Sie mich gerecht beurteilen. Wollen Sie denn nicht Vertrauen fassen zu Ihrem Pfarrer – Meister Herklotz?« Gerland war aufgestanden und hielt dem Manne hie Hand hin. Der Buckelige zögerte längere Zeit; dann schlug er, ohne aufzusehen, in die dargebotene Hand ein. Auf Gerlands Versprechen, daß er noch heute mit der Gemeindeschwester zu der Kranken kommen werde, hatte Herklotz kein Wort des Dankes. Und als er ging, war der Geistliche im Zweifel, ob er diesen Mann gewonnen, oder ob er sich ihn nur noch mehr zum Feinde gemacht habe. – An einem der nächsten Tage ging der junge Geistliche wieder nach Eichwald hinauf. Er vermied diesmal, von der Straße her seinen Eingang in Doktor Haußners Besitzung zu nehmen. Die neugierige Miene des öffnenden Mädchens war ihm lästig. – Das Dienstbotenvolk mußte bereits etwas gewittert haben; er wollte keinen Stoff zu Klatschereien geben. Vom Walde aus, in den der Garten des Arztes verlief, betrat er diesmal das Grundstück. Auf dem Wege hatte er sich bereits ausgemalt, wie er das Mädchen wohl antreffen möchte, unter welchem Vorwande er sie beiseite locken wolle. – Allerhand abenteuerliche Pläne entstiegen seiner erregten Phantasie. Es war am Vormittage. Der Garten lag vor ihm in hellem Sonnenlichte, als er aus dem Gehölze trat. Forschend ließ er seine Blicke nach allen Seiten gleiten; nirgends eine Spur von Gertrud! – Wenn er nur wenigstens Martha gefunden hatte, die würde schon Rat gewußt haben, – Er schritt langsam die mit Obstbäumen bepflanzte Rasenböschung hinab, dem Hause zu. Unten im Gemüsegarten arbeitete ein Mann; die weißen Hemdsärmel leuchteten weithin, die Schollen flogen vor seinen kräftigen Armen – er wandte dem Geistlichen den Rücken. Jetzt, wo er sich aufrichtete, um zu verschnaufen, hatte ihn Gerland erkannt. – Der Arzt grub seine Gemüsebeete um. Gerland zauderte. Es war noch immer Zeit, umzukehren und ungesehen im Walde zu verschwinden. Aber weshalb dem Manne aus dem Wege gehen? – Einmal mußte der Zwist ja doch ausgetragen werden zwischen ihm und jenem. Alles erträglicher, als dieser Zustand der Unklarheit und des Mißtrauens! Gerland näherte sich dem arbeitenden Manne, machte absichtlich ein Geräusch, um seine Aufmerksamkeit zu erregen. Der Arzt wandte sich, und Gerland brachte seinen Gruß an. Haußner maß ihn mit wenig erfreuter Miene und brummte irgend etwas, das ebensogut eine Verwünschung wie eine Begrüßung bedeuten konnte, in den Bart. Gerland kannte den merkwürdigen Mann nun doch schon zur Genüge, um sich durch solche Rauheit der Manieren nicht irre führen zu lassen. ›Er ist Gertruds Vater!‹ dieser Gedanke war es, der ihn immer und immer wieder die beleidigende Schroffheit übersehen ließ, deren sich der Arzt mit einer gewissen Absichtlichkeit ihm gegenüber befliß – Im Grunde konnte er sich eines Gefühls tiefer Zuneigung zu diesem Sonderling nicht erwehren. Viel, sehr viel würde er darum gegeben haben, wenn er sich Haußners Achtung hätte erwerben können. Der Arzt schien sich durch die Gegenwart des Geistlichen nicht im geringsten in seiner Arbeit stören lassen zu wollen. Mit kräftigen Spatenstichen fuhr er fort, das dunkle, speckglänzende Erdreich umzulegen. Den jungen Mann reizte es, zu beweisen, daß auch ihm solche Arbeit nichts Fremdes sei. In der Nähe erblickte er einen Schubkarren mit Werkzeugen. Er suchte sich eine Stichschaufel heraus, legte seinen schwarzen Rock ab und stellte sich, ohne ein Wort der Erklärung zu geben, neben den Arzt. Bald flogen seine Erdschollen mit denen Haußners um die Wette. Vor ihnen am Boden stand ein Blumentopf; Gerland bemerkte, daß der Arzt die Larven, Würmer und Käfer, die beim Umgraben aufgeworfen wurden, in diesem Behälter sammle. Der Geistliche begriff zwar nicht, zu welchem Zwecke dies geschehe, aber er begann ebenfalls, das Gewürm sorgfältig aufzulesen und in den Topf zu werfen, wie er es von dem andern sah. Nach einiger Zeit stach der Arzt seinen Spaten in den Boden und stand mit verschränkten Armen. Gerland fühlte, daß der Blick des Mannes auf ihm ruhe. Er that nicht desgleichen – arbeitete ruhig weiter. »Das hätte ich mir auch nicht träumen lassen,« sagte Haußner plötzlich, »daß ich mal einen Geistlichen zum Gartenjungen haben würde.« – Es war das erste Mal, daß Gerland eine launige Bemerkung von diesem Munde vernahm. – Kein schlechtes Zeichen, wie ihm deuchte! – Er blickte auf und sah, daß die Augen des bärtigen Mannes auf ihn gerichtet waren, nicht unfreundlich, so kam es ihm vor. Unwillkürlich lächelte Gerland. Der Arzt bückte sich nach dem Blumentopf, dessen Inhalt er prüfte. »Gestatten Sie mir die Frage, Herr Haußner,« meinte Gerland, »was haben Sie mit diesen Würmern eigentlich vor?« »Damit füttere ich meine Fische!« war die Antwort. Das gab dem Geistlichen willkommenen Anlaß zu weiteren Fragen. »Wenn Sie 's interessiert, können Sie sich meine Pfützen – Teiche wäre ein zu großartiger Ausdruck – mal ansehen.« Natürlich war Gerland mit größtem Vergnügen dazu bereit. – Im Innern frohlockte er. Der alte Isegrimm fing endlich an, sein rauhes Fell abzulegen. Sie betraten einen abgelegenen Teil des Grundstückes, von dessen Existenz Gerland bisher nichts geahnt hatte. Durch Wiesen eilte ein Wässerchen zu Thale; an verschiedenen Stellen war der Bach mittelst Querdämmen zu kleinen Teichen angespannt. Gerland erkundigte sich nach dem Ursprung dieser Anlage und erfuhr, daß sie Haußners eigenstes Werk sei. Sie traten auf den Damm des untersten Teiches. Der Arzt begann den Inhalt des Topfes stückweise auszuwerfen. Jetzt wurde Leben in dem krystallhellen Wasser. Blitzschnell sah Gerland eine Anzahl Fische herbeischießen. Kaum hatte der Wurm, oder der Engerling den Wasserspiegel berührt, so verschwand er auch schon in einem leichten Wellengekräusel. Man ging zum nächsten Teiche, wo sich dasselbe Schauspiel wiederholte. Gerland fragte, welche Fischarten der Arzt züchte. – »Salmoniden,« meinte Haußner, »Forellen, Saiblinge, Äschen, – die gedeihen in unserem kalten Gebirgswasser am besten.« »Sind weiter oben keine Fische?« fragte Gerland, da er bemerkte, daß Haußner den Inhalt des Topfes ausgeleert hatte, noch ehe man zum letzten Teiche gekommen war. »Nein! Dort habe ich eine Art von Beobachtungsstation angelegt.« Sie waren an den obersten Teich gekommen, in dessen klarer Flut Wasserpflanzen aller Art einen hellgrünen Filz bildeten. »Sehen Sie, hier ist mein Observatorium!« sagte Haußner. Gerland bat um Erläuterung, worauf sich die Beobachtungen des Arztes erstreckten. »Es handelt sich um den Übergang der organischen Materie von einem Lebewesen zum andern. – Eines der interessantesten Probleme der Biologie! Und nirgends kommt man vielleicht der Lösung dieser Frage nahe, wie bei der niederen Tierfauna des Süßwassers; weil die Struktur gerade dieser Lebewesen die denkbar primitivste ist.« – Der Arzt zog mit einem gekrümmten Aste, den er vom Boden aufgehoben hatte, einige Wasserpflanzen zur Oberfläche; dann nahm er die triefenden Stengel auf die Handfläche. »Sehen Sie 'mal hier – es wimmelt! – Mit dem bloßen Auge sieht man da schon manches. – Wirklich sehen, wissenschaftlich sehen, kann man natürlich nur mit dem Mikroskop.« – Gerland sah mit Staunen eine Menge kleiner Lebewesen: Käfer, Schnecken, Larven, Würmer, in der schleimigen Masse herumkriechen. Haußner hatte eine Lupe hervorgeholt und musterte damit den Inhalt seines Handtellers. »Seien Sie so gut, halten Sie mir das 'mal!« sagte er plötzlich und legte dem Geistlichen den nassen Zopf in die Hand. »Hier ist gerade eine Rhabdocölidenspezies, die ich suche.« Er holte eine Pinzette und ein Fläschchen mit heller Flüssigkeit aus seinen Rocktaschen hervor. Das Fläschchen entkorkte er mit den Zähnen. »So!« – Nun suchte er von neuem mit der Lupe. »Hier steckt sie.« Der Fang schien geglückt. Gerland sah, wie er das Tierchen in die Flasche warf, wo es, ein kleiner grünlicher Punkt, zu Boden sank. – – Der Geistliche fühlte es mit geheimer Wonne, daß er Gertruds Vater im Laufe der letzten Stunde um vieles näher gekommen sei. – Beziehungen harmlosester Natur hatten sich zwischen den beiden Männern angeknüpft. Der Arzt hatte endlich einmal in dem Geistlichen den Menschen anerkannt. XVI. Sehnsüchtig wartete der Pfarrer von Breitendorf am Sonntage in der Sakristei, daß sich gegenüber in der Loge ein paar wohlbekannte Frauengesichter zeigen möchten. Schon hatte er vom Altare aus das Apostolikum gesprochen, und die Gemeinde war beim zweiten Liede, als endlich Martha Herberges spitzes Näschen neugierig über die Logenbrüstung guckte. Für einen Moment erhaschte Gerlands suchendes Auge dann auch ein liebliches Gesichtsoval unter blondem Haar, und ein Augenpaar, das sich schamhaft vor seinem Blicke senkte. Gedanken recht weltlicher Natur waren es, die den jungen Geistlichen beschäftigten, während er die Stufen der Kanzel hinaufschritt. Kopf an Kopf drängten sich die Zuhörer im Schiff und auf den Emporen. Es hieß sich sammeln; die Gemeinde verlangte ihre Predigt. Vor den beiden Frauen dort in der Loge wollte er auch nicht schlecht bestehen – er raffte sich zusammen, konzentrierte alle Kräfte auf seine Aufgabe. In üblicher Weise verlas er das Evangelium, während sich die Gemeinde rauschend erhob, wie ein Mann, um stehend das Bibelwort anzuhören. Aber selbst in die Verlesung des heiligen Schrifttextes hinein glitten ihm Gedanken an jenes Augenpaar da drüben, das er jetzt auf sich gerichtet wußte. Er fühlte die Gegenwart seines lieben Mädchens – etwas von ihr schien sich der Luft mitgeteilt zu haben – er wußte sich in ihrer Atmosphäre. Die Gemeinde merkte nichts von dem Kampf mit allerhand zerstreuenden Gedanken, den der Geistliche da oben ausfocht, während er ihnen mit klarer Stimme, fließend und eindringlich wie nur je, das Wort Gottes auslegte. Gerland mußte sich Gewalt anthun, mit der Fürbitte, den Danksagungen und Abkündigungen nicht allzusehr zu eilen. Sein Herz bebte vor ungeduldigem Verlangen, ihre Hand zu drücken, von ihrem süßen Munde den Morgengruß zu vernehmen. Nachdem er den Segen gegeben, während die Gemeinde die letzten Strophen des Schlußliedes sang, eilte er aus der Sakristei. Heute schritt er nicht, wie sonst, sofort zum Pfarrhause hinüber, vielmehr wartete er in der Nähe des Hauptausganges, bis die beiden die Kirche verlassen würden. Dort kamen sie endlich, im Strome der andern Kirchgänger langsam vorrückend. Martha grüßte ihn schon von weitem durch Kopfnicken. Gertrud blickte vor sich – kaum, daß sie seinen Gruß erwiderte; die Hand reichte sie ihm wohl, halb gezwungen, aber einen Blick konnte er nicht von ihr erhaschen, – Störte sie die Anwesenheit so vieler Menschen? Er führte die beiden Frauen aus der Menge heraus. Klopfenden Herzens brachte er eine Einladung vor, im Pfarrhause einen kleinen Imbiß anzunehmen. Eigenhändig hatte er den Tisch gedeckt und alles zurecht gestellt, ehe er zur Kirche ging: den Tokayer und die böhmischen Oblaten, welche ihm neulich die Schwester aus der Stadt zugeschickt. »Das ist ja reizend!« rief Martha in Ekstase. »Nach der Kirche hat man immer Appetit; das bringt, glaube ich, eine gute Predigt so mit sich. Erst Speise für die Seele, dann für den Leib! – Was meinst du, Trudel? – Zu nett vom Herrn Pfarrer, so an uns zu denken – nicht wahr? Wir nehmen's dankend an. Der Papa wird zwar böse sein – wir machen ihm irgend was vor. Was ist denn weiter dabei, 'mal bißchen zum Herrn Pastor nach der Kirche. Mir wurde schwach, werde ich sagen, ich brauchte eine Nervenstärkung; das ist außerdem auch wirklich wahr! Ich bin noch gar nicht ganz hergestellt von neulich.« – Über solchen Reden des alten Mädchens war man zum Pfarrgarten gekommen. Gerland öffnete die kleine aus Holzstengeln gezimmerte Thür. »Trudel, wie wird uns!« rief Martha, »zum ersten Male sollst du diese Schwelle überschreiten. Denke nur, das Pfarrhaus! – Das Haus, wo Pfarrer Gerland wohnt. – Ach, Kinder, Kinder, daß ich das noch erlebe!« – Sie war bereits voraus gehüpft. »Ach, sieh nur, Trudel, das allerliebste Gärtchen! Das besorgt der gute Pastor alles selbst. Später wirst du ihm dabei helfen – nicht wahr? – Komm doch, Kind!« Gertrud stand noch immer außerhalb der Thür, zaudernd. Gerland sah mit Befremden, daß sich in ihren Mienen etwas, wie Widerwillen, ausdrückte. Sie blickte zu Boden und rührte sich nicht. »Trudel, mein Herzchen! – So komm doch herein! – Was steht du denn da, wie Petrus von ferne?« – Martha faßte das Mädchen an der Hand, und wollte sie hineinziehen; aber Gertrud schüttelte den Kopf. »Trudchen – aber stell' dich doch nicht so an! Du betrübst ja den guten Herrn Pastor.« Gertrud machte ihre Hand frei; sie schüttelte den Kopf von neuem. Ein paar Thränen fielen dabei auf ihre Wangen. Blitzschnell wandte sie sich, und ging. »Kind – was soll das bedeuten!« Martha lief der Nichte nach. Gerland stand wie vom Donner gerührt. Hatte er das Mädchen beleidigt? Wollte sie nichts mehr von ihm wissen, war sie launisch? Martha kam noch einmal zu ihm zurück. Die gute Seele wollte ihren Freund trösten. »Es ist nichts! Machen Sie sich nur keine Sorgen, Herr Pastor. – Ich bringe das ins Gleiche.« Dann, schon halb auf dem Sprunge zu Gertrud zurück, rief sie ihm noch zu: »Ich sage Ihnen, es wird nicht eher gut, bis sie nicht getauft ist.« – Mit trüber Miene schloß der junge Geistliche seinen Tokayer und die böhmischen Oblaten weg. Gertrud liebte ihn nicht – ihr Jawort reute sie – deutlich hatte sie es ihm zu verstehen gegeben. Wo waren nun alle seine Hoffnungen? Er, der schon im stillen mit dem Gedanken geliebäugelt hatte, demnächst die Verlobungsringe anzuschaffen. – Weinen hätte er mögen; denn begehrenswerter denn je erschien ihm das Mädchen. Er war noch nicht kalt geworden von der verstohlenen Szene in der Gartenlaube; von neuem siedete sein Blut, bei den Gedanken an jene Abendstunde. Es war ihm, als fühle er Frauenarme um seinen Nacken, ihren bebenden Leib an den seinen geschmiegt – den Hauch ihrer Lippen ihn umwehen. War es denn möglich! Ein Mädchen, das sich so hingegeben – und jetzt – als habe sie nur gespielt! – Es war doch vielleicht nur Laune, irgend eine kindische Grille. – War es ihre jungfräuliche Spröde, die sich aufgelehnt hatte – vielleicht nur Verlegenheit – weibliche Schamhaftigkeit, oder eine Mischung von alledem? Wer konnte denn wissen, was in einer solchen Mädchenseele vor sich ging. Gerland empfand es auf einmal wie eine Lücke, daß er so wenig mit dem innersten Wesen derjenigen vertraut war, die er schon seine Braut genannt hatte. Was wußte er denn eigentlich über ihren Charakter? – Daß sie ein liebes, süßes Ding war. – Das herauszufinden, hatte es eben nicht besonderer Menschenkenntnis bedurft, das hatten ihn seine Sinne gelehrt. Aber von der Seele, die in diesem reizenden, unentweihten Frauenkörper wohnte – wußte er von der etwas? Er hatte Ahnungen und Vermutungen, aber nicht mehr. – Beobachtungen hat er wohl gemacht, aber sie widersprachen sich. Einiges, was er an dem Mädchen erlebt, ließ auf die edelsten Herzenseigenschaften schließen: Menschenliebe, Opferfreudigkeit, Frömmigkeit. Aber dann hatte er wieder anderes an ihr gesehen, was ihm sagen mußte, daß sie eine Evastochter sei, wie andere. – Hatte sie denn nicht, zum Beispiel, den eignen Vater mehr als einmal hintergangen, um mit dem Geliebten heimlich zusammen zu kommen? Lag darin nicht Leichtsinn, Undankbarkeit, ja Falschheit? – Und woher wußte er denn, daß sie treu sei? Freilich, ihre guten Augen und ihr offenes, jede Regung ehrlich wiederspiegelndes Gesicht sprachen dafür – jedoch, wie viele Männer hatte weibliche Taubenmiene nicht schon getauscht? – Sprach nicht ihr Benehmen am heutigen Morgen dafür, daß sie launisch und wetterwendisch sei? – Vielleicht war ihre Hingabe nichts weiter gewesen, als eine schnell verflogene Sinnlichkeit, an der die Seele keinen Anteil hatte? Je länger er nachdachte, desto klarer wurde es Gerland, daß er gehandelt habe, wie ein Knabe. Mit verbundenen Augen war er in die Verlobung hineingegangen, als handele es sich um ein Spiel und nicht um die wichtigste Angelegenheit des Lebens. Von Frauen hatte er sich gängeln lassen. Der junge Mann dachte in dieser Stunde innerer Einkehr über vieles nach, was in der letzten Zeit um ihn und mit ihm geschehen. Schweres mußte er sich vorwerfen. In diesem Augenblick herbster Selbstanklage erschien ihm sein Verhalten wie Frivolität. Wußte er denn überhaupt, wie Gertrud innerlich zur größten aller Fragen stand: zur Religion? Daß sie neuerdings die Kirche besuchte, in Marthas Begleitung, daß sie in seinem Neuen Testamente las, bewies gar nichts. Welchen Faktor in dem Leben des Mädchens bildete Gott? – Konnte er sich auf diese schwerwiegende Frage eine nur annähernd befriedigende Antwort geben? – Er wurde dabei unwillkürlich an Marthas letzte Worte erinnert: »Es wird nicht eher gut, bis sie nicht getauft ist.« – Beinahe komisch war es gewesen, wie das alte Mädchen das so in der Hast hervorgestoßen hatte. – Aber sie hatte recht. Gertruds Taufe! – Darauf kam jetzt alles an; das war der Angelpunkt aller Fragen. Davon hing ab, ob er im Amte bleiben könne. Also hing auch davon ab, ob er das Mädchen heiraten würde. – Nein! Ob er Gertrud heiraten würde, das hing davon nicht ab. Diese Frage trat zurück hinter einer anderen, weit größeren: war sie das, wofür er sie hielt? – Und eine Ahnung, die der Gewißheit nahe kam, fügte ihm, daß sie noch besser sei, als all das Gute, was er von ihr dachte – dann mußte sie die Seine werden. Wenn es nicht anders ging, würde er sie auch ungetauft heiraten. Er ging im Zimmer auf und ab, tief erregt, aber zufrieden mit sich. Ein Gefühl, wie es uns dann überkommt, wenn wir einer Lebensfrage furchtlos ins Angesicht geblickt haben. – Den Nachmittag hatte sich Gerland für einen Spaziergang frei gehalten; aber dieser Plan wurde vereitelt. Als er das Zimmer verlassen wollte, trat Dornig auf. Hochwürden von Färbersbach fragte sehr bald, nachdem er sich in Gerlands bequemsten Lehnstuhl niedergelassen hatte, ob nicht was zu rauchen da sei. Sobald Gerland diesen Wunsch des Amtsbruders erfüllt hatte, klagte der dicke Mann über Durst. Wehmütig resigniert gab Gerland seinen Tokayer preis, der für ganz andere Lippen bestimmt gewesen war. Dornig schlürfte ein Glas nach dem andern behaglich hinunter, lobte das Getränk, fragte nach dem Preise der Cigarren und hüllte nach und nach das Zimmer in eine weißliche Dampfwolke. Die Hoffnung war gering, daß er seinen Posten im Lehnstuhl sobald aufgeben werde, und Gerland sah die Möglichkeit eines Spazierganges immer hinfälliger werden. Daß Pfarrer Dornig den weiten Weg von Färbersbach nach Breitendorf ohne zwingenden Anlaß zurückgelegt habe, war nicht anzunehmen. Nach einem bedeutungsvollen Räuspern begann Dornig: »Höre mal, Gerland, da ist eine Anfrage an mich herangetreten – die Sache ist mir eigentlich recht fatal – du wirst wohl wissen, daß eine gewisse Frau Finke in deiner Parochie kürzlich niedergekommen ist.« »Jawohl! Es ist ein Knabe – drei Wochen alt ungefähr.« »Ganz recht! – Also besagten Knaben zu taufen, bin ich gebeten worden. – Ich will dir auch gleich erzählen, wie das gekommen ist: Frau Finke hat Verwandte in Färbersbach, sie stammt aus einer sehr begüterten Familie – Seifenfabrikanten – du weißt wohl?« »Um dergleichen kümmere ich mich wenig.« – »Ja – und dann ist ja wohl auch irgend etwas vorgefallen zwischen dir und den Finkes – nicht wahr? – Differenzen, bei Gelegenheit eines Begräbnisses. – Ich habe so was gehört.« – »Den Leichenschmaus, habe ich abgeschlagen, das war alles!« »Schön schön! – Mich geht das ja gar nichts an. Jedenfalls hat mich der junge Finke neulich ersucht, die Taufe bei seinem Jungen zu übernehmen – was ich dir hiermit mitgeteilt haben wollte. Die Sache ist mir natürlich fatal, weil 's in deiner Parochie ist – aber, was will man machen? Außerdem dachte ich, dir ein unangenehmes Tete-a-tete ersparen zu können. Sie haben nämlich das Ehepaar Wenzel zu Gevatter gebeten. – Ja, denke dir nur! Die Frauen sind eng befreundet, noch von damals her, als Wenzels beide hier waren – du weißt ja! Na – als ich das hörte, dachte ich dir einen Gefallen zu thun, und nahm an. Schwierigkeiten wirst du mir wohl nicht machen?« – Natürlich war es Gerland nur lieb, nicht mit seinem früheren Kantor und der ehemaligen Pastorswitwe zusammen geführt zu werden. Auch sehnte er sich nicht im geringsten danach, mit dem Finkebauern und seinem Anhang irgend etwas zu thun zu haben. Anderseits verdroß es ihn doch, daß er von der Absicht der Eltern, das Kind von einem Auswärtigen taufen zu lassen, auf diese Weise erfahren mußte. Eine Meldung des Vaters beim Parochus wäre auf alle Fälle das Richtigere gewesen. Die unangenehme Empfindung unterdrückend, sprach er mit dem Amtsbruder alles durch, was der Fall erforderte. Kirche, Altar, Gefäße, Becken, Küster sollten am betreffenden Tage zur Amtshandlung bereit sein. »Du kommst freilich um einen großartigen Taufschmaus,« meinte Dornig. – Es war schwer zu sagen, meinte er das ernsthaft oder ironisch. – »Finke will sich vor den Verwandten seiner Frau nicht blamieren; er hat sich tüchtig in die Hände gespuckt. – Der Champagner ist in Berlin bestellt, wie man hört.« Gerland war dem andern nun doch von ganzem Herzen dankbar, daß er ihn von der peinlichen Alternative befreit hatte, ein solches Fest mitzumachen, oder diese ganze Sippschaft durch eine Ablehnung von neuem vor den Kopf zu stoßen. Dornig erhob sich dann bald. Mit einem entsagenden Blicke auf den Rest in der Tokayerflasche, meinte er, er werde wohl heute noch manches zu sich nehmen müssen. »Wo willst du denn noch hin?« fragte Gerland. »Nun, zu den Finkes. – Wir müssen doch noch allerhand durchsprechen, wegen der Taufrede und dergleichen.« Pfarrer Gerland hatte sein dem Schuhmacher Herklotz gegebenes Versprechen gehalten. Schwester Elisabeth war bei der kranken Frau als Pflegerin angetreten. Sie fand keine leichte Aufgabe vor; es galt nicht nur für die bettlägerige Wöchnerin zu sorgen, der Säugling, der keine Nahrung mehr bei der Mutter fand, wollte abgewartet sein, die drei anderen Kinder, denen seit Monaten schon die mütterliche Pflege gefehlt, mußten gereinigt und besorgt werden. Wiederum hatte der Geistliche Gelegenheit, die sanfte Thatkraft der Schwester zu bewundern. Vor wenigen Tagen erst hatte sie den Fuß über diese Schwelle gesetzt, und schon zeigten die Kranke, die Kinder und das Zimmer ein ganz anderes, menschenwürdiges Ansehen. Die Familie wohnte, schlief und aß in einem Raume. In der Kammer nebenan hatte der Schuhmacher seine Werkstatt. Er saß da auf seinem Schemel zusammengehockt, über und über beschmiert mit Pech und Fett, in einer widerlichen Atmosphäre von Schusterleim und Leder, hämmernd und flickend. Trotz seiner dürftigen Lage fehlte die Zeitung oder eine Broschüre selten neben dem Platze des Buckeligen. Die Anwesenheit der Diakonisse in seinem Hause ignorierte der Mann. Er ließ sie arbeiten und schaffen, ohne es für nötig zu finden, je ein Wort des Dankes an das Mädchen zu richten. Die Besuche des Geistlichen ertrug er mit mürrischer Miene. Jede ihm erwiesene Wohlthat schien Herklotz als persönliche Beleidigung aufzufassen. Er gehörte zu jener Art verbitterter Käuze, welche nichts grimmiger hassen, als die Bethätigung menschlichen Edelmuts; weil solche Erscheinungen seiner pessimistischen Auffassung von Welt und Leben nicht entsprachen. Um so mehr konnte sich Gerland an der innigen Dankbarkeit erfreuen, welche die Frau ihren Helfern entgegenbrachte. Sie war ehemals frisch und gesund gewesen, jetzt verwahrlost, an Körper und Geist heruntergekommen. – Wunderbar war es, wie ihr versunkenes Gemüt, als der Zauberstab menschlichen Mitleids es berührte, aus dumpfem Schlafe erwachte. Trotz Schwester Elisabeths eifriger Pflege wollte es mit ihrem körperlichen Zustande nicht recht vorwärts gehen, die Diakonisse sprach dem Geistlichen gegenüber die ernstesten Befürchtungen für die Kranke aus. Gerland begann die Frage zu erwägen, ob ein Arzt zu konsultieren sei. Ehe er zu Doktor Herzner in Färbersbach schickte, nahm er noch einmal Rücksprache mit dem Ehemann der Kranken. Herklotz meinte, er habe bereits genug Geld für Medizin und Kurkosten zum Fenster hinausgeworfen; Doktoren, das sei nur eine Einrichtung für die Reichen. Gerland machte dem Manne folgenden Vorschlag: er wolle den Doktor einstweilen aus der eignen Tasche bezahlen; Herklotz könne es ihm später, wenn er bei Kasse sei, abtragen. Der Buckelige erwiderte darauf nichts; nur der verbissene Mund und der heimtückisch gehässige Blick ließen ahnen, wie er das Angebot im Innern beurteile. – Der Geistliche schrieb also an Doktor Herzner und bat ihn, herüber zu kommen. Der Färbersbacher Doktor ließ nicht lange auf sich warten; an einem der nächsten Tage kam er zu Fuß an. In seiner Begleitung befand sich Dornig. »Nun!« meinte Gerland, da er den Amtsbruder zum zweiten Male in wenigen Tagen über seine Schwelle treten sah, »du kommst wohl, um den Rest Tokayer bei mir auszutrinken, Dornig?« »Breitendorf hat jetzt ganz besondere Anziehungskraft für den,« bemerkte Doktor Herzner mit schelmischem Augenzwinkern. »Wollen Sie gleich still sein!« schrie Dornig, und faßte dem Arzte nach der Kehle. – Es gab eine regelrechte Katzbalgerei zwischen den beiden, in welcher der fette Pastor vor dem sehnigen Doktor bald den kürzeren zog Gerland achtete nicht besonders auf den Zwist, da er es schon gewohnt war, die beiden sich in den Haaren liegen zu sehen. Man begab sich auf Gerlands Wunsch sofort zu der Wöchnerin. Dornig trennte sich auf dem Wege von den beiden. »Schon wieder zu den Finkes?« fragte Gerland. Dornig bejahte mit schlecht verhehlter Verlegenheit. »Er ist hinter einer Schürze her!« sagte der Arzt, sobald Dornig außer Hörweite war. »Dornig!« rief Gerland erstaunt. »Haben Sie nicht bemerkt vorhin, wie er sich das Haar glatt strich vor Ihrem Spiegel. – Und neulich hat er mich ausgehorcht, wie man wohl am schnellsten mager werden könne, ja ja! – Er geht auf Freiersfüßen, der dicke Dornig. – Sie stammt aus Färbersbach. Es scheint em tüchtiger Batzen Geld dahinter zu stecken. Seifenfabrikant ist der Alte. Ihre Schwester ist hier an einen gewissen Gutsbesitzer Finke verheiratet, bei dem die Betreffende gegenwärtig lebt. – Das Goldfischchen will er sich angeln!« – In der Dorfstraße kam ihnen die Diakonisse entgegen. Freundlich lächelte ihr Gesichtchen unter der Schwesterhaube hervor. Man forderte die Schwester auf, sofort mitzukommen. Unterwegs ließ sich der Arzt das Leiden der Patientin beschreiben. Gerland befremdete die Unverfrorenheit, mit der Herzner das junge Mädchen nach allen Details der heiklen Krankheitsgeschichte ausfragte; aber noch mehr erstaunte ihn die ruhige, natürliche, jeden unanständigen Gedanken von vornherein ausschließende Art und Weise, in der die Schwester Antwort stand. Man betrat das Haus; der Arzt machte sich sofort an die Untersuchung. Sie dauerte lange und schien äußerst qualvoll für die Kranke. Herzner war mit dem, was die Schwester bisher gethan, zufrieden. Dann schrieb er ein Rezept, das er dem Geistlichen zeigte. »Um ihr das Sterben zu erleichtern,« erklärte er. XVII. Martha und Gertrud saßen auf der Rasenbank im oberen Teile der Gartenanlage, mit Handarbeit beschäftigt. Die Zungen der beiden Mädchen gingen mindestens ebenso flink, wie ihre Nadeln. Das Gespräch stand wieder einmal bei Pfarrer Gerland. Immer noch einmal mußte Martha Herberge erzählen, was sie von der Jugendzeit des Geistlichen wußte. Und war es nun, daß Martha wirklich ein so gutes Gedächtnis besaß, oder half hier ihre blühende Phantasie ein wenig nach – kurz, immer neue Anekdoten kamen zum Vorschein, deren Held Willy Gerland war. Von seiner Mutter und von seinen Schwestern wußte das alte Mädchen ebenfalls zu erzählen. »An die mußt du einmal schreiben, Trudel – hörst du!« sagte Martha, vom Nähen aufsehend, »versteht sich, erst wenn es soweit ist.« – Gertrud errötete, wie es ihr manchmal scheinbar grundlos passierte, bis unter das helle Haar, und ließ, über die Stickerei gebeugt, die Nadel hastiger gehen. Martha betrachtete die Nichte verständnisvoll lächelnd. »Er wird schon heute kommen, Trudel!« sagte sie nach einiger Zeit. »Ich glaub's bestimmt.« »Meinst du?« antwortete die Junge kaum vernehmbar. »Wie ich ihn kenne, hält er's nicht länger aus. Daß du neulich so wegliefst, hat ihn natürlich betrübt; aber böse ist er dir gewiß nicht – dazu ist er ja viel zu gut.« Eine Pause trat ein. Weiche, grasduftende Sommerluft umfächelte die beiden und bewegte die Haare und Härchen in Gertruds Nacken, die ohne Hut, im farbigen Musselinkleide, unter Blumen wie eine Schwester saß. »Ich hab's schon der Köchin gesagt,« fuhr Martha fort, »wenn er kommt, soll er gleich hierherauf gewiesen werden. Es ist gar nicht nötig, daß er erst deinem Vater in die Hände läuft – verstehst du!« Eine ganze Weile gingen nun wieder die Nadeln; dann hielt die Ältere inne. »Kind, wie wär's, wenn ich dich ein bißchen im Katechismus überhörte? –Hast du 'was Neues dazu gelernt, seit neulich?« »Jawohl Tante – gestern abend im Bette.« »Ach, du gutes Ding!« – Martha zog ein kleines graues Buch aus der Tasche, das sie aufschlug. »Wie weit bist du gekommen?« »Das vierte Hauptstück fertig.« »Was, das ganze vierte Hauptstück an einem Abend!« »Jawohl Tante!« »Nun, – da wollen wir mal sehen.« Martha begann zu überhören. Mit ihrer zarten Stimme, ein wenig singend, wie Kinder auswendig Gelerntes wiederzugeben pflegen, sagte Gertrud das Hauptstück auf. »Höre mal, Kind, das geht ja wie am Schnürchen!« – rief Martha, als das Amen heraus war. »Welche Freude der liebe Pastor da haben wird! Damit überraschen wir ihn eines Tages. Was für Augen wird er da aufreißen, der Gute, – ich sehe ihn schon! – Jetzt sage mir mal schnell noch den dritten Artikel her. Im Schlafen und Wachen muß der Christ seinen Glauben auswendig hersagen können. Kind, du beschämst manchen Konfirmanden. – Und was noch etwa fehlen sollte, das wirst du schon von ihm lernen. – Trudel, habt ihr denn eigentlich schon darüber gesprochen, wie ihr euch das alles denkt?« Gertrud blickte weg. Ihr Gesicht nahm wieder jenen halb verlegenen, halb eigensinnigen Ausdruck an, wie neulich. – Die Thränen waren ihr nahe. Marthas schnelles Auge erfaßte sofort diese Symptome und wußte sie zu deuten. »Na, Trudel, laß nur gut sein! – Ich sage weiter nichts; das sind schließlich deine Privatsachen. – Aber, – weißt du, sprechen müßt ihr doch einmal darüber.« – Sie griff nach dem Arm der Nichte, den sie streichelte. »Herzchen – ach, du Herzchen!« – Sie zog das Mädchen an sich und flüsterte ihr ins Ohr: »Wie nennt er dich denn, Trudel – wenn ihr allein seid – was – wie?« Mit einem Male hielt Martha inne. »Trudel – ich glaube, dort kommt er!« Sie war aufgesprungen und wies in die Richtung nach dem Hause. In der That kam dort Gerland durch die Obstanlage heraufgeschritten. »Wir müssen uns ordentlich machen!« Sie strich sich und der andren das Haar glatt, und zupfte und nestelte an dem Kleide der Nichte herum. Dabei bemerkte sie, daß Gertrud zitterte. »Was hast du, Kind? – Unsinn! – Soll's etwa wieder so werden wie neulich, vorm Pfarrhause? – Weglaufen! Stell' dich doch nicht so an!« »Ach, Tante! – ich weiß nicht –« »Trudel, sei vernünftig!« Gerland war inzwischen herangekommen. Martha that ihr möglichstes, um den beiden, die so gern zu einander wollten und sich dabei so unbeholfen anstellten, über die linkischen Annäherungsversuche hinweg zu helfen. Der Geistliche hatte einige Blumen mitgebracht, zu einem Sträußchen zusammen gebunden, die er Gertrud mit einer steifen Verbeugung überreichte. Das Mädchen nahm sie errötend an, fand aber kein Wort des Dankes. Dafür brach Martha sofort in entzückten Jubel aus. »Nein, sieh nur Trudel! Die reizenden Blumen! – Aus dem Pfarrgarten – nicht wahr? Welch allerliebste Aufmerksamkeit! – Wir haben übrigens auch etwas für Sie, Herr Pfarrer! Ja, ja, eine Überraschung – nicht wahr, Trudelchen?« Sie sprach ein paar heimliche Worte zu der Nichte – ihr zuredend; bis Gertrud hastig in den Nähkorb griff und etwas in Seidenpapier Gewickeltes hervor holte. Von Martha geleitet, überreichte das Mädchen mit gesenkten Augen, purpurübergossen, ihrem Bräutigam das erste Angebinde. – Es war ein Buchzeichen. »Das soll für mich sein?« fragte Gerland. Martha antwortete für die Nichte: »Jawohl, für Sie – von Gertrud eigenhändig gestickt. In die Bibel zu legen, – daß Sie immer der Geberin gedenken möchten, so oft Sie, das heilige Buch aufschlagen.« »Und das haben Sie selbst gearbeitet?« – meinte Gerland, in seiner Befangenheit nicht einmal das »du« findend. »Solch seine Schrift!« »Ja – und sehen Sie denn auch, womit es gestickt ist? – Fällt Ihnen gar nichts auf?« – rief Martha Herberge, mit bedeutungsvollem Blicke. »Sind es nicht Haare?« »Jawohl! – Aber – wessen Haare? – Sie können es doch wohl nicht finden. – Sehen Sie, es ist beinahe Gertruds Haarfarbe und doch nicht ganz. – Ahnen Sie nun etwas?« »Von, Gertruds Mutter?« fragte Gerland mit gedämpfter Stimme. Martha konnte auf einmal nicht antworten. Sie nickte und mußte schnell wegblicken. . Der Geistliche griff nach Gertruds Hand. Endlich fand er den rechten Ton. Dann saßen sie auf der Rasenbank, das Brautpaar Hand in Hand. Zu ihren Füßen lag das Dorf in Hellem Vormittagssonnenschein. Eingebettet in das Grün seiner Gärten und Bäume, schmiegte es sich in die tiefste Falte des Thales. Das Getreide stand schon wieder zur Ernte an, der Wind trieb die Kornflächen in langen, silbernen Wogen vor sich her – willig beugten sich die Millionen Häupter dem Atem des Himmels. Es flimmerte in der Luft, im Grase zirpten heimliche Musikanten. Ein Pfauenauge wirbelte durch die Luft und ließ sich vor den Füßen der Sitzenden nieder – die fantastisch geschmückten Flügel ausbreitend, bald die Pracht wieder einpackend, indem es die unscheinbare Kehrseite zeigte. Gerland, der jetzt kühner als zuvor, einen Arm um Gertrud gelegt hatte, fühlte durch das leichte Sommerkleid ihren jungen Leib – wie das gleichmäßige Auf und Ab der Atemzüge ihn sanft bewegte. Seltsam! Im Angesichte so vieler Schönheit – im Vollbesitze seines Glückes, überfiel es ihn wie Bangigkeit – wie Trauer! – Eine Regung, deren Ursprung er selbst nicht verstand. – Da unten lag Breitendorf, sein Dorf, seine Kirche! So weit das Auge von hier schweifen konnte, war sein Bereich. Er durfte sich sagen: das ist dein Kirchspiel, deine Gemeinde, deine Herde. – Er blickte herab auf dieses Thal, wie ein Baum auf den Boden rings um, in den er seine Wurzeln so tief und weit getrieben. Hier hatte er geträumt, wirken zu können, solange sein Auge den Tag sehen würde. Und während er, in vorahnender Abschiedstrauer, hinabblickte, schreckte ihn eine Bemerkung Marthas auf, die ihn wie eine Einmischung in seine geheimsten Gedanken traf. »Von hier kann man die ganze Parochie so schön übersehen. Hier werden Sie gewiß noch oft sitzen, Herr Pfarrer, in späteren Jahren.« – Es drängte Gerland zum Sprechen. Irgend einmal muß sie es ja doch erfahren, die beiden, daß er nicht der sei, für den sie ihn hielten. Er glaube nicht, erwiderte er, daß er sein Leben hier beschließen werde; über kurz oder lang würden Änderungen eintreten. Martha ließ ihn nicht ausreden. »Sehen Sie einmal an! Das hatte ich mir ja im stillen schon immer gedacht. Ein Mann wie Pastor Gerland wird's wohl nicht lange bei uns aushalten; der will ja natürlich höher hinaus. – Haben Sie schon was in Aussicht?« – »Nein, nein – so ist das nicht zu verstehen, Fräulein Herberge!« »Wohl in der Stadt – was? – Weißt du, Trudel, wir sprachen neulich schon darüber. Sie sind eigentlich viel zu gut fürs Land, Sie brauchen einen größeren Wirkungskreis.« – Gerland schüttelte unwillig den Kopf. »Solche Pläne, kann ich Ihnen versichern, Fräulein Herberge, liegen mir sehr fern.« – »Das sehe ich gar nicht ein! Ich will Ihnen nicht schmeicheln – aber, wenn man so begabt ist! – Sie müssen aufs Konsistorium los arbeiten, Superintendent werden, oder sowas. – Herr ›Superintendent Gerland‹, das wäre doch zu schön, was Trudel?« – Hier galt es ein offenes Wort, das sah Gerland So schwer es ihm wurde, dem alten Mädchen die schönsten Illusionen zu zerstören, einmal mußte die Wahrheit ja doch an den Tag. – Es war besser, wenn sie beizeiten vorbereitet wurde. Marthas Augen öffneten sich weit vor Staunen, ihr beredter Mund verstummte während der nächsten Minuten. Gerland versuchte den beiden eine Ahnung zu geben von der außergewöhnlichen Geistesverfassung, in der er sich gegenwärtig befinde. – Freilich, je länger er sprach, desto klarer wurde ihm selbst, daß seine Sache noch nicht spruchreif sei. Vollends diesen Frauen gegenüber mußte er sich auf Andeutungen beschränken. Vor ihren Ohren konnte er nicht offen enthüllen, wie alles gekommen. – Die mannigfachen Ereignisse der letzten Jahre, die eigenartigen Erlebnisse in der Gemeinde, die Erfahrungen mit den Amtsbrüdern und den Vorgesetzten – Fröschels Selbstmord, der schriftliche Nachlaß des toten Freundes – vieles davon taugte nicht für solche Ohren. Und diese Ereignisse waren es doch gerade gewesen, die seiner Entwicklung den letzten entscheidenden Anstoß gegeben; unter ihrem Drucke war er dahin gelangt, wo er jetzt stand: zerfallen mit seinen bisherigen Idealen, tastend nach einem neuen Halt – der Kirche, deren Diener er noch war, entfremdet. Von dem mächtigen Gährungsprozesse, in welchem sich sein ganzes Wesen befand, konnte er den beiden Frauen keine Ahnung geben. Gertrud hörte mit Teilnahme zu, ohne daß ihr Gesicht Spuren tieferer Erregung gezeigt hätte; aber Marthas Mienen nahmen den Ausdruck großer Bestürzung an. »Aber – das ist doch gar nicht möglich! Sie sprechen gegen die Kirche – das ist ja schrecklich! – Dann sind Sie ja eigentlich geradezu irreligiös.« – Gerland versuchte es, ihre verwirrten Begriffe über diesen Punkt zu klären – wollte ihr begreiflich machen, wie herzlich wenig im Grunde Religiosität und Kirche miteinander zu thun hätten. Aber sie mochte davon gar nichts hören. Er hatte das alte Mädchen an einer Stelle verletzt, wo sie empfindlich war. »Unsere Kirche – unsere evangelische Kirche soll morsch sein – reformbedürftig? – So etwas darf doch ein Geistlicher nicht sagen!« »Sehr richtig: so etwas darf ein Geistlicher nicht sagen! – Und weil es doch nun eben meine unumstößliche Überzeugung ist, die sich mir durch Erfahrungen am eignen Leibe aufgedrängt hat, daß das wahre Christentum jetzt überall anders zu suchen ist, als im Schoße der offiziellen Kirche – und weil ich mit jedem Male, daß ich eine Amtshandlung vornehme, das peinigende Gefühl habe, heucheln zu müssen – nicht mit den Worten, die ich sage, den Sinn verbinden zu können, den die Kirche hineingelegt sehen will – sehen Sie, Fräulein Herberge, darum eben sehne ich mich nach Befreiung aus diesem geistigen Joche, ringe ich mit dem Gedanken, mich von einer menschlichen, ungöttlichen Autorität zu befreien, die ich mit gutem Gewissen nicht mehr anerkennen kann.« – »So sprechen die Liberalen. Neulich war mal im ›Christenmenschen‹ was abgedruckt – nur zur Probe natürlich, – das klang auch so. – Ich weiß gar nicht, was ich denken soll, Herr Pfarrer! Sind Sie denn noch ein Christ, mit solchen Anschauungen?« Gerland mußte unwillkürlich lächeln. »Daß ich ein Christ bin, Fräulein Herberge, das wollen Sie mir, bitte, aufs Wort glauben. – Ja, ich darf es wohl sagen, ich bin weit mehr Christ jetzt, als in jenen Zeiten, wo ich mir äußerlich die Bezeichnung ›orthodox‹ beilegen konnte. Auf das Was des Glaubens kommt es nicht so sehr an, als auf das Wie! – In der Kraft des Glaubens habe ich zugenommen; und was die Hauptsache ist, in der Liebe zu Gott fühle ich mich wachsen. – Also, ängstigen Sie sich nicht so sehr um meinetwillen. Ich habe das Gefühl, als sei ich nicht auf schlechten Wegen.« – »Nun, Gott sei Dank! Das klingt doch anders – das ist mir wirklich eine Beruhigung.« Die Unterhaltung wurde durch das Läuten der Glocke vom Hause her unterbrochen. »Tischzeit, Trudel!« »Ja, Tante, wir müssen ganz schnell machen.« Sie waren aufgesprungen, die Nähterei wurde zusammengepackt. Man eilte dem Hause zu. »Wollen Sie nicht lieber durch den oberen Ausgang gehen?« fragte Martha halblaut, mit ängstlicher Miene. »Warum?« »Er wird Sie sehen, wenn Sie mit uns kommen.« »Ich habe keinen Grund, mich vor Doktor Haußner zu verbergen.« Der Arzt stand wartend vor der Hausthür. Gertrud sprang ihm entgegen. Der Vater legte einen Arm um ihren Nacken. Sie schmiegte sich an den stämmigen Mann, lächelnd zu seinem bärtigen Gesichte aufblickend. Gerland wollte grüßend vorübergehen, Haußer blickte ihm mit einem eigentümlichen Lächeln nach; dann fragte er die Tochter halblaut etwas. Das Mädchen klatschte vor Vergnügen in die Hände. »He, Pastor Gerland!« rief Haußner, als der Geistliche eben das Thor öffnen wollte. Gerland machte halt, die Klinke in der Hand. »Haben Sie schon zu Mittag gegessen?« »Nein!« »Na – dann kommen Sie doch zu uns herein!« Gerland ließ sich das nicht zweimal sagen. – XVIII. Die Frau des Schuhmachers Herklotz mußte doch wohl aus den Mienen des Arztes gelesen haben, wie bedenklich es mit ihr stehe; von dem Tage ab, wo Doktor Herzner bei ihr gewesen, fing sie an, vom Sterben zu sprechen. Schwester Elisabeth mußte ihr aus Bibel und Gesangbuch vorlesen, und Gerland betete mit ihr und bereitete sie auf das Ende vor. Eines Tages ließ sie ihm durch die Schwester den Wunsch nach dem heiligen Abendmahl aussprechen. Der Geistliche trug kein Bedenken, der Bitte zu willfahren, wollte aber, wie er es stets in solchen Fällen that, erst dem Gatten davon Mitteilung machen, um ihm Gelegenheit zu geben, an der Kommunion teilzunehmen. Wie Gerland erwartet hatte, wies der Schuhmacher das Ansinnen in schroffer Weise ab. Inzwischen hatte der Geistliche Amtstracht angelegt und die Geräte herbeischaffen lassen. Als er das Haus betrat, war Herklotz fort – er sei ausgegangen, hieß es. Gerland war es im Grunde lieb so. Schwester Elisabeth hatte alles vorbereitet. Ein Tisch war weiß belegt, ein paar Kerzen aufgestellt. Der Raum hatte unter ihren Händen ein würdiges Aussehen bekommen. Sie hielt die Kinder an, die heilige Handlung nicht zu stören. Die Kranke sei auffällig erregt, teilte die Schwester dem Geistlichen in aller Eile mit; sie scheine etwas auf dem Herzen zu haben, das sie bedrücke. Gerland richtete daher seinen Zuspruch ganz besonders darauf ein, ihr die Todesfurcht zu benehmen. Er betete den dreiundzwanzigsten Psalm laut: ›Der Herr ist mein Hirte; mir wird nichts mangeln.‹ – Hinter ihm, die Schwester, betete mit. Das Beichtgespräch gab ihm Gelegenheit, den seelischen Zustand der Kranken zu ergründen. Verzweifelte Unruhe schien sie zu beseelen; mehr noch als ihre Worte sagten das die unruhig umherirrenden Augen, und ihr Seufzen, das aus gefoltertem Gemüte zu kommen schien. Gerland zögerte daher mit der Konsekration. Er forschte, ob sie etwas Besonderes auf dem Herzen habe: einen Wunsch – irdische Sorgen irgend welcher Art. Mit verängsteten Blicken sah sich die Kranke um; wo ihr Mann sei, fragte sie. Nachdem sie erfahren, daß er nicht anwesend, wurde sie wesentlich ruhiger. Gestützt von der Schwester, setzte sie sich im Bette auf; dann erklärte sie, dem Geistlichen ein Geheimnis anvertrauen zu wollen. Schwester Elisabeth entfernte sich lautlos und nahm die Kinder mit fort. Gerland war allein mit der Sterbenden. Immer noch ahnte er nicht, was kommen werde. – Es war ja nicht das erste Mal in seiner Amtsthätigkeit, daß ihm von Sterbenden schwerwiegende Eröffnungen gemacht wurden. Auf Wunderbares war er daher gefaßt – aber auf das, was er jetzt erfahren sollte, doch nicht. Verwickelt, unlogisch, verworren, kam es von dem Lippen der armen Person: »Es is woas gegen Sie in Warke, Herr Paster. – Se kinna mer's gleba – ei dar Gemene – mei Moan is och darbeie. Schun in vurgen Juhre hoan se dervu geradt – se wollten 'n Pfarrn oazeiga – bein Patrune, gleb'ch – sagten se, wigen an Kunfermationsunterrichta, gleb'ch, sillt's gihn. Se thäta ne richt'g lahren – und a andres meente och, Se thaten ne lahren, wie's ei dar Bibel geschrieben is. – Ich hoe mich dorim erscht ne vill gekimmert, weil'ch no gesund rumliff – verzeih' mer's Gutt! Ees hoat aben an andre Dinga zu denka. – Aber darnoa, nu 'ch kroank bie und 's gieht uf's Latzte, nu tut mich's reien. – Nee, wenn ack dar liebe Gutt, und ar thut mer die Sünde ne behalen. Denn Se sein duch gar so gutt gegen mich gewast und gegen de Kinder – Herr Paster! – Bezahl' Se's dar liebe Gutt, und vergalt er Sie's! – Und ich koan's aber ne länger nich mitte oansahn und oanhira, woas se do ein Schilde fihren gegen Se. ›Dar Pfarr muß furt!‹ sagn se, doas ho'ch salber gehiert. Und vun oner Pitation hoan se geradt– und vun aner Beschwerde. Ich koan's ne racht verstihn, alls. Wissen Se, se machen de Tier zu, dohie vun dan Stiebel. – Doe is de Tonchen, doas is de schlimmste. ›Der Pfarr is a guttluser Racker!‹ sagte die neilich. Und dernoa is dar Finkepauer – ju ju, dar stackt o mit darbei – und Wenzel – woas dar frihere Kanter is – dar woar erscht nächtens hier ein Stiebel bein Moane. Und doas sein se no lange nich alle. Se tun sich ofte bei der Tonchen treffen – durt staken se zusammde. – Doas ho'ch an Herrn Paster ack sagen wulln – damit 'ch ne sündch war, und 'ch asse und trinke mer'n Herrn Christus salber zun Gerichte.« – Der Geistliche mußte sich mit aller Kraft zusammennehmen, um während des nächsten nicht aus der Rolle zu fallen. Die Frau war nach Ablegung des Geständnisses gänzlich erschöpft. Gerland sah sich genötigt, die Schwester zurückzurufen. Die Kranke wurde in eine bequemere Lage gebracht und erfrischt. Dann betete er noch einmal mit ihr – suchte ihren und seinen Sinn auf die Verheißungen des Erlösers hinzulenken. Nachdem er die Überzeugung gewonnen, daß die Sterbende nunmehr in ruhigerer, freierer Stimmung sei, schritt er zur Konsekration und ließ die Distribution folgen. Schwester Elisabeth kniete neben dem Bette. Der innige Ausdruck ihres Gesichtes stärkte den Geistlichen während der Handlung. Gebet und Segen machten den Schluß. – Tief erregt verließ Gerland das Haus. Was sollte er mit der soeben erfahrenen außerordentlichen Nachricht anfangen? – Das Beichtgeheimnis versiegelte ihm den Mund. Was durfte er thun, als schweigend, mit gebundenen Händen, dem Streiche entgegensehen, der aus der eigenen Gemeinde gegen ihn geführt werden sollte! – Pfarrer Gerland sollte nicht lange in Ungewißheit bleiben. Ein Brief vom Superintendenten lief ein, in welchem der Geistliche aufgefordert wurde, sich zu bestimmter Stunde in der Superintendentur zum Zwecke eines Kolloquiums einzufinden. Als er zur vorgeschriebenen Zeit beim Ephorus vorsprach, nahm er schon im Vorzimmer wahr, daß sein Oberer nicht allein sei; an dem nasalen Organ glaubte er den Grafen Mahdem zu erkennen. Er hatte sich nicht getäuscht, der Patron von Breitendorf war zugegen. Superintendent Großer empfing den jungen Geistlichen weniger kordial, als man es sonst an ihm gewohnt war. Der Graf hatte kaum ein Kopfnicken für Gerlands Verbeugung. »Mein Lieber – nehmen Sie Platz – dort!« – Der Superintendent wies auf einen Stuhl. »Lassen Sie uns sofort in medieas res gehen, Herr Pfarrer!« begann der Prälat, nachdem er sich im Fauteuil zurechtgesetzt hatte. – »Also – es handelt sich zunächst um folgendes: Es ist mir zu Ohren gedrungen, daß Sie in letzter Zeit viel mit einem gewissen Doktor Haußner verkehren, der in Ihrer Parochie lebt.« – Superintendent Großer blickte Gerland forschend an; vielleicht erwartete er ein Zeichen der Bestürzung, ein Wort des Widerspruchs, oder der Entschuldigung von seiten des jungen Geistlichen. Da Gerland den Mund nicht öffnete, fuhr der alte Mann in seiner offenbar wohl vorbedachten Rede fort: »Also, Sie leugnen nicht, sich in Umgang mit diesem Manne eingelassen zu haben, Herr Amtsbruder?« – »Das leugne ich durchaus nicht, Herr Superintendent!« Es schien fast, als wolle sich der Graf hier in das Gespräch mischen – wenigstens vernahm Gerland vom Fenster her ein ungeduldiges Räuspern. Ein Blick des Superintendenten schien jenem abzuwinken. »Schön! Sie machen also kein Hehl aus Ihrem Umgange mit Doktor Haußner. – Schön! – Das ist mir in gewisser Beziehung lieb, Herr Pastor! Denn die Offenheit – ich möchte sagen – die Naivetät, mit der Sie das unbedenklich zugeben, entlastet Sie. Ich erkenne daraus, daß Sie über den eigentlichen Charakter, über das Vorleben dieses Menschen, nicht in vollem Maße orientiert sind. – Das, wie gesagt, nehme ich zu Ihrer Entschuldigung an. – Denn ich kann mir doch nicht denken, daß Sie es gewagt haben würden, sich mit jemandem abzugeben, der wegen seiner bekannten, gegen weltliche und kirchliche Behörden gerichteten feindlichen und aufrührerischen Gesinnung im höchsten Grade anrüchig ist. Sie kennen diesen Menschen nicht so wie ich – Sie haben nicht die Kämpfe durchzumachen gehabt, die ich vor etwa zwanzig Jahren hier mit ihm zu bestehen hatte. – Ich sage Ihnen, dieser Mensch ist geradezu das fleischgewordene böse Prinzip – ein ganz gefährlicher Charakter! Seine Kirchenfeindschaft, sein Lebenswandel, – die Art und Weise, wie er seine arme Frau unter die Erde gebracht hat – sein ganzes Verhalten Ihrem Amtsvorgänger Menke gegenüber – das alles spricht von einer Verworfenheit, einer seelischen Roheit und sittlichen Verkommenheit, daß man hier wohl füglich alle Milde beiseite lassen darf. – Toleranz wäre geradezu Sünde in diesem Falle. – Mit einem Menschen, der sich selbst exkommuniziert hat, haben wir nichts zu schaffen und dürfen wir uns nicht einlassen. An einer solchen Persönlichkeit Missionsversuche machen, wäre ein ganz verfehltes Unterfangen. – Ich will nämlich zu Ihren Gunsten annehmen, Herr Amtsbruder, daß dieser Wunsch Ihr eigentlicher Beweggrund gewesen ist. Die Absicht, das verlorene Schaf zurückzuführen, mag ja Ihrem Hirtensinn alle Ehre machen; aber – lassen Sie mich Ihnen sagen, das ist beinahe etwas jugendlich gehandelt. Der Versuch, mit der Leuchte des Evangeliums die Finsternis des Unglaubens aufzuhellen, ist gewiß das gute Recht eines jeden Priesters – aber nur da wollen wir in den Kampf mit dem Unglauben eintreten, wo die Möglichkeit eines Erfolges gegeben ist. Die Perle vor die Säue werfen, das sollen wir nicht. Denken Sie an das Wort unseres Herrn und Meisters: ›Laß die Toten ihre Toten begraben!‹ – Lieber Amtsbruder, vermeiden wir das Ärgernis! – Es giebt Ärgernis, sage ich Ihnen, der christlichen Gemeinde und den Wohlgesinnten gegenüber, wenn der Diener der Kirche im Hause des Kirchenfeindes und Religionsspötters aus und eingeht. Es wird darüber gesprochen; dieser und jener nimmt Anstoß daran – und schließlich werden dem Geistlichen Beweggründe untergeschoben, die nicht mit dem Ansehen und dem Dekorum unseres Berufes zusammenstimmen. – Es ist nicht pastoral gehandelt und fordert die üble Nachrede geradezu heraus, wenn der Hirte nach der Predigt, noch im Amtskleide, mit der Tochter des Dissidenten – mit einer ungetauften Person – öffentlich vor den Augen der ganzen Kirchfahrt einherwandelt. Das ist, um den mildesten Ausdruck zu gebrauchen, unklug! – Damit wird ein Skandal geradezu provoziert. Was anderes soll dann eine Gemeinde von ihrem Hirten denken, als daß er es mit den Spöttern und Häretikern hält. – Verstehen Sie wohl, Herr Pastor! Ich schiebe Ihnen da keine unlauteren Motive unter, das liegt mir völlig fern; im Gegenteil, ich nehme zu Ihren Gunsten an, daß jugendliche Unerfahrenheit Sie zu so unvorsichtigen Schritten verleitet hat. Und darum gebe ich Ihnen Gelegenheit, sich zu verteidigen. Es würde mir nur sehr lieb sein, wenn Sie die vorliegenden gravamina völlig zu entkräften im stande wären.« – Der Superintendent ließ hier endlich eine Pause eintreten. In Gerland hatte es all die Zeit über gewogt und gekocht. Die Gedanken schwirrten ihm wild durch den Kopf. Sich verteidigen! – Gegen was denn? – Weil er mit Haußner Umgang gepflogen? – »Nun, lieber Amtsbruder!« ließ sich der Superintendent von neuem vernehmen: »Was haben Sie uns mitzuteilen?« »Ich möchte mir zunächst eine Frage an den Herrn Superintendenten erlauben.« »Nun!« »Auf wessen Anschuldigung stützt sich, wenn ich fragen darf, die Anklage, gegen die ich mich verteidigen soll?« – Der Superintendent wollte etwas erwidern, aber der Graf kam ihm zuvor. »Darauf kommt es gar nicht an, Herr Pastor!« rief der Magnat. »Sie sollen sich hier verantworten vor dem Herrn Superintendenten und mir, Ihrem Patron – dazu sind Sie hier! Nicht um insolente Fragen zu stellen.« Der Superintendent, der das hitzige Temperament des jungen Aristokraten kannte, und dem vor einer Übereilung bangen mochte, suchte ihn zu beruhigen. – Gerland war blaß geworden, wahrte aber äußerlich noch die Ruhe. »So lange mir nicht mitgeteilt wird, von wem ich denunziert worden bin, sehe ich keinen Anlaß, mich zu verteidigen,« sagte der junge Geistliche, jedes Wort während des Sprechens wägend – mit leiser Stimme. Das Gesicht des Grafen färbte sich dunkel. »Das ist ein starkes Stück! Von denunzieren reden Sie? – Aus dem Schoße Ihrer Gemeinde kommen die Klagen. An mich, den Patron, haben sich die armen Menschen gewandt, um Rat und Abhilfe, weil die Leute Ihre Mißwirtschaft nicht länger mit ansehen wollen. – Da, Herr Pastor, haben Sie den Beweis, wie ihre Pfarrkinder über Sie denken – da!« Er riß ein Schriftstück aus der Tasche und warf es vor Gerland auf den Tisch. Der junge Geistliche nahm das Heft auf und entfaltete die Bogen langsam. Es war eine sauber abgefaßte Schrift: Weißes Papier, Kanzleiformat, breiter Bruch, eine ausgeschriebene und dabei korrekte Handschrift. »Lesen Sie nur! – Lesen Sie das nur gefälligst, Herr Pastor!« Gerland las: »Gnädigster Herr und Kirchenpatron, hochgeborener Herr Graf! In bedrängter Lage unsrer Gewissen wenden sich eine Anzahl Mitglieder der Gemeinde Breitendorf an Ew. Hochgeboren, unsren gnädigsten Herrn und Kirchenpatron; Unser Pfarrer, Herr Gerland, erfüllt in keiner Weise sein Amt zur Zufriedenheit der Gemeinde. Wir wollen ganz schweigen von den vielen Veränderungen, die er vorgenommen hat im Schulwesen, Konfirmationsunterricht, Liturgie und Begräbnissachen und in vielen andren alten geheiligten Bräuchen. – Wir wollen auch schweigen von der Art und Weise, wie er die Witwe des vorigen Pfarrers beleidigt und sie mit Gewalt aus dem Hause vertrieben hat. – Wir wollen auch schweigen über die Eigenmacht des Herrn Pfarrers, indem er gegen den Beschluß des Gemeinderats eine Diakonisse ins Dorf gebracht hat, die er den Leuten ins Haus schickt, selbst wenn sie sie gar nicht haben wollen. – Alles dies würde nämlich die Gemeinde noch ertragen haben, um des lieben Friedens willen; aber das Benehmen des Herrn Pfarrers hat neuerdings solche Dimensionen angenommen, daß einige Gemeindemitglieder, die ihre Kirche lieb haben, es nicht länger mit ansehen können und wollen, wie der Herr Pastor Anstand und guter Sitte öffentlich ins Gesicht geschlagen hat. – Darum, gnädiger Herr und hochgeborener Herr Graf, kommen wir vor Sie, als unseren Patron, da wir einen anderen Weg nicht wissen, und hoffen darin auf Ihre gütige Nachsicht. Sie wollen glauben, daß wir es mit schwerem Herzen thun und aus Pflicht und Gewissen, Ew. Hochwohlgeboren mit solchen Dingen zu belästigen. Der Herr Pfarrer verkehrt nämlich in einem fort im Hause eines gewissen Doktor Haußner in Eichwald, der dem Herrn Grafen als übelberüchtigter Atheist bekannt sein dürfte. Auch ist besagter Doktor Haußner am – (folgte Datum) persönlich im Pfarrhause gewesen. Hierfür können, wenn gewünscht, Zeugen namhaft gemacht werden; natürlich hat das bei allen Gutgesinnten in der Gemeinde Anstoß erregt, zumal die Aufführung des besagten Doktor Haußner gegen unseren früheren Pfarrer Menke noch frisch in aller Gedächtnis ist, besonders aber auch da der Herr Doktor Haußner damals für sein Vergehen hat sitzen müssen. Wiederholt ist der Herr Pastor auch mit der Tochter dieses Menschen zusammengesehen worden, die, wie bekannt sein dürfte, nicht einmal getauft ist. Aber was soll man dazu sagen, wenn der Geistliche sich sogar nicht einmal entblödet, mit einer solchen Person nach dem Gottesdienste sich öffentlich vor der Gemeinde zu zeigen wie dies am – (folgte Datum) von allen gesehen worden ist. Und damit das Maß des Ärgernisses voll werde, während des Gottesdienstes ist von mehreren, die es auch beschwören wollen, gesehen worden, daß der Geistliche dem betreffenden Mädchen zugenickt und ihr Zeichen gemacht hat. Alles das ist streng der Wahrheit gemäß beobachtet und berichtet worden und kann jederzeit von glaubwürdigen Zeugen auch eidlich erhärtet werden. – Wir würden es nicht wagen, uns dem Herrn Grafen, unserem gnädigen Patron, solcherweise mit Beschwerden zu nahen, wenn nicht Ew. Hochgeboren reger, kirchlicher Sinn und warme Teilnahme an unserer Gemeinde, uns ermutigte, daß Sie ein solches ärgerliches und unchristliches Wesen des Geistlichen nicht länger mit ansehen werden, denn die Entrüstung und der sittliche Schaden sind bereits groß, und thut Hilfe dringend not. In tiefster Ergebenheit unterthänigst, eine Anzahl Mitglieder der Gemeinde Breitendorf.« Namen waren nicht unterschrieben. »Nun – was sagen Sie darauf?« rief der Graf, als Gerland das Blatt senkte. »Es ist genau so, wie ich mir's gedacht hatte!« erwiderte der junge Geistliche, bleich und vor innerer Erregung bebend, aber bestimmt. – Er war mit seinem Entschlusse im reinen. »Sie leugnen also nicht!« »Ich wüßte nicht, was mich veranlassen könnte, irgend welche Stellung zu einer anonymen Denunziation zu nehmen.« Der Graf war aufgesprungen, den Superintendenten bei Seite drängend, stellte er sich in seiner ganzen Länge vor Gerland auf. »Ob anonym oder nicht anonym, das ist hier ganz egal! Die armen Leute wagen es nicht, öffentlich gegen Sie aufzutreten. Was wissen solche Dorfleute vom Instanzenwege! In ihrer Not haben sie eben keinen anderen Ausweg gewußt, als sich an mich, den Patron, zu wenden, und ich denke, ich habe ein Recht, mich um die Gemeindeangelegenheiten zu kümmern. Wenn ich der Gemeinde den Geistlichen vorschlage, trage ich doch am Ende auch die Verantwortung für sein späteres Verhalten. – Ich glaube, das wird wohl auch von Seiten der Kirche so aufgefaßt?« Der Superintendent, an den sich der Graf mit der letzten Frage gerichtet, nickte zustimmend. »Ich hätte ja können in dieser Sache persönlich vorgehen; hielt es aber für angemessen, mich an die geistliche Behörde zu wenden, da ich mich in solchen Angelegenheiten nicht genügend versiert fühlte. Darin habe ich doch wohl korrekt gehandelt – nicht wahr, Herr Superintendent?« »Vollkommen korrekt, Herr Graf!« war die Antwort. »Sie hören also, Herr Pfarrer,« fuhr der Graf fort, »daß ich formell sowohl, als materiell vollständig in meinem Rechte bin, auch im Sinne der Kirche. Wollen Sie mir nun gefälligst Rede und Antwort stehen! Ich wünsche zu wissen, was Sie gegen dieses Schriftstück zu sagen haben?« »Formell, daß es anonym – materiell, daß es erlogen ist.« – Jetzt riß dem Grafen die Geduld völlig. »Das übersteigt denn doch alle Begriffe. Wen glauben Sie denn eigentlich vor sich zu haben? Sie scheinen sich vollständig verrückten Begriffen über ihre Stellung hinzugeben. – Ich habe diesen lächerlichen Hochmut schon neulich bemerkt. Aber nun sehe ich, daß es bei Ihnen Prinzip zu sein scheint, Opposition zu machen, Herr Pastor! – Sie haben sich bereits mehrfach kompromittiert in meinen Augen. Mit Ihren freien Ansichten mögen Sie anderen imponieren – mir nicht! Wenn die Geistlichen anfangen wollen, sich gegen Ordnung und Moral aufzulehnen, dann hört doch alles auf!« Er ließ den Superintendenten, der sich einmischen wollte, nicht zu Worte kommen. »Nein, nein! – Diese Sache hat dem Faß den Boden ausgeschlagen, die Gemeinde beschwert sich über ihn, und er findet es nicht einmal für nötig, sich zu rechtfertigen.– Da ist er freilich an den Falschen gekommen bei mir! – Was ich heute gesehen und gehört habe, Herr Pastor, bestätigt mir vollständig meine Ansicht, die ich mir schon früher über Sie gebildet habe. Und ich gebe Ihnen die Versicherung, ich werde dieser Angelegenheit nachgehen. Wenn Sie denken, Sie können allen Autoritäten ungestraft Hohn sprechen, dann irren Sie sich gewaltig. – Wir wollen mal sehen, ob nicht selbst gegen aufsässige Pastoren noch Recht zu haben ist.« »Ich sehe dem, was Sie gegen mich unternehmen werden, mit Ruhe entgegen« – sagte Gerland, jetzt kreidebleich und im Übermaß der Erregung lächelnd. »Das werden wir sehen – das werden wir ja sehen! – Ich bin fertig mit Ihnen!« – Der Graf griff nach seinem Hute. Er sagte etwas halblaut zum Superintendenten. Beide gingen darauf hinaus – Gerland allein lassend. Die Stimme des Grafen war noch für einige Augenblicke im Vorzimmer zu hören. Der Superintendent schien dem Empörten beschwichtigend zuzureden. Dann war der Graf gegangen. Der Superintendent kam ins Zimmer zurück. Der alte Mann war wieder einmal ganz außer aller Fassung. »Was haben Sie mir da angerichtet!« rief er. »Nachdem eben erst die Affaire Fröschel glücklich begraben ist, nun schon wieder ein neuer Skandal in der Ephorie, und immer sind Sie beteiligt! – Was kam Ihnen denn bei, sich so aufzuführen? Ich verstehe Sie nicht! Welches Licht wirft das auf mich – auf die ganze Disziplin unseres Standes!« – »Ich glaube nicht, daß ich die Haltung verloren habe, Herr Superintendent; der Herr Graf war es, der sich vergaß.« »Wissen Sie denn nicht, wen Sie vor sich haben? Einen Mann von solchem Einflusse, wie Graf Mahdem. – Was haben Sie sich denn eigentlich gedacht! Der Mann geht nun hin, im höchsten Grade aufgebracht, hängt die Sache an die große Glocke. Er sprach von einer Beschwerde beim Konsistorium. – Nun wird der Spektakel von neuem los gehen, die Anfragen, Vernehmungen und Berichte!« – Der Superintendent schritt mit verzweifelter Miene im Zimmer auf und ab. »Was soll ich denn nun eigentlich mit Ihnen machen?« fragte er vor dem jungen Geistlichen stehen bleibend. »Ich bitte um Untersuchung des Falles, Herr Superintendent,« erwiderte Gerland. »Untersuchung?« »Jawohl! – Vernehmung des Gemeindekirchenrates von Breitendorf, über die gegen mich gerichteten Anklagen. Da wird sich schon herausstellen, wieviel an der Verleumdung ist.« Der alte Mann schüttelte ärgerlich den Kopf. »Nein – das würde viel zu viel Staub aufwirbeln.« »Darf ich mir eine Bemerkung erlauben, Herr Superintendent?« »Nun?« »Ich bin mit Schmutz beworfen worden – und kann darum wohl eine Rechtfertigung fordern.« »Die evangelische Sache ist schließlich noch wichtiger als die einzelne Person – und unsere Sache soll die des Friedens sein.« – »Ich habe den Frieden nicht gebrochen, sondern andere. Und ich verharre auf meinem Standpunkte, daß ich mich nicht entschuldige, so lange die Anklage anonym bleibt. – Gegen jeden Schritt des Herrn Grafen aber werde ich meine Rechte zu wahren wissen.« – XIX. Dornig kam jetzt häufig nach Breitendorf herüber. Welcher Art das Interesse war, das den korpulenten Mann den beschwerlichen Marsch über den Bergrücken so oft unternehmen ließ, wußte Gerland nunmehr. Dornig machte kein Hehl mehr, daraus, daß er mit der Schwägerin des Gutsbesitzers Finke verlobt sei. Gerland kannte die Erscheinung des Mädchens von der Kirche her; sie paßte zu Dornig: drall, rotbäckig – eine handfeste Schönheit. Dornig strahlte in Erwartung des Himmelreichs, das seiner wartete. Er wußte, so oft er Gerland besuchte, immer neue Züge der Liebenswürdigkeit von seiner Braut zu berichten. Sie hatte Kochunterricht gehabt in einem der feinsten Hotels der Kreisstadt. Eine Ausstattung brachte sie mit, für welche der Geistliche mit Vorliebe den Ausdruck »fürstlich« anwandte. Ihre Leibwäsche sollte genau so hergestellt werden, wie die einer Komtesse, welche kürzlich geheiratet. Inzwischen hatte auch die Taufe bei den Finkes stattgefunden. Dornig wußte die Vorzüglichkeit des Taufschmauses nicht genug zu rühmen; er versuchte es, dem Amtsbruder den Mund nachträglich wässerig zu machen. Bei diesem Feste hatte er eine Menge Parochialklatsch erfahren, den er natürlich bei Gerland brühwarm an den Mann zu bringen bemüht war. Gerlands Beziehungen zu Doktor Haußner und seiner Tochter waren selbstverständlich dort lebhaft besprochen worden. – Als er auf diesen Punkt kam, beeilte sich Dornig, zu versichern, daß er dem Amtsbruder nicht den geringsten Vorwurf mache. »Ich kann dir's gar nicht verdenken, Gerland,« sagte er. »Da giebt's ein Hallo, wenn wir Pastoren mal eine gute Partie machen. – Als ob das Geld eine so ganz gleichgültige Sache sei in der Welt. Warum soll man denn seine Lage nicht aufbessern? – Das Gehalt ist gering genug! ›Ihr Geistliche sollt nicht nach Schätzen trachten, die Motten und Rost fressen‹, heißt es da. Sehr schön! Aber von Luft können wir doch auch nicht leben. – Das ist weiter nichts, als Neid. Und wenn sie dir damit kommen sollten, mach' dir nichts daraus; lach' sie aus! – Es wird nämlich so mancherlei geredet gegen dich – verstehst du! Ich halte dir natürlich die Stange soviel ich kann. ›Das Mädchen ist ja nicht einmal getauft,‹ sagen sie – ›Was nicht ist, kann noch werden,‹ antwortete ich den Leuten. ›Pfarrer Gerland ist ein feiner Kopf, der wird die Sache schon machen – da seid nur ganz ruhig.‹ – Du, wie steht's denn eigentlich damit? Allzulange würde ich mit der Tauferei nämlich auch nicht mehr zögern – an deiner Stelle! – Weißt du, es giebt den Leuten eben doch zuviel Anlaß zu allerhand Vermutungen und übler Nachrede.« – Vor einem Jahre noch würde sich Gerland derartige Reden aufs entschiedenste verbeten haben; jetzt war er schon so weit abgehärtet, daß er im stande war, lächelnd zuzuhören und sich im stillen seine Lehren zu ziehen. Einen trivialen Philister wie Dornig, der in allen Dingen von sich auf andere schloß, eines besseren belehren zu wollen, war ja von vornherein aussichtslos. Aber die Auffassung eines solchen Menschen war symptomatisch – so also urteilte der große Haufe! Wie konnte er den Leuten auch nur einen Begriff von der Eigenart seines Verhältnisses zu Gertrud geben? Wer würde ihm geglaubt haben, daß es ihm unmöglich sei, das Mädchen zu einem Schritte zu nötigen, den sie doch nur in voller Freiheit, aus eignem Verlangen heraus thun durfte. – Es erschien ihm wie Vergewaltigung, wie Roheit, vor Gertrud hinzutreten und sie zu bitten: »Laß dich taufen, damit ich dich heiraten kann!« Gewiß sehnte er sich, harrte in peinvoller Ungeduld einer Andeutung von ihr – auf den Augenblick, wo sie endlich dem Wunsche Ausdruck geben würde. Christin war sie ja jetzt schon – wenigstens in seinen Augen – nur das äußere Zeichen fehlte ihr, die Besiegelung. Aber vor der Welt, der das Zeichen mehr gilt, als die Gesinnung, stand das Mädchen noch als Heidin da. – Dornig hatte in seiner tolpatschigen Art und Weise an eine wunde Stelle bei Gerland gerührt. Das Bewußtsein, daß viele seiner Beichtkinder an ihrem Pfarrer irre wurden, daß der Schein gegen ihn sei, und daß die Ereignisse seinen Feinden und Verleumdern von Tag zu Tag mehr Recht gaben, bereitete ihm oft schwere Stunden. Er sah die trübe Flut des Hasses gewaltig von allen Seiten aufsteigen. Die Anzeichen mehrten sich, daß auch die besseren Elemente in der Gemeinde gegen ihn Stellung nahmen. Viele Leute, die ihn früher herzlich und ehrfurchtsvoll gegrüßt hatten, drückten sich jetzt, wenn man einander begegnete, um das Grüßen herum, sahen weg, oder gingen beiseite. Ganz verwirrt war eines Tages Schwester Elisabeth zu ihm gekommen; Schuhmacher Herklotz – dessen Frau inzwischen gestorben und beerdigt war – hatte ihr, als sie gekommen, um nach den Kleinen zu sehen, die Thür gewiesen mit unflätigen Redensarten, die das Mädchen um keinen Preis wiederholen wollte. Diese Undankbarkeit stand nicht allein da. Auch andere, denen er mit Rat und persönlichem Eingreifen, ja mit pekuniärer Hilfe beigestanden, sahen ihm in die Augen, höhnisch oder dreist vertraulich, als wüßten sie ihm ein Unrecht vorzuwerfen. Die jungen Burschen im Fortbildungsunterricht, den er leitete, begannen herausfordernde Mienen anzunehmen und sich aufsässig zu gebärden. Überall sah er den Respekt weichen. Am Sonntag Abend gab es wieder mal nach längerer Pause auf dem Tanzboden einen groben Exzeß: Trunkenheit und Prügelei. Zu Zeiten seines Amtsvorgängers war das nichts Seltenes gewesen in Breitendorf. Während Gerlands Seelsorgerthätigkeit hatte sich darin vieles gebessert. Dieses plötzliche Aufflammen der alten Roheit hatte seine Bedeutung. Der junge Geistliche fühlte es, er hatte die Macht verloren – die Macht, welche unbefleckter Name und tadelloser Ruf ihren Trägern verleihen. Er stand nicht mehr unantastbar da vor seiner Gemeinde; sehr geschickt hatten seine Feinde die Stelle herausgefunden, wo er angreifbar war – die Stelle, wo ihn der Talar nicht schützte, wo ihn das Priestergewand vielmehr anzuklagen schien. Man hatte ihm Liebe und Achtung seiner Pfarrkinder gestohlen. Voll Kummer mußte er sehen, wie sich alles um ihn her lockerte; wie das Werk, das er mit Mühe aufgerichtet hatte, von frevelhaften Händen Stein um Stein eingerissen wurde. Er wußte ganz genau, wo das Hauptquartier der Feinde seinen Sitz hatte. Und wer in diesem Spiele die Fäden zog. Wenzels Faungesicht tauchte zu wiederholten Malen in der Dorfstraße auf. Gerland hatte daran gedacht, den früheren Kantor zur Rede zu stellen; aber es gelang ihm niemals, den alten Fuchs zu erwischen, der seine lange Gestalt zu verflüchtigen wußte, als besäße er eine Tarnkappe. Die jetzige Frau Wenzel war wieder ganz in Breitendorf; angeblich auf Wochenbesuch bei der jungen Frau Finke. Gerland sah sie eifrig von Haus zu Haus gehen. – Die Kaffeekränzchen bei den Honoratiorenfrauen, deren Mittelpunkt sie bereits früher gewesen, waren flott im Gange. Als ihr Adjutant fungierte die Besprechfrau Tonchen, die in den niederen Schichten ihre Maulwurfsarbeit trieb. – Die ehemalige Pastorin Menke trieb die Schamlosigkeit soweit, sich der Kanzel gerade gegenüber zu setzen und den Geistlichen unverwandt mit der unschuldigsten Miene der Welt anzublicken während der Predigt. Pfarrer Gerland mußte sich zusammennehmen, um nicht mitten im Satze stecken zu bleiben, als sein Blick auf ein rosiges Frauengesicht und ein paar lächelnde Katzenaugen traf – unten im Schiff der Kirche. – Es war, als ob ein Gewitter in der Luft schwebe. Gerland begann sich nach einer Entladung zu sehnen; selbst eine gewaltsame Lösung erschien ihm besser, als dieser Zustand der Spannung. Vergebens wartete er auf eine Maßregelung von seiten der Kirchenbehörde. Nachdem, was neulich vorgefallen war in der Superintendentur, hatte er einer Aufforderung, sich zu verantworten, einer Rüge, vielleicht auch einer Disziplinarmaßregel entgegengesehen. – Im stillen hoffte er sogar darauf; dann würde er ja endlich einmal seine innere Stellung den Vorgesetzten offen darlegen dürfen. – Nichts von alledem erfolgte. – Pfarrer Gerland war jetzt fast täglich, wenn es ihm die Kasualien erlaubten, in Eichwald. Er pflegte dem Arzte bei den Gartenarbeiten zu helfen. Das Verhältnis der beiden Männer war seltsam genug. Haußner schien den jungen Geistlichen nicht ungern um sich zu sehen. Er forderte Gerland zwar niemals direkt auf, am nächsten Tage wieder zu kommen; aber stets wenn der Geistliche in den Vormittagsstunden auftrat, fand er seiner eine Arbeit wartend, die der Arzt für ihn aufgehoben hatte. Das eine Mal galt es den Wein zu brechen – dann wieder mußten die Erdbeerstöcke umgepflanzt werden – oder man okulierte die Rosenstöcke; auch im Gemüsegarten gab es reichlich zu thun. Es war ein heißer Sommer, und Haußner ging meist bis auf die Beinkleider und ein Flanellhemd entkleidet in seinem Garten umher. Gerland, der anfangs eine gewisse Scheu gehegt hatte, mehr als den schwarzen Rock abzulegen, machte es dem Arzte mit der Zeit nach. Haußner borgte ihm einen seiner breitkrämpigen Gartenhüte und veranlaßte ihn, Weste, Halskragen und Krawatte abzulegen. »Sie fangen von oben an, den Pastor auszuziehen,« bemerkte Haußner mit dem trockenen Witze, der ihm eigen war. – Im übrigen wurde von der Zukunft zwischen den beiden Männern nicht gesprochen. Haußner war ein Sonderling auch darin, daß er alle offenen Aussprachen, solange wie möglich, hinausschob. Rings um sein innerstes Wesen hatte er eine Mauer gezogen. Niemand sollte ihn beobachten, aber er selbst lag mit seinen scharfen Forscheraugen stets auf der Lauer, trug Material zusammen und verarbeitete es in seinem Innern mit dem Egoismus des Menschenverächters, dem seine besten Gedanken viel zu gut sind, um sie durch Auslegen vor der Menge zu profanieren. Er sah unendlich vieles trotz seines einsiedlerischen Lebens, und machte sich über alles seine Gedanken; aber nur gelegentlich, an sarkastischen Bemerkungen, konnte man erkennen, wie er eigentlich zu Menschen und Dingen stehe. Selbst die Liebe zur Tochter äußerte sich nicht in alltäglicher Art und Weise. Aus der rauhen Form, in der er häufig mit Gertrud verkehrte, hätte ein oberflächlicher Beobachter leicht ganz falsche Schlüsse auf sein innerstes Verhältnis zu dem Mädchen ziehen können. – Die Liebe zu dem einzigen Kinde war stark und zart zugleich. Sein Auge konnte einen melancholischen Ausdruck annehmen, wenn er sie anblickte. In kleinen, unscheinbaren Anzeichen äußerte sich sein heißes Gefühl – seine Furcht vor dem Augenblick, wo er das Mädchen hergeben sollte. Und doch mußte er einsehen, daß der natürliche Lauf der Dinge die Trennung herbeiführen würde. Er sträubte sich nur noch pro forma . Es konnte ihm ja nicht entgehen, daß die beiden jungen Menschen einander zugehörten, und er war viel zu vernünftig und lebensklug, das Natürliche verhindern zu wollen. Im allgemeinen vermied man religiöse Gespräche; der Geistliche hütete sich wohl, den andern auf ein Gebiet zu bringen, wo er empfindlich und gereizt war. Aber gänzlich konnte das Religiöse doch nicht aus ihren Gesprächen ausgeschieden werden. Gelegentlich riß den Arzt der Eifer hin, von seinen wissenschaftlichen Untersuchungen und ihren Endzielen zu sprechen. Er arbeitete neuerdings an einem Werke: »Der Übergang der organischen Materie von einem Lebewesen zum anderen,« das den Niederschlag zehnjähriger Forschung und Beobachtung darstellte. Er zeigte dem jungen Geistlichen die Abbildungen, welche das Werk begleiten sollten, ließ ihn Präparate sehen und machte ihn mit dieser oder jener niederen Tierform durch das Mikroskop bekannt. – Es kam darin so recht der Drang des Einsiedlers zu Tage, von dem, was ihn seit Jahren ganz beschäftigt hatte, und was nun einem Resultate entgegenreifte, endlich einmal zu einem Menschen zu sprechen. Haußner war ein begeisterter Anhänger der Evolutionstheorie. In seine Studienzeit waren die Publikationen der großen Darwinschen Entdeckungen gefallen. Er war ein Altersgenosse und Anhänger Haeckels. In seiner Jugend hat er der Religion kühl bis ans Herz gegenübergestanden – er betrachtete sie als eine Art von Petrefakt abgestorbener Lebensformen. – Wahrscheinlich würde er in diesem Indifferentismus weiter gelebt haben, wenn nicht die Kirche dafür gesorgt hätte, ihn aus seiner Gleichgiltigkeit herauszutreiben. Das Ereignis trat ein, das ihn aus seinem Berufe reißen, ihn mit seiner bisherigen Umgebung verfeinden, den Frieden seines Hauses vernichten, seinem ganzen Leben eine veränderte Richtung geben sollte. Er sah sich provoziert, an der empfindlichsten Stelle verletzt, in seiner Freiheit angegriffen. – Heißblütig wie er war, ließ er sich zu verhängnisvollen Schritten hinreißen – und so hatte dieses anfangs harmonische Dasein plötzlich eine tragische Wendung bekommen. Die Leidenschaft macht den klügsten Menschen ungerecht. Haußner war nicht mehr imstande, Schale und Kern auseinanderzuhalten. Seine Feindschaft gegen die Kirche übertrug er auf die Religion. Gerland kannte die Geschichte des Arztes besser, als Haußner selbst wohl ahnen mochte. Er verstand ihn – ja er fühlte im Innersten tiefe Sympathie für den Mann, dem von den Amtsbrüdern so schweres Unrecht angethan worden war. Der junge Geistliche befliß sich, aus seinen Worten alles fernzuhalten, was jenen an die trüben Erlebnisse früherer Zeiten hätte erinnern können. Den wissenschaftlichen Auseinandersetzungen des Arztes hörte er ruhig zu. Häufig konnte er Haußners Ansichten nicht beipflichten. Den Arzt zu widerlegen war für ihn unmöglich, sie standen auf zu verschiedenem Boden. – Ein tiefer Riß klaffte zwischen ihren Innenanschauungen, sie konnten nicht miteinander fühlen, die Hiebe mußten notwendig Lufthiebe sein; zu einander gelangen hätten sie nur können durch ein Kompromiß. – Das verhinderte den jungen Geistlichen nicht, den Ausführungen des Arztes mit größtem Interesse zu folgen. Die Phänomene, die jener ihm darthat, entzückten ihn – der Einblick in den Wechsel der Erscheinungen, in die Wunderwelt der niederen Fauna und Flora des Süßwassers – das Bekanntwerden mit Struktur und Lebensweise dieser auf der Scheide zwischen Tier und Pflanze stehenden Lebewesen, befriedigte in hohem Grade sein Zweckmäßigkeitsgefühl und seine Freude an Größe und Mannigfaltigkeit des Kosmos. Haußner konnte sich keinen eifrigeren Zuhörer wünschen; und als Gerland einmal durch eine Bemerkung besonderes Verständnis an den Tag gelegt hatte, brach der Arzt in die Worte aus: »Es wäre wirklich schade, wenn Sie Geistlicher bleiben wollten.« – Gelegentlich gab er Gerland einige Bände Darwin, Vogt und Büchner mit – in seiner Weise keinen näheren Kommentar dazu erteilend. Aber der Geistliche wußte sehr gut, was das zu bedeuten habe; Doktor Haußner arbeitete im stillen an seiner Bekehrung. – »Sie können uns helfen, die Muskatellerbirnen abnehmen,« meinte Haußner, als Gerland eines Vormittags kam und sich erkundigte, ob es etwas für ihn zu thun gäbe. Eine Leiter lehnte bereits am Baum, Handkörbe und der Obstpflücker standen bereit. »Ich fange an, allzu vollkommen zu werden für dergleichen,« bemerkte der Arzt, lächelnd auf seinen Leibesumfang deutend. Ein Strohhut lag auch bereits für den Geistlichen da. – Es war alles vorbereitet gewesen für sein Kommen, wie der junge Mann mit geheimem Vergnügen feststellte. Martha und Gertrud waren auch nicht fern. Bald schwebte der Geistliche in der Krone des prächtigen Baumes. Haußner stellte die Leiter nach Bedarf und nahm die gefüllten Henkelkörbe entgegen. Die Damen sortierten das Obst – alle waren in vortrefflicher Laune. Einmal krachte ein Ast, auf dem sich der Geistliche allzu kühn vorgewagt, und die Frauen schrieen erschreckt auf. Aber es gelang Gerland, sich festzuhalten. »Na, das ging noch mal so ab!« meinte Haußner »Der liebe Gott hat unseren Herrn Pfarrer bewahret,« bemerkte Martha halblaut, doch immer noch so laut, daß der Arzt es hören mußte. – Die alte Jungfer konnte es nicht lassen, durch solche Glossen hie und da dem Vetter gegenüber ihren Gefühlen Luft zu machen – sie nannte das: »den christlichen Standpunkt wahren.« – Auf einmal sprang Gertrud auf und klatschte in die Hände. »Onkel Valentin – Onkel Valentin!« Vom Hause her nahte der greise Pfarrer. »Wahrhaftig, der alte Valentin!« meinte Haußner. Gerland kam von seiner luftigen Höhe herab. – Der Alte hatte seiner Gewohnheit gemäß den weiten Weg von Göhdaberg her zu Fuß zurückgelegt, trotz der Sonnenglut. Seit drei Stunden etwa war er unterwegs. Er sei ja ein gut Stück im Baumschatten gegangen, meinte er, mit seinem freundlichsten Lächeln, wie immer den Dingen die beste Seite abgewinnend. Aber die Erschöpfung war ihm anzumerken. Gerland hatte seine heimliche Freude an der Art und Weise, wie sich Haußner um den alten Mann besorgt zeigte. »Komm in die Laube, Ottomar!« – sagte er, den Greis unter den Arm nehmend. »Ins Haus führe ich dich jetzt nicht; dort ist es kühl, und du bist erhitzt. – Besorgt sofort etwas Frühstück!« Damit wandte er sich an die Frauen. Die drei Männer schritten langsam der Gartenlaube zu, auf ihrem Wege, des ermüdeten Alten wegen, häufig stehenbleibend. Gertrud ließ nicht lange mit dem Frühstück auf sich warten, sie breitete eine Decke über den Holztisch und legte ein Gedeck vor dem Onkel auf. »Wie sie ihrer Mutter gleicht!« – sagte Valentin und griff nach der Hand des errötenden Mädchens. »Der Herr schütze dich und bewahre dich, du liebes Kind!« Seine Stimme bebte. Haußner machte dieser Szene schnell ein Ende. »Du sagtest, du hättest etwas mit mir zu besprechen.« »Allerdings – das war der Zweck meines Kommens.« »Ihr könnt zu euren Birnen zurückkehren,« – meinte Haußner zu den andern. Gertrud sprang voraus. Martha hielt Gerland am Ärmel zurück und flüsterte ihm voll Erregung zu: »Heute entscheidet sich's!« Sie wies nach der Laube zurück. – »Der liebe Gott wird helfen! Bleiben Sie nur bei Gertrud einstweilen – lieber Herr Pfarrer!« Sie drückte Gerlands Hand, dann lief sie dem Hause zu. – Mit dem Birnenabnehmen wurde es heute nichts mehr. Wie auf Verabredung schlugen die beiden jungen Leute, als sie sich allein sahen, den Weg nach dem oberen Teile des Gartens ein. Hinter dem nächsten Boskett machte Gerland Halt und suchte ihr einen Kuß zu rauben. Aber sie entfloh ihm – lief voraus, geschickt ihre bessere Kenntnis des Geländes benutzend. Er stürmte ihr nach. Es wurde ein Haschen daraus. Gut, daß niemand von der Gemeinde, oder gar von den Amtsbrüdern, den Herrn Pastor in dieser Situation sah, wie er dem leichtfüßigen Mädchen nachsprang, die sich schelmisch kichernd, hinter Büschen und Bäumen vor ihm zu verstecken suchte. Sie war flinker als er, aber er besaß die größere Ausdauer. Ermattet blieb sie schließlich stehen und ließ sich von ihm umfangen. Er küßte sie herzhaft, nicht bloß einmal. – Ihr Atem flog und streifte seine Wange, der Busen wogte; entzückt betrachtete er sie. Gab es etwas Süßeres als diese Lippen, die den Odem voll und warm gehen ließen – diese Augen, die sie, vom Laufen ein wenig ermattet, lächelnd schloß, so daß sich die langen Wimpern auf den Wangen abzeichneten. – Wie eine eben aufgesprungene Knospe war sie, – eine reizende Mischung von Kind und Weib. Auf einmal errötend und ein wenig die Schultern emporziehend, entzog sie sich ihm und strich ihr Haar, das in Unordnung geraten, glatt. »Heut abend in der Laube – nicht wahr – du versprichst mir?« flüsterte er ihr ins Ohr. Sie erwiderte nichts. Er nannte eine Stunde. »Wirst du kommen?« Sie sprang noch einmal fort. Aber diesmal hatte er sie schnell eingeholt, umfaßte sie und ließ sie unter Bitten und Küssen nicht eher los, bis sie ihm das Versprechen gegeben. Bald darauf saßen sie oben auf der Rasenbank, Hand in Hand. In diesem Augenblicke, wo er sich im Vollbesitze seines Glückes zufrieden hatte fühlen können, überkam ihn wieder jene Stimmung der Unruhe, des Mißtrauens gegen den Bestand dieses Glückes. Alles ging ihm noch einmal durch den Kopf, was von Zweifeln und Besorgnissen in letzter Zeit in ihm aufgestiegen war, was er nur mühsam beschwichtigt hatte. Gertrud war seine Braut. Er durfte sie mit gutem Gewissen jetzt so bezeichnen. Ihre Augen wichen seinem Blicke, ihr Mund seinem Kusse nicht mehr aus. – War man sich seelisch deshalb näher gekommen? – Hatte sie Anteil an seinem Geistesleben? Wie wenig kannte man sich im Grunde! – Was wußte sie von seinen schweren Sorgen – von der Gährung, in der sich sein Inneres befand – dem Kampfe, der in ihm tobte. Und wußte er selbst denn viel von ihr? – Wie stand sie zu jener großen Frage – der größten, die es für ihn gab; wie stand sie zur Religion? Daß sie den kleinen Katechismus aufsagen konnte – ein Erfolg, auf den Martha Herberge so stolz war – bedeutete wenig. Was wollte es heißen, daß sie Kirchenlieder auswendig lernte und biblische Geschichte trieb? – Das alles gab keine Garantie dafür, daß wirkliche Gottesfurcht in ihrer Seele lebe. Dürstete sie in Wahrheit nach dem Heil – nach dem Wort, nach dem Geist? – Lieber keine Taufe, wenn man kalt, ohne Sehnsucht und Liebe, gezwungen durch äußere Rücksichten, an das Mysterium herantrat, nur um der Form zu genügen. – Hier lag der seltene Fall vor, daß ein Mensch sich mit Bewußtsein entscheiden sollte, ob er dem Bunde der Christenheit zugehören wolle, in den die meisten hineingeboren werden. Selbstverantwortlich durfte sich das Mädchen entscheiden über das, was für andere der Zufall bestimmt. Sollte auch hier wieder Konvenienz, Rücksicht auf Zweckmäßigkeit und Vorteil entscheiden? – Sollte, um des guten Zweckes willen eine Vergewaltigung der Seele stattfinden? – Sollte Gewissenszwang die Freiheit der Entschließung aufheben? – Gerland war ja nicht blind; er hatte wohl gemerkt, wie schon seit Wochen Martha Herberge heimlich auf das eine Ziel lossteuerte: Gertruds Taufe. Der fromme Eifer der alten Jungfer hatte ihm schon manchmal peinliches Befremden verursacht. Was unter den Titel: ›Zu Ehren Gottes‹ und zur angeblichen Förderung seines Reiches nicht alles vorgenommen werden konnte an Intriguen und Wahrheitsvergewaltigung! Dem jungen Geistlichen stieg auf einmal ein Verdacht auf: Was für eine Veranlassung mochte es sein, die seinen alten Freund, Pfarrer Valentin, so unerwartet hierher führte? – Weshalb hatte er verlangt, mit dem Arzte unter vier Augen zu sprechen? Was hatte Marthas Aufgeregtheit zu bedeuten? Ob auch Gertrud darum wußte, was da unten jetzt vorging? Er fragte sie, ob sie ihm erklären könne, weshalb ihr Onkel heut gekommen sei. Sie errötete, und die Augen niederschlagend, meinte sie, Tante Martha habe an ihn geschrieben, daß er kommen möge, um mit Vater zu sprechen – wegen der Taufe. Also doch! Gerland schwieg eine Weile; er hatte seinen Arm von dem Mädchen abgezogen und saß, den Kopf aufgestützt, brütend da. – Er mußte doch einmal offen mit ihr sprechen; auf falschen Voraussetzungen durfte sich ihr gemeinsames Geschick nimmermehr aufbauen. Er vermied es, sie während des Sprechens anzusehen, – um sich nicht irre machen zu lassen. Das, was er ihr zu sagen hatte, wurde ihm nicht leicht auszusprechen. Er sagte ihr, daß er sie nicht zu etwas treiben wolle, wonach sie vielleicht kein Bedürfnis fühle, daß sie durchaus frei sei in ihren Entschließungen und daß niemand das Recht habe, sie zu einem Schritte zu veranlassen, der nur dann Wert habe, wenn er aus dem Verlangen des Herzens heraus geschehe. »Aber ich habe mich ja immer so danach gesehnt!« unterbrach sie ihn plötzlich. Er sah sie erstaunt an. – Gesenkten Hauptes saß sie da, von ihm wegblickend. »Wonach gesehnt?« fragte Gerland. »Nach der Taufe!« – Sie sagte das sehr leise. »Lange ehe Tante Martha davon gesprochen hat.« »Mein süßes Herz!« – Er wußte nichts Besseres zu sagen. »Und davon hast du mir bisher kein Wort gesagt, Gertrud?« »Ich schämte mich so.« Er nutzte das Glück der Stunde aus, wo endlich einmal ihr Gemüt offen vor ihm lag. Jetzt wollte und mußte er alles in Erfahrung bringen, von Anfang an. – Und als betrete er ein Wunderland, ward ihm zu Mute, da sie sich ihm entdeckte. Wann sie zum ersten Male gebetet hatte? Das wußte sie nicht ganz genau; aber es mußte schon früh gewesen sein. – Eine Kinderperson hatte ihr vom lieben Gott erzählt, und daß man zu ihm beten müsse. Vom Vater hörte sie niemals über dergleichen, und als sie ihn eines Tages darüber gefragt, hatte er gesagt, wenn sie nur brav und tüchtig, sei das Beten nicht von nöten. – Auch vom lieben Gott und vom Heiland sprach der Vater nicht. Aber gerade all diese Dinge, von denen sie durch die Dienstboten hin und wieder hörte, waren dem Kinde ganz besonders interessant. Einmal hatte die Köchin sie heimlich mit in die Kirche genommen – Gertrud glaubte, es sei wohl eine katholische gewesen. Die Musik, die Priester und die Bildnisse hatten tiefen Eindruck auf das kindliche Gemüt hervorgebracht. Sie lebten damals in der Schweiz, wohin sich Haußner nach seinem Streite mit der Kirche grollend gewendet hatte. Nun kam die Zeit, wo das Mädchen die Schule besuchen mußte. Vom Religionsunterricht war sie ausgenommen. Der Vater erteilte ihr anstatt dessen besonderen Unterricht – es schien sich um Moral und Ethik gehandelt zu haben. Das Mädchen dachte nicht gern an diesen Unterricht zurück. Der Vater sei leicht heftig geworden, wenn sie ihn nicht verstanden habe, meinte sie, und sitzen geblieben sei eigentlich nichts davon bei ihr. Sehr zeitig war ihr eine Ahnung davon aufgegangen, daß noch eine andere Welt existiere, von der ihr der Vater geflissentlich nichts erzähle. Von den Mitschülerinnen erfuhr sie allerhand. Oft las sie in den Büchern und Heften der andern. Biblische Geschichte, Katechismus, Lieder und Gebete – all diese Dinge erschienen ihr interessanter und schöner als das andere, was auf der Schule getrieben wurde. Eine starke Neugier entwickelte sich bei dem Kinde, durch den Vorhang zu blicken, hinter welchem ihre junge Seele das Göttliche wie ein verschleiertes Licht ahnte. Tiefen Eindruck machte es ihr, als eines Tages eine Mitschülerin ihr zurief: »Du bist ja nicht einmal getauft!« – Seitdem war das Kind den Gedanken nicht losgeworden, daß ihr etwas fehle, was die andern besaßen – etwas Großes und Gutes. – Als sie den Vater gelegentlich darüber befragt, sei er – so berichtete sie – sehr ungehalten gewesen. Das wichtigste Ereignis in ihrer religiösen Entwicklung trat jedoch erst ein, als sie nach Eichwald kam. Sie fand die Bücher ihrer verstorbenen Mutter irgendwo auf dem Boden, in einer Kiste weggepackt – verstaubt und vergessen. Da gab es Gebetbücher, Liederbücher, Predigtsammlungen, – erbauliche Schriften aller Art. In diese Bücherei vertiefte sich Gertrud. Sie las wahllos, und hatte bald ihre Lieblinge. Übrigens ließ sie den Vater wohlweislich nichts davon merken. Kindlicher Instinkt führte sie darauf, daß ihr Thun nicht nach seinem Sinn sei, daß er ihr die Bücher höchst wahrscheinlich wegnehmen würde. Fortan wirkten Einflüsse entgegengesetzter Natur auf das Kind ein. Der Vater, der ihren Unterricht weiterführte, füllte ihren jungen Geist mit wissenschaftlichen Begriffen, die andern jungen Mädchen völlig fremd bleiben. Haußner hatte sich auch auf erzieherischem Gebiete seine eigne Theorie gebildet. Vor allem sollte das Kind das, was ist, kennen lernen: die Welt und ihre Erscheinungen. Er unterrichtete die Tochter hauptsächlich in der Naturwissenschaft. Auch in der Methode des Unterrichtens schlug er einen besonderen Weg ein. Er basierte alles auf die Anschauung – von ihr aus ging er zu den Gesetzen über. Das Experiment bildete ein Haupthilfsmittel dieses Unterrichtes. Gerland hatte schon manchmal Gelegenheit gehabt, über Gertruds Kenntnisse auf dem Gebiete der Physik, Chemie und der Biologie zu staunen. Es lag dem Mädchen sehr fern, damit zu prunken, aber gelegentlich kam es zum Vorschein. – Verwundert hörte der junge Geistliche, daß sie genau über die Fortpflanzung der Süßwasseralgen unterrichtet war; oder sie zeigte sich bewandert im Stellen des Mikroskops und wußte aus hundert Präparaten, auf Verlangen des Vaters, das Gewünschte richtig herauszufinden. Aber das Merkwürdigste: ihre Weltanschauung war davon sehr wenig beeinflußt worden – wie Wasser war all das an ihr abgeflossen. Jene Stunden, die sie heimlich über den Andachts- und Gebetbüchern der Mutter zugebracht, hatten viel tiefere Spuren zurückgelassen. In vielen der Bücher fand das Mädchen Randbemerkungen von der Hand der Seligen – auch zahlreiche beschriebene Blätter, Zettel, Buchzeichen. So schien eine Stimme vom Jenseits herüberzudringen, welche das Kind zur Frömmigkeit ermahnte. Der Hang zum Religiösen, der bei der armen Bertha eine mystisch schwärmerische Richtung angenommen, schlug bei der Tochter durch, in gesünderer, natürlicher Form. Und vielleicht gerade weil der Vater diese Seite ihrer Natur unbebaut hatte liegen lassen, weil er versuchte, diesem Hange von vornherein entgegenzuarbeiten, wuchs das zurückgestaute Gefühl, schoß dieser Trieb gegen den Willen des Gärtners um so kräftiger und gesünder empor. – Zum Gottesdienste durfte Gertrud nicht gehen. Aber der Vater konnte es nicht verhindern, daß das Mädchen mit Persönlichkeiten zusammenkam, die einen nachhaltigeren, lebendigeren Eindruck auf ihr Seelenleben ausübten, als es Predigt und Schule jemals vermocht hätten. Da war vor allem die alte Märzliebs-Hanne in Eiba. Das Mädchen hatte eine große Liebe zu der Greisin gefaßt. – Kein Zweifel, die Alte trug viel dazu bei mit ihren naiven Erzählungen vom lieben Gott, dem Heiland, den Engeln, die religiöse Phantasie des Kindes zu wecken und mit Wundergehalte zu erfüllen. Und so war unter dem Einflusse verschiedenster Personen und Erlebnisse ein ganz eigenartiges Gebilde entstanden. Mit der landesüblichen Frömmigkeit hatten die religiösen Anschauungen des jungen Mädchens freilich nicht viel gemein. Ihr Christentum war ein ursprüngliches Gewächs, auf natürlichem Boden gewachsen, gesund und frisch – keine bleichsüchtige, blutarme, beim Lampenlicht der Schulstube künstlich getriebene Pflanze. Die Prüfung im Religionsfache an einer höheren Töchterschule würde Gertrud wohl schlecht bestanden haben. Der Begriff, daß wir Menschen durchaus schlecht und verderbt sind und nur durch Gottes Gnade selig werden können, war ihr nicht in Fleisch und Blut übergegangen. – Sie wußte nicht, daß der Herr Jesus zwei Stände und drei Ämter gehabt hat. Auch von dem Hader der Konfessionen ahnte sie wenig, noch weniger von den Konzilien, und über die Religionskriege hätte sie sehr schlecht Bescheid gewußt. Aber was ihr an Kenntnissen abging, ersetzte reichlich die Innigkeit und Wärme, mit der sie das, was sie sich selbst aus dem Bedürfnis ihres frommen Gemüts heraus gesammelt hatte, umschlungen hielt. Gerlands Vortrag in der Bibelstunde, den sie mit der alten Märzliebs-Hanne besucht, hatte nachhaltigen Einfluß ausgeübt. Einen tieferen Eindruck noch hatte sein erstes Geschenk an sie gemacht: das neue Testament und die Worte, mit denen er ihr das Buch gegeben. Mit diesen Eindrücken schied sie im Herbste von der Heimat. – Der Winter brachte ihr Großes und Ungeahntes. Nicht mehr als Kind – als Jungfrau kam sie im Frühjahr nach Haus zurück. Der Gedanke an den jungen Mann hatte sie in die Fremde begleitet. Und wenn sie in dem Buche las, das er ihr in regnerischer Nacht zum Abschied in die Hand gedrückt, so schien damit eine unsichtbare Verbindung zwischen ihnen hergestellt. Sie las und dachte an ihn – und wie es im Evangelium heißt: ›Sie behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen‹ – Als der junge Geistliche in dieser Stunde einen Blick that in die Seele seiner Braut – als ihm eine Ahnung aufging von der Frömmigkeit, die in diesem Mädchen lebte, da fühlte er sich wahrhaft beschämt. Was war seine in allen Fugen krachende Weltanschauung, gehalten gegen diesen schlichten, kindlichen, selbsterworbenen Glauben? Wahrhaftig! die Bedenken, daß sie nicht würdig sei, die Taufe zu empfangen, konnte er getrost fahren lassen. Sie war längst eine Christin, obgleich ihr die äußerliche Besiegelung des Glaubens fehlte. Sie war eine Christin, selbständiger und freier als tausend Namenchristen; denn sie hatte sich das, was andern mit der Geburt in die Wiege gelegt wird, selbst erobert. Herrlich hatte das Kind ihr von der seligen Mutter überkommenes Erbteil im Stillen, ohne Aufsehen, dem Zuge ihrer guten Natur folgend, verwaltet. – Die Religionsfeindschaft des Vaters – seine auf Ausrottung aller Frömmigkeit gerichteten Maßnahmen und Lehren, hatte sie in schlichter Einfalt des Herzens überwunden. – Wie Frühlingswetter, mit Schauern und Sonnenblicken, zog das Glück in Gerlands Seele ein. In Gertruds guten Augen, die leuchtend zu ihm aufgeschlagen waren, las er die Bestätigung seines Glücksgefühls. Jetzt war sie wahrhaftig seine Braut geworden. Mehr als Verliebtheit schwellte ihm die Brust in diesem Augenblicke: Bewunderung, Stolz auf dieses Mädchen, die so viel reiner, schlichter und frömmer war, als er. Wie hatte sich ihr Verhältnis mit einem Schlage verändert – veredelt! – Er fühlte die warme Nähe ihres jungen Leibes – aber alle Sinnlichkeit trat in seinem Empfinden zurück. Nicht Körper und Körper bloß – nein, Mann und Weib – Mensch und Mensch – geeinigt für ein Leben! Er wußte es jetzt, daß ihre erwachte Psyche ihm gehöre – ihm allein! – Das Paar schritt von seinem Sitze herab, dem Hause zu – Hand in Hand. Von unten kam ihnen ein anderes Paar entgegen: Pfarrer Valentin und Martha. In den Zügen des alten Mannes war besonderer Ernst zu lesen. Aus Marthas Gesicht strahlte freudige Erregtheit, sie lief den jungen Leuten entgegen. Unter Thränen und Küssen umarmte sie Gertrud. »Nun wirst du getauft, Trudel!« – Valentin ergriff Gerlands Hand. »Ja, es ist so! Mit Gottes Hilfe ist mir's gelungen. Aber es war ein harter Kampf. Aller Trotz, alles was sich in seiner Seele angesammelt von Groll und Haß lehnte sich noch einmal auf. – Aber – er ist eben doch nicht mehr der Alte. – Vieles hat an ihm gearbeitet – sein Herz ist weich, er verschließt sich nicht der Liebe. Er wird verreisen für einige Zeit. Der Taufe beizuwohnen, sträubt er sich. – Traurig, daß der Widerwille gegen das Christentum trotz allem und allem noch so tief in ihm wurzelt! – Und doch, ich weiß es – die ewige Liebe wird auch ihn gewinnen. Liebe ist es doch schließlich, die ihn soweit geführt hat – Liebe zu euch, Liebe zu denen, die nicht mehr sind.« XX. Gerland war in jener Zeit wie ein Wandersmann, vor dem sich, nachdem er lange unter verhangenem Himmel dahingeschritten, der Horizont verheißungsvoll auflichtet. Mannigfache Erlebnisse hatten seine Erfahrung bereichert und sein Fühlen vertieft. Seine Stellung zu Gott hatte sich von Grund aus gewandelt. Er suchte ihn nicht mehr in weiter Ferne; er quälte sich nicht mehr damit ab, ihn sich beweisen zu lassen, durch das was andere Zeiten und andere Menschen über ihn erdacht; er versuchte es nicht mehr, sich ein Bild von ihm zu machen, um dann vor diesem Bilde niederzuknieen. Er gab sich einfach dem Bewußtsein hin, ihn zu besitzen – überall, in allem – in sich und außer der eigenen Person – in der Welt. – In der Thatsache, daß er lebte und dachte, im Gefühle seiner unsterblichen Seele, in seiner Gottsehnsucht selbst war Gott ihm gegeben. – Und demgemäß hatte sich auch sein Begriff über den Weg zu Gott gewandelt. Frömmigkeit, das war eben nicht ein Gut, das man erwerben und besitzen konnte, wie er früher gewähnt; die wahre Frömmigkeit lag im Suchen. Fromm waren nicht die, welche in den Augen der Welt dafür galten, nicht die auf den Resultaten fremden Ringens und Denkens bequem Ausruhenden. – Nein! die wahrhaft Frommen, das waren die allezeit Zweifelnden und aus Zweifeln sich zu neuem Glauben Emporringenden – die Ungenügsamen – Durstigen, die Tiefbohrenden und Wühlenden, deren Glück im Suchen bestand. Jene andern, wie immer sie sich nennen mochten – saßen in wohlverschlossenen Häusern, in Festungen; eifrig waren sie bemüht, Ritzen und Löcher zu verstopfen, ja, viele arbeiteten daran, Fenster und Thüren zu verbauen, damit nur ja nicht das Himmelslicht und der frische Wind des Lebens in ihre dumpfe Behausung eindringe. So sah er eine ganze Stadt vor sich stehen: Haus an Haus, Tempel an Tempel, Feste an Feste – in allen Größen und Stilarten, die Gebäude – mittelalterlich verschnörkelt, mit wunderlichen Anbauten – manche verfallene Ruine darunter – andere mühsam gestützt und mit modernem Aufputz versehen. Viel Flickwerk – eine hohle, untergrabene, altersschwache Pracht! – Auch er hatte ein solches Haus bewohnt. Aber niemals hatte er sich recht glücklich darin fühlen können; unbehaglich war es ihm gewesen, ja oft unheimlich, wie in einer Leichenkammer. Modergeruch, altes Gerümpel, das Herdfeuer trübe strahlend und im Verlöschen begriffen, dumpfe, eingeschlossene Zimmerluft. – Und dabei das Ahnen und die Sehnsucht nach dem Licht, das überall durch Klinzen und Ritzen des morschen Bauwerkes eindrang. – Und doch war der Entschluß schwer, das alte Nest zu verlassen. Er war darin geboren – alle seine Lieben hatten darin gelebt, waren selig darin verstorben. Die Geister entschwundener Generationen schienen ihn warnend zurückhalten zu wollen. Wie Schluchzen glaubte er es in den Lüften zu vernehmen, als er sich reisefertig machte. Ein Paar liebe Augen sah er thränengefüllt auf sich gerichtet. – So hatte ihn die Mutter angesehen, betrübt und vorwurfsvoll, wenn er als Kind ein Unrecht begangen. Aber konnte er anders? – Es galt nicht sein Glück, nicht die Erfüllung frivoler Wünsche; es handelte sich darum, ob er ein ehrlicher Mensch bleiben dürfe. – Zaghaft that er den Schritt über die Schwelle. Ihn fröstelte in der scharfen Morgenluft, die ihn draußen empfing. Unsicher setzte er einen Fuß vor den andern, noch oft zurückblickend voll Sehnsucht nach der Stätte, die er verlassen. Aber allmählich gewöhnte sich seine Lunge an diese kräftigere Luft, sein Auge an die neue Umgebung. Weit lag die Welt um ihn her. Gegen den Himmel über ihn kein schützendes Dach. Er war von zu Hause her die bemalte Stubendecke gewohnt, auf der Engel und andere mystische Gestalten abgebildet gewesen. Jetzt sah er den wirklichen Himmel, der war wie Stahl undurchdringlich, ohne Anfang und Ende, blickte wie ein kaltes Auge gleichgiltig herab auf das Gewimmel der Menschenwelt. – Aber unter seinen Füßen fühlte der Wandersmann festen Boden, eine harte, steinige Straße, die hinausführte in die lebenstrotzende Landschaft. Welch eine Mannigfaltigkeit der Formen, welche Wunder der Kraft! – Wie war die Luft voll vom kräftigen Duft der frisch umgebrochenen Scholle! – Und das alles hatte eine Berechtigung zum Leben, ein Recht zu wachsen, zu gedeihen, sich zu entwickeln, sich zu mehren. Die Freude war nicht verboten –; das Natürliche hieß nicht mehr schändlich. Nicht düstere Askese war der Wille des Schöpfers, nicht Furcht und Zittern, nicht Kreuzigung des Fleisches, nicht Knechtssinn! Für das Armesündergefühl war kein Platz in dieser freien Welt. Hier wurde die selbstbewußte Kühnheit, der kecke Mut des Entdeckungsreisenden erfordert, der nur den Anfang seines Pfades vor Augen hat und das Ziel ahnt, aber nicht weiß, was da zwischen Anfang und Ende liegen mag. Das befriedigende Gefühl zog bei, ihm ein, daß er auf dem rechten Wege sei. Wenn er daran dachte, wie er vordem ängstlich umhergetappt war, so mußte er lächeln. Wie hatte er sich's doch unnütz schwer gemacht! – Und doch: er sagte sich, daß der Zickzackweg, den er genommen, zu seinem Besten gewesen sei. Er war hart geworden in vielen Kämpfen, und seine Lungen hatten sich geweitet. Er kam sich vor, wie einer, der in einem großen Schranke voll alter Reliquien gesucht, ein Fach nach dem andern aufgezogen – in Verzweiflung herumwühlend, und das Kleinod hatte er doch nicht gefunden. Armer Thor, derer gewesen! Wie konnte er finden, was er suchte? – In Fächern war es nicht aufzuheben, nicht mit Händen zu greifen. – ›Der Allerhöchste wohnet nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind‹. Warum suchen wir ihn denn außer uns? Er ist in uns selbst; wir selbst sind in dem, was wir suchen. ›Und zwar, er ist nicht ferne von einem jeglichen unter uns; denn in ihm leben, weben und sind wir. – Wir sind seines Geschlechts!‹ – Den Geist Gottes in ein System zwängen, glich das nicht dem unsinnigen Thun derer, die den Wind in einem Sacke fangen wollten? – Eine Methode, diesen Geist zu erkennen, ihn zu sezieren und auseinanderzulegen, war das nicht ein Verbrechen an dem Wesen dieses Geistes? ›Der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig!‹ Wie widerte ihn jetzt der öde Formalismus an, dessen Anhänger er gewesen. Jetzt, wo er all die papiernen Hüllen durchbrochen, begann er zu begreifen, was es heißt, Gott lieben. Mit dem Gefühle verglichen, das ihn nun dem Göttlichen gegenüber erfüllte, erschien ihm sein bisheriger Kultus wie Götzendienst. Gefürchtet hatte er sich vor diesem Gott, der hinter Wolken saß, gefürchtet hatte er auch den, welcher gesagt: ›Ein neu Gebot gebe ich Euch, daß ihr Euch untereinander liebet, wie ich Euch geliebt habe‹. Auch er war ihm ein Fremder gewesen; dieser Erde war ihr bester Sohn geraubt, der Menschheit war er entfremdet worden, für die sein großes Herz schlug, in einen kalten Himmel der Abstraktionen und Begriffe hatten sie ihn entrückt. – Wohl empörte sich das Gefühl gegen solche Fälschung, aber der junge Theologe hatte sich dem mächtigsten Zwange gefügt, den es giebt: der Autorität und der Gewohnheit. Dieses ganze morsche Gerüst, auf dem er gestanden, brach jetzt zusammen. Eines der bemalten Bretter nach dem andern wurde vor seinen Augen weggeschwemmt, von den Frühjahrsgewässern, die ihn umtosten. Seit jenen Zeiten, wo er als junger Student Gott auf den Knieen angefleht hatte, er möge ihm Glauben schenken, war manche Wandlung mit Gerland vor sich gegangen. Viel Laub war grün geworden und war wieder abgewelkt an seinem inneren Menschen. Wenn er jetzt zurückschauend stehen blieb auf seinem Pfade, mußte er staunen. Hatte ihn Gott nicht wunderbar geführt? – Freilich das Ideal, welches ihm damals vorgeschwebt, hatte er nicht erreicht; ein rechtgläubiger Kirchenchrist war er nicht geworden. Aber für seine Innenanschauung hatte er das gewonnen, was er sein Lebenlang blind tastend gesucht: das Christentum. – Vieles war an ihm vorübergegangen in den letzten Jahren: Erscheinungen, Eindrücke, Menschen, Lehren, Zweifel und Wünsche – eigne und fremde Gedanken. – Er hatte Herz und Kopf offen gehalten, hatte die Augen gebraucht. All das Erlebte, Gesehene und Gedachte hatte einen Niederschlag gebildet tief im Grunde seiner Seele. Und dieser Niederschlag hieß Glaube – Glaube an das Leben. – Zuversicht: was immer geschehen mag, ich kann nicht verloren gehen! – Das Gefühl der Unsterblichkeit, die Verwandtschaft mit dem, was uns umgiebt, des Zusammenhanges mit dem Urquell, aus dem wir stammen, und das Gefühl der Verantwortung vor sich selbst und vor den Gesetzen des Alls. – Seiner selbst war er sich bewußt geworden – ein Mann war er geworden. Und damit wich das Gefühl der Furcht aus seiner Seele, das, wie er sich gestehen mußte, bisher das Motiv nur zu vieler seiner Handlungen gewesen. Zur Furcht war er ja auch erzogen worden von früh an. Furcht war ihm beigebracht worden vor den Menschen, Furcht vor der Natur, Furcht vor den Verhältnissen – ja selbst seinem Gotte müsse er sich in Furcht nahen, war ihm gelehrt worden. Und als er nun endlich zu begreifen anfing, daß Furcht, in welcher Gestalt auch immer, das Schmählichste aller Gefühle ist, welches einen Menschen beseelen kann, da ward es ihm, als fielen ihm die Schuppen von den Augen. Der Begriff der Knechtschaft war es gewesen, der ihn so lange von seinem Gotte fern gehalten hatte. Gott wollte keine Knechte; nicht kriechend und um Gnade bettelnd sollten wir uns ihm nahen, sondern frei, erhobenen Hauptes, mit offenem, klarem Blicke; denn so allein konnten wir ihn erkennen. Das eigne Ich unterdrücken, das verderbt ist von Anfang und zu nichts Gutem tauglich! riefen rings theologische Stimmen in allen Tonarten. – Nein! Das eigne Ich zur Geltung bringen, auf die Innenstimme lauschen, die unsterbliche Seele zu Gott entwickeln, das war die neue Anschauung, die täglich in ihm an Kraft gewann. Und dabei fühlte er eine bisher nicht geahnte Harmonie sein Wesen erfüllen und einen langersehnten Frieden Einzug in seine Seele halten. Sein Leben in Einklang mit Gott setzen! Konnte es etwas Natürlicheres und Vernünftigeres geben? – Und war es denn so schwer, Gottes Willen zu erkennen? – Freilich, wenn man die verklausulierten Lehren der Professionstheologie zu verstehen versuchte, das war ein schweres Stück Arbeit, von dem ihm noch die Tropfen auf der Stirn standen. – Nein! Nicht Gesetze, von Fremden erklügelt, die großen Weltgesetze, wie sie der gottsuchenden, frommen Seele sich offenbarten, und das Gefühl der Verantwortlichkeit vor diesen ehernen Gesetzen, das Gewissen, mußten die Richtschnur ergeben, auf der das echte Gotteskind unverzagt vorwärts schreiten durfte, voll Selbstbewußtsein, im festen Vertrauen auf des Vaters Güte. – XXI. Es war ein schöner Sommertag, an dem Gertruds Taufe stattfand. Freundlicher Sonnenschein lag über dem Gebirgsdörschen Göhdaberg und verbrämte das Dutzend verfallener Strohhüten, das schindelgedeckte Kirchlein und das einstöckige Pfarrhaus daneben. – Als Pfarrer Gerland zu früher Morgenstunde von Breitendorf nach Göhdaberg wanderte, war ihm, der frischen Morgenluft und dem freien Himmel zum Trotze, das Herz merkwürdig beklommen. Wie ein Schüler vor dem Examen, bange und zukunftsfreudig zugleich, fühlte er sich. Keinen Gedanken konnte er recht zu Ende denken. – Heute sollte seine Braut getauft werden. – – Und nun saß er droben im Studierzimmer des greisen Pfarrers Valentin, der sich nebenan für die heilige Handlung vorbereitete. Noch war keine Eile – und trotzdem sah Gerland in einem fort nach der Uhr – lief ans Fenster, zu sehen, ob sie noch nicht bald kommen würden. Dann versuchte er in dem Buche zu lesen, welches ihm sein alter Freund in die Hand gedrückt: »Geroks Palmblätter«. – Er las mechanisch die Buchstaben, ohne auf den Sinn zu achten. Sein Blick schweifte umher und blieb an den Bildern haften, die über dem Schreibtische hingen. Um zwei von ihnen war frisches Immergrün gewunden. Gerland erhob sich und trat davor. Es war, wie er sich's gedacht: Emmy und Bertha! – Der Verstorbenen Bildnisse hatte der Alte in dieser Weise geschmückt – zum heutigen Tag! Der junge Mann stand noch gerührt vor diesen verblichenen Zeugen einer vergangenen Zeit, als drüben ein Wagen vorfuhr. Das würden sie sein: Gertrud und Martha! Er eilte hinab, klopfenden Herzens. Seine Enttäuschung war groß, als dem Wägelchen nicht die Erwarteten, sondern Dornig entstieg, der einem weiblichen Wesen beim Aussteigen behilflich war. Der Amtsbruder von Färbersbach kam lachend auf Gerland zu. »Du bist mir doch nicht böse, daß wir gekommen sind! Ich habe mir nämlich erlaubt, meine Braut mitzubringen – die Taufe interessiert sie so.« – Nun folgte die Vorstellung. – Dörings Braut war ein dralles, pausbackiges Mädchen, von gesunden Farben, mit Stumpfnase und dunklen Augen – in gewisser Beziehung Dornigs ins Weibliche übersetztes Ebenbild. Sie machte vor Gerland einen feinen Knix – wohl ein Resultat ihrer Pensionatserziehung. Gerland fühlte sich durch die Anwesenheit der beiden nicht sonderlich angenehm berührt. Sein Wunsch war gewesen, daß die Feier möglichst einfach, ohne Gepränge und Aufsehen, vor sich gehen solle. Aus diesem Grunde war auch nicht der Sonntag gewählt worden. Und nun schien sich die Sache doch wieder herumgeredet zu haben – höchstwahrscheinlich durch Dornigs Indiskretion, dem Gerland unglücklicherweise den Termin des Taufaktes arglos mitgeteilt hatte. Dornig merkte entweder nichts von der Verstimmung des Amtsbruders, oder er kehrte sich nicht daran. Mit der unschuldigsten Miene der Welt erzählte er, daß eine ganze Masse Geistlicher kommen würden – er habe sie unterwegs überholt. »Ja, so was sieht man nicht alle Tage – eine Proselytentaufe! – Die Sache hat großes Aufsehen gemacht in der Gegend. – Du, sage mal, Gerland, wird denn Doktor Haußner kommen?« –- Gerland erklärte, der Arzt sei verreist. »Was habe ich gesagt!« rief Dornig seiner Braut zu. »Gestern wurde noch in Färbersbach darüber gestritten, ob Haußner kommen würde, oder nicht. – Ich sagte von vornherein: er kommt nicht! – Also habe ich doch recht gehabt! – Na, da werden verschiedene enttäuscht sein, die bloß hierher kommen wollten, um zu sehen, wie er sich bei der ganzen Affäre benehmen würde.« – Ein neuer Wagen fuhr heran. Diesmal waren es Gertrud und Martha. Gerland geleitete die beiden sofort ins Pfarrhaus. Gertrud ließ die Hand nicht wieder los, die er ihr gereicht hatte; entzückt fühlte er den verstohlenen Druck ihrer Finger durch den Handschuh. Sie war gekleidet, nach Art der Konfirmanden, in ein schwarzseidenes Kleid von schlichter Façon. Voll Rührung sah Gerland, daß sie das Neue Testament, welches er ihr ehemals geschenkt hatte, mit sich führte. Das Mädchen war sichtlich erfaßt von der Bedeutung des Tages. Der Ausdruck eines tiefen, inneren Glückes sprach aus ihren Zügen. Sehr aufgeregt benahm sich Martha Herberge. – Ihre Unterhaltung bestand eigentlich nur noch in Interjektionen und stürmischen Händedrücken. Der alte Valentin kam ihnen, im Ornate, auf der Treppe entgegen. Schüchtern beugte Gertrud den blonden Scheitel vor ihm, auf den der Greis seine zitternden Hände legte, dann küßte er das Mädchen und stammelte Segensworte. Martha schluchzte laut auf. Man betrat das Studierzimmer. Valentin führte die Nichte vor das Bildnis der Mutter: »Die sieht jetzt auf uns herab. – Ihre Fürbitte an Gottes Thron – ihr treues Gebet ist es, das dich dahin geführt hat, mein Kind, wo du heute stehst.« – Alle fühlten, daß in dem Munde dieses Mannes solche Worte keine Redensarten seien. »Sie hat mit uns gewacht und gebetet um das Heil deiner Seele – Gertrud! – Gott der Allmächtige hat ihr Gebet erhöret. – Er hat dir ins Herz gegeben, dich nach dem zu sehnen, was deiner Mutter Trost und Stärkung war. Sie ist heute bei uns, als wäre sie lebendig. – Was sie gesäet hat, das ernten wir – sie segnet dich, mein Kind!« – Noch ein kurzes Wort der Ansprache richtete der greise Pfarrer an Gerland. Dann erklärte er, nun könne ungesäumt zur heiligen Handlung geschritten werden. Sie begaben sich durch das Pfarrgärtchen, über den Kirchhof schreitend, zum Gotteshause. Dornig hatte richtig prophezeit: ein Schwarm von Klerikern drängte sich am Altarplatze. Da war gleich in der ersten Bank Pfarrer Roßbach und Diakonus Schwenker. – Und dort das bleiche Gesicht mit dem schwarzen Seidenhaar: Polani. Neben ihm seine Frau. Sie nickte und lächelte, während Gerland hinter seiner Braut dem Altar zuschritt. Weiter hinten im Schiff des Kirchleins drängte sich Kopf an Kopf: Dorfleute – allerhand Volk aus der Umgegend, das neugierig herbeigeströmt war, um dem außerordentlichen Ereignisse beizuwohnen – der Taufe von Doktor Haußners, des Dissidenten, Tochter! – Beim Eintritte des Taufkindes und der Zeugen hatte die altersschwache Orgel mit ächzenden Tönen eingesetzt – allmählich fand sich etwas wie eine Melodie hinzu – und mit Hilfe vieler sangeskundiger Pastoren brauste das Eingangslied durch das Gotteshaus, dessen alte, bemalte Holzdecke und das wurmstichige Emporengebälk verwundert auf ein Neues herabblickten, das sich heute hier zutrug. Gertrud saß allein vor dem Altare, hinter ihr, als Taufzeugen: Martha und Gerland. Der junge Mann konnte den Blick nicht von Gertrud lassen, die gesenkten Hauptes, die Hände über dem Buche gefaltet, in Andacht vor ihm saß. Der Ernst tiefer Frömmigkeit drückte sich in ihrer Erscheinung, in jeder ihrer Bewegungen aus. – Das Lied war verklungen; von der Sakristei her nahte sich jetzt die ehrwürdige Erscheinung des greisen Pfarrers. Nach stillem Gebet sprach er die Einsetzungsworte aus dem Matthäusevangelium; dann begann er die Taufrede. Das Amt lag in guten Händen. Von einem Manne, wie Pfarrer Valentin, war nicht zu befürchten, daß er die Gelegenheit benutzen werde, um zu moralisieren. Schlicht und einfach legte er dar, wie in der Seele dieses Mädchens das Verlangen erwachsen sei, in die christliche Gemeinschaft aufgenommen zu werden. Ihres früheren Erziehungsganges und des väterlichen Einflusses wurde in mildester Form gedacht – bei dem Andenken der verstorbenen Mutter verweilte er länger – und hier strömte ihm die Rede am wärmsten. – Gerlands that er in taktvoller Weise überhaupt keine Erwähnung. Die Ansprache gipfelte in dem Danke für Gottes Güte, der den Täufling hierher geführt habe, damit er die geistliche Wiedergeburt empfange. Hierauf trat er an das Mädchen heran, das sich erhoben hatte, gab ihr das Kreuz an Stirn und Brust und sprach: »Nimm hin das Zeichen des heiligen Kreuzes, beides, an der Stirn und an der Brust. – Lasset uns beten!« – Nach dem Gebet verlas er das Evangelium. Dann legte er seine Hand auf des Täuflings Haupt und sprach das Vaterunser. Nun fragte er sie den Glauben ab. Als sie derart ihr Bekenntnis abgelegt, fragte er: »Willst du getauft sein?« Klar und lieblich klang das »Ja!« von zarter Mädchenstimme durch den Raum. Und nun, unter atemloser Spannung der Versammlung, taufte er die Knieende mit Wasser, dabei sprechend: »Gertrud Sophie Friederike, ich taufe dich im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Der allmächtige Gott und Vater unseres Herrn Jesu Christi, der dich anderweit geboren hat durch Wasser und den heiligen Geist und hat dir alle deine Sünde vergeben, der stärke dich mit seiner Gnade zum ewigen Leben. Amen! – Friede sei mit dir. – Amen!« Und schließlich sich der Gemeinde zuwendend, erteilte der alte Mann mit erhobenen Händen allen den Segen. – Damit verließ er den Altar. Martha und Gerland traten zu Gertrud, um die noch Knieende aufzurichten. – Noch einmal setzte die altersschwache Orgel ein, zu einem Schlußliede. Aber es war keine rechte Andacht mehr in der Gemeinde. Während Gertrud und Martha in die Sakristei verschwanden, drängte sich alles zu Gerland. Man beglückwünschte ihn. Allen voran Polani. Während er mit diesem zum Ausgang schritt, umschwärmten ihn die Amtsbrüder; jeder wollte ihm etwas sagen. – Er schien auf einmal eine populäre Persönlichkeit geworden zu sein. – Man schüttelte ihm die Hände und versicherte, wie man sich für ihn freue. – »Ihre Braut ist reizend!« tönte es ihm von den Lippen der Pastorin von Annenbad entgegen. »Ich wünsche Ihnen von Herzen Glück, Herr Pastor!« – Pfarrer Roßbach näherte sich, und versicherte, das Ganze habe einen ausgezeichneten Eindruck gemacht. – Diakonus Schwenker gratulierte mit dem üblichen unangebrachten Gelächter. Allerhand Fragen wurden an Gerland gestellt. Da war einer, der sich nach dem Termin der Hochzeit erkundigte, ein anderer wollte wissen, warum des Mädchens Vater nicht dagewesen sei. Polani rettete den arg Bestürmten aus der unangenehmen Lage. Er nahm Gerland unter den Arm und schritt mit ihm beiseite: »Ich gratuliere Ihnen von ganzem Herzen, Gerland! – Es muß Sie, denke ich, mit hoher Befriedigung erfüllen, daß Sie das erreicht haben.« Gerland wandte ein, daß ihm so gut wie kein Verdienst in dieser Sache zukomme; es sei des Mädchens freier Wille gewesen, getauft zu werden. Polani nahm dies mit eigentümlichem Lächeln auf. »Schön schön – lieber Gerland!« sagte er. »Was ich Ihnen in aller Eile noch mitteilen wollte, ist das: Superintendent Großer ist mit Ihrem Thun, überhaupt mit der ganzen Art und Weise, wie diese Angelegenheit von Ihnen behandelt worden ist – zielbewußt und taktvoll zugleich – sehr einverstanden! Der Superintendent wäre jedenfalls selbst hergekommen, hätte nicht das berechtigte Bedenken bestanden, der Vater der Konvertierten möchte zugegen sei. – Sie wissen ja, wie die beiden zu einander stehen! – Nun, jedenfalls hat er mich beauftragt, Ihnen seinen Glückwunsch auszusprechen, und er würde die nächste Gelegenheit wahrnehmen, um mit Ihnen persönliche Rücksprache zu nehmen. Es schwebt da ja wohl eine Angelegenheit zwischen Ihnen und Ihrem Patron, dem Grafen. Der Superintendent scheint Hoffnung zu haben, diese Sache zu friedlichem Ausgleich zu bringen. – Er ist Ihnen wirklich günstig gesinnt, der Superintendent. – Sie wissen, er hat nun mal die Schwäche, nach oben zu blicken – und ein Ereignis, wie dieses, wird ja natürlich nicht unbemerkt bleiben – Sie verstehen! – Wie gesagt, ich freue mich, Ihnen so gute Nachrichten von dieser Seite bringen zu können.« – Zu weiterem gab es für Polani keine Zeit. Seine Frau saß bereits im Wagen. Mit ungeduldiger Stimme rief sie nach dem Gatten. Gerland drängte es, ins Pfarrhaus zu eilen, wo er sein liebes Mädchen wußte. – XXII. Die Taufe hatte an einem Freitage stattgefunden; am Sonntage darauf, im Frühgottesdienste, empfing Gertrud in Gesellschaft Marthas zum ersten Male das heilige Abendmahl aus der Hand ihres Bräutigams. Noch während der Feier erschien in der Sakristei eine dem jungen Geistlichen wohlbekannte Persönlichkeit: Superintendent Großer. »Ich werde dem Gottesdienste beiwohnen,« meinte der Oberhirte, nachdem Gerland sich zu ihm begeben und ihn begrüßt hatte. »Lassen Sie sich in keiner Weise durch meine Anwesenheit beeinflussen, Pfarrer Gerland! – Alles soll den gewohnten Gang gehen. – Mein Wunsch ist es gerade, Sie in der Ausübung Ihres Amtes vor der Gemeinde zu sehen – in der gewohnten Weise – wie gesagt!« – Also eine Visitation! – Der Superintendent hätte sich die Mahnungen ersparen können; Gerland lag die Absicht sehr fern, seinem Oberen Sand in die Augen zu streuen. »Wer sind denn die beiden Damen da drüben?« – fragte der Prälat und wies nach der Haußnerschen Loge. »Sie fielen mir schon während der Abendmahlsfeier auf.« »Die jüngere ist meine Braut – die ältere deren Tante.« »Sehen Sie einmal an – Ihre Braut – so so!« Der Superintendent fixierte die beiden Frauen mit neugierigen Blicken. – Gerland betrat die Kanzel in ziemlicher Ruhe – das Examengefühl quälte ihn nicht. – Er hielt seine Predigt so, wie er sie sich im Kopfe zurechtgelegt hatte, noch ehe er ahnen konnte, daß sein Oberer ihn visitieren würde. – Als der junge Geistliche nach dem Segen in die Sakristei zurückkehrte, nickte der Prälat anscheinend zufriedengestellt und erklärte, im Pfarrhause das weitere mit Gerland besprechen zu wollen. – »Es freut mich, Herr Amtsbruder!« begann er seine Kritik – nachdem er im bequemsten Stuhle von Gerlands Studierzimmer Platz genommen hatte. – »Es freut mich von Herzen, Ihnen meine volle Zufriedenheit aussprechen zu können über das, was ich heute gesehen und gehört habe. Die Form des Gottesdienstes ist würdig und weihevoll – die Liturgie angemessen – mit Ihrer Homiletik bin ich durchaus einverstanden – ich habe alles korrekt und der Agenda gemäß befunden. – Ganz besonders erfreut hat mich auch die gutbesuchte Kirche und die zahlreichen Abendmahlsgänger. Dergleichen ist in unserer Zeit ein herzerhebender Anblick und spricht dafür, daß der Diener am Worte seines Amtes in Treue waltet. – Nun, wie gesagt, es ist mir eine große Freude, solches Ihnen gegenüber aussprechen zu können, mein lieber Pfarrer! – Nachdem ich Sie kürzlich mit ernsten Worten vermahnen und warnen mußte und noch manche andere – Trübungen – will ich es nennen – zwischen Ihnen und Ihren Vorgesetzten eingetreten waren. – Nun ist Hoffnung vorhanden, daß sich das beilegen lassen wird, zu Ihrem eigenen Besten und zu Nutz und Frommen der Sache, der wir dienen.« – Der Prälat ließ nach diesen Worten eine längere Pause eintreten – wohl um seine Gedanken, die ihm gelegentlich entschlüpften, zu sammeln. »Ja – wegen dieser Beschwerde, die neulich bei dem Herrn Grafen einlief – von seiten der Gemeinde –« »Um Verzeihung, Herr Superintendent, wenn ich Sie unterbreche – von einer Beschwerde von seiten der Gemeinde kann doch wohl nicht die Rede sein. – Das Schriftstück war anonym!« »Wir wollen hier keine Silbenstecherei treiben, lieber Amtsbruder! – Ob anonym oder nicht anonym, ist schließlich gleichgiltig. Thatsache ist, daß sich eine Anzahl Mitglieder Ihrer Gemeinde durch Vorkommnisse – Handlungen von Ihrer Seite – befremdet und verletzt gefühlt haben, und darüber bei dem Patron vorstellig geworden sind. Diese Angelegenheit ist ja nun zu meiner größten Freude mehr oder weniger als erledigt zu betrachten. Denn das hauptsächlichste Gravamen war doch eben, daß sich die Gemeinde durch den intimen Verkehr ihres Hirten mit einem ungetauften Mädchen irritiert und gekränkt fühlte. Diese Anklage fällt in sich selbst zusammen, seit der bedenkliche Punkt des Nichtgetauftseins weggeräumt ist. Der Erfolg hat sie gerechtfertigt, Herr Amtsbruder! – Sie haben erreicht, was niemand für möglich hielt. Die Tochter des Dissidenten, des bekannten Kirchenfeindes, haben Sie in den Schoß der Kirche zurückgeführt. – Nun erkenne ich auch darin das Walten der göttlichen Vorsehung. – Daß gerade Doktor Haußner das an seinem Kinde erleben muß! – Der Mann, der unserer Sache so vielen und so argen Schaden gethan hat – der auch ganz besonders mir viele schwere Stunden bereitet hat. – Liegt nicht eine wunderbare Gerechtigkeit in dem, was der Mann jetzt erleben muß? Sein Lebenszweck, sein Ideal: das einzige Kind in kirchenfeindlichen Traditionen zu erziehen und vom Christentum fernzuhalten, ist vereitelt. Ich will dem Manne gewiß nichts nachsagen – aber – recht blamiert – geradezu lächerlich, steht er doch jetzt da!« – Der Superintendent kicherte in sich hinein. Er mochte wohl eigentlich erwarten, daß der jüngere Geistliche, ermutigt durch die kordiale Stimmung seines Oberen, in dieses Lachen mit einstimmen solle; aber Gerland that ihm nicht den Gefallen, wahrte im Gegenteil eine ernste Haltung. »Die Sache hat berechtigtes Aufsehen gemacht, weit über die Diözese hinaus,« fuhr der alte Mann fort; »die Taufe einer erwachsenen Person ist ja immerhin ein äußerst seltener Fall bei uns – und nun besonders unter solchen Umständen. Dieses Ereignis ist ein Pendant im Guten zu der unseligen Affäre Fröschel im vorigen Frühjahre – stellt – möchte ich sagen – gewissermaßen eine Antwort dar, auf die Vorwürfe, die uns damals gemacht worden sind. Von seiten Roms wird uns ja immer spottend vorgehalten, daß wir gänzlich unfähig seien, Proselyten zu machen. Und gerade hier so nahe der Diaspora, wo man so manchen Übertritt zur römischen Kirche blutenden Herzens hat erleben müssen. – Da ist es um so wertvoller, wenn endlich einmal wieder durch einen eklatanten Fall dargethan wird, daß wir auch noch am Leben sind. – Auch oben wird der Eindruck ein äußerst günstiger sein. Kurz, mein lieber Pastor, Sie können mit Ihrem Erfolge zufrieden sein – und ich beglückwünsche Sie von ganzem Herzen!« – Gerland machte einen Versuch, die Ansicht zu berichtigen, als sei Gertruds Taufe sein Werk. – Aber es erging ihm hier gerade so, wie schon neulich Polani gegenüber; der Superintendent meinte mit wohlwollendem Lächeln: »Lassen Sie's gut sein, lieber Amtsbruder – lassen Sie's gut sein! Sie brauchen sich nicht zu schämen; diesen Ruhm können Sie getrost auf sich sitzen lassen. – Ich denke, die Gemeinde wird sich auch zufrieden geben. Der Anlaß des Ärgernisses ist ja nun weggeräumt, da die junge Dame der christlichen Gemeinschaft angehört. – Jetzt verstehe ich auch Ihr Verhalten mir und dem Grafen gegenüber – damals! – Ich bitte Sie, mein lieber, junger Freund, warum ließen Sie mich denn nicht durch eine Andeutung merken, was im Werke sei. – Wenn ich gewußt hätte, was Sie vorhatten,« – wieder lachte der Alte und nickte Gerland in kordialer Weise zu – »soviel Vertrauen durften Sie doch schließlich zu Ihrem Oberen haben, daß ich nichts ausplaudern würde. Wahrhaftig, ich wäre der letzte gewesen, der Ihnen etwas in den Weg gelegt hätte, und wir hätten uns manches Mißverständnis – und vor allem diese ganze Differenz mit Ihrem Patron erspart. Mir gegenüber – wie gesagt – sind Sie gerechtfertigt, und mit Ihrem Patron werden Sie gut thun, sobald wie möglich ein Aussöhnung zu suchen.« – Gerland wandte ein, daß er keine Veranlassung habe, Graf Mahdem gegenüber den ersten Schritt zu thun, da er selbst und nicht der Graf der Beleidigte sei. »Nun, da wollen wir doch nicht so hartköpfig sein, mein Lieber!« fiel ihm der Superintendent ins Wort. – »Sie vergeben sich durchaus nichts, wenn Sie versuchen, sich mit einem solchen Herrn zu stellen. Wir Geistliche müssen mit den weltlichen Autoritäten rechnen und mit ihnen leben. – ›Siehe, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe‹. – Nicht wahr, mein lieber Pastor?« – Gerland ließ ihn reden, nur noch mit halbem Ohre hinhörend. Ernste Erwägungen beschäftigten seinen Sinn. Was der Superintendent im Laufe der letzten Stunde vorgebracht hatte, bewies ihm von neuem, wie himmelweit entfernt seine eigne Auffassung von der seines Oberen entfernt war. Was jenem Alten als der Kernpunkt pastoraler Thätigkeit, was ihm wichtig und erstrebenswert galt, erschien ihm bedeutungslos und abgeschmackt. Es war ein Gegensatz der Weltanschauungen. – Gerland hatte die Überzeugung, daß jener gar nicht imstande sei, sich in seinen Seelenzustand zu versetzen. – Dieser Mann war irgendwo stehen geblieben in seiner Entwickelung. Bequem und selbstzufrieden lebte er dahin in flacher Mittelmäßigkeit, verknöchert an Herz und Geist. – Dabei war er durchaus von der gottgefälligen Wichtigkeit seiner Person durchdrungen. – So führte er eine behagliche Philisterexistenz, immer mit einem Auge nach oben, mit dem andern nach der öffentlichen Meinung schielend, über nichts glücklicher, als daß er nicht nachzudenken brauchte, daß es Autoritäten gab, daß alle Welträtsel gelöst und alle Fragen schon vorgekaut waren, und daß man niemals fehlgehen konnte, wenn man nur das that, was bei den Menschen für gut und richtig galt. – Als dieser Alte sich heute in seiner ganzen Trivialität so vor ihm entkleidete, fühlte Gerland recht, daß er von dem offiziellen Kirchentum durch eine tiefe Kluft getrennt sei. Schon während der Predigt hatte ihn das Gefühl bedrückt, daß er seinem Oberen gegenüber eine falsche Rolle spiele; aber erst während dieses Gespräches war die innere Unruhe zum unleidlichen Drucke geworden. – Daß dieser Zustand der Zweideutigkeit auf die Dauer nicht bestehen konnte und durfte, wußte er nur zu gut. Er trug schwer an der Lüge, Diener einer Sache zu sein, von der er innerlich längst abgefallen war. In der letzten Zeit hatte es geschienen, als trieben die Verhältnisse einer Entscheidung entgegen; und er hatte geradezu auf das Ereignis gewartet, das ihn zur Aussprache seiner innersten Meinung zwingen sollte. Loyalität, ein gewisser tiefeingewurzelter Respekt vor dem Institut der Kirche, der er solange gedient, hielt ihn schließlich noch immer davon zurück, frei von der Leber weg zu sprechen. Er wünschte einen äußeren Anlaß, der ihm gewissermaßen vor sich selbst ein Recht zum Vorgehen geben sollte. Die Differenz mit dem Patron und der vorgesetzten Behörde, glaubte er, würde den Prozeß beschleunigen. Und nun war, dank der Leisetreterei und des stets zur Versöhnung bereiten Opportunismus des Superintendenten, wieder ein fauler Frieden in Aussicht. Sein Oberer hatte ihm volle Zufriedenheit ausgedrückt. Befremdend genug berührte den jungen Geistlichen dieses Lob; ja, es war beinahe wie ein Vorwurf auf seine Seele gefallen. Mehr denn je war es ihm gerade heute zum Bewußtsein gekommen, daß er vor der Gemeinde als ein Schauspieler agiere. Was andres bedeutete das, als Menschenfurcht – Feigheit in der niedersten Form! – Mußte mit diesem Zustande der Heuchelei nicht endlich einmal gebrochen werden, wenn er nicht vor sich selbst sinken und seine Seele Schaden leiden sollte! – Hier schien endlich die Gelegenheit gekommen, die er schon lange im geheimen ersehnt – die Gelegenheit zu sprechen – seinem Oberen gegenüber frei zu bekennen, wie es um ihn eigentlich bestellt sei. – Superintendent Großer nahm eine sehr erstaunte Miene an, als Gerland mit seinem Geständnisse herauskam. Völlig aus dem Konzepte gebracht war er, wußte gar nicht, was er sagen sollte. Das war ihm doch noch nicht vorgekommen, daß einer seiner Ephoren ihn frank und frei mit seinen religiösen Zweifeln bekannt machte. »Nun hören Sie aber auf!« war das erste Wort, welches der Superintendent fand. »Das ist ja geradezu – geradezu – –« Er schien keinen Ausdruck ersinnen zu können, der seiner Entrüstung entsprochen hätte. »Was glauben Sie denn eigentlich noch! – Was bleibt denn dann übrig vom Christentum!« – »Der Unterschied zwischen meinem Glauben und dem kirchlich erforderten ist nicht ein quantitativer, Herr Superintendent. In Grund und Herkunft meines Glaubens liegt der Unterschied begründet.« – Aus dem leeren Blicke, mit dem ihn der Alte ansah, erkannte Gerland, daß das zu hoch gegriffen sei. »Mein Glaube unterscheidet sich eben darin von dem offiziellen, daß ich ihn mir nicht binden lassen will und kann. Regeln und Lehrsätze, welche Menschen aufgestellt haben, sind für mich kein Glaube. Nur das kann ich glauben, was mich Gott selbst erkennen läßt.« »Also vollständige Häresie – überhaupt Anarchie!« – »Ich weiß mich darin mit den besten Menschen aller Zeiten und Völker einig – Christus und sämtliche Reformatoren eingeschlossen!« »Und warum glauben Sie denn nicht, was Christus und die Reformatoren aufgestellt und in allezeit giltiger Norm niedergelegt haben?« – »Weil das der geistigen Freiheit widerspricht. – Nirgends hat Christus das Forschen und Suchen verdammt. Im Gegenteil! Er ist uns das große Beispiel zur Entfaltung unserer Innenanschauungen, das Beispiel, wie jeder Einzelne Gott suchen soll. – Hätte der Herr Engherzigkeit, Verknöcherung und geistige Knechtung gewollt, so hätte er uns nicht von dem alten Bunde befreit und einen neuen gestiftet – hätte nicht gesagt: ›Gott ist ein Geist, und die ihn anbeten, die sollen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.‹« »Hören Sie auf, Herr Pfarrer! Ich bin nicht gewillt, so etwas länger mit anzuhören!« rief der Superintendent jetzt in heller Wut. »Sie scheinen vollständig irrige Begriffe über ihre dienstliche Stellung zu hegen, daß Sie es wagen, Ihrem Vorgesetzten mit derartig schamlosen Enthüllungen unter die Augen zu treten!« – Gerland erklärte, daß ihn weiter nichts geleitet habe, als das Verlangen, der Wahrheit die Ehre zu geben, sein Gewissen zu entlasten und um Rat zu bitten, was er thun solle, um sich nicht an dem Predigtamte zu versündigen. »Rat wollen Sie haben!? – Stecken Sie die Nase in die Bibel, das ist der Rat, den ich Ihnen erteile, mein Lieber!« Gerland erklärte, daß er eifrig in der Bibel geforscht habe und täglich so thue, und daß gerade mit dem Verstehen der Schrift die Überzeugung in ihm gewachsen sei, daß die kirchlichen Dogmen nicht göttlichen Ursprungs seien. Er war nun einmal im Zuge. Er legte alles dar: seine Vorstellung vom Wesen Gottes – seine Stellung zur Person Christi – seine Auffassung von den Sakramenten – vom Wunder – von Sünde und Gnade. Sein Oberer saß mit offenem Munde da; offenbar rauschten die Gedanken, welche der junge Mann aussprach, an seinen Ohren vorbei. – Er vermochte nur das eine zu fassen: den Abfall von der Autorität der Kirche. »Sie werden begreifen, Herr Superintendent,« schloß Gerland, »welch einen Gewissenszwang es bedeutet, mit solchen Anschauungen allsonntäglich vor die Gemeinde zu treten und das Apostolikum zu sprechen. – Die Gemeinde muß doch annehmen – und sie nimmt es an – daß sich mein Glaube mit dem Bekenntnis deckt. Ich belüge also meine Beichtkinder, belüge sie in den größten und heiligsten Dingen. Zu einer solchen Entwürdigung zwingt mich die Satzung der Kirche. – Wie rette ich mich vor meinem eignen Gewissen? – Darf ich das Priesteramt unter solchen Umstanden noch länger verwalten?« – Es entstand eine längere Pause nach dieser gewichtigen Frage. Gerland sah gespannt in die Züge seines Oberen. – Der alte Mann blickte hilflos drein. – Er schüttelte den Kopf und brach schließlich in eine Jeremiade aus. »Schon wieder eine solche Sache!« rief er. »Man kommt aus den Skandalen nicht heraus! – Aber das ist der Geist unserer Zeit – das ist die Verführung – das ist die Freigeisterei – die wissenschaftlichen Theorieen – die Naturwissenschaft. – Das sind die Verführer der Jugend!« Gerland wandte ein, daß es nicht Theorieen gewesen seien, die etwa von außen in ihn hineingetragen worden, nein! – Das Leben selbst sei es gewesen, mit inneren und äußeren Erlebnissen, das diese Entwickelung in ihm gezeitigt und ihn dahin geleitet hatte, wo er jetzt stehe. »Aber so versuchen Sie es doch nur – nehmen Sie sich doch vor, glauben zu wollen!« rief der Superintendent in komischer Verzweiflung. »Was für mich, für uns andere genügt, wird doch für Sie jungen Menschen wirklich auch noch gut genug sein!« – Was sollte Gerland darauf sagen? Der alte Mann konnte oder wollte den Kernpunkt der Frage nicht begreifen. Für ihn hatten Gerlands Enthüllungen nur die Bedeutung: ein neuer Skandal – eine Fortsetzung des Falles Fröschel – ein Affront, den ihm einer seiner Ephoren anthat. – Er faßte die Sache rein von seinem persönlichen Standpunkte auf; war unwillig mit Gerland, daß er ihn in seiner Ruhe störte. – Im Geiste sah der Alte schon wieder die öffentliche Meinung, aufgeregt; Anfragen von oben – Visitationen! Lauter Dinge, vor denen er eine heilige Angst hegte. Und das alles, weil dieser junge Mensch an einzelnen Glaubenssätzen irre geworden war. Warum konnte er das nicht in Gottes Namen für sich behalten? Es gab genug Geistliche, die nicht alles wörtlich nahmen, was in der Schrift und der Augustana steht. – Aber die hielten wenigstens den Mund, brachten ihre Vorgesetzten nicht in die unangenehme Lage, zu solchen heiklen Dingen Stellung zu nehmen. – Gerland hatte auf die Frage, über welche vor allem er eine bündige Antwort von seinem Oberen hören wollte – auf die Frage, ob er mit seinen abweichenden Anschauungen noch länger das Seelsorgeramt verwalten dürfe – noch immer keine Antwort erhalten. Er stellte die Frage noch einmal. »Was wollen Sie denn nur eigentlich!« rief der alte Mann, als ihm jener so auf den Leib rückte. »Ich verstehe absolut nicht, was Sie eigentlich von mir wollen. – Ihr Gewissen entlasten! – Was heißt das? – Ich gebe Ihnen eben den Rat: Forschen Sie in der Schrift, wie es unser Herr und Meister selbst vorgeschrieben hat – dann werden Ihnen schon andere Gedanken kommen. Glauben Sie! Das ist alles, was ich Ihnen sagen kann. Demütigen Sie sich! Nehmen Sie die Gnade an, die sich Ihnen durch Gottes Güte ebenso reichlich bietet, wie jedem von uns. – Beten Sie! – Beten Sie vor allem – mein Lieber – um Glauben!« – Das also war der Rat, den ihm die Kirche auf seine Zweifel gab; dies das Mittel, welches sie ihm zur Beschwichtigung seiner Sorgen und Gewissensängste verordnete! – Der Superintendent mochte Gerlands Schweigen und nachdenkliche Miene anders deuten. – Er meinte wohl, jenem die Unklugheit seines Verhaltens nahe geführt zu haben, und begann sofort, die Situation in seiner Weise auszunutzen. »Das sind so Trübungen, mein lieber Amtsbruder!« ließ er sich vernehmen. »Momentane Versuchungen, die man niederringen muß. Und mit Gottes Hilfe gelinge einem das ja auch. Freilich, wollen muß man – wollen! – Sie sind noch sehr jung. – Gott, wenn man jung ist, da ist man meistens stürmisch. – Mit dem Alter wird man positiver; das ist ein Erfahrungssatz, der für das religiöse Leben ebenso gilt, wie für das politische.« Nach dieser Vorbereitung kam er endlich mit einer Antwort auf Gerlands Frage. Der Amtsbruder solle im Amte bleiben – versuchsweise – nicht voreilige Schritte thun, die ihn später gereuen könnten. Mit der Zeit würden sich seine Zweifel schon legen. – Gott würde ihn erleuchten – er würde einsehen, daß der kirchliche Glaube der Felsengrund sei, auf dem alles ruhe: Staat, Gesellschaft und das Schicksal des Einzelnen. – »Ich weiß es, lieber Amtsbruder, Sie werden sehr bald zu mir kommen und mir die Eröffnung machen, daß Sie die Bedenken, mit denen Sie sich heute quälen, als das durchschaut haben, was sie sind: Irrtümer! – Einstweilen denken Sie über das nach, was ich Ihnen gesagt habe – geschweigen Sie Ihre Zunge – und thun Sie, was Ihr Amt Ihnen auferlegt.« – Damit war der Würfel endgiltig gefallen. Gerland sah nun, was er bisher nur geahnt und gefürchtet hatte, als unabänderliche Thatsache vor sich stehen: er konnte nicht länger im Amte bleiben. Es wäre ein Unrecht gewesen gegen die Kirche, gegen die Gemeinde, und vor allem gegen die eigene Person. Nicht die kleinliche Lächerlichkeit, in der sich ihm sein Vorgesetzter gezeigt, war für ihn das Maßgebende bei diesem Entschlusse. Es gab bessere Männer in der evangelischen Kirche, als Superintendent Großer; das wußte Gerland wohl. – Nein! Dem jungen Geistlichen war bei dieser Gelegenheit klar zum Bewußtsein gekommen, daß ihn von den Vorgesetzten – den Amtsbrüdern – von der Kirche überhaupt eine tiefe Kluft trenne. – Daß zwischen ihrer und seiner Anschauung ein fundamentaler Unterschied bestehe – ein Unterschied der Grundprinzipien. – Die Kirche verlangte Festhalten am Gegebenen – Unterwerfen unter ein Gesetz – Knechtung der Gedanken. Seine Religiosität war eine aus dem Innersten emporquellende fromme Gewalt – ein intimer Seelenprozeß – ein Element, das jedes Verhältnis befruchtete, und von jedem sich befruchten ließ – schmiegsam – warm – fließend, wie der Lavastrom – nicht ein erkalteter, toter Buchstabengehorsam. Und trotz alledem hätte er sehr gut im Dienste der Kirche bleiben können. Sein Vorgesetzter selbst hatte es ihm ja so leicht gemacht. ›Nur nicht die Sache so ernst nehmen, junger Mann!‹ das war die Tendenz, die zwischen den Mahnungen des Prälaten zu lesen gewesen. Das System war bereits so gelockert, daß jede Meinung freien Spielraum hatte, ja, daß der radikalste Zweifler sich darin getrost tummeln durfte, wenn er nur gewisse Anstandspflichten respektierte, wenn er die offene Ehrlichkeit vermied, wenn er mit Begriffen und Lehren so geschickt operierte, daß man ihnen jeden Sinn unterlegen konnte. Und gerade darin fühlte sich der junge Geistliche auf sittlich anderem Boden, als die offizielle Kirche, welche aus Opportunitätsrücksichten, vor allem aus Furcht – Furcht vor Menschen und Verhältnissen – die Häresie in ihrem eignen Schoße mit dem vielfach geflickten Mantel eines fadenscheinigen Dogmas zu decken versuchte. – Gerland wollte keine reservatio mentalis – erst recht dann nicht, wenn sie ihm von oben zugemutet wurde. Er wollte nicht länger eine Täuschung der Gemeinde, die – solange eines Mannes Wort dazu da ist, seine Gedanken zu äußern, nicht aber, sie zu verbergen, – ein Recht hatte anzunehmen, daß ihr Hirte die Wunder glaube, die er allsonntäglich von Altar und Kanzel aus bekannte. – Warten, wie es ihm der Superintendent angeraten hatte – warten und beten, daß Gott ihm den Glauben stärken möge – das war eine naive Anschauung, wie sie nur in einem Kopfe entspringen konnte, dem Religion etwas außer dem Leben stehendes bedeutet, nicht eine naturnotwendige Bethätigung der Seele. Der Gott, mit dem er sich betend, wie atmend und in jeder Lebensfunktion eins wußte, der konnte ihn in all seiner Größe doch nicht zurückführen zum Glauben der Kindheit. Denn ein Stehenbleiben, ein Zurückschrauben und Zurücksinken in die frühere Verfassung gab es nicht mehr. Ein Halt machen auf der Bahn der Entwickelung war unmöglich, die ihn aus dem Joche der Menschenkirche zum Herzen Gottes trieb. – So hatte es sich langsam in ihm vorbereitet. Im Sonnenscheine der Liebe, in Sturm und Regen trüber Ereignisse, im Dunkel mancher trostlosen Nacht, mit ihrem herzbrechenden Gefühle des Gottverlassenseins, war die Frucht herangereift, bis der leiseste Luftzug sie abstreifen konnte. – Ehe er sich niedersetzte, um sein Abschiedsgesuch zu schreiben, gab es eine Stunde, wo Gerland Halt machte und rückschauend sein Leben überdachte. In wunderlichen Schlangenwindungen war er zu diesem Punkte gelangt. – Nun stand er, äußerlich betrachtet, wieder da, wo er vor Jahren schon gewesen. – Und doch ein ganz anderer! Zwar ein abtrünniger Priester – geschieden für alle Zeiten von der offiziellen Kirche – aber im Innern war etwas herangewachsen in den letzten Jahren – ein Ergebnis schwerer Kämpfe: die Frömmigkeit. Er sah den Weg vor sich, der in die Zukunft hinausführte – nebelverhangen – nicht abgesteckt von fremden Händen, nicht geebnet, ausgemessen und mit Meilensteinen versehen. Aber in dieser Morgenstimmung ahnte er es: der Weg führte aufwärts. – XXIII. Das Abschiedsgesuch war genehmigt worden. Ein Amtsverweser saß bereits an Gerlands Stelle; er selbst wohnte bei Doktor Haußner in Eichwald. – Jetzt, wo der Pfarrer gegangen, machte sich eine starke Bewegung für ihn in der Gemeinde geltend. Der Vikar besaß keine volkstümliche Begabung; er war den Breitendorfern zu gelehrt. Man verglich seine trockenen Predigten mit denen des früheren Pfarrers; und der Vergleich fiel zu Gunsten Gerlands aus. – Schwester Elisabeth, die Gemeindediakonisse, war, von ihrer Oberin zurückberufen, ebenfalls gegangen. Ihre helfende Hand und Gerlands Rat und Zuspruch fehlten an allen Ecken und Enden in der verwaisten Parochie. Nun begannen sie Reue zu fühlen, erkannten auf einmal, was sie gehabt. Eine Deputation erschien eines Tages vor Gerland, um ihn zu bitten, das Amt doch wieder aufzunehmen. Alles sollte ausgeglichen werden, was es etwa an Differenzen zwischen ihm und der Gemeinde gegeben. Man verwünschte Wenzel, seine Frau und ihre gesamte Clique, erklärte sich bereit, nachzuweisen, daß sie falsche Beschuldigungen gegen den Herrn Pfarrer erhoben hatten. Gerland wies das alles weit von sich. Er konnte den guten Leuten ja doch nicht auseinandersetzen, daß es nicht eine Intrigue sei, der er zum Opfer gefallen; daß vielmehr sein Weichen von dem bisherigen Posten nichts anderes bedeute, als den natürlichen, notwendigen Abschluß seiner inneren Entwickelung. Wie tief der Riß sei, der ihn von seiner bisherigen Welt und mit ihr von seiner Gemeinde trennte, wußte nur er allein. Er gab den Braven, deren Anhänglichkeit ihn doch rührte, den Rat, ruhig zu bleiben und sich in das Neue zu schicken. Er selbst lebte in Übergangsgefühlen. Der entscheidende Schritt war gethan – er stand jenseits der Schranken im anderen Lande. – Aber, obgleich er sich wohl sagte, daß er durch sentimentales Rückschauen nicht Zeit und Kraft verderben dürfe, so konnte er es doch nicht ändern, daß Heimweh noch manchmal über ihn kam, und die Erinnerung zurückschweifte. Wenn Sonntags die Kirchenglocken von Breitendorf heraufklangen, da packte ihn eine Unruhe, deren er nicht Herr werden konnte. Martha, die neuerdings mit Gertrud zu jedem Gottesdienste ging, hatte ihn schon mehr als einmal mit vorwurfsvollen Blicken an seine Sonntagspflichten gemahnt – umsonst! – Dort, wo er so lange mit liebeheißem Herzen des Seelsorgeramtes gewaltet, mochte er nicht den Fremden kalte Formeln aufsagen hören. Wenn die beiden Frauen sich zum Kirchgange rüsteten, schlich er sich fort – ging hinauf in den Wald – mit zitternder Seele. Und solche Stunden tief-innerster Zurückgezogenheit waren auch ein Gottesdienst. – Mit Haußner stand er sich jetzt vortrefflich. – Die Augen des Arztes hatten aufgeleuchtet, als ihm Gerland Mitteilung davon machte, daß er sein Abschiedsgesuch eingereicht habe. – Wie eine persönliche Genugthuung empfand es der Dissident, daß sein zukünftiger Schwiegersohn sich von dem Priesteramte frei gemacht. Ein ganz neues Verhältnis bildete sich zwischen den beiden aus. Gerland erkannte mit freudigem Staunen, was für eine Fülle von zurückgedrängtem Gemüt sich hinter der rauhen Außenseite des eigenartigen Mannes verbarg. Vielleicht, daß die Wendung, welche in der letzten Zeit die Dinge genommen hatten, seine Bitterkeit milderte, Balsam in alte Wunden träufelte. Die beiden Männer standen jetzt wie Freunde zu einander. Sie hatten gemeinsam Obstbäume ausgeputzt. »Hier werde ich noch eine Reihe Äpfel anpflanzen im nächsten Frühjahr!« sagte Haußner. »Für eine Mandel ist gerade noch Platz.« Er sägte einen dürren Ast ab, hielt plötzlich inne, räusperte sich und meinte: »Ihr werdet einmal in Obst ersticken – hier – so in zwanzig, dreißig Jahren, du und Gertrud.« – Es war selten, daß er so bestimmte Andeutungen über die Zukunft machte. Aber Gerland kannte ihn jetzt zur Genüge, um aus dieser Andeutung zu schließen, daß er sich einen ganz bestimmten Plan zurechtgelegt habe, wie es mit dem Grundstück späterhin werden solle. So vertraut sie auch sonst zu einander standen, über diesen Punkt hatten sie sich noch niemals offen ausgesprochen. Bald darauf saßen die beiden, von der Arbeit ausruhend, in der Laube. Gerland mußte – wie sie sich so gegenübersaßen – unwillkürlich an eine Szene denken, die sich vor Zeiten hier abgespielt hatte: jene Unterredung mit dem Arzte. Es erschien doch fast wie ein Traum. – Zu denken, daß er damals von dem glühenden Verlangen beseelt gewesen, Haußner zu bekehren – den Abgefallenen der Kirche zurückzugewinnen. Dieser Kirche, der er jetzt selbst den Rücken gewandt hatte! – Und wenn er dann bedachte, wie tief ihn damals Haußners Verhalten gekränkt hatte. – Unwillkürlich mußte er lächeln. Vielleicht verfolgte der Arzt ähnliche Gedankengänge – er saß gesenkten Hauptes, an seinem Barte nagend. Der Mann trug irgend etwas auf dem Herzen – Gerland hatte es ihm schon den ganzen Morgen über anzumerken geglaubt. – Es war Haußners Art, Pläne und Gedanken lange mit sich herumzutragen, um dann in abrupter Weise plötzlich damit hervorzubrechen. So platzte er denn auch heute los: »Höre mal, Wilhelm! – Du müßtest eigentlich Medizin studieren.« – Gerland sah ihn verdutzt an. »Ich – Medizin!« – »Ja! – Ich habe mir das überlegt. – Du würdest, glaube ich, gut dazu passen. Zu alt bist du keinesfalls; achtundzwanzig – was ist denn das! – Da habe ich viel ältere Studenten gekannt. Deinen Anlagen nach eignest du dich ausgezeichnet zum Mediziner. Und dazu käme, daß ich dich in diesem Fache mit Rat und That unterstützen könnte. Du würdest gewissermaßen in meine Fußstapfen treten. – Von der Theologie zur Medizin; ich dächte, das wäre gar keine üble Reihenfolge – jedenfalls ein Aufsteigen von der niederen zur höheren Form.« Haußner schmunzelte bei diesen Worten. »Überlege dir die Sache mal!« – »Schwiegervater! – Da ist nichts für mich zu überlegen. – Auf diesen Plan kann ich nicht eingehen.« »Aber – irgend etwas mußt du doch anfangen!« »Natürlich muß ich etwas anfangen. – Niemand kann das Bedürfnis nach Thätigkeit stärker fühlen, als ich.« »Nun und was willst du denn treiben, wenn man fragen darf? – Denn ich hoffe doch stark, daß du mit der Theologie endgiltig gebrochen hast.« – »Mit der Theologie – ja! – Aber nicht mit dem Priesteramt – Schwiegervater!« – »Was soll das heißen?« »Mit der Theologie im kirchlich-konfessionellen Sinne – wenn du so willst – habe ich allerdings nichts mehr zu thun – aber den Beruf zum Priester fühle ich nach wie vor in mir. Ja, ich bin mir durch den Bruch mit der Kirche erst eigentlich bewußt geworden, daß ich in keinem anderen Berufe je würde glücklich werden können.« »Was ist das für Unsinn!« rief Haußner, und Gerland bemerkte, wie seine Stirn sich in unheilverkündender Weise dunkel färbte. »Sieh mal, Schwiegervater!« sagte er und rückte dem Manne näher. »Kein Mensch kann aus seiner Haut heraus. Ich kann mich doch nicht auf einmal, dir zu liebe, zu etwas anderem machen, als was ich bin. – Mir ist nun mal die Religion das Wichtigste auf der Welt. Und ich fühle die Gaben in mir – und darum die Pflicht, von dieser Gabe Gebrauch zu machen – andere zu Gott zu führen. – Wenn ich diesen Grundzug meiner Natur verleugnen wollte, müßte ich heucheln. Ich kann mir nicht denken, daß du das willst!« – »Nun, zum Teufel!« brauste Haußner auf, »dann sind wir ja nicht einen Schritt weiter gekommen – trotz deines Abschieds! – Du hast die verdammte Muckerei also doch nicht satt gekriegt!« »Die Muckerei – um dein Wort zu gebrauchen – habe ich allerdings abgelegt – endgiltig abgelegt! – Ich fühle es, daß ich im Anfange einer neuen Entwickelung stehe. – Bisher war ich kirchlich; jetzt hoffe ich fromm zu werden.« – »Redensarten!« »Das sind keine Redensarten! – Ich fühle, daß ich gewachsen bin, daß ich freier und besser bin vor Gott und mir selbst, seit ich die kirchliche Fessel abgestreift.« »Einfach Rückfall!« »Nein, Befreiung!« »Du willst den Priester eben doch nicht an den Nagel hängen!« »Nein – ich will den Priesterberuf in einem neuen Sinne bethätigen.« – »Ich bitte nun endlich um eine bündige Erklärung, was du eigentlich vorhast. – In dürren Worten: womit willst du dir in Zukunft dein Brot verdienen?« – »Ich will das Lehramt ergreifen.« »Einen abgehalfterten Geistlichen werden sie gerade als Lehrer anstellen! – Das halte ich für Illusion, mein Lieber!« »Nun, ich denke, irgendwo im deutschen Vaterlande wird wohl noch eine Stelle sein, wo man mir Wirksamkeit gestattet.« »Die Orthodoxen haben überall das Heft in Händen, mein Bester! – Man wird dich einfach nicht heranlassen.« »Ich weiß das! – Ich weiß aber auch, daß Tausende und Abertausende im deutschen Reiche unter dem Joche der konfessionellen Orthodoxie seufzen – daß sie heißes Verlangen tragen, sich davon zu befreien, wenn es ihnen die Verhältnisse – die öffentliche Meinung – die Einrichtungen nur gestatteten. Ich denke, es ist unsere Pflicht, dafür Sorge zu tragen, daß wenigstens die kommenden Generationen aus dieser Zwangslage befreit werden. Damit die Lüge, die Heuchelei, der Widerspruch zwischen Glaube und Bekenntnis nicht ins Unendliche fortwächst. – Mir kommt es vor, als sei die Zeit reif für den Wandel. Ich fühle mich berufen, an diesem Werke mitzuarbeiten. Es ist das größte, das es für ein Volk und für den Einzelnen geben kann: die Menschen zu Christen erziehen. Denn bis jetzt waren wir nur Namenchristen. Wo anders können wir damit anfangen, als bei der Jugend? – Und siehst du, das ist, was ich Bethätigung meines göttlichen Priesterberufes nenne: ich will Religion leben, nicht mehr sie studieren, nicht mehr mit diesem heiligsten Gefühle experimentieren. – Und ich will auch andern das mitteilen, was ich erfahren habe. Ich will versuchen, den Kindern das zu ersparen, was ich selbst erlebt habe: all die Stadien des Buchstabenglaubens, des gedankenlosen Götzendienstes, des Verzweifelns an allem Göttlichen, des Indifferentismus, des religiösen Bankrotts. – Nicht jeder wird so glücklich geführt, wie ich! Viele bleiben auf irgend einer Stufe der Entwickelung stehen. – Ich möchte meine Erfahrungen der Allgemeinheit nutzbar machen. – Und dazu sehe ich keinen besseren Weg, als den, mich an die Jugend zu wenden.« – Es entstand eine längere Pause. Der Arzt saß düster brütend da. Das Vernommene zerstörte ihm einen lang gehegten Lieblingsplan von Grund aus. »Und da hast du wohl gar schon Schritte gethan?« – fragte er plötzlich. »Das habe ich allerdings – Schwiegervater!« »Nun – und hast du irgendwelche Aussichten?« »Aussichten habe ich; wenn auch die Sache noch nicht zum Abschluß gediehen ist.« Wieder entstand eine Pause. »Und – wo denn?« fragte Haußner gepreßt. Gerland antwortete zögernd: »In Süddeutschland – wahrscheinlich!« »So weit weg von mir!« sagte Gertruds Vater mit umflorter Stimme. – Haußner saß lange Zeit gesenkten Hauptes. Gerland hatte das tiefste Mitleid mit ihm in diesem Augenblicke. Zur selben Zeit saßen Martha und Gertrud in einer der großen Parterrestuben bei einander – nähend. Schichten von Leinewand und bunten Stoffen lagen ringsum aufgestapelt. Martha schnitt Hemden aus. Gertrud säumte Wischtücher. Schon seit Wochen arbeiteten sie fleißig an der Ausstattung: der Hochzeitstermin nahte heran. Martha, eine Brille auf dem spitzen Näschen, hielt plötzlich in der Arbeit inne. Über die Gläser hinwegschielend, betrachtete sie das junge Mädchen. Gertruds Nadel ging fleißig; wo mochten die Gedanken wohl sein? – Ein Lächeln flog über ihre sonnigen Züge. Martha räusperte sich zur Einleitung. Ihr war während der letzten halben Stunde allerhand durch den Kopf gegangen. – Lange hielt es die Mitteilsame selten in Gesellschaft ihrer eignen Gedanken aus. »Ja, ja!« meinte sie, »sechs Dutzend Wischtücher ist wirklich ganz genug – Trudel – für den Anfang.« Das junge Mädchen sah nur flüchtig von der Näherei auf, lächelte die Tante an und arbeitete weiter. »Weißt du, Trudel!« begann Martha nach einiger Zeit, »eigentlich ist das eine sonderbare Sache mit euch! – Du weißt noch nicht einmal, wo du hinkommst. – So gar nichts Sicheres darüber zu wissen, wo man sich niederlassen wird, das ist doch, wenn man's überlegt, sehr eigentümlich.« – »Das ist Wilhelms Sache – Tante!« – »Freilich ist es Wilhelms Sache! – Natürlich ist es Wilhelms Sache!« rief die Alte voll Eifer. »Das ist 's ja eben! – Wäre er im Amte geblieben – hätte er nicht seinen Abschied genommen, ohne Sinn und Verstand – denn man weiß eigentlich gar nicht warum – er hatte ja so schöne Aussichten – das hat mir neulich erst meine Freundin geschrieben. – Und man wundert sich auch allgemein – jawohl! – Großes Aufsehen hat die Sache gemacht – berechtigtes Aufsehen!« – Das alte Mädchen mußte wegen Mangels an Atem aussetzen; wenn sie auf dieses Thema kam, zeigte sie sich immer sehr erregt. Gertrud war errötet. Ihre Nadel setzte aus. »Tante! – Wilhelm hat uns doch auseinandergesetzt, daß er nicht anders konnte.« »Ja, ich weiß schon! – Er spricht dann immer von moralischem Zwange – von der Lüge, die er nicht länger ertragen konnte und durfte. – Aber, ich frage: warum denn!? – Warum kann er sich denn nicht fügen? Warum mußte er sich denn mit dem Herrn Superintendenten und seinem Patron, dem Grafen, entzweien? – Das war gar nicht nötig. – Und nun sitzt er da, ohne Stellung! – Aber ich will dir sagen, mein Kind, woher das kommt: Von den freien Anschauungen kommt das – wenn man nicht an der orthodoxen Lehre festhält. – Das ist sehr schlimm! – Ich muß dir das einmal sagen, mein Kind. Und wenn Wilhelm nicht beizeiten umkehrt auf diesem Wege, wird es noch ganz arg mit ihm werden. – Ein Geistlicher, der seiner Kirche den Rücken kehrt – man weiß gar nicht, was man dazu sagen soll!« – Gertrud hatte geschwiegen; es arbeitete in ihren Zügen. Dann, ohne die Tante anzusehen, antwortete sie etwas stockend: »Tante Martha, ich finde es gar nicht schön, daß du so über Wilhelm sprichst.« »Aber Kind, ich spreche doch nicht schlecht von Wilhelm – ich doch gewiß nicht!« – »Du sagst immer, er sei nicht fromm.« »Nun ja – das heißt – ich meine, er ist nicht orthodox. – Verstehe mich nur recht, Trudel!« »Wilhelm sagt: darauf käme es gar nicht an. Was man glaubt, wäre nicht so wichtig, sagt er, als wie man glaubt.« »Das sagt er! – Nun, siehst du, das ist eben unchristlich gedacht – wenigstens nicht orthodox. Eben sehr kommt es darauf an, daß man das Richtige glaubt. – Da hast du gleich einen Beweis seiner freien Richtung. Und darin solltest du ihn nicht bestärken, Trudel! – Du solltest ihn vielmehr anhalten zum wahren Glauben, wie du ihn dir selbst angeeignet hast. Und ich hoffe auch darin wirklich sehr auf dich, daß du ihn mit der Zeit zurückführen wirst – zur Kirche!« »Nein, Tante!« sagte Gertrud. – In ihren kindlichen Zügen drückte sich plötzlich großer Ernst aus, »Das werde ich nicht thun! – Ich werde immer ehrlich sein.« Das alte Mädchen sah die Nichte erstaunt an. – Das Kind war ihrer Leitung entwachsen. XXIV. Wieder füllte sich das schindelgedeckte Kirchlein droben in Göhdaberg mit einer schaulustigen Menge. Wieder knarrte die alte Orgel in Schwindsuchtstönen. Im Schiff und auf den wurmstichigen Emporen drängte sich Kopf an Kopf. Neugierig waren aller Blicke nach dem Eingang unter der Orgel gerichtet, ob das Brautpaar nun bald kommen werde. – Denn heute machte der ehemalige Pfarrer von Breitendorf Hochzeit mit der Tochter des Eichwalder Arztes. Das war kein kleines Ereignis für die Gegend. Trotz des weiten und steilen Weges hier herauf, waren doch eine ganze Anzahl Breitendorfer zur Stelle, welche der Trauung ihres früheren Hirten beiwohnen wollten. – Da war der Gärtnergewendbauer, der Kirchbauer, der Gemeindevorsteher und andere Honoratioren – in einer Ecke hockte das Freundespaar: Tobis, der Taube, und Schunkelaugust vom Armenhause. Der Nachwuchs der alten Märzliebs-Hanne von Eiba war stark vertreten. Auch manches alte Mütterchen hatte den beschwerlichen Marsch nicht gescheut. Nicht die Neugier allein führte diese Leute hierher. Von der Liebessaat, die Gerland ausgesät, war doch auch manch Körnlein aufgegangen. – Die Gegenpartei fehlte. Weder die Finkes, noch das Ehepaar Wenzel, noch Herklotz waren erschienen. Nur die Tonchen war zur Stelle; aber die hatte geschwenkt, seit sie sah, wie in der Gemeinde jetzt eine starke Partei für den verabschiedeten Geistlichen auftrat. Gänzlich fehlten heute die schwarzen Röcke der Geistlichkeit in der Versammlung. Seit Gerland seinen Abschied genommen, und vor allem seit es bekannt geworden, unter welchen Umständen und aus welchen Gründen er gegangen, hielten sich alle Amtsbrüder, die etwas auf Reputation gaben, fern von ihm. Selbst Polani war nicht gekommen. Der Kluge hatte seinem Bedauern über Gerlands Abschied in ziemlich gewundener Weise schriftlichen Ausdruck gegeben. – Dornig war offener gewesen, er hatte dem ehemaligen Schulkameraden ins Gesicht erklärt, er sei verrückt. Zur Hochzeit zu erscheinen, hatten beide Pastoren versprochen, waren aber heute nicht zur Stelle; Polani entschuldigt wegen angeblicher Unpäßlichkeit, Dornig unentschuldigt. Gerland wußte sich darüber zu trösten. Es konnte ihm nichts daran liegen, daß sich irgend jemand um seinetwillen kompromittiere. Schmerzlicher war es für Gerland, daß seine älteste Schwester abgesagt hatte – wohl aus Rücksichten auf die Karriere ihres Mannes. – Die jüngere Schwester war mit ihrem Gatten, welcher nur Kaufmann war, gekommen. Aus ganz andern Gründen hielt sich der Vater der Braut von der Hochzeit fern. Haußner hatte von vornherein erklärt, der kirchlichen Feier nicht beiwohnen zu wollen, und davon ließ er sich auch nicht durch Gertruds Bitten, die sonst alles bei ihm durchsetzte, abbringen. Je näher der Tag herankam, desto düsterer und verschlossener wurde er. – Wie eine dunkle Wetterwolke drohte seine Laune am sonnigen Himmel der Hochzeitsstimmung. – Ein kleines Häuflein war es, das dem Bräutigam zum Altare folgte. Martha Herberge, geschäftiger und erregter denn je, in einem Kleide von hellgrauer, knitternder Seide, mit vielen flatternden Bändchen um sich. – Gerlands Schwester, eine blonde Frauenerscheinung, von einfach freundlichen Gesichtszügen. Sie sowohl wie ihr Gatte, fühlten sich offenbar gedrückt; sie mochten es als etwas sehr Gewagtes betrachten, daß sie dieser Feier beiwohnten. – Dann war noch Doktor Herzner von Färbersbach gekommen, in seinen Examenfrack eingezwängt. Er sah sich erstaunt um, als er die Kirche betrat. Wie lange mochte es her sein, daß dieser Heide zum letzten Male ein Gotteshaus betreten? – Auf eine lieblichere Braut, als Gertrud hatte die bemalte Decke des Kirchleins wohl noch nicht herabgeschaut. Den Blick züchtig zu Boden geschlagen, die Wangen wie junge Rosenblätter, den blonden Scheitel unter dem Myrtenkranze gesenkt – so schritt Gertrud, begleitet von den schlichten Klängen einer alten Kirchenmelodie, zum Altare. Pfarrer Valentin empfing sie dort. Mit zitternder Stimme sprach der Greis den siebenundsechzigsten Psalm, als Einleitungsgebet. Es lag etwas Müdes in Erscheinung und Wesen des alten Mannes. Er klagte seit kurzem über körperliches Übelbefinden, was er vordem nie gethan. Gerlands Austritt aus dem Amte war ein schwerer Schlag für ihn gewesen. Zwar hatte ihm der junge Mann in einem entscheidenden Gespräche die Notwendigkeit seines Gehens auseinandergesetzt – und Valentin mußte zugeben, daß ein offener Bruch besser sei, als ein Kompromiß – aber im Innersten kam der alte Mann doch nicht darüber hinweg, daß Gerland abtrünnig geworden. Die freudige Stimmung, die ihn neulich bei Gertruds Taufe getragen, fehlte ihm heute. Er sprach schleppend, hin und wieder sogar mit Gedächtnisschwäche kämpfend. – Der Text, den er der Traurede untergelegt hatte, lautete: »Des Herren Rat ist wunderbarlich und führet es herrlich hinaus.« Die Predigt war kurz, Pfarrer Valentin mochte fühlen, daß er schwach werde, er eilte zur Kopulierung. – Von Anbeginn der Feier stand in der obersten Empore, gedeckt von einem klobigen Holzpfeiler, ein bärtiger Mann. – Einige Neugierige von Göhdaberg neben ihm wunderten sich über das Benehmen des sonderbaren Fremdlings, der in einem fort dort hinunterstarrte, düsteren Gesichtes die Hände ballte und sich nervös unter den Bart griff. Als dann vom Altare her, erst das kräftige »Ja« des Bräutigams, dann das zartere der Braut heraufklang, und die Ringe gewechselt wurden, lehnte sich der Fremde weit vor über die Brüstung. Als er sich wieder setzte, war sein Gesicht thränenüberströmt. Beim Schlußliede erhob sich der sonderbare Gast und entfernte sich schnell. – Noch während die Versammlung aus der Kirche strömte, verbreitete sich das Gerücht, wie ein Lauffeuer, Doktor Haußner sei doch zugegen gewesen. Einige Breitendorfer hatten ihn oben in der Empore erkannt. Man erfuhr auch, daß er das Dorf bereits wieder verlassen habe, einsam dem Walde zuschreitend. – Die Hochzeitsgesellschaft vereinigte sich zu einem bescheidenen Mittagsmahle im Pfarrhause. Die alte Hanne hatte das ihrige gethan. Das Essen war gut und auf dreimal so viel Gäste berechnet, als zur Stelle waren. Aber die rechte Hochzeitsstimmung wollte nicht aufkommen. Es schwebten viel Thränen in der Luft. Besonders Marthas Augen flossen wie Brünnlein. Der greise Pastor Valentin deutete in seinem Toaste auf das Brautpaar an, daß er nunmehr entschlossen sei, sich emeritieren zu lassen. Die elegische Stimmung, die über allen schwebte, bändigte sogar Doktor Herzners gottlose Zunge. – Zwischen langen Pausen dehnten sich die Gänge ins Endlose. Gerland sah mehrfach verstohlen nach der Uhr. – Endlich war es soweit. Gertrud hatte sich umgezogen. Unten hielt der Wagen, der das junge Paar aufnehmen sollte. Die Peitsche knallte. Unter Küssen, Thränen, Glückwünschen und Taschentücherwinken ging es fort, aus dem Dörfchen fort, in den milden Abend hinein. Noch einmal sahen sie sich um. – Dort stand Martha und winkte, der alte Valentin mit weißem Haupte daneben; bis sie ihnen entschwanden, und nur noch der spitze Turm des Kirchleins aus den Lindenbäumen zu erkennen war. Dann setzten sie sich zurück; Gerland schlang den Arm um ihre Schultern und blickte in die schönen, vom Weinen großen Augen seiner Frau. Die Fahrt ging bergan. Klar lag das Gebirge vor Gerland, langgestreckt, ein mächtiger Grat mit Schrunden, Spalten, Abgründen und Senken. Von der Ebene her schoben sich Vorberge an den Hauptstock heran, waldbekränzt! – In den Thälern manch ein menschliches Anwesen. Weiter draußen dehnten sich fruchtbare Gebreiten mit Dörfern, Bauernhöfen, Kirchen. Irgendwo, dort, lag auch sein Breitendorf. Er suchte mit den Augen – endlich fand er einen Anhalt. Da hinter dem waldigen Bergrücken mußte es liegen – Einzelheiten waren von hier aus nicht zu erkennen; es war schon zu weit. – Dort lag auch Annenbad, wo sein armer Freund in kühler Erde ruhte. – Gerland hielt sich nicht bei traurigen Gedanken auf. – Mochte das Vergangene vergangen sein! Ihn umwitterte die morgenfrische Zukunft. Weiter ließ er sein Auge schweifen, über Thäler und Kuppen, Ebenen, Menschenheime, bis hinaus an den dunstigen Rand des Himmels, der allem ein Ende machte. Weihestimmung überkam ihn im Angesichte solcher Größe. Ein Gebet drängte sich ihm auf die Lippen; aber nicht Worte der Zerknirschung und Selbstverkleinerung. – Freudige, selbstbewußte Worte sprach er zu dem Allmächtigen. Nicht als Staub fühlte er sich – nicht als ein unterdrücktes, elendes Wesen, das nicht wert war, zu leben, – Nein! Als einer, der berechtigt ist, frei zu atmen und sich seiner Kräfte zu freuen. Der Horizont weitete sich vor seinem Auge. Ihm war, als sähe er die Welt zu seinen Füßen liegen, wie sie gewesen war von Anbeginn – sich herausringend aus den Nebeln der Weltendämmerung. Und Zeit, Ort, Materie verschwanden für ihn in dem einen Gefühl der Allgegenwart Gottes. Ihm gehörte er zu, dem gütigen Vater, in dessen schönes Angesicht er blickte. Wer wollte ihn fortan von diesem Ewigen trennen, den er gefunden, der sich ihm aus Nebeln und Schleiern enthüllt? – Nun konnte er ihn nicht mehr verlieren; denn er hatte die Verwandtschaft mit ihm erkannt.