Josef Ruederer Münchener Satiren (1907) Inhalt: Auf drehbarer Bühne Der Hohe Schein Wagalaweia Auf drehbarer Bühne Festspiel zur Einweihung des Münchener Prinzregenten-Theaters Mitwirkende: Rabbi Sichel , Oberrabbiner, Intendant, Professor, Ritter hoher Orden, aber noch nicht des Zivilverdienstordens. von Pfiffig , ganz heimlicher Rat, Anwesenbesitzer in unmittelbarer Nähe des Prinzregenten-Theaters. Knurrig und Immergrün , Verleger des vornehmsten Blattes Mittel- und Süddeutschlands. 97 000 Auflage. Kunst-, Alpine und Sport-Zeitung. Täglich zweimal. Theilmann und Schnittmann , Baumeister mit und ohne Akkord. Eigene Abteilung für Immobilien und Terraingesellschaft. Telephon Nr. 97 714. Pfründner , Rentner, Aufsichtsrat der Terraingesellschaft. Pinsel , Advokat, stiller Berater der Immobilien- und Terraingesellschaft. Schöps und Trottelberger , Münchener Bürger; Schöps nebenbei noch Mitglied des Münchener Gemeindekollegiums vom Jahre 1865. April , Tonkünstler und Musikkritiker, Spezialvertreter der Firma Wagners Witwe und Sohn. Die sechsundzwanzig Redakteure des vornehmsten Blattes Mittel und Süddeutschlands. Das Münchener Kindl . Die Bavaria . Die Zuschauer . Die drehbare Bühne . Die genaue, sorgfältige Inszenierung des ganzen Festspiels, sowie die Oberleitung hat sich Herr Intendant Rabbi Sichel persönlich vorbehalten. Musikalische Leitung: Herr Hofkapellmeister Tumpe , künftiger Generalmusikdirektor. Dekorationen, Beleuchtung usw.: Meister Lautenspieler , der zugleich Erfinder der drehbaren Bühne. Die Rollen des Rabbi Sichel , der Knurrig und Immergrün , der Herren von Pfiffig , Pfründner , Pinsel und der beiden Architekten werden von stadtbekannten Münchener Persönlichkeiten verkörpert, auch der Darsteller des Tonkünstlers April dürfte sich eines Rufes erfreuen. Die sechsundzwanzig Redakteure werden dargestellt von lauter ausgeprägten Individualitäten. Für Schöps und Trottelberger sind solide Kräfte aus alten Bürgerkreisen gewonnen worden, die Rollen der Bavaria und des Münchener Kindl werden von den betreffenden Herrschaften selbst in liebenswürdigster Weise übernommen. Was die Zuschauer betrifft, so bestehen sie zum ersten Teil aus den bekannten, gewappelten Erscheinungen der oberen Zehntausend. Maler, Dichter, Chinareisende, die sich immer gern sehen lassen, kommen dazu. Universitätsprofessoren mit gleicher Absicht keineswegs ausgeschlossen. Zum offiziellen Aufputz: ein Bürgermeister, drei Minister, Beamte, Landtagsabgeordnete in krachledernen Hosen. Den zweiten Teil der Zuschauer stellen die von der eigens gebildeten Eintrittsbillettenpreisermäßigungskommission zugelassenen Menschen. Hier kommt es weniger auf einen Namen und auf Geld an, als vielmehr auf breite Hände und gute Lungen. Daher sind Leute aus allen Ständen geduldet.   Beginn der Komödie: Erstes Bild Es treten sechs Posaunenbläser auf die Brüstung des Prinzregenten-Theaters und blasen das eigens hierzu komponierte Reklamemotiv. Die Zuschauer , vor dem Theater schon lange versammelt, ziehen auf in die einzelnen Sitzreihen. Jede Gruppe wird geführt von einem Angestellten der Firma Theilmann und Schnittmann , Abteilung für Terraingesellschaft, im Kostüm der Herolde, »Tannhäuser« II. Akt. Weihevolle Stimmung. Das unterirdische Orchester spielt den Einzug der Gäste. Die Zuschauer singen: »Freudig begrüßen wir . . .« in angemessenem Tempo mit. Wenn der letzte Ton verklungen, erhebt sich tosender Beifall, geleitet von der Eintrittsbillettenpreisermäßigungkommission . Herr Hofkapellmeister Tumpe steckt den Kopf einen Augenblick aus einer Luke des unsichtbaren Orchesters hervor. Neuer Beifallssturm. Herr Tumpe will auch sofort wieder erscheinen, aber die Kommission winkt den Zuschauern ein bischen zu früh ab. Jetzt tiefe Stille. Große Spannung. Plötzlich teilt sich der Vorhang ein wenig, und es erscheint das bei solchen Gelegenheiten unvermeidliche Münchener Kindl mit offenen Armen. Es spricht: Zum Anbeginn der hehren Feier Grüß ich Euch all, ob Müller oder Meier, Ich grüße Euch mit hohem Freudentriller, Wie Ihr auch heißt, ob Mayer oder Miller, Ob Schmitt mit dt oder Gruber, Ich grüße Euch, vereinte G'schaft'lhuber.     (Es sieht sich um) Dem Himmel töne Lob und Preis, Es fehlt kein einz'ger Jubelgreis, Ein jeder sitzt im dicksten Fett Auf seinem großen Freibillett Und dünkt sich sonderlich erlaucht, Dieweil er nichts zu zahlen braucht.     (Es faltet bewundernd die Hände) Mein trunk'nes Aug' kann kaum sich finden, Ich seh' die Herren all' im Frack, Im Faltenhemd und weißen Binden, Und in der Hand den Chapeauclaque. Ein holder Damenkreis inmitten, Die Steine auf dem stolzen Haupt, Die Taille möglichst ausgeschnitten, Soweit die Sitte es erlaubt. Es strahlt von Osten, Westen, Norden, Von Süden rings, in Gold geschient, Das echte Feuer hoher Orden, Die alle gar so schwer verdient.     (mit einem tiefen Seufzer) Doch ach! Wer zählte wohl die Gruppen, Wer nennt die Namen mancherlei, Der Peterl'n auf allen Suppen, Die, wo was los ist, stets dabei? Mag darum keiner zornig wettern, Der mir in solcher Eil' entwich, Es druckt ihn ja mit fetten Lettern Das Hauptblatt Münchens unterm Strich. Mit diesem Troste soll er weilen In Eurer Mitte frohen Sinns, – Und nun mag sich der Vorhang teilen Zum Zeichen sicheren Beginns. Aufprasseln sollen alle Dünste Des Schwefels in ein Flammenmeer, Und durch Herrn Lautenspielers Künste Schiebt sich die Bühne hin und her. Da seht Ihr im Vorübersausen, Wie mit den Jahren viel sich dreht, Und wie im schönen Bogenhausen Ein neues Festspielhaus entsteht. Es tritt auf die Seite. Im selben Augenblick kräuseln gelbe Dünste vor dem Vorhang auf, die sich langsam verdichten. Das Orchester unter Hofkapellmeister Tumpes umsichtiger Leitung stimmt den Schunkelwalzer an. Die Musiker singen mit: »Denke dir, mein Liebchen, was ich im Traume geseh'n.« Immer höher ziehen die Dämpfe, wilder brodeln sie auf. Endlich, als die Musik die Schlußakkorde spielt, steigt rein und geläutert aus ihnen das alte Hofbräuhaus hervor.   Zweites Bild Ringsherum die historischen Arkaden. Stimmungsvolles Milieu aus dem Jahre 1865. Die Maß Bier nur fünf Kreuzer. Glückliche Zeiten. Keine Preußen im Lande. Bayern selbstherrlicher Staat. Stinkt nach Rettich und Käse. Frohes Treiben vor der Schenke. Gemeindebevollmächtigter Schöps trifft beim Ausspülen des Kruges Bürger Trottelberger. Schöps (nach langer Pause, sehr zufrieden) Dem hammer's g'steckt, dem gar andern. Trottelberger Wem denn? Schöps Dem Wagner Richardl, dem herg'laufana Musikanten. Trottelberger Habt's es eahm g'steckt? Schöps G'höri hammer's eahm g'steckt, und 'm Kini a, dem grad extra, 'm Kini, grad extra! Trottelberger Was habt's denn 'than? Schöps 'Nausg'schmissen hammer'n, den verhungerten Dudelsackpfeifer, jetzt kann er schaug'n, wo er sei Theaterbuden hinbaut, der Freimaurersg'sell, der dreckige. Mir geben koan Strich her vom heiligen Münchna Boden, am wenigsten für so an preußischen Schwimmer. Trottelberger Recht habt's, oes vom Gemeindekollegium, ganz recht. Schöps Nix da, mür san mür und bleiben's a! So jetzt kaf i mir an Stoa auf de Anstrengung hin. Trottelberger Hamma oan Weg, Herr Nachbar. (Sie gehen zur Schenke.) Das Orchester spielt und singt: »Hinum, herum, alleweil saudumm, saudumm, herum, hinum, alleweil saudumm.« Das Münchener Kindl tritt wieder vor und spricht: Herr Schöps und Trottelberger, Die sind gar fein gepaart, Sind sprechende Beweise Von echter Münchner Art. Im Wesen schlicht und bieder, Aus altem Schrot und Korn, Den weiten Blick im Schädel, Die Westenknöpf' aus Horn, Den Rosenkranz im Sacke, Im Portemonnaie das Geld, So spucken sie zu Boden, Wie's grade kommt und fällt. Solch' unerschrock'ne Männer Geh'n immer gradeaus Und weichen auch im Leben Nie einem andern aus. Sie rempeln jeden nieder, Und wenn der noch so schreit, Das ist nun 'mal so Sitte, Das ist Gemütlichkeit. Freu' dich, o schönes München, Und dank' mit mir dem Herrn, Es halten solche Söhne Jedweden Geist dir fern.     (Es klatscht in die Hände) Jetzt aber will ich präsentieren Zwei Herr'n mit feineren Manieren! Die Bühne dreht sich und mit ihr drehen sich zirka dreißig Jahre im Fluge.   Drittes Bild Eine öde Landschaft. Unbebautes Feld. Weite Kiesgruben. Im Hintergrunde Ziegeleien mit steilen Kaminen und verfallenen Hütten. Die ganze Szenerie nach der Natur aufgenommen von der Firma Theilmann und Schnittmann , Abteilung für Terraingesellschaft. Es ist Nacht. Tiefe, unheimliche Stimmung. Rabbi Sichel (tritt auf in der Maske von Napoleon I. Grauer Mantel, Schiffhut und Degen. Geste von Waterloo. Er steigt in den Vordergrund der Bühne) Ich hörte marschierende Kolonnen . . . Sind's meine Grenadiere ? Sind's die Fahnen, die ich geführt zu Kampf und Sieg? (Springt entsetzt zur Seite und singt das hohe A) Kommst du zu mir, entsetzliches Gespenst der Nacht, aus dunkeln Nebeln neu erstanden? Wer bist du? Steh'! Ich banne dich! von Pfiffig (tritt sehr leise auf) Glaub' gar, das ist der Rabbi Sichel? Richtig, ja! Warum schreien S' denn so? Rabbi Sichel (in der Maske von Franz Moor) Verraten, ausgespieen vom Hoftheater und dem Münchener Publikum, alle Geister gegen mich losgelassen! O Freund, Freund! Daniel von der billigen Grube, gib mir Ehr' und Stellung wieder! von Pfiffig. Jetzt sind S' amal ruhig und erholen Sie sich a bissel! Da heroben is a recht gute Luft. Schöne Lag'. Angenehme Verbindung mit der Stadt. Neue Brücke. Wissen Sie was? Sie könnten sich eigentlich neben mir ankaufen. Rabbi Sichel (als Octavio Piccolomini) War das die Meinung, Buttler, als wir schieden? Bei Gott, ich hebe meine Hand, ich bin an dieser ungeheuren Tat nicht schuldig! von Pfiffig. Jetzt kommen S' nur mit mir, es wird sich schon alles machen. Kommen Sie, lieber Herr Rabbi! (Geht ab, indem er winkt.) Rabbi Sichel (allein, in seiner Urmaske in »Freund Fritz«) Und da sagt mer noch immer von de Juden, . . . de Juden . . . de Juden . . . (Er sinkt in die Knie und folgt dem Herrn von Pfiffig.) Das Orchester spielt und singt: »Seh'n Sie, das ist ein Geschäft, das bringt noch 'was ein.« Das Münchener Kindl erscheint wieder und spricht: Freundschaft, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium, Wir betreten freudetrunken Jetzt dein schönes Heiligtum. Aber weh! Schon fletscht die Fresse Dort ein Untier, wild erregt, Und es naht die liebe Presse Voll und ganz und unentwegt. Mit 'ner Schar von Rezensenten Stürmt sie vor und wirft das Netz, Denn die treuen Abonnenten Brauchen manchmal eine Hetz. Die Bühne dreht sich wieder.   Viertes Bild Redaktionsbureau des vornehmsten Blattes Mittel und Süddeutschlands. Hübscher Raum in nationalliberal-freisinnig-demokratischem Stil, der in allen Farben schillert, vom zartesten Rosa bis zum grellsten Rot. Eigentlicher Charakter nicht recht zu entziffern. Entworfen und ausgeführt von einem ehemaligen Achtundvierziger. An den Wänden Porträts von Kaiser Wilhelm I., Dreyfus, Bismarck, Nudlmeier, Goethe und Otto Ernst. Im Hintergrunde sitzen dreizehn Redakteure um einen großen Tisch und schreiben einen Leitartikel für die Abendnummer. Alle im Chor (während sie schreiben) ... so möge denn auf jenen Höhen eine stolze Villenkolonie heranblühen, zu Ehr' und Nutzen unserer Mitbürger . . . Verleger Knurrig (sitzt im Vordergrunde und raucht sehr gemächlich seine Zigarre) Bravo, meine Herren, nur immer schreiben, recht schön schreiben, mit einer gut gemäßigten Gesinnung, dann werden wir noch mehr Auflagen kriegen, noch mehr Annoncen, und so wahren wir am besten die hehren Traditionen unseres Blattes. (Reibt sich die Hände und raucht weiter.) Plötzlich geht die Türe auf und sein Associé, Herr Immergrün , stürzt herein, gefolgt von den übrigen dreizehn Redakteuren der Zeitung. Immergrün (in höchster Rage) Bei meinem ritterlichen Schutzpatron, der den Drachen getötet hat, so eine Gemeinheit war noch nicht da! Knurrig Was ist denn los? Immergrün Habt Ihr vielleicht noch nichts gehört? Der Pfiffig hat eine Villa gebaut, der Rabbi daneben, und jetzt ist der Rabbi über der Villa gar Direktor geworden von unserem Hoftheater! Knurrig Mein Gott, was ist denn da dabei? Immergrün (immer heftiger) Was da dabei ist? Das will ich Euch zeigen. Das Handwerk will ich ihnen legen, einen Artikel will ich schreiben, daß der Pfiffig genug haben soll. Seine dreizehn Redakteure (im Chor) . . . genug haben soll. Knurrig Bitte, wir müssen Rücksichten nehmen, wir sind eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung . . . Seine dreizehn Redakteure . . . mit beschränkter . . . Immergrün (haut auf den Tisch) Tod und Teufel, is mir ja wurscht, wir legen los! Seine dreizehn Redakteure Wir legen los! Immergrün (noch fanatischer) Auf der Stelle! Es ist kein Zufall, meine Herren, daß gerade jetzt in dieser gewitterschwangeren Zeit der Geist unseres seligen Ludwig herumgeht. Tonkünstler April (tritt ein) Sehr treffend bemerkt! Unter dreihundert Spielabenden nur vierhundert Wagneropern! Das ist ein Skandal! Immergrün Das muß anders werden! April Das Orchester muß tiefer liegen! Knurrig Aber, meine Herren – Immergrün Der Pfiffig muß 'naus aus der Stadt! April Die Tempi müssen viel breiter werden! Immergrün (steigt auf den Stuhl) Zur Tat, zur Tat! Uns der Pfiffig, dem April der Rabbi. Und das sage ich Ihnen, meine Herren: Pardon wird nicht gegeben! Hurra, hurra, hurra! Seine dreizehn Redakteure Hurra, hurra, hurra! Chor der Rache. Alle ziehen den Federwisch und singen. Das unterirdische Orchester spielt den vierten Akt der »Hugenotten«. Knurrig und seine dreizehn Redakteure stürzen sich wütend auf die ganze Gruppe. Große Keilerei. Das Orchester geht von Meyerbeer zu Wagner über, »Meistersinger«, Prügelszene, II. Akt. Die Immergrünen bleiben Sieger und werfen die Knurrigen hinaus. Dann setzen sie sich an den Tisch und schreiben den Artikel. Tonkünstler April hat sich schon gleich zu Beginn der Keilerei empfohlen, um schnell nach Bayreuth zu telegraphieren. Der Vorhang schließt sich. Große Pause von einer Stunde. Die Zuschauer bewegen sich im Foyer. Die Terraingesellschaft läßt Champagner servieren, aber nur an besonders Gewappelte. Starke Erregung im Publikum – nicht über den Champagner, sondern über das packende, hochdramatische Festspiel. Der furchtbare Konflikt: Knurrig–Immergrün–Pfiffig erscheint allen unlösbar und von den weittragendsten Folgen für München. »Was wird jetzt werden? Wird unser Hauptblatt gar gespalten und getrennt zweimal erscheinen?« »Das wäre entsetzlich«, meint ein den gebildeten Ständen angehöriger Herr. Ein andrer, besonders rechtlich Denkender stürzt auf eine Gruppe zu: »Sagen Sie, dieser Pfiffig ist doch jetzt ganz und gar unmöglich?« »Mir ist der Immergrün so sehr sympathisch«, flüstert eine fast zu weit ausgeschnittene Dame, »der weiß so recht, was er will.« »Aber dabei hat man noch keine Ahnung,« sagt ein ganz naives Mädchen, »wie aus dieser Geschichte ein Festspielhaus entstehen soll.« Allgemeine Verlegenheit. Plötzlich zeigt ein Herr erregt nach einer Richtung. Dort steht im eifrigstem Gespräch von Pfiffig mit dem Generaldirektor Rabbi Sichel . Ganz in der Nähe befinden sich die Architekten Theilmann und Schnittmann mit Pfründner und Pinsel . Diese große Gruppe lugt unaufhörlich zu einer andern hinüber, die in kühler Reserve sich zurückhält. In ihr befinden sich die Herren Knurrig und Immergrün , noch etwas schmollend, im Verein mit ihren sechsundzwanzig Redakteuren und dem Tonkünstler April . Die erste Gruppe lächelt der zweiten unaufhörlich zu, anfangs noch vergeblich, besonders Herr Immergrün macht heftig abweisende Bewegungen; aber Pfründner und Pinsel , in der Redaktion seit Jahren bestens eingeführt, nähern sich und spielen die Vermittler, und nun folgen die andern einfach nach. Die beiden Gruppen schmelzen zu einer. Gegenseitiges Händedrücken. Endlich löst sich Herr Rabbi Sichel los, er muß zur Bühne zurück. »Und nicht vergessen, meine Herren, alles im Geiste Ludwigs II.!« ruft er freudestrahlend. Tonkünstler April ruft ihm nach: »Aber keine Konkurrenz mit Bayreuth. Das bitt ich mir aus.« Wiederbeginn der Vorstellung. Alles auf seinen Plätzen. Fieberhafte Spannung.   Fünftes Bild Der Vorhang geht auseinander, ohne Ouvertüre. Die Bühne hat sich mit der gesamten Redaktion inzwischen wieder gedreht und stellt den großen Kaimsaal dar. Herr Intendant Rabbi von Sichel als Vortragsmeister auf dem Podium. Neben ihm Hofkapellmeister Straffenkragen am Klavier. Beide zum Besten des Pensionsfonds deutscher Journalisten. Intendant Rabbi von Sichel (sehr breit und eindrucksvoll) »Meine hochzuverehrenden Damen und Herren! Es wird bekanntlich nichts so heiß gegessen, als es gekocht wird. (Klavierspiel.) Von diesem erhabenen Grundsatze ausgehend, und um allen weiteren Belästigungen auszuweichen, hat sich eine Gesellschaft gebildet, die es unternommen hat, auf jenen historischen Höhen, droben über der wildrauschenden Isar, ein Haus zu bauen, ein Haus, das bei zwanzig Mark Eintritt (Klavierspiel) alles Vergangene zudeckt und künftigen Geschlechtern die Möglichkeit gibt, im Geiste ihrer großen Vorfahren zu genießen. (In hoher Begeisterung) Ja, es gibt noch Kunst für das Volk, es gibt eine Vorsehung! (Klavierspiel) Dank den allbeliebten, angesehenen Bürgern, die mir zu dem schönen Werke in so selbstloser Weise (Klavierspiel) die Hand gereicht haben, wird dort bald Villa an Villa, bald Zinshaus an Zinshaus stehen, ein neues Stadtviertel wird sich bilden, die Wüste wird sich zum Eiland wandeln, die Plätze steigen im Preise. (Klavierspiel.) Das, meine hochzuverehrenden Damen und Herren, ist der Zweck und die hohe Bestimmung des neuen Hauses, und in diesem Sinne sei es geweiht!« Er gibt ein Zeichen. Heftiger Donnerschlag. Hofkapellmeister Straffenkragen verschwindet für immer, während Herr Tumpe mit dem ganzen Orchester »die Weihe des Hauses« anstimmt. Die Bühne verwandelt sich in die Szenerie vom dritten Bilde. Majestätisch steigt das neue Theater als hohes Symbol »der deutschen Kunst« aus der Versenkung. Rechts und links davon große Affichen auf Holztafeln und Bretterwänden: »Bauplätze günstig zu verkaufen. Näheres Terraingesellschaft. Telephon Nr. 97 714.« Oben auf dem ragenden Giebel des neuen Hauses thront die allen Münchenern nur zu gut bekannte Statue der verpaßten Gelegenheit. Sie ist, wie das ganze Haus, in leichtem Verputz und hält ein großes Plakat in Händen, auf dem in weithin sichtbaren Buchstaben zu lesen ist: »Wieder hereingebracht von der Firma Theilmann und Schnittmann, Baugeschäft, München.« Aus dem Innern tönt mit schmetternden Fanfaren das variierte Walhall-Motiv: » Prahlend prangt der protzige Bau!« Vor dem Hause in bewegten Gruppen weißgekleidete Jungfrauen, Hotelbesitzer, Fremdenführer, Kutscher, Ansichtspostkartenverkäufer und viele Angehörige der in Eile gegründeten Eintrittsbillettenpreisermäßigungskommission . Pfründner und Pinsel , Knurrig und Immergrün im Frack daneben mit allen sechsundzwanzig Redakteuren , Schöps und Trottelberger , beide ziemlich gealtert, beide Mitglieder des Vereins zur Errichtung eines Denkmals für Ludwig II. Von Pfiffig hält sich im Hintergrunde und sieht der ganzen Szene schmunzelnd zu. Gesamtchor (weißblaue Fahnen schwingend zum Intendanten) Heil sei dem Tag, an welchem Du bei uns erschienen, dideldum, dideldum, dideldum! Rabbi von Sichel (in tiefster Ergriffenheit) Euch macht Ihr's leicht, mir macht Ihr's schwer . . . (Er nimmt seine Lieblingsmaske als Napoleon I., diesmal in der Geste von Austerlitz an.) Immergrün (mit einer Festrede im Magen) Herr Intendant . . . Herr Intendant. Was der unvergeßliche Ludwig entworfen hat . . . Schöps und Trottelberger (laut heulend) O, unsa Luudwig, unsa guata Luudwig! Immergrün (immer fortfahrend) . . . was er im Verein mit Richard Wagner und Gottfried Semper geträumt hat . . . Schöps und Trottelberger (immer lauter heulend) Wenn er nur g'rad den Tag no' derlebt hätt'! Immergrün (unbeirrt) . . . heute steht es vollendet, und zwar so, wie er sich's nicht hätte träumen lassen . . . (Die Rührung übermannt ihn, er kann nicht mehr weiter reden.) Knurrig (übernimmt für ihn das Wort) . . . Unser Blatt aber darf sich nicht ohne ein Gefühl stolzer Gehobenheit sagen, daß es an dieser neuen Schöpfung sein redlich Teil hat . . . Pfründner und Pinsel Sehr richtig! Sehr richtig! Knurrig Immer, wo es galt, die besonderen Interessen der Allgemeinheit und die allgemeinen Interessen der Besonderen zu vertreten . . . Pfründner und Pinsel Bravo! Bravo! Knurrig . . . hat unser Blatt im vordersten Treffen gestanden und wird es auch ferner stehen, das versprechen wir Ihnen, Herr Intendant! Die sechsundzwanzig Redakteure (nunmehr alle auf einen Ton gestimmt) Das versprechen wir Ihnen, Herr Intendant!   Sechstes Bild Während der Intendant noch immer als Napoleon mit verschränkten Armen steht, erscheint plötzlich unter Donner und Blitz die Bavaria . Sie führt statt des Löwen den jetzt völlig zahmen und vorerst gebändigten Tonkünstler April am Bändchen mit und spricht zu Rabbi von Sichel : Heil dir, o großer Meister, Ich neige meine Stirn, Für solche Tat gebührt dir Der Lorbeer um das Hirn. Der Neid, der Haß, die Mißgunst Sind heute all' besiegt, Da unser stolzes München Zu deinen Füßen liegt. Und die dich erst bekrittelt Mit ätzendem Verstand, Sie fressen heute prächtig Aus deiner güt'gen Hand. Die Sänger, die sie fanden Verludert und moros, Die singen, wie sie finden, Mit einem Mal famos. Die Musiker da unten, Auf die sie stets gezielt, Die haben, wie sie schreiben, Nie besser noch gespielt. Die Donner und die Blitze, Sie schlugen nie recht ein, Nun aber meint ein jeder, Sie führen richtig drein. Gibt jetzt nicht Gegenordre Die strenge Cosima, Dann sitzest du, o Rabbi, Für stets gesichert da. Doch solcher großen Leistung Gebührt ein sond'rer Lohn – Drum komm' zur Ruhmeshalle Mit mir, mein lieber Sohn! Dort blüh' dein Lorbeer weiter, Der nimmermehr verdorr', Es wartet schon der Tilly, Der Dürer und der Pschorr.     (Sehr laut und deutlich) Bei uns ist alles möglich, Soll das nicht möglich sein? Es hilft dir nichts, mein Bester, Auch du gehörst hinein. Sie bekränzt ihn. Apotheose. Alle knieen vor ihm nieder und singen die bayerische Nationalhymne, die das Orchester begleitet. Aus der höchsten Höhe läßt sich der heilige Michael in vollem Glanze direkt auf's Haupt des Intendanten nieder. Bengalisches Feuer. Der Vorhang schließt sich langsam.   Siebentes und letztes Bild Tosender Jubel im Auditorium. Man war zwar anfangs von der unerwarteten Wendung etwas verblüfft, aber man gewöhnt sich ja in München bekanntlich an alles und denkt überhaupt nicht zu lange nach. Deshalb ununterbrochener Beifall, dem gerne stattgegeben wird. Erst erscheinen die Darsteller des Pfiffig , des Immergrün , des Knurrig , des April , des Schöps und Trottelberger zwanzigmal an der Rampe. Auch die sechsundzwanzig Redakteure des vornehmsten Blattes Mittel- und Süddeutschlands bleiben nicht hinter der Kulisse. Im zierlichsten Pas de deux tänzeln sie vor und verneigen sich dankend. Stürmische Rufe: »Tumpe! Tumpe!« Der Kapellmeister erscheint dreißigmal mit den Darstellern. Dann ertönen neue, leidenschaftliche Rufe: »Rabbi, Rabbi, Rabbi!« Es dauert lange. Die Rufe schwellen zum Orkan. Endlich erscheint sehr langsam der Gefeierte in der Maske Richard Wagners. Er gibt ein Zeichen, daß er reden will. Der Sturm legt sich. »Sie haben jetzt gesehen, was wir können. (Lebhafte Zustimmung) Wollen Sie – wir haben eine Kunst!« (Frenetischer Jubel) Der Intendant wird fünfzigmal gerufen, nach ihm Meister Lautenspieler und endlich, unter wahrhaft südlichem Beifallsgetrampel, die Firma Theilmann und Schnittmann mit der ganzen Terraingesellschaft, den Palieren, den Ziegelträgern und sämtlichen Mörtelweibern im reizenden Arbeitskostüm. Aber noch nicht will der Orkan sich legen. Die Eintrittsbillettenpreisermäßigungskommission funktioniert tadellos und gibt ununterbrochen ermunternde Zeichen. Alle Leute bleiben wie gebannt auf ihren Plätzen, und endlich tönt wie aus einer Kehle ein durchdringender Ruf durch das herrliche Haus: »Verfasser! Verfasser! Verfasser« Der Intendant erscheint mehrmals und endlich beginnt er: »Meine hochverehrten Herrschaften! Der Verfasser hat mir den schmeichelhaften Auftrag erteilt, in seinem Namen den herzlichsten, tiefgefühltesten Dank auszusprechen für die so überaus ehrende Aufnahme, die Sie seinem Werke bereitet haben.« Aber das genügt nicht. »Namen nennen, Namen nennen!!« tönt es von allen Seiten, und der Sturm beginnt von neuem. Wieder erscheint der Intendant vor der Rampe, verlegen lächelnd, als wollte er sagen: ,.Unmöglich«, »ich darf nicht«, »ich kann nicht«. Erst, als er sieht, daß das begeisterte Auditorium wie im Fieber rast und die Bänke zu zerbrechen droht, entschließt er sich und gibt abermals das Zeichen, daß er reden will. »Sie wollen es,« beginnt er endlich, »nun gut! Das entzückende Festspiel, das wir soeben mit vereinten Kräften aufgeführt haben, verdanken wir der liebenswürdigen Feder unseres hochgeschätzten Münchener Poeten, des Herrn Josef Ruederer. (Juli 1901) Der Hohe Schein Ein prähistorischer Epilog aus alten Urkunden gesammelt »Wenn man im Licht und auf der Höh' so schön und heilig wird, dann sollt' man halt alleweil hinaufsteigen und nie hinunter.« So sagt das junge Landmädchen, die Mathilde Schneidhofer. Und die alte Sennerin erwidert ihr mürrisch: »Was die Stadtleut' nur davon haben von ihrer Bergrennerei! Wegen der Aussicht heißt's alleweil. Der Mensch sollt' lieber Einsicht haben. Was hat er denn von der Aussicht? Verlogenes Zeug.« Aber das junge Mädchen mit seiner linden, weichen Stimme von jugendlichem Klang weiß es besser: »Geh, Lies. Wann du droben stehst auf einem Berg und schaust hinaus in die liebe, blaue Welt, dann hast du doch eine Freud' daran.« Die Sennerin wieder will das nicht gelten lassen. »Was weit is, lügt einen an«, sagt sie, »und unser Herrgott is auch weit, aber wirst sehn, ich kriegs noch einmal raus, wie er aussieht in der Näh'.« »Grillenmahm,« lacht das junge Mädchen. Und sie geht fort und legt sich schlafen ins Gras. Zur alten Sennerin aber kommt Herr Wilhelm Horhammer, der über steile Gipfel wandert und Haeckels »Welträtsel« mit sich trägt. Den Titel des Buches bestaunt die Lies. »Aus dem Buch könnt ich rauslesen, was alles in der Welt und was hinter allem steckt?« So fragt sie, die Sennerin nämlich. Und der fremde Herr gibt ihr zur Antwort: »Nein, gute Frau, in dem Buch steht nur, daß wir nicht wissen, wie alles ist.« Dann geht er und sieht Mathilde im Grase liegen. Wie auf einer schönen Frucht der zarte Flaum der Reife, so war auf diesem schlafenden Gesicht ein Hauch von Gesundheit und unberührter Frische. Die blühenden Büsche, die ihre Brust berührten, zitterten leise, so oft sie den Atem holte, und der blaue Morgenschatten war um sie her wie ein feiner Schleier, der ein Köstliches verhüllen und dennoch zeigen möchte. Da nimmt der Fremde den Hut ab: »Kann das Leben so schön sein? So friedlich? So rein?« Und er geht weiter, den »Hohen Schein«, von dem er herabgestiegen war, im Rücken, den Hohen Schein, dem er entgegenwandert, vor sich. * * * Das sind lose, zufällig aufgefundene Bruchstücke aus einem alten, alten Roman [Ludwig Ganghofer: Der Hohe Schein] . Der ist gedichtet in grauer Vorzeit von einem Manne, der tief in den Bergen lebte, am Fuß zackiger Felsschroffen, mitten im Walde. Ludwig Hofganger nannte sich der Mann, und die Hütte, die er bewohnte, die Einkehr zum fidelen Jäger. Denn dieser blonde Wald- und Naturmensch war, wie die hier abgedruckten Proben beweisen, nicht nur ein großer Dichter, er war auch ein gewaltiger Nimrod vor dem Herrn. Angetan mit einem Bärenfell um die Lenden, den Köcher auf dem Rücken, den Pfeil in der Hand, durchzog er die Wälder und spähte durch seinen Zwicker eifrig nach dem Edelhirsch, dem Renntier oder dem Bären. Kam er aber heim von der Birsch, erschöpft und hungrig, dann setzte er sich hin und dichtete um, was er eben im Walde erlebt hatte. Oder er ließ sich nieder zu fröhlichem Zechen mit seinen Kumpanen und Freunden. Deren besaß er zahllose, wie alle Leute, die dichten und bei einer schöngelegenen Jagd noch eine Kegelbahn haben. Sie gingen fortwährend aus und ein, und ob sie sich Rechtsanwälte, Hofräte, Kammersänger oder Kapellmeister nannten, ob sie Juden, Christen oder Heiden waren, ob sie einander leiden konnten oder nicht: Alle waren darin einig, daß es im ganzen Urwald keinen famoseren Kerl gebe als den Ludwig Hofganger. Der Dichter hatte nämlich eine prächtige Art, allen gerecht zu werden: er war so fabelhaft objektiv. So hegte er, trotzdem er selbst ein ausgesprochener Optimist war, doch auch eine große Achtung vor den Pessimisten. Er sagte zwar, daß er sich in ihre Weltanschauung nicht recht hineindenken könne, immerhin bemühte er sich, sie zu verstehen, vor allem seinen Hauptkumpan, den Peter Schlemihl, der nördlich der Alpen ein der Regierung schroff opponierendes Blatt leitete, den »Serenissimus«. Dieser Mann mit den wilden, langen Haaren und dem durchbohrenden Blick war ein blutrünstiger Anarchist, der nur mit dem scharf geschliffenen Messer herumlief. In früheren Jahren soll er damit sogar den Ludwig Hofganger gelegentlich bedroht haben und gar nicht so gut auf ihn zu sprechen gewesen sein, aber das ist lange her, auch sind es unverbürgte Gerüchte, und durch die Jagd und durch das Kreisen der Becher gab sich das langsam, wandelte sich nach und nach sogar in die zärtlichste Freundschaft. Außerdem war Ludwig Hofganger, wie schon gesagt, fabelhaft objektiv. So liebte er denn seine Freunde nicht minder, als sie ihn liebten. Sah er sie aber alle froh beim Mahl beisammen, den Peter Schlemihl an der Spitze, merkte er, wie sie immer mehr Met tranken und mit voller Stimme das Tru-La-La sangen, dann schlich er zufrieden hinaus in den Wald, legte sich unter eine hohe Linde und blinzelte traumverloren, wie es eben die Dichter machen, durch die feine Herbstluft der Brunftzeit nach der Höhe zu den Bergen und weiter hinauf nach dem Hohen Schein, dem er in seinem Roman ein so begeistertes Lied gesungen hatte. * * * Warum er das tat? Mit einem Wort läßt sich's nicht sagen, man muß da genau unterscheiden zwischen dem, was die damaligen Völker darunter verstanden. Der Hohe Schein ist also zunächst eine edel geformte Felsspitze, die im langgestreckten Tal über allem schlichten, treuherzigen Volk der Bauern und Bäuerinnen steil zum Firmament ragt. Er ist von allen Bergen, die ihn umgeben, der höchste, ein Abschluß, eine Trutzmauer, die immer verschieden leuchtet, bei Sonnenaufgang und Untergang, im Frühling und Herbst, im Winter und Sommer, so schön, so hell, daß die Wälder oft anzusehen sind wie ein welliges Rosenfeld, auf dem alles Grün versunken liegt wie unter pupurnen Blüten. Strahlt er aber so recht wie die brennende Freude, der das junge Leben entgegengeht, dann verwandelt sich langsam die starre Felswand, sie wird etwas anderes, größeres, das Steine und Berge versetzt, sie wird zum weithin leuchtenden Licht, das in alle Welt seinen Schimmer schleudert. Der aber ist so rein, so keusch, daß alles um ihn erlöschen muß, was sonst noch strahlen möchte auf Erden. Weg über alles ungewisse Dämmerlicht, über Nebel und Schatten thront er, ein Hort, ein Sammelpunkt, ein Führer, über allen Zweiflern, Nörglern und Schwarzsehern. Es ist eben die unversiegbare Lebenskraft in den bösen Zeiten der sozialen Unruhen, des französischen Trennungsgesetzes und der allmählichen Auflösung des Dreibundes. Und er rastet und ruht nicht, der Hohe Schein, er ist bald da, bald dort, heute im Süden, morgen im Norden, am Sonntag im Westen, am Dienstag im Osten. Wo er erglänzt, wo er durchdringt, werden grüne Guirlanden gespannt und Ehrenjungfrauen gemustert, Reden werden gehalten, alle Gesichter verziehen sich zum breitesten Grinsen, alle Reichsverdrossenheit verstummt und es bleibt nur noch ein großer Segen von oben, in welcher Gestalt er immer sich neigt, ein großes, erhebendes Bewußtsein, ein stürmischer Sieg des Optimismus über den Pessimismus. * * * Der uralte, oft geschilderte Kampf, der nie enden will. Unsere größten deutschen Philosophen haben ihr Herzblut an ihn gegeben. Schopenhauer, Stirner und auch (Fürst Bülow hat's wenigstens irgendeinmal gesagt) Friedrich Nietzsche haben in Bänden zu beweisen gesucht, daß diese nach Leibniz beste aller Welten nichts weiter ist als ein graues, ödes Jammertal. Haben sie etwas erreicht damit? Man darf diese Frage vom Standpunkt der heutigen offiziösen Weltanschauung getrost verneinen. Was heißt im Grunde alles Wissen? Was ist der Weisheit letzter Schluß? An einer Stelle steht man ja doch vor der Mauer und weiß genau so viel wie zuvor. Ja, man berechnet die Größe der Planeten, man durchleuchtet den Körper mit Strahlen, man weiß, daß die Spermatozoen die Menschen erzeugen. Aber warum dies ist und wer es erstehen ließ: das soll einer erklären. Freilich leben wir im Zeitalter der Technik, des Verkehrs und der Wissenschaft, aber wir sehen auch in neuerer Zeit wieder, wie das von Gott gewollte Forschen der Menschen sich immer inniger an die erhabenen Gedanken seiner Schöpfung schließt. Dankbar blicken wir heute zurück, denn die starren Gesetze, womit menschliche Unduldsamkeit einst die ja auch vom Staat in gewisser Weise genehmigte freie Forschung zu knebeln vermeinte, haben sich gelöst zu einem edleren, harmonischen Bande. Wir erkennen heute im helleren Licht eine doppelte, göttliche Offenbarung: in der Verstandeskraft und im Gemütsleben des Menschen. In jener wurzelt der Forschungstrieb, in diesem der Glaube. Darum hat heutzutage nicht nur Herr Geheimrat Slaby Recht, sondern auch die prächtige alte Sennerin, die wir im ersten Kapitel des »Hohen Scheines« bereits kennen gelernt haben, wenn sie in ihrer derben, herzgewinnenden Art über den populärsten aller Zweifler, über Ernst Haeckel und seine »Welträtsel« mit befreiender Grobheit die lapidaren Worte spricht: »Wenn er nix weiß, der Lapp, weswegen schreibt er denn da so ein Endstrum Buch? Da bin i grad so gscheid wie der.« * * * Alle diese großen Gewißheiten, alle diese Errungenschaften der prähistorischen Zeit, der damaligen Kultur und der staatlich geprüften Wissenschaft wollte nun der Hohe Schein in ein Museum zusammenfassen und diesem Museum in Form eines Prachtbaues persönlich nach Bierheim stiften. Das war eine ansehnliche Niederlassung, ein stattliches Pfahlbauerndorf von fünfhunderttausend Einwohnern, im Süden des Reiches, zu Füßen der Alpen. Wer diesen Namen im Ortslexikon sucht, findet ihn nicht mehr. Längst hat ihn, wie das Dorf, die Zeit mit dem Meer verschlungen. Nur dunkle Sagen melden noch aus der Urnacht, daß die Bierheimer Menschen waren, die breitspurig über den Bürgersteig tappten, immer nach links auswichen, den Schutzmann Schandi nannten und deshalb für äußerst gemütlich galten. Auch rühmt man ihre Ehrfurcht vor reichlichem Essen und nicht minder ihre Begeisterung für Bier- und Kaffeehäuser. Ihre Straßen waren, der damaligen Zeit entsprechend, in einem Urzustand von Dreck, ihre Frauen waren dagegen um so sauberer. Und was ein richtiger Bierheimer war, hatte stets eine ausgesprochene Vorliebe für große Geweihsammlungen. Daß sie fortwährend Bilder kauften, wird allerdings bestritten, doch scheint sich zu bestätigen, daß sie Maler und Bildhauer wenigstens nicht des Burgfriedens verwiesen. Handel trieben sie so gut wie gar nicht; den Nationalökonomischen Jahrbüchern zufolge muß aber eine ziemlich rege Fremdenindustrie bestanden haben, die in kräftiger Exploitierung des Einzelindividuums wie der Massen bestand. Die zahllosen Feste, die Bierheim veranstaltete, kamen dabei in bester Weise zu Hilfe, denn der Umsatz in Ansichtskarten und Laugenbretzeln stieg um solche Zeit ebenso wie der Absatz an Met und welschen Getränken, die krachten, wenn man die Flaschen aufmachte. * * * Hoch über all diesem friedlichen Treiben, hoch über Bierheim und hoch über dem umliegenden Lande regierten die Wolken, die lieben, schöngeformten Wolken in olympischer Ruhe und Behaglichkeit. Sie lagerten seit Urzeit darüber, und weil sie schon gar so lange da waren und gar nicht mehr weggingen, weil sie friedlich zusammensaßen wie eine große Familie in einem Haus, nannte man sie unsere Wolken oder das angestammte Wolkenhaus. Denn die Bierheimer hingen an ihnen und ehrten sie bei jeder Gelegenheit, wo sie sich zeigten. Sie gaben ihnen Namen und hatten ihre Lieblinge darunter, so zum Beispiel eine, die sie ihrer großen, männlichen Erscheinung wegen den Alfonsi nannten. Der nahm nämlich manchmal die Form eines Gespannes an, vor das er zwei, drei und manchmal auch vier Pferde setzte, aber nicht neben, sondern hintereinander. Wenn das die Bierheimer sahen, freuten sie sich kindisch und schrieen aus vollen Kehlen: »Jessas, da Alfonsi kimmt!« Das ärgerte die anderen Wolken, die keine so gefälligen Formen aufzuweisen hatten, sondern ihr Geld lieber zusammensparten. Als sie nun hörten, daß ihnen der Hohe Schein demnächst seinen Besuch abstatten werde, hatten sie eine unsinnige Freude, weil sie gewiß waren, daß nun wenigstens einmal lauter Hurra geschrieen werde als beim Alfonsi. Außerdem liebten sie den Hohen Schein und ließen sich gern von ihm wo hineinleuchten. Denn wenn er kam, durften sie immer auseinandertreten und Platz machen; sie konnten in Wohlgefallen zerfließen, was ihnen natürlich äußerst willkommen war. Darum pumperten sie jetzt vor lauter Jubel im Himmel droben nur so herum und trafen alle möglichen Vorbereitungen. Sie ließen das Wolkenhaus putzen, bestellten Keller und Küche und gaben dem Bürgermeister den Auftrag, die Bürger gut darauf vorzubereiten. Denn so schrecklich sie sich freuten: bei den Bierheimern waren sie der Sache nicht so ganz sicher. Darum hieß es Vorsicht und Klugheit anwenden. * * * Dafür war nun der Bürgermeister der richtige Mann. Er galt als geborener Diplomat, dem der Ministerstuhl winkte, war ganz und gar Geheimer Hofrat, geadelt, mit Orden besät, daß es ihm zum Hals, zu beiden Ärmeln und zur Hose heraushing, konnte also die denkwürdige Sitzung einleiten, über die wir noch das Protokoll besitzen. Dieses gibt, in Runenschrift abgefaßt, einen hochinteressanten Einblick in die damalige Geisteswelt. Bürgermeister (indem er auf das Podium tritt) : Meine lieben Freunde und Mitbürger! Wir haben heuer in unserer lieben Stadt den Fasching gehabt, den Salvator und den Maibock, wir haben das Schützenfest gehabt, den landwirtschaftlichen Viehversammlungsverein und den Schusterbubeninnungskongreß. Jetzt ist kaum das Oktoberfest vorbei; da hab' ich mir halt gedacht, 's wär doch ganz fein, wenn wir in diesem vom lieben Gott so reich gesegneten Jahr noch etwas hätten zum frohen, einträglichen Abschluß. Bürger Schöps und Trottelberger (beide Gemeindebevollmächtigte und unverfälschte Nachkommen der großen Vorfahren, die Richard Wagner aus Bierheim hinausgeworfen haben) : Ha, ha, er war it g'schleckat, da Bürgamoaschter, ha, ha, ha. Bürgermeister (durch diese wohlwollende Ansprache sehr ermutigt) : Nun, liebe Bürger, freundwillige Protektoren der Kunst und Wissenschaft, wie wär's mit einem Festzug. Schöps und Trottelberger : Net übi, net übi. Bürgermeister (immer lebhafter) : Einem Festzug, wo alles dekoriert wird, von unseren stets hilfsbereiten, lieben, herrlichen Künstlern. Schöps und Trottelberger (nickend) : War ebbas, war ebbas. Bürgermeister (noch lebhafter) : Und im Hintergrund so etwas wie die Pinakothek oder die Schack-Galerie. Schöps und Trottelberger : Kenna ma net, kenna ma net. Bürgermeister : Nun, so etwas wie ein neues Museum. Schöps (sehr verächtlich) : Jeeeh, a Museum! Trottelberger (womöglich noch verächtlicher) : Wei ma so no koans hamm. Bürgermeister : Aber bedenkt doch: umsonst, ganz umsonst. Schöps (sehr mißtrauisch) : Gwiiis? Ganz umasunst? Trottelberger : Also, nehma ma's! Schöps : Nehma ma's! Bürgermeister (in Ekstase) : Ihr nehmt es? Ihr weist es nicht von Euch? Oh, der Opfersinn der Bierheimer Bevölkerung hat sich wieder einmal aufs herrlichste bewährt! So darf ich Euch denn danken im Namen dessen, der es gewagt hat, Euch dieses Geschenk anzubieten, so darf ich denn danken im Namen der Vorsehung, die Euch wert gezeigt hat Eurer erhabenen Ahnen, und so darf ich denn bitten: Nehmt ihn gütig auf, wenn er hierherkommt! Denn – Bürger, faßt Euch! – es tut mir ja leid, Euch das sagen zu müssen, es schmerzt mich, Eure tiefpatriotischen Gefühle zu verletzen, aber es geht nicht anders: Bürger, er kommt persönl . . . Hier bricht das Protokoll plötzlich ab. Unzerstörbare deutsche Reichstinte ist über alle Runen gegossen und man kann nur noch die Worte entziffern: Reservatrecht . . . 'naus damit . . . »Serenissimus« steckt's eahm scho . . . wart nur! * * * Um nun allem gerecht zu werden, was damals in Bierheim geschah, um alles zu verstehen, Gegensätze, Weltanschauungen, Möglichkeiten und Unmöglichkeiten, muß man die geistigen Kulturströmungen verfolgen, die dort zu jener Zeit sichtbar waren. Da waren zunächst die »Neuesten Runenschriften«. Eine Zeitung, die aus Holzpapier hergestellt wurde, zahllose Abonnenten hatte und im Volke so populär war, daß man sie kurzweg nur noch »d'Neiesten« nannte. Mit Recht. Denn sie galten immer als gut informiert, erschienen täglich zweimal, morgens und abends, und fuhren beständig mit grünen Automobilen herum. Für den Hohen Schein hatten sie sehr viel übrig, weshalb sie einen fortwährenden, erbitterten Kampf führten gegen die sogenannten Druiden. Das waren schwarz gekleidete, glatt rasierte Herren, die jeden Sonntag die Menge in den Tempel trieben, wenn sie nicht schon von selber hineinging, was fast immer der Fall war. Denn die Bierheimer liebten diese Druiden und ließen sich gern von ihnen die Anekdote vom luth'rischen Zipfel erzählen und auch die Geschichte von den Reservatrechten. Die bedeutet, ins Bierheimische übersetzt, so viel wie blaue Uniform, eigene Briefmarken und Raupenhelm. Eventuell auch gekränkte Leberwurst oder im umgekehrten Sinn Breiß, was so viel heißt wie Preuß oder Preuße, also etwas Verhaßtes, Widerwärtiges ausdrückt und deshalb möglichst hell ausgesprochen werden muß. Auch kann dabei auf den Boden gespuckt werden. So meinten sie wenigstens, die Druiden. Und wenn sie davon sprachen, warnten sie auch immer vor den »Neuesten Runenschriften«, die ein gottloses Blatt seien und mit den Preußen im Bunde stünden. Aber die Bierheimer hielten »d'Neiesten« weiter, ja, sie lasen sogar den »Serenissimus«, der den Druiden öfters die Zunge streckte. Als Entschuldigung führten sie dann immer an, daß er die Preußen noch besser verulke als der selige Doktor Sigl, was dann die Druiden wieder zur Absolution bewog. Während aber beide hofften, Druiden und Bierheimer, der »Serenissimus« werde auch diesmal ein Machtwort sprechen, während die »Neuesten Runenschriften« jeden Tag einen Leitartikel brachten, der zu kräftigem Hurra aufforderte, während das Rathaus noch zitterte vom wuchtigen Protest der Schöps und Trottelberger, zog plötzlich der Hohe Schein gegen alles Erwarten im vollsten Glanz durch Bierheims ungepflasterte Straßen. * * * Das mag im ersten Augenblick etwas verblüffend klingen, doch findet es seine Erklärung in dem Umstand, daß es in Bierheim außer den genannten Strömungen noch eine gab, die mächtiger war als alle zusammen: die sogenannte Loabitoagg'sellschaft. Dies Wort, echt Bierheimer Ursprungs, soll mit Hilfe der modernsten Entzifferungsmaschinen eine kurze Erklärung finden. Es setzt sich zusammen aus Laib, Laibchen oder Loabl, was so viel heißt wie Weckchen, Brötchen, Knusperchen, ferner aus Teig oder Toag, aus Gesellschaft oder Sippschaft und will sagen, daß alles, was zu dieser Clique gehört, fest zusammengeknetet ist, wie der Teig der Laibchen bei der Innung der Bäcker und Müller. Man braucht gerade nicht vom ausübenden Gewerbe zu sein, um dieser Vereinigung anzugehören, vielmehr können Erzgießer, Bildhauer, Maler, Architekten aufgenommen werden, selbst Beamte, Bierbrauer und Handschuhmacher werden geduldet. Nur dürfen die zuletzt Genannten nie wagen, jemals im Hohen Rat mitzureden und gegen die eigentlichen Leiter zu sprechen. Das ist die erste Bedingung der festgekneteten Gesellschaft. Ihr Programm ist die Kunst, ihr Zweck gegenseitige Protektion. Wer nicht zu ihr gehört, wer in der großen Vettern- und Basenschaft der Bäcker und Müller nicht wenigstens einen Bekannten hat, bekommt in Bierheim nie einen Auftrag, wenigstens keinen offiziellen für Reiterstandbilder verstorbener Pfahlbauern, für patriotische Brunnen oder Staatsgebäude. Die bleiben alle in der Gesellschaft und werden dem Turnus nach vergeben , wen's halt gerade trifft. Ist ein besonderer Auftrag zu vergeben, eine ganz große Sache, bei der auch was Großes herausschaut, dann macht die Loabitoagg'sellschaft besondere Anstrengungen. Sie fragt nicht lange nach Schöps und Trottelberger, sie kümmert sich nicht viel um die Druiden, deren Tempel sie sonst mit andächtigen Sinnen besucht, sondern sie schiebt die Wolken, sie läßt einfach die Straßen dekorieren, patriotische Lieder singen, die Schäffler tanzen, die Glocken der katholischen Kirchen läuten und »z'wegn der Parität« auch die der protestantischen. Ist aber der Auftrag ganz sicher, so totsicher, daß er schon gar nicht mehr auskommen kann, dann lassen sie eine Konkurrenz ausschreiben. »Aus Koi,« wie sie unter sich sagen. Das heißt: aus Kohl, aus Scherz, aus Ulk. Par plaisanterie , sagen die immer galanten Franzosen. * * * Als die Kunde vom unerwarteten Einzug des Hohen Scheins in das stille Waldtal drang, wo Ludwig Hofganger jagte, da sprach er in seiner schlichten, gewinnenden Art zu Peter Schlemihl, der gerade wieder einmal bei ihm zu Besuch war: »Da müßtest sogar du zum Optimisten werden!« Aber er besann sich bald wieder, weil er, wie gesagt, auch eine große Achtung vor dem Pessimismus hatte und überhaupt fabelhaft objektiv war. Doch plötzlich dämmerte ihm auf, daß vielleicht doch der eine oder andere Philister sein intimes Verhältnis zu solchen Gegensätzen nicht völlig begreifen könne. Darum beschloß er, den Hohen Schein den Menschen menschlich ein bischen näher zu bringen. Er nahm seine Keule, zog sein feinstes Sonntagsnachmittagsausgehfell an und wanderte mit festem Entschluß gegen Bierheim. Dort ging er durch die Straßen, schaute sich an, was Künstler gemacht hatten, die mehr auf gute Behandlung als auf hohe Bezahlung sehen, und dann ging er ohne Zaudern zum Hohen Schein. Der hatte sich in Bierheim eigentlich etwas ganz anderes erwartet und war über den großartigen Empfang so perplex, daß er diesmal gar nichts redete. Nur das eine hatte er allmählich herausgebracht, daß er das Bierheimer Rathaus das schönste von Deutschland finde. Freilich: als er den Ludwig Hofganger vor sich sah, da fand er sich wieder und begrüßte ihn so herzlich, daß nun der Dichter wieder gar keine Worte fand. Der hatte sich nämlich vorgenommen, dem Hohen Schein zu gestehen, daß er unterwegs auf verbrannte menschliche Gebeine gestoßen sei. Auch hatte er die feste Absicht gehabt, um etwas Gedankenfreiheit zu bitten, unter ausdrücklicher Betonung, daß er nicht Fürstendiener sein könne. Leider aber redete der Hohe Schein jetzt wieder, er redete fünf Viertelstunden und sagte in dieser ganz privaten Besprechung, bei der höchstens zwanzig Herren zugegen waren, daß er durch den glänzenden Empfang wesentlich jener Weltanschauung näher gerückt sei, die Ludwig Hofganger in einem seiner Romane so herrlich in folgende Worte faßte: »Mißtraue nie jemandem, laß dir niemals das Gegenteil beweisen und schweige im Walde.« Diesen Ausspruch hatte er eigens in Holz brennen lassen und erlaubte dem Dichter, davon der Öffentlichkeit gegenüber beliebigen Gebrauch zu machen. * * * Welch tiefen, sympathischen Eindruck ihr berühmter Landsmann vom Hohen Scheine wieder gewonnen hatte, lasen Schöps und Trottelberger, die wackeren Bürger und Gemeindebevollmächtigten, im frisch ausgegebenen Abendblatte der »Neuesten Runenschriften«. Da waren sie erst sehr bewegt und heulten vor Stolz und vor Freude. Dann aber sagten sie wie aus einem Munde breit und bedächtig, als ob sie jedes Wort auf die Wagschale legten: »Ja, da Hofganga, unsa Hofganga!« Sie hatten nämlich drei Tage tüchtig mitgefeiert, waren von einer Begeisterung in die andere, von einem Wirtshaus ins andere und von einem Rausch in den anderen gefallen. Anfangs taten sie freilich ein bischen überrascht. Besannen sie sich recht, dann hatten sie doch gegen jede Ausgabe protestiert und sich nur zur Annahme des Museums unter Umständen bereit erklärt. Jetzt mußten sie auf einmal entdecken, daß man überall hohe Galgen errichtete, daß man die Häuser schmückte und jene schwarzweißroten Tücher zum Fenster heraushängte, die sie immer die Reichszipfel nannten. Auch das Militär machte fortwährend Parademarsch; und das schlimmste Zeichen, das es in Bierheim geben konnte: man reinigte die Straßen. Das begriffen sie nicht, aber sie merkten als feine Beobachter sofort, daß da etwas vorgehe. Und weil sie überall dabei waren, wo es was zu gaffen gab, standen sie mit auf den Straßen herum, vom Rathaus weg bis zu dem Platz, wo die Nomaden von Norden her in die Stadt zogen. Da sahen sie plötzlich wie ein Meteor den Hohen Schein kommen, und weil die anderen Hurra schrieen, brüllten sie noch einmal so stark. Denn sie zahlten prompt ihre Steuern und konnten schreien, so viel sie wollten. Mitten in der schönsten Brüllerei aber gewahrten sie hinter dem Hohen Schein und allen Wolken den Alfonsi; und da sagten sie zueinander: »Woaßt wos, jetzt schrei ma grad extra recht damisch!« Und sie schrieen, daß ihnen Augen und Zunge heraushingen. Freilich, als nun alles vorüber war, der Hohe Schein verflogen, die Kehlen heiser, die Taschen leer und der Kopf voll, da faßten sie sich an die Nase. Lange sahen sie einander schweigend an , plötzlich aber schimpften sie aus vollem Atem auf den Bürgermeister, auf die » Neuesten Runenschriften«, auf die Loabitoagg'sellschaft und am kräftigsten auf den Ludwig Hofganger. »Der mit seina Objektivität bal uns net geht,« sagten sie. Dann schüttelten sie drohend die Fäuste. Denn sie freuten sich im stillen schon, wie ihn der »Serenissimus« derbleckn werde, den G'schaftlhuber, den g'spreizten. Jede neue Nummer des bösen Blattes verschlangen sie gierig, die Wochen, die Monde, die Jahre nacheinander. Aber sie warteten vergeblich. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann warten sie noch heute. (November 1906) Wagalaweia Eine musikalische Studie mit unmusikalischen Glossen Zu einer Zeit, da ihm jede Möglichkeit einer Aufführung noch in nebelhafter Ferne erscheinen mußte, las Richard Wagner vor einem ausgewählten Zuhörerkreis in Berlin seine »Götterdämmerung« vor. Dabei hat er als Einleitung unter anderem gesagt: »Somit konnte es möglich werden, dem Dialoge, bei aller ihm nun geretteten Präzision, eine das ganze Drama beherrschende Ausdehnung zu geben, und dieser Gewinn ist es, was mir heute ermöglicht, ein dramatisches Gedicht, welches andererseits einzig der Möglichkeit einer vollständigen, musikalischen Ausführung seine Entstehung verdankt, nackt als solches Ihnen vorzutragen, da ich es als durchaus dialogisierte Handlung demselben Urteil unterwerfen zu können glaube, dem wir ein für das rezitierte Schauspiel geschriebenes Stück vorzulegen gewöhnt sind.« Herr von Possart, der es liebt, sich auf Richard Wagner zu berufen, kennt ohne Zweifel diese Worte so gut wie irgend einen anderen Ausspruch des Meisters. Vielleicht waren sie ihm sogar im geheimen ein Stützpunkt, als er jetzt, wo fast dreißig Jahre seit der Grundsteinlegung auf dem Festspielhügel in Bayreuth vergangen sind, und die »Götterdämmerung« bereits in Städten wie Augsburg verhunzt wird, durch große Anschlagzettel verkünden ließ: Vier Rezitationsabende: Der Ring des Nibelungen. Ein Bühnenfestspiel für drei Tage und einen Vorabend. Wir sind es in München gewohnt, daß neue Taten unseres Intendanten mit Trompetenstößen verkündet werden. Entweder durch die Presse, die sich seit der Gründung des Prinzregenten-Theaters fast ausnahmslos auf Gnade und Ungnade ergeben hat, oder durch ihren Bezwinger persönlich. Diesmal geschah es durch beide. Ein »geschätzter Freund« der »Münchner Neuesten Nachrichten« war in der Lage, schon vorher zu verkünden, was das Hauptergebnis dieser Rezitationen sein werde: »Der monumentale Wert der Dichtung als solcher, losgelöst von Musik und allen ergänzenden Künsten der Aufführung, wird in einer Weise in Erscheinung treten, die von den meisten Hörern kaum geahnt wurde.« In ähnlichem Sinne äußerte sich der Vortragende auf dem Podium. Er wolle zum eingehenden Verständnis und zur immer größeren Popularität dieses einzigen, musikalischen Dramas beitragen. Mit dem zugrunde gelegten Worte wolle er vertraut machen, damit man bei den Bühnenaufführungen das Fortschreiten der Handlung leichter verfolgen könne. Sollte es ihm dabei vergönnt sein, aufs neue zu beweisen, daß der unsterbliche Tondramatiker auch ein großer Poet war, dann wäre die Aufgabe des Vortragenden erfüllt. So klang es etwas gedämpfter, etwas bescheidener als in den Worten des von Herrn von Possart gewiß nicht minder »geschätzten Freundes«. Ein recht Naiver hätte allerdings fragen können, ob der Herr Intendant seine guten Absichten nicht besser durch möglichst gediegene Aufführungen des Nibelungenringes zu erreichen hoffe. Das Werk ist nun mal, wie jede Schöpfung Wagners, ein unzertrennbares Ganzes von Malerei, Dichtung und Tonkunst. Viel, sehr viel müßte hier noch daran gearbeitet werden, und zwar nicht nur in blendenden Dekorationen und farbenprächtigen Szenenbildern. Das Wort, das Herr von Possart zu Ehren bringen will, sollten zunächst seine Sänger gewissenhaft durchbilden, dann gibt sich der große, dramatische Zug des ganzen Werkes von selbst und mit ihm die Dichtung in ihrer vollen, tragischen Wucht. Stellt der unermüdliche Vortragsmeister und hervorragende Regisseur seine Energie und physische Ausdauer in den Dienst dieser Sache, dann ist das ein wirklicher Beitrag zur größeren Popularität des Musikdramas, die Rezitationen des Rings aber sind meiner Meinung nach nur ein Beitrag zur größeren Popularität des Herrn von Possart. An einem Notenpult stehend, leitet er sie ein. Er liest den Titel, die gekürzte Beschreibung der Szenerie, dann setzt er ein mit tönendem Wagalaweia. Gleich diese ersten Naturlaute, so einzig in der Musik, zeigen das Bizarre des ganzen Unternehmens. Ein Nichts sind sie im Munde des Rezitators. Er huscht denn auch schnell über sie fort, hier scheint selbst er das Unmögliche zu fühlen. Und nun liest er weiter, er liest, nein, er spielt mit Händen, Armen, mit dem Gesicht, mit dem ganzen Körper. Stellt er die Rheintöchter dar, dann macht er kreisförmige Rumpfbewegungen, als Wotan streckt er die Arme hoheitsvoll in die Luft, als Alberich sinkt er in die Kniee, als ungeschlachter Riese torkelt er mit beiden Beinen hinter dem Pulte herum, und als Loge gestikuliert er wie ein polnischer Handelsjude. Unerträglich wird's gar, wenn die Damen zu Worte kommen. Freya, die junge Göttin, ist die affektierteste, aber auch Fricka ist alles eher als die herbe Gattin des Gottes, der sein Auge werbend um sie gegeben. In koketten Fisteltönen fragt sie, ob wohl des goldenen Tandes gleißend Geschmeid auch Frauen tauge zu schönem Schmuck, und dabei verdreht sie lüstern die Augen. Nur einmal schlägt ein kraftvoller Ton in dieses heillose Durcheinander von quieksenden und gröhlenden Stimmen: als Alberich den Ring verflucht. Bei diesem gewaltigen Ausbruch menschlicher Leidenschaft vergaß Possart seine ganze Manier. Bisher hatte er den Zwerg im polternden Tone des Schauspielers Häusser gesprochen, nun platzte er plötzlich heraus zu einem freien, hinreißenden Akkord. Als geschlossenes Kunstwerk wirkte diese eine Stelle. Sonst drängte sich jedem, der nur etwas vertraut mit dem Tondrama ist, überall die Komposition auf, am stärksten an den zahlreichen lyrischen Stellen. Das ist freilich nicht die Schuld des Vortragenden. Hat ihn aber bei der Ankündigung dieser sogenannten Rezitationen wirklich nur die selbstlose Absicht geleitet, seine Hörer mit der Dichtung vertraut zu machen, dann mußte er sich in einfacher Weise an das geprägte Wort halten und durfte den Ring nicht als Komödie mimen. Ich war nach diesen Eindrücken vollauf gesättigt und machte mir nur noch das besondere Vergnügen, in den Zeitungen zu lesen, mit welcher Glut Herr von Possart den ersten Akt der Walküre verkörperte, wie köstlich er das Waldweben flüsterte, und wie munter er als Vöglein auf den Zweigen der Linde gezwitschert hat. Auch von der Begeisterung der Münchener hab ich mir Wunderdinge erzählen lassen. Je nun, der Intendant des Hoftheaters hat noch guten Kredit. Sein Publikum und seine Presse haben sich zwar früher recht schlecht gegen ihn benommen, heute würden sie selbst dann in Verzückung geraten, wenn er auf der ewigen Jagd nach neuen Überraschungen auf die reizende Idee verfallen sollte, die Elisabeth im Tannhäuser oder die Venus zu singen. Weil sie sich aber gar so viel darauf zugute tun, daß Wagner ihr Gott ist und Possart sein Prophet, will ich ihnen zuguterletzt noch was verraten. Die am Eingang zitierten Worte des Bayreuther Meisters über die Berechtigung seiner Vorlesung sind nämlich nur eine Schlußfolgerung aus dem zuerst gesprochenen gewichtigen Satze: »Die Musik ist es nun, was uns, indem sie unablässig die innersten Motive der Handlung in ihrem verzweigtesten Zusammenhange uns zur Mitempfindung bringt, zugleich ermächtigt, eben diese Handlung in drastischer Bestimmtheit vorzuführen: da die Handelnden über ihre Beweggründe im Sinne des reflektierenden Bewußtseins sich uns nicht auszusprechen haben, gewinnt hierdurch ihr Dialog jene naive Präzision, welche das wahre Leben des Dramas ausmacht.« * * * So wie man's da liest, schrieb ich vor fast fünf Jahren im Berliner »Tag«. Inzwischen hat sich manches geändert. Die Leitung der Königlichen Bühnen ist an Baron Speidel übergegangen, die Kritik über die Wagner-Deklamationen ist wesentlich einfacher geworden, und Herr von Possart trägt jetzt den Parsifal vor. Unverändert blieb nur die sogenannte gute Münchener Gesellschaft, die auch dem neuesten Experimente jubelnden Beifall spenden würde, hätte nicht der Meister, das heißt der Meister des Vortrags, in Rücksicht auf die Weihe des erhabenen Werkes, sowie in getreuer Nachahmung Bayreuther Vorbilder die dringende Bitte ausgesprochen, von jeder lärmenden Kundgebung Umgang zu nehmen. Man darf also nicht einmal lachen, wenn die Blumenmädchen in allen Tönen quieksen, wenn der reine Thor sein kindliches Lallen hören läßt und Gurnemanz im Stile eines Bassisten der Provinzialbühnen gröhlt. Man muß ruhig sitzen, weil jeder schiefe Blick die andachtsvoll lauschende Menge zur Lynchjustiz triebe, man muß das Unmögliche, das hier zum Ereignis wird, über sich ergehen lassen und muß – verzweifeln? Nein. Das wäre das Objekt nicht wert, das hier in Frage kommt. Allerdings, wer eine Pasquinade schreibt, im sichern Glauben, zu ändern, zu bessern, mag sich am nächsten Baum aufhängen. Und wer da von Hoffnung getragen ist, weil die Presse einer gefallenen Theatergröße jetzt wieder den Rücken kehrt, mag die mildere Form des Ertränkens wählen. Es bleibt auf dieser Erde immer und überall alles recht hübsch beim alten. Vielleicht ein kleiner Ruck, ein mattes Aufleuchten, ein Huschen. Aber auf solche Symptome, die mir wohlmeinende Menschen oft mit Befriedigung als Zeichen der Zeit vorhalten, gebe ich nicht einen Pfifferling. Auch darauf nicht, daß viele jetzt nachplappern, was ich über verschiedene Dinge schon viel früher gesagt habe. Denn diese selben werden dann wieder Jahre brauchen zur tiefsten Selbstverwindung, wenn die fortschreitende Zeit, sowie der reichlich vorhandene Stoff neue Verspottung neuer gewappelter Lokalgrößen und Cliquen erfordert. Sie werden auf mich schimpfen, wie sie damals geschimpft haben, im ewigen Wechsel des Mondes und in der steten inneren Wandlung aller Begriffe, denen solche Lebewesen auf unserem Planeten nun einmal ausgesetzt sind. Nicht, als ob sie etwa der gegenteiligen Meinung wären. Ich maße mir nicht an, zu behaupten, daß, was ich in meinen Satiren sage, außer mir keiner fühle und keiner sagen könne. Tausende fühlen es, tausende sprechen es aus – im geheimen. Sie könnten's auf ihre Weise ebensogut und so schlecht vorbringen wie ich, aber die Herde ist groß und der Leithammel sind viele, so läuft man denn mit. Das ist bequemer und kostet weniger Aufregung. Auch steht man nach außen gesicherter. Man freut sich wohl, man reibt sich heimlich die Hände, wenn einer etwas aufs Dach kriegt, der als geschwollener Knallprotz herumsteigt; soll man aber Stich halten, soll man öffentlich bekennen, vielleicht gar vor Gericht, dann schwört man dreimal lieber einen falschen Eid, als einmal ehrlich zu sagen, daß, was man mit stillem Behagen las, der Wahrheit entspricht. Oder noch besser: man entzieht sich von vornherein jedweder Parteinahme. Ja, wenn man Sachverständiger sein darf, richtiger Experte in Fragen der Kunst, der Religion und der Sittlichkeit, da prangt man in vorderster Reihe, erzählt rührsame Geschichten und bläht sich auf wie ein Pfau. Denn erstens will man von Kunst doch etwas verstehen, man wünscht als frei zu gelten im Punkte der unbefleckten Empfängnis. Und nicht zuletzt ist's eine Auszeichnung, wenn man von den in allen Witzblättern bis zum Überdruß abgehetzten Herren Bohn und Roeren für äußerst unsittlich erklärt wird. Auch hat man jene Presse hinter sich, die sich mit seltsamer Hartnäckigkeit die unabhängige nennt und jeden Seufzer eines dem Angeklagten wohlgesinnten Sachverständigen stenographisch genau so wiedergibt, wie er vor den Schranken herauskommt. Kämpft man nun gar gegen den Staatsanwalt, dann ist man des Beifalls erst recht sicher, denn da hat man alle um sich gegen den einen und braucht sich niemals zu fürchten, weil man ja selber nicht sitzen muß, wie der, dem man beisteht. Niemals aber wird man korrupt nennen, womit man selber verspezelt, versippt oder verschwägert ist. Sie bleiben somit in Permanenz erklärt und aufs engste verbunden: die Dummheit und die Gemütlichkeit. Aber das macht nichts. Im Gegenteil, je dicker sie aufgetragen werden, um so fester beißt man hinein, um so lieber und froher. Denn was ist im Grunde Satire? Nichts weiter als künstlerische Freude an der Erkenntnis. An jener Erkenntnis, die man allein für die richtige hält, und die, aller Gegenrede zum Trotz, auch die richtige ist. Da mag man über das Ziel hinausschießen, man mag im Kleinen ungerecht sein: die große Linie steht unverrückbar fest, und hat man sie einmal gezogen, braucht man keine Motivierung, keine Zeugen, keine Sachverständigen. Man kann allein stehen, und mit dem starken Gefühl, ins schwarze getroffen zu haben, auf Gott und die Welt pfeifen. Auch auf den Staatsanwalt, behaupte ich. Der will einen freilich zwicken und zwacken, wo er nur kann. Aber einerseits ist das ein Umstand, dem wir alle gleichmäßig unterworfen sind, wie wir da schreiben, andererseits wird einem dieser unerfreuliche Beamte um so weniger ankönnen, je sicherer die Sache ist, die man vertritt. Und der Weisheit Schluß ist doch der, selbst dem Staatsanwalt noch ein Schnippchen zu schlagen. Denn über ihm und seinen Paragraphen steht jene Justiz, die von einem größeren Gesichtspunkte aus urteilt als von dem des Gesetzes, vom Gefühl und vom Standpunkte des gesunden Menschenverstandes. Das ist die Justiz aller Satiriker, die immanente Gerechtigkeit, das alte Volksgericht des Haberfeldtreibens. Ihm möchte ich als Abkömmling oberbayrischer Bauern zum Schluß noch ein Lied singen. Es ist mir ja wohlbekannt, in welcher Weise dieser merkwürdige Brauch mit den Jahren bis zum Exzeß ausartete. Das war schließlich kein Sittengericht mehr, sondern nur noch die zielbewußte Agitation einiger Bankrotteure, die ihre eigenen, faulen Geldverhältnisse durch einen Trick nach außen zu verdecken suchten. Doch der Kern dieses Volksgerichts ist ein gesunder, eben weil es Taten zur Rechenschaft zieht, die ein Paragraph niemals erreichen kann oder manchmal auch gar nicht erreichen will. Als ich daher in diesem Herbste las, daß draußen im Isarwinkel nach langer Zeit zum erstenmal wieder tüchtig getrieben wurde und daß die Gendarmen trotz eifrigsten Suchens keinen der Missetäter erwischten, da freute ich mich von ganzem Herzen. In dieser lendenlahmen, miserabeln Zeit, wo alles auf Zehen schleicht, wo alles kuscht und lispelt, wo alles kriecht, schielt, mit Rosenkranz oder Gesangbuch einhergeht, und besonders, wo ausgesprochene Gegensätze sich auflösen in einem Dusel von Alkohol, Gleichheit und Brüderlichkeit, von Christentum, Spiritismus und Neoromantik, ist's notwendig, daß unter dem Gekrach der Dreschflegel und unter dem Ablesen von Spottliedern manchmal aufgemuckt wird. Draußen auf dem Lande der lieben Geistlichkeit und dem mehr wie dünkelhaften Beamtentum. Bei uns in der Stadt jenen Sitten und Gebräuchen, die dank der Eselsgeduld der guten Münchener erbeingesessene geworden sind. (Dezember 1906)