Henryk Sienkiewicz Die Kreuzritter. Zweites Buch Historischer Roman aus dem XV. Jahrhundert   Nach dem Polnischen übersetzt von E. u. R. Ettlinger. Illustriert von A. Schwormstädt. 2. Auflage. Verlagsanstalt Benziger \& Co. A.G. Einsiedeln – Waldshut – Köln a/Rh. New-York, Cincinnati, Chicago bei Benzinger Brothers. 1901. Alle Rechte und Uebersetzungsrechte vorbehalten Zweites Buch. Vierter Teil. Erstes Kapitel. Auf den starken Schneefall folgte nun strenge Kälte mit trockenen aber hellen Tagen. Da funkelte der Wald in den Strahlen der Sonne, über dem Fluß lag eine dicke Eisschichte und vom Morast war nichts mehr zu sehen. Es kamen helle Nächte, in denen sich die Kälte dermaßen steigerte, daß die Bäume im Walde laut krachten und barsten. Die Vögel näherten sich den Behausungen, die Straßen wurden gefährlich, denn die Wölfe scharten sich rudelweise zusammen und überfielen nicht nur einzelne Wanderer, sondern drangen sogar bis zu den Dörfern vor. In den raucherfüllten Hütten, am wärmenden Herde, glaubten indessen die Landleute nach dem strengen Winter ein fruchtbares Jahr voraussagen zu können und sahen den herannahenden Festtagen heiter entgegen. Der fürstliche Jagdhof war verödet. Die Fürstin hatte sich mit dem Hofstaate und dem Pater Wyszoniek nach Ciechanow begeben. Zbyszko, der sich zwar schon viel wohler fühlte, aber doch noch nicht kräftig genug war, um ein Pferd zu besteigen, blieb mit seinen Leuten, Sanderus und dem böhmischen Knappen auf dem Jagdhof zurück, wo nun eine, die Oberaufsicht führende Edelfrau in gesetztem Alter die Pflichten der Hausfrau erfüllte. Aber mit allen Fibern seines Herzens zog es ihn zu seinem jungen Weibe. Wohl war es ihm ein unendlich süßer Gedanke, daß Danusia sein eigen war und keine Macht der Welt sie ihm mehr zu rauben vermochte, aber andererseits steigerte dieser Gedanke seine Sehnsucht noch mehr. Unaufhörlich wünschte er den Augenblick herbei, da er im stande sein werde, den Jagdhof zu verlassen, und überlegte, was er dann zu thun, wohin er sich zu wenden habe, und wie er Jurand versöhnen könne. Zwar überkam ihn auch manchmal eine große Unruhe, aber im allgemeinen stellte sich ihm die Zukunft im rosigsten Lichte dar. Danusia zu dienen und den Feinden die Pfauenbüsche von den Helmen zu reißen, dies erschien ihm als das Ziel seines Lebens. Gar häufig überkam ihn die Lust, mit dem Böhmen, den er lieb gewonnen hatte, davon zu sprechen, allein da er bemerkte, daß der Knappe, der Jagienka mit ganzer Seele ergeben war, nur ungern von Danusia sprach, und da er zudem das Geheimnis nicht enthüllen und nicht alles sagen durfte, was geschehen war, stand er schließlich immer wieder von seinem Vorhaben ab. Seine Gesundheit besserte sich indessen von Tag zu Tag. Eine Woche vor dem Christabend konnte er zum erstenmal ein Pferd besteigen, und obwohl er fühlte, daß ihm dies in der Rüstung noch nicht möglich sein werde, faßte er dennoch frischen Mut. Uebrigens glaubte er auch nicht, daß er sich binnen kurzem in Panzer und Helm zu Roß setzen müsse, und im schlimmsten Falle, meinte er, werde es nicht mehr allzulange währen, bis er kräftig genug dazu sei. In der Stube versuchte er zuweilen mit dem Schwerte zu einem Schlage auszuholen, und er kam ganz gut damit zu stande. Das Beil war ihm zwar noch zu schwer, doch sagte er sich, wenn er es mit beiden Händen beim Stil fasse, werde er es ganz gut schwingen können. Schließlich zwei Tage vor dem heiligen Abend, befahl er, die Wagen in Bereitschaft zu halten, die Pferde zu satteln und kündigte dem Böhmen an, er werde sich nach Ciechanow begeben. Der treue Knappe geriet darob nicht wenig in Sorge, vornehmlich da eine grimmige Kälte herrschte, aber Zbyszko sagte ihm: »Aengstige Dich nicht um mich, Glowacz,« Der böhmische Name Hlawa, der polnische Glowacz heißen auf deutsch: »Haupt«, »Kopf«, Glowacz heißt auch »Dickkopf«. Anm. d. Uebers. – so nannte er ihn bisweilen, indem er seinen Namen ins Polnische übertrug – »wozu sollten wir denn noch länger hier auf dem Jagdhofe verweilen? Wenn ich in Ciechanow erkranken würde, ließe man mir auch dort die nötige Pflege angedeihen. Uebrigens will ich den Weg nicht zu Pferd, sondern zu Schlitten zurücklegen, ich will mich bis zum Halse unter dem Heu vergraben, mit Fellen zudecken, und erst wenn wir in der Nähe von Ciechanow angelangt sind, werde ich mein Pferd besteigen. Und so geschah es in der That. Der Böhme kannte seinen jungen Herrn genau und wußte, daß es nicht ratsam war, sich ihm zu widersetzen oder seine Befehle unausgeführt zu lassen. Eine Stunde später brachen sie daher auf. Als Zbyszko kurz vor der Abreise Sanderus mit seinen beiden Laden in einen Schlitten steigen sah, sagte er zu ihm: »Weshalb bist Du an mir hängen geblieben wie eine Klette an der Schafwolle? Du sprachst doch davon, daß Du nach Preußen wollest.« »Ja, ich sprach davon, daß ich nach Preußen wolle,« entgegnete Sanderus. »Aber wie könnte ich mich bei solchem Schnee allein auf die Reise machen? Die Wölfe würden mich ja auffressen, bevor der erste Stern am Himmel erscheint, und hier zu bleiben, dazu habe ich gar keine Ursache. Nein, ich ziehe vor, die Leute in der Stadt durch fromme Werke zu erbauen, sie mit meiner heiligen Ware zu beschenken und aus den Klauen des Teufels zu retten, wie ich es dem Vater der ganzen Christenheit in Rom geschworen habe. Zudem habe ich Euer Gnaden außerordentlich lieb gewonnen und ich will Euch vor meiner Rückkehr nach Rom nicht verlassen, weil es wohl möglich ist, daß ich Euch irgend eine Gefälligkeit erweisen kann.« »Er ist besonders gern bereit, auf Euere Kosten zu essen und zu trinken, Herr,« bemerkte nun der Böhme, »diese Gefälligkeit erweist er Euch am liebsten. Aber wenn uns im Walde bei Przasnysz ein Rudel Wölfe überfällt, dann können wir ihn zum Fraße hinwerfen, denn zu etwas Besserem taugt er nicht.« »Paßt nur auf, daß Euch die sündigen Worte nicht am Schnurrbart anfrieren,« entgegnete Sanderus. »Solche Eiszapfen schmelzen nur im Höllenfeuer.« »Ei was!« versetzte Glowacz, seinen noch etwas spärlichen Schnurrbart streichend, »und ich sage Dir, sobald wir Rast machen, wird Bier gewärmt, Du aber bekommst nichts davon!« »Eine neue Sünde! Denn es heißt in der Schrift: Du sollst den Durstigen tränken!« »Nun, einen Eimer voll Wasser sollst Du dort haben, und inzwischen bekommst Du, was ich jetzt in der Hand halte.« Bei diesen Worten nahm er soviel Schnee, als er mit beiden Händen fassen konnte, und warf ihn Sanderus ins Gesicht. Doch dieser wich zurück, indem er sagte: »Ihr seid ganz unnötig in Ciechanow, denn dort wird ein kleiner Bär aufgezogen, der schon ganz gut mit Schneebällen werfen kann.« So ergingen sie sich in Spottreden, obwohl sie sich im Grunde recht zugethan waren. Zbyszko ließ es ruhig zu, daß Sanderus mitfuhr, denn der wunderliche Mann ergötzte ihn und schien zudem eine gewisse Anhänglichkeit an ihn zu haben. Der Aufbruch vom Jagdhofe fand an einem hellen Morgen statt, während eine solche Kälte herrschte, daß man die Pferde durch Decken schützen mußte. Eine dichte Schneeschichte lag über der ganzen Gegend. Die Dächer der Hütten waren kaum zu sehen, stellenweise schien der Rauch gerade aus den weißen Schneemassen hervorzukommen und von der Morgenröte rosig gefärbt, stieg er dann empor, sich hoch oben in kleine, den Federbüschen der Ritter gleichende Ringe zerteilend. Zbyszko fuhr in einem Schlitten, teils um seine Kräfte zu schonen, teils der strengen Kälte wegen, vor der er sich auf dem Heulager und durch Pelzdecken am besten schützen konnte. Er befahl Sanderus, sich zu ihm zu setzen und die Armbrust bereit zu halten, falls sich Wölfe zeigen sollten. Unterdessen aber plauderte er fröhlich mit ihm. »In Przasnysz,« sagte er, »wollen wir nur die Pferde füttern und uns erwärmen. Dann fahren wir sogleich weiter nach Ciechanow, um der Herrschaft meine Verehrung zu bezeigen und dem Gottesdienst anzuwohnen.« »Und dann?« fragte Glowacz. Zbyszko lachte und entgegnete: »Wer weiß, dann vielleicht nach Bogdaniec.« Voll Verwunderung schaute ihn der Knappe an. Der Gedanke fuhr ihm durch den Kopf, daß sein Herr der Tochter Jurands entsagt habe, und dies erschien ihm um so wahrscheinlicher, als die Jungfrau den Jagdhof verlassen hatte. Zu den Ohren des Böhmen aber war die Kunde gedrungen, daß der Gebieter von Spychow dem jungen Ritter feindlich gesinnt war. Darob fühlte der treue Bursche eine gewisse Befriedigung, denn obgleich er selbst Jagienka liebte, blickte er doch zu ihr empor wie zu einem unerreichbaren Stern am Himmel und hätte freudig sein Leben hingegeben, um ihr Glück damit zu erkaufen. Auch Zbyszko hing er treu an, und den beiden bis zum Tode zu dienen, war das Ziel seiner Wünsche. »So läßt sich Euer Gnaden schon auf Euerm Erbgut nieder?« fragte er voll Vergnügen. »Wie könnte ich mich auf meinem Erbgut niederlassen?« entgegnete Zbyszko. »Habe ich nicht jene Kreuzritter herausgefordert und zuvor schon Lichtenstein? De Lorche erzählte mir, der Meister werde wahrscheinlich den König nach Thorn zu Gast bitten, und dann kann ich mich dem königlichen Gefolge anschließen. Auch glaube ich, daß in Thorn Herr Zawisza aus Garbow oder Herr Powala aus Taczew mir bei unserm Herrn die Erlaubnis auswirkt, bis aufs äußerste mit diesen Kreuzrittern, diesen Mönchen zu kämpfen. Sicherlich stellen sich diese mit ihren Knappen auf dem Wahlplatze ein und Du kommst gleichfalls ins Treffen.« »Käme es nicht so weit, so würde ich am liebsten Mönch werden,« sagte der Böhme. Zbyszko blickte ihn voll Befriedigung an. »Nun, dem wird es auch nicht gut gehen, der Deinem Eisen zu nahe kommt! Unser Herr Jesu verlieh Dir außerordentliche Stärke, doch darfst Du Dich dieser Stärke nicht allzusehr rühmen, denn ein richtiger Knappe muß demütig sein.« Der Böhme nickte mit dem Kopfe, zum Zeichen, daß er sich seiner Stärke nicht rühmen, den Deutschen gegenüber aber auch nicht mit seiner Kraft zurückhalten wolle, und Zbyszko lachte, während sie so weiter fuhren, aber nicht mehr über den Knappen, sondern über seine eigenen Gedanken. »Der alte Herr wird froh sein, wenn wir zurückkehren,« hub Glowacz nach einer Weile wieder an – »und auch in Zgorzelic werden sie sich freuen.« In diesem Augenblick sah Zbyszko Jagienka so deutlich vor sich, wie wenn sie ihm gegenüber auf dem Schlitten säße. Und so war es immer, so oft er an sie dachte, stand sie ihm auch deutlich vor Augen. »Nein,« sagte er sich, »sie wird sich nicht freuen, denn wenn ich nach Bogdaniec zurückkehre, so wird Danusia bei mir sein – und Jagienka mag einen andern nehmen!« Hier zogen Wilk aus Brzozowa und der junge Cztan aus Rogow vor seinem geistigen Auge vorüber und plötzlich war ihm der Gedanke unangenehm, daß das Mägdlein einem von diesen beiden in die Hände fallen könne. »Wenn sie doch einen andern, bessern fände!« dachte er. »Sie ist so züchtig, so redlich und gut, jene Burschen aber sind Biersäufer und Spieler.« Er wußte auch schon im voraus, daß sein Oheim höchst ungehalten sein werde, wenn er erfuhr, was geschehen war, aber der Gedanke tröstete ihn wieder, daß Macko in erster Linie Wert auf Herkunft und Vermögen legte und darauf bedacht war, das Ansehen seines Geschlechtes zu erhöhen. Jagienka stand ihm zwar näher und war die Tochter seines nächsten Nachbarn, hingegen war aber Jurands Grundbesitz größer als der Zychs aus Zgorzelic, und so konnte man leicht voraussehen, daß Macko nicht lange über dies Ehebündnis zürnen werde, zumal ihm die Neigung seines Bruderssohnes bekannt war und er auch wußte, wieviel Dank dieser Danusia schuldete. Brummte er also anfangs, so beruhigte er sich gewiß auch wieder und dann gewann er wohl Danusia so lieb wie sein eigenes Kind. Und plötzlich empfand Zbyszko große Sehnsucht nach seinem Oheim, an dem er mit ganzer Seele hing und der, obwohl er kein weichherziger Mensch war, ihn doch liebte wie seinen Augapfel, der ihn in allen Kämpfen besser als sich selbst geschützt, sich nur um seinetwillen durch Beute bereichert hatte, nur um seinetwillen darauf ausging, sein Hab und Gut zu mehren. Sie standen ja auch ganz allein auf der Welt, sie hatten keine Blutsverwandten außer dem Abte, und gewöhnlich, wenn sie sich trennen mußten, wußte der eine nicht, was er ohne den andern beginnen sollte, vornehmlich aber dem alten Mann ging es so, welcher für sich keinen Wunsch mehr hatte. »Hei! Er wird sich freuen! Er wird sich sicherlich freuen!« sagte sich Zbyszko unablässig, »und ich wollte nur, daß Jurand mich so aufnehme, wie Macko mich aufnehmen wird.« Und er suchte sich vorzustellen, was Jurand sagen und wie er sich gebärden werde, wenn er von der Trauung erfuhr. Dieser Gedanke beunruhigte ihn wohl einigermaßen, bereitete ihm aber keinen großen Kummer, weil die Sache nun einmal geschehen und nichts mehr daran zu ändern war. Zum Kampfe durfte er Jurand nicht herausfordern, wenn dieser aber seine Zustimmung durchaus nicht geben wollte, konnte Zbyszko folgendermaßen zu ihm sprechen: »Willigt ein, ich bitte Euch darum, denn Ihr habt ja nur ein menschliches Anrecht auf Danusia, ich aber habe ein Anrecht, daß mir von Gott verliehen worden ist – und jetzt gehört sie nicht mehr Euch, die Meine ist sie nun!« Von einem in der heiligen Schrift bewanderten Kleriker hatte der Jüngling gehört, das Weib müsse Vater und Mutter verlassen und dem Manne folgen, daher war er überzeugt, daß ihm die Gewalt über sein Weib zustand. Doch glaubte er nicht, daß es zwischen ihm und Jurand zu einem dauernden Zwiste kommen werde, weil er durch Danusias Bitten viel zu erreichen hoffte und eben so viel, wenn nicht mehr, durch die Vermittlung des Fürsten, dessen Unterthan Jurand war, sowie durch die Fürsprache der Fürstin, welche er als Pflegemutter seines Kindes hochschätzte. In Przasnysz riet man Zbyszko, Nachtrast zu machen, indem man ihn vor den Wölfen warnte, welche sich des Frostes wegen in großen Rudeln zusammenscharten und die Straßen noch unsicherer machten als sonst. Doch Zbyszko beachtete diese Warnung nicht, weil er zufälliger Weise in der Schenke einige masovische Ritter mit ihrem Gefolge traf, die sich ebenfalls zum Fürsten nach Ciechanow begeben wollten, sowie einige bewaffnete Kaufleute aus Ciechanow, die mit ihren schwerbeladenen Wagen aus Preußen kamen. Im Verein mit all diesen Leuten war nichts zu befürchten, und so brachen sie denn bei Anbruch der Nacht auf, obwohl sich schon gegen Abend ein heftiger Wind erhoben hatte, der die Wolken vor sich hertrieb, und ein dichtes Schneegestöber begonnen hatte. Unterwegs hielten sie sich dicht aneinander, doch kamen sie so langsam vorwärts, daß Zbyszko befürchtete, sie würden ihr Ziel schwerlich am heiligen Abend erreichen. An einigen Stellen war es nötig, den Schnee wegzuschaufeln, da die Pferde nicht weiterkommen konnten. Zum Glück war der Weg durch den Forst nicht zu verfehlen, doch langten sie erst am Christabend in Ciechanow an. Möglicherweise wären sie durch Schnee und Wind rings um die Stadt gefahren, ohne zu ahnen, daß sie sich schon ganz nahe befanden, wenn sie nicht auf dem Hügel, wo das neuerbaute Schloß stand, ein hellloderndes Feuer erblickt hätten. Niemand wußte, ob das Feuer an diesem heiligen Abend angezündet worden war, um einsamen Wanderern als Wegweiser zu dienen, oder ob es nach althergebrachter Sitte geschah, aber keiner von Zbyszkos Reisegefährten sann jetzt darüber nach, denn alle waren vornehmlich darauf bedacht, so rasch wie möglich eine Unterkunft in der Stadt zu finden. Mittlerweile ward der Sturm immer stärker. Ein scharfer kalter Wind wehte große Schneemassen empor, rüttelte an den Bäumen, heulte, raste, riß ganze Schneelawinen mit sich fort, wirbelte sie umher, überschüttete damit Wagen und Pferde, trieb die naßkalten Flocken in die Gesichter der Reisenden, nahm ihnen den Atem und erstickte ihre Worte. Das Geläute der an den Deichseln angebrachten Glocken war nicht mehr zu hören, hingegen ließen sich mitten durch das Brausen und Pfeifen des Sturmes zuweilen klagende Laute vernehmen, die bald wie das Geheul von Wölfen, bald wie das ferne Gewieher von Rossen klangen, zuweilen aber auch wie die in namenloser Angst ausgestoßenen Hilferufe eines Menschen. Die ermatteten Pferde drängten sich noch dichter aneinander und kamen immer langsamer vorwärts. »Hei! Welch ein Schneesturm ist dies! Welch ein Schneesturm!« sagte der Böhme mit vom Sturme halberstickter Stimme. »Ein wahres Glück, Herr, daß wir uns in der Nähe der Stadt befinden und das Feuer dort uns leuchtet, sonst wäre es uns schlimm ergangen.« »Wer sich jetzt auf freiem Felde aufhält, dem ist der Tod gewiß!« entgegnete Zbyszko. »Aber ich sehe das Feuer gar nicht mehr.« »Der Schein kann nicht durch den aufgewirbelten Schnee dringen. Oder vielleicht hat der Wind das aufgehäufte Holz auseinandergetrieben.« Auch auf den andern Wagen sprachen die Kaufleute und Ritter von dem Unwetter. Alle meinten, wer fern von menschlichen Behausungen von einem solchen Schneesturm überrascht werde, für den würden am anderen Morgen keine Glocken mehr läuten. Und Zbyszko, der plötzlich unruhig geworden war, hub wieder an: »Gott verhüte, daß Jurand jetzt unterwegs ist.« Der Böhme, der unausgesetzt nach der Richtung blickte, wo das Feuer gebrannt hatte, wandte sich nun um, indem er sagte: »Wird denn der Herr aus Spychow hierher kommen?« »Ja!« »Mit dem Jungfräulein?« »Fürwahr, die Flamme scheint erstickt zu sein!« war Zbyszkos Antwort. In der That war das Feuer erloschen. Auf dem Wege, dicht bei den Wagen und Pferden zeigten sich nun einige Reiter. »Weshalb reitet Ihr geradewegs auf uns zu?« rief der wachsame Böhme, die Armbrust ergreifend. »Wer seid Ihr?« »Wir sind Mannen des Fürsten, die ausgesandt wurden, um bedrängten Reisenden Beistand zu leisten.« »Gelobt sei Jesus Christus!« »Von Ewigkeit zu Ewigkeit!« »Geleitet uns zur Stadt!« sprach Zbyszko. »Ist keiner von Euern Gefährten unterwegs zurückgeblieben?« »Keiner!« »Woher kommt Ihr?« »Von Przasnysz!« »Und mit fremden Reisenden seid Ihr nicht zusammengetroffen?« »Nein! Aber vielleicht befinden sich noch Reisende auf den andern Landstraßen.« »Unsere Leute sind nach allen Richtungen ausgeschickt worden. Fahrt nun hinter uns her, Ihr seid vom Wege abgekommen. Nach rechts müßt Ihr Euch halten!« Alle wendeten nun die Pferde. Während einiger Zeit war nur das Brausen des Windes vernehmbar. »Befinden sich schon viele Gäste in dem alten Schloß?« fragte Zbyszko nach einer Weile. Einer der hinter ihm reitenden Mannen beugte sich vor, weil er ihn nicht recht verstanden hatte. »Was sagt Ihr, Herr?« »Ich frage, ob sich viele Gäste bei dem Fürstenpaar befinden.« »So viele wie gewöhnlich! Also genug!« »Und ist der Herr aus Spychow schon hier?« »Nein, aber er wird erwartet. Einige Leute sind ihm entgegen geritten.« »Mit Pechpfannen?« »Ja, doch bei solchem Winde werden sie wenig nützen.« Weiter konnten sie nicht sprechen, weil der Sturm immer mehr raste und tobte. »Eine wahre Teufelshochzeit,« sagte der Böhme. Doch Zbyszko gebot ihm zu schweigen und den Bösen nicht unnötiger Weise heraufzubeschwören. »Weißt Du denn nicht,« sagte er, »daß an einem solchen Festtage die Macht des Teufels erlahmt, und daß sich die Teufel unter dem Eise verbergen? Einer von ihnen wurde einst am Christabend bei Sandomir von Fischern in einem Netze gefunden. Er hielt einen Hecht im Maule, aber als er das Geläute der Glocken hörte, da war es mit seiner Kraft vorbei, und sie schlugen mit ihren Stöcken auf ihn ein bis zum feierlichen Mahle am Christabend. Dies ist ja ein heftiger Sturm, doch will es unser Herr Jesus so haben, damit der morgige Tag umso schöner werde.« »Wie nahe sind wir schon an der Stadt gewesen, aber ohne diese Mannen wären wir vielleicht bis Mitternacht in der Irre herumgefahren,« bemerkte Glowacz. »Weil das Feuer erloschen ist.« Mittlerweile waren sie in der Stadt angelangt. Hier lag der Schnee so hoch, daß er an vielen Stellen bis zu den Fenstern reichte und sie verdeckte. Dies war der Grund, weshalb sie keinen Lichtglanz gesehen, als sie sich noch außerhalb der Stadt befanden. Der Sturm war hier weniger fühlbar. Die Straßen waren verödet, denn für die Bürger hatte die Feier des heiligen Abends schon begonnen. Von einem Haus zum andern zogen Knaben mit dem Kripplein und einer Ziege und sangen, trotz des Sturmes, ihre Weihnachtslieder. Auf dem Marktplatze sah man Leute, die mit Erbsenstroh umhüllt waren und wie Bären umhersprangen, doch sonst waren wenig Menschen zu sehen. Die Kaufleute, welche Zbyszko und die andern Ritter begleitet hatten, blieben in der Stadt zurück, während jene weiter bis zu dem vom Fürsten bewohnten alten Schlosse fuhren, dessen erleuchtete Glasfenster in heiterm Glanze strahlten. Die Zugbrücke war schon herabgelassen, denn die alten Zeiten, da die Litauer ins Land einzufallen pflegten, waren vorüber, und die Kreuzritter, welche einen Krieg mit dem König von Polen voraussahen, bemühten sich eifrig um die Freundschaft des Fürsten von Masovien. Einer der Mannen des Fürsten blies in sein Horn, worauf das Thor sofort geöffnet wurde. Am Eingange standen einige Bogenschützen, aber auf den Zinnen war keine menschliche Seele zu sehen, da der Fürst den Wachen gestattet hatte, sich zurückzuziehen. Der alte Mrokota, welcher schon zwei Tage vorher angelangt war, kam den Gästen entgegen, und nachdem er sie im Namen des Fürsten begrüßt hatte, geleitete er sie in ihre Stuben, damit sie sich für die Mahlzeit festlich kleiden konnten. Zbyszko begann ihn jetzt nach Jurand auszuforschen, und Mrokota antwortete, der Gebieter von Spychow sei noch nicht anwesend, werde aber erwartet, denn er habe versprochen, zu kommen, und wenn seine Krankheit sich verschlimmert hätte, so würde er Kunde davon gegeben haben. Indessen seien ihm einige Reisige entgegengeschickt worden, weil sich die ältesten Leute keines solchen Schneesturmes erinnern konnten. »Vielleicht wird es nicht mehr allzulange dauern, bis sie hier sind.« »Traun, allzulange kann es nicht mehr währen. Die Fürstin befahl schon, Schüsseln für sie zu dem gemeinsamen Mahle aufzustellen.« Nun freute sich Zbyszko im Herzen, obgleich ihm stets ein wenig bange vor Jurand war, und er sagte sich: »Was er thun wird, weiß ich nicht, aber das kann er nicht ungeschehen machen, daß sie meine Gattin geworden ist, daß die heißgeliebte Danusia mein Weib ist.« Und während er darüber nachsann, vermochte er kaum an sein eigenes Glück zu glauben. Dann kam ihm auch der Gedanke, daß sie ihrem Vater vielleicht schon alles gestanden, ihn zu versöhnen gesucht und ihn gebeten habe, sie mit ihrem Gatten zu vereinigen. »Denn fürwahr, was hat er Besseres zu thun? Jurand ist ein kluger Mann, und er weiß, wenn er jetzt zwischen sie und mich träte, würde ich sie doch mit mir fortnehmen, denn ich habe nun ein größeres Anrecht an sie.« Mittlerweile unterhielt er sich mit Mrokota, während er sich zum Mahle ankleidete, er fragte nach dem Befinden des Fürsten und besonders nach dem Befinden der Fürstin. Mit großer Freude vernahm er, daß im Schlosse alle wohlauf und heiter waren, wennschon sich die Fürstin sehr nach ihrem teuern Singvögelchen sehnte. Mrokota fügte hinzu, Jagienka, welche von der Fürstin gleichfalls geliebt werde, die aber ihrem Herzen nicht so nahe stehe, spiele ihr jetzt zuweilen auf der Laute vor. »Wie? Jagienka?« fragte Zbyszko voll Verwunderung. »Jagienka aus Wielgolas, die Enkelin des alten Herrn aus Wielgolas. Ein schönes Mägdlein, zu dem der Lothringer in Liebe entbrannt ist.« »So befindet sich Herr de Lorche hier?« »Wo sollte er sonst sein? Vom Jagdschlößchen kam er hierher, und er wird auch bleiben, denn es gefällt ihm gut am Hofe. An Gästen fehlt es unserm Fürsten niemals.« »Ich sehe ihn gern wieder, denn er ist ein Ritter, der jedes Lob verdient.« »Auch er ist Euch zugethan. Doch gehen wir jetzt, der Fürst und die Fürstin werden sich sogleich zu Tische setzen.« Miteinander verließen sie die Stube. In den beiden Kaminen des Speisesaales brannten mächtige Feuer, die von den Dienern fleißig geschürt wurden. Zahlreiche Gäste und Hofleute waren schon versammelt. Der Fürst trat zuerst ein, in Begleitung des Wojwoden und einiger ihm nahestehenden Hofherren. Zbyszko ließ sich vor ihm auf die Knie nieder und küßte seine Hand. Er aber fuhr ihm sanft über das Haupt, führte ihn dann ein wenig beiseite und sagte: »Ich weiß schon alles. Anfangs war ich ungehalten darüber, daß es ohne meine Einwilligung geschehen ist, aber Ihr hattet ja wirklich keine Zeit dazu, sie einzuholen, weil ich mich damals in Warschau befand, wo ich auch die Festtage verbringen wollte. Eine bekannte Thatsache ist übrigens, daß man den Weibern nicht Widerpart halten soll, wenn sie etwas durchsetzen wollen, denn man erreicht doch nichts damit. Die Fürstin liebt Euch wie eine Mutter, und ihr willfahre ich gern, um ihr Kummer und Thränen zu ersparen.« Zbyszko beugte zum zweiten Mal die Knie vor dem Fürsten. »Gebe Gott, daß ich Eure Gnade vergelten kann, allergnädigster Herr!« »Gepriesen sei er, der Dich gesunden ließ! Sagt der Fürstin, mit welchem Wohlwollen ich Euch aufnahm, darüber wird sie sich freuen. Du lieber Gott! Ihr Vergnügen ist auch mein Vergnügen! Bei Jurand werde ich ein gutes Wort für Dich einlegen, und so denke ich, daß er seine Zustimmung giebt, denn er ist der Fürstin treu zugethan.« »Und gäbe er seine Zustimmung auch nicht – so habe ich jetzt doch ein größeres Anrecht an Danusia!« »Wohl hast Du jetzt ein größeres Anrecht an sie, damit muß er sich aussöhnen, aber seinen Segen kann er Euch vorenthalten. Mit Gewalt bringt niemand etwas bei ihm zu stande, und ohne des Vaters Segen bleibt auch der göttliche Segen aus.« Als Zbyszko diese Worte vernahm, wurde er sehr betrübt, denn daran hatte er bisher nicht gedacht. Mittlerweile trat die Fürstin mit Jagienka aus Wielgolas und andern Hofdamen ein, und er neigte sich tief vor der Herrin. Sie begrüßte ihn noch gnädiger als der Fürst, auch begann sie sogleich mit ihm von Jurands baldiger Ankunft zu sprechen. Die Schüsseln für die Erwarteten seien schon aufgestellt, sagte sie, man habe Leute ausgesandt, um sie ungefährdet durch den Schneesturm zu geleiten. Aber an diesem heiligen Abend noch länger mit dem Mahle zu warten, sei unmöglich, da der »Herr« dies nicht liebe. Ihrer Ansicht nach könnten sie indessen noch vor Beendigung des Mahles eintreffen. »Was Jurand anbelangt,« bemerkte die Fürstin, »so wird Gott ihn erleuchten. Entweder sage ich ihm heute noch alles, oder morgen nach dem Frühgottesdienst, und auch der Fürst versprach mir, daß er ein gutes Wort für Dich einlegen wolle. Zwar pflegt Jurand oft halsstarrig zu sein, aber nicht denen gegenüber, die er liebt, und nicht denen gegenüber, welchen er verpflichtet ist.« Nun beredete sich die Fürstin mit Zbyszko darüber, wie er sich bei einem Zusammentreffen mit dem Vater seines Weibes zu verhalten habe, um ihn nicht zu beleidigen und seinen Zorn nicht auf sich zu laden. Scheinbar war die Herrin guten Mutes, aber ein besserer Menschenkenner und schärferer Beobachter als Zbyszko hätte in ihren Worten doch eine gewisse Unruhe wahrgenommen. Vielleicht lag der Grund darin, daß der Gebieter von Spychow nicht leicht zu behandeln war, vielleicht auch begann sie sich ein wenig zu ängstigen, daß die Erwarteten so lange ausblieben. Denn draußen tobte der Schneesturm immer heftiger, und alle meinten, wer auf freiem Felde davon überrascht werde, der könne sich nicht weiterhelfen. Die Fürstin indessen hatte ihre besondern Mutmaßungen; sie sagte sich, Danusia habe möglicherweise ihrem Vater gestanden, daß sie Zbyszko angetraut war, jener sei aufgebracht darüber und habe beschlossen, sich nicht nach Ciechanow zu begeben. Doch zog die Herrin vor, Zbyszko ihre Gedanken nicht mitzuteilen, zudem wäre ihr kaum Zeit dafür geblieben, da die Pagen nun die Speisen auftrugen. Doch Zbyszko eilte auf die Fürstin zu, umfaßte ihre Knie und fragte: »Und wenn sie nun kommen, wie wird es dann werden, allergnädigste Herrin? Mrokota sagte mir, für Jurand sei eine Stube bereit und für seine Knappen befände sich auch ein Heulager darin. Aber was wird sonst noch bereit sein?« Die Fürstin lachte, und ihm mit ihrem Handschuh leicht ins Gesicht schlagend, sagte sie: »Stille! Was willst Du denn? Seht mir einmal den an!« Damit trat sie zu dem Fürsten, für den die Lehensträger schon den Armstuhl zurechtstellten, damit er Platz nehmen konnte. Zuvor jedoch reichte ihm einer von ihnen eine flache Schüssel voll dünner, zerschnittener Fladen und Oblaten, welche der Fürst mit den Gästen, Hofherren und Dienern zu teilen hatte. Mit einer ähnlichen Schüssel wartete der Fürstin ein schöner Knabe auf, der Sohn des Kastellans aus Sochaczew. Auf der andern Seite des Tisches stand der Pater Wyszonick, welcher den Segen über das auf duftendes Heu Althergebrachte polnische Sitte zur Erinnerung an die Geburt Christi und die Krippe. Anmerkung der Uebersetzerinnen. gestellte Mahl sprechen sollte. Da plötzlich zeigte sich an der Thüre ein Mann, der über und über mit Schnee bedeckt war und laut ausrief: »Allergnädigster Herr!« »Was ist geschehen?« fragte der Fürst, welcher es nur ungern sah, daß die Ceremonie unterbrochen wurde. »Auf der Landstraße von Radzanow sind einige Reisende ganz verschüttet. Es ist nötig, noch mehr von unsern Leuten abzuschicken, um sie aus dem Schnee herauszugraben.« Alle erschraken, als sie dies hörten, auch der Fürst geriet in Bestürzung, und sich zu dem Kastellan aus Sochaczew wendend, gebot er: »Berittene mit Schaufeln! Schnell!« Dann fragte er den Verkündiger der schlimmen Nachricht: »Und sind viele verschüttet?« »Darüber kann man nichts Sicheres sagen. Der Sturm tobt noch zu heftig. Es sind Pferde und Wagen. Und eine ganz beträchtliche Anzahl von Leuten scheint es zu sein.« »Was für Leute es sind, wißt Ihr nicht?« »Der Gebieter von Spychow mit Gefolge soll es sein.« Zweites Kapitel. Als Zbyszko die unglückselige Kunde vernommen hatte, eilte er, ohne nach der Erlaubnis des Fürsten zu fragen, in den Stall und befahl, sein Pferd zu satteln. Der Böhme, der sich als Knappe von edler Herkunft mit ihm im Saale befand, hatte kaum Zeit, den warmen Fuchspelz seines Herrn herbeizuholen, und versuchte auch nicht, diesen zurückzuhalten, da sein natürlicher Verstand ihm sagte, daß es doch nichts nütze und nur ein unnötiger Zeitverlust sei. Nachdem er das zweite Pferd bestiegen hatte, nahmen sie am Thore dem Thürhüter die Fackeln ab und setzten sich dann zugleich mit des Fürsten Mannen in Bewegung, deren rascher Aufbruch durch den Kastellan veranlaßt worden war. Vor dem Thore umfing sie undurchdringliche Dunkelheit, doch der Sturm schien sich etwas gelegt zu haben. Vielleicht wären sie außerhalb der Stadt lange in die Irre gegangen, hätte sich nicht jener Bote bei ihnen befunden, der Kunde von dem Unfall gebracht hatte und sie jetzt um so rascher und sicherer geleiten konnte, als er einen Hund mit sich führte, welcher den Weg schon zuvor gemacht hatte. Als sie ins freie Feld kamen, blies ihnen der Wind scharf ins Gesicht. Die Landstraße war voll Schnee, und stellenweise lag er so dicht, daß es nötig war, langsamer zu reiten, da die Pferde bis zum Bauche einsanken. Die Leute des Fürsten hatten ihre Fackeln und Pechpfannen angezündet, und alle ritten dahin zwischen Rauch und Flammen, während der Wind Fackeln und Pechpfannen in ihren Händen heftig hin und her bewegte, als ob er sie zerbrechen und weithin über Wald und Feld tragen wolle. Der Weg war weit, die Ansiedelungen in der Nähe von Ciechanow hatten sie schon hinter sich gelassen, sie kamen an Niedzborz vorüber und wendeten sich nun der Richtung von Radzanow zu. Kurze Zeit vorher hatte sich der Sturm wieder etwas gelegt, die Windstöße waren weniger heftig und führten nicht mehr solche Schneemassen mit sich fort. Einzelne Flocken fielen noch immer, aber bald hörte auch dies auf. Durch die zerrissenen Wolken schimmerte hie und da ein Stern, die Pferde schnaubten, die Reiter atmeten leichter. Mehr und mehr Sterne zeigten sich, der Frost nahm ab. Noch einige Vaterunser hätte man beten können, dann ward alles stille, kein Lüftchen regte sich mehr. Herr de Lorche, welcher neben Zbyszko ritt, suchte ihn zu trösten, indem er sagte, im Augenblick der Gefahr sei Jurand unzweifelhaft auf die Rettung seiner Tochter bedacht gewesen, und wenn auch alle andern nicht mehr am Leben wären, so würde sie gewiß noch lebend, vielleicht schlafend unter ihren Pelzen gefunden werden. Doch Zbyszko glaubte ihm nicht und hatte schließlich auch keine Zeit mehr, ihn anzuhören, da nach wenigen Augenblicken der vorausreitende Führer von der Landstraße abbog. Der Jüngling ritt zu ihm heran und fragte: »Weshalb wenden wir uns seitwärts?« »Weil sie nicht an der Landstraße verschüttet sind, sondern dort an jener Stelle! Seht Ihr das Erlengehölz, Herr?« Bei diesen Worten zeigte er mit der Hand auf ein Dickicht in einiger Entfernung, das sich deutlich von der weißen Schneedecke abhob, zumal der Mond jetzt hinter den Wolken hervortrat und alles ringsumher erhellte. »Offenbar sind sie von der Landstraße abgekommen.« »Ja, sie sind von der Landstraße abgekommen und längs des Flusses im Kreise herumgeritten. Bei Sturm und heftigem Schneegestöber kann dies leicht vorkommen. Sie ritten weiter und weiter, bis die Pferde nicht mehr durchkommen konnten.« »Wodurch habt Ihr sie gefunden?« »Wir folgten diesem Hunde.« »Befinden sich keine Hütten in der Nähe?« »Ja, aber jenseits des Flusses. Wir sind sogleich dort an der Wkra.« »Vorwärts also, im Galopp!« rief Zbyszko. Aber es war leichter, den Befehl zu geben, als ihn auszuführen, denn wenngleich die strenge Kälte gebrochen schien, lag auf den Wiesen der frischgefallene Schnee noch fußhoch, so daß die Pferde bis zu den Knöcheln versanken, und man nur langsam Nach wenigen Minuten erblickte man eine unter dem Baume sitzende menschliche Gestalt, welche das Haupt über die Brust herabgebeugt und die Mütze über das Gesicht gezogen hatte. vorrücken konnte. Plötzlich drang das Bellen des Hundes zu ihnen, unmittelbar vor ihnen aber tauchte ein dicker, knorriger Weidenstamm auf, dessen Wipfel mit den entlaubten Aesten im Mondschein schimmerte. »Sie sind noch etwas weiter entfernt, dort in der Nähe des Erlengehölzes,« sagte der Führer, »aber auch hier muß etwas sein.« »Seht den Schneehaufen unter dem Weidenbaum! Leuchtet!« Einige Mannen des Fürsten stiegen vom Pferde und leuchteten mit ihren Fackeln. Gleich darauf rief einer von ihnen: »Hier ist ein Mensch unter dem Schnee verschüttet. Seht, der Kopf ist frei!« »Auch ein Pferd!« rief ein zweiter. »Sofort ans Werk!« Die Schaufeln gruben sich tief in den Schnee ein und warfen ihn zu beiden Seiten hoch auf. Nach wenigen Minuten erblickte man eine unter dem Baume sitzende menschliche Gestalt, welche das Haupt über die Brust herabgebeugt und die Mütze über das Gesicht gezogen hatte. Die eine Hand hielt noch die Zügel des daneben liegenden Pferdes, dessen Nüstern tief in den Schnee eingedrückt waren. Offenbar hatte dieser Mann das Gefolge verlassen, um rascher zu menschlichen Behausungen zu gelangen und Hilfe herbeizuholen, als dann sein Pferd gestürzt war, hatte er unter dem Weidenbaum, da wo er den Wind im Rücken hatte, Schutz gesucht und war hier erstarrt von Frost und Kälte. »Leuchtet!« rief Zbyszko. Einer von den Leuten hielt seine Fackel an das Gesicht des Erfrorenen, aber die Züge waren nicht zu unterscheiden. Erst als ein zweiter das herabgesunkene Haupt des Leblosen in die Höhe hielt, entrang sich allen der laute Ausruf: »Der Gebieter von Spychow!« Zbyszko gebot zwei Mannen, ihn emporzunehmen und in die nächste Hütte zu tragen. Er selbst aber machte sich, ohne einen Augenblick zu verlieren, mit den übrigen Leuten und dem Führer auf, um das Gefolge zu suchen. Während er weiterritt, sagte er sich, daß er nun Danusia, sein geliebtes Weib, vielleicht tot vor sich sehen werde, und er spornte sein Pferd, das bis zur Brust im Schnee versank, aufs äußerste an. Glücklicherweise hatte er nicht mehr weit bis zu seinem Ziele, nur einige hundert Schritte. »Halt!« ertönte es plötzlich aus der Dunkelheit. Es waren die Stimmen der Männer, welche bei den Verschütteten zurückgeblieben waren. Zbyszko sprang vom Pferde. »Die Schaufeln her!« Zwei Schlitten waren schon durch die Leute ausgegraben, welche das Wächteramt versehen hatten. Die Menschen in diesen Schlitten waren samt den Pferden vollständig erfroren. Wo sich noch andere Gespanne befanden, das konnte man leicht an den Schneehügeln erkennen, doch waren nicht alle Schlitten vollständig verdeckt. An manchen befanden sich noch die Pferde, die bis zum Bauche im Schnee versunken, offenbar mit aller Gewalt versucht hatten, sich wieder herauszuarbeiten, und bei dieser letzten Anstrengung zu Grunde gegangen waren. Vor zwei Pferden stand, die Lanze in der Hand, ein Mann bis zum Gürtel im Schnee, und unbeweglich wie ein Stein; etwas weiterhin sah man erfrorene Knechte, die noch ihre Rosse festhielten. Der Tod hatte sie offenbar in dem Augenblick ereilt, da sie die Pferde aus dem tiefen Schnee herausziehen wollten. Ein Gespann am äußersten Ende des Zuges war nicht verschüttet. Der Kutscher saß zusammengekauert, mit den Händen über den Ohren da, hinter ihm, auf dem Sitze, befanden sich zwei Leute, über deren Brust eine herangewehte weiße Decke lag, die sich bis zu dem Schneehügel daneben hinzog und sie einhüllte, gleich einem Tuche, so daß sie still und friedlich zu schlummern schienen. Wieder andere waren zu Grunde gegangen, während sie bis zuletzt gegen den Sturm ankämpften, denn ihre Stellung zeigte, welche Kraft sie aufgeboten hatten. Manche Schlitten waren umgestürzt, an manchen waren die Deichseln zerbrochen. Die Schaufeln enthüllten jeden Augenblick einen gekrümmten Pferderücken, oder einen Pferdekopf, dessen Zähne in den Schnee eingedrückt waren, Männer in jedem Alter, die sich in den Schlitten oder daneben befanden, wurden ausgegraben, aber ein Weib war nirgends zu entdecken. Zuweilen arbeitete Zbyszko selbst mit, bis ihm der Schweiß auf der Stirne stand, zuweilen leuchtete er den Toten ins Gesicht, mit klopfendem Herzen forschte er nach dem geliebten Antlitz – doch umsonst! Die Flammen erhellten nur die strengen, bärtigen Gesichter der Haudegen von Spychow. Doch weder Danusia noch ein anderes weibliches Wesen war zu sehen. »Wo mag sie sein? Was hat dies für eine Bewandtnis?« fragte sich der junge Ritter immer wieder. Er rief den in einiger Entfernung arbeitenden Leuten zu und fragte sie, was sie entdeckt hätten, doch auch von ihnen waren nur Männer ans Licht befördert worden. Endlich war das schwere Werk beendigt. Die Knechte spannten ihre eigenen Pferde an die Schlitten und fuhren mit den Leichen gen Niedzborz, um dort in den warmen Stuben zu versuchen, ob einer oder der andere von den Totgeglaubten ins Leben zurückgerufen werden könne. Zbyszko blieb noch mit dem Böhmen und zweien seiner Leute zurück. Ihm war plötzlich der Gedanke gekommen, Danusias Schlitten sei vielleicht von den andern getrennt gewesen und wenn dieser Schlitten, wie man wohl annehmen durfte, mit den besten Pferden bespannt war, hatte Jurand möglicherweise angeordnet, daß seine Tochter vorausfahre, und sie hatte dann in einer Hütte unterwegs Schutz gesucht. Was er nun beginnen sollte, wußte Zbyszko selbst noch nicht recht, auf alle Fälle wollte er jedoch nochmals in den vom Wind zusammengewehten Schneehaufen hier in der Nähe, sowie auch im Erlengehölz nachforschen, dann aber umkehren und auf der Landstraße seine Untersuchungen anstellen. Allein unter dem Schnee war nirgends mehr etwas zu finden. Im Erlenwalde blitzten einige Male glühende Wolfsaugen vor ihnen auf, doch fanden sie keine Spur von Menschen und Pferden. Die Wiese zwischen dem Gehölze und der Landstraße schimmerte hell im Mondschein, und auf der weißen öden Fläche waren zwar in der Ferne hie und da einige dunkle Punkte zu sehen, aber auch dies waren Wölfe, welche sofort entwichen, als die Männer sich näherten. »Euer Gnaden!« sagte schließlich der Böhme, »es ist vergeblich, daß wir hier noch suchen, denn die Jungfrau aus Spychow hat sich offenbar gar nicht bei dem Gefolge ihres Vaters befunden.« »So laßt uns auf der Landstraße nachforschen,« erwiderte Zbyszko. »Auch auf der Landstraße werden wir sie nicht finden. Ich habe wohl darauf geachtet, ob sich in einem der Schlitten eine Lade mit Weiberkleidern befinde. Aber es war keine vorhanden. Die Jungfrau ist in Spychow zurückgeblieben.« Betroffen von dieser Bemerkung, aber auch voll Freude rief Zbyszko aus: »Gebe Gott, daß es so wäre, wie Du sagst!« Und der Böhme zog die Sache noch mehr in Erwägung. »Hätte sie sich in einem der Schlitten befunden,« setzte er hinzu, »so würde der Gebieter von Spychow sie nicht verlassen haben, er hätte sie vor sich auf das Pferd gesetzt und bei ihm wäre sie gefunden worden.« »So reiten wir nochmals an jene Stelle!« erklärte Zbyszko in erregtem Tone. Ihn dünkte, es könne so sein, wie der Böhme sagte. Gesetzt nun, sie hätten nicht sorgfältig genug nachgeforscht, gesetzt, Jurand hätte Danusia vor sich auf das Pferd genommen und diese hätte, als es unter ihnen zusammenbrach, ihren Vater verlassen, um für ihn Hilfe herbeizuholen? In dem Falle konnte sie noch in der Nähe irgendwo unter dem Schnee verschüttet sein. Aber wie wenn er diese Gedanken erraten hätte, nahm Glowacz von neuem das Wort: »Dann würden sich Kleider in einem der Schlitten befinden, denn für den Hof hätte ihr das Gewand nicht genügt, das sie auf dem Leibe trägt.« Trotzdem alles für die Richtigkeit dieser Behauptung sprach, lenkten sie ihre Pferde nochmals zu dem Weidenbaume hin – aber weder dort noch in dessen ganzem Umkreis konnten sie eine Spur von Danusia finden. Jurand war von des Fürsten Mannen nach Niedzborz gebracht worden, und rings umher herrschte tiefe Stille. Der Böhme machte noch die Bemerkung, daß der Hund, welcher ihnen den Weg zu Jurand gezeigt hatte, sicherlich auch Danusia entdeckt hätte. Nun atmete Zbyszko erleichtert auf, denn ihn überkam beinahe die Gewißheit, daß Danusia in Spychow zurückgeblieben war. Er versuchte sogar, sich klarzumachen, welche Gründe dabei mitgewirkt hatten, er sagte sich, Danusia habe offenbar ihrem Vater alles gestanden, dieser aber habe seine Zustimmung zu dem Ehebund nicht geben wollen, sie sei deshalb absichtlich von ihm zu Hause gelassen worden, er selbst aber habe sich auf den Weg gemacht, um dem Fürsten die Sache vorzustellen und um dessen Vermittlung bei dem Bischof zu bitten. Bei dem Gedanken, daß sich nun vielleicht alles anders gestalten werde, konnte sich jetzt Zbyszko eines Gefühles der Erleichterung, ja der Freude, kaum erwehren, denn er wußte, daß mit Jurands Tode alle Hindernisse beseitigt waren. »Jurand wollte dies Ehebündnis nicht, aber unser Herr Jesus wünschte es,« sagte sich der junge Ritter, »und sein Wille ist mächtiger.« Jetzt durfte er nach Spychow reiten, Danusia als sein Weib in Anspruch nehmen und die Ehe vollziehen. Dort an der Grenze konnte die Vereinigung mit seiner Gattin viel leichter zustande kommen, als in Bogdaniec. »Es ist der Wille Gottes! Der Wille Gottes!« wiederholte er unablässig im tiefsten Innern. Plötzlich jedoch schämte er sich dieser voreiligen Freude, und sich zu dem Böhmen wendend bemerkte er: »Es thut mir leid um ihn, dies kann ich laut bezeugen.« »Die Leute sagen, daß er von den Deutschen gefürchtet wird wie der Tod,« entgegnete der Knappe. Nach einer Weile fügte er hinzu: »Kehren wir jetzt in das Schloß zurück?« »Nach Niedzborz!« antwortete Zbyszko. In der That wendeten sie ihre Pferde Niedzborz zu und ritten in den Hof ein, wo sie von dem alten Erbherrn Jelech empfangen wurden. Jurand trafen sie nicht mehr an, doch Jelech brachte ihnen gute Kunde. »Man rieb ihn dermaßen mit Schnee, daß beinahe die Haut von den Knochen hing,« sagte er, »man goß ihm Wein ein und brachte ihn in ein Dampfbad, wo er auch wieder zu atmen begann.« »Er lebt also?« fragte voll Freude Zbyszko, der bei dieser Nachricht sein eigenes Interesse, seine eigenen Angelegenheiten vergaß. »Er lebt, aber Gott weiß, ob er es überstehen wird, denn die Seele war schon beinahe entflohen.« »Weshalb ist er aber fortgebracht worden?« »Weil der Fürst Boten nach ihm ausgesandt hat. Was an Federgebett hier im Hause war, raffte man zusammen, er ward damit zugedeckt und fortgetragen.« »Und sagte er nichts von seiner Tochter?« »Er hatte kaum zu atmen begonnen, die Sprache aber noch nicht wiedererlangt.« »Und die andern?« »Die andern sind schon bei unserm lieben Herrgott im Himmelreich. Die Aermsten werden nicht bei der Mitternachtsmesse sein, es sei denn, daß sie der anwohnen dürfen, welche unser Herr Jesu selbst im Himmel abhält.« »So ist keiner von ihnen wieder zum Leben erwacht?« »Keiner! Doch kommt herein in die Stube, anstatt hier in der Hausflur zu stehen. Und wenn Ihr sie sehen wollt, sie liegen am Feuer in der Gesindestube. Kommt nur herein!« Doch sie hatten Eile und wollten nicht eintreten, trotzdem der alte Jelech ihnen sehr zuredete, weil er immer gern Leute bei sich sah, mit denen er plaudern konnte. Von Niedzborz nach Ciechanow hatten sie noch eine beträchtliche Strecke zurückzulegen, und Zbyszko brannte vor Ungeduld, Jurand zu sehen und etwas von ihm über Danusia zu erfahren. Daher ritten sie weiter, so schnell es auf der vom Schnee verwehten Landstraße möglich war. Als sie ankamen, war es schon nach Mitternacht, und die Messe in der Schloßkapelle ging gerade zu Ende. Zu Zbyszkos Ohren drang das Gebrüll von Ochsen, das Meckern von Ziegen, denn die Stimmen der Frommen ahmten nach alter Sitte den Tieren nach, zum Andenken daran, daß der Heiland in einem Stalle geboren war. Die Messe war kaum vorüber, als die Fürstin zu Zbyszko kam. Angst und Schrecken malten sich in ihrem Antlitz und voll Besorgnis rief sie: »Und Danuska?« »Ist nicht gefunden worden. Hat sich denn Jurand nicht darüber ausgesprochen? Wie ich hörte, ist er ja zum Leben erwacht.« »Barmherziger Jesu, das ist eine Strafe Gottes! Wehe uns! Jurand sagt nichts und liegt da wie ein gefällter Baum.« »Fürchtet nichts, allergnädigste Herrin! Danuska blieb in Spychow zurück.« »Wieso weißt Du dies?« »Weil sich nirgends, in keinem der Schlitten eine Spur von Frauenkleidern befand. Und mit einem einzigen Gewande wäre sie doch nicht gereist.« »Das ist richtig, so wahr ich Gott liebe.« Der Fürstin Augen glänzten sofort wieder vor Freude, und sie rief aus: »Ei, das Jesuskindlein, das heute geboren ward, hätte auch seine Freude an Dir. Sein Segen ist über uns!« »Jurands Ankunft ohne seine Tochter gab ihr gleichwohl zu denken, und sie fragte daher weiter: »Weshalb aber hätte er sie zurückgelassen?« Zbyszko teilte ihr seine Vermutungen mit. Sie schienen ihr ganz richtig zu sein, beruhigten sie aber doch nicht vollständig. »Jurand hat uns nun sein Leben zu danken,« sagte sie, »und auch Dir, denn Du bist ja ausgeritten, um ihn ungefährdet hierher zu geleiten. Er müßte einen Stein in der Brust haben, wenn er jetzt noch hartnäckig auf seinem Willen bestände. In all dem sollte er einen Fingerzeig Gottes sehen und sich nicht mehr gegen das heilige Sakrament auflehnen. Sobald ich ihn sehe und er wieder zum Bewußtsein kommt, werde ich ihm dies sagen.« »Es ist nötig, daß ich ihn sobald wie möglich spreche, weil ich wissen möchte, weshalb Danusia ihn nicht begleitet hat. Wie, wenn sie nun krank wäre?« »Sprich nicht davon! Ich beklage es sehr, daß ich sie nicht bei mir habe, doch wenn sie krank wäre, hätte er sie nicht verlassen!« »Ihr habt recht, allergnädigste Herrin!« erwiderte Zbyszko. Und sie gingen zu Jurand. Eine feuchte Wärme herrschte in der Stube, die auch hell erleuchtet war, da ungeheure Holzscheite im Krankenzimmer brannten. Der Pater Wyszoniek wachte bei dem Kranken, welcher in Bärenfelle gehüllt, mit bleichem Antlitz und geschlossenen Augen auf dem Bette lag. Seine Haare waren von dem Schweiß dicht zusammengeballt, seine Lippen geöffnet und er atmete so schwer und mühsam, daß sich die Decken über seiner Brust unablässig hoben und senkten. »Wie steht es mit ihm?« fragte die Fürstin. »Ich goß ihm einen ganzen Krug mit warmem Wein ein, und er geriet dann in Schweiß,« antwortete Pater Wyszoniek. »Schläft er oder schläft er nicht?« »Ich weiß nicht, ob er schläft. Er ist sehr unruhig.« »Und versuchtet Ihr schon mit ihm zu sprechen?« »Ja, ich versuchte es allerdings, doch gab er keine Antwort, und daher glaube ich, daß er vor Tagesanbruch schwerlich sprechen wird.« »Warten wir also bis Tagesanbruch.« Pater Wyszoniek drang nun inständig in sie, sich zur Ruhe zu begeben, doch hörte sie nicht auf ihn. Es war stets ihr Streben, den christlichen Tugenden der verstorbenen Königin Jadwiga nachzuahmen und es ihr auch in der Krankenpflege gleichzuthun, um durch solche Dienste die Seele ihres Vaters zu erlösen. So versäumte sie denn keine Gelegenheit, um in dem Reiche, das schon seit langer Zeit ein christliches war, alle andern durch ihren Glaubenseifer zu übertreffen, weil es in Vergessenheit geraten sollte, daß sie das Kind heidnischer Eltern war. Zudem brannte sie vor Ungeduld, aus Jurands Munde etwas von Danusia zu erfahren, da sie sich ihretwegen noch nicht beruhigt fühlte. Nachdem sie am Lager Platz genommen hatte, begann sie den Rosenkranz zu beten und schlummerte dann allgemach ein. Zbyszko, der noch nicht ganz genesen war, sich auch durch den nächtlichen Ritt allzusehr angestrengt hatte, folgte ihrem Beispiel und bald schliefen beide so fest, daß sie vielleicht erst am hellen Tage erwacht wären, wenn nicht um die Morgendämmerung das Glöckchen der Schloßkapelle an ihre Ohren gedrungen wäre. Aber dies erweckte sie und Jurand. Er öffnete die Augen, richtete sich plötzlich im Bett auf und blickte umher. »Gelobt sei Jesus Christus! ... Wie fühlt Ihr Euch?« fragte die Fürstin. Offenbar kehrte aber sein Bewußtsein nur langsam zurück, da er sie zuerst ansah, wie wenn er sie nicht erkenne, und dann ausrief: »Halt! Halt! Grabt hier im Schnee!« »Um Gotteswillen! Ihr seid ja schon in Ciechanow!« ließ sich die Fürstin wieder vernehmen. Doch Jurand runzelte die Stirne, als ob er nur mit Mühe seine Gedanken zu sammeln vermöge, und erwiderte: »In Ciechanow? Das Kind wartet und ... der Fürst und die Fürstin ... Danuska! Danuska!« Und plötzlich die Augen schließend, sank er wieder in die Kissen zurück. Zbyszko sowie die Fürstin befürchteten, er sei tot, doch in diesem Augenblick begann er tief und gleichmäßig zu atmen wie ein Mensch, den ein gesunder Schlaf umfangen hält. Pater Wyszoniek legte den Finger auf den Mund, zum Zeichen, daß man ihn nicht erwecke, dann sagte er leise: »vielleicht schläft er so den ganzen Tag hindurch.« »Ja, aber was wollte er denn sagen?« fragte die Fürstin. »Er sagte: Das Kind wartet in Ciechanow!« antwortete Zbyszko. »Weil er noch nicht vollständig zum Bewußtsein gekommen ist,« erklärte der Pater. Drittes Kapitel. Pater Wyszoniek befürchtete, Jurand könne von einem hitzigen Fieber ergriffen und auf lange Zeit hinaus der Besinnung beraubt werden. Indessen versprach er der Fürstin und Zbyszko, es ihnen mitzuteilen, sobald der alte Ritter etwas verlange, und als sie sich entfernt hatten, begab er sich ebenfalls zur Ruhe. In der That kam Jurand erst am zweiten Festtage um die Mittagszeit wieder zu völligem Bewußtsein. Die Fürstin sowie Zbyszko waren gerade anwesend. Als der Kranke sich auf seinem Lager aufgerichtet hatte, schaute er sie an, und da er sie erkannte, sagte er, »Gnädige Herrin! ... Bei Gott, dem Allbarmherzigen, bin ich denn in Ciechanow?« »Ja, und den Festtag habt Ihr verschlafen,« entgegnete die Fürstin. »Unter dem Schnee bin ich verschüttet gewesen. Wer hat mich gerettet?« »Dieser Ritter, Zbyszko aus Bogdaniec. Aus Krakau her werdet Ihr Euch seiner erinnern.« Einen Augenblick betrachtete Jurand den Jüngling mit seinem gesunden Auge, dann sagte er: »Wohl, ich erinnere mich ... Und wo befindet sich Danusia?« »Hat sie sich denn nicht mit Euch auf den Weg gemacht?« fragte die Fürstin beunruhigt. »Wie wäre dies möglich gewesen, da ich mich zu ihr begeben wollte?« In der Meinung, daß Jurand im Fieber spreche, blickten Zbyszko und die Fürstin einander an. Dann sagte die Herrin: »Kommt doch zu Euch. Gerechter Gott! Ist Danusia denn nicht bei Euch in Spychow gewesen?« »Danusia? Bei mir?« fragte Jurand voll Verwunderung. »Euere Leute sind alle zu Grunde gegangen, und nach Danusia hat man vergeblich gesucht. Warum habt Ihr sie in Spychow zurückgelassen?« Doch er wiederholte nochmals und in etwas ängstlichem Tone: »In Spychow? Bei Euch, gnädige Herrin, ist sie ja gewesen, nicht bei mir.« »Aber Ihr sandtet doch ihrethalben Euere Leute mit einem Schreiben in den Jagdhof?« »Im Namen des Vaters und des Sohnes!« rief Jurand aus. »Ich habe niemand nach ihr ausgesandt.« Da ward die Fürstin totenbleich. »Was bedeutet dies?« sagte sie. »Seid Ihr denn auch wirklich Euerer Sinne mächtig?« »Beim allbarmherzigen Gott, wo ist mein Kind?« schrie Jurand auffahrend. Als Pater Wyszoniek diese Worte vernahm, eilte er plötzlich aus der Stube. Die Fürstin aber fuhr fort: »Hört nur! Eine Anzahl Bewaffneter kam mit einem Schreiben von Euch in den Jagdhof. In dem Briefe stand, Ihr wärt bei einer Feuersbrunst durch einen herabfallenden Balken verletzt worden ... wärt fast erblindet und wolltet das Kind noch einmal sehen ... Und sie führten Danusia mit sich fort ...« »Wehe mir!« rief Jurand. »Spychow ist weder von einer Feuersbrunst heimgesucht worden, noch habe ich nach meiner Tochter geschickt, so wahr ein Gott im Himmel ist.« Jetzt kehrte der Pater Wyszoniek mit einem Briefe in der Hand zurück, reichte ihn dar und fragte: »Ist dieser Brief an die Fürstin nicht von Euerem Geistlichen?« »Ich weiß nichts davon.« »Und das Siegel?« »Ist das meine. Was enthält der Brief?« Pater Wyszoniek begann zu lesen, und während Jurand zuhörte, drückte er wie verzweifelt beide Hände an seine Schläfen. Dann sagte er: »Das Schreiben ist gefälscht ... Das Siegel nachgemacht. Wehe meiner armen Seele! Mein Kind ist für mich verloren. Sie haben es mir entführt.« »Wer?« »Die Kreuzritter!« »Bei den Wundmalen des Erlösers! Der Fürst muß sofort einen Gesandten an den Meister schicken!« rief die Herrin aus. »Allbarmherziger Jesus, rette sie, schütze sie!« Und vor Schmerz laut aufschluchzend, eilte Anna Danuta aus der Stube. Jurand sprang von seinem Lager empor und warf in fieberhafter Hast seine Gewänder über die mächtigen Schultern. Zbyszko dagegen saß anfänglich wie versteinert da, plötzlich aber ballte er zähneknirschend die Hände. Jetzt trat Pater Wyszoniek auf Jurand zu. »Woher wißt Ihr denn so bestimmt, daß sie von den Kreuzrittern geraubt worden ist?« »Ich schwöre es bei den Wundmalen des Erlösers.« »Laßt einmal sehen! ... Ja, ja, das ist wohl möglich. Sie sind ja eigens auf den Jagdhof gekommen, um gegen Euch Klage zu führen. Sie wollten sich an Euch rächen ...« »Und sie haben Danusia entführt!« schrie Zbyszko auf. Spornstreichs aus der Stube stürzend, sprang er in den Stall und gebot, die Wagen anzuspannen, die Pferde zu satteln, ohne sich selbst klar darüber zu sein, weshalb er dies that. Er wurde nur von dem dunkeln Gefühle getrieben, daß er sich zur Rettung Danusias aufmachen, daß er, wenn nötig, bis nach Preußen ziehen müsse. Dort wollte er sein junges Weib entweder den Händen der Feinde entreißen oder selbst zu Grunde gehen. Unverweilt kehrte er hierauf in die Kemenate zurück, um Jurand über alles Mitteilung zu machen, zweifelte er doch keinen Augenblick daran, daß dieser mit ihm ziehen werde. Ingrimm, Schmerz und Leid zerrissen ihm das Herz. Allein er verlor trotz alledem nicht die Zuversicht. Ihn dünkte, in Gemeinschaft mit dem gefürchteten Ritter aus Spychow könne er alles ausrichten, im Verein mit jenem könne er selbst gegen die geschlossene Macht der Kreuzritter ankämpfen. In der Stube traf Zbyszko jetzt außer Jurand, dem Pater Wyszoniek und den Frauen auch den Fürsten mit Herrn de Lorche und dem alten Herrn aus Dlugolas an. Kaum hatte nämlich der Fürst von dem Vorkommnis Kunde erhalten, so hatte er letzteren zu sich entboten. Der alte Herr aus Dlugolas zeichnete sich nicht nur durch seinen großen Verstand aus, sondern er kannte auch die Verhältnisse bei den Kreuzrittern ganz genau, war er doch lange Jahre in deren Gefangenschaft gewesen. Er sollte daher an den Beratungen teilnehmen. »Es ist vor allem Vorsicht geboten. Man darf sich nicht zu einer Uebereilung hinreißen lassen, denn sonst wäre das Mägdlein verloren,« erklärte der Herr aus Dlugolas, als er um seine Ansicht befragt ward. »Es muß sofort eine Beschwerde bei dem Meister eingebracht werden, und wenn Eure fürstliche Gnaden mir ein Schreiben ausstellen will, bin ich bereit, es jenem zu überbringen.« »Das Schreiben sollt Ihr unverzüglich erhalten!« rief der Fürst. »Mit Hilfe Gottes und des heiligen Kreuzes wird die Jungfrau gerettet werden. Der Meister fürchtet sich vor einem Kriege mit dem polnischen König und es liegt ihm daran, mit meinem Bruder Semko und mir in Frieden zu leben. Sicherlich ist das Mägdlein ohne seine Zustimmung entführt worden, sicherlich gebietet er, es wieder auszuliefern.« »Wenn jedoch alles mit seiner Erlaubnis geschehen wäre?« fragte der Priester Wyszoniek. »Wenngleich er auch ein Kreuzritter ist, so zeichnet er sich doch durch seine Ehrbarkeit vor allen andern aus,« entgegnete der Fürst, »und wie ich Euch schon sagte, wird er jetzt weit eher meinen Wünschen entgegenkommen, als meinen Zorn heraufbeschwören wollen. Jagiellos Macht ist nicht zu verachten. Hei, sie haben mir genug zugesetzt, so lange sie konnten, aber jetzt wird es ihnen schlecht ergehen, wenn die Masuren dem Jagiello beistehen.« Der Herr aus Dlugolas ließ sich aber nun also vernehmen: »Das ist wahr. Die Kreuzritter thun niemals etwas ohne Grund. Meinem Dafürhalten nach haben sie daher das Mädchen nur deshalb geraubt, um Jurand das Schwert aus der Hand zu winden und entweder Lösegeld für sie zu erhalten oder sie gegen einen Gefangenen auszuwechseln.« Dann wandte er sich an den Herrn aus Spychow und fragte: »Wen haltet Ihr gegenwärtig in Euren Kerkern gefangen?« »De Bergow,« antwortete Jurand. »Genießt dieser Ritter ein gewisses Ansehen?« »So viel ich weiß, ist dies der Fall.« Kaum hatte indessen de Lorche den Namen des Herrn de Bergow vernommen, so erkundigte er sich genau über alles, was vorgegangen war, und erklärte schließlich: »Es ist ein Blutsverwandter des Gebieters über Geldripa, eines großen Wohlthäters des Ordens, und entstammt daher einem Geschlechte, das sich unendliche Verdienste um die Ordensbrüder erworben hat.« »Ja, ja, so ist es,« ließ sich jetzt der Herr aus Dlugolas vernehmen, indem er den Anwesenden die Worte de Lorches verdolmetschte. »Gar viele Mitglieder der Familie de Bergow haben hohe Würdenstellen in dem Orden bekleidet.« »Deshalb haben Danveld und de Löwe immer wieder in höchster Erregung dessen Namen genannt!« warf der Fürst ein. »So oft sie auch nur den Mund öffneten, forderten sie die Freilassung de Bergows. Bei Gott im Himmel, sie haben sich des Mädchens nur deshalb bemächtigt, um de Bergows Freilassung zu erwirken.« »Und sie werden Danusia unverweilt ausliefern!« ergriff nun der Priester das Wort. »Vor allem müssen wir aber wissen, wo sich das Mägdlein befindet,« sagte der Herr aus Dlugolas. »Denn angenommen, der Meister frägt: ›Wem soll ich befehlen, daß er die Geraubte ausliefere?‹ Was können wir ihm antworten?« »Wo Danusia ist?« bemerkte Jurand in dumpfem Tone. »Gewiß ist sie über die Grenze gebracht worden, aus Furcht, sie könne befreit werden, wenn sie nicht an der fernen Weichsel oder am Meere in Gefangenschaft weilt.« »Ich finde sie! Ich befreie sie!« rief nun Zbyszko. Der Fürst aber, der sich nicht langer bezwingen konnte, brach in wildem Zorne los: »Von meinem Jagdhofe hinweg haben sie sie geraubt! Schimpf haben sie mir angethan, und das verzeihe ich ihnen nicht, so lange ich lebe! Genug der Treulosigkeit, genug der Verräterei! Jeder Wärwolf wäre mir als Nachbar willkommener! Doch der Meister muß die Komture bestrafen, er muß das Mädchen ausliefern und meine Verzeihung durch Gesandte erflehen. Sonst mag er sich vorsehen!« Und mit der Faust auf den Tisch schlagend, fuhr er fort: »Traun, er sehe sich vor! Mein Bruder aus Plock steht hinter mir, sowie Witold und der mächtige König Jagiello! Genug der Langmut! Weg mit der frommen Geduld, ich habe genug davon!« Die Beratung stockte, verstummten doch alle bei diesem Zornesausbruch des Fürsten. Anna Danuta aber gewährten diese Worte großen Trost, denn nun wußte sie, wie sehr ihm das Schicksal Danusias am Herzen lag, nun wußte sie, daß Janusz, der ebenso hartnäckig wie geduldig war, nicht eher Ruhe gebe, als bis er sein Ziel erreicht haben werde. Das herrschende Schweigen wurde schließlich durch die Worte des Paters Wyszoniek unterbrochen. »Einstens zeichnete sich der Orden durch große Zucht aus,« sagte er, »und kein Komtur wagte auf eigene Hand, ohne Erlaubnis des Kapitels oder des Meisters etwas zu unternehmen. Deshalb verlieh ihnen auch unser Herr und Gott so große Gewalt, daß ihre Macht über weite Länderstrecken reicht. Jetzt aber ist bei ihnen alles ganz anders geworden. Weder Zucht noch Recht kennen sie, weder Ehrbarkeit noch Glaube. Nichts ist ihnen heilig. Voll Tücke und Bosheit, gleichen sie weit eher Wölfen als Menschen. Wie sollten sie auf die Gebote des Meisters oder des Kapitels hören, so sie nicht einmal die göttlichen Gebote achten? Ein jeder von ihnen sitzt gleich einem unabhängigen Fürsten auf seiner Burg, einer unterstützt den andern in seinen schlimmen Thaten. Sobald dem Meister eine Beschwerde vorgebracht wird, wissen sie sich weiß zu waschen. Angenommen nun, der Meister befiehlt ihnen, das Mägdlein auszuliefern, sie aber leisten dem Befehle keine Folge, sondern sprechen also: ›Die Gesuchte befindet sich nicht bei uns, wir haben sie nicht geraubt!‹ Was bleibt uns dann zu thun übrig?« »Was zu thun ist?« ließ sich der Herr aus Dlugolas vernehmen. »Jurand mag nach Spychow zurückkehren. Wenn sie das Mägdlein des Lösegeldes wegen geraubt haben, oder wenn er für Herrn de Bergow ausgeliefert werden soll, so müssen sie doch jemand davon benachrichtigen, und kein anderer wie Jurand kann dies sein.« »Die, welche auf den Jagdhof gekommen sind, haben Danusia geraubt!« meinte der Priester. »Dafür wird sie der Meister vor Gericht fordern oder ihnen befehlen, daß sie sich Jurand zum Kampfe stellen.« »Mir müssen sie sich stellen!« rief nun Zbyszko, »mir muß dies Recht vor allen andern eingeräumt werden.« Jurand aber richtete sein Antlitz, das er in die Hände verborgen hatte, empor und fragte: »Wer von den Kreuzrittern ist auf dem Jagdhofe gewesen?« »Danveld, der alte de Löwe und die beiden Brüder Godfryd und Rotgier,« entgegnete Pater Wyszoniek. »Sie führten Klage und verlangten, der Fürst möge Euch befehlen, de Bergow in Freiheit zu setzen. Der Fürst aber, der von de Fourcy hörte, daß die Deutschen die Angreifer waren, wies sie ab, gestand ihnen kein Recht zur Klage zu.« »Begebt Euch nach Spychow,« ergriff nun auch Janusz das Wort, »denn dort werden sie ihre Ansprüche geltend machen. Wenn der Knappe des jungen Ritters hier dem de Danveld nicht das Handgelenk verrenkt hätte, wäre dies schon längst geschehen. Begebt Euch nach Spychow, und so sie eine Meldung schicken, laßt es mich wissen. Wohl mögen sie Euch das Mägdlein für de Bergow ausliefern, meiner Rache werden sie jedoch nicht entgehen. Schmach haben sie mir angethan, denn aus meinem Jagdhofe haben sie das Mägdlein hinweggeführt.« Hier übermannte ihn der Zorn abermals derart, daß er nicht weiter zu reden vermochte. Erst nach Verlauf einiger Minuten setzte er hinzu: »Hei! Sie blasen und blasen so lange ins Feuer, bis sie ihre Schnauzen verbrennen.« »Sie werden sich weißzuwaschen verstehen!« wiederholte der Priester Wyszoniek. »Sobald Jurand erklärt, das Mägdlein werde von ihnen festgehalten, können sie sich nicht mehr rechtfertigen!« entgegnete Mikolaj aus Dlugolas etwas ungeduldig. »Ich glaube auch, daß sie über die Grenze entführt worden ist. Jurand hat, wie mich dünkt, recht, wenn er behauptet, sie sei in einer fernen Burg oder am einsamen Meeresgestade zu suchen. Nur muß der Beweis noch geliefert werden, dann wird sich der Meister nicht so leicht hinters Licht führen lassen.« Mit einer gar seltsamen und geradezu Schrecken erregenden Stimme begann nun Jurand aber und abermals die Namen zu wiederholen: »De Löwe, Danveld, Godfryd und Rotgier!« Einem entfesselten Orkane gleich machte sich seine wilde Verzweiflung Luft. Dann jedoch ergriff Mikolaj aus Dlugolas von neuem das Wort. Er erteilte den Rat, man solle sofort umsichtige, gewandte Leute nach Preußen schicken, die könnten in Szeytno und Johannesburg in Erfahrung bringen, ob die Tochter Jurands sich dort befinde, oder, so dies nicht der Fall, wo sie gefangen gehalten werde. Unverweilt verließ nun der Fürst, den elfenbeinernen Stab in der Hand, die Stube, um die nötigen Weisungen zu erteilen, während die Fürstin sich in der Absicht zu Jurand wandte, ihn durch freundlichen Zuspruch aufzurichten. »Wie ist Euch?« fragte sie. Gerade als ob Jurand die Frage gar nicht vernommen habe, antwortete er anfänglich kein Wort, dann aber rief er plötzlich: »Die alten Wunden sind aufs neue aufgerissen worden!« »Vertraut auf die Barmherzigkeit Gottes! Danusia kehrt zu Euch zurück, sobald Ihr de Bergow ausgeliefert habt.« »Des eigenen Lebens will ich nicht schonen.« Die Fürstin schwankte, ob sie Jurand nicht jetzt von der Trauung Mitteilung machen solle, allein sie konnte sich doch nicht dazu entschließen. Sollte sie dein ohnehin schon so unglücklichen Vater neuen Kummer bereiten? Nein, das vermochte sie nicht, und zudem hielt sie auch eine gewisse Furcht davon ab. »Gemeinsam mit Zbyszko wird er ja sein geliebtes Kind suchen, möge ihm dieser alles auseinandersetzen,« sagte sie sich. »Jetzt würde der Bedauernswerte vielleicht durch eine solche Kunde vollends darnieder gebeugt werden.« So gab sie denn dem Gespräche eine andere Wendung. »Ihr werdet uns gewiß nicht verantwortlich machen wollen,« hub sie an. »Die Leute trugen Eure Farben, durch ein mit Eurem Siegel versehenes Schreiben wurde uns die Kunde, welch schwerer Unfall Euch betroffen habe, daß Euch völlige Erblindung drohe, und daß Ihr Euch darnach sehntet, Euer Kind noch einmal zu sehen.« Jurand umfaßte die Knie der Fürstin. »Ich mache Euch für nichts verantwortlich, erlauchte Frau!« sprach er. »Dessen dürft Ihr aber gewiß sein, Gott wird Euch das Kind wieder zurückführen, denn sein Auge wacht über es. Er wird Danusia aus der Not erretten, wie er sie aus der Gefahr errettet hat, als jüngsthin bei der Jagd der grimmige Auerochse sich auf uns stürzen wollte – von unserm Herrn Jesus gestählt, schützte uns Zbyszko. Nicht wenig Lebenskraft büßte er dadurch ein, und lange lag er siech darnieder, uns aber, Danusia und mich, hat er beschützt, wofür ihm der Fürst Gürtel und Sporen verliehen hat. Glaubt mir! Gottes Hand schwebt über ihr. Schwer wird das arme Kind zu leiden haben, das ist gewiß, denn tiefes Herzeleid empfinde auch ich. Ich malte mir aus, wie Danusia bei Euch weilen, wie sie von Euch auf das liebevollste behütet werde, und nun ...« Ihre Stimme brach mit einem Male ab, Thränen stürzten aus ihren Augen. Da war es aber auch mit Jurands erzwungener Fassung vorbei. Einem entfesselten Orkane gleich machte sich seine wilde Verzweiflung Luft. Mit beiden Händen fuhr er sich in seine langen Haare, an den Wänden schlug er sich fast das Haupt blutig, laut stöhnte er und schrie immer wieder von neuem auf: »Jesus! Jesus! Jesus!« Da sprang Zbyszko auf ihn zu, und ihn mit aller Kraft an den Schultern schüttelnd, rief er: »Kommt, machen wir uns auf den Weg! Auf nach Spychow!« Viertes Kapitel. »Wessen Gefolge ist dies?« fragte Jurand plötzlich, in der Nähe von Radzanow aus seinem Brüten wie aus einem Traume emporfahrend. »Das meine!« antwortete Zbyszko. »So sind meine Leute alle umgekommen?« »Bei Niedzborz sah ich sie tot dahingestreckt.« »Die alten Gefährten, sie sind dahin.« Zbyszko antwortete nichts. Schweigend setzten sie ihren Weg fort. Sie wollten Spychow so rasch wie möglich erreichen, hofften sie doch, dort Abgesandte der Kreuzritter zu finden. Die durch den nun eingetretenen Frost fest gefrorenen Wege begünstigten ein schnelles Vorwärtskommen. Gegen Abend knüpfte Jurand wieder ein Gespräch an. Er erkundigte sich eingehend nach den Ordensbrüdern, welche sich in dem Jagdhofe eingestellt hatten, und Zbyszko schilderte alles genau, indem er erzählte, wie schroff jene vor ihrem Weggange aufgetreten waren, indem er von dem Tode des Herrn de Fourcy, von dem Erlebnis des Böhmen sprach, der de Danveld in solch fürchterlicher Weise verletzt hatte. Und während er dies auseinandersetzte, fiel ihm immer wieder unwillkürlich ein Umstand auf. Wie verhielt es sich mit jenem Weibe, das von Danveld geschickt, den Balsam auf den Jagdhof gebracht hatte? Bei der Fütterung der Pferde fragte er daher sowohl den Böhmen wie Sanderus nach ihr, allein keiner von beiden wußte eigentlich recht, was mit ihr geschehen war. Sie vermuteten jedoch, sie habe sich gleichzeitig mit den bei Danusia eingetroffenen Boten, oder bald nach diesen auf die Heimfahrt gemacht. Zbyszko schoß jetzt der Gedanke durch den Kopf, ob nicht die Frau zu dem Zwecke geschickt worden sei, die Boten zu warnen, falls Jurand in eigener Person bei dem Fürsten eintreffen sollte. Es wäre ja dann für die Leute ein leichtes gewesen, ihrer Sendung aus Spychow gar nicht zu erwähnen, sondern dem Fürsten statt des Briefes von Jurand irgend ein anderes Schreiben zu überreichen, das sie wohl für den Notfall schon bei sich führen mochten. Mit welch teuflischer Geschicklichkeit war all dies doch eingefädelt worden! Eine Reihe von Kämpfen hatte er geglaubt zur Rettung Danusias bestehen zu müssen, jetzt aber begriff er, daß er ganz andere Wege einzuschlagen habe, um sein junges Weib zu retten, zu befreien. Seinen Verstand mußte er dabei zu Rate halten, und je mehr er sich dieser Thatsache bewußt ward, desto mehr bedauerte er die Abwesenheit seines Ohms, denn Macko war ebenso schlau wie tapfer. Nach reiflichem Ueberlegen faßte Zbyszko indessen den Plan, von Spychow aus Sanderus nach Szcytno zu senden, damit dieser nach jenem Weibe forsche, um möglicherweise von ihr zu erfahren, was mit Danusia geschehen war. Wohl sagte er sich, Sanderus fände dabei gar viel Gelegenheit, wenn er ihn betrügen wolle, im entgegengesetzten Falle könne er ihm aber auch unschätzbare Dienste erweisen, da ihm durch seinen Handel überall Thür und Thor offen stand. Ueber dieses Vorhaben wollte er sich mit Jurand beraten, aber erst nach ihrer Ankunft in Spychow, denn es wurde Nacht und ihm dünkte, Jurand sei auf seinem hohen Reitsattel vor Müdigkeit, Erschöpfung und schwerer Sorge eingeschlafen. Allein dieser ritt nur deshalb so gebeugt dahin, weil ihn sein Unglück darnieder drückte. Augenscheinlich dachte er an nichts anderes, offenbar erfüllten schlimme Befürchtungen sein Herz, hub er doch plötzlich wieder an: »Mir wäre besser, wenn mich der Tod bei Niedzborz ereilt hätte! Hast Du mich aus dem Schnee ausgegraben?« »Ja, mit den andern!« »Und bei jener Jagd hast Du mein Kind gerettet?« »Was hätte ich denn sonst thun sollen?« »Und jetzt leistest Du mir Hilfe?« Da loderten plötzlich in Zbyszko die Liebe zu Danusia, der Haß gegen die Kreuzritter so mächtig empor, daß er sich hoch im Sattel aufrichtete und durch die zusammengepreßten Zähne nur mühsam hervorstieß: »Hört, was ich sage: Müßte ich selbst mit den Zähnen ihre Burgen zerbeißen, so zerbeiße ich sie, und Danusia rette ich.« Diesen Worten folgte ein minutenlanges Schweigen. Unter dem Einfluß von Zbyszkos Ausspruch regte sich augenscheinlich mit aller Macht die rachsüchtige, gewaltthätige Natur Jurands, denn zähneknirschend ritt er in der Dunkelheit dahin und stets aufs neue murmelte er die Namen vor sich hin: »Danveld, Löwe, Rotgier und Godfryd!« In seinem tiefsten Innern nahm er sich ja fest vor, de Bergow auszuliefern, wenn das von ihm verlangt werden sollte, auch Lösegeld war er bereit zu zahlen und auf Befehl ganz Spychow als Preis auszusetzen. »Aber wehe ihnen später! Wehe denen, die es gewagt haben, Hand an mein eigenes Kind zu legen!« murmelte er vor sich hin. Weder Jurand noch Zbyszko fand in der Nacht erquickenden Schlaf, und als der Tag anbrach, da glaubten sie ihren Augen nicht trauen zu dürfen, so sehr hatten sich beide in den qualvollen Stunden verändert. Jurand empfand schließlich eine gewisse Rührung über den Schmerz und die Verzweiflung Zbyszkos und hub also an: »Mit ihrem Schleier hat sie Dich umhüllt, vom Tode hat sie Dich errettet – ich weiß es. Aber Du liebst sie auch?« Da richtete sich Zbyszko hoch auf, blickte Jurand fest in die Augen und entgegnete: »Sie ist mein Eheweib!« »Was sagst Du?« fragte Jurand, sein Roß anhaltend und starr vor Staunen auf den jungen Ritter blickend. »Ich sage, daß sie mein Eheweib ist, daß ich ihr Ehegemahl bin.« Der Ritter aus Spychow bedeckte die Augen mit der Hand, als ob ihn ein plötzlicher Blitzstrahl getroffen hätte, allein er erwiderte kein Wort, sondern trieb nur sein Pferd an und ritt an der Spitze des Gefolges schweigend weiter. Fünftes Kapitel. Zbyszko, der hinter Jurand herritt, vermochte jedoch dessen Schweigen nicht lange zu ertragen. »Mir wäre es lieber,« dachte er bei sich, »er hätte seinem Zorn freien Lauf gelassen, als daß er ihn unterdrückt.« Demzufolge ritt er an dessen Seite, setzte die Füße fest in die Steigbügel und sprach also: »Hört, wie sich alles zugetragen hat. Was Danusia für mich in Krakau that, das wißt Ihr, es ist Euch aber nicht bekannt, daß man in Bogdaniec mich mit Jagienka, der Tochter von Zych aus Zgorzelic zusammenzubringen versuchte. Ihr Vater wollte sie mit mir vermählen, Macko wollte es, und der mir blutsverwandte reiche Abt wollte es auch. Doch was soll ich Euch ein Langes und ein Breites vorreden? Das Mädchen ist sittsam und es ist kräftig wie eine junge Hindin, und der Brautschatz, nun, der ist auch nicht zu verachten. Allein trotzdem konnte nichts daraus werden. Wohl that mir Jagienka leid, aber noch mehr bekümmerte mich Danusia – und ich machte mich zu ihr auf nach Masovien, denn wahrlich, glaubt mir, so vermochte ich nicht länger zu leben. Wenn Ihr Euch erinnert, wie Ihr selbst einmal geliebt habt, wenn Ihr der früheren Zeiten gedenkt, dann wird Euch das nicht wundernehmen.« Hier hielt Zbyszko unwillkürlich inne, wie wenn er auf eine Antwort Jurands warte, als dieser aber nach wie vor schwieg, fuhr er also fort: »Unser Herr und Gott verlieh mir die Kraft, die Herrin und Danusia auf der Jagd vor einem Auerochsen zu retten. Da sagte die Fürstin sofort zu mir: ›Nun wird Jurand nicht mehr gegen Dich sein, denn wie sollte er Dir nicht für eine solche That danken?‹ Allein mir kam selbst damals nicht in den Sinn, ohne Eure väterliche Zustimmung mich mit dem Mädchen zu vermählen. Freilich mir war es auch nicht darnach! Das Tier hatte mich so schlimm zugerichtet, daß nicht viel fehlte, und es wäre mit mir vorbei gewesen. Doch bald darauf – seht Ihr – kamen die Boten, um Danusia nach Spychow zu geleiten, und ich lag noch immer auf dem Krankenlager. Da dachte ich, traun, nicht anders, als daß ich sie niemals wiedersehen werde, da dachte ich nicht anders, als daß Ihr sie nach Spychow zurückberufen hättet, um sie einem andern zum Weibe zu geben. In Krakau seid Ihr doch gegen mich gewesen. Auch glaubte ich, dem Tode verfallen zu sein. Hei, bei dem allmächtigen Gotte, was war das für eine Nacht! Nichts wie Jammer, nichts wie Schmerz! Mich dünkte, die Sonne scheine mir nicht mehr, wenn ich sie von mir lassen müsse! Ihr wißt doch auch, was Leid, was Schmerz heißt ...« Zbyszko vermochte nicht weiter zu reden. Thränen erstickten seine Stimme. Doch er faßte sich rasch wieder und fügte hinzu: »Es war schon Abend geworden, als die Boten eintrafen und erklärten, Danusia gleich mit sich nehmen zu müssen, davon wollte jedoch die Fürstin nichts hören. Sie befahl ihnen, den andern Morgen abzuwarten. Da gab mir der Herr Jesus den Gedanken ein, daß Danusia der Fürstin zu Füßen fallen und diese um ihre Einwilligung zur Trauung bitten möge. Wenn ich dann doch sterben muß, dachte ich, so ist mir wenigstens noch dieses Glück zu teil geworden. Bedenkt, das Mägdlein sollte von mir gehen, und ich lag schwer krank, dem Tode nahe, darnieder. Blieb mir da noch Zeit, erst Euere Einwilligung einzuholen? Der Fürst hatte den Jagdhof schon verlassen, die Fürstin schwankte unschlüssig hin und her, konnte sie sich doch bei niemand Rats erholen. Doch zuletzt fühlte sie, sowie Pater Wyszoniek Erbarmen mit mir – und Pater Wyszoniek gab mich und Euere Tochter zusammen ... Im Namen Gottes, kraft der göttlichen Gesetze.« Jurand aber fügte dumpf hinzu: »Das ist nun die Strafe Gottes!« »Für wen soll dies eine Strafe sein?« fragte Zbyszko. »Erwägt doch, daß die Boten vor der Trauung anlangten, und daß, einerlei ob die Trauung stattgefunden haben würde oder nicht, Danusia mit ihnen hätte ziehen müssen.« Aber Jurand erwiderte kein Wort. In sich gekehrt, finster und mit einem solch versteinerten Gesicht ritt er dahin, daß Zbyszko in tiefster Seele erschrak. Wohl fühlte letzterer eine gewisse Erleichterung, wie dies immer zu sein pflegt, wenn man ein langgehegtes Geheimnis offenbart hat, allein er fürchtete jetzt, der alte Ritter könne in seinem Groll verharren, und ihr Verhältnis werde sich noch fremder und unfreundschaftlicher als früher gestalten. Und so bemächtigte sich denn plötzlich eine große Niedergeschlagenheit des jungen Ritters. Niemals zuvor, selbst damals nicht, als er sich von Bogdaniec aus auf den Weg machte, war ihm so schlimm zu Mute gewesen. Ihn dünkte jetzt, er dürfe weder auf eine Aussöhnung mit Jurand, noch auf die Rettung Danusias hoffen, alles erschien ihm in trübem Lichte, und mehr und mehr erfüllte ihn die Gewißheit, die Zukunft werde noch größeres Leid, noch größeres Unheil über ihn bringen. Doch diese verzweifelte Stimmung währte nicht lange. Seine kraftstrotzende Natur gewann bald wieder die Oberhand, und nur Kampf und Streit lagen ihm noch im Sinn. »Will er sich unversöhnlich zeigen,« sagte er sich, an Jurand denkend, »mag er es thun, was kümmert es mich!« Und er wäre in diesem Augenblicke sogar bereit gewesen, Jurand entgegenzutreten. Ihn drängte es, den Kampf mit irgend jemand aufzunehmen, es war ihm, als müsse er irgend etwas vollbringen, als müsse er sich Erleichterung verschaffen, indem er seinem Schmerz, seinem Grimme und seiner Erbitterung Ausdruck verlieh. Sie hatten inzwischen die an einem Scheideweg gelegene und »Swietlik« genannte Schenke erreicht, wo Jurand gewöhnlich auf seiner Heimkehr von dem fürstlichen Hofe nach Spychow mit Leuten und Pferden Rast zu machen pflegte. So geschah denn dies auch jetzt wieder, und bald darauf befand sich Zbyszko mit Jurand in einer besonderen Stube. Plötzlich wandte sich letzterer zu dem jungen Ritter, schaute ihn durchdringend an und fragte: »Also hast Du Dich nur ihretwegen aufgemacht?« »Glaubt Ihr, daß ich es leugne?« antwortete Zbyszko in unwirschem Tone, während er Jurand mit dem Entschlusse fest in die Augen blickte, dessen Zornesausbruch nicht geduldig über sich ergehen zu lassen. Doch siehe da, auf dem Antlitz des alten Kriegers malte sich kein Groll, sondern nur grenzenloser Schmerz. »Und mein Kind hast Du gerettet?« fragte er nach wenigen Minuten wieder, »und aus dem Schnee hast Du mich ausgegraben?« Voll Staunen, ja mit einer gewissen Angst blickte Zbyszko auf den Redenden, fürchtete er doch, Jurand sei seiner Sinne nicht mehr ganz mächtig, weil er die gleiche Frage wiederholte, die er zuvor schon gestellt hatte. »Setzt Euch,« bat er daher den alten Ritter, »mir will scheinen, daß Ihr noch recht schwach seid.« Allein Jurand streckte die Arme aus, umfaßte Zbyszko und zog ihn stürmisch an die Brust. Dieser hingegen, von Verwunderung ergriffen, umschlang den Hals des alten Kriegers und so lange hielten sich die beiden fest umschlossen, als ob das gemeinsame Leid, der gemeinsame Schmerz sie aneinander gefesselt hätten. Als sie sich aber endlich trennten, da umfaßte Zbyszko die Knie Jurands und küßte mit thränenfeuchten Augen dessen Hände. »So seid Ihr nicht mein Widersacher?« fragte er. »Ich war Dein Widersacher,« entgegnete Jurand, »denn ich wollte sie Gott dem Herrn weihen!« »Ihr gedachtet sie Gott zu weihen, Gott der Herr aber schenkte sie mir. Sein Wille muß geschehen.« »Sein Wille geschehe!« wiederholte Jurand; »nur sei er jetzt uns gnädig.« »Wem sollte Gott der Herr beistehen, wenn nicht dem Vater, der sein Kind sucht, wenn nicht dem Manne, der sein Eheweib sucht? Den Räubern wird Er doch keinen Beistand leisten!« »Und doch ist sie hinweggeführt worden!« erklärte Jurand. »Gebt ihnen de Bergow zurück!« bemerkte hierauf Zbyszko. »Ich gebe ihnen alles, was sie wünschen.« Bei dem Gedanken an die Kreuzritter erwachte in ihm jedoch sofort wieder ein solch glühender Haß, daß er gleich darauf zähneknirschend hinzufügte: »Dann aber sollen sie von mir etwas zu hören bekommen, was sie sich nicht träumen lassen.« »Das gelobe ich auch mit einem Eide,« ergriff nun Zbyszko das Wort, »doch jetzt laßt uns vor allem Spychow erreichen.« Sofort wurde der Befehl erteilt, die Pferde bereit zu halten. Nach einem kurzen Imbiß und nachdem sich die Leute ein wenig in den warmen Stuben erwärmt hatten, machte man sich wieder auf den Weg, trotzdem die Dämmerung schon anbrach. Da aber noch eine sehr weite Strecke zurückgelegt werden mußte, und da stets heftiger Frost in der Nacht einzutreten pflegte, fuhren Jurand und Zbyszko, die noch immer nicht ganz bei Kräften waren, in einem Schlitten. Zbyszko sprach von seinem Ohm, den er von ganzem Herzen herbeiwünschte, war doch Macko einer der wenigen, die sich eben so großer Schlauheit wie Tapferkeit rühmen durften, und Schlauheit war in einem Kampfe gegen einen Feind wie die Kreuzritter fast noch von größerer Bedeutung als Tapferkeit. »Versteht Ihr es, klug vorzugehen oder irgend welche List zu gebrauchen? Ich vermag es nicht!« »Ich ebenso wenig,« entgegnete Jurand. »Nicht mit List gedachte ich gegen sie zu kämpfen, sondern mit der Faust, gestählt durch den in mir tobenden Schmerz.« »Nur zu gut begreife ich das,« meinte der junge Ritter. »Wie sollte ich es auch nicht begreifen, da ich Danusia liebe, die mir von jenen entrissen ward? Wenn Danusia, was Gott der Herr verhüten möge ...« Hier brach er plötzlich ab. Kummer und Sorge schnürten ihm die Kehle zu. Geraume Zeit hindurch fuhren sie schweigend die von dem fahlen Mondlicht übergossene Straße dahin, bis Jurand wie zu sich selbst zu sprechen begann: »Wenn sie noch Ursache hätten, sich an mir zu rächen, wollte ich nichts sagen! Aber bei Gott im Himmel, das haben sie nicht! Wohl stritt ich gegen sie im Felde, als ich von unserem Fürsten zu Witold entsandt ward, aber sonst zeigte ich mich wie jeder Nachbar gegen den Nachbarn. Bartosz Naleczy ließ die vierzig Ritter, die gegen ihn zogen, ergreifen, in Ketten legen und in die unterirdischen Kerker in Kozmin werfen. Einen zur Hälfte mit Gold gefüllten Wagen mußten ihm die Kreuzritter zu deren Auslösung übersenden. Ich aber, so ich mit einem Deutschen zusammenstieß, der zu Gast zu den Kreuzrittern zog, ich nahm diesen, wie ein Ritter den andern, freundlich auf und beschenkte ihn mit allerlei Gaben. Gar häufig haben sich auch die Kreuzritter mitten durch die Sümpfe bei mir eingestellt. Nie habe ich sie gedrückt, und doch haben sie mir weit Schlimmeres zugefügt, als ich je meinem größten Feinde zufügen würde ...« Und mit solcher Gewalt überkam ihn die entsetzliche Erinnerung, daß es wie ein Stöhnen klang, als er mit halb erloschener Stimme hinzufügte: »Sie war mir alles, mein höchstes Gut, und gleich einem Hunde ist sie mit Stricken gebunden worden und unter den Leiden ist sie dem Tode zur Beute gefallen ... Und jetzt aufs neue mein Kind ... Jesus! Jesus!« Abermals trat tiefes Schweigen ein. Zbyszko richtete sein jugendliches Antlitz zu dem mondbeschienenen Himmel empor, dann wandte er sich zu Jurand und fragte: »Beim Vater im Himmel! ... Es wäre doch besser, sie suchten die Liebe der Menschen zu gewinnen, statt stets auf Rache zu sinnen. Weshalb fügen sie denn unserem Volke so viel Schlimmes zu?« Voll Verzweiflung streckte Jurand die Arme empor und erwiderte in dumpfem Tone: »Ich weiß es nicht ...« Zbyszko schien über seine eigene Frage noch zu sinnen, denn es vergingen mehrere Minuten, bevor er sich also vernehmen ließ: »Die Leute sagen, daß Ihr auch auf Rache sinnt.« »Ich habe ihnen Rache geschworen!« entgegnete Jurand, sich gewaltsam aus seinem Schmerze aufraffend. »Und Gott dem Herrn gelobte ich das Kind zu weihen, wenn er mir in seiner Gnade zur Vollziehung dieser Rache verhelfen werde ... Deshalb war ich gegen Dich. Nun aber weiß ich nicht: habt Ihr nach seinem Willen gehandelt, oder habt Ihr durch Euer Thun seinen Zorn erregt!« »Nein, nein!« rief Zbyszko. »Ich sagte Euch ja schon, jene Elenden würden sie geraubt haben, wenn auch die Trauung nicht stattgefunden hatte. Gott der Herr nahm Euer Gelübde gnädig auf, Danusia aber überließ er mir, denn ohne seinen Willen geschieht nichts auf Erden.« »Jede Sünde, die verübt wird, verstößt gegen den Willen Gottes.« »Gewiß. Aber was sagt Ihr von den heiligen Sakramenten? Ein jedes Sakrament ist von Gott eingesetzt!« »Dagegen läßt sich deshalb auch nichts thun.« »Gelobt sei Gott, daß sich nichts thun läßt! Doch beklagt Euch nicht darob; denn wer könnte Euch gegen diese Räuber in einer solchen Weise beistehen, wie ich es vermag? Merkt auf, was ich Euch sage. Für das, was sie Danusia gethan, werde ich Vergeltung üben, doch wenn auch nur noch ein einziger von jenen lebt, die Eure Selige von Euch rissen, so überlaßt ihn mir, und Ihr werdet mit meinem Thun zufrieden sein.« Jurand schüttelte das Haupt. »Nein,« antwortete er finster, »von jenen lebt nicht einer mehr ...« Längere Zeit hindurch war nun nichts zu hören wie das Schnauben der Pferde und der dumpfe Klang der auf der hartgefrorenen Erde aufschlagenden Hufe. »Einst in der Nacht,« ergriff Jurand schließlich wieder das Wort, »hörte ich eine Stimme, die aus dem Gemäuer zu dringen schien und die mir zurief: ›Genug der Rache!‹ aber ich achtete nicht darauf, denn nicht wie die Stimme der Verstorbenen klang es.« »Was mochte dies wohl für eine Stimme sein?« fragte Zbyszko beunruhigt. »Ich weiß es nicht. Aus dem Gemäuer von Spychow tönt häufig Klagen und Stöhnen, denn gar manche haben in ihren Ketten in den unterirdischen Kerkern den Tod gefunden.« »Und was sagte Euch der Priester darüber?« »Der Priester weihte die Burg und meinte, ich müsse eine Zeitlang jeden Rachegedanken aufgeben. Doch wie wäre dies möglich gewesen! Mir war allzuviel Leid geschehen, und außerdem sannen sie später selbst auf Rache. Sie versuchten mich stets in einen Hinterhalt zu locken, indem sie mich zum Kampfe forderten. Dies planten sie auch jetzt wieder. Majneger und de Bergow sandten mir zuerst eine Herausforderung.« »Nahmt Ihr jemals Lösegeld?« »Niemals. Von allen denen, die mir in die Hände fielen, ist de Bergow der erste, der mit dem Leben davonkam.« Das Gespräch verstummte nun, denn sie bogen jetzt von der breiten Landstraße in einen schmalen Weg ein, auf dem sie nur langsam und schwer weiterkamen, weil er sich in solchen Windungen dahinzog, daß es stellenweise den Anschein hatte, als ob er sich in dem mit fußhohem Schnee bedeckten Walde verliere. Im Frühling oder im Sommer mußte dieser Weg bei Regenfällen ganz ungangbar sein. »Ob wir wohl Spychow gegen die Essenszeit erreichen werden?« fragte Zbyszko plötzlich. »Ja,« antwortete Jurand. »Der Wald zieht sich noch eine beträchtliche Strecke hin, und dann kommen Sümpfe, in deren Mitte die Burg liegt. Hinter den Sümpfen befinden sich morastige Wiesen und trocken gelegtes Ackerland, die Burg indessen kann man nur über hohe Wälle erreichen. Mehr als einmal schon versuchten die Deutschen, sich meiner zu bemächtigen, allein es gelang ihnen nicht, und die Knochen von gar vielen von ihnen faulen am Waldessaum!« »Die Burg ist auch nicht leicht zu finden!« warf Zbyszko ein. »Wenn jedoch die Kreuzritter Leute mit einem Schreiben senden, wie finden sich diese zurecht?« »Gar häufig schon schickten sie mir Botschaft. Sie haben Leute, welche des Weges kundig sind.« »Gott gebe, daß wir ihre Boten noch in Spychow antreffen!« rief Zbyszko. Dieser Wunsch sollte indessen viel rascher in Erfüllung gehen, als es sich der junge Ritter hatte träumen lassen. Als sie von dem Walde aus die freie Ebene erreichten, auf der inmitten von Sümpfen Spychow lag, erblickten sie zwei Reiter und einen niedrigen Schlitten vor sich, in dem drei dunkle Gestalten saßen. Die Nacht war sehr hell, und so ließ sich besonders auf der weißen Schneefläche die ganze Schar deutlich erkennen. Die Erregung von Jurand und Zbyszko stieg aufs höchste. Denn wer anders mochte in tiefer Nacht auf der Fahrt nach Spychow begriffen sein, wenn nicht die Boten der Kreuzritter? Zbyszko erteilte sofort den Befehl, rascher zu fahren. Binnen kurzem waren sie daher dem fremden Schlitten so nahe gekommen, daß sie gehört wurden. Unverweilt wandten sich auch die beiden Reiter, die augenscheinlich die Insassen des Schlittens schützen sollten, ihnen zu, indem sie die Armbrust anlegten und riefen: »Wer da?« Im Original deutsch angeführt. Anmerkung der Uebersetzerinnen. »Deutsche!« flüsterte Jurand seinem Gefährten zu. Dann erhob er die Stimme und rief: »Mir gebührt es, zu fragen. Euch, zu antworten! Wer seid Ihr?« »Reisende!« »Was für Reisende?« »Pilgrime.« »Woher?« »Aus Szczytno.« »Sie sind es!« flüsterte Jurand aufs neue. Die beiden Schlitten fuhren nun neben einander, und plötzlich tauchten fast dicht vor ihnen sechs Reiter auf – die Wache von Spychow, die Tag und Nacht vor den die Burg umgebenden Wällen zu finden war. Neben den Reitern liefen furchtbar große, häßliche, wolfsähnliche Hunde her. Als die Wachen Jurand erkannten, stießen sie laute Rufe zu dessen Heil, zu dessen Ehre aus, aber in diesen Rufen lag doch ein gewisses Staunen darüber, daß der Gebieter so rasch, so unerwartet zurückkehrte. Letzterer beschäftigte sich indessen vornehmlich mit den Boten, welche er abermals fragte: »Wohin zieht Ihr?« »Nach Spychow.« »Was wollt Ihr dort?« »Das können wir nur dem Herrn selbst sagen.« Jurand hatte schon die Worte auf den Lippen: »Ich bin der Gebieter von Spychow,« allein er unterdrückte sie noch rechtzeitig, indem er sich sagte, er könne sich doch nicht in eine Unterredung vor den Leuten einlassen. So stellte er denn nur noch die Frage an die Boten, ob sie irgend ein Schreiben bei sich führten. Als er jedoch die Antwort erhielt, es sei ihnen der Auftrag geworden, alles mündlich zu bereden, erteilte er unverzüglich den Befehl, so rasch zu fahren, wie es die Pferde im stande seien. Zbyszko dachte gleichfalls an nichts anderes, als so schnell wie möglich Kunde von Danusia zu erhalten. Mit Ungeduld erfüllte es ihn daher, als ihnen noch zweimal eine Wache den Weg nach der Burg verlegen wollte, vor Ungeduld konnte er es kaum erwarten, bis die Zugbrücke über den Graben fiel, hinter dem sich auf den hohen Wällen ein Zaun mit zugespitzten Pfählen erhob. Zwar hatte er es sich früher oft in Gedanken ausgemalt, wie diese in solch schlimmem Rufe stehende Burg wohl aussehen möge, von der die Deutschen niemals sprachen, ohne das Zeichen des Kreuzes zu machen, jetzt aber hatte er nur für die Boten der Kreuzritter Augen, von denen er hören konnte, wo sich Danusia befinde, und wann sie ihre Freiheit wieder erlange. Außer den zum Schutze beigegebenen Reitern und dem Schlittenlenker bestand die Gesandtschaft aus Szczytno aus zwei Personen: die eine davon war jene Frau, welche seiner Zeit den heilenden Balsam in den Jagdhof gebracht hatte, die andere ein junger Pilger. Das Weib kannte Zbyszko nicht, war es ihm auf dem Jagdhofe doch niemals zu Gesicht gekommen, der Pilger erschien ihm jedoch sofort wie irgend ein verkleideter Knappe. Jurand geleitete die beiden unverweilt in eine Eckstube, dann trat er vor sie hin, furchtbar, fast Schauder erregend anzusehen im Flammenschein, welcher von dem in dem Kamine brennenden Feuer auf ihn fiel. »Wo ist mein Kind?« fragte er. Schrecken erfaßte die Gefragten, als sie dem gefürchteten Manne Auge in Auge gegenüberstanden. Der Pilger bebte trotz seines kecken Gesichtes an allen Gliedern, und dem Weibe drohten die Füße den Dienst zu versagen. Unstät wanderten ihre Blicke von Jurand zu Zbyszko, um dann auf dem glänzenden Kahlkopfe des Paters Kaleb haften zu bleiben und schließlich wieder zu Jurand zurückzukehren, als ob sie fragen wollten, was der junge Ritter und der Priester hier zu thun hätten. »O Herr!« hub nach einer Weile der Pilger an, »wir wissen nicht, nach was Ihr fragt, allein wir kommen in einer wichtigen Angelegenheit zu Euch. All die aber, welche uns sandten, befahlen uns ausdrücklich, mit Euch ohne Zeugen zu unterhandeln.« »Vor diesen hier habe ich kein Geheimnis,« erklärte Jurand. »Uns ist jedoch ihre Anwesenheit nicht erwünscht, wohledler Herr,« bemerkte die Frau, »und so Ihr auf deren Bleiben beharrt, würden wir Euch um nichts anderes bitten, als daß Ihr uns gestattet, morgen wieder den Rückweg anzutreten.« Das finstere Gesicht Jurands, der an Widerspruch nicht gewöhnt war, weissagte nichts Gutes. Mit zorniger Gebärde strich er einigemale über seinen fahlgelben Schnurrbart; schließlich bezwang er sich aber doch wieder bei dem Gedanken, daß es sich um Danusia handle, während Zbyszko, dem es hauptsächlich darum zu thun war, so rasch wie möglich zu einem Ziele zu kommen, und der keinen Augenblick daran zweifelte, daß er von Jurand die ganze Unterredung erfahren werde, sofort bemerkte: »Wir werden Eurem Wunsche Folge leisten, bleibt nur.« So sprechend, entfernte er sich mit Pater Kaleb. Kaum befand er sich indessen in dem Hauptgelasse, wo die von Jurand erbeuteten Schilde und Waffen aufgehängt waren, als sich Glowacz zu ihm gesellte. »O Herr!« begann dieser, »das ist das gleiche Weib.« »Welches Weib?« »Das die Kreuzritter mit dem hercynischen Balsam geschickt haben. Ich erkannte sie auf der Stelle, und Sanderus erkannte sie gleichfalls. Offenbar ist sie damals nur geschickt worden, damit sie alles auskundschafte, und jetzt weiß sie gewiß, wo das Jungfräulein ist.« »Dann werde ich es auch erfahren!« sagte Zbyszko. »Kennt Ihr vielleicht auch diesen Pilger?« »Nein,« entgegnete Sanderus. »Kauft aber ja keinen Ablaß von ihm, o Herr, das ist kein richtiger Pilger. Wenn man ihn aus die Folter spannen würde, könnte man gar mancherlei von ihm hören.« »Warten wir es ab!« erklärte Zbyszko. Kaum hatte sich indessen die Thüre hinter Zbyszko und dem Pater Kaleb geschlossen, so näherte sich die Pilgerin rasch dem Gebieter von Spychow und flüsterte ihm zu: »Eure Tochter ist von Räubern entführt worden.« »Von Räubern, die das Kreuz auf dem Mantel tragen.« »Nein. Aber es gelang den Brüdern, das Mägdlein zu befreien, und jetzt ist es bei ihnen.« »Wo ist sie, frage ich!« »Sie steht unter dem Schutze des Bruders Szomberg!« erwiderte das Weib, die Arme über die Brust kreuzend und sich demütig vor Jurand neigend. Als Jurand den Namen des entsetzlichen Henkersknechtes von Witolds Kindern nennen hörte, wurde er bleich wie der Tod. Die Augen schließend, sank er auf die Bank nieder, indem er sich mit der Hand den kalten Schweiß von der Stirne trocknete. Bei diesem Anblick schlich der Pilger, der bis jetzt seine Angst nicht zu bemeistern vermocht hatte, von der Seite herbei, ließ sich auf die Bank nieder, zog die Füße nach und schaute voll Hochmut und Dünkel auf den Gebieter von Spychow. Dann trat ein langes Schweigen ein. »Der Bruder Markwart bewacht sie gemeinsam mit dem Bruder Szomberg!« ergriff schließlich das Weib wieder das Wort. »Das Jüngferchen steht daher unter sicherem Schutze, es wird keine Kränkung erleiden müssen.« Die Pilgerin näherte sich rasch dem Gebieter von Spychow und flüsterte ihm zu: »Euere Tochter ist von Räubern entführt worden.« »Was habe ich zu thun, damit sie mir zurückgegeben werde?« fragte Jurand. »Euch vor dem Orden zu demütigen!« erwiderte der Pilger voll Hochmut. Als Jurand diesen Ausspruch vernahm, erhob er sich langsam von seinem Sitze, trat auf den Pilger zu, beugte sich zu ihm herab und sagte mit dumpfer, furchtbarer Stimme: »Ihr habt zu schweigen!« Eine furchtbare Angst bemächtigte sich aufs neue des Pilgers. Wohl wußte er, daß es seinerseits nur einer Drohung, nur einiger Worte bedurfte, um Jurand völlig darnieder zu schmettern, allein er fürchtete, es werde ihm beim ersten Worte, das ihm über die Lippen komme, etwas Entsetzliches zustoßen. So schwieg er denn. Mit zitternden Knien, sonst aber fast unbeweglich, wie erstarrt vor Schrecken, saß er da, die großen runden Augen auf das furchterregende Antlitz des Gebieters von Spychow gerichtet. Letzterer wandte sich aber nun wieder dem Weibe zu. »Habt Ihr ein Schreiben bei Euch?« fragte er. »Nein, o Herr, wir haben kein Schreiben bei uns. Was wir zu melden haben, befahl man uns, mündlich zu thun.« »So sprecht denn.« Und sie wiederholte noch einmal, damit sich Jurand ja alles gut ins Gedächtnis einpräge: »Der Bruder Markwart bewacht sie gemeinsam mit dem Bruder Szomberg, deshalb mäßigt Euern Groll, o Herr. Ihr geschieht kein Leid. Denn wenn gleich Ihr seit vielen Jahren dem Orden schwere Kränkungen zugefügt habt, gedenken doch die Brüder Böses mit Gutem zu vergelten, wofern ihre gerechten Forderungen erfüllt werden.« »Was fordern sie von mir?« »Sie verlangen, daß Ihr den Herrn de Bergow freigebt.« Jurand atmete tief auf. »Ich liefere ihnen de Bergow aus!« erklärte er. »Wie auch die andern Gefangenen, die Ihr in Spychow habt.« »Außer den Knechten sind dies die beiden Knappen von Majneger und von de Bergow.« »Ihr müßt sie freilassen, o Herr, und sie für ihre Gefangenschaft entschädigen.« »Verhüte Gott, daß ich feilsche, wenn es sich um mein Kind handelt.« »Das erwartet auch der Orden nicht anders von Euch,« fuhr das Weib fort, »allein dies ist noch nicht alles, was mir befohlen ward, Euch zu melden. Euere Tochter, o Herr, ist von irgend welchen Leuten und sicherlich deshalb entführt worden, um Lösegeld von Euch zu erhalten ... Den Brüdern aber gelang deren Befreiung – und jetzt verlangen sie nichts weiter von Euch, als daß Ihr ihnen die Gefährten, die Gäste ausliefert. Dann aber sollt Ihr selbst, der Fürst dieses Landes, und alle hervorragenden Ritter aussagen – wie es ja auch der Wahrheit entspricht – nicht die Ritter, sondern Räuber hätten Euere Tochter entführt, und von den Räubern müßtet Ihr sie loskaufen.« »Gut,« ließ sich Jurand vernehmen, »mein Kind ward von Räubern entführt, und ich muß es auslösen.« »Keinem Menschen dürft Ihr etwas anderes sagen, denn wenn es nur ein Mensch erfährt, daß Ihr Euch mit den Brüdern verständigt habt, wenn auch nur eine lebende Seele eine Ahnung davon erhält, wenn irgend eine Klage zu dem Meister oder zu dem Kapitel dringt – dann werdet Ihr Schlimmes über Euch heraufbeschwören.« Große Unruhe malte sich auf Jurands Zügen. Im ersten Augenblick war ihm die Angst der Komture, zur Rechenschaft gezogen zu werden, und daher deren Forderung, das Vorkommnis als Geheimnis zu betrachten, ganz natürlich erschienen, jetzt aber regte sich plötzlich der Argwohn in ihm, es könne dem allem noch eine andere Ursache zu Grunde liegen. Da er sich aber darüber keine Rechenschaft zu geben vermochte, erfaßte ihn eine entsetzliche Angst, eine Angst, die über die mutigsten Menschen zu kommen pflegt, wenn nicht sie selbst, sondern die ihrem Herzen am nächsten Stehenden von einer großen Gefahr bedroht werden. Zuvörderst beschloß er indessen, die Abgesandte noch genauer auszuforschen. »Die Komture wollen das Vorkommnis als Geheimnis betrachtet haben,« bemerkte er daher, »wie läßt sich aber das Geheimnis wahren, wenn ich für mein Kind de Bergow und all die andern freigeben soll?« »Ihr sagt, Ihr hättet für Herrn de Bergow Lösegeld genommen und mit diesem Gelde die Räuber bezahlt.« »Kein Mensch wird dies glauben, denn noch niemals habe ich Lösegeld genommen,« warf Jurand ein. »Es hat sich auch noch niemals um Euer Kind gehandelt,« erklärte die Dienerin in klagendem Tone. Abermals trat ein längeres Schweigen ein. Endlich ließ sich der Pilger, dessen Lebensgeister sich in der Voraussetzung wieder gehoben hatten, Jurand werde sich jetzt mehr Zwang auferlegen, also vernehmen: »So ist der Wille der Brüder Szomberg und Markwart.« Die Frau aber hub wieder an: »Ihr sagt aus, der Pilger, welcher mit mir gekommen ist, habe Euch das Lösegeld gebracht, wir aber machen uns sofort mit dem edlen Herrn de Bergow und mit den andern Gefangenen auf den Weg.« »Wie,« entgegnete Jurand, die Brauen runzelnd, »glaubt Ihr wohl, daß ich Euch die Gefangenen ausliefere, ehe Ihr mir mein Kind zurückgebt?« »Ihr müßt Euch sogar noch zu etwas anderem verstehen, o Herr. Nach Szcytno müßt Ihr Euch begeben, wohin die Brüder Euere Tochter bringen werden.« »Ich? Nach Szczytno?« »Denn angenommen, sie würde aufs neue unterwegs von Räubern ergriffen, dann wären nicht nur Euer Gefolge sondern alle hier ansässigen Leute nur zu gerne bereit, die Brüder dafür verantwortlich zu machen. Deshalb sind letztere vornehmlich darauf bedacht, nur Euch selbst Euere Tochter auszuliefern.« Jurand begann in der Stube auf und ab zu schreiten. Ihm ahnte, daß ihm ein Fallstrick gedreht werde, und schwere Sorge bemächtigte sich seiner. Doch, was sollte er thun? Die Kreuzritter konnten ihm irgend eine Bedingung stellen – er war machtlos ihnen gegenüber. Plötzlich schien ihm indessen ein guter Gedanke zu kommen. Er blieb vor dem Pilger stehen, schaute ihn durchdringend an und wandte sich dann dem Weibe zu: »Gut, ich gehe nach Szczytno. Ihr aber und dieser Mensch, der das Gewand eines Pilgers trägt, Ihr bleibt bis zu meiner Rückkehr hier. Erst dann könnt Ihr mit de Bergow und mit den Gefangenen weiterziehen.« »Ihr wollt den Ordensbrüdern keinen Glauben schenken, o Herr!« warf hier der Pilger ein, »wie sollen sie daher das Vertrauen in Euch setzen, daß Ihr uns und de Bergow nach Euerer Rückkehr entlaßt?« Totenblässe überzog Jurands Antlitz und seine Züge verzerrten sich in einer Weise, daß es während eines Augenblicks den Anschein hatte, als ob er den Pilger an der Brust packen und ihn zu Boden werfen wolle – gleich darauf wurde er aber seiner Erregung wieder Herr, er atmete tief auf und sagte ruhig, allein in eindringlichem Tone: »Wer Ihr auch sein mögt, hütet Euch, meine Geduld auf allzugroße Probe zu stellen!« Daraufhin trat der Pilger auf die Ordensschwester zu und sprach: »Redet weiter, wie Euch befohlen ward.« »O Herr!« ergriff das Weib nun wieder das Wort, »wie würden wir uns erdreisten, an Euerem Eide auf das Schwert und auf Euere ritterliche Ehre zu zweifeln, aber Euch steht es wahrlich nicht zu, vor Leuten niedrigen Standes einen Eid abzulegen, und nicht eines Eides wegen sind wir zu Euch gesandt worden.« »Was habt Ihr mir noch zu sagen?« »Im Auftrage der Brüder erklären wir Euch: Ihr müßt Euch, ohne jemand davon in Kenntnis zu setzen, mit de Bergow und mit den Gefangenen nach Szczytno begeben.« Bei diesen Worten zog sich Jurands ganzer Körper krampfhaft zusammen und seine Finger spreizten sich wie die Krallen eines Raubvogels aus; vor der Redenden stehen bleibend, neigte er sich zu ihr, als ob er ihr etwas ins Ohr flüstern wollte, und sagte: »Haben sie Euch auch zu wissen gethan, was ich befehle? Rings um Spychow soll mau Euere und de Bergows Glieder ausstreuen.« »Eure Tochter ist in der Gewalt der Brüder und unter der Obhut von Szomberg und Markwart,« entgegnete die Ordensschwester mit Nachdruck. »Räuber, Giftmischer, Henkersknechte!« brach Jurand los. »Sie werden Rache für uns nehmen, denn ehe wir uns auf den Weg machten, haben sie also zu uns gesprochen: wenn er sich nicht zur Erfüllung all unserer Bedingungen versteht, wäre es besser, das Mädchen fände den Tod, wie ihn die Kinder Witolds gefunden haben. Doch Euch steht ja die Wahl offen!« »Ihr müßt doch begreifen, daß Ihr in der Macht der Komture seid,« ließ sich der Pilger nun vernehmen. »Sie wollen Euch keine Kränkung zufügen, und der Starost aus Szczytno schickt Euch durch uns sein Wort, daß Ihr freies Geleite aus seiner Burg haben werdet. Das ist jedoch ihr Wunsch: für all das Schlimme, das Ihr ihnen schon angethan habt, sollt Ihr Euch vor den Kreuzrittern zur Erde neigen, sollt Ihr die Sieger um Gnade anflehen. Wohl werden sie Euch Verzeihung angedeihen lassen, zuvor aber sollt Ihr Euern stolzen Nacken beugen. Ihr habt sie der Verräterei und des Meineides geziehen – folglich fordern sie von Euch rückhaltloses Vertrauen. Euch und Eurer Tochter werden sie die Freiheit schenken – aber Ihr müßt darum bitten. Ihr habt sie mit Füßen getreten – deshalb müßt Ihr schwören, Eure Hände nicht mehr gegen die Weißmäntel erheben zu wollen.« »Das ist der Wille der Komture,« fügte das Weib hinzu, »und ihnen schließen sich Markwart und Szomberg an.« Eine tödliche Stille trat nun ein. Nur war es, als ob durch die Balken der Decke ein gedämpftes Echo dringe, das die schreckenerregenden Namen »Markwart – Szomberg« stets wiederhole. Und durch die Fenster ertönten die Rufe der Bogenschützen Jurands, welche auf den die Burg umgebenden Wällen Wache hielten. Der Pilger und die Ordensschwester wechselten bald unruhige Blicke miteinander, bald schauten sie auf Jurand, welcher an die Wand gelehnt, völlig unbeweglich, mit gesenktem Haupte im Schatten eines Bündels Häute saß, das vor dem Fenster hing. Nur ein Gedanke fand in dem Gehirn des Gebieters von Spychow Raum. Wenn er nicht das erfüllte, was die Kreuzritter von ihm verlangten, erwürgten sie ihm das Kind, kam er indessen ihren Wünschen entgegen, war es immer noch zweifelhaft, ob er damit sich und Danusia rette. Er wußte sich keinen Rat, er sah keinen Ausweg. Im Geiste sah er schon die eisernen Hände eines Kreuzritters Danusias Hals umfassen, er kannte die Ordensbrüder genau und wußte, daß sie nicht davor zurückscheuen würden, seine Tochter zu ermorden, ihre Leiche innerhalb der Schutzmauern der Burg zu vergraben und einen Meineid abzulegen, um sich weißzuwaschen. Wer vermochte aber dann den Beweis zu liefern, daß sie von den Kreuzrittern entführt worden sei? Wohl hatte er, Jurand, die beiden Abgesandten in seiner Gewalt, er konnte sie vor den Fürsten führen, er konnte ihnen auf der Folter ein Geständnis abzwingen – aber Danusia befand sich in der Gewalt der Kreuzritter, und die Folter mochte ihr dann vielleicht auch nicht erspart bleiben. Ihn dünkte, sein Kind strecke ihm aus der Ferne die Hände entgegen, es flehe ihn um Rettung an ... Wäre er sicher gewesen, daß sich Danusia in Szczytno befinde, würde er noch in der Nacht über die Grenze gegangen sein, hätte die eines Angriffes nicht gewärtigen Deutschen überfallen, die Burg genommen, die Besatzung niedergemacht und seine Tochter befreit – Wie sollte er jedoch ihren Aufenthaltsort in Erfahrung bringen? Sicherlich befand sie sich aber nicht in Szczytno. Plötzlich schoß ihm blitzschnell ein neuer Gedanke durch den Kopf. Wie, wenn er das Weib und den Pilger greifen und sie vor den Großmeister bringen ließe? Vielleicht würden beide dem Meister ein Geständnis ablegen, vielleicht könnte Danusia auf dessen Befehl hin die Freiheit erlangen? Aber ebenso rasch wie diese Idee aufgetaucht war, wurde sie wieder verworfen. Wenn nun die Ordensschwester und der Pilger dem Meister sagten, sie hätten das Lösegeld für de Bergow gebracht, von dem Mägdlein wüßten sie aber nichts, was dann? Nein, dieser Weg führte zu keinem Ziele – wo war Rettung zu finden? Und angenommen, er würde sich nach Szczytno begeben, konnte er dann nicht ergriffen und in einen unterirdischen Kerker geworfen werden? Danusia aber würden die Kreuzritter allein schon deshalb nicht freigeben, damit es nicht den Anschein erwecke, sie sei von ihnen geraubt worden. Ach, der Tod drohte seinem einzigen Kinde, das Henkersschwert schwebte über dessen geliebtem Haupt! Nach und nach verwirrten sich die Gedanken Jurands immer mehr, ein wachsender Schmerz bemächtigte sich seiner. Wie leblos, wie aus Stein gehauen, saß er da. Er hätte sich in diesem Augenblick nicht zu erheben vermocht, selbst wenn ihm der Wunsch dazu gekommen wäre. Das lange Warten verdroß indessen augenscheinlich den Pilger und die Dienerin, denn diese hub plötzlich an: »Die Morgendämmerung ist nicht mehr allzu ferne. Entlaßt uns daher, o Herr, denn wir bedürfen der Ruhe.« »Sowie der Stärkung nach der langen Fahrt,« fügte der Pilger hinzu. Nach diesen Worten neigten sich beide vor Jurand – und entfernten sich. Der Gebieter von Spychow aber saß nach wie vor unbeweglich da, gerade als ob er in tiefen Schlaf versunken sei. Schon nach wenigen Minuten öffnete sich indessen abermals die Thüre, und Zbyszko sowie der Priester Kaleb traten über die Schwelle. »Weshalb wurden sie hierher gesandt? Was wollen sie?« fragte der junge Ritter ungestüm, indem er sich Jurand näherte. Jurand fuhr zusammen. Er erwiderte kein Wort, sondern blinzelte nur mit den Augen wie ein Mensch, der aus schwerem Schlaf erwacht. »O Herr, seid Ihr krank?« fragte der Priester Kaleb, welcher den Gebieter von Spychow zu genau kannte, um nicht sofort zu bemerken, daß etwas Außergewöhnliches mit ihm vorgegangen sein müsse. »Nein!« antwortete Jurand. »Und Danuska?« forschte Zbyszko weiter. »Wo ist Danusia, und was haben Euch jene mitgeteilt? Weshalb sind sie hierher gesandt worden?« »Sie haben das Lösegeld für Bergow gebracht.« »Das Lösegeld für Bergow?« »Für Bergow ...« »Was soll das sein? Was ist Euch?« »Nichts ...« Jurands Stimme klang indessen bei dieser Antwort so seltsam, so gebrochen, daß sich des Priesters und des jungen Ritters eine entsetzliche Angst bemächtigte, war es ihnen doch zuvor schon aufgefallen, daß Jurand von Lösegeld, nicht aber von einer Auswechselung Danusias mit de Bergow gesprochen hatte. »Beim allmächtigen Gott!« rief Zbyszko, »wo ist Danusia?« »Bei den Kreuzrittern findest Du sie nicht – nein!« entgegnete Jurand mit schlaftrunkener Stimme. Dann stürzte er plötzlich wie leblos von der Bank auf den Fußboden. Sechstes Kapitel. Gegen die Mittagszeit am folgenden Tage stellten sich die beiden Abgesandten wieder bei Jurand ein und kurze Zeit darauf machten sie sich mit de Bergow, den zwei Knappen und etlichen andern Gefangenen auf die Heimfahrt. Jurand aber ließ Pater Kaleb zu sich entbieten, der an den Fürsten einen Brief des Inhalts schreiben mußte, Danusia sei nicht von den Ordensrittern geraubt worden, er, Jurand, werde jedoch ihren Aufenthaltsort erfahren und hege die Hoffnung, sie schon in wenigen Tagen wieder sehen zu können. Das gleiche teilte er auch Zbyszko mit, welcher sich in der verflossenen Nacht nicht mehr gekannt hatte vor Angst und Sorge. Soviel aber auch letzterer fragte, der alte Ritter erteilte keine Antwort, sondern erklärte nur, Zbyszko müsse sich in Geduld fassen und dürfe nichts zur Befreiung Danusias unternehmen, da dies ganz unnötig sei. Gegen Abend schloß er sich aufs neue mit Pater Kaleb ein, durch den er seinen letzten Willen niederschreiben ließ, um dann bei ihm zu beichten und das heilige Abendmahl zu empfangen. Erst spät beschied er Zbyszko und den alten, stets schweigsamen Tolima zu sich, der ihm bei allen Unternehmungen und Kämpfen ein treuer Gefährte war, und welcher in Friedenszeiten Spychow verwaltete. »Sieh hier,« sagte, sich zu dem alten Edelmann wendend und die Stimme in einer Weise erhebend, die bewies, daß er zu einem schwerhörigen Menschen sprach, »sieh hier den Ehegemahl meiner Tochter, der mit ihr an dem fürstlichen Hofe getraut ward, und der meine Zustimmung erlangt hat. Nach meinem Tode wird er folglich der Herr über Spychow sein, er wird der Erbe der Burg, der Ländereien, der Wälder, der Sümpfe, der Leute, kurz all des Habes und Gutes sein, das sich in Spychow befindet ...« Diese Worte versetzten Tolima in großes Staunen. Unablässig wendete er seinen unförmigen Kopf bald zu Zbyszko, bald zu Jurand. Allein er erwiderte nichts, sprach er doch nur ganz selten, dagegen neigte er sich schließlich vor Zbyszko und umfaßte dessen Knie. Jurand aber fuhr fort: »Pater Kaleb hat meinen letzten Willen niedergeschrieben und dieses Schriftstück mit seinem Siegel aus Wachs versehen, Du aber sollst bezeugen, daß ich Dir dies alles mitgeteilt und Dir befohlen habe, diesem jungen Ritter ein ebenso offenes Ohr zu leihen, wie dies bei mir der Fall gewesen ist. Zeige ihm auch die Beute und das Geld, welche die Schatzkammer birgt, und diene ihm treu bis in den Tod in Friedenszeiten und in Kriegsläuften. Hast Du mich verstanden?« Tolima legte die Hand ans Ohr, neigte bejahend das Haupt und verließ, von Jurand durch eine Handbewegung entlassen, rasch das Gemach. Letzterer jedoch redete nun in besonders eindringlichem Tone zu Zbyszko: »Für das, was sich in der Schatzkammer befindet, kann man, selbst wenn die Forderung noch so hoch gestellt sein würde, nicht nur einen, sondern hundert Kriegsgefangene loskaufen, dessen gedenke stets.« »Weshalb habt Ihr mir jetzt schon Spychow verschrieben?« fragte Zbyszko. »Etwas weit Kostbareres als Spychow habe ich Dir ja bereits überlassen – mein eigenes Kind.« »Und unsere Todesstunde kennen wir nicht,« warf Pater Kaleb ein. »Wahrlich, wir kennen sie nicht,« wiederholte Jurand in traurigem Tone. »Aus dem Schnee hat man mich ja erst vor kurzem herausgraben müssen, allein, wenn mir Gott auch einen Retter geschickt hat, die frühere Kraft besitze ich doch nicht mehr.« »Beim Allmächtigen!« rief Zbyszko, »seit gestern Abend ist irgend etwas mit Euch vorgegangen! Statt von Danusia zu sprechen, redet Ihr vom Tode. Beim allmächtigen Gotte, was bedeutet das?« »Danusia kehrt zu Dir zurück, sie kehrt zurück!« versetzte Jurand. »Sie steht in Gottes Hand. Sobald sie jedoch zurückgekehrt sein wird – hörst Du – bringe sie unverzüglich nach Bogdaniec. Spychow übergebe Tolima ... Er ist ein treuer Mann ... Hier ist eine schlimme Nachbarschaft ... Von dort wird niemand Dir Dein Weib gebunden hinwegführen ... Dort kannst Du sie vor Gefahr beschützen ...« »Hei!« schrie nun Zbyszko auf, »Ihr sprecht ja gerade, als ob Ihr schon im Jenseits wäret! Was soll das heißen?« »Viel hätte nicht mehr gefehlt, und ich wäre aus dieser Welt geschieden! Nun aber ist's mir, wie wenn mich eine Krankheit darnieder beugte. Der Gram ist's um das Kind – ich habe ja nur dies eine. Und Du, obwohl ich weiß, daß Du sie liebst ...« Hier brach er plötzlich ab, zog das »Misericordia« aus der Scheide und hielt den Griff des kurzen Dolches seinem Eidam mit den Worten entgegen: »Du schwörst mir auf dieses Kreuz, daß Du ihr nie ein Unrecht zufügen, daß Du sie stets in Treuen lieben wirst.« Dem jungen Ritter standen plötzlich Thränen in den Augen. Auf die Knie fallend und die Finger auf den Dolchgriff legend, rief er: »Bei den Wundmalen des Erlösers, nie werde ich ihr ein Unrecht zufügen, ewig werde ich sie in Treuen lieben!« »Amen!« sprach der Priester Kaleb. Das »Misericordia« wieder in die Scheide steckend, breitete Jurand nun die Arme gegen Zbyszko aus und sagte: »In unserer Liebe für dieses Kind sind wir ja eins.« Dann trennten sie sich, denn es war schon spät geworden, und mehrere Nächte hindurch hatte keiner von ihnen rechten Schlaf gefunden. Trotzdem erhob sich Zbyszko am folgenden Morgen mit Tagesanbruch. Er konnte den Gedanken nicht los werden, Jurand sei krank, es drängte ihn daher, zu hören, wie der alte Ritter die Nacht verbracht habe. Vor Jurands Gelaß traf er mit Tolima zusammen, der gerade aus der Thüre trat. »Wie steht es mit dem Herrn? Ist er gesund?« fragte Zbyszko. Jener verneigte sich tief, führte die Hand an das Ohr und bemerkte: »Was befiehlt Euer Gnaden?« »Ich frage, wie es mit dem Herrn steht,« wiederholte Zbyszko mit erhobener Stimme. »Der Herr hat eine Reise angetreten.« »Wohin?« »Ich weiß es nicht. Er ist bewaffnet.« Siebentes Kapitel. Der anbrechende Tag warf bereits seinen lichten Schein auf die Bäume, die Sträuche und auf die rings auf dem Gefilde zerstreut umher liegenden Kalksteine, als der gedungene Führer, der neben dem Pferde Jurands einherschritt, anhielt und sagte: »Vergönnt mir eine kurze Rast, Herr Ritter, damit ich mich ausschnaufen kann. Durch das Tauwetter ist es neblig, doch unser Ziel ist nicht mehr fern ...« »Geleite mich bis zur Landstraße, dann magst Du zurückkehren,« entgegnete Jurand. »Die Landstraße liegt rechts neben dem Wäldchen, und vom Hügel aus werdet Ihr gleich die Burg sehen.« So sprechend kreuzte der Bauer die Arme, schlug sich mit den Händen, die in der feuchten Morgenluft wohl ein wenig starr geworden sein mochten, fortwährend unter die Achselhöhlen und ließ sich schließlich auf einen Stein nieder, um sich besser ausruhen zu können. »Weißt Du nicht, ob der Komtur in der Burg ist?« fragte Jurand nach kurzer Pause. »Wo sollte er sonst sein, da er krank ist.« »Was fehlt ihm?« »Die Leute sagen, ein polnischer Ritter habe ihm eins versetzt,« antwortete der alte Bauer. Und der Ton seiner Stimme bekundete eine gewisse Zufriedenheit. Er war freilich den Kreuzrittern unterthan, aber sein masurisches Herz freute sich über jedes Wagestück eines polnischen Ritters. So fügte er denn auch nach einer Weile hinzu: »Hei! Gar mächtig sind unsere Herren, aber nicht leicht ist mit ihnen auszukommen.« Unverweilt blickte er aber nun prüfend auf den Ritter, wie wenn er sich vergewissern wolle, ob ihm aus diesen Worten, die ihm unbedacht entschlüpften, kein Schaden erwachse, und fügte hinzu: »Ihr, o Herr, seid nach der Art, wie Ihr unsere Sprache sprecht, kein Deutscher.« »Nein,« erwiderte Jurand, »doch führe mich weiter.« Der Bauer erhob sich und schritt wie zuvor neben dem Pferde her. Unterwegs griff er dann und wann in einen ledernen Beutel, holte ein Handvoll ungemahlenes Korn daraus hervor, das er in den Mund steckte, um damit den ersten Hunger zu stillen. Dabei unterließ er es nicht, zu erklären, weshalb er die Kerne roh esse, obwohl Jurand dies gar nicht bemerkt hatte, da er viel zu viel mit seinem eigenen Schicksal, mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt war. »Gott sei Dank dafür!« sagte der Bauer. »Unter unsern deutschen Herren ist das Leben gar schwer. Solche Abgaben fordern sie für das Mahlen des Getreides, daß der arme Mann das Korn aus der Spreu fressen muß wie das Vieh. Und wenn sie eine Handmühle in einer Hütte finden, dann prügeln sie den Bauer und führen das Vieh hinweg. Traun, weder der Kinder noch der Frauen schonen sie ... Ei, sie fürchten sich ebenso wenig vor Gott dem Herrn, wie vor dem Fürsten, ja, den Probst aus Wielborz, der ihnen Vorstellungen darüber machte, legten sie in Ketten. O, schwer lastet die Hand der Deutschen auf uns! Nur wenn man sich Korn zwischen zwei Steinen zermalmt, dann bekommt man eine Handvoll Mehl zur Speise für den heiligen Sonntag, am Freitag aber, da heißt's wie ein Vogel essen. Doch gelobt sei Gott auch dafür, denn ehe die Ernte kommt, giebt's nicht einmal das ... der Fischfang ist verboten ... die Jagd auf wilde Tiere auch. Nein, so ist's nicht wie in Masovien.« In solcher Weise klagte der unter der Herrschaft der Kreuzritter stehende Bauer, indem er halb zu sich selbst, halb zu Jurand sprach. Mittlerweile gelangten sie dann in ein Wäldchen, welches in dem fahlen Scheine des Frühmorgens fast grau schimmerte und in dem eine feuchte, durchdringende Kälte herrschte. Es war nun völlig Tag geworden; sonst wäre es für Jurand kaum möglich gewesen, auf dem Waldwege weiter zu kommen. Steil und so schmal stieg der Pfad empor, daß an manchen Stellen das Streitroß sich kaum durch die Stämme durchzuarbeiten vermochte. Doch das Wäldchen lichtete sich bald wieder, und schon nach kurzer Zeit gelangten sie auf den Gipfel des weißlich schimmernden Hügels, von dessen Höhe aus eine gute Landstraße nach Szczytno führte. »Von hier aus ist's nicht mehr weit,« bemerkte der Bauer, »Ihr findet Euch nun allein zurecht.« »Ja, ich finde mich nun allein zurecht,« entgegnete Jurand. »Kehre Du nun wieder heim, Mann.« Mit der Hand in einen ledernen Sack greifend, der vorn am Sattel befestigt war, holte er mehrere Silbermünzen hervor und gab sie dem Führer. Der Bauer, weit mehr an Schläge als an Belohnung von seiten der ansässigen Kreuzritter gewöhnt, glaubte seinen Augen nicht trauen zu dürfen. Rasch das Geld entgegennehmend, beugte er sich bis zu den Steigbügeln Jurands und umfaßte dessen Knie. »O Jesus, Maria!« rief er. »Gott der Herr möge Euer Gnaden dafür lohnen.« »Gott sei mit Dir!« »Gott möge Euch Macht und Stärke verleihen. Szczytno liegt vor Euch.« Jurand blieb allein auf dem Hügel zurück und schaute in der ihm von dem Führer angegebenen Richtung auf die graue, feuchte Nebelwand, welche den freien Ausblick verhinderte. Jenseits dieses Nebels lag ja die unheilvolle Burg, in die er gegen seinen Willen ziehen mußte. Nahe, ganz nahe lag sie vor ihm! Was von ihm gefordert ward, ohne Aufschub mußte es geschehen! Schwer bedrückte dieser Gedanke Jurands Herz. Zu der Unruhe, zu der Angst um Danusia, für die er selbst sein Herzblut hingegeben hätte, gesellte sich nun auch noch eine unbegrenzte Bitterkeit, ein ihm bis jetzt unbekannt gewesenes Gefühl der Demütigung. Er, Jurand, bei dessen Namen allein schon alle an der Grenze ansässigen Komture gezittert hatten, beugte sich nun deren Befehl! Er, der schon so viele von ihnen besiegt und mit Füßen getreten hatte, sollte nun von ihnen besiegt und mit Füßen getreten werden. So unerhört dünkte ihm dies, daß ihm schien, die ganze Welt müsse aus ihren Fugen gehen. War es denn denkbar, daß er sich vor den Kreuzrittern demütigen sollte, er, der es mit dem ganzen Orden aufgenommen haben würde, wenn es sich nicht um Danusia gehandelt hätte? Mehr als einmal schon hatte ein Ritter, dem nur die Wahl zwischen Schmach und Tod geblieben war, sich kämpfend auf ein ganzes Kriegsheer gestürzt! Ach, seiner harrte auch nur Schmach und Schande! Diese Ueberzeugung verursachte ihm einen so grimmen Schmerz, wie ihn der Wolf empfindet, den die Spitze eines Speeres trifft. Doch über Jurands stählernen Körper gebot auch ein eiserner Wille. Ebenso wie er den Widerstand anderer zu brechen wußte, vermochte er sich selbst zu bezwingen. »Nicht eher rühre ich mich von dieser Stelle,« sagte er sich, »bevor ich nicht Herr über diesen grimmen Haß geworden bin, der weit eher das Verderben des Kindes als dessen Rettung herbeiführen könnte.« Und mit aller Kraft kämpfte er gegen sein stolzes Herz, gegen seinen Haß, gegen seine Streitlust an. Wer ihn auf jenem Hügel gesehen hätte, wie er auf seinem gewaltigen Rosse in voller Rüstung wie erstarrt saß, der würde ihn für einen aus Erz gegossenen Riesen gehalten und nicht geglaubt haben, daß in diesem unbeweglichen Ritter in dem Augenblicke der schwerste Kampf tobte, den das Leben entfachen konnte. Und so lange lag er im Streite mit sich selbst, bis er fühlte, daß er den Sieg über sich gewonnen hatte. Mittlerweile wurde der Nebel durchsichtiger. Er verschwand zwar noch nicht vollständig, allein man konnte doch in der Ferne dunkles Gemäuer erkennen. Jurand bezweifelte keine Minute, daß dies die Mauern der Burg von Szczytno waren. Trotz dieses Anblickes rührte er aber noch immer kein Glied, sondern hub zu beten an, so heiß und inbrünstig, wie ein Mensch betet, der nur noch auf Gottes Barmherzigkeit baut. Als er dann schließlich sein Pferd antrieb, da regte sich in seinem Herzen frischer Mut. Er war jetzt bereit, alles über sich ergehen zu lassen, was ihm auch zustoßen mochte. Der heilige Georg kam ihm jetzt in den Sinn, der Abkömmling eines der größten Geschlechter in Kappadocien. Auch dieser hatte schmachvolle Marter erleiden müssen, allein nicht zur Unehre hatte ihm dies gereicht, nein, nach göttlichem Gesetz ward er zum Schutzpatron aller namhaften Ritter erkoren. Von dessen Prüfungen hatte Jurand gar häufig von den Pilgern gehört, die aus fernen Ländern kamen, und die Erinnerung daran wirkte tröstend auf ihn ein. Allmählich begann er aber wieder Hoffnung zu schöpfen. Die Krenzritter waren freilich wegen ihrer Rachsucht bekannt, er zweifelte daher auch nicht daran, daß sie sich für all die Niederlagen rächen würden, die er ihnen beigebracht, für all die Schmach, welche er ihnen bei jedem Zusammentreffen angethan, und für die Furcht, die er ihnen lange Jahre hindurch eingeflößt hatte. Allein gerade diese Erwägung verlieh ihm nun Willenskraft. Er sagte sich, Danusia sei sicherlich nur deshalb von den Ordensbrüdern entführt worden, um Gewalt über ihn zu bekommen. Wenn er sich aber ihnen stellte, weshalb sollten sie dann noch länger Danusia der Freiheit berauben? Sicherlich Planten sie Schlimmes, weil sie aber in der Nähe von Masovien nichts gegen ihn zu unternehmen wagten, zwangen sie ihn, sich nach ihrer ferngelegenen Burg aufzumachen. Vielleicht legten sie ihn in Ketten, vielleicht drohte ihm lebenslängliche Haft in einem unterirdischen Kerker! Doch was wollte dies heißen, wenn er die Freiheit seines Kindes damit erkaufte? Sollte es auch ans Tageslicht kommen, daß man ihn in einen unterirdischen Kerker geworfen hatte, weder der Großmeister noch das Kapitel würde es den Kreuzrittern allzusehr verargen, denn seine, Jurands, Hand hatte in der That schwer auf ihnen gelastet, von ihm hatten sie weit Schlimmeres zu erdulden gehabt, als von irgend einem andern Ritter auf der Welt. Sofort aber würde sie der Großmeister für die Festhaltung des unschuldigen Mägdleins bestrafen, der Schutzbefohlenen des Fürsten, um dessen Freundschaft sich jener in Anbetracht des drohenden Krieges mit dem König von Polen eifrigst bemühte. Eine immer größere Ruhe bemächtigte sich Jurands. Er zweifelte jetzt keinen Augenblick mehr, daß Danusia nach Spychow zurückkehren, daß sie unter Zbyszkos mächtigem Schutze gegen jede Gefahr gesichert sein werde. Das ist ein tapferer Bursche, sagte er sich, er wird ihr kein Leid widerfahren lassen. Und er rief sich mit einer gewissen Rührung all das ins Gedächtnis zurück, was er von Zbyszko wußte. »Gegen die Deutschen hat der junge Ritter bei Wilna gekämpft, im Zweikampfe hat er sich mit ihnen gemessen, er besiegte die Friesen, gegen die er mit dem Oheim stritt, gegen Lichtenstein ist er vorgegangen, vor dem Auerochsen hat er Danusia gerettet, den vier Kreuzrittern schickte er eine Herausforderung, von der er niemals abstehen wird.« Hier erhob Jurand die Augen gen Himmel und rief: »Ich wollte sie Dir weihen, o Gott, Du aber schenktest sie Zbyszko.« Würde sie aber Gott dem jungen Ritter zum Weibe gegeben haben, so fragte er sich weiter, um sie dann in den Händen der Kreuzritter zu Grunde gehen zu lassen? Nein, ihre Rettung war gewiß, dagegen vermochte keine Macht der Welt sich aufzulehnen. Und Zbyszko! Er war ja nicht nur tapfer, er war auch treu wie Gold. Bei ihm wird sie behütet sein, bei ihm wird sie heiße Liebe finden. »O Jesu!« betete er plötzlich laut, »gewähre dem Kinde ein frohes Geschick und laß mich hoffen, daß sie bei ihm weder den fürstlichen Hof, noch die väterliche Liebe vermißt.« Thränen traten bei diesen Worten in die Augen des Gebieters von Spychow und sein Herz krampfte sich schmerzlich zusammen. Ach, wie sehnte er sich, sein Kind wiederzusehen, wie wünschte er, wenn er denn doch aus dem Leben scheiden sollte, in Spychow bei den beiden ihm so teuern Wesen zu sterben und nicht in den dunkeln Kerkern der Kreuzritter den letzten Atemzug aushauchen zu müssen. »Doch der Aus dem erleuchteten Fenster des Turmes ertönte der anfänglich kaum vernehmbare Klang einer Laute. Wille Gottes geschehe!« murmelte er vor sich hin. Szczytno war bereits zu sehen. Der Nebel ward lichter und lichter, immer deutlicher traten die Mauern der Burg hervor. Die Stunde von Jurands Demütigung rückte heran. Er aber erstarkte mehr und mehr und sprach also zu sich: »Wohlan, der Wille Gottes geschehe! Ich stehe am Abend meines Lebens. Einige Jahre mehr, einige weniger, was will das heißen! Hei! Wohl möchte ich noch einmal die beiden Kinder sehen, allein jedem Menschen ist ein Lebensziel gesteckt. Was mir beschieden ward, das habe ich genossen und ertragen, an wem ich Rache üben wollte, an dem rächte ich mich. Mein Geschick hat sich erfüllt. Bei Gott ist's besser sein als auf der Welt, was er uns auferlegt, das wird sich auch erfüllen. Danusia und Zbyszko, sie werden meiner nicht vergessen, wenngleich es besser für sie wäre, sie vergäßen meiner. Gewiß, wohl mehr als einmal werden sie sich fragen: Wo ist er jetzt? Lebt er noch oder ist er schon in die himmlische Heimat eingezogen? Sie werden nach mir fragen, nach mir forschen. Auf Rache sind die Kreuzritter stets bedacht, doch Lösegeld verschmähen sie nie. Und Zbyszko wird damit nicht sparen, selbst wenn er auch nur meine Gebeine loskaufen könnte. Und mehr als eine Messe werden sie für mich lesen lassen, das ist gewiß. Ein dankbares, liebevolles Herz besitzen beide. O segnet sie dafür, Du, o Gott, und Du, o heilige Mutter Gottes!« Die Landstraße wurde indessen nicht nur immer breiter, sondern auch immer belebter. Unablässig zogen Wagen mit Holz und Strohbündeln beladen der Stadt zu, Viehhirten trieben ihre Herden dahin. Auch ein Bauer in Ketten wurde von vier Bogenschützen des Weges geleitet. Augenscheinlich sollte er eines Vergehens wegen vor Gericht gebracht werden, denn die Hände waren ihm auf den Rücken gebunden, an den Füßen aber trug er Fesseln, die auf dem Schnee schleifend, ihm das Gehen erschwerten. Mühsam und keuchend schleppte er sich weiter, während seine Wächter, die ihn beständig vorwärtstrieben, laut sangen. Als letztere Jurand erblickten, schauten sie ihn voll Neugierde an, offenbar ganz erstaunt über den mächtigen Reiter und das gewaltige Schlachtroß. Kaum bemerkten sie indessen die goldenen Sporen und den Rittergürtel, so senkten sie die Armbrust zur Erde als Zeichen der Ehrerbietung und zur Begrüßung. In dem Städtchen ging es schon äußerst lebhaft zu. Ein jeder wich jedoch vor dem bewaffneten Ritter zur Seite, welcher die Hauptstraße einschlagend, sich zur Burg wendete, die noch immer in nebligem Dunste lag, und in der noch alles zu schlafen schien. Außerhalb der Burg herrschte indessen nichts weniger als Ruhe. Ganze Schwärme von Krähen und Raben flogen, aufgescheucht durch den des Weges ziehenden Reiter, krächzend und mit den Flügeln schlagend, umher. Bald genug begriff Jurand, weshalb sich hier eine solch große Zahl dieser Vögel angesammelt hatte. Seitwärts am Wege, der zu dem Burgthore führte, stand ein hoher, breiter Galgen, an dem die Leichname von vier masurischen Bauern hingen, die wohl den Kreuzrittern unterthan gewesen sein mochten. Da es völlig windstill war, hingen die Toten, die auf ihre Füße herab zu schauen schienen, fast ganz bewegungslos da und schaukelten nur dann hin und her, wenn die auf ihren Schultern und auf ihren Köpfen sitzenden Vögel sich gegenseitig zu vertreiben suchten, aufflogen, wieder zurückkehrten und mit ihren Schnäbeln auf die gesenkten Häupter einhackten. Die Bauern mußten schon lange an dem Galgen hängen, denn stellenweise lagen die Knochen an ihren Körpern ganz bloß, während sich die Beine unermeßlich in die Länge gezogen hatten. Beim Nahen Jurands schwang sich ein neuer Schwarm von Raben und Krähen mit lautem Gekrächze in die Luft, ließ sich aber dann bald wieder auf dem Querbalken des Galgens nieder. Das Zeichen des Kreuzes machend, ritt der Herr aus Spychow vorüber, hielt vor dem Graben an der Stelle an, an welcher die Zugbrücke über dem Thore aufgezogen war, und stieß in das Horn. Ein zweites, ein drittes mal ließ er sein Horn ertönen. Alles blieb ruhig. Kein lebendes Wesen war auf den Wällen zu sehen, kein Laut drang aus dem Thore hervor. Endlich, nach minutenlangem Warten, öffnete sich hinter einem, neben dem Burgthore eingemauerten Gitter knirschend eine Klappe und das bärtige Gesicht eines deutschen Kriegsknechtes ward sichtbar. »Wer da?« rief eine rauhe Stimme. »Jurand aus Spychow!« antwortete der Ritter. Daraufhin fiel die Klappe wieder rasch zu, und es trat abermals tiefes Schweigen ein. Die Zeit verstrich. Auch nicht das geringste Geräusch drang aus dem Thore hervor. Dagegen ward das Gekrächze der um den Galgen fliegenden Vögel immer lauter. Eine geraume Zeit hindurch wartete Jurand geduldig, dann setzte er das Horn aufs neue an die Lippen. Keine Antwort erfolgte. Es herrschte eine lautlose Stille. Allgemach ward es Jurand klar, weshalb er vor dem Thore stehen mußte. Er kannte die Kreuzritter, er wußte, mit welch grenzenlosem Hochmute sie die Besiegten behandelten. Wie ein Bettler sollte er gedemütigt werden. Keine Minute zweifelte er daran, daß er vielleicht bis zum Abend oder noch länger zu warten habe. Im ersten Augenblick drohte ihn der Zorn zu übermannen. Am liebsten wäre er vom Pferde gestiegen und hätte einen der Steine, welche an dem Graben lagen, gegen das Gitter geschleudert. In einem andern Falle würde sowohl er wie jeder masovische oder polnische Ritter dies gethan haben, dann hätten sie hinter dem Thore hervorbrechen und sich ihm zum Kampfe stellen müssen. Jetzt bezwang er sich indessen abermals, indem er sich ins Gedächtnis zurückrief, weshalb er hierhergekommen war. »Giebt es ein Opfer, das ich nicht für das Kind bringen würde?« fragte er sich. Und geduldig wartete er vor der Burg. Mittlerweile war es auf den Zinnen lebendig geworden. Da und dort tauchten Köpfe in Pelzumhüllung, in dunkeln Kapuzen, ja, in Blechhauben empor, und mehr als ein Augenpaar warf neugierige Blicke auf den Ritter. Mit jeder Minute vermehrte sich die Zahl dieser Beobachter, war es doch für die Besatzung ein unerhörter Anblick, den gefürchteten Gebieter von Spychow einsam vor dem Burgthore auf seinem Streitroß halten zu sehen. Wer sich ihm früher genähert hatte, der ging einem sicheren Tode entgegen, nun aber konnte man ihn gefahrlos, nach Herzenslust betrachten. Nach und nach wurden all diese Neugierigen immer sichtbarer, so daß schließlich die Zinnen in der Nähe des Thores geradezu mit Kriegsknechten bedeckt waren. Jurand glaubte nicht anders, als daß auch die Vorgesetzten durch das Gitterfenster in dem an das Thor angebauten Turm auf ihn blickten. Er schaute daher empor, überzeugte sich aber sofort von seinem Irrtume. Aus diesem, tief in die dicken Mauern eingefügten Fenster vermochte man nur in die Ferne zu sehen. Dagegen begann nun die auf der Brustwehr angesammelte Schar, die sich bis jetzt ganz still verhalten hatte, lauter und lauter zu werden. Dieser und jener nannte Jurands Namen, rohes Lachen ertönte, ein heiseres Geschrei, ein wüstes Geheul wie von Wölfen erhob sich, stets rücksichtsloser, stets verwegener wurden die Rufe, und da kein Mensch diesen Ausschreitungen steuerte, ward schließlich der Gebieter von Spychow mit Schnee beworfen. Kaum setzte indessen letzterer sein Roß, wie unwillkürlich, leise in Bewegung, so hörte sofort das Werfen mit Schnee auf, das Geschrei verstummte, ja, etliche der Helden verschwanden hinter den Mauern. In solcher Weise war Jurands Name gefürchtet. Nur zu bald kam es jedoch den feigherzigen Memmen zum Bewußtsein, daß sie ja durch Gräben und Wälle von dem Schrecken einjagenden Masuren getrennt waren, sie huben daher nicht nur von neuem an, den Harrenden mit Schnee zu bewerfen, sondern sie schleuderten ganze Eisschollen, Mörtel und Steine auf ihn, die mit lautem Geklirr von der Rüstung des Ritters, von dem Sattelzeuge des Rosses absprangen. »Für das Kind ist mir kein Opfer zu schwer,« sagte sich Jurand. Und er wartete und wartete. Die Mittagszeit nahte heran. Die Zinnen verödeten, denn die Söldner begaben sich zum Mahle. Nur etliche, welche die Wache hatten, aßen auf der Brustwehr und vergnügten sich dabei, den hungrigen Ritter mit den abgenagten Knochen zu bewerfen. Dann verhöhnten sie sich gegenseitig, indem einer den andern fragte, wer wohl von ihnen den Mut haben werde, zu jenem hinabzusteigen, um ihm mit der Faust einen Schlag in den Nacken oder mit dem Speere einen Stoß zu versetzen. Verschiedene, die von dem Mahle zurückkehrten, riefen ihm zu, er möge es nur sagen, wenn er des Wartens müde sei, an dem Galgen befinde sich noch ein freier Haken, an dem auch schon der Strick hänge. Und unter solchen Spottreden, unter solch wüstem Geschrei schwanden die Stunden dahin, der kurze Wintertag neigte sich seinem Ende zu. Der Abend brach an. Allein die Zugbrücke ward nicht herabgelassen, das Thor blieb geschlossen. Plötzlich erhob sich ein Wind, der den Nebel zerteilte. Das von der Abendröte vergoldete Firmament ward sichtbar. Bläulich violett schimmerte der Schnee. Der Frost ließ nach, die Nacht versprach, schön zu werden. Nur die Wache befand sich noch auf der Zinne; die Krähen und Raben flogen von dem Galgen hinweg, dem Walde zu. Dunkler und dunkler wurde es, eine völlige Stille trat ein. »Erst in der Nacht werden sie mir das Thor öffnen,« dachte Jurand. Während eines Augenblickes erwog er es ernstlich, ob er nicht in das Städtchen zurückkehren solle, rasch verwarf er aber wieder diesen Gedanken. Es ist ihr Wille, daß ich hier stehe, sagte er sich. Wenn ich mich auch jetzt von hier entferne, lassen sie mich doch nicht wieder ziehen. Sie werden mich umzingeln, und weil sie sich dann meiner gewaltsam bemächtigt haben, erklären, sie seien mir zu nichts verpflichtet. Was nützt es daher, hinweg zu reiten, ich muß ja doch wieder zurückkehren. Die von fremden Chronisten gerühmte, erstaunliche Ausdauer der polnischen Ritter im Ertragen von Kälte, Hunger und Beschwerden aller Art, befähigte diese häufig zum Vollbringen von Thaten, welche auszuführen die verweichlichteren Bewohner des Westens niemals im stande gewesen wären. Jurand aber besaß diese Ausdauer in noch höherem Maße als alle andern. Wenn sich ihm daher auch vor Hunger die Eingeweide zusammenzogen, wenn ihn auch die nächtliche Kühle trotz des über die Rüstung geworfenen Pelzes erschauern machte, er hielt auf seinem Posten aus, er hätte selbst dem Tode zu trotzen gewagt. Plötzlich indessen – es herrschte schon fast tiefe Nacht – hörte er hinter sich feste Schritte auf dem knirschenden Schnee. Sich umschauend, gewahrte er sechs Männer von der Stadt her des Weges kommend. Sie alle waren mit Lanzen und Hellebarden bewaffnet, während ein siebenter, der in ihrer Mitte einherging, ein Schwert trug. »Vielleicht wird jetzt das Thor geöffnet, und ich komme auch hinein,« dachte Jurand. »Mit Gewalt werden sie mich doch nicht ergreifen wollen, sie werden auch nicht versuchen, mich zu töten, denn ihre Zahl ist zu gering dazu. Planen sie aber doch einen Angriff auf mich, so dient mir dies als Beweis, daß sie ihr Versprechen nicht zu halten gedenken, und dann wehe ihnen.« Unverweilt ergriff er die stählerne Streitaxt, welche am Sattel hing und welche so schwer war, daß jeder andere Mann sie nur mit zwei Händen hätte fassen können, und wendete sein Roß ihnen zu. Jene aber dachten nicht daran, ihn zu überfallen. Im Gegenteile, die Kriegsknechte stießen sofort die Lanzen und Hellebarden in den Schnee, wobei ihnen indessen, wie Jurand, da er sich ganz in ihrer Nähe befand, deutlich bemerkte, die Hand doch ein wenig zitterte. Der siebente Kriegsknecht, welcher außerdem der älteste zu sein schien, streckte sofort den linken Arm aus und fragte, mit dem Finger vor sich deutend: »Seid Ihr, Herr Ritter, Jurand aus Spychow?« »Ich bin es.« »Wollt Ihr hören, weshalb ich hierher gesandt ward?« »Ich höre.« »Der tapfere und mächtige Komtur von Danveld befahl mir, Euch zu sagen, o Herr, daß wenn Ihr nicht vom Pferde steigt, Euch das Thor nicht geöffnet werde.« Während einiger Minuten saß Jurand ganz bewegungslos da, dann stieg er rasch vom Pferde, auf das sofort einer der Lanzenträger sprang. »Die Waffen müßt Ihr uns auch ausliefern,« ließ sich aufs neue der Söldner mit dem Schwerte vernehmen. Der Gebieter von Spychow zauderte eine geraume Zeit. »Wie,« so fragte er sich, »wenn sie dann auf mich Unbewaffneten stürzen, wenn sie mich wie ein wildes Tier niederstoßen? Oder könnten sie mich nicht auch ergreifen und in einen unterirdischen Kerker werfen? Doch nein, wenn sie einen Ueberfall planten, wären sie dann nicht in größerer Zahl erschienen, hätten sie es nicht unterlassen, ihre Waffen so nahe bei mir in den Schnee zu stoßen? Würde es dann nicht ein Leichtes für mich sein, die erste beste Waffe an mich zu reißen und alle zu erschlagen, bevor Hilfe eintreffen kann? Nein, dazu kennen sie mich zu gut.« »Doch wenn dies auch der Fall wäre,« fragte er sich weiter, »wenn mein Blut fließen soll, was zaudere ich? Habe ich denn etwas anderes erwartet, als ich mich hier einstellte?« Ohne noch lange zu zögern, warf er nun zuerst die Streitaxt, dann sein Schwert und schließlich das Misericordia von sich und harrte abermals der Dinge, die da kommen sollten. Rasch nahmen die Lanzenträger und Hellebardiere die Waffen an sich, während jener, der Jurand zuvor angeredet hatte, sich diesem noch mehr näherte, vor ihm stehen blieb und mit erhobener Stimme kühn also zu sprechen anhub: »Für all die Beschimpfungen, welche Du dem Orden zugefügt hast, sollst Du Dich nun, so lautet der Befehl des Komturs, in diesen härenen Sack hüllen, die Scheide dieses Schwertes an einem Stricke um den Hals hängen, und so lange vor dem Thore wartend stehen, bis es Dir durch die Gnade des Komturs geöffnet werden wird.« Kaum waren diese Worte verklungen, so stand Jurand wieder allein in der Dunkelheit und in der nächtlichen Stille. Vor ihm auf dem Schnee lagen das Bußgewand und der Strick. Lange schaute er darauf. Ihm war es, als ob in ihm etwas entzwei gegangen, als ob etwas in ihm vernichtet und erstorben sei, ihn dünkte, er sei nicht mehr der gewaltige Ritter, nicht mehr Jurand aus Spychow, sondern ein armseliger Sklave ohne Namen, ohne Ruhm, ohne Ehre. Erst nach Verlauf einiger Minuten machte er etliche Schritte vorwärts, indem er laut sagte: »Was soll ich thun? Du, Christus, Du weißt es: mein unschuldiges Kind erwürgen sie, wenn ich nicht alles ausführe, was sie befehlen. Und Du weißt es auch, daß ich um des eigenen Lebens willen mich niemals zu einem solchen Thun verstanden hätte! Bitter ist's, Schmach und Schande auf sich zu nehmen! Schmerzlich ist es! Doch auch Du hast vor dem Kreuzestode Schmach und Schande erlitten. Es sei denn ... Im Namen des Vaters und des Sohnes.« Rasch beugte er sich nieder, hüllte sich in den Sack, in dem Löcher für den Kopf und die Arme eingeschnitten waren, schlang sich den Strick mit der Scheide des Schwertes um den Hals und schleppte sich an das Thor. Doch nach wie vor blieb dasselbe geschlossen. Was kümmerte es aber nun noch den Gebieter von Spychow, ob das Thor ihm früher oder später geöffnet werde! In nächtlichem Schweigen lag die Burg. Dann und wann nur zeigte sich die Wache auf der Brustwehr. Ein einziges, hoch oben gelegenes Fenster des am Thore stehenden Turmes war erhellt, aus keinem der andern erstrahlte auch nur der geringste Lichtschein. Langsam schwanden die Stunden dahin. Am Himmel stieg die Mondsichel empor und warf ihren silbernen Schimmer auf die finstere Burg. Eine solche Stille herrschte, daß Jurand das Klopfen des eigenen Herzens hätte hören können. Allein er schien wie erstarrt, wie versteinert zu sein. Ueber nichts vermochte er sich Rechenschaft zu geben, ihm war, als ob seine Seele schon entflohen sei. Ein Gedanke allein verfolgte ihn ... Nein, er war nicht mehr der gewaltige Ritter Jurand aus Spychow – zu was er aber herabgesunken war – darüber konnte er nicht klar werden ... Zuweilen kam es mich über ihn, als ob von jenem Galgen her der Tod leise, leise über den Schnee zu ihm heran schleiche ... Plötzlich indessen erbebte er am ganzen Körper und fuhr aus seiner Erstarrung empor: »O allbarmherziger Christus! Was ist das?« Aus dem erleuchteten Fenster des Turmes ertönte der anfänglich kaum vernehmbare Klang einer Laute. Auf seinem Ritte nach Szczytno war Jurand der festen Ueberzeugung gewesen, Danusia befinde sich nicht in der Burg, doch dieser Lautenklang in der Stille der Nacht erschütterte ihn aufs höchste. Nur zu gut kannte er diese Weise. Wer sollte sie denn sonst spielen als sein Kind, sein einziges, geliebtes Kind! ... Wie in Fieberhitze zitternd, stürzte er auf die Knie, faltete die Hände zum Gebete und lauschte und lauschte. Inzwischen hub eine halb kindliche, halb sehnsüchtig klingende Stimme zu singen an: Wie wär' ich gerne Ein Gänslein klein, Ich flög' in die Ferne Zu Jasio mein! Jurand wollte aufschreien, wollte den geliebten Namen rufen, allein die Worte erstarben ihm in der wie von einer eisernen Klammer zusammengepreßten Kehle. Der plötzlich mit aller Macht hervorbrechende Schmerz, die Thränen, die Sehnsucht, der Jammer drohten ihm die Brust zu zersprengen. Sich mit dem Gesichte auf den Schnee werfend, rief er mit der leidenschaftlichen Inbrunst, mit der man ein Dankgebet spricht: »O Jesu! So höre ich denn noch einmal die Stimme meines Kindes! O Jesu! ...« Ein heftiges Schluchzen erschütterte den gewaltigen Körper Jurands. Aus dem Turme aber ertönte wiederum der sehnsüchtige Gesang in die Stille der Nacht hinaus: In Schlesien flög' ich nieder Auf grünem Rain, Die Waise sieh wieder, O Jasienko mein! Da plötzlich erhielt der vor dem Thore liegende Ritter von der rohen Hand eines bärtigen deutschen Kriegsknechtes einen heftigen Stoß in die Seite. »Auf die Beine, Hund! ... Das Thor ist offen, der Komtur befiehlt Dir, vor ihm zu erscheinen.« Jurand fuhr wie aus einem Traume empor. Doch er ergriff weder den Söldner an der Kehle, noch zermalmte er ihn mit seinen eisernen Händen, nein, mit einem ergebenen, fast demütigen Gesichtsausdrucke erhob er sich und folgte, ohne ein Wort zu sprechen, seinem Führer durch das Thor. Gleich darauf vernahm er hinter sich das Klirren von Ketten, die Zugbrücke wurde in die Höhe gezogen, das schwere, eiserne Gitter des Thores fiel herab. – – – – – – Fünfter Teil. Erstes Kapitel. Im Vorhofe der Burg angelangt, wußte Jurand anfangs nicht, wohin er sich wenden solle, da der Kriegsknecht, welcher ihn durch das Thor geführt hatte, ihn dann verließ und sich den Stallungen zuwandte. Allüberall auf den Zinnen standen Söldner, da und dort befand sich ein einzelner, an andern Stellen waren mehrere beisammen, allein ihre Mienen waren so frech, ihre Blicke so höhnisch, daß der Ritter sich sagen mußte, sie würden ihm den Weg nicht zeigen, und wenn sie seine Fragen überhaupt beantworteten, dies nur auf grobe und verächtliche Weise thun. Manche lachten, indem sie mit den Fingern auf ihn zeigten, von andern ward er mit Schnee beworfen, gerade wie am Tage zuvor. Er aber, der jetzt eine Thüre gewahrte, die höher und breiter war als alle andern und über der ein Christusbild aus Stein angebracht war, schritt darauf zu, weil er dachte, wenn der Komtur und die Aeltesten sich in einem anderen Teile der Burg befänden, müsse ihn doch jemand über seinen Irrtum aufklären und auf den richtigen Weg weisen. Und so geschah es auch. Im Augenblick, da Jurand sich jener Thüre näherte, öffneten sich plötzlich die beiden Thürflügel, und ein Jüngling trat hervor, dessen Haupt wie das eines Klerikers geschoren war, der aber weltliche Kleidung trug. »Seid Ihr Jurand, der Herr aus Spychow?« fragte er. »Ich bin es!« »Der Komtur befahl mir, Euch zu geleiten. Folget mir!« Und er führte ihn durch den gewölbten Gang der Treppe zu. An den Stufen blieb er indessen stehen und Jurand mit dem Blicke messend, fragte er: »Ihr tragt doch keine Waffen bei Euch? Man befahl mir, Euch zu durchsuchen.« Da richtete sich Jurand hoch auf, so daß der Jüngling seine kraftvolle Gestalt so recht ins Auge fassen konnte, und entgegnete: »Gestern habe ich alle ausgeliefert.« Jetzt dämpfte der Führer die Stimme und sagte beinahe im Flüstertone: »Dann hütet Euch, Euerem Zorn die Zügel schießen zu lassen, denn einer mächtig waltenden Hand seid Ihr anheim gegeben!« »Aber durch den Willen Gottes!« antwortete Jurand. Bei diesen Worten betrachtete er seinen Führer aufmerksam, und da er in dessen Antlitz etwas wie Mitgefühl wahrnahm, fügte er hinzu: »Offenheit und Redlichkeit schauen Dir aus den Augen, o Jüngling! Willst Du mir daher aufrichtig das beantworten, was ich Dich frage?« »Sprecht schnell!« sagte der Führer. »Werden sie nun, da ich gekommen bin, mein Kind freigeben?« Der Jüngling zog verwundert die Brauen zusammen. »Euer Kind ist es also, das sich hier befindet?« »Meine Tochter.« »Die Jungfrau in dem Turme am Thore?« »Ja! Sie versprachen, das Kind zurückzuschicken, wenn ich mich selbst stelle.« Der Führer machte eine Bewegung mit der Hand, zum Zeichen, daß er nichts wisse, aber sein Gesicht drückte Besorgnis und Zweifel aus. Und Jurand fragte weiter: »Es ist doch wahr, daß sie unter dem Schutze von Szomberg und Markwardt steht?« »Die beiden befinden sich gar nicht in der Burg. Bringt die Jungfrau fort, Herr, ehe der Starost Danveld wieder gesundet.« Als Jurand dies vernahm, begann er zu zittern, aber er hatte keine Zeit, noch mehr zu fragen, da sie nun in den oberen Stock und zu dem Saal gelangt waren, wo Jurand vor das Antlitz des Starosten von Szczytno treten sollte. Der Jüngling öffnete die Thüre und zog sich dann sofort wieder zurück. Der Gebieter von Spychow überschritt die Schwelle und befand sich in einer ungewöhnlich großen, aber düsteren Kemenate, da die in Blei gefaßten Fensterscheiben nur wenig Licht zuließen, der Tag aber trübe und winterlich war. Am äußersten Ende des Saales brannte zwar ein Feuer in dem großen Kamine, allein die feuchten Holzscheite leuchteten kaum. Erst nach einer gewissen Zeit, als Jurand sich an das Halbdunkel gewöhnt hatte, gewahrte er im Hintergrund einen Tisch, woran einige Ritter saßen, und hinter diesen eine ganze Schar bewaffneter Knappen, sowie bewaffneter Knechte, unter denen sich der Hofnarr befand, der einen zahmen Bären an der Kette hielt. Schon in früherer Zeit war Jurand mit Danveld zusammengetroffen, dann hatte er ihn zweimal am Hofe des Fürsten von Masovien als Gesandten gesehen, seitdem waren einige Jahre verflossen. Trotz des Halbdunkels erkannte er ihn daher sofort wieder an den Umrissen seiner feisten Gestalt und seines Gesichtes, sowie auch daran, daß er in der Mitte auf einem Armstuhl saß und die geschiente Hand auf die Lehne stützte. An seiner rechten Seite saß der alte Zygfryd de Löwe aus Insburk, der unversöhnliche Feind Jurands und des polnischen Stammes überhaupt, an seiner linken die jüngeren Brüder Godfryd und Rotgier. Danveld hatte sie absichtlich herbeschieden, damit sie seinen Triumph über diesen furchtbaren Widersacher mitansehen konnten. So saßen sie denn gemächlich da, in weiche, dunkle Tuchgewänder gekleidet, mit leichten Schwertern an der Seite, froh erregt und voll Selbstbewußtsein. Lange Zeit herrschte tiefes Schweigen, denn sie wollten sich weiden an dem Anblick des Mannes, den sie früher geradezu gefürchtet hatten, und der jetzt tief gebeugt vor ihnen stand, der jetzt in einen härenen Sack gehüllt war und um den Hals einen Strick trug, an dem die Scheide eines Schwertes hing. Offenbar wünschten sie auch, daß eine große Anzahl von Leuten seine Demütigung mitansehe, denn durch die in die andern Stuben führenden Seitenthüren konnte eintreten, wer Lust hatte, und bald war der Saal fast zur Hälfte mit Bewaffneten angefüllt. Alle schauten mit unendlicher Neugierde auf Jurand, sprachen laut und machten Bemerkungen über ihn. Er aber faßte wieder Mut bei ihrem Anblick, denn er sagte sich, wenn Danveld nicht halten wollte, was er versprach, so hätte er nicht so viele Zeugen geladen. Da gebot Danveld durch eine Handbewegung Schweigen und gab einem der Knappen ein Zeichen, worauf dieser sich Jurand näherte und den Strick an dessen Hals erfassend, ihn um einige Schritte näher zu dem Tische heranzog. Jetzt nahm Danveld das Wort und sagte zu dem Gefangenen: »Du hast Dich mit dem Orden herumgebissen wie ein wütender Hund, deshalb fügte es Gott, daß Du wie ein Hund mit einem Strick um den Hals vor uns stehst und unserer Gnade, unserem Erbarmen anheim gegeben bist.« »Vergleiche mich nicht mit einem Hunde, Komtur,« entgegnete Jurand, »denn damit nimmst Du auch all denen die Ehre, welche mit mir kämpften und durch meine Hand fielen.« Auf diese Worte hin erhob sich ein Gemurmel unter den bewaffneten Mannen, doch wäre es schwer zu sagen gewesen, ob sie über diese kühne Antwort erzürnt oder von ihrer Richtigkeit betroffen waren. Aber eine derartige Wendung des Gespräches behagte dem Komtur nicht und er sagte: »Seht, sogar hier besudelt er uns voll Hochmut und voll Hoffart mit seinem Geifer.« Und Jurand hob die Hände empor wie ein Mensch, welcher den Himmel zum Zeugen anruft, und entgegnete, das Haupt schüttelnd: »Gott weiß, daß meine Hoffart mich verließ, als ich den Fuß in diese Burg setzte. Gott weiß aber auch und wird darüber richten, ob Ihr Euch nicht selbst beschimpft und in mir den ganzen Ritterstand, indem Ihr mich beschimpft. Denn die Ritterehre ist das, was jeder Gegürtete hochhalten sollte.« Danveld runzelte die Stirne, aber in diesem Augenblick bewegte der Narr die Kette, woran er den Bären festhielt, so daß sie laut klirrte, und rief aus: »Eine Strafpredigt! Eine Strafpredigt! Ein Prediger aus Masovien ist zu uns hierher gekommen! Hört! Eine Strafpredigt! ...« Dann wendete er sich zu Danveld: »Herr,« sagte er, »als Graf Rosenheim durch den Glöckner wegen der Predigt allzu früh erweckt ward, befahl er ihm, die Schnur des Glockenturmes von einem Knoten zum andern aufzuessen. Dieser Prediger hat ein Seil um den Hals, befiehl ihm, es aufzuessen, bevor die Predigt zu Ende ist.« Während er so sprach, blickte er indessen mit einer gewissen Unruhe auf den Komtur, weil er nicht sicher war, ob jener lachen oder ihn wegen der unzeitigen Bemerkung auspeitschen lassen werde. Als er jedoch sah, daß Danveld über seine Scherze durchaus nicht ungehalten war, wurde er kühn und schrie: »Hole den Striegel und kämme den Bären, dann mag er Dir als Gegendienst die Haarzotteln kämmen!« Daraufhin ließ sich da und dort Gelächter vernehmen, und aus den Umherstehenden rief jemand: »Im Sommer wirst Du das Rohr am See schneiden!« »Und mit Aas Krebse fangen,« rief ein anderer. Ein dritter aber fügte hinzu: »Und jetzt fange an, die Krähen von dem Galgen zu verscheuchen. An Arbeit soll es Dir hier nicht mangeln.« So verhöhnten sie Jurand, der ihnen einst so furchtbar erschienen war. Allmählich überkam eine gewisse Fröhlichkeit die ganze Versammlung. Manche traten hinter dem Tisch hervor, näherten sich dem Gefangenen, um ihn genau zu betrachten, und sagten: »Dies ist also der wilde Eber, dem unser Komtur die Hauzähne ausschlug. Er hat gewiß Schaum vor dem Maule, gar gerne würde er beißen, aber er kann nicht!« Danveld und die andern Ritter, welche anfangs dieser Vernehmung des Gefangenen den Anschein einer feierlichen Gerichtssitzung hatten geben wollen und nun sahen, daß die Sache eine andere Wendung nahm, erhoben sich alle von den Bänken und gesellten sich zu denen, welche bei Jurand standen. Der alte Zygfryd aus Insburk sah dies ungern, doch der Komtur sprach zu ihm: »Runzelt die Stirne nicht, es wird noch größere Lustbarkeit geben!« Und auch sie begannen Jurand zu betrachten, da sich eine solche Gelegenheit selten bot, denn war einer der Ritter oder Knechte ihm zuvor so nahe gekommen, so schlossen sich meist dann seine Augen für immer. Manche sagten: »Breitschultrig ist er, wenn schon er ein dickes Fell unter dem Sacke hat, man könnte ihn mit Erbsenstroh umwinden und auf den Jahrmarkt führen.« Wieder andere riefen nach Bier, damit der Tag sich noch fröhlicher für sie gestalte. In der That vernahm man nach wenig Augenblicken das Klappern der gefüllten Krüge, und der düstere Saal erfüllte sich mit dem Geruch des unter den Deckeln hervorquellenden Schaumes. Der aufgeheiterte Komtur erklärte laut: »So ist es gerade recht, er soll nicht denken, daß sein Verhör eine wichtige Sache für uns ist.« Deshalb näherten sie sich ihm wieder und ihn mit ihren Krügen unter das Kinn stoßend, sagten sie: »Du würdest wohl gerne trinken, Du massurischer Rüssel?« Manche gossen sich Bier in die Hand und spritzten es ihm in die Augen, er aber stand da wie vernichtet, zuletzt aber stürzte er auf den alten Zygfryd zu, und offenbar fühlend, daß er sich nicht länger beherrschen könne, schrie er laut genug, um den im Saal herrschenden Lärm zu übertäuben: »Bei dem Leiden Christi und Euerm ewigen Seelenheil, gebt mir mein Kind zurück, wie Ihr versprochen habt!« Und er wollte die Hand des alten Komturs ergreifen, allein dieser wich rasch zurück und rief: »Fort von mir, Sklave, was begehrst Du?« »Ich entließ Bergow aus der Gefangenschaft und bin selbst hierhergekommen, weil Ihr verspracht, daß Ihr mir dafür meine Tochter wiedergebt, die sich hier befindet.« »Wer versprach Dir dies?« fragte Danveld. »Auf Glauben und Gewissen, Du, Komtur!« »Zeugen hast Du jedoch nicht und in diesem Falle könnte von einer Berufung auf Zeugen auch nicht die Rede sein, da es sich um mein Versprechen und um meine Ehre handelt!« »Ich beschwöre Dich bei Deiner Ehre! Bei der Ehre des Ordens!« rief Jurand. »Die Tochter soll Dir wiedergegeben werden,« antwortete Danveld. Dann wendete er sich zu der Versammlung und sprach: »Alles, was ihm hier widerfuhr, ist unschuldiger Zeitvertreib und steht nicht in richtigem Verhältnis zu seinen Verbrechen. Dieweil wir aber versprachen, ihm die Tochter wiederzugeben, sobald er sich stelle und sich vor uns demütige, soll es sich auch zeigen, daß wir unser Wort halten, indem wir jenes Mädchen, das wir den Händen der Ränder entrissen, frei lassen und nach des Gefangenen strenger Buße wegen seiner Sünden gegen uns, auch ihm gestatten, sich in seine Burg zu begeben.« Diese Rede setzte viele in Erstaunen, da sie Danveld und seinen langjährigen Haß auf Jurand kannten und solche Zugeständnisse nicht von ihm erwartet hatten. Der alte Zygfryd sowie Rotgier und Bruder Godfryd schauten ihn daher voll Verwunderung an, indem sie die Stirne runzelten, jener indessen that, als ob er die fragenden Blicke nicht sehe, und setzte hinzu: »Deine Tochter werden wir unter Bedeckung zurücksenden. Du aber bleibst hier, bis ihre Begleiter ungefährdet wiedergekehrt sind und Du das Lösegeld bezahlt hast.« Jurand selbst war ein wenig erstaunt, denn er hatte schon die Hoffnung aufgegeben, daß sein Opfer Danusia etwas nützen werde. Deshalb schaute er fast dankbar auf Danveld und erwiderte: »Gott lohne Dir, Komtur! Da ich aber das Kind lange Zeit nicht gesehen habe, gestatte mir, es zu umarmen und ihm meinen Segen zu geben.« »Wohl, doch nur in Gegenwart all der Unsrigen, daß sie Zeugen unserer Treue und unserer Gnade sind!« So sprechend, gebot er einem auf der Seite stehenden Knappen, Danusia hereinzuführen, er selbst aber trat zu Zygfryd de Löwe, Rotgier und Godfryd heran, die ihn sofort umringten und eifrig auf ihn einzureden begannen. »Ich werde keinen Einspruch erheben, obgleich ich ganz andere Absichten hatte,« erklärte der alte Zygfryd. Und der heißblütige, wegen seiner Tapferkeit und Grausamkeit berüchtigte Rotgier sagte: »Wie! Nicht nur das Mädchen, sondern auch diesen verteufelten Hund läßt Du frei, auf daß er uns wiederum beißen kann?« »Nun wird er sich noch toller gebärden!« rief Godfryd aus. »Das Lösegeld wird er jedenfalls bezahlen!« entgegnete Danveld in sorglosem Tone. »Und wenn er auch alles hingiebt, so stiehlt er in einem Jahre wieder zweimal soviel zusammen.« »Ich erhebe keinen Einwand wegen des Mädchens,« wiederholte Zygfryd, »aber ist der Wolf frei, so müssen die Schäfchen des Ordens dafür büßen.« »Und unser Wort?« fragte Danveld lachend. »Du hattest früher andere Ansichten ...« Danveld zuckte die Achseln: »Habt Ihr Euch noch nicht genug ergötzt?« fragte er. »Verlangt Euch nach größerer Belustigung?« Die andern umringten Jurand abermals, und überzeugt, daß von dem Lobe, welches Danveld ob seiner Redlichkeit gezollt ward, ein Abglanz auch auf sie falle, überboten sie sich dem Gefangenen gegenüber in Prahlereien. »Was meinst Du, Steinadler,« sagte der Hauptmann der Bogenschützen, »Deine heidnischen Brüder würden doch mit unsern christlichen Rittern nicht so verfahren?« »Du aber hast Dich in unserm Blute berauscht.« »Und für Steine gaben wir Dir Brot.« Doch Jurand achtete kaum auf den Hochmut, die Verachtung, welche in diesen Worten lagen. Sein Herz war allzuvoll, in seinen Augen standen Thränen. Dachte er doch, daß er innerhalb weniger Minuten Danusia wiedersehen werde, und daß er dies Wiedersehen der Gnade der Kreuzritter verdanke. Deshalb blickte er beinahe reuevoll auf die Sprechenden und schließlich sagte er: »Das ist die Wahrheit! Das ist die Wahrheit! Schwer bedrückte ich Euch, aber ... Hinterlist kannte ich nicht.« In diesem Augenblick rief eine Stimme am andern Ende des Saales: »Sie bringen das Mädchen!« und sofort trat tiefe Stille ein. Die Söldlinge stellten sich in zwei Reihen einander gegenüber auf, und da keiner von ihnen bisher Jurands Tochter gesehen hatte, ward ihr Interesse um so größer, als Danveld seine That in den Schleier des Geheimnisses gehüllt hatte und ihnen bisher nichts von der Ankunft des Mädchens in der Burg bekannt gewesen war. Die wenigen unter den Anwesenden, welche schon davon wußten, teilten flüsternd Bemerkungen über die wunderbare Schönheit der Erwarteten aus, aller Augen richteten sich daher mit außerordentlicher Neugier auf die Thüre, durch welche sie eintreten sollte. Zuerst erschien ein Knappe, hinter ihm die allen wohlbekannte Dienerin des Ordens, dieselbe, welche sich einige Zeit in dem Jagdschlößchen aufgehalten hatte, und dieser folgte ein weißgekleidetes Mädchen mit aufgelösten, durch eine Stirnbinde festgehaltenen Haaren. Und plötzlich ließ sich ein lautes Gelächter im ganzen Saale vernehmen. Jurand, welcher auf seine Tochter zugeeilt war, fuhr sofort wieder zurück und stand wie erstarrt, mit totenbleichem Antlitz da, indem er voll Verwunderung auf den spitzen Kopf, die bläulichen Lippen und blöden Augen der Jammergestalt sah, welche für Danusia galt. »Das ist nicht meine Tochter!« sagte er mit bebender Stimme. »Nicht Deine Tochter?« rief Danveld. »Beim heiligen Liborius von Paderborn, dann ist es entweder nicht Deine Tochter gewesen, die wir den Händen der Räuber entrissen, oder irgend ein Schwarzkünstler hat sie verzaubert, denn eine andere Jungfrau befindet sich nicht in Szczytno.« Der alte Zygfryd, Rotgier und Godfryd wechselten Blicke miteinander, welche das größte Staunen über Danvelds Schlauheit und Verschlagenheit ausdrückten, doch keiner von ihnen hatte Zeit, sich zu äußern, da Jurand in diesem Augenblick mit furchtbarer Stimme ausrief: »Ja! Es befindet sich noch eine Jungfrau in Szczytno. Ich hörte wie sie sang, ich hörte Danusias Stimme!« Nun wendete sich Danveld zu den Versammelten, indem er in ruhigem, entschiedenem Tone erklärte: »Ich rufe Euch, die hier Anwesenden, besonders aber Dich, Zygfryd aus Insburk und Euch Rotgier und Godfryd zu Zeugen darüber auf, daß ich meinem Worte und Versprechen gemäß diese Jungfrau, welche nach der Aussage der durch uns überwältigten Räuber die Tochter Jurands aus Spychow ist, zurückgebe. Ist diese Aussage unrichtig – dann darf man uns keine Schuld beimessen, wohl aber eine glückliche Fügung darin sehen, daß durch dies Mittel Jurand in unsre Gewalt gekommen ist.« Zygfryd, sowie die beiden jüngeren Brüder neigten ihre Häupter zum Zeichen, daß sie seine Worte gehört hatten und Zeugnis ablegen wollten, wenn es nötig sei. Und abermals wechselten sie rasche Blicke – war dies doch mehr als sie selbst hatten erwarten können, denn welcher andere wäre im stande gewesen, Jurand festzunehmen, ihm die Tochter vorzuenthalten und den Anschein zu wahren, als ob er das gegebene Versprechen einlöse? Aber Jurand warf sich auf die Knie nieder und beschwor Danveld bei allen Reliquien von Marienburg sowie bei der Asche seiner Väter, ihm die Tochter zurückzugeben und nicht wie ein Betrüger, ein Verräter an ihm zu handeln, der sich durch keinen Eid, kein Versprechen gebunden glaube. In seiner Stimme lag soviel ungeheuchelte Verzweiflung, daß manche der Anwesenden sich sagten, hier müsse ein Geheimnis im Spiele sein, wieder andere hingegen auf den Gedanken kamen, irgend ein Schwarzkünstler müsse in der That die Gestalt des Mädchens verwandelt haben. »Gott sieht auf Deinen Verrat hernieder!« rief Jurand. »Bei den Wundmalen des Erlösers! Bei Deiner Todesstunde! Gieb mir mein Kind zurück!« Und sich erhebend, schritt er tiefgebeugt auf Danveld zu, wie wenn er dessen Knie umfassen wolle, während seine Augen glühten wie im Wahnsinn, und er in abgerissenen Lauten bald seinen Schmerz, seine Angst und Verzweiflung äußerte, bald in unverhohlene Drohungen ausbrach. Als Danveld hörte, daß er vor der ganzen Versammlung der Verräterei und des Betrugs beschuldigt ward, begann er förmlich zu schnauben, gleich einer Flamme brach sein Zorn plötzlich hervor, er wollte den Unglücklichen nun vollständig vernichten, trat daher dicht zu ihm heran und sich zu dessen Ohr herabbeugend, stieß er leise zwischen den zusammengepreßten Zähnen hervor: »Wenn ich sie Dir je zurückgebe – dann kehrt sie mit einem Bastard von mir zurück!« Aber im nämlichen Augenblick brüllte Jurand wie ein Stier, ergriff Danveld mit beiden Händen und hob ihn in die Höhe. Im Saale vernahm man noch den durchdringenden Ruf: »Erbarmen!« – dann schlug der Körper des Komturs mit solcher Gewalt auf den steinernen Fußboden auf, daß durch die zerschmetterte Hirnschale Zygfryd und Rotgier, welche in der Nähe standen, bespritzt wurden. Jetzt sprang Jurand auf die Rüstungen und Waffen zu, welche sich an einer Seitenwand befanden, ergriff ein riesiges Schwert und fiel, dem Sturmwind gleich, über die vor Schrecken wie versteinerten Ritter her. Den an Kampf, Gemetzel und Blutbad gewöhnten Mannen sank der Mut so sehr, daß sie, als die Erstarrung schon von ihnen gewichen war, sich dennoch zurückzogen und die Flucht ergriffen wie eine Herde Schafe die Flucht vor den Wölfen ergreift. Der ganze Saal hallte wider von den Ausrufen des Entsetzens, dem Stampfen der Füße, von dem Klirren der umgestürzten Geräte, von dem Geheul der Knechte, dem Gebrüll des Bären, welcher sich von der Hand des Führers losgerissen hatte und nun auf das hohe Fenster hinaufzuklettern begann, von den verzweifelten Rufen nach Rüstungen, nach Schildern, nach Schwerten, nach Armbrüsten. Schließlich blitzten die Waffen und manche scharfe Klinge ward gegen Jurand gerichtet, er aber sah und hörte nichts mehr, halb von Sinnen stürzte er sich auf seine Feinde, und nun begann ein wilder Kampf, der eher einer Metzelei als irgend einem Waffengange glich. Der junge heißblütige Godfryd vertrat Jurand zuerst den Weg, allein dieser schlug ihm schnell wie der Blitz das Haupt samt der Schulter mit seinem Schwerte ab. Nach diesem fielen durch seine Hand der Hauptmann der Bogenschützen, sowie der Schloßverwalter von Bracht und der Engländer Hugues, die, ohne recht zu begreifen, um was es sich eigentlich handelte, anfangs Mitleid mit Jurands Qual gehabt und erst nach Danvelds Tötung zu den Waffen gegriffen hatten. Wieder andere, die erkannten, welch furchtbare Kraft diesem Manne innewohnte, wenn seine Leidenschaft entfesselt war, drangen scharenweise auf ihn ein, um gemeinsam seinen Widerstand zu brechen, aber durch diese Kampfesart wurden ihnen noch größere Verluste beigebracht, da Jurand mit gesträubten Haaren, wirren Blicken, ganz mit Blut überströmt und Blut schnaubend, rasend, tobend, mit triefendem Schwert in diesen zusammengewürfelten Haufen hineinschlug, ihn trennte und sich mit seinen Gegnern auf dem befleckten Boden wälzte, in seiner Wut dem Sturmwind gleichend, der mächtig an Gesträuchen und Bäumen rüttelt. Wieder überkam nun alle eine entsetzliche Angst, denn allem Anscheine nach waren sie diesem furchtbaren Masuren gegenüber, der sie darniederstreckte und mordete, völlig machtlos, und ebensowenig wie die bellende Meute ohne Hilfe der Bogenschützen den grimmigen Eber zu verscheuchen vermag, ebensowenig konnten sie ohne Hilfe gegen die tolle Wut Jurands aufkommen, weil der Kampf mit ihm ihnen nur Tod und Verderben brachte. »Zerstreut Euch! Umzingelt ihn! Von rückwärts geht auf ihn los!« rief der alte Zygfryd de Löwe. Und sie zerstreuten sich im Saale wie eine Vogelschar auf freiem Felde, auf welche sich plötzlich der Habicht von oben herabstürzt, doch ehe sie ihn noch umzingelt hatten, begann er sie in toller Raserei zu verfolgen, anstatt für sich selbst Deckung zu suchen, und wen er einholte, der sank hin wie vom Donner gerührt. Seine Demütigung und Verzweiflung, all seine getäuschten Hoffnungen äußerten sich nun in dem einen Verlangen nach Blut und schienen seine angeborene außerordentliche Kraft noch um das Zehnfache zu erhöhen. Ein Schwert, das die Stärksten, Gewaltigsten unter den Kreuzrittern nur mit beiden Händen gebrauchen konnten, führte er mit der einen wie wenn es eine Feder gewesen wäre. Ihm lag nichts mehr am Leben, nichts mehr an Befreiung, sogar nichts mehr an seinem Sieg, er dachte nur an Rache, und wie loderndes Feuer oder wie ein Strom, der, nachdem er die Dämme zerrissen, blindlings alles vernichtet, was sich seinem reißenden Laufe entgegensetzt, so ergriff auch er, der furchtbare Zerstörer, alles – so zerbrach er es, trat es mit Füßen, mordete es und löschte alles menschliche Leben aus. Es war unmöglich, ihm auf irgend eine Weise beizukommen, denn die Söldner fürchteten sich sogar, ihn im Rücken anzugreifen. Wußten sie doch, wenn er sich gegen sie wende, würde keine Macht der Welt sie vor einem sicheren Tode retten. Gar manche wurden von Schrecken und Bestürzung ergriffen bei dem Gedanken, daß ein gewöhnlicher Mensch nicht im stande gewesen wäre, ihnen eine solche Niederlage beizubringen, und daß sie es mit einem Manne zu thun hatten, dem irgend eine übernatürliche Macht innewohne. Aber der alte Zygfryd und Bruder Rotgier eilten auf die Galerie, welche längs des großen, mit vielen Fenstern versehenen Saales hinlief, und riefen den andern zu, ihnen zu folgen, dabei gingen aber alle so hastig zu Werke, daß sie sich auf den engen Stufen stießen und drängten, weil jeder zuerst oben anlangen wollte, um von dort aus den Gewaltigen niederzustrecken, der im Kampfe nicht zu besiegen war. Schließlich schlug der Letzte die zur Empore führende Thüre hinter sich zu, und Jurand blieb allein. Ein triumphierendes Freudengeschrei ließ sich nun auf der Galerie vernehmen, und sofort wurden schwere Schemel und Bänke aus Eichenholz, sowie die eisernen Behälter der Fackeln auf den Ritter niedergeschleudert. Er ward an der Stirne über den Brauen getroffen, und das Blut strömte ihm über das Gesicht. Gleichzeitig öffnete sich die große Eingangsthüre des Saales und scharenweise stürzten die durch die oberen Fenster herbeigerufenen Knechte herein, welche sich mit Speeren, Hellebarden, Beilen, Armbrüsten, mit Pfählen, Stangen, Stricken, kurz mit allem bewaffnet hatten, was ihnen in der Eile in die Hände gekommen war. Aber im nämlichen Augenblick brüllte Jurand wie ein Stier, ergriff Danveld mit beiden Händen und hob ihn in die Höhe. Und der rasende Jurand wischte sich mit der linken Hand das Blut vom Gesicht, auf daß es ihm nicht den Blick verdunkle, raffte sich auf und stürzte sich auf den ganzen Menschenschwarm. Im Saale vernahm man wieder Aechzen und Stöhnen, das Klirren der Waffen, Zähneknirschen und das durchdringende Geschrei der zu Tode getroffenen Mannen. Zweites Kapitel. Am Tische, in diesem nämlichen Saale saß des Abends der alte Zygfryd de Löwe, welcher nach Danvelds, des Starosten, Tode die Verwaltung von Szczytno übernommen hatte, an seiner Seite der Bruder Rotgier, sowie der Ritter de Bergow, der ehemalige Gefangene Jurands. Diesem reihten sich zwei jüngere Edelleute, Novizen an, welche binnen kurzem die weißen Mäntel tragen sollten. Draußen vor den Fenstern tobte der Wintersturm, er rüttelte an den in Blei gefaßten Scheiben, bewegte die Flammen der in eisernen Ringen hängenden Fackeln hin und her, dann und wann trieb er kleine Rauchwölkchen aus dem Kamine in den Saal. Obgleich die Ritter sich zur Beratung versammelt hatten, herrschte anfangs tiefes Schweigen unter ihnen, denn jeder wartete auf ein Wort Zygfryds. Dieser aber saß, die Ellbogen auf den Tisch gestützt, das graue, gebeugte Haupt mit beiden Händen umfassend, so daß sein Antlitz sich im Schatten befand, in trübe, düstere Gedanken versunken da. »Worüber haben wir zu beraten?« fragte schließlich Rotgier. Zygfryd erhob das Haupt, sah den Sprechenden an und aus seiner Versunkenheit erwachend, sagte er: »Ueber unsere Niederlage, darüber, was der Meister und das Kapitel sagen werden, und auch darüber, ob aus unsern Thaten nicht ein Schaden für den Orden erwachsen kann ...« Dann verstummte er wieder, nach einer Weile indessen blickte er sich um und bemerkte, mit den Nasenlöchern die Luft einziehend: »Hier riecht es noch nach Blut!« »Nicht doch, Komtur,« entgegnete Rotgier, »ich befahl, den Fußboden zu scheuern und den Saal mit Schwefel auszuräuchern. Es riecht nach Schwefel.« Zygfryd betrachtete die Anwesenden mit seltsamen Blicken und sagte: »Erbarme sich Gott über die Seele des Bruders Danveld und über die Seele des Bruders Godfryd!« Jene aber begriffen sofort, daß er deshalb die Barmherzigkeit Gottes anrief, weil ihm bei der Erwähnung des Schwefels unwillkürlich der Gedanke an die Hölle gekommen war, und alle riefen zugleich: »Amen! Amen! Amen!« Wieder war einige Zeit nichts zu hören, als das Brausen des Windes und das Klirren der Fensterscheiben. »Wo befinden sich die Leichname des Komturs und des Bruders Godfryd?« fragte der Greis. »In der Kapelle!« »Hat man sie schon in die Särge gelegt?« »Ja! Des Komturs Haupt ward verhüllt, weil die Hirnschale zerschmettert, das Antlitz vollständig unkenntlich ist.« »Wo sind die andern Toten? Und die Verwundeten?« »Die Toten liegen im Schnee, damit sie vor Verwesung bewahrt bleiben, bis die Särge verfertigt sind, und die Verwundeten werden im Hospital verpflegt.« Zygfryd schlug abermals die Hände über dem Haupt zusammen. »Und all dies hat ein einziger Mensch gethan! Gott, nimm den Orden in Deine Obhut, wenn es zu einem großen Kriegszuge mit dieser Wolfsbrut kommt.« Daraufhin richtete Rotgier den Blick nach oben, als ob ihm plötzlich eine Erinnerung käme, und bemerkte: »Bei Wilna habe ich gehört, wie der Vogt von Samland zu seinem Bruder, dem Meister, sagte: ›Wenn Du keinen großen Kriegszug unternimmst und sie nicht so ausrottest, daß selbst ihr Name der Vergessenheit anheimfällt, dann wehe uns und unserm Volke!‹« »Gott gebe, daß es zu einem solchen Kriege, zu einem heftigen Zusammenstoß mit ihnen komme!« sagte einer, der edlen Novizen. Zygfryd sah in durchdringend an, wie wenn er Lust hätte zu sagen: »Du hattest ja heute Gelegenheit, mit einem von ihnen zu kämpfen!« aber als er die zarte, jugendliche Gestalt des Novizen betrachtete, da kam ihm wohl der Gedanke, daß ja auch er selbst, der seines Mutes wegen berühmt war, sich nicht dem sicheren Verderben hatte aussetzen wollen, und er sprach sich nicht aus, sondern fragte nur: »Wer unter Euch hat Jurand gesehen?« »Ich!« entgegnete de Bergow. »Lebt er noch?« »Er lebt und liegt noch in demselben Netze, worin wir ihn zu Fall gebracht haben. Als er zum Bewußtsein kam, wollten ihn die Knechte erschlagen, doch der Kaplan duldete es nicht!« »Erschlagen darf er nicht werden. Er ist wohlangesehen bei seinen Stammesgenossen und man würde einen fürchterlichen Lärm erheben,« entgegnete Zygfryd. »Doch wird es nicht möglich sein, das zu verbergen, was vorgegangen ist, da zu viele Zeugen anwesend waren.« »Was sollen wir also sagen und was haben wir zu thun?« fragte Rotgier. Zygfryd bedachte sich und schließlich sprach er folgendermaßen: »Ihr, edler Graf de Bergow, begebt Euch nach Marienburg. Ihr seufztet in der Gefangenschaft Jurands und seid ein Gast des Ordens. Da Ihr nun als Gast nicht unbedingt die Partei der Ordensbrüder nehmen müßt, wird man Euch um so eher glauben. Sagt daher, was Ihr mit angesehen habt, sagt, daß Danveld, der an der Grenze irgend ein Mädchen aus den Händen von Räubern befreit hatte, in der Meinung, dies Mädchen sei Jurands Tochter, dem Gebieter von Spychow, welcher nach Szczytno gekommen war, Mitteilung davon gemacht habe, und daß – nun, was weiter geschah, wißt Ihr selbst!« »Verzeiht, Komtur,« antwortete de Bergow. »Schwer ist die Gefangenschaft in Spychow gewesen, und gerne würde ich als Gast für Euch zeugen, doch um meiner Seelenruhe willen sagt mir nur das eine: ist denn Jurands Tochter nicht in Szczytno gewesen und hat nicht Danvelds Verrat den Wahnsinn des furchtbaren Mannes herbeigeführt?« Zygfryd de Löwe schwankte einen Augenblick mit der Antwort. Ein tiefer Haß gegen den polnischen Stamm erfüllte ihn, seine Grausamkeit übertraf sogar die Danvelds, er war voll Hochmut und Habsucht, wenn es sich um die Angelegenheiten des Ordens handelte, aber einer offenbaren Lüge machte er sich nicht gerne schuldig. Mit der größten Bitterkeit nahm er daher wahr, wie sich in der letzten Zeit diese Angelegenheiten durch den Leichtsinn und die Zügellosigkeit einiger Ordensritter gar schlimm gestaltet hatten. Deshalb berührte de Bergows Frage einen wunden Punkt in seiner Seele, und erst nach langem Schweigen erwiderte er: »Danveld steht vor Gott, Gott wird ihn richten! Und wenn man Euch, edler Graf, nach Eurer Ansicht fragt, dann sagt, was Ihr wollt, und wenn man darnach fragt, was Eure Augen mit angeschaut haben, dann erzählt, daß bevor wir noch das Netz über dem Rasenden zusammenziehen konnten, Ihr schon neun Tote und viele Verwundete auf diesem Fußboden saht, unter ihnen die Leichname Danvelds, Bruder Gofryds, von Brachts, Hugos und zweier edlen Jünglinge. Gott gebe ihnen die ewige Ruhe. Amen!« »Amen! Amen!« wiederholten abermals die Novizen. »Und sagt auch,« fügte Zygfryd hinzu, »daß wenn schon Danveld den Feind des Ordens demütigen wollte, doch niemand hier zuerst das Schwert gegen Jurand gezogen hat.« »Ich werde nur das berichten, was ich mit eigenen Augen ansah!« entgegnete de Bergow. »Findet Euch vor Mitternacht in der Kapelle ein. Auch wir werden kommen, um für die abgeschiedenen Seelen zu beten,« antwortete Zygfryd. Und er streckte die Hand gegen ihn aus zum Zeichen, daß er ihm danke und ihn zugleich verabschiede, denn er wünschte mit dem Bruder Rotgier, den er liebte und dem er großes Vertrauen schenkte, allein zu sein. Nachdem de Bergow sich entfernt hatte, schickte Zygfryd auch die beiden Novizen fort, unter dem Vorwande, sie sollten die Arbeit der Knechte überwachen, welche die Särge für die von Jurand Erschlagenen verfertigen mußten. Als die Thüre sich hinter den beiden geschlossen hatte, wandte er sich zu Rotgier und sprach: »Höre, was ich Dir sage: keine lebende Seele darf jemals erfahren, daß die wirkliche Tochter Jurands hier bei uns ist.« »Es wird nicht schwer sein, das Geheimnis zu bewahren,« entgegnete Rotgier, »denn außer Danveld, Godfryd, uns beiden und dem Weibe, unter dessen Obhut sie sich befindet, hat niemand erfahren, daß sie hier ist. Die Leute, welche sie aus dem Jagdhofe hierher geleiteten, ließ Danveld betrunken machen. Unter der Besatzung hegten wohl manche anfangs Argwohn, aber schließlich verwechselten sie doch Jurands Tochter mit der Blödsinnigen und wissen nicht mehr, ob auf unserer Seite ein Irrtum begangen, oder ob Jurands Tochter in der That durch irgend einen Schwarzkünstler verwandelt worden ist.« »Was thun wir aber mit Jurands Tochter und wie können wir rechtfertigen, was in Szczytno geschehen ist?« »Darüber müssen wir noch zu Rate gehen!« »Ueberlaßt sie mir!« Zygfryd blickte ihn forschend an und erwiderte: »Nein! Höre, junger Bruder! Wenn es sich um den Orden handelt, darf man weder gegen Männer noch gegen Weiber, aber auch nicht gegen sich selbst nachsichtig sein. Danveld wurde von Gottes Hand getroffen, weil er nicht nur das dem Orden zugefügte Unrecht rächen, sondern auch die eigenen Gelüste befriedigen wollte.« »Gar schlimm beurteilt Ihr mich!« sagte Rotgier. »Seid nicht nachsichtig gegen Euch selbst,« unterbrach ihn Zygfryd, »denn Geist und Körper sind verweichlicht bei Euch und jenes harte Volk wird Euch dereinst so zu Boden drücken, daß Ihr Euch nicht mehr zu erheben vermögt!« Wieder stützte er das Haupt in die Hände und versank in düsteres Schweigen, aber offenbar lauschte er nur den Einflüsterungen seines eigenen Gewissens und dachte nur an sich selbst, denn nach einer Weile sagte er: »Auch auf mir lastet viel vergossenes Blut, lasten viele Schmerzen, viele Thränen. Doch wenn es sich um den Orden handelt und wenn ich sehe, daß ich mit eigener Kraft nichts ausrichten kann, da bedenke ich mich nie lange, ich wende mich an Gott den Herrn, ich sage ihm: siehe, dies that ich für den Orden und hier ist, was ich für mich selbst erwählt habe!« Bei diesen Worten schob er vorn auf der Brust das dunkle Tuchgewand auseinander, unter dem das härene Bußhemd sichtbar ward. Dann drückte er beide Hände an die Schläfen, hob den Kopf empor und rief aus: »Entsagt Eurer Wollust und Eurer Leichtfertigkeit, stählt Eure Körper und Eure Herzen, denn in den Lüften sehe ich weiße Adlerfedern und Adlerkrallen, die von dem Blute der Kreuzritter gerötet sind ...« Seine Rede wurde durch das Tosen des Sturmes unterbrochen, hoch oben über der Galerie ging klirrend ein Fenster auf, heulend und pfeifend fuhr die Windsbraut durch den Saal, einen Haufen Schneeflocken mit sich führend. »Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes! Welch eine Nacht ist das!« sagte der alte Kreuzritter. »Eine Nacht, in der die bösen Geister Gewalt haben!« versetzte Rotgier. »Und die Geistlichen wachen bei Danvelds Leichnam?« »Ja, sie wachen bei ihm!« »Er ging dahin ohne Absolution! ... Gott sei ihm gnädig!« Beide verstummten, dann nach einer Weile rief Rotgier einige Knechte herbei, denen er befahl, das Fenster zu schließen und die Fackeln abzustoßen, damit sie heller leuchteten. Als sie sich wieder entfernt hatten, fragte er abermals: »Was habt Ihr mit Jurands Tochter vor? Ihr führt sie wohl von hier nach Insburk?« »Ich führe sie nach Insburk, und was geschehen muß, soll mit ihr geschehen! Du aber wirst Dich an den Hof des Fürsten von Masovien begeben und gegen Jurand Klage führen.« »Wollt Ihr mich dem sicheren Verderben weihen?« »Wenn Dein Verderben dem Orden zum Ruhme gereicht, muß es so sein. Aber nein! Deiner harrt nicht das Verderben. Als Gast bleibst Du unbehelligt, es sei denn, daß Dich jemand fordere, wie jener junge Ritter, der uns alle gefordert hat ... Er oder ein anderer ... aber wäre dies denn so furchtbar?« »Gott gebe, daß es so komme! Doch können sie mich auch ergreifen und in ein unterirdisches Gefängnis werfen.« »Dies werden sie nicht thun. Vergiß nicht, daß Jurand jenen Brief an den Fürsten schrieb und daß Du außerdem kommst, um Jurand anzuklagen. Erzähle getreu, was er hier in Szczytno gethan hat, und sie müssen Dir Glauben schenken ... Also dem Gebieter von Spychow ward mitgeteilt, daß sich eine Jungfrau in unsern Händen befinde, dann ward er aufgefordert zu kommen und sie zu sehen; er kam, verfiel aber in Wahnsinn, tötete den Komtur und richtete unsere Leute zu Grunde. So wirst Du sprechen, und was können sie darauf erwidern? Danvelds Tod wird bald in ganz Masovien ruchbar werden. In Anbetracht dieser Thatsache werden sich unsere Feinde hüten, eine Klage zu erheben. Die Tochter Jurands werden sie natürlich suchen, aber da Jurand selbst schrieb, sie befinde sich nicht bei uns, wird auch auf uns kein Verdacht fallen. Man muß recht dreist auftreten und ihnen das Maul schließen, dann denken sie, wenn wir schuldig wären, würde keiner von uns es wagen, zu ihnen zu kommen.« »Ihr habt recht. Nach Danvelds Begräbnis werde ich sogleich aufbrechen.« »Möge die Klugheit mit Dir sein, mein Sohn! Wenn wir alles thun, was sich gebührt, dann können sie Dich nicht zurückhalten, ja, sie müssen sich sogar von Jurand lossagen, damit wir nicht verkünden können: Also verfahren sie mit uns!« »Wohl, doch wenn dieser Teufel aus Spychow am Leben bleibt und die Freiheit wieder erlangt?« Zygfryd schaute düster vor sich nieder, dann aber antwortete er langsam und nachdrücklich: »Wenn er auch die Freiheit wieder erlangt, wird er doch niemals ein Wort der Klage gegen den Orden äußern.« Hierauf belehrte er Rotgier noch darüber, was er am masovischen Hof zu sagen und was er dort zu verlangen habe. Drittes Kapitel. Die Kunde von den Vorgängen in Szczytno war indessen schon vor dem Bruder Rotgier nach Ciechanow gelangt und erweckte dort große Verwunderung und Unruhe. Weder der Fürst noch sonst jemand am Hofe konnte den Sachverhalt begreifen. In jüngster Zeit erst, gerade als Mikolaj aus Dlugolas sich nach Marienburg mit einem Briefe des Fürsten begeben sollte, worin dieser sich bitter über die Entführung Danusias durch die aufrührerischen, an der Grenze wohnenden Komture beklagte und fast drohend die unverzügliche Rückgabe des Mädchens verlangte, war ein Schreiben des Grundherrn von Spychow eingetroffen, mit der Nachricht, daß seine Tochter sich nicht bei den Kreuzrittern, sondern in den Händen gewöhnlicher, fremdländischer Räuber befinde und daß sie binnen kurzem gegen ein Lösegeld freigelassen werde. Infolgedessen war der Gesandte nicht abgereist, denn niemand war es auch nur in den Sinn gekommen, daß die Kreuzritter Jurand zu einem solchen Briefe gezwungen hatten, indem sie ihm mit dem Tode seiner Tochter drohten. Aber auch so erschien das Vorgegangene unbegreiflich, weil die streitsüchtigen Grenzbewohner, welche einesteils dem Fürsten, andernteils dem Orden untergeben waren, wohl zur Sommerzeit Raubzüge zu unternehmen pflegten, nicht aber im Winter, wo der Schnee ihre Spuren verraten hätte. Gewöhnlich überfielen sie Kaufleute, auch erlaubten sie sich Plünderungen, in den Dörfern nahmen sie die Leute fest und trieben das Vieh fort; daß sie es jedoch wagten, sogar mit dem Fürsten anzubinden und dessen Pflegetochter, das einzige Kind eines mächtigen, allgemein gefürchteten Ritters zu entführen, dies schien geradezu alles Maß zu überschreiten. Jurands Brief, der mit dessen eigenem Siegel versehen war und diesmal durch einen Boten überbracht ward, von dem man wußte, daß er thatsächlich aus Spychow kam, hatte indessen alle Zweifel beschwichtigt. So war denn jeder Argwohn hinfällig geworden, der Fürst aber geriet in einen heftigen, ganz ungewöhnlichen Wutanfall und ordnete eine Verfolgung der Räuber längs der Grenze seines Fürstentums an, indem er zugleich den Fürsten von Plock aufforderte, das Gleiche zu thun und die Frevler nicht zu schonen. Gerade um diese Zeit traf nun die Kunde von dem ein, was sich in Szczytno begeben hatte, und von Mund zu Mund gehend vergrößerte sie sich um das Zehnfache. Man erzählte sich, Jurand sei mit fünf andern vor der Burg angekommen, durch das offene Thor eingedrungen und habe ein solches Blutbad angerichtet, daß nur wenige von der Besatzung übrig geblieben seien. Ferner wurde berichtet, daß man in den benachbarten Burgen Hilfe suchen und die tüchtigsten Ritter sowie Scharen bewaffneten Fußvolks herbeiholen mußte, welche erst nach zweitägiger Belagerung im stande waren, sich den Eintritt in die Burg zu erzwingen und dort Jurand samt seinen Gefährten zu besiegen. Man sprach auch davon, daß nun wahrscheinlich von denselben Scharen die Grenze überschritten werde und daß unfehlbar ein großer Krieg beginne. Der Fürst, welcher wußte, wie viel dem Großmeister daran lag, daß im Kriegsfall mit dem polnischen König die beiden masovischen Fürstentümer neutral blieben, schenkte diesen Gerüchten wenig Glauben, denn ihm war es nicht verborgen, daß die Polen sich von keiner menschlichen Macht zurückhalten ließen, wenn die Kreuzritter mit ihm oder mit dem Fürsten Ziemowit von Plock Krieg anfangen würden. Deshalb fürchtete sich der Meister vor einem Kriege. Ein Krieg mußte kommen, das wußte er wohl, doch wünschte er ihn hinauszuschieben, zuvörderst darum, weil er friedliebender Natur war, zweitens darum, weil er, um sich mit der Streitmacht Jagiellos zu messen, ein Heer in Bereitschaft halten mußte, wie der Orden noch nie eines aufgestellt hatte, und weil er überdies gezwungen war, sich der Hilfe der Fürsten und der Ritterschaft nicht nur in Deutschland, sondern auch im ganzen Westen zu versichern. Der Fürst fürchtete daher den Krieg nicht, doch wollte er sich Klarheit über das verschaffen, was vorgegangen war und was er thatsächlich von den Ereignissen in Szczytno, von dem Verschwinden Danusias, sowie von den Gerüchten über die Verhältnisse au der Grenze denken solle. Wenn schon er nun den Ordensleuten nicht gewogen war, vernahm er es doch mit Genugthuung, als eines Abends der Hauptmann der Bogenschützen ihm verkündigte, daß ein Kreuzritter eingetroffen sei und um Gehör bitte. Er empfing ihn auf hochmütige Weise, und wiewohl er sofort sah, daß er einen der Brüder vor sich hatte, die in dem Jagdhofe gewesen waren, that er doch, als ob er sich seiner nicht erinnere, und fragte ihn, wer er sei, woher er komme und was ihn nach Ciechanow führe. »Ich bin der Bruder Rotgier,« erwiderte der Kreuzritter, »und erst vor kurzer Zeit hatte ich die Ehre, mich vor dem allergnädigsten Fürsten zu beugen.« »Wenn Du ein Bruder bist, weshalb trägst Du die Ordenszeichen nicht?« Der Ritter erklärte nun, er habe den weißen Mantel nicht angelegt, weil er sonst unfehlbar durch die masovischen Ritter gefangen genommen oder erschlagen worden wäre. »Allüberall, auf der ganzen Welt,« sagte er, »in allen Königreichen und Fürstentümern ebnet uns das Zeichen des Kreuzes auf dem Mantel den Weg, ihm danken wir das Wohlwollen und die Gastfreundschaft vieler Menschen, in Masovien allein bringt das Kreuz dem, der es trägt, sicheres Verderben.« Doch der Fürst fiel ihm zornig ins Wort: »Nicht das Kreuz bringt Euch Verderben,« sagte er, »denn auch wir verehren das Kreuz, sondern nur Eure eigene Lasterhaftigkeit ... Und wenn Euch die Leute anderwärts besser aufnehmen, so kommt dies daher, daß sie Euch nicht so gut kennen.« Als er jedoch wahrnahm, daß der Ritter über diese Worte heftig erschrak, fragte er: »Bist Du in Szczytno gewesen, oder weißt Du, was sich dort zugetragen hat?« »Ich bin in Szczytno gewesen und weiß, was sich dort zugetragen hat,« antwortete Rotgier, »nicht als Gesandter bin ich hierher gekommen, sondern einzig aus dem Grunde, weil der erfahrene und gottesfürchtige Komtur aus Insburk zu mir sagte: Unser Meister liebt den frommen Fürsten und vertraut seiner Gerechtigkeit; während ich daher nach Marienburg eile, begieb Du Dich nach Masovien und verkünde, welche Beschimpfungen wir erdulden mußten, welches Unglück uns zugestoßen ist. Gewiß wird der gerechte Herrscher den Friedensstörer, den grimmigen Streiter nicht begünstigen, welcher soviel Christenblut vergoß, als ob er ein Werkzeug des Satans wäre!« Und nun erzählte er alles, was sich in Szczytno ereignet hatte: wie Jurand, welcher durch die Brüder berufen worden war, um zu sehen, ob das aus den Händen der Räuber befreite Mädchen seine Tochter sei, anstatt Dankbarkeit zu zeigen, im Wahnwitz über alle Mannen hergefallen sei, wie er Danveld, den Bruder Godfryd, den Engländer Hugues, von Bracht und zwei Knappen aus edlem Geschlechte erschlagen habe, von den Knechten gar nicht zu reden; wie die Brüder, welche kein Blut vergießen wollten, sich zuletzt gezwungen sahen, ein Netz über den Rasenden zu werfen, welcher dann die Waffe gegen sich selbst richtete und sich entsetzliche Wunden beibrachte, und wie man nicht nur in der Burg, sondern auch in der Stadt, in jener Nacht sofort nach dem Kampfe, inmitten des Wintersturmes in den Lüften lautes Gelächter und fürchterliche Stimmen gehört hatte, welche riefen: »Unser Jurand! Der Feind des Kreuzes! Der unschuldiges Blut vergossen hat! Unser Jurand!« Die ganze Erzählung und vornehmlich die letzten Worte des Kreuzritters machten tiefen Eindruck auf die Anwesenden. Angst und Schrecken überkam sie, während sie sich fragten, ob Jurand thatsächlich höllische Mächte zu Hilfe gerufen habe – und sie versanken in tiefes Schweigen. Aber die Fürstin, welche ebenfalls zugegen war und um ihrer geliebten Danusia willen schmerzliche Sorge im Herzen hegte, wendete sich ganz unvermutet mit der Frage an Rotgier: »Ihr sagtet, Ritter, als Ihr jenes verkümmerte Geschöpf aus den Händen der Räuber befreit hattet, wäret Ihr der Meinung gewesen, es sei Jurands Tochter, und deshalb hättet Ihr ihn nach Szczytno berufen?« »So ist es, allergnädigste Herrin!« erwiderte Rotgier. »Und wie konntet Ihr dies glauben, da Ihr Jurands wirkliche Tochter bei mir auf dem Jagdhofe gesehen habt?« Nun geriet Bruder Rotgier in Verwirrung, da er nicht auf diese Frage vorbereitet gewesen war. Der Fürst erhob sich und richtete einen strengen Blick auf ihn; auch Mikolaj aus Dlugolas, Mrokota aus Mocarzewo, Jasko aus Jagielnica und andere masovische Ritter sprangen sogleich auf den Mönch zu, indem einer nach dem andern in drohendem Tone fragte: »Wie konntet Ihr dies glauben? Sprich, Deutscher! Wie war dies möglich?« Doch Rotgier hatte sich wieder gefaßt und sagte: »Wir Ordensbrüder erheben unsere Augen nicht zu den Frauen. Auf dem Jagdhofe weilten gar viele Hoffräulein in der Umgebung der allergnädigsten Fürstin, aber welche unter ihnen Jurands Tochter war, wußte keiner der Unsrigen.« »Danveld wußte es,« ließ sich hier Mikolaj aus Dlugolas vernehmen, »er sprach mit ihr während der Jagd.« »Danveld steht nun vor Gott!« entgegnete Rotgier, »und von ihm will ich nur das eine sagen, daß am Morgen nach seinem Tode auf seinem Sarge blühende Rosen gefunden wurden. In dieser Winterszeit aber kann keine Menschenhand sie dort niedergelegt haben.« Abermals trat ein tiefes Schweigen ein. »Wieso erfuhrt Ihr, daß Jurands Tochter entführt worden war?« fragte der Fürst. »Gerade die Verwegenheit dieser That hat sie überall ruchbar gemacht.« »Aber ich bin höchst erstaunt darüber, daß Ihr eine Blödsinnige für Jurands Tochter halten konntet!« warf der Fürst mit Nachdruck ein. Darauf entgegnete Bruder Rotgier: »Danveld sagte: ›Gar häufig schon hat der Satan seine Knechte verraten, und so hat er vielleicht auch Jurands Tochter verwandelt!‹« »Die Räuber, als der Schrift unkundige Leute, konnten doch unmöglich Kalebs Schrift nachahmen und Jurands Siegel fälschen. Wer hat dies also gethan?« »Der böse Geist!« Und abermals schwiegen alle. Rotgier blickte dem Fürsten forschend in die Augen und sagte: »Fürwahr, gleich einem Schwerte durchbohren diese Fragen meine Brust, denn Argwohn und Zweifel sind darin enthalten. Doch im Vertrauen auf die Gerechtigkeit Gottes und auf die Macht der Wahrheit frage ich Euch, allergnädigster Fürst: hat Jurand selbst uns einer solchen That beschuldigt, und wenn er uns beschuldigte, weshalb hat er dann, bevor wir ihn nach Szczytno beriefen, die ganze Grenze nach den Räubern abgesucht, um die Tochter von ihnen loszukaufen?« »Nun ... das ist wahr!« antwortete der Fürst. »Und wenn Ihr irgend etwas vor den Menschen verborgen hättet, vor Gott könnt Ihr es nicht verbergen. Er hatte wohl im ersten Augenblick Verdacht auf Euch, aber dann ... dann ist er wohl anderen Sinnes geworden.« »Seht wie der Glanz der Wahrheit obsiegt über das Dunkel,« sagte Rotgier. Und er schaute mit Siegerblicken im Saale umher, denn ihn dünkte, die Kreuzritter seien klügere, verschlagenere Köpfe als die Polen, und dies Volk werde dem Orden immer zur Beute und Nahrung dienen, wie die Fliege der Spinne zur Beute und Nahrung dient. Seine frühere Geschmeidigkeit bei Seite lassend, näherte er sich nun dem Fürsten und begann in erhobenem, eindringlichem Tone: »Entschädige uns, Herr, für unsere Verluste, für das uns zugefügte Unrecht, für unsere Thränen und unser Blut! Dir war dieser Höllensohn unterthan, im Namen der Gerechtigkeit entschädige uns daher für das uns zugefügte Unrecht und für das vergossene Blut!« Und der Fürst schaute ihn voll Verwunderung an. »Beim allmächtigen Gott!« sagte er, »was verlangst Du? Wenn Jurand sich im Wahnsinn in Euerem Blute wälzte, habe ich dann die Verantwortung für seinen Wahnsinn?« »Dir war er unterthan, Herr,« versetzte der Kreuzritter, »und in Deinem Fürstentum liegen seine Besitzungen, seine Dörfer und seine Burg, worin er Diener des Ordens gefangen hielt; möge daher wenigstens seine Habe, möge sein Gut und jene verruchte Burg von nun an Eigentum der Geschädigten werden. Zwar wird dies kein würdiger Ersatz für das edle Blut sein, das von ihm vergossen ward, zwar werden die Toten dadurch nicht ins Leben zurückgerufen, aber vielleicht wird es einigermaßen Gottes Zorn besänftigen und die Schmach vertilgen, welche sonst das ganze Fürstentum treffen würde. O Herr! Allüberall besitzt der Orden Länder und Burgen, welche ihm durch die Gunst und Frömmigkeit christlicher Fürsten überwiesen worden sind, nur hier, in Deinem Staate hat er keine Spanne Landes. Mögen wir für das uns zugefügte Unrecht, welches zu Gott nach Rache schreit, wenigstens dadurch entschädigt werden, damit wir sagen können, daß auch hier Leute leben, welche gottesfürchtigen Herzens sind.« Durch all diese Worte wurde der Fürst in noch größeres Staunen versetzt, und erst nach langem Schweigen antwortete er: »Bei den Wundmalen des Erlösers! ... Wenn Euer Orden sich hier niederlassen durfte, wessen Gunst verdankte er dies, wenn nicht der Gunst meiner Vorfahren? Habt Ihr noch nicht genug an den Ländern, Gütern, Städten, welche einst uns und unserm Volke gehörten und nun Euer sind? Zudem lebt Jurands Tochter noch, denn niemand hat Euch ihren Tod angezeigt. Und Ihr wollt Euch an einer Waise Brautschatz vergreifen, ihr das Brot nehmen, um Euch dadurch für das Euch zugefügte Unrecht zu entschädigen?« »Herr, Du gestehst zu, daß uns Unrecht geschehen ist,« sprach Rotgier, »gewähre uns daher auch die Genugthuung, welche Dein fürstlicher, gerechter Sinn Dir eingiebt!« Wieder war er im Innersten hocherfreut, weil er sich sagte: »Nun werden sie nicht klagen, sondern darüber beraten, wie sie sich selbst reinwaschen und aus dieser Sache herausziehen können. Niemand wird uns etwas vorwerfen und unser Name wird so fleckenlos sein wie die weißen Ordensmäntel.« Da ließ sich unerwarteter Weise der alte Mikolaj aus Dlugolas also vernehmen: »Man beschuldigt Euch der Habsucht und Gott weiß, ob mit Unrecht, denn auch in dieser Angelegenheit liegt Euch mehr am Gewinn als an der Ehre des Ordens.« »Das ist wahr!« riefen die masovischen Ritter im Chore. Rotgier trat einige Schritte weiter vor, erhob stolz das Haupt und schaute mit hochmütigen Blicken umher, indem er sagte: »Nicht als Gesandter bin ich hierher gekommen, sondern nur um Zeugnis über die Vorgänge in Szczytno abzulegen, und als Ordensritter, der bereit ist, die Ehre des Ordens mit seinem eigenen Blute bis zum letzten Atemzuge zu verteidigen! ... Wer also wagt, trotz dessen, was der Gebieter von Spychow selbst ausgesagt hat, den Orden der Teilnahme an der Entführung von Jurands Tochter zu beschuldigen, der möge diese ritterliche Forderung annehmen und sich dem Gottesgericht unterwerfen.« So sprechend warf er seinen Handschuh vor sich hin, der zu Boden fiel. Sie aber standen in tiefem Schweigen da, denn obgleich mehr als einer gern sein Schwert am Genick des Kreuzritters schartig gemacht hätte, fürchteten sie doch alle das Gottesgericht. Jurands ausdrückliche Erklärung, daß es nicht die Ordensritter gewesen, die seine Tochter entführt hatten, war keinem unter ihnen verborgen geblieben, daher sagte sich ein jeder im Innern, daß Rotgier im Rechte sei und daß deshalb auch der Sieg auf seiner Seite sein werde. Dieser ward immer kecker und verwegener, und die Hände in die Seiten stemmend fragte er: »Befindet sich einer unter Euch, der gewillt ist, diesen Handschuh aufzuheben?« Da trat ein Ritter, dessen Eintritt von niemand bemerkt worden war und der an der Thüre dem Gespräche schon seit einiger Zeit zugehört hatte, in die Mitte des Saales und sagte: »Ich bin gewillt, es zu thun!« Bei diesen Worten warf er Rotgier seinen eigenen Handschuh ins Gesicht und sprach dann mit einer Stimme, die inmitten der tiefen Stille wie Donner klang: »Vor dem Angesichte Gottes, in Gegenwart des erhabenen Fürsten und all der berühmten Ritter dieses Landes sage ich Dir, Kreuzritter, daß Du gleich einem Hunde gegen Recht und Gerechtigkeit belferst. Ich fordere Dich daher in die Schranken zu Fuß oder zu Roß, zum Kampfe mit der Lanze oder mit der Streitaxt, mit dem kurzen oder mit dem langen Schwerte, und nicht um die Freiheit wollen wir streiten, nein, um Leben und Tod.« In der Halle hätte man die Fliege an der Wand hören können. Aller Augen richteten sich auf Rotgier und auf den Ritter, der jenen vor die Schranken gefordert hatte. Niemand vermochte ihn zu erkennen, denn wenn er auch kein Visier an seinem Helm hatte, war dieser doch mit einer so breiten Kante versehen, daß dadurch nicht nur die Ohren und der obere Teil des Gesichtes fast vollständig bedeckt waren, sondern auch der untere Teil des Antlitzes beschattet ward. Der Kreuzritter war nicht weniger überrascht als die andern. Wie ein Blitzstrahl am nächtlichen Himmel, so spiegelte sich auf seinen bleichen Zügen bald gänzliche Fassungslosigkeit, bald wilder Zorn. Rasch ergriff er den Handschuh, der von seinem Gesichte herabgleitend, sich an einem Gliede der Armschiene festgehakt hatte, und fragte: »Wer bist Du, der Du Gott zum Richter anrufst?« Da löste der unbekannte Ritter die Schnalle unter seinem Kinn, nahm den Helm ab, so daß sein jugendfrisches Antlitz sichtbar ward, und antwortete: »Zbyszko aus Bogdaniec, der Ehegemahl von Jurands Tochter.« Staunend vernahmen alle Anwesenden diesen Ausspruch, hatte doch außer dem Fürstenpaare, dem Pater Wyszoniek und dem Lothringer niemand Kenntnis von der Vermählung Danusias gehabt. Die Kreuzritter waren daher der Ansicht gewesen, die Tochter Jurands habe keinen andern natürlichen Beschützer als ihren Vater. Mit einem Male trat auch jetzt Herr de Lorche in die Mitte des Saales und rief: »Auf meine ritterliche Ehre bezeuge ich die Wahrheit seiner Worte, und einem jeden, der daran zu zweifeln wagt, dem werfe ich den Handschuh hin.« Rotgier, der keine Furcht kannte und dessen Brust in diesem Augenblick von grimmem Zorn erfüllt war, würde vielleicht auch diesen Handschuh aufgehoben haben, wenn er sich nicht rechtzeitig eines Besseren besonnen und seinen Groll bezwungen hätte. Denn ganz abgesehen davon, daß er sich ins Gedächtnis zurückrief, welch ansehnlicher Ritter der Lothringer war und welche Macht er als Blutsverwandter des Grafen Geldryi besaß, mußte er schon deshalb an sich halten, weil sich nun der Fürst erhob und finsteren Blickes erklärte: »Es ist nicht gestattet, den Handschuh aufzuheben, denn auch ich bezeuge, daß jener Ritter die Wahrheit gesprochen hat.« Daraufhin neigte Rotgier das Haupt, wendete sich zu Zbyszko und sagte: »Wenn es auch Dein Wille ist, fechten wir den Kampf innerhalb geschlossener Schranken zu Fuß und mit der Streitaxt aus.« »Schon das erste Mal habe ich Dich auf diese Weise gefordert!« antwortete Zbyszko. »Gott verleihe der gerechten Sache den Sieg!« riefen die masovischen Ritter. Viertes Kapitel. An dem ganzen Hofe, sowohl unter den Rittern wie unter den Frauen, herrschte Zbyszkos wegen große Unruhe. Alle liebten ihn, allein durch Jurands Brief zweifelte keiner daran, daß der Kreuzritter, der zudem als einer der berühmtesten Ordensbrüder galt, im Recht sei. Van Krist, dessen Knappe, erzählte auch fortwährend, und vielleicht mit Absicht, den masovischen Edeln von seinem Herrn. Er schilderte ihnen, wie dieser, bevor er ein waffentragender Mönch geworden war, zu der Ehrentafel der Kreuzritter gezogen worden sei, an der nur die berühmtesten Ritter teilnehmen durften, also solche Ritter, die schon eine Fahrt in das gelobte Land unternommen oder siegreich gegen Drachen, Riesen oder mächtige Zauberer gekämpft hatten. Prahlerisch versicherte er auch, sein Herr habe schon häufig, das ›Misericordia‹ in der einen; das Schwert oder die Streitaxt in der andern Hand, allein den Kampf mit fünf Gegnern aufgenommen, so daß die seinen Worten lauschenden Masuren sich sehr beunruhigt fühlten und etliche also sprachen: »Hei! wenn Jurand hier wäre, der würde es sicher mit zwei solcher Kreuzritter aufnehmen, denn kein Deutscher ist ihm jemals entkommen! Doch wehe dem Jüngling! An Kraft, an Jahren und an Erfahrung ist ihm der Geforderte überlegen.« Wohl um sich und den andern Mut einzuflößen, bemühte sich der und jener, die Namen masovischer oder überhaupt polnischer Ritter anzuführen, die, sei es in höfischen Turnieren, sei es beim Lanzenbrechen, zahlreiche Siege über Ritter aus dem Westen erfochten hatten. Allen voran wurde Jawisza aus Garbow genannt, dem kein Ritter in der Christenheit gleichkam. Einige wenige gab es indessen auch, die große Hoffnung auf Zbyszko setzten. »Das ist kein Weichling,« sagten sie, »nein, wie Ihr ja hörtet, ist unter seinen Streichen das Haupt von mehr als einem Deutschen auf die festgetretene Erde gerollt.« Frischer Mut wurde aber in aller Herzen durch eine That von Zbyszkos Knappen erweckt. Als nämlich am Vorabend des Zweikampfes Hlawa Ohrenzeuge davon war, wie van Krist die unverschämtesten Dinge von den Siegen Rotgiers erzählte, faßte der junge Heißsporn den Redenden unter dem Kinn, bog dessen Kopf zurück und sagte: »Da Du Dich nicht schämst, den Menschen hier allerlei Lügen aufzubinden, blicke gen Himmel und bedenke, daß auch Gott Dich hört!« Und so lange hielt er ihn auf diese Weise fest, daß man während der Zeit ein Vaterunser hätte beten können. Sofort nachdem van Krist wieder freigekommen war, erkundigte er sich über Hlawas Herkunft und forderte ihn, als er vernahm, das dieser aus edlem Geschlechte stamme, zum Zweikampfe mit der Streitaxt. Dieser Vorgang war gar tröstlich für die Masuren und aufs neue sagte einer zu dem andern: »Solche Streiter werden sich auf dem Kampfplatze bewähren. Haben sie daher das Recht, haben sie Gott auf ihrer Seite, dann tragen die Ordensbrüder keine heilen Knochen aus dem Kampfe davon!« Da es aber Rotgier verstanden hatte, durch seine Auseinandersetzungen Sand in aller Augen zu streuen, sorgte sich der und jener darüber, auf welcher Seite das Recht sei, ja der Fürst selbst teilte die Befürchtungen der andern. Infolgedessen ließ er am Vorabend des Zweikampfes Zbyszko zu einer Unterredung zu sich entbieten, bei der nur noch die Fürstin anwesend war. »Bist Du sicher, daß Gott auf Deiner Seite stehen wird?« fragte er den jungen Ritter. »Woher weißt Du, daß die Kreuzritter Danusia entführt haben? Hat Dir Jurand irgend etwas darüber mitgeteilt? Denn siehst Du, hier ist Jurands Brief, den Pater Kaleb geschrieben hat. In dem Schreiben, das mit Jurands Siegel versehen ist, sagt letzterer ausdrücklich, Danusia sei nicht von den Kreuzrittern entführt worden. Was hat er Dir mitgeteilt?« »Er sagte, Danusia sei nicht von den Kreuzrittern entführt worden.« »Wie wagst Du es daher, Dein Leben aufs Spiel zu setzen, wie wagst Du es. Dich dem Gottesgerichte zu unterwerfen?« Zbyszko verstummte. Nach geraumer Zeit indessen hub er mit bebenden Lippen und mit thränenfeuchten Augen wieder also an: »Ich weiß gar nichts, allergnädigster Herr! Zusammen mit Jurand bin ich von hier fortgezogen. Unterwegs habe ich ihm meine Vermählung mit Danusia kund gethan. Als eine Versündigung gegen Gott bezeichnete er diese That; da ich ihm aber bedeutete, es sei Gottes Wille gewesen, beruhigte er sich – verzieh er mir. Auf der ganzen Fahrt behauptete er stets, seine Tochter sei von niemand anderm als von den Ordensbrüdern entführt worden. Was sich aber dann ereignet haben mag, ist mir unerklärlich. Jenes Weib, das mir seiner Zeit ein Heilmittel in den Jagdhof überbracht hatte, kam mit einem Boten nach Spychow. Jurand schloß sich mit den beiden zu einer Unterredung ein. Was die drei besprochen haben, weiß ich nicht; nachdem sie jedoch auseinander gegangen waren, vermochten Jurands eigene Knechte ihren Herrn kaum mehr zu erkennen, schien er doch wie von Furcht und Schrecken erstarrt. Er erklärte auch: ›Nicht die Kreuzritter sind die Schuldigen‹, allein er entließ nicht nur de Bergow, sondern auch alle andern Gefangenen aus der Haft, er selbst aber entfernte sich aus der Burg ohne einen Knappen, ohne Knecht ... Mir wurde gesagt, er wolle sich zu den Räubern Danusias begeben, um diese loszukaufen, ich möge in Spychow seine Rückkehr erwarten. Nun denn, ich wartete! Plötzlich kam die Nachricht aus Szczytno, Jurand habe unzählige Deutsche erschlagen, sei aber dann selbst gefallen. O wohledler Herr, mir brannte der Boden von Spychow unter den Füßen, mir drohte der Wahnsinn. Den Mannen befahl ich, zu Pferde zu steigen – ich wollte Jurands Tod rächen. Da sagte Pater Kaleb zu mir: ›Du kannst die Burg nicht stürmen, einen Krieg darfst Du nicht beginnen. Begieb Dich zu dem Fürsten, vielleicht hörst Du durch ihn von Danusia‹. So kam ich hierher und traf gerade noch recht ein, um jenen Hund belfern zu hören, um zu vernehmen, wie er sich über das den Kreuzrittern zugefügte Unrecht, über Jurands Wahnwitz ausließ. Ich habe seinen Handschuh aufgehoben, weil ich ihm schon einmal eine Herausforderung habe zugehen lassen, und wenn ich auch nichts weiß, weiß ich doch so viel, daß die Kreuzritter teuflische Lügner sind – ohne Scham, ohne Ehre, ohne Treue! Seht, allergnädigster Fürst, erhabene Fürstin, die Ordensritter haben de Fourcy ermordet, auf meinen Knappen versuchten sie jedoch die Schuld zu laden. Bei Gott, wie ein Vieh haben sie de Fourcy hingeschlachtet, dann aber erschienen sie vor Dir, o Herr, und forderten Vergeltung, forderten Rache. Wer kann schwören, daß sie nicht vor Jurand ebensolche Lügen vorgebracht haben, wie jetzt vor Dir, o Herr? Wohl weiß ich nicht, wo Danusia ist, trotzdem aber habe ich den Kreuzritter gefordert. Der Tod ist mir erwünscht. Was gilt mir noch mein Leben ohne sie, die Heißgeliebte!« Von Verzweiflung ergriffen, riß er sich das Netz von dem Haupte und grub schluchzend seine Hände in die nun über seine Schultern herabwallenden Haare. Auch Anna Danuta war tief erschüttert. Der Raub Danusias hatte sie schwer getroffen. Nun legte sie ihre Hand auf das Haupt Zbyszkos und sagte: »Gott der Herr wird Dir beistehen, er wird Dich segnen, er wird Dich trösten.« Fünftes Kapitel. Der Fürst widersetzte sich dem Zweikampfe nicht. Der herrschenden Sitte gemäß lag dies auch gar nicht in seiner Macht. Dagegen forderte er, daß Rotgier an den Meister und an Zygfryd ein Schreiben des Inhalts sende, er selbst habe zuerst dem masovischen Ritter den Handschuh vor die Füße geworfen. Daraufhin sei es zum Kampfe mit dem Ehegemahl von Jurands Tochter gekommen, der ihm übrigens schon viel früher eine Herausforderung geschickt habe. In diesem Briefe gab der Kreuzritter dem Großmeister auch die Erklärung ab, er stelle sich nur deshalb ohne vorherige Erlaubnis zum Zweikampfe, weil es sich um die Unterdrückung eines widerlichen Verdachtes handle, der Schimpf und Schande auf den Orden häufen würde. Für die Ehre des Ordens sei aber er, Rotgier, jederzeit bereit, sein Blut zu opfern. Dieser Brief wurde sofort durch einen Knecht des Ordensritters an die Grenze geschickt, von wo er dann weiter nach Marienburg mit der Post befördert ward, welche die Kreuzritter schon viele Jahre in ihrem Gebiete eingerichtet hatten. Mittlerweile wurde in dem Burghofe der Schnee festgetreten und mit Asche bestreut, damit die Füße der Kämpfenden nicht einsinken oder auf der glatten Oberfläche ausgleiten konnten. In der ganzen Burg herrschte eine ungewöhnliche Lebendigkeit. Eine solche Erregung hatte sich der Ritter und des Hofes bemächtigt, daß in der, dem Kampfe vorangehenden Nacht kein Auge den Schlaf fand. Man wurde nicht müde, sich gegenseitig zu versichern, daß ein Kampf zu Pferde mit Lanze oder Schwert fast stets Verwundungen herbeiführe, ein Kampf zu Fuß, der zudem mit der fürchterlichen Streitaxt ausgefochten werden sollte, immer einen tödlichen Ausgang nehme. Die Herzen aller waren auf der Seite von Zbyszko. Aber gerade wegen der großen Vorliebe eines jeden für ihn oder für Danusia gedachten auch die meisten voll banger Sorge der Berühmtheit und Gewandtheit des Kreuzritters. Viele der Frauen verbrachten die Nacht in der Kirche, wo Zbyszko vor dem Zweikampfe bei Pater Wyszoniek die Beichte ablegte. Beim Anblick der fast knabenhaften Züge des jungen Ritters sprach eine zu der andern: »Das ist ja noch ein wahres Kind – weshalb soll sein jugendliches Haupt unter den deutschen Schwertstreichen fallen!« Und mit noch tieferer Inbrunst beteten sie um Schutz für ihn. Als er sich indessen bei Anbruch der Morgendämmerung von seinen Knien erhob und durch die Kapelle schritt, um sich in der Rüstkammer zu wappnen, da faßten die Frauen wieder frischen Mut. Denn wenn auch Zbyszko ein knabenhaftes Antlitz hatte, zeichnete er sich doch durch einen weit über das gewöhnliche Maß hinausgehenden, hohen, kräftigen Wuchs aus und machte dadurch den Eindruck eines geradezu vor Kraft strotzenden Jünglings, der es mit jedem aufzunehmen vermochte. Der Kampf sollte in dem von einer Säulenhalle umgebenen Burghofe ausgefochten werden. Kaum tagte es völlig, so erschienen der Fürst und die Fürstin mit den Kindern. Sie nahmen in der Mitte der Säulenhalle Platz, da man von hier aus den ganzen Vorhof am besten überblicken konnte. Ihnen zur Seite ließen sich die Vornehmsten des Hofes nieder, die Edelfrauen und die Ritter. Allmählich füllte sich jeglicher Winkel der Halle. Hinter einem von Schnee aufgeworfenen Walle stellte sich der größte Teil des Gesindes auf. Etliche kletterten sogar auf die Fenstergesimse oder auf das Dach. »Gebe Gott, daß sich der Unsrige nicht ergeben muß!« flüsterten diese einfachen Leute einander zu. Der Tag war feucht, kalt, aber klar. Ein Schwarm von Dohlen, die unter den Dachfirsten und in den Zinnen der Türme nisteten und von dem ungewöhnlichen Lärm aufgescheucht worden waren, flogen wild mit den Flügeln schlagend über der Burg hin und her. So groß war die Erregung von all den hier Versammelten, daß sie die herrschende Kälte durchaus nicht empfanden. Als aber nun gar der erste Trompetenstoß ertönte, der das Nahen der Kämpfer verkündete, da klopften die Herzen aller zum Zerspringen. Jene hingegen betraten von zwei entgegengesetzten Seiten die Schranken und blieben innerhalb der ihnen bestimmten Grenzen stehen. Den Zuschauern stockte der Atem in der Brust. Ein jeder sagte sich: »In nicht allzuferner Zeit werden vielleicht zwei Seelen vor dem Richterstuhle Gottes stehen, werden vielleicht zwei Leichname auf dem Schnee liegen.« Die Lippen, die Wangen der Frauen erbleichten bei diesem Gedanken, die Männer hingegen hielten die Blicke unverwandt fest auf die Widersacher gerichtet, hofften sie doch nach deren Erscheinung und Ausrüstung voraussagen zu können, auf wessen Seite sich der Sieg neigen werde. Der Kreuzritter trug einen glänzenden, bläulich schimmernden Harnisch, das gleiche Hüftblech und einen ebensolchen Helm mit offenem Visier und mit einem prächtigen Pfauenfederbusche als Helmzier. Zbyszko erschien in der wunderbar schönen mailändischen Rüstung, die er seinerzeit von den Friesen erbeutet hatte. Sein Haupt schützte er durch einen schmucklosen, mit einer breiten Kante versehenen Helm, dessen Visier gleichfalls offen war. Mit der linken Hand hielten beide Ritter ihren mit Wappen versehenen Schild. Den Schild des Kreuzritters zierten oben Schachfelder, unten drei Löwen, die auf den Hinterbeinen standen. Auf dem Schilde Zbyszkos befand sich ein stumpfes Hufeisen. Die Rechte umfaßte die breite scharfe Streitaxt, deren eichener, schwarzgewordener Stil an Länge den Arm eines Mannes überragte. Hinter den Rittern schritten deren Knappen einher. Hlawa, von Zbyszko Glowacz genannt, und van Krist, die mit dunkeln Harnischen aus Eisenblech bekleidet, mit Axt und Schild bewaffnet waren. Van Krist führte einen Ginsterstrauch im Wappen, das Wappen des Böhmen ähnelte dem Wappen, das »Pamian« genannt wurde, nur daß statt der Axt, die den Stierkopf spaltete, ein kurzes Schwert bis zur Hälfte in dessen Auge steckte. Ein zweiter Trompetenstoß erscholl. Beim dritten sollte, der Uebereinkunft gemäß, der Angriff beginnen. Kein allzu großer, mit Asche bestreuter Platz trennte die Gegner, über diesem Raum aber schwebte, gleich einem Unheil verkündenden Vogel – der Tod. Ehe indessen das dritte Zeichen gegeben ward, näherte sich Rotgier den Säulen, zwischen denen das Fürstenpaar saß, neigte sein behelmtes Haupt und sprach mit einer so lauten Stimme, daß man ihn in allen Winkeln der Säulenhalle verstehen konnte: »Ich nehme Gott, Euch, erhabene Frau, und die ganze Ritterschaft dieses Landes zu Zeugen, daß ich schuldlos bin an dem Blute, welches vergossen werden wird.« Bei diesen Worten des Kreuzritters, die Zeugnis dafür ablegten, wie sicher sich dieser seines Sieges fühlte, krampften sich aller Herzen aufs neue vor Schrecken zusammen. Zbyszko aber wandte sich in seiner schlichten Art unverweilt zu dem Böhmen und sagte: »Widerlich mutet mich der Hochmut des Kreuzritters an, der wohl nach meinem Tode berechtigt wäre, nicht aber solange ich lebe. Jener Prahlhans aber trägt zudem Pfauenbüsche auf dem Helme, und ich habe nicht nur gelobt, mich dreier solcher zu bemächtigen, sondern so vieler als ich Finger an den Händen habe. Gott gebe seinen Segen dazu!« »O Herr!« ließ sich hierauf Hlawa fragend vernehmen, während er sich niederbeugte und ein wenig von der auf den Schnee gestreuten Asche in die Hände nahm, damit ihm das Schwert nicht so leicht entgleite, »o Herr, kann es nicht Christus gewähren, daß ich rasch mit diesem preußischen Klepper fertig werde? Und steht es mir dann nicht frei, diesem Kreuzritter, wenn ich ihn vielleicht auch nicht angreifen darf, den Stiel der Streitaxt zwischen die Beine zu stoßen und ihn dadurch zu Falle zu bringen?« »Gott schütze Dich!« rief Zbyszko lebhaft, »mit Schande würdest Du mich und Dich bedecken!« Jetzt erklang der dritte Trompetenstoß. Kaum hatten ihn die Knappen vernommen, so eilten sie voll wildem Eifer aufeinander zu, die Ritter jedoch traten sich langsam und bedächtig entgegen, gerade als ob ihnen für den ersten Zusammenprall Würde und Anstand ganz besonders ans Herz gelegt worden wäre. Nur wenige achteten auf die Knappen, die aber von den erfahrenen Mannen und von dem Gesinde, welche auf jene schauten, begriffen sofort, daß sich in diesem Kampfe die Wagschale zu Gunsten Hlawas neigen werde. Nur mühsam führte der Deutsche die Streitaxt, und die Art, wie er seinen Schild gebrauchte, hatte etwas Schlaffes. Unter dem runden Schilde kamen seine langen aber dünnen Beine zum Vorschein, während die kraftvollen Beine des Böhmen durch die enganschließende Gewandung so recht in die Augen fielen. Hlawa ging auch so ungestüm vor, daß van Krist vom ersten Augenblicke an zurückweichen mußte. Die Beobachter verstanden sofort, daß der eine von diesen Widersachern den andern wie ein Sturmwind, wie ein Blitzstrahl mit uneindämmbarem Feuereifer überfalle, und daß dieser andere nur kämpfe, um solange wie möglich den gefürchteten Augenblick von sich fernzuhalten, der ihm, seinem eigenen Gefühle nach, den Tod bringen mußte. Und so war es auch in der That, der Prahlhans, welcher sich überhaupt nur zum Kampfe stellte, wenn er ihm nicht ausweichen konnte, erkannte gleich, daß die kecken, unbedachtsamen Worte ihm einen Gegner zugeführt hatten, dessen Streiche Verderben bedeuteten. Sein Mut sank daher immer mehr, denn von einem jeden Schlag fürchtete er, zu Tode getroffen zu werden. Umsonst rief er es sich ins Gedächtnis zurück, daß es nicht genüge, die Hiebe mit dem Schilde aufzufangen, daß man Hiebe austeilen müsse. Beständig sah er die Streitaxt über seinem Haupte blinken, stets glaubte er, nun sei es mit ihm zu Ende. Den Schild vorhaltend, blinzelte er unwillkürlich mit den Augen voll Angst und Verzweiflung, ob er sie noch öffnen könne. Dann und wann holte er auch selbst zu einem Schlage aus, ohne indessen die Hoffnung zu hegen, seinen Widersacher zu treffen, und immer höher und höher hielt er den Schild in dem Glauben empor, sich dadurch besser schützen zu können. Schließlich ward er matter und matter, und der Böhme schlug immer kräftiger auf ihn ein. Aehnlich wie von einem Fichtenstamme unter der Axt des Bauern mächtige Späne abspringen, so lösten sich unter den Streichen des Böhmen Plättchen auf Plättchen von der Rüstung des deutschen Knappen ab. Der breite Rand des Schildes bog sich und wurde brüchig, das Schulterblech am rechten Arme fiel zusammen mit dem durchhauenen und ganz mit Blut getränkten Lederwerk zur Erde. Van Krists Haare sträubten sich auf dem Haupte – Todesangst erfaßte ihn. Ein-, zweimal schlug er noch mit Aufbietung all seiner Kraft auf des Böhmen Schild. Schließlich jedoch sah er entsetzt ein, daß er gegen die erstaunliche Stärke seines Widersachers nicht aufzukommen vermöge, daß er sich nur durch irgend eine außergewöhnliche That retten könne, und so warf er sich plötzlich in seiner ganzen Schwere gegen die Beine von Hlawa. Sofort stürzten beide zu Boden. In dem Bestreben eines jeden, die Oberhand über den andern zu gewinnen, umfaßten sie sich und wälzten sich auf dem Schnee. Nach geraumer Zeit gelang es indessen dem Böhmen, seinen Oberkörper freizumachen. Wohl ward er noch eine Weile lang durch die verzweiflungsvollen Anstrengungen seines Gegners darnieder gehalten, dann aber setzte er das Knie auf dessen mit einem Panzerhemd bedeckten Leib und riß das kurze, dreikantige Misericordia aus dem Gürtel. »Gnade!« flüsterte van Krist leise, indem er die Augen zu dem Böhmen erhob. Ohne indessen eine Antwort zu erteilen, beugte sich jener über den Besiegten, damit er leichter dessen Hals erreichen konnte, zerschnitt hierauf den Lederriemen des Helmes unter dem Kinn und stieß dem Gegner den unheilbringenden Dolch zweimal so tief in die Kehle, daß die nach unten gerichtete Spitze sogar in die Brust eindrang. Van Krists Augen sanken tief in die Höhlen. Mit Armen und Beinen schlug er auf den Schnee, als ob er diesen von der Asche reinigen wolle, dann zuckte sein ganzer Körper zusammen und noch war keine Minute vergangen, so lag er unbeweglich, starr dahingestreckt auf der weißen Decke. Rotgefärbter Schaum trat auf seine Lippen, er war über und über mit Blut befleckt. Nun erhob sich der Böhme. Er reinigte das Misericordia an der Gewandung des Deutschen, ergriff seine Streitaxt und sich darauf stützend beobachtete er unverwandt den erbitterten und hartnäckigen Kampf seines Ritters mit Bruder Rotgier. Die Ritter aus dem Westen waren schon längst an ein bequemes, üppiges Leben gewöhnt, während die »Erben« in Kleinpolen und Großpolen, sowie in Masovien noch immer ein hartes, schweres Dasein führten, infolgedessen freilich aber auch ihre Körperkraft und ihre Ausdauer im Ertragen aller Art von Fährlichkeiten bei Fremden, ja sogar bei Uebelwollenden Bewunderung erregte. So zeigte es sich zwar auch jetzt, daß Zbyszko ebenso sehr den Kreuzritter an Kraft überragte, wie dies bei dem Böhmen dem Knappen van Krist gegenüber der Fall gewesen war, allein es erwies sich gleichzeitig, daß der junge Kämpe nicht nur an Alter, sondern auch in den ritterlichen Uebungen hinter dem Ordensbruder zurückstand. Für Zbyszko war es daher gewissermaßen günstig, daß der Kampf mit der Streitaxt geführt ward, da von Entfaltung einer Fechtkunst mit dieser Waffe nicht die Rede sein konnte. Hätte er mit dem kurzen oder mit dem langen Schwerte kämpfen müssen, wobei es hauptsächlich darauf ankam, jeden Ausfall, jeden Stoß zu berechnen, jeden Hieb abzuweisen, würde der Deutsche ein erhebliches Uebergewicht über ihn gewonnen haben. Aber auch die Art, wie der Ordensbruder sich jetzt bewegte, wie er den Schild handhabte, machte es nicht nur Zbyszko selbst, sondern auch den Zuschauern klar, daß sie einen erfahrenen, nicht zu verachtenden Streiter vor sich hatten, der offenbar nicht zum erstenmale in solcher Weise kämpfte. Sobald Zbyszko zum Schlage ausholte, hielt Rotgier den Schild vor, im Augenblicke des Zuschlagens aber zog er ihn durch eine kleine Schwenkung unmerklich zurück. Dadurch verloren selbst die wuchtigsten Hiebe an Kraft, dadurch vermochten sie weder den Schild zu zertrümmern, noch dessen glatte Oberfläche zu zermalmen. Bald zog sich der Kreuzritter zurück, bald ging er vor, das eine Mal that er dies aber mit einer solchen Ruhe, das andere Mal wieder so rasch, daß das Auge seinen Bewegungen kaum zu folgen vermochte. Des Fürsten Herz ward allmählich von Angst um Zbyszko erfüllt, die Gesichtszüge der Mannen verdüsterten sich, dünkte doch allen, der Deutsche treibe ein absichtliches Spiel mit seinem Gegner. Oft hielt er den Schild gar nicht mehr vor, sobald indessen Zbyszko zuschlug, sprang er in der Weise zur Seite, daß die Schneide des Beiles in die Luft fuhr. Dies war um so gefährlicher, weil Zbyszko dabei leicht das Gleichgewicht verlieren und stürzen konnte, wodurch er unrettbar verloren gewesen wäre. All dies beobachtete der Böhme, an der Leiche van Krists stehend, sehr wohl. Voll Schrecken dachte er daher bei sich: »Gott schütze mich, wenn mein Herr stürzt, schlage ich dem Deutschen mit dem Beile zwischen die Schulterblätter und bringe ihn auch zu Fall.« Zbyszko kam indessen nicht zu Fall. Er besaß eine solche Kraft in den Beinen, die er weit ausgespreizt hielt, daß er trotz der Schwere seines Körpers, trotz der fortwährenden Schwankungen fest standhielt. Rotgier ward dies sofort klar, und die Zuschauer irrten sich in ihrer Annahme, er achte seinen Gegner gering. Im Gegenteile, gleich nach den ersten Hieben, als ihm, trotz der großen Geschicklichkeit in der Handhabung des Schildes, der rechte Arm fast steif wurde, wußte er, welch schweren Stand er diesem jungen Ritter gegenüber haben werde, und daß der Kampf, wenn es ihm nicht gelingen sollte, durch eine plötzliche und unerwartete Wendung jenen zu Fall zu bringen, ein langer, hartnäckiger werden würde. Er hatte darauf gerechnet, daß Zbyszko nach einem der vergeblichen Schläge auf dem Schnee ausgleiten werde, als er sich aber darin getäuscht sah, da bemächtigte sich seiner eine gewisse Unruhe. Nur zu gut gewahrte er unter dem geöffneten Visiere die eingezogenen Nasenlöcher, die zusammengepreßten Lippen, die zeitweise blitzenden Augen des Widersachers, und er hoffte nun darauf, Zbyszko lasse sich von seinem Feuereifer fortreißen, vergesse alles um sich her, verliere den Kopf und denke schließlich in seiner Verblendung nur mehr daran, Streiche auszuteilen, als sich zu schützen. Allein auch darin irrte sich der Kreuzritter. Zbyszko verstand es zwar nicht, die in die Luft geführten Hiebe zu vermeiden, trotzdem jedoch vergaß er nicht des Schildes und wußte sich, sobald er mit der Streitaxt zum Schlage ausholte, soweit zu decken, als es nötig war. Seine Wachsamkeit verdoppelte sich offenbar; augenscheinlich beurteilte auch er die Erfahrung und die Gewandtheit seines Gegners ganz richtig, den er vergaß sich keinen Augenblick, blieb stets Herr seiner selbst und ging immer vorsichtiger zu Werke. In seinen Angriffen zeigte sich eine gewisse Bedachtsamkeit, wie sie nicht unüberlegter Eifer, sondern nur kalte Berechnung hervorzubringen vermag. Rotgier, der schon viele Einzelkämpfe bestanden, der schon manche Schlachten angeführt hatte, wußte aus Erfahrung, daß es Menschen gab, die, gleich den Raubvögeln, zum Kampfe geschaffen und von der Natur mit besonderen Eigenschaften dazu ausgestattet sind, Menschen, welche von vornherein all die Eigenschaften besitzen, die sich andere Jahre hindurch mühsam erringen müssen. Einem solchen Menschen aber stand er jetzt gegenüber, das bezweifelte er keinen Augenblick. Vom ersten Zusammenstoße an wußte er, daß dieser junge Ritter dem Reiher glich, der in dem Gegner nur die Beute sieht und an nichts anderes denkt, als sie zwischen seine Klauen zu bekommen. Ungeachtet der gewaltigen eigenen Kraft konnte er sich darin doch nicht mit Zbyszko messen. Wenn aber nun auch noch gar diese Kraft erlahmte, bevor er den entscheidenden Streich geführt hatte? Das würde sein Verderben bedeuten, zu Grunde gehen würde er in dem Kampfe mit diesem zwar unerfahrenen, aber furchtbaren jungen Streiter. Dies erwägend, schonte er seine Kräfte jetzt mehr. Fest hielt er den Schild nun an sich, eine jede seiner Bewegungen berechnete er. Weit weniger als früher ging er vor, um gleich darauf wieder zurückzuweichen, nur auf eines hielt er sein Augenmerk gerichtet. Unentwegt harrte er auf einen günstigen Moment, um den entscheidenden Streich führen zu können. Der entsetzliche Kampf zog sich über die Maßen in die Länge. In der Säulenhalle herrschte eine tödliche Stille. Nur zeitweise war ein Klirren, ein dumpfer Klang zu vernehmen, wenn die Streitäxte auf die Schilde aufschlugen. Weder dem Fürstenpaare, noch den Rittern oder dem Hofstaate war ein solches Schauspiel fremd, nichtsdestoweniger aber preßte eine entsetzliche Angst die Herzen aller Zuschauer zusammen. Ein jeder begriff, daß es sich hier nicht darum handelte, Kraft, Gewandtheit und Mannhaftigkeit zu entfalten, sondern daß der Kampf mit der größten Wut, mit der größten Verzweiflung, mit unversöhnlichem Haß und glühendstem Rachedurst geführt ward. Auf der einen Seite stritt man erlittener Kränkung wegen, aus Liebe, aus grenzenlosem Herzeleid in diesem Gottesgerichte, auf der andern Seite zur Ehre des Ordens, aus grenzenloser Feindschaft. Allmählich erhellte sich der kalte, düstere Tag. Die grauen Nebelschleier zerteilten sich, in dem Glanze der Sonne Der entsetzliche Kampf zog sich über die Maßen in die Länge. blinkten der Harnisch des Kreuzritters, die silberne mailändische Rüstung Zbyszkos. In der Kapelle wurde die Terz eingeläutet. Kaum erklangen indessen die Glocken, so flatterte ein neuer Schwarm Dohlen so heftig mit den Flügeln schlagend und so laut krächzend unter den Dachfirsten der Burg hervor, als ob sie ihrer Freude Ausdruck verleihen wollten über das vergossene Blut und über den Leichnam, der so unbeweglich auf dem Schnee lag. Rotgiers Blick schweifte während des Kampfes ein oder zweimal über jenen hin, und stets ergriff ihn dabei das Gefühl unendlicher Vereinsamung. Wohl ruhten die Augen gar vieler auf ihm, aber Feindschaft leuchtete aus diesen Augen. Nur für Zbyszko beteten die Frauen, nur ihm galten all die guten Wünsche. Außerdem erweckte auch die Anwesenheit des Knappen ein Gefühl der Unbehaglichkeit in dem Kreuzritter. Nur zu gut wußte ja letzterer, daß ihn der Böhme nicht meuchlings im Rücken überfallen werde, allein trotzdem erfüllte ihn die Nähe der mächtigen Erscheinung mit der Unruhe, welche die Menschen beim Anblick eines Wolfes, eines Bären, eines Büffels empfinden, ohne von diesen Tieren durch ein Gitter getrennt zu sein. Und um so weniger konnte Bruder Rotgier diese Unruhe bemeistern, als der Böhme, von dem Wunsche beseelt, den Verlauf des Kampfes genau zu verfolgen, sich fortwährend hin und her bewegte, den Platz wechselte. Bald von der Seite, bald von hinten, bald von vorn nahte er sich dem Kämpfenden und warf ihm, den Kopf neigend, entweder durch die Oeffnungen des Visieres hindurch Unheil verkündende Blicke zu, oder er öffnete dasselbe zeitweise, um die Wirkung dieser Blicke noch zu verschärfen. Eine gewisse Erschöpfung bemächtigte sich allgemach des Kreuzritters. Trotzdem fiel Schlag auf Schlag. Zweimal holte Rotgier zu gewaltigen Schlägen aus, mit denen er den rechten Arm Zbyszkos zu treffen hoffte, allein dieser stieß sie mit dem Schilde so kräftig zurück, daß die Streitaxt in der Hand seines Gegners schwankte, dieser selbst sich aber fortwährend zurückziehen mußte, um nicht zu stürzen. Und von diesem Augenblicke an gab es nur noch ein Zurückweichen für ihn. Allein nicht nur seiner Kraft ging er verlustig, er büßte auch seine Kaltblütigkeit, seine Ruhe ein. Voll Grimm, voll Verzweiflung vernahm er die vereinzelten Freudenrufe der Zuschauer über seinen Rückzug. Dichter und dichter folgten die Hiebe auf einander. Große Schweißtropfen rannen über die Stirn der Streitenden, keuchend rang sich ihr Atem zwischen den zusammengepreßten Zähnen hervor. Die Erregung der Zuschauer wuchs beständig, mit der bisher bewahrten Ruhe war es vorbei. Bald erschollen die Rufe der Mannen, bald die der Frauen: »Schlag zu! Auf ihn! Das ist ein Gottesgericht! Das ist Gottes Strafe! Gott steht Dir bei!« Umsonst winkte der Fürst, zum Zeichen, daß sich die Zuschauer ruhig verhalten sollten, er vermochte nichts auszurichten. Der Lärm wurde immer lauter, denn da und dort brachen Kinder in heftiges Weinen aus, während sogar rings um das Fürstenpaar jugendliche weibliche Stimmen schluchzend die Worte ausstießen: »Für Danuska, Zbyszko, für Danuska!« Um Danusias willen kämpfte ja Zbyszko diesen Kampf. Keinen Augenblick zweifelte er daran, daß der Kreuzritter bei ihrer Entführung die Hand mit im Spiele gehabt hatte, und als er sich gegen ihn stellte, da geschah es der schweren Kränkungen halber, die ihr angethan worden waren. Doch er war jung und kampfeslustig. Kaum stand er daher seinem Gegner gegenüber, so dachte er nur noch an den Kampf selbst. Da plötzlich tönten jene Rufe an sein Ohr und erinnerten ihn an den Raub seines jungen Weibes, an dessen qualvolles Leid; Liebe, Schmerz und Rachedurst jagten ihm das Blut wie Feuer durch die Adern. Vor Ingrimm krampfte sich sein Herz zusammen und eine geradezu rasende Wut ergriff ihn. Den furchtbaren Schlägen seiner Streitaxt, die wie Donnerkeile niederfielen, vermochte der Kreuzritter nicht länger Widerstand zu leisten, und Zbyszko stieß schließlich seinen Schild mit solch übermenschlicher Gewalt gegen den Schild des Deutschen, daß dessen rechter Arm plötzlich, wie erlahmt, kraftlos darniedersank. Voll Schrecken und Angst wich nun dieser abermals zurück, indem er sich nach hinten beugte, um den Streichen zu entgehen, da sauste ihm die blinkende Axt vor den Augen und fiel wie der Blitz auf seine rechte Schulter nieder. Den Lippen der Zuschauer entrang sich der herzzerreißende Aufschrei: »Jesus!« dann wich Rotgier noch einen Schritt zurück und stürzte rücklings zu Boden. Nun wogte und schwirrte es in der Säulenhalle wie in einem Bienenstocke, aus welchem die Bienen, von der Sonne erwärmt, summend ausschwärmen. Geradezu scharenweise eilten die Ritter die Stufen hinab, während die Knechte von den Schneewällen herabsprangen, um die zu Tode Getroffenen in der Nähe zu betrachten. Allenthalben ertönte der Ruf: »Das ist Gottes Gericht! ... Er ist der würdige Erbe Jurands! Lob ihm und Preis!« Andere wieder riefen: »Schauet her und staunt! Selbst Jurand hätte es nicht besser machen können!« Ein Kreis von Neugierigen sammelte sich allgemach um den erschlagenen Rotgier. Mit fahlem Antlitz, mit weit geöffnetem Munde lag er auf dem Rücken. Der blutüberströmte rechte Arm hing nur noch mit wenigen Fasern an der Schulter, von der er durch den wuchtigen Axthieb fast völlig getrennt worden war. Bei diesem Anblick meinten wieder etliche: »Schaut her. Voll Leben war er, voll Hochmut schritt er dahin, und jetzt rührt er keinen Finger mehr!« Und während einer mir dem andern in solcher Weise seine Gedanken austauschte, bewunderten alle erstens die Größe des Kreuzritters, der fast die ganze Länge des Kampfplatzes einnahm und im Tode einen womöglich noch gewaltigeren Eindruck als im Leben machte, zweitens staunten sie die auf dem Schnee in allen Farben schillernden Pfauenfedern an und drittens die Rüstung und die Waffen, welche an Wert einem großen Dorfe gleichgeachtet werden konnten. Da sich aber nun Hlawa, der Böhme, zusammen mit zwei Mannen Zbyszkos, dem Erschlagenen näherte, um ihm Rüstung und Waffen abzunehmen, umringten die Neugierigen Zbyszko selbst, indem sie ihn laut priesen und bis zum Himmel erhoben, dünkte es sie doch, daß sein Ruhm auch zum Ruhme des ganzen masovischen und polnischen Ritterstandes gereiche. Um es ihm leichter zu machen, wurde ihm Schild und Streitaxt abgenommen, ja, Mrokota aus Mocarzewa löste ihm den Helm, bedeckte aber seine schweißtriefenden Haare mit einer Mütze aus roter Seide. Gleichsam versteinert stand der junge Kämpe anfänglich da. Nur die noch in wildem Feuer glänzenden Augen in dem vor Erschöpfung und Erregung totenbleichen Antlitz zeugten dafür, daß er noch lebte. Plötzlich aber lief ein Zittern durch seine Glieder und er atmete tief aus. Unverweilt ergriff man ihn nun bei den Händen und führte ihn vor das Fürstenpaar, welches in einem erwärmten Gemache am Kamine seiner harrte. Zbyszko kniete nieder, und nachdem Pater Wyszoniek den Segen über ihn gesprochen und für die ewige Ruhe des Erschlagenen gebetet hatte, umarmte der Fürst den jungen Sieger und sprach also: »Gott der Allmächtige hat zwischen Euch gerichtet und Dir seinen Schutz verliehen, wofür sein Name gepriesen sei. Amen!« Nach diesen Worten wandte er sich zu Herrn de Lorche und zu den andern Rittern, indem er hinzufügte: »Dich, fremder Ritter, und Euch alle, die Ihr hier nicht einheimisch seid, rufe ich zu Zeugen dafür auf, wie ich es auch selbst bezeuge, daß der Kampf nach Recht und Sitte ausgefochten ward, und daß auch hier, wie bei allen Kämpfen das Gottesgericht entschieden hat.« Die anwesenden Wojwoden gaben im Chore ihre Zustimmung kund, während Herr de Lorche, dem die Worte des Fürsten verdolmetscht wurden, sich erhob und erklärte, er werde nicht nur bezeugen, daß sich alles nach ritterlichem und göttlichem Gesetze vollzogen habe, sondern auch einen jeden, der daran zweifle, sei es nun in Marienburg, sei es an irgend einem andern fürstlichen Hofe, vor die Schranken zum Kampfe zu Roß oder zu Fuß fordern. Diese Herausforderung aber werde er, de Lorche, nicht nur an gewöhnliche Ritter ergehen lassen, sondern auch an Riesen und Schwarzkünstler, ja, sogar an den allmächtigen Zauberer Merlin. Die Fürstin Anna Danuta aber beugte sich in dem Augenblicke, in dem Zbyszko ihre Knie umfaßte, zu diesem nieder und sagte: »Weshalb bist Du nicht frohgestimmt? Freue Dich und danke Gott, denn wenn Gott Dich in seiner Barmherzigkeit aus dieser Gefahr errettete, dann wird er Dich auch nicht länger vereinsamt lassen, nein, er wird Dir Glück gewähren.« Da antwortete Zbyszko: »Wie kann ich mich freuen, wohledle Frau? Gott verlieh mir zwar den Sieg, ich durfte Rache an jenem Kreuzritter nehmen, aber Danusia ist mir noch immer fern – nicht mehr weiß ich von ihr als wie zuvor.« »Die grimmigsten Widersacher, Danveld, Godfryd und Rotgier sind aus dem Leben geschieden,« warf die Fürstin ein, »von Zygfryd aber sagen alle, daß er wohl grausam, doch gerecht sei. Lob und Preis sei dem allgütigen Gott auch dafür. Außerdem hat sich Herr de Lorche auch längst dahin ausgesprochen, daß, wenn der Kreuzritter falle, er selbst dessen Leiche fortführen werde. Dadurch komme er nach Marienburg und sei im stande, in eigener Person Danusia dem Großmeister in die Erinnerung zurückzurufen. Der Großmeister jedoch wird sich Gehör zu verschaffen wissen.« »Gott verleihe dem Herrn de Lorche ein langes Leben!« entgegnete Zbyszko. »Ich ziehe mit ihm nach Marienburg.« Diese Worte versetzten die Fürstin in tiefen Schrecken, hätte doch Zbyszko nichts Gefährlicheres unternehmen können, wenn er erklärt haben würde, er folge wehrlos den Spuren der Wölfe, die sich des Winters rudelweise in den dichten Wäldern Masoviens umhertrieben. »Wozu?« rief sie daher. »Um einem sichern Verderben entgegenzugehen? Jetzt gleich nach dem Kampfe schützt Dich weder die Aussage des Herrn de Lorche, noch der Brief, den Rotgier vor dem Zusammentreffen geschrieben hat. Du erlangst damit nichts, Du bringst Dich nur selbst in Gefahr.« Der junge Kämpe aber erhob sich und sagte, die Hände kreuzweis zusammenfaltend: »So wahr mir Gott helfe, ich ziehe nach Marienburg, und wenn es auch mein Tod wäre. So wahr mir Christus gnädig sein möge, werde ich Danusia bis zu meinem letzten Atemzuge suchen und nicht davon abstehen, bis sich meine Augen im Tode schließen. Leichter ist es doch, sich mit den Deutschen zu schlagen, sich mit ihnen zu messen, als einsam, wie mein junges Weib, in einem unterirdischen Kerker zu schmachten. O, weit leichter, weit leichter ist dies!« Und wie immer, wenn er Danusias gedachte, erfaßte ihn auch jetzt wieder eine solche Erregung, ein solch grenzenloser Schmerz, daß er die Worte nur stoßweise hervorbrachte, gerade als ob ihm die Kehle zugeschnürt sei. Die Fürstin gab es auf, ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Wer ihn zurückhalten wollte, das sah sie nur zu gut ein, der mußte ihn in einem unterirdischen Kerker festschmieden lassen. Zbyszko konnte indessen nicht sofort aufbrechen. Wohl stand es den damaligen Rittern frei, sich alles aus dem Wege zu räumen, was ihren Plänen hindernd im Wege stand, aber es war ihnen nicht gestattet, die ritterliche Sitte außer acht zu lassen, kraft derer der Sieger im Zweikampfe einen ganzen Tag, ja, bis gen Mitternacht auf der Wahlstatt ausharren mußte. Dies galt als Beweis, daß er das Feld behauptet hatte, sowie als Zeichen, daß er zu jedem neuen Kampfe bereit war, zu dem ihn irgend ein Verwandter oder ein Freund des Besiegten fordern würde. Diese Sitte beobachteten sogar ganze Kriegsheere und gingen dadurch der Beute oftmals verlustig, die sie sich durch Verfolgung des Feindes hätten erringen können. Zbyszko versuchte es auch gar nicht, gegen diese feststehende Sitte anzukämpfen. Nachdem er eine kleine Stärkung zu sich genommen und sich aufs neue gewappnet hatte, verweilte er bis gen Mitternacht in dem Vorhofe der Burg unter dem dunkeln, winterlichen Himmel, auf das fragliche Erscheinen eines Feindes harrend. Erst nach Mitternacht und nachdem die Herolde seinen Sieg durch laute Trompetenstöße endgültig verkündet hatten, entbot ihn Mikolaj aus Dlugolas zur Abendmahlzeit, gleichzeitig aber auch zu einer Beratung mit dem Fürsten. Sechstes Kapitel. Der Fürst ergriff bei der Beratung als erster das Wort, indem er also sprach: »Schlimm ist es, daß wir weder ein Schreiben, noch irgend ein anderes Zeugnis gegen die Komture in Händen haben. Denn wenn gleich unsere Vermutung richtig erscheint, wenn auch nach meiner Ansicht keine anderen als sie die Tochter Jurands entführt haben, was nützt dies alles? Sie werden sich weiß zu waschen wissen. Und so der Großmeister nach irgend einem Beweis fragt, was kann ihm vorgewiesen werden? Traun, das Schreiben Jurands zeugt ja noch zudem für sie. – Du behauptest zwar,« fuhr er nach kurzer Pause zu Zbyszko gewendet fort, »das Schreiben sei Jurand abgezwungen worden. Dies mag wohl sein, ja, dies ist gewiß der Fall, denn wenn das Recht auf ihrer Seite wäre, hätte Dir Gott nicht seinen Schutz gegen Rotgier verliehen. Doch ebenso gut wie ihm ein Schreiben abgenötigt worden sein kann, mag er sich auch zu einem zweiten verstanden haben. Vielleicht hat ihnen Jurand bezeugt, daß sie unschuldig an der Entführung des bedauernswerten Mägdleins sind. Und angenommen, sie legen ein solches Zeugnis dem Großmeister vor, was dann?« »Sie selbst gestanden ja zu, erlauchter Herr, daß sie Danusia den Räubern entrissen und nunmehr in ihrer Obhut haben.« »Ich weiß es. Allein jetzt erklären sie, in einem Irrtum befangen gewesen zu sein. Nicht Danusia, sondern ein anderes Mägdlein stehe unter ihrem Schutz, behaupten sie, und der beste Beweis hierfür sei der, daß Jurand selbst letzteres von sich gewiesen habe.« »Er wies es von sich, weil sie ihm eine fremde Maid statt seiner Tochter vorführten. Dadurch erregten sie ja eine solche Wut in ihm.« »Das ist alles richtig. Nichtsdestoweniger werden sie erklären, dies beruhe einzig und allein auf unseren Mutmaßungen.« »Ihre Ränke,« warf hier Mikolaj aus Dlugolas ein, »lassen sich mit einem Walde vergleichen. Am Rande des Waldes findet man sich noch zurecht, je tiefer man jedoch in das Dickicht dringt, desto schwieriger wird dies, und schließlich irrt man so lange umher, bis man den Weg ganz und gar verloren hat.« Kaum hatte aber der Redende seine Worte dem Herrn de Lorche verdeutscht, so erklärte dieser: »Der Großmeister ist weit besser als die Komture und als die Brüder. Wohl besitzt er einen verwegenen Geist, allein er hält auf ritterliche Ehre.« »So ist es!« ließ sich Mikolaj vernehmen. »Der Großmeister ist ein leutseliger Mann. Er versteht es zwar nicht, die Komture oder das Kapitel im Zaume zu halten, noch den Ausschreitungen des Ordens zu steuern, allein Freude findet er nicht daran. Macht Euch auf den Weg, macht Euch auf den Weg, Ritter de Lorche, und gebt ihm Kunde von dem, was hier geschehen ist. Vor Fremden nehmen sie sich mehr in acht, als vor uns, damit nicht an ausländischen Höfen ihre Tücke, ihre Schandthaten ruchbar werden. Sollte aber der Meister Beweise von Dir fordern, dann sprich also zu ihm: ›Nur Gott allein kennt die Wahrheit, die Menschen müssen sie erforschen; willst Du daher Beweise, o Herr, so forsche darnach. Laß die Burgen untersuchen, die Leute verhören und gestatte uns, all das zu unternehmen, was wir für gut finden. Ein albernes Märchen ist es, daß das Jungfräulein im Walde von Räubern geraubt worden sein soll‹.« »Ein albernes Märchen!« wiederholte de Lorche. »Denn Räuber würden es niemals gewagt haben, die Hände gegen ein Glied des fürstlichen Hofes oder gegen die Tochter Jurands zu erheben. Angenommen aber, sie hätten sich des Mägdleins bemächtigt, so wäre dies doch nur des Lösegeldes wegen geschehen und sie selbst hätten die Kunde gebracht, daß das Jungfräulein in ihrer Gewalt sei.« »Das werde ich alles vorbringen,« erklärte der Lothringer. »De Bergow suche ich sofort auf. Wir stammen aus einem Lande und wenngleich ich ihn auch nicht kenne, weiß ich doch, daß er ein Blutsverwandter des Grafen Geldryi ist. Er soll daher dem Meister über alles berichten, was er erlebt und gesehen hat, denn er ist in Szczytno gewesen.« Da Zbyszko nur wenig von dem verstand, was der Lothringer sagte, verdolmetschte ihm Mikolaj das, was er nicht verstand. Daraufhin umfaßte der junge Ritter den Herrn de Lorche und preßte ihn so ungestüm an die Brust, daß letzterer geradezu stöhnte. Der Fürst aber fragte Zbyszko: »Und Du bist endgültig entschlossen, Dich ebenfalls auf den Weg zu machen?« »Endgültig, wohledler Herr. Was bleibt mir auch anderes zu thun übrig? Könnte ich, wie ich wollte, würde ich Szczytno stürmen, trotzdem ich mir vielleicht die Zähne an den Mauern ausschlüge! Darf ich aber ohne Erlaubnis einen Krieg heraufbeschwören?« »Wer ohne Ermächtigung einen Krieg hervorruft, der büßt dafür unter dem Schwerte des Henkers!« ergriff der Fürst das Wort. »So will es das Gesetz!« antwortete Zbyszko. »Traun, ich könnte auch alle vor Gericht laden, welche in Szczytno gewesen sind, allein man sagte mir, Jurand habe sie dort wie das Vieh hingeschlachtet, und nun weiß ich nicht, wer noch am Leben ist, wer erschlagen ward ... Doch, so wahr mir Gott und das heilige Kreuz beistehen, so wahr harre ich bis zu meinem letzten Atemzuge bei Jurand aus!« »Trefflich sprichst Du – so frommt es Dir,« warf Mikolaj aus Dlugolas ein. »Und daß Du Dich nicht auf Szczytno warfst, ist ein Beweis für Deinen Verstand. Denn thöricht wäre es, zu mutmaßen, daß sich Jurand und dessen Tochter dort befinden. Viel wahrscheinlicher ist es, daß sie in irgend eine andere Burg überführt worden sind. Gott verlieh Dir den Sieg über Rotgier, weil Du Dich hier einstelltest.« »So ist es!« stimmte der Fürst bei. »Doch nach dem, was mir von Rotgier gemeldet ward, ist nunmehr von den vier Brüdern nur noch der alte Zygfryd am Leben, während die andern Gott durch Jurands oder durch Deine Hand schon bestrafte. Was aber Zygfryd anbelangt, so ist er zwar kein Schurke wie jene, allein seine Grausamkeit übersteigt jedes Maß. Schlimm genug ist's daher, daß Jurand und Danusia in seiner Gewalt sind – sie müssen so rasch wie möglich befreit werden. Damit Dir selbst nichts Schlimmes zustößt, gebe ich Dir ein Schreiben an den Meister mit. Höre genau auf das, was ich Dir sage, und bedenke, daß Du nicht als Gesandter, sondern als Vertrauter zu dem Meister ziehst, an den ich folgendes schreibe: ›Da sie sich seiner Zeit sogar unserer Person, dem Abkömmling ihrer Wohlthäter, bemächtigt haben, so ist es um so wahrscheinlicher, daß sie die Tochter Jurands entführten, auf den sie ganz besonders erbost sind. Es geht daher die Bitte an den Meister, um den Befehl, sofort Nachforschungen nach ihr anzustellen und sie in Deine Hände auszuliefern, so er sich meine Freundschaft sichern will‹.« Kaum hatte Zbyszko diese Worte vernommen, warf er sich dem Fürsten zu Füßen und rief, dessen Knie umfassend: »Und Jurand, gnädigster Herr? Verwendet Euch auch für ihn! Wenn er tödlich verwundet ist, möge er doch wenigstens auf seinem Erbe, bei seinen Kindern sterben!« »Jurands wird nicht vergessen!« entgegnete gütig der Fürst. »Der Meister hat ebenso wie ich zwei Schiedsrichter auszustellen, welche die Handlungsweise der Komture und Jurands nach den ritterlichen Ehrengesetzen prüfen sollen. Diese vier Schiedsrichter aber werden noch einen weiteren als Obmann wählen und ihrem Urteilsspruche muß sich jeder fügen.« Damit war die Beratung zu Ende. Zbyszko verabschiedete sich von dem Fürsten, wollte er sich doch sofort auf den Weg machen. Bevor indessen alle auseinander gingen, nahm Mikolaj aus Dlugolas, der die Kreuzritter genau kannte, den jungen Kämpen auf die Seite und fragte: »Wie ist es mit dem Böhmen, Deinem Knappen? Willst Du ihn mit Dir zu den Deutschen nehmen?« »Er wird mich sicherlich nicht verlassen wollen. Doch weshalb fragt Ihr?« »Weil er mich jammert. Er ist ein tüchtiger Bursche, drum merk nun auf das, was ich Dir sage: Du wirst mit heiler Haut aus Marienburg zurückkehren, es sei denn, daß Du dort im Zweikampfe auf einen überlegenen Gegner stoßest, der Böhme aber geht einem sicheren Verderben entgegen.« »Weshalb glaubt Ihr das?« »Weil die Weißmäntel ihn der Ermordung des Herrn de Fourcy zeihen. Sie haben jedenfalls dem Großmeister von dessen Tod geschrieben und sicherlich behauptet, der Böhme sei der Urheber des Mordes. In Marienburg vergiebt man ihm diese vermeintliche Schuld nicht. Man wird ihm den Prozeß machen, ihn verurteilen, denn wie kannst Du den Großmeister von Hlawas Unschuld überzeugen? Dazu kommt auch noch, daß er Danveld das Handgelenk verdreht hat, Danveld aber war ein Blutsverwandter des Großmeisters der Johanniter. Gar leid ist es mir um den Burschen, und ich wiederhole es nochmals, daß er einem sicheren Tod entgegengeht, so er Dir folgt.« »Ihm droht keine Gefahr, denn er bleibt in Spychow zurück.« Doch es kam ganz anders. Durch mannigfache Gründe wurde das Verbleiben des Böhmen in Spychow vereitelt. Zbyszko und de Lorche machten sich am nächsten Morgen mit ihrem Gefolge auf den Weg. De Lorche, der durch Pater Wyszoniek von dem Eide freigesprochen war, mit dem er sich Ulrika de Elner angelobt hatte, trat glückselig und ganz erfüllt von der Holdseligkeit Jagienkas aus Dlugolas die Fahrt an, auf der er sich infolgedessen recht schweigsam verhielt. Er und Zbyszko konnten sich zudem nur schwer mit einander verständigen. So war denn letzterer darauf angewiesen, mit Hlawa über Danusia zu sprechen, wodurch der Knappe auch von der beabsichtigten Fahrt nach Marienburg Kenntnis erhielt, von der er bisher nichts gewußt hatte. »Ich gehe nach Marienburg,« teilte ihm Zbyszko mit, »und Gott allein weiß, wann ich zurückkehren werde. Vielleicht geschieht dies bald, vielleicht im Frühling oder in einem Jahre, vielleicht komme ich niemals zurück. Verstehst Du mich?« »Ich verstehe alles. Ihr, gnädigster Herr, wollt dort gewiß die Ritter zum Zweikampfe fordern. Lob und Preis sei Gott dafür, denn sicherlich hat jeder Ritter auch einen Knappen.« »Nein,« antwortete Zbyszko, »nicht um zu kämpfen ziehe ich aus, es sei denn, daß ich selbst herausgefordert werde. Du aber folgst mir nicht nach Marienburg, Du bleibst in Spychow.« Diese Worte kränkten den Knappen aufs tiefste. Anfänglich jammerte er kläglich, dann aber bat er seinen jungen Herrn, ihn doch nicht zu verbannen. »Ich habe geschworen,« erklärte er, »niemals von Euch zu weichen, gnädigster Herr; auf das Kreuz und auf meine Ehre habe ich diesen Eid geleistet. Und wenn Euch, gnädigster Herr, ein Unfall begegnen sollte, wie dürfte ich jemals wieder meiner Herrin in Zgorzelic unter die Augen treten? Geschworen habe ich es ihr, o Herr! Deshalb erbarmt Euch meiner, damit ich nicht mit Schimpf und Schande beladen, vor ihr erscheinen muß.« »Hast Du ihr aber nicht auch gelobt, mir gehorsam zu sein?« fragte Zbyszko. »In allem soll ich Euch Gehorsam leisten, nur verlassen soll ich Euch nicht. Wenn Ihr, gnädigster Herr, daher mich von Euch weist, muß ich Euch in geringer Entfernung folgen, um, so dies nötig wäre, sofort bei der Hand zu sein.« »Ich weise Dich nicht von mir und werde Dich niemals von mir weisen!« antwortete Zbyszko. »Doch ich wäre ja geradezu geknechtet, wenn ich Dich nicht an irgend einen entfernt gelegenen Platz schicken, wenn ich mich selbst nicht auf einen Tag von Deiner Gegenwart befreien könnte. Du wirst doch nicht beständig hinter mir stehen wollen, wie der Henker hinter einer armen Seele? Und wie willst Du mir im Kampfe beistehen? Ich spreche nicht vom Kriege, denn in der Schlacht streiten die Menschen scharenweise, allein im Einzelkampfe kannst Du mir doch nichts nützen. Wäre Rotgier der Stärkere gewesen, so befände sich seine Rüstung nicht auf unserem Wagen, sondern die meine auf dem seinen. Keinen Vorteil würde mir Deine Anwesenheit in Marienburg bringen, nein, Unheil könnte mir nur daraus erwachsen.« »Wie meint Ihr das, gnädigster Herr?« All das, was Mikolaj aus Dlugolas ihm mitgeteilt hatte, erzählte nun Zbyszko dem Fragenden und sagte ihm, daß er, Hlawa, von den Komturen, die jede Schuld von sich abzuwälzen versucht hatten, des Mordes an Herrn de Fourcy beschuldigt worden sei, weshalb ihn sicherlich die Rache der Kreuzritter treffen werde. »Und wenn sie Dich greifen,« fügte Zbyszko schließlich hinzu, »werde ich Dich doch nicht ihrer Rache überlassen. Mit meinem Kopfe müßte ich es aber dann bezahlen.« Mit düsterer Miene lauschte der Böhme diesen Worten, deren Wahrheit er nur zu wohl erkannte. Trotzdem versuchte er es aber nochmals, seiner Bitte Gehör zu verschaffen. »Von all denen, die mich sahen, ist keiner mehr am Leben,« warf er ein, »denn wie mir gesagt ward, hat der Gebieter von Spychow gar viele erschlagen, und Rotgier fiel durch Euere Hand.« »Die Knechte sahen Dich, die jenen voranzogen, auch lebt der alte Kreuzritter Zygfryd noch und befindet sich sicherlich in Marienburg. Ist dies aber nicht der Fall, so wird ihn der Großmeister gewiß dahin berufen. Das gebe Gott!« Darauf ließ sich nichts mehr sagen. Das Gespräch verstummte, und schweigend zogen nun Ritter und Gefolge bis nach Spychow. Dort trafen sie die ganze Besatzung der Burg zum Kampfe gerüstet, weil der alte Tolima nicht anders dachte, als daß entweder die Kreuzritter einen Ueberfall machen würden, oder daß Zbyszko nach seiner Rückkunft mit den Mannen zur Rettung Jurands ausziehen werde. An allen Uebergängen über die Sümpfe, auf den Wällen der Burg standen Wachen, die kriegsgewohnten Mannen harrten voll Ungeduld auf die Deutschen, von denen sie reiche Beute zu gewinnen hofften. Zbyszko und de Lorche wurden von dem Priester Kaleb empfangen, der ihnen nach dem Nachtmahle das mit Jurands Siegel versehene Pergament zeigte, auf welches er eigenhändig den letzten Willen des Gebieters von Spychow geschrieben hatte. »In der Nacht, bevor er sich nach Szczytno auf den Weg machte, sagte er mir alles Wort für Wort vor. Traun, er glaubte nicht an seine Rückkehr.« »Warum sagtet Ihr von all dem nichts?« »Wie durfte ich dies, da mir Jurand seine Plane als Beichtgeheimnis anvertraute? Verleihe ihm die ewige Seligkeit, o Herr, und laß ihm das ewige Licht leuchten.« »Sprecht dies Gebet nicht für ihn,« wendete Zbyszko ein, »er lebt noch. Ich weiß dies aus dem Munde des Kreuzritters Rotgier, mit dem ich einen Waffengang an dem fürstlichen Hofe hatte. Das Gottesgericht hat zwischen uns entschieden – er fiel durch meine Hand.« »Damit verringert sich noch die Hoffnung auf Jurands Heimkunft – es sei denn, daß er durch Gottes Macht gerettet werde.« »Mit diesem Ritter hier ziehe ich nun aus, um ihn aus den Händen der Feinde zu befreien.« »Du kennst die Kreuzritter nicht, das unterliegt keinem Zweifel. Ich aber kenne sie, denn ehe Jurand mich zu sich nach Spychow berief, weilte ich während fünfzehn Jahren als Priester in ihren Landen. Nur Gott allein vermag Jurand zu retten.« »Nur er kann uns seine Hilfe angedeihen lassen.« »Amen!« Pater Kaleb entrollte nun das Dokument, um es vorzulesen. Jurand vermachte darin all seinen Grund und Boden, all sein Hab und Gut Danusia und deren Nachkommen, setzte jedoch für den Fall, daß seine Tochter kinderlos sterben würde, deren Ehegemahl Zbyszko aus Bogdaniec zum alleinigen Erben ein. Zum Schlüsse stellte er diesen seinen letzten Willen dem Schutze des Fürsten anheim, damit, wenn irgend eine Bestimmung gegen das Gesetz verstoßen würde, diese Bestimmung durch die Gnade des Fürsten zum Gesetze erhoben werde. Der Zusatz war deshalb beigefügt worden, weil Pater Kaleb nur das Kirchenrecht, Jurand aber, dem Kampf und Krieg einzig und allein im Sinne gelegen war, nur die ritterlichen Gesetze kannte. Allein nicht nur Zbyszko las der Priester das Dokument vor, sondern auch den ältesten Mannen der Besatzung von Spychow, die sofort den jungen Ritter als Erben anerkannten und ihm Treue und Gehorsam gelobten. Sie hofften auch, daß Zbyszko unverweilt mit ihnen zur Rettung ihres alten Gebieters ausziehen werde und freuten sich darob, denn tapferen Sinnes, sehnten sie sich stets nach Kampf und Krieg, und warmen Herzens hingen sie Jurand an. Große Betrübnis ergriff daher alle, als sie vernahmen, daß sie in Spychow bleiben sollten, daß ihr junger Gebieter nur mit einem kleinen Gefolge und nicht eines Krieges wegen, nein, nur um Klage zu erheben, nach Marienburg ziehen wolle. Diesen ihren Kummer teilte der Böhme Glowacz, wenngleich er andererseits hocherfreut war über die bedeutende Vermehrung von Zbyszkos Besitztümern. »Hei, keiner wird sich so darüber freuen wie der alte Herr aus Bogdaniec!« rief er. »Auch hier würde er zu schalten und zu walten wissen! Was aber ist Bogdaniec im Vergleich mit einem solchen Erbe!« Wie fast stets, wenn er sich in einer traurigen oder schwierigen Lage befand, wurde Zbyszko auch jetzt wieder von großer Sehnsucht nach seinem Oheim erfaßt, und sich zu dem Knappen wendend, sagte er ohne langes Ueberlegen: »Was hast Du hier so unnütz umherzusitzen. Du gehst nach Bogdaniec und überbringst ein Schreiben.« »Wenn ich Euch, gnädigster Herr, doch nicht begleiten darf, wünsche ich mir nichts sehnlicher, als dorthin zu kommen!« antwortete der Böhme hoch erfreut. »Entbiete Pater Kaleb zu mir. Er soll der Wahrheit gemäß alles berichten, was sich ereignet hat. Der Ohm aber kann sich das Schreiben von dem Probst aus Kresno oder von dem Abte vorlesen lassen, falls sich letzterer in Zgorzelic befindet.« Da mit einem Male strich sich Zbyszko über seinen keimenden Schnurrbart und fügte nachdenklich und wie zu sich selbst redend, hinzu: »Traun! Der Abt!« Wie mit einem Zauberschlage heraufbeschworen, stand Jagienka vor seinem geistigen Auge – blauäugig, dunkelhaarig, frisch wie eine junge Hindin, allein mit thränenüberströmten Wangen. Kummervoll rieb sich der junge Kämpe etliche Minuten die Stirn, dann jedoch murmelte er, wie um sich selbst zu beruhigen: »Gar betrübt wird das Mägdlein sein, doch auch mich bewegt dies alles sehr!« Mittlerweile war der Priester Kaleb in das Gelaß getreten und hatte sich zum Schreiben niedergesetzt. Zbyszko sagte ihm Wort für Wort vor und gab eine ausführliche Schilderung von all dem, was sich seit seinem Eintreffen in dem Jagdhofe ereignet hatte. Auch nicht die kleinste Einzelheit verschwieg er, sagte er sich doch, wie beglückt der alte Macko durch einen genauen Einblick in all diese Verhältnisse sein werde. Bogdaniec konnte ja in der That mit Spychow, diesem ausgedehnten und reichen Besitztum nicht verglichen werden, und der junge Kämpe wußte sehr wohl, welchen Wert sein Oheim auf Reichtum legte. Nachdem nach großer Mühe und Anstrengung der Brief beendet und mit einem Siegel geschlossen war, beschied Zbyszko aufs neue seinen Knappen zu sich, um ihm das Schreiben mit den Worten zu übergeben: »Vielleicht kehrst Du mit dem Ohm hierher zurück. Große Freude würde mir dies bereiten.« Doch über die Züge des Böhmen flog es wie ein Schatten. Unschlüssig trat er von einem Fuße auf den andern, wobei er so verlegen darein schaute, daß der junge Ritter sagte: »Hast Du mir noch etwas mitzuteilen, so rede!« »Ich möchte noch eines wissen, gnädigster Herr! Ich möchte wissen – nun – was soll ich antworten, wenn ich von verschiedenen Leuten befragt werde –« »Von verschiedenen Leuten?« »Ich meine damit nicht die Bewohner von Bogdaniec, sondern die aus der Nachbarschaft. Sicherlich werden sie alles wissen wollen.« Daraufhin schaute Zbyszko, der längst beschlossen hatte, nichts mehr geheim zu halten, seinen Knappen scharf an, indem er entgegnete: »Bei Dir handelt es sich nicht um verschiedene Leute, sondern einzig und allein um Jagienka aus Zgorzelic.« »Nur um sie, o Herr!« ließ sich der Böhme vernehmen, während tiefe Röte mit tödlicher Blässe auf seinem Antlitz wechselte. »Weißt Du denn, ob sie sich nicht schon mit Cztan aus Rogow oder mit Wilk aus Brzozow vermählt hat?« »Jagienka hat sich mit keinem der beiden vermählt!« warf Hlawa in bestimmtem Tone ein. »Wenn aber der Abt darauf bestanden haben sollte?« »Der Abt hat sich noch stets dem Willen des Jungfräuleins gefügt.« »Was willst Du also wissen? Erzähle ihr die Wahrheit wie allen andern.« Sich vor dem jungen Ritter neigend, entfernte sich der Knappe in gedrückter Stimmung. »Wollte Gott,« murmelte er vor sich hin, an Zbyszko denkend, »sie könnte Deiner vergessen! Wollte Gott, sie fände einen besseren Ehegemahl als Dich! Doch wenn sie Deiner auch nicht vergessen hat, was schadet das ihr? Wohl bist Du vermählt, doch Dein Eheweib ist Dir fern, ja, vielleicht ist es der Wille Gottes, daß Du Danusia verlierst, bevor Du die Ehe vollzogen hast!« So groß nun auch die Treue war, mit der Hlawa dem jungen Ritter anhing, so groß das Mitleid war, das er für Danusia empfand, liebte er doch Jagienka über alles in der Welt. Seit er daher vor dem letzten Kampfe in Ciechanow von der Vermählung Zbyszkos vernommen hatte, trug er Schmerz und Bitterkeit im Herzen. »Gebe Gott, daß Dir Danusia verloren ist!« murmelte er abermals vor sich hin. Nach und nach regten sich aber doch mildere Gedanken in ihm, denn als er zu seinem Pferde trat, sagte er: »Gelobt sei Gott dafür, daß ich die Knie meiner Herrin umfassen darf!« Von fieberhafter Ungeduld ergriffen, konnte Zbyszko kaum den Augenblick des Aufbruchs erwarten, war doch sein ganzes Sinnen und Trachten auf Danusia und Jurand gerichtet. Er litt geradezu Qualen, allein es blieb ihm nichts übrig, als wenigstens eine Nacht in Spychow zu verbringen, teils aus Rücksicht für Herrn de Lorche, teils wegen der Vorbereitungen, die eine solch lange Fahrt erforderte. Außerdem war er selbst durch den Kampf, die Erregung, den Mangel an Schlaf und durch den unaufhörlichen Kummer aufs tiefste ermattet. So warf er sich denn, freilich in später Nacht, auf das harte Lager Jurands, in der Hoffnung, daß ihn ein kurzer Schlaf erquicken werde. Bevor er indessen einschlummerte, klopfte Sanderus an die Thüre und trat zu ihm in die Kemenate. »O Herr!« begann er, sich tief verneigend, »Ihr habt mich vom Tod errettet, bei Euch habe ich ein menschenwürdigeres Dasein geführt als je zuvor. Gott hat Euch mit einem gewaltigen Besitztum bedacht, Euch großen Reichtum verliehen, denn die Schatzkammer in Spychow ist nicht leer. Gebt mir eine volle Geldkatze, und ich will trotz der mir dabei drohenden Gefahr von Burg zu Burg in Preußen ziehen und sehen, ob ich Euch nützen kann.« Wenn Zbyszko seiner ersten Regung gefolgt wäre, hätte er Sanderus aus der Stube gewiesen, kaum aber hatte er dessen Worte vernommen, zog er aus einer neben dem Lager stehenden ledernen Tasche für die Reise einen großen Beutel, warf diesen dem Sprechenden zu und sagte: »Hier nimm, und nun gehe! Bist Du ein Schurke, wirst Du mich betrügen, bist Du ehrlich, kannst Du mir nützen.« »Gar schlau weiß ich die Menschen zu betrügen,« erklärte Sanderus, »Euch aber betrüge ich nicht, o Herr, Euch diene ich ehrlich.« Siebentes Kapitel. Zygfryd de Löwe rüstete sich gerade für seine Fahrt nach Marienburg, als ihm der Postbote ganz unerwartet ein Schreiben Rotgiers überbrachte, das gar mancherlei Kunde über den masovischen Hof enthielt. Diese Nachrichten versetzten den alten Kreuzritter allgemach in die höchste Erregung. Vor allem war aus dem Briefe zu ersehen, daß Rotgier die Sache gegen Jurand dem Fürsten Janusz vortrefflich dargelegt und sie mit großer Geschicklichkeit vertreten hatte. Wohl lächelte Zygfryd, als er las, jener habe von dem Fürsten verlangt, daß Spychow als Entschädigung für das dem Orden zugefügte Unrecht den Kreuzrittern zu Lehen gegeben werde. Allein der zweite Teil des Schreibens enthielt unerwartete und weniger angenehme Berichte. Rotgier teilte nämlich ferner mit, er habe, um die Unschuld des Ordens an der Entführung von Jurands Tochter zu beweisen, den Rittern von Masovien seinen Handschuh hingeworfen und jeden Zweifler zum Zweikampfe vor ein Gottesgericht im Beisein des ganzen Hofes gefordert. »Keiner hob den Handschuh auf,« schrieb Rotgier weiter, »denn alle wußten, daß Jurand in seinem Schreiben Zeugnis für uns abgelegt hatte. Sie fürchteten daher das Gottesgericht. Da mit einem Male trat der junge Kämpe in den Kreis, den wir auf dem Jagdhofe gesehen haben, und nahm den Handschuh von der Erde. Seid daher nicht überrascht, wenn sich meine Rückkehr verzögert. Ich muß mich zu dem Kampfe stellen, da die Forderung von mir ausgegangen ist. Für die Ehre des Ordens gehe ich in diesen Streit, deshalb gebe ich mich der Hoffnung hin, der Großmeister werde mir diesen Schritt vergeben, wie Ihr ihn mir vergeben werdet, Ihr, den ich verehre, den ich mit dem Herzen eines Sohnes liebe. Mein Gegner ist ein junges unreifes Menschlein. Ich aber bin, wie Ihr wißt, an Kampf und Streit gewöhnt. Nicht schwer wird es mir daher fallen, das Blut meines Widersachers zum Ruhme des Ordens zu vergießen.« Das größte Staunen rief bei dem alten Zygfryd die Kunde hervor, daß Jurands Tochter vermählt sei. Der Gedanke, nun werde sich ein neuer, mächtiger und rachgieriger Feind in Spychow festsetzen, erregte sogar in dem bejahrten Komtur eine gewisse Unruhe. »Zweifellos,« sagte er sich selbst, »wird er auf Rache sinnen. Grimmige Rache wird er nehmen, sobald er sein Weib wieder gefunden und von ihr vernommen hat, daß sie durch uns von dem Jagdhofe entführt ward. Unverweilt würde es sich ja dann zeigen, weshalb wir Jurand zu uns entboten haben, daß wir dies nur thaten, um ihn zu verderben, ohne je den Gedanken gefaßt zu haben, ihm die Tochter zurückzugeben.« In Zygfryd regte sich auch sofort die Ueberzeugung, der Großmeister werde auf das Schreiben des Fürsten hin eine Untersuchung in Szczytno anordnen, um sich dadurch selbst vor Janusz zu rechtfertigen, war es doch für den Großmeister und das Kapitel von höchster Bedeutung, wenn sich in einem Kriegsfalle mit dem mächtigen König von Polen die masovischen Fürsten jeder Parteinahme enthielten. Denn ganz abgesehen von der Macht dieser Fürsten, gebot es sich schon durch die große Zahl masovischer Edeln und in Anbetracht von deren unendlicher Tapferkeit, keine Geringschätzung gegen Janusz und dessen Bruder an den Tag zu legen. Der Frieden mit letzterem bedeutete für die Kreuzritter Sicherheit der Grenze auf weite Strecken hinaus und erleichterte dem Orden eine engere Zusammenziehung seiner Streitkräfte. Gar häufig war dies schon in Marienburg vor Zygfryd verhandelt und der Hoffnung Raum gegeben worden, es werde sich nach dem Siege über den König schon ein Vorwand finden, um gegen Masovien vorzugehen, das dann keine Macht der Welt mehr den Händen der Kreuzritter entreißen könne. Dies war eine ganz klare Berechnung und bildete einen weiteren Grund, weshalb der Großmeister alles zu vermeiden suchte, was den Zorn des Fürsten Janusz erregen konnte. Als Ehegemahl von Kiejstuts Tochter war dieser weit schwerer zu behandeln, als Ziemowit aus Plock, dessen Weib dem Orden rückhaltlos anhing, ohne daß eine besondere Ursache dafür bekannt gewesen wäre. Trotz seines Ehrgeizes für den Ruhm des Ordens regte sich in dem alten Zygfryd das Gewissen. »Wäre es vielleicht nicht ratsamer, Jurand und dessen Tochter freizulassen?« fragte er sich. »Schmach und Schande würde zwar dann dem Namen Danvelds anhaften, doch er ist ja nicht mehr am Leben. Und selbst wenn der Großmeister mich und Rotgier, die wir ja an allen Thaten Danvelds teilgenommen haben, zur Rechenschaft ziehen wollte, gereichte dies vielleicht zum Vorteile des Ordens!« Allein schon der Gedanke an Jurand versetzte das rachedurstige Herz des Kreuzritters in Aufruhr. Wie, sollte er ihn wirklich freigeben, diesen Bedrücker, diesen Henker der Ordensbrüder, den Sieger in zahllosen Treffen, den Urheber schmachvoller Scharmützel, den triumphierenden Gegner, ja, den Mörder Danvelds, den Bezwinger de Bergows, den Mörder Majnegers, den Mörder von Godfryd und Hugo, ihn, der in Szczytno mehr deutsches Blut vergossen hatte, als in irgend welchen Kriegsläuften vergossen worden war. »Ich vermag es nicht, ich vermag es nicht!« murmelte Zygfryd vor sich hin, während sich seine Finger zusammenkrampften und sein Atem sich nur mühsam der eingefallenen Brust entrang. Und doch, wenn die Freilassung zum Nutzen, zum Ruhm des Ordens gereichte? Wenn die Strafe, welche die noch lebenden Miturheber des Verbrechens treffen würde, den bis jetzt feindlich gesinnten Fürsten Janusz versöhnen und einen Vergleich, ja, den Frieden herbeizuführen im stande wäre? »Wohl sind sie aufbrausend,« fuhr der alte Komtur in seinem Selbstgespräche fort, »sobald man ihnen jedoch auch nur ein klein wenig entgegen kommt, vergessen sie rasch die erlittenen Kränkungen. Fürst Janusz hat sich in keiner Weise gerächt, obgleich er auf seinem eigenen Grund und Boden aufgegriffen worden ist!« Im tiefsten Innern erregt, schritt Zygfryd in der Halle hin und her. Schließlich stand er vor dem Kruzifixe still, das gegenüber der Thüre zwischen zwei Fenstern hing und fast die ganze Höhe der Wand einnahm. Hier warf er sich plötzlich auf seine Knie und sprach also: »Erleuchte mich, o Herr, belehre mich, o Herr, denn ich weiß nicht, was mir zu thun obliegt. Gebe ich Jurand und dessen Tochter frei, dann wird unsere That in ihrer ganzen Nacktheit enthüllt werden. Kein Mensch wird sagen: Danveld hat dies gethan, oder Zygfryd that dies, nein alle werden in den Ruf einstimmen: die Kreuzritter sind die Urheber davon. Schmach und Schande werden den Orden treffen, noch größer wird der Haß des Fürsten werden. Doch wenn ich jene nicht freigebe, wenn ich sie im Kerker verborgen halte, wenn ich sie töte, bleibt dann nicht der Verdacht auf dem Orden haften, muß ich dann nicht vor dem Großmeister meine Lippen mit einer Lüge beflecken? Was soll ich beginnen, o Herr! Lehre Du es mich, erleuchte mich! Wenn Rachedurst mich verzehrt, o so richte in Deiner Barmherzigkeit! Nun aber lehre mich, erleuchte mich! Um Deinen Orden handelt es sich, was Du befiehlst, das will ich thun, selbst wenn ich in einem Kerker und in Ketten auf den Tod oder auf die Befreiung harren müßte!« Die Stirn an das Kreuz gepreßt, betete Zygfryd noch lange inbrünstig, ohne daß es ihm zum Bewußtsein gekommen wäre, sein Gebet sei verwerflich, sei eitel Gotteslästerung. Als er sich endlich erhob, war er gefaßter, in sich geklärter. Eine große Gnade, so dünkte ihn, sei ihm zu teil geworden, er glaubte eine Stimme von oben vernommen zu haben, die ihm zurief: »Stehe auf und harre auf die Rückkehr Rotgiers.« Ja, das mußte er thun. »Nach dem Siege Rotgiers über den jungen Fant,« so sagte sich Zygfryd, »steht es bei jenem, Jurand und dessen Tochter noch länger verborgen zu halten oder freizugeben. Voraussichtlich wird der Fürst auch in ersterem Falle der beiden nicht vergessen, da ihm aber jeder Beweis dafür fehlt, von wem das Mägdlein entführt ward, bleibt ihm nichts übrig als Nachforschungen anzustellen, ein Schreiben an den Großmeister zu senden, nicht mit einer Anklage, nein, mit der Bitte um Untersuchung – und was wäre die Folge von all diesem? In der ganzen Angelegenheit würde niemals ein Endziel erreicht werden. Im andern Falle würde die Freude über die Rückkehr von Jurands Tochter den Wunsch nach Rache wegen ihrer Entführung ersticken. Uns aber steht dann noch immer die Behauptung frei, wir hätten das Mägdlein erst nach dem fürchterlichen Blutbade in Szczytno gefunden.« Dieser Gedanke beruhigte Zygfryd einigermaßen, besonders da er in Betreff Jurands schon längst gemeinsam mit Rotgier einen Plan entworfen hatte, durch dessen Ausführung Jurand selbst nach seiner Freilassung daran gehindert sein würde, Klage zu führen oder Rache zu nehmen. Voll Freude erinnerte sich jetzt Zygfryd dieses Mittels, und mit Genugthuung gedachte er daran, daß in Ciechanow ein Gottesgericht den blutigen Kampf entscheiden sollte. Keinen Augenblick sorgte er sich daher über dessen Ausgang. Ein Turnier in Königsberg kam ihm in den Sinn, in dem Rotgier zwei berühmte Ritter darniedergestreckt hatte, die in ihrem Heimatlande Anjou als unbesiegbar galten, er erinnerte sich eines Kampfes bei Wilno mit einem polnischen Ritter, einem der Mannen von Spytko aus Melsztyn, der auch von Rotgier erschlagen worden war. Sein Antlitz strahlte, sein Herz ward von Stolz geschwellt, hatte er doch dem jetzt schon mit Ruhm bedeckten Ritter Rotgier die ersten Anleitungen in der Kriegsführung gegen die Litauer gegeben. So liebte er ihn denn auch gleich einem Sohne, er liebte ihn mit der Innigkeit, deren nur solche Menschen fähig sind, die lange Jahre hindurch gezwungen waren, die Sehnsucht nach der Allgewalt der Liebe in ihrem Herzen zu verbergen. Und nun stand dieser geliebte Sohn im Begriff, abermals das Blut eines verhaßten Feindes zu vergießen, um dann mit Ruhm bedeckt zurückzukehren. »Das Gottesgericht wird für ihn entscheiden,« sagte sich Zygfryd, »und kein Verdacht mehr wird auf dem Orden lasten! Das Gottesgericht!« Plötzlich regte sich in dem Herzen des alten Mannes ein unbestimmtes Angstgefühl. In diesem todbringenden Kampfe stritt Rotgier für die Unschuld der Ordensritter – doch er kämpfte für eine Lüge, denn jene waren schuldig. »Wie wenn sich ein Unglück ereignen würde!« murmelte Zygfryd vor sich hin. »Nein, daran ist nicht zu denken. Noch drei Tage, dann kehrt Rotgier zurück – als Sieger kehrt er zurück!« Durch diese Erwägungen allgemach ruhiger geworden, zog nun der alte Kreuzritter den Fall in Betracht, ob es nicht ratsamer wäre, Danusia in eine der entfernteren Burgen bringen zu lassen, welche jedem Angriff der Masuren standhalten konnte. Doch gleich darauf wies er diesen Gedanken wieder von sich. Nur Danusias Ehegemahl konnte einen Ueberfall planen, voraussichtlich war er aber schon unter den Streichen Rotgiers gefallen. Was mochte aber von seiten des Fürsten und der Fürstin geschehen? Sie konnten Nachforschungen anstellen, Schreiben versenden, Klagen vorbringen! Was aber erreichten sie damit! Nichts, als daß sich die Sache noch verwickelter, noch geheimnisvoller gestaltete und kein Ende abzusehen war. »Ehe sie zum Ziele gelangen würden,« dachte Zygfryd, »werde ich tot sein, Jurands Tochter aber wird vielleicht in einem der Kerker des Ordens dahinwelken.« Gleichwohl gab er Befehl, die Burg in Verteidigungszustand zu setzen, die Wege zu bewachen, wußte er doch selbst noch nicht, was nach seiner Beratung mit Rotgier geschehen werde. In solcher Weise gerüstet, harrte er auf dessen Ankunft. Allein die festgesetzte Frist verstrich, ohne daß Rotgier zurückgekehrt wäre. Tag auf Tag verging, keiner seiner Mannen erschien vor dem Thore Szczytnos. Endlich am fünften Tage – es dunkelte bereits – ertönte ein Hornsignal vor dem Turme des Thorwarts. Zygfryd hatte gerade sein Abendgebet vollendet. Sofort entsandte er einen Knaben, um zu hören, wer angelangt sei. Schon nach wenigen Minuten kehrte der Knabe zurück. Da jedoch das Gelaß durch das in einem tiefen Kamine brennende Feuer nur schwach erhellt wurde, bemerkte der alte Kreuzritter die Bestürzung seines Abgesandten nicht. »Sind sie gekommen?« fragte er rasch. »Ja,« erwiderte der Knabe in einem Tone, der Zygfryd sofort beunruhigte. »Und Bruder Rotgier?« »Sie haben ihn hierher gebracht.« Langsam erhob sich Zygfryd von seinem Armstuhl, stützte sich schwer auf dessen Lehne, wie um nicht zu fallen, und sagte mit einer seltsamen, fast erloschenen Stimme: »Reiche mir meinen Mantel!« Der Knabe hing ihm den Mantel um die Schultern. Da richtete sich der alte Kreuzritter, der seine Fassung wiedergewonnen hatte, hoch auf und schritt, die Kapuze über das Haupt ziehend, aus dem Gelasse. Bald befand er sich in dem Burghofe. Es dunkelte schon völlig. Ueber den knirschenden Schnee schritt er auf das Gefolge zu, das noch immer in der Nähe des Thores stand. Pechfackeln, die von einigen Kriegsknechten gehalten wurden, verbreiteten hier etwas Licht. Schon hatte sich eine große Menschenmenge angesammelt. Beim Anblick des alten Ordensbruders wichen die Kriegsknechte zur Seite. In dem Scheine der Pechfackeln zeigten sich allenthalben bestürzte Gesichter, von überall her ließen sich gedämpfte Schreckensrufe vernehmen: »Bruder Rotgier ...« »Bruder Rotgier ist erschlagen ...« Zygfryd näherte sich dem Schlitten, worin, auf Stroh gebettet, ein mit einem Mantel bedeckter Leichnam lag. Rasch hob er den Mantel empor. »Leuchtet!« befahl er hierauf einigen Söldnern, indem er seine Kapuze zurückschob. Ein Kriegsknecht trat mit einer Fackel heran, und vor dem alten Kreuzritter lag Rotgier mit schneeweißem Antlitz, ein dunkles Tuch um das Kinn gebunden, damit der Mund nicht offen bleibe. So klein war das Gesicht geworden, daß er kaum noch zu erkennen war. Bläuliche Flecken zeigten sich an den Schläfen und um die Augen, die durch den Frost erstarrten Wangen glänzten wie Glas. Schweigend blickte der Komtur lange Zeit auf den Toten. Tiefe Stille herrschte, denn alle, die umherstanden, wußten, daß Zygfryd für Rotgier ein Vater gewesen war, daß er ihn innig geliebt hatte. Doch keine Thräne trübte die Augen des alten Kreuzritters. Nur blickte er noch finsterer als gewöhnlich darein und sein Gesicht sah in seiner eisernen Ruhe wie versteinert aus. »So haben sie ihn hierher zurückgebracht!« murmelte er schließlich. Dann wandte er sich an den Burgverwalter und sagte: »Laßt noch vor Mitternacht einen Sarg zimmern, laßt den Toten in die Kapelle tragen.« »Es ist noch einer von den Särgen vorhanden, die ich für die von Jurand Erschlagenen verfertigen ließ,« entgegnete der Verwalter. »Ich muß nur noch den Befehl erteilen, daß dieser Sarg mit Tuch ausgeschlagen werde.« »Und daß man einen Mantel über den Toten breiten solle,« ergriff Zygfryd das Wort, indem er das Gesicht Rotgiers wieder bedeckte, »doch keiner wie dieser hier soll es sein, sondern ein Ordensmantel. Der Deckel aber darf noch nicht geschlossen werden,« fügte er nach kurzer Pause hinzu. Während sich nun die Leute an den Schlitten drängten, zog Zygfryd, sich zum Gehen anschickend, wieder die Kapuze über den Kopf. Plötzlich jedoch schien ihm noch etwas in den Sinn zu kommen, denn er blieb stehen und fragte: »Wo ist van Krist?« »Er wurde auch erschlagen!« antwortete einer der Mannen. »Ihn aber mußte man in Ciechanow bestatten, da er schon in Verwesung überging.« »Es ist gut.« Langsamen Schrittes entfernte er sich. In sein Gemach zurückgekehrt, ließ er sich in dem gleichen Armstuhl nieder, in dem ihm die schlimme Nachricht zugekommen war. Unbeweglich, wie ein Bild von Stein, saß er so, lange, lange. Voll Unruhe schaute der Knabe immer häufiger durch die Thüre. Stunde auf Stunde verrann. Immer stiller wurde es in der Burg, nur von der Kapelle her ertönte dumpfer Hammerschlag. Erst gegen Mitternacht fuhr der alte Kreuzritter aus seinem Brüten empor und rief den Knaben. »Wo ist Bruder Rotgier?« fragte er. Der Knabe, welcher augenscheinlich durch das Geschehene und infolge der durchwachten, unruhvollen Stunden ganz verwirrt war, schaute ängstlich empor, indem er mit zitternder Stimme erwiderte: »O Herr, ich weiß es nicht! ...« Ein herzzerreißendes Lächeln spielte um die Lippen des Greises, als er in mildem Tone sagte: »Ich meinte, Kind, ob er schon in die Kapelle gebracht worden ist.« »Ja, Herr!« »Es ist gut. Sage Diderich, er möge mit einer Laterne hierherkommen und mich hier erwarten. Ein Becken mit Kohlen soll er auch mitbringen. Ist es in der Kapelle hell?« »Zu beiden Seiten des Sarges brennen Kerzen.« Den Mantel umwerfend, entfernte sich Zygfryd. Nachdem er in die Kapelle getreten war, vergewisserte er sich zuerst, ob außer ihm niemand anwesend sei. Dann schloß er behutsam die Thüre, näherte sich dem Sarge, stellte zwei der sechs Kerzen hinweg, welche in hohen, kupfernen Leuchtern brannten, und kniete nieder. Doch seine Lippen blieben krampfhaft geschlossen, er betete nicht. Geraume Zeit hindurch blickte er in das starre, aber jetzt wieder schöne Antlitz Rotgiers, wie wenn er hoffte, doch noch eine Spur von Leben darin zu entdecken. Dann mit einem Male ertönte der schmerzliche Aufschrei in der stillen Kapelle: »Mein Sohn! Mein Sohn!« Und wieder verstummte der Mund des alten Ordensbruders, er schien auf eine Antwort zu harren. Umsonst! Nun schob er seine vertrockneten hageren Finger unter den Mantel, der Rotgiers Brust bedeckte, und tastete umher. Er befühlte die Brust, die Seiten, die Rippen und die Schulterblätter und schließlich entdeckte er unter dem Gewände die klaffende Wunde, die von der rechten Schulter bis zu der Achselhöhle lief. Er preßte seine Finger hinein und führte sie längs der tiefen Wunde hin, während er mit einer Stimme, deren Ton eine gewisse Anklage enthielt, also sprach: ›O wie entsetzlich hat Dich die Streitaxt getroffen! ... Und doch hast Du mir gesagt, Dein Gegner sei noch ein wahres Kind ... Die ganze Schulter! Die ganze Schulter! Wie oft hast Du mit diesem Arme den Orden gegen die Heiden geschützt! Nun aber bist Du von der Streitaxt eines Polen gefällt worden – so mußtest Du enden, ein solches Schicksal war Dir beschicken. Christus ließ Dich nicht seines Segens teilhaftig werden! Nicht kümmert ihn das Heil des Ordens, für die Kränkungen steht er ein, die irgend welchen Menschen zugefügt werden. Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes: Für eine Lüge hast Du gestritten, für eine Lüge bist Du gestorben, ohne daß Dir Deine Sünden vergeben wurden – Deine Seele sei daher‹ ... Die Worte erstarben ihm auf den Lippen. Abermals herrschte eine tiefe Stille in der Kapelle, dann brach Zygfryd wieder in den Aufschrei aus: »Mein Sohn! Mein Sohn!« Gleich einer Bitte klang aber jetzt dieser Ruf und leise, eindringlich, wie wenn jemand ein furchtbares Geheimnis zu ergründen sucht, fuhr Zygfryd fort: »O allbarmherziger Christus! Wenn Du nicht verdammt bist, mein Sohn, gieb mir ein Zeichen. Bewege Deine Hand, öffne noch einmal Deine Augen – der Herzschlag stockt mir in meiner alten Brust. Ich habe Dich sehr geliebt – gieb mir ein Zeichen, sprich! ...« Sich mit der Hand auf eine Ecke des Sarges stützend, richtete er seine stechenden Augen auf Rotgiers geschlossene Lider. Kurze Zeit wartete er auf das erbetene Zeichen, endlich aber hub er von neuem an: »Wahrlich, Du vermagst nicht zu reden. Starr und kalt bist Du, Todesgeruch geht von Dir aus. Da Du aber stumm bleibst, will ich Dir etwas sagen, und Deine Seele möge hier zwischen den brennenden Kerzen weilen und darauf lauschen.« Und sich tief über den Leichnam beugend, flüsterte er: »Der Kaplan hinderte uns daran, Jurand zu töten, mit einem Eid mußten wir ihm dies erhärten. Wohl wirst Du dessen eingedenk sein. Den Schwur muß ich halten, das ist klar. Aber Du sollst Dich freuen, wo Du auch weilen magst, wenn gleich ich selbst dafür verdammt sein werde.« Bei diesen Worten trat er vom Sarge zurück, stellte die Armleuchter, die er weggeschoben hatte, wieder an ihren Platz, bedeckte den Körper und das Antlitz des Toten mit dem Mantel und verließ die Kapelle. An der Thüre der Kemenate lag der ermüdete Knabe in festem Schlummer, innen aber wartete, dem erhaltenen Befehle gemäß, Diderich auf Zygfryd. Es war ein untersetzter, starker Mann mit krummen Beinen und einem eckigen Gesichte, welches zum Teil von einer dunklen, zackigen, über die Schulter fallenden Kapuze verhüllt war. Er trug einen Kaftan aus ungegerbter Büffelhaut, um die Hüften einen Gürtel aus Büffelhaut, worin ein Schlüsselbund und ein kurzes Messer staken. In seiner rechten Hand hielt er eine Blendlaterne, in der linken ein kleines Kupferbecken und eine Fackel. »Bist Du bereit?« fragte Zygfryd. Diderich neigte stumm das Haupt. »Du erhieltest den Befehl, ein mit Kohlen gefülltes Becken zu bringen.« Der stämmige Mann gab wieder keine Antwort, sondern zeigte nur auf die im Kamine brennenden Holzscheite, ergriff eine daneben stehende eiserne Schaufel, holte unter den Scheiten die Kohlen hervor und füllte das Becken damit. Dann zündete er die Laterne an und stand ruhig wartend da. »Höre mich an, Mensch!« sagte Zygfryd. »Einstmals schwatztest Du aus, was Dir der Komtur Danveld anbefahl, und deshalb ließ er Dir die Zunge ausreißen. Weil Du nun dem Kaplan alles, was Du willst, mittelst der Fingersprache mitteilen kannst, verkündige ich Dir hiemit: wenn Du ihm durch eine einzige Bewegung kund thust, was Du auf mein Geheiß vollführen mußt, lasse ich Dich aufhängen.« Abermals neigte Diderich das Haupt, aber sein Gesicht verzerrte sich auf unheilverkündende Weise durch die Erinnerung an jenen Vorgang, denn die Zunge war ihm aus einem ganz anderen Grunde ausgerissen worden, als aus dem von Zygfryd angegebenen. »Gehe jetzt voraus und führe mich zu Jurands Gefängnis.« Der zum Henker Ausersehene umfaßte den Griff des Beckens mit seiner riesenhaften Hand, hob die Laterne in die Höhe und sie verließen die Stube. An dem schlafenden Knaben vorüber gingen sie die Stufen hinunter, wendeten sich jedoch nicht dem Haupteingang zu, sondern begaben sich hinter die Treppe, wo sich ein schmaler Korridor hinzog, der die ganze Breite des Gebäudes einnahm und an dessen Ende sich eine schwere, in einer Mauernische verborgene Pforte befand. Diderich öffnete, und sie traten in einen kleinen Hofraum, der auf vier Seiten von steinernen Lagerhäusern umgeben war, worin man große Vorräte von Getreide für Kriegs- und Belagerungszeiten aufgespeichert hatte. Unter einem dieser Lagerhäuser, auf der rechten Seite, zogen sich die unterirdischen Kerker für die Gefangenen hin. Es stand keine Wache hier, denn selbst wenn ein Gefangener aus seinem Kerker hätte ausbrechen können, wäre er in diesen Hof gekommen, deren einziger Ausgang gerade jene Pforte bildete. »Warte!« sagte Zygfryd. Und sich mit der Hand an der Mauer festhaltend, blieb er stehen, denn er fühlte, daß etwas Eigentümliches in ihm vorging, und daß ihm der Atem fehlte. Es war, wie wenn seine Brust in einen allzu engen Panzer eingeschnürt wäre. Das, was er erlebt hatte, überstieg geradezu seine Kräfte, er fühlte, daß unter der Kapuze große Schweißtropfen auf seine Stirne traten, und er hielt an, um Atem zu schöpfen. Nach einem trüben Tage war eine ungewöhnlich schöne Nacht Nun schob er seine vertrockneten hageren Finger unter den Mantel, der Rotgiers Brust bedeckte, und tastete umher. angebrochen. Der Mond stand am Himmel und übergoß den ganzen Hof mit seinem silbernen Scheine, sodaß der Schnee fast grünlich schimmerte. Zygfryd sog die reine, kalte Luft gierig ein. Aber zugleich erinnerte er sich auch, daß sich Rotgier in solch lichtvoller Nacht nach Ciechanow begeben, und daß man ihn nun als Leichnam zurückgebracht hatte. »Und jetzt liegst Du in der Kapelle!« flüsterte er vor sich hin. In der Meinung, der Komtur spreche mit ihm, hob Diderich die Laterne in die Höhe und betrachtete dessen scharfgeschnittenes, geierähnliches Gesicht, welches furchtbar bleich, fast wie das eines Toten aussah. »Gehe weiter!« sagte Zygfryd. Der gelbe Lichtkreis der Laterne zitterte wieder auf dem Schnee, während sie dahinschritten. In einer Vertiefung der dicken Mauern des Lagerhauses befanden sich einige Stufen, die zu einer großen, eisernen Thüre führten. Diderich öffnete sie und stieg die Treppe in einen dunklen Gang hinunter, wobei er die Laterne hoch hielt, um dem Komtur den Weg zu zeigen. Am Ende der Treppe war ein Korridor, an dessen beiden Seiten ganz niedrige Thüren in die Zellen der Gefangenen führten. »Zu Jurand!« sagte Zygfryd. Nach einer Weile knirschte der Riegel, und sie traten ein. Es war ganz dunkel in dieser Höhle, daher befahl Zygfryd, der bei dem matten Lichte der Laterne nichts zu unterscheiden vermochte, die Fackel anzuzünden, in deren hellem Scheine er dann Jurand auf dem Stroh liegen sah. Dieser hatte Fesseln an den Füßen, und an den Armen Ketten, die lang genug waren, daß er sich selbst Nahrung zuführen konnte. Er trug noch denselben Sack aus grobem Werg, worin er vor den Komtur hingetreten war, aber dies Bußgewand war jetzt mit dunklen Blutflecken bedeckt, denn an jenem Tage, da dem Kampfe erst ein Ende gemacht ward, als man den vor Schmerz und Wut wahnsinnigen Ritter in einem Netze gefangen hatte, wollten die Söldlinge ihn töten und brachten ihm mit ihren Hellebarden mehrere Wunden bei. Der Kaplan von Szczytno verhinderte sie daran, ihr Vorhaben auszuführen. Die Wunden waren zwar nicht tödlich, doch verlor Jurand soviel Blut, daß er halbtot ins Gefängnis gebracht ward. In der Burg glaubten alle, es könne jede Stunde mit ihm zu Ende gehen, aber seine außergewöhnliche Kraft überwand sogar den Tod, und er lebte noch, obgleich seine Wunden nicht verbunden waren und man ihn in dies furchtbare Gefängnis geworfen hatte, wo das Wasser von den Wänden heruntertropfte und in der kalten Jahreszeit die Mauern von einer dicken Eisschichte bedeckt waren. So lag er denn in Ketten auf dem Stroh, machtlos und verwundet, aber dabei sah er noch so gewaltig, so furchterregend aus, daß er, auf diese Weise hingestreckt, das Ansehen eines aus einem mächtigen Felsblock ausgehauenen steinernen Riesen hatte. Zygfryd befahl Diderich, dem Gefangenen ins Gesicht zu leuchten, und eine Weile betrachtete er diesen schweigend, dann wendete er sich wieder zu seinem Begleiter, indem er sagte: »Schau her, nur noch an einem Auge hat er Sehkraft, brenne ihm dies Auge aus.« Eine gewisse Schwäche und Hinfälligkeit machte sich in dem Tone des alten Kreuzritters bemerklich, aber gerade darum klang der furchtbare Befehl noch furchtbarer. Die Fackel zitterte auch ein wenig in der Hand des Henkers, gleichwohl neigte er sie herab und bald fielen große brennende Pechtropfen auf Jurands Auge. Jurands Gesicht zog sich krampfhaft zusammen, unter seinem fahlgelben Schnurrbarte wurden die fest aufeinandergepreßten Zähne sichtbar, aber kein Wort drang über seine Lippen und, war nun Erschöpfung oder war die angeborene Willenskraft seiner gewaltigen Natur schuld daran, er ließ auch keinen Klageton hören. Zygfryd ließ sich nun also vernehmen: »Man versprach Dir, Dich frei dahinziehen zu lassen, und dies wird auch geschehen, aber den Orden wirst Du nicht anklagen können, denn die Zunge, mit der Du ihn gelästert hast, wird Dir herausgerissen werden.« Und wieder winkte er Diderich, dem ein seltsamer Gurgellaut entfuhr, und welcher durch Gebärden kundgab, daß er beide Hände gebrauchen müsse und den Komtur ersuche, ihm zu leuchten. Da nahm der Greis die Fackel und hielt sie mit der ausgestreckten, zitternden Hand, doch als Diderich sich mit den Knien gegen Jurands Brust stemmte, wendete er den Kopf ab und blickte auf die mit Reif bedeckte Wand. Während eines kurzen Augenblickes vernahm man das Klirren der Ketten, schwere, keuchende Atemzuge, etwas wie ein dumpfes Aechzen, dann folgte eine tiefe Stille. Schließlich ließ sich Zygfryds Stimme von neuem hören: »Jurand, die Strafe, welche Du erduldet, war Dir schon längst bestimmt, aber ich gelobte auch Bruder Rotgier, welcher durch den Ehegemahl Deiner Tochter erschlagen ward, Deine rechte Hand in seinen Sarg zu legen.« Da beugte sich Diderich, der sich schon aufgerichtet hatte, abermals über Jurand. Nach einer gewissen Zeit befanden sich der alte Komtur und Diderich wieder in dem vom Mondlicht übergossenen Hofe. Als sie den Korridor durchschritten hatten, nahm Zygfryd die Laterne, sowie einen unförmigen, in einen dunklen Lappen gewickelten Gegenstand aus der Hand des Henkers und sagte laut zu sich selbst: »Jetzt zurück in die Kapelle und dann in den Turm.« Diderich schaute ihn forschend an, doch der Komtur befahl ihm, schlafen zu gehen; er selbst aber schleppte sich, die Laterne in der bebenden Hand, der Richtung der erleuchteten Kapellenfenster zu. Dabei sann er über das Vorgegangene nach. Ihn dünkte, daß auch für ihn jetzt das Ende herannahe, daß dies seine letzten Thaten auf Erden seien, die er nur vor Gott allein zu verantworten habe. Denn obwohl dieser Kreuzritter von Natur grausam, aber nicht unwahr war, hatte er sich doch unter dem Einfluß der unerbittlichen Notwendigkeit an allerlei Winkelzüge gewöhnt, daß er jetzt unwillkürlich dachte, er könne die Verantwortlichkeit für Jurands Marter, sowohl von sich selbst, als auch von dem Orden abwälzen. Diderich war stumm, nicht fähig ein Geständnis abzulegen, und wenn schon er sich dem Kaplan verständlich zu machen gewußt hätte, unterließ er sicherlich aus Angst jeden derartigen Versuch. Also wer sollte beweisen, daß Jurand nicht all seine Wunden im Kampfe bekommen hatte? Wie leicht hätte er seine Zunge durch den Stoß einer Lanze verlieren können, wie leicht hätte ihm mit einem Schwerte oder Beil die rechte Hand abgehauen werden können; auch hatte er nur ein Auge gehabt, was Wunder also, daß es ihm ausgeschlagen ward, als er sich im Wahnsinn auf die ganze Besatzung von Szczytno stürzte? Einmal noch bewegte ein Gefühl des Triumphes das Herz des alten Kreuzritters. Ja, wenn Jurand am Leben blieb, mußte er freigelassen werden! Hier erinnerte sich Zygfryd, wie er darüber mit Rotgier beraten und wie der junge Bruder lächelnd gesagt hatte: »Mag er dann dahin gehen, wohin ihn seine Blicke lenken, und wenn er den Weg nach Spychow nicht finden kann, dann mag er darnach fragen,« denn das was geschehen war, hatten sie schon zum Teil miteinander beschlossen. Und jetzt, da Zygfryd in die Kapelle trat und, am Sarge niederkniend, Jurands blutige Hand zu Rotgiers Füßen niederlegte, spiegelte sich jenes Triumphgefühl in seinem Antlitz wider. »Siehst Du,« sagte er, »ich that mehr, als wir mit einander verabredet hatten. Denn König Johann von Luxemburg stellte sich in der Schlacht ein, obwohl er blind war, und starb mit Ruhm bedeckt, aber Jurand wird sich nicht mehr zum Kampfe stellen, und wie ein Hund hinter einem Zaune wird er zu Grunde gehen.« Hier überkam ihn plötzlich wieder das Gefühl der Atemnot, gerade wie zuvor, als er sich in Jurands Gefängnis begeben hatte, und auf seinem Haupte fühlte er einen Druck wie von einem schweren eisernen Helme. Doch dies währte nur einen Augenblick. Gleich darauf atmete er tief auf und fuhr dann fort: »Nun kommt auch meine Zeit heran. Ich hatte nur Dich allein, und jetzt habe ich niemand mehr. Aber wenn es mir bestimmt ist, noch länger zu leben, gelobe ich Dir, mein Sohn, daß ich auch jene Hand, welche Dich erschlug, auf Dein Grab legen oder selbst zu Grunde gehen will. Dein Mörder ist jetzt noch am Leben.« Da mit einem Male erstarben die Worte auf seinen Lippen. Ein so heftiger Krampf erfaßte ihn, daß seine Zähne auf einander schlugen, und erst nach einer gewissen Zeit begann er wieder in abgerissenen Lauten: »Ja ... Dein Mörder ist noch am Leben, aber ich werde ihn zu treffen wissen ... und bevor wir uns gegenüber stehen, werde ich ihm eine Marter auferlegen, die noch schlimmer ist als der Tod selbst.« Er verstummte. Nach einer Weile erhob er sich und noch näher an den Sarg herantretend sagte er in ruhigem Tone: »Nun nehme ich Abschied von Dir. Ich blicke zum letztenmal in Dein Antlitz, vielleicht kann ich in Deinen Zügen lesen, ob mein Gelübde Dich freut. Zum letztenmal!« Er enthüllte Rotgiers Gesicht, fuhr aber plötzlich zurück. »Du lächelst,« sagte er, »aber Dein Lächeln ist furchtbar!« Der durch die Ueberführung in der Winterkälte ganz erstarrte Leichnam war jetzt unter dem Mantel und vielleicht auch durch die Wärme der Kerzen mit ungewöhnlicher Schnelligkeit in Verwesung übergegangen und das Antlitz des jungen Komturs sah in der That entsetzlich aus. Seine großen, angeschwollenen, schwarz gewordenen Ohren glichen einer unförmigen Masse, und seine bläulichen, aufgeworfenen Lippen waren verzogen wie zu einem Lächeln. Zygfryd verhüllte hastig wieder diese fürchterliche Larve. Dann nahm er die Laterne und verließ die Kapelle. Wieder, zum drittenmale, mangelte ihm der Atem, er kehrte daher in sein Gelaß zurück, warf sich auf sein hartes Lager und verharrte einige Zeit regungslos. Er sehnte sich nach Schlaf, aber plötzlich überkam ihn ein seltsames Gefühl. Ihn dünkte, daß der Schlaf ihn für immer fliehe, und daß der Tod ihn sofort ereile, wenn er in diesem Gelaß bleibe. Zygfryd fürchtete den Tod nicht. In seiner großen Erschöpfung und ohne Hoffnung, jemals wieder Schlaf zu finden, erschien er ihm wie die ersehnte unendliche Ruhe, aber in dieser Nacht wollte er ihm noch keine Gewalt über sich einräumen, daher richtete er sich auf seinem Lager auf und sagte: »Lasse mir Zeit bis morgen!« Da hörte er deutlich, wie ihm eine Stimme ins Ohr flüsterte: »Weiche aus dieser Zelle. Morgen wird es zu spät sein und Du wirst nicht vollführen können, was Du gelobt hast. Weiche aus dieser Zelle!« Der Komtur erhob sich mühsam und trat hinaus. Von den Zinnen ertönte der Ruf der Wache. Aus den Fenstern der Kapelle fiel ein goldener Schein auf den Schnee. In der Mitte des Hofes, an dem steinernen Ziehbrunnen, spielten zwei schwarze Hunde miteinander, indem sie einen Lappen hin und her zogen, sonst aber war es leer und still rings umher. »So muß es denn sein – noch diese Nacht –« sagte Zygfryd. »Ich bin tief erschöpft, aber ich muß mich aufraffen. Alle schlafen. Auch Jurand schläft vielleicht, von seinen Qualen übermannt, nur ich schlafe nicht. Ja, ich will gehen, ich will gehen, denn in meiner Zelle ist der Tod, und ich habe es Dir ja versprochen. Mag der Tod dann kommen, da der Schlaf mich flieht. Du liegst lächelnd da, mir aber fehlt die Kraft. Du lächelst, Du freust Dich also darüber. Aber siehst Du, meine Finger sind steif geworden, ich fühle keine Kraft mehr in der Hand, ich kann das nicht allein vollbringen. Mag es die Dienerin thun, welche bei ihr schläft.« So sprechend ging er mit schweren Schritten dem am Thore stehenden Turme zu. Die Hunde, welche am Ziehbrunnen gespielt hatten, sprangen ihm wedelnd entgegen. In einem von ihnen erkannte Zygfryd die englische Dogge, welche so unzertrennlich von Diderich war, daß die Leute in der Burg sagten, sie diene ihm des Nachts als Kopfkissen. Nachdem der Hund den Komtur freudig begrüßt hatte, schlug er leise an, dann lief er dem Thore zu, wie wenn er Zygfryds Absicht errate. Bald befand sich dieser vor der schmalen Pforte des Turmes, welche des Nachts von außen verriegelt war. Nachdem er den Riegel zurückgeschoben hatte, tastete er nach dem Geländer der Treppe, welche dicht hinter der Thüre begann und stieg empor. Von seinen Gedanken vollständig erfüllt, hatte er die Laterne vergessen, so mußte er nun im Finstern tappend weiter gehen, indem er vorsichtig auftrat und mit den Füßen die Stufen suchte. Da plötzlich, nach einigen Schritten, blieb er stehen, denn weiter oben, aber dicht vor ihm, ließ sich etwas wie die Atemzüge eines Menschen oder Tieres vernehmen. »Wer ist hier?« Es kam keine Antwort, aber die Atemzüge wurden rascher. Zygfryd war kein furchtsamer Mensch, ihm bangte nicht vor dem Tode, allein die entsetzlichen Ereignisse dieser Nacht hatten seine körperlichen und geistigen Kräfte bis aufs Aeußerste erschöpft. Der Gedanke flog ihm durch den Kopf, daß ihm Rotgier oder vielleicht der böse Geist den Weg vertrete, und die Haare standen ihm zu Berge, kalter Schweiß trat auf seine Stirne. Er wich zurück, fast bis zum Eingang. »Wer ist hier?« fragte er mit halb erstickter Stimme. Aber in demselben Augenblick erhielt er einen so furchtbaren Stoß gegen die Brust, daß er das Bewußtsein verlor und rücklings durch die offene Thüre fiel, ohne einen Laut von sich zu geben. Eine tiefe Stille folgte. Dann schlich eine dunkle Gestalt aus dem Turme hervor und eilte in gebückter Haltung dem Stalle zu, der sich auf der linken Seite des Hofes neben der Rüstkammer befand. Diderichs Dogge sprang hinter ihr her, der andere Hund lief ihnen nach und verschwand in der Dunkelheit, zeigte sich aber bald wieder, den Kopf zur Erde gesenkt und ganz langsam laufend, wie wenn er eine Spur suche. So näherte er sich dem regungslos daliegenden Zygfryd, beschnüffelte ihn aufmerksam, setzte sich neben dessen Haupte nieder, richtete seine Schnauze empor und begann laut zu heulen. Das Geheul währte lange Zeit, die Schrecknisse dieser grausigen Nacht durch neue Klagelaute noch erhöhend. Endlich öffnete sich knarrend eine in einer Vertiefung der Hauptthüre verborgene Pforte und mit einer Hellebarde in der Hand trat der Thorwart in den Hof. »Die Pest über diesen Hund!« sagte er. »Ich werde Dich lehren, während der Nacht zu heulen.« Und die Hellebarde ausstreckend, wollte er mit der Spitze das Tier durchbohren, aber in diesem Augenblick sah er, daß jemand am Eingang des Turmes lag. »Herr Jesus! Was ist das?« Sich herabbeugend schaute er in das Gesicht des Regungslosen und schrie: »Hierher! Hierher! Hilfe!« Hierauf eilte er an das Thor und begann mit aller Kraft den Glockenstrang zu ziehen. – – – – – – Sechster Teil. Erstes Kapitel. Wenngleich Glowacz gerne sobald wie möglich nach Zgorzelic gelangt wäre, konnte er dennoch nicht so rasch vorwärts kommen wie er wollte, weil die Wege immer schwieriger wurden. Nach dem harten Winter, der strengen Kälte und dem starken Schneefall, durch den ganze Dörfer wie verschüttet waren, trat heftiges Tauwetter ein. Der Februar Luty, der polnische Name für Februar, heißt auch hart, grausam. war, trotz seines Namens, durchaus nicht rauh. Zuerst erhoben sich dichte, undurchdringliche Nebel, dann kamen wahre Regengüsse, wobei die Schneehaufen zusehends schmolzen. Regnete es nicht, so tobten Stürme, wie sie sonst gewöhnlich im März toben; in Zwischenräumen, ganz plötzlich, wurden dann große Wolken am Himmel hingejagt, zuweilen auch auseinander getrieben, auf der Erde aber fuhr der Wind heulend über die Gesträuche und Bäume und trocknete den geschmolzenen Schnee, unter dem vor kurzem erst die Stämme und Zweige ihren Winterschlaf gehalten hatten. Die Wälder sahen jetzt dunkel, fast schwarz aus. Auf den Wiesen standen große Wasserlachen, Flüsse und Bäche waren ausgetreten. Dies Ueberwiegen des feuchten Elementes freute nur die Fischer, während die andere, gleichsam in Fesseln geschlagene Bevölkerung sich in ihren Häusern und Hütten verbarg. An vielen Orten konnte man nur mittelst Nachen von einem Dorfe zum andern gelangen. Zwar fehlte es nirgends an Dämmen und Landstraßen, welche durch eingerammte Pfähle hergestellt wurden und durch die morastigen Gegenden führten, aber jetzt waren die Dämme gelockert und an den niedern Stellen versanken die Pfähle in dem Sumpfboden, sodaß der Uebergang gefährlich oder auch ganz unmöglich ward. Besonders in dem an Seen reichen Großpolen konnte der Böhme nur mühsam vorwärtsdringen, da in jedem Frühjahr dort größere Ueberschwemmungen vorkamen als in andern Gegenden des Landes und daher auch die Wege, vornehmlich für Pferde, viel unzugänglicher wurden. Er mußte häufig anhalten und wochenlang bald in einem Marktflecken oder Dorfe, bald auf einem Gute warten, wo er der Sitte gemäß samt seinen Mannen überall gastfreundlich aufgenommen ward, jedermann begierig seinen Berichten von den Kreuzrittern lauschte und ihm mit Salz und Brot für seine Neuigkeiten lohnte. So hatte denn der Frühling seine Boten in die ganze Welt ausgesendet und der März war zum Teil vorüber, bevor Hlawa sich Zgorzelic und Bogdaniec nähern konnte. Das Herz schlug ihm bei dem Gedanken, daß er seine Gebieterin bald wieder sehen werde, denn wiewohl er wußte, daß sie ebenso unerreichbar für ihn war wie ein Stern am Himmel, vergötterte und liebte er sie doch von ganzem Herzen. Indessen beschloß er, sich zuerst zu Macko zu begeben, einmal darum, weil er zu ihm geschickt ward, und dann auch, weil er Leute mit sich führte, die in Bogdaniec bleiben mußten. Nach Rotgiers Tode fiel dessen Gefolge, das den Ordensvorschriften gemäß aus zehn berittenen Mannen bestand, Zbyszko zu. Zwei von diesen geleiteten den Leichnam des Erschlagenen nach Szczytno, die übrigen aber sandte Zbyszko mit Glowacz seinem Oheim als Geschenk, weil er wußte, wie eifrig Macko darauf bedacht war, Ansiedler heranzuziehen. In Bogdaniec angelangt, traf der Böhme den alten Macko nicht zu Hause an und erfuhr, daß er mit seinen Hunden und der Armbrust in den Wald gegangen sei. Doch kehrte er noch bei Tage zurück, und als er hörte, daß sich eine beträchtliche Reiterschar bei ihm aufhalte, beschleunigte er seine Schritte, um die Angekommenen zu begrüßen und ihnen seine Gastfreundschaft anzubieten. Er erkannte Glowacz nicht sofort, und als jener seinen Namen nannte, erschrak er im ersten Augenblick tödlich, er warf Armbrust und Mütze zu Boden und rief aus: »Um Gotteswillen! Sie haben ihn erschlagen. Erzähle, was Du weißt!« »Er lebt!« entgegnete der Böhme. »Er ist wohl und gesund.« Als er dies vernahm, fühlte sich Macko ein wenig beschämt, und er ließ ein förmliches Schnauben hören. Schließlich atmete er tief auf. »Gelobt sei unser Herr Christus!« rief er aus. »Wo aber befindet sich Zbyszko?« »Nach Marienburg hat er sich begeben, und mich hat er hierhergeschickt, Euch Kunde zu bringen.« »Und weshalb begab er sich nach Marienburg?« »Seiner Gattin wegen.« »Bei den Wundmalen des Heilands, Bursche, welche Gattin meinst Du?« »Jurands Tochter. Davon wäre die ganze Nacht zu erzählen, aber gestattet, ehrwürdiger Herr, daß ich zuerst Atem schöpfe, denn ich bin lange umhergeirrt und seit Mitternacht nicht vom Pferde gekommen.« Nun drang Macko nicht weiter mit Fragen in ihn, die Verwunderung hatte ihn auch der Sprache beraubt. Nachdem seine Erregung ein wenig nachgelassen hatte, rief er einem Knechte, damit dieser Holz auf das Feuer im Herde lege und dem Böhmen einen Imbiß bringe, dann ging er in der Stube auf und ab, und die Hand hastig hin und her bewegend, murmelte er vor sich hin: »Kaum kann ich meinen Ohren trauen ... Jurands Tochter ... Zbyszko beweibt!« »Beweibt und doch auch wieder nicht!« sagte der Böhme. Jetzt erst begann er zu erzählen, was sich ereignet hatte und wie alles gekommen, und der alte Ritter hörte aufmerksam zu, dann und wann ihn mit einer Frage unterbrechend, da der Bericht des Böhmen nicht ganz klar war. So wußte Glowacz zum Beispiel nicht genau, wann sich Zbyszko vermählt hatte, weil kein Hochzeitsfest gefeiert worden war. »Daß die Trauung stattgefunden und daß die Fürstin Anna Danuta selbst dazu den Anlaß gegeben hat,« erklärte Hlawa weiter, »ist gewiß, wenn schon dies erst nach der Ankunft des Kreuzritters Rotgier bekannt geworden ist, mit dem Zbyszko, nachdem er ihn vor ein Gottesgericht gefordert, angesichts des ganzen masovischen Hofes gekämpft hat.« »Hei! Einen Kampf hat er bestanden?« rief Macko mit blitzenden Augen und in der größten Spannung. »Nun, und wie ist es ihm ergangen?« »In zwei Hälften wurde der Deutsche niedergestreckt und auch mir hat Gott dem Knappen gegenüber Glück verliehen.« Macko begann wieder zu schnauben, diesmal aber schien er befriedigt zu sein. »Nun,« sagte er, »das ist ein Bursche, den man nur bewundern, nicht auslachen kann. Der letzte seines Stammes ist er, aber nicht der schlechteste, so wahr mir Gott helfe. Wie ist es denn damals mit den Friesen gewesen ... Und er war doch noch ein rechter Knabe ...« Bei diesen Worten blickte Macko den Böhmen aufmerksam an, dann fuhr er fort: »Aber auch Du gefällst mir. Und offenbar lügst Du nicht. Wenn ich einen Lügner vor mir habe, merke ich es sofort. Der Kampf mit dem Knappen war ja nicht von Bedeutung, denn Du sagst ja selbst, Du hättest wenig Mühe dabei gehabt, aber daß Du jenem Hund den Arm ausgerenkt hast und zuvor schon den Auerochsen überwältigtest, muß man Dir als verdienstvolle Thaten anrechnen.« Plötzlich hielt Macko inne und fragte: »Und die Beute? Ist sie auch beträchtlich?« »Die Waffen, die Pferde und zehn Mannen fielen uns zu. Acht davon schickt Euch der junge Herr.« »Was geschah mit den beiden andern?« »Mit dem Leichnam sandte er sie fort.« »Hätte nicht der Fürst seine eigenen Mannen mit dem Leichnam ziehen lassen können? Die beiden werden nie zu uns zurückkehren.« Der Böhme lächelte über die Habsucht, welche Macko gar oft schon an den Tag gelegt hatte. »Der junge Herr hat nicht mehr nötig, derartige Dinge in Betracht zu ziehen,« sagte er. »Spychow ist ein großes Besitztum.« »Ein großes Besitztum! Freilich! Aber es gehört noch nicht ihm.« »Wem sonst?« Macko fuhr förmlich empor: »Sprich! Es gehört doch Jurand?« »Jurand liegt in einem unterirdischen Gefängnisse bei den Kreuzrittern und ist dem Tode nahe. Gott weiß, ob er am Leben bleibt; bleibt er aber auch am Leben, und kehrt er zurück, sicher ist jedenfalls, daß der Pater Kaleb schon Jurands Testament vorgelesen und allen angekündigt hat, der junge Herr werde dessen Erbe sein.« Auf Macko machten diese Neuigkeiten augenscheinlich einen ungeheuren Eindruck, denn sie enthielten so viel Günstiges und Ungünstiges zugleich, daß er sich nicht sofort darein finden und sich auch die Empfindungen nicht klar machen konnte, die abwechselnd auf ihn einstürmten. Die Kunde, daß Zbyszko sich vermählt hatte, berührte ihn im ersten Augenblick schmerzlich. Liebte er doch Jagienka wie eine Tochter, und war es doch sein sehnlichster Wunsch, Zbyszko mit ihr zu vermählen. Auf der andern Seite hatte er sich schon an den Gedanken gewöhnt, daß sein Wunsch ein vergeblicher war, und zudem brachte Jurands Tochter weit mehr mit in die Ehe, als Jagienka jemals im stande war, mitzubringen, denn sie besaß nicht nur des Fürsten Gunst, sondern als einziges Kind auch eine weit größere Mitgift. Im Geiste sah Macko seinen Bruderssohn schon als des Fürsten Comes, als Herrn von Bogdaniec und Spychow, ja in Zukunft sogar schon als Kastellan. Ein Ding der Unmöglichkeit war dies nicht, da man in jenen Zeiten von einem gewissen Edelmann, einem armen Teufel, zu sagen pflegte: »Er hatte zwölf Söhne, sechs fielen in der Schlacht und sechs wurden Kastellane.« Und durch Zbyszko gelangte das ganze Volk, gelangten die beiden Geschlechter sicherlich zu einer gewissen Größe. Auch konnte ein beträchtlicher Wohlstand Zbyszko auf seinem Wege nur förderlich sein, demnach hatte Macko bei seiner Habgier und seinem angeborenen Stolze alle Ursache, sich zu freuen. Gleichwohl hatte der alte Kämpe auch Grund genug, sich zu sorgen. Um Zbyszko zu retten, hatte er sich einst selbst zu den Kreuzrittern begeben, ihm war von dieser Fahrt eine eiserne Pfeilspitze in den Rippen geblieben, und nun ging Zbyszko nach Marienburg, er lief den Wölfen geradezu in den Rachen. Was mochte ihn dort wohl erwarten? Erwartete ihn die Gattin, oder erwartete ihn der Tod? »Gnädig werden sie dort nicht auf ihn blicken«, sagte sich Macko, »vor kurzem erst erschlug er einen angesehenen Ritter, früher schon hatte er Lichtenstein angefallen, sie aber, die Hundsseelen, vergessen nie, sich zu rächen«. Dieser Gedanke beunruhigte den alten Ritter sehr. Er mußte sich sagen, daß Zbyszko, der ja ein hitziger Bursche war, zweifellos noch manchen Deutschen zum Kampfe herausfordern werde. Aber dies war seine geringste Angst. Am meisten befürchtete Macko, man könne seinen Bruderssohn festnehmen. Sie nahmen Jurand und dessen Tochter gefangen, sie scheuten sich nicht, seiner Zeit sogar den Fürsten in Zlotorja festzunehmen, weshalb also sollten sie Zbyszko schonen? Hier stellte sich Macko unwillkürlich die Frage, wie es sein werde, wenn der Jüngling aus den Händen der Kreuzritter entkäme, aber sein Weib gar nicht finden würde. Wohl tröstete sich der alte Mann mit dem Gedanken, daß dann Spychow seinem Bruderssohn zufalle, aber das war nur ein schwacher Trost. Ihm lag viel am Wohlstand, doch nicht weniger an seinem Geschlecht, an Zbyszkos Nachkommen. »Falls Danuska verschwindet wie ein Stein im Wasser und niemand weiß, ob sie am Leben oder tot ist, kann sich Zbyszko nicht zum zweiten Mal verheiraten – und dann wird es zu Bogdaniec keine Herren mehr geben. Hei! Wie ganz anders wäre es, wenn er Jagienka geheiratet hätte! ... Auch Mocyzdoly ist so groß, daß weder eine Gluckhenne es unter ihre Flügel, noch ein Hund unter seinen Schwanz nehmen könnte, und solch ein Mädchen würde zweifellos jedes Jahr ein Kind zur Welt bringen, gerade wie der Apfelbaum im Garten jedes Jahr Früchte hervorbringt.« Demnach überwog Mackos Kummer die Freude über das Erbgut, und voll schmerzlicher Besorgnis begann er, den Böhmen abermals darüber auszufragen, welche Bewandtnis es mit jener Trauung habe, und wann sie vollzogen worden sei. Und der Böhme erwiderte: »Ich sagte Euch schon, ehrwürdiger Herr, daß ich nicht weiß, wann sie vollzogen ward, und was ich nur vermute, das vermag ich nicht zu beschwören.« »Teile mir Deine Mutmaßungen mit.« »Ich verließ den jungen Herrn doch nicht während seiner Krankheit und schlief in derselben Stube mit ihm. Einmal nun befahl er mir des Abends, mich zu entfernen, und dann sah ich, wie die allergnädigste Herrin und mit ihr die Jungfrau Danusia, Herr de Lorche und der Pater Wyszoniek bei ihm eintraten. Ich wunderte mich sogar, daß die Jungfrau einen Kranz auf dem Haupte trug, allein ich dachte, man werde meinem Herrn das Sakrament reichen ... Vielleicht wurden sie in jener Nacht getraut ... Ich erinnere mich, daß der Herr mir befahl, ihn schön zu kleiden, gerade wie zu einer Hochzeit, doch meinte ich, dies sei, weil er Christi Leib empfangen solle.« »Und was geschah dann? Blieben sie allein?« »Sie blieben nicht allein, und wenn sie auch allein geblieben wären ... Damals konnte ja mein Herr nicht einmal ohne meine Hilfe essen. Auch waren Leute da, um die Jungfrau abzuholen, man glaubte, sie kämen von Jurand – und in der Frühe reiste sie ab ...« »Und hat Zbyszko sie seitdem nicht mehr gesehen?« »Kein menschliches Auge hat sie mehr gesehen.« Ein kurzes Schweigen folgte. »Was glaubst Du,« fragte Macko nach einer Weile, »werden die Kreuzritter sie wieder freilassen oder nicht?« Der Böhme schüttelte den Kopf und machte eine abweisende Handbewegung. »Bei meinem Haupte,« sagte er langsam, »sie ist verschwunden für alle Ewigkeit.« »Weshalb meint Ihr das?« fragte Macko erschreckt. »Weil noch Hoffnung vorhanden wäre, wenn sie sagen würden, die Jungfrau befinde sich bei ihnen ... Man könnte sich beklagen, entweder ein Lösegeld bezahlen oder das Mägdlein gewaltsam fortbringen. Aber sie sagen folgendes: ›Wir hatten eine Jungfrau aus Räuberhänden befreit und gaben dies Jurand kund, er aber wollte sie nicht als seine Tochter anerkennen und zum Dank für unsere Güte erschlug er uns so viele Leute, daß wir auch nach einem richtigen Treffen kaum mehr Verluste zu verzeichnen gehabt hätten‹.« »So haben sie Jurand thatsächlich ein Mägdlein vorgeführt?« »Sie sagen es. Gott allein weiß, ob es sich so verhält. Vielleicht ist es nicht wahr, vielleicht auch zeigten sie ihm eine andere Jungfrau statt seiner Tochter. Das nur ist wahr, daß er viele Leute totschlug, und daß die Kreuzritter bereit sind, es zu beschwören, Jurands Tochter sei nicht von ihnen entführt worden. Ja, es ist eine furchtbar schwierige Sache. Der Meister mag ihnen befehlen, was er will, sie werden ihm antworten, die Jungfrau befinde sich nicht bei ihnen, und wer kann ihnen das Gegenteil beweisen? Umsoweniger ist dies möglich, als unter den Hofherren in Ciechanow vielfach von einem Briefe Jurands gesprochen wurde, worin steht, seine Tochter sei nicht bei den Kreuzrittern.« »Vielleicht ist sie in der That nicht bei den Kreuzrittern?« »Ich bitte, allergnädigster Herr! ... Wenn Räuber sie entführt hätten, wäre es doch aus keiner andern Ursache als des Lösegeldes wegen geschehen. Und zudem hätten Räuber weder jenen Brief schreiben, noch das Siegel des Herrn von Spychow nachmachen, noch ein großes Gefolge schicken können.« »Das ist richtig. Doch weshalb sollten die Kreuzritter das Mägdlein gewaltsam festhalten?« »Wollen sie denn Jurands Blutthaten nicht rächen? Ihnen gelüstet mehr nach Rache als nach Meth und Wein, und wenn sie einen Grund haben, so ist es dieser. Fürchterlich wütete der Herr aus Spychow gegen sie, und was er zuletzt that, das steigerte ihren Grimm aufs Aeußerste ... Auch hat mein Herr, wie ich hörte, gegen Lichtenstein die Hand erhoben, Rotgier getötet ... Und mir hat Gott beigestanden, daß ich jenem Hund den Arm ausrenken konnte. Hei! ... Was glaubt Ihr wohl! Vier sind es gewesen, verflucht seien ihre Mütter, und jetzt lebt nur noch einer und der ist alt. Ja, wir können auch die Zähne zeigen, gnädigster Herr Ritter!« Wieder folgte ein langes Schweigen. »Du bist ein kluger Bursche,« sagte schließlich Macko. »Was aber glaubst Du, wird des Mägdleins Schicksal sein?« »Fürst Witold ist ein mächtiger Fürst, man sagt, daß auch der deutsche Kaiser sich bis zum Gürtel vor ihm neigte, und wie verfuhren die Kreuzritter mit Witolds Kindern? Haben sie nicht genug Burgen und unterirdische Gefängnisse? Nicht genug Brunnen, Stricke und Schlingen zum Erdrosseln?« »Allmächtiger Gott!« rief Macko aus. »Gott gebe nur, daß es ihnen nicht gelinge, meinen jungen Herrn in irgend ein Verließ zu werfen. Doch bringt er einen Brief des Fürsten Janusz mit, und Herr de Lorche, der sehr mächtig und vielen Fürsten verwandt ist, begleitet ihn. Ei, mein Wunsch war es nicht, mich hierher zu begeben, denn dort kann es leicht zu einem Treffen kommen, aber er befahl es mir. Ich hörte, wie er einmal zu dem alten Herrn aus Spychow sagte: ›Seid Ihr schlau? Ich bin es nicht, aber den Kreuzrittern gegenüber muß man es sein. Mein Oheim Macko‹, fügte er hinzu, ›ist der richtige Mann, es mit ihnen aufzunehmen.‹ Und aus diesem Grund sandte er mich hierher. Aber auch Ihr, Herr, könntet Jurands Tochter nicht finden, denn sie ist vielleicht jetzt schon in jener Welt, und gegen den Tod vermag selbst die größte Schlauheit nichts auszurichten ...« Macko versank in Nachdenken, und erst nach langem Schweigen sagte er: »Ja! Da giebt es keinen Rat. Gegen den Tod vermag auch Schlauheit nichts auszurichten. Doch wenn ich hinginge und wenigstens in Erfahrung brächte, daß sie jenes Mägdlein aus dem Wege geräumt haben, dann würde Spychow an Zbyszko fallen, er könnte allein zurückkehren und ein anderes Weib nehmen.« Hier atmete Macko tief auf, wie wenn ihm eine Last von der Seele genommen wäre, und Glowacz fragte in schüchternem, leisem Tone: »Die Jungfrau aus Zgorzelic?« »Ja!« antwortete Macko, »es wäre umso besser, als sie Waise ist und Cztan aus Rogow sowie Wilk aus Brzozowa ihr immer mehr nachstellen.« »Eine Waise? Und Zych?« »So hast Du also nichts gehört?« »Beim ewigen Gott! Was ist vorgefallen?« »Fürwahr, wie könntest Du etwas wissen, Du bist ja geradewegs hierhergekommen, und wir haben ja bis jetzt nur von Zbyszko gesprochen! Sie ist eine Waise. Die Wahrheit zu sagen, hielt Zych den Platz an seinem Herde niemals warm, es sei denn, daß er Gäste bei sich hatte. Sonst ward ihm die Zeit lang in Zgorzelic. Nun schrieb der Abt an ihn, er werde den Fürsten Przemko von Oswiecim besuchen und bitte den Ritter, ihn zu begleiten. Und dieser Vorschlag gefiel Zych, denn er kannte den Fürsten wohl und hatte schon mehr als einen vergnügten Tag mit ihm verlebt. Daher kommt Zych zu mir und spricht folgendermaßen: »Ich gehe nach Oswiecim und dann nach Glewice; wollt Ihr ein wachsames Auge auf mein Haus haben?« Mich aber ergreift sofort ein eigentümliches Vorgefühl, und ich sage: »Geht nicht fort! Bewacht Euer Gut und Jagienka, denn ich weiß, daß Cztan und Wilk etwas Schlimmes im Schilde führen.« Und Ihr solltet doch wissen, daß der Abt aus Aerger über Zbyszko anfangs die Werbung von Wilk und von Cztan begünstigte; erst später, als er die beiden besser kannte, hat er sie mit seinem Stocke bearbeitet und aus Zgorzelic hinausgeworfen. Und dies war gut, aber auch wieder nicht gut, denn daraufhin waren sie furchtbar erbost. Jetzt waltet Frieden, denn sie sind auseinander losgegangen und können das Lager nicht verlassen, aber zuvor war man keinen Augenblick vor ihnen sicher. Gar viel lastet jetzt auf mir, ich soll alles verteidigen und unter meine Obhut nehmen. Und jetzt wünscht Zbyszko auch noch, daß ich fortgehe ... Wie es dann hier mit Jagienka sein wird, weiß ich nicht, doch wollte ich Dir ja von Zych erzählen. Er achtete nicht auf meine Worte – er machte sich auf die Fahrt. Nun, sie veranstalteten Feste, sie ergötzten sich. Von Glewice begaben sie sich zu dem Vater des Fürsten Przemko, dem alten Nosak, der in Cieszyn herrscht. Da schickte Jasko, Fürst von Ratibor, aus Haß gegen den Fürsten Przemko, Räuber unter der Anführung des Böhmen Chrzan gegen sie aus. Fürst Przemko fiel und mit ihm auch Zych aus Zgorzelic, der von einem Pfeil in die Luftröhre getroffen ward, den Abt schlugen sie dermaßen mit einem eisernen Knüttel, daß sein Kopf jetzt noch zittert, daß er nichts von seiner Umgebung weiß und die Sprache vielleicht für immer verloren hat. Doch der alte Fürst Nosak kaufte Chrzan von dem Herrn auf Zampach und ließ ihn derart martern, daß die ältesten Leute sich nicht erinnerten, je von ähnlicher Tortur gehört zu haben – aber dadurch konnte er seinen Kummer um den Sohn nicht lindern, noch Zych vom Tode erwecken, noch Jagienkas Thränen trocknen. Auf diese Weise gingen ihre Vergnügungen zu Ende ... Vor sechs Wochen wurde Zych hierhergebracht und bestattet.« »Solch ein starker Mann!« sagte der Böhme traurig. – »Ich bin auch keiner der Schwächsten gewesen, damals als ich bei Boleslawice kämpfte, und er brauchte nicht soviele Zeit als nötig gewesen wäre, ein Vaterunser zu beten, um mich zum Gefangenen zu machen. Allein diese Gefangenschaft war derart, daß ich sie nicht für die Freiheit eingetauscht hätte. Ein guter, redlicher Edelmann! Gebe ihm Gott das ewige Heil! Ach, es thut mir leid um ihn! Aber am meisten der Jungfrau wegen, die Arme!« »Eine Arme in der That! Gar manche liebt ihre Mutter nicht so sehr, wie sie ihren Vater liebte. Und zudem ist es gefährlich für sie, in Zgorzelic zu bleiben. Nach der Bestattung – noch lag kein Schnee auf Zychs Grabhügel – zogen Cztan und Wilk sofort gegen Zgorzelic aus. Glücklicherweise hatten meine Leute schon zuvor davon gehört, daher konnte ich dem Mägdlein mit einigen Mannen zu Hilfe kommen, und Gott gab, daß wir sie gründlich schlugen. Nach dem Kampfe umfaßte Jagienka meine Knie: »Zbyszko kann ich nicht angehören,« sagte sie, »und ich werde niemand angehören, doch rettet mich vor diesen beiden Menschen, denn lieber will ich sterben, als einem von ihnen angehören!« Und ich versichere Dich, Du würdest jetzt Zgorzelic nicht wieder erkennen, weil ein wahres Kastell daraus gemacht worden ist. Noch zweimal zogen sie dagegen aus, aber sie konnten nichts ausrichten, das darfst Du mir glauben. Jetzt herrscht für einige Zeit Ruhe, denn wie ich Dir schon sagte, sie haben sich gegenseitig derartig zugesetzt, daß keiner von ihnen Hand oder Fuß zu bewegen vermag.« Glowacz erwiderte nichts, doch während er dem Berichte über Cztan und Wilk lauschte, knirschte er mit den Zähnen, sodaß es klang, wie wenn jemand eine knarrende Thüre öffne und wieder schließe. Dann rieb er seine Schenkel mit seinen mächtigen Händen, in denen er offenbar ein Zucken verspürte. Schließlich entrangen sich seinen Lippen mühsam die Worte: »Die Verruchten!« In diesem Augenblick ließen sich Stimmen im Hausflur vernehmen, die Thüre öffnete sich plötzlich, und Jagienka stürzte mit ihrem ältesten Bruder, dem vierzehnjährigen Jasko herein, der ihr so ähnlich war wie ein Zwillingsbruder. Die Jungfrau, welche durch Bauern aus Zgorzelic gehört hatte, daß ein Gefolge von Mannen auf der Landstraße gesehen worden sei und unter der Anführung des Böhmen Hlawa nach Bogdaniec ziehe, war von dem gleichen Schrecken erfaßt worden, wie Macko, und als sie weiter in Erfahrung gebracht hatte, daß Zbyszko sich nicht dabei befinde, glaubte sie, irgend ein Unglück müsse sich ereignet haben, und eilte unverzüglich nach Bogdaniec, um die Wahrheit zu erfahren. »Was ist geschehen? Um Gottes willen!« rief sie schon an der Schwelle. »Was soll geschehen sein?« antwortete Macko. »Zbyszko ist wohl und gesund.« Der Böhme eilte seiner Gebieterin entgegen, und sich auf ein Knie niederlassend, küßte er den Saum ihres Gewandes, sie aber achtete gar nicht darauf, denn als sie die Antwort des alten Ritters vernommen hatte, wandte sie ihr Antlitz vom Feuer ab in den Schatten, und wie wenn sie sich plötzlich erinnere, daß sie niemand einen Gruß geboten, sagte sie erst nach einer Weile: »Gelobt sei Jesus Christus!« »In Ewigkeit, Amen!« erwiderte Macko. Und sie, die jetzt den vor ihr knieenden Böhmen gewahrte, neigte sich zu ihm herab mit den Worten: »Ich freue mich von ganzem Herzen, Dich zu sehen, Hlawa, aber warum hast Du Deinen Herrn verlassen?« »Er sandte mich hierher, gnädigste Herrin!« »Wie lautete sein Befehl?« »Er befahl mir, mich nach Bogdaniec zu begeben.« »Nach Bogdaniec? Und was befahl er Dir weiter?« »Er sandte mich ab, um Bericht zu erstatten ... um seinen Gruß zu entbieten ...« »Nach Bogdaniec nur? Nun – gut! Und wo befindet er sich?« »Zu den Kreuzrittern nach Marienburg begab er sich.« Bestürzung malte sich auf Jagienkas Angesicht. »So ist das Leben ihm nicht mehr lieb? Warum that er das?« »Um das zu suchen, was er niemals finden wird, gnädigste Herrin!« »Wahrlich, er wird es niemals finden!« warf Macko ein. »Wie Du keinen Nagel ohne Hammer einschlagen kannst, so vermag auch der menschliche Willen nichts ohne den göttlichen.« »Was meint Ihr?« fragte Jagienka. Macko beantwortete ihre Frage mit einer andern Frage: »Sprach Dir Zbyszko schon von Jurands Tochter? Ich meine, gehört zu haben, daß er schon von ihr sprach.« Jagienka antwortete nicht sogleich, erst nach einiger Zeit erwiderte sie, einen Seufzer unterdrückend: »Ja, er sprach mir von ihr! Was hätte ihn daran hindern können?« »Das ist gut, denn dadurch wird es mir auch leichter zu reden,« bemerkte der alte Ritter. Und er erzählte ihr, was er von dem Böhmen gehört hatte, während er sich selbst dabei wunderte, daß seine Worte zuweilen etwas verworren waren und ihm nur mühsam über die Lippen kamen. Weil er indessen ein kluger Mann war, und weil er Jagienka keinenfalls täuschen wollte, hob er besonders hervor, daß – wie er selbst glaube – Zbyszko tatsächlich niemals Danusias Ehegemahl gewesen, und daß sie wohl für immer verschwunden sei. Der Böhme bestätigte dann und wann seine Aussagen, indem er bald zustimmend mit dem Kopfe nickte, bald sagte: »Beim lebendigen Gott!« oder: »So ist es, nicht anders!« Das Mägdlein hingegen lauschte mit gesenkten Augenwimpern, ohne ein Wort zu fragen, und war so stille, daß Macko schließlich unruhig ward. »Nun, und was sagst Du dazu?« fragte er, nachdem er seine Erzählung beendigt hatte. Sie gab keine Antwort, aber zwei große Thränen drangen unter den gesenkten Lidern hervor und rollten langsam über ihre Wangen. Nach einer Weile näherte sie sich Macko, und dessen Hand küssend, sagte sie: »Sein Name sei gepriesen!« »Von Ewigkeit zu Ewigkeit!« entgegnete der alte Mann. »Hast Du so sehr Eile nach Hause zu kommen? Bleibe bei uns!« Doch sie wollte nicht bleiben und erklärte, sie habe zu Hause das Abendbrot noch nicht zubereiten lassen. Obwohl nun Macko wußte, daß eine alte Edelfrau, Sieciechowa genannt, in Zgorzelic weilte, welche Jagienka ganz gut hätte ersetzen können, drang er doch nicht weiter in diese, da er sich sagte, daß die Bekümmerten gern ihre Thränen verbergen, und daß die Menschen den Fischen gleichen, welche sich auf dem tiefsten Grunde verbergen, wenn sie den Angelhaken im Innern spüren. So strich er denn der Jungfrau nur sanft über die Haare und geleitete sie mit dem Böhmen zusammen in den Vorhof. Hlawa aber führte sein Pferd aus dem Stalle, bestieg es und ritt hinter dem Mägdlein her. In die Stube zurückgekehrt, seufzte Macko tief auf und murmelte kopfschüttelnd vor sich hin: »Ein rechter Thor, dieser Zbyszko! ... Es ist, als ob dies Mädchen einen Duft von Jugendfrische zurückgelassen habe.« Und dem alten Kämpen ward recht wehmütig zu Mute. Er sagte sich, wenn Zbyszko sie sogleich nach seiner Rückkehr zum Weibe genommen hätte, würde jetzt nur eitel Freude und Wonne bei ihnen herrschen. Aber wie ist es jetzt? So oft sie an ihn denkt, kommen ihr die Thränen in die Augen, dachte er, und dieser Bursche wandert in der weiten Welt umher und wird sich noch seinen Schädel an den Mauern Marienburgs einrennen. Aber in unserm Hause ist es leer, und die Wände starren von alten Rüstungen. Was nützt denn die Bewirtschaftung des Gutes, was nützt meine Thätigkeit, was nützt der Besitz von Spychow und Bogdaniec, wenn niemand da ist, der uns beerben wird? Hier begann es förmlich in Mackos Seele zu stürmen. »Warte, Du Landstreicher!« sagte er laut, »nachlaufen werde ich Dir nicht, Deinem Schicksale werde ich Dich überlassen.« Doch wie zum Hohn überkam ihn in demselben Augenblick eine tiefe Sehnsucht nach Zbyszko. »O nein, ich werde ihm nicht nachlaufen,« dachte er, »aber soll ich hier still sitzen? Eine Strafe Gottes ist all dies! ... Denn daß ich den Bösewicht in meinem ganzen Leben nicht mehr sehen soll – das vermag ich mir nicht vorzustellen! Wieder hat er einen solchen Lotterbuben zerhauen – und Beute gewonnen. Ein anderer wäre grau geworden, bevor er den Rittergürtel erworben hätte, und ihn hat der Fürst schon gegürtet ... und mit Fug und Recht, denn es giebt zwar viele lobenswerte Männer unter den Edelleuten, aber einen zweiten wie Zbyszko giebt es nicht!« Und allgemach vollständig von Rührung übermannt, untersuchte er die Rüstungen, Schwerter und Beile, die im Rauch schwarz geworden waren, wie wenn er erwäge, was er mit sich nehmen, was er zurücklassen solle. Dann verließ er die Stube, zuvörderst, weil es ihm zu enge darin ward, und zweitens, weil er die Wagen schmieren und den Pferden eine doppelte Portion Hafer geben lassen wollte. Im Hofe schon gedachte er wieder Jagienkas, welche hier kurz zuvor ihr Pferd bestiegen hatte, und plötzlich ward er tief traurig. »Wenn es sein muß, so gehe ich,« sagte er sich, »aber wer wird das Mägdlein vor Cztan und Wilk schützen? Gott gebe, daß ein Blitzstrahl die beiden erschlüge!« Indessen ritt Jagienka mit ihrem Bruder auf dem Waldwege gen Zgorzelic, und der Böhme folgte ihnen schweigend, das Herz von Liebe und Leid erfüllt. Er hatte der Jungfrau Thränen wohl gesehen, jetzt schaute er unablässig nach ihrer dunklen Gestalt aus, deren Umrisse in der Dämmerung, inmitten des Waldes, kaum sichtbar waren, und er erriet ihre Pein und ihren Schmerz. Ihn dünkte, jeden Augenblick könnten sich die Räuberhände Wilks oder Cztans aus dem finsteren Dickicht nach ihr ausstrecken –und bei diesem Gedanken ergriff ihn eine wilde Kampfgier. Diese Kampfgier ward zuweilen so groß, daß ihn die Lust anwandelte, sein Beil oder Schwert zu ergreifen und irgend eine Fichte am Wege zu fällen. Fühlte er doch, daß es ihm Erleichterung bringen würde, wenn er zu einem Schlage ausholte. Schließlich wäre er froh gewesen, sein Pferd wenigstens zum Galopp anspornen zu können, aber Jagienka und ihr Bruder ritten langsam weiter. Schritt für Schritt, fast ohne ein Wort zu sprechen, denn auch Jasko, der sonst sehr gerne plauderte, war nach einigen vergeblichen Versuchen, die Schwester zum Reden zu bringen, in Schweigen versunken. Als sie Zgorzelic näher kamen, gewann das Leid in des Böhmen Herzen die Oberhand über den Groll gegen Cztan und Wilk. »Ich würde mich nicht scheuen, um Deinetwillen auch Blut zu vergießen, wenn ich Dir dadurch Trost bringen könnte,« dachte er, »aber was vermag ich Unglücklicher zu thun? Was soll ich Dir sagen? Doch wissen mußt Du wenigstens, daß Zbyszko mir befahl, mich vor Dir zu neigen, und Gott gebe, daß Dir dies Trost gewähre!« Nach diesen Erwägungen drängte er sein Pferd zu dem Jagienkas heran. »Gnädigste Herrin!« begann er. »So bist Du hinter mir hergeritten?« fragte das Mädchen, wie aus einem Traume erwachend. »Und hast Du mir etwas mitzuteilen?« »Ja, ich vergaß, Euch mitzuteilen, was mir der Herr befohlen hat. Bevor ich Spychow verließ, rief er mich zu sich und sagte: ›Umfasse die Knie der Jungfrau in Zgorzelic, denn wie sich mein Schicksal auch gestalten mag, ich werde sie niemals wiedersehen, und für das‹, sagte er, ›was sie an dem Oheim und mir gethan hat, möge Gott ihr lohnen und ihr Gesundheit verleihen‹!« »Gott lohne auch ihn für die guten Worte!« antwortete Jagienka. Dann fügte sie in einem so eigentümlichen Tone, daß des Böhmen Herz vollständig schmolz, hinzu: »Und Dir, Hlawa!« Für eine Weile stockte das Gespräch, aber der Knappe freute sich über sich selbst und über das, was er der Jungfrau berichtet hatte, denn im Innern sagte er sich: »Wenigstens denkt sie jetzt nicht, daß ihr mit Undankbarkeit gelohnt wird!« In seinem redlichen Sinne suchte er nun noch etwas ausfindig zu machen, was er ihr erzählen könne, um sie zu trösten, und nach einiger Zeit begann er abermals: »Gnädigste Herrin!« »Was ist Dein Begehr?« »Dies ... nun ... ich wollte sagen, was ich schon dem alten Herrn in Bogdaniec sagte: daß jene andere ihm für alle Ewigkeit verloren ist, und daß er sie niemals finden wird, selbst wenn der Großmeister ihm behilflich wäre.« »Sie ist sein Weib!« entgegnete Jagienka. Der Böhme schüttelte den Kopf. »Wohl, sie ist sein Weib, und doch auch nicht ...« Jagienka gab keine Antwort, aber zu Hause, nach der Abendmahlzeit, als Jasko und der jüngere Bruder schlafen gegangen waren, ließ sie einen Krug Met bringen und sagte zu dem Böhmen gewendet: »Vielleicht möchtest Du lieber schlafen, ich aber würde gerne noch ein wenig plaudern.« Trotz seiner Müdigkeit war Hlawa bereit, sogar bis zum Morgen zu plaudern. Daher unterhielten sie sich noch lange miteinander, oder vielmehr er erzählte abermals ausführlich von den Schicksalen Zbyszkos, Jurands, Danusias und von seinen eigenen Erlebnissen. Zweites Kapitel. Macko rüstete sich für die Fahrt. Während zweier Tage ließ sich Jagienka nicht in Bogdaniec sehen, hatte sie doch beständig Beratungen mit dem Böhmen. Erst am dritten Tage, an einem Sonntag, traf der alte Ritter auf dem Wege zur Kirche mit ihr zusammen. Mit ihrem Bruder Jasko und mit einem beträchtlichen Gefolge bewaffneter Knechte begab sie sich nach Krzesnia, denn sie fürchtete, Cztan und Wilk, die wohl wieder gesund sein mochten, könnten vielleicht einen Ueberfall auf sie planen. »Ich wollte Euch nach der Messe in Bogdaniec aufsuchen,« erklärte Jagienka, Macko begrüßend, »denn ich möchte etwas mit Euch bereden, allein wir können auch jetzt gleich darüber sprechen.« Nach diesen Worten schickte sie das Gefolge voraus, offenbar damit die Knechte das Gespräch nicht mitanhören sollten, und sich Macko nähernd, fragte sie: »Es ist also gewiß, daß Ihr Euch auf die Fahrt macht?« »Ja, und zwar schon morgen, nicht später, Gott gebe dies.« »Und Ihr zieht nach Marienburg?« »Nach Marienburg oder wohin mich das Geschick führt.« »So hört nun auch mich. Gar lange schon habe ich überlegt, was mir zu thun obliegt, und jetzt möchte ich von Euch einen Rat haben. Früher freilich, als der Vater noch lebte und der Abt noch bei Kräften war, da lag alles anders. Außerdem hielten sich Cztan und Wilk, so lange sie glaubten, ich würde einen von ihnen wählen, gegenseitig im Zaume. Jetzt aber stehe ich schutzlos da. Wie in einem Gefängnis muß ich innerhalb der Pfähle von Zgorzelic bleiben, wenn ich mich nicht allen möglichen Kränkungen aussetzen will. Sagt selbst, ob das nicht so ist?« »Traun,« erwiderte Macko, »das alles ist mir auch schon in den Sinn gekommen.« »Und habt Ihr einen Ausweg gefunden?« »Nein. Eins mußt Du aber doch bedenken: wir sind in Polen, also in einem Lande, in dem Gewaltthaten gegen ein Mägdlein schwer geahndet werden.« »Das ist wohl der Fall, allein über die Grenze ist's nur ein Sprung. Schlesien liegt ja auch im polnischen Gebiete, das weiß ich ganz gut, trotzdem aber greifen sich dort die Fürsten fortwährend an und bekämpfen sich gegenseitig. Mein geliebtes Väterchen lebte noch, wenn dies nicht der Fall wäre. Die Deutschen, die dort eingedrungen sind, stiften gar viel Unruhe, verüben gar viele Unthaten, wer sich daher verbergen will, der schlägt sich einfach zu ihnen. Weder Wilk noch Cztan würden leichtes Spiel mit mir haben, dessen bin ich gewiß, allein es handelt sich dabei auch um meine Brüder. Entferne ich mich von hier, dann wird Ruhe herrschen, bleibe ich indessen in Zgorzelic, weiß Gott allein, was sich noch ereignen mag. Angriffe, Kämpfe werden unausbleiblich sein. Jasko ist schon vierzehn Jahre alt und durch keine Macht der Welt, geschweige denn durch mich, wird er sich zurückhalten lassen. Das letzte Mal, als Ihr uns zu Hilfe eiltet, da war er immer voraus, ja, es hätte nicht viel gefehlt, und Cztan hätte ihn mit der Keule, mit der er auf unsere Leute einschlug, an den Kopf getroffen. Jasko hat den Knechten schon erklärt, er werde jene beiden zum Kampfe auf festgetretener Erde fordern. Nicht einen Tag wird Frieden herrschen, das sage ich Euch. Gar Schlimmes kann daher den Bürschlein begegnen.« »Bei meiner Treu, Cztan und Wilk sind freilich Hundskerle,« rief Macko eifrig, »allein gegen Kinder werden sie ihre Hände nicht erheben.« »Gegen Kinder werden sie ihre Hände freilich nicht erheben, doch im Getümmel, bei einer Feuersbrunst, die Gott verhüten möge, können sich allerlei Zufälle ereignen. Doch wozu lange darüber reden? Die alte Cieciechowa liebt meine Brüder wie ihre eigenen Kinder, in ihrer Obhut wird es ihnen an nichts gebrechen, und ohne mich sind sie weit sicherer als in meiner Anwesenheit.« »Das kann wohl sein!« bemerkte Macko, dann schaute er Jagienka prüfend an und fragte: »Was ist Dein Begehr?« Da antwortete diese leise: »Nehmt mich mit Euch!« Obwohl Macko dies vorausgesehen, that er doch sehr verwundert, hielt sein Pferd an und rief: »Da sei Gott vor, Jagienka.« Die Maid aber senkte das Haupt und erwiderte mutlos, ja traurig: »Wie Ihr nur seid! Was mich betrifft, ich sage stets alles aufrichtig, ich verschweige nichts! Ihr beide, Ihr sowohl wie Hlawa, habt gesagt, Zbyszko werde jene andere niemals wiederfinden, ja, Hlawa sieht noch weit Schlimmeres voraus. Gott ist nun mein Zeuge, daß ich ihr nichts Böses wünsche, nein, die Mutter Gottes möge der Bedauernswerten beistehen und sie beschützen, denn wenn sie auch dem Herzen Zbyszkos weit näher steht als ich, so ist dies eben mein Los, an dem sich nichts mehr ändern läßt. Aber, seht Ihr, bevor Zbyszko sie gefunden hat, oder ehe es sicher ist, daß er sie niemals finden wird, wie Ihr annehmt, so – so –« »So – was?« fragte Macko, als er bemerkte, daß Jagienka immer verlegener und verwirrter wurde. »So werde ich weder das Weib von Cztan, noch von Wilk, noch von irgend einem anderen.« Macko atmete befriedigt auf, dann warf er ein: »Ich dachte nie anders, als daß Du schon gewählt habest!« »Hei!« ließ sie sich noch trauriger als zuvor vernehmen. »Doch nun, was willst Du eigentlich? Kann ich Dich vielleicht zu den Kreuzrittern mitnehmen?« »Zu den Kreuzrittern gerade nicht. Am liebsten möchte ich jetzt zu dem Abte gehen, der in Sieradz krank darnieder liegt. Er hat sicherlich keine einzige liebende Seele um sich, denn die Spielleute trinken gewiß mehr als ihnen gut ist. Er aber ist doch mein Taufpate, mein Wohlthäter. Wenn er nur gesund wäre, dann würde ich ihn um seinen Schutz bitten, wird er doch von allen Leuten gefürchtet.« »Dagegen habe ich nichts einzuwenden,« erklärte Macko, der im Grunde genommen über den Entschluß Jagienkas sehr erfreut war, kannte er doch die Kreuzritter genugsam, um sich der festen Ueberzeugung hinzugeben, Danusia werde nicht lebend aus deren Händen entkommen. »Ich möchte nur noch eins betonen,« fügte er schließlich hinzu, »man hat seine liebe Not mit einem Mägdlein auf der Fahrt.« »Das mag bei jeder andern zutreffen, aber nicht bei mir. Wohl habe ich bis jetzt noch nicht gekämpft, allein es ist nichts Neues für mich, den Bogen zu spannen oder die Beschwerden der Jagd zu ertragen. Fürchtet nichts, was nötig ist, das wird geschehen. Ich werde Jaskos Kleider anlegen, meine Haare in ein Netz thun und mich mit einem Schwerte gegürtet, auf den Weg machen. Jasko ist zwar jünger, aber gerade so groß als ich, und wir gleichen uns so sehr, daß mein verstorbenes Väterchen uns nicht zu unterscheiden vermochte, als wir uns zu Fastnacht verkleideten. Weder der Abt noch irgend ein anderer wird mich daher erkennen, das müßt Ihr doch einsehen.« »Wie ist es aber dann mit Zbyszko?« »Wenn ich mit ihm zusammentreffe –« Macko schaute einen Augenblick nachdenklich vor sich hin, dann lachte er plötzlich laut auf und sagte: »Aber Wilk aus Brzozowa und Cztan aus Rogow, die werden schön wild werden!« »Mögen sie so wütend werden wie sie wollen! Schlimmer wäre es, wenn sie uns folgen würden.« »Ei, ich fürchte mich nicht. Wohl bin ich alt, aber es wäre besser für sie, nicht unter meine Fäuste zu kommen, deren Kraft meinem Geschlechte nur Ehre macht. Zbyszko hat ihnen schon eine Probe davon gegeben.« So sprechend gelangten sie nach Krzesnia. In der Kirche trafen sie mit dem alten Wilk aus Brzozowa zusammen, der von Zeit zu Zeit Macko grimmige Blicke zuwarf. Letzterer beachtete dies jedoch nicht weiter, sondern machte sich nach der Messe leichten Herzens mit Jagienka auf den Heimweg. Kaum hatte er sich indessen von dem Mägdlein an dem Kreuzwege getrennt, kaum befand er sich allein in Bogdaniec, so kamen ihm weniger erfreuliche Gedanken in den Sinn. Daß weder Zgorzelic, noch die Angehörigen Jagienkas während deren Abwesenheit bedroht werden würden, dessen war er gewiß. »Sie suchen das Mägdlein zu gewinnen,« sagte er sich, »das ist aber etwas ganz anderes. Gegen Waisen und deren Eigentum wird weder Wilk noch Cztan einen Finger rühren, denn damit würden sich beide mit schimpflicher Unehre bedecken und jeder Lebende würde sie gleich wirklichen Wölfen bekämpfen. Bogdaniec jedoch bleibt der Gnade Gottes anheimgegeben. Man wird die Gräben zuschütten, das Vieh forttreiben, die Bauern hinweglocken! Gott allein weiß, ob ich nach meiner Rückkehr alles wieder in stand zu setzen vermag. Vielleicht muß ich meine Zuflucht zum Gericht nehmen, nicht nur die Faust, sondern auch das Gesetz regiert bei uns. Ob ich indessen zurückkehre? Und wann werde ich zurückkehren? Gegen mich sind sie von Haß erfüllt, bin ich doch zwischen sie und Jagienka getreten. Wie grimmig wird aber ihr Haß erst entflammen, wenn die Maid mit mir zieht!« Schwere Sorgen drückten den alten Ritter darnieder. In trefflichster Weise hatte er Bogdaniec wieder bewirtschaftet, allein er zweifelte keinen Augenblick daran, daß nun seine Mühen umsonst gewesen, daß er nach seiner Rückkehr den Herrenhof verwüstet, verödet vorfinden werde. »Traun,« dachte Macko bei sich, »dagegen muß sich doch ein Mittel finden lassen!« Nach dem Mittagsmahle befahl er, sein Pferd zu satteln. Unverweilt stieg er auf und ritt geradewegs nach Brzozowa. Mit einbrechender Dämmerung langte er dort an. Der alte Wilk saß in einer nach vorn gelegenen Stube bei einem Kruge Met, der junge Wilk hingegen, dem Cztan übel mitgespielt hatte, lag auf einer mit Fellen bedeckten Bank und trank auch. Unbemerkt trat Macko ein. Ganz nahe der Schwelle blieb er stehen, hoch aufgerichtet, mit ernstem, fast finsterem Gesichte, aber ohne eine Waffe in den Händen; nur ein mächtiges Schwert trug er an der Seite. Da der helle Schein des Feuers die hagere Erscheinung grell beleuchtete, erkannten ihn Vater und Sohn sofort, sprangen wie der Blitz auf ihre Füße, rannten an die Wand und griffen zu der ersten besten Wehr, deren sie habhaft werden konnten. Der alte erfahrene Macko aber kannte seine Leute durch und durch. So war er denn auch nicht im geringsten beunruhigt, ja, er griff nicht einmal nach seinem Schwert, sondern fragte, die Hände in die Seite stemmend, in festem, etwas spöttischem Tone: »Was soll dies heißen? Ist das die berühmte Gastfreundschaft in Brzozowa?« Auf diese Worte hin ließen die also Angeredeten sofort die Hände sinken, so daß gleich darauf das Schwert des Alten, die Lanze des Jungen klirrend zu Boden fielen. Beide schauten mit vorgestrecktem Halse und noch immer Böses prophezeihendem Blicke auf Macko, bald aber spiegelte sich Staunen und Scham aus ihren Gesichtern. Mackos Lippen jedoch umspielte ein Lächeln, als er sagte: »Gelobt sei Jesus Christus!« »Von Ewigkeit zu Ewigkeit!« antwortete Wilk und dessen Sohn. »Und der heilige Georg!« »Dem wir dienen!« »Gern bin ich zu den Nachbarn gekommen.« »Gern begrüßen wir Euch! Heilig ist uns der Gast!« Nach diesen Worten eilte der alte Wilk, gefolgt von seinem Sohne, auf Macko zu. Beide schüttelten ihm kräftig die Hand und geleiteten ihn hierauf zum Ehrensitze am Tische. Schon nach wenigen Minuten waren Holzscheite im Kamine aufgeschichtet, der Tisch ward mit einer Matte belegt; Schüsseln mit allerlei Gerichten, sowie Schläuche mit Bier und Krüge mit Met wurden aufgetragen, und die drei begannen zu essen und zu trinken. Zeitweise warf der junge Wilk dem Gaste eigentümliche Blicke zu, die deutlich bewiesen, wie in ihm die widerstreitendsten Gefühle – Ehrfurcht und Haß – miteinander kämpften. Dabei bediente er aber jenen so geschäftig, daß er vor Anstrengung erbleichte, war er doch verwundet und dadurch seiner gewöhnlichen Kraft beraubt. Sowohl Vater wie Sohn brannten vor Neugierde zu erfahren, weshalb Macko sich bei ihnen eingestellt hatte, trotzdem hütete sich aber ein jeder, irgend etwas zu fragen, sondern harrte geduldig des Augenblickes, in dem Macko selbst davon zu sprechen beginnen werde. Letzterer jedoch pries indessen, als ein Mann von guter Gesittung, zuvörderst die Gastfreundschaft, Speise und Trank, und erst, nachdem er sich sattsam gestärkt hatte, hub er mit würdevoller Stimme also an: »Nur zu häufig, traun, herrscht Streit, herrscht Kampf zwischen den Menschen, und doch sollte unter Nachbarn stets Frieden sein.« »Es giebt kein köstlicheres Gut, als Frieden!« entgegnete Wilk mit gleicher Würde. »Es ereignet sich auch gar zu oft,« fuhr Macko fort, »daß ein Mann, der mit irgend einem Menschen in Unfrieden gelebt hat und sich plötzlich auf eine lange Reise vorbereiten muß, nur sehr ungern von jenem Menschen scheidet und sich nicht auf die Fahrt machen will, ohne ihm Lebewohl gesagt zu haben.« »Der Herr lohne Euch die Freundschaftsworte.« »Ich brauche nicht nur Worte, sondern ich bethätige sie auch, kam ich doch hierher.« »Von ganzer Seele freuen wir uns darob. Wenn Ihr nur täglich bei uns vorsprechen würdet.« »Wollte Gott, ich könnte Euch in Bogdaniec die Ehre erweisen, welche denen gebührt, die auf ritterliche Sitte halten, allein ich muß ungesäumt von dannen ziehen.« »In den Krieg oder an irgend einen heiligen Ort?« »Eines oder das andere wäre mir weit gemäßer, denn, schlimm genug, zu den Kreuzrittern mache ich mich auf die Fahrt.« »Zu den Kreuzrittern?« riefen Vater und Sohn fast in einem Atem. »Ja,« antwortete Macko. »Wer aber zu ihnen zieht, ohne mit ihnen in Freundschaft verbunden zu sein, der thut gut daran, mit Gott und den Menschen Frieden zu schließen, sonst würde er vielleicht mit dem Leben auch die ewige Seligkeit verlieren.« »Es ist gar seltsam,« meinte der alte Wilk, »allein bis jetzt ist mir noch kein Mensch zu Gesicht gekommen, der unter ihnen geweilt hätte, ohne Bedrückung erdulden zu müssen.« »Und steht es nicht ebenso mit unserm ganzen Königreiche!« fügte Macko hinzu. »Weder durch die Litauer, bevor sie die heilige Taufe empfangen haben, noch durch die Tataren ist es jemals schlimmer bedrückt worden, als durch jene Weißmäntel.« »Das ist die reine Wahrheit, aber wißt Ihr was: wohl haben sie nicht gerastet und nicht geruht, bis sie alles in ihrer Gewalt hatten, jetzt aber kommt die Zeit der Vergeltung.« Leichthin spie der alte Wilk nach diesen Worten in die Hände, während sein Sohn hinzufügte: »Es kann gar nicht anders sein.« »So wird es kommen, das ist gewiß. Aber wann? Nicht von uns hängt dies ab, sondern von dem König. Vielleicht kommt alles früher, als wir denken – vielleicht aber auch viel später – Gott allem weiß es. Inzwischen muß ich mich zu den Kreuzrittern begeben.« »Wohl mit dem Lösegeld für Zbyszko?« Als der junge Wilk den Namen Zbyszkos von seinem Vater nennen hörte, ward er bleich vor Haß und Ingrimm. Macko jedoch entgegnete ruhig: »Vielleicht nehme ich Lösegeld mit mir, allein es wird nicht für Zbyszko sein.« Diese Worte erregten die Neugierde von Vater und Sohn so sehr, daß schließlich der alte Wilk, der sich nicht länger im Zaume zu halten vermochte, bemerkte: »Es steht Euch ja frei, mir zu antworten oder nicht. Weshalb zieht Ihr dahin?« »Ihr sollt gleich alles erfahren, Ihr sollt gleich alles erfahren,« erklärte Macko mit dem Kopfe nickend, »doch zuvor muß ich von etwas anderm reden. Seht Ihr, wenn ich von dannen ziehe, bleibt Bogdaniec dem Schutze Gottes überlassen. Früherhin, als ich zusammen mit Zbyszko unter Fürst Witold in den Krieg zog, da hatte nicht nur der Abt ein wachsames Auge auf unser Besitztum, sondern auch Zych aus Zgorzelic. Jetzt aber kann weder der eine noch der andere dafür sorgen. Gar peinlich ist es für jeden Menschen, denken zu müssen, daß er sich umsonst abgemüht und abgearbeitet hat. Doch Ihr wißt ja selbst, wie dies zu gehen pflegt. Man wird mir meine Bauern abspenstig machen, die Grenze verrücken. Ein jeder wird von meinem Vieh so viel stehlen, als er nur vermag, und so der Herr Jesus mich ungefährdet zurückkehren läßt, werde ich eine Wüstenei antreffen. Ich komme daher zu Euch, als zu meinen Nachbarn, mit der Bitte, Bogdaniec Euern Schutz angedeihen zu lassen und nicht zu gestatten, daß ich von irgend jemand beraubt werde.« Als der alte Wilk diese Bitte vernahm, blickte er auf den jungen Wilk, und der junge Wilk blickte auf den alten Wilk, und beide verwunderten sich über die Maßen. Ein kurzes Schweigen trat ein, denn keiner von ihnen fand sogleich eine Antwort. Macko führte indessen die Trinkschale mit Met an die Lippen, trank sie aus und fuhr dann so behaglich und vertraulich fort, als ob er mit seinen besten Freunden spräche: »Ich will Euch nun aufrichtig sagen, wer mir sicherlich am meisten schaden wird. Kein anderer wie Cztan aus Rogow. Vor Euch hätte ich keine Furcht, selbst wenn wir uns in Unfrieden trennen würden, denn Ihr seid ritterlich gesinnte Männer, die jedem Feind kühn ins Antlitz schauen, niemals aber hinter dessen Rücken schamlose Rache üben. Hei! mit Euch ist das etwas ganz anderes. Ein Ritter ist eben ein Ritter! Cztan jedoch ist ein einfältiger Tropf; von einem einfältigen Tropf aber kann ich um so weniger Gutes erwarten, als er mir, wie Ihr wißt, sehr aufsässig ist, weil ich störend zwischen ihn und Jagienka, die Tochter von Zych, getreten bin.« »Die Ihr Eurem Bruderssohn geben wollt!« brach nun der junge Wilk los. Macko warf dem Sprechenden einen scharfen, kalten Blick zu, dann wandte er sich wieder zu dem alten Wilk, indem er ruhig erklärte: »Wißt, mein Bruderssohn hat sich mit einer jungen Erbin aus Masovien vermählt, die ihm einen beträchtlichen Brautschatz mitgebracht hat.« Ein noch tieferes Schweigen als zuvor trat nun ein. Eine ganze Weile starrten Vater und Sohn offenen Mundes auf Macko, bis sich endlich der alte Wilk also vernehmen ließ: »Hei, was soll dies sein? Es geht ja die Rede ... Nun, erzählt doch!« Ohne indessen auf diese Worte zu achten, fuhr Macko weiter fort: »Dies ist auch der Grund, weshalb ich eine Fahrt antreten muß. Ich bitte Euch daher nochmals, haltet von Zeit zu Zeit Umschau in Bogdaniec, verhütet, daß mein Besitztum von irgend jemand geschädigt werde, und schützt mich vor allem als gute, treue Nachbarn gegen Cztans Ueberfälle.« Für den jungen Wilk, der einen ziemlich scharfen Verstand besaß, unterlag es keinem Zweifel mehr, daß es für ihn, nach der Verheiratung von Zbyszko, von unendlichem Werte war, sich mit Macko gut zu stellen, da Jagienka großes Vertrauen in diesen setzte und in allem dessen Rat befolgte. Vor den Blicken des jungen Heißsporns öffneten sich plötzlich ganz neue Aussichten. »Es genügt jetzt nicht mehr, mich mit Macko zu vertragen,« sagte er sich, »ich muß ihn für mich einzunehmen suchen.« Obwohl er schon etwas angetrunken war, streckte er daher rasch seine Hand unter dem Tische aus, umfaßte seines Vaters Knie und drückte es zum Zeichen, daß dieser nichts Ungehöriges sagen möge. »Habt nur keine Angst vor Cztan!« wandte er sich hierauf zu Macko. »Oho, er soll es nur einmal versuchen! Er hat mich zwar ein wenig verhauen, das ist wahr, ich habe ihm aber in einer Weise auf seine zottige Schnauze gegeben, daß seine eigene Mutter ihn wohl kaum erkannt haben würde. Befürchtet nichts, macht Euch nur ruhig auf die Fahrt. Keine Hand soll an Bogdaniec rühren.« »Ihr seid ehrbare Männer, das sehe ich. Schwört Ihr es mir?« »Wir schwören es!« riefen beide. »Auf Euer Wappen?« »Auf unser Wappen, ja, wenn Ihr wollt, auf das Kreuz! So wahr uns Gott helfe!« Macko lächelte zufrieden vor sich hin, dann hub er von neuem an: »Nun, das und nichts anderes habe ich von Euch erwartet. Und weil das so ist, will ich Euch noch etwas sagen. Zych hat mich, wie Ihr wohl wißt, zum Schützer seiner Kinder bestellt. Deshalb trat ich auch Euch, Dir, jungen Bürschlein und Cztan entgegen, als Ihr gewaltsam in Zgorzelic einzufallen suchtet. Bin ich aber erst in Marienburg oder Gott weiß wo sonst, wird mein Schutz den armen Kindern wenig nützen. Gott hält zwar seine schirmende Hand über alle Waisen, und wer solchen Uebles thut, der hat nicht nur seinen Kopf verwirkt, sondern wird auch ehrlos erklärt. Allein trotzdem fällt es mir schwer zu gehen, furchtbar schwer. Gebt mir daher auch Euer Wort, daß Ihr weder selbst Zychs Waisen behelligen wollt, noch dulden werdet, daß sie von andern Unrecht leiden.« »Wir schwören, wir schwören!« »Auf Eure ritterliche Ehre und auf Euer Wappen?« »Auf unsere ritterliche Ehre und auf unser Wappen!« »Wie auch auf das Kreuz?« »Ja, auch auf das Kreuz.« »Gott ist unser Zeuge, Amen!« fügte Macko schließlich hinzu, indem er erleichtert aufatmete, war er doch nun gewiß, daß die beiden selbst dann ihrem Eid treu bleiben würden, wenn ihnen Zorn und Grimm die Kehle zuzuschnüren drohten. So wollte er sich denn auch sofort verabschieden, allein er ward fast mit Gewalt von Vater und Sohn zurückgehalten. Er mußte mit dem alten Will Brüderschaft trinken, während der junge Wilk, der gewöhnlich Händel suchte, sobald er seiner Sinne nicht mehr ganz mächtig war, sich damit begnügte, entsetzliche Drohungen gegen Cztan auszustoßen. Dabei bemühte er sich aber so eifrig um Mackos Gunst, als ob ihm dieser schon am folgenden Tage Jagienka zuführen werde. Noch ehe Mitternacht anbrach, war er indessen dermaßen erschöpft, daß ihn eine Ohnmacht anwandelte, und nachdem er wieder zu sich gebracht worden war, fiel er in einen bleiernen Schlaf. Der Vater folgte gar bald dem Beispiele des Sohnes, und beide machten den Eindruck von Leblosen, als Macko sie verließ. Beide machten den Eindruck von Leblosen, als Macko sie verließ. Da dieser aber sehr viel ertragen konnte, war er selbst keineswegs betrunken, sondern nur etwas angeheitert. Voll Freude rief er sich daher auf dem Heimwege all das in das Gedächtnis zurück, was er erreicht hatte. »Traun,« sagte er sich, »Bogdaniec ist nun ebensowenig gefährdet wie Zgorzelic. Wohl werden jene wüten, wenn sie hören, daß Jagienka fort ist, allein deren Eigentum ist jetzt ebenso sicher vor ihnen wie das meine. Dazu haben sie sich verpflichtet. Von dem Herrn Jesus ist dem Menschen Verstand verliehen worden. Wo man daher mit den Fäusten nichts auszurichten vermag, da muß man die Klugheit walten lassen. Wenn ich zurückkehre, wird mich der Alte zum Kampfe fordern, doch was liegt daran! Gott gebe nur, daß ich auch bei den Kreuzrittern meinen Zweck erreichen werde. Vielleicht steht mir aber die heilige Mutter Gottes bei, und ich kann für Zbyszko ebenso günstig wirken, wie ich dies für die Kinder Zychs und für Bogdaniec gethan habe.« Plötzlich schoß ihm der Gedanke durch den Kopf, das Mägdlein müsse ja gar nicht von dannen ziehen, der alte und der junge Wilk würden es sicherlich wie den eigenen Augapfel behüten, gleich darauf verwarf er aber wieder diese Idee. »Wohl werden jene über die Maid wachen, Cztan wird aber trotzdem nicht von seinen Ueberfällen abstehen,« sagte er sich von neuem. »Gott allein weiß, wer dann den Sieg davon tragen würde, sicherlich käme es zu fortwährenden Angriffen und Kämpfen, unter denen Zychs Söhne, Zgorzelic, ja sogar das Mägdlein zu leiden hätten. Weit leichter läßt sich Bogdaniec beschützen; für Jagienka ist es indessen jedenfalls ratsamer, fern von den beiden Raufbolden und in der Nähe des reichen Abtes zu sein.« Da Macko schon lange nicht mehr glaubte, Danusia könne lebend aus den Händen der Kreuzritter entkommen, nährte er stets die Hoffnung in sich, Zbyszko werde, wenn er verwitwet zurückkehre, dies als eine Fügung Gottes betrachten und Jagienka heimführen. »Hei, allmächtiger Gott und Herr!« dachte er bei sich, »wenn Zbyszko, der doch nun im Besitze von Spychow ist, sich mit Jagienka vermählen würde und dadurch Moczydoly und all das in Besitz bekäme, was ihr der Abt hinterläßt, hei, dann wollte ich es nicht an Wachs für Kerzen fehlen lassen.« Von solchen Gedanken und Betrachtungen erfüllt, erschien Macko der Heimweg aus Brzozowa weit kürzer als dies in Wirklichkeit der Fall war, denn erst spät in der Nacht langte er an Ort und Stelle an. Voll Verwunderung nahm er daher den hellen Lichtschein wahr, der durch das ölgetränkte Papier der Fenster fiel. Die Bediensteten schliefen noch nicht, und kaum ritt er in Bogdaniec ein, so eilte ihm ein Knecht entgegen. »Sind Gäste hier?« fragte Macko, vom Pferde steigend. »Ja, der junge Herr aus Zgorzelic mit dem Böhmen.« Macko staunte über diesen Besuch. Jagienka hatte versprochen, sich vor Tagesanbruch einzustellen, dann wollten sie sich sofort auf den Weg machen. Weshalb war daher Jasko gekommen und noch dazu zu einer so späten Stunde? Der alte Ritter glaubte nicht anders, als daß sich irgend etwas in Zgorzelic ereignet habe. Voll Angst und Sorge eilte er ins Haus. In der großen Vorderstube brannten in dem thönernen Kamine, das überall in dem Gehöfte die gewöhnlich in der Mitte der Gelasse befindlichen Feuerherde ersetzte, lustig prasselnd mächtige Scheite aus Tannenholz, während zwei von eisernen Ringen über dem Tische festgehaltene Fackeln noch mehr Licht verbreiteten. Macko erblickte auch sofort Jasko, den Böhmen Hlawa und noch einen jungen Burschen mit Wangen so rot wie ein Apfel. »Wie steht's mit Dir, Jasko, und was ist mit Jagienka?« fragte der alte Ritter. »Jagienka befahl mir, Euch zu sagen,« antwortete der Gefragte, indem er Macko die Hand küßte, »sie habe nach reiflichem Ueberlegen beschlossen, zu Hause zu bleiben.« »Da sei Gott vor! Und warum denn, weshalb denn? Was ist ihr denn plötzlich in den Sinn gekommen?« Seine blauen Augen fest auf Macko richtend, brach der junge Bursche mit einem Male in lautes Lachen aus. »Was soll dieses Gelächter bedeuten?« Doch das Lachen verstummte nicht, nein, Hlawa und der andere junge Bursche stimmten fröhlich darin ein. »Was sagt Ihr nun!« rief der vermeintliche Jasko. »Wenn Ihr mich nicht erkennt, wer soll mich denn sonst erkennen?« Jetzt blickte Macko prüfend auf die anmutende Erscheinung und rief dann sofort: »Im Namen des Vaters und des Sohnes! Die reinste Fastnacht! Doch weshalb bist Du hier, Du Irrwisch?« »Traun, weshalb? Wer eine Fahrt unternehmen will, der muß sich zeitig auf den Weg machen.« »Doch Du solltest ja erst morgen mit Tagesanbruch hierher kommen.« »Wo denkt Ihr hin! Morgen, bei Tagesanbruch, damit mich ein jeder sehen kann! Morgen werden sie in Zgorzelic denken, daß ich bei Euch zu Gast sei, und erst übermorgen wird man Nachforschungen anstellen. Sieciechowa und Jasko wissen zudem alles, und Jasko hat mir auf seine ritterliche Ehre einen Eid geleistet, daß er nur dann die Wahrheit enthüllen werde, wenn sich meine Leute beunruhigen sollten. Ihr habt mich also wirklich nicht erkannt?« Nun brach auch Macko in Lachen aus. »Laß Dich einmal anschauen! Hei, ein ganzer Kerl bist Du, etwas ganz Besonderes! Bei meiner Treu, wenn ich nicht schon so alt wäre – doch ich sage Dir, Mägdlein, nimm Dich in acht, nimm Dich in acht. Wenn wir uns zu oft sehen, dann ...« Lachend drohte er Jagienka mit dem Finger, während er sie mit stets wachsender Bewunderung betrachtete, hatte er doch noch nie zuvor einen solch hübschen Burschen gesehen. Sie trug ein rotseidenes Netz über den Haaren, ein grünes Tuchwams, Beinkleider, von denen die eine Hälfte die Farbe des Netzes hatte, die andere gestreift war, und welche sich an den Hüften weit aufbauschten, gegen die Knöchel zu aber eng und anschließend wurden. Ein kostbares Schwert prangte an dem Gürtel der Maid, ihr Antlitz aber war so sonnig und strahlend wie die Morgenröte, ihre Schönheit so anziehend, daß man kein Auge von ihr verwenden konnte. »So wahr mir Gott helfe,« ergriff schließlich Macko fröhlich das Wort, »man weiß in der That nicht, ob Du irgend ein feines Herrlein oder eine holde Blume bist. Doch wer ist das hier?« fuhr er fragend fort. »Gewiß irgend ein rechter Taugenichts.« »Das ist ja die Tochter der Sieciechowa,« antwortete Jagienka. »Gar einsam würde ich mich bei Euch fühlen, wäre ich allein. Wie könnte dies auch anders sein? So nahm ich denn Anielka mit mir, dann ist's lustig, und ich habe sowohl Gesellschaft wie Hülfe. Sie wird ebensowenig erkannt werden wie ich.« »Das ist nun wieder eine wahre Lust für Dich, Du Schalk! An einer war es nicht genug, es müssen gleich zwei sein.« »Verspottet mich nicht!« »Ich spotte doch nicht! Sobald indessen der Tag anbricht, wird man Dich und sie erkennen.« »Ach was! Woran denn?« »Weil Deine Knie sich einwärts biegen und die ihren auch.« »Ei, laßt mich in Frieden!« »Vor mir hast Du Ruhe, denn ich bin über dies Alter hinaus. Ob Dich aber Cztan und Wilk in Frieden lassen werden, das weiß Gott allein. Doch rate einmal, Du wilde Hummel, woher ich komme? Nirgends anders her als von dem alten Wilk.« »Gerechter Gott! Was sagt Ihr?« »Die Wahrheit, wie es auch die Wahrheit ist, daß der alte und der junge Wilk sich verpflichtet haben, Bogdaniec und Zgorzelic gegen Cztan zu verteidigen. Einen Feind herauszufordern oder mit ihm zu kämpfen, dazu gehört nicht viel, wer aber den Feind zum Wächter des eigenen Besitztums zu bestellen versteht, der kann kein Tölpel sein.« Nun schilderte Macko seinen Besuch bei dem alten und dem jungen Wilk und erzählte ausführlich, wie er allmählich die beiden in ihrer eigenen Schlinge zu fangen gewußt hatte. Voll Spannung lauschte Jagienka der Erzählung, schließlich aber erklärte sie: »Der Herr Jesus hat es bei Euch nicht an Schlauheit fehlen lassen. Zweifellos wird alles so geschehen, wie Ihr es wünscht.« Da senkte Macko das Haupt, als ob er gar betrübt wäre, indem er sagte: »Hei, Mägdlein, wenn alles so ginge, wie ich wünsche, dann würdest Du längst die Herrin in Bogdaniec sein.« Jagienka schaute den Sprechenden mit ihren blauen Augen zuerst groß an, dann beugte sie sich auf seine Hand und drückte einen Kuß darauf. »Was soll das heißen?« fragte der alte Ritter. »O nichts, nichts ... Ich will Euch nur ›Gute Nacht‹ sagen, denn es ist schon spät, und wir müssen uns vor Tagesanbruch auf den Weg machen.« Nach diesen Worten entfernte sie sich mit Anielka, während sich Macko mit Hlawa in eine Nebenstube begab, wo die beiden, auf Büffelfellen ruhend, bald in tiefen, festen Schlaf fielen. Drittes Kapitel. Wenn schon Sieradz, welches die Kreuzritter im Jahre 1331 dem Erdboden gleich machten, nachdem sie ein entsetzliches Blutbad angerichtet und mit Feuer und Schwert daselbst gewütet hatten, unter Kasimir dem Großen wieder neu aufgebaut worden war, zeichnete sich der Platz doch durch nichts Besonderes aus und stand hinter manch anderen Städten des Königreiches weit zurück. Jagienka freilich, deren Leben sich bis jetzt zwischen Zgorzelic und Krzesnia abgespielt hatte, ward von Staunen und Bewunderung ergriffen beim Anblick der Mauern, der Türme, des Rathauses, vor allem aber beim Anblick der Kirchen, denen die aus Holz erbaute Kirche in Krzesnia in nichts ähnelte. Im ersten Momente verlor sie in solchem Maße die sie sonst kennzeichnende Lebhaftigkeit und Entschiedenheit, daß sie nicht laut zu sprechen wagte, sondern Macko nur im Flüstertone über all die Wunder befragte, welche ihre Augen blendeten. Als der alte Ritter sie aber gar noch versicherte, Sieradz lasse sich mit Krakau ebenso wenig vergleichen, wie eine gewöhnliche Flamme mit der Sonne, wollte sie dies nicht glauben, hielt sie es doch für unmöglich, daß es noch eine zweite Stadt von solcher Pracht auf Erden gebe. In dem Kloster wurden sie von jenem hochbejahrten Prior begrüßt, der sich noch aus seiner Kindheit an das von den Kreuzrittern angerichtete Blutbad erinnerte und von welchem bei einer früheren Gelegenheit Zbyszko empfangen worden war. Macko vernahm voll Kummer und Sorge die Nachrichten über den Abt, der längere Zeit in dem Kloster verweilt hatte. Erst seit vierzehn Tagen, so berichtete der Prior, halte sich jener bei seinem Freunde, dem Bischof von Plock auf. Während seiner Anwesenheit sei er fast fortwährend krank darnieder gelegen. Frühmorgens, sowie tagsüber sei er zwar stets bei vollem Bewußtsein gewesen, gegen Abend hätten sich aber seine Sinne meistens verwirrt. Dann habe er häufig versucht, aufzuspringen, indem er den Befehl erteilte, ihn mit dem Panzer zu bekleiden, da er den Fürsten Jan aus Natibor zum Kampfe fordern wolle. »Die fahrenden Kleriker mußten ihn immer mit Gewalt auf seinem Lager festhalten,« fuhr der Prior fort. »Ja, dies war aber fast ein Ding der Unmöglichkeit und schloß stets eine gewisse Gefahr in sich. Erst in jüngster Zeit ist eine Besserung eingetreten. Wohl hat die Schwäche zugenommen, der Geist ist jedoch klar geblieben, und in voller Klarheit hat der Abt befohlen, ihn nach Plock zu bringen. Wißt, er erklärte mir, er vermöge keinem Menschen so zu vertrauen wie dem Bischof von Plock, deshalb wolle er auch nur von diesem die heiligen Sakramente empfangen und in dessen Hände seinen letzten Willen niederlegen. Mit aller Kraft widersetzten wir uns dieser Reise, denn er war so schwach, daß wir fürchteten, er werde seinen Bestimmungsort nicht lebend erreichen, doch wir konnten nichts ausrichten. Seine Spielleute machten daher einen Wagen für ihn bereit und geleiteten ihn hinweg. Gott gebe, daß er glücklich ans Ziel gelange.« »Wenn ihn der Tod irgendwo in der Nähe von Sieradz ereilt hätte, wäre Euch doch sicherlich Kunde davon geworden,« warf Macko ein. »Ja, davon wäre uns Kunde geworden,« antwortete das gute alte Väterchen. »Aus diesem Grunde glaube ich auch nicht, daß er schon diesseits von Leczyca seinen letzten Atemzug gethan hat, was aber jenseits geschehen ist, wie können wir das wissen! So Ihr ihm jedoch nachfolgt, werdet Ihr auf Euerem Wege schon alles in Erfahrung bringen.« Tief bekümmert über das Gehörte, besprach sich Macko mit Jagienka, die durch den Böhmen schon von der Fahrt des Abtes nach Plock unterrichtet worden war. »Was ist nun zu thun?« fragte der alte Ritter das Mägdlein, »was gedenkst Du anzufangen?« »Ihr begebt Euch nach Plock, und ich gehe mit Euch!« entgegnete die Gefragte kurz entschlossen. »Wir gehen mit Euch nach Plock!« sekundierte die Tochter der Sieciechowa sofort mit ihrem dünnen Stimmchen. »Schau, schau, wie diese beiden mit ihren Ratschlägen gleich bei der Hand sind! Meiner Treu, als ob man nur so ohne weiteres nach Plock gehen könnte!« »Vermag ich vielleicht allein mit Anielka den Heimweg anzutreten? Und überdies, wenn Ihr mich nicht weiter mit Euch nehmen wollt, dann wäre ich besser gleich in Zgorzelic geblieben. Glaubt Ihr denn nicht, daß ich jetzt nach meiner Heimkehr noch mehr zu fürchten hätte als früher?« »Und der alte und der junge Wilk? Sind die vielleicht nicht Mannes genug, um Dich gegen Cztan zu schützen?« »Ich müßte ja die Verteidiger ebenso fürchten wie die Angreifer! Doch ich merke ganz gut, daß Ihr nur streitet, um zu streiten, und es gar nicht ernst meint.« Dies war auch wirklich der Fall. Macko wünschte, daß Jagienka mit ihm ziehe, und hätte es nur ungern gesehen, wenn sie nach Zgorzelic zurückgekehrt wäre. Kaum hatte er daher des Mägdleins Antwort vernommen, so lachte er laut auf und sagte: »Sie hat die Weiberröcke ausgezogen, damit sie Verstand bekomme!« »Ei was, nur im Kopfe ist der Sitz des Verstandes!« »Plock liegt jedoch ganz abseits von meinem Wege.« Der Böhme bestritt dies und behauptete, die Fahrt nach Marienburg sei viel näher über Plock. »Du hast also mit dem Böhmen schon alles ausgemacht?« »Gewiß, und er hat folgendermaßen gesprochen: ›Wenn dem jungen Herrn in Marienburg irgend etwas Schlimmes zugestoßen sein sollte, ließe sich mit Hilfe der Fürstin Alexandra aus Plock viel erreichen. Ganz abgesehen davon, daß sie eine Anverwandte des Königs ist, steht sie auch in ganz besonders freundlichen Beziehungen zu den Kreuzrittern, bei denen sie großes Ansehen genießt‹.« »Das ist richtig, so wahr mir Gott helfe,« rief Macko. »Ein jeder weiß dies, und wenn sie uns ein Schreiben an den Großmeister geben würde, könnten wir unbehelligt die Lande der Kreuzritter durchziehen. Sie ist dem Orden sehr zugethan, folglich ist der Orden auch ihr sehr zugethan. Ein guter Rat, ein guter Rat! Dieser Böhme ist ein kluger Bursche!« »Und wie klug ist er!« stimmte die Tochter der Sieciechowa voll Eifer bei, indem sie mit ihren blauen Augen begeistert emporblickte. Da wandte sich Macko plötzlich mit der Frage zu ihr: »Wieso hast denn Du hier mitzusprechen?« In tiefster Verwirrung senkte die Maid die langen Wimpern und erglühte gleich einer roten Rose. Macko wußte indessen nur zu wohl, daß ihm kein anderer Ausweg blieb, als die beiden Mägdlein mit sich zu nehmen. Im Grunde seiner Seele war dies auch sein Wunsch, und so setzte er denn des andern Morgens seine Fahrt fort, nachdem er sich von dem greisen Prior verabschiedet hatte. Infolge der Schneeschmelze und der dadurch steigenden Gewässer kam er indessen weit weniger rasch vorwärts, als dies früher der Fall gewesen war. Aber auch nicht nur auf allen Edelhöfen und Pfarreien, an denen er vorüber kam, hielt er Nachfrage nach dem Abt, sondern auch in den Herbergen, in denen er mit seinen Begleitern des Nachts Rast machte. Des Abtes Spuren zu verfolgen, fiel nicht schwer, hatte er doch allerorts reichliche Spenden gegeben, teils für Almosen, teils um Messen lesen zu lassen, wie auch zur Anschaffung einer Glocke oder zur Wiederherstellung irgend einer alten Kirche. Was Wunder, daß sich daher der oder jener Küster, der oder jener Pfarrer seiner ebensowohl voll Dankbarkeit erinnerte, wie gar manches arme Väterchen, welches »um Gaben bittend« einherwanderte. Rings umher ging die Rede: »Gleich einem Engel zog er dahin.« Alt und jung betete für seine Gesundung, wenngleich der und jener die Furcht hegte, er werde des ewigen Heiles eher teilhaftig, als einer zeitweiligen Besserung. An etlichen Plätzen hatte der Abt, seiner zunehmenden Schwäche wegen, sogar zwei oder drei Tage verweilen müssen, Macko durfte sich daher der Hoffnung hingeben, daß er ihn noch einholen könne. Allein er täuschte sich in dieser Annahme. Bevor er Leczyca erreichte, nötigte ihn das Anschwellen der Flüßchen Nera und Bzura, vier Tage in einer verlassenen Schenke zu verbringen, deren Besitzer sich wohl aus Furcht vor Wassersnot geflüchtet haben mochte. Die Landstraße, welche von der Herberge zur Stadt führte, war trotz der darin eingerammten Pfähle fast ungangbar geworden, denn es hatte sich auf weite Strecken hinaus ein Wassertümpel neben dem andern gebildet. Wit, einer der Mannen Mackos, der aus dieser Gegend stammte, hatte zwar einmal etwas von einem durch den Wald führenden Weg gehört, aber er weigerte sich, als Führer zu dienen, wollte er doch bestimmt wissen, daß in den Sümpfen bei Leczyca allerlei böse Geister ihr Wesen trieben. Seiner Ansicht nach war unter diesen besonders der mächtige Boruta Ein Sumpfgeist. Anmerkung der Uebersetzerinnen zu fürchten, der es sich stets angelegen sein ließ, die Menschen an bodenlose Stellen zu locken und sie dann nur um den Preis ihres Seelenheiles freigab. Aber auch die Schenke selbst stand in üblem Rufe. Macko hatte sich daher nur ungern zu einer längeren Einkehr entschlossen, wenn schon er keineswegs fürchten mußte, mit seinen Begleitern Hunger zu leiden, da er wie alle, die in jener Zeit eine Fahrt unternahmen, reichliche Zehrung mit sich führte. Und siehe da, thatsächlich hörten die Rastenden des Nachts einen gewaltigen Lärm auf dein Dache des Wirtshauses, zuweilen dünkte es sie auch, es klopfe jemand an die Thüre. Jagienka und Anielka aber, die beide in einem engen Gelasse neben der großen Vorderstube schliefen, vernahmen deutlich, wie in der Dunkelheit kleine Füßchen über den Lehmboden, ja an den Wänden auf und ab huschten. Dies verursachte ihnen keinen allzugroßen Schrecken, waren sie doch von Zgorzelic her an böse Geister gewöhnt, für die man seiner Zeit auf Befehl des alten Zych stets Speise vor die Thüre gestellt hatte, und welche, wie angenommen wurde, nichts Schlimmes vollführten, wenn man mit Gaben nicht kargte. In einer Nacht indessen erscholl aus dem nahen Dickicht ein dumpfes, unheilverkündendes Gebrüll. Am nächsten Morgen zeigten sich zwar die gegen die Sümpfe führenden Spuren mächtiger Hufe, welche wohl von Auerochsen oder Büffeln herrühren mochten, allein Wit behauptete, kein anderer als Boruta sei dies gewesen, der, einerlei ob er in der Gestalt eines Edelmannes oder in sonst irgend einer menschlichen Gestalt erscheine, Pferdefüße habe, und die Schuhe, die er zu tragen pflegte, sobald er sich unter den Leuten zeigte, in den Sümpfen der Schonung halber sofort wieder abnehme. Als Macko hörte, Boruta könne durch das Spenden eines Trunkes versöhnlich gestimmt werden, überlegte er den ganzen Tag bei sich, ob es nicht sündhaft sei, einem bösen Geiste Gutes zu erweisen, und schließlich zog er Jagienka zu Rate. »Wie wäre es, wenn ich auf die Nacht eine Ochsenblase, mit Wein oder Honig gefüllt, an den Zaun hinge?« fragte der alte Ritter. »Ist am andern Morgen etwas davon ausgetrunken, dann wissen wir, daß er sich hier in der Nähe umhertreibt.« »Bedenkt, daß wir zur glücklichen Errettung Zbyszkos des Segens der himmlischen Mächte bedürfen!« antwortete das Mägdlein. »Wie leicht könnten sie sich aber durch Euere That gekränkt fühlen.« »Das ist ja auch meine Furcht, doch ich sage mir stets wieder: Es handelt sich hier nur um Honig und nicht um meine Seele! Hei, meine Seele ist mir nicht feil. Was kümmern sich indessen die himmlischen Mächte um eine Ochsenblase voll Honig? Und zudem,« fuhr Macko mit gedämpfter Stimme fort, »gebietet es die Sitte, daß ein Edelmann dem andern selbst dann beistehe, wenn letzterer ein ganz verwerflicher Mensch sein sollte. Alle Leute behaupten jedoch, er sei ein Edelmann.« »Wer?« fragte Jagienka. »Den Namen eines bösen Geistes will ich nicht in den Mund nehmen.« Gegen Abend hing indessen Macko eigenhändig eine der großen Ochsenblasen, wie sie häufig zur Aufbewahrung von Getränken dienen mußten, an den Zaun, und schon am nächsten Morgen war die Ochsenblase bis auf den Grund geleert. Der Böhme lächelte zwar gar seltsam, als die Rede darauf kam, allein kein Mensch beachtete ihn. In dem alten Ritter aber rief jene Thatsache große Freude hervor, gab er sich doch nun der Hoffnung hin, mit seinen Begleitern unbehelligt und ohne Fährlichkeiten über die Sümpfe zu kommen. »Sonst müßte ja die Behauptung der Leute, daß er wisse, was Ehre heißt, falsch sein,« dachte Macko bei sich. Jetzt handelte es sich freilich vor allem darum, in Erfahrung zu bringen, ob man durch den Wald kommen könne. Dies mochte wohl sehr leicht der Fall sein, denn überall da, wo der Boden durch Baumwurzeln und zusammengewachsenes Geäst geschützt ist, kann er nicht so rasch von dem Regen aufgeweicht werden. Wit jedoch, der sich wohl am besten für diese Aufgabe geeignet haben würde, schrie sofort, als Macko nur eine Anspielung darauf machte: »Ihr könnt mich totschlagen, Herr, aber ich gehe nicht.« Da man umsonst versuchte, ihm klar zu machen, daß tagsüber böse Geister keine Macht haben, wollte der alte Ritter zuerst selbst gehen, schließlich wurde indessen ein anderer Ausweg gefunden. Hlawa sollte das Wagnis unternehmen. Der Böhme war ein keker Bursche, dem nichts erwünschter war, als seinen Mut vor den Leuten, insbesondere aber vor Frauen bethätigen zu dürfen. Er machte sich daher sofort bereit, indem er eine Streitaxt in seinen Gurt steckte und einen derben Knüttel zur Hand nahm. Vor Tagesanbruch trat er seine Wanderung an. Man glaubte sicher, er könne schon gegen Mittag wieder zurück sein. Große Unruhe bemächtigte sich daher aller, als dies nicht der Fall war. Vergeblich horchten die Knechte, als die Mittagszeit herannahte, nach allen Richtungen des Waldes. Wit machte nur abwehrende Handbewegungen, indem er erklärte: »der kommt nicht mehr zurück; wenn er aber zurückkäme, dann wäre es schlimm genug für uns, denn Gott weiß, ob er nicht einen Wolfsrachen hat und in einen Wärwolf verwandelt ist.« Diese Worte versetzten alle in den tiefsten Schrecken. Macko war nicht mehr er selbst, Jagienka machte fortwährend, dem Walde zugekehrt, das Zeichen des Kreuzes, während Anielka, ohne an ihre Verkleidung zu denken, immer wieder umsonst nach ihrer Schürze suchte und schließlich, als sie nichts fand, womit sie ihre Augen bedecken konnte, das Gesicht in die Hände barg, welche nur zu bald von großen, langsam herabrinnenden Thränen benetzt wurden. Da mit einem Male, um die abendliche Melkezeit – die Sonne ging gerade unter – erschien Hlawa wieder und nicht allein, nein, sondern er trieb eine seltsame, aber doch menschenähnliche Gestalt an einem Stricke vor sich her. Mit lautem Freudengeschrei wurde der Böhme begrüßt; bald jedoch verstummten die Rufe beim Anblick der merkwürdigen, in eine Wolfshaut gehüllten, schmächtigen Erscheinung, die mit ihrem geschwärzten Antlitz und mit ihren auffallend behaarten Händen einen gar unheimlichen Eindruck machte. »Im Namen des Vaters und des Sohnes, was bringst Du uns dafür einen Kobold?« fragte der sich allmählich von seinem Schrecken erholende Macko. »Das weiß ich selbst nicht!« entgegnete der Knappe. »Seiner Behauptung nach ist er freilich ein Mensch und zwar ein Pechsieder, ob er aber die Wahrheit spricht, vermag ich nicht zu sagen.« »O, das ist kein Mensch, das ist kein Mensch!« ließ sich jetzt Wit vernehmen. Doch Macko befahl ihm Schweigen, betrachtete prüfend und aufmerksam den Ergriffenen und sprach dann plötzlich zu letzterem also: »Mache das Zeichen des Kreuzes! Sofort mache das Zeichen des Kreuzes!« »Gelobt sei Jesus Christus!« rief der Gefangene unverweilt. So rasch wie möglich machte er hierauf das Zeichen des Kreuzes, holte, mit größerem Zutrauen umherblickend, tief Atem und sagte abermals: »Gelobt sei Jesus Christus! Hei,« fügte er gleich darauf hinzu, »ich wußte wahrlich nicht, ob ich in die Hände von Teufeln oder von Christen gefallen sei. O Jesus!« »Hege keine Furcht. Du bist unter Christen, die gar gern die heilige Messe hören, doch sprich, wer bist Du?« »Ein Pechsieder, o Herr. Wir sind unserer sieben in den Hütten, die wir mit Frauen und Kindern bewohnen.« »Wie weit hausest Du von hier?« »Etwas über tausend Schritte weit.« »Welchen Weg pflegt Ihr nach der Stadt einzuschlagen?« »Wir benützen stets den Weg hinter dem Teufelsthale.« »Mache nochmals das Zeichen des Kreuzes.« »Im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.« »So ist's gut. Kann der Weg auch befahren werden?« »Jetzt ist's freilich überall sumpfig, allein der Weg durch den Wald ist immer noch besser als die Landstraße, denn der dort wehende Wind trocknet die Feuchtigkeit rascher auf. Gar schlimm sieht es zwar bis zu den Hütten aus, mit einem des Waldes Kundigen aber kann ein jeder ohne große Fährlichkeiten dahin gelangen.« »Willst Du uns für einen Skotus führen? Nein, bei meiner Treu, zwei Skotus sollst Du haben.« Der Pechsieder stimmte bereitwillig ein, bat aber noch um einen Leib Brot, denn wenn auch die im Walde Hausenden niemals Hunger litten, hatten sie doch seit längerer Zeit kein Brot mehr zu Gesicht bekommen. Es wurde nun beschlossen, am nächsten Morgen aufzubrechen, denn dies gegen Abend zu thun, war nicht »ratsam«. Boruta, so erklärte der Pechsieder, stürme zuweilen entsetzlich durch den Wald. Einfachen Leuten füge er indessen keinen Schaden zu, er jage nur, von Zorn gegen den Fürsten von Leczyca Der Sage nach wollte Boruta mit Hilfe des Teufels Fürst von Leczyca werden. Anmerkung der Uebersetzerinnen. entbrannt, andere Teufel durch das Gehölze. Des Nachts mit ihm zusammenzutreffen, sei aber für jeden Menschen dann besonders gefährlich, wenn dieser zu viel getrunken habe. Bei Tage brauche sich aber ein nüchterner Mann nicht vor ihm zu fürchten. »Du aber zitterst ja vor Furcht!« bemerkte Macko. »Weil dieser Ritter hier, ohne daß ich es bemerkte, mich mit solchem Ungestüm packte, daß ich ihn nicht für einen gewöhnlichen Menschen halten konnte.« Diese Aeußerung veranlaßte Jagienka zu lautem Lachen, hatten doch sie und mit ihr alle andern in dem Pechsieder einen »schlimmen Unhold« gewittert, während der Knappe von dem Pechsieder als ein unflätiger Geist betrachtet worden war. Als aber Anielka sofort dem Beispiele ihrer Gebieterin folgte, da meinte Macko: »Noch sind Deine Guckäuglein naß von den über Hlawa vergossenen Thränen und schon grinsest Du wieder.« Nun schaute der Böhme in das rosige Antlitz des Mägdleins, dessen Augenwimpern noch ganz feucht waren, und fragte: »Haben Eure Thränen mir gegolten?« »Nein, nein,« antwortete die Maid, »ich ängstigte mich, das ist alles.« »Ihr seid von edler Art und solltet Furcht nicht kennen. Eure Herrin ist weit beherzter. Was könnte Euch auch unterwegs und unter so viel Menschen Schlimmes zustoßen?« »Mir wohl nicht, aber Euch.« »Ihr sagtet aber doch, Ihr weintet nicht um mich.« »Ja, weil ich es auch nicht that.« »Weshalb habt Ihr denn geweint?« »Aus Angst.« »Jetzt aber habt Ihr wohl keine Angst mehr?« »Nein.« »Und warum nicht?« »Weil Ihr zurückgekehrt seid.« Dem Mägdlein einen dankbaren Blick zuwerfend, sprach nun Hlawa lächelnd: »Bei meiner Treu, auf solche Weise könnte unser Gespräch bis morgen in der Frühe währen. Ihr seid ein arglistiger Schalk!« »Spottet nicht über mich!« bat die Tochter der Sieciechowa in leisem Tone. Anielka war auch in der That nichts weniger als arglistig, und der äußerst kluge Hlawa wußte dies nur zu gut. Eben so klar war er sich aber auch darüber, daß die Maid ihm täglich teurer wurde. Wohl liebte er Jagienka, allein er liebte sie wie der Untergebene die Königstochter liebt – voll Ehrerbietung, doch hoffnungslos. Die gemeinsame Fahrt aber hatte zudem die Tochter der Sieciechowa und ihn fast immer zusammengeführt. Sobald sie sich auf den Weg machten, ritt der alte Macko mit Jagienka voran und so kam es, daß sich Hlawa stets Anielka zugesellen mußte. War es daher zu verwundern, wenn den einem Auerochsen an Kraft gleichenden Burschen, dem das Blut heiß durch die Adern rollte, ein Zittern überlief, sobald er in die blauen Augen der Jungfrau schaute, sobald seine Blicke auf deren blonden, welligen, von dem Netze nur schwer zusammengehaltenen Haaren ruhten, auf dieser schlanken, wohlgebildeten Gestalt, vor allem aber auf den wie aus Marmor gemeißelten Beinen, welche sich so fest an den Rappen schmiegten. Unwillkürlich hatte er all diese Reize immer sehnsüchtiger mit seinen Blicken verschlungen, und immer häufiger war ihm der Gedanke gekommen, der Teufel würde leichtes Spiel mit ihm haben, wenn er die Gestalt eines solch jungen Burschen annähme. Und so süß war dieses Bürschlein, so süß wie Honig, und so gehorsam, daß es dem Böhmen alles an den Augen ablas, und so fröhlich wie ein Spatz auf dem Dache. Gar seltsame Gedanken schossen daher dem Knappen zuweilen durch den Sinn, und als er einmal ein wenig mit Anielka bei den Saumrossen zurückgeblieben war, wandte er sich plötzlich zu ihr und hub also an: »Wißt, ich möchte Euch geradezu packen wie der Wolf das Lamm.« Da lachte die Maid so herzlich, daß ihre weißen Zähne sichtbar wurden. »Wollt Ihr mich denn auffressen?« »Ja, und mit allen Euern Knochen!« Tief errötete sie unter dem Blicke, den er ihr bei diesen Worten zuwarf. Ein längeres Schweigen war dann eingetreten, aber beider Herzen pochten laut, das Herz des jungen Knappen vor sehnsüchtigem Verlangen, das Herz der Jungfrau vor einer süßen berückenden Angst. Heißes Begehren hatte anfänglich alle andern Gefühle in der Brust des Böhmen erstickt, und als er sich Anielka gegenüber dem Wolfe verglich, der sich auf das Lamm stürzt, hatte er die Wahrheit gesprochen. Jetzt aber, an diesem Abend, da ihre Augen und Wangen feucht von Thränen schimmerten, da ward ihm plötzlich ganz weich ums Herz. Wie war sie gut, wie war sie ihm zu eigen! Doch nicht Hochmut, nicht Stolz schwellten ihm das Herz beim Anblick der Thränenspuren, nein, er wurde zaghafter, rücksichtsvoller, denn er besaß eine ehrliche, ritterliche Natur. Nicht mehr wie früher sagte er unbesorgt und unbedacht alles frei heraus, was ihm gerade in den Sinn kam, und wenn er auch abends beim Mahle mit dem schüchternen Mägdlein ein wenig tändelte, so that er dies doch jetzt in einer ganz andern Weise wie früher und diente ihr wie ein ritterlicher Knappe einem Edelfräulein zu dienen pflegt. Obgleich nun das ganze Denken und Sinnen Mackos auf den für den nächsten Morgen geplanten Aufbruch und auf die Weiterreise gerichtet war, bemerkte er doch dies alles sehr wohl und lobte den Böhmen ob seiner guten Sitten, die er sich wohl, wie der alte Kämpe meinte, mit Zbyszko an dem masovischen Hofe erworben habe. »Hei, Zbyszko,« fügte Macko gleich darauf zu Jagienka gewendet, hinzu: »Hei, Zbyszko, der wäre sogar einem Könige gegenüber an seinem Platze.« Als man sich bald nach dem Mahle trennte, küßte der Knappe Jagienkas Hand und führte dann auch die Hand Anielkas an die Lippen, indem er sagte: »Glaubt mir, Ihr habt mich nicht zu fürchten und dürft Euch auch vor andern nicht fürchten, denn wenn ich Euch nahe bin, schütze ich Euch vor jedem Ungemach.« Gleich darauf legten sich die Männer in der Vorderstube zur Ruhe, während Jagienka und Anielka in einem Nebengelasse eine breite, mit dem Nötigsten versehene Schlafbank gemeinsam benützten. Bei keiner von beiden wollte sich indessen der Schlummer einstellen, und besonders Anielka bewegte sich beständig unruhig auf dem groben Drillich hin und her. Nach geraumer Zeit näherte daher Jagienka ihr Köpfchen dem der Gefährtin und flüsterte: »Anielka!« »Ich höre!« »Mich dünkt, daß Du diesem Böhmen sehr hold bist ... Sprich, ist es nicht so?« Doch es erfolgte keine Antwort, deshalb hub Jagienka von neuem an: »Ich verstehe dies nur zu gut. Drum sprich doch!« Allein die Tochter der Sieciechowa blieb nach wie vor stumm, preßte aber plötzlich ihre Lippen auf die Wangen der Herrin und küßte sie wieder und wieder. Da entrangen sich schwere Seufzer dem jungfräulichen Busen Jagienkas und abermals flüsterte sie so leise, daß Anielka die Worte kaum vernehmen konnte: »Ich verstehe dies nur zu gut, ich verstehe dies nur zu gut!« Viertes Kapitel. Einer milden, nebligen Nacht folgte ein teils klarer, teils trüber Tag, stürmte es doch zuweilen so heftig, daß ganze Wolkenzüge am Himmel hin und her getrieben wurden. Mit dem Morgengrauen sollte ausgebrochen werden, so lautete der Befehl Mackos. Da plötzlich erklärte der Pechsieder, der die Führung bis zu den Hütten übernommen hatte, Pferde könnten zwar überall durchkommen, die Wagen jedoch müßten an manchen Stellen auseinandergenommen und deren einzelne Stücke von den Leuten mitsamt dem Gepäcke, mit den Gewandungen und mit den Speisevorräten getragen werden. Daß dadurch aber nicht nur eine große Verzögerung entstehen würde, sondern daß hierfür auch eine gewaltige Kraftanstrengung erforderlich wäre, unterlag keinem Zweifel. Allein die abgehärteten, an Mühseligkeiten gewöhnten Männer erklärten, sich willig der schwersten Arbeit unterziehen zu wollen, nur um aus der verrufenen Schenke fortzukommen. In froher Laune ward schließlich der Weg angetreten. Selbst der furchtsame Wit, kühn gemacht durch die Worte und die Anwesenheit des Pechsieders, zeigte keine Angst. Gleich hinter der Schenke gelangten sie in einen Hochwald, den sie mittelst geschicktem Lenken der Pferde durchzogen, ohne die Wagen auseinanderzunehmen. Zuweilen legte sich der Wind vollständig, zuweilen brach er mit solch unerhörter Gewalt los, peitschte er wie mit Riesenflügeln die Fichtenstämme, daß sich deren Aeste bogen, daß sie krachten, sich gleich Windmühlen hin und her drehten und schließlich brachen. Der Wald seufzte und stöhnte unter diesem wilden Gebrause, und selbst in den Ruhepausen grollte und klagte er, wie aus Schmerz über jene Ausbrüche, über jene Allgewalt. Dann und wann verhüllten schwere Wolken das Tageslicht vollständig, dann und wann fiel ein dichter Regenschauer, mit Schneeflocken vermischt, herab, und es ward so dunkel, als ob es schon Abend sei. War dies aber der Fall, so verlor Wit stets aufs neue den Mut und schrie: »Der Böse ist ergrimmt und wird uns Schlimmes zufügen,« doch niemand achtete dieser Worte. Sogar die ängstliche Anielka nahm sich den Ausruf nicht zu Herzen, war ihr doch Hlawa so nahe, daß sie mit ihrem Steigbügel den seinen berühren konnte, und sah er doch so kühn und verwegen in die Welt, als ob er am liebsten den Teufel selbst zum Kampfe gefordert hätte. Aus dem Hochwalde kamen sie nach geraumer Zeit in ein mit Gesträuchen bewachsenes Dickicht, in dem das Fahren eine Unmöglichkeit wurde. Die Wagen mußten nun auseinandergenommen werden. Dies geschah indessen ebenso rasch wie geschickt. Die kraftvollen Mannen luden sich hierauf Räder, Deichseln und die andern Teile der Wagen, sowie das Gepäck auf die Schultern und trugen alles auf dem entsetzlich schlechten Wege mehrere hundert Schritte weit. Trotz der größten Anstrengung erreichten sie denn erst spät am Abend die Hütten, wo sie von den Pechsiedern gastlich empfangen wurden. Von ihnen erhielten sie auch die Versicherung, daß sie durch das Höllenthal oder vielmehr, wenn sie sich längs desselben hielten, in die Stadt kommen konnten. Diese Leute, welche beständig in einer Einöde lebten, bekamen zwar nur selten Brot und Mehl zu sehen, Hunger mußten sie indessen niemals leiden, hatten sie doch stets nicht nur Ueberfluß an geräuchertem Fleisch, sondern vornehmlich an geräucherten Pisgurren, Fische, von denen die Wassertümpel wimmelten. Reichlich boten sie ihre Vorräte dar, streckten aber dann immer wieder, um Fladen bittend, die Hände aus. Männer, Weiber und Kinder, alle waren sie geschwärzt von dem Pechrauche. Einer der Männer, ein fast hundertjähriger Greis, erinnerte sich noch der im Jahre 1331 in Leczyca verübten Metzeleien, sowie der völligen Zerstörung dieser Stadt durch die Kreuzritter. Obgleich nun Macko, Hlawa und die beiden Mägdlein fast alles schon von dem Prior in Sieradz gehört hatten, lauschten sie doch voll Spannung den Worten des alten Mannes, in dem, während er am Feuer saß und die Kohlen schürte, die entsetzlichen Erinnerungen aus seiner Jugendzeit wieder aufzuleben schienen. Ja, ähnlich wie in Sieradz waren auch in Leczyca weder Kirchen noch Priester verschont worden, umfloß das Blut der Greise, der Frauen und Kinder stromweise die Füße der Sieger. Ach, diese Kreuzritter! Immer und immer wieder diese Kreuzritter! Mackos und Jagienkas Gedanken weilten unaufhörlich bei Zbyszko, der ja während seines Aufenthaltes bei diesen feindlich gesinnten Deutschen ebenso gefährdet war, wie wenn er in den Rachen eines Wolfes geraten wäre. Auch der Tochter der Sieciechowa wurde es bange ums Herz, lag doch die Möglichkeit vor, unter diese entsetzlichen Ordensritter zu geraten, wenn man die Spuren des Abtes weiter verfolgte. Der Alte aber begann schließlich von jener Schlacht bei Plowce zu erzählen, durch welche den Einfällen der Kreuzritter ein Ende gemacht worden war. Er selbst hatte, den eisernen Dreschflegel in der Hand, als Knecht unter dem von einer Bauerngemeinde errichteten Fußvolke mitgekämpft. Dies war die Schlacht, in der fast das ganze Geschlecht Mackos den Tod gefunden hatte, deshalb waren diesem auch fast alle Einzelheiten genau bekannt. Nichtsdestoweniger schien es, als ob er etwas ganz Neues erführe, als er der Erzählung des Alten lauschte, der nun von der furchtbaren Niederlage der Deutschen berichtete. Gleichwie der Wirbelsturm in den Saaten wütet, hatten die Schwerter der polnischen Ritter unter den Deutschen gewütet, so unaufhaltsam waren diese von der gewaltigen Faust des Königs Lokietek darnieder geschmettert worden. »Ja, ja, gar gut erinnere ich mich noch an alles,« erklärte der Greis. »Ich weiß es noch sehr gut, wie sie in das Land einfielen, wie sie Burgen und Schlösser niedergebrannt haben, wie sie die Kinder in der Wiege dahinschlachteten. Doch, traun, der Tag der Vergeltung blieb nicht aus. Hei, das ist eine Schlacht gewesen! Wenn ich jetzt die Augen schließe, sehe ich noch den Kampfplatz deutlich vor mir.« Und der Alte schloß die Augen und versank, mechanisch die Kohlen in der Asche aufschürend, in sinnendes Schweigen. Aber Jagienka, die voll Spannung der weiteren Erzählung entgegensah, fragte schließlich: »Wie ist es denn auf dem Kampfplatze gewesen?« »Wie's auf dem Kampfplatze gewesen ist?« wiederholte der Greis. »Ich erinnere mich an alles noch so gut, als ob ich es heute vor mir sähe. Der größte Teil des Gefildes war mit Gestrüppe bedeckt, rechts aber befanden sich Sümpfe und schmale Streifen von Stoppelfeldern. Nach der Schlacht jedoch war nichts mehr von dem Gestrüppe, nichts mehr von den Sümpfen und nichts mehr von den Stoppelfeldern zu erblicken. Nur Eisen und Eisen lag umher: Schwerter, Streitäxte, Speere und prächtige Rüstungen, eines auf dem andern, gerade als ob jemand die ganze geheiligte Erde damit bedeckt hätte! ... Niemals zuvor sah ich so viele erschlagene Geschlechter auf einem Haufen zusammenliegen, niemals zuvor sah ich so viel Menschenblut fließen.« Auch Macko schwoll das Herz vor Stolz bei dieser Erinnerung, und er rief: »Das ist die reine Wahrheit. Unser Herr Jesus ist barmherzig. Ueber das ganze Königreich sind sie seiner Zeit hereingebrochen wie das Feuer oder wie die Pestilenz. Nicht nur Sieradz und Leczyca haben sie zerstört, sondern noch viele andere Plätze. Und was war die Folge hiervon? Hei, unser Volk hat ein unverwüstliches Leben in sich, seine Kraft kann nicht gebrochen werden! So einer dieser Hundsbrüder, dieser Kreuzritter, einen der unsrigen auch an der Kehle packt, zu erwürgen vermag er ihn nicht, denn die Zähne werden ihm eingeschlagen ... Schaut doch umher! König Kasimir hat Sieradz sowohl wie Leczyca weit prächtiger aufgebaut, als dies zuvor der Fall gewesen ist, und wie von Alters her werden dort Versammlungen abgehalten, während die bei Plowce erschlagenen Kreuzritter in der Erde verfaulen. Gott gebe einem jeden von ihnen ein solches Ende!« Beifällig nickte der Greis bei diesen Worten mit dem Kopfe, schließlich hub er also an: »Das ist wohl kaum der Fall, das ist wohl kaum der Fall. Nach der Schlacht befahl zwar der König dem Fußvolk, Gruben zu graben, und die Leute aus der Umgegend halfen dabei, daß die Schaufeln nur so knirschten. Dann legten wir die Deutschen in die Gruben, die wir der Ordnung gemäß gut zuwarfen, damit sich keine Seuchen entwickeln konnten, allein in den Gräben sind jene nicht geblieben.« »Wie, dort sind sie nicht geblieben? Was ist denn mit ihnen geschehen?« »Mit eigenen Augen habe ich es nicht gesehen, ich erzähle Euch daher nur das, was ich von andern hörte. Nach der Schlacht erhob sich ein entsetzlicher Sturm, der zwölf Wochen hindurch, jedoch nur des Nachts, heulte und tobte. Bei Tag herrschte eitel Sonnenschein, bei Nacht aber raste der Wind so gewaltig, daß er geradezu die Haare den Menschen vom Kopfe riß. Nichts anderes wie Teufel sind es gewesen! Brüllend und mit der Heugabel bewaffnet sausten ganze Scharen, gleich einem Sturmwinde dahin, und befand sich einer der Teufel über den Gruben, so stieß er mit der Heugabel in die Erde, zog einen Kreuzritter hervor und nahm ihn mit sich in die Hölle. Wohl hörten dann die Leute in Plawce ein Geheul wie von einem Rudel Hunde, sie vermochten jedoch nicht zu unterscheiden, ob die Deutschen aus Angst und Schrecken derart heulten, oder die Teufel aus Lust und Freude. Dies dauerte so lange, bis ein Priester die Gruben weihte, und bis zu Neujahr die Erde so fest gefroren war, daß sie mit keiner Heugabel durchstochen werden konnte.« Jetzt schwieg der Alte eine kurze Weile, fuhr aber dann also fort: »Gott lasse einem jeden der Kreuzritter das Ende zu teil werden, daß Ihr ihnen gewünscht habt, Herr Ritter, wenn gleich ich dies ja nicht mehr erleben werde. Solche Bürschlein aber wie diese zwei können noch Zeuge von gar manchem sein, niemals jedoch werden sie ähnliches erschauen, was ich erschaut habe.« So sprechend blickte der Greis abwechselnd bald auf Jagienka, bald auf die Tochter der Sieciechowa, wobei sich immer größeres Staunen über deren Schönheit auf seinem Antlitz zeigte. »Wie die Mohnblumen in einem Getreidefelde,« begann er dann plötzlich kopfschüttelnd wieder, »ähnliche Bürschlein habe ich noch niemals gesehen.« Unter solchen Gesprächen verstrich ein Teil der Nacht, dann legten sich die müde Gewordenen zum Schlummer nieder. Auf Moos, so weich wie Flaum, fanden sie Rast, warme Felle dienten ihnen als Decken. Durch einen erfrischenden Schlaf gekräftigt und gestärkt, traten sie am nächsten Morgen, sobald es völlig tagte, aufs neue die Fahrt an. Der Weg, den sie längs des Teufelsthales einschlugen, war zwar nicht besonders gut, bot aber auch keine allzu großen Schwierigkeiten, und so erreichten sie noch vor Sonnenuntergang Leczyca. Die Stadt war nach ihrer Einäscherung teils aus roten Ziegelsteinen, teils sogar aus andern Steinen frisch aufgebaut worden. Von hohen Mauern umgeben, wies sie zahlreiche Warttürme und noch prächtigere Kirchen als Sieradz auf. Die Dominikaner wußten ausführlich über den Abt zu berichten. Ihrer Aussage nach befand er sich auf dem Wege der Besserung, so daß er sich der freudigen Hoffnung hingeben konnte, einer völligen Genesung entgegenzugehen. Die Weiterfahrt hatte er schon seit mehreren Tagen angetreten. Wenn es nun aber auch Macko nicht allzusehr darum zu thun war, den Abt unterwegs einzuholen, weil er bei sich schon beschlossen hatte, die beiden Mägdlein nach Plock zu bringen, wohin sie auch der Abt gebracht hätte, so lag ihm doch um Zbyszkos willen viel an einem raschen Vorwärtskommen. Sorge und Kummer erregte daher die Nachricht in ihm, daß seit der Abreise des Abtes Bäche und Ströme in unheilvoller Weise angeschwollen seien. An eine Fortsetzung der Fahrt konnte deshalb nicht mehr gedacht werden. Macko wurde indessen von den Dominikanern als ein Ritter, der nicht nur ein beträchtliches Gefolge hatte, sondern der auch, wie er selbst sagte, sich auf dem Wege zu dem Fürsten Ziemowit befand, gastfreundlich empfangen und beherbergt. Er erhielt sogar schließlich ein Täfelchen aus Olivenholz von ihnen, auf dem in lateinischer Sprache ein Gebet an den Engel Raphael, dem Schutzpatron aller Reisenden, geschrieben stand. Der unfreiwillige Aufenthalt in Leczyca währte vierzehn Tage. Nur zu bald entdeckte einer der Knappen des Burgstarosten, daß die beiden schönen Bürschlein im Gefolge des alten Ritters verkleidete Mägdlein waren und entbrannte sofort in heißer Liebe zu Jagienka. Kaum hatte indessen Hlawa dies in Erfahrung gebracht und sich darüber vergewissert, so beschloß er, den Knappen auf festgetretener Erde zum Zweikampfe zu fordern, und stand erst von diesem Vorhaben ab, als ihn Macko darauf aufmerksam machte, daß sie ja am nächsten Morgen die Weiterfahrt antreten wollten. Als sie sich unterwegs nach Plock befanden, waren die Straßen durch den Wind schon trockener geworden, denn wenn auch noch häufig Regenschauer fielen, waren sie doch, wie gewöhnlich zur Frühjahrszeit, selten von langer Dauer. Der Frühling hatte schließlich seine Einkehr gehalten und gar warmes Wetter gebracht. Helle Wasserstreifen glitzerten auf den Furchen der Felder, aus dem Ackerlande führte der Windhauch den Geruch von feuchter Erde mit sich. Aus den Morästen sprießten Butterblumen hervor, in dem Walde keimten die Sumpfveilchen, und das fröhliche Gezwitscher der Grasmücken tönte durch das Geäst. Auch die Herzen der Dahinziehenden schwollen in frischer Lust und Hoffnungsfreude, kamen sie doch so rasch vorwärts, daß sie schon nach sechzehn Tagen vor den Thoren von Plock standen. Da sie jedoch zur Nachtzeit anlangten, waren die Thore bereits geschlossen, und so mußten sie außerhalb der Mauern bei einem Weber Rast machen. Erst zu sehr vorgerückter Stunde legten sich die beiden Mägdlein zur Ruhe, fielen aber dann auch, aufs höchste ermüdet von den Mühseligkeiten und den Beschwerden der langen Reise, in einen felsenfesten Schlaf. Macko, dem die größten Strapatzen nichts anhaben konnten, ließ Jagienka und Anielka ruhig weiter schlafen, er selbst aber wartete nur das Oeffnen der Thore ab und begab sich dann sofort allein in die Stadt, wo er die Kathedrale und den Wohnsitz des Bischofes leicht fand. Die erste Kunde, die ihm hier wurde, lautete dahin, der Abt habe schon vor sieben Tagen das Zeitliche gesegnet. Ja, schon vor einer Woche war der Abt gestorben, der herrschenden Sitte gemäß mußten aber Messen über dem Sarge gelesen und sechs Tage lang Leichenfeierlichkeiten abgehalten werden. Macko traf also gerade an dem Tage in Plock ein, an dem das Begräbnis, die Gedächtnisfeier und das letzte Leichenmahl zum ehrenden Angedenken an den Dahingeschiedenen stattfinden sollten. Tief bekümmert über das Gehörte, empfand Macko nicht einmal Lust dazu, sich die Stadt anzuschauen, die er übrigens auch schon berührt hatte, als er sich früher einmal mit einem Schreiben der Fürstin Alexandra zu dem Großmeister begeben wollte. So rasch wie möglich kehrte er in das außerhalb der Mauern gelegene Haus des Webers zurück. Unterwegs sagte er zu sich selbst: »Ja, ja, nun ist er tot! Möge ihm die ewige Ruhe zu teil werden! Gegen den Tod giebt es kein Mittel in der Welt! Was kann ich aber nun mit den beiden Mägdlein beginnen?« Sinnend schritt er dahin. »Ist es ratsamer, sie unter der Obhut der Fürstin Alexandra oder der Fürstin Anna Danuta zurückzulassen, oder sie mit nach Spychow zu nehmen;« so fragte er sich. Mehr als einmal schon war ihm auf dieser Fahrt der Gedanke gekommen, Danusia lebe vielleicht nicht mehr, es könne daher nur wünschenswert sein, wenn Jagienka in der Nähe von Zbyszko weile. Daß der junge Ritter die von ihm heiß Geliebte lange betrauern und beweinen werde, darüber konnte kein Zweifel herrschen, allein ebensowenig unterlag es einem Zweifel, daß die Nähe einer Maid wie Jagienka großen Einfluß ausüben müsse. Lebhaft erinnerte sich Macko daran, wie Zbyszko, dessen Herz ihn ja fort aus den Wäldern Masoviens zog, von einem Zittern ergriffen worden war, als sich Jagienka in seiner Nähe befunden hatte. In Erwägung dieser Gründe hätte er sich selbst jetzt, nach dem Tode des Abtes, nur ungern dazu entschlossen, die Tochter Zychs in Plock zurückzulassen. Allein es handelte sich auch um die Hinterlassenschaft des Abtes, und Macko verachtete ja irdische Güter durchaus nicht. Der Abt war zwar in Unfrieden von ihnen gegangen, er hatte zwar erklärt, er werde ihnen auch nicht das Geringste hinterlassen, konnte er aber nicht möglicherweise vor seinem Tode Reue empfunden haben? Daß er Jagienka etwas verschrieben hatte, das war zudem gewiß, sonst hätte es der Abt sicherlich vermieden, dies in Zgorzelic immer und immer wieder zu beteuern. Erbte aber Jagienka, dann kam auch Zbyszko durch sie nicht zu kurz. Mit einem Male verspürte der alte Kämpe Lust, in Plock zu bleiben, um sich über das Wie und Was zu vergewissern, um selbst nach dem Rechten zu sehen. Nur zu bald verwarf er aber wieder diesen Gedanken. »Wie, um irdischer Güter willen sollte ich hier bleiben?« so fragte er sich, »während mein Bruderssohn in einem Kerker der Kreuzritter schmachtet und mir, auf Rettung hoffend, flehend die Hände entgegenstreckt?« Hier gab es thatsächlich nur einen Ausweg. Macko mußte Jagienka unter dem Schutze der Fürstin und des Bischofes zurücklassen und von diesen die Zusicherung erlangen, daß sie jeder Benachteiligung der Maid entgegentreten würden, falls der Abt ihr etwas verschrieben haben sollte. Doch nach kurzem Ueberlegen verwarf der alte Kämpe auch diese Idee wieder. »Das Mägdlein besitzt an und für sich schon eine große Habe,« dachte er, »vermachte ihr aber nun auch der Abt einen Teil seines Besitztumes, dann wird, so wahr Gott im Himmel ist, irgend ein Masur sie zu gewinnen suchen. Und allzulange wird sie nicht mehr widerstehen, denn selbst der gottselige Zych behauptete, daß es ihr längst schon unter den Füßen brenne.« Dieser Gedanke versetzte den Sinnenden in großen Schrecken. Wie, wenn nun Zbyszko sowohl auf Danusia wie auf Jagienka verzichten müßte! Um nichts auf der Welt durfte dies geschehen! »Welche nun auch Gott ihm beschieden haben mag, die soll er nehmen,« sagte sich Macko, »eine von ihnen aber muß es sein.« Er beschloß nun, vor allem Zbyszko zu retten und Jagienka, wenn eine Trennung nötig werden würde, in Spychow oder bei der Fürstin Danuta, nicht aber in Plock zurückzulassen, wo ein gar prächtiger Hofhält geführt ward, und wo demzufolge viele schöne Ritter weilten. Erfüllt von all diesen Gedanken, kehrte er raschen Schrittes in die Behausung des Webers zurück, um Jagienka von dem Tode des Abtes zu benachrichtigen, wobei er sich indessen fest vornahm, sehr behutsam zu Werke zu gehen. Denn wie leicht konnte das Mägdlein über eine unerwartete Kunde allzusehr erschrecken und dadurch in ihrer Gesundheit geschädigt werden. An Ort und Stelle angelangt, fand er die beiden Jungfräulein schon angekleidet, ja, prächtig herausgeputzt und so fröhlich zwitschernd wie zwei Waldvögelein. So ließ er sich auf eine Bank nieder, gebot dem Gesellen des Webers, ihm einen Krug mit warmem Bier zu bringen, und noch düsterer als zuvor dareinschauend, begann er, zu Jagienka gewendet, also zu fragen: »Hörst Du, wie in der Stadt die Glocken geläutet werden? Weshalb glaubst Du wohl, daß dies geschieht? Sonntag ist heute nicht, und die Frühmesse hast Du verschlafen. Möchtest Du nicht den Abt sehen?« »Gewiß, gar gern möchte ich ihn sehen!« antwortete die Gefragte. »Traun, Deine Augen werden ihn ebenso sicher erschauen, wie den König Cwiek König Cwiek, eine sagenhafte Gestalt, die keines Menschen Auge je erblickt hat. .« »So ist er denn weiter in die Ferne gezogen?« »Du hast es erraten. Er ist in die Ferne gezogen. Doch hörst Du nicht das Geläute der Glocken?« »Ist er tot?« rief Jagienka. »Wir wollen für seine ewige Ruhe beten.« Gemeinsam mit der Tochter der Sieciechowa knieten beide nieder und sprachen das Gebet für die ewige Ruhe des Abtes. Ihre Stimmen aber vereinigten sich mit dem Geläute der Glocken. Heiße Thränen rannen über das Antlitz Jagienkas, war sie doch von ganzem Herzen dem Abte zugethan, der, trotz seines jähzornigen Wesens, niemals einem Menschen ein Leid zugefügt, der stets mit vollen Händen Almosen ausgestreut, und der sie selbst, als sein Patenkind, wie die eigene Tochter geliebt hatte. Auch Macko, von dem Gedanken tief bewegt, daß ja der Abt sein und Zbyszkos Blutsverwandter war, brach in Thränen aus, faßte sich aber rasch wieder und begab sich mit dem Böhmen und den zwei Mägdlein zu der Beisetzung in die Kirche. Bei dem Begräbnis ward eine große Pracht entwickelt. Bischof Jakob aus Kurdwanow schritt selbst an der Spitze des Leichenzuges, alle Priester, alle Mönche beteiligten sich daran, in allen Klöstern von Plock erklangen die Glocken. Gar viele Reden wurden gehalten, da man sich aber dabei der lateinischen Sprache bediente, konnte sie außer der Geistlichkeit kein Mensch verstehen. Den Schluß der Feierlichkeiten bildete eine von dem Bischof veranstaltete Gasterei, zu der sich geistliche und weltliche Teilnehmer von der Kirche aus begaben. Auch Macko befand sich mit den beiden Bürschlein unter den letzteren, wozu er, als ein Blutsverwandter des Verstorbenen und als ein dem Bischof wohlbekannter Ritter ein gutes Recht hatte. Der Bischof empfing ihn infolgedessen mit zuvorkommender Auszeichnung und bemerkte sofort nach der Begrüßung: »Euch und Euerem Geschlechte sind etliche Waldungen verschrieben, alles andere aber, was nicht den Klöstern und der Abtei zufällt, geht auf das Patenkind des Abtes über, auf eine gewisse Jagienka aus Zgorzelic.« Macko, der sich kaum etwas erwartet hatte, zeigte sich höchst glücklich über die ihm und Zbyszko zugefallenen Wälder. Seltsamerweise schien es aber der Bischof gar nicht zu bemerken, daß einer der jungen Bursche, die mit dem alten Kämpen gekommen waren, bei Erwähnung des Namens von Jagienka aus Zgorzelic die feuchten, gleich einer Flockenblume blauen Augen emporrichtete und sagte: »Gott lohne es ihm, doch ich wollte, er wäre noch am Leben.« Unverweilt wandte sich daraufhin Macko zu dem Bürschlein und raunte ihm zu: »Schweige still, Du ladest Dir ja Schimpf und Schande auf, wenn ...« Da mit einem Male brach er ab. Auf seinem Antlitz malte sich tiefes Staunen, in seinen Blicken spiegelte sich die Wut eines wilden Tieres. Dort an der Thüre, durch welche in diesem Augenblicke die Fürstin Alexandra eintrat, stand, sich nach höfischer Sitte verneigend, Kuno von Lichtenstein, jener selbe Ritter, durch den Zbyszko in Krakau nahezu den Tod erlitten hätte. Jagienka hatte noch nie zuvor Macko in einem solchen Zustande gesehen. Mit seinem verzerrten Gesichte, mit den unter dem Schnurrbart fest zusammengepreßten Zähnen glich er einem wütenden Hunde, als er, den Rittergürtel fester anziehend, auf den verhaßten Kreuzritter zuschritt. Doch auf halbem Wege blieb er plötzlich stehen, indem er sich mit seiner breiten Hand über das Haar strich. Noch zur rechten Zeit fiel ihm ein, daß sich Lichtenstein wohl als Gast, oder, was noch wahrscheinlicher war, als Gesandter an dem Hofe von Plock aufhalte und daß er sich des gleichen Verbrechens wie Zbyszko auf der Straße von Tyniec schuldig mache, wenn er jetzt, ohne vorhergegangene Herausforderung, auf Lichtenstein losstürme. Da er überdies mehr Erfahrung und Bedachtsamkeit als Zbyszko besaß, bezwang er sich auch leichter. Während er daher rasch seinen Rittergürtel wieder etwas lockerte, bemühte er sich, freundlicher darein zu schauen, und als die Fürstin, nachdem sie Lichtenstein begrüßt hatte, sich in ein Gespräch mit dem Bischof Jakob aus Kurdwanow einließ, näherte er sich ihr raschen Schrittes. Sich tief vor ihr verneigend, rief er ihr seinen Namen ins Gedächtnis zurück und erklärte, er fühle sich ihr stets zu Dank verpflichtet, habe sie ihm doch seiner Zeit mit einem Schreiben die größte Wohlthat erwiesen. Wenn schon nun auch die Fürstin seiner gänzlich vergessen hatte, erinnerte sie sich doch sofort wieder des Schreibens und all dessen, was damit zusammenhing. Sie war zudem ganz genau über die Vorgänge unterrichtet, die sich in der Nähe des masovischen Hofes abgespielt hatten, sie wußte von dem Geschicke Jurands, von der Entführung Danusias, sie wußte von deren Vermählung mit Zbyszko und von dessen blutigem Siege über Rotgier. Selbstverständlich war ihr Interesse durch diese Nachrichten ebenso erregt worden, wie wenn sie einer Rittergeschichte oder einem jener Gesänge gelauscht hätte, welche bei den Deutschen die Minstrels und in Masovien die fahrenden Schüler vorzutragen pflegten. Freilich stand sie den Kreuzrittern nicht so feindlich gegenüber, wie dies bei Anna Danuta, dem Weibe des Fürsten Janusz der Fall war, eine Thatsache die um so begreiflicher erschien, als ihr die Kreuzritter, um sie für sich zu gewinnen, mit demutsvoller Zuvorkommenheit begegneten, ja, sie geradezu mit Gaben überschütteten. Trotzdem nahm sie aber jetzt nicht nur volle Partei für die Liebenden, sondern sie war auch bereit, ihnen ihre Hülfe angedeihen zu lassen. Wie froh war sie daher, in Macko einen Menschen gefunden zu haben, von dem sie eine genaue Schilderung der Begebenheiten erwarten durfte. Und der alte Ritter, dem es ja hauptsächlich darum zu thun war, den Schutz und den Beistand der einflußreichen Fürstin zu gewinnen, und der sofort bemerkte, welche aufmerksame Zuhörerin er an ihr hatte, erzählte ihr natürlich bereitwillig von dem unglückseligen Lose Zbyszko und Danusias. Fast zu Thränen rührte er sie mit seinen Worten, die davon zeugten, wie ihm das traurige Geschick seines Bruderssohnes das Herz beschwerte. »Etwas Rührenderes habe ich in meinem ganzen Leben nicht gehört,« erklärte schließlich die Fürstin, »und aufs höchste bedaure ich ihn allein schon deshalb, weil er das Glück nicht genießen konnte, das ihm der Besitz des Mägdleins gewährt hätte. Doch sprecht, seid ihr dessen gewiß, daß ihm dies Glück versagt geblieben ist?« »Ei, beim allmächtigen Gott, ich wollte, es wäre ihm beschieden gewesen!« entgegnete Macko. »Doch die Trauung wurde ja tief in der Nacht vollzogen, während er durch schwere Krankheit an sein Lager gefesselt war, und schon mit Tagesanbruch ward ihm sein Weib entrissen.« »Und haltet Ihr die Kreuzritter für die Schuldigen? Hier geht die Rede, Räuber hätten den Kreuzrittern ein anderes Mägdlein an Stelle Danusias ausgeliefert. Man hat mir auch von einem Briefe Jurands gesprochen –« »Nicht das irdische, sondern das Gottesgericht hat hier entschieden. Als gar tapferer Ritter ist dieser Rotgier gepriesen worden, als ein Ritter, der bisher über die Beherztesten den Sieg davongetragen hat, und doch ist er durch die Hand eines unreifen Menschleins gefallen.« »Ei, das ist mir ein schönes, unreifes Menschlein!« meinte die Fürstin lächelnd. »Wehe dem, der dessen Weg kreuzt! Schweres Als Lichtenstein die beiden auffallend schönen, prächtig gekleideten Bürschlein erblickte, sagte er sich sofort, ein solches Gefolge könne nicht der erste beste haben. Unrecht ist geschehen – wer wollte dies leugnen? Eure Klagen sind nur zu begründet! Doch von jenen vier Schuldigen haben ja schon drei den Tod gefunden, und wie mir gesagt ward, ist der einzig überlebende Alte kaum seinem Ende entronnen.« »Und Danusia! Und Jurand!« rief Macko, »wo sind sie? Und Zbyszko? Gott allein weiß, welch schweres Geschick ihn betroffen haben mag, da er nach Marienburg gegangen ist.« »Dies ist mir wohlbekannt. Doch solche Räuber, wie Ihr zu glauben scheint, sind die Kreuzritter denn doch nicht. Befindet sich Euer Bruderssohn erst in Marienburg bei dem Großmeister und dessen Bruder Ulrich, der gar ritterlich gesinnt ist, dann kann ihm um so weniger Schlimmes widerfahren, als er einen Geleitsbrief von dem Fürsten Janusz besitzt, von dem er auch verschiedene Schreiben zu überbringen hat. Ausgeschlossen ist's aber freilich nicht, daß er irgend einen Ritter zum Zweikampfe fordert und dabei fällt, denn in Marienburg strömen stets die berühmtesten Ritter aus allen Weltgegenden zusammen.« »Traun, das erweckt keine Furcht in mir!« warf der alte Ritter ein. »Wenn er nicht in einen unterirdischen Kerker geworfen oder meuchlings erschlagen worden ist, ängstige ich mich so lange nicht um ihn, als er das Schwert zu führen vermag. Nur einmal traf er mit einem überlegeneren Gegner in den Schranken zusammen, und dies war kein anderer als Henryk, der Fürst von Masovien, eben derselbe, welcher hier Bischof gewesen ist. Doch Zbyszko gehörte damals noch ganz und gar dem Knabenalter an. Jetzt aber weiß ich freilich einen, den er so sicher wie das Vaterunser fordern würde, einen, den zu fordern ich auch gelobt habe, und welcher jetzt hier weilt.« So sprechend, blickte er bedeutungsvoll auf Lichtenstein, der sich gerade mit dem Wojwoden aus Plock unterhielt. Da zog die Fürstin finster die Brauen zusammen und erklärte in dem strengen, harten Tone, der bei ihr stets ein Zeichen der Erregung war: »Ob Ihr nun irgend einen Eid geleistet habt, oder ob Ihr keinen Eid geleistet habt, vergeßt nicht, daß jener unser Gast ist, und daß ein jeder, der unsere Gastfreundschaft genießen will, sich guter Sitten befleißigen muß.« »Ich weiß das, huldreiche Frau,« entgegnete Macko. »Schon hatte ich den Rittergürtel gelockert und wollte auf ihn losgehen, da bezwang ich mich noch zur rechten Zeit, indem ich mir sagte, er möge vielleicht als Gesandter hier weilen.« »Ihr täuscht Euch nicht, er ist als Gesandter hier. Das ist zudem ein Mensch, der großes Ansehen unter den Seinen genießt, auf dessen Rat der Großmeister viel giebt, ja, dem er kaum einen Wunsch versagt. Als eine Fügung Gottes dürfen wir es wohl betrachten, daß Euer Bruderssohn in Marienburg nicht mit ihm zusammentrifft, denn wenn auch Lichtenstein einem edlen Geschlechte entstammt, soll er doch rachsüchtig und unbeugsam sein. Hat er Euch erkannt?« »Das glaube ich kaum, hat er mich doch stets nur ganz kurz gesehen. Als wir von Tyniec weiter zogen, waren wir behelmt und späterhin suchte ich ihn nur noch einmal Zbyszkos wegen auf. Da ist er aber sehr beschäftigt gewesen, und obendrein dämmerte es bereits stark. Wohl habe ich bemerkt, daß er mich jetzt anschaute, allein sicherlich that er dies nur, weil Ihr mir, wohledle Frau, eine ungewöhnlich lange Unterredung gestattetet, denn gar bald wendeten sich seine Blicke einer andern Richtung zu. Zbyszko hätte er sicherlich erkannt, meiner aber hat er gewiß längst vergessen, und von einem Gelöbnis ist ihm vielleicht nie etwas zu Ohren gekommen. Vermutlich sind seine Gedanken auch von weit Wichtigerem in Anspruch genommen.« »Von weit Wichtigerem?« »Ja, denn gar viele edle Ritter haben feierlichst gelobt, ihn zum Kampfe zu fordern, wie Zawisza aus Garbow, Powala aus Taczew, Marcin aus Wrocimowice, Paszko, Zlodziej, und Lis aus Targowisko. Ein jeder von ihnen könnte es mit zwei Rittern wie Lichtenstein aufnehmen, allergnädigste Frau, wie soll es ihm daher erst ergehen, wenn er jene insgesamt gegen sich hat? Besser würde es für ihn sein, er wäre nie geboren worden, hängt ihm doch stets das Schwert drohend über dem Haupte. Ich selbst werde mich indessen nicht nur hüten, ihm mein Gelöbnis kund zu thun, sondern mich sogar bestreben, sein Vertrauen zu gewinnen.« »Zu welchem Zwecke?« Ein so schlauer Ausdruck spiegelte sich mit einem Male auf dem Antlitz Mackos, daß er einem alten Fuchse glich. »Damit er mir ein Schreiben ausstellt, mittelst dessen ich ungefährdet die Lande der Kreuzritter durchziehen und, so dies nötig sein sollte, Zbyszko Rettung bringen kann.« »Wie vereinigt sich aber ein solches Thun mit der ritterlichen Ehre?« fragte die Fürstin lächelnd. »Sehr gut!« antwortete Macko in festem Tone. »Wenn ich ihn zum Beispiel rückwärts überfiele, ohne ihn vorher gewarnt zu haben, dann würde ich freilich Unehre auf mich laden. In Friedenszeiten aber einen Feind durch Klugheit zu überlisten, das macht keinem Schande.« »So will ich Euch denn mit ihm bekannt machen!« bemerkte jetzt die Fürstin. Rasch winkte sie Lichtenstein zu sich heran und machte ihn mit Macko bekannt, indem sie sich sagte, daß, selbst wenn jener sich des alten Ritters erinnern sollte, kein großer Nachteil daraus entspringen könne. Doch Lichtenstein erkannte ihn nicht. Thatsächlich hatte er Macko auf der Landstraße von Tyniec nur im Helme gesehen, und nur das einzige Mal in der Abenddämmerung mit ihm gesprochen, als der alte Ritter bei ihm erschienen war, um seine Verzeihung für Zbyszkos Vergehen zu erbitten. Stolz verneigte sich Lichtenstein; als er indessen die beiden ausfallend schönen, prächtig gekleideten Bürschlein erblickte, die hinter dem alten Ritter standen, sagte er sich sofort, ein solches Gefolge könne nicht der erste beste haben, und obwohl er noch immer seine hochmütige Miene beibehielt, die er stets zur Schau trug, wenn er nicht mit Königen oder Fürsten sprach, blickte er doch jetzt etwas weniger abweisend darein. »Dieser Ritter hier hegt die Absicht, nach Marienburg zu ziehen,« ergriff die Fürstin erklärend das Wort. »Ich selbst werde ihn der Gnade des Großmeisters empfehlen. Nichtsdestoweniger möchte er auch von Euch ein Schreiben haben, kennt er doch das Ansehen, das Ihr in dem Orden genießt.« Nach diesen Worten wandte sie sich wieder an den Bischof, während Lichtenstein, seine kalten stahlblauen Augen auf Macko richtend, also fragte: »Welche Gründe veranlassen Euch, o Herr, zum Besuche des Hauptsitzes unseres Ordens?« »Nur fromme und ehrbare Beweggründe führen mich dahin,« erwiderte Macko, kühn aufblickend. »Wäre dies nicht der Fall, so würde sich die huldreiche Fürstin nicht für mich verwendet haben. Manch frommes Gelöbnis habe ich gethan, doch möchte ich auch einmal Eurem Großmeister von Angesicht zu Angesicht gegenüber stehen, ihm, der für den Frieden auf Erden wirkt und unter der Ritterschaft der ganzen Welt rühmlichst bekannt ist.« »Keiner, für den sich die allergnädigste Fürstin, Eure Herrin und Wohlthäterin, verbürgt, wird sich bei uns über Mangel an Gastfreundschaft zu beklagen haben. Doch was den Großmeister anbetrifft, so werdet Ihr ihn schwerlich zu Gesicht bekommen. Schon vor einem Monat ist er nach Danzig übergesiedelt, von wo aus er sich zuerst nach Königsberg und dann noch weiter an die Grenze begeben will, denn wenn gleich er den Frieden liebt, ist er doch gezwungen, die Erbgüter des Ordens gegen die verräterischen Einfälle Witolds zu schützen.« Als Macko diese Kunde vernahm, sah er plötzlich so kummervoll darein, daß Lichtenstein, dessen scharfem Blick nichts entgehen konnte, sofort bemerkte: »Ich sehe, daß Euer Bestreben, zu dem Großmeister zu gelangen, ebenso lebhaft ist, wie der Wunsch, Eure frommen Gelübde zu erfüllen.« »Ihr habt's getroffen, Ihr habt's getroffen!« rief Macko eifrig. »Doch sprecht, ist der Krieg mit Witold um Samogitien gewiß?« »Er selbst ist der Urheber davon, denn trotz seines Eides hat er den Aufrührern offenen Beistand geleistet.« Tiefes Schweigen folgte diesen Worten, schließlich jedoch hub Macko also an: »Bei meiner Treu! Dem Orden möge all das Glück zu teil werden, das er verdient. Zu dem Großmeister kann ich nicht gelangen, die gethanen Gelöbnisse aber will ich erfüllen.« Allein ungeachtet dieses Ausspruches wußte er sich keinen Rat; mit einem unsagbaren Angstgefühl legte er sich selbst die Frage vor: »Wo soll ich Zbyszko nun suchen, wo werde ich ihn nun finden?« Es war leicht vorauszusehen, daß es nutzlos gewesen wäre, Zbyszko in Marienburg zu suchen, wenn der Großmeister Marienburg verlassen hatte und in den Krieg gezogen war, aber in jedem Falle mußte man genaue Kunde über den Jüngling einziehen. Der alte Macko sorgte sich sehr, da er jedoch ein Mann war, der sich stets zu helfen wußte, beschloß er, keine Zeit zu verlieren und sogleich am folgenden Morgen wieder aufzubrechen. Es ward ihm leicht, sich von Lichtenstein durch die Vermittlung der Fürstin Alexandra, welche das unbegrenzte Vertrauen des Komturs genoß, die erbetenen Briefe zu verschaffen. So erhielt er denn eine Empfehlung an den Starosten von Brodnica, sowie an den Großmeister der Johanniter in Marienburg, wofür er Lichtenstein einen großen, silbernen schön getriebenen Humpen aus Wroclaw überreichte, einen Humpen in der Art, wie ihn die Ritter des Nachts mit Wein gefüllt an ihr Lager zu stellen pflegten, um bei Schlaflosigkeit ein Mittel zur Hand zu haben, das ihnen Schlaf und Trost brachte. Diese Freigebigkeit Mackos überraschte den Böhmen nicht wenig, welcher wußte, daß der alte Ritter sonst nicht allzusehr geneigt war, irgend jemand mit Geschenken zu überschütten. Jener aber sagte: »Ich that dies, weil ich ein Gelöbnis ablegte und mit diesem Ritter kämpfen muß. Auf keine Weise könnte ich jedoch einem Menschen nach dem Leben trachten, welcher mir einen Dienst erwiesen hat. Bei uns ist es nicht Sitte, auf einen Wohlthäter loszuschlagen.« »Aber es ist schade um den schönen Humpen!« erwiderte der Böhme in etwas widerspenstigem Tone. Darauf entgegnete Macko: »Habe keine Furcht, ich thue nichts ohne Ueberlegung, denn wenn mir der Herr Jesus in seiner Barmherzigkeit gestattet, diesen Deutschen niederzuwerfen, werde ich auch den Becher zurückgewinnen und zugleich viele andere kostbare Dinge nebenbei.« Nun begannen die beiden Männer sowie Jagienka sich miteinander zu beraten, was weiter zu thun sei. Abermals fuhr es Macko durch den Sinn, er könne diese und die Tochter Sieciechowas unter dem Schutze der Fürsten Alexandra in Plock zurücklassen, wobei es ihm wiederum hauptsächlich um des Abtes Testament zu thun war, das sich in den Händen des Bischofs befand. Aber dem widersetzte sich Jagienka mit der ganzen Kraft ihres unbeugsamen Willens. Wohl wäre es leichter gewesen, ohne sie die Fahrt fortzusetzen, weil man dann in den Nachtherbergen keine besondere Schlafkammer ausfindig machen, überhaupt keine Rücksicht nehmen und den Gefahren nicht aus dem Wege gehen mußte. Sie hatten jedoch Zgorzelic nicht verlassen, um in Plock zu bleiben. Das Testament war gut geborgen in des Bischofs Händen, und wenn die Mägdlein tatsächlich unterwegs irgendwo zurückbleiben sollten, waren sie sicherer unter dem Schutze der Fürstin Anna, als unter dem der Fürstin Alexandra, weil man am Hofe der ersteren den Kreuzrittern weniger zugethan, Zbyszko aber sehr geneigt war. Zwar behauptete Macko, daß Verstand nicht der Frauen Sache sei und daß es sich nicht gezieme, sich einem Weibe gegenüber in Erörterungen einzulassen wie einem verständigen Menschen gegenüber, dessen ungeachtet blieb er aber nicht bei seinem Vorsatze und gab bald vollständig nach, da Jagienka ihn auf die Seite führte und mit Thränen in den Augen sagte: »Wisset! – Gott sieht in mein Herz – daß ich vom Morgen bis zum Abend für ihr – für Danusias und für Zbyszkos Glück bete. Unser Gott im Himmel weiß dies am besten. Aber Hlawa und auch Ihr sagt ja, daß sie verschwunden ist und daß sie nicht lebend aus den Händen der Kreuzritter entkommen werde. Und ist dem so, dann ...« Hier zauderte sie ein wenig, die bis jetzt zurückgehaltenen Thränen flossen langsam über ihre Wangen herab, und leise fügte sie hinzu: »Dann möchte ich Zbyszko nahe sein!« Diese Worte und ihre Thränen rührten Macko tief, gleichwohl antwortete er: »Wenn sie zu Grunde geht, wird Zbyszkos Herzeleid so groß sein, daß er Dich auch nicht einmal anschaut.« »Daß er mich anschaut, wünsche ich gar nicht, ich wünsche nur, bei ihm zu sein.« »Du weißt doch, daß ich ganz dasselbe will, was Du willst, aber im ersten Kummer wird er sogar im stande sein, Dir harte Worte zu sagen.« »Mag er mir immerhin harte Worte sagen!« antwortete sie mit traurigem Lächeln. »Doch wird er es nicht thun, weil er nicht weiß, daß ich es bin.« »Er wird Dich erkennen!« »Nein, er wird mich nicht erkennen. Ihr erkanntet mich ja auch nicht. Sagt ihm, ich sei es nicht, sondern Jasko, und Jasko gleicht mir ja auf ein Haar. Sagt ihm, daß Jasko sehr gewachsen ist, und es wird Zbyszko nicht in den Sinn kommen, daß ich es bin.« Da begann der alte Ritter abermals von den einwärts gebogenen Knien zu sprechen, weil aber auch die Knie von Knaben zuweilen einwärts gebogen sind, konnte dieser Einwurf nicht gelten, vornehmlich da Jagienka von ihrem Bruder, der in der letzten Zeit seine Haare hatte wachsen lassen und sie in einem Netze trug wie andere edle Jünglinge und Ritter, tatsächlich kaum zu unterscheiden war. Aus diesem Grunde gab Macko schließlich nach, und nun ward über die weitere Fahrt beraten. Am folgenden Morgen wollten sie aufbrechen. Macko beschloß, in das Ordensland einzudringen, sich nach Brodnica zu begeben, daselbst Kundschaft einzuziehen und, wenn sich der Großmeister trotz der Angaben Lichtensteins noch in Marienburg befand, dorthin zu gehen, im entgegengesetzten Falle aber in der Richtung von Spychow längs der Grenze des Ordenslandes vorzurücken und unterwegs nach dem jungen polnischen Ritter und dessen Gefolge zu fragen. Der alte Ritter dachte, er könne in Spychow oder am Hofe des Fürsten Janusz zu Warschau eher etwas von Zbyszko erfahren, als anderswo. So machte er sich denn am folgenden Morgen auf den Weg. Der Frühling hatte schon begonnen und damit auch die Ueberschwemmungen. Skowa und Doweca waren ausgetreten, so daß die Reisenden erst am zehnten Tage nachdem sie Plock verlassen hatten, die Grenze überschritten und Brodnica erreichten. Das Städtchen zeichnete sich durch Reinlichkeit und Ordnung aus, aber gleich beim ersten Schritt ward man an die Strenge deutscher Herrschaft gemahnt, denn an einem außerhalb der Stadt auf dem Wege nach Gorezenica errichteten ungeheuren Galgen Mauerreste solcher Galgen erhielten sich noch bis zum Jahre 1818. mit gemauertem Untergrund hingen noch die Leichname einiger Gerichteten, unter denen sich auch eine Frau befand. Auf der Warte und auf dem Schlosse wehte eine Fahne, welche eine rote Hand in weißem Felde zeigte. Den Komtur trafen die Reisenden nicht an Ort und Stelle, denn er hatte sich mit einem Teil der Besatzung an der Spitze der benachbarten Edelleute nach Marienburg begeben. Diese Mitteilung erhielt Macko von einem alten blinden Kreuzritter, welcher einst Komtur von Brodnica gewesen war und jetzt aus Anhänglichkeit an die Stadt und die Burg seine letzten Lebenstage hier verbrachte. Nachdem der Kaplan des Ortes ihm den Brief Lichtensteins vorgelesen hatte, nahm er Macko gastfreundlich auf, und da er inmitten einer polnischen Bevölkerung wohnte, verstand er die polnische Sprache vortrefflich, sodaß es Macko nicht schwer fiel, mit ihm zu verhandeln. Zufälliger Weise war er gerade sechs Wochen zuvor in Marienburg gewesen, wohin man ihn als erfahrenen Ritter zu einem Kriegsrat berufen hatte, daher wußte er genau, was dort vorging. Nach dem jungen polnischen Ritter befragt, sagte er, des Namens erinnere er sich nicht mehr, doch habe er von einem Jüngling gehört, welcher vornehmlich deshalb Staunen erregt habe, weil er trotz seiner Jugend schon gegürtet und dann auch, weil er stets siegreich bei dem Turnier gewesen sei, welches der Großmeister, der Sitte gemäß, für die fremden Gäste veranstaltet hatte, bevor er zum Feldzug auszog. Allgemach kam dem alten Kreuzritter sogar auch in Erinnerung, daß der mannhafte, edelgesinnte, wenn schon jähzornige Ulrich von Jungingen, der Bruder des Meisters, jenen Jüngling liebgewonnen und in seinen besondern Schutz genommen, ja daß er ihm eiserne Briefe Geleitsbriefe. Anmerkung der Uebersetzerinnen. mitgegeben hatte, und daß der junge Ritter dann später, wahrscheinlich gen Osten aufgebrochen sei. Diese Kunde erfreute Macko ungemein, da er nicht den geringsten Zweifel hegte, daß Zbyszko jener Ritter war. In Anbetracht dessen lag nun kein Grund mehr vor, sich nach Marienburg zu begeben, denn obgleich der Großmeister der Johanniter oder andere Würdenträger und Ritter des Ordens, welche dort geblieben waren, noch bessere Fingerzeige hätten geben können, vermochten sie doch nicht auszusagen, wo Zbyszko gegenwärtig weilte. Zudem wußte Macko selbst am besten, wo er seinen Bruderssohn finden könne. War es doch nicht schwer zu erraten, daß dieser in der Gegend von Szczytno umherstreife, und wenn er Danusia dort nicht fand, seine Nachforschungen in den entfernteren Schlössern und Komtureien des Ostens fortsetze. Ohne Zeit zu verlieren, zogen die Reisenden nun durch das Ordensland gen Szczytno. Sie kamen rasch vorwärts, da die zahlreichen Städte und Städtchen durch Landstraßen verbunden waren, welche von den Kreuzrittern, vornehmlich aber von den in den Städten seßhaften Kaufleuten in gutem Stand erhalten wurden und den polnischen fast gleich kamen, die man unter der umsichtigen, thatkräftigen Regierung König Kasimirs angelegt hatte. Zudem war das Wetter wunderschön, der nächtliche Himmel ausgestirnt, und an den hellen Tagen um die Melkezeit am Mittag wehte ein warmer leichter Wind, welcher die Brust der Menschen schwellte, ihre Lebensgeister hob. Auf den Feldern grünte das Getreide, die Wiesen waren über und über mit Blumen bedeckt, ein würziger Harzgeruch entströmte den Fichtenwäldern. Während der ganzen Fahrt nach Lidzborak, von dort nach Dsialdow und weiter bis nach Niedzborz sahen die Reisenden keine Wolke am Himmel. In Niedzborz erst kam während der Nacht ein Regenschauer mit Gewitter, das erste in diesem Frühling. Doch Regen und Donner währten nicht lange, und als der Tag anbrach, war das Firmament wieder so hell, ruhig, golden und leuchtend, daß alles, soweit das Auge reichte, glänzte und schimmerte wie Diamanten und Perlen. Die Erde schien den Himmel anzulachen und sich über den Reichtum der Natur zu freuen. An diesem Morgen zogen sie von Niedzborz gen Szczytno. Die masovische Grenze war nicht mehr weit entfernt, und sie hätten sich ebensogut nach Spychow wenden können. Während eines kurzen Momentes dachte Macko auch daran, dies zu thun, doch nachdem er alles wohl erwogen hatte, beschloß er geradewegs gegen die furchtbare Feste der Kreuzritter zu dringen, worin sich so manches abgespielt hatte, das für Zbyszkos Schicksal verhängnisvoll geworden war. Nachdem er einen Landmann als Führer genommen hatte, gebot er diesem, ihn samt seinem Gefolge nach Szczytno zu geleiten, obwohl ein Führer nicht unbedingt notwendig war, denn von Niedzborz nach Szczytno zog sich eine gerade Landstraße hin, worauf die deutschen Meilen mit Steinen bezeichnet waren. Der Führer befand sich immer einige Schritte voraus, hinter ihm kam Macko und Jagienka zu Pferde, hierauf in ziemlich großer Entfernung der Böhme und die hübsche Anielka, den Schluß bildeten die von bewaffneten Mannen umgebenen Wagen. Es war noch früh am Morgen. Ein rosiger Schimmer färbte den östlichen Himmel, obwohl die Sonne schon hell schien, und die Tautropfen auf Gräsern und Blumen in Opale verwandelte. »Fürchtest Du Dich nicht, nach Szczytno zu gehen?« fragte Macko. »Nein, ich fürchte mich nicht!« antwortete Jagienka. »Unser Herrgott ist über mir, denn ich bin ja eine Waise.« »Dort kennt man keine Ehre und keine Treue. Von allen ist Danveld freilich der Schlimmste gewesen, doch Jurand hat ihn mit Godfryd zugleich aus dem Wege geräumt. So sagt der Böhme. Rotgier, der durch Zbyszkos Streitaxt fiel, war nicht besser, aber auch der Alte ist hart und grausam und hat sich dem Teufel verschrieben ... Die Leute wissen zwar nichts Sicheres, ich glaube indessen, wenn Danusia getötet ward, so ist es durch des Alten Hand geschehen. Es geht die Rede, er habe auch einen Unglücksfall gehabt, aber die Fürstin erzählte mir in Plock, er sei wieder genesen. Mit ihm werden wir in Szczytno zu verhandeln haben. Gut, daß wir im Besitze des Briefes von Lichtenstein sind, denn gewiß fürchten ihn die Brüder, diese Hunde, mehr als den Großmeister selbst, denn sie sagen, er genieße großes Ansehen, sei grausam und strenge und überdies rachsüchtig. Nicht die geringste Beleidigung verzeihe er. Ohne dies Schreiben würde ich nicht so ruhig nach Szczytno gehen.« »Und wie nennt sich jener alte Mann?« »Zygfryd de Löwe.« »Gott gebe, daß wir uns ihm gegenüber schützen können.« »Gott gebe es!« Hier lachte Macko laut und nach einer Weile begann er wieder: »Die Fürstin in Plock sagte zu mir: ›Euer Vorgehen ist dem von Lämmern gegen Wölfe zu vergleichen, trotzdem haben schon drei von den Wölfen das Leben verloren, weil die unschuldigen Lämmer sie überwältigten.‹ Und so ist es in der That, wenn alles, was ich hörte, der Wahrheit entspricht.« »Und Danusia? Und ihr Vater?« »Ich stellte der Fürstin die gleiche Frage. Doch in der Seele bin ich froh darüber, daß es sich gezeigt hat, wie gefährlich es ist, uns ein Unrecht zuzufügen. Siehst Du, auch wir verstehen es, ein Beil in die Hand zu nehmen und es zu gebrauchen! Und was Danuska und Jurand anbelangt, so glaube ich wie der Böhme, daß sie nicht mehr am Leben sind, aber tatsächlich weiß niemand etwas Sicheres darüber. Jurand beklage ich, denn bei Lebzeiten verzehrte er sich in Kummer um seine Tochter, und wenn er tot ist, so ist er eines schrecklichen Todes gestorben.« »So oft ihn jemand in meiner Gegenwart erwähnt, muß ich an mein geliebtes Väterchen denken. Auch er ist ja nicht mehr unter den Lebenden!« sagte Jagienka. So sprechend, hob sie die feuchten Augen zum Himmel empor. Macko aber nickte und sagte: »Er steht vor Gottes Gericht, und sicherlich wird er im ewigen Lichte wandeln, denn einen besseren Menschen als ihn gab es in unserem ganzen Königreiche nicht.« »Nein, nein, einen besseren gab es nicht!« seufzte Jagienka. Das Gespräch wurde durch den als Führer dienenden Landmann unterbrochen, der plötzlich seinen Hengst anhielt, dann eine Wendung mit ihm machte und im Galopp auf Macko zuritt, indem er in seltsamem, erschreckten Tone ausrief: »O um Gotteswillen! Seht, Herr Ritter, wer dort vom Hügel herab auf uns zukommt.« »Wer? Wo?« fragte Macko. »Seht dorthin! Es muß ein Riese oder etwas Aehnliches sein!« Ihre Pferde anhaltend, blickten Macko und Jagienka nach der bezeichneten Richtung und sahen wirklich auf der Anhöhe etwa fünfzig Schritte entfernt eine Gestalt, welche durch ihre Größe das Maß eines gewöhnlichen Menschen beträchtlich zu überragen schien. »Daß es ein riesiger Kerl ist, darin hat er recht!« murmelte Macko. Dann runzelte er die Stirne, spie plötzlich aus und sagte: »Behext sei dieser Hund!« »Weshalb verwünscht Ihr ihn?« fragte Jagienka. »Weil ich mich erinnere, daß ich und Zbyszko an einem Morgen wie der heutige auf der Landstraße von Tyniec nach Krakau einen ähnlichen riesenhaften Menschen gesehen haben. Damals sagten die Leute, es sei Walgierz Wlady. Schließlich zeigte es sich, daß es der Herr aus Taczew war, aber viel Gutes erwuchs nicht daraus. Behext sei der Hund!« »Ein Ritter ist es nicht, denn er geht ja zu Fuße,« sagte Jagienka, schärfer hinsehend. »Ich sehe sogar, daß er keine Waffen hat, nur einen Wanderstab trägt er in der linken Hand.« »Und er tastet nach dem Weg, wie wenn es Nacht wäre,« fügte Macko hinzu. »Und er kann sich kaum vorwärts bewegen. Gewiß ist er blind, denn was sollte es sonst sein?« »Er ist blind! Er ist blind! So wahr ich lebe!« Sie trieben ihre Pferde an und hielten bald vor dem alten Manne, welcher, sehr langsam den Hügel herabsteigend, seinen Weg mit dem Stocke suchte. Er war in der That ungewöhnlich groß, wenngleich er in der Nähe nicht mehr wie ein Riese erschien. Auch zeigte es sich, daß er vollständig blind war. Anstatt der Augen hatte er zwei rote Höhlen im Gesicht, die rechte Hand fehlte ihm, und er hatte den Stummel mit schmutzigen Lappen umwunden. Seine Haare fielen weit über die Schultern herab und glänzten weiß wie der Bart, der ihm bis zum Gurt reichte. »Der Arme hat weder einen Knaben noch einen Hund bei sich und muß sich selbst tastend den Weg suchen,« bemerkte Jagienka. »Bei Gott, ich kann ihn nicht ohne Hilfe hier zurücklassen. Ob er mich verstehen wird, weiß ich nicht, doch will ich ihn in unserer Sprache anreden.« Sie sprang rasch vom Pferde und sich dicht vor den Alten hinstellend suchte sie nach Geld in dem ledernen Beutel, der an ihrem Gürtel hing. Der Alte, welcher den Lärm und das Stampfen der Pferde hörte, streckte den Stab aus und hob den Kopf in die Höhe, wie es die Blinden zu thun Pflegen. »Gelobt sei Jesus Christus!« sagte das Mädchen. »Versteht Ihr die Sprache der Christen, Großväterchen?« Als er ihre jugendfrische, süße Stimme vernahm, erbebte er, ein seltsamer Schimmer, etwas wie Rührung und Erschütterung überzog sein Antlitz, er senkte die Lider über die leeren Augenhöhlen und den Stab wegschlendernd, fiel er ihr zu Füßen, indem er die Arme gegen sie ausstreckte. »Erhebt Euch! Ich bin bereit, Euch zu helfen. Was ist Euch?« fragte Jagienka voll Verwunderung. Aber er antwortete nicht, zwei große Thränen rollten über seine Wangen und seinen Lippen entrang sich ein Laut, der wie ein Aechzen klang: »Aa! A!« »Beim allbarmherzigen Gott! Seid Ihr denn stumm oder was ist's, das Euch fehlt?« »Aa! A!« Nachdem er versucht hatte, sich auf diese Weise zu äußern, hob er die linke Hand empor, machte das Zeichen des Kreuzes und fuhr sich dann über die Lippen hin. Jagienka, die ihn nicht verstand, schaute Macko an. Dieser sagte: »Es scheint, er will Dir auf diese Weise zeigen, wie ihm die Zunge herausgeschnitten ward.« »Ist Euch die Zunge herausgeschnitten worden?« fragte das junge Mädchen. »A! o! a! o!« wiederholte der alte Mann indem er nickte. Dann wies er mit den Fingern auf seine Augen, zeigte den Stummel seines rechten Armes und machte mit der linken Hand eine Bewegung, wie wenn er einen Schlag erteilen wolle. Jetzt verstanden ihn beide. »Wer hat Euch das angethan?« fragte Jagienka. Der alte Mann machte mehrmals das Zeichen des Kreuzes in der Luft. »Die Kreuzritter!« schrie Macko auf. Der Alte senkte wie zur Bestätigung das Haupt auf die Brust herab. Ein kurzes Schweigen folgte. Macko und Jagienka blickten einander erschreckt an, denn sie hatten jetzt den klaren Beweis der Unbarmherzigkeit, Maßlosigkeit und Grausamkeit, welche die Kreuzritter von Szczytno kennzeichneten, vor Augen. »Fürchterlich sind sie mit ihm zu Gericht gegangen,« sagte schließlich Macko. »Gar schwer haben sie ihn bestraft und Gott weiß, ob mit Recht! Aber dies werden wir nicht erfahren. Wenn wir nur wüßten, wohin wir ihn führen sollen. Er muß aus dieser Gegend stammen. Unsere Sprache versteht er, weil das gleiche Volk hier wohnt wie in Masovien.« »Versteht Ihr, was wir sagen?« fragte Jagienka. Der Alte nickte bejahend mit dem Kopfe. »Und seid Ihr aus dieser Gegend?« »Nein!« entgegnete der Greis durch eine Gebärde. »Aber vielleicht aus Masovien?« »Ja!« »Aus dem Gebiete des Fürsten Janusz?« »Ja!« »Und was thatet Ihr bei den Kreuzrittern?« Der alte Mann vermochte nicht zu antworten, doch sein Gesicht drückte in diesem Augenblick so unermeßlichen Schmerz aus, daß das mitleidige Herz Jagienkas sich krampfhaft zusammenzog und sogar Macko, der sonst nicht so leicht gerührt ward, sagte: »Sicherlich haben ihm die Weißmäntel Unrecht gethan, und möglicherweise ist ihm gar keine Schuld beizumessen.« Jagienka drückte einige kleine Geldstücke in die Hand des Armen. »Hört!« sagte sie. »Wir werden Euch nicht verlassen. Geht mit uns nach Masovien, und wir werden uns dann in jedem Dorfe erkundigen, ob es Euer Heimatsort ist. Vielleicht können wir auf diese Weise den richtigen Weg finden. Aber steht jetzt auf, denn wir sind ja keine Heiligen!« Doch er stand nicht auf, sondern neigte sich noch tiefer herab und umfaßte ihre Füße, wie wenn er sich völlig ihrem Schutz anheimgeben und ihr danken wolle, wobei sich indessen eine gewisse Verwunderung, ja etwas wie Enttäuschung auf seinem Antlitz malte. Ihrer Stimme lauschend, hatte er zuvor wohl angenommen, daß er einem jungen Mädchen gegenüberstehe, jetzt aber berührten seine Hände rauhes Lederwerk, wie es zur Fußbekleidung der Ritter und Knappen auf Reisen diente. Und sie fuhr fort: »Ja, so soll es sein! Unsere Wagen werden bald hier sein, dann mögt Ihr der Ruhe pflegen, damit Ihr wieder zu Kräften kommt. Doch nach Masovien könnt Ihr nicht so bald gelangen, da wir uns zuerst nach Szczytno begeben müssen.« Bei diesen Worten sprang der alte Mann empor. Schrecken und Staunen malte sich auf seinem Gesichte. Er breitete die Arme aus, als ob er den Weg versperren wolle, und seinen Lippen entrangen sich wilde Laute, wie wenn er bis ins tiefste Innere erschüttert wäre. »Was ist Euch?« rief Jagienka voll Bestürzung. Aber der Böhme, welcher mittlerweile mit Anielka herangekommen war und während einiger Zeit den alten Mann aufmerksam angeblickt hatte, wendete sich plötzlich mit veränderter Miene zu Macko und sagte in erstauntem Tone: »Bei den Wunden des Erlösers! Gestattet, Herr, daß ich mit ihm rede, denn Ihr ahnt wohl nicht, wer er ist.« Und ohne die Erlaubnis abzuwarten, eilte er auf den Alten zu, legte ihm die Hand auf die Schultern und fragte: »Kommt Ihr aus Szczytno?« Offenbar eigentümlich berührt von dem Klang dieser Stimme, beruhigte sich der Greis und nickte mit dem Kopfe. »Habt Ihr dort nicht Euer Kind gesucht?« Ein dumpfer Klagelaut war die einzige Antwort. Hlawa erbleichte, noch einen Augenblick betrachtete er mit seinen Luchsaugen die Züge des Alten, dann sagte er langsam und nachdrücklich: »Ihr seid Jurand aus Spychow.« »Jurand!« schrie Macko auf. Doch Jurand schwankte in diesem Moment und verlor das Bewußtsein. Die Qualen, welche er erduldet, der Mangel an Nahrung, die Mühseligkeiten seiner Wanderschaft warfen ihn zu Boden. Es war nun schon der zehnte Tag, daß er so tastend dahinschritt, daß er in der Irre umherging und sich mit seinem Stabe den Pfad suchte, ausgehungert und matt, ohne zu wissen, wohin er sich wenden solle. Unfähig nach dem Wege zu fragen, richtete er sich bei Tage nur nach der Wärme der Sonnenstrahlen, die Nächte verbrachte er in den Gräben an der Landstraße. Wenn er durch ein Dorf oder eine Ansiedelung kam oder wenn Leute an ihm vorübergingen, bat er mit der Hand und mittelst unartikulierten Lauten um Almosen, aber es war selten, daß ihn eine mitleidige Seele dann unterstützte, denn meist wurde er für einen Verbrecher gehalten, den die gerechte Rache des Gesetzes erreicht hatte. Schon seit zwei Tagen fristete er sein Leben durch Baumrinden und Blätter, schon gab er die Hoffnung auf, Masovien zu erreichen, als ihn hier plötzlich barmherzige Menschen umringten, als die Laute der Heimatsgenossen an sein Ohr drangen, von denen ihn die eine an die süße Stimme seiner Tochter erinnerte, und da schließlich auch noch sein Name genannt ward, war die Erschütterung allzugroß, sein Herz zog sich krampfhaft zusammen, die Gedanken kreisten wild in seinem Gehirn, und er wäre mit dem Gesicht in den Staub der Landstraße gefallen, wenn die starken Arme des Böhmen ihn nicht gehalten hätten. Macko sprang vom Pferde, dann hoben die beiden Jurand empor und trugen ihn zu einem Wagen, wo sie ihn auf Heu betteten. Nachdem es Jagienka und Anielka gelungen war, Jurand wieder zum Bewußtsein zu bringen, reichten sie ihm Nahrung und gaben ihm Wein zu trinken, wobei Jagienka, welche sah, daß er den Becher nicht halten konnte, ihm den Trank selbst einflößte. Und sogleich versank er in einen festen, bleiernen Schlaf, aus dem er erst nach drei Tagen wieder erwachte. Die andern aber hielten jetzt Rat mit einander. »Es unterliegt keinem Zweifel,« ließ sich Jagienka vernehmen, daß wir nun nach Spychow statt nach Szczytno gehen müssen, denn dort, an diesem sicheren Orte können wir ihn der Obhut und Pflege der Seinigen überlassen.« »Jurand!« schrie Macko auf. »Welch merkwürdige Anordnungen Du triffst!« entgegnete Macko. »Nach Spychow müssen wir ihn schicken, aber es ist doch nicht unumgänglich nötig, daß wir alle mitgehen; ein Wagen genügt, um ihn hinzubringen.« »Ich will gar keine Anordnungen treffen, ich meine nur, wir könnten durch ihn viel von Zbyszko und Danusia hören.« »Und wie willst Du mit ihm reden, da ihm die Zunge fehlt?« »Und wer hat es Euch gezeigt, daß ihm die Zunge fehlt, wenn nicht er selbst? Ihr seht, daß wir auch ohne Sprache alles erfuhren, was uns zu wissen notthat; wie wird es also erst sein, wenn wir an seine Zeichen mit dem Kopfe und mit den Händen gewöhnt sind? Fragt ihn zum Beispiel, ob Zbyszko von Marienburg nach Szczytno zurückgekehrt ist, und er wird entweder bejahend nicken oder eine verneinende Bewegung machen. So wird es auch bei allen andern Fragen sein.« »Das ist richtig!« rief der Böhme aus. »Ich leugne ja auch nicht, daß dies richtig ist,« erklärte Macko, »und mir selbst ist der gleiche Gedanke gekommen, aber bei mir heißt es immer, zuerst überlegen und dann das Mundwerk gebrauchen.« Nach diesen Worten gab er Befehl, die Wagen gegen die masovische Grenze zu lenken. Unterwegs ritt Jagienka von Zeit zu Zeit an den Wagen heran, worauf Jurand lag, aus Furcht, er könne aus dem Schlaf in den Tod hinübergeschlummert sein. »Ich habe ihn nicht erkannt,« hub Macko wieder an, »aber dies ist auch kein Wunder. Er ist ja früher so stark wie ein Auerochse gewesen. Die Masovier sagten, er sei der einzige von ihnen, der sich mit Zawisza messen könne – und jetzt gleicht er einem Skelett.« »Es ging schon das Gerücht,« sagte der Böhme, »daß sie ihn durch Martern zu Tode gequält haben, aber manche Leute wollten nicht glauben, daß Christen derart mit einem gegürteten Ritter verfuhren, welcher überdies den heiligen Georg zum Schutzpatron hat.« »Gott wird sie strafen!« rief Jagienka aus. Macko wendete sich zu dem Böhmen. »Wieso hast Du ihn erkannt?« »Ich erkannte ihn auch nicht sogleich, wenn schon dies leichter für mich gewesen wäre als für Euch, Herr, da es noch nicht lange her ist, daß ich mit ihm zusammengetroffen bin. Doch etwas Eigentümliches fiel mir an ihm auf, und je länger ich ihn ansah, desto mehr verstärkte sich dieser Eindruck. Früher hatte er keinen solchen Bart und keine weißen Haare, er war ein mächtiger Herr und ein vielvermögender, wie war es also möglich, ihn in diesem Bettler zu erkennen? Aber als die Jungfrau sagte, daß wir nach Szczytno gehen, und er zu heulen begann, da wurden mir plötzlich die Augen geöffnet.« »Von Spychow sollte man ihn zu dem Fürsten bringen, welcher das einem Mann von solchem Ansehen zugefügte Unrecht nicht ungestraft hingehen lassen kann.« »Sie werden ihre Schuld nicht eingestehen, Herr. Sie werden sagen, daß der Gebieter von Spychow im Kampfe die Zunge und die Hand und das Auge eingebüßt habe.« »Das ist wahr!« erwiderte Macko. »Haben sie doch seiner Zeit den Fürsten mit sich fortgeführt. Er kann nicht gegen sie ausziehen, weil er nicht siegen würde, es sei denn, daß unser König ihm zu Hilfe käme. Die Leute schwatzen auch gar viel von einem großen Kriege, und ich habe noch nicht einmal etwas von einem kleinen gesehen!« »Mit dem Fürsten Witold wird aber Krieg geführt.« »Gelobt sei Gott, daß wenigstes dieser bereit ist, es mit dem Orden aufzunehmen. Hei! Fürst Witold, das ist mein Mann! Und an Schlauheit sind sie ihm nicht gewachsen, denn er ist schlauer, als sie alle zusammen. Gar oft bedrängten die Schufte ihn dermaßen, daß die Schlinge schon über seinem Haupte hing, und jedesmal wußte er sich gleich einer Schlange herauszuwinden, wußte er sie mit seinem Biß zu verwunden. Hüte Dich vor ihm, wenn er auf Dich losschlägt, aber hüte Dich noch mehr vor ihm, wenn er Dir schmeichelt.« »Zeigt er sich jedem so?« »Nein, nicht jedem, nur den Kreuzrittern zeigt er sich so. Gegen andere ist er ein guter und freigebiger Knas!« Hier sann Macko ein wenig nach, wie wenn er sich Witold besser vergegenwärtigen wolle. »Er ist ein ganz andrer Mensch als die hier ansässigen Fürsten,« sagte er schließlich. »Es war notwendig, daß Zbyszko sich zu ihm begab, denn unter seiner Führung und durch ihn vermag er am meisten gegen den Orden auszurichten.« Nach einer Weile fügte er hinzu: »Wer weiß, ob wir ihn dort nicht finden, denn dann kann man Rache nehmen, wie sich's gebührt.« Hierauf sprachen sie wieder von Jurand, von dessen unglückseligem Lose, von der ihm durch die Kreuzritter zugefügten Unbill, durch die Kreuzritter, welche einstmals ohne jeden Anlaß seine heißgeliebte Gattin getötet, ihm dann, Rache mit Rache vergeltend, die Tochter entrissen und ihn schließlich selbst durch so furchtbare Qualen gemartert hatten, wie selbst die Tataren sie nicht schlimmer hätten aussinnen können. Macko und Hlawa knirschten mit den Zähnen bei dem Gedanken, daß sogar die Freilassung Jurands eine neue, wohlberechnete Grausamkeit war. Der alte Ritter gelobte sich daher im Innern, genau zu erforschen, wie alles gewesen war, und es dann mit Zinsen zurückzuzahlen. Unter solchen Gesprächen und Erwägungen verbrachten sie den Weg nach Spychow. Dem heitern Tage war eine stille, sternhelle Nacht gefolgt, so daß sie nirgends ein Nachtlager aufschlugen, die Pferde aber dreimal reichlich fütterten. Es war noch dunkel als sie zur Greuze gelangten, und in der Frühe erreichten sie – unter der Führung eines gedungenen Boten – das Gebiet von Spychow. Offenbar hielt der alte Tolima hier alles unter eiserner Hand, denn kaum waren sie in den Wald eingedrungen, als zwei bewaffnete Mannen ihnen entgegentraten; sobald diese jedoch erkannten, daß sie keine Krieger, sondern einen Ritter mit Gefolge vor sich hatten, ließen sie die kleine Schar unbehelligt vorüber, ja sie geleiteten sie sogar über die Stellen, welche, überschwemmt und sumpfig, für die des Orts Unkundigen wohl sonst unzugänglich gewesen wären. In der Burg wurden die Ankömmlinge von Tolima und dem Pater Kaleb empfangen. Die Kunde, daß der Gebieter zurückgekehrt war, daß gottesfürchtige Menschen ihn zurückgebracht hatten, verbreitete sich blitzesschnell durch die Besatzung. Erst als Jurands Leute wahrnahmen, wie er aus den Händen der Kreuzritter hervorgegangen war, da überkam sie eine solche Wut, daß sie in eine wahre Flut von Drohungen ausbrachen, und wenn sich in dem unterirdischen Gefängnisse von Spychow noch ein Kreuzritter befunden hätte, dann wäre es keiner Macht der Erde gelungen, ihn vor einem sicheren Tode zu bewahren. Die berittenen Mannen wollten sich sofort zu Pferde setzen, an die Grenze sprengen, alle Ritter ergreifen, die ihnen entgegentreten würden, und deren Köpfe dann vor des Herrn Füße legen, aber Macko hielt sie von ihrem Vorhaben ab, weil er wußte, daß die Deutschen in Städten und Burgen wohnten, das Landvolk hingegen demselben Stamme angehörte wie er und Jurands Leute, obwohl es unter fremder Herrschaft lebte. Aber weder Lärm noch Geschrei seiner Leute, noch das Knarren des Brunnenschwengels vermochte Jurand zu erwecken, der auf einem Bärenfell vom Wagen in seine Stube getragen und dort auf das Lager gebettet ward. Pater Kaleb, der Genosse seiner Jugendjahre, sein Milchbruder, der ihn wie ein leiblicher Bruder liebte, blieb bei ihm und begann ein inbrünstiges Gebet zu sprechen, der Erlöser der Welt möge dem unglücklichen Jurand die Augen, die Zunge und die Hand wieder geben. Die ermüdeten Reisenden gingen zur Ruhe, nachdem sie einen Morgenimbiß zu sich genommen hatten. Macko erwachte, als es schon spät am Nachmittag war, und befahl einem Knechte, Tolima zu rufen. Da er zuvor schon durch den Böhmen erfahren hatte, daß Jurand, ehe er seine Burg verließ, allen Mannen Gehorsam gegen Zbyszko anempfohlen und daß er diesen durch den Mund des Pater Kaleb zum Erben von Spychow eingesetzt hatte, sagte er zu dem Alten im Tone eines Vorgesetzten: »Ich bin der Oheim Eures jungen Herrn, und bis er zurückkehrt, müßt Ihr in mir Euren Gebieter sehen.« Tolima neigte seinen grauen, wolfsähnlichen Kopf und die Hand an sein Ohr haltend, fragte er: »So seid Ihr der edle Ritter von Bogdaniec?« »Der bin ich,« entgegnete Macko, »wie kommt's, daß Ihr von mir wißt?« »Unser junger Herr Zbyszko erwartete Euch hier und fragte nach Euch.« Als er dies hörte, sprang Macko mit beiden Füßen empor und seiner Würde ganz vergessend schrie er auf: »Zbyszko in Spychow?« »Er ist hier gewesen, Herr, vor zwei Tagen entfernte er sich aber wieder.« »Guter Gott! Woher kam er und wohin ging er?« »Er kam von Marienburg und hielt sich unterwegs in Szczytno auf, wohin er ging, sagte er uns jedoch nicht.« »Er sagte es Euch nicht?« »Vielleicht sagte er es dem Pater Kaleb.« »Allmächtiger Gott! Dann sind wir an einander vorübergekommen,« rief Macko, sich mit den Händen an die Schenkel schlagend. Tolima hielt die Hand an das andere Ohr. »Was sagt Ihr, Herr?« »Wo ist Pater Kaleb?« »Bei dem alten Herrn, an dessen Lager.« »Ruft ihn her! – Doch nein! – Ich gehe selbst zu ihm!« »Ich rufe ihn!« sagte der Alte. Und er entfernte sich; doch ehe er den Priester hereinführte, trat Jagienka in die Stube. »Komm her! Weißt Du schon? Vor zwei Tagen ist Zbyszko hier gewesen.« Jagienkas Antlitz veränderte sich sofort, und es war deutlich zu sehen, wie ihre Glieder bebten. »Er ist hier gewesen und wieder weggegangen?« fragte sie mit klopfendem Herzen – »wohin denn?« »Ja vor zwei Tagen ist er weggegangen, der Pater weiß vielleicht, wohin.« »Wir müssen sogleich mit dem Pater sprechen!« sagte sie in entschiedenem Tone. Nach einer Weile trat Pater Kaleb in das Zimmer, und in der Meinung, Macko habe zu ihm geschickt, um etwas von Jurand zu hören, sagte er, der Frage zuvorkommend: »Er schläft noch.« »Ich habe gehört, daß Zbyszko hier gewesen ist!« rief Macko aus. »Ja, er ist hier gewesen, aber vor zwei Tagen verließ er die Burg wieder.« »Wohin hat er sich begeben?« »Wohin er sich begeben solle, wußte er selbst nicht. Er ging, um Nachforschungen anzustellen. Gegen die samogitische Grenze ist er gezogen, wo jetzt Krieg geführt wird.« »Beim allmächtigen Gott, sagt, Pater, was Ihr von ihm wißt.« »Ich weiß nur das, was er mir mitteilte. Er war in Marienburg und fand dort einen mächtigen Beschützer, des Großmeisters Bruder, welcher der angesehenste unter den Kreuzrittern ist. Auf dessen Befehl hin erhielt Zbyszko die Erlaubnis, in allen Schlössern Nachforschungen anzustellen.« »Nach Jurand und Danusia?« »Nach Jurand forschte er nicht, da ihm gesagt ward, er sei nicht mehr am Leben.« »Erzählt von Anfang an.« »Sofort, laßt mich nur erst Atem schöpfen und zu mir selbst kommen, denn aus einer anderen Welt kehre ich gerade zurück.« »Aus einer andern Welt? Wie meint Ihr das?« »Aus jener Welt, in die man nicht hoch zu Roß, wohl aber durch Gebet gelangen kann ... wo ich zu den Füßen unseres Herrn Jesus saß, den ich um Erbarmen für Jurand anflehte.« »Habt Ihr um ein Wunder gefleht? Glaubt Ihr, daß Euch eine solche Macht zusteht?« fragte Macko mit großer Neugierde. »Mir steht keine solche Macht zu, aber dem Erlöser. Wenn er will, kann er Jurand die Augen, die Zunge und die Hand zurückgeben.« »Wenn er will, kann er es freilich thun,« entgegnete Macko. »Indessen ist es nichts Geringes, um das Ihr batet.« Pater Kaleb gab keine Antwort, vielleicht hatte er auch nicht gehört, was Macko sagte, denn er blickte noch wie geistesabwesend vor sich hin, und es war unverkennbar, daß er sich zuvor vollständig in sein Gebet versenkt hatte. Er verbarg jetzt das Gesicht in den Händen und saß einige Zeit schweigend da. Schließlich fuhr er empor, rieb sich mit der Hand die Augen und sagte: »Nun mögt Ihr fragen!« »Auf welche Weise gelang es Zbyszko, den Vogt von Sambia für sich zu gewinnen?« »Ulryk ist jetzt nicht mehr Vogt von Sambia.« »Dies kommt nicht in Betracht. Haltet Euch an das, was ich frage, und sagt, was Ihr wißt.« »Bei dem Turnier wußte er ihn sich zu gewinnen. Ulryk von Jungingen kämpft gern innerhalb der Schranken, daher kämpfte er auch mit Zbyszko, denn es waren gar viele ritterliche Gäste in Marienburg und der Großmeister hatte Kampfspiele veranstaltet. Die Sattelgurt Ulryks ging entzwei, und Zbyszko hätte ihn leicht vom Pferde werfen können, doch als er dies wahrnahm, stieß er seinen Speer in den Boden und stützte sogar den Schwankenden.« »Hei! Siehst Du nun?« rief Macko sich an Jagienka wendend. – »Und hat Ulryk ihn deshalb lieb gewonnen?« »Ja, deshalb hat er ihn lieb gewonnen. Weder mit scharfer noch mit stumpfer Lanze wollte er mehr mit ihm kämpfen, weil er ihn lieb hatte. Zbyszko erzählte ihm seine Kümmernisse und jener, der auf ritterliche Ehre hält, entbrannte in Zorn und führte Zbyszko zu seinem Bruder, dem Meister, auf daß der Jüngling Klage erhebe. Gott verleihe ihm dafür die ewige Seligkeit, denn unter den Kreuzrittern giebt es nicht viele Gerechte. Zbyszko sagte mir auch, Herr de Lorche habe ihm beistehen können, weil er seiner angesehenen Familie und seines Reichtums wegen dort ungemein verehrt werde, und er hat tatsächlich in allem Zeugnis für Zbyszko abgelegt.« »Und was erfolgte nach dieser Klage und durch dieses Zeugnis?« »Es erfolgte, daß der Großmeister dem Komtur von Szczytno strengen Befehl gab, alle Gefangenen, die sich in Szczytno befanden, Jurand nicht ausgenommen, unverzüglich nach Marienburg zu schicken. Was diesen anbelangt, so schrieb der Komtur zurück, daß er an seinen Wunde» gestorben und bei der Kirche begraben worden sei. Die andern Gefangenen schickte er nach Marienburg, und darunter befand sich auch ein blödsinniges Mädchen, nicht aber unsere Danusia.« »Ich weiß durch den Knappen Hlawa,« bemerkte Macko, »daß Rotgier, jener Ritter, welcher von Zbyszko erschlagen ward, am Hofe des Fürsten Janusz erzählte, ein schwachsinniges Mägdlein erwähnte. Er sagte, dies Mägdlein sei von den Kreuzrittern für Jurands Tochter gehalten worden, und als die Fürstin ihm erwiderte, sie hätten ja die rechte Tochter Jurands gekannt und gewußt, daß sie keine Schwachsinnige sei, erklärte er: ›Wohl, das ist die Wahrheit, aber wir dachten, der Böse habe sie verwandelt‹.« »Das Gleiche schrieb der Komtur an den Großmeister – er schrieb, daß jenes Mägdlein sich nicht im Gefängnisse, sondern in ihrem Schutze befunden habe, daß sie es den Händen von Räubern entrissen hätten, welche schwuren, es sei Jurands Tochter in verwandelter Gestalt.« »Und schenkte der Großmeister dieser Aussage Glauben?« »Er wußte selbst nicht, ob er ihr Glauben schenken solle oder nicht, doch Ulryk entbrannte nur noch mehr in Zorn, er verlangte von seinem Bruder, daß dieser einen Offizial des Ordens mit Zbyszko nach Szczytno sende, und so geschah es auch. Als sie nach Szczytno kamen, trafen sie den alten Komtur Zygfryd nicht mehr an, denn er hatte sich wegen des Krieges mit Witold in eine der östlichen Burgen begeben, nur ein Untervogt war zur Stelle, dem der Offizial befahl, alle unterirdischen Gewölbe und Kerker zu öffnen. Sie suchten und suchten, fanden jedoch nichts. Auch forderten sie gar viele Leute auf, Zeugnis abzulegen. Und da sagte man Zbyszko, von dem Kaplan könne man viel erfahren, weil er den stummen Henker verstehe. Aber der alte Komtur hatte den Henker mit sich genommen und der Kaplan hatte sich nach Krolewiec Königsberg. Anmerkung der Uebersetzerinnen. , zu einem Kirchenkongreß begeben. Sie treffen häufig dort zusammen und senden Klagen gegen die Kreuzritter an den Papst, denn ein schweres Leben haben die armen Priester im Ordensland.« »Ich wundere mich nur, daß sie Jurand nicht gefunden haben,« bemerkte Macko. »Offenbar hatte ihn der alte Komtur zuvor schon freigelassen. Und diese Freilassung war eine weit größere Niederträchtigkeit, als wenn sie ihm sofort die Kehle abgeschnitten hätten. Sie wollten aber, daß er vor seinem Tode so viel, nein, mehr leide, als ein Mensch überhaupt zu ertragen vermag. Blind, stumm, und seiner rechten Hand beraubt! Nein, von Gottesfurcht wissen die Kreuzritter nichts! Weder die Heimat konnte er finden, noch nach dem Wege fragen, noch um Almosen bitten. Sie dachten wohl, er werde irgendwo an einem Zaun vor Hunger sterben oder in einem tiefen Gewässer ertrinken. Was haben sie ihm denn gelassen? Nichts als die Erinnerung an das, was er einst gewesen, und die Erkenntnis seines Elendes. Welch unsagbare Qualen mußte er erdulden! Vielleicht saß er einmal vor einer Kirche oder an einer Landstraße, und Zbyszko kam vorüber und erkannte ihn nicht. Vielleicht auch hörte er Zbyszkos Stimme und konnte ihn nicht rufen! Hei! Die Thränen kommen mir, wenn ich davon rede! Gott vollbrachte ein Wunder, indem er Euch mit ihm zusammenführte, und darum glaube ich, er wird noch ein größeres vollbringen, wenn schon meine unwürdigen und sündigen Lippen ihn darum bitten.« »Und was habt Ihr noch von Zbyszko erfahren? Wohin ist er gezogen?« fragte Macko. »Er sprach folgendermaßen zu mir: ›Ich weiß, daß Danusia in Szczytno gewesen ist, aber sie haben sie entweder fortgeführt oder umgebracht. Der alte Zygfryd de Löwe – sprach er weiter – hat dies gethan, und so wahr mir Gott hilft, will ich nicht ruhen noch rasten, bis ich ihn in meine Gewalt bekomme‹.« »Dies hat er gesagt? Dann ist er gewiß gegen die östlichen Komtureien gezogen, aber dort wird jetzt Krieg geführt.« »Er wußte, daß dort Krieg geführt wird, und deshalb hat er sich zu Knäs Witold begeben. Er sagte, durch diesen vermöge er eher etwas gegen die Kreuzritter auszurichten, als durch den König selbst.« »Zu Knäs Witold!« rief Macko emporspringend. Dann wendete er sich zu Jagienka: »Siehst Du nun, daß das Richtige geschieht? Habe ich nicht die gleiche Ansicht ausgesprochen? So wahr ich lebe, habe ich vorausgesagt, daß wir zu Witold gehen müßten!« »Zbyszko hegte die Hoffnung,« bemerkte Pater Kaleb, »daß Witold in Preußen einfallen und die dortigen Burgen erobern werde.« »Wenn sie ihm Zeit lassen, wird es auch dazu kommen,« antwortete Macko. »Gelobt sei Gott, nun wissen wir wenigstens, wo wir Zbyszko zu suchen haben.« »Wir müssen sogleich aufbrechen,« sagte Jagienka. »Schweig!« rief Macko aus. »Es geziemt sich nicht für einen Untergebenen, seinem Herrn Ratschläge zu geben.« Bei diesen Worten warf er ihr einen bedeutungsvollen Blick zu, wie wenn er ihr ins Gedächtnis zurückrufen wolle, daß sie ihm Gehorsam schulde, und sie suchte sich zu sammeln und schwieg. Macko besann sich eine Weile, dann sagte er: »Natürlich werden wir Zbyszko jetzt finden, denn zweifellos hält er sich bei niemand sonst als bei Knäs Witold auf, aber es ist nötig zu wissen, ob er noch einen anderen Grund gehabt hat, in die Welt hinauszuziehen, als den, sein Gelübde zu erfüllen und den Kreuzrittern die Köpfe vor die Füße zu legen.« »Und wie kann man dies erfahren?« fragte Pater Kaleb. »Wenn ich wüßte, daß jener Priester aus Szczytno schon von der Synode zurückgekehrt ist, würde ich ihn aufsuchen,« entgegnete Macko. »Ich habe Briefe von Lichtenstein bei mir und kann ohne Gefahr nach Szczytno gehen.« »Es war keine Synode, sondern nur ein Kongreß,« erwiderte Pater Kaleb, »und der Kaplan muß längst schon zurückgekehrt sein.« »Das ist gut. Ueberlaßt alles Uebrige mir. Ich werde für alle Fälle Hlawa, zwei Mannen mit Kriegsrossen mit mir nehmen und mich nach Szczytno begeben.« »Und dann zu Zbyszko?« fragte Jagienka. »Und dann zu Zbyszko, aber unterdessen bleibst Du hier und wartest, bis ich zurückkehre. Ohnedies glaube ich, daß ich nicht länger als drei oder vier Tage verweilen werde. Ich habe starke Knochen und an Mühseligkeiten bin ich gewöhnt. Doch zuvörderst bitte ich Euch, Pater Kaleb, um ein Schreiben an den Kaplan von Szczytno. Er wird mir eher Glauben schenken, wenn ich ihm einen Brief von Euch zeige, weil Priester immer das größte Vertrauen zu einander haben.« »Die Leute sprechen nur Gutes von jenem Priester,« antwortete Pater Kaleb, »und sofern jemand etwas Bestimmtes weiß, so ist er es.« Gegen Abend war der Brief bereit, und am folgenden Morgen vor Sonnenaufgang befand sich Macko schon unterwegs. Fünftes Kapitel. Jurand erwachte in Gegenwart des Pater Kaleb aus seinem langen Schlafe, und da ihm das Bewußtsein seiner Erlebnisse entschwunden, und er auch nicht klar darüber war, wo er sich befand, begann er sein Lager sowie die Wand zu befühlen. Doch Pater Kaleb legte die Arme um ihn, und in helle Thränen ausbrechend sagte er: »Ich bin es! Du bist in Spychow, Bruder Jurand! Gott hat Dich schwer heimgesucht, aber Du bist bei den Deinen. Gottesfürchtige Leute brachten Dich in Deine Burg zurück ... Bruder Jurand! Mein Bruder!« Und ihn an seine Brust drückend, küßte er seine Stirne, seine leeren Augenhöhlen, küßte ihn wieder und wieder. Jurand war anfangs wie betäubt und schien nichts zu verstehen, schließlich jedoch fuhr er mit seiner Linken über Stirne und Haupt, wie wenn er das auf ihm lastende, verworrene Gefühl dumpfer Betäubung von sich abschütteln wolle. »Hörst Du mich und verstehst Du mich?« fragte Pater Kaleb. Jurand gab ein Zeichen mit dem Kopfe, daß er höre, dann streckte er die Hand nach einem silbernen Kruzifixe aus, das er einst von einem reichen deutschen Ritter erbeutet hatte, nahm es von der Wand herab, drückte es an seine Lippen, an seine Brust und überreichte es dem Pater Kaleb. Dieser aber sagte: »Ich verstehe Dich, Bruder. Ja, er ist Dir geblieben, und wie er Dich aus dem Lande der Gefangenschaft geführt hat, so kann er Dir auch alles zurückgeben, was Du verloren hast.« Jurand deutete mit der Hand nach oben, zum Zeichen, daß ihm wohl erst dort alles wiedergegeben werde, wobei seine Augenhöhlen von Thränen überflossen und unendlicher Schmerz sich aus seinem entstellten Antlitz malte. Als Pater Kaleb diese Bewegung und diesen Schmerz sah, glaubte er, daß Danusia nicht mehr am Leben sei, daher kniete er am Lager nieder und sagte: »O Herr, gieb ihr die ewige Glückseligkeit, und möge das ewige Licht ihr leuchten, möge sie ruhen in ewigem Frieden. Amen!« Da fuhr der Blinde empor und sich auf sein Lager setzend, schüttelte er sein Haupt und bewegte seine Hand hin und her, wie wenn er dem Gebet des Pater Kaleb Einhalt thun wolle. Doch konnten sie sich nicht verständigen, weil in diesem Augenblick der alte Tolima eintrat, dem die Besatzung der Burg, sowie die Bauernvögte – die angesehensten, edelsten Landleute von Spychow – nebst den Forsthütern und Fischern folgten, denn die Kunde von der Rückkehr des Gebieters hatte sich schon durch ganz Spychow verbreitet. Sie umfaßten dessen Knie, küßten seine Hand und brachen in bittere Thränen aus beim Anblick dieses verstümmelten, gebrechlichen Greises, in dem der ehemalige, gewaltige Jurand, der gefürchtete Feind der Kreuzritter, der siegreiche Streiter in jedem Kampfe, kaum mehr zu erkennen war. Doch etliche unter ihnen, namentlich diejenigen, welche ihn bei seinen Kriegszügen zu begleiten pflegten, kannten sich nicht mehr vor Schmerz und Wut, ihre Gesichter wurden bleich, eine unbeugsame Härte drückte sich darin aus. Nach einer Weile traten sie zusammen, begannen miteinander zu flüstern, indem einer den andern mit dem Ellenbogen anstieß, einer den andern vorschob, bis schließlich der zu der Besatzung gehörende Schmied von Spychow, ein gewisser Sucharz, zu Jurand herantrat, dessen Füße umfaßte und sagte: »Als sie Euch hierherbrachten, Herr, wollten wir uns sogleich gen Szczytno aufmachen, aber jener Ritter, welcher Euch brachte, hinderte uns daran. Gestattet es nun, o Herr, denn Rache müssen wir nehmen. Möge es so sein, wie es ehemals ... und die leeren Augenhöhlen emporrichtend, hielt er das Kruzifix in die Höhe. gewesen ist. Ungestraft sollen sie uns nicht beschimpft haben, ungestraft sollen sie uns nicht beschimpfen! ... Unter Eurer Führung zogen wir gegen sie aus, laßt uns auch jetzt unter Tolima oder ohne ihn gegen sie ausziehen. Szczytno wollen wir erobern, und dann muß das Blut dieser Hundsbrut in Strömen fließen, so uns Gott hilft.« »So uns Gott hilft!« wiederholten einige Stimmen. »Auf nach Szczytno!« »Blut muß fließen!« Und die Flamme der Leidenschaft loderte hoch empor in den Herzen der Masuren. Zähneknirschend, mit gerunzelter Stirne und blitzenden Augen standen sie da. Doch nach wenigen Augenblicken verstummten diese Rufe, diese Zornesausbrüche, und aller Augen richteten sich auf Jurand. Diesem aber glühten die Wangen, wie wenn die ehemalige Rachsucht, die ehemalige Kampfeslust wieder in ihm erwacht sei. Er richtete sich empor und begann von neuem die Wand zu betasten. Den Mannen dünkte, daß er sein Schwert suche, doch seine Finger berührten das Kreuz, das von Pater Kaleb an die frühere Stelle gehängt worden war. Er nahm es zum zweiten Mal herab, dann überzog Totenblässe sein Antlitz, er wendete sich gegen die Mannen und die leeren Augenhöhlen emporrichtend, hielt er das Kruzifix in die Höhe. Ein tiefes Schweigen folgte. Draußen senkte sich schon der Abend hernieder, durch die offenen Fenster drang das Gezwitscher der Vögel, die sich auf dem Söller der Burg und auf den Lindenbäumen im Hofe zur Ruhe niederließen. Die letzten Strahlen der Sonne erfüllten das Gelaß mit rötlichem Glanze, sie fielen auf das erhobene Kreuz und die weißen Haare Jurands. Sucharz, der Schmied, blickte zuerst Jurand, dann seine Gefährten an, schaute zum zweiten Mal auf Jurand, bekreuzte sich schließlich und verließ auf den Fußspitzen die Stube. Nach ihm entfernten sich die andern ebenso geräuschlos. Erst als sie im Hofe angelangt waren, blieben sie stehen und begannen miteinander zu flüstern: »Was soll nun geschehen?« »Können wir gen Szczytno ziehen, was meint Ihr?« »Er hat ja seine Einwilligung nicht gegeben!« »Er stellt Gott die Rache anheim. Offenbar ist auch innerlich eine vollständige Veränderung mit ihm vorgegangen.« Und so war es in der That! Bei Jurand in der Stube waren indessen nur Pater Kaleb, sowie der alte Tolima zurückgeblieben, zu denen sich dann noch Jagienka und Anielka gesellten. Diese hatten eine Schar bewaffneter Mannen über den Hof schreiten sehen und kamen nun, um zu erfahren, was vorgehe. Jagienka, die kecker und selbstbewußter war als die Tochter der Sieciechowa, trat zu Jurand heran. »Gott stehe Euch bei, Ritter Jurand,« sagte sie. »Wir sind es – wir, die Euch aus Preußen hierhergebracht haben.« Bei dem Klange ihrer jugendfrischen Stimme verklärte sich sein Gesicht. Offenbar erinnerte er sich noch genau all dessen, was auf der Landstraße von Szczytno vorgegangen war, denn er versuchte zu danken, indem er mit dem Kopfe nickte und einige Male die Hand aufs Herz legte. Und sie erzählte ihm, wie sie ihn getroffen hatten, wie er von dem Böhmen Hlawa, dem Knappen des Ritters Zbyszko erkannt, und wie er schließlich nach Spychow gebracht worden war. Auch sagte sie, daß sie und ihr Gefährte dem Ritter Macko aus Bogdaniec, Zbyszkos Oheim, das Schwert, den Helm und den Schild nachzutragen pflegten, daß dieser Ritter aus Bogdaniec aufgebrochen sei, um seinen Bruderssohn aufzusuchen, daß er sich jetzt nach Szczytno begeben habe, nach drei oder vier Tagen aber wieder nach Spychow zurückkehren wolle. Bei der Erwähnung von Szczytno geriet zwar Jurand nicht in die gleiche Erregung wie das erste Mal auf der Landstraße, doch drückte sich große Bestürzung aus seinem Gesichte aus. Jagienka versicherte ihn indessen, daß Ritter Macko ebenso schlau wie tapfer sei, daß er sich auch nicht so leicht in eine Falle locken lasse, und daß er außerdem Briefe von Lichtenstein in Händen habe, mit denen er sich überall unbekümmert zeigen könne. Diese Worte beruhigten Jurand sichtlich. Es war offenbar, daß er gern nach vielen anderen Dingen gefragt hätte und im Innern unsäglich litt, weil er sich außer stande dazu fühlte. Das scharfsinnige Mädchen bemerkte dies sofort und sagte: »Wenn wir häufiger beisammen sind, werden wir uns gut verständigen können.« Nun lächelte er, streckte tastend die Hand nach ihr aus und legte sie auf ihr Haupt, wie wenn er sie segnen wolle. In der That war er ihr sehr dankbar, aber außerdem that ihm auch ihr jugendfrisches Wesen wohl, und er fand Gefallen an ihrem Geplauder, das ihn an das Gezwitscher eines Vogels erinnerte. Von dieser Zeit an suchte er nach ihr, wenn er nicht betete – und er betete ganze Tage hindurch – oder nicht in Schlummer versenkt war, befand sie sich aber nicht bei ihm, so sehnte er sich nach ihrer Stimme und gab auf jede Weise dem Pater Kaleb, sowie Tolima zu erkennen, daß er den liebwerten Jüngling in seiner Nähe zu haben wünsche. Sie kam dann sofort, da ihr redliches Herz aufrichtiges Mitleid mit ihm fühlte und ihr zudem bei ihm die Zeit rascher verging, während sie auf Macko wartete, dessen Aufenthalt in Szczytno sich unerwarteter Weise in die Länge zog. Nach drei Tagen hatte er zurückkehren wollen, aber der vierte und fünfte Tag waren schon vorüber. Am sechsten gegen Abend wollte das von Angst gequälte Mädchen gerade Tolima bitten, einige Mannen zur Kundschaft auszuschicken, als plötzlich von der Wächter-Eiche die Meldung kam, daß zwei Reiter sich Spychow näherten. Nach wenigen Augenblicken erscholl der Hufschlag von Pferden auf der Zugbrücke und Hlawa mit einem der Mannen aus Mackos Gefolge sprengte in den Vorhof ein. Jagienka, die schon zuvor aus ihrer Stube hinuntergeeilt war und draußen im Freien wartete, lief auf ihn zu, bevor er noch von seinem Rosse absteigen konnte. »Wo ist Macko?« fragte sie mit klopfendem Herzen. »Zu Knäs Witold ist er gezogen, und Euch läßt er gebieten, hier zu bleiben,« antwortete der Knappe. Sechstes Kapitel. Als Jagienka erfuhr, daß sie auf Mackos Geheiß in Spychow bleiben müsse, vermochte sie eine Weile vor Verwunderung, Schmerz und Zorn kein Wort hervorzubringen; mit weit aufgerissenen Augen schaute sie den Böhmen an, der wohl begriff, welch unangenehme Kunde er ihr überbrachte, und daher sagte: »Ich möchte Euch auch gerne Mitteilung von dem machen, was wir in Szczytno gehört haben, denn neue, wichtige Dinge wurden uns berichtet.« »Und handelt es sich um Zbyszko?« »Nein, nur um Vorgänge in Szczytno – wißt Ihr –« »Ich verstehe. Der Knabe mag die Pferde absatteln. Kommt Ihr mit mir!« Nachdem sie dem Knaben die nötigen Befehle erteilt hatte, ging sie mit Hlawa in die Burg. »Warum hat Macko uns verlassen? Weshalb sollen wir in Spychow bleiben und weshalb seid Ihr zurückgekehrt?« fragte sie in einem Atem. »Ich bin zurückgekehrt,« entgegnete Hlawa, »weil der Ritter Macko es mir geboten hat. Gar zu gern wäre ich in den Krieg gezogen, aber ein Befehl ist ein Befehl. Der Ritter Macko sprach zu mir: ›Kehre zurück; die Jungfrau aus Zgorzelic sollst Du beschützen und warten, bis Nachricht von mir eintrifft. Möglicherweise – sprach er – mußt Du sie nach Zgorzelic geleiten, denn allein können sie nicht zurückkehren‹.« »Um Gotteswillen! Was ist vorgefallen? Hat man Jurands Tochter aufgefunden? Ist Macko nicht wegen Zbyszko, sondern nur wegen Danusia in die Ferne gezogen? Hast Du sie gesehen? Mit ihr gesprochen? Weshalb hast Du sie nicht hierher geführt und wo befindet sie sich jetzt?« Als er diese Flut von Fragen vernahm, beugte Hlawa die Knie vor der Maid und sagte: »Möge die gnädige Herrin mir nicht zürnen, weil ich nicht alle Fragen zugleich beantworten kann, denn dies geht nicht an. Doch will ich eine nach der andern beantworten, falls ich dazu im stande bin.« »Gut. Hat man sie gefunden oder nicht?« »Nein, aber man hat endlich sichere Kunde, daß sie in Szczytno gewesen ist, und daß man sie wahrscheinlich in eine der östlichen Burgen gebracht hat.« »Weshalb sollen wir aber in Spychow bleiben?« »Und wenn sie jetzt gefunden würde ... Seht, gnädigste Herrin ... Dann wäre wahrscheinlich kein Grund für Euch vorhanden, in die Ferne zu ziehen oder hier zu bleiben.« Jagienka gab keine Antwort, aber ihre Wangen flammten. Der Böhme aber hub wieder an: »Ich dachte immer und denke auch noch, daß wir sie nicht lebend den Klauen dieser Henker entreißen werden. Doch alles steht ja in Gottes Hand. Ich will von Anfang an erzählen. Wir begaben uns nach Szczytno. Ritter Macko zeigte dem Untervogt den Brief Lichtensteins, und der Untervogt, welcher als Jüngling der Schwertträger des Kreuzritters gewesen ist, küßte das Siegel vor unseren Augen, nahm uns gastfreundlich auf und hegte keinen Argwohn. Hätten wir etliche Mannen bei uns gehabt, so wären wir ohne große Schwierigkeit im stande gewesen, die Burg einzunehmen, so großes Vertrauen setzte er in uns. Den Kaplan zu sprechen, fiel uns leicht, wir schwatzten zwei Nächte hindurch mit einander, und da erfuhren wir gar seltsame Dinge, von denen er durch den Henker Kenntnis hatte.« »Der Henker ist stumm.« »Ja, er ist stumm, aber durch sein Mienenspiel kann er dem Kaplan alles ausdrücken, und dieser versteht ihn gerade so gut, wie wenn er in Worten zu ihm spräche. Seltsame Dinge sind geschehen, und der Finger Gottes ist überall zu erkennen. Jener Henker hieb Jurand die Hand ab, riß ihm die Zunge heraus und blendete ihn. Er ist so geartet, daß er vor nichts zurückschreckt, wenn es sich um einen Mann handelt, daß ihm keine Bestrafung zu hart erscheint, und bekäme er den Befehl, einen Mann mit den Zähnen zu zerfleischen, so würde er es auch thun. Aber gegen ein Mägdlein würde er um keinen Preis die Hand erheben, und die schwersten Folterqualen könnten ihn nicht dazu bewegen. So ist er geworden, weil er ein Mägdlein kannte, das er unendlich liebte, und welche die Kreuzritter ...« Hier stockte Hlawa und wußte nicht, ob er weiter reden solle. Jagienka, welche dies wohl bemerkte, sagte daher: »Was kümmert mich der Henker?« »Es gehört zur Sache,« entgegnete der Böhme. »Als unser junger Herr den Ritter Rotgier erschlug, ward der alte Komtur Zygfryd beinahe rasend. In Szczytno hielt man Rotgier für dessen Sohn, allein der Kaplan bestreitet, daß es sich so verhält, obwohl er zugiebt, daß kein Vater seinen Sohn hätte mehr lieben können. Um Rache zu nehmen, verschrieb der Komtur seine Seele dem Teufel, davon ist der Henker Augenzeuge gewesen. Der Komtur sprach mit dem Erschlagenen, wie ich jetzt mit Euch spreche, und dieser lächelte ihm bald zu, bald knirschte er mit den Zähnen, bald leckte er sich mit der schwarzen Zunge den Mund vor Freude darüber, daß ihm der alte Zygfryd des Herrn Zbyszko Haupt versprach. Aber weil der Komtur den Herrn Zbyszko zu jener Zeit nicht in seine Gewalt bekommen konnte, gab er Befehl, Jurand zu martern, und legte dessen Zunge und dessen Hand in den Sarg Rotgiers, welcher sie hierauf verzehrte ...« »O wie furchtbar ist dies anzuhören. Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes!« sagte Jagienka. Sie erhob sich und legte ein neues Scheit Holz auf das Feuer, denn der Abend war schon angebrochen. »So ist es in der That gewesen,« fuhr Hlawa fort. »Wie es nun beim jüngsten Gericht sein wird, weiß ich nicht, denn was Jurand gehörte, muß ihm auch wieder zurückgegeben werden. Aber wie dies auszuführen ist, das geht über Menschenverstand. Zu jener Zeit hat der Henker alles mitangesehen. Nachdem der alte Komtur den Vampyr mit Menschenfleisch gesättigt hatte, wollte er ihm auch die Tochter Jurands bringen, denn der Tote hatte ihm offenbar zugeflüstert, ihn verlange darnach, mit dem Blute der Unschuldigen das Essen hinunterzuspülen. Allein der Henker, der, wie ich schon gesagt habe, sich zu allem gebrauchen läßt, es jedoch nie zugiebt, daß einem Mägdlein ein Leid zugefügt wird, hatte sich auf der Treppe verborgen. Der Kaplan sagt, daß er nicht recht bei Verstand, daß er eine unvernünftige Bestie sei, aber in solchen Fällen ist er ganz klug, und wenn es not thut, legt er eine größere Schlauheit an den Tag, als alle andern. Er kauerte sich also auf den Stufen nieder und erwartete hier den Komtur. Dieser hörte die schweren Atemzüge des Henkers, sah dessen funkelnde Augen und erschrak, weil er glaubte, es sei der Teufel. Da gab der Henker dem Komtur einen Faustschlag ins Genick, in der Meinung, er könne ihm das Rückgrat zerschmettern, ohne daß eine Spur von Gewaltthätigkeit zurückbleibe. Gleichwohl lebte der Komtur noch. Er lag lange Zeit in tiefer Ohnmacht und erkrankte vor Angst, aber als er wieder gesund ward, fürchtete er sich, es noch einmal zu unternehmen, der Tochter Jurands ein Leid zuzufügen.« »Und er hat sie mit sich fortgeführt?« »Er hat sie mit sich fortgeführt und den Henker ebenfalls. Daß dieser es gewesen war, der Danusia beschützt hatte, wußte der alte Komtur nicht, sondern er glaubte, irgend eine unbekannte böse oder gute Macht habe es gethan. Und in Szczytno wollte er den Henker nicht zurücklassen. Er fürchtete wohl dessen Zeugnis. Denn der Henker ist zwar stumm, doch wenn er vor dem Richter stünde, könnte er durch den Mund des Kaplans alles aussagen, was er auszusagen hätte. Daher sprach der Kaplan schließlich folgendermaßen zu Ritter Macko: ›Der alte Zygfryd wird nun Jurands Tochter nicht aus dem Wege räumen, denn er fürchtet sich, und würde er auch einem anderen befehlen, das Verbrechen auszuführen, sicher ist jedenfalls, daß Diderich, solange er lebt, sie noch ferner schützen wird, wie er sie schon einmal aus Todesgefahr errettet hat‹.« »Wußte der Kaplan, wohin sie gebracht worden ist?« »Genau wußte er es nicht, aber er hatte gehört, daß von Ragneta, einer Burg, die Rede war, welche nicht fern von der litauischen oder samogitischen Grenze liegt.« »Und was sagte Macko dazu?« »Am Morgen, nachdem Herr Macko dies vernommen hatte, sagte er zu mir: ›Wenn dem so ist, werden wir sie vielleicht finden; doch ich muß unverzüglich zu Zbyszko eilen, damit sie ihn nicht in eine Falle locken, wie sie Jurand in eine Falle gelockt haben. Sofern sie sagen, sie wollten ihm Danusia ausliefern, falls er selbst komme, wird er es thun, und dann wird der alte Zygfryd um Rotgiers willen Rache an ihm nehmen, eine so furchtbare Rache, wie kein menschliches Auge sie noch erschaut hat.‹« »Das ist wahr! Das ist wahr!« rief Jagienka ängstlich aus. »Wenn er sich darum sputete, fortzukommen, so hat er wohl daran gethan.« Nach einer Weile fügte sie hinzu: »Darin nur hat er einen Irrtum begangen, daß er Euch hierhergeschickt hat. Wozu brauchen wir hier in Spychow Schutz? Der alte Tolima wird uns schützen, und Ihr könntet Zbyszko von Nutzen sein, denn Ihr seid stark und klug.« »Und wer wird Euch nach Zgorzelic geleiten, wenn es nötig sein sollte, gnädige Herrin?« »Wenn es nötig sein sollte, mögt Ihr vor ihnen hierherkommen. Durch irgend jemand müssen sie Kunde schicken, laßt Euch dann schicken und geleitet uns nach Zgorzelic.« Der Böhme küßte ihr die Hand und fragte in bewegtem Tone: »Und während dieser Zeit werdet Ihr hier bleiben?« »Gott wacht über die Waisen! Wir bleiben hier.« »Und werdet Ihr Euch nicht allzusehr härmen? Was wollt Ihr thun?« »Unsern Herrn Jesus bitten, er möge Zbyszko wieder glücklich machen und Euch alle gesund erhalten!« Bei diesen Worten brach sie in lautes Weinen aus. Und der Knappe beugte abermals die Knie vor ihr: »Einem Engel im Himmel bist Du zu vergleichen,« sagte er. Siebentes Kapitel. Aber sie trocknete ihre Thränen und forderte den Böhmen auf, ihr zu Jurand zu folgen und ihm die neue Kunde mitzuteilen. Sie trafen ihn in einer großen Stube, wo er aufrecht dasaß; Pater Kaleb, Anielka und der alte Tolima befanden sich bei ihm, eine zahme Wölfin lagerte zu seinen Füßen. Der Meßmer des Ortes, welcher zugleich Psalmist war, spielte auf der Laute und trug ihnen Gesänge von den ehemaligen Kämpfen Jurands mit den Kreuzrittern vor, und, den Kopf in die Hand gestützt, lauschten alle, in tiefe Betrachtungen und Trauer versenkt. Das Gemach war hell vom Monde beleuchtet. Einem beinahe schwülen Tage war ein stiller, warmer Abend gefolgt, die Fenster standen offen und im Scheine des Mondes waren die in der Stube umherschwirrenden Maikäfer zu sehen, welche von den Lindenbäumen draußen hereinkamen. Auf dem Herde glimmten noch einige Holzscheite, auf denen ein Knecht einen aus Honig, stärkendem Wein und duftenden Kräutern gemischten Trank wärmte. Der Psalmist, oder vielmehr der Meßmer und Diener des Pater Kaleb, stimmte gerade einen neuen Gesang an von einem siegreichen Treffen: »Es reitet Jurand, er reitet dahin, unter ihm sein braunes Roß«, als Jagienka eintrat und sagte: »Gelobt sei Jesus Christus!« »Von Ewigkeit zu Ewigkeit!« antwortete Pater Kaleb. Jurand saß auf einer Bank, die Arme auf die Lehne gestützt; als er Jagienkas Stimme hörte, wendete er sich sogleich zu ihr und grüßte sie mit einem Neigen seines Hauptes, das ganz weiß geworden war. »Zbyszkos Knappe ist von Szczytno zurückgekehrt,« begann das Mägdlein, »und neue Kunde bringt er von dem Kaplane. Macko wird nicht hierher zurückkehren, zu Knäs Witold hat er sich aufgemacht.« »Wie, er wird nicht zurückkehren?« fragte Pater Kaleb. Nun erzählte sie alles, was sie aus Hlawas Munde vernommen hatte. Sie erzählte von Zygfryd, wie er sich für den Tod Rotgiers rächte, von Danusia, welche der alte Komtur zu Rotgier bringen wollte, damit dieser das Blut der Unschuldigen trinke, und davon, wie Jurands Tochter unerwarteterweise durch den Henker beschützt worden war. Sie verschwieg auch nicht, daß Macko jetzt die Hoffnung hege, im Verein mit Zbyszko könne er Danusia finden, sie befreien und nach Spychow bringen. Aus diesem Grunde habe er sich sofort zu Zbyszko begeben und ihnen befohlen, in Spychow zu bleiben. Während sie sprach, bebte ihre Stimme wie vor Traurigkeit und Kummer, und als sie geendigt hatte, herrschte eine Weile tiefes Schweigen in dem Gemache. Nur in den Lindenbäumen draußen im Hofe erscholl der Schlag der Nachtigallen, der durch die offenen Fenster in die Stube drang und sie mit süßem Klang erfüllte. Aller Augen richteten sich auf Jurand, der mit gesenkten Lidern und gebeugtem Haupte dasaß und nicht das geringste Lebenszeichen von sich gab. »Habt Ihr gehört?« fragte ihn schließlich Pater Kaleb. Und er senkte den Kopf noch tiefer herab, erhob den linken Arm und deutete mit der Hand gen Himmel. Das Licht des Mondes fiel auf sein Gesicht, auf seine weißen Haare, seine geschlossenen Augenlider, und aus diesem Gesichte sprach ein solches Martyrium, doch zugleich auch solch eine unendliche Ergebung in den Willen Gottes, daß allen dünkte, sie sähen nur eine von irdischen Banden befreite Seele vor sich, welche sich jetzt und für immer vom Leben losgelöst hatte, nichts mehr erwartete und nichts mehr erhoffte. Wieder folgte tiefes Schweigen und wieder war nichts zu hören, als der Gesang der Nachtigallen, der den Hof und das Gemach erfüllte. Da überkam Jagienka plötzlich großes Mitleid, etwas wie kindliche Liebe rührte sich in ihrem Herzen für den unglücklichen alten Mann, und unwillkürlich ihrem Impulse folgend, eilte sie auf ihn zu, ergriff seine Hand, küßte sie und benetzte sie mit ihren Thränen. »Ich bin eine Waise!« rief sie aus der Tiefe ihres überströmenden Herzens, »ich bin kein Jüngling, sondern Jagienka aus Zgorzelic. Macko hat mich mitgenommen, um mich vor schlechten Menschen zu schützen, aber nun bleibe ich bei Euch, bis Gott Danusia zu Euch zurückführt.« Jurand zeigte nicht die geringste Verwunderung, gerade wie wenn er geahnt hätte, daß er ein Mägdlein vor sich habe, er zog sie an seine Brust, während sie, unaufhörlich seine Hand küssend, in abgebrochenen Lauten mit thränenerfüllter Stimme fortfuhr: »Ich bleibe bei Euch, und Danusia wird zurückkehren. Dann werde ich nach Zgorzelic gehen ... Gott wacht über die Waisen! – Mir haben die Räuber den Vater erschlagen, aber Euer Liebling ist am Leben und kehrt zurück. Gebe dies Gott der Allbarmherzige, gebe dies die heilige Gottesmutter, die Erbarmungsreiche!« Nun kniete Pater Kaleb nieder und rief in feierlichem Tone: » Kyrie eleison !« » Christe eleison !« antworteten der Böhme und Tolima im Verein. Alle warfen sich auf die Knie nieder, denn alle sagten sich, diese Litanei werde nicht beim Herannahen des Todes, sondern zur Errettung geliebter Wesen aus Todesgefahr gesprochen. Auch Jagienka kniete nieder, Jurand glitt von der Bank herab auf die Knie und im Chore riefen sie: » Kyrie eleison! Christe eleison ! Gott, Vater vom Himmel – erbarme Dich unser. Gott, Sohn, Erlöser der Welt – erbarme Dich unser!« Die Stimmen der Menschen und ihr flehentlicher Ruf: Erbarme Dich unser! vereinigte sich mit dem wehmütigen Gesang der Nachtigallen. Plötzlich erhob sich die zahme Wölfin von dem vor Jurands Bank liegenden Bärenfell, näherte sich dem offenen Fenster, stemmte sich mit den Vordertatzen gegen die Brüstung und ihre dreieckige Schnauze zum Monde erhebend, begann sie leise und kläglich zu heulen. – – – – – – Siebenter Teil. Erstes Kapitel. Obwohl nun der Böhme Jagienka geradezu anbetete und sein Herz ihn mehr und mehr zu der wunderbar schönen Tochter der Sieciechowa hinzog, dürstete doch sein jugendlicher kühner Geist vor allem nach Krieg und Streit. Trotzdem aber war er auf Mackos Befehl nach Spychow zurückgekehrt, wußte er doch, was ihm als Untergebener zukam, ja, er fand eine gewisse Befriedigung in dem Gedanken, daß er den beiden Frauen Schutz und Schirm sein könne. Als indessen Jagienka selbst erklärte, was auch ganz richtig war, sie bedürften in Spychow keinerlei Schutz, Hlawas Pflicht sei es daher vornehmlich, Zbyszko zur Seite zu stehen, begrüßte er diesen Ausspruch mit Freuden. Da er Macko zudem nur unmittelbar unterstand, konnte er dem alten Ritter gegenüber leicht die Entschuldigung geltend machen, seine rechtmäßige Herrin habe ihm befohlen, Spychow zu verlassen und sich zu Zbyszko zu begeben. Jagienka jedoch ging in ihrem Thun von der Voraussetzung aus, ein solch mutiger, gewandter Knappe wie Hlawa könne Zbyszko von unendlichem Nutzen sein und ihn aus gar mancherlei Fährlichkeiten erretten. Hatte er dies doch schon bei der fürstlichen Jagd bewiesen, als Zbyszkos Leben durch den wilden Auerochsen ernstlich bedroht war. Und nun gar erst im Kriegsfalle, in einem Kriege an der litauischen Grenze, wie schätzbar mußten da seine Dienste sein. Hlawas ganzes Sinnen und Trachten war auch darauf gerichtet, in den Krieg zu ziehen. Als er daher zusammen mit Jagienka das Gelaß Jurands verließ, sagte er: »Allergnädigste Herrin, darf ich Euch um ein gutes Wort auf die Fahrt bitten!« »Wie soll ich dies verstehen?« fragte Jagienka. »Willst Du Dich denn heute schon auf den Weg machen?« »Nein, erst morgen mit Tagesanbruch, damit die Pferde heute Nacht noch rasten können. Gar lange währt die Fahrt nach Samogitien.« »So gehe denn! Wird es Dir doch jetzt noch leichter fallen, den Ritter Macko einzuholen.« »Das ist kaum anzunehmen. Der alte Ritter ist an die größten Mühseligkeiten gewöhnt und ist schon viele Tagreisen vor mir voraus. Außerdem will er den kürzeren Weg durch Preußen einschlagen, während ich durch Wüsteneien ziehen muß. Er kann auch allerwärts die Briefe Lichtensteins vorzeigen, während ich mir nur durch dieses hier freie Bahn verschaffen kann.« So sprechend legte er die Hand auf den Griff seines Schwertes, Jagienka aber rief: »Seid ja stets auf Eurer Hut. Wenn Ihr Euch nun doch einmal auf den Weg machen wollt, müßt Ihr auf Erreichung Eures Zieles bedacht sein und alles thun, um nicht den Kreuzrittern in die Hände zu fallen. Aber auch in den Wäldern habt acht auf Euch selbst, denn dort hausen gar schlimme Götter, die von den Menschen verehrt wurden, bevor diese sich zum Christentum bekehrt haben. Wohl erinnere ich mich noch daran, wie die Ritter Macko und Zbyszko davon erzählt haben.« »Auch ich erinnere mich deren Worte, doch jede Furcht liegt mir fern. Keine Götter, nein, armselige Wesen sind jene, ohne Macht, ohne Gewalt. Doch sowohl vor ihnen wie vor den Deutschen will ich mich hüten, wenn nun der Krieg ernstlich entbrennt.« »So ist der Krieg noch nicht ausgebrochen? Sprich, was hast Du darüber bei den Deutschen gehört?« Daraufhin zog der kluge Böhme sinnend die Brauen zusammen und ließ sich nach kurzem Schweigen also vernehmen: »Es herrscht Krieg, und doch ist dies kein rechter Krieg. Fleißig haben wir allenthalben Umfrage gehalten, und besonders der Ritter Macko ließ es sich sehr angelegen sein, denn gar schlau ist er, und mit jedem Deutschen kann er es aufnehmen. Entweder erfand er einen Vorwand, wenn er nach dem oder jenem fragen wollte, oder er schützte freundschaftliches Wohlwollen vor, wenn er sich nach irgend etwas erkundigte. Dabei verriet er sich aber nie, sondern benützte die schwache Seite eines jeden dazu, alles Wissenswerte so geschickt aus ihm herauszulocken, wie man den Fisch mit der Angel aus dem Wasser lockt. Leiht mir nur ein geduldiges Ohr, gnädigste Herrin, dann sollt Ihr alles genau erfahren. Vor etlichen Jahren überließ Fürst Witold, der gegen die Tataren ziehen und deshalb Frieden mit den Ordensrittern haben wollte, Samogitien den Deutschen. Eitel Liebe und Einigkeit herrschte nunmehr. Burgen gestattete er den Kreuzrittern zu gewinnen, ja, bei meiner Treu, er leistete ihnen sogar Hilfe dabei. Auf einer Insel traf er mit dem Großmeister zusammen, sie aßen, tranken und versicherten sich gegenseitig treuer Freundschaft. Sogar in den jenseits des Flusses gelegenen Forsten durften die Kreuzritter jagen, und als sich die armen Bewohner Samogitiens gegen die Herrschaft des Ordens erhoben, nahm Fürst Witold nicht nur für die Deutschen Partei, sondern er stand ihnen sogar mit seinem Kriegsheere bei. In ganz Litauen murrte man darob, griff er doch dadurch sein eigenes Geschlecht an. Der Untervogt von Szczytno erzählte uns dies alles. Hei, wie pries er die Herrschaft der Kreuzritter in Samogitien, wie rühmte er es, daß sie Priester dahin senden, welche den Einwohnern die heilige Taufe erteilen, und daß sie zu Zeiten einer Hungersnot daselbst nicht mit Korn kargen. – Das mag nun seine Richtigkeit haben, geschah es doch auf Befehl des Großmeisters, der weit gottesfürchtiger ist, als all die andern, allein was thaten darum die Kreuzritter? Die Kinder führten sie fort nach Preußen, die Frauen beschimpften sie vor den Augen ihrer Ehegatten und ihrer Brüder, und so sich einer oder der andere ihrem Thun widersetzte, ward er zum Strange verurteilt, und aus diesen Ursachen, o Herrin, ist der Krieg entbrannt.« »Wie war es aber mit Fürst Witold?« Geraume Zeit hindurch verschloß der Fürst seine Augen gegen die in Samogitien verübten Greuel und blieb den Ordensrittern nach wie vor zugethan. Erst noch vor ganz kurzem nahm sein Ehegemahl, die Fürstin, längeren Aufenthalt in Preußen, ja sogar in Marienburg. Gleich der Königin von Polen ist sie dort empfangen worden. Und dies geschah vor ganz kurzem. Mit Geschenken ward sie überhäuft, und so viele Turniere, Feste und Schaustellungen aller Art fanden statt, daß man sie nicht aufzuzählen vermag. Allgemein herrschte der Glaube, die Freundschaft zwischen Fürst Witold und den Kreuzrittern werde ewig dauern, da trat ganz unerwartet eine Sinnesänderung bei ihm ein.« »Nach dem, was ich von meinem gottseligen Vater und von Macko gehört habe, ändert Fürst Witold gar häufig seinen Sinn.« »Nicht Menschen gegenüber, die auf Ehre halten, wohl aber den Kreuzrittern gegenüber, auf die man niemals bauen kann. Als sie von ihm die Auslieferung verschiedener Flüchtlinge verlangten, da erklärte er, zur Auslieferung der Mannen niederen Standes sei er zwar bereit, die Freigeborenen gebe er jedoch nicht preis, denn ein freier Mann habe das Recht, da zu leben, wo es ihm gefalle. Daraufhin entstanden ernstliche Zwistigkeiten, Briefe wurden gewechselt, Drohungen wurden laut. Kaum drang die Kunde hiervon zu den Samogitiern, so brach der Aufruhr gegen die Deutschen los. Die Besatzungen wurden niedergemetzelt, die Burgen erstürmt. Doch nicht genug daran, jetzt machen sie sogar fortwährend Einfälle in Preußen. Und Fürst Witold läßt dies nicht nur geschehen, sondern er freut sich über die Bedrängnis der Kreuzritter, er leistet den Samogitiern insgeheim Hilfe.« »Ich verstehe,« erwiderte Jagienka. »Doch so lange die Hilfe nur im Geheimen geleistet wird, kann doch von einem Kriege keine Rede sein.« »Der Krieg wird scheinbar mit den Samogitiern, in Wirklichkeit indessen mit Witold geführt. Allerwärts suchen die Deutschen ihre Grenzburgen zu verteidigen und nur zu gerne würden sie einen Zug nach Samogitien unternehmen. Allein damit hat es noch gute Wege, sie müssen dazu den Winter abwarten. Das Land ist durchweg so sumpfig, daß die Kreuzritter dies jetzt nicht wagen dürfen. Da wo ein Samogitier sicher dahin schreitet, versinkt ein Deutscher in dem Moraste. Deshalb ist auch der Winter ein Freund der Deutschen. Sobald daher der Frost eintritt, werden die Kreuzritter mit ihrer ganzen Streitmacht vorrücken, während Fürst Witold die Samogitier unterstützen wird, wenn er die Zustimmung des Königs von Polen erhält, welcher der Oberherr des Großfürsten sowie von ganz Litauen ist.« »So wird es auch zu einem Kriege mit dem König von Polen kommen?« »Dies behauptet man wenigstens sowohl bei den Deutschen wie bei uns. Aus diesem Grunde bitten auch die Kreuzritter an allen Höfen um Unterstützung und die Kapuzen Die Mütze brennt dem Diebe auf dem Kopfe: Polnisches Sprichwort. Anmerkung der Uebersetzerinnen. brennen ihnen auf den Häuptern, wie dies bei allen Missethätern der Fall ist; denn mit der Königsmacht ist nicht zu spaßen, und ein jeder der polnischen Ritter speit sofort in die Hand, wenn die Kreuzritter auch nur genannt werden.« Als Jagienka diese Worte vernahm, seufzte sie tief auf und meinte: »Wie viel besser haben es doch die Männer in der Welt, als wir Frauen! Du kannst nun zum Beispiel in den Krieg ziehen, wie dies Zbyszko und Macko schon gethan haben, wir aber müssen hier in Spychow bleiben.« »Wie könnte dies auch anders sein, allergnädigste Herrin? Wohl müßt Ihr hier verweilen, allein Ihr seid in völliger Sicherheit. Auch jetzt noch ist der Name Jurands bei den Deutschen gefürchtet, und ich selbst bin in Spychow Zeuge davon gewesen, wie sie von Angst ergriffen wurden, als sie Kunde von seiner Anwesenheit in Spychow erhielten.« »Wohl wissen wir, daß wir hier nichts zu fürchten haben, denn auch der alte Tolima schützt uns, die Sümpfe schützen uns. Doch gar schwer fällt es mir, in Ungewißheit hier ausharren zu müssen.« »Sobald sich irgend etwas ereignen sollte, werde ich Euch Nachricht zukommen lassen. Schon vor unserem Aufenthalt in Szczytno habe ich in Erfahrung gebracht, daß zwei gar tüchtige junge Burschen von hier beabsichtigten, freiwillig in den Krieg zu ziehen. Der alte Tolima vermag sie nicht daran zu hindern, entstammen die beiden doch edeln Geschlechtern aus Lekawica. Nunmehr machen sie sich mit mir auf die Fahrt, und im Falle der Not werde ich sofort einen von ihnen abschicken, damit er Euch von allem unterrichte.« »Gott lohne es Dir. Ich habe zwar stets gewußt, wie klug Du in jeder Bedrängnis zu handeln verstehst, bis in den Tod werde ich Dir aber dankbar bleiben für Deine treue Ergebenheit.« »Nichts Schlimmes ist mir von Euch geschehen, nur Gutes habe ich von Euch empfangen. Der Ritter Zych machte mich als ganz jungen Burschen bei Boleslaw zum Gefangenen, und ohne Lösegeld zu fordern, schenkte er mir die Freiheit wieder. Doch Euch zu dienen, galt mir mehr als alle Freiheit! Gott gewähre mir nur noch das Glück, mein Blut für Euch vergießen zu dürfen, vielgeliebte Herrin.« »Gott geleite Dich und sei mit Dir!« ergriff nun Jagienka das Wort, dem Böhmen die Hand entgegenstreckend. Doch er wollte ihr größere Ehre erweisen. So sank er denn vor ihr auf die Knie und küßte ihre Füße. Dann schaute er empor, indem er, ohne sich zu erheben, also sprach: »Ich bin nur ein einfacher Knecht, allein trotzdem stamme ich aus edlem Geschlechte und diente Euch treu. Gebt mir daher ein Angedenken von Euch mit auf die Reise. Weist meine Bitte nicht ab! Gar viele werden in dem Kriege niedergemäht werden, ich aber rufe den heiligen Georg zum Zeugen auf, daß ich trotzdem in der ersten, nicht aber in der letzten Reihe kämpfen werde.« »Was soll das für ein Angedenken sein, um das Ihr mich bittet?« fragte Jagienka erstaunt. »Gebt mir ein Band von Euch! Selbst mit dem kleinsten Streifchen will ich zufrieden sein. Unter Eurem Zeichen zu sterben, wird mir leichter werden, wenn mir mein Ende beschieden sein sollte.« Noch tiefer neigte er sich zu ihren Füßen, um dann die Herrin nochmals mit gefalteten Händen anzuflehen. Tiefer Kummer malte sich jetzt auf Jagienkas Antlitz, die nach kurzem Schweigen, wie von einem plötzlichen Schmerze überwältigt, erwiderte: »Ei, Du Getreuer, weshalb bittest Du mich um ein Angedenken? Nichts Gutes kann es Dir bringen. Von einer Glücklichen fordere ein Angedenken, dann wird Dir die Gabe auch Glück bringen. Doch wie ist es um mich bestellt? Nur Kummer und Sorge lasten auf mir, nur Elend wird mir die Zukunft bringen. O niemals wird Dir oder einem andern ein Zeichen von mir Glück verleihen, denn wie wäre dies möglich, da ich selbst nicht glücklich bin. Glaube mir, Hlawa, gar viel Schlimmes giebt es auf dieser Welt, gar viel Schlimmes, gar viel ...« Sie verstummte plötzlich, fühlte sie doch, daß sie in Thränen ausbrechen würde, wenn sie noch weiter spräche, denn schon wurden ihr die Augen feucht. Auch der Böhme war tief bewegt, denn er begriff nur zu wohl, wie schwer ihr eine Entscheidung darüber fallen müsse, ob sie nach Zgorzelic heimkehren, in dessen Nähe ja die wilden Gesellen Cztan und Wilk hausten, oder ob sie in Spychow bleiben solle, wohin früher oder später Zbyszko mit Danusia kommen würde. Hlawa hatte ein tiefes Verständnis für all das, was in dem Herzen des Mägdleins vorging, allein er wußte keinen Rat, wie ihr zu helfen sei. Abermals umfaßte er ihre Füße und wiederholte immer und immer wieder: »Hei! Sterben möchte ich für Euch, sterben möchte ich für Euch!« Jagienka aber sagte: »Steh auf! Die Tochter der Sieciechowa möge Dich zum Kriege gürten oder Dir ein Angedenken verleihen, denn Glück leuchtet ihr schon lange aus den Augen, wenn sie Dich anschaut.« Auf ihr Rufen erschien Anielka sofort aus dem anstoßenden Gemache. Sie hatte längst an der Thüre gelauscht, und nur durch ihre Schüchternheit war sie davon abgehalten worden, Abschied von dem schönen Knappen zu nehmen, trotzdem sie sich mit ganzer Seele darnach sehnte. Verwirrt, scheu, klopfenden Herzens trat sie jetzt wie traumbefangen ein. Thränen schimmerten in ihren Augen, als sie, einer Apfelblüte gleich, mit niedergeschlagenem Blicke, stumm und wortlos vor ihm stand. Für Jagienka empfand Hlawa bei der Ergebenheit und der Verehrung, die er ihr zollte, die größte Ehrfurcht. Niemals hätte er es gewagt, auch nur in Gedanken sich zu ihr zu erheben, der Tochter der Sieciechowa fühlte er sich jedoch ebenbürtig, und da ihm heißes Blut durch die Adern rollte, konnte er sich dem Zauber nicht entziehen, der von ihr ausging. Und ihre Schönheit ergriff ihn jetzt umsomehr, als durch ihre Verwirrung, ihre Thränen die Liebe durchschimmerte, wie durch das klare Wasser des Baches der goldene Grund durchschimmert. So wandte er sich denn nun zu ihr und sagte: »Wißt, ich ziehe in den Krieg. Möglicherweise falle ich. Werdet Ihr dann um mich klagen?« »Ich werde um Euch klagen,« antwortete die Maid mit ihrem dünnen Stimmchen. Und unverweilt flossen ihre Thränen, die ja bei ihr stets in Bereitschaft waren. Aufs tiefste bewegt, küßte ihr Hlawa die Hände, indem er Jagienkas wegen den heißen Wunsch nach zärtlicherer Liebkosung unterdrückte. »Gürte ihn oder gieb ihm ein Angedenken auf die Fahrt mit,« ließ sich nun Jagienka vernehmen, »damit er unter Deinem Zeichen kämpfen kann.« Wahrlich, es fiel der Tochter der Sieciechowa nicht leicht, ihm etwas zu geben, ging sie doch in Männerkleidern umher. Umsonst sann und sann sie! Weder ein Band noch eine Schleife trug sie bei sich. Die Laden aber, in denen die Gewandungen der Mägdlein mitgeführt wurden, waren noch nicht geöffnet worden, seitdem diese Zgorzelic verlassen hatten. Anielka wußte nicht, was beginnen. Da kam ihr Jagienka zu Hilfe, indem sie ihr riet, das Netz von dem Haupte zu nehmen und es ihm zu geben. »Bei Gott, gebt mir das Netz!« rief Hlawa, nicht wenig erfreut. »An meinem Helme will ich es tragen, und wehe der Mutter des Deutschen, der es mir zu entreißen sucht.« Mit beiden Händen fuhr sich Anielka an das Haupt, und gleich darauf fielen ihr die hellen, glänzenden Haare über Schultern und Nacken. Als sie Hlawa so vor sich stehen sah, die schöne Maid mit aufgelösten Haaren, da veränderte sich mit einem Schlage sein Gesicht, auf dem Röte und Blässe wechselte. Rasch das Netz ergreifend, führte er es an die Lippen, barg es dann an seiner Brust, warf sich nochmals vor Jagienka nieder, umfaßte hierauf fast leidenschaftlich die Knie Anielkas, erhob sich schnell und verließ mit den Worten die Stube: »Damit muß ich mich zufrieden geben.« Trotzdem nun der Böhme wegmüde und wenig erfrischt war, legte er sich doch nicht zur Ruhe nieder; die ganze Nacht zechte er mit den beiden jungen Edelleuten aus Lekawica, welche mit ihm nach Samogitien ziehen wollten. Allein er betrank sich dabei nicht, nein, mit dem ersten Morgengrauen trat er in den Vorhof der stark befestigten Burg, wo die Pferde, schon gesattelt, feiner harrten. Da ward in der Mauer über dem Wagenschuppen ein Fenster aus Ochsenblase sachte ein wenig aufgethan, und durch die Spalte schaute ein blaues Augenpaar in den Vorhof. Der Böhme bemerkte dies sofort. Schon that er einige Schritte auf die Mauer zu, um das an seinem Helme befestigte Netz zu zeigen und nochmals Abschied zu nehmen, da hinderten ihn Pater Kaleb und der alte Tolima daran, die in den Vorhof kamen, weil sie ihm noch Ratschläge für die Fahrt erteilen wollten. »Begieb Dich an den Hof des Fürsten Janusz,« sprach Pater Kaleb. »Möglicherweise triffst Du dort mit dem Ritter Macko zusammen, jedenfalls aber wird Dir über alles genaue Kunde werden, denn Du bist ja daselbst kein Fremder. Die Wege von dort nach Litauen sind bekannt, gar leicht wirst Du deshalb einen Führer durch die Wildnis finden. Ist es daher Dein fester Vorsatz, den Herrn Zbyszko aufzusuchen, so ziehe durch Litauen, nicht aber geradewegs nach Samogitien, in die Hände der Preußen. Bedenke auch dies: die Samogitier könnten Dich leicht töten, bevor Du zu sagen vermagst, wer Du bist, kommst Du jedoch von Fürst Witold, dann liegt die Sache ganz anders. Der Segen Gottes ruhe indessen über Dir und über den beiden andern Rittern. Kehre gesund zurück und bringe das Jungfräulein mit Dir, ich aber werde Tag für Tag von der Vesper an bis zum Erscheinen des ersten Sternes mit ausgebreiteten Armen, in Kreuzesgestalt, auf der Erde liegen und für Dich beten.« »Ich danke Euch, Vater, für Eueren priesterlichen Segen,« ergriff nun Hlawa das Wort. »Schwer wird es zwar fallen, das Opfer lebend den Händen der Teufel zu entreißen, allein der Herr Jesus herrscht über Leben und Tod, deshalb wollen wir hoffnungsvoll, nicht aber traurig, in die Zukunft schauen.« »Das ist das beste! Auch ich gebe die Hoffnung nicht auf. Ja, ja. Hoffnung ist Leben, doch unsere Herzensangst ist wohl berechtigt. Das Schlimmste ist, daß Jurand selbst, sobald der Name seines Töchterleins genannt wird, gen Himmel zeigt, als ob es dort zu schauen wäre.« »Wie vermag er denn, es zu erschauen? Längst hat er ja die Augen eingebüßt!« Da sagte Pater Kaleb wie zu sich selbst und doch auch wieder zu dem Böhmen gewendet: »Nicht selten pflegt es zu geschehen, daß gerade der Mensch, dessen irdisches Augenlicht erloschen ist, manches zu sehen vermag, was kein anderer erblicken kann. Häufig, gar häufig kommt dies vor. Ist es indessen denkbar, daß Gott der Herr diesem Lämmlein eine Kränkung zufügen ließ? Hat denn die Jungfrau den Kreuzrittern jemals Schlimmes gethan? Niemals! So voll Unschuld ist sie gewesen, wie eine Gotteslilie, gütig war sie gegen die Menschen, einem fröhlich singenden Waldvögelein glich sie! Gott der Herr liebt die Kindlein, er fühlt Erbarmen mit menschlichen Leiden ... Traun! wenn sie den Tod erlitten hat, wird er sie vielleicht wieder erwecken, wie Pietrowin Polnische Sage von Pietrowin, der von dem heiligen Stanislaus vom Tode erweckt ward, um Zeugnis für den Verkauf seines Gutes abzulegen. Anmerkung der Uebersetzerinnen. erweckt ward, der aus dem Grabe auferstehend, noch lange Zeit weiter wirtschaftete. Bleibe gesund und möge Gott der Herr seine Hand schützend über Euch und über das Mägdlein halten.« Nach diesen Worten kehrte Pater Kaleb in die Kapelle zurück, um die Frühmesse zu lesen, der Böhme aber bestieg sein Roß, neigte sich nochmals vor dem nunmehr geschlossenen Fenster und machte sich auf den Weg; war es doch nun völlig Tag geworden. Zweites Kapitel. Bald nach Beginn des Frühlings hatten sich Fürst Janusz und Fürstin Anna Danuta mit einem Teile ihres Hofstaates zum Fischfang nach Chersk begeben, ein Vergnügen, dem sie gar gerne huldigten, ja, das sie zu ihrem liebsten Zeitvertreib rechneten. Durch Mikolaj aus Dlugolas hörte der Böhme gar vielerlei neue Kunde, die teils seine eigenen Angelegenheiten, teils den Krieg berührte. Zuvörderst erfuhr er, daß der Ritter Macko augenscheinlich seine Absicht aufgegeben habe, geradewegs zwischen den »Preußischen Bollwerken« hindurch nach Samogitien zu ziehen, war er doch vor wenigen Tagen in Warschau gewesen und dort mit dem Fürstenpaare zusammengetroffen. Der alte Mikolaj bestätigte auch all das, was Hlawa bis jetzt über den Krieg vernommen hatte. Wie ein Mann hatte sich ganz Samogitien gegen die Deutschen erhoben, während Fürst Witold, weit davon entfernt, dem Orden noch länger gegen die unglücklichen Samogitier beizustehen, aber auch ohne ihm den Krieg zu erklären, die Kreuzritter mittelst allerlei Verhandlungen hinhielt und inzwischen deren Feinde nicht nur mit Geld und Korn unterstützte, sondern diesen auch Mannen und Pferde zuführte. Unverweilt schickte sowohl Witold, wie der Orden Gesandte an den Papst, an den Kaiser und an andere christliche Großen und klagten sich wechselseitig des Treubruches, der Hinterlist und des Verrates an. Fürst Witold betraute mit dieser Sendung den klugen Mikolaj aus Rzeniew, der es verstand, die von den Kreuzrittern gesponnenen Fäden zu entwirren, indem er den Beweis erbrachte, wie schwer Samogitien und Litauen bedrückt wurden. Der Hochmut der Kreuzritter war aber auch schon dadurch etwas gedemütigt worden, weil nach einer Versammlung in Wilno sich die Bande zwischen Litauen und Polen noch mehr befestigt hatten und infolgedessen vorauszusehen war, daß Jagiello, als Oberherr über das ganze, unter Witolds Herrschaft stehende Gebiet, in Kriegsläuften auf dessen Seite stehen werde. Graf Jan Sayn, der Komtur von Grudziansk und Graf Schwartzburg aus Danzig begaben sich auf Befehl des Großmeisters mit der Anfrage zu dem polnischen König, was der Orden von ihm zu erwarten habe. Allein Jagiello erteilte keinerlei Antwort, trotz der kostbaren Gefäße, und der vornehmlich zur Jagd taugenden Geerfalken, die ihm die Abgesandten als Gabe überbrachten. Infolgedessen drohten letztere mit dem Kriege, wennschon es ihnen nicht allzu ernst damit war, wußten sie doch nur zu gut, wie der Großmeister und das Kapitel insgeheim die Macht Jagiellos fürchteten und darnach trachteten, den Tag der Rache, den Tag der eigenen Niederlage zu verzögern. So wurden denn plötzlich alle Unterhandlungen, besonders aber die mit Witold, so rasch abgebrochen, wie man ein Spinnengewebe zerreißt. Am Abend nach dem Eintreffen Hlawas in Warschau langte neue Kunde in der Burg an. Bronisz aus Ciasnoca, ein Hofherr des Fürsten Janusz, der von diesem behufs Einziehung von Erkundigungen nach Litauen geschickt worden war, stellte sich ein, und mit ihm erschienen zwei angesehene litauische Knäsen, mit Briefen von Witold und von den Samogitiern. Die Nachrichten lauteten unheilvoll, der Orden bereitete sich zum Kriege vor. Die Befestigungen der Burgen wurden verstärkt, Pulver und Blei bereitet, Steine zu Kanonenkugeln behauen, Kriegsknechte und Ritter an der Grenze zusammengezogen, während eine Abteilung leichter Reiterei und Fußvolk von Ragneta, Gotteswerder und von anderen Grenzburgen aus sich nach Litauen und Samogitien geworfen hatte. In dein Dickicht der Forsten, auf den Gefilden, in den Dörfern, allüberall wurde der Kriegsruf laut, und jeden Abend züngelten die Flammen über dem Wäldermeere empor. Witold ließ nunmehr den Samogitiern offen seinen Schutz angedeihen, er sandte ihnen seine Ratgeber, er bestimmte den durch seine Tapferkeit bekannten Skirwoillo zum Führer des bewaffneten Volkes. Und Skirwoillo säumte nicht; alles um sich her niederbrennend, zerstörend, verheerend, fiel er in Preußen ein. Der Fürst selbst brach mit einem Kriegsheere gen Samogitien auf; etliche Burgen befestigte er noch mehr, andere, wie zum Beispiel Alt-Kowno, zerstörte er, damit sie nicht den Kreuzrittern zum Stützpunkt dienen konnten. Bald war es kein Geheimnis mehr, daß mit Anbruch des Winters, also sobald Sümpfe und Moräste zugefroren sein würden, ja, falls der Sommer trocken sein sollte, sogar schon früher ein gewaltiger Krieg in allen Gebieten von Litauen, Samogitien und Preußen entbrennen werde. Denn wenn der König dem Fürsten Witold Hilfe leistete, dann mußte der Tag kommen, an dem die Deutschen gleich einer Sturmflut entweder die halbe Welt überströmten, oder auf lange Zeit hinaus in das Gebiet zurückgedrängt wurden, auf dem sie früher seßhaft gewesen waren. Doch dies alles gehörte noch der Zukunft an. Mittlerweile drang der Schmerzensschrei der Samogitier, ihre Klage über die erlittene Unbill, ihr Ruf nach Gerechtigkeit durch die ganze Welt. In Krakau, in Prag, an dem päpstlichen Hofe und in anderen westlichen Landen besprach man die Leiden des unglücklichen Volkes. Da nun dieser Jammer auch an den masovischen Hof drang, entschlossen sich etliche Ritter und Edelleute, unverweilt den Bedrängten zu Hülfe zu eilen, glaubten sie doch schon deshalb nicht erst den Fürsten Janusz um Erlaubnis dazu bitten zu müssen, weil dessen Eheweib die Schwester Witolds war. Hlawa war hoch erfreut über den Entschluß der masovischen Ritter. »Je mehr Mannen aus Polen zu dem Fürsten Witold stoßen,« so sagte er sich, »desto heißer wird der Krieg entbrennen, desto sicherer wird man gegen die Kreuzritter etwas ausrichten können.« Der Gedanke gewährte ihm auch große Befriedigung, daß er nicht nur Zbyszko wieder sehen werde, dem er von ganzem Herzen ergeben war, sondern auch den alten Ritter Macko, den er gar gern einmal im Kampfe bewundert hätte. Aber abgesehen von dem allem, winkte ihm doch auch die Aussicht, unbekannte Lande durchwandern, neue Städte sehen zu können, zu einem Ritterstande, zu einem Kriegsheere zu stoßen, die er zuvor noch nie erschaut hatte, und schließlich dem Fürsten Witold nahe zu kommen, ihm, dessen Ruhm die ganze weite Welt erfüllte. Dies alles in Erwägung ziehend, nahm er sich vor, seinen Weg in Eilmärschen zurückzulegen und nirgendwo länger Rast zu machen, als dies die Pferde bedurften. Jene Bojaren, welche mit Bronicz aus Ciasnoca gekommen waren, wie auch die andern Litauer, die sich an dem fürstlichen Hofe eingefunden hatten, sie alle kannten die Straßen und Wege ganz genau und konnten daher ihn und die aus freiem Willen ausziehenden masovischen Ritter von Ansiedelung zu Ansiedlung, von Stadt zu Stadt, so wie durch die Waldwildnisse Masoviens, Litauens und Samogitiens geleiten. Drittes Kapitel. In einem Walde, ungefähr fünf Meilen von Alt-Kowno, der Burg, welche durch Witold zerstört worden war, hatte Skirwoillo, seine Hauptmacht zusammengezogen. Von hier aus warf er sich je nachdem ihm dies geboten erschien, mit Blitzesschnelle bald hierhin, bald dorthin, überschritt da und dort die preußische Grenze, überfiel die noch in den Händen der Kreuzritter befindlichen großen und kleinen Burgen und entzündete somit die Kriegsfackel in dem ganzen Grenzgebiete. In eben diesem Walde traf der getreue Knappe mit Zbyszko zusammen, bei dem sich auch der vor zwei Tagen angelangte Macko befand. Nachdem der Böhme seinen Gebieter Zbyszko begrüßt hatte, legte er sich zur Ruhe und schlief, ohne sich auch nur zu rühren, die ganze Nacht hindurch. Erst am folgenden Tage, gegen Abend, stellte er sich bei dem alten Ritter ein. Von der Reise ermüdet und übel gelaunt, empfing ihn Macko auf die unfreundlichste Weise und befragte ihn sofort, weshalb er nicht in Spychow geblieben sei. Der alte Kämpe ward auch erst dann ein wenig besänftigt, als Hlawa, einen Augenblick benützend, in dem Zbyszko das Zelt verlassen hatte, sich mit der Erklärung rechtfertigte, Jagienka habe ihm die Fahrt ausdrücklich befohlen. Weiter fügte er hinzu, daß abgesehen von diesem Befehle und von seiner fast unbezähmbaren Kriegslust, ihn auch der Wunsch hierher geführt habe, sofort einen Boten mit der Kunde nach Spychow senden zu können, sobald sich etwas Entscheidendes ereignen sollte. »Die Herrin,« sagte er, »die ein Engel an Güte ist, betet täglich für die Tochter Jurands, obgleich sie dadurch ihr eigenes Glück außer acht läßt, doch alles muß einmal ein Ende nehmen. Wenn Jurands Tochter nicht mehr am Leben ist, so möge ihr Gott der Herr das Licht des ewigen Lebens gewähren, denn unschuldig war sie wie ein Lämmlein; wird sie jedoch lebend aufgefunden, dann muß ich meiner Herrin unverweilt die Nachricht senden. Vor der Ankunft von Jurands Tochter soll sie Spychow verlassen, damit sie nicht nach deren Heimkehr mit Schimpf und Schande ausgetrieben werde.« Nur widerwillig diesen Worten lauschend, murmelte Macko aber und abermals vor sich hin: »das ist nicht Deine Sache.« Allein Hlawa, fest entschlossen, offen zu reden, beachtete dies nicht, sondern sagte schließlich: »Die Herrin wäre besser in Zgorzelic geblieben, denn diese Fahrt ist für sie von keinerlei Gewinn gewesen. Man hat der Armen eingeredet, Jurands Tochter sei nicht mehr am Leben, gar leicht kann sich dies aber auch anders verhalten.« »Wer hat ihr eingeredet, daß jene nicht mehr am Leben sei? Kein anderer als Du!« hub jetzt Macko zornerfüllt an. »Du hättest Deine Zunge im Zaume halten sollen. Ich aber nahm Jagienka mit auf die Fahrt, weil sie vor Cztan und Wilk sich ängstigte.« »Ein Vorwand nur ist dies gewesen,« entgegnete der Knappe. »Keine Gefahr würde ihr in ihrem Heim gedroht haben, denn von ihren Bedrängern hätte einer den andern von ihr fern gehalten. Ihr aber fürchtetet, o Herr, meine Gebieterin könne, im Falle Jurands Tochter nicht mehr am Leben sei, dem Ritter Zbyszko auch verloren gehen, und deshalb nahmt Ihr sie mit Euch auf die Fahrt.« »Was maßest Du Dir an? Was bist Du denn, ein gegürteter Ritter oder ein Knecht?« »Ein Knecht, aber der Knecht meiner Herrin, die ich vor Unbill schützen will.« In tiefes Sinnen verloren stand Macko da, war er doch selbst nicht recht mit sich zufrieden. Häufig schon hatte er sich darob getadelt, Jagienka mit sich genommen zu haben. Es wurde ihm täglich klarer, daß er dem Jungfräulein ein Unrecht zugefügt hatte, indem er es Zbyszko zuführen wollte, ja, daß dies mehr als ein Unrecht zu nennen sei, wenn Danusia aufgefunden werden würde. Nur zu wohl fühlte er, welche Wahrheit in den kühnen Worten Hlawas lag, daß er die Maid hauptsächlich deshalb habe mit sich ziehen lassen, um sie auf alle Fälle für Zbyszko zu behüten. Trotzdem aber begann er, wie um sich selbst und Hlawa zu täuschen, schließlich wieder: »Daran habe ich wahrlich nie gedacht. Jagienka bestand darauf, mit mir zu ziehen.« »Sie bestand darauf, weil wir ihr vorredeten, die Sicherheit ihrer Brüder sei eine weit größere, wenn sie sich von Zgorzelic fern halte, weil wir ihr sagten, Jurands Tochter befinde sich nicht mehr am Leben, deshalb ist sie mit Euch gezogen.« »Kein anderer als Du hast ihr dies alles gesagt,« schrie Macko. »Ich habe mich dessen schuldig gemacht. Jetzt aber müssen wir ihr zeigen, wie die Dinge liegen. Wir sind zum Handeln verpflichtet, o Herr, unterlassen wir es aber, dann wäre es besser für uns, zu Grunde zu gehen.« »Was willst Du beginnen?« fragte Macko ungeduldig. »Was glaubst Du in einer Schlacht mit einem solchen Kriegsheere zu erreichen? Bevor der Monat Juli kommt, wird sich vielleicht alles besser gestaltet haben. Die Kreuzritter können ja nur zu bestimmten Zeiten Krieg führen – im Winter oder während eines trockenen Sommers. Die Kriegsfackel glimmt zwar schon, sie brennt aber noch nicht. Vermutlich hat sich Fürst Witold nach Krakau begeben, um dem König Bericht zu erstatten und dessen Zustimmung, dessen Unterstützung zu erlangen.« »Gar viele Burgen der Kreuzritter befinden sich aber hier in der Nähe. Wenn wir auch nur zwei davon in unsere Gewalt bekommen könnten, würden wir vielleicht Jurands Tochter auffinden oder uns Gewißheit über ihren Tod verschaffen.« »Und wenn weder das eine noch das andere der Fall wäre?« »Jedenfalls ist sie von Zygfryd in diese Gegend gebracht worden. Dies ward uns wenigstens in Szczytno berichtet, und wir selbst haben auch nie anders gedacht.« »Doch hast Du schon das Kriegsvolk hier gesehen? Komm mit mir hinter das Zelt und schau umher. Etliche sind nur mit Pfählen bewaffnet, etliche tragen erzene, von den Urahnen ererbte Schwerter.« »Bei meiner Treu, was liegt daran! Gar tüchtig sollen sie sich aber im Kampfe erweisen.« »Vermögen sie indessen mit nackter Brust die Burgen zu erstürmen, und gar noch die Burgen der Kreuzritter?« Das weitere Gespräch wurde durch das Hinzutreten Zbyszkos unterbrochen, dem Skirwoillo, der Anführer der Samogitier folgte. Letzterer, ein fast kleiner Mann, der an Wuchs kaum einen Waffenträger überragen mochte, war kräftig und breitschultrig gebaut. Seine hohe gewölbte Brust konnte nahezu einem Höcker verglichen werden, und seine unverhältnismäßig langen Arme reichten fast bis zu den Knien. Im großen und ganzen ähnelte er Zindram aus Maszkowice, jenem berühmten Ritter, dessen Bekanntschaft Macko und Zbyszko seinerzeit in Krakau gemacht hatten, besaß er doch gleichfalls einen ungewöhnlich großen Kopf und völlig krumme Beine. Wie allgemein von ihm behauptet ward, verstand er sich vortrefflich auf die Kriegskunst. Den größten Teil seines Lebens hatte er im Felde verbracht. Er stritt lange Jahre hindurch in Rußland gegen die Tataren, und dann kämpfte er gegen die Deutschen. Während jener Kriege war ihm die russische Sprache geläufig geworden, später lernte er an Witolds Hofe auch etwas polnisch, und das Deutsche verstand er nicht nur, sondern wußte sogar nicht weniger als drei Worte zu sagen: »Feuer«, »Blut« und »Tod«. Sein ungeheurer Kopf steckte stets voll Kriegslisten und Kriegsplänen, die zu vereiteln die Kreuzritter nie im stande waren. Was Wunder, daß man ihn vornehmlich in den an der Grenze gelegenen Komtureien nicht wenig fürchtete. »Wir haben einen Angriff in Erwägung gezogen,« wandte sich Zbyszko sofort mit ungewöhnlichem Eifer an seinen Ohm, »und sind jetzt zu Euch gekommen, um aus Eurem erfahrenen Munde einen Rat zu erhalten.« Macko bedeutete Skirwoillo, auf einem mit einem Bärenfelle bedeckten Fichtenstamme Platz zu nehmen, dann befahl er einem Knechte, einen großen Krug Met zu bringen, aus dem die Ritter sich ihre Blechgefäße voll schöpften, und erst nachdem sich alle durch einen tüchtigen Trunk gestärkt hatten, hub der alte Kämpe also an: »Ihr wollt also einen Angriff unternehmen. Was bezweckt Ihr damit?« »Eine Burg der Deutschen wollen wir niedersengen.« »Welche? Ragneta oder Neu-Kowno?« »Ragneta!« erwiderte Zbyszko. »Vor vier Tagen sind wir gegen Neu-Kowno gezogen, wurden aber zurückgeschlagen.« »Just ist es so gewesen!« fügte Skirwoillo hinzu. »Wie sind die Deutschen dabei zu Werke, gegangen?« »Auf äußerst tüchtige Weise.« »Geduldet Euch ein wenig,« ergriff nun Macko das Wort, »denn ich kenne dies Land nicht genau. Wo liegt Neu-Kowno und wo Ragneta?« »Von hier nach Alt-Kowno ist's nicht ganz eine Meile,« antwortete Zbyszko, »und von Alt- nach Neu-Kowno ungefähr die gleiche Entfernung. Die Burg steht auf einer Insel. Umsonst versuchten wir, überzusetzen, sie vereitelten unsern Plan. Während eines halben Tages verfolgten sie uns, schließlich jedoch verbargen wir uns in diesem Walde; unsere Mannen waren indessen derart nach allen Richtungen hin auseinander getrieben, daß etliche von ihnen sich erst heute in der Frühe wieder einstellten.« »Wo liegt Ragneta?« »Weit, weit fort!« rief nun Skirwoillo, mit seinen riesenlangen Armen gen Norden zeigend. »Gerade weil die Burg so weit entfernt liegt, sollten wir einen Ueberfall wagen,« ließ sich jetzt Zbyszko vernehmen. »Dort herrscht Ruhe, denn alle bewaffneten Mannen aus jener Gegend sind gegen uns aufgeboten worden. Von einem Ueberfalle auf Ragneta lassen sich die Deutschen nichts träumen, auf Sorglose, Unbekümmerte werden wir daher stoßen.« »Wahrlich, so ist es!« bemerkte Skirwoillo. »Demzufolge glaubt Ihr, daß wir die Burg nehmen können?« fragte Macko. Skirwoillo schüttelte verneinend das Haupt, aber Zbyszko antwortete: »Die Burg ist stark befestigt, doch könnte uns der Zufall günstig sein. Zunächst müssen wir das Land verwüsten, Dörfer und Städte niederbrennen, die Kornspeicher vernichten, vor allem aber Gefangene zu machen suchen. Manch namhafter Kämpe mag sich dann unter ihnen befinden, für den die Kreuzritter willig Lösegeld bezahlen, oder den sie für einen andern auszuwechseln gern bereit sind.« Sich nun zu Skirwoillo wendend, fuhr er fort: »Ihr selbst, Fürst, habt mir beigestimmt und nun bedenkt noch eines: Neu-Kowno liegt auf einer Insel. In der Nähe dieser Burg können wir daher weder Dörfer zerstören, noch Vieh hinwegführen, noch Gefangene machen. Einmal schon sind wir geschlagen worden. Darum ist es besser, einen Angriff dort zu wagen, wo sie uns jetzt am wenigsten erwarten.« »Wer siegt, der glaubt fast nie an einen neuen Ueberfall,« murmelte Skirwoillo. Nun hub Macko zu sprechen an. Er erklärte sich mit Zbyszkos Ansicht einverstanden, war er doch überzeugt, der junge Ritter werde in Ragneta weit eher etwas in Erfahrung bringen, als in Neu-Kowno, ja, es werde ihm bei Ragneta weit leichter gelingen, einen namhaften, zur Auswechslung geeigneten Kämpen in seine Gewalt zu bekommen. Allein ganz abgesehen davon, hielt Macko es auch weit ratsamer, in der Ferne, in einem weniger bewachten Gebiete unvermutet einzufallen, als gegen eine Burg vorzugehen, die wohl befestigt war, von einer siegesfrohen Besatzung verteidigt ward und zudem auf einer von der Natur schon geschützten Insel lag. Als ein kriegskundiger Ritter setzte er seine Ansicht so klar auseinander und begründete sie in solch trefflicher Weise, daß er auf jeden überzeugend wirken mußte. Jene beiden lauschten ihm aufmerksam. Skirwoillo runzelte dann und wann, wohl als Zeichen der Zustimmung, die Stirn und murmelte: »Die reine Wahrheit, die reine Wahrheit.« Zuletzt zog er die breiten Schultern dermaßen in die Höhe, daß sein gewaltiges Haupt fast dazwischen verschwand und man, während er so sinnend dasaß, noch mehr als sonst den Eindruck bekam, als ob er verwachsen sei. Mit einem Male erhob er sich rasch und schickte sich, ohne ein Wort zu sprechen an, das Zelt zu verlassen. »Aber, Fürst, wie soll es werden?« fragte Macko. »Wohin sollen wir aufbrechen?« »Nach Neu-Kowno!« entgegnete Skirwoillo kurz, indem er sich entfernte. Macko und Hlawa blickten zuerst voll Staunen auf Zbyszko, dann schlug sich der alte Ritter mit beiden Händen auf die Schenkel und rief: »Bei meiner Treu, gerade wie ein Stück Holz! Er hört einem zu und lauscht und lauscht und thut dann doch nur, was er will. Da wäre es am besten, das Maul zu halten.« »Mir hat man's längst gesagt, wie er ist!« warf Zbyszko ein. »Und um die Wahrheit zu gestehen, noch nie sind mir verstocktere Menschen vorgekommen, wie diese hier. Sie fragen den Fremden um seine Meinung und thun dann, als ob er in den Wind gesprochen habe.« »Weshalb hörte er uns dann an?« »Weil wir gegürtete Ritter sind, und weil er jedes Ding von zwei Seiten erwägen will. Doch thöricht ist er nicht.« »In Neu-Kowno denkt man sicherlich jetzt am wenigsten an einen neuen Angriff unsererseits,« bemerkte Hlawa, »weil wir erst zurückgeschlagen worden sind. Dies mag wohl kein Irrtum von ihm sein.« »So laßt uns gehen. Ich will nach den Mannen schauen, die ich zu führen habe,« ergriff nun Zbyszko das Wort, der sich in dem Zelte ganz beklemmt fühlte. »Es liegt mir ob, ihnen zu sagen, daß sie sich bereit halten sollen.« Gemeinsam traten sie ins Freie. Die Nacht war hereingebrochen, eine tief dunkle, wolkige Nacht, die nur von den Lagerfeuern erhellt ward, an denen die Samogitier saßen. Viertes Kapitel. Für Macko und Zbyszko, die schon unter Witold gekämpft und demzufolge genugsam Kriegsleute aus Samogitien und Litauen gesehen hatten, bot der Anblick eines Lagers nichts Neues. Der Böhme dagegen schaute voll Spannung umher, indem er bei sich überlegte, was wohl von diesen Mannen in der Schlacht zu erwarten sei, und ob sie der deutschen und polnischen Ritterschaft gleichgestellt werden könnten. Das Lager, welches sich auf einer von Nadelwäldern und Sümpfen umschlossenen Ebene befand, war dadurch vor jedem Ueberfall gedeckt, denn kein zweites Kriegsheer konnte so leicht die trügerischen Moräste überschreiten. Sogar der Grund und Boden, auf dem die Feldhütten standen, war seicht und sumpfig, allein die Leute hatten ihn so dicht mit kreuzweis geschichteten Tannen- und Fichtenzweigen bedeckt, daß sie sich ebenso sicher darauf zur Ruhe legen konnten wie auf dem trockensten Erdreich. Für den Fürsten Skirwoillo war in aller Eile eine » numa «, eine Hütte errichtet worden, wie man sie in den litauischen Ansiedelungen aus Erde und rohen Baumstämmen zu bauen pflegte, Hütten aus Zweigen hergestellt dienten den hervorragenderen Mannen zur Unterkunft, während die gewöhnlichen Krieger unter offenem Himmel um das Feuer lagerten und gegen die Unbill des Wetters nur durch Felle und Schafpelze geschützt wurden, die sie auf dem nackten Leibe trugen. In dem Lager schlief noch niemand, hatten doch die Mannen tagsüber der Ruhe pflegen können, da seit der letzten Niederlage kein neuer Angriff unternommen worden war. Etliche lagen oder saßen um die hellen Feuer, die mittelst dürrem Reisig und Wacholderzweigen unterhalten wurden, andere schürten die halberloschene, von Asche bedeckte Glut auf, aus welcher der Geruch gebratener Rüben, der Hauptnahrung der Litauer, sowie der schlechte Dunst angebrannten Fleisches emporstiegen. Auf den freien Plätzen inmitten der Feuer lagen ganze Haufen von Waffen so geschickt aufgetürmt, daß im Falle der Not ein jeder der Mannen leicht nach der eigenen Waffe greifen konnte. Hlawa betrachtete voll Neugierde die Speere mit ihren langen, schmalen, aus hartem Eisen geschmiedeten Spitzen, die aus jungen Eichstämmen gefertigten Keulen, in die Feuersteine oder Nägel getrieben worden waren, die kurzstieligen, den polnischen Streitäxten ähnlichen Beile, deren sich das Reitervolk zu bedienen pflegte, sowie die Streitäxte mit Stielen, die so lang wie Hellebarden waren und mit welchen das Fußvolk im Kampfe focht. Streitäxte aus Erz waren auch vorhanden, wohl aus jenen alten Zeiten stammend, da das Eisen in den entlegeneren Gegenden noch nicht viel gebraucht ward, ja es fanden sich sogar Schwerter aus Erz vor, wenn schon die meisten aus gutem, aus Nowogrod eingeführtem Stahl gearbeitet waren. Der Böhme nahm die Speere, die Schwerter, die Streitäxte, die in Teer getränkten und im Feuer gebrannten Bogen zur Hand und prüfte sie beim Scheine des Lagerfeuers. Nur eine kleine Zahl von Pferden befand sich innerhalb des Lagers, die Mehrzahl der Tiere weidete in den nahe gelegenen Wäldern und auf den Wiesen unter der Obhut wachsamer Pferdeknechte. Da die namhaftesten Bojaren ihre türkischen Renner in nächster Nähe haben wollten, wurden verschiedene dieser edlen Rosse in dem Lager von den Pferdeknechten aus der Hand gefüttert. Diese Renner mit ihren kräftigen Hälsen waren ganz ungewöhnlich klein, allein nicht nur darüber staunte Hlawa, sondern auch über deren zottigen Körper, wodurch sie den Rittern aus dem Westen weit eher als seltsame wilde Tiere, weit eher als Einhörner, denn als edle Pferde erschienen. »Die großen Streithengste dienen hier zu nichts,« bemerkte der erfahrene Macko, indem er seiner früheren Feldzüge unter Witold gedachte, »denn ein schweres Roß wird sofort in den Morästen einsinken, während diese kleinen, unansehnlichen Pferdchen ebensoleicht allenthalben durchkommen werden, wie ein Mensch.« »In der Schlacht aber,« sagte Hlawa, »können diese kleinen Pferde den starken, deutschen Streitrossen keinen Widerstand leisten.« »Wahrlich, das vermögen sie nicht. Dagegen versucht der Deutsche umsonst, vor dem Samogitier zu fliehen und niemals wird jener im stande sein, diesen Feind einzuholen, der noch rascher zu reiten versteht, als ein Tatar.« »Gar seltsam ist dies. Die Tataren, welche ich als Kriegsgefangene bei dem Ritter Zych aus Zgorzelic gesehen habe, waren alle so klein, daß jedes Pferd sie getragen hätte, die Samogitier jedoch sind kräftige, hochgewachsene Krieger.« Die Mannen zeichneten sich auch tatsächlich durch ihren hohen Wuchs aus, und beim Scheine des Feuers ließ sich bei einem jeden die breite Brust, die kräftigen Schultern unter den Fellen und den Schafspelzen erkennen. Alle waren groß, starkknochig, wenn auch eher hager wie dick. Die meisten hatten eine kräftigere Gestalt als die Bewohner der andern litauischen Gebiete, saßen sie doch auf besserer, fruchtbarerer Erde und wurden dadurch weniger von Hungersnot geplagt, als das sonstige Litauen. Der Hofhalt des Großfürsten befand sich in Wilna. In Wilna stellten sich daher Fürsten aus dem Osten und aus dem Westen ein, Gesandtschaften wurden dahin abgeschickt, fremde Kaufleute strömten dort zusammen. Natürlicherweise kamen demzufolge die Bewohner Wilnas und der angrenzenden Gebiete mit Fremden in Berührung. In Samogitien hingegen zeigte sich das Fremde nur in Gestalt eines Kreuzritters oder eines Ritters des Schwertordens, welche die stillen Waldansiedlungen durch Feuer, Knechtung und Bluttaufen heimsuchten. War es daher zu verwundern, daß die Menschen hier sich ungeschlachter, roher gebärdeten, fest an dem Althergebrachten hingen, alles Neue von sich wiesen, daß sie die alten Gebräuche, die alte Kriegsführung und das Heidentum gerade deshalb hochhielten, weil ihnen der Glaube an das Kreuz nicht durch einen milden Verkündiger des Christentums, nicht mit der Liebe eines Apostels gelehrt ward? Skirwoillo und die angesehenen Knäsen und Bojaren hatten sich schon, dem Beispiele Jagiellos und Witolds folgend, zum Christentum bekehrt. Die andern aber, ja, sogar die ungezügeltsten und wildesten Krieger sagten sich insgeheim, der Untergang und das Ende der alten Welt, des alten Glaubens seien gekommen und waren bereit, das Haupt vor dem Kreuze zu beugen, nur sollte es kein Kreuz sein, das durch die Kreuzritter ausgerichtet worden war. »Wir sehnen uns nach der Taufe,« so klang ihr Klageruf zu allen Fürsten und zu allen Völkern, »doch bedenkt, daß wir Menschen, nicht aber wilde Tiere sind, welche verschenkt, gekauft und verkauft werden können.« Da ihnen aber der neue Glaube durch Gewalt aufgezwungen ward, da sie sahen, wie der alte Glaube erlosch wie das Feuer erlischt, auf das kein Holz geworfen wird, ergriff sie unsagbarer Schmerz, tiefes Weh um die entschwundenen alten Zeiten. Der Böhme, der inmitten eines frohen, kriegerischen Treibens aufgewachsen war, inmitten eines Treibens, wo Gesang und klingende Musik fast nie verstummten, sah nun zum erstenmale in seinem Leben ein Lager, in dem solche Stille, solche Trauer herrschte. Höchstens da und dort an den Feuern, vor der entfernt gelegenen Hütte Skirwoillos ertönte eine Querpfeife oder eine Rohrpfeife, nur da und dort vernahm man undeutlich die Worte eines Liedes, das ein » burtinikas « Wahrsager. Anmerkung der Uebersetzerinnen. leise vor sich hinsang. Gebeugten Hauptes, den Da es jedoch kalt und feucht in dem Zelte war, ließen sich die beiden Ritter und mit ihnen Hlawa auf Fellen an dem Feuer nieder. Blick unverweilt auf die flammenden Holzscheite gerichtet, lauschten die Kriegsleute diesen Tönen. Manche saßen zusammengekauert vor den Feuern, die Ellenbogen auf die Knie gestützt, das Antlitz in die Hände verborgen, und ähnelten, von Fellen und Schafspelzen eingehüllt, den wilden Tieren des Waldes. Schauten sie indessen empor, warfen sie einen Blick auf die vorübergehenden Ritter, dann sah man in dem Scheine der Flammen nicht finstere, wilde, nein, blauäugige, milde Gesichter, auf denen sich der Kummer bedrängter Kinder spiegelte. Am äußersten Ende des Lagers ruhten auf weichem Moose die Verwundeten, welche man aus der letzten Schlacht hatte hierherbringen können. Zauberer, sogenannte » labarysy « und » sejtanawie « saßen bei den Schmerz und Pein geduldig Leidenden, sprachen ihre Beschwörungsformeln über sie oder untersuchten ihre Wunden, auf die sie heilende Kräuter legten. Aus der Tiefe des Waldes, aus Feldern und Wiesen ertönte zeitweise der Pfiff der Pferdeknechte, dann und wann erhob sich ein Windstoß, trieb Rauchwolken über das Lager hin und rief ein Rauschen in den dunkeln Gehölzen hervor. Doch es wurde später und später in der Nacht. Die Feuer glimmten zum Teil nur noch, zum Teil waren sie vollständig erloschen, und die nun eintretende tiefe Stille vervollständigte noch mehr das Bild von Trauer und Bedrückung. Nachdem Zbyszko seinen Mannen, denen er sich leicht verständlich machen konnte, befanden sich doch etliche Leute aus Plock unter ihnen, die nötigen Befehle erteilt hatte, wandte er sich zu seinem Knappen und sagte: »Du hast nun genug gesehen. Kehren wir in das Zelt zurück.« »Wahrlich, ich habe genug gesehen,« antwortete Hlawa. »Doch nichts Erfreuliches ist mir zu Gesicht gekommen, denn schon im ersten Augenblicke zeigt sich's klar, daß diese Leute geschlagen worden sind.« »Zweimal sogar. Vor vier Tagen nahe der Burg, vor drei Tagen aus der Flucht. Und nun will Skirwoillo zum drittenmale den Angriff wagen und sich zum drittenmale schlagen lassen.« »Weshalb begreift er nicht, daß mit solchen Kriegsleuten nichts gegen die Deutschen auszurichten ist? Der Ritter Macko hat mir dies sofort gesagt, und ich habe mich nun auch davon überzeugt. Nein, das sind keine Mannen für den Krieg.« »Darin täuschest Du Dich. Solch tapfere Kriegsleute wie diese hier giebt es nur wenige auf Erden. Doch sie kämpfen in festgeschlossenen Scharen, während die Deutschen in Reihen vorzugehen pflegen. Wird jedoch die Reihe der Deutschen durchbrochen, dann streckt ein Samogitier rascher einen Deutschen darnieder, als der Deutsche den Samogitier. Traun, den Deutschen ist dies nur zu wohl bekannt, wie zu einer Mauer schließen sie sich daher stets fest aneinander.« »An die Erstürmung der Burgen ist wohl nicht zu denken,« bemerkte Hlawa. »Es mangelt uns an den Hilfsmitteln dazu,« erwiderte Zbyszko, »Fürst Witold freilich verfügt über alles Nötige, doch bevor er eintrifft, kommt keine Burg in unsere Hände, es sei denn durch Zufall, durch Verrat.« Unter solchem Gedankenaustausch kehrten sie in das Zelt zurück, vor dem ein großes Feuer von den Knechten unterhalten ward, und in dem der Dampf des für das Mahl zu bereitenden Fleisches emporstieg. Da es jedoch kalt und feucht in dem Zelte war, ließen sich die beiden Ritter und mit ihnen Hlawa auf Fellen an dem Feuer nieder. Nachdem sie sich mit Trank und Speise erquickt hatten, versuchten sie zu schlafen, allein der Schlaf wollte sich nicht einstellen. Macko wandte sich beständig von einer Seite auf die andere, und kaum bemerkte er, daß Zbyszko, die Hände um die Knie geschlungen, aufrecht beim Feuer saß, so fragte er: »Höre mich! Weshalb gabst Du den Rat gegen Ragneta zu ziehen, da doch die Burg in gar weiter Ferne liegt, und nicht gegen Gotteswerder, gegen die in der Nähe gelegene Burg? Aus welchem Grunde thatest Du diesen Vorschlag?« »Weil eine innere Stimme mir sagt, Danusia befinde sich in Ragneta – und zudem ist man dort weit weniger auf der Hut als hier.« »Es gebrach an Zeit, uns eingehend zu besprechen, denn ich selbst war müde, und Du mußtest nach der Niederlage die Mannen in den Wäldern wieder sammeln. Nun aber sag' mir offen: willst Du noch immer nach jenem Mägdlein suchen?« »Nach welchem Mägdlein? Nach meinem Eheweibe suche ich.« Diesen Worten folgte ein langes Schweigen, denn was sollte Macko darauf erwidern? Wäre Danusia nur in ihrer Eigenschaft als Jurands Tochter in Betracht gekommen, dann hätte sich der alte Ritter nicht gescheut, den Bruderssohn von jedem weiteren Forschen abzuhalten, durch das heilige Sakrament der Ehe jedoch war dies für Zbyszko nun zur Pflicht geworden. Niemals würde auch Macko eine solche Frage gethan haben, wenn er Zeuge des Verlöbnisses, der Trauung gewesen wäre. Da dies aber nicht der Fall war, betrachtete er Jurands Tochter immer noch als ein Mägdlein. »Traun,« Hub Macko nach geraumer Zeit wieder an, »traun, was ich diese zwei Tage hindurch nur fragen konnte, das habe ich gefragt, Du aber antwortest stets, Du wissest nichts.« »Ich weiß auch nur das eine, daß Gottes Zorn über mir ist.« Jetzt richtete sich Hlawa von seinem Bärenfelle empor, setzte sich und horchte aufmerksam auf das sich nun entspinnende Gespräch. »Da sich der Schlaf doch nicht einzustellen scheint,« ergriff Macko von neuem das Wort, »so sprich: was sahst Du, was thatest Du, was führtest Du in Marienburg aus?« Zbyszko strich sein Haar, das seit längerer Zeit über der Stirn nicht geschnitten worden war und ihm daher fast über die Brauen reichte, langsam zurück, schaute einige Sekunden sinnend vor sich hin und ließ sich also vernehmen: »Wollte Gott, daß ich soviel von meiner Danusia zu berichten hätte, wie von Marienburg! Ihr fragt mich, was ich dort gesehen habe? Ich überzeugte mich von der unermeßlichen Macht der Kreuzritter, denen alle Könige, alle Völker verbündet sind, von einer Macht, die so groß ist, daß sie wohl kein Mensch auf Erden zu brechen vermag. Ich sah eine Burg, wie sie wohl kaum der römische Kaiser besitzt, ich sah Schätze, die jeder Beschreibung spotten, ich sah Waffen, ich sah gewappnete Mönche, Ritter und Kriegsknechte, in solch großer Schar wie ein Ameisenhaufen, ich sah so zahlreiche Reliquien, wie nur der heilige Vater in Rom sie haben kann. Hei, ich sage Euch, alles bäumte sich in mir auf bei dem Gedanken: wer kann den Angriff gegen diesen Orden wagen, wer kann sie besiegen, wer kann es auch nur mit ihnen aufnehmen, wo ist das Volk, das diese Kreuzritter niederwerfen kann?« »Wir wollen es versuchen! Fluch ihren Müttern!« rief nun Hlawa, unfähig sich länger zurückzuhalten. Ueber Zbyszkos Worte höchst betroffen, unterbrach der alte Ritter seinen Bruderssohn ebenfalls in der Erzählung, trotzdem er gar gern alles genau gehört hätte, und fragte: »Hast Du denn des Kampfes bei Wilna vergessen? Haben wir denn so selten Mann gegen Mann, Schulter an Schulter mit ihnen gekämpft? Ist es Dir denn aus dem Sinn gekommen, wie wenig sie gegen uns ausgerichtet haben – wie sie sich über unsere Standhaftigkeit beklagten und meinten, es genüge nicht, Pferde zu Schanden zu reiten, Lanzen zu brechen, sondern man müsse den Gegner an der Kehle packen oder das eigene Leben lassen! Auch fremde Kämpen haben sich dort mit uns gemessen – doch schimpflich mußten sie abziehen. Weshalb bist Du so kleinmütig geworden?« »Ich bin nicht kleinmütig, nein, ich habe in Marienburg gekämpft, wo es sich stets um Tod und Leben handelt. Allein Ihr kennt die gewaltige Macht der Kreuzritter nicht.« »Kennst Du vielleicht die ganze Stärke der Polen?« ließ sich nun Macko ärgerlich vernehmen. »Hast Du jemals unsere Banner vereinigt gesehen? Nein, niemals. Auf was beruht denn die Macht des Ordens? Auf Ungerechtigkeit, auf Verrätern, denn nicht eine Spanne des Landes, in dem sie jetzt Hausen, gehört ihnen zu eigen. Unsere Fürsten haben sie bei sich aufgenommen, wie man einen Bettler ins Haus nimmt – damit man ihn mit Gaben beschenke. Was thaten aber jene? Kaum waren sie erstarkt, so bissen sie ihren Wohlthätern gleich wütenden Hunden in die Hand. Gewaltsam rissen sie die Lande an sich, durch Hinterlist bemächtigten sie sich der Städte, darin liegt ihre Kraft! Doch selbst wenn alle Könige der Erde ihnen zu Hilfe eilten – der Tag des Gerichtes, der Tag der Rache ist nahe.« »Ihr drängtet mich, Euch zu erzählen, was ich sah,« ergriff Zbyszko jetzt das Wort, »und nunmehr seid Ihr ärgerlich darob. Besser wäre es daher für mich, ich schwiege.« Macko schnaubte förmlich geraume Zeit vor Zorn, nach und nach beruhigte er sich indessen wieder und fuhr fort: »Höre nun, wie ich die Sache betrachte. Es kommt doch vor, daß Du im Walde vor einem turmhohen Fichtenbaume stehst und bei Dir denkst: ›Der Baum wird in alle Ewigkeit dem Sturme trotzen‹. Erteilst Du ihm aber mit dem Rücken der Axt einen tüchtigen Schlag, dann klingt der Baum ganz hohl und morsches Holz fällt von ihm ab. Das Gleiche gilt auch von der Macht der Kreuzritter. Ich wollte von Dir wissen, was Du bei ihnen unternommen, was Du bei ihnen ausgerichtet hast. Kämpftest Du auf Tod und Leben, sprich?« »Auf Tod und Leben habe ich gekämpft. Rücksichtslos und voller Hochmut begegnete man mir anfänglich, denn allen war mein Kampf mit Rotgier wohl bekannt. Gar Schlimmes wäre mir sicherlich widerfahren, hätte mich der Brief des Fürsten Janusz nicht davor bewahrt! Zudem wußte mich auch Herr de Lorche, dem sie große Ehre erwiesen, vor ihrer Wut zu schützen. Aber als dann später Feste und Turniere abgehalten wurden, da verlieh mir der Herr Jesus seinen Segen. Ihr hörtet doch, daß mich Ulryk, der Bruder des Großmeisters, in sein Herz geschlossen hat und mir den schriftlichen Befehl des letztern verschaffte, Danusia in meine Hände auszuliefern.« »Die Sattelgurt soll ihm gerissen sein, so sagten uns die Leute,« bemerkte Macko, »Du aber habest nicht mehr zugestoßen, nachdem Dir dieses klar geworden sei.« »Ich richtete die Lanze in die Höhe und von dem Augenblicke an gewann ich seine Zuneigung. Hei, bei Gott, er gab mir gewichtige Briefe, mit denen ich von Burg zu Burg ziehen und suchen konnte. Mich dünkte, mein Kummer, meine Sorgen seien nun zu Ende – ratlos sitze ich jedoch nunmehr hier, inmitten dieser wilden Gegend, und Tag für Tag wächst meine Qual, wächst meine Pein.« In kurzes Schweigen versinkend, warf er plötzlich mit solcher Wucht ein Scheit Holz in das Feuer, daß die Funken aufsprühten, und die Flamme hoch emporloderte. »Wahrlich,« hub er hieraus wieder an, »wenn die Beklagenswerte in irgend einer Burg schmachtet, wird sie gewiß den Glauben hegen, ich habe ihrer' längst vergessen. Und ist dem so, dann mag ein jäher Tod mich bald ereilen.« Aber und abermals schleuderte er Holzscheite in das Feuer, gerade als ob er damit all die Kümmernisse von sich werfen wolle, die ihn im innersten Mark verzehrten. Staunend beobachteten dies Macko und Hlawa, die sich eigentlich jetzt erst davon überzeugten, wie unendlich Danusia von Zbyszko geliebt ward. »Beruhige Dich!« rief daher Macko. »Sind Dir die Geleitsbriefe nicht von Nutzen gewesen? Haben die Komture dem Großmeister keinen Gehorsam geleistet?« »Beruhigt Euch, o Herr,« ergriff nun auch Hlawa das Wort. »Gott wird Euch Trost gewähren – bald, vielleicht sehr bald.« Thränen glänzten in Zbyszkos Augen, als er, mit aller Macht sich bezwingend, von neuem begann: »Die Schurken öffneten mir Burgen und Kerker. Ich zog von Ort zu Ort, ich suchte allenthalben! Da mit einem Male brach der Krieg aus und in Gierdawy erklärte mir der Vogt von Heideck, im Kriege herrschten andere Gesetze, die in Friedenszeiten ausgestellten Geleitsbriefe hätten keinen Wert. Ich zog ihn wohl sofort zur Rechenschaft er aber wollte sich mir nicht stellen, nein er erteilte den Befehl, mich aus der Burg zu weisen.« »Und in den andern Burgen?« fragte Macko. »Ueberall erhielt ich die gleiche Antwort. In Krolewiec weigerte sich der Komtur, welcher über dem Vogte von Gierdawy steht, sogar mir einen Blick in das Schreiben des Großmeisters zu thun. Krieg sei Krieg, erklärte er, ich möge vor allem dafür sorgen, daß ich mit heiler Haut davon käme. Und wohin ich mich auch wandte – den gleichen Bescheid erhielt ich allerorts.« »Nunmehr begreife ich alles,« ließ sich der alte Ritter jetzt vernehmen. »Da Du nichts auszurichten vermagst, bist Du hierher gekommen, um wenigstens Rache nehmen zu können.« »So ist es in der That,« entgegnete Zbyszko. »Ich glaubte. Gefangene machen, ich hoffte, mich einiger Burgen bemächtigen zu können, doch diese Mannen hier können keine Burgen stürmen.« »Hei! Laß nur erst den Fürsten Witold kommen, dann wird alles anders werden.« »Gott gebe, daß er zu uns stoße!« »Er wird kommen. An dem masovischen Hofe ward mir dies gesagt. Vielleicht trifft auch der König selbst ein und mit ihm die ganze polnische Streitmacht.« Schon wollte Zbyszko eine Antwort geben, als dies durch Skirwoillo vereitelt ward, der ganz unerwartet mit den Worten aus der Dunkelheit trat: »Wir brechen auf.« Macko, Zbyszko und der Böhme sprangen empor, Skirwoills aber kam dicht zu ihnen und sagte in leisem Tone: »Es ist uns Kunde geworden, daß Verstärkungen und Zufuhren nach Neu-Kowno unterwegs sind. Ein Zug von Kriegsleuten soll unter der Anführung von zwei Kreuzrittern Vieh und allerlei Nahrungsmittel dahin bringen, das müssen wir vereiteln.« »Ueberschreiten wir den Niemen?« fragte Zbyszko. »Ja, wir kennen eine Furt.« »Weiß man in der Burg von jener Absicht?« »Gewiß. Eine ganze Schar wird den Ankömmlingen entgegen ziehen. Auf diese Schar müßt Ihr Euch Werfen.« Eingehend erklärte er ihnen hierauf, wo sie sich zu verbergen hätten, um unerwartet die aus der Burg Ziehenden überfallen zu können. Seinem Plan nach sollten gleichzeitig zwei Angriffe unternommen werden, um die erlittene Niederlage zu rächen, ein Plan, der sich vielleicht um so leichter ausführen ließ, weil sich der Feind nach dem Siege völlig sicher fühlte. Ganz genau gab er auch die Zeit an, in der sie losschlagen mußten, und bezeichnete die Richtung, die sie dann einzuhalten hatten. Alles Uebrige jedoch überließ er ihrer Tapferkeit, ihrer Umsicht. Freude und Stolz schwellten ihre Herzen bei der Erkenntnis, daß er sie als bewährte, umsichtige Krieger betrachtete. Auf seine Aufforderung hin begleiteten sie ihn schließlich in seine Hütte, wo ihn Knäsen und Bojaren, die Führer der Abteilungen erwarteten. Nachdem er hier seine Befehle wiederholt und neue erteilt hatte, setzte er eine aus Wolfsknochen gearbeitete Pfeife an die Lippen und ließ einen so lauten, schrillen Pfiff ertönen, daß er von einem Ende des Lagers bis zu dem andern schallte. Sofort regte es sich allenthalben an den erloschenen Feuerstätten; da und dort sprühten Funken auf, da und dort stiegen vereinzelte Flämmchen empor, die mit jedem Augenblick zahlreicher und heller wurden und deren Schein auf die Gestalten wilder Krieger fiel, die sich mit ihren Waffen um die Feuer sammelten. Wie auf einen Schlag war der Wald aus dem Schlafe erwacht, denn auch aus der Tiefe des Dickichts drangen nun die Rufe der Pferdeknechte, welche die Rosse in das Lager trieben. Fünftes Kapitel. Früh am Morgen wurde die Niewiaza erreicht und überschritten. Etliche setzten auf Pferden darüber, andere, indem sie sich an den Schwänzen der Pferde hielten, andere wieder auf Bündeln von Birkenruten. Der Uebergang bewerkstelligte sich so rasch, daß Macko, Zbyszko, Hlawa und jene Masuren, die freiwillig Heeresfolge leisteten, die behende Gewandtheit der Samogitier aufs höchste bewunderten und zum erstenmale vollständig begriffen, weshalb weder Wälder, noch Sümpfe, noch Flüsse die Litauer in ihren Kriegszügen aufhalten konnten. Trotzdem alle durchnäßt aus dem Wasser kamen, legte doch keiner seine Gewandung – den Schafspelz oder den Wolfspelz ab, nein, ein jeder der Krieger stellte sich so lange mit dem Rücken gegen die Sonne, bis wie aus einer Pechhütte der Dampf aus seinem Körper aufstieg, und schon nach ganz kurzer Rast zog man dann weiter gen Norden. Es dunkelte bereits, als man an dem Niemen anlangte, der durch das Steigen der Gewässer zur Frühlingszeit stark angeschwollen war. Der Uebergang bot daher noch größere Schwierigkeiten. Die Skirwoillo bekannte Furt hatte sich stellenweise in tiefe Wassertümpel verwandelt, durch welche die Pferde schwimmen mußten. Zwei der Mannen wurden von Zbyszkos und Hlawas Seite hinweggerissen. Umsonst versuchten diese die Bedrohten zu retten, in der Dunkelheit verschwanden sie in dem wilden Strome. Kein Hilferuf war laut geworden, hatte doch der Anführer den Befehl erteilt, der Fluß müsse in tiefster Stille überschritten werden. Alle andern erreichten jedoch glücklich das jenseitige Ufer, an dem sie die Nacht verbrachten, ohne sich an einem Feuer wärmen zu können. Bei Tagesanbruch wurde die ganze Kriegsschar in zwei Teile geschieden. Mit der einen Abteilung zog Skirwoillo jenen Rittern und Kreuzrittern entgegen, welche Nahrungsmittel nach Gotteswerder bringen sollten, die andere Abteilung führte Zbyszko abermals gegen die Insel, um der Schar den Weg zu verlegen, welche von der Burg aus den Ankömmlingen entgegenrücken sollte. Der Tag schien schön zu werden. Glänzend und hell stand die Sonne am Firmamente, nur über den Wäldern, den Wiesen und den Gesträuchen lag noch dichter, weißer Nebel, der alles verhüllte. Dies gereichte Zbyszko und seinen Mannen zu großem Vorteil, war es doch kaum anzunehmen, daß die Deutschen, deren Blicken sie verborgen blieben, durch einen Rückzug den Zusammenstoß vereitelten. Voll Freude darüber wandte sich der junge Ritter zu Macko, der neben ihm ritt und sagte: »Bei einem solchen Nebel können wir sie überfallen, ehe sie uns gewahr werden. Gott gebe nur, daß es bis Mittag so bleibt.« Nach diesen Worten sprengte er zu den bei der Vorhut sich befindenden Anführern, um ihnen verschiedene Befehle zu erteilen, kehrte aber dann rasch wieder zu dem Ohm zurück. »Bald gelangen wir an einen Weg,« erklärte er letzterem, »welcher die zu der Insel führende Furt mit dem Innern des Landes verbindet. Dort wollen wir uns in dem Dickicht verbergen und die Deutschen erwarten.« »Durch wen hast Du von dem Wege gehört?« fragte Macko. »Durch etliche meiner Mannen, die hierzulande geboren sind, und die uns als Führer dienen.« »In welcher Entfernung von der Burg und von der Insel soll der Angriff stattfinden?« »In einer Entfernung von fünf Meilen.« »Da thust Du gut daran, denn würde dies näher bei der Burg geschehen, so könnte ihnen von dort aus Beistand geleistet werden. Nun aber ist dies kaum zu befürchten, wird doch nicht ein Laut in die Burg dringen.« »Ihr seht, ich habe dies wohl bedacht.« »Das eine hast Du wohl bedacht, doch noch gar manches muß überlegt werden. Wenn man auf die Mannen, die hier geboren sind, Vertrauen setzen darf, so sende zwei oder drei von ihnen auf Kundschaft, damit sie uns sofort berichten können, wenn die Deutschen im Anzug sind.« »Das habe ich schon gethan.« »Dann will ich Dir noch einen Rat geben. Suche ein oder zweihundert Deiner Kriegsleute aus und erteile ihnen den Befehl, sich vom Kampfe fern zu halten, damit sie gleich bei Beginn desselben forteilen und den Deutschen den Rückweg auf die Insel abschneiden können.« »Das ist ja das Wichtigste,« erklärte Zbyszko, »dieser Befehl ist daher längst erteilt. Die Deutschen werden in die Schlinge geraten.« Glücklich darüber, daß sich Zbyszko trotz seiner jungen Jahre so erfahren in der Kriegskunst zeigte, blickte Macko von Stolz erfüllt auf seinen Bruderssohn, indem er lächelnd vor sich hin murmelte: »Tüchtig erweist sich unser Blut!« Der Knappe Hlawa aber ward noch freudiger gestimmt als Macko, denn ihm ging eine Schlacht über alles in der Welt. »Wohl weiß ich nicht,« ergriff er das Wort, »wie sich unsere Mannen schlagen werden, sie gehen jedoch ruhig, in bester Ordnung und voll Kampfeslust vor. Wenn jener Skirwoillo alles klug ausgedacht hat, wird der Feind kein gesundes Glied aus dem Kampfe tragen.« »Gott gebe, daß uns nur wenige entrinnen,« ließ sich jetzt Zbyszko vernehmen. »Doch habe ich Befehl erteilt, so viele Gefangene wie möglich zu machen und ja keinen Kreuzritter, keinen Ordensbruder zu töten.« »Aus welchem Grunde, o Herr?« fragte der Böhme. Da erwiderte Zbyszko: »Sieh auch Du zu, daß meine Befehle ausgeführt werden. Ein jeder Ritter, der aus fremdem Lande stammt, hat schon viele Städte besucht, ist schon in vielen Burgen gewesen. Ist es daher zu verwundern, daß er bei seinem Zusammentreffen mit allerlei Menschen manch Neues vernommen hat? Und gar noch ein Ordensritter! Der weiß stets mehr, als wir uns träumen lassen. Doch um Gott die Wahrheit zu geben, es liegt mir auch deshalb viel daran, einen namhaften Ritter in meine Gewalt zu bekommen, um ihn dann auswechseln zu können. Was gilt mir mehr, als die Heißgeliebte? Ach, daß sie noch am Leben wäre!« Nach diesen Worten gab er seinem Pferde die Sporen und sprengte an die Spitze der Abteilung, einesteils um noch etliche Anordnungen zu geben, andernteils um die schweren Gedanken von sich abzuschütteln, denen er sich jetzt nicht hingeben durfte. Das Ziel war nicht mehr fern, der Angriff mußte bald erfolgen. »Aus welchem Grunde glaubt der junge Herr, sein Eheweib sei noch am Leben und befinde sich in dieser Gegend?« fragte nun Hlawa den alten Ritter. »Weil Danusia nicht sofort von Zygfryd getötet worden ist,« entgegnete Macko, »deshalb darf er die Hoffnung hegen, daß sie ihm erhalten geblieben ist. Wenn sie ermordet worden wäre, hätte der Priester in Szczytno nicht den Bericht erteilen können, den auch Zbyszko vernommen hat. Selbst der grausamste Mensch wird nicht so leicht die Hand gegen ein schutzloses Weib – nein, bei meiner Treu – gegen ein unschuldiges Kind erheben.« »Habt Ihr der Kinder des Fürsten Witold vergessen?« »Grausam sind die Kreuzritter, das ist wahr. Doch es ist erwiesen, daß Danusia nicht getötet, sondern von Szczytno in diese Gegend verbracht worden ist. In irgend einer dieser Burgen wird sie wohl schmachten.« »Hei! Das wäre herrlich, wenn wir dies Eiland und diese Burg in unsere Gewalt bekommen könnten!« »Betrachte Dir diese Krieger einmal genau!« meinte nun Macko. »Da habt Ihr recht, da habt Ihr recht! Doch es ist mir ein Gedanke gekommen, den ich meinem jungen Gebieter mitteilen will.« »Was nützen hier Pläne und Gedanken! Kannst Du vielleicht Mauern mit Wurfspießen zertrümmern?« So sprechend deutete Macko auf die Speere, mit denen die Mehrzahl der Kriegsleute bewaffnet war, und fragte dann: »Hast Du jemals eine solche Kriegsschar gesehen?« Der Böhme hatte in der That noch niemals etwas Aehnliches erschaut. In völliger Auflösung, ohne jede Ordnung, zog das Kriegsvolk dahin, denn in dem Dickicht, zwischen den Baumstämmen und Gesträuchen mußte man sich durchschlagen, so gut es eben ging. Fußvolk und Reiterei waren nicht mehr getrennt – wo nur ein Reiter sein Roß zwischen den Fichten hindurchtrieb, da hielt sich der oder jener des Fußvolks an der Mähne, an dem Schwanze oder an dem Sattel des Pferdes fest, um rascher vorwärts zu kommen. Mit den Fellen von Wölfen, Bären und Panthern über den Schultern, mit den auf ihren Köpfen emporragenden Eberhauern, Hirschgeweihen und borstigen Ohren der grimmigsten Bestien hätten all diese Krieger ohne die in die Höhe starrenden Waffen, ohne die in Teer getränkten Bogen, ohne die Köcher auf ihrem Rücken in dem morgendlichen Nebel jedem Beschauer wie wilde Tiere erscheinen müssen, die, von Hunger und Blutgier getrieben, sich aus der Tiefe des bergenden Waldes hervorgewagt hatten. Es war das ein solch schreckenerregender, ungewöhnlicher Anblick, daß er sich nur mit jenem seltsamen Vorgang – » gomon « genannt – vergleichen ließ, bei dem das schlichte Volk sagte, wilde Tiere jagten in rasender Eile dahin, Steinblöcke und Bäume mit sich fortreißend. Einer jener Edelleute aus Lekawica, die mit dem Böhmen gekommen waren, näherte sich diesem, bekreuzte sich und sagte: »Im Namen des Vaters und des Sohnes! Nicht mit menschlichen Wesen, nein, mit einem Rudel Wölfen ziehen wir dahin.« Obwohl nun Hlawa noch niemals ein ähnliches Kriegsheer gesehen hatte, erwiderte er doch als ein erfahrener Mann, der alles kennt, den nichts in Erstaunen setzt: »Wölfe laufen zur Winterszeit in Rudeln zusammen, das Blut der Kreuzritter übt jedoch auch im Frühling seine Anziehungskraft.« Und in der That, der Mai war gekommen, es war Frühling geworden. An den Haselnußsträuchen im Walde keimte das junge Grün. Aus dem weichen, zarten Moose, über das der Fuß der Kriegsleute lautlos glitt, sproßten Blumen, Blüten und zackige Farrenkräuter hervor. Die von den beständig niedergegangenen Regenschauern durchfeuchteten Bäume verbreiteten den Geruch ihrer nassen Rinde, und aus dem Waldesgrunde stieg der starke Duft gefallener Nadeln und morschen Holzes empor. Der helle Glanz der leuchtenden Sonne zauberte die Regenbogenfarben auf die von Tautropfen glitzernden Blättchen, und fröhlich erklang das Gezwitscher der Vögel. In immer wachsender Eile bewegte sich die Kriegsschar vorwärts, denn Zbyszko trieb sie beständig an. Allein schon nach kurzer Zeit kehrte er zu der Nachhut zurück, mit der Macko, Hlawa und die freiwillig in den Krieg gezogenen Masuren ritten. Die Aussicht auf einen siegreichen Kampf schien ihn offenbar neubelebt zu haben, denn der kummervolle Ausdruck war aus seinem Antlitz geschwunden, seine Augen blitzten wie in früherer Zeit. »Auf!« rief er, »uns ziemt es, an der Spitze zu reiten, nicht aber bei der Nachhut. Und nun merkt auf das, was ich Euch sage,« fuhr er fort, nachdem seiner Aufforderung Folge geleistet worden war, »hört mich. Möglicherweise gelingt es uns, die Deutschen unerwartet zu überfallen, sollten sie uns jedoch früh genug gewahr werden, um sich in Schlachtordnung aufstellen zu können, dann müssen wir uns als Erste auf sie werfen, denn wir sind am besten gewappnet, wir führen die schärfsten Schwerter.« »Das soll geschehen!« erklärte Macko. Schon setzten sich die Mannen fester in die Sättel, gerade als ob es im nächsten Augenblicke losgehen werde, schon holte der und jener tief Atem, während er prüfte, ob sein Schwert leicht aus der Scheide gehe. Abermals wiederholte Zbyszko den Befehl, jeden Ritter in weißem Mantel, welcher sich unter dem Fußvolke befinde, zu verschonen, ihn nicht zu töten, sondern ihn nur zum Gefangenen zu machen, dann sprengte er wieder zu den Anführern und gleich darauf machte die Kriegsschar Halt. Sie hatte den Weg erreicht, der zu der Furt führte. Tatsächlich konnte er jedoch keine Straße, sondern nur ein breiter Pfad genannt werden, und erst vor ganz kurzer Zeit war der Wald so weit ausgeholzt worden, daß ein Kriegsheer, ja sogar Wagen, ungefährdet hindurchzukommen vermochten. Auf beiden Seiten des Pfades ragten hohe Fichtenbäume empor, da und dort lagen die mächtigen Stämme, die gefällt worden waren. An manchen Stellen standen die Haselnußsträuche so dicht, daß kein Auge hindurchzudringen vermochte. Mit kundigem Blicke suchte Zbyszko diese geeigneten Plätze für seine Kriegsschar aus. Damit die Deutschen sie nicht schon von ferne wahrnehmen und sich dann zurückziehen oder in Schlachtordnung aufstellen konnten, hieß er seine Mannen sich auf beiden Seiten des Pfades in den Hinterhalt legen und hier den Feind erwarten. Die Samogitier, welche an das Leben in den Wäldern, an die Kriegführung inmitten einer Wildnis gewohnt waren, bargen sich so rasch hinter Bäumen und gefällten Stämmen, hinter Haselnußsträuchen und jungen Tannen, als ob die Erde sie verschlungen hätte. Keiner von ihnen gab einen Laut von sich, kein Pferd ließ auch nur ein Schnauben hören. Von Zeit zu Zeit lief das oder jenes wilde Tier auf die auf der Lauer liegenden Leute zu, ein jedes rannte aber erschreckt in den tiefen Wald zurück, sobald es eines Menschen ansichtig wurde. Zuweilen erhob sich ein Windstoß, sodaß plötzlich ein mächtiges Brausen durch den Wald fuhr, dem jedoch sofort wieder lautlose Stille folgte. Nur aus der Ferne ertönte in kurzen Zwischenräumen der Ruf des Kuckucks, und in der Nähe erklang dann und wann das Hämmern des Spechtes. Freudig horchten die Samogitier auf dieses Hämmern, galt ihnen doch der Vogel als Bringer froher Kunde. Zahllose Spechte schienen hier zu nisten, denn allmählich erklang ein so durchdringendes, starkes Hämmern von allen Seiten, wie wenn es von Menschenhänden herrühre. Es war, als ob jene Vögel eine Schmiede im Walde errichtet hätten und seit frühem Morgen an strenger Arbeit wären. Macko und die Masuren dünkte es, sie hörten Zimmerleute, welche das Gebälk eines neuen Hauses aufschlugen, und sie glaubten, in die Heimat versetzt zu sein. Doch die Zeit verstrich und noch immer war nichts zu vernehmen, als die Stimmen der Vögel, als das Brausen des Waldes. Der Nebel schwand mehr und mehr, die wärmende Sonne brach völlig durch. Doch lautlos harrten die Krieger auf ihren Posten aus. Schließlich wandte sich Hlawa, dem das Schweigen und die Spannung unerträglich geworden waren, zu Zbyszko und flüsterte: »O Herr, wenn Gott keinen der Weißmäntel lebend davonkommen läßt, könnten wir nicht zur Nachtzeit über den Fluß setzen, die Burg überrumpeln und in unsere Gewalt bringen?« »Glaubst Du denn nicht, daß sie Boote ausgesetzt und der Bemannung ein Losungswort erteilt haben?« »Das haben sie sicherlich. Doch ebenso gewiß werden auch die mit dem Schwerte bedrohten Gefangenen das Losungswort nicht nur verraten, sondern es sogar auf deutsch der Wache zurufen. Wenn wir nur einmal auf der Insel sind, dann wird die Burg –« Er konnte nicht weiter reden, Zbyszko legte ihm plötzlich die Hand auf den Mund, denn von dem Wege her ertönte das Krächzen eines Raben. »Schweig!« rief der junge Ritter, »das ist ein Zeichen.« Und noch ehe man zwei Vaterunser hätte sprechen können, sprengte ein Samogitier auf seinem kleinen zottigen Pferde daher, dessen Hufe fürsorglich mit Schafsfellen umwickelt waren, damit kein Geräusch hörbar, keine Spur hinterlassen werde. Scharf blickte der Reiter nach allen Seiten aus, und kaum hörte er aus dem Dickicht die Antwort auf das Krächzen, so drang er so rasch in den Wald ein, daß er sich schon nach wenigen Sekunden neben Zbyszko befand. »Sie kommen!« sagte er hierauf leise. Sechstes Kapitel. Zbyszko fragte hastig, auf welche Weise sie vorrückten, wie viel Reiterei und wie viel Fußvolk es sei, vor allem aber, wie weit entfernt sie sich noch befanden. Aus der Antwort des Samogitiers entnahm er, daß die Abteilung die Zahl von einhundertfünfzig Kriegern nicht überstieg, von denen etliche fünfzig zu Pferd von einem weltlichen Ritter, nicht aber von einem Kreuzritter angeführt wurden, daß sie in Schlachtordnung vorrückten, daß sie eine Anzahl Wagen mit einem Vorrat von Rädern mitführten; daß der ganzen Abteilung in einer Entfernung von zwei Bogenschüssen eine aus acht Mannen bestehende Vorhut vorausgehe, welche die Landstraße häufig verlasse, um das Dickicht des Waldes zu durchsuchen, und schließlich, daß sie eine Viertelmeile entfernt waren. Daß die Feinde sich in Schlachtordnung vorwärts bewegten, war keine frohe Kunde für Zbyszko. Er wußte aus Erfahrung, welche Schwierigkeiten es hatte, die geschlossenen Reihen der Deutschen zu durchbrechen, und daß eine solche Schar selbst während des Rückzuges sich zu verteidigen und gleich einem von Hunden in die Enge getriebenen Eber um sich zu hauen verstand. Hingegen erfreute ihn die Nachricht, daß sie nicht weiter als eine Viertelmeile entfernt waren, denn er sagte sich, daß jene Mannen, die er vorausgesandt hatte, den Deutschen nun schon in den Rücken gefallen waren, und daß sie, falls diese eine Niederlage erlitten, keine lebende Seele entrinnen lassen würden. Was die der Abteilung vorausziehende Streifwache anbelangte, so machte sie ihm wenig Sorge, da es von Anfang an zu erwarten gewesen war, daß es so kommen könne, und er auch seinen Samogitiern zuvor schon befohlen hatte, entweder jene Vorhut ruhig durchzulassen oder, wenn der Versuch gemacht werde, das Innere des Waldes zu erforschen, in aller Stille jene acht Mannen einen nach dem andern gefangen zu nehmen. Aber dieser Befehl war ganz überflüssig gewesen. Die Streifwache zog schon heran. Verborgen hinter einigen entwurzelten Baumstämmen, in der Nähe der Landstraße sahen die Samogitier die Kriegsknechte, welche an der Biegung des Weges Halt machten und miteinander sprachen, sehr genau. Nachdem der Anführer, ein starker, rotbärtiger Krieger, durch ein Zeichen Schweigen geboten hatte, begann er angestrengt zu lauschen. Es war klar, daß er schwankte, ob er in den Wald eindringen solle oder nicht. Während eines kurzen Augenblickes hing der Tod über des alten Ritters Haupte. Schließlich, als er nur das Hämmern der Spechte vernahm, dachte er offenbar, daß die Vögel sich nicht hören lassen würden, wenn jemand im Forste verborgen wäre, daher winkte er mit der Hand und führte seine Untergebenen weiter. Zbyszko wartete, bis sie an der nächsten Biegung verschwunden waren, dann näherte er sich in aller Stille, an der Spitze der schwer bewaffneten Mannen, der Landstraße. Unter ihnen befanden sich Macko, der Böhme, die beiden Edelleute aus Lekawica, drei junge Ritter aus Ciechanow und mehrere der angesehensten und bestbewaffneten Bojaren aus Samogitien. Sich noch länger zu verbergen, war nicht mehr nötig, daher beabsichtigte Zbyszko sogleich, wenn Deutsche sich zeigten, bis zur Mitte des Weges vorzusprengen, sich auf sie zu werfen, und sie zu zerstreuen. Falls das gelang und falls der allgemeine Kampf sich zu einer Reihe von Einzelkämpfen gestaltete, durfte er sicher sein, daß die Samogitier Meister über die Deutschen wurden. Und abermals folgte tiefe Stille, welche nur von dem Rauschen und Flüstern des Waldes unterbrochen wurde. Doch bald drangen von der östlichen Seite der Landstraße auch menschliche Stimmen zu den Ohren der Krieger. Anfangs etwas verworren und wie aus der Ferne klingend, schienen sie allmählich näher zu kommen und waren immer deutlicher zu vernehmen. Zbyszko führte nun seine Abteilung in die Mitte der Landstraße und stellte sie in keilförmiger Schlachtordnung auf. Er selbst trieb sein Pferd an die Spitze, unmittelbar hinter ihm befanden sich Macko und der Böhme. In der nächsten Reihe standen drei Reiter, in der darauffolgenden vier. Sie waren alle gut bewaffnet; zwar fehlten ihnen die mächtigen Speere oder Lanzen der Ritter, da diese bei Märschen durch den Wald nur hinderlich gewesen wären, dagegen trugen sie für den ersten Angriff den kurzen und leichteren samogitischen Speer bei sich, Schwert und Beil waren für den Kampf im Handgemenge am Sattel befestigt. Hlawa horchte aufmerksam und angestrengt, dann flüsterte er Macko zu: »Sie singen!« »Merkwürdig! Der Weg scheint sich im Walde zu verlieren, weil wir sie von diesem Platze aus nicht sehen können,« sagte Macko. Da wendete sich Zbyszko, welcher es für nutzlos erachtete, sich noch länger zu verbergen oder auch nur leise zu sprechen, zu ihm und sagte: »Dies kommt daher, daß sich die Landstraße längs des Flusses hinzieht und viele Biegungen macht. Wir werden sie ganz plötzlich zu Gesicht bekommen, und so wird es am besten sein.« »Wie fröhlich sie singen!« warf der Böhme ein. In der That sangen die Deutschen durchaus kein frommes Lied, dies war aus der Weise leicht zu erkennen. Bei aufmerksamem Lauschen unterschied man auch, daß kaum mehr als zehn Leute sangen, und daß nur ein Ausruf von allen wiederholt wurde. Dieser Ausruf aber hallte wie Donnerschall weithin durch den Wald. Und so voll Heiterkeit und Frohsinn, gingen sie dem Tode entgegen. »Bald werden wir sie sehen,« sagte Macko. Sein Gesicht verfinsterte sich plötzlich und nahm einen wolfsähnlichen Ausdruck an. War er doch hart und rachsüchtig geworden, und hatte er doch noch nicht Vergeltung für jenen Pfeilschuß geübt, welchen er damals empfing, als er, um Zbyszko zu retten, sich mit einem Briefe der Schwester Witolds zum Großmeister begeben wollte. In ihm bäumte sich alles auf, und gleich einem unaufhaltsamen Strome riß ihn der Durst nach Rache mit sich fort. »Dem Manne wird es nicht gut ergehen, mit welchem er zuerst anbindet,« dachte Hlawa, nachdem er einen Blick auf den alten Ritter geworfen hatte. Mittlerweile trug der Wind ganz deutlich den Ausruf herbei, der von allen im Chore wiederholt ward: »Tantaradei«! – und gleich darauf hörte Hlawa die Worte eines ihm bekannten Liedes: »Bei den rôsen er wol mac, Tandaradei! merken wâ mir'z houbet lac ...« Da riß der Gesang plötzlich ab, denn zu beiden Seiten des Weges erscholl ein so lautes, durchdringendes Krächzen, wie wenn in diesem Waldwinkel eine große Versammlung von Raben abgehalten worden wäre. Die Deutschen wunderten sich nicht wenig darüber. Unwillkürlich fragten sie sich, woher all diese Vögel kämen und wieso deren Stimmen dicht über dem Erdboden, nicht aber in den Wipfeln der Bäume ertönten. Die erste Reihe der Kriegsknechte zeigte sich jetzt an der Biegung und blieb beim Anblick der unbekannten Reiter wie versteinert stehen. In demselben Augenblick neigte sich Zbyszko auf den Sattel herab, gab seinem Pferde die Sporen und sprengte vorwärts. »Werft Euch auf sie!« Die andern folgten ihm. Auf beiden Seiten des Waldes erscholl der furchtbare Ruf der samogitischen Krieger. Ungefähr zweihundert Schritte trennten Zbyszkos Mannen von den Deutschen, welche im nächsten Augenblick einen ganzen Wald von Lanzen gegen die Heranreitenden richteten, während die hintern Reihen sich mit der gleichen Schnelligkeit gegen die beiden Seiten des Waldes wendeten, um sich gegen die Angriffe auf den Flanken zu verteidigen. Ihre Geschicklichkeit wäre von den polnischen Rittern bewundert worden, hätten diese Zeit zur Bewunderung gesunden und hätten deren Pferde sie nicht in rasendem Laufe den erhobenen, glänzenden Lanzen entgegengetragen. Durch einen für Zbyszko günstigen Zufall befand sich die deutsche Reiterei bei der Nachhut, in der Nähe der Wagen. Zwar rückte sie sofort zu ihrem Fußvolk vor, doch konnte sie sich weder einen Weg durch die Reihen bahnen, noch an ihnen vorbeireiten und sie daher auch nicht gegen den ersten Ansturm decken. Bald sahen sich die berittenen Deutschen umringt von einer Schar Samogitier, welche aus dem Dickicht herausstürzten gleich einem wildgewordenen Wespenschwarm, dessen Nest von einem unbedachten Wanderer beschädigt worden ist. Unterdessen hatte Zbyszko mit seinen Mannen das Fußvolk angegriffen. Doch dieser Angriff blieb ohne Erfolg. Nachdem die Deutschen ihre schweren Lanzen und Hellebarden in die Erde aufgepflanzt hatten, hielten sie dieselben in einer Linie fest, sodaß die leichte, samogitische Reiterei diesen Wall nicht zu durchbrechen vermochte. Mackos Pferd, durch eine Hellebarde in das Schienbein getroffen, bäumte sich hoch auf und grub sich dann mit den Nüstern in den Grund. Während eines kurzen Augenblickes hing der Tod über des alten Ritters Haupte, aber er, der in allen Kämpfen sehr erfahren und gegen Zufälle gewappnet war, zog die Füße aus den Steigbügeln und griff mit starker Hand nach eines Deutschen scharfem Speere, sodaß dieser, statt seine Brust zu durchbohren, ihm als Stütze diente. Dann sprang er mitten durch die Pferde, und sein Schwert ziehend, begann er damit über die Speere und Hellebarden herzufallen, gerade wie ein raubgieriger Falke wütend über eine Schar langschnäbeliger Kraniche herfällt. Als Zbyszkos Pferd im Laufe zurückgehalten ward, und sich fast ganz auf die Hinterbeine stellte, stützte er sich auf seinen Speer, zerbrach ihn aber und griff nun gleichfalls zum Schwerte. Der Böhme, welcher dem Beile vor allen andern Waffen den Vorzug gab, schleuderte das seine gegen die Feinde und war für einen Augenblick waffenlos. Einer der Edelleute aus Lekawica fiel, den andern ergriff bei diesem Anblick eine so wahnsinnige Wut, daß er heulte wie ein Wolf, und seinem blutüberströmten Pferde die Sporen gebend, es blindlings mitten unter die Feinde trieb. Die samogitischen Bojaren schlugen mit ihren Hirschfängern auf die großen und kleinen Speere, hinter denen die Gesichter der Kriegsknechte hervorschauten, welche gleichsam von Verwunderung durchdrungen zu sein schienen und in deren ganzem Gebaren sich zugleich Haß und Entschlossenheit ausdrückte. Es zeigte sich indessen, daß ihre Reihen nicht durchbrochen werden konnten. Auch die Samogitier, welche die Flanken angriffen, prallten wieder zurück wie vor dem sicheren Verderben. Zwar rückten sie dann abermals mit noch größerem Ungestüm vor, vermochten aber nichts auszurichten. Im Nu kletterten nun etliche auf die Fichtenbäume am Wege und schossen ihre Pfeile mitten unter die Kriegsknechte hinein, deren Anführer daraufhin den Befehl gaben, den Rückzug gegen die Reiterei anzutreten. Die deutschen Armbrustschützen erwiderten indessen die Schüsse der Feinde, sodaß von Zeit zu Zeit manch unter den Baumzweigen verborgener Samogitier gleich einem reisen Fichtenzapfen zu Boden fiel und sich im Todeskampfe mit den Händen in das Moos des Waldes eingrub oder emporschnellte wie ein aus dem Wasser geworfener Fisch. Umringt auf allen Seiten, konnten die Deutschen nicht auf Sieg rechnen, da sie jedoch sahen, daß ihre Schutzwehr nicht vergeblich war, wähnten sie, wenigstens eine kleine Schar von ihnen sei vielleicht im stande, noch aus der Umgarnung zu entkommen und zum Flusse zu gelangen. Keinem kam es in den Sinn, sich zu ergeben, denn da sie selbst ihre Gefangenen niemals schonten, wußten sie, daß sie auch nicht auf das Mitleid der zur Verzweiflung und Empörung getriebenen Feinde rechnen dursten. So zogen sie sich denn in der Stille zurück. Mann für Mann, Schulter an Schulter, bald die Lanzen und Hellebarden erhebend bald sinken lassend, Hiebe und Stiche austeilend, ihre Pfeile gebrauchend, so gut das Getümmel der Schlacht es gestattete, und sich fortwährend ihrer Reiterei nähernd, die mit anderem feindlichem Kriegsvolk um Leben und Tod kämpfte. Da geschah etwas ganz Unerwartetes, etwas, wodurch der Ausgang dieses verzweifelten Kampfes entschieden wurde. Jener Edelmann aus Lekawica, welcher durch den Tod seines Bruders von Wahnwitz ergriffen worden war, neigte sich, ohne von seinem Rosse zu steigen, herab, und hob den Leichnam vom Boden auf, offenbar in der Absicht, ihn vor den Hufschlägen der Pferde zu retten und an einem sicheren Orte niederzulegen, wo er ihn dann nach der Schlacht finden konnte. Aber in demselben Augenblicke überkam ihn ein neuer Wutanfall und raubte ihm völlig jedes klare Bewußtsein, denn anstatt vom Wege abzulenken, griff er die Feinde an und warf den Leichnam mit aller Kraft auf die scharfen Lanzenspitzen, welche, in dessen Brust, Leib und Hüften eindringend, sich unter der Last förmlich bogen. Bevor aber die Kriegsknechte imstande waren, ihre Lanzen herauszuziehen, sprengte der Wahnsinnige durch die entstandene Bresche in ihre Reihen hinein, gleich einem Sturmwinde die Menschen über den Haufen werfend. Im nächsten Augenblick streckten sich zehn Hände gegen ihn aus, zehn Lanzen durchbohrten die Flanken seines Rosses, aber die Reihen waren nun durchbrochen, und bevor sie sich wieder ordnen konnten, warf sich einer der samogitischen Bojaren, der sich am nächsten befand, in die Bresche, ihm folgte Zbyszko sowie der Böhme, und das furchtbare Getümmel ward mit jedem Augenblicke größer. Wieder andere Bojaren ergriffen nun gleichfalls die Leichname von Gefallenen und warfen sie auf den Wall von Lanzenspitzen. Auf den Flanken machten die Samogitier einen neuen Angriff. Die ganze bisher wohlgeordnete Heerschar der Deutschen geriet ins Wanken, gleich einem Hause, dessen Mauern geborsten sind, sie teilte sich gleich einem Baumstamme, in den ein Keil eingetrieben ist, und zerstreute sich schließlich. Allmählich ward die Schlacht zu einer Metzelei. Die langen, deutschen Speere und Hellebarden waren nutzlos in diesem Handgemenge, dagegen drangen die Hirschfänger der Reiter tief in die Hirnschalen und Nacken der Deutschen ein, die Pferde jagten in das dichteste Menschengewühl, die unglücklichen Kriegsknechte zu Boden werfend und zerstampfend. Den Reitern fiel es leicht, von oben herab die Feinde zu treffen, daher schlugen sie unaufhörlich drein, ohne abzulassen. Von den Seitenwegen strömten immer neue Scharen wilder Krieger in Wolfsfellen und mit der Blutgier von Wölfen herbei. Ihr Heulen übertönte die flehentlichen Bitten um Erbarmen und das Aechzen der Sterbenden. Die Besiegten warfen ihre Waffen nieder, etliche versuchten, in den Wald zu entkommen, einige warfen sich zu Boden und stellten sich tot, manche standen wie erstarrt da, mit bleichen Gesichtern und geschlossenen Augen, wieder andere beteten, einer, dessen Sinne sich offenbar vor Schrecken verwirrt halten, begann auf einer Pfeife zu spielen, wobei er lächelnd emporschaute, bis eine samogitische Keule ihm den Schädel zerschmetterte. Der Fichtenwald stellte sein Brausen ein, wie erschreckt über dies Blutbad. Mehr und mehr schmolz die kleine Schar der Ordensknechte zusammen. Nur im Dickicht erscholl noch von Zeit zu Zeit der Lärm des Kriegsgetümmels und der durchdringende Schrei der Verzweifelten. Zbyszko, sowie Macko und hinter diesen alle Reiter sprengten jetzt gegen die feindliche Reiterei heran. In einem Kreise ausgestellt, kämpfte diese. Es war die gewöhnliche Art der Deutschen, sich zu verteidigen, wenn der Feind ihnen mit großer Uebermacht entgegentrat. Die gut berittenen Krieger, die auch besser gewappnet waren als das Fußvolk, stritten tapfer und mit bewunderungswürdiger Verwegenheit. Kein Träger des weißen Mantels war unter ihnen zu sehen, sie gehörten meist den mittleren und weniger angesehenen preußischen Adelsgeschlechtern an, deren Obliegenheit es war, auf Geheiß des Ordens ins Feld zu ziehen. Auch ihre Pferde waren zum größten Teil gewappnet, manche mit Panzern aus Draht und alle mit eisernen Stirnbinden, an denen in der Mitte ein Horn aus Stahl hervorragte. Den Oberbefehl hatte ein hochgewachsener, schlanker Ritter in dunkelblauem Panzer und gleichfarbigem Helm mit herabgelassenem Visier. Aus der Tiefe des Waldes wurde ein Hagel von Pfeilen auf sie abgeschossen, aber deren Spitzen prallten von den Helmen, den Panzern und harten Armschienen ab, ohne eine Spur zurückzulassen. Eine dichte Mauer von Samogitiern zu Fuß und zu Roß umgab sie, doch sie verteidigten sich, indem sie wütend um sich schlugen und mit ihren langen Schwertern solche Hiebe anstellten, daß die Getroffenen scharenweise vor den Hufen ihrer Rosse lagen. Die vordersten Reihen der Angreifer wollten sich zurückziehen, aber sie wurden von hinten vorgeschoben, und waren deshalb nicht im stande dazu. In dem dichten Gedränge entstand ein grenzenloser Wirrwarr, die Augen wurden geblendet von dem Flimmern der Lanzen, dem Funkeln der Schwerter. Die Pferde wieherten, bissen um sich, schlugen mit den Hinterfüßen aus. Da sprengten die samogitischen Bojaren, da sprengten Zbyszko, der Böhme und die Masuren in den Kreis. Unter ihren gewaltigen Streichen geriet die ganze Schar ins Wanken und bewegte sich hin und her wie ein Wald, dessen Stämme und Zweige vom Sturme gepeitscht werden, jene Angreifer jedoch rückten schweißtriefend von der Mühseligkeit des Kampfes nur langsam vorwärts, dabei wie die Holzhauer verfahrend, welche die Tannen fällen, wo sie am dichtesten stehen. Nun befahl Macko, die langen Hellebarden der Deutschen auf dem Schlachtfelde zu sammeln, und nachdem sich ungefähr dreißig wilder Krieger damit bewaffnet hatten, bahnten sie sich einen Weg damit bis zu den Deutschen. Als sie bei diesen angelangt waren, schrie er: »Schlagt los auf die Füße der Pferde!« und sofort zeigten sich die entsetzlichen Folgen dieses Befehles. Die deutschen Ritter konnten ihre Feinde nicht mit den Schwertern erreichen, während die Schienbeine der Pferde furchtbar durch die Hellebarden zerschmettert wurden. Da erkannte der blaue Ritter, daß das Ende der Schlacht herannahe, und daß nichts übrig blieb, als sich entweder durch die Feinde durchzuschlagen, welche ihm und seiner Schar den Rückweg abschnitten, oder mit ihr zu Grunde zu gehen. Er wählte das erstere – und im Nu machte auf seinen Befehl die ganze Reihe der Ritter Front nach der Richtung, aus der sie gekommen waren. Die Samogitier waren ihnen sofort auf dem Nacken, allein die Deutschen hingen ihre Schilder um die Schultern, durchbrachen den sie umzingelnden Ring, spornten ihre Pferde an und jagten der Windsbraut gleich gen Osten. Doch nun trafen sie mit jener Heeresabteilung zusammen, welche gerade herbeisprengte, um in die Schlacht einzugreifen, aber den besseren Waffen unterliegend, von den Pferdehufen zermalmt, wurden die Mannen dieser Abteilung hingemäht wie Ackerfelder vom Sturmwinde. Der Weg zur Burg war frei, aber die Rettung unsicher, denn die Pferde der Samogitier waren schneller als die der Deutschen. Der blaue Ritter begriff dies nur zu wohl. »Wehe!« sagte er sich im Innern, »kein einziger wird entrinnen, wenn schon ich mit meinem eigenen Blute ihr Leben erkaufen mochte.« Nach diesen Erwägungen gebot er den Reitersmännern, die sich in seiner Nähe befanden, ihre Pferde anzuhalten, er selbst wandte das seine, und ohne darauf zu achten, ob jemand seiner Aufforderung gehorchte, bot er dem Feinde die Stirn. Zbyszko sprengte zuerst heran, daher schlug ihm der Deutsche auf den schützenden Helm, traf aber nur die vortretende Kante, zerschmetterte sie jedoch nicht und verletzte auch das Antlitz nicht. Da faßte Zbyszko,» anstatt Hieb mit Hieb zu vergelten, den Ritter um den Leib, rang mit ihm und, vor allem darauf bedacht, ihn lebend in seine Gewalt zu bekommen, bemühte er sich, ihn vom Sattel zu reißen. Aber seine Steigbügel brachen von dem allzu starken Druck und die Kämpfer fielen zu Boden. Während eines kurzen Augenblickes wälzten sie sich auf der Erde, mit Händen und Füßen um sich schlagend, bald jedoch erlangte der junge Kämpe durch seine ungewöhnliche Kraft die Uebermacht über seinen Gegner und sich mit seinen Knien auf dessen Leib stemmend, hielt er ihn fest, wie etwa ein Wolf einen Hund festhält, der es gewagt hat, ihn im Dickicht zu stellen. Und er hielt ihn unnötigerweise fest, denn der Deutsche war bewußtlos geworden. Mittlerweile sprengten auch Macko und der Böhme heran. Als Zbyszko sie erblickte, rief er ihnen zu: »Kommt und bindet ihn! Das ist ein angesehener Ritter – ein gegürteter!« Der Böhme sprang vom Pferde, da er indessen sah, wie hilflos der Besiegte dalag, band er ihn nicht, sondern öffnete seinen Panzer und seine Armschienen, nahm seinen Gürtel nebst dem daranhängenden Misericordia, durchschnitt den Riemen, womit der Helm befestigt war und machte schließlich die Schraube auf, welche das Visier zusammenhielt. Doch kaum hatte er des Ritters Antlitz erschaut, als er emporsprang und rief: »Herr! Herr! Seht nur!« »De Lorche!« schrie Zbyszko auf. Und de Lorche lag mit bleichem, schweißbedecktem Antlitz und geschlossenen Augen da, regungslos, einem Toten ähnlich. Siebentes Kapitel. Zbyszko befahl, ihn auf einen der erbeuteten mit Rädern und Achsen beladenen und zu jenem Zuge gehörenden Wagen zu legen, welche neue Zufuhr in die Burg hatte bringen sollen. Er selbst bestieg ein anderes Pferd und sprengte mit Macko davon, um die Fliehenden weiter zu verfolgen. Diese Verfolgung war indessen nicht allzu schwer, denn die Pferde der Deutschen taugten wenig zu einer solchen Flucht auf der vom Frühlingsregen durchweichten Landstraße. Auf einer schnellen, leichtfüßigen Stute, welche dem erschlagenen Edelmann aus Lekawica angehört hatte, überholte Macko nach einigen hundert Schritten fast alle Samogitier und erreichte bald den ersten Deutschen. Dem ritterlichen Gebrauche gemäß rief er ihn zwar an, auf daß er sich entweder als Gefangener ergebe oder zum Kampfe stelle, aber da jener that, als ob er nicht höre, zur Erleichterung seines Pferdes sogar seinen Schild wegwarf, sich vorbeugte und seine Sporen in des Rosses Flanken drückte, da versetzte ihm der alte Ritter mit seiner breiten Axt einen furchtbaren Hieb zwischen die Schulterblätter und hob ihn aus dem Sattel. So rächte er sich an den Flüchtlingen für den verräterischen Pfeilschuß, den er einst empfangen hatte; sie aber flohen vor ihm gleich einem Rudel Hirsche, die alle von unbezwinglicher Furcht erfüllt sind, aber keinen Trieb hegen, zu kämpfen und sich zu verteidigen, sondern nur den einen, sich vor dem entsetzlichen Verfolger zu retten. Etliche liefen in den Wald, einer blieb im Sumpfe stecken, und diesen erwürgten die Samogitier mittelst eines Halfters. Ganze Scharen verfolgten die Flüchtlinge bis ins Dickicht, wo nun unter Lärm und Geschrei eine wilde Jagd begann. Der Forst hallte davon wider, bis der letzte Mann bezwungen war. Dann kehrten der alte Ritter aus Bogdaniec, Zbyszko und Hlawa auf das erste Schlachtfeld zurück, wo die erschlagenen deutschen Kriegsknechte lagen. Die Leichname waren entblößt, etliche auch furchtbar verstümmelt von den Händen der rachsüchtigen Samogitier. Ein großer Sieg war gewonnen, und das Volk wie trunken vor Freude. Nach der letzten Niederlage Skirwoillos bei Gotteswerder war Unzufriedenheit in die Herzen der Samogitier eingezogen, vornehmlich weil die ihnen durch Witold zugesagten Hilfstruppen nicht so schnell eingetroffen waren, wie man erwartet hatte. Jetzt aber lebte die Hoffnung wieder auf und die Flamme der Begeisterung entzündete sich aufs neue gleich einem Feuer, dem frische Nahrung zugeführt wird. Allzuviele waren sowohl bei den Samogitiern wie bei den Deutschen gefallen, um sie bestatten zu können, aber Zbyszko befahl, mit den Speeren Gräber für die beiden Edelleute aus Lekawica zu graben, welche hauptsächlich zu dem Siege beigetragen hatten, und sie unter zwei Fichtenbäumen zu beerdigen, in deren Rinde er mit der Spitze seines Schwertes Kreuze einschnitt. Dann, nachdem er dem Böhmen anbefohlen hatte, über den immer noch bewußtlosen Herrn de Lorche zu wachen, brach er mit seinen Mannen auf und zog eilig wieder auf der nämlichen Straße der Richtung zu, wo sich Skirwoillo befinden mußte, um ihm für alle Fälle Hilfe zu bringen. Doch es währte lange, bis er auf das von den Streitern schon verlassene Schlachtfeld stieß, welche wie das erste mit den Leichnamen der Samogitier und Deutschen bedeckt war. Zbyszko sagte sich, Skirwoillo müsse einen bedeutenden Sieg davongetragen haben, denn wenn dieser furchtbare Heerführer geschlagen worden wäre, hätten sie auf ihrem Wege deutsche, gegen die Burg ziehende Krieger treffen müssen. Offenbar war es aber ein blutiger Sieg gewesen, da etwas weiterhin, jenseits des eigentlichen Schlachtfeldes, noch Leichname von erschlagenen Samogitiern dicht an einander gereiht lagen. Bei diesem Anblick dachte der erfahrene Macko, ein Teil der Deutschen müsse wohl im stande gewesen sein, sich vor dem Verderben zu retten. Ob Skirwoillo sie dann verfolgt hatte, war schwer zu entscheiden, weil die Spuren trügerisch waren, und eine die andere immer wieder verwischt hatte. Doch glaubte Macko, daß die Schlacht hier schon ziemlich lange, vielleicht früher als die von Zbyszko gelieferte, stattgefunden hatte, denn die Leichname waren schwarz und angeschwollen, manche auch schon von Wölfen zerrissen, welche sich bei Annäherung der bewaffneten Mannen ins Dickicht flüchteten. In Anbetracht all dessen beschloß Zbyszko, nicht auf Skirwoillo zu warten, sondern zu dem früheren, sicheren Lagerplatz zurückzukehren. Spät in der Nacht dort angelangt, traf er sogleich mit dem samogitischen Heerführer zusammen, welcher etwas früher dort eingetroffen war. In Skirwoillos sonst etwas düsterem Gesichte drückte sich jetzt frohe Zuversicht aus. Sofort fragte er nach der Schlacht, die stattgesunden hatte, und als er von dem Siege hörte, sagte er mit einer, dem Krächzen eines Raben gleichen Stimme: »Ich bin zufrieden mit Dir und mit mir. Die Hilfstruppen werden nicht so rasch eintreffen, wenn aber der Großfürst kommt, wird auch er seine Befriedigung äußern, denn die Burg wird unser sein.« »Was für Gefangene sind gemacht worden?« fragte Zbyszko. »Nur Weißfische, keine Hechte! Es war einer da, es waren sogar zwei da, aber sie entschlüpften, die bärbeißigen Hechte! Sie bissen unsere Mannen und suchten dann das Weite!« »Durch Gottes Gnade ward mir ein Gefangener in die Hände geliefert,« entgegnete der Jüngling. »Es ist ein mächtiger und angesehener weltlicher Ritter, ein Fremder!« Der schreckliche Samogitier umfaßte seinen eigenen Hals mit beiden Händen, dann machte er eine Bewegung, wie wenn er mit einem Stricke in die Höhe gezogen werde. »So wird es ihm ergehen!« sagte er, »gerade wie den andern ... So!« Doch Zbyszko runzelte die Stirne. »Höre, Skirwoillo,« antwortete er, »so wird es ihm nicht ergehen, denn er ist mein Gefangener und mein Freund. Uns beide hat Fürst Janusz zu gleicher Zeit gegürtet, und ich gestatte nicht, daß Du mit einem Finger an ihn rührst!« »Du gestattest es nicht?« »Ich gestatte es nicht!« Und sie maßen sich mit finsteren Blicken, wobei Skirwoillos Gesicht sich verzerrte und geradezu den Ausdruck eines Raubtieres annahm. Schon waren beide nahe daran, ihrem Zorn die Zügel schießen zu lassen, als Zbyszko, dessen Herz von den Ereignissen des Tages erschüttert war und welcher jeden Streit mit dem alten Heerführer zu vermeiden wünschte, den er ehrte und schätzte, ihn plötzlich umfaßte, an die Brust drückte und rief: »So willst Du mir ihn entreißen und mir damit die letzte Hoffnung rauben? Wie kannst Du mir ein solches Unrecht zufügen?« Skirwoillo entzog sich der Umarmung nicht, schließlich aber erhob er sein Haupt von Zbyszkos Schulter und diesen von unten herauf ansehend, ließ er ein eigentümliches Schnauben hören: »Wohlan,« sagte er nach kurzem Schweigen, »morgen lasse ich meine Gefangenen aufhängen, wünschest Du aber einen für Dich zu behalten, so überlasse ich ihn Dir.« Dann umarmten sie sich nochmals und trennten sich in gutem Einvernehmen, zur großen Befriedigung Mackos, welcher bemerkte: »Durch Heftigkeit kannst Du offenbar nichts bei ihm erreichen, aber durch freundliches Entgegenkommen wird er zu Wachs in Deinen Händen.« »So ist das ganze Volk,« erwiderte Zbyszko, »die Deutschen allein nur wissen dies nicht.« Nach diesen Worten befahl er, Herrn de Lorche, der in einer Hütte rastete, an die Feuerstätte zu führen, und derselbe erschien denn auch bald, von dem Böhmen geleitet, unbewaffnet, ohne Helm, mit einem ledernen Wams bekleidet, auf dem der Panzer seine Spuren zurückgelassen hatte, und mit einer roten Mütze auf dem Haupte. De Lorche hatte schon durch Hlawa erfahren, wessen Gefangener er war, deshalb trat er mit kalter hochmütiger Miene heran und beim Scheine der Flamme war Trotz und Verachtung in seinem Gesichte zu lesen. »Danke Gott,« sagte Zbyszko zu ihm, »daß er Dich in meine Hand gab, denn von mir hast Du nichts zu befürchten.« Und er wollte ihm in freundschaftlicher Weise die Hand reichen, aber de Lorche blieb unbeweglich stehen. »Den Rittern, welche die ritterliche Ehre beschimpft haben, indem sie mit den Saracenen gegen die Christen kämpften, reiche ich nicht die Hand.« Einer der anwesenden Masuren übersetzte seine Worte, deren Bedeutung Zbyszko sofort erriet. Und heiß wallte das Blut in ihm auf. »Thor!« schrie er auf; unwillkürlich den Griff seines »Misericordia« ergreifend. De Lorche erhob das Haupt. »Töte mich!« sagte er, »ich weiß ja, daß Ihr die Gefangenen nicht schont.« »Schont Ihr sie denn?« rief der Masur, der solche Worte nicht ruhig anhören konnte. »Seid Ihr es nicht gewesen, welche all die in der Schlacht gemachten Gefangenen am Ufer der Insel aufgehängt habt? Darum wird auch Skirwoillo Eure Kriegsknechte hängen lassen.« »So geschah es in der That,« entgegnete de Lorche, »aber dies sind Heiden gewesen.« Indessen war es nicht zu verkennen, daß er sich dieser Antwort gewissermaßen schämte, und man konnte daraus entnehmen, daß er im Innern eine solche That nicht billigte. Mittlerweile hatte Zbyszko wieder kaltes Blut erlangt und sagte mit ruhiger Würde: »De Lorche, aus derselben Hand empfingen wir Gürtel und Sporen; Du kennst mich auch und weißt, daß die Ritterehre mir teurer ist als Leben und Glück, also höre, was ich Dir mit einem Eide bei dem heiligen Georg beschwöre. Viele von den Gefangenen waren längst getauft, und die Leute, welche noch keine Christen sind, strecken ihre Hände nach dem Kreuze aus, wie nach ihrer ewigen Seligkeit. Aber weißt Du, wer ihnen hindernd in den Weg tritt, damit sie nicht zur Erlösung gelangen, weißt Du, wer ihnen die Taufe verwehrt?« Der Masur übersetzte Zbyszkos Worte sofort, und de Lorche schaute daher fragend in des Jünglings Antlitz. Dieser aber sagte: »Die Kreuzritter!« »Das kann nicht sein!« schrie der lothringische Ritter auf. »Bei der Lanze und bei den Sporen des heiligen Georg, die Kreuzritter sind es! Denn wenn das Kreuz hier die Oberhand bekäme, würden sie keinen Vorwand mehr für ihre Ueberfälle, ihr herrisches Gebaren in diesem Lande und für die Unterdrückung des unglückseligen Volkes haben. Doch Du hast sie ja kennen gelernt, de Lorche, und weißt am besten, ob ihre Thaten gerecht sind.« »Ich glaubte, daß sie ihre Sünden büßen, indem sie mit den Heiden Kämpfen und sie zur Taufe zu bewegen suchen.« »Mit Blut werden die Heiden von den Kreuzrittern getauft, nicht mit dem heiligen Wasser. Lies dieses Blatt; und Du wirst sogleich erfahren, daß Du im Dienste von Menschenschindern, Räubern und Söhnen der Hölle gegen die Bekenner des christlichen Glaubens und der christlichen Liebe gekämpft hast.« Bei diesen Worten überreichte er ihm den Brief der Samogitier an die Könige und Fürsten, der überall herumgeschickt worden war. De Lorche nahm ihn und überflog ihn beim Scheine des Feuers mit den Augen. Er überflog ihn rasch, denn die Kunst zu lesen war ihm nicht fremd. Ueber die Maßen erstaunt fragte er dann: »Ist all dies wahr?« »Es ist wahr, so Gott mir und Dir helfe! Er weiß am besten, daß ich jetzt nicht nur meiner eigenen Sache, sondern auch der Gerechtigkeit diene.« De Lorche schwieg eine Weile, dann sagte er: »Ich bin Dein Gefangener!« »Gieb Deine Hand,« erwiderte Zbyszko. »Mein Bruder bist Du, nicht mein Gefangener.« Nun reichten sie sich die Rechte und setzten sich zum abendlichen Imbiß nieder, den der Böhme durch die Knechte hatte bereiten lassen. Während des Mahles vernahm de Lorche mit nicht geringer Verwunderung, daß Zbyszko trotz der Geleitsbriefe den Aufenthaltsort Danusias noch nicht entdeckt hatte, und daß die Gültigkeit dieser Geleitsbriefe durch die Komture aus Anlaß des Krieges bestritten worden war. »Nun ist es mir klar, weshalb Du Dich hier befindest!« sagte er zu Zbyszko, »und ich danke Gott, daß er mich Dir als Gefangenen überlieferte, denn ich glaube, die Kreuzritter werden für mich auswechseln, wen Du willst, weil sich sonst ein großes Geschrei in den westlichen Ländern erheben würde. Stamme ich doch aus einem mächtigen Geschlechte ...« Hier schlug er sich plötzlich mit der Hand an die Stirne und rief: »Bei allen Reliquien in Akwisgran Aachen. ! An der Spitze der nach Gotteswerder ziehenden Hilfstruppen befanden sich Arnold von Baden und der alte Zygfryd von Löwe. Wir wissen dies durch Briefe, welche in der Burg eintrafen. Sind diese Ritter denn nicht gefangen genommen worden?« »Nein!« antwortete Zbyszko aufspringend, »keiner der Angesehensten ist gefangen genommen worden! Aber bei Gott, eine wichtige Kunde teilst Du mir mit. Bei Gott! Von den andern Gefangenen werde ich jetzt, ehe man sie aufhängt, erfahren, ob Zygfryd ein Weib mit sich geführt hat.« Er rief nach den Knechten, damit sie ihm Fackeln anzündeten, und eilte der Richtung zu, wo sich Skirwoillos Gefangene befanden. De Lorche, Macko, sowie der Böhme folgten ihm. »Höre,« sprach der Lothringer unterwegs zu ihm, »gieb mich frei auf mein Wort, dann werde ich selbst in ganz Preußen nach ihr forschen. Sobald ich sie gefunden habe, kehre ich zu Dir zurück und dann kannst Du mich für sie auswechseln, wenn sie noch am Leben ist!« »Wenn sie noch am Leben ist!« rief Zbyszko aus. Unterdessen waren sie bei Skirwoillos Gefangenen angelangt. Einige von ihnen lagen auf dem Rücken, wieder andere waren grausamer Weise mit Stricken an Baumstämme festgebunden. Das Licht der Fackeln fiel hell auf Zbyszkos Haupt, so daß die Augen all dieser Unglücklichen sich auf ihn richteten. Da ertönte eine durchdringende, herzzerreißende Stimme: »O mein Gebieter, mein Beschützer! Rettet mich!« Zbyszko nahm einen brennenden Span aus der Hand eines Knechtes, eilte damit auf den Rufenden zu und die Leuchte emporhebend, schrie er laut: »Sanderus!« »Sanderus!« stieß auch der Böhme voll Verwunderung hervor. Und der Reliquienhändler, unfähig seine geknebelten Hände zu bewegen, streckte den Hals vor und ließ sich abermals vernehmen: »Erbarmen! ... Ich weiß, wo sich die Tochter Jurands befindet! ... Rettet mich!« Achtes Kapitel. Die Knechte lösten sogleich seine Bande, doch er, dessen Glieder steif geworden waren, fiel zu Boden. Als sie ihn dann aufhoben, schwanden ihm die Sinne, denn er hatte schreckliche Qualen ausgestanden. Umsonst brachten sie ihn aufs Zbyszkos Befehl an das Feuer, suchten ihm Speise und Trank einzuflößen, rieben ihn mit Talg ein und bedeckten ihn mit warmen Fellen. Sanderus kam nicht zum Bewußtsein und fiel schließlich in so festen Schlaf, daß Hlawa kaum im stande war, ihn um die Mittagszeit des folgenden Tages zu erwecken. Zbyszko, der von Ungeduld beinahe verzehrt ward, eilte unverzüglich herbei. Anfangs konnte er indessen nichts in Erfahrung bringen, denn war nun das Entsetzen über seine furchtbaren Erlebnisse, war das Gefühl der Hilflosigkeit daran schuld, welches gewöhnlich schwache Naturen überkommt, wenn die drohende Gefahr vorüber ist, genug, Sanderus brach in so heftiges Schluchzen aus, daß er sich vergeblich bemühte, die ihm gestellten Fragen zu beantworten. Der Hals war ihm wie zugeschnürt, seine Lippen zitterten und die Thränen flossen unaufhaltsam, wie wenn sein Leben mit ihnen dahinströme. Endlich, nachdem er sich ein wenig ermannt und durch Stutenmilch gekräftigt hatte, ein Mittel, dessen stärkende Wirkung durch die Tataren bei den Litauern bekannt geworden war, begann er darüber zu jammern, daß die »Söhne Belials« ihn mit den Lanzen windelweich geschlagen, und daß sie ihm das Pferd genommen hätten, das mit Reliquien von ganz ungewöhnlichem Werte beladen gewesen sei. Schließlich, fügte er hinzu, als man ihn am Baume festgebunden habe, seien ihm von den Ameisen dermaßen die Füße und der ganze Körper zerbissen worden, daß ihn binnen kurzem unfehlbar der Tod ereilt hätte. Nun aber ward Zbyszko von heftigem Zorn ergriffen, er sprang auf und rief: »Antworte, Du Landstreicher, auf das, was ich Dich frage, und hüte Dich, daß Dir nicht noch Schlimmeres begegne.« »Herr,« ließ sich nun der Böhme vernehmen, »nicht weit von hier befindet sich ein Ameisenhaufen von roten Ameisen, gebt Befehl, daß man ihn dorthin bringe, und er wird sogleich seine Zunge zu gebrauchen wissen.« Hlawa sprach freilich nicht im Ernste, ja, er lächelte sogar dabei, denn im Innern war er Sanderus recht gewogen; dieser aber erschrak heftig und rief: »Erbarmen! Erbarmen! Gebt mir noch ein wenig von diesem heidnischen Getränk, und ich sage alles, was ich gesehen habe, und was ich nicht gesehen habe.« »Wenn Du nur eine einzige Lüge sagst, schlage ich Dir die Knochen entzwei,« versetzte der Böhme. Aber er führte zum zweiten Mal einen Schlauch mit Stutenmilch an Sanderus' Lippen, und dieser ergriff ihn, setzte den Mund daran wie ein Kind an die Mutterbrust und begann gierig zu trinken, indem er dabei die Augen bald öffnete, bald wieder schloß. Als er zwei Quart oder auch etwas mehr zu sich genommen hatte, schüttelte er sich, legte den Schlauch auf seine Knie und sagte, wie wenn er sich nur einer unabwendbaren Notwendigkeit gefügt hätte: »Welch ekelhafter Trank!« Zu Zbyszko gewendet, fügte er hinzu: »Nun mögt ihr fragen, o mein Retter!« »Befand sich mein Weib bei der Abteilung, mit der Du kamst?« Auf Sanderus' Gesicht drückte sich eine gewisse Verwunderung aus. Zwar wußte er schon, daß Danusia die Ehegemahlin Zbyszkos war, er wußte aber auch, daß die Trauung heimlich vollzogen und die Jungfrau gleich darauf entführt worden war, darum hatte er vornehmlich die Tochter Jurands in ihr gesehen. Indessen erwiderte er hastig: »Ja, mein allergnädigster Herr, sie befand sich dabei. Aber Zygfryd de Löwe und Arnold von Baden durchbrachen die Reihen des Feindes.« »Hast Du mein Weib gesehen?« fragte Zbyszko mit klopfendem Herzen. »Ihr Angesicht habe ich nicht erschaut, o Herr, doch sah ich eine an zwei Pferden befestigte, ganz verhüllte Tragbahre, worin sie jemand gefangen mit sich führten, und diese Tragbahre ward von demselben Weibe bewacht, die, von Danveld geschickt, in den Jagdhof kam. Auch hörte ich ein Lied, ein recht trauriges, und es klang aus der Tragbahre hervor.« Zbyszko war bleich vor Erregung, er ließ sich auf einem Baumstamm nieder und wußte während eines kurzen Augenblickes nicht, was er noch fragen solle. Macko und Hlawa waren ebenfalls unendlich erregt, als sie diese große, wichtige Kunde vernahmen. Vielleicht dachte der Böhme auch an seine eigene, geliebte Herrin, welche in Spychow zurückgeblieben war und für welche diese Nachricht eine Unglücksbotschaft bedeutete. Ein tiefes Schweigen folgte. Der schlaue Macko indessen, der Sanderus noch nicht kannte und zuvor kaum von ihm gehört hatte, betrachtete ihn argwöhnisch und fragte: »Was für ein Mensch bist Du denn, und was thatest Du bei den Kreuzrittern?« »Was ich für ein Mensch bin, großmächtiger Ritter,« antwortete der Landstreicher, »mögen Dir diese sagen, dieser tapfere Fürst (hier wies er auf Zbyszko) und dieser mutige böhmische Graf, welche mich seit langer Zeit kennen.« Offenbar hatte die Stutenmilch wohlthuend auf ihn eingewirkt, denn er ward ganz lebhaft, und sich zu Zbyszko wendend, begann er mit einer Stimme, die keine Spur mehr von Schwäche zeigte: »Herr, Ihr habt mir zweimal das Leben gerettet. Ohne Euch wäre ich von den Wölfen aufgefressen worden, oder die Strafe der Bischöfe hätte mich getroffen. Denn diese, wohl irre geleitet durch meine Feinde (o wie schlecht die Welt doch ist!), hatten Befehl gegeben, mich zu verfolgen, weil ich Reliquien verkaufte, deren Echtheit sie bezweifelten. Aber Du, Herr, hast mich in Deinen Schutz genommen, dank Dir diente ich den Wölfen nicht zum Fraße, dank Dir konnte mir die Verfolgung nichts anhaben, weil jedermann glaubte, ich gehöre zu Deinem Gefolge. Bei Dir hat es mir auch nie an Speise und Trank gefehlt und sie waren besser als die Stutenmilch hier, welche ekelhaft ist. Ich trinke sie aber doch, um zu zeigen, daß ein armer, gottesfürchtiger Pilgrim vor keiner Buße zurückschreckt.« »Du Possenreißer, sage rasch, was Du weißt, und halte uns nicht länger zum Narren!« rief Macko. Doch Sanderus setzte abermals den Schlauch an seine Lippen und leerte ihn ganz, dann wendete er sich, ohne auf Mackos Worte zu hören, wieder zu Zbyszko. »Weil Ihr mich beschützt habt, bin ich Euch zugethan, Herr. Wie die Schrift sagt, sündigten auch die Heiligen neunmal in der Stunde, daher kommt es vor, daß auch Sanderus zuweilen sündigt, aber undankbar ist auch Sanderus niemals gewesen und wird es auch niemals sein. Als Euch das Unglück traf – erinnert Euch, – da sagte ich: ›Nun wandre ich von Burg zu Burg, und indem ich unterwegs den Leuten gute Lehren beibringe, werde ich die Verlorene suchen.‹ Wen habe ich nicht gefragt! Wo bin ich nicht gewesen! Um dies zu erzählen, wäre viel Zeit erforderlich; genug, daß ich sie fand, und daß ich von diesem Augenblick an wie eine Klette an dem alten Zygfryd hängen blieb. Zu seinem Diener machte ich mich und von Burg zu Burg, von Komturei zu Komturei, von Stadt zu Stadt folgte ich ihm, bis zu dieser letzten Schlacht.« Zbyszko war unterdessen seiner Erregung Herr geworden und sagte: »Ich bin Dir dankbar, und die Belohnung soll Dir nicht entgehen. Aber jetzt beantworte mir meine Frage: ›Willst Du bei Deinem Seelenheil schwören, daß mein Weib noch am Leben ist?‹« »Ich schwöre es bei meinem Seelenheil!« entgegnete Sanderus ernst. »Weshalb hat Zygfryd Szczytno verlassen?« »Das weiß ich nicht, Herr, ich hege nur meine Vermutungen. Er ist ja nie als Starost in Szcyztno gewesen, und er verließ den Ort vielleicht, weil er des Großmeisters Gebote fürchtete, welcher, wie man sagt, an ihn schrieb, er möge der Fürstin von Masovien die Gefangene ausliefern. Vielleicht entfloh er auch schon, ehe jener Brief eintraf, denn seine Seele war verhärtet durch Schmerz und Groll, und er wollte Rache für Rotgiers Tod nehmen. Manche behaupten jetzt, dieser sei sein Sohn gewesen. Ich weiß nicht, ob dem so ist, ich weiß nur, daß irgend etwas seine Sinne verwirrt haben muß, und daß er Jurands Tochter – ich wollte sagen, Euere junge Ehegemahlin – solange er lebt, nicht freilassen wird.« »Gar wunderlich dünkt mich all dies,« warf Macko plötzlich ein, »denn wenn jener alte Hund so ergrimmt auf Jurands ganzes Geschlecht wäre, so würde er Danusia gewiß getötet haben.« »Er wollte sie auch töten,« entgegnete Sanderus, »aber da stieß ihm etwas zu, wodurch er schwer erkrankte, und wodurch er beinahe den letzten Atemzug gethan hätte. Unter seinen Leuten wird viel darüber geflüstert. Manche sagen, als er bei Nacht in den Turm gegangen sei, um die junge Herrin zu morden, sei ihm der böse Geist entgegengetreten, wieder andere sagen, es sei ein Engel gewesen. Sicher ist nur, daß man ihn ohne Bewußtsein vor dem Turme im Schnee fand. Noch jetzt, wenn er daran denkt, stehen ihm die Haare zu Berge, deshalb wagt er auch nicht, Hand an die Jungfrau zu legen, und fürchtet sich, jemand dazu zu veranlassen. Er führt den stummen Henker von Szczytno immer mit sich, aber niemand weiß weshalb, denn der Henker hütet sich nicht minder wie alle andern, ihr ein Leid zuzufügen.« Diese Worte brachten einen tiefen Eindruck hervor. Zbyszko, Macko und der Böhme traten näher zu Sanderus heran, welcher das Zeichen des Kreuzes machte und dann fortfuhr: »Bei den Kreuzrittern ist nicht gut sein. Zuweilen habe ich Dinge gehört und mitangesehen, daß mich schauderte. Euer Gnaden sagte ich schon, daß des alten Komturs Sinne etwas verwirrt sind. Fürwahr, wie könnte es auch anders sein, da ihn Geister aus jener Welt heimsuchen! So oft er sich allein befindet, hört er neben sich ein Schnauben, gerade wie wenn jemand bei ihm stünde, dem der Atem ausgegangen ist. Und das ist jener Danveld, welcher durch den furchtbaren Gebieter von Spychow erschlagen ward. Zygfryd sagt dann zu ihm: ›Was willst Du? Eine Messe kann Dir nicht helfen, weshalb kommst Du?‹ Und jener knirscht nur mit den Zähnen und fängt wieder an zu schnauben. Aber noch häufiger kommt Rotgier, der einen Geruch von Schwefel in der Stube zurückläßt, und mit dem der Komtur noch mehr spricht. ›Ich kann nicht,‹ sagt er zu ihm. ›Ich kann nicht! Wenn es mir später möglich ist, so will ich es thun, aber jetzt kann ich es nicht!‹ Ich hörte auch, wie er ihn fragte: ›Würde es Dir denn Erleichterung bringen, mein Söhnchen?‹ Und so geht es in einem Zuge fort. Gewöhnlich redet er nach einem solchen Besuche zwei oder drei Tage mit niemand ein Wort, auf seinem Gesichte aber drückt sich dann eine furchtbare Pein aus. Die Tragbahre wird von ihm und der Dienerin sorgfältig gehütet, so daß kein Mensch jemals die junge Herrin erblicken kann.« »Und wird sie nicht von ihnen gequält?« fragte Zbyszko in dumpfem Tone. »Ich will Euer Gnaden die reine Wahrheit sagen. Schläge und Geschrei habe ich nicht gehört, wohl aber einen wehmütigen Gesang und zuweilen etwas wie das angstvolle Gezwitscher eines Vogels.« »Wehe ihnen!« stieß Zbyszko zwischen den zusammengepreßten Zähnen hervor. Doch Macko that seinen weiteren Fragen Einhalt. »Genug davon,« sagte er. »Erzähle jetzt von der Schlacht. Hast Du sie mitangesehen? Wie sind die Feinde entkommen und was ist aus ihnen geworden?« »Ich habe alles mitangesehen,« erwiderte Sanderus, »und will es getreulich berichten. Sie kämpften anfangs mit wahrer Wut, aber als sie erkannten, daß sie von allen Seiten umringt waren, da überlegten sie, auf welche Weise sie sich durchschlagen könnten. Der Ritter Arnold, welcher ein wahrer Riese ist, durchbrach zuerst den Ring und machte für sich, den alten Komtur, sowie für einige Kriegsknechte und für die zwischen zwei Pferden befestigte Tragbahre die Bahn frei.« »Und fand keine Verfolgung statt? Wie kommt es, daß sie nicht eingeholt wurden?« »Eine Verfolgung fand statt, aber sie fruchtete nichts, denn sobald die Verfolger dem Ritter Arnold zu nahe kamen, wandte er sich um und kämpfte Mit allen. Gott behüte jeden vor einem Tressen mit ihm, denn er hat eine so furchtbare Kraft, daß es ihm ein Leichtes ist, den Kampf mit hundert Mannen allein aufzunehmen. Dreimal wandte er sich um, und dreimal mußten sich die Verfolger zurückziehen. Die Kriegsknechte, welche sich bei ihm befanden, kamen alle um. Er selbst war meines Erachtens auch verwundet, doch er rettete sich und gab auch dem alten Komtur Gelegenheit zu einer glücklichen Flucht.« Während Macko diesem Berichte lauschte, sagte er sich, Sanderus müsse die Wahrheit sprechen, denn er erinnerte sich, daß von dem Platze an, wo Skirvoillo die Schlacht geliefert hatte, der ganze Weg mit Leichen von Samogitiern bedeckt gewesen, von denen eine jede so furchtbar verstümmelt war, als ob die Hand eines Riesen hier gewütet hätte. »Wie hast Du es aber zu stande gebracht, daß Du all dies mitansehen konntest?« fragte er. »Ich sah alles mit an,« antwortete der Landstreicher, »weil ich mich hinter den Schwanz eines der Pferde verborgen hatte, an denen die Tragbahre befestigt war, und ich lief hinter diesen her, bis mich ein Hufschlag an den Bauch traf. Da fiel ich in Ohnmacht, und dadurch geriet ich in die Hände von Euer Gnaden.« »So mag es sich wohl zugetragen haben,« bemerkte Hlawa, »aber hüte Dich, zu lügen, denn es würde Dir sonst übel ergehen.« »Die Spuren jenes Schlages sind noch an mir wahrzunehmen,« erwiderte Sanderus, »wer den Wunsch hegt, kann sich davon überzeugen, indessen ist es besser, meinen Worten zu glauben, als wegen Unglauben verdammt zu sein.« »Wenn schon Du auch zuweilen unwillkürlich die Wahrheit sagst, wirst Du doch durch Heulen und Zähneklappern für Deinen Reliquienhandel büßen müssen,« setzte Hlawa hinzu. Und sie ergingen sich in Spottreden, wie es früher ihre Gewohnheit gewesen, doch ihr Gespräch ward durch Zbyszko unterbrochen. »Du bist durch dies Land gezogen, daher mußt Du es kennen. Was für Burgen befinden sich in der Umgegend, und wo glaubst Du, können sich Zygfryd und Arnold verborgen halten?« »Burgen giebt es nicht in dieser Gegend, alles ringsumher ist Wüstenei, durch welche die erst vor kurzem angelegte Landstraße führt. Dörfer und Ansiedelungen giebt es ebensowenig, denn alles, was früher hier gegründet ward, haben die Deutschen niedergebrannt und zwar aus der alleinigen Ursache, weil die hier ansässigen Leute, welche dem nämlichen Volke entstammen wie das einheimische, sich bei Ausbruch des Krieges gleichfalls gegen die Herrschaft des Ordens auflehnten. Ich glaube, daß Zygfryd und Arnold jetzt im Walde umherwandern, und daß sie entweder dahin zurückkehren, woher sie kamen, oder sich heimlich nach jener Feste begeben wollen, nach der wir vor der unglückseligen Schlacht auszogen.« »So verhält es sich gewiß!« sagte Zbyszko. Und er versank in tiefes Sinnen. An seiner gerunzelten Stirne, an seinem Gesichtsausdruck war leicht zu erkennen, wie angestrengt er nachdachte, aber dies währte nicht lange. Nach einer Weile erhob er das Haupt und sagte: »Hlawa, sorge, daß Pferde und Mannen bereit sind, denn wir brechen sogleich auf.« Der Knappe, welcher nicht die Gewohnheit hatte, nach dem Grund eines Befehles zu fragen, erhob sich und eilte auf die Pferde zu, ohne ein Wort zu sprechen. Macko hingegen blickte mit weitaufgerissenen Augen auf seinen Bruderssohn und fragte voll Verwunderung: »Aber Zbyszko! Wohin willst Du Dich denn wenden? Wie? Was hast Du vor?« Doch Zbyszko antwortete wieder mit einer Frage: »Was denkt Ihr denn? Thue ich denn nicht meine Pflicht?« Der alte Ritter verstummte. Er schaute jetzt nicht mehr verwundert darein, sondern schüttelte nur den Kopf. Schließlich atmete er tief auf und sagte gleichsam zu sich selbst: »Wohlan! Mag es denn so sein. Anders geht es nicht!« Und er begab sich ebenfalls zu den Pferden. Zbyszko indessen wendete sich an Herrn de Lorche, und indem er sich mit Hilfe eines Masuren, welcher der deutschen Sprache mächtig war, verständlich machte, sagte er zu ihm: »Von Dir kann ich nicht verlangen, daß Du mir gegen Leute beistehst, mit denen Du unter derselben Fahne dienst, daher bist Du frei. Gehe, wohin Du willst.« »Ich kann Dir jetzt nicht mit dem Schwerte beistehen, weil es meiner Ritterehre widerstreitet,« entgegnete de Lorche, »aber meiner Freiheit bediene ich mich jetzt auch nicht. Dein Gefangener bleibe ich auf Ehrenwort und auf Deine Aufforderung werde ich mich stellen, sobald Du mich berufst. Und im Notfalle vergiß nicht, daß für mich der Orden jeden Gefangenen auswechseln wird, da ich einem mächtigen Geschlechte entstamme, das zudem dem Orden treu gedient hat.« So sagten sie sich denn Lebewohl, wie es Brauch war, einer die Hände auf des andern Schultern legend und sich auf die Wange küssend, wobei de Lorche hinzufügte: »Ich gehe nach Marienburg oder an den Hof von Masovien, Du weißt also, daß Du mich da oder dort finden kannst. Dein Gesandter mag mir nur zwei Worte sagen: ›Lothringen – Geldern‹.« Und dann erblickte er in dem Halbdunkel auch ihre Augen, die weit aufgerissen, wie erschreckt und geistesabwesend dareinschauten. »Gut,« antwortete Zbyszko, »ich gehe zu Skirwoillo, damit er Dir das Losungswort gebe, das alle Samogitier kennen und ehren.« Er begab sich zu Skirwoillo. Der alte Heerführer gab das Losungswort und widersetzte sich auch dem Aufbruch Zbyszkos nicht, denn er wußte, um was es sich handelte. Er liebte den jungen Kämpen, war ihm dankbar für die letzte Schlacht und hatte zudem kein Recht, einen Ritter zurückzuhalten, der aus fremdem Lande war und sich nur aus eigenem Antriebe zu ihm gesellt hatte. Indem er daher Zbyszko für den bedeutenden, ihm geleisteten Dienst dankte, versorgte er ihn mit Nahrungsmitteln, die ihm in dieser verwüsteten Gegend von Nutzen sein konnten, und nahm mit dem Wunsche von ihm Abschied, ihn noch einmal im Leben bei einem großen, entscheidenden Kampfe mit den Kreuzrittern zu treffen. Zbyszko aber war in Eile, ein inneres Feuer verzehrte ihn. Bei seinem Gefolge angelangt, traf er alles bereit und mitten unter den Mannen auch seinen Oheim schon zu Roß in einem Ringelpanzer, mit dem Helm auf dem Haupte. Sich ihm nähernd fragte er daher: »So wollt Ihr mit mir ziehen?« »Was soll ich machen?« versetzte Macko etwas ingrimmig. Darauf erwiderte Zbyszko nichts, er küßte nur die geharnischte Rechte seines Oheims, dann bestieg er sein Pferd, und sie ritten davon. Unter ihrem Gefolge befand sich auch Sanderus. Zbyszko und sein Oheim kannten den Weg bis zum Schlachtfelde genau, aber von dort an sollte er ihnen als Führer dienen. Sie rechneten auch darauf, im Forste einheimische Bauern zu treffen und dachten, diese Leute, welche ihre Herren, die Kreuzritter, aus tiefster Seele haßten, würden ihnen beistehen, die Spur des alten Komturs und jenes Arnold von Baden zu verfolgen, von dessen übermenschlicher Kraft und Tapferkeit Sanderus so viel erzählt hatte. Neuntes Kapitel. Der Weg zum Schlachtfelde, wo Skirvoillo die Deutschen geschlagen hatte, war für Zbyszko und dessen Gefährten leicht zu finden, weil sie ihn schon kannten. So erreichten sie es denn bald, eilten jedoch, des unerträglichen Geruches wegen, den die Leichen ausströmten, rasch vorüber. Außer einer Unzahl von Wölfen verjagten die Reiter auch Scharen von Krähen, Raben und Dohlen. Dann begannen sie eifrig nach den, auf dem Wege zurückgelassenen Spuren der Flüchtlinge zu suchen. Obgleich kurz zuvor eine ganze Heeresabteilung hier vorbeigezogen war, fand der erfahrene Macko doch ohne Schwierigkeit auf dem zerstampften Boden die Abdrücke von riesenhaften Hufen, die sich nach der entgegengesetzten Richtung hinzogen als die, welche die Heeresabteilung eingeschlagen hatte. So erklärte er denn den jüngeren, in Kriegshändeln weniger erfahrenen Leuten folgendes: »Es ist ein Glück, daß es seit der Schlacht nicht geregnet hat. Seht nur! Arnolds Pferd, das einen Mann von ungewöhnlichem Wuchse trug, muß auch ein gewaltiges gewesen sein, und es ist leicht zu erkennen, daß es beim Galopp während der Flucht sich tiefer mit den Füßen in die Erde eingrub, als wenn es langsam nach jener Seite gelenkt worden wäre, und daß es deshalb auch tiefere Spuren zurückließ. Wer Augen hat, der schaue, wie sich die Hufe in die feuchten Stellen eingedrückt haben. Mit Gottes Hilfe werden wir dieser Hundsbrut auf die Fährte kommen, es sei denn, sie hätte schon irgendwo Schutz hinter sicheren Mauern gefunden.« »Sanderus sagte,« entgegnete Zbyszko, »daß sich keine Burgen hier in der Nähe befinden, und so verhält es sich auch, da die Kreuzritter neuerdings dies Land in Besitz genommen haben, aber nicht im stande gewesen sind, sich darin anzubauen. Wo sollten die Flüchtlinge sich verbergen? Die Bauern, welche hier wohnten, befinden sich jetzt im Lager bei Skirwoillo, denn sie sind desselben Stammes wie die Samogitier ... Die Dörfer wurden, wie Sanderus uns gesagt hat, durch die Deutschen verbrannt, die Weiber und Kinder an entlegene Plätze des Waldes gebracht. Schonen wir unsere Pferde nicht, so werden wir jene Ritter bald eingeholt haben.« »Wir müssen aber die Pferde schonen, denn selbst wenn wir unser Ziel erreichen, hängt dann doch unsere Rettung von ihnen ab,« erwiderte Macko. »Ritter Arnold,« warf Sanderus ein, »ward in der Schlacht durch einen Streitkolben zwischen den Schulterblättern getroffen. Anfangs achtete er nicht darauf, er kämpfte weiter, aber schließlich muß die Wunde seine Kräfte doch über die Maßen erschöpft haben, denn so ist's immer, zuerst spürt man nichts, und zuletzt schmerzt sie doch. Aus diesem Grunde kann er nicht rasch entfliehen, und vielleicht muß er irgendwo Rast machen.« »Und die Dienstleute? Hast Du nicht gesagt, daß sich keine bei Ritter Arnold und dem alten Komtur befinden?« fragte Macko. »Bei ihnen befinden sich zwei Reitersmänner, an deren Sätteln die Tragbahre befestigt ist. Noch eine ganze Schar von Kriegsknechten ist dabei gewesen, doch wurde sie von den Samogitiern eingeholt und vernichtet.« »So hört denn!« sagte Zbyszko. »Unsere Mannen sollen die Reitersmänner, welche die Tragbahre mit sich führen, knebeln, Ihr, Oheim, greift Zygfryd an, und ich gehe auf Arnold los.« »Nun,« erwiderte Macko, »mit Zygfryd kann ich es wohl aufnehmen, denn durch die Gnade unseres Herrn Jesu habe ich noch Kraft in den Knochen. Aber sei Du selbst nicht allzu zuversichtlich, denn jener Ritter muß ein wahrer Riese sein.« »Ei, wir werden ja sehen!« antwortete Zbyszko. »Du bist stark, das leugne ich nicht, aber es giebt noch stärkere als Du. Hast Du all der Unsrigen, hast Du jener Ritter vergessen, die wir in Krakau sahen? Könntest Du gegen Powala aus Taczew aufkommen? Und gegen Herrn Paszko Zlodziej aus Biskupice, oder gar gegen Zawisza Czarny? Wie? Rühme Dich nicht allzu sehr und denke daran, um was es sich handelt.« »Rotgier war auch kein Schwächling,« brummte Zbyszko. »Und wird sich für mich keine Aufgabe finden?« fragte der Böhme. Doch er bekam keine Antwort, da Mackos Gedanken von anderen Dingen in Anspruch genommen waren. »Sofern Gott uns seinen Segen verleiht,« sagte er, »werden wir die masovischen Wälder erreichen. Dort werden wir in Sicherheit sein und alles mit einem Schlag zu Ende bringen.« Gleich darauf seufzte er jedoch wieder, weil er wohl dachte, daß auch dann noch nicht alles zu Ende sein werde, und auch etwas für die unglückliche Jagienka geschehen müsse. »Ach!« sagte er, »wie wunderbar sind Gottes Fügungen. Ich sinne oft darüber nach, warum es so gekommen ist, warum Du Dich nicht in herkömmlicher Weise vermählt hast, wie andere Männer, so daß ich in Ruhe und Frieden bei Euch hätte wohnen können ... Bei allen Edelleuten unserer Heimat Pflegt es so zu sein ... Nur wir allein ziehen unstät von Land zu Land, anstatt in christlicher Weise zu Hause zu wirtschaften.« »Nun, das ist wahr, aber es ist der Wille Gottes!« antwortete Zbyszko. Schweigend ritten sie einige Zeit weiter, dann wendete sich der alte Ritter wieder zu seinem Bruderssohn: »Setzest Du Vertrauen in diesen Landstreicher? Was für ein Mensch ist es?« »Er ist leichtfertig, vielleicht auch ein Taugenichts, aber mir ist er sehr ergeben und Verrat habe ich von ihm nicht zu fürchten.« »Wenn dem so ist, mag er vorausreiten, denn falls er die Ritter auch einholt, werden sie doch nicht erschrecken. Er kann ihnen sagen, er sei aus der Gefangenschaft entflohen, und sie werden ihm leicht Glauben schenken. So wird es am besten sein. Würden sie zuerst uns von weitem erblicken, so hätten sie dadurch die Möglichkeit, sich entweder irgendwo zu verstecken, oder sich zur Verteidigung zu rüsten.« »Bei Nacht wird er nicht allein voranreiten, denn er ist sehr furchtsam,« entgegnete Zbyszko, »aber während des Tages wird es in der That so am besten sein. Ich will ihm sagen, er möge dreimal im Tage Rast machen und auf uns warten; wenn wir ihn aber nicht mehr an einem Futterplatze treffen, soll dies ein Zeichen sein, daß er sich schon bei ihnen befindet. Dann können wir seine Spur leicht verfolgen und die Feinde überfallen.« »Und wird er sie nicht warnen?« »Nein, er ist mir mehr zugethan als jenen. Ich werde ihm auch sagen, daß wir ihn bei dem Ueberfall gleichfalls binden werden, so daß er vor ihrer Rache geschützt ist ... Mag er sich gebärden, als ob er uns ganz und gar nicht kenne ...« »Also denkst Du daran, sie am Leben zu lassen?« »Und was könnte ich sonst thun?« antwortete Zbyszko in etwas trübseligem Tone. »Erwägt doch nur! ... Befänden wir uns in Masovien oder irgendwo in unserer Heimat, dann dürften wir sie zum Kampfe fordern, wie ich Rotgier zum Kampfe gefordert habe, und auf Leben und Tod mit ihnen kämpfen, aber hier, in ihrem eigenen Lande, geht dies nicht an ... Hier handelt es sich um Danusia, hier ist Eile vonnöten. Wir müssen rasch und in aller Stille zu Werk gehen; um kein Ungemach über uns heraufzubeschwören, müssen wir, wie Ihr gesagt habt, so schnell die Pferde laufen können, nach den masovischen Wäldern sprengen. Ueberfallen wir sie unvermutet, so treffen wir sie vielleicht ohne Waffen, ja, sogar ohne Schwerter! Und dann sollten wir sie töten? Mir graut vor solcher Schande! Sind wir nicht beide gegürtete Ritter, und jene auch?« ... »Traun, Du hast recht!« antwortete Macko. »Aber vielleicht kommt es gar nicht zum Kampf.« Zbyszko runzelte die Stirne und auf seinem Gesichte drückte sich die offenbar allen Männern aus Bogdaniec angeborene Energie aus, auch sah er in diesem Augenblick, besonders in der Art wie er vor sich hinschaute, Macko so ähnlich, als ob er dessen leiblicher Sohn gewesen wäre. »Was gäbe ich darum,« sagte er in dumpfem Tone, »wenn ich Zygfryd, diesen Bluthund, vor Jurands Füße legen könnte – Gott gewähre mir dies!« »Er gewähre Dir dies!« wiederholte Macko. Unter solchen Gesprächen hatten sie eine große Strecke zurückgelegt, als die Nacht anbrach, eine schöne, wenn auch nicht mondhelle Nacht. Sie mußten jetzt Rast machen, damit die Pferde ausschnaufen, die Leute sich durch Speise und Schlaf stärken konnten. Bevor sie jedoch der Ruhe pflegten, sagte Zbyszko zu Sanderus, daß er am folgenden Morgen allein vorausreiten müsse, und dieser erklärte sich bereit dazu, indem er mir die Bedingung stellte, daß er zu ihnen zurückkehren dürfe, falls ihm durch wilde Tiere oder durch die einheimischen Leute irgend eine Gefahr drohe. Auch bat er um die Erlaubnis, statt dreimal, viermal Halt machen zu dürfen, denn er ängstige sich sogar auch in gottgesegneten Gegenden, sobald er allein sei, und wie viel mehr noch werde er sich also in der furchtbaren Wildnis ängstigen, worin sie sich gerade befanden. Das Nachtlager ward aufgeschlagen, und nachdem sie sich durch Speise gestärkt hatten, legten sie sich auf Felle an das kleine Feuer nieder, das sechzig Schritte vom Wege angezündet worden war. Die Knechte hielten abwechselnd Wache bei den Pferden, welche sich lange herumwälzten, zuletzt aber, nachdem sie ihr Futter gefressen hatten, einschliefen, wobei immer eines den Kopf auf den Hals des andern legte. Doch kaum graute der Morgen und warf seinen lichten Schein auf die Wipfel der Bäume, als Zbyszko emporsprang, die andern erweckte, und während es Tag ward, machten sie sich auf den Weg. Die Spuren der riesenhaften Hufe von Arnolds Hengst waren wieder ohne Schwierigkeit zu finden, denn eingedrückt in den niedrigen, gewöhnlich sumpfigen Boden, hatten sie sich unversehrt erhalten. Sanderus ritt voraus und entschwand bald ihren Blicken, aber in der Zeit zwischen Sonnenaufgang und Mittag trafen sie ihn schon an einem Futterplatze. Er sagte ihnen, daß er kein lebendes Wesen erblickt, mit Ausnahme eines großen Auerochsen, vor dem er aber nicht die Flucht ergriffen habe, weil das Tier ihm zuerst aus dem Wege gegangen sei. Um die Mittagszeit, beim ersten Imbiß, erzählte er indessen, er habe einen Landmann, einen Zeidler mit einer Leiter gesehen, ihn aber nicht festgehalten, aus Furcht, tiefer im Walde könnten sich noch mehr seinesgleichen befinden. Er habe versucht, ihn über dies und jenes auszuforschen, doch hätten sie sich nicht zu verständigen vermocht. Während sie weiter ritten, fühlte sich Zbyszko mehr und mehr beunruhigt. Wie sollte es werden, wenn ihr Weg sie nun zu höherliegenden Gefilden führte, wo der Boden fest und trocken war, so daß die bisher sichtbaren Spuren verschwanden? Oder wenn sie ihr Ziel lange nicht erreichten und in eine mehr bevölkerte Gegend kämen, wo die Einwohner längst gewöhnt waren, dem Orden Gehorsam zu leisten, ein Ueberfall also und die Entführung Danusias beinahe zu einem Ding der Unmöglichkeit ward? Denn wenn auch Zygfryd und Arnold sich nicht innerhalb der Mauern eines Schlosses oder Kastells, wenn sie sich auch nicht in Sicherheit befanden, war doch vorauszusehen, daß das einheimische Volk deren Partei nehmen würde. Aber zum Glück waren diese Befürchtungen grundlos, denn an der nächsten Haltestelle trafen sie um die bestimmte Zeit Sanderus zwar nicht mehr an, entdeckten jedoch an einem dicht am Wege stehenden Fichtenbaume einen großen Einschnitt in der Form eines Kreuzes, der offenbar kurz zuvor gemacht worden war. Da schaute einer auf den andern, ein tiefer Ernst malte sich in ihren Zügen, und ihre Herzen klopften heftig. Macko und Zbyszko sprangen unverzüglich vom Pferde, um auf dem Boden nach den Spuren zu forschen, und suchten eifrig, aber dies währte nicht lange, da beide bald völlig klar sahen. Offenbar hatte Sanderus hier den Weg verlassen und war in den Waid eingedrungen, indem er den Spuren der großen Hufe nachging, die zwar nicht so tief wie auf der Landstraße, aber doch ziemlich deutlich waren, denn das mächtige Tier hatte bei jedem Schritte die Zweige der Fichtenbäume in den Torfgrund gestampft und schwarze Flecken an diesen Zweigen zurückgelassen. Auch andere Spuren blieben den scharfen Augen Zbyszkos nicht verborgen, daher bestieg er wieder sein Pferd, Macko das seine, und sie begannen nun miteinander und mit dem Böhmen in so leisem Tone zu beraten, wie wenn der Feind dicht daneben gewesen wäre. Der Böhme gab ihnen den Rat, den Weg zu Fuß fortzusetzen, aber dies wollten sie nicht thun, weil sie nicht wußten, wie weit sie noch durch den Wald zu ziehen hatten. Einige der unberittenen Mannen sollten indessen vorausgeschickt werden und, falls sie etwas Besonderes gewahrten, ein Zeichen geben, damit die Reitersmänner sich in Bereitschaft setzen konnten. So ritten sie denn unverweilt weiter durch den Wald. Ein zweiter Einschnitt an einem Fichtenbaume zeigte ihnen, daß sie Sanderus' Spur nicht verloren hatten. Binnen kurzem bemerkten sie auch, daß sie sich auf einem ziemlich begangenen Wege, oder vielmehr Fußpfad befanden. Nun waren sie überzeugt, daß sie auf irgend eine Ansiedelung stoßen und die Flüchtlinge dort finden mußten. Die Sonne neigte sich schon dem Untergange zu und schimmerte golden zwischen den Bäumen hervor. Der Abend versprach schön zu werden. Tiefe Stille herrschte im Walde, denn für Vögel und anderes Getier war die Zeit der Ruhe gekommen. Nur da und dort unter den von der Sonne beleuchteten Zweigen sprangen noch Eichhörnchen umher, die von den Strahlen rot übergossen waren. Zbyszko, Macko, der Böhme, sowie ihre Knechte ritten im Gänsemarsch, einer hinter dem andern her. In dem sicheren Gefühle, daß die Mannen zu Fuß ihnen um eine beträchtliche Strecke voraus waren und sie nötigenfalls warnen würden, besprach sich der alte Ritter mit seinem Bruderssohn, ohne die Stimme allzusehr zu dämpfen. »Laß uns nach der Sonne die Zeit berechnen,« sagte er. »Von dem letzten Futterplatze, bis zu der Stelle, wo das Kreuz eingeschnitten war, haben wir eine große Strecke zurückgelegt. Die Krakauer Uhr muß nun ungefähr die dritte Stunde zeigen ... Sanderus befindet sich wohl längst bei jenen Rittern und hat auch genug Zeit gehabt, ihnen von seinen Abenteuern zu erzählen. Wenn er uns nur nicht verrät.« »Er wird uns nicht verraten,« entgegnete Zbyszko. »Und wenn sie ihm nur glauben,« fügte Macko hinzu, »denn glauben sie ihm nicht, so wird es ihm schlimm ergehen.« »Warum sollten sie ihm nicht glauben? Und was wissen sie von uns? Aber ihn kennen sie gut. Auch kommt es ja häufig vor, daß Kriegsgefangene entfliehen.« »Gerade das ist wichtig, denn wenn er ihnen gesagt hat, er sei aus der Gefangenschaft entflohen, werden sie vielleicht aus Furcht, er könne verfolgt werden, sogleich wieder aufbrechen.« »Dann würde er irgend eine Ausflucht ersinnen, er würde ihnen begreiflich machen, daß eine solche Verfolgung kaum zu erwarten ist.« Eine Weile schwiegen sie, dann dünkte es Macko, sein Bruderssohn flüstere ihm etwas zu, deshalb wandte er sich an ihn und fragte: »Was sagst Du?« Doch Zbyszko hatte den Blick gen Himmel gerichtet, er flüsterte Macko nichts zu, aber er empfahl Gott Danusia und seine kühne Unternehmung. Macko wollte sich bekreuzen und erhob gerade die Hand, als plötzlich einer der vorausgesandten Mannen aus den dichten Haselnußsträuchern hervortrat und zu ihm heranschlich: »Eine Pechsiederei!« sagte er. »Sie sind hier.« »Halt!« rief Zbyszko in gedämpftem Tone, und im nämlichen Augenblick sprang er schon vom Pferde. Macko, der Böhme, sowie die Knechte thaten das Gleiche. Drei von diesen erhielten den Befehl, bei den Pferden zu bleiben, sich mit ihnen bereit zu halten und sorgsam darauf zu achten, daß keiner der türkischen Renner wiehere. Zu den fünf andern sagte Macko: »Wir werden zwei Reitknechte und Sanderus dort treffen. Die müßt ihr sofort knebeln und so einer bewaffnet ist und sich zur Wehr setzen will, dann gebt ihm einen Schlag auf den Kopf.« Und sie gingen vorwärts. Unterwegs flüsterte Zbyszko nochmals seinem Oheim zu: »Ihr stürzt Euch aus den alten Zygfryd, ich mich auf Arnold.« »Sei nur behutsam!« antwortete der alte Kämpe. Und er winkte dem Böhmen mit den Augen, indem er ihm dadurch zu verstehen gab, daß er jeden Augenblick bereit sein müsse, seinem Herrn Hilfe zu leisten. Jener neigte das Haupt, zum Zeichen, daß er dies thun werde. Dabei holte er tief Atem und faßte sein Schwert, um zu sehen, ob es leicht aus der Scheide gehe. Doch Zbyszko gewahrte dies und sagte: »Nein, Dir befehle ich, sogleich zu der Tragbahre zu eilen und während des Kampfes auch nicht einen Fuß breit von ihr zu weichen.« In tiefer Stille schritten sie rasch vorwärts, fortwährend zwischen dichten Haselnußbüschen, aber sie waren noch nicht weit gekommen, zweihundertfünfzig Schritte höchstens, als das Gesträuch plötzlich ein Ende nahm und sie auf einer von Buschwerk umsäumten Lichtung standen, wo sich die rauchgeschwärzten Ueberreste einer Pechsiederei und zwei Hütten, oder Erdwohnungen befanden, in denen zweifellos Pechsieder gewohnt hatten, bis sie durch den Krieg daraus vertrieben worden waren. Die Strahlen der untergehenden Sonne beleuchteten mit hellem Glanze die Wiese, die rußigen Ueberreste und die beiden ziemlich weit voneinander entfernt stehenden Erdwohnungen. Auf einem gefällten Baumstamme vor der einen saßen zwei Ritter, vor der andern ein breitschultriger, rothaariger Mann und Sanderus. Diese beiden waren damit beschäftigt, einige Panzer mit Lappen abzureiben, und zu Sanderus' Füßen lagen auch zwei Schwerter, welche er offenbar später reinigen wollte. »Sieh!« sagte Macko, den Arm Zbyszkos fassend, um ihn noch einen Augenblick zurückzuhalten, »absichtlich hat er ihnen Schwerter und Panzer genommen. Das ist gut! Der mit dem grauen Haupte muß ...« »Vorwärts!« schrie Zbyszko plötzlich, und der Windsbraut gleich stürmten sie aus die Wiese hinaus. Die beiden Ritter sprangen sofort auf, doch bevor sie noch zu Sanderus gelangen konnten, hatte Macko den alten Zygfryd schon an der Brust gepackt, nach rückwärts gebogen und sich auf ihn geworfen. Zbyszko und Arnold fuhren aufeinander wie zwei Habichte, umschlangen sich mit den Armen, und nun begann ein verzweifeltes Ringen. Der breitschultrige Deutsche, welcher zuvor neben Sanderus gesessen hatte, griff zwar sofort nach einem Schwert, doch ehe er im stande war, es zu gebrauchen, schlug ihm Wit, einer der Mannen Mackos, mit der Streitaxt auf das rote Haupt und streckte ihn zu Boden. Dann warfen er und die andern Mannen sich dem Befehle des alten Ritters gemäß auf Sanderus, um ihn zu knebeln. Trotzdem dieser aber wußte, daß es eine verabredete Sache war, brüllte er aus Furcht gleich einem einjährigen Kalbe, dem die Kehle abgeschnitten wird. Und obgleich Zbyszko so stark war, daß der Saft aus einem Baumzweige quoll, wenn er daran drückte, hatte er nun doch die Empfindung, daß ihn nicht die Hände eines Menschen, sondern die Tatzen eines Bären umklammert hielten. Auch fühlte er, daß ohne den Panzer, welchen er trug, weil er sich gesagt hatte, daß sich wohl manch scharfe Lanzenspitze gegen ihn richten werde, der riesenhafte Deutsche ihm vielleicht die Rippen oder das Rückgrat zerbrochen hätte. Zwar hob ihn der junge Ritter ein wenig in die Höhe, aber jener hob ihn noch höher, und all seine Kraft zusammennehmend, versuchte er ihn derart zu Boden zu schmettern, daß er sich nicht mehr zu erheben vermochte. Doch Zbyszko preßte den Deutschen ebenfalls gewaltsam zusammen, bis dessen Augen mit Blut unterlaufen waren, dann schob er seinen Fuß zwischen dessen Beine, stieß ihn an die Kniekehle und streckte ihn hin. Zwar fielen beide gleicherweise zu Boden, Zbyszko nach unten, aber in diesem Augenblick warf Macko, dem nichts entging, den halbtoten Zygfryd seinen Knechten zu, stürzte zu den Liegenden heran und hatte im Nu Arnolds Füße mit seinem Gürtel gebunden. Dann setzte er sich auf ihn, wie auf ein erschlagenes wildes Tier, indem er ihm die Spitze seines »Misericordia« an die Kehle führte. Der Deutsche aber schrie laut auf, und seine Hände fielen kraftlos an den beiden Seiten Zbyszkos nieder, hierauf begann er zu ächzen, nicht nur wegen der Stichwunde, sondern auch weil er plötzlich einen entsetzlichen, unaussprechlichen Schmerz im Rücken verspürte, an dem er durch einen Keulenschlag während der Schlacht mit Skirwoillo verletzt worden war. Da faßte ihn Macko mit beiden Händen und zog ihn von Zbyszko weg. Zbyszko erhob sich vom Boden, nahm eine sitzende Stellung an, dann wollte er aufstehen, konnte aber nicht. Er ließ sich wieder nieder und verharrte eine Weile regungslos. Mit bleichem, schweißbedecktem Antlitz, blutig unterlaufenen Augen, bläulichen Lippen blickte er vor sich hin, wie wenn er nicht völlig bei Bewußtsein gewesen wäre. »Was ist Dir?« fragte Macko besorgt. »Nichts, ich bin nur furchtbar ermattet. Helft mir auf die Füße.« Macko faßte ihn unter den Armen und richtete ihn sofort empor. »Kannst Du aufrecht stehen?« »Ja!« »Bist Du verletzt?« »Nein. Aber der Atem stockt mir in der Brust.« Unterdessen trat der Böhme, welcher offenbar sah, daß es nichts mehr für ihn zu thun gab, zur Hütte heran und packte die Alte sofort am Genicke. Bei diesem Anblick vergaß Zbyszko all seiner Beschwerden, er ermunterte sich sofort, und wie wenn der Kampf mit dem furchtbaren Arnold spurlos an ihm vorübergegangen wäre, lief er eilig der Hütte zu. »Danuska! Danuska!« rief er. Aber keine Stimme antwortete auf diesen Ruf. »Danuska! Danuska!« wiederholte Zbyszko. Dann verstummte er. In der Hütte war es so dunkel, daß er im ersten Augenblick nichts zu unterscheiden vermochte. Doch hinter den Steinen hervor, welche rings um den Feuerherd aufgeschichtet lagen, drangen laute, rasche Atemzüge, wie die eines in die Enge getriebenen jungen Tieres. »Danuska! Bei Gott dem Allmächtigen! Ich bin es! Ich bin Zbyszko!« Und dann erblickte er in dem Halbdunkel auch ihre Augen, die weit aufgerissen, wie erschreckt und geistesabwesend dareinschauten. Da eilte er auf sie zu und nahm sie in seine Arme, sie aber erkannte ihn nicht und sich von ihm losreißend, sagte sie atemlos und im Flüstertone: »Ich fürchte mich! Ich fürchte mich! Ich fürchte mich!« ... – – – – – – Achter Teil. Erstes Kapitel. Nichts half, weder Bitten, noch Klagen, noch Liebkosungen – Danusia erkannte niemand, erlangte ihre Sinne nicht wieder. Nur von einem Gefühle schien ihr ganzes Wesen durchdrungen zu sein, von dem Gefühle entsetzlicher Angst, wie sie der zitternde Vogel empfindet, der in Gefangenschaft gerät. Welche Nahrung ihr auch vorgesetzt ward, in Anwesenheit eines andern rührte sie keinen Bissen an, trotzdem ihr gieriger Blick es nur zu deutlich verriet, daß sie hungerte, ja, daß sie vielleicht schon seit lange Hunger litt. Ließ man sie allein, so warf sie sich gleich einem wilden Tiere auf die Speisen, trat indessen Zbyszko in die Hütte, dann rannte sie in einen Winkel, um sich hinter einem Bündel trockenen Hopfens zu verbergen. Und nichts brachte sie wieder daraus hervor. Wohl hätte sie bei dem Scheine des aufflammenden Feuers ihren Ehegemahl zu erkennen vermögen, allein umsonst öffnete er ihr seine Arme, umsonst streckte er ihr, die Thränen unterdrückend, bittend die Hände entgegen. Mit dem klaren Verstande schien ihr auch jede Erinnerung entschwunden zu sein. Immer wieder schaute Zbyszko auf ihre hageren, starren, angsterfüllten Gesichtszüge, auf ihre eingesunkenen Augen, auf das zerrissene, zerfetzte Gewand, in das sie gekleidet war, und sein Herz krampfte sich vor Wut und Schmerz zusammen bei dem Gedanken, in wessen Hände sie gewesen war, was man ihr angethan haben mochte. Schließlich übermannte ihn einmal dermaßen der Zorn, daß er sein Schwert ergriff, auf Zygfryd losstürzte und diesen erschlagen hätte, wenn nicht Macko ihm entgegengetreten wäre. Gleich Feinden rangen die Zwei miteinander. Der junge Ritter war jedoch durch den vorhergegangenen Kampf mit dem riesenhaften Arnold in solcher Weise geschwächt, daß der alte Ritter ihn bezwang. Wie zwischen eisernen Klammern preßte er Zbyszkos Hände in den seinen zusammen, während er rief: »Was soll das sein, bist Du toll geworden?« »Gebt mich frei!« antwortete Zbyszko zähneknirschend, »oder der Lebensfunken in mir wird erlöschen.« »Was auch geschehen mag, ich gebe Dich nicht frei! Weit besser ist es, Du zerschmetterst Dir Deinen Schädel an einem Baumstamm, als daß Du Dir und Deinem Geschlechte Unehre machst.« Und mit neuer Kraft Zbyszkos Hände umklammernd, fügte er drohend hinzu: »Suche Dich zu beherrschen! Die Rache wird Dir nicht entgehen, doch bedenke, daß Du ein gegürteter Ritter bist. Was willst Du beginnen? Einen gefesselten Gefangenen willst Du erschlagen? Kannst Du damit Danusia helfen, und was gewinnst Du dabei? Nichts, nur Schimpf und Schande. Wohl wirst Du mir einwenden, Könige und Fürsten hätten mehr als einmal Gefangene ermordet. Freilich ist dies der Fall, doch traun, nie und nimmer ist es in unsern Landen geschehen. Und zudem, was die Welt jenen vergeben hat, das wird sie Dir nicht vergeben. Jene sind die Besitzer von Königreichen, Städten und Burgen, was aber besitzest Du? Nichts wie Deine Ehre als Ritter. Wenn auch jenen alles vergeben worden ist, Dir speit man in das Gesicht. Bezwinge Dich! Bei Gott!« Diesen Worten folgte ein minutenlanges Schweigen. »Gebt mich frei!« wiederholte dann Zbyszko finster. »Ich werde ihn nicht erschlagen.« »Komm mit zum Feuer, dort wollen wir uns beraten.« Macko geleitete seinen Bruderssohn zu einem Feuer, welches von den Kriegsleuten in der Nähe von den Teerhaufen angezündet worden war. Nachdem sich jene beiden dort niedergelassen hatten, bedachte sich der Ohm eine Weile und hub dann also an: »Vergiß auch nicht, daß Du Jurand versprochen hast, ihm diesen alten Hund auszuliefern. Jurand wird sich an ihm für all das rächen, was Danusia erlitten hat. Fürchte nichts, Jurand wird ihm alles heimzahlen! Ihm gehört der Gefangene an! Und zudem, was Dir nicht erlaubt ist, das steht Jurand frei. Er hat Zygfryd nicht zum Gefangenen gemacht, aus Deiner Hand wird er ihn empfangen. Ohne sich mit Unehre zu bedecken, darf er ihm bei lebendigem Leibe sogar die Haut abziehen – verstehst Du mich nun?« »Ich verstehe Euch!« entgegnete Zbyszko. »Ihr redet vernünftig.« »Augenscheinlich kehrt Dir Dein Verstand zurück. Sollte Dich aber der Teufel ein zweites Mal in Versuchung führen, dann denke an das, was ich Dir jetzt sage. Du hast gelobt, mit Lichtenstein und mit andern Rittern zu kämpfen. Erschlägst Du jedoch einen schutzlosen Gefangenen und die That wird durch die Kriegsleute ruchbar, dann wird sich Dir kein Ritter mehr stellen. Und mit vollem Rechte thut er dies nicht. Gott beschütze Dich davor. An Unglück gebricht es uns wahrlich nicht, laß nicht auch noch Schande über uns kommen. Am besten ist's, wir beraten jetzt, was uns zu thun gebührt, wie wir uns zu verhalten haben.« »Sprecht Euch aus!« warf Zbyszko ein. »Mein Rat ist folgender: Wohl müßte jene Natter, welche Danusias wartet, vom Erdboden vertilgt werden. Allein es ist eines Ritters nicht würdig, sich mit dem Blute eines Weibes zu beflecken, deshalb wollen wir das schändliche Weib dem Fürsten Janusz ausliefern. Unter den Augen des Fürstenpaares hat sie auf dem Jagdhofe ihre listigen Ränke gesponnen. In Masovien möge sie daher gerichtet werden, und wird sie nicht aufs Rad geflochten, dann sündigen die Ritter gegen Gottes Gerechtigkeit. Bis wir indessen ein anderes Weib zur Wartung Danusias gefunden haben, ist uns diese Schlange vonnöten. Späterhin mag man sie an den Schwanz eines Rosses binden. Uns liegt es aber nun vor allem ob, aufs schnellste in die masovischen Wälder zurückzukehren.« »Doch nicht in diesem Augenblicke, doch nicht zur Nachtzeit. Vielleicht wird Danusias Geist morgen klarer sein. Gott gebe dies! Aber auch die Pferde müssen rasten. Mit Tagesanbruch brechen wir auf.« Eine weitere Unterredung wurde durch Arnold von Baden unterbrochen, der, auf sein eigenes Schwert wie auf einen Pfahl gebunden, in einiger Entfernung auf dem Rücken lag und irgend etwas in seiner Muttersprache gerufen hatte. Der alte Macko erhob sich sofort und trat auf den Gefangenen zu, da er indessen unfähig war, dessen Worte zu verstehen, schaute er suchend nach Hlawa umher. Aber der Böhme konnte nicht sofort kommen, war er doch mit etwas anderem beschäftigt. Währenddem sich die beiden Ritter am Feuer unterredeten, hatte er sich dem Weibe genähert und es mit kräftiger Hand am Genick gepackt. »Höre, Du Hündin!« sagte er zu ihr, indem er sie wie einen Baum hin und her schüttelte, »Du begiebst Dich sofort in die Hütte und bereitest Deiner Herrin ein Lager aus Fellen. Vor allem aber kleidest Du sie wieder in ihre Gewänder und legst selbst die Lumpen an, welche Ihr der Beklagenswerten aufgezwungen habt. Verflucht seien Eure Mütter!« Von einer steigenden Erregung fortgerissen, schüttelte er die Frau nun mit solcher Gewalt, daß deren Augen aus den Höhlen traten. Fast hätte er ihr das Genick gebrochen, doch er bezwang sich noch rechtzeitig. Für Danusia war sie jetzt noch nötig, deshalb ließ er sie frei, indem er erklärte: »Zur geeigneten Zeit werden wir den rechten Ast für Dich finden.« Voll Schrecken umfaßte sie seine Knie, als er sie aber von sich stieß, rannte sie in die Hütte und warf sich Danusia zu Füßen. »Schütze mich, verlaß mich nicht!« schrie sie auf. Doch Danusia schloß langsam die Augen, während sich ihren Lippen wieder die kaum hörbaren, klagenden Worte entrangen: »Ich fürchte mich, ich fürchte mich, ich fürchte mich!« Und wie stets, wenn sich ihr die Ordensdienerin näherte, überfiel sie auch jetzt eine Art von Erstarrung. Willenlos ließ sie sich aus- und ankleiden. Gleich einer Wachsfigur ward sie von der Dienerin auf das Lager gebettet, welche, nicht wagend, die Hütte zu verlassen, am Feuer Platz nahm. Doch schon nach kurzer Zeit trat Hlawa ein, wandte sich zu Danusia und sagte: »Ihr seid unter Freunden, o Herrin! Deshalb schlaft ruhig im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes!« Das Zeichen des Kreuzes machend, wandte er sich hierauf, ohne die Stimme zu erheben, damit er Danusia nicht erschrecke, zu dem Weibe. »In Fesseln geschlagen sollst Du auf der Schwelle der Hütte liegen,« erklärte er. »Rühre Dich aber nicht, versuche nicht, Deine Herrin zu erschrecken, sonst breche ich Dir das Genick. Auf mit Dir, hinaus!« Nach diesen Worten trieb er das Weib über die Schwelle und knebelte sie, dann erst begab er sich zu Zbyszko. »Ich erteilte den Befehl, die Herrin mit den Gewändern zu bekleiden, welche jene Schlange sich angeeignet hat,« begann er. »Auch ein Lager ließ ich bereiten, auf dem die Herrin nun ruhig schläft. Ihr thut besser daran, fern zu bleiben, o Herr, damit die Schlafende nicht gestört wird, die Gott nach wohlthätiger Ruhe zu völligem Bewußtsein erwachen lassen möge. Doch denkt nun auch an Euch selbst, o Herr; erquickt Euch mit Speise und Trank und legt Euch dann nieder.« »Ich lege mich auf die Schwelle der Hütte,« entgegnete Zbyszko. »Dann bringe ich das verfluchte Weib in die Nähe des Leichnams mit den roten zottigen Haaren. Doch Ihr müßt Euch stärken, o Herr, denn Ihr habt eine lange Fahrt, eine schwere Aufgabe vor Euch.« Unverweilt eilte er davon, um gleich darauf wieder mit kleinen Säckchen voll geräuchertem Fleisch und gedörrten Rüben zurückzukehren, die man aus dem Lager der Samogitier mit auf die Fahrt genommen hatte. Kaum kam indessen Hlawa damit zu stande, die Vorräte vor Zbyszko auszubreiten, weil ihn Macko unverzüglich zu Arnold schickte. »Suche sorgsam auszufinden, was dieser Riese will,« gebot der alte Ritter dem Böhmen, »denn obgleich ich etliche deutsche Worte kenne, vermag ich doch nicht zu verstehen, was er sagt.« »Ich werde ihn hierher an das Feuer bringen, o Herr, dann könnt Ihr durch mich mit ihm reden,« ließ sich nun Hlawa vernehmen. Und seinen Gurt abnehmend, zog er diesen zwischen den Armen Arnolds hindurch und lud sich daran den Gefesselten auf den Rücken. Wohl schwankte er unter dem Gewichte des gewaltigen Ritters, doch da auch er außergewöhnliche Kraft besaß, trug er seine Last bis an das Feuer, wo er Arnold gleich einem Sack Erbsen neben Zbyszko abwarf. »Löst mir die Bande!« rief nun der Kreuzritter. »Das will ich thun,« antwortete Macko durch Vermittlung des Böhmen. »Allein zuerst mußt Du bei Deiner ritterlichen Ehre schwören, Dich als Gefangenen zu betrachten. Doch selbst wenn Du Dich dessen weigerst, sollst Du von dem Schwerte losgebunden, sollen die Bande von Deinen Armen genommen werden, damit Du bei uns zu sitzen vermagst. Die Fesseln an Deinen Füßen lasse ich jedoch nicht lösen, bevor wir zu Ende gesprochen haben.« Nach diesen Worten gab Macko dem Böhmen ein Zeichen, auf das hin der Knappe sofort den Körper und die Arme des Deutschen von den Stricken befreite und ihm dann half, sich aufzurichten. Voll Hoffart blickte nun Arnold auf Macko und Zbyszko, indem er fragte: »Was seid Ihr für Leute?« »Das wagst Du zu fragen? Was kümmert das Dich? Suche es selbst zu ergründen.« »Viel ist mir daran gelegen, denn nur Rittern kann ich einen Eid auf meine ritterliche Ehre ablegen.« »So schau her!« rief jetzt Macko, indem er den Mantel zurückschlug und auf seinen Rittergürtel wies. Aufs höchste überrascht, versank der Kreuzritter in Schweigen und hub erst nach einigen Minuten wieder an: »Was soll das heißen? Und doch geht Ihr in den Wäldern auf Raub aus, und doch steht Ihr den Heiden gegen Christen bei!« »Du lügst!« schrie Macko auf. In den hochmütigsten, feindseligsten Ausdrücken spann sich das Gespräch weiter, ja, oftmals drohte es in Streit auszuarten. Als jedoch Macko leidenschaftlich beteuerte, der Orden selbst trage die Schuld, daß nicht ganz Litauen sich zum Christentum bekehrt habe, als er zahllose Beweise dafür vorbrachte, da verstummte Arnold abermals vor Staunen, denn die Wahrheit trat sonnenklar zu Tage, nichts ließ sich dagegen einwenden. Ganz besonders betroffen ward der Deutsche durch die Worte Mackos, welcher, das Zeichen des Kreuzes machend, ausrief: »Wer weiß, wem Ihr thatsächlich dient, wenn auch nicht alle, so doch etliche von Euch!« – hegte man doch sogar im Orden selbst den Verdacht, daß gewisse Komture mit dem Satan im Bunde seien. Keine Klage ward zwar gegen diese anhängig gemacht, wäre doch dadurch die Schande auf alle Kreuzritter gefallen, allein Arnold wußte genau, was sich die Brüder zuflüsterten, welches Gerede unter ihnen ging. Der schlicht denkende Deutsche beunruhigte sich mehr und mehr, denn schließlich ließ sich auch Macko rückhaltlos über das seltsame Gebaren Zygfryds aus, von dem ihm durch Sanderus berichtet worden war. »Und jener Zygfryd, mit welchem Du in den Krieg gezogen bist,« fragte der alte Kämpe, »ist er vielleicht ein Diener Gottes, dient er vielleicht unserm Herrn Jesus? Hast Du nie gehört, wie er mit bösen Geistern spricht, wie er mit ihnen flüstert und zähnefletschend mit ihnen lacht?« »Das ist wahr!« murmelte Arnold. Da mit einem Male rief Zbyszko, in dessen Herz Zorn und Kummer wieder die Oberhand gewannen, in heftigem Tone: »Und Du sprichst von ritterlicher Ehre! Schande über Dich, der Du einem Henker, einem Sohn der Hölle Hilfe geleistet hast! Schande über Dich, der Du ruhig mit ansahst, wie man ein schutzloses Weib, die Tochter eines Ritters, gefoltert hat! Schande über Dich, der Du die Bejammernswerte vielleicht selbst gemartert hast! Schmach und Schande über Dich!« Starr vor Staunen machte Arnold das Zeichen des Kreuzes und sagte: »Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes! Was soll dies heißen? Sprecht Ihr von jener Besessenen, in deren Kopf siebenundzwanzig Teufel nisten? Ich –« »Wehe! Wehe!« schrie jetzt Zbyszko mit heiserer Stimme auf, indem er abermals nach dem »Misericordia« griff und drohende Blicke auf Zygfryd warf, der ganz in der Nähe im Dunkeln lag. Mit eiserner Hand packte Macko seinen Bruderssohn, um diesen wieder zur Besinnung zu bringen. Dann wandte er sich zu Arnold mit den Worten: »Jenes junge Weib – es ist die Tochter Jurands, es ist das Ehegemahl dieses jungen Ritters. Jetzt wirst Du begreifen, weshalb wir Euch überfielen, weshalb Ihr unsere Gefangenen seid.« »Allbarmherziger Gott! Wie ist dies möglich? Der Geist jenes Weibes ist ja gestört.« »Weil sie die Kreuzritter raubten, wie man ein unschuldiges Lamm raubt, weil sie durch fortgesetzte Pein und Marter zu dem gemacht ward, was sie jetzt ist.« Als Zbyszko die Worte »unschuldiges Lamm« vernahm, preßte er von Schmerz überwältigt beide Fäuste au die Lippen, während ihm große Thränen unaufhaltsam über die Wangen rollten. In tiefes Sinnen versunken, saß Arnold am Feuer, der Böhme aber schilderte ihm in kurzen Worten die Verräterei Danvelds, die Entführung Danusias, die von Jurand erlittenen Folterqualen, den Kampf mit Rotgier. Als er geendigt hatte, herrschte langes Schweigen. Nichts war zu hören als ein zeitweises Rauschen im Walde und das Knistern der Funken im Feuer. Schließlich jedoch fuhr Arnold aus seinem Sinnen empor. »Ich schwöre, nicht nur auf meine ritterliche Ehre, sondern auch auf das Kreuz Christi, daß ich die Entführte kaum gesehen habe, daß ich nicht wußte, wer sie ist, und daß ich niemals die Hand dazu geliehen habe, wenn ihr ein Leid angethan ward.« »Schwöre, freiwillig mit uns zu ziehen, ohne einen Fluchtversuch zu unternehmen, dann will ich Dich von Deinen letzten Banden lösen lassen,« erklärte nun Macko. »Es sei, wie Du sagst; ich schwöre! Wohin willst Du mich bringen?« »Nach Masovien, zu Jurand aus Spychow.« So sprechend, schnitt Macko selbst die Stricke, mit denen Arnolds Füße gebunden waren, entzwei und deutete auf das Fleisch, auf die Rüben. Bald darauf erhob sich Zbyszko, um sich auf die Schwelle der Hütte niederzulegen. Die Ordensdienerin befand sich nicht mehr daselbst, war sie doch von dem Gefolge mit zu dessen Platz bei den Pferden geschleppt worden. Ein von Hlawa ausgebreitetes Fell diente dem jungen Ritter zum Lager, der indessen sehnsüchtig und ohne Schlaf zu finden, auf den anbrechenden Tag harrte, hoffte er doch, daß die Ruhe eine wohlthätige Wirkung auf Danusia ausüben werde. Der Böhme kehrte unverweilt zu dem Feuer zurück, denn ihm lastete etwas auf der Seele, worüber er mit dem alten Ritter aus Bogdaniec sprechen wollte. Nachdenklich saß dieser noch immer auf der gleichen Stelle, ohne den schnarchenden Arnold zu beachten, welcher, durch tüchtige Nahrung gestärkt, nun so fest wie ein Stein schlief. »So seid Ihr noch immer wach, o Herr!« hub Hlawa an. »Der Schlaf flieht mich,« antwortete Macko. »Gott schenke uns morgen einen glücklichen Tag. Der große Bär steht am Himmel,« fuhr er fort, zu den Sternen aufschauend, »und ich sinne und sinne, wie sich alles wenden wird.« »Auch ich kann kein Auge schließen, denn die Herrin aus Zgorzelic kommt mir nicht aus den Gedanken.« »Hei, wahrlich, ein weiteres Ungemach. Doch, sie ist ja jetzt in Spychow.« »Gewiß ist sie in Spychow. Wir haben sie aus Zgorzelic hinweggeführt, ohne zu wissen, weshalb.« »Sie selbst bestand darauf, mit uns zu ziehen,« lautete die ungeduldige Antwort Mackos, der nur ungern über Jagienka sprach, weil er sich ihr gegenüber schuldbewußt fühlte. »Und wenn dem auch so ist, was soll jetzt geschehen?« »Hei, was geschehen soll? Ich bringe sie in ihre Heimat zurück, und dann möge Gottes Wille geschehen! ... Ja, Gottes Wille geschehe!« fügte er nach kurzer Pause hinzu. »Gott der Herr gebe, daß Danusia ihre Gesundheit wieder erlange, und daß wir uns, wie andre Leute auch, endlich klar darüber werden, was uns zu thun obliegt. Doch jetzt weiß dies der Teufel allein. Wie, wenn Danusia ihre Sinne nicht wieder erlangt – und wenn sie auch nicht stirbt? – Möge es der Herr Jesus zu dem einen oder zu dem andern wenden.« Doch der Knappe dachte in diesem Augenblick nur an Jagienka. »Seht Ihr, allergnädigster Herr,« warf er abermals ein, »als ich Spychow verließ, als ich Abschied von meiner Herrin nahm, da sprach diese also: ›Im Falle sich irgend etwas ereignen sollte, eilst Du rascher als Zbyszko, rascher als Macko hierher, denn (so sagte sie) irgend jemand müssen jene doch mit der Kunde senden, weshalb sollten sie daher Dich nicht damit betrauen? Du aber wirst mich dann nach Zgorzelic geleiten‹.« »Hei! Das ist richtig!« entgegnete Macko. »Unerträglich wäre es für Jagienka, in Spychow zu bleiben, wenn Danusia dort eintrifft. Besser, weit besser ist's für sie, wenn sie sofort nach Zgorzelic zurückkehrt. Tief schmerzt mich das Schicksal der Waise, schweres Leid trage ich um sie, läßt es sich aber gegen den Willen Gottes ankämpfen? Was ist zu thun? Doch höre ... Du sagst, sie habe Dir befohlen, ohne auf uns zu warten, so rasch wie möglich mit der Kunde zu ihr zurück zu eilen und sie nach Zgorzelic zu geleiten?« »Getreulich habe ich Euch berichtet, was sie mir zu thun befahl.« »Wohlan, mache Dich vor uns auf den Weg. Dem alten Jurand muß auch die Nachricht behutsam beigebracht werden, daß seine Tochter gefunden worden ist – eine plötzliche Freude könnte ihn töten. So wahr ich Gott liebe, das muß geschehen! Begieb Dich nach Spychow, verkünde, daß wir Danusia zurückbringen und bald mit ihr eintreffen werden. Dann aber geleite Jagienka in ihre Heimat.« Der alte Ritter seufzte tief auf. Ihm war es wehe ums Herz, doch nicht nur Jagienkas wegen, sondern auch seiner gescheiterten Pläne wegen. Allein schon nach wenigen Minuten begann er aufs neue: »Du bist ein kluger, thatkräftiger Bursche, das weiß ich, doch wirst Du im stande sein, die Waise gegen Ueberfälle, gegen Beschimpfung zu schützen? Gar leicht kann ihr auf der Fahrt allerlei zustoßen.« »Meinen Kopf setze ich dafür zum Pfande, daß ich dazu im stande bin. Wenn etliche tüchtige Kriegsleute mit mir ziehen –und der Gebieter von Spychow wird mir sicherlich eine Anzahl zur Verfügung stellen – kann ich meine Herrin, wenn nötig, ungefährdet bis ans Ende der Welt geleiten.« »Potz Wetter, überhebe Dich nicht in Deinem Selbstvertrauen. Vergiß auch nicht, daß Du allerorts, vornehmlich aber in Zgorzelic, ein wachsames Auge auf Wilk aus Brzozowa und auf Cztan aus Rogow haben mußt. Traun, darüber zu reden, ist ja jetzt nicht mehr von nöten. Früher mußten wir das Mägdlein bewachen, solange man noch an etwas anderes denken konnte. Jetzt aber ist keine Hoffnung vorhanden, daß jemals etwas daraus werden wird.« »Trotzdem will ich die Herrin auch vor jenen beiden Rittern bewachen, denn das beklagenswerte Eheweib des Herrn Zbyszko atmet ja kaum noch. Das arme Wesen ist dem Tode nahe.« »So wahr ich Gott liebe, das hat seine Richtigkeit. Das unglückliche Geschöpf hat kaum noch Leben in sich – just wie eine Tote sieht es aus.« »Gottes Wille geschehe! Jetzt aber müssen wir vor allem an die Herrin von Zgorzelic denken.« »Ich hätte die Verpflichtung,« warf jetzt Macko ein, »die Waise in ihre Heimat zu geleiten. Allein ich weiß mir keinen Rat. Zbyszko darf ich aus mannigfachen Gründen nicht verlassen. Du selbst hast es mitangesehen, wie er zähneknirschend auf den alten Komtur losstürzen und ihn gleich einem wilden Eber erschlagen wollte. Und wenn es so weit kommt, wie Du behauptest, wenn Danusia auf der Fahrt ihren Atem aushaucht, dann freilich kann auch ich meinen Bruderssohn nicht von einer Gewaltthat abhalten. Sicherlich wird er sich aber nicht im Zaume halten können, so ich jetzt von ihm gehe, und Schimpf und Schande wird er auf sich, auf unser ganzes Geschlecht für immer laden, was Gott verhüten möge, Amen!« »Traun, gegen dies alles giebt es ein einfaches Mittel,« antwortete der Böhme. »Liefert mir den grausamen Henkersknecht aus, aus meinen Händen wird er nicht entkommen, vor Herrn Jurands Füße will ich ihn in Spychow werfen.« »Gott schenke Dir Gesundheit! Hei, Du hast Verstand!« rief Macko hocherfreut. »Eine ganz einfache Sache! Eine ganz einfache Sache. Nimm Zygfryd mit Dir, und wenn Du ihn lebend nach Spychow bringst, verfahre mit ihm, wie es Dir gut dünkt.« »Ueberlaßt mir auch jene Hündin aus Szczytno! Wenn sie sich unterwegs nicht widerspenstig erweist, nehme ich sie auch mit nach Spychow, zeigt sie sich indessen widerspenstig, dann an irgend einen Ast mit ihr.« »Voraussichtlich wird Danusia ihre entsetzliche Angst verlieren und rascher wieder zu sich selbst kommen, wenn jene beiden ihr nicht mehr nahe sind. Doch wenn Du die Dienerin hinwegführst, was sollen wir ohne die Hilfe eines Weibes beginnen?« »Ihr werdet doch sicherlich auf Euerem Wege durch die Wälder auf Leute stoßen, oder Flüchtlinge mit ihren Weibern antreffen. Selbst wenn Ihr der ersten besten dieser Frauen die Pflege anvertraut, wird sie sich besser dazu eignen, als diese Schlange. Mittlerweile genügt es, wenn der junge Ritter für die Kranke sorgt.« »Heute sprichst Du noch verständiger als sonst. Auch das ist wahr. Danusia wird weit eher wieder ihre Sinne erlangen, wenn Zbyszko beständig um sie ist. Ein Vater, eine Mutter kann er für sie sein. Wir sind einig. Wann brichst Du auf?« »Vor Tagesanbruch. Jetzt aber will ich mich zur Ruhe legen. Mitternacht wird es wohl noch nicht sein.« »Der große Bär steht, wie ich sagte, schon am Himmel, allein das Dreieck ist noch nicht sichtbar.« »Gott sei gepriesen, daß endlich ein Entschluß gefaßt ist, denn gar peinlich ist mir die Lage gewesen.« So sprechend, legte sich Hlawa an das erlöschende Feuer, bedeckte sich mit einem zottigen Felle und schlief gleich darauf fest ein. Tiefe Dunkelheit herrschte noch, als er wieder erwachte, unter dem Felle hervorkroch, nach den Sternen blickte, sich tüchtig streckte und schließlich Macko weckte. »Es ist Zeit für mich zum Aufbruch,« sagte er. »Wohin denn, wohin denn?« fragte der alte Ritter noch halb im Schlafe, indem er die Augen mit den Fäusten rieb. »Nach Spychow.« »Bei meiner Treu, es ist ja wahr! Wer schnarcht denn so laut neben uns? Ein Toter könnte ja davon erwachen.« »Der Ritter Arnold. Ich will nur einige Zweige auf die glimmenden Kohlen werfen und mich dann zu den Mannen begeben.« Kaum hatte Hlawa sich indessen entfernt, so kehrte er raschen Schrittes wieder zurück, indem er schon von weitem so leise wie möglich rief: »Ich bringe Euch schlimme Kunde, o Herr – schlimme Kunde!« »Was ist geschehen?« fragte Macko aufspringend. »Die Ordensdienerin ist entflohen. Die zu dem Gefolge gehörenden Leute haben sie mit sich auf ihren Platz bei den Pferden genommen – ein Blitzstrahl treffe sie dafür – und als sie alle in festem Schlaf lagen, ist jene gleich einer Schlange zwischen ihnen hindurchgekrochen und entflohen. Kommt mit mir, o Herr!« In großer Unruhe eilte Macko mit dem Böhmen zu den Pferden, bei denen sie jedoch nur einen von dem Gefolge antrafen, da die andern die Entflohene suchten – ein thörichtes Unternehmen, im Dickicht, bei finsterer Nacht. Gar bald kamen auch die Leute, gebeugten Hauptes, zurück. Macko verlor keine Worte, sondern schlug mit den Fäusten auf sie ein, dann kehrte er zu dem Feuer zurück, da ihm nichts anderes zu thun übrig blieb. Schon nach wenigen Minuten kam Zbyszko von seinem Wächterposten vor der Hütte daher. Er hatte nicht schlafen können und wollte hören, was der Lärm zu bedeuten habe. Macko erzählte ihm kurz von seiner Abmachung mit dem Böhmen und von der Flucht der Dienerin. »Das ist kein allzugroßes Unglück,« bemerkte der junge Ritter. »Entweder kommt sie in den Wäldern vor Hunger um, oder sie wird von dem ersten besten Bauern erschlagen, mit dem sie zusammentrifft, wenn sie nicht schon zuvor die Beute von Wölfen geworden ist. Nur eines beklage ich: daß sie ihrer gerechten Strafe in Spychow entgeht.« Wenn nun auch Zbyszko bedauerte, daß das schreckliche Weib nicht die ihr gebührende Strafe erhielt, nahm er doch alles andere mit der größten Ruhe auf. Nichts lag ihm ferner, als sich dem Plane des Böhmen in betreff Zygfryds zu widersetzen, denn nur das, was mit Danusia in Zusammenhang stand, war für ihn von Bedeutung. So begann er auch jetzt sofort wieder: »Morgen werde ich sie vor mich auf mein Roß nehmen und in solcher Weise mit ihr die Fahrt zurücklegen.« »Wie steht es mit ihr, schlummert sie?« fragte Macko. »Zuweilen wimmert sie ein wenig, allein ich vermag nicht zu sagen, ob sie dies wachend oder schlafend thut. Längst hätte ich mich ihr genähert, wenn ich nicht fürchtete, daß sie erschrecken könnte.« In diesem Augenblick trat Hlawa zu den Sprechenden und sagte zu Zbyszko gewendet: »Ihr seid schon wieder auf den Beinen, o Herr! Traun, nun ist's hohe Zeit für mich! Die Pferde stehen bereit und der alte Teufel ist schon an den Sattel gebunden. Bald wird es tagen, denn gar kurze Nächte haben wir jetzt. Gott sei mit Euch, o Herr!« »Gehe mit Gott und bleibe gesund!« Der Böhme nahm aber nun Macko bei Seite und sprach: »Ich möchte noch eine ernste Bitte an Euch stellen. Wenn sich irgend etwas Besonderes ereignen sollte – Ihr versteht mich, o Herr – irgend ein Unglücksfall oder wie wir dies nun nennen wollen, dann sendet sofort einen Boten nach Spychow. Sollten wir uns aber nicht mehr daselbst befinden, möge er in größter Eile uns einzuholen suchen.« »Gut, gut,« entgegnete Macko. »Merke aber auch jetzt auf das, was ich Dir sage. Geleite Jagienka nach Plock. Dort begiebst Du Dich zu dem Bischof, teilst ihm mit, wer die Maid ist, daß sie von dem Abte getauft ward, dessen letzten Willen zu ihren Gunsten er, der Bischof, in Händen habe, und bittest ihn, ihr seinen Schutz angedeihen zu lassen, wie das ja in dem Testamente ausdrücklich gewünscht werde.« »So uns aber der Bischof befiehlt, in Plock zu bleiben?« »Gehorche ihm in allen Dingen, folge unbedingt seinem Rate.« »Ich thue, wie Ihr befehlt, o Herr! Mit Gott!« »Mit Gott!« Zweites Kapitel. Ein kaum merkliches Lächeln umspielte Ritter Arnolds Lippen, als er am nächsten Morgen von der Flucht der Ordensdienerin hörte, allein er sagte das Gleiche wie Zbyszko, daß das Weib entweder von Wölfen überfallen oder von Litauern getötet werde. Dies war auch sehr wahrscheinlich, denn die Bewohner der litauischen Ansiedelungen haßten den Orden und alle, die mit ihm in Verbindung standen. Die Bauern waren teils zu Skirwoillo geflohen, teils hatten sie sich zusammengerottet, hatten da und dort Deutsche erschlagen und sich dann selbst mit ihren Weibern, Kindern und dem Vieh in die undurchdringlichen Wälder gerettet. Alle Nachforschungen, die seit Tagesanbruch nach der Dienerin angestellt wurden, blieben erfolglos, wenn auch vielleicht aus dem Grunde, weil Macko und Zbyszko viel zu sehr von andern Dingen in Anspruch genommen waren, um ihre Befehle mit der nötigen Strenge zu erteilen. Ihnen lag hauptsächlich daran, rasch Masovien zu erreichen, ja, sie hätten sich sogar vor Sonnenaufgang auf den Weg gemacht, wenn Danusia nicht mit Tagesanbruch in tiefen Schlummer gefallen wäre, aus dem Zbyszko sie nicht wecken wollte. Er hatte sie in der Nacht beständig wimmern hören und daraus geschlossen, daß sie nicht schlafe, jetzt aber hoffte er, der Schlummer werde eine wohlthätige Wirkung auf sie ausüben. Zweimal trat er leise in die Hütte und jedesmal bemerkte er bei dem durch die Luken dringenden Sonnenschein, daß Danusia mit geschlossenen Augen, offenem Munde und den geröteten Wangen eines fest schlafenden Kindes dalag. Eine tiefe Rührung überkam ihn. »Gott gebe Dir Ruhe und Gesundheit, Du Holdeste aller Blumen!« flüsterte er ihr unwillkürlich zu, als er das zweite Mal neben seines Weibes Lager stand, »Deine Leiden sind vorbei, Deine Thränen werden versiegen, und der allbarmherzige Herr Jesus wird Dir ein Leben verleihen, das so ruhig dahinfließt, wie die sanften Wellen eines Stromes.« Und kraft seines schlichten, edlen, Gott zugewandten Gemütes fragte sich der junge Ritter: »Wie kann ich meinen Dank erweisen, wie kann ich alles vergelten, was soll ich irgend einer Kirche weihen von meinem Hab und Gut, von meinem Korn, meinem Vieh, von dem Wachse oder von andern ähnlichen, gottgefälligen Dingen?« Gar gern würde er sofort genannt haben, was er opfern wolle, allein dann kam ihm doch auch wieder der Gedanke, er müsse zuerst das Erwachen Danusias abwarten. »Weiß ich denn,« so fragte er sich, »wie es mit ihrer Gesundheit steht, ob sie bei ihrem Erwachen bei klarem Verstande ist, weiß ich denn, ob ich für etwas zu danken haben werde?« Obgleich Macko der Sicherheit wegen die Lande des Fürsten Janusz so rasch wie möglich erreichen wollte, stimmte er doch auch damit überein, Danusia dürfe nicht aus dem Schlafe erweckt werden, der ihr vielleicht Heilung bringen konnte. Trotzdem sich daher die Mannen bereit halten mußten, trotzdem die Saumrosse zum Aufbruche gerüstet waren, harrte der alte Ritter geduldig aus. Als indessen Stunde auf Stunde verrann, als die Mittagszeit verstrich und Danusia noch immer schlief, bemächtigte sich aller große Unruhe. Nachdem Zbyszko unaufhörlich durch die Luken und durch die Thüre geschaut hatte, trat er zum dritten Male in die Hütte und setzte sich auf den Pflock, den die Ordensdienerin am vorhergegangenen Abend für sich an das Lager Danusias geschleppt hatte, um diese leichter umkleiden zu können. Lange saß Zbyszko da und schaute auf die Schlafende, deren Augen fest geschlossen waren. Nach geraumer Zeit indessen – man hätte dazwischen in aller Ruhe ein Vaterunser und ein Ave Maria sagen können – bebten mit einem Male ihre Lippen und gerade als ob sie ihn durch ihre geschlossenen Augenlider sähe, flüsterte sie: »Zbyszko!« – Sofort warf er sich vor ihr auf die Knie, drückte leidenschaftliche Küsse auf ihre abgemagerten Hände und rief in herzzerreißendem Tone: »Danusia! Gelobt sei Gott! Du hast mich erkannt!« Der Laut seiner Stimme brachte sie völlig zu sich. Sie setzte sich auf und wiederholte mit weit geöffneten Augen: »Zbyszko!« Dann blickte sie blinzelnd und voll Staunen umher. »Du bist frei, Danusia,« erklärte nun Zbyszko, »ich habe Dich den Händen der Feinde entrissen, ich bringe Dich nach Spychow.« Doch sie entzog ihm ihre Hände und sagte: »Das alles mußte so kommen, weil uns des Vaters Zustimmung gefehlt hat. Wo ist die Herrin?« »Komme zu Dir, meine süße Blume! Die Fürstin ist weit, weit fort von hier, wir aber haben Dich aus der Gefangenschaft befreit.« Danusia aber flüsterte nun, gerade als ob sie nichts gehört hätte, wie in Erinnerung verloren, vor sich hin: »Sie haben mir meine Laute genommen, sie haben meine Laute an der Wand zerschellt.« »Gott! erbarme Dich unser!« rief Zbyszko. Jetzt erst bemerkte er, wie unstät Danusias Blick war, wie ihre Augen glänzten, ihre Wangen glühten, und sofort schoß ihm der Gedanke durch den Kopf, sie müsse schwer krank sein, im Fieber habe sie zweimal seinen Namen genannt. Sein Herz krampfte sich zusammen vor Leid und Schmerz, kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn. »Danusia,« hub er von neuem an, »siehst Du mich, verstehst Du mich?« Sie aber erwiderte in demütig bittendem Tone: »Trinken! ... Wasser! ...« »Barmherziger Jesus!« Aus der Hütte eilend, stieß er mit Macko zusammen, der sich vergewissern wollte, wie es mit Danusia stehe. Er rief ihm nur das Wort »Wasser« zu und rannte an den sich ganz in der Nähe durch Moos und Gestrüpp hinschlängelnden Bach. Schon nach wenigen Minuten kehrte er mit einem Gefäße voll Wasser zurück, das er Danusia an die Lippen setzte. Sie trank gierig. Tief betrübt beobachtete der inzwischen in die Hütte getretene alte Ritter die Kranke, indem er fragte: »Fiebert sie?« »Sie fiebert heftig!« entgegnete Zbyszko seufzend. »Versteht sie, was Du mit ihr sprichst?« »Nein.« Macko zog bedenklich die Brauen zusammen, strich sich fortwährend über Stirn und Haupt und fragte: »Was ist nun zu thun?« »Ich weiß es nicht.« »Da giebt es nur einen Ausweg!« hub der Ritter abermals an, wurde aber von Danusia unterbrochen, welche, nachdem sie getrunken hatte, ihre fieberglänzenden Augen auf ihn richtete und leise sagte: »Ich habe Euch ja nichts Böses gethan! Habt Erbarmen mit mir!« »Tiefes Erbarmen fühle ich mit Dir, Kind, und nur für Dein Wohl bin ich bedacht,« antwortete der alte Ritter, sichtlich bewegt. »Höre,« wandte er sich hierauf sofort an Zbyszko, »länger hier zu verweilen hat gar keinen Zweck. Wenn der Wind um sie bläst, wenn die Sonne sie wärmt, wird sie sich vielleicht bald besser fühlen. Verliere den Kopf nicht, Bursche, sondern bette sie entweder auf ihre Tragbahre, oder nimm sie vor Dich auf den Sattel. Dann aber rasch auf den Weg! Verstehst Du mich?« Nach diesen Worten verließ Macko die Hütte, um noch einige Befehle zu erteilen, allein schon nach wenigen Schritten blieb er wie erstarrt stehen. Eine starke Kriegsschar – mit Hellebarden und Lanzen bewaffnet – stand auf allen vier Seiten der Lichtung aufgepflanzt und umringte gleich einer Mauer die Hütte und die Teerhaufen. »Deutsche!« murmelte Macko vor sich hin. Entsetzen erfaßte ihn. Rasch griff er nach seinem Schwerte, biß die Zähne zusammen und stand da, einem wilden Tiere ähnlich, welches, unerwartet von Hunden gestellt, sich zu einer verzweifelten Verteidigung bereit macht. Jetzt kamen auch der riesenhafte Arnold und etliche andere Ritter hinter den Teerhaufen hervor, und unverweilt trat ersterer auf Macko zu. »Das Glücksrad hat sich gewendet,« sagte er, »ich bin Euer Gefangener gewesen, nun seid Ihr der unsere.« So sprechend, blickte er mit einem Hochmut auf den alten Ritter, als ob dieser ein weit unter ihm stehendes Wesen sei. Dabei war Arnold kein böser, kein grausamer Mensch, allein er war mit dem allen Kreuzrittern gemeinsamen Fehler behaftet, welche, demütig und nachgiebig im Unglück, weder ihre Verachtung für ihre Gefangenen, noch ihren grenzenlosen Stolz zu bezwingen vermochten, sobald sie eine starke Kriegsmacht hinter sich hatten. »Ihr seid unser Gefangener,« erklärte er nach kurzem Schweigen abermals. Der alte Ritter blickte finster darein. Kein zaghaftes, nein, ein ausnehmend tapferes Herz schlug in seiner Brust. Hätte er sich in voller Rüstung und auf seinem Streitrosse dem Feinde gegenüber befunden, wäre Zbyszko ihm nahe gewesen, hätten beide ihre Schwerter, die Streitäxte oder jene mächtigen Speere zur Hand gehabt, welche die Ritter aus Lechien so geschickt zu führen wußten, so würde er vielleicht die Mauer aus Lanzen und Hellebarden zu durchbrechen versucht haben. Denn nicht umsonst hatten fremdländische Ritter bei Wilno den Polen beinahe vorwurfsvoll zugerufen: »Ihr verachtet den Tod allzusehr.« Doch ungewappnet, allein, ohne Streitroß stand Macko vor Arnold. Als er daher sah, daß seine Begleiter entwaffnet und gefangen waren, als er Zbyszkos gedachte, der ohne Wehr und Waffe bei Danusia in der Hütte weilte, begriff er als erfahrener, kriegskundiger Kämpe sofort seine eigene Hilflosigkeit. Langsam zog er sein Schwert aus der Scheide und warf es vor die Füße des Ritters, der mit Arnold zu ihm getreten war. Jener zeigte zwar keinen geringeren Hochmut als Arnold, allein er sprach doch mit einer gewissen Zuvorkommenheit und in gutem Polnisch: »Wie ist Euer Name, o Herr? Wenn Ihr Euer Wort gebt, werde ich nicht befehlen, Euch zu binden, denn wie ich sehe, seid Ihr ein gegürteter Ritter, und Ihr habt meinen Bruder menschlich behandelt.« »Ich gebe mein Wort!« ließ sich Macko vernehmen. Rasch nannte er hierauf seinen Namen und fragte, ob es ihm gestattet sei, sich in die Hütte zu begeben. »Ich möchte meinen Bruderssohn vor einer unklugen Handlung warnen,« erklärte er Bald darauf trug Zbyszko auf seinen Armen Danusia aus der Hütte und verschwand nach erhaltener Erlaubnis in der Hütte, aus der er nach kurzer Zeit, ein Misericordia in der Hand, wieder zurückkehrte. »Mein Bruderssohn hat nicht einmal ein Schwert bei sich,« sagte Macko, »und er bittet darum, bei seinem Weibe bleiben zu dürfen, bis Ihr von hier aufbrecht.« »Dies sei ihm gewährt!« erklärte Arnolds Bruder. »Ich werde ihm Trank und Speise zusenden, denn wir machen uns nicht sofort auf den Weg. Die Leute sind ermüdet, und wir selbst bedürfen der Erquickung, der Ruhe. Erfüllt meine Bitte, o Herr, und schließt Euch uns an.« Nach diesen Worten wandten sich alle dem Feuer zu, an dem Macko die Nacht verbracht hatte – sei es aber nun aus Hoffart oder Stolz, die Kreuzritter gingen voran, Macko mußte ihnen folgen. Doch der alte, in allen Lebenslagen erfahrene Kämpe, welcher die herkömmlichen Sitten genau kannte, fragte sofort: »Habt Ihr, o Herr, mich als Euren Gast oder als Euren Gefangenen betrachtet, als Ihr mich batet, Euch zu folgen?« Tief beschämt blieb Arnolds Bruder stehen, indem er entgegnete: »Geht voran, o Herr.« Unverweilt leistete der alte Ritter dieser Aufforderung Folge, da er indessen die Eigenliebe eines Mannes nicht verwunden wollte, in dessen Gewalt er sich befand, bemerkte er: »Offenbar, o Herr, sprecht Ihr nicht nur mehrere Sprachen, sondern kennt auch die höfische Sitte.« »Wolfgang,« fragte nun Arnold, der nur wenige Worte verstand, »wovon ist die Rede, was sagt er?« »Was sich für ihn geziemt, das sagt er!« erwiderte Wolfgang, augenscheinlich sehr geschmeichelt von Mackos Worten. Bald saßen sie um das Feuer vereint, an das Speise und Trank gebracht ward. Die von Macko dem Deutschen erteilte Lehre war nicht in den Wind gesprochen, denn Wolfgang ließ dem alten Ritter alles zuerst reichen. Im Laufe des Gesprächs erfuhr letzterer, auf welche Weise er und Zbyszko ergriffen worden waren. Wolfgang, ein jüngerer Bruder Arnolds, sollte das Czluchowsche Fußvolk nach Gotteswerder, also demnach gegen die aufrührerischen Samogitier führen. Da er indessen von einer weit entfernten Komturei kam, war es ihm nicht gelungen, sich an dem dazu bestimmten Platze mit der Reiterei zu vereinigen. Arnold hatte auch nicht auf ihn gewartet, konnte er doch darauf rechnen, auf seinem Wege mit andern Abteilungen Fußvolkes aus den an der litauischen Grenze gelegenen Plätzen und Burgen zusammenzutreffen. Der jüngere Bruder, der einige Tage länger zur Zurücklegung seines Marsches bedurft hatte, gelangte gerade zu der Zeit in der Nähe der Waldlichtung an, als die Ordensdienerin sich auf der Flucht befand und ihn von dem Mißgeschick in Kenntnis setzte, von dem Arnold betroffen worden war. Dieser bat, jetzt auch ihm alles auf Deutsch zu wiederholen, dann lachte er befriedigt auf, indem er erklärte, auf einen solchen Ausgang habe er gehofft. Der schlaue Macko aber, der, wenn er sich auch in einer Klemme befand, stets darauf ausging, seinen Vorteil zu wahren, suchte die beiden Deutschen für sich zu gewinnen und sprach also: »Schlimm ist es für einen jeden, in Gefangenschaft zu fallen, doch ich danke Gott, daß er mich in Eure und nicht in andere Hände gegeben hat, denn wahrlich, Ihr seid echte Ritter, Ihr haltet auf Ehre.« Wohl drückte Wolfgang die Augen zu und schüttelte abwehrend das Haupt, doch auf seinem Antlitz spiegelte sich hohe Zufriedenheit. Und Macko hub von neuem an: »Wie gut Ihr auch unsere Sprache kennt! Gott hat Euch, das sehe ich, für alles Verstand verliehen.« »Ich spreche Eure Sprache, weil man in Czluchow Polnisch redet, und seit sieben Jahren dienen der Bruder und ich dort unter dem Komtur.« »Und mit der Zeit, in nicht gar zu langer Zeit, geht dessen Würde auf Euch über. Es kann nicht anders sein. Doch Euer Bruder spricht unsere Sprache nicht, wie Ihr sie sprecht.« »Er spricht sie nicht, verstehen aber kann er gar manches. An Kraft und Stärke ist mir der Bruder weit überlegen, obgleich ich selbst kein Schwächling bin, an Verstand und Klugheit aber kommt er mir nicht gleich.« »Hei, durchaus nicht thöricht scheint er mir zu sein!« erklärte jetzt Macko. »Wolfgang, was sagt er?« fragte Arnold abermals. »Dein Lob verkündet er,« antwortete Wolfgang. »Ich preise ihn,« ergriff Macko von neuem das Wort, »denn er ist ein echter Ritter, und das ist die Hauptsache. Ihr dürft mir glauben, noch heute wollte ich ihn auf sein Wort hin freilassen und ihm gestatten, an irgend einen Ort nach seiner Wahl, ja, selbst so weit in die Ferne zu ziehen, daß zu seiner Rückkehr ein Jahr erforderlich wäre. So müßten alle gegürteten Ritter handeln.« Bei diesen Worten blickte Macko prüfend auf Wolfgang, dieser aber runzelte die Stirn und sagte: »Ich würde Euch vielleicht auch auf Euer Wort freilassen, wenn Ihr nicht den Heidenhunden gegen uns geholfen hättet.« »Darin täuscht Ihr Euch,« entgegnete Macko. Und abermals entspann sich ein heftiger Wortwechsel, wie am Tage zuvor mit Arnold. Obgleich nun das Recht auf der Seite Mackos war, hatte er doch dem seinem älteren Bruder an Klugheit überlegenen Wolfgang gegenüber einen sehr schweren Stand. Die Auseinandersetzungen hatten indessen den Vorteil, daß auch der jüngere Bruder von den in Szczytno verübten Schandtaten Kunde erhielt, daß er von der meineidigen Verräterei, von dem unglückseligen Geschick Danusias hörte. Kein Wort der Erwiderung fand er, als ihm der alte Ritter die begangenen Nichtswürdigkeiten enthüllte. Wie sehr er sich auch anfänglich dagegen sträubte, er mußte schließlich die gerechte Sache seiner Feinde anerkennen, er mußte zugestehen, daß die polnischen Ritter allen Grund hatten, Rache zu üben, so zu handeln, wie sie handelten. »Bei den heiligen Gebeinen des Liborius,« erklärte daher Wolfgang, »ich hege kein Mitleid mit Danveld. Man sagte von ihm, er habe sich der Schwarzkunst ergeben, allein die Macht und die Gerechtigkeit Gottes sind gewaltiger als die schwarze Magie! Zygfryd ist vielleicht auch ein Knecht des Teufels, ich vermag keine Entscheidung darüber zu treffen. Zu seiner Befreiung unternehme ich jedoch nichts, denn erstens untersteht mir die Reiterei nicht, und zweitens soll er in die Hölle kommen, wenn er, wie Ihr behauptet, jenes Mägdlein gemartert hat. Gott stehe mir bei, jetzt und in meiner Todesstunde!« fügte er, sich streckend und dehnend, hinzu. »Wie ist es aber mit jener unglücklichen Märtyrerin? Was soll mit ihr geschehen?« fragte Macko. »Wollt Ihr nicht die Erlaubnis erteilen, daß sie nach Spychow gebracht werde? Wenn sie in Euren Kerkern stürbe? denkt an den Zorn Gottes!« »Macht mit dem Weibe, was Ihr wollt!« antwortete Wolfgang kurz, »Möge einer von Euch es zu seinem Vater bringen, wenn er sich verpflichtet, wieder zurückzukehren. Euch beide gebe ich aber nicht frei.« »Wenn ich aber, traun, auf meine Ehre, auf den Speer des heiligen Georg schwöre?« Wolfgang schaute unschlüssig darein, denn ein solcher Schwur war von großer Bedeutung, allein in diesem Augenblicke fragte ihn Arnold zum drittenmale: »Was sagt der alte Ritter?« Kaum vernahm jener jedoch, um was es sich handelte, so widersetzte er sich leidenschaftlich und entschieden der Freilassung beider Ritter, durch deren Gefangennahme er für sich selbst Rettung erhoffte. In einer großen Schlacht hatte ihn Skirwoillo besiegt, im Kampfe mit den polnischen Rittern war er unterlegen. Als Krieger wußte er ganz genau, daß sein Bruder das Fußvolk nach Marienburg zurückführen mußte, denn wenn dieser den Marsch nach Gotteswerder fortsetzte, so wäre eine solche That nach der Vernichtung der vorangezogenen Heerschar gleichbedeutend mit der Hinschlachtung der Mannen gewesen. Arnold war sich folglich ganz klar darüber, daß er sich vor dem Großmeister und dem Marschall zu verantworten haben werde, konnte er aber wenigstens einen namhaften Gefangenen aufweisen, dann, so glaubte er, werde sein Urteil milder ausfallen. Was sollte es ihm aber nützen, von zwei Gefangenen zu erzählen, wenn er nicht einmal einen gefangenen Ritter vorführen konnte? Als Macko das wilde Geschrei, die lauten Flüche Arnolds vernahm, begriff er sofort, daß er sich mit dem zufrieden geben müsse, was ihm angeboten worden war, und so sagte er zu Wolfgang gewendet: »Ich bitte Euch noch um eines, o Herr! Wohl wird mein Bruderssohn einsehen, was ihm obliegt, dessen bin ich gewiß. Er muß bei seinem Weibe bleiben und ich bei Euch. Nichtsdestoweniger erlaubt mir, ihm darzuthun, daß jede Verhandlung darüber unnütz ist, weil Euer Entschluß feststeht.« »Gut, damit bin ich einverstanden,« erklärte Wolfgang. »Vor allem ist mir jedoch an der Festsetzung des Lösegeldes gelegen, das Euer Bruderssohn für sich und für Euch mitbringen soll, darauf kommt es besonders an.« »Auf das Lösegeld?« fragte Macko, bestrebt diese Besprechung hinauszuschieben. »Haben wir denn nicht genug Zeit vor uns, um uns darüber zu verständigen? Das Wort eines gegürteten Ritters gilt meines Erachtens so viel wie Geld, und was die Höhe des Lösegeldes anbelangt, so müssen wir dies mit unserm Gewissen abmachen. Vor Gotteswerder machten wir einen Eurer namhaftesten Ritter zum Gefangenen, einen gewissen Herrn de Lorche, und mein Bruderssohn, der ihn selbst gefangen genommen hat, gab ihm auf sein Wort die Freiheit wieder und erwähnte nicht einmal den Betrag des Lösegeldes.« »Nahmt Ihr Herrn de Lorche gefangen?« fragte Wolfgang eifrig. »Ich kenne ihn. Er ist ein reicher, angesehener Ritter. Doch wieso sind wir nicht mit ihm zusammengetroffen?« »Weil er augenscheinlich gen Gotteswerder oder gen Ragneta gezogen ist,« entgegnete Macko. »Ja, er stammt aus einer reichen, angesehenen Familie,« ergriff Wolfgang von neuem das Wort. »Da habt Ihr einen guten Fang gethan. Gern höre ich dies, denn nicht für das erste Beste werde ich Euch nun freilassen.« Macko biß sich auf die Lippen, warf aber trotzdem stolz den Kopf zurück und sagte: »Wir wissen ganz genau selbst, was wir wert sind.« »Um so besser,« antwortete Wolfgang von Baden. Gleich darauf fügte er indessen hinzu: »Um so besser! Ich spreche hier freilich nicht von uns, denn wir sind demütige Mönche, welche Armut gelobt haben, ich spreche von dem Orden, der Euer Geld zum Ruhme Gottes verwenden wird.« Darauf erteilte Macko keine Antwort. Er warf Wolfgang nur einen Blick zu, wie wenn er sagen wolle: »Rede dies jemand anderem vor«, und unverweilt begann man über die Bedingungen zu beraten. Der alte Ritter befand sich in einer äußerst schwierigen Lage. Einerseits scheute er jeden Verlust, andererseits wollte er weder Zbyszko noch sich selbst zu gering schätzen lassen. Seine Furcht, den kürzeren zu ziehen, war um so berechtigter, als Wolfgang, trotz seines zuvorkommenden Wesens, sich höchst geldgierig und hartherzig erwies. Der einzige Trost für Macko war der Gedanke, daß das Lösegeld von de Lorche für alles hinreichen werde, allein gleichzeitig schmerzte ihn auch die vergebliche Hoffnung auf Gewinn. Auf ein Lösegeld für Zygfryd durfte er nicht rechnen, denn seiner Ansicht nach verzichtete weder Jurand noch Zbyszko um irgend welchen Preis auf das Recht, das Urteil über den alten Komtur zu fällen. Erst nach längerer Beratung wurde eine Einigung über die Höhe des Lösegeldes und über den Zeitpunkt der Auszahlung erzielt, kaum hatte sich jedoch der alte Ritter vergewissert, wie viele Mannen und wie viele Pferde Zbyszko mit sich nehmen dürfe, so eilte er zu diesem, um ihn, wohl aus Furcht, die Deutschen könnten wieder andern Sinnes werden, zu einem sofortigen Aufbruch zu veranlassen. »So geht es eben im Ritterstande,« bemerkte er seufzend, »gestern hattest Du sie beim Schopfe, heute haben sie Dich. Bei meiner Treu, gar schwer wird's uns gemacht, doch Gott gebe, daß auch wir wieder einmal an die Reihe kommen. Du darfst jetzt keine Zeit verlieren. Wenn Du Dich beeilst, wirst Du Hlawa einholen, und in größerer Sicherheit werdet Ihr gemeinsam dahinziehen. Habt Ihr aber erst die Wälder hinter Euch, habt Ihr die bewohnten Gefilde Masoviens erreicht, dann werdet Ihr bei jedem Edelmann, bei jedem Bauernvogt gastliche Aufnahme und Unterstützung finden. Selbst einem Fremden gewährt man bei uns Hilfe, gewiß also einem der Unsrigen! Vielleicht wird auch dies arme Weib auf der Fahrt Heilung finden.« So sprechend, schaute er auf Danusia, die, wie in einem Halbschlafe befangen, laut und rasch atmete. Ihre auf dem dunkeln Bärenfelle ruhenden Hände zitterten wie im Fieber. Macko machte das Zeichen des Kreuzes über sie und sagte: »Hei, nimm sie und mache Dich auf den Weg! Möge ihr Gott gnädig sein, denn wie mich dünkt, schweben die Schatten des Todes über ihr.« »Sprecht dies nicht aus!« schrie Zbyszko verzweifelt auf. »Gott ist allmächtig! Ich werde die Pferde satteln lassen. Halte Dich also bereit.« Aus der Hütte tretend, beeilte sich Macko, alles für die Fahrt vorzubereiten. Die Zbyszko von Zawisza geschenkten Türken führten die Pferde vor, an deren Sattel die Tragbahre befestigt war, und Wit, einer der Mannen aus des jungen Ritters Gefolge, brachte dessen aufgezäumtes Roß herbei. Bald darauf trug Zbyszko auf seinen Armen Danusia aus der Hütte. Dieser Anblick war ein so rührender, daß Arnold und Wolfgang von Baden, die, von Neugierde getrieben, herzugekommen waren, sich wechselseitig bedeutsam anschauten und von Ingrimm gegen die Urheber eines solchen Jammers erfaßt wurden, als sie Danusia sahen mit ihrer kindlichen Gestalt, ihrem Gesichte, das dem Antlitz einer Heiligen auf irgend einem Kirchenbilde glich, als sie die Schwäche der Beklagenswerten bemerkten, deren Köpfchen schwer auf Zbyszkos Schulter ruhte. »Das Herz eines Henkersknechtes, nicht das eines Ritters hat Zygfryd,« flüsterte Wolfgang dem Bruder zu, »und wenn auch jenes verruchte Weib, jene Schlange, zu Deiner Rettung beigetragen hat, werde ich sie doch mit Ruten auspeitschen lassen.« Beide waren auch tief bewegt davon, daß Zbyszko sein Weib auf den Armen trug, wie eine Mutter ihr Kind trägt, und sie hatten Verständnis für seine große Liebe, denn jugendfrisches Blut floß in ihren Adern. Zbyszko stand eine Weile zögernd da. Er wußte nicht recht, ob er sein krankes Weib vor sich auf den Sattel nehmen, oder ob er es auf die Tragbahre niederlegen solle. Schließlich entschied er sich für das letztere, von dem Gedanken ausgehend, Danusia könne nur bei äußerster Schonung die Fahrt überstehen. Rasch näherte er sich hierauf seinem Ohm und beugte sich nieder, um dessen Hand zum Abschied zu küssen. Obwohl nun Macko vor den Deutschen gern seine Erregung verborgen hätte, vermochte er sich doch nicht zu bezwingen, sondern nahm Zbyszko in seine Arme und preßte seine Lippen auf dessen üppige goldblonde Haare. »Gott sei mit Dir!« sagte er. »Vergiß nicht des alten Mannes, denn Gefangenschaft ist ein gar hartes Los.« »Ich werde Euer stets gedenken,« antwortete Zbyszko. »Möge Dir die heilige Mutter Gottes Trost gewähren.« »Gott lohne Euch für diese Worte, und für alles, was Ihr mir gethan.« Schon nach wenigen Minuten saß Zbyszko zu Pferde. Dem alten Ritter schien aber ein neuer Gedanke gekommen zu sein, denn er sprang auf seinen Bruderssohn zu, und, seine Hand auf dessen Knie legend, sagte er: »Höre! Wenn Du Hlawa einholst, siehe zu, daß Du Dich Zygfryd gegenüber im Zaume hältst, damit Du nicht auf Dich, damit Du nicht auf meine grauen Haare Schande häufst. Jurand mag richten – ihm überlasse die Rache! Schwöre mir dies auf Dein Schwert und auf Deine Ehre.« »So lange Ihr nicht frei seid, darf auch Jurand nicht gegen Zygfryd vorgehen, damit sich die Deutschen, Zygfryds wegen, nicht an Euch rächen,« entgegnete Zbyszko. »Liegt Dir mein Geschick so sehr am Herzen?« Da lächelte der junge Ritter traurig und meinte: »Ihr solltet mich doch kennen!« »Zögere nicht mehr, ziehe mit Gott und in Gesundheit dahin.« Die Pferde setzten sich in Bewegung, und bald waren alle hinter dem dichten Gestrüppe des Waldes verschwunden. Mit einem qualvollen Gefühle der Vereinsamung blieb Macko zurück, hing er doch mit allen Fibern des Herzens an seinem Bruderssohn, auf dem das Geschick des ganzen Geschlechtes beruhte. Allein bald überwand er seinen Kummer, bald ward er wieder Herr seiner selbst. »Gott sei gepriesen, daß nicht Zbyszko, sondern ich der Gefangene bin,« dachte er bei sich, und sich zu den Deutschen wendend, fragte er: »Und wann gedenkt Ihr aufzubrechen, Ihr Herren, und wohin wollt Ihr Euch wenden?« »Wir brechen auf, wann es uns beliebt,« antwortete Wolfgang, »und wir ziehen nach Marienburg, wo Ihr, o Herr, Euch zunächst vor dem Großmeister zu verantworten haben werdet.« »Hei, ich muß wohl mit meinem Kopfe dafür büßen, daß ich den Samogitiern beigestanden habe,« sagte sich Macko. Dabei gewährte ihm aber ebensowohl der Gedanke an de Lorche einigen Trost, wie die Ueberzeugung, daß ihn Arnold und Wolfgang von Baden schon allein wegen des Lösegeldes schützen würden. »Doch traun, wenn ich zu Grunde gehe,« dachte der alte Kämpe bei sich, »dann fällt für Zbyszko die Verpflichtung hinweg, sich wieder zu stellen, sich selbst an seinem Eigentum zu schädigen.« Und auch dieses Erwägen verursachte ihm eine gewisse Erleichterung. Drittes Kapitel. Zbyszko vermochte seinen Knappen nicht einzuholen, denn Hlawa gönnte sich weder Tag noch Nacht Ruhe und rastete nur so lange, als es unbedingt nötig war, damit die Pferde nicht verendeten, welche dadurch, daß sie nur Gras zu fressen bekamen, immer kraftloser wurden und nicht so rasch vorwärts zu kommen vermochten, wie in den Gebieten, in denen sie mit Hafer gefüttert werden konnten. Ebensowenig aber, wie der Böhme sich selbst schonte, ebensowenig nahm er Rücksicht auf das vorgerückte Alter oder auf den Schwächezustand Zygfryds. Der bejahrte Kreuzritter litt entsetzlich, denn der gewaltige Macko hatte ihm bei dem Ueberfalle gehörig zugesetzt. Am meisten peinigten ihn aber die in den sumpfigen Wäldern schwärmenden Fliegen, deren er sich nicht zu erwehren vermochte, da seine Hände gefesselt und seine Beine unter dem Bauche des Pferdes festgebunden waren. Der Knappe erdachte freilich keine neue Marter für ihn, allein jedes Mitleid für Zygfryd fehlte ihm, und er ließ dessen Rechte nur dann von den Banden befreien, wenn zur Essenszeit Halt gemacht ward. »Friß mit Deinem Wolfsmaul, damit ich Dich lebendig zu dem Gebieter von Spychow bringen kann,« so lauteten die Worte, mit denen Hlawa den Kreuzritter zum Essen zu ermuntern pflegte. Gleich bei Beginn der Fahrt hatte Zygfryd sich entschlossen, den Hungertod zu sterben, als jedoch der Böhme erklärte, er werde ihm die Zähne mit einem Messer auseinander brechen und ihm mit Gewalt Nahrung zuführen lassen, da gab der Komtur den Vorsatz auf, damit in ihm nicht die ritterliche Ehre, die Würde des Ordens beschimpft werde. Hlawa setzte alles daran, vor dem jungen Ritter nach Spychow zu gelangen, wollte er doch seine angebetete Herrin vor dem für sie peinlichen Zusammentreffen mit Danusia bewahren. Wenn er auch nur ein schlichter Edelmann war, begriff er bei seiner Klugheit und bei seiner Kenntnis der ritterlichen Sitte gleichwohl, wie demütigend für Jagienka ein Zusammensein mit Zbyszkos Weib in Spychow sein müsse. »Wir können ja dem Bischof aus Plock sagen, der alte Ritter aus Bogdaniec sei als Schützer des Mägdleins bestellt worden und habe es deshalb mit sich genommen, verlautet es aber erst, die Herrin stehe unter der Obhut des Bischofs und es falle ihr außer Zgorzelic auch noch von seiten des Abtes eine beträchtliche Erbschaft zu, dann wird wohl selbst eines Wojwoden Sohn sich nicht zu hoch für sie dünken.« Diese Erwägung gewährte ihm immerhin etwas Trost auf der beschwerlichen, langen Fahrt und schwächte die ihn quälende Empfindung einigermaßen ab, daß die frohe Kunde, welche er nach Spychow bringen solle, für seine Herrin Unheil bedeute. Und wenn er dann auch gar noch die Tochter der Sieciechowa im Geiste vor sich sah, wenn er sie vor sich sah mit Wangen so rot wie ein Apfel, dann drückte er die Sporen in die Flanken seines Rosses und trieb es selbst auf dem unwegsamsten Pfade zur Eile an. Aufs Geratewohl, auf dem ersten besten Wege rückten sie vor, manchmal ging's auch mitten durch den Wald, immer vorwärts, immer geradeaus, wie der Strich beim Mähen mit der Sichel. Der Böhme wußte nur, daß wenn er sich stets einmal ein wenig westlich und dann wieder ein wenig südlich halte, er schließlich Masovien erreichen werde, und daß sich dann alles zum Guten gestalten müsse. Tagsüber richtete er sich nach dem Stande der Sonne, des Nachts sah er nach den Sternen. Zuweilen dünkte ihn, die Waldwildnis nehme kein Ende, habe keine Grenzen. Die Tage waren häufig so düster, daß sie den Nächten glichen. Mehr als einmal sagte sich Hlawa, der junge Ritter könne unmöglich sein Weib lebend durch diese menschenleere Wildnis bringen, wo nirgends Nahrung zu finden war, wo man des Nachts die Pferde vor Bären und Wölfen schützen mußte, wo man bei Tage von Büffel- und Bison-Herden vom Wege vertrieben ward, wo grausenerregende wilde Eber ihre krummen Hauer an Fichtenstämmen wetzten, und wo ein jeder, welcher nicht durch einen Pfeilschuß oder durch einen Speerstoß ein gesprenkeltes Rehkalb oder ein junges Wildschwein erlegte, auf Tage hinaus ohne Speise blieb. »Was wird er beginnen?« fragte sich Hlawa. »Wie kann er mit dem zu Tode gemarterten, in den letzten Zügen liegenden Weibe die Fahrt vollenden?« Immer von neuem mußte der Böhme mit seinen Begleitern breite Moräste oder tiefe Schluchten umreiten, aus denen wilde, durch die heftigen Frühjahrsregen angeschwollene Bäche hervorschossen. In diesen Wäldern mangelte es auch nicht an Seen, auf denen bei Sonnenuntergang ganze Rudel von Elentieren und Rehen auf dem rötlich gefärbten, stillen Gewässer umherschwammen. Zeitweise bemerkte Hlawa auch aufsteigenden Rauch, ein Zeichen, daß er sich nicht weit von menschlichen Behausungen befinden konnte. Sobald er sich indessen diesen Waldansiedelungen nähern wollte, stürzten ihm wildaussehende Mannen entgegen, die Felle auf dem bloßen Leib trugen, mit Bogen und Keulen bewaffnet waren und unter den zottigen Pelzen so drohend hervorschauten, daß sie Wärwölfen glichen, und daß die Begleiter Hlawas, das Staunen jener über den unerwarteten Anblick der Reiter benutzend, es sich angelegen sein ließen, so rasch wie möglich aus deren Bereich zu kommen. Zweimal zischten die Pfeile dicht hinter dem Böhmen und immer wieder tönte der Ruf an sein Ohr »Wokili« (Deutsche), doch er zog die Flucht jeder Erklärung vor, wer er sei. Endlich, nach Verlauf vieler, vieler Tage glaubte er die Grenze überschritten zu haben, aber erst durch polnisch sprechende Jäger erhielt er die Gewißheit, daß er sich auf masovischer Erde befand. Von jetzt an kam er rascher vorwärts, trotzdem das ganze östliche Masovien eine Wüstenei war. Bewohnte Plätze blieben auch nun eine Seltenheit, allein erreichte Hlawa da und dort eine Ansiedelung, so zeigten sich die Bewohner durchaus nicht unzugänglich – einesteils vielleicht deshalb, weil sie weniger von dem Feinde gelitten hatten, andernteils wohl aus dem Grunde, weil der Böhme sich ihnen verständlich machen konnte. Lästig fiel nur die unersättliche Neugierde der Leute, welche, die Reiter umringend, mit Fragen nicht müde wurden und stets, sobald sie erfuhren, daß der Gefangene ein Kreuzritter sei, zu sagen pflegten: »Ueberlaßt ihn uns, o Herr, wir wollen die Strafe an ihm vollziehen.« Und so hartnäckig bestanden sie auf ihrem Verlangen, daß der Böhme häufig aufbegehren mußte und sich zu der Erklärung genötigt sah, er überbringe den Gefangenen dem Fürsten Janusz. Erst dann wurde er nicht weiter bedrängt. Kaum gelangte er indessen in eine bewohntere Gegend, so hatte er sich gegen Edelleute und Bauern zu wehren. Der Haß gegen den Orden loderte dort in hellen Flammen auf, denn allenthalben wurde die Erinnerung an die Treulosigkeit der Kreuzritter wach, welche in Friedenszeiten den Fürsten in Zlotorya überfallen und ihn zum Gefangenen gemacht hatten. Wohl verlangte keiner, die Strafe an Zygfryd vollziehen zu dürfen, allein der oder jener kühne Edelmann meinte: »Löst ihn von seinen Fesseln. Ich will ihm ein Schwert geben und ihn auf Tod und Leben in die Schranken fordern.« Einem jeden suchte daher der Böhme immer von neuem die Ueberzeugung beizubringen, die Rache müsse dem unglücklichen Gebieter von Spychow überlassen werden, keinem Menschen stehe es zu, Jurand dieses Rechtes zu berauben. Die Fahrt ging indessen jetzt leichter von statten, kam man doch auf gebahntere Wege und konnten die Pferde doch mit Hafer und Gerste gefüttert werden. Hlawa trieb auch zu immer größerer Eile an, es wurde kaum irgendwo Halt gemacht, und zehn Tage vor dem Fronleichnamsfeste ward Spychow erreicht. Gegen Abend langte der Böhme an seinem Ziele an, gerade wie einst, als ihn Macko von Szczytno aus mit der Kunde zurückgeschickt hatte, daß er, der alte Ritter, nach Samogitien ziehe, und gerade wie damals erschaute Jagienka den Knappen von ihrem Fenster aus und stürzte ihm entgegen. Er aber, geraume Zeit unfähig, ein Wort hervorzubringen, warf sich ihr zu Füßen. Allein sie hob ihn rasch empor und gebot ihm, ihr unverweilt in die Burg zu folgen, denn es widerstrebte ihr, ihn vor seinen Begleitern auszufragen. »Was hast Du Neues zu berichten?« begann sie dann sofort, mühsam Atem holend und vor Erregung zitternd. »Sind sie am Leben, sind sie gesund?« »Sie sind am Leben und sind gesund.« »Und jene – hat man sie gefunden?« »Sie ist gefunden – sie ist befreit.« »Gelobt sei Jesus Christus!« Allein trotz dieser Worte nahmen Jagienkas Gesichtszüge plötzlich einen völlig starren Ausdruck an, zerfiel doch das, was sie erhofft hatte, in Staub und Asche. Nichtsdestoweniger hielt sie sich aufrecht, verlor sie keinen Augenblick die Geistesgegenwart, ja, schon nach wenigen Minuten hatte sie wieder vollständig die Herrschaft über sich gewonnen und fragte abermals: »Wann werden sie hier eintreffen?« »In einigen Tagen. Es ist schwer, eine solche Fahrt mit einem kranken Weibe zurückzulegen.« »Ist sie krank?« »Sie ist gar grausam behandelt worden. Durch all das, was sie erduldete, hat ihr Geist gelitten.« »Barmherziger Jesus!« Ein kurzes Schweigen trat nun ein, nur Jagienkas bleiche Lippen bewegten sich wie im Gebete. Endlich hub letztere von neuem an: »Und kam sie durch Zbyszkos Anwesenheit nicht wieder zum Bewußtsein?« »Das mag wohl sein, doch ich weiß darüber nichts. Ich machte mich so rasch wie möglich auf den Weg, denn ich wollte Euch, o meine Herrin, rechtzeitig von der Ankunft des jungen Ritters mit seinem Weibe unterrichten.« »Gott lohne Dir. Erzähle mir jetzt alles genau.« In kurzen Worten berichtete nun der Böhme alles, was er über die Befreiung Danusias, über die Gefangennahme des riesenhaften Arnold und Zygfryds wußte und erklärte schließlich, er habe Zygfryd nur deshalb nach Spychow gebracht, weil der junge Ritter diesen der Rache Jurands überlassen wolle. »Ich muß mich jetzt zu Jurand begeben,« bemerkte Jagienka, nachdem Hlawa zu Ende gekommen war. Doch der Knappe blieb nicht lange allein. Kaum hatte sich Jagienka entfernt, so kam Anielka aus einem der Gelasse zu ihm herbeigestürzt, und er, sei es nun, daß er durch die erlittenen Beschwerden und Mühseligkeiten nicht mehr Herr seiner selbst blieb, sei es, daß ihn die Sehnsucht beim Anblick der Maid übermannte, genug, er umfaßte sie, preßte sie an seine Brust und küßte sie in einer Weise auf Wangen, Lippen und Augen, als ob er ihr schon längst seine Liebe gestanden hätte. Vielleicht hatte er dies auch im Geiste auf seiner langen Fahrt gethan, denn er küßte sie ohne Unterlaß, er preßte sie mit solcher Macht an sich, daß ihr der Atem zu stocken drohte; sie aber wehrte sich nicht, ward sie doch nicht nur von Staunen, sondern auch von einer solchen Schwäche ergriffen, daß sie zu Boden gestürzt wäre, wenn weniger kraftvolle Arme sie umschlungen gehalten hätten. Zum Glücke wurden sie aber bald wieder aus ihrer Weltvergessenheit gerissen, denn von der Treppe her ertönten Schritte, und gleich darauf trat Pater Kaleb über die Schwelle. Die Liebenden trennten sich rasch. Schwer atmend, vermochte Hlawa kaum zu sprechen und all die Fragen zu beantworten, mit denen Pater Kaleb ihn bestürmte, letzterer jedoch glaubte, die Erregung des Böhmen auf die überstandenen Strapazen zurückführen zu müssen, und kaum hatte er die Bestätigung der Kunde erhalten, daß Danusia gefunden und befreit sei, so fiel er auf die Knie nieder, um Gott dafür zu danken. Inzwischen kühlte sich das erhitzte Blut Hlawas wieder etwas ab, und er vermochte sich so weit zu beherrschen, daß er dem sich von seinen Knien erhebenden Priester ruhig und ausführlich die Errettung Danusias schildern konnte. »Gott errettete sie nicht deshalb aus der Gefahr,« ergriff schließlich der Priester das Wort, »damit ihr Geist umnachtet, damit sie dunkeln Mächten anheimgegeben bleibe. Jurand wird seine gesegneten Hände auf sie legen und mittelst eines einzigen Gebetes ihr Gesunden, ihre Geistesklarheit erflehen.« »Der Ritter Jurand?« fragte der Böhme voll Staunen. »Steht ihm eine solche Kraft zu? Kann er denn schon hienieden heilig gesprochen werden?« »Vor Gott dem Herrn ist er jetzt schon, während seines Lebens, ein Heiliger, und nach seinem Tode werden die Menschen einen Schutzheiligen – einen Märtyrer mehr im Himmel haben.« »Ihr sagtet aber, ehrwürdiger Vater, der Gebieter von Spychow werde seine Hände auf das Haupt der Tochter legen. Ist ihm die Rechte wieder gewachsen? Ich weiß ja, daß Ihr diese Bitte an den Herrn Jesus gerichtet habt.« »Ich sagte ›die Hände‹, weil dies so gebräuchlich ist,« antwortete Pater Kaleb, »doch, durch die göttliche Gnade, genügt auch eine Hand Jurands.« »Sicherlich!« entgegnete Hlawa. In dem Ton seiner Stimme kennzeichnete sich indessen eine gewisse Enttäuschung, hatte er doch geglaubt, ein sichtbares Wunder habe sich ereignet. Jede weitere Bemerkung seinerseits wurde aber durch den Eintritt Jagienkas vereitelt. »Ich habe ihm die Kunde so behutsam wie möglich mitgeteilt,« erklärte sie, »damit ihn die plötzliche Freude nicht töte. Nun liegt er mit ausgebreiteten Armen, in Kreuzesform, auf der Erde und betet.« »Auch sonst liegt er ganze Nächte hindurch auf solche Weise im Gebete,« bemerkte Pater Kaleb, »jetzt wird er sich aber wohl kaum vor dem morgigen Tage erheben.« Und so geschah es in der That. Wie oft man auch nach Jurand schaute, stets fand man ihn in der gleichen Stellung liegend, nicht schlafend, nein, tief in sein Gebet versenkt, alles um sich her vergessend. Der Wächter, welcher von der Burgwarte aus das Land umher überschaute und, der Gewohnheit gemäß, über Spychow wachte, erklärte späterhin, er habe in jener Nacht eine gar seltsame, glänzende Helle in dem Gemache seines Gebieters wahrgenommen. Erst am nächsten Morgen, geraume Zeit nach der Mette, bedeutete Jurand der abermals nach ihm schauenden Jagienka, daß man Hlawa, sowie den Gefangenen vor ihn bringen solle. Sofort wurde Zygfryd, dessen Hände kreuzweise auf seiner Brust zusammengebunden waren, aus dem Kerker geholt und zu Jurand geführt, zu dem sich nun auch alle andern, mit Tolima an der Spitze, eilig begaben. Im ersten Augenblick konnte der Böhme den Gebieter von Spychow nicht wahrnehmen, denn abgesehen davon, daß die aus ölgetränktem Papier bestehenden Fenster wenig Licht einließen, war auch der Tag sehr trübe, da schwere, einen nahen Sturm verkündende Wolken am Himmel hingen. Kaum hatten sich indessen seine scharfen Augen an die Dunkelheit gewöhnt, so staunte er über die abermalige Veränderung, die mit dem ehemals schreckenerregenden Ritter vorgegangen war. Nichts mehr an ihm erinnerte an den früheren Hünen, ein zum Skelett abgemagerter Greis saß vor ihm, mit schneeweißem Haupt- und Barthaar und mit solch bleichem Antlitz, daß er einem Toten glich, als er sich, mit geschlossenen Augenlidern, in seinen Armstuhl zurücklehnte. Auf einem neben seinem Armstuhl stehenden Tisch befanden sich ein Kruzifix, ein Krug Wasser und ein Laib Schwarzbrot, in welch letzterem ein Misericordia stak, jener Dolch, mit dem die Ritter den Verwundeten den Gnadenstoß zu erteilen pflegten. Schon geraume Zeit hindurch nahm Jurand nichts anderes als Wasser und Brot zu sich. Ein grobes, härenes, mit einem Strohseil gegürtetes Bußhemd, das er auf dem bloßen Leibe trug, diente ihm zur Kleidung. Auf solche Weise lebte nun der einst so gewaltige und gefürchtete Gebieter von Spychow seit seiner Rückkehr aus der Gefangenschaft aus Szczytno. – Nachdem der durch die Eintretenden verursachte Lärm verstummt war, schob Jurand die zahme Wölfin hinweg, welche seine bloßen Füße wärmte, und richtete sich in dem Lehnstuhle auf. Ein Augenblick der höchsten Erwartung trat ein, glaubten doch alle Anwesenden, er werde nun Jurand begann dann langsam die Stricke an den Armen Zygfryds entzwei zu schneiden. irgend einem von ihnen das Zeichen zum Sprechen geben, aber bleich, mit halb geöffneten Lippen, blieb er regungslos sitzen. »Hlawa ist hier!« hub Jagienka schließlich mit ihrer einschmeichelnden Stimme an. »Wollt Ihr ihn anhören?« Da Jurand bejahend das Haupt neigte, wiederholte der Böhme zum drittenmale seinen Bericht. Er erzählte kurz von den mit den Deutschen geführten Schlachten bei Gotteswerder, schilderte den Kampf mit Arnold von Baden, sowie die Befreiung Danusias, verschwieg jedoch, daß deren Geist durch die erlittene grausame Behandlung gestört war, weil er dem greisen Märtyrer die frohen Nachrichten nicht vergällen, weil er nicht aufs neue bange Furcht in ihm erwecken wollte. Weil aber des Knappen Herz von Haß gegen die Kreuzritter erfüllt war, und weil er sehnlich wünschte, daß Zygfryd unerbittlich gestraft werde, verheimlichte er absichtlich weder den erbarmungswerten Zustand Danusias, noch ihre Krankheit und Schwäche, welche er als Beweis dafür anführte, daß sie gewiß eine Behandlung erduldet habe, als ob sie den Händen von Henkersknechten überliefert gewesen wäre. Sicherlich, dies erklärte er schließlich, würde sie gleich einer Blume, die dahinwelkt und zu Grunde geht, wenn sie zertreten wird, verdorben und gestorben sein, wenn man sie nicht ihren Peinigern entrissen hätte. Und während der Erzählung Hlawas wurde stets aufs neue das Grollen des Donners hörbar, und immer drohender zog sich das finstere Gewölk über Spychow zusammen. Wenn nun auch Jurand der Erzählung so regungslos lauschte, daß es den Anwesenden dünkte, er schlafe, verstand und begriff er doch jedes Wort, denn als der Böhme die Leiden Danusias berührte, da quollen zwei große Thränen aus den leeren Augenhöhlen hervor und rannen langsam über die Wangen des beklagenswerten Vaters, dem von allen irdischen Empfindungen nur die eine geblieben war: die Liebe zu seinem Kinde. Dann bewegten sich seine bläulichen Lippen wie im Gebete. Draußen jedoch grollte abermals der Donner, und grelle Blitze erleuchteten jeden Augenblick die Fenster. Lange, lange betete Jurand, während wieder große Zähren seinen weißen Bart benetzten. Tiefe Stille herrschte, allein nach und nach bemächtigte sich aller Anwesenden eine gewisse Unruhe, denn keines wußte, was es beginnen solle. Endlich faßte der alte Tolima, der Gefährte Jurands in allen Schlachten und der Hüter von Spychow Mut, indem er sagte: »Vor Euch, o Herr, steht jener Verdammte, jener gottlose Kreuzritter, der Euer Kind, der Euch gemartert hat; gebt mir durch ein Zeichen kund, wie ich ihn strafen soll!« Bei diesen Worten erhellten sich plötzlich Jurands Züge und mittelst eines Zeichens bedeutete er, man möge den Gefangenen ganz nahe zu ihm bringen. Sofort packten zwei der Knechte den Kreuzritter unter den Schultern und führten ihn vor den Gebieter von Spychow, der, den Arm ausstreckend, mit der flachen Hand über das Gesicht Zygfryds fuhr, gerade als ob er sich dessen Züge ins Gedächtnis zurückrufen oder fest einprägen wolle, dann betastete er die Brust des Komturs, sowie die Stricke, mit denen dessen Arme kreuzweis zusammengebunden waren. Die Augenlider schließend, senkte er hierauf das Haupt. Alle Umstehenden glaubten, er sinne über etwas nach. Wie dem nun aber auch sein mochte, lange verharrte er nicht in der gebeugten Stellung, nein, schon nach wenigen Minuten richtete er sich empor und streckte die Hand nach dem Laibe Brot aus, in dem das Unheil verkündende Misericordia steckte. Die Anwesenden wagten kaum zu atmen. Unverwandt blickten alle auf den Gebieter von Spychow. Wohl war das Rachegefühl begreiflich, wohl war die Strafe hundertfach verdient, trotzdem rief aber der Gedanke, daß dieser schon halb dem Tode verfallene Greis mit tastender Hand einen gefesselten Gefangen töten wolle, in eines jeden Herzen Schauder hervor. Er aber faßte den Dolch in der Mitte, streckte den Zeigefinger bis zu dem spitzen Ende des scharfen Messers aus, damit er sich vergewissern konnte, was er berühre, und begann dann langsam die Stricke an den Armen Zygfryds entzwei zu schneiden. Von Staunen überwältigt, glaubte keines den eigenen Augen trauen zu dürfen. Nun verstanden alle mit einem Male, was er bezweckte. Doch eine solche That konnten sie nicht billigen. Hlawa murrte zuerst, seinem Beispiele folgten Tolima und die Knechte. Nur Pater Kaleb fragte mit einer vor Schluchzen bebenden Stimme: »Bruder Jurand, was ist Euer Begehr? Wollt Ihr dem Gefangenen die Freiheit schenken?« »Ja!« bedeutete Jurand durch eine Bewegung seines Hauptes. »Wollt Ihr, daß ihm die Strafe erlassen bleibe, daß er der Rache entgehe?« »Ja!« Das Murren wurde immer lauter, die Ausbrüche des Zornes, der Entrüstung steigerten sich. Da wendete sich Pater Kaleb, dem es am Herzen lag, daß ein solches Beispiel an Barmherzigkeit und Mitleid nicht vereitelt werde, zu den Murrenden und rief: »Wer wagt es, sich dem Willen eines Heiligen zu widersetzen? Auf Eure Knie!« Und niederkniend, hub er an: »Vater unser, der Du bist im Himmel, geheiligt werde Dein Name, Dein Wille geschehe –« Unentwegt sprach er das Vaterunser zu Ende. Bei den Worten »und vergieb uns unsre Schulden, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern« schaute er unwillkürlich auf Jurand, dessen Antlitz erstrahlte, wie von überirdischem Glanze übergossen. Und dieser Anblick und die Worte des Gebetes übten eine besänftigende Wirkung auf die Herzen der Versammelten aus, denn selbst der alte, durch unzählige Kämpfe hart gewordene Tolima umfaßte, das Zeichen des Kreuzes machend, Jurands Füße und fragte: »Wenn wir Eurem Wunsche willfahren wollen, o Herr, müssen wir wohl den Gefangenen an die Grenze geleiten?« »Ja!« bedeutete Jurand abermals durch ein Neigen seines Hauptes. Grell erleuchtete jetzt ein Blitzstrahl nach dem andern die Fenster, näher und näher kam das Ungewitter. Viertes Kapitel. Inmitten von Sturm und Regen ritten zwei Reiter der Grenze von Spychow zu: Zygfryd und Tolima. Letzterer geleitete den Deutschen deshalb selbst, weil die Furcht nicht unbegründet war, dieser könnte sonst von den wegelagernden Bauern oder von den Knechten von Spychow aus Haß und Rachgier erschlagen werden. Waffenlos, doch ohne Fesseln zog Zygfryd dahin. Von dem Sturmwinde gejagt, hielt sich das Unwetter stets über den beiden. Dann und wann, wenn ein außergewöhnlich heftiger Donnerschlag erfolgte, bäumten sich die Pferde hoch auf. In tiefem Schweigen ritten der Kreuzritter und Tolima durch ein enges Thal, in dem der Weg häufig so schmal ward, daß die Reiter dicht neben einander, Steigbügel an Steigbügel gedrängt, dahin ziehen mußten. Tolima, der seit Jahren daran gewöhnt war. Gefangene zu geleiten, schaute jeden Augenblick mit wachsamem Auge auf Zygfryd, als ob es sich darum handle, daß der Komtur nicht unerwartet entweiche, und sobald sein Blick auf diesem ruhte, überkam ihn ein Zittern, dünkte ihm dann doch, daß des Kreuzritters Augen in der Dunkelheit funkelten, wie die Augen eines bösen Geistes, eines Vampyrs. Mehr als einmal dachte er daran, das Zeichen des Kreuzes über seinen Begleiter zu machen, doch stets unterließ er es wieder, aus Furcht, jener könne sich dadurch in ein Entsetzen erregendes, heulendes und zähnefletschendes Geschöpf verwandeln. Gleich dem Habichte, welcher sich auf eine ganze Schar Rebhühner herabstürzt, hätte es der alte Krieger jederzeit allein mit einem Haufen Deutscher aufgenommen, vor bösen Geistern aber empfand er eine unbezwingliche Furcht und wollte daher nichts mit ihnen zu thun haben. Am liebsten hätte er deshalb Zygfryd den Weg gewiesen und wäre wieder nach Spychow zurückgekehrt, allein er schämte sich dieses Gedankens, er geleitete den Kreuzritter bis zu der Grenze. Gerade als sie das Ende des Waldes erreicht hatten, ließ der Sturm etwas nach. Ein seltsamer, gelblicher Schimmer lag über den Wolken, es wurde heller, und Zygfryds Augen verloren ihren früheren stechenden Blick. Jetzt aber trat an Tolima eine neue Versuchung heran. »Man befahl mir,« so sprach er zu sich selbst, »diesen verdammten Hund sicher an die Grenze zu geleiten. Diesen Befehl habe ich erfüllt. Soll aber der Peiniger meines Herrn und dessen Kindes ungestraft ausgehen, soll keine Rache an ihm geübt werden, wäre es nicht eine lobenswerte, eine gottgefällige That, ihn aus der Welt zu schaffen? Ei, könnte ich ihn nicht auf Leben und Tod fordern? Wohl trägt er keine Waffen, allein eine Meile von hier liegt Marcimow, ein altes Hofgut meines Gebieters, wo leicht ein Schwert oder eine Streitaxt zu bekommen sein wird – dann kann ich mit dem Hunde kämpfen! Und wenn mir Gott den Sieg verleiht, werde ich ihm die Kehle durchschneiden und sein Haupt in Mist vergraben!« Von solchen Gedanken erfüllt, warf Tolima gierige Blicke auf den Deutschen, während er die Nasenlöcher in einer Weise zusammenzog, als ob er schon frisches Blut rieche. Einen schweren, harten Kampf mußte er mit sich selbst kämpfen, bis er sich überwunden hatte, bis er sich wieder zu der Erkenntnis durchrang, daß Jurand dem Gefangenen über die Grenze hinaus das Leben und die Freiheit geschenkt habe und daß, wenn er jetzt den Kreuzritter erschlage, nicht nur die fromme That seines Herrn verringert, sondern daß seinem Gebieter auch im Himmel eine kleinere Belohnung zu teil werde. So hielt er denn schließlich sein Pferd an und sagte: »Hier ist unsere Grenze, und Ihr habt nun nicht mehr weit in Eure Heimat. Ihr seid frei, zieht dahin! Wenn Dich das eigene Gewissen nicht verdammt, wenn unser Herrgott Dich nicht durch einen Donnerschlag darniederschmettern läßt, dann ist's gut, denn von den Menschen hast Du nichts mehr zu fürchten.« So sprechend, wendete Tolima sein Roß, während Zygfryd ohne ein Wort der Erwiderung, gerade als ob er nichts gehört habe, den Weg fortsetzte und dabei so starr aussah, daß er einem Bilde von Stein glich. Und weiter und weiter ritt er auf dem allmählich breiter gewordenen Pfade dahin. Die Pause, die in dem Sturme eingetreten war, hielt jedoch nicht lange an, die lichten Wölkchen an dem Firmamente verschwanden bald wieder. Aufs neue wurde es so finster, daß man hätte glauben können, die ganze Welt sei in Dunkelheit gehüllt. Die Wolken wurden schwerer und schwerer und senkten sich nahezu auf den Wald herab. Aus der Höhe aber ertönte ein dumpfes Getöse, das teils wie ein unheilverkündendes Zischen, teils wie das Grollen eines nahenden, von dem Engel des Sturmes mit Gewalt zurückgehaltenen Ungewitters klang. In immer kürzeren Zwischenräumen fuhren zackige Blitze am Himmel dahin, und wenn sie die erschreckte Erde erhellten, dann wurde ein einsamer Reiter sichtbar, welcher den breiten, zwei dichte Wälder trennenden Pfad verfolgte. Von Fieber verzehrt, befand sich Zygfryd nicht mehr recht bei Bewußtsein. Seit Rotgiers Tod fraß ihm ein nagender Kummer am Herzen, die Missethaten, welche er aus Rache begangen, die Gewissensbisse darüber, die entsetzlichen Gesichte, die Seelenqualen hatten seinen Geist seit geraumer Zeit in solcher Weise gestört, daß er nur mit Aufbietung all seiner Kräfte den Wahnsinn von sich fern hielt, ja, daß er zeitweise demselben völlig verfiel. Nun waren auch noch die Beschwerden der unter Hlawas strenger Hand zurückgelegten Reise, die in dem Kerker von Spychow verbrachte Nacht, die Ungewißheit über sein Geschick, vor allem aber jene unerhörte, fast übermenschliche und deshalb ihn geradezu erschreckende That von Barmherzigkeit und Mitleid hinzugekommen – was Wunder also, daß dies zusammen ihn ins tiefste Innere traf? Häufig verwirrten sich seine Gedanken in solchem Maße, daß er nicht mehr wußte, was mit ihm vorging, sobald sich indessen das Fieber steigerte, regte sich in ihm ein unbestimmtes Gefühl von Verzweiflung, das Ahnen einer Gefahr, des vollständigen Unterganges – die Empfindung, daß nun alles vorüber, verloren, zu Ende sei, daß er die ihm gesteckte Grenze erreicht habe, und daß er einem Abgrunde zugetrieben werde, dem er nicht mehr entrinnen konnte. »Vorwärts, vorwärts!« flüsterte ihm plötzlich eine seltsame Stimme ins Ohr. Und er blickte umher, und er erschaute den Tod. Der bleiche Knochenmann aber, der auf dem Gerippe eines Pferdes saß, kam, mit den Gebeinen klappernd, dicht zu ihm heran. »Bist Du es?« fragte der Komtur. »Ich bin es. Vorwärts! Vorwärts!« In diesem Augenblick war es Zygfryd, als ob sich ihm auf der andern Seite ein zweiter Gefährte zugesellt habe. Steigbügel an Steigbügel mit ihm ritt irgend ein Wesen, das wohl einen menschenähnlichen Körper aber kein menschliches Gesicht besaß, denn das Geschöpf hatte einen Tierkopf, dessen lange, spitze, aufrechtstehende Ohren mit schwarzen, rauhen Haaren bedeckt waren. »Wer bist Du?« schrie Zygfryd auf. Doch der neue Begleiter erteilte keine Antwort, sondern knurrte, die Zähne fletschend, wild und drohend. Unwillkürlich schloß der Kreuzritter die Augen, da ward abermals ein lautes Geklapper hörbar und eine Stimme rief ihm deutlich zu: »Es ist Zeit, es ist Zeit! Beeile Dich! Vorwärts!« – Und Zygfryd antwortete: »Ich komme!« Doch diese Antwort entrang sich seiner Brust, als ob sie ihm von jemand anderm eingeflüstert worden sei. Dann stieg er, wie von einer unbezwinglichen äußeren Gewalt getrieben, von seinem Rosse und nahm diesem den bei den Rittern gebräuchlichen hohen Sattel, sowie die Zügel ab. Seine Begleiter glitten nun auch langsam von ihren Pferden. Sich dicht an seine Fersen haltend, geleiteten sie ihn hierauf von der Mitte des Weges an den Waldessaum. Dort bog der fürchterliche Vampyr einen Ast herab und half dem Komtur die Riemen der Zügel daran zu befestigen. »Beeile Dich!« flüsterte der Tod. »Beeile Dich!« flüsterten verschiedene Stimmen aus den Wipfeln der Bäume herab. Wie in einem Traume befangen, zog Zygfryd den zweiten Riemen durch die Schnalle, machte eine Schlinge und legte dieselbe, sich auf den unter den Bäumen befindlichen Sattel stellend, um seinen Hals. »Stoße den Sattel hinweg! So ist's recht! A-a-ah!« Der mit dem Fuße fortgestoßene Sattel rollte einige Schritt weit – der Körper des unglückseligen Kreuzritters aber hing schwer herab. Einige Sekunden dünkte es dem Komtur, er höre ein halb ersticktes, heiseres Geheul, ihm schien, jener grauenhafte Vampyr stürze sich auf ihn und reiße mit den Zähnen seine Brust auf, um ihm das Herz zu zerfleischen. Gleich darauf erschauten jedoch seine fast schon gebrochenen Augen etwas ganz anderes: der Tod löste sich gleichsam in eine weiße Wolke auf, die auf ihn zuschwebte, ihn umgab, umfaßte, einhüllte und schließlich all das Schreckenerregende mit einem undurchdringlichen Schleier bedeckte. Jetzt mit einem Male brach der Sturm mit erneuter Gewalt los. Blitze fuhren darnieder, ein Donnerschlag folgte dem andern, die Bäume des Waldes bogen sich unter dem Wirbelwinde, das Heulen, das Sausen, das Gezische des Unwetters, das Krachen der berstenden Stämme, der geknickten Aeste, all dies Getöse erfüllte den ganzen Wald. Dichte, vom Winde gepeitschte Regengüsse verminderten die Helle noch mehr, und nur wenn ein blutigroter Blitz ausleuchtete, wurde der vom Sturme wild hin und her bewegte Leichnam Zygfryds sichtbar. – – – – – – Am nächsten Morgen zog eine namhafte Schar den gleichen Weg entlang. An ihrer Spitze ritt Jagienka mit der Tochter der Sieciechowa und mit dem Böhmen, hinter ihr kamen die Wagen, von vier mit Schwertern und Bogen bewaffneten Knechten bewacht. Selbst ein jeder der Wagenlenker hatte einen Speer und eine Streitaxt neben sich, ganz abgesehen von den eisernen Heugabeln und andern für eine solche Fahrt tauglichen Waffen. Derartige Vorsichtsmaßregeln waren durchaus nötig, sowohl zum Schutze vor wilden Tieren, wie auch zur Verteidigung gegen die Räuberbanden, welche sich beständig an der Grenze des Ordenslandes umhertrieben, ein Unwesen, gegen das Jagiello bei dem Großmeister nicht nur in Briefen, sondern auch bei einer persönlichen Zusammenkunft in Naciaz ernstliche Beschwerde eingelegt hatte. Mit tüchtigen, wohlausgerüsteten Mannen konnte man indessen getrost der Gefahr trotzen, und so zog denn auch die Schar voll Selbstvertrauen und furchtlos dahin. Nach dem Sturme war ein herrlicher, prächtiger Tag angebrochen, so licht und klar, daß an schattenlosen Stellen die Augen der Reisenden von der glänzenden Helle geblendet wurden. Kein Blatt rührte sich an den Zweigen, auf allen Blättern aber hingen große Regentropfen, die, von der Sonne bestrahlt, in den Regenbogenfarben glitzerten. Auf den Fichtennadeln jedoch glänzten die Tropfen gleich funkelnden Diamanten. Infolge der Regengüsse schossen allenthalben Bächlein hervor, die, in fröhlichem Gemurmel dahinfließend, an den niedrig gelegenen Stellen kleine Seen bildeten. Allein trotz Feuchte und Nässe blickte die ganze Erde lachend dem klaren Morgen entgegen. Von Freude und Lust wird in solchen Stunden auch das Menschenherz ergriffen, und so sangen denn Wagenlenker und Knechte leise vor sich hin, indem sie sich über die Stille wunderten, die unter den vor ihnen Reitenden herrschte. Und in der That, schweigsam ritten diese weiter, denn schwerer Schmerz bedrückte Jagienka. Eine tiefgreifende Aenderung hatte sich in ihrem Leben vollzogen, eine Saite war zerrissen, und die Maid, der es stets fern gelegen, sich in Betrachtungen zu ergehen und die es sich nicht klar zum Bewußtsein bringen konnte, was in ihr vorging, was sie bewegte, empfand doch, daß alles, was ihr das Leben wert gemacht hatte, auf einen Schlag vernichtet und für immer dahin war, daß jede Hoffnung entschwand, wie der morgendliche Nebel auf den Gefilden entschwindet, daß sie auf alles verzichten, alles aufgeben, alles vergessen und ein neues Leben beginnen müsse. Sie sagte sich, daß, wie sich auch durch Gottes Wille ihre Zukunft gestalten werde, sie doch niemals wieder ein Glück wie in den früheren Zeiten finden könne. Und ihr Herz krampfte sich zusammen aus unermeßlichem Grame über das verlorene Glück, und heiße Thränen traten ihr in die Augen. Doch um nichts in der Welt wollte sie diesen Thränen freien Lauf lassen, denn neben dem bedrückenden Kummer, der auf ihr lastete, fühlte sie sich auch tief beschämt. Sie hätte jetzt viel darum gegeben, wenn sie in Zgorzelic geblieben wäre, denn kehrte sie jetzt nicht gezwungen aus Spychow zurück? Nicht allein um den drohenden Einfällen von Wilk und Cztan in Zgorzelic Einhalt zu thun, war sie in die Ferne gezogen, nein, über den Hauptgrund hierfür täuschte sie sich nicht. Der gleiche Grund war aber auch für Macko maßgebend gewesen, und sie bezweifelte es keinen Augenblick, daß ihn auch Zbyszko erfahren werde. Heiß brannten ihr die Wangen bei diesem Gedanken, Bitternis erfüllte ihre Seele. »Ich bin nicht stolz genug gewesen,« dachte sie bei sich, »und nun ist mir zu teil geworden, was ich verdiene.« Zu der bangen Angst vor dem, was kommen werde, zu der nagenden Reue über das, was geschehen, gesellte sich nun auch noch das bedrückende Gefühl der Demütigung. Bald wurde sie indessen aus ihrem grüblerischen Sinnen gerissen, da plötzlich in geringer Entfernung eine Männergestalt auftauchte. Hlawa, der auf alles ein wachsames Auge hatte, spornte sein Roß an und ritt auf den Fremdling zu, in welchem er sofort einen Waldhüter erkannte, an dem Bogen, der jenem über der Schulter hing, an der Tasche aus Dachsfell und an der mit Federn geschmückten Mütze. »Hei! Wer bist Du? Halt!« rief er jedoch trotzdem, um ganz sicher zu gehen. Der Angerufene näherte sich rasch. Auf seinem Gesichte spiegelte sich die Erregung eines Menschen, der eine ungewöhnliche Kunde zu überbringen hat. »Dort, an einem am Wege stehenden Baume,« schrie er, »hängt ein Mann.« Von dem Gedanken erfüllt, hier könnten Räuber die Hand im Spiele gehabt haben, fragte der Böhme rasch: »Ist es noch weit von hier?« »Einen Bogenschuß weit – auf diesem Wege.« »Ist niemand bei ihm?« »Nein, kein Mensch. Ich scheuchte einen Wolf hinweg, der ihn beschnüffelte.« Durch diese Antwort fühlte sich Hlawa einigermaßen beruhigt, denn das Erscheinen eines Wolfes bürgte dafür, daß sich weder in der Nähe, noch in einem Hinterhalte Leute befanden. Nunmehr sagte Jagienka: »Sieh' was geschehen ist!« Hlawa sprengte vorwärts, kehrte aber in ganz kurzer Zeit noch rascher zurück. »Zygfryd ist's, der dort hängt!« rief er, sein Roß vor Jagienka anhaltend. »Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes! Zygfryd? der Kreuzritter?« »Der Kreuzritter. Er hat sich selbst mit einem Zügel erhängt.« »Selbst hat er sich erhängt?« »Allem Anschein nach, denn der Sattel liegt nicht weit von ihm. Wenn Räuber die That vollbracht hätten, würden sie den Komtur einfach getötet und sich des Sattels bemächtigt haben, der von großem Werte ist.« »Werden wir vorüberkommen?« »Nein, nein, wir wollen nicht diesen Weg, wir wollen einen andern Weg einschlagen!« ließ sich jetzt die furchtsame Tochter der Sieciechowa vernehmen, »sonst wird es uns schlimm ergehen.« Jagienka ängstigte sich auch ein wenig, glaubte sie doch fest, daß sich um den Leichnam von Selbstmördern böse Geister ansammelten, allein der verwegene und kühne Hlawa erklärte: »Traun, ich war nicht nur ganz nahe bei ihm, sondern ich habe ihn sogar mit dem Speere berührt, und doch sitzt mir noch kein Teufel auf dem Nacken.« »Lästere nicht!« rief Jagienka. »Ich lästere nicht!« entgegnete der Böhme, »allein ich vertraue auf die Macht Gottes. Wenn Ihr Euch übrigens fürchtet, können wir ebensogut einen Umweg machen.« Anielka stimmte sofort dafür, nach kurzem Nachdenken meinte jedoch Jagienka: »Wahrlich, es ziemt sich nicht, einen Toten unbegraben zu lassen. Wir müssen dies thun als Christen, denn so will es unser Herr Jesus. Zygfryd war doch auch ein Mensch.« »Bei meiner Treu! Doch zu gleicher Zeit war er auch ein Kreuzritter, ein Henkersknecht, der sich selbst den Tod gegeben hat. Ueberlaßt ihn nur den Wölfen und den Raben.« »Sprich nicht auf solche Weise. Gott wird ihn seiner Sünden halber richten, wir aber wollen ausführen, was uns zu thun obliegt. Nichts Schlimmes kann uns widerfahren, wenn wir ein frommes Werk verrichten.« »Wohl, Euer Wille geschehe!« antwortete Hlawa. Sofort erteilte er hierauf den Knechten die nötigen Befehle, welche indessen nur zögernd und ungern gehorchten. Da sie aber wußten, daß Hlawa keinen Widerstand dulde, griffen sie in Ermanglung von Spaten zu den Heugabeln und Streitäxten, um das Grab zu graben, und gingen schließlich ans Werk. Um ein gutes Beispiel zu geben, schloß sich der Böhme ihnen an, ja, er schnitt mit eigener Hand, nachdem er das Zeichen des Kreuzes gemacht hatte, die Riemen entzwei, an denen der Leichnam hing. Zygfryds Gesicht war in der Luft ganz bläulich geworden und brachte mit den offenstehenden, starren Augen und mit dem wie zu einem letzten Atemzuge geöffneten Munde einen entsetzlichen Eindruck hervor. Das Grab war rasch gegraben. Mit den Stielen der Heugabeln wurde der Leichnam, das Gesicht nach unten gekehrt, hineingeschoben. Nachdem er mit Erde bedeckt worden war, suchten die Knechte Steine zusammen, weil nach althergebrachter Sitte auf den Gräbern von Selbstmördern Steine aufgehäuft werden mußten, damit jene nicht in der Nacht denselben entsteigen und die Vorüberziehenden belästigen konnten. An Steinen mangelte es aber weder auf dem Wege, noch zwischen dem Moose im Walde, und so türmte sich über dem Kreuzritter in kürzester Zeit ein ansehnlicher Hügel auf. Hlawa schnitt hierauf mit dem Beile ein Kreuz in den Stamm einer Fichte – freilich nicht Zygfryds wegen, sondern um dadurch die Ansammlung böser Geister an dieser Stelle zu verhüten, dann kehrte er zu seiner Herrin zurück. »Seine Seele ist in der Hölle, seinen Körper birgt die Erde,« sagte er zu Jagienka, »laßt uns nun weiter ziehen.« Sie setzten ihren Weg fort. Als aber Jagienka an dem Grabhügel vorüberritt, brach sie einen Zweig von dem Fichtenbaume und warf ihn auf die Steine. Unverzüglich ahmten nun all die andern, dem herkömmlichen Gebrauche zufolge, ihrem Beispiele nach. Dann ritten sie, lange Zeit in tiefes Schweigen versunken, weiter, denn ihre Gedanken weilten noch immer bei dem verruchten Komtur, den endlich die Strafe für all seine Vergehen ereilt hatte. Schließlich hub Jagienka also an: »Gottes Gerechtigkeit wird stets offenbar. Fern sei es daher von uns, das Gebet für die ewige Ruhe des Kreuzritters zu sprechen, denn niemals wird ihm die ewige Ruhe zu teil werde«.« »Ihr habt ein mitleidiges Herz, befahlt Ihr doch, daß ihm ein Grab bereitet werde,« warf Hlawa ein. Dann fügte er einigermaßen zaudernd hinzu: »Wißt Ihr, was die Leute behaupten? Nein, eigentlich nicht die Leute, sondern nur die Zauberer und die Hexen – die behaupten, der Besitz eines Riemens oder eines Strickes, mit dem sich ein Mensch erhängt habe, bringe in allem Glück, trotzdem bemächtigte ich mich nicht des Riemens, mit dem Zygfryd die That vollbracht hat, denn nicht durch Zauberkünste, nein, nur durch die Macht des Herrn Jesus werdet Ihr das Glück finden.« Jagienka antwortete nicht sogleich. Tiefe Seufzer entrangen sich ihrer Brust, bevor sie, jedoch wie zu sich selbst, sagte: »Hinter mir, nicht vor mir liegt das Glück.« Fünftes Kapitel. Am neunten Tage nach dem Aufbruch Jagienkas erreichte Zbyszko die Grenze von Spychow. Er hatte jede Hoffnung aufgegeben, Danusia lebend zu ihrem Vater zu bringen, so sterbenskrank war sein junges Weib. Von der Stunde an, da die Beklagenswerte völlig unzusammenhängend Antworten erteilt hatte, war er sich klar darüber geworden, daß nicht nur ihr Geist gestört, sondern daß auch ihr Körper von einer Krankheit befallen sei, gegen welche das durch die Gefangenschaft, durch die erduldeten Mißhandlungen und durch die erlittenen Aufregungen erschöpfte Kind nicht anzukämpfen vermochte. Möglicherweise hatte auch der Schrecken über den lärmenden Kampf Zbyszkos und Mackos gegen die Deutschen den Ausbruch der Krankheit herbeigeführt. Thatsache war es, daß von dieser Zeit das Fieber fast bis zu Ende der Fahrt nicht mehr wich. Gewissermaßen gereichte der bewußtlose Zustand Danusias dem jungen Ritter zum Vorteil, denn Zbyszko konnte dadurch sein Weib, gleich einer Toten, also ohne Erkenntnis der Gefahren, die er nur mittelst übermenschlicher Anstrengung überwand, durch die größten Wüsteneien bringen. Kaum aber hatten sie die Wälder hinter sich, kaum waren sie in eine gottgesegnetere Gegend gelangt, so ging es mit den Gefahren und den Entbehrungen zu Ende. Die dort ansässigen Bauern und Edelleute leisteten bereitwillig Hilfe, ja, die Leute überboten sich an Liebesdiensten, als sie vernahmen, der junge Kämpe habe ein Kind ihres Stammes aus den Händen der Kreuzritter befreit, die Tochter des berühmten Jurand, von dessen Thaten in den Burgen, auf den Höfen und in den Hütten gesungen wurde. Von allen Seiten bekam Zbyszko Nahrungsmittel und Pferde angeboten, alle Thüren standen ihm offen. Danusias Tragbahre mußte nicht mehr zwischen zwei Pferden befestigt werden, denn kräftige junge Burschen trugen sie von Dorf zu Dorf mit einer Sorgfalt und einer Vorsicht, als ob sie irgend eine Heilige trügen. Die Frauen erwiesen ihr die zärtlichste Fürsorge, die Männer aber lauschten zähneknirschend der Schilderung von all den Leiden, die Danusia erduldet hatte. Mehr als einer wappnete sich sofort mit dem eisernen Panzer und griff zu seinem Schwerte, zu seiner Streitaxt oder zu seinem Speere, um mit Zbyszko auszuziehen, um mit »Zins und Zinseszins« die verübten Missethaten heimzuzahlen, denn diese urwüchsigen, rauhen Menschen wollten es sich nicht damit genügen lassen, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, sie wollten blutige Rache nehmen. Zbyszko lag jedoch in dieser Zeit jeder Rachegedanke fern, ihm war es nur um Danusia zu thun. Zeigte sich ein Schein von Besserung bei der Kranken, dann atmete er hoffnungsfreudig auf, verschlimmerte sich ihr Zustand, bemächtigte sich seiner dumpfe Verzweiflung. Gegen das Ende der Fahrt vermochte er sich jedoch nichtlänger zu täuschen, an eine Genesung seines jungen Weibes war nicht mehr zu denken. Gleich zu Anfang, als er sich auf den Weg gemacht hatte, überkam ihn zeitweise die abergläubische Furcht, der Tod folge ihnen in den Wüsteneien, die sie durchzogen, Schritt auf Schritt, auf den geeigneten Augenblick lauernd, in dem er sich auf Danusia werfen und ihr das Herzblut aussaugen könne. Dieses Gesicht, oder vielmehr diese Empfindung bedrängte ihn besonders in dunkler Nacht so heftig, daß ihn häufig der heiße Wunsch ergriff, sich gegen das drohende Gespenst zu wenden, es zum Kampfe zu fordern, wie man einen Ritter zum Kampfe fordert, und bis zum letzten Atemzuge den Streit auszufechten. Je mehr der junge Ritter sich aber seinem Ziele näherte, desto schlimmer wurde es, denn nicht mehr hinter ihm schlich der Tod einher, er hielt sich neben der Schar, inmitten der Schar. Wohl war er nicht sichtbar, allein sein eisiger Atem durchkältete alles rings umher, und Zbyszko sah ein, daß er gegen einen solchen Feind nichts ausrichten konnte, daß er trotz Tapferkeit und Stärke, trotz der besten Waffen ihm das Liebste auf Erden ohne Widerstand überlassen müsse. Diese Ueberzeugung beugte ihn aber um so tiefer darnieder, weil sie in ihm einen Schmerz erweckte, so unbändig wie ein Wirbelwind, so tief wie die See. Wie sollte Zbyszko auch nicht von Wehmut, von Jammer ergriffen werden, wenn er, auf die Heißgeliebte schauend, unwillkürlich in vorwurfsvollem Tone also sprach: »Habe ich Dich deshalb so heiß geliebt, habe ich Dich deshalb gesucht und um Dich gekämpft, um Dich jetzt schon in die Erde betten zu müssen, um Dich jetzt schon auf ewig zu verlieren?« Und wenn er dann die fieberglühenden Wangen der Kranken, ihre unstät blickenden Augen bemerkte, fragte er abermals: »Willst Du mich verlassen? Fühlst Du kein Mitleid mit mir, ziehst Du es denn vor, fern von mir, statt bei mir zu sein?« Zuweilen dünkte es ihn, seine Gedanken verwirrten sich, zuweilen drohte ein Schluchzen seine Brust zu zersprengen, das er indessen gewaltsam unterdrückte aus Empörung und Grimm über diese rücksichtslose, unbarmherzige Macht, welche ein unschuldiges Kind mit ihrer kalten Hand erfaßte. Wäre jetzt der schlimme Kreuzritter in seiner Nähe gewesen, er hätte ihn, einem wilden Tiere gleich, in Stücke gerissen. An dem Jagdhofe angelangt, gedachte Zbyszko Rast zu machen, allein er fand ihn vollständig verödet. Von den Wächtern erfuhr er indessen, das Fürstenpaar habe den Jagdhof gleich mit Ende des Frühlings verlassen und habe sich nach Plock zu Ziemowit, dem Bruder des Fürsten begeben. Der junge Kämpe verzichtete daher sofort auf seinen Plan, nach Warschau zu ziehen, wo er den fürstlichen Arzt zu treffen geglaubt, von dem er Heilung für sein krankes Weib erhofft hatte. So schwer es ihn auch ankam, ihm blieb nichts anderes übrig, als sich nach Spychow zu wenden, als Jurand den Leichnam seines Kindes zu überbringen. »Alles ist zu Ende,« sagte sich Zbyszko immer und immer wieder. Da plötzlich, etliche Wegstunden vor Spychow, leuchtete ihm ein neuer Hoffnungsstrahl. Die fieberhafte Röte wich von Danusias Wangen, ihre Augen verloren den unstäten Blick, ihr Atem ging ruhiger. Zbyszko bemerkte dies sofort, und um ihr jedmögliche Erleichterung zu verschaffen, ließ er nochmals Rast machen. Sie hatten vielleicht noch eine Meile bis Spychow zurückzulegen, jetzt befanden sie sich aber, fern von jeder menschlichen Behausung, auf einem breiten, inmitten eines Feldes und einer Wiese gelegenen Pfade. Doch ein in der Nähe stehender wilder Birnbaum bot genügenden Schutz gegen die Sonne. Unter dessen Zweigen wurde daher Halt gemacht. Die Knechte stiegen von den Pferden und sattelten die Tiere ab, damit diese leichter Gras fressen konnten. Die beiden Frauen, denen die Wartung Danusias oblag, und die jungen Burschen, welche die Kranke trugen, legten sich, von dem Wege und der Hitze ermüdet, in den Schatten, und waren bald fest eingeschlafen. Nur Zbyszko wachte, auf der Wurzel des Birnbaumes sitzend, an der Tragbahre, ohne auch nur eine Sekunde seinen Blick von seinem Weibe zu wenden. Es war um die Mittagszeit. Tiefe Stille herrschte ringsumher. Mit geschlossenen Augen, regungslos lag Danusia da. Doch Zbyszko schien es, als ob sie nicht schlafe. Und in der That, als auf der andern Seite der großen Wiese ein Bauer, der das Gras mähte, stehen blieb und mit dem Wetzstein seine Sense schärfte, da öffnete Danusia, leicht erbebend, die Augen, schloß sie jedoch sofort wieder. Dann aber hob sich ihre Brust wie durch einen tiefen Atemzug und sie flüsterte kaum hörbar: »Die duftenden Blumen ...« Bleibe bei mir! Bleibe bei mir, Danusia!. Dies waren die ersten klaren, nicht im Fieber gesprochenen Worte, welche seit Beginn der Fahrt über ihre Lippen kamen, denn von der von der Sonne bestrahlten Wiese führte ein leichter Windhauch den durchdringenden Duft von Heu, Honig und von wohlriechenden Kräutern herzu. Was Wunder also, daß Zbyszko bei dem Gedanken, die Kranke erlange das Bewußtsein wieder, sich vor Wonne nicht zu fassen wußte. In der ersten Freude wollte er sich ihr zu Füßen werfen, allein aus Furcht, sie könne erschrecken, bezwang er sich, kniete an der Tragbahre nieder, und sich über sein junges Weib beugend, rief er leise: »Danusia! Danusia!« Da öffnete diese aufs neue die Augen, schaute ihn groß an, und während ein seliges Lächeln ihr Antlitz verklärte, nannte sie wie damals in der Hütte, aber mit weit mehr Bewußtsein seinen Namen: »Zbyszko!« Hierauf versuchte sie, ihm ihre Hände entgegenzustrecken, allein dies ging über ihre Kraft; er aber schlang seine Arme um sie mit einem so glückerfüllten Herzen, als ob er ihr für die größte Gunst zu danken habe. »Du bist aus dem tiefen Schlafe erwacht,« sagte er. »O, dem Herrn sei Lob und Preis dafür – Gott sei –« Er vermochte nicht weiter zu reden, und geraume Zeit hindurch herrschte tiefes Schweigen, war doch ein jedes in den Anblick des andern versunken. Die Stille wurde nur unterbrochen durch den würzigen Lufthauch, der von der Wiese her durch die Blätter des Birnbaumes fuhr und sie zum Rauschen brachte, sowie durch das Zirpen der Grillen und durch den aus weiter Ferne herüberklingenden Gesang des Mähers. Danusia blickte immer klarer darein und hörte nicht auf zu lächeln, gleich einem Kinde, dem im Traume ein Engel erscheint. Doch allgemach schaute sie verwundert umher. »Wo bin ich?« fragte sie schließlich. Ein wahrer Wortschwall entströmte nun Zbyszkos Lippen, der, vor Entzücken sich kaum mehr kennend, in kurzen, abgerissenen Sätzen entgegnete: »Bei mir bist Du! Du bist in der Nähe von Spychow! Zu Deinem Vater begeben wir uns! Deine Leiden sind zu Ende! O meine Danusia, meine Danusia! Ich habe Dich gefunden, ich habe Dich befreit! Du bist nicht mehr in der Macht der Deutschen! Aengstige Dich nicht länger! Bald werden wir in Spychow sein. Du bist krank gewesen, doch der Herr Jesus hat sich barmherzig gezeigt! Welche Schmerzen haben wir erduldet, wie viele Thränen sind geflossen! Danusia! – Ja, nun ist alles gut! Eitel Glück liegt vor Dir! Hei, wie habe ich Dich gesucht, wie bin ich umhergewandert! ... Oh, allbarmherziger Gott! ... Oh! ...« Er seufzte laut, dann aber atmete er tief auf, als ob nun jede Last von seiner Brust gewälzt sei. Danusia lag zwar noch immer unbeweglich da, allein sie schien sich über etwas zu besinnen, etwas zu überlegen. Endlich fragte sie mit schwacher Stimme: »So hast Du mich nicht vergessen?« Und zwei große Thränen rannen langsam über ihre Wangen auf die Kissen nieder. »Ich Dich vergessen!« schrie Zbyszko auf. In diesem Aufschrei aber lag mehr als in den heißesten Schwüren, als in den leidenschaftlichsten Beteuerungen. Ach, er hatte sie ja zu allen Zeiten mit ganzer Seele geliebt, jetzt indessen, da er sie wiedergefunden hatte, war sie ihm teurer geworden als alles auf der Welt. Und wieder trat tiefes Schweigen ein, und wieder herrschte ringsum Stille. Selbst der Gesang des Mähers war verstummt, doch plötzlich wetzte dieser zum zweiten Male seine Sense. Nach wenigen Minuten bewegte Danusia aufs neue die Lippen, allein sie flüsterte so leise, daß Zbyszko sie nicht verstehen konnte. Tief beugte er sich daher zu ihr herab und fragte: »Was sagst Du, meine Taube?« Und sie antwortete: »O, die duftenden Blumen!« »Wir sind an einer Wiese,« erklärte Zbyszko, »doch bald werden wir uns zu Deinem Vater aufmachen, der ebenfalls aus der Gefangenschaft befreit ist. Nun bleibst Du mein bis zum Tode! Hörst Du mich, verstehst Du mich?« Mit einem Male erfaßte ihn eine entsetzliche Angst, denn er bemerkte, wie eine fahle Blässe ihr Antlitz überzog und dicke Schweißtropfen auf ihre Stirn traten. »Was ist Dir, sprich?« fragte er in höchstem Schrecken, während ein kalter Schauer seine Glieder überlief und es ihn dünkte, das Haar sträube sich auf seinem Haupte. »Was ist Dir? Sage es mir!« wiederholte er gleich darauf in noch eindringlicherem Tone. »Dunkel! Dunkel!« flüsterte sie. »Dunkel? Die Sonne scheint ja so helle! Siehst Du es denn nicht?« fragte er mit zitternder Stimme. »Erst vor wenigen Minuten hast Du ja wie einstmals mit mir gesprochen. Ich beschwöre Dich im Namen Gottes, sage mir nur noch ein Wort.« Nun bewegte Danusia wohl die Lippen, allein sie vermochte selbst nicht mehr zu flüstern. Zbyszko erriet nur, daß sie seinen Namen nennen, daß sie nach ihm rufen wollte. Kurz darauf begannen ihre abgezehrten Hände zu zittern und an der Decke zu zerren, die über sie ausgebreitet lag. Doch währte dies nur einige Sekunden. Jetzt konnte kein Zweifel mehr herrschen – die Schatten des Todes senkten sich über sie. In seiner Angst, in seiner Verzweiflung flehte Zbyszko sie an, noch bei ihm auszuharren – er machte es sich ja nicht klar, daß seine Bitten fruchtlos waren. »Danusia! O allbarmherziger Jesus!« rief er. »Geh' nicht von mir, harre aus, bis wir Spychow erreicht haben! Bleibe bei mir! Bleibe bei mir, Danusia! O Jesus! O Jesus! O Jesus!« Durch Zbyszkos lautes Klagen wurden die Frauen, die jungen Burschen geweckt, und die Knechte, welche auf der Wiese mit den Pferden beschäftigt waren, eilten herbei. Gleich beim ersten Blick erkannten alle, wie es um ihre Herrin stand; unverweilt knieten sie daher nieder und sprachen die Litanei. Kein Windhauch war mehr zu spüren, kein Rauschen fuhr mehr durch die Zweige des Birnbaumes, nur das laute Beten der Knienden unterbrach die lautlose Stille rings umher. Kurz bevor die Litanei zu Ende war, öffnete Danusia noch einmal die Augen, gerade als ob sie einen letzten Blick auf Zbyszko, auf die von der Sonne bestrahlte Erde werfen wolle – dann sank sie in den ewigen Schlaf. – – – – – – Nachdem die Frauen ihr die Augen geschlossen hatten, begaben sie sich, um Blumen zu pflücken, auf die Wiese, wohin ihnen die Knechte folgten. Flurgeistern gleich bewegten sie sich, von der Sonne hell beschienen, in dem hohen Grase hin und her, sich zeitweise niederbeugend und weinend aus Mitleid und Kummer. Zbyszko kniete im Schatten an der Tragbahre, das Gesicht an Danusias Knie gelehnt. Regungslos verharrte er so, kein Wort kam über seine Lippen. Es schien alles in ihm erstorben zu sein. Er achtete weder auf die Frauen noch auf die Knechte, die sich bald ihm näherten, bald sich von ihm entfernten, emsig bemüht, goldene Butterblumen oder Glockenblumen zu pflücken, sowie die in großer Menge vorhandenen Pechnelken und allerlei weiße, nach Honig duftende Blüten. An feuchten tiefer gelegenen Stellen fanden die Suchenden auch Feldlilien und Ginster auf dem in der Nähe eines Brachfeldes liegenden grünen Raine. Sobald ein jedes einen ganzen Arm voll gepflückt hatte, umzogen sie klagend die Tragbahre, indem sie Blumen und Blüten auf die Tote streuten. Nur das Antlitz ließen sie frei, ihr Antlitz, das zwischen den weißen Lilien und Glockenblumen so friedlich aussah, daß die Entschlummerte, die nun den ewigen Schlaf schlief, einem holden, reinen Engel glich. Nur noch eine Meile waren sie von Spychow entfernt. Als daher nach einiger Zeit der erste Schmerz versiegt war, die Thränen trockneten, nahmen die jungen Burschen die Tragbahre wieder auf, und die ganze Schar bewegte sich dem Fichtenwalde zu, der schon zu dem Gebiete von Spychow gehörte. Die Knechte führten die Pferde hinter dem Zuge her, während Zbyszko die Bahre tragen half und die Frauen, Blumen in den Händen und fromme Lieder singend, voranschritten – ein Trauerzug, der langsam, langsam zwischen der grünen Wiese und dem gleichmäßig grauen Brachfelde dahinschritt. An dem blauen Himmel zeigte sich kein Wölkchen, die ganze Welt schien in goldenen Sonnenschein getaucht zu sein. – – – – – – Neunter Teil. Erstes Kapitel. Endlich erreichten sie mit dem Leichname Danusias die Waldungen von Spychow, an deren Grenzen die bewaffneten Knechte Jurands bei Tag und Nacht Wache hielten. Einer von ihnen machte sich sofort auf, um den alten Tolima und Pater Kaleb zu benachrichtigen, die andern führten den Zug auf einem sich anfangs in schmalen Windungen hinschlängelnden, aber allmählich breiter werdenden, lehmigen Wege bis zu der Stelle, wo der Forst ein Ende nahm. Hier begann ein weites Gefilde mit morastigem Erdreich, wo Scharen von Sumpfvögeln umherschwärmten, und das zu der auf einer steinigen Anhöhe liegenden Burg Jurands führte. Die Heranziehenden erkannten alsbald, daß die Trauerkunde schon nach Spychow gelangt war, denn kaum waren sie aus dem Dunkel des Waldes ins Freie getreten, als das Glockengeläute der Schloßkapelle zu ihren Ohren drang. Binnen kurzem erblickten sie auch in der Ferne viele Menschen, Männer und Frauen, die ihnen entgegen kamen. Als diese Schar sich bis auf zwei oder drei Bogenschüsse genähert hatte, konnte man schon die einzelnen Personen unterscheiden. An der Spitze schritt Jurand selbst, von Tolima gestützt und mit einem Stabe nach dem Wege suchend. An seiner ungewöhnlich hohen Gestalt, den leeren roten Augenhöhlen und den weißen, bis zu den Schultern herabfallenden Haaren war er leicht zu erkennen. Neben ihm ging im weißen Chorhemde und mit einem Kreuze in der Hand der Pater Kaleb. Diesen wurde eine Standarte mit Jurands Abzeichen nachgetragen, welche von den bewaffneten Mannen aus Spychow umringt war, und dann folgten verheiratete Frauen, an ihren Kopftüchern kenntlich, sowie Jungfrauen mit herabwallenden Haaren. Hinter der Schar kam ein Wagen, auf den die sterbliche Hülle Danusias niedergelegt werden sollte. Als Zbyszko den Vater Danusias erblickte, befahl er, die Bahre, welche er bis zu diesem Augenblick am Kopfende getragen hatte, niederzusetzen, und sich Jurand nähernd schrie er auf in dem furchtbaren Tone, welcher der Ausdruck unendlicher Pein, unendlicher Verzweiflung ist. »Ich suchte sie so lange, bis ich sie fand, und befreite sie, aber sie wollte lieber zu Gott als nach Spychow!« Hier ward er völlig von Schmerz überwältigt, er sank an Jurands Brust, umschlang ihn mit den Armen und stöhnte laut: »O Jesus! Jesus! Jesus! ...« Bei diesem Anblick gerieten die bewaffneten Mannen von Spychow förmlich in Aufruhr, und sie schlugen mit den Lanzen an die Schilder, da sie nicht wußten, wie sie auf andre Weise ihren Schmerz und ihren Rachedurst an den Tag legen sollten. Die Frauen erhoben ein lautes Wehklagen, wobei immer eine dem Beispiel der andern nachahmte, sie drückten ihre Schürzen an die Augen oder verhüllten ihre Köpfe vollständig damit, indem sie in markerschütternden Tönen riefen: »O! Welch ein Unglück! Für Dich ist die Freude, für uns sind nur Thränen – der Tod hat Dich hinweggerafft, der Sensenmann Dich gemäht! Ach!« Und die Köpfe zurückwerfend, die Augen schließend, schrien etliche unter ihnen: »Schlimm erging es Dir hier. Du Blume, bei uns – gar schlimm! Dein Vater blieb zurück in großer Betrübnis, Du aber wandelst schon in göttlichen Gefilden – ach!« Wieder andere warfen der Toten vor, daß sie kein Erbarmen für die Thränen des verlassenen Vaters, für die Thränen des Gatten gefühlt habe. Und diese Klagen und dies Leid äußerte sich in einer Art von Gesang, denn anders vermochten diese Menschen ihren Schmerz nicht auszudrücken. Aber Jurand, sich Zbyszkos Umarmung entziehend, streckte seinen Stab aus, zum Zeichen, daß er zu Danusia heranzutreten wünsche, da faßten ihn Tolima und Zbyszko unter den Armen, um ihn zur Tragbahre zu geleiten, und er kniete bei dem Leichnam nieder, er fuhr mit der Hand von der Stirne bis zu den kreuzweise gefalteten Händen der Toten und nickte einige Male mit dem Kopfe, wie wenn er sagen wolle, daß dies seine Danusia sei, keine andere – und daß er sein Kind erkenne. Dann umschlang er sie mit dem einen Arm, während er den andern, verstümmelten emporhob, die Anwesenden aber verstanden ihn, denn diese stumme Anklage vor Gott war beredter als alle Aeußerungen des Schmerzes. Zbyszko, dessen Gesicht nach dem plötzlichen Schmerzesausbruch wieder eine starre Miene angenommen hatte, kniete jetzt schweigend, einem Steinbild ähnlich, an der andern Seite der Bahre, und rings umher ward es so stille, daß man das Zirpen der Grillen und das Summen der Fliegen vernehmen konnte. Schließlich besprengte Pater Kaleb die Tote, Zbyszko sowie Jurand mit Weihwasser und begann das »Requiem aeternam«. Nach Beendigung des Gesanges betete er lange Zeit laut, und den Umstehenden dünkte, daß sie die Stimme eines Propheten vernahmen, da er zu Gott flehte, daß durch die Leiden des unschuldigen Kindes das Maß der Sünde voll sei, und daß nun der Tag des Gerichtes, der Strafe und des Verderbens für die Ungerechten kommen möge. Dann setzten sie sich wieder in Bewegung gen Spychow, doch legten sie Danusias Leichnam nicht auf den Wagen, sondern trugen ihn auf der mit Blumen geschmückten Bahre dem Zuge voraus. Das Geläute der Glocken hatte nicht aufgehört, es schien sie zu rufen und einzuladen, und sie schritten singend über die weiten, von der goldenen Abendröte beleuchteten Triften, wie wenn die Dahingeschiedene sie zu ewigem Glanze, zu ewigen lichten Höhen führe. Der Abend hatte schon begonnen, und die Herden waren von der Weide zurückgekehrt, als der Zug anlangte. Die Kapelle, worin die sterbliche Hülle Danusias niedergesetzt wurde, erstrahlte von Fackeln und Wachskerzen. Auf Befehl des Pater Kaleb beteten sieben Jungfrauen abwechselnd die Litanei an der Leiche bis zum Anbruch des Tages. Bis zum Anbruch des Tages verließ auch Zbyszko die Dahingeschiedene nicht, und am Morgen legte er sie in einen Sarg, der während der Nacht von geschickten Handwerksleuten aus Eichenholz gezimmert und in dessen Deckel, gerade wo das Haupt der Toten ruhen sollte, goldglänzender Bernstein eingefügt worden war. Jurand befand sich nicht in der Kapelle. Gleich nach seiner Rückkunft in die Burg hatten ihm die Füße den Dienst versagt, und als man ihn auf sein Lager gebracht hatte, war er plötzlich nicht mehr fähig, sich zu bewegen, wußte er weder, wo er sich befand, noch was mit ihm vorging. Umsonst sprach Pater Kaleb zu ihm, umsonst fragte er, was ihm fehle, Jurand hörte ihn nicht, verstand ihn nicht; auf dem Rücken liegend, hob er nur die Lider und lächelte mit strahlendem, glückseligem Antlitz. Zuweilen bewegte er auch die Lippen, wie wenn er mit jemand spräche. Die bei ihm Anwesenden sagten sich dann, daß er wohl mit seiner in das ewige Heil eingegangenen Tochter zu sprechen glaube und ihr zulächle. Sie sagten sich auch, daß es zu Ende mit ihm gehe, und er sich schon in die ewige Glückseligkeit entrückt glaube, aber darin täuschten sie sich, denn unempfindlich und taub für alles, was um ihn her vorging, verharrte er so ganze Wochen hindurch, ohne daß das Lächeln von seinem Gesichte schwand. Als Tolima schließlich mit dem Lösegeld für Macko wieder aufbrach, befand sich Jurand noch am Leben. Zweites Kapitel. Nach dem Begräbnis Danusias war zwar Zbyszko nicht erkrankt, nicht bettlägerig geworden, aber eine Art von Erstarrung hielt seine Sinne gefangen. Anfangs, während der ersten Tage, stand es noch nicht so schlimm mit ihm, denn er ging umher, er besprach sich im Geiste mit seinem toten Weibe, oder er begab sich zu Jurand und setzte sich an dessen Lager nieder. Auch berichtete er dem Priester von der Gefangenschaft Mackos, und sie beschlossen, Tolima nach Preußen und Marienburg zu senden, damit er in Erfahrung bringe, wo der alte Ritter sich befand, und ihn loskaufe, zugleich aber auch für Zbyszko die Summe bezahle, welche mit Arnold von Baden und dessen Bruder vereinbart worden war. In den unterirdischen Gewölben in Spychow fehlte es nicht an Silber, das Jurand teils aus seinen Besitzungen zugeflossen, teils von ihm erbeutet worden war, und Pater Kaleb nahm als wahrscheinlich an, daß die Kreuzritter, sofern sie das Geld erhielten, den alten Mann freilassen und nicht verlangen würden, daß der junge Kämpe sich persönlich bei ihnen einstelle. »Gehe nach Plock,« sagte der Priester zu Tolima bei dessen Aufbruch, »und lasse Dir dort von dem Fürsten einen Geleitsbrief geben, sonst könnte der erste beste Komtur Dich ausrauben und gefangen nehmen.« »Ei, ich kenne sie ja gut,« entgegnete der alte Tolima. »Sie sind im stande, sogar auch diejenigen zu berauben, welche Geleitsbriefe haben.« Und er machte sich auf den Weg. Aber es währte nicht lange, so bereute Pater Kaleb es schon, daß er nicht Zbyszko selbst abgesandt hatte. Zwar hatte er befürchtet, im ersten Augenblick des Schmerzes könne der junge Ritter entweder nicht so vorgehen, wie es nötig war, oder am Ende gar seiner Wut gegen die Kreuzritter allzusehr die Zügel schießen lassen und sich irgend einer Gefahr aussetzen. Auch hatte er sich gesagt, daß es dem Tiefbetrübten wohl schwer fallen werde, sich sogleich nach solchem Herzeleid und Kummer vom Grabe der Geliebten zu trennen, zumal nach einer so schrecklichen und traurigen Fahrt, wie die, welche durch ihn von Gotteswerder bis Spychow unternommen worden war. Jetzt hingegen bereute der Priester, all diesen Bedenken Raum gegeben zu haben, denn Zbyszko ward mit jedem Tag schwermütiger. Bis zum Tode Danusias hatte er in beständiger Erregung gelebt, hatte er stets all seine Kräfte angespornt. Ans Ende der Welt war er gedrungen, er hatte manchen Kampf bestanden, er hatte sein Weib aus der Gefangenschaft befreit, durch Wüsteneien war er gewandert, und plötzlich sollte nun alles zu Ende sein, wie auf einen Schlag. Nichts blieb zurück als die Erkenntnis, daß alles umsonst, daß die erlittenen Mühseligkeiten vergeblich gewesen – und daß er diese zwar überwunden hatte, daß aber zugleich mit ihnen unendlich viel, auch die Hoffnung, alles Gute und die Liebe aus seinem Leben entschwunden waren. Ein jeder Mensch lebt in der Zukunft, ein jeder entwirft Pläne und beschließt manches für die kommenden Tage, für Zbyszko hingegen war das »morgen« gleichgültig geworden, und was die Zukunft anbelangte, so hatte er dasselbe Gefühl wie Jagienka, als sie, von Spychow wegreitend, sagte: »Hinter mir, nicht vor mir liegt das Glück!« Dies Gefühl von Freudlosigkeit, von Schwäche, die Empfindung, daß alles um ihn her öde und leer sei, ward durch den unendlichen Schmerz, den immer wachsenden Gram um Danusia hervorgerufen. Der Schmerz, welcher über ihn gekommen war, nahm ihn ganz gefangen und ward so gewaltig, daß schließlich in Zbyszkos Herzen nichts anderes mehr Raum fand. Er dachte nur noch an sein Leid und versenkte sich förmlich darein. Unempfindlich für alles, zog er sich in sein Inneres zurück, gleichsam in einem Traume umherwandelnd, ohne zu wissen, was um ihn her vorging. All seine Körper- und Geisteskräfte schienen nachgelassen zu haben, seine ehemalige Energie und Kühnheit waren entschwunden und hatten einer gewissen Lässigkeit Platz gemacht. In Blick und Bewegung hatte er jetzt etwas von der Würde eines Greises. Ganze Tage und Nächte saß er entweder in der Gruft am Sarge Danusias oder vor dem Hause, sich während der Nachmittagsstunden in der Sonne wärmend. Zuweilen war er so geistesabwesend, daß er keine Frage beantwortete. Pater Kaleb, der ihn liebte, befürchtete, der Gram, könne an ihm zehren wie der Rost am Eisen zehrt – und voll Betrübnis sagte er sich immer wieder, daß es vielleicht besser gewesen wäre, wenn er Zbyszko mit dem Lösegeld zu den Kreuzrittern geschickt hätte. »Es ist notwendig,« sprach er zu dem Küster des Ortes, mit dem er sich in Ermanglung eines andern über die eigenen Kümmernisse zu unterhalten pflegte, »daß ihn irgend etwas aufrüttle, sonst wird er vollständig zu Grunde gehen.« Und der Küster stimmte ihm bei, indem er den klugen Vergleich anführte: für einen Menschen, der an einem Knochen würge, sei es am besten, ihm einen tüchtigen Schlag in das Genick zu geben. Zwar trat nun kein besonderes Ereignis ein, aber einige Wochen später langte unerwarteter Weise Herr de Lorche in Spychow an. Sein Anblick erschütterte Zbyszko tief, mahnte er ihn doch an den Kriegszug mit den Samogitiern und an die Befreiung Danusias. De Lorche selbst scheute sich nicht, diese schmerzlichen Erinnerungen aufzurühren. Im Gegenteil, da er schon von Zbyszkos Verlust gehört hatte, verweilte er beständig an seiner Seite, betete mit ihm am Sarge Danusias und sprach unaufhörlich von ihr. Auch dichtete er, der sich mit Recht ein Minstrel hätte nennen dürfen, ein Lied auf die Dahingeschiedene, das er des Nachts am Gitterfenster der Gruft zur Laute sang, ein so trauriges, rührendes Lied, daß Zbyszko, obwohl er die Worte der Dichtung nicht verstand, durch die Weise allein schon tief bewegt, in einen Strom von Thränen ausbrach, der nicht versiegte bis zum Morgen. Erschöpft vom Weinen, von Kummer und Schlaflosigkeit, sank er dann in langen Schlummer, und als er wieder erwachte, war es offenbar, daß die Thränen ihm das Herz erleichtert hatten, da er erfrischt und gestärkt schien, auch vertrauensvoller in die Zukunft schaute. Die Anwesenheit Herrn de Lorches machte ihm Freude, er dankte ihm dafür, daß er gekommen war, und fragte schließlich, wieso er von seinem Unglück gehört habe. De Lorche erwiderte durch Pater Kaleb, daß er Danusias Tod zuerst in Lubowa, von dem alten Tolima erfahren, den er dort im Gefängnisse bei dem Komtur gesehen habe, daß er aber in jedem Falle nach Spychow gekommen wäre, um sich Zbyszko wieder zu stellen. Die Kunde von Tolimas Gefangennahme brachte sowohl auf den jungen Ritter als auch auf den Priester einen großen Eindruck hervor. Sie begriffen sofort, daß das Lösegeld als verloren zu betrachten sei, denn nichts auf der ganzen Welt war schwieriger, als den Kreuzrittern eine Summe zu entreißen, die sie einmal in den Klauen hatten. Darum war es nötig, zum zweitenmal mit Lösegeld auszuziehen. »Wehe!« rief Zbyszko aus. »Mein armer Oheim wartet sehnsuchtsvoll auf seine Befreiung und denkt wohl, ich hätte seiner vergessen! Ich muß jetzt sogleich zu ihm eilen.« Dann wendete er sich zu Herrn de Lorche: »Weißt Du, wie alles gekommen ist? Weißt Du, daß er sich in den Händen der Kreuzritter befindet?« »Ich weiß es,« antwortete de Lorche, »denn ich sah ihn in Marienburg, und darum gerade bin ich hierhergekommen.« Jetzt aber begann Pater Kaleb laut zu klagen: »Wir haben nicht richtig gehandelt,« sagte er, »und niemand von uns ist vernünftig gewesen. Tolima habe ich auch mehr Klugheit zugetraut. Weshalb begab er sich nicht nach Plock, anstatt sich ohne Geleitsbrief mitten unter diese Räuber zu wagen?« Herr de Lorche zuckte die Achseln. »Was sind ihnen Geleitsbriefe? Und ward dem Fürsten von Plock, sowohl wie auch Eurem Fürsten nicht genug Schaden durch die Kreuzritter zugefügt? An der Grenze hören ja die Ueberfälle und Kämpfe niemals auf. Denn auch Eure Leute geben keinen Frieden. Jeder Komtur, wahrlich, sogar jeder Vogt thut, was er will, und an Raubsucht übertrifft immer einer den andern.« »Um so eher hätte Tolima nach Plock gehen sollen.« »Dies wollte er auch thun, aber unterwegs, an der Grenze, nahmen sie ihn bei Nacht fest. Er wäre von ihnen erschlagen worden, hätte er nicht erklärt, daß er für den Komtur Geld nach Lubowa bringe. Dadurch rettete er sich, und der Komtur ruft jetzt Zeugen dafür auf, daß Tolima dies selbst gesagt hat.« »Und wie geht es meinem Oheim? Ist er gesund? Trachtet man ihm nach dem Leben?« fragte Zbyszko. »Er ist gesund!« antwortete de Lorche. »Aber der Haß gegen ›König‹ Witold und gegen die, welche den Samogitiern beistanden, ist dort groß, und sicherlich hätten sie den alten Ritter getötet, wenn ihnen nicht so viel am Lösegeld gelegen wäre. Wolfgang und Arnold von Baden schützen ihn aus der nämlichen Ursache, und schließlich handelt es sich auch um mein Haupt, denn wollte das Kapitel mich opfern, so würde die Ritterschaft von Geldern, Berg und Flandern sich dagegen auflehnen. Ihr wißt doch, daß ich ein Blutsverwandter des Grafen von Geldern bin.« »Und wieso handelt es sich auch um Dein Haupt?« unterbrach ihn Zbyszko voll Verwunderung. »Weil ich durch Dich gefangen genommen wurde. Ich sprach folgendermaßen in Marienburg: ›Wenn Ihr den alten Ritter von Bogdaniec töten laßt, wird sein Bruderssohn mein Haupt fordern‹.« »Ich fordere es nicht, so wahr mir Gott helfe!« »Wohl weiß ich, daß Du es nicht forderst, aber sie befürchten es, und dadurch droht Macko keine Gefahr bei ihnen. Sie sagten mir, auch Du seiest in Gefangenschaft geraten, Wolfgang und Arnold von Baden hätten Dich auf Dein Ritterwort freigelassen, daher sei es nicht nötig, daß ich mich Dir stelle. Doch entgegnete ich ihnen, daß Du noch frei gewesen, als Du mich gefangen nahmst. Und so bin ich zu Dir gekommen! Während ich mich in Deiner Gewalt befinde, werden sie weder Dir noch Macko etwas anhaben. Zahle jenen Brüdern Dein Lösegeld, für mich aber verlange zwei- oder dreimal so viel. Bezahlen müssen sie. Nicht darum spreche ich so, weil ich glaube, ich sei mehr wert als Du, sondern weil ich die Kreuzritter wegen ihrer Geldgier, welche ich verachte, strafen möchte. Einstmals hatte ich eine ganz andere Meinung von ihnen, aber jetzt habe ich einen wahren Abscheu gegen sie und das Leben unter ihnen gefaßt. In das heilige Land nach Abenteuern will ich ausziehen, denn jenen vermag ich nicht länger zu dienen.« »Bleibt bei uns, Herr,« sagte Pater Kaleb. »Ich glaube, Ihr werdet wohl bleiben, denn daß sie Lösegeld für Euch bezahlen werden, scheint mir nicht wahrscheinlich.« »Wenn sie es nicht bezahlen, so bezahle ich es selbst,« antwortete de Lorche. »Ich führe ein ansehnliches Gefolge mit mir, sowie reich beladene Wagen, und das, was sich darin befindet, wird genügen.« Pater Kaleb wiederholte Zbyszko diese Worte, die auf Macko sicherlich Eindruck gemacht hätten, allein Zbyszko, der sich weniger um Hab und Gut kümmerte, erwiderte: »Bei meiner Ehre! Es darf nicht sein, wie Du sagst. Ein Bruder und ein Freund bist Du mir gewesen, von Dir nehme ich kein Lösegeld.« Und von dem Gefühl durchdrungen, daß neue Bande sie nun verknüpften, umarmten sie sich. Aber de Lorche sagte lächelnd: »Die Deutschen dürfen jedoch nichts davon wissen, denn in betreff Mackos werden sie wohl Schwierigkeiten erheben. Und seht Ihr, zahlen müssen sie, da sie fürchten, ich könne sonst an den Höfen und unter der Ritterschaft verkünden, daß sie zwar gerne ritterliche Gäste zu sich bitten, daß sie jedoch, wenn diese Fremden in Gefangenschaft geraten, ihrer nicht mehr gedenken. Und der Orden hat jetzt Leute nötig, denn Witold, noch mehr aber die Polen und deren König flößen ihm Angst ein.« »So mag es denn so sein!« entgegnete Zbyszko. »Du bleibst hier oder an irgend einem Platze in Masovien, ich aber gehe meines Oheims wegen nach Marienburg und gebe mir den Anschein, als ob ich von ingrimmigem Haß gegen Dich erfüllt wäre.« »Beim heiligen Georg, thue dies!« antwortete de Lorche. »Doch zuerst höre, was ich Dir noch mitzuteilen habe. In Marienburg sagt man, daß der polnische König nach Plock komme und mit dem Meister daselbst oder an irgend einem Grenzorte zusammentreffen werde. Die Kreuzritter wünschen dies sehr, weil sie in Erfahrung bringen möchten, ob der König Witold beistehen würde, falls derselbe ihnen wegen Samogitien offen den Krieg erklärt. Ha! Sie sind so klug wie die Schlangen, aber in diesem Witold haben sie doch ihren Meister gefunden. Der Orden fürchtet ihn auch, weil man niemals weiß, was er im Sinne hat, und was er thut. ›Er überließ uns Samogitien,‹ sagen sie in dem Kapitel, ›aber dadurch ist's, als ob fortwährend ein Schwert über unsern Häuptern hinge. Ein Wort von ihm‹, sagen sie, ›und die Empörung ist da!‹ Und in der That, so ist es auch. Ich muß mich an seinen Hof begeben, sobald es mir möglich ist. Vielleicht trifft es sich, daß ich innerhalb der Schranken bei ihm kämpfen kann, und außerdem habe ich auch gehört, daß die Frauen dort von wahrhaft engelhafter Schönheit sind.« »Ihr sagt, Herr, daß der König von Polen nach Plock komme?« fragte Pater Kaleb. »So ist es. Mag sich Zbyszko dem Gefolge des Königs anschließen. Der Großmeister wünscht es selbst, Jagiello für sich einzunehmen, und wird ihm nichts abschlagen. Ihr wißt ja, wenn die Not es erheischt, kann niemand demütiger sein, als die Kreuzritter. Mag sich also Zbyszko dem Gefolge anschließen, mag er seine eigene Sache geltend machen, mag er ein lautes Geschrei erheben über das ihm zugefügte Unrecht. Die Deutschen werden sich ganz anders als sonst verhalten in Gegenwart des Königs und in Gegenwart der Krakauer Ritter, welche weltberühmt sind und deren Aussprüche und Urteile sich stets unter der ganzen Ritterschaft verbreiten.« »Ein vortrefflicher Rat! Beim Kreuze des Herrn, ein ganz vortrefflicher!« rief der Priester aus. »Gewiß!« bestätigte de Lorche. »An Gelegenheit zur Auszeichnung wird es nicht fehlen. In Marienburg vernahm ich, daß man Feste und Turniere veranstalte, denn die fremden Gäste wollen sicherlich mit den polnischen Rittern kämpfen. Bei Gott! Auch Ritter Jan von Aragonien wird kommen, der hervorragendste Ritter in der ganzen Christenheit. Wißt Ihr denn nicht? Aus Aragonien sandte er ja Euerm Zawisza seinen Handschuh, auf daß man an fremdländischen Höfen nicht sage, es gebe einen zweiten Ritter, der ihm gleicht.« Die Ankunft de Lorches und die Gespräche mit ihm hatten Zbyszko so vollständig aus der Erstarrung erweckt, die ihn zuvor gefangen gehalten, daß er jetzt voll Aufmerksamkeit den Berichten des Freundes lauschte. Von Jan von Aragonien wußte auch er zu erzählen, denn zu jener Zeit mußte jeder Ritter die Namen der berühmtesten Kämpen kennen und im Gedächtnis bewahren, und der Ruhm der Edeln Aragoniens, Jans vornehmlich, war durch alle Lande gedrungen. Kein Ritter that es ihm innerhalb der Schranken gleich, die Mauren flohen, sobald sie seine Rüstung von weitem erschauten und allgemein ward er für den gewaltigsten Ritter der ganzen Christenheit gehalten. Die Kunde von ihm erweckte den kriegerischen, ritterlichen Sinn Zbyszkos aufs neue, und erfragte mit großem Eifer: »Er forderte also Zawisza Czarny zum Kampfe heraus?« »Ein Jahr ist es wohl her, seitdem der Handschuh eintraf, und Zawisza den seinigen absandte.« »Und wird Jan von Aragonien gewiß kommen?« »Gewiß ist es noch nicht, aber Gerüchte über sein Kommen sind im Umlauf. Die Kreuzritter haben ihm längst eine Einladung zugehen lassen.« »Gebe Gott, daß wir seine Kämpfe mitansehen dürfen.« »Gebe es Gott!« antwortete de Lorche. »Und wenngleich Zawisza besiegt wird, was leicht geschehen kann, gereicht es ihm doch zur Ehre, daß solch ein Kämpe wie Jan von Aragonien ihn zum Kampfe forderte, traun! Euerm ganzen Volke gereicht es zur Ehre!« »Wir werden sehen,« bemerkte Zbyszko. »Ich sage nur: gebe Gott, daß wir alles mitanschauen dürfen!« »Und ich stimme bei.« Gleichwohl sollte sich ihr Wunsch diesmal nicht erfüllen, denn in alten Chroniken wird berichtet, daß der Waffengang Zawiszas mit dem hochberühmten Jan von Aragonien erst einige Jahre später zu Perpignan stattfand, wo in Gegenwart des Kaisers Sigmund, des Papstes Benedikt XIII., des Königs von Aragonien und vieler Fürsten und Kardinäle, Zawisza Czarny aus Garbow mit dem ersten Stoß seiner Lanze den Gegner vom Pferde warf und einen glänzenden Sieg über ihn davontrug. Indessen machten sich Zbyszko und de Lorche keine weitern Sorgen, denn sie dachten, wenn auch Jan von Aragonien sich nicht zur bestimmten Zeit stellen könne, würden sie dennoch bedeutende Ritterthaten sehen. Mangelte es doch in Polen nicht an tapfern Kämpen, die Zawisza wenig nachgaben, und unter den Gästen des Ordens waren immer die ersten der waffenkundigen Männer aus Frankreich, England, Burgund und Italien zu finden, welche bereitwillig den Kampf mit jedem aufnahmen. »Höre,« sagte Zbyszko schließlich zu Herrn de Lorche, »ich fühle Sehnsucht nach meinem Oheim und ich muß nun eilen, ihn loszukaufen. Daher will ich mich morgen bei Tagesanbruch sogleich nach Plock aufmachen. Aber weshalb solltest Du hier bleiben? Wenn Du mein Gefangener bist, so kannst Du mich begleiten, dann wirst Du den König sowie den ganzen Hofstaat schauen.« »Gerade wollte ich Dich darum bitten,« antwortete de Lorche, »denn längst schon wünschte ich die Polnischen Ritter zu sehen, und zudem hörte ich, daß die Frauen am königlichen Hofe eher Engeln als Bewohnern des Erdenthales gleichen.« »Soeben erst sagtest Du etwas Aehnliches von Witolds Hofe,« bemerkte Zbyszko. Drittes Kapitel. Zbyszko machte sich im Innern Vorwürfe, daß er in seinem Schmerze des Oheims vergessen habe, und da er gewohnt war, rasch auszuführen, was er beschlossen hatte, brach er schon am folgenden Morgen bei Tagesanbruch mit Herrn de Lorche nach Plock auf. Die Wege an der Grenze waren sogar in Friedenszeiten nicht gefahrlos wegen der zahlreichen Räuberbanden, die unter der Kreuzritter Schutz und Schirm standen. Das ward auch dem Orden durch König Jagiello zum Vorwurf gemacht. Aber trotz der Klagen, welche bis nach Rom drangen, trotz der Drohungen und strengen gesetzlichen Maßregeln, gestatteten die benachbarten Komture häufig ihren Söldlingen, sich mit den Räuberbanden zu verbünden. Dabei verleugneten sie zwar diejenigen, welche das Unglück hatten, in die Hände der Polen zu fallen, gewährten aber den mit Beute und Gefangenen Zurückkehrenden nicht nur in den zu dem Orden gehörenden Dörfern, sondern auch in den Burgen Zuflucht. In solch räuberische Hände gerieten Reisende und auch die Grenzbewohner häufig. Vornehmlich waren es die Kinder begüterter Leute, welche des Lösegeldes wegen weggeführt wurden. Aber die beiden jungen Ritter, von denen jeder ein beträchtliches Gefolge von bewaffneten Mannen zu Fuß und zu Pferd, sowie von Wagenlenkern hatte, befürchteten keinen Ueberfall und langten ohne Abenteuer in Plock an, wo ihrer eine angenehme Ueberraschung harrte. In der Herberge trafen sie Tolima, welcher am Tage zuvor eingetroffen war. Dies verhielt sich folgendermaßen: der Starost des Ordens zu Lubowa, welcher gehört hatte, daß es dem Abgesandten, in dem Augenblicke, als man ihn in der Nähe von Brodnica ergriff, gelungen war, einen Teil des Lösegeldes zu verbergen, sandte ihn nach dieser Burg zurück, mit dem Auftrag an den Komtur, daß er ihn zwinge, anzugeben, wo das Geld sich befand. Aber Tolima benützte die günstige Gelegenheit und entfloh auf dem Wege dahin. Als die beiden Ritter sich wunderten, daß ihm die Flucht so gut gelungen war, erklärte er ihnen die Sache auf folgende Weise. »Ihre Habsucht ist an allem Schuld. Der Komtur von Brodnica wollte mir nicht viele Leute zur Bewachung mitgeben, denn er wünschte keinen Lärm zu machen wegen des Geldes. Vielleicht hatte er mit dem Starosten von Lubowa verabredet, es zu teilen, und sie befürchteten, wenn Lärm gemacht werde, müßten sie einen beträchtlichen Teil davon nach Marienburg schicken oder alles an Arnold und Wolfgang von Baden abgeben. So ließ er mich denn nur durch zwei Männer geleiten, von denen der eine, ein vertrauter Knecht, mit mir die Ruder auf dem Drewenz führen sollte, der andere ein Schreiber war. Aber da sie wünschten, daß niemand uns sehen solle, wurden wir des Nachts weggeschickt und Ihr wißt, daß die Grenze ganz nahe ist. Sie gaben mir auch ein Ruder aus Eichenholz ... nun – und Gott hat mir beigestanden ... denn nun bin ich hier in Plock.« »Wohl, aber sind die andern nicht zurückgekehrt?« rief Zbyszko aus. Da erhellte ein Lächeln Tolimas grimmes Gesicht. »Der Drewenz fließt in die Weichsel,« entgegnete er. »Wie können sie zurückkehren, wenn sie im Wasser liegen? In Torun werden die Kreuzritter sie vielleicht finden!« Nach einer Weile fügte er, zu Zbyszko gewendet, hinzu: »Einen Teil des Geldes nahm mir der Komtur aus Lubowa, aber den Rest, welchen ich bei dem Ueberfall verbarg, habe ich wieder erlangt und es jetzt Eurem Knappen, Herr, zur Aufbewahrung übergeben. Er wohnt im Schlosse bei dem Fürsten, und dort ist es sicherer, als bei mir in der Herberge.« »Mein Knappe ist hier in Plock? Was thut er hier?« fragte Zbyszko voll Verwunderung. »Als er Zygfryd nach Spychow gebracht hatte, zog er mit der Jungfrau, welche sich dort befand, wieder aus und diese ist jetzt Hoffräulein bei der Fürstin hier. So sagte er mir gestern.« Und Zbyszko, der durch den Schmerz um Danusia wie betäubt gewesen, der in Spychow nach nichts gefragt hatte und von nichts wußte, erinnerte sich jetzt erst, daß der Böhme mit Zygfryd vorausgesandt worden war – und von Groll und Rachedurst erfüllt, zog sich sein Herz bei diesem Gedanken krampfhaft zusammen. »Ganz richtig, so ist es gewesen!« antwortete er. »Aber wo befindet sich jener Henker? Was ist mit ihm vorgegangen?« »Erzählte es Pater Kaleb nicht? Zygfryd erhängte sich, und Ihr, Herr, müßt an seinem Grabe vorüber gekommen sein.« Ein Augenblick des Schweigens folgte. »Der Knappe sagte auch,« fügte Tolima hinzu, »daß er sich zu Euch begeben wolle, und daß er es schon längst gethan hätte, wenn es ihm möglich gewesen wäre, die junge Maid zu verlassen, welche erkrankte, als sie von Spychow hier anlangte.« Gewaltsam die traurigen Erinnerungen von sich abschüttelnd, fragte Zbyszko wiederum wie in einem Traum befangen: »Welche junge Maid?« »Ei, jene Maid,« entgegnete der Alte, »Euere Schwester oder Blutsverwandte, welche mit Ritter Macko in Männertracht nach Spychow kam und unterwegs unsern Herrn traf, der sich tastend seinen Weg suchte. Wäre nicht sie, wäre nicht Ritter Macko gewesen, so hätte auch Euer Knappe unsern Gebieter nicht erkannt. Unser Gebieter gewann sie nun sehr lieb, denn sie sorgte für ihn wie eine Tochter, und außer Pater Kaleb war sie die Einzige, die ihn verstand.« Da riß der junge Ritter voll Erstaunen seine Augen weit auf. »Pater Kaleb sagte mir nichts von einer jungen Maid, und eine Blutsverwandte habe ich nicht.« »Er sagte nichts, Herr, weil Ihr durch Eueren Kummer alles um Euch her vergaßet und gar nichts mehr von der Gotteswelt wußtet.« »Und wie nennt sich diese Maid?« »Sie nennt sich Jagienka.« Zbyszko glaubte, er träume. Daß Jagienka von dem fernen Zgorzelic nach Spychow gekommen war, vermochte er kaum zu fassen. Und aus welchem Grunde, warum hatte sie es gethan? Wohl war es ihm kein Geheimnis geblieben, daß die Maid ihn liebte, ihm in Zgorzelic ihr Herz zu eigen geworden war, aber er hatte ihr ja gestanden, daß Danusia seine Ehegemahlin werde – daher konnte er nimmermehr voraussetzen, daß Macko sie in der Absicht nach Spychow mitgenommen habe, um sie ihm zum Weibe zu geben. Uebrigens hatte weder Macko noch der Böhme ihm gegenüber Jagienkas Erwähnung gethan. All dies erschien ihm seltsam, ja völlig unbegreiflich. Daher bestürmte er Tolima mit Fragen, gleich einem Menschen, der seinen eigenen Ohren nicht zu trauen vermag und wünscht, daß ihm eine unglaubliche Kunde bestätigt werde. Tolima konnte ihm indessen nicht mehr sagen, als das, was er schon gesagt hatte, doch begab er sich in das Schloß, um Hlawa aufzusuchen, und kehrte bald, noch vor Sonnenuntergang, mit diesem zurück. Der Böhme begrüßte seinen jungen Herrn voll Freude und doch auch wieder traurig, denn er hatte zuvor schon Kunde von den Ereignissen in Spychow bekommen. Auch Zbyszko war im Herzen froh über dies Wiedersehen, fühlte er doch, daß er hier eine treue Freundesseele vor sich hatte, eine von denen, welche dem Menschen vornehmlich im Unglück so nötig sind. Mit tiefer Wehmut berichtete er ihm von Danusias Tode, und Hlawa nahm wie ein Bruder Anteil an seinem Schmerze, seinem Herzeleid und an seinen Thränen. Sie blieben lange beisammen, zumal schließlich, auf Zbyszkos Bitte hin, Herr de Lorche, das Antlitz und den Blick zu den Sternen emporgerichtet, ihnen am offenen Fenster mit Begleitung der Zither jenen Trauergesang vortrug, den er an die Tote gedichtet hatte. Als sie sich dann etwas erleichtert fühlten, begannen sie von den Angelegenheiten zu sprechen, die sie nach Plock geführt hatten. »Ich habe absichtlich diesen Weg nach Marienburg eingeschlagen,« sagte Zbyszko. »Du weißt, daß mein Oheim in Gefangenschaft geraten ist, und daß ich mich mit Lösegeld zu ihm begebe.« »Ich weiß es,« entgegnete der Böhme. »Ihr thatet wohl daran, Herr! Ich wollte selbst nach Spychow aufbrechen und Euch raten, nach Plock zu kommen. Der König wird in Naciongsch mit dem Großmeister eine Zusammenkunft haben; vor dem König aber wird es leicht sein, eine Beschwerde zu erheben, da in Gegenwart der Majestät die Kreuzritter nicht so hochmütig auftreten, sondern christliche Demut heucheln.« »Tolima sagte mir, es sei Deine Absicht gewesen, zu mir nach Spychow zu kommen, allein die Krankheit Jagienkas, der Tochter Zychs, habe Dich daran gehindert. Ich hörte, daß mein Oheim sie in diese Gegend gebracht hat, und daß sie auch in Spychow gewesen ist. Darüber wundre ich mich sehr. Nun sprich, aus welchem Grunde hat mein Oheim sie aus Zgorzelic weggeführt?« »Es waren viele Gründe vorhanden. Ritter Macko befürchtete, wenn er sie ohne Schutz zurücklasse, würden die Ritter Wilk und Cztan in Zgorzelic einfallen, und dadurch könne auch den Brüdern Jagienkas Schaden zugefügt werden. Ist sie aber abwesend, so droht keine Gefahr, denn wie Ihr wißt, kommt es in Polen zuweilen vor, daß ein Edelmann sich mit Gewalt einer Maid bemächtigt, wenn er sie nicht auf andere Weise haben kann. Aber gegen junge Waisen wird niemand die Hand erheben, denn mit dem Schwert des Henkers würde er bestraft werden, ja, was noch schlimmer ist, er würde Schmach und Schande auf sich laden. Indessen war auch noch eine andere Ursache vorhanden. Der Abt starb und setzte die Jungfrau zur Erbin seiner Besitztümer ein, die unter der Obhut des hiesigen Bischofs stehen, deshalb hat Ritter Macko die Jungfrau nach Plock gesandt.« »Und zuvor hatte er sie nach Spychow geführt?« »Dorthin führte er sie während der Abwesenheit des Bischofs, des Fürsten und der Herr de Lorche. das Antlitz und den Blick zu den Sternen emporgerichtet, trug ihnen am offenen Fenster mit Begleitung der Zither jenen Trauergesang vor, den er an die Tote gedichtet hatte. Fürstin, da er sie nicht hätte hier lassen können. Und es war ein Glück, daß er sie mitnahm. Ohne die Jungfrau wären wir an Ritter Jurand vorüber gegangen, wie an einem fremden Bettler. Erst als sie so tiefes Mitleid mit ihm zeigte, wurden wir aufmerksam und erkannten ihn. Unser Herrgott hat dies alles so gefügt durch ihr warmes Herz.« Und er erzählte, wie Jurand dann später nicht mehr ohne sie sein konnte, wie er sie liebte, wie er den Segen des Himmels auf sie herabflehte, und obwohl Zbyszko all dies schon von Tolima gehört hatte, lauschte er dem Berichte mit tiefer Rührung und mit den dankbarsten Empfindungen für Jagienka. »Möge Gott sie gesund erhalten!« sagte er schließlich. »Mich wundert nur, daß Ihr mir nichts von ihr gesagt habt.« Der Böhme geriet ein wenig in Verlegenheit, und um Zeit zu einer Antwort zu gewinnen, fragte er: »Wo denn, Herr?« »Bei Skirwoillo, dort bei den Samogitiern.« »Sagten wir nichts? So wahr ich lebe! Ich glaubte, wir hätten Euch etwas davon gesagt, aber Ihr hattet wohl andere Dinge im Kopfe.« »Daß Jurand zurückgekehrt sei, sagtet Ihr, aber kein Wort von Jagienka.« »Ei, Ihr habt es wohl vergessen! Doch Gott allein weiß am besten, wie die Sache sich verhält. Vielleicht dachte Ritter Macko, ich hätte von ihr gesprochen, und ich dachte, er hätte von ihr gesprochen. Uebrigens, Euch damals überhaupt etwas zu erzählen, wäre ganz nutzlos gewesen, Herr. Und das war kein Wunder. Aber jetzt ist alles anders, und ich muß sagen: es ist ein Glück, daß die Jungfrau sich hier befindet, denn sie kann dem Ritter Macko von Nutzen sein.« »Was vermag sie zu erreichen?« »Wenn sie nur ein Wort zu der Fürstin Alexandra sagt, welche sie unendlich liebt, genügt es schon. Und die Kreuzritter wiederum schlagen der Fürstin nichts ab, einmal darum, weil sie des Königs Schwester und zweitens, weil sie eine große Freundin des Ordens ist. Wie Ihr vielleicht schon hörtet, hat sich gerade jetzt Fürst Skirgiello (des Königs leiblicher Bruder) gegen Witold erhoben und ist zu den Kreuzrittern geflohen, welche ihm beistehen und ihn an Witolds Stelle zum Herrscher einsetzen wollen. Der König ist der Fürstin sehr zugethan und leiht ihr, wie man sagt, gern sein Ohr, daher wünschen die Kreuzritter, daß sie ihn zu Gunsten Skirgiellos und gegen Witold beeinflusse. Sie meinen – verdammt seien ihre Mütter – wenn sie von Witold befreit wären, würden sie Frieden haben. Deshalb nun bezeigen die Gesandten der Kreuzritter der Fürstin vom frühen Morgen bis zum späten Abend ihre Verehrung und suchen jeden Wunsch derselben zu erraten.« »Jagienka liebt meinen Oheim sehr und wird sicherlich Fürbitte für ihn einlegen,« sagte Zbyszko. »Wahrlich, anders kann es gar nicht sein! Begebt Euch in die Burg und sagt Ihr, wie sie zu sprechen, was sie zu thun hat.« »Ich habe die Absicht, mit Herrn de Lorche in die Burg zu gehen,« antwortete Zbyszko. »Deshalb kam ich hierher. Wir müssen uns jetzt nur die Haare kämmen und passende Kleidung anlegen.« Nach einer Weile fügte er hinzu: »In meiner Trauer wollte ich mir die Haare abschneiden, doch vergaß ich es wieder.« »Es ist besser, Ihr laßt es, wie es ist!« entgegnete der Böhme. Er entfernte sich, um einige Leute aus dem Gefolge herbeizuholen. Als er mit ihnen zurückgekehrt war, erzählte er, während sich die beiden jungen Ritter für das abendliche Mahl in der Burg schmückten, weiter, was am königlichen und fürstlichen Hofe vorging. »Die Kreuzritter,« sagte er, »thun, was sie können, um Fürst Witold den Boden unter den Füßen zu untergraben, denn so lange er ein mächtiges Land im Namen des Königs beherrscht, so lange lernen sie den Frieden nicht kennen. Wahrlich, er ist der Einzige, den sie fürchten. Hei! Sie graben und graben wie Maulwürfe. Das Fürstenpaar hier haben sie schon gegen, ihn aufgewiegelt und sie sind wohl auch schuld daran, daß Fürst Janusz jetzt wegen Wilna aufgebracht über ihn ist.« »So sind Fürst Janusz und Fürstin Anna ebenfalls hier?« fragte Zbyszko. »Gar viele mir Befreundete treffe ich dann, bin ich doch nicht zum erstenmal in Plock.« »Gewiß,« entgegnete der Knappe, »sie befinden sich beide hier. Sie haben manches mit den Kreuzrittern abzumachen und wollen in Gegenwart des Königs Klage bei dem Großmeister erheben.« »Und der König? Auf wessen Seite ist er? Grollt er den Kreuzrittern nicht und erhebt er nicht das Schwert gegen sie?« »Der König ist den Kreuzrittern nicht gewogen und sie sagen, er drohe ihnen längst schon mit Krieg. Was den Fürsten Witold anbelangt, so zieht ihn der König seinem eigenen Bruder, Skirgiello, vor, welcher ein Sausewind und ein Trinker ist ... daher sagen die Leute aus des Königs Umgebung, daß dieser sich nicht gegen Witold erklären und den Kreuzrittern nicht versprechen werde, ihnen beizustehen. Und dies mag wahr sein, denn seit einigen Tagen bemüht sich die Fürstin Alexandra besonders um des Königs Gunst und sieht etwas bekümmert aus.« »Ist Zawisza Czarny hier angelangt?« »Nein, er ist nicht angelangt, aber an denen, welche hier sind, kann man sich kaum satt sehen, und wenn es zum Kriege kommt – allmächtiger Gott! Dann werden den Deutschen die Knochen zerhauen, daß die Splitter nur so umherfliegen!« »Ich bin der Letzte, der sie darob beklagen wird,« bemerkte Zbyszko. Einige Vaterunser später befanden sie sich in prächtiger Kleidung auf dem Wege zur Burg. Das abendliche Festmahl sollte diesmal nicht bei dem Fürsten, sondern bei dem Starosten Andrzej aus Jasienec stattfinden, dessen geräumige Behausung innerhalb der Ringmauern der Burg an der größten Bastei lag. Wegen der wundervollen, fast allzu warmen Nacht hatte der Starost, aus Furcht, daß die Luft in den Sälen vielleicht sehr drückend werde, den Befehl gegeben, die Tische im Hofe aufzustellen, wo Ebereschen und Eibenbäume inmitten der steinernen Fliesen wuchsen. Brennende Pechtonnen erleuchteten den ganzen Platz mit einem gelblichen Lichte, aber noch heller leuchtete der Mond, welcher gleich einem silbernen Wappenschilde am wolkenlosen Himmel zwischen den Sternen hervorstrahlte. Die gekrönten Gäste waren noch nicht erschienen, doch wimmelte es schon von einheimischen Rittern, von Geistlichen, von Hofleuten des Königs und der Fürsten. Zbyszko kannte viele unter ihnen, vornehmlich die vom Hofstaate des Fürsten Janusz. Von Rittern, die ihm von Krakau her bekannt waren, sah er Krzon aus Kozichglowy, Lis aus Zargowisko, Marcin aus Wrocimowice, Domaret aus Kobylany, Staszko aus Charbimowice und zuletzt auch Powala aus Taczew, dessen Anblick ihn besonders erfreute, denn er erinnerte sich, welches Wohlwollen ihm der berühmte Ritter seiner Zeit in Krakau erwiesen hatte. Doch konnte er sich jetzt keinem von ihnen nähern, denn jeder war umgeben von einem Kreis einheimischer, masovischer Ritter, welche nach Krakau, nach dem Hofe, den Lustbarkeiten, nach verschiedenen kriegerischen Unternehmungen fragten, indem sie zugleich die prächtige Gewandung der Fremden, deren schön gelockte, mittelst Eiweiß haltbar gemachten Haare betrachteten und diese Fremden dabei in allem als Vorbilder in Betreff der höfischen Sitten bewunderten. Powala aus Taczew hatte indessen Zbyszko erkannt und die Masuren beiseite schiebend, näherte er sich ihm. »Ich kenne Dich wohl, junger Kämpe!« sagte er, Zbyszko die Hand drückend. »Wie geht es Dir und woher kommst Du? Bei Gott! Ich sehe, daß Du schon Gürtel und Sporen trägst! Andere müssen darauf warten, bis sie graue Haare haben, aber Du scheinst dem heiligen Georg würdig zu dienen.« »Gott verleihe Euch Glück, edler Herr!« entgegnete Zbyszko. »Wenn ich den angesehensten Deutschen vom Pferde geworfen hätte, würde ich mich nicht so freuen wie darüber, daß ich Euch in guter Gesundheit vor mir sehe.« »Auch ich bin erfreut Dich zu sehen! Und wo befindet sich Dein Vater?« »Mein Oheim ist es, nicht mein Vater. In Gefangenschaft befindet er sich bei den Kreuzrittern, und mit dem Lösegeld will ich ausziehen, um ihn zu befreien.« »Und jenes Mägdlein, welches Dein Haupt mit dem Schleier verhüllte?« Zbyszko gab keine Antwort, er schaute nur empor und seine Augen füllten sich mit Thränen. Als der Herr aus Taczew dies gewahrte, sagte er: »Ja, das ist ein Jammerthal ... ein wahres Jammerthal, doch setzen wir uns auf die Bank unter jenem Ebereschenbaum, dort kannst Du mir Deine Erlebnisse mitteilen.« Und er zog ihn in einen Winkel des Schloßhofes. Hier nahm Zbyszko an seiner Seite Platz und erzählte dann von Jurands unglückseligen Schicksalen, von Danusias Entführung und auch davon, wie er sie gesucht hatte, und wie sie nach ihrer Befreiung gestorben war. Powala lauschte aufmerksam, und auf seinem Gesichte drückte sich bald Verwunderung, bald Zorn, bald Entsetzen, bald Mitleid aus. Schließlich, als Zbyszko geendigt hatte, sagte er: »Ich werde dies alles dem König, unserm Herrn, berichten. Er muß sich bei dem Meister wegen des kleinen Jasko aus Kretkow beschweren und die strenge Bestrafung derer verlangen, welche den Knaben geraubt haben. Und sie raubten ihn nur, weil er reich ist, denn sie rechnen nun auf ein beträchtliches Lösegeld. Hei, sogar gegen Kinder erheben sie ihre Hände.« Sinnend saß er hierauf eine Weile da, dann sprach er wie zu sich selbst: »Ein unersättliches Geschlecht, schlimmer als Türken und Tataren. Obwohl sie insgeheim den König und uns fürchten, fahren sie fort, zu rauben und zu morden. Sie verwüsten die Dörfer, erschlagen die Bauern, ertränken die Fischer und stürzen sich gleich Wölfen auf die Kinder. Was würden sie erst thun, wenn sie uns nicht fürchteten? An alle fremden Höfe sendet der Großmeister Schreiben gegen unsern König, steht er ihm aber Auge in Auge gegenüber, so demütigt er sich in jeder Weise vor ihm, denn er kennt unsere Stärke besser als all die andern. Nun aber ist das Maß voll!« Nach kurzem Schweigen legte er die Hand auf Zbyszkos Arm. »Ich werde dies alles dem König berichten,« wiederholte er hierauf. »Schon seit geraumer Zeit gärt und kocht es in ihm, und Du darfst sicher sein, daß die Urheber Deiner Leiden schwere Strafe trifft.« »O Herr! Keiner derselben ist mehr am Leben!« warf jetzt Zbyszko ein. Powala schaute mit freundlichem Wohlwollen auf den jungen Ritter. »Gott schütze Dich! Du vergißt keine Ungerechtigkeit, das ist klar. Lichtenstein ist somit noch der einzige, an dem keine Vergeltung geübt ward, allein ich weiß, daß sich Dir dazu keine Gelegenheit geboten hat. Auch wir haben in Krakau das Gelübde abgelegt, gegen ihn zu kämpfen. Dazu wird es jedoch erst kommen, wenn der Krieg ausbricht – den uns Gott der Herr schicken möge – weil ohne Erlaubnis des Großmeisters sich Lichtenstein nicht zum Kampfe stellen darf. Da aber der Meister viel von Lichtensteins Verstand hält, sendet er ihn fortwährend an den verschiedenen Höfen umher und wird nicht so leicht sich zu einer derartigen Erlaubnis verstehen.« »Vor allem muß ich jedoch daran denken, meinen Oheim auszulösen.« »Ja, das ist wahr! Ich habe auch schon nach Lichtenstein gefragt. Er ist indessen weder hier noch wird er in Raciaz sein, ist er doch zu dem König von England wegen Bogenschützen gesandt worden. Sorge Dich aber nicht um Deinen Ohm. Es bedarf nur eines Wortes des Königs und der Fürstin hier, dann wird der Großmeister keine Ausflüchte in Betreff des Lösegeldes zulassen.« »Und umsoweniger wird er dies zulassen, weil sich de Lorche als Gefangener in meinen Händen befindet, ein bei dem Orden seines Reichtums und seiner Tapferkeit halber hochgeschätzter Ritter. Gar glücklich würde sich dieser sicherlich schätzen, o Herr, wenn er sich vor Euch neigen, wenn er mit Euch bekannt werden dürfte, denn keiner hegt größere Bewunderung für berühmte Ritter als er.« Nach diesen Worten winkte er den in der Nähe stehenden Lothringer herbei und de Lorche, der sich schon zuvor darnach erkundigt hatte, mit wem Zbyszko spreche, und dessen sehnlichster Wunsch es war, einen so berühmten Ritter wie Powala kennen zu lernen, eilte rasch auf die Sprechenden zu. Nachdem Zbyszko die beiden miteinander bekannt gemacht hatte, neigte sich der formvolle Ritter aus Geldern vor Powala mit großer Zierlichkeit, indem er sagte: »Nur eines weiß ich, was ich mir noch zur größeren Ehre anrechnen würde, als Eure Hand drücken zu dürfen, und das wäre, wenn ich mit Euch innerhalb der Schranken oder in der Schlacht kämpfen könnte.« Ein Lächeln erhellte nun das Antlitz des gewaltigen Ritters aus Taczew, der neben dem schmächtigen und kleinen Herrn de Lorche wie ein Riese aussah, und er erwiderte: »Ich aber bin glücklich darüber, daß wir uns nur bei vollen Bechern treffen, und so möge es bleiben, dies gebe Gott!« De Lorche zauderte anfänglich mit der Antwort, schließlich jedoch erklärte er mit einer gewissen Schüchternheit: »Doch wenn Ihr bestreiten solltet, wohledler Herr, daß das Fräulein Jagienka aus Dlugolas die schönste und edelste Dame der Welt ist, wäre es mir eine große Ehre – dem widersprechen zu dürfen und –« Hier hielt er inne und blickte voll Verehrung und Bewunderung, allein doch auch wieder prüfend und scharf auf Powala. Mochte es nun die Ueberzeugung bei letzterem sein, daß er de Lorche zwischen zwei Fingern wie eine Nuß zerdrücken könne, oder sei es, daß er ein außerordentlich gütiges Herz, einen gar frohen Sinn besaß, genug, er lachte laut auf und sagte: »Seiner Zeit erkor ich die Fürstin von Burgund zu meiner Herrin. Damals war sie zehn Jahre älter als ich. So Ihr aber behaupten wollt, o Herr, meine Fürstin sei nicht älter als das Fräulein Jagienka, dann ist's besser, wir setzen uns sofort zu Pferde.« Als de Lorche diese Worte vernahm, blickte er zuerst voll Staunen auf den Herrn aus Taczew, dann verzog sich sein Gesicht und er brach in fröhliches Lachen aus. Jetzt beugte sich Powala plötzlich vor, faßte de Lorche mit einem Arme um den Leib, hob ihn vom Boden empor und schwang ihn mit einer solchen Leichtigkeit hin und her, als ob er es mit einem Kinde zu thun habe. » Pax! Pax! wie Bischof Kropidlo zu sagen pflegt!« rief er dabei. »Ihr gefallt mir, Ritter, und so wahr mir Gott helfe, wollen wir niemals einer Frau wegen miteinander kämpfen.« Hierauf umarmte er den Lothringer und ließ ihn dann rasch zur Erde gleiten, denn von dem Eingange zum Burghofe her ertönten laute Trompetenstöße. – Fürst Ziemowit erschien mit seiner Ehegemahlin. »Der Fürst und die Fürstin haben hier den Vortritt vor dem Könige und vor Fürst Janusz,« erklärte Powala zu Zbyszko gewendet. »Das Fest wird zwar von dem königlichen Burgvogte gegeben, allein es findet hier in Plock statt, wo jene ansässig sind. Komm mit mir zu der Fürstin. Du kennst sie ja von dem Feste aus Krakau her, als sie für Dich Fürsprache bei Jagiello einlegte.« Und ohne weiteres führte er nun, Zbyszko beim Arme ergreifend, diesen durch den Burghof. Dem Fürsten und der Fürstin war eine große Anzahl von Hofherren und Hoffräuleins gefolgt, die in ihrer zu Ehren des Königs außergewöhnlich prächtigen und glänzenden Gewandung einen Anblick von wunderbaren Blumen boten. Während Zbyszko mit Powala näher trat, ließ er prüfende Blicke über alle schweifen, um zu sehen, ob er nicht ein bekanntes In diesem Augenblick fühlte Zbyszko eine Hand auf seiner Schulter, und eine süße Stimme flüsterte ihm leise zu: »Zbyszko!« Gesicht finde – da plötzlich blieb er voll Staunen stehen. Was war das? Dicht hinter der Fürstin erschaute er eine ihm wohlbekannte Gestalt, ein ihm wohlbekanntes Antlitz, das aber in seiner ernsten königlichen Schönheit ihn glauben machte, er sei in einer Täuschung befangen. »Ist dies Jagienka?« so fragte er sich, »oder vielleicht die Tochter des Fürsten aus Plock?« Allein es war in der That die Tochter von Zych aus Zgorzelic, denn als ihre Augen denen des jungen Ritters begegneten, da lächelte sie ihm zuerst freundlich und teilnahmsvoll zu, dann aber erbleichte sie plötzlich ein wenig, senkte das Haupt und stand da mit dem goldenen Stirnbande in den dunkeln Haaren und in dem ganzen Zauber ihrer Schönheit, hochgewachsen, herrlich, nicht nur einer Fürstentochter, nein, einer Königin vergleichbar. Viertes Kapitel. Zbyszko warf sich der Herrin von Plock zu Füßen und bot ihr seine Dienste an. Anfänglich erkannte sie den jungen Ritter nicht, hatte sie ihn doch seit geraumer Zeit nicht mehr gesehen. Als er ihr indessen seinen Namen nannte, meinte sie: »Ja, so ist es! Ich glaubte, Ihr gehörtet zu dem Hofstaat des Königs. Zbyszko aus Bogdaniec! Wahr und wahrhaftig! Euer Ohm, der alte Ritter aus Bogdaniec, weilte ja als Gast bei uns, und ich erinnere mich noch sehr wohl, wie meine Thränen, wie die Thränen meiner Hoffräuleins flossen, als er uns seine Erlebnisse schilderte. Habt Ihr denn Euer junges Weib gefunden? Wo ist sie jetzt?« »Sie ist tot, wohledle Frau.« »O Du geliebter Jesus! Sprecht nicht so, sonst kann ich meine Thränen nicht zurückhalten. Doch sie ist gewiß im Himmel, das ist wenigstens ein Trost, und Ihr seid noch sehr jung. Allbarmherziger Gott, welch schwache Kreaturen sind doch die Frauen. Aber im Himmel wird man für alles belohnt, und dort findet Ihr sie wieder. Ist der alte Ritter aus Bogdaniec bei Euch?« »Nein, in Gefangenschaft befindet er sich bei den Kreuzrittern, und ich habe mich aufgemacht, um ihn auszulösen.« »Das Glück war ihm also auch nicht hold! Er scheint indessen ein sehr scharfsinniger Mensch zu sein, der sich rasch jeder Lage anzubequemen weiß. Habt Ihr ihn losgekauft, dann kommt hierher zu uns zurück. Gar glücklich werden wir uns schätzen, Euch beide zu sehen, denn ich hege die feste Ueberzeugung, daß es Eurem Ohm ebenso wenig an Verstand, wie Euch an Schönheit mangelt.« »Gern wollen wir dies thun, wohledle Frau, bin ich doch auch jetzt hierhergekommen, um von Euch, gnädigste Herrin, eine Gunst für meinen Ohm zu erbitten.« »Sehr wohl! Stellt Euch nur morgen vor dem Aufbruche zur Jagd bei mir ein; dann werde ich genügend Zeit für Euch haben.« Die weitere Unterredung wurde durch Paukenschläge und abermalige Trompetenstöße unterbrochen, ein Zeichen von dem Nahen des Fürstenpaares aus Masovien. Da Zbyszko und die Fürstin von Plock am Eingange standen, bemerkte Anna Danuta den jungen Ritter sofort und trat unverweilt auf ihn zu, ohne die tiefe Verneigung des Gastgebers zu beachten. Zbyszko aber, bei ihrem Anblick aufs neue von herbem Schmerz ergriffen, warf sich ihr zu Füßen, umfaßte ihre Knie und vermochte kein Wort hervorzubringen. Da beugte sich die Fürstin über ihn und während Thräne auf Thräne auf sein goldblondes Haar fiel, nahm sie sein Haupt zwischen ihre Hände, wie eine Mutter, die über das Unglück ihres Sohnes weint. Zum großen Staunen der Gäste und der Hofleute weinte sie lange, lange, indem sie beständig die Worte wiederholte: »O Jesus! O allbarmherziger Jesus!« Endlich beruhigte sie sich ein wenig und sagte, Zbyszko emporhebend: »Ich weine um sie, um meine Danusia, und ich weine um Dich. Gott der Herr hat es so gefügt, daß all die Beschwerden, welche Du ertragen hast, umsonst gewesen sind, wie wir auch jetzt nutzlos unsere Thränen vergießen. Doch erzähle mir von ihr und von ihrem Tode, denn selbst wenn ich Dir bis Mitternacht lauschte, würde ich nicht genug von ihr zu hören bekommen.« So sprechend nahm sie ihn beiseite, genau so wie es der Herr von Taczew zuvor gethan hatte. Jene Gäste indessen, die Zbyszko nicht kannten, fragten insgesamt nach dessen Erlebnissen, so daß geraume Zeit von nichts anderem die Rede war wie von ihm, von Danusia, von Jurand. Die Gesandten des Ordens, Frydrych von Wenden, der Komtur von Thorn, welcher in besonderer Botschaft zu dem Könige entsandt worden war, und Jan von Schönfeld, der Komtur von Osterode, erkundigten sich eingehend nach allem, und besonders letzterer, ein aus Schlesien stammender Deutscher, der daher sehr gut polnisch sprach, erfuhr leicht, was er wissen wollte, und als er aus dem Munde Jaskos aus Zabierz, einem Hofherrn des Fürsten Janusz, das Wissenswerteste gehört hatte, erklärte er: »Danveld und de Löwe sind bei dem Großmeister angeklagt worden – sie sind der Ausübung der schwarzen Magie beschuldigt worden.« Doch eingedenk dessen, daß selbst die Erwähnung derartiger Vorgänge einen Schatten auf den ganzen Orden werfen könne, wie dies seiner Zeit bei dem Templerorden der Fall gewesen war, fügte er hastig hinzu: »Dies behaupten freilich nur einige Schwätzer, denn die Anklage entbehrt jeder Begründung. Kein Glied unseres Ordens läßt sich etwas dergleichen zu schulden kommen!« Der Herr aus Taczew jedoch, der in der Nähe des Sprechenden stand, meinte aber nun: »Weshalb sollten die, welche die Bekehrung Litauens vereitelt haben, nicht das Kreuz mißachten!« »Wir tragen das Kreuz auf unsern Mänteln!« erklärte Schönfeld hochmütig. Darauf entgegnete Powala: »In unsern Herzen müssen wir es tragen.« Im gleichen Augenblicke ertönten die Trompeten noch lauter als zuvor, verkündigten sie doch den Eintritt des Königs, gefolgt von dem Erzbischof von Gnesen, dem Bischof von Plock, dem Kastellan von Krakau und von einigen andern Würdenträgern und Hofleuten, unter denen sich auch Zindram aus Maszkowice, der eine Sonne im Wappen hatte, befand, sowie der junge Knäs Jamont, welcher neben dem Könige herschritt. Mit Jagiello war kaum eine Veränderung vorgegangen, seitdem ihn Zbyszko zum ersten Male gesehen hatte. Auf seinen Wangen prangte noch die gleiche, ausfallende Röte wie früher, wie damals in Krakau schob er noch immer von Zeit zu Zeit seine langen Haare hinter die Ohren und schaute unstäten Blickes umher. Dagegen dünkte es Zbyszko, der König trete mit größerer Würde und Majestät als früher auf, gerade als ob er sich auf dem Throne jetzt sicherer fühle, auf den er nach dem Tode der Königin, von der Empfindung geleitet, daß er sich vielleicht nicht behaupten könne, hatte verzichten wollen, und wie wenn ihm jetzt erst das volle Bewußtsein seiner unermeßlichen Macht, seiner Bedeutung aufgegangen wäre. Die zwei masovischen Fürsten traten zu beiden Seiten des Herrschers, die deutschen Gesandten neigten sich tief vor ihm und rings um ihn bildete sich ein Kreis von Würdenträgern und Hofleuten. Die den Burghof umgebenden Mauern erzitterten unter den unaufhörlichen Rufen, den Trompetenstößen und den Paukenschlägen. Nachdem schließlich Stille eingetreten war, versuchte der Gesandte von Wenden sofort, eine Angelegenheit des Ordens zur Sprache zu bringen, allein kaum bemerkte der König diese Absicht, so winkte er abwehrend mit der Hand und sagte mit seiner tiefen, weithin tönenden Stimme: »Schweig davon! Freude und Frohsinn sollen hier herrschen, an Speise und Trank wollen wir uns erlaben, von diesen alten Geschichten wollen wir nichts hören.« Da er aber offenbar nicht wünschte, der Kreuzritter könne denken, er spreche im Zorn, fügte er gleich darauf, gutmütig lächelnd, hinzu: »In Naciaz werden wir Zeit genug haben, diese Angelegenheiten mit dem Großmeister zu besprechen.« Dann wandte er sich zu dem Fürsten von Plock mit den Worten: »Aber morgen geht's in die Wälder – zur Jagd – wie?« Diese Frage bekundete gleichzeitig auch seinen Wunsch, an diesem Abend von nichts anderem wie von der Jagd zu sprechen, die er leidenschaftlich liebte und um deretwillen er stets gar gern nach Masovien kam, da Klein- und Großpolen weit weniger bewaldet und so bevölkert waren, daß es dort stellenweise ganz und gar an Forsten gebrach. Die Gäste schauten nun äußerst vergnügt darein, wußten sie doch, daß der König heiter und guter Dinge war, sobald er über die Jagd sprechen konnte. Fürst Ziemowit setzte auch unverweilt auseinander, wohin sie aufbrechen wollten, und auf welche Tiere Jagd gemacht werden solle, während Fürst Janusz einen seiner Hofherren in die Stadt sandte, um von dort seine beiden »Schützer« zu holen, die er Jagiello vorführen wollte, weil sie im stande waren, wilde Auerochsen an den Hörnern aus den sie umschlingenden Netzen herbeizuführen oder Bären die Knochen zu zerbrechen. Zbyszko drängte es, sich dem Fürsten Janusz zu nähern und sich vor ihm zu neigen, allein er vermochte nicht durchzukommen. Er konnte nur aus der Ferne den Knäs Jamont sehen, der augenscheinlich die ihm seiner Zeit in Krakau von Zbyszko erteilte scharfe Antwort vergessen hatte, denn er neigte freundlich das Haupt und bedeutete den jungen Ritter durch allerlei Zeichen, er möge so bald wie thunlich näher treten. In diesem Augenblick fühlte Zbyszko eine Hand auf seiner Schulter, und eine süße Stimme flüsterte ihm leise zu: »Zbyszko!« Sich rasch umwendend, sah er Jagienka vor sich stehen. Dadurch, daß der junge Ritter zuerst die Fürstin von Plock begrüßt und dann mit Anna Danuta gesprochen hatte, war er bis jetzt dem Mägdlein fern geblieben, Jagienka benützte daher die durch den Eintritt des Königs verursachte Erregung und eilte auf ihn zu. »Zbyszko,« wiederholte sie, »Zbyszko, Gott und die heilige Jungfrau mögen Dir Trost verleihen.« »Gott lohne Euch Euere guten Worte!« entgegnete der junge Kämpe. Und voll Dankbarkeit blickte er in ihre blauen Augen, in denen lichte Tautropfen glänzten. Schweigend standen sie sich dann gegenüber, denn wenn sie auch gleich einer guten, teilnahmsvollen Schwester zu ihm gekommen war, erschien sie ihm jetzt doch durch ihre geradezu königliche Erscheinung, durch ihre prächtige Hofgewandung so ganz verschieden von der früheren Jagienka, daß er es im ersten Augenblicke nicht einmal wagte, sie wie früher in Zgorzelic und Bogdaniec mit dem vertraulichen »Du« anzureden. Ihr aber dünkte es, sie habe ihm außer den schon gesprochenen Worten nichts mehr zu sagen. Eine immer wachsende Verlegenheit bemächtigte sich der beiden jungen Menschen. Gleichzeitig verbreitete sich aber nun eine allgemeine Unruhe in dem Burghofe, da der König sich zum Mahle niederließ, und Anna Danuta trat abermals auf Zbyszko zu, indem sie sagte: »Dies wird ein trauriges Festmahl für uns beide sein, doch diene mir, wie Du mir früher gedient hast.« So mußte denn der junge Ritter Jagienka verlassen, und nachdem die Gäste sich gesetzt hatten, stand er hinter der Fürstin, um die Schüsseln zu wechseln, um Wasser oder Wein einzugießen. Während er jedoch in solcher Weise seine Obliegenheiten erfüllte, blickte er unwillkürlich immer wieder auf Jagienka, die als Hoffräulein der Fürstin von Plock an deren Seite saß – und stets aufs neue nahm ihn die zauberhafte Schönheit der Maid gefangen. Seit er sie zum letztenmal gesehen, war zwar Jagienka noch beträchtlich gewachsen, allein nicht durch ihre Größe erschien sie ihm so verändert, nein, durch das hoheitsvolle Wesen, das sie nun auszeichnete. Früher, als sie im Schafspelze und mit Laub in den wirren Haaren auf ihrem Rosse durch Wald und Au sprengte, da hätte man sie für eine reizende Bauerndirne halten können, jetzt aber sah man auf den ersten Blick, daß edles Blut in ihren Adern rollte, daß sie einem wohlangesehenen, edlen Geschlechts entstammte – denn hohe Würde drückte sich auf ihrem Antlitz aus. Von ihrem ehemaligen Frohsinn war nichts mehr zu bemerken, doch Zbyszko schrieb dies der Trauer um ihren Vater zu, von dessen Tode er gehört hatte. Von seinem Staunen über Jagienkas hoheitsvolles Wesen konnte sich jedoch Zbyszko gar nicht erholen, und anfänglich glaubte er fest, die prächtige Gewandung trage viel dazu bei. So blickte er bald auf die goldene Stirnbinde, welche ihre schneeweiße Stirn und ihre schwarzen in zwei Flechten über die Schulter fallenden Haare zierte, bald aus ihr blaues, rot verbrämtes Gewand, das sich eng an ihre schlanke Gestalt, ihren jungfräulichen Busen anschmiegte, und stets von neuem sagte er sich: »Eine wahre Fürstin!« Allmählich jedoch erkannte er, daß es nicht die Gewandung allein war, welche die Veränderung hervorrief, und er mußte sich gestehen, daß, selbst wenn sie jetzt auch wieder den Schafspelz anlegen würde, er doch nicht mehr so vertraulich, so frei mit ihr verkehren könne, wie in vergangenen Zeiten. Nicht nur junge, sondern auch bejahrte Ritter sandten ihr zuweilen feurige Blicke zu, dies bemerkte Zbyszko sehr wohl, ja, als er einmal gerade im Begriffe stand, der Fürstin eine neue Schüssel zu reichen, fiel ihm das entzückte, verklärte Gesicht des Herrn de Lorche auf, und Aergernis erfüllte seine Seele. Der schmachtende Ritter aus Geldern zog auch sehr bald die Aufmerksamkeit Anna Danutas auf sich, die, ihn rasch erkennend, plötzlich zu Zbyszko sagte: »Sieh nur den Herrn de Lorche! Offenbar ist er wieder in Liebe entbrannt! Wie geblendet steht er ja da!« Nach diesen Worten neigte sie sich ein wenig über den Tisch und fügte, Jagienka von der Seite anblickend, hinzu: »Fürwahr, vor dieser Leuchte erbleicht jedes andere Licht!« Unwiderstehlich fühlte sich Zbyszko zu Jagienka hingezogen, die er wie eine geliebte, liebende Blutsverwandte betrachtete, bei der er, dessen war er gewiß – das größte Verständnis für seine Kümmernisse, das tiefste Mitleid für seine Schmerzen finden würde. Trotzdem gelang es ihm aber nicht, an diesem Abend nochmals mit ihr zu sprechen, da, ganz abgesehen von dem Dienste, der ihn genugsam in Anspruch nahm, während des ganzen Festmahles die Spielleute entweder sangen oder so schmetternde Fanfaren ertönten, daß selbst die, welche neben einander saßen, sich nur schwer verständlich machen konnten. Außerdem erhoben sich auch die beiden Fürstinnen und mit ihnen die anwesenden Frauen früher von der Tafel als der König, die Fürsten und die Ritter, weil die männlichen Festteilnehmer gewöhnlich bis in die tiefe Nacht hinein den Becher kreisen ließen. Da Jagienka das Polster für den Sessel der Fürstin zu tragen pflegte, mußte sie dieser unverweilt folgen, doch neigte sie zum Abschiede das Haupt gegen Zbyszko und lächelte ihm zum zweiten Male freundlich zu. Der Tag graute bereits, als der junge Ritter und Herr de Lorche mit ihren beiden Knappen aufbrachen, um in die Herberge zurückzukehren. Lange Zeit schritten sie schweigend, in Gedanken versunken, dahin, als sie aber nicht mehr weit von ihrem Ziele waren, sagte de Lorche etwas zu seinem Knappen, woraus letzterer, welcher, aus Pommern stammend, der polnischen Sprache mächtig war, sich sofort zu Zbyszko wandte. »Mein Gebieter,« hub er an, »möchte Euch, wohledler Herr, etwas fragen.« »Wohlan!« antwortete Zbyszko. Nachdem Herr de Lorche abermals seinem Knappen Verschiedenes auseinander gesetzt hatte, wandte sich dieser aufs neue an Zbyszko, indem er, ein Lächeln unterdrückend, erklärte: »Mein Gebieter möchte sich vergewissern, ob jenes Fräulein, mit dem Ihr, gnädigster Herr, vor Beginn des Festes ein Zwiegespräch gehalten habt, in der That ein sterbliches Wesen und nicht eine Heilige oder ein Engel ist.« »Erwidere Deinem Herrn,« entgegnete Zbyszko mit einiger Ungeduld, »daß ich mich über seine Frage wundere, weil er sie mir schon früher einmal gestellt hat. Und zudem, hat er mir denn nicht in Spychow auseinandergesetzt, er beabsichtige, sich wegen der schönen Frauen in Litauen an den Hof Witolds zu begeben, hat er denn nicht gleich daraus erklärt, er gedenke der Frauen wegen nach Plock zu ziehen? Heute aber, hier in Plock, forderte er den Ritter aus Taczew wegen Jagienka aus Dlugolas, und nun findet er schon wieder an einer andern Wohlgefallen. Kann man dies Standhaftigkeit, ritterliche Treue nennen?« Kaum hatte Herr de Lorche diese Antwort durch den Mund seines Knappen vernommen, so seufzte er tief auf, blickte gegen den erbleichenden nächtlichen Himmel und beantwortete die Vorwürfe Zbyszkos also: »Du sprichst wahr. Weder Standhaftigkeit noch Treue ist dies, nein, ich bin ein sündhafter Mensch und nicht wert, die güldenen Sporen zu tragen. Was aber das Fräulein Jagienka aus Dlugolas anbelangt, so habe ich mich ihr freilich angelobt – und Gott gewähre mir die Gnade, mein Gelübde zu erfüllen – allein glaube mir, sehr empört wirst Du sein, wenn Du hörst, was ich durch sie erduldet habe, wie grausam sie mir in der Burg zu Czersk mitgespielt hat.« Abermals seufzte er tief auf, wiederum schaute er gen Himmel, von dem sich gegen Osten rötliche Streifen bildeten, doch erst nachdem der Knappe das Gesagte verdolmetscht hatte, hub de Lorche von neuem an: »Sie verkündete mir, ein Zauberer, der in einem Turme inmitten eines Waldes hause und ihr feindlich gesinnt sei, schicke alljährlich einen Drachen gegen sie aus. Das Ungetüm erscheine jeden Herbst vor den Mauern von Czersk und harre eines günstigen Momentes, um sich ihrer, der Jungfrau zu bemächtigen. Als ich dies vernahm, erklärte ich sofort, gegen jenen Drachen kämpfen zu wollen! Ach! hört nur, was ich Euch weiter melden werde! Unverweilt machte ich mich auf. Was aber gewahrte ich an dem bezeichneten Orte? Ein entsetzliches Ungeheuer! Hohe Freude erfaßte mich, durfte ich mir doch sagen: entweder findest Du den Tod oder Du errettest die Jungfrau aus dem unflätigen Rachen und erringst Dir unsterblichen Ruhm. Aber was gewahrte ich, als ich mich dem scheußlichen Gebilde auf Speereslänge näherte? Einen auf hölzernen Rädern ruhenden, mit Stroh gefüllten Sack, an dem ein langer, ebenfalls mit Stroh ausgestopfter Schwanz angebracht war. Anstatt Ruhm zu ernten, zog ich mir den Hohn und Spott der Menschen zu, und als ich zwei masovische Ritter zum Kampfe forderte, ward mir hart zugesetzt innerhalb der Schranken. In solcher Weise behandelte mich die, welche ich über alles in der Welt pries, der ich einzig und allein meine Liebe weihte.« Mehr als einmal biß sich der Knappe auf die Lippen, um nicht laut aufzulachen, während er die Worte seines Gebieters verdolmetschte, und auch Zbyszko wäre zu jeder andern Zeit sicherlich in Lachen ausgebrochen. Jetzt aber hatten Kummer und Sorgen jeden Frohsinn in ihm erstickt, er antwortete daher auch nur in ernstem Tone: »Wohl nur aus Uebermut, nicht aus Bosheit hat sie dies gethan.« »Ich habe ihr alles vergeben,« antwortete de Lorche. »Das wirst Du am besten daraus ersehen, daß ich mit dem Ritter aus Taczew zu Ehr und Preis ihrer Schönheit, ihrer Tugend kämpfen wollte.« »Vermeide den Kampf mit ihm!« warf Zbyszko in ernstem Tone ein. »Ein Kampf mit ihm bedeutet den Tod für mich, dessen bin ich mir sehr wohl bewußt, aber ich ziehe den Tod einem Leben voll Kümmernisse und Enttäuschungen vor.« »Dem Herrn aus Taczew liegen jetzt ganz andere Dinge im Sinn. Laß Dir raten! Folge mir morgen zu ihm und schließe einen Freundschaftsbund mit ihm.« »Das will ich thun, drückte er mich doch an sein Herz. Doch morgen begiebt er sich ja mit dem König aus die Jagd.« »Wir machen uns sehr früh zu ihm auf. Zudem ist auch der König kein Verächter eines langen Schlafes, und das Festmahl währte bis tief in die Nacht.« Der Vorsatz wurde ausgeführt, allein ohne Erfolg, denn Hlawa, der sich noch vor den beiden Rittern auf die Burg begeben hatte, um Jagienka zu sehen, berichtete jenen, Powala habe sich nicht in seinem Gelasse, sondern in den Gemächern des Königs zur Ruhe gelegt. Für ihre Enttäuschung wurden sie indessen insofern entschädigt, als sie mit dem Fürsten Janusz zusammentrafen, der sie sofort seinem Gefolge zuerteilte, wodurch sie der Jagd beiwohnen konnten. Auf dem Wege in den Forst fand Zbyszko Gelegenheit, mit dem Fürsten Jamont zu sprechen, und gar befriedigende Kunde vernahm er von diesem. »Als ich den König vor dem Schlafengehen auskleidete,« berichtete Knäs Jamont, »da sprach ich ihm von Dir und von Deinen Krakauer Erlebnissen. Kaum hörte dies der Ritter Powala, welcher auch anwesend war, so fügte er sofort hinzu. Dem Ohm sei in der Gewalt der Kreuzritter, und er bitte den König, dessen Freilassung zu erwirken. Der König, welcher furchtbar aufgebracht über die Ordensritter ist, wegen der Entführung des kleinen Jasko aus Kretkow und wegen anderer Unthaten, geriet immer mehr in Zorn. »Nicht ein gütiges Wort sollte man an sie verschwenden,« rief er, »nein, mit dem Speere in der Hand müßte man auf sie losgehen, mit dem Speere, mit dem Speere in der Hand!« Und Powala ließ sich keine Mühe verdrießen, den Herrscher noch mehr aufzustacheln. So kam es denn, daß der König die Gesandten des Ordens, die am Thore seiner harrten und sich vor ihm fast bis zur Erde neigten, kaum eines Blickes würdigte. Hei! Nun können sie den König nicht mehr dazu bringen, dem Fürsten Witold Beistand zu versagen – nein, sie selbst werden sich nicht mehr zu helfen wissen. Darüber sei auch ganz unbesorgt, der König wird den Großmeister selbst wegen Deines Ohms zur Rede stellen. Auf solch trostreiche Weise sprach Knäs Jamont zu dem jungen Ritter, auf den Jagienka indes auch gar wohlthätig einwirkte. Sie hatte mit der Fürstin Alexandra der Jagd beigewohnt und es auf der Rückkehr durchgesetzt, neben Zbyszko reiten zu dürfen. Während der Jagden herrschte stets größere Ungezwungenheit als sonst, ja, man kehrte gewöhnlich paarweise davon zurück, und da kein Paar es wünschenswert erachtete, ganz in der Nähe eines andern zu bleiben, so konnten Zbyszko und Jagienka ungestört mit einander reden. Letztere hatte schon durch den Böhmen von Mackos Gefangenschaft gehört und ihre Zeit gut benützt. Auf ihre Bitte hin war dem Großmeister von der Fürstin nicht nur ein Schreiben übergeben worden, sondern diese hatte sogar von Wenden, den Komtur von Thorn, dazu veranlaßt, in einem Briefe, in dem er über die Vorgänge in Plock berichtete, auch Mackos Angelegenheit zu. berühren. Der Komtur rühmte sich sogar der Fürstin gegenüber, er habe geschrieben: »Da es unser Bestreben sein muß, den König zu besänftigen, sollte man in einer solchen Angelegenheit keine Schwierigkeiten machen.« Und dem Großmeister mußte es in diesem Augenblicke vor allem daran gelegen sein, den gewaltigen Herrscher für sich zu gewinnen, konnte er doch nur unter dieser Bedingung seine ganze Streitmacht gegen Witold werfen, gegen den der Orden bis jetzt noch nichts ausgerichtet hatte. »Ich habe mein Möglichstes gethan, damit keine Zeit verloren werde,« erklärte Jagienka, »und da der König seiner Schwester niemals in großen Dingen nachgiebt, wird er ihr sicherlich gern in einer so geringfügigen Sache einen Gefallen erweisen. Deshalb hege ich auch Hoffnung.« »Wenn ich es nicht mit solch verräterischen, treulosen Menschen zu thun hätte,« warf Zbyszko ein, »würde ich das Lösegeld überbringen und damit die ganze Sache erledigen. Bei ihnen hingegen kann es einem jeden wie Tolima ergehen – sie nehmen das Geld, bemächtigen sich aber auch dessen, der es gebracht hat, und geben ihn nicht frei, sofern nicht eine große Macht hinter ihm steht.« »Das ist ganz klar!« meinte jetzt Jagienka. »Euch ist jetzt alles klar!« entgegnete Zbyszko. »Glaubt mir, so lange ich lebe, werde ich Euch dankbar sein.« Da blickte sie mit einem fast traurigen Lächeln zu ihm empor und fragte: »Weshalb sprichst Du so fremd mit mir? Willst Du nicht wieder ›Du‹ zu mir sagen, da wir uns doch von Jugend auf kennen?« »Ich weiß nicht, was mich anficht,« erwiderte er unschuldig, »es fällt mir schwer. Ihr seid eben nicht mehr der Irrwisch von früher ... doch ... was es auch sein mag – irgend etwas – gleichsam – « Umsonst suchte er nach dem rechten Worte, doch sie kam ihm zu Hülfe, indem sie sagte: »Ich bin einige Jahre älter geworden und in Schlesien haben mir die Räuber den Vater erschlagen.« »Ja, das ist es!« rief nun Zbyszko. »Gott gewähre ihm das Licht des ewigen Lebens.« In tiefes Sinnen verloren, ritten sie nun schweigend einige Zeit dahin, gerade als ob sie auf den Abendwind lauschten, der rauschend durch die Wipfel der Fichten fuhr, dann fragte Jagienka abermals: »Und gedenkst Du in diesen Landen zu bleiben, nachdem Du Macko losgekauft haben wirst?« Voll Staunen blickte Zbyszko auf die Sprechende. Er hatte sich bis jetzt so ausschließlich seiner Trauer, seinem Kummer hingegeben, daß ihm der Gedanke an die Zukunft noch gar nicht gekommen war. Die an ihn gestellte Frage überraschte ihn daher sehr, und erst nach längerem Ueberlegen antwortete er: »Ich weiß es nicht! Allbarmherziger Jesus, wie sollte ich das wissen? Nur eins ist gewiß – wohin ich mich auch wenden werde, meinem Schicksale entgehe ich nicht. Hei! Gar schwer ist mein Geschick! Vor allem werde ich meinen Ohm auslösen und dann vielleicht zu Witold ziehen, um die Gelübde zu erfüllen, die ich gegen die Kreuzritter gethan habe, vielleicht – finde ich dabei den Tod.« Da wurden die Augen der Maid feucht von Thränen und sich zu dem jungen Ritter neigend, sagte sie mit leiser, aber eindringlicher Stimme: »Geh' nicht in den Tod! Geh' nicht in den Tod!« Und abermals ritten sie schweigend, Seite an Seite dahin, und erst vor den Mauern der Stadt gab Zbyszko dem Ausdruck, was ihn bewegte. »Doch Ihr – doch Du – wirst Du hier am Hofe bleiben?« fragte er. »Nein!« antwortete Jagienka. »Gar traurig ist's für mich hier ohne meine Brüder, fern von Zgorzelic. Cztan und Wilk haben sich gewiß beide schon vermählt, und selbst wenn dies nicht der Fall sein sollte, was thut's? Ich fürchte mich nicht vor ihnen.« »Wenn Gott mir Gnade verleiht, bringe ich den Ohm Macko nach Zgorzelic. Er ist Dir so freundschaftlich gesinnt, daß Du fest auf ihn zählen kannst. Wirst Du aber auch ihm stets zugethan bleiben?« »Ich verspreche Dir heilig, daß ich ihm eine Tochter sein werde.« Bei diesen Worten brach Jagienka in heftiges Schluchzen aus, denn tiefes Weh bedrückte ihr Herz. – – – – – – Am darauffolgenden Tage erschien Powala aus Taczew bei Zbyszko in der Herberge und sprach also zu ihm: »Gegen das Fronleichnamsfest wird sich der König nach Raciaz begeben, um dort mit dem Großmeister zusammenzutreffen. Dich hat er zu den königlichen Rittern gezählt. Du gehst also mit uns dahin.« Zbyszko kannte sich nicht mehr vor Freude über diese Worte – denn abgesehen davon, daß ihn die Zusammengehörigkeit mit den Rittern des Königs vor den Verrätereien und den Angriffen der Kreuzritter schützte, trug diese Thatsache ihm unermeßlichen Ruhm ein. Zu jenen königlichen Rittern gehörten ja Zawisza Czarny und dessen Bruder Farurej und Kruczek, Powala selbst, sowie Krzon aus Kozichglowy, Stach aus Charbimowice, Paszko Zlodziej aus Biskupice und Lis aus Targowiska – nebst vielen andern gefürchteten und berühmten Rittern, deren Namen weit über die Grenzen des Landes hinaus bekannt waren. Jetzt führte zwar König Jagiello ein verhältnismäßig kleines Gefolge mit sich, weil manche der Ritter in der Heimat geblieben und etliche auf Abenteuer in fremde Lande, ja, weit über das Meer gezogen waren, aber er wußte sehr wohl, daß er sich mit diesen auserlesenen Kämpen sogar nach Marienburg wagen durfte, ohne dem Orden gegenüber in Bedrängnis zu geraten, er wußte, daß sie im Falle der Not mit ihren gewaltigen Armen Mauern darnieder werfen und ihn selbst aus der Mitte der Deutschen heraushauen würden. Von Stolz ward daher auch Zbyszkos junges Herz geschwellt, wenn er sich sagte, zu diesen Rittern werde er auch von nun an gezählt. Im ersten Augenblicke vergaß Zbyszko all seiner Kümmernisse und rief, Powalas Hand drückend, voll Entzücken: »Euch, keinem andern danke ich dies, o Herr, Euch, Euch ganz allein!« »Nicht mir allein gebührt Euer Dank, auch der gnädigsten Fürstin hier, sowie unserm allergnädigsten Herrn müßt ihr dafür danken. Geht, umfaßt sofort seine Knie, sonst könnte er Euch der Undankbarkeit zeihen.« »In den Tod für ihn zu gehen bin ich bereit, so wahr mir Gott helfe!« rief Zbyszko. Fünftes Kapitel. Die Zusammenkunft in dem auf einer der Weichselinseln gelegenen Raciaz, wohin sich der König gegen das Fronleichnamsfest begab, fand unter keinem guten Zeichen statt und führte nicht zu der Einigung und Verständigung über verschiedene Fragen, wie jene, welche zwei Jahre später an demselben Platze zu stände kamen und in welchen der König nicht nur das Gebiet von Dobrzyn wieder erlangte, sondern gleichzeitig mit Dobrzyn auch Bobrowniki, das verräterischer Weise von Opolczyk an die Kreuzritter verpfändet worden war. Gleich bei seiner Ankunft zeigte sich Jagiello höchst ungehalten wegen der Treulosigkeit des Ordens, wegen der Verleumdungen, welche die Kreuzritter an den Höfen West-Europas, ja, in Rom sogar über ihn ausgestreut hatten. Der Großmeister wollte die Angelegenheit in Betreff Dobrzyns nicht berühren, er vereitelte absichtlich jede Gelegenheit dazu, während sowohl er wie andere Würdenträger des Ordens tagtäglich zu den Polen also sprachen: »Wir wünschen weder mit Euch noch mit den Litauern Krieg zu führen, allein Samogitien gehört uns, denn Witold selbst hat es uns übergeben. Versprecht, Witold keine Unterstützung angedeihen zu lassen, dann wird die Fehde mit ihm rascher beendet sein, wodurch wir Lust und Muße gewinnen, mit Euch über Dobrzyn zu reden und Euch diese oder jene Zugeständnisse zu machen.« Doch die Ratgeber des Königs, bei denen sich Verstand mit großer Erfahrung paarte, ließen sich durch diese schönen Worte nicht irre führen. »Sobald Euere Macht wächst, vergrößert sich auch Eure Verwegenheit,« erklärten sie dem Großmeister. »Wohl sagt Ihr, um Litauen handle es sich bei Euch nicht, trotzdem aber wollt Ihr Skirgiello auf den Thron Witolds erheben. Bei dem allbarmherzigen Gotte! Das ist das Erbe Jagiellos, nur er allem hat darüber zu entscheiden, wer in Litauen herrschen soll – deshalb haltet Euch im Zaume, damit unser großer König Euch nicht strafen muß!« Daraufhin entgegnete der Großmeister, es sei Sache des Königs, sofern dieser der wirkliche Herrscher von Litauen sei, Witold zum Friedenschluß zu bringen und Samogitien dem Orden zurückzugeben, andernfalls müsse der Orden, wo und wann er könne, Witold anzugreifen und ihn zu schlagen suchen. In solcher und ähnlicher Weise zogen sich die Unterredungen vom frühen Morgen bis zum späten Abend hin und führten ebensowenig zum Ziele, wie ein Irrweg, der sich beständig im Kreise dreht. Der König, welcher sich zu nichts verpflichten wollte, verlor mehr und mehr die Geduld, so daß er schließlich dem Großmeister darthat, wenn Samogitien sich unter der Herrschaft der Kreuzritter glücklich gefühlt haben würde, hätte Witold auch nicht einen Finger gerührt, wäre doch dann weder ein Grund dazu noch eine Entschuldigung dafür vorhanden gewesen. Zuvörderst bemühte sich der Großmeister jetzt, den König zu besänftigen, denn abgesehen davon, daß er die gewaltige Macht Jagiellos besser kannte, als alle Kreuzritter, war er auch gerechteren und friedliebenderen Sinnes als die anderen Brüder, und ohne das Murren einiger hochmütiger, aufbrausender Komture zu beachten, erging er sich in Schmeichelreden, bemühte er sich, demütig und unterwürfig zu sein. Da sich aber unter dieser scheinbaren Nachgiebigkeit drohende Auflehnung barg, kam keine Einigung zustande. Die wichtigsten Fragen wurden rasch abgethan; schon am zweiten Tage verhandelte man über ganz geringfügige Dinge. Fortwährend ging jedoch dabei der König scharf gegen den Orden vor, den er der Bildung von Räuberbanden, der Ueberfälle an den Grenzen beschuldigte, dem er die Entführung von Jurands Tochter, den Raub des kleinen Jasko aus Kreskow, die Ermordung von Bauern und Fischersleuten zur Last legte. Dagegen erhob nun wieder der Großmeister Einsprache, indem er schwur, er habe nichts von all dem gewußt, indem er behauptete, er sei zu Vorwürfen berechtigt, da nicht nur Witold, sondern auch polnische Ritter den heidnischen Samogitiern gegen die Kreuzritter beigestanden hatten – eine Thatsache, für die er nur Macko aus Bogdaniec zum Beweise anzuführen brauche. Glücklicherweise kannte aber der König durch Powala den Grund, weshalb die Ritter aus Bogdaniec nach Samogitien gezogen waren, und vermochte umso besser die Nichtigkeit dieser Vorwürfe zu beweisen, als sich Zbyszko in seinem Gefolge befand, Arnold und Wolfgang von Baden aber sich dem Großmeister in der geheimen Hoffnung angeschlossen hatten, mit polnischen Rittern innerhalb der Schranken kämpfen zu können. Doch darin täuschten sie sich. Wohl war es die Absicht der Kreuzritter gewesen, im Falle eines günstigen Verlaufes der Verhandlungen den König nach Thorn einzuladen, wo dann ihm zu Ehren Feste und Waffenspiele veranstaltet worden wären, als aber jede Aussicht auf eine Verständigung scheiterte, schwand mit dem steigenden Aerger, mit der wachsenden Empörung der Wunsch nach Lustbarkeiten. Nur unter einander, in den frühen Morgenstunden, versuchten sich die Ritter ein wenig in Waffengängen, um wechselseitig ihre Kraft, ihre Gewandtheit zu erproben, aber diese Versuche fielen, wie der frohgelaunte Knäs Jamont zu sagen pflegte, nicht nach dem Sinne der Kreuzritter aus, denn Powala aus Taczew erwies sich an Kraft Arnold von Baden weit überlegen, während Dobek aus Olesnika im Kampfe mit dem Speere und Lis aus Targowisko beim Ueberspringen der Pferde alle andern aus dem Felde schlugen. Nun fand auch Zbyszko Gelegenheit, sich mit Arnold wegen des Lösegeldes zu verständigen. De Lorche zwar, der als Graf und vermöge seines hochangesehenen Namens auf Arnold herabsah, legte mit der Erklärung, daß er für alles einstehen werde, gegen irgend welches Abkommen Verwahrung ein, Zbyszko hingegen hielt an der Ansicht fest, seine Ehre als Ritter gebiete ihm, die für das Lösegeld vereinbarte Summe auszuzahlen, und obgleich Arnold sich bereit erklärte, die früher gestellte Forderung herabzusetzen, wollte Zbyszko weder davon, noch von Herrn de Lorches Vermittlung etwas wissen. Arnold von Baden, ein schlichter Mensch, dessen Hauptvorzug in seiner riesenhaften Körperkraft lag, besaß freilich keine allzugroßen Geistesgaben und war dem Geldgewinn nicht gerade abhold, galt jedoch mit Recht für gutmütig und ehrenhaft. Im Gegensätze zu den meisten Kreuzrittern lag ihm auch jede Arglist fern, er erklärte daher Zbyszko offen, aus welchem Grunde er mit einer Herabsetzung des Lösegeldes einverstanden sei. »Zu einem Vergleiche zwischen dein mächtigen König und dem Großmeister wird es nicht kommen,« meinte er, »allein zur Auswechslung der Gefangenen werden sich die Parteien voraussichtlich verstehen. Ist dies aber der Fall, dann hast Du kein Lösegeld für Deinen Ohm zu bezahlen, und ich würde nichts erhalten. Deshalb ziehe ich es vor, mich mit einer geringeren Summe zu begnügen, denn mein Beutel ist fast immer leer, so daß ich zuweilen kaum drei Krüge Bier im Tage trinken kann, trotzdem ich mich elend fühle, wenn ich mich nicht mit fünf oder sechs zu laben vermag.« Ueber diese Worte geriet Zbyszko in großen Zorn und er erwiderte unverweilt: »Ich bezahle das Lösegeld, weil ich es bei meiner ritterlichen Ehre gelobt habe, ja, ich werde von der Höhe der Summe nicht abgehen, damit Du begreifst, wie hoch unser Wert zu schätzen ist.« Daraufhin zog ihn Arnold an seine Brust, während die polnischen Ritter, sowie die Ordensritter, ihn laut preisend, also sprachen: »Fürwahr, mit Recht trägst Du trotz Deiner Jugend schon die goldenen Sporen, weißt Du doch, was Würde, was Ehre heißt.« Inzwischen beratschlagten auch der König und der Großmeister in der That über die Auswechslung der Gefangenen, wobei indessen so seltsame Dinge zu Tage traten, daß die Bischöfe und die königlichen Würdenträger darüber sowohl an den Papst und an verschiedene Höfe Schreiben richteten, denn wenn sich auch in den Händen der Polen eine beträchtliche Zahl von Gefangenen befand; so waren dies doch erwachsene Menschen, Männer in der Blüte der Jahre, welche in Schlachten wie auch in Kämpfen an der Grenze in die Hände der Sieger gefallen waren. In der Gewalt der Kreuzritter aber schmachteten Frauen und Kinder, die bei nächtlichen Ueberfällen ergriffen und des Lösegeldes wegen festgehalten worden waren. Selbst der Papst in Rom schenkte nicht nur dieser Thatsache Beachtung, sondern er gab auch, ungeachtet der Bemühungen des klugen, listigen Johann von Felde, welcher als Bevollmächtigter des Ordens an dem Apostolischen Stuhle weilte, seiner Entrüstung und seinem Zorne öffentlich Ausdruck. Wegen Mackos Auswechslung ergaben sich die größten Schwierigkeiten. Der Großmeister erhob allerlei Einwendungen, wenn schon er dies nur zum Scheine, nur deshalb that, um jedem Zugeständnis ein desto größeres Gewicht zu verleihen. So führte er unter anderm an, ein christlicher Ritter, der gemeinsam mit den Samogitiern gegen den Orden gestritten habe, verdiene den Tod. Vergeblich brachten die Ratgeber des Königs aufs neue all das vor, was sie über Jurand, über Danusia wußten, umsonst schilderten sie die entsetzlichen, von dem Orden über diese beiden und über die Ritter aus Bogdanice hervorgerufenen Leiden. Durch einen merkwürdigen Zufall gebrauchte der Großmeister in seiner Erwiderung fast die gleichen Worte, deren sich die Fürstin Alexandra in ihrer Unterredung mit dem alten Ritter aus Bogdaniec bedient hatte. »Euch selbst haltet Ihr für Lämmer, wir dünken Euch Wölfe zu sein – und doch ist von den vier Wölfen, welche sich an der Entführung der Tochter Jurands beteiligten, nicht ein einziger mehr am Leben, während die Lämmer nach wie vor ungefährdet in die Welt ziehen.« Wohl war dies der Fall, allein trotz der Wahrheit dieser Behauptung bemerkte der gerade anwesende Herr aus Taczew: »Traun, das läßt sich nicht bestreiten. Doch sagt, ist einer der Gefallenen durch Verrat zu Grunde gegangen? Hat nicht ein jeder von ihnen, das Schwert in der Hand, den Tod gefunden?« Darauf wußte der Meister keine Antwort zu geben, und als er sah, wie der König die Brauen zusammenzog, wie dessen Augen blitzten, da gab er nach, wollte er doch den mächtigen Herrscher nicht zum Aeußersten bringen. So einigte man sich denn schließlich dahin, daß von beiden Parteien Gesandte abgeschickt werden sollten, um die Auswechslung der Gefangenen ins Werk zu setzen. Von seiten der Polen wurde Zindram aus Maszkowice, der schon längst gar gern den Hauptsitz der Kreuzritter in der Nähe gesehen hätte, sowie Povala und Zbyszko aus Bogdaniec dazu erwählt. Knäs Jamont leistete Zbyszko diesen Liebesdienst. Er verwandte sich bei dem König zu dessen Gunsten, von dem Gedanken geleitet, der junge Ritter könne seinen Ohm rascher sehen und dessen Freigebung erlangen, wenn er als Gesandter des Königs für ihn einzutreten vermöge. Jagiello aber ließ selten eine Bitte Jamonts unerfüllt, war doch letzterer durch seinen Frohsinn, seine Güte, seine außergewöhnliche Schönheit und durch seine unendliche Uneigennützigkeit der Liebling des Herrschers, ja des ganzen Hofes geworden. Aus vollem Herzen sprach Zbyszko seinen Dank aus. Jetzt, dessen war er überzeugt, mußte Macko aus den Händen der Kreuzritter entkommen. »Keiner neidet Dir Deine Stellung bei dem König,« erklärte er Jamont, »sie gebührt Dir, denn nur zum Wohle anderer benützest Du Deine Vertrautheit mit dem Herrscher. Ein besseres Herz als das Deine giebt es nicht mehr auf Erden.« »Um den König ist es wahrlich gut sein,« entgegnete der Bojar, »trotzdem aber möchte ich lieber gegen die Kreuzritter zu Felde ziehen, und darob beneide ich Dich, daß Du schon gegen sie gekämpft hast.« Nach kurzem Schweigen fügte er hierauf hinzu: »Der Komtur von Thorn, von Wenden, kam gestern hier an, und heute Abend wirst Du Dich für die Nacht mit dem Großmeister und dessen Gefolge zu ihm begeben.« »Um dann nach Marienburg aufzubrechen?« »Um dann nach Marienburg zu ziehen. Hei, der Weg dahin ist nicht weit,« fuhr Jamont hierauf lachend fort, »allein gar angenehm wird Dir die Zeit nicht vergehen, denn die Deutschen haben bei dem König nichts ausgerichtet und gegen Witold werden sie auch nichts durchsetzen. Dieser hat vielleicht schon die ganze litauische Streitmacht gesammelt und zieht nun nach Samogitien.« »Wenn der König ihn unterstützt, wird es einen gewaltigen Krieg geben.« »All unsere Ritter flehen Gott den Herrn darum an. Doch selbst wenn der König sich von dem Gedanken leiten ließe, christliches Blut dürfe nicht vergossen werden, würde er Witold mit Korn und Geld versehen, würde gar mancher polnische Ritter aus freien Stücken Witold Heeresfolge leisten.« »Bei meinem Leben, das wird geschehen!« antwortete Zbyszko. »Und vielleicht ist gerade dies ein Grund für den Orden, dem König den Krieg zu erklären.« »Daran ist nicht zu denken!« erklärte der Knäs. »Solange der Großmeister lebt, kommt es nicht zum Kriege.« Und Jamont hatte Recht. Zbyszko kannte den Großmeister schon lange, jetzt aber, auf dem Wege nach Marienburg, konnte er ihn genau beobachten, lernte er ihn erst gründlich kennen, ritt er doch fast stets an dessen Seite gemeinsam mit Zindram aus Maszkowice und Powala aus Taczew. Dieses beständige Zusammensein bestärkte Zbyszko in der Ueberzeugung, daß der Großmeister, Konrad von Jungingen, weder verderbt noch schlecht war. Konrad von Jungingen mußte häufig gegen das Gesetz verstoßen, weil der ganze Orden sich Ungesetzlichkeiten zu schulden kommen ließ. Er mußte Unrecht begehen, weil die Kreuzritter allen Menschen Unrecht zufügten. Er mußte sich zu Lügen verstehen, denn die Lüge war ihm, seit er die Würde eines Großmeisters bekleidete, zur zweiten Natur geworden, und seit Jahren betrachtete er sie nur als ein berechtigtes Hilfsmittel der Staatskunst. Allein er war kein grausamer Mensch, er fürchtete das Gericht Gottes und suchte, so weit es in seiner Macht stand, gegen den Hochmut, gegen die Ueberhebung derjenigen Kreuzritter anzukämpfen, welche zum Kriege gegen den gewaltigen Jagiello drängten. Ein schwacher Mensch war er freilich. Seit Jahrzehnten bereicherte sich der Orden durch Raub an andern, durch widerrechtliches Aneignen von Grenzgebieten, ein verräterisches Vorgehen, dem Konrad nicht nur nicht zu steuern verstand, sondern dem er sogar, von der eigenen unersättlichen Gewinnsucht getrieben, Vorschub leistete. Fern lagen jene Zeiten, in welchen Winrych von Kniprode den Orden in eiserner Zucht hielt und damit die ganze Welt in Staunen setzte. Schon unter dem Vorgänger Konrad von Jungingens, unter Konrad Wallenrode berauschte sich der Orden geradezu an seiner, trotz vereinzelter Niederlagen, stets wachsenden Macht und büßte in solchem Maße durch den Ruhm, den Erfolg, das fortwährende Blutvergießen jede Besonnenheit ein, daß sich die Bande, die ihn zusammenhielten und kräftigten, immer mehr lockerten. Durch die Bemühungen Konrads von Jungingen, für Aufrechterhaltung von Recht und Gerechtigkeit zu sorgen, durch sein Bestreben, so viel er konnte, die Strenge zu mildern, welche die Kreuzritter den Bauern, den Bürgern, ja sogar den Geistlichen und den Edelleuten gegenüber an den Tag legten, die Ordensland zu Lehen hatten, gelangte in der Nähe von Marienburg nicht nur der oder jener Bauer, der oder jener Städter zu Wohlstand, sondern thatsächlich zu Reichtum. In den ferner gelegenen Gegenden spotteten aber die Selbstsucht, die Habgier und die Grausamkeit der Komture jeder Beschreibung. Das Recht ward mit Füßen getreten, Unterdrückung und Gewaltthätigkeit herrschten allenthalben, eigenmächtig wurden Abgaben auferlegt und rücksichtslos der letzte Groschen eingetrieben, ob auch heiße Zähren flossen, ob es auch Blut kostete. Was Wunder daher, daß auf weite Länderstrecken hinaus Not und Elend zum Himmel schrien! Wenn nun auch der Großmeister größere Milde anempfahl, wenn er auch jetzt die Samogitier besser behandelt wissen wollte, was nützte dies in Anbetracht der stets sich auflehnenden Komture, die ihrer angeborenen Grausamkeit die Zügel schießen ließen. Konrad von Jungingen hatte daher die gleiche Empfindung wie ein Wagenlenker, der die Führung der wild gewordenen Pferde verliert und das Gefährte seinem Schicksale überläßt. Gar schlimme Ahnungen quälten ihn deshalb häufig, gar oft kamen ihm die prophetischen Worte in den Sinn: »Ich hatte sie als Arbeitsbienen eingesetzt, ich wies ihnen das Grenzgebiet der christlichen Lande zur Wohnstätte an, sie aber sind gegen mich aufgestanden. Sie erleuchten weder den Geist, noch sorgen sie für den Leib des Volkes, das, seinen Irrwahn abschüttelnd, sich dem katholischen Glauben, sich mir zugewendet hat. Sklaven haben sie aus diesen Menschen gemacht, die sie in Unkenntnis der Gebote Gottes hielten, die sie der heiligen Sakramente beraubten und dadurch schlimmeren Höllenqualen überantworteten, als wenn das ganze Volk dem Heidentume treu geblieben wäre. Die Kriege entfachten sie einzig und allein zur Befriedigung ihrer Habgier. Die Zeit wird daher kommen, in der ihnen die Zähne ausgebrochen werden, in der ihnen die rechte Hand abgehauen wird, in der ihnen der rechte Fuß erlahmt, und in der sie ihre Sünden bekennen.« Nur zu wohl sah der Großmeister ein, wie gerechtfertigt die Vorwürfe waren, welche die geheimnisvolle Stimme bei einer Vision der heiligen Birgitta gegen den Orden erhoben hatte. Ein auf fremder Erde errichtetes Gebäude, an dem die Thränen Unzähliger hingen, das mit Hilfe von Verleumdung, Verrat und Gewaltthaten aufgebaut worden war – ein solches Gebäude, dies begriff er nur zu gut, konnte nicht standhalten. Er fürchtete, daß dieser seit Jahren von Blut und Zähren untergrabene Bau bei dem ersten Vorstoß der polnischen Macht zusammenbrechen werde, er fühlte, daß ein durch wild gewordene Pferde gezogener Wagen schließlich in den Abgrund stürzen müsse, und deshalb suchte er die Stunde des Gerichtes, der Niederlage, der Vernichtung so lange wie möglich hinauszuziehen. Trotz seiner sonstigen Schwäche blieb er daher in einem Punkte seinen hochmütigen, verwegenen Ratgebern gegenüber unbeugsam: zu einem Kriege mit Polen wollte er sich nicht verstehen. Vergeblich warfen sie ihm Furcht und Mutlosigkeit vor, vergeblich wirkten die an der Grenze ansässigen Komture aus allen Kräften für den Krieg, so oft auch die Flamme auszubrechen drohte, so oft wußte er sie im letzten Augenblicke zu ersticken, um dann jedesmal in Marienburg Gott dafür zu danken, daß es ihm vergönnt gewesen, den Orden vor dem drohend über seinem Haupte hängenden Schwert zu schützen. Nichtsdestoweniger wußte er, wie unvermeidlich ein solcher Krieg war. Die Erkenntnis, wie wenig der Orden gesunde, Gott wohlgefällige Grundsätze beherzigte, wie seine Macht auf Treulosigkeit und Ungerechtigkeit beruhte, zusammen mit der Ahnung, daß der Tag des Verderbens nahe sei, machten Konrad von Jungingen zu dem unglückseligsten Menschen auf der Welt. Gern hätte er Blut und Leben hingegeben, wenn damit etwas erreicht, wenn der Gerechtigkeit Thür und Thor geöffnet worden wäre, allein er fühlte es wohl, dazu war es nun zu spät. Denn die Umkehr, was würde sie bedeuten? All jenes reiche und fruchtbare Land, welches, Gott weiß wie lange schon, von dem Orden seinen rechtmäßigen Besitzern entrissen worden war, müßte zurückerstattet werden und mit ihm viele wohlhabende Städte. Und dies würde noch nicht einmal genügen! Nein, man müßte auf Samogitien, auf die Einfälle in Litauen verzichten, das Schwert würde in der Scheide rosten und es käme schließlich so weit, daß der Orden sich aus all den Gebieten zurückzöge, in denen niemand mehr zu bekehren war, und sich zum zweiten Male in Palästina ansiedelte, oder auf irgend einer der griechischen Inseln, um das Kreuz gegen wirkliche Sarazenen zu verteidigen. Doch dies war unausführbar, denn damit wäre die Vernichtung des Ordens ausgesprochen gewesen. Und wer hätte sich dazu verstanden, welcher Großmeister würde die Hand dazu bieten? Schwer lasteten fürwahr Kummer und Sorgen auf Konrad von Jungingen, allein trotzdem hätte er einen jeden, der mit einem solchen Vorschlag vor ihn getreten wäre, unter der Annahme, dieser sei seiner Sinne beraubt, in ein dunkles Gelaß sperren lassen. Der Orden mußte auf der nun einmal eingeschlagenen Bahn weiter und weiter schreiten, bis zu dem Tage, an dem ihm von Gott Einhalt geboten ward. So schritt denn auch der Meister weiter, wenn schon gebeugt und voller Harm. Sein Bart war ergraut, sein Haupthaar an den Schläfen weiß geworden und sein früher so durchdringender Blick barg sich jetzt fast stets unter den schweren, halbgeschlossenen Lidern. Zbyszko bemerkte auch nicht ein einziges Mal, daß ein Lächeln des Meisters Gesichtszüge erhellte. Trotzdem konnte dessen Antlitz weder abschreckend noch finster genannt werden, nein, es trug nur den Stempel tiefen inneren Leides. In seiner Waffenrüstung, auf der Brust ein Kreuz, in dessen Mitte ein schwarzer Adler auf viereckigem Felde prangte, in dem langen, weißen, ebenfalls mit dem Kreuze gezierten Mantel, bot er ein Bild der Würde und der Hoheit, aber auch der Sorge und der Bedrängnis. Konrad war ein lebensfroher, zu allerlei Scherz und Kurzweil aufgelegter Mann gewesen, und selbst jetzt noch zeigte er sich Festen, Schaustellungen und Waffenspielen nicht abhold – im Gegenteil, er nahm stets selbst teil daran. Doch weder inmitten der glänzenden Ritterschar, die sich in Marienburg zusammenzufinden pflegte, noch in dem lauten Getümmel, wenn die Fanfaren ertönten, die Waffen klirrten und die mit Malvasier gefüllten Becher kreisten, fühlte er sich jemals glücklich. Wie sehr auch dann alles um ihn her von Kraft, von Glanz, von unerschöpflichem Reichtum, von unbesiegbarer Macht zu sprechen schien, wie rückhaltlos auch die Gesandten des Kaisers und anderer westlichen Herrscher in den Ruf einstimmten, der Orden könne sich gegen alle Reiche, gegen die ganze Welt behaupten – er allein ließ sich nicht täuschen – er allein vergaß der prophetischen Worte bei der Vision der Heiligen nicht: »Die Zeit wird daher kommen, in der ihnen die Zähne ausgebrochen werden, in der ihnen die rechte Hand abgehauen wird, in der ihnen der rechte Fuß erlahmt, und in der sie ihre Sünden bekennen.« Sechstes Kapitel. Sie zogen zu Land von Kulm nach Graudenz, wo sie eine Nacht und einen Tag blieben, weil der Großmeister eine Streitfrage zu schlichten hatte, die wegen der Fischereigerechtigkeit zwischen den Burgstarosten des Ordens und den benachbarten Edelleuten, deren Gebiet an die Weichsel grenzte, entstanden war. Dann fuhren sie auf Barken den Fluß entlang nach Marienburg. Zindram aus Maszkowice, Powala aus Taczew und Zbyszko kamen nicht Schon aus der Ferne, während sie die Nogat hinabfuhren, sahen die Ritter die mächtigen Basteien gen Himmel ragen. von der Seite des Großmeisters, war doch letzterer gespannt darauf, was für einen Eindruck die gewaltige Macht der Kreuzritter, in der Nähe besehen, besonders auf Zindram hervorbringen werde. Konrad legte schon deshalb großes Gewicht auf das Urteil Zindrams, weil dieser nicht nur in allen Ritterspielen bekannt und berühmt war, sondern auch als ein außergewöhnlich hervorragender Krieger galt. Kein anderer Kämpe in dem ganzen Königreiche verstand es so wie er, große Kriegsheere zu leiten, die Scharen in Schlachtordnung zu stellen, Burgen erbauen und stürmen, Brücken über breite Flüsse schlagen zu lassen, kein anderer verstand sich so wie er auf die Waffen, auf die Kriegskunst der verschiedenen Völker. Von dem Gedanken ausgehend, daß Zindrams Ansicht in dem Rate des Königs viel gelte, glaubte der Großmeister den Krieg verzögern zu können, wenn es ihm gelingen werde, ersteren von dem unermeßlichen Reichtum, von der gewaltigen Kriegsmacht des Ordens zu überzeugen. Mußte denn nicht schon allein der Anblick von Marienburg das Herz jedes Polen mit Schrecken erfüllen, der Anblick dieser aus dem Hochschloß, dem Mittelschloß und der Vorburg Das völlige Verderben Marienburgs führte der Preußenkönig Friedrich II. herbei nach Niederwerfung der polnischen Republik. bestehenden Veste, mit der keine Burg auf der ganzen Erde auch nur annähernd verglichen werden konnte. Schon aus der Ferne, während sie die Nogat hinabführen, sahen die Ritter die mächtigen Basteien gen Himmel ragen. Der Tag war licht und klar, folglich traten die gewaltigen Bollwerke deutlich hervor, und als nach geraumer Zeit die Barken sich immer mehr ihrem Ziele näherten, da glänzten die Spitzen der Kirche über dem Hochschloß und den gigantischen, über einander getürmten Mauern hervor, die aus roten Ziegelsteinen aufgeführt, aber zum größten Teile mit der berühmten, grauweißen Tünche bestrichen waren, welche nur die Maurer des Ordens herzustellen verstanden. Solch wuchtige Bauwerke hatten die polnischen Ritter noch nie zuvor geschaut. Man hatte den Eindruck, als ob ein Bau aus dem andern hervorwachse, man staunte, inmitten dieser Ebene plötzlich einen Berg vor sich zu sehen, dessen Gipfel das Hochschloß, dessen Seiten das Mittelschloß und die Vorburg bildeten. Dieser riesenhafte Hort der streitbaren Mönche bot einen solch sprechenden Beweis für deren Stärke und Macht, daß sich sogar das düstere Antlitz des Großmeisters erhellte, als sein Blick darauf ruhte. » Marienburg ex luto – das aus dem Sumpf emporgestiegene Marienburg!« bemerkte er, sich zu Zindram wendend, »doch keine menschliche Macht kann es zermalmen.« Zindram erteilte keine Antwort; schweigend ließ er seine Augen über die Basteien und über die gewaltigen, durch ungeheure Eskarpen noch mehr befestigten Wälle schweifen. Nach kurzer Pause fragte daher Konrad von Jungingen aufs neue: »Ihr Herren, die Ihr Euch auf solche Verschanzungen versteht, was sagt Ihr zu dieser Veste?« »Sie scheint mir uneinnehmbar zu sein!« erwiderte der polnische Ritter wie in Nachdenken versunken, »aber –« »Was aber? Was habt Ihr einzuwenden?« »Daß jede Veste den Herrn wechseln kann.« Der Meister schaute finster darein. »In welchem Sinne meint Ihr das?« »Kein Mensch kann Gottes Ratschlüsse und Fügungen erforschen.« So sprechend, schaute Zindram abermals sinnend auf die Wälle, während ihm Zbyszko, dem Powala die Antwort verdolmetscht hatte, bewundernde und dankerfüllte Blicke zusandte und dabei von der ihm plötzlich auffallenden Aehnlichkeit zwischen Zindram und dem samogitischen Heerführer Skirwoillo in Staunen versetzt ward. Beide hatten ungewöhnlich große Köpfe, die tief zwischen den Schultern staken, beide zeichneten sich durch ihren gewaltigen Brustkasten, durch ihre krummen Beine aus. Nun hub der Meister, welcher dem polnischen Ritter das letzte Wort nicht lassen wollte, von neuem also zu sprechen an: »Wie die Rede geht, soll unser Marienburg sechsmal größer sein als Wawel.« »Auf Felsgestein hat man fürwahr nicht so viel Platz wie hier in der Ebene,« entgegnete der Herr aus Maszkowice, »bei uns in Wawel ist jedoch das Herz weit größer.« Konrad zog die Brauen verwundert in die Höhe. »Ich verstehe Euch nicht!« erklärte er. »Was bildet denn das Herz von jeder Burg, wenn nicht die Kirche? Unsere Kathedrale in Wawel jedoch ist dreimal so groß wie Eure hier.« So sprechend, deutete er auf die tatsächlich nicht sehr große Kirche Marienburgs, an der, in der Höhe des Presbyteriums, auf Goldgrund die aus Mosaik ausgelegte Kolossalfigur der heiligen Jungfrau prangte. Ueber diese neue Wendung des Gespräches zeigte sich Konrad nicht sehr erbaut. »Ihr seid stets mit raschen, aber gar seltsamen Antworten bereit, o Herr!« bemerkte er. Mittlerweile hatten sie ihr Ziel erreicht. Durch die vortreffliche Wache des Ordens war offenbar sowohl in der Stadt, wie in der Burg die Kunde von der Ankunft des Großmeisters verbreitet worden, denn auf die Ankommenden harrten nicht nur eine Anzahl Brüder, sondern sie wurden auch von den Stadttrompeten empfangen, welche herkömmlicherweise den Großmeister stets bei seiner Ankunft mit Fanfaren begrüßten. An dem Ufer standen die Pferde bereit. Dieselben besteigend, ritten der Großmeister und dessen Gefolge durch die Stadt und durch das in der Nähe der Sperlings-Bastei gelegene Schusterthor in die Vorburg, an deren Portal der Großmeister abermals begrüßt ward. Hier hatten sich der Groß-Komtur Wilhelm von Helfenstein eingefunden, der indessen nur dem Titel nach diese Würde bekleidete, da seine Obliegenheiten schon seit Monden von dem gerade nach England entsandten Kuno Lichtenstein erfüllt wurden, sowie der Johanniter Konrad Lichtenstein, ein Blutsverwandter Kunos, dann Rumpenheim, der Großkämmerer, Burghard von Wobecke, der Großschatzmeister, und schließlich der Klein-Komtur, der die Aufsicht über die Werkstätten, über die Verwaltung der Burg zu führen hatte. Außer diesen Würdenträgern waren auch etliche geistliche Brüder anwesend, in deren Händen die Angelegenheiten der Kirche in Preußen lagen und die nicht nur andere Klöster schwer bedrückten, sondern sogar die Geistlichen von Pfarreien zu Wegarbeiten und zum Eisbrechen zwangen. Zu diesen geistlichen Brüdern hatten sich auch viele Laienbrüder gesellt – Ritter, die keine kirchlichen Vorschriften zu erfüllen hatten. Hochgewachsen und kraftstrotzend (der Orden nahm Schwächliche nicht auf), mit den breiten Schultern, den krausen Barthaaren und den ernsten Gesichtern glichen sie weit eher deutschen Raubrittern als Mönchen. Kühnheit, Hochmut und Hoffart sprachen aus ihren Blicken. Für Konrad waren sie nicht sehr eingenommen, wegen seiner Furcht vor einem Kriege mit dem gewaltigen Jagiello. Offen warfen sie ihm zuweilen in den Kapiteln seine Feigheit vor, ja, nicht genug daran, sie bemalten die Mauern mit seinem Bilde, sie stifteten allerlei Narrenspossen an, um ihn lächerlich zu machen. Jetzt aber neigten sie mit scheinbarer Demut das Haupt vor ihm, jetzt aber beeilten sie sich, Zügel und Steigbügel seines Rosses zu halten, befanden sich doch fremde Ritter in dem Gefolge des Meisters. Vom Pferde steigend, wandte sich der Großmeister sofort zu Helfenstein. »Ist Kunde von Werner von Teltingen eingetroffen?« fragte er, da dieser als Groß-Marschall oder Befehlshaber über die Streitmacht des Ordens auf einem Zuge gegen die Samogitier und Witold begriffen war. »Entscheidendes ist nichts geschehen,« entgegnete Helfenstein, »doch gar viel Schaden ward angerichtet. Das Gesindel hat die Ansiedelungen in der Nähe von Ragneta und viele bei andern Burgen gelegene Städte niedergebrannt. »Auf Gott setzen wir unser Vertrauen! In einer großen Schlacht kann ihre Widerspenstigkeit, ihre Verstocktheit gebrochen werden!« erklärte der Meister, indem er, die Augen gen Himmel erhebend, die Lippen in kurzem Gebete für den Sieg des kreuzritterlichen Heeres bewegte. Dann deutete er auf die polnischen Ritter und sagte: »Diese hier, die Gesandten des Königs von Polen – der Ritter aus Maszkowice, der Ritter aus Taczew und der Ritter aus Bogdaniec – sind behufs Auswechslung der Gefangenen mit uns gekommen. Möge sie der Komtur der Burg in die für Gäste bestimmten Räume geleiten und sie bewirten und Sorge für sie tragen, wie es sich gebührt.« Auf diese Worte hin richteten die Kreuzritter voll Neugierde ihre Blicke auf die Gesandten, vornehmlich jedoch auf Powala aus Taczew, dessen Ruhm als bewährter Kämpe etlichen von ihnen bekannt war. Diejenigen jedoch, welche nichts von dessen Thaten an dem burgundischen, an dem böhmischen und an dem polnischen Hofe wußten, bewunderten seine mächtige Erscheinung und ganz besonders sein Streitroß, das durch seine gewaltige Größe alle die, welche schon im heiligen Lande und in Aegypten gewesen waren, an Kamele und Elephanten erinnerte. Wer aber von den Kreuzrittern Zbyszko erkannte, welcher ja seiner Zeit innerhalb der Schranken in Marienburg gekämpft hatte, der begrüßte ihn auf zuvorkommende Weise, indem er sich ins Gedächtnis zurückrief, wie ehrend und freundschaftlich diesem jungen Kämpen von Ulryk von Jungingen, dem einflußreichen und in dem Orden großes Ansehen genießenden Bruder des Großmeisters begegnet worden war. Doch nicht geringere Aufmerksamkeit, nicht weniger Staunen wurde durch den erweckt, der in nicht allzu ferner Zeit der furchtbarste Besieger des Ordens werden sollte, nämlich durch Zindram aus Maszkowice, denn nachdem er vom Pferde gestiegen war, hatte es durch die außergewöhnliche Gedrungenheit des Ritters und dessen hohe Schultern den Anschein, als ob er einen Höcker habe. Seine auffallend langen Arme und seine krummen Beine riefen auf dem Gesichte manch jüngeren Bruders ein Lächeln hervor, und einer von ihnen, ein bekannter Spottvogel, näherte sich ihm sogar in der Absicht, mit allerlei Stichelreden über ihn herzufallen, kaum sah er indessen in die Augen des Herrn aus Maszkowice, so verlor er jede Lust dazu und zog sich schweigend zurück. Der Komtur der Burg bat nun die Gäste, ihm zu folgen. Er führte sie zuvörderst in einen nicht allzugroßen Vorhof, in dem sich außer einer Schule, einem alten Vorratshause und der Werkstätte eines Sattlers die Kapelle des heiligen Nikolaus befand, und erst dann traten sie, die Nikolaus-Brücke überschreitend, in die Vorburg ein. Während einer geraumen Zeit geleitete sie der Komtur zwischen gewaltigen Wällen hindurch, die da und dort mittelst größeren oder kleineren Bollwerken noch stärker befestigt waren. Zindram aus Maszkowice konnte alles um so genauer betrachten, als der Führer, ohne daß er darum gefragt worden wäre, den Zweck eines jeden Baues erklärte, offenbar von dem Wunsche beseelt, die Gäste über die kleinsten Einzelheiten zu unterrichten. »Jenes ungeheuer große Gebäude, das Ihr rechts vor Euch liegen seht,« bemerkte er, »sind die Stallungen. Wir sind zwar arme Mönche, nichtsdestoweniger behaupten jedoch die Leute, anderswo seien sogar die Ritter nicht so gut untergebracht, wie bei uns die Pferde.« »Kein Mensch wird Euch jemals der Armut zeihen!« bemerkte Powala. »Dies hier kann aber doch nicht nur der Pferdestall sein, denn der Bau ist ungewöhnlich hoch, und auch Ihr vermögt wohl kaum, Euere Pferde Treppen hinaufzuführen.« »Ueber den Stallungen, die zu ebener Erde stehen, und in denen Raum für vierhundert Pferde ist, befinden sich Kornspeicher. Vorräte auf zehn Jahre hinaus liegen darin aufgespeichert. Zu einer Belagerung wird es ja hier nie kommen, wenn dies aber jemals der Fall sein sollte, wird uns kein Feind durch Aushungern besiegen.« Nach diesen Worten wandte er sich nach rechts und abermals ging es über eine Brücke zwischen den Basteien des heiligen Laurentius und der Panzer-Bastei hindurch in einen zweiten, unermeßlich großen Hof, der inmitten der Vorburg lag. »Seht, wohledle Herren.« Hub nun der Komtur von neuem an, all das, was gen Norden vor Euch liegt, ist, obgleich durch die Gnade Gottes uneinnehmbar, doch nur die Vorburg, deren Befestigungen in keiner Weise mit denen des Mittelschlosses, zu dem ich Euch nun geleiten werde, noch weniger aber mit denen des Hochschlosses verglichen werden können.« Thatsächlich trennte auch ein Wallgraben und eine besondere Zugbrücke das Mittelschloß von jenem Hofe und erst von dem beträchtlich höher liegenden Schloßthore aus, wo die Ritter sich auf Veranlassung des Burgvogtes umwendeten, konnten sie jenes ungeheure, die Vorburg genannte Viereck überschauen. Eine solche Unzahl von Gebäuden reihte sich an einander, daß es Zindram dünkte, er sehe eine ganze Stadt vor sich. Unerschöpfliche Vorräte an Holz waren haushoch aufgeschichtet, Pyramiden gleich ragten die in Haufen zusammengelegten steinernen Kanonenkugeln empor, Gottesäcker, Krankenhäuser und Vorratshäuser waren zu sehen. Etwas abseits, doch nahe bei dem in der Mitte gelegenen Teiche, erhoben sich die riesigen roten Mauern des »Tempels«, eines ungeheuren Lagerhauses mit einer Speisehalle für die Söldlinge und Bedienstete. An dem nördlichen Walle befanden sich weitere Ställe für die ausgewählten Pferde des Großmeisters und für die der Ritter, dann kamen die Behausungen für die Knappen, sowie für die Kriegsknechte, und auf der entgegengesetzten Seite des Vierecks standen nicht nur die Wohnstätten der verschiedenen Verwalter und der Officiale des Ordens, sondern wiederum Lagerhäuser, Kornspeicher, Backstuben, Rüstkammern, die Glockengießerei, ein unermeßliches Arsenal, auch »Korwan« genannt, Gefängnisse und die alte Waffenschmiede – ein jedes dieser Gebäude aber war derart geschützt, daß es wieder für sich eine kleine Veste bildete, und um alle zog sich ein Wall, zogen sich ungeheure Bastionen, um die wiederum ein Graben lief, den ein Palissadenring umzäunte. Jenseits dieser Palissaden, gen Westen, floß das gelbliche Gewässer der Nogat dahin, im Norden und Westen schimmerte der glänzende Wasserspiegel eines breiten Sees, während sich im Süden die noch weit mehr befestigten Burgen: das Mittelschloß und das Hochschloß auftürmten. In diesem schreckenerregenden Hort, der unbezwingbar erschien, hatten sich die beiden größten Mächte jener Zeit zusammengefunden: die Macht der Kirche, und die Macht des Schwertes. Wer der ersteren widerstand, wurde von dem letztern vernichtet, wer sich gegen beide auflehnte, gegen den erscholl ein Schrei der Entrüstung in der ganzen Christenheit, gegen den wurde der Vorwurf laut, er habe die Hand gegen den Gekreuzigten erhoben. Und dann stellten sich aus aller Herren Länder die Ritter zur Hilfe ein. In Marienburg wimmelte es daher beständig von Kriegsknechten, von Handwerksleuten, und es ging stets so geschäftig zu, wie in einem Bienenstocke. Vor den mächtigen Gebäuden, auf den Durchgängen, an den Thoren, in den Werkstätten – allüberall herrschte ein Leben wie auf einem Jahrmarkte. Weithin hallten die Hammerschläge, welche auf den, die Steinkugeln bearbeitenden Meißel fielen, weithin tönten das Sausen der Mühlen, der Lärm der Tretwerke, das Wiehern der Rosse, das Geklirr der Rüstungen und Waffen, der Klang der Trompeten und Pfeifen, der Rufe und der Befehle. In den Burghöfen konnte man jede Sprache sprechen hören, Krieger aus allen Weltgegenden sehen, so die nie ihr Ziel verfehlenden englischen Bogenschützen, welche auf hundert Schritte eine auf einem Pfahle festgebundene Taube zu treffen verstanden, und deren Pfeile einen Brustharnisch ebensoleicht wie ein wollenes Gewand durchbohrten, dann das Fußvolk der schweizerischen Kriegsknechte, die mit zweischneidigen Schwertern kämpften, sowie die zwar tapferen, aber im Essen und Trinken unmäßigen Dänen, die gleichmäßig zum Scherz wie zum Streit geneigten französischen Ritter, die wortkargen und hochmütigen spanischen Edelleute, die glänzenden, durch ihre Fechtkunst berühmten Ritter aus Italien, welche in Samt und Seide gekleidet einhergingen, im Kriege dagegen undurchdringliche, in Venedig, Florenz oder Mailand geschmiedete Rüstungen trugen, die burgundischen und friesischen Ritter, und endlich die aus allen deutschen Landen herbeigeströmten Deutschen. Allerwärts aber zeigten sich die als Gastgeber und Gebieter auftretenden »Weißmäntel«. »Ein Turm mit Geld gefüllt,« oder besser gesagt, ein besonders in dem Hochschlosse nächst den Räumen des Großmeisters erbautes Gelaß, angefüllt von unten bis oben mit Geld und mit Barren aus Edelmetallen, machten es dem Orden möglich, nicht nur »Gäste« würdig zu empfangen, sondern auch Söldlinge anzuwerben, welche sowohl auf, Unternehmungen ausgeschickt, wie auch in die verschiedenen Burgen zur Unterstützung der Vögte, der Starosten und der Komture gesandt wurden. So hatte sich denn zu der Macht des Schwertes und der Kirche auch noch die Macht des Reichtums, die Macht einer eisernen Zucht gesellt, denn obgleich sich im Laufe der Zeit durch das allzugroße Vertrauen, durch das Pochen auf die eigene Gewalt mancherlei Mißstände eingeschlichen hatten, wurde doch durch die althergebrachte Gewohnheit im großen und ganzen die Ordnung streng aufrecht erhalten. So stellten sich denn Fürsten und Herrscher in Marienburg nicht allein deshalb ein, um gegen die Heiden zu kämpfen, oder um Geld zu leihen, sondern auch um die Einrichtungen daselbst kennen zu lernen, so stellten sich die Ritter dort ein, um sich in der Kriegskunst zu vervollkommnen, verstand es doch der Orden am besten auf der ganzen Welt, seinen Satzungen Geltung zu verschaffen und Krieg zu führen. Als er sich in dieser Gegend niederließ, besaß er außer einem winzigen Gebiete und einigen Burgen, die durch die Unbedachtsamkeit eines polnischen Fürsten auf ihn übergegangen waren, auch nicht die kleinste Spanne Erde, jetzt indessen gebot er über eine, manches Königreich an Größe überragende Länderstrecke, innerhalb derer fruchtbare Gefilde, wohlbefestigte Städte und unbezwingliche Burgen lagen. Gleich einer Spinne, die in ihrem Netze, dessen einzelne Fäden sie unter sich festhält, lauert und wacht, so lauerte und wachte der Orden in diesem seinem Horte. Von hier aus, von dem Hochschlosse aus, von dem Großmeister und den »Weißmänteln« wurden durch Postboten nach allen Richtungen Befehle an die Lehensvasallen, an die Ratsherren der Städte, an die Bürgermeister, an die Vögte und Untervögte, an die Befehlshaber des Kriegsheeres entsandt, und all das, was hier ausgesonnen und ausgedacht worden war, das wurde in der Ferne unverweilt von tausenden und abertausenden eisenumpanzerter Hände vollbracht. Hierher floß das Geld aus dem ganzen Lande, hier wurde das Korn, hier wurden die Vorräte aufgespeichert, hierher kamen die Abgaben der unter dem strengen Joche seufzenden Weltgeistlichen und der verschiedenen Klöster, gegen welche der Orden feindlich gesinnt war. Von hier aus endlich streckten sich räuberische Hände nach allen benachbarten Gebieten und Völkern aus. Alles Volk, das in Preußen die litauische Sprache gesprochen hatte, war zu jener Zeit von der Oberfläche der Erde verschwunden. Rücksichtslos hatten vor nicht gar zu langer Zeit die Kreuzritter Litauen niedergetreten, und so schwer war das Land von jedem Schritt bedrückt worden, daß es mit jedem Atemzuge, den es zu thun wagte, ein Teil seines Herzblutes vergoß. Polen hatte trotz seines Sieges in der furchtbaren Schlacht bei Plowce unter Lokietek seine Besitzungen auf dem linken Ufer der Weichsel verloren, zusammen mit Danzig, Dirschau, Mewe und Schwetz. Der Orden der Livländischen Ritter hatte in Rußland erfolgreiche Einfälle gemacht, so daß sich die beiden Orden immer mehr ausbreiteten gleich den Wogen eines unermeßlichen deutschen Gewässers, das die slavische Erde mehr und mehr überschwemmt. Da mit einemmale senkte sich eine Wolke über den Glücksstern der Deutschen Kreuzritter. Die Litauer erhielten durch die Polen die heilige Taufe, und Jagiello erhielt mit der Hand der wunderbar schönen Jadwiga den Thron in Krakau. Wohl hatte der Orden durch diese Vorgänge weder ein Stück Land noch eine einzige Burg eingebüßt, aber es war klar, daß sich seiner Macht nun eine andere Macht entgegensetzte, und daß für sein Verbleiben in Preußen kein Grund mehr vorhanden war. Nachdem alle Litauer die heilige Taufe empfangen hatten, wäre es für den Orden am ratsamsten gewesen, nach Palästina zurückzukehren, um die Pilgrime auf ihrem Wege in die heilige Stadt zu beschützen. Das hätte aber für die Kreuzritter nichts anderes bedeutet als die Verzichtleistung auf Reichtum, auf Macht und auf die Herrschaft über Städte, Länder, ja über ganze Königreiche. So krümmte sich denn der Orden vor Wut und Schrecken gleich einem ungeheuren Drachen, den ein spitzer Pfeil getroffen hat. Der Großmeister wagte es nicht, alles auf einen Wurf zu setzen, und zitterte daher bei dem Gedanken an einen Krieg mit Jagiello, dem Herrscher über Polen und Litauen und über jenes große russische Gebiet, das durch Olgierd den Klauen der Tataren entrissen worden war. Die Mehrzahl der Kreuzritter dagegen drängte zu dem Kriege, weil die meisten die Notwendigkeit erkannten, gleich jetzt, also noch in der Fülle ihrer Macht, den Kampf auf Leben und Tod aufzunehmen, ihn zum Austrag zu bringen, so lange die ganze Welt noch bestrebt war, ihnen Hülfe zu leisten, also bevor der Glanz des Ordens erblich, bevor der Papst seine Donnerstimme gegen den festen Hort ertönen ließ. War es daher nicht auch eine Lebensfrage für den Orden, gegen die Ausbreitung des Christentums und für die Aufrechterhaltung des Heidentumes zu wirken? So erhob er denn auch bei allen Völkern und an allen Höfen die Klage, daß sowohl Jagiello wie die Litauer sich nur zum Scheine hätten taufen lassen, indem er es für eine Unmöglichkeit erklärte, in einem einzigen Jahre das zu stände zu bringen, was das Schwert der Kreuzritter Jahrzehnte hindurch nicht hatte vollbringen können. Letztere ließen daher selbstverständlich nichts unversucht, um Könige und Ritter gegen die Polen und deren Herrscher als Schützer und Verteidiger des Heidentums aufzuwiegeln, und ihre Beschuldigungen, welche nur in Rom keinen Glauben fanden, erweckten einen Widerhall in der ganzen Welt und führten Fürsten, Grafen und Ritter aus dem Süden und aus dem Westen nach Marienburg. Der Orden faßte frischen Mut, die Kreuzritter fühlten sich von neuem allmächtig. Marienburg mit seinen beiden Furcht erregenden Schlössern, mit seiner Vorburg wurde mehr denn je von den daselbst Versammelten angestaunt, mehr denn je wußten die Kreuzritter die Welt durch ihren Reichtum, durch ihre scheinbar eiserne Zucht zu blenden, und die Macht des Ordens, der Bestand des Ordens schien für alle zukünftigen Zeiten gesicherter zu sein, als je zuvor. Nicht einer unter den Fürsten, nicht einer unter den ritterlichen Gästen, ja sogar nicht ein einziger unter den Kreuzrittern – außer dem Großmeister – machte es sich klar, daß seitdem das Christentum Eingang in Litauen gefunden hatte, eine Umwälzung vorgegangen war, gerade wie wenn die Wogen der Nogat, welche auf der einen Seite der ungeheure Veste zum Schutze dienten, mit einemmale, aber insgeheim und unaufhaltsam deren Wälle unterspülen würden. Keinem einzigen kam es zum Bewußtsein, daß trotz der Macht, welche dieser gewaltige Körper noch auszuüben schien, die Seele aus ihm entflohen war; einen jeden, der als Neuling nach Marienburg ex luto kam und dessen Wälle sah, die Bastionen, die schwarzen Kreuze auf den Thoren, die Rüstkammern und die Vorratshäuser, den mußte vor allem die Ueberzeugung erfassen, daß dieser im Norden gelegenen Hauptstätte der Kreuzritter selbst die Hölle nichts anhaben konnte. Ein ähnlicher Gedanke beseelte jetzt nicht nur Powala und Zbyszko, die doch zuvor schon in Marienburg gewesen waren, sondern auch den ihnen an Scharfsinn überlegenen Zindram aus Maszkowice. Sogar sein Antlitz verdüsterte sich, als er durch die gewaltige Veste schritt, in der es von Söldnern wimmelte, als er die gewaltigen Bastionen, die gigantischen Palissadenringe erschaute, und unwillkürlich kamen ihm die hochmütigen Worte in Erinnerung, mit denen die Kreuzritter einstens den König von Polen bedroht hatten: »Unsere Macht ist die größere, und so Du nicht nachgiebst, werden wir Dich mit unsern Schwertern nach Krakau jagen.« Inzwischen hatte der Komtur der Burg die Ritter in das Mittelschloß geleitet, in dessen nach Osten zu gelegenem Flügel die Gasträume lagen. Siebentes Kapitel. Macko und Zbyszko hielten sich lange umfangen, waren sie sich doch stets in zärtlicher Liebe zugethan gewesen, hatten sie sich doch durch die in den letzten Jahren gemeinsam erlebten Schicksale noch inniger an einander angeschlossen. Gleich bei dem ersten Blicke auf seinen Bruderssohn erriet der alte Ritter, daß Danusia nicht mehr unter den Lebenden weilte. So stellte er denn auch keinerlei Fragen, nein, er zog nur Zbyszko fest an seine Brust, wie wenn er damit sagen wolle, der junge Ritter dürfe sich nicht verwaist fühlen, er, sein Ohm, sei ihm ja nahe und sei bereit, alles Leid mit ihm zu tragen. Erst nach langem Schweigen, nachdem sich ihr Schmerz etwas gelegt hatte, nachdem ihre Thränen versiegt waren, fragte Macko: »Ist sie von neuem ergriffen worden, oder starb sie in Deinen Armen?« »Sie ist in meinen Armen, nicht weit von Spychow verschieden!« entgegnete Zbyszko. Und wiederum weinend und schluchzend, schilderte Zbyszko das Ende seines jungen Weibes. Aufmerksam lauschte ihm Macko und fragte schließlich abermals: »Lebt Jurand noch?« »Als ich Spychow verließ, befand sich Jurand noch am Leben, doch inzwischen wird er wohl das Zeitliche gesegnet haben, und ich glaube kaum, daß ich ihn wiedersehen werde.« »Hättest Du vielleicht nicht besser daran gethan, in Spychow zu bleiben?« »Mußte ich mich denn nicht Euretwegen aufmachen?« »Einige Wochen früher oder später, was hätte dies zu bedeuten gehabt?« Zbyszko betrachtete aber jetzt aufmerksam seinen Ohm und sagte: »Ihr scheint krank gewesen zu sein! Ihr schaut wie Piotrawin aus.« »Wohl möglich; denn wenn auch die Sonne die Erde wärmt, unter der Erde ist's stets doch kalt, unter der Erde ist's gar feucht, sind doch alle diese Burgen von Wasser umgeben. Mich dünkte, der Moder werde mich zu Grunde richten. In der schlechten Luft vermochte ich kaum zu atmen, und infolge all dieser Leiden brach meine Wunde wieder auf, die Wunde, weißt Du, welche in Bogdaniec durch Biberfett geheilt worden ist.« »Ganz genau erinnere ich mich dessen,« erklärte Zbyszko. »Jagienka und ich, wir sind ja auf die Biberjagd gegangen. Hat Euch denn diese Hundsbrut hier in einem unterirdischen Kerker gefangen gehalten?« Macko neigte bejahend das Haupt, indem er erwiderte: »Um die Wahrheit zu gestehen, sie waren nicht sehr erbaut bei meinem Anblick, und recht schlimm ist's mir ergangen. Die Kreuzritter hassen freilich Witold und die Samogitier unendlich, noch mehr hassen sie aber alle von unserm Volke, welche jenen beistehen. Was nützte es mir, daß ich die Gründe darzulegen suchte, die uns nach Samogitien geführt hatten? Am liebsten hätten sie mir den Kopf abgehauen, und wenn sie es unterlassen haben, geschah es nur deshalb, weil sie des Lösegeldes nicht verlustig gehen wollten. Du weißt ja, Geld geht ihnen über die Rache, und außerdem wollten sie den Beweis in Händen haben, daß König Jagiello den Heiden beisteht. Daß sich die unglücklichen Samogitier nach der Taufe sehnen, dabei aber nichts mit den Deutschen zu thun haben wollen, dies ist uns allen bekannt, die wir in Samogitien gewesen sind, die Kreuzritter leugnen dies jedoch nicht nur, sondern sie verleumden das bedauernswerte Volk an allen Höfen, sie verleumden unsern König Jagiello.« Hier mußte Macko, offenbar von heftigen Schmerzen gequält, innehalten, und erst nach einigen Minuten fuhr er, tief Atem holend, wieder fort: »Wenn es noch lange gedauert hätte, wäre ich in dem unterirdischen Kerker zu Grunde gegangen. Arnold von Baden trat freilich für mich ein, wollte er doch des Lösegeldes nicht verlustig gehen, doch Arnold hat hier keinen Einfluß, von allen wird er als ein ungeschlachter Mensch betrachtet. Zum Glücke hörte de Lorche durch Arnold von mir und schlug sofort Lärm. Dir wird er wohl nichts davon gesagt haben, denn traun, er liebt es nicht, viele Worte über seine Thaten zu verlieren. Großes Ansehen genießt er jedoch unter den Kreuzrittern, einesteils weil in früheren Zeiten schon ein de Lorche eine hohe Würde in dem Orden bekleidet hat, andernteils weil er selbst großen Reichtum besitzt und einem mächtigen Geschlechte entstammt. Er wurde nicht müde, darauf hinzuweisen, daß er unser Gefangener gewesen ist, und daß es ihm auch das Leben kosten würde, wenn sie den Tod über mich verhängten, oder wenn ich infolge von Hunger und Kälte stürbe, ja, er drohte dem Kapitel sogar, er werde an allen westlichen Höfen verkünden, auf welche Weise der Orden gegürtete Ritter behandle. Dies machte doch Eindruck und ich ward in ein Hospital überführt, wo ich bessere Nahrung erhielt, wo ich immerhin reinere Luft einatmete.« »Nicht ein einziges Geldstück werde ich von de Lorche nehmen, so wahr mir Gott helfe.« »Gern nimmt man von dem Feinde das Lösegeld, aber einen Freund zu plündern, ziemt sich nicht,« warf nun Macko ein. »Doch wie ich hörte, ist mit dem König ein Abkommen getroffen worden. Du wirst daher wohl kaum Lösegeld für mich entrichten müssen.« »Traun, und unser Ritterwort?« fragte Zbyszko; »Abkommen oder nicht Abkommen – Arnold könnte uns der Treulosigkeit zeihen.« Als Macko diese Worte vernahm, wurde er sehr nachdenklich, und erst nach einer Weile hub er wieder an: »Vielleicht könnte aber das Lösegeld herabgesetzt werden.« »Wir haben unsern Wert ja selbst bestimmt. Hat er sich etwa inzwischen verringert?« Jetzt wurde Macko noch nachdenklicher, schaute aber trotzdem voll Bewunderung, voll Liebe auf seinen Bruderssohn. »Er hält etwas auf seine Ehre – dieser Zug ist ihm angeboren!« murmelte er vor sich hin. Als Macko indessen mehrmals tief aufseufzte, schrieb Zbyszko dies dem Bedauern über die große Summe Geldes zu, die an Arnold ausbezahlt werden, sollte und meinte: »Ihr wißt doch, daß wir jetzt über große Reichtümer gebieten – wenn nur unser Los ein glücklicheres wäre!« »Gott wird für Dich noch alles zum Guten gestalten!« erklärte nun der alte Ritter in bewegtem Tone. »Mein Leben kann ja nicht mehr von langer Dauer sein.« »Wie könnt Ihr so sprechen! Laßt nur erst wieder einmal den Wind um Euch wehen, dann werdet Ihr bald wieder vollständig gesunden.« »Den Wind? Der Wind biegt ein junges Bäumchen darnieder, einen alten Baum bricht er.« »Ach was! Euere Knochen sind noch alle heil, und ein Greis seid Ihr noch lange nicht! Sorgt Euch nur nicht!« »Lachen wollte ich, wenn Du Dich glücklich fühltest. Allein ganz abgesehen davon, habe ich noch einen andern Grund zum Kummer, ja, um die Wahrheit zu sagen, nicht allein ich, nein, wir alle, alle haben Grund zum Kummer.« »Sprecht, was meint Ihr damit?« fragte Zbyszko in eifrigem Tone. »Erinnerst Du Dich, wie ich Dir in Skirwoillos Lager Vorwürfe machte, weil Du die Macht des Ordens so sehr rühmtest? Unerschütterlich stehen zwar unsere Leute in der Schlacht, davon bin ich überzeugt; seitdem ich indessen die Macht und die Stärke dieser Hundsbrut in der Nähe gesehen habe ...« Hier dämpfte Macko seine Stimme, wie aus Furcht, es könne ihn jemand hören, dann fuhr er fort: »Seitdem weiß ich, daß Du recht hattest, daß ich in einer Täuschung befangen gewesen bin. Gott möge uns schützen, unermeßlich ist ihre Macht, ihre Stärke! Unsere Ritter lechzen freilich geradezu darnach, sich mit den Deutschen zu messen, allein sie wissen nicht, daß alle Völker, daß alle Könige dem Orden Hilfe leisten, sie wissen nicht, über welchen Reichtum, über welche Hilfsmittel die Kreuzritter verfügen, wie stark deren Burgen, wie trefflich deren Kriegswaffen sind. Gott schütze uns! Sowohl bei uns wie auch hier prophezeit man den Krieg und es wird sicherlich dazu kommen, doch wenn es dazu kommt, dann möge sich Gott unseres Königreiches und unseres Volkes erbarmen!« Nach diesen Worten stützte er die Ellbogen auf die Knie, barg sein graues Haupt in die Hände und versank in Schweigen. »Traun!« hub aber nun Zbyszko nach einigen Minuten zu sprechen an, »traun, jetzt habt Ihr Euch überzeugt, daß, wenn auch unsere Mannen im Einzelkampfe den Kriegsleuten der Kreuzritter überlegen sind, ein Krieg mit dem Orden doch sehr zu überlegen wäre.« »Hei, so ist es in der That!« entgegnete hieraus Macko. »Wenn nur die Gesandten des Königs vorsichtig zu Werke gehen, wenn nur besonders Zindram alles wohl bedenkt.« »Ich bemerkte sehr wohl, welche Niedergeschlagenheit sich seiner nach und nach bemächtigte. Er versteht sich gar gut auf die Kriegskunst, und wie man sagt, soll keiner wie er so geschickt in der Schlacht zu kämpfen verstehen.« »Ist dies der Fall, so wird vielleicht der Krieg vermieden.« »Sobald die Kreuzritter sich ihrer Uebermacht bewußt werden, kommt es sicherlich zum Kriege, doch ich gestehe Euch, mein Wunsch ist es, daß uns Gott auf die eine oder auf die andere Weise eine Entscheidung schicken möge, denn in fortwährender Ungewißheit zu leben, ist unerträglich.« »Große Gefahr droht unserem edlen Königreiche,« ließ sich jetzt Macko vernehmen, als er bemerkte, wie sehr Zbyszko von seinem eigenen Leide, von dem Mißgeschick der Allgemeinheit darniedergebeugt ward, »und ich sehe darin die Strafe Gottes für unsern Uebermut. Gedenkst Du noch der Zeit, in der unsere Ritter vor der Kathedrale zu Krakau – Du solltest enthauptet werden und kamst dann doch mit dem Leben davon – Tamerlan zum Kampfe fordern wollten, Tamerlan, den Gebieter über vierzig Königreiche, der einen Berg aus Menschenhäuptern auftürmte! Nein, sie begnügten sich nicht damit, die Kreuzritter zu fordern, gegen alle Gegner sollte es sofort losgehen! Durch eine solche Ueberhebung aber verletzten sie die Gebote Gottes!« Kaum hatte Macko jedoch jene Krakauer Zeit erwähnt, so fuhr sich Zbyszko, von Schmerz überwältigt, mit beiden Händen in sein langes, goldblondes Haar, und schrie verzweifelt auf: »Und wer hätte mich aus der Hand des Henkers gerettet, wenn sie nicht gewesen wäre! O Jesus! Meine Danusia! O Jesus!« Und er raufte seine Haare, ja, er grub seine Zähne in die geballten Fäuste, um den gewaltigen Schmerz zu unterdrücken, der seinen ganzen Körper erschütterte. »Vertraue auf Gott, fasse Dich, Bursche!« rief Macko. – »Komme zu Dir, bezwinge Dich! Gieb Dich nicht allzusehr Deinem Schmerze hin.« Doch es dauerte geraume Zeit, bis der junge Ritter sich zu fassen vermochte, ja, er wurde erst dann wieder vollständig Herr seiner selbst, als der schwer leidende Macko plötzlich auf seinen Füßen schwankte und völlig bewußtlos auf die Bank niederfiel. Rasch bettete nun Zbyszko den Ohm auf dessen Lager flößte ihm von dem Weine ein, den der Komtur der Burg geschickt hatte, und legte sich erst selbst zur Ruhe, nachdem der alte Ritter fest eingeschlummert war. Am nächsten Morgen erwachten beide frischer und gestärkter. »Traun,« meinte Macko, »meine Zeit scheint noch nicht gekommen zu sein, und ich glaube jetzt auch, daß ich mein Ziel erreichen werde, wenn in Wald und Feld mich erst wieder der Wind umweht.« »Die Gesandten gedenken noch einige Tage hier zu verweilen,« erklärte Zbyszko, »da sich Leute bei ihnen eingestellt haben, mit der Bitte um Auswechslung von Gefangenen, welche in Masovien oder Groß-Polen einfach auf den Straßen ergriffen worden sind. Wir aber können uns auf den Weg machen, wenn Ihr wollt, so Ihr Euch kräftig genug dazu fühlt.« In diesem Augenblick trat Hlawa ein. »Weißt Du, wo die Gesandten jetzt sind?« fragte ihn Macko. »Sie besichtigen die Kirche und das Hochschloß,« antwortete der Böhme. »Der Komtur der Burg führt sie selbst umher. Später begeben sie sich in das Haupt-Refektorium zu dem Mahle, zu dem der Großmeister auch Euch, wohledle Herren, bitten läßt.« »Was hast aber Du seit dem frühen Morgen gethan?« »Ich habe mir das Fußvolk der Deutschen, ihre Söldlinge angesehen, die von einem Hauptmann eingeübt wurden, und habe sie mit unserem böhmischen Fußvolke verglichen.« »Erinnerst Du Dich denn noch an die böhmischen Mannen?« »Wohl war ich ein ganz junger Fant, als mich der Ritter Zych aus Zgorzelic gefangen nahm, trotzdem ist mir noch alles in guter Erinnerung, denn von frühester Jugend an beachtete ich all diese Dinge.« »Nun, und was hältst Du von dem deutschen Fußvolke?« »Viel und auch nicht viel! Das Fußvolk der Deutschen ist zwar tüchtig und trefflich eingeschult, aber diese Mannen sind den Ochsen, unsere Böhmen den Wölfen zu vergleichen. Kommt es zum Zusammenstoße – nun, Ihr wohledle Herren wißt ja selbst am besten, daß Ochsen keine Wölfe aufzufressen pflegen, daß hingegen für Wölfe die Ochsen einen gar verlockenden Fraß bilden.« »Das ist die Wahrheit,« bemerkte nun Macko, der augenscheinlich darüber unterrichtet war, »ein jeder, der einem von Deinem Volke etwas anhaben will, der zieht sich, wie vor einem Stachelschweine, nur zu bald wieder zurück.« »In der Schlacht wiegt zudem ein Ritter zu Pferde zehn Mann Fußvolk auf!« warf hier Zbyszko ein. »Doch nur durch Fußvolk kann Marienburg genommen werden!« antwortete Hlawa. Das Gespräch nahm aber nun mit einemmale eine andere Wendung, da Macko, seinem eigenen Gedankengange folgend, also anhub: »Höre, Hlawa! Noch heute machen wir uns, so meine Besserung anhält, auf die Fahrt!« »Und wohin soll's gehen?« »Wohin denn sonst, als nach Masovien, als nach Spychow!« rief der junge Ritter. »Um dort zu bleiben?« Nun schaute Macko fragend auf seinen Bruderssohn, war doch bis jetzt zwischen ihnen auch nicht ein Wort über die Zukunft gewechselt worden. Zbyszko freilich hatte schon seine Entscheidung getroffen, da er indessen seinen Ohm nicht betrüben wollte, erteilte er diesem eine ausweichende Antwort, indem er sagte: »Zuvörderst müßt Ihr Euch völlig erholen.« »Und was dann?« »Dann kehrt Ihr nach Bogdaniec zurück. Ich weiß, wie sehr Euch Bogdaniec ans Herz gewachsen ist.« »Und Dir vielleicht nicht?« »Mir ist Bogdaniec unendlich teuer.« »Ich will durchaus nicht sagen, daß Du von Jurand fern bleiben sollst,« Hub Macko nun bedachtsam an, »denn wenn er stirbt, muß ihm ein ehrenvolles Begräbnis werden. Doch Du bist jung, Dir fehlt noch die Erfahrung, darum achte auf meine Worte. Nur Unheil birgt für Dich Spychow. Was Dir an Glück zu teil geworden ist, an andern Orten hast Du es gefunden, nur Leid, nur Schmerz erlebtest Du in Spychow.« »Ihr sprecht wahr, allein Danusias sterbliche Ueberreste befinden sich in Spychow.« »Schweig still! schweig still!« rief Macko, von Furcht erfüllt, sein Bruderssohn könne wie am Tage vorher wieder aus Schmerz ganz außer sich geraten. Allein dem war nicht so. Nur weiche Zärtlichkeit, nur Rührung malten sich auf den Gesichtszügen des jungen Ritters, als er nach einer kleinen Weile erwiderte: »Uns bleibt noch Zeit genug zum Ueberlegen. Ihr müßt ja doch in Plock rasten.« »Dort wird es Euch nicht an Pflege fehlen, gnädigster Herr!« warf hier Hlawa ein. »Gewiß nicht!« rief Zbyszko. »Wißt Ihr denn nicht, daß sich Jagienka in Plock befindet? Sie ist Hoffräulein bei der Fürstin Alexandra. Doch meiner Treu, das müßt Ihr wissen, denn Ihr brachtet sie ja selbst dahin. Und in Spychow ist sie auch gewesen. Heute noch setzt es mich in Staunen, daß Ihr mir nichts von ihr gesagt habt, als wir in Skirwoillos Lager zusammentrafen.« »Nicht nur in Spychow ist sie gewesen, nein, ohne sie würde sich vielleicht Jurand noch immer mit seinem Stabe tastend den Weg suchen, oder wäre längst irgendwo an einem Zaum zu Grunde gegangen. Wegen der Hinterlassenschaft des Abtes, der sie zu seiner Erbin eingesetzt hat, brachte ich sie nach Plock, Dir aber sprach ich nicht von ihr, denn wenn ich es auch gethan hätte, würdest Du es doch nicht gehört haben. Du achtetest auf nichts zu jener Zeit, Du armer Bursche.« »Sie ist Euch von ganzem Herzen zugethan!« ergriff nun Zbyszko wieder das Wort. »Gott sei gepriesen, daß wir keiner Briefe bedurften, durch ihre Vermittlung erhielt ich aber nicht nur von der Fürstin Alexandra, sondern auch durch die Fürstin von den Gesandten des Ordens verschiedene Schreiben mit Fürbitten für Euch.« »Gott segne diese Maid!« warf Macko ein. »Fürwahr, keine bessere giebt es auf der ganzen Erde als sie.« Die weitere Unterredung zwischen Ohm und Bruderssohn wurde durch Zindram und Powala unterbrochen, die von dem Schwächeanfall Mackos gehört hatten und sich nun einstellten, um sich nach dessen Befinden zu erkundigen. »Gelobt sei Jesus Christus!« ergriff Zindram, die Schwelle überschreitend, das Wort. »Wie steht es heute mit Euch?« »Gott lohne Euch Eure Anteilnahme. Es geht so langsam vorwärts. Zbyszko meint, meine Gesundheit werde sich sofort vollständig heben, wenn mich wieder der Wind, wenn mich ein frischer Luftzug umweht.« »Das unterliegt ja keinem Zweifel. Ihr werdet rasch hergestellt sein. Alles wird sich zum Guten wenden!« erklärte Powala. »Gar gut und gar lange habe ich geruht. Ihr, edle Herren, habt Euch aber, wie mir gesagt ward, sehr früh erhoben.« »Zuerst hatten wir wegen Auswechslung der Gefangenen zu verhandeln,« entgegnete Zindram, »und dann ließen wir uns verschiedene Einrichtungen des Ordens erklären und besichtigten die Vorburg und die beiden andern Schlösser.« »Treffliche Einrichtungen und trefflich befestigte Schlösser!« murmelte Macko vor sich hin. »Da habt Ihr recht. Die Kirche ist gar schön mit Verzierungen in arabischer Weise ausgeschmückt, haben sich doch die Kreuzritter diese Kenntnisse, nach ihrer eigenen Aussage, bei den Sarazenen in Sicilien erworben; in den Schlössern aber befinden sich sogar besondere Gelasse, die, auf Pfeilern ruhend, entweder ganz allein für sich oder mit mehreren solcher Einzelgelasse zusammenstehen. Das Haupt-Refektorium werdet Ihr ja selbst zu sehen bekommen. Ein jeder Teil dieser Veste ist in seiner Art furchterregend, nirgendwo in der Welt findet sich etwas Aehnliches. Selbst die größte der Geschützkugeln würde solche Mauern nicht zu durchbohren vermögen. Bei meiner Treu, eine Lust ist es, all dies zu sehen.« Zindram sprach in solch fröhlichem Tone, daß Macko, ihn voll Verwunderung anblickend, fragte: »Und ihren Reichtum, ihre Kostbarkeiten, ihr Kriegsvolk und die fremden Gäste, habt Ihr dies alles gesehen?« »Sie führten uns überall umher, wie sie behaupteten aus Freundschaft, thatsächlich aber nur, um uns einzuschüchtern.« »Traun, und was denkt Ihr?« »Daß es uns Gott vergönnen wird, sie beim Ausbruche eines Krieges weit fort von hier zu treiben, weit fort über die Berge und über die Meere – dahin, woher sie gekommen sind.« Seine Leiden vergessend, sprang Macko voll Staunen empor. »Wie meint Ihr das, o Herr?« fragte er. »Die Leute sagen, Ihr besäßet einen scharfen Verstand. Was mich betrifft, mir wurde es schlimm zu Mute, als ich mich von der gewaltigen Macht des Ordens überzeugte. Beim barmherzigen Gotte, was berechtigt Euch zu dieser Hoffnung?« Hieraus wendete er sich an seinen Bruderssohn. »Zbyszko,« sagte er, »laß von dem Weine bringen, der uns geschickt ward. Nehmt Platz, Ihr Herren, und leistet uns noch eine kleine Weile Gesellschaft, denn wahrlich, ein besseres Mittel für meine Heilung als ein Gespräch mit Euch könnte kein Arzt ausdenken.« Zbyszko, der auch voll Spannung Zindrams weiterer Rede entgegensah, stellte selbst den Wein und etliche Becher auf den Tisch, und nachdem sich alle niedergelassen hatten, hub Zindram also an: »Diese Beste kann mir keine Furcht einflößen, denn was von Menschenhänden errichtet ward, das kann von Menschenhänden auch wieder zerstört werden. Ihr wißt doch, womit die Ziegelsteine zusammengehalten werden? Durch Mörtel! Wißt Ihr aber was ein Volk zusammenhält? Die Liebe!« »Bei den Wundmalen des Heilandes, von Euren Lippen fließt eitel Honig!« rief jetzt Macko aus. Hocherfreut über dieses Lob, fuhr Zindram nach kurzer Pause fort: »Gar mancher aus den hier seßhaften Geschlechtern schmachtet bei uns in Fesseln, von dem befindet sich ein Bruder oder ein Sohn, von jenem irgend ein anderer Blutsverwandter oder ein Eidam bei uns in Gefangenschaft. Ihr wißt ja, daß die Komture an der Grenze beständig ihre Leute gegen uns auf Raub aussenden, was Wunder also, daß viele erschlagen werden, daß viele in unsere Gefangenschaft geraten. Seitdem aber die Leute hier von dem Abkommen zwischen dem Großmeister und dem Könige in Betreff der Auswechslung der Gefangenen gehört haben, stellen sie sich schon am frühen Morgen bei uns ein und nennen uns die Namen der Gefangenen, die dann von dem Schreiber niedergeschrieben werden. Als erster kam ein Böttcher, der, von Geburt ein Deutscher, als reicher Bürger in Marienburg ein Haus besitzt und der zum Schlüsse also sprach: ›Gern würde ich meinen Reichtum, gern würde ich selbst mein Leben dahingeben, wenn ich damit Eurem Könige, Eurem Königreiche nützen könnte.‹ Rasch schickte ich ihn hinweg, hielt ich ihn doch für einen Judas. Da, bald nach ihm, erschien ein Weltgeistlicher aus der Nähe von Oliva, um seinen Bruder frei zu bitten, und auch er ließ sich also vernehmen: ›Ist es wahr, o Herr, daß Ihr mit unsern preußischen Gebietern den Krieg beginnt? denn seht, ein jeder, der hier sagt: dein Reich komme – der denkt in seinem Innern an Euern König.‹ Und es kamen zwei Edelleute wegen ihrer Söhne, zwei Edelleute, die auf ihren Lehngütern, nahe bei Stuhm leben, es kamen Handelsleute aus Danzig, es kamen Handwerker, es erschien ein Glockengießer aus Marienwerder, kurz, eine Unzahl der verschiedensten Menschen suchte uns heim, und alle, alle sagten sie das Gleiche.« Hier hielt der Herr aus Maszkowice inne, und sich erhebend, eilte er an die Thüre, um sich zu vergewissern, daß kein Lauscher nahe sei. Dann erst fuhr er, auf seinen Platz zurückgekehrt, in gedämpftem Tone fort: »Schon seit langer Zeit suche ich mir Kunde über alles zu verschaffen. In ganz Preußen sind die Kreuzritter bei den Geistlichen, den Edelleuten, den Bürgern und den Bauern verhaßt. Aber nicht nur die hassen sie, welche unsere, oder die Sprache der Preußen sprechen, nein, auch die Deutschen sind ihnen feindlich gesinnt. Fürwahr, wer dazu gezwungen wird, der tritt in ihre Dienste allein selbst ein Pestkranker erweckt den Abscheu nicht so sehr, als wie ein Kreuzritter. So steht die Sache.« »Das mag wohl sein. Doch dies thut der Macht, der Stärke des Ordens keinen Abbruch!« bemerkte Macko ängstlich. Mit der Hand über seine breite Stirn fahrend, sann Zindram eine Weile nach, gerade als ob er nach einem Vergleiche suche, und fragte dann: »Habt Ihr jemals innerhalb der Schranken gekämpft?« »Gewiß, und mehr als einmal.« »Traun, was denkt Ihr also? Wird nicht jeder Ritter, sogar der stärkste, aus dem Sattel fliegen, wenn man Sattelgurt und Steigbügel unter ihm zerschneidet?« »So wahr ich lebe – ja!« »Bei meiner Treu, merkt Ihr es jetzt? Der Orden ist ein solcher Ritter.« »Bei Gott, so ist es!« rief Zbyszko. »Selbst in einer Schrift könnte dies nicht bestritten werden.« Macko aber war so erregt, daß er mit zitternder Stimme sagte: »Gott lohne Euch! Für Euer Haupt, o Herr, muß der Waffenschmied einen ganz besondern Helm schmieden, denn keiner der vorhandenen Helme ist Eurer würdig.« Achtes Kapitel. Trotzdem Macko und Zbyszko mit einander übereingekommen waren, Marienburg so rasch wie möglich zu verlassen, brachen sie doch nicht an dem Tage auf, an dem ihnen durch die Darlegungen Zindrams aus Maszkowice frischer Mut eingeflößt worden war, denn an diesem Tage fanden sowohl des Mittags wie des Abends in dem Hochschlosse zu Ehren der Gäste und der Gesandten Festmahle statt, zu denen Zbyszko als Ritter in dem Gefolge des Königs, und Macko aus Rücksicht für seinen Bruderssohn geladen worden war. Zu dem Mittagsmahle, erschien eine auserlesene Gesellschaft in dem Haupt-Refektorium, das durch zehn Fenster Licht erhielt und dessen in Spitzbogen ausgeführte Decke durch eine nur selten angewandte, kunstvolle Bauart auf einer Säule ruhte. Von Fremden saßen außer den Rittern aus dem Gefolge Jagiellos nur ein schwäbischer Graf und ein Graf aus Burgund an der Tafel, welch letzterer trotz des großen Reichtums seiner Gebieter auf deren Befehl von dem Orden Geld entleihen sollte. Von den in Marienburg weilenden Kreuzrittern waren, abgesehen von dem Großmeister, noch vier Würdenträger, die sogenannten Pfeiler des Ordens anwesend, nämlich der Groß-Komtur, der Almosengeber, der Kämmerer und der Schatzmeister. Nur der Marschall befand sich gerade auf einem Zuge gegen Witold. Obschon der Orden das Gelübde der Armut abgelegt hatte, wurde doch auf Gold und Silber gespeist, wurde doch Malvasier getrunken, weil der Meister die Gesandten aus Polen in Staunen setzen wollte. Allein trotz der köstlichsten Gerichte, trotz der aufmerksamsten Bewirtung, kam bei diesem Mahle keine Behaglichkeit aus, da die Festteilnehmer sich nur schwer untereinander verständigen konnten, da sie nach allen Seiten hin Rücksichten zu nehmen hatten. Das abendliche Festmahl in dem ungeheuern Refektorium des Ordens (Konvents-Remter) dagegen verlief weit fröhlicher, versammelten sich doch bei demselben alle Ordensglieder, sowie alle jene Gäste, welche nicht mit unter dem Kriegsvolke des Marschalls gegen Witold gezogen waren. Weder Zank noch Streit störte die Lustbarkeit. Freilich warfen die fremdländischen Ritter, in der Voraussicht, daß sie über kurz oder lang mit den Polen zusammenstoßen würden, diesen mehr oder minder unfreundliche Blicke zu, allein sie befolgten doch die zuvor von den Kreuzrittern an sie gerichtete Bitte, ein verbindliches Benehmen an den Tag zu legen, damit nicht in der Person eines Gesandten der König und mit ihm das ganze Königreich, beleidigt werde. Aber selbst in dieser Aufforderung kennzeichnete sich die Böswilligkeit des Ordens, warnten doch die Kreuzritter ihre Gäste gleichzeitig vor dem Jähzorn der Statt jeder Antwort rollte Powala ein Messer, das eine Elle lang und mehr denn eine halbe Spanne breit war, gleich einer Pergamentrolle zusammen und hielt es hoch empor. Polen, indem sie behaupteten: »Bei jedem harten Worte, das aus Euerem Munde geht, werden die Polen einem der Eurigen den Bart ausreißen, oder ihm ein Messer in den Leib stoßen.« Wie erstaunt waren daher die Gäste über das höfliche Wesen von Powala aus Taczew und von Zindram aus Maszkowice, und die Scharfsinnigen unter ihnen begriffen sofort, wie verleumderisch, wie hinterlistig die Aussage der Kreuzritter gewesen war, als diese von den rohen Sitten der Polen gesprochen hatten. Gar mancher der Gäste hatte schon allerlei Lustbarkeiten an den verfeinerten Höfen des Westens angewohnt und bekam daher keine allzugünstige Meinung von den bei den Kreuzrittern herrschenden Sitten, denn während des Festmahles brachte eine Musikkapelle einen ohrenzerreißenden Lärm hervor, Spielleute sangen rohe Lieder, Spaßmacher ergingen sich in derben Scherzen, Bären tanzten und barfüßige Mägdlein führten ihre Tänze aus. Und als die Gäste ihr Staunen über die Anwesenheit von Frauen in dem Hochschlosse ausdrückten, hörten sie, daß das Verbot gegen die Anwesenheit von Frauen längst nicht mehr bestehe, und daß sogar der weithin bekannte Winrych Kniprode seiner Zeit mit der schönen Marya von Alfleben getanzt habe. Wie die Brüder erzählten, durften nicht nur Frauen in der Burg wohnen, sondern auch bei Festen in dem Refektorium erscheinen, ein Zugeständnis, demzufolge sich auch die Ehegemahlin des Fürsten Witold, welche im vergangenen Jahre zu Gast bei dem Orden gewesen war und ihre Wohnräume in der Prächtig hergerichteten alten Gießerei in der Vorburg angewiesen bekommen hatte, tagtäglich in dem Refektorium einstellte, um Brettspiel mit goldenen Steinen zu spielen, welche ihr die Kreuzritter jeden Abend schenkten. Besonders aber an diesem Abend ergötzte man sich an Brettspiel und Schachspiel, ja, man griff sogar zu den Würfeln, da jedes Gespräch durch die Gesänge und durch die lärmende Musik beeinträchtigt ward. Gleichwohl trat aber doch dann und wann eine längere Ruhepause ein, und eine solche benutzend, wandte sich Zindram aus Maszkowice, indem er sich ganz unwissend stellte, mit der Frage an den Großmeister, ob sich der Orden in den ihm unterstehenden Gebieten großer Beliebtheit erfreue. Darauf entgegnete Kuno von Jungingen: »Wer dem Kreuze anhängt, der wird auch dem Orden ergeben sein.« Da diese Antwort sowohl bei den Kreuzrittern wie bei den Gästen großen Anklang fand, da alle den Großmeister darob laut priesen, hub dieser von neuem an: »Wer unser Freund ist, der wird sich glücklich unter unserer Herrschaft fühlen, gegen unsere Feinde indessen haben wir zwei treffliche Mittel.« »Wollt Ihr mir diese Mittel nennen?« fragte der Ritter aus Polen. »Vielleicht ist es Euch, edler Herr, unbekannt, daß ich aus meiner Kemenate über eine kleine Treppe in dieses Refektorium gelange, und daß sich neben dieser Treppe ein gewölbtes Gelaß befindet. Könnte ich Euch dahin geleiten, würdet Ihr sofort erkennen, welcher Art dies mein Mittel ist.« »Bei unserm Leben, so ist es!« riefen die Brüder. Der Herr aus Maszkowice erriet sofort, daß der Meister auf jenen mit Geld gefüllten Turm anspielte, von dem die Kreuzritter häufig prahlend zu sprechen liebten, und so begann er nach kurzem Ueberlegen: »Einstens, traun, vor langer, langer Zeit, zeigte irgend ein deutscher Kaiser einem unserer Gesandten mit Namen Skarbek solch ein Gelaß und meinte: ›Hier liegt ein Schatz, kraft dessen ich Deinen Herrn besiegen werde.‹ Doch Skarbek warf unverweilt einen kostbaren Ring in das Gelaß mit den Worten: ›Gold gehört zu Gold; wir Polen aber ziehen das Eisen vor.‹ Und wißt Ihr, was sich bald darauf ereignete, wohledler Herr? Bei Hundsfeld kam es zum Gefechte.« »Was ist's mit Hundsfeld?« fragten gleichzeitig einige Ritter. »Das Gefilde dort,« entgegnete Zindram ruhig, »war nicht groß genug, um die Bestattung all der erschlagenen Deutschen zu ermöglichen, und so mußten Hunde die übrige Arbeit verrichten.« Bestürzt und verwirrt über diese Antwort, wußten weder die Ritter noch die Ordensbrüder, was sie sagen sollten, während Zindram aus Maszkowice zum Schlüsse hinzufügte: »Mit Gold könnt Ihr gegen Eisen nichts ausrichten.« »Hei, als zweites Mittel greifen wir stets zu dem Eisen,« nahm jetzt der Großmeister das Wort. »Ihr, wohledler Herr, habt ja in der Vorburg die Waffenschmiede gesehen. Tag und Nacht dröhnen die Hämmer, und Schwerter und Rüstungen werden geschmiedet, wie man sie in der ganzen Welt nicht wieder findet.« Statt jeder Antwort streckte Powala die Hand bis zur Mitte der Tafel aus, erfaßte ein zum Zerteilen des Fleisches bestimmtes Messer, das eine Elle lang und mehr denn eine halbe Spanne breit war, rollte es mit der größten Leichtigkeit gleich einer Pergamentrolle zusammen, hielt es dann hoch empor, damit alle es sehen konnten, und überreichte es hierauf dem Großmeister, indem er sagte: »Wenn Euere Schwerter von gleicher Art sind, werdet Ihr nicht allzuviel damit ausrichten.« Ein Lächeln der Befriedigung aber überzog sein Antlitz, als er sah, wie die Ritter und die Ordensbrüder von ihren Sitzen aufsprangen und, sich um den Meister scharend, die eiserne Rolle von Hand zu Hand gehen ließen, während eine tiefe Stille herrschte, weil angesichts einer solchen Kraftprobe bange Furcht aller Herzen beschlich. »Beim Haupte des heiligen Liborius!« rief schließlich der Großmeister aus, »Ihr habt Hände von Eisen, o Herr!« »Und von stärkerem Eisen als dieses hier,« fügte der Graf aus Burgund hinzu, »denn er rollte das Messer so leicht zusammen, wie wenn es aus Wachs wäre.« »Und sein Antlitz rötete sich nicht einmal dabei, seine Adern schwollen nicht einmal an!« bemerkte einer der Ordensbrüder. »Traun,« ließ sich jetzt Powala hören, »ein einfacher Sinn herrscht unter uns, wir kennen diesen Reichtum, diese Pracht nicht, die sich bei Euch unsern Augen zeigt, allein wir sind stark, wir sind gesund.« Nun traten etliche italienische und französische Ritter auf ihn zu und redeten mit ihm in ihren wohlklingenden Sprachen, von denen freilich Macko zu behaupten Pflegte, sie lauteten, wie wenn man zinnerne Schüsseln aneinander schlüge. Laut priesen sie die Kraft Powalas, der sie ausforderte, die Becher aneinander klingen zu lassen, indem er erklärte: »Bei unsern Festmahlen könnt Ihr häufig Aehnliches sehen, ja, es geschah schon, daß ein Mägdlein ein kleineres Messer ohne Anstrengung zusammenrollte.« Durch das Geschehene, vollends aber durch diese Worte gerieten die Deutschen, die sich vor fremden Rittern gern ihres hohen Wuchses, ihrer Kraft rühmten, in solch große Aufregung, ja, in solche Wut, daß schließlich der alte Helfenstein über die ganze Tafel rief: »Dies ist eine Schmach für uns! Bruder Arnold von Baden, liefere Du den Beweis, daß auch unsere Knochen nicht aus Wachs gemacht sind. Reicht ihm ein Messer!« Einer der Bediensteten ergriff sofort ein Messer und legte es vor Arnold auf die Tafel. Doch sei es nun, daß sich dieser durch die Anwesenheit so vieler Zeugen bedrückt fühlte, sei es, daß er thatsächlich weniger Kraft in den Fingern besaß als Powala, genug, es gelang ihm, das Messer zur Hälfte, aber nicht vollständig zusammenzurollen. Gar mancher aber von den fremden Gästen, dem die Kreuzritter schon häufig allerlei über den Krieg zugeraunt hatten, der im Laufe des nächsten Winters mit dem König von Polen ausbrechen werde, wurde recht nachdenklich und fragte sich, ob er wegen des in dieser Gegend voraussichtlich sehr harten Winters nicht besser daran thue, beizeiten in das Schloß seiner Väter, unter einen milderen Himmel zurückzukehren. Das Merkwürdigste bei allem war aber die Thatsache, daß sich die Gäste im Juli solchen Gedanken Hingaben – im Juli, also zu einer Zeit der brennendsten Hitze, der wolkenlosesten Tage. Neuntes Kapitel. Als Zbyszko und Macko in Plock anlangten, trafen sie niemand von dem Hofe, da sich das Fürstenpaar mit seinen acht Kindern, auf eine Einladung der Fürstin Anna Danuta hin, nach Chersk begeben hatte. Von dem Bischof hörten indessen die Ankommenden, daß Jagienka in Spychow bei dem sterbenden Jurand weile. Da sich nun aber die beiden Ritter selbst auf dem Wege dahin befanden, war ihnen die Kunde von der Anwesenheit Jagienkas in Spychow äußerst willkommen. »Vielleicht hat sie es auch nur gethan, um uns nicht zu verfehlen,« meinte der alte Ritter. »Wie lange schon habe ich sie nicht mehr gesehen und wie freue ich mich auf das Zusammentreffen. Hei, gar sehr ist sie mir zugethan. Und gewachsen muß die Maid sein, und gewiß ist sie noch schöner geworden.« »Sie hat sich wunderbar verändert,« warf Zbyszko ein. »Trotz ihrer Schönheit konnte man sie früher nur ein schlichtes Mägdlein nennen, während jetzt – eines Königs wäre sie würdig.« »In solcher Weise hat sie sich verändert? Bei meiner Treu, sie entstammt ja dem alten Geschlechte der Jastrzebiec aus Zgorzelic, deren Schlachtruf ›Auf zum Feste‹ lautete.« Da Zbyszko keine Antwort erteilte, hub Macko nach kurzem Schweigen wieder also an: »Gewiß verhält es sich so, wie ich Dir gesagt habe, denn ihr Wunsch ist es, nach Zgorzelic zurückzukehren.« »Daß sie überhaupt von dort wegging, setzt mich in Staunen.« »Hat sie es denn nicht wegen der Hinterlassenschaft des Abtes gethan, ganz abgesehen von der Furcht, die sie vor Cztan und Wilk hegte. Ich selbst habe ihr auch vorgestellt, wie sehr sie durch ihre Anwesenheit in Zgorzelic die Sicherheit ihrer beiden Brüder gefährde.« »Bei meiner Treu, Waisen zu überfallen, scheut sich doch ein jeder.« Macko schaute eine Weile sinnend vor sich hin. »Ob sie sich wohl dafür an mir gerächt haben, weil ich die Maid aus Zgorzelic fortführte!« ergriff er dann aufs neue das Wort. »Vielleicht steht in Bogdaniec kein Stein mehr über dem andern. Gott allein kann dies wissen! Ich weiß ja nicht einmal, ob ich nach meiner Rückkunft im stande sein werde, mich zu verteidigen. Jene Burschen sind jung und kräftig, ich aber bin alt.« »Ach was, alt!« antwortete Zbyszko, »das glaubt Euch keiner, der Euch sieht.« Macko sprach in der That nicht ganz aufrichtig, denn ihm lag jetzt etwas Anderes im Sinn, doch winkte er nur mit der Hand und sagte: »Ja, wenn ich in Marienburg nicht krank gewesen wäre, dann hättest Du recht. Aber darüber wollen wir in Spychow reden.« Und am folgenden Tage, nachdem sie in Plock übernachtet hatten, brachen sie nach Spychow auf. Es kamen nun schöne, helle Tage, der Weg war trocken, nicht beschwerlich und zudem gefahrlos, denn anläßlich des letzten Vergleiches hatten die Kreuzritter den räuberischen Ueberfällen an der Grenze Einhalt gethan. Ueberdies gehörten die beiden Ritter zu der Art von Leuten, denen gegenüber es auch für Räuber geratener war, sich ehrerbietig fern zu halten, als ihnen nahe zu kommen. Daher ging die Fahrt sehr rasch von statten, und am fünften Tage nachdem sie Plock verlassen hatten, trafen sie ohne besondere Fährlichkeiten in Spychow ein. Jagienka, die Macko als ihren besten Freund auf der Welt betrachtete, begrüßte ihn wie einen Vater, und er, der sonst nicht leicht zu rühren war, zeigte sich tief bewegt durch die Anhänglichkeit der jungen Maid, welche er so innig liebte. Als nach einer Weile Zbyszko nach Jurand fragte und dann zu diesem sowie in die Gruft seiner dahingeschiedenen Ehegemahlin ging, seufzte der alte Ritter tief auf und sagte: »Ja, Gott nahm zu sich, wen er zu sich nehmen wollte, und wen er zurücklassen wollte, den ließ er zurück, aber ich glaube, daß jetzt unsere Mühseligkeiten und unsere Wanderungen durch Wildnisse auf schlechten Pfaden zu Ende sind.« Gleich darauf fügte er hinzu: »Hei! Was hat uns der Herr Jesus nicht alles zugefügt in diesen letzten Jahren!« »Aber Gottes Hand beschützte Euch!« entgegnete Jagienka. »Wohl, sie beschützte uns! Wenn ich offen reden soll, ist es aber jetzt an der Zeit, uns nach Hause zu begeben.« »Solange Jurand am Leben ist, müssen wir hier bleiben,« antwortete die junge Maid. »Und wie steht es mit ihm?« »Er richtet sein Angesicht nach oben und lächelt. Offenbar erschaut er schon das Paradies und sein Kind.« »Und Du pflegst ihn?« »Ja, ich pflege ihn, aber Pater Kaleb sagt, daß auch Engel über ihn wachen. Gestern hat die Wirtschafterin zwei Engel gesehen.« »Man sagt,« erwiderte Macko, »für einen Edelmann sei es am ehrenvollsten, auf dem Schlachtfelde zu sterben, wenn man aber wie Jurand dem Tode entgegengeht, dann ist es auch ehrenvoll, auf dem Lager zu sterben.« »Er ißt nichts und trinkt nichts, aber fortwährend lächelt er,« bemerkte Jagienka. »Gehen wir zu ihm. Zbyszko wird gleichfalls dort sein.« Doch Zbyszko hatte nur kurze Zeit bei Jurand verweilt, welcher niemand erkannte – ihn zog es zu Danusias Sarg in das Grabgewölbe. Hier blieb er so lange, bis der alte Tolima kam, um ihn zum Mahle zu holen. Nun erst, als er hinaustrat, gewahrte er beim Lichte der Fackel, daß der Sarg mit Kränzen aus Flockenblumen und Ringelblumen geschmückt, der Platz rings umher gesäubert und mit Kalmus, Huflattich und Lindenblüten bestreut war, welche einen angenehmen Duft verbreiteten. Des jungen Kämpen Herz schwoll bei diesem Anblick und er fragte: »Wer hat die Gruft in dieser Weise geziert?« »Die Jungfrau aus Zgorzelic,« entgegnete Tolima. Der junge Ritter erwiderte jetzt nichts darauf, doch einen Augenblick später, als er Jagienka wiedersah, sank er vor ihr nieder, umfaßte ihre Knie und rief: »Gott lohne Dir für Deine Güte und für die Blumen, welche Du Danusia geweiht hast.« Bei diesen Worten weinte er bitterlich, und sie umfaßte sein Haupt mit beiden Händen, wie eine Schwester, welche ihren trauernder Bruder beruhigen will, und sagte: »O mein Zbyszko, wie gern würde ich Dich trösten.« Und unaufhaltsam flossen nun die Thränen auch aus ihren Augen. Zehntes Kapitel. Einige Tage später starb Jurand. Während einer ganzen Woche wurden von Pater Kaleb Messen für den Toten gelesen, an dem keine Spur von Verwesung zu bemerken war. Dies ward von allen als ein göttliches Wunder betrachtet, und während einer ganzen Woche kamen Scharen von Gästen nach Spychow. Dann folgte eine Zeit der Ruhe und Stille, wie gewöhnlich nach einem Begräbnisse. Zbyszko ging häufig in das Grabgewölbe, zuweilen auch mit der Armbrust in den Wald, doch schoß er keine Pfeile auf wilde Tiere ab, sondern wanderte in Gedanken verloren umher. Schließlich, eines Abends, kam er in die Stube, worin die beiden Mägdlein mit Macko und Hlawa beisammen saßen, und begann ganz unerwarteter Weise: »Hört, was ich zu sagen habe! Kummer ist keinem Menschen zuträglich, daher ist es besser für Euch, nach Bogdaniec und nach Zgorzelic zurückzukehren, als hier Eure Tage zu vertrauern.« Ein tiefes Schweigen folgte, denn alle errieten, daß nun gar Wichtiges zur Sprache kommen werde – und erst nach einer Weile ließ sich Macko also vernehmen: »Für uns wird es besser sein, aber auch für Dich.« Doch Zbyszko schüttelte sein goldblondes Haupt. »Nein!« antwortete er, »Gott gebe, daß auch ich nach Bogdaniec zurückkehren kann, aber jetzt muß ich einen andern Weg einschlagen.« »Hei!« rief Macko aus, »ich glaubte. Du seist jetzt endlich am Ziele angelangt, aber hier giebt es, wie es scheint, kein Ziel. Fürchte doch Gott, Zbyszko!« »Ihr wißt doch, daß ich ein Gelübde gethan habe.« »Ist dies der Grund? Danuska ist nicht mehr am Leben und somit ist auch Dein Gelübde hinfällig geworden. Der Tod hat Deinen Schwur gelöst.« »Sie würde mich von meinem Schwur gelöst haben, aber nicht ihr habe ich geschworen. Bei meiner Ritterehre habe ich zu Gott geschworen. Bedenkt doch! Bei meiner Ritterehre!« Alles, was die Ritterehre betraf, übte einen gleichsam magischen Einfluß auf Macko aus. Außer den Geboten Gottes und der Kirche gab es für ihn nur wenige Gesetze, die ihm zur Richtschnur dienten, aber von diesen wenigen ließ er sich auch vollständig leiten. »Ich sage Dir ja nicht, daß Du Deinen Schwur nicht halten sollst,« bemerkte er. »Aber was meint Ihr denn?« »Ich meine nur, daß Du ja auch später Zeit für alles hast, weil Du noch gar jung bist. Gehe jetzt mit uns, ruhe Dich aus – schüttle ab, was Dich bedrückt – und dann, dereinst magst Du wieder in die Ferne ziehen, wenn Du Lust hast.« »Ich will so offen reden wie in der Beichte,« entgegnete Zbyszko. »Seht, ich thue das, wozu es mich drängt, ich schwatze mit Euch, ich esse und trinke wie jeder Mensch, doch erkläre ich Euch der Wahrheit gemäß, daß ich mir im Innern, in meiner Seele, weder zu raten noch zu helfen weiß. Nur Trauer, nur Leid erfüllen mein Herz und bittere Thränen strömen mir unaufhaltsam aus den Augen.« »Gerade unter Fremden wirst Du Dich am meisten bedrückt fühlen.« »Nein,« antwortete Zbyszko – »Gott ist mein Zeuge, daß ich in Bogdaniec vollständig von Kräften käme. Wenn ich Euch sage, daß ich nicht mit Euch gehen kann, so müßt Ihr mir glauben. Streit und Kampf sind mir notwendig, denn sie bringen mir Vergessenheit. Ich weiß, wenn ich mein Gelübde erfülle, wenn ich zu jener in das ewige Heil eingegangenen Seele zu sagen vermag: alles was ich Dir versprach, habe ich erfüllt, dann wird sie mich vollständig freigeben. Aber früher nicht! Nicht mit Stricken könntet Ihr mich in Bogdaniec festhalten.« Nach diesen Worten ward es stille in der Stube, so stille, daß man die Fliegen an den Wänden hörte. »Wenn er in Bogdaniec vollständig zu Grunde gehen würde, dann ist es besser, er zieht in die Ferne,« ließ sich schließlich Jagienka vernehmen. Macko preßte beide Hände an den Kopf, wie er gewöhnlich zu thun pflegte, wenn ihm irgend etwas Kummer machte, dann seufzte er tief und sagte: »Barmherziger Gott!« Jagienka indessen fuhr fort: »Zbyszko, aber Du schwörst doch, daß wenn Gott Dich am Leben erhält. Du nicht hier bleibst, sondern zu uns zurückkehrst?« »Weshalb sollte ich nicht zu Euch zurückkehren? Wohl werde ich Spychow nicht meiden, aber hier bleiben werde ich nicht.« »Wenn Du Dich nicht von jenem Totenschrein trennen willst,« setzte nun die junge Maid in etwas leiserem Tone hinzu, »können wir ihn nach Krzesnia überführen.« »Jagus!« rief Zbyszko aus. Und hingerissen von Dankbarkeit sank er zu ihren Füßen nieder. Elftes Kapitel. Der alte Ritter wollte sich durchaus mit Zbyszko zu dem Kriegsheere des Fürsten Witold begeben, aber jener ließ es nicht zu, daß sein Ohm auch nur davon sprach. Er bestand darauf, allein und ohne Gefolge, ohne Wagen, nur mit drei bewaffneten Mannen auszuziehen, von denen der eine die Nahrungsmittel, der zweite die Waffen und Kleider, der dritte die Bärenfelle, deren man sich beim Schlafen zu bedienen pflegte, mit sich führen sollte. Umsonst flehten ihn Jagienka und Macko an, Hlawa mitzunehmen, dessen Kraft, Treue und Ergebenheit sich so oft schon bewährt hatten. Er blieb unerschütterlich, indem er behauptete, er müsse Vergessenheit für den Gram suchen, der an ihm zehre, die Gegenwart des Knappen aber erinnere ihn an alles, was gewesen und nun vergangen sei. Aber ehe er aufbrach, wurden noch ernste Beratungen darüber abgehalten, was mit Spychow zu thun sei. Nach Mackos Ansicht war es am besten, die Besitzung zu verkaufen. Er nannte diesen Erdboden einen unglückseligen, welcher noch keinem Menschen Glück gebracht habe. In Spychow hatte sich ein großer Reichtum angesammelt, es herrschte Ueberfluß an Gold, Waffen, Pferden, Gewändern, Pelzen, wertvollen Fellen, kostbarem Hausrat und auch an Viehherden, und in Mackos Seele war der Wunsch rege, all diese Schätze für Bogdaniec zu verwenden, das ihm teurer war als irgend ein anderer Ort auf der Welt. Sie berieten lange darüber, doch Zbyszko wollte nimmermehr in den Verkauf willigen. »Wie kann ich dies den Gebeinen Jurands anthun?« sagte er. »Soll ich ihm auf diese Weise die Wohlthaten vergelten, mit denen er mich überschüttet hat?« »Wir versprachen Dir, Danusias Totenschrein mit uns zu nehmen,« antwortete Macko, »wir können auch Jurands Leichnam überführen.« »Er ruht hier bei seinen Vätern und würde sich in Krzesnia nach diesen sehnen. Nehmt Ihr Danusia mit, so ist er getrennt von seiner Tochter, nehmt Ihr auch ihn mit, so begeht man ein Unrecht an den Vorfahren.« »Weißt Du denn nicht, daß Jurand im Paradiese täglich alle sieht? Und Pater Kaleb sagt ja, daß er im Paradiese ist,« entgegnete der alte Ritter. Doch Pater Kaleb, welcher auf Zbyszkos Seite war, erklärte: »Seine Seele ist im Paradiese, aber sein Körper wird auf Erden bleiben bis zum jüngsten Gericht.« Macko bedachte sich ein wenig, und seinem eigenen Gedankengang folgend, warf er jetzt ein: »Jurand wird freilich die nicht sehen, welche nicht in das ewige Heil eingegangen sind, aber dem ist nicht abzuhelfen.« »Wozu Gottes Ratschluß zu erforschen suchen?« rief Zbyszko. »Und Gott gebe es nicht zu, daß ein Fremdling über der heiligen Asche von Jurands Vätern wohne. Weit besser ist's, ich lasse Jurands und Danusias sterbliche Ueberreste in der Gruft ihrer Väter, und Spychow würde ich nicht verkaufen, wenn man mir auch ein Fürstentum dafür böte.« Aus diesen Worten entnahm Macko, daß sein Wunsch nicht in Erfüllung gehen werde, denn er kannte die Halsstarrigkeit seines Bruderssohnes, und im Innern verurteilte er sie nicht, wie er denn alles gut hieß, was von dem jungen Kämpen ausging. Daher bemerkte er nach einer Weile: »Der Bursche spricht mir zwar gegen den Strich, aber in dem, was er sagt, ist eine gewisse Wahrheit enthalten.« Gleichwohl war er ärgerlich und bekümmert, denn er wußte nicht, was nun zu thun sei. Doch Jagienka, welche bisher geschwiegen hatte, machte jetzt, einen neuen Vorschlag: »Am besten wäre es, wenn sich ein redlicher Mann fände, der Spychow verwalten oder in Pacht nehmen würde. Das Gut zu verpachten, wird wohl das Angemessenste sein, denn Ihr habt dann keine Sorge und Plage und immer bares Geld. Wäre vielleicht Tolima der Richtige? Freilich, er ist alt und versteht sich besser auf die Kriegskunst als auf die Landwirtschaft. Also wenn er sich nicht dazu bereit erklärt, würde Pater Kaleb es vielleicht thun?« »Liebes Mägdlein!« antwortete Pater Kaleb, »für Tolima und mich wird sich gar bald eine geeignete Ruhestätte finden, aber die Erde, welche uns dann deckt, ist nicht die, auf der wir jetzt wandeln.« So sprechend, wendete er sich zu Tolima: »Ist's nicht so, Alter?« Tolima legte die Hand an sein spitziges Ohr und fragte, um was es sich handle. Als ihm alles laut und deutlich erklärt ward, bemerkte er: »Das ist die heilige Wahrheit. Zur Landwirtschaft tauge ich nicht! Das Beil verstehe ich besser zu führen als den Pflug. Meinen Herrn und seine Tochter möchte ich noch rächen.« Und er streckte seine mageren aber sehnigen Hände mit den gekrümmten Fingern aus, welche den Klauen eines Raubvogels glichen, dann wendete er sein graues, wolfsähnliches Haupt gegen Macko und Zbyszko, indem er hinzufügte: »Nehmt mich mit, wenn Ihr gegen die Deutschen auszieht, Euer Gnaden, da kann ich Euch gute Dienste leisten.« Und er sprach wahr. Hatte er doch nicht wenig zur Vergrößerung von Jurands Reichtum beigetragen, aber nicht durch friedliche Feldarbeit, sondern durch Beute, die er im Kriege gemacht. Da begann Jagienka, die während dieses Gespräches im stillen erwogen hatte, was nun zu thun sei, aufs neue: »Hier ist ein junger Kämpe nötig, der niemand fürchtet – liegt »Gehe nicht in den Tod!« doch das Gebiet von Spychow an der Grenze des Ordens – ein junger Kämpe, sage ich, der sich vor den Deutschen nicht verbergen, ja, sie sogar aufsuchen würde, mit einem Worte, ich glaube, daß Hlawa der richtige Mann wäre ...« »Seht, wie sie wieder Pläne macht,« rief Macko aus, dem es, trotz seiner Liebe für Jagienka, nicht in den Sinn wollte, daß in einer solchen Angelegenheit auch ein Weib, und zudem ein unverheiratetes, das Wort nahm. Aber der Böhme erhob sich von der Bank, auf der er saß, und sagte: »Gott weiß, daß ich gerne mit Herrn Zbyszko in den Krieg ziehen würde, denn wir haben miteinander schon manchen Deutschen gerupft – und wir könnten vielleicht noch mehr rupfen ... Aber wenn ich hier bleiben soll, so bleibe ich. Tolima ist mein Freund und er kennt mich ... die Grenze des Ordensgebietes ist ganz nahe ... Gut! das ist mir gerade recht. Wir wollen sehen, wer der Nachbarschaft zuerst überdrüssig wird. Ich sie fürchten! Nein! Aber sie sollen mich fürchten! Auch verhüte unser Herr Jesus, daß ich Euer Gnaden durch die Bewirtschaftung Schaden zufüge und alles an mich raffe. Hierin kann die Jungfrau Zeugnis für mich ablegen, denn sie weiß, daß ich lieber hundertmal sterben als ihr Vertrauen mißbrauchen würde ... Von der Landwirtschaft verstehe ich so viel als ich in Zgorzelic gelernt habe, doch das habe ich schon wahrgenommen, daß man hier häufiger Beil und Schwert als den Pflug handhaben muß. Und dies alles ist sehr nach meinem Sinne, nur ... Wenn ich hier bleibe ...« »Nun, was meinst Du?« fragte Zbyszko. »Weshalb zögerst Du?« »Nun, wenn die Herrin in die Ferne zieht, dann ziehen auch alle mit ihr. Krieg zu führen und auf einem Gute zu wirtschaften, muß recht schön sein, aber ganz allein ... Ohne Beistand ... Es wäre mir furchtbar traurig zu Mute ohne die Herrin und ohne ... das muß ich sagen ... und da die Herrin nicht ohne Begleitung fortgeht ... so würde niemand mir hier helfen ... daher weiß ich nicht ...« »Wovon schwatzt dieser Bursche denn?« fragte Macko. »Ihr habt einen scharfen Verstand und habt doch nichts erraten,« erwiderte Jagienka. »Was meinst Du?« Doch anstatt zu antworten, wendete sie sich an den Knappen: »Und wenn Anielka Sieciechowa bei Dir bliebe – würdest Du hier aushalten?« Hier warf sich der Böhme so gewaltsam zu ihren Füßen nieder, daß der Staub vom Fußboden aufflog. »Mit ihr würde ich auch in der Hölle aushalten!« rief er, Jagienkas Knie umfassend. Als Zbyszko diesen Ausruf hörte, blickte er voll Staunen auf den Knappen, da er zuvor nichts gewußt und auch nichts geahnt hatte, und Macko verwunderte sich im stillen nicht wenig darüber, daß eine Frau in allen Lebensfragen eine so wichtige Rolle spielen, und daß durch sie eine Sache vollständig glücken oder fehlschlagen kann. »Gott sei gepriesen,« murmelte er, »daß ich den Weibern niemals viel Beachtung geschenkt habe.« Sich wiederum zu Hlawa wendend, sagte Jagienka indessen: »Nun müssen wir nur noch fragen, ob Anielka mit Dir hier bleiben will.« Sie rief die junge Maid herbei, und diese erriet offenbar, um was es sich handle, denn sie hielt die Hände über die Augen, als sie eintrat, und hatte das Haupt so tief herabgesenkt, daß nur ihre hellen Haare zu sehen waren, welche unter den auf sie fallenden Sonnenstrahlen noch lichter aussahen als sonst. An der Thüre blieb sie stehen, dann aber eilte sie auf Jagienka zu, fiel vor ihr nieder und barg ihr Gesicht in deren Gewande. Und Hlawa kniete an Anielkas Seite nieder und sagte: »Segnet uns, Herrin!« Zwölftes Kapitel. Am folgenden Tage brach Zbyszko auf, um wieder in die Ferne zu ziehen. Als er sein hohes Streitroß bestieg, scharten sich die Zurückbleibenden dicht um ihn. Jagienka, welche am Steigbügel stand, richtete schweigend ihre traurigen, blauen Augen zu dem jungen Kämpen empor, wie wenn sie sich vor der Trennung sein Bild noch recht tief einprägen wolle. Auf der andern Seite standen Macko und Pater Kaleb, dicht daneben der Knappe sowie Anielka. Zbyszko wendete das Haupt bald hierin bald dorthin, die kurzen Redensarten mit den Zurückbleibenden austauschend, die man gewöhnlich vor einer langen Fahrt äußert. »Bleibt gesund.« – »Möge Gott Dich geleiten!« – »Nun ist es Zeit!« – »Hei! Es ist Zeit! Es ist Zeit!« Zuvor schon hatte er Abschied von allen genommen, auch von Jagienka, zu deren Füßen er niedergefallen war, um ihr für ihre Güte zu danken. Und jetzt, während er von seinem hohen Sattel auf sie niederschaute, sehnte er sich darnach, ihr noch einige herzliche Worte zu sagen, da in ihren Augen, in ihrem emporgerichteten Antlitz so deutlich zu lesen war: »Kehre zurück!« daß sein Herz vor Dankbarkeit schwoll. Und wie wenn ihre stumme Beredsamkeit einen Widerhall in ihm fände, sprach er: »Jagus, zu Dir rede ich, wie zu meiner leiblichen Schwester ... Du weißt! ... Mehr will ich nicht sagen!« »Ich weiß! ... Gott lohne Dir!« »Und vergiß des Oheims nicht.« »Und vergiß Du nicht, daß –« »Ich kehre zurück, sei dessen gewiß, wenn ich nicht dem Tode zur Beute falle.« »Gehe nicht in den Tod!« Schon einmal, in Plock, als er ihr gegenüber erwähnte, daß er wieder gegen den Feind ziehen werde, hatte sie ihm gesagt: »Gehe nicht in den Tod!« aber jetzt kamen diese Worte aus tiefstem Herzen, und vielleicht um ihre Thränen zu verbergen, neigte sie sich so tief herab, daß ihre Stirne für einen Augenblick Zbyszkos Knie berührte. Da begannen am Thore die berittenen Mannen, welche die schon beladenen Saumrosse hielten, zu singen: »Nicht dahin ist der Reif, der güldene Reif Nicht verloren. Ein Rabe bringt ihn wieder, vom Felde wieder Dem Mägdlein« – »Auf denn!« rief Zbyszko. »Auf denn!« »Gott geleite Dich! Und die heilige Jungfrau!« Die hölzerne Zugbrücke erdröhnte von dem Hufschlag der Pferde, eines derselben wieherte unausgesetzt, die andern begannen laut zu schnauben, und der kleine Zug setzte sich in Bewegung. Jagienka, Macko und Pater Kaleb, Tolima, sowie der Böhme mit seinem Weibe und die Diener, welche in Spychow zurückblicken, traten auf die Brücke hinaus und blickten den Reitern nach. Pater Kaleb hörte nicht auf, sie mit dem Zeichen des heiligen Kreuzes zu segnen, bis sie hinter einem hohen Erlengebüsch verschwunden waren, dann sagte er: »Unter diesem Zeichen wird sie kein Unheil treffen.« Und Macko fügte hinzu: »Gewiß, aber es war auch eine gute Vorbedeutung, daß die Pferde ein so furchtbares Schnauben hören ließen.« Auch Macko blieb nicht mehr lauge in Spychow. Nach vierzehn Tagen brachte er die Sache mit dem Böhmen zu Ende, indem er ihm das Gut in Pacht gab, er selbst aber machte sich an der Spitze einer langen Reihe von Wagen, umgeben von seinen bewaffneten Mannen, mit Jagienka auf den Weg nach Bogdaniec. Es waren keine frohen Blicke, mit denen Pater Kaleb und der alte Tolima jene Wagen verfolgten, denn die Wahrheit zu sagen, hatte Macko die Burg ein wenig ausgeplündert; weil indessen Zbyszko ihm die Oberleitung über alles gegeben hatte, wagte niemand, Einspruch zu erheben. Er hätte noch mehr mitgenommen, wäre er nicht durch Jagienka daran verhindert worden, mit der er zwar in Streit geriet, wobei er sein Erstaunen über ihren »Altweiberverstand« ausdrückte, der er aber schließlich wie fast in allem nachgab. Danusias sterbliche Hülle führten sie jedoch nicht mit sich fort, denn da Spychow nicht verkauft worden war, wünschte Zbyszko, daß sie in der Gruft bei ihren Vätern bleibe. Sie nahmen beträchtliche Geldsummen mit und Schätze allerlei Art, die zum größten Teil durch Jurand in seinen Kämpfen mit den Deutschen erbeutet worden waren. Während jetzt Macko auf die schwer beladenen, mit Binsenmatten bedeckten Wagen blickte, freute er sich in der Seele bei dem Gedanken, welche Verbesserungen und neue Einrichtungen er nun in Bogdaniec zu treffen vermöge. Diese Freude ward ihm zwar durch die Angst vergiftet, Zbyszko könne in einem Kampfe erliegen, allein da er wußte, wie gewandt sein Bruderssohn in ritterlichen Künsten war, verlor er nicht die Hoffnung, daß er glücklich zurückkehren werde, und voll Entzücken vergegenwärtigte er sich diesen Augenblick. »Vielleicht war es Gottes Wille,« sagte er sich, »daß Zbyszko zuerst Spychow erhalten sollte, und daß ihm später Moczydoly, sowie alles, was der Abt hinterließ, zu teil werde. Wenn er nur glücklich zurückkehrt, so will ich ihm ein Schloß in Bogdaniec bauen, das seiner würdig ist, und dann werden wir sehen ...« Hier kam ihm in den Sinn, daß Cztan aus Rogow und Wilk aus Brzozowa ihn sicherlich nicht allzu freundlich empfangen würden, und daß er vielleicht Kämpfe mit ihnen zu bestehen habe, doch hegte er deshalb keine Furcht. Indessen beunruhigte ihn etwas anderes: »Wann Zbyszko zurückkehrt, weiß Gott allein, und zudem betrachtet er Jagienka nur wie eine Schwester,« sagte er sich. »Wenn aber die Maid nun auch einen Bruder in ihm sieht und nicht auf seine ungewisse Rückkehr warten will?« So wendete er sich denn zu ihr und sprach: »Höre mich an, Jagna! Von Cztan und Wilk will ich gar nicht reden, denn das sind ungeschlachte Bauern und passen nicht zu Dir. Du bist ja jetzt ein Hoffräulein! ... Aber da Du nun alt genug bist, kann ich mit Dir darüber reden ... der verstorbene Zych sagte mir schon, daß Du Dir wohl bewußt wärst, was Gottes Wille ist, und dies war vor einigen Jahren ... Und ich weiß wohl, daß weder Cztan noch Wilk in Betracht kommen ... Aber wie denkst Du denn darüber?« »Was wollt Ihr denn wissen?« fragte Jagienka. »Willst Du Dich nicht vermählen?« »Ich? ... Ich gehe in ein Kloster!« »Was sprichst Du da! Und wenn Zbyszko zurückkehrt?« Sie schüttelte das Haupt. »Ich gehe ins Kloster!« »Und wenn er Dich liebte? Wenn er Dich recht inständig bäte, es nicht zu thun?« Da wandte die Maid ihr glühendes Antlitz von ihm ab und dem Gefilde zu, aber ein Windhauch, der aus jener Richtung kam, brachte Macko die Antwort: »Dann gehe ich nicht ins Kloster!« – – – – – – Zehnter Teil. Erstes Kapitel. Sie verweilten einige Zeit in Plock, um die nach dem Testamente des Abtes Jagienka zufallende Erbschaft zu ordnen, und mit den nötigen Dokumenten versehen, zogen sie weiter, ohne auf ihrem Wege oft Rast zu machen. Dieser war jetzt nicht beschwerlich und völlig gefahrlos, denn durch die Hitze waren die Moräste ausgetrocknet, die Flüsse in ihr Bett zurückgetreten, und die Landstraße führte durch eine friedliche, von gastfreundlichen Heimatsgenossen bewohnte Gegend. Von Sieradz aus sandte der vorsichtige Macko einen Knecht nach Zgorzelic, um seine und Jagienkas Ankunft zu melden. Daraufhin eilte ihnen Jasko, der Bruder Jagienkas, bis zur Hälfte des Weges entgegen und geleitete sie an der Spitze einiger bewaffneten Mannen nach Hause. Dies Zusammentreffen erregte viel Jubel, und freudige Ausrufe der Begrüßung wurden laut. Jasko war der Schwester immer so ähnlich gewesen wie ein Tropfen Wasser dem andern, aber jetzt überragte er sie an Größe. Er war ein prächtiger Bursche, mutig, heiter wie sein Vater, von dem er die Lust an frohem Gesang ererbt hatte, und voll sprühendem Leben. Er fühlte sich älter als seine Jahre, war sich seiner Kraft wohl bewußt und meinte, er sei schon ein reifer Mann, denn er verstand es, seinen Knechten den Gebieter zu zeigen, und sie führten schleunigst jeden seiner Befehle aus, offenbar sein Ansehen und seine Macht fürchtend. Macko und Jagienka staunten nicht wenig über ihn, während er mit großer Freude die Schönheit und das verfeinerte Wesen seiner Schwester bewunderte, die er so lange nicht mehr gesehen hatte. Er erzählte ihnen, er habe schon die Absicht gehegt, Jagienka aufzusuchen, und wenn sie etwas später angelangt wären, so hätten sie ihn nicht mehr in Zgorzelic getroffen. Denn es sei sein Wunsch, die Welt zu sehen, sich mit andern Menschen zu messen, sich die Ritterkünste zu erwerben, sowie auch da und dort Gelegenheit zum Kampfe mit fahrenden Rittern zu finden. »Es ist gut, wenn man die Sitten und Gebräuche der Menschen kennen lernt,« antwortete Macko, »denn man erfährt dadurch, was man in jeder Lage zu sagen und zu thun hat, und die natürlichen Geistesgaben werden entwickelt. Was aber die Kämpfe anbelangt, so ist es besser, wenn ich Dir sage, daß Du noch zu jung dazu bist, als wenn irgend ein fremder Ritter es Dir sagen müßte, welcher Dich zudem unfehlbar auslachen würde.« »Aber wenn er mich genug ausgelacht hätte, würde er jammern,« entgegnete Jasko, »oder seine Ehegemahlin und seine Kinder würden jammern.« Und er schaute mit drohenden Blicken umher, wie wenn er allen fahrenden Rittern der Welt sagen wollte: »Bereitet Euch zum Tode!« Doch der alte Ritter aus Bogdaniec fragte: »Und Cztan und Wilk, haben sie Euch in Frieden gelassen? Ich frage deshalb, weil beide Jagienka nur zu gern sahen.« »Ei! Wilk ist in Schlesien erschlagen worden. Dort wollte er eine deutsche Burg erstürmen und nahm sie auch ein, aber da wurde ein Holzblock von den Zinnen auf ihn herabgeschleudert und nach zwei Tagen that er den letzten Atemzug.« »Es ist schade um ihn! Auch sein Vater zog häufig nach Schlesien gegen die Deutschen, welche unser Volk so sehr bedrücken und es ausplündern. Die schwierigste Aufgabe ist die Einnahme einer Burg, denn weder Waffen noch Rüstung, noch ritterliche Künste sind uns dabei von Nutzen. Gott gebe, daß Fürst Witold keine Burgen erobern, sondern die Kreuzritter auf offenem Felde vernichten will! Und Cztan? Was hört man von ihm?« Jasko fing an zu lachen. »Cztan hat sich vermählt. Er nahm die wegen ihrer Schönheit berühmte Tochter eines Großbauern aus Wysokie Brzeg zum Weibe. Hei! Nicht nur hübsch ist sie, sondern auch gewandt und rührig. Dem Cztan geht doch mancher gerne aus dem Wege, sie aber schlägt ihn auf die bärtige Schnauze und führt ihn an der Nase herum wie einen Bären an einer Kette.« Der alte Ritter ward sehr aufgeräumt, als er dies hörte. »Da seht einmal! Alle Weiber sind gleich. Jagienka, Du wirst einst gerade so sein! Gott sei gelobt, daß durch diese beiden Raufbolde kein Unheil angestiftet ward, denn offen gesprochen, wundert es mich, daß sie in ihrer Bosheit Bogdaniec nicht beschädigt haben.« »Cztan wollte es auch thun, aber Wilk, welcher der Klügere von beiden war, gestattete es nicht. Er kam zu uns nach Zgorzelic und fragte: ›Was ist aus Jagienka geworden?‹ Ich sagte, eine Erbschaft von dem Abte habe sie veranlaßt, in die Ferne zu ziehen. Da fragte er: ›Weshalb hat mir Macko nichts davon gesagt?‹ Ich gab ihm die Antwort: ›Warum hätte er es Dir sagen sollen? Ist Jagienka etwa die Deine?‹ Und nachdem er eine Weile nachgedacht hat, da erwiderte er: ›Du hast recht, sie ist nicht die Meine!‹ Und da er einen scharfen Verstand hatte, begriff er selbstverständlich, daß er Euch und uns für sich gewinnen würde, wenn er Bogdaniec Cztan gegenüber verteidigte. So kämpften sie denn mit einander, zerfleischten sich gegenseitig und tranken sich dann voll, wie dies ihre Gewohnheit war.« »Gott sei Wilks Seele gnädig!« sagte Macko. Und er atmete tief auf, froh darüber, daß ihm in Bogdaniec kein anderer Schaden erwachsen war, als der, den seine lange Abwesenheit veranlaßt hatte. In der That war kein Anlaß zur Unzufriedenheit vorhanden, im Gegenteil, der Viehstand hatte sich vergrößert, mit der kleinen Stutenherde liefen schon mehrere zweijährige Fohlen, von denen einige, ungewöhnlich große und starke, die Abkömmlinge der friesischen Hengste waren. Der einzige Verlust bestand darin, daß einige der Kriegsgefangenen entflohen waren. Doch nicht viele hatten dies Wagnis unternommen, denn sie konnten sich nur nach Schlesien wenden und dort wurden die Gefangenen von den Deutschen und von den sich zu den Deutschen zählenden Raubrittern schlimmer behandelt, als von den polnischen Edelleuten. Aber das ungeheure, alte Gebäude sah noch baufälliger aus als früher, der Mörtel war abgefallen, die Wände und die Decken waren geborsten und die vor zweihundert oder auch mehr Jahren zusammengefügten Balken aus Lärchenholz waren morsch geworden. In all die einst von den zahlreichen Sippen aus Bogdaniec bewohnten Stuben war während der langen Regengüsse im Sommer das Wasser eingedrungen, das Dach hatte Löcher bekommen und war mit Büscheln aus grünem und rostbraunem Moose bedeckt. Das ganze Haus hatte sich gesenkt und sah aus wie ein umfangreicher, geschwärzter Pilz. »Mit ein wenig Sorgfalt könnte es erhalten werden, denn der Verfall ist noch nicht allzuweit vorgeschritten,« sagte Macko zu dem alten Bauernvogt Kondrat, welcher während der Abwesenheit seiner Gebieter das Gut verwaltet hatte. Und nach einer Weile fügte er hinzu: »Ich für meinen Teil würde gern bis zu meinem Tode hier wohnen, aber Zbyszko muß ein Kastell haben!« »Um Gottes willen! Ein Kastell?« »Ei, und warum denn nicht?« Es war der Lieblingsgedanke des alten Ritters, für Zbyszko und dessen Nachkommen ein Kastell zu erbauen. Er wußte, daß ein Edelmann, welcher nicht auf einem gewöhnlichen Hofe, sondern hinter einem Graben und Palissaden wohnte, ein Edelmann, der sich des Besitzes einer Warte rühmen durfte, von der ein Wächter in die Runde schauen konnte, bei den Nachbarn ein gewisses Ansehen genoß, und daß er in allem leichteres Spiel hatte. Für sich verlangte Macko nicht viel, aber für Zbyszko und dessen Sprößlinge erschien ihm alles zu gering, umsomehr als sich ihre Habe in der letzten Zeit so beträchtlich vergrößert hatte. »Mag er nun Jagienka nehmen,« dachte er. »Mit ihr erhält er Moczydoly, sowie das ihr vom Abte zugefallene Erbe, und dann wird im ganzen Umkreis niemand uns gleich kommen Gott gebe dies!« Aber alles hing davon ab, ob Zbyszko zurückkehrte, dies war jedoch unsicher und hing wiederum von der Barmherzigkeit Gottes ab. Daher sagte sich Macko, daß es für ihn nötig sei, sich jetzt in Gunst bei dem Herrgott zu setzen, daß er dessen Zorn nicht auf sich laden dürfe, sondern alles thun müsse, um dessen Gnade zu gewinnen. Von diesem Gedanken erfüllt, ließ er es in der Kirche von Krzesnia weder an Wachs, noch an Getreide, noch an Wildbret fehlen, und eines Abends in Zgorzelic angelangt, sagte er zu Jagienka: »Nach Krakau wallfahre ich morgen, an das Grab unserer Königin, der heiligen Jadwiga.« Voll Schrecken sprang Jagienka von der Bank empor. »So habt Ihr schlimme Botschaft erhalten?« »Keinerlei Botschaft ist mir zugekommen, und es wäre auch nicht möglich. Aber Du wirst Dich erinnern, daß ich zu jener Zeit, als ich mit dem Splitter in der Seite krank darnieder lag – Du weißt doch – und als Du dann mit Zbyszko auf die Biberjagd gingst, gelobte, ich wolle zu ihrem Grabe wallfahren, wenn Gott mich gesunden lasse. Damals wurde mein Vorhaben von allen gepriesen. Und wahrlich! Unser Herrgott hat genug heilige Diener da oben, aber nicht jeder Heilige hat ein solches Ansehen wie unsere gnädige Herrin, die ich nicht beleidigen möchte, besonders weil es sich um Zbyszko handelt.« »Ihr habt recht! Bei meinem Leben!« erwiderte Jagienka. »Aber Ihr seid doch jetzt erst von einer beschwerlichen Fahrt zurückgekehrt.« »Was will das bedeuten! Ich wünsche alles sofort zu Ende zu bringen und dann ruhig zu Hause zu bleiben, bis Zbyszko zurückkehrt. Möge unsre Königin Fürbitte bei dem Herrn Jesus für ihn einlegen, dann können auch zehn Deutsche bei seiner guten Rüstung ihm nichts anhaben. Nach dieser Wallfahrt kann ich mit größerer Zuversicht den Bau des Kastells unternehmen.« »Zumal Ihr noch so starke Knochen habt.« »Gewiß, ich fühle mich recht kräftig. Doch will ich Dir noch etwas anderes sagen. Mag Jasko, den es in die Ferne zieht, mit mir gehen. Ich bin ein erfahrener Mann und wohl im stande, ihn im Zaum zu halten. Und wenn wir irgend ein Abenteuer zu bestehen hätten – denn dem Bürschlein zucken ja schon die Finger – so schadet es nichts. Du weißt ja, daß es mir nichts Neues ist, zu Fuß oder zu Roß, mit dem Schwerte oder mit der Streitaxt zu kämpfen.« »Ich weiß! Niemand könnte ihn besser behüten als Ihr!« »Aber ich glaube, es wird nicht zum Kampfe kommen, denn so lange die Königin lebte, wimmelte es in Krakau von fremden Rittern, die ihre Augen an der Schönheit der Herrin weiden wollten, aber jetzt ziehen sie vor, nach Marienburg zu gehen, weil die Tonnen dort fast von Malvasier bersten.« »Ei, wir haben ja eine neue Königin.« Macko schnitt eine Grimasse und machte eine Bewegung mit der Hand. »Ich habe sie gesehen! – Mehr sage ich nicht – verstehst Du?« Nach einer Weile fügte er hinzu: »Nach drei oder vier Wochen werden wir zurückkehren.« In der That führte der alte Ritter aus, was er sich vorgenommen hatte. Er ließ Jasko bei seiner Ritterehre und bei dem Haupte des heiligen Georg schwören, daß er nicht auf seinem Vorhaben, eine längere Fahrt zu unternehmen, beharren werde, und sie brachen auf. Ohne Unfall langten sie in Krakau an, denn es herrschte Frieden in dieser Gegend. Nachdem Macko seinem Gelübde Genüge gethan hatte, gelang es ihnen, durch Powala aus Taczew und den jungen Knäs Jamont Zutritt an dem königlichen Hof zu erlangen. Macko war der Meinung gewesen, daß er von den Hofherren und hohen Würdenträgern eifrig nach den Kreuzrittern ausgeforscht werde, da er Gelegenheit gehabt hatte, sie kennen zu lernen und in der Nähe zu beobachten. Aber nach einer Unterredung mit dem Kanzler und mit dem Krakauer Schwertträger kam er voll Staunen zu der Ueberzeugung, daß sie nicht weniger, sondern mehr als er von den Kreuzrittern wußten. Sie wußten alles, selbst die geringfügigsten Dinge, welche sowohl in Marienburg als auch in andern, und sogar in den entferntesten Burgen vorgingen. Sie wußten, welche Heeresabteilungen sich dort befanden, wie groß die Zahl der Krieger und die Zahl der Geschützstücke, welche Zeit vonnöten war, um ein Kriegsheer zusammenzuziehen, und welche Pläne die Kreuzritter für den Kriegsfall hatten. Sie wußten sogar von jedem Komtur, ob er jähzornig und leidenschaftlich oder bedächtig war, und sie hatten all diese Thatsachen so sorgfältig verzeichnet, wie wenn der Ausbruch des Krieges am folgenden Tage bevorstünde. Der alte Ritter freute sich im Innern nicht wenig darüber, denn er erkannte, daß man sich in Krakau mit weit mehr Ueberlegung, Umsicht und Thatkraft zum Kriege rüstete als in Marienburg. »Unser Herr Jesu hat uns mindestens ebensoviel oder auch noch mehr Tapferkeit verliehen,« sagte sich Macko, »gewiß aber mehr Verstand und größere Erfahrung.« Und so war es in der That zu jener Zeit. Er erfuhr auch bald, woher jene Nachrichten gekommen waren; die Einwohner von Preußen selbst, Leute aus allen Ständen, Deutsche sowohl wie auch Polen, hatten Kunde gebracht. Dem Orden war es gelungen, einen solchen Haß gegen sich zu erwecken, daß alle im preußischen Lande auf das Eintreffen der Kriegsheere Jagiellos wie auf ihre Erlösung harrten. Macko gedachte jetzt der Worte, die Zindram aus Maszkowice seiner Zeit in Marienburg ihm gegenüber geäußert hatte und sagte sich im Geiste: »Das ist ein Kopf! Eine Welt von Weisheit birgt sich darin.« Und er rief sich jedes seiner Worte ins Gedächtnis zurück, ja, einmal als der junge Jasko ihn über die Kreuzritter ausforschte, führte er sogar Zindrams weise Rede an, indem er bemerkte: »Stark sind sie, diese Schufte, aber was denkst Du denn? Wird nicht jeder Ritter, sogar der stärkste, aus dem Sattel fliegen, wenn man Sattelgurt und Steigbügel unter ihm zerschneidet?« »Er wird aus dem Sattel fliegen, so wahr ich hier stehe!« antwortete der Jüngling. »Ha! Siehst Du?« rief Macko mit einer wahren Donnerstimme. »Zu dieser Einsicht wollte ich Dich bringen.« »Weshalb?« »Weil der Orden solch ein Ritter ist.« Und nach einer Weile fügte er hinzu: »Aus dem Munde des ersten besten wirst Du dies nicht hören, dessen kannst Du gewiß sein.« Und als Jasko noch nicht begriff, um was es sich handelte, begann er ihm die Sache zu erklären, vergaß jedoch hinzuzufügen, daß nicht er selbst diesen Vergleich gemacht hatte, sondern daß er Wort für Wort dem klugen Kopfe Zindrams aus Maszkowice entsprungen war. Zweites Kapitel. In Krakau verweilten sie nicht lange, und ohne die Bitten Jaskos, welcher sich Stadt und Leute anschauen wollte, da ihm alles wie ein wunderbarer Traum erschien, wären sie noch rascher wieder aufgebrochen. Aber der alte Ritter beeilte sich so sehr, noch zur Erntezeit an seinen häuslichen Herd zurückzukommen, und selbst die inständigsten Bitten halfen so wenig, daß am Tage Mariä Himmelfahrt der eine schon in Bogdaniec, der andere in Zgorzelic angelangt war. Von dieser Zeit an begann für sie ein ziemlich einförmiges Leben, das ganz von der Feldarbeit und von den gewöhnlichen ländlichen Beschäftigungen ausgefüllt war. In dem niedrig gelegenen Zgorzelic, vornehmlich aber in Moczydoly, Jagienkas Gute, fiel die Ernte vortrefflich aus, in Boganiec hingegen war die Frucht infolge des trockenen Jahres nur spärlich geraten, und es bedurfte keiner großen Mühe, um sie einzusammeln. Im allgemeinen befand sich wenig bestelltes Land dort, denn das Gut war reich an Waldungen, und infolge der langen Abwesenheit der Gebieter lag sogar auch der Boden, den der Abt durch Ausroden hatte urbar machen lassen, wegen Mangel an Arbeitskräften brach. Obwohl nun der alte Ritter einen solchen Verlust sonst kaum verschmerzte, nahm er sich dies nicht allzusehr zu Herzen, weil er sich sagte, daß es ihm leicht fallen werde, durch Geld alles in Ordnung und in das richtige Geleise zu bringen – wenn er nur wußte, für wen er arbeitete und sich abmühte. Aber gerade durch diesen Zweifel konnte keine Freude an seinem Werke aufkommen. Zwar ließ er seine Hände nicht müßig ruhen, er erhob sich vor Tagesanbruch, ritt hinaus zu den Herden, beaufsichtigte die Arbeit in Wald und Feld, ja er wählte sogar schon einen Platz für das Kastell und suchte das Bauholz aus, doch wenn nach einem heißen Tage die Sonne versank und mit einem goldenen und rötlichen Schimmer den Abendhimmel färbte, da ergriff ihn zuweilen eine so unendliche Sehnsucht und ein Angstgefühl, wie er es bisher noch nie empfunden hatte. »Ich gönne mir keine Ruhe und plage mich hier,« sagte er sich, »während mein armer Zbyszko vielleicht von einem Speere durchbohrt irgendwo auf freiem Felde liegt, und die Wölfe ihm den Totengesang heulen.« Bei diesem Gedanken zog sich ihm das Herz krampfhaft zusammen. Dann lauschte er aufmerksam, ob sich wohl der Hufschlag von Pferden vernehmen lasse, wodurch Jagienkas Ankunft sich täglich kundgab, denn trotzdem er ihr gegenüber stets behauptete, daß er voll Hoffnung sei, schöpfte er doch durch sie erst frischen Mut, und sein gebeugter Geist richtete sich bei ihrem Anblick von neuem auf. Und sie kam Tag für Tag, gewöhnlich gegen Abend, die Armbrust und den Speer am Sattel, um sich gegen einen Ueberfall bei der Rückkehr zu schützen. Es war zwar durchaus nicht anzunehmen, daß sie Zbyszko schon in Bogdaniec treffen werde, da Macko ihr gegenüber niemals seine Ueberzeugung verhehlte, man dürfe ihn nicht vor einem Jahre erwarten – aber offenbar nährte die Maid diese Hoffnung in sich, denn sie erschien nicht wie in den alten Zeiten in einer nur losen gegürteten Kleidung, den Schafpelz über die Schultern geworfen und mit Blättern in den wirren Haaren, sondern mit schön geflochtenen Zöpfen und in einem eng anliegenden, farbigen Tuchgewande aus Sieradz. Macko eilte ihr entgegen und ihre erste Frage lautete immer, gerade als ob es ihr von jemand eingeprägt worden wäre: »Wie ist es?« Und seine Antwort lautete: »Noch ist keine Kunde gekommen!« Hierauf führte er sie in die Stube und beim Herdfeuer plauderten sie von Zbyszko, von Litauen, von den Kreuzrittern und vom Kriege – immer wieder von neuem beginnend, fortwährend von denselben Dingen – und keines der beiden wurde dieses Gespräches jemals müde, im Gegenteil, sie konnten sich nie genug daran thun. So blieb es viele Monate hindurch. Zuweilen ritt Macko nach Zgorzelic, aber häufiger geschah es, daß Jagienka nach Bogdaniec kam. Manchmal, wenn es in der Umgegend nicht sicher war, geleitete Macko die Maid nach Hause. Gut bewaffnet, hegte der Ritter keine Furcht vor wilden Tieren, denn er war ihnen gefährlicher als sie ihm. Dann ritt er dicht neben Jagienka her und aus dem Innern des Waldes erscholl gar häufig dumpfes, drohendes Gebrüll, sie aber, alles vergessend, was um sie vorging, sprachen nur von Zbyszko. Wo er wohl sein mochte? Was er wohl that? Ob er schon so viele Kreuzritter erschlagen hatte oder noch erschlagen werde, wie er Danusia und deren Mutter gelobt hatte? Ob seine Rückkehr nun bald bevorstehe? Dabei richtete Jagienka Fragen an Macko, die sie schon unzähligemale an ihn gerichtet hatte, und er beantwortete sie mit derselben ernsten Bedächtigkeit, wie wenn er sie zum erstenmale höre. »Ihr meint also,« erkundigte sie sich, »daß der Kampf auf dem Schlachtfelde minder gefährlich für einen Ritter sei, als die Erstürmung einer Burg?« »Du hörtest doch, was Wilk widerfahren ist? Vor einem Holzblock, der von einem Walle herabgeschleudert wird, vermag keine Rüstung zu schützen, im Felde hingegen muß sich ein in der Kriegskunst erfahrener Ritter selbst dann nicht ergeben, wenn auch zehn Feinde ihm gegenüberstehen.« »Und Zbyszko? Besitzt er eine gute Rüstung?« »Er besitzt einige gute Rüstungen, und die beste ist die von den Friesen erbeutete, denn sie ist in Mailand geschmiedet worden. Erst war sie ihm noch ein wenig zu weit, doch jetzt ist sie wie für ihn gemacht.« »Und an einer solchen Rüstung prallt doch jede Waffe ab? Glaubt Ihr nicht?« »Was Menschenhand geschaffen hat, kann durch Menschenhand auch zerstört werden. Gegen die mailändische Rüstung kämpft man mit dem mailändischen Schwert, und die Engländer schießen ihre Pfeile dagegen ab.« »Die Engländer schießen ihre Pfeile dagegen ab?« fragte Jagienka voll Bestürzung. »Habe ich Dir noch nicht von ihnen gesprochen? Bessere Bogenschützen als sie giebt es nicht auf der ganzen Welt, die Bewohner der masovischen Wälder ausgenommen. Aber die Masuren haben nicht so treffliche Bogen wie die Engländer. Ein englischer Pfeil durchbohrt auf hundert Schritte die beste Rüstung. Bei Wilna habe ich dies mitangesehen. Und kein Engländer verfehlt sein Ziel, und es giebt manche unter ihnen, welche einen Habicht im Fluge treffen.« »O diese Söhne der Hölle! Wie habt Ihr Euch ihnen gegenüber zu helfen gewußt?« »Es giebt kein anderes Mittel, als sich sofort auf sie zu stürzen. Die Hellebarden wissen sie auch gut zu gebrauchen, diese Hundeseelen, aber im Handgemenge können es die Unsrigen wohl mit ihnen aufnehmen.« »Die Hand Gottes hat Euch bisher beschützt, und sie wird nun auch Zbyszko beschützen.« »Gar oft bete ich jetzt in dieser Weise: ›Lieber Gott, Du hast uns erschaffen und in Bogdaniec seßhaft gemacht, daher behüte uns hinfür, auf daß wir nicht zu Grunde gehen!‹ Fürwahr ist es Gottes Sache, uns zu behüten. Die Wahrheit zu sagen, ist es freilich keine kleine Mühe, auf die ganze Welt acht zu geben und nichts zu vergessen, zuvörderst muß sich deshalb der Mensch bei Gott in Erinnerung bringen, indem er der heiligen Kirche gegenüber nicht knausert, zweitens aber sind Gottes Gedanken nicht unsre Gedanken.« So plauderten sie häufig miteinander, sich gegenseitig Mut und Trost zusprechend. Tage, Wochen, Monate verstrichen mittlerweile. Im Herbst bekam Macko einen Zwist mit dem alten Wilk aus Brzozowa. In früherer Zeit schon hatten sich Grenzstreitigkeiten zwischen dem Abte und dem alten Wilk sowie dessen Sohn wegen eines jungen Waldes erhoben, den der Abt, als ihm Bogdaniec verpfändet worden war, in Besitz nahm und ausroden ließ. Damals hatte er seine beiden Widersacher sogar zum Kampfe mit der Lanze oder mit dem langen Schwerte gefordert, sie indessen wollten sich einem Geistlichen nicht stellen und bei dem Gerichte konnten sie nichts erreichen. Nunmehr forderte der alte Wilk jenes Grundstück zurück, Macko aber, welcher auf nichts in der Welt so viel Wert legte wie auf Ländereien und von dem Gedanken geleitet wurde, daß Gerste vortrefflich auf dem Neuacker gedeihen werde, wollte nichts von einer Verzichtleistung hören. Sie würden sich unfehlbar an das Burggericht gewendet haben, wären sie nicht zufälligerweise bei dem Probste in Krzesnia zusammengetroffen. Als dort der alte Wilk plötzlich nach einem heftigen Streite sagte: »Nicht auf die Menschen, wohl aber auf Gott setze ich mein Vertrauen, und er wird Rache an Eurem Geschlechte nehmen für das mir zugefügte Unrecht!« Da ward der ergrimmte Macko sofort weich, er erbleichte, schwieg zuerst eine Weile und sagte dann zu dem zanksüchtigen Nachbarn: »Hört, ich bin es nicht gewesen, der schuld an diesem Zerwürfnis ist, sondern der Abt. Gott weiß, auf wessen Seite das Recht ist; doch wenn Ihr Zbyszko deshalb verfluchen wollt, dann nehmt lieber den Acker, und so wahr ich für meinen Bruderssohn Gesundheit und Glück von Gott herabflehe, so wahr trete ich Euch das Grundstück von Herzen gern ab.« Und er streckte die Hand gegen Wilk aus. Dieser, welcher ihn seit langer Zeit kannte, war nicht wenig erstaunt, denn er hatte keine Ahnung davon, wie viel Liebe das scheinbar so harte Herz Mackos für den Bruderssohn barg, und wie er sich um dessen Schicksal sorgte. Eine Weile vermochte Wilk kein Wort hervorzubringen, und erst als der über diese Wendung der Dinge erfreute Probst von Krzesnia das Zeichen des Kreuzes über sie machte, antwortete er: »Wenn die Sache sich so verhält, dann ist es etwas anderes! Nicht am Gewinn ist mir etwas gelegen – denn ich bin alt und habe niemand, dem ich meine Habe hinterlassen könnte – doch mein Recht wollte ich durchsetzen. Dem, der mir mit Güte entgegenkommt, überlasse ich auch gerne etwas von meinem Eigentum. Und Euern Bruderssohn möge Gott segnen – so daß Ihr ihn in Euern alten Tagen nicht beweinen müßt, wie ich meinen einzigen Sohn beweine! ...« Sie fielen einander in die Arme, und dann stritten sie sich lange darüber, wer das ausgerodete Stück Erde nehmen solle. Macko ließ sich indessen schließlich überreden – zumal Wilk allein auf der Welt stand und tatsächlich niemand hatte, dem er sein Gut hinterlassen konnte. Hierauf lud Macko seinen Nachbar nach Bogdaniec ein, wo er ihn reichlich mit Speise und Trank bewirtete – denn sein Herz war von großer Freude erfüllt. Gewährte ihm doch die Hoffnung, daß Gerste auf dem Neuacker vortrefflich gedeihen werde und zugleich auch der Gedanke, daß er den Fluch Gottes von Zbyszkos Haupt abgewendet habe, die größte Genugthuung. »Wenn er zurückkehrt, wird es ihm an Ländereien und Vieh nicht fehlen,« dachte er. Jagienka war nicht minder vergnügt über diese Vereinbarung. »Wahrlich,« sagte sie, nachdem sie gehört hatte, wie die Sache abgemacht worden war, »wenn unser Herr Jesus, der Barmherzige, zeigen will, daß Eintracht ihm lieber ist als Zank und Streit, dann muß er Zbyszko glücklich zu Euch zurückkehren lassen.« Mackos Gesicht erhellte sich, wie wenn ein Sonnenstrahl darauf gefallen wäre. »So denke ich auch,« erwiderte er. »Unser Herrgott ist allmächtig, daran ist nicht zu zweifeln, aber es giebt auch Mittel, die Gunst der himmlischen Mächte zu erringen, man muß nur klug dabei zu Werk gehen ...« »An Klugheit hat es Euch niemals gefehlt,« entgegnete die Maid, den Blick zu ihm erhebend. Und wie wenn sie im stillen über etwas nachgedacht hätte, fügte sie nach einer Weile hinzu: »Aber wie liebt Ihr auch Euern Zbyszko! Wie liebt Ihr ihn!« »Wer sollte ihn nicht lieben?« antwortete der alte Ritter. »Und Du? Hassest Du ihn etwa?« Darauf gab Jagienka keine direkte Antwort, doch rückte sie näher zu Macko, an dessen Seite sie saß, heran, und das Köpfchen abwendend, stieß sie ihn leicht mit dem Ellbogen an, indem sie sagte: »Laßt mich in Frieden!« Drittes Kapitel. Der Krieg wegen Samogitien zwischen den Kreuzrittern und Witold erregte die Gemüter allzusehr, als daß nicht jeder Einzelne im Königreiche sich um den Verlauf gekümmert hätte. Manche sagten mit Sicherheit voraus, daß Jagiello seinem Blutsverwandten zu Hilfe komme und daß bald ein allgemeiner Feldzug gegen den Orden unternommen werde. Die Ritterschaft sah diesem Feldzuge mit Ungeduld entgegen, und in allen Wohnsitzen der Edelleute versicherte man sich gegenseitig, daß viele der Krakauer Herren, welche dem Rate des Königs angehörten, zu dem Kriege geneigt seien, weil sie dächten, es sei nötig, endlich einmal diesem Feinde die Faust zu zeigen, der sich nie mit dem zufrieden geben wollte, was ihm zukam, und sogar dann darauf ausging, fremdes Eigentum an sich zu reißen, wenn er von Furcht vor der Macht des Nachbarn erfüllt war. Aber der kluge Macko, welcher als erfahrener Mann schon gar viel gesehen und erlebt hatte, glaubte nicht daran, daß der Krieg nahe sei, und sprach sich auch so dem jungen Jasko aus Zgorzelic sowie andern Nachbarn gegenüber aus, welche er in Krzesnia traf. »So lange Meister Konrad am Leben ist, wird es nicht dazu kommen, denn er ist einsichtsvoller als alle andern und weiß, daß es kein gewöhnlicher Krieg, sondern ein Gemetzel wäre. ›Dein Tod oder der meine!‹ so würde es heißen. Und da er die Macht des Königs kennt, wird er dazu die Hand nicht bieten.« »Ei, wenn aber der König zuerst den Krieg erklärt?« fragten die Nachbarn. Macko schüttelte den Kopf. »Seht ... ich habe alles in der Nähe beobachtet und bin im stande, manches zu beurteilen. Wäre der König aus unserm Stamme, wäre er der Abkömmling von Königen, deren Vorfahren schon Christen waren, würde er vielleicht zuerst auf die Deutschen losschlagen. Aber unser Wladislaw Jagiello (ich will seinen Ruhm nicht schmälern, denn er ist ein trefflicher Herrscher, den Gott gesund erhalten möge) war Großfürst von Litauen und noch ein Heide, als wir ihn zum König erwählten. Zum Christentum trat er erst dann über, und die Deutschen verlästern ihn nun in der ganzen Welt, indem sie sagen, seine Seele sei heidnisch geblieben. Daher stünde es ihm schlecht an, zuerst den Krieg zu erklären und Christenblut zu vergießen. Aus diesem Grunde macht er sich nicht auf, um Witold zu Hilfe zu kommen, obwohl ihm die Hände zucken, denn das weiß ich, daß er die Kreuzritter haßt wie die Pest.« Durch solche Reden bekam Macko den Namen eines Mannes, der jedes Ding in das richtige Licht zu stellen vermochte. In Krzesnia war er jeden Sonntag nach der Messe von einem Kreis von Menschen umgeben und allgemach ward es üblich, daß dieser oder jener Nachbar, wenn er irgend eine neue, besondere Kunde vernommen hatte, in Bogdaniec einkehrte, damit ihm der alte Ritter das erklärte, was ein gewöhnlicher Edelmann mit seinem Verstand nicht so rasch zu fassen vermochte. Macko empfing alle freundlich, äußerte sich auch gerne jedem gegenüber, und wenn schließlich der Gast, nachdem er gesagt hatte, was er zu sagen wünschte, wieder aufbrach, vergaß er niemals, ihn mit folgenden Worten zu verabschieden: »Ihr wundert Euch über meinen Scharfblick, aber so Zbyszko, wenn es Gottes Wille ist, zurückkehrt, da werdet Ihr Euch erst recht wundern! Im Rate des Königs sollte er sitzen, solch ein kluger, tüchtiger Bursche ist er.« Und indem er dies seinen Gästen einredete, redete er es schließlich auch sich selbst und Jagienka ein. Den beiden erschien Zbyszko jetzt wie der Königssohn im Märchen. Als der Frühling kam, duldete es sie kaum mehr im Hause. Die Schwalben, die Störche kehrten zurück, der Wachtelkönig ließ seine Stimme wieder auf den Wiesen erschallen, in der grünenden Wintersaat schlugen die Wachteln, Schwärme von Kranichen und Kriechenten waren zuvor schon gekommen – nur Zbyszko allein kehrte nicht zurück. Aber nach dem Eintreffen der Zugvögel aus dem Süden drang von Norden die Kunde her, daß der Krieg ausgebrochen sei. Man sprach von Schlachten und zahlreichen Treffen, in denen der kluge und gewandte Witold bald der Sieger, bald der Besiegte gewesen, man sprach auch von großen Verlusten, welche die Deutschen durch die Kälte und durch Krankheiten erlitten hatten. Schließlich verbreitete sich durch das ganze Land die frohe Nachricht, daß der tapfere Sohn Kiejstuts Neu-Kowno oder Gotteswerder eingenommen, es zerstört und keinen Stein auf dem andern gelassen habe. Als diese Botschaft zu Macko gelangte, bestieg er sein Roß und jagte im Galopp nach Zgorzelic. »Du mußt wissen,« sagte er zu Jagienka, »jene Gegend ist mir bekannt, denn dort haben Zbyszko und ich mit Skirwoillo die Kreuzritter krumm und lahm geschlagen, dort ward auch der biedere de Lorche von uns gefangen genommen. Nun, es war Gottes Wille, daß die Deutschen zu Falle gebracht wurden, denn die Einnahme dieses Kastells war schwierig.« Indessen hatte Jagienka schon vor Mackos Ankunft von der Erstürmung Neu-Kownos, ja auch davon gehört, daß Witold Friedensverhandlungen begonnen habe. Diese letztere Nachricht hatte ungleich größeres Interesse für sie als die erste, denn wenn der Frieden wirklich geschlossen ward, mußte Zbyszko, falls er am Leben geblieben war, zurückkehren. Daher begann sie sofort den alten Ritter auszufragen, ob die Sache glaubwürdig sei, und nachdem er Platz genommen hatte, antwortete er ihr folgendermaßen: »Bei Witold ist alles möglich, denn er ist ganz verschieden von andern Menschen und sicherlich der Klügste von allen Fürsten in der ganzen Christenheit. Will er seine Herrschaft gegen Rußland ausdehnen, so macht er Frieden mit den Deutschen, und hat er dann erreicht, was er sich vorgenommen, so geht er wieder auf die Deutschen los. Diese wissen sich weder ihm gegenüber noch den unglückseligen Samogitiern gegenüber zu helfen. Einmal entreißt er ihnen dies Gebiet, dann giebt er es ihnen wieder zurück, – und er giebt es ihnen nicht nur zurück, sondern er hilft ihnen sogar, wenn es gilt, die Bewohner niederzuhalten. Es giebt Leute unter uns, sogar in Litauen, die es ihm verargen, daß er derart mit dem Leben dieser unglücklichen Menschen spielt. Und offen gesprochen, würde ich es ihm auch zur Schande anrechnen, wenn er nicht Witold wäre; denn ich denke zuweilen, er ist weiser als ich und weiß, was er thut! In der That hörte ich von Skirwoillo selbst, durch dieses Land habe Witold dem Orden ein ewig um sich fressendes Geschwür ins Fleisch gesetzt, so daß dieser niemals mehr gesunden könne. Die Mütter in Samogitien werden aber immer wieder Kinder zur Welt bringen, und es ist nicht schade um vergossenes Blut, wenn es nicht umsonst geflossen ist.« »Für mich handelt es sich nur darum, ob Zbyszko zurückkehrt.« »Wenn es des Herrn Wille ist, so kehrt er zurück. Gott gebe nur, Mädchen, daß Du zu einer glücklichen Stunde gesprochen hast.« Indessen gingen wieder einige Monate dahin. Die Kunde kam, daß der Frieden in der That zustande gekommen war, die schweren Aehren des Getreides wurden gelb, die mit Buchweizen besäten Felder färbten sich rötlich, aber von Zbyszko hörte man nichts. Schließlich, als die nötigste Arbeit gethan war, konnte Macko diese Ungewißheit nicht länger ertragen, er erklärte, er werde nach Spychow aufbrechen, um dort, wo er sich näher bei Litauen befinde, Nachricht einzuholen und zugleich auch zu sehen, wie der Böhme wirtschafte. Jagienka bestand darauf, ihn zu begleiten und weil er ihrem Wunsche nicht willfahren wollte, entspann sich ein heftiger Zwist zwischen ihnen, welcher eine ganze Woche hindurch währte. Da, als sie eines Abends in Zgorzelic wieder deshalb miteinander stritten, stürmte wie ein Wirbelwind ein Bursche aus Bogdaniec, barfuß, auf ungesatteltem Pferde, ohne Mütze auf der blonden Mähne in den Hof und schrie den in der Vorhalle Sitzenden schon von weitem zu: »Der junge Herr ist zurückgekommen!« Zbyszko war in der That zurückgekehrt, aber seltsam, nicht nur abgemagert, elend und ermattet durch die Mühseligkeiten seiner Fahrt, sondern auch gleichgültig und wortkarg. Der Böhme, welcher samt seinem Weibe mit ihm gekommen war, sprach für ihn und für sich selbst. Er sagte, die Unternehmung des jungen Ritters sei offenbar von Erfolg gekrönt gewesen, denn in Spychow habe er auf den Sarg Danusias und aus den Sarg ihrer Mutter ganze Büschel Pfauen- und Straußfedern, die Helmzier seiner Feinde, niedergelegt. Zbyszko hatte auch erbeutete Pferde und Rüstungen mitgebracht, von denen zwei von ungewöhnlichem Werte waren, obgleich sie durch die Hiebe von Schwertern und Streitäxten furchtbar gelitten hatten. Macko brannte vor Neugierde, alles genau aus dem Munde seines Bruderssohnes zu hören, doch dieser machte eine abwehrende Handbewegung und antwortete nur einsilbig. Am dritten Tage erkrankte er und konnte sein Lager nicht verlassen. Es zeigte sich, daß seine linke Seite verletzt war und er zwei Rippen gebrochen hatte, welche, schlecht eingerichtet, ihm beim Gehen und Atmen hinderlich waren. Die Wunden, welche er seiner Zeit im Kampfe mit dem Auerochsen davongetragen hatte, machten sich auch wieder fühlbar, und die Fahrt von Spychow nach Bogdaniec hatte seine Kraft vollständig erschöpft. All dies war zwar an sich nicht gefährlich, denn Zbyszko war ja jung und so stark wie ein Eichbaum, aber mit eins überkam ihn eine unendliche Erschöpfung, wie wenn alle Beschwerden, die er ertragen, nun plötzlich an seinem Marke zehrten. Anfangs glaubte Macko, nach zwei oder drei Tagen vollständiger Ruhe werde alles vorüber sein, aber gerade das Gegenteil stellte sich heraus. Nichts half, weder eine Salbe, noch die vom Schäfer empfohlene Beräucherung mit Kräutern, noch die durch Jagienka und den Priester aus Krzesnia übersandten Heiltränke, Zbyszko ward immer schwächer, immer matter und – immer trauriger. »Was ist Dir? Wünschest Du vielleicht etwas?« fragte ihn der alte Ritter. »Ich habe keinen Wunsch – alles gilt mir gleich,« entgegnete Zbyszko. In dieser Weise ging ein Tag nach dem andern hin. Da verfiel Jagienka auf den Gedanken, daß das Leiden vielleicht kein gewöhnliches sei, daß der junge Ritter vielleicht irgend ein Geheimnis habe, das ihn bedrücke, und daher drang sie in Macko, er möge nochmals zu erforschen suchen, was es sein könne. Ohne Schwanken erklärte sich Macko bereit dazu, doch nach einigem Ueberlegen bemerkte er: »Ei, würde er es Dir nicht lieber sagen als mir? Denn er hat Dich ja gerne, und das habe ich auch gesehen, daß er Dich immer mit den Augen verfolgt, wenn Du durch die Stube gehst.« »Das habt Ihr gesehen?« fragte Jagienka. »Wenn ich sage, daß er Dich mit den Augen verfolgt, so verfolgt er Dich mit den Augen. Und kommst Du lange Zeit nicht hierher, dann schaut er immer und immer wieder nach der Thüre. Frage Du ihn!« Und dabei hatte es sein Bewenden. Indessen zeigte es sich, daß Jagienka nicht wußte, was sie fragen solle, und auch nicht den Mut fand zu fragen. So oft es dazu kommen sollte, sagte sie sich, sie müsse von Danusia und von Zbyszkos Liebe für die Dahingeschiedene sprechen, dies aber vermochte sie nicht über die Lippen zu bringen. »Ihr seid klüger als ich,« sagte sie zu Macko, »Ihr habt mehr Verstand und Erfahrung, redet Ihr mit ihm, ich vermag es nicht.« Demnach mußte sich Macko der Aufgabe unterziehen, ob er es nun gern oder ungern that, und eines Morgens, da Zbyszko etwas munterer zu sein schien als gewöhnlich, hub er also mit ihm zu sprechen an: »Hlawa erzählte mir, daß Du ein ganzes Bündel Pfauenbüsche in dem Grabgewölbe zu Spychow niedergelegt hast.« Ohne den Blick von der Stubendecke abzuwenden, auf die er schaute, nickte Zbyszko nur bejahend mit dem Kopfe. »Nun, der Herr Jesus gewährte Dir Glück, denn in Kriegszeiten ist es leichter, Troßknechte zu finden als Ritter. Knechte kannst Du erschlagen so viele Du willst, aber nach Rittern muß man zuweilen gut Umschau halten. Haben sie sich Dir denn ohne weiteres gestellt?« »Etliche habe ich mehrmals zum Kampfe auf festgetretener Erde gefordert und einmal umringten sie mich in der Schlacht,« entgegnete der Kranke in lässigem Tone. »Beute hast Du genug mitgebracht.« »Zum Teil erhielt ich sie von Knäs Witold zum Geschenk.« »Ist er immer noch so freigebig?« Zbyszko nickte wieder mit dem Kopfe, da er offenbar keine Neigung fühlte, das Gespräch fortzusetzen. Aber Macko ließ sich nicht von seinem Vorhaben abbringen und beschloß nun, zur Sache überzugehen. »Sage mir offen,« begann er, »nachdem Du die Pfauenbüsche auf jene Särge niedergelegt hattest, mußt Du Dich doch unendlich erleichtert gefühlt haben? Jeder Mensch ist froh, wenn er sein Gelübde erfüllt hat. Bist Du froh gewesen? Nun?« Zbyszko wendete den trüben Blick von der Decke ab, richtete ihn auf Macko und antwortete gleichsam mit einer gewissen Verwunderung: »Nein!« »Nicht? Heiliger Gott! Ich glaubte, wenn Du jenen Seelen im Himmel Genüge gethan, würden Deine Kümmernisse zu Ende sein.« Der Leidende schloß eine Weile die Augen, als ob er über etwas nachsinne, und schließlich sagte er: »Den erlösten Seelen verlangt es offenbar nicht nach dem Blute der Menschen.« Ein kurzes Schweigen folgte. »Weshalb zogst Du aber in den Krieg?« fragte Macko. »Weshalb?« rief Zbyszko lebhaft aus, »weil ich selbst dachte, daß es mir Erleichterung bringe. Weil ich selbst dachte, daß es Danuska und mich befriedigen werde. Aber als ich das Grabgewölbe verließ, wo die Särge stehen, faßte mich Staunen, denn ich fühlte mich noch ebenso bedrückt wie zuvor. Daher ist es ganz klar, daß den erlösten Seelen nicht nach Menschenblut verlangt.« »Das muß Dir jemand gesagt haben, Du selbst bist nicht auf den Gedanken gekommen.« »Ich selbst habe es daraus entnommen, daß mir die Welt nicht heiterer erschien als zuvor. Und Pater Kaleb bestärkte mich in meiner Meinung.« »Einen Feind im Kriege zu töten, ist keine Sünde, ja, es ist sogar lobenswert, und Deine Widersacher sind Feinde unseres Geschlechtes gewesen.« »Auch ich betrachte es nicht als Sünde und beklage jene Deutschen nicht.« »Dann härmst Du Dich also immer noch um Danusia?« »Wahrlich, wenn ich ihrer gedenke, dann wird mir weh ums Herz. Aber das ist der Wille Gottes! Ihr ist wohl in den himmlischen Gefilden, und ich habe mich jetzt in alles gefunden.« »Weshalb schüttelst Du diese Schwermut nicht ab? Was ist's, das Dir not thut?« »Ich weiß es nicht, aber ...« »An Ruhe fehlt es Dir wahrlich nicht und Du wirst nun bald gesunden. Gehe ins Bad, erfrische Dich, trinke einen Krug Meth, damit Du in Schweiß kommst, das wird Dir gut thun.« »Nun, und was dann?« »Und sofort wird Deine Heiterkeit zurückkehren.« »Wie wäre dies möglich? Ich bin nicht heiter, und die frühere Heiterkeit in mir zu erwecken, das vermag niemand.« »Du verbirgst mir etwas!« Zbyszko zuckte die Achseln. »Ich kenne keine Heiterkeit, doch habe ich auch nichts zu verbergen.« Und er sprach so offenherzig, daß Macko wieder von seinem Argwohn abkam, er strich mit der breiten Hand seine grauen Haare glatt, wie er häufig zu thun Pflegte, wenn er angestrengt über etwas nachdachte, und bemerkte schließlich: »Ich will Dir sagen, was Dir fehlt. Die Vergangenheit ist abgethan für Dich, über die Zukunft aber bist Du Dir noch nicht im Klaren, verstehst Du mich?« »Ein wenig, aber nicht ganz,« antwortete der Kranke. Und er streckte und dehnte seine Glieder wie ein Mensch, den der Schlaf überwältigt. Macko indessen war überzeugt, daß er die wahre Ursache erraten hatte, und er freute sich ungemein darüber; denn nun fühlte er sich vollständig beruhigt. Sein Vertrauen auf die eigene Klugheit wuchs und er dachte bei sich: »Es ist kein Wunder, daß die Leute mich so häufig zu Rate ziehen.« Als nach dieser Unterredung, am Abend desselben Tages, Jagienka in den Hof einritt, verkündete er ihr, bevor sie noch vom Pferde steigen konnte, daß er wisse, was Zbyszko fehle. Da glitt die Maid rasch vom Sattel herab und fragte hastig: »Nun was ist's? Sprecht!« »Du allein besitzest das richtige Heilmittel für ihn.« »Ich? Was meint Ihr?« Er legte den Arm um sie und flüsterte ihr etwas in das Ohr, doch sie lies sofort wieder von ihm weg, und ihr Antlitz zwischen der Pferdedecke und dem hohen Sattel verbergend, rief sie aus: »Geht, ich mag Euch nicht leiden!« »So gewiß ich Gott liebe, spreche ich die Wahrheit!« entgegnete Macko lachend. Viertes Kapitel. Der alte Macko war der Wahrheit ziemlich nahe gekommen. Zbyszko hatte in der That mit der Vergangenheit abgeschlossen. So oft der junge Ritter Danusias gedachte, fühlte er tiefes Leid um sie, gleichwohl sagte er sich, es sei besser für sie, in himmlischen Gefilden zu wandeln, als am Hofe des Fürsten Janusz zu weilen. Er hatte sich schon in den Gedanken eingelebt, daß sie der Erde entrückt war, er hatte sich damit vertraut gemacht und meinte, es könne nicht anders sein. Einst in Krakau hatte er auf den in Blei gefaßten Kirchenfenstern die farbenreichen, in der Sonne schimmernden Abbildungen der heiligen Jungfrau angestaunt, und jetzt stellte er sich Danusia geradeso vor. Er sah ihr schönes, verklärtes Antlitz, das ein wenig zur Seite gewendet war, ihre gefalteten Händchen, die gen Himmel gerichteten Augen, er sah dann auch, wie sie unter den himmlischen Heerscharen, welche zu Ehren der Mutter Gottes und des Kindes musizieren, in die Saiten der Laute griff. Nichts Irdisches haftete ihr jetzt mehr an, zu einem reinen, körperlosen Wesen war sie ihm geworden, und so oft er daran dachte, wie sie Hoffräulein gewesen, wie sie im Jagdschlosse geplaudert und gelacht hatte, wenn sie mit andern bei Tische saß, überkam ihn eine gewisse Verwunderung, daß dies möglich gewesen war. Schon während des Kriegszuges unter Witold, da sein ganzes Sinnen und Trachten auf Kampf und Schlacht gerichtet war, hatte er der Verstorbenen nicht mehr gedacht wie ein Gatte, der sich nach der Gattin sehnt, sondern er hatte sie angebetet, wie ein Frommer seine Schutzheilige. Auf diese Weise ward seine Liebe mehr und mehr zu einer süßen, himmlisch reinen Erinnerung, ja, schließlich verwandelte sie sich geradezu in andächtige Verehrung. Wäre er ein Mensch von schwächerem Körperbau und größerer Denkkraft gewesen, so wäre er wohl Mönch geworden, und in der Stille des Klosterlebens hätte er jene himmlisch reine Erinnerung in sich bewahrt bis zu dem Augenblick, da die Seele, von irdischen Banden befreit, sich in den unendlichen Raum erhebt, gleich dem aus seinem Käfig entflohenen Vogel. Aber er stand noch im Anfang der zwanziger Jahre, er konnte mit der Faust den Saft aus einem harten Aste herausdrücken, er konnte sein Roß derart mit den Schenkeln zusammenpressen, daß dem Tiere der Atem ausging. Im großen und ganzen glich er den andern Edelleuten jener Zeit. Diejenigen, welche nicht in der Kindheit starben oder Priester wurden, kannten weder Maß noch Ziel in der Bethätigung ihrer Kraft, manche unter ihnen führten sogar ein ganz zügelloses Leben, ergaben sich der Trunksucht, ließen sich Räubereien zu schulden kommen, wieder andere verheirateten sich in früher Jugend, und wurden sie in reiferem Alter zum Kriege aufgeboten, dann zogen sie mit vierundzwanzig oder auch mehr Söhnen aus, die alle an Stärke mit wilden Ebern wetteifern konnten. Daß er den bessern Rittern glich und sich mit ihnen messen konnte, dessen war sich Zbyszko nicht bewußt, zumal er gleich nach seiner Rückkehr erkrankte. Allmählich jedoch heilten die schlecht eingerichteten Rippen wieder und nur auf der Seite blieb eine kaum bemerkbare Anschwellung zurück, die ihn jedoch in keiner Weise hinderte und die nicht allein durch den Panzer sondern auch durch gewöhnliche Kleidung vollständig verdeckt werden konnte. Die Ermattung Zbyszkos war vorüber. Seine dichten, blonden Haare, die er gegen das Ende der Trauerzeit schließlich doch noch abgeschnitten hatte, waren wieder gewachsen und fielen ihm über die Schultern herab. Er hatte die frühere ungewöhnliche Schönheit wiedererlangt. Als er vor einigen Jahren in Krakau dem Tod durch Henkershand entgegenging, sah er aus wie ein Jüngling von edlem Geschlechte, jetzt aber war er noch viel schöner geworden, war er in der That einem Königssohne zu vergleichen. Schultern, Brust, Lenden und Arme hatten etwas von dem gewaltigen Körperbau eines Riesen, sein Antlitz hingegen war dem eines Mägdleins ähnlich. Die sich in ihm regende Lebenskraft, durch die lange Ruhe noch mächtiger geworden, schäumte nun in ihm auf, sodaß es ihm wie Feuer durch die Adern lief. Er aber, der nicht wußte, was dies bedeutete, wähnte, er sei immer noch krank und verließ sein Lager nicht, froh daß Macko und Jagienka ihn behüteten und pflegten und ihm in allem willfahrten. Zuweilen dünkte ihn, daß er glücklich, daß er wie im Himmel sei, zuweilen auch – vornehmlich wenn Jagienka sich nicht bei ihm befand – erschien ihm sein Dasein elend, trübselig, unerträglich. Dann dehnten sich seine Muskeln krampfhaft aus, eine wahre Fieberhitze ergriff ihn, und er erklärte Macko, sobald er seine Gesundheit wiedererlangt habe, ziehe er wieder in die Ferne bis an das Ende der Welt, gegen die Deutschen, die Tataren – oder gegen ein anderes barbarisches Volk – nur um dies Leben los zu werden, das schwer auf ihm laste. Anstatt mit ihm zu streiten, nickte dann Macko mit dem Kopfe und stimmte ihm bei – aber mittlerweile sandte er zu Jagienka, bei deren Ankunft stets jeder Gedanke Zbyszkos an neue kriegerische Unternehmungen schwand, wie der Schnee zerschmilzt, wenn die Frühjahrssonne ihn erwärmt. Sie aber kam eilfertig, nicht nur der Aufforderung wegen, sondern auch aus freiem Willen, denn sie liebte Zbyszko von ganzer Seele und von ganzem Herzen. Während ihres Aufenthaltes an dem Hofe des Bischofs und des Fürsten zu Plock, hatte sie Ritter erschaut, die ebenso schön, ebenso berühmt wegen ihrer Kraft und Tapferkeit waren, und die mehr denn einmal vor ihr niederknieten, um ihr Treue bis zum letzten Atemzuge zu geloben, aber Zbyszko war ihr Auserwählter, ihn hatte sie schon in früher Jugend mit aller Inbrunst einer ersten Neigung geliebt, und durch sein unglückliches Schicksal hatte ihre Liebe in dem Maße zugenommen, daß er ihr jetzt unendlich wert und hundertmal teurer war als alle Ritter, ja als alle Fürsten der Erde. Jetzt, da er mit der zurückkehrenden Gesundheit jeden Tag schöner ward, verwandelte sich schließlich ihre Neigung in solche Leidenschaft, daß für sie die ganze Welt rings umher zu versinken schien. Sich selbst gestand sie indessen dies Gefühl nicht einmal ein, und vor Zbyszko verheimlichte sie es sorgfältig, aus Furcht, er könne sie deshalb geringschätzen. Sogar Macko gegenüber zeigte sie sich jetzt ebenso vorsichtig und schweigsam, wie sie früher vertrauensvoll gewesen war. Einzig nur die zarte Sorge, die sie bei der Pflege des Leidenden an den Tag legte, hätte sie verraten können, daher suchte sie nach einem Vorwande, der ihr häufiges Kommen erklären sollte, und eines Tages sagte sie zu Zbyszko: »Wenn ich ein wenig auf Dich acht gebe, so geschieht es nur aus Zuneigung für Macko. Du hast wohl an einen besondern Grund gedacht? Sprich!« Und wie wenn sie vorn an der Stirne ihre Haare ordnen wolle, bedeckte sie ihr Gesicht mit der Hand und blickte ihn durch ihre Finger aufmerksam an, er aber, betroffen durch diese unerwartete Frage, antwortete erst nach einer Weile tief errötend: »Ich habe an keinen besondern Grund gedacht. Du bist jetzt eine andere geworden.« Ein tiefes Schweigen folgte. »Eine andere?« fragte Jagienka schließlich in leisem, weichem Tone – »Gewiß bin ich anders geworden! Aber daß Du mir jemals gleichgültig werdest, dazu kann es, bei Gott, niemals kommen!« »Gott lohne Dir für dies Wort!« entgegnete Zbyszko. Von nun an verkehrten sie zwar auf freundschaftlichem Fuße miteinander, doch lag in ihrem ganzen Gebaren etwas Steifes, Gezwungenes. Zuweilen kam es vor, daß sie miteinander plauderten, aber dabei an ganz andere Dinge dachten. Häufig auch verstummten beide plötzlich. Von seinem Lager aus verfolgte Zbyszko, wie Macko gesagt hatte, Jagienka fortwährend mit den Augen, wohin sie sich auch wendete, denn manchmal erschien sie ihm so wunderbar schön, daß er sie nicht genug betrachten konnte. Nicht selten trafen sich ihre Blicke plötzlich und dann überzog eine helle Glut beider Wangen, und ihre Pulse klopften, wie wenn sie erwartete, etwas zu hören, das ihr Herz erweichen und es ihm vollständig zu eigen machen müsse. Doch Zbyszko schwieg stille, hatte er doch seine frühere Kühnheit vollständig eingebüßt; er fürchtete Jagienka durch ein unbedachtes Wort zu erschrecken, ja, er redete sich trotz allem, was er sah, ein, sie bringe ihm, und zwar nur Macko zu Gefallen, eine mehr schwesterliche Liebe entgegen. Er erwähnte dies auch einmal seinem Ohm gegenüber. Umsonst bemühte er sich indessen, ruhig, gleichgültig zu sprechen. Ohne es sich selbst klar zu machen, geriet er in immer größere Erregung, wurde er immer bitterer in seinen Aeußerungen. Macko hörte Jagienka begann schließlich, die Arme erhebend, Zbyszkos goldblondes Haar zu kämmen. anfänglich alles geduldig mit an, schließlich aber sagte er nur das eine Wort »Thor« und verließ die Stube. Kaum befand er sich aber im Stalle, rieb er sich schmunzelnd die Hände und schlug sich vor Freude auf die Schenkel. »Hei,« murmelte er vor sich hin, »wenn sie Dir ohne weiteres in die Arme fiele, würdest Du sie nicht anschauen. Ein wenig Angst kann Dir gar nichts schaden, denn Du bist ein Thor. Während Dir der Mund wässerig gemacht wird, baue ich die Burg. Nichts liegt mir ferner, als Dir in die Hände zu arbeiten, als Dir die Binde von den Augen zu nehmen, ob Du nun auch noch wilder um Dich schlagen magst wie alle Pferde in Bogdaniec. Um ein verlöschendes Feuer aufflammen zu machen, muß man nur Späne darauf werfen; das Feuer bei Dir anzufachen, ist aber, wie ich glaube, durchaus nicht nötig.« Nein, Macko fachte das Feuer nicht an, im Gegenteile, er entmutigte und quälte Zbyszko in jeder Weise, gleich einem alten, schlauen Spötter, der sich an der Unerfahrenheit der Jugend ergötzt. Als daher eines Tages Zbyszko abermals seinen Entschluß kundgab, in den Krieg zu ziehen, damit er, wie er erklärte, einem ihm unerträglichen Leben entrinne, da meinte der alte Ritter: »Solange auf Deinen Lippen noch kein Flaum sproßte, erteilte ich Dir Ratschläge, nun aber – thue, was Du willst. Wenn Du, Deinem eigenen Ermessen folgend, es für ratsam hältst, von hinnen zu ziehen, so gehe nur, so gehe nur.« Aufs höchste überrascht, richtete sich Zbyszko auf seinem Lager empor: »Was soll das heißen?« rief er. »Ihr widersetzt Euch meinem Vorhaben nicht?« »Weshalb sollte ich mich widersetzen? Mir war es nur um unser Geschlecht zu thun, das mit Dir zu Grunde gehen könnte. Doch vielleicht habe ich jetzt ein Mittel gefunden, um dies zu vereiteln.« »Was für ein Mittel?« fragte Zbyszko beunruhigt. »Was für eines? Bei meiner Treu, ich habe zwar eine beträchtliche Anzahl von Jahren aus dem Rücken, das läßt sich nicht leugnen – allein es ist immer noch Kraft in meinen Knochen. Sicherlich hätte ein jüngerer als ich bei Jagienka mehr Aussicht – doch da ich ein Freund ihres Vaters war – wer weiß, ob ich nicht –« »Wohl seid Ihr ein Freund ihres Vaters gewesen, warf jetzt Zbyszko ein, mir aber habt Ihr auch ein Wohlwollen bewiesen – ein – ein ...« Hier mußte der junge Ritter innehalten, weil seine Lippen bebten, allein Macko erklärte: »Traun! Da Du einmal entschlossen bist. Dich selbst zu Grunde zu richten, kann ich nichts dagegen thun.« »Ei, macht, was Ihr wollt – ich aber ziehe heute schon in die weite Welt.« »Thor!« murmelte Macko abermals vor sich hin. Dann verließ er rasch die Stube, um nach den Knechten zu sehen, welche einen Graben rings um das Kastell ausstechen sollten und die zum Teil aus Bogdaniec selbst stammten, zum Teil ihm aber aus Zgorzelic und aus Moczydoly von Jagienka zur Hilfe gesandt worden waren. Fünftes Kapitel. Zbyszko führte seine Drohung, Bogdaniec zu verlassen, freilich nicht aus, aber nach Verlauf einer weiteren Woche fühlte er sich so sehr gekräftigt, daß es ihn auch nicht mehr länger auf dem Lager litt. Jetzt erklärte ihm Macko fortwährend, sie müßten sich vor allem nach Zgorzelic begeben, um Jagienka für die erwiesene Fürsorge zu danken. Demzufolge entschloß sich denn Zbyszko eines Tages, nachdem er sich noch zuvor durch ein Bad erfrischt hatte, den Wunsch seines Ohms zu erfüllen. Zu diesem Zwecke ließ er sich aus der Lade ein prächtiges Gewand reichen, das er mit seiner Alltagskleidung vertauschen wollte, und versuchte nun, sein Haar zu kämmen und zu ordnen. Doch dies ließ sich nicht so leicht bewerkstelligen, denn die Schwierigkeit lag nicht allein in der ungewöhnlichen Fülle der Haare, die dem jungen Kämpen gleich einer Mähne über Rücken und Schultern hingen. Im gewöhnlichen Leben pflegten zwar die Ritter ihre Haare in einem Netze zu tragen, das die Form eines Pilzes hatte, was in Kriegskünsten den Vorteil bot, daß die Helme nicht so schwer auf den Köpfen lasteten, dagegen bei Anlaß von Festlichkeiten, bei Vermählungsfeierlichkeiten oder vor dem Eintreffen in irgend einer Burg, in der sich ein Jungfräulein befand, suchten sie die kunstvoll gekräuselten Haare mittelst Eiweiß haltbar zu machen. Diese Sitte wollte nun auch Zbyszko nachahmen. Doch siehe da, die beiden aus der Gesindestube entbotenen Weiber zeigten sich außer stande, die für sie ungewohnte Aufgabe zu erfüllen. Das durch das Bad rauh gewordene Haar stand wie das Stroh eines schlecht gedeckten Hüttendaches nach allen Richtungen hin auseinander und wollte sich selbst nicht durch die von den Friesen erbeuteten, aus Büffelhorn gearbeiteten Kämme bändigen lassen, ja, sogar die Pferdestriegel nützten nichts, welche die eine der Frauen schließlich aus dem Stalle holte. Zbyszko begann allmählich ungeduldig zu werden, da trat unerwartet Macko mit der zu dieser Zeit selten erscheinenden Jagienka in die Stube. »Gelobt sei Jesus Christus!« lautete der Gruß der Maid. »In alle Ewigkeit!« antwortete Zbyszko, dessen Antlitz plötzlich strahlte. »Traun, welch merkwürdiger Zufall! Gerade trafen wir die nötigen Vorbereitungen, um Dich aufzusuchen, und nun bist Du hier.« Mit vor Freude glänzenden Augen saß er nun da, denn so war es stets mit ihm: sobald er sie erblickte, ward ihm so froh zu Mute, als ob er plötzlich die aufgehende Sonne erschaue. Kaum hatte indessen Jagienka die mit dem Kamme in der Hand ratlos dastehenden Frauen gesehen, kaum hatte sie die auf der Bank neben Zbyszko liegenden Pferdestriegel, sowie dessen nach allen Richtungen auseinander stehenden Haare wahrgenommen, so brach sie in lautes Lachen aus. »Fürwahr, wie ein Strohwisch, wie ein Strohwisch siehst Du aus!« erklärte sie noch immer lachend, wobei ihre schönen, weißen Zähne zwischen den Korallenlippen sichtbar wurden. »Man könnte Dich in ein Hanffeld oder zwischen Kirschenbäume setzen, um die Vögel zu verscheuchen.« Zbyszkos Antlitz verdüsterte sich plötzlich und er erwiderte: »Wir trafen Anstalten, Dich in Zgorzelic aufzusuchen. Deinem Gast in Zgorzelic würdest Du wahrlich nicht in solcher Weise begegnen, hier aber magst Du über mich spotten soviel Du willst, denn, bei meiner Treu, Du spottest nur zu gern über mich.« »Ich über Dich spotten!« rief Jagienka aus. »Ei, barmherziger Gott! Um Dich und Deinen Ohm zum Abendbrote zu mir zu laden, bin ich hierher gekommen, und ich lache nicht über Dich, sondern über diese Frauen. Wenn ich an deren Platz stünde, wüßte ich mir besser Rat.« »Dazu würdest Du Dich doch nie verstehen.« »Wer kräuselt denn Jaskos Haar?« »Jasko ist Dein Bruder!« warf jetzt Zbyszko ein. »Freilich, das ist wahr!« Nun entschloß sich der alte und erfahrene Macko, den beiden zu Hilfe zu kommen. »Wenn sich in irgend einem Geschlechte der edelgeborene Knabe nach der Wehrhaftmachung die Haare wachsen läßt, ordnet sie ihm die Schwester, kommt er in das reifere Alter, dann tritt an die Stelle der Schwester das Eheweib, und besitzt ein Ritter weder Eheweib noch Schwester, so leistet ihm eine edelgeborene Maid diesen Dienst, ob sie ihm nun blutsverwandt sei oder nicht.« »Besteht in der That eine solche Sitte?« fragte Jagienka, die Augen niederschlagend. »Ja, und diese Sitte herrscht nicht nur auf den Edelsitzen und in den Burgen, sondern selbst an dem Hofe des Königs!« versetzte Macko. »Ihr beide,« wandte er sich hierauf an die Weiber, »könnt in die Gesindestube zurückkehren, da Ihr hier doch nichts zu thun habt.« »Laßt mir durch sie heißes Wasser bringen!« bat jetzt Jagienka. Macko verließ mit den Frauen die Stube, um darauf zu achten, daß das Gewünschte rasch besorgt werde, und nachdem das heiße Wasser gebracht worden war, blieben die beiden jungen Menschenkinder allein. Jagienka machte sofort ein Tuch naß, befeuchtete damit das starke Haar Zbyszkos, das durch den feuchten Dampf geschmeidig wurde, und setzte sich dann mit einem Kamme in der Hand auf die Bank, um ihr Werk zu beginnen. Und so saßen sie nun, Seite an Seite, beide über die Maßen schön, beide von heißer Liebe zu einander entbrannt, aber beide verwirrt und schweigsam. Jagienka begann schließlich, die Arme erhebend, Zbyszkos goldblondes Haar zu kämmen, dieser aber erbebte an allen Gliedern als sie ihm so nahe kam, und mußte seine ganze Willenskraft aufbieten, um die geliebte Maid nicht zu umfassen und an seine Brust zu drücken. Nichts war hörbar als das schwere, rasche Atmen der beiden. »Bist Du krank?« fragte endlich Jagienka, das Schweigen brechend. »Was versetzt Dich denn in solche Erregung?« »Nichts!« entgegnete der junge Ritter. »Weshalb atmest Du dann so schwer?« »Ich höre auch Deine mühsamen Atemzüge.« Und wieder verstummten die beiden. Jagienkas Wangen glühten, fühlte sie doch, daß Zbyszkos Blick unaufhörlich auf ihr haftete. Dies ward ihr allmählich geradezu peinlich und so fragte sie abermals: »Warum blickst Du mich so eigentümlich an?« »Ist es Dir lästig?« »Nein, lästig ist es mir nicht. Ich frage Dich ja nur.« »Jagienka!« »Was willst Du?« Zbyszko holte tief Atem, seufzte und bewegte immer wieder vergeblich die Lippen, um etwas zu sagen, allein es gebrach ihm offenbar an Mut dazu, denn er wiederholte nur: »Jagienka.« »Was willst Du?« – – – – – – »Ich möchte Dir etwas sagen. Doch ich ängstige mich zu sehr.« »Weshalb denn? Ich bin kein Drache, sondern ein einfaches Mägdlein.« »Fürwahr, ein Drache bist Du nicht! Doch der Ohm Macko deutete mir an, daß er Dich erwählt habe!« »Freilich hat er mich erwählt, aber nicht für sich selbst!« rief nun Jagienka, hielt aber dann plötzlich inne, wie erschreckt über ihre eigenen Worte. »Bei dem barmherzigen Gotte! Meine Jagus! Und was denkst Du darüber, Jagus?« schrie Zbyszko auf. Da füllten sich Jagienkas Augen mit Thränen, ihre Lippen begannen zu beben und sie erwiderte mit einer so leisen Stimme, daß Zbyszko sie kaum verstehen konnte: »Es war der Wunsch meines Väterchens, der Wunsch des Abtes – und ich – nun – Du weißt es ja!« Diese Worte erregten eine unaussprechliche Wonne in Zbyszkos Herz. Mit seiner Selbstbeherrschung war es zu Ende. Er umfaßte die Maid und, sie wie eine Feder emporhebend, rief er ganz fassungslos vor Glück: »Jagus! Jagus! Du mein alles. Du meine Sonne! Hei! hei!« Und er schrie dermaßen, daß der alte Macko, in der Meinung, es sei ein Unglück geschehen, in die Stube gestürzt kam. Als er indessen Jagienka in den Armen seines Bruderssohnes erblickte, ward er von Staunen darüber ergriffen, daß sich alles so unerwartet rasch abgewickelt hatte, und rief: »Im Namen des Vaters und des Sohnes! Mäßige Dich, Bursche!« Blitzschnell eilte Zbyszko auf seinen Ohm zu und ließ dann Jagienka zur Erde gleiten. Beide wollten sich hierauf vor dem alten Ritter auf die Knie werfen, doch bevor sie ihre Absicht ausführen konnten, hatte sie jener mit seinen sehnigen Armen umfaßt, und sie mit aller Macht an seine Brust drückend, sagte er voll Rührung: »Gelobt sei Gott! Wohl hoffte ich, daß es so kommen werde, allein trotzdem überwältigt mich die Freude. Gott segne Euch! Nun kann ich ruhig sterben. Dies Mägdlein ist dem reinsten Golde zu vergleichen. Vor Gott und der Welt will ich es bezeugen. Nun lasse ich geduldig alles über mich ergehen, nun, da mir solch ein Glück zu teil geworden ist. Gott hat uns zwar schwer geprüft, aber Gott hat uns nun auch Trost verliehen. Wir müssen uns sofort nach Zgorzelic begeben. Jasko soll gleich alles erfahren. Hei! wenn jetzt der alte Zych noch lebte! Und der Abt! Doch ich werde bei Euch die Stelle beider vertreten, denn ich liebe Euch so unendlich, daß ich mich schäme, davon zu sprechen.« Wenn nun auch im Laufe der Jahre durch das Leben das Herz des alten Ritters hart geworden war, überkam ihn jetzt doch eine solche Rührung, daß er kaum mehr zu reden vermochte. So küßte er denn Zbyszko und dann Jagienka auf beide Wangen, indem er mit von Thränen erstickter Stimme stammelte: »So süß wie Honig ist die Maid!« um gleich darnach die Stube zu verlassen. Die Pferde sollten gesattelt werden, deshalb wollte er sich in den Stall begeben. Er war indessen so von Freude berauscht, daß er, wie ein Trunkener dahin taumelnd, gegen die Sonnenblumen stieß, die vor dem Hause wuchsen. »Traun,« sagte er zu sich selbst, während er auf die dunkeln mit goldenen Blättern umrahmten Scheiben blickte, »traun, gar reich sind sie an Frucht, doch wenn es Gottes Wille ist, werden sie von dem Geschlechte der Grady in Bogdaniec noch übertroffen werden.« Sich dem Stalle zuwendend, fuhr er in seinen Betrachtungen fort. »Bogdaniec, die von dem Abte zugefallene Erbschaft, Spychow, Moczydoly,« murmelte er vor sich hin. »Gott weiß doch stets alles zum Guten zu lenken. Die Tage des alten Wilk sind gezählt und Brzozowa ist wohl eines Kaufes wert – mit seinen trefflichen Wiesen.« Inzwischen waren auch Jagienka und Zbyszko aus dem Hause getreten, fröhlich, glücklich, strahlend wie die Sonne. »Ohm!« rief Zbyszko schon von weitem. Der alte Ritter wandte sich um, streckte die Arme aus, wie er im Walde zu thun Pflegte, und rief: »Kommt her zu mir!« – – – – – – Elfter Teil. Erstes Kapitel. Sie hausten in ihrem Heim zu Moczydoly als ein glücklich verbundenes Paar, während der alte Ritter ihnen die Burg in Bogdaniec erbaute. Dieser Bau verursachte ihm viel Plage, denn er wollte die Grundmauern aus Kalksteinen, die Warte aus Ziegelsteinen aufführen lassen, die nur sehr schwer in dieser Gegend beschafft werden konnten. Im Laufe des ersten Jahres wurde der Graben fertiggestellt, eine Arbeit, die dadurch unendlich erleichtert ward, weil die Anhöhe, auf welche der Bau zu stehen kommen sollte, schon früher, vielleicht noch in heidnischer Zeit, mit einem Graben umgeben worden war. An zahlreichen Stellen brauchten daher nur die Bäume und die Weißdornhecken, die nach und nach aus dem uralten Zeiten entstammenden Graben emporgeschossen waren, entfernt und dieser etwas breiter und tiefer gemacht zu werden. Bei dieser Arbeit stießen die Leute auf eine so ergiebige Quelle, daß das Wasser sich rasch verbreitete und Macko einen Abfluß dafür herstellen lassen mußte. Nachdem der Wall mit einem Palissadenringe versehen war, ging der alte Ritter daran, das nötige Holz für den Bau auszuwählen, Eichenstämme, die so umfangreich waren, daß drei Männer sie nicht umspannen konnten, und Lärchenstämme, bei denen man annehmen durfte, daß sie weder unter dem Mörtelbewurfe, noch unter einer Bedeckung mit Rasenstücken faulen würden. Trotzdem ihm aber auch hiefür Leute sowohl aus Zgorzelic wie aus Moczydoly zur Verfügung standen, begann er erst nach einem Jahre mit der Errichtung des Gebälkes, die er jedoch dann um so eifriger betrieb, als Jagienka Zwillingen das Leben schenkte. Der Himmel schien sich vor dem alten Ritter aufzuthun! Jetzt wußte er, für wen er sich mühte, für wen er arbeitete, jetzt wußte er, daß das Geschlecht der »Grady« erhalten bleiben, daß das stumpfe Hufeisen auf dessen Wappen noch mehr als einmal von dem Blute eines Feindes bespritzt werde. Die Zwillinge erhielten die Namen Macko und Jasko. »Das sind Bursche,« Pflegte der alte Ritter zu sagen, »die sind über alles Lob erhaben. In dem größten Königreiche findet man nicht zwei, die ihnen gleichkämen – und noch ist nicht aller Tage Abend.« Er umfaßte sie sofort mit unermeßlicher Liebe, aber Jagienka selbst galt ihm mehr als die ganze Welt. Wer sie vor ihm pries, der konnte alles bei ihm erreichen. Zbyszko wurde weit und breit seines Weibes halber beneidet, das ihm ja nicht nur großen Reichtum zugebracht hatte, sondern in solch herrlicher Schönheit erstrahlte, wie die schönste Blume auf weiter Flur. Wohl hatte ihr Ehegemahl eine reiche Morgengabe mit ihr bekommen, allein was wollte dies bedeuten gegen die heiße Liebe, die sie ihm schenkte, gegen ihre bezaubernde Schönheit, gegen ihre edeln Sitten und gegen eine Klugheit, derer sich mancher Ritter gar gern gerühmt hätte. Es fiel Jagienka nicht schwer, schon wenige Tage nach der Geburt der Zwillinge dem Hause wieder vorzustehen, mit ihrem Gatten zu jagen oder in der Frühe von Moczydoly nach Bogdaniec zu reiten, um gegen Mittag bei Macko und Jasko Zurück zu sein. War es daher nicht natürlich, wenn ihr Ehegemahl sie wie seinen Augapfel liebte, wenn sie der alte Macko liebte, wenn sie von den Bediensteten, für die sie ein menschliches Herz hatte, angebetet ward, und wenn an jedem Sonntag in Krzesnia bei ihrem Eintritt in die Kirche ein Gemurmel der Bewunderung entstand? Ihr früherer Freier, der händelsüchtige Cztan aus Rogow, welcher sich mit der Tochter eines Großbauern vermählt hatte und welcher nach der Messe fast regelmäßig die Schenke mit dem alten Wilk aus Brzozowa zu besuchen Pflegte, sagte oftmals, nachdem er schon etwas angetrunken war, zu jenem: »Mehr als einmal haben wir uns, Euer Sohn und ich, um ihretwillen die Köpfe blutig gehauen, denn jeder von uns wollte sie zum Weibe, doch eben so gut hätten wir versuchen können, den Mond vom Himmel zu holen.« Allerorts wurde die Meinung laut, eine zweite Frau wie sie könne nur an dem königlichen Hofe in Krakau gefunden werden. Abgesehen von ihrem Reichtum, von ihrer Schönheit und ihrem verfeinerten Wesen, erregten auch ihre unverwüstliche Gesundheit, ihre Kraft das größte Staunen, ja, es herrschte nur eine Stimme darüber, »daß es wohl außer ihr keine Frau gebe, die, mit der Heugabel bewaffnet, gegen einen Bären in den Wald ziehe und welche die Nüsse nicht mit den Zähnen aufbeiße, sondern sie auf den Tisch lege, um sie dann plötzlich mit der Hand in einer Weise zu zerdrücken, als ob sie von einem Mühlstein zermalmt worden wären.« Kurz, Jagienkas Lob verbreitete sich in dem Pfarrsprengel von Krzesnia, in den nahegelegenen Dörfern, ja, selbst in der Wojwodschaft Sieradz. Wie sehr aber nun auch Zbyszko beneidet ward, kein Mensch staunte darüber, daß er ein solches Weib errungen hatte, konnte sich doch keiner in der ganzen Umgegend solcher Kriegsthaten wie der junge Kämpe rühmen. Die Jüngeren unter den neu- und altgeadelten Edelleuten erzählten sich allerlei Mären von den Deutschen, deren Seelen Zbyszko in den Schlachten unter Fürst Witold und in den Zweikämpfen auf festgetretener Erde »ins Jenseits befördert« hatte. Ihren Aussagen nach war ihm noch kein Gegner entronnen, hatte er nicht weniger als zwölf Ritter, darunter auch Ulryk, den Bruder des Großmeisters, in Marienburg aus dem Sattel gehoben, ja, sie behaupteten, er könne es mit jedem Ritter in Krakau aufnehmen, und selbst der unbesiegbare Zawisza Czarny sei ihm in Freundschaft zugethan. Freilich gab es auch etliche, die all diese unglaublichen Mären anzweifelten, allein sobald die Frage auftauchte, wen man in der Umgegend zu wählen habe, sollte es zum Wettkampfe zwischen polnischen und fremdländischen Rittern kommen, so pflegten auch diese Zweifler zu sagen: »Keinen andern wie Zbyszko,« und erst in zweiter Linie kam der bärtige Cztan aus Ragow oder sonst einer der ansässigen Kämpen in Betracht, da diese alle, trotz ihrer Tapferkeit, in ritterlichen Künsten weit hinter dem jungen Erben aus Bogdaniec zurückstanden. Außer durch seinen Ruhm gewann aber Zbyszko auch durch seinen Reichtum großes Ansehen unter den Nachbarn. Jagienka hatte ihm Moczydoly und das ihr von dem Abte zugefallene reiche Erbe in die Ehe gebracht. Dies war nun freilich nicht sein Verdienst, doch längst zuvor hatte er ja schon Spychow mit all den von Jurand angehäuften Schätzen besessen und zudem ging die Rede, daß allein die von den Rittern aus Bogdaniec gewonnene Beute an Rüstungen, Pferden, Gewändern und Kleinodien dazu ausreichen würde, drei oder vier Dörfer zu kaufen. Man erblickte darin eine besondere Gnade Gottes gegen das im Wappen ein stumpfes Hufeisen führende Geschlecht der »Grady«, das noch vor ganz kurzer Zeit nichts sein Eigen genannt hatte, wie das verödete Bogdaniec und welches nun plötzlich zu solch großem Reichtum gelangt war. »Nach dem Brande ist in Bogdaniec nichts stehen geblieben wie das baufällige Haus,« pflegten die älteren Leute zu sagen, »und aus Mangel an Arbeitskräften mußte das Besitztum verpfändet werden – jetzt aber ist der Ritter Macko im stande, eine neue Burg zu errichten.« Wie groß aber das Staunen war, so gesellte sich ihm doch auch das instinktive Gefühl zu, daß das ganze Volk unaufhaltsam bedeutsamen Ereignissen entgegengetrieben werde, und daß sich alles nach dem Willen Gottes gestalten müsse. Die Bewunderung war daher auch nicht mit Neid gepaart, im Gegenteile, in der ganzen Umgegend schaute man mit Stolz auf die beiden Ritter aus Bogdaniec, welche als lebendiges Beispiel dafür dienen konnten, was ein Edelmann mit starkem Arme, mit tapferem Sinn und mit der Lust an Abenteuern auszurichten vermochte. Gar mancher fühlte sich durch die ihm gesetzten engen Grenzen innerhalb seines Heims und seines Heimatlandes bedrückt, wenn er sich die Erfolge Mackos und Zbyszkos vergegenwärtigte, und unwillkürlich drängte sich ihm der Gedanke auf, daß jenseits der Grenzen großer Reichtum, ausgebreitete Ländereien zu erringen seien, die er zum Ruhme für sich und für das Königreich gewinnen könne. Dieses Kraftbewußtsein, das allmählich in den einzelnen Geschlechtern erstarkte, teilte sich schließlich der Allgemeinheit mit, indem es sich ausbreitete wie das kochende Wasser, das in seinem Gefäße übersiedet. Was nützte es, wenn die klugen Herren in Krakau, wenn der friedliebende König diese Kraft noch für einige Zeit zu unterdrücken und den Krieg mit dem Erbfeinde noch auf lange Jahre hinauszuschieben suchten – keine Macht der Welt konnte dem Drängen des Volkes widerstehen, konnte das Ringen nach Größe eindämmen. Zweites Kapitel. Macko verlebte gar frohe Tage. Mehr als einmal erklärte er den Nachbarn, ihm sei ein größeres Glück zu teil geworden, als er jemals erhofft habe. Wohl hatte ihm das Alter Haar und Bart gebleicht, allein seine Kraft, seine Gesundheit wären ungeschwächt geblieben, heitere Zufriedenheit erfüllte sein Herz. Milde prägte sich jetzt auf seinem früher so strengen Antlitz aus, aus seinen Augen sprach freundliche Anteilnahme an dem Schicksale anderer. Immer mehr gab er sich der festen Ueberzeugung hin, daß er nunmehr gegen Unglück, gegen Sorge gefeit sei, daß sein Leben nunmehr so ruhig dahinfließen werde wie ein klarer Bach. Bis in das hohe Alter wehrhaft zu bleiben, bis in das hohe Alter die Besitztümer bewirtschaften und Reichtümer für die »Enkelkinder« sammeln zu können – das war zu allen Zeiten sein höchster Wunsch gewesen, und nun war mit einem Male dieser Wunsch in Erfüllung gegangen. Was Macko unternahm, gedieh. Die Wälder waren stellenweise ausgehauen und ausgerodet worden, auf den Neuäckern sproßte im Frühling die Saat prächtig hervor, der Viehstand mehrte sich und auf den Wiesen grasten vierzig Stuten mit ihren Fohlen, welche der alte Edelmann tagtäglich besichtigte, Schaf- und Viehherden weideten auf dem Bruchlande und auf den Brachäckern. Bogdaniec hatte sich völlig verändert; nicht mehr öde und verlassen lag das Gut da, nein, Wohlstand und lebhaftes Getriebe waren daselbst zu bemerken. Die Augen eines jeden, der dahin wanderte, wurden geblendet von dem Anblicke des Wartturmes und der noch ungeschwärzten Mauern des Kastells, die im Sonnenglanze golden, in dem Scheine der Abendröte purpurfarbig schimmerten. Aus vollen Zügen genoß der alte Macko diese Freuden und niemals widersprach er, wenn seine »glückliche Hand« gerühmt ward. Schon ein Jahr nach den Zwillingen kam ein dritter Knabe zur Welt, den Jagienka, zu Ehren ihres Vaters, Zych nannte. Mit großem Entzücken begrüßte Macko auch diesen neuen Ankömmling, ohne sich darob zu sorgen, daß, wenn es so weiter gehe, der mühsam errungene Besitz wieder geteilt werden müsse. »Was besaßen wir denn?« so fragte er, als er mit Zbyszko einmal darüber sprach. »Nichts! Und doch hat sich jetzt durch Gottes Gnade alles zum Guten gewendet. Der alte Pakosz aus Sulislawic besitzt bei zweiundzwanzig Söhnen nur ein Dorf, hast Du aber jemals gehört, daß das Geschlecht Hungers gestorben wäre? Und dann, wenn man das Königreich, wenn man Litauen in Betracht zieht, umfassen diese vielleicht ein kleines Gebiet, besitzen diese Kreuzritter, diese Hundsbrut, vielleicht nicht eine große Zahl von Dörfern und Burgen? Hei! Zahlreiche Burgen aus roten Ziegelsteinen befinden sich darunter, für die unser erlauchter König Kastellane ernennen könnte; wenn daher der Herr Jesus uns weiter seine Gnade angedeihen läßt, wird es Platz genug für alle geben.« Gar bemerkenswert war dieser Ausspruch, denn trotzdem der Orden auf dem Gipfel seines Ruhmes stand, da er über eine unermeßliche Zahl von Kriegsvolk verfügte, da er an Reichtum und Macht alle Königreiche des Westens überragte, betrachtete doch der alte Ritter jetzt schon die Burgen der Kreuzritter als die zukünftigen Wohnsitze der Nachkommen Zbyszkos. Aehnliche Gedanken hegten viele in dem Königreiche Jagiellos, und nicht allein deshalb, weil es die alte polnische Erde war, auf der sich der Orden festgesetzt hatte, sondern weil das Bewußtsein der Kraft, welches die Brust des ganzen Volkes schwellte, nach allen Seiten hin nach Betätigung rang. Erst im vierten Jahre nach Zbyszkos Vermählung ward die Burg vollendet, und dies konnte nur dadurch erreicht werden, daß außer den Dienstleuten aus Bogdaniec, aus Moczydoly und aus Zgorzelic auch eine Anzahl von Knechten, welche von den Nachbarn geschickt worden waren, an dem Bau mithalfen. Der alte Wilk aus Brzozowa erwies sich dabei vornehmlich als guter Nachbar, hatte er doch, nach dem Tode seines Sohnes ganz allein in der Welt stehend, treue Freundschaft mit Macko geschlossen und demzufolge auch Zbyszko und Jagienka sein Herz zugewendet. Macko schmückte die Wohngelasse der Burg nicht nur mit der Beute aus, die teils er, teils sein Bruderssohn im Kriege gewonnen, oder die letzterer von Jurand ererbt hatte, sondern auch mit allerlei Gegenständen, die von dem Abte auf Jagienka übergegangen waren oder aus Zgorzelic herrührten. So schuf er nach und nach einen gar prächtigen Wohnsitz, dessen Fenster sogar Glasscheiben aus Sieradz aufwiesen. Im fünften Jahre nach seiner Vermählung siedelte Zbyszko mit Weib und Kindern in die Burg über, denn erst dann waren alle andern Bauten, wie die Stallungen für die Pferde, die Ställe für das Vieh, die Küchen und die Bäder fertig gestellt, die unterirdischen Gewölbe nicht zu vergessen, welche der alte Ritter aus Kalkstein hatte ausführen lassen, damit sie, in ihrer Unzerstörbarkeit, allen Zeiten trotzen konnten. Er selbst aber blieb in dem alten, baufälligen Hause, ohne den Bitten von Zbyszko und Jagienka Gehör zu schenken, die ihn zu einer Uebersiedelung veranlassen wollten. »Ich will hier sterben, wo ich geboren bin!« Pflegte Macko auf alle Einwendungen des jungen Paares zu antworten. »Seht Ihr, als in den früheren Kämpfen Bogdaniec verheert, als alles niedergebrannt ward – bei meiner Treu, da trotzte dieses alte Haus dem Schwerte und dem Feuer. Die Leute behaupten zwar, das Feuer habe ihm nichts anhaben können, weil das Dach ganz mit Moos bedeckt gewesen ist – ich aber glaube, daß es durch die Gnade, durch den Willen Gottes verschont geblieben ist, damit wir hierher zurückzukehren vermochten, damit unser Geschlecht aufs neue wachse und gedeihe. Keinen Zufluchtsort haben wir mehr, so klagte ich oftmals auf unsern Fahrten, doch ich hatte unrecht, dies zu thun. Traun, nichts fanden wir freilich hier vor, womit wir hätten wirtschaften, womit wir unsern Hunger hätten stillen können, aber wir fanden doch ein Dach, das uns schützte. Für Euch junge Menschenkinder kommt all dies wahrlich nicht mehr in Betracht, mich dünkt jedoch, daß es mir nicht geziemt, das alte Haus zu verlassen, welches so getreu mit uns ausgehalten hat.« Und so blieb er denn in dem alten Hause. Allein gar oft erschien er in der neuen Burg, um sich an deren Größe, an deren Pracht zu werden, und um gleichzeitig nach Zbyszko und Jagienka, sowie nach seinen »Enkelsöhnen« zu sehen. Stolz und Freude schwellten jedesmal die Brust des alten Ritters, wenn er die Burg betrat, die ja zum größten Teile sein eigenes Werk war. Gern verlieh er auch dieser Freude dem alten Wilk gegenüber Ausdruck, der ihn zuweilen aufsuchte, oder zu dem er sich hie und da nach Brzozowa begab. Als die beiden daher wieder einmal am Feuer beisammen saßen, um ein Stündchen mit einander zu schwätzen, da schilderte Macko dem Nachbarn die neue Lebensweise, indem er sagte: »Seht Ihr, oftmals glaube ich, meinen eigenen Augen nicht trauen zu dürfen. Bekanntermaßen ist ja Zbyszko nicht nur in Masovien, in Marienburg und bei dem Fürsten Janusz gewesen, sondern er hat sogar schon in Krakau in dem Schlosse des Königs geweilt – traun, es hätte nicht viel gefehlt und sein Haupt wäre gefallen – und wie Ihr wißt, ist Jagienka im Reichtum aufgewachsen, von einer eigenen Burg hat sich indessen weder der eine noch die andere träumen lassen. Nun aber erweckt es den Anschein, als ob sie es nie anders gewöhnt gewesen. Sie wandeln in den Wohngelassen umher, ich sage Euch, in den Wohngelassen wandeln sie einfach umher, erteilen den Dienstleuten ihre Befehle und setzen sich nieder, wenn sie müde sind. Man glaubt fürwahr einen Burgvogt mit seiner Ehegemahlin vor sich zu sehen. Und in einem eigens dafür bestimmten Gemache speisen sie mit den Vögten und den Bediensteten, wobei sie auf erhöhten Sitzen Platz nehmen, während die andern tiefer sitzen und erst dann zu essen beginnen, wenn der Gebieter und die Herrin bedient sind. So will es freilich die höfische Sitte, ich aber muß es mir immer wieder ins Gedächtnis zurückrufen, daß ich nicht vor einem mir fremden, hohen Herrn und dessen Ehegemahlin, sondern vor meinem Bruderssohn und dessen Weib stehe, die mich alten Burschen an der Hand fassen, an den Ehrensitz geleiten und ihren Wohlthäter nennen.« »Dafür wird sie der Herr Jesus segnen!« bemerkte der alte Wilk. Dann ließ er das Haupt traurig sinken, nahm einen Schluck Met und mit einem eisernen Haken das Feuer aufschürend, fügte er hinzu: »Mein Sohn aber ist tot!« »Das war der Wille Gottes!« »Bei meiner Treu! Seine älteren Brüder, fünf an der Zahl, sind ihm schon längst vorausgegangen. Ihr wißt dies ja. Das ist auch der Wille Gottes gewesen. Aber dieser jüngste ist der beste von allen gewesen. Ein echter Wilk! Hei, wenn er nicht gefallen wäre, säße er heute auch auf seiner eigenen Burg.« »Der Tod Cztans würde weniger zu beklagen sein.« »Ach, was ist denn Cztan? Freilich ist er so stark, daß er Mühlsteine auf seinen Schultern tragen könnte. Doch wie häufig hat ihn mein Sohn darnieder geworfen! Hei, dieser wußte, was die ritterliche Sitte erheischte, Cztan aber läßt sich von seinem Weibe auf die Schnauze hauen, denn obgleich er ein starker Bursche ist, gebricht es ihm doch an Verstand.« »Hei, mit ihm läßt sich so wenig reden, wie mit dem Hinteren eines Pferdes!« warf Macko ein. Sofort ergriff er aber auch die Gelegenheit, um nicht nur das ritterliche Wesen, sondern auch den Verstand Zbyszkos in den Himmel zu heben, indem er erklärte, sein Bruderssohn habe in Marienburg mit den berühmtesten Rittern innerhalb der Schranken gekämpft, und ihm falle es ebenso leicht mit Fürsten zu reden, wie Nüsse aufzuknacken. Nicht minder rühmte er die Klugheit und Geschicklichkeit Zbyszkos im Wirtschaften, wodurch der reiche Besitz gesichert sei. Damit jedoch der alte Wilk ja nicht denken konnte, Zbyszko drohe in dieser Hinsicht irgend welche Gefahr, fuhr Macko in gedämpftem Tone fort: »Traun, durch die Gnade Gottes ist er mit großem Reichtum gesegnet, mit einem größeren Reichtum, als die Leute glauben. Doch,« fügte er vertraulich hinzu, »sprecht mit niemand von dem, was ich Euch sagte.« Die Leute wurden jedoch nicht müde, allerlei Betrachtungen anzustellen und sich Wunderdinge von den Reichtümern zu erzählen, welche der Gebieter und die Herrin von Bogdaniec aus Spychow mitgebracht halten, ja, es ging sogar die Rede, es sei Geld für sie aus Masovien in Salztonnen angelangt. Als es aber gar bekannt ward, Macko habe sich die mächtigen Herren aus Koniecpole durch ein Darlehen verpflichtet, da steigerte sich noch die hohe Meinung, die man von den in Bogdaniec aufgehäuften Schätzen hegte. Selbstverständlich stieg daher das Ansehen Zbyszkos und Mackos immer mehr, selbstverständlich gewannen sie immer größern Einfluß auf ihre Nachbarn, und infolgedessen mangelte es in der Burg auch niemals an Gästen, die auch der alte Ritter, trotz seines Hanges zur Sparsamkeit, stets freundlich empfing, weil dadurch der Ruhm des Geschlechtes vermehrt ward. Ganz besonders herrlich wurden die Tauffeierlichkeiten begangen, und jedes Jahr nach dem Feste Maria Himmelfahrt veranstaltete Zbyszko eine glänzende Gasterei für die ganze Nachbarschaft, an der auch die Edelfrauen teilnahmen, um den Ritterspielen zuzuschauen, den Sängen zu lauschen und bis zum frühen Morgen beim Fackelscheine mit den jungen Rittern zu tanzen. Wie leuchteten die Augen Mackos vor Freude, wie schwoll ihm die Brust vor Entzücken, wenn er dann auf Zbyszko und Jagienka blickte, die sich so würdig und edel zu bewegen wußten. Zbyszko war viel größer und männlicher geworden, und obgleich sein Gesicht für die mächtige Gestalt selbst dann zu jung aussah, wenn er sein üppiges Haar mit einem purpurnen Bande zusammenhielt, wenn er in die prächtigsten, mit Gold- und Silberfäden bestickten Gewänder gekleidet war, so sagte nicht nur Macko, sondern auch manch anderer Edelmann von ihm: »Bei Gott! Gleich einem Fürsten sitzt er auf seiner Burg.« Vor Jagienka aber beugten die Ritter, denen die Sitten des Westens bekannt waren, mit der Bitte die Knie, sie zu ihrer Herrin wählen zu dürfen – derart erstrahlte sie in Gesundheit, Jugendfrische, Kraft und Schönheit. Sogar der in höherem Alter stehende Herr aus Koniecpole, welcher die Würde eine Wojwoden in Sieradz bekleidet hatte, wußte sich nicht vor Staunen zu lassen bei ihrem Anblicke und verglich sie mit der Morgenröte, ja, sogar mit der Sonne, »welche der Erde Licht verleiht und sogar in alten Knochen neue Lebenskraft erweckt.« Stolz und Freude schwellten jedesmal die Brust des alten Ritters, wenn er die Burg betrat. Drittes Kapitel. Im Laufe des fünften Jahres indessen – in den Ansiedelungen herrschte die beste Ordnung, schon seit Monden flatterte auf der Warte das Banner mit dem stumpfen Hufeisen und Jagienka hatte einem vierten Knaben, der Jurand genannt ward, das Leben gegeben – sagte der alte Macko eines Tages zu Zbyszko: »Alles blüht und gedeiht! Wenn mir daher der Herr Jesus noch einen Wunsch erfüllen würde, könnte ich in Frieden sterben.« Einen prüfenden Blick auf den Ohm werfend, fragte Zbyszko hierauf: »Sprecht Ihr von dem Kriege mit den Kreuzrittern? Einen andern Wunsch hegt Ihr wohl schwerlich!« »Ich wiederhole Dir das, was ich schon früher sagte. So lange der Großmeister Konrad lebt, kommt es nicht zum Kriege.« »Wird er denn ewig leben?« »Auch ich werde nicht ewig leben, und aus diesem Grunde denke ich an etwas ganz anderes.« »An was?« »Traun, Du thust besser daran, nicht darnach zu fragen. Jedenfalls begebe ich mich nach Spychow und suche vielleicht von dort aus die Fürstenpaare in Plock und Chersk auf.« Diese Antwort versetzte Zbyszko in kein allzugroßes Staunen, war doch Macko im Laufe der letzten Jahre mehrmals in Spychow gewesen. Der junge Ritter fragte deshalb nur: »Gedenkt Ihr lange fort zu bleiben?« »Länger als sonst, da ich einige Zeit in Plock verweilen werde.« Etwa acht Tage darauf rüstete sich Macko zur Fahrt, auf die er einige Wagen, sowie eine Rüstung und Waffen mitnahm, »für den Fall, daß er innerhalb der Schranken zu kämpfen haben sollte.« Beim Abschiede wiederholte er nochmals, er gedenke länger als sonst fern zu bleiben, und dies bewahrheitete sich, vergingen doch sechs Monate, ohne daß er zurückgekehrt wäre, ohne daß er eine Botschaft geschickt hätte. Zbyszko geriet allmählich in Sorge und sandte daher schließlich einen besonderen Boten aus, der indessen Spychow nicht erreichte, da er schon jenseits Sieradz mit dem alten Ritter zusammentraf, mit dem er sofort wieder zurückkam. Macko trug anfänglich eine etwas finstere Miene zur Schau, nachdem ihn jedoch Zbyszko von dem unterrichtet hatte, was während seiner Abwesenheit geschehen war, als er sich sagen durfte, daß alles gut stand, heiterte sich sein Antlitz ein wenig auf und er begann, von seiner Fahrt zu sprechen. »Weißt Du, daß ich in Marienburg gewesen bin?« fragte er den Bruderssohn. »In Marienburg?« »Gewiß; wo denn sonst?«' Mit großen, erstaunten Augen blickte Zbyszko zuerst auf seinen Ohm, dann schlug er sich auf die Schenkel und rief: »Bei Gott, dies schwand mir vollständig aus dem Gedächtnis.« »Das ist bei Dir etwas ganz anderes. Du hast Deine Gelöbnisse erfüllt,« entgegnete Macko, »doch Gott schütze mich davor, daß ich jemals meiner Gelübde, meiner Ehre vergäße. Was wir gelobten, das haben wir auch stets gehalten, dieser Sitte will auch ich huldigen, so lange ich noch einen Atemzug zu thun vermag und so mir das heilige Kreuz seine Hilfe verleiht.« Bei diesen Worten verdüsterte sich Mackos Antlitz wieder und seine Züge nahmen den drohenden und energischen Ausdruck an, den Zbyszko in solcher Weise nur zu jener Zeit an seinem Ohm wahrgenommen hatte, als sie mit Witold und mit Skirwoillo in den Kampf gegen die Kreuzritter gezogen waren. »Was habt Ihr ausgerichtet?« fragte daher der junge Ritter. »Sprecht, sprecht, habt Ihr Euer Gelöbnis erfüllt?« »Nein. Er wird sich mir nicht stellen.« »Weshalb nicht?« »Weil er Groß-Komtur geworden ist.« »Kuno Lichtenstein ist Groß-Komtur geworden?« »Bei meiner Treu! Sie werden ihn auch noch zum Großmeister wählen. Was kann man wissen? Jetzt dünkt er sich ja schon Fürsten ebenbürtig. Es geht die Rede, er habe jetzt schon alles zu sagen, er leite jetzt schon alle Angelegenheiten des Ordens, ohne seinen Rat unternehme der Großmeister nichts. Wird sich ein solch mächtiger Herr auf festgetretener Erde stellen? Nur Spott und Hohn würde ich bei aller Welt ernten, wenn ich eine Herausforderung an ihn ergehen ließe.« »So hat man über Euch gespottet?« rief nun Zbyszko voll Aerger und mit blitzenden Augen. »Die Fürstin Alexandra aus Plock hat mich fürwahr weidlich verlacht. ›Ei, so geht doch‹, sagte sie, ›und fordert den römischen Kaiser zum Kampfe. Wie uns bekannt ist‹, sagte sie, ›haben Zawisza Czarny, Powala aus Taczew und Paszko aus Biskupice den Groß-Komtur schon längst zum Kampfe gefordert, ohne daß selbst sie eine Antwort erhalten hätten. Er kann sich nicht stellen. Nicht daß es ihm an Mut gebräche‹, sagte sie, ›nein, aber er ist ein Ordensbruder, er hat ein so schweres, ein so hohes Amt zu versehen, daß ihm dergleichen Dinge ganz aus dem Sinn kommen. Wenn er sich stellte, würde er weit mehr Unehre auf sich laden, als wenn er überhaupt keine Antwort erteilt.‹ In solcher Weise hat die Fürstin Alexandra gesprochen.« »Und wie lautete Eure Antwort?« »Nagender Gram beugte mich fürwahr darnieder! Nichtsdestoweniger erklärte ich aber, nach Marienburg gehen zu wollen, damit ich vor Gott und den Menschen bezeugen könne, alles gethan zu haben, was in meiner Macht stand, deshalb bat ich denn die hohe Frau, sie möge mich mit einer Botschaft betrauen und mir ein Schreiben nach Marienburg mitgeben, denn sonst, das wußte ich wohl, wäre ich nicht mit heiler Haut aus diesem Wolfsnest entkommen. Doch in meinen Gedanken legte ich mir alles solchergestalt zurecht. Er hat freilich weder der Herausforderung von seiten Zawiszas, noch Powalas oder Paszkos Folge geleistet, wenn aber ich ihm in Gegenwart des Großmeisters, der Komture und der Gäste ins Gesicht schlage, oder ihm die Barthaare ausreiße, dann wird er sich mir wohl stellen.« »Gott segne Euch!« rief Zbyszko voll Eifer. »Traun,« fuhr der alte Ritter fort, »für alles giebt es Rat, wenn man Verstand besitzt. Doch diesesmal gewährte mir der Herr Jesus keine Gnade, denn ich traf Lichtenstein nicht in Marienburg an. Wie man mir berichtete, war er zu Witold als Gesandter geschickt worden. Ich schwankte, ob ich ihn erwarten, oder ob ich ihm folgen solle. Möglicherweise hätte ich ihn ja auf dem Wege verfehlen können. Da ich indessen schon in früheren Zeiten die Bekanntschaft des Großmeisters und des Großkämmerers gemacht hatte, vertraute ich ihnen, mit der Bitte um tiefste Verschwiegenheit, den wahren Grund meines Kommens an. Doch auch sie schrien sofort auf mich ein, mein Vorsatz sei ein vergeblicher.« »Was für Gründe gaben sie an?« »Die gleichen Gründe, welche die Fürstin aus Plock angeführt hat. Der Großmeister äußerte sich zudem folgendermaßen: ›Was würdest Du von mir denken, wenn ich mit jedem Ritter aus Masovien oder Polen kämpfen wollte?‹ Bei meiner Treu, darin hat er recht, denn dann wäre er schon lange nicht mehr auf dieser Welt! Jene beiden beratschlagten sich aber mit dem Kämmerer und an der abendlichen Tafel erzählten sie den ganzen Hergang. Ich sage Dir, dies wirkte, als wenn man einen Bienenschwarm aufgescheucht hätte. Die ganze Schar der Gäste sprang mit dem Rufe empor: »Wir können uns stellen, wenn Kuno es auch nicht darf.« Ich wählte mir nun drei Ritter aus, mit denen ich der Reihe nach kämpfen wollte, doch siehe da, es bedurfte der eindringlichsten Vorstellungen, damit der Großmeister auch nur einem von ihnen gestattete, sich mit mir zu messen. Dieser eine nannte sich gleichfalls Lichtenstein und war ein Blutsverwandter Kunos.« »Traun!« rief jetzt Zbyszko, »wie ist es Euch dabei ergangen?« »Seine Rüstung habe ich mit hierhergebracht, doch sie ist derart zerhauen, daß kein Mensch mehr etwas dafür geben wird.« »So wahr mir Gott helfe, Ihr habt nun Euern Schwur erfüllt.« »Anfänglich glaubte ich dies auch und war sehr glücklich darüber, doch späterhin sagte ich mir: nein, das ist nicht das Gleiche! Deshalb finde ich auch noch immer keinen Frieden, denn es ist nicht das Gleiche.« Nun versuchte Zbyszko den Ohm zu trösten, indem er sagte: »Ihr kennt mich und wißt, daß ich in solchen Angelegenheiten sowohl gegen mich wie gegen andere ein strenger Richter bin; wenn ich aber das erreicht hätte, was Ihr erreicht habt, würde ich zufrieden sein. Sogar die berühmtesten Ritter in Krakau müßten mir Recht geben, wenn man ihre Meinung einholte. Selbst Zawisza, ein Muster an ritterlicher Ehre, könnte nicht anders urteilen.« »Glaubst Du dies in der That?« fragte Macko. »Bedenkt doch nur eins: jene Ritter, deren Ruhm die ganze Welt erfüllt, wollten mit ihm kämpfen, doch keinem ist das gelungen, was Ihr gethan habt. Was nützte es jenen, wenn sie Lichtenstein den Tod schwuren? Ihr aber habt einen Lichtenstein erschlagen.« »Das ist wahr!« meinte nun der alte Ritter. Doch Zbyszko, dem jeder ritterliche Kampf großes Interesse einflößte, fragte jetzt: »Laßt hören! Sagt mir: war er jung oder alt, und wie habt Ihr gekämpft, zu Pferde oder zu Fuß?« »Fünfunddreißig Jahre war er alt. Sein Bart reichte bis zum Gürtel und hoch zu Roß saß er. Gott stand mir bei, so daß ich ihn mit der Lanze treffen konnte. Dann erst kam es zum Streite mit den Schwertern Ich sage Dir, das Blut schoß ihm stromweise aus dem Mund, sein langer Bart war purpurrot gefärbt.« »Seht Ihr? Wie oft habt Ihr doch darüber geklagt, das Alter drücke Euch darnieder.« »Gewiß! Doch wenn ich auch zu Roß oder zu Fuß siegreich gekämpft und tapfer ausgehalten habe, in voller Rüstung in den Sattel zu springen, vermochte ich nicht mehr.« »Hei! Kuno selbst würde von Euch besiegt worden sein.« Der alte Ritter machte eine verächtliche Handbewegung wie zum Zeichen, daß er mit Kuno ein noch leichteres Spiel gehabt haben würde, und forderte dann Zbyszko auf, mit ihm die Rüstung zu besichtigen, die er nur als Siegestrophäe mitgebracht hatte, da sie ja trotz der trefflichen Arbeit, mit Ausnahme des Hüftbleches und der Beinschienen, ganz ohne Wert war. »Lieber wäre es mir freilich, wenn ich Dir die Rüstung Kunos zeigen könnte!« erklärte Macko schließlich in düsterem Tone. »Gott der Herr weiß am besten, was uns frommt!« entgegnete Zbyszko. »So Kuno Großmeister wird, könnt Ihr nur in einer gewaltigen Schlacht auf einen Zusammenstoß mit ihm rechnen.« »Ich horchte nach allen Seiten hin, um zu hören, was die Leute sagten,« warf Macko ein. »Etliche meinten, auf Konrad werde Kuno kommen, andere nannten Ulryk, den Bruder Konrads, als dessen Nachfolger.« »Ich würde Ulryk den Vorzug geben!« rief Zbyszko. »Ich auch, und weißt Du, weshalb? Kuno ist klüger und listiger, Ulryk entflammbarer, ein echter Ritter, der auf Ehre hält und den Krieg ebenso herbeisehnt wie wir. Man spricht allgemein davon, daß, falls er Großmeister werden sollte, ein Sturm losbrechen würde, wie ihn die Welt noch nie zuvor gesehen habe. Konrad leidet an Schwächeanfällen. In meiner Gegenwart ist er einmal ohnmächtig geworden. Man weiß nicht, wie bald es eine Aenderung geben kann. Hei, vielleicht erleben wir noch die Erfüllung unseres Wunsches.« »Gott gebe es! Sind denn wieder neue Mißhelligkeiten ausgebrochen?« »Alte und neue Zwistigkeiten sollten geschlichtet werden. Ein Kreuzritter bleibt eben stets ein Kreuzritter. Selbst wenn er weiß, daß Du ihm überlegen bist, und daß er Dir gegenüber leicht den Kürzeren ziehen kann, wird er Dir auflauern, weil er nun einmal nicht anders zu handeln vermag.« »Ein jeder von ihnen stellt eben die Macht des Ordens über die aller Königreiche.« »Nicht alle Kreuzritter, doch gar viele unter ihnen, sind dieser Meinung, der vornehmlich Ulryk huldigt. Und fürwahr – ihre Stärke ist unermeßlich.« »Erinnert Ihr Euch aber dessen, was Zyndram aus Maszkowice sagte –« »Wohl erinnere ich mich dessen. Und mit jedem Jahr wird es schlimmer. Der Bruder empfängt den Bruder nicht so, wie ich allerorts empfangen ward, wenn gerade kein Kreuzritter Zeuge davon war. Immer verhaßter macht sich der Orden.« »Wir werden daher nicht mehr lange zu warten haben?« »Ob noch lange oder nicht mehr lange, wer kann dies wissen?« antwortete Macko. »Inzwischen aber,« fügte er hinzu, »dürfen wir uns keine Ruhe gönnen, müssen wir unsern Besitz zu vergrößern suchen, damit wir würdig auf dem Walplatze erscheinen können.« Viertes Kapitel. Nach Verlauf eines Jahres segnete der Großmeister Konrad das Zeitliche. Jasko aus Zgorzelic, Jagienkas Bruder, vernahm in Sieradz die Kunde von dessen Tod und von der Wahl Ulryks von Jungingen; er brachte daher auch zuerst die Nachricht nach Bogdaniec, wo sie, wie auf allen andern Edelsitzen, die größte Erregung hervorrief. »Eine Zeit bricht an, wie wir sie zuvor noch niemals erlebt haben,« erklärte der alte Macko in feierlichem Tone, während Jagienka sofort die Kinder zu Zbyszko brachte und von diesem solch rührenden Abschied zu nehmen begann, als ob er schon am nächsten Morgen aufbrechen müsse. Wenn nun aber auch Macko und Zbyszko wußten, daß die Kriegsflamme nicht so rasch auflodern könne wie das Feuer auf dem Herde, sagten sie sich doch, es müsse über kurz oder lang zum Kriege kommen, und trafen deshalb ihre Vorbereitungen. Sie wählten Pferde, Rüstungen und Waffen aus und unterwiesen nicht nur die Knappen und die Dienstleute in dem Kriegshandwerke, sondern auch die nach deutschem Rechte ihres Amtes waltenden Dorfschulzen, welche an jedem Kriegszuge als Berittene teilnehmen mußten, sowie die unbemittelteren Edelleute, denen viel daran lag, sich an wohlhabendere Ritter anschließen zu dürfen. Auch auf allen andern größern Edelsitzen regte sich das gleiche Leben. Fortwährend ertönte der Klang der Hämmer in den Schmieden, allerorts wurden die alten Rüstungen gereinigt, die Bogen und das Riemenzeug mit flüssig gemachtem Fette eingerieben, die Wagen wurden frisch mit Eisen beschlagen, Vorräte von gemahlenem Korn und geräuchertem Fleische wurden aufgespeichert. An Sonn- und Festtagen teilte man sich in den Kirchen die eingetroffenen Nachrichten mit, die, wenn sie friedlich lauteten, stets eine gewisse Niedergeschlagenheit hervorriefen. Jedermann hegte die feste Ueberzeugung, daß man endlich den furchtbaren Feind des polnischen Volkes darniederwerfen müsse, daß das Königreich erst dann erstarken, sich erst dann einer gedeihlichen Entwickelung erfreuen könne, wenn sich die prophetischen Worte der heiligen Brigitta erfüllt haben würden, laut derer den Kreuzrittern die Zähne ausgebrochen werden würden und sie der rechten Hand verlustig gehen sollten. Besonders um Macko und Zbyszko, welche viel von dem Orden zu erzählen wußten und schon mit den Deutschen gekämpft hatten, bildete sich in Krzesnia stets ein Kreis von Neugierigen, denn nicht nur neue Kunde wollte man von ihnen erfahren, sondern sich von ihnen auch über die angemessenste Art der Kriegsführung gegen die Deutschen unterrichten lassen. »Wie können wir am besten gegen sie aufkommen? Wie erweisen sie sich im Kampfe? In welcher Hinsicht sind sie den Polen überlegen, in welcher Hinsicht stehen sie hinter denselben zurück? Ist es ratsamer, mit der Streitaxt oder mit dem Schwerte gegen sie vorzugehen, wenn der Speer entzwei gebrochen ist?« so lauteten die Fragen, die man an die Ritter aus Bogdaniec stellte. Letztere waren aber auch in der That wohl unterrichtet über all diese Dinge, was wunder daher, daß man ihren Aussprüchen mit umso größerer Aufmerksamkeit lauschte, als die Ueberzeugung immer mehr um sich griff, der Krieg werde ein sehr blutiger werden, denn die Polen, welche sich zweifellos mit den berühmtesten Rittern aus aller Herren Länder zu messen haben würden, konnten sich nicht damit zufrieden geben, dem Feinde da und dort eine Niederlage beizubringen, sondern sie mußten ihn, um nicht selbst zu Gründe gerichtet zu werden, völlig vernichten. »Was geschehen muß, muß geschehen!« sprachen die Edelleute untereinander, »es handelt sich um den Tod des Feindes oder um den unsern.« Und das ganze Volk schloß sich diesem Glauben an, dieses Volk, in dem ein Ahnen seiner zukünftigen Größe dämmerte, ließ sich nicht darniederdrücken, nein, im Gegenteil, der Wunsch nach Kraftbethätigung steigerte sich in jedem einzelnen täglich, stündlich. Doch ohne Selbstüberhebung, ohne Ruhmsucht sahen Hohe und Niedrige den kommenden Ereignissen entgegen, ernst, entschlossen und todesmutig bereiteten sie sich für ihre Aufgabe vor. Uns oder ihnen der Tod! war die Losung. Indessen verstrich die Zeit, aber zum Kriege wollte es nicht kommen. Wohl verbreitete sich die Kunde von neuen Mißhelligkeiten, die zwischen dem König Wladislaw Jagiello und dem Orden entstanden sein sollten wegen dem schon vor Jahren erworbenen Gebiete von Dobrzyn, wegen Grenzbestimmungen und wegen Dresden, wovon viele in damaliger Zeit noch nichts gehört hatten. Doch vom Kriege war noch keine Rede. Mehr und mehr regten sich Zweifel darüber, ob es überhaupt zum Kriege kommen werde, waren doch bisher alle Zwistigkeiten durch Verhandlungen, Vergleiche und durch die Absenkung von Gesandten beigelegt worden. Thatsächlich entstand auch bald das Gerücht, es seien Gesandte des Ordens nach Krakau, Gesandte der Polen nach Marienburg geschickt worden, und plötzlich sprach man allenthalben davon, daß nicht nur die Könige von Böhmen und Ungarn zu vermitteln versuchten, sondern daß auch der Papst seine Vermittlung angeboten habe. Genaues wußte man freilich nur in der Nähe von Krakau, vielleicht aber gerade deshalb tauchten im ganzen Lande die merkwürdigsten und seltsamsten Vermutungen auf. Der König ließ jedoch noch immer auf sich warten. Schließlich wußte selbst Macko, nach dessen Ansicht der Krieg sicher drohte, nicht mehr recht, was er von all dem denken solle, und machte sich nach Krakau auf, um genauere Kunde zu erlangen. Seine Abwesenheit währte indessen nicht lange, denn schon nach fünf Wochen kehrte er wieder zurück – und mit einem freudestrahlenden Gesichte kehrte er wieder zurück. Den Edelleuten aber, die ihn wie gewöhnlich in Krzesnia umringten und voll Spannung seiner Mitteilungen harrten, antwortete er auf ihre tausenderlei Fragen mit der Gegenfrage: »Sind Eure Lanzen, Eure Speere und Eure Streitäxte geschärft?« »Weshalb? Warum? Bei den Wundenmalen des Erlösers, was bringt Ihr Neues? Wen habt Ihr gesehen?« rief man ihm nun von allen Seiten zu. »Wen ich gesehen habe? Zindram aus Maszkowice! Und was ich Neues bringe? Traun, ich glaube, daß Ihr Eure Pferde bald satteln dürft.« »Guter Gott! Was wollt Ihr damit sagen? Sprecht doch!« »Habt Ihr schon von Dresden gehört?« »Gewiß hörten wir schon davon. Doch diese kleine Burg unterscheidet sich ja in nichts von vielen andern Burgen, und unserm Ermessen nach umfaßt sie kein größeres Gebiet als Bogdaniec.« »Eine geringfügige Ursache für einen Krieg – seid Ihr nicht auch der Meinung?« »Eine gar geringfügige Ursache – fürwahr! Wegen ganz anderer Ländergebiete hat es schon Zwistigkeiten gegeben, und doch ist es nie zum Kriege gekommen.« »Wißt Ihr aber, wie sich Zindram aus Maszkowice über Dresden geäußert hat?« »Sprecht schnell! Spannt uns nicht länger auf die Folter!« »Er sagte folgendes zu mir: ›Ein Blinder ging einst eine Landstraße entlang und fiel über einen Stein. Er fiel, weil er blind war, trotzdem bildete aber der Stein die Ursache seines Falles.‹ Bei meiner Treu, dies Dresden ist solch ein Stein!« »Was soll dies heißen? In voller Kraft steht ja der Orden da!« »Versteht Ihr mich nicht? Dann will ich Euch noch ein anderes Beispiel geben. Wenn ein Gefäß voll ist, genügt ein Tropfen, um es zum Ueberfließen zu bringen.« Diese Worte entflammten die Kampflust der Edelleute dermaßen, daß Macko sie nur mit Mühe beschwichtigen konnte, wollten sie doch ungesäumt zu Pferde steigen und nach Sieradz reiten. »Haltet Euch bereit!« ließ sich der alte Ritter stets von neuem vernehmen, »haltet Euch bereit, aber wartet geduldig. Man wird unserer nicht vergessen, dessen dürft Ihr sicher sein.« Und so harrten sie und harrten sie! Allein so lange wurde ihre Geduld abermals auf die Probe gestellt, daß sich wiederum in aller Herzen der Zweifel an dem Ausbruche des Krieges regte. Nur Macko hielt seine Ansicht aufrecht, denn als das Eintreffen der Zugvögel das Nahen des Frühlings verkündigte, da erkannte er, kraft seiner langen Erfahrung, aus verschiedenen Anzeichen, daß der Krieg, und zwar ein gewaltiger Krieg, vor der Thüre stehe. Zuvörderst wurden so große Jagden in allen königlichen Forsten und Waldwildnissen angeordnet, wie sich ihrer kaum die ältesten Leute zu erinnern wußten. Tausende von Treibern wurden aufgeboten und demzufolge auch ganze Herden von Auerochsen, Bisons, Hirschen, Ebern und von allerlei anderm Wild erlegt. Wochen und Monde hindurch stieg der Rauch in den Wäldern empor, denn die gesalzenen Fleischstücke wurden geräuchert, um an die größeren Plätze der Wojwodschaft verschickt, vornehmlich aber, um in Plock aufgespeichert werden zu können. Offenbar wollte man Vorräte für gewaltige Kriegsheere sammeln, und Macko wußte sich dies sehr wohl zu deuten, da Witold derartige Jagden vor allen seinen bedeutenden Unternehmungen gegen Litauen hatte abhalten lassen. Doch auch noch andere Anzeichen sprachen für den Krieg. Die Bauern zum Beispiel entzogen sich haufenweise der Herrschaft der Deutschen, indem sie in das Königreich und nach Masovien entwichen. In dem Gebiete um Bogdaniec trafen zwar hauptsächlich Flüchtlinge ein, welche den deutschen Rittern in Schlesien unterthan waren, doch wie die Leute berichteten, zeigte sich allerorts, besonders aber in Masovien die gleiche Bewegung. Hlawa, der ja Spychow in Masovien bewirtschaftete, schickte gegen zwanzig Masuren, die aus Preußen zu ihm geflohen waren. Diese Mannen hatten um die Erlaubnis gebeten, unter dem Fußvolke an dem Kriege teilnehmen zu dürfen, weil sie an den ihnen aus ganzer Seele verhaßten Kreuzrittern Rache nehmen wollten. Den Aussagen jener nach standen bereits verschiedene Grenzansiedelungen fast gänzlich verödet, da die Großbauern mit Weibern und Kindern sich unter den Schutz der Fürsten von Masovien gestellt hatten. Bald zeigten sich in dem ganzen Lande Scharen von Bettlern, die aus Preußen kommend, nach Krakau ziehen wollten. Aus Danzig, aus Marienburg und Thorn, ja, sogar aus dem fernen Königsberg, kurz aus allen preußischen Städten, aus allen Komtureien eilten sie herbei, und nicht nur Bettler waren es, sondern auch Küster, Orgelspieler, Klosterbedienstete, ja sogar Kleriker und Priester. Von ihnen hoffte man allerlei über Preußen zu erfahren, durch sie glaubte man, sich darüber unterrichten zu können, wie es sich mit den Kriegsvorbereitungen, mit der Befestigung der Burgen, mit den Besatzungstruppen, mit den fremden Kriegern und Gästen verhalte. In der That flüsterte auch einer dem andern zu, die Wojwoden in den größeren Städten der Wojwodschaft und die Ratsherren in Krakau hätten sich schon Stunden lang mit verschiedenen der Flüchtlinge eingeschlossen, um sie zu vernehmen und ihre Berichte niederzuschreiben. Etliche begaben sich sogar heimlich wieder nach Preußen, um mit neuer Kunde in das Königreich zurückzukehren, ja, aus Krakau traf die Nachricht ein, der König und die Ratsherren seien nunmehr über jeden einzelnen Schritt der Kreuzritter unterrichtet. Ganz anders verhielt es sich in Marienburg. Ein von dort entflohener Geistlicher erschien in Koniecpole und erzählte den daselbst hausenden Herren, daß sich weder Ulryk von Jungingen, noch irgend ein anderer der Kreuzritter durch Nachrichten aus Polen beunruhigen lasse, indem sie von der festen Ueberzeugung durchdrungen seien, im Falle der Not mit einem Schlage das ganze Königreich derart verwüsten und darniederwerfen zu können, »daß keine Spur davon übrig bleibe.« Er wiederholte wörtlich den von dem Großmeister Ulryk bei einem Feste in Marienburg gethanen Ausspruch: »Je zahlreicher sie sind, desto wohlfeiler werden die Schafspelze in Preußen werden.« In dem gewaltigen Horte der Kreuzritter sah man daher jubelnd und siegesbewußt dem Kriege entgegen, voll Vertrauen auf die eigene Kraft und auf die Hilfe, die man sogar aus den entferntesten Königreichen erwartete. Doch trotz all dieser Kriegsanzeichen, trotz aller Vorbereitungen und Anordnungen kam es immer noch nicht zum Ausbruch des Krieges. Selbst dem jungen Ritter in Bogdaniec wurde diese Ungewißheit mehr und mehr lästig. Alles, was geschehen mußte, war gethan, seine Seele dürstete nach Kampf und Ruhm, mit jedem Tage der Verzögerung wuchs seine Ungeduld und häufig genug verlieh er dieser Empfindung seinem Oheim gegenüber Ausdruck. gerade als ob von Macko Krieg oder Friede abhängig sei. »Seht Ihr nun!« erklärte er diesem einmal, »Ihr habt den Krieg prophezeit, und nun ist noch immer nichts daraus geworden.« »Klug bist Du wohl, doch nicht allzuklug!« entgegnete Macko. »Bemerkst Du denn nicht, was um Dich vorgeht?« »So aber der König im letzten Augenblicke nachgiebt? Allgemein wird behauptet, er wünsche den Krieg nicht.« »Fürwahr, er wünscht den Krieg nicht. Doch war es nicht er, der ausrief: ›Ich wäre nicht der König, würde ich ruhig mit ansehen, wie sie sich Dresdens bemächtigen‹. Nichtsdestoweniger nahmen aber die Deutschen Dresden und haben es bis zu dieser Stunde in ihrer Gewalt. Traun, der König versteht sich nur schwer dazu, Christenblut zu vergießen, allein seine Ratgeber besitzen einen scharfen Verstand und treiben, die Uebermacht der Polen fühlend, die Deutschen immer mehr in die Enge – ich sage Dir nur das eine: wenn es Dresden nicht wäre, würde ein anderer Streitpunkt ausfindig gemacht werden.« »Wie ich hörte, hat der Großmeister Konrad selbst Dresden genommen, und er fürchtete doch gewiß den Krieg.« »Wohl fürchtete er ihn, kannte er doch besser als alle andern die Macht Polens. Gegen die Habsucht des Ordens anzukämpfen, dazu war er freilich nicht fähig. In Krakau ließ ich mir folgendes erzählen: der alte von Ost, der Gebieter Dresdens, leistete zur Zeit, als die Kreuzritter sich der Nova Marchia bemächtigten, dem König den Eid als Lehnsmann, denn seit ewigen Zeiten ward jenes Gebiet zu Polen gerechnet, und so wollte auch er zu dem Königreiche gehören. Da luden ihn die Kreuzritter nach Marienburg ein, machten ihn mit Wein trunken und entlockten ihm eine Beschreibung. Nun war es aber auch mit des Königs Geduld zu Ende.« »Bei meiner Treu, das läßt sich denken!« rief Zbyszko aus. »Es ist, wie Zindram sagte,« fuhr Macko fort. »Dresden ist nur der Stein, über den der Blinde stürzte.« »Was wird aber geschehen, wenn die Deutschen auf Dresden verzichten?« »Dann wird sich ein anderer Stein finden lassen. Was der Orden aber einmal verschlungen hat, das giebt er nicht wieder her, bis man ihm den Schlund öffnet. Und Gott gebe, daß uns dies bald gelingen werde.« »Traun!« rief nun Zbyszko wie neu gekräftigt, »Konrad hätte schließlich nachgegeben, Ulryk wird nie nachgeben. Er ist ein echter Ritter, an dem kein Makel haftet, doch furchtbar aufbrausend und entflammbar.« In solcher Weise besprachen sich die beiden häufig miteinander, inzwischen traten aber Ereignisse ein, die gleich den Steinen, die ein Vorübergehender mit dem Fuße einen steilen Bergpfad hinabstößt, und die mit immer größerer Schnelligkeit dem Abgrunde zurollen, unaufhaltsam zu der Entscheidung trieben. Mit Blitzesschnelle verbreiteten sich bedeutsame Nachrichten in dem ganzen Lande. Die Kreuzritter waren in das seit alten Zeiten Polen gehörende und den Johannitern verpfändete Santok plündernd und verwüstend eingefallen, und der neue Großmeister Ulryk hatte nicht nur vorsätzlich Marienburg verlassen, als die polnischen Gesandten dort eingetroffen waren, um ihn zu seiner Wahl zu beglückwünschen, sondern er hatte auch vom ersten Augenblick seiner Herrschaft an den Befehl erlassen, daß in den Verhandlungen mit dem Könige und mit Polen von nun an statt der lateinischen die deutsche Sprache gebraucht werden müsse. Damit kennzeichnete er sofort seinen Standpunkt. Den Herren in Krakau, die insgeheim für den Krieg wirkten, ward es sofort klar, daß dieser Großmeister es darauf anlegte, öffentlich seine Kriegslust darzuthun, ging er doch geradezu mit einer blinden Unüberlegtheit und mit einer Rücksichtslosigkeit gegen Polen vor, wie es bis jetzt keiner der Großmeister selbst zu einer Zeit gewagt hätte, in welcher der Orden an Macht dem Königreiche noch weit mehr überlegen gewesen war. Die Würdenträger des Ordens freilich, die weniger leidenschaftlich und weit verschlagener als Ulryk waren und die Witold kannten, ließen nichts unversucht, diesen auf ihre Seite zu bringen. Sie kargten nicht mit Gaben, ja, sie überschütteten ihn mit Schmeicheleien, wie man sie kaum maßloser zu der Zeit hätte ersinnen können, in der man den römischen Kaisern, noch während sie lebten, Tempel und Altäre errichtete. »Der Orden erfreut sich zweier Wohlthäter,« sprachen die Gesandten der Kreuzritter, als sie sich vor dem Statthalter Jagiellos bis zur Erde neigten, »Gott ist der eine, Witold der andere. Deshalb ist aber auch jedes Wort, jeder Wunsch Witolds den Kreuzrittern heilig.« Und sie beschworen ihn, Dresdens wegen zu vermitteln, insgeheim von der Hoffnung getragen, daß wenn er, der Untergebene des Königs, sich erkühne, über seinen Oberherrn zu urteilen, er diesen kränken und einen Bruch der guten Beziehungen zwischen sich und dem Könige, wenn auch nicht auf immer, so doch auf lange Zeit hinaus herbeiführen werde. Da aber des Königs Ratgeber in Krakau stets von allem unterrichtet waren, was in Marienburg geplant und ausgeführt ward, wählte Jagiello selbst Witold zum Schiedsrichter. Nur zu bald sollten aber die Kreuzritter diese Wahl bedauern. Die Würdenträger des Ordens, welche den Großfürsten zu kennen geglaubt hatten, sahen ihren Irrtum zu spät ein, denn Witold sprach, kraft seiner richtigen Beurteilung der kommenden Dinge, nicht nur Dresden den Polen zu, reizte die Samogitier nicht nur von neuem zum Aufstände, sondern schickte, dem Orden immer feindlicher entgegentretend, Kriegsleute und Waffen, sowie Korn aus den fruchtbaren Gefilden Polens nach Samogitien. Jetzt aber begriff ein jeder in dem großen, unermeßlichen Königreiche, daß die Stunde der Entscheidung geschlagen hatte. Und so war es in der That! Als einmal in Bogdaniec der alte Macko, Zbyszko und Jagienka, sich des warmen, herrlichen Wetters erfreuend, vor dem Burgthore saßen, sprengte ein fremder Mann auf schäumendem Pferde heran, warf wie zu einem Kranze gebogene Weidenzweige vor die beiden Ritter und galoppierte mit dem Rufe: »Aufgebot zum Heerbann, Aufgebot zum Heerbann!« wieder davon. Aufs höchste erregt, sprangen Macko und Zbyszko empor. Auf dem Antlitz des alten Ritters malten sich Ernst und Feierlichkeit. Zbyszko eilte hinweg, um den Knappen mit der Botschaft weiter zu senden, kehrte aber rasch mit leuchtenden Augen wieder zurück, indem er rief: »Krieg! Gott hat endlich unsern Wunsch erhört! Krieg!« »Und nicht ein Krieg, wie wir ihn schon erlebt haben, nein, einen großen Krieg, einen gewaltigen Krieg wird es geben!« ergriff in erhobenem Tone Macko das Wort, um sich dann «an die Dienstleute zu wenden, die sich blitzesschnell um ihren Gebieter versammelt hatten. »Eilt auf die Warte!« gebot er, »und laßt die Hörner nach allen vier Richtungen der Welt ertönen. Etliche von Euch mögen die Botschaft den Dorfschulzen verkünden, andere sollen die Pferde satteln, die Wagen bespannen. Rasch, sputet Euch!« Kaum hatte er zu Ende gesprochen, so waren die Dienstleute schon nach allen Richtungen zerstreut, um seine Befehle auszuführen, was um so leichter wurde, weil alles längst vorbereitet gewesen, weil Rüstungen, Waffen und Vorräte in genügender Menge vorhanden waren. So standen denn auch in kürzester Zeit Mannen, Pferde und Wagen zum Aufbruche fertig, und man harrte nur der beiden Ritter, um die Fahrt anzutreten. Diese besprachen indessen noch allerlei mit Jagienka, und schließlich fragte Zbyszko seinen Ohm: »Wollt Ihr nicht in Bogdaniec bleiben?« »Ich? Was kommt Dir in den Sinn?« »Dem Gesetze nach habt Ihr als ein Mann von vorgeschrittenem Alter das Recht, zu bleiben, und außerdem könntet Ihr auch der Schützer Jagienkas und der Kinder sein.« »Traun, so höre nun auch mich. Bis ich weiße Haare hatte, habe ich auf diese Stunde warten müssen.« Für Zbyszko genügte ein Blick in das entschlossene Antlitz seines Ohms, um zu wissen, daß jedes weitere Wort verloren sei. Macko war aber auch, trotz seiner siebzig Jahre, ein Mann, kräftig wie ein Eichbaum, und seine Hand bewegte sich noch so geschmeidig in den Gelenken, daß, wenn er die Streitaxt schwang, es geradezu in der Luft schwirrte und sauste. Was wollte es daher bedeuten, wenn er nicht mehr in voller Rüstung auf das Pferd zu springen vermochte, ohne die Steigbügel zu berühren? Gar viele jüngere als er, besonders unter den Rittern des Westens, waren ja auch nicht dazu im stande. Was wollte ein solch kleiner Mangel bedeuten gegenüber seiner umfassenden Erfahrung in allen ritterlichen Uebungen und Unternehmungen? Fürwahr, weit und breit kam ihm darin kein zweiter Krieger gleich. »Wäre es nicht um dieser kleinen willen, würde ich so lange vor Dir auf den Knien liegen, bis Du mir die Erlaubnis erteiltest, mit Dir zu ziehen.« Offenbar ängstigte sich auch Jagienka nicht vor dem Alleinsein, denn die Hand ihres Ehegemahls küssend, ließ sie sich also vernehmen: »Sorge Dich nicht um mich, geliebter Zbyszko, ist doch die Burg gar fest und stark. Bedenke auch, daß ich nicht allzu zaghaft bin, sind mir doch Bogen und Speer vertraut. Nicht an uns dürfen wir denken, wenn es sich um die Rettung des Königreichs handelt. Gott wird über uns wachen.« Thränen traten ihr in die Augen und rannen langsam, in großen Tropfen über ihre Wangen, als sie, auf die inzwischen herbeigebrachten Kinder deutend, mit einer vor Bewegung zitternden Stimme also fortfuhr: »Hei! Wäre es nicht um dieser Kleinen willen, würde ich so lange vor Dir auf den Knien liegen, bis Du mir die Erlaubnis erteiltest, mit Dir zu ziehen.« »Jagus!« schrie Zbyszko auf, sie an seine Brust ziehend. Da umschlang sie ihn mit ihren Armen, schmiegte sich fest an ihn an und flüsterte: »Nur kehre wieder zu mir zurück, mein Goldsöhnchen, mein Einziger, mein Liebstes auf der ganzen Welt.« »Zbyszko,« ließ sich jetzt Macko in bewegtem Tone vernehmen, »Zbyszko, danke Gott dem Herrn täglich dafür, daß er Dir ein solches Eheweib gegeben hat.« Eine Stunde später ward das Banner auf der Warte eingezogen, zum Zeichen, daß die Gebieter die Burg verlassen hatten. Zbyszko und Macko erlaubten Jagienka, sie mit den Kindern bis nach Sieradz zu begleiten und nach einem reichlichen Imbiß machten sie sich mit den Mannen und mit einem ganzen Wagenzuge auf den Weg. Der Tag war hell und klar. Eine atemlose Stille lag über den Wäldern. Das Vieh auf den Wiesen und in dem Brachlande schien, wie in Gedanken versunken und seine Nahrung bedächtig wiederkäuend, die mittägliche Ruhe zu genießen. Durch die Trockenheit der Luft stiegen da und dort gelbliche Staubwölkchen auf, hinter denen es zuweilen in dein glänzenden Sonnenlichte wie von unzähligen feurigen Funken blitzte. Als Zbyszko dies gewahr wurde, machte er sein Weib und seine Kinder mit den Worten darauf aufmerksam: »Wißt Ihr, woher diese Funken rühren? Speere, Lanzen und Wurfspieße sind es. Die Kunde von dem Aufgebot des Heerbannes hat sich schon allerorts verbreitet, von allen Seiten ziehen die Mannen gegen die Deutschen.« Und so verhielt es sich in der That. Kaum hatten sie die Grenze von Bogdaniec hinter sich gelassen, trafen sie mit Jagienkas Bruder, Jasko, zusammen, der als Erbe von Zgorzelic über großen Wohlstand gebot und mit drei Speerreitern und zwanzig andern Kriegsknechten auszog. Kurz darauf tauchte aus der Staubwolke das bärtige Gesicht Cztans aus Rogow auf, der, wenn er auch kein allzugroßer Freund von den Gebietern in Bogdaniec war, diesen doch nun schon aus der Ferne zurief: »Jetzt geht's gegen die Weißmäntel!« um gleich darauf wieder in dem Staube zu verschwinden. Auch mit dem alten Wilk aus Brzozowa stießen sie zusammen, dessen Haupt freilich aus Altersschwäche schon ein wenig zitterte, welcher aber trotzdem nicht zurückblieb, da er den Tod seines in Schlesien erschlagenen Sohnes an den Kreuzrittern rächen wollte. Je näher sie Sieradz kamen, je dichter wurden die Staubwolken, und als in der Ferne der Turm der Stadt sichtbar ward, da wimmelte die Straße von Rittern, Dorfschulzen und Kriegsknechten, die alle dem Sammelplatze zustrebten. Beim Anblick dieser zahlreichen, kräftigen, kampfeslustigen Scharen, die jeder Unbill des Wetters, allen Strapazen zu trotzen vermochten, da schwoll die Brust des alten Ritters von Siegeshoffnung. Fünftes Kapitel. Endlich, endlich war es zum Kriege gekommen, zu einem Kriege freilich, in dem nicht viele Schlachten geschlagen wurden, der sich anfänglich zu Ungunsten der Polen gestaltete. Ehe die Polen ihre Streitkräfte an Ort und Stelle zusammengezogen hatten, nahmen die Kreuzritter Bobrowniki, machten Zlotorya dem Erdboden gleich und verwüsteten das unglückliche Gebiet um Dobrzyn, das ihnen erst vor kurzem unter den größten Schwierigkeiten entrissen worden war. Durch die Vermittlung der Böhmen und Ungarn wurde indessen bald abermals den Kriegsfluten Einhalt gethan, ein Waffenstillstand ward geschlossen und Wenzeslaw, der König von Böhmen, zum Schiedsrichter zwischen den Polen und den Kreuzrittern ernannt. Auf beiden Seiten fuhr man indessen während des Winters und des Frühlings mit dem Zusammenziehen und dem Vorschieben der Kriegsscharen fort, und als der König von Böhmen, der erkauft worden war, zu Gunsten des Ordens entschied, brach der Krieg natürlich von neuem aus. Allgemach rückte der Sommer heran und mit ihm erschienen die unter Witold stehenden »Völkerstämme.« Nach Ueberschreitung des Flusses bei Czerwensk vereinigten sich die beiden Heerkörper, zu denen dann auch die Fähnlein der masovischen Fürsten stießen. Auf der andern Seite des Flusses, in dem Lager bei Schwetz, standen gegen hunderttausend eisengepanzerte Deutsche. Jagiello hatte zwar den Plan gefaßt, über den Drewenz zu gehen, um auf dem kürzesten Wege nach Marienburg vorzurücken, als sich jedoch dies als unmöglich erwies, kehrte er von Kurzetnik nach Soldau zurück und schlug dann, nachdem Dabrowua oder Gilgenburg, eine Feste des Ordens, durch eine Abteilung des Kriegsheeres zerstört worden war, daselbst sein Lager auf. Jagiello, und mit ihm alle polnischen und litauischen Großen, sahen längst voraus, daß es bald zu einer entscheidenden Schlacht kommen müsse, jeder aber glaubte, es werde noch eine Reihe von Tagen bis dahin verstreichen. Allgemein huldigte man der Ansicht, der Großmeister, welcher dem Könige den Weg verlegt hatte, wolle seinem Kriegsvolke Ruhe gönnen, damit er es frisch und neugekräftigt zum Kampfe führen könne. Unter dieser Voraussetzung rasteten auch die Kriegsscharen des Königs eine Nacht bei Dabrowna. Die Einnahme der Feste erfüllte die Herzen des Königs und Witolds mit Freude, trotzdem der Angriff ohne ausdrücklichen Befehl, ja eigentlich gegen den Willen des Kriegsrates unternommen worden war, denn die stark befestigte Burg lag inmitten eines Sees und hatte eine zahlreiche Besatzung. In solch unglaublich kurzer Zeit waren aber die polnischen Ritter Herren der Burg, mit solch unwiderstehlicher Gewalt stürmten sie vor, daß ehe Entsatz eintreffen konnte, alles in Trümmer lag, alles in rauchende Brandstätten verwandelt war, auf denen die wilden Horden Witolds und die Tataren unter Saladin die letzten, sich verzweifelt wehrenden deutschen Kriegsknechte niedermetzelten. Das Feuer hielt indessen nicht lange an, ein kurzer, aber heftiger Regenguß machte ihm bald ein Ende. Die ganze Nacht vom vierzehnten auf den fünfzehnten Juli ließ sich ungewöhnlich veränderlich und stürmisch an. Vom Winde getrieben, folgte Gewitter auf Gewitter. Zuweilen schien der Himmel in Flammen zu stehen, zuweilen zuckten unter dumpfen Donnerschlägen grelle Blitze von Osten nach Westen. Schwefelgeruch erfüllte oftmals die Luft, Regengüsse prasselten stets wieder von neuem nieder. Dann mit einem Male trieb der Wind die Wolken auseinander, und von dem lichter gewordenen Firmamente strahlten Sterne und Mond in hellem Glanze herab. Erst nach Mitternacht legte sich der Sturm so weit, daß die Wachfeuer wieder unterhalten werden konnten. In einem einzigen Augenblicke suchten tausende und tausende von Mannen in dem unermeßlich großen Lager der Polen und Litauer die Flammen aufs neue anzufachen, um hierauf unter wilden Gesängen ihre durchnäßten Gewandungen zu trocknen. Auch der König verbrachte die Nacht wachend, denn in der am äußersten Ende des Lagers stehenden Hütte, in die er sich vor dem Sturme geflüchtet hatte, wurde ein Kriegsrat abgehalten wegen der Einnahme Gilgenburgs. Da die Heerschar aus Sieradz mit an der Eroberung beteiligt gewesen war, mußte sich deren Führer, Jakob aus Koniecpole, samt andern darüber verantworten, daß er den Angriff auf die Burg unternommen hatte, ohne den Befehl dazu erhalten zu haben, und daß er den Kampf auch dann nicht eingestellt hatte, als ihm der Gegenbefehl des Königs durch einen besonderen Boten und durch eine Anzahl vertrauter Kriegsleute übermittelt worden war. Da nun der Wojwode nicht wissen konnte, was ihn erwarten, ob ihn nur Tadel oder wirkliche Strafe treffen werde, brachte er eine erkleckliche Anzahl der berühmtesten Ritter, darunter auch Macko und Zbyszko als Zeugen dafür mit, daß bei der Ankunft des königlichen Boten die Erstürmung der Wälle schon vor sich gegangen war, daß dem erbitterten Kampfe mit der Besatzung nicht mehr Einhalt geboten werden konnte. »Was aber den Angriff überhaupt anbelangt,« erklärte Jakob aus Koniecpole, »so ist es gar schwer, vor jedem Vorgehen erst die Erlaubnis dazu einzuholen, wenn die Größe des Kriegsheeres eine solch unermeßliche ist. Da ich in der Vorhut stand, erachtete ich es für meine Pflicht, jedes Hindernis vor dem Hauptheere aus dem Wege zu räumen und den Kampf mit dem Feinde allerorts aufzunehmen.« Als der König, Fürst Witold und die Herren des Kriegsrates, welche insgeheim über die Eroberung der Burg große Freude empfanden, diese Worte vernahmen, da sprachen sie dem Wojwoden und der Kriegsschar aus Sieradz nicht ihren Tadel aus, nein, sie konnten den Führer und die Kriegsleute nicht genug loben wegen des kühnen Mutes, mit dem sie die Burg genommen, die tapfere Besatzung überwältigt hatten. Für Macko und Zbyszko bot sich nun bei diesem Kriegsrate Gelegenheit, die hervorragendsten Großen des Königreiches versammelt zu sehen, denn außer dem König und den Fürsten aus Masovien waren auch die beiden Führer des Kriegsheeres anwesend, Witold, welcher die Litauer, Samogitier, Russen, Bessarabier, Wallachen und Tataren befehligte, und Zindram aus Maszkowice – der Schwertträger aus Krakau – welcher die polnische Streitmacht anführte, alle andern an Kriegskunst überragte und dessen Wappen die Aufschrift trug: »Der Sonne gleich.« Aber auch noch andere hervorragende Krieger und Staatskundige gehörten zu dem Kriegsrate, so der Krakauer Kastellan Kristin aus Ostrowo, der Krakauer Wojwode Jasko aus Tarnow, der Posener Wojwode Sedziwoj aus Ostrorog, der Wojwode von Sandomir Mikolaj aus Michalowic, der Kirchenprobst zum heiligen Florian, der Unterkanzler Mikolaj Traba, der Marschall des Königreiches Zbigniew aus Brzesc und Piotr Szafranec, der Unterkämmerer aus Krakau, sowie schließlich Ziemowit, der Sohn des Fürsten aus Plock, welcher trotz seiner Jugend in den Kriegsrat berufen worden war, weil er als sehr »umsichtig« in der Kriegsführung galt und der König große Stücke auf ihn hielt. In der zweiten geräumigen Stube der Hütte hatten sich auch unzählige der berühmtesten Ritter zusammengefunden, um nötigenfalls sofort ihre Ratschläge erteilen zu können. In ganz Polen, ja, weithin in allen fremden Königreichen kannte man deren Namen. Macko und Zbyszko sahen daher auch Zawisza Czarny, Sulinczyk und dessen Bruder Farurey, Skarbek Abdauk aus Gora, Dobek aus Olesnica, der seiner Zeit zwölf deutsche Ritter bei einem Turniere in Thorn aus dem Sattel gehoben hatte, dann den riesenhaften Paszko Zlodziej aus Biskupice, sowie den ihnen besonders freundlich gesinnten Powala aus Taczew, dann Krzon aus Kozichglowy, Marciu aus Wrocimowice, welcher das Hauptbanner des Königreiches trug, Florian Jelitczyk aus Korytnice, Lis aus Targowisko, welcher besonders im Handgemenge furchtbar ward, und Staszko aus Charbimowice, der in voller Rüstung über zwei der größten Pferde springen konnte. Doch außer den Genannten waren, aus verschiedenen Landen und aus Masovien, auch noch gar viele andere berühmte, den Bannern voranziehende Ritter anwesend, welche »die vor den Bannern Streitenden« hießen, weil sie während einer Schlacht in der ersten Reihe zu kämpfen pflegten. Von den ihnen bekannten Rittern wurden Macko und Zbyszko aufs freundlichste begrüßt, und Powala trat sofort zu ihnen und begann über die früheren Erlebnisse und Ereignisse zu sprechen. »Hei!« sagte er zu Zbyszko gewandt, »Du hast die Kreuzritter über gar Schweres zur Rechenschaft zu ziehen, nun aber ist, wie ich glaube, die Zeit gekommen, in der Du ihnen alles heimzahlen kannst.« »Mit Blut werde ich ihnen alles heimzahlen,« entgegnete Zbyszko, »für alles sollen sie mir büßen.« »Weißt Du, daß Kuno Lichtenstein Großkomtur geworden ist?« »Ich weiß es und auch meinem Ohm ist es bekannt.« »Gott gebe, daß ich mit Lichtenstein zusammentreffe,« warf jetzt Macko ein, »denn ich habe noch wegen gar manchem mit ihm abzurechnen.« »Traun! Wir alle haben ihn zum Kampfe gefordert,« bemerkte Powala, »allein er erklärte, er dürfe bei der Würde, die er bekleide, sich uns nicht stellen. Bei meiner Treu, vielleicht ist er aber jetzt doch andern Sinnes geworden.« »Dem wird er in die Hände fallen, dem er von Gott bestimmt ist!« ließ sich nun Zawisza in dem ihm eigentümlichen, würdevollen Tone vernehmen. Daraufhin entschloß sich Zbyszko, die Sache seines Ohms dem Urteile Zawiszas zu unterbreiten und fragte daher diesen, ob er nicht auch der Ansicht sei, Macko habe sein Gelübde durch den Kampf mit einem Blutsverwandten Lichtensteins erfüllt, der sich selbst als dessen Stellvertreter bezeichnet hatte, und der von dem alten Ritter getötet worden war. Trotzdem sich aber nun Zawisza und alle Umstehenden dahin aussprachen, dem Gelübde sei Genüge gethan worden, hielt Macko in seiner Halsstarrigkeit und ungeachtet ihm jener Ausspruch großen Trost gewährte, seine Meinung aufrecht, indem er sagte: »Traun, dies mag nun alles so sein, wie Ihr sagt! Ich aber würde mich des ewigen Heiles sicher fühlen, wenn mir Kuno selbst auf festgetretener Erde gegenüberstünde.« Im Laufe der Unterhaltung kamen die Redenden auch auf die Einnahme von Gilgenburg zu sprechen und man erging sich in Mutmaßungen darüber, wann wohl die erste große Schlacht sein werde, die nach der Ansicht aller bald geschlagen werden mußte, da dem Großmeister nichts anderes zu thun übrig blieb, als dem König den Weg zu verlegen. Die Rede ging hin und her, und gerade als man die Frage aufwarf, wieviele Tage man wohl noch zuwarten müsse, näherte sich den Sprechenden ein großer, schmächtiger Ritter, der in ein rotes Gewand gekleidet war, eine ebensolche Mütze auf dem Haupte trug und der, seine Arme ausbreitend, mit sanfter, fast mädchenhafter Stimme also anhub: »Ich grüße Dich, Ritter Zbyszko aus Bogdaniec!« »De Lorche! Du bist hier!« rief nun Zbyszko aus, den Lothringer, welcher in gar gutem Andenken bei ihm stand, in die Arme schließend und warme Freundschaftsküsse mit ihm austauschend. »Stehst Du auf unsrer Seite?« »Etliche Ritter aus Geldern kämpfen wohl auf der andern Seite!« antwortete de Lorche, »ich aber bin durch Dlugolas verpflichtet, meinem Gebieter, dem Fürsten Janusz, meine Dienste zu leihen.« »So bist Du der Erbe des alten Mikolaj aus Dlugolas?« »Ja. Nach dem Tode Mikolajs und dessen Sohn, der bei Bobrowniki erschlagen ward, fiel Dlugolas der holden Jagienka zu, die seit fünf Jahren mein Eheweib und meine Herrin ist.« »Bei Gott!« ließ sich nun Zbyszko abermals vernehmen, »bei Gott, Du mußt mir erzählen, wie sich dies alles ereignet hat.« Allein de Lorche begrüßte jetzt den alten Macko und sagte: »Von Euerm früheren Waffenträger Hlawa hörte ich, daß ich Euch hier im Lager finden könnte. Er selbst weilt nun in meinem Zelte und achtet auf das abendliche Mahl. Wohl liegt mein Zelt an dem andern Ende des Lagers – zu Pferde werden wir es aber bald erreichen. Kommt daher mit mir!« Dann, sich zu Powala wendend, mit dem er ja in Plock Freundschaft geschlossen hatte, fügte er hinzu: »Auch Euch, edler Herr, bitte ich, mir zu folgen. Gewährt mir die Ehre, gönnt mir dieses Glück!« »Gerne gehe ich mit Euch in Euer Zelt!« entgegnete Powala, »denn abgesehen davon, daß das Zusammensein mit Rittern, die ich kenne, mir stets die größte Freude ist, können wir auch das ganze Lager sehen.« So begaben sich denn alle in das Freie, um die Pferde zu besteigen. Da trat einer der Dienstleute de Lorches zu diesem heran, um ihm einen Mantel umzuhängen, den er augenscheinlich zu dem Zwecke mitgebracht hatte, eilte dann auf Zbyszko zu, küßte dessen Hand und sagte: »Heil und Ehre sei Euch, o Herr! Schon vor Jahren diente ich Euch, aber in der Dunkelheit könnt Ihr mich nicht erkennen. Ist Euch Sanderus aus dem Gedächtnis entschwunden?« »Sanderus, so wahr mir Gott helfe!« rief Zbyszko. Und die Erinnerung an die erlittenen Schmerzen, an all das Leid, an all die schweren Kümmernisse regte sich in dem jungen Ritter wieder so lebendig wie vor wenigen Wochen, als er bei der Vereinigung des königlichen Kriegsheeres mit dem Fähnlein der masovischen Fürsten nach langer, langer Zeit seinen einstigen Knappen Hlawa wiedergesehen hatte. »Sanderus!« hub er daher abermals an, »ich habe der frühern Zeiten, ich habe Deiner nicht vergessen. Was hast Du bisher getrieben, wo bist Du gewesen? Ziehst Du noch immer mit Reliquien durch die Lande?« »Nein, o Herr! Bis zum letzten Frühling versah ich das Amt eines Küsters an der Kirche in Dlugolas. Da aber mein verstorbener Vater dem Kriegshandwerk oblag, da widerte mich beim Ausbruch des Krieges das Erz der Kirchenglocken an und die Sehnsucht nach Eisen und Stahl erwachte in mir –« »Was höre ich?« warf hier Zbyszko ein, der sich Sanderus in der Schlacht mit einem Schwerte, einem Speere oder einer Streitaxt in der Hand nicht vorstellen konnte. Sanderus aber fuhr, Zbyszko den Steigbügel haltend, unentwegt fort: »Vor einem Jahre etwa begab ich mich auf Befehl des Bischofs von Plock in preußisches Gebiet und leistete dadurch beträchtliche Dienste – doch davon will ich Euch später berichten. Steigt also zu Roß, wohledler Ritter, denn jener böhmische Graf, den Ihr Hlawa zu rufen pflegtet, harrt unserer in dem Zelte meines Herrn.« Nachdem Zbyszko zu Pferde gestiegen war, ritt er mit Herrn de Lorche voran, da er ungestört mit ihm sprechen, da er sich dessen Erlebnisse erzählen lassen wollte, die zu hören er sehr gespannt war. »Unendlich glücklich macht es mich,« begann Zbyszko, »daß Du auf unserer Seite kämpfst, doch ich wundere mich darob, denn Du dientest doch den Kreuzrittern.« »Jene mögen ihnen dienen, die sich Sold bezahlen lassen!« erwiderte de Lorche, »ich habe nie Sold genommen. Nein – Abenteuer wollte ich bestehen, als ich zu den Kreuzrittern zog, den Rittergürtel wollte ich mir erringen, den ich auch, wie Dir ja bekannt sein wird, aus den Händen eines polnischen Fürsten empfing. Und nachdem ich nach meiner Vermählung bei Euch seßhaft geworden bin, wie könnte ich gegen Euch streiten? Zu Euch gehöre ich nun, denn, wie Du sofort bemerkt haben wirst, spreche ich ja jetzt Eure Sprache!« »Und Deine Besitzungen in Geldern? Wie mir gesagt ward, bist Du ein Blutsverwandter des dort herrschenden Geschlechtes und der Erbe vieler Burgen und Dörfer.« »Ich trat mein Erbe an meinen Blutsverwandten Foulk de Lorche ab, der mich dafür bezahlte. Vor fünf Jahren bin ich in Geldern gewesen und habe von dort große Summen zurückgebracht, mit denen ich mich in Masovien ankaufte.« »Wie kam es aber dazu, daß Du Dich mit Jagienka aus Dlugolas vermähltest?« »Ach!« antwortete de Lorche, »ist nicht jede Frau ein Rätsel? Sie spottete meiner so lange, bis ich es müde wurde und ihr erklärte, der Gram, der Kummer treibe mich in den Krieg nach Asien, von wo ich niemals wieder zurückzukehren gedenke. Da brach sie zu meinem Staunen in Thränen aus und rief schluchzend: ›Dann werde ich in ein Kloster gehen!‹ Ich aber warf mich, diese Worte hörend, ihr zu Füßen und wenige Tage später sprach der Bischof aus Plock in der Kirche über uns beide den Segen.« »Habt Ihr Kinder?« fragte nun Zbyszko. »Nach Beendigung des Krieges wallfahrt Jagienka an das Grab unserer Königin Jadwiga, um von ihr die Erfüllung unserer Wünsche zu erflehen!« entgegnete de Lorche seufzend. »Daran thut sie gut. Man sagt, das helfe immer, und daß es in solchen Fällen keine bessere Fürsprecherin gebe als unsere heilige Königin. Noch wenige Tage, und es kommt zur Hauptschlacht, der Frieden wird dann nicht lange auf sich warten lassen.« »Gewiß.« »Aber die Kreuzritter halten Dich sicherlich für einen Verräter!« »Nein,« entgegnete de Lorche, »Du weißt ja, wie viel ich auf meine Ritterehre halte. Sanderus begab sich im Auftrage des Bischofs von Plock nach Marienburg, daher sandte ich durch ihn ein Schreiben an Meister Ulryk, worin ich ihm den Dienst aufgekündigt und ihm die Gründe angegeben habe, weshalb ich mich auf Eure Seite stelle.« »Hei! Sanderus!« rief Zbyszko aus. »Er sagte mir, daß der Klang der Kirchenglocken einen wahren Ekel in ihm erweckt habe, und daß ein Verlangen nach Stahl und Eisen in ihm erwacht sei. Mich wundert dies aber, denn er hatte immer ein Hasenherz.« Darauf entgegnete de Lorche: »Mit Stahl und Eisen hat Sanderus nur soviel zu thun, daß er mir und meinen Knappen den Bart abschert.« »So verhält es sich also?« fragte Zbyszko nicht wenig ergötzt. Schweigend ritten sie einige Zeit weiter, dann richtete de Lorche seine Augen zum Himmel empor und sagte: »Zum Abendbrot habe ich Euch eingeladen, aber wir werden wohl zum Frühstück erst anlangen.« »Der Mond scheint noch,« entgegnete Zbyszko. »Reiten wir also weiter.« Nachdem sie mit Macko und Powala zusammengetroffen waren, ritten sie alle nebeneinander durch die breite Straße des Feldlagers, welche auf Befehl der Anführer zwischen den Zelten und Feuerstätten abgesteckt worden war, damit der Durchgang frei blieb. Da sie zu der am andern Ende des Lagers stehenden masovischen Heeresabteilung stoßen wollten, mußten sie es der ganzen Länge nach durchreiten. Macko wendete sich zu Powala aus Taczew: »Sagt, Herr, wie viele Fähnlein hat Knäs Witold aufgebracht?« »Vierzig!« entgegnete Powala. »Unsere polnischen belaufen sich mit den masovischen zusammen auf fünfzig, aber sie sind anders geordnet als die Witolds. Denn bei ihm dienen zuweilen einige tausend Mannen unter einem Banner. Ha! Wir hörten, der Großmeister habe diese Krieger ein Bettelvolk genannt, das einen Löffel besser als ein Schwert zu gebrauchen verstehe, aber Gott gebe, daß er sich in einer für ihn schlimmen Stunde so ausgesprochen hat, denn ich glaube, die litauischen Wurfspieße werden von dem Blute der Kreuzritter gerötet werden.« »Was sind das für Mannen, an denen wir jetzt vorüberkommen?« fragte Herr de Lorche. »Das sind Tataren, Witolds Lehensmann, Saladin, führte sie hierher.« »Bewähren sie sich in der Schlacht?« »Die Litauer verstehen es, mit diesen Tataren zu kämpfen und haben einen beträchtlichen Teil derselben besiegt. Aus dem Grunde wurden sie auch gezwungen, an diesem Kriegszug teilzunehmen. Aber die Ritterschaft aus dem Westen hat stets einen schweren Stand mit ihnen, denn sie zeigen sich gefährlicher beim Rückzuge als beim Angriffe.« »Laßt sie uns in der Nähe betrachten,« sagte de Lorche. Sie ritten zu den Feuerstätten heran. Die Männer, welche hier lagerten, hatten ganz entblößte Arme, trugen aber trotz der Sommerzeit Schafpelze, die Wolle nach oben gekehrt. Ein großer Teil von ihnen schlief auf nackter Erde oder auf feuchtem, von der Hitze dampfendem Stroh, viele saßen zusammengekauert am lodernden Feuer; etliche verkürzten sich die Stunden der Nacht, indem sie im Nasaltone wilde Lieder sangen und dabei zur Begleitung das eine Schienbein eines Pferdes an das andere schlugen, wodurch ein seltsamer und unangenehmer Klang hervorgebracht wurde; wieder andere hatten kleine Trommeln oder klimperten auf den festgespannten Sehnen ihrer Bogen. Manche hatten noch rauchende, blutige Fleischstücke vom Feuer genommen und bliesen mit ihren aufgeworfenen, bläulichen Lippen darauf, um sie dann zu verzehren. Im allgemeinen sahen sie so wild und schaudererregend aus, daß man sie eher für Unholde des Waldes als für menschliche Wesen halten konnte. Der Rauch der Feuerstätte führte einen beißenden Geruch des gebratenen Pferde- und Lämmerfleisches mit sich, und zudem verbreitete sich ringsumher ein unerträglicher Duft von angebrannter Wolle, warm gewordenen Schafpelzen, abgezogenen Häuten und frischem Blut. Von der andern, dunkeln Seite der Straße, wo die Pferde standen, kam ein durchdringender Schweißgeruch herüber. Diese Mären, von denen einige hundert bei Streifwachen in der Nachbarschaft benützt wurden, fraßen das Gras unter ihren Füßen und bissen einander, indem sie laut schnaubten und wieherten. Durch die Zurufe und Peitschenhiebe der Pferdeknechte wurden sie dann wieder gebändigt. Es war gefährlich, sich allein unter diese wilden Menschen zu wagen, da sie außerordentlich raubsüchtig waren. Dicht hinter ihnen lagerten die etwas weniger wilden Banden der Bessarabier, deren Kopfbedeckung mit Hörnern versehen war, sowie die langhaarigen Wallachen, welche statt der Panzer bemalte Holzbretter mit plumpen Abbildungen von Vampyren, Gerippen oder Tieren auf Brust und Schultern trugen; etwas weiterhin befanden sich die Serben, deren jetzt in Schlaf versenktes Lager zur Tageszeit vom Klange der Flöte, der Balalajka, Ein der Mandoline ähnliches, in der Ukraine und in Rußland bekanntes Saiteninstrument. Anmerk. d. Uebersetzerinnen. der Rohrpfeife und der andern Musikinstrumente widerhallte wie von einer einzigen großen Laute. Die Wachfeuer leuchteten hell. Vom Himmel, zwischen den von einem starken Wind auseinandergetriebenen Wolken blickte der Mond hernieder und bei diesem Scheine, diesem Lichte konnten unsere Ritter das Lager genau betrachten. Hinter den Serben befand sich der Rastplatz der unglücklichen Samogitier. Ein wahres Blutbad hatten die Deutschen schon unter ihnen angerichtet, und gleichwohl stellten sie sich, auf jede Aufforderung Witolds hin, zu neuen Kämpfen. Wie im Vorgefühl, daß ihre Not bald auf immer zu Ende sein werde, waren sie auch jetzt hierhergezogen, durchdrungen von dem Geiste Skirwoillos, dessen Name allein schon die Deutschen mit Wut und Furcht erfüllte. Die Wachfeuer der Samogitier grenzten unmittelbar an die der Litauer, gehörten sie doch zu demselben Volke, hatten sie doch dieselben Sitten und Gebräuche, redeten sie doch dieselbe Sprache. Als die Ritter im litauischen Lager anlangten, fiel ihnen sofort ein düsteres Bild in die Augen. An einem aus rohen Stämmen zusammengefügten Galgen hingen zwei menschliche Leichname, welche durch den Wind so gewaltsam hin und her bewegt, herumgedreht und emporgeworfen wurden, daß das Holzwerk des Galgens kläglich knirschte. Beim Anblick der Leichname schnaubten die Pferde und stellten sich auf ihre Hinterfüße, die Ritter aber machten fromm das Zeichen des Kreuzes, und während sie weiterritten, sagte Powala: »Knäs Witold befand sich bei dem König, und auch ich war gerade anwesend, als diese beiden Verbrecher herbeigeführt wurden. Schon zuvor hatten sich unsere Bischöfe und Herrscher darüber beklagt, daß der Litauer Kriegsführung furchtbar ist, und daß sie sogar die Kirchen nicht schonen. Als die beiden daher herbeigeführt wurden (es sind angesehene Leute gewesen, aber die Unglücklichen hatten, wie es scheint, das heilige Sakrament entweiht), ward der Fürst von solchem Zorn erfaßt, daß es furchtbar war, ihn anzuschauen – und er befahl ihnen, sich selbst aufzuhängen. Die Elenden mußten sich nun selbst den Strick um den Hals legen, und dabei trieb einer den andern zur Eile an. »Nur rasch! damit der Fürst nicht noch zorniger wird!« Und die Tataren und Litauer wurden alle von einer wahren Angst ergriffen, denn sie fürchten nicht den Tod, wohl aber des Fürsten Grimm.« »Ja,« sagte Zbyszko, »zu jener Zeit, als ich in Krakau wegen Lichtenstein des Königs Zorn auf mich lud, riet mir der junge Knäs Jamont, ein Lehensmann des Königs, sogleich mich aufzuhängen. Und diesen Rat gab er mir aus Freundschaft, obgleich er deshalb von mir zum Kampfe auf festgetretener Erde gefordert worden wäre, wenn ich mir nicht, wie Ihr wißt, hätte sagen müssen, daß mein Haupt ohnedies fallen werde.« »Seitdem hat Knäs Jamont die ritterlichen Sitten erlernt,« entgegnete Powala. Unter solchen Gesprächen kamen sie an dem großen litauischen Lager und an drei glänzenden russischen Heeresabteilungen vorüber, von denen die aus Smolensk die zahlreichste war, und wendeten sich dem polnischen Feldlager zu. Daselbst standen fünfzig Fähnlein – der Kern und die Auserlesensten der ganzen Kriegsmacht. Hier waren die Rüstungen besser, die Pferde stärker und die Ritter geübter in der Waffenkunde, sodaß sie denen des Westens in keiner Hinsicht etwas nachgaben. An Körperkraft, an Ausdauer, wenn es galt, Hunger, Kälte und Beschwerden zu ertragen, übertrafen diese in Groß- und Kleinpolen ansässigen Männer sogar die Krieger des Westens, welche mehr verweichlicht waren. Die Sitten der Polen waren einfacher, ihre Rüstungen weniger fein geschmiedet, aber sie konnten sich einer größern Kaltblütigkeit rühmen, auch hatten ihre Todesverachtung und außerordentliche Ausdauer im Kampfe schon häufig die aus der Ferne kommenden französischen und englischen Ritter in Staunen versetzt. De Lorche, welcher die polnische Ritterschaft längst kannte, sprach also: »In diesen allein liegt Eure Stärke, Eure Hoffnung. Ich erinnere mich, wie sich in Marienburg die Ritter mehr denn einmal darüber beklagten, daß sie im Treffen mit Euch jede Spanne Landes durch Ströme von Blut erkaufen müßten.« »Auch jetzt werden Ströme von Blut fließen,« antwortete Macko, »denn auch der Orden hat bisher noch niemals eine solche Heeresmacht aufgeboten.« Powala aber sagte: »Ritter Korsbog, welcher vom König mit Briefen an den Meister gesandt ward, berichtet, daß die Kreuzritter sagen, weder der römische Cäsar noch irgend ein König verfüge über eine solche Streitkraft, und der Orden könne alle Reiche der Welt unter seine Botmäßigkeit bringen.« »Pah! An Zahl sind wir ihnen aber überlegen!« bemerkte Zbyszko. »Wohl, so ist es, doch achten sie Witolds Streitmacht gering. Sie behaupten, sie sei aus mangelhaft ausgerüsteten Kriegern zusammengesetzt und könne beim ersten Ansturm zertrümmert werden wie ein irdener Topf durch einen Hammer. Ob dies nun wahr oder unwahr ist, vermag ich nicht zu entscheiden.« »Es ist wahr und doch auch wieder unwahr!« ließ sich hier der verständige Macko vernehmen. »Ich und Zbyszko kennen diese Krieger, denn wir haben zusammen mit ihnen gekämpft. Ihre Rüstungen sind allerdings schlecht, ihre Pferde klein und unansehnlich und daher kommt es häufig vor, daß sie bei einem Angriff der Kreuzritter Reißaus nehmen, aber im Grunde sind sie eben so tapfer, wenn nicht tapferer als die Deutschen.« »Das wird sich bald zeigen!« bemerkte Powala. »Aber dem König stehen fortwährend Thränen in den Augen bei dem Gedanken, daß soviel Christenblut vergossen werden soll, und noch im letzten Augenblick würde er sich wahrscheinlich bereit zeigen, einen gerechten Frieden zu schließen, doch der Stolz der Kreuzritter kann sich nicht dazu herbeilassen.« »So wahr ich lebe, Ihr habt recht! Ich kenne die Kreuzritter, und wir alle kennen sie,« stimmte Macko bei – »Gott hält schon die Wagschale bereit, auf der unser Blut, sowie das unseres Erbfeindes abgewogen werden soll.« Sie waren jetzt nicht mehr weit von der masovischen Heeresabteilung entfernt, bei der sich das Zelt de Lorches befand, als sie in der Mitte der »Straße« eine große, dicht aneinandergedrängte Menschenschar gewahrten, die unausgesetzt gen Himmel schaute. »Bleibt dort stehen! Bleibt stehen!« rief eine Stimme aus der Menge hervor. »Wer seid Ihr und was thut Ihr hier?« fragte Powala. »Der Probst aus Klobuzk. Und Ihr?« »Powala aus Taczew, die Ritter aus Bogdaniec und Herr de Lorche. »Ach! Ihr seid es, Ihr Herren!« sagte der Priester in geheimnisvollem Tone, während er sich Powalas Pferd näherte. »Betrachtet nur den Mond und seht, was dort vorgeht. Das ist eine vielverheißende und wundervolle Nacht.« Die Ritter schauten empor und blickten auf den Mond, welcher schon erbleichte und dem Untergange nahe war. »Ich kann nichts unterscheiden!« antwortete Powala. »Was seht Ihr denn?« »Ein Mönch in einer Kapuze kämpft mit einem König, der eine Krone auf dem Haupte trägt. Seht nur! O dort! Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes! O wie furchtbar sie miteinander ringen! ... Gott sei uns Sündern gnädig!« Tiefe Stille trat nun ringsumher ein, denn alle hielten den Atem an. »Seht nur! Seht!« rief der Priester. »Es ist wahr! Dort ist etwas zu sehen!« sagte Macko. »Es ist wahr! Es ist wahr!« bestätigten auch die andern. »Ha! Der König hat den Mönch niedergeworfen! Er setzt seinen Fuß auf ihn!« schrie der Probst aus Klobuzk plötzlich. »Gelobt sei Jesus Christus!« »Von Ewigkeit zu Ewigkeit!« In diesem Augenblick bedeckte eine große schwarze Wolke den Mond, und Dunkelheit herrschte überall, nur der Schein der Wachfeuer warf flimmernde, blutrote Streifen quer über den Weg. Die Ritter ritten weiter und als sie das Häuflein Menschen hinter sich gelassen hatten, fragte Powala: »Saht Ihr etwas?« »Anfangs sah ich nichts,« erwiderte Macko, »aber dann sah ich den König und den Mönch ganz deutlich.« »Auch ich!« »Auch ich!« »Das ist ein Fingerzeig Gottes!« erklärte Powala. – »Ha! Trotz der Thränen unseres Königs wird es offenbar nicht zum Frieden kommen.« »Und eine Schlacht wird geliefert werden, wie die Welt noch keine gesehen hat,« sagte Macko. Und von solchen Gedanken erfüllt, ritten sie schweigend, in feierlicher Stimmung weiter. Als sie sich nicht mehr weit von dem Zelte de Lorches befanden, erhob sich ein solcher Sturmwind, daß im Nu die Wachfeuer der Masuren auseinandergerissen, umhergestreut und Tausende von brennenden Holzstücken, Splittern, Funken umhergewirbelt wurden, während dichte Rauchwolken die Luft erfüllten. »Hei, wie das bläst!« sagte Zbyszko, seinen Mantel, den ihm die Windsbraut über den Kopf getrieben, herunterziehend. »Und mitten durch den Sturm klingt es wie Klagen und Stöhnen von Menschenstimmen,« »Die Morgendämmerung bricht an, aber niemand weiß, was ihm der Tag bringen wird,« fügte de Lorche hinzu. Sechstes Kapitel. Auch in der Frühe ließ der Sturm nicht nach, sondern nahm dermaßen zu, daß es unmöglich war, das Zelt aufzuschlagen, worin der König seit dem Beginn des Feldzuges drei heilige Messen täglich zu hören pflegte. Schließlich eilte Witold herbei und bat flehentlich, den Gottesdienst zu einer angemesseneren Zeit in der Stille des Waldes abzuhalten und den Vormarsch des Heeres nicht zu verhindern. Sein Wunsch ward in der That erfüllt, weil man die Notwendigkeit einsah. Bei Sonnenaufgang setzte sich das Kriegsheer in Bewegung, gefolgt von einer unübersehbaren Reihe von Wagen. Nach Ablauf einer Stunde legte sich der Wind, sodaß man die Fahnen wehen lassen konnte. Und so weit die Blicke reichten, schien nun das ganze Gefilde mit Blumen von allen Farben bedeckt zu sein. Kein Auge vermochte all die Heeresabteilungen und den Wald von verschiedenen Standarten zu umfassen, unter denen die Krieger vorrückten. Das wichtigste Feldzeichen für alle Kriegsscharen, das Hauptbanner des ganzen Königreiches war die Fahne des Krakauer Gebietes mit dem weißen, gekrönten Adler im roten Felde. Sie wurde von Marcin aus Wrocimowice, der eine halbe Ziege im Wappen hatte, einem mächtigen, weltberühmten Ritter getragen. Hinter ihm ging die Leibwache des Königs, der das Banner mit dem doppelten litauischen Kreuze, sowie das Banner, worauf der nachsetzende Reiter mit dem zum Hiebe erhobenen Schwerte prangte, vorangetragen wurden. Unter dem Zeichen des heiligen Georg zog eine starke Heeresabteilung von fremden Söldlingen und von Kriegern dahin, die sich freiwillig gestellt hatten und die hauptsächlich aus Böhmen und Mähren stammten. Gar viele hatten ihre Dienste angeboten und das neue, vierzigste Fähnlein war ausschließlich aus solchen Mannen gebildet. Es war meist Fußvolk, das hinter den Lanzenträgern dahinschritt, eine wilde, ungezügelte Rotte, aber so geübt im Kampfe, so gefährlich bei einem Zusammentreffen, daß jedes andere Fußvolk, das auf sie stieß, so rasch wie möglich vor ihr floh wie der Hund vor dem Stachelschwein. Streitäxte, Sensen, Beile und vornehmlich eiserne Knittel waren die Waffen dieser Krieger, und sie wurden in geradezu furchtbarer Weise von ihnen gehandhabt. Diese Leute dienten jedem, der sie bezahlte, denn ihr einziges Lebenselement war Krieg, Plünderung und Gemetzel. Neben den Streitern aus Mähren und Böhmen zogen mit ihrer Standarte sechzehn Fähnlein aus polnischen Landen dahin, darunter eines aus Przemysl, eines aus Galitsch und drei podolische, hinter diesem kam Fußvolk aus denselben Gebieten, hauptsächlich mit Wurfspießen und Sensen bewaffnet. Die Fürsten aus Masovien, Janusz und Ziemowit führten die einundzwanzigste, zweiundzwanzigste und dreiundzwanzigste Heeresabteilung an. Dicht hinter ihnen schritten die bischöflichen Fähnlein und die des weltlichen Adels, zweiundzwanzig an Zahl. Es waren die Fähnlein von Jasko aus Tarnow, Jedrek aus Teczyn, Spytko Leliwa und Brzezie, Krzon aus Kozichglowy, Kuba aus Koniecpole, von Jasko Ligeza, von Kmita und Zaklika, und die Fähnlein der Geschlechter der Gryfici und Bobowski, sowie des Geschlechtes, das im Wappen »Kozle Nogi« Ziegenhörner. Anmerkung der Uebersetzerinnen. trug, ferner die Fähnlein von verschiedenen andern, welche in der Schlacht unter einem gemeinschaftlichen Wappenschilde und durch ein gemeinschaftliches Losungswort vereint waren. Und einer Wiese, auf der im Frühjahr bunte Blüten emporsprießen, glich jetzt das weite Gefilde mit den farbigen Bannern. Wie ein Strom zogen Pferde und Menschen dahin, über ihnen ein Wald von Lanzen mit farbigen Fähnchen, die allerlei Blumen ähnlich waren, und hinter ihnen, in Staubwolken, das aus Städtern und Großbauern zusammengesetzte Fußvolk. Alle wußten, daß sie einer furchtbaren Schlacht entgegen gingen, aber alle wußten auch, daß es sein »mußte«, und mit frohem Mute rückten sie vor. Die den rechten Flügel bildenden Scharen Witolds zogen unter vielfarbigen Fahnen dahin, auf denen das Bildnis des nachsetzenden Reiters mit dem zum Hiebe erhobenen Schwerte prangte. Mit einem Blicke konnte man diese gewaltigen Heeresmassen nicht überschauen, denn aus einem mehr als eine deutsche Meile breiten Flächenraum bewegten sie sich zwischen Wald und Feld vorwärts. Am Vormittag in der Nähe der Dörfer Bogdan und Tannenberg angelangt, machten die Kriegsscharen Halt am Saume des Waldes. Der Platz schien gut zur Rast geeignet und zudem vor jedem unerwarteten Ueberfall geschützt zu sein, denn auf der linken Seite grenzte er an die Gewässer des Dobrowa-Sees, auf der rechten an den Lubieczer See und vor den Kriegscharen öffnete sich ein weites, etwa eine Meile breites Gefilde. Inmitten dieses Gefildes, gegen Westen sanft ansteigend, lagen die sumpfigen Wiesengründe Grünwalds und etwas weiter hin die öden, düstern Brachfelder Tannenbergs, dessen schadhafte Strohdächer in der Ferne zu sehen waren. Der Feind, welcher von der Anhöhe herunterkam und sich dem Walde näherte, mußte sofort gesehen werden, aber es war nicht zu erwarten, daß er sich früher als am folgenden Tage zeigen werde. Am Waldessaum machte das Heer nun Halt, um der Ruhe zu pflegen, da indessen der in Kriegssachen wohlerfahrene Zindram aus Maszkowice sogar während des Vormarsches den Kriegsplan im Auge behalten hatte, nahmen sie jetzt eine solche Stellung ein, daß sie jeden Augenblick zum Kampfe bereit sein konnten. Dem Befehle des Anführers zufolge wurden sofort auf leichten, schnellfüßigen Pferden Kundschafter nach Grünwald, Tannenberg und noch etwas weiter gesandt, damit sie die Umgegend erforschten und mittlerweile schlug man für den Gottesdienst, nach dem der König so inbrünstiges Verlangen trug, am hohen User des Lubiecz-Sees das als Kapelle dienende Zelt auf, sodaß er wie gewöhnlich die Messe hören konnte. Jagiello, Witold, die masovischen Fürsten, sowie der Kriegsrat begaben sich in das Zelt. Vor dem Eingange versammelten sich die angesehensten Ritter, sowohl um vor dem furchtbaren Tage die Gnade Gottes für sich zu erflehen, als auch um den König zu schauen. Und sie sahen ihn, wie er in schlichtem, grauem Gewande, mit ernstem Angesichte, auf dem sich deutlich ein tiefer Kummer malte, dahinschritt. Die Jahre hatten ihn wenig verändert, auf seinem Antlitz zeigten sich noch keine Runzeln, seine Haare waren noch nicht weiß geworden und wie damals, als Zbyszko ihn zum erstenmal in Krakau sah, strich er sie auch jetzt mit einer raschen Bewegung hinter die Ohren. Doch schien er darniedergebeugt von der Wucht der furchtbaren Verantwortlichkeit, welche auf ihm lastete, und wie versenkt in große Traurigkeit zu sein. Im Heere sprach man vielfach davon, daß der König beständig Thränen über das Christenblut vergieße, das voraussichtlich fließen müsse, und so war es in der That. Jagiello schrak vor dem Kriege zurück, vornehmlich vor dem Kriege mit Gegnern, welche das Kreuzeszeichen auf Mänteln und Bannern trugen, und von ganzer Seele sehnte er sich nach Frieden. Es nützte wenig, daß ihn die polnischen Edelleute und sogar die ungarischen Friedensvermittler Scibor und Gara auf das hochmütige Selbstvertrauen der Kreuzritter aufmerksam gemacht hatten, auf das hochmütige Selbstvertrauen, womit auch der Meister die ganze Welt zum Kampfe herausforderte. Umsonst schwur ihm sein Gesandter Piotr Korzbaz auf das heilige Kreuz und auf sein eigenes Wappenschild, daß der Orden nichts von Frieden hören wolle, und daß Graf von Wende, der Komtur aus Mewe, der allein zum Frieden geneigt sei, von den andern mit Hohn und Schimpfreden überschüttet worden war – Jagiello gab doch die Hoffnung noch nicht auf, daß der Feind die Billigkeit seiner Forderungen anerkennen, Blutvergießen vermeiden und durch einen gerechten Vergleich den furchtbaren Zwiespalt endigen werde. Daher ging er auch jetzt in die Kapelle, um zu beten, denn seine einfache, gütige Seele war von Angst und Unruhe erfüllt. Wohl hatte er einst die Gebiete der Kreuzritter mit Feuer und Schwert heimgesucht, aber das hatte er noch als litauischer Fürst, als Heide gethan, jetzt hingegen war er König von Polen, war er Christ, und wenn er brennende Dörfer, Brandstätten, Blut und Thränen sah, dann ergriff ihn bange Furcht vor dem Zorn Gottes, zumal dies erst der Anfang des Krieges war. »Ach! daß dieser Kampf doch schon sein Ende erreicht hätte!« sagte er sich. »Aber heute oder morgen können die Völker aufeinanderprallen, und dann muß die Erde von Blut gerötet werden. Des Feindes Ungerechtigkeit ist in der That groß, doch trägt er das Kreuz auf dem Mantel und zudem wird er von so kostbaren und heiligen Reliquien geschützt, daß allein schon der Gedanke daran Schrecken einflößt.« An diese Reliquien dachte man im ganzen Heere voll Angst, und weder die Lanzenspitzen, noch die Schwerter, noch die Streitäxte, wohl aber diese heiligen Ueberreste wurden von den Polen gefürchtet. »Wie können wir gegen den Meister die Hand erheben,« sagten die sonst so kühnen Ritter, »wenn er auf dem Panzer ein Reliquienkästchen mit den Gebeinen eines Heiligen und mit Holz von dem Kreuze des Erlösers trägt!« Witold freilich in seinem Feuereifer drängte zum Kriege, ihn verlangte es nach Kampf und Schlacht, aber das fromme Gemüt des Königs ward von banger Scheu ergriffen, wenn er der himmlischen Mächte gedachte, welche den Orden trotz seiner ungerechten Sache zu schützen schienen. Siebentes Kapitel. Vater Bartosz aus Klobuzk hatte gerade eine Messe beendigt, der Probst von Kalisz sollte binnen kurzem die zweite beginnen, und der König trat vor das Zelt, um die von dem langen Knien etwas ermüdeten Glieder ein wenig zu strecken, als ein Edelmann, Hanko Ostojezyk, wie der Sturmwind auf schaumbedecktem Pferde dahergesprengt kam, und bevor er noch von dem Sattel herabsprang, laut hinaus schrie: »Die Deutschen! Allergnädigster Herr und König!« Bei diesen Worten fuhren die Ritter empor, der Ausdruck auf dem Antlitz des Königs veränderte sich und nach einem kurzen Schweigen rief er: »Gelobt sei Jesus Christus! Wo sahst Du sie und wie viele Fähnlein sind es?« »Ein Fähnlein sah ich bei Grünwald,« erwiderte Hanko schweratmend, »aber jenseits des Hügels erheben sich Staubwolken, wie wenn deren mehrere heranrückten.« »Gelobt sei Jesus Christus!« sagte der König abermals. Da wendete sich Witold, dem bei den ersten Worten Hankos das Blut jäh ins Gesicht gestiegen war und dessen Augen blitzten, zu dem Gefolge des Königs und rief: »Verschiebt die zweite Messe auf spätere Zeit! Bringt mir ein Pferd!« Der König aber legte die Hand auf Witolds Schulter und sagte: »Mache Du Dich auf, Bruder, ich hingegen bleibe und höre die zweite Messe mit an.« Witold und Zindram aus Maszkowice eilten zu ihren Pferden, aber gerade in dem Augenblick, da sie sich dem Lager zuwendeten, sprengte ein zweiter Kundschafter, der Edelmann Piotr Oksza aus Wostow heran und schrie schon von ferne: »Die Deutschen! Die Deutschen! Ich habe zwei Fähnlein gesehen.« »Zu Roß!« ließen sich Stimmen unter den Hofherren und Rittern vernehmen. Noch hatte Piotr seine Botschaft nicht beendigt, als abermals Hufschlag erscholl und der dritte Kundschafter, dann ein vierter, fünfter und sechster heranraste. Sie alle hatten deutsche Heeresabteilungen gesehen, die in immer größerer und größerer Zahl heranrückten. Es herrschte kein Zweifel mehr darüber, daß die ganze Kriegsmacht des Ordens dem Heere des Königs in den Weg treten werde. Die Ritter zerstreuten sich sofort, ein jeder eilte zu seinem Fähnlein. Vor dem Zelte in der Nähe des Königs blieben nur einige Hofherrn, Geistliche und Waffenträger. Aber in diesem Augenblick ertönte ein Glöckchen zum Zeichen, daß der Probst aus Kalisz die zweite Messe beginne, daher breitete Jagiello die Arme aus, faltete dann fromm die Hände und den Blick gen Himmel erhebend, ging er mit langsamen Schritten in das Zelt. – – – – – – Aber als er nach der Messe wieder heraustrat, konnte er sich schon mit eigenen Augen davon überzeugen, daß die Kundschafter die Wahrheit gesprochen hatten, denn unterhalb des sanft ansteigenden Geländes zeigten sich dunkle Schatten, wie wenn auf dem leeren Gefilde plötzlich ein Wald erwüchse, und über diesem Walde flatterten bunte, in allen Farben spielende Fahnen. Noch etwas weiter hin, jenseits von Grünwald und Tannenberg, erhoben sich ungeheure Staubwolken gen Himmel. Ein Blick auf den Horizont genügte, um dem König die furchtbare Gefahr klar zu machen, er wendete sich zu dem hochwürdigen Unterkanzler Mikolaj und fragte: »Was für ein Heiligentag ist heute?« »Der Tag der Aussendung der Apostel!« sagte der Unterkanzler. Der König seufzte. »Also wird der Tag der Aussendung der Apostel der letzte Tag für viele tausend Christen sein, welche heute auf diesem Felde zusammenstoßen werden.« Und er zeigte mit der Hand auf das weite, leere Gefilde, in dessen Mitte, ungefähr in der Hälfte des Weges nach Tannenberg, einige uralte Eichen standen. Mittlerweile wurde sein Pferd vorgeführt und in der Ferne zeigten sich sechzig Lanzenträger, welche Zindram aus Maszkowice sandte, damit sie dem König als Leibwache dienten. – – – – – – Diese Wache wurde angeführt von Aleksander, dem jüngern Sohne des Fürsten von Plock, dem Bruder jenes Ziemowit, welcher wegen seiner besondern Begabung für die Kriegskunst schon dem Kriegsrate angehörte. Als zweiter Befehlshaber war ihm Zygmunt Korzbut aus Litauen, der Bruderssohn des Monarchen zugesellt, ein Jüngling, der zu großen Hoffnungen berechtigte, zu einer großen Zukunft bestimmt schien, aber einen unruhigen Geist hatte. Die berühmtesten unter den andern Rittern waren Jasko Mazik aus Dobrowa, ein wahrer Riese, an Gestalt fast dem Paszko aus Biskupice gleich und an Kraft selbst dem Zawisza Czarny nicht viel nachgebend, Zolawa, ein böhmischer Baron, von zartem, schlankem Körperbau, aber durch außerordentliche Gewandtheit und Tapferkeit ausgezeichnet, am böhmischen und ungarischen Hose bekannt wegen der Zweikämpfe, in denen er mehr als zehn österreichische Ritter niedergeworfen hatte, und Sokol, ein anderer Böhme, der beste Armbrustschütze, sowie Bieniasz Wierusz aus Großpolen, Piotr Medyolanski, der litauische Bojar Sienko aus Pohost, dessen Vater Piotr das Kriegsvolk aus Smolensk befehligte, dann Knäs Tieduszko, ein Blutsverwandter des Königs, Knäs Jamont und schließlich polnische Ritter, »auserwählt aus Tausenden«, welche alle geschworen hatten, bis auf den letzten Blutstropfen den König vor den Gefahren des Krieges zu schützen. Zu der unmittelbaren Umgebung des Königs gehörten der hochwürdige Unterkanzler Mikolaj und der Geheimschreiber Zbigniew aus Olesnica, der trotz seiner Jugend nicht nur äußerst gelehrt und in der Kunst des Lesens und des Schreibens sehr geübt war, sondern auch gleichzeitig gar viele seiner Altersgenossen an Kraft übertraf. Für die Ausrüstung des Königs sorgten drei Die Hände und den Blick gen Himmel erhebend, ging der König mit langsamen Schritten in das Zelt. Waffenträger. Czajka aus Nowy Dwôr, Mikolaj aus Morawice und der Russe Danielko, welcher die Armbrust und den Köcher des Königs trug. Etliche weitere Knappen, die auf leichtfüßigen Rossen die Befehle nach allen Richtungen zu tragen hatten, vervollständigten das Gefolge des Königs. Nachdem die Waffenträger ihren Herrn mit einer glänzenden, schimmernden Rüstung gewappnet hatten, führten sie ihm einen ebenfalls »unter Tausenden auserwählten« kastanienbraunen, türkischen Renner zu, der – ein gutes Anzeichen – sofort unter seiner eisernen Stirnbinde zu schnauben begann und dann mit lautem Gewieher, gleich einem zum Fluge sich anschickenden Vogel, in die Luft stieg. Kaum fühlte der König das Roß unter sich, kaum hielt er den Speer in der Hand, so ging eine Verwandlung mit ihm vor. Die Schwermut wich aus seinem Antlitz, seine kleinen dunkeln Augen blitzten und seine Wangen röteten sich, allein diese Veränderung hielt nicht lange an, denn tief ernst schaute er schon wieder darein, als der hochwürdige Unterkanzler das Zeichen des Kreuzes über ihn machte, und demutsvoll beugte er sein silberbehelmtes Haupt. – – – – – – Inzwischen bewegte sich das Kriegsheer der Deutschen langsam die Anhöhe herab an Grünwald und Tannenberg vorbei, um in der Mitte der Ebene in voller Schlachtordnung Halt zu machen. Von unten, von dem polnischen Lager aus, konnte man genau die geradezu schreckenerregende Menge der gewaltigen, in Eisen gepanzerten Ritter und Pferde sehen, ja, wenn der Wind nicht gerade die Banner hin und her wehte, vermochte ein scharfes Auge die darauf prangenden Zeichen zu erkennen wie Kreuze, Adler, Greife, Schwerter, Helme, Widder, Bisons und Bärenköpfe. Dadurch daß der alte Macko und Zbyszko schon mit den Kreuzrittern gekämpft hatten und deren Kriegsheer, deren Wappen kannten, waren sie nicht nur im stande, den ihnen befreundeten Rittern aus Sieradz die beiden Fähnlein des Großmeisters zu zeigen, sondern sie konnten diese auch auf das Hauptbanner des ganzen Ordens, welches von Friedrich von Wallenrod getragen ward, sowie auf das Banner des heiligen Georg mit einem roten Kreuze auf weißem Grunde und auf noch viele andere Banner des Ordens aufmerksam machen. Unbekannt aber waren den Rittern aus Bogdaniec die Abzeichen der verschiedenen fremden Gäste, die zu Tausenden aus allen Weltgegenden herbeigeströmt waren, wie aus Oesterreich, Bayern, Schwaben, aus der Schweiz, aus dem durch seine Ritterschaft berühmten Burgund, aus dem reichen Flandern, aus dem sonnigen Frankreich, dessen Ritter, wie Macko einst sagte, sich selbst dann noch ihrer Tapferkeit rühmen, wenn sie schon darniedergeworfen sind – und aus dem jenseits des Meeres gelegenen England, dem Geburtslande der sicheren Armbrustschützen, ja, sogar aus dem fernen Spanien, wo sich durch die fortgesetzten Kämpfe mit den Sarazenen Tapferkeit und Ehrgefühl noch mehr als in allen andern Landen entwickelt hatten. Das Blut floß rascher in den Adern jener wetterharten Edelleute aus Sieradz, Koniecpole, Krzesnia, Bogdaniec, Rogow und Brzozowa, in den Adern der Edelleute aus allen andern polnischen Gebieten bei dem Gedanken, daß sie nun bald mit den Deutschen, mit den fremdländischen Rittern in der Schlacht zusammenstoßen würden. Zu einem Kampfe auf Leben und Tod mußte es kommen, deshalb schauten die ältern Edelleute ernst und feierlich darein, während die jugendlichen Kämpen kaum ihre Ungeduld zu zügeln wußten, gleich jungen Jagdhunden, die, an der Leine gehalten, das Wild in der Ferne wittern. Etliche von ihnen faßten unwillkürlich jetzt schon den Speer, das Schwert, oder die Streitaxt fester in die Hand und zogen die Zügel ihrer Pferde so gewaltsam an, als ob sie mit ihnen zum Sprunge ausholen wollten, andere atmeten so schwer, als ob es ihnen zu enge in der Rüstung geworden sei. Beruhigend suchten die erfahreneren Krieger auf diese Heißsporne einzuwirken, indem sie ihnen stets wiederholten: »Ihr werdet auch an die Reihe kommen. Ein jeder von Euch wird seine Kraft bethätigen können, Gott gebe nur, daß Ihr der Aufgabe gewachsen bleibt.« Die Kreuzritter indessen erschauten, von der Anhöhe auf die Ebene herabsehend, an dem Waldesrande nur einige wenige polnischen Abteilungen und glaubten daher nicht die ganze Heeresmacht der Polen, mit dem Könige an der Spitze, vor sich zu sehen. Wohl zeigten sich zwar links am See auch etliche Kriegshaufen, wohl blitzte es in den Büschen zuweilen wie von Lanzenspitzen auf, das heißt, wie von Wurfspießen, welche die Litauer zu führen pflegten, allein dies Geflimmer mochte ebensogut von einer beträchtlichen Streifwache der Polen herrühren. Erst durch eine Anzahl von Ueberläufern aus dem gefallenen Gilgenburg, welche vor den Großmeister gebracht wurden, erfuhr dieser, daß ihm die vereinten Streitkräfte der Polen und Litauer gegenüber standen. Doch umsonst schilderten jene Mannen diese gewaltige Macht, der Großmeister legte ihren Worten keine Bedeutung bei, denn von Beginn des Krieges an wollte er nur das glauben, was für ihn günstig war, was einen sichern Sieg verhieß. Er schickte daher weder Streifwachen, noch Kundschafter aus, denn er bezweifelte keinen Augenblick, daß es zu einer entsetzlichen Schlacht kommen müsse, und daß diese Schlacht nur mit der gänzlichen Niederlage des Feindes endigen könne. Im Vertrauen auf eine Macht, wie sie nie zuvor von einem Großmeister ins Feld gestellt worden war, verachtete er seinen Gegner, und als ihm der Komtur aus Mewe, der auf eigene Hand Kundschaft eingezogen hatte, auseinandersetzte, Jagiellos Kriegsheer sei noch größer als das des Ordens, da antwortete er: »Was will denn dieses Kriegsvolk bedeuten? Möglicherweise werden die Polen etwas Widerstand leisten, den andern aber nützt ihre Ueberzahl nichts, wissen sie doch besser den Löffel als das Schwert zu handhaben.« So ließ er den Vormarsch beschleunigen, und schon nach kurzer Zeit stand er zu seiner großen Freude dem Feinde gegenüber, schon nach kurzer Zeit erkannte er an dem königlichen Hauptbanner, dessen Rot auf dem dunkeln Hintergründe des Waldes deutlich sichtbar ward, daß er auf die Hauptmacht gestoßen war. An einen Angriff konnten die Deutschen jedoch vorerst nicht denken, da die Polen längs des Waldessaumes standen, und die Kreuzritter, die gefährlichsten Gegner im offenen Felde, einen Kampf im Gehölz stets zu vermeiden suchten, weil sie sich ihm nicht gewachsen fühlten. Der Großmeister hielt daher eine kurze Beratschlagung darüber ab, wie man den Feind aus seinen Stellungen verdrängen könne. »Bei dem heiligen Georg!« rief der Großmeister, »wir haben eine gewaltige Strecke zurückgelegt, ohne Rast zu machen. Die Hitze ist drückend, und der Schweiß rinnt uns unter der Rüstung vom Körper herab. Sollen wir daher ruhig zuwarten, bis es dem Feinde gefällt, uns anzugreifen?« Daraufhin ließ sich Graf Wende, ein erfahrener, kluger Mann, also vernehmen: »Fürwahr, stets hat man hier meine Worte verlacht, stets wurde ich von denen verspottet, welche, bei Gott, von diesem Schlachtfelds fliehen werden, auf dem ich den Tod finde (hier schaute er auf Werner von Tetlingen), trotzdem aber spreche ich das aus, was mir mein Gewissen, was mir meine Liebe zu dem Orden gebieten. Den Polen gebricht es wahrlich nicht an Mut, ihr König hofft jedoch noch immer, so ward mir berichtet, daß ein Bote mit Friedensvorschlägen bei ihm eintreffen werde.« Werner von Tetlingen erteilte keine Antwort, sondern brach nur in ein verächtliches Lachen aus, der Großmeister dagegen, dem Wendes Worte sehr unliebsam waren, erwiderte unverweilt: »Ist es jetzt an der Zeit, von Frieden zu sprechen? Ich glaube, wir haben ganz andere Dinge zu beraten.« »Für ein Gott gefälliges Werk ist es stets an der Zeit!« warf von Wende ein. Nun wandte Heinrich, der grausame Komtur von Czluchow, welcher den Schwur geleistet hatte, solange zwei entblößte Schwerter vor sich hertragen zu lassen, bis er sie in das Blut der Polen getaucht habe, sein feistes, schweißtriefendes Antlitz dem Großmeister zu und rief in zornigem Tone: »Lieber den Tod als Schande! Selbst wenn ich allein stünde, würde ich mit diesen Schwertern das ganze Kriegsheer der Polen angreifen.« Ulryk zog ein wenig die Brauen zusammen. »Gegen den Gehorsam lehnst Du Dich auf!« warf er ein, um dann an die Komture die Worte zu richten: »Laßt Euern Rat darüber hören, wie wir den Feind aus seinen Stellungen längs des Waldessaumes vertreiben können.« Der und jener gab nun seine Ansicht kund, bis man schließlich sich darüber einigte, Gersdorfs Plan auszuführen, der sowohl Beifall bei den Komturen wie bei den hervorragendsten Gästen fand. Demzufolge sollten zwei Herolde an den König abgeschickt werden mit der Botschaft, der Großmeister übersende ihm zwei Schwerter und fordere die Polen zum Kampfe auf Tod und Leben, dabei erkläre er sich aber bereit, wenn der Kampfplatz zu klein erscheine, mit seinem Kriegsheer etwas zurückzugehen, um dadurch mehr Raum zu schaffen. – – – – – – Der König stand gerade im Begriff, sich von dem Seeufer aus zu dem linken Flügel des polnischen Heeres zu begeben, weil er verschiedenen Kriegern den Rittergürtel verleihen wollte, als man ihm plötzlich das Nahen zweier Herolde meldete. Jagiello schöpfte aufs neue Hoffnung. »Vielleicht machen sie uns doch noch annehmbare Friedensvorschläge!« meinte er. »Gott gebe dies!« stimmten die geistlichen Herren bei. Der König schickte unverweilt nach Witold. Inzwischen ritten die beiden Herolde langsam dem Lager zu. In dem hellen Sonnenlichte konnte man sie schon aus der Ferne auf ihren mächtigen dampfenden Streitrossen so deutlich wahrnehmen, daß man auf dem Schilde des einen den schwarzen kaiserlichen Adler auf goldenem Felde, auf dem des andern – dem Herolde des Fürsten von Stettin – einen Greif auf weißem Felde erkennen konnte. Bei ihrer Ankunft stoben die Reihen auseinander, die Herolde aber, von ihren Rossen steigend, standen gleich darauf vor dem Könige, neigten ein wenig das Haupt als Zeichen ihrer Ehrerbietung und entledigten sich sofort ihrer Botschaft. »Der Großmeister Ulryk,« begann der erste Herold, »fordert Deine Majestät, o Herr, und den Fürsten Witold zum blutigen Kampfe, und um die Euch augenscheinlich mangelnde Tapferkeit zu erwecken, sendet er Euch diese beiden entblößten Schwerter.« Mit diesen Worten legte er zwei Schwerter zu den Füßen des Königs nieder, und kaum hatte Jasko Mazyk aus Dobrowa diesen Ausspruch verdolmetscht, so trat auch schon der zweite Herold vor und sprach also: »Der Großmeister Ulryk hat mir befohlen, Euch, o Herr, zu melden, daß er bereit ist, mit seinem Kriegsheere zurückzugehen, so Euch der Kampfplatz zu enge erscheinen sollte und damit Ihr nicht länger gezwungen seid, träge in den Wäldern zu verharren.« Als Jasko auch diesen Ausspruch verdolmetschte, trat eine lautlose Stille ein. Die Ritter in dem Gefolge des Königs knirschten insgeheim mit den Zähnen vor Entrüstung über eine solche Verwegenheit, über eine solche Beschimpfung. Mit einem Schlage war Jagiellos Hoffnung vernichtet. Eine Botschaft des Friedens, der Versöhnung hatte er erwartet, eine demütigende Herausforderung war ihm zu teil geworden. Seine thränenfeuchten Augen gen Himmel richtend, antwortete er daher: »Wohl besitzen wir Schwerter im Ueberflusse, diese beiden nehme ich aber doch auf, da ich sie als ein Zeichen des kommenden Sieges betrachte, das mir Gott durch Euch übermittelt. Und der Kampfplatz wird durch Ihn bestimmt werden, durch Ihn, zu dem ich mich nun wende, bei dem ich Klage führe über die mir angethane Beschimpfung, über Eure Ueberhebung, über Euern Hochmut. Amen!« Zwei große Thränen rannen langsam über die sonnverbrannten Wangen des Königs, während plötzlich Stimmen in seinem Gefolge laut wurden und man die Worte vernahm: »Die Deutschen ziehen sich zurück! Sie geben das Feld frei!« Die Herolde entfernten sich und schon nach wenigen Augenblicken konnte man sie auf ihren gewaltigen Streitrossen die Anhöhe emporreiten sehen, wobei die seidenen, über den Rüstungen getragenen Wappenröcke in dem hellen Sonnenlichte glänzten und schimmerten. – – – – – – Nun rückte das polnische Kriegsheer vor und stellte sich in Schlachtordnung auf. Das Vordertreffen bildeten die gefürchtetsten Ritter, dann kam die Hauptmacht und au diese schlossen sich das Fußvolk und die Söldner an. In dem Räume zwischen den verschiedenen Abteilungen jagte Zindram, sprengte Witold hin und her, der, unbehelmt und in glänzender Rüstung einem Unheil verkündenden Sterne oder einer vom Winde hin und her getriebenen sengenden Flamme glich. Tief Atem holend, setzten sich die Ritter fester in den Sattel. Die Schlacht konnte jeden Augenblick beginnen. – – – – – – Aufmerksam beobachtete inzwischen der Großmeister das von dem Waldessaume vorrückende Kriegsheer des Königs. Und während sein Auge auf dieser unermeßlichen Schar haftete, auf den Seitenflügeln, die sich gleich den Flügeln eines mächtigen Vogels ausbreiteten, auf den, von dem Winde hin und her gewehten vielfarbigen Bannern, da zog sich ihm das Herz unter einer ungewohnten, entsetzlichen Empfindung zusammen. Vielleicht sah er jetzt schon im Geiste Haufen von Leichnamen, Ströme von Blut. Wenn er auch keine Furcht vor Menschen kannte, beschlich ihn vielleicht doch jetzt die Furcht vor Gott im Himmel, in dessen Hand die Wagschale des Sieges ruhte. Zum ersten Male kam es ihm in den Sinn, wie entsetzlich sich dieser Tag gestalten könne, und zum ersten Male fühlte er die Verantwortung, die er auf sich geladen hatte. Totenblässe überzog sein Antlitz, seine Lippen bebten und Thräne auf Thräne rann ihm über die Wangen. »Was bewegt Euch in solcher Weise, o Herr?« fragte Graf von Wende. »Ist das eine Zeit, Thränen zu vergießen?« bemerkte Heinrich, der grausame Komtur von Czluchow. Aber der Groß-Komtur, Kuno von Lichtenstein, zog die Lippen kraus und sagte: »Ich tadle Dich offen darob, o Meister, denn Du solltest jetzt die Herzen der Ritter zu stärken, nicht aber zu erweichen suchen. Wahrlich, noch nie zuvor habe ich Dich so gesehen.« Umsonst suchte sich der Großmeister zu fassen. So reichlich flössen die Thränen über seinen schwarzen Bart, daß es den Anschein hatte, als ob ein anderer aus ihm weine. Schließlich gewann er jedoch seine Selbstbeherrschung wieder, und seine strengen Augen auf die Komture richtend, erteilte er den Befehl: »Zu den Heeresabteilungen!« Ein jeder beeilte sich, den befehlenden Worten nachzukommen, die mit großem Nachdruck gesprochen worden waren, während der Großmeister, sich zu den Waffenträgern wendend, sagte: »Gebt mir den Helm!« – – – – – – Gleich Hämmern schlugen die Herzen der Mannen in den beiden Kriegsheeren, und atemlos harrten alle der Trompetenstöße – das Zeichen zum Angriff. Die Erwartung steigerte sich fast ins Unerträgliche. Auf dem Kampfplatze gegen Tannenberg .zu stand zwischen den Deutschen und den polnischen Scharen eine Gruppe uralter Eichbäume, auf die Bauern aus der Umgegend geklettert waren, um die Schlacht zwischen zwei so gewaltigen Kriegsheeren mit anzuschauen, wie sie die Welt seit undenklichen Zeiten nicht mehr gesehen hatte. Doch abgesehen von dieser Baumgruppe glich das weite Gefilde ringsumher einer leblosen Steppe, einen so öden, grauen- und geisterhaften Eindruck machte es. Nichts regte sich weit und breit, nur von Zeit zu Zeit fuhr ein leichter Windhauch über den Kampfplatz, auf dem der Tod schweigend lauerte. Aber immer und immer wandten sich die Blicke der Ritter auf diese unglückverheißende, weite Fläche. Zuweilen zogen dichte Wolken, die Sonne verhüllend, am Himmel dahin, von dem es sich dann wie Schatten des Todes herabsenkte. Mit einem Male erhob sich ein Wirbelwind. Sausend fuhr er durch die Wälder, tausende von Blättern von den Bäumen streifend, brausend fuhr er über die Gefilde, dürre Kornhalme mit sich führend und Staubwolken in die Höhe, in die Augen der Kreuzritter treibend. In diesem Augenblicke erzitterte die Luft von dem schrillen Klange der Hörner, der Trompeten und der Pfeifen, und der eine, von den Litauern gebildete Flügel schickte sich zum Vorgehen an, gleich einer unermeßlichen Schar von Vögeln, die sich zum Fluge bereit machen. Ihrer Gewohnheit gemäß stürmten die Reiter im Galoppe vor. Mit langgestreckten Hälsen und gesenkten Ohren, mit Aufbietung ihrer ganzen Kraft rasten die Pferde vorwärts und führten die Litauer, welche ihre Schwerter, ihre Speere in der Luft schwangen und wilde Schlachtrufe ausstießen, gegen den linken Flügel der Kreuzritter. Bei diesem befand sich gerade der Großmeister. Seine Erregung hatte sich gelegt, seine Thränen waren versiegt, feurig blitzten seine Augen. Als er die heranstürmenden Litauer gewahrte, wandte er sich zu Friedrich Wallenrod, welcher den linken Flügel der Kreuzritter befehligte und sagte: »Witold hat zuerst angegriffen. Geht nun auch Ihr vor im Namen Gottes.« Und mit einer einzigen Bewegung seiner Rechten sandte er vierzig Fähnlein eisengepanzerter Ritter ins Treffen. »Gott mit uns!« rief Wallenrod laut aus. Die Lanzen senkend, rückten die Abteilungen anfänglich langsam vor, dann aber, einem Felsblock vergleichbar, der von einem Berge mit stets wachsender Schnelle herabstürzt, gingen sie vom Schritt zum Trabe, zum Galoppe über und rasten dann mit der unwiderstehlichen Gewalt einer Lawine, die alles mit sich fortreißt und zermalmt, gegen den Feind. Die Erde bebte und dröhnte unter ihnen. – – – – – – Jeden Augenblick mußte nun der Kampf entbrennen und flammend um sich greifen. Das polnische Kriegsvolk stimmte daher den alten Kriegsgesang des heiligen Wojciech an. Gegen hunderttausend eisengepanzerte Krieger richteten die Augen gen Himmel, aus hunderttausend Kehlen ertönte, wie eine gewaltige Stimme, der brausende Gesang: »Mutter Gottes, heilige Jungfrau, Gottbegnadete Maria, Befiehl uns Deinem Sohn! O Du auserkorene, einzige Mutter, Erflehe für uns Vergebung der Sünden! Kyrie eleison !« Und die Singenden selbst wurden tief ergriffen und sahen wie neugestärkt dem Tode entgegen. Und eine unermeßliche, sieghafte Kraft lag in den Stimmen, in diesem Gesange, eine Kraft, vor der selbst das finstere Gewölke am Firmamente auseinanderstieben mußte. Die Speere zitterten in den Händen der Ritter, die Banner und die Fähnlein zitterten, die Luft erzitterte, die Zweige an den Bäumen zitterten, und das in dem Fichtengehölze erweckte Echo antwortete aus der Tiefe des Waldes, gerade als ob es den Seen, dem Gefilde und all den Landen rings umher zurufen wollte: »Erflehe für uns Vergebung der Sünden! Kyrie eleison !« Von neuem aber ertönte der Gesang: »In der heiligen Zeit Deines Sohnes, des Gekreuzigten, Erhöre die Stimme, fülle die Gedanken der Menschen. Erhöre das Gebet, mit dem wir zu Dir flehen. Auf daß er uns gebe, um was wir ihn bitten: Hienieden auf Erden ein heilig Verweilen Und nach dem Tode das Paradies! Kyrie eleison !« Und das Echo antwortete: » Kyrie eleisooon !« Inzwischen war auf dem rechten Flügel ein heftiger Kampf entbrannt, der sich mehr und mehr ausbreitete. Der Lärm des Kriegsgetümmels, das Schnauben der Rosse, die wilden Rufe der Mannen vermischten sich mit dem Gesange. Zuweilen aber, wenn die Rufe verstummten, gerade als ob die Kämpfenden frischen Atem schöpfen wollten, dann ward abermals der brausende Gesang deutlich vernehmbar: »Adam, du Gottesknecht Du sitzest bei Gott im hohen Rate! Bring uns, deine Kinder, dahin, Wo heilige Engel herrschen. Dort ist Freude! Dort ist Liebe! Dort ist der himmlische Anblick des Schöpfers auf ewig! Kyrie eleison !« Und wiederum antwortete das Echo: » Kyrie eleison !« aus dem Gehölze hervor. Immer wildere Schreie ertönten auf dem rechten Flügel, allein niemand konnte sich darüber vergewissern, was eigentlich vorging, denn in diesem Augenblicke schickte der Großmeister Ulryk, der von der Anhöhe aus das Schlachtfeld überschaute, zwanzig Abteilungen unter Lichtenstein gegen die Polen. Nun aber jagte Zindram aus Maszkowice gleich einem Sturmwinde an die Spitze der Vorhut, bei der die hervorragendsten Ritter standen, und mit dem Schwerte auf die in einer Staubwolke heransprengenden Deutschen zeigend, schrie er mit solcher Donnerstimme, daß sich die Pferde in den vorderen Reihen aufbäumten: »Auf den Feind! Schlagt zu!« Unverweilt warfen sich nun die Ritter, tief auf ihre Pferde gebeugt und mit vorgestreckter Lanze den Deutschen entgegen. – – – – – – Die Vorhut der Litauer hielt jedoch dem entsetzlichen Ansturme nicht stand. Scharenweise wurden die bestbewaffneten und mächtigsten Bojaren, welche die ersten Reihen bildeten, niedergemacht, umsonst stürmten die folgenden Reihen wutentbrannt mitten in den Feind – trotz Tapferkeit, trotz Ausdauer, trotz übermenschlicher Anstrengung aller Kräfte entgingen auch sie nicht dem Verderben, erlitten auch sie die entsetzlichsten Verluste. Und wie konnte dies auch anders sein! Auf der einen Seite stand eine eisengepanzerte Ritterschaft aus eisengepanzerten Pferden, auf der andern Seite kämpften Mannen, die zwar hochgewachsen und kräftig waren, aber kleine Pferdchen ritten und statt der Rüstungen Felle trugen. Umsonst versuchten die halsstarrigen Litauer, die Deutschen ins Herz zu treffen. Ihre Wurfspieße, ihre Schwerter, ihre Lanzen, ihre wuchtigen Streitkolben, alles prallte an den Harnischen wie an einem Felsen, wie an dem Walle einer Burg ab. Von den wuchtigen deutschen Kriegern auf ihren wuchtigen Rossen wurde Witolds unglückliche Schar geradezu zermalmt. Wer den Schwertern, den Streitäxten entging, fand unter den Hufen der Pferde den Tod. Umsonst schickte Knäs Witold immer wieder neue Abteilungen vor – er schickte sie in den sichern Tod, denn nichts half, weder Ausdauer noch Todesverachtung, weder grenzenlose Wut noch stromweise vergossenes Blut. Die Tataren flohen zuerst. Ihrem Beispiele folgten die Bessarabier und die Wallachen. Binnen kurzem war der Wall der Litauer durchbrochen und wilde Furcht ergriff die Krieger. Ein großer Teil des litauischen Kriegsvolkes flüchtete sich gegen den Lubiec-See zu, verfolgt von den Deutschen, die eine solch entsetzliche Ernte hielten, daß das ganze Ufer von Leichnamen bedeckt ward. Inzwischen zog sich der kleinere Teil des Witoldschen Kriegsvolkes, also auch drei Abteilungen aus Smolensk, zu dem Flügel der Polen zurück, den anfänglich nicht weniger als sechs Fähnlein und später auch noch die von der Verfolgung zurückgekehrten Deutschen bedrängten. Die gut bewaffneten Mannen aus Smolensk vermochten indessen wirksameren Widerstand zu leisten. Der Kampf wurde hier mehr und mehr zu einem Gemetzel. Jeder Schritt, jede Spanne Erde mußte mit Strömen von Blut erkauft werden. Die eine der Abteilungen aus Smolensk wurde geradezu in Stücke zerhauen, während sich die beiden andern immer noch mit rasender Verzweiflung zur Wehr setzten. Doch es war umsonst, nichts konnte den siegreichen Deutschen widerstehen. Einzelne ihrer Abteilungen kämpften mit wahrer Wut. Einzelne ihrer Ritter stürzten sich, das Schwert oder die Streitaxt schwingend und die Pferde mit den Sporen in einer Weise antreibend, daß sich die Tiere hoch aufbäumten, blindlings in die dichte Menge der Feinde. Mit geradezu übermenschlicher Kraft hieben diese Ritter um sich. Ihnen nach drängten sich aber, gleich einer unaufhaltsamen Woge, die ganze Schar, und rückte allmählich, die Krieger aus Smolensk mitsamt ihren Pferden niederreitend und zerstampfend, gegen das Vordertreffen und die Hauptmacht der Polen, welche schon über eine Stunde mit den von Kuno von Lichtenstein angeführten Deutschen kämpften. – – – – – – Kuno hatte hier nicht so leichtes Spiel. Er stand einem Gegner gegenüber, der an Güte der Waffen, an Kraft der Pferde und an Gewandtheit in der Kriegskunst den Deutschen gleichkam. Die Deutschen wurden durch die Speere der Polen nicht nur aufgehalten, sondern sogar zurückgetrieben, denn drei der gewaltigsten Abteilungen gingen gegen sie vor: die Kriegsschar aus Krakau, die leichtbewaffnete Reiterei unter Jedrek aus Brochocice und die Leibwache unter der Führung Powalas aus Taczew. Doch am entsetzlichsten entbrannte die Schlacht erst dann, als nach dem Zersplittern der Speere die Krieger zu den Schwertern und zu den Streitäxten griffen. Schilde prallten auf Schilde, wild rangen die einzelnen mit einander, die Pferde stürzten, die Banner wurden zu Boden gerissen. Unter den Schlägen der Keulen und der Streitäxte barsten die Helme, die Schulterstücke und die Panzer, Waffen und Rüstungen trieften von Blut, die Mannen stürzten aus den Sätteln wie Fichten, deren Stämme durchsägt sind. Funken sprühten aus dem erhitzten Eisen, Lanzensplitter, Fahnenfetzen, Strauß- und Pfauenfedern flogen in die Luft, die Hufe der Pferde glitten aus auf den auf der Erde liegenden blutüberströmten Rüstungen und auf den toten Pferden. Von den Hufen der Pferde wurde ein jeder zermalmt, der verwundet niederstürzte. Von den hervorragendsten polnischen Rittern war noch keiner gefallen. Mitten in das dichteste Getümmel, mitten in das tobendste Kampfgewühl stürmten sie vor, den Namen ihrer Schutzheiligen oder den Schlachtruf ihrer Geschlechter ausrufend. Und gleich dem lodernden Feuer, das auf einer öden Steppe Gräser und Büsche verzehrt, machten sie alles vor sich her nieder. Zuerst stürzte sich Lis aus Targowisko auf Ganrat, den Komtur aus Osterode, der, seinen Schild einbüßend, sich den weißen Mantel um den Arm schlang, um sich damit gegen die Streiche zu schützen. Doch Lis durchhieb den Mantel, die Armschiene und das Schulterstück des Deutschen mit wuchtigen Schlägen und stieß dann sein Schwert mit solcher Kraft in den Leib des Feindes, daß die Spitze knirschend den Rückenwirbelknochen traf. Angstvoll schrien die Mannen aus Osterode auf, als sie ihren Führer sinken sahen; aber Lis stürzte sich nun auf sie, wie sich ein Adler auf Kraniche stürzt, und als Staszko aus Charbimowice und Domarat aus Kobylan ihm auch noch zu Hülfe eilten, da wüteten diese drei so entsetzlich, wie Wölfe unter einer Lämmerherde. Mitten in dem wirren Schlachtengetümmel erschlug auch Paszko Zlodziej aus Biskupice den Ordensbruder Kunz Melsbach. Umsonst hatte Kunz, der von tödlichem Schrecken erfaßt worden war, als plötzlich der riesenhafte Reiter, vor ihm Halt machend, die mit Blut bedeckte und mit Haaren beklebte Streitaxt schwang, sich ergeben wollen, Paszko konnte ihn in dem Getöse nicht hören und, sich in seinem Sattel aufrichtend, spaltete er das eisenbehelmte Haupt des Ordensbruders so rasch, als ob er einen Apfel zerteilt hätte. Gleich darauf tötete er Loch aus Mecklenburg und Klingenstein, sowie den, einem mächtigen Grafengeschlechte entstammenden Schwaben Helmsdorf, den in der Nähe von Mainz ansässigen Limpach und Nachterwitz aus Mainz, so daß schließlich die Deutschen rechts und links vor ihm in hellem Schrecken zurückwichen. Allein seinen wuchtigen Hieben entzogen sie sich doch nicht. Wie auf eine wankende Mauer schlug er auf sie ein, jeden Augenblick hob er sich im Sattel, um zum Schlage auszuholen, jeden Augenblick blinkte seine Streitaxt in der Luft und jeden Augenblick verschwand das behelmte Haupt eines Deutschen zwischen den Pferden. Mit fast übermenschlicher Kraft kämpfte auch der gewaltige Jederzej aus Brochocice, und als sein Schwert an dem Helme eines Ritters zerschellte, der einen Eulenkopf auf seinem Schilde trug und dessen Visier die Form eines Eulenkopfes hatte, erfaßte er ihn an den Armen, preßte ihn wie mit eisernen Klammern zusammen, entriß ihm die Waffe und versetzte ihm mit dieser den Todesstoß. Dann wandte er sich gegen den blutjungen Ritter Dynheim, den zu töten er sich jedoch nicht entschließen konnte, da dieser unbehelmt war und mit den Augen eines Kindes zu ihm aufschaute. So nahm er ihn denn nur gefangen und übergab ihn seinem Knappen Andrzej, ohne zu ahnen, daß er in dem Gefangenen seinen zukünftigen Eidam gewonnen hatte, da Dynheim sich späterhin mit seiner Tochter vermählte und für immer in Polen blieb. Nun stürmten die Deutschen, auf die Befreiung des, einem reichen, am Rheine ansässigen Grafengeschlechte entstammenden jungen Dynheim bedacht, mit neuer Wut vor, allein die vor dem Banner kämpfenden Ritter Sumik aus Nadbroze und zwei Brüder aus Plomykow, sowie Dobek Okwia und Zych Pikna warfen sich auf sie gleich Löwen, die sich auf einen Auerochsen werfen, und drängten sie, Vernichtung und Tod um sich her verbreitend, gegen das Banner des heiligen Georg. Mit den ritterlichen Gästen des Ordens kämpfte das Fähnlein der königlichen Leibwache, welches Ciolek aus Zelichow befehligte. Nun konnte auch Powala aus Taczew seine übermenschliche Kraft bethätigen. Mann und Roß warf er nieder, die Helme zerspaltete er mit einem Hiebe, mit einer ganzen Schar nahm er den Kampf auf, in die Bresche, die er schlug, folgten ihm Lesyko aus Goraj, ein Powala aus Wyhucz, Mcislaw aus Skrzynew und die Böhmen Sokol und Zbislawek. Lange währte der Kampf, denn drei deutsche Fähnlein stritten gegen das eine polnische, dem jedoch schließlich Jasko aus Tarnow mit der siebenundzwanzigsten Abteilung zu Hülfe kam. Jetzt waren sich die Streitkräfte gleicher und die Deutschen wurden einen halben Bogenschuß weit aus der Stellung zurückgetrieben, die sie bei Beginn des Kampfes inne gehabt hatten. Doch noch weiter mußten sie vor der gewaltigen Krakauer Abteilung zurückweichen, die Zindram anführte und an deren Spitze unter den vor dem Banner kämpfenden Rittern der gefürchtetste aller Polen, Zawisza Czarny stritt. Ihm zur Seite hielten sich sein Bruder Farurej, sowie Florian Jelitczyk aus Korytnica, Skarbek aus Gora, der berühmte Lis aus Targowisko, Paszko Zlodziej, Jan Nalcey und Stach aus Charbimowice. Unter den wuchtigen Streichen Zawiszas stürzten die tapfersten Kämpen nieder, gerade als ob sich der Tod in dessen schwarzer Rüstung verberge und die Sichel führe. Mit gerunzelten Brauen, mit eingezogenen Nasenflügeln, kämpfte er so ruhig und bedachtsam, wie wenn er eine gewöhnliche Arbeit zu erfüllen habe. Zuweilen hob er seinen Schild ein wenig, um einen Hieb abzuwehren, sobald er aber sein Schwert schwang, ertönte der entsetzliche Schrei eines zu Tode Getroffenen. Ihn jedoch hielt nichts zurück, vorwärts und vorwärts drang er, einer schwarzen Wolke gleichend, aus der jeden Augenblick ein greller Blitzstrahl bricht. Auch die Fähnlein aus Poznan, die unter dem Zeichen des Adlers ohne Krone kämpften, fochten auf Tod und Leben, während die erzbischöflichen Abteilungen und die drei masovischen Abteilungen um die Wette mit ihnen vorrückten. Ja, jedes einzelne der zahllosen Fähnlein suchte das andere an Mut, an Tapferkeit zu übertreffen. Unter der Schar aus Sieradz kämpfte Zbyszko aus Bogdaniec mit der Wut eines wilden Ebers, und neben ihm stritt der alte Macko mit der schlauen Bedächtigkeit eines Wolfes, der nur dann zubeißt, wenn er sicher ist, daß der Biß ein tödlicher sein wird. Macko schaute unaufhörlich nach Kuno von Lichtenstein aus, doch da er ihn in dem dichten Gewühle nicht zu finden vermochte, warf er sich immer wieder auf einen andern Ritter, der sich durch seine glänzende Rüstung auszeichnete und der ihm auch stets zum Opfer fiel. Ganz in der Nähe der beiden Ritter aus Bogdaniec focht der gar grimmige Cztan aus Rogow. Gleich beim ersten Zusammenstoß war ihm der Helm vollständig zerschmettert worden, so kämpfte er jetzt barhäuptig, die Deutschen mit seinem blutbespritzten bärtigen Antlitz, durch das er weit eher einem Unholde aus dem Walde als einem Menschen ähnelte, in Schrecken setzend. Schon waren hunderte, ja tausende von Rittern auf beiden Seiten gefallen, schon schien es, daß der Wall der Deutschen unter den wuchtigen Schlägen der Polen zu wanken beginne, da trat ein Ereignis ein, das mit einem Schlage der Schlacht eine andere Wendung hätte geben können. Vom Kampfe entflammt und siegestrunken von der Verfolgung der Litauer abstehend, stießen die deutschen Fähnlein plötzlich auf eine Flanke der Polen. In dem Glauben, das Kriegsheer des Königs sei vollständig geschlagen und die Schlacht gewonnen, waren sie in ungeordneten Haufen, schreiend und singend zurückgekehrt und sahen nun mit einem Male ein wildes Gemetzel vor sich, sahen mit einem Male die Polen siegreich gegen die deutschen Scharen vordringen. Die Köpfe senkend, um besser durch das Visier sehen zu können, blickten die Kreuzritter staunend auf diesen blutigen Kampf, um dann, ohne sich zuvor zu ordnen, ihren Pferden die Sporen zu geben und in das Schlachtgewühl zu sprengen. Und eine Schar folgte dem Beispiele der andern, sodaß binnen kurzem sich tausende auf die polnischen, vom Kampfe ermüdeten Abteilungen geworfen hatten. Mit lautem Freudengeschrei über die gewordene Hilfe wandten sich nun die Deutschen mit frischem Mute gegen die Polen. Ein verzweifelter Kampf entspann sich auf der ganzen Linie. In Strömen floß das Blut über die Erde. Dunkle, schwere Wolken zogen am Himmel dahin und dumpf grollte der Donner, gerade als ob Gott selbst an dem Kampfe teilnehme. Mehr und mehr neigte sich der Sieg den Deutschen zu, schon gerieten die polnischen Scharen ins Wanken und laut stimmte das Kriegsheer der Kreuzritter den Triumphgesang an: »Christ ist erstanden!« Da geschah etwas Unerhörtes. Einer der niedergeworfenen Kreuzritter schlitzte mit dem Dolche den Bauch des Pferdes auf, das von Marcin aus Wrocimowice geritten ward. Dieser aber trug das krakauische Hauptbanner mit dem gekrönten Adler, also das Banner, welches für das ganze königliche Kriegsvolk ein Heiligtum war, und nun stürzten plötzlich Roß und Reiter und mit ihnen sank auch die Standarte zu Boden. In einem Augenblicke streckten sich hunderte von eisengepanzerten Armen aus, um das Banner zu ergreifen, während die Deutschen ein Freudengebrüll ausstießen. Es dünkte sie, der Sieg sei nahe, sie glaubten, Furcht und Schrecken würden sich der Polen bemächtigen und deren Niederlage eine so vollständige werden, daß es sich für sie nur noch um die Verfolgung, um die Niedermetzlung der Flüchtlinge handle Aber eine schwere, furchtbare Enttäuschung wartete ihrer. Wohl schrie das ganze polnische Kriegsheer wie ein Mann verzweifelt auf, als das Banner sank, doch aus diesem Schrei, aus dieser Verzweiflung klang keine Furcht, nein, nur Wut, nur Raserei. Es war, als ob lodernde Flammen in die Rüstungen schlügen. Gleich wilden Löwen stürzten die hervorragendsten Kämpen beider Kriegsheere auf die gleiche Stelle zu, und der erbittertste Kampf entspann sich um das gesunkene Banner. Reiter und Pferde bildeten eine einzige unförmige Masse, aus welcher sich unzählige Arme erhoben. Schwerter blinkten, Streitäxte sausten in der Luft, Stahl schlug auf Eisen auf, wildes Gekrache ertönte. Stöhnen und die lauten Schreie der Mannen erschollen, welche auf Tod und Leben miteinander rangen. Und all diese Laute vermischten sich zu einem solchen grauenerregenden Getöse, daß man hätte annehmen können, die Verdammten seien plötzlich der Hölle entstiegen. Staubwolken wirbelten auf, und aus ihnen rasten, blind vor Schrecken, reiterlose blutüberströmte Pferde mit wildflatternden Mähnen hervor. Doch all dies währte nur kurze Zeit. Nicht ein Deutscher rettete sich aus diesem entsetzlichen Getümmel – schon nach wenigen Minuten wehte aufs neue das befreite Banner über die polnischen Scharen. Und es wehte im Winde und es blähte sich auf und es breitete sich in seinem Glanze aus wie eine Riesenblume, wie ein Hoffnungszeichen, wie das Zeichen des göttlichen Grimmes gegen die Kreuzritter, wie das Siegeszeichen für die polnischen Ritter. Alles Kriegsvolk grüßte das Banner mit einem Triumphgeschrei und stürzte sich mit solcher Unbesonnenheit auf die Deutschen, als ob jedes Fähnlein sich an Zahl verdoppelt, als ob jeder Krieger neue Kraft gewonnen hätte. Mitleidlos, atemlos gingen die polnischen Scharen vor, kaum gönnte sich ein Krieger soviel Zeit, um Atem zu schöpfen. Auf allen Seiten wurden die Feinde bedrängt, unaufhörlich sausten die Schwerter, die Streitäxte und die Keulen auf sie nieder, bis sie aufs neue zu wanken begannen, bis sie sich zurückzogen. Da und dort ertönte der Ruf um Gnade, da und dort wurde inmitten des Getümmels das vor Furcht und Schrecken totenbleiche Antlitz eines fremdländischen Ritters sichtbar, der sich blindlings seinem wild dahinstürmenden, geängstigten Renner überließ. Weit und breit war das Schlachtfeld von den weißen Mänteln bedeckt, welche die Kreuzritter über ihren Rüstungen trugen. Bange Sorge erfaßte das Herz von deren Führern, die sofort begriffen, daß ihr alleiniges Heil in den Händen des Großmeisters lag, der mit sechzehn Fähnlein im Hintertreffen stand. Von der Anhöhe aus überblickte Ulryk den Kampfplatz, und auch ihm ward es klar, daß der Augenblick gekommen sei, in dem er eingreifen müsse. Auf sein Gebot hin setzten sich denn auch seine eisengepanzerten Scharen in Bewegung, gleich schweren, vom Sturme vorwärts getriebenen Wolken, aus denen ein Hagelschauer niederzuprasseln und alles um sich her zu zerstören droht. – – – – – – Doch wie der Blitz erschien nun vor der dritten Schlachtlinie der Polen, die sich bis jetzt noch nicht am Kampfe beteiligt hatte, auf seinem wilden Renner Zindram aus Maszkowice. Auch er hatte sorgsam den Verlauf der Schlacht verfolgt, auch er hatte alles genau im Auge behalten. Hier, in der dritten Schlachtlinie befanden sich außer dem polnischen Fußvolke etliche Haufen böhmischen Fußvolkes. Eine dieser Scharen hatte sich vor Beginn der Schlacht unzuverlässig gezeigt, war aber schließlich, noch rechtzeitig Reue fühlend, auf der Walstatt geblieben und brannte nun vor Verlangen darnach, die vorübergehende Schwäche durch besondere Tapferkeit wieder gutzumachen. Die Hauptmacht hier bestand jedoch aus polnischen Abteilungen, zu denen freilich eine aus armen, schlecht ausgerüsteten Edelleuten gebildete Reiterschar gehörte, und Fußvolk, das sich teils aus Städtern, größtenteils aber aus Freibauern zusammensetzte, die mit Wurfspießen, schweren Lanzen und mit aufrecht gesteckten Sensen bewaffnet waren. »Macht Euch bereit, haltet Euch bereit!« schrie Zindram aus Maszkowice mit Donnerstimme, während er durch die Reihen jagte. »Haltet Euch bereit!« wiederholten die ihm unterstehenden Befehlshaber. Und die Mannen, erkennend, daß nun ihre Zeit gekommen war, stemmten die Stiele der Wurfspieße, der Lanzen und der Sensen zur Erde, machten das Zeichen des Kreuzes und spieen so einmütig und wie auf einen Schlag in ihre großen, wetterharten Hände, daß dies unheilverkündende Zeichen weithin gehört ward. Gleich darauf griff jeder einzelne wieder nach seiner Waffe und holte tief Atem. In diesem Augenblicke sprengte ein Knappe mit einer Botschaft des Königs auf Zindram zu und flüsterte diesem mit keuchender Stimme einige Worte ins Ohr. Doch Zindram, sich zudem Fußvolke wendend und sein Schwert schwingend, schrie: »Vorwärts!« »Vorwärts!« wiederholten die ihm unterstehenden Befehlshaber. »Auf den Feind! Auf die Weißmäntel! Auf sie!« Die Scharen setzten sich in Bewegung. Um aber Schritt zu halten, um aber ja in gerader Reihe vorzugehen, sangen alle gleichzeitig: »O Ma–ri–a sei ge–grüßt, Die du voll der Gna–de bist; Gott der Herr ist selbst mit dir!« Die Söldner, das aus Städtern gebildete Fußvolk, die Freibauern aus Klein- und Großpolen, die Schlesier, welche vor Ausbruch des Krieges Zuflucht in dem Königreiche gesucht hatten, und die vor den Kreuzrittern aus dem Gebiete von Elk geflohenen Masuren rückten nun gleich einer Sturmflut vor. Weithin blitzte und schimmerte es von den Spitzen der Lanzen und der Speere. Schließlich langten sie an Ort und Stelle an. »Schlagt zu!« schrien die Führer. »Ach!« Ein jeder der Mannen ächzte, wie ein starker Holzhauer ächzt, der mit der Axt zum ersten Schlage ausholt, und ein jeder kämpfte mit Aufbietung all seiner Kraft und so lange der Atem in seiner Brust ausreichte. Wilde Rufe, wilde Schreie drangen gen Himmel. – – – – – – Der König, der, auf einem kleinen Hügel stehend, die Schlacht beobachtete, sandte nach allen Richtungen hin Botschafter aus und seine Stimme klang allmählich heiser, so viele Befehle erteilte er. Als er indessen schließlich bemerkte, daß alle Abteilungen im Treffen standen, da zeigte er Lust, sich selbst am Kampfe zu beteiligen. Etliche seiner Leibwache suchten dies zu vereiteln, sorgten sie sich doch um die geheiligte Person des Herrschers. Powala faßte die Zügel des Renners, die er auch dann nicht freigab, als ihm der König mit der Lanze auf das Haupt schlug, andere verlegten Jagiello den Weg, indem sie ihn flehentlich baten, von seinem Vorhaben abzustehen, indem sie ihn zu überzeugen suchten, daß sein persönliches Eingreifen in die Schlacht in keiner Weise eine Aenderung herbeiführen könne. Da plötzlich drohte dem König, drohte dessen ganzem Gefolge tödliches Verderben. Dem Beispiele der von der Verfolgung der Litauer zurückkehrenden Abteilungen nachahmend und gleichzeitig von dem Wunsche beseelt, einen Flügel des polnischen Kriegsvolkes anzugreifen, ließ plötzlich der Großmeister seine Abteilungen in einem Halbkreise vorrücken. Diese auserwählte, aus sechzehn Fähnlein bestehende Schar aber zog ganz nahe an dem kleinen Hügel vorüber, auf dem sich der König Wladislaw Jagiello befand. Wohl ward man sich der Gefahr bewußt, allein man konnte ihr nicht mehr entweichen. Das königliche Banner wurde indessen sofort eingezogen und gleichzeitig sprengte der königliche Geheimschreiber Zbigniew aus Olesnica, so rasch ihn sein Pferd zu tragen vermochte, zu einer in der Nähe stehenden Abteilung, die sich auf Befehl ihres Führers, des Ritters Mikolaj Kielbasa, für den kommenden Angriff bereit machte. »Der König ist in Gefahr! Auf zu seiner Rettung!« schrie Zbigniew. Da riß Kielbasa, der seinen Helm verloren hatte, eine von Blut und Schweiß durchtränkte Mütze vom Haupte, hielt sie dem Daherjagenden entgegen und rief wutentbrannt: »Urteile selbst, ob wir unthätig gewesen sind! Narr! Siehst Du denn nicht, daß jene finstere Wolke sich auf uns niedersenkt, daß sie aber den König gefährden würde, wenn wir unsere Stellung verließen. Hebe Dich hinweg, sonst müßte ich Dir das Schwert in die Brust stoßen.« Und ohne es sich klar zu machen, mit wem er sprach, hätte er sich tatsächlich auf Zbigniew gestürzt, wenn dieser nicht, teils aus Rücksicht für den alten Krieger, teils weil er dessen Ansicht beipflichten mußte, zurückgejagt wäre, um dem König das Gehörte zu übermitteln. In geschlossener Reihe stürzten nun alle die vor, denen es oblag, den König zu schützen, um die eigene Brust dem Feinde zu bieten. Jetzt aber half nichts mehr – Jagiello ließ sich nicht länger zurückhalten, in der ersten Reihe nahm er seinen Platz ein. Gleich darauf kamen die deutschen Abteilungen so dicht heran, daß die Wappen auf ihren Schilden deutlich unterschieden werden konnten. Das Herz von gar manchem der tapfersten Kämpen erbebte beim Anblick dieser Scharen, denn die Blüte, die Auslese der Ritterschaft befand sich darunter. In glänzenden Rüstungen, auf gewaltigen, den Auerochsen gleichkommenden Rossen, in ungeschwächter Kraft, da sie bisher noch nicht am Kampfe teilgenommen hatten, stürmten sie, einem Orkane gleich, stampfend, tosend, mit fliegenden Bannern und Fähnchen vorwärts und an ihrer Spitze flog der Großmeister daher im weiten, weißen Mantel, der vom Winde aufgebläht, den ungeheuern Flügeln eines Adlers glich. Der Großmeister raste an dem Könige und an dessen Gefolge vorüber, dem Haupttreffen zu, denn was wollte ihm diese kleine Schar abseits stehender Ritter bedeuten? Er ahnte ja nicht, daß sich der König darunter befand, er erkannte Jagiello nicht. Aber mitten aus einem der deutschen Fähnlein sprengte plötzlich ein riesenhafter Kämpe hervor, und sei es, daß er Jagiello erkannte, sei es, daß ihn die silberne Rüstung des Königs anlockte oder daß er seine Tapferkeit beweisen wollte, genug, er legte, das Haupt vorbeugend, den Speer an und stürzte auf Jagiello zu. Da gab der König, ehe er daran verhindert werden konnte, seinem Pferde die Sporen und warf sich gegen den Deutschen. Zweifellos wäre es zu einem tödlichen Kampfe gekommen, wenn Zbigniew, des Königs jugendlicher Geheimschreiber, der in allen ritterlichen Künsten ebenso erfahren war wie im Latein, dies nicht verhindert hätte. Eine zerbrochene Lanze in der Hand stürmte er auf den Deutschen zu und traf ihn dermaßen auf das Haupt, daß der Getroffene mit zerschlagenem Helme zur Erde stürzte. Im gleichen Augenblicke aber stieß der König dem Deutschen das Schwert in die entblößte Stirn und gab ihm damit den Tod. Auf solche Weise ging ein berühmter deutscher Ritter zu Grunde, Diepold Köckeritz von Dieber. Knäs Jamont ergriff dessen Pferd, der deutsche Ritter aber lag, mit dem güldenen Gürtel angethan und mit dem weißen Mantel über der stählernen Rüstung, auf der Erde, zu Tode verwundet. Die Augen waren schon gebrochen, die Füße jedoch zuckten noch einige Zeit krampfhaft, bis endlich der beste Tröster der Menschheit, der Tod, seinen Schatten über ihn senkte, und er in den ewigen Schlaf hinüber schlummerte. Nun stürzten noch etliche Ritter, die bei dem Fähnlein aus dem Kulmer Gebiete standen, vor, wollten sie doch den Tod ihres Kriegsgefährten rächen, allein der Großmeister selbst hielt sie davon ab durch den Befehlsruf: »Herum, herum!« und führte sie im Sturme dahin, wo der Entscheidungskampf dieses blutigen Tages ausgefochten wurde, also in das Haupttreffen. Und abermals ereignete sich etwas Wunderbares. Wohl hatte der in der Nähe stehende Mikolaj Kielbasa den Feind erkannt, die andern polnischen Abteilungen aber, denen dies durch den Staub unmöglich gemacht worden war, hielten die Scharen des Großmeisters für die auf die Walstatt zurückkehrenden Litauer und beeilten sich nicht mit dem Vorgehen. Dobek aus Olesnica stürmte zuerst dem Großmeister entgegen, erkannte diesen zuerst an seinem weißen Mantel, an dem Schilde und an dem großen Reliquienkästchen, das Ulryk über der Brust auf dem Panzer trug. Da der polnische Ritter es aber des Reliquienkästchens wegen nicht wagte, mit der Lanze zuzuschlagen, obwohl er dem Großmeister an Kraft weit überlegen war, stieß dieser die auf ihn gerichtete Speeresspitze in die Höhe und brachte dem Pferde seines Feindes eine geringfügige Wunde bei. Dann jagte einer an dem andern vorüber, um gleich darauf, einen Kreis beschreibend, wieder in fliegendem Galoppe zu der eigenen Schar zurückzukehren. »Deutsche! Der Großmeister selbst!« schrie Dobek laut auf. Als sie dies hörten, warfen sich die polnischen Scharen mit dem größten Ungestüm auf den Feind. Mikolaj Kielbasa war der erste, der mit seinem Fähnlein auf ihn losging, und die Schlacht tobte von neuem. Aber sei es nun, daß die Ritter aus dem Gebiete von Chelm, unter denen viele aus polnischem Blute stammten, nicht mit vollem Herzen an dem Kampfe teilnahmen, sei es, daß die Wut der Polen durch nichts gehemmt werden konnte, sicher ist nur, daß dieser neue Angriff nicht den Erfolg hatte, der von dem Großmeister erhofft worden war. Denn er hatte sich dem Glauben hingegeben. Jagiellos Macht werde hier den letzten entscheidenden Schlag erhalten, und nun gewahrte er, daß die Polen sich vorwärts drängten, um sich schlugen, nach allen Seiten hin Hiebe austeilten, seine Scharen wie mit einem eisernen Ringe umschließend, nun gewahrte er, daß seine Ritter weit mehr darauf bedacht waren, sich zu verteidigen, als anzugreifen. . Umsonst suchte er sie durch Zurufen anzuspornen, umsonst trieb er sie mit seinem Schwerte in den Kampf. Sie verteidigten sich zwar und verteidigten sich mutig, aber ihnen mangelte jene Begeisterung, welche ein siegreiches Heer mitfortreißt und welche die Herzen der Polen erfüllte. In zerschlagenen Rüstungen, mit Wunden bedeckt, mit Blut überströmt, mit schartig gewordenen Waffen, kaum mehr im stande, einen Laut von sich zu geben, stürzten sich die polnischen Ritter in tollkühner Wut auf die dichtesten Haufen der Deutschen. Diese hielten ihre Pferde an und blickten umher, wie wenn sie sich vergewissern wollten, ob der eiserne Ring, der sich dichter und dichter um sie zusammenzog, sich schon geschlossen habe, und sie wichen fortwährend langsam zurück, als ob sie sich unbemerkt der mörderischen Umarmung entziehen wollten. Da erschollen vom Walde her plötzlich neue Rufe. Dort befand sich Zindram, welcher die Bauern befehligte und gegen den Feind führte. Nun sausten die Sensen auf das Eisen nieder, nun erdröhnten die Panzer unter den schweren Knütteln. Leiche an Leiche bedeckte den Boden, das Blut ergoß sich in Strömen über die zerstampfte Erde und das Schlachtgetümmel nahm immer mehr zu, denn die Deutschen, die ihr einziges Heil in ihren Waffen sahen, wehrten sich verzweifelt. – – – – – – Und sie rangen miteinander, ungewiß über den Ausgang und den Sieg, bis sich plötzlich große Staubwolken auf der rechten Seite des Kampfplatzes erhoben. »Das sind die Litauer, welche zurückkehren,« schrien die Polen in triumphierendem Tone. Und sie hatten die Wahrheit erraten. Die Litauer, welche leichter zu zerstreuen als zu besiegen waren, kehrten jetzt zurück und mit fürchterlichem Geschrei jagten sie auf ihren leichtfüßigen Pferden, einem Wirbelwinde gleich, zum Kampfplätze heran. Nun sprengten einige Komture, Werner von Tetlingen an der Spitze, zu dem Großmeister heran. »Rette Dich, Herr!« rief mit bleichen Lippen der Komtur von Elblach. »Rette Dich und den Orden, bevor der Ring sich schließt.« Aber der ritterliche Ulryk sah ihn mit düsterem Blicke an, und die Hand zum Himmel emporhebend, rief er: »Gott verhüte es, daß ich dies Schlachtfeld verlasse, auf dem so viele Tapfere fielen! Gott verhüte es!« Und seinen Mannen zurufend, ihm zu folgen, stürzte er sich in das Schlachtgewühl. Mittlerweile waren die Litauer auf dem Kampfplätze angelangt und es entstand solch ein Wirrwar, solch ein Getümmel, daß das menschliche Auge kaum mehr etwas zu unterscheiden vermochte. Der Meister wurde von der Spitze eines litauischen Wurfspießes in den Mund getroffen und zweimal im Gesicht verwundet. Mit der ermatteten Rechten wehrte er noch einige Zeit die Streiche ab, doch schließlich, als ihm ein Speer in den Hals drang, stürzte er, einer gefällten Eiche gleich, zu Boden. Und bald ward er durch eine Schar der in Felle gekleideten Krieger den Blicken aller entzogen. – – – – – – Werner Tetlingen flüchtete sich mit einigen Fähnlein, aber die Zurückgebliebenen wurden von dem königlichen Kriegsheere wie von einem eisernen Ringe umschlossen. Die Schlacht verwandelte sich allmählich in ein wahres Gemetzel, und die Kreuzritter erlitten eine so unerhörte Niederlage, wie in der ganzen Geschichte der Menschheit nur wenige verzeichnet sind. Niemals noch in der Christenheit, seit dem Kampfe der Römer und Goten mit Attila und des Karl Martell mit den Arabern hatten so mächtige Heere miteinander gestritten. Aber jetzt lag das eine zum größten Teil schon darnieder wie gemähtes Korn auf dem Ackerfelde. Die von dem Meister zuletzt in die Schlacht geführten Scharen ergaben sich. Die Ritter aus Chelm pflanzten ihre mit Fähnlein versehenen Lanzen in den Boden, andere deutsche Ritter sprangen von ihren Pferden, zum Zeichen, daß sie sich ergeben wollten, und knieten auf der mit Blut überströmten Erde nieder. Die ganze, unter dem Banner des hl. Georg vereinigte Heeresabteilung, in der die fremden Ritter dienten, that mit ihrem Führer das Gleiche. – – – – – – Aber die Schlacht tobte weiter, denn viele Scharen der Kreuzritter wollten lieber sterben als um Gnade bitten und in Gefangenschaft gehen. Nun bildeten die Deutschen, ihrem Kriegsgebrauche gemäß, einen ungeheuren Kreis und verteidigten sich auf eine Weise wie Eber sich verteidigen, wenn sie von einem Rudel Wölfe umringt werden. Aber der eiserne Ring der Polen und Litauer schloß diesen Kreis ein und zog sich dichter und dichter um ihn zusammen, gleich einer Schlange, die sich um den Körper eines Stieres windet. Und wiederum hoben sich drohende Arme, klirrten die eisernen Knittel, sausten die Sensen, blitzten die Schwerter, bohrten sich die Lanzenspitzen in die Körper ein, schwirrten die Beile und Streitäxte in der Luft. Wie die Bäume eines Waldes wurden die Deutschen niedergehauen, und sie starben in düsterem Schweigen, wahrhaft groß in ihrer Furchtlosigkeit. Etliche schlugen die Visiere zurück, sagten sich Lebewohl und gaben sich den letzten Kuß vor dem Tode, etliche warfen sich blindlings, wie von Wahnsinn getrieben, in das Gewühl der Schlacht, wieder andere kämpften wie in einem Traum befangen, einige auch töteten sich selbst, indem sie sich das »Misericordia« in die Kehle stießen, und gar mancher warf den Halsberg ab, wendete sich zu einem Gefährten und sagte: »Stoß zu!« Durch das ungestüme Vordringen der Polen wurde der große Kreis bald in kleine Haufen zersprengt, und nun konnten die einzelnen Ritter leichter entfliehen. Aber im allgemeinen kämpften auch diese zersprengten Scharen mit Wut und Verzweiflung. Nur wenige knieten, um Erbarmen flehend, nieder, und als der furchtbare Ansturm der Polen schließlich auch die kleineren Scharen auseinandertrieb, wollten sich sogar die einzelnen Ritter nicht lebend den Siegern ergeben. Für den Orden und für die ganze Ritterschaft des Westens war dies ein Tag der größten Niederlage, aber auch des größten Ruhmes. Vor dem riesenhaften Arnold, der von dem aus Bauern gebildeten Fußvolk umringt war, erhob sich allmählich ein Wall von polnischen Leichen, er aber, der Mächtige, Unbesiegbare, stand auf diesem Wall wie ein fester, in einem Hügel eingerammter Grenzpfahl, und wer sich ihm auf Schwerteslänge näherte, der sank hin wie vom Blitze getroffen. – – – – – – Schließlich ritt Zawisza Czarny Sulimezyk heran, doch als er sah, daß Arnold nicht mehr zu Pferde saß, und da er ihn auch nicht, wider alle Sitte, von hinten angreifen wollte, sprang er selbst von seinem Renner herab und rief ihm schon von weitem zu: »Wende Dein Haupt, Deutscher, und ergieb Dich, oder kämpfe mit mir!« Arnold wendete sich um, und Zawisza an der schwarzen Rüstung sowie am Wappen erkennend, sagte er sich im Innern: »Nun kommt der Tod und meine Stunde hat geschlagen, denn diesem Ritter kann niemand lebend entrinnen. Wäre ich aber im stande, ihn zu besiegen, so würde ich mir unsterblichen Ruhm erringen und vielleicht auch mein Leben retten.« So sprechend stürzte er ihm entgegen, und wutentbrannt kämpften sie miteinander auf der von Leichnamen übersäten Erde. Aber Zawisza übertraf alle andern so sehr an Kraft, daß die Eltern unglückselig genannt werden mußten, deren Kinder sich ihm im Kampfe zu stellen hatten. Unter den Hieben seines Schwertes barst in der That der in Marienburg geschmiedete Schild, barst auch der stählerne Helm gleich einem irdenen Topfe, und der tapfere Arnold sank mit zerschmettertem Haupte zur Erde. – – – – – – Heinrich, der Komtur aus Czluchow, der erbittertste Feind des polnischen Volkes, welcher geschworen hatte, er werde zwei Schwerter so lange vor sich her tragen lassen, bis er beide in polnisches Blut getaucht habe, wollte sich heimlich vom Schlachtfelde hinwegschleichen, wie ein Fuchs sich vor den gefährlichen Jagdnetzen hinwegschleicht, da vertrat ihm Zbyszko aus Bogdaniec den Weg. »Erbarme Dich meiner!« schrie der Komtur, als er die Klinge des Hirschfängers über seinem Haupte blitzen sah, und faltete vor Schrecken die Hände. Der junge Kämpe war zwar nicht mehr im stande, den Arm zurückzuhalten, aber er konnte das Messer noch wenden und so traf er nur mit der flachen Seite das feiste, schweißtriefende Gesicht des Komturs. Dann übergab er ihn seinem Knappen, der einen Strick um den Hals des Deutschen legte und ihn wie einen Stier an den Platz hinzog, wo alle gefangenen Kreuzritter auf einen Haufen zusammengetrieben waren. – – – – – – Der alte Macko suchte fortwährend auf dem blutigen Schlachtfelde nach Kuno Lichtenstein, und das den Polen an diesem Tage so günstige Geschick lieferte schließlich den Großkomtur in seine Hände. Kuno hatte sich mit einer kleinen Anzahl geflüchteter Ritter in einem Gebüsche verborgen. Der sich in ihren Rüstungen spiegelnde Sonnenschein verriet sie aber den Verfolgern, und alle fielen auf die Knie und ergaben sich sofort. Macko jedoch, welcher erfahren hatte, daß der Großkomtur des Ordens sich unter ihnen befand, befahl diesem, vorzutreten, und den Helm abnehmend fragte er: »Kuno Lichtenstein, erkennst Du mich?« Der Großkomtur runzelte die Brauen, und den Blick fest auf Macko richtend, antwortete er nach einer Weile: »Ich sah Dich am Hofe zu Plock!« »Nicht doch,« entgegnete Macko, »auch schon früher sahst Du mich! Du sahst mich in Krakau, als ich Dich um das Leben meines Bruderssohnes bat, der wegen eines unüberlegten Ueberfalles auf Dich zum Tode verurteilt worden war. Damals legte ich vor Gott ein Gelübde ab und schwur bei meiner Ritterehre, daß ich Dich noch treffen und mit Dir um Leben oder Tod kämpfen werde.« »Wohl weiß ich dies,« versetzte Lichtenstein und warf hochmütig die Lippen auf, wennschon er zugleich tief erbleichte, »aber ich bin jetzt Dein Gefangener, und Schande würdest Du auf Dich laden, wenn Du das Schwert gegen mich zögest.« Da verzerrte sich Mackos Gesicht auf unheilverkündende Weise und nahm einen wolfsähnlichen Ausdruck an. »Kuno Lichtenstein,« begann er, »gegen einen Wehrlosen werde ich mein Schwert nicht erheben, aber ich sage Dir dies: wenn Du es abschlägst, Dich mir zum Kampfe zu stellen, lasse ich Dich wie einen Hund an einem Stricke aufhängen.« »Mir bleibt keine Wahl! Auf denn!« rief der Großkomtur. »Um Tod oder Leben, nicht um Gefangenschaft!« ließ sich Macko nochmals warnend vernehmen. »Um Tod oder Leben!« Und nach wenigen Augenblicken kämpften sie miteinander in Gegenwart der deutschen und polnischen Ritter. Wohl war Kuno der jüngere und behendere, aber Macko übertraf den Gegner so sehr an Körperkraft, daß er ihn im Nu zu Boden warf und die Knie gegen seinen Bauch stemmte. Die Augen des Komturs traten vor Entsetzen aus ihren Höhlen. »Schone meiner!« stöhnte er, während ihm weißer Schaum auf die Lippen trat. »Nein!« antwortete der unversöhnliche Macko. Und sein »Misericordia« an den Hals des Gegners setzend, stieß er zweimal zu. Jener röchelte furchtbar, ein Blutstrom quoll aus seinem Munde, ein Zittern fuhr durch seinen Körper, dann streckte er sich und der große Tröster tröstete ihn für immer. – – – – – – Mehr und mehr artete die Schlacht zu einem Gemetzel und zu einer Verfolgung der Flüchtlinge aus. Wer sich nicht ergeben wollte, wurde getötet. Gar viele Schlachten, gar viele Treffen waren in jenen Zeiten ausgefochten worden, aber kein Lebender erinnerte sich einer so entsetzlichen Niederlage. Von siebenhundert »Weißmänteln« befanden sich kaum noch fünfzehn am Leben. Mehr denn vierzigtausend Leichen lagen in ewigem Schlafe auf dem von Blut überströmten Schlachtfelde. Die zahlreichen Banner, welche um die Mittagszeit noch lustig über dem unermeßlichen Heere des Ordens geweht hatten, befanden sich in den blutigen und siegreichen Händen der Polen. Nicht ein einziges Banner war gerettet worden, und nun legten die polnischen und litauischen Ritter sie zu den Füßen Jagiellos nieder, welcher, die Augen fromm zum Himmel erhebend, in bewegtem Tone sagte: »Gott hat es so gewollt!« Die angesehensten Gefangenen wurden ihm nun vorgeführt. Abdank Skarbek aus Gora brachte den Fürsten Kasimir aus Stettin, der böhmische Ritter aus Troznow brachte Konrad, den Fürsten aus Olesnica, und Przedpelko aus Kopidlow brachte den verwundeten, fast immer bewußtlosen Georg Gersdorf, der unter dem Banner des heiligen Georg alle fremdländischen Ritter vereinigt und angeführt hatte. Zweiundzwanzig Volksstämme hatten an diesem Kampfe des Ordens gegen die Polen teilgenommen. Durch die Schreiber des Königs wurde nun genau verzeichnet, wie viele Gefangenen man gemacht hatte, und diese knieten vor dem König nieder, indem sie um Gnade flehten und um die Erlaubnis, gegen Lösegeld in die Heimat zurückzukehren. Das ganze Heer des Ordens war vernichtet. Die Polen nahmen das ungeheure Lager der Kreuzritter in Besitz und dadurch geriet noch der Rest des geschlagenen Heeres in ihre Hände, sowie eine Unzahl von Wagen, die mit Fesseln für die Polen und mit Wein für eine Siegesfeier beladen waren. – – – – – – Die Sonne neigte sich dem Untergange zu. Ein kurzer, starker Regenschauer war niedergegangen und hatte den Staub gelegt. Der König, Witold und Zindram aus Maszkowice standen gerade im Begriff, auf das Schlachtfeld zu reiten, als man die Leichen der gefallenen Anführer brachte. Die Litauer trugen den von Speeren durchbohrten, von Blut und Staub bedeckten Leichnam des Großmeisters Ulryk von Jungingen herbei und legten ihn vor den König nieder. Dieser seufzte tief auf, und den Toten betrachtend, der das Gesicht nach oben gekehrt dalag, sagte er: »So ist es nun mit ihm zu Ende, mit ihm, der sich noch heute in der Frühe erhaben über alle Herrscher der Welt dünkte.« Große Thränen flossen über Jagiellos Wangen und nach einer Weile begann er wieder: »Aber da er den Heldentod gestorben ist, wollen wir seine Tapferkeit preisen und ihn mit einem Begräbnisse ehren, das eines Christen würdig ist.« In der That gab er sofort Befehl, die Leiche sorgfältig im See zu reinigen, sie in ein prächtiges Gewand zu hüllen und sie, bis der Sarg bereit sei, mit dem Ordensmantel zu bedecken. Mittlerweile trug man mehr und mehr Leichen herbei, die von den Gefangenen erkannt wurden. Man brachte den Großkomtur Kuno Lichtenstein mit der durch ein Misericordia furchtbar zerfleischten Kehle und den Marschall des Ordens, Friedrich Wallenrod, den Großkämmerer Graf Albert Schwartzberg, den Großschatzmeister Thomas Mercheim, man brachte den Grafen Wende, welcher durch die Hand des Powala aus Taczew gefallen war, und mehr denn sechshundert angesehene Komture und Brüder. Die Knechte reihten sie dicht aneinander und nun lagen sie da wie gefällte Bäume, die Gesichter, die so weiß waren wie ihre Mäntel, gen Himmel gerichtet, mit weit offenen Augen, in denen sich immer noch der Ausdruck von Zorn und Stolz, von Kampfeswut und Entsetzen zeigte. Zu ihren Häupten wurden die eroberten Banner aufgepflanzt, alle, alle. In dem leichten Windhauche wickelten sich die Fahnen bald um die Stangen, bald wehten sie hin und her, und mit ihrem leisen Rauschen schienen sie den Toten ein Schlaflied zu singen. In der Ferne, im Scheine der Abendröte, wurden die litauischen Heeresabteilungen mit den eroberten Kanonen sichtbar, deren sich die Kreuzritter zum erstenmale auf offenem Schlachtfelde bedient hatten, ohne daß es ihnen gelungen wäre, den Siegern beträchtlichen Schaden zuzufügen. Um den König hatten sich auf dem Hügel die hervorragendsten polnischen Ritter versammelt, und vor Ermüdung schwer atmend blickten sie auf die Standarten und auf die gefallenen Krieger zu ihren Füßen, wie ermüdete Schnitter auf die zusammengehäuften Garben zu schauen pflegen. Mühsam war die Tagesarbeit gewesen und entsetzlich das Ergebnis der Ernte, jetzt aber war ein bedeutsamer, freudenvoller Abend angebrochen. Unermeßliches Glück strahlte aus den Mienen der Sieger, denn alle begriffen, daß dieser Abend nicht nur den Leiden und Mühseligkeiten des einen Tages, sondern ganzer Jahrhunderte ein Ziel setzte. Obwohl der König wußte, welch große Niederlage die Kreuzritter erlitten hatten, blickte er doch voll Staunen umher und fragte schließlich: »Ist es denn der ganze Orden, der hier im Staube liegt?« Darauf antwortete der Unterkanzler Mikolaj, dem die Prophezeiung der heiligen Brigitta bekannt war: »Es ist die Zeit gekommen, in der ihnen die Zähne ausgebrochen worden sind, in der ihnen die rechte Hand abgehauen wurde!« So sprechend, erhob er die Rechte und machte das Zeichen des Kreuzes nicht nur über die zunächst liegenden, sondern auch über das ganze Gefilde zwischen Grünwald und Tannenberg. In der klaren, durch den Regen gereinigten Luft, in der noch der letzte Schein der Abendröte zitterte, sah man deutlich das ungeheure, qualmende, blutüberströmte Schlachtfeld, starrend von den Bruchstücken der Lanzen, Wurfspieße und Sensen, bedeckt mit Haufen von toten Pferden und menschlichen Leichnamen, zwischen denen Hände, Füße und Hufe hervorragten. Und dieses traurige Totenfeld mit tausenden von Leichen erstreckte sich weithin, noch weiter, als der Blick zu reichen vermochte. Unaufhörlich gingen die Troßknechte auf diesem endlosen Gottesacker hin und her, die Massen sammelnd und den Toten die Rüstungen abnehmend. In der Höhe aber, an dem rötlich gefärbten Firmamente, kreisten und schwärmten zahllose Scharen von Krähen, Raben und Adlern, die mit lautem Gekrächze ihre Freude über die Aussicht auf das reiche Futter kundgaben. Achtes Kapitel. Macko und Zbyszko kehrten nach Bogdaniec zurück. Dem alten Ritter waren noch lange Jahre beschieden und Zbyszko erlebte in Gesundheit und voller Kraft die Zeit, in der aus einem Thore von Marienburg der Großmeister der Kreuzritter mit thränenfeuchten Augen auszog, während durch ein anderes Thor der polnische Wojwode an der Spitze des Kriegsheeres seinen Einzug hielt, um im Namen des Königs und des Königreiches die Stadt und das ganze Gebiet bis an die grauen Wogen des Baltischen Meeres in Besitz zu nehmen. Die Litauer trugen den Leichnam Ulryks von Jungingen herbei.