Julius Stinde Emma das geheimnißvolle Hausmädchen Allen Schwer-, Miß- und Kleinmüthigen zur Aufheiterung                                             gewidmet. Inhalt: Vorrede für Verständige und sehr Verständige 1. Kapitel Die Gräfin aus der Rue vieux Jacques 2. Kapitel Der Recensent und das Gespenst 3. Kapitel Im Abgrund 4. Kapitel Eine wunderbare Kur 5. Kapitel Zu den Schlangen und Molchen 6. Kapitel Entlarvt 7. Kapitel Durch Nacht zum Licht 8. Kapitel Die Kolonial-Orgie 9. Kapitel Die schöne Spreewälderin 10. Kapitel Der Graf in der Poliklinik 11. Kapitel Das Haus in der Klosterstraße 12. Kapitel Der Untergang der Tyrannen 13. Kapitel Die Erbschleicher 14. Kapitel Das Brillanten-Halsband 15. Kapitel Das tanzende Todtenbein 16. Kapitel Die Tomaten des Todes 17. Kapitel Das Extrablatt 18. Kapitel Friederikens Beichte 19. Kapitel Des Pfarrers Tochter 20. Kapitel Die Seeräuber 21. Kapitel In höchster Noth 22. Kapitel Im Harem 23. Kapitel Vor dem Staatsanwalt 24. Kapitel Numero Eins 25. Kapitel Die Geier des Sultans 26. Kapitel Matthias, der große Räuber und Bandit 27. Kapitel Harems-Intriguen 28. Kapitel Der Roman des Räuberhauptmanns 29. Kapitel Die Greuel in den Kimberley-Gruben 30. Kapitel Das Blutdrama zu Jochenbrunn 31. Kapitel Die Amazonen 32. Kapitel Goldkönigs Ende 33. Kapitel Der Vampyr 34. Kapitel Von Abgrund zu Abgrund 35. Kapitel Die Einbrecher 36. Kapitel Die Automobil-Hetzjagd 37. Kapitel Das schaudervolle Abenteuer im Thiergarten 38. Kapitel Im Banne der Schönheit 39. Kapitel Die Geheimnisse des Pensionats 40. Kapitel Der Doppelselbstmord 41. Kapitel Der Wittwe Bekenntnisse 43. Kapitel In der Heimath der Putsche 44. Kapitel Brennende Liebe 45. Kapitel Das künstliche Alibi 46. Kapitel Aus den Schlingen des Bösen 47. Kapitel Der Prediger in der Wüste 48. Kapitel Der Segen der Arbeit 49. Kapitel Liebe und Ehre 50. Kapitel Hexensabbath 51. Kapitel Der spukhafte Gast 52. Kapitel Im Irrgarten der Politik 53. Kapitel Im Reiche der Mitte 54. Kapitel Unter dem Feudalregiment 55. Kapitel An den Stufen des Thrones Motto:     Ridiculum acri Fertius et melius magnas plerumque secat res! (Horaz.)             Schwierige Fälle entscheidet Besser als Schärfe oft Scherz.   Vorrede für Verständige und sehr Verständige. Der Kolportage- oder Hintertreppen-Roman wendet sich an die Unverständigen, seine Parodie , wie sie in »Emma« vorliegt, wendet sich an die Verständigen. Diese wissen, daß das Wesen der Parodie darin besteht, einer erhabenen Dichtung, bei möglichster Wahrung der Form und des Tones, einen niedrigen Gegenstand unterzuschieben; sie wissen ferner, daß Kolportage-Romane unfreiwillige Parodien sind, die jedoch von ihren Erzeugern sowohl, wie von ihren Lesern sehr ernst genommen werden. Mit Spannung wird jede neue Lieferung erwartet, mit Andacht gelesen und mit hingebender Einfalt findet das Unglaubwürdigste unerschütterlichen Glauben. Sehr Verständige werden beweisen, daß die Parodie einer Parodie ein Widerspruch in sich selber und daher unmöglich sei; Verständige aber sehen ein, daß, wenn umgekehrt ein erhabener Gegenstand in niederer Form zum Ausdruck gelangt, ebenfalls die Komik des Mißverhältnisses in Wirksamkeit tritt. Aus der Parodie entsteht dann durch sachgemäße Uebertreibung des Charakteristischen die litterarische Karikatur . Die Karikatur läßt ihren Witz an lächerlichen Erscheinungen aus, die Satire macht Thorheiten, Verkehrtheiten und Irrungen lächerlich, die Ironie , die Mutter des lobenden Tadels und des tadelnden Lobes, sagt spottend das Gegentheil von dem, was sie eigentlich meint. Alle drei zusammen, die so schwer Trennbaren, bilden die Satura lanx der Römer, die bunte Schüssel, von deren Mannigfaltigkeit der Begriff der Satire abgeleitet wurde. Verstände können nun »Emma« als Parodie, Karikatur, Satire u. s. w. auffassen, je nach dem Kapitel, das sie gerade lesen, oder wie sie mögen; am besten thun sie, sich an lustigen Stellen zu ergötzen, Alles zu glauben, was der Abonnent eines echten Kolportage-Romans glauben würde und wo Sinn verborgen scheint, ihn herauszuholen. Das macht mehr Vergnügen, als sich über die Einreihung in die litterarische Rangliste den Kopf zu zermartern. Auf die Frage, ob Emma lebt oder gelebt hat, wird, selbst bei verstärktem Zeugnißzwang, jede Auskunft verweigert. Mitzutheilen ist jedoch, daß die ersten Lieferungen von »Emma« anläßlich der glänzenden, als Demonstration gegen die Einführung des sogenannten Gesindeparagraphen in die Theatergesetze von den Bühnenangehörigen Berlins arrangirten Gesindebälle erschienen. Man erkennt, wie der damals vorgeschobene Verfasser, Herr Jeremias Steinkopf , besser in der Theaterwelt und Leihbibliotheken Bescheid weiß, als in der Welt, und mit seinem Halbwissen und der Biederkeit eines Engbegrenzten selber für wahr und wirklich hält, was seine unkritische Erinnerung und mißgeleitete Phantasie ihm diktirten. Sehr Verständige merken das Maskenspiel sofort und streichen die Seiten an, wo der Autor aus der Rolle fällt. Ich bitte sie jedoch eindringlich, ihm solches zu entschuldigen, denn es zeichnet nicht mehr der J. Steinkopf, sondern ihr ganz ergebenster Julius Stinde.   Die Henker des Urwaldes. Probeabdruck des Prämienbildes zu »Emma, das geheimnißvolle Hausmädchen«.     Erstes Kapitel. Die Gräfin aus der Rue vieux Jacques . Die vier andalusischen Rapphengste in blitzendem Silbergeschirr und Sielen aus echt japanischem Lackleder flogen wie weiße Möven durch die Straßen Berlins, jenes großen modernen Babels , wo die Tugend neben dem Laster wohnt und die Konzerthalle neben dem Kriminalgebäude klingt, wo die Lokomotive der Stadtbahn in die Sonntagsruhe pfeift und das Auge des Gesetzes wacht. Diese Rosse von edelstem Wuchse und herrlichster kastanienbrauner Farbe zogen eine Kutsche, deren Inneres mit echtem Goldplüsch ausgepolstert war, auf dem ein Frauengeschöpf von überirdischer Schönheit sich wiegte. Der feingeschwungene Mund, diese lächelnden Brauen, die feine Rundung der Wangen, das zarte Rosa des Halses vereinigten sich mit dem Wohllaut des sprechenden Auges zu einer bezaubernden Mosaik menschlicher Reize. Und doch . . . Und doch war die Besitzerin solcher Schätze, die einen Sultan mit sechs bis sieben Roßschweifen zu ihrem Sklaven gemacht hätte, wäre einer dagewesen, nicht glücklich. In ihrem Auge perlte eine Thräne, tausendmal schöner als die nußgroßen Perlen, die ihren mondscheinweißen Nacken umschlangen, strahlender als die echten Riesenbrillanten, die in Gestalt eines Diadems das üppige aschblonde Haar krönten, das, nach der neuesten Mode gemacht, noch geschmackvoller war als das Reichstagsgebäude. Warum diese Thräne? Warum? Das Gefährt hielt. Dampfend gehorchten die feurigen Trakehner dem festen Zügelgriffe des Kutschers. Sie spürten seine Gewalt und standen. Aber sie sahen nicht den tückischen Blick ihres Bändigers, den er auf die aussteigende Schönheit warf. Sie vernahmen nicht, wie er leise höhnisch murmelte: »Nun ist sie auf ewig verloren.« Nein, sie sahen und hörten diese Schändlichkeit nicht. Sonst wären die edlen Geschöpfe, übermannt von gerechtem Zorne, durchgegangen, über die Straße weg in den Delikatessenladen hinein, Alles zermalmend: das Schaufenster, die Artischocken, die Mandarinen, die Kieler Sprotten, die Konserven, sich, den Wagen, den Kommis, den Besitzer, zumal jedoch den heimtückischen Kutscher! So aber standen sie lammfromm, das Bild eines gut bevormundeten Staates . Die schöne Dame schritt in das Haus hinein. Ihre seidene Schleppe rauschte – das Meter unbezahlt 32 Mark 50 Pfennige – ihr Busen hob sich wie in Angst. Sie machte Halt, als wollte sie umkehren. War kein guter Genius vorhanden, der ihr zurief: »Kehre um, Du bist auf falscher Bahn«? Nein. Kein Genius thut heute etwas ohne Honorar. Sie hatte kein Geld. Woher auch sollte sie welches haben? Freilich war sie die Zweite in der ersten Reihe des Operettenchors mit einer glänzenden Gage von vierzig Mark monatlich, aber nur, indem sie außerordentlich rechnete, konnte sie hiermit auskommen. Für gute Geniusse hatte sie nichts übrig, und wenn sie noch so sehr darbte. Aber sie kam aus. Auf dem Sterbebette hatte ihre Mutter gesagt: »Emma, die Tugend ist der größte Schatz. Wahre ihn wohl.« – Dies versprach sie. Und sie hielt Wort. Denn sie hatte einen felsenfesten Charakter . Der Leser wird wohl schon ahnen, daß die schöne reiche Dame keine andere ist als Emma . Woher aber das seidene Kleid, die Edelsteine, die Equipage, die vier Grauschimmel? Die Tugend hatte sie so weit gebracht. Nach dem Berichte eines Augenzeugen. Der Graf Szmoltopski sah sie in ihrer entzückenden Reinheit, erste Reihe, die Zweite im Operettenchor. Der Graf war ein Operettenkenner, er war zwanzig Mal im »Obersteiger« gewesen und immer noch ziemlich geistig so, wie er stets zu sein pflegte. Er bot ihr sämmtliche Einkünfte seiner unter dem schönsten Sequester stehenden Güter, allein sie lehnte ab. »Ich will nicht Deinen Reichthum,« sprach sie, »ich will Dein Herz.« Er sank zu ihren Füßen. Thränend rief er aus: »Nimm mich hin.« Sie nahm ihn. Er gab ihr seinen Namen in aller Stille und Niemand ahnte, als sie am nächsten Abend wieder auftrat, daß die einfache Emma Siebenklietsch aus der Ackerstraße eine wirkliche, echt angetraute Gräfin Szmoltopska sei. Sie aber war glücklich und erduldete alle Verleumdung. Nie nahm sie ein Geschenk vom Grafen, nicht das geringste. Sie blieb sich treu, indem sie nur seine Liebe begehrte und erwiderte. Alles, was sie sonst gebrauchte, die Brillanten, die Equipage, die vier Isabellen, das bestritt sie von ihrer Gage. Denn sie war ökonomisch; sie konnte rechnen . Ja, sie nahm den Grafen Szmoltopski hauptsächlich, weil auch ihr Name mit einem S. anfing und deshalb die Kosten erspart wurden, die das Umzeichnen der Wäsche und ihrer vier Dutzend seidener Strümpfe verursacht hätte. Dies hatte sie von ihrer braven Mutter erlernt, deren Segen sich wunderbar an ihr bewährte. Der Eltern Segen baut den Kindern nicht immer Häuser, er verhilft ihnen aber oft zu schönen Miethswohnungen . Der Graf und die Gräfin Szmoltopski wohnten glanzvoll in der Alten Jakobstraße, erstes Quergebäude, erste Etage. Natürlich bezahlte Emma die Miethe und zwar pünktlich. Aus den Polizeiakten. Sie nahm prinzipienhaft vom Grafen nichts als seine Liebe. Und doch sollte dieser Friede heimtückisch gestört werden. Gerade in der Zeit, als die Leute vom Theater unter die Gesindeordnung gestellt wurden, erschien über Emma's künstlerische Leistung eine vernichtende Kritik, worin stand: bei dem Auftreten des Chors der Blumenmädchen wäre ihr Röckchen mindestens zwei Centimeter länger gewesen als die ihrer Kolleginnen, wodurch das ästhetische Gefühl der Parkettgreise auf das Empfindlichste verletzt worden sei. Am nächsten Morgen sagte der Herr Direktor: » Siebenklietschen , Sie sind hiermit gekündigt. Nehmen Sie ihr Dienstbuch und meiden Sie mein Kunstinstitut.« Die Gräfin lächelte. Sie glaubte an einen Scherz. Als sie aber das Dienstbuch aufschlug und las: »Entlassen wegen Ueberschreitung des theatralischen Anstandes«, stürzte sie besinnungslos dermaßen nieder, daß die Brillanten aus ihrem echten Schildpattkamm flogen. Als sie wieder zu sich kam, murmelte sie nur das eine Wort: »Brotlos!« Am nächsten Morgen ließ sie die Schecken anspannen und fuhr nach dem Miethskontor. Sie wollte , sie mußte einen Dienst haben. Durfte sie Szmoltopski ruiniren? Nein. – Wahre Liebe ruinirt nicht . Würde es ihr gelingen, einen Dienst zu erlangen? Sie zitterte, als sie die Treppe hinaufstieg. Sie betete zu dem Andenken ihres verstorbenen Mütterleins. Dann trat sie ein. Die Inhaberin des Miethskontors empfing sie mit ausgesuchter Grobheit. Die Gräfin wollte empört erwidern , aber sie besann sich, daß sie unter dem Gesindegesetz stand und bezwang ihren nur zu gerechtfertigten Unmuth. Sie war ja so edel. Eine Bürgerfrau trat auf sie zu, um sie zu miethen. Ihr Herz klopfte erfreut. »Mein Gebet ist erhört ,« dachte sie. »Wir wohnen drei Treppen,« sagte die Frau, »wird Ihre Schleppe Sie nicht scheniren?« »O nein,« erwiderte die Gräfin,»ich lasse einen Lift einbauen.« »Und wie ist es mit dem Stiefelputzen?« »Ich trage nur Patentleder.« »Und das Kleiderbürsten? Besorgen Sie das ordentlich? Dem Herrn seine Hosen sind bei schlechtem Wetter ziemlich klaterig.« Die Gräfin entfaltete ihren Fächer, so daß die Ponceau-Atlasseite ihr zugewandt war und einen rosigen Schein auf ihr alabasterweißes Antlitz warf. Aber diesmal verfehlte der Erröthungsfächer seine Wirkung. Die Frau war farbenblind! »Schön, daß Sie sich nicht zieren,« sagte sie, »hier ist der Miethsthaler.« Die Gräfin streckte zitternd die Hand aus, das Geld zu empfangen, das sie in so unwürdigen Dienst brachte, und flüsterte: »Für Dich, Szmoltopski, für Dich!« Sie, die sich niemals auf der Bühne küssen ließ als höchstens von einem Schauspieler in Väterrollen, that Alles für »ihn«. In demselben Augenblicke aber geschah etwas Schreckliches . Der Fußboden öffnete sich. Die Gräfin versank mit einem Angstschrei in einen Abgrund. Dann schloß die Klappe sich wieder. Kein menschliches Auge vermochte die Fugen zu entdecken. – – Der Kutscher stieß ein teuflisches Gelächter aus, als er den Schrei vernahm. Triumphirend schlug er auf die vier Füchse ein und jagte nach Hause. »Wo ist die Gräfin?« fragte der Graf Szmoltopski , als der Wagen schaumbedeckt in der Alten Jakobstraße hielt. Statt aller Antwort zog der Kutscher seinen linken Stiefel aus und schlug dem Grafen den ganzen Unterkiefer weg. »Haltet den Dieb!« schrie der Graf mit letzter Anstrengung. Der Kutscher aber war verschwunden. Zwei Schutzleute kamen und brachten den Grafen wegen Verleumdung auf die Wache. Denn gestohlen hatte der Kutscher nicht . »Wie können Sie hier ohne Unterkiefer antreten?« fragte der Wachtmeister strenge. Szmoltopski schüttelte das Haupt. Er konnte ja nicht sprechen. Und nie wieder küssen. – Nie, wenn es nicht gelang, den Unterkiefer wieder anzuheilen. Wo aber war der Kiefer?   Zweites Kapitel. Der Recensent und das Gespenst. Es war zwanzig Minuten vor Mitternacht. Der Doktor Viktor Habicht saß auf seinem Zimmer an dem Schreibtische, bis an die Knie in Blut watend. Dreie hatte er bereits abgeschlachtet und, da dieses ihm erhöhtes Vergnügen bereitete, mit einem stumpfen Messer. Er suchte bei jedem seiner Opfer nach einem Rückgrat und wenn er es nicht fand, zerfleischte er es vollständig. Die Fetzen flogen nur so. An der Decke saß Blut, an den Wänden zuckendes Mark, auf dem Lehnstuhl ein krampfhaft athmendes Herz. In der Ecke neben dem Ofen thürmten sich die Leichen. Ihm war es Wollust, seine Blicke daran zu weiden. An dem Kronleuchter des Zimmers hing als Fliegenquast eine Kindermumie, von ihm eigenhändig erdrosselt. Alle fürchteten ihn. Man nannte ihn nur Viktor den Würger! Ohne ihn wäre die Gräfin Szmoltopska née Siebenklietsch nicht von dem grausigen Schicksal ereilt worden, dessen Zeuge der Leser im ersten Kapitel gewesen ist. Er war es, der die vernichtenden Zeilen geschrieben hatte – mit bluteingetauchter Feder – die das unglückliche, schöne, edle Geschöpf zwangen, sich einen anderen Dienst zu suchen und das dabei in die heimtückisch gestellte Falle gerieth. Er war wieder beim Schlachten. Wohl hatte ihm die berühmte Kartenlegerin Friederike Boomhammel in der Koblankstraße prophezeit, daß einst ein Gespenst seine Schand- und Greuelthaten rächen werde, allein er lachte spöttisch. Er glaubte nicht an Gespenster. Die Uhr schlug dumpf und klagend Zwölf. »Ha! Ha!« lachte er gellend. »Jetzt ist es Mitternacht. Wo seid Ihr, Gespenster? Ihr seid Märchen beschäftigungsloser Ammen. Kommt heraus, wenn Ihr Muth habt . Ihr Feiglinge fürchtet mein kritisches Messer. Ha – ha – ha! « Leise und schauerlich antwortete das Echo: Ha – ha! Jedes zartempfindende Gemüth hätte dieser Warnung Gehör gegeben, jedoch Habicht , der grausame, nicht. Er ergriff die Papierscheere, schlitzte sein Opfer auf und wählte mit tastenden Händen nach dem Rückgrat. »Wieder keins!« schrie er und fletschte die Zähne . »Dir will ich es besorgen!!« »Hu – hu!« hallte es unheimlich. Doktor Habicht wandte sich um. Seine Augen traten aus den Höhlen, seine Kniee schlotterten, wie gebannt haftete er auf seinem Schreibtischsessel. Die Thür des Kleiderspindes öffnete sich geräuschlos und heraus kam langsam ein Gespenst in weißen flatternden Laken mit einem Drillbohrer in der linken Geisterhand . Kalter Angstschweiß rieselte aus Doktor Habicht's Poren. Ihm ward klar, daß die Geisterstunde jetzt erst angebrochen war. Die Gespenster richteten sich nicht nach der mitteleuropäischen Zeit. Sie folgten den Stunden der Weltenuhr. Das Gespenst schritt langsam näher. Es streckte die rechte Hand aus und bewegte sie in magnetischen Strichen auf und nieder. Doktor Habicht rührte sich nicht. Das Gespenst hatte ihn hypnotisirt. Rasch nahm das Gespenst nun den Drillbohrer und setzte ihn in des Doktors Ohr und bohrte so lange, bis das Gehirn auslief. Zuletzt kam grünlichgelbe Galle. Da hielt das Gespenst inne. Dann stopfte es ihm ein leeres Portemonnaie in den hohlen Schädel und verschloß die Oeffnung, die unter dem Einfluß des Lebensmagnetismus sofort wieder ganz wurde. Hierauf murmelte es ihm zu: »Von nun an hast Du nur ein einziges Bestreben, nämlich Theaterdirektor zu werden . So sollst Du Alles erdulden, was Du jemals Anderen zugefügt hast, Dich winden, ohne Dich wehren zu können. Durst nach Geld soll Dich erfüllen und wenn Du glaubst, ein Geschäft zu machen , sollen die es Dir abmorden, denen Du mit bösem Beispiel vorangegangen bist. Denke an die Blutthaten, du Mörder . Denke an Emma! « Das Gespenst hauchte den Doktor dreimal an und verschwand mit bläulichem Lichte. Der Leser wird längst errathen haben, daß das Gespenst kein Anderer war, als Gottfried Nordhäuser , der Jugendgespiele der eben so bildschönen wie engelsreinen Emma Siebenklietsch , der jetzigen Gräfin Szmoltopska . Er liebte sie mit dem ganzen Edelmuth eines deutschen Jünglings vom Koppenplatze, wo seine Eltern eine sittenreine Destille hatten. Wohl blutete sein Herz, als Emma dem Grafen folgte, aber seine Liebe erlosch nicht. Treu bewachte er alle ihre Wege, wie ein ungesehener Schutzgeist. Nach einer Momentphotographie. Er war es, der die schmählich Hintergangene so furchtbar an dem Doktor Habicht rächte, denn unseren Lesern zuzumuthen, an Gespenster und andere Unwahrscheinlichkeiten zu glauben, das wagen wir nicht. Wir leben in dem leuchtenden Zeitalter der Aufklärung und der Wissenschaft.   Drittes Kapitel. Im Abgrund. Es ist Zeit, daß wir uns nach der Gräfin umsehen. Als der Boden unter ihren Füßen wankte, verlor sie jeden Halt. Sie griff mit beiden Händen nach einem Geländer. Sie griff in die Luft. Sie rief nach Hülfe. Keine Antwort. – Stockdunkle Nacht umgab sie. Sie sank immer tiefer und tiefer.   Viertes Kapitel. Eine wunderbare Kur. Gottfried Nordhäuser , der brave Jüngling vom Koppenplatze, war Portier bei der Baronin von Allwil, die in einer Villa am Plötzensee wohnte. Hier in der Einsamkeit sollte ihr Sohn genesen, der vom Vater her unheilbaren Blödsinn geerbt hatte. »O,« stöhnte die Baronin, »wäre die Vererbungstheorie doch niemals Mode geworden , wie gesund und fröhlich könnte mein lieber Oswald dann sein.« Oswald war ein Maler, theils aus Muße, theils aus Talentlosigkeit. Sein großes Gemälde »Kühe auf der Weide« war von der Jury einstimmig als die beste Leistung für gemalte Schafe mit der großen goldenen Medaille belohnt worden. Das war ein Zeichen möglicher Besserung, wenn auch nur ein schwaches. Denn wen die Jury sich geirrt hätte, war die Sache noch dieselbe. » Gottfried , wie denkst Du darüber?« fragte die Baronin in ihrem entsetzlichen Schmerze. »Es kann so sein,« antwortete Gottfried , oder auch so.« Der brave Junge vermochte der Mutter die Wahrheit nicht so klar einzuschenken, wie ehemals sein Vater, der rechtliche, den reinen unverfälschten Korn. Die biederen Eltern fälschten nie. Lieber verdienten sie weniger. Das war noch die gute alte Zeit! Gottfried konnte nicht sagen, was er empfand. Er hielt die von Oswald gemalten Kühe nicht wie die Jury für Schafe, sondern für Meerschweine. Es konnten aber auch Schellfische sein. Mit Oswald wurde es täglich trauriger. Alles wollte er haben, was ihm verboten war. Er that immer nur das Verrückteste. Er verlangte stets, daß etwas Wunderbares kommen sollte. Die Mutter briet ihm einen Storch. Das war ihm noch nicht wunderbar genug . Er verlangte die Gräfin Szmoltopska ; seine Mutter sollte sie als Hausmädchen miethen. »Neunhundert Millionen für die Szmoltopska!« rief die Baronin , denn sie war unermeßlich reich. Sie besaß zwei Zuckerbergwerke auf der Insel Kuba und eine Petroleumfabrik am Hardanger-Fjord. Außerdem hatte sie ihr Vermögen in Bonds der Northern-Pacificbahn angelegt. Erschüttert wandte Gottfried Nordhäuser sich ab. Das Glück der Geliebten hätte gemacht werden können – neunhundert Millionen waren ein anständiges Trinkgeld – und vielleicht auch das Glück Oswalds . Niemand aber kannte den Aufenthalt der Gräfin. Selbst die Polizei stand vor einem Räthsel. Wurde von Menzel gezeichnet!! Oswald nahm sichtlich ab. Mit irrsinnigem Lächeln bat er: »Mutter, gieb mir die Sonne.« Die Baronin wollte vor Kummer vergehen. » Gottfried ,« jammerte sie, »was soll ich beginnen? Was fange ich an? Oswald will die Sonne haben.« »Geben Sie sie ihm doch,« sagte Gottfried treuherzig. Die Baronin stieß einen Freudenschrei aus. Sie gab Oswald die Sonne, der sich von Stund an besserte. Er gab das Malen auf, wurde ein erfolgreich inkompetenter Kritiker und Herausgeber des »Blasewitzer Kunstbartels«, wobei ihm das väterliche Erbtheil ebensosehr zu statten kam, wie das unerschöpfliche Vermögen der Mutter. In ihrer übermäßigen Freude ließ die Baronin Gottfrieds alte Livree wenden und gab ihm einen Bond der Northern-Pacific-Bahn vierter Emission mit dem Bemerken, damit könne er noch einmal sein Glück machen, wenn er Glück hätte. Wir werden sehen, wie sich ihr inniger Wunsch erfüllt und Gottfried als treuer Diener schließlich doch noch zu Wohlstand gelangt. Denn nichts belohnt sich besser als Tugend.   Fünftes Kapitel. Zu den Schlangen und Molchen. Die Gräfin sank immer tiefer und tiefer.   Sechstes Kapitel. Entlarvt. Der Kommerzienrath Heimstein war mit seiner gesammten Dienerschaft unzufrieden. Nur der Kammerdiener Leopoldo Kravalli erfreute sich seiner Gunst. Der hatte ihm einen italienischen Salat angerührt, wie der Rath noch nie gegessen zu haben vermeinte, zumal die Trüffeln darin schienen ihm von besonderer Güte. Anfangs wurde viel von dem Salat des Italieners geredet, der als Insalata alla Medici sehr oft auf die Tafel kam, allein bald fanden die Gäste des Kommerzienraths, daß das Oel zu der Sauce ranzig sei und die ganze Mischung der feinen Kochkunst nicht entspräche. »Wer einmal davon genossen, der hätte genug für immer,« sagte sie. »Aber die Trüffeln darin züchtet Kravalli eigens für mich in Italien,« lobte der Rath den Salat. »Die hat er anderswo her,« sagte Gottfried Nordhäuser , der wahrheitsliebende, »die hat er bei dem Vorkosthändler Wagner in der Bayreuther Straße auf Pump genommen.« Darüber ergrimmt der Rath und verklagte Gottfried wegen Lästerung. Gottfried kam in den Kerker. »Ich bin verloren,« seufzte er, »es sei denn, der Richter ist nicht zu schneidig . Und was wird aus Emma , wenn ich sie nicht mehr beschützen kann?« »Warum hielt ich auch nicht meine Zunge im Zaume?« Nun war es zu spät. Die Reue nützt nie etwas, wenn sie zu spät kommt . Der Kommerzienrath hielt immer größere Stücke auf Leopoldo Kravalli. Er jagte seinen Küchenchef davon und machte Leopoldo zu seinem Leibkoch. »Bereite mir Pökelfleisch, Erbsen und Sauerkraut für das nächste große Diner,« befahl er. Die Gesellschaft war glänzend. Man sprach in den Kreisen der Vornehmen nur noch von Kravalli und seiner Kochkunst und war gespannt darauf, wie wohl der Italiener das echt deutsche Gericht verarbeiten würde. Die Zuthaten waren ihm geliefert worden , da er zu wenig Deutsch verstand , um sich in der Markthalle zurechtzufinden. Der Kommerzienrath schlug an sein Glas. »Meine Herrschaften,« sprach er, »Sie werden jetzt sehen, was wir können. Wenn Sie wollen, haben Sie eine Kunst. Olla potrida alla Rolando – bitte, kosten Sie.« Man kostete. Es waren Eisbeine mit Schlagsahne, Sauerkraut mit Parmesankäse, Erbsenbrei mit Pommeranzenschalen. Man fand die Gerichte dem Gastgeber zu Gefallen sehr ausländisch, dankte aber für mehr. Dies verdroß den Rath. Er ließ seinen neugebackenen Leibkoch kommen. »Italiener, bleibe bei Deinem Salat,« rief er ihm zu; »von unserer deutschen Kost hast Du keine Ahnung . Wärest Du ein wahrer Künstler, hättest Du Dich nicht einer Aufgabe unterzogen, der Du nie gewachsen bist. Fleuch, Dilettant!« Und lächelnd wandte er sich zu den Gästen: »Sie sehen, was wir nicht können. Wenn wir so weiter machten, hätten wir bald gar keine deutsche Küche mehr.« Gottfried Nordhäuser aber wurde zu zehn Jahren schweren Kerkers verurtheilt, denn er hatte gelästert . Wird er befreit werden? Und auf welche Weise? Die Wege der Vorsehung sind unerforschlich.   Siebentes Kapitel. Durch Nacht zum Licht. Die Gräfin Szmoltopska née Siebenklietsch konnte nicht tiefer sinken: der gähnende Abgrund war zu Ende. Schreckliches Zischen von Schlangen, Molchen, Eidechsen, Ringelnattern empfing sie. Blutgierige Vampyre umflatterten sie. Wasserratten schmatzten sie fleischlüstern an. Alles Gethier war hungrig, durstig auf das warme pulsirende Blut der schönen Emma , noch gieriger als der Doktor Habicht auf das Blut und Rückgrat seiner Opfer. Emma schauderte. – Aber nicht lange. Das Otterngezücht wagte nicht, sie zu berühren. Sie war zu schön. »Ha!« rief sie, »das giftige Gewürm beugt sich vor der siegreichen Schönheit eines tugendhaften Mädchens; Kröten und Salamander, Unken und Basilisken bemitleiden mich. Nur der Mensch ist schlecht, der hat Intriguen und Fallklappen . Thatsächlich von Virchow nachgewiesen. »Durch eine solche bin ich gefallen. »Und wie lange. Ich, wie lange. Eine Ewigkeit.« Und qualvoll rief sie: »Nun bin ich gefallen.« Das Gewürm wimmerte mit ihr. Es empfand die an Emma verübte Schlechtigkeit in ihrer ganzen Erbärmlichkeit. Eine alte dicke Blindschleiche kroch an Emma in die Höhe und drückte ihr einen kalten Kuß auf die warmen rosigen Lippen. »Ich kann Eure Liebe nicht vergelten,« rief Emma. »Aber hier nehmt, es sind Pralin é s von Kranzler. Esset sie und laßt mich Hungers sterben. Habe ich auch nichts weiter gerettet, so habe ich doch meine Tugend und mein Dienstbuch .« Dies hatte sie Gottlob nicht verloren, während sie in den stockfinsteren Abgrund fiel. Und kein Künstler und keine Künstlerin ist in Zukunft etwas ohne Dienstbuch . Dienst ist eben Alles. Das Gewürm aß die Pralin é s; Emma zu Liebe. Es mochte die Todgeweihte durch Verschmähen der Gabe nicht kränken. Aber der Bissen ward ihnen groß im Munde. Eine alte Wasserratte, Großmutter zahllosen Geschlechtes, erstickte daran. »Wohlan,« sagte Emma, »die Stunde ist gekommen. Ich hoffte einen guten Dienst zu erlangen . . . schändliche Ränke verwehren mir diesen Wunsch . Mein Dienstherr ist der Tod.« Das Gewürm brach in klagendes Geheul aus, das schaudervoll von dem bluttriefenden Gewölbe wiederhallte. »Ich singe mein Sterbelied,« flüsterte sie, und leise begann sie den ergreifenden Sang aus der »Fledermaus«: »O je, o je, wie rührt mich das . . .« Das Gewürm fiel mit Brummstimmen ein in diesen Abschied vom Leben. Plötzlich drang ein Lichtstrahl durch eine Spalte des Gemäuers. Der Spalt erweiterte sich. Emma blickte in ein erleuchtetes Gemach. Darin lag auf einem orientalischen Ruhebett, mit eisernen Ketten an den Händen und einem himmlischen Lächeln auf den Lippen, ein Jüngling. »Emma,« lispelte er im Traume. »Nordhäuser,« rief sie und wollte auf den Gespielen der Jugend vom Koppenplatz zustürzen, denn er war es. In diesem Augenblick trat ein Eremit zwischen sie und den Schlummernden. »Halt,« rief der Eremit, »keine Uebereilung! Jeder unbesonnene Laut macht die Rettung unmöglich. Wir befinden uns unmittelbar unter dem Kriminalgebäude auf dem Alexanderplatz und die Polizei hat wachsame Ohren!« »Wer sind Sie?« sagte Emma . »Eremit und Leutnant der Reserve,« sprach der Mann in dem härenen Gewande. »Haben Sie Furcht?« »Nie in Gegenwart von Militär,« antwortete Emma mit muthigem Lächeln. »Aber sagen Sie, warum leben Sie unterirdisch?« »Das Jesuitengesetz ist noch nicht durch,« entgegnete der Eremit mit tiefer Beziehung. »Ich verstehe,« sprach sie und warf ihm einen vielsagenden Blick politischer Erkenntniß zu. Der Eremit fuhr mit gewinnender Schlauheit fort: »Sie suchen einen Dienst. Wir sind von jeder Thatsache unterrichtet, die sich in den fünf Welttheilen vollzieht. Würde Ihnen ein Platz als Mädchen für Alles im Auswärtigen Amt zusagen?« »Unter einer Bedingung . . .« »Erlauben Sie,« fiel ihr der Eremit mit feiner Ueberlegenheit in das Wort, » wir stellen die Bedingungen . Schwören Sie mir und dem Orden . . .« »Nie!« rief Emma . Der Eremit riß seinen Degen von der Seite und zückte ihn auf die nackte Brust des Schlafenden . Die Schlangen und Molche züngelten lüstern nach ihrem Opfer. Mit furchtbarer Stimme rief er: »Emma Siebenklietsch, falsche Gräfin Szmoltopska , bei dem Leben dieses Jünglings, schwöre mir und dem Orden unweigerlichen Gehorsam« und senkte die scharfe Spitze des blitzenden Degens tiefer und tiefer. Schon berührte die funkelnde Schneide die Stelle der entblößten Brust, die durch regelmäßiges Heben und Senken die Lage des linken Lungenflügels verrieth, unter dem das, ach, so treue Herz Nordhäusers selbst im Traume für die Heißgeliebte schlug, schon ritzte der scharfe Stahl die jugendfrische Haut des Schlummernden, schon drangen Blutstropfen hervor und rieselten in rubinrothen Streifen an den atlasglänzenden Rippenfurchen des Jünglings herab . . . »Ich schwöre!« stieß Emma mit letzter Anstrengung hervor. Die Sinne verließen sie und bewußtlos sank sie nieder. »Wehe, Wehe!« heulte das Gewürm. Der Eremit schlug eine gellende Lache auf. Er schleuderte seinen Degen und den immer noch schlummernden Nordhäuser in eine Ecke des unterirdischen Gemaches und berührte eine verborgene Feder. Das Licht erlosch, der Spalt in der Mauer schloß sich. Der Eremit riß seinen falschen Bart ab und entledigte sich des grauen, mit einem Stricke zusammengehaltenen Einsiedlergewandes. Mit teuflischem Grinsen blickte er auf die besinnungslos am Boden liegende Gräfin . Welch ein Glück für Emma , daß ihre Augen von den mitleidigen Händen einer tiefen Ohnmacht unauflösbar zugedrückt wurden, denn wer weiß, welchen entsetzlichen Schaden ihr Nervensystem erlitten hätte, wenn sie den in dämonischer Freude sich die Hände reibenden Mann erkannt hätte? Es war der Kutscher des Grafen Szmoltopski.   Achtes Kapitel. Die Kolonial-Orgie. Zu derselben Zeit als die in dem letzten Kapitel geschilderten und wie wir sehen werden, folgenschweren Ereignisse sich abspielten, saß Gottfried Nordhäuser , der treffliche Jüngling vom Koppenplatze, bei Dressel unter den Linden im Kreise älterer und jüngerer Herren in dem oberen kleinen hellerleuchteten Saale. Die fürstlich gedeckte Tafel bog sich unter der Last der auserlesensten Genüsse. Da gab es Kaviar mit frischer Rennthierbutter und geröstetem Brot, von jeder Semmel nur die oberste Schnitte; da gab es Masthasen aus dem Teutoburger Walde mit Schmorbananen – Goldfische grün – Biberschwanz mit Kibitzrührei – Trüffeln mit seidenen Tüchern. Dann kamen noch Gänsegrieben mit Palmenkohl Gottfried Nordhäuser aß schon als Kind, wie seine Mutter bestätigte, Gänsegrieben für sein Leben gern. Dieser Charakterzug darf in der Schilderung dieses edlen Menschen nicht fehlen. – Leipziger Schnepfen – Mohrenköpfe mit Schlagsahne und andere Nouveaut é 's der Saison. Die Weine waren nicht minder erlesen, wie die Schüsseln aus dem feinsten, von G. Hasch é in der Krausenstraße bezogenen, reich dekorirten Porzellan . Der Tischwein kostete 12 Mark die Flasche, bei den höchsten Sorten machte Rudolf Dressel Rasch den Preis, um allen Anforderungen auf das Beste zu entsprechen. Deshalb waren auch sämmtliche Theilnehmer des mehr als lukullischen Mahles in jeder Beziehung zufrieden und nicht nur des köstlichen Rebensaftes, sondern auch des Lobes voll. Wer war diese Gesellschaft? wird der geneigte Leser fragen und er ist durch das Abonnement auf dieses Werk auch dazu berechtigt. Woher kamen die Summen , die hier zur Beköstigung der Herren dienten? Hatte die Gesellschaft eingebrochen? Spielte sie in einer verbotenen Lotterie und war zufällig herausgekommen? Besaß sie ein Grundstück, worauf später eine Markthalle erbaut werden mußte? Nein . . . . Nichts von allem diesen . . . . wie wäre sonst wohl Gottfried Nordhäuser unter ihnen? – Gottfried beschritt nur den Pfad der strengen Rechtlichkeit . Schon als Knabe that er nie Sträfliches. Sein Abgangszeugniß der XXXIX. Gemeindeschule lautete: »Geographie und Rechnen schwach, Betragen und Singen gut.« Um die Neugierde des geschätzten Lesers und der noch höher geschätzten Leserin nicht auf die Folter zu spannen, theilen wir die bei der Fasanenleberpastete gehaltene Rede des Vorsitzenden mit, wozu sie moussirenden Portwein tranken, der in Bechern aus Vanilleeis gereicht wurde.                         »Meine Herren! Wir sind hier versammelt, um einen Freudentag der westöstlichen Afrikagesellschaft zu begehen . (Bravo!) Sie alle kennen unsere Bestreben als Mitglieder dieser Gesellschaft, deren Zweck ist (Hört! Hört!) unfruchtbare Gegenden jenes Kulturlandes der Zukunft mit deutschem Gelde, deutscher Arbeit, deutschem Menschenmaterial einträglich zu machen, dem Handel zu gewinnen, der Civilisation zu erschließen (Bravo! Bravo!!) und dann zu sehen, welche Nation den Nutzen daraus zieht . (Sehr richtig!) Denn, meine Herren, die Mittel, die nöthig sind, unseren Besitz zu erhalten und zu vertheidigen, die kommen uns zu theuer. Unsere Parole ist die Sparsamkeit. Wir wollen von Afrika ja auch nur das, was die Großmuth Anderer nicht gebrauchen kann. (Bravo!) Unsere zweite Parole ist: Bescheidenheit (Tobendes Bravo!) und ihr entsprechend haben wir den passendsten Direktor unseres Westostafrikanischen Besitzes in dem bescheidensten Manne des 19. Jahrhunderts, in Herrn Gottfried Nordhäuser gewonnen. (Großer Jubel. Herr Beiulf von Brägenlos , fünfter Vorsitzender der Gesellschaft, trinkt mit Nordhäuser Brüderschaft.) Meine Herren, Herr Nordhäuser versteht nichts, gar nichts von Kolonieen und Kolonialpolitik, und deshalb ist er unser Mann. (Jubel.) Und seine Militärpapiere sind tadellos. (Größter Jubel.) Er wird den Wilden schon die Griffe beibringen und das Durchdrücken der Kniee. Dies sind die ersten Stufen auf der Leiter der Zivilisation. Und immer Hurrah! Hurrah!« Das Bravorufen übertönt die schwungvolle Rede und wird so tumultuarisch, daß Dressel erscheint und fragt, ob die Herren nicht lieber trinken wollten. Deshalb kommt der Präsident nicht dazu, zu sagen, daß Nordhäuser der Gesellschaft einen Bond der Northern-Pacific-Bahn vierter Emission zu freier Verfügung gestellt habe, der noch nicht alle sei. Er beschloß jedoch den Rest zum Besten der Kolonie zu verwenden und machte den Vorschlag, den Wintergarten zu besuchen, wo eine Minstrel-Truppe aufträte, durch deren Studium Herr Direktor Nordhäuser sich mit den Sitten und Gebräuchen seiner zukünftigen Unterthanen vertraut machen könne. Alle stimmten begeistert ein, selbst Nordhäuser , der sich stets gern belehrte, wie und wo er nur konnte. Als sie aus dem Dressel'schen Restaurant hinaus auf die Linden traten, kam ein Fahrrad-Dienstmann in fliegender Eile, so daß er kaum sein Stahlroß zu zügeln vermochte. »Einen Brief an Herrn Nordhäuser ,« rief er heiser. Nordhäuser nahm das Schreiben, erbrach das Siegel, las und erbleichte. »Morgen um 11 Uhr in der Poliklinik des Dr.  E. Miller oder wir sind alle verloren Emma« stand darin. Der Brief war von Emma , aber es war nicht ihre Handschrift. Mit schwerem Herzen folgte Gottfried der Westöstlichen Afrikagesellschaft in den Wintergarten. Wer hatte den Brief geschrieben? Welche Gefahren drohten? Furchtbar verschlungen sind selbst die einfachsten Pfade des Erdenwallens.   Neuntes Kapitel. Die schöne Spreewälderin. Um die bürgerliche Mittagszeit konnte man seit einigen Wochen in der Wilhelmstraße ein selten anziehendes Bild des Berliner Lebens beobachten. Mit dem Schlage zwölf öffnete sich eine Seitenthür des auswärtigen Amtes und heraus trat, einen Kinderwagen vor sich herschiebend, in der kleidsamen Tracht einer Spreewälderin eine Amme von solcher Schönheit, daß selbst bejahrtere Geheimräthe stehen blieben und ihr nachsahen, wie sie die zierlichen Füße in den schwarzen Schuhen und die von weißesten Strümpfen prall umschlossenen Formen in anmuthigste Bewegung setzte. Sie aber blickte schüchtern, wie in sittsamster Trauer hinab auf den Kinderwagen, auf den Weg, den sie zu schreiten hatte. Doch die Schönheit hat zu viele Feinde und in der Welt erhebt die Niedertracht ungestraft ihr verleumderisches Haupt; sie ging sogar so weit, zu fragen, wem die Amme im auswärtigen Amte gehöre? Als ob das auswärtige Amt nöthig hätte, Fragen zu beantworten!?! Unsere Leser werden längst errathen haben, daß die schöne Spreewälderin keine Andere ist als Emma . Und nur sie allein wußte, daß sie furchtbaren Plänen diente, was der Kriminalpolizei verborgen blieb . Sie hatte Kenntniß von den heimtückischen Umtrieben, die sie in dem unschuldigen Kinderwagen unter den Augen des Gesetzes vermitteln mußte, weil sie geschworen hatte. Es war ein Meisterstreich der Jesuiten, Emma als Amme in das auswärtige Amt zu schmuggeln, denn wer konnte etwas Verdächtiges darin finden, wenn die schöne Spreewälderin, anstatt auf dem Wilhelmplatz zu halten, den Kinderwagen nach der irländischen Gesandtschaft lenkte, von da zum Botschafter von Bornholm oder zum Genuesischen Gesandten und schließlich wieder zum Konsul von Manchester? Und doch klopfte Emma das Herz, so oft sie die in Windeln gewickelten Dokumente durch die Straßen fuhr. »O,« rief sie voll Schmerz. »Hätte mein liebes Mütterlein mich doch nicht lesen gelehrt, dann wäre ich jetzt nicht in die schrecklichen Geheimnisse eingeweiht, die als schaudervolles Verbrechen enden werden. Dann spänne ich die Fäden der politischen Intriguen unwissend und mich träfe später nicht der Fluch der Verzweifelten. « Unwissenheit ist so gut wie Unschuld; oft noch besser! Deshalb war Emma so gramvoll, wenn sie zum abessynischen Minister fuhr oder zum Botschafter von Südamerika, deren jüngere Legationsräthe ihr oft, aber vergebens in die Wange zu kneifen versuchten. Sie sprach dann mit der Unnahbarkeit einer Dame von Stande nur das eine Wort: »Meine Herren, werden Sie nicht aggressiv,« worauf die Attach é 's vor diesem Lichtblitz unerwarteter Bildung aus dem Munde einer Magd beschämt den Kürzeren zogen. So bestätigte sich hier die alte Wahrheit unseres Jahrhunderts: Bildung ist der höchste Trumpf im Spiele des Lebens! Und doch zitterte Emma . Wenn einer der schäkernden Employ é 's statt in ihre Wangen in den Kinderwagen griff, war das Geheimniß entdeckt . Deshalb sann sie Tag und Nacht, selbst während des Essens, darauf, sich aus den eisernen Klauen der Jesuiten zu befreien und zwar um so mehr, da sie erst kürzlich mit genauer Noth der Gefahr entronnen war, als sie um 12½ Uhr bei dem Nuntius von Ponte-Resina in der Luisenstraße sein mußte und die Wilhelmstraße einer Absperrung von Schutzleuten unterlag, weil eine Kompagnie Kürassiere vom Alexanderplatz herauf zu reiten im Begriff stand. »Lassen Sie mich durch, gnädigster Herr Schutzmann,« flehte Emma und begleitete ihre Bitte mit den seelenvollsten ihr zu Gebote stehenden Blicken. Der Schutzmann blieb seiner Instruktion gemäß unerweicht. – »Es ist ja noch kein Helm zu sehen,« wandte sie ein. – »Zurück!!« – »Ich muß durch,« rief Emma mit aufbäumendem Gräfinnenstolz. – »Glauben Sie, wir dulden, daß das königlich preußische Militär von Kinderwagen überfahren wird?« rief der Schutzmann und riß mit rauher Hand die seidenen Vorhänge des Wägelchens auf. Er blickte hinein, stieß einen gellenden Schrei aus, fiel jählings auf den Asphalt und lag da wie eine Leiche. Man hob ihn auf und trug ihn in die nächste Destille, wo ihm die Schläfen mit Pommeranzen und Grünbittern so lange eingerieben wurden, bis er zu sich kam und mit schwacher Stimme ein Glas Wasser verlangte. Emma benutzte die allgemeine Verwirrung, um über den Pariser Platz zu kommen. Eine halbe Stunde später sprengten die glitzernden Reiter die Linden herauf und als sie durch das Brandenburger Thor waren, zerstreute sich das Publikum, das bis dahin musterhaft auf dem Bürgersteige stand, von dem es nicht um eine Nasenlänge abwich, um sich in der abgesperrten scharfen Zugluft keine Verschnupfung zu holen. Emma aber hatte bereits den Plan zu ihrer Befreiung gefaßt.   Zehntes Kapitel. Der Graf in der Poliklinik. In Dr. E. Millers Poliklinik war so viel zu thun, daß er für die einfacheren chirurgischen Operationen, wie Arm- und Bein-Abnehmen sich einer mit Dampf betriebenen Bandsäge bediente, die dreihundertundfunfzig Umdrehungen in der Minute machte. Eine von einem geprüften Feuerwehrmann geleitete Dampfspritze lieferte das dazu erforderliche Karbolwasser; das Jodoform wurde, um es billiger zu haben, sackweis bezogen, denn der Doktor theilte seine ärztliche Kunst umsonst aus. Da mußte er auf den Groschen sehen, um es zu etwas zu bringen. Seitdem Emma verschwunden war, stand der Graf Szmoltopski dem sozialen Nichts gegenüber; er hatte nicht einmal so viel Geld, sich einen neuen Unterkiefer machen zu lassen. In seiner Verzweiflung wandet er sich an Dr.  E. Miller , der auch sofort Ja sagte, wenn der Graf Jemand stellen könnte, der soviel lebende Haut hergäbe, als zum Ueberziehen des Kiefers erforderlich sei, dessen Knochentheile der Doktor aus Celluloid herzustellen gedachte. Wer aber giebt heute seine Haut her, wenn sie ihm nicht mit Gewalt abgezogen wird? Wer? Szmoltopski sann. Wo waren seine Freunde aus der Zeit, als er noch vierspännig fuhr? – Durchgebrannt wie die Pferde. Aber einer war; einer. Der würde es ihr zu Gefallen thun, ihr, der bildschönen Emma , der er seine keusche Neigung gewidmet hatte. Dieser eine war Gottfried Nordhäuser . Deshalb schrieb der Graf den Brief, den wir kennen, er schrieb ihn im Namen Emma's. Rechtlichdenkende würden hierin eine Fälschung erblickt haben, der Graf aber nicht, denn seine Absichten waren edel, wie die eines Hofpredigers a. D., vielleicht noch edler, denn er wollte nicht das gänzliche Verderben eines Menschen, sondern nur sein Fell. – Pünktlich wie immer erschien Gottfried und mit Freudenzähren willigte er ein. Konnte er doch so durch des Grafen Mund Emma'n seine stille Huldigung darbringen. Dr.  E. Miller hatte mit geschickter Hand einen Kiefer gearbeitet, der zum Gebrauch fast zu schön war. Er ging mit dem Grafen und Nordhäuser, nur von einem neu angestellten Heilgehülfen Namens Perleberg , der sich durch Gewandtheit auszeichnete, begleitet, in seinen Privatschneidesaal , der ganz aus Glas, vollkommen bazillenfrei war, so daß er hierin die kühnsten Operationen vornehmen konnte. Der Graf wurde auf den verstellbaren Glastisch gebettet. Nordhäuser mußte auf einem gläsernen Armstuhl Platz nehmen. Perleberg seifte ein. Dr.  E. Miller verwendet kein Chloroform, sondern schläferte die Patienten nach der sogenannten musiko-hypnotischen Methode Broschüren und Atteste sind gegen Einsendung von 1 Mark – auch in fremden Postwerthzeichen – vom Erfinder zu beziehen. ein. Bei schweren Fällen bedient er sich einer besonders gestimmten Ziehharmonika, bei leichteren genügt seine liebliche Stimme allein. Er singt dem Kranken eine oder zwei Arien aus der Oper »Ivanhoe« vor und sie liegen in gefühllosem Schlafe. Nordhäuser schnarchte aus Pflicht schon nach einer halben Arie; der Graf gebrauchte mehr, weil er schon zu viel durchgefallene Musik gewohnt war. Als er schlief, fügte der Doktor ihm den künstlichen Kiefer ein. Er saß wie angegossen. Dann schnitt er Nordhäuser'n einen großen, halbmondförmigen Hautlappen von der treuen Brust und überzog damit den Kiefer des Grafen. In kaum zehn Minuten war dies Alles geschehen. Nordhäuser wurde entlassen, der Graf mußte bis zur vollkommenen Anheilung in der Poliklinik verbleiben. Nach drei Wochen konnte er sprechen, kauen, pfeifen und . . . . küssen. Aber, ach, Emma fehlte ihm. Nur ungern schied der Graf, er hatte den Dr.  E. Miller schätzen und achten gelernt. Als er ging, sagte der Doktor wissenschaftlich vorbeugend: »Lieber Herr Graf, einen Rath gebe ich Ihnen mit auf den Weg. Rauchen Sie nur lange Pfeifen, nie Cigaretten, keinesfalls aber Cigarrenstummel. Bedenken Sie, Ihr Kiefer ist aus Celluloid. Kommt Feuer daran – – – nur ein Funke – – – explodieren Sie.« Der Graf hätte Perleberg'en liebend gern ein Trinkgeld gegeben, wenn er des Baaren nicht so gänzlich bar gewesen wäre. »Wir nehmen hier nichts,« wehrte Perleberg ab, als der Graf umsonst in seinen Taschen suchte, »im Gegentheil, wir gegen noch zu. Darf ich Ihnen diese Cigarren verehren, sie brennen schlecht und sind deshalb ungefährlich für Sie!« Als der Graf dankerfüllt ging, blickte Perleberg ihm schadenfroh nach. »Ha, ha,« rief er, »Du glaubst uns Emma wieder zu entreißen mit Deiner neuen Larve? O, Du Thor! Rauche nur, rauche. In jeder Cigarre ist eine geheime Zündschnur verborgen. Emma gehört uns!« Kein Anderer war Perleberg als . . . der Eremit.   Elftes Kapitel. Das Haus in der Klosterstraße. Fräulein Amelie Schwudicke lebte seit undenklicher Zeit ihr Geld. Man sagte mit Recht von ihr, daß sie welches hätte, denn ihr Vater der Bäckermeister C. F. A. Schwudicke hinterließ ihr drei Häuser, sieben Grundstücke und vier gestrichene ostpreußische Scheffel Goldes. Nun war sie alt und leidend und mit sich im Streit, ob sie ihr kolossales Vermögen ihrem männlich schönen, aber leichtsinnigen Neffen Fritz , dem Kavallerieoffizier, vermachen oder es für ihr Seelenheil verwenden sollte. Fritz konnte es gebrauchen. Soll auch wiederholt die Ansicht des Regimentskommandeurs gewesen sein. Als die Tante noch gesünder war, ging Fritz oft mit ihr in die Kirche und las ihr Abends aus der Hauspostille vor bis zu dem Abschnitt, wo die Tante einen blauen Schein als Mitnehmelesezeichen eingelegt hatte. Nie jedoch gab Fritz ihr Rechenschaft über den Verbrauch des Geldes. Auch wir können es nicht, unsere Feder folgt nicht den schlüpfrigen Pfaden , die der hübsche Fritz ging, dessen Erfolge bei den Frauen sprichwörtlich waren. Wie überrascht mußte Fritz sein, als er eines Tages eine barmherzige Schwester neben dem Krankenlager der Tante fand, aus der Hundertmarkscheinpostille lesend. Und er brauchte gerade Geld. Er wollte fluchen. Der Fluch erstarb auf seinen Lippen . . . . eine so verlockend schöne Barmherzige hatte er noch nie gesehen. Was waren alle blauen Scheine gegen diese weiblichen Reize? Wie mußten sie strahlen ohne die entstellende Tracht. Fritz war hingerissen. Er gab sich sein Wort, hier als waghalsiger Reiter zu siegen. Aber er hatte sich verrechnet. Schwester Susanne war ebenso kühl wie schön. Sie reichte ihm nichts als die Hand, und auch die war kalt. Fritzens Leidenschaft wuchs von Tage zu Tage. Wo er ging, wo er stand, seufzte er: »O Susanne,« und von brennenden Gefühlen gespornt, beschloß er einen Gewaltstreich. Er wußte, daß Susanne , nachdem die Tante durch die ihr von dem Arzte verordneten hundert Gramm Chloral in zehnstündigen Schlaf versenkt war, sich in ihr, im zweiten Stock gelegenes Schlafgemach begab. Hierauf baute er seinen Plan, den wir in keiner Weise billigen können . Der Schlaf der Unschuld soll heilig sein; selbst einem Kavalleristen! – Es regnete – der Sturm heulte. Aus Susanna's Fenster schimmerte Licht. Eine vermummte Gestalt näherte sich dem in der Klosterstraße gelegenen Hause des Fräuleins Amelie Schwudicke . Die Gestalt öffnete leise die Hausthür und verschwand. Aber nicht unbeobachtet! Hinter dem gegenüberstehenden Laternenpfahl verbarg sich eine zweite vermummte Gestalt, die mit glühenden Augen den eben geschilderten Vorgang verfolgte. Sie trat hervor und ließ einen leisen aber vernehmlichen Pfiff hören. Aus dem Schatten der nächstgelegenen Hauseinfahrt trat mit unhörbaren Schritten eine dritte vermummte Gestalt hervor. »Do!« flüsterte sie. »Mino!« antwortete die erste. Das war das geheime Paßwort. »Wer ging in das Haus?« »Ich weiß es nicht.« »Du solltest es wissen. Da Du es aber nicht weißt, gehst Du nach Rom, meldest Dich beim Profoß und büßest mit Geißelung und finsterem Kerker. Geh.« – Susanne hörte Pochen an ihrer Thor. Ihr Herz erbebte. Die Stunde der Befreiung schlug . . . ihr Plan sollte in Erfüllung gehen. Der Augenblick der Rache war gekommen!   Zwölftes Kapitel. Der Untergang der Tyrannen. Die westafrikanische Abendsonne leuchtete in friedlichen Strahlen auf den Marktplatz der freundlichen Haupt- und Residenzstadt Assessoria , aber was sie beleuchtete war kein Anblick für zartbesaitete Gemüther. In einem Halbkreise standen schwarze Männer unter der Leitung ihres ausgezeichneten Chordirektors Herrn Gisbert Bemoll und sangen den Prügelchor aus den »Meistersingern« ins Usambarische übertragen. Vor diesem Halbkreise knieten ihre theils jüngeren, theils älteren Frauen, dem Ballet des Assessorischen Nationaltheaters angehörig, mit gefesselten Händen und Füßen. Bekleidet waren sie nicht einmal mit dem Wenigen, was die Kunst den Tänzerinnen gestattet. Auf einem Palmenthrone, umgeben von kostbaren Elephantenzähnen, Goldstaub und Jagdtrophäen, saßen die Referendare Robert Wohlauf als erster und Franz Wohlab als zweiter Machtinhaber des Landes. Sie saßen zu Gericht. Am Abend vorher war in dem Ballet »Soldataria« nicht tadellos getanzt worden. Bei dem Schlußmarsch-Ensemble hatten die Weiber nicht genau Richtung gehalten. Wamwama und Wumwumi , die beiden Koryphäen, waren statt mit dem rechten, mit dem linken Fuß angetreten. In der ersten Reihe waren einige Gamaschen nicht vorschriftsmäßig geknöpft. Das heischte Sühne. Wo blieb das Ansehen der Regierung bei solchen schwerwiegenden Ungesetzlichkeiten? »Die Weiber sind faul,« sagte Wohlauf . »Sie müssen gehauen werden,« sagte Wohlab . »Nur die Alten,« sprach Wohlauf . »Die Jüngeren werden der liebevollen Ermahnung zugänglich sein. Man schaffe mir Wamwama und ein Dutzend der Eleven in meine Privatgemächer, daß ich ihnen die Gesindeordnung vorlese.« »Mir Wumwumi und dito ein halbes Dutzend Eleven,« sagte Wohlab . Herzzerreißend schrieen die Koryphäen und die kaum dem Kindesalter entwachsenen Eleven, als die Kawassen diesen Befehlen nachkamen, denn sie fürchteten sich. Noch furchtbarer heulten die schwarzen Balleteusen der letzten Reihen, als die entmenschten Henker sie mit Nilpferdpeitschen schrecklich zurichteten. Die Papageien des nahen Urwaldes stimmten mit lautem Kreischen in das Geschrei ein, und die Brüllaffen stießen weit schallende, gräßliche Klagetöne aus. Ein alter Affe verlor über dieses nie erlebte Schauspiel den Verstand und fiel aus dem Nest, wobei er das Genick brach. Selbst die Natur empörte sich, die Referendare aber blieben unerweicht. Man fragt sich, hatten sie regieren gelernt? Dieses freilich nicht. Aber sie waren Juristen und die können Alles. Da nahte sich ein Zug Verschleierter mit dumpfem Gesange und trübeflackernden Fackeln der bereits bluttriefenden Richtstätte. »Gnade,« sangen sie, »Gnade, Robert u. s. w.« Die Anführerin des Zuges trat vor. »Wohin schleppt Ihr Jene?« fragte sie und deutete auf die jammernden Elevinnen, auf Wamwama und Wumwumi , die händeringend zu ihren Göttern flehten. »Gebt sie frei,« rief sie. »Strafe muß sein,« antworteten die Referendare. »Laßt sie frei, wir bieten Euch Ersatz, wenn das Gesetz durchaus seinen Lauf haben muß.« »Welchen Ersatz? Wo ist er?« »Wir selbst,« rief sie mit lauter Stimme. »Entschleiert Euch,« befahl Wohlauf . Die Schleier fielen. Es waren Diakonissinnen, voller Opfermuth und beseelt von Nächstenliebe; wenn auch alt an Jahren, so doch jung im Kampfe für das Gute. »Hinweg!« brüllte Wohlab . »Kawassen, thut Eure Pflicht.« »Ihr wollt nicht?« rief die Priorin. »Wohlan, Wohlauf und Wohlab , so habt Ihr euch selbst gerichtet. Mit der nächsten Post gehen die Akten Eurer Schändlichkeiten nach Europa . Ihr verschmäht unser Opfer zur Errettung der Unglücklichen . . . Ihr werdet es büßen. Dies schwöre ich Euch bei meinen sechzig Jahren.« In überschäumender Heiterkeit lachten die Referendare. »Euch plagt der Neid,« höhnten sie. »Ihr wollt herrschen und das gelingt Euch nicht.« Plötzlich vernahm man von rechts Trommeln und Zinken und einen allmälig anschwellenden Chor. Nach und nach verstand man die Worte: »Nordhäuser kommt, Nordhäuser kommt, Nordhäuser ist schon da!« Ja, er war da: in silberstrahlender Rüstung mit dem blinkenden Richtschwert der Toleranz in der Hand, begleitet von den Getreuen . . . . unser Nordhäuser . Jubelnd fielen ihm die Westostafrikaner zu Füßen und riefen ihn zum Gebieter des Landes aus. Wohlauf und Wohlab wurden umzingelt. Die Menge wollte sie lynchen. »Halt,« rief Nordhäuser. »Greift nicht der Gerechtigkeit vor. Bringt sie auf das Schiff. Ihrer wartet die Strafkammer! « Alle waren tief erschüttert. Die Sonne ergoß scheidend ihre Purpurstrahlen über das farbenprächtige Bild der Liebe und Milde . Feierlich erklang jetzt die Schlußhymne. Kein Auge blieb trocken. Die Eleven und Koryphäen schlangen den Siegesreigen, dem sich die Diakonissinnen anschlossen. Nur Einer stand links, finster und drohend, und murmelte giftig: » Damned .« – Es war Dr. Jameson . Nordhäuser ahnte nicht, welches Unheil dieser Feind ihm noch bringen würde. Er wußte nichts von den angesponnenen Intriguen. Emma kannte sie, durfte sie aber nicht verrathen. Ein schrecklicher Eid schloß ihren schönen Mund. Blutig ging die Sonne unter. Was wollte sie damit sagen? Anmerkung: Der Leser ersieht allmälig, wie die Zeitereignisse immer gewaltiger in den Roman eingreifen und sich ein Kulturgemälde entwickelt, das von den schärfsten X -Strahlen richtig erleuchtet, in den folgenden Lieferungen Niedagewesenes enthüllen wird.   Dreizehntes Kapitel. Die Erbschleicher. Wir müssen die Ereignisse nachholen, die sich inzwischen im Hause der Klosterstraße begaben. »Herein,« rief Susanne . Der Vermummte trat ein. Wie gebannt blieb er stehen. War es Wirklichkeit oder ein Traum, was er erblickte? Auf einem mit schwarzem Sammt überdeckten Lager von daunenweichen Kissen lag eine Gestalt hingegossen, so athemberaubend schön, daß selbst die Uhr stand. Ein mattgrauer Stoff verhüllte in schmiegsamen Falten die formenreinen Glieder, deren Umrisse sich eine Venus nicht hätte zu schämen brauchen. Nur der rechte bloße Fuß hob sich in bildhauerischem Ebenmaße und vollendeter Zierlichkeit marzipanweiß von dem tiefen Schwarz des Sammets ab. Den engelsschönen Kopf stützte die feingeformte rechte Hand, die in einen sanft gerundeten Arm überging. Eine Prachtfülle goldblonden Lockenhaares fiel über die Hand und den Arm auf den seerosenweißen Busen, der wie athmender Marmor sich hob und senkte. Die thränenfeuchten, seelenvollen Augen dieser berückenden Schönheit richteten sich in Inbrunst auf das Zeichen der Vergänglichkeit, auf einen weißgebleichten Todtenschädel, in dessen leeren Augenhöhlen der Todtenwurm hauste. War dies Alles nur ein Bild oder war es die büßende Magdalene selbst? So fragte sich auch der Vermummte, der wie an den unter der Verkleidung hervorstehenden Sporen ersichtlich, kein Anderer war als Fritz, Amelie Schwudicke's leichtsinniger Neffe. »O Susanne!« rief er. »Ha!« fuhr Susanne auf. »Weiche! Du bist der Rechte nicht! « »Ja, ich bin es,« entgegnete er. »Ich liebe Dich mit aller Gluth eines Kavallerieoffiziers; ich werde Dich glücklich machen und sei es am Traualtare.« »Verwegener!« erwiderte Susanne . »Erblicke hier den Todtenschädel, den ich stets als Amulet mit mir führe, dessen bluterstarrender Anblick mich schon einmal aus der von einem Schutzmann drohenden Gefahr errettete. Beachte wohl die Plomben aus echtem kalifornischem Golde in den beiden Vorderzähnen, daran erkennst Du den Unterkiefer meines Gatten . Ich bin nicht frei.« (Die frivole Antwort Fritzen's können wir hier nicht wiederholen, sondern nur darauf hinweisen, daß er eifriger Stammgast des Residenztheaters war.) Susanne blickte ihn traurig an. »Mißgeleiteter Krieger,« sprach sie, »obgleich Du der Meinung bist, die Ehe sei nur da, daß sie zerstört werde, so will ich Dir doch verzeihen und zwar aus Rache.« »Ich will Deine Liebe.« »Unbesonnener, noch einen Schritt und Deine ganze Zukunft ist vernichtet . Willst Du die Millionen Deiner Tante für ewig verlieren, so rühre mich an.« Fritz lächelte ungläubig. »Verbünde Dich mit mir zur Rache, edler Held,« sprach Susanne . »Man hat mich von meinem Gatten getrennt, man hat mich zur Amme erniedrigt, jetzt bin ich barmherzige Schwester und dies Alles nur, um . . . .« Susanne schwieg plötzlich. »Horch,« flüsterte sie, »hörst Du nicht schlurfende Schritte auf dem Gange?« Fritz nickte zustimmend, nachdem er eine Weile gelauscht hatte. »Sie sind es,« sprach Susanne mit leisem Grauen, »allnächtlich in der Stille vernehme ich sie. Und weißt Du, wer sie sind?« »Nein,« sagte Fritz , dem sich die Haare gesträubt hätten, wären sie nicht zu kurz geschnitten gewesen. »Sie stellen Deinem Vermögen nach, dem Gelde und dem Testamente der Tante . . . es sind Erbschleicher. « »Täuschst Du dich nicht?« sagte Fritz . »Thor,« erwiderte Susanne . »Die Thatsachen werden Dir die Wahrheit meiner Worte beweisen.« Später wurden im Hause in der Klosterstraße wirklich mehrere Paar Filzpariser gefunden, die nach der Aussage eines gewiegten Kriminalisten keinem anderen Zwecke gedient haben können. Fritz konnte nicht länger zweifeln. Susannens Seelengröße hatte sein besseres Selbst in ihm erweckt. Sie, die er durch Sinnenlust, wenn auch nicht in böser Absicht, zu verderben gedachte, rettete sein Vermögen und damit seine ganze Karriere. Ueberwältigt von so viel Edelmuth, fiel er Susanne um den weißen Schwanenhals und weinte heiße Reuethränen, die herrlicher auf dem keuschen Alabasterbusen Susannens erglänzten, als ein echter Perlenschmuck bis zu fünftausend Mark vermocht hätte. Es war ein nicht mit Worten zu beschreibender Weiheaugenblick, dieser Sieg der Tugend , den jedoch ein leises seltsames Klopfen auf die Thürklinke jäh unterbrach. Wonnestunden sind oft, wie so manches Irdische, zu kurz. »Das ist das Zeichen,« raunte Susanne . »Verbirg Dich in der Nebenkammer und wenn ich rufe, eile zur Hilfe herbei.« Fritz verschwand hinter der Tapetenwand. Kaum hatte Susanne ihre Stellung als büßende Magdalene wieder eingenommen, als der Jesuit eintrat. »Wozu diese Schaustellung?« fragte er strenge. »In das Sinnbild des Grabes versunken, fliehe ich die Versuchungen der Welt.« »Wir spielen selbst Komödie,« entgegnete er spöttisch. »Warum ließest Du mich rufen? Was ist Dein Begehr?« »Gieb mir meine Freiheit wieder, löse meinen Eid.« »Unmöglich. Dem Orden sind Deine Dienste unentbehrlich. Hast Du diese geleistet, bist Du frei.« »Was soll ich thun?« » Amelie Schwudicke so lange mit der Hölle, dem Fegfeuer und der ewigen Verdammniß graulen, bis sie uns Hab und Gut vermacht.« »Was wollt Ihr mit Geld und Gold, da Ihr doch das Gelübde der Armuth abgelegt habt?« »Eben weil der Arme Geld gebraucht,« antwortete er spitzfindig. Susanne warf sich ihm zu Füßen. Das graue Gewand sank von ihren rosigen Schultern , ihre Lilienarme erhoben sich bittend: »Gieb mir meinen Gatten wieder.« »Seine Explosion ist nur eine Frage der Zeit.« Susanne seufzte. Das graue Gewand glitt weiter herab, aber im höchsten Grade decent. »Laß den Gespielen meiner Jugend, laß Nordhäuser nicht länger im Kerker schmachten.« » Nordhäuser ist bereits in Afrika. Was Du in jenem unterirdischen Gemache sahest, war seine Nachbildung in Wachs.« »Teufel,« wollte Susanne rufen, aber sie bezwang sich, um ihr Spiel nicht zu verlieren. Sie lächelte. Wer konnte diesem Lächeln widerstehen? Der Jesuit war in den besten Jahren. Susanne lächelte noch bezaubernder. Es war um ihn geschehen. Mit wildem Feuer preßte er die schöne Büßerin an sich. Plötzlich erfüllte eine blitzartige Helle das Zimmer. »Was war das?« rief er. »Soeben bist Du photographirt. Das Bild sende ich an den Ordensgeneral als Beweis, daß Du das Gelübde der Keuschheit zu brechen bereit warst, und ich bin wieder was ich war: Emma, Gräfin Szmoltopska .« »Als Du im Grunewald in der verfallenen Kapelle dem Grafen die Hand reichtest, traute Dich kein rechter Priester, sondern eine Kreatur im priesterlichen Ornate. Deine Ehe ist nichtig . Du bist, was Du warst: Emma Siebenklietsch .« » Szmoltopski ist mein Gatte durch meine Treue ,« rief Emma groß und erhaben. »Du aber, Sklave, besiegt durch meine Schönheit , Du hast Dein Gelübde gebrochen. Dich erwartet das Urtheil Deiner Oberen. « »Alles, was zum Nutzen des Ordens geschieht, wird vergeben. Verbrechen verwandeln sich in Verdienst. Warum bist Du so sündhaft schön? Du mußt die Meine werden.« Er drang auf sie ein. Wie eine Verzweifelte wehrte sich Emma . Schon erlahmten ihre Kräfte. »Hilfe!« schrie sie, »Hilfe!« Mit einem gewaltigen Tritt sprengte Leutnant Fritz die Tapetenthür. Wie der Kriegsgott selbst stand er da, den Schnurrbart schneidig aufgerichtet, mit funkelnden Augen, in jeder Hand einen sechsfach geladenen Revolver aus der mit Recht berühmten Waffenfabrik von Loewe \& Co. Preisgekrönt, mehrfache Medaillen und Auszeichnungen. und zielte scharf auf den zurücktaumelnden Jesuiten. »Ha!« rief Leutnant Fritz in wildem Spotte. »Nennst Du, Elender, solches Betragen gegen eine Wehrlose Heiligung des Sonntags?« Das Antlitz des Jesuiten verzerrte sich zu einer schrecklichen Fratze. – Denn er konnte nicht leugnen; es war Sonntag! »Dies nenne ich Sabbathschändung, « fuhr Fritz mit tödtlichem Hohne fort. Der Hohn wird tödtlich , sobald er wahr ist. Der Jesuit rüstete sich wie ein Jaguar zum Sprunge. Dem Leutnant an die Kehle fliegen, ihn erdrosseln und würgen , bis die schönen blauen Augen wie rothe Radieser aus ihren Höhlen quollen, ihn mit den gelben Knochenfingern ermorden , das war seine Absicht. »Rühre Dich nicht, oder ich schieße Zentrum, « rief Fritz , der selbst in dieser Situation so kaltblütig blieb, daß er einen für den Reichstag brauchbaren Witz machen konnte. Emma aber brach mit einem Wehschrei zusammen. Diesen Augenblick benutzte der Jesuit, auf Fritz loszuspringen, sein gräßliches Vorhaben auszuführen. Aber er kam nicht weit. Krach! Krach!! Krach!!! Von drei Kugeln durchbohrt, wälzte das Scheusal sich in seinem Blute. »Rache,« röchelte er. »Rache. Ich – habe – Hintermänner! – Rache!« Mit diesen Worten hauchte er seine schwarze Seele aus. Die Lichter brannten düster. Der Todtenschädel grinste. Tiefe Stille war eingetreten. Emma kam langsam wieder zu sich. Sie erhob sich, richtete sich bleich empor, blickte Fritz mit dem Ausdrucke jammervollsten Entsetzens an und fragte dumpf: »Was hast Du gethan?« »Die Welt von einem Ungeheuer befreit und Dich gerettet,« antwortete dieser frei und offen. »Aber Du bist verloren,« rief Emma, »und ich bin mit Dir dem Untergange geweiht. Wehe uns!« »Ich fürchte mich nicht!« »Weil Du die furchtbare Macht nicht kennst, deren Zorn Du auf Dich geladen hast. Ich aber, die ich, durch schauerliche Eide gezwungen, in ihrem Dienste stehe, ich kenne ihre Gewalt, die sie durch List und Ränke zu schaudervoller Geltung bringen.« »Mich schützt der Staat!« rief Fritz groß. »Im Gegentheil; er muß Dich verfolgen! « jammerte Emma . »Wie kann der Staat die Jesuiten wieder einführen, wenn Du sie todtschießest? Mit Deinem Avancement ist es aus. Du hast Dich an einer gleichberechtigten Partei vergriffen. Das wird Dir nimmer verziehen. Unglücklicher Jüngling, was hast Du gethan?« Jetzt wurde Fritz klar, daß er zu weit gegangen war. Aber warum hatte er sich ungenügend mit Politik beschäftigt? »Und mich,« fuhr Emma klagend fort, »mich werden sie in ihre Marterkammern schleppen, den blühenden Leib mit glühenden Zangen zwicken, mit eisernen Hakengeißeln die zarte Hut zerfleischen und mich –« krampfhaftes Schluchzen erstickte ihre Stimme – »zur Nonne machen. Weißt Du, was das heißt: Nonne? « »Alles, nur das nicht,« rief Fritz . »Das darf nicht geschehen. Du bist zu schön zur Nonne, zu schön!« »Wir müssen fliehen,« wisperte Emma , sich in Angst und Noth an ihn schmiegend.»Nur in der Flucht ist Heil.« Und laut setzte sie hinzu: »Wie preise ich das Geschick, daß ich in die Schliche der Jesuiten eingeweiht bin. Im anstoßenden Gemache findest Du Alles, was zur Verkleidung nothwendig ist. Rasch, rasch, Fritz , jede Minute ist kostbar.« Plötzlich hielt sie inne und betrachtete ihn wehmuthsvoll. »Aber Dein Schnurrbart muß fallen; der würde Dich verrathen.« »Um keinen Preis,« rief der Leutnant. »Es muß sein. Wie aber entfernen wir ihn?« »Ich habe stets mein Taschenrasirzeug Eingetragenes Warenzeichen; Nachahmung wird verfolgt. D. R. P. M. W. G. bei mir.« »Das ist ein Wink des Himmels. Eile Dich. Fritz , eile Dich.« Während Fritz sich in das Nebengemach begab, wechselte Emma ihr Kostüm, und in kurzer Zeit verwandelte sich die hochdramatische Gestalt der büßenden Magdalena in ein anspruchsloses, einfach gekleidetes, dienendes Wesen, in eine zum Verwechseln ähnliche Magd. Emma war wieder, was sie oft gewesen . . . . das geheimnißvolle Hausmädchen. Jetzt trat der Leutnant ein. Emma stieß einen Freudenschrei aus. »Gerettet,« rief sie. »Niemand vermag Dich zu erkennen, vom Nachtwächter aufwärts bis zum Kriminal-Reporter.« So war es in der That. Wer hätte vermuthet, daß diese dralle Köchin in dem Rosakattunkleide mit weißer Schürze und niedlichem Hamburger Häubchen auf dem krausgelockten Köpfchen der Leutnant Fritz sei? – Nur wer es wußte. Und dies war Emma allein. Oder vielleicht noch Jemand? Hatte die auf dem Boden liegende blutige Leiche nicht soeben verdächtig geblinzelt? Oder war es Täuschung? Weder Fritz noch Emma hatten es bemerkt. »Du bist nun meine Schwester Friederike,« sprach Emma und gab ihm zwei Verwandtschaftsküsse auf beide Wangen, die sie nicht um eine Million mit ihren Lippen berührt hätte, wenn sie noch wie kurz vorher, mannhaft von dem Schnurrbart beschattet gewesen wären. Emma hielt Eins vor Allem hoch. Ihre Tugend. Emma löschte die Lichter und zog Friederike – so werden wir Leutnant Fritz von jetzt an nennen – an der Hand die Treppe hinunter, in das Schlafgemach der Tante Schwudicke , vor deren Bette sie niederknieten. »Gelobe mir bei dem Scheine der Nachtlampe und dem unschuldsvollen Schlummer Deiner Tante stets reinste Schwesterliebe zu widmen,« sprach Emma. »Durch dieses Gelübde allein werden die Pläne unserer Feinde zu schanden und erreichst Du ein hohes, herrliches Ziel. « »Ich gelobe es,« erwiderte Friederike . »Aber . . .« »Kein ›Aber‹! Das geringste ›Aber‹ würde mich zwingen, Dich zu verlassen. Und nun komm', wir haben eine weite, gefahrvolle Wanderung vor uns.« »Wohin?« fragte Friederike .« » Nach der Wuhlhaide . Dort sind wir geborgen.«   Vierzehntes Kapitel. Das Brillanten-Halsband. In dem vornehmsten Restaurant der Wasserthorstraße saßen spät in der Nacht zwei Herren an einem einsamen Tische. Die geleerten Flaschen zeigten deutlich, daß sie zu leben verstanden. Es waren in der That zwei Lebemänner. »Also abgemacht!« sagte der Eine, dessen Gesicht von Leidenschaften durchfurcht, einen listig lauernden Ausdruck angenommen hatte. »Nur die wahnsinnige Liebe zu dem reizenden Mädchen läßt mich auf Ihren Vorschlag eingehen,« entgegnete der Andere, dessen Wangen theils vom genossenen Wein, theils von innerem Feuer glühten. »Ach, warum ist sie so spröde und abweisend? « »Weil Sie den Weg zum Herzen nicht gefunden haben.« »Ich schrieb ihr die zärtlichsten Liebesbriefe. Aber vergebens. Selbst die schönsten Gedichte blieben ohne Wirkung.« »Gedichte ziehen nicht,« sprach der Erste. »Aber hier, dies ist der Schlüssel, der in das Paradies der Wonne führt.« Bei diesen Worten öffnete er ein Etui aus blauem Sammt, worin ein kostbares Brillanten-Halsband lag, dessen Steine wie Sterne funkelten und in allen Farben des Regenbogens glitzerten. »So weit reichen meine Mittel nicht.« »Sie sollen es nicht kaufen, sondern nur leihen. Nachdem es seinen Zweck erfüllt hat, geht es wieder in meinen Besitz zurück.« »Und was verlangen Sie für diesen . . . Freundschaftsdienst,« fragte der Heißblütige, dem trotz der Weinlaune aufdämmerte, daß ein teuflisches Komplott vorlag. »Wer wahrhaftig liebt, fragt nicht. Der Zweck heiligt die Mittel .« »Nein. Nein!« »Gut, so verzichten Sie auf den Besitz der reizenden Elliorina. Ein Anderer wird ihre Gunst erwerben. Einem Anderen werden die Rosenlippen das süße Bekenntniß entgegenstammeln: ich liebe Dich. Einen Anderen umschlingen die Eiderdaunenarme, an einen Anderen drängt sich der heißathmende Busen . . .« »Halten Sie auf! Ich willige ein.« »Ich wußte es,« sprach der Erstere zu sich selbst. Laut fügte er dann hinzu: »Unterzeichnen Sie dieses Schriftstück, eine einfache Leih-Urkunde.« »Geben Sie her,« rief der Letztere vor Aufregung zitternd, nachdem er das Dokument gelesen. »Aber die Feder schreibt nicht.« Es war eine eigens zu diesem Zwecke gefertigte Feder mit doppeltem Boden. »Der Kellner wird eine bessere besorgen. Fragen Sie ihn, bitte.« Während Jener ging, den schlafenden Kellner zu wecken, der mit verstellter Müdigkeit in einer Ecke saß, vertauschte der Zurückbleibende das Schriftstück mit einem anderen, genau ebenso aussehenden. Der Zurückkommende merkte den abgefeimten Betrug nicht, sondern unterzeichnete mit fester Hand: Stephan Graf Szmoltopski. »Auf das Wohl der reizenden Elliorina! « rief der von Leidenschaft Durchfurchte und schenkte ein. Sie stießen an und leerten die Gläser. Wer aber war Elliorina? Und welche Absichten hatte der Mann mit dem Brillanten-Halsband? Der Leser wird bald erfahren, wie haarsträubend die Abgründe menschlicher Verruchtheit sind.   Fünfzehntes Kapitel. Das tanzende Todtenbein. Im Norden der Stadt, nicht weit vom alten Viehhofe, war zur Hebung der Vororte das »Theater der Celebritäten« errichtet. Mit größter Bereitwilligkeit hatten Banken und Geldmänner die Baukapitalien vorgeschossen, als sie hörten, daß Kunst in diesem Theater nicht getrieben werden sollte, sondern etwas Neues , nie Dagewesenes, Nervenreizendes . Das Haus war auf das Glänzendste eingerichtet. Die Logenschließer trugen echte Goldknöpfe , deren Prägung allein 50,000 Mark gekostet hatte; die Sessel waren mit rothem Seidenrips bezogen und mit den Goldmonogrammen der Hypothekengläubiger gestickt; der Vorhang bestand aus pfirsischblüthfarbenem Sammet und echten Alen ç onspitzen. Hier konnte ein vornehmes Publikum sich sehen lassen. Das wahre Zugmittel aber bestand in dem mit ungeheuren Gehältern engagierten Personal, das der klassischen Inschrift: »Venustati et atrocitati« über dem Eingange entsprechend, aus weiblicher Schönheit und menschlicher Schrecklichkeit zusammengesetzt war. – Beide zogen. Schon füllte sich das Haus, denn ein glänzendes Gestirn des Kunsthimmels sollte an dem heutigen Abend aufgehen. Es war Katharina Aderlaß , die Frau eines soeben wegen vierfachen Mordes Hingerichteten. Sie bildete die Hauptnummer des reichen Programms, das jedem Besucher des Theaters umsonst überreicht wurde. Es war auf weißen Atlas gedruckt und enthielt nicht nur die Lebensbeschreibungen der Künstlerinnen, sondern auch ihre Photographieen in anmuthiger Abwechslung mit Cacao, Patentbetten, Schuhwaaren, Cigarren und Haarfarbe untermischt. Unwillkürlich fragte man sich: Wer bezahlt diesen Luxus? Alles der Cacao! Eine hochelegante Gesellschaft hatte sich eingefunden, die auf das Höchste gespannt war, die unglückliche Mördergattin zu sehen, von der die Zeitungen in den letzten vier Wochen so viel Gutes geschrieben hatten. – Ja, sie war nun eine Celebrität, die Katharina Aderlaß . Auf der ersten Bank des Parketts saß Szmoltopski , im höchsten Grade aufgeregt. Elliorina hatte das Brillant-Halsband erhalten. Wenn sie es an dem heutigen Abend trug, erfüllte sie den im Begleitschreiben ausgesprochenen Wunsch, mit ihm zu soupiren. Natürlich in anständiger Weise und keineswegs familiär. Deshalb achtete er wenig auf die Vorführungen. Den Anfang machte die Geliebte eines Briefmarders , der in Moabit saß. Sie deklamierte die »Post« von Schäfer mit Horn-Echo. Der Beifall äußerte sich nur mäßig, weil sie nicht mehr neu war. Dann kam ein soeben aus dem Gefängniß entlassener Kassirer, der seinem Prinzipal mit 750 000 Mark durchgebrannt war. Lebhafter Applaus begrüßte ihn. Er sang ein komisches Couplet. Der Lacherfolg war groß. Die hierauf folgende Scene »Die Erlkönigin«, von einer ehemaligen Engelmacherin dargestellt, rührte das Publikum tief. Bei den Worten: »in ihren Armen, das Kind war todt«, blieb kein Auge trocken. Die Kunst feierte einen ihrer schönsten Trümpfe. Nun aber erst der Wunderknabe Krallig . Der hatte sein Schwesterchen ertränkt. Schon mit vier Jahren stach er Vögeln die Augen aus, marterte er kleine Fische, weil sie ja nicht schrieen. Als er sich in seiner kindlichen Naivetät hinstellte und die allerliebste kleine Zunge ausreckte, riefen Alle Brave. Bonbondüten, Apfelsinen flogen auf die Bühne. Der Knabe wurde in die Logen gereicht und von den Damen abgeküßt. Obgleich er strampelte, biß und kratzte, siegte der Enthusiasmus. Nur wenn junge Talente in dieser Weise gepflegt werden, können sie sich zu Zierden der Kulturwelt entwickeln. Von dem Kleinen ist noch viel zu erwarten. Die Musik spielte Beethovens Leonoren-Ouvertüre, leicht faßlich arrangirt von Burgmüller . Die laute Unterhaltung dabei hörte auf, denn nun kam die Aderlaß . So also sieht die Frau eines Hingerichteten aus. Wie interessant. Was sie wohl fühlt? Und wie edel von der Direktion ihr eine Existenz zu bereiten. Da die Frau ohne alle Erziehung war – der Mann hatte sich ehrlich als Hundefänger ernährt, bis er aus Verdacht der Untreue zum Mörder wurde – stand sie erst im Beginne der Kunst. In tiefe Trauer gekleidet , tanzte sie die Kreuzpolka. Anderes konnte sie nicht. Ihr Gegenüber war ein an Strippen gelenktes Todtenbein. Als Glockenspiel diente im Orchester ein echtes Richtbeil. Der Jubel kannte keine Grenzen . Es regnete Blumen und Kränze . Man fühlte das Walten des Genies. Nur Einer rührte keine Hand und warf ihr die Gardenien und Orchideen nicht, die er mitgebracht hatte: Szmoltopski . Für ihn gab es nur Eine: Elliorina . Er wandte der Bühne den Rücken zu und sah ins Publikum. Ihn erblickte, durch dies Benehmen aufmerksam gemacht, ein Dienstmädchen, das neben einem anderen Mädchen, einer Köchin, oben im vierten Range saß. Es wurde bleich. »Was hast Du, Emma? « fragte die Köchin besorgt. »Nichts, Friederike ,« antwortete Emma . Als aber Elliorina auftrat, als Amor in dem Kostüm nach antiken Gemälden und Szmoltopski ihr die theuren Blumen zuschleuderte, schrie Emma laut hinunter: »Verräter!« Szmoltopski sah hinauf. »Emma!« rief er. »Ich bin erkannt,« flüsterte Emma , denn sie war es. Das Publikum wurde unruhig. Der Hausinspektor forderte Emma auf, ins Büreau zu kommen, ihren Namen zu nennen, um wegen Kunststörung verklagt zu werden. Gottlob giebt es für Alles polizeiliche Hülfe. Emma leistete Folge, gab aber einen falschen Namen an. »Das Weiter wird sich finden,« sagte der Hausinspektor strenge. Gebrochen verließen Emma und Friederike das Haus. Und noch Einer verließ es mit tausend Qualen im Herzen . . . . der unglückselige Szmoltopski . Elliorina war ohne den Brillantschmuck erschienen und Emma , die Verlorengeglaubte, unerwartet Wiedergefundene, war verschwunden . – So hatte er Alles eingebüßt. Ein unglückseliger Gedanke durchzuckte ihn. – »Wozu habe ich den explosionsfähigen Unterkiefer aus Celluloid?« sprach er. »Ich werde die letzte Zigarre des Daseins rauchen.« Er setzte sich auf einen Eckstein und zündete die Zigarre an.   Sechzehntes Kapitel. Die Tomaten des Todes. Es wird Zeit, daß wir uns nach Nordhäuser umsehen. Wie nicht anders zu erwarten, war seine Regierung in Westostafrika eine segensreiche und glückliche. Die Residenzstadt Assessoria blühte auf. Er hatte die Stadt in zwei Theile getheilt. In dem einen war Schutzzoll, in dem anderen Freihandel und dabei herrschte größte Freizügigkeit. So konnte sich jeder aussuchen, was er wollte. Im Parlament ging es auf das Angenehmste zu. Die Beschlüsse wurden einfach ausgewürfelt. Dadurch war jeder Parteihader zu Ende. Das Militär hatte er abgeschafft. Er sprach das große Wort aus: »Einer muß mit der Abrüstung anfangen« . Und dieser Eine war Nordhäuser . Dafür versorgte er sein Volk mit weitgehendster Unfallverhütung . – Alles, was gefährlich werden konnte, ließ er roth anstreichen . Messer und Gabeln mußten rothe Hefte haben. Kein Elephant durfte sich ohne rothe Zähne zeigen. Die Hufe der Pferde wurden roth gemalt. Denn wie leicht kann ein Pferd hinten ausschlagen . Er wollte anfangs die Pferde ganz verbieten, aber die Zweiräder sind zum Pflügen noch nicht vervollkommnet genug. Auch waren rothe Räder an den Bier- und Schlächterwagen obligatorisch. Seit dieser Zeit wurde kein Kind mehr überfahren. So volksbeglückend wirkte die rothe Farbe. Im Innern war das Lang glücklich. Nicht aber am Rande . Mit Neid und Scheelsucht blickten die Nachbarn auf den glücklichen Staat, der fortwährend unter Nordhäuser stand; mit vollen Händen warfen sie die Saat der Zwietracht über die Grenze. Immer weiter griff die künstlich geschürte Empörung um sich. Nur Nordhäuser ahnte nichts. »Ich halten jeden Menschenfresser für einen guten und harmlosen Staatsbürger, bis er mich vom Gegentheil überzeugt,« sagte er mit jenem, in der XXXIX. Gemeindeschule erworbenen echten Freisinn, der eine Hauptsäule der Humanität bildet. Schrecklich war daher sein Erwachen, als die Rebellen sich am frühen Morgen vor seiner Wohnung zusammenrotteten und schrieen: Wir wollen keinen Nordhäuser mehr . Sie mußten mehr als von Sinnen sein. »Du bist verloren, o Herr!« rief dringlich sein treuer Leibsklave Abu-Daemel , »wenn Du Dich nicht rasch an die Spitze Deiner Truppen stellt.« »O Daemel!« rief Nordhäuser , »ich habe ja keine mehr . Aber die Engländer werden mir beistehen mit Infanterie und Kavallerie.« »Herr!« schrie Abu-Daemel , »weißt Du nicht, wie gefährlich die sind? Sie haben ja rothe Röcke an.« »Schrecklich, aber wahr,« sagte Nordhäuser . »Und ich traute ihnen. – Aber wüßte ich doch blos, woher die Wilden die schönen Schießgewehre haben, womit sie die Ansiedler und Schutztruppen niederknallen?« »Von Euch selber,« erklärte Abu-Daemel . »Was Euer Land mit dem Schacher verdient, bezahlen seine Söhne mit Blut und Leben.« »Aber Menschenkind, wie können Waffenindustrie und Export ohne Absatz an unsere Todfeinde gedeihen? Du bist zu dämlich, Abu-Daemel!« Die Insurgenten drangen ein. Nordhäuser wurde gefesselt und in ihre Mitte genommen. »Wohin führt ihr mich?« fragte er. »Das wirst Du sehen,« rief ein Schwarzer und schmatzte blubbernd mit den dicken Lippen, wie im Vorgefühle eines leckeren Mahles. Langsam bewegte sich der Zug zur Stadt hinaus, durch Palmenwälder bis in ein Thal des Gebirges, wo Halt gemacht wurde. Nordhäuser blickte um sich; er kannte jetzt sein Schicksal. Ueppig grüne Sträucher sah er mit herrlich leuchtenden rothen Früchten, sorgsam angepflanzt um einen freien runden Platz. Es war die Tomate der Kannibalen, aus denen sie die Sauce zu ihren grauenvollen Schmäusen bereiten. Solanum anthropophagorum, L. Siehe Leunis Synopsis der Pflanzenkunde § 643. 1. »Emma,« flüsterte er, »lebe ewig wohl. Nur Dich habe ich geliebt. Diese Tomaten sind mein Tod.« Die Wilden zündeten Feuer an, stellten einen Kessel darüber, in den die Weiber die Früchte hineinschnitten. Auch Rosinen thaten sie dazu und Mandeln, sowie Pfefferkuchen. »Polnisch!« sagte Nordhäuser und gedachte wehmüthig der heimathlichen Bierkarpfen. Jetzt trat der Oberschlächter mit gezücktem Messer auf ihn zu. Freiwillig, mit dem Muthe eines deutschen Jünglings vom Koppenplatze, bot Nordhäuser seine entblößte Brust dem blitzenden Mordstahl dar. Der Schlächter stieß aber nicht zu, sondern einen lauten Ruf der Verwunderung aus. Er stürzte platt auf die Erde. Seinem Beispiele folgten die Uebrigen. »Heil! Heil!« riefen sie. »Nordhäuser ist unser echter König. Er allein, er der Sohn des Mondes. « »Heil! Heil!« Was war geschehen? Woher kam diese plötzliche Wandlung der Gemüther? Ist die Gunst des Volkes nur eine Schaukel? O nein. Hier lagen Thatsachen vor, denn die Unterthanen erblickten auf der Brust Nordhäusers einen deutlich erkennbaren Halbmond . Der freundliche Leser weiß, wie Nordhäuser aus Liebe zu Emma einen halbmondförmigen Hautlappen für die Herstellung von Szmoltopski's Unterkiefer bereitwillig hergab. Die Narbe hob sich scharf umrissen ab. So rettete die edle That von damals ihn jetzt vor dem Gemetzeltwerden. Eine gute That ist wie Lavendel, der bekanntlich lebenslänglich riecht. Das Volk jauchzte ihm zu, denn es glaubte, Nordhäuser sei wirklich der Sohn des Mondes. Im Jubel brachte man ihn in die Stadt zurück. Die Glocken läuteten, die Kanonen wurden ununterbrochen gelöst, so daß die größte Freude herrschte. Nur Einer war traurig inmitten der glänzenden Lustbarkeiten. Nordhäuser . Und schwer regte sich sein Gewissen. An der Pforte des Todes, mit dem letzten Athemzuge, hatte er sich eingestanden, daß er Emma liebte. Dies war erklärlich , aber sündhaft , denn Emma war verheirathet! »Abu-Daemel,« fragte er seinen treuen Leibsklaven, »weißt Du einen Ausweg?« Abu-Daemel schüttelte sein schwarzes Haupt. »Du bist wirklich, wie Du heißt,« sagte Nordhäuser . »Aber Du hast ein reines Herz . Das meinige ist schuldbeladen. Ach, nie kann Emma meine Gattin werden.« Nordhäuser wußte jedoch nicht, daß Szmoltopski , Emma's Gemahl, auf einem Eckstein am Schiffbauerdamm saß und die von den Jesuiten mit Sprengpetroleum gefüllte Zigarre soeben in Brand setzte. Harre aus in Rechtlichkeit, Nordhäuser , und herrlicher Lohn krönt Dein Streben.   Siebzehntes Kapitel. Das Extrablatt. Große Aufregung herrschte in Berlin. Mit heiserem Geschrei durchzogen wankende Gestalten die Straßen der Residenz. »Extrablatt!« riefen sie und erbleichend fragten sich die Bürger: »Was ist passirt?« Von einem zuverlässigen Reporter mit eigenen Ohren gehört. Dichte Volksmassen umlagerten das Haus in der Klosterstraße. Das dort wohnhafte Fräulein Amelie Schwudicke war verschwunden. In dem Zimmer, welches die barmherzige Schwester Susanne inne gehabt hatte, war eine furchtbare Blutlache entdeckt. Auch Susanne war verschwunden. Hier lag ein Verbrechen vor. Aber welches? Einige warfen Verdache auf das auswärtige Amt . Andere wiesen auf Friedrichsruh hin. Vorsorgliche Stimmen sprachen sich für die Verringerung der Dienstzeit aus. Jüngere strebsame Räthe erhärteten statistisch, daß nur der Achtuhrladenschluß Abhülfe bringen könnte. Das Publikum füllte allabendlich den Cirkus Busch bis an das Dach. Undurchdringlich sind die Geheimnisse der Volksseele .   Achtzehntes Kapitel. Friederikens Beichte. Emma und Friederike – wir wissen, daß Letztere kein Anderer ist als Leutnant Fritz – waren glücklich nach der Wuhlhaide entkommen. – Dort lebten sie in stiller Verborgenheit in zwei dicht nebeneinander gelegenen, aber sorgfältig getrennten Erdhöhlen , die ihnen Schutz gegen Unbill der Witterung boten. Ihre Nahrung bestand aus Wurzeln und Beeren des Waldes, die sie in ein Binsenkörbchen sammelten und gemeinschaftlich verzehrten. Auch hatte Emma eine Hirschkuh gezähmt, die sie mit trefflicher Milch zum Kaffee versorgte. Nur einen Luxus erlaubte sich Friederike , indem sie auf das Militärwochenblatt abonnirt war, und hin und wieder besuchten sie das Theater der Celebritäten , weniger aus Vergnügen, als zur Bildung des Geistes. Auf diese Weise wären sie unentdeckt geblieben, wenn sich nicht jener Vorgang im Theater ereignet hätte. Der Boden unter ihren Füßen wankte . »Die Schergen sind uns auf der Spur,« sagte Emma . »Moabit blüht uns. Aber Rettung ist möglich, wenn ich mich auf Dich verlassen kann. Jedoch muß ich dies bezweifeln.« »Hierzu hast Du keinen Grund,« erwiderte Friederike . »Doch,« entgegnete Emma gekränkt. »Du wurdest verwirrt, als Elliorina auftrat. Du verbirgst mir etwas. Welche Beziehungen hast Du zu ihr ?« »Frage nicht,« rief Friederike schmerzlich. »Ich frage dennoch!« »Ich kann es Dir nicht sagen.« » So habe ich es mit gedacht,« antwortete Emma und wandte sich erröthend ab. »Verurtheile mich nicht ungehört,« flehte Friederike . »Gut,« sprach Emma . »Wir wollen uns in das dickste Dickicht setzen, wo kein Lauscher ein Wort vernimmt. Ich winde Dir, wie stets am Morgen, ein Kränzlein aus Vergißmeinnicht und wildem Epheu. Aber verhehle mir nichts. Die Wahrheit über Alles, sagt Ibsen.« Und Friederike erzählte.   Neunzehntes Kapitel. Des Pfarrers Tochter. Lenchen war die Tochter des ehrwürdigen, aber harten Pfarrers zu Laubenheim. Sie wuchs in aller Unschuld heran, lieblich anzuschauen und tugendhaft. In dem einsamen Dörflein erzogen, gleich sie der Blume des Feldes, ebenso unschuldig und kindlich. »Ach,« sagte sie einst zu ihrem Vater, »wie reizend wäre es doch von dem Storch, wenn er mir auch ein so niedliches Wickelkindchen brächte, wie er neulich dem Bärbelchen gebracht hat. Es hat so allerliebste Händchen . . . .« Heftig entgegnete der Vater: »Ich würde Dich in den Keller sperren, wo es am dunkelsten ist und Dich mit Nesseln peitschen. Das merke Dir.« Lenchen erschrak ob dieser Drohung. Sie ging in den Garten, setzte sich in die Bohnenlaube und weinte bittere Thränen. Sie wußte nicht, womit sie die Vorwürfe verdient hatte. So kindlich war sie. Während sie weinend ihren Gedanken nachhing, ertönte von der Dorfstraße her lustiges Trara. Es ritten blanke Dragoner heran, als Einquartierung zu den bevorstehenden Manövern. Lenchen eilte an den Gartenzaun. Wie geblendet starrte sie. Noch nie hatte sie etwas Schneidigeres gesehen. Und der Schneidigste ritt voran. Der Leser wird längst errathen haben, daß dies kein Anderer war, als Leutnant Fritz . »Ach!« rief Lenchen . Leutnant Fritz grüßte sie lächelnd. Lenchen erglühte wie die Mohnblume auf den Beeten des Gartens; noch mehr aber erglühte sie, als sie in das Haus trat und Leutnant Fritz sich ihr als beim Pfarrer einquartiert vorstellte. Zwar murrte der Pfarrer, aber den Quartierzettel konnte er nicht wegmurren. Er mußte sich fügen. Eine wundervolle Zeit brach für Lenchen an. Zum ersten Male in ihrem Leben liebte sie . Es war Leutnant Fritz ein leichtes, die unerfahrene Haideblume zu bezaubern. Die hellblaue Uniform kleidete ihn zu gut. Nur zu rasch verflossen die Tage unschuldsvoller Freude . Die Abschiedsstunde schlug. Am nächsten Morgen mußte Fritz das Dorf verlassen. Schwermüthig saßen Fritz und Lenchen in der blühenden Bohnenlaube. Milde war die dämmernde Sommernacht. Die Nachtigall flötete. »Was machst Du da, Lenchen?« fragte Fritz , als Lenchen den Zeigefinger auf die Knöpfe seiner Uniform legte und dabei murmelnd sprach: »Er liebt mich – ein wenig – ach garnicht u. s. w.« »Ach nur ein kindisch Spiel,« antwortete sie. Laut rief sie darauf, als sie bei dem letzten Knopf angelangt war: »Er liebt mich!« Fritz: »Ja, Lenchen , laß dieses Wort der Götter Ausspruch sein!« Lenchen: »O, Du mußt nicht Götter sagen. Das ist heidnisch. Und heidnisch ist Sünde, wie der Vater sagt.« Fritz: »Mir einerlei. Gefühl ist alles.« In diesem Augenblick ward ein großer Komet am Himmel sichtbar . . . »O sieh!« rief Lenchen und zitterte. »Bleibe ruhig, mein Kind,« sprach Fritz , der sich als Militär vor keiner Naturerscheinung fürchtete. Muth kennt keine Furcht. Lenchen: »O, solch ein Stern bringt Unheil, Krieg und Blutvergießen. Wenn sie Dich erschössen?« Fritz: »Im Manöver wird nur blind geladen.« Lenchen: »Aber Du kannst unter die Räder der Kanonen kommen, schrecklich zermalmt . Das ist das Loos der Schönen auf der Erde.« Fritz: »Lieb Närrchen.« Die Sterne funkelten. Die Bohnen blühten. Die Nachtigall flötete. »Wie ist die Erde doch so schön,« sprach Lenchen . »Besonders des Nachts,« sagte Fritz . Lenchen: »Ewig Dein.« – Fritz: »Ewig mein.« Der Komet erlosch. Es war, wie die Wissenschaft nachweist, nur ein sogenanntes Meteor gewesen, das platzt, sobald es die Atmosphäre der Erde erreicht. Auch der Himmel täuscht zuweilen. »Weh', nun ist all unser Glück dahin,« sagte Lenchen . »Ich wittere Morgenluft,« sprach Fritz . »Die Pferde wiehern. Der letzte Tag bricht an.« Lenchen: »Verlaß mich nicht.« Fritz: »Der Dienst befiehlt.« Er drückte einen Kuß auf die lilienweiße Stirn Lenchens . Lenchen: »Ach!« Fritz: »Bleibe so unschuldsvoll und rein wie Deine Stirn. Dann wird einst das höchste Glück uns vereinen. – Lebe wohl!« (Fritz seitwärts ab durch die Bohnen.) Händeringend blieb Lenchen zurück. Ja, sie liebte Fritz mit der ganzen Gewalt ihres jungfräulichen Herzens. Nun hatte er sie verlassen. Der erste tiefe Schmerz des Lebens hatte ihre unschuldsvolle Seele getroffen. Schluchzend sprach sie den frommen Vers: »Ja Liebe pflegt mit Kummer Stets Hand in Hand zu gehn.« Es nahten sich Schritte. »Sollte er wiederkehren?« durchrieselte es Lenchen freudig. » Fritz , bist Du es, Einziggeliebter? « rief sie. Aber wer schildert ihren Schreck, als statt des sehnlich Erwarteten, Lenchen plötzlich in dem Eingang der Laube ihren Vater erblickt? »Ha, Verworfene!« donnerte der Pfarrer, der wie gesagt, ein harter und grausamer Mann war, die Schreckensbleiche an. » Eine Soldatenbraut  ist meine Tochter nicht mehr. Schande und Schmach bringst Du über mein ergrautes Haupt.« »Vater,« jammerte Lenchen . »In Sitte und Züchtigkeit hat Fritz mir seine Liebe gestanden. Ich übernehme jede Garantie für seine Achtbarkeit.« »Und wer garantiert für Deine Ehrbarkeit?« »Fritz,« antwortete sie mit dem süßesten Liebreiz der Unschuld. Der zornige Vater aber hatte kein Auge für die, aus den holden Augen der Tochter sprechende Wahrheit. »Hinweg!« rief er. »Aus meinen Augen!« Er riß eine Bohnenstange aus der Erde und mit rücksichslosen Schlägen vertrieb er Lenchen aus dem Garten, worin sie ihre Kindheit verlebt hatte, mit gezähmten Schmetterlingen, die ihr aus der Hand fraßen und sie schmeichelnd umflatterten. Wimmernd wie ein gehetztes Reh floh Lenchen . Wohin? Wohin? Am fernen Horizont schimmerten die rothen Uniformen der Husaren. Ihnen nach eilte Lenchen, immer weiter und weiter, bis sie Berlin erreichte. Welche Kämpfe und Gefahren sie in dem großen Babel zu bestehen hatte, darüber wir sie später selbst berichten. Schon glaubte sie aller Noth entronnen zu sein, als sie ein Engagement am Theater der Celebritäten gefunden hatte und zwar unter dem Namen Elliorina, die schöngebaute Perle vom Lande . Da wurde ihr das Diamantenhalsband übersandt. Nun war sie der Hölle auf Erden überliefert.   Zwanzigstes Kapitel. Die Seeräuber. Schon zwei Wochen lag der »Albatros« auf dem zehnten Grad südlicher Breite, ohne vorwärts zu kommen. Kein Lüftchen regte sich. Die Segel hingen schlaff an den Masten. Nicht das kleinste Wölkchen tauchte im Westen auf, so oft auch der Kapitän das Glas ansetzte. »Wir sind vom rechten Kurs abgewichen,« sagte der Kapitän zum Steuermann Klaus Theerstiefel , einem wetterfesten Seebären, der sonst stets mit Scherz und Humor begabt, düster auf das Kompaßhäuschen blickte. »Es geht nicht mit rechten Dingen zu,« entgegnete Klaus Theerstiefel . »Du machst Unsinn, Klaus ,« erwiderte der Kapitän. »Es ist etwas nicht richtig,« blieb Klaus mit der zähen Beharrlichkeit bei, die älteren Schiffern stets eigenthümlich ist. »Da ist zunächst der Mann mit der blauen Brille und dem kalten Blick , der behext die Kompaßnadel.« » Klaus , lasse Dich nicht auslachen.« »Es ist dennoch so,« fuhr Klaus unbeirrt fort. »Ginge die Nadel richtig, müßten wir längst in Westafrika sein.« » Klaus , solltest Du Recht haben?« »Dann sind die beiden Mädchen da. Die eine ist mir verdächtig.« »Warum dieses, Klaus? « »Sie rasirt sich.« »Seetang und Schellfisch!« fluchte der Kapitän aufgebracht, »schon seit mehr als vier Wochen werden die Wasserrationen auf das Nothwendigste eingeschränkt – wir haben kaum noch für zwei Tage Trinkwasser – und es vergeudet ein Weibsbild das kostbare Naß mit Rasiren? Da soll doch . . .« »Kapitän, mäßigt Eure Rede,« fiel ihm Klaus beschwichtigend ins Word, » die unterseeischen Mächte könnten zürnen.« Leise fügte er hinzu: »Und dann ist drittens die verdächtige Kiste da. Robert , der Schiffsjunge, sagt, er habe ein Geräusch, wie von einem Uhrwerk, darin vernommen.« »Heilig, Donner . . . . ! Wem gehört die Kiste?« »Dem Manne mit der blauen Brille und dem kalten Blick!« »Hier liegt etwas vor!« sagte der Kapitän. Rasch entschlossen zog er die Notleine. Ein greller Pfiff ertönte. »Alle Mann auf Deck!« rief er durch das Sprachrohr. Erschreckt stürzte Alles aufs Deck. Die Matrosen, die Schiffsjungen, der Koch, die Passagiere. Auch zwei bleiche Mädchengestalten waren unter ihnen. Emma und Friederike. Ja, sie waren es. Um den Verfolgungen ihrer Feinde zu entgehen, hatten sie sich durch einen Auswanderer-Agenten nach Afrika vermiethet. So nahe am Ziel – man konnte fast mit dem Finger hinzeigen – drohte Entdeckung und Verderben. Mit rührender Schwesterliebe darbte Emma sich das immer knapper werdende Trinkwasser ab, damit Fritz sich rasiren konnte, und nicht durch den in der Tropenhitze doppelt rasch keimenden Bart verrathen würde, aber ihr klarer Verstand sagte ihr, daß der Augenblick der Entdeckung gekommen sei. Und dennoch . . . . muthig hielten sie den forschenden Blick des Kapitäns aus. Zum Glück war Fritz frisch rasirt. Emma duldete die furchtbaren Qualen des Durstes mit der ganzen Hingabe eines edlen Frauenherzens . In der Gefahr bewährt sich die Tugend oft bewunderungswürdiger, als in Glück und Wohlleben. » Klaus irrt sich,« murmelte der Kapitän. Laut befahl er darauf: »Man Hole die verdächtige Kiste.« Die Kiste wurde gebracht. Sie glich einem Sarge. In athemlosem Schweigen verharrten die Umherstehenden. Man hörte deutlich das Ticken eines Uhrwerkes in dem Sarge. – »Werft die Höllenmaschine über Bord,« kommandirte der Kapitän. Vier Matrosen ergriffen die Kiste. »Halt!« Wer hatte Halt gerufen? Der Rufer trat vor. Es war der Mann mit der blauen Brille und dem kalten Blick. – »Wer wagt es, mein Eigentum zu vernichten?« fragte er. Emma erbebte bei dem Klange der Stimme. Standen die Todten auf? Sie blickte forschend hin. Er war es, trotz der blauen Brille . . . . der von Fritz erschossene Jesuit. Jesuiten sind bekanntlich sehr zählebig. So oft sie historisch vernichtet wurden, immer waren sie wieder da. So auch hier. Mit Hülfe der Röntgenstrahlen wurden im Innern des Erschossenen zwei Kugeln gefunden, die einfach an dem durch die Lehren der Jesuiten verhärteten Herzen plattgeschlagen waren. Nach Entferung der Kugeln in Dr.  E. Millers Poliklinik und Anwendung von Heilserum war der Jesuit wieder hergestellt. – Wunder giebt es eben nicht! »Oeffnet die Kiste,« befahl der Kapitän. Sorgfältig entfernte der Schiffs-Zimmermann den Deckel. In der Kiste lag eine Leiche. Ein Schrei des Schauders erscholl. Mehrere wurden ohnmächtig. Die Leiche wimmerte. »Hier liegt etwas vor!« rief der Kapitän mit donnernder Stimme. Aber was? Niemand vermochte zu antworten. Grauen lähmte das Schiffsvolk und die Passagiere. »Wo ist Klaus Theerstiefel? « fragte der Kapitän. »Hier!« Der Kapitän stieß einen Ruf der Ueberraschung aus. Er erkannte Klaus nicht wieder auf den ersten Blick. Klaus waren bei dem fürchterlichen Anblick die Haare schneeweiß geworden. Thatsache! Die Leiche regte sich. Nun geschah etwas Rührendes. Ein junges Mädchen stürzte auf den Sarg zu und half der Leiche sich aufrichten. » Tante ,« sprach sie liebkosend. »Geliebte Tante. Wie kommst Du in die Kiste?« »Bist Du es, mein Fritz? « sagte die Tante und streichelte ihn mit fleischlosen Händen. »O, man hat mir Schreckliches eingegeben . Ich muß immer schlafen und schlafen. Und träumen. Viel Unsinn, mein Fritz . Und Quatsch!« Der Schiffsarzt hatte mittlerweile das Uhrwerk untersucht. Es war eine Maschine, die über dem Haupte der Eingesargten angebracht, ihr alle fünf Stunden Schlaftropfen einflößte. »Es ist Morphium mit einem starken Schuß Chloral ,« erklärte der Schiffsarzt. »Aber noch ein unüberwindliches Schlafmittel ist dabei, das ich nicht kenne.« Der Mann mit der blauen Brille lächelte zufrieden. Er kannte es, denn es war in der Giftküche der Jesuiten aus den zu diesem Zwecke ausgewählten Reden des Reichstages destillirt worden. Deshalb träumte die Tante so gräßlich. Friederike erhob sich und rief: »Vor Gott und den Menschen klage ich jenen Mann mit der blauen Brille an, meine Tante Amelie Schwudicke durch List und Ränke in seine Gewalt und in diese Kiste gebracht zu haben, um sie zu zwingen, ihr Testament zu Gunsten seines Ordens . . .« »Noch ein Wort, und ich erzähle, wer Du bist,« rief der Mann mit der blauen Brille . » Friederike , halt ein,« flehte Emma . »Nein. Das Scheusal muß entlarvt werden.« »So hört,« rief der Jesuit. »Diese Friederike ist nicht, was sie scheint, sondern ist . . . .« Ein Kanonenschuß übertönte die Worte des Jesuiten. »Die Seeräuber!« schrieen die Weiber und Kinder durcheinander. Ein furchtbarer Kampf entspann sich. Die Seeräuber enterten den »Albatros« und da sie in der Uebermacht waren, wurde ihnen nach blutigem Ringen der Sieg. »Schafft die Gefangenen auf den Sklavenmarkt,« herrschte der Anführer seine Mordgesellen an. »Diese beiden aber – er deutete mit brandgeschwärzten Fingern auf Emma und Friederike – werde ich selbst dem Sultan zum Kaufe anbieten. Sie werden eine Zierde seines Harems. « Mit einem lauten Aufschrei sank Emma in Ohnmacht. Friederike lachte dem Seeräuber ins Gesicht. Zähneknirschend sprach er: »Du wirst schon kirre werden, mein Täubchen!«   Einundzwanzigstes Kapitel. In höchster Noth. Wir müssen uns nach Elliorina umsehen. Weshalb hatte sie das Brillanthalsband nicht angelegt? Sie hatte es versetzt. Sie war in Drangsal. Der Weg zum Pfandhause ist mit Geldmangel gepflastert. Nun sollte sie das Halsband zurückerstatten. Sie konnte es nicht. Man drohte ihr mit den Gerichten. Sie weinte . Man schlug ihr einen älteren Herrn vor, ihre Thränen zu trocknen. Sie weinte stärker . »Nie,« sprach sie. »Ich bleibe meinem Fritz treu.« Man ließ ihr keine Wahl. »Mir bleiben nur noch die kühlen Fluthen der Spree ,« sagte sie leise und ging nach dem Schiffbauerdamm. Dort saß ein Herr auf einem Eckstein mit einer brennenden Cigarre im Munde. Elliorina sprang ins Wasser. Der Herr sprang ihr nach. – Die Cigarre erlosch. Hoffen wir, daß Elliorina dem feuchten Element entrissen wird. Wir dürfen es hoffen, denn sichtlich waltet die Hand der Vorsehung über dem edlen Grafen Szmoltopski .   Zweiundzwanzigstes Kapitel. Im Harem. Madschun Kebir el Chumar , der Sultan von Damombay, war besonders froher Laune: ihm waren zwei neue Sklavinnen angemeldet. Zwei weiße. Alle Farben waren in seinem Harem vertreten. Auf den weichen Divans des Perlensaales saßen die Bewohnerinnen seines Lustschlosses, Indiens holde Töchter, deren schwarzes Haar auf wundervolle Nacken fiel, Araberinnen mit gluthblitzenden Augen lagen hingegossen auf kostbaren seidenen Teppichen und schlugen mit Korallenfingern Laute und Tambourin. In der Mitte des Saales tanzten die schönsten Cirkassierinnen wollustathmende Tänze. Leichte Schleier hüllten die schlanken Gestalten wie durchsichtige Nebel ein, wie zarte Wolken aus Rosenblättern mit Goldsternen, Diamanten und Rubinen besetzt, die Lichtfunken sprühten, wenn die Schönen hin und her wogten, wie Blüthenzweige im Hauche des Zephyrs . Kaum berührten die kleinen schön geformten Füße den Boden aus Perlmutter und Elfenbein. Es waren die Houris des Paradieses, die dort schwebten, umflossen von dem sanften Glanze, der von den schimmernden Perlwänden des Saales auf die Gruppen der Lächelnden strahlte. Ja, sie mußten lächeln. Die sich nicht der Heiterkeit ergab, der wurde der Skorpionen-Becher kredenzt. Dann warf der Henker die in Todesqualen sich windende die Schädeltreppe hinab. – Sie lächelten Alle. Der Sultan saß auf seinem Bernsteinthron . Seine Krone war aus sieben blutigen Dolchen gebildet, als Zeichen unumschränkter Macht über Leben und Tod und alle Schönheiten des Harems. Er war ebenso liebes- wie blutdürstig . Andererseits aber großmüthig und edel. Jedoch durchaus kein Freidenker. Er ließ täglich hinrichten. Ebenso oft begnadigte er. In seiner Hand lagen Emma's Geschick und das Friederikens . Ob auch sie lächeln würden? Winkte auch ihnen der Skorpionen-Becher? Oder die Gunst des Sultans? »Man führe die Blüthenknospen des Abendlandes herein,« rief der Sultan. »Ihr Uebrigen entschleiert Euch zu einer Schönheitskonkurrenz mit den Fremdinnen. Der Siegerin wird dieser Türkis zum Geschenk und meine Liebe.« Der Tanz hörte auf. Die Schleier fielen. Aller Blicke richteten sich auf die Thüre. Blicke der Neugier und der Eifersucht. Der echte persische Teppich wurde zurückgeschlagen. Mit kriechender Höflichkeit trat der Seeräuber ein. Ihm folgten, mit dem Stolze deutscher Reichsangehörigkeit, Emma in holdem Liebreiz und Friederike , frisch rasirt, ohne Furcht und Bangen. Staunend stierte der Sultan Friederike und Emma an, wie sie in der goldumrankten Marmorthür seines Haremsaales erschienen. Er war von jeher der Meinung gewesen, ein Kenner weiblicher Schönheit zu sein, denn sein unermeßlicher Reichthum gestattete ihm, sich aus allen Ländern die hübschesten Mädchen herbeischaffen zu lassen, aber eine so wunderbare Schönheit wie Emma war ihm noch nie vor die begehrlichen Pupillen gekommen, die wie die Augensterne eines betrunkenen Luchses leuchteten. Emma erschauderte und senkte den Blick. Dadurch ward sie nur noch schöner. Denn keinen größeren Reiz besitzt die Schönheit als Tugend und Unschuld. Der Sklavenhändler forderte einen unerhörten Preis für Emma und Friederike . Durch sein verabscheuungswürdiges Geschäft hatte er gelernt, nicht nur die lebendige Waare zu taxiren, sondern auch die Käufer und er sah, daß er Sultan von Damombay Emma auf jeden Fall behalten würde. Für Friederike verlangte er weniger, zumal diese den Sultan höchst geringschätzig belächelte und mit neugierigen Blicken die im Perlensaale sich in verführerischen Gruppen aneinanderschmiegenden Odalisken musterte, welche beim Eintritt des Sklavenhändlers ihr Antlitz rasch mit den Schleiern verhüllt hatten. Das Gesetz gebot ihnen, ihr Gesicht vor jedem fremden Manne zu verbergen. Aber keine von ihnen wußte, daß Friederike kein anderer war als der in weiblicher Tracht verkleidete Leutnant Fritz, Emma's Leidensgefährte und schwesterlicher Freund. Der Sultan rief: »Werft dem Hunde von Sklavenhändler die verlangten zehntausend Beutel Goldes zu und ihn selbst hinaus.« Dies geschah durch rasch herbeieilende Eunuchen. Der Sultan war allein mit seinen Frauen. Allein? O nein. Leutnant Fritz war auch da. »Entschleiert Euch!« rief der Sultan . »Wie die Blumen des Paradieses will ich Euch sehen, damit ich entscheide, welche die Schönste ist. Zwei ältere Weiber helfen den neuerworbenen Sklavinnen beim Ablegen ihrer Gewänder.« Und zu Emma sprach er brennenden Blickes: »Deine Schönheit wird Alle besiegen; noch heute ernenne ich Dich zu meiner Favoritin.« Emma erbleichte sichtlich. Zwei ältere Neger-Sklavinnen näherten sich Emma und Friederike , den Befehl des Sultans zu vollziehen, während die übrigen Araberinnen, Cirkassierinnen, Indierinnen, Andalusierinnen ihre Schleierhüllen fallen ließen und wie lebende Statuen in zierlichem Reigenschritte sich dem Throne zuwandten, auf dem der Sultan saß. »Donnerwetter!« rief Leutnant Fritz . »Verrathe Dich nicht oder wir sind des Todes ,« flüsterte ihm Emma zu. Mit ihren knöcherigen Fingern begann die eine der Negerinnen an Friederikens Mieder die Häkchen zu lösen. Plötzlich aber flog sie quietschend mitten in den Saal auf den polirten Fußboden aus Perlmutter und Elfenbein. Friederike hatte der Negerin eine barbarische Ohrfeige verabreicht. »Ha!« rief der Sultan . »Was bedeutet das? Laßt die Eunuchen kommen, die Widerspänstige zu zwingen.« »Halt ein!« rief Emma . »Gönne mir ein Wort, o mächtiger Sultan.« Mit ihrem bezauberndsten Lächeln sah Emma zu dem Bernsteinthrone empor. Der Sultan , entzückt von so viel Liebreiz, sprach huldvoll: »Das Wort sei Dir gestattet, Du Mandelblüthe Der Leser wird sich durch die blumenreichen Redewendungen der Orientalen nicht verletzt fühlen. Sie sind einmal so. der Schöpfung.« »Verzeihe, o gewaltiger Herr,« nahm Emma das ihr erlaubte Wort. »Meine Freundin kann nicht haben, daß man sie ankommt; sie ist über alle Begriffe kitzlich.« Es war eine Nothlüge, die Emma aussprach, aber, im Hinblick auf die Gefahr, in der Leutnant Fritz in diesem Augenblicke schwebte und auf die edle Absicht, den treuen Genossen des Schicksals zu retten, wird ihr diese Sünde in dem Schuldbuche der Vergeltung gewiß nicht angeschrieben werden. Der Himmel vergiebt die Schwächen der Menschen, wenn die Beweggründe dazu gut sind. »Ich könnte Dich tödten lassen,« brüllte der Sultan und funkelte Friederike mit grimmigen Zornesblicken an. »Warum nicht gar?« entgegnete diese mit der Ueberlegenheit eines deutschen Kavallerieoffiziers gegenüber einen afrikanischen Herrscher. »Chalan!« rief der Sultan , was so viel heißt als: »Aber sofort«. Schon wollte er in die Hände klatschen und dadurch die Henker herbeirufen, als Emma noch einmal rasch das Wort ergriff. »O Sultan,« sprach sie mit dem wundervoll sonoren Organ, das ihr eigen, »übe Gnade. Sie verschönt den Fürsten auf dem Thron mehr als die Krone und irdische Macht gleicht dann der göttlichen, wenn Gnade geht vor Recht.« »Du bewegst mich tief, o Jasminglanz der Erdgeborenen,« sagte der Sultan . » Um Deiner Schönheit willen schenke ich Deiner Gefährtin das zweifach verwirkte Leben, denn wisset, auf Widersetzlichkeit und Nichtachtung meiner Macht steht unwiderruflich der Tod , der Tod mit den furchtbarsten Martern. Gehorsam heißt mein Scepter, Unterwerfung mein Reichsapfel, Wille meine Krone.« Alle schwiegen. » Charuf soll kommen!« befahl der Sultan. Ein junger Krieger trat ein, bewaffnet mit einer eisernen Keule , die an ihrem oberen Ende mit kurzen scharfen Stacheln versehen war. »Ihr Mädchen aus dem Abendlande sollt kennen lernen, was Gehorsam ist,« wandte sich der Sultan zu Emma und Friederike . Den Odalisken ringsum wich die Rosenfarbe von den Wangen; sie wußten aus Erfahrung, daß sich jetzt etwas Gräßliches ereignen würde. » Charuf!« rief der Sultan, »schlage Dich todt.« Noch bevor Emma Worte finden konnte, dem Schrecklichen vorzubeugen, erhob der blühende junge Krieger die eiserne Keule mit gewaltigem Schwunge und schmetterte sie gegen sein Haupt, das mit knarwelndem Schalle zersprang und sein Inneres weithin spritzte. Dumpf fiel der leblose Körper nieder . . . . . Charuf war nicht mehr. »Werft ihn auf die Table d'hôte meiner Geier,« befahl der Sultan.   Die Table d'hôte der Geier   Die Eunuchen eilten herbei und schleppten das Opfer des blinden Gehorsams hinaus. Negerinnen kamen und deckten einen kostbaren Teppich über die Lache von Blut und Gehirn . Der Sultan that als sei nichts geschehen. »Seid lustig,« herrschte er die Mädchen an, die sofort in krampfhafte Fröhlichkeit ausbrachen, sich die Schwanenarme reichten und in munterem Reihentanze wiegten. Dazu sangen sie: Sultan, wie Du, So lieblich und so schön             Das glaube uns, Ist keiner zu sehn. Fritz hätte fast Lust gehabt mit zu schunkeln, aber ein warnender Blick Emma's hielt ihn in Schranken. »Bazta!« rief der Sultan , nachdem er genug von dem Tanze hatte, »zieht Euch in die Frauengemächer zurück. Ihr alle seid wie die erblassenden Sterne am Morgenhimmel, seitdem diese Sonne über dem Gefilde meines Verlangens aufgegangen ist. Verschwindet!« – Die Odalisken rüsteten sich zum Abgange. »Hört!« rief der Sultan , » ›Zuleima‹ und ›Rasal‹ , die gazellenäugige, treten in den Dienst meiner Auserkorenen als ihre Leibsklavinnen. Und ihr beide, ›Augenlieb‹ und ›Herzensdieb‹ , Ihr seid verpflichtet, die Andere in Eure Erziehung zu nehmen, damit sie ihre Wildheit ablegt und ihre Sprödigkeit. Ist sie in vierzehn Tagen nicht hingebend wie ein Kätzchen, das sich der streichelnden Hand kosend anschmiegt, so wandert Ihr alle Drei in den Skorpionensack. Dies ist ein geräumiger Ledersack, in den die Verurtheilte entkleidet gesteckt wird und den die Eunuchen zubinden, nachdem ein Korb voll Skorpionen hinzugeschüttet worden. Hierauf hängen sie den Sack über ein gelindes Feuer, wodurch die Thiere in besondere Wuth gerathen und das Opfer mit ihrem Giftangel stechen. Verschärft wird diese Strafe durch das Hinzuthun von Nattern und Mäusen. Nun geht.« Zwei reizende Odalisken umschlangen Friederike mit ihren Lilienarmen. »Komm,« sagte die Eine, die schwarzlockig wie die Nacht Friederiken mit dunklen Rehaugen anblickte. »Komm, wir wollen gute Freundinnen werden. Ich heißt Herzensdieb . Und Du?« »›Fritz‹!« erwiderte Friederike . »O Du süße, liebe Fritz,« sagte Herzensdieb schmachtend. »Und ich heiße Augenlieb ,« sprach die Andere, eine blonde Cirkassierin mit seelenblauen Augen und wallendem Goldhaar. »O liebe, gute Fritz , wirst Du uns auch schlagen wie die Negerin?« »Ih, wo werd' ich denn!« entgegnete Fritz mit einem leichten Anflug von Humor. »O, dann bleiben wir am Leben,« riefen die beiden Odalisken fröhlich. Um sich zu überzeugen, ob die neue Odaliske wirklich so sehr kitzlich sei, wie Emma gesagt hatte, streichelte Herzensdieb mit ihren Alabasterfingern Fritzens Wange. Zum Glück war er frisch rasirt. Trotzdem erschrak er und fürchtete Entdeckung. »Dies dürft Ihr nie wieder thun,« schalt er. »Niemals.« Traurig sagte Herzensdieb: »Wir werden viel Mühe mit ihr haben,« und Augenlieb fügte hinzu: »Laß uns hoffen, wir haben vierzehn Tage Zeit.« Im Stillen aber dachte sie: Wird die widerspänstige Fritz sich nicht fügen, reiche ich ihr den Kaffee des Niewiedererwachens . Besser sie stirbt, als daß ich und Herzensdieb in den Sack kommen und von den Skorpionen entstellt und getödtet werden. Als Fritz , sanft umschlungen von Augenlieb und Herzensdieb , sich dem Ausgange näherten, hörte er seinen Namen. Er wandte sich um. Emma hatte gerufen. Aufrecht, wie die Göttin des Verhängnisses, stand sie da mit erhobener Rechten. »Denke an Lenchen,« rief Emma. »Brecht Deinen Eid nicht. Auch ich werde meine Schwüre halten. Nur die Tugend siegt. « Ihre Kraft war zu Ende. Zuviel des Grauenvollen hatte sie erlebt; zu dunkel und unheilvoll lag die Zukunft vor ihr. Ohnmächtig sank sie in die Arme ihrer beiden Leibsklavinnen. »Schleppt sie in den Kiosk der unerhörtesten Lebenswonnen!« befahl der Sultan . Die Eunuchen stürzten vor und brachten Emma unter dämonischem Grinsen hinweg, wobei nur das Weiße ihrer Augen sichtbar ward und ihre schadenfroh fletschenden Lippen sich von einem Ohre bis zum anderen spalteten. Es war ein Glück, daß gänzliche Bewußtlosigkeit Emma's Sinne umfing. Denn nichts war ihr unsympathischer als Eunuchen.   Dreiundzwanzigstes Kapitel. Vor dem Staatsanwalt. Eine dumpfe Pause herrschte im Gerichtssaale. Der Staatsanwalt hatte soeben die Anklage verlesen. Funddiebstahl in Verbindung mit Selbstmordversuch, grobem Unfug und Nichtachtung der öffentlichen Gewalt . So lautete sie. Und aller dieser schrecklichen Verbrechen war ein junges liebliches Mädchen beschuldigt, das in einfachem schwarzen Kleide, mit dem in Untersuchungshaft gebleichten Angesichte, stumm und trostlos auf der Armesünder-Bank saß. Wir erkennen sie auf den ersten Blick. Es ist Lenchen , des Pfarrers Tochter, die als Elliorina , die »schön gebaute Perle vom Lande« am Theater der Celebritäten beschäftigt gewesen war. Wir kennen den Grafen nicht nur als den treuen Gatten Emma's , sondern auch als einen Mann, der stets die Fahne der Sittlichkeit hochhält und blos den einen Fehler hat, hin und wieder rückfällig zu werden. Elliorina's Unverdorbenheit hatte es ihm angethan. Diese holde, ländliche Unschuld sein zu nennen und wenn auch nur für kurze Zeit , war der Gedanke seiner Träume bei Tag und bei Nacht, der ihn verleitete, das Brillantenhalsband zu leihen, um es wieder zurückzugeben, sobald es den Zweck der Liebe erfüllt. Elliorina aber hatte das Halsband versetzt. Greise Lüstlinge boten sich an, es auszulösen. Elliorina entfloh ihnen. Sie sprang in die Spree . »Lieber den Tod,« sprach sie, »als diese ekligen, alten Donjuan-Reste.« Wo wirklich Tugend in der Menschenbrust wohnt, prallt das Laster ab, zumal wenn es gebrechlich ist. Als Elliorina den Tod im nassen Element suchte, saß Graf Szmoltopski auf einem Eckstein des Schiffbauerdamms. Auch er suchte den Tod, da er Emma verloren und Elliorina nicht erlangt hatte. Er sah die ins Wasser stürzende Gestalt. Er sprang ihr nach. Die ihm von dem Jesuiten verabreichte Cigarre erlosch zischend. Er war vor dem Zerplatzen bewahrt. Als geübtem Sportsman gelang es ihm, die Ertrinkende im Handumdrehen ans Ufer zu bringen. Beim Scheine der Straßenlaterne erkannte er sie. Es war die von ihm heißbegehrte Perle des Landes , deren schöngebaute Formen unter der nassen Gewandung höchst vorteilhaft hervortraten. Elliorina schlug die Augen auf. Ihr Anbeter aus dem Parkett, der Mann, dem sie das Brillanten-Halsband schuldete, war ihr Lebensretter. Sie stieß einen lauten Schrei aus. Schutzleute kamen und Neugierige. Elliorina wollte fliehen. Ein Mann des Gesetzes hielt sie fest. »Lassen Sie mich gehen!« bat sie. »Ich bin ein anständiges Mädchen.« »Das wird sich auf der Wache ausweisen,« entgegnete der Mann des gesetzlichen Pflichtgefühls. »Ich verbürge mich für die Dame!« stand der Graf ihr bei. »Wer sind denn Sie?« Szmoltopski griff nach seiner Brieftasche, um sich zu legitimiren . . . sie war verschwunden und schwamm wahrscheinlich in der Spree. »Nu man vorwärts!« hieß es. Elliorina wehrte sich. Gellend durchzitterten ihre Angstrufe die Straßen. Es gab Schuppse. Der Menschenauflauf wurde immer größer. Johlende Burschen traten an. Es wurde gefährlich. – – – Nun stand Elliorina vor dem grünen Tisch. Ein Pfandschein über ein Brillanten-Halsband im Werthe von siebentausend Mark war bei ihr gefunden. – Das war belastend. »Gestehen Sie, den Schutzmann Pinkepank auf dem Wege zur Wache gemißhandelt zu haben?« fragte der Präsident . »Ich suchte mich ihm zu entziehen, da er mich schmerzhaft packte!« antwortete die Angeklagte. »Der p. p. Pinkepank behauptet, von Ihnen derart gekratzt worden zu sein, daß der Sehnerv seines rechten Auges dreiviertel aus dem Loth ist.« »Der p. p. Pinkepank ,« nahm der Vertheidiger das Wort, »leidet an Uebertreibungswahn, der aus Größenwahn hervorgeht. Ich bitte den Sachverständigen, den Naturheilkundigen Wurmzieher darüber zu vernehmen.« »Das bisher unbescholtene Vorleben des Herrn Vertheidigers sehe ich als Milderungsgrund dieses unverschämten Verlangens an!« sagte der Staatsanwalt . »Es sei gestattet.« Der Präsident zum Sachverständigen: »Halten Sie den p. p. Pinkepank für normal?« Der Naturheilkundige Wurmzieher , als vereidigter Sachverständiger: »Er leidet an Größenwahn.« Präsident: »Woraus schließen Sie dieses?« Wurmzieher: »Indem er immer so thut, als ob er sein eigener Wachtmeister wäre. »Indem er immer so thut, als ob er sein eigener Wachtmeister wäre.« Präsident: »Ich rufe hiermit den Sachverständigen Wurmzieher zur öffentlichen Ordnung. Ein Beamter muß nach Höherem streben . Dieses ist seine Pflicht. Der Staat ginge zu Grunde ohne Streber .« Wurmzieher: »Außerdem hat der p. p. Pinkepank eine Schwester, die einmal gesagt hat, sie ginge nicht bei Wertheim, da käme so viel Volks. Dies ist ebenfalls Größenwahn, denn dort sieht man die feinsten Herrschaften Wurst kaufen.« Präsident: »Sie sind hier, um sich jedes Urtheils zu enthalten, da das Volk und zumal die Sachverständigen, an juristischer Halbbildung leiden.« (Das Publikum schämt sich.) Wurmzieher: »Was ich gesagt, kann ich mit gutem Gewissen verantworten.« Staatsanwalt: »Es ist durchaus nicht bewiesen, daß der Sachverständige Wurmzieher überhaupt ein Gewissen hat, und wenn schon, ist der Beweis nicht erbracht, ob dasselbe gut sei. Ich beantrage eine Woche Haft wegen fahrlässiger Angaben vor Gericht.« Der Gerichtshof beschließt bei Wertheim wurstkaufende sogenannte feine Herrschaften zu citiren und die Sache Pinkepank wird suspendirt. Präsident: »Wir kommen jetzt zu dem Pfandschein. Angeklagte, wollen Sie uns sagen, woher Sie das von Ihnen leichtsinnig versetzte Halsband haben? In der Voruntersuchung geben Sie an, Sie hätten es gefunden . Nun können Sie uns doch unmöglich zumuthen , zu glauben, so werthvolle Brillanten-Halsbänder lägen wie Hufeisen auf der Straße herum? (Gelächter im Publikum. Der Vorsitzende droht die Tribüne räumen zu lassen. Das Publikum beträgt sich sofort manierlich.) Angeklagte, wie sind Sie in den Besitz des Halsbandes gelangt? Haben Sie nicht auch gehört, daß um dieselbe Zeit in Hamburg bei einem Juwelier eingebrochen wurde? Was sagen Sie dazu?« Elliorina schweigt. Staatsanwalt: »Ich muß aufrichtig gestehen, daß mir etwas Verstockteres, Eigensinnigeres, mit mindestens elf Jahren Zuchthaus zu Verurtheilenderes noch nicht vorgekommen ist. Da sollte doch die ganze Strenge des Gesetzes ohne Widerrede dazwischenfahren!!!« Ein würdiger Greis erhebt sich. Es ist der gebeugte Vater Elliorina's. Streng blickt er die unglückliche Tochter an und spricht: »Antworte bei dem Staatsanwalte, der da donnert.« Elliorina senkt die schön bewimperten Augenlider und schweigt. – Die Stimmung im Saale ist eine athemlose. Warum schweigt die Angeklagte? Aus dem Zuschauerraum meldet sich eine ältere Dame freiwillig als Zeugin. Sie tritt vor. Es ist die Geheime Kriegsräthin von Knappspind-Leerhausen . Sie wird vereidigt und sagt aus, in der That bei Wertheim Wurst gekauft zu haben, ein halbes Viertel Cervelat- und ein ganzes Achtel Leberwurst für ihren Hund. (Sensation.) Hierauf wird der p. p. Pinkepank nach dem Antrage des Vertheidigers für erblich verdächtig angesehen und einer Nervenanstalt zur weiteren Beobachtung überwiesen. »Warum,« so fragt Jeder, »blieb die Angeklagte stumm?« Einfach aus modernster, tief innerlichster Weiblichkeit!! Konnte sie ihrem Lebensretter vor der Menge niedere Absichten unterstellen, die doch im Grunde gut und entschuldbar waren, wenn auch nicht in den Augen des Pöbels? Die Masse urtheilt stets lieblos, indem sie keine Ahnung von document humaines hat. Weil das moderne Weib sich Alles verzeiht, vergiebt es auch den Männern. Denn war Szmoltopski schlecht? O nein. Nur rückfällig. – Graf Szmoltopski hatte eine Einladung von seinem Freunde Patzkopski , eine Bärenjagd in den polnischen Gebirgen Schlesiens mitzumachen, aber von jeglichem Baargelde entblößt, mußte er ablehnen. Doch in diesem Augenblicke tritt er in den Gerichtssaal ein . (Lebhafte Bewegung.) Er selbst, er, Graf Szmoltopski , gesteht, der Angeklagten, als Verehrer ihrer Kunst, das Brillant-Halsband geschenkt zu haben und legt als Beweis die Quittung dafür auf den Tisch des Hauses. Ueberdies erbietet er sich, fünfundzwanzigtausend Mark Kaution zu stellen, die er sofort in braunen Lappen deponirt. Der Gerichtshof zieht sich zurück und beschließt dem Antrag Folge zu geben. Elliorina wird auf freien Fuß gesetzt. Kaum ist sie draußen, als Szmoltopski ihr eine Börse mit Gold giebt und ihr zuflüstert: »Fliehe eiligst . Nimm dieses Papier, es sind die Verhaltungsmaßregeln darauf geschrieben. Folge ihnen zu Deiner Rettung. Grüße das schöne Bayernland! Ich bleibe hier und erwarte die Entdeckung .« Elliorina that wie ihr geheißen. Woher aber hatte der Graf, der Werthvolles nicht weiter besaß als den noch unbezahlten Unterkiefer, das Geld? Sein frommer Sinn hatte ihm geholfen . Die Angst und Sorge um Elliorina's Schicksal, die im Untersuchungskerker schmachtete, trieb ihn hinaus auf den Kirchhof, um dort an dem Grabe seiner Schwiegermutter , der längst heimgegangenen Frau Siebenklietsch im Gebete Ruhe zu finden. Er schmückte das Grab der Mutter seiner über Alles geliebten Emma in jedem Frühling und begoß die alte Frau mit musterhafter Pietät. – Nun eilte er hinaus, der Todten sein bedrücktes Herz auszuschütten. Wie er niederkniet, in Andacht versunken, erblickt er hinter der Platte der Gedenktafel Zeitungspapier , das seinen ästhetischen Sinn beleidigt und das er vorzieht. Es ist ein Packet. – Er öffnet es. Vor Ueberraschung verstummt seine Andacht. Es sind Banknoten. Reichsbanknoten. Tausendmarkscheine. Vierzigtausend Mark!! »Aus der Klemme!« ruft er. Er kann das Halsband einlösen, den ihm falsch aufgedrungenen Schuldschein bezahlen. »Mit falschem Gelde!« lacht er. »Ja, es giebt eine Vergeltung!« Wenn aber die Noten als nachgemachte erkannt würden? Denn unmöglich konnten sie echt sein. Einerlei, es galt Elliorina zu befreien . Er wechselte für etliche Scheine Gold ein. Sie wurden ohne Anstand genommen . Mit Angst erwartete er, daß das Gericht die Bankzettel prüfen und ihn verhaften werde. Er blieb unbehelligt! Ja, der Himmel bedient sich oft unbegreiflicher Rettungsapparate: Es waren Grünenthal'sche Scheine.   Vierundzwanzigstes Kapitel. Numero Eins. Bei der Wittwe Wimmelmayr in der Kalkscheunenstraße wohnte seit einem halben Jahre Herr Iwan Schulz , dessen Papiere sämmtlich in Ordnung waren und der seine Miethe pünktlich entrichtete. Iwan Schulz lebte durchaus solide; dies mußte Frau Wimmelmayr sich selbst und Anderen gestehen, wenn die Frage auf ihren Chambregarnisten kam, aber im Stillen sagte sie sich doch zuweilen: »Dieser Herr Schulz hat etwas Geheimnißvolles.« Nicht gerade, daß er mit einem undurchdringlich verhüllenden Radmantel und einem die Stirne düster beschattenden Schlapphut gegangen wäre – o nein – er trug sich sauber in modernster Kleidung. Seine Bügelfalten waren tadellos, seine Manschetten sehr weit an der Hand und sein Stehkragen reichte bis an die Ohrläppchen. Nie trug er andere Kopfbedeckung als einen hocheleganten Cylinder, den er mit »Immerblank« aus der Drogerie von Klinkowström, Wilhelmstraße 33 , in strahlendem Glanz erhielt. So weit war Alles poilizeirichtig – allein er hatte ein entschieden geheimnißvolles Gesicht. Und wo war er des Freitags? Dies wußte Niemand. Wen Frau Wimmelmayr auch fragte – ihr ward keine Antwort. Und einst – als sie ihn selbst darum anging – ihn – Iwan Schulz , da blickte derselbe dieselbe mit einem Ausdruck an, daß derselben das Blut in den Adern gerann und dasselbe derart stockte, daß sich an ihrem linken Bein eine hartnäckige Venenentzündung entwickelte, so daß Frau Wimmelmayr Wwe. noch heute unheilbar hinkt . Nie wagte sie deshalb den schrecklichen Menschen wieder zu fragen, vor dem sie zitternde Angst ergriff, so oft sie gezwungen war, ihm zu nahen, was sie als Vermietherin nicht vermeiden konnte. Denn wovon sollte sie leben? Traurig ist der Druck der Armuth, wenn der Einlogirer einen unklaren Lebenswandel führt. Wo blieb Iwan Schulz des Freitags? Was trieb er? Warum ließ die Polizei ihn gewähren? Und woher bezog Iwan Schulz die Mittel zu seiner verschwenderischen Lebensweise? Er aß stets warmes Abendbrot und trank nur Echtes. Stand er mit dunklen Mächten in Verbindung? Dieses und noch mehr mußte der Wittwe Wimmelmayr auffallen. Allein sie schwieg wie der Altar in der Kirche. Wie aber begleiten Iwan Schulz an einem regnerischen Freitagnachmittag hinaus nach Treptow in die Laubenkolonie . Dort wurde er erwartet. Drei Männer warteten auf ihn. »Da kommt Nummer Eins!« sagte Pagels , ein großer rothhaariger Schlossergeselle zu den andern Beiden, Hink-Ede und Schiel-August . Sie thaten dies auch in Wirklichkeit. Nummer Eins trat unter die Drei und drückte den Nagel des linken Daumens auf sein linkes Augenlid, während er mit dem rechten Auge über seine rechte Schulter blickte. Dies war das Bundeszeichen. Die drei Männer machten dieselbe Gebärde, wodurch Schiel-August ein besonders grauenvolles Aussehen bekam. »Ist Alles bereit?« fragte Nummer Eins die drei Männer. Nur unter diesem Namen war Iwan Schulz ihnen bekannt. »Alles bereit!« antwortete Hink-Ede grinsend und humpelte voran. Die Anderen folgten ihm und als sie in der Laube waren, verschlossen sie die Thür vorsichtig. Leichter aschgrauer Rauch stieg aus dem Schornstein der Laube auf, als wenn eine harmlose Familie dort Kaffee kochte. Bald darauf vernahm man das metallische Klingen im Takte geschwungener Hämmer. In Gemeinschaft mit den drei verworfenen Subjekten schmiedete Nummer Eins verbrecherische Pläne. Welche Pläne dies waren, das wird sich bald herausstellen. Nur so viel sei hier gesagt, daß Nummer Eins von allen Schlössern der Leipziger Bank sorgfältige Wachsabdrücke besaß. Und Niemand ahnte, daß diese Bank in Gefahr sei. Im Gegentheil, die Aktionäre träumten von ungeheuren Dividenden. Wird Nummer Eins der teuflische Plan gelingen, die vertrauensvoll Schlafenden um ihren erträumten Gewinn zu bringen? Hoffen wir, daß er vereitelt wird, denn Nummer Eins will die ungezählten Millionen jener Bank zu höchst verabscheuungswerthen Zwecken brauchen. Doch jetzt hierüber zu reden würde einen unserer beliebtesten Freunde in gefahrbringenden Verdacht stürzen , unseren durch seine unverfälschte Gesinnung sich in allen Zeit- und Lebenslagen bewährenden: Nordhäuser! Darum müssen wir die Zukunft der Zukunft überlassen.   Fünfundzwanzigstes Kapitel. Die Geier des Sultans. Als Emma aus ihrer abgrundtiefen Ohnmacht erwachte, befand sie sich in einem herrlichen, mit seidenen Goldstickereien in höchster orientalischer Pracht geschmückten Gemache, dessen silberne Pforte in einen blühenden Palmengarten führte. In den wundervollsten Farben erglühten die Kelche der Palmblüthen, aus denen edelsteinschimmernde Kolibri's Honigseim nippten; in den Jasmingebüschen sangen abgerichtete Phoenixe mehrstimmige Liebeschöre, während dreifach destillirtes Rosenwasser murmelnde Springbrunnen die Luft kühlten und durchdufteten. Aber Emma erfreute sich nicht an diesen Köstlichkeiten, aus denen die grenzenlose Verschwendung eines Tyrannen hervorblickte. Ihr einziger Wunsch war Flucht; behende eilte sie in den Garten. »Wohin?« rief eine Stimme. Es war die des Sultans . Emma erschrak tödtlich. »Ich wollte mir nur die Füße ein wenig vertreten,« sprach sie keusch erröthend. »Füße?« fragte der Sultan , indem er sich näherte. »Nur auf Rosenblätter sollen Deine Füße wandeln. Nichts Reizvolleres kenne ich als schöne Füße.« Der Sultan war in der That derart in Füße verliebt, daß er, obgleich von seinem religiösen Standpunkt verboten, trotzdem heimlich jeden Donnerstag Spitzbein mit saurem Wüstenkohl und Dattelpüree aß. Emma verbarg die ihrigen unter dem Saume des Gewandes. »Deine Füße,« begehrte der Sultan. »Altesse, werden Sie nicht aggressiv!« wehrte Emma mit einem Anflug von Koketterie. »Du gehörst mir!« rief der Sultan , »also sind auch Deine Füße mein.« »Rufe Deine Sklaven,« entgegnete Emma , »lasse meine Füße abhacken und nimm sie Dir. Was aber – und dies bedenke, Sultan – was nützen die niedlichsten Füße ohne Liebe?« »Deine Liebe gehört mir, ich habe Dich gekauft!« schrie der Sultan sie an. »Armseliger Orientale!« erwiderte Emma . »Du wähnst, wahre Liebe sei käuflich? Was hast Du, Aermster, je genossen? Elende Bazar-Liebe, die nicht hält; Weiber, deren Herz in Furcht klopft, aber nicht in stürmischer Neigung, deren Leiber sich in Unterwürfigkeit vor Dich warfen, nicht aber Dich an sich rissen in der Gier der Hingebung; deren Küsse nicht bis ins Mark brannten, weil ihre Lippen nicht in echter Liebe glühten. Geh mir, Sultan . . . . was verstehst Du von Liebe?« »Und Du . . . . Du . . . . Du . . . . ?« fragte fauchend der Sultan , dessen Augen in heißer Brunst aufflammten. » So liebe ich . . . . wenn ich liebe,« sprach Emma mit dem Ausdrucke überzeugendster Wahrheit. Der Sultan schäumte in Aufgeregtheit. »Aber meine Liebe muß gewonnen werden. Willst Du sie erwerben?« Bei diesen Worten zeigte Emma ihr rechtes bildschönes Füßchen. Sie hatten den schwachen Punkt des Sultans erspäht. »Erwerben . . . . erwerben,« keuchte der Sultan mit heiserer Kehle. »Was soll ich thun?« »Jedes anstößige Betragen aufgeben und mich so lange meiden, bis ich Dich rufen lasse. Aus der Sehnsucht keimt schüchtern die erste Liebe .« »Das vermag ich nicht.« »Ich sehe schon, Du erringst meine Liebe nie,« sagte Emma und zeigte den noch viel schöneren linken Fuß. »Habe Mitleid mit mir!« gurgelte der Sultan . »Was willst Du mit Mitleid? Mitleid küßt mit frostigen Lippen.« »Keinem gehorchte ich bisher,« entgegnete der Sultan . »Dir aber muß ich gehorchen – muß ich folgen. Jedoch wehe Dir , wenn Du mich hintergehst. Siehst Du dort an der hohen Sago-Palme das goldene Gefüge? Das ist der Geierkäfig . Kennst Du das Loos Deiner ungehorsamen Vorgängerin? Lebend wurde sie darin eingesperrt – ich allein besitze den Schlüssel – dann kamen die Geier , hackten ihr die Augen aus den Höhlen, das Fleisch von den Knochen, die Gedärme aus dem Leibe. Nun bleicht ihr abgenagtes Brustbein hoch oben in den Lüften und wartet auf die Gesellschaft des nächsten Opfers.« Der Sultan klatschte dreimal in die Hände. Alsbald flogen die Geier mit blutnassem Gefieder herbei und setzten sich auf den goldenen Käfig, hungrig ihre ekelhaften nackten Hälse ausstreckend. »Tödte mich jetzt gleich,« sprach Emma hoheitsvoll. »Ich fürchte weder Dich noch Deine Harpyien. Martere mich, morde mich. Aber das wisse: in mir tödtest Du das einzige Weib, das reell zu lieben versteht.« Emma war sich ihres Sieges bewußt, des Sieges der Schönheit in Verbindung mit Tugend über niedere Leidenschaft. Deshalb trat sie so kühn und furchtlos auf. Grollend blickte der Sultan sie an. »Auch Du wisse,« so rief er, »wer den Rosengarten hat betreten, ruht nicht, bis er Rosen pflückt .« Schnaubend mit blutunterlaufenen Augen zog er sich zurück, noch einmal rufend: »Ich komme pflücken!« Als er sich entfernt hatte, durcheilte Emma den Garten, einen Ausgang suchend. Vergebens! Eine undurchdringliche , hohe, eiserne Mauer umgab das paradiesische Gefängniß. Und nirgends war eine Thür zu erspähen, so kunstvoll waren die Platten genietet. »Keine Rettung!« summte es Emma vor den Ohren, »keine Rettung!« Die Geier saßen auf dem goldenen Käfig und plinkten mit den Augen.   Sechsundzwanzigstes Kapitel. Matthias, der große Räuber und Bandit. In einem kühlen Grunde des schönen Bayernlandes liegt die ebenso romantische wie malerische Schachermühle . Dort lebte in rührender Vorsorge für die Seinigen der Müller Vinzenz Kneißl , der nur das Nothdürftigste erwarb, denn das Dampfmehl that ihm großen Schaden. Schon so Manchem that der Dampf den Dampf an, wie man volksthümlich zu sagen pflegt. Unser Vinzenz Kneißl aber war guten Muthes und fing eine Bierwirtschaft an und sprach scherzhaft: »Bier ist flüssiges Brot; es ist wohl eines Müllers Art, es zu verkaufen.« Ein trauliches Familienleben herrschte in der freundlichen Mühle. Die Mutter war leider verhaftet, um so inniger schlossen sich die Geschwister aneinander. Da waren der Alois , die Cäcilie , der Matthias und die jüngsten: Hans'l, Pold'l und Gund'l , alle drei von gleichem Alter, denn sie waren Drillinge . Von den Kindern des alten Kneißl war der Matthias der begabteste und aller Liebling. Freilich in der Schule, bei den Büchern und in der Christenlehr' beim Herrn Pfarrer, da war der Matthias nicht der Erste, aber beim Schlingenstellen, beim Wildern, beim Jagdfreveln, da nahm er es mit den Geübtesten auf. Dies war auch kein Wunder, denn sein Oheim mütterlicherseits, der Pascolini , der war ein großer Wildschütz gewesen und ein sehr gefürchteter Räuberhauptmann in Oberbayern. Wenn die Mutter Abends am trauten Herdfeuer von den Thaten ihres Bruders erzählte, rief Matthias mit leuchtenden Augen: »So einer will ich auch werden. Ich will den bayrischen Hiesel in jeder Beziehung übertreffen. Ueber mich muß ein dickes Buch geschrieben werden.« Der Alois , der sich bereits mit Erfolg als Einbrecher ausbildete und schon einige Jahre Zuchthaus abgemacht hatte, sprach dann: »Die Sach' ist gefährlich wegen die Schandimuckel.« Worauf der Matthias antwortete: »Die knall' ich nieder.« Da sprach der alte Kneißl: »Du mußt nicht auf die Gensdarmen schießen, denn die sind auch Menschen, zumeist Familienväter. Wenn man einen solchen Mann erschießt, belastet man sein Gewissen, da man eine Familie ihres Ernährers beraubt.« Genau nach den Prozeßakten, wie überhaupt dies düstere Sittenbild auf gerichtlichen Verhandlungen und unumstößlichen Berichten der Presse beruht. Da gelobte ihm der Matthias mit erhobenen Schwurfingern, sein Gewissen rein zu erhalten und nie einen Gensdarm zu tödten. Aber es nahten seine beiden bösen Engel, der Dienstknecht Schrenk und der Flecklbauer Michl Rieger , sowie der Holzleitner . Mit rührender Liebe hing Matthias an den Drillingen, die in ihrem Bettchen nach Nahrung weinten. »Ja, Ihr Armen,« rief Matthias , »die herzlose Regierung hat Euch die Ernährer genommen. Löwen und Leoparden füttern ihre Jungen, Raben tischen ihren Kleinen auf dem Aas und die fade Regierung gönnt Euch nicht mal das! O falsche, heuchlerische Krokodilenbrut. Aber, dies schwöre ich in die Schauder der Mitternacht, ich verlasse Euch nicht. Wer mir jetzt ein Schwert in die Hand gäb' – er sei mein Freund.« Darauf sagte der Holzleitner: »Komm mit uns in die bayrischen Wälder. Wir wollen eine Räuberbande sammeln.« »Du sollst unser Hauptmann sein,« rief der Schrenk . »Sklaven und Memmen,« murmelte der Rieger . Mit lärmendem Toben schrieen Alle: »Es lebe der Matthias!!« »Bis ich ihm hinhelfe!« grollte Rieger vor sich hin. »Kommt,« rief Matthias mit furchtbarer Stimme, »laßt uns gehen.« Bei diesen Worten hing er sein Gewehr um, steckte fünf geladene Pistolen in seinen Gürtel, lud die Drillinge auf seinen Arm und schritt voran in die düstere Nacht. Die Uebrigen folgten mit dem wehmüthigen Gesange: »So leb' denn wohl, du stilles Haus.« Nur der Flecklbauer lachte höhnisch. »Dein Register hat ein Loch!« sprach er vor sich hin. »Du hast die Schandimuckel vergessen.« Auf diese Weise gelangten sie bald an die Chaussee, wo ihnen der Sattlergeselle Dannhofer begegnete. Diesem schlugen sie mit dem Gewehrkolben auf den Kopf und nahmen ihm seine ganze Baarschaft ab. Da die wenigen Groschen jedoch zur Proviantirung der Bande nicht langten, gingen der Holzleitner und der Matthias nach dem Gehöft der Ottilie Scheurer . Diese wollte zetern, aber der Holzleitner warf sie auf das Bett und fuchtelte mit einem Revolver vor ihrem Gesicht, indem er drohte: »Wenn Ihr einen Laut von Euch gebt, schieße ich und Ihr seid hin .« Während der Holzleitner fuchtelte, brach der Matthias die Kisten und Kasten auf, aus denen er einen Pfandbrief von 2000 Mark, einen dito von 500 Mark, fünf Hundertmarkscheine und sämmtlichen Schmuck nahm. Im Keller fanden sie nichts als die Sachen von dem Hütbuben. Diese wollte der Holzleitner auch rauben, aber der Matthias sagte: »Laß dem armen Hütbuben seine Sachen.« Der Kneißl war eben durch und durch gerecht und von humaner Gesinnung. Und diese Herzensbildung trug ihm auch später, als er im Gefängniß saß, so viele schwärmerische Liebesbriefe von einer Anzahl selbst hochstehender Damen ein. Thatsache nach den Prozeßverhandlungen, worüber in den Zeitungen schmähende Bemerkungen gemacht wurden und zwar mit Unrecht. Denn wie sagt Goethe? »Gefühl ist Alles.« Und die Damen, welche Goethe begriffen hatten, spürten jetzt das Verlangen, den Kneißl zu begreifen. Dies konnte, da sie nicht zu ihm gelassen wurden, nur auf brieflichem Wege geschehen und ist psychologisch erklär- und dadurch entschuldbar. Doch wir wollen den Ereignissen nicht vorauseilen, sondern folgen den Räubern nach ihrem Rastplatze in den bayrischen Wäldern. Die Räuber lagerten auf einer Anhöhe unter Bäumen. »Dort kommt der Hauptmann!« rief der Flecklbauer . Mühevollen Schrittes nahte Kneißl , die nie versagende Flinte auf dem Rücken, die Drillinge auf dem Arme. Ihm folgte der Holzleitner mit der Beute. Vorsichtig lud Kneißl die Drillinge ins weiche Moos ab und warf sich selbst auf die Erde. »Hier muß ich liegen bleiben!« sprach er. »Meine Glieder sind wie abgeschlagen, meine Zunge trocken wie ein Scherben.« »Der Wein ist all' in unseren Schläuchen!« sagte der Riegler . Da trat aus dem Tannendickicht eine anmuthige Gestalt. Rothe Schnürstiefel umschlossen ihre zierlichen Füßchen, das lichtgrüne, seidene, kurze Kleid ließ ein Paar wohlgebauter, weißbestrumpfter Waden sehen. Eine mit Schwan besetzte Ulanka aus braunem Sammt schmiegte sich in entzückender Knappheit um eine tadellose Büste und auf dem lichtblonden Wellenscheitel saß neckisch eine scharlachrothe Confederatka mit langer Goldtroddel. An der linken Seite trug sie an einem hellblauen Moir é ebande ein zierliches Fäßchen, worauf in Brandmalerei der Spruch zu lesen war: Alle für Eine; Eine für Alle. Kneißl wollte sich erheben, allein er war zu schwach . . . er hatte als Bayer zu lange gedurstet. »Meine Herren, verzeihen Sie!« sprach Elliorina – denn sie war es, »ich suche den berühmten Räuber Kneißl. « »Hier ist er!« krächzte der Kneißl mit ausgedorrter Kehle. »Hast Du zu trinken?« »Hier, mein Hauptmann!« sprach Elliorina und zapfte aus ihrem Fäßchen. »Dein Getränk ist gut!« sagte Kneißl , nachdem er sich gelabt und auch den Drillingen gegeben hatte. »Es ist echter Angostura!« erwiderte Elliorina und schänkte den übrigen Räubern ein, die an dem würzigen Bittern großen Gefallen fanden. »Du bleibst bei uns als Marketenderin!« befahl Kneißl . »Nun aber erzähle uns die Geschichte Deines Unglücks, das Dich zu uns geführt.« Elliorina erzählte, was der geneigte Leser bereits weiß. Einfach legte sie die Kabalen klar, denen sie ausgesetzt worden war. »Pfui Teifel!« schrie der Kneißl , als sie geendet, »bringt mir meine Klampfen.« Man gab dem Hauptmann die Zither. Mit geübter Hand griff er in die Saiten und sang: »Von den Bergen da drob'n Spuck i hinab auf die Welt. Den Herrgott muß ma lob'n, Der s' so hoch hat hing'stellt.     Holdrio, dueliäh!« Er war eben voller Gemüth, der Kneißl . Ihm antwortete Elliorina mit einem schelmischen Gestanzl: »Der Kneißl ist a Rauber, Für die Männer halt a Schreck. Aber weil er blitzsauber, San die Weiber in ihn weg!     Holdrio, dueliäh, dueliäh!« »Juhu!« riefen die Räuber und stimmten in den Jodler ein. »Juhu!« erscholl es aus dem Walde. »Das sind der Schrenk und der Lorenz! « rief der Kneißl . »Gott geb', daß sie geraubt haben, was wir am nothwendigsten gebrauchen.« Langsam kamen die Beiden, schwer mit einem Schiebkarren, auf dem ein großes Faß lag. Ein Faß Versand-Hofbräu! Der Jubel kannte keine Grenzen. Das Faß wurde angesteckt und bald floß das schäumende Naß in die Krüge und in die Kehlen. Auch die Drillinge bekamen ihren Antheil, denn der Kneißl hatte geschworen, für sie zu sorgen. Und dann begann der Schuhplattler, den sie mit seltener Verve tanzten. Friedlich lächelnd schaute der Vollmond auf dies koloristisch volksthümliche Bild harmloser Freude, wie sie nur sich offenbart, wo die Unebenheiten und Schärfen des Charakters durch wahre Natürlichkeit ausgeglichen werden. Elliorina war froh, dem kalten, herzlosen Norden entronnen zu sein und in dem gemüthreichen Süden eine Zuflucht gefunden zu haben. Zum Dank hierfür deklamirte sie eine neue freiherrliche, mit vierzehn Ahnenkraft verfaßte Ueberbrettldichtung, betitelt: »Die verbogene Gießkanne«, die jedoch sehr wenig Anklang fand. So viel natürliche Anlage zur Poesie die Räuber auch besaßen, fehlte ihnen zum rechten Verständniß dieser Gabe doch die nöthige literarische Durchbildung. Auch hatten sie weder ein Cabaret, noch einen Conférencier . Gerade in diesem Augenblicke als Elliorina den symbolischen Schluß des Gedichtes sprach: Und Plimperimplimm plim Plotscheplatsch . . . Da saß er in der Pitsche-Patsch . . . . . schwirrte eine feurige Rakete aus dem Nebengebüsche in den schwarzen Nachthimmel. »Was war das?« rief der Kneißl . »Nichts!« erwiderte der Rieger , der soeben aus dem nämlichen Tannicht hervorschlich. »Ich dacht', weil wir so vergnügt beisammen sein, thät das Raket'l die Lustigkeit erhöhen.« Forschend blickte der Kneißl ihn an. »Flecklbauer , ich kenn Dich!« sagte er stirnrunzelnd. »I Di a!« antwortete der Flecklbauer in dem herzgewinnenden Dialekt seiner heimathlichen Berge und schlug dem Kneißl mit der biederben Rechten auf die Freundesschulter. »Schon guat!« entgegnete der Kneißl . »I woaß, Du bist a Sau-Lump, aber ich trau' Dir wegen Deinem Gemüath.« Wir werden erfahren, was jenes geheimnißvolle Zeichen zu bedeuten hatte.   Siebenundzwanzigstes Kapitel. Harems-Intriguen. Durch ihr bescheidenes und anspruchsloses Betragen hatte sich Friederike gar bald die Achtung des ganzen Harems erworben und klüglich umgangen, daß Neid und Eifersucht zu Streitscenen und somit leicht zur Entdeckung des wahren Sachverhaltes geführt hätten, was unter allen Umständen vermieden werden mußte. Glücklich pries Friederike sich daher, als sie in ihrer Handtasche den Katechismus vorfand, den die Tante Schwudicke ihr geschenkt hatte, wie sie als Leutnant Fritz Dr. geliebten Kranken Abends Erbauliches vorlas. Nun konnte er sich zurückziehen und mit Augenlieb und Herzensdieb fleißig Katechismus lesen, wodurch auch noch die günstige Meinung verbreitet wurde, daß die Sklavin »süßer Fritz« über alle Begriffe fromm und tugendhaft sei. Und Fritz war dies wirklich, denn wenn es ihm auf sein eigenes Leben auch nicht ankam, so durfte er das der schönen Emma doch nicht aufs Spiel setzen. Für Emma zu leiden war ihm keine Pein und schließlich gewöhnte er sich auch an die Tugend, weil eben der Mensch sich an Alles gewöhnt. Er ging meistens verschleiert, indem er vorgab, ein Gelübde gebiete ihm, sein Antlitz so lange verborgen zu halten, bis die Stunde der Enthüllung geschlagen. »Wann ist dies?« fragte Herzensdieb . »Wenn die Wandervögel ziehen!« antwortete Fritz zweideutig. »Aber seid nicht neugierig, sondern wiederholt mir, was Ihr aus dem Katechismus gelernt habt.« »O,« sagte Augenlieb , »immer brav und artig sein und lieb und gut und . . . und . . .« Ein schrecklicher Klageton aus der Ferne unterbrach Augenlieb's kindliches Geplauder. Er klang wie Wuth und Jammer in Eins. – Die beiden Odalisken erbleichten. »Was ist das?« fragte Leutnant Fritz . »Der Sultan . . . . der Sultan!« flüsterten Augenlieb und Herzensdieb voller Angst. »Warum schreit er so?« Wieder ertönte der schauerliche Ton, doch diesmal mehr wie ein Gebrüll . »Nicht er schreit,« sagte Herzensdieb , »es ist das Begehren, das aus ihm ruft.« »Welches Begehren?« »Nach einem Weibe, das seine Gluth nicht erwidert!« sagte Augenlieb . »Emma!« durchschoß es Fritz . Keine andere konnte den Sultan so zum Rasen bringen, keine ihm widerstehen wie sie. »O die Schändliche!« rief Herzensdieb . »Warum giebt sie sich ihm nicht hin? Nun wird er morden, morden, morden – uns Alle. Seine Gluth löscht er in Strömen von Blut, sein Sehnsuchtsschrei erstickt erst in unserm Todeswinseln . Sollte die neue Weiße uns solche Gefahr bereiten? O  Fritz , Du mußt zu ihr eilen und ihr den Haschischtrank reichen. Wenn sie davon trinkt, gewährt sie dem Sultan Alles, wonach er verlangt.« Ein langgezogener anschwellender Ton machte ihnen das Herz erlahmen. »Gebt mir den Trank,« flüsterte Fritz . Im Geheimen nahm er sich vor, Emma zu warnen , nichts anderes zu essen als Eier in der Schale und Milch, frisch von der Ziege , sowie selbst vom Baum gebrochene Früchte . Laut sagte er dann: »Kinder, Kinder, seid Ihr durchtriebene Kreaturen; ich fürchte, bei Euch ist der Katechismus vergebens.« In diesem Augenblicke wankte Menub-bel , die Priorin des Harems, herbei, eine ältere Türkin, die schon drei Dynastien hatte über sich ergehen lassen. »Sklavin Fritz ,« rief sie, »unser Gebieter ist brauchis , das heißt voller Zorn; er bedarf neuer Anregung . Wir wissen keine Novitäten im Harem mehr: es ist immer dasselbe. Womit ergötzt Ihr die Fürsten des Abendlandes?« »Mit Paraden! « antwortete Fritz . »Können wir das auch?« »Mit Wonne!« rief Fritz . »Blaues Tuch her! Silberlitzen, feine Lack-Schaftstiefel, blanke Czacko's! Wir verwandeln den ganzen Harem in tadellose Husaren zu Fuß . Dalli! Dalli!« Wieder erscholl die Jammerklage des von wilden Lüsten geplagten Sultans. »Wir haben keine Zeit zu verlieren!« sagte die würdige Dame. »Willst Du die Sache leiten, liebe Fritz? « »Und ob!« rief Fritz . »Und Frisierwolle her für die Bärte! Mächens, werdet ihr propper aussehen.« In seinem Übereifer küßt er Augenlieb und Herzensdieb und sogar Menub-bel , die Alte. Fritz hatte einen Rettungsgedanken erfaßt. Rasch wurde alles Nothwendige herbeigeschafft und die Anfertigung der Uniformen begann noch an demselben Tage. Sogar die Schlafzeit wurde zu Hilfe genommen. Sie alle zitterten für ihr Leben. Immer grauenvoller ertönte des Sultans Geheul durch die stille Nacht. Die Gefahr wuchs sichtlich. Wohl hatten die Aerzte ihm Beruhigungspulver eingegeben, aber ihre Arzneien waren zu schwach, um seine furchtbare Sinnlichkeit zum Schweigen zu bringen. Die Molla's lagen in den Moscheen auf den Knieen und flehten zu Allah und Muhammed , daß sie die Qualen des Gebieters linderten. Aber Allah und sein Prophet vermochten es nicht . Emma war zu schön.   Achtundzwanzigstes Kapitel. Der Roman des Räuberhauptmanns. So amüsant das Räuberleben auch während der Sommerzeit war, ebenso beschwerlich gestaltete es sich beim herannahenden Winter. Der Kneißl beurlaubte daher einen Theil seiner Bande, er selbst quartirte sich bei dem Parasolbauern ein, wie denn die Bauern ihm mit Vergnügen Unterschlupf gewährten, da sie fürchteten, im Verweigerungsfalle von ihm erschossen zu werden. Auch mußte der Kneißl den redlichen Landleuten viel Geld für Wohnung und Verpflegung zahlen. Deshalb durfte er das Räuberhandwerk während des Winters, wo sonst so manches Geschäft still liegt, nicht ganz ruhen lassen. Zu diesem Zwecke that er sich eine schwarze Maske vor und ging mit den Drillingen, die er nie allein ließ, damit ihnen kein Unheil geschähe, nach Langfetten zu dem alten Mooseder . Dem hielt der Kneißl einen Revolver und ein großes Schlächtermesser vor das Gesicht und brüllte: »Dein Geld oder ich schieße Dich nieder.« Weinend eilte des Mooseder's Frau herbei, eine Greisin mit schneeweißem Haar. Sie sank in die Kniee und betete . Grimmig murmelte der Kneißl durch die schwarze Maske: »Laßt das Beten sein! Das nützt Euch nichts. Gebt Euer Geld heraus oder ich schieße Euch nieder.« Wörtlich nach den Prozeßakten. »Bei dem Seelenheil der drei unschuldigen Kleinen,« beschwor die Greisin den drohenden Räuber, »laß uns den Nothpfennig unseres Alters .« » Ich muß auch leben,« entgegnete der Kneißl , »und ich hab' dem lieben Gott einen Eid gethan, daß ich den unmündigen Kindlein ein Ernährer sein will.« Sechsundfünfzig Mark war des Mooseders ganzes Geld – das gab er angstbebend mit zitternder Hand dem furchtbaren schwarzen Mann, der es an sich riß und mit den Drillingen ebenso unheimlich verschwand , wie er gekommen war. Da er nicht genug ergattert hatte, um seine Zeche beim Parasolbauer zu begleichen, wandte der Kneißl sich nach Jochenbrunn zum Michl Rieger , dem Flecklbauer, seinem Freunde, der jetzt ebenfalls privatisirte. Die Frau des Rieger brachte Geselchtes und bayrisch Kraut; der Rieger holte einige Maaß Bier aus dem Wirthshause. Der Kneißl setzte sich mit den Drillingen auf dem Schooß an den Tisch. Mit dem Zartgefühl eines fein empfindenden Weibes bediente ihn Elliorina stumm und schweigend. Man darf einem Räuber nicht ins Essen reden und einem Bayern nicht ins Trinken, sonst werden sie grob. Und Kneißl war beides. Als der Kneißl gegessen und aus Mangel an Hölzeln die Zähne mit den Gabelzinken gestochert hatte, sprach er: » Elliorina . . . weißt . . . hätt'st Du nicht Lust, Mutter zu werden? Ich mein' Mutter von den Drillingen, die mir doch mitunter sehr zur Last fallen auf den Streifzügen.« Elliorina machte eine abwehrende Gebärde. »Du würdest dadurch dem Räuberthum einen großen Dienst erweisen!« fuhr Kneißl fort. »Ich hab' mir die Aufgabe gestellt, eben selbiges Räuberthum bis zur höchsten Blüthe zu entwickeln, dem Fortschritt des zwanzigsten Jahrhunderts entsprechend. Es müßte elektrisch betrieben werden . Aber alle meine Theorieen werden zunicht durch die Drillinge, die jede geschwinde Beweglichkeit verhindern. Frei muß der Räuber sein, er darf keine anderen Ketten tragen als die . . . der Liebe .« »Halt ein!« rief Elliorina . »Warum nicht gar?« entgegnete der Kneißl und erhob sich in voller Größe, die Drillinge auf seinen machtvollen Armen haltend. »Schau her, Mad'l. Sieh mich an, meine ganze Statur und wie mich der Herrgott erschaffen hat; und die drei elternlosen Waisen schau an, die ihre Aermchen nach einer Mutter ausstrecken. Komm, sei nicht fad. Sprich es aus das Wort, das den unschuldigen Würmern eine Mutter giebt und Dir zum Gatten den zweiten bayrischen Hiesl, den Matthias Kneißl! « Furchtbar rang Elliorina mit sich selber. »Nein! rief sie nach längerem Ringen mit qualerstickter Stimme. »Nein!« Wie vernichtet sank der Kneißl auf den hölzernen Stuhl, der unter der Schwere seines Schmerzes zusammenbrach. Auch war er nicht ganz neu mehr und öfter geleimt. »Kruzitürken!« schrie der Kneißl . »Wie kannst Du es wagen, mich zu verschmähen? Tod und Teufel! « »O Matthias! « sprach Elliorina schluchzend, »schilt mich nicht lieblos. So sehr ich Dich auch achte und in Dir die Krone aller Räuber erkenne, dessen Liebe in geordneten Formen zu besitzen das höchste Glück meines Lebens wäre . . . . ich kann Dein Weib nicht werden.« »Himmelsakradonnerwetter noch a mal, warum nicht?« Mit einem Blick voller Liebe und Seelengröße zugleich sah Elliorina den Räuber an. »Ich habe eine Vergangenheit!« sprach sie erröthend. »Ei verflucht!« rief der Kneißl . »Das Weib, das Du zu Dir emporziehst, darf später in den Blättern Deiner Geschichte kein Vorwurf treffen. Edel muß es dastehen, wie Du, ohne Makel . Verstehst Du mich jetzt, Du Einziger, Großer, Herrlicher?« »Ich seh's ein,« sagte der Kneißl . »Vielleicht war es gar ein Schandimuckel, mit dem Du Dich eingelassen hast? Und das wär' gegen meine Reputation, Schwager von so einem zu sein.« »Nein, nein,« schrie Elliorina , wie von einem unsichtbaren Peitschenhieb in das wehrlose Antlitz getroffen. »Es war ein Leutnant , dem ich in aller Unschuld die Versicherung meiner ersten und einzigen Liebe gab.« – Händeringend rief sie: »O mein Fritz , wo magst Du weilen? Vergieb, Du Geliebter meiner mädchenhaften Seele , daß ich im Begriffe stand, Dir in Gedanken untreu zu werden. Wer aber würde nicht wanken, einem Räuberhauptmann gegenüber wie der Kneißl , so edel, so hehr und so voller Schneid? Die, welche unentwegt bliebe, werfe den ersten Stein auf mich.« Da Niemand warf, faßte Elliorina sich wieder. »Lebt wohl, Ihr geliebten Kleinen,« zu werden. Wer aber würde nicht wanken, einem Räuberhauptmann gegenüber wie der Kneißl , so edel, so hehr und so voller Schneid? Die, welche unentwegt bliebe, werfe den ersten Stein auf mich.« Da Niemand warf, faßte Elliorina sich wieder. »Lebt wohl, Ihr geliebten Kleinen,« sprach sie unter Thränen und küßte die Drillinge, die ihre sechs Händchen ausstreckten und in lautes Abschiedsgeplärr ausbrachen, denn sprechen konnten sie noch nicht, nur lallen wie z. B. Hi . . . Hi, was so viel wie Hiesl bedeutete und Ba-Ba, womit sie Bier meinten, das sie für ihr Säuglingsalter schon recht gut würdigten, indem sie mit den Beinen strampelten, wenn schlecht eingeschänkt war. Es waren eben die Gesetze der Vererbung, die eher zum Durchbruch kamen als die Zähne. Elliorina drückte einen Kuß auf die bleiche Stirn des Räuberhauptmanns, der, vom Stachel der Liebe verwundet , gramvoll aufstöhnte. »Leb' wohl!« rief sie, »Lorina geht . . . und niemals . . . kehrt . . . sie wieder!« Weiter wußte sie den Monolog nicht und ging daher rasch ab. Als sie draußen auf dem Hofplatz war, sah sie wieder, wie schon einmal im Walde, eine Rakete gen Himmel steigen. Rasch wollte sie umkehren und rufen: » Hiesl , rette Dich! Verrath! Verrath! « Aber zwei würgende Hände umspannten ihren Hals und eine dritte Hand stopfte ihr Stroh in den Mund. Mit Stricken fest umschnürt und gebunden warfen der Flecklbauer und sein Weib die Unglückliche in den Gemsenstall. Elliorina aber hatte genug gesehen: Gensdarmen, Gensdarmen und noch mehr Gensdarmen und hinter den Gensdarmen Schutzleute mit Pickelhelm und Seitengewehr . Kneißl war umstellt! Nun galt es Kampf auf Leben und Tod!   Neunundzwanzigstes Kapitel. Die Greuel in den Kimberley-Gruben. Es war eine Hitze in Südafrika, daß die Chausseesteine rauchten und dabei die Witterung von einer solchen Beständigkeit, daß das Barometer nichts zu thun hatte. Tief unter der Erde aber, in den niederen Schachten der Gruben zu Kimberley mußten die Menschen sich regen und arbeiten. Nur die Bergmannslämpchen leuchteten ihnen, bei deren trübem Flackern sie die glänzenden Steine brechen mußten, die als Diamanten in den Salons der Großen und Reichen, dagegen als Simili's in den Dachstuben der Minderbegüterten strahlen. Dunkelhäutige Kaffern schlugen, auf dem Rücken liegend, das Gestein mit dem Spitzmeißel ab. Sie sangen verruchte Lieder dabei und stießen gräßliche Flüche auf die Compagnie de Beers aus, für die sie hier in der Tiefe sich quälen mußten. Nur einer sang und fluchte nicht mit. Dies war ein Weißer mit einem bleichen Dulderangesicht und stark abgemagerten Gliedern. Der Leser wird längst errathen haben, daß es kein anderer war, als Gottfried Nordhäuser , der Sohn einer deutschen sittenreinen Destille vom Koppelplatz. Wie aber war unser Nordhäuser , den wir alle schätzen und lieben , von seinem Herrscherthrone zu Assessoria in die Knechtschaft der Compagnie de Beers gerathen? Auch er war ein Opfer des südafrikanischen Kriegs. Er glaubte ja nicht, daß es so schlimm werden würde, weil er von den Zeitungen immer nur den Anzeigentheil las, da ihm einmal ein Redakteur gesagt hatte: Annoncen wären die Seele der Presse. So kam es, daß er nicht vorbereitet war, als die Engländer sein Land verheerten, weil sie, seiner Unschuld und Güte wegen, Nordhäuser für einen Bauern hielten. Von Allen verlassen, ohne Mittel und ohne Verwandte – denn er stammte aus einer Familie mit erblichem Selbstmord – sah er sich gezwungen, die weißen Sklavendienste bei der Compagnie de Beers anzunehmen und in Gemeinschaft mit greulichen, dem Vieh nahe stehenden Kaffern, Diamanten in den unterirdischen Schächten zu graben, wo heimliche Verbrechen begangen wurden. Von Maeterlink dramatisirt. Die Kaffern nämlich verschluckten Diamanten, um die Compagnie zu bestehlen und sich einen Fond für späteres Wohlleben zu sammeln. Nordhäuser wies darauf hin, daß dies Sünde sei gegen das siebente Gebot. Die Kaffern höhnten und verschlangen nun erst recht von der werthvollen Beute. Nordhäuser warnte abermals, indem er sprach: »Das Strafgericht wird nicht ausbleiben.« Wie immer hatte Nordhäuser recht. Die Compagnie merkte gar bald an der Abnahme der Erträge, daß Unterschleife stattfänden, doch sie besaß ein einfaches Mittel, sich Gewißheit zu verschaffen. Dieses bestand in Ricinusöl, das den Verdächtigen eingeflößt wurde. Als Nordhäuser auch seinen Prüfungslöffel voll Oel nehmen sollte, sprach er: »Bei mir habt Ihr solches nicht nöthig, denn ich bin ehrlich .« Da lachten die großen Diebe von der Compagnie, weil ihnen Ehrlichkeit die größte Thorheit war, sie, die den blutigen Transvaalkrieg heraufbeschworen hatten, damit ihr Geschäft blühen sollte. »Ha ha!« lachten sie, »es giebt nur Geschäft, rücksichtsloses Geschäft! « Und zu diesem Zwecke wurde dem wehrlosen Nordhäuser ebensowohl Offenbarungs-Honig eingezwungen – so nannten sie scherzend das Oel – wie den Kaffern, deren Diamantverschluckung dadurch glatt zum Vorschein kam. Bei Nordhäuser verlief das Mittel jedoch resultatlos, daß selbst die eifrigsten Spürnasen der Compagnie nicht das kleinste Splitterchen erstöberten, obgleich die Kaffern mit Findern auf ihn wiesen und schworen, er nasche den ausgereckten Tag Diamanten und zwar von den ganz großen. Dies war eine gemeine infame Lüge!!! Nordhäuser bekam die doppelte Portion Oel . Die dreifache. Allein jeder Erwischungsversuch war vergebens, nichts wurde erwiesen als Nordhäusers reine Unschuld, der diese Behandlung nicht vertragen konnte. Er nahm ab; täglich mehr und mehr, wie ein Asra. Zuletzt war er so mager, daß er selbst in der scharfen, afrikanischen Sonne nur noch Schatten warf, wenn er seinen Winterüberzieher anzog. Und das deutsche Reich sah dieser Scheußlichkeit zu, ohne eine Armee mobil zu machen; es duldete, daß unser so sehr beliebter Nordhäuser bis zur Unkenntlichkeit mißhandelt wurde. Zwar wurden Stimmen in der Presse laut, aber sie nützten nichts, da Nordhäuser nur die Annoncen las. Schon wollte er sich verzweifelnd dem freiwilligen Tod in die Arme werfen, als ihm im »Kimberley Advertiser« eine Anzeige auffiel: Gesucht ein Ueber-Skelettmensch von Iwan Schulz bei der Ww. Wimmelmayr . Berlin  N ., Kalkscheunenstraße links. Nordhäuser meldete sich und sandte seine Photographie ein (siehe die Abbildung). Hätte er jedoch geahnt, welchem verbrecherischen Plane der Skelettmensch dienen sollte, er wäre lieber in den fürchterlichen Diamantengruben zu Grunde gegangen. Doch harre voll und ganz aus, Nordhäuser , und Dir wird großartiger Sieg über alle Leiden der Vorsehung beschieden sein.   Dreißigstes Kapitel. Das Blutdrama zu Jochenbrunn. Wie eine Mauer umstanden die Gensdarmen das Gehöft des Flecklbauern . »Flecklbauer!« sagte der Kneißl in dem Hause, »die Stunde der Entscheidung naht. Jetzt ist's gar.« »Wer wird so verzagt sein?« spottete der Flecklbauer . »Schieß' sie nieder, die Schandimuckl, daß sie hin werden, da bist Du befreit.« »Ich hab' meinem Vater selig gelobt, kein'n Gensdarm zu derschieß'n, weil sie meist Familienväter sind und möcht' mein Gewissen nicht belasten .« »Daß sie sich auch noch vermehren?« höhnte der Rieger . »Haben sie uns nicht genug sekkirt und das Leben verbittert? Da ist der Stationskommandant Brandmayr, der ist der Aergste. Der hat mich angezeigt und wiederholt in Arrest gebracht. Der Große ist's halt, der die anderen kommandirt; den wann Du'n erschießt, verdienst Du Dir 'n Gott's Lohn.« Der Brandmayr ging auf das Haus zu. Er kam nicht heran. Paff! Ein Feuerstrom, ein Rauchstrahl, und er stürzte. Der Kneißl hatte ihn durch die Küchenthür erschossen. Satanische Freude durchzuckte das hagere Antlitz des Flecklbauern . Ja, er haßte den Brandmayr , aber zu feige, sich selber zu rächen, trieb er den sonst so gemüthvollen und gutdenkenden Kneißl an, den pflichttreuen Stationskommandanten aus dem Hinterhalt zu tödten. Der Kneißl sah den in der Vollkraft seiner Jahre stehenden Brandmayr fallen. »O Jegerl!« rief er. »Mein Gewissen . . . . jetzt ist es nimmer rein! « Darauf legte er wieder an und erschoß den Scheibel . Hierdurch gereizt, eröffneten die Gensdarmen und die zu ihrer Sicherheit mitgekommenen Schutzleute ein Bombardement aus ihren Karabinern auf das Gehöft. Die Kugeln pfiffen durch die Luft; zackige Pulverblitze erglühten in den Pulverdampfwolken, die wie in trüber Schwermuth über dies grauenvolle Blutbad herniederwallten, in dem die Gefallenen plätschernd mit dem Tode rangen. Der Kneißl begriff, daß er der Uebermacht erliegen müsse. »Hund,« schrie er den Flecklbauer an, »Du hast die Schandarm'n herbeigelockt mit Deinen Raketen. Stirb von meiner Hand den Tod des Verräthers.« Die Flinten knatterten draußen, die Kugeln zertrümmerten die Fensterscheiben. Ein Schuß zerschmetterte dem Kneißl die Hand. Die Mühlen der Nemesis mahlen manchmal sehr rasch. Es waren die Schwurfinger , mit denen er geschworen hatte, nie einen Gensdarmen zu erschießen . Aber auch geschworen, treu für die Drillinge zu sorgen. Diesen Schwur mußte er halten, wollte er den höllischen Mächten nicht mit Haut und Haaren für die endlose Ewigkeit verfallen. Wie aber die Aermsten vor der Wuth der Belagerer retten, die blutdürstend und mordschnaubend sich zum Sturm auf das Gehöft sammelten? »Kommt,« sagte er, »Ihr schuldlosen Waisen, Euch sollen sie nicht finden, die grimmigen Schergen.« Bei diesen Worten nahm er die Drillinge und stopfte sie in den Kamin und zwar so sicher, daß sie später nur mit einer Axt herausgehauen werden konnten. Jetzt wird es uns zu viel mit den Drillingen. Wir haben bis hierher geschwiegen, aber um nicht den Verdacht unheilbaren Blödsinns auf uns zu laden, erklären wir hiermit, daß wir nach den Zeitungsberichten unter »Drilling« nie etwas anderes verstanden haben, als das dreiläufige Gewehr des Kneißl . Der Verfasser muß entweder sehr flüchtig gelesen oder nur von solchen Jagden eine Ahnung haben, wobei statt des Schießpulvers Insektenpulver zur Verwendung kommt. Der Setzer und der Correktor im Interesse ihrer unbescholtenen Familien.         Dann lud er sein Gewehr und legte an. Aber zu spät. Die wüthende Soldateska war ins Haus gedrungen und entwaffnete ihn, den Kühnen, Furchtlosen , der gegen die Uebermacht wehrlos, sich trotzdem nicht ergab. Mit den Füßen trat er Brüche, mit den Fäusten schlug er den Gegnern die Zähne aus und riß ihnen die Ohrwascheln ab. Seine Kraft aber ermattete. Nun wandte sich das Blatt . Die Gensdarmen schlugen auf den Kneißl ein und verholzten ihn derart, daß er nur als todte, formlose Masse für das Gericht übrig geblieben wäre, wenn nicht die Schutzleute, um den Kneißl lebend in die Hand der Gerechtigkeit zu liefern, wiederum hauend die Gensdarmen umknäult und diese ihrerseits mit heftigen Schlägen traktirt hätten. So eminent gerauft ist selten worden im Bayerlande. »Der Flecklbauer ist an allem Schuld,« rief er und brach erschöpft zusammen. Der Herr Dr. Pannwitz sprach mit lauter Stimme: »Nun verlange ich vollständige Ruhe. Wir haben es jetzt nicht mehr mit dem Räuber und Mörder Kneißl , sondern mit einem schwer kranken Menschen zu thun. Gebt ihm eine Maaß Bier! « Dann fuhren sie mit ihm ab zum Kerker. So endete das Heldenleben des großen Räubers, dem die Zeit kein volles Verständniß entgegenbrachte. Er war tapfer und bedeutend veranlagt, nur war seine Stimme in der Mittellage nicht ausgeglichen und sein Spiel ließ zu wünschen übrig. Sein größter Fehler aber war: Er hatte zu viel Gemüth .   Einunddreißigstes Kapitel. Die Amazonen. Ebenso bewunderungswürdig schnell wie die Husarenuniformen der Odalisken angefertigt wurden, ebenso rasch ließen die Weiber des Harems, von der jüngsten Odaliske bis zur reifsten Matrone, sich einexerciren, denn sie fürchteten für ihr Leben. Und ihnen allen hatte Leutnant Fritz Erlösung aus dem tyrannischen Joche des Sultans verheißen, wenn sie fleißig übten, Griffe machten, und namentlich Ordre parirten . Täglich wurde exercirt. Leutnant Fritz hatte nicht die längsten und größten Odalisken als Flügelmänner auserwählt, sondern die kugeligsten und üppigsten, denen er mit persönlicher Herablassung auf die vollen Rückformen klopfte oder auch wohl anfeuernd die schwellenden Rundungen zwickte, wenn sie nicht Schritt hielten. – Diese Kniffe waren seine Kasernenhofblüthen. Abends sangen sie im Vorgefühl besserer Zeiten das Lied: »Freiheit, die ich meine« u. s. w. das Leutnant Fritz ihnen neben anderen patriotischen Gesängen beigebracht hatte, wie »Das Wirthshaus an der Lahn« mit unzähligen Versen und das neueste Lied: Rutsche mir den Puckel rauf, Rutsch' ihn wieder runter. Halt Dich nicht zu lange auf Oder ich werd' munter. das die Mädchen, wenn sie es auf den Sultan bezogen, mit wahrer Begeisterung anstimmten. Die ehrsame alte Menub-bel hatte Fritz zum Feldwebel ernannt, Augenlieb und Herzensdieb jedoch zu seinen Leibadjutanten. Sie sahen aber auch zu süß in ihrer knappen blauen Husarenuniform aus, viel besser als in den bauschigen Seidenhosen der Orientalinnen, und da Leutnant Fritz ihnen Privatinstruktionsstunden gab, konnten sie nicht nur bald avanciren, sondern waren auch die kecksten und verwegensten aller Amazonen. Aber auch der Andern nahm Leutnant Fritz sich mit Hingebung an, so daß sie ihre Vorurtheile ablegten und für völlige Freiheit schwärmten. Mit einem Worte: Leutnant Fritz ruinirte dem Sultan den Harem gründlichst. Hiervon hatte Emma in ihrem Palast-Gefängniß keine Ahnung. Wohl folgte sie der ihr zugegangenen Warnung und aß nur Eier in der Schale, selbstgemolkene Ziegenmilch und eigenhändig geerntete Früchte , aber selbst nach diesen Speisen fühlte sie eine seltsame Abspannung , die in Ruhebedürfniß und Liebestraumversenkung überging. Sie merkte, daß ihr heimlich Mittel beigebracht wurden, die sie nicht allein willenlos , sondern auch liebessehnsüchtig machten, daß sie, unfähig sich zu wehren, dem Sultan verfallen würde, dessen Geheul sie bereits mit einem eigenthümlichen wollüstigen Reiz prickelte, sobald sie es im Halbschlummer vernahm, in jenem Dämmerzustande, der ihre Sinne traumhaft verwirrte und mit erhitzenden Bildern erfüllte, zu denen der begehrlich erregte Sultan ihrer Phantasie Modell stand. Allerdings erfrischte das türkische Bad Das Kapitel »Emma im Bade« wird am Schlusse des ganzen Werkes nachgeliefert, jedoch nur Abonnenten über vierzehn Jahren in verklebtem Zustande. sie stets wieder und brachte sie zu der klaren Einsicht, daß schreckliche, unerklärliche Einflüsse auf sie einwirkten, denen jedoch ihr Scharfsinn, so sehr sie ihn anstrengte, nicht auf die Spur kam. Andererseits überhäufte der Sultan sie mit Aufmerksamkeiten. Statt mit Milch war der goldene Milchguß bisweilen mit den köstlichsten Perlen gefüllt, statt des Zuckers lagen große Diamanten auf dem Schälchen, statt der Erdbeeren nußgroße Rubinen. Emma hob die Juwelen sorgsam auf; sie hatte bereits einen halben Strumpf voll Perlen, Brillanten, Rubinen, es fehlten nur noch Saphire und Smaragden, die jedoch nicht ausbleiben konnten. Ein wahnsinnig verliebter Sultan scheut keine Kosten, den Gegenstand seiner Neigung mit den auserwähltesten Geschenken zu überhäufen und da in der Schatzkammer Juwelen und Geschmeide faßweise umherstanden, fehlte es ihm nicht an Mitteln, sich der gefangenen Emma angenehm zu machen. War aber Emma im Stande, sich durch die Generosität des Sultans bewegen zu lassen, auch nur eines Strohhalms Breite vom Pfade der Tugend abzuweichen? Keineswegs! In Bezug auf den Harem widerstrebten ihr die Gebräuche des Orients. »Mein, aber ohne Nebenliebe,« war schon ihr Wahlspruch, als sie noch im Operettenchor die Kunst hoch hielt und sich selber. Durch solche Charakterstärke errang sie den Grafen Szmoltopski , dem sie nicht die geringste Gunst gewährte, Kann von allen ihren Kolleginnen eidlich erhärtet werden. bevor er sie zu seiner Gattin gemacht hatte. Dann aber – – – – Emma gedachte in verzweifelndem Schmerze jener glückseligen Zeit, wo ihr Leben nur der Liebe geweiht war, bis grauenhafte Intriguen das Paradies der Flitterwochen zerstörten, bis sogar jener verkappte Jesuit in den Katakomben unter dem Kriminalgebäude ihr hohnlachend zuschrie: ihre Ehe mit dem Grafen sei eine falsche! Wenn ihre Ehe ungültig war, konnte sie ja Sultanin von Damombay werden , ohne gegen die Paragraphen des so schwer handzuhabenden Deutschen Gesetzbuches zu verstoßen. Und wenn sie Sultanin wäre, gehörten ihr die Fässer voll Diamanten, Rubinen, Smaragden , das Goldgeschmeide, die herrlichen Seidenstoffe , die Millionen gemünzten Goldes, die Paläste , die Domänen, die Unterthanen, die Abgaben . Sie könnte sich in den Steuern wälzen . Mit dem Harem würde sie kurzen Prozeß machen. Die Weiber würden sämmtlich durchgepeitscht und des Landes verwiesen. »Emma! Emma! Wohin verlierst Du Dich?« Mit diesen Worten sprang sie von dem doppeltsammtenen Divan empor, auf den sie in müder Erschlaffung hingesunken war. »Wer giebt mir das sinnverwirrende Gift ein?« fragte sie sich und trank einen Schluck selbstgemolkener Ziegenmilch, worin keine schädlichen Stoffe sein konnten, denn nichts war reiner als Emma's Lilienhand, womit sie Unsauberes nie anfaßte. Selbst zur Zeit ihrer Ehe nähte sie dem Gatten Knöpfe nur mit Handschuhen an. Und dennoch fühlte sie, wie diese Milch sie betäubte und willenlos machte. »Elende,« rief sie, »Ihr gebt der unschuldigen Ziege aufregende Liebestränke, damit ihre Milch mich dem Sultan in die Arme treibt.« Emma hatte nur zu wahr gedacht. Wie mit prophetischem Blick durchschaute sie das schändliche Treiben der Aerzte des Sultans – aber zu spät. Die arabischen Aerzte kannten die Herstellung von heilenden, sowie von vergiftenden Thiersäften viel früher als die Gelehrten des Abendlandes die Serumtherapie entdeckten, wie in den Werken des Abul Welid Muhammed ben Ahmed Ibn Rosch el Maliki genannten Averroes nachgeschlagen werden kann. »Auch das redliche Huhn ist mit Wahnsinnskörnern gefüttert,« rief sie. »Die Eier . . . es waren Eier der Wollust , die ich aß. Wehe . . . mir schwindelt!« Und wieder träumte sie, wie stets in dem seltsamen Schlaf der vorhergehenden Tage vom Sultan. Sie sah ihn vor sich. Er schritt auf sie zu. War das noch Traum? Nein, das war Wirklichkeit. Es war genau gekommen, wie die arabischen Aerzte vorhergesagt hatten: Huhn und Ziege waren dem Gifte erlegen und Emma in die brutale Gewalt des Sultans gegeben. Genau auf Stunde und Minute. Begleitet wurde der Sultan von seinem Leib-Eunuchen , dem obendrein, damit er die Uebelthaten seines Gebieters nicht sehen konnte, die Augäpfel vom Scharfrichter nach Innen gedreht waren. In seinen Händen trug dieser zu jedem Greuel fähige Sklave eine seidene Schnur. Er legte auf den Befehl des Sultans die seidene Schnur auf das perlmuttereingelegte Frühstückstischchen. Emma wollte aufschreien. Vergebens. Sie versuchte zu fliehen. Ihre Glieder waren wie angenagelt. Ja . . . sie wußte . . . die schrecklichste Stunde ihres Daseins war gekommen.   Zweiunddreißigstes Kapitel. Goldkönigs Ende. Noch tobte die Kriegsfurie in Südafrika, noch war das blutige Ringen, theils um Freiheit, theils um die Goldminen nicht beendigt, als das Schicksal zu Ceciles Rhodes sprach: Deine Uhr ist abgelaufen . Der reichste Mann Südafrika's war langsam aber heftig erkrankt. In dem großen Garten seiner Wohnung zu Kimberley hatten die Aerzte ihm ein luftiges, hygienisches Zelt errichten lassen, damit er es kühl und bazillenfrei habe. Nicht weit davon stand ein zweites Zelt , ohne Prunk, nur aus einfachen Binsenmatten. Hier war Nordhäuser untergebracht, der anfing sich von den Gesundheitsschädigungen zu erholen, die die Diamanten-Compagnie ihm zugefügt hatte, und brauchte eine Liegekur. Es war so gegen zehn Uhr Abends. Die Aerzte waren in ihren Klub gegangen, auch die Wärterin hatte Ceciles verlassen, um, wie sie vorgab, etwas aus der Apotheke zu holen. Im Schatten des Zeltes und der Eukalyptusbäume lagen, schwarz wie der Schatten selber, eine Anzahl Negerinnen mit weit aufgerissenen, ängstlichen Augen. Sie, die unverhärteten Kinder der Natur, fühlten das Nahen des Todes; ihr geistiges Ohr hörte das Rauschen seiner Fittiche. Unruhiger und unruhiger wurde Ceciles Rhodes auf seiner Lagerstatt. Plötzlich richtet er sich auf und horchte. Wie aus einem Cypressenhaine leises Wehen, so kam es durch die Nachtluft. Aus dem leisen Wehen wurde leises Weinen, das näher und näher kam. – Wie Kinderweinen war es. Als wenn tausende unschuldiger kleiner Wesen jammernd nach Leben ringen. Immer qualvoller klang es, immer wehevoller, bis das ganze Land mitschrie und herzzerreißendes Echo von den Wolken widerhallte. Ceciles hatte die Augen geschlossen. Seine Brust arbeitete wie im Schauder. Der Mond brach durch die Wolken und beleuchtete sie grell. Es waren aber keine Wolken, die sein kaltes Licht beschien, sondern am Himmel herziehende Schaaren von darbenden Kindlein, von Säuglingsleichen, von todten Mägdlein in Sterbegewändern, von todten Knaben mit vorwurfsvoll fragenden Blicken. Es waren die Geister der in den Concentrationslagern der Engländer hilflos dahingerafften Burenkinder. »Wehe! Wehe! Ceciles Rhodes ,« hauchten sie. »Denk' wie wir in unsrer Jugend Lenz ermordet sind. Verzweifl' und stirb.« Dann wandten sie sich dem Zelte Nordhäusers zu und sprachen: »Sei getrost, Nordhäuser . Dir stehen erwürgter Kinder tiefgekränkte Seelen bei. Du wirst einst ein hohes glückliches Ziel erreichen.« Ihnen folgten die Geister der wahnsinnig gewordenen Mütter , gräßlich anzusehen, theils in Ketten, theils in Zwangsjacken. Ihre Augen starrten weit geöffnet auf den in Angstschweiß gebadeten Ceciles und mit schauervoller Grabesstimme und mit lautem Schluchzen ausgefüllten Pausen sprachen sie: »So weit die weite Ewigkeit, So groß ist unser Herzeleid. –           So groß und ewig der Höllenschrein, So ewig währet der Strafe Pein. – Wird einst auch alle Schuld vergehn, Der Fluch der Mütter bleibt bestehn!! Alle werden erlöst, Alle – nur für Dich giebt es keine Gnade. Verzweifl' und stirb!« Zu Nordhäuser gewendet sprachen sie alsdann unter sanfter Flöten- und Harfenbegleitung: Schlaf, Nordhäuser , schlaf, Du warst stets treu und brav. Bleib ferner auch ein guter Mensch, Dann wird dir – – – – –« Ein tobendes Gepolter unterbrach die Anrede. Es ist sehr schade, daß der Lärm gerade jetzt eintrat und die letzten Worte des Mütterchores der Geister unverständlich machte, weil es höchst interessant gewesen wäre, zu erfahren, welchen Reim das Jenseits auf Mensch hat, da es einen solchen im Diesseits nicht giebt. Donner grollte unter der Erde und über der Erde. Die Hügel erhoben sich wie Wellen und barsten auseinander. Aus der Spalten schlugen sausende Flammen hervor. Inmitten dieser Flammen stand ein gewaltiger Riese, braun von Antlitz, in der zu Lumpen zerschlissenen Tracht eines Feldarbeiters. Seine Brust war geöffnet und aus dem zuckenden Herzen floß das Blut in Strömen zur Erde. »Sieh mich an!« rief der Furchtbare mit Bärenstimme. »Ich bin der Geist Südafrika's , auf das Du England gehetzt hast gleich einem gefräßigen Bullenbeißer. Nie heilen die Wunden, die Ihr mir geschlagen. Verflucht ist das Gold, an dem mein Blut klebt . Wer es berührt, verfällt dem Untergange. Verzweifl' und stirb!« Mit milder Stimme wandte der schreckliche Geist sich zu Nordhäuser und sprach: »Segen über Dich, Du rechtschaffener Sohn einer sittenreinen Destille vom Koppenplatz. Bleibe stets echt und gediegen und Du wirst der Trost vieler Menschen in allen Lebenslagen und zu allen Zeiten sein.« Unter betäubendem Prasseln verschwand der Geist in der Versenkung und Alles war wieder wie vorher. Stumm lagen die Negerweiber im Schatten des Zeltes und wagten kaum zu athmen. Entsetzt sprang Ceciles auf: »Einen Schnellzug!« schrie er heiser. »Mein ganzes Reich für einen Schnellzug! Die Buren sind hinter mir her. Sie fassen mich . . . Sie werfen mich zu Boden. – Ha . . . haaah . . . in jenem Schmelztiegel ist geschmolzenes Gold; das wollen sie mir in die Kehle gießen. – Ich beiße die Zähne fest zusammen. – Aaaah! – Sie brechen mit den Mund auf. – Laßt mich, es nützt Euch nichts . . . mein Durst nach Gold ist unersättlich und wäre das Weltmeer Gold, es könnte ihn nicht löschen. – Au – au, aah ah – ah! Wie es brennt, wie es sengt. –« Mit zitternder Hand ergriff er seine geliebte Whiskyflasche und feuchtete seine glühenden Schlundnerven in gewohnter Weise an. Mit einem greulichen Fluch sank er auf das Lager. Schon bemerkte er neue Geister herandämmern. »Ich glaube an Nichts,« rief er und schrie die Erscheinungen an. »Ihr seid Unsinn, Gebilde des Fiebers , Schwindel für Dumme. Ich bin Ceciles Rhodes , der Kluge und der Reichste. Hundertundzwanzig Millionen sind mein. Hinweg mit Euch Bettelpack. Habt Ihr einen einzigen rothen Heller, Ihr Geister? He?« »Aber ich bin kein Geist,« rief eine weiße Gestalt und trat vor seine Lagerstatt. »Wer bist Du? Was willst Du?« frechte Ceciles sie an. »Wenn Du mich kennst, weißt Du, was ich will!« lautete die Antwort. »Sprich, Ceciles , kennst Du mich nicht?« »Scheer Dich zum Satan,« antwortete der ungekrönte König Südafrika's. »O Ceciles ! Einst war ich Dir Alles. In meinen Armen vergaßest Du die unwürdige Neigung zu den Schwarzen. Ceciles , wie konntest Du, als Gentleman, Dich von Negerweibern bezaubern lassen?« Rhodes grunzte etwas Unanhörbares, worüber die weiße Gestalt erröthete, und schnalzte lüstern mit den Lippen. »Deine niedere Neigung,« fuhr sie fort, »stammte von Deiner Vorliebe für viel aber billigen Sekt. Das nennt man nicht mehr trinken, Ceciles , sondern saufen.« »Wenn es mir nur geschmeckt hat,« warf der Todtkranke höhnisch ein. »Leute mit Deinem Golde lassen nur erste Marken über ihre Zunge perlen. Aber Du warst Plebs und bist Plebs und wirst Plebs bleiben! « »Thanks!« sagte Rhodes spöttisch. »Ich versuchte Dich moralisch zu heben,« sprach die Gestalt weiter. »Ich lehrte Dich die besseren und besten Sorten: Matthäus Müller, Burgeff, Kaiserblume, Mercier, Deutz \& Geldermann, Pommery, Heidsieck, Mumm und Veuve Clicquot extra dry .« »Beastly expensiv!« grollte Rhodes . »Und als ich Dich so für Edleres empfänglich gemacht, da opferte ich mich selbst. Dir gab ich meinen blendenden, weißen Leib . . .« »Poudre de riz!« rief Ceciles verächtlich. »Die Enveloppe meiner adeligen, hochstehenden Persönlichkeit. Blick her, erkennst Du mich jetzt?« Bei diesen Worten schlug die weiße Gestalt den Schleier zurück und enthüllte ihr aristokratisches Antlitz. Sie war sehr schön, ohne jedoch einen Vergleich mit Emma'n aushalten zu können. »Ha! Die Radziwill! « schrie Rhodes . »Die einzige Thorheit meines Lebens.« »Du hast mich geliebt!« rief die Radziwill , denn sie war es wirklich. »Fiddlestick!« entgegnete Rhodes . »Ich habe Dich gekauft. Geliebt haben mich die schwarzen Weiber, ungeschminkt haben sie mich geliebt. Sie, die Naturkinder, unter deren dunklem Fell die Lava der Leidenschaft brodelt, die in feuriger Brunst auflodert, wenn der Sturm der Liebe sie entfacht, sie waren mein. Ich war ihr Herr; ein Wort von mir war ihr Verderben . . . . gönnte ich ihnen Gunst, war ich ihr Gott!! Lebend starben sie in meinen Armen, sie kannten kein größeres Glück, als an meinen Küssen zu vergehen. Und wenn ich sie beiseite warf . . . . sie blieben mir treu, weil sie mir in Liebe erstorben waren. – Doch das verstehst Du nicht, Du Bleichgesicht, berechnendes Geschöpf der europäischen Civilisation . Geh, Weib! Als moralischer Hebebaum warst Du nichts werth. – Du warst morsch, wie sie Alle, die krank sind von der Kultur. Geh, schäme Dich vor den Schwarzen!« »Ist das der Dank, Du Kerl, daß ich mich mit Dir Branntweinstänker abgab, Deine ungeschlachten Manieren ertrug? Ja, Unmanieren, denn selbst zum Kaiser bist Du in Deinem dreckigen Reiseanzug gegangen, Du Straßenfeger! Hast Du, tabakspriemender Schifferknecht, nicht die Rosaseidentapete meines Boudoirs besudelt, als wärest Du im Spucknapf groß geworden und im Hundestall erzogen?« »Alles bezahlt!« lachte Ceciles . »Die Tapeten noch nicht. Aber Du wirst zahlen. Hoch bezahlen; verstehst Du?« »Keinen Penny!« »Doch – das heißt, wenn Du Geld hast?« Ein Lachkrampfanfall hinderte Ceciles am Sprechen. »Ich bin – der – reichste Mann – der Welt!« stieß er hervor. » Warst Du. – Warst Du!« »Befreit mich von dem verrückten Weibe,« rief Ceciles , »ihr Blödsinn langweilt mich.« »Du wagst noch, mich zu beleidigen?« zischte die Radziwill ihm wüthend zu. »So erfahre die kalte, nackte Wahrheit: Du bist ein Bettler. Kennst Du diese Unterschriften?« Aus ihrer Handtasche nahm die Radziwill eine Menge von Wechselformularen, alle mit der Unterschrift Ceciles Rhodes versehen, und hielt sie ihm unter die Augen. »Was sollen die Wische?« fragte Ceciles . »Es sind lauter Blanco-Accepte, « entgegnete die Radziwill mit eisiger Ruhe, » vollgültige Acceepte , mein Schatz, von Dir rechtsgültig quergeschrieben.« » Fälschungen ,« rief Ceciles . »O nein, mein Engel. Diese Unterschriften sind von Deiner Hand. So betrunken warst Du nie, wenn Du unterschriebest, daß Du nicht gewußt hättest, was Du thatest. Und ich habe Zeugen , daß Du sie freiwillig ausstelltest, Zeugen, Theilnehmerinnen an den lustigen kleinen Gelagen, wo Du besseren Sekt trinken lerntest.« »Zur Hölle mit den feinen Marken . . . . ich war sie nicht gewohnt.« »So bezahlt sich Deine Schmutzerei, mein Herzensjunge. Und nun frage ich Dich, willst Du mich jetzt auf Deinem Sterbebette zu Deiner rechtlichen Gattin und Erbin machen?« »Wenn ich das thäte, müßte ich Dinte gesoffen haben.« »Du willst nicht?« »Nicht in die la main .« »So höre mein letztes Wort. Mehr als Dein Hab und Gut schreib' ich auf diese Blancowechsel, so viel mehr, daß sich noch einige Millionen Schulden herausstellen. Du fährst zum Teufel als . . . Bankerotteur.« Dies war für Ceciles zu viel. Gebrochen sank er zurück. Die Radziwill verschwand rechts mit rachedrohend erhobenem Arm und ihrer Handtasche in der Dunkelheit der Nacht. Verlassen, wie todt, lag Ceciles auf seinem Lager. Niemand war bei ihm. Sein Arzt bedurfte der Ruhe; die Pflegerin, welche ihm Trost aus frommen Schriften einflößen wollte, hatte er mit Worten vertrieben, die sie nicht hören durfte. Die Negerinnen wagten sich nicht zu rühren, so lagen sie in dem Banne des Grauens vor den unheimlichen Erscheinungen aus einer anderen Welt. Viele zweifeln bekanntlich an Spukgestalten und dgl., besonders die Wissenschaft. Auch wir stehen auf letzterer. Aber wenn die Negerweiber Uebernatürliches gesehen haben, so muß doch wohl Wahres daran sein. Es giebt eben genug Unerklärliches, wie z. B. wenn etwas eintrifft. Nach geraumer Weile rührte er sich. »Whisky!« murmelte er. Nordhäuser , der gerade wach geworden und aufgestanden war, nach dem Wetter zu sehen, hörte den Ruf und ging in das Zelt Ceciles . »Sie wünschen?« fragte er. »Whisky!« stöhnte Ceciles . Nordhäuser entkorkte eine Flasche und setzte sie Rhodes an die Lippen, der mit hastigen Zügen schlürfte. »Nun ist es genug!« sagte Nordhäuser . »More . . . more of it!« befahl Ceciles . »Mehr dürfte schädlich sein,« warnte Nordhäuser . »Damned blockhead!« fluchte Ceciles . Und wieder trank er und trank er. Unbezwingbares Zittern überkam ihn. Seine Hände bebten. »Wie wird mir?« schrie er. »Wie wird mir?« »Das ist das Delirium tremens ,« sagte Nordhäuser . »Hätte ich Ihnen rathen gedurft, ich hätte Ihnen gesagt: Meiden Sie starke Getränke. Aber es kann ja noch Alles gut werden.« »Es ist zu spät. Sie beide sind mein Tod, die Radziwill und der Whisky. O Jüngling, wäre ich Dir stets gefolgt, es stünde besser um mich. Doch sage mir Deinen Namen, der Du mich so liebreich zu trösten versuchest. Wie heißest Du?« »Nordhäuser!« »Ha! Hebe Dich von mir! Eine Zigeunerin prophezeite mir einst, ich würde an Nordhäuser sterben. Hinweg! Hinweg!« In furchtbarer Raserei ergriff Ceciles die Whiskyflasche und schleuderte sie nach Nordhäuser , der ihr jedoch geschickt auswich. »Ich verzeihe Ihnen,« sprach Nordhäuser sanft, »aber der, den die Frau meinte, der bin ich nicht, denn der, der der ist, der ist ein ganz anderer.« »Mus wie Mine!« sagte Ceciles mit letzter Anstrengung. Dann begann er sich heftig zu bäumen und zu röcheln. Plötzlich schlug eine qualmende Flamme aus seinem Munde, die eben so rasch wieder erlosch, und Ceciles hatte seinen Geist ausgehaucht. Tief erschüttert stand Nordhäuser und während er ihm die Augen schloß sprach er: »Er war ein großer Geist, aber der Flaschengeist war größer als er.« Und sinnend ging er in die Stadt, um zu melden, daß der ungekrönte König Südafrika's sein Reich für immer verlassen. Die Negerweiber aber brachen in lautes Klagegeheul um den Todten aus, den sie geliebt hatten. Eine der Frauen, es war die hübscheste und jüngste, hob einen Scherben der zertrümmerten Flasche auf und öffnete sich damit die Pulsadern. Er war ihr König gewesen, nun folgte sie ihm nach der Sitte ihres Stammes in das Reich der Schatten.   Dreiunddreißigstes Kapitel. Der Vampyr. Wir begeben uns wieder in den Kiosk der unerhörtesten Lebenswonnen , wo Emma als Gefangene, den wildesten Begierden preisgegeben, im Banne der Betäubung ruht, jedoch wir verhüllen unser Antlitz. Der Sultan hatte seinen Sonntags-Hermelin angezogen und sich auf das Kostbarste geschmückt. Extra-Diamanten blitzten an seinem Turban, an seinen Beinkleidern waren für zwei und eine halbe Million Perlen verstickt. Aber mehr als alles Edelgestein funkelten seine Augen, mit denen er die Schönheit der wehrlos Daliegenden gierig verschlang. »Sonnengleiche!« flüsterte er, » Morgenstern meiner Wünsche, Kerze der Liebe , die mir in seligster Lust entbrennt!« Emma wollte ihm in gewohnter Hoheit zurufen: »Nun aber hinaus!« aber auch ihre Stimme war wie vernagelt. »Die Stunde ist da,« rief der Sultan und seine Augen flackerten wie Höllenbrand . »Das schönste Weib der Erde ist mein. Mein ist diese Schönheit. Ich werde sie besitzen und dann . . . . vernichten. Kein Sterblicher soll sich rühmen, mit dem Sultan von Damombay getheilt zu haben .« Bei diesen Worten deutete er grimmig lächelnd auf die seidene Schnur. » Ambraduft des Lebens!« girrte er zärtlich weiter und beugte sich über Emma , die Süße ihres Athems zu kosten, der hastend ihrer sich klassisch hebenden und senkenden Alabasterbüste entwich, als sei er vor innerem Fieber erregt. Und Emma war fiebrig nach dem Gifte. Auch in ihrem Innern entwickelte sich Sehnsuchtsgluth . »Blumenufer meiner Wünsche!« fuhr der Sultan fort und riß mit wild tastender Hand den silberfädigen Seidenmull entzwei, der Emma's keuschen Götterbusen verhüllte. Dieser verwegene Angriff rief Emma für einen Augenblick ins Bewußtsein zurück. »Majestät,« brachte die Unglückliche mühsam hervor, »betragen . . . Sie . . . sich . . . anständig!« – Dann versank sie wieder in das entsetzliche Wachtraumleben, wie es sonst nur noch Scheintodte haben. Aber diese leben nicht dabei. Das ist der Unterschied. »Wie ich Dich liebe!« gluckste der Sultan . »Gegen meine Liebesgluth ist der Samum kühlender Zephyr.« Der Sultan löste den kostbaren Rubinenkamm aus Emma's Haaren und warf ihn achtlos in eine Ecke. Emma's wundervolle Frisur zu zerstören . . . das reizte dieses Ungeheuer. Er wühlte in Emma's Haaren. Dies war Emma'n nicht ganz unangenehm, denn es war auch Szmoltopski's Manier gewesen, sich in Emma's Haarduft zu berauschen. Sehr beliebt in allen modernen Romanen und Lebensskizzen und deshalb auch hier nicht übergangen. – NB. Diese Anmerkung ist nur für Hochgebildete. Aber, wie der Franzose sagt, daß der Appetit nach der Suppe kommt, wo wurde der Sultan immer unterhaltsamer. Draußen sangen die Phoenixe in den duftenden Jasmingebüschen ihre verführerischsten Liebeslieder, und der Hauch der Rosen wehte schmeichelnd herein. Allerdings hatte Emma den Sultan in den verflossenen Tagen als zaubervolles Traumbild umgaukelt und seine Gelüste verschönerten auch im Wachen die nächtlichen Phantasmagorien der Begehrenswerthen, allein so schön – so wie Emma so da lag – darin übertraf die Wirklichkeit jegliche, selbst krankhaft gereizte Vorstellung. Der Sultan sprach nicht mehr, er gurgelte nur noch Unverständliches, indem er sein Gesicht schnaufend und schnüffelnd in Emma's himmlischem Haar verbarg, das stets den Neid ihrer Bühnenkollegien erweckte, als sie noch am Theater ihre Tugend vertheidigte, und vielfach als angesetzt verleumdet wurde, obgleich es durch und durch echt, in aufgemachtem Zustande bis auf ihre Fersen herabfiel. Plötzlich hüpfte der Sultan einen Jubel-Luftsprung. »Die Füße!« jauchzte er, »die Füße! « Mit einem wahnsinnigen Tigergemaunze stürzte er vor dem Divan nieder, entkleidete Emma der Goldpantöffelchen und der spinnwebdünnen Strümpfchen und koste mit seinen Blicken die in der That vollendet schönen Füße, die zwei zartrosig getönten Knospen einer frisch erblühenden Lotosblume glichen. Emma erröthete. Sie wurde dadurch nur noch bildhübscher. Jetzt war es mit dem Sultan aus. Zu viel war solche unsagbare Schönheit für seinen, theils durch Enthaltsamkeit (woran Emma selbst Schuld war), theils durch in der letzten Minute geschlürftes Liebestrank-Serum gesteigerten Begehrungstaumel . Bei solchen Zuständen kommt der Verstand stets ins Hintertreffen. Wie ein schnappender Schakal packte er Emma's kleinen Zeh des linken Fußes mit den Zähnen, biß ihn ab und verschlang ihn. Darauf biß er den des rechten Fußes ab und sog, ein Vampyr in Menschengestalt, Emma's rothes, warmes Herzblut mit jenem thierischen Behagen in sich hinein, das von Lombroso als beginnendes Zeichen der Decadence gesehen wird. In der That war der Sultan ein schreckliches Muster vom Fin de siècle . Mit den Mantel-Enden seines Hermelins wehte er wie die Vampyr-Fledermaus mit den Flügeln, um ihre Opfer in den ewigen Schlaf zu fächeln. Emma fühlte, daß sie sterben müsse. Sie fühlte, wie immer weniger Blut in ihren Adern ward, wie das Herz matter und langsamer zu schlagen begann. Und doch war ihr, als kehrte ihr das Bewußtsein zurück, eine vollkommen richtige Beobachtung, da ja der Sultan das vergiftete Blut als so zu sagen regierender Schröpfkopf aus ihrem Körper entfernte und von den betäubten Nerven ableitete. Emma besann sich. Mit einem kräftigen Tritt trat sie ihrem Peiniger ins Gesicht. »Maschallah!« Für Leser, denen das Arabische nicht geläufig sein sollte, die Bemerkung, daß der im Orient sehr gebräuchliche Ausruf maschalla für den Morgenländer dasselbe bedeutet, was für den gebildeten Europäer der vielsagende Ausdruck »Nanu!«. rief der Sultan verblüfft. Und doch war Emma verloren. Wieder umfing sie die heimtückische Ohnmacht. Da aber . . . was war das? Von ferne klang es; dann näher und näher. Bekannte frohe Weise!! Oder war es nur Traum? Ein Todestraum? Kurz vor dem Tode erlebt der Ertrinkende ja seine ganze Vergangenheit. Aus alter Zeit klang diese Melodie herüber, einst eine Hauptnummer der Operette, jetzt ihr Grabgesang. Aber nein . . . . nein . . . . das war kein Traum. Das war Wirklichkeit. Mit dem fesch gesungenen Marsch: »Vorwärts mit frischem Muth« aus Fatinitza drangen blaue Husaren in den Pavillon, der ganze von Leutnant Fritz einexercirte und nun zur Revolte angestiftete Harem. Während die Blechmusik im Garten blies, übte Fritz mit dem Amazonen-Chor einige Evolutionen: recht und links Parade , den Stern , Chaine anglaise und kommandirte alsdann: »Das Ganze halt!« Die Husaren standen wie eine Mauer. Sie hätten der strengsten Kritik genügt. Emma war zu sich gekommen. Die Macht der Musik bewährte sich auch an ihr. Die Musik ist mächtig, es kommt jedoch sehr darauf an welche. Der Sultan glotzte wie ein Blöder auf die Gruppe. »Ergreift das Scheusal und werft es in die Wolfsschlucht!« befahl Leutnant Fritz . Im Handumdrehen war der Sultan von den Amazonen überwältigt und mit den Schleiern gebunden. »Wir haben hier keine Wolfsschlucht,« nahm Menub-bel , die Alte, die als Feldwebel unersetzlich war und durch einen gewissen trockenen Humor oft belebend auf die ganze Compagnie einwirkte, das Wort. »Aber der Geierkäfig, worin der Tyrann so manchen zarten Leib von den gefräßigen Vögeln zerfleischen ließ, der möchte wohl für ihn passen.« »Auch mich hat er mit dem Geierkäfig bedroht!« rief jetzt Emma . »Denn rin mit ihm!« kommandirte Leutnant Fritz . »Er allein besitzt den Schlüssel,« sagte Menub-bel , »aber ich kenne die Taschen von drei Dynastien, und gleich werden wir ihn haben.« Mit gewandtem Griffe zog sie ein goldenes Schlüsselchen aus der Hosentasche des Sultans hervor. »Dschifi ichtjara!« (Altes A . .) schrie der Sultan sie an. »Ma bidschal kimit afdalak,« (Ich weiß Deine Güte wohl zu schätzen) entgegnete Menub-bel , »und deshalb kommst Du in den Käfig, ya sajid ! (o Herr!)« Einige Amazonen hatten den Käfig bereits an seiner Maschinerie von der Sagopalme heruntergelassen und die Thür geöffnet, andere schoben den Sultan hinein. Dabei sangen sie: »Udschul el uda et tajib.« (Tritt ein in das gute Zimmer.) Menschen sind oft unbarmherziger als die Geier, aber die Geier haben stärkere Schnäbel. Sie sind unbestechlich. Sie essen Jeden, ob hoch oder niedrig, wenn nur etwas daran ist. Der goldene Käfig mit dem umschnürten Sultan darin schwebte oben in der schwankenden Palme. Schon zeigten sich die Geier in den Lüften. Während dies Alles geschah, hatte Menub-bel des Sultans Schandthat an Emma's geisterhafter Blässe entdeckt. »O ich kenne ihn; sein Vater war gerade so. Das Chansire (ein Thier, aus dem man ihm Abendlande Wurst macht) hat mir den rechten großen Zeh abgebissen. Das liegt so in der Familie und muß ihm wohl als Erbfehler verziehen werden.« Rasch verband sie Emma's liebreizende Füßchen mit köstlichem Heilbalsam. »So,« sagte sie, »in drei Tagen ist nichts mehr zu sehen.« Emma dankte ihr mit freundlichen Worten. Plötzlich richtete Menub-bel sich auf und lauscht. »Da ist irgend etwas nicht in Ordnung,« flüsterte sie. »Im Palast wird man unruhig . . . dies Geschrei . . .« In der That hörte man »Allah« rufen und wüstes Toben. Auch läuteten die Glocken von den Minarets. »Das ist Palastrevolution! « rief Menub-bel . »Der Prätendent , der Neffe des Sultans , ergreift die Regierung. Er ist ein fanatischer Antiberliner und in den Händen der Mollahs und Eunuchen . Ihr seid verloren. Er läßt für Euch den Qualenraum, der auf dem Berge der Verzweiflung erbaut ist, heizen. Auf dem heißer und heißer werdenden Boden krümmen sich die Opfer, an deren letzter Angst er seine Blicke weidet, wenn der Feuerkrampf ihre Gebeine in Knoten windet.« »Ist das auch ein Familien-Erbfehler?« fragte Leutnant Fritz . »Nein, althergebrachte Sitte, Fremde vom Lande zu halten.« sagte Menub-bel . »So sind wir dem Untergang geweiht!« sagte Emma in hoheitsvoller Ergebung. Dabei sah sie so schön aus, daß Menub-bel , von ihrem Anblick hingerissen, ausrief: »Nein! – Nein! Ich rette Euch. Dich, Du Silberschwan der paradiesischen Gestade, Du bist zu schön – und Dich Fritz , der Du – Thränen erstickten ihre Stimme – durch Dein munteres Wesen uns die trüben Stunden des Harems so freundlich gestaltetest. Ach, wir werden Dich sehr vermissen. « Sie umarmte Fritz und küßte ihn auf die Wangen. So brachte auch ihm Gutesthun reichliche Zinsen. »Wo ist der Prätendent?« rief Fritz . »Ich hau' ihn in die Pfanne!« »Er ist in der Uebermacht mit seinen Haiducken und Eunuchen , denen er Dich einreiht, wenn er Dich faßt!« »Flieh, flieh!« schrie Emma in höchster Besorgniß. »Kommt,« sagte Menub-bel , »ich weiß, wo die Automobile des Sultans stehen. Nehmt Herzensdieb und Augenlieb mit Euch . . .« Durch den Druck auf eine geheime Klinke öffnete Menub-bel einen Privatausgang des Sultans. » Jede Sekunde Zögerung bedeutet Tod und Verderben! « mahnte sie. »Ich kann unmöglich so in die Welt gehen,« wehrte Leutnant Fritz ab, »ich muß erst eine Bartbinde haben. Was nützt der Schnurrbart, wenn er nicht gedrillt ist?« »Eilt Euch, eilt Euch!« flehte Menub-bel . »Flieh!« rief Emma . »Kennst Du nichts Höheres auf Erden als die Spitzen Deines Schnurrbartes?« »O ja! Eine ganze Masse!« rief Fritz lustig. »Kommt, Kinder. Eunuch ist nicht mein Geschäft. Also ab nach Kassel.« »Nach Südafrika!« sagte Menub-bel ernst verweisend. »Ihr fahrt grade hinunter dem Süden zu. Wo Ihr nicht Bescheid wißt, müßt Ihr fragen. Die Thür schnickte ein. Emma, Fritz, Augenlieb, Herzensdieb und Menub-bel waren verschwunden. Werden wir sie wiedersehen? Und wann . . . . Wo? Und wie?   Vierunddreißigstes Kapitel. Von Abgrund zu Abgrund. Die mitfühlende Leserin und auch der gegen leidende Unschuld nicht hartherzige Leser wird gewiß schon oft gefragt haben: Wo ist Elliorina? Liegt sie noch immer mit Strohseilen gebunden, den Mund voll Stroh gestopft, in dem Gemsenstall, in den hinein der verrätherische Flecklbauer und sein boshaftes Weib die Unglückliche warfen, als sie dem Räuber Kneißl Kunde von dem Anschlag geben wollte, der sein Leben bedrohte? O nein. – Um die Wißbegierde unserer zahllosen Abonnenten nicht auf die Folter zu spannen, theilen wir ohne Umschweife mit: Elliorina ist draußen. Wer aber löste ihre Fesseln? Keines Menschen Hand, sondern die Fügung höheren Waltens . Nicht immer ist die Unschuld verloren, so dunkel auch der Schatten des Mißgeschicks sie umgiebt, wenn sie sich nur lange genug hält . Elliorina hörte das Krachen der Schießgewehre, das Stöhnen der Gefallenen, das laute Kriegsgeschrei der Belagernden. Sie hörte alles Schreckliche, allein sie konnte nicht sehen, was vorging. Furchtbare Angst erfaßte sie. Wenn der Stall in Brand geschossen würde, mußte sie elend mit verbrennen, denn vollkommen hilflos lag sie in der Ecke, wohin der Bauer und sein Weib sie geschleudert hatten. Und dunkel war es in dem Stall. Aber ihre Gedanken wanderten von dem Gemsenbockmist, auf dem sie schmachtete, vertrauensvoll zum Ueberbrettl, dem sie als modernste Künstlerin mit ganzer Seele angehörte. Ja, sie fühlte, sie war zu Großem berufen: zur Umwandlung der veralteten klassischen Kunst in zeitgemäßen Detailkitzel in derartiger Verallgemeinerung, daß nicht nur Jünglinge, sondern auch Greise willig erhöhte Preise bezahlen. Dieser unerschütterliche Glaube hielt ihre Besinnung aufrecht und erregte das Mitleid allwaltender Naturkräfte wie z. B. Instinkte. Denn sie fühlte, wie Jemand ihr das Stroh aus dem Munde zog. Es war eine Gemse, deren Appetit nach dem Stroh rege geworden war. Elliorina konnte wieder frei athmen. Sie schöpfte frischen Muth. »O, ihr lieben Thiere,« sprach sie, »habt Dank. Ihr seid besser als die Menschen, und hoch und heilig gelobe ich Euch, wenn ich wieder frei bin, werde ich Mitglied des Thierschutzvereines gegen jegliche Vivisektion. Es ist auch richtiger, das Volk wird von Nardenkötter behandelt, der die Medizin in der Badewanne seiner lieben Frau ansetzt, als daß man Diphtherie-Serum von lebenden Pferden gewinnt, wie es die Zunftgelehrten machen. »Die Wissenschaft muß umkehren, weil sie sich untersteht, sogar Schoßhunden etwas zu thun. Lieber hundert Kinder todt an Diphtherie, als daß ein Meerschwein oder Kaninchen als Prüfthier für die Wirkung des Serums ein frühzeitiges Ende findet. Wer Menschlichkeit im Busen trägt, kämpft auf der Meerschwein-Seite gegen die Verrohung des Volkes durch wissenschaftliche Medizin.« Diese Anrede erschütterte die Gemsen, daß ihnen die Thränen aus den Augen liefen. Auch Rehe und Hirsche weinen, wenn sie zu Tode getroffen zusammenbrechen. Man kann ihren Braten aber nicht entbehren. Sie nagten mit ihren scharfen Zähnen die aus Stroh geflochtenen Seile durch, die Elliorina gefesselt hielten. Endlich vermochte sie sich ganz zu befreien. Als sie sah, daß Niemand sie hinderte, öffnete sie die Thür und floh mit den Gemsen in das Gebirge. Nur hinweg von der Blutstätte des Greuels . Das war ihr Bestreben. Sie war hungrig. Beeren des Waldes und Wurzeln bildeten ihre karge Nahrung. Ein Trunk aus dem klaren Gebirgsbach löschte ihren Durst. Unter den Zweigen einer schattigen Buche fand sie auf weichem Moos eine Lagerstatt. Finken und Meisen zwitscherten ihr ein Schlummerlied und bald umfing sie milder Schlaf. Keine sanftere Wiege giebt es als in den Mutterarmen der Natur. Plötzlich schreckte sie aus dem Schlafe auf. Vor ihr stand ein junger Mann in der Tracht der Gebirgsleute, jedoch war sein Anzug aus feinerem Stoffe als üblich und auch seiner ganzen Erscheinung war anzusehen, daß er nicht für immer in den Bergen lebte. »Guat geschlaf'n, Madel?« rief er und lachte herzerfrischend, wie stets im bayrischen Dialekt gelacht wird. Elliorina hatte sich erhoben. Mit einer höflichen Verbeugung sprach sie: »Bitte, mein Herr, verlassen Sie mich.« »Ei, welche Ueberraschung,« lächelte weltmännisch der Jäger, »eine Tochter des Gebirges glaubte ich gefunden zu haben und ich sehe, daß eine Dame der Gesellschaft uns die Ehre in den Bergen giebt. Gestatten Sie?« stellte er sich vor: »Br – wr – prm!« Elliorina verstand, wie immer beim Vorstellen, den Namen nicht und antwortete mit einer anmuthigen Verbeugung gleicherweise: »Ra . . . Ri . . . ra.« »Darf ich fragen, wohin Gnädige sich zu wenden gedenken?« Ja . . . wohin? Daran hatte sie noch selber nicht gedacht. Mit einem Male ward sie sich ihrer Verlassenheit bewußt. »Ich habe mich verirrt!« sprach sie. »Ich möchte . . . ich wollte . . .« Elliorina konnte nicht weiter sprechen; ein heftiger Thränenerguß erstickte ihre Stimme. »Ich stehe der Gnädigen völlig zur Verfügung,« sagte der Jäger artig. »Ich bin augenblicklich ohne alle Mittel,« nahm Elliorina das Wort. »Sobald ich aber eine größere Stadt erreicht habe, kann es mir nicht fehlen, denn ich bin eine der ersten Ueberbrettl- Künstlerinnen .« Verwundert sah sie der Jäger an. »Erlauben Sie,« fragte er, »wie lange sind Sie hier in der Einöde?« »Seit vorigen Herbst.« »Da wissen Sie wohl noch nicht, daß das Ueberbrettl längst wieder aus der Mode ist? Kaum ein Jahr erfreute sich diese Kunst der öffentlichen Gunst.« Mit einem Weheruf sank Elliorina auf das weiche Moos, jedoch ohne sich zu beschädigen. Alle ihre Hoffnungen waren vernichtet. Sie hatte nichts als Ueberbrettl gelernt  . . . . was sollte sie in Zukunft beginnen? Aber der Jäger hatte wahr gesprochen: das Publikum schimpfte schon, wenn es blos den Namen hörte. Nichts ist trauriger für einen Künstler, als wenn er nur solche Kunst kann, von der das Publikum durchaus keinen Gebrauch macht. »Führen Sie mich zu einem Gletscher, daß ich mich hinunterstürze!« bat Elliorina in ihrer Verzweiflung. »Warum so verzagt, wenn man so jung und so schön Er hatte Emma noch nicht gesehen!! ist?« fragte der Jäger galant. »Mein Herr,« entgegnete Elliorina , »höher als beides steht die Unschuld. Was ich ihretwillen schon erlitten habe, das geht nicht auf die Haut eines ausgewachenen Elephanten.« »Und halten sie immer noch hoch?« »Ja, mein Herr. Nur Höhenkunst allein ist im Stand, die Menschheit wieder zur Blüthe zu führen. Hochsinn und Thierschutz. Sagen Sie selber, kann eine Frau dem Vaterlande hochwerthige Söhne schenken, die duldet, daß den Hunden und Kanarienvögeln Leides geschieht?« »Ich verstehe den Zusammenhang nicht ganz . . .« »O, Ihr Männer seid fühllos!« rief Elliorina . »Meinen Sie?« fragte der Jäger mit verstecktem Spott. »Es käme auf einen Versuch an.« »Mein Herr, Sie werden anzüglich,« wehrte Elliorina ab. »Und wenn ich das Höhere für eine Redensart hielte?« Elliorina erhob sich in ihrer ganzen Lieblichkeit. »Ich habe einem Kneißl widerstanden,« rief sie ungeziert wie eine Walküre, wozu die rothen Schnürstiefel ausgezeichnet paßten, »ich werde auch Anderen widerstehen.« »Ich sprach nur im Scherz,« entschuldigte sich der Jäger . »Die Unerfahrenheit ist zu ernst, als daß man selbst im Scherz mit ihr spielen dürfte,« entgegnete Elliorina beziehungsvoll. »Ich pflichte Ihnen vollkommen bei,« sprach der Jäger . »Und nun sagen Sie, meine Gnädigste, wohin darf ich Sie geleiten? Ich nehme an, daß Sie sich unter meinen Schutz als Kavalier stellen.« Elliorina wollte soeben den ihr dargebotenen Arm des Jägers nehmen, als ein Warnungspfiff aus der Höhe erscholl. Was war das? – Wer hatte gepfiffen? – Und warum? Man war doch nicht im Theater?! Elliorina blickte suchend empor. Da gewahrte sie auf einem Felsenvorsprung hoch oben den Gemsbock, der nun zum zweiten Male seinen Pfiff ertönen ließ. Elliorina , zu angegriffen von dem Untergang der Ueberbrettl, verstand das warnende Thier nicht. Weil der Mensch sich zu sehr der Kunst ergiebt, wird ihm die Stimme der Natur immer unentzifferbarer. Der Gemsbock hatte den Fremdling wohl erkannt und durchschaut. – Es war ein Mädchenjäger. »Wohin ich auch gehe,« sprach Elliorina , » . . . . ich finde kein Engagement und um Collecte zu machen bin ich nicht alt und häßlich genug. Ach, wie mich die Verzweiflung quält; mir ist, als wenn ich von Sinnen käme.« Bei diesen Worten nahmen ihre Augen einen beängstigenden Ausdruck an, wie er bei Idioten beobachtet wird. »O Fritz ,« rief sie, »Geduld, Du Trauter, ich bin Dein; bald werden wir vermählet sein.« Sie zog einen scharfgeschliffenen Dolch aus ihrem Gürtel, den sie erhob und irrsinnig lächelnd anblickte und sprach: »Lieber durch dies Eisen sterben, als durch Liebesgram verderben. Gehirnleidende sprechen mitunter in Versen. Siehe: Griesinger , »Pathologie und Therapie der psychischen Krankheiten«, Seite 109. Ha! Des Jammers Maß ist voll. Elliorina stirbt durch Dich, dieses Eisen tödtet mich.« »Halten Sie gefälligst ein,« rief der Jäger und entwandte ihr den Dolch. »Was kann da sein? Statt der Kunst widmen Sie sich der Welt. Die Welt ist das Leben. Holdrio!« »Dieser Gedanke hat etwas erlösendes und befreiendes,« entgegnete Elliorina sich erholend, »beinah als wenn ich die ›Werdenden‹ oder die ›Kommenden‹ hörte. O gewiß, Sie sind ein guter Mensch mit solchen Zukunftserlösungsbefreiungs-Ansichten. Die ›Werdenden‹ sind alle gut , ach so gut! Nur auf die ›Kommenden‹ sind sie nicht gut .« »Concurrenz!« sagte der Jäger . »Was mich anbelangt, so ist mein Onkel noch viel besser. Zu diesem werde ich Sie bringen. Er heißt Iskar Schippka und wohnt in Garbasovo . Mit den Hauptstädten der alten und neuen Welt in Geschäftsverbindung stehend, wird er Ihnen die vortheilhaftesten Stellungen verschaffen. Außerdem bereiten sich auf der Balkanhalbinsel Ereignisse vor.« Elliorina schlug vertrauensvoll in die dargebotene Rechte des Jägers . Wann wäre die Einfalt nicht leichtgläubig, sobald das Verderben sich ihr gleißnerisch naht? Der Jäger reichte ihr seinen Arm. Teuflisches Lächeln blitzte aus seinen Augen, als Elliorina sich hingebend an ihn hing. Er hatte gute Beute gemacht. Iskar Schippka zu Garbasovo war der abgefeimteste Mädchenhändler der gesammten Balkanstaaten. In seinem Auftrage war der Jäger unterwegs . * * * Wir haben für Elliorina zu zittern. * * * Aber nicht verzagt! * * * Schon geht die Morgenröthe der Hoffnung aus der Nacht der Verderbtheit auf. Wie ein Trompetenton der Unschuld erklingt die Nachricht von dem neu begründeten »Verein deutscher Fürstinnen zur Hebung der Sittlichkeit«. Von oben muß die Tugend gehoben werden, nicht von unten, wo das Laster Schule macht und die Zügellosigkeit sich nicht genirt. – Leuchtende Beispiele aus höheren Kreisen werden das Volk und namentlich den naschhaften Mittelstand auf die Wege der Enthaltsamkeit, Zucht und wenn es sein muß, der platonischen Liebe führen. Jedoch nicht weiter. Darum hoffen wir auch für Elliorina , die, obgleich nicht verheirathet, sich klüglich dennoch in allen zweifelhaften Lagen so benahm, als wäre sie es. Allerdings triumphirt das Laster häufig und dieses unumstößliche Naturgesetz macht uns wieder beben. Doch wir bauen auf Elliorinens Bildung . Und ihre Liebe zum Leutnant Fritz . Kein Schutzengel vermag so viel gegen einen Dritten , als wenn Eine den Anderen mit sittlicher Inbrunst liebt.   Fünfunddreißigstes Kapitel. Die Einbrecher. Die Wittwe Wimmelmayr in der Kalkscheunenstraße wartete seit vierundzwanzig Stunden auf ihren Chambregarnisten Herrn Iwan Schulz . Ihm mußte etwas passirt sein. Jedoch was? In den gelesensten Morgenzeitungen stand noch nichts über ihn. Mit um so fieberhafterer Spannung sah sie der Ausgabe der Abendblätter entgegen. Sie las: Venezuela , großer Sieg der Deutschen über amerikanische Vorurtheile. – Nichts von ihrem Einlogirer. – Weiter las sie: Die Bibel, neu verbessert nach Babel, solle von jetzt an mit schwarz-weiß-rothen Litzen eingebunden werden und Baibel heißen. – Kein Wort von Herrn Iwan Schulz . – Weiter las sie: Großer Einbruch in dem Hause des weil. Bäckermeisters C. F. A. Schwudicke . Obgleich das Haus leer stand, seitdem die derzeitige Besitzerin Fräulein Amelie Schwudicke verschwunden war, mußten die Einbrecher überrascht worden sein, denn sie hatten es in Unordnung verlassen, ohne die zusammengeraffte Beute mitzunehmen. Der Polizei war hier eins der größten Räthsel vorgelegt, die sie je ungelöst lassen mußte. Denn wer konnte Einbrecher aus einem unbewohnten Hause vertrieben? Auch die Wittwe Wimmelmayr war, obgleich sie alle Einbrüche der Tageslitteratur gewissenhaft durchstudirte, außer Stande eine Erklärung zu finden. Da . . . endlich kam Herr Iwan Schulz . Sein sonst tadelloser Cylinder zeigte Krampfadern, sein Anzug war bestaubt, sein Antlitz bleich. Vor das linke Auge hielt er ein Taschentuch. »Allmächtige Güte!« rief die Wittwe Wimmelmayr . »Wo kommen Sie her?« Iwan Schulz schwieg. »Wie sehen Sie aus!?« »Ich denke wie immer,« sagte Herr Schulz mit einem Lächeln, daß es der Wittwe eisig über den Rücken lief . Dann warf er ihr ein Zwanzigmarkstück zu: »Holen Sie dafür kalten Aufschnitt und eine Flasche Gilka.« Als die Wimmelmayr in fliegender Angst gegangen war, betrachtete Herr es sich im Spiegel. Sein linkes Auge war blau geschwollen. »Nein,« rief er, »es war keine Einbildung. Es giebt Dinge zwischen Himmel und Erden, die unmöglich sind.« Und grausenerregend standen die Ereignisse der letzten Nacht vor seiner Erinnerung. In der Gemeinschaft mit Pagels und Hink-Ede war er in das Haus der Klosterstraße eingebrochen, während Schiel-August , der wegen natürlicher Mißbildung um die Ecke zu sehen vermochte, Schmiere stand. Sie fanden nach dem Polizeibericht vielerlei Werthsachen in dem verlassenen Hause. Seidene nie getragene Kleider , fünf Dutzend weißbaumwollener Strümpfe , Fräulein Amelie Schwudicke's eigenhändig gestrickter Stolz, eine silberne Erb-Zuckerzange , ein dito Salzfaß , ein Hörrohr , so gut wie neu, einst im Gebrauch von C. F. A. Schwudicke , dem einmal ein Kakerlak ins Ohr gekrochen war, ein nur schwach vermotteter Nerz-Muff und dito Boa , eine silberne, inwendig vergoldete Bonbonni è re , gefüllt mit Asche's Bronchialpastillen , bekanntlich das beste Mittel gegen Heiserkeit, einen Operngucker von Treuer, erste Marke und vier Bände Zola , worin Leutnant Fritz immer heimlich gelesen hatte. Dies wußte jedoch das Publikum nicht und so gerieth das hochfromme Fräulein Amelie Schwudicke in den gemeinen Verdacht, trotz äußerlicher Respektabilität sich in nächtlicher Stille an Schlüpfrigkeiten ergötzt zu haben. Man lasse daher keine Bücher umherliegen, die zweideutiges Licht auf Unbetheiligte werfen. Das Publikum ging sogar so weit, Fräulein Amelie Schwudicke zu bezichtigen, sie sei mit einem Galan durchgebrannt . Das Publikum urtheilt immer nach seinen eigenen Gelüsten. Wäre das Publikum so, wie es sein sollte, könnte die Welt bedeutend vollkommener sein, die Ausnahmen natürlich nicht mitgerechnet. Wir aber kennen die Wahrheit und wissen, in welchen geheimnißvoll mächtigen Händen sie sich befindet. Ach, die züchtige alte Dame erröthete schon, wenn in reinsten geistlichen Schriften von der Sünder der Verführung gewarnt wurde. Iwan Schulz ging in seinem Zimmer auf und ab. Wie war es doch gewesen? Sie hatten die Beute zusammengepackt. Pagels war schon auf der Straße, um die Bündel in Empfang zu nehmen, die Hink-Ede ihm, wie verabredet, hinabzuwerfen hatte. Da bedachte Numero Eins (der Leser weiß, daß dies kein anderer ist als eben Iwan Schulz unter seinem Verbrechernamen), ob es sich nicht lohne, die alte Gehäuse-Uhr mitzunehmen, die großen antiquarischen Werth zu haben schien. Als er die Uhr betrachtete, gewahrte er, daß sie ging . Wer konnte die Uhr in dem verlassenen Hause aufgezogen haben? Sie sich doch nicht selber? Oder war es Täuschung? Stand der Minutenzeiger oder bewegte er sich? Numero Eins blickte scharf hin, um sich zu vergewissern. Aber da . . . . was war das? Er sah . . . . aber er vermochte sich nicht vom Platze zu rühren, so schlotterten seine Kniee . . . er sah, wie aus dem Zifferblatte eine Hand hervorkam, eine menschliche Hand . Die Hand erhob sich. Es war ein Arm daran. Ein menschlicher Arm! Er wollte aufschreien, so grauenhaft war dieser bloße Arm mit der Hand daran. Da ballte sich die Hand zur Faust und schlug Iwan Schulz mit furchtbarer Gewalt auf das linke Auge. Er stürzte nieder. Es gab einen dumpfen Krach , der gespenstisch in den Gängen und Corridoren des verödeten Hauses wiederhallte. Das Räderwerk der Uhr schnarrte laut und klirrend. Hink-Ede entfloh durch das Fenster. Iwan Schulz erhob sich. Die Uhr stand da wie eine gewöhnliche alte Dielen-Uhr. Der Zeiger wies auf Mitternacht . Das Werk löste aus. Als die Uhr ausgeschlagen hatte, spielte sie den Choral »Ueb' immer Treu und Redlichkeit«, Amelie Schwudicke's Lieblingsabendlied. Tief bis ins Innerste bewegt, gedachte Iwan Schulz seiner fleckenlosen Kindheit . »Ach,« seufzte er, »könnte ich zurück von der Bahn des Frevels und der Verbrechen. « – Aber er konnte nicht. Wer die oberste Treppenstufe verfehlt, der kommt auch über die anderen herunter. Da rief Hink-Ede: »Die Kalitten!!« Er mußte fliehen, um nicht von Schutzleuten ergriffen zu werden. Von der Klosterstraße ging er in das Nachtasyl , zur Zeit die beliebteste Sehenswürdigkeit der Residenz, mit stets ausverkauften Häusern, zehn Mark den Sammtsesselsitz in der Vorderreihe.   Im Nachtasyl. Stimmen aus der Bodenluke. In vier Akten. Personen: Eine Schnapsleiche Ein Kümmelblättler Der Säufer Die Wirthin     Herr Iffland Herr Ekhoff Herr Talma Jenny Lind         Der Klugschmuser Der Radaumacher Ein Natursäufer Die Dame von Maxime     Herr Garrick Herr Fleck Herr Devrient Corona Schröter Volk, Volle, Halbvolle, Ganzvolle.   Solche Naturwahrheit hatte er noch nie genossen. Alles war echt, nur der Armeleute-Geruch – der so leicht mit lang gebrauchten Schweißsocken und Zwiebelresten zu bewerkstelligen ist – den hatten sie noch nicht recht heraus. Sonst blieb nichts zu wünschen übrig. Einer spielte Zieh-Harmonika. – Ein Anderer spielte den Evangelimann. – Einer wurden die Beine mit heißem Wasser verbrüht – Einer starb am Husten. – Einer wurde todtgeschlagen. – Einer hing sich auf. Aber Schnaps soffen sie Alle . Als ethischen Gewinn nahm er die Ueberzeugung mit, daß der russische Alkohol wirksamer ist als der deutsche . Dadurch in seinem nationalen Empfinden schmerzlich gekränkt, schlich er nach Hause. Die Wittwe Wimmelmayr , die nicht gewagt hatte auch nur fünfzig Pfennig Schmuh zu machen, brachte für zwanzig Mark Aufschnitt und Gilka, die sie ihm durch die kaum geöffnete Thür reichen mußte. Iwan Schulz durfte sich nicht sehen lassen, ohne sich zu verrathen und war gezwungen, bis zur Abheilung der Kittauges im Verborgenen zu leben. Die schreckliche Uhr aber störte ihm Schlaf und Traum. Er konnte sie nicht begreifen. Er glaubte an Unerklärliches. Der Leser glaubt aber nicht daran, der weiß, wer in dem Hause der Klosterstraße nach dem Vermögen der Familie Schwudicke suchte und ihm ist das Geheimniß der Uhr daher nicht mehr unerforschlich. Er ist aufgeklärt und wissenschaftlich denkend genug, auch ohne das einjährige Freiwilligen-Examen abgelegt zu haben, die Ueberzeugung zu gewinnen, daß Niemand anders dahinter steckte als die Jesuiten.   Sechsunddreißigstes Kapitel. Die Automobil-Hetzjagd. Glücklich waren sie der Residenz des Sultans entronnen, wenn auch mit knapper Noth, Leutnant Fritz als Chauffeur , Emma , und Augenlieb und Herzensdieb als Leibsklavinnen. Es war, wie man populär spricht, alleräußerste Eisenbahn gewesen. Als sie sich vor dem Thor auf der Landstraße befanden, die nach Südafrika führt, rief Emma: »Halt! Ich habe meinen Strumpf voll Diamanten, Rubinen und Perlen vergessen. Er enthält mein mühsam Erspartes!« »Kehren wir um!« rief Leutnant Fritz und steuerte das Automobil wieder zurück. Aber es war nicht gerathen in die Stadt zu fahren, die in hellem Aufruhr stand. Man hörte den Generalmarsch blasen, Trommelwirbel, Hornsignale, Nebelhörner und Alarmschüsse. Nothflaggen wurden gehißt, Glocken stürmten und das Volk erhob tausendfältiges Geschrei . Die Feuerwehr klingelte mit ungewohnter Heftigkeit in den Lärm hinein. »Weiter, weiter!« jammerten die Sklavinnen. »Dort lauert der Mord! « »Vorwärts!« rief auch Emma . »Was sind todte Steine gegen das warme, pulsirende Leben?« Dieser Ausspruch innerer Bildung Emma's verdiente in allen Schulen angeschlagen zu werden. Denn es ist wirklich so. Leutnant Fritz steuerte wieder um und mit velozipedhafter Geschwindigkeit töffte das Automobil südwärts nach Afrika hinein. Mit großer Sachkenntniß suchte Leutnant Fritz , der als Kadett in Geographie immer Ia gehabt hatte, solche Stellen aus, die auf der Landkarte noch weiß und daher für Automobilfahrten, als völlig eben, vorzüglich geeignet sind. Wind und Wolken zogen und Palmenbäume flogen. »Graut, Liebchen, auch vor Sultans?« fragte Fritz scherzend. »Lassen wir das Ekel,« sagte Emma hoheitsvoll. In dem nächsten Kraal machten sie Halt. Der Leutnant bestellte eine Bartbinde, die, weil nicht vorräthig, erst nach seinen Angaben angefertigt werden mußte. Damit ging viel Zeit verloren. Augenlieb und Herzensdieb drängten zur Weiterreise, indem sie sagten, der Sultan habe mehr Automobile, die er gewiß zur Verfolgung anspannen lassen werde. »Der sitzt prachtvoll aufgehoben im Geierkäfig und ich habe den Schlüssel,« sagte der Leutnant . Er wollte ihn triumphirend aus dem Portemonnaie hervorholen, allein dieses war weg, so sorgfältig er sich auch absuchte. »Hast Du Geld bei Dir?« fragte er Emma . »Mein ganzes Vermögen war in jenem Strumpf,« sagte Emma bestürzt. »Habt Ihr Moneten, Ihr kleinen Ratten?« fragte er Augenlieb und Herzensdieb . »Nur Liebe!« antworteten diese und blickten ihn begehrlich schmachtend an. Emma's durchaus reines Gemüth empörte sich darüber. »Werfen Sie sich nicht hinweg, Herr Leutnant,« sprach sie kühl-vornehm. »Aber was fangen wir ohne Geld an? Sie geben die Binde nicht ohne Bezahlung her und außerdem gebricht es bald an Benzin und Schuldscheine nehmen die Wilden nicht,« sagte Leutnant Fritz . »Uns bleibt nichts übrig, als eine der Sklavinnen zu verkaufen.« »Beide,« sagte Emma mit der ihr eigenen Würde. Dieser Entschluß scheint einen Schatten auf Emma's engelsgleichen Charakter zu werfen, allein wenn man bedenkt, daß sie den Leutnant – was sie wohl bemerkt hatte –von sittengefährlichen Elementen zu befreien suchte, steht sie wieder in unverhüllter Makellosigkeit vor uns. Es wurde Fritz schwer, sich zu entscheiden, denn er hatte jede gern, aber es half kein Zaudern und so tauschte er gegen Augenlieb eine Bartbinde und zwei große Kannen Benzin ein. »Leb' wohl, Fritz ,« weinte sie. »Für Dich fällt Deinem Augenlieb das Opfer nicht schwer. Ich habe Dich stets geliebt und werde Dein gedenken. Ach, es war zu schön.« »Vorwärts!« rief Emma und strafte Augenlieb mit einem Blicke königlicher Mißbilligung. Diese aber, in eifersüchtige Wuth gerathend, raffte einen großen Wüstensandkloß auf, mit dem sie nach Emma warf. Sie traf den Leutnant . Dieser lachte und rief drohend: »Na warte, kleine Katze, dafür sollst Du . . .« Er kam nicht weiter. Emma hatte eigenhändig die Kurbel ergriffen und das Automobil raste knirschend über Stock und Stein. »Ja, es mußte Alles so geschehen, wie es geschah,« sprach sie zu sich selber. »Die Ereignisse ordnen sich wie die Glieder einer langen, aber zuletzt doch durchsichtigen Kette und ich erkenne daraus das Walten einer höheren Vorsehung . Es war höchste Zeit, daß Leutnant Fritz aus dem Harem kam. Allerhöchste! Denn diese Odalisken können unmöglich von gutem Einfluß auf einen Jüngling sein, dessen Grundsätze noch nicht durch längere Lebenserfahrung gefestigt sind.« Emma aber hatte während dieses Gedankenganges falsch gesteuert; das Automobil gerieth zu weit links und sauste in des Dornenthal hinein. Schauerlich puffte es durch die schweigende Wildniß. Plötzlich gewahrten sie vor sich auf dem Wege etwas, das aus der Ferne einem Hunde glich. Es war aber ein großer, volljähriger Riesen-Löwe. Ausweichen konnte sie nicht, denn Dornen-bewehrte Mimosen engten den Weg auf beiden Seiten mit undurchdringlichem Dickicht ein. Die scharfen, spitzen Stacheln hätten die Pneumatik des Automobils bis zur völligen Unbrauchbarkeit zerrissen. Daher der Name Dornenthal. Der Löwe kauerte lauernd . Was beginnen? Der Löwe brüllte und peitschte die Erde in gewaltigem Reife mit dem Schweife . Sie waren ohne Geld und ohne Schußwaffe. Aber der Leutnant war schneidig. Der Löwe streckte sich zum Sprunge . Der Leutnant entwickelte höchste Kaltblütigkeit. Er öffnete die eine der Benzinkannen. Er band ein Wachszündhölzchen daran, das er in Brand setzte. Dann erhob er sich und schleuderte mit kräftigem Arme, indem er ein schneidiges »Hoppla!« ausrief, die Kannen auf den Löwen. In demselben Augenblick sprang der Löwe. Er sprang an der lodernden Benzinkanne vorbei direkt auf das Automobil zu. Herzensdieb kreischte laut auf und hielt ihre elfenkleinen Händchen vors Gesicht, um nicht zu sehen, wie der Löwe sie fräße. – Leutnant Fritz sagte: »Ei verflucht!« Ein strafender Blick aus Emma's formenschönen Augen traf ihn. Emma selber stand aufrecht in dem Automobil, wie die Griechen die versteinerte Unabwendbarkeit in Erz zu gießen pflegten und sprach mit der Würde einer Märtyrerin: »Ich glaube, unser letztes Brot ist gebacken.« Der Löwe stieß einen quucksenden Laut aus – – – – Doch es wird höchste Zeit, daß wir uns nach dem Grafen Szmoltopski umsehen, der keine Ahnung davon hat, in welch' schrecklicher Gefahr Emma schwebt. Nein, er weiß es nicht und es ist auch gut so, denn wenn schon der nicht mit ihr verheirathete Leser für Emma bangt, wie viel mehr würde er, der Gatte, um sie beben? Die Vorsehung ist weise und läßt in den meisten Fällen den Gatten nicht erfahren, was ihm Kummer bereiten könnte.   Siebenunddreißigstes Kapitel. Das schaudervolle Abenteuer im Thiergarten. Stephan, Graf von Szmoltopski war, wie wir uns mit Vergnügen erinnern, auf dem Grabe seiner seligen Schwiegermutter, der Wittwe Siebenklietsch , Wer der Gatte der Frau Siebenklietsch gewesen, das ließ sich trotz der Arbeit dreier Personal-Reporter leider nicht in Erfahrung bringen, aber gehabt muß sie einen, denn sonst: woher Emma? zu einem recht hübschen Vermögen gelangt. Nun fragte es sich, was damit beginnen? Einen Klub aufsuchen, das Ganze in Baccarat verdoppeln und dann Sämmtliches bis auf den blanken Boden des Portemonnaies los werden? O nein. Der Graf war durch Lebensphilosophie dahin gelangt, größeren Genuß beim Verlieren Anderer zu empfinden, als Selbstverlierer zu sein. Oder sollte er das förmlich vom Himmel geschenkte Geld – denn wo ist der Mensch dem Himmel näher als in oder neben dem Grabe – auf Rennplätzen einbüßen? Auch dies nicht. Er traute wohl den Pferden, aber nicht den Jockeys. Darum richtete er sich nach dem Ausspruche, den der alte Kirchenvater Blotus Bitterlicus für einen konservativen Abreißkalender verfaßt hatte: »Das Schönste ist das Geld. Man kann sich freilich Schöneres dafür kaufen, aber das ist hinterher nie so schön.« Einen Revolver, um sich gegen Räuber und Diebe zu schützen, hatte er angeschafft und trug er stets bei sich. Deshalb ging der nach Adlon unter den Linden und ließ sich ein feines Diner auftischen. Dies war sparsamer, als wenn er nach Monte Carlo gereist wäre und dort die Felder der Spieltische mit Goldstücken bepflanzt hätte, als wären es werthlose Bohnen. »Nein,« sagte sich der Graf , »zum wegwerfen ist das Geld zu sauer verdient. Wenn ich bedenke, welche Sorge ich habe, daß man die bei Gericht deponirten Scheine falsch erfände und mich der Fundunterschlagung bezichtigte . . . . o, welche Hundeängste stehe ich aus, in der Furcht, man könnte sie mir unter irgend einem Rechtsvorwande entreißen. Ja, nun habe ich an mir selber die Wahrheit erfahren, die einst ein großer Finanzier und Aufsichtsrath prägte: ›Entweder man schläft gut von seinem Geld oder man ißt gut‹. Ich schlafe miserabel, deshalb will ich gut essen.« Szmoltopski ließ sich aus diesem Grunde eine Waldschnepfe in das Menu einschieben, die er mit einer halben Flasche Burgunder hinunterschwemmte. In wohlgemuther Stimmung verließ der Graf um halb Acht das vornehme Restaurant; aber war er wirklich so wohlgemuth, wie er den Umständen nach hätte sein können? Nein, er war es nicht! Emma fehlte ihm. Wohin sollte er mit dem Ueberfluß der Liebe , der sich in seinem heißen Herzen angesammelt hatte seit Emma's räthselhaftem Verschwinden? Wohin mit dem starren Sehnen in einsamen Stunden, das wie die Nadel des Kompasses auf den Stern des Nordens hinweist, sich auf den Stern der Schönheit, auf Emma richtete, deren Liebreiz ihn fatamorganatisch umgaukelte, sobald er gut gegessen und noch bessere Weine genippt hatte? Durch stundenlange Wanderungen im Freien suchte er dann die Qualen verhaltener Liebe zu mindern. So auch heute. Er schritt durch das Brandenburger Thor in den Thiergarten hinein und ging die Siegesallee sieben Mal auf und ab. Aber was war die Marmorhärte der kalten Steinbilder gegen die Härte des Geschickes, das ihn von Emma trennte? Die elektrischen Lichtkugeln glommen auf. Die Siegesallee wurde zur Geisterallee. Die Uhr schlug acht. Szmoltopski rieselte ein Schauer über den edlen Grafenleib. Er schwenkte seitwärts in das Dickicht und setzte sich auf eine Bank, die den Tag über Kindermädchen und schuldlosen Kleinen gewidmet war. Des Abends aber, wenn die Fledermäuse durch die Dämmerung huschen, wenn die Fittiche der Nacht sich über alles Schreckliche und Grauenhafte senken, das möglicherweise passiren kann, dann nehmen fadenscheinige Gestalten auf jenen Bänken Platz, unheimliche Menschen, die das Licht fliehen, weil sie mehr als Ursache dazu haben. Gründe, sich nicht sehen zu lassen, giebt es in Berlin reichlicher als Brombeeren. Szmoltopski vertiefte sich in ernste Gedanken über die Anlage seines ohne Börsenmanöver erworbenen Kapitals, zu dem er jedoch nichts mehr hinzufand, so emsig er auch Begräbnißplätze absuchte Wahrscheinlich, weil entweder Grünenthal seine Kirchhofdepots wieder zurückgezogen oder unehrliche Menschen sie heimlich genommen hatten, so daß Szmoltopski leider zu spät kam. Die Scheine, die Grünenthal der Reichsdruckerei entwandt hatte, waren ja bis auf kleine Fehler ganz gut. und merkte daher nicht, daß ein bis zur Unkenntlichkeit vermummtes Liebespaar auf dem anderen Ende der Bank Platz genommen hatte, das sich, wie alle Liebespaare im Freien, unhörbar tuschelnd, unterhielt und den Grafen daher nicht in seinen Gedankengängen störte. Plötzlich ertönte ein Schrei. Der Graf fuhr auf aus schwerem Sinnen. War es ein Nothschrei? Und wenn es einer war . . . . ? Wer hatte nothgeschrieen? Noch bevor Stephan, Graf Szmoltopski sich darüber klar ward, welche von diesen wichtigen Fragen zuerst zu erörtern sei, ertönte ein zweiter nach Erbarmen ringender, unterdrückter Schrei. Er kam, der höheren Tonlage nach zu urtheilen, von der weiblichen Hälfte des vermummten Paares. Jetzt unterschied Szmoltopski auch einzelne Worte. »Nein . . . nie . . . nie und nimmer . . .« wehrte die sich sträubende Jungfrau ab. Der bergende Schleier war gefallen. Ein süßes Mädchenangesicht ward von dem Lichte des Vollmondes getroffen, der neugierig durch die Lücken der Baumäste lugte. Lebenslustige, jetzt freilich thränenumflorte Aurikelaugen blickten zu der ebenso glänzenden wie gefühllosen Nach den neuesten Forschungen der Astronomen hat der Mond nie Gefühl gehabt, da ihm jegliche Feuchtigkeit und somit auch Nerven mangeln, ohne welche kein Gefühl zu Stande kommt wie z. B. kitzeln. Das Lächeln des Mondes ist daher noch nicht genügend erklärt. Scheibe des nächtlichen Begleiters unseres sich rotirenden Jammerthales empor. »Es muß . . . es muß!« sprach halblaut eine rauhe Baßstimme , die der männlichen Hälfte des vermummten Paares angehörte. »Nein! Nein!« schluchzte das liebliche Mädchen und versuchte zu entfliehen. Szmoltopski erhob sich. Noch bis an den Rand mit den Sehnsuchtsgedanken an seine angebetete Emma erfüllt, sprach er: »Wer Sie auch sein mögen, holde Jungfrau, nehmen Sie den Rath eines lebenskundigen Mannes an. Weisen Sie die Regungen des Herzens nicht von sich. Zu spät bereut man, wenn man der Liebe nicht Folge leistete, die sich in überströmender Gluth offenbarte.« »Ach, mein Herr,« entgegnete das Mädchen mit den umflorten Aurikelaugen , »ich vernehme aus Ihren Worten, daß Sie edel sind und groß denken . Bei Ihrem Edelmuth beschwöre ich Sie, mir eine Frage, die über mein irdisches Glück hier, mein jenseitiges Loos dort, entscheidet, gewissenhaft zu beantworten: würden Sie sich nämlich mit Ihrem Bräutigam zusammenbinden und ins Wasser springen, weil er es einmal auf einem Bilde gemalt gesehen und kürzlich gelesen hat: wer sich nicht von der Kunst beeinflussen ließe, sei nicht werth ein Mensch zu sein? Ach, ich will ja gerne Mensch sein, aber deswegen mit Stricken gefesselt und Steinen in der Tasche in die Spree . . . . das möchte ich nicht. Lieber etwas weniger Kunst, als ein so nasses und schreckliches Ende.« »Mein Herr,« sprach Szmoltopski , »mir scheint, Sie gehen in der Durchdringung des Lebens mit der Kunst zu weit.« »Meinen Sie?« entgegnete der Vermummte bissig. »Ich nicht. Man beginnt schon mit der Kunst des Kindes . . . sollen wir Erwachsene uns von Unmündigen beschämen lassen? Sie vielleicht . . . . ich nicht. Mein Herr, die Triebfeder der heutigen Zeit ist Ehrgeiz, vom prämiierten Somatose-Mastsäugling an bis zur unprämiierten Wohlthätigkeits-Ballmutter. Mein persönlicher Ehrgeiz ist die Grabschrift: starb sammt seiner Geliebten in völligster Harmonie mit der Kunst. Das ist mein Record.« »Aber ich will leben,« weinte die Maid mit den Aurikelaugen. »Ich will nicht zu den kalten Fischen. O wie gräßlich, wenn die Aale mich anknabbern und meine Mutter kocht sie nachher grün und weiß nicht mal, daß sie so dick von ihrem eigenen Kinde sind.« Den Gurkensalat hat das junge Mädchen in der Todesangst vergessen. In dieser Lage sehr begreiflich, weshalb er hier in der Anmerkung, nach Zola's großem Vorbilde, dazu geliefert wird. »Du bist ebenso unkünstlerisch wie Deine ganze Familie,« schalt der junge Mann. »Wie war es möglich, daß ich mich mit Dir abgab? Aber es geschah, bevor ich durch Kunstfeuilletons zur Kunstgesittung gelangte. Und nicht einmal ein Reformkleid hast Du Dir zu dem Todessprung von Künstlerhand entwerfen lassen.« »Kunstentworfene Kluft sitzt nie!« entgegnete sie. »Und für Reform bin ich viel zu hübsch. Schlittre Du hinein, wohin die Kunst Dich treibt . . . ich kleide mich, wie es mich hübsch läßt. Adje, Edmund , grüße die Plötzen!« »Sehr recht, mein gnädiges Fräulein,« sagte Szmoltopski . »Darf ich Ihnen meinen Arm anbieten und Sie sicher zu den lieben Ihrigen geleiten?« »Elender!« schrie der mit Edmund Angeredete wüthend. »Was verstehen Sie von Kunst?« »Mehr als Sie!« Wie man es nimmt. Edmund war mehr drinnen im Ausstellungsgebäude bei den Bildern und Gipsfiguren, Szmoltopski mehr draußen bei der Musik und den abendlichen Parkfaltern mit den gemalten Wangen. Kunst hat eben verschiedene Richtungen. Auch an Bier gab es helles und dunkles. entgegnete Szmoltopski kavaliermäßig kalt. »Das ist eine Ueberhebung!« rief Edmund und zog einen Revolver aus der Tasche. »Was wünschen Sie?« sagte Szmoltopski und zog gleichfalls seinen Diebesschutz. »Stirb, Du oberflächliches Geschöpf,« rief Edmund und zielte auf das Mädchen. Piff, Paff, knallte es. »Sie Hansnarr!« rief Szmoltopski . Und wieder Piff, Paff, Puff, Paff, Piff! Das Mädchen lag mit gebrochenen Aurikelaugen auf dem Kies des Seitenweges. Edmund war hiemend auf die Bank gesunken und zwängte sich in eine malerische Stellung, um kunstschön aus der Welt zu scheiden. Szmoltopski stand schreckerstarrt mit dem rauchenden Revolver in der Hand vor dem blutigen Greuel, auf das traurig der bleiche Schein des theilnahmsvollen Mondes fiel, dem, ach, so viele Todesseufzer entgegengejammert wurden, seitdem er des Nachts unterwegs ist. Schon hörte man Stimmen. Schutzleute riefen sich mit schrillem Pfeifen an. Es wurde unruhig im Thiergarten. Szmoltopski stand noch immer unbeweglich. Da faßte ihn Jemand am Arm. Eine schwarze Gestalt war aus dem Gebüsch zu ihm getreten. »Kommen Sie,« lispelte sie ihm zu. » Es gilt Ihr Leben, Ihren Ruf, Ihr Alles. « Willig ließ Szmoltopski sich hinwegziehen. »Reichen Sie mir Ihren Arm.« – Er that, wie ihm geheißen. »Ruhig! Gehen Sie unaufgeregt, als wäre nichts vorgefallen.« »Wer . . . wer sind Sie?« »Fragen Sie nicht. Ich werde Sie retten!« »Erklären Sie mir . . .« »Jetzt nicht. Später Alles.« – Sie schritten dahin wie harmlos Luftschöpfende, bis sie in der Mauerstraße vor einem ansehnlichen Hause Halt machten. Auf einem Messingschilde war zu lesen Die Geheimräthin, denn keine Andere war die Dame in Trauer , drückte auf einen Knopf an der Platte. Ein silberhelles Glöckchen läutete. Dann drückte sie ein zweites Knöpfchen. Ein anderes Glöckchen antwortete. Dann trat sie an die Hausthür, sie sich öffnete wie alle andere Hausthüren. »Wir sind sicher,« sagte die schwarze Dame mit bedeutungsvollem leisen Lachen. »Bitte, drei Treppen hoch, links.« Obgleich Szmoltopski bereits vieles erlebt hatte, ward ihm doch sehr sonderbar zu Muth, als er dies Haus betrat.   Achtunddreißigstes Kapitel. Im Banne der Schönheit. Wir verließen Emma gerade in dem Augenblicke, als der Löwe auf das Automobil zusprang, um sich auf sie zu stürzen. Wir konnten dies um so eher, als selbst die ungeduldigsten Leser sich sagen müssen, daß Emma gerettet werden wird, ja gerettet werden muß , weil ja mit ihrem Ende dieser ebenso spannende wie fesselnde Roman aus wäre. Es ist daher ein wahres Glück, daß Emma sich so gediegener Gesundheit erfreut, daß sie die sinnberaubendsten Gefahren und untergrabendsten Strapazen in unvergleichlicher Frische durchmachen kann, denn was sie noch zu leiden hat, wie sie noch herumkommt, ehe sie das verheißene Glück voll und ganz das ihrige nennen darf, dazu gehören Nerven. Nur hin und wieder nahm sie einige Baldrianstropfen und auch nur sehr wenige. Emma wankte nicht und wich nicht, als der Löwe in der Luft vor ihr schwebte. Wohl aber blickte sie ihn mit der strahlenden Gewalt ihrer bildschönen Augen an und ein unaussprechliches Lächeln verklärte ihre engelgleichen Züge. Ja, so sieht die Schönheit dem Tode ins Antlitz . Als der Löwe dies gewahrte, stieß er den bereits erwähnten seltsamen Laut aus. Es war eine löwische Aeußerung der Ueberraschung, der Bewunderung, der Vergötterung . Dieses königliche Thier der Wildniß empfand zum ersten Male die bändigende Kraft der Schönheit , welche die Krone der Schöpfung – in dem vorliegenden Falle Emma – auszuüben im Stande ist. Verflogen war seine Mordgier , gelähmt seine Wildheit . Emma's blendende Erscheinung – obgleich sie nicht einmal in großer Toilette war – hatte den Löwen überwältigt, daß er die bereits hervorgekrümmten Krallen in seine Pranken zurückzog, den Schweif zwischen die Hinterläufe klemmte, Kehrt machte und sich wie ein zahmes Hündchen wedelnd dicht vor dem Automobil niederlegte, als erwarte er die Befehle seiner Herrin. Huldvoll wandte Emma sich ihm zu und sprach: »Bist Du aber ein lieber Kerl; komm, gieb Pfötchen.« Allein bevor der Löwe aus dem Banne zu sich kam, in den ihn Emma's bestrickende Schönheit versetzt hatte, ließt Leutnant Fritz das Automobil mit voller Kraft an, so daß es über den Löwen hinwegstob und ihm sowohl die kurzen Rippen, wie auch das Rückgrat knickte. Furchtbar echote das Schmerzgebrüll des Löwen durch das Dornenthal. Emma's Mitleid erwachte, sie wäre ja ein Kieselstein gewesen, wenn sie die Huldigung nicht empfunden hätte, die ihrer Schönheit durch dies einfache Naturthier zu Theil geworden war. »Herr Leutnant,« rief sie: »Bringen Sie dem Wüstenkönig Linderung oder enden Sie seine furchtbaren Qualen.« »Womit, bitte?« fragte der Leutnant. »Kalte Umschläge kann ich wegen Wassermangel nicht machen und Schießwaffen haben wir nicht. Allons, vorwärts!« »Nein, nein!« rief Emma . »Der Löwe muß von seinem Leiden befreit werden. Ach, Leutnant Fritz, wenn Sie mich nur eine Spur lieb hätten , würden Sie meinen Wunsch erfüllen.« »Nur eine Spur?« entgegnete der Leutnant mit einem vielsagenden, fast seine ganze Leidenschaft für Emma verrathenden Blick. »Doch Ihr Wunsch ist mir Befehl; die Bestie wollen wir schon kriegen.« Emma fühlte sich durch diesen Ausdruck gekränkt und entgegnete mit vornehmer Kühle: »Ich muß doch dringend bitten, in Gegenwart untergeordneter Persönlichkeiten solche pöbelige Redensarten zu unterlassen.« – Dann schwieg sie und sah seitwärts aus dem Gefährt hinaus. Leutnant Fritz stellte das Automobil auf rückwärts und fuhr wieder auf den Löwen zu, dessen Schmerzgebrüll Felsen erweichen konnte. Er fuhr wieder über ihn hinweg. Der Löwe wand sich und fauchte. Leutnant Fritz fuhr wieder über den Löwen. Und wieder. Immer rück- und vorwärts. Nicht jedesmal traf er ihn. Zuletzt aber war der Löwe still und rührte sich nicht mehr. Er war todt: ein blutiger Klumpen. Was auch vermöchte wohl der stärkste Löwe gegen ein Automobil? Wenn er darunter ist, ist es ihm über. Die Maschine bleibt Siegerin. Sie kann mehr ab . »Sind Sie jetzt zufrieden, Emmachen? « fragte der Leutnant , der recht gut merkte, daß Emma schmollte. Emma antwortete nicht. Sie weinte. Ja, sie beweinte das herrliche Thier. Und in ihrem Gedächtniß sagte sie aus ihrer ersten Theaterlehrzeit her sich das schöne Gedicht von der Löwenbraut auf: »Mit der Myrthe geschmückt, mit dem Brautgeschmeid u. s. w.«, das sie jetzt erst völlig verstand, nachdem sie soeben selber erlebt hatte, wie ein Löwe sich verliebt, wenn ihm etwas wirklich Hervorragendes geboten wird. »Verflucht!« rief Leutnant Fritz , »was ist mit der Karete; ich glaube, das linke Vorderrad lahmt.« Er stieg ab und untersuchte das Rad. »Da haben wir die Geschichte,« rief er ärgerlich. »Der Löwe hat in seiner Sterbewuth in die Pneumatik gebissen und sie durchlöchert. Und Benzin haben wir auch nur noch einen Rest. Das Löwenvieh kommt uns theuer zu stehen .« »Wir können doch nicht hier in der Wildniß bleiben?« fragte Emma besorgt. »Des Nachts werden uns die reißenden Thiere anfallen.« »Nur Muth!« tröstete der Leutnant scherzhaft, »die Sache wird schon schief gehen. Hoffentlich langt es, bis wir aus diesem elenden Dornenthal raus sind. Dann finden wir schon, was wir brauchen.« »Wir vortrefflich!« sagte Emma , in abgeklärter Selbstverständlichkeit, um Herzensdieb , der simplen Sklavin, höheren Respekt einzuflößen. »Wie vortrefflich, Herr Leutnant, daß Sie immer in Geographie so hervorragend Eins  a waren, was Ihnen jetzt sehr zu Statten kommt. Allein dazu muß man lesen und schreiben können, und das kann man nicht im Harem.« »Amma chabb,« sagte halblaut Herzensdieb , verschmitzt lächelnd. Glücklicherweise blieben Emma'n diese Worte unverständlich und sie erklärte sich daher das sichtliche Erröthen des Leutnants als eine bescheidene Ablehnung des soeben erhaltenen geographischen Lobes, wodurch er wieder mehrere Grade in ihrer Achtung stieg. Der Leutnant flüsterte Herzensdieb ein leises, verweisendes »Di bess« zu, was im Harem so viel besagt als »nun genug« , während was Herzensdieb leise gesprochen hatte »aber lieben« hieß, wie der Leutnant nach seinen dort gemachten Sprachstudien recht gut verstand. Denn was man mit Lust lernt, das behält man auch. Emma schwieg traumverloren in Gedanken an den Löwen; Herzensdieb schwieg, weil der Leutnant ihr so befohlen hatte und der Leutnant schwieg, weil er seine Gesammtaufmerksamkeit dem Fahrzeug widmen mußte, dessen Mechanismus stärker haperte, als in der mittelafrikanischen Wüstenei, weit ab von leistungsfähigen Reparaturanstalten, wünschenswerth war. Automobile sind ja etwas sehr schleunig Beförderndes, aber wenn sie liegen, liegen sie um so verweilender. Sie hatten jedoch Glück. Nach einigen Stunden mittlerer Fahrgeschwindigkeit erweiterte sich das Dornenthal und sie erreichten eine Ebene, an deren Horizont Rauch aufstieg , ein Zeichen, daß dort gekocht wurde. Aber was? Im Innern Afrikas kochen die Völker Manches, was sich mit wirklicher Kultur nicht zusammenreimt. In Europa wird ein Schlächter schon verklagt, wenn seine Würste so billig sind , daß Pferdefleisch darin vermuthet werden könnte, aber in Afrika droht der Staatsanwalt vergebens, selbst wenn sie . . . . doch nein, der Gedanke ist zu appetitbenehmend . . : . Wie, wenn nun Kannibalen dort um ihr scheußliches Mahl säßen, wo der Rauch aufstieg? Waren unsere Freunde aus der furchtbaren Löwengefahr nur durch die Macht der Schönheit gerettet, um als Menschenwurst zu enden? Emma's wegen war der Leutnant nicht bange, ihre Schönheit würde, wenn sie es darauf zustellte, den hungrigsten Menschenfresser in einen unentwegten Vegetarianer verwandeln, aber ihm und Herzensdieb war der Hackblock unvermeidlich. Aber konnte es nicht auch dort gutartige Kochende geben? Dann wäre ihnen geholfen mit Speise und Trank – denn sie waren nur mit wenig Proviant versehen – und mit Benzin zum Weiterfahren, wovon der Hauptvorrath vergebens bei dem Löwen verbraucht worden war. Leutnant Fritz beschloß daher, in die Nähe der Eingeborenen zu töffen und dann Herzensdieb als Kundschafterin abzusenden. Kam sie wieder, so konnte dies als Beweis gelten, daß sie nicht gegessen worden war und es sich mit diesen Ureinwohnern des dunklen Welttheils ungeschädigt verkehren ließ. Denn am zutreffendsten kann man den Charakter eines Menschen nach dem beurtheilen, was er ißt.   Neununddreißigstes Kapitel. Die Geheimnisse des Pensionats. Als Stephan, Graf Szmoltopski Mauerstraße, links drei Treppen, eintrat, war der Flur nur matt erhellt, der mit seiner einfachen Dekoration einen gut bürgerlichen Eindruck machte. Ein in weiße Seidenstrümpfe, erbsgrüne Plüschhosen und fliederfarbenen, silberbelitzten Frack gekleideter Diener, der ehrerbietig Befehle erwartete, erregte als Gegensatz zu dem fast miethskasernlichen Mobiliar das Erstaunen des Grafen, das noch wuchs, als die Geheimräthin Roldemolde einige seltsame Zeichen mit den Fingern der rechten Hand von sich gab, die der Diener mit einigen ähnlichen seinerseits erwiderte. »Er ist taubstumm und darum verschwiegen,« sprach sie erklärend, »und redlich wie die Ober-Rechnungskammer. Seine einzige Leidenschaft sind Trinkgelder, obgleich er nicht trinkt. Nur auf diese Weise vermag sich der sonnige Humor des Unglücklichen zu äußern, da ihm die Herstellung von Witzen wegen mangelnder Sprachbefähigung nicht gelingt. Doch bitte folgen Sie mir in meine Kanzlei.« Der Taubstumme öffnete eine Thür. Die Roldemolde und Graf Szmoltopski traten ein. Einige bequeme Ledersessel, ein Schreibbureau und ein großer Geldschrank bildeten die fachentsprechende Einrichtung dieses Gemaches. »Ich begreife nicht . . .« begann der Graf , nachdem er zum Sichniederlassen aufgefordert worden war. »Wir haben keine Zeit zu verlieren,« unterbrach ihn die Roldemolde , »denn gerade auf die kommt es an.« »Zeit ist Geld,« pflichtete der Graf kaufmännisch gebildet zu. »In diesem Falle Leben oder Tod, Gefängniß oder Freiheit, « sagte die Geheimräthin so schwer und ernst, daß dem Grafen der Gaumen trocken wurde und er unwillkürliche Schluckbewegungen machen mußte. »Aber verzagen Sie nicht. Wir werden ein Alibi konstruiren, an dem der findigste Kriminalist sich die Zähne ausbeißt.« Dem Grafen wurde noch trockener im Munde. »Zunächst jedoch bitte ich um Ihre genauen Personalien für das Geheimbuch.« Die Roldemolde zog metallene Stulpen über die Hände und nahm das Geheimbuch aus einem Geheimfach des feuerfesten Kassenschrankes. Es war in gegerbten Gußstahl Eine kleine Nebenbei-Erfindung des berühmten Edison, die er zwischen Strumpfausziehen und Zubettgehen machte. gebunden, mit sieben Brahmaschlössern verschlossen und daher von Unberufenen nicht zu öffnen. Außerdem waren Giftstacheln daran, die jeden lähmten, der es ohne Aluminiumhandschuhe anfaßte. Die Roldemolde notierte rasch mit unleserlicher chemischer Tinte, was der Graf auf ihr Befragen aussagte: Namen, Alter, Stand, Impfschein , ob immer gesund gewesen, ob krank und woran , welcher Arzt , welche Lieblingsgetränke , dito Gerichte , dito Farben , dito Blume , dito Komponisten , dito Dichter , so daß sie in kürzester Frist seinen ganzen Charakter genau zu Buch hatte. Auch über sein Vermögen mußte er Auskunft geben. Die Hauptsache aber ließ er ungenannt. Emma! Er war ja auch nicht nach ihr gefragt worden. Ob es richtig war, daß die Roldemolde den Grafen für ledig halten mußte? Ledige sind den Versuchungen mehr ausgesetzt als Verheirathete, weil sie ein vorwurfsfreieres Leben führen, indem sie keine Gardinenpredigten zu erleiden brauchen. In diesem Augenblicke kam der taubstumme Diener und maß mit einem Schneidermaß die Länge des Grafen, Umfang, Brust-, Arm- und Beinweite und was dazu gehört mit peinlichster Sorgfalt, wobei er der Geheimräthin die Zentimetermaße, die diese aufschrieb, durch Handsprache übermittelte. »So,« sprach sie und gab dem Diener einen Zettel. »Lieber Graf, folgen Sie dem biederen Benedikt , er wird Ihnen einen auf das Tadelloseste sitzenden Gesellschaftsanzug aus der Garderobe des Hauses zusammenstellen und Ihnen bei der Toilette behülflich sein. In zehn Minuten erwarte ich Sie im Salon. Und nun zur Hauptsache . . . .« Der Graf blickte die Geheimräthin gespannt an. »Sie müssen schweigen über Alles, was Sie heute im Thiergarten erlebt haben , schweigen über alles, was Sie in diesem Hause erleben werden . Ihre Revolver, der Sie verrathen könnte, nehme ich in Verwahrung. Sie dürfen ihn nicht wieder erkennen, wo und wie er Ihnen auch vorgelegt wird. Schweigen, Herr Graf, Schweigen!! Wenn Sie reden, reden Sie sich zum Mörder. « Die Roldemolde machte mit den Fingern: »Benedikt, allez « und der Taubstumme zog den ebenso bestürzten wie willenlosen Grafen mit sich in ein vornehm ausgestattetes Toilettenzimmer, wo er ihn mit geradezu unglaublicher Gewandtheit in nicht ganz neun Minuten derart elegant kleidete und frisirte, daß der Graf, hätte er in dieser gesellschaftlichen Aufmachung uneingeladen ein Hoffest besucht, schwerlich hinausgeworfen worden wäre. Als Stephan, Graf Szmoltopski seine edle Gestalt in den beiden lebensgroßen Spiegeln bewunderte, die einander gegenüber in den Wänden eingelassen waren, mußte er bekennen, daß der Diener seine Sache sehr gut gemacht hatte, aber da Worte des Dankes wegen der mangelnden Hörbefähigung des Unglücklichen nicht angebracht waren, gab er ihm einen Grünenthal'schen Bankschein als Trinkgeld, von denen er einige verdächtig aussehende für wohlthätige Zwecke reservirt hatte. Benedikt war über die große Gabe überrascht, jedoch seine Züge nahmen nicht den Ausdruck des Dankes an, sondern den großer Sorge und Betrübniß. »Sollte er gemerkt haben, daß der Schein nichts taugt? « durchfuhr es Szmoltopski . Der Taubstumme wies auf die Thür. Es schien Szmoltopski , als deutete er mit seinen Gebärden schleunige Flucht an. »Wie meinen Sie?« fragte Szmoltopski . »Ich verstehe Sie mit dem besten Willen nicht.« Die Angst des Taubstummen steigerte sich wahrnehmbar. Er stieß krächzende Töne aus: vergebliche Versuche, zu sprechen. »Was geht hier vor? Was ist dies für ein Haus?« fragte Szmoltopski eindringlich. »Reden Sie doch, Unglücksmensch.« Des Taubstummen Gesicht schwoll roth an vor Anstrengung. Plötzlich kam dem Grafen ein günstiger Gedanke. Er nahm seine Brieftasche, entriß ihr ein Blatt . . . . er nahm seinen Bleistift . . . . hielt beides dem Sprachunfähigen hin, damit er schriebe, was ihm zu sagen von naturwegen verwehrt war. »Grrr . . . Grrr . . . Grrr« würgte der Taubstumme. »Zum Donnerwetter, Kerl, schreiben Sie,« schrie Szmoltopski ihn an. »Was habe ich hier zu befürchten?« »Nichts!« sagte eine spöttische Stimme. Szmoltopski blickte sich um. Vor dem einen Spiegel stand, in silbergraue Seide gekleidet, mit Brillanten im Haar und einem fünfreihigen Halsband kostbarer Perlen, die Geheimräthin Roldemolde . Auf einen befehlenden Wink reichte ihr der Taubstumme mit dem Ausdrucke tiefster Unterwürfigkeit den soeben vom Grafen erhaltenen Bankschein, den sie mit einer Selbstverständlichkeit, wie solche nur durch Uebung in höheren Kreisen erworben wird, zu sich steckte. Wo aber war sie so plötzlich hergekommen, so unerwartet, so geräuschlos? Von wo aus hatte sie des Grafen letzte Frage vernommen? Wurde man in diesem Hause ungesehenerweise belauscht? Ein kurzer aber scharfer Verweis in der Fingersprache trieb dem unglücklichen Taubstummen Thränen in die Augen. Sie rollten ihm über die bleichen Wangen, als er sich demüthig verbeugte, traurig gurgelnd, das Zimmer verließ und fielen auf den feinen Axminster-Teppich, der sie ebenfalls stumm auftrank. Wenn Teppiche reden könnten, wie viel sie wohl zu erzählen wüßten? Es ist jedoch besser für Manche, daß sie es nicht können. Beim Hinausgehen hatte der Diener – ob zufällig oder absichtlich, das bleibe vorläufig bis zur Aufklärung der Thatsachen dahingestellt – die elektrische Leitung ausgeschaltet, so daß unvorhergesehene Dunkelheit eintrat. Beide stießen einen Ausruf der Überraschung aus, der Graf , weil er sah, was er sah, die Roldemolde , weil der Graf sah, was er nicht sehen sollte. Durch den einen der lebensgroßen Wandspiegel fiel nebelschimmernder Lichtschein in das finster gewordene Zimmer und in diesem Scheine erblickte der Graf eine liebreizende weibliche Gestalt im Begriff, ein hochelegantes Korsett aus Rosa-Atlas anzulegen. Da sie sich trotz der Ueberraschungsausrufe durchaus nicht stören ließ, sondern unbefangen mit der Fertigstellung ihrer Toilette fortfuhr, folgerte der Graf, daß die reizende Unbekannte wohl gesehen werden konnte, selber aber die sie heimlich Beobachtenden nicht wahrzunehmen vermochte. Hätte sie sonst ohne Arg ihre schön gerundeten Schultern, ihre vollen und doch schlanken Arme den Blicken preisgegeben, ihre ideal gebildeten Händchen auf die üppig quellenden Hüften gestützt und sich in sanften Wellenbewegungen schalkhaft hin und her gewiegt? Hätte sie sonst so in schmachtender Selbstvergötterung gelächelt, die schwellenden Lippen zum Kusse gespitzt und unter den dunklen Wimpern der halbgeschlossenen Augen verhaltene Gluth wie triumphirendes Gewähren hervorleuchten lassen? Hätte sie sich sonst mit diesen kinderhaften Barfüßchen in den goldgestickten Schwanbesatztöffelchen gezeigt? Nein, sie hätte wie Monna Vanna mindestens einen Pudermantel genommen. Obgleich Graf Stephan seiner über Alles angebeteten Emma unverbrüchliche Treue gelobt hatte, wurde er bei diesem Anblick dennoch von so heftigen Rückfallsgefühlen überwältigt, daß er auf die sich sowohl, wie auch ihn anziehende Schöne zum Handgenuß ihrer wonnigen Formen losstürzte, um ihr zu zeigen, daß Keine ungestraft in Stephan, Graf Szmoltopski's Gegenwart den Mund in Kußbereitschaft setzte. Toilette spornte ihn von jeher zu hilfsbereitem Eingreifen an, einerlei, ob sie im positiven oder im negativen Sinne gemacht wurde. Lesern ohne ausgebildetes Gefühl für Stilfeinheiten sei hier bemerkt, daß durch positiv » an «-, durch negativ » aus «-ziehen, in subtiler Umschreibung, das Dekorum auf das Peinlichste gewahrt wird. Der Verf. Oft sagte daher Emma , als sie noch gattenmäßig zusammenlebten, zu ihm in edler Wallung: »Nun aber hinaus, Stepp , Du hältst mich blos unnöthig auf.« »Was beginnen Sie?« rief die Roldemolde und riß den Grafen am Frackschoß zurück. »Sie zerklüften sich den Schädel!« Bei diesen Worten gewann sie die Schaltung und knipste. Elektrische Helle durchfluthete das Gemach. Das Bild der Schönen war verschwunden und Szmoltopski gewahrte zu seinem Entsetzen, daß, wenn er nicht gehalten worden wäre, er durch Hineinrennen in den großen Wandspiegel hätte die Stirne zerschellen und die Halsadern an den Splittern zerschneiden können . »Meine Gnädigste,« rief er, »es geht hier nicht mit rechten Dingen zu, ich muß Sie dringend bitten, mich zu entlassen.« »Sie bleiben!« entschied die Roldemolde energisch. »Was hier zugeht, ist Alles natürlich.« »So wäre, was ich soeben sah, nur eine kinematographische Darstellung gewesen?« »Keineswegs. Die schöne junge Dame, die Sie heimlich belauschten, lebt, jedoch nur ein Zufall, ein Versehen Benedikts in der Umschaltung der Beleuchtung, machte Sie mit einer Einrichtung dieses Hauses bekannt, die Ihnen erst später offenbart werden sollte, nachdem Sie das Wesen und die Ziele des ganzen Betriebes erfaßt und das erforderliche Verständniß erworben. »Wo aber befindet sich das exquisite lebende Wesen?« fragte der Graf. »Hinter diesem Spiegel,« antwortete die Roldemolde , »denn alle Spiegel dieses Hauses sind je nach der Beleuchtung durchsichtig. Wer davorstehend hineinblickt, gewahrt sein eigenes Spiegelbild, wird aber von Jemand, der auf der andern Seite steht, wie durch klares Glas in polarisirtem Licht erschaut. Diese Spiegel aus Jenenser Doppelglas sind eine Erfindung des Japaners Teltorubi , der bei Helmholtz gelernt hat. In meinen Salons verkehren die ausgewähltesten Geister. Doch davon später.« Die Roldemolde ging auf eine Wanduhr zu. »Sehen Sie diesen Chronometer, eine Erfindung des großen Mathematikers Lord Kidlay und ein persönliches Geschenk. Sobald ich sie stelle, richten sich sämmtliche im Hause befindlichen Zeitanzeiger nach ihr durch magnetotelepathische Fernwirkung. Jetzt drehe ich die Zeiger zurück, denn es gilt Ihr Alibi . Und nun kommen Sie, Graf.« Sie drückte auf einen Knopf. Der zweite große Wandspiegel drehte sich um seine Längsaxe und öffnete dadurch den Zugang in das Privatzimmer der Geheimräthin. »Nun wissen Sie, wie ich so plötzlich eben bei Ihnen erschien,« lachte sie. »Ist dieser Spiegel auch durchsichtig?« fragte der Graf. »Selbstverständlich. Ich hörte, was Sie zu dem Diener sprachen, sah Alles.« Szmoltopski erröthete. »In diesem Hause ereignet sich nichts, was ich nicht sehe, nicht höre, nicht erfahre, nicht weiß ,« sagte die Roldemolde , »und zwar durch die Erfindungen der Neuzeit. Was war das berühmte Ohr des Dyonys gegen mein Pensionat, das vorbildlich für den Zukunftsstaat ist, wo die Oberleitung ins intimste Familienleben visiren muß, um zu erkennen, ob das politische Verhalten recht ist. Uebrigens geben Sie sich keine Mühe, Benedikt zum Schreiben zu verleiten, es wäre umsonst.« »Hat er niemals schreiben gelernt?« »Er schrieb fließend eine schöne Hand, aber mein Freund, der zukünftige Professor Moskolow , der Physiologe, hat ihm elektrisch das Schreibzentrum im Gehirn ausgebrannt. Dies Vorgehen ist doppelt gerechtfertigt: einmal erhöht es die Brauchbarkeit meines Dieners für meine Zwecke und zweitens war dies Zerstören der Gehirnstelle ein wissenschaftliches Experiment, das vorzüglich gelungen ist, da Benedikt keinen Buchstaben mehr zu schreiben vermag.« »Aber was wird aus dem Armen, wenn er von Ihnen geht?« »Dann heilt Moskolow ihm ein neues Zentrum ein, daß er gleich Englisch und Französisch parliert. Oder auch ›Russisch‹ , das jetzt viel verlangt wird. Doch von Politik später.« »Ist . . . der . . . Unglückselige etwa . . . gar künstlich taubstumm? « fragte der Graf mit förmlichem Schauder. »Nicht künstlich, sondern wissenschaftlich ,« entgegnete die Roldemolde streng belehrend. »Doch kommen Sie. Sie werden Moskolow kennen lernen und manchen hoch bedeutenden Herrn, sowie ferner sehr hoch bedeutendere Damen.« »Auch jene, die hinter dem Spiegel . . . .?« »Auch sie. Aber damit Sie nicht verrathen, daß Sie bereits vorher ihre bildliche Bekanntschaft gemacht haben, wird Professor Moskolow eine kleine Operation an ihrem Gehirn vornehmen und die letzten Eindrücke galvanokaustisch auslöschen.« »Ich bitte Sie dringend, meine Gnädige, mich zu entlassen.« »Wie Sie wünschen,« entgegnete die Roldemolde spöttisch lächelnd. »Doch hören Sie das Rufen draußen auf der Straße?« »Nicht das leiseste Geräusch.« »Nehmen Sie dieses drahtlose Telephon, Erfindung von dem berühmten Maccaroni . Hören Sie. Man ruft Extrablätter aus: Der grausige Doppelmord im Thiergarten.« »Ja, ja,« stotterte Szmoltopski , »ich höre es deutlich.« »Nun,« fragte die Roldemolde betonend, »wie wäre es, wenn Sie hingingen, um nähere Auskunft zu geben; ich denke, Sie haben eine Aktie in dem Geschäft.« Szmoltopski preßte die Lippen aufeinander. »Ich bleibe,« sprach er, »und werde schweigen, ohne daß der Professor mit dem russischen Namen mir mit seinen Brennstiften an's Gehirn kommt.« »Gut so!« sagte die Roldemolde mit leicht girrendem Lachen der Befriedigung und öffnete die Flügelthüren. Ein Meer von Licht strahlte ihnen entgegen. Sie waren in den Vorsälen des Pensionats, wo Alles zum Empfang der Gäste bereit stand. In den Straßen aber gellte es: Mord! Mord! Finster und düster lag der Weg im Thiergarten .   Vierzigstes Kapitel. Der Doppelselbstmord. In der That wurden Extrablätter theils ausgerufen, theils ohne jeglichen Reklamelärm an Wissensdurstige gratis abgegeben. Wissensdurst ist das Verlangen des Volkes nach höherer Bildung . Wer Durst stillt, thut ein gutes Werk. Darum ist das kostenlose Extrablatt etwas segensreiches . Denn es spart den Nickel, um den man geprellt wird, wenn der Inhalt des Blattes nicht den Thatsachen entspricht. Diesmal aber war Alles richtig beschrieben: Der Thiergarten , die Leichen, das Milieu . Es lag entschieden ein Doppelselbstmord vor. Der Mörder hatte einen Streifschuß am rechten Schulterblatt. Wie hatte er sich den beigebracht? In dem schußdurchbohrten Handtäschchen des jungen Mädchens mit den Aurikelaugen fand man eine Kugel, die für den Lauf des Revolvers, der neben dem Mörder lag, viel zu groß war. Wie hatte er diese Kugel abschießen können? In allen Kreisen der Stadt herrschte größte Aufregung über das Unerklärliche . Nur die Börse blieb ruhig. Die Polizei aber entwickelte eine fieberhafte Thätigkeit . Puls 128; Temperatur 38, 6 .   Einundvierzigstes Kapitel. Der Wittwe Bekenntnisse. Der intelligente Leser wird sich noch des unheimlichen Erlebnisses um Mitternacht in dem unbewohnten Hause der Klosterstraße erinnern und, vom humanen Standpunkt aus, sich nach Herr Iwan Schulz's Kittauge erkundigen wollen, ob es geheilt ist oder noch der Pflege bedarf? Die Besserung ging nur langsam vorwärts, denn während der unfreiwilligen Zimmergefangenschaft führte Herr Iwan Schulz seinen langgehegten Lieblingswunsch aus, auch seinerseits an dem Fortschritt der Menschheit zu arbeiten, und schrieb ein längstgefühltes Bedürfniß in den Belehrungslitteratur befriedigendes Buch unter dem Titel: »Was muß man vom Einbrecher wissen?« und da er bis spät in die Nacht bei der Lampe saß, wurde das von der Uhr mißhandelte Auge immer wieder aufs Neue gereizt. Die Wittwe Wimmelmayr rieth ihm, weißen Gallitzenstein in Franzbranntwein aufzulegen. Allein, da das Auge hierdurch schlimmer ward, drohte er, sie wegen körperlicher Sachbeschädigung gerichtlich anzuzeigen . Die Wimmelmayr , welche in Bezug auf Alles, was Gericht hieß, von ängstlichen Vorurtheilen befangen war, bat ihn vom Himmel zur Erde, sie nicht unglücklich zu machen . Hieraus schloß Numero Eins , daß das Gewissen der Wimmelmayr unterkietig sei. Aber wodurch? Durch Verbrechen oder durch Dummheit? Unwissenheit ist die Mutter der Dummheiten. Und die Wimmelmayr war recht unwissend; sie konnte die neue Rechtschreibung immer noch nicht begreifen. »Gestehen Sie, was haben Sie ausgefressen?« fragte Numero Eins cynisch. »Aber ein bischen eilig oder ich melde Sie sofort dem Kriminal-Leutnant.« Da berichtete sie denn unter vielem Weinen, daß auch sie einmal jung gewesen, daß ihre Wiege weit hinten in Ungarn gestanden, wo der Csikos seine Heerden treibt, der Zigeuner betäubende Csardas aufspielt, der Tokayer durch die Schläfen jagt und es bei einem Begräbniß koselustiger hergeht als in dem strengen Deutschland bei einer Hochzeit. »Ich begreife,« sagte Numero Eins . »Und was ward aus dem Kinde?« »Es waren zwei,« schluchzte die unglückliche Frau, die damals von ihrem Verführer verlassen, mitten auf der Pußta in Noth und Verzweiflung sitzend, nicht wußte wo ein und wo aus. »Sie brachten die unschuldvollen Wesen um?« »O, wie hätte ich das gekonnt? Aber ich dachte mit Nietzsche's göttlichem Wort, das damals grade aufkam, ich hätte die Kinder von einem anderen Manne haben mögen. Auch sagt er: Nicht sollst Du Dich fort pflanzen, sondern höher hinauf . Ein Baron oder ein Graf wäre mir grade hoch genug gewesen.« » Wimmelmayr'n , Sie waren unverschämt!« »Ich war hübsch! Und die feschen Magyaren . . .« »Renommiren Sie nicht, Sie olle ungarische Ruine, sondern sagen Sie, was ward aus den Kleinen?« »Den Einen nahm mir eine polnische Wartefrau ab, wahrscheinlich zum Unterschieben; den Anderen übergab ich einer kinderlosen internationalen Gesellschaft von D -Zug-Dieben.« »Es waren also Knaben?« »Zwillinge.« »Und Sie Rabenmutter stießen die zarten Wesen ohne Erkennungszeichen von sich?« »O nein; jedem brannte ich mit einer glühenden Haarnadel ein deutliches W auf die linke Wade, denn der Eine hieß Willi und der Andere Walter .« Als der Herr Iwan Schulz dies hörte, erbleichte er. »Ha!« rief er mit erschrecklicher Stimme und entfernte hastig Stiefel und Strumpf. »Ist dies das Brandmal meiner Herkunft? « »Es ist es!« rief die Wimmelmayr überwältigt aus. »Mein Sohn, mein Sohn! Mein Jahre lang vermißtes und nun endlich wiedergefundenes Kind.« Sie stürzte nieder und bedeckte das Muttermal mit Küssen.« Er litt es nicht, sondern zog sie empor. Sie umarmte ihn und überhäufte ihn mit mütterlicher Zärtlichkeit. »O Mutter,« sprach Iwan Schulz , »sage mir, bin ich das untergeschobene Kind oder das andere? « »Wie kann ich das wissen?« jammerte die Mutter. »Ich glaube, ich bin nicht der Richtige,« sprach er dumpf. »Ja, ja, mein ganzes Leben wird mir nun erklärlich. Nicht durch Vererbung gerieth ich auf den Pfad des Einbrechens, sondern durch das Milieu. So habe ich noch Aussicht, mich zu bessern, was bei Erbfehlern unmöglich ist. Oder,« fragte er weich, »hast Du, liebe Mutter, Verbrechen begangen , die mich zu den erblich Unheilbaren stempeln?« »Nur einmal versuchte ich eine Brandstiftung ,« bekannte die Mutter, »weißt Du, Kindchen, nach Zigeunerart , indem man eine brennende Kerze in einem Kistchen mit Speck und Zunder am Boden in einer Scheune auf das Heu stellt. Sobald das Licht herabgebrannt ist, zündet es den Speck und das Heu und das Gebäude geht in Flammen auf, wenn man schon wieder weit sich davon gemacht hat und nicht mehr entdeckt werden kann.« »Genial!« rief Iwan Wie müssen ihn wie bisher Iwan nennen, da wir ja nicht wissen, ob er Willi oder Walter ist. bewundernd. »Diesmal brach jedoch das Feuer nicht aus, weil wohl eine Katze dem Speck nachgegangen war und, wie so Katzen spielen, das Licht gelöscht hatte.« »Ich werde dies Verfahren in einem Anhange meines Buches schildern. Aber, o Mutter, wovon wollen wir leben, wenn ich mich bessere?« » Dachstuhl- und Kellerbrände bringen nichts ein!« klagte die Mutter. » Armuth schändet nicht, aber kein Geld haben ist eine Schande ,« sagte Iwan bitter. »Du hast doch Geld?« fragte die Mutter beklommen. »Ha! Ha! Ha!« hohnlachte Iwan Schulz wild. »Ja, ich habe Geld, aber immer nur das Anderer, und ich muß es mir jedesmal erst unter Gefahren holen.« Er wies dabei auf sein geschwollenes Auge. »O, was beginnen wir?« seufzte die Mutter . »Wie kann ich mich von Chambregarnisten nähren, wenn mein einziger Einlogirer mein eigener Sohn ist, der nichts hat? Könnten wir nicht bankerott machen? Das soll ja sehr einträglich sein? « Iwan Schulz verschwieg die in ihm aufsteigenden hämischen Zurechtweisungen, die er der Wimmelmayr'n nicht vorenthalten hätte, bevor sie seine Mutter war. Wie ein gefangener Panther knirschte er mit den Zähnen. Ein verzweifelter Qualenkampf ging in ihm vor. Das nie sich irrende Mutterauge sah es. »Engel und himmlische Heerschaaren,« flehte sie, »nehmt euch meines Kindes an.« Numero Eins ballte die Hände, daß ihm die Nägel in das Fleisch drangen und das Blut herausspritzte. Dann athmete er tief auf. Das mark- und beinergreifende Nachterlebniß in dem verlassenen Hause der Klosterstraße mit der darauf folgenden Eingeweideaufwühlung durch das Nachtasyl und nun die Nachtbekenntnisse der Mutter wirkten gemeinschaftlich so überzeugend auf Iwan Schulz ein, daß er die alte Jacke des Milieus abwarf und nicht nur einen neuen , sondern sogar den neuesten Menschen anzog. Deshalb schloß er den bisherigen finsteren Abschnitt seines Lebens mit dem jetzt in allen Romanschlüssen so ungemein beliebten Ruf: » Arbeit! Arbeit! Nur in der Arbeit ist Heil. Nur sie erlöst die Menschheit zum Guten  . . . Laboremus! « Und mit arbeitsvoller Arbeit arbeitete er an seiner Arbeit: »Was muß man vom Einbrecher wissen?« mit lobenswerther Hingebung weiter.   Dreiundvierzigstes Kapitel. In der Heimath der Putsche. Elliorina war wohlbehalten in Garbasovo bei Iskar Schippka angelangt, der nicht nur einer der berühmtesten Mädchenhändler des Balkans, sondern auch der gesammten civilisirten Welt ist. Aber jetzt war das Geschäft matt, es sah auf der Balkanhalbinsel zu unsicher aus. Erst vor kurzem hatten Verschwörer in Serbien Thaten gethan, über die wir den Vorhang des Abscheus ziehen. Mag Draga gewesen sein wie sie will . . . waren ihre Mörder so ohne Fehl , daß sie ein Recht hatten, sie zu richten? Und Oberst Maschin war der Bruder ihres ersten Gatten, so daß man nur sagen kann: als Schwager hat er sich nicht besonders benommen. Wenigstens hätte er aufpassen müssen, daß man der Ermordeten nicht die reich beringten Finger absäbelte und die Leichen zum Fenster hinaus warf. Dem Könige hatten sie als Offiziere den Eid der Treue geleistet. Waren sie mit seiner Regierung nicht zufrieden, konnten sie es ihm ja schriftlich geben und brauchten ihn nicht gleich todtzuschlagen. Das ist das allgemeine Urtheil, das wir deshalb nicht unterdrücken können. Doch daß es dort so hergehen konnte, das scheint an der dasigen Unbildung zu liegen, denn wenn man in eine Verschwörung Leute hinein nimmt wie – die Feder sträubt sich – Damian Popowitsch und ähnlichen Auswurf der Gesellschaft, erlischt jedes Gefühl für Anstand und Takt, wie ja die Vorgänge in der Meuchel-Blutnacht im Konak zu Belgrad für alle Zeiten beweisen. Iskar Schippka war deshalb nicht gut auf die Belgrader zu sprechen und schalt sie Banditen ; was da unten jedoch nicht so schwer wiegt, wie in unseren Breitengraden, wo schon ein mißgedeuteter Blick als Ehrenschändung aufgefaßt wird, namentlich in Verbindung mit Alkohol. Doch was nützte das Schimpfen? Es war wohl Nachfrage, aber kein Zuzug, denn wenn sie auch sonst muthiger sind als mancher Mann: vor dem Knallen der Schießgewehre fürchten sich die Mädchen eben so emancipationshinderlich wie vor Mäusen. Und es knallte furchtbar auf dem Balkan . Die Komitatschi waren am Werk. Potschew mit dem Kosakenschädel und der platten Nase, Marco Stojan der pockennarbige Anarchist und der kleine verkümmerte vierzehn Jahre alte Milan Arsow hatten die Ottoman-Bank in Saloniki durch unterirdische Minen gesprengt. Dies Verbrechen erfüllte die gesammte Finanz-Welt mit heftigem Zorn, mehr als der Königmord in Belgrad. Denn wenn die Banken nicht mehr sicher sind, geht die Welt zu Grunde. Das höchste Bestreben des Menschen ist sein Bankkonto; mit den Banken verliert daher die Menschheit ihren sittlichen Halt. Solchem Treiben konnte der benachbarte Türke nicht theilnahmlos zusehen. Die hohe Pforte sandte Truppen über die Grenze. Wie immer, betrugen die Türken sich höchst vortrefflich, die bulgarischen Korrespondenten aber meldeten nach auswärts, daß die türkische Soldateska ganze Dörfer mit allen Einwohnern darin verbrannte, Männer hundertweis aneinanderkettete und vor den Augen ihrer Frauen niedermachte; der Schrecken sei so groß, daß die Flüchtlinge ihre Kinder abwürgten , damit sie durch ihr Weinen nicht verrathen würden. Auf diese Nachricht hin reisten mehrere englische Schriftstellerinnen nach Mazedonien, um ihrer Entrüstung Ausdruck zu verleihen und Stoff zum Einschlachten in Romane zu sammeln. Das Schlimmste aber war nach den Berichten, daß in Klein-Tirnowa an die Soldaten in den Kasernen, genau gezählt, zweihundert und fünfzehn Frauen und Mädchen verschenkt wurden. Wie konnte Iskar Schippka bei solcher Konkurrenz auf einen grünen Zweig kommen? Seine Magazine standen leer. In der Abtheilung für Blonde von 16–32 Jahren war nur eine einzige Cirkassierin, die er als Gelbstern-Muster ungern vergab. Im ersten Stock, wo sich das Depot der Brünetten befand, machten zwei, bei der letzten Inventur zurückgestellte ältere Rumäninnen den ganzen Bestand aus; in dem Elite-Kontor für Schönheiten mit Erziehung lagerte eine einsame französische Gouvernante, die er hatte wieder annehmen müssen, weil sie der Faktura nicht entsprach. In dem Atelier für Verschönerung moderten die Puderquasten unbenutzt auf den Toilettentischchen und verdunstete das Feenwasser seine Kraft, verrosteten die Brennscheeren. Elliorina fand das große Kaufhaus, das eine Sehenswürdigkeit der Hauptstraße bildete, daher recht fade und nahm um so lieber den Vorschlag an, sich den Aufständigen einzureihen, als sie beim Kneißl an dem Banditenleben Gefallen gefunden hatte. Willig unterschrieb sie die ihr vorgelegten Papiere; Natürlich auch einen Schuldschein, der sie völlig in die Macht Iskar Schippka's gab. Hier hat der Kampf gegen den Mädchenhandel einzusetzen, dem wir voll und ganz zustimmen. kein Verdacht rieth ihr, erst die Verträge zu prüfen. Wenn Frauen für etwas begeistert sind, lesen sie nichts durch . In rauhen Filz wurden ihre Beine geschnürt, eine Litewka diente als Obergewand. eine schwarze Lammfellmütze mit Krakehlfedern und einem Todtenkopfe, sowie ein Pallasch vollendeten die, wenn auch nicht ideale, so doch originelle Uniform, zumal mit aufgelösten Haaren, die bis in die Nachbarschaft flatterten. Als sie eingekleidet war, beorderte man sie rasch zum Photographen, wo sie mitten im Pulverdampf und in dem dichtesten Kugel - und Granatenregen stehend (siehe das Bild) für Illustrirte Blätter aufgenommen wurde. Alsdann geleitete ein sicherer Führer sie durch unwegbare Felsenwildniß zu den Komitatschi's in der Bombenhöhle. Hier wurde sie von der Komitatschimutter empfangen, einer alten Mazedonierin, die beinahe so häßlich war, daß sie für malerisch gelten konnte. Dann mußte sie unter Androhung, halt aufgesetzt in Theer zu Tode gesotten zu werden, schwören, auch nicht das Geringste auszuplaudern. Dann setzten sich die Männer und Frauen zum Füllen von Dynamitbomben , wobei sie Melodien sangen, die sie selbst nicht behalten konnten. Dann kam der Photograph, um ein Gesammtbild für illustrirte Blätter von der Gesellschaft aufzunehmen, die allerdings nicht ganz sauber war, obgleich sie sich in dem Besitz einer Liebesgabenkiste mit Seife befand, die sie jedoch nicht zu verwenden wußten. Viarda hieß die Alte. Sie trug bei der Arbeit die hochmalerisch zerlumpte Tracht des Volkes, für den Besuch der Städte als Wahrsagerin aber hatte sie einen Scharlachmantel mit Goldbesatz. Plötzlich erschien sie dann mitten in der feinsten Gesellschaft, stellte eine zu diesem Zweck mitgebrachte alte eiserne Kasserolle, aus der eine Schwefelgestank verbreitende Rothflamme hervorschlug, auf den Teppich und verkündete die Zukunft. Daß wir nicht an solche Hexen-Faxen glauben, wir der Lesen schon bemerkt haben. Der Verf.   Auch bei Draga war sie so im Konak erschienen, aber als sie ihr prophezeite, daß sie Unangenehmes erleben würde, beförderte Sascha , der sein Weib abgöttisch liebte, die alte Vettel mit eigenfüßigen königlichen Tritten an das Freie und schmiß ihr den bengalischen Eisentopf hinten nach. Darum – so sagte Viarda – konnte es in Serbien nicht anders kommen, als wie sie vorausgesehen. Mit ihren scharfen Blicken sah sie jedoch auch, daß Pludrowitsch , ihr Gatte, Elliorina anders betrachtete als mit den die Arbeit überwachenden Augen des Vaterlandsfreundes. Elliorina schwebte in Gefahr. Viarda war zu Allem fähig. Sie hatte schon einmal eine Rivalin heimtückisch dadurch zum Platzen gebracht, daß sie ihr Dynamit in die Bouletten buk. Auch scheute sie sich nicht vor dem Gurgelabschneiden . Ebenfalls verstand sie das Erdrosseln . Im Vergiften hatte sie reiche Erfahrung; sie nahm dazu mit Vorliebe das Pulver getrockneter Kröten . Von diesen Damoklesschwertern ahnte Elliorina nichts; sie stopfte unverdrossen Bomben zur Zerschmetterung und Verstümmelung friedfertiger Unbeteiligter, fröhlicher Frauen und unschuldiger Kinder zur Stillung politischen Ehrgeizes Weniger, was sie um so geschickter vermochte, als sie zu Hause die Gänse so vollendet stopfte wie keine Zweite im Dorfe. Aber Pludrowitsch kannte Viarda . Sie um ihr Opfer zu betrügen, das jeckte ihn. Als daher die Schmuggler kamen, um frisches englisches Dynamit zu bringen, beauftragte er Elliorina , die Kisten mit den fertigen Bomben nach Saloniki zu begleiten, da ihre neue Uniform den besten Eindruck auf die Außenwelt machen werde. So zog Elliorina mit den Schmugglern auf steilen Bergpfaden über unwegsame Hänge, durch wilden Wald über gestürzte Baumstämme und Klippen, vor jeglicher Entdeckung sicher, dahin. An den gefährlichsten Stellen sowohl, wie an den romantischsten hielten sie, damit der Photograph Sympathien erweckende Aufnahmen für illustrirte Blätter machen konnte. Dann schworen Alle: die Komitatschi's, die Schmuggler, Elliorina, die Patrioten, der Photograph strengste Verschwiegenheit bei Strafe des Gepfähltwerdens. Dann wurde dieser heimliche Schwur photographiert und an Zeitungen geschickt. Auf solche Weise kam Elliorina nach Saloniki , wo Bomben mit recht gutem Erfolg in Theater und Kaffeehäuser geworfen wurden. Leider ist die Aufnahme der Kaffeehausexplosion, wo elf Frauen, fünf Kinder und zweiundzwanzig Männer in Stücke gerissen wurden, nicht gelungen, da ein Bombensplitter in den Photographenkasten schlug. Von da kehrte sie nach Garbasovo zurück. Hier fand sie Iskar Schippka in selischer Verzweiflung . Soeben hatte er einen Auftrag vom Vezier des Sultans von Damombay erhalten, wegen Auflösung des alten Harems zur Zusammenstellung eines neuen, das Beste zu senden, worüber sein Haus verfügte. Und nun war sein Lager nicht complet. Er riß sich die Haare aus wie Unkraut. Als einer der höchsten Steuerzahler, war er eine der geachtetsten Persönlichkeiten Garbasovo's; jetzt winkte ein Geschäft, das ihn mit einem Schlage sehr reiche und noch geachteter hätte machen können und er war nicht im Stande zu effektuiren. Größeres Unglück hatte ihn noch nie betroffen. Um jedoch die Verbindung mit einem so feinen Kunden aufrecht zu erhalten, verfrachtete er die blonde Cirkassierin , die beiden auf Neu hergerichteten brünetten Rumänierinnen und – es half kein Widerstreben – Elliorina! Die nicht ganz fehlerfreie, französische Gouvernante legte er für den halben Preis bei.   Vierundvierzigstes Kapitel. Brennende Liebe. »Inschallah baschûfak an karîb, ya chadidi!« (Hoffentlich sehe ich Dich in Kurzem wieder, o Geliebter) sagte Herzensdieb zum Leutnant Fritz , als sie mit selbstopfernder Bereitwilligkeit seinen Befehl ausführend, sich auf den Weg zu der Kochstätte machte, der das Automobil sich so weit wie möglich genähert hatte. Da die Gegend in den ausgewühlten Betten sommertrockener Flüsse Schlupfwinkel in Fülle bot, wählte der Leutnant einen schluchtartigen Erdeinschnitt, worin das Automobil genügenden Versteck fand. »Di elli barido,« (Das wünsche ich Dir) antwortete der Leutnant und half Herzensdieb zum Automobil hinaus, die hurtig davoneilend, bald um die Ecke verschwunden war. Zierlich wand sie sich durch die stachelichen Kaktuspflanzen, Alo ë und Kasuarinen, die dem Sande entsproßten. »Herr Leutnant,« sagte Emma stolz, Natürlich im edelsten Sinne. »finden Sie es passend, in Gegenwart einer Dame, mit einer Niedrigerstehenden sich in fremder Sprache zu unterhalten, von denen ich jedoch so viel weiß, daß der Gebildete sie nicht in den Mund nimmt?« »Ob das arme Ding wohl wiederkommt?« sprach der Leutnant nachdenklich. »Aber sie ist schlau und gewandt wie eine Schlange. Augenlieb war ebenso.« »Herr Leutnant, eine Frage: Wie standen Sie mit diesen Kreaturen?« »Hm!« erwiderte der Leutnant , »so allgemein orientalisch.« »Sie weichen aus!« warf Emma mit Entschiedenheit hin. »Wie war es im Harem?« »Nun, gethan wurde nichts und davon auch noch so wenig wie möglich.« »Haben Sie sich keine Vorwürfe zu machen?« » Ich mir? – Nie! « Emma richtete sich in ihrer ganzen Größe auf. Wie eine Pythia hob sie sich gegen den dunklen Grund der Erdschlucht ab, schön und ergreifend zugleich , ganz geschaffen dazu, um Sünder zu erschüttern und Verstockten an das Innere zu pochen. »Leutnant Fritz!« begann sie mit mariastuartgleichem Organe, langsam und leise (später anschwellend, feierlich) , »so weit sind wir nun gekommen. Fern von den heimathlichen Penaten an dem grünen Strand der Spree muß ich erkennen, daß derjenige, dem ich nächst meinem Gatten ( Emma wurde bei diesem Worte hochdramatisch) in meinem Herzen die meiste Sympathie bewahre, diesen Platz nicht verdient. Ja, Leutnant Fritz , haben wir nicht die größten Gefahren zusammen überstanden? Haben wir nicht bange Wochen in der Wuhlhaide verbracht, um den Verfolgungen zu entgehen; sind wir nicht zusammen geflohen, vom Schicksal in allen Tonarten auf das Grausamste bedrängt? (Hier machte Emma eine Pause und fing sehr sangt an, um nachher bei den verhaltenen Thränen nicht zu laut werden zu müssen.) Doch wozu diese Erinnerungen? Sie sind dahin wie die Gelübde . O, wie selig war ich, als ein, wenn auch nicht ganz, so doch ziemlich unverdorbenes Leutnantsherz sich mir in ewiger Schwesterliebe weihte!! Ja, liebe Fritz ( Emma weinte jetzt wirklich) , da glaubte ich, die goldene Urzeit sei wiedergekommen, wo Unschuld herrschte und daß Tugend kein leerer Wahn mehr sei, sondern sich – unerschütterlich über Laster triumphirend – auf die Dauer halten werde. Doch das wäre zu schön gewesen, das hat nicht sollen sein. Nein, es sollte nicht sein. Anstatt seinen Stolz darin zu suchen, dem Gelübde treuester Schwesterliebe auf das Pünktlichste nachzukommen, indem man jegliche, selbst die höchste Achtung vor ihr hegt und sich nicht das Geringste zu schulden kommen läßt, setzt man sich herab durch Einlassen mit weit unter ihm Stehenden . Darum sage ich ›Sie‹ zu Ihnen, Herr Leutnant Fritz . . . . die Du . . . . mir einst . . . . in lauterster Anständigkeit . . . . die theure . . . . Friederike warst . . . .« Emma Konnte nicht weiter. Ueberwältigt von der Bewegung ihres Seelenlebens, sank sie auf den Sitz des Automobils. Blässe bedeckte ihre Wangen , der Glanz ihrer Augen erlosch . . . sie gleich einer Sterbenden . »Emma, Emma!« rief der Leutnant und eilte, ihr Hilfe zu bringen. Aber womit konnte er die erschlaffenden Lebensgeister auffrischen? Da war kein Riechsalz, nicht einmal ein Trunk einfachen Wassers, von Selters mit Himbeeressig ganz abgesehen. Ihm blieb nichts übrig, als ihre erkaltenden Hände zu streicheln und sie mit schmeichelnden Kosenamen zu rufen, damit die Seele auf dem Wege nach dem finstern Thor der ewigen Nacht Halt mache und zu den sonnigen Gefilden des Daseins umkehre. Er nahm sein Taschenmesser und schnitt das sie beengende Korsett auf. »Erwache!« rief er und begann die Leblose zu massiren, da ihm einfiel, daß Massage für Alles gut sei und jetzt auch an der Berliner Universität gelehrt werde, seitdem Virchow nichts mehr gegen sie einwenden kann. Sein Bemühen blieb nicht ohne Erfolg. Obgleich er sei nicht vom medizinischen Standpunkt aus gelernt hatte, fand er doch gewissermaßen aus Naturheilinstinkt die richtigen Griffe und gewahrte zu seiner Freude, wie aus der kalten Emma allmälig eine warme wurde. Aber auch ihm wurde warm, waren es doch die göttinnengleichen Formen der von ihm heiß begehrten Emma , deren Blutumlauf er durch drücken, klopfen, walken, kneten, streichen und knautschen wieder zum Strömen brachte. Noch öffnete sie ihre Augen nicht, so sehr der Leutnant auch massirte. Wohl hob sich ihr Busen, wenn der Leutnant ihn sanft drückend niedergesenkt hatte, allein die Athmung funktionirte noch immer nicht regelmäßig. Endlich umspielte ein leichtes Lächeln ihre Lippen. »Süß erbebt mir ihr blühender Mund,« sprach der Leutnant . »Erwache! Erwache!« Da Emma noch bewußtlos blieb, rief er: »Sie hört mich nicht. Ein Küßchen in Ehren, kann Niemand verwehren und sollt' ich auch sterbend vergeh'n.« Und ohne weiter um Erlaubniß zu fragen, neigte er sich über Emma und drückte ihr einen eben so langen wie festen Kuß auf die schwellenden Rosenlippen. Jetzt aber kam Emma zu sich. Sie richtete sich auf. »O Himmel!« rief sie. »Was ist geschehen? Unseliger Leutnant, hatten Sie keine Achtung vor meiner Ohnmacht, daß Sie es wagten, den Zustand meiner Hilflosigkeit zu benutzen, mir einen Kuß zu rauben? Hatten Sie keine Furcht?« »Nein,« entgegnete der Leutnant , » das Fürchten habe ich nicht gelernt , aber, o Emma, laß mich Dir gestehen, hier im innersten Afrika, angesichts des Todes – denn waffenlos fielen wir in Feindes Land – daß ich Dich liebe . . . liebe . . . liebe! « Händeringend wandte Emma sich ab. »Wehe!« rief sie, »wehe! Weißt Du, Verblendeter, nicht, daß ich verheirathet bin?« »Ich weiß es,« erwiderte der Leutnant , »aber was geht das uns an, hier im wilden Welttheil, wo das bürgerliche Gesetzbuch keine Gültigkeit hat?« Dies ist zwar juristisch, aber keineswegs gut zu heißen. Emma , Deine Schönheit erfüllt mein Inneres mit sprühender Gluth; jetzt lösche den Brand, den Du in mir entzündet hast. Es braust mein Blut. Sei mein! « Bei diesen leidenschaftlichen Worten breitete er die Arme aus, Emma zu umfangen. Emma zog in diesem Augenblicke einen Gegenstand aus den Falten ihres Gewandes, den sie dem Leutnant entgegenhielt, der mit einem Schreckruf des Grauens zurückwich. War es ein Dolch , womit Emma drohte? Oder ein Revolver? Oder eine Flasche mit Vitriolöl, das wieder recht in Aufnahme ist? Nein, nichts von allen solchen Tödtlichkeiten, sondern was sie ihm zur Abwehr entgegenstreckte, das war der wachsbleiche Unterkiefer Szmoltopski's , den sie stets bei sich trug und der sie immerwährend an den Gatten mahnte und an ihre Pflicht, ihm dies unentbehrliche Organ wieder zuzustellen, sobald es ohne Gefährdung geschehen konnte. Aber jetzt, auf der Flucht vor den Jesuiten, war sie von der Lösung dieser Aufgabe weiter entfernt als je. Doch der Leutnant schüttelte das Grauen vor dem zähnefletschenden Kiefer schleunig ab. »Und wenn ich zu Grunde gehe, Du mußt mir angehören!« rief er. »Ich habe Unsägliches in Deiner Nähe gelitten von Deiner Eiseskälte gegen mich; nun will ich Deine lebensheiße Schönheit genießen, wie ein Polarreisender, dem nach zwei Jahren Nordpol zum ersten Male wieder warme Pfannkuchen vorgesetzt werden.« »Welch ein Vergleich!« werden.« »Welch ein Vergleich!« bemerkte Emma verletzt. »Du siehst, wie meine Gefühle durcheinander wirbeln,« entgegnete der Leutnant . »Mir ist jetzt Alles einerlei, Du muß und sollst die Meine werden.« Und mit donnernder Stimme rief er: »Hab' ich den ganzen Harem bezwungen, werde ich auch Dich bezwingen! « Emma stieß einen Schrei aus. Ihre Augen verglasten sich wie gebrochen. Er, der Freund, der ihr Schutz sein sollte , sie vor Gefahren zu bewahren, stand vor ihr als ihr größter Feind , wie ein Wilder, der nicht nur nach ihrem Leben trachtete, sondern der auch ihr höchstes Kleinod, ihre Tugend, bedrohte. Aber zugleich flammte in ihrem tiefsten Herzen das Bewußtsein ihrer so sorgsam unterdrückten Liebe zum Leutnant auf. Ja, sie liebte ihn , das empfand sie, als der Leutnant im Rausche ungebändigster Sinnenlust ihr die brutale Thatsache entgegenschleuderte, daß er den ganzen Harem bezwungen. Schon während seiner verdächtigen Leutseligkeit gegen Herzensdieb und Augenlieb spürte sie, wie die Kohlen der Eifersucht bei ihr ins Glimmen geriethen, deren gepreßte Stichflammen sich nun in jenem Schrei Luft machten, der durch die Oede Mittelafrika's gellte. Doch nicht Angst und Bangen allein sprachen aus ihren Blicken, sondern auch Liebe leuchtete aus ihnen hervor. Der Leutnant erkannte das Morgenroth der Liebe mit jener Kennerschaft, die er sich durch fleißige anthropologische Studien im Harem erworben hatte. »O Du, Du! « rief er. » Angebetetes Weib , die Stunde der Seligkeit hat geschlagen. Heil dem Tag, der Dich gebar  . . . . die Wonne winkt . . . . versinken . . . . ertrinken . . . . unbewußt . . . . höchste Lust!« »Ach!« seufzte Emma , ihrer selbst kaum mehr mächtig und ließ den Unterkiefer fallen, den sie bisher wie einen Talisman vor sich hin gehalten, und ihr Körper erbebte in prickelnden Zitterungen wonnigster Liebesvorahnung . »O Emma, Emma! « rief der Leutnant , »wie bist Du schön!« Er umkrampfte die Bebende mit muskulösen Männerarmen und bedeckte ihr sanft erglühendes Antlitz mit wahnsinnigen Küssen. »Herr Leutnant,« brachte Emma mühsam hervor, »Herr Leutnant, sind Sie bei Trost?« »Aber sehr!« keuchte er in liebesathmendem Ringen. »O Emma, sei süß; sei süß, Emma, sei süß! « Da sprach Emma in gewaltiger Selbstbeherrschung mit unnachahmlicher Vornehmheit: »Herr Leutnant, scheniren Sie sich doch; es kommt wer.« Und so war es auch. » Halloh . . . Halloh! « ertönte es von Weitem. »Halloh!« rief Emma mit dem letzten Aufgebot ihrer Kräfte. Schon fühlte sie sich den stürmischen Angriffen des Siegessicheren unterliegen, denn, ach, sie war ein Weib . . . ein Weib zum Lieben geschaffen, dessen Herz durch lange Entbehrung durstig nach Beweisen aufrichtiger Zärtlichkeit geworden war. Wohl besaß sie den vorzüglich erhaltenen Kiefer, aber war der todte Knochen ein irgendwie genügender Ersatz für den lebensfrischen Gatten , der nicht wußte, mit welcher Heftigkeit sie ihm momentan treu war, der womöglich in diesem nämlichen Augenblicke wieder einmal im Begriffe stand, rückfällig zu werden? Und wenn er sie hinterging, wer in der ganzen civilisirten Welt konnte Emma hindern, an ihm Vergeltung zu üben, indem sie mit dem bildhübschen Leutnant Fritz , der übrigens in seiner tadellos sitzenden neuen Uniform und in der Aufregung kühnsten Liebestaumels geradezu hinriß , einen unüberlegten Kopfsprung in das Meer des wildesten Ringsumsichvergessens wagte? Doch Eins hielt sie mit überirdischer Kraft vor solchen Fehltritt ab, nämlich der Eid , den sie einst ihrem Mütterlein auf dem Sterbebette geschworen hatte, stets ihre Tugend zu schonen . Und näher tönte es: Halloh! Nun hörten sie Nahende und siehe da: Herzensdieb kam angetänzelt wie eine muntere Gazelle und neben ihr schritt Jemand leichtfüßig und behende wie ein Heuspringer mit eben so dürren Beinen und Armen. »Ya sadi, binbasch schirak!« (O Herr, ich bringe Dir gute Nachricht) rief Herzensdieb fröhlich und ließ den trillernden Jauchzer erschallen, der bei den Frauen des Orients als Zeichen höchster Freude gilt, das bekannte Hallelujah . Ihr Begleiter aber blieb wie im Traume verloren stehen und rief nur das eine Wort: »Emma!« Emma erkannte ihn nicht gleich. Dann aber ersah sie in ihm, trotz der Abmagerung und der entstellenden Leiden, den Gespielen ihrer Jugend vom Koppenplatz – und schamhaft ihren Busen mit dem vom Leutnant zerschnittenen Korsett bedeckend, jubelte sie: »Nordhäuser! Nordhäuser!« Und er war es in der That.   Fünfundvierzigstes Kapitel. Das künstliche Alibi. »Sie haben es brillant getroffen,« sagte die Roldemolde zum Grafen, »denn heute begehen wir das glänzende Jubiläum der funfzehnten Deklamation eines Gedichtes, gesprochen von der Verfasserin.« »Sonst wartet man doch bis funfzig oder hundert mit derartigen Feiern,« warf der Graf ein. »Früher! Jetzt muß man sich eilen, sonst wechselt die Mode, ehe die Künstler zu ihrem Jubiläum kommen. Bei Sachen, die gar nicht gehen und bei Geistern, die mit aller Anstrengung nicht hoch zu bringen sind, halten wir eine fünfte Wiederholung schon für jubiläumsreif. Aber es müssen Leute von unserem Anhang sein. Die Andern schweigen wir todt.« »Das beste Mittel zur Hebung der Künste,« sagte der Graf . »Vorher werden praktische Uebungen in der Wahrscheinlichkeits-Rechung abgehalten, woran Herren von höchster Destinktion theilnehmen. Dann Vorstellung im Antimusensaal , dann ein feines Souper im Saale der Fünf Welttheile und zum Schluß ein neuroelektrisches Divertissement von unserem exzellenten zukünftigen Professor Moskolow erfunden.« »A la Isidora Duncan,« fragte Szmoltopski , leicht mit den Lippen schnalzend, »mit ohne Gaze?« »Ueberwundener Standpunkt,« entgegnete die Roldemolde geringschätzend. »Bei den Damen unseres Moskolow tanzt nur die Seele, deren Kostüm der Körper ist. Moskolow reizt die im Gehirn domizilierende Seele durch in den Schädel hineingetriebene elektrische Polnadeln zu rhythmischen Bewegungen, und wenn die Seele hüpft, muß der Körper mithüpfen . . . . nun, Sie werden ja sehen, welch' ein Zauber in diesen Tänzen liegt, dem selbst älteste Greise sich nicht zu entziehen vermögen, wie weit auch das Ballet bereits hinter ihnen liegen mag.« »Und dann?« fragte Szmoltopski . »Wird der Abschiedspunsch gereicht und heimwärts gegangen. Sie aber verweilen hier, bis Gras über den Mord gewachsen ist. Außerdem habe ich mit Ihnen zu sprechen. Doch nun zur Schaffung Ihres Alibis.« Die Roldemolde öffnete die Thür zu einem Kabinet, dessen Tapete mit geometrischen Figuren und mathematischen Formeln bemalt worden war. Dort saßen an einem grün überzogenen Tische mehrere Herren in tadellosem Abendanzuge so eifrig beschäftigt, daß sie die Eintretenden kaum beachteten. »Aha!« sagte Szmoltopski , »hier wird ein kleines Bänkchen aufgelegt.« »Sie irren sich,« sprach die Roldemolde scharf, »Hazardspiele würde ich als verboten (wie alles Verbotene) in meinem Hause unter keinen Umständen dulden . Das, was Sie hier sehen, sind wissenschaftliche Versuche, die Theorie der Wahrscheinlichkeitsrechnung auf ihren praktischen Werth zu prüfen, Studien von exorbitanter Wissenschaftlichkeit , die nicht nur nicht zu verbieten, sondern von Regierungen zu unterstützen sind, damit fleißige Salonexperimente unanfechtbare wissenschaftliche Grundlagen für die großen staatlichen Lotterien liefern, so daß diese als auf Wissenschaft basirend nicht mehr von altmodisch denkenden Abgeordneten angefochten werden können.« »Bewunderungswürdig!« rief Szmoltopski . »Ich bin stets der Meinung gewesen: ohne Jeu und ohne Liebe ist das Leben unvollkommen wie ein Diner ohne Sekt.« Die Roldemolde stellte vor: »Graf Szmoltopski! « Die Herren erhoben sich: es waren Grafen, Barone , Geheime und ungeheime Kommerzienräthe, Bankiers, Professoren in gesetztem Alter. Sie luden Szmoltopski ein, an den Wahrscheinlichkeitsexperimenten theilzunehmen, worauf dieser hoch erfreut einging, da er hierbei entweder verdächtige Scheine loswerden oder unverdächtiges Gold erwerben konnte. »Bitte nach der Uhr zu sehen,« sagte die Roldemolde . »Acht ein Viertel!« antworteten die Herren einstimmig. Szmoltopski wollte rufen: »es muß später sein, denn acht schlug die Uhr, als ich von der Siegesallee in jenen Seitenweg einbog . . .« aber ein verbietender Blick der Geheimräthin hieß ihn schweigen. Er verstand sie. Durch die magnetopathische Hauptuhr waren sämmtliche Nebenuhren in dem Pensionat, also auch die Taschenuhren zurückgestellt. Wenn es verlangt wurde, konnten alle die hochangesehenen Herren beeiden, daß Graf Szmoltopski schon um acht Uhr in der Mauerstraße und unmöglich um die gleiche Zeit im Thiergarten gewesen war. »Lieber Direktor,« sagte hierauf die Roldemolde zu einem der Herren, »der Graf wünscht in Ihr Etablissement als Volontär einzutreten . . .« »Wenn Sie es wünschen . . .« antwortete er sehr zögernd. »Ich wünsche es,« sagte die Geheimräthin mit starkem Tone. »Wird uns und dem Etablissement eine Ehre sein,« erwiderte der Direktor und setzte sich wieder zu den Experimenten. Szmoltopski hatte Lust, es ebenso zu machen, aber die Roldemolde legte ihren Arm in den seinen, und als Kavalier mußte er sie führen, wohin sie wollte. Nachdem sie die Herren verlassen, betraten sie ein kosiges, kleines Gemach, dessen mit Rosaseide bezogene Wände ebenso liebeslauschig waren, wie die mattblau angehauchten schwellenden Polstermöbel. »Das Buon retiro Gefühlvoller,« sagte die Roldemolde erklärend. »Auch der ›Verlobungswinkel‹ genannt.« »Sehr schön und sehr verlockend,« entgegnete der Graf. »Aber, meine Gnädigste, wer ist der Herr Direktor, in dessen Etablissement mir garnicht gefällt einzutreten.« »Sie werden Volontär,« lächelte die Geheimräthin . »Es wird dort unter Anderem auch ein rauchloses Pulver für Unterseegeschosse hergestellt, dessen Fabrikation Sie ablauschen und mir mittheilen werden.« »Ich ein Staatsverfahren verraten?« »Sie werden! « sagte die Roldemolde schonungslos. »Nein!« »Ja! . . . Weigern Sie sich, kostet es mich nur ein Wort und man weiß, wer der Mörder im Thiergarten ist .« »Ha!« rief Szmoltopski , sich verfärbend. »Ich sehe, ich bin in Ihrer Hand. Aber eine Frage: aus welcher Kraft üben Sie auch über jene Herren solche Gewalt aus; es sind doch große und berühmte Männer darunter.« Die Roldemolde lächelte spitz: »Große Männer haben kleine Schwächen und berühmte Leute haben unberühmte Neigungen. Ich bin im Besitze ihrer persönlichen Geheimnisse, ich halte sie am Zügel, alle, alle . . . . wie auch Sie, mein Herr Graf.« »Ich bin gefangen und gefesselt!« gestand Szmoltopski tonlos. Die Roldemolde lächelte spöttisch. »Sie sind der erste nicht. Doch seien Sie heiter. Sie haben Ihr Alibi . Das ist vorläufig genug, und bald beginnen die Vorträge. Die Räume füllen sich; kommen Sie, ich werde Sie bekannt machen.«   Sechsundvierzigstes Kapitel. Aus den Schlingen des Bösen. Es ward Iwan Schulz nicht leicht, mit ehrlicher Arbeit soweit zu gelangen, daß er seinen Unterhalt verdiente, und wenn er auch statt des echten Bieres sich nur an Festtagen eine Weiße gönnte, so mußte er und seine Mutter doch oft genug darben. Aber sie sahen Beide vertrauensvoll in die Zukunft , die Wimmelmayr aus angeborener Gedankenlosigkeit, Iwan , weil er sich sagte: wenn die neue Richtung nichts nutzt, kehre ich reumüthig zu der alten zurück. So machten es alle Sezessionisten wie er sah, selbst die unentwegtesten. Bestärkt im Ausharren wurde er durch ein sehr trübes Ereignis. Mühsam hatte er sich alle Nachschlüssel verschafft, die zu den Gelassen der Leipziger Bank paßten, ja er hatte sogar Nordhäuser als Skelettmenschen zum Einschlängeln in die Kellerfenster engagirt, er war vorbereitet sie selten: da macht das angesehene Institut in überraschendster Weise bankerott . Als gelernter Fachmann überlegte Numero Eins: In verkrachte Banken einbrechen, das hieße armen Leuten das Brot stehlen . Der wahre Weise überlegt dreimal, was er thun soll und dann läßt er es. Als einen Hemmschuh empfand er die enge Verbrüderung mit Pagels, Schiel-August und Hink-Ede . Wie konnte er sich von diesen gemeinen Subjekten befreien, die ihm wie die Kettenkugeln eines Galeerensträflings anhingen und ihn immer wieder in den Sumpf der Missethat hinabzogen? Denn Iwan Schulz war im Grunde seines Charakters ein edler Mensch, der wie ein Barometer, wohl fallen, sich aber nie erniedrigen kann. Hatte Hink-Ede nicht einmal einem Gensdarm , der ihn fassen wollte, mit einer Beißzange den Daumen zerquetscht? Hatte Pagels nicht einmal einem Nachtwächter, der ihn ertappte, Schnupftabak in die Augen gestreut, daß dieser nächtelang ziffernblind war und stets falsche Stunden ausrief? Hatte Schiel-August , indem er einmal vor Gericht den wilden Mann markirte nicht öffentlich erklärt, der Staatsanwalt ginge noch über die allmächtige Allwissenheit? Wurde freigesprochen, weil er sich vermaß, den Beweis der Wahrheit anzutreten, was selbstverständlich als unzweifelhafter Irrsinn, ein für beide Theile günstiges Resultat ergeben mußte. Nein, mit solchen Verderblingen und im Verbrecheralbum angeschriebenen Bösewichtern durfte er nicht weiter verkehren, wenn er nicht jede Hoffnung selbst auf die kleinste Anwärterstelle oder sonstige staatliche Karriere aufgeben wollte. Und lag ihm nicht die Pflicht ob, seine Mutter zu ernähren, die durch ihn als ihren nichtzahlenden Chambregarnisten um ihr Brot kam? Freilich halt sie redlich mit, die äußerste Noth abzuwehren, da sie durch ihre lange Praxis als Vermietherin auf den Gerichtsvollzieher dressirt war. Allein wie lange? Darum faßte er den Entschluß: los von den Schuften! Zum Glück war ihm das viel angezeigte amerikanische Buch über Hypnotismus in die Hände gerathen, daß er, ohne immer wieder zwanzig Mark für Neubelehrung an die »wissenschaftliche Gesellschaft in New-York« einzusenden, schon nach vierzehn Tagen die drei Gesellen in magnetischen Schlaf (siehe die untenstehende Abbildung) mit nachwirkender Suggestion zu versetzen vermochte. Schiel-August, Hink-Ede und Pagels in hypnotischem Zustande . Liebhaber-Photographie aus der Lauben-Kolonie. Als er sie so weit hatte, suggerirte er ihnen, in der Nacht vom Zwölften auf den Dreizehnten , genau um 2, 30  Uhr in ein Fenster zu steigen und zu rauben. Dann kaufte er ihnen von dem Versatzgeld einer seiner goldenen Pathenbecher aus früherer Geschäftszeit, drei Fahrkarten Dritter mit dem 11, 45 Nachtzug nach Magdeburg. Als die drei Kanaillen nun in hypnotischem Dämmerzustand um 2, 30 in ein Haus einzusteigen vermeinten, stiegen sie aus dem Coup é fenster hinaus und zwar gerade, als der Zug langsam auf der großen Brücke über die Elbe fuhr. Sie taumelten aus der Höhe in den angeschwollenen Fluß, erst Hink-Ede , dann Pagels , dann Schiel-August , der während des Fallens erwachte und gräulich verquer blickend einen Schrei der Verzweiflung ausstieß. Dieser Schrei war das Letzte, was von ihnen vernommen wurde. Frei athmend, wie aus den Schlingen des Höllenfürsten gelöst, vollendete Iwan Schulz sein Buch, für das er einen behende druckenden Verleger ausbaldowerte. Es erschien elegant ausgestattet auf holzfreiem Papier als ein volksthümliches Werk, das ; allgemein verständlich, unentbehrlich für Jedermann, in keinem Haushalte , in keiner Familie fehlen dürfe . Eindringlicher konnte es nicht angepriesen werden. Aber Käufer wollten sich nicht einstellen. Es gingen kaum sechzig Exemplare ab und diese nur an Gelehrte, die sich wissenschaftlich mit der Theorie des Gegenstandes beschäftigen und an einige Fachliebhaber. Die Masse versagte vollständig, und der Verleger schloß das Verlustkonto bereits ab. Iwan Schulz , die ewige Gerechtigkeit anklagend, jegliche ehrliche Arbeit verfluchend , wollte schon sein altes Einbrechergewerbe wieder aufnehmen – selbst die Mutter war über den Mißerfolg derart ergrimmt, daß sie, um sich an der Lauheit des Publikums zu rächen, förmlich auf Dach- und Kellerbrände brannte – da trat eine Wendung zum Besseren und Besten ein. Doch um dem Leser die Vorfreude auf dies frohe Ereigniß nicht zu schmälern müssen wir dies Kapitel hier schließen.   Siebenundvierzigstes Kapitel. Der Prediger in der Wüste. Welch ein Wiedersehen zwischen Emma und Nordhäuser! Kein Pinsel kann es malen, seine Farben sind zu matt, kein Sänger kann es singen, seine Harfe hat nicht genug Saiten. Schon wollte Nordhäuser Emma in seine verlangenden Arme schließen und sie ihn in die ihrigen, denn, ach, auch in dem Herzen dieses sittlichen Sohnes einer durchaus sittenreinen Destille vom Koppenplatz knospete die Liebe zu Emma , die [er] sorgsam verhehlte, als der Leutnant Nordhäuser mit gröbster Exercierplatzstimme anschrie: »Herr, was fällt Ihnen ein?« und ihn am Kragen fassend, einige Meter von Emma abrückte. »Sie werden ja unverschämt, Sie Affe!« Mit der Treuherzigkeit unbescholtenen Gemüthes blickte Nordhäuser ihn an und sprach: »Sie verkennen mich, Herr Leutnant; es ist mehr Freundschaft, als daß ich durch Berührung die engelgleiche Tugendhaftigkeit dieses, ah, nur allzu schönen Wesens trüben möchte. Wie wohl wäre ich im Stande, eine solche Perle der Schöpfung auch nur in Gedanken zu verunehren? Wer solche Schuld auf sich lüde, dem wäre besser, er läge unter einem Mühlstein als auf ihm.« »Aber wenn man liebt?« wandte der Leutnant ein, der sich durch die Worte getroffen fühlte. »Man muß prüfen, ob es Liebe ist oder Lust. Die erstere entsagt, der letzteren muß man entsagen.« »Entsagen?« rief der Leutnant . »Entsagen, wenn man mit allen Sinnen liebt? Wie kann man das?« »Es geht,« erwiderte Nordhäuser . »Da einsiedelte hier in Afrika der heilige Antonius, den versuchte der Teufel in den schönsten Frauengestalten, Die selbstverständlich nichts gegen Emma waren. aber er wälzte sich im Schnee, seine Gluthen zu kühlen . . .« »Blödsinn! Hier giebt es nie Schnee!« unterbrach ihn der Leutnant . »Er warf sich auch in Dornengesträuch, um seine Leidenschaft zu bemeistern. Und, o Herr Leutnant, sehen Sie hier diesen Igel-Kaktus , wenn Sie sich darauf setzen wollten, würden Sie gewiß Ihr sündiges Verlangen dämpfen, indem Sie Ihr irdisches Theil kasteien.« Emma's schönen Augen entströmten Thränen der Rührung, als sie ihren einstigen Gespielen so erbaulich reden hörte. Aber durch den sanften Schmerz verklärt, ward sie so unerhört thaufrisch, so wunderschön, daß der Leutnant von zehnfach gesteigertem Verlangen durchfeuert wurde. »Denken Sie an Ihr besseres Theil,« mahnte Nordhäuser und deutete auf einen besonders großen Igel-Kaktus hin. »Und Sie an das Ihrige!« schrie ihn der Leutnant aufgebracht an. Dabei packte er Nordhäuser und drückte ihn mit Macht auf den Kaktus nieder, dessen nadelscharfe Stacheln dem Armen in das bischen Muskulatur drangen, des ihm die niederträchtige Behandlung in Kimberley noch gelassen hatte. »Herr Leutnant!« rief Emma hochnobel, »wenn Sie so etwas thun, mag ich Sie gar nicht mehr leiden.« »Du verwendest Dich noch für den Kerl?« entgegnete der Leutnant , wüthend durch Eifersucht, Liebe, Tropenkoller, Entbehrung, Aufregung . . . »Das Spinngebein schlage ich todt.« Schon irrten seine Blicke suchend nach einem geeigneten mordfähigen Gegenstand, da stellte Emma sich schützend vor Nordhäuser . »Tödt' erst seine Gespielin!« rief sie mit höchstem Ausdruck. Es entstand eine ängstliche Pause. Herzensdieb bohrte wie der Strauß ihren Kopf in den Sand, um das Gräßliche nicht zu sehen . . . da . . . da pustete es deutlich . . . und deutlicher . . . und immer deutlicher: Töff – töff – töff . . . »Gerettet!« rief Emma . »O namenlose Freude! Gerettet!« »Nein, nein!« schrie Herzensdieb , »wir sind verloren. Es ist das Automobil des Sultans ; der Wind steht auf uns zu . . . es ist kein reiner Benzingeruch . . . es ist . . . Rosenöl dabei. Nur der Sultan selbst fährt mit einem Schuß Rosenöl im Benzin, nur er allein . Er wird uns in Stücke zerfleischen , uns Alle!« Da flog etwas großes Rundes über sie hinweg. »Was ist das?« fragte der Leutnant. »Der lenkbare Luftballon,« erklärte Nordhäuser versöhnlich von seinem Schmerzenssitz. »Drei der Diamanten-Könige bauten ihn in Kimberley. Mich nahmen sie wegen meiner Leichtigkeit als Diener mit und zur Unterhaltung zwei Kunstmacher (siehe das untenstehende Bild). Ach, nur für vielfache Millionäre ist Luftsport und Schnellverkehr . Mich setzten sie mit etwas aufzuwärmender Speise ab, um ohne Zeugen Diamantfelder zu hissen. Nun lassen sie mich im Stich, damit ich nicht verrathe, wo ihre neuen Quellen unermeßlichen Reichthums liegen.« »Und was haben wir davon als Gegenleistung?« fragte der Leutnant . »Das Nachsehen!« seufzte der Dulder auf dem Kaktus. »Jawohl!« sagte Emma , dem in den Wolken verschwindenden Ballon nachschauend und sprach in trüber Vorahnung nahenden Mißgeschickes: »Eilendes Luftschiff, Segler der Lüfte, Wer in die säße, wer mit dir schiffte! Grüße mir freundlich mein Spree-Athen!« Denn auf dem Automobil raste die Rache mit Mordbegier in der Person des von ihnen so schmählich hintergangenen Sultans heran. Oder raste sie nicht? Der Sultan saß doch in dem Geierkäfig? Und wenn er los war, wie war er herausgekommen? Nichts thürmt sich leichter auf als Räthsel. Ach, und jede Flucht unmöglich. Aber Nordhäuser! Wird die Blutwuth auch ihn, den Rechtlichen, der, wie man ihn auch besah, ohne Schuld war, in ihre Kreise ziehen? Nein! Harre aus als guter Deutscher auf dem Kaktus und Du wirst ein hohes und herrliches Ziel erreichen.   Achtundvierzigstes Kapitel. Der Segen der Arbeit. In der ethisch-ästhetischen Welt herrschte Windstille. Das undurchdringliche Dunkel des Doppelselbstmordes hatte sich insofern gelichtet, als das junge Mädchen mit den sammtbraunen Aurikelaugen nur ohnmächtig gewesen und der mit Eduard angeredete Herr nur leicht von einer Kugel gestreift worden war. Die Phantasie Die Phantasie erscheint als etwas durchaus Verworrenes. Mancher z. B. hat garkeine, wogegen ein Anderer z. B. von Gelagen träumt und am Morgen mit einem voll ausgebildeten Katzenjammer aufwacht. Die Phantasie wäre deshalb unter die vielen neueren Lehrgegenstände für die Schule einzureihen. des Reporters hatte möglicherweise die Thatsachen vielleicht ein wenig zu thatsächlich behandelt, was bei dem heutigen Preisringen nach Wahrheit in der Literatur passiren kann und verständ- und verzeihlich ist. Die fieberhafte Thätigkeit der Polizei hatte bedeutend nachgelassen (Puls 96; Temperatur 36, 7 ) und näherte sich allmählig dem Normalen, als plötzlich ein Schlag wie aus heiterm Himmel ungeheures Aufsehen machte und in der Presse ein Für und Wider entfachte. Der Vertrieb nämlich von Iwan Schulzen's Buch »Was muß man vom Einbrechen wissen« war inhibiert! Warum? wollte alle Welt erfahren. Alle Welt wollte sich selbst überzeugen, warum? Die Nachfrage nach dem Buch ward eine sich steigernde. Leute die es gelesen, fragten: weshalb ist es verboten? War vielleicht das Rezept zur Anfertigung von Diebslichtern aus der Hand eines Gehängten und dem Fett neugeborener Kinder anstößig? Das war undenkbar, denn es durfte in der geschichtlichen Einleitung nicht fehlen, glaubte man doch früher, daß kein Schläfer in einem Hause aufwache, so lange die Diebe solches Licht brennen ließen. Historische Daten können unmöglich verboten werden! Dann wäre es besser, gleich alle Geschichte zu verbieten, was vielen Kindern mit unlustigem Gedächtniß gewiß sehr willkommen sein möchte. Oder war es die Anleitung, Fensterscheiben mit Schmierseife zu bepflastern , um beim Eindrücken das Klirren zu verhüten? Es war eben Alles in dem Buche enthalten, von den Anfangsgründen mit Dietrich und Stemmeisen bis zur Schmelzung feuersicherer Geldspinden mit Sauerstoffgebläse oder Thermit, also bis zu den neuesten wissenschaftlichen Errungenschaften. Wagte man wissenschaftlich-technischen Fortschritt zu beschränken? Das wäre unerhörtester Zwang gewesen. Denn die Wissenschaft ist frei , man kann sie dem Einbrecher nicht vorenthalten. Er ist doch auch ein Staatsangehöriger und vor allen Dingen ein Mensch , der verdienen will. Nur keine Ausnahmegesetze! Oder war es die Beschreibung der Schulz'schen neuen verstellbaren Brechstange , geistreich combinirt mit Schädelspalter, Augenschlitzer, Schubkastenzieher und Uhrkettenknipser , daß diese möglicherweise einen bereits ertheilten Musterschutz verletzte? Man fragte vergebens. Aber umso eifriger wurde das Buch gekauft. Zu Tausenden wurde es auswärts verlegt und unter dem Deck-Titel: » Eingeständnisse , Bilder aus einer kleinen Garnison«, über die Grenze geschafft; kaum konnten genügend Exemplare hergestellt werden, obgleich die Schnellpressen sich heiß liefen. Das Publikum fiel darüber her wie die Lemminge. Ein glänzendes Geschäft dies verbotene Buch . Das Geschäft ist stets glänzend mit Schriften und Bühnenerzeugnissen , auf die eine umsichtige Regierung die Aufmerksamkeit des Publikums hinlenkt, um den Verfassern, Verlegern und Direktoren die kolossalen Summen zu ersparen , die dennoch nie eine so wirksame Reklame zu Stande brächte, wie ein rechtzeitiges, lüstern machendes Verbot oder dito Sperre. »Siehst Du, Mutter,« sagte Iwan Schulz , »nun wird uns Staatshülfe! Auf ehrlicher Arbeit ruht Segen; gesegnet sei deshalb auch eine hohe Behörde, die so väterlich für uns sorgt. Ich schreibe mehr zum Verbieten. Du sollst sehen, wie das einbringt.« Die Wittwe Wimmelmayr kniete nieder und betete für fernere Erleuchtung der zensorlichen Bevormunder, denn nun hatte sie nicht mehr nöthig, sich mit dem Gerichtsvollzieher zu zanken, sondern lebte herrlich und in Freuden mit ihrem Sohne in einem reizenden Hause in Grunewald, das er sich von den Ueberschüssen an seinem Buche gekauft und Villa »Veto« getauft hatte. Das Sonntagspublikum las wohl im Vorbeispazieren die goldene Inschrift am Giebel, hielt sie jedoch für den Hinweis auf ein hygienisches Patent-Volksstärkungsmittel , weil ihm die klassische Gymnasialbildung, um das Reden durch die Blume zu verstehen, durchschnittlich mangelte. Wir aber wissen, daß hinter den werthvollen Stores wirklich Glückliche wohnen und verlassen hier in ihnen zwei der Staatsmaßregelung ewig Dankbare. Solche sind selten .   Neunundvierzigstes Kapitel. Liebe und Ehre. Die Erwartung ist tausendmal martervoller als der tödtliche Streich selbst, haben Hingerichtete oft genug versichert; man kann sich daher die Aengste vorstellen, mit denen unsere wehrlosen Freunde das allmälige Näherkommen des feindlichen Automobils beobachteten. Herzensdieb wühlte ihr reizendes Köpfchen tiefer und tiefer in den Sand, der Leutnant fluchte, Nordhäuser litt ergebungsvoll auf seinem Peinsitz, Emma aber stand, wie schon so oft, ungebeugt vom Schicksal in plastischere Vollendung, als wäre sie für eine Marmor-Allee bestellt und mit idealem Schwung sprach sie: »Meinethalben kann er kommen!« Ob sie so fest auf ihre Schönheit vertraute? Emma, Emma! können wir hier nur mahnend ausrufen, bedenke: wird die Wiege der Sicherheit übertrieben geschaukelt, dann kippt sie um! Oder war sie der Welt überdrüssig, in der es so vieles giebt, was es überhaupt nicht geben sollte, daß sie zu sterben bereit war? O Emma! rufen wir: Alles, nur das nicht. Verweile doch, Du bist so schön! Wer aber ergründet die grundlosen Tiefen eines Damengemüths? Das Automobil fuhr, von geübter Hand geleitet, in elegantem Bogen vor. Wer jedoch ausstieg, war nicht der Sultan, sondern Menub-bel war es, sie selbst, leibhaftig Menub-bel . »Herrjeh, Nubbelsche! Wie kommen Sie hier lang? fragte der Leutnant mit einer Intimität, die Emma in höchstem Grade mißfiel. »Das möchtest Du wohl wissen, mein Junge?« entgegnete sie lachend. O, wie Emma dieses Lachen haßte. Es sagte ihr mehr, als sie hätte erfahren mögen; es verrieth eine Vertraulichkeit zwischen dem Leutnant und dem Weibe aus der jüngst vergangenen Haremszeit, die sie mit Bitterkeit erfüllte. Emma konnte eben Alles vertragen, nur keine Abweichung von der Tugend . »Ich wußte ja den Weg, den Ihr eingeschlagen,« sprach Menub-bel , »und da sagte ich zu den Herren, ich wollte sie schon führen, wenn ich begnadigt würde . . .« »Begnadigt? Von wem?« fragte Emma. »Von wem, mein Lämmchen? Von wem wohl anders als vom Sultan?« »Haben den nicht die Leichengeier gefressen?« »Wieso denn?« entgegnete Menub-bel . »Denkt Euch: kaum waret Ihr auf und davon, als sich vor dem Kiosk der unerhörten Lebenswonnen der Erdboden öffnete, dem eine Anzahl Maskirter entstieg. Sie durchsuchten den Kiosk, den Garten und riefen: Sie ist weg. Sie ist verschwunden!« »Man suchte mich?« fragte Emma beunruhigt. »Scheint so, Herzecken,« entgegnete Menub-bel . »Hierauf ließen sie den goldenen Käfig aus der Sagopalme herab und den Sultan aus, der wuthschnaubend in den Palast torkelte, dem ahnungslosen Usurpator, der gerade Besitz vom Harem nahm, seinen Privatrachedolch in den Rücken stieß und sich wieder auf den Thron setzte. Dann begann das Blutbad. Wer nur irgend wie ein bischen gepetzt in der Palastrevolution, war des Todes; die Residenz watete drei Tage lang in Blut und die Geier litten so an Appetitlosigkeit, daß sie dem Hof-Thierarzt in Behandlung gegeben werden mußten.« »Was verschrieb er ihnen?« fragte der Leutnant, den die herrlichen Vögel stets interessirt hatten. »So'ne Art Oel,« antwortete Menub-bel . »Gewiß Ricinus!« rief Nordhäuser von seinem Sitz aus, von dem er sich nur erst theilweise gelöst hatte. »Unterbrechen Sie hier nicht fortwährend!« schnauzte der Leutnant ihn an, der eine Pike wegen Emma auf ihn hatte. »Wer aber waren die Verlarvten , die aus dem Untergrund hervorbrachen?« fragte Emma mit bangem Vorgefühl. »Sie sagen ja: Derwische ,« erwiderte Menub-bel . »Es hatten sich nämlich Pilger in der Palaststraße niedergelassen, Hadjis , die die Wallfahrt nach dem Grabe des Propheten – gepriesen sei der Hochheilige – gemacht und geweihte Erde von Mekka mitgebracht hatten, die sie theuer verkauften. Reißenden Absatz fand die Erde, denn sie half gegen alle Gebrechen und war so wunderbar, daß sie nie abnahm. Je mehr sie davon verkauften, um so mehr war vorhanden. Ist das nicht wirklich ein Wunder vom Propheten? Sein Name sei gebenedeit.« »Ha! Ha!« lachte der Leutnant. »Es war die Erde aus dem Tunnel, den sie scharrten. Nette Derwische.« Emma erbleichte; sie schwankte. » Emma , was ist?« fragte der Leutnant besorgt. » Nichts ,« seufzte sie ungekünstelt wie immer. » Nichts . Ach, ich wollte, ich läge in einem schönen Grabe mit einem Rosenbusch zu Häupten neben einer Trauerweide, oben drin mit einer klagenden Turteltaube.« »Aber, Emma , woher so herzzerbrechend melancholisch?« fragte der Leutnant. »Sie ist flau,« meinte Menub-bel . »Ich habe in dem Wagen Geschirr und Alles; ich werde einen viersträhnigen Kaffee kochen, mit Barches vom Hofkonditor, da wird sie sich schon wieder aufrappeln.« Herzensdieb ward aus dem Sand gezogen und mußte helfen und bald dampfte ein delikater Kaffee in den Täßchen, wie ihn nur Orientalen zu brauen verstehen. Emma erholte sich deutlich wahrnehmbar und auch das Gebäck that ihr gut, denn sie war wirklich hungrig und durstig vom langen Fasten und Entbehren. »Fritzi, Fritzi,« nahm Menub-bel das Word, »Dich wird Eblis Das türkische Wort für den Teufel. Es ist sehr merkwürdig: alle Völker haben verschiedene Götter, der Teufel ist aber immer der nämliche, was doch sehr für ihn spricht. noch einmal holen wegen Deines Unglaubens. Es war dennoch Erde aus Mekka, wie hätte sie sonst helfen können, selbst manchmal bei Zahnschmerz? Und noch ein größeres Wunder hat sie bewirkt. Bei den Derwischen saß nämlich im Hinterzimmer eine lebendig gewordene Mumie , die trank den ganzen Tag Kaffee und aß Napfkuchen dazu.« »Beinahe wie meine Tante Schwudicke ,« bemerkte der Leutnant scherzend. »Sie war es auch und keine Andere!« rief Emma überzeugt, deren durchdringende Verstandeskräfte den wahren Zusammenhang wie im Hellsehen erfaßt hatten. »Denn die Derwische – o, ich kenne sie nur zu gut – die Derwische waren – – – – die Jesuiten! Sie gruben den verborgenen Stollen, um mich in ihre Gewalt zu bringen; sie retteten den Sultan aus den Fängen der Geier, um ihn zu verpflichten; sie baten um Menub-bel 's Begnadigung, damit diese ihnen den Weg zu mir zeigen sollte. Ah, man muß ihre Schlauheit kennen, ihre Pläne und ihre seit Jahrhunderten ausgebildete Geschicklichkeit im Graben unterirdischer Gänge. Warum nehmen die beiden Herren, die noch im Automobil verblieben, nicht Theil an unserem Kaffeekränzchen? Weil es die Jesuiten sind .« »Ih bewahre,«entgegnete Menub-bel , »der Eine ist der Major Ibn Sikkin , der Andere der Hauptmann Abdul Scharaf , die etwas an Dich zu bestellen haben, liebe Fritz .« »An mich? Ich stehe zu Befehl.« Menub-bel ging an das Gefährt und sprach mit den Herren, die abstiegen und sich dem Leutnant sehr förmlich vorstellten. Der Leutnant stellte sich ebenso gemessen vor und lud sie zum Kaffee ein. Die Herren dankten. Dann bot er ihnen die letzten in seinem Besitz befindlichen Cigaretten an. Die Herren dankten. »In wessen Auftrag kommen Sie?« fragte der Leutnant , der nun schon wußte, worum es sich handelte . »Unser hoher Herr, der Sultan Madschun Kebir el Chumar , schickt uns, der Sie, Herr Leutnant Fritz , wegen Beleidigung fordert. Die Wahl der Waffen steht Ihnen zu.« »Bitte, in diesem Falle überlasse ich dem Höherstehenden den Entscheid.« »Pistolen!« sagte der Major Ibn Sikkin . »Recht!« nahm der Leutnant an. »Und wievielmaliger Kugelwechsel?« »Hundertvierzig.« »Etwas ungewohnt,« erwiderte der Leutnant , »allein, ich stehe zu Diensten. – Darf ich jedoch fragen, warum gerade hundertvierzigmaliger Kugelwechsel beliebt wird?« Abdul Scharaf nahm jetzt feierlich das Wort: »Hundertvierzig Blumen des Paradieses erquickten unsern Herrn mit ihrem Duft; eine fremde Hand hat sie gebrochen; sie sind verworfen, verwelkt, vergessen. Wegen hundertvierzig Eheirrungen, Herr Leutnant, fordert Sie der Sultan Madschun Kebir el Chumar .« »Ach was, Unsinn,« entfuhr dem Leutnant , aber er fügte gleich hinzu: »Ah pardon!« und da war es wieder gut. Abdul Scharaf entgegnete: »Der Ehren-Diwan hatte nach sorgfältiger Abwägung zweiundzwanzigmal gezogene Pistolen bestimmt, vierzigmal krumme Säbel bis zur Abfuhr, dreißigmal geschliffene Schläger ohne, achtunddreißigmal mit Binden und Bandagen, aber dem Sultan – großdenkend wie immer – gilt die jüngste Thürhüterin so viel wie die älteste Favoritin, und so hat er Alles in Bausch und Bogen gerechnet. Denn nachdem Herr Leutnant den Harem der Amazonen einexerciert hatten, war er zu nichts mehr zu gebrauchen . Die Traditionen waren hin und der Stolz, ein Weib zu sein; die Ehre der Familie und der Angehörigen war befleckt – verzeihen Sie, Herr Leutnant, nach unseren Anschauungen – die Züchtigkeit war mit den Uniformstiefeln zertreten; ihre Schande schrieen sie selbst hinaus mit den Reiterliedern, die ihren Mund verpesteten. Da schied der Sultan sie von sich.« »Darf ich jetzt nur noch um Zeit und Ort bitten?« fragte der Leutnant . » In der Residenz zu Damombay . Sie fahren mit uns.« »Recht; ich darf doch wohl noch erst rasch Adieu sagen?« Als Emma nun erfuhr, daß der Leutnant abreiste, wollte sie ihn begleiten. »Es geht nicht,« weigerte er sich, und als sie wissen wollte warum, und er es nicht sagte und doch so lange bedrängt wurde, bis sie Jegliches heraushatte, da rief sie: »Du gehst nicht hin, Du bleibst.« »Die Gesetze meiner Ehre gebieten,« sagte Leutnant Fritz . »In solchem Falle auch noch Ehre? « rief hohnlächelnd Emma . »Ich muß! « »Und wenn der Sultan nun verrückt ist? Ich halte ihn dafür. Denn wie der sich mir gegenüber benommen hat, das war schon mehr als verrückt.« »Nach solchen Dingen wird bei Ehrensachen nicht gefragt. Ich habe ihn geschädigt – er fordert mich – ich schieß' ihn todt.« »Und wenn er Dich todt schießt?« »Sein Recht und mein Pech.« »O Fritz, Du bist nicht unverwundbar. Sag', sind es wirklich hundertvierzig . . . o bleibe . . . bleibe, es sind doch so viel, daß ich es nicht fassen kann . . . nein, nein, sie treffen Dich . . . nicht die hundertvierzigste, nein, schon die erste Kugel trifft Dein liebes, liebes Herz. Ach, Fritz . . . nun es zu spät ist, gestehe ich Dir . . . ja, ich liebe Dich. Aber bleibe! « »Wenn ich Satisfaction verweigere, wenn ich kneife , ist meine Ehre hin, dann kann ich mich selber todtschießen. Ich muß gehen.« »Meine Liebe! « rief Emma . »Meine Ehre! « rief der Leutnant . »Ist sie Dir mehr als meine Liebe?« fragte Emma . »Der Comment über Alles! « rief Leutnant Fritz , drückte einen Kuß auf ihre erblassenden Lippen und eilte fort. Dann umfing sie eine, sich öfter schon bewährt habende, heilsame Ohnmacht. So sah sie nicht, wie der Leutnant mit den beiden Kartellträgern in die Motorkutsche stieg. Es war das allerdings höchst ungehörig, aber es stand eben keine zweite Chaise zur Verfügung, nicht einmal ein Kameel, das Automobil der Wüste. Kurz vor der Abfahrt bat Nordhäuser , ob er mit dürfe, er müsse nördlich hinauf, nach Berlin zu, wohin er einen Kontrakt als Skelettmensch habe. Der Leutnant , der sah, wie ihn die noch in der Haut steckenden Stacheln pisakten, hatte Mitleid mit dem Häufchen Unglück und sagte: »Na, nur hinauf; einen kleinen Nordhäuser kann man immer noch mitnehmen .« Wir wollten diese Bemerkung unterdrücken, weil Humor durchaus nicht in den ernsten Ton des ganzen Buches und besonders nicht in den tief ernsten und nebenbei rührenden Schluß dieses Kapitels paßt. Aber da viele Leser ihn gern selbst da haben, wo sie es nicht müßten, so lassen wir sie stehn, zumal sie im Dienste der Wohlthätigkeit geäußert wurde, der ja vieles gutheißt. Das Benzin zog an. Emma kam zu sich. Sie wollte nachstürzen, aber die Entfernung war schon zu groß. Laut heulend warf Herzensdieb sich auf die Erde. »Verlassen,« wehklagte Emma in schmelzenden Mollakkorden, »verlassen bin ich.« »Nein!« rief Menub-bel . »Ihr kommt mit mir . Wir gehen nach Lorenzo Marques, da gründe ich ein sozialpolitisches Seemannsheim zur Hebung verwilderter Schiffer . Dem Sultan traue ich nicht; darum weg aus dem Schuß ans Wasser. Von da kommt man überall hin weiter.« »Ja, ja,« begeisterte sich Emma für den Vorschlag. » Fort von diesem Welttheil, der nur Unheil birgt . Ja, an das Meer . . . dort liegt unsere Zukunft. Aber wie gelangen wir dahin?« »Mit Eurem alten Automobil; unser vorzüglicher Chauffeur reparirt es. Bald sind wir an Ort und Stelle. Ihr tretet bei mir ins Geschäft ein . . . es wird zu goldig.« In der That, der Motor war ausgezeichnet in Stand. Sie stiegen ein und rollten nach Osten davon. Ein Chauffeur allerersten Range , aber Emma hatte ihn nicht erkannt. (Es war der Jesuit.) Sie dachte an den Leutnant, der dem sicheren Untergange geweiht schien und ihre bildschönen Augen füllten sich mit Thränen . . . . . . Aber weine nicht , Emma, noch im Diesseits sollen deine seraphischen Thränen trocknen. Nicht seinem Unglück , nein, seinem Glück fährt er zu, so will es die Vorsehung zur Belohnung seiner tadellosen Korrektheit . Ist nicht die Residenz auch Elliorina's Ziel? Und ist nicht die so sehr reiche Tante Schwudicke auch dort? Und sollte es ihm, dem Inhaber mehrerer Schießprämien, schwer fallen, den alten mottenlöcherigen Sultan gleich im ersten Gange zur Strecke zu bringen? Dann – es ist muthig genug – wird er entweder selbst Sultan oder doch höherer Beamter mit dem Titel Pascha und so viel Orden als ihm auf den Leib gehen. Und dann kann er mit seiner inniggeliebten Elliorina , seinem Lenchen aus der ehemaligen Bohnenlaube, Hochzeit machen, wozu ihr alter Herr telegraphisch seinen geistlichen Segen schickt, wenn es ihm bis Damombay persönlich zu weit sein sollte. Außerdem ist der Leutnant zu lange raus; er findet nicht mehr durch die neuen Litewken, Mäntelfalten, Feldbinden, Achselklappen, Schärpen, Schnüre, Knöpfe, Handschuhe hindurch, macht Verwechslungen und kann – kaufmännische Veranlagung vorausgesetzt – das Champagner- oder Wagenschmiere-Reisen lernen. Darum blüht ihm sein Glück gerade da, wohin ihn der fremde Wagen fährt und zu viel Nordhäuser zum Aufhalten hat er ja nicht bei sich. Liebend vereint, nach so langer, schmerzlicher Trennung , nach so großen Gefahren, mit Aussicht auf Avancement . . . Viel Angenehmeres giebt es wohl kaum.   Fünfzigstes Kapitel. Hexensabbath. »Darf ich bitten,« sagte die Roldemolde , »die Vorträge beginnen.« Die Gesellschaft begab sich in den Antimusensaal , der in Gelbgrau mit violetten Linienmotiven gehalten war. Da bogen sich durcheinander die wollüstigen Blutegellinie, die Regenbandwurm- und die Bandregenwurmlinie, da verknüpften sich die gefüllte Wurstlinie mit der entleerten Choleradarmlinie, da erhob sich die warmempfundene pyramidale Schneckenlinie über der gewellten kaltgedachten Wasserlinie, so daß das Ganze den Eindruck eines unnöthigerweise verschlungenen Gekröses machte. Diese Dekoration galt Kennern als Gipfel symbolischer Liniensprache. »Es riecht hier mal sonderbar,« sagte der Graf . »Wie Lazareth und Jokeyklub zusammen.« »Wir sprengen mit Eau de Charogne triple , deren Hauptbestandtheil Rieselfelderessenz ist. Haben Sie je stimmungsvolleres gerochen?« »Nein; ich gehe solchen stets aus dem Wege,« sagte der Graf und hielt sich die Nase zu. Man nahm Platz auf unbequemen, aber modernen Sesseln und der Vorhang der Privatbühne theilte sich. Man hörte qualvolles Aechzen und Stöhnen hinter den Kulissen in feinster künstlerischer Abtönung. Doch jetzt – – – – Man sah etwas. Eine junge Dame schmiegte sich durch die Falten des graublauen Sammethintergrundes; sie war sehr schmal und in schlappiges Weiß gekleidet. Die Wangen waren schmal und auch die grauen Lippen; ebenso die Schultern. Am schmalsten waren die Stelle der Brust und der Platz der Hüften. Ihre schmalen, bloßen, bläulichen Füße staken in Silbersandalen. Das in feinen Längsfalten fallende Gewand war auf der Vorderseite mit silbergrünen Eidechsen gestickt. Auf dem Rücken war ein purpurfarbenes Herz aus schimmerndem Plüsch als Miederausschnitt und rothe Tropfen schienen von dem Herzen auf das Kleid und die Schleppe zu rinnen. Die aschblonden Haare lagen schlicht an den Schläfen; als Diadem trug sie einen Kranz von dickstängligen Fliegenpilzen . Langsam trat sie vor und erhob langsam die schmalen Arme mit den pappschmalen Händen, deren von furunkelfarbigen Linien zerfurchte Innenflächen sie unter geistesabwesendem Stieren dem Publikum zuwandte. Ihre Froschaugen hatten etwas Schreckliches. Die dunkelschwarzen Pupillen waren viereckig . »Dies ist die Mallerosa ,« erklärte die Roldemolde dem Grafen, »eine unserer zielbewußtesten Ueberperversen; schon seit Jahren leidet sie an unheilbarer Seelenbleichsucht . Doch stille; sie ist so weit.« Die Mallerosa rollte die Augen, wodurch die Pupillen den Eindruck von verschobenen Sechsecken machten. Alles schauderte erwartungsvoll und athmete kaum. Mit einer Stimme, als wenn Sägen gefeilt werden, begann sie: Loderndes Eis. Ein Mysterium.                   Mein weißer Leib ist der Altar – – – – Ich selber will das erste Opfer sein . . . . Mich bringst Du Dir . . . . und Dir mich dar – – – – Drum wolle Dir mich, mir Dich weihn. O! laß in grauenvollen Sünden Das heil'ge Feuer uns entzünden!!! Du kennst ja nicht die gluthenlose Gluth, Die meinen Busen busenlos durchwühlt, Und nicht die wuthlos süße Wuth, Die küssend küsselose Küsse fühlt – – – – Dort, wo verbrecherische Lüste branden, Laß lieblos uns . . . . in Liebe landen!! Bist schrecklos Du, schreckhafter Mann, So schleiche schleichend hinterwärts; Den scharflos scharfen Stahl alsdann Bohr' zaglos in mein herzlos Herz. Das Opfer sinkt – mit hehren Wollustkrämpfen Verröchle ich in grausen Todeskämpfen. Bei der letzten Strophe drehte die Mallerosa sich, daß man das blutige Herz sah und die rieselnden Sammetblutstropfen. Langsam glitt sie zur Erde, wo sie mit schlotternden Zuckungen den Schluß der Ballade mimisch-plastisch auspendelte, bis sie, wie verendet, die Glieder von sich streckte. Vier junge griechische Sklavinnen, in hochgeschürzten Kleidern, traten ein, die Cypressen und Lilien als Symbole der trauernden Jungfräulichkeit auf die Mallerosa streuten, deren Privatleben, wie die Roldemolde versicherte, über jeden Makel hochstand. »Sie erträumt alle ihre Sachen in völligster Unschuld und macht sie ohne jegliche Beihülfe in verschlossener Einsamkeit fertig, gewissermaßen als wirkliche geheime Kammerdichterin.« Um so mehr wurde ihr Genius bewundert. Ganz wie bei Schiller, der ja ebenfalls im »Tell« die Schweiz mit photographischer Treue dichtet, ohne sie anders als durch Bädeker gekannt zu haben. – Gelesen hat die Mallerosa sicherlich auch viel, was nur für reifste Jugend, sonst könnte sie es doch wohl nicht so eingehend. – Außerordentlich ist ferner ihre Zurechtweisung Goethe's, die als Albumvers sehr beliebt ist: »Willst Du erfahren, was sich nicht geziemt, So frage bei uns jungen Mädchen an« womit sie durchaus nicht Unrecht hat. Die nervenreißende Darstellung begleiteten zwei Uebersymphoniker mit der Wassersnothmusik , die dadurch erzeugt wurde, daß sie den auf den Kopf gestellten Klavierauszug von Feuersnoth vierhändig herunterspielten. »Nun, was sagen Sie?« fragte die Roldemolde . »Wen ich um etwas bitten dürfte,« erwiderte der Graf , »so wäre dies ein Cognac.« »Noch nicht!« »Aber mir ist höchst eklig. Mageres Laster war mir von je her zuwider.« »Ich bitte Sie,« lächelte die Roldemolde , »wie könnte hier von Laster die Rede sein? Die Mallerosa ist die Unnahbarkeit selber.« »Aber ihre Dichtungen . . .« »Nur Ausfluß ihrer kindlichen Phantasie. Sie ist ja kaum achtzehn Jahr . . .« »Und schon so . . .« » Bedeutend! « schnitt ihm die Roldemolde das Wort ab. »Lieber Graf, die Mallerosa marschirt in ihrer unreinen Reinheit an der Spitze der animalischen Wahrheitskunst . Was war die Sappho gegen dieses Talent, das noch wird? « »Die wird noch erst?« fragte der Graf , als ob er sich verhört hätte. »Sie durchlebt momentan die Vorstudien zu einem Epos, betitelt: ›Göttin Brunst‹ . Es wird zehn Bände stark und Alles übertreffen , was sich nicht für die Familie eignet. Und dabei ist sie so wundervoll hysterisch – ihre Krämpfe von vorhin waren echt – wir fürchten, daß bei solchen selbstgestellten Aufgaben sie sich selber aufreibt.« »Lassen Sie sie reiben,« entgegnete der Graf spöttisch. »Mein Fall sind fesche Operetten und nicht solche Gänsehautsachen .« »Aber Graf! Wie dürfen Sie Anspruch auf Bonton erheben, wenn Sie jenes leichtfertige Genre den ernstesten Idealbestrebungen unserer Neupoeten vorziehen? Sehen Sie denn nicht, wie die Mallerosa sibyllengleich warnend den Finger in die ewig offene Wunder der Menschheit legt?« »Mir ist ein Fingernagel von der ›Schönen Helena‹ lieber als sämmtliche Malleropoeten. O heiliger Offenbach , als Deine Weisen herrschten, da ließ es sich noch leben! – Da war die Welt noch kein allgemeines Krankenhaus.« Und in wilder Sehnsucht nach Aufheiterung rief er: »Musik!« und ohne weiter Rücksicht zu nehmen, stimmte er laut und lustig an: »Stürz' mich in den Strudel, Strudel 'nein!« »Schweigen Sie!« raunte die Roldemolde ihm zu. »Wie können Sie solche Frivolitäten singen, Sie Mörder? Denken Sie an das im Thiergarten vergossene Blut!« »Ha!« rief der Graf und verfärbte sich. »Ja – ja! . . . Aber ist meine Schuld so groß, daß ich sie durch das Erdulden Malleroser Verse büßen muß?« »Beruhigen Sie sich. Man reicht jetzt den Cognac, der vor der nächsten Nummer genommen werden muß, damit man sie richtig würdigt: der Tanz der vierhundertsechzig Pfund wiegenden Riesenballetdame an elektrischen Gehirndrähten, Experiment von Professor Moskolow , betitelt: die Ueberwindung der Schwerkraft .« »Man gebe mir den Cognac,« bat der Graf, »aber ohne das fette Weib. Lasterhafter Speck war mir von jeher zuwider.« Die Roldemolde winkte Benedikt , der mit dem Tablett herbei eilte, worauf Gläschen und ein Fläschchen standen, das der Graf leerte, ehe die Geheimräthin Einhalt thun konnte. Benedikts treubiederes Antlitz verzerrte sich im Ausdrucke furchtbarer Besorgniß . Die Roldemolde nahm den Grafen am Arm. »Kommen Sie,« sprach sie. »Sie müssen sofort zu Bett.« Der Graf fühlte sich sonderbar. Es durchschlich ihn wie Blei und schleppend folgte er, von Benedikt unterstützt, der Geheimräthin. Auch das Denken fiel ihm schwer. Wohl tauchte die Besorgniß auf, daß Professor Moskolow , ihm, dem Wehrlosen, irgend ein Centrum aus dem Gehirn schnitte oder was er sonst auszuüben gewissenlos genug wäre, aber die Furcht wich dem Vergnügen, mit dem er vor seinen geschlossenen Augen wie aus den Wolken Bilder entstehen sah: Klarstrahlenden südlichen Himmel, prangende Gärten mit schillernden Blumen, mit Grotten und rieselnden Bächlein und in den Grotten in anmuthiger Bewegung und an den Ufern der Gewässer in sanfter Beugung die schönsten weiblichen Gestalten lebendig, die je Maler auf der Leinwand verkörpert und Bildhauer in Marmor und Elfenbein schufen . Da waren die Venus von Praxiteles, von Dyks Dana ë , die Leda , die Semele , die Susanne, Bertha Rother , die Chimay und welche sonst je für das Stereoscop gesessen hatten. Alle, Alle waren sie da in endlosen Schaaren und künstlerischen Stellungen. »Wo bin ich?« fragte Szmoltopski . » Im Paradiese Mohameds ,« hörte er wie aus weiter Ferne eine spöttische Stimme antworten. Dann vernahm er nichts mehr. Er sah nur noch.   Einundfünfzigstes Kapitel. Der spukhafte Gast. In einem zum Hafen von Lorenzo Marques hinabführenden Gäßchen lag das Seemannsheim »Zur Friedenspfeife« , dessen rothe Laterne wie ein Leuchtthurm nächtlich Verirrten den rechten Kurs wies, daß sie nicht ins Wasser rannten, sondern bei Menub-bel einkehrten, wo, dem sozialen Geist der Zeit entsprechend , rauhe Seeleute durch feinsinnige Unterhaltung und abschleifenden Verkehr in höhere Sphären gehoben und von wüsten Anschauungen geläutert wurden. Auf See kann der Schiffer weder freie Bühnen besuchen, noch Vorlesungen, noch Wahlversammlungen, er hat keine Volksbibliotheken, keine tägliche Zeitung, keine geistige Anregung, außer Grog, und läuft Gefahr, zu verkommen. Darum richtete Menub-bel gewissermaßen ein Leihinstitut ein, wo dem Seemann herz- und gemüthbildendes Familienleben miethweise zu Gebote steht und unendlich viel Gutes gestiftet wird. Um so mehr fand daher die » Friedenspfeife« Zuspruch, als nicht nur Emma's Schönheit ruchbar wurde, sondern auch ihre enorme Bildung . Doch Emma war nicht glücklich . Sie machte sich nagende Vorwürfe , den Leutnant verkannt und geringschätzig abgewiesen zu haben, zumal möglich war, daß sie ihrem Gatten fälschlich angetraut sein könnte. Den größten Verdruß aber bereitete ihr Menub-bel , die als Inhaberin der »Friedenspfeife« sowohl Emma wie Herzensdieb unter aller Kritik behandelte. Allein sie mußten sich beugen, denn sie hatten nicht nur kein Geld, sondern für Kleidung, Schmuck, Wohnung und Nahrung obendrein Schulden bei Menub-bel , die das Anwesen baar bezahlt hatte und zwar – es lagen hinreichend Verdachtgründe vor – höchst wahrscheinlich mit dem Erlös von Diamanten und Rubinen aus Emma's Sparstrumpf, den sie sich angeeignet hatte. Aber gerichtlich war ihr nicht beizukommen. Emma wäre daher zu Recht Herrin gewesen anstatt ethischer Kellnerin unter Menub-bel's launischem Regiment, die nicht litt, daß Emma ihr Haar lieblich in der Mitte scheitelte, sondern es zu kräuseln befahl und mit bunten Blumen zu putzen, wie dem Geschmack der Seebefahrenden zusagt. O, wie weinte Emma , wenn sie solchem sozial-programmatischem Zwange gehorchen mußte! Auch wir haben unbegrenztes Mitleid mit Emma , aber da die Sozialpolitik einmal Mode ist, können wir nichts dabei machen, als achselzuckend dem Unheil zusehen, das dadurch angestiftet wird. Würden die Kathedersozialisten so vom Leben mitgenommen wie hier vorliegend Emma , sollten sie bald anderer Meinung werden. Jedoch Theoretikern hilft keine Medizin, sagt das Sprichwort. Traurig saß Emma im Parterresalon der »Friedenspfeife«, ihr Geschick beklagend. »Na, mein Hasecken,« fragte Menub-bel , »was soll das Pommeranzengesicht? « Junge Mädchen müssen lustig sein.« »Ich kann nicht,« erwiderte Emma schmerzerfüllt. »Ach was, man kann Alles, was man will, ausgenommen zugleich gähnen und rauchen,« höhnte Menub-bel und wollte mit weiterer Kränkung fortfahren, als ein heftiges Zuwerfen der Thür ihren Mund schloß. Ein Gast war eingetreten, ganz in Schwarz, mit schwarzem Bart und bleichem Antlitz . Er nahm an einem der Tische Platz. »Mich rühren seine Leiden,« sagte Emma , sich zu ihm setzend. »Würde mir Erlösung durch solchen Engel zu Theil,« murmelte der bleiche Gast . »Wie meinen Sie?« fragte Menub-bel . »Emma, ich glaube, der Herr hat die Weinkarte verlangt.« »Eine Lafitte,« bestellte der bleiche Mann nach flüchtigem Aussuchen. »Vier Gläser,« rief Menub-bel , da sie und Herzensdieb stets mittranken, um die Gäste vor den schädlichen Folgen alkoholistischer Getränke zu bewahren. »Zwei!« rief der Fremde hohl. Er wollte sich allein mit Emma unterhalten, deren Schönheit es ihm sofort angethan hatte. »Sie kommen mir so bekannt vor,« begann Emma mit geistreicher Gewandtheit die Plauderei. »Habe ich Sie nicht schon irgendwo gesehen?« »Das ist gern möglich,« erwiderte der bleiche Mann , »ich komme dort öfter hin.« »Nein, aber wirklich,« rief sie erfreut, »ich erkenne Sie wieder, ja . . . ja, im Opernhause. Sie sind doch unmöglich . . .« »Schweigen Sie,« sprach er gedämpft, »werde ich von Unbeikommenden erkannt, muß ich hinaus aufs wilde Meer .« »Aber Sie sind doch nur eine Sage,« wagte Emma zu zweifeln. »Blick he, Mädchen,« sagte der Bleiche , krempte den Aermel seines altmodischen Sammtspencers auf und wies ihr den leichenbleichen Arm, worauf in vergilbter Tättowirung zu lesen war »van Straaten, anno  1404.« Emma zweifelte immer noch . Unbegreiflich, da er doch Oper ist, und nur das Wirkliche komponirt werden kann, wie z. B. die »Hugenotten« 1572, »Zar und Zimmermann« 1697 und der »Trompeter von Säkkingen«, den die ältesten Leute noch persönlich gekannt haben. Da griff er in die Tasche und gab ihr eine Handvoll verschimmelter holländischer Dukaten aus dem Jahre 1404 und so herum. Nun glaubte sie und fühlte sich derart zu ihm hingezogen, daß sie ihm freiwillig ihre Lebensgeschichte erzählte und wie sie in die »Friedenspfeife« gerathen war, aus der sie sich, ach so sehr, hinaussehnte. »Entflieh' mit mir und sei mein Weib,« hauchte der Fliegende Holländer , denn er war es wirklich. »Entfliehen ja ,« sagte Emma mit bezaubernder Schalkheit, »aber Weib . . . nein.« Diese neckische Antwort gefiel dem Holländer derart, daß er nach 245 Jahren zum ersten Male wieder lächelte. Das letzte Mal war gewesen, als die Niederlande beim Westphälischen Frieden unabhängig von spanischer Erbschaft wurden. »Willst Du Freiheit, folge mir,« sprach er. »Ich kann nicht,« weinte Emma, »ich habe Schulden.« Wieder lächelte der Holländer. Er klopfte an sein Glas. Herzensdieb hüpfte herbei: »Sie wünschen?« »Ein Wort mit Madame.« Menub-bel kam. »Diese junge Dame ist, wie sich im Verlaufe des Gespräches herausstellte, eine entfernte Verwandte von mir,« sagte der bleiche Gast höflich. »Sie haben Forderungen an sie, die ich begleichen möchte.« » Emma ist mir verpflichtet,« sagte Menub-bel boshaft, weil sie nicht zum Mittrinken gebeten worden war. Der Gast warf mehrere Hände voll Dublonen und Rosenobeln und allerlei alterthümliches Goldgeld auf den Tisch. »Ich nehme nichts,« weigerte sich Menub-bel . »Sie ist mir nicht feil.« »Ich komme wieder!« sagte der Fremde, das Geld einstreichend, heiser wie ein erkältetes Echo. »Harret mein!« »Erst den Wein zahlen,« rief Menub-bel . Der Fremde legte drei Dollar hin. »Bitte zehn! « forderte Menub-bel . »Auf der Karte ist der Lafitte mit drei Dollar ausgezeichnet und mehr gebe ich nicht.« »Lafitte, ja,« entgegnete Menub-bel , »aber Sie haben Ch â teau Lafitte gehabt und der kostet, wenn Sie gefälligst auf der Innenseite der Karte nachsehen wollen, zehn Dollar die Flasche . Sie zahlen oder ich rufe die Polizei!« Sie war im Recht, Menub-bel , der Holländer in blanker Wuth über solche Gaunerei. »Joho hoe!« schrie er zur Thür in die Nacht hinaus, und »Joho hoe!« antworteten Stimmen vom Hafen her. Und dann polterten Seeleute herein, schwarz gekleidet mit Todtenköpfen und Knochenhänden . »Hui! hui!« riefen sie und »Joho hoe!« mit grausigem Pfeifen und Heulen. Auch die Hafenpolizei kam. Es entwickelte sich eine Schlägerei, bei der die ›Friedenspfeife‹ fast demolirt wurde. Kein Spiegel blieb heil. Die gespenstigen Matrosen siegten. Menub-bel lag quiekend und zappelnd unter der Toonbank. Der Holländer warf ihr Gold über Gold hin, um sie schadlos zu halten, dann reichte er Emma galant den Arm, um sie auf sein Schiff zu führen, dessen blutrothe Segel sich bereits an den schwarzen Masten blähten. »Joho hoe!« johlte seine Mannschaft und von sausendem Sturm getrieben stach das hochinteressante Geisterschiff in See, mit dem zu fahren Emma'n sehr gefiel, bis auf den Deckhund , ein Hundegerippe an der Kette, das statt zu bellen, wie ein Storch klapperte . Die Leute schliefen todtenstill und tagsüber war das Schiff unsichtbar, solange die Sonne schien; sobald aber der Abendstern aufblitzte, erwachten die Matrosen zu ihrer Arbeit. Die hoben den Anker, kletterten in den Mastkorb, kokelten mit grünen und blauen Lichtern, refften Segel, alles geräuschlos wie Schattenspiel an der Wand. Der Holländer war zwei Schattirungen bleicher als gewöhnlich. Emma zeigte Theilnahme. »Seltsam,« sagte er, »seit Jahrhunderten bin ich nicht seekrank gewesen . . .« »Das macht der Lafitte,« erklärte Emma . »Es ist eine Sorte unter zwei Etiketten, aber er taugt beide Male nicht. Es ist nämlich selbst angesetzter.« Der Holländer lehnte sich über das Backbord. Aus dem Silbergewoge des Ozeans, worauf türkisblauer Mondschein zitterte, ertönte sphärenhaftes Singen , wie Emma so seelenvoll noch nie vernommen. »Es ist die Nachtigall des Meeres, sie singt das Lied von meiner Liebespein. Ach, Emma , wenn Du wüßtest, wie Deine strahlende Schönheit die Finsterniß meiner Verdammniß erhellt, wie ich Dich bis zur Tobsucht anbete.« »Erklären Sie mir doch,« sagte Emma gedankenscharf, »wie Sie als mehrhundertjähriges, übersinnliches Wesen so sinnlos sinnlich sein können?« »Das hat man so an sich,« wich der Holländer aus. » Mir Können Sie es doch sagen,« bat Emma mit unwiderstehlichem Forschungstrieb. » Ein schlagend Herz ließ mir Satans Tücke ; daran liegt es,« gestand er. »Ach, Emma , ich möchte mich vom Geschäft zurückziehen, meine Mannschaft will die Achtstunden-Nacht; es lohnt nicht mehr. – Ein Weib möcht' ich das meine nennen . . . .« »Nicht weiter, Herr von Straaten ,« unterbrach ihn Emma mit unvergleichlicher Vornehmheit. »Bei mir werden Sie doch nichts.« Der Holländer erbleichte so stark, daß Emma sich sagte: » Bleicher kann er nicht .« – Sie segelten wochenlang. Emma gewöhnte sich allmälig an die nächtlichen Schreckensscenen. Da öffneten die Matrosen das Fallreep, schoben eine schwanke Planke halb über Bord hinaus und zwangen einen Meuterer aus ihrer Rotte mit Piken und Enterhaken, verbundenen Auges darauf vorwärts zu schreiten. Er tappte Zoll um Zoll mit zitternden Füßen bis an das Ende des Brettes . . . dann glitt er ab und stürzte unter wieherndem Gelächter seiner Peiniger in die Wellen. Jede Nacht wiederholten sich dieselben Grausamkeiten. Der Knochenhund klapperte. Dann rafften sie sich auf. Streit entstand, Mord und Todtschlag war, Blut floß , die Sterbenden ächzten, die Lebenden lachten altvlämisch dazu. Am Morgen lagen sie Alle als Todte da und das Schiff verschwand im Lichtnebel. Endlich schimmerte in der Ferne eine Küste. »Morgen sind wir am Ziel,« sagte der Holländer und befahl das Boot klar zu machen, da er selber Emma ans Land rudern wollte. In der nächsten Nacht waren der Holländer und Emma allein in dem Boot. Schon war das Ufer nahe. Der Holländer zog die Riemen ein. »Jetzt entscheide Dich!« drängte er grollend. »Entweder Du wirst die Meine oder die Beute der Haifische , die uns umkreisen. Wähle!« Seine Augen phosphorescirten gelbgrün . »Ich habe gewählt!« rief Emma und sprang mit Entschlossenheit auf den Rand des Bootes. »Wohl habe ich Mitleid mit Dir, Du bleicher Mann, aber meinem Gatten bin ich ewig treu .« Bei diesen Worten schwang sie die Unterkiefer-Reliquie hoch in der morgengrauen Luft. »Ha!« brach der Holländer frohlockend aus. » Erlöst! Erlöst! Nur die Treue eines Weibes konnte mich erlösen. Keine bestand bisher die Probe in dem Boot wie Du. Solche Treue, wie die Deine, fand ich noch nie! Habe Dank!« Ein ohrenzerberstender furchtbarer Knall erschütterte das Firmament; der Himmel hatte das Geisterschiff durch Pulverkammerentzündung zu sich genommen. Eine mächtige Welle schob das Boot auf den Strand. Als Emma am hellen Tage zu sich kam, gewahrte sie einige Aschenstäubchen auf der Ruderbank, die letzten Reste des durch ihre Treue nun endlich erlösten van Straaten , genannt der fliegende Holländer .   Zweiundfünfzigstes Kapitel. Im Irrgarten der Politik. Als Graf Szmoltopski aus einem Dauerschlaf von drei Wochen erwachte, worin ihn der gekräuterte Kognak versetzt hatte, wußte er nicht, daß der Doppelselbstmord, den er sich auflud, nur ein unter den Unfugsparagraphen fallendes Ereigniß war und fühlte sich um so schuldbeladener, als die Roldemolde ihn mit den Worten begrüßte: »Nun, Herr Mörder, gut geruht?« »Ich möchte weiter schlafen,« sagte der Graf, »und . . . . träumen . . . .« »Dazu haben wir keine Zeit. Große Dinge bereiten sich im Osten vor . In spätestens acht Tagen muß ich im Besitze des Rezeptes vom rauchlosen Unterseepulvers sein.« »Was kann Ihnen das nützen, meine Gnädige?« »Sind Sie denn von allem Verstande verlassen?« fuhr die Roldemolde ihn an. »Haben Sie nicht längst gemerkt, daß ich im Dienste einer gewaltigen Macht stehe? « »Fängt sie mit einem R. an?« »Allerdings. Zwei R. kämpfen um den schlichten Besitz der Welt: Das R. vom Süden, das R. vom Norden. Wem wird Deutschland zufallen? Den Deutschen ward als Welterbe der stolze Baum des Denkens gegeben, doch damit er nicht in den Himmel wachse, sind das Bier und der Skat erfunden, und damit er verseuchende Früchte trage, wird er vom Norden her mit perverser Litteratur und perversem Theater gepfropft. Je rascher er verdirbt, um so eher ernten wir. Verstehen Sie nun mein Pensionat? Es arbeitet an dem Niedergange . Die Pflege des Volksthümlichen ausrotten, heißt die Volksseele verkommen lassen, und mit der Seele vergeht der Körper, das sehen Sie an Professor Moskolow's Experimenten. Man mache die Völker stumm und stumpf, wie Benedikt , dann werden sie gehorsam und küssen die Hand, die sie zu dem Glück geleitet, Unterthanen eines Weltreiches zu sein.« »Ist das Glück?« »Wenigstens das Ende vom Liede . Es ist mit den Völkern wie mit den Waarenhäusern: Kleine haben nicht das Recht der Existenz .« »Ich vermag Ihrer Politik nicht zu folgen.« »Ist auch nicht nöthig, wenn Sie nur zu denen gehören, die höhere Befehle blindlings ausführen.« »Ich nicht!« rief Szmoltopski. »Sie erst recht, Sie Mörder! Noch heute gehen Sie als Volontär in das bewußte Etablissement. Vergessen Sie nicht, daß Sie in meiner Gewalt sind, und mehr als hundert Spione Sie überwachen.« »Ich habe noch nie einen gesehen?« »Ja, glauben Sie, daß unsere Leute wie Kosaken und Baschkiren umherlaufen?« Ein geheimer Agent , der sich verräth, endigt in den Bleigruben Sibiriens! « »Woran aber erkennt man ihn?« »Daran, daß er sich nicht zu erkennen giebt!« – – – * * * Der Graf trat als Volontär ein. Es waren mehrere hochgestellte Persönlichkeiten , die dort lernten und sich für einbringliche Karrieren vervollkommneten. Sehr merkwürdig kam es ihm zwar vor, wenn der Chef rief: » Herr Bürgermeister , ich muß Sie doch bitten, die Tinte nicht immer überzugießen! Sie wirthschaften hier nicht aus dem Stadtsäckel.« Oder: » Exzellenz , die Packete müssen ordentlicher verschnürt werden. Können Sie das nicht, sehen Sie sich lieber nach einem anderen Platz um!« Oder: » Herr Major , man schneidet den Bindfaden nicht, man knüpft ihn sorgfältig auf; Genauigkeit war wohl nicht, wo Sie zu Hause sind?« Oder: » Herr Geheimrath verwechseln die Kopirmaschine mit einem Schwimmbad, es ist wieder Alles ineinander gelaufen; kein Schwein kann daraus klug werden.« So ging des den ganzen Tag, aber gerade durch diese Strenge wurden die alten Herren tüchtig und harrten aus, bis hochdotirte glänzende Stellungen für sie frei wurden. Szmoltopski ward die Portokasse übertragen, die jedoch am Abend des dritten Tages nicht mehr stimmte. Der Herr Direktor rief ihn in sein Privatkabinet. »Herr Graf,« sagte er, »so kann es nicht weitergehen. Wenn ich auch nicht daran zweifle, daß Ihre Angehörigen das Manco von zwei Mark und dreiundfünfzig Pfennigen ersetzen werden, so ist doch Ihre Handlungsweise eine tief betrübende . Wie kamen Sie dazu? Haben Sie das Geld vernascht? Die Automaten verleiten ja sehr zu Unrechtfertigkeiten, aber man muß ihnen gegenüber stark sein und die Chokolade sitzen lassen. Haben Sie geraucht? Ich will es nicht hoffen. Gestehen Sie ehrlich . . . wo blieben Sie mit dem Gelde? « »Bei der Roldemolde ,« entgegnete der Graf aufgebracht, »bei Ihrer Freundin, wo Sie ganz andere Summen sitzen lassen, mohamedanischen Cognac trinken und vierhundert Pfund schwere Seelen hopsen sehen.« Der Chef erhob sich. »Sie sind entlassen,« sagte er eisig. »Nur noch das Eine: aus Ihnen wird nie etwas .« Der Graf warf zwei Mark fünf und fünfzig auf den Tisch mit den Worten: »Der Rest ist für den Hausknecht« und ging. Drei Stunden später saß er im Eisenbahnwagen, auf der Reise zu seinem Freunde Patzkopski , der ihn längst zu einer Bärenjagd in den polnischen Gebirgen Schlesiens eingeladen hatte. Eine jüngst eingetroffene Postkarte lautete: »Lieber Freund! Bären sind ausgezeichnet in Mast und sehr fett. Im Keller gute Tropfen. P.« »Endlich wieder einmal Kavalier! « sagte sich Szmoltopski: »Kavalier und Bär gehören zusammen, ob anbinden oder jagen, Bär ist Bär! « Er lachte fröhlich; er fühlte sich frei.   Dreiundfünfzigstes Kapitel. Im Reiche der Mitte. Emma hatte nicht viel Zeit über das Ende des bleichen Mannes nachzudenken – sie dachte gern und inhaltreich, wenn sie gerade etwas zu denken hatte – denn Stimmengewirr kam näher und gar bald war ihr Boot von gelben Menschen mit Schlitzaugen und langen schwarzen Zöpfen umringt. Nun kannte sie sich aus, sie war in dem Reiche Altoums , des ältesten Königs von China . Emma erwartete, daß die Leute sofort mit aufgerichteten Zeigefingern einen komischen Wackeltanz aufführten, wie man überall sieht, wo Chinesen dargestellt werden, aber das geschah nicht; sie benahmen sich ehrerbietig, holten einen echt chinesischen Palankin und trugen sie in den nahen Ort in das Haus des Obermandarinen , der dort den Landrath vertritt. Chinesenfrauen nahmen sich Emma's an, gaben ihr Thee, Kuchen aus schneeweißem Reismehl, kleine Butterbröte mit kaltem Pudelbraten belegt, und kandirten Ingwer und führten sie nach dieser Erquickung in den Sitzungssaal , wo gerade Gericht gehalten wurde. Ein Opiumwirth , der die Polizeistunde übertreten hatte – es darf nur von 2 bis 4 und von 6 bis 8 Uhr geraucht werden – wurde zur Quetschmühle verurtheilt, (siehe untenstehende Abbildung) denn wenn das öffentliche Berauschen nicht in den von der Regierung vorgeschriebenen Stunden geschieht, ist es ungesund. –   Der Opiumwirth in der Quetsche.   Ein Flugblatthändler verlängerte gegen hundert Ta ë ls seine Konzession zum Vertrieb eines Hetzblattes, das die herrschenden Sitten, die Religion und die Ehre wehrloser Bürger in hämischer Weise angriff, denn Wer immer in China eine Zeitung gründet und sei er ein Schubjak, der hat auch das Recht zur Kritik und besteht auf seinem Rechte unter dem Schutze des sogenannten berechtigten Interesses. Sehr schlimm weg kam ein Händler , der mit Zimmt gewürzten Kirschlikör feil gehalten hatte. Ein in uralten tibetanischen Rechtsschriften studirt habender Mandarinenlehrling bewies in zweistündiger Rede, daß Zimmt Zimmt wäre und nicht Kirsche und als schamlose Fälschung anzusprechen sei. Wohl versicherte der Händler, daß seit Erbauung der großen Mauer Zimmt zum Kirschlikör genommen würde, da er den Geschmack verfeinere und den Magen erwärme, doch das Gericht verurtheilte ihn wegen Fahrlässigkeit gegen das Leben seiner Mitmenschen zur Entziehung der Fälscherhände und dies um so mehr, als er schon einmal Himbeersaft zur Aufmunterung der Farbe mit Blaubeerensaft versetzt habe, ein Verbrechen, das mitleidlose Sühne heische. Der Nachrichter , ein riesenhafter Mongole mit hyänenartigem Gesicht drehte dem Unglücklichen beide Hände ab, nähte sie ihm mit brauner Seide an die Ohren und stellte ihn an den Pranger . Dann wurde er so lange mit einem Bambus auf den Nabel geschlagen, bis er unter hörbarem Pfeifen seinen Geist aufgab. Emma schauderte, aber sie sah ein, daß Verbrechen gegen die leibliche Gesundheit des Volkes nicht hart genug geahndet werden können und bedauerte nur, daß nicht gleiche Strenge auch Verderber der Seelen träfe. Wer nachgerade Emma's innerstes Wesen begreift, stimmt ihr bei, zumal ja Bambus genug wächst. Aber wer versteht das Seelengift rechtzeitig an das Licht zu ziehen? Das ist nicht so chemisch nachzuweisen wie z. B. Grünspahn und der übrige Zimmt. Der Obermandarine wandte sich jetzt an Emma : »Hiu-iu-eul-ian.« (Ich habe mit Dir zu reden.) Mit dem neubegründeten Stolze einer deutschen Reichsangehörigen antwortete e abweisend: »I-wo-ol-le-schao-te.« (Ich nicht mit Dir, alter Herr.) »Kiao-nho-ho! (Sage mir, wer Du bist.) Ho-tci pepi? Ni-tao.« (Wohin gehst Du, Weißhäutige? Sag' an.) »Ein-gal-shnu-pe!« (Das kann Dir einerlei sein) erwiderte Emma unnahbar. Dem Obermandarinen ward klar, daß eine Dame, die einem Beamten schnöde kam, eine Auswärtige von hohem Range sein müsse. Darum machte er ohne Weiteres Kotau , indem er sich platt auf die Erde streckte und sprach: »Tien-niu (Tochter des Himmels), shan-te (Berg der Tugend), mian-gi (Antlitz der Sonne), mein elendes Dach ist zu niedrig für Deine erhabene Schönheit. Nur im Palast zu Peking ist Dein Platz. Es ist soeben ein Erlaß gegeben, daß fünfhundert der schönsten Goldlilien dem tien-tse , dem Sohne des Himmels , vorgeführt werden sollen, damit er sich eine Gattin wähle. Ich werde Dich hinführen. Du, o Kleinod des Verlangens , wirst Kaiserin und ich erhalte die gelbe Ehrenjacke und den langgeschwänzten Drachenorden dreimal um den Hals. Der Erfolg ist sicher. Hao sse gin tci-so hiu. (Der Genuß eines schönen Weibes ist das, was die Menschen wünschen.) Eul ho gou?« (Was meinst Du?) »Pie-pe ka-lei-ka!« (Dein Geschwätz ist mir gleichgültig) erwiderte Emma von oben herab. In der Hoffnung auf hundertfachen Ersatz , ließ der Obermandarin Kiuan-shi die kostbarsten seidengestickten Gewänder bringen, Schmuck und Zierrath , um Emma in die bildschönste Chinesin zu verwandeln, die je das Reich der Mitte betrat. Pin-yang , des Mandarinen Gattin, half Emma . »Ach,« sagte sie, »Du bist schön, aber leider unvollkommen im chinesischen Stil , denn, ach, Dir passen nicht die Schuhe, für die unsere Füße von Kindheit an mit Wickeln zusammengepreßt werden.« Emma lächelte. Sie nahm die Schuhe, die nicht größer waren als Cigarettendosen und zog sie mit graziösester Leichtigkeit an. Pin-yang fiel vor Erstaunen auf den Rücken. Emma aber pries im Stillen die Vorsehung, die den Sultan getrieben hatte, ihr beide Zehen abzubeißen, denn ohne diese Verkleinerung ihres an sich schon kleinen Füßchens, wäre der jetzt einzuschlagende Weg des Lebens für sie ungangbar gewesen. Goldlilien nennen die Chinesen ihre Frauen mit den stengelartigen Unterenden, wie aber hätten sie jetzt Emma heißen müssen? Mindestens doppelte oder gefüllte Goldlilie . Als Kiuan-shi sie in dem echt chinesischen Elite-Pracht-Kostüm erblickte, fiel er um und kroch zu dem Haustempelschrein, dessen Thüren er öffnete, daß der darin hockende ungeheuerliche Bronze-Götze sichtbar ward. »Hul Durchaus richtig, da die Chinesen kein r in ihrer Sprache haben. Sie sagen statt Europa – Eu-lo-pa ; statt Amerika – Ai-me-li-kia ; statt bregenklieterig – bia-le-jen-kia-liete-lia-lich . Bedenkt man, daß 400 Millionen Menschen so zurück sind, kribbelt es einen ordentlich, sie zu zivilisiren. -jeh!« rief Emma mit der ihr angeborenen feinen Empfindung gegen Alles Mißschaffene. »Daran kann man sich ja versehen.« »Pal-don, Lichtrand der Morgenwolke,« sagte der Mandarin , »dies Bild ist von unermeßlichem Kunstwerthe.« Dabei verbrannte er Goldpapierstreifen vor dem Götzen als Bittopfer. »Dann braucht es ja nicht schön zu sein, wenn es Kunst ist,« entgegnete Emma mit dem ihr angeborenen Gefühl für Verständniß und befahl hieran schließend hocharistokratisch: »Machen Sie die Klappe zu; so mit Papier zu sengen, ist doch keine Beschäftigung für Erwachsene! Rüsten Sie den Palankin, ich will jetzt an den Hof. Dal-li, dal-li!« »Sin! Sin!« (Sofort) rief Kiuan-shi und eine Viertelstunde darauf war Emma mit großer Begleitung unterwegs nach Peking . Hat sie wirklich die Absicht, Kaiserin von China zu werden? Wo bleibt da die Treue, Emma? Und wo die Tugend? Wir müssen gestehen, daß wir an einem bedenklichen Wendepunkt angelangt sind.   Vierundfünfzigstes Kapitel. Unter dem Feudalregiment. Graf Szmoltopski und Graf Patskopski führten ein durchaus entsprechendes Leben. Alte Freunde haben beim Wiedersehen einander viel zu erzählen und namentlich hatte Szmol Erlebnisse zu berichten, von denen, obgleich der geneigte Leser sie kennt, Pat kaum die Hälfte glauben wollte. Dies verdroß Szmol , der nun seinerseits die Hälfte von Pat's Bärenjagdgeschichten ablehnte. Daraus entstand allabendlich ein kleiner Streit, den sie jedoch in abgelagertem klaren Kujawiak zu ertränken verstanden. So zeigte er sich hier von seiner wahrhaft guten Seite, der Alkohol , den ja auch nur Säufer in Verruf gebracht haben . Am nächsten Morgen gingen sie auf die Bärenjagd. Auf dem Wege dahin, so oft sie Bedürftige trafen, griffen sie ihnen gern unter die Arme, wenn sie jung und mollig waren. Darum wurde Pat auf seinem Besitze auch wie ein Patriarch verehrt und Szmol half ihm dabei. »Waidmanns Heil!« rief Pat , als er eine frische Bärenfährte fand. »Heil!« rief Szmol . Es währte nicht lange, da hatten sie den Bären aufgespürt. »Nicht schießen!« rief Pat , aber Szmol schoß und fehlte. Nun ward der Bär böse und warf sich auf die Jäger. Es war ein furchtbarer Kampf . Schon erlahmten ihre Kräfte, da hörten sie rufen: »Liegen Sie ruhig, dann meint der Bär, Sie wären todt und Leichen ißt er nicht.« Wurde früher allgemein so angenommen und es scheint ja auch, wie man hier sieht, seine Richtigkeit zu haben. So geschah es und der Neuangekommene erlegte das Unthier mit gewaltigen Streichen. Als Kavaliere und Waidmänner dankten sie ihrem Erretter, den sie zu ihrem Wald-Imbiß einluden. »Zum Donnerwetter,« sagte Szmol, »sind Sie nicht der Nordhäuser?« »So heiße ich,« sagte Nordhäuser bescheiden. »Ich kam, um Herrn Grafen einen Gruß von der Frau Gräfin zu bringen, mit der ich zuletzt in Mittelafrika die Ehre hatte zusammen zu sein. Es ging ihr den Umständen nach ganz gut.« »Der kann es noch besser als Du, Szmol ,« lachte Pat . »O,« sagte Nordhäuser , »mein Stolz ist, rein, klar und wahr zu sein,« und nun erzählte er von Allem, was ihm passirt war und wenn sie es bezweifelten, könnte er ihnen die Narben von den Kaktusstacheln vorzeigen. Aber es sei sein Geschick, verkannt zu werden; nach seinem Tode würde er schon zu Ehren kommen. Freilich sei sein Geburtshaus abgerissen, an dessen Stelle stände ein Kaufhaus, das alles schlüge. Wer eine Schachtel Wichse kaufe, kriege ein Paar Stiefel zu und auf ein Paar Stiefel gäbe es eine Schachtel Wichse gratis. Und so in Allem. Da fördere Eins das Andere. Er hätte einen Leinenkragen gekauft und ein Hemd zu bekommen, es sei aber ein Kinderhemd gewesen. Da habe er sechs Mark darauf gelegt und ein passendes bekommen, das den Vortheil hätte, nur eine Wäsche auszuhalten, denn wenn er ein neues kaufte, bekäme er einen Kragen gratis und solch ungeheuren Vortheil könne er sich doch nicht entgehen lassen. Und so in Allem. Und brechend voll. »Was wollten Sie mit dem Kragen?« fragte Pat . »Mich dem Herrn melden, der mich engagirt hatte, aber der war aus der Kalkscheunenstraße verzogen wegen des Milchkrieges , über den er eine Schrift gegen den Staat schreibt. Schrecklich muß der Krieg gewesen sein. In der Albrechtstraße hatten sie Barrikaden aus Milchfässern errichtet und geschossen wurde mit Eidamern und die Frauen gossen statt des Bernauer heißen Brei's , kochende Magermilch von den Dächern auf die Kombattanten. Zum Glück waren die Margariner neutral, sonst wäre es gespannter, als zwischen Rußland und Japan geworden. Auch nicht ganz durchen Kuhkäse schossen sie als Bolzen aus Schnell-Armbrüsten. Einem Milchverleger war die Nase für alle Zeit damit verdorben. Leichtverwundete gab es viele; Butter auf dem Kopf hatten die Meisten, so hüben wie drüben.« »Wer hat Ihnen das aufgebunden?« fragte Pat . »Das ist die reine Wahrheit,« vertheidigte sich Nordhäuser . »Herr Iwan Schulz hat es mir so aus seiner Schrift vorgelesen; unmöglich kann doch Jemand Lügen gegen die Regierung schleudern, um sie für ungeschehene Greuel verantwortlich zu machen? Eine alte Frau, die einen Schuß Weichkäse vor den Magen bekam, krankt noch unheilbar in der Klinik . So soll im Reichstag auf den Tisch des Hauses gelegt werden, sagt Herr Iwan Schulz , und der Bundesrath soll seine Unschuld beweisen. Kann er das nicht, kommen noch mehr Sozialdemokraten hinein. Es sind schreckliche Zeiten.« Das mit dem Milchkrieg ist Blaak, weil ich doch in der Albrechtstraße wohne, dagegen das mit China und den Wilden stimmt, das habe ich schon öfter gelesen. Der Setzerlehrling. »Und wie fanden Sie hierher, mein Lieber?« fragte Szmol . »Ich fragte Herrn Sanitätsrath Dr.  E. Miller , der weiß Alles. Der stellte mich auch in der bazillopathisch-medizinischen Gesellschaft vor, wegen meiner Magerkeit, aber da sagte alle die jungen Aerzte, Ricinus wäre Aberglaube und gäbe es garnicht. Sie piekten Fleischproben aus mir heraus und wenn sie den Magerkeitsbazillus haben, kommen er und sein Entdecker ins Konversationslexikon. Ich aber komme nicht mit hinein, obgleich eine solche Reklame mir nützlich wäre, da ich jetzt ohne Stelle bin.« »Wissen was, mein Lieber?« sagte Pat , »Sie können Volkslehrer auf meiner Besitzung werden. Uebertrieben ist das Salär freilich nicht, aber Sie sind vollständig vor'm Verhungern geschützt und wenn Sie sich gut mit den Bauern stellen, setzt es öfter Viktualien für Sie. »Außerdem fallen Ihnen meine alten Hosen zu; wenn Schulmeister den Eleganten spielen, vernachlässigen sie ihre Pflichten . Es regnet freilich durch das Dach, aber man will ja Brausebäder für die Schüler, da sparen wir die Neuanlagen und das liberale Gesindel hat keinen Grund zum Nörgeln.« Nordhäuser war hochbeglückt über die Gnade des Herrn Grafen. Auch übernahm er, wenn erforderlich, bei der Tafel in der gräflichen Livree aufzuwarten, mit großer Freude, weil er dadurch zeigen konnte, wie er als Deutscher aller Welt, zumal aber dem edlen Polen gern dienstbar sei. Daß er bei den Jagden als Treiber mitzuwirken habe, fand er so selbstverständlich, daß er darum gebeten hätte, wenn der Herr Graf ihm nicht damit zuvorgekommen wäre. Nordhäuser nahm den erlegten Bären auf die Schulter und trug ihn zum Jagdwagen. Ueber solche Stärke des dürren Jünglings wunderten sich so Pat wie Szmol . Da Pat gerade einige Waldungen verkauft hatte, um den Keller mit Posener Korn, prima Auslese , zu füllen, gedachte er, solche Kraft beim Holzfällen zu verwenden und gratulirte sich selbst zu dem neuen Schulmeister. – Leicht ward Nordhäuser sein neues Amt nicht, denn da die Kinder nur wenig Deutsch verstanden und Nordhäuser vom Polnischen keine Ahnung hatte, war der Unterricht nicht gerade fördernd. Auch seine Magd Szietywat that nie, was er auf Deutsch befahl, sondern beliebte ihm gegenüber einen Ton des Ausdrucks, den er als feindselig und despektirlich erachten mußte, so schwer ihm diese Annahme auch ward. Nur einmal, als sie ihm eine Schüssel mit Polnischem Kohl an den Kopf schleuderte, hob er sie an ihrem Weichselzopf hoch und holte mit dem Zeichen seiner Würde, dem Bakel, einen Theil der an ihr verabsäumten Erziehung nach. Von da ab konnte sie ganz gut Deutsch und war brav und gehorsam. Auch gewöhnte sie sich an den wohlthätigen Gebrauch des persischen Insektenpulvers. Solche glänzender Erfolge verleitete Nordhäuser , ebenfalls in der Schule den Bakel nicht feiern zu lassen und bald zog Ordnung ein, wo wüstes Durcheinander geherrscht hatte, und da er nun seine Herzensgüte walten lassen konnte, hingen die Kinder bald an ihm und lernten mit Eifer, in der Hoffnung, dereinst in dem großen Deutschland überall ihr gutes Brot zu finden, statt auf die Wasserpolackei beschränkt zu bleiben. Diese Neuerung gefiel dem Grafen nicht, der jedoch Nordhäuser nicht grob kommen durfte, weil er Riesenkräfte hatte, die auch dem Volke Bewunderung und Respekt abnöthigten. Woher hatte Nordhäuser die schier unverständliche Kraft? Szmol und Pat luden ihn auf das Schloß und gaben ihm soviel Kujawiak ab, bis er vertrauens- und redselig ihnen erzählte, daß er, als er in dem neumodischen Kaufhause ein halbes Pfund Tropon gekauft habe, um sich zu kräftigen, man ihm einen Electro-Mendax- Gürtel gratis gegeben hätte, und seitdem er diesen trüge, wären seine Muskeln wie aus zusammengedrehten Stahlkabeln. Hierauf wagte Pat , das wäre nicht wahr. Und Szmol sagte, das wäre unerhört gesohlt. Da erwachte der ganze Stolz eines sittenreinen Jünglings in Nordhäuser . Er entlüpfte sich den Gürtel und zeigte ihn als Beweis der Wahrheit und fragte, ob sie nie von den elektrischen Kraftgürteln gelesen hätten? »Gelesen ja, aber für reellen Schwindel gehalten,« sagte Pat . Nun wolle er ihn einmal proben. Pat legte den Gürtel an. Dann holte er eine Peitsche, deren Lederriemen er aus den Rücken früherer Schulmeister geschnitten hatte und sagte: »Ucze cie mówic popolska.« (Dir will ich Polnisch beibringen.) Nordhäuser kehrte zerschlagen und hilflos in die elende Schulhütte zurück und da er seinen Worten nun keinen Nachdruck verleihen konnte, verstand die Magd Szietywat alsbald kein Deutsch mehr, kannte kein Breslau, sondern nur noch Wróclaw und verlangte, Nordhäuser solle einen Brief an ihre Tante in Königsberg nach Królewiec adressieren. Er gehorchte und die Post auch. Die Kinder in der Schule zerbrachen den Bakel und stiegen auf Bänke und Tische und sangen Freiheitslieder, weil Deutsche Schulgesetze, als unleserlich, für sie nicht vorhanden waren. Die gährenden Kossäthen, Tagelöhner, Torfbäcker und Steinklopfer aber schickten ihre Frauen auf das Schloß mit der Anklage: Nordhäuser bringe die Kinder um ihr ewiges Erbtheil. Er unterrichte falsche Religion . Da hießen Pat und Szmol Nordhäuser vor sich kommen. Er trat an. Bleich und verhungert und mit blauen Flecken , die ihm theils die aufgewiegelten Schulbuben, theils die Magd Szietywat , theils um das Seelenheil ihrer Kinder besorgte Mütter beigebracht hatten. »Schöne Geschichten!« fuhr Pat ihn an. »Mizerny osiet (Du elender Esel), unterschlägst die heiligen Lehren?« »Nicht, daß ich wüßte,« entgegnete Nordhäuser offen und ehrlich. »Du weißt nicht, szubrawiec? (Du Schuft?) Hast Du da nicht etwas vom Lot verheimlicht?« »Allerdings,« gab Nordhäuser zu. »Aber der schwierige Fall, wo man nicht klar sieht, ob Lot sein eigener Schwiegervater oder sein Schwiegersohn, jedenfalls aber sein eigener Schwager wird, der ist für die Kinder noch zu unbegreiflich und deshalb ging ich darüber hinweg und lehrte, der Trunk bereite dem Verbrechen den Boden und der Branntwein sei aller Laster Anfang .« »Wovon soll meine Brennerei verdienen, wenn nicht mehr gesoffen wird, nocny stróz' (Du Nachtwächter)?« rief Pat aufgebracht. »Solche gottlose Lehren verbreitest Du und lieferst die unschuldigen Kinder dem Teufel aus? Ei, Dich wollen wir kriegen. Psa krew, jechaj cie pies (Hundeblut, hol' Dich der Henker).« Und Nordhäuser bekam viele Schläge von Pat , und Szmol half dabei. »Wenn Du in einem halben Jahr nicht fertig Polnisch sprichst,« mahnte Pat , »setze ich Nachdruck drauf. Unterricht kannst Du bei den Schulkindern nehmen!« Als guter Deutscher lernte Nordhäuser Tag und Nacht und da der Herr Graf strenge waren, machte er erhebliche Fortschritte, und als er die erste alte Hose für befriedigende Aussprache schwerer Worte bekam, war er hochbeglückt . Bleibe nur so bei, Nordhäuser , und es wird Dir nie an gerechtem Lohne fehlen.   Fünfundfünfzigstes Kapitel. An den Stufen des Thrones. Die regierende Kaiserin-Wittwe von China hatte Emma innigst in ihr Herz geschlossen. Sie selbst, eine Politikerin ersten Ranges , erkannte gar bald die erstklassigen politischen Eigenschaften Emma's , die sie als Amme im Auswärtigen Amte erworben, derentwillen sie von einer finstern Macht verfolgt wurde. Sie hatte ihr den rothen Palast , ein von Hibiskusgebüschen umgrüntes Schmuckkästchen, geschenkt. Dort waren sie ungestört und ließen die Geschicke der Völker in anmuthigem Plaudern über ihre Lippen rollen. Die Kaiserin nannte Emma Pe-pi , was »weiße Haut« bedeutet und ihrem unvergleichlichen Alabasterteint zu Ehren geschah, weil Pe-ma , wie sie chinesisch ausgesprochen wurde, so viel besagt hätte, wie weißes Rot! Und das ging doch nicht bei Hofe. »Liebe Pe-pi,« fragte die Kaiserin , als sie ihren echten chinesischen five o clock-tea nahmen, »was ist eigentlich das Konzert der Mächte? Sie waren doch gewiß oft genug darin?« »Sehr einfach, Dero Majestät,« sagte Emma in ihrer Prunklosigkeit, der sie jedoch geziemender Weise etwas Hofton beimengte: »Jeder will nämlich die erste Violine blasen und die Andern schmieren ihm immer Talg auf den Bogen, daß er keine Note hinausbekommt.« »Also In-tia-li-gen ,« entgegnete die Kaiserin . »Warum aber bedrängen die Mächte mein Reich? Wir legen ihnen nichts in den Weg, wenn sie kommen zu kaufen und zu verkaufen: beten wir das Gold doch alle mit derselben Inbrunst an . Doch sie sollen zufrieden gestellt werden. Wir wollen Gleiches mit Gleichem vergelten , und senden in Eure Länder unsere Bonzen . Die lehren die fünf Hauptpflichten: Die der Beamten gegen das Staatsoberhaupt , die der Kinder gegen die Eltern , des Mannes gegen das Weib , des Bruders gegen den Bruder , des Freundes gegen den Freund . Denn es geht schrecklich bei Euch zu. Eure Zeitungen melden uns das täglich. O, wie viel habt Ihr Mord, Todtschlag, Raub, Diebstahl, Ehebruch, Betrug, Unterschlagung, Trunk, Messerstechen, Mißhandlung, Brandstiftung, Kinderquälen und jene furchtbare Sekte der Louis , die Ihr bis jetzt nicht auszurotten vermochtet. Die Lehre aber von den fünf heiligsten Pflichten wird Eure Unsitten in Sitten verwandeln. Wir bauen unsere Tempel in Euren Ländern, zur Bekehrung, die mir hochnöthig erscheint im fernen Westen.« »Die Idee ist nicht schlecht,« erwiderte Emma . »Aber passen Majestät auf, es kommt in entgegengesetzter Art und Weise. Unsere Bildung duldet so etwas nicht. Wir sind eben zu großartig in der Kultur fortgeschritten. Denken gnädigste Majestät blos: wir fahren für einen Nickel von Britz bis Tegel.« »Warum aber zwingt Ihr uns Eure Kultur auf?« fragte die Kaiserin erregt. » Wir wollen ja garnicht nach Tegel . Wir sind seit Tausenden von Jahren mit unseren Verhältnissen zufrieden . Sag', weshalb fahrt Ihr nach Te-gel ?« »Je nachdem, Allerhöchst Ihro Majestät. Einige gehen gleich nach dem Schloßrestaurant und dann nach Humboldt's Grab , andere erst nach Humboldten und dann nach dem Schloßrestaurant, andere blos dahin, wo es was giebt . . . .« »Wohnt Hum-bolt im Herzen des Volkes wie unser Con-fu-tse ?« »So ein Schlager wie der kleine Cohn ist er wohl nie gewesen, Eure höchstwohlgeborene Majestät. Uebrigens, sein Denkmal hat er weg.« »Wie gut, daß auch Ihr den Ahnenkultus mit gleicher Frömmigkeit pflegt, wie wir im Reiche der Mitte. Aber ach, die Vorfahren verscheuchen nicht meine Sorgen wegen meiner Nachfahren. O Pe-pi , wenn Du mir beiständest. Du kamst zur Brautwahl des tien-tse , des Sohnes des Himmels, meines Wu-Li-Gin . Als ich Deine Schönheit sah, ward mein Mutterherz fröhlich und sprach: Diese wird deine heißen Wünsche erfüllen und das leere Eisenherz des Sohnes, das sich der Liebe verschließt, den zarten Regungen öffnen, die zum Traualtare führen und zum Weiterblühen des Stammes der Ming . Die goldigsten der Lilien rührten ihn nicht. Alle fünfhundert mußten gehen.« »Son-ne Nul-pe,« sagte Emma . Die Kaiserin weinte so sehr, daß sie Emma's Urtheil nicht vernahm. Unter Schluchzen fuhr sie fort: »Ich habe ihm zwölf naturgetreue Wachsfiguren machen lassen, die sitzen an seiner Tafel, wenn er speist, als Hofdamen, damit er sich an die holde Weiblichkeit gewöhne. Aber ach, vergebens!« »Allererlauchteste Majestät,« bemerkte Emma , » Pan-op-ti-kum ist wohl mehr zum Graulen als zum Verlieben.« » Pe-pi , irre ich mich? O, mache Du meinen Fehler wieder gut. Komme zu ihm –er darf ja nach den Hofgesetzen nicht aus seinem Palast hinaus. Sprich mit ihm, sanft und kindlich, er ist noch jung . . . . . ach, ich erwarte Alles von Deiner Schönheit .« Sie gingen in den Palast des Prinzen. Emma war doch enttäuschter, als sie vermuthete, wie sie den tien-tse , den Sohn des Himmels, sah, der mehr einem Kinde als einem Stammbaumhalter glich. Sie aber bezwang sich und sprach sehr mit Hofton: »Mein Purinz, wie befinden sich die Höchstdieselben?« Wu-Li-Gin sah sie begriffsstutzig an. »Kindlicher,« bat die Kaiserin , »kindlicher, liebe Pe-pi . Ach, er ist noch so sehr Knabe.« Emma besann sich und begann aus ihrer Jugend, als sie noch mit Nordhäuser Abzählen spielte: »Eene – meene – ming – mang – ping – pang . . . .« Da lächelte der Prinz verständnißinnig und die Kaiserin rief überglücklich: » Pe-pi , Du siegst! Es dämmert in ihm. An dem Tage, an dem Du mich zur Großmutter machst, lege ich Dir Schätze zu Füßen, wie keine Zweite der Welt sie besitzt , Du wirst die Reichste auf Erden!« Da fragte der Prinz mit dünner Stimme: »Pe-pi-pi-pa?« (Spielt weiße Haut die Laute?) » Solche Schönheit auch noch Leute?« sprach die Kaiserin . »Nein, Kind, das hat sie nicht nöthig.« Der Prinz hob langsam die schweren Lider seiner Augen, die groß und immer größer wurden, bis sie ihm wie zwei schiefe Birnen im Schädel saßen. Emma sah es und es fror sie durch und durch. Sie gedachte des Leutnants mit seiner Begabung, allein schon bloß in Geographie. Aber hatte die Kaiserin nicht von grenzenlosem Reichthum gesagt? Sie betrachtete sich den Sohn des Himmels genauer. So gelb. Und so viele Pickel im Gesicht, und Blüthen. Und an jedem kleinen Finger einen Nagel von mindestens zwanzig Zentimeter Länge. Wu-Li-Gin richtete sich mühsam auf, woraus Emma schloß, daß mit den Beinen unter dem Staatsgewande kein Staat zu machen sei, und quäkte: »Ta-lao, Hao-eul.« (Zum Heirathen liebe ich Dich). »Eul-pa-gno?« (Du mich auch?) »Neb-bich,« hauchte Emma kaum hörbar, aber die Kaiserin umarmte sie, indem sie rief: »Die Götter segnen Dich. Mein Sohn liebt. Ueber vierhundert Millionen Unterthanen wirst Du Kaiserin. Dies hat Deine Schönheit bewirkt und Dein Zauberspruch . O, wiederhole ihn, damit böse Dämonen unser Glück nicht zerstören.« »Eene – meene,« sagte Emma . »Ming – mang,« sagte die Kaiserin . »Ping – pang,« sagte der Prinz . Es war ergreifend, viel erschütternder noch, als wenn auf der Bühne rührende Szenen durch gut gelernte Verse von Eichendorf oder Uhland bewerkstelligt werden. Darum ist auch der Ruf nach Einfachheit so gerechtfertigt. »Ich lasse Euch allein,« lächelte die Kaiserin und fügte schäkernd mit den Fingern drohend hinzu: »Aber Kinder, nicht tobig! Haltet Euch in den Schranken der Etikette.« »Allerhöchst Dero erhabene Monarchin!« rief Emma in einer Mischung von strengstem Hofton und beklemmender Angst . . . . »Mein Purinz . . . es ist so plötzlich . . . so unerwartet . . . zu hohe Ehre . . . ich muß überlegen . . . ich muß hinaus . . .« Und raschen Schrittes flüchtete sie an der Kaiserin vorbei ins Freie. Wohl vernahm sie, wie Wu-Li-Gin blökte: »Ta-lao; ta-lao; pe-pi ta-lao,« aber sie hielt sich die Ohren zu und floh ihrem Palaste zu. Plötzlich trat ein Mandarin aus dem Hibiskusgebüsch. »Halt!« rief er. »Stehe mir Rede, Emma Siebenklietsch!« Emma erschrak. »Wer sind Sie? Was wollen Sie von mir?« »Kennst Du mich nicht? Ist Dir die Höhle unter dem Kriminalgericht aus dem Gedächtniß entschwunden? Blick her und bleibe Deiner Sinne Meister!« Bei diesen Worten riß er sich den falschen chinesischen Zopf ab . Emma erkannte ihn. Auch der Leser wird ihn erkannt haben. Es war der Eremit. Er folgte ihr in den rothen Palast. »Du entfliehst mir nicht,« sprach er, als sie erschöpft auf einen Sessel von echt chinesischem Elfenbein sank. »Du hast dem Orden Gehorsam geschworen und bist sein willenloses Werkzeug. Als solches hast Du den Prinzen Wu-Li-Gin zu heirathen, Kaiserin zu werden und China dem Orden auszuliefern .« »Nein,« rief Emma , »thäte ich das, würdet Ihr mein geliebtes Deutschland mit der gelben Gefahr überziehen, um es in Eure Hände zu bringen. Ich kenne Eure Ränke . Aber es widersteht Euch, wie ich Euch widersteht!« »Du wirst es retten! Retten vor der grünen Gefahr . Kennst Du die Roldemolde? Sie ist am Werk. Und er, Szmoltopski , steht in ihrem Solde.« »Mein Gatte!« rief Emma . »Führt mich zu ihm; ich ertrage die Trennung nicht länger.« »Nie siehst Du ihn wieder, wenn Du uns ungehorsam bist. Als Kaiserin von China kannst Du ihn jedoch in Deiner unmittelbaren Nähe haben, so oft Dich verlangt.« »Nennt Ihr das Moral? « fragte Emma empört. »Politik!« entgegnete der falsche Mandarin . »In der Politik heiligt der Zweck die Mittel . Willigst Du ein?« »Nein!« »So betrachte Dich als seine baldige Wittwe!« »Scheusal!« rief Emma , sich beinahe vergessend. Man hörte rufen: »Pe-pi – Pe-pi!« »Es ist die allergnädigste Majestät,« sagte Emma . »Wo berg' ich mich? rief der Jesuit . Nirgends war ein Winkel. Nur eine überlebensgroße Vase aus echtem chinesischem Porzellan stand da. In diese hinein kletterte er und war kaum geborgen, als die Kaiserin eintrat. Sie glich einer Furie . »Elende!« schrie sie, »ich würde Dich unter Martern todt peinigen lassen, wie noch keine vor Dir geendet hat, aber ich fürchte, Deine wahnsinnig machende Schönheit bethört die Henkersknechte . Ich könnte Dich in einem Mörser zerstoßen, Dich zwischen zwei Bretter gebunden durchsägen lassen, Dich in Sumachessig einweichen, bis schwarze Blattern Deine weiße Haut durchschwären und Deine Knochen weich wie Gummischläuche werden, daß man Dich hundert Ellen lang ziehen kann, doch ich will mich mit den Grausamkeiten der Vergangenheit nicht beflecken, obwohl Du die grausamste gegen mich bist. Noch einmal, Pe-pi , frage ich Dich: Willst Du die Dynastie retten , mir meinen Sproß erhalten, den, ach, Deine Schönheit so erfaßt hat, daß er im Stande ist, Hand an sich zu legen, wenn Du Dich ihm verweigerst?« »O, bemitleidenswerther Purinz, bemitleidenswerthe allergnädigste Kaiserinmutter!« antwortete Emma mit sämmtlichem ihr zu Gebote stehenden Seelenadel. » Läßt Liebe sich herausfoltern? Aufrichtig gesagt, Höchst Dero Jun-ge-ken hat mir zu viele Pickel.« In diesem feierlichen Augenblicke erhob sich ungesehen Emma's Tugendstandbild in engelhafter Reine und das Laster der Versuchung versank besiegt in die Hölle. »So verfalle dem Schicksal!« rief die Kaiserin außer sich. »Mich stürzst Du in Verzweiflung, Dich ins Verderben und das Reich der Mitte an den äußersten Rand des Untergangs. Wehe! Wehe! Wehe!« Sie eilte davon. Die Thüren des Palastes schlugen zu. Tamtambrummen hallte summend durch die Luft. »Gräfin Szmoltopska,« grummelte es aus der Vase, »fliehen Sie! Der Palast ist mit echtem rothen chinesischen Siegellack bestrichen – ein Zündholz – und er steht in Flammen! « »Die Thüren sind geschlossen!« jammerte Emma . »Drehen Sie er Buddhastatue in der Ecke den Hals um.« Emma gehorchte und es öffnete sich am Fuße des Postaments ein unterirdischer Gang. Schon drang Feuerschein durch die Fenster. »Ich kann nicht aus der Vase heraus!« rief der Eremit . »Ich erreiche ihren Rand nicht einmal mit den Spitzen der Finger.« Das Feuer prasselte und knisterte. »Unmöglich!« rief der Eremit . »Ich gleite ab an der glatten Wandung.« Funken fielen knatternd von der Decke des Saales herab. »Retten Sie sich, Gräfin. In Rom erwartet man Sie. Nach Rom! « Die Flammen sausten und brausten. Sie drangen von oben ein und züngelten nach Emma . Rasch stieg sie die Stufen in den finstren Gang hinab. Eine Minute Zögerung und sie wäre von den Gluthen ergriffen. Sie tastete sich durch die dunkle Enge, bis sie matten Tagesschimmer gewahrte und entstieg vorsichtig dem Schooß der Erde. Sie befand sich in dem Buddhatempel der Kaiserin . Er war leer. Die Bonzen waren hinausgegangen, den Brand des rothen Palastes zu sehen, der in sich zusammengestürzt wie ein großer Scheiterhaufen loderte. Unter seinen glühenden Trümmern röstete der Eremit in der Vase. Es grauste Emma'n . Doch man kehrte zum Tempel zurück: die Bonzen in gelbseidenen Gewändern und in ihrer Mitte mit glänzendem Gefolge die Kaiserin , um die Götter für ihren Sohn anzuflehen. Der Oberbonze geleitete sie. Emma erblickte ihn. Ihr war, als hätte ein Donnerstrahl sie erschlagen. Sie wollte laut aufschreien, aber er legte zum Zeichen des Schweigens seinen Finger auf die Lippen und beherrschte sie mit drohenden Augen. War es möglich? Konnte es möglich sein?? Es war der verbrannte Eremit . Aber ihrerseits gewahrte die Kaiserin Emma. »Ha!« rief sie schreckwankend. » Pe-pi! Ach, e ist ihr Geist. Sie selbst ist todt. Asche! Asche! Asche! « Emma trat vor und winkte hoheitsvoll, sie mit der Kaiserin allein zu lassen. Ehrerbietig verzogen die Statisten sich in den Hintergrund. »Majestät,« sagte Emma würdig und überzeugt, »Sie sehen, es ist umsonste Mühe, mir nach dem Leben zu trachten, denn ich stehe unter dem Schutze einer höheren Macht. Noch heute geschehen Wunder. « So meinte Emma. Sie wußte nicht, daß der Eremit, als es ihm zu heiß wurde, rasch sich seines Anzuges entledigte, der die Vase so weit füllte, daß er, darauf tretend, den Rand erreichen und sich hinausschwingen konnte. Das Uebrige erklärt die bekannte Schlauheit der Jesuiten. Sie warf einen scheuen Blick nach dem Oberbonzen , der nur auf durchaus unerklärliche Weise gerettet sein konnte. »Ich habe Beweise!« »O, Pe-pi!« bat die Kaiserin , »möchtest Du nicht auch Wunder an meiner Dynastie thun? « »Ich habe höhere Pflichten ,« entgegnete Emma mit staatsmännischer Sicherheit, »und kann Ihnen nicht helfen. China muß schon seinen Gang gehen, wie es ihn geht. Mehr darf ich Höchst Ihrer Majestät aus politischen Gründen nicht kund thun.« »O, sagen Sie . . .« sprach die Kaiserin voll schaudernder Bewunderung, »sagen Sie mir doch: wer sind Sie? « »Wenn Eure Hochwohlgeborene Majestät es nicht weiter sagen wollen . . .« »Keiner sterblichen Seele; ich schwöre es bei Fo-hi! « »Wohlan, so sei es, obgleich Niemand es erfahren darf: Ich bin Emma ,             das geheimnißvolle Hausmädchen .« * * * Wird Emma nach Rom gelangen, nach ihrem geliebten Deutschland , nach Berlin? Wird sie ihren Gatten wiedersehen, ihm den Kiefer bringen? Und wie ist es dem Leutnant ergangen und Elliorina? Lebt der alte Sultan noch? Treibt die Roldemolde ihr Wesen weiter? Welches von den beiden R. gewinnt die Oberhand? Und Nordhäuser? So lange uns noch Nordhäuser bleibt, verzagen wir nicht, wie auch feindliche Strömungen sich gegen ihn richten, sondern hoffen, daß Alle ein hohes, herrliches Ziel erreichen.