Levin Schücking Deutsche Eroberungen Es ist eine merkwürdige Geschichte und ich glaube nicht, daß in Friedenszeiten so etwas geschehen könnte – der Mensch muß durch die Aufregung und die Exaltation um ihn her erst ein wenig rabiat gemacht sein, um durch so kecke Streiche sich selber zu helfen; und dann muß er, um so glorreich damit durchzudringen, auch noch als Spießgesellen einen so außerordentlichen Onkel haben, wie ich ihn im Onkel Peter besitze, meinem teuren sarkastischen Onkel Peter! Ich habe nie begriffen, wie man nur so gut und doch so durchtrieben sein kann, wie dieser brave Onkel Peter mit seinem struppigen, impertinent blonden Haar, seinen pfiffigen, blauen Augen und seinem pockennarbigen Gesicht, das gar nicht schön ist und doch eine so gute Seele birgt! Vielleicht erklärt es sein langer Aufenthalt in einem Champagnergeschäft in Frankreich. Die Bravheit hat er aus Deutschland mitgebracht, und der Champagner hat seine Intelligenz moussieren machen, und der Geschäftsverkehr mit den geriebenen Franzosen hat ihn schlau gemacht. Soviel ist gewiß, er ist den Herren Franzosen gewachsen, und wenn das Geschäft des Herrn Andre Mounier sich seit zwanzig Jahren in wachsendem Gedeihen befunden, so ist das nicht zum geringsten Teile das Verdienst des ersten Buchhalters und Prokuraführers Peter Bartholdi. Herrn Andre Mounier, dem hitzigen und sehr selbstbewußten Prinzipal, ist sein Glück ein wenig zu sehr zu Kopfe gestiegen und er würde sich, fürcht' ich, in viele bedenkliche Spekulationen gestürzt haben, wenn nicht Onkel Peter als sein getreuer Ekkard ihn immer im rechten Augenblick davon zurückzuhalten gewußt hätte – im rechten Augenblick, und das war immer der letzte – die zwölfte Stunde. Er hütete sich wohl, wenn Herr Mounier für irgendein Ding Feuer gefaßt hatte, ihm zu widersprechen und ihm Einwürfe zu machen, im Gegenteil, er fand die Sache sehr beachtenswert, sehr verheißungsreich und ließ Herrn Mounier seine Phantasie damit beschäftigen; er ließ ihn seine Untersuchungen darüber anstellen, seine Berechnungen machen; nur ganz zuletzt, wenn es darauf ankam, die Unterschrift zu geben und sich zu binden, warf Onkel Peter irgendein kaustisches Wort, eine scharfe Bemerkung in die Sache, wie einen kleinen, in einen Dampfkessel gespritzten Wasserstrahl, der die ganze Dampfmasse niederschlägt, und wie der Dampf im Kessel wurde Herrn Mouniers Spekulation zu Wasser. Als der neue Crédit foncier gegründet wurde ... aber das würde langweilig werden, wollte ich auf Einzelheiten all dieser Schwindelunternehmungen eingehen, für welche man die Unterschrift der großen Firma André Mounier in Rheims suchte; es genügt, wenn ich andeute, daß ich meinen guten Onkel Peter im Verdacht habe, er habe auch einige Schwindelunternehmungen zu Wasser gemacht, welche darauf ausliefen, die Hand Demoiselle Henriettens, der liebenswürdigen, einzigen Tochter des Herrn Mounier, zu gewinnen – Spekulationen, die von Leuten aller Art, Kaufmannssöhnen, Gutsbesitzern, hoffnungsvollen unbesoldeten Maitres de Requête, Räten an unserem Appellhofe – einer Legion von Leuten ausgingen ... denn was Freier anbetrifft, so hatte Demoiselle Henriette deren zehn an jedem Finger. Kein Wunder, denn Henriette ist nicht allein sehr reich, sondern sie ist auch bildhübsch und so liebenswürdig – ach, so bezaubernd liebenswürdig! Das zu schildern geht völlig über meine ungeübte Feder hinaus. Ich kann es nur erraten lassen durch die Wirkungen, welche diese gefährliche Liebenswürdigkeit auf mich geübt hat. Als ich, von dem Onkel Peter berufen, das väterliche Haus verließ, um, bevor ich in das Geschäft meines Vaters einträte, mich noch ein Jahr lang in einem auswärtigen größeren Hause auszubilden und völlige Gewandtheit im Französischen zu erlangen, und nun in Rheims bei Herrn Mounier anlangte, machte Henriette einen Eindruck auf mich, der nicht gerade sehr vorteilhaft war. Dies freie Wesen, dieser ungebundene Ton, mit dem sie im Kreise ihrer zahlreichen Verehrer verkehrte, die Unbefangenheit, womit sie diesen Kreis um sich her duldete und jede Huldigung ohne weiteres annahm, das alles mißfiel mir; meine deutsche Schwerfälligkeit nahm Anstoß daran, daß ein junges Mädchen redete, sich gab und mit Herren scherzte, wie es in Deutschland nur eine verheiratete Frau tut; ihre Sicherheit dabei schien mir nicht jungfräulich genug; und indem ich mich eingeschüchtert fühlte und sehr unzufrieden mit der Schattenrolle war, welche ich in diesem Kreise spielte, übertrug ich etwas von dieser Unzufriedenheit auf sie, ich rächte mich für dieselbe durch mein Urteil über sie; just so, als ob ich sie dadurch für meine eigene Schwerfälligkeit, die mich so in den Hintergrund drängte, strafen könne. Zu meiner Verwunderung war Onkel Peter stets ihres Lobes voll. Und wenn er von ihr sprach, von ihrer Herzensgüte, ihrer gründlichen Ausbildung, die wahrhaft bewundernswürdig sei, da sie wie alle Französinnen aus guten Häusern in einem lächerlich beschränkten Kreise von Vorstellungen aufgezogen sei und sich im Grunde alles selbst angeeignet habe, so war in seinem Gesichte auch nicht der kleinste Zug ironischen Spottes zu bemerken, der sonst so oft aufleuchtete, wenn er irgend jemanden lobte. Und ich denke, was er sagte, der gute Onkel Peter, war sein Ernst; er mußte auch Demoiselle Henriette kennen, denn er stand in einem sehr vertrauten Verkehre mit ihr; sie hatten ein kleines Komplott zusammen für die Ausübung von Handlungen der Wohltätigkeit gestiftet; zuweilen gingen sie zusammen allein aus, und verschwanden abends nach den Geschäftsstunden auf ganze Stunden. Demoiselle Eugenie, die Busenfreundin Henriettens, war die dritte im Bunde... sie war die Tochter eines invaliden Majors, der in Rheims lebte; leider konnte sie bei den kleinen Expeditionen in die gemeinsame Unterstützungskasse wohl wenig mehr einschießen als ihren Fonds von großer Gutmütigkeit, denn sie war arm. Sie war arm! Seltsam, wie bald mir dies mitgeteilt wurde, nachdem ich in Rheims angekommen und in Herrn Mouniers Haus von Onkel Peter eingeführt worden. Man kann in Indien nicht mehr Gewicht darauf legen, ob jemand von der Brahminen- oder der Pariakaste, in Amerika nicht mehr, ob einer ein Weißer oder Farbiger, in meiner Vaterstadt in Deutschland nicht mehr, ob einer katholisch oder ein Ketzer ist, als in diesem heutigen Frankreich, dem Lande der Gleichheit und Brüderlichkeit, Gewicht darauf gelegt wird, ob einer reich oder arm ist. Und bei einem jungen heiratsfähigen Mädchen nun gar! Dabei fällt mir ein, daß ich erwähnen muß, daß Herr Mounier Protestant war; er stammte eigentlich aus der Schweiz, aus Genf, wo er noch Verwandte besaß und sein väterliches Haus noch von einer unverheirateten Schwester bewohnt wurde, einer gottesfürchtigen Dame, die ein wenig als Familienorakel betrachtet zu werden schien. Er hatte sich in Rheims, wo er eine Französin geheiratet, vor etwa fünfundzwanzig Jahren etabliert. Er machte aus diesem Umstande, seiner helvetischen Konfession, wie die Franzosen sagen, nicht »grand cas« – desto mehr aus seinem Franzosentum – ich glaube, er hätte den umgebracht vor Zorn, der ihm gesagt, daß sein Großvater ein deutscher Schweizer gewesen und Müller geheißen – daß sein Vater sich in Mounier höchst eigenmächtig umgetauft... und doch war dem so; Onkel Peter hatte es herausgebracht, und wenn er sich einmal über ihn ärgerte, nannte er ihn hinter seinem Rücken immer »dieser Herr Müller!« Herr Mounier machte in Rheims ein offenes Haus, das heißt in den Abendstunden, nach dem Diner empfing er seine Freunde und Bekannten aus der Stadt, denen Henriette dann die Honneurs des Hauses machte, denn Frau Mounier war seit zwei Jahren tot; sie war lange leidend gewesen, hatte sich zuletzt wegen des milderen Klimas am Genfer See aufgehalten und war dort, in Genf, bei der dort lebenden Schwester des Herrn Mounier gestorben. In diesen Abendkreisen, zu denen ich freien Zutritt hatte, herrschte die ungebundenste Heiterkeit; Fräulein Henriette war natürlich der Mittelpunkt, Fräulein Eugenie hielt sich stiller im Hintergrunde; sie war in größeren Kreisen schweigsam, und ich empfand dann eine gewisse Sympathie für ihre Lage; es schien mir so schäbig und elend von diesen Franzosen, daß sie ihre Aufmerksamkeiten und Huldigungen so ungleich verteilten, weil das eine Mädchen reich, das andere arm war. Es entstand zwischen uns die Freimaurerei der Vernachlässigten, Zurückgesetzten – denn ich mit meinem unbeholfenen Wesen, meinen deutschen Manieren, meinem ungeläufigeren Französisch-Sprechen wagte mich kaum in den engeren Kreis, dessen Sonne Fräulein Henriette war. Nach und nach, wie ich mich an französische Sitten mehr gewöhnte, und besser alle die Redewendungen und Feinheiten der Unterhaltung, den »Jargon des Salons« verstehen lernte, änderte sich jedoch mein Urteil über Henriette. Ich sah, daß, was ich in ihrem Wesen zu frei und rückhaltlos gefunden, durch den nun einmal in der französischen Gesellschaft herrschenden Ton gerechtfertigt oder wenigstens entschuldigt sei; daß sie sich doch mit vollendetem Takte unter ihren Anbetern zu bewegen, daß sie sie alle vortrefflich in ihren Schranken zu halten wisse, und keinem das Recht gebe, sich irgend bevorzugt zu halten. Sie hatte eine gewisse neckische Weise mit ihnen umzugehen, und alle Huldigungen, welche über das Niveau der Phrasen, mit denen die Franzosen nun einmal gewohnt sind um sich zu werfen, hinausgingen, trafen auf einen graziösen Spott, der sie vortrefflich zurückwies. Von mir nahm sie im ganzen sehr wenig Notiz. Nur wenn ein Streit über irgendeine Tatsache entstand, eine ernstere Frage aufgeworfen wurde, die der eine so und der andere so beantwortete, und wobei sich die gründliche Unbekanntschaft der Franzosen nicht nur mit allem, was man bei uns aus Büchern lernt, sondern auch mit Verhältnissen ihnen nur ein wenig fern liegender Lebenskreise oder gar anderer Nationen usw. oft komisch entwickelte – nur dann wandte sie sich an mich. Wir wollen unseren Deutschen fragen, sagte sie dann, der hat mehr gelernt als ihr alle – o, sie sind so gelehrt und gelehrig, die Deutschen; man kann aus jedem einen Soldaten und einen Professor machen; jeder von ihnen wird mit einer Pickelhaube auf dem Kopf und einem Buch unter dem Arm geboren. Ich war weit entfernt, auf alle solche Fragen aus dem Schatze meiner Bildung eine befriedigende Antwort geben zu können. Konnte ich es nicht, so fühlte ich mich äußerst beschämt und war höchst ärgerlich, diesen windigen Stutzern nicht imponieren zu können ... allmählich, wie ich den ganzen erstaunlichen Umfang dessen, was sie nicht wußten, wahrnahm, wurde ich kecker und ließ mich nicht mehr beschämen; ich gab immer eine Antwort, wobei ich durch Entschiedenheit ersetzte, was mir an innerer Sicherheit, ob es auch richtig sei, was ich sage, abging. Die Sicherheit hatte ich wenigstens, daß niemand sich in einen gelehrten Streit mit mir darüber einlassen werde. Zuweilen auch lag Henriettens samtweiches, braunes Auge auf mir mit einem wie nachdenklichen oder fragenden Ausdruck. War es eine Frage, weshalb ich so im Hintergrunde bleibe und nicht auch um das Glück, ihr huldigen zu dürfen, ringe und mich wie die andern selig zeige, wenn sie ein Wort an mich richte? War es eine solche Frage, die in ihrem Auge lag, so hätte ich eine kurze Antwort darauf gehabt: ich bin zu hochmütig und trotzig, mein Fräulein! Mit dem Trotz strafe ich freilich nur mich selber, denn ich ärgere mich innerlich oft ganz rasend, wenn ich Sie so umgeben sehe und mich mit Aschenbrödelgefühlen in den Schatten drücke; aber ich bin nun einmal so trotzig – was wollen Sie! »Mich wundert,« sagte ich eines Abends zu Fräulein Eugenie, mich auf einen entfernten Eckdiwan, wo sie die auf dem runden Tische vor ihr liegenden Albums durchblätterte, neben sie setzend, »mich wundert, daß Herr Mounier so ganz ohne Sorge bei all diesem geselligen Leben und Treiben in seinem Hause ist!« »Was sollt' er besorgen?« fragte Eugenie, ihre Aufmerksamkeit von den Photographien nur abwendend, um mir einen flüchtigen Seitenblick zuzuwerfen und dann sich ihren Bildern wieder zuwendend – nebenbei gesagt, ich habe nie begreifen können, wie man sich für ein Photographiealbum interessieren kann – nichts in der Welt drückt mehr die allgemeine Monotonie des heutigen Menschengeschlechts aus, wie alle diese im selben Kostüme, in demselben Farbenton, in demselben Format, mit demselben Gesichtsausdruck abkonterfeite Visitenkarten-Gesellschaft! »Was sollt' er besorgen?« fragte Fräulein Eugenie und ein kühles Lächeln spielte um ihren feingeschnittenen Mund. »Nun, nur was die Herren Papas eben zu besorgen pflegen: daß sein Töchterchen sich einmal in einer schwachen Stunde in einen dieser Herren verliebt, und der Magnet ihres Herzens dann nicht just – auf Metall zeigt!« »Ach,« antwortete sie achselzuckend; »darüber kann er ruhig sein! Henriette weiß viel zu gut, daß man ihr den Hof macht, weil sie so reich ist, und daß alle diese Leute sich sehr wenig um sie kümmerten, wenn sie nicht ihr großes Vermögen hätte.« »Aber wenn es nun einem gelänge, ihr die Überzeugung zu geben, daß es ihm nicht um ihr Vermögen zu tun sei, daß er eine wahrhafte Neigung für sie empfinde?« »Wie wollten Sie das anfangen?« fragte mich Eugenie, indem sie plötzlich mit dem spöttischen Lächeln mich anblickte, das oft über ihre Züge glitt und etwas mehr von Menschenverachtung ausdrückte, als ein deutsches junges Mädchen haben könnte. »Ich?« sagte ich. »Nun ja, Sie!« »Aber wie kommen Sie dazu, es so zu wenden? Glauben Sie etwa, ich hätte Lust...?« »O, ich glaubte nur, Sie hätten Lust, die stumme Sprache Ihrer Blicke, die ich doch so oft aus der Ferne bewundernd auf Henrietten liegen und allen ihren Bewegungen folgen sehe, endlich in Worte zu übersetzen.« »Ach – ich habe nicht daran gedacht...« »Desto besser für Sie,« antwortete Eugenie. »Henriette hat ein recht gründliches Mißtrauen gegen die Männer, und wenn ihr einer auch gefallen sollte, sie wird ihn dennoch fern halten, überzeugt, daß nichts als schnöder Eigennutz und Habgier ihn zu ihr führen; auch dann, wenn er selber vielleicht sich einbildet, er meine es redlich...« »Ah bah – ihre Stunde wird doch einmal schlagen!« fiel ich ein. »Weshalb?« sagte Fräulein Eugenie. »Muß denn jedem Mädchen einmal seine Stunde schlagen? Das ist eine deutsche Idee, Herr Bartholdi; in Frankreich überläßt man den Eltern, den Weiser auf der Uhr des Herzens zu stellen. Die Eltern und ein wenig auch die Herren Notare, welche beiderseits das Geschäftliche regeln, verstehen das am besten. So macht man passende Ehen...« »Passende – aber auch glückliche?« »Sind sie in Deutschland, wo die Herzen wählen, glücklicher? Ist das eigentlich nicht etwas sehr Unzivilisiertes und Wildes, sich bei dem wichtigsten Lebensgeschäfte so bloß von seinen Leidenschaften und Gefühlen beherrschen zu lassen, und seinen Trieben zu folgen, blindlings ...?« »Ohne den Notar zu fragen? Nun ja, Sie mögen recht haben, Fräulein,« antwortete ich lächelnd; »der gebildete Mensch weiß, daß eine Million etwas sehr Dauerhaftes und die Gefühle etwas sehr Flüchtiges sind. In Deutschland ›verschießt‹ man sich in ein junges Mädchen, und heiratet sie, um sehr oft zu sehen, daß man sich eben verschossen hat, und das Rot der Liebe dann auch sehr bald ins Fade verschießt. In Deutschland sucht man ein Herz mit gleicher Fülle der Gefühle, und in Frankreich einen Sack mit gleicher Fülle an Goldstücken. Je weiter aber in der Kultur ein Volk ist, desto klarer durchschaut es, wieviel schwerer ein Fünffrankenstück wiegt wie ein Gefühl ... Aber denkt Fräulein Henriette auch so?« »Glauben Sie, ich dächte so?« lachte jetzt Fräulein Eugenie fröhlich auf. »Nein, wahrhaftig nicht,« entgegnete ich. »Und Ihre Freundin?« »Daß sie nicht ganz so denkt, beweist sie am besten dadurch, daß sie sich immer noch nicht entschließen kann, den Mann zu nehmen, den ihr Vater ihr längst ausgesucht und vorgeschlagen hat.« »Ah – Herr Mounier hätte...« »Sie brauchen nicht zu erschrecken; ich sage Ihnen, daß sie ihn nicht nehmen mag.« »Und wer ist dieser unglückliche Glückliche?« »Ein junger Mann in einem Pariser Geschäfte, Kompagnon eines Bankhauses dort...« Diese Mitteilung, welche mir völlig neu war – selbst Onkel Peter hatte es mir mit keiner Silbe verraten, und er wußte doch sicherlich darum – erregte in mir ein außerordentlich unangenehmes Gefühl, welches weit stärker war, als es sich durch die moralische Entrüstung über die französische Art, Ehen zusammenzukuppeln, rechtfertigen ließ; es fiel mir ein Druck auf die Brust, mein Herz schlug langsamer – seltsam, was ging es mein Herz denn an? »Ist er jung und hübsch?« fragte ich nach einer Pause mit einer Unbefangenheit und einem Anschein von Gleichgültigkeit, die mir sehr schwer wurde zu heucheln. »Was verschlägt das, wenn sie auch von ihm denkt, er suche nur ihr Geld, und ihn deshalb nie nehmen wird?« »Fräulein Henriette steht also entschieden nicht auf der Höhe der französischen Bildung und sympathisiert mit der deutschen Wildheit?« sagte ich. »Ganz entschieden,« gab Eugenie lachend zur Antwort. »Um sie zu gewinnen, müßte man ihr eine aufrichtige Neigung beweisen; dazu aber wird sie es nicht leicht kommen lassen, da sie von vornherein jede vertraulichere Annäherung eines Mannes zurückweist, überzeugt, daß jeder nur nach ihrem Gelde freit... Sie sehen also, wie hoffnungslos der ganze Schwarm ist, der sie umgibt. Wollen Sie trotzdem Ihr Glück bei ihr versuchen, Herr Bartholdi, so lassen Sie sich nicht abschrecken. Von der deutschen ›Unkultur‹ und ›Wildheit‹ läßt sie sich vielleicht eher einreden, daß sie ganz ehrlich und uneigennützig ist!« Diese Reden Eugeniens beschäftigten mich außerordentlich. Mein Gott, es war so natürlich! – Doch einem so verführerisch hübschen und liebenswürdigen jungen Mädchen gegenüber sich sagen zu müssen, daß man umsonst um sie werben werde, weil sie nie an die Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit des Gefühls, das man bei ihr geltend machen werde, glauben würde – das war ärgerlich; es war etwas Stachelndes, Reizendes, Verletzendes darin. Wie gern hätte ich ihr trotzig gesagt: »Stellen Sie mich doch auf die Probe– werfen Sie allen Ihren Reichtum von sich, tragen Sie keine Seide und keinen Schmuck mehr, ziehen Sie in ein Häuschen, das unter den letzten in der äußersten Vorstadt steht, ernähren Sie sich mit dem Sticken dieser kunstreich verschlungenen Buchstaben im Zipfel des feinen Battisttuches, das Sie eben zum Munde führen, und sehen Sie dann, ob ein ehrlicher deutscher...« Ich wurde in diesen Gedanken durch einen Schlag auf meine Schulter unterbrochen. Es war Onkel Peter, der neben mir stand und mit gerunzelter Braue auf mich niederblickte. »Weshalb sehen Sie mich so unzufrieden an, Onkel Peter?« sagte ich aufstehend; »ich habe nichts verbrochen, ich bin im Gegenteil mit sehr tugendhaften Gedanken beschäftigt.« »So?« sagte er, zur Seite gehend und mit einem Winke mich sich nachziehend, in eine nahe Fensterbrüstung hinein, »diese tugendhaften Gedanken halten dich aber, wie ich sehe, nicht ab, Fräulein Eugenie sehr heftig die Cour zu machen, du leichtsinniger Bursche du! Laß dich warnen! Du verlierst deine tugendhaften Gedanken und Redensarten umsonst bei ihr; sie hat längst gewählt und ihr Herz an einem solideren Orte als bei dir untergebracht!« »Hat sie? Nun, ich wünsche ihr alles Glück dazu; ich habe nie im entferntesten daran gedacht, sie ihrer Wahl untreu zu machen!« »Was dir auch wohl schwer würde, tugendhafter Jüngling. Es ist ein talentvoller, junger Arzt, für den ihr Herz schlägt. Also hör auf, ihr den Hof zu machen. Ich habe für dich etwas anderes im Auge. Wenn du meinst, ich hätte dich hierher nach Rheims kommen lassen, um ...« Herr Mounier trat eben zu uns und unterbrach das Gespräch in dem Augenblicke, wo ich, betroffen von Onkel Peters Andeutung, eine hastige Frage auf der Lippe hatte. Herr Mounier hatte ein Telegramm aus Paris bekommen, über dessen Inhalt er in ein langes, angelegentliches Gespräch mit dem Onkel Peter geriet; endlich verschwanden beide, wahrscheinlich um sich in die Geschäftsräume zurückzuziehen und dort ihre dringende Angelegenheit zu erledigen – ich sah den Onkel Peter den Abend nicht wieder und war also über das, was er andeuten wollte, meinen Konjekturen überlassen. Am andern Morgen hörte ich, als ich in die Geschäftsräume kam, daß er nach Paris gereist sei, um dort eine Forderung, die bei einem fallit gewordenen Hause ausstand, zu sichern. Der Onkel Peter wohnte, muß ich hier einschalten, im Hause des Herrn Mounier; ich hatte eine Mietwohnung, ziemlich in der Nähe, in der Stadt. Wer weiß, aus welchen Keimen unsere Gedanken entstehen? Und wie Pflanzen aufwachsen, oft auf einem Grunde, auf den sie gar nicht zu gehören scheinen? Eine junge Birke, die sonst den weichen Sandboden liebt, wächst auf alten Mauertrümmern auf – wie oft sieht man es! Der Wind hat den Samen dahin geworfen, die Luft ihn getragen. So fallen auch in uns, wie aus der Luft herangeweht, Samenkörner, die da gedeihen, obwohl der Boden unseres Gemüts der just für sie ungeeignetste und verkehrteste von allen scheint! Ich hatte gegrübelt über Onkel Peters Wort: »Meinst du, ich hätte dich hierher nach Rheims kommen lassen, um...« und »ich habe für dich etwas anderes im Auge.« – Das hatte mich zu der Frage geführt: Wollte er mir am Ende gar andeuten, er habe den hochfliegenden Gedanken, aus mir und Henriette... sanguinische Idee! Er sieht ja, daß sie sich nicht um mich kümmert, und ich kaum je Gelegenheit finde, ein Wort mit ihr zu wechseln ... vielleicht denkt er, den Herrn Mounier dafür zu gewinnen, und es dann nach französischer Manier als ein Geschäft abzumachen? Dafür müßt' ich denn doch danken! Für solch ein Geschäft, für eine Frau, die ich als Objekt eines Ehekontraktes bekäme, danke ich! Es kam eine vollständige patriotische Entrüstung über mich. Nein, sagte ich mir, zu solch einer schmachvollen Behandlung des Heiligsten gibt sich ein richtiger Deutscher nicht her! Dieser Onkel Peter sollte sich schämen, so verwelscht zu sein. Wenn ich je Henriettens Hand erringen könnte, dann – nun ja, es wäre ein Glück, ein unendliches Glück – aber ohne daß ich vorher ihr Herz gewonnen, ich mir selbst und ganz allein – ohne das würde ich ihre Hand von mir schleudern, weit ab! Und ihr Herz zu gewinnen... Eugenie sagt ja, das sei unmöglich. Unmöglich, weil auch sie in dieser französischen verdammten Welt aufgewachsen ist, wo man schon gar nicht mehr an die ehrliche Reinheit und Redlichkeit einer Leidenschaft glaubt! Es ist aber doch abscheulich, ganz abscheulich von ihr, solch ein Mißtrauen! Wenn ich denke, daß es mir unmöglich sein soll, ihr zu beweisen, gründlich zu beweisen, wie schändlich unrecht sie mir damit tut, so kocht mir das Blut vor Zorn. Ich will, ich muß es ihr zeigen, daß wir Deutsche anders sind als ihre Pariser Windbeutel! Ich sann hin und her, wie ich es ihr beweisen könne. Es bohrte in mir und stachelte mich mehr, als ich sagen kann. Wie in einem Menschen, dessen Liebe zurückgestoßen und der zugleich dabei aufs bitterste an seiner Ehre gekränkt ist. War's denn nicht auch die bitterste Ehrenkränkung eines ehrlichen Menschen, die es nur geben konnte? Ihn einer redlichen tiefen Neigung, einer völligen und ganz selbstlosen, ja zu jeder Aufopferung bereiten Hingabe des Gemüts gar nicht für fähig zu halten? Was mir Eugenie von Henriettens Mißtrauen gesagt, kränkte mich so tief und bitter, daß ich einen vollständigen Haß gegen sie hätte fassen können; ich weiß nicht, was ich ihr hätte antun mögen, um sie zu strafen, zu überwinden, zu beschämen! Es war mir, als werde ich nicht eher wieder ruhig atmen, nicht leben können, bis ich sie beschämt! Aber das war ja nicht möglich, wenn es mir nicht gelang, in irgend ein Verhältnis, auf irgend einen Fuß des Vernehmens und Verkehrs mit ihr zu kommen, der es mir möglich machte, ihr gründlich zu zeigen, daß nicht alle Männer von demselben Teige gebacken sind wie die Dandies und Roués, die sie umgaben! Es war mir unmöglich, an meinem Pulte zu sitzen und zu arbeiten. Ich verließ die Geschäftsräume und wollte draußen einen kleinen Spaziergang in der frischen Luft machen. Als ich die Treppe hinabstieg, begegnete mir Fräulein Henriette. Sie war im weißen Morgenkleide und sah überaus reizend aus. Es war wohl die natürliche Folge der Beschäftigung meiner Gedanken mit ihr in den verflossenen Stunden, daß mir das Herz heftig aufklopfte und mir ein wenig schwindelte, als ich sie erblickte. Nichtsdestoweniger ärgerte ich mich darüber. Sie blieb auf dem mit exotischen Pflanzen besetzten Absatz der Treppe stehen, reichte mir einen offenen Brief, den sie in der Hand hatte, und sagte, mich sehr freundlich ansehend: »Ich bin auf dem Wege zum Kabinett Ihres Onkels, Herr Bartholdi; wollen Sie mir den weiteren Weg ersparen und ihm sagen, er möge diesen Brief lesen und ein wenig Kundschaft über den Menschen, der ihn mir geschrieben, einziehen – wenn er die Wahrheit sage, wollten wir, Ihr Onkel und ich, zu ihm gehen...« »Mein Onkel ist nach Paris abgereist.« »Nach Paris?« »Wußten Sie es nicht?« »Nein. Niemand hat es mir gesagt. Wohl denn, geben Sie mir den Brief zurück. Die Sache eilt ja nicht; der Mann muß dann warten, bis Ihr Onkel zurückkommt.« »Ich denke,« sagte ich, den Brief behaltend, »es ist die Bittschrift irgend eines armen Teufels in drückender Not. Und das sollte nicht eilen? Eile haben solche Sachen immer ... vielleicht ist die bitterste Not da, vielleicht hungert der Unglückliche – also warten Sie nicht bis mein Onkel, vielleicht erst nach Tagen, Wochen von Paris zurückkehrt – nehmen Sie mich zu Ihrem Adjutanten an, lassen Sie mich die Erkundigung einziehen und Sie alsdann als trostreichen Engel in die Hütte der Armut begleiten ... um rückhaltlos offen zu sein, Fräulein Henriette, gestehe ich Ihnen, daß Sie damit zugleich an mir selbst ein gutes, sehr gutes Werk tun ...« Ich zwang mich, diese Worte mit einem Auflachen, so unbefangen und mutwillig wie nur möglich, hinzuzusetzen. Fräulein Henriette war zu sehr daran gewöhnt, direkte und indirekte Liebeserklärungen anzuhören, als daß sie nicht aus diesem Schluß meiner Rede sofort auch eine herausgehört hätte. »Ah,« sagte sie errötend, »Sie wissen doch, daß ich meine guten Werke nicht verschwende, sondern erst über meine Leute Erkundigungen einziehe, ob sie es verdienen. Sie sind sehr kühn, dies von der Vorsicht gebotene Verfahren auch gegen sich herauszufordern. Es wäre Ihnen gewiß nicht angenehm, Monsieur Bartholdi!« »Weshalb nicht? Ich hätte nichts davon zu fürchten. Übrigens ist es in meinem Falle nicht nötig; daß ich Ihrer Güte würdig bin, kann ich Ihnen sofort beweisen.« »Etwa durch ein Sittenzeugnis vom Pfarrer?« »Nein, durch unbedingte Offenheit und Vertrauen.« Sie machte eine sehr graziöse Bewegung mit der Hand, deren abwehrende Bedeutung jedoch nichts Schmeichelhaftes für meine versprochene Offenheit enthielt. »O, das kennt man,« rief sie lachend aus, und wendete sich zum Gehen. » Meine Offenheit kennen Sie nicht, Fräulein Henriette; ich habe noch nicht die geringste Gelegenheit gehabt, sie Ihnen zu beweisen. Ich ergreife desto hastiger diesen Augenblick, wo ich Sie so allein spreche, um Ihnen ein Geständnis zu machen ...« Sie errötete wieder. Verlegenheit und Unruhe in ihrem Wesen deutete ganz hinreichend an, daß der ganze Schrecken über sie kam, der ein Mädchen überfällt, welches eine Liebeserklärung voraussieht und dieser um alles in der Welt willen zuvorzukommen sucht; sie wollte sprechen, aber ich schnitt ihr das Wort ab, indem ich rasch fortfuhr: »Sie sind sehr liebenswürdig, Fräulein Henriette, und sollen sehr reich sein. Sie beehren meinen Oheim Peter mit Ihrer Freundschaft. Mein Oheim Peter aber ist schlau. Er hat den schönen Plan gefaßt, seinem teuren Neffen Theodor Bartholdi die Hand seiner liebenswürdigen und reichen jungen Freundin zuzuwenden. Und deshalb, obwohl ich daheim im Geschäfte meines Vaters, das nicht viel weniger bedeutend ist als das Ihrige, außerordentlich nötig bin, hat er bei meinem Vater ausgewirkt, daß ich herüberkomme, mit der ostensiblen Absicht, mein Französisch zu verbessern und das Ausland gründlicher kennen zu lernen ...« »Ah, was Sie da sagen?« fiel Henriette überrascht ein. Ich konnte nicht fortfahren, denn einer unserer Kommis kam eben die Treppe herab; wir mußten schweigen, bis er außer Gehörweite war. Ich beobachtete unterdessen ihr Gesicht, das sich in keiner Weise erhellt zeigte, sondern mit den schmollend aufgeworfenen Lippen auf ein klein wenig inneres Empörtsein deutete, daß Onkel Peter so ihre Gunst auszubeuten vorhabe und so über sie zu disponieren wage! »Es ist wirklich sehr ehrlich, daß Sie mir das sagen, Monsieur Bartholdi,« sagte sie, als der Kommis die unterste Treppenstufe erreicht hatte... »es scheint, Sie sind wie Ihr Monsieur Bismarck und halten Offenheit für die beste Diplomatie; aber sagen Sie Ihrem Onkel...« »O, ich werde mich hüten, ihm etwas zu sagen! Wenn ich ihm die Wahrheit sagte, würde er mich sofort wieder nach Hause senden, und davor eben fürcht' ich mich.« »Die Wahrheit? Wieso das?« »Nun, daß er nicht daran denken darf, seinen Zweck zu erreichen. Daß Sie einen Kreis viel glänzenderer, geistreicherer, unterhaltenderer Verehrer haben, als ich bin, und jedenfalls einen daraus vorziehen; daß ich mich nicht in den französischen Ton des Verkehrs einer jungen Dame mit ihren Bewerbern finden kann; daß er mir viel zu rückhaltlos vorkommt, und daß meine pedantische, steife, deutsche Natur es nie dahin bringen wird, sich bis zu Ihnen durchzudrängen und Ihre Gunst zu gewinnen; daß ich danach auch gar kein Verlangen habe; daß ich mich ganz gern darauf beschränke, mich, während Sie der Mittelpunkt aller Huldigungen sind, mit Ihrer Freundin Eugenie zu unterhalten, die vernachlässigt ist und doch in ihrem Charakter viel von dem hat, was einem Deutschen zusagt ... Sehen Sie, wenn ich das alles dem Onkel Peter ganz offen sage, so sagt er: ›Du bist ein Pinsel, mein Junge, ein größerer wie je aus Eberborsten zusammengebunden wurde. Geh und trag deine borstige Einfalt nach Deutschland zurück; hier bist du dann überflüssig, und in deines Vaters Kontor ist ein Drehschemel vor einem großen Hauptbuch ledig – gehe mit Gott und meinem Segen und reise heimwärts‹. Und sehen Sie, heimwärts reisen, das eben möcht' ich nicht.« Auf den Zügen Henriettens lag das unverhohlenste Erstaunen, während ich so redete. Sie schien anfangs beinahe außer Fassung geraten über eine Erklärung, welche so ganz das Gegenteil war von dem, was sie erwartete, und über die unerhörte Offenheit dieser Erklärung; jetzt aber fiel sie mit blitzenden Augen und hochwogender Brust ein: »Also, heimkehren möchten Sie nicht – wohl um der Unterhaltungen mit Fräulein Eugenie nicht verlustig zu gehen?« »Wenn es so wäre, Fräulein Henriette? Vielleicht aber auch nur, um eben nicht Rheims verlassen zu brauchen, in dem ich mich glücklich fühle, und nicht in der Heimat wie ein Pferd arbeiten und den langweiligen Drehschemel besteigen zu brauchen, der mir dort droht. Darum mache ich Ihnen eben diese offene Erklärung. Es war die unumgänglich notwendige Einleitung zu meiner Bitte an Sie. Sie haben mein Schicksal in Ihren Händen. Wenn Sie mir erlauben, Ihnen ein klein wenig den Hof zu machen, wenn Sie zuweilen in Gegenwart meines Oheims mir ein freundliches Wort, eine kleine Gunst gewähren, die ohne alle Bedeutung für uns bleibt, so bleibt mein Oheim in seinen Illusionen und ich ... ich bleibe in dem schönen Rheims.« »In der Nähe Ihrer Flamme?« warf Henriette spöttisch dazwischen. »In der Nähe meiner Flamme!« wiederholte ich lachend. »Und zu dem Ende soll ich Sie in der Abwesenheit Ihres Onkels zu meinem Aumonier an dessen Stelle erwählen?« »Es wäre ein wahrer Exzeß von Liebenswürdigkeit!« sagte ich. Sie lachte laut auf, aber es war etwas Gezwungenes in diesem Lachen. Ohne weiter zu antworten, lief sie dann die Treppe hinab und verschwand unten um die Korridorecke. Ich blickte ihr nach und atmete tief auf. Ich war ein wenig innerlich »bouleversiert«, wie die Franzosen das nennen; hätte ich meine Gedanken frei gehabt, so hätte ich mich selbst bewundert über die freche Keckheit, womit ich vorgegangen war und meine Rolle gespielt hatte; wahrhaftig, ich würde mir so viel kecke Schlauheit selbst nicht zugetraut haben; auch wäre ich sicherlich nie darauf gekommen, ohne des Oheims Peter Wort: »Ich habe für dich etwas anderes im Auge« – da lag's, darin lag der Keim, des Pudels Kern, das Embryo der ganzen Komödie, die ich gespielt hatte. Aber wenn ich den Kopf auch viel zu voll und das Herz viel zu voll hatte, um über mich selbst beschauliche Betrachtungen anzustellen, in großer Zufriedenheit mit mir selbst, gemischt mit einer gewissen Dosis Angst, war ich dennoch. Es war mir doch gelungen, Fräulein Henriette gründlich klar zu machen, daß ich nicht nach ihrem Gelde freie, daß ich die Vorteile, welche meines Oheims Stellung mir bot, um eine glänzende Partie zu machen, gründlich verschmähte, und daß ich ein außerordentlich offener und ehrlicher Deutscher sei! Zugleich hatte ich mir einen Platz in ihrer Nähe gesichert. Unter dem Anschein größter Harmlosigkeit konnte ich jetzt mit ihr verkehren; ich war sicher, ihr den Hof machen zu dürfen, wie ich wollte – sie durfte mich nicht abweisen, es hätte zu sehr ausgesehen, als ob ihre Eitelkeit durch meine Erklärung verletzt sei – das war eine Rücksicht, in deren Fessel Fräulein Henriette von diesem Augenblicke an lag – und damit beschwichtigte ich meine Angst, die Sorge, daß ich sie wirklich durch meine Worte verletzt, daß meine naive Offenherzigkeit über das hinausgegangen, was ein verwöhntes junges Mädchen, ohne beleidigt zu werden, anhört. Zu ihrem »Aumonier« erwählte Henriette mich nicht, obwohl ich ein wenig darauf gehofft hatte. Auch sprach ich mit ihr nicht wieder in den Tagen, während welcher der Oheim abwesend blieb. Als dieser zurückgekommen, am nächsten Gesellschaftsabend, nahm ich keck eine Gelegenheit wahr, mich eines leergewordenen Sessels neben ihrem Platze zu bemächtigen, und begann mit all der Unbefangenheit, welche es mir gelang zur Schau zu tragen, ein Geplauder. Sie wechselte leicht die Farbe, und dann sah sie mit einem bedeutungsvollen Blicke und einem verschmitzten Lächeln zu meinem Oheim hinüber. Oheim Peter, der eben in der Entfernung mit einem Herrn von der Präfektur redete, schielte vergnügt herüber. Das gab ihr offenbar die Lust zu lachen, aber sie unterdrückte es ... sie ging auf mein Geplauder mit einer gewissen Zurückhaltung ein; sie versuchte mich aufzuziehen, dem Gespräche ironische Wendungen zu geben; aber es gelang ihr nicht recht; sie zeigte am Ende Spuren von Verdrossenheit. Desto erfreuter sah ich, daß sie auf das kleine Komplott mit mir ohne Widerstreben eingehe. Und was nun in der nächsten Zeit folgte – was soll ich es lange schildern? Es folgten Tage, wo ich sehr stark von Fräulein Henriette mißhandelt wurde; wo sie mich mit allen Neigungen neckte, denen nach der Anschauung eines Franzosen ein Deutscher durchaus ergeben sein muß, und mich sehr spöttisch fragte, ob ich es noch aushalten könne ohne Bier, Schucrout und »Meerschaum«, unter welchem letzteren sie sich eine Art Tabak oder eine lange Studentenpfeife vorstellte; ob ich nicht von diesen geliebten Dingen gezogen bald heimwärts reisen werde; ob ich es noch aushalten könne in Rheims, in einer Gesellschaft, in welcher mir der Ton des Verkehrs so tadelnswürdig scheine usw., was sie eben aufzubringen wußte in einer inneren Gereiztheit, welche mir durchaus nicht entging, und die nichts hatte, was mich entmutigte – ich sah daraus, daß es ihr doch nicht gleichgültig gewesen, was ich zu ihr gesprochen; daß ich, der nicht daran denken konnte, ihr vor den anderen zu gefallen, nun doch zu Werke gebracht, sie mir gegenüber in eine gewisse gereizte Aufregung zu bringen, und das war jedenfalls besser, als sie unbeachtet und fremd aus der Ferne zu bewundern. Aus ihren Neckereien, auf die ich antwortete so gut ich konnte, entwickelten sich dann weitere Beziehungen und Anknüpfungen; zu reden, zu plaudern gab es nun immer zwischen uns, je länger, desto lebhafter, und endlich glaubte ich wahrzunehmen, daß Henriette eine kleine Befriedigung darin finde, wenn sie mich so an sich fessele und den Unterhaltungen mit Eugenie entziehen könne. So verging einige Zeit, bis ich auffallenderweise auch wahrnahm, daß ich Fortschritte in der Gunst oder, um mich so auszudrücken, in der Beachtung des Herrn Mounier machte; Herr Mounier ließ sich öfter zu Unterhaltungen mit mir herab, fragte mit anscheinender Teilnahme nach allen Verhältnissen meiner Heimat, meiner Eltern, und am Ende solch einer Unterhaltung lud er mich dann gewöhnlich für den andern Tag zu Tische, was früher bloß Sonntags stattgefunden hatte. Mich machte das alles sehr glücklich; ich benützte die vermehrten Stunden, welche ich in Herrn Mouniers Kreise zubrachte, um mich immer gründlicher in Henriette zu verlieben, und ich kann sagen, daß diese Gründlichkeit nach und nach zu einem wahren Abgrund wurde – ich kümmerte mich dabei nicht im geringsten um Onkel Peters Sarkasmen, der sich schadenfroh die Hände rieb und mir, als ob es die heiterste Sache von der Welt für ihn sei, zuraunte: »Theodor, mein Junge, was wird das geben? Du wirst dich in Henriette verlieben! Verlieben bis zur Bewußtlosigkeit! Und dann werden wir eine bürgerliche Tragödie erleben! Du wirst dich totschießen, mein Werter. Rein tot, ich seh' es kommen! Aus Liebesgram tot! Solch eine deutsche Schwärmerseele ist zu allem fähig: nur nicht die Dinge praktisch anzufassen. Nur nicht energisch aufs Ziel loszugehen! Nur nicht sich klar zu machen, was er eigentlich will, und dann mutig zu wagen, was er will. Energisch belagern, Bresche schießen, stürmen – das bringt ans Ziel ... aber das ist uns nicht edel und sentimental genug, das überlassen wir diesen unsittlichen, windigen Franzosen, die verstehn's! ... O du armer Jüngling!« Ich ließ den Oheim Peter reden. Ich merkte sehr wohl, was solche Äußerungen bezweckten. Aber ich wollte mich nun einmal nicht von ihm beeinflussen lassen in dieser Angelegenheit. Was hatte er dareinzureden? Es widerstrebte mir, daß sich irgend ein anderer mischen sollte in mein Gefühl für Henriette. Ich mußte selbst am besten wissen, der Takt meines Herzens mußte es mir sagen, wenn es Zeit sei zu »stürmen«: vielleicht fehlte mir auch ein wenig der Mut noch, und ich verbarg dies vor mir selber in dem Trotz, womit ich mir sagte: der Oheim Peter soll sich um seine eigenen Sachen kümmern! Ich ahnte ja nicht, was der Oheim Peter bereits hinter unserem Rücken mit dem Herrn Mounier ausgemacht; wie er von diesem bereits die Zusage der Hand Henriettens für mich erhalten hatte, vorausgesetzt, daß ich die Neigung Henriettens gewinnen werde. So standen die Dinge, als eines Tages wie ein Blitz aus heiterem Himmel die Nachrichten von den Verhandlungen im Corps legislatif , die Erklärung des Ministers Gramont hineinschlugen – am selben Tage kam Monsieur Lorry, der Kompagnon eines Pariser Bankhauses, von dem mir Fräulein Eugenie gesagt, daß Herr Mounier ihm ursprünglich die Hand Henriettens zugedacht, und daß sie in diese Verbindung nicht eingewilligt. Es war ein Herr, dem es an Stattlichkeit nicht fehlte; ob er ein guter Finanzier war, weiß ich nicht, Talent zu einem guten Perückenmacher hatte er, man brauchte nur das Toupet anzusehen, womit er den Haarmangel seines Schädels zu verhüllen verstand; im übrigen hatte er sich so erhaben hoch in allen Dingen auf die Spitze der Pariser Zivilisation gestellt, daß mein blödes deutsches Verständnis ihm bis dahin nicht folgen konnte und ich mich enthalten mußte, ein Urteil über den Mann und das, was er sagte, zu fällen. Ich kann nur die Tatsache berichten, daß er viel, sehr viel sagte, daß er ohne Unterlaß etwas sagte. Vielleicht war es die patriotische Erregung des Herrn Lorry, welche ihn so viel sagen ließ; er brachte uns die Nachricht, daß der Krieg beschlossene Sache sei, er kannte ganz genau den Umfang der französischen Rüstungen, den Marsch der Truppen, ihre Heerführer, die Aufstellungen, welche sie nehmen, die vernichtenden Schläge, welche sie im Handumdrehen diesen lächerlichen Preußen beibringen würden, die nicht beim ersten Gedanken an einen Krieg mit der großen Nation vor Angst in ein Mauseloch gekrochen seien. Weshalb er eigentlich nach Rheims gekommen, weiß ich nicht; es war vielleicht der Wunsch, sein gutes Glück noch einmal bei Fräulein Henriette zu versuchen, mit Herrn Mounier die Sache in Ordnung zu bringen; nebenbei, schien es, wollte er Herrn Mounier bereden, die Eroberung des linken Rheinufers, welche nun innerhalb der nächsten Wochen bevorstand – Monsieur Lorry war in diesem Punkte sicher, er wußte es vom Marschall Leboeuf selber – zu benützen und ein Champagnergeschäft in Köln zu etablieren. Herr Mounier schien nicht übel Lust zu haben, auf diesen Punkt einzugehen; was den andern betraf, so entzogen sich die Verhandlungen natürlich meiner Kenntnis. Ich weiß nur, daß Onkel Peter wie ich plötzlich mit auffallender Kühlheit behandelt wurden, obwohl Onkel Peter viel zu klug war, sehr schroff den Deutschen hervorzukehren und viel in die Siegeszuversicht dieser Franzosen hineinzureden, während ich sehr betroffen, sorgenvoll und gepeinigt an den Schiffbruch dachte, in den dieser Zwischenfall, dieser verfluchte, unnütze, vom Zaun gebrochene Krieg meine Liebeshoffnungen ziehen könne. Herr Lorry war übrigens jetzt viel zu beschäftigt, um lange in Rheims bleiben zu können; er zog, ob von seiner Reise befriedigt oder nicht, das weiß ich nicht, wieder ab und kehrte nach Paris heim – gewiß war ein solcher Mann da jetzt unentbehrlich; wenn man ihn reden hörte, so mußte man sich fragen, wie ohne ihn der Marschall Leboeuf nur fertig werden könne! Am Abende darauf sah ich Henriette. Sie sah ein wenig blasser als gewöhnlich aus, und war allem Anschein nach doch sehr aufgeräumt und munter. »Jetzt werden Sie endlich von Rheims sich losreißen müssen,« sagte sie; »es hilft Ihnen nichts mehr, daß ich mit der größten Langmut und Geduld mir von Ihnen den Hof machen lasse, um Ihnen beizustehen, Ihren Onkel Peter zu betrügen. Das Vaterland ruft Sie ... ganz Deutschland wirft den Meerschaum weg und nimmt – wie nennen Sie das? – das Zündnadelgewehr! Also können wir unsere Komödie enden und sagen: Soyons ennemis, Cinna! « Ich schüttelte den Kopf. »Nein,« sagte ich, »es wäre sehr töricht von mir, wenn ich ginge, ohne alles aufzubieten, um Frankreich gleich hier den größten Verlust zuzufügen; ich gehe nicht ohne Sie, Henriette, ohne Sie aus diesem Frankreich, für das Sie viel zu gut sind, zu entführen!« »Ohne mich?« fügte sie lächelnd, und mit einem verächtlichen Aufwerfen der Lippen. »Nun ja,« versetzte ich – »Sie sind viel zu hübsch, viel zu liebenswürdig, und – was, wie Sie wissen, die Hauptsache ist – viel zu reich, als daß ich nicht alles aufbieten sollte, ein solches Kleinod dem Feinde zu rauben!« »Sie sind noch in der Stimmung, so kindische Scherze zu machen?« »Glauben Sie, ich scherzte? Glauben Sie, ein Mann könne das Glück haben, in Ihre Nähe zu gelangen, ohne nach einem solchen Kleinod zu streben, es gewinnen zu wollen? Von meinem Herzen will ich nicht reden, denn Sie glauben nicht daran. Sie glauben nicht an ein aufrichtiges Gefühl bei uns Männern, die wir alle habgierige Egoisten sind und einer tieferen Neigung, einer wahren Leidenschaft nicht fähig...« »Es ist wenigstens sehr aufrichtig, daß Sie es gestehen!« fiel sie mir bitter ins Wort. »Ich habe nie Hehl daraus gemacht – weshalb auch? Ein Mädchen, welches so klug und scharfsichtig ist, wie Sie, weiß es ja ohnehin!« »Und weiß sich dann auch vor Entführungen durch Egoisten Ihrer Art zu hüten!« sagte sie und wandte mir, über und über rot werdend, den Rücken. Sie ging fort und schmollte mit mir den ganzen Abend. Ich sah sie einmal verstohlen ihr Taschentuch an die Augen führen. Dabei fuhr mir ein Stich durchs Herz. Konnte ich sie so gekränkt haben? Als ich sie das nächste Mal wieder sah, stand sie offenbar unter dem Einfluß patriotischer Erregungen. Ihre Neckereien und Spöttereien über deutsche Sitten und Dinge waren so boshaft, daß ich lebhafter erwiderte und wir verstimmt uns trennten. Das ging ein paar Tage so fort. Das Geschwätz, welches ich im häuslichen Kreise des Herrn Mounier anhören mußte, ward dabei immer alberner und verletzender – oft ging ich verzweiflungsvoll abends fort, mit dem Entschlusse, abzureisen und mich bei meinem ehemaligen Regimente zu stellen; meiner Wehrpflicht hatte ich daheim bereits als Freiwilliger genügt und war als Reservist entlassen. Am andern Morgen waren dann aber die heroischen Entschlüsse verflogen, und der Entschluß, nichts voreilig aufzugeben, trat an die Stelle des kriegerischen Zorns von gestern. Und das um so mehr, als ich ganz hinreichend zu erkennen glaubte, daß auch in Henriettens Seele der Kampf sei, der Kampf der Neigung mit der Empörung wider das, was ich meine »Offenheit« nannte, wider die Ruchlosigkeit, womit ich mein wahres Gefühl für sie maskierte. Die Bewegungen der Truppen begannen; durch Rheims kamen lange Züge mit rothosigen Kindern Frankreichs, Befreiern des armen Deutschlands von Bismarckscher Tyrannei; jeder mit dem Marschallstab im Tornister; »in den Falten ihrer Fahnen wehte der Sieg.« Dabei stieg von Tag zu Tag die kriegerische Erregung der guten Bürger von Rheims, und als nun gar in den Zeitungen die Enthüllungen über die kaiserlichen Annexionsgelüste auf Belgien kamen, war vollends kein Aushalten unter ihnen mehr. Frankreich, das edle, völkerbeglückende, nur für die Ideen begeisterte Frankreich, war aufs abscheulichste in Versuchungen gelockt und geködert, und da es den Köder zurückgewiesen, der Versuchung in hochherziger Größe widerstanden, wurde es in so verräterischer Weise vor der Welt bloßgestellt. Aber die Welt kannte den Edelmut der großen Nation und kannte die Perfidie der Leute von Berlin; die Welt stand auf der Seite Frankreichs, und alle Herzen auf dem Erdenrunde schlugen in glühender Sympathie für seine Sache, für das seit Jahren belogene, gereizte, aufs unverschämteste von dem Preußischen Übermut herausgeforderte, in seinen heiligsten Interessen verletzte Frankreich. Und dies hochherzige Frankreich eilte nun den glänzendsten Siegen entgegen; so sicher wie der Lenz frische Blätter, brachte der Krieg Frankreich frische Lorbeeren; das stand fest wie ein Gesetz der Weltordnung! Ich hielt das nicht mehr aus; es kam die Nachricht von dem großen Siege, welchen der Kaiser mit zwei Divisionen über drei Kompagnien in Saarbrücken erfochten. Die Menschen zeigten sich wie von der Tarantel gestochen, und ich beschloß, mich zu retten. Das Herz blutete mir bei dem Gedanken, gehen und Henrietten für ewig Lebewohl sagen zu müssen – aber ich konnte nicht anders – ich konnte nicht bleiben, ich hätte mich selbst verachten müssen, wenn ich nicht zurückgeeilt wäre, den vielen andern Deutschen in Rheims nach, welche längst ostwärts gezogen, um für die Verteidigung des Vaterlandes zur Waffe zu greifen. Eines Abends, während mehrere Herren um Herrn Mounier gedrängt in seinem Salon standen und auf ihre Weise Deutschland neu organisierten, sah ich Henriette allein in ihrem Fauteuil am Fenster sitzen; ich trat zu ihr und sagte mit zitternder Stimme: »Ich weiß nicht, ob diese Herren recht haben, wenn sie glauben, daß sie so mit ihren Diskussionen und mit Worten Deutschland unterwerfen und auf ihre Weise glücklich machen können... aber ich weiß, daß in dieser heillosen Zeit ein Deutscher jedes Band zerreißen muß, das ihn fern von seinem bedrohten Vaterlande hält, und daß er, wenn er gesunde Glieder hat, im Heere sein muß! Ich gehe, Fräulein Henriette – schon morgen; wir werden uns nie wieder sehen. Aber ich weiß, wir scheiden nicht als Feinde. Sie werden mir ein Andenken bewahren, das ... das ...« Ich stockte, ich fühlte Tränen in meinen Augen, Tränen des Zornes und des Schmerzes, und durfte nicht weiter reden, um nicht in Schluchzen auszubrechen. Sie war totenbleich. »Sie wollen gehen und ... und Soldat werden?« fragte sie kaum hörbar. »Ich bin Soldat – jeder von uns ist Soldat, wenn der König ruft!« »Nun, wenn Sie gehen,« antwortete sie mit einem erzwungenen Lächeln, »dann werden Sie daheim bald ebensoviel Böses über uns anhören, wie wir es hier von den Deutschen hören, und sich Glück wünschen, daß Sie sich von uns frei gemacht ...« »Ich werde mir Glück wünschen, wenn ich mich frei gemacht? Glauben Sie denn, daß ich mich werde frei machen können? Frei von dem Bilde, das ich von Ihnen mitnehme, Henriette? Und von der Erinnerung an das Glück, in welchem ich hier lebte, solange ich täglich Sie sehen, sprechen, als Freund mit Ihnen verkehren konnte? Nein, mein Herz wird in Rheims zurückbleiben – im Lande der Feinde!« Ihre Lippe bebte – sie biß darauf, und es schien, als ob sie durch diesen Schmerz, den sie sich zufügte, ihre Tränen verhindern wollte hervorzuquellen. »So ... so bleiben Sie da – da, wo Ihr Herz bleibt!« sagte sie endlich, mich groß ansehend: »es gibt,« versuchte sie lächelnd und unbefangen hinzuzusetzen, »der Soldaten in Deutschland genug!« »O mein Gott!« rief ich aus, »wollen Sie mich denn ganz zur Verzweiflung bringen? Ich kann und ich darf es nicht; um alles Glück der Erde nicht. Ich habe in den letzten Tagen unter dem Druck der Fessel, die mich hier hielt, mehr geduldet, als ich sagen kann – ich kann nicht mehr, ich muß sie sprengen, ich muß fort!« »Und wenn ich nun die Hand ausstreckte, um Sie zu halten?« fragte sie, den niedergeschlagenen Blick langsam zu mir erhebend. Ich konnte nicht antworten; ich sah sie an und fühlte, wie meine Tränen hervordrangen; auch in ihre Augen traten Tränen; so sahen wir uns an, ein paar unglückselige, in grausamen Liebeskummer versunkene Seelen! »Ehe ich gehe,« stammelte ich halblaut nach einer Pause, »ehe ich auf immer von Ihnen gehe, muß ich Ihnen ein Geständnis machen. Ich habe Sie belogen.« »Mich belogen? Und wie denn?« »Ich habe Sie längst geliebt, Henriette, nur Sie auf Erden, niemanden sonst, niemanden vorher, niemanden werde ich lieben. Aber weil ich hörte, Sie hätten die dumme Idee, jedermann, der um Sie werbe, begehre Sie Ihres Geldes wegen, habe ich Ihnen vorgelogen, ich liebte Sie nicht, und Sie gebeten, auf das kleine Komplott einzugehen, das meinen Onkel täuschen sollte! Es geschah nur, weil ich ein Mittel suchte, ungezwungener und häufiger mit Ihnen verkehren und Ihnen zeigen zu können, wie grundehrlich ich es meinte. Darum log ich. Können Sie es mir verzeihen?« Sie schlug überrascht die Augen auf; dann sagte sie: »Haben Sie mich immer geliebt – immer mehr als Eugenie?« »Immer!« »Es macht mich glücklich,« antwortete sie, »daß Sie es sagen. Ich habe Sie auch geliebt ...« »Immer?« »Ich weiß nicht,« sagte sie stockend ... »ich glaube seit dem Tage, wo Sie so offen gegen mich waren! Es verletzte mich so .., hätte es das wohl, wenn ich Sie nicht geliebt hätte?« Ich wäre gern auf ihre Hände gestürzt, um sie mit Küssen zu bedecken – aber ich mußte mich zurückhalten, wir waren nicht allein in dem Raume. »Können Sie nach dem Kriege nicht zurückkehren?« fragte sie nach einer Weile, und dann: »Mein Vater ist gut, er liebt mich ...« »Nach dem Kriege? Es wird unmöglich sein; nach dem Kriege wird man in Frankreich alles, was deutsch heißt, unauslöschlich hassen, weil Deutschland siegen wird. Das wird uns auf viele, viele Jahre hinaus schärfer trennen, wie je Christ und Türke, Papist und Ketzer getrennt waren!« »Wir sind sehr unglücklich!« flüsterte, krampfhaft ihr Tuch in der Hand ballend, Henriette. »Mehr als es zu sagen ist!« antwortete ich. Und so saßen wir uns gegenüber wie ein Paar in Jammer versenkte Kinder, und kamen über die Konstatierung dieser tragischen Tatsache, daß wir sehr, sehr unglücklich seien, nicht hinaus. Henriette mußte nach einer Weile sich losreißen, weil ihr Vater sie anrief, um ihr einen kleinen Auftrag zu geben; er war, schien es, in seine politischen und militärischen Auseinandersetzungen zu sehr vertieft, um wahrzunehmen, in welcher Gemütsverfassung sich seine Tochter befand; ich nahm den nächsten Augenblick wahr, wo ich mich unbemerkt davonschleichen konnte. Als ich heimkam, fand ich einen Brief meines Vaters vor; er rief mich zurück, indem er mir meldete, daß ihm meine Einberufungs-Order für mich übergeben sei; ich hatte mich innerhalb vierzehn Tagen beim Depot-Bataillon in meiner Vaterstadt zu stellen. Es war desto besser! Das Muß war in meiner Lage ein Trost, ein großer Trost! Ich brachte trotzdem eine schlaflose Nacht zu, in einer Stimmung von unendlicher Bitterkeit und tiefer Verzweiflung. Ich trug mein redlich Teil an dem inneren und äußeren Elend, das der Krieg über die arme, törichte, hirnverbrannte Menschheit bringt. Der Krieg! Welch grauenhafter Wahnsinn liegt in dem Worte! Und nun gar ein Krieg wie dieser, den das »hochherzige, für die Ideen lebende, die Kultur der Welt von sich ausstrahlende« Frankreich wider uns vom Zaune bricht, weil – es eifersüchtig auf Sadowa ist; weil die Welt sich einbilden könnte, Preußen sei ebenso waffenstark wie es selber; weil es das Bedürfnis hat, seinem ruhigen Nachbar Nackenschläge zu geben und sich mit ein wenig neuer Gloire zu brüsten! Und darum all dies Elend! diese unermeßliche Summe von Schmerz; dies Meer von Jammer, dies unermeßlich grauenhafte Morden; diese Heere von Erschlagenen, diese Hügel von Leichen, diese Million von Menschen, deren Schicksal nun für immer das Elend ist, das blutrote Elend! Es war mir in dieser entsetzlichen Nacht und meiner fieberhaften Erregung, als sehe ich einen bösen Engel der Vernichtung gegen das Menschengeschlecht losgelassen und nun mit einem unermeßlichen, von Blut triefenden Leichentuch nahen, um es erstickend über alles Menschenglück zu legen. In der Frühe des Morgens, kurze Zeit nachdem ich mich erhoben hatte, erhielt ich ein Billett von Henriette, das mir ihr Mädchen überbrachte. Es enthielt die wenigen Worte: »O, bleiben Sie, bleiben Sie noch – lassen Sie mich erst mit meinem Vater reden.« Die kurzen Zeilen waren nicht danach angetan, mir viel Trost zu bringen. Herr Mounier war in seiner patriotischen Erregung wahrhaftig nicht der Mann, der jetzt seine Tochter einem Deutschen gegeben hätte; und hätte er auch anders gedacht wie seine Landsleute, er hätte es gar nicht können, nicht dürfen, er wäre von diesen letzteren in Acht und Bann getan und er wäre gesteinigt worden – alle die, welche Hoffnungen auf Henriettens Hand gesetzt und mich bevorzugt gesehen, hätten schon dafür gesorgt und die Lage der Dinge auszubeuten gewußt, um sich nachdrücklich zu rächen! Ich warf mich in meine Kleider, schnürte mein Bündel, nahm den Brief meines Vaters, und ging zu meinem Onkel, um Abschied von ihm zu nehmen. Ich traf ihn nicht in seiner Wohnung, im Hause des Herrn Mounier; sein Diener sagte, daß er bei dem Chef in dessen Kontor sei. So setzte ich mich in eine Ecke, um seine Zurückkunft abzuwarten. Nach etwa einer Viertelstunde kam er; er sah ein wenig echauffiert aus, er war offenbar ein wenig aus dem Geleise gekommen, der sonst so eiskalt die Welt überschauende und auf sie hinabblickende Oheim Peter; der Humor war ihm ausgegangen, die Ironie war verflogen, er war ganz einfach bestürzt. »Welche Geschichten!« sagte er. »Der Teufel ist all diesen Franzosen in den Leib gefahren. Dieser Mounier bricht mir sein Wort ... mir ... sein Wort ... er wirft mich zur Türe hinaus ... vollständig zur Türe hinaus ... soll man darüber nicht den Verstand verlieren?« »Schütteln wir den Staub von unseren Füßen, Oheim,« sagte ich, »greifen wir zum Wanderstabe und verlassen wir ein Land, wo ein verruchter Mensch nur ein Wort, das Wort ›Krieg‹ auszusprechen braucht, um sofort ein ganzes Volk hirnwütig werden zu sehen ...« »Das Land verlassen ... weichen ... unser Recht aufgeben?« rief mein Oheim empört aus; ... »wahrhaftig, du kennst mich schlecht, mein Junge, wenn du glaubst, ich dächte daran!« »Ich gehe, Oheim Peter.« »Du ... du gehst?« »So ist es. Ich bin einberufen. Mein Vater schreibt es mir und läßt dich grüßen. Da ist der Brief.« Ich hielt ihm den Brief hin, er nahm ihn und schleuderte ihn, ohne einen Blick hineinzuwerfen, auf den Tisch. »Ich würde auch ohne diesen Brief gegangen sein – nicht später als heute!« Der Oheim sah mich eine Weile an; dann sagte er: »So so, jetzt begreife ich; daher die ganze dumme Katastrophe! Du hast Henrietten gesagt, du reisest ab?« »Gewiß. Ich habe es ihr am gestrigen Abende gesagt!« »Törichter Mensch! Und sie, das kluge Huhn, hat darauf gerade jetzt den passenden Moment ergriffen, mit diesem aus Rand und Band geratenen Papa Müller zu reden, und Papa Müller hat sie zu allen Teufeln geschickt.« »Daß es fruchtlos sein würde, das konnte ich denken,« sagte ich; »ich hatte nicht die geringste Hoffnung darauf gesetzt; ich wußte, daß uns keine Hoffnung bleibe; aber ich konnte sie nicht abhalten, es war zu spät!« »Du nimmst die Folgen der Dummheit, die ihr gemacht habt, sehr milde und nachsichtig auf, Neffe Theodor,« rief der Oheim aus ... »sehr vergebungsvoll! Aber mich soll der Teufel holen, wenn ich's tue! Dieser Müller ... er soll mich kennen lernen. Fällt der Mensch vorhin, als ich zu ihm komme, wie in Berserkerwut über mich her – du hast seine Tochter beschwindelt und verführt; von einer Verbindung zwischen euch kann keine Rede mehr sein; eher fließe die Marne aufwärts statt abwärts, und wenn er mir zehnmal sein Wort gegeben ...« »Hatte er das, dir sein Wort gegeben?« »Gewiß; wenn Henriette dich wolle; wir hatten alles verabredet, die Aussteuer, deinen Anteil am Geschäft deines Vaters ...« »Ah,« sagte ich überrascht ... »Du hast also hinter meinem Rücken sehr stark die Vorsehung für mich gespielt!« »Nun ja – wundere dich nicht darüber – das ist nun einmal Landessitte hier ... und darum bin ich ja just so außer mir ... Der Mensch erklärte mir nun ins Gesicht, mit dürren Worten ins Gesicht, er breche sein Wort, es könne nie die Rede davon sein, daß er sein Kind einem Deutschen gebe, und ich solle mich zum Teufel scheren ... das mir, mir das! Mir sein Wort brechen!« Der Oheim Peter knirschte förmlich vor Zorn. Doch schien die Tatsache, daß man ihm ein Wort gebrochen, dabei von unendlich schwererem Gewicht für ihn, als daß darüber mein und Henriettens Herz brachen! Ich stand auf und sagte: »Und unter diesen Umständen willst du hier bleiben? Was mich betrifft, ich gehe, gehe mit dem nächsten Zuge!« »Dummes Zeug!« fiel er ein. »Du gehst nicht. Ich werde diesem Müller zeigen, mit wem er zu tun hat. Er muß lernen, daß sich ein Deutscher von einem Welschen nicht übertölpeln läßt. Gehen, den Kampfplatz räumen? Das fehlte mir!« »Den Kampfplatz? Kann man denn um so etwas kämpfen? Du wirst einsehen, Onkel, daß es wider meine Ehre wäre ...« »Deine Ehre? Larifari! Es handelt sich darum, ob dieser Müller mir soll sein Wort brechen dürfen, und ihm zu zeigen, daß er es nicht soll; daran setz' ich meine Ehre.« Ich zuckte die Achseln. »Denke darüber wie du willst,« sagte ich. »So viel ist gewiß, ich habe nicht Lust, auf das Ergebnis dieses deines Ehrenhandels mit Herrn Müller zu warten und hier müßig zu sitzen, während mich die Pflicht heimwärts ruft!« Oheim Peter, der bisher entweder gestanden hatte oder zornig umhergerannt war, setzte sich, und sagte mit seinem alten Ton von Ironie: »Dafür, für dein Gehen hat der Präfekt gesorgt. Es ist den Deutschen verboten, zu gehen.« »Verboten ...?« »Es ist, siehst du, zu spät, mein Junge!« »Aber wie kann man mir verbieten? ...« »Einerlei; es wird niemand, der heimreisen will, durchgelassen. Man will wohl den deutschen Heeren keine Wehrkräfte zufließen lassen – was weiß ich? Kurz, du kannst nicht fort.« »Aber ich habe nichts von einem solchen Verbot gehört, gesehen.« »Da lies!« sagte er, auf eine französische Zeitung, die auf seinem Tische lag, deutend. »Das Verbot ist allgemein. Geh und versuche, einen Paß zu bekommen.« Ich war über diese Nachricht tief erschrocken. »Mein Gott, was dann beginnen?« rief ich aus. »Nichts!« versetzte der Oheim Peter, sein breites Kinn auf die Hand stützend. »Nichts, ruhig hier bleiben und abwarten, was dein Oheim beschließt!« Ich fand es besser, nicht weiter zu widersprechen. Ich nahm mir vor, alles aufzubieten, um einen Paß, oder besser eine Erlaubnis zu reisen zu bekommen, denn einen Paß hatte ich ja von daheim – er war vollständig in Ordnung. Zunächst begab ich mich in meine Wohnung zurück und überließ meinen Oheim seinen Gedanken. Ich wollte zunächst andere in Rheims wohnende Deutsche, die ich oberflächlich kannte, aufsuchen und mich bei ihnen erkundigen, welche Entschlüsse sie gefaßt und was zu tun sein könne. Meine Schritte waren sehr vergeblich, und ganz entmutigt kehrte ich um Mittag heim. Ich hatte überall dasselbe Klagen über eine ganz merkwürdige Tücke und Gehässigkeit der französischen Behörden vernommen; man war schon so weit gegangen, ein Paar Deutsche, die man für spionierende preußische Offiziere in Zivil hielt, zu verhaften; ein Volkshaufe hatte sie mit wütendem Geschrei verfolgt; sie hatten ihre Unschuld klar dargetan, aber man hatte sie in Verhaft gehalten unter dem Vorgeben, sie gegen den Pöbel zu schützen! Ich überlegte, ob ich nicht unter irgend einer Verkleidung oder durch die Bestechung irgend eines Eisenbahnbeamten entkommen könne, als mein Onkel Peter bei mir eintrat. Ich sah seinen Augen an, daß irgend eine Wendung der Dinge eingetreten sein mußte, die ihm seine ganze Selbstzufriedenheit zurückgegeben! Um seine Mundwinkel zuckte wieder das ganze alte Vergnügen an seiner sarkastischen Weisheit, das den Onkel Peter nun seit so vielen Jahren schon in Heiterkeit die Trübsal seines Zölibatärlebens tragen ließ. »Mein Junge,« sagte er, »ich habe mir die Sache überlegt und gefunden, daß du recht hast. Du mußt gehen, es ist das beste.« »Es freut mich, daß Sie mir darin beistimmen, Onkel. Ist es bloß Ergebnis Ihres Nachdenkens über die Lage der Dinge, oder ist etwas geschehen, das Ihnen diese andere Ansicht beigebracht hat?« »Geschehen? Was sollte geschehen sein? Es ist nichts geschehen. Nichts weiter, als daß Herr Müller in einen abermaligen recht hitzigen Disput mit Fräulein Henriette gekommen ist, und nun in seiner Wut, um euch gründlich zu trennen, Henriette fortsendet.« »Fortsendet? Wohin?« »Zu seiner Schwester nach Genf. Sie wird noch diesen Abend reisen. Sie wird, da die Eisenbahn zwischen hier und Chalons von Militärzügen in Anspruch genommen ist, mit Extrapost reisen. Ihr Kammermädchen begleitet sie und Herrn Müllers Lakai.« Diese Nachricht erregte mich mehr freudig als beängstigend. In Genf, in der Schweiz schien Henriette mir näher, nicht so ganz verloren und geraubt, wie wenn sie in Frankreich zurückbliebe. Wenn der Kriegssturm sich bis in diese Gegend Frankreichs ziehen sollte, war sie ja dort auch geborgener – gewiß, ich konnte nichts dagegen haben! »Und da ich dich,« fuhr der Oheim Peter fort, »also hier nicht mehr gebrauche, so magst auch du noch heute reisen.« Du nanntest das ja noch heute morgen unmöglich, Oheim?« »Freilich, weil ich damals wollte, daß du es dafür haltest. Was ist unmöglich? Diesen französischen Behörden eine Nase zu drehen? Ah bah! Ich habe die vortrefflichste Gelegenheit für dich. Einer unserer Kunden in Nanzig läßt seine junge Frau, die hier zum Besuche bei Verwandten war, mit einem Diener nach Nanzig zurückkommen; wahrscheinlich auch mit der Post, die Bahnen sind ja überall impraktikabel. Du wirst dann im Wagen schon einen Platz finden – vielleicht als Diener verkleidet ... wir werden sehen ... ich habe es noch näher zu besprechen; der Mann hat mir geschrieben, mich seiner Frau anzunehmen – eh bien , ich werde mich ihrer annehmen, vorausgesetzt, daß sie sich deiner annimmt – und du wirst heute abend bereit sein – wirst du?« »Gewiß, Oheim!« »Man wird kommen, dich abzuholen – etwa um sieben, acht, was weiß ich!« »Wie heißt die junge Frau, die ich...« »Ach, frag sie selber!« sagte mein Oheim, »du kannst denken, daß ich zu tun habe heute!« Damit nahm er seinen Hut und ging rasch davon. Ich mußte mich in diese brüske Weise, wie der Oheim über mich disponierte, schon finden und konnte weiter nichts tun, als noch einmal meine Reisevorbereitungen machen, und mich für den Rest des Tages meinen melancholischen Gedanken hingeben. Ich versuchte, Henrietten zu schreiben, und in einem letzten Abschiede ihr alle meine Verzweiflung zu schildern ... aber meine Tränen fielen auf das Blatt; ich konnte nichts zustande bringen, was auch nur im entferntesten das ausdrückte, was ich hätte aufs Papier strömen mögen; und mich mit dem Umschreiben und Verbessern abzuquälen, dazu war ich noch weniger imstande! Um fünf erhielt ich vom Onkel Peter ein Paket zugesendet; dazu ein Billett, des kurzen Inhalts: »Ich sende dir eine Bedientenlivree. Zieh sie an. Von deinen Sachen nimm nur, was ein Handkoffer aufnehmen kann. Sobald es sieben schlägt, sei damit unten im Hausgange und warte. Der Wagen der Dame, von der ich dir sprach, wird vorfahren. Du nimmst den Bedientensitz hinter demselben ein. Sei glücklich und reise mit Gott! Dein Onkel Peter.« Die Livree war einfach und so ziemlich passend; ein weißer Mantel mit Kragen, der dazu gehörte, schützte vor der Nachtkälte; es war darin jedenfalls auf dem Bedientensitze auch in der Nacht auszuhalten. Aber seltsam, weshalb kam Onkel Peter nicht selber, um mir Lebewohl zu sagen? Er konnte doch denken, daß ich zu ihm in Herrn Mouniers Haus nicht gehen werde. War er so in Anspruch genommen durch seine junge Dame aus Nanzig, und hatte keinen Augenblick mehr für seinen Neffen übrig? Ich konnte mich also noch einmal mit meinem Gepäck beschäftigen, und das Unentbehrlichste in einen Handkoffer bringen. Das übrige mußte Onkel Peter dann schon in seine Obhut nehmen. Als es sieben Uhr vom Turm der alten Krönungskathedrale schlug, stand ich in meiner Verkleidung unten im Flur des Hauses, in dessen zweitem Stock ich wohnte. Mit Herzklopfen wartete ich und folgte dem Rasseln der heranrollenden und vorüberrollenden Wagen. Meine Spannung wuchs mit den schwindenden Minuten. Endlich machte mich das plötzliche Halten eines dieser Wagen zusammenfahren. Ich riß die Haustüre auf. Ein verschlossener Reisewagen hielt vor der Treppe, mit zwei Extrapostpferden bespannt; von dem Bedientensitz stieg ein Mann in einem Mantel wie der meinige. »Steigen Sie rasch auf, Herr Bartholdi,« sagte er, nach meinem Handkoffer greifend, um ihn unter dem Sitze unterzubringen, »nur rasch!« »Wie, du bist es, Baptiste?« fragte ich, verwundert einen der Bedienten des Herrn Mounier erkennend – ich begriff nicht, wie er der Begleiter der fremden Dame aus Nanzig sein könne. »Nun freilich!« versetzte er, »hier haben Sie die Reisetasche mit dem Gelde – nur hinauf, nur hinauf!« fügte er, mir eine schwere lederne Kuriertasche in die Hand schiebend und mich zugleich auf den Sitz befördernd, hinzu. » Allez Postillon !« rief er dann aus – die Pferde zogen an, und der Wagen rollte davon. »Wie, du bleibst zurück, Baptiste?« wollte ich sagen – aber das Rasseln übertönte meine Stimme und Baptiste entschwand meinen Augen. Es war ja auch natürlich, daß Baptiste zurückblieb. Ihn ging ja die Reise nichts an – der kluge Onkel Peter hatte ihn wohl nur abgeschickt, um den Wagen von der Wohnung der Dame bis zu der meinigen nicht ohne Bedienten zu lassen ... freilich, ich sah im Grunde nicht ein, weshalb er mich nicht lieber zu der Wohnung der Dame beschieden hatte, um da einzusteigen ... vielleicht war sie sehr weit und er hatte mir den Weg ersparen wollen; und was kümmerte es mich auch, da ich mich in meinem weißen Mantel und auf meinem Bedientensitz, der gar bequem und mit einem kleinen Verdeck versehen war, so wohl untergebracht sah und nicht die geringste Sorge, aufgehalten zu werden, empfand! Der Wagen rollte fort, durch die Straßen von Rheims, durch die Vorstädte, in die offene Landschaft hinein... aber seltsam, sofern ich recht orientiert war, hatte der Postillon nicht die Richtung eingeschlagen, welche ich mir vorstellte, daß der Wagen nehmen müsse, um nach Nanzig zu kommen; unsere Chaussee wandte sich mehr südwärts. Aber es beunruhigte mich nicht, vielleicht war die Chaussee über Chalons nach dem Osten ebenso wie die Eisenbahn von Militärtransporten und Heerzügen eingenommen, und wir waren gezwungen, einen Umweg zu machen. Der Abend dämmerte allmählich herauf; es war volle Dämmerung, als wir vor der ersten Poststation hielten, wo die Pferde gewechselt wurden. Ich stieg von meinem Hochsitze, um den Postillon abzulohnen und im Bureau für die frischen Pferde zu zahlen. Während der Postbeamte den Betrag berechnete und eintrug, ging ich, mich der Dame im Innern des Wagens vorzustellen, ihr zu danken und mich nach etwaigen Wünschen zu erkundigen. Der Wagen war verschlossen; da ich aber nicht zögern durfte, meiner Reisegefährtin für ihre außerordentliche Güte zu danken, so klopfte ich an das aufgezogene Fenster. Es wurde herabgelassen. Ich sah im Innern zwei weibliche Gestalten sitzen. Die eine stieß einen leisen Schrei aus, als ich mein Gesicht über den Schlag beugte – während die andere beide Hände erhob und zusammenfuhr, wie bei einem plötzlichen Schrecken. Der Schrei – dies: » Mon Dieu! Vous? C'est-vous? « traf auch mich wie ein elektrischer Schlag. Es war die Stimme Henriettens, die das ausrief – und so konnte ich nur im Echo antworten: C'est-vous? Henriette?! »Wer anders!« sagte sie, »aber um aller Heiligen willen – Sie – wie kommen Sie in diesem Kostüme ...?« » C'est pour n'y pas croire ,« rief das Henriette begleitende Mädchen, ihre Kammerjungfer, dazwischen, indem sie die Hände zusammenschlug. »Mein Gott,« sagte ich, tief Atem schöpfend, »ich bin eben auf der Flucht – man will die Deutschen nicht aus Rheims lassen – auf meines Oheims Rat habe ich diese Verkleidung gewählt – im Wagen einer Dame aus Nanzig, der mich abholen würde, solle ich entkommen – eben will ich dieser fremden Dame danken – und ich sehe Sie – Sie, Henriette!« Henriette war so überrascht, daß sie gar nicht antworten konnte – sie zitterte am ganzen Körper. »Aber Baptiste,« fiel das Kammermädchen ein, »stieg ja mit uns ein – hat er Ihnen denn nichts gesagt ... wo ist er?« »Er hat mir nichts gesagt, er hat mich nur rasch statt seiner aufsteigen lassen – er selbst ist zurückgeblieben.« Der Postbeamte kam, mir sein Papier zu überreichen – ich zahlte, mit zitternder Hand in meine Reisetasche voll Fünf- oder Zwanzigfrankenstücke greifend. Henriette gewann währenddessen ihre Fassung wieder. »Und uns sagte Baptiste nur, er werde halten und einen Freund mit aufsteigen lassen, der bis zur nächsten Station mitzufahren wünsche! – Es ist das Wunderbarste, was ich je erlebt habe!« sagte sie. »Und für mich gewiß nicht minder,« rief ich aus. »Aber auch das Glücklichste! Und Sie, Henriette, Sie zürnen mir nicht, daß ich nicht Baptiste bin? Sie weigern sich nicht, mich weiter so unter Ihre Flügel zu nehmen und über die Grenze zu bringen?« »Nein, nein,« flüsterte sie kaum hörbar; »steigen Sie ein!« »Noch will ich es nicht – es könnte hier auffallen ...« »Sie sollen die Nacht nicht draußen zubringen!« »Lassen Sie uns erst diesen Ort verlassen haben – dann machen Sie mich glücklich durch diese Erlaubnis! Aber was soll ich dem Postillion sagen – wohin geht unsere Reise?« »Nun, nach Genf, zu meiner Tante.« »Bis Troyes mit der Post,« fiel das Kammermädchen ein; »dort, meinte Herr Mounier, werden die Eisenbahnen wieder zu benützen sein.« »Wohl denn, also auf Troyes zu,« sagte ich dem Postillion, der die frischen Pferde einspannte, und eilte, meinen Hochsitz wieder einzunehmen. Ich brauche meine Erregung nicht zu schildern. Mir war, als führe ich nicht nach Troyes, nicht nach Genf, sondern direkt in die offenen Himmelstore hinein. Als ich nach einer Viertelstunde im Wagen an Henriettens Seite saß, gelang es uns bald genug, über die List in Klarheit zu kommen, die Oheim Peter angewandt hatte, um uns in diese glückliche Situation zu bringen. Er hatte ganz einfach Baptiste bestochen – Baptiste hatte sicherlich sehr wenig Arg dabei gehabt, als er sich so bestechen ließ – sich beiseite zu drücken, um an seiner Statt einen armen jungen Deutschen fahren zu lassen, der sich auf diese Art aus dem Lande retten wollte – es war gewiß kein großes Verbrechen! Von meinen Beziehungen zu Henriette ahnte Baptiste ja nichts, und wohl ebensowenig davon, daß ich mit einer fremden Dame aus Nanzig davonzugehen glaubte. Aber weshalb hatte mir der Oheim nicht klaren Wein darüber eingeschenkt, mit wem ich die Reise machen solle? Hatte er mir bloß eine Überraschung zugedacht? Schwerlich! Es war eher anzunehmen, daß er befürchtet, bei mir auf Gewissensskrupel zu stoßen, daß ich mich weigern werde, so gleichsam mit Herrn Mouniers Töchterlein hinter des Vaters Rücken auf und davonzugehen! Hatte dies den Onkel Peter bewogen, so heimlich zu sein, so hatte er freilich insofern recht gehabt, als ich nicht ohne Henriettens Einwilligung gegangen sein würde ... und ob diese erteilt worden wäre ... wer kann das wissen? Jedenfalls waren wir sehr glücklich, daß die Sachen sich so gefügt, wie sie es hatten. Wir schwelgten in dem Glücke, uns wieder gefunden zu haben, wir plauderten unaufhörlich, und wir benützten die Augenblicke, wo die Kammerjungfer Henriettens in einen kleinen Schlummer versank – vielleicht auch nur sich so stellte – um uns die süßesten Geständnisse zu machen. Henriette mußte wieder und wieder hören, wie herzbrechend schwer es mir geworden, ihr jene Erklärungen auf der Treppe zu machen, zu denen mir nur ein gewisser innerer Zorn die Kraft gegeben, die Empörung darüber, daß sie denken könne, auch ich sei imstande, mein Herz nach dem Schein des Goldes zu wenden, wie eine Sonnenblume nach der Sonne. Meine deutsche Ehrlichkeit, mein reines Gefühl für sie hätten darüber gar nicht fortkommen können, und so hätte ich ihr jene Dinge vorgeschwindelt, die mich nicht allein rächen, sondern mir auch den Weg zu ihrem Herzen von der Barrikade frei schaffen sollten, die ihn mir abschnitt: ihrem bösen Glauben an den Eigennutz aller Männer; und sie, Henriette, versicherte mich dann ein Mal über das andere, wie sehr, wenn ich mich hatte rächen wollen, mir dies gelungen – wie tief sie meine Geständnisse verletzt, – aber mit welchem Triumph sie sehr bald erkannt, daß ich sie ganz abscheulich belogen habe. Und während wir so durch die längst eingebrochene Nacht dahinrollten, das, was hinter uns lag, besprachen, unsere Hände gefaßt hielten, und in dem Dunkel der dämmernden Sommernacht unsere Züge zu erkennen suchten, hielt mich eine gewisse Verzagtheit ab, das zu besprechen, was vor uns lag. Ich fürchtete, daß, wenn ich die Rede darauf brächte, Henriette mir meine Hoffnungen zerstören, den Plan, den ich schon gemacht, mißbilligen könne – ich schwieg also lieber und gab mich rückhaltlos dem Glücksgefühl des Augenblickes hin. Wir erreichten Troyes in der Frühe des Morgens. Die Eisenbahn, die Truppen aus dem Süden brachte, war für Reisende, welche in entgegengesetzte Richtung zogen, zur Verfügung; so verließen wir den Wagen und vertrauten uns dem Dampfroß an, das uns nun den Jurabergen zuführte. In Genf waren wir am folgenden Morgen; wir mußten, da es viel zu früh war, um die Tante Mounier in ihrer Ruhe zu stören, in einem Hotel absteigen. Henriette schloß sich mit ihrer Zofe ein, den Reiseanzug zu wechseln, ihr Haar zu ordnen – ich ging, um mir statt meiner Livree einen Anzug zu kaufen, in welchem ich anständig vor der Tante erscheinen konnte. Gegen zehn Uhr standen wir dann Arm in Arm vor dem stillen großen Hause, zu dem uns ein Lohndiener geführt hatte. Als wir eingelassen waren, betraten wir einen düstern Flur – wurden eine Treppe hinaufgeführt, die mit dunklen Teppichen belegt war; dann in einen Salon, der ein braun gebohntes Eisenholzgetäfel und Ölgemälde in glänzenden, schwarzen Rahmen enthielt – das ganze Haus mit seiner lautlosen Stille, seinen verhängten Fenstern, seiner altfränkischen Einrichtung machte einen Eindruck von Strenge und Würde; es roch, möchte ich sagen, nach altgenferischem Puritanismus. Durch eine sich uns gegenüber öffnende Türe schritt leise die Tante herein. Sie war eine magere, hochgewachsene Dame, die Herrn Mounier auffallend ähnlich sah. Hätte man ihm die Spitzenhaube aufgesetzt, welche sie trug und die ihr etwas Nonnenhaftes gab, man hätte sie verwechseln können! Sie umarmte ihre Nichte und küßte sie auf die Stirne. »Ich bin durch ein Telegramm deines Vaters auf dein Kommen vorbereitet,« sagte sie; »aber,« fuhr sie, ihre Blicke auf mich wendend, fort, »dieser Herr da, wer ist er?« »Ihrer Nichte Bräutigam,« sagte ich keck, Henrietten die Antwort ersparend ... ich bin so glücklich, Henriettens Herz und auch schon die Einwilligung ihres Vaters gewonnen zu haben ...« »Ah – und Ihr Name?« Ich nannte meinen Namen; die Tante kannte ihn, sie kannte auch meinen Oheim; so reichte sie mir mit freundlichem Lächeln die Hand. »Sie sehen,« fuhr ich fort, »ich bin ein Deutscher, und das hat mich in Gefahr gebracht, mein ganzes Glück zu verlieren – der Krieg, der eben ausgebrochen, hat Herrn Mounier veranlaßt, sein meinem Onkel fest gegebenes Wort zu brechen: das hat mir nichts anderes übrig gelassen, als Henriette zu entführen; wir haben im Vertrauen auf Sie beschlossen, uns in Ihren Schutz zu flüchten!« Die Tante horchte hoch auf. »Sie haben sie entführt?« sagte sie mit einem finsteren Zusammenziehen der Stirnfalten. Henriette sah mich in ängstlicher Spannung an – sie wäre vielleicht mich berichtigend eingefallen – da ich es verhindern wollte, antwortete ich rasch: »So ist es, verehrtes Fräulein – ich hoffte die Gerechtigkeit bei Ihnen zu finden, daß mir nichts anderes übrig geblieben, zu tun. Unsere Herzen hatten sich gefunden, Herr Mounier hatte meinem Oheim sein Wort gegeben; nun kommt der Krieg und das Band soll zerrissen, das gegebene Wort ungültig sein, weil Henriette Französin ist und ich ein Deutscher bin. Ich bitte Sie, ist das ein Grund? Leben wir nicht in Einer Gemeinschaft des Glaubens, und dieser gleiche evangelische Glauben, diese Verbrüderung durch unsere Konfession, steht sie nicht über der zufälligen und vorübergehenden Trennung durch politische Ereignisse und politische Meinungen?« Demoiselle Mounier sah mich groß an – sie setzte sich in einen Armsessel am mittleren Fenster des Salons und winkte uns, auf zwei hoch- und steiflehnigen Stühlen, die ihm gegenüber standen, Platz zu nehmen. »Was sagst du dazu, Henriette?« fragte sie, sich an ihre Nichte wendend. »Ich denke darüber ganz wie Herr Bartholdi!« versetzte Henriette halblaut und verlegen in ihren Schoß niederblickend. Die Tante sah uns ernst, aber nicht unzufrieden an. »Nun, es freut mich,« sagte sie, »daß ihr keine moderne und frivole Menschen seid, die an religiöse Pflichten und Verhältnisse nicht mehr denken und nicht mehr glauben, und in ihren ernstesten Lebenslagen nicht mehr religiös empfinden. Ich bin eurer Ansicht, daß mein Bruder mehr Gewicht hätte legen müssen auf das, was die konfessionelle Verbrüderung ihm in dieser Sache eingeben mußte, und daß wir in der reinen Lehre Verbundenen unsere Zusagen und Versprechungen nicht gelöst betrachten dürfen, um der wilden Erhitzung dieser bedauernswerten Franzosen zu gehorchen, welche der Gott, von dem sie sich abgewandt haben und den sie nicht mehr kennen, strafen wird!« Ich frohlockte innerlich, während die Tante so sprach; ich sah, ich hatte die gestrenge alte Dame von der richtigen Seite zu fassen gewußt. – – Henriette hatte unterdes der Tante beide Hände ergriffen und zog eine nach der anderen an ihre Lippen. »Ach, liebe teure Tante, du wolltest also dem Vater vorstellen ...« »Das will ich, mein Kind, beruhige dich,« sagte sie. »Ich sollte strenger mit diesem jungen Herrn da sein, der so rasch zu dem leichtsinnigen Auskunftsmittel geschritten ist, mit dir durchzugehen ...« »Ach, Tante, wenn du wüßtest, wie ...« »Einerlei, mein Kind,« unterbrach die Tante sie, eine weitere Enthüllung, auf die einzugehen ihr nicht angemessen scheinen mochte, abschneidend, »es ist nun einmal geschehen ...« »Und wirst du dem Vater standhalten, Tante, wenn er grausam und eigensinnig und hartnäckig ...« »Still, still,« fiel die Tante ein; »du mußt als eine gute Tochter nicht voraussetzen, daß dein Vater etwas von dem allen sein könne! Aber wenn auch, er würde immer die Einsicht haben, daß geschehene Dinge nicht zu ändern sind. Ihr seid nun einmal hier. Ein Fräulein Mounier kann nicht von einem jungen Mann entführt, in die Schweiz gereist sein ... Das wird dein Vater, wie jeder andere Mensch, der weiß, welches die Stellung deiner Familie in Genf ist, einsehen. Ich glaube nicht, daß jemand auf Erden ist, der ihr nachsagen könnte, sie habe von den Zeiten Calvins an bis auf diese Tage bösen Jungen ein Recht gegeben, ihr etwas nachzusagen, was wider Sitte und Anstand ist, oder Ärgernis in der Gemeinde erregt. Also beruhige dich. Du brauchst nicht zu befürchten, daß dein Vater mir widerspreche, wenn ich ihm sage, daß du hier angekommen seiest, begleitet und beschützt auf deiner Flucht aus den Kriegsunruhen in deiner Heimat von jemand, der dich begleiten durfte, weil er in kurzer Frist dein Mann sein wird.« Demoiselle Mounier sprach diese Worte mit einer großen Würde, ja einer gewissen Feierlichkeit – und ich, ich sah, daß ich trotz aller Klugheit, womit ich meinen Vortrag bei dieser gestrengen Dame, diesem würdigen Familienorakel, eingerichtet, doch nicht so klug war, wie Onkel Peter – ich sah jetzt erst die ganze Bedeutung seiner Kriegslist ein, womit er mich in Henriettens Wagen nach Genf spediert hatte! Sie war vollständig gelungen, diese Kriegslist. Die Tante sorgte für unsere Unterbringung in den Gastzimmern ihres stillen Hauses und dann für unsere Erquickung. Wir saßen in dem dunklen Salon beim Frühstück, als wir unterbrochen wurden durch den Eintritt eines behäbigen, älteren Herrn, welcher kam, sich nach der Tante Befinden zu erkundigen. Es war der Doktor Glanier, wie sie ihn vorstellte, ihr Hausarzt und wie es schien, langjähriger Freund. »Doktor,« sagte die Tante, nachdem sie ihn gebeten bei uns Platz zu nehmen, »ich stelle Ihnen hier meine Nichte Henriette Mounier aus Rheims vor. Dieser junge Herr ist ihr Bräutigam. Er heißt Theodor Bartholdi aus S. in Deutschland, ein Neffe des langjährigen Prokuristen meines Bruders ...« »In der Tat,« dachte ich, während Doktor Glanier uns beglückwünschte, »diese Tante Mounier ist das bewunderungswürdigste Familienorakel, das mir je vorgekommen. Sie macht mit einer merkwürdigen Sicherheit faits accomplis , und scheint auch nicht die Möglichkeit vorauszusetzen, daß man sich dem nicht beugen könne. Ich möchte die Physiognomie des Herrn ›Müller‹, wie Onkel Peter sagte, sehen, wenn er dies alles erfährt!« – – Bis heute aber ist mir das Glück, meines künftigen Schwiegervaters Physiognomie wiederzusehen, nicht geworden. Ich bin, nachdem wir in Genf noch einige Besuche bei den Verwandten der Familie Mounier gemacht – es war der Tante Wunsch, daß wir uns ihnen sofort vorstellten – am zweiten Tage, nach einem schmerzlichen Abschiede von Henrietten, weiter und in meine Vaterstadt gereist. Dort wurde ich eingekleidet, als Reservist in mein früheres Regiment eingestellt, zum Unteroffizier befördert, und endlich, nach einigen Wochen greulichen Biwakierens vor dem jungfräulichen Metz, in dem Quartiere in dieser guten alten Stadt untergebracht, in dem ich jetzt, sehr behaglich vor Wetter und Wind geschützt, meine häufigen Mußestunden dazu anwende, Briefe an Henriette zu schreiben, von der ich erfahre, daß nach den deutschen Siegen und vielleicht nach einigen Niederlagen, die er in einer lebhaften Korrespondenz mit der Tante erlitten, Vater Mounier in sehr versöhnlicher Stimmung sei, und ich dreist wagen dürfe, mir, wenn wir bis nach Rheims kommen sollten, ein auf sein Haus lautendes Quartierbillett geben zu lassen. Doch hat Onkel Peter vorgezogen, sobald das Verbot der französischen Behörden, welches die Deutschen an der Abreise hinderte, aufgehoben war, sich auf und davon zu machen. Er hat Baptiste als seinen Bedienten mitgenommen; beide mochten vorziehen, die ersten Kriegsstürme vorüberbrausen zu lassen. Aber ich hoffe sicherlich, daß Onkel Peter zurückkehrt, und, wenn einmal überall der Frieden wiederhergestellt ist, nicht unterläßt, an unserem Hochzeitsfeste zu erscheinen und die ihm obliegende Pflicht zu erfüllen: den Toast auf seinen treuen, langjährigen Freund, den Brautvater, auszubringen.