Henryk Sienkiewicz Sintflut Historischer Roman Erster Band Erstes Buch. Einleitung. In Smudien lebte das Adelsgeschlecht der Billewicz', das in der ganzen Gegend von Rosien sehr geachtet wurde und mit dem höchsten Adel des Landes eng verwandt war. Im Staatsdienste hatten die Billewicz' nicht die ersten Stufen erklommen, aber auf dem Kriegsfelde leisteten sie dem Vaterlande große Dienste und erhielten dafür freigiebig viele Auszeichnungen. Ihr Stammsitz, der noch heutigen Tages unversehrt ist, hieß auch Billewicze, aber sie besaßen außerdem noch viele Güter; in der Gegend von Rosien, auf dem Wege nach Krakinowo, längs der Lauda, Szoja, Niewiaza, bis hinter Poniewiez erstreckten sich ihre Besitztümer. Die Billewicz' waren so reich und nahmen eine so angesehene Stellung ein, daß selbst die in Litauen und Smudien lebenden Radziwills mit ihnen rechnen mußten. Das Familienoberhaupt aller Billewicz' war Heraklus Billewicz, der zur Zeit Johann Kasimirs Oberst und Kammerherr von Upita war. Er wohnte nicht auf seinem Stammgute, das damals im Besitz von Tomasz Billewicz war. Heraklus gehörten die an der Lauda liegenden Domänen Wodokty, Lubicz und Mitruni. In der ganzen Umgegend des Flusses wimmelte es von kleinen Besitzungen des in der Geschichte Smudiens berühmt gewordenen Laudaer Adels. Alle Laudaer Adligen dienten im Banner des alten Heraklus je nach ihrem Vermögen mit ein oder zwei Pferden. Sie liebten alle das Kriegshandwerk und interessierten sich sehr wenig für die Verhandlungen des Landtages. Es genügte ihnen zu wissen, daß der König in Warschau, Pan Radziwill und Pan Hliebowicz, der Starost , in Smudien und Pan Billewicz in Wodokty lebten. Sie stimmten, wie Pan Billewicz es wünschte, da sie überzeugt waren, daß er ein gleiches wolle wie Pan Hliebowicz, der wiederum mit Pan Radziwill übereinstimmte, der in Litauen und Smudien Vertreter des Königs war; der König aber ist der Gatte der Republik, der Vater des Adelsstandes. An der ganzen Ostgrenze der Republik entbrannte im Jahre 1654 ein furchtbarer Krieg. Pan Billewicz zog seines hohen Alters wegen nicht mehr in den Kampf, aber alle Laudaer zogen ins Feld. Und da, als die Nachricht kam, daß Hetman Radziwill bei Szklow eine schreckliche Niederlage erlitten und das ganze Laudaer Banner beim Angriff der französischen Söldner fast völlig vernichtet worden war, gab der alte Oberst, vom Schlage gerührt, seinen Geist auf. Niedergeschlagen, abgemattet und ausgehungert kehrten die Reste der Laudaer in die Heimat zurück, geführt von einem jungen, aber schon berühmt gewordenen Krieger, Pan Michail Wolodyjowski, der an Stelle Pan Heraklus' die Leute von Lauda geführt hatte. Alle waren erbittert über den Hetman, der, blindlings dem Ruhme seines Namens trauend, sich mit ungenügenden Kräften auf den so zahlreichen Feind geworfen und dadurch das ganze Heer und das ganze Land ins Verderben gestürzt hatte. Gegen den jungen Oberst Michail Wolodyjowski aber erhob sich keine Stimme. Im Gegenteil, diejenigen von Lauda, die der Vernichtung entgangen waren, hoben ihn bis zum Himmel und erzählten wahre Wunder von seinen Heldentaten und seiner Kriegskunst. Mit Trauer, aber zugleich mit Stolz, hörten alle die, die erst bei Einberufung des Landsturmes sich stellen mußten, diese Erzählungen, und man war entschlossen, falls der Landsturm einberufen werden sollte, wie man allgemein erwartete, einstimmig Pan Wolodyjowski zum Rittmeister des Laudaer Heeres zu wählen. Man wußte, daß man keinen besseren Führer finden konnte. Ganz Lauda trug ihn auf Händen, man riß sich um die Ehre seines Besuches. Von Gut zu Gut mußte er wandern, bis er sich endlich bei Pakocz Gasztowt in Pacunele häuslich niederließ. Nachdem Heraklus Billewicz beigesetzt worden war, wurde sein Testament eröffnet. Der alte Oberst hatte seine Enkelin Panna Alexandra Billewicz zur Universalerbin all seiner Güter, ausgenommen des Gutes Lubicz, ernannt, und sie selbst bis zu ihrer Verheiratung der Vormundschaft des gesamten Laudaer Landadels unterstellt. »... Alle, die mich liebten, – so lautete sein Testament, – und die Gutes mit Gutem vergelten wollen, möchte ich bitten, ebenso der Waise gegenüber zu handeln und sie in meinem Namen vor jeglichem Unglück zu behüten. Da in dieser gegenwärtigen Zeit sich niemand vor menschlicher Gewalt sicher fühlen kann, so sollen alle danach trachten, daß meine Erbin ungehindert die Nutznießung aller der ihr vermachten Güter behält. Ausgenommen ist das Landgut Lubicz, das ich Pan Kmicic, dem jungen Bannerherrn von Orsza, vermache. Damit sich aber niemand über mein Wohlwollen dem Pan Andreas Kmicic gegenüber wundere, so wisse jeder, daß ich seit langen Jahren bis zum Tode die brüderliche Liebe des alten Kmicic genossen habe. Seite an Seite focht er mit mir und rettete mir mehrmals das Leben. Vor vier Jahren ging ich, Heraklus Billewicz, Kammerherr von Upita, der jetzt vor dem schrecklichen Richterstuhle Gottes steht, zum alten Pan Kmicic, um ihm meine Dankbarkeit und herzliche Zuneigung zu bezeugen. Wir beide kamen dort überein, den alten christlichen und Adelstraditionen folgend, daß unsere Kinder, sein Sohn Andreas und meine Enkelin Alexandra, sich ehelichen sollten. Dies wünsche ich von Herzen und erwarte, daß sich meine Enkelin Alexandra meinem hier kundgetanen Willen unterwerfen werde. Es sei denn, was Gott verhüten möge, daß der Fahnenträger von Orsza seinen Ruf durch schändliche Taten beflecke und für ehrlos erklärt worden sei. Falls er aber seiner Güter verlustig ginge und auch auf Lubicz verzichtete, so muß ihn trotzdem meine Enkelin heiraten. – Einzig und allein, wenn meine Enkelin durch besondere Gnade Gottes und zu seinem Ruhme ihre Jungfräulichkeit bewahren und Nonne werden will, so soll man ihr keine Hindernisse in den Weg legen; denn Gottesdienst steht vor Menschendienst.« So hatte Pan Heraklus Billewicz über sein Hab und Gut und seine Enkelin verfügt, und niemand wunderte sich darüber. Panna Alexandra wußte schon lange, was ihrer harrte, und auch der Landadel kannte die Freundschaft zwischen Billewicz und Kmicic. Endlich waren auch die Gemüter in dieser Zeit durch ernstere Dinge beschäftigt, so daß man bald aufhörte, vom Testamente zu reden. Inzwischen hatte sich der Krieg weiter und weiter über das Land verbreitet. Nach Radziwills furchtbarer Niederlage konnte keiner mehr rechten Widerstand leisten. Feld-Hetman Gosiewski hatte nicht ausreichende Kräfte zur Verfügung, die Kron-Hetmans kämpften mit den Resten ihrer Heere in der Ukraina, und die Republik, erschöpft durch die Kosakenkämpfe, konnte ihnen keine Hilfstruppen schicken. Der Feind überflutete das ganze Land; nur hier und da leisteten einige Festungen Widerstand, aber schließlich fielen auch diese und unter ihnen Smolensk. Im Smolenskaer Bezirk lagen die Güter der Kmicic', die man für rettungslos verloren hielt. Die Kmicic' genossen in der ganzen Umgegend von Orsza großes Ansehen. Sie besaßen ein bedeutendes Vermögen, waren aber durch den Krieg zugrunde gerichtet. Ihre Äcker, die in Wüsten verwandelt waren, standen öde und verlassen, denn Tausende hatte der Krieg in ihren Domänen dahingerafft. Von dem jungen Pan Andreas Kmicic liefen wunderbare Gerüchte um. Man wußte, daß er mit seinem Banner an der Spitze einer Freiwilligenschar aus Orsza tapfer bei Szklow gefochten hatte. Seit dieser Zeit aber war er verschwunden. Zweifellos war er noch am Leben; denn der Tod eines so edlen, kühnen Ritters konnte nicht unbemerkt bleiben. Aber in solchen Zeiten allgemeiner Verwirrung und Unruhe zerstreuen sich die Menschen wie Blätter, die vom Winde gejagt werden. – Niemand wußte, was aus dem jungen Bannerherrn von Orsza geworden war. Da der Feind noch nicht bis zur Smudier Starostei vorgedrungen war, konnte sich der Laudaer Landadel allmählich von der Szklower Vernichtungsschlacht wieder erholen. Die älteren Leute von Lauda versammelten sich unter dem Vorsitz der beiden Patriarchen des Kreises, Pan Pakosz Gasztowt und Kassian Butrym; die anderen, die sich durch das Vertrauen des verstorbenen Pan Billewicz sehr geschmeichelt fühlten, schwuren, sein Vermächtnis treu zu erfüllen, und nahmen Panna Alexandra unter ihren väterlichen Schutz. Man nannte sie in der ganzen Gegend nur »unsere Panna«. Und die jungen Mädchen des Kreises erwarteten die Wiederkunft des Pan Kmicic fast ungeduldiger als sie selbst. Unterdessen kam die erwartete Einberufung des Landsturmes. Der ganze Laudagau kam in Bewegung. Knaben, die kaum das Jünglingsalter erreicht hatten, und Männer, die das Alter noch nicht ganz zur Erde gebeugt hatte, sie alle zogen ins Feld. Man versammelte sich in Grodno, wohin Jan-Kasimir auch gekommen war. Die ersten vom Laudaer Adel, die kamen, waren die schweigsamen Butryms, nach ihnen alle die anderen und zuletzt die Gasztowts. Ihnen, so sagte man, wurde es schwer, sich von den durch ihre Schönheit weit bekannten Pacunellinen zu trennen. Aus den anderen Gebieten des Landes erschien die Schlachta nur spärlich, und so blieb das Vaterland ohne den rechten Schutz; aus dem frommen Laudagebiet allein war Mann für Mann in den Kampf gezogen. Nur Pan Wolodyjowski blieb daheim; er lag krank auf dem Gute Pan Gasztowts. Nun war es öde und leer im Laudagau. Still war es in Poniewiez und Upita. Nur Frauen und Greise versammelten sich an den Herden und warteten sehnsüchtig auf Nachrichten. Panna Alexandra schloß sich in Wodokty ein, und nur ihre Dienerschaft und ihre Laudaer Vormünder bekamen sie zu sehen. 1. Kapitel. Man war im Januar des Jahres 1655. Es war ein trockener, strenger Winter. Das heilige Smudien war in einen weißen, ellendicken Pelz eingehüllt. Die Wälder bogen sich und brachen fast unter der Last des Schnees, der an sonnenhellen Tagen die Augen blendete und des Nachts in Millionen verschiedener Farben glitzerte. Die wilden Tiere kamen bis dicht an die menschlichen Wohnungen, und die grauen Vögel klopften mit ihren Schnäbeln an die von Eisblumen bedeckten Fensterscheiben. Eines Abends saß Panna Alexandra mit ihren Dienstmägden in der Gesindestube. Bei denen von Billewicz' war es von alters her Sitte, wenn keine Gäste da waren, die Abende mit dem Gesinde gemeinsam zu verbringen. So tat auch Panna Alexandra; denn viele ihrer Mägde waren adlige arme Waisen, andere Bauernmädchen, die sich jedoch nur durch die Sprache von den ersteren unterschieden. Viele von ihnen sprachen überhaupt nicht polnisch. Panna Alexandra saß mit ihrer Verwandtin, Panna Kulwiec, in der Mitte des Zimmers; ringsherum an den Wänden auf Bänken die Mägde. Alle spannen. Große Kiefernscheite brannten im Kamin, deren Schein die dunklen Wände des sehr großen Raumes und die niedere Balkendecke beleuchteten. Überall hingen von den Balken Strähnen gekämmten Flachses herab. An den Wänden glitzerten gleich Sternen bleierne Gefäße in allen Größen, die auf schweren, eichenen Brettern standen. Panna Alexandra ließ schweigend den Rosenkranz durch ihre Hände gleiten, und die Spinnerinnen spannen, ohne ein Wort zu wechseln. – An der Tür saß ein zottiger Smudier und drehte mit vielem Geräusch eine Handmühle. Ab und zu, wenn die Mühle nicht in Ordnung war, hörte er laut schimpfend auf. Dann erhob Panna Alexandra, wie aus einem Traume kommend, den Kopf. Sie war ein hübsches Mädchen, mit edlen Gesichtszügen, mit dichtem, flachsblondem Haar und blauen Augen, die ernst unter den schwarzen Brauen hervorsahen. Das schwarze Trauerkleid gab ihr ein etwas düsteres Aussehen. Sie war ganz in Gedanken versunken und sann über ihre eigene, so unklare Zukunft. Das Testament des Großvaters bestimmte ihr, der Zwanzigjährigen, einen Menschen zum Manne, den sie seit mehr als zehn Jahren nicht gesehen hatte. Aus ihren Kindheitstagen hatte sie nur eine sehr unklare Erinnerung von einem halbwüchsigen Hitzkopf, der während des Aufenthalts mit seinem Vater in Wodokty sich mehr mit der Büchse in den Sümpfen herumtrieb, als im Hause war. »Wo kann er jetzt sein? und wie mag er aussehen?« dachte sie unaufhörlich. Aus den Erzählungen des Großvaters wußte sie, daß er ein sehr tapferer Ritter war, von sehr heißem Geblüt. Wäre nicht der Krieg gewesen, so hätte er sich schon längst der Braut vorgestellt. Vielleicht sehnte sie sich nach dem unbekannten Bräutigam. In ihrem reinen, von keiner Leidenschaft berührten Herzen wohnte ein tiefes Bedürfnis nach Liebe. Ein Funken würde genügen, um auf diesem Herde ein Feuer zu entflammen, – ein ruhiges, gleichmäßiges, unauslöschliches Feuer. Oft ergriff sie eine Unruhe, die ihre Seele bald mit süßen Träumereien erfüllte, bald mit schweren Fragen peinigte, auf die sie keine bestimmte Antwort fand. – Wird er mich aus freiem Willen ehelichen? Wird er meine Zuneigung erwiedern? Wird er mich liebgewinnen? – Und eine Gedankenfülle bestürmte sie, wie ein Zug Vögel, der sich auf einen einsam in öder Steppe stehenden Baum niederläßt. – Wer bist du? Wie bist du? Lebst du noch irgendwo in der weiten Welt, oder bist du auf dem Schlachtfelde gefallen? Bist du fern oder nahe? – Das offene Herz der Panna, einem Tore gleich, das zum Einzug lieber Gäste weit offen gehalten wird, rief unwillkürlich den fernen Ländern, den schneebedeckten Wäldern und Feldern zu: »Komm, Ritter! komm! Gibt es etwas Schwereres in der ganzen Welt als die Erwartung!« Und plötzlich, gleichsam als Antwort auf ihren Ruf, vernahm man von draußen, aus der schneebedeckten Ferne, Schellengeläut. Panna Alexandra fuhr zusammen, gleich aber faßte sie sich. Sie erinnerte sich, daß man fast allabendlich aus Pacunele einen Boten nach Heilmitteln für den jungen Oberst schickte. Auch Panna Kulwiec dachte daran, denn sie sagte: »'s wird wohl ein Bote von Gasztowts sein.« Das ungestüme Klingeln eines Glöckchens näherte sich mehr und mehr, bis es schließlich mit einem Male verstummte. Ein Schlitten hielt vor dem Hause. »Sieh nach, wer gekommen,« sagte Panna Kulwiec zu dem Smudier. Dieser ging hinaus, kam aber gleich zurück, und indem er seine Arbeit wieder aufnahm, sagte er phlegmatisch: »Kmicic.« Die Spinnerinnen sprangen von ihren Plätzen auf, die Spindeln fielen zur Erde. Panna Alexandra stand auch auf; ihr Herz schlug heftig. Zuerst bedeckte eine helle Röte ihr Gesicht, dann erblich sie. Sie wandte sich absichtlich vom Kamin fort, um ihre Verlegenheit zu verbergen. In der Tür erschien eine hohe, mit einem Pelz und einer Pelzmütze bekleidete Gestalt. Der junge Mann trat in die Mitte der Stube, und da er bemerkte, daß er sich im Gesindezimmer befand, fragte er, ohne die Mütze abzunehmen, mit helltönender Stimme: »He! Wo ist denn eure Panna?« »Hier!« antwortete in ziemlich festem Tone Panna Alexandra. Der Angekommene nahm die Mütze ab, warf sie zur Erde und verbeugte sich tief. »Ich bin Andreas Kmicic.« Panna Alexandra streifte mit einem Blick das Gesicht des Gastes, dann schlug sie die Augen nieder. Sie hatte genügend Zeit gehabt, um das goldblonde Haar, die brünette Gesichtsfarbe, die glänzenden, grauen Augen, den schwarzen Schnurrbart und das junge, adlergleiche, muntere, ritterliche Gesicht Pan Andreas' zu sehen. – Er stand mit in die Seite gestützter Hand, drehte mit der rechten seinen Schnurrbart und sprach: »Ich war noch nicht in Lubicz; schnell wie ein Vogel eilte ich hierher, um der Panna meine Ehrfurcht zu erzeigen. Ein Wind brachte mich geradeswegs vom Lager nach hier – ich hoffe, ein glücklicher.« »Wußten Sie von dem Tode des Kammerherrn, – des Großvaters?« fragte die Panna. »Ich wußte es nicht: aber als ich es erfuhr, habe ich ihn mit bitteren Tränen beweint. Er war meinem verstorbenen Vater ein Freund, ein Bruder. Sie wissen wohl, daß er vor vier Jahren bei uns in Orsza war. Damals versprach er mir Ihre Hand; er zeigte mir Ihr Bild, zu dem ich nachts betete. Ich wäre gern früher gekommen; aber der Krieg führt einen nur mit dem Tode zusammen.« Alexandra errötete leicht ob dieser kühnen Rede, und um das Gespräch auf ein anderes Gebiet zu lenken, fragte sie: »In Lubicz sind Sie also noch nicht gewesen?« »Dazu wird es noch immer Zeit sein. Hier liegt meine heiligste Pflicht, hier ist das wertvollste Geschenk Ihres seligen Großvaters, zu dem es mich zu allererst zog. Aber Sie wenden sich so, daß ich Ihnen nicht in die Augen sehen kann. Drehen Sie sich doch um, – so kann ich Sie sehen! So!« Der kühne Soldat faßte unerwartet Panna Alexandra am Arm und drehte sie zum Feuer. Sie wurde noch verlegener, senkte die Lider und stand ganz bestürzt vor ihm. Endlich gab Kmicic sie frei und klatschte laut in die Hände. »Bei Gott, eine seltene Schönheit. Tausend Messen stifte ich für die Seele meines Wohltäters! – Und wann soll die Hochzeit sein?« »Gemach! Nicht so bald, noch bin ich nicht die Ihre.« »Aber Sie werden die meine! Und wenn ich Ihr Haus in Brand setzen müßte! Bei Gott! Sie werden mein! Und ich, Tor, glaubte, Ihr Bild sei geschmeichelt. Jetzt sehe ich, der Maler war ein Stümper, nicht ein Hundertstel Ihrer Schönheit hat er wiedergegeben. Stockschläge verdiente er! Zäune kann er wohl anstreichen, aber er soll seine Kunst nicht an einer blendenden Schönheit versuchen! – Wahrhaftig, ein großartiges Vermächtnis!« »Der Großvater hatte recht, als er mir sagte, Sie seien ein Hitzkopf.« »Wir, im Smolenskaer Bezirk, wir sind alle so, nicht wie Ihr in Smudien. – Bei uns heißt's: Eins, zwei, drei! Und alles muß gehen, wie wir es wollen, sonst Tod und Teufel!« Alexandra lächelte und sah schon etwas beherzter auf ihren Gast. »So wohnen denn Tataren bei euch?« »Gleichviel! Sie sind doch mein, dem Willen der Eltern und meinem Herzen nach.« »Dem Herzen nach? Das weiß ich noch nicht.« »Nein? Sagen Sie Nein? Dieses Messer stoße ich mir ins Herz.« »Aber wir sind ja noch immer im Leutezimmer. – Bitte, folgen Sie mir in die anderen Gemächer. Nach dem langen Weg tut Ihnen Ruhe gut.« Und dann wandte sich Alexandra zur Panna Kulwiec: »Und Sie, Tante, kommen wohl mit uns!« »Tante?« fragte schnell der junge Ritter. »Was für eine Tante?« »Hier, meine Tante, Panna Kulwiec.« »Dann auch die meine,« antwortete Pan Andreas und küßte Panna Kulwiec die Hand. »Bei uns im Banner gibt es einen Offizier mit Namen Kulwiec. Wohl ein Verwandter von Ihnen, Panna?« »Ja,« sagte die alte Panna und knixte. Die Hausfrau und der Gast gingen in die Diele, wo Pan Andreas seinen Pelz ablegte, und von dort aus in die Empfangszimmer. Panna Kulwiec eilte, ein Nachtmahl herzurichten, und so blieben Alexandra und Pan Kmicic allein. Pan Kmicic blickte unverwandt auf Alexandra, und in seinen Augen entbrannte ein tiefes Feuer. »Es gibt Menschen,« brach er endlich das Schweigen, »die Reichtum über alles in der Welt schätzen, – andere lieben die Kriegsbeute, wieder andere lassen ihr Liebstes für Pferde, – ich aber würde Sie um nichts in der Welt hergeben! Das schwöre ich bei Gott! Je länger ich Sie ansehe, je eher möchte ich Sie zum Altare führen, – am liebsten morgen schon! – Diese Brauen! – Diese Augen! Wie des Himmels Bläue am Sommertage! Ihr Anblick verwirrt mich so, daß ich kaum Worte finde –« »Mir scheinen Sie gar nicht sehr verwirrt zu sein. Sie sprechen mit mir, daß ich gar nicht weiß –« »Das ist unsere Smolenskaer Art. – Auf ein Weib und auf den Feind kühn drauf los! – Daran, o Königin, werden Sie sich noch gewöhnen; denn so wird es immer sein!« »Das, Ritter, werden Sie sich noch abgewöhnen; denn so darf es nicht sein.« »Mag man mich hängen! Ihnen werde ich mich vielleicht auch unterwerfen. Glauben Sie es oder nicht, aber ich bin bereit, für Sie den Mond vom Himmel herunterzuholen. Für Sie, meine Gebieterin, bin ich bereit, fremde Sitten zu lernen. – Ich weiß, ich bin nur ein rauher Kriegsmann und habe mich mehr im Lager als in Empfangsräumen bewegt.« »Das tut nichts! Auch mein Großvater war Soldat. – Ich aber danke Ihnen für Ihren guten Willen,« sagte Alexandra und sah Pan Andreas so freundlich an, daß sein Herz erzitterte. »Sie werden mich immer regieren können!« rief er aus. »O, Sie sehen nicht aus wie einer, der sich beherrschen läßt! Unstete Leute sind am schwersten zu regieren.« Kmicic lächelte und zeigte eine Reihe weißer, scharfer Zähne. »Wie! Sollten die heiligen Meister in der Schule noch zu wenig Ruten an mir zerbrochen haben, damit ich lerne, mich gesittet zu benehmen, und die wichtigsten Lebensregeln behalte, – und ich –« »Nun, welche Regel haben Sie denn am besten behalten?« »Wenn du liebst, so sollst du zu Füßen fallen, – so –« Im gleichen Augenblick lag Pan Andreas auf den Knien, und das Mädchen schrie auf und verbarg eiligst ihre Füße unter dem Tisch. »Um Gottes willen! So etwas lehrt man doch nicht in der Schule! Stehen Sie sofort auf, oder ich werde ärgerlich! Und die Tante kommt gleich!« Er hob den Kopf und sah ihr fest in die Augen. »Mag ein ganzes Regiment von Tanten kommen; – sie können mir nicht verbieten, Sie zu lieben.« »So stehen Sie doch auf!« »Ich stehe schon auf.« »Setzen Sie sich!« »Ich sitze.« »Sie sind ein Treuloser, ein Verräter!« »Das ist nicht wahr! – Verräter küssen nicht so aufrichtig! Wollen Sie sich überzeugen!« »Unterstehen Sie sich nicht!« Panna Alexandra lachte, und auf seinem Gesicht erstrahlten Jugend und Frohsinn. Seine Nasenflügel bebten leise wie bei einem edlen Araberhengst. »Oh, oh!« rief er, »diese Augen! Dieses Gesichtchen! Steht mir bei, alle Heiligen, ich kann nicht sitzen bleiben!« »Man darf die Heiligen nicht anrufen! Vier Jahre haben Sie ruhig sitzen können, ohne mit einem Auge hierher zu blicken. So bleiben Sie nur ruhig jetzt weiter sitzen.« »Ich habe doch nur Ihr Bild gekannt! Ich werde diesen Taugenichts von Maler mit Teer begießen und dann mit Federn beschütten und auf dem Markt zu Upita herumführen lassen. – Ich werde ganz aufrichtig zu Ihnen sein: Wollen Sie mir vergeben? Vergeben Sie? – Nein? – So reißen Sie mir den Kopf herunter. – Als ich Ihr Bild sah, dachte ich, häßlich ist sie nicht; aber solche laufen eine Menge in der Welt umher, – es hat also keine Eile. Mein seliger Vater drängte, ich solle herreisen. Ich aber blieb dabei, es hat Zeit. Die Pannas gehen nicht in den Krieg und kommen um. Gott ist mein Zeuge. Ich widersetzte mich nicht ganz dem väterlichen Willen, aber ich wollte erst an der eigenen Haut den Krieg spüren. Jetzt erst sehe ich, wie dumm ich war! Konnte ich nicht auch verheiratet in den Krieg ziehen! Und welch ein Glück hier meiner harrte! – Gott sei Dank, daß man mich nicht hingeschlachtet hat! Gestatten Sie, Panna, daß ich Ihnen die Hand küsse.« »Ich werde es lieber nicht gestatten.« »So werde ich erst gar nicht fragen. Bei uns in Orsza sagt man: Bitte, und gibt man nicht, so nimmt man von selbst.« Pan Andreas drückte auf Alexandras Hand einen langen Kuß, und die Panna, um nicht unliebenswürdig zu scheinen, sträubte sich nicht. In der Tür erschien Panna Kulwiec, und als sie sah, was vorging, schlug sie die Augen gen Himmel. Diese Vertrautheit gefiel ihr nicht, aber sie fürchtete, ihre Unzufriedenheit zu zeigen. Sie bat die beiden zum Abendessen zu kommen. Im Speisezimmer brach der Tisch fast unter der Last der verschiedenen Gerichte und der mit Schimmel bedeckten Flaschen. Die jungen Leute waren in guter Stimmung, froh und glücklich. Die Panna hatte schon vorher zu Abend gegessen. Pan Kmicic aber aß jetzt mit demselben Eifer, mit dem er zuvor von seiner Liebe gesprochen. Alexandra sah ihn von der Seite an; sie freute sich, daß es ihm so gut schmeckte. »Kommen Sie jetzt aus der Gegend von Orsza?« fragte sie. »Weiß selbst nicht woher. – Heute bin ich hier, morgen dort. Ich schlich mich so dicht an den Feind heran, wie der Wolf an die Schafherde. Und was ich ihr entreißen konnte, das habe ich ihr entrissen.« »Und Sie haben es gewagt, mit einer Macht zu kämpfen, der selbst der Groß-Hetman weichen mußte?« »Natürlich habe ich das gewagt. Ich gehe auf alles drauf los. Das ist so meine Natur.« »Dasselbe erzählte mir auch der selige Großvater.... Es ist nur ein Glück, daß Sie dabei nicht umkamen.« »Ha, mit Mütze und Helm hat man mich zugedeckt, wie den Vogel im Netz. Heidi! weg war ich. – Ich habe ihnen so mitgespielt, daß sie auf meinen Kopf einen Preis setzten! – Was für einen großartigen Met Sie hier haben!« »Im Namen des Vaters und des Sohnes!« rief Alexandra mit Schrecken aus und sah voll Bewunderung den Jüngling an, der in einem Atem von dem Preise auf seinen Kopf und dem Met redete. »Sie hatten wohl tüchtige Kräfte zur Seite?« fuhr sie fort. »Natürlich, ich hatte tüchtige Dragoner; aber im Laufe eines Monats hat man sie mir alle getötet. Dann fing ich mit Freiwilligen an, die ich, ohne wählerisch zu sein, an allen Orten sammelte. Gute Jungens für den Krieg, aber Erzhalunken. Diejenigen, die mit heiler Haut aus dem Krieg kommen, werden alle früher oder später ein Leckerbissen für die Krähen.« Pan Andreas lachte laut und leerte seinen Becher. »Solche Galgenstricke haben Sie noch nie zu Gesicht bekommen. Die Offiziere sind alles Adlige aus guter Familie; was tut's, daß ein jeder von ihnen mit dem Strafrichter in Konflikt lebt. Jetzt habe ich sie in Lubicz gelassen. Meine Soldaten aber habe ich in Poniewiez und in Upita einquartiert.« »Und wo trafen unsere Laudaer Leute Sie?« »Ich wäre auch ohne diese hierher gekommen; denn ich war schon auf dem Wege nach Poniewiez.« »Haben sie Ihnen von des Großvaters Tode und seinem Testament gesprochen?« »Sei Gott ihm gnädig, meinem Wohltäter. Haben Sie mir die Boten geschickt?« »Ganz und gar nicht. Ich lebte nur meinem Schmerze.« »So erzählten sie mir. – Was für ein stolzes Völkchen diese Laudaer Bauern sind! Ich wollte ihnen ihre Bemühungen belohnen, da fuhren sie hoch und meinten: der Adel vom Orszagau nähme vielleicht Almosen, Laudaer Edle aber nicht! – Ich aber dachte bei mir, wollt ihr kein Geld, so werde ich euch hundert Stockschläge verabreichen lassen.« Panna Alexandra schlug die Hände über den Kopf: »Jesus, Maria! Und haben Sie das getan?« Kmicic sah sie verwundert an. »Beruhigen Sie sich, ich habe es nicht getan, obgleich mir die Galle überläuft beim Anblick solcher Edelleute, die sich dünken, uns gleich zu sein. Ich fürchtete aber, sie würden mich bei Ihnen verklatschen und anschwärzen.« »Das ist ein großes Glück,« sagte Alexandra, tief Atem holend. »Sonst hätte ich Sie nie sehen mögen.« »Und warum das?« »Unser Adel ist nur klein, aber alt und berühmt. Mein Großvater liebte ihn und führte ihn in den Krieg sein Leben lang. In Friedenszeiten verkehrte er in seinem Hause. Auch Sie müssen diese alten Bande heilig halten. Sie werden nicht das Herz haben, die Eintracht, in der wir bisher lebten, zu zerstören!« »Und ich Ahnungsloser, davon habe ich nichts gewußt. Ich muß Ihnen gestehen, dieser barfüßige Adel will mir nicht recht in den Sinn. – Bei uns ist Bauer eben Bauer. Die Adligen sind aus angesehener Familie, die nicht zu zweien das Roß besteigen. Bei Gott! Solche Habenichtse sollten sich nicht mit denen von Kmicic' und Billewicz' vergleichen, ebensowenig wie der Gründling mit dem Hecht, obwohl beide Fische sind.« »Großvater sagte: »Reichtum bedeutet nichts im Vergleich zur Ehrlichkeit.« Und es sind alles würdige Leute. Großvater hätte sie sonst nicht zu meinen Vormündern bestellt.« Pan Andreas riß vor Erstaunen die Augen weit auf. »Die – hat der Großvater zu Ihren Vormündern ernannt!? – Die ganze Laudaer Schlachta?« »Ja, und Sie haben durchaus keine Ursache, verdrießlich zu sein; des Verstorbenen Wille ist Gesetz. – Ich wundere mich nur, daß Ihnen die Boten dies nicht gesagt haben.« »Ich würde sie! – Aber nein, es kann ja nicht sein; es gibt doch hier viele Adlige, und sie alle sollten Ihre Berater sein! Vielleicht der ganze Landtag auch! Und sie werden über mich zu Gericht sitzen, ob ich ihnen recht bin oder nicht. Ei, scherzen Sie nicht, Panna! Das Blut siedet in mir!« »Pan Andreas, ich scherze nicht. Was ich sage, ist heilige, aufrichtige Wahrheit! Sie werden Ihretwegen nicht den Landtag einberufen, und wenn Sie sie nicht durch Ihren Stolz verletzen, so werden Sie zugleich ihnen und mir einen Gefallen tun. Sie und ich, wir werden Ihnen unser Leben lang dankbar sein.« Ihre Stimme zitterte, ihre Brauen waren hochgezogen. Er brach nicht in Zorn aus, obwohl es auf seinem Gesicht verräterisch zuckte. Schließlich sagte er hochmütigen Tones: »Das habe ich nicht erwartet. Ich achte den Willen des Seligen, aber ich meine, der Herr Kammerherr hat diesen verbauerten Adel nur bis zu meiner Ankunft zu Ihren Vormündern bestimmt. Sobald mein Fuß aber diese Schwelle betreten hat, wird niemand außer mir Ihr Vormund sein. – Nicht nur diese Habenichtse, selbst die Fürsten Radziwill haben hier nichts zu suchen.« Panna Alexandra wurde ernst; nach kurzem Schweigen sagte sie: »Es ist nicht schön, daß Sie so hochmütig sind. – Ich sehe hier nur einen Weg: entweder Sie erkennen Großvaters Vermächtnis bedingungslos an, oder sie verwerfen es ganz, einen anderen Weg gibt es nicht! Die Laudaer werden sich Ihnen nicht aufdrängen. Es sind gute, ruhige Leute, die Ihnen nicht zur Last fallen werden. Ich denke, diese Vormundschaft wird uns nie bedrücken.« Er schwieg einen Augenblick. »Es ist wahr, die Hochzeit wird ja alledem ein Ende machen. Hier gibt's nichts zu streiten. Sie sollen mir nur nicht in die Quere kommen; denn ich schwöre, ich werde mir nicht auf der Nase herumtanzen lassen. Gestatten Sie mir nur, die Hochzeit zu bestimmen, das wird das beste sein.« »Während der Trauerzeit paßt es sich nicht, darüber zu sprechen.« »Und werde ich noch lange warten müssen?« »Großvater bestimmte selbst nicht mehr als ein halbes Jahr.« »Bis dahin werde ich wie ein Holzspan verdorren. Nehmen Sie es mir nur nicht übel, Panna. Sie sehen mich so streng an wie der Richter den Angeklagten. Meine Königin, was kann ich dafür, daß meine Natur so ist! Bin ich auf jemand böse, so möchte ich ihn in Stücke zerreißen, nachher freilich möchte ich ihn auch wieder zusammenflicken.« »Es muß schrecklich sein, mit so einem Menschen Seite an Seite zu leben,« sagte Alexandra heiter. »Auf Ihre Gesundheit, Panna! Guter Wein und ein Degen sind doch das schönste auf der Welt! Warum sollte es schrecklich sein, mit mir zu leben? Ihre schönen Augen werden mich zu Ihrem Sklaven machen, mich, der sich nie einer fremden Macht gebeugt hat. Reichen Sie mir Ihre Hand, holde Schönheit; ich schwöre, Sie sind mir stark ans Herz gewachsen. – Wer weiß, ob ich den Weg nach Lubicz finden werde?« »So werde ich Ihnen einen Führer mitgeben.« »O, ich werde auch so hinkommen. Ich bin gewöhnt, nachts umherzuirren. Auch habe ich einen kleinen Jungen aus Poniewiez mit, der muß den Weg kennen. Und dann erwartet mich Pan Kokosinski mit der ganzen Gesellschaft. – Eine feine Familie – die Kokosinskis, – Er ist seiner Ehren verlustig gesprochen, weil er das Haus von Pan Orniszewski ansteckte, seine Tochter entführte und die Dienerschaft tötete. – Ein feiner Kamerad! Panna, geben Sie mir nochmals Ihr Händchen! – Ach, es ist Zeit, daß ich mich auf den Weg mache.« Die große Danziger Uhr im Eßzimmer schlug Mitternacht. »Mein Gott, es ist Zeit, höchste Zeit!« schrie Kmicic auf. »Eins nur bitte ich Sie, Panna, lieben Sie mich ein wenig.« »Später, – später, – Sie werden mich doch besuchen?« »Täglich! Selbst wenn die Erde mich zu verschlingen drohte.« Kmicic stand auf und ging in Begleitung der Hausfrau in die Diele. Sein Schlitten stand schon vor der Auffahrt. »Gute Nacht, meine Königin,« sagte der Ritter, »schlafen Sie gut. Ich für mein Teil werde kein Auge zutun, immer werde ich an Sie denken.« »Ich werde Ihnen doch lieber einen Diener mit einer Laterne mitgeben; denn bei Wolmontowicze gibt es viele Wölfe!« »Bin ich ein Schaf, daß ich mich vor Wölfen fürchte! Der Wolf ist der Freund der Soldaten, oft genug kriegt er von ihm Almosen. Auch habe ich meine Waffe bei mir. – Gute Nacht, meine Teure, gute Nacht!« »Mit Gott!« Alexandra ging in das Wohnzimmer zurück, und Pan Andreas trat auf die Veranda. Beim Gehen warf er noch einen Blick auf die halbgeöffnete Tür der Gesindestube. Die Mädchen waren noch auf, um den angekommenen Gast noch einmal zu sehen. Pan Andreas warf ihnen eine Kußhand zu und sprang fröhlich auf den Schlitten. Bald hörte man das Geklingel der Schellen; zuerst laut, dann immer leiser, und zuletzt verlor es sich ganz in der Ferne. Es wurde still in Wodokty, so still, daß Panna Alexandra sich darüber wunderte. Vor ihren Augen stand noch die stattliche Figur des jungen Mannes, in ihren Ohren klangen noch seine Worte, sie hörte sein aufrichtiges, fröhliches Lachen, – und jetzt, nach diesem Gewirr von Lustigkeit und Lachen, umgab sie eine so seltsame Ruhe. – Alexandra strengte sich an, ob sie nicht noch einen Ton der Glöcklein hören könnte, aber nein, sie klingelten jetzt schon in den Wäldern von Wolmontowicze. Und eine quälende Sehnsucht erfaßte das Mädchen; – noch nie im Leben hatte sie sich so einsam gefühlt. Sie nahm eine Kerze und ging langsam in ihr Schlafzimmer; hier begann sie zu beten. Fünfmal mußte sie von vorn anfangen, ehe sie das Gebet einmal richtig beendete. – Wie auf Flügeln eilten ihre Gedanken hinter dem Schlitten und der darin sitzenden Gestalt her ... Wald auf der einen Seite, – Wald auf der anderen Seite, in der Mitte ein breiter Weg, auf dem er dahinsaust! Zum Greifen deutlich sah Panna Alexandra seinen blonden Schopf, die grauen Augen, die lachenden Lippen und die weißen, scharfen Zähne vor sich. Vergeblich versuchte sie sich selbst zu verheimlichen, wie sehr ihr dieser waghalsige Ritter gefallen habe. Ein wenig hatte er sie beunruhigt, ein wenig erschreckt, aber seine Kühnheit, Fröhlichkeit und Aufrichtigkeit hatten sie doch ganz besiegt. Errötend gestand sie sich, daß selbst sein Hochmut ihr gefiel, wie er mit stolz zurückgeworfenem Kopfe sagte: »Selbst die Fürsten Radziwills haben hier nichts zu suchen.« – Das ist kein schwacher, verweichlichter Mensch. Ein echter Mann und ein Soldat, so recht wie ihn der Großvater liebte, – – – der ist's wohl wert,« so dachte die Panna. Und bald ergriff sie ein ungetrübtes Glücksgefühl, bald eine Unruhe, aber selbst diese war wohltuend. Sie begann sich auszuziehen, als die Tür knarrte, und Panna Kulwiec mit einer Kerze in der Hand hereintrat. »Ihr seid lange beisammen gewesen,« sagte sie. »Ich wollte euch nicht stören, daß ihr euch nach Herzenslust aussprechen konntet. Es scheint ein guter Mensch zu sein. Und was meinst du, Alexandra?« Panna Alexandra antwortete nicht gleich. Sie lief nur auf die Tante zu, umarmte sie und verbarg ihr Goldköpfchen an ihrer Brust. Dann seufzte sie leise: »Ach, Tantchen, Tantchen!« »Oho!« murmelte die alte Panna mit gen Himmel geschlagenen Augen. 2. Kapitel. Im Herrenhause zu Lubicz, wohin Pan Andreas fuhr, waren alle Zimmer hell erleuchtet, und wüster Lärm ertönte bis auf den Hof hinaus. Beim ersten Klang der Schellen stürzte die ganze Dienerschaft heraus, um ihren neuen Gebieter, Pan Andreas, zu empfangen. Der alte Verwalter stand mit Salz und Brot und machte eifrig tiefe Bücklinge. Kmicic nahm seine Börse und warf sie auf die Schüssel. Erstaunt, daß von seinen Kameraden keiner herausgekommen war, fragte er nach ihnen. Die aber konnten nicht zu seiner Begrüßung kommen. Seit drei Stunden saßen sie schon am Tische, der mit Bechern und Krügen reich besetzt war. Wahrscheinlich hatten sie bei ihrem Gelage nicht einmal die Ankunft des Schlittens gehört. Sobald Kmicic das Zimmer betrat, sprangen alle von ihren Plätzen auf und umringten ihn. Er lachte hell auf, als er sah, wie sie es in seiner Abwesenheit in seinem Hause getrieben hatten. Da kam zuerst der Riese, Pan Jaromir Kokosinski, der durch seine Rauf- und Zanksucht bekannt war. Eine fürchterliche Narbe zog sich über sein ganzes Gesicht hin. Es war Kmicic' »guter Kamerad«. Ihm folgte Pan Ranicki, der des Mordes zweier kleiner Adliger wegen ausgewiesen war. Der dritte, Pan Rekuc, hatte sein Vermögen durchgebracht, teils verspielt, teils versoffen. Er aß seit drei Jahren bei Pan Kmicic das Gnadenbrot. Der vierte, Pan Uglik, war wegen Beleidigung des Gerichtshofes zum Tode verurteilt. Seines Klarinettenspieles wegen genoß er Kmicic' Schutz. Außerdem waren noch da: Pan Kulwiec und Zend, der Zureiter, ein Mann von zweifelhafter Abkunft, der eine große Fertigkeit besaß, Tierstimmen nachzuahmen, und andere Ritter mehr. Sie alle umringten den lachenden Pan Andreas. Kmicic nahm einen Becher zur Hand und rief: »Die Gesundheit meiner Braut!« »Vivat! Vivat!« schrien alle so, daß die Fensterscheiben erzitterten. Dann ergossen sich über Pan Andreas eine Menge Fragen. »Wie sieht sie aus, Andreas? – Ist sie hübsch? – Ist sie so, wie du sie dir vorgestellt hast? – Gibt es mehr solche in Orsza?« »In Orsza!« schrie Kmicic, »ei, zum Teufel! In der weiten Welt gibt es keine zweite so.« »Und wann soll die Hochzeit sein?« fragte Pan Ranicki. »Sobald die Trauerzeit zu Ende ist.« »Unsinn! Trauerzeit. – Zur Hochzeit legt man doch die Trauer ab, und die Kinder kommen auch nicht schwarz, sondern weiß zur Welt. Drum immer zu, Andreas!« »Meine lieben Lämmer,« unterbrach ihn Kmicic, »wartet 'mal ein bißchen, oder, besser gesagt, schert euch alle zum Teufel, ich will mich 'mal jetzt in meinem Hause umsehen.« »Um keinen Preis!« widersetzte sich Uglik. »Morgen ist auch noch ein Tag, – jetzt geht's zu Tisch.« »Die Besichtigung haben wir schon besorgt. Eine Goldgrube ist dies Lubicz,« sagte Ranicki. »Und was für einen Pferdestall es hat!« fügte Zend hinzu. »Also alles in Ordnung,« sagte erfreut Kmicic, »nun denn, zu Tisch.« Kaum waren die Becher gefüllt, als sich Pan Ranicki erhob: »Auf die Gesundheit des Kammerherrn Billewicz!« »Dummkopf!« sagte Kmicic, »die Gesundheit eines Toten!« »Nun denn Eure Gesundheit!« »Daß ihr in diesen Zimmern gute Tage verlebt!« Kmicic sah sich unwillkürlich im Zimmer um. Von den vom Alter schwarz gewordenen Kieferwänden sahen Dutzende von finsteren Augen auf ihn herab. Diese Augen gehörten zu den Porträts der Billewicz'. Ringsherum über den Bildern hingen Schädel verschiedenen Wildes. »Die Jagd muß hier sehr ergiebig sein,« bemerkte Kmicic. »Du bist ein Glückspilz, Andreas, du hast eine Stätte, dein Haupt niederzulegen,« sagte Kokosinski. »Nicht wie wir!« seufzte Ranicki. »Trinken wir eins aus Gram.« sagte Rekuc. »Laßt nur; was mir gehört, ist auch das eurige.« Ein Toast folgte dem anderen; alle sprachen auf einmal. Kokosinski stimmte ein Lied an, Uglik zog aus seinem Busen eine Klarinette und begleitete ihn, und Pan Ranicki machte mit seinen nackten Armen Fechtbewegungen. Der Hüne Kulwiec sah ihn mit großen Augen an. »Du bist ein Narr! Fuchtele mit deinen Armen herum soviel du willst, Kmicic kannst du doch nicht übertreffen, und schießen tust du auch nicht so gut wie ich.« »Einen Dukaten für den Schuß!« »Gut, doch wo ist das Ziel?« Ranicki sah sich mit seinen schwimmenden Augen um, endlich rief er, auf einen Schädel an der Wand zeigend: »Hier, zwischen die Hörner! Um einen Dukaten!« Kmicic fragte nach der Ursache des Streites. »Einverstanden!« rief Pan Andreas. »Meinetwegen um drei Dukaten. Zend, die Pistolen!« Es entstand ein wüster Lärm. Zend brachte bald Pistolen, einen Sack mit Kugeln und einen Berg Pulver herein. Es verging keine Viertelstunde, so fielen im Zimmer Schüsse. Der Pulverdampf zog sich in dichten Knäueln zusammen. Und um die Unordnung voll zu machen, begann Zend seine Künste zu zeigen. Er krähte wie eine Krähe, heulte wie ein Wolf und brüllte wie ein wilder Stier. Fast in jeder Minute sauste eine Kugel. Von den Wänden, den Bilderrahmen, den Schädeln flogen Stücke im Zimmer umher. Im Wirrwarr schoß man auch auf die verstorbenen Billewiecz, und Ranicki, der in Raserei verfiel, zerhackte die Bilder mit seinem Säbel. Die erschrockene Dienerschaft lief zusammen und blieb versteinert stehen beim Anblick dieses Zeitvertreibs, der mehr einem Überfall der Tataren ähnelte. Die Hunde wurden unruhig und bellten und heulten. Alles im Hause kam auf die Beine. Auf dem Hofe standen die Leute in Gruppen. Die Mägde drückten ihre Gesichter an die Fensterscheiben. Zend bemerkte das. »Herrschaften, hinter den Fenstern stehen Mädchen!« »Mädchen! Mädchen!« »Tanzen! Tanzen wollen wir!« Die betrunkene Menge stürzte auf den Hof hinaus. Selbst der Frost kühlte um nichts ihre erhitzten Gemüter. Die Mädchen schrien verzweifelt und stoben auseinander, die Offiziere hinter ihnen her. – Bald begann inmitten des Pulverdampfes, der Knochensplitter, der Holzstühle ein wüstes Tanzen um den Tisch herum, der mit Wein begossen war. – – – So zechten Pan Kmicic und seine Gäste in Lubicz. 3. Kapitel. Pan Andreas kam täglich nach Wodokty. Jedesmal kehrte er um einen Grad verliebter nach Lubicz zurück. Jeden Tag erschien ihm seine Alexandra bewunderungswürdiger. »Hört mal, meine lieben Lämmer, heute will ich euch meiner Braut vorstellen, und dann wollen wir, wie ich mit der Panna verabredet habe, alle zusammen nach Mitruni, um unser drittes Gut zu besichtigen. Gebt aber acht, daß ihr euch anständig benehmt, jeden, der sie verletzt, haue ich in tausend Stücke.« Die Ritter gingen bereitwillig, sich sorgfältig anzukleiden, und bald brachten vier Schlitten die ungestümen jungen Leute nach Wodokty. Beim Erscheinen der Gäste blieb Panna Alexandra, verwundert über die vielzählige Gesellschaft, an der Schwelle stehen. Pan Kmicic, der sie bisher nur abends gesehen hatte, war starr und betroffen von ihrer Schönheit. Sie stand unbefangen, ohne die Augen zu senken, da, wie eine Herrin, die bei sich im Hause empfängt. Das schwarze Gewand, das mit Hermelin besetzt war, stand besonders gut zu ihrem klaren Teint und dem goldblonden Haar. Eine so schöne Panna hatten die Soldaten noch nie zu Gesicht bekommen, sie waren an Frauen anderen Schlages gewöhnt. Vor Verlegenheit scharrten sie mit den Füßen und verbeugten sich. Pan Kmicic trat hervor und küßte Alexandra die Hand. »Meine Teure,« sagte er, »ich habe dir meine Kameraden mitgebracht, mit denen ich im letzten Kriege zusammen kämpfte.« »Eine große Ehre für mich,« erwiderte Panna Alexandra, »in meinem Hause so ehrwürdige Ritter zu empfangen, von denen mir Pan Andreas schon soviel erzählt hat.« Sie verneigte sich mit der größten Würde, und Pan Kmicic biß sich auf die Lippen und wurde rot: so keck sprach seine Braut. Die ehrwürdigen Ritter scharrten noch immer mit den Füßen. Schließlich machte Pan Kokosinski einen Schritt vorwärts, räusperte sich und begann: »Erlauchtigste Panna! Ich weiß nicht, was ich am meisten preisen soll im Namen ganz Orszas: Ihre Schönheit und Tugend oder das ungewöhnliche Glück unseres Rittmeisters und Kollegen, Pan Kmicic. Denn mag er sich selbst bis zum Himmel hinaufschwingen, – selbst den Himmel erreichen, – den Himmel, – sage ich –« »Kommt doch, bitte, endlich vom Himmel herunter,« unterbrach ihn Pan Kmicic. Die Ritter lachten alle laut auf; dann aber erinnerten sie sich an Kmicic' strengen Befehl und faßten schnell an die Schnurrbärte. Pan Kokosinski wurde rettungslos verwirrt und sagte: »So redet doch selbst, Rindviecher ihr, wenn ihr mich stört.« »Ich werde nicht imstande sein, Ihnen recht zu antworten. Ich denke, daß ich all Ihre Begrüßungsworte nicht wert bin, die Sie mir von ganz Orsza bestellen,« sagte Panna Alexandra und verneigte sich mit seltener Würde. »Doch wir sind hergekommen, um, wie gestern verabredet, nach Mitruni zu fahren,« sagte Kmicic. »Der Weg ist weit, und Gott hat einen starken Frost geschickt.« »Tantchen habe ich schon vorausgesandt, daß sie uns ein gutes Mittagsmahl bereitet. Haben die Herren, bitte, ein wenig Geduld, ich bin gleich bereit.« »Nun, ist sie nicht eine Fürstentochter?... Wie?...« fragte Kmicic gleich, nachdem das Mädchen gegangen war. »Wo habt ihr so eine gesehen? Der selige Kammerherr verbrachte den größten Teil des Jahres mit ihr beim Fürsten Wojewod oder bei Pan Hliebowicz. Dort hat sie die feinen Manieren angenommen.« Bald trat Panna Alexandra wieder ins Zimmer. Auf ihrem Kopfe hatte sie ein Mardermützchen, das ihr vortrefflich stand. Alle traten ins Freie. Zuerst stand ein Schlitten, der die Gestalt eines weißen Bären hatte. »Wir fahren wohl mit diesem Schlitten?« fragte das Mädchen, auf den weißen Bären zeigend. »Ich habe noch nie einen schöneren Schlitten gesehen!« »Er ist eine Kriegsbeute. Wir sind Verbannte, der Krieg hat uns unsere Güter geraubt, so bleibt uns nichts übrig, als vom Kriege zu leben. Ich habe ihm treu gedient, darum hat er mich auch belohnt.« »Den einzelnen belohnt er, und das ganze Land verwüstet er.« Kmicic legte Panna Alexandra noch eine weiße Tuchdecke, die mit weißem Wolfspelz gefüttert war, über, setzte sich zu ihr, rief dem Kutscher »fahr« zu, und die Pferde eilten davon. – Die übrigen folgten in den drei anderen Schlitten. Sie fuhren schweigend dahin. Man hörte nur das Knirschen des Schnees, das Schnauben der Pferde und die antreibenden Worte der Kutscher. Plötzlich neigte sich Pan Andreas zu Alexandra. »Ist Ihnen gut so, Panna?« »Ja, gut,« antwortete sie und schützte ihr Gesicht mit dem Ärmel vor dem kalten Wind. Die Schlitten rasten dahin. Es war ein klarer, frostiger Wintertag. Wie Millionen verschiedenfarbiger Funken erglänzte der Schnee. Aus den Schornsteinen der Hütten, die am Wegen lagen, stiegen rosige Rauchsäulchen empor. Und neben den Schlitten kreisten mit lautem Krächzen Scharen von Krähen. Zwei Meilen von Wodokty entfernt führte der Weg durch einen dichten, schweigsamen, unter der starken Schneedecke eingeschlafenen Wald. Die Bäume schienen an ihnen vorüberzulaufen, und schneller und schneller flogen die Schlitten dahin, gleich, als ob den Pferden Flügel gewachsen wären. Eine solche Fahrt macht schwindelig, und auch bei Alexandra begann sich alles im Kopfe zu drehen. Sie lehnte sich in den Schlitten zurück und schloß die Augen. Eine süße Mattigkeit beschlich sie. Es schien ihr, als ob dieser Bojar sie entführe, sie aber nicht die Kraft zu schreien oder sich zu wehren habe. Und sie fliegen dahin, rascher und rascher. Alexandra fühlte, daß sie umarmt wird, sie fühlte auf ihrer Wange die Berührung von weichen, warmen Lippen; aber ihre Augen wollen sich nicht öffnen, sie liegt wie im Traume. Und sie fliegen, – fliegen. Die Panna wurde durch eine Stimme geweckt. »Liebst du mich?« Sie öffnete die Augen. »Aber alles, – wie meine Seele!« »Und ich liebe dich mehr als Leben und Tod!« Wieder neigte sich Kmicic' Zobelmütze über Alexandras Mardermützchen. Sie war wie berauscht; war's von den Küssen, war's von dieser sinnbetörenden Fahrt? Alexandra wußte es selbst nicht. »Bis ans Ende der Welt möchte ich so mit dir fahren!« »Und ist es nicht Sünde?« flüsterte Alexandra. »Sünde? So laß mich noch einmal sündigen!« »Das geht nicht, bald sind wir in Mitruni.« »Mitruni nah oder weit, das ist gleich.« Plötzlich vernahm man aus dem letzten Schlitten ein verzweifeltes Geschrei: »Halt! Halt!« Pan Andreas war zornig und erstaunt. Er drehte sich um und sah mehrere Schritte von seinem Schlitten entfernt einen Reiter, der in rasendem Galopp heransprengte. »Mein Gott! Das ist mein Wachtmeister Soroka! Da ist irgend etwas passiert!« sagte Pan Andreas. Der Wachtmeister hielt sein Pferd an, das sich hoch aufbäumte. »Pan Rittmeister,« sagte er atemlos. »Was ist los, Soroka?« »Upita brennt ... Eine Schlägerei ist entstanden!« »Jesus Maria!« schrie Alexandra auf. »Fürchten Sie nichts, Panna. – Wer schlägt sich dort?« »Ihre Soldaten mit den Städtern. – Der Marktplatz brennt. Die Städter haben nach Poniewiez geschickt, die Garnison zu alarmieren. – Und ich bin hierher geeilt, um es Euer Gnaden zu melden!« Inzwischen kamen die anderen Schlitten an; die Offiziere umringten die Sprechenden. »Was gab den Grund dazu?« fragte Kmicic. »Die Städter wollten weder Proviant für die Mannschaften noch Fourage für die Pferde liefern. Die Soldaten nahmen sich alles mit Gewalt und zündeten zwei Häuser an. Jetzt ist überall Aufruhr, die Glocken läuten.« Kmicic' Augen begannen vor Zorn zu funkeln. »Wir müssen zu Hilfe eilen!« schrie Kokosinski. »Sie werden unsere Soldaten besiegen,« rief Ranicki: »Schande, Blamage!« »Wer an Gott glaubt, muß drauf loshauen! Zum Teufel mit ihnen!« fügte Zend hinzu. »Ruhig!« donnerte Kmicic. »Kein Gemetzel. Verteilt ihr euch auf zwei Schlitten, den dritten laßt mir. Ihr fahrt nach Lubicz und wartet dort ruhig ab, ob ich eure Hilfe nötig habe.« »Wie?« wollte Ranicki protestieren, aber Pan Andreas schnürte ihm die Kehle zu, und in seinen Augen lag furchtbare Wut. »Kein Wort weiter!« sagte er drohend. – »Sie, Panna Alexandra, kehren nach Wodokty zurück oder holen erst die Tante von Mitruni ab. Unsere schöne Fahrt ist nun zum Teufel! Ich wußte gleich, daß sie dort nicht Ruhe halten werden. – Nun, sie werden schon kleinlaut werden, wenn erst mehrere Köpfe geflogen sind. – Bleiben Sie gesund, Panna, und seien Sie ohne Sorge, ich kehre bald zurück.« Er küßte ihr die Hand, hüllte sie sorgfältig in die Wolfsdecke ein, setzte sich in den dritten Schlitten und rief seinem Kutscher zu: »Nach Upita!« 4. Kapitel. Es vergingen mehrere Tage, und Kmicic ließ sich nicht in Wodokty sehen; aber drei Laudaer Schlachtschitzen kamen und suchten die Panna auf. Es waren Pakosz Gasztowt aus Pacunele, bei dem Pan Wolodyjowski wohnte, und der durch seinen Reichtum und seine sechs Töchter, von denen drei an Butryms verheiratet waren, weit bekannt war. Kassian Butrym, der älteste Greis in Lauda, und Juzwa Butrym, Pakosz' Schwiegersohn, dem die Kosaken ein Bein weggeschossen hatten. Er war ein kluger, sehr kräftiger Mann, aber mürrisch und händelsüchtig. Es kam nur selten vor, daß er betrunken war, in diesem Zustand aber war er schrecklich gewalttätig. Die Panna empfing ihre Gäste freundlich, obwohl sie erriet, daß sie sie über Pan Kmicic ausfragen wollten. »Wir wollten Pan Kmicic unsere Aufwartung machen, aber er ist noch nicht aus Upita zurück,« sagte Pakosz. »Nun wollen wir dich fragen, wann wir ihn wohl treffen können?« »Ja, er ist bis jetzt noch nicht zurück. Aber er wird sich sehr über euer Kommen freuen. Er hat schon viel Gutes von euch gehört, vom Großvater und jetzt von mir.« »Wenn er uns nur nicht so empfangen wird wie die Domaszewicz', als sie ihm die Nachricht vom Tode des Großvaters brachten,« sagte finster Juzwa. »Sie müssen ihm das nicht übel nehmen,« erwiderte lebhaft die Panna. »Man darf nicht vergessen, er kam eben aus dem Kriege, wo er soviel Mühen und Unannehmlichkeiten durchgemacht hatte.« »Und gefällt er dir, meine Liebe, oder nicht?« fragte Kassian Butrym. »Wir möchten das doch gerne wissen?« »Vergelt euch Gott eure Fürsorge! Pan Kmicic ist ein heldenmütiger Ritter!« »Und habt Ihr auch schon über die Hochzeit gesprochen?« Alexandra senkte die Augen. »Pan Kmicic möchte möglichst bald –« »So? – Warum sollte er auch nicht?« brummte Juzwa. »Ist er denn ein Narr? Welcher Bär will nicht Honig aus dem Bienenstock haben? Aber wozu diese Eile? Ist es nicht besser, ihn erst richtig kennen zu lernen, zu sehen, was für ein Mensch er ist? Vater Kassian, sagen Sie doch Ihre Meinung, schlafen Sie doch nicht, wie der Hase zur Mittagszeit.« »Ich schlummere nicht, – ich denke nur.« »Nun, so sagen Sie doch, worüber denken Sie?« »Worüber? – Über Pan Kmicic. – Es ist wahr, er ist ja ein vornehmer Herr, aus einer berühmten Familie – und wir sind nur einfache Leute. Und er ist ein berühmter Ritter Er zog allein gegen den Feind, als andere die Arme herabhängen ließen. Das ist wahr. – Möge Gott dem Lande mehr solche Leute schenken! – Aber sein Gefolge – das sind lauter Taugenichtse! Nachbar Pakosz, was haben Sie nicht alles von Domaszewicz' über seine Offiziere gehört! Es sind alles ehrlose Leute, die vom Strafrichter gesucht werden. Einfach Mörder! Im eigenen Lande sengen sie, sie rauben, sie sind gewalttätig. – Die reinen Tataren! Am ersten Tage ihrer Ankunft in Lubicz schossen sie mit ihren Pistolen – nach den Bildern der Billewicz'. – Das durfte doch Pan Kmicic nicht zulassen!« Alexandra verdeckte ihre Augen mit den Händen. »Das kann nicht sein! Das kann nicht sein!« »Kann schon; denn es ist so! – Und dann schleppten sie die Mädchen herein und verführten sie. – Pfui! – Gleich am ersten Tage solche Geschichten!« Der alte Kassian geriet in Zorn und stampfte mit seinem Stock auf den Fußboden. Alexandras Gesicht bedeckte sich mit tiefer Röte. »Und die Soldaten, die er in Upita gelassen hat, sind die etwa besser?« begann Juzwa. »Wie die Offiziere, so die Gemeinen. Dem Pan Sollohub raubt man sein Vieh. Friedliche Bauern prügelt man. Und jetzt sengt und mordet man in Upita! – Wie friedlich lebte es sich hier früher, jetzt aber lädt man die Flinte und muß immer auf der Hut sein. Und das alles, weil Pan Kmicic mit seiner Rotte hierher gekommen ist.« »Sagen Sie nicht mehr so etwas! O, sagen Sie nichts mehr!« bat Alexandra. »Was kann ich anderes sagen. Wäre Pan Kmicic besser, so lieferte er diese Leute dem Henker aus. Von den Schandtaten dieser Bande spricht man doch in der ganzen Gegend.« »Was soll ich tun?« fragte Alexandra. »Es sind vielleicht schlechte Menschen; aber sie waren seine Kameraden im Krieg. Wird er sie auf meine Bitte verjagen?« »Verjagt er sie nicht, so ist er selbst nicht besser,« brummte Juzwa. »Gut, – er muß sich von ihnen trennen! – Er soll wählen zwischen mir und ihnen. Mögen sie tun, was sie wollen, aber nicht in Lubicz. Ich danke Ihnen, daß Sie mir die Augen öffneten. Solange ich lebe, soll es nicht so weiter gehen. Schreiben Sie es der Jugend Pan Kmicic' zu und seiner Gesellschaft. Sie verführt ihn zu Ausschweifungen, sie befleckt seinen Namen. – Er ist nicht schlecht!« Zorn und Entrüstung über Kmicic' Kameraden wuchsen mehr und mehr in Alexandras Herzen. Sie fühlte ihre Liebe und ihr Vertrauen beschmutzt. Sie schämte sich Pan Andreas'! Und ihr verletztes Schamgefühl suchte am allerersten nach Schuldigen. Sie wollte noch etwas sagen, aber plötzlich brach sie in Schluchzen aus. Vergebens versuchten die Herren sie zu trösten. – Nach ihrer Abreise blieben in Alexandras Seele Gram und Unruhe. Es kränkte die stolze Panna tief, daß sie ihren Bräutigam schützen, seine Vergehen entschuldigen mußte. Und erst seine Kumpane! – Ihre kleinen Händchen ballten sich krampfhaft, und sie begann das ihr bis dahin unbekannte Gefühl des Hasses kennen zu lernen. Sie litt schrecklich unter der Kränkung, die ihr Kmicic zugefügt hatte. – »Es ist eine Schande! eine Schande!« flüsterten ihre bleich gewordenen Lippen. »Von mir aus zu den Mägden, alle Abende! Alle Abende!« Sie fühlte sich ganz zerschlagen. Eine unerträgliche Last raubte ihr den Atem. Draußen dämmerte es schon, aber Alexandra lief noch im Zimmer umher; in ihrer Seele kochte es wie früher. Sie war eine Natur, die sich nicht kampflos den Schicksalsschlägen beugen konnte. In ihren Adern floß ritterliches Blut. – Ihre Seele forderte den Krieg gegen jene Bande böser Geister, – sofort den Krieg! – Aber was konnte sie tun? Nichts! – Nur weinen konnte sie und Pan Andreas bitten, daß er seine Freunde nach allen Himmelsrichtungen verjagen solle. »Und wenn er es nicht tun will?« »Und wenn er nicht will?« – – Sie wagte nicht, weiter darüber nachzudenken. Die Panna wurde in ihrem Sinnen durch einen Knaben gestört, der Holz für den Kamin brachte. Plötzlich durchfuhr Alexandra ein neuer Gedanke. »Kostek!« sagte sie, »reite schnell nach Lubicz. Ist der Pan zurück, so bitte ihn zu mir zu kommen. Wenn nicht, soll der alte Verwalter herkommen. Aber schnell, hörst du!« Der Junge warf eine Hand voll Kieferspäne auf die Kohlen, legte Holzscheite darauf und lief rasch aus dem Zimmer. Im Kamin loderte bald ein helles Feuer. Alexandra wurde mit einem Male leichter ums Herz. »Vielleicht erbarmt sich Gott,« dachte sie. »Vielleicht ist alles nicht so schlimm gewesen, wie die Vormünder erzählten!« – – Und sie ging nach der Gesindestube, um nach den Spinnerinnen zu sehen und fromme Lieder zu singen. Zwei Stunden später kam Kostek zurück. »Der Verwalter ist in der Diele,« bestellte er. »Der Pan ist noch nicht wieder in Lubicz.« Alexandra sprang schnell von ihrem Platze auf und ging in die Diele. Der Verwalter verbeugte sich bis zur Erde. Sie ging mit ihm nach dem Eßzimmer, der Verwalter blieb an der Tür stehen. »Wie geht es bei euch in Lubicz zu? Sag' mir alles offen, es soll dir kein Haar gekrümmt werden. Man sagt, der Pan sei gutherzig, – aber seine Kameraden seien Raufbolde?« »Ich darf ja nichts sagen. – Ich fürchte, sonst – , man hat es mir doch verboten.« »Wer hat es dir verboten? – Höre, du kehrst nicht mehr nach Lubicz zurück. Du bleibst hier. Und nun befehle ich dir, mir alles zu sagen, was du weißt!« Der Bauer fiel in die Kniee. »Gnädigste Panna, ich danke Euch. Ich will auch nicht zurück nach Lubicz, denn dort ist eine Zucht! Der reine Weltuntergang! Diese Herren, das sind Räuber, – Mörder, – nicht eine Minute ist ein Mensch seines Lebens dort sicher.« Panna Billewicz wankte, wie von einem Pfeil verwundet. Sie wurde ganz blaß: aber sie fragte ruhig: »Und haben sie wirklich in die Bilder der verstorbenen Billewicz' geschossen?« »Gewiß, das taten sie. Sie schleppen täglich die Mägde in ihre Zimmer. Im Dorfe ist ein Gejammer; im Herrenhause – Sodom und Gomorrha. Das Vieh ist alles abgeschlachtet. Einen Stallknecht haben sie totgeschlagen. Und jetzt lassen sie sich auch schon die Mädchen aus dem Dorfe ins Haus schleppen!« »Wann erwartet man den Pan?« »Das wissen sie nicht. Sie wollen alle nach Upita und haben schon Pferde bestellt. Von hier wollten sie Pulver holen.« »Hierher kommen sie? – Gut, – geh jetzt in die Küche, – nach Lubicz brauchst du nicht zurück.« – – Um nächsten Morgen, ehe noch die Panna zur Kirche abgefahren war, – es war ein Sonntag, – kamen die Offiziere aus Lubicz mit ihrer Dienerschaft angeritten. Die Schloßherrin trat ihnen kühl und hochmütig entgegen und erwiderte ihre tiefen Verbeugungen nur mit einem kaum bemerkbaren Kopfneigen. Kokosinski trat hervor: »Erlauchtigste Panna! Wir entbieten Ihnen unseren ehrfurchtsvollsten Gruß und bitten Sie, Ihrer Dienerschaft zu befehlen, uns zu folgen. Wir werden Upita stürmen und den Kleinbürgern ein wenig Blut abzapfen.« »Mich wundert,« sagte Panna Billewicz, »daß Sie nach Upita gehen, nachdem ich selbst Pan Kmicic' Befehl gehört habe, in Lubicz still zu sitzen. Ich meine, es wäre ratsamer, daß Sie, als seine Untergebenen, seinen Befehlen gehorchen.« Die Ritter sahen sich einander verständnislos an. »Bei Gott!« sagte Kokosinski, »ein Unbeteiligter könnte meinen, Sie sprechen mit Pan Kmicic' Knechten. Es ist wahr, wir sollten still sitzen. Aber Pan Andreas ist schon seit vier Tagen fort, und wir meinen, unsere Schwerter könnten ihm nützlich sein.« »Pan Kmicic ist nicht in den Krieg gezogen; er ist gegangen, um gewalttätige Soldaten zur Vernunft zu bringen. Und Ihnen könnte es auch so gehen, wenn Sie sich seinen Befehlen nicht unterordnen. Auch würde Ihre Anwesenheit die Unordnung in Upita nur vergrößern.« »Wir wiederholen unsere Bitte um Ihre Dienerschaft und um Pulver!« »Weder das eine noch das andere werde ich Ihnen bewilligen. Haben Sie mich verstanden?« »Wie! – Wa-as!« schrie Kokosinski: »Fürchten Sie nicht für Pan Kmicic?« »Das größte Unglück, das ihm zustoßen könnte, ist Ihre Anwesenheit.« Die Augen des jungen Mädchens funkelten. Mit erhobenem Haupte machte sie einige Schritte auf ihre Gäste zu. »Verräter!« sagte sie. »Ihr seid seine bösen Geister! Ich kenne euch wohl, ich kenne euer liederliches Leben, eure schändlichen Taten. Die Strafrichter verfolgen euch; anständige Menschen wenden sich von euch ab. Und auf wen fällt die Schande? Auf ihn! Ihr ehrlosen Bösewichter!« Panna Billewicz ging noch einen Schritt vor und wies mit der Hand auf die Tür. »Hinaus, sage ich!« Die Ritter wurden bleich; aber keiner sagte ein Wort. Unwillkürlich griffen sie an ihre Säbel, ihre Augen sprühten Funken. – Aber ach! Dieses Haus stand unter dem Schutze des mächtigen Kmicic, und dieses Mädchen war seine Braut. – Es blieb ihnen nichts übrig, als die Beleidigung herunterzuschlucken. »Wenn man uns hier so liebenswürdig empfängt.« sagte Kokosinski mit vor Wut stockender Stimme, »so bleibt uns – nichts übrig, – als zu gehen, der Hausfrau höflichst für die Gastfreundschaft dankend.« Er verbeugte sich mit übertriebener Ehrfurcht, und die anderen folgten seinem Beispiele. Als die Tür sich hinter den Offizieren schloß, fiel Alexandra kraftlos in den Sessel. Mit ihrem Willen und ihrer Stärke war es nun zu Ende. Die Ritter schlugen den Weg nach Upita ein und machten nach mehreren Stunden in einer Schenke, Doly mit Namen, die zwischen Wolmontowicze und Mitruni lag, Halt. Vor der Schenke standen schon einige Schlitten und gesattelte Pferde. Als die Ritter in die große, finstere Stube eintraten, fanden sie sie schon überfüllt. Die Schlachta der Umgegend saß auf den Bänken oder stand gruppenweise vor dem Schenktisch und trank Bier oder Krupnik, ein Getränk aus Met, Branntwein, Öl und Kräutern. Es waren alles Abkömmlinge der Butryms, lauter kräftige, finstere und ungewöhnlich schweigsame Menschen. Sie trugen graue Halbröcke aus selbstgewebtem Tuch, die mit Schaffellen gefüttert waren, schwarze Ledergürtel und Säbel in schwarzen Scheiden. Zum großen Teil waren es Greise oder halbwüchsige Knaben, die das zwanzigste Jahr noch nicht überschritten hatten; denn die anderen hatten sich alle in Rosien zum Landsturm gestellt. Beim Anblick der Orszaer Krieger wichen viele vom Schenktisch zurück. Die schöne Kleidung der kriegerischen Schlachta gefiel allen. Und einer von den Anwesenden fragte: »Aus Lubicz? – »Ja.« – »Pan Kmicic' Gesellschaft? – Die also?« – »Ja, – ja, – die!« Die Ritter tranken Branntwein und Krupnik. Bald erwärmten die Getränke ihr Blut, und das Gefühl der erlittenen Kränkung begann sich allmählich zu legen. – Zend fing an, wie eine Krähe zu schreien: die Ritter lachten; die Edelleute rückten näher heran. Die am Ofen sitzenden, vermummten Gestalten drehten sich um, und Rekuc erkannte, daß es Frauen waren. Zend krähte immer weiter. Dann hörte er auf und stöhnte wie ein von Hunden gewürgter Hase. Die Butryms saßen in stummer Begeisterung da. Plötzlich hörte man Rekuc' piepsende Stimme: »Elstern sitzen da am Ofen!« Er zeigte auf die Frauen. »Wirklich,« stimmte Uglik bei. »Es wäre interessant zu wissen, was die da wollen.« »Vielleicht sind sie zum Tanzen hergekommen.« »Wartet 'mal, ich frage,« sagte Kokosinski. »Schöne Damen, was macht ihr da am Ofen?« »Wir wärmen uns!« antworteten dünne Stimmen. »Dafür weiß ich ein besseres Mittel, als am Feuer sitzen. Tanzen, tanzen müßt ihr!« piepste Rehuc. »Ja, ja, tanzen!« sagte Pan Uglik. Er holte seine Klarinette hervor, und die Ritter gingen zu den Frauen. Diese sträubten sich, aber nur zum Schein. Wahrscheinlich hätten auch die Edelleute nichts gegen einen kleinen Sonntagstanz gehabt, aber der Ruf der Gesellschaft war ein zu schlechter. Deshalb stand Juzwa Butrym auf, trat vor Pan Kulwiec und sagte grob: »Wenn Euch ein Tänzchen gefällig ist, so tanzt es mit mir.« »Ich tanze gern mit Mädchen, aber nicht mit Euch.« Ranicki gesellte sich zu ihnen, er witterte eine Rauferei. »Wer bist du, Nichtsnutziger?« fragte er und griff zum Säbel. Uglik hörte auf zu spielen, und Kokosinski rief: »He, Kameraden, her zu mir, her zu mir!« Die Butryms sammelten sich auch mit leisem Brummen, wie unwillige Bären. »Was wollt ihr?« fragte Kokosinski. »Da gibt's nicht viel zu reden, macht, daß ihr rauskommt!« sagte Juzwa phlegmatisch. Ranicki schlug Juzwa mit seinem Säbelgriff vor die Brust und schrie: »Schlagt drein!« Es glänzten die Klingen, die Frauen schrien, ein wüstes Handgemenge begann. Der Hüne Juzwa nahm eine schwere Bank und hob sie wie eine Feder hoch in die Luft. Bald hüllte eine Staubwolke die Kämpfenden dicht ein; man vernahm nur Geschrei und das Gestöhn der Verwundeten. 5. Kapitel. . An demselben Tage kam Pan Kmicic mit mehreren hundert Soldaten nach Wodokty. Er hatte sie von Upita fortgenommen, um sie dem Groß-Hetman zuzuführen. Es genügte einen Blick auf Pan Kmicic' Freiwillige zu werfen, um zu wissen, wes Geistes Kinder sie waren. Verwahrlosteres Gesindel war wohl in der ganzen Republik nicht aufzutreiben. Aber woher sollte er auch bessere Soldaten bekommen? Die Reste der regulären Truppen hatten sich zurückgezogen, um sich zu reorganisieren. Ein Teil der Schlachta hatte sich der Armee angeschlossen, ein anderer sammelte sich in vom Feinde noch nicht besetzten Wojewodschaften. Zum Landsturm meldeten sich nur wenige in Grodno, aber auch sie gehorchten ihrer Pflicht nur langsam und unlustig. So blieb Pan Kmicic, den zum Teil Vaterlandsliebe, mehr noch Abenteuerlust dazu trieben, nichts anderes, als sich ein Freiwilligenkorps zu schaffen. Er nahm an Leuten, was er bekommen konnte, meist solche, die nichts zu verlieren hatten, und die hofften, sich durch Kriegsbeute bereichern zu können. Unter der eisernen Hand Kmicic' verwandelten sie sich zu kühnen Soldaten, und wäre Kmicic selbst eine positivere Natur gewesen, so hätten sie der Republik viel nützen können. Kmicic selbst aber, der zwar von Natur ein gutes Herz hatte, war durch die fortwährenden Kämpfe und Überfälle sehr verwildert und an Blutvergießen gewöhnt. Und da er als Freiwilliger auf die Hilfe der Regierung nicht rechnen konnte, so verschaffte er sich Proviant, Waffen und Pferde mit Gewalt, teils vom Feind, teils auch von den eigenen Landsleuten. Er und seine Soldaten schreckten vor keiner Art des Raubes zurück, sobald ihnen Widerstand entgegengesetzt wurde. Daher kam es, daß sein Name bald einen schlechten Klang bekam. Der Feind, aber auch die friedliche Bevölkerung, die schon so wie so vom Kriege fast ruiniert war, fürchteten den schrecklichen Partisan und seine Leute. Mit Grauen sah Panna Alexandra Kmicic' Lumpengesindel vor ihrem Hause ankommen: so sehr ähnelten diese aufgelesenen Menschen in ihrer zusammengeraubten Ausrüstung Wegelagerern. Alexandra beruhigte sich erst, als Pan Andreas heiter wie sonst ins Zimmer trat und ihr die Hand küßte. Sie hatte sich vorgenommen, ihn kühl und abweisend zu empfangen, aber unter seinem aufrichtigen und liebevollen Blick schmolz ihr fester Entschluß wie Schnee bei Sonnenschein. »Er liebt mich! Ohne Zweifel, er liebt mich!« dachte sie. »Ich habe mich so gesehnt nach dir, daß ich am liebsten ganz Upita verbrannt hätte, um schneller her zu können,« sagte er. »Hole sie alle der Teufel!« »Und Sie haben dort wieder Ordnung und Ruhe hergestellt? – Gott sei Dank, daß Sie wieder hier sind!« »Laß mich, mein Schatz, erst ein wenig verschnaufen, dann werde ich alles erzählen. – Wie warm es hier ist bei Ihnen, so gemütlich! Ganz wie im Paradies. Ich möchte mein Lebelang hier sitzen und in diese klaren Augen sehen. – Draußen herrscht ein starker Frost; ein warmer Trank könnte nichts schaden. Auch den Galgenstricken draußen lassen Sie ein Fäßchen Branntwein geben, damit sie sich im Stall wärmen. Ihre Pelze sind ja mit Wind gefüttert.« »Für sie soll mir nichts zu viel sein, es sind ja doch Ihre Soldaten.« Alexandra lächelte und ging leise hinaus, um ihre Anordnungen zu treffen. Kmicic ging im Zimmer auf und ab, fuhr sich über seine Haarmähne und drehte seinen Schnurrbart. »Es ist schwer, ihr die ganze Wahrheit zu sagen,« brummte er vor sich hin. Bald kam die reizende Hausfrau mit einem glänzenden Bleitablett, auf dem aus einem Topf der gewärmte Ungarwein duftend dampfte. Pan Andreas sprang auf Alexandra zu: »Ach! Jetzt sind deine beiden Hände beschäftigt, kannst dich gar nicht wehren. Er bog sich über das Tablett, um sie zu küssen; sie aber warf ihr blondes Köpfchen weit zurück. »Lassen Sie doch! – Ich lasse sonst das Tablett fallen!« »Bei Gott! Beim Anblick einer solchen Schönheit kann man leicht den Verstand verlieren!« »Sie sind schon längst von Sinnen. – Setzen Sie sich lieber hin.« Er setzte sich gehorsam; sie schenkte ihm Wein ein. »Nun erzählen Sie, wie Sie in Upita die Schuldigen gerichtet haben!« »In Upita? – Wie Salomo.« »Gott sei Dank! Ich möchte, daß alle in dieser Gegend Sie als einen gerechten Mann preisen. – Wie verlief es also?« Kmicic tat mehrere Züge, seufzte und begann. »Es war so: Der Bürgermeister sagte zu den Soldaten: Ihr seid Freiwillige, ihr habt nichts zu fordern. – Quartier werden wir euch gewähren, aber Proviant gibt's nur, wenn wir sehen, daß ihr uns dafür bezahlen könnt.« »War er im Rechte oder nicht?« »Dem Gesetze nach war er im Recht, aber die Soldaten hatten Säbel im Gürtel, und nach alter Sitte ist der im Rechte, der einen Säbel hat. Und so begann eine Rauferei. Die armen Soldaten steckten vor Schreck ein paar Scheunen an und beruhigten einige Bürger.« »Beruhigten einige Bürger?« »Nun, wenn jemand einen Säbelhieb über den Kopf kriegt, so muß er sich wider Willen beruhigen.« »Aber mein Gott, das ist doch Mord!« »Die Soldaten kamen und klagten mir, sie stürben Hungers; der Bürgermeister kam und klagte, die Soldaten fordern Fleisch und Met, und das könne die arme Bevölkerung nicht liefern.« »Gott wird Sie segnen,« unterbrach ihn Alexandra, »wenn Sie Gerechtigkeit walten ließen.« »Meine Königin,« sagte er in kläglichem Tone, »mein Schatz, zürne mir nicht.« – – »Nun, was haben Sie getan?« fragte Alexandra unruhig. »Ich ließ dem Bürgermeister und den mit ihm erschienenen drei Stadtvertretern je hundert Peitschenhiebe verabfolgen,« sprudelte Pan Andreas in einem Atem hervor. Alexandra sagte nichts, sie senkte den Kopf und versank in Schweigen. »Reiße mir den Kopf ab, aber zürne mir nicht! Ich habe noch nicht alles gebeichtet.« »Noch nicht alles!« stöhnte die Panna. »Sie hatten nach Poniewiez um Hilfe geschickt. Es kamen hundert Narren mit ihren Offizieren. Die Soldaten habe ich ein wenig eingeschüchtert – und die Offiziere, – die ließ ich, – um Gottes willen, zürne mir nur nicht! – nackt durch den Schnee über die Grenze peitschen.« Panna Billewicz hob den Kopf, ihre Augen brannten vor Zorn, das Gesicht bedeckte eine flammende Röte. »Sie besitzen weder Schamgefühl noch ein Gewissen! Ihre Handlungen sind eines Wegelagerers, aber keines Ritters würdig. Ich schäme mich, daß auf Sie, dessen Ruf mir teuer ist, schon nach so kurzer Zeit der ganze Adel mit Fingern weist!« » Der Adel? Zehn seiner Hütten kann ein Hund bewachen und hat noch nicht 'mal was Rechtes zu tun.« »Aber die Namen dieser Armen sind rein, kein Makel haftet an ihnen. Die Gerichte werden nur Sie hier verfolgen.« »Ich dächte, in unserer Republik ist jeder, der einen Säbel hat, und der imstande ist, eine Bande Halunken um sich zu sammeln – sein eigener Pan. Was kann man mir tun? Wen brauch' ich zu fürchten?« »Wenn Sie niemanden fürchten, so wissen Sie, daß ich doch Gottes Zorn fürchte, – Gottes Zorn und die Tränen der Unglücklichen und die Ungerechtigkeit! Schimpf und Schande will ich mit Ihnen nicht teilen; wenn ich auch nur ein schwaches Weib bin, so ist mir die Ehre meines Namens teuerer als manchem, der sich ein Ritter nennt.« »Ich beschwöre dich bei Gott, drohe nicht so schrecklich. – Du kennst mich noch nicht!« »O, ich glaube auch, mein Großvater kannte Sie auch nicht! Sie denken wohl, ich weiß nicht, daß Sie in Lubicz die Bilder meiner Ahnen zerschossen haben, und daß Sie die Mädchen dort entehrten? Wenn Sie meinen, daß ich dies alles geduldig ertragen werde, so kennen Sie mich nicht. – Ich verlange, daß Sie ein ehrenhafter Mann sein sollen.« Kmicic schämte sich anscheinend selbst seiner Lubiczer Abenteuer, er senkte den Kopf. »Wer hat dir das erzählt?« fragte er leise. »Der ganze Landadel der Umgegend spricht davon.« »Diesen Bauerlümmeln, diesen Verrätern werde ich ihren Dienst heimzahlen! – Wir waren damals alle im Rausch; Soldaten können sich nicht immer beherrschen. – Mägde habe ich aber nicht hereingeschleppt.« »Ich weiß wohl, diese schamlosen Bösewichte stiften Sie zu all diesen Gemeinheiten an.« »Es sind keine Bösewichter, – es sind meine Offiziere.« »Nun denn, ich habe Ihre Offiziere aus meinem Hause gewiesen.« Zum größten Erstaunen Alexandras brach Kmicic bei dieser Mitteilung durchaus nicht in Zorn aus, sondern seine Stimmung verbesserte sich sichtlich. »Bei Gott! Du besitzest eine Ritterseele! Und sie gingen ruhig fort wie Schafe? Und warum? Weil sie mich fürchten.« Pan Andreas sah Alexandra selbstgefällig an. Diese aber verlor bei dieser wenig angebrachten Selbstgefälligkeit ganz die Geduld. »Sie müssen zwischen mir und ihnen wählen,« sagte sie fest und nachdrücklich, »anders geht es nicht.« »Wozu soll ich wählen, wenn ich dich und sie haben kann?« sagte Kmicic nachlässig, fast heiter. »Hier in Wodokty können Sie tun, was Sie wollen. Wenn aber niemand von meinen Offizieren Sie persönlich verletzt hat, warum soll ich sie wegjagen? Das können Sie nicht verstehen, daß der Dienst unter einer Fahne und das gemeinsame Kämpfen ein festeres Band sind als Verwandtschaft. Sie müssen aber wissen, daß diese Räuber wohl tausendmal mir das Leben gerettet haben, daß das Gesetz sie verfolgt, und ich ihnen eine Zufluchtsstätte gewähre.« Sie preßte krampfhaft ihre Finger zusammen. Alles, was sie ihm von der öffentlichen Meinung, von der Notwendigkeit, gesetzter zu werden, redete, glitt an ihm ab wie Erbsen von einer Wand. Das nichtgeweckte Gewissen dieses Soldaten konnte ihre Empörung über jede Ungerechtigkeit, über jeden scheußlichen Streich nicht verstehen. Mit welchen Worten konnte sie auf sein verhärtetes Gemüt einwirken? »Gottes Wille geschehe!« sagte sie schließlich. – »Wenn Sie sich von mir lossagen, so gehen Sie ruhig Ihres Weges, Gott wird mich beschützen!« »Ich mich von Ihnen lossagen?« rief Kmicic in größtem Staunen. »Ja, – wenn nicht durch Worte, so durch Taten. Wenn Sie sich nicht von mir lossagen, so sage ich mich von Ihnen los. – Ich werde nicht das Weib eines Mannes, an dem menschliche Tränen und menschliches Blut haften, eines Mannes, den man einen Mörder, – einen Verräter nennt.« »Was für ein Verräter? – Machen Sie mich nicht toll, daß ich nicht etwas tue, was ich nachher selbst bedaure. Möge der Donner mich erschlagen, wenn ich ein Verräter bin! Ich, der ich für das Vaterland gekämpft habe, als alle die anderen die Hände sinken ließen.« »Sie wollen ein Verteidiger des Vaterlandes sein! Sie, der Sie dasselbe tun, was der Feind tut! Sie bedrücken es, Sie martern seine Söhne, Sie treten menschliche und göttliche Gesetze mit Füßen. Nein, und sollte mein Herz auch brechen, ich will keinen solchen Mann, – ich will nicht!« »Sprechen Sie nicht so, sonst komme ich von Sinnen! Engel, kommt her, rettet mich! Folgen Sie mir nicht in Gutem, so werde ich Sie mit Gewalt nehmen, wenn Sie auch sämtliche Habenichtse der Gegend, selbst die Fürsten Radziwill, den lieben Gott und alle Teufel mit ihren Hörnern zum Beschützer haben sollten. – Selbst wenn ich meine Seele dem Teufel verschreiben müßte!« »Rufen Sie nicht die bösen Geister an, denn sie werden Sie erhören!« rief Alexandra aus. »Was verlangen Sie von mir?« »Seien Sie ehrenhaft.« Beide schwiegen, im Zimmer wurde es ganz still. Man vernahm nur das schwere Atmen Pan Andreas'. Alexandras letzte Worte durchbohrten den Panzer, der sein Gewissen umhüllte. Er fühlte sich vernichtet, aber er wußte nicht, was er sagen, wie er sich verteidigen sollte. »Leben Sie wohl!« sagte plötzlich Pan Kmicic. »Leben Sie wohl, möchte Gott Sie eines Besseren belehren,« antwortete Alexandra. Kmicic ging zur Tür, plötzlich drehte er sich wieder um, lief auf Alexandra zu und faßte ihre Hände. »Um Christi willen! Wollen Sie, daß ich tot vom Pferde stürze?« Alexandra brach in Schluchzen aus. Er umfaßte sie und hielt sie, die am ganzen Körper zitterte, in seinen Armen. »Schlage mich! – Schlage mich! – Nur weine nicht, meine Teuerste. Ich bin schuldig. Ich werde alles tun, was du willst! – Ich schicke sie fort. – Ich werde in Upita alles in Ordnung bringen. – Ich werde mich bessern. Mache mit mir alles, was du willst, nur weine nicht und habe mich lieb!« So beruhigte und liebkoste er sie. »Fahren Sie,« sagte sie, als sie sich ausgeweint hatte. »Gott wird uns beide versöhnen. Ich zürne Ihnen nicht mehr, nur im Herzen, da tut es weh.«. Der Mond stand schon hoch über den weißen Feldern, als sich Pan Andreas mit seinen Soldaten auf den Weg nach Lubicz machte. Reue und Zorn stritten in seinem Herzen, doch das Gefühl des Ärgers über sich selbst gewann meist die Oberhand. Dies war die erste Nacht seines Lebens, in der er mit seinem Gewissen Abrechnung hielt, und diese Rechnung bedrückte ihn mehr als der schwerste Panzer. Mit einem schlechten Rufe war er hierher gekommen, und was hatte er getan, um ihn zu verbessern? Am ersten Tage fand in Lubicz eine Orgie statt, seine Soldaten vergriffen sich an der städtischen Bevölkerung, er aber setzte dem noch die Krone auf, er schlug die Soldaten, die aus Poniewiez kamen, er ließ die Offiziere nackt durch den Schnee treiben! – Man wird ihm einen Prozeß anhängen, man wird ihn seiner Güter, seiner Ehre, vielleicht gar seines Lebens berauben. – Und er wird nicht wie früher eine Bande Gesindel zusammentrommeln und auf das Gesetz pfeifen können; denn er will heiraten, er will sich in Wodokty festsetzen, er will im regulären Heer dienen. Und da wird ihn der Arm des Gesetzes schon erreichen. Selbst wenn er auch straflos ausginge, wenn seine Gewalttätigkeiten keine Vergeltung fänden, er fühlt das Widerwärtige, das eines Ritters Unwürdige in allen diesen Vergehen heraus, und in seinem Gewissen und in Alexandras Herzen wird die Erinnerung an sie ewig leben. Bei dem Gedanken, daß Alexandra ihn doch nicht verstoßen, daß sogar beim Abschied in ihren Augen Verzeihung zu lesen war, erschien das Mädchen ihm so gut wie ein Engel vom Himmel. Am liebsten wäre er umgekehrt, um ihr zu Füßen zu fallen, sie um Vergebung zu bitten und diese süßen Augen zu küssen, die heute sein Gesicht mit Tränen benetzten. Er fühlte, daß er dieses Mädchen liebte wie niemanden auf der Welt. »Ich schwöre bei der heiligen Jungfrau,« sagte er zu sich selbst, »ich werde alles tun, was sie von mir verlangt; ich werde meine Kameraden freigebig beschenken und sie ans Ende der Welt schicken. Es ist wahr, sie verführen mich immer zu allem Bösen. Gewiß werde ich sie in Lubicz betrunken und mit den Mägden zusammen antreffen,« Und ein furchtbarer Ärger darüber erfaßte ihn. »Ich werde es ihnen aber heimzahlen, sie sollen mich kennen lernen!« In seiner Wut gab er dem Pferde die Sporen, daß es aufstöhnte, und der Wachtmeister Soroka sagte zu den Soldaten: »Unser Rittmeister ist toll geworden, behüt uns Gott, daß wir ihm jetzt nicht unter die Hände kommen!« Die Tore des Herrenhauses in Lubicz waren weit geöffnet. Kmicic staunte nicht wenig, als niemand in den Hof kam zu seinem Empfange. Er glaubte die Fenster hell erleuchtet zu finden, Violinenspiel und die fröhlichen Stimmen der Tanzenden zu vernehmen, aber nichts davon, – nur in zwei Fenstern des Eßzimmers flackerte ein unsicherer Lichtschein, alles andere war dunkel, stumm und taub. Kmicic sprang vom Pferde herunter. Die Flurtür stand weit offen. »He, wer ist da?« schrie Kmicic. Niemand antwortete. Er rief noch einmal lauter. Ringsum Schweigen. »Haben die gesoffen!« brummte Pan Andreas, und er knirschte mit den Zähnen vor Wut. Er ging nach dem Eßzimmer. Auf dem ungeheuer großen Tische brannte die Talglampe. Beim Luftzug flackerte die Flamme so auf, daß Pan Andreas zuerst nichts sehen konnte. Als das Licht ruhiger geworden, sah sein Auge eine Reihe Gestalten an der Wand liegen. »Haben sie sich zu Tode getrunken, oder was?« sagte er unruhig und ging an die erste Gestalt. Das Gesicht war nicht zu sehen, aber an der weißen Hülle der Klarinette erkannte er Uglik. Er stieß ihn ohne weitere Zeremonien mit dem Stiefel an. »Steht auf, Rindviehcher, steht auf!« Aber Pan Uglik lag unbeweglich, und ebenso die übrigen. Niemand gähnte, niemand erwachte, niemand brüllte. Bald bemerkte Kmicic, daß alle auf dem Rücken lagen, in gleicher Lage. – Und eine unbestimmte Ahnung erfaßte sein Herz. Er lief zum Tisch, griff mit zitternder Hand die Lampe und beleuchtete die Gesichter der Liegenden. – Seine Haare stiegen ihm zu Berge, ein so schreckliches Bild bot sich ihm dar. Dort lag Uglik, kaum konnte er ihn erkennen, denn sein Gesicht und Kopf glichen einer formlosen, blutigen Masse, ohne Augen, Nase und Mund. Daneben Zend mit fletschenden Zähnen und hervorgequollenen Augen, in denen das Entsetzen vor dem Tode sich widerspiegelte. Ranicki lag mit geschlossenen Augen über und über mit Wunden bedeckt. Da erblickte Kmicic Pan Kokosinski, seinen Liebling, seinen alten Gutsnachbar. Er schien ruhig zu schlafen, nur am Halse war eine tiefe Wunde, wahrscheinlich von einem Bajonettstich. Kmicic leuchte alle der Reihe nach ab. Als er das Gesicht des sechsten, Rekuc', beleuchtete, schien es ihm, daß die Lider des Unglücklichen leicht erzitterten. »Rekuc! Rekuc!« schrie er, »ich bin es!« Rekuc' Augen öffneten sich, er erkannte das Gesicht des Freundes und stöhnte: »Einen Geistlichen – schnell!« »Wer hat euch getötet?« schrie Kmicic »Die – But – ryms –« hörte er leise eine im Todeskampf brechende Stimme. Rekuc streckte sich noch einmal und war tot. – – Kmicic ging schweigend an den Tisch, stellte die Lampe hin, ließ sich auf einen Stuhl nieder und strich mit der Hand über sein Gesicht. Schlief er? Sah er vor seinen Augen noch Traumbilder? Er wußte es selbst nicht. – Dann blickte er wieder auf die an den Wänden liegenden Leichen. Kalter Schweiß bedeckte seine Stirn, sein Haar stand zu Berge. – Plötzlich schrie er auf, so daß die Fensterscheiben in den Rahmen erzitterten: »Hierher! Alle hierher!« – – Die Soldaten, als sie den Schrei hörten, stürzten ins Zimmer herein. Kmicic wies mit der Hand auf die erschlagenen Kameraden: »Ermordet! Ermordet!« wiederholte er mit heiserer Stimme. Die Soldaten traten zu den Leichen, einige zündeten Holzspäne an und beleuchteten die Liegenden. Nach dem ersten Augenblicke des Staunens entstand Lärm und Tumult. Man vernahm Drohungen und Flüche. Kmicic, der bis dahin regungslos gesessen hatte, sprang auf und schrie: »Auf! zu Pferde!« Es verging kaum eine halbe Stunde, und hundert Reiter flogen über die breite, schneebedeckte Straße dahin; voran ritt Pan Kmicic, ohne Mütze, das blanke Schwert in der Hand. – Der Mond hatte gerade den höchsten Punkt am Himmelsbogen erreicht, als sein Licht sich plötzlich mit einem schwachen, rosigen Schein, der aus der Erde zu kommen schien, zu vermischen begann. Allmählich wurde der Himmel immer röter, bis ein blutiger Feuerschein die ganze Gegend einhüllte. – – Ein Feuermeer wütete in den Besitzungen der Butryms, und der rasende Kmicic schlug und mordete inmitten des Rauches, der Flammen und der Funken, die garbenweise zum Himmel flogen, die bestürzten und um den Verstand gekommenen Edelleute. – Die Einwohner der benachbarten Dörfer versetzte das Feuer in große Unruhe: »Vielleicht hat der Feind die Butryms überfallen und ihre Gehöfte angezündet? Was für ein fürchterlicher Brand!« – – Die Schüsse, die von dort herüberhallten, machten diese Annahme noch wahrscheinlicher. »Schnell, eilen wir zu Hilfe!« riefen die Beherzteren, »lassen wir unsere Brüder nicht ermorden!« Die Jugend bestieg schnell die Pferde, und bald hörte man die Glocken von Upita und Krakinowo Sturm läuten. In Wodokty wurde Alexandra durch ein leises Klopfen an der Tür aus dem Schlafe geweckt. »Steh auf! steh auf!« rief Panna Kulwiec. »Komm doch herein! Was ist los?« »Wolmontowicze brennt! – Die Schüsse hört man bis hierher, – dort wütet eine Schlacht! Gott erbarme sich unser!« Alexandra schrie auf, sprang aus dem Bette und begann, sich eiligst anzukleiden. Sie zitterte wie im Fieber; sie erriet sofort, was für ein Feind über die armen Butryms hergefallen war. In einer Minute versammelten sich bei ihr sämtliche Frauen des Hauses. Alle weinten und wehklagten. Alexandra fiel vor dem Heiligenbild in die Kniee und begann laut zu beten. Plötzlich wurde an der Flurtür heftig geklopft. Mit einem Schrei des Schreckens sprangen die Frauen hoch. »Nicht öffnen! Nicht öffnen!« Mit doppelter Kraft wurde an die Tür geschlagen; fast schien es, daß die Tür diesen Schlägen nachgeben würde. Kostek kam ins Zimmer gestürzt. »Gnädige Panna,« meldete er, »draußen klopft ein Mann! Soll ich ihm öffnen?« »Ist er allein?« »Ja, allein.« »So geh! öffne!« Der Junge ging heraus. Alexandra nahm eine Kerze und ging ins Eßzimmer, Panna Kulwiec und die Mägde folgten ihr. Kaum hatte Alexandra die Kerze hingestellt, als schwarz vom Rauch, mit Blut bespritzt, atemlos, mit Augen, aus den der Wahnsinn sprach, Kmicic vor den Frauen erschien. »Mein Gaul ist gefallen!« schrie er, »man verfolgt mich!« Alexandra sah ihn mit durchdringendem Blick in die Augen. »Haben Sie Wolmontowicze angesteckt?« »Ja, – ich –« Er wollte noch etwas hinzufügen, als plötzlich aus der Richtung des Waldes menschliche Stimmen und Pferdegetrappel erschallte. »Teufel! Verflucht! Jagd auf meine Seele!« schrie Kmicic. Panna Alexandra wandte sich zu den Frauen: »Wenn man fragt, sagt, hier sei niemand. Und jetzt geht in die Gesindestube und bringt Kerzen hierher!« »Und Sie dort hinein!« Sie zeigte Kmicic das angrenzende Zimmer. Mit sichtlichem Abscheu stieß sie ihn durch die offenstehende Tür hinein, die sie hinter ihm verschloß. Während dieser Zeit füllten bewaffnete Leute den Hof, und einige Augenblicke später kamen die Butryms, Domaszewiczs und andere ins Haus. Im Eßzimmer trat ihnen mit einer Kerze in der Hand Alexandra entgegen und sperrte den Weg zu den anderen Zimmern. »Was treibt ihr hier? Was wollt ihr, Leute?« fragte sie, ohne die Augen vor den drohenden Blicken und den Unheil verkündenden blanken Säbeln zu senken. »Kmicic hat Wolmontowicze verbrannt!« vernahm man Juzwa Butryms Stimme, »und wir verlangen jetzt seinen Kopf.« »Seinen Kopf! Blut! In Stücke den Mörder!« »So jagt doch hinter ihm her!« schrie die Panna. »Was steht ihr hier? Jagt ihm nach!« »Hat er sich denn nicht hier versteckt? Wir haben sein Pferd am Waldesrand gefunden.« »Hier ist er nicht! Das Haus war verschlossen. Geht, sucht in den Ställen und Remisen!« »So hat er sich in den Wald geflüchtet!« schrie ein Edelmann. »Ruhe!« donnerte Juzwa Butrym. »Panna, verstecken Sie ihn nicht; er ist ein Mensch, über dem der Fluch vieler schwebt.« Alexandra hob beide Arme: »Und ich verfluche ihn auch!« »Amen!« schrieen die Ritter. »Auf! Laßt uns die Ställe und den Wald durchsuchen! Schnell hinter dem Bösewicht her!« Panna Alexandra blieb allein. – Sie lauschte und wartete, bis überall vollständige Stille herrschte; dann trat sie wie im Fieber in die Tür des Zimmers, in das sie Pan Andreas versteckt hatte. »Es ist niemand mehr da! Kommen Sie heraus!« Kmicic trat heraus; er schwankte als wie berauscht. »Alexandra!« begann er. Sie schüttelte den Kopf. »Ich will Sie nicht sehen! von Ihnen nichts wissen! Nehmen Sie ein Pferd und reiten Sie fort von hier!« »Alexandra!« stöhnte Kmicic und streckte die Arme nach ihr aus. »Ihre Hände sind mit Blut befleckt wie die Kains!« schrie sie und wich zurück wie beim Anblick einer Schlange. »Fort von hier! Für alle Ewigkeit!« – 6. Kapitel. Ein trüber Tag erwachte und beleuchtete die Ruinen von Wolmontowicze, die Reste der Häuser und Wirtschaftsgebäude, verbrannte und erschlagene Leichen von Menschen und Pferden. In der Asche, unter der erlöschenden Glut suchten die Einwohner nach ihren Angehörigen oder Teilen ihrer Besitztümer. Das war ein Tag der Trauer und des Jammers für den ganzen Laudagau. Außer den Butryms, die am meisten gelitten, gab es kein Dorf, kein Gehöft, in dem nicht Witwen um ihre Männer, Väter um ihre Söhne, Söhne um ihre Väter trauerten. Von Kmicic' Leuten war nicht ein einziger seinem Schicksal entgangen. Kmicic selbst war spurlos verschwunden. Diejenigen der Butryms, die diese furchtbare Nacht nicht dahingerafft hatte, zogen nach Wodokty und schlugen dort ein Lager auf. Das Haus war voll von Weibern und Kindern. Wer hier nicht Unterkunft fand, ging nach Mitruni, das Panna Alexandra den Abgebrannten ganz übergab. Wodokty ähnelte einer Stadt, die einen Überfall erwartete; denn viele bewaffnete Ritter blieben dort, um zu verhindern, daß Kmicic sich seine Braut mit Gewalt hole. Panna Alexandra ging unter diesen Leuten traurig und blaß umher; all die Seufzer und Flüche, die sie über Kmicic mit anhören mußte, trafen wie Messerstiche ihr Herz. War sie nicht die Ursache all' dieses Unheils? Kam dieser wahnsinnige Mann nicht ihretwegen hierher? Wie ein Wunder mutete es sie an, daß ein Mensch in so kurzer Frist so viel Böses tun konnte, ein Mensch, der im Grunde genommen nicht einmal durchaus schlecht und verderbt war. Sie erriet, daß zwischen Kmicic' Selbst und seinen Taten eine abgrundtiefe Kluft lag, und ihr Herz, das diesen Mann mit der ganzen Leidenschaft der Jugend liebte, litt unsäglichen Schmerz bei dieser Erkenntnis. Sie wußte, daß er alle die Eigenschaften besaß, um ein heldenmütiger Ritter und ein ehrenhafter Staatsbürger zu sein, daß er sich statt Verachtung – allgemeine Liebe, – statt Fluch – Segen erwerben konnte. – Zeitweise erschien es dem jungen Mädchen, daß irgend ein Unglück, eine finstere, geheimnisvolle Macht ihn auf den Weg des Verbrechens gestoßen, und ein tiefes Mitleid mit diesem Unglücklichen erwachte in ihr, das ihre nicht erloschene Liebe von neuem entflammte. Ihm drohten mehr als hundert Prozesse, und Pan Hliebowicz hatte Leute ausgeschickt, die den Verbrecher ergreifen sollten. Das Gesetz mußte ihn strafen. Aber von dem Gerichtsurteil bis zu seiner Vollstreckung war ein weiter Weg; denn mehr und mehr wuchs die Unordnung in der Republik. Der fürchterliche Krieg wütete weiter im Land und näherte sich mit blutigen Schritten Smudien. Der mächtige Fürst Radziwill kümmerte sich nur um die Erfüllung seiner eigenen Angelegenheiten und Pläne, selbst wenn sie den Interessen der Republik zuwiderliefen. Alle anderen Magnaten interessierten sich auch mehr für ihr eigenes Wohl als für die Republik. So kam es, daß all die Fundamente, auf die sich die einst so mächtige Republik stützte, ins Schwanken gerieten. Willkür und Gewalttätigkeit hatten die Zügel der Herrschaft an sich gerissen; denn sie kannten ihre Macht und spotteten des Gesetzes. Jetzt konnte der Bedrückte sich vor dem Bedrücker nur mit dem eigenen Säbel schützen. Deshalb blieben die Laudaer noch lange in Waffen, trotz der Prozesse, die sie gegen Kmicic angestrengt hatten; sie wollten bereit sein, seiner Kraft mit Macht entgegenzutreten. Als aber mehr als ein Monat verstrich und von Kmicic keine Kunde kam, begannen die Laudaer freier zu atmen. Die Adligen, die sich in Wodokty aufgehalten, kehrten in ihre Gehöfte zurück. Eines Tages erschien bei Panna Alexandra ein Bote mit einem Brief von Kmicic. Er schrieb: »Vielgeliebte, teure Alexandra! Jedem Wesen auf der Welt ist es gegeben, sich für erlittene Unbill zu rächen. Und wenn ich diese ganze Laudaer Adelsbrut niedergemetzelt habe, so weiß Gott, daß ich es nicht aus Blutgier tat, sondern weil sie meine Kameraden, den göttlichen und menschlichen Gesetzen zum Trotz, ohne Rücksicht auf ihre Jugend und Abstammung so mitleidlos hingeschlachtet haben. Nicht wie Ritter, selbst Türken und Kosaken hätten es so nicht getan. Wer will sich darüber wundern, daß mich bei ihrem Anblick ein unmenschlicher Zorn erfaßte? Das Blut der in der Blüte ihrer Jahre und ihres Ruhmes hingemordeten Offiziere schrie zu mir und stärkte meinen Arm. Und dies alles in dem Augenblick, wo ich – ich rufe Gott zum Zeugen – wo ich Frieden mit der ganzen Laudaer Schlachta schließen, wo ich meine ganze Lebensweise nach Ihren Ratschlägen ändern wollte. Sie, die Sie willig meinen Anklägern Ihr Ohr leihen, weisen Sie meine Verteidigung nicht zurück und urteilen Sie gerecht! Viele der Hingemordeten tun mir jetzt leid, denn auch Unschuldige werden durch mich ihr Leben eingebüßt haben. Aber ein Soldat, der Bruderblut rächt, kann nicht Unschuldige von Schuldigen unterscheiden; er nimmt auf nichts Rücksicht. Gebe Gott, daß mein Ansehen durch dies alles nicht Schaden in Ihren Augen gelitten hat. Schon jetzt, nachdem ich Sie verloren habe, gehe ich mit Verzweiflung in der Seele schlafen, und mit Verzweiflung erwache ich. – Mögen mich, den Unglücklichen, die Gerichte verurteilen, möge der Landtag das Urteil bestätigen, möge mein Name mit Schimpf und Schande überhäuft werden, möge sich die Erde unter meinen Füßen öffnen, – ich will alles ruhig ertragen, – nur weisen Sie, um Gottes Barmherzigkeit willen, mich nicht aus Ihrem Herzen! Ich will alles tun, was Sie von mir verlangen. Ich werde Ihnen Lubicz abtreten, meine Güter in Orsza, ich habe viele Rubel Kriegsbeute in Wäldern vergraben, auch die will ich Ihnen geben, nur sprechen Sie – sagen Sie, daß Sie die Meine werden wollen, wie es der selige Großvater befiehlt. – Sie haben mein Leben gerettet, retten Sie auch meine Seele. – Helfen Sie mir, mein Verbrechen gutzumachen, helfen Sie mir, mein Leben zum Guten zu führen! – Wenn Sie sich von mir abwenden, wird mich auch Gott verlassen. Und die Verzweiflung wird mich zu noch schlechteren Taten treiben!« – – Wer kann es unternehmen zu erzählen, wie das Mitleid in Alexandras Seele zur Verteidigung Pan Andreas' zu sprechen begann! Die Liebe gleicht dem Blumensamen, ein Wind führt sie her, ein Wind kann sie vertreiben. Aber hat sie in einem Herzen erst Wurzel geschlagen, so kann man sie nicht herausreißen, sie stirbt mit dem Herzen zusammen. Panna Billewicz gehörte zu denen, die ihr Herz nicht teilen können. – Sie weinte beim Lesen von Kmicic' Brief; aber sie konnte nicht mit einem Male alles verzeihen, alles vergessen. Kmicic' Reue war ohne Zweifel aufrichtig; aber seine Seele blieb ebenso wild wie früher. Sein durch nichts gezügelter Charakter konnte sich so schnell nicht ändern, daß sie ohne Bedenken der Zukunft entgegensehen konnte. Nicht Worte, sondern Taten mußte sie von Pan Andreas fordern. Und dann, wie konnte sie zu einem Menschen sagen, der ein ganzes Dorf mit Blut getränkt, dessen Name an den Ufern der Lauda mit Abscheu ausgesprochen wurde: »Kehre zurück, für die Leichen, die Feuersbrunst, die Tränen und all das Blut der Menschen gebe ich dir meine Liebe und mich selbst?!« – Und sie schrieb ihm folgendes: »Ich habe Ihnen schon einmal gesagt, daß ich von Ihnen nichts wissen will, daß ich Sie nicht kenne. Ich werde mein Wort halten, auch wenn mein Herz darüber brechen sollte. Das, was Sie getan haben, kann weder mit Geld noch mit Gütern gut gemacht werden, denn die Toten können Sie dadurch nicht lebendig machen. – Mögen die Edelleute, die Sie gemordet und gebrandschatzt haben, Ihnen verzeihen, so werde auch ich Ihnen verzeihen. Wenn diese für Sie eintreten, so werde auch ich für Sie eintreten. Da aber dies nie geschehen kann, so suchen Sie Ihr Glück irgendwo anders. Am allerersten aber suchen Sie Gottes Verzeihung; sie ist wichtiger als die der Menschen.« – Und wieder flossen Tage und Wochen dahin, ohne eine Nachricht von Kmicic zu bringen; aber andere Nachrichten kamen, eine schlechter als die andere. Das Moskowiter Heer Chowanskis überschwemmte das Land weiter und weiter. Und die Republik, auf dem höchsten Punkt ihrer Schwäche angelangt, war nicht imstande der feindlichen Macht Widerstand entgegenzusetzen. Es war ein ungewöhnlich strenger Winter. Obgleich man im April war, lag der Schnee noch dicht auf den Feldern und in den Wäldern. Die vorjährigen Erntevorräte gingen allerorten zu Ende, und der Bruder des Krieges, der Hunger, begann im Reiche zu wüten. Auf den Feldern und den Wegen stieß man auf Leichen von Menschen, die von Wölfen zerrissen waren, die rudelweise bis dicht an die Dörfer und Gehöfte kamen. Ihr Geheul mischte sich mit dem Hilfegeschrei der Menschen. Tausende von Holzhaufen wurden auf den Feldern angezündet, an denen unglückliche Obdachlose ihre erstarrten Glieder wärmten. Eine unerklärliche Furcht fesselte alle Gemüter. Viele behaupteten, daß das unerhörte Unglück des Landes eine unmittelbare Beziehung zu dem Namen des Königs habe. Man deutete die Buchstaben I. C. R ., die auf den Münzen geprägt waren, nicht mit den Worten Johannes Casimirus Rex, sondern mit » Initium Calamitatis Regni «. 7. Kapitel. Pan Wolodyjowski, der berühmte Soldat, wohnte noch immer in Pacunele bei Pakosz Gasztowt. Man überhäufte den jungen Oberst von allen Seiten mit Beweisen der größten Achtung. Man sandte ihm Fische, Wild, Pilze, Heu für seine Pferde, Teer für seine Wagen, kurz alles, was er irgend brauchen konnte, damit es ihm und seiner Dienerschaft an nichts fehle. Nach Kmicic' Niederlage und Flucht faßte die in Wolodyjowski vernarrte Laudaer Schlachta den Plan, ihn mit Alexandra zu vermählen. Die älteren Herren fuhren daher zu Wolodyjowski, der, ohne viel zu überlegen, sich mit allem einverstanden erklärte. Dann teilten sie auch Alexandra ihren Beschluß mit, die ihrerseits, ohne zu überlegen, mit nichts einverstanden war. »Über Lubicz konnte nur der Verstorbene verfügen,« erklärte sie, »und das Gut kann dem Pan Kmicic nur auf Gerichtsbeschluß weggenommen werden. Was meine Verheiratung betrifft, so bitte ich Sie, davon überhaupt nicht zu reden. Ich habe jetzt zu viel Kummer, als daß ich an Ähnliches denken mag. Jenen habe ich aus meinem Herzen verbannt, und einen anderen, wer es auch sein mag, bringt nicht her zu mir: Ich werde ihn nicht heiraten.« Bei dieser entschlossenen Ablehnung war nichts zu machen, und traurig kehrten die Edelleute zurück. Pan Wolodyjowski war nur wenig betrübt bei dieser Nachricht, und die drei jüngeren Töchter Gasztowts gar nicht. Es waren dies große, kräftige, breitschulterige Mädchen mit frischen Farben und blondem Flachshaar. Der Organist aus Mitruni hatte sie das Lesen und Singen von Kirchenliedern gelehrt; die älteste spielte sogar die Laute. An den langen Winterabenden pflegte Pan Wolodyjowski mit den drei Töchtern Gasztowts am Kamin zusammen zu sitzen. Die Mädchen spannen oder schleißten Federn, und Wolodyjowski erzählte ihnen von den Kriegen, an denen er teilgenommen, und von den Wunderdingen, die er in den Schlössern der Magnaten gesehen hatte. Einmal, als Pan Michail Wolodyjowski sich über die Schönheiten des königlichen Schlosses zu Warschau verbreitete, vernahm man im Flur heftigen Lärm. »He! Um Gottes willen! Öffnet schnell!« schrie eine verzweifelte Stimme. Die Mädchen erschraken sehr, Pan Wolodyjowski lief seinen Säbel zu holen, kehrte aber um, als in die Tür ein unbekannter Mann eintrat. »Helfen Sie uns, Pan Oberst! – Die Panna hat man entführt.« »Welche Panna?« »Die Panna in Wodokty.« »Kmicic?« fragte Pan Wolodyjowski. »Ja, Kmicic.« »Und wer bist du denn?« »Der Verwalter aus Wodokty.« »Wir kennen ihn,« sagten die Mädchen. »Er hat immer für Sie Theriak gebracht!« In diesem Augenblicke erschien Gasztowt und zwei Diener Wolodyjowskis, die der Lärm herbeigeführt hatte. »Sattelt mein Pferd!« befahl Wolodyjowski. »Einer von euch fährt gleich zu den Butryms.« »Bei den Butryms war ich schon,« sagte der Verwalter. »Wann hat man die Panna geraubt?« »Eben jetzt. – Man metzelt noch die Dienerschaft dort nieder. – Ich bin mit Mühe und Not entkommen.« Der alte Gasztowt rieb sich die Augen. »Was? Die Panna hat man geraubt?« »Ja, Kmicic hat es getan!« sagte Pan Michail. »Wir müssen schnell zu Hilfe eilen!« und er wandte sich zum Verwalter: »Fahr zu den Domaszewicz'. Sie möchten mit den Gewehren kommen.« »He, ihr Ziegen,« rief plötzlich der alte Gasztowt seinen Töchtern zu, »geht schnell ins Dorf, die Schlachta zu wecken. Kmicic hat die Panna geraubt! – Ach, dieser Raubmörder, dieser Windhund!« »Gehen wir lieber,« sagte Wolodyjowski. »Es wird schneller gehen; die Pferde sind schon gesattelt.« Einige Minuten später waren sie schon zu Pferde, sie ritten vor die Häuser des Dorfes und klopften und schrien: »An die Waffen! An die Waffen! Die Panna aus Wodokty hat man entführt! Kmicic ist in der Nähe!« Bald waren alle die Edelleute beisammen. Teils zu Pferde, teils zu Fuß, bewaffnet mit Säbeln, Lanzen, Jagdspießen und eisernen Heugabeln zogen sie nach Wolmontowicze, wo sie sich mit den Butryms und Domaszewicz' trafen. »Habt ihr was Neues erfahren?« fragte Pan Wolodyiowski. »Er hat sie nach Lubicz entführt.« »Nach Lubicz?!« wunderte sich Wolodyjowski. »Denkt er sich dort verteidigen zu können? Lubicz ist doch keine Festung!« »Er vertraut seiner Kraft. Zweihundert Mann hat er wieder um sich gesammelt. Und Wagen und Pferde – gute Pferde hat er mit sich; wird wohl aus Lubicz Proviant holen wollen. Auch scheint er nicht zu ahnen, daß wir aus dem Feldzuge zurück sind; das ist sehr gut für uns.« »Habt ihr genügend Gewehre bei euch?« fragte Pan Wolodyjowski. »Wir Butryms haben dreißig und die Domaszewicz' sechzig Gewehre mit.« »Gut! Fünfzig Gewehre gehen die Sümpfe zu überwachen; die anderen folgen mir. Vergeßt die Äxte nicht!« Die kleinere Gruppe mit Juzwa Butrym an der Spitze setzte sich nach der Richtung der Sümpfe zu in Bewegung. Pan Wolodyjowski zog mit seinen Soldaten nach Lubicz. Sein Herz hüpfte vor Vergnügen, als er so viele geübte Landwehrkämpfer unter seinen Kameraden fand. Man erzählte sich, daß Kmicic vor der Ausführung seines Anschlages als Bettler verkleidete Spione nach Wodokty geschickt hätte, daß unter seinen Soldaten Kosaken wären, die früher wahrscheinlich dem Heere Chowanskis angehört hatten. Kmicic hatte wirklich bei seinem verwegenen Plan nicht bedacht oder auch nicht gewußt, daß viele Edelleute soeben vom Kriegsschauplatz zurückgekehrt waren. Er hatte die Dörfer und Gehöfte noch so verlassen und leer geglaubt wie früher, während ihm Pan Wolodyjowski jetzt mit dreihundert kriegsgeübten Männern entgegenziehen konnte. In Lubicz waren alle Fenster hell erleuchtet. Im Hofe wimmelte es von bewaffneten Leuten; aber nirgend hatte man einen Wachtposten aufgestellt. Überall auf dem Hofe herrschte eine fürchterliche Unordnung. Leute mit Fackeln gingen zum Hause aus und ein, Sachen wurden in Wagen verpackt. Befehle kreuzten sich hin und her. Wolodyjowski befahl seinen Leuten abzusteigen und den Hof zu umzingeln. Er selbst mit seiner Hauptmacht näherte sich dem Hoftor. »Das Kommando abwarten! Nicht ohne Befehl schießen,« sagte er leise. Plötzlich bemerkte man im Hofe die Angekommenen. »Wer da?« erschollen drohende Rufe. »Schießt!« befahl Pan Wolodyjowski. Es erfolgte eine Salve, aber noch bevor der Pulverdampf sich zerstreute, kommandierte Pan Wolodyjowski: »Laufschritt! Marsch, marsch!« »Mord und Totschlag!« schrien die Laudaer, sich wie eine Lawine vorwärtsschiebend. Die Kosaken antworteten ihnen mit Schüssen, sie hatten aber keine Zeit zum zweitenmal zu laden. Die Tore hielten den Sturm der Schlachta nicht aus, und auf dem Hofe, inmitten der Wagen, Pferde, Gepäckstücke entbrannte ein furchtbarer Kampf. Kmicic' Soldaten verteidigten sich tapfer, und aus den Fenstern des Herrenhauses wurde auch mehrmals geschossen. Dann aber erloschen plötzlich die Fackeln. Die Dunkelheit erschwerte den Angreifern das Vordringen. Schließlich aber wurden die Kosaken bis zu dem Wohnhaus und zu den Ställen zurückgedrängt. Die Edelleute triumphierten. Nun begann das Feuern aus den Fenstern von neuem. Aus allen Fenstern sahen Mündungen von Musketen heraus, die einen gewaltigen Kugelregen entsandten. »Stürmt die Türen!« befahl Pan Wolodyjowski. Die Türen waren jedoch aus äußerst starkem Eichenholz, und wie besät mit eisernen Nägeln beschlagen, an denen die Äxte sich abstumpften. Nach einer Stunde angestrengtester Arbeit fielen endlich mehrere Planken heraus, durch diese Öffnung wurde von innen sofort mit Musketen gefeuert. Zwei Butryms fielen mit durchschossener Brust zur Erde. Die anderen fuhren fort, mit der größten Erbitterung die Türen zu bearbeiten. Inzwischen kam auch eine neue Gruppe bewaffneter Bauern aus Wodokty an. Die Ankunft dieser Hilfstruppen beunruhigte augenscheinlich die Belagerten. Hinter der Tür erscholl eine laute Stimme: »Halt! Schlagt nicht weiter! Hört! – Halt doch zum Teufel! – Laßt uns unterhandeln!« Wolodyjowski befahl mit der Arbeit einzuhalten. »Wer spricht da?« fragte er. »Kmicic, der Bannerträger von Orsza. Und mit wem rede ich?« »Oberst Michail Wolodyjowski.« »Ich begrüße Sie.« »Hier ist jetzt keine Zeit zu Begrüßungen. – Was wollen Sie?« »Das will ich Sie fragen. – Was wollen Sie? Sie kennen mich nicht, ich kenne Sie nicht. – Warum also überfallen Sie mich?« »Verräter!« schrie Pan Michail, »mit mir sind die Laudaer Edelleute gekommen, um mit Ihnen abzurechnen: Ihren verräterischen Überfall, das unschuldig vergossene Blut, die Entführung des Fräuleins aus Wodokty.« Es entstand eine Pause. »Sie würden mich nicht noch einmal Verräter heißen,« sagte schließlich Kmicic, »wenn uns nicht diese Tür trennte.« »So öffnen Sie doch! – Ich verbiete Ihnen das nicht!« »Vorher wird noch mehr als ein Laudaer Hund fallen. Lebend sollt Ihr mich nicht fangen!« »Dann werden wir Sie krepiert herausschleppen! Das kommt alles auf eins 'raus!« »Hört mal, und gebt acht auf das, was ich Euch sage. Wenn Ihr mich nicht in Ruhe laßt, so sprenge ich dies Haus und alles, was drinnen ist, in die Luft. Das schwöre ich bei Gott! – Jetzt könnt Ihr kommen, mich holen!« Es entstand eine längere Pause. Vergebens suchte Pan Wolodyjowski eine Antwort. Die bestürzte Schlachta sah sich einander an. In Kmicic' Worten lag so viel wilde Energie, daß niemand an ihnen zweifelte. Ein Funke, und Panna Alexandra ist verloren! – – Plötzlich kam Pan Wolodyjowski ein glücklicher Gedanke. »Es gibt ein anderes Mittel,« rief er. »Komm heraus, Verräter, wir wollen uns auf Säbel schlagen. – Tötest du mich, so kannst du frei abziehen.« Einige Minuten kam keine Antwort. Die Herzen der Laudaleute schlugen unruhig. »Auf Säbel?« fragte endlich Kmicic. »Ist denn das möglich?« »Wenn Sie kein Feigling sind, so ist es möglich!« »Ihr Ritterwort, daß ich ungehindert abziehen kann?« »Mein Ritterwort.« »Das darf nicht sein!« hörte man aus der Mitte der Butryms. »Still doch! zu tausend Teufeln!« donnerte Pan Wolodyjowski. »Soll er sich und euch in die Luft sprengen?« Die Butryms wurden still. »Nun, wie ist es?« fragte höhnisch Kmicic. »Sind die Bastschuhträger einverstanden?« »Ja, sie werden es auf ihr Schwert beschwören, wenn Sie es wollen.« »So laßt sie schwören.« »Kommt her alle!« rief Wolodyjowski den Edelleuten zu, die rings an den Wänden das ganze Haus umzingelten. Bald hatten sich alle vor der Tür versammelt. Die Absicht Kmicic', das ganze Haus in die Luft zu sprengen, hatten alle gehört. Sie standen stumm und starr wie versteinert. Es herrschte eine Grabesstille, und Pan Wolodyjowski rief mit erhobener Stimme: »Alle hier Versammelten rufe ich zu Zeugen, daß ich Pan Kmicic, den Bannerträger von Orsza, zum Duell aufgefordert habe. Ich habe ihm zugeschworen, daß er, wenn er mich besiegt, frei, ohne jedes Hindernis von unserer Seite, abziehen kann. Das alles sollt ihr durch einen Schwur auf euren Säbelgriff bestätigen.« »Wartet!« rief Kmicic, »schwört, ich werde ungehindert mit allen Leuten und der Panna abziehen.« »Die Panna bleibt hier!« erwiderte Wolodyjowski, »und Eure Leute werden zu Gefangenen der Edelleute gemacht.« »Das kann nicht sein.« »So sprenge das Haus! Die Panna haben wir sowieso schon betrauert!« Wieder erfolgte ein längeres Schweigen. »Mag es so sein,« meinte dann Kmicic. »Wenn ich sie nicht heute entführe, so hole ich sie in einem Monat. Ihr werdet sie vor mir nicht verstecken, und wenn ihr sie unter der Erde verbergt. – Schwört also!« »Schwört!« wiederholte Pan Wolodyjowski. »Wir schwören im Namen Gottes und des heiligen Kreuzes. Amen!« »Nun, kommen Sie heraus! Kommen Sie!« rief Pan Michail. »Ihnen gelüstet es Wohl, sehr schnell ins Jenseits befördert zu werden?« »Schon gut! schon gut! Nur macht schnell!« Der eiserne Riegel der Tür knarrte. Pan Wolodyjowski und die Edelleute traten zurück, um Platz zu machen. Plötzlich tat sich die Tür auf, und in ihr erschien Pan Andreas, groß und schlank gewachsen wie eine Pappel. Die ersten Strahlen des anbrechenden Tages fielen auf sein schönes, stolzes Gesicht. Er blieb stehen, ließ mutig seine Augen über die Reihen der Schlachta gleiten und sagte: »Ich habe euch vertraut, – Gott weiß, ob ich recht daran getan habe. – Doch schon gut. – Wer von euch ist Pan Wolodyjowski?« Der kleine Oberst trat vor. »Ich bin es,« sagte er. »Oho! wie ein Riese sehen Sie nicht aus,« lächelte Kmicic. »Ich habe erwartet, einen ganz anderen zu sehen, obgleich man, ich muß es bekennen, in Ihnen gleich den erfahrenen Soldaten sieht.« »Von Ihnen kann ich ein gleiches nicht behaupten. Sie haben sogar vergessen, Wachen aufzustellen. Wenn Sie ebenso geschickt mit dem Säbel sind wie mit dem Kommando, so werde ich nicht viel Arbeit mit Ihnen haben.« »Wo wollen wir uns aufstellen?« fragte Kmicic. »Hier, – der Hof ist eben wie ein Tisch.« »Einverstanden, – bereiten Sie sich zum Tode vor.« »Sind Sie Ihrer Sache so sicher?« »Ich bin meiner Sache nicht nur sicher, ich bemitleide Sie sogar. Ich habe oft Gelegenheit gehabt, von Ihnen viel Gutes zu hören. Deshalb sage ich Ihnen, lassen Sie mich in Ruhe. Wozu wollen wir, die wir uns gegenseitig nicht kennen, uns schlagen? Warum verfolgen Sie mich? – Das Mädchen gehört mir kraft des Testamentes, ich strecke meine Hand nur aus nach dem, was mir zukommt. Es ist wahr, ich habe die Wolmontowiczer Edelleute niedergemetzelt, aber Gott wird darüber zu Gericht sitzen, wer der Schuldige ist, ich oder sie? – Wes Geistes Kinder meine Offiziere waren, das tut hier nichts zur Sache; es genügt, daß sie hier niemandem Böses getan haben, aber sie haben sie wie tolle Hunde niedergeschlagen. Blut für Blut! – Ich schwöre zu Gott, ich bin hierher gekommen ohne jede böse Absicht. Wie aber hat man mich empfangen? Gewalt gegen Gewalt! – Ich werde euch alles heimzahlen, schuldig bleibe ich nichts!« »Und was sind das für Leute, mit denen Sie hierher gekommen sind? Woher haben Sie solche Gehilfen genommen?« fragte Pan Wolodyjowski. »Woher ich sie auch genommen habe, ich führe sie nicht gegen das Vaterland; ich brauche sie für meine eigenen Zwecke.« »Und Ihrer persönlichen Angelegenheiten wegen haben Sie sich mit dem Feinde verbunden! Und womit anders wollen Sie ihm den Dienst zahlen als mit Verrat? – Ich hätte Sie nicht gehindert, mit den Edelleuten zu verhandeln, aber daß Sie den Feind gerufen, das ist eine andere Sache. Zögern Sie nicht, sich zu stellen, sonst werde ich Sie einen Feigling nennen!« »Es sei, wie Sie wollen,« sagte Kmicic und stellte sich in Position. Auf Pan Wolodyjowskis Befehl brachte man gegen fünfzig angezündete Fackeln. Wolodyjowski zeigte auf sie mit dem Säbel. »Sehen Sie, eine förmliche Beisetzungsfeierlichkeit.« »Nun wohl! einen Oberst trägt man zu Grabe, das geht nicht ohne Feierlichkeit,« erwiderte Kmicic lebhaft. Die Laudaer Schlachta umringte die beiden Ritter. Die vorderen hoben ihre Fackeln hoch, die hinten Stehenden warteten gespannt auf den Ausgang. Es entstand eine tiefe Stille; nur dann und wann fielen knisternd Stückchen der glimmenden Holzkohle zu Boden. Pan Wolodyjowski war heiter. »Fangen Sie an!« sagte Kmicic. Das erste Klirren der Waffen fand in den Herzen der Zusehenden einen Widerhall. Pan Wolodyjowski begann wie unwillig. Pan Kmicic parierte und machte seinerseits einen Ausfall. Pan Wolodyjowski parierte. Die Hiebe wurden immer heftiger; Kmicic attackierte wütend. Wolodyjowski, der seinen Arm auf den Rücken gelegt hatte, stand ruhig und parierte nachlässig mit seinem Säbel. Es schien, er wollte sich selbst nur decken und den Gegner zu gleicher Zeit verschonen. Von Zeit zu Zeit trat er einen Schritt zurück, ging aber bald wieder vor, augenscheinlich studierte er die Geschicklichkeit Kmicic'. Dieser ereiferte sich zusehends; der Oberst blieb kühl, wie ein Lehrer, der seinen Schüler unterrichtet. Schließlich fing er zum größten Staunen der Schlachta an zu sprechen: »Laßt uns ein bißchen plaudern! Die Zeit wird uns dann nicht so lang. – Aha! das also ist Orszaer Methode! So werden Sie bald ermüden! – Dieser Stoß ist bei den Gerichtsschreibern Mode. – Dieser ist ein kurländischer – mit ihm kann man gut Hunde zurückschlagen, – Achten Sie auf die Säbelspitze! Biegen Sie die Hand nicht so stark, sonst – sehen Sie zu, was erfolgen wird. – Hebt auf!« – Diese letzten Worte sprach Pan Michail mit besonderer Deutlichkeit. Dann zog er einen Halbkreis, und, ehe die Zuschauer begriffen hatten, was das »Hebt auf!« bedeutete, schoß Pan Kmicic' Säbel über Wolodyjowskis Kopf und fiel hinter seinem Rücken zu Boden. »Das nennt man einen Säbel ausschälen!« sagte er. Kmicic stand bleich, mit wütenden Augen da. Er war selbst nicht weniger erstaunt als die Laudaer Schlachta. Der kleine Oberst trat zur Seite und auf den Säbel zeigend, wiederholte er: »Hebt auf!« Einen Augenblick schien es, als ob Kmicic sich mit bloßen Händen auf ihn stürzen wollte. – Er machte sich schon sprungbereit, und Pan Wolodyjowski hielt ihm seine Säbelspitze entgegen. – Aber Pan Kmicic hob den Säbel auf und ging wieder auf den schrecklichen Gegner los. Der Zuschauerkreis drängte sich fester zusammen, und hinter ihm bildete sich noch ein zweiter und dritter. Kmicic' Kosaken steckten ihre Köpfe zwischen die Schultern der Edelleute, als ob sie ihr Lebenlang mit ihnen in größter Einigkeit gelebt hätten. Alle erkannten in Pan Wolodyjowski den Meister aller Fechtmeister. Er aber spielte wie die Katze mit der Maus und schlug immer nachlässiger mit seinem Säbel die Angriffe ab. Die linke Hand hatte er sogar in seine Hosentasche gesteckt. – Kmicic raste vor Wut; er war kreidebleich. Endlich sprudelten aus seiner ausgetrockneten Kehle heiser die Worte: »Machen Sie ein Ende! Es ist ja beschämend! Schonen Sie doch mein Ehrgefühl!« »Gut,« sagte Wolodyjowski. Man vernahm ein kurzes, scharfes Sausen, dann einen erstickten Aufschrei. Kmicic machte eine schnelle Bewegung mit den Armen; sein Säbel fiel zu den Füßen des Oberst, und er stürzte mit dem Gesicht zu Boden. »Er lebt!« sagte Wolodyiowski, »er ist nicht auf den Rücken gefallen.« Dann trocknete er an Kmicic' Rockschoß seinen Säbel ab. Plötzlich schrieen die Edelleute los: »Schlagt den Verräter tot! – Zerhackt ihn in Stücke!« Die Butryms stürzten mit gezückten Säbeln auf Kmicic zu. – Da ereignete sich etwas Ungewöhnliches. Es war, als ob der kleine Pan Wolodyjowski plötzlich vor den Augen der ganzen Schlachta gewachsen sei. Der Säbel des zunächst stehenden Butrym flog aus dessen Hand wie vorher Kmicic' Säbel, und Pan Wolodyjowski rief mit vor Zorn funkelnden Augen: »Schande über euch! – Weg! – Jetzt gehört er mir, nicht euch! Fort!« Alle schwiegen, den Zorn des Ritters fürchtend. Pan Michail fuhr fort: »Wo sind wir? – Ihr, Edelleute solltet die Rittersitten kennen; einen Verwundeten schlägt man nicht tot! Das tut man selbst dem Feinde nicht, wieviel weniger einem Gegner, den man im ehrlichen Zweikampf besiegt hat.« »Er ist ein Verräter!« brummte einer der Butryms, »er muß niedergestochen werden.« »Ist er ein Verräter, so liefert ihn dem Hetman aus, daß er seiner gerechten Strafe nicht entgehe, anderen zum warnenden Beispiel. – Wer von euch versteht, Wunden zu verbinden?« »Christof Domaszewicz. Er verbindet alle im Laudagebiet.« »So soll er ihn gleich untersuchen und auf ein Ruhebett legen. – Ich werde inzwischen gehen, die unglückliche Panna zu beruhigen.« Pan Wolodyjowski steckte seinen Säbel in die Scheide und trat durch die zerschlagene Tür ins Herrenhaus. Die Edelleute begannen Kmicic' Leute zu fangen und zu binden, die von nun an gezwungen wurden, die Felder der Schlachta zu bestellen. Sie ergaben sich, ohne viel zu kämpfen. Dann plünderte die Schlachta die Wagen, in denen sie reiche Beute fand. Wolodyjowski suchte inzwischen die Panna im ganzen Hause; endlich fand er sie in einer Vorratskammer, in die eine kleine eiserne Tür aus dem Schlafzimmer führte. Es war ein kleiner, mit schmalen, vergitterten Fenstern versehener Raum, der so festgemauert war, daß selbst für den Fall, daß Kmicic das Haus in die Luft gesprengt hätte, er unversehrt geblieben wäre. Diese Beobachtung nötigte den Oberst, etwas besser über Kmicic zu denken. – Panna Alexandra saß auf einer Truhe, mit gesenktem Haupte, das sie selbst beim Herannahen des Ritters nicht erhob. Wahrscheinlich wähnte sie, Kmicic oder einer seiner Leute sei gekommen. Pan Wolodyjowski blieb an der Tür stehen, er nahm die Mütze ab und hustete zweimal. Als er sah, daß auch dies nicht half, sagte er: »Panna, Sie sind frei!« Alexandra hob den Kopf; unter ihren aufgelösten Haaren sahen blaue Augen und ein reizendes, bleiches Gesicht hervor. Wolodyjowski erwartete einen Ausbruch der Freude, wenigstens ein Wort des Dankes; die Panna aber sah ihn noch immer mit traurigen Augen bewegungslos an. Der Ritter wiederholte seine Worte: »Kommen Sie zu sich! Der Herr hat sich Ihrer erbarmt! Sie. sind frei und können nach Wodokty zurückkehren.« Panna Alexandra blickte ihn etwas verständnisvoller an, stand auf und schüttelte ihr Haar zurück. »Wer sind Sie?« »Ich bin Michail Wolodyjowski, Dragoner-Oberst vom Wilnaer Militärbezirk.« »Sprechen Sie! – Ich hörte etwas wie einen Kampf, – ich hörte Schüsse. – Sprechen Sie doch!« »Sie haben recht gehört. Wir kamen Ihnen zu Hilfe.« Panna Billewicz kam ganz Zu sich. »Ich danke Ihnen,« sagte sie mit heiserer Stimme, aus der eine quälende Unruhe herausklang. – »Wie aber steht es mit jenem?« »Mit Kmicic? – Seien Sie ohne Sorge, er liegt bewußtlos auf dem Hofe. – Ohne zu prahlen, kann ich behaupten, daß das mein Werk ist.« Wolodyjowski sagte dies letztere mit einiger Selbstzufriedenheit; aber wenn er Bewunderung erwartete, so sah er sich bitter getäuscht. Panna Villewicz sagte kein Wort, – sie schwankte nur und begann nach einer Stütze zu suchen. Dann ließ sie sich schwer auf die Truhe nieder, auf der sie vorher gesessen hatte. Der Ritter sprang schnell hinzu. »Was ist Ihnen, Panna?« »Nichts, – nichts! – Warten Sie, – Erlauben Sie. – Pan Kmicic ist also tot?« »Was kümmert mich Pan Kmicic jetzt!« unterbrach sie Wolodyjowski, »hier handelt es sich doch nur um Sie.« Plötzlich kehrten Alexandras Kräfte wieder zurück. Sie erhob sich wieder, sah Wolodyjowski scharf in die Augen und schrie zornig, ungeduldig, in voller Verzweiflung: »Um Gottes willen, so antworten Sie doch! Ist er tot?« »Pan Kmicic ist verwundet,« antwortete der erstaunte Pan Wolodyjowski. »Lebt er?« »Er lebt.« »Ich danke Ihnen!« Mit wankenden Schritten ging sie zur Tür. Wolodyjowski stand einige Zeit still, schüttelte den Kopf und fragte sich selbst: »Dankt sie mir dafür, daß ich ihn verwundet habe oder dafür, daß er lebt?« Er ging ihr nach und sah sie im Schlafzimmer unbeweglich stehen. Vier Edelleute brachten Pan Kmicic herein, die ersten beiden traten gerade in die Tür, in ihren Armen lag Pan Andreas; sein Kopf mit dem getrockneten Blut in den Haaren hing mit geschlossenen Augen, wie leblos nach vorn über. »Vorsichtiger!« kommandierte der ihnen folgende Domaszewicz. »Vorsichtiger! Geht langsam über die Schwelle! Stützt seinen Kopf!« »Wie sollen wir ihn stützen, wenn wir keine Hand frei, haben?« fragte einer der Tragenden. In diesem Augenblicke trat Alexandra auf sie zu, bleich wie Kmicic, und legte ihren Arm unter seinen herabhängenden Kopf. »Das ist die Panna!« sagte Christof Domaszewicz. »Ja, ich bin es! – Seid vorsichtig!« sagte sie mit leiser Stimme. Man legte Kmicic auf das Bett, Domaszewicz wusch ihm den Kopf, legte ihm ein vorher bereitetes Pflaster auf die Wunde und sprach: »Die Hauptsache ist, daß er jetzt ganz ruhig liegen bleibt. Muß der einen eisernen Schädel haben, daß er von solch einem Hieb nicht gespalten ist. Vielleicht wird er wieder gesund; er ist ja noch jung. – Gestatten Sie mir, Panna, daß ich Ihnen die Hände wasche? – Sie müssen wahrlich ein gutes Herz haben, wenn Sie sich nicht scheuten, eines solchen Menschen wegen Ihre Hände zu besudeln.« Er trocknete ihr die Hände mit einem Tuch; sie stand willenlos und wurde erschreckend bleich. Wolodyjowski eilte zu ihr: »Panna, Sie brauchen jetzt nicht mehr hier zu bleiben. Sie haben Ihre Christenpflicht auch dem Feinde gegenüber erfüllt. Kehren Sie wieder nach Hause zurück.« Er bot ihr den Arm, sie aber sah ihn nicht einmal an, sondern wandte sich Domaszewicz zu: »Pan Christof, begleiten Sie mich!« Sie gingen hinaus, Pan Wolodyjowski folgte ihnen. Draußen begrüßten sie die Edelleute mit freundlichen Zurufen; sie aber ging bleich, schwankend, mit zusammengepreßten Lippen und einem unruhigen Feuer in den Augen durch ihre Reihen. Eine Stunde später kehrte Wolodyjowski an der Spitze der Laudaer Schlachta nach Hause zurück. Die Sonne war schon aufgegangen; es war ein schöner Morgen, ein Morgen, der den nahenden Frühling verkündete. Pan Wolodyjowski ritt schweigsam, in sich versunken, dahin. Die Augen, die unter dem aufgelösten Haar so traurig hervorsahen, und die schlanke, hochgewachsene Gestalt gingen ihm nicht aus dem Kopfe. »Wie wunderbar schön!« dachte er, »eine wahre Fürstin! Ich habe ihr ihren Ruf gerettet, – vielleicht auch ihr Leben. – Sie müßte mir doch eigentlich dankbar sein. – Wer aber kann ein Weiberherz begreifen?« – 8. Kapitel. Solche Gedanken ließen Wolodyjowski die ganze Nacht nicht schlafen. Mehrere Tage dachte er nur an Panna Alexandra, und er begriff, daß er sie tief in sein Herz geschlossen hatte. Und die Laudaer Edelleute wollten sie doch gern mit ihm vermählen. Es ist wahr, sie hatte ihn entschieden ausgeschlagen; aber damals kannte sie ihn noch nicht. Jetzt stand die Sache doch anders. Er hatte sie ritterlich aus den Händen des Entführers befreit. – Ihretwegen setzte er sich einer Lebensgefahr aus; hatte er sie nicht erobert wie eine Festung? – Wem gehörte sie sonst, wenn nicht ihm? – Darf sie ihm ihre Hand verweigern? Konnte sich das Gefühl der Dankbarkeit nicht plötzlich in Liebe gewandelt haben? Wie oft kommt es im Leben vor, daß ein gerettetes Mädchen ihrem Erretter Herz und Hand schenkt! – »Was aber, wenn sie doch jenen liebt? Kann nicht sein!« so redete zu sich selbst Wolodyjowski. »Wenn sie ihn nicht von sich gewiesen, so hätte er sie nicht mit Gewalt entführen dürfen. – Freilich, sie stützte ihm so liebevoll seinen Kopf; aber gute Frauen haben stets Mitleid mit Verwundeten, auch mit ihren Feinden. – Was also soll ich zögern?« dachte er weiter. »Eine bessere Gelegenheit kann ich nicht abwarten. – Ich muß mein Glück versuchen.« Für langes Courmachen war jetzt nicht die Zeit; es mußte schnell gehandelt werden. Hinfahren, sich erklären und entweder schnell Hochzeit machen oder den Korb herunterschlucken. »Ist nicht zum erstenmal,« brummte Wolodyjowski, »und wenn schon, ist auch kein Unglück.« Nur eins quälte Pan Wolodyjowski. War es ritterlich, für geleistete Dienste so schnell den Lohn einzufordern? Hatte er aber nicht eine genügende Entschuldigung, wenn er ihr antwortete: »Panna, ein ganzes Jahr würde ich um Sie geworben haben, aber ich bin Soldat, und jeden Augenblick kann mich die Kriegstrompete ins Feld rufen.« Alle diese Gedanken quälten Pan Wolodyjowski unablässig; schließlich wußte er gar nicht, was er tun sollte. In den vier Wänden des Hauses wurde es ihm zu enge; er nahm seine Mütze und ging ins Freie, um frische Luft zu schöpfen. Unterwegs sah er über sich eine Schar wilder Enten fliegen. Er begann zu zählen: »Gerade oder ungerade. Fahren oder nicht fahren.« Es kam »fahren« heraus. »Ich fahre, es geht gar nicht anders!« Er kehrte um und trat unterwegs in den Pferdestall ein. Zwei seiner Diener spielten am Eingang des Stalles Würfel. »Ist die Mähne meines Pferdes geflochten?« fragte Pan Wolodyjowski. »Ja, Herr Oberst.« Wolodyjowski ging in den Stall. Sein Pferd begrüßte ihn mit frohem Wiehern. Der Ritter streichelte ihm den Rücken und begann die Haarwickel an seiner Mähne zu zählen. »Fahren, – nicht fahren, – fahren.« Auch hier war das Orakel günstig. »Sattelt die Pferde und kleidet euch auf das Beste an,« befahl Wolodyjowski. Er eilte ins Haus und begann, Toilette zu machen. Er zog hohe, gelbe Stiefel mit vergoldeten Sporen und einen neuen, roten Waffenrock an. Seinen Degen steckte er in eine blinkende Stahlscheide. Seine Brust bedeckte ein Halbpanzer, und auf seinem Kopfe trug er einen schwedischen Helm. So bekleidet stieg Pan Wolodyjowski zu Pferde und ritt mit seinen Dienern nach Wodokty. Es war ein schöner Tag; die Sonnenstrahlen spielten auf Pan Wolodyjowskis Helm und Panzer, so daß es aus der Ferne hinter den Weiden schien, als ob eine zweite Sonne des Weges daherzog. Bei seiner Ankunft erkannte ihn Panna Alexandra nicht gleich, er mußte erst seinen Namen nennen. Dann empfing sie ihn höflich, aber sehr förmlich und kühl. Wolodyjowski, der schon viel in der Welt herumgekommen war, verneigte sich mit größter Ehrfurcht, legte die Hand aufs Herz und begann: »Panna, ich komme, um mich nach Ihrer Gesundheit zu erkundigen. Ich fürchtete, daß das letzte, traurige Ereignis ungünstig auf Sie eingewirkt hätte?« »Es ist sehr liebenswürdig von Ihnen, daß Sie noch an mich gedacht, nachdem Sie mich aus einer solchen Gefahr befreit haben. – Doch, bitte, setzen Sie sich! Seien Sie willkommen!« »Oh, Panna!« erwiderte Pan Michail, – »wenn ich Sie je vergessen könnte, so wäre ich Ihrer freundlichen Aufmerksamkeit nicht wert. Ich muß Gott danken, der mir erlaubt hat, Ihnen einen Dienst zu erweisen.« »Dafür muß ich Gott danken, – denn Ihnen –« »Wenn Sie so tun, so wollen wir beide danken. – Denn ich weiß nichts Schöneres, als Ihnen jeder Zeit nützlich zu sein.« Pan Wolodyjowski war mit sich zufrieden. Er war gleich in das richtige Fahrwasser gekommen, er legte der Panna seine Gefühle sozusagen offen auf den Tisch. Sie saß verlegen und schweigend da und war reizend anzusehen. Auf ihren Wangen lag ein schwaches Rot, und ihre dichten Wimpern verdeckten fast ganz ihre Augen. »Sie errötet, das ist ein gutes Zeichen,« dachte Wolodyjowski. Er räusperte sich und fuhr fort: »Es ist Ihnen wohl bekannt, daß an Stelle Ihres Großvaters ich die Laudaer in den Kampf führte?« »Ja, ich weiß. – Großvater war zu alt; er konnte an dem letzten Kriege nicht teilnehmen; aber er freute sich sehr, als er hörte, wem der Wilnaer Wojewod die Führung seines Banners anvertraut hatte. Er kannte Ihren Ruf als tüchtigen Krieger. »So sprach er also von mir?« »Ja, er sprach oft und stets sehr gut von Ihnen. Nach dem Feldzuge lobten Sie auch alle Laudaer Edelleute.« »O, ich bin nur ein einfacher Soldat, ich verdiene es nicht, daß man mich höher als die anderen achtet. Aber in diesem Augenblicke freut es mich doch; so bin ich für Sie nicht der erste beste.« »Ihr Name ist auch ohnehin hier bekannt. In Lubicz gibt es eine Adelsfamilie, die Ihren Namen führt.« »Das ist eine ganz andere Familie. – Ich heiße Korczak Wolodyjowski – und stamme aus einem ungarischen Adelsgeschlecht.« »Sie sind also nicht hier gebürtig?« »Nein, Panna. – Ich stamme aus der Ukraina und besitze dort ein kleines Gut, das aber jetzt vom Feinde besetzt ist. Von Kind auf, kann ich behaupten, diene ich dem Heere. Meine eigenen Angelegenheiten interessieren mich bei weitem nicht so als die öffentlichen.« »Ach, wenn doch alle Ihnen glichen!« seufzte die Panna. »Sie denken wohl an jenen Elenden, der es wagte, Hand an Sie zu legen, Panna?« Panna Alexandra senkte die Augen und antwortete mit keiner Silbe. »Nun, er hat seinen Lohn erhalten,« fuhr Wolodyjowski fort. – »Man erzählt zwar, es ginge ihm besser, aber der gerechten Strafe wird er nicht entgehen. – Man sagt auch, er sei zum Feinde übergetreten, um von ihm Hilfe für seine Sache zu holen; doch das ist Unsinn, barer Unsinn. Die Leute, mit denen er Sie überfiel, hat er einfach von der Straße aufgelesen.« »Woher wissen Sie das?« fragte Alexandra lebhaft und sah mit ihren blauen Augen Wolodyjowski an. »Einer seiner Leute, die damals in die Gefangenschaft abgeführt worden sind, hat es mir erzählt. Ein merkwürdiger Mensch ist er doch, dieser Kmicic! – Und was für einen unbändigen Stolz er besitzt, Er hielt es unter seiner Würde, sich auf mein Wort »Verräter« zu verteidigen.« »Und haben Sie auch den anderen erzählt, daß er kein Verräter ist?« »Nein, das tat ich nicht, weil ich es bisher selbst nicht wußte. Aber ich werde es jetzt tun; auch dem schlimmsten Feinde darf man ungerecht solchen Schimpf nicht antun!« Alexandras Augen sahen zum zweitenmal auf den kleinen Ritter mit einem unverkennbaren Ausdruck der Sympathie und Dankbarkeit. »Was für ein ehrlicher, guter Mensch Sie sind!« Pan Wolodyjowski wurde dadurch von neuem ermuntert. »Zur Sache, Michail,« sagte er zu sich selbst, und dann begann er laut: »Ich muß Ihnen noch mehr gestehen, Panna. – Ich zolle Kmicic' Handlungsweise keinen Beifall: aber ich finde es begreiflich, daß er so danach strebte, Sie zu besitzen, Sie, in deren Gegenwart alle Reize der Welt verblassen. Die Verzweiflung trieb ihn zu dieser Tat, und sie wird ihn wieder dazu bringen, wenn die Verhältnisse günstiger liegen. – Und dann – wie können Sie mit Ihrer Schönheit einsam und ohne Schutz bleiben? – In der Welt gibt es viele Kmicic'. Sie, Panna, werden viele Herzen entzünden, Sie werden vielen Gefahren ausgesetzt sein. Gott helfe mir, Sie vor diesen Gefahren zu retten. Aber die Kriegstrompete kann mich stündlich ins Feld rufen, und wer will Sie dann hüten? O, Panna! Man sagt uns Soldaten nach, daß wir unbeständig sind; aber es ist nicht wahr, Panna. – Mein Herz ist nicht von Stein; es konnte nicht still bleiben beim Anblick all Ihrer Schönheit!« Pan Wolodyjowski fiel vor Alexandra in die Knie. »O, Panna!« rief er, »ich habe das Banner nach Ihres Großvaters Tode geerbt, lassen Sie mich auch seine Enkelin besitzen. Schenken Sie mir die schöne Pflicht, Sie zu behüten und zu beschützen, und Sie werden unbesorgt und glücklich leben. Selbst wenn ich in den Krieg ziehe, so wird Ihnen mein Name schon genügend Schutz geben.« Alexandra sprang von ihrem Platze auf und hörte verständnislos der Rede Pan Wolodyjowskis zu. Er aber fuhr fort: »Ich bin nur ein armer Soldat; aber ein Edelmann. Und ich schwöre Ihnen, Sie werden weder in meinem Wappen noch auf meinem Namen je einen Fleck finden. Es ist vielleicht nicht recht, daß ich Sie jetzt schon bestürme; – aber Sie wissen, mich ruft das Vaterland, und ich darf es selbst Ihretwegen nicht im Stiche lassen. Geben Sie mir nur eine kleine Hoffnung; – sagen Sie mir wenigstens ein gutes Wort!« »Sie fordern Unmögliches von mir! – Mein Gott! – Niemals, – niemals kann das geschehen!« antwortete die ganz verwirrt gewordene Panna. »Von Ihnen allein hängt doch alles ab!« »Und deshalb sage ich Ihnen auch: »Nein!« Alexandra runzelte die Brauen und fuhr fort: »Pan Wolodyjowski, ich weiß, ich bin Ihnen sehr verpflichtet – ich verstehe das wohl. – Verlangen Sie von mir alles, was Sie wollen, – nur nicht meine Hand!« Wolodyjowski stand auf. »Sie wollen also meinen Antrag nicht annehmen?« »Ich kann nicht.« »Panna, ist das Ihr letztes Wort?« »So ist es; mein letztes, entschiedenes Wort.« »Vielleicht mißfällt es Ihnen, daß ich mir meinen Lohn so schnell einfordere? – Lassen Sie mir doch eine Hoffnung!« »Pan Wolodyjowski, – ich kann nicht, – kann wirklich nicht!« »So habe ich wirklich kein Glück hier, wie nirgend auf der Welt! – Gebe Gott, daß Sie keinem schlechteren als ich es bin, in die Hände fallen. Ich werde Sie natürlich nie wieder belästigen. – Werden Sie glücklich! – Meinetwegen auch mit jenem Kmicic. – Es scheint mir fast, als zürnten Sie mir, daß ich ihn verwundete.« Alexandra preßte ihre Hände gegen die Schläfen und rief mehrmals: »Gott! Gott! Gott!« Aber ihr Schmerzensruf besänftigte Pan Wolodyjowski nicht. Er verbeugte sich schweigend, ging böse und zornig hinaus, bestieg sogleich sein Pferd und ritt fort. »Mein Fuß wird nie wieder diese Schwelle betreten. – So werde ich bis an mein Lebensende Soldat bleiben müssen. Zum Teufel mit solch einem Schicksal! Was konnte sie an mir Schlechtes finden?« Pan Wolodyjowski zog die Brauen zusammen und strengte seinen ganzen Verstand an: »Ich hab' es!« schrie er plötzlich auf. »Sie liebt noch immer jenen, – natürlich, natürlich! Desto schlimmer für mich! Sie wird nie aufhören, ihn zu lieben.« Bald störte ein Ausruf eines Dieners Pan Wolodyjowski in seinen Grübeleien. »Dort auf der Anhöhe kommt Pan Charlamp mit noch jemandem!« In der Tat kamen dort zwei angeritten, und Wolodyjowski überzeugte sich bald, daß es wirklich Pan Charlamp war. Dieser war ein Kavallerieleutnant des litauischen Heeres und ein alter Bekannter Wolodyjowskis. Wolodyjowski sprengte ihm mit den Worten: »Wie geht es, Nazo? – Woher kommst du?« entgegen. »Mich schickt der Fürst-Wojewod, unser Hetman, zu dir mit Geld und mit einem Auftrage. Er befiehlt dir, die Landwehr zu sammeln. Und dann habe ich noch einen Brief für Pan Kmicic, der sich doch irgendwo hier aufhalten soll.« Pan Charlamp gab Wolodyjowski einen Brief mit dem kleinen Siegel des Fürsten Radziwill. Wolodyjowski las: »Da ich Ihre heiße Liebe zum Vaterland kenne, schicke ich Ihnen den Befehl, die Landwehrtruppen einzuberufen, aber mit der allergrößten Sorgfalt; denn periculum in mora . Es ist von größter Wichtigkeit, daß das Banner Ende Juli kriegsbereit und mit guten Pferden versehen ist, was um so schwieriger sein wird, als wir Ihnen nicht viel Geld schicken können. – Die Hälfte des Geldes geben Sie dem Pan Kmicic ab, dem ich gleichzeitig durch Pan Charlamp meinen Befehl zugehen lasse. Wir hoffen, daß seine Dienste uns jetzt recht nützlich sein können. Da aber inzwischen Gerüchte über Kmicic' Missetaten in Upita uns zu Ohren gekommen sind, so stelle ich es Ihnen anheim, ob Sie es für gut halten, dem Pan Kmicic den Brief auszuhändigen. Wenn Sie finden, daß er durch seine Taten seine Ritterehre befleckt hat, so halten Sie den Brief zurück; wenn dies nicht der Fall ist, so übergeben Sie ihm mein Schreiben. Er mag sich bemühen, seine Vergehen gut zu machen. Sagen Sie ihm, daß er keine Strafverfolgungen zu befürchten hat; denn nur wir sind seine Richter, und wir allein werden ihn vor Gericht stellen. Nehmen Sie diesen Brief als ein Zeichen unseres Vertrauens, das wir zu Ihrer Treue und zu Ihren Fähigkeiten hegen. Janusz Radziwill, Der Fürst zu Birze und Dubno und Wojewod zu Wilna.« »Pan Hetmann ist sehr besorgt darüber, ob Sie die nötigen Pferde beschaffen können,« sagte Pan Charlamp, als der kleine Oberst den Brief zu Ende gelesen hatte. »Ja, das wird auch schwer halten,« erwiderte Wolodyjowski. »Ich werde mich gleich ans Werk machen. Gebt mir den Brief an Kmicic, ich werde ihn ihm selbst übergeben.« Die ihm bevorstehende Aufgabe erleichterte Wolodyjowskis Herz so, daß, als er sich Pacunele näherte, er schon völlig seine mißglückte Werbung vergessen hatte. Bald verbreiteten sich im ganzen Dorfe Gerüchte von den Befehlen des Hetmans, und die Edelleute erschienen vor Wolodyjowski, um sich nach allem zu erkundigen. Alle versicherten ihm, daß sie selbst, wenn es auch vor der Ernte sein müßte, gern in den Krieg ziehen würden. Der Oberst sandte nach allen Gegenden Boten aus. Überall, wohin die Kunde drang, wurde reichlich auf den Feind geflucht; aber man schöpfte frischen Mut und sah glänzenden Siegen entgegen. 9. Kapitel. Für Pan Wolodyjowski brach eine mühevolle Zeit an. Er siedelte bald nach Upita über und leitete dort die Organisation der Landwehr. Seiner Geschicklichkeit und seinem Eifer gelang es allmählich, die notwendigen Pferde aufzutreiben. Während dieser Zeit stattete er auch in Lubicz einen Besuch ab. – Kmicic, obgleich er noch das Bett hütete, ging seiner Herstellung entgegen. Pan Kmicic erkannte Wolodyjowski sofort bei seinem Eintreten. Er erblaßte unwillkürlich und griff mit seiner abgemagerten Hand zum Säbel, der über seinem Bette hing, dann zog er sie schnell wieder zurück und streckte sie seinem Gaste entgegen. »Ich danke Ihnen für Ihren Besuch,« sagte er. »Ich komme her, um zu fragen, ob Sie mir noch zürnen?« erwiderte Pan Michail. »Keineswegs, – denn ich bin nicht vom ersten besten besiegt, mich hat ein Fechtmeister reinsten Wassers geschlagen. Kaum bin ich am Leben geblieben.« »Und wie steht es jetzt mit Ihrer Gesundheit?« »Sie wundern sich wohl, daß ich nach Ihrer Bewirtung noch lebe? – Ich wundere mich selbst darüber.« Pan Kmicic lächelte. »Nun, Ihre Sache ist noch nicht verloren, Sie können Ihr Werk, wenn es Ihnen beliebt, zu Ende führen.« »Mit dieser Absicht bin ich nicht hierher gekommen.« »Wahrhaftig, ich glaube, Sie haben Ihre Seele dem Teufel verschrieben oder besitzen sonst irgend welchen Talisman,« unterbrach ihn Kmicic. – »Bei Gott, ich bin kein Prahlhans, aber bisher glaubte ich immer, ich sei, wenn nicht der erste, so doch der zweite Fechtmeister in der Republik. Und jetzt –, ich hätte nicht 'mal Ihren ersten Hieb parieren können, wenn Sie es gewollt hätten. – Wo haben Sie denn das gelernt?« »Einesteils durch meine natürlichen Anlagen, dann aber spornte mich mein Vater dazu an. Er sagte: »Gott hat dich durch den kleinen Wuchs benachteiligt, die Welt wird sich über dich lustig machen, wenn du sie nicht zwingst, dich zu fürchten.« Nachher, als ich beim Wojewoden diente, habe ich mich noch in der Kunst vervollkommnet. Dort gab es Leute, die es getrost mit mir aufnehmen konnten.« »Konnte es solche geben?« »Ja, gewiß. – Ein Herr Podbipienta, ein Litauer Adliger, der bei Zbaraz gefallen ist. – Gott gebe seiner Seele Ruhe! – Das war ein Mann von Hünenkraft. Dann war noch ein Skrzetuski, mein Freund, von dem Sie wohl schon gehört haben?« »Natürlich! Er schlich sich aus Zbaraz mitten durch das Heer der Kosaken. – Wer sollte von ihm nicht gehört haben! – Diese Herren also waren Ihre Kameraden! – Sie selbst waren Wohl auch in Zbaraz? Meine Hochachtung! Ach ja! Ich habe von Ihnen auch schon durch den Wilnaer Wojewoden gehört. – Ihr Vorname ist doch Michail? Nun, von so einem eins über den Kopf zu kriegen, das ist keine Schmach. – Ich möchte wohl Ihre Freundschaft gewinnen. Aber Sie haben mich Verräter genannt, doch hatten Sie unrecht damit.« – Kmicic runzelte die Brauen, als wenn seine Wunde ihn von neuem schmerzte. »Ich gestehe, ich habe mich geirrt,« erwiderte Wolodyjowski, »aber ich erfahre dies nicht erst jetzt, Ihre Leute haben mir das selbst schon gesagt. Sie müssen wissen, sonst wäre ich nicht hierher gekommen.« »Und wie hat man mich verleumdet!« sagte Kmicic bitter. »Mag sein, mehr als eine Sünde bedrückt mein Gewissen; aber bedenken Sie, wie hat man mich hier empfangen?« »Am meisten haben Sie sich durch das Inbrandstecken von Wolmontowicze und durch die Entführung der Panna geschadet.« »Dafür droht man mir schon mit Prozessen. Bei mir liegen schon einige Gerichtsvorladungen. Es ist wahr, ich habe Wolmontowicze niedergebrannt, auch Menschen sind dabei umgekommen; aber Gott möge mich richten, wenn ich das aus Blutgier getan habe! – In der Nacht vor dem Brande habe ich mir zugeschworen, mit allen in Eintracht zu leben, die hiesige Schlachta für mich zu gewinnen, ich wollte mich sogar mit den Leuten von Upita aussöhnen, denn denen habe ich wirklich unrecht getan.– Ich kehre nach Hause zurück, und was finde ich da? Meine Kameraden alle tot, abgeschlachtet wie Vieh! Als ich erfuhr, daß es die Butryms getan hatten, erfaßte mich blinde Wut, der Teufel nahm mich in seine Krallen, – und ich nahm furchtbare Rache! – Und wissen Sie auch, warum man sie ermordet hat? Ich habe es später erfahren. Weil sie in der Schenke mit den Frauen der Edelleute tanzen wollten. Wer an meiner Stelle hätte da nicht Rache genommen!« »Pan Kmicic,« erwiderte Wolodyiowski, »ich muß zugeben, an Ihren Kameraden hat man schlecht gehandelt; aber die Schuld an allem liegt in dem schlechten Ruf, den Sie aus weiter Ferne mit hierher brachten.« »Diese Unglücklichen!« fuhr Kmicic, hingerissen von seinen Erinnerungen, fort, »als ich im Fieber lag, kamen sie alle Abende zu mir, – da aus jener Tür. Sie stellten sich um mein Bett, blau, blutüberströmt, stöhnend: »Laß für unsere armen Seelen beten; wir leiden große Pein!« Glauben Sie mir, das Haar stand mir zu Berge bei ihrem Anblick. – Was die Entführung des Fräuleins anbetrifft, so wissen Sie wohl nicht, daß sie mir das Leben rettete, als sie mich vor der mich verfolgenden Schlachta versteckte. – Dann aber hieß sie mich fortgehen mit dem Befehle, nie wieder unter ihre Augen zu kommen. – Was blieb mir da zu tun übrig?« »Trotzalledem haben sie gehandelt wie ein Tatar.« »Sie sprechen, als wüßten Sie nicht, was Liebe heißt, und bis zu welchem Grade von Verzweiflung man kommen kann, wenn man sein teuerstes Wesen verliert.« »Ich weiß nicht, was Liebe heißt!« brauste Wolodyjowski auf. »Seitdem ich einen Säbel zu tragen begann, war ich immer verliebt. – Leider in sehr viele, das ist wahr; denn meine Liebe wurde nie erwidert.« »Eine schöne Liebe, die immerzu die Person wechselt,« warf Kmicic ein. »Ich werde Ihnen 'mal erzählen, was ich mit meinen eigenen Augen gesehen habe. – Es war zu Anfang des Aufstandes von Chmielnicki, da entführte Bohun, derselbe, der nach Chmielnicki den größten Einfluß unter den Kosaken hatte, Skrzetuskis Braut, die junge Fürstin Kurcewicz. Sie müssen wissen, was das für eine Liebe zwischen den beiden war. Skrzetuski war verzweifelt, die ganze Armee wurde angesichts seiner Verzweiflung mit fortgerissen. Skrzetuski ergraute vor Gram in seinem siebenundzwanzigsten Lebensjahre. – Und wissen Sie, was er tat?« »Woher soll ich das wissen? »Weil das Vaterland in Not war, weil Chmielnicki triumphierte, verzichtete er darauf, das Mädchen zu suchen. Er brachte seine Liebe dem Vaterlande zum Opfer und vertraute sie Gott an. Er kämpfte unter dem Fürsten Jeremias in allen Schlachten und erwarb sich einen Ruhm, daß sein Name noch heute weithin gepriesen wird. – Und jetzt vergleichen Sie Ihre Handlungsweise mit der seinigen, – sehen Sie den großen Unterschied?« Kmicic schwieg und biß auf seinen Schnurrbart. Wolodyjowski fuhr fort: »Gott belohnte Skrzetuski, er gab ihm die Braut zurück. Bald nach der Schlacht von Zbaraz heiratete er, jetzt hat er schon drei Kinder, aber er hat nicht aufgehört, dem Vaterlande zu dienen. – Sie aber haben noch mehr Unruhe ins Land gebracht und dadurch dem Feinde geholfen. Kaum sind Sie selbst dem Tode entronnen, und das Fräulein konnten Sie vor mehreren Tagen ganz verlieren.« »Wieso?« fragte Kmicic, sich im Bette aufrichtend. »Was ist mit dem Fräulein geschehen?« »Geschehen ist ihr nichts, – nur, es fand sich ein Mann, der das Fräulein zum Weibe begehrte.« Kmicic wurde ganz blaß, in seinen eingesunkenen Augen entzündete sich ein unheimliches Feuer, er sprang hoch und rief: »Wer war dieser Hundsfott? Um Gottes willen, sagen Sie es mir!« »Ich,« sagte Pan Wolodyjowski. »Sie? – Sie?« fragte erstaunt Kmicic. »Ja, ich.« »Treuloser! Das wird Ihnen vergolten werden! – Und sie, die Panna? Sagen Sie doch schon alles! Hat sie Ihren Antrag angenommen?« »Behüte Gott, – ohne zu überlegen, wies sie mich sehr entschlossen ab.« Wieder wurde es still im Zimmer. Kmicic atmete schwer und sah fest in Wolodyjowskis Augen. »Warum nennen Sie mich einen Treulosen? Bin ich Ihr Freund, Ihr Bruder? Ich habe Sie im Zweikampf besiegt, es stand mir frei zu tun, was mir beliebte! – – Doch wissen Sie eigentlich, warum die Panna meinen Antrag abgelehnt hat?« »Warum?« wiederholte Kmicic wie ein Echo. »Darum, – weil sie Sie liebt.« Das war mehr als die schwachen Kräfte des Kranken ertragen konnten. Kmicic' Kopf fiel in die Kissen zurück, seine Stirn bedeckte sich mit Schweiß. Er lag mehrere Minuten ganz ruhig. »Ich fühle mich furchtbar schwach, sagte er etwas später. »Aber, sagen Sie nur, – woher wissen Sie denn, – daß sie – mich liebt?« »Weil ich Augen habe und sehe, – und weil ich Verstand habe und denke. – Nachdem ich meinen Korb weg hatte, ist mir im Kopfe alles klar geworden. Als ich nach dem Zweikampf zu ihr ging, ihr zu sagen, daß sie frei sei, und daß ich Sie verwundet habe, runzelte sie die Augenbrauen, und anstatt mir zu danken, würdigte sie mich keines Blickes. Dann später stützte sie Ihren Kopf so liebevoll wie eine Mutter bei ihrem Kinde, und als ich ihr meinen Antrag machte, nahm sie ihn so auf – kurz gesagt, – sehr schlecht auf, – Das alles sollte Ihnen als Beweis genügen.« »Wenn es nur wahr wäre, wenn es nur wahr wäre!« seufzte Kmicic leise. »Für meine Wunde gibt es kein besseres Heilmittel als Ihre Worte! – Aber mein schwacher Kopf hat nicht Kraft genug, um dieses Glück zu fassen. – Also sie wird mich heiraten!« »Das sagte ich nicht. – Ich sagte, sie liebt Sie; aber ob sie Sie nimmt, das ist eine andere Sache.« »So werde ich meinen Kopf an dieser Wand zerschellen; ich kann nicht anders.« »O, Sie können anders, wenn Sie aufrichtig wollen. Jetzt ist die beste Gelegenheit, getane Sünden gut zu machen. Ziehen Sie ins Feld, erwerben Sie sich um das Vaterland Verdienste und sorgen Sie, daß Ihr Name mit Ruhm bedeckt wird. – Wer von uns hätte keine Sünden begangen? Jeder hat etwas auf seinem Gewissen. Niemand hat das Recht, Ihnen den Weg zur Reue und Besserung abzuschneiden. – Sie waren früher jähzornig, – streben Sie danach, sich beherrschen zu lernen. – Sie versündigten sich an dem Vaterlande, gehen Sie jetzt hin und retten Sie es. – So zu handeln, ist besser, als sich den Kopf zu zerschellen.« »Sie sprechen wie mein bester Freund zu mir.« »Nun, der bin ich gerade nicht; aber ich bin auch nicht Ihr Feind. – Und die Panna tut mir leid, trotzdem sie mich so entschlossen von sich gewiesen hat. – Aber ich will Ihnen helfen, auf den rechten Weg zu kommen. Sie sind ein tapferer und erfahrener Soldat, und ich erwerbe mir dadurch um das Vaterland Verdienste.« »Sie wollen mir den rechten Weg weisen?« entgegnete Kmicic. »Denken Sie an die vielen Prozesse, die mir bevorstehen; vom Krankenlager werde ich mich geradeswegs den Gerichten stellen.« »Dagegen bringe ich Ihnen eine Arznei,« sagte Wolodyjowski und holte den Brief des Hetmans hervor. »Ein Befehl!« rief Kmicic. »Wem gilt er?« »Ihnen. – Sie brauchen sich nicht den Gerichten zu stellen; denn Sie stehen unter der Gerichtsbarkeit des Hetmans. Und nun hören Sie, was der Fürst Wojewod schreibt.« Pan Wolodyjowski verlas Kmicic das vertrauliche Schreiben des Fürsten Radziwill und fügte hinzu: »Sie sehen also, es hängt von mir ab, Ihnen den Brief auszuhändigen oder nicht.« Zweifel, Unruhe und Hoffnung flogen über Kmicic' Gesicht. »Und was werden Sie tun?« fragte er mit leiser Stimme. »Ich übergebe Ihnen den Befehl.« Kmicic antworte nicht gleich. Sein Kopf sank in die Kissen, und er blickte starr zur Decke. Plötzlich wurden seine Augen feucht, und Tränen, sonst unbekannte Gäste für diese Augen, blieben an den Lidern hängen. »Möge man mir den Hals abschneiden!« sagte er schließlich, »möge man mir die Haut vom Leibe reißen, einen so edlen Menschen wie Sie habe ich noch niemals gesehen! Meinetwegen hat Ihnen Alexandra einen Korb gegeben; ein jeder hätte seine Rache an mir ausgelassen. – Sie aber reichen mir Ihre Hand und ziehen mich aus dem Grabe heraus.« »Ich sagte Ihnen schon, ich will nicht meiner persönlichen Angelegenheiten wegen das Wohl des Vaterlandes opfern. Sie können der Republik jetzt große Dienste erweisen. Es ist Ihr Glück, daß Sie jene Kosaken nicht aus der Schar Chowanskis entnommen haben; dann hätte ich Ihnen den Befehl nicht ausgeliefert.« »Ein Beispiel werde ich mir an Ihnen nehmen. Geben Sie mir Ihre Hand. Gott wird mir dazu verhelfen, daß ich Ihnen Ihre Güte vergelte. – Ich bin Ihr Schuldner fürs ganze Leben.« »Lassen Sie das für ein andermal. Jetzt halten Sie die Ohren steif, zeichnen Sie sich im Kriege aus, und die Schlachta wird Ihnen alles vergeben, – es sind alles gutherzige Leute. – Und eine Panna weiß ich, die wird für Sie die rechte Belohnung bereit halten.« »Ei!« rief Kmicic begeistert, »was soll ich mich im Bette herumwälzen, während der Feind unsere Felder verwüstet. – He, her da, Leute! Bringt mir die Stiefel!« Auch Wolodyjowski lächelte zufrieden: »Ihr Geist ist stärker als Ihr Körper; noch sind Sie zum Aufstehen zu schwach.« Es war mittlerweile schon ziemlich spät geworden, und der kleine Oberst verließ Lubicz, um nach Wodokty zu fahren. »Ich werde ihr sagen, daß ich Kmicic nicht nur vom Tode, sondern auch von dem Grabe der Unehre gerettet habe,« dachte er, »so wird sie mir am ehesten meine Verwegenheit verzeihen. Jetzt wird sie mich besser aufnehmen als damals, als ich mich ihr anbot.« Der brave Michail seufzte: »Wenn ich nur 'mal wissen könnte, ob es in der ganzen Welt nicht auch für mich eine Auserwählte gibt!« Unter solchen Gedanken kam er nach Wodokty. Der zottige Smudier lief an das Tor, aber eilte nicht, ihm zu öffnen. »Die Herrin ist nicht zu Hause,« erklärte er. »Ist sie verreist?« »Ja, verreist!« »Wohin denn?« »Wer kann das wissen!« »Und wann kehrt sie zurück?« »Wer weiß es!« »Antworte ordentlich! Wann kommt sie zurück?« »Wird wohl gar nicht zurückkehren denn sie nahm alle Habseligkeiten mit.« »So? Wirklich?« fragte Pan Michail. – »Ei, sieh einer an, was ich angerichtet habe.« 10. Kapitel. Wenn die warmen Sonnenstrahlen durch die dichten Wolken durchzubrechen beginnen, wenn an den Bäumen die ersten Knospen erscheinen, und sich die Felder mit dem jungen Grün bedecken, hält meist auch die Hoffnung in die menschlichen Herzen ihren Einzug. Der Frühling des Jahres 1655 brachte aber der Republik keinen Trost. – Am Himmel erschienen immer neue Zeichen, die Unheil und Elend prophezeiten. Die Wolken, die vorüberzogen, glichen bald Türmen, bald Festungen, die mit fürchterlichem Donnergepolter zusammenstürzten, denn Gewitterregen und Stürme überschütteten die Erde, die noch mit Schnee bedeckt war. Die Kieferwälder färbten sich gelb, die Äste der Bäume krümmten sich auf unheimliche Weise, Vögel und wilde Tiere starben an unbekannten Krankheiten. Endlich bemerkte man auch an der Sonne ungewöhnliche Flecke, die bald einem durchstochenen Herzen, bald einem Kreuze glichen. Alles dieses versetzte die Gemüter der Bevölkerung mehr und mehr in Unruhe. Man prophezeite Krieg und wieder Krieg, und plötzlich, Gott weiß aus welcher Quelle, lief ein unheilverkündendes Gerücht von Mund zu Mund, von Dorf zu Dorf, daß von Schweden her Gewitterwolken heraufzögen. – Und obgleich der interimistische Friede mit den Schweden erst in sechs Jahren ablief, sprach man auf dem Reichstag in Warschau, den Jan-Kasimir einberufen hatte, von Krieg. Alle blickten unruhigen Herzens auf Großpolen, über das dies neue Gewitter zuerst hereinbrechen mußte. Die Abreise einer außerordentlichen Gesandtschaft nach Schweden regte die Gemüter noch mehr auf, anstatt sie zu beruhigen. Schließlich machte der Befehl des großpolnischen Generals Leszczynski, der die Landwehr der Wojewodschaften Posen und Kalisz zur Verteidigung der Grenzen gegen den drohenden Einfall der Schweden einberief, allen Zweifeln ein Ende. Der Ruf »Krieg!« verbreitete sich in ganz Großpolen und in allen Provinzen der Republik. Dies war aber nicht das einzige Unglück, denn im Süden und Osten wüteten von neuem die Truppen Chmielnickis und die Buturlins, im Norden schürten Chowanski und Trubeckoi die Brandfackeln des Krieges. Und jetzt nahte von Westen her der Schwede. Das ganze Reich glich einem Kriegslager; aber in diesem Lager selbst standen die Dinge schlecht. Ein Verräter, Radziejowski, war schon in die feindlichen Reihen eingetreten und offenbarte dem Feinde all die schwachen Seiten der Polen. Außerdem herrschten überall Faulheit, Willkür, Sittenverderbnis und Neid. Es fehlte nicht an Magnaten, die miteinander verfeindet waren, und an solchen, die mit dem Könige grollten und jede Minute bereit waren, das Vaterland ihren eigenen Plänen zu opfern. Das bis dahin vom Kriege verschont gebliebene Großpolen sparte wenigstens kein Geld für die Verteidigung. Die Städte und die Dörfer des kleinen Landadels stellten die genügende Anzahl Soldaten. Und ehe noch die Schlachta selbst das Kriegslager bezog, hatten sich schon die bunten Regimenter der Feldinfanterie unter Führung von Rittmeistern versammelt. An drei verschiedenen Orten sollten die Edelleute der Landwehr mit den Rittmeistern zusammentreffen. Die Infanterie, die inzwischen Schanzen auswarf, mußte tagelang auf die Kavallerie warten. Zuerst erschien der Kaliszer Wojewod, Pan Andreas Grudzinski, mit einer zahlreichen weiß mit blau bekleideten Dienerschaft. Er hatte geglaubt, bei seiner Ankunft von der Kaliszer Schlachta umringt zu werden. In seinen Erwartungen enttäuscht, ritt er zu Pan Stanislaus Skrzetuski, der die Erdarbeiten überwachte. »Wo sind denn meine Leute?« fragte der Wojewod den Rittmeister, den er seit der Kindheit kannte. »Welche Leute?« »Die Kaliszer Landwehr!« »Erlauchtigster Pan Wojewod!« sagte Skrzetuski mit einem flüchtigen, verächtlichen Lächeln, »jetzt ist die Zeit der Schafschur, und schlecht gewaschene Wolle kauft man in Danzig nicht. Jeder Schlachtschitz beaufsichtigt jetzt die Wäsche oder steht bei der Wage. Er überlegt sehr richtig, die Schweden werden uns nicht davonlaufen.« »So, also ist noch niemand hier?« fragte der Wojewod verlegen. »Keine Seele, – nur die Feldinfanterie. Und nach der Schafschur kommt die Ernte. Ein guter Wirt verläßt sein Haus nicht zu dieser Zeit.« »Was erzählen Sie mir da alles!« »Und die Schweden, – die gehen uns nicht verloren, die kommen ja immer näher,« fuhr der Rittmeister fort. Der Wojewod errötete. »Die Schweden! Was schere ich mich zum Deibel um die Schweden! – Ich schäme mich vor den anderen Wojewoden, wenn ich hier einsam bleibe!« Skrzetuski lächelte wieder. »Erlauben Sie mir zu bemerken,« sagte er, »daß die Schweden doch hier die Hauptsache sind, und nachher kommt erst Ihr Schamgefühl in Betracht. Übrigens, Sie brauchen sich gar nicht zu schämen. Die Landwehr der anderen Bezirke ist auch noch nicht zur Stelle.« »Sie sind alle von Sinnen!« rief Pan Grudzinski. »Das gerade nicht, – sie sagen sich, wenn wir nicht nach Schweden gehen, so werden die Schweden zu uns kommen, – Wozu also die Eile?« – – Skrzetuski hatte jedoch mit seiner Verurteilung der Schlachta nur zur Hälfte recht. Zum zweiten Termine, Ende Juni, begann die Schlachta sich einzustellen. Täglich kündigten dicke Staubwolken auf den Landstraßen die Ankunft neuer Regimenter an. Die Edelleute kamen lärmend, umgeben von einer Menge Dienerschaft. Sie führten Wagen, die mit allerlei guten Sachen bepackt waren, und Berge verschiedenartigster Waffen mit sich; Spieße, Flinten, altmodische Pistolen, Säbel und eine Menge ganz außer Gebrauch gekommener Waffen. Von all dem kleinen Landadel, der die Republik bewohnte, war der großpolnische der wenigst kriegerische. Tataren, Türken und Kosaken waren in ihr Gebiet noch nicht eingebrochen, so hatten sie seit den Kreuzzügen längst verlernt, was Krieg heißt. Jetzt, wo der schwedische Krieg sie ihren friedlichen Beschäftigungen entriß, glaubten sie sich genügend ausgerüstet, wenn sie sich die verschiedenartigsten Waffen umhingen und soviel wie möglich Vorräte und Dienerschaft für ihre Bequemlichkeit mit sich führten. Es waren merkwürdige Soldaten, die da heranzogen, und es war sicherlich für die Rittmeister eine sehr schwierige Aufgabe, mit ihnen auszukommen. So erschien z. B. ein Schlachtschitz im Panzer und mit einer neunzehn Fuß langen Lanze, aber mit einem Strohhut auf dem Kopfe. Einer klagte während des Exerzierens über die Hitze, ein anderer gähnte, der dritte aß und trank dabei, und alle waren sich darin einig, daß eine laute Unterhaltung in der Front durchaus nicht unmöglich sei. Noch schwieriger war es, die Disziplin aufrecht zu halten, da jeder Edelmann es unter seiner Würde hielt, sich ihr zu unterwerfen. Und gegen ein solches Heer marschierte von Stettin, von der Oder her, Arvid Wittemberg, ein alter Führer, ein Held des Dreißigjährigen Krieges, mit 17000 Veteranen, die durch eiserne Disziplin zusammengeschmiedet waren. Sie alle waren Söhne des Krieges, – kalte, ruhige Handwerker, die ihr Handwerk bis zur Virtuosität ausgebildet hatten. – Konnte ein erfahrener Mensch zweifeln, nach welcher Seite sich der Sieg neigen würde? Und mehr und mehr stellte sich die Schlachta der Republik ein; es kamen hohe Würdenträger aus Großpolen mit ihren Leibwachen und ihrer Dienerschaft. Nach Pan Grudzinski erschien der mächtige Posener Wojewod, Pan Christof Opalinski, der mit hundert gelb mit rot gekleideten und mit Musketen bewaffneten Heiducken und vielen Reitern ankam. Er selbst fuhr in einem Wagen, begleitet von seinem Hofnarren. Kaum hatte sich der Staub, den der Zug des Wojewoden aufgewirbelt hatte, gesetzt, als der Wojewod Piotr Opalinski, des ersteren Vetter, mit seinem Schwager Wojewod Jakob Rozdrazewski eintraf. Jeder von ihnen hatte 150 bewaffnete Leute und den in ihrer Umgegend wohnenden Kleinadel mitgebracht. Kaum ein Tag verging, wo nicht ein neuer Würdenträger heranzog. Das Städtchen war schließlich überfüllt, und die umliegenden Felder wimmelten von den Zelten der Landwehr. Das Ganze bot ein buntes, farbenreiches Bild; denn jeder Schlachtschitz, wenn er sich nicht im Dienste eines Magnaten befand, trug seine beliebige Kleidung, und auch die Infanterie eines jeden Kreises hatte ihre eigenen Farben. Bald versammelte sich unter dem Vorsitz des Posener Wojewoden der Kriegsrat. – Wirklich ein sonderbarer Kriegsrat; an ihm nahmen lauter der Kriegsführung unkundige hohe Würdenträger teil. Keiner getraute sich als erster das Wort zu ergreifen. Jeder wartete, was »Agamemnon«, der Posener Wojewod, sagen werde. Agamemnon aber selbst wußte nicht, wo er anfangen sollte; er erging sich in Klagen über die Undankbarkeit und Lässigkeit des Königs, durch die er ganz Großpolen den feindlichen Anschlägen auslieferte, aber zur Sache selbst wußte er nichts zu sagen. Schließlich einigte man sich dahin, bei dem Rittmeister Pan Wladislaus Skorazewski, der ein bekannter und tüchtiger Kriegsmann war, Rat einzuholen. Dieser riet, man solle drei befestigte Lager aufschlagen, die nur so weit voneinander entfernt waren, daß sich die Besatzungen gegenseitig unterstützen konnten. An den Flußübergängen solle man Schanzen aufwerfen, und er selbst wolle mit einem kleinen Detachement Rekognoszierungen unternehmen. Der Vorschlag wurde angenommen. Die Stimmung im Lager hob sich sichtlich. Im ganzen hatten sich bisher von der Schlachta 15 000 Mann eingestellt. Und während die Infanterie mit dem Aufwerfen der Schanzen beschäftigt war, rückte das Ende des Juli heran. Es war ein selten heißer Monat; die Schlachta verbarg sich vor den sengenden Strahlen der Sonne in den Wäldern und schlug ihre Zelte in dem Schatten der Bäume auf. Ein Gastmahl folgte dem anderen, Fröhlichkeit und Lärm herrschten allerorten. Man befand sich im allgemeinen in recht munterer Stimmung, aber die Unordnung nahm von Tag zu Tag zu. Noch wäre es nicht unmöglich gewesen, daß man einen Angriff Wittembergs zurückgewiesen hätte; denn wenn auch diese Leute des Kriegshandwerks nicht gewöhnt waren, so floß doch in ihren Adern Ritterblut, und die augenblickliche Begeisterung hätte sie bei einem Angriff allmählich in Wut und Zorn versetzt, die ihnen eine unbesiegbare Kraft verliehen hätten. Vielleicht hätte ein zweiter Jeremias Wisniowiecki Ujscie, das der Posener Wojewod als Hauptlager besetzt hielt, in ein zweites Zbaraz verwandelt und seinen Namen mit blutigen Lettern in die Geschichte eingeschrieben. Aber Wittemberg, der nicht nur das Kriegshandwerk kannte, sondern sich auch auf Menschen verstand, zögerte wahrscheinlich mit Absicht. Einige Wochen später schon war die Landwehr durch die lange Untätigkeit lässig geworden. Die Schlachta weigerte sich weiter zu exerzieren, mit der Ausrede, daß die Pferde der Stechfliegen wegen doch nicht stille ständen. Die Dienerschaft geriet immer mehr in Streitigkeiten, und auch unter den Pans kam es oft zu Säbelkämpfen. Manche entfernten sich auf Nimmerwiedersehen heimlich aus dem Lager. Von oben her fehlte es auch nicht an bösen Beispielen. Kaum verkündete Pan Skoraszewski das Herannahen des schwedischen Heeres, als der Kriegsrat dem Pan Siegmund Grudzinski, für den sich sein Onkel, der Kaliszer Wojewod, verwendet hatte, die Erlaubnis gab, nach Hause zurückzukehren. »Wenn ich schon hier mein Leben lassen muß,« so begründete der Wojewod sein Gesuch, »so soll mich wenigstens mein Neffe überleben, damit meine Verdienste und mein Ruhm sich auf ihn vererben.« Und dann führte er die Jugend und Unschuld des Neffen und seine eigene Freigebigkeit, mit der er der Republik hundert ausgezeichnete Infanteristen zur Verfügung stellte, ins Feld, und der Kriegsrat gab den Bitten des Onkels nach. An demselben Tage fanden sich mehrere hundert Edelleute, die dem Pan Grudzinski in nichts nachstehen wollten. Viele fragten erst gar nicht um Erlaubnis, sondern verließen einfach das Lager. – Man rief den Kriegsrat wieder ein, aber die ganze Schlachta wollte an ihm teilnehmen. Als die Nacht hereinbrach, herrschte wüster Lärm und große Unruhe. Einer hatte den anderen in Verdacht, daß er fliehen wolle. Und überall ertönten die Rufe: »Entweder alle, oder niemand!« Es entstanden Gerüchte, daß die Führer das Heer verlassen wollten, und die Wojewoden mußten sich mehrmals der aufgeregten Menge zeigen. Mehrere tausend Mann saßen bis zum Tagesanbruch zu Pferde, und der Posener Wojewod ritt mit entblößtem Kopfe ihre Reihen entlang und wiederholte jede Minute die großen Worte: »Panowie! Mit euch leben und sterben!« An manchen Stellen empfing man ihn mit Vivat-Rufen, an anderen aber spottete man über ihn. Er aber, nachdem er die Menge besänftigt hatte, kehrte heiser, ermüdet, berauscht von der Majestät seiner eigenen Worte, in den Rat zurück. Er glaubte fest, daß er sich in dieser Nacht große Verdienste um das Vaterland erworben hatte. Aber im Rat sprach er nicht mehr so beredt und überzeugend, er wiederholte ganz verzweifelt: »Findet Mittel, wenn ihr könnt! Ich wasche meine Hände in Unschuld. Mit solchen Soldaten kann man keinen Verteidigungskampf führen. – Und dann, wir haben ja keine Geschütze. Unsere Mörser sind gerade gut genug, um Böllerschüsse abzugeben.« »Bei Zbaraz hatte Chmielnicki 70 Geschütze, Fürst Jeremias aber hatte nur mehrere Haubitzen,« warf Pan Skrzetuski ein. »Fürst Jeremias aber verfügte über ein gutgeschultes Heer, dessen Ruhm in der ganzen Welt verbreitet war, er hatte keine solchen Herren Schafzüchter wie wir hier.« »Das beste ist, man schickt nach Pan Skoraszewski,« empfahl Pan Czarnkowski, der Posener Kastellan. – »Er ist allgemein beliebt und wird es verstehen, die Schlachta in Zucht zu halten.« »Nach Skoraszewski schicken!« stimmte auch Pan Grudzinski bei. »Ja, ja, das ist ein ausgezeichneter Rat!« ertönten mehrere Stimmen. Man sandte einen Boten nach Skoraszewski. Andere weitere Beschlüsse faßte der Rat nicht; aber von allen Seiten wurden viele Klagen über den König, die Königin und den Mangel an Truppen laut. Auch der folgende Morgen brachte keinen Trost, keine Beruhigung. Im Gegenteil, der Wirrwarr vergrößerte sich noch. Das Gerücht lief umher, daß die Calvinisten bereit seien, bei der ersten Gelegenheit zum Feind überzulaufen. »Zeigt uns die Verräter!« schrie die erregte Schlachta. »Man muß das Unkraut ausjäten, sonst sind wir alle verloren!« Wieder mußten die Wojewoden und Rittmeister alle beruhigen, und um die erregten Gemüter zu besänftigen, verwies man einen der vermeintlichen Verräter aus dem Lager. Eine eigentümliche Stimmung herrschte im Lager. Manche hatten den Mut ganz verloren und gingen niedergeschlagen umher; andere liefen schweigend, ziellos, längs der Wälle entlang und sahen unruhig auf die Ebene, von woher der Feind kommen mußte. Wieder anderer hatte sich eine sinnlose, verzweifelte Fröhlichkeit bemächtigt und eine übergroße Bereitwilligkeit, in den Tod zu gehen. Deshalb veranstalteten sie Gastmähler und Trinkgelage, um den Becher der Lebensfreude vor ihrem Tode bis auf den Grund zu leeren. Niemand im Lager dachte an einen Sieg, obwohl der Feind keine numerische Überlegenheit besaß; er hatte nur mehr Geschütze und einen Führer, der sich auf die Kriegskunst verstand. Und während das polnische Heer siedete, brodelte und schäumte wie ein Meer, das von Winden bewegt wird, kamen ruhig auf den breiten, grünen Wiesen, die die Oder umsäumen, die schwedischen Truppen daher. – Zweiundsiebzig Kanonen hinterließen in dem saftigen Grün ihre tiefen Furchen. Es waren im ganzen 17000 Mann, die plündernd fast ganz Deutschland durchzogen, und die so diszipliniert waren, daß sie sich gut mit der königlichen französischen Garde messen konnten. Hinter den Regimentern bewegten sich in ganzen Zügen Fuhren mit Gepäck und Zelten. Die Truppen marschierten in tadelloser Ordnung, jede Minute kampfbereit. Endlich, es war am 27. Juli, erblickten die schwedischen Soldaten im Walde bei dem Flecken Heinrichsdorf den ersten polnischen Grenzpfahl. Ein Jubelruf erschallte im ganzen Heer, die Trompeten bliesen, und die blauen Fahnen mit den weißen Kreuzen in der Mitte flatterten hoch im Winde. – Wittemberg, der mit einer glänzenden Suite vorausritt, hielt an und ließ alle Soldaten vorbeidefilieren: die Kavallerie mit gezogenen Degen, die Kanonen mit brennenden Lunten. Es war zur Mittagszeit eines strahlenden Sonnentages, Harzgeruch erfüllte die ganze kräftige Waldluft. Die graue, von der Sonne überflutete Straße, auf der die schwedischen Truppen daherzogen, verlor sich in weiter Ferne. Als die Regimenter aus dem Walde heraustraten, lag vor ihren Augen ein fröhliches, lächelndes Land. Glänzende, goldene Felder wechselten mit grünen Wiesen und dunklen Eichenwäldern ab. Auf den Weideplätzen grasten die Herden, und da, wo die Wiesen noch sumpfig waren, spazierten gravitätisch und ungestört Störche umher. Welch ein heiliger Friede, welch eine Stille lag über diesem von Milch und Honig triefenden Stückchen Erde! Es schien, als ob sie den Truppen ihre Arme entgegenstrecke, nicht um einen Feind abzuwehren, sondern um einen von Gott gesandten Gast zu empfangen. Ein Schrei des Entzückens entrang sich den Kehlen der Soldaten, die an die arme und wilde Natur ihrer Heimat gewöhnt waren. Die Herzen des armen, räuberischen Volkes entbrannten in dem Wunsch, sich dieser Schätze, die vor ihren Augen zerstreut lagen, zu bemächtigen. Eine Art Fieber ergriff alle Soldaten. Aber sie, die das Feuer des Dreißigjährigen Krieges gestählt hatte, begriffen sehr wohl, daß ihnen all diese Reichtümer nicht ohne Kampf zufallen würden; sie wußten, daß dieses Land ein zahlreiches, kriegerisches Volk bewohnte, das sich gut zu verteidigen verstand. In die Herzen der Schweden zogen zugleich mit der Freude ernste Bedenken ein, von denen selbst ihr Führer, Wittemberg, nicht frei war. Er wandte sich schließlich an einen dicken Mann mit heller Perücke, deren Locken auf die Schultern herabfielen: »Sie versichern also,« sagte er, »daß es mit meinen Truppen möglich sein wird, die feindlichen Kräfte, die sich in Ujscie gesammelt haben, zu schlagen?« Der Mann mit der hellen Perücke lächelte. »Sie können sich vollständig auf meine Worte verlassen. Wenn bei Ujscie reguläre Truppen ständen und einer der Hetmans, so würde ich der erste sein, der Ihnen riete, nicht so zu eilen, sondern die Ankunft Seiner Majestät des Königs und seines Heeres abzuwarten. Aber gegen die Landwehr und die Pans sind unsere Truppen mehr als genug. Und Verstärkungen können der Landwehr nicht geschickt werden. Auch glauben Jan-Kasimir, der Kanzler und der Senat noch immer nicht, daß Seine Majestät Karl-Gustav entgegen dem Friedensvertrag und ungeachtet der letzten Gesandtschaft den Krieg anfangen würde. – Cha-cha-cha!« Der dicke Mann nahm den Hut ab, trocknete sein rotes Gesicht und fügte hinzu: »Trubeckoi und Dolgoruki in Litau, Chmielnicki in der Ukraina, und wir marschieren in Groß-Polen ein. – So weit hat es die Regierung Jan-Kasimirs gebracht!« Wittemberg warf einen zweifelhaften Blick auf ihn und fragte: »Und Sie freut das alles?« »Ich freue mich, daß die mir zugefügte Beleidigung gerächt werden wird.« Der Mann, der sich mit Wittemberg unterhielt, war Jeronimus Radziejowski, der frühere Unter-Kanzler Polens. »Oxenstiern ist noch immer nicht zu sehen,« sagte Wittemberg, »Wer weiß, ob Ihr Rat gut war, ihn als einfachen Trompeter verkleidet nach Ujscie zu senden.« »Er war gut,« entgegnete Radziejowski. »Er wird sich das Lager und die Führer ansehen und erfahren, was man dort über uns denkt. – Ein einfacher Soldat konnte das doch nicht leisten.« »Was aber, wenn man ihn erkennt?« »Auch dann wird ihm nichts Böses zustoßen, – man wird ihm noch was auf den Weg mitgeben. – Ich kenne die Polen; sie sind zu allem bereit, wenn sie sich vor anderen von der guten Seite zeigen können, um von Fremden gelobt zu werden.« »Und was denken Sie, werden unsere Briefe Eindruck machen?« Radziejowski lachte. »Wenn Sie mir gestatten, Prophet zu sein, so werde ich Ihnen genau voraussagen, wie es da beim Empfang Ihrer Briefe zugehen wird. – Der Pan Wojewod von Posen, ein politischer und gelehrter Mann, wird Ihnen Ihren Brief fein und sehr höflich beantworten. Er wird schreiben, daß er bereit wäre, für sein Vaterland den letzten Tropfen Blut zu vergießen, daß der Tod besser als Unehre sei, und noch andere Redensarten mehr. Im Ernst aber denkt er gar nicht daran, für sein Vaterland zu sterben; denn er liebt nur, es mit der Feder zu verteidigen. Zum Schluß wird er Ihnen Gesundheit und gute Erfolge wünschen; er wird Ihnen seine Ergebenheit versichern, und Sie bitten, seine und seiner Verwandten Güter zu verschonen, wofür er Ihnen seine und seiner Verwandten Erkenntlichkeiten versprechen wird.« »Nun wohl, aber welches praktisches Resultat werden unsere Briefe haben?« »Daß alle dort ganz den Kopf verlieren, daß die Pans und Senatoren mit uns in Unterhandlung eintreten werden, und daß wir nach einigen Schüssen in die Luft ganz Groß-Polen besetzen.« »Hoffen wir, daß Sie ein guter Prophet sind!« »Ich bin überzeugt, daß alles so sein wird. – Bei uns stellt jeder die eigenen Interessen höher als die Integrität der Republik. Der Boden, auf dem wir jetzt stehen, ist Eigentum der Opalinskis, Grudzinskis und Czarnkowskis, und da diese gerade bei Ujscie stehen, so werden sie unwillkürlich sehr nachgiebig sein bei den Verhandlungen.« »Sie erweisen dem Könige durch Ihre Kenntnis des Landes und der Leute unschätzbare Dienste, die Ihnen sicherlich nicht unbelohnt bleiben werden.« – – – Einige Tage, bevor die schwedischen Truppen die Grenze überschritten hatten, war im polnischen Lager der schwedische Trompeter mit den Briefen von Wittemberg und Radziejowski erschienen. Man führte ihn zum Wojewod von Posen. Nachdem dieser den Brief gelesen hatte, begann man zu beratschlagen. Den Trompeter überwies man den Adligen mit dem Befehl, ihn nach echt ritterlicher Art zu bewirten. Und die Schlachta trank demgemäß mit ihm auf Leben und Tod. Pan Skoraszewski, dem das Benehmen des Trompeters zu ritterlich vorkam, äußerte den Verdacht, daß der Schwede ein verkleideter, höherer Offizier sei; aber der Wojewod wollte nichts von der Gefangennahme des Trompeters wissen. Der Trompeter unterhielt sich unterdessen in gebrochenem Deutsch mit dem Teil der Schlachta, der durch seine Beziehungen mit preußischen Städten ihn verstand. Er sprach von Wittembergs Siegen in den verschiedenen Ländern, von der großen Streitkraft, die geradeswegs auf Ujscie zu marschierte und von den ungewöhnlich weittragenden Geschützen, denen nichts widerstehen konnte. Die Schlachta war äußerst betroffen. Im Lager erzählte man bald von den Schweden Geschichten, eine ungeheuerlicher als die andere. Das Beraten der Antwort dauerte bis zum Tagesanbruch. Inzwischen brachte Stanislaus Skrzetuski die Nachricht, daß die Schweden nur einen Tagesmarsch weit entfernt seien. Die Unordnung, die nun entstand, war unbeschreiblich. Alle Bemühungen der Rittmeister, Ruhe zu schaffen, waren umsonst. In diesem Augenblicke hätte ein einziger feindlicher Kanonenschuß genügt, um eine fürchterliche Panik hervorzurufen. Allmählich fing man an sich zu beruhigen, und zur Mittagszeit bot das Lager einen wirklich imposanten Anblick. Infanterie und die Reiterei nahmen regimenterweise Aufstellung, die Kanonenlunten waren angezündet und rauchten. Endlich war man auch mit der Antwort fertig, die mehr oder weniger der Voraussagung Radziejowskis entsprach. Der Posener Wojewod befahl dem Skoraszewski und Skrzetuski, sich an die Spitze einer freiwilligen Schar zu stellen und die Umgegend zu rekognoszieren. Nach einigem Zögern boten sich fünfhundert freiwillige Reiter dazu an. Mit Skoraszewski und Skrzetuski an der Spitze überschritten die Reiter den Fluß und verschwanden bald aus dem Gesichtskreise der anderen. Gegen Abend kehrten sie zurück brachten einige Dutzend gefangene Infanteristen mit sich. Die Schlachta lief den Reitern entgegen und rief: »Vivat Skrzetuski! Vivat Skoraszewski!« Eine dichte Menge umringte bald die Gefangenen. Man besah sie sich, man fragte, wie man sie gefangen genommen hatte; einige stießen auch Drohungen gegen sie aus. »Brave Kerle sind's,« erzählte einer der Freiwilligen, »haben sich tapfer verteidigt. Aber schließlich sind sie doch nicht aus Eisen; einem Säbelhieb widerstehen sie auch nicht.« »Sie konnten euch also nicht widerstehen?« Dieser Vorgang ermutigte sichtlich die Schlachta; wenn man ihr jetzt befohlen hätte, sich auf den Feind zu stürzen, so wäre sie mutig drauf losgegangen. – Noch war aber der Feind nicht da, und anstatt seiner kam ein zweiter Gesandter Wittembergs mit einem Briefe. Wittemberg forderte die Schlachta auf, sich freiwillig zu ergeben. Als die Truppen dies erfuhren, wollten sie sich vor Zorn darüber an den Boten vergreifen, aber die Wojewoden hielten den Inhalt des Briefes doch einer Beratung wert. Der schwedische General teilte unter anderem mit, daß Karl-Gustav seinem Verwandten Jan-Kasimir Hilfstruppen gegen die Kosaken sende, und daß sich die Schlachta deshalb ohne Widerstand zu ergeben habe. Pan Grudzinski schlug vor Empörung mit der Faust auf den Tisch. Der Posener Wojewod aber besänftigte ihn sogleich durch die Frage: »Glauben Sie denn an einen Sieg? Wieviel Tage, meinen Sie, können wir Widerstand leisten?« Nach einer langen Beratung beschloß man, gar nicht zu antworten und sich abwartend zu verhalten. Bald kam die Nachricht, daß das schwedische Heer sich nahe. Im Lager ging es zu wie in einem Bienenstock vor dem Schwärmen. Skoraszewski ritt mit mehreren hundert Freiwilligen voraus, um sie an den Anblick des Feindes zu gewöhnen. Als sie den Fluß überschritten hatten, sahen sie die Schweden wie eine schwarze Linie am Horizont; sie tauchten vor ihnen auf wie ein plötzlich aus dem Boden gewachsener Wald. Der Feind kam naher und näher und nahm eine immer größere Fläche der Ebene ein. Die Schlachta vermutete, daß die Schweden ihnen Freiwillige entgegenschicken würden; statt dessen bemerkte sie auf den naheliegenden Hügeln Gruppen von je zehn Menschen, die irgend etwas vornahmen. Skoraszewski kommandierte deshalb: »Linksum kehrt!« Kaum verhallten die Kommandoworte, als ein Schuß fiel, gleichzeitig vernahm man Geschrei und Gestöhn der Verwundeten. »Halt!« rief Pan Wladislaw Skoraszewski. Die Schweden feuerten weiter, und jeder Schuß rief neues Geschrei hervor. Die Schlachta verweigerte den Gehorsam, wich zurück und flehte Gott um Hilfe an. Schließlich zerstreuten sich die Reiter und sprengten vereinzelt dem Lager zu. Pan Stanislaus Skrzetuski entschloß sich, mit zwei Bannern einen kühnen Angriff zu wagen, aber die Soldaten folgten ihm nur widerwillig. Einige Tapfere drängten zwar vorwärts, aber die meisten waren zu feige und hielten ihre Pferde gewaltsam zurück. Wittemberg schickte ihnen zwei Reiter-Regimenter entgegen, die die Schlachta nach kurzem Gefecht vom Felde Vertrieben und bis zum Lager verfolgten. Dann brach die Nacht herein und machte der blutlosen Schlacht ein Ende. Im polnischen Lager ging alles drunter und drüber. Die Unordnung begann damit, daß mehrere hundert Landwehrleute sich nachts aus dem Lager schleichen wollten. Als dieses bemerkt wurde, griff man zu den Säbeln und versuchte, die Ausreißer zurückzuhalten. Wieder erschollen die Rufe: »Alle oder keiner!« Aber nach dem Bilde zu urteilen, wollten gern alle fort. Alle waren mit den Führern und der gewählten Position unzufrieden, und von Zeit zu Zeit hörte man Stimmen ausrufen: »Panowie, rettet euch!« Wittemberg hätte in dieser Nacht das ganze Lager mühelos einnehmen können. Es begann Tag zu werden. Ein trüber, bleicher Morgen beleuchtete eine Versammlung von mutlosen Menschen, die schluchzten und klagten, die trunken und bereit zu allem waren, sogar zur Schande, nur nicht zum Kampfe. Zum Unglück hatten die Schweden des Nachts unbemerkt den Fluß überschritten und das Lager umringt. Bei den polnischen Führern und Soldaten gab es nur einen Gedanken: Frieden anbieten! Man schickte Boten zu den Schweden. Als Antwort erschien eine glänzende Gesandtschaft mit Radziejowski und General Wirtz an der Spitze, die beide grüne Zweige trugen. Sie wurden zum Hause des Posener Wojewoden geführt, und Radziejowski redete unterwegs auf die Schlachta ein: »Panowie! Brüder! Wir kommen nicht als Feinde zu euch. Von euch allein hängt es ab, ob ein Tropfen Blut vergossen werden soll. Wollt ihr statt eines Tyrannen einen großen, guten Herrscher, einen Krieger von solchem Ruhm, daß schon sein Name genügt, um sämtliche Feinde der Republik in den Staub zu werfen, so stellt euch unter den Schutz von Karl-Gustav. Panowie! Brüder! Ich versichere euch, daß weder eure Rechte noch eure Religion angetastet werden. Panowie! Seine Majestät der König von Schweden verpflichtet sich, den Aufruhr der Kosaken zu unterdrücken, dem litauischen Krieg ein Ende zu machen! Erbarmt euch des unglücklichen Vaterlandes, wenn ihr mit euch selbst kein Erbarmen habt!« – Die Stimme des Verräters war von Tränen erstickt. Die Schlachta stand dicht gedrängt unter den Fenstern des Wojewodenquartiers. Man hörte, daß drinnen erbitterte Diskussionen geführt wurden ... Stunde auf Stunde verrann; die Beratung nahm kein Ende. Plötzlich wurde die Eingangstür heftig aufgestoßen, und Pan Wladislaw Skoraszewski stürzte heraus. Alle wichen erschrocken zurück. Dieser Ritter, den sie stets nur ruhig und sanft gesehen hatten, sah furchtbar aus. Seine Augen waren zornsprühend und rot, sein Oberrock war aufgerissen, und beide Hände hielt er an den Kopf gepreßt. »Verrat! Schande! Schande! Jetzt sind wir schon Schweden, nicht Polen!« schrie er durchdringend. Und er schluchzte konvulsivisch, wie ein Mensch, der seine Besinnung verloren hat. Rings um ihn herrschte Grabesstille. Dann schrie Skoraszweski in einem Ton, in dem unsägliche Verzweiflung lag, jäh auf: »An die Waffen! An die Waffen, wer an Gott glaubt!« Durch die Menge ging ein Flüstern, Rauschen gleich dem ersten Windstoß vor dem Ausbruch eines großen Gewitters. Die Herzen, die Gemüter schwankten, und inmitten dieses unentschlossenen Raunens vernahm man unaufhörlich die tragischen Worte: »An die Waffen, wer an Gott glaubt! An die Waffen!« Nach einiger Zeit gesellten sich zu Skoraszewski noch drei Rittmeister hinzu. Die Schlachta umringte sie. Man vernahm Geschrei und Säbelgeklirr. Wladislaw Skoraszewski unterdrückte seine wahnsinnige Erregung und begann, auf das Haus des Posener Wojewoden weisend, zu erzählen: »Hört ihr, Panowie! Dort verkaufen sie das Vaterland wie Judas den Herrn. Der Schmach und der Schande liefern sie es aus! Es genügte ihnen nicht, dem Feinde alles zu übergeben, – die Truppen, die Kanonen! – Möge ein Blitz vom Himmel sie treffen! Sie haben in ihrem und eurem Namen unterzeichnet, daß sie sich vom Herrscher lossagen, daß das ganze Land, die Städte, die Festungen und wir alle von nun an Schweden gehören werden. – Daß sich eine Truppe ergibt, das kommt vor; aber wer hat das Recht, sich vom Vaterlande und Könige loszusagen! Panowie! Es ist eine Schande! Verrat! Mord! Rettet das Vaterland, Panowie! Wir wollen unser Leben, unser Blut dafür hingeben! Wir wollen nicht Schweden werden! Wollen nicht! Wehe dem, der jetzt mit dem Vaterlande kein Mitleid hat; es wäre ihm besser, er wäre nie geboren worden!« »Verrat! Tod den Verrätern!« riefen mehrere Stimmen. »Zu uns, wer ein Schlachtschitz ist!« rief Skrzetuski. Mit den Rufen: »Zu uns! Verrat!« durchschritten sie das Lager. Mehrere Hundert folgten ihnen mit blank gezogenen Säbeln. Aber die Mehrheit, die ungeheure Mehrheit rührte sich nicht von der Stelle. Die Türen des Beratungshauses öffneten sich wieder, und die Wojewoden, gefolgt von der schwedischen Gesandtschaft, traten heraus. Christof Opalinski trug in seinen Händen eine mit Siegeln versehene Pergamentrolle. Er schritt hochgehobenen Hauptes aus der Tür; aber in seinen Augen lag Unruhe und Unsicherheit. Todesstille empfing die Ritter; dann hub Opalinski mit klarer Stimme an: »Panowie! Von heute ab stellen wir uns unter das Protektorat Seiner Majestät des Königs von Schweden. Vivat König Karl-Gustav!« Dieselbe Stille folgte der Erklärung des Wojewoden. »Alle Rechte der Schlachta und der Geistlichkeit bleiben bestehen, die Steuern werden nicht erhöht, alles bleibt beim alten. Niemand soll gekürzt oder verfolgt werden. Außerdem hat uns General Wittemberg im Namen des Königs versprochen, daß, sobald das ganze Land unserem rettenden Beispiel gefolgt sein wird, die schwedischen Truppen nach Litauen und der Ukraina ziehen und das ganze Land von allen Feinden befreien werden, solange bis alle Provinzen und Schlösser der Republik wieder zurückerobert sind. – Vivat König Karl-Gustav!« »Vivat König Karl-Gustav!« riefen mehrere Stimmen. »Vivat König Karl-Gustav!« donnerte es im ganzen Lager. Vor aller Augen umarmte der Posener Wojewod Radziejowski und General Wirtz. Dann umarmten sich alle gegenseitig. Unaufhörlich schrie man »Vivat!« und das Echo trug diesen Ruf nach allen Himmelsrichtungen. »Meine Herren,« begann nach einer Weile der Posener Wojewod von neuem, »General Wittemberg lädt uns alle ein, heute in sein Lager zu kommen. Wir wollen bei gefüllten Bechern einen brüderlichen Bund mit den tapferen Schweden schließen.« »Vivat Wittemberg! Vivat! Vivat!« »Und dann nachher kehren wir nach Hause zurück und beginnen mit Gottes Hilfe mit der Ernte. Wir nehmen das erhebende Bewußtsein mit uns, daß wir am heutigen bedeutungsvollen Tage das Vaterland gerettet haben!« »Die künftigen Geschlechter werden uns Gerechtigkeit widerfahren lassen,« sagte Radziejowski. »Amen,« beendete der Wojewod. Plötzlich bemerkte er, daß die Augen der Schlachta auf einen Gegenstand über seinem Kopfe gerichtet waren. Der Wojewod wandte sich um, er erblickte seinen Narren, der, auf den Zehenspitzen stehend, mit Kohle folgende Worte über die Tür des Beratungshauses schrieb: »Mene, Tekel, Upharsin.« Inzwischen hatte der Himmel sich mit dichten, schwarzen Wolken bezogen; ein Gewitter war im Anzuge. 11. Kapitel. In dem Dorfe Burzec, das dem Pan Skrzetuski gehörte, saß im Garten zwischen dem Herrenhause und dem Teich ein alter Mann. Zu seinen Füßen spielten zwei Knaben von fünf und vier Jahren. Es waren schwarzhaarige, rotbackige, gesunde Jungen, die so stark verbrannt waren, daß sie wie Zigeunerkinder aussahen. Der Greis auf der Bank sah auch recht rüstig aus. Noch hatten die Jahre nicht seinen kräftigen Rücken zu beugen vermocht. Aus seinem einen Auge, das andere war blind, blickte Gutmütigkeit und Menschenliebe. Die beiden Knaben zogen je an einem Stiefelschaft des Alten nach verschiedenen Richtungen, und er sah zu, wie die Sonnenstrahlen den Teich vergoldeten und die lustig plätschernden Fische Kreise auf der Oberfläche zogen. Schließlich ließen die Kinder die Stiefelschäfte des Alten los und setzten sich zu ihm auf die Bank. »Großväterchen, sag' 'mal, wer ist der tapferste Mann, den du kennst?« fragte der ältere Knabe, Jaremka. »Na, du, Söhnchen.« »Werde ich auch 'mal ein Ritter?« »Sicherlich, denn in deinen Adern fließt Ritterblut. Gebe Gott, daß du dem Vater gleichst.« »Und wieviel Menschen hat Papa schon getötet?« »Schon hundertmal habe ich dir gesagt, eher kann man die Blätter auf jener Linde zählen, als alle die Feinde, die wir, dein Vater und ich, ins Jenseits befördert haben.« Die Tür, die aus dem Herrenhause in den Garten führte, öffnete sich, und in ihr zeigte sich eine Frau. Sie war schön, groß, schlank und schwarzhaarig; ihre Wangen färbte eine blühende Röte. An ihrem Kleide hielt sich ein dritter kleiner Knabe fest. Sie beschattete ihre Augen mit ihrer Hand und blickte nach der Richtung der Linde zu. Es war Pani Helene Skrzetuska aus dem Fürstengeschlechte der Bulyn-Kurcewicz'. Als sie Pan Zagloba und bei ihm Jaremka und den jüngeren Knaben, Longinek, sah, ging sie einige Schritte zum Teich und rief: »Jungens, kommt her! Großväterchen hat euch gewiß schon satt gekriegt.« »Ei, warum denn? Sie sind ja ganz brav,« antwortete Pan Zagloba. »Väterchen, was wollen Sie heute trinken, Bier oder Met?« »Zu Mittag gab's heute Schweinefleisch, – da paßt Met besser.« »Gleich werde ich Met schicken. Aber es ist unrecht, daß Sie im Freien schlafen, Sie können sich noch das Fieber holen, Väterchen.« »Es ist ja warm und windstill heute. Doch, Töchterchen, sag' 'mal, wo ist denn Jan?« »Er ging in den Speicher.« Pani Skrzetuska nannte Pan Zagloba Väterchen und er sie Töchterchen, obgleich sie nicht miteinander verwandt waren. Während ihrer Mädchenzeit erwies Zagloba Helene Skrzetuska große Dienste. Er hatte sie aus furchtbarer Gefahr errettet, darum ehrten Helene und ihr Mann Zagloba wie einen Vater. Auch in der ganzen Umgegend genoß Pan Zagloba großes Ansehen; man verehrte ihn seiner Klugheit und seiner großen Tapferkeit wegen, die er in vielen Kriegen, besonders in den Kämpfen gegen die Kosaken bewiesen hatte. Sein Name war in der ganzen Republik bekannt; selbst der König liebte seine Erzählungen und witzigen Einfälle, kurz, man sprach im Lande sogar mehr von ihm als von Pan Skrzetuski. Bald nachdem Helene Skrzetuska wieder ins Haus gegangen war, brachte ein Diener einen Krug Met und ein Glas unter die Linde. Pan Zagloba schenkte sich ein, schloß die Augen und kostete von dem Getränk. »Der liebe Gott wußte schon, wozu er die Bienen erschaffen hat,« brummte er in seinen Bart und begann langsam aus dem Glase zu trinken. Dann schöpfte er tief Atem und sah auf die dunklen Wälder, die sich in der Ferne jenseits des Sees dahinzogen. Am Himmel war nicht ein einziges Wölkchen, leise fielen die Lindenblüten zur Erde, und über seinem Kopfe in der Linde summten Tausende von Bienen. Aus den Schilfbüschen flogen fortwährend Scharen wilder Enten und Gänse auf. Bisweilen stiegen Kraniche hoch in die blaue Luft hinein. Ringsum war alles still und heiter. Die Augen des alten Mannes hoben sich bald zum Himmel und verfolgten die Vogelscharen, bald richteten sie sich in die Ferne. Sein Blick wurde immer matter und schläfriger, entsprechend der Abnahme des Mets im Kruge. »Ja, Gott hat schönes Wetter geschickt für die Ernte,« murmelte der Schlachtschitz. »Das Heu ist eingefahren, bald werden auch die Felder leer sein. – Ja, ja.« Mit diesen Worten schlief Pan Zagloba ein. Er hatte lange geschlafen, als er von den Schritten und der lauten Unterhaltung zweier Menschen geweckt würde. Er sah zwei Männer sich rasch der Linde nähern; einer von ihnen war Jan Skrzetuski, der berühmte Held von Zbaraz, den zweiten kannte Zagloba nicht, obwohl er in der Gestalt und in den Gesichtszügen sehr dem ersteren ähnelte. »Gestatten Sie, Väterchen, daß ich Ihnen meinen Vetter, Pan Stanislaus Skrzetuski, Rittmeister von Kalisz, vorstelle?« sagte Jan Skrzetuski. »Sie ähneln dem Jan so,« antwortete Zagloba, indem er noch mit den Augen blinzelte, daß ich Sie auf den ersten Blick für einen Skrzetuski hielt.« »Es ist mir sehr angenehm, Pan Zagloba, Ihre Bekanntschaft zu machen, um so mehr, da mir Ihr Name sehr wohl bekannt ist. Die Edelsten der Republik nennen ihn mit Achtung; man stellt Sie den anderen als gutes Beispiel vor Augen.« »Ei nun, es ist keine Prahlerei, wenn ich sage, ich tat stets, was in meiner Macht stand, solange ich bei Kräften war. Auch heute noch wäre ich nicht abgeneigt, mich im Kriegsglück zu versuchen. – Aber warum sehen Sie so besorgt aus? – Jan ist ganz bleich geworden!« »Stanislaus hat schreckliche Nachrichten gebracht,« antwortete Jan. »Die Schweden sind in Großpolen eingedrungen, sie haben es schon ganz besetzt.« Pan Zagloba sprang von seinem Platze auf, riß weit die Augen auf und griff nach der Seite, als suche er nach seinem Säbel. »Wie? Höre ich recht? Wie, ganz besetzt?« fragte er bestürzt. »Der Wojewod von Posen und die anderen haben sich bei Ujscie ergeben,« erläuterte, Stanislaus Skrzetuski. »Um Gottes willen! Was reden Sie da! Ergeben?« »Nicht nur ergeben, sie haben sogar einen Vertrag unterschrieben, in dem sie sich vom König und der Republik lossagen. Von nun an gibt's dort nur noch Schweden und keine Polen.« »Beim Tode des Gekreuzigten! – Was ist das? Das ist das Ende der Welt! Erst gestern sprach ich mit Jan noch über die Drohungen der Schweden –« »Mit dem Verlust einer Provinz fängt es an, und Gott allein weiß, womit es enden wird!« »Hören Sie auf damit, ich ersticke fast! – Und Sie waren auch in Ujscie? Sie sahen das alles mit Ihren eigenen Augen an? Das ist einfach fürchterlich! Ein unerhörter Hochverrat!« Pan Stanislaus fing nun an, die Einzelheiten der Ereignisse von Ujscie zu erzählen. »Jeglicher Heldenmut ist aus der Republik verschwunden; denken Sie nur, fast alle waren mit dem Verrat einverstanden. – Fünf Rittmeister und ich versuchten vergeblich, den Rittersinn bei der Schlachta zu wecken. Aber ach, die meisten zogen es vor, mit Löffeln zu Wittemberg auf ein Festmahl zu gehen, als mit Säbeln in die Schlacht. Wer Ehre im Leibe hatte, verschwand nach irgend einer Richtung. Manche zogen nach Hause; manche nach Warschau; die Brüder Skoraszewski sind zum Könige gefahren, um ihm alles zu melden. Und ich bin hierher gekommen, den Vetter zu holen, um mit ihm wider den Feind zu ziehen.« »Es steht schlimm mit unserer Republik,« sagte Jan traurig. »Früher kamen auf zehn Siege eine Niederlage; die Welt staunte über unseren Heldenmut. Jetzt gibt's Niederlagen und dazu noch den Verrat ganzer Provinzen. Möge Gott, der Barmherzige, sich über unser Land erbarmen!« »Und was denkst du zu tun?« fragte Stanislaus. »Natürlich werde ich nicht hier zu Hause sitzen. Ich werde meine Familie zu meinen Verwandten, den Stabrowskis, in die Bialowizer Heide schicken. Stabrowski ist dort königlicher Jagdmeister. – Wenn der Feind auch die ganze Republik erobert, bis nach dorthin wird er nicht vordringen. Morgen schon schicke ich meine Frau und die Kinder dorthin. – Und Sie, Väterchen, kommen Sie mit uns, oder wollen Sie lieber Helene nach der Heide begleiten?« »Ich?« antwortete Zagloba, »ob ich mitgehe? Ich würde, nur dann nicht mitgehen, wenn meine Füße Wurzeln schlagen würden, die mich hier in der Erde festhielten. Es gelüstet mich so nach schwedischem Blut, wie den Wolf nach Hammelfleisch. – Ach, diese Mörder! Können sie nicht zu Hause sitzen! – Ich kenne diese Hunde wohl, noch unter Koniecpolski habe ich mich mit ihnen herumgeschlagen. Und wenn Sie wissen wollen, wer Gustav-Adolf gefangen genommen hat, so fragen Sie nur den seligen Pan Koniecpolski. – Ich sage nichts weiter, ich kenne sie, und sie kennen mich. – Die Nichtsnutzigen haben wohl erfahren, daß Zagloba alt geworden ist! Aber wartet nur, ihr sollt ihn noch zu sehen bekommen! – Jan, überlege nur schnell, was zu tun ist. Ich möchte am liebsten gleich aufs Pferd.« »Nach der Ukraina, zu den Hetmans durchzudringen, wird nicht möglich sein. Meiner Meinung nach müssen wir nach Warschau, – den König retten.« »So gehen wir nach Warschau, aber schnell!« sagte Zagloba. »Doch, was ich sagen wollte; wenngleich unsere Namen dem Feinde Furcht einjagen werden, so werden wir drei allein nicht viel ausrichten können. – Ich würde daher raten, einen Aufruf zu erlassen, damit wir dem König wenigstens eine kleine Schar Freiwilliger zuführen können.« »Wundern Sie sich nicht über meine Worte,« erwiderte Stanislaus, »aber nachdem, was geschehen, fühle ich einen solchen Abscheu vor Landwehrleuten, daß ich es vorziehen würde, allein zu gehen, als mit einer Menge von Leuten, die vom Krieg keine Ahnung haben.« »Jan, du kannst wohl bezeugen, daß ich meiner guten Einfälle wegen eng mit dem Fürsten Jeremias befreundet war. Du weißt ja, wie oft dieser große Feldherr meinem Rate folgte, und er kam immer auf seine Kosten dabei.« »Sagen Sie nur schnell, was Sie meinen, Väterchen, die Zeit eilt,« sagte Jan. »Was ich sagen wollte? Wozu sollen wir aufs Geratewohl nach Warschau gehen? Vielleicht ist Seine Majestät der König schon nach Krakau, Lemberg oder Litauen abgereist. Ich rate, daß wir uns ohne Zögern unter die Fahnen des Groß-Hetmans von Litauen, des Fürsten Janusz Radziwill, stellen. Er ist ein guter und kriegerischer Pan. Dort werden wir auch Pan Michail Wolodyjowski finden. Wenn mein Rat schlecht ist, so soll mich irgend ein Schwed' an den Haaren in die Gefangenschaft schleppen.« »Wer weiß,« antwortete lebhaft Jan, »vielleicht wird es wirklich so besser sein.« »Dann können wir auch die Kinder und Helene begleiten, da wir doch so wie so durch die Heide müssen.« »Und wir werden in einem richtigen Heere dienen, nicht mit Landwehrsoldaten zusammen.« fügte Stanislaus hinzu. »Und kämpfen werden wir, nicht brüllen, wie auf dem Landtage.« »Du, Stanislaus, wirst in Wolodyjowski den tapfersten Ritter der Republik kennen lernen, meinen besten Freund. Und jetzt wollen wir zu Helene; Ich muß ihr sagen, daß sie alles zur Reise bereit halten soll.« »Weiß sie vom Kriege?« fragte Pan Zagloba. »Sie weiß schon. Stanislaus hat in ihrer Gegenwart alles erzählt. Die Arme weinte bittere Tränen. Als ich ihr aber sagte, daß die Pflicht fordert, daß ich gehe, da sprach sie: »So gehe mit Gott!« »Am liebsten möchte ich schon morgen reisen,« rief Zagloba. »Morgen bei Tagesanbruch soll auch die Reise losgehen. Heute schon werden wir Wagen mit Proviant vorausschicken. Es ist ein Jammer, wenn man so aus seinem schönen, warmen Nest heraus muß! Aber es ist Gottes Wille. Wir wollen nur gleich unsere Vorbereitungen treffen.« An demselben Abend verließen mehrere Proviantwagen den Hof, und am nächsten Morgen folgte ihnen eine Kalesche, in der Helene, die Kinder und eine alte Wirtschafterin saßen. Die beiden Skrzetuskis, Zagloba und fünf Diener ritten neben dem Fuhrwerk. Am sechsten Tage erreichten die Reisenden die Heide. Damals nahm die Bialowiczer Heide mehrere Quadratmeilen ein und verschmolz auf der einen Seite mit zwei anderen Heiden, auf der anderen mit den preußischen Wäldern. Nicht viele betraten diese finstere Wildnis, in der ein Fremder sich verlaufen und umherirren konnte, bis er vor Müdigkeit niederfiel und ein Opfer der wilden Tiere wurde. Nachts erscholl hier das Gebrüll der Auerochsen und Bären zugleich mit dem Geheul der Wölfe und dem heiseren Schreien der Luchse. Durch das Dickicht führten kaum betretene Fußwege an Abhängen, Sümpfen und toten Seen vorbei zu den vereinzelt liegenden Häusern der Bienenzüchter und Teersieder, die oft ihr ganzes Leben lang die Heide nicht verließen. Nur einen breiten Weg gab es hier, der nach Bialowicz selbst führte, und den die Könige zu ihren Jagdfahrten benutzten. Auf diesem Wege gelangten auch die Skrzetuskis nach Bialowicz. Pan Stabrowski, ein alter Junggeselle, empfing seine Gäste mit offenen Armen. Die Nachricht von dem Kriege betrübte ihn sehr; denn noch hatte Stabrowski nichts Bestimmtes davon gehört. Es kam vor, daß ein Krieg in der Republik wütete, daß ein König starb, ohne daß die Heidebewohner davon Kunde erhielten. »Es wird dir hier fürchterlich langweilig werden,« sagte Pan Stabrowski zu Helene, »aber nirgends seid Ihr sicherer aufgehoben, als wie hier. Es ist leichter, die ganze Republik zu erobern, als diese Heide. Schon zwanzig Jahre lebe ich hier; aber noch heute kenne ich sie nicht ganz. Viele Stellen sind undurchdringlich; nur wilde Tiere und böse Geister hausen in ihnen.« Jan Skrzetuski war ungeheuer froh, daß er für seine Familie eine so sichere Zufluchtsstätte gefunden hatte. Vergebens versuchte Stabrowski die Ritter zu einem kürzeren Aufenthalt in der Heide zu bewegen. Nachdem sie übernachtet hatten, traten sie ihre weitere Reise durch das Waldlabyrinth an, von einem Führer, den ihnen der Jagdmeister mitgegeben hatte, geleitet. 12. Kapitel. Als Jan Skrzetuski mit seinem Vetter und dem Pan Zagloba in Upita anlangte, verlor Pan Michail Wolodyjowski fast den Verstand vor Freude, um so mehr, da er schon lange von seinen alten Waffengenossen nichts gehört hatte und geglaubt hatte, daß Jan Skrzetuski sich mit seinem königlichen Banner irgendwo in der Ukraina befände. Er umarmte die Ankommenden der Reihe nach, drückte ihnen die Hände und fiel ihnen wieder um den Hals. Als sie ihm dann erzählten, daß sie unter dem Fürsten Radziwill kämpfen wollten, hatte Michails Freude keine Grenzen. »Gott sei Dank, daß die alten Zbarazer wieder beisammen sind!« wiederholte er immer. »Es kämpft sich besser, wenn man seine Freunde um sich weiß!« »Das war mein guter Gedanke,« sagte Pan Zagloba. »Sie wollten zum Könige ziehen, aber ich sagte zu ihnen: Warum sollten wir und Pan Michail nicht die alten Zeiten wieder heraufbeschwören? Wenn es uns alles so glückt wie im Kriege gegen die Kosaken und Tataren, so werden wir bald mehr als einen Schweden auf dem Gewissen haben.« »Gott allein hat Ihnen die Idee eingegeben,« sagte Pan Michail. »Seit zwei Monaten werden auf Befehl des Fürsten Wojewoden, der anscheinend von dem Kriege seit langem unterrichtet ist, Regimenter gebildet. Außer mir sind mit diesem Amte noch Stankiewicz und ein gewisser Kmicic, Fahnenträger von Orsza, betraut. Kmicic ist bereits fertig und ist schon mit seinem Banner in Kiejdane eingetroffen.« »Kennst du den Fürsten Wojewoden von Wilna?« fragte Jan. »Wie sollt' ich den nicht kennen? Ich habe die ganzen Feldzüge unter seiner Führung mit durchgemacht. Er ist ein berühmter Kriegsmann und fast der beste Anführer in der Republik nach dem Tode des Fürsten Jeremia. Ich glaube, er wird nicht erst lange auf die Schweden warten, sondern er wird ihnen entgegengehen.« »Ja,« sagte Zagloba, wir besuchten beide dieselbe Schule. Ich habe ihm oft seine Aufsätze gemacht. Er liebte schon damals vor allem den Krieg und zog meine Gesellschaft jeder anderen vor, weil auch mir Pferd und Lanze besser gefielen, als die lateinischen Verben.« Wolodyjowski begann Pan Stanislaus Skrzetuski über alles auszufragen, was sich bei Ujscie zugetragen hatte. Er hörte eifrig zu und strich mit der Hand nachdenklich durch seine Haare. Schließlich, als Stanislaus geendet hatte, sagte er: »Zu so etwas ist unser Radziwill nicht fähig. Stolz ist er wie der Satan, und anscheinend hält er kein Geschlecht in der ganzen Republik dem seinigen für ebenbürtig. Widerspruch verträgt er überhaupt nicht. – Es ist wahr, er zürnt dem Könige, weil er ihm nicht gleich den Hetmansstab für Groß-Litauen verliehen hat. Er hält treu an der calvinistischen, gottlosen Lehre; er unterdrückt die Katholiken, wo er kann; er beruft ketzerische Zusammenkünfte, – das ist ja alles wahr. Aber ich bin bereit zu schwören, daß er seinen letzten Blutstropfen opfern wird, ehe er eine solche Kapitulation, wie die bei Ujscie, unterzeichnen würde. Wir werden einen langwierigen Krieg zu führen haben; doch kein Bücherwurm wird uns befehligen, sondern ein echter Krieger.« »Das ist recht!« rief Zagloba, »mehr wollen wir auch nicht.« »Außerdem,« fügte Wolodyjowski hinzu, »ist anzunehmen, daß die Schlachta sich hier in großer Zahl einfinden wird. Ich habe den Befehl bekommen, mein Banner bereit zu halten und mich selbst nach Kiejdane zu begeben.« Pan Wolodyjowski öffnete eine Schatulle, nahm den Befehl heraus und las ihn seinen Freunden vor: »Pan Oberst Wolodyjowski! Mit großer Freude erhielten wir Ihren Bericht, daß Ihr Banner schon marschbereit sei. Seien Sie auf der Hut und stets in Bereitschaft. Kommen Sie selbst möglichst schnell nach Kiejdane, wo wir Sie mit Ungeduld erwarten. Sollten irgend welche Gerüchte zu Ihnen dringen, so schenken Sie ihnen keinen Glauben, als bis Sie alles von mir selbst gehört haben. Wir werden stets so handeln, wie wir es uns selbst, Gott und unserem Gewissen schuldig sind, ohne uns von der Bosheit und dem Haß unserer Feinde beeinflussen zu lassen. Zugleich trösten wir uns damit, daß eine Zeit heranbricht, in der es sich herausstellen wird, wer ein wirklicher Freund des Hauses Radziwill ist, und wer bereit ist, diesem Hause in »rebus adversis« zu dienen. Kmicic, Riewiarowski und Stankiewicz haben ihre Banner schon hierher geführt, das Ihrige möge in Upita verbleiben. Vielleicht werden Sie sich zu unserem Vetter, dem Fürsten Boguslaw, begeben müssen, der auch eine bedeutende Streitmacht zusammengezogen hat. Alle Einzelheiten hierüber werden Sie bei unserer persönlichen Zusammenkunft erfahren. Bis dahin überlassen wir Ihrem Eifer die persönliche Ausführung unserer Befehle und erwarten Sie in Kiejdane. Janusz, Fürst Radziwill, Wilnaer Wojewod, Litauischer Groß-Hetman.« »Es ist doch eigentümlich,« sagte Jan Skrzetuski, »daß er von einer Treue zum Hause Radziwill spricht, anstatt von einer zum Vaterlande. Das ist doch wirklich viel mehr wert als das Haus Radziwill, und es bedarf schneller Hilfe.« »Das ist so einmal die Manier aller Magnaten,« antwortete Wolodyjowski, »obwohl auch mir das gleich nicht gefallen hat. Ich diene doch dem Vaterlande und nicht den Radziwills.« »Wann hast du den Brief erhalten?« »Heute früh. – Am Nachmittag wollte ich aufbrechen. Ruht ihr euch heute aus. Morgen kehre ich zurück, und dann könnt ihr mit dem Banner zusammen abmarschieren, wohin man uns befiehlt.« »Vielleicht zum Fürsten-Stallmeister?« »Fürst-Stallmeister Boguslaw ist augenblicklich auch in Kiejdane. Ein interessanter Mensch ist das! Ein guter Soldat, ein Ritter im wahrsten Sinne des Wortes. Polnisches hat er nicht für einen Pfifferling an sich. Er spricht immer nur deutsch oder französisch. Seine ganze Umgebung ist seines Lobes voll. Übrigens ist seine Vorliebe für das Deutsche ja ganz erklärlich; er ist der Sohn der brandenburgischen Kurfürstin.« »Ich habe auch schon vom Fürsten Boguslaw gehört,« sagte Stanislaus Skrzetuski. »Ich erinnere mich, daß mein verstorbener Vater erzählte, daß, als Fürst Radziwills Vater die Tochter des brandenburgischen Kurfürsten heiratete, alle sehr unzufrieden waren, weil eine solch vornehme Familie, wie die der Radziwills, mit Fremden in verwandtschaftliche Beziehungen trat. Und jetzt kann uns das sehr zustatten kommen. Der Kurfürst, als ein Verwandter der Radziwills, muß der Republik zu Hilfe kommen; er hat ein stehendes Heer von 20 000 Mann und kann getrost mit ihnen gegen die Schweden ziehen. Als Lehnsmann der Republik ist er sogar dazu verpflichtet, wenn er an Gott glaubt und sich auf die Wohltaten besinnt, die die Republik seinem Hause angedeihen ließ.« »Es ist schlecht, sich auf die Dankbarkeit anderer zu verlassen, besonders auf die eines Ketzers,« sagte Zagloba. »Er ist wie der schwedische König lutherisch, und wir wollen Gott danken, wenn sie sich nicht gegen die Republik verbinden.« »Weißt du was, Michail,« sagte plötzlich Jan, »ich will mich lieber heute nicht ausruhen und gleich mit dir zusammen nach Kiejdane gehen. Erstens reist man bei Nacht besser, es ist nicht so heiß, und dann möchte ich so schnell wie möglich aus der Ungewißheit herauskommen. Ausruhen wird man sich ja dort auch können. Der Fürst wird doch nicht morgen schon aufbrechen.« »Das ist ein guter Gedanke,« meinte Zagloba. »Ich komme auch gleich mit.« »Dann gehen wir alle zusammen,« fügte Stanislaus hinzu. »So sind wir morgen früh in Kiejdane; man kann ja auch unterwegs im Sattel ein bißchen schlafen.« Zwei Stunden später, nach dem Mittagessen, brachen unsere Ritter nach Kiejdane auf. Unterwegs erzählte Pan Michail von der berühmten Laudaer Schlachta, von Kmicic und vielen anderen. Er sprach auch von seiner Liebe zur Panna Billewicz, die wie alle seine früheren nicht erwidert wurde. »Gut, daß der Krieg losbricht, sonst würde ich vor Kummer vergehen. Manchmal fürchte ich, es wird mir wohl beschert sein, ledig zu sterben.« »Das ist doch gar nicht so schlimm,« sagte Zagloba. »Ich habe mir gelobt, bis an mein Lebensende ledig zu bleiben. Manchmal tut es mir jetzt auch leid, daß niemand meinen Ruhm und meinen Namen erben wird. Zwar liebe ich Jans Kinder wie die eigenen, aber sie heißen doch nicht Zagloba.« »Wirklich, Sie haben Ihr Gelübde zur rechten Zeit getan,« lachte Wolodyjowski hell auf. »Gerade wie der Wolf, der abschwur, Schafe zu würgen, als er seiner sämtlichen Zähne ledig war.« »Das ist nun nicht wahr! Es ist noch gar nicht so lange her, Pan Michail, daß wir beide in Warschau zur Königswahl waren. Und an wem konnten sich die Warschauerinnen gar nicht satt sehen? An mir doch! Wissen Sie nicht mehr, daß alle jammerten, als ich ihnen keine Beachtung schenkte? Übrigens, wenn Sie eine so große Liebe zum Eheleben hegen, so brauchen Sie noch nicht zu verzagen. – Jetzt ist Krieg, wieviele Ritter kommen da jährlich um? Dauert der Krieg lange, so werden die Mädchen sehr im Preise sinken, und wir können sie zu Dutzenden auf dem Markte kaufen.« »Vielleicht ist es mir auch von Gott bestimmt, umzukommen, seufzte Pan Michail. »Ich habe es eigentlich schon recht satt, mich so in der Welt herumzutreiben. Ach, und wie schön und klug Panna Billewicz ist, das kann ich euch gar nicht beschreiben! – Ich hätte sie auf Händen getragen und wie meinen Augapfel behütet. – Da führt der Teufel diesen Kmicic in die Gegend! – Er muß sie rein durch Zauberei an sich gefesselt haben, sonst würde sie mich doch nicht so abweisen; das kann ja gar nicht anders sein. – Der Bär hat seine Höhle, der Wolf seine Grube, – ich habe nur den Gaul und den Sattel, auf dem ich sitze.« »Man sieht, sie hat es Ihnen wirklich sehr angetan,« meinte Zagloba. »Aber, was hilft's, Sie werden sich schon eine andere suchen müssen. Eine so kleine, wie Sie selbst sind. Wie wär's mit der Hofdame der Fürstin Wisniowiecka, die Pan Podbipienta heiraten wollte? Gott hab' ihn selig! Die paßte gerade zu Ihnen.« »Anna Borzobohata meinen Sie,« sagte Jan Skrzetuski. »In die waren wir dazumal alle verliebt, auch Pan Michail. Gott weiß, wo die jetzt ist.« »Ja, wenn ich das erfahren könnte!« rief Pan Michail. »Schon wie Sie ihren Namen erwähnten, wurde mir leichter ums Herz. Das war ein gutes Mädchen! Möchte ich ihr doch noch einmal begegnen!« Allmählich begann es zu dunkeln: die Nacht brach herein. Die Ritter schliefen auf ihren Sätteln ein. Bei Tagesanbruch erwachte als erster Pan Michail. »Panowie! Seht dort Kiejdane!« »Was? Wo?« fragte Zaglova. »Kiejdane, wo?« »Dort! Die Türme sind zu sehen.« »Was für eine schöne Stadt!« sagte Stanislaus Skrzetuski. »Ja, sehr schön!« bestätigte Wolodyjowski »Sie können sich heute davon selbst überzeugen.« »Ist sie Eigentum des Fürsten Wojewoden?« »Ja, der Vater des jetzigen Fürsten erhielt sie als Mitgift. – Ein ausgezeichneter Met wird dort gebraut.« Zagloba rieb sich die Augen. »Müssen kluge Leute drin leben. Und was ist das für ein ungeheures Gebäude, das da auf dem Hügel?« »Das ist das neue Schloß.« »Ist es befestigt?« »Nein; aber es ist mit einem riesigen Luxus ausgestattet. Es wurde von einer Befestigung abgesehen, weil sich nach den Kreuzrittern hier kein Feind sehen ließ.« Die Edelleute hatten bereits die ersten Häuser der Vorstadt erreicht. Die Sonne begann sich am Horizont zu zeigen: es war schon ganz hell geworden. Die Ritter betrachteten neugierig die ihnen fremde Stadt, und Pan Wolodyjowski erklärte ihnen alles. »Das da ist die Judengasse; nur die Juden, die eine besondere Erlaubnis dazu haben, dürfen hier wohnen. – Dort weiter ist der alte Marktplatz. Seht nur die Uhr auf dem Rathause! So eine gibt's nicht mal in Danzig. Das Gebäude mit den vier Türmen ist die Schweizer Kathedrale. Hier liegt die lutherische Kirche. Sie meinen wohl, daß hier Polen und Litauer wohnen? Durchaus nicht! Viele Deutsche und noch mehr Schotten. Das sind alles ausgezeichnete Infanteristen, die vorzüglich mit der Hellebarde umzugehen verstehen. Der Fürst hat sich ein ganzes schottisches Regiment aus Kieijdaner Freiwilligen gebildet. – Was für eine Menge Wagen auf dem Markte stehen. Es wird gewiß eine Versammlung hier sein! Ein Gasthaus gibt's in der ganzen Stadt nicht. Ein jeder sucht hier nur seinen Bekannten auf. Für die Schlachta werden im Schloß zwei Flügel bereit gehalten. Der Fürst nimmt jeden sehr gastfreundlich auf, bliebe er auch ein ganzes Jahr. Es gibt Edelleute, die fast ihr ganzes Leben hier verbringen.« »Sonderbar, daß nicht ein Blitz diesen Schweizer Tempel zerschmettert!« rief Zagloba aus. »Das, geschah auch wirklich einmal. In der Mitte zwischen den vier Türmen war ursprünglich eine Kuppel. Der Blitz schlug in sie ein und zerschmetterte sie in viele Stücke.« »Und was ist das für eine Scheune?« »Das ist eine Papierfabrik, daneben liegt die Druckerei. Dort druckt man ketzerische Schriften.« »Pfui!« spie Zagloba aus. »Hier könnte der Satan ebensogut Herrscher sein wie Radziwill!« »Schelten Sie nicht auf den Fürsten,« sagte Wolodyjowski ruhig. »Vielleicht verdankt das Vaterland demnächst dem Fürsten seine Rettung.« Hinter dem Markte und der Schloßstraße bot sich den Reitern der herrliche Anblick des fürstlichen Schlosses. Es stand oben auf einem Hügel und schaute hinab auf die Stadt, die zu seinen Füßen lag. An das Hauptgebäude schlossen sich zu beiden Seiten zwei Seitenflügel an, die einen ungeheuren Hof begrenzten, dessen Vorderseite von einem eisernen Gitter eingezäunt war. Die Mitte des Gitters bildete ein Portal mit den Wappen der Radziwills. Hinter dem Tore stand ein Gebäude für die Wache, und schottische Trabanten bewachten den Eingang zum Schlosse. Trotz der frühen Morgenstunde herrschte auf dem Schloßhofe reges Treiben. Vor dem Hauptgebäude exerzierte ein Dragonerregiment in hellblauen Reitjacken und schwedischen Helmen. Die langen Reihen der Soldaten standen unbeweglich mit gezogenen Rapieren in den Händen. Ein Offizier ritt langsam das Regiment entlang und sprach zu den Soldaten. Ringsherum an der Schloßmauer stand die Dienerschaft und sah neugierig zu. »Bei Gott!« rief Pan Michail, »dort reitet Charlamp bei seinem Regiment.« Auch Charlamp erkannte Wolodyjowski und trabte den Rittern entgegen. »Wie geht's?« schrie er schon von weitem. »Gut, daß du herkommst.« »Noch besser ist es, daß ich dich als ersten hier treffe. Dies hier ist Pan Zagloba, den du schon kennst, und das ist Pan Skrzetuski, Rittmeister des königlichen Husaren-Banners, ein Zbarazer.« »Ein in ganz Polen berühmter Ritter! Meine Hochachtung,« sprach Pan Charlamp. »Und hier steht Pan Stanislaus Skrzetuski, Rittmeister von Kalisz; er kommt direkt von Ujscie,« fuhr Wolodyjowski fort. »Von Ujscie? So waren Sie Zeuge dieser unerhörten Schandtat? Wir haben hier schon alles gehört.« »Nun, wir sind ja auch hierher gekommen in der Hoffnung, daß so etwas hier nicht geschehen kann.« »Des können Sie versichert sein. Radziwill ist nicht Opalinski.« »So sagten wir auch gestern in Upita.« »Ich begrüße Sie im Namen des Fürsten. Der Fürst wird hoch erfreut sein, solche Ritter bei sich zu sehen; denn er kann tüchtige Soldaten gebrauchen. Kommen Sie zu mir ins Zeughaus; denn dort ist mein Quartier. Wahrscheinlich wollen Sie sich ein wenig ausruhen und etwas genießen. Ich komme gleich mit, mein Dienst ist zu Ende.« Pan Charlamp ritt wieder zum Banner und kommandierte laut: »Linksum kehrt!« Laut schallte das Aufschlagen der Pferdehufe im Hofe. Die Reihen teilten sich in zwei Teile, dann wieder in zwei Teile und ritten im Schritt nach dem Zeughaus. »Ausgezeichnete Soldaten!« sagte Skrzetuski, indem er die Bewegungen der Dragoner mit Kennerblick verfolgte. Charlamp kehrte zu den Rittern zurück. »Kommen Sie, bitte, das Zeughaus liegt dort hinter dem Schlosse.« Eine halbe Stunde später saßen alle fünf bei einer Kanne Warmbier und unterhielten sich über den neuen Krieg. »Und was gibt es Neues hier?« fragte Pan Wolodyjowski. »Bei uns gibt es alle Tage Neues. Die Leute haben vollständig den Kopf verloren,« antwortete Pan Charlamp. »Eigentlich ist der Fürst der einzige, der weiß, um was es sich handelt. Er schmiedet unentwegt Pläne. Und wenn er sich auch fröhlich gibt und mit jedermann freundlich ist wie sonst nie, so ist er in Wirklichkeit doch sehr besorgt. Man sagt, er schläft des Nachts nicht, sondern geht unruhig in den Zimmern umher und hält Selbstgespräche. Am Tage beratschlagt er sich stundenlang mit Harasimowicz. »Wer ist dieser Harasimowicz?« »Er ist ein Gutsverwalter des Fürsten, aber allem Anscheine nach weiß er alle Geheimnisse des Fürsten. Meiner Meinung nach stehen wir am Vorabende eines ungeheuren Krieges mit den Schweden, eines Krieges, wie wir ihn alle herbeisehnen. Der Fürst erhält viele Briefe vom kurländischen Herzog, von Chowanski und vom Kurfürsten. Einige sagen, der Fürst stehe mit Moskau in Unterhandlungen, um vereint gegen die Schweden loszuziehen, andere sagen umgekehrt. Ich glaube aber, es wird zu gar keinem Bündnisse kommen, und es wird Krieg geben mit den Moskovitern und Schweden. Wo Fürst Radziwill ins Feld zieht, da wird kein Friede geschlossen.« »Das ist recht, das ist recht,« sagte erfreut Zagloba und rieb sich die Hände. »Viel schwedisches Blut klebt schon an meinen Händen und noch mehr wird hinzukommen.« »Und Fürst Boguslaw, ist der auch hier?« fragte Pan Wolodyjowski. »Selbstverständlich! Wir erwarten außerdem noch heute sehr vornehme Gäste. Die oberen Gemächer des Schlosses werden schon zum Empfang fertig gemacht. Abends gibt es im Schlosse ein Bankett. Ich zweifle, Michail, daß du heute beim Fürsten vorgelassen wirst.« »Er selbst aber hat mich doch hierher bestellt.« »Das tut nichts. Er ist jetzt fürchterlich beschäftigt. – Und dann,– doch ich weiß nicht, ob ich euch davon etwas erzählen darf, – übrigens, in einer Stunde würdet ihr ja ohnedies alles erfahren, – es gehen hier nämlich merkwürdige Dinge vor.« »Was denn? Was denn?« fragte Zagloba. »Sie müssen wissen, daß vor zwei Tagen Pan Judycki, ein Malteser Ritter, hier eintraf. Sie haben wahrscheinlich schon von ihm gehört?« »Gewiß,« sagte Jan, »ein berühmter Ritter.« »Ihm auf dem Fuße folgte der Feldhetman Gosiewski. Wir waren alle starr vor Staunen, denn es ist ja weithin bekannt, in welcher Feindschaft der Fürst und der Feldhetman leben. Der Fürst schloß sich mit seinen Gästen ein, und niemand durfte hören, was sie miteinander sprachen. Pan Krepsztul, der vor der Tür Wache hielt, erzählte, daß drinnen sehr laut gesprochen wurde, besonders der Feldhetman schien sehr erregt gewesen zu sein. Später begleitete der Fürst die Herren selbst in ihre Schlafgemächer, und in der Nacht, stellt euch nur vor,« Pan Charlamp dämpfte seine Stimme, »sandte er vor die Tür eines jeden eine Wache.« Wolodyjowski sprang von seinem Platze auf. »Mein Gott, das kann nicht wahr sein!« »Es ist aber tatsächlich so. – Noch jetzt stehen die Schotten mit geladenen Gewehren vor den Türen und dürfen bei Todesstrafe niemanden heraus- oder hereinlassen.« Die Ritter sahen sich verständnislos an. Pan Charlamp, von seinen eigenen Worten nicht weniger betroffen, sah seine Gäste an und hoffte von ihnen Lösung dieses Rätsels zu erhalten. »Der Feldhetman ist also in Haft genommen? Der Großhetman hat den Feldhetman verhaftet?« sagte Zagloba. »Was kann das bedeuten?« »Wer kann das wissen? – Und Judycki ebenfalls, einen so ehrenwerten Ritter!« »Haben die fürstlichen Offiziere unter sich von der Sache gesprochen? Haben Sie keine Vermutungen? – Haben Sie darüber nichts gehört, Pan Charlamp?« »Ich sprach gestern noch mit Harasimowicz.« »Und hat er Ihnen nichts gesagt?« »Er wollte sich nicht aussprechen. Er legte nur den Finger auf die Lippen und murmelte: »Sie sind Verräter!« »Wieso Verräter? Wieso Verräter?« fuhr Wolodyjowski auf und faßte an seinen Kopf. »Weder Pan Feldhetman Gosiewski noch Pan Judycki sind Verräter! Die ganze Republik kennt sie als treue Söhne des Vaterlandes!« »Jetzt kann man niemandem trauen,« sagte laut Stanislaus Skrzetuski. »Nannte man nicht Opalinski den Cato der Republik? Maßregelte er nicht andere mit weisen Lehren, wenn sie Schlechtes taten?« »Ja, und als eine schwere Zeit hereinbrach, wurde er selbst zum Verräter, nicht er allein, nein, er verführte noch eine ganze Provinz zum Verrat.« »Aber für den Feldhetman und Judycki bin ich bereit, mich köpfen zu lassen!« schrie Wolodyjowski »Ihren Kopf, Pan Michail, den setzen Sie lieber für niemand ein,« sagte Zagloba. »Ohne Grund hat man sie sicherlich nicht verhaftet, sie werden sich wohl irgendwie vergangen haben. Das kann gar nicht anders sein. Dem Fürsten, der sich zum Kriege vorbereitet, ist doch jede Hilfe von Nutzen; er kann doch nur die verhaften lassen, die sich ihm in den Weg stellen. – Und wenn dem so ist, so geschieht diesen Pans schon recht. Gott sei Dank, daß man vorgebeugt und diese Nichtsnutzigen bei Zeiten ins Gefängnis geworfen hat. Pfui! In einem solchen Augenblick sich mit dem Feinde zu verbinden, sich gegen das Vaterland, sich gegen den großen Anführer aufzulehnen! Ich schwöre bei der heiligen Jungfrau, ihnen geschieht ganz recht.« »Wunder! Wunder über Wunder geschehen, sie wollen einem gar nicht in den Kopf rein,« sagte Charlamp. »Ritter in so hoher Stellung verhaftet man, ohne sie vor Gericht zu stellen; dazu hat ja nicht einmal der König ein Recht.« »Wie es scheint, will der Fürst bei uns römische Sitten einführen und sich während des Krieges zum Diktator erklären,« bemerkte Stanislaus Skrzetuski. »Meinetwegen soll er sich auch zum Diktator machen, wenn er nur die Schweden aus dem Vaterlande vertreibt,« erwiderte Zagloba. »Ich bin der erste, der für seine Diktatur stimmt!« Jan Skrzetuski schwieg und sann nach. Nach einigen Minuten sagte er: »Wenn er nur nicht so ein Protektor sein wird wie der Engländer Cromwell, der sich erdreistete, seine gotteslästerliche Hand an die Person seines Königs zu legen.« »Nun Cromwell – Cromwell war doch ein Ketzer!« meinte Zagloba. »Und der Fürst Wojewod?« sagte Jan Skrzetuski ernst. Alle schwiegen, und mit Schrecken dachten sie an die dunkle, vor ihnen liegende Zukunft; nur Pan Charlamp war etwas gekränkt. »Ich diene dem Fürsten Wojewoden schon von klein auf, ich kenne ihn besser als Sie alle. Ich liebe und achte ihn und muß Sie bitten, ihn nicht mit Cromwell zu vergleichen. Ich wurde sonst genötigt sein, Ihnen so zu antworten, wie es sich als Wirt dieses Zimmers nicht für mich schickt.« Wolodyjowski sah ihn von oben herab kalt und streng an, als wollte er sagen: Sprich nur noch ein Wort! Pan Charlamp kam zu sich. Er hegte für Wolodyjowski eine unbegrenzte Hochachtung und wußte, daß es nicht ungefährlich war, sich mit ihm zu entzweien. Deshalb sagte er schon bedeutend weicher gestimmt: »Der Fürst ist Calvinist, – das ist wahr, aber er ist doch schon als solcher geboren. Niemals wird er wie ein Cromwell, ein Radziejowski oder ein Opalinski handeln, und wenn Kiejdane in die Erde versinken sollte.« »Und wenn er selbst der Teufel wäre und Hörner auf dem Kopfe hätte, auch gut, – so kann er die Schweden aufspießen,« sprach Zagloba. »Und doch sind Pan Gosiewski und Judycki verhaftet! Der Fürst ist gerade nicht sehr freundlich zu seinen Gästen, die ihm Vertrauen schenkten,« sagte kopfschüttelnd Wolodyjowski. »Was redest du da, Michail,« erwiderte Charlamp. »Er ist jetzt so freundlich, wie er sonst nie im Leben war. Früher war er unnahbarer als der König selbst; jetzt aber bewegt er sich täglich unter den Offizieren und der Schlachta. Er spricht mit jedem, fragt ihn nach seiner Familie, seinen Kindern, und ob ihn der Dienst nicht bedrücke. Er, der sich mehr zu sein dünkte als die vornehmsten Edelleute, er geht jetzt Arm in Arm mit dem jungen Kmicic.« »Kmicic? Ist der schon lange hier?« fragte Wolodyjowski. »Er ist schon wieder abgereist. Kmicic steht in sehr hoher Gunst beim Fürsten. Als er abgereist war, sagte der Fürst von ihm: Dieser Mann ist zu allem bereit, was ich ihm befehle.« Kaum hatte Charlamp geendet, als sich die Tür öffnete und ein kleiner, hagerer, beweglicher Mann von ungefähr vierzig Jahren mit feinen Gesichtszügen, dünnen Lippen und etwas schielenden Augen hereintrat. Sobald er hereingekommen war, klappte er zusammen wie ein Taschenmesser, streckte sich dann wieder und verbeugte sich noch einmal so tief. Dann drehte er seinen Kopf ringsherum und begann mit einer Stimme, die an das Knarren einer verrosteten Wetterfahne erinnerte, schnell zu reden. Dieser Mann war Harasimowicz. Er wurde alles andere eher als freundlich von Pan Charlamp empfangen, bei dem er Anfrage nach den neu angekommenen Rittern hielt. Danach begann er, über die prekäre Lage der Republik zu klagen. »Posen ist schon vom Feinde besetzt; ganz Groß-Polen ist auch besetzt. Masovien wird der Feind bald besetzen. Die Schweden sind schon in Lowicz, dicht bei Warschau. Unser König ist geflohen und hat Warschau ohne jeden Schutz gelassen. Heute oder morgen werden die Schweden auch dort einziehen. Man sagt, der König sei so in Schrecken versetzt, daß er nach Krakau fliehen will und von dort aus weiter in fremde Länder, wo er um Hilfe bitten will. – Es steht schlimm, meine Herren, sehr schlimm! Es ist nur gut, daß die Schweden, wie man allerorten sagt, nicht gewalttätig sind. Sie erfüllen streng die Verträge, sie lassen dem Adel alle Freiheiten und tasten die Religion nicht an. Deshalb stellen sich auch alle so gerne unter das Protektorat von Karl-Gustav. – Unser Herrscher, Jan-Kasimir, hat sich viel zuschulden kommen lassen, viel zuschulden kommen lassen. – Alles ist für ihn verloren, alles verloren! – Weinen könnte man! – Alles verloren, verloren!« »Was, zum Teufel, winden Sie sich denn wie ein Fisch auf der Bratpfanne und sprechen in einem so frohen Tone vom Unglück des Vaterlandes!« schrie Zagloba. Harasimowicz tat so, als ob er nichts gehört hätte, schlug die Augen gen Himmel und fuhr fort: »Alles verloren, für alle Ewigkeit verloren! Drei Kriege mit einem Male kann die Republik nicht aushalten. Verloren ist alles! Es ist Gottes Wille! Allein unser Fürst kann Litauen retten!« Diese unheilvollen Worte waren kaum verklungen, als Harasimowicz verschwand, gleich als ob ihn die Erde verschluckt hätte. »Hier kann man rein den Verstand verlieren,« rief Wolodyjowski aus. »Sie haben recht,« bestätigte Stanislaus Skrzetuski. »Gebe Gott einen schnellen Aufbruch zum Kriege. Dann hat man wenigstens keine Zeit, sich den Kopf zu zerbrechen, man hat nur zu kämpfen.« »Wahrhaftig, es ist so weit gekommen, daß man mit Sehnsucht an die ersten Zeiten des Aufstandes von Chmielnicki denkt. Damals erlitten wir zwar viele Niederlagen; aber Verräter waren doch nicht unter uns. Wenn man wenigstens bald den Fürsten sehen könnte!« meinte Zagloba. Zaglobas Wunsch sollte schnell in Erfüllung gehen. Nach kaum einer Stunde erschien Harasimowicz von neuem, um unter tiefen Bücklingen zu melden, daß der Fürst die angekommenen Gäste zu sehen wünsche. Die Ritter folgten dem Harasimowicz, der sie über den mit Soldaten und Landedelleuten angefüllten Hof führte. Überall wurde laut und eifrig etwas besprochen, wahrscheinlich dasselbe, was Charlamp soeben den Rittern mitgeteilt hatte. Auf allen Gesichtern war innere Unruhe und fieberhafte Erwartung ausgedrückt. Die Offiziere und die Schlachta hörten den Rednern zu, die ihre Worte mit verzweifelten Gesten begleiteten. Nur mit Mühe und Not konnte Harasimowicz sich durch die dichte Menge hindurchdrängen. Von Zeit zu Zeit begrüßten alte Bekannte den Pan Wolodyjowski. »Wie geht es, Michail? Schlecht, Bruder! Wir gehen zugrunde! Wen führst du denn zum Fürsten?« Pan Michail antwortete niemandem; er wollte keine Zeit verlieren, um vor dem Fürsten zu erscheinen. Die Ritter kamen zu dem Hauptgebäude des Schlosses, dessen Eingänge fürstliche Janitscharen, mit Panzerhemden und ungeheuren, weißen Mützen bekleidet, bewachten. Auf dem Flur und auf der Treppe, die zu beiden Seiten mit Pomeranzenbäumen geschmückt war, herrschte ein noch größeres Gedränge als auf dem Hofe. Auch hier wurde lebhaft gesprochen. Den Hauptgegenstand der Unterhaltung bildete die Verhaftung Gosiewskis und Judyckis. Alle waren aufs höchste erstaunt darüber; einige bewunderten den Scharfblick des Fürsten, andere verurteilten jedoch seine Handlungsweise. Ein jeder brannte vor Ungeduld, die Lösung des Rätsels aus dem eigenen Munde des Fürsten zu erfahren. Deshalb stürmten auch eine große Menge Menschen die Treppen empor zum Audienzsaal, wo der Fürst zu dieser Zeit die Obersten und die höhere Schlachta empfing. Endlich traten unsere Ritter durch die geöffnete Tür in den Saal, dessen himmelblaue Decke weithin leuchtete. In der Tiefe des Saales stand ein Podium, das von einer glänzenden Suite reich und buntfarbig gekleideter Ritter besetzt war. Vorn auf dem Podium stand ein Sessel, dessen hohe Rückenlehne eine goldene Fürstenkrone trug, von der roter, mit Hermelin umsäumter Samt mantelartig herunterfiel. Der Fürst war noch nicht im Saale; Harasimowicz drängte sich durch die Schlachta hindurch zu einer kleinen Tür, die hinter dem Podium verdeckt lag. Er bat die Ritter, auf ihn zu warten, während er selbst hinter der Tür verschwand. Nach einigen Minuten erschien er wieder und führte die Gäste zum Fürsten. Die beiden Skrzetuskis, Zagloba und Wolodyjowski betraten ein kleines, aber prunkvoll ausgestattetes Zimmer, das ganz mit gepreßtem Leder austapeziert war. An einem Tische, der mit Papieren überhäuft war, saßen zwei Herren, die in ein Gespräch vertieft waren. Der eine, ein noch junger Mann, in fremdländischer Kleidung mit einer langen Lockenperücke auf dem Kopfe, flüsterte dem älteren Herrn etwas ins Ohr. Dieser hörte mit zusammengezogenen Brauen zu und nickte von Zeit zu Zeit. Er war so mit seinen Gedanken beschäftigt, daß er die Angekommenen nicht sogleich bemerkte. Es war ein Mann in den Vierzigern, breitschulterig und von einer Hünengestalt. Er trug ein rotes, polnisches Nationalkostüm, das am Halse durch eine kostbare Spange zusammengehalten wurde. Aus seinem Gesicht sprachen Stolz und Machtbewußtsein. Es war das herrschsüchtige Gesicht eines großen Machthabers. Ein langer, hängender Schnauzbart gab diesem Gesicht noch mehr das Gepräge des Zornes und Eigenwillens. Wehe dem Haupte, über dem sich die Gewitterwolke seines Zornes entlud! Das war der erste Eindruck, den man von dem Fürsten Janusz Radziwill, denn er war der Mann, gewann. Der junge Mann in der Perücke war Fürst Boguslaw, ein Vetter des Fürsten Janusz; er war Stallmeister des litauischen Großfürstentums. Nachdem Boguslaw dem Fürsten noch einiges ins Ohr geflüstert hatte, sprach er laut: »Ich hinterlasse also meine Unterschrift auf dem Dokument und reise dann ab.« »Wenn es nicht anders geht, so fahren Sie,« erwiderte Janusz, »obgleich es mir lieber wäre, Sie blieben. Wer weiß, was sich hier ereignen kann?« »Ihre Durchlaucht haben ja alle Zufälligkeiten vorausgesehen, dort aber fordern die Geschäfte meine persönliche Anwesenheit.« »Behüte Sie Gott!« »Adieu, mon frère.« »Adieu.« Die Fürsten reichten sich die Hände, der Stallmeister ging eilig hinaus, der Hetman aber wandte sich an die Ritter: »Verzeihen Sie, meine Herren, daß ich Sie warten ließ,« sagte er langsam, mit einer tiefen, klangvollen Stimme. Allerlei Angelegenheiten nehmen aber jetzt meine ganze Zeit und Aufmerksamkeit in Anspruch. Ich war sehr erfreut, als ich Ihre Namen hörte, daß Gott mir so tüchtige Ritter hierher gesandt hat. Setzen Sie sich doch, meine lieben Gäste. Wer von Ihnen ist denn Pan Jan Skrzetuski?« »Ich, Euer Durchlaucht,« sagte Jan. »Starost – Starost von – Verzeihung, ich habe ganz vergessen, wovon Sie Starost sind?« »Ich bin gar kein Starost.« »Wie!« Der Fürst zog seine Brauen zusammen. Man hat Ihnen für Ihre Dienste in Zbaraz keine Starostei verliehen?« »Ich habe mich nie darum bemüht, Durchlaucht.« »Auch ohne das mußte man Sie zum Starosten machen. Was sagen Sie? Man hat Sie auf keine Weise belohnt? Man hat Sie ganz vergessen? Eigentümlich! Doch, was sage ich, heutigen Tages kann man sich über nichts wundern. Jetzt wird der belohnt, der sich darauf versteht, tiefe Bücklinge zu machen. Unverständlich, wirklich unverständlich! Man hat Ihnen keine Starostei gegeben! Sehen Sie mal an! – – Es ist wirklich ein Glück, daß Sie hierher gekommen sind; wir hier sind nicht so vergeßlich. – Kein einziges Ihrer Verdienste wird ohne Belohnung bleiben. – – Und auch die Ihren, Pan Oberst Wolodyjowski.« »O, ich habe mich noch durch nichts verdient gemacht, Durchlaucht.« »Nun, überlassen Sie mir das, darüber zu urteilen. Fürs erste nehmen Sie dies Dokument an, kraft dessen ich Ihnen Dydkiemie als lebenslängliches Besitztum übergebe. Es ist kein schlechtes Stückchen Erde, hundert Pflüge fahren jeden Frühling darüber, um es zu beackern. Nehmen Sie wenigstens diese Kleinigkeit von mir an, mehr kann ich Ihnen jetzt nicht geben. Und sagen Sie dem Pan Skrzetuski, daß Radziwill weder seine Freunde noch die, die unter seinem Befehle dem Vaterlande treu gedient haben, vergißt!« »Euer Durchlaucht,« murmelte höchst verlegen Pan Michail. »Genug, genug! Verzeihen Sie nur, daß es so wenig ist. Aber vergessen Sie nicht, hören Sie, vergessen Sie nicht, Ihren Freunden zu sagen, daß der nicht fehlgehen wird, der seine Kräfte dem Hause Radziwill widmet. Ich bin nicht der König, aber wenn ich der König wäre, Gott ist mein Zeuge, ich würde solche Ritter nicht vergessen wie Jan Skrzetuski und Zagloba.« »Hier bin ich!« sagte Zagloba, indem er beherzt hervortrat. Er war schon sehr ungeduldig, daß man ihn solange unbeachtet gelassen hatte. »Ich erriet schon, daß Sie das wären. Man hatte mir erzählt, daß Sie schon ein bejahrter Herr seien.« »Ja, ich ging mit dem würdigen Vater Ihrer Durchlaucht in eine Schule. Und da er von Kind auf ritterliche Neigungen bewies, so zog er mich in seine nähere Umgebung. Auch ich liebte mehr die Lanze als die lateinischen Verben.« Dem Pan Skrzetuski wurde es etwas ungemütlich. Gestern noch erzählte Zagloba, daß er ein Schulkamerad des Fürsten Janusz selbst war, und heute war er der seines Vaters. »Ei, sieh einer an,« sagte der Fürst. »Sie sind also aus Litauen?« »Ja, aus Litauen,« antwortete Zagloba, ohne sich zu besinnen. »Jetzt verstehe ich, warum Sie bislang keine Auszeichnungen erhalten haben. Wir Litauer sind ja an Undank gewohnt, das wird schon so unser Schicksal sein. Wir bringen unser Blut und Leben und all unsere Habe dem Vaterlande zum Opfer dar; und niemand, niemand lächelt uns einmal dafür freundlich an. – Nun, wie die Saat, so die Ernte, – so befiehlt Gott und die Gerechtigkeit. – Das alles muß anders werden. Schon allein dafür, daß Sie hierher gekommen sind, stehe ich tief in Ihrer Schuld, Wenn ich auch nicht Ihr König bin, so glauben Sie, mit bloßen Versprechungen werden Sie alle nicht ausgehen.« »Euer Durchlaucht,« unterbrach ihn lebhaft und mit einem gewissen Stolze Pan Skrzetuski, »Reichtümer und Auszeichnungen wegen sind wir nicht hierher gekommen. – Der Feind tritt unser Vaterland mit Füßen, wir sind gekommen, um unter dem Befehle eines berühmten Führers ihm unsere Kräfte zu weihen. Mein Vetter Stanislaus sah bei Ujscie unsere schreckliche Mißwirtschaf; er sah Feigheit, Verrat und zuletzt den Triumpf des Feindes. Hier aber wird der Feind nicht triumphieren, hier soll ihm das Verderben bereitet werden. – Darum sind wir zu Ihnen geeilt, Durchlaucht. – Wir sind Soldaten, uns treibt es in die Schlacht.« »Nun, wenn das Ihr Wunsch ist, so wird er nicht lange mehr unerfüllt bleiben,« sagte der Fürst feierlich. – »Aber erst gilt's gegen einen anderen Feind zu marschieren; wir müssen den Brand von Wilna rächen! – Ich will Sie nicht länger aufhalten, meine Herren. Sie müssen sich erst noch ausruhen, und mich ruft die Arbeit. Ich lade Sie alle für heute abend zu mir ein; vor dem Ausmarsch ins Feld muß man sich auch ein wenig Vergnügen gönnen. – Pan Wolodyjowski, bewirten Sie meine teuren Gäste wie in Ihrem eigenen Hause. Vergessen Sie nicht, was mein ist, ist auch das Ihrige. Ich wünsche Ihnen, meine Herren, alles Gute! Seien Sie Radziwills Freunde. In Ihnen allein liegt jetzt meine ganze Kraft!« Der stolze und mächtige Fürst drückte den Rittern der Reihe nach die Hände wie seinesgleichen. Sein finsteres Gesicht hellte sich durch ein freundliches Lächeln auf, und die Unnahbarkeit, die ihn bisher umgab, verschwand spurlos. »Das ist ein Führer! Das ist ein Feldherr!« sagte Stanislaus, als die Ritter auf dem Hof anlangten. »Durchs Feuer würde ich für ihn gehen!« rief begeistert Zagloba. »Habt ihr gehört, wie er alle meine Taten auswendig wußte? Heiß wird es den Schweden werden, wenn dieser Löwe brüllt, und wir alle werden ihm sekundieren.« »Ich sehe nur eins,« sagte Jan Skrzetuski, »daß er die Leute für sich gewinnen will, und daß er irgend welche Pläne schmiedet, für die er Hilfe nötig hat.« »Haben Sie denn von seinen Plänen nichts gehört?« ereiferte sich Zagloba. »Hat er nicht gesagt, erst müssen wir Wilna rächen?« In den Hof ritten bald Truppenabteilungen, bald große Mengen bewaffneter Schlachta hinein. Oft kamen auch Kaleschen an, in denen Familienmitglieder der Pans der Umgegend saßen. Pan Michail drängte seine Kameraden zum Tor. »Wer weiß, Pan Michail, vielleicht schlägt heute Ihre Stunde,« sagte Zagloba. »Vielleicht finden Sie heute eine Braut. Sehen Sie dort die offene Kalesche, dort sitzt jemand in weißem –« »Das ist keine Braut, sondern im Gegenteil jemand, der mich trauen kann,« antwortete der weitsichtige Pan Michail. Das ist der Bischof Parczewzki mit dem Pater Vialozor, dem Archidiakon von Wilna.« »Und die besuchen den calvinistischen Fürsten?« »Was sollen sie tun? Wenn es sich um das öffentliche Wohl handelt, müssen sie sich eben bezwingen.« Die Kalesche näherte sich dem Tore, und die Wache nahm in zwei Reihen Aufstellung, um vor dem Bischof zu präsentieren. Diesem Fuhrwerk folgten zwei andere, die von Dragonern eskortiert waren. In dem ersten war der Wojewod Pan Korf, im zweiten, das mit dem Wappen des Fürsten Janusz geschmückt war, saßen zwei Herren in fremdländischer Tracht, mit breitkrempigen Hüten und langen Locken, die auf ihre Spitzenkragen herunterfielen. Der eine war sehr stark, er trug einen Spitzbart und einen nach oben gedrehten Schnurrbart: der andere war noch jung und ganz in schwarz gekleidet. Er hatte ein wenig kriegerisches Aussehen, nahm aber allem Anscheine nach eine noch wichtigere Stellung ein als der erste; denn er trug um den Hals eine schwere, goldene Kette mit einem Orden. Beide betrachteten neugierig die im Hofe angesammelte Menschenmenge. »Was sind das für Teufel?« fragte Zagloba. »Keine Ahnung, habe sie noch niemals gesehen,« antwortete Wolodyiowski. Der Wagen fuhr ins Tor hinein und hielt vor dem Hauptportal des Schlosses. Die Dragoner machten am Tor Halt. Wolodyjowski erkannte ihren Offizier. »Tokarzewicz!« rief er, »kommen Sie mal her!« »Ich begrüße Sie, Pan Oberst.« »Was für Schweine haben Sie uns hierher gebracht?« »Schweden sind es.« »Schweden?« »Ja, und recht vornehme dazu. – Der Dicke ist Graf Löwenhaupt, der andere Benedykt Shitte, Baron von Duderhoff.« »Duderhoff?« fragte Zagloba noch einmal. »Was wollen die hier?« »Das mag Gott wissen! – Wahrscheinlich wollen sie Unterhandlungen anknüpfen.« »Ach, die Nichtsnutzigen! Sie haben wohl Angst bekommen!« sagte Zagloba. »Es lebe Radziwill!« »Es lebe Radziwill!« wiederholte die am Tore stehende Menge den Ausruf. Bald drängte sich um Zagloba eine große Unzahl Soldaten. Der alte Schlachtschitz kletterte auf einen Vorsprung des Tores und begann: »Panowie! Hört! Wer mich nicht kennen sollte, dem werde ich sagen, daß ich ein alter Zbarazer bin, der den Burlaj, den zweiten Hetman nach Chmielnicki, mit dieser Hand in Stücke zerhackte. Wer von Zagloba nicht gehört hat, muß während des ersten Krieges Erbsen gedroschen oder Hühner gerupft oder Kälber geweidet haben, was ich von euch, nach eurem ritterlichen Aussehen zu schließen, nicht annehmen kann!« »Das ist ein berühmter Krieger!« vernahm man viele Stimmen. »Es gibt keinen größeren in der Republik! Hört! hört!« »Hört, Panowie! Wohl gelüstet es meinen alten Knochen nach Ruhe. Es wäre für mich angenehmer, jetzt Erbsen mit saurer Sahne zu essen oder mit den Händen auf dem Rücken den Schnitterinnen auf dem Felde zuzusehen. Der Feind würde mich in seinem eigenen Interesse schon in Ruhe lassen; denn die Schweden und auch die Kosaken kennen meine schwere Hand!« »Was ist denn das für ein alter Hahn, der da so laut kräht?« rief plötzlich eine Stimme aus der Menge. »Meine Herren, verzeiht diesem Küken,« schrie der alte Schlachtschitz, »er weiß noch nicht einmal den Kopf vom Schwanz zu unterscheiden!« Die Schlachta brach in ein schallendes Gelächter aus, und der Opponent beeilte sich, vor dem allgemeinen Hohn in der Menge zu verschwinden. »Zur Sache,« fuhr Zagloba fort. »Also, ich wiederhole. Mir täte Ruhe not. Da aber das Vaterland in Not ist, feindliche Armeen unser Land überschwemmen, so bin ich hergekommen, um mit euch, Panowie, gegen den Feind zu ziehen. Wir wollen unsere Mutter Heimat, die uns alle groß gezogen hat, verteidigen. Wer jetzt nicht sein Leben für sie opfert, der ist nicht wert, ihr Sohn zu heißen, der ist ihrer Liebe nicht würdig. Ihr habt die zwei Räuber gesehen, die in einem vergoldeten Wagen hier ankamen. Sie wissen, daß mit dem Fürsten Radziwill nicht zu scherzen ist, sie werden nicht von ihm ablassen, sie werden ihm die Schultern küssen, damit er sie in Frieden läßt. Aber der Fürst, von dem ich soeben herkomme, versicherte mir im Namen ganz Litauens, daß er keine Unterhandlungen, keine Pergamente wolle, sondern nur den Krieg, den Krieg!« »Krieg! Krieg!« echoten die Zuhörer. »Je kühner ein Führer handelt, desto sicherer ist er seiner Soldaten,« fuhr Zagloba fort. »Panowie! Wir wollen hingehen und dem Fürsten unsere Gesinnung zeigen. Wir wollen unter den Fenstern des Hetmans laut rufen: »Krieg den Schweden!« Panowie, folgt mir!« Zagloba sprang von seinem Platze herunter und führte die Schlachta unter die fürstlichen Fenster mit dem Rufe: »Krieg den Schweden! Krieg den Schweden!« Da stürzte aus dem Flur Pan Korf heraus. Er war ungewöhnlich verlegen; hinter ihm kam der Oberst der fürstlichen Reiter, Pan Ganchoff. Beide redeten der Schlachta gut zu, ruhig auseinander zu gehen. »Wie kann man nur den Gesandten mit solcher Mißachtung begegnen,« flehte Pan Korf. »Sie geben ja den Soldaten das schlechte Beispiel der Zügellosigkeit. Wer hat Sie zu alledem angestiftet?« »Ich,« sagte Zagloba. »Sagen Sie dem Fürsten in unserer aller Namen, daß wir ihn bitten, fest zu bleiben, daß wir bis zu unserem letzten Blutstropfen treu zu ihm stehen werden.« »Ich danke Ihnen im Namen des Pan Hetman. Aber nun gehen Sie ruhig auseinander. Mehr Besonnenheit, Panowie, sonst werden Sie das Vaterland ganz ins Verderben stürzen. Einen schlechten Dienst erweist der Republik, wer heute die Gesandten beleidigt.« »Was gehen uns die Gesandten an, wir wollen kämpfen, aber nicht unterhandeln!« »Nun wohl, Ihre Tapferkeit erfreut mich. Aber heute ist noch nicht der rechte Augenblick da; er wird bald kommen. Bevor Sie ins Feld ziehen, ruhen Sie sich aus. Es ist Zeit, einen guten Imbiß und Trunk zu sich zu nehmen.« »Er hat wirklich recht, bei Gott!« gab als erster Zagloba zu. »Es ist wahr! Es ist wahr! Wenn der Fürst unsere Meinung kennt, so haben wir jetzt weiter nichts zu tun.« Man zerstreute sich; die meisten gingen zu den Seitenflügeln, wo zahlreiche Tische mit Speisen standen. Pan Zagloba spazierte sehr zufrieden mit sich selbst an der Spitze der Ritter zu den gedeckten Tischen. »Habt ihr es gesehen,« redete er Skrzetuski und Wolodyjowski an, »kaum hatte ich mich der Menge gezeigt, so weckte ich gleich in allen die Liebe zum Vaterlande. Ganz sicherlich bekomme ich eine Auszeichnung, wenn ich auch der Ehre halber diene. – Was seid Ihr denn stehen geblieben, Pan Michail, und könnt Eure Augen gar nicht von dem einfahrenden Wagen abwenden?« »Sie ist es,« sagte Pan Michail. »Bei Gott, sie selbst ist es!« »Wer ist sie denn?« »Panna Billewicz.« »Jene, die Ihnen den Korb gab?« »Ja, seht sie bloß an, seht! Muß ich ihretwegen nicht vor Kummer dahinwelken?« »Na, Geduld,« sagte Zagloba. »Lassen Sie mal sehen.« In dem Wagen saß ein stattlicher Edelmann mit grauem Schnurrbart, an seiner Seite Panna Alexandra, wie immer ruhig und ernst. Pan Michail sah sie traurig an und verbeugte sich tief, sie aber bemerkte ihn nicht unter all den Menschen. »Sie ist wirklich eine wahre Panna und viel zu fein für einen Soldaten, Pan Michail,« sagte Zagloba. »Ich muß gestehen, sie ist wirklich eine Schönheit; aber ich für mein Teil ziehe solche vor, bei denen man nicht gleich erkennt, ob's eine Kanone oder ein Frauenzimmer ist.« »Wissen Sie nicht, wer dort in dem Wagen angekommen ist?« fragte Pan Michail einen nebenstehenden Edelmann. »Das sollte ich nicht wissen! Pan Tomasz Billewicz ist's, der Miecznik von Rosien. Den kennen alle hier. Er ist ein alter Diener und Freund Radziwills.« 13. Kapitel. An diesem Tage zeigte sich der Fürst den versammelten Edelleuten erst am Abend. Er dinierte mit den Gesandten und einigen hohen Würdenträgern, die an der vorhergegangenen Beratung teilgenommen hatten. Er erließ den Befehl, daß seine Regimenter sich zum Abmarsch bereit halten sollten. Das ganze Schloß war von Truppen umringt, als solle unter seinen Mauern eine Schlacht stattfinden. Es verbreitete sich unter der Schlachta das Gerücht, daß der Fürst Gosiewski hätte festnehmen lassen, weil er sich geweigert hätte, seine Truppen mit denen Radziwills zu vereinigen. Im ganzen aber nahmen die Vorbereitungen zum Feldzuge, die Bewegungen der Regimenter, das Auffahren der Geschütze die Aufmerksamkeit der Edelleute so in Anspruch, daß sie sich weiter keinen Grübeleien hingeben konnten. In den riesigen Eßsälen der Seitenflügel, in denen die Schlachta speiste, sprach man vom Kriege, vom zehntägigen Brande Wilnas und von den Nachrichten, die aus Warschau eingetroffen waren. Man war empört über den Friedensbruch der Schweden und bereit, gegen den Feind zu ziehen. Die Erfolge der Schweden, die Kapitulation von Ujscie, die Gefahr, die Masovien drohte, und der unvermeidliche Fall von Warschau, dies alles beunruhigte die Gemüter keineswegs, sondern stärkte im Gegenteil ihre Energie. Es war ja begreiflich, daß die Schweden bisher siegreich vorgedrungen waren, denn noch hatten sich ihnen keine reguläre, polnische Truppen entgegengestellt. Mit einem Fürsten Radziwill würden sie sich schwerlich messen können, und das Vertrauen zum Fürsten wurde immer größer, als seine Obersten erklärten, daß sie die Schweden im offenen Felde unbedingt besiegen würden. »Anders kann es gar nicht sein!« erläuterte Pan Michail Stankiewicz, ein alter, erfahrener Soldat. »Ich erinnere mich sehr gut der früheren Kriege und weiß, daß die Schweden sich immer in einem befestigten Lager verteidigten. Ins freie Feld herauszukommen hatten sie keinen Mut, und taten sie es einmal, so erlitten sie eine völlige Niederlage. Nicht durch einen Sieg, sondern durch Verrat und die Unfähigkeit der Landwehr haben sie Groß-Polen gewonnen.« »Das ist richtig,« stimmte Zagloba bei. »Das ist man nur ein sehr schwaches Volk, die Schweden; ihr Grund und Boden taugt nichts, die Ernten sind immer schlecht. Da nähren sie sich dann von Fichtenzapfen, die sie mahlen und dann essen. Oder sie suchen die Meeresufer ab und begnügen sich mit dem, was die Wellen ihnen zutragen. Eine fürchterliche Armut herrscht bei ihnen; deshalb ist auch kein Volk der Erde gieriger nach fremdem Eigentum als sie. Die Tataren haben doch wenigstens Roßfleisch genug, sie sehen aber fast das ganze Jahr hindurch kein Fleisch. Und wenn der Fischfang schlecht ausfällt, so krepieren sie vor Hunger. – Aber dafür sind sie vorzügliche Taucher. Wenn das Meer mit Eis bedeckt ist, so springen sie in ein Loch, das sie ins Eis geschlagen haben, und kommen aus einem anderen mit einem lebenden Hering im Munde wieder herausgekrochen.« »Ach, was Sie sagen!« »Auf der Stelle will ich tot hinschlagen, wenn ich das nicht mindestens hundertmal mit eigenen Augen gesehen habe. – Was nun ihr Heer anbetrifft, na, die Infanterie, die ist ja allenfalls passabel; aber die Kavallerie, behüte Gott! Sie haben ja auch keine Pferde in ihrem Land, so daß sie gar nicht in ihrer Jugend reiten lernen.« – – – Nach dem Diner ließ der Fürst die Obersten: Mirski, Stankiewicz, Ganchoff, Charlamp, Wolodyjowski und Sollohub einzeln zu sich berufen. Alle kehrten sie vom Fürsten mit irgend einer Auszeichnung oder einer Belobung zurück; der Fürst forderte von ihnen nur Vertrauen und Treue. Mit Ungeduld erwartete Radziwill die Ankunft Kmicic'. Er befahl, ihn sofort nach seinem Eintreffen zu ihm zu schicken. Kmicic kam erst am Abend an, als die Gäste bereits begannen, sich in den erleuchteten Sälen zu versammeln. Im Zeughause traf er Wolodyjowski an, der ihn mit den anderen Offizieren bekannt machte. »Ich bin hocherfreut, Sie und Ihre berühmten Freunde hier zu treffen,« sagte Kmicic und drückte warm die Hand des kleinen Ritters. »Es ist mir, als ob ich meinen eigenen Bruder wiedersähe. Sie können mir das getrost glauben, denn ich verstehe es nicht, mich zu verstellen. Ich wiederhole hier vor aller Ohren, ohne Sie säße ich längst schon hinter Schloß und Riegel. – Gebe Gott dem Vaterlande mehr solche Männer wie Sie sind!« Die Tür öffnete sich und ins Zimmer trat Harasimowicz. »Erlauchtigster Pan Fahnenträger von Orsza!« »Was gibt's?« fragte Kmicic. »Der Pan Hetman läßt Sie zu sich bitten. Der Pan Hetman!« »Sofort, ich kleide mich nur noch um. – He! die Kleider her! aber schnell, zum Teufel!« In einigen Minuten war Kmicic mit seiner Toilette fertig. Er sah außergewöhnlich schön aus in seinem Brokatkaftan, der mit silbernen Sternen reich bestickt war und auf der Schulter von einem großen Saphir zusammengehalten wurde. An der Seite hing ein mit Saphiren geschmückter Säbel, und im Gürtel trug er als Abzeichen seiner Würde den Rittmeisterstab. Pan Michail sah ihn seufzend an, und als Kmicic hinter der Tür des Zeughauses verschwunden war, sagte er: »Natürlich, jedes Weib muß ihm den Vorrang geben.« »Oho! Wälzen Sie nur von meinen Schultern dreißig Jahre herunter,« meinte Zagloba. Der Fürst war schon in voller Toilette, als Kmicic sein Zimmer betrat. »Ich danke Ihnen, daß Sie sich beeilten, hierher zu kommen,« sagte der Fürst. »Ich bin stets bereit, Eurer Durchlaucht zu dienen.« »Und das Banner?« »Erwartet Ihre Befehle.« »Können Sie sich auf Ihre Leute verlassen?« »Sie gehen ins Feuer für Sie.« »Das ist gut. Solche Leute kann ich gut gebrauchen. Und auch solche wie Sie, die zu allem bereit sind. – Ich wiederhole Ihnen immer wieder, daß ich auf niemanden rechne außer auf Sie.« »Meine Verdienste, Euer Durchlaucht, können sich mit denen erfahrener Krieger nicht messen. Aber, wenn wir gegen die Feinde des Vaterlandes ziehen werden, weiß Gott, so werde ich nicht hinter den anderen zurückbleiben.« »Ich will die Verdienste der alten Soldaten nicht gering schätzen, aber die Verhältnisse können sich so zuspitzen, daß selbst die Treuesten schwanken werden.« »Möge Gott den verderben, der Sie in der Minute der Gefahr verläßt!« Der Fürst sah Kmicic scharf in die Augen. »Und Sie – werden Sie mich nicht verlassen?« Der junge Ritter fuhr empor. »Durchlaucht!« »Was wollen Sie sagen?« »Durchlaucht, ich habe Ihnen alle meine Sünden gebeichtet: es waren ihrer viele, so viele, daß nur Ihr gütiges Vaterherz mir Verzeihung gewähren konnte. Aber unter all diesen Sünden war eine nicht vertreten: die Undankbarkeit.« »Und die Treulosigkeit? – Sie haben mir gebeichtet, wie man einem Vater beichtet, und ich habe Ihnen nicht nur verziehen, wie ein Vater dem Sohne verzeiht, ich habe Sie liebgewonnen wie einen Sohn, den Gott mir versagte. – Seien Sie mir ein Freund!« Der Fürst reichte ihm seine Hand: der junge Ritter ergriff sie, und ohne zu schwanken, drückte er sie an seine Lippen. Danach trat eine lange Pause ein. Plötzlich sagte der Fürst: »Panna Billewicz ist hier!« Kmicic erblaßte und sagte leise einige unverständliche Worte. »Ich habe extra nach ihr geschickt, um diesen Mißverständnissen zwischen euch ein Ende zu machen. Sie werden Sie heute noch sehen; die Trauerzeit um den Großvater ist schon abgelaufen. Und ich habe bereits, obgleich ich nicht weiß, wie mir der Kopf vor lauter Arbeit steht, mit dem Miecznik gesprochen.« Kmicic griff an seinen Kopf. »Wie kann ich das alles Eurer Durchlaucht je vergelten?« »Ich habe dem Pan Miecznik nachdrücklich gesagt, daß es mein Wille ist, daß Ihr Euch trauen laßt, und er wird nichts dagegen einwenden. Das Mädchen wird er allmählich darauf vorbereiten, noch ist die Zeit dazu da. Von Ihnen allein hängt jetzt alles ab, und ich werde glücklich sein, wenn Sie diese Belohnung aus meinen Händen erhalten werden. Und dies wird nicht die letzte sein, denn Sie können es weit bringen. – Nun ja, Sie haben gesündigt, weil Sie jung sind. – Sie haben aber schon Ihren Namen auf dem Schlachtfelde mit Ruhm bedeckt; die ganze Jugend ist bereit, Ihnen zu folgen. Ich schwöre es Ihnen, Sie werden es weit bringen! Ihr Geschlecht ist nicht dazu geschaffen, um geringe Stellungen einzunehmen. Wissen Sie eigentlich, daß Sie mit dem Hause, dem meine Frau entstammt, verwandt sind? – Junger Mann, Sie müssen nur gesetzter werden, und die Heirat ist das beste Mittel dazu. Freien Sie das Mädchen, das Ihnen ans Herz gewachsen; aber vergessen Sie nicht, aus wessen Hand Sie Ihre Frau bekommen haben.« »Euer Durchlaucht, ich bin fast von Sinnen vor Freude. Mein Leben, mein Blut, – alles, alles gehört Ihnen. Was kann ich tun, um Ihnen meinen Dank abzustatten? Sagen Sie! Befehlen Sie!« »Vergelten Sie Gutes mit Gutem. – Vertrauen Sie mir, und seien Sie eingedenk, daß auch das, was ich dem Scheine nach vielleicht nicht tun sollte, stets im Interesse des öffentlichen Wohles geschieht. Verlassen Sie mich nicht, selbst wenn Sie Verrat und Abtrünnigkeit sehen sollten, wenn Bosheit und Niedertracht ihre Köpfe triumphierend erheben sollten und mich selbst –« Der Fürst brach plötzlich ab. »Ich schwöre,« sagte Kmicic begeistert, »ich schwöre bei meiner Ritterehre, daß ich Eurer Durchlaucht bis zum letzten Atemzuge treu bleiben werde.« Kmicic erhob seine leuchtenden Augen, aber erschrak, als er auf die veränderten Züge des Fürsten sah. Sein Gesicht war rot, große Schweißtropfen standen auf seiner Stirn, und in den Augen glühte ein unheimliches Feuer. »Was ist Ihnen?« sagte beunruhigt der Ritter. »Nichts, nichts.« Radziwill erhob sich, schritt schnell zum Betpult, ergriff das darauf stehende Kruzifix und begann mit keuchender Stimme: »Schwören Sie bei diesem Kreuze, daß Sie mich bis zum Tode nicht verlassen wollen!« Trotz all seiner Bereitwilligkeit sah Kmicic ihn doch verständnislos an. »So schwören Sie doch! Bei den Leiden Christi, schwören Sie!« wiederholte der Hetman. »Bei den Leiden Christi – ich schwöre!« sagte Kmicic und legte seine Hand auf das Kreuz. »Amen!« sagte feierlich der Fürst. Die Wände des weiten, hohen Gemaches gaben leise das »Amen!« zurück. Kmicic sah unverwandt und erstaunt dem Hetman ins Gesicht. »Nun sind Sie schon mein!« sagte der Fürst. »Ich habe immer Eurer Durchlaucht angehört,« antwortete eilig Kmicic. »Aber erklären Sie mir, Durchlaucht, um was es sich handelt. Warum zweifeln Sie an mir? Droht Ihnen irgend welche Gefahr?« »Die Stunde der Prüfung naht,« sagte finster der Fürst. »Wissen Sie denn nicht, daß Pan Gosiewski, Pan Judycki und der Witebsker Wojewod mich in den Abgrund stürzen wollen? Die Zahl der Feinde meines Hauses wächst, Verrat geht vor sich, und dem Vaterlande droht das Verhängnis. Daher sage ich, die Stunde der Prüfung naht.« Kmicic schwieg; aber die letzten Worte Radziwills vermochten nicht, die Dunkelheit zu klären, die ihn umgab. Vergeblich bemühte er sich zu erraten, welche Gefahr in diesem Augenblick dem Fürsten drohen konnte. War er denn nicht jetzt mächtiger denn je? Standen ihm nicht übergenug Truppen zur Verfügung? Gosiewski und Judycki hatte er in seiner Gewalt, und der Witebsker Wojewod war zu ehrenhaft und ein zu guter Patriot, als daß er angesichts des Feindes an inneren Zwiespalt und an Feindseligkeiten dachte. »Bei Gott! ich verstehe nichts!« rief Kmicic, der es noch nicht gelernt hatte, sich zu beherrschen. »Heute noch werden Sie alles begreifen,« sagte Radziwill. »Kommen Sie, jetzt wollen wir in den Saal gehen.« Sie durchschritten mehrere Zimmer. Aus der Ferne tönten ihnen die Klänge eines Orchesters entgegen, das ein vom Fürsten Boguslaw hergesandter Franzose dirigierte. Man spielte gerade ein Menuett, das damals am französischen Hofe sehr beliebt war. Die leisen Töne mischten sich mit den Stimmen der zahlreichen Gäste. Radziwill blieb einen Augenblick stehen und lauschte. »Verhüte Gott,« sagte er, »daß nicht alle, die ich jetzt als meine Gäste begrüße, morgen meine Feinde sein mögen.« »Euer Durchlaucht,« erwiderte Kmicic, »ich hoffe, daß unter ihnen keiner ist, der zu den Schweden übergehen wird.« Radziwill fuhr unwillkürlich zusammen und blieb stehen. »Was wollen Sie damit sagen?« »Nichts, Euer Durchlaucht, ich sehe nur ehrenhafte Krieger, die sich hier unterhalten.« »Gehen wir hinein. Die Zeit und Gott wird uns darüber belehren, wer ein ehrenwerter Ritter ist.« Vor der Tür standen zwölf wunderhübsche Pagen, die in Samt und Seide gekleidet waren. Beim Herannahen des Hetmans stellten sie sich in zwei Reihen auf. »Ist Ihre Durchlaucht schon im Saale erschienen?« fragte der Fürst. »Jawohl, Euer Durchlaucht.« »Und die Gesandten?« »Die sind auch schon hier!« »So öffnet!« Beide Flügel öffneten sich, und aus dem Saale ergoß sich ein Lichtstrahl auf die Hünengestalt des Fürsten, der in Begleitung von Kmicic und der Pagen das Podium betrat, wo die Sessel für die auserlesenen Gäste standen. Es ging sofort eine Bewegung durch den Saal, aller Augen wandten sich dem Fürsten zu. Dann erschallte aus Hunderten von Kehlen einmütig der Ruf: »Es lebe Radziwill! Er lebe! Es lebe der Hetman!« Der Fürst verbeugte sich nach allen Seiten und begann, seine Gäste zu begrüßen. Außer der Fürstin saßen noch auf der Estrade: Die zwei schwedischen Gesandten, der moskovitische Gesandte, Pan Korf, Pan Komorowski, der Bischof Parczewski, Pater Bialozor, Pan Hliebowicz, der Wojewod von Smudien und Schwager des Hetmans, der junge Pac, der Oberst Ganchoff, Oberst Mirski, Weißenhof, der Abgesandte des kurländischen Fürsten, und mehrere Damen aus dem Gefolge der Fürstin. Kmicic, der durch den fürstlichen Thron verdeckt war, ließ seine Blicke in der Menge umherschweifen: er suchte diejenige, die in diesem Augenblicke seine ganze Seele und seine ganzen Gedanken erfüllte. »Sie ist hier! Eine Minute – und ich, sehe sie, spreche sie!« wiederholte er, immer mehr seine Augen anstrengend und in größere Aufregung geratend. Sein Blick gleitet unruhig über Federn, Blumen, Atlas und Samtstoffe und blühende Gesichter. – »Nirgend und nirgend sie!« – Endlich, da am Fenster, erblickte er eine weiße Gestalt. Dem Ritter wurde es dunkel vor den Augen. »Das ist Alexandra, die teure, liebe.« Das Orchester spielte wieder, und die Menge zu seinen Füßen bewegte sich; er aber hörte nichts und sah nur sie. Er war völlig geistesabwesend. Das war dieselbe Alexandra, die er in Wodokty gesehen hatte, und doch eine andere. In dem ungeheuer großen Saale, unter den vielen Menschen erschien sie kleiner, zarter und kindlicher. Er hätte sie in seine Arme nehmen und an seine Brust drücken mögen. Und doch war sie dieselbe. Dieselben Gesichtszüge, die Korallenlippen, dieselben Wimpern, die das Gesicht beschatteten, und dieselbe Stirn, klar und ruhig. Als die Musik verstummte, hörte er die Stimme des Hetmans neben sich: »Folgen Sie mir!« Kmicic erwachte und stand auf. Der Fürst stieg von der Estrade herunter und mischte sich unter seine Gäste. Auf seinem Gesichte lag ein freundliches, gutherziges Lächeln. Alle Augenblicke blieb er stehen und unterhielt sich mit den Damen und kleineren Edelleuten, die er mit Liebenswürdigkeiten überschüttete. So gelangte er auch zu dem Miecznik von Rosien, Pan Billewicz. »Ich danke Ihnen, alter Kamerad,« sagte er, »daß Sie hierher gekommen sind, obwohl ich ein gutes Recht hätte, Ihnen zu zürnen. Von Billewicze nach Kiejdane sind es keine hundert Meilen, und Sie sind ein so seltener Gast in meinem Hause.« Der Miecznik verbeugte sich tief. »Derjenige, der Eurer Durchlaucht die Zeit stiehlt, versündigt sich am Vaterlande.« »Fast war ich schon daran, an Ihnen Rache zu nehmen und nach Billewicze zu kommen. Ich darf doch hoffen, Sie würden einen alten Kameraden freundlich aufnehmen?« Der Pan Miecznik wurde vor Freude rot. »Leider aber habe ich so wenig Zeit,« fuhr der Fürst fort. »Aber zur Hochzeit Ihrer Verwandtin, der Enkelin des verstorbenen Pan Heraklus, da werde ich bestimmt kommen.« »So möge ihr Gott möglichst schnell einen Bräutigam schicken!« rief der Miccznik. »Ich stelle Ihnen hier Pan Kmicic, den Bannerträger von Orsza, vor. Er stammt von den Kmicic', die unmittelbar mit den Radziwills verwandt sind. Sie haben gewiß schon seinen Namen von Pan Heraklus gehört. Er liebte ja die Kmicic' wie seine Verwandten.« »Meine Hochachtung,« sprach Pan Billewicz, etwas verlegen wegen der hohen Abstammung des jungen Ritters. »Stets zu Ihren Diensten, Pan Miecznik,« sagte nicht frei von Stolz Pan Andreas. »Pan Oberst Heraklus war mir ein zweiter Vater, und wenn sich auch seine Wünsche nicht verwirklichen, so werde ich nie aufhören, alle Billewicz' so zu lieben, wie meine nächsten Verwandten.« »Besonders,« dabei legte der Fürst familiär seine Hand auf die Schulter des jungen Mannes, »gibt es eine Panna Billewicz, die er nie aufgehört hat zu lieben, und von der er mir schon vieles erzählt hat.« »Und jedem ins Gesicht werde ich ein gleiches von ihr erzählen,« fiel Kmicic erregt ein. »Gemach, gemach!« beruhigte ihn der Fürst. »Sehen Sie, Pan Miecznik, was für ein Hitzkopf er ist. Zwar hat er ja schöne Streiche gemacht, aber da er unter meiner besonderen Protektion steht, und wenn Sie noch ein gutes Wort für ihn einlegen, so wird es uns beiden doch gelingen, für ihn bei dem Richter Gnade zu erwirken.« »Ihre Durchlaucht werden alles erreichen, was Sie wünschen,« antworte Pan Billewicz. »Nun, so führen Sie mich zu Ihrer Verwandtin. Ich werde recht erfreut sein, Panna Billewicz wieder zu sehen. Möge Pan Heraklus' Traum in Erfüllung gehen!« »Mit Freuden werde ich Eurer Durchlaucht dienen! – Das Mädchen sitzt dort mit einer Verwandten von ihr, Pani Wojnillowicz. Ich bitte nur Euer Durchlaucht, sie nicht streng zu richten, wenn sie verlegen wird; ich hatte noch keine Zeit, zu ihr davon zu sprechen.« Zum Glück sah Alexandra Pan Andreas schon von weitem, als er sich ihr mit dem Fürsten näherte. So gewann sie Zeit, sich etwas zu fassen. Sie wurde bleich, und ihre Füße begannen zu zittern. Lange wollte sie ihren Augen nicht trauen und blickte auf den jungen Ritter wie auf einen Geist vom Jenseits. Sie hatte geglaubt, daß dieser Unglückliche irgendwo in den Wäldern umherstreiche, ohne Obdach, verfolgt wie ein wildes Tier, oder daß er im Gefängnisse sehnsüchtigen Auges durch die vergitterten Fenster auf die Gotteswelt blicke. Gott allein kannte den Schmerz, der damals ihr Herz erfüllte, nur Gott allein wußte, wieviele Tränen sie über sein schreckliches, wenngleich nicht unverdientes Geschick vergossen hatte. – Und jetzt sieht sie ihn hier in Kiejdane frei und stolz an der Seite des Hetmans, in Brokat und Samt gekleidet, den Oberstenstab im Gürtel, mit hoch erhobenem Haupte und gebieterischem Lächeln auf dem Gesichte. Und der Hetman selbst stützte sich vertraulich auf seine Schulter. Sich widersprechende Gefühle durchzogen die Seele des jungen Mädchens; eine Erleichterung, als wenn jemand eine große, sie bedrückende Last von ihren Schultern herunternähme; ein unbestimmtes Bedauern über so viele unnütz vergossene Tränen und soviel Kummer; eine Unzufriedenheit, wie sie jeder rechtlich empfindende Mensch fühlt, wenn er schwere Sünden und Vergehen unbestraft sieht, und eine Freude, gemischt mit einer an Furcht grenzenden Bewunderung für diesen Mann, der es vermochte, sich aus einer so verzweifelten Lage herauszufinden. Der Fürst, der Miecznik und Kmicic näherten sich Alexandra. Das Mädchen senkte die Augen, und ohne zu sehen, fühlte sie, daß die Herren näher und näher kamen und dicht vor ihr stehen blieben. Sie erhob sich entschlossen und verbeugte sich tief. Der Fürst stand ihr wirklich gegenüber. »Wahrhaftig, ich schwöre,« sprach er, »jetzt kann ich mich nicht mehr über den jungen Mann wundern. Ich bewillkommne Sie, Enkelin meines geliebten Billewicz! Erkennen Sie mich noch?« »Ich erkenne Euer Durchlaucht!« antwortete das Mädchen. »Aber ich hätte Sie nicht erkannt, weil ich Sie zum letztenmal sah, als Sie noch ein Kind waren. Schlagen Sie nur ruhig Ihre Augen auf! Bei Gott! glücklich ist der Taucher, der solch eine Perle herausholt! Wehe dem Unglücklichen, der sie einmal besaß und dann verlor! – – Solch ein Unglücklicher steht in der Person dieses Ritters jetzt vor Ihnen, – erkennen Sie ihn auch?« »O ja,« flüsterte Alexandra und senkte wieder die Augen. »Er ist ein großer Sünder, ich bringe ihn zu Ihnen zur Beichte. Legen Sie ihm eine Buße auf, die Ihnen beliebt; aber versagen Sie ihm nicht die Absolution, damit die Verzweiflung ihn nicht zu noch größeren Sünden treibe. – Lassen wir die jungen Leute allein,« wandte sich der Fürst an den Miecznik und Pani Wojnillowicz, »es geziemt dem dritten nicht, einer Beichte beizuwohnen.« Pan Andreas und Alexandra blieben allein. Ihr Herz schlug wie das einer Taube, über der der Habicht seine Kreise zieht. Auch er war sehr aufgeregt; seine sonstige Sicherheit im Auftreten verließ ihn vollständig. Lange Zeit standen sie schweigend beieinander, dann begann er mit dumpfer Stimme: »Sie erwarteten nicht, mich hier zu sehen?« »Nein,« antwortete kaum hörbar das Mädchen. »Wahrhaftig, ich glaube, wenn neben Ihnen ein Tatar stände, wären Sie nicht weniger erschrocken. – Fürchten Sie sich nicht! Sehen Sie nur, wieviele Menschen um uns herum sind. Und selbst, wenn wir beide allein wären, brauchten Sie doch nichts zu fürchten. Ich habe mir zugeschworen, Sie stets zu achten. Haben Sie doch Vertrauen zu mir!« Sie hob ihre Augen und sah zu ihm auf. »Wie könnte ich zu Ihnen Vertrauen haben?« »Es ist wahr, ich habe arg gesündigt; aber das ist alles gewesen und wird nie wieder vorkommen. – Als ich nach dem Zweikampf mit Wolodyjowski im Bette lag und dem Tode nahe war, da sagte ich mir: Du wirst sie dir nicht mit dem Säbel, nicht durch Gewalt, sondern durch gute Taten gewinnen. – Auch ihr Herz ist nicht von Stein; ihr Zorn wird verrinnen ... sie wird deine Besserung sehen und dir verzeihen. – Und da habe ich mir zugeschworen, mich zu bessern, und ich werde diesen Schwur halten. Auch Gott hat sich dann meiner erbarmt. Er sandte mir Wolodyjowski, der mir ein Schreiben des Fürsten brachte. Er brauchte mir den Brief nicht auszuhändigen; aber er tat es, – ein guter Mensch! – Da ich mich durch den Brief unter dem Schutze des Fürsten befand, brauchte ich mich den Gerichten nicht zu stellen. Ich habe dem Fürsten gebeichtet wie ein Sohn dem Vater; er hat mir nicht nur alles verziehen, sondern auch versprochen, alles in Ordnung zu bringen und mich vor der Bosheit der Menschen zu schützen. Gott segne ihn für dies alles! Alexandra, ich werde nunmehr kein Verbannter sein; ich werde alle für meine Ungerechtigkeiten entschädigen; ich werde mich mit den Menschen aussöhnen und mir Ruhm erwerben. – Panna Alexandra, was denken Sie darüber? Wollen Sie mir nicht wenigstens ein gutes Wort geben?« Er faltete die Hände, als bete er zu ihr. »Kann ich Ihnen glauben?« antwortete Alexandra. »Sie können es! Ich schwöre bei Gott, Sie müssen es!« sagte Kmicic erregt. »Sehen Sie, der Fürst und Wotodyjowski glauben mir doch. Sie beide kennen alle meine Vergehen und doch glauben sie mir. – Warum sollten allein Sie mir nicht glauben?« »Weil ich die Tränen sah, die durch Ihre Schuld vergossen wurden; – weil ich Gräber sah, die noch nicht mit Gras bewachsen waren.« »Auf den Gräbern wird Gras wachsen, und die Tränen werde ich selbst trocknen.« »Erst müssen Sie das getan haben.« »Geben Sie mir nur die Hoffnung, daß Sie mir gehören werden, wenn ich meine Seele geläutert habe. – Sie haben es leicht zu sprechen: Erst müssen Sie das getan haben. Ich will ja alles tun, was aber, wenn Sie während dessen einen anderen wählen? Wahrhaftig, ich kann den Verstand über diesen Gedanken verlieren. Im Namen Gottes flehe ich zu Ihnen, versprechen Sie mir, daß ich Sie nicht verliere, solange ich mich nicht mit Ihrer Schlachta ausgesöhnt habe. Denken Sie daran, Sie haben mir selbst das geschrieben. – Ich bewahre diesen Brief auf, und jedesmal, wenn mir schwer ums Herz sein wird, werde ich ihn lesen. – Ich begehre nichts weiter: nur wiederholen Sie mir noch einmal, daß Sie warten, daß Sie keinen anderen heiraten werden!« »Sie wissen ja selbst, daß ich das nach dem Testamente meines Großvaters gar nicht darf. Mir bleibt nur das eine, mich in ein Kloster zu vergraben.« »O, das würde mein Tod sein! Bei allen Heiligen bitte ich Sie, denken Sie nicht mehr an das Kloster. Ich möchte Ihnen hier in Gegenwart aller zu Füßen fallen und Sie bitten, das nicht zu tun. Ich will Sie mir durch gute Taten erobern, denn ich liebe Sie wahnsinnig. Als Sie Wodokty verließen, habe ich angefangen, Sie zu suchen, bis ich schließlich hörte, daß Sie in Billewicz bei dem Pan Miecznik seien. Lange kämpfte ich mit mir: soll ich hingehen oder nicht? Aber ich wagte es nicht; denn noch hatte ich nichts getan, um mir Ihr Vertrauen wieder zu gewinnen. Da erbarmte sich der gute Fürst meiner und rief Sie hierher, damit ich Sie vor dem Auszuge ins Feld noch einmal sehen konnte. – Ich bitte Sie nicht, lassen Sie sich morgen mit mir trauen, ich bitte nur um ein gutes Wort, ehe ich in den Krieg ziehe. Ich will nicht umkommen; aber auf dem Schlachtfelde ist alles möglich, ich werde mich doch nicht hinter den anderen verstecken. Alexandra, du mußt mir verzeihen, wie man einem Sterbenden verzeiht!« »Gott schütze Sie,« sagte das Mädchen weich. Pan Andreas begriff gleich, daß seine Worte den gewünschten Eindruck gemacht hatten. »Mein Herz, ich danke dir dafür. Und ans Kloster denkst du nicht mehr?« »Fürs erste nicht.« »Vergelt's dir Gott.« Und wie im Frühling das Eis schmilzt, so begann allmählich zwischen ihnen das Mißtrauen zu schwinden, sie fühlten, daß sie sich einander wieder näherten. Es ward ihnen leichter ums Herz, und ihre Augen leuchteten klar. Und doch hatte sie ihm nichts Bestimmtes versprochen, und er war klug genug, keine großen Versprechungen schon jetzt von ihr zu fordern. Sie begriff, daß sie ihm den Weg zur Besserung nicht verlegen durfte, die er mit seiner ganzen Seele erstrebte. An seiner Aufrichtigkeit zweifelte sie keine Minute; er war nicht der Mann, der es verstand, sich zu verstellen. Aber in ihrer noch nicht erloschenen Liebe, die all die Enttäuschungen, all den Kummer überlebte, lag der Hauptgrund, daß sie ihn nicht zurückwies, daß sie ihm nicht die Hoffnung raubte. Ihre Liebe zu ihm war bereit, immer zu glauben und ins Endlose hinein zu vergeben. Inzwischen hatte der Hofmarschall verkündet, daß das Essen aufgetragen, und es Zeit sei zur Tafel zu gehen. Es entstand eine allgemeine Bewegung im Saal. Man schritt paarweise zum Speisesaal, voran Graf Löwenhaupt, der die Fürstin führte. Ihnen folgte Baron Shitte, dann der Bischof Parczewski mit dem Pater Bialozor; beide sahen finster und niedergeschlagen aus. Fürst Janusz führte Pani Korf, und Kmicic ging mit Alexandra, er fühlte sich als der glücklichste unter all diesen Magnaten, hatte er doch den größten Schatz bei sich am Arme. Der ungeheuer große, hufeisenförmige Tisch bog sich unter der Last des goldenen und silbernen Geschirrs. Fürst Janusz, als naher Verwandter vieler königlicher Häuser, nahm den obersten Platz der Tafel ein; alle, die an ihm vorbeigingen, verbeugten sich tief. Des Hetmans Züge trugen den Stempel der Unruhe, er bemühte sich heiter zu scheinen; aber die neben ihm Sitzenden bemerkten, daß sich seine Stirn oft mit Wolken bedeckte, daß seine Augen unruhig von einem Gesicht zum andern umherirrten und dann auf verschiedenen Obersten haften blieben. Und – eigentümlich! Die hohen Würdenträger neben dem Fürsten, die Abgesandten, der Bischof, Pater Bialozor und andere mehr waren ebenfalls verstimmt und unruhig. Während an den Enden der Tafel schon fröhliche Stimmen und Gelächter erschallten, blieb es in der Mitte ganz ruhig, nur wenige einsilbige Worte fielen, und bedeutungsvolle Blicke wurden gewechselt. »Der Hetman ist immer so vor einem Kriege,« bemerkte der alte Oberst Stankiewicz zu Zagloba. »Aber je finsterer er vorher ist, desto schlimmer steht's für den Feind. Am Tage der Schlacht, da wird er wieder heiter sein.« »Auch der Bär brummt vor dem Kampfe, um seine Wut gegen den Feind anzuspornen,« erwiderte Zagloba. »Aber sehen Sie nur, Panowie, der Bischof Parczewski ist kreidebleich,« sagte Stanislaus Skrzetuski. »Weil er am Tische eines Ketzers sitzt und sich fürchtet, etwas Unreines zu verzehren,« erläuterte leise Zagloba. »Ich rate euch allen, ein Kreuz über das Essen zu schlagen; denn wer sich gut hütet, den hütet auch Gott.« »Was Sie da sagen! – Bei uns in Groß-Polen gibt es viele Lutherische und Calvinisten; aber daß die das Essen verhexen, davon hat man noch nie etwas gehört.« »Eure Lutherischen haben jetzt aber mit den Schweden unterhandelt,« sagte Zagloba. »Ich, an Stelle des Fürsten, würde die Gesandten nicht bewirten, sondern mit Hunden zu Tode hetzen lassen. Sehen Sie nur diesen Löwenhaupt an, wie der stopft! Wie heißt eigentlich der andere?« »Das müssen Sie Pan Michail fragen,« sagte Pan Skrzetuski. Wolodyjowski aber sah und hörte nichts; er war ganz in den Anblick Alexandras versunken. »Wie schön sie ist!« wiederholte er bei sich wohl zum hundertstenmal. »Wie himmlisch schön! Herr Gott, sieh doch auf meinen Kummer nieder und rette mich aus dieser trostlosen Verlassenheit. Wie sehne ich mich nach einer mitfühlenden Seele. So viele hat man mir schon vor der Nase weggeschnappt!« Im Saale wurde es immer lauter und lauter; man sprach eifrig den Getränken zu. Die Obersten diskutierten über den Verlauf des künftigen Krieges, Pan Zagloba erzählte laut von der Belagerung von Zbaraz! Es schien, als wenn der Geist des unsterblichen Jeremias in diesen Räumen weilte und die Brust dieser alten Soldaten mit Mut erfüllte. Die große Uhr, die in der Ecke stand, begann Mitternacht zu schlagen, und im gleichen Augenblick erzitterten die Wände des Schlosses, und die Scheiben klirrten jammernd in den Fensterrahmen. Fürst Janusz ließ zu Ehren der Gäste Kanonen abschießen. Plötzlich rief jemand: »Wasser, gebt Wasser! Der Bischof ist ohnmächtig geworden.« Alle sprangen von ihren Plätzen auf, um besser sehen zu können, und draußen erdröhnte ein zweiter, dritter und vierter Schuß. »Vivat die Republik! Mögen alle ihre Feinde untergehen!« brüllte Zagloba los; aber die folgenden Schüsse übertönten seine Worte. Die Schlachta begann laut zu zählen: »Elf – zwölf – neunzehn – zwanzig!« »Ruhe da, der Fürst will sprechen!« rief man mit einem Male an verschiedenen Stellen der Tafel. »Der Fürst will sprechen!« Im Saale wurde es plötzlich still, und aller Augen wandten sich auf Radziwill, der aufrecht mit dem Becher in der Hand dastand. Doch welch ein Schauspiel bot sich den Augen der Anwesenden. Das Gesicht des Fürsten war einfach erschrecklich anzusehen. Es war dunkelrot, fast blau, und ein krampfhaftes Lächeln verzerrte seine Züge. Sein für gewöhnlich schon kurzer Atem war noch kürzer; die Brust hob sich hoch unter dem Goldbrokat, die Augen waren von den Wimpern fast ganz bedeckt. »Was ist's mit dem Fürsten? Ist er unpäßlich?« verbreitete sich ein erregtes Flüstern im Saal. Eine Unheil verheißende Ahnung durchzog alle Herzen, eine fieberhafte Erwartung lag auf jedem Gesichte. Der Fürst begann in kurzen, abgerissenen Sätzen zu reden: »Panowie! – Viele von euch – werden sich wundern, – vielleicht wird Sie sogar mein Toast erschrecken. – Aber, wer mir vertraut, – wer aufrichtig das Wohl des Vaterlandes wünscht, – wer meinem Hause ergeben ist, – der wird bereitwillig seinen Becher erheben und mit mir rufen: Vivat König Karl-Gustav, – der von heute an uns gnädig regiere!« »Vivat!« wiederholten die Gesandten Löwenhaupt und Shitte und einige ausländische Offiziere. Aber rings im Saale herrschte Stille. Die Obersten und die Edelleute sahen sich mit erschrockenen Augen an, als wenn sie sich fragten, ob der Fürst nicht den Verstand verloren habe. Schließlich erschollen einzelne Rufe: »Haben wir recht gehört? Was bedeutet denn das?« Dann erfüllte ein unheimliches Schweigen wieder den Saal. Radziwill stand noch immer auf seinem Platze; er atmete tief auf, als hätte er eine schwere Last von sich abgewälzt. Sein Gesicht nahm wieder die gewöhnliche Farbe an. Er wandte sich an den Pan Komorowski: »Es ist Zeit, daß Sie den Vertrag verlesen, den wir heute unterzeichnet haben, damit die Schlachta weiß, wie sie sich zu halten habe. Lesen Sie!« Komorowski erhob sich, rollte das vor ihm liegende Pergament auf und begann zu lesen: »Da wir es nicht für möglich halten, unter den jetzigen obwaltenden Umständen weiter zu leben, und nachdem wir jegliche Hoffnung auf die Hilfe Seiner Majestät des Königs verloren haben, sehen wir, Edelleute und die Stände des litauischen Großfürstentums, uns bewogen, der Not zu gehorchen und uns unter das Protektorat des Königs von Schweden zu stellen. Wir stellen dagegen folgende Bedingungen: 1. Wir wollen gemeinsam gegen gemeinsame Feinde kämpfen, ausgenommen gegen den König von Polen. 2. Litauen wird nicht Schweden einverleibt, es tritt mit ihm in eine Union, wie es vorher durch eine Union mit Polen verbunden war. 3. Die Stimmfreiheit im Landtage darf ihm nicht genommen werden. 4. Die Religionsfreiheit darf nicht angetastet werden. Solange Pan Komorowski las, herrschte im Saale tiefes Schweigen. Als er jedoch mit dem Satze schloß: »Diesen Vertrag bekräftigen wir für uns und unsere Nachkommen durch unsere Unterschriften,« da entstand ein Flüstern im Saale, als wenn der erste Windstoß eines nahenden Gewitters durch die Wipfel eines Waldes fährt. Aber noch bevor das Gewitter zum Ausbruch kam, erhob sich der weißhaarige Oberst Stankiewicz und begann zu flehen: »Gnädigster Fürst, wir können unseren Ohren nicht trauen. Um Gottes willen, kann man denn, – darf man denn sich von seinen Brüdern, vom Vaterlande lossagen und mit dem Feinde paktieren? Erlauchtigster Fürst, gedenken Sie des Namens, den Sie tragen, gedenken Sie Ihrer Verdienste, gedenken Sie des bisher unbefleckten Ruhmes Ihres Geschlechtes und zerreißen Sie dieses schändliche Papier! Ich weiß, daß ich Sie nicht allein in meinem Namen darum bitte, sondern im Namen aller hier anwesenden Ritter und der ganzen Schlachta. Fürst, tun Sie das nicht! Jetzt ist es noch Zeit! – Erbarmen Sie sich Ihrer selbst, – erbarmen Sie sich unser, – erbarmen Sie sich der Republik!« »Tun Sie es nicht! – Erbarmen! Erbarmen!« erschollen Hunderte von Stimmen. Alle Obersten sprangen von ihren Plätzen auf und traten zum Fürsten; der alte Stankiewicz warf sich mitten im Saale auf die Kniee und hörte nicht auf zu flehen: »Tun Sie es nicht! Erbarmen Sie sich unser!« Radziwill erhob sein mächtiges Haupt, seine Augen funkelten vor Zorn. »Schickt es sich, daß ihr den anderen das Beispiel des Ungehorsams gebt?« brach er los. »Ziemt es Soldaten, ihren Heerführer zu verlassen und gegen ihn zu revoltieren? Wollt ihr mein Gewissen sein? Wollt ihr mich lehren, was für das Wohl des Vaterlandes gut ist? Hier ist kein Landtag, und man hat euch nicht eures Rates wegen hierher berufen. Die Verantwortung vor Gott, die trage ich allein.« Und er schlug mit der Hand auf seine Brust und sah die Soldaten zornsprühend an. »Wer nicht für mich ist, der ist wider mich!« rief er nach einer Minute aus. »Ich habe euch gekannt, ich wußte, was da kommen würde. – So wisset denn, daß das Schwert über euren Häuptern schwebt.« »Fürst-Hetman!« flehte der alte Stankiewicz, »erbarmen Sie sich Ihrer selbst und unser!« Aber Stanislaus Skrzetuski rief mit lauter Stimme: »Bitten Sie ihn nicht, es ist vergebens. – Schon lange hat er diesen Verrat in seinem Herzen gezüchtet! Wehe der Republik! Wehe uns allen!« »Zwei Großwürdenträger verkaufen das Vaterland!« rief Jan Skrzetuski. Als Zagloba das hörte, kam er von seinem Erstaunen zu sich und brauste auf: »Fragt ihn, wodurch die Schweden ihn bestochen haben! Fragt ihn, wieviel sie ihm ausbezahlt haben! Panowie, seht ihn, Judas Ischariot! Möge er in Verzweiflung enden! Möge sein Geschlecht in Schande zugrunde gehen! und der Teufel seine Seele holen! – Verräter und abermals Verräter!« Von einer grenzenlosen Verzweiflung hingerissen, zog Stankiewicz den Oberstenstab aus dem Gürtel und warf ihn dem Fürsten vor die Füße. Ebenso taten es: Mirski, Jozefowicz, Hoszczyc, Oskierka und Wolodyjowski, der bleich wie der Tod aussah. Die Stäbe rollten über den Fußboden dahin, und der zornige Löwe mußte es mit anhören, wie man ihm in seiner eigenen Höhle immer wieder dasselbe schreckliche Wort entgegenschleuderte: »Verräter! Verräter!« Das ganze Blut strömte dem stolzen Magnaten zu Kopfe; er wurde dunkelblau, und es schien, als könne er jeden Augenblick vom Schlage gerührt zu Boden fallen. »Ganchoff und Kmicic zu mir!« schrie er mit einer fürchterlichen Stimme. In diesem Augenblicke öffneten sich die vier Türen, die in den Saal führten, geräuschvoll, und die schottische Infanterie schritt schweigend und drohend, mit den Musketen in den Händen, herein. An ihrer Spitze stand Pan Ganchoff. »Halt!« rief der Fürst und wandte sich an die Obersten. »Wer mit mir ist, der trete auf die rechte Seite des Saales!« »Ich bin Soldat und diene dem Hetman! Gott soll mich richten!« sagte Charlamp und ging nach rechts. »Ich denke ebenso,« fügte Mieleszko hinzu. »Es ist nicht meine Sünde.« »Als Bürger habe ich protestiert, aber als Soldat muß ich gehorchen,« sagte ein dritter, Niewiarowski, der auch vorher seinen Stab hingeworfen hatte, jetzt aber den Zorn Radziwills fürchtete. Ihnen folgten noch mehrere Ritter und der kleinere Teil der Schlachta; aber Mirski, Stankiewicz, Hoszczyc, Wolodyjowski und Oskierka blieben auf ihren Plätzen und mit ihnen beide Skrzetuskis, Zagloba und die Mehrzahl der Offiziere und der Schlachta. Die schottische Infanterie umzingelte sie wie eine Mauer. Als der Fürst den Toast auf Karl-Gustav ausgebracht hatte, war Kmicic von seinem Platze aufgesprungen. Er stand wie versteinert, und mit bleichen Lippen wiederholte er: »Mein Gott! Mein Gott! Was habe ich getan!« Dann vernahm er leise die seinem Herzen so wohl bekannte Stimme dicht an seinem Ohre: »Pan Andreas!« Er griff verzweifelt an seinen Kopf. »Ich bin für alle Ewigkeit verdammt! Wohl mir, wenn ich jetzt unter der Erde läge!« Panna Billewicz' Antlitz überzog eine leichte Röte, und ihre Augen, klar wie zwei Sterne, hefteten sich unverwandt auf Kmicic. »Schande komme über die, die es mit dem Fürsten halten! – So wählen Sie! – Allmächtiger Gott, was tun Sie? – Wählen Sie!« »Jesus! Jesus!« Der Lärm im Saale wurde größer, immer mehr Offiziere warfen ihre Kommandostäbe dem Fürsten zu Füßen; aber Kmicic rührte sich nicht vom Flecke. Auch dann nicht, als der Fürst zum zweiten Male rief: »Ganchoff, Kmicic, zu mir!« So stand er unbeweglich, von Schmerz und Verzweiflung erfüllt, mit trüben Augen und blauen Lippen. Plötzlich wandte er sich zu Panna Billewicz und streckte ihr die Hände entgegen. »Alexandra! Alexandra!« rief er mit klagender Stimme, wie ein zu Unrecht gekränktes Kind. Sie aber wich voll Zorn und Abscheu von ihm zurück: »Fort! – Verräter!« entgegnete sie festen Tones. In diesem Augenblicke kommandierte Ganchoff: »Vorwärts!« und die Schotten schritten mit den von ihnen eingeschlossenen Gefangenen zu den Türen. Kmicic folgte ihnen langsam; er wußte selbst nicht, wohin und wozu er ging. Das Bankett war zu Ende. 14. Kapitel. In derselben Nacht noch hielt der Fürst lange Rat mit dem Wojewod Pan Korf und den Abgesandten. Als der Fürst allein war, begann er unruhig im Zimmer auf und ab zu gehen. Die Folgen des verlesenen Vertrages hatten seine Erwartungen arg enttäuscht und zeigten ihm die Zukunft in drohendem Lichte. Die energischen Proteste der Obersten überschritten alle Grenzen der von ihm angenommenen Möglichkeit. Außer mehreren Dutzend calvinistischer Schlachtschitzen und einigen ausländischen Offizieren war ihm niemand geblieben. Alle hatten sich gegen den Vertrag erklärt, den er mit Karl-Gustav oder richtiger gesagt mit dessen Schwager, Feldmarschall Paulus de la Gardie, abgeschlossen hatte. Es war wahr, er hatte die ungehorsamen Obersten gefangen nehmen lassen; aber wie werden sich die Truppen dazu verhalten? Werden sie nicht aufrührerisch werden und versuchen, ihre Offiziere mit Gewalt zu befreien? Und was blieb ihm, dem stolzen Fürsten, dann außer mehreren Regimentern Dragoner und der ausländischen Infanterie? Ihm gegenüber aber stand die ganze bewaffnete Schlachta und Sapieha, der Witebsker Wojewod, der schreckliche Gegner des Radziwillschen Hauses, der bereit ist, für die Integrität der Republik gegen die ganze Welt zu ziehen. Und was wird dann werden? Solche Fragen quälten den Fürsten unablässig. Er sah wohl ein, daß in diesem Falle der Vertrag jegliche Bedeutung verlieren mußte, daß die Schweden ihn geringschätzig behandeln werden, wenn sie sich nicht gar für die enttäuschten Erwartungen an ihn rächen würden. Der Fürst preßte seinen brennenden Kopf in die Hände und setzte unermüdlich seine Wanderung im Zimmer fort. Vom Hofe her vernahm er die Rufe der schottischen Posten und das Gerassel der abfahrenden Equipagen. Sie fuhren alle so hastig und schnell davon, als wenn das prächtige Schloß von Kiejdane von einer Seuche heimgesucht worden wäre. Oft schien es dem Fürsten, als sei außer ihm noch jemand im Zimmer, der hinter ihm hergehe und ihm ins Ohr flüstere: »Verlassenheit, Bettelarmut und zu alledem noch die Schmach.« – Ihn, den Wojewod von Wilna, den Großhetman hatte man erniedrigt und in den Staub getreten! Und ein Zorn, ein wahnsinniger, rasender Zorn erfaßte das Herz des mächtigen Magnaten. Seine Nüstern blähten sich auf; seine Augen sprühten Funken, die Adern auf der Stirn drohten von Blut gefüllt zu springen. Wer hatte den Mut, sich seinem Willen zu widersetzen? Seine zügellose Phantasie zeigte ihm eine Reihe von Strafen und Martern für die Rebellen, die sich erdreisteten, seinen Fußspuren nicht zu folgen wie Hunde. Und er sah ihr Blut tropfenweise von den Beilen des Scharfrichters herunterrinnen, er hörte ihre Knochen unter dem Rade brechen und weidete sich an diesem Schauspiel. Aber bald siegte der kühle Verstand wieder über all die phantastischen Träumereien. Er wußte, daß hinter diesen Rebellen ein Heer stand, und daß es unmöglich war, sie straflos hinzurichten. Und eine furchtbare Unruhe erfüllte seine Seele, und wieder begann es in seinem Ohre zu flüstern: »Verlassenheit, Bettelarmut, Gericht und Schande.« »Darf ein Radziwill wirklich nicht mal über das Schicksal Litauens verfügen? Darf er es nicht Karl-Gustav geben oder es für Jan-Kasimir festhalten. Darf er nicht geben, versagen, schenken, wie es ihm beliebt?« Der Magnat sah sich verwundert um. »Sind die Radziwills denn nicht mächtig genug? Steht hinter dem Großhetman nicht Fürst Boguslaw mit seinen Regimentern, hinter ihm nicht sein Onkel, der Kurfürst von Brandenburg? Und hinter allen dreien nicht Karl-Gustav, der schwedische König, mit seiner Macht, vor der noch unlängst ganz Deutschland erzitterte? Und in der Not blieb noch die Hilfe Chmielnickis, des Gospodars der Wallachei, und Racoczys von Siebenbürgen« Was konnten gegen all diese der Witebsker Wojewod, Pan Stankiewicz, Pan Mirski, ein paar Schlachtschitzen und einige aufrührerische Banner ausrichten? War es nicht ein Fastnachtsscherz? Der Fürst lachte laut auf. Bald aber verfinsterte sich wieder sein Gesicht. – Starke nehmen nur Starke in ihre Mitte auf. Radziwill, der um Hilfe gegen Litauen bettelt, wird von niemandem beachtet werden! Vor allem mußte er verhindern, daß die polnischen Banner zum Witebsker Wojewoden übergehen, er mußte sie für sich gewinnen. Dazu konnten ihm die ausländischen Offiziere nicht verhelfen; er brauchte Polen, die durch ihren Namen, ihren Ruhm Und ihr Beispiel die Soldaten anwerben konnten. – »Charlamp ist gut auf dem Schlachtfelde zu gebrauchen, für was anderes taugt er nicht; – Niewiarowski ist unbeliebt im Heere und hat gar keinen Einfluß; bleibt einzig und allein noch Kmicic. – Er ist unternehmungslustig, verwegen und der Träger eines berühmten Namens; er ist ein geborener Anführer der unruhigen Elemente in Litauen, er wird die Herzen der jungen Ritter mit sich reißen und mein Lager mit Leuten überfüllen. – Aber auch er war schwankend geworden. Zwar hat er mir den Stab nicht vor die Füße geworfen, aber meinem Rufe ist er auch nicht gefolgt. Auf niemanden kann man sich verlassen, niemandem trauen!« »Du verfällst der Schande,« flüsterte ihm sein Gewissen zu. »Litauen wird dein,« antwortete darauf sein Stolz. Radziwill versank tief in Gedanken. In den Strahlen des Mondes, die hell in das Zimmer fielen, sieht er sich Gestalten bilden, ihre Zahl wächst mehr und mehr. Auf einer breiten, hellen Straße sieht er Truppen auf sich zukommen. Regimenter marschieren im Panzer, Husaren und leichte Kavallerie kommen angeritten, und über ihnen allen naht ein ganzer Wald von Fahnen. Voran reitet ein Mann, er trägt keinen Helm auf dem Kopfe. Es ist ein Triumphator, der vom siegreichen Kriege heimkehrt. Ringsum herrscht tiefe Stille; doch plötzlich vernimmt er jubelnde Rufe des Volkes und des Heeres. »Es lebe der Retter des Vaterlandes! Es lebe der Retter des Vaterlandes!« Die Truppen kommen immer näher; ihr Führer trägt einen Hetmanstab, und an der Anzahl der Roßschweife, die von der Fahne über seinem Kopfe wehen, sieht man, es ist der Großhetman. Und nun erkennt Radziwill auch die Züge des Feldherrn. »Im Namen des Vaters und des Sohnes!« schrie der Fürst auf, »das ist Sapieha, der Witebsker Wojewod. Und wo bin ich? Was ist mir bestimmt?« Radziwill schlug die Hände zusammen. In der Tür erschien der unermüdliche Harasimowicz und verbeugte sich tief. »Licht her!« rief der Fürst. Harasimowicz ging hinaus und kehrte gleich mit einem Leuchter zurück. »Euer Durchlaucht,« sagte er, »es ist Zeit zu ruhen; die Hähne haben schon zum zweiten Male gekräht.« »Ich will nicht ruhen,« antwortete der Fürst. »Ich war ein wenig eingeschlafen, ein Alp bedrückte mich. – Was gibt es Neues?« »Ein Schlachtschitz brachte einen Brief aus Nieswiez vom Fürsten-Obermundschenk.« »Gib schnell den Brief her!« Harasimowicz überreichte den Brief. Der Fürst brach das Siegel auf und las folgendes: »Möge Gott, der Allmächtige, Ihre Durchlaucht vor Plänen behüten, die unserem Hause zu Schmach und Schande gereichen könnten! Als Lohn einer solchen Tat winkt keine Krone, sondern ein Büßerhemde. – Die Macht unseres Hauses liegt auch mir am Herzen. Wie Sie wissen, bewarb ich mich deshalb um eine Stimme im Reichstage. Aber für keine Belohnung und für keine Auszeichnung wird mir das Vaterland und der König feil sein. – Gedenken Ihre Durchlaucht an die Verdienste Ihrer Ahnen, an ihren unbefleckten Ruhm, und besinnen Sie sich, solange es noch Zeit ist. Selbst wenn schon etwas geschehen ist, so kehren Sie dennoch um; denn Reue kann jede Sünde gut machen. Jedenfalls erwarten Sie von mir keine Unterstützung. Ich sage Ihnen schon heute, daß ich meine Kräfte mit denen des Pan Unterschatzmeisters und des Witebsker Wojewoden vereinigen werde. – Ich ziehe es hundertmal vor, die Waffen gegen Ihre Durchlaucht zu erheben, als meine Hand zu dem schimpflichen Verrat zu reichen. – Des weiteren vertraue ich Sie Gottes Führung an. Michail-Kasimir Radziwill, Fürst zu Nieswiez und Olic, Obermundschenk des Großfürstentums Litauen.« Der Hetman ließ den Brief auf seine Kniee fallen; ein krampfhaftes Lachen verzerrte sein Gesicht. »Auch der verläßt mich. Das eigene Blut sagt sich von mir los, nur weil ich unserem Hause zu unerhörtem Glanze verhelfen möchte. – Cha! Es ist keine leichte Sache! Boguslaw, der aber bleibt mir, der verläßt mich nicht. Boguslaw, der Kurfürst und Karl-Gustav. – Nun, wer nicht säen will, wird auch nicht ernten.« »Beliebt es Eurer Durchlaucht eine Antwort zu geben?« fragte Harasimowicz. »Nein.« »Darf ich Ihnen den Kammerdiener schicken?« »Warte. – Sind die Wachen auf ihren Plätzen?« »Jawohl, Durchlaucht.« »Sind die Befehle an die Banner abgegangen?« »Jawohl, Durchlaucht.« »Was macht Kmicic?« »Er schlug mit dem Kopf an die Wand und rief, daß er verflucht sei. – Er wollte den Billewicz' nachlaufen, aber die Wache hat ihn daran verhindert. Da griff er zum Säbel und setzte sich zur Wehr, bis man ihn binden mußte. Jetzt ist er ruhig geworden.« »Sage Charlamp, daß er nach Upita reiten soll, um das Banner hierher zu holen. Er soll den Leuten den Sold für ein Vierteljahr vorausbezahlen und ihnen erlauben, sich zu betrinken. Sage ihm, daß er an Stelle Wolodyjowskis lebenslänglich Dydkiemie zum Eigentum erhält. – Warte, noch eins – laß Kmicic herkommen. Ich will ihn sprechen. – Aber laßt ihm die Fesseln abnehmen.« »Euer Durchlaucht, er ist ein rasender Mensch.« »Fürchte nichts, – geh!« Harasimowicz entfernte sich; der Fürst nahm aus einem venezianischen Schränkchen ein Etui mit Pistolen heraus und legte es neben sich auf den Tisch. Nach einer Viertelstunde erschien Kmicic von vier Schotten begleitet im Zimmer des Fürsten. Radziwill befahl den Soldaten, sich zu entfernen. In dem Gesichte des jungen Ritters schien kein Tropfen Blut zu sein: so blaß war er. Er war unheimlich ruhig, nur in seinen Augen brannte es wie von Fiebergluten. Einen Augenblick schwiegen beide. Dann begann der Fürst: »Sie haben es auf das Kruzifix geschworen, daß Sie mich nicht verlassen werden.« »Ich werde verdammt, wenn ich es nicht halte; ich werde verdammt, wenn ich es halte! Mir ist alles gleich!« entgegnete Kmicic. »Selbst wenn ich Sie zu einer schlechten Sache gebrauche, so werden Sie nicht die Verantwortung tragen.« »Vor einem Monate drohte man, mich für einen Mord zu bestrafen, jetzt denke ich, daß ich damals unschuldig war wie ein Kind.« »Ehe Sie dieses Zimmer verlassen, werden Sie sich frei von allen Ihren Sünden fühlen,« sagte der Fürst. Plötzlich änderte er seinen Ton und fuhr gutmütig fort: »Was, meinen Sie, hätte ich tun sollen angesichts zweier Feinde, die hundertmal stärker sind als ich, und von denen ich das Land nicht befreien konnte?« »Sterben!« sagte Kmicic schroff. »O, wie ich euch beneide, euch Soldaten, denen es leicht ist, die euch bedrückende Last auf diese Weise abzuwerfen! – Wer dem Tod ins Auge gesehen hat und ihn nicht fürchtet, für den gibt es nichts Leichteres auf der Welt als zu sterben. Ihr macht euch nicht viel Gedanken, und keiner von euch bedenkt, daß, wenn ich jetzt Krieg angefangen und ihn verloren hätte, und wenn ich umgekommen, in dieser Gegend kein Stein auf dem anderen geblieben wäre. Dreimal glücklich preise ich euch, die ihr sterben könnt! – Glaubst du, mich bedrückt dieses Leben nicht? Meinst du, mich verlangt nicht nach Ruhe und ewigen Schlaf? Aber ich muß den bitteren Kelch bis zur Neige leeren. Das Vaterland muß gerettet werden, und ich muß mich seinetwegen noch weiter unter das Joch stellen. Mögen meine Neider mich des Stolzes zeihen; mögen Sie sagen, ich hätte das Vaterland verraten, um mich selbst zu erhöhen, Gott allein, der alles sieht, kann über mich urteilen. – Findet doch ihr, die ihr mich verlassen habt, einen Ausweg; zeigt ihr, die ihr mich Verräter genannt habt, ein Rettungsmittel, und sofort werde ich diesen Vertrag zerreißen und alle Banner zusammenrufen, um sie gegen den Feind zu führen!« Kmicic schwieg. »Nun, warum schweigst du jetzt?« fragte Radziwill in erhöhtem Tone. »Setze dich an die Stelle des Großhetmans und Wilnaer Wojewoden und rette das Vaterland; aber lasse nicht dein Leben, denn das ist keine Kunst. – Schütze Smudien vor feindlichen Überfällen, nein, noch mehr, befreie das Vaterland, vertreibe alle seine Feinde aus seinem Gebiete, zerreiße dich in tausend Stücke, aber lasse nicht dein Leben, das ist dir nicht erlaubt. – Und nun rette die Republik!« »Ich bin nicht der Hetman und Wojewod von Wilna,« erwiderte Kmicic, »es geziemt mir nicht, über Sachen zu denken, die mich nichts angehen. – Aber wenn es nötig ist, daß ich mich in tausend Stücke zerreiße, – ich bin bereit dazu.« »So höre, Soldat: wenn es nicht deine Sache ist, das Vaterland zu retten, so überlaß das mir und vertraue mir!« »Ich kann nicht!« stöhnte Kmicic auf. Radziwill schüttelte unwillig den Kopf. »Auf jene habe ich nicht gerechnet; ich habe vorausgesehen, wie es mit ihnen enden wird. Aber in dir habe ich mich geirrt. Ich glaubte, daß in dir eine kühne Seele lebe, die zu großen Taten fähig ist. – Solche Leute kann ich gut gebrauchen. Um mich war keiner, der sich erdreistet hätte, der Sonne kühn ins Antlitz zu sehen. Lauter Dutzendmenschen, denen man es nicht zumuten darf, einen anderen Weg zu gehen als den ihrer Väter und Großväter. Und wohin hat uns dieser alte Weg geführt? Wohin, wenn nicht zum Abgrund? Wie steht es jetzt mit der Republik, die einst der ganzen Welt Furcht einflößte?« Der Fürst preßte seine Hände gegen die Stirn und wiederholte: »Gott! Gott! Gott!« »Die Stunde des göttlichen Zornes ist angebrochen.« fuhr er nach einer langen Pause fort. »Eine Zeit des Unheils ist gekommen, des Verderbens, und gewöhnliche Hilfsmittel reichen jetzt nicht aus. Und da verlaßt ihr mich alle, auf die ich gerechnet habe. Du, der du mir beim Kruzifixe, bei den Leiden Christi Treue geschworen. – Glaubst du wirklich, daß ich mich für alle Ewigkeit unter den Schutz Karl-Gustavs begeben habe? Daß ich im Ernste denke, dieses Land Schweden anzugliedern? Daß dieser Vertrag, für den man mich Verräter nannte, länger als ein Jahr existieren wird? Warum siehst du mich so verwundert an? Du wirst noch mehr staunen, wenn du alles erfährst. – Erschrick nicht, denn es wird geschehen, was niemand erwartet, was ein gewöhnlicher Geist nicht ausdenken kann. Aber ich sage dir, zittere nicht; denn das bedeutet die Rettung des Landes. Verlasse mich nicht, denn wenn mir niemand hilft, werde ich untergehen und mit mir zugleich die ganze Republik, und ihr alle – für alle Ewigkeit. – Ich allein kann sie retten, deshalb aber muß ich alle Hindernisse zertreten und vernichten. Wehe dem, der sich mir in den Weg stellt, Gott selbst wird ihn mit seiner Strafe treffen, sei es der Wojewod von Witebsk, sei es Pan Gosiewski, das Heer oder die rebellische Schlachta. – Ich will das Vaterland erretten, und alle Wege, alle Mittel dazu sind mir recht! Rom berief in dem Augenblicke der höchsten Gefahr Diktatoren, – auch ich brauche jetzt unumschränkte Gewalt! Nicht Ehrgeiz treibt mich auf diesen Weg! – Wer sich stärker fühlt, der soll ihn für mich gehen. – Da aber niemand kommt, so reiße ich diese Gewalt an mich, selbst wenn diese Wände über meinem Kopfe zusammenstürzen sollten.« Radziwill erhob beide Hände, als wolle er in der Tat die stürzenden Mauern von seinem Haupte abwehren. Er erschien in diesem Augenblicke von einer solchen Majestät, daß Kmicic ihn mit weitgeöffneten Augen ansah, als wenn er ihn zum erstenmal im Leben sähe. »Und was erstreben Sie? – Was wollen Euer fürstliche Durchlaucht?« fragte er mit veränderter Stimme. »Ich will – eine Krone!« rief Radziwill laut. »Jesus Maria!« Einen Augenblick trat tiefe Stille ein. »Höre!« sagte der Fürst, – »die Zeit ist da, dir alles zu eröffnen. – Die Republik geht zugrunde, sie muß untergehen, es gibt keine Rettung für sie. Es handelt sich jetzt lediglich darum, Litauen vor dem Verderben zu retten. – Und dann, dann soll die ganze Republik wieder aus der Asche auferstehen – wie ein Phönix. – Und ich werde das alles vollbringen. Und die Krone, nach der ich strebe, wird sein wie eine Dornenkrone, die ich mir aufs Haupt setze, um neues Leben aus dem großen Grabe hervorzurufen. – Erzittere nicht; – die Erde öffnet sich nicht; alles steht auf seinem rechten Platze. Große Taten künden den Aufgang einer neuen Zeit an. – Ich habe dieses Land den Schweden ausgeliefert, um mit ihrer Hilfe einen anderen Feind zu vertreiben und das Verlorene wieder zu erobern. Verstehst du mich? In dem steinigen, öden Schweden aber werden sich nicht genug Kräfte, genug Soldaten, genug Säbel finden, um die ganze, ungeheure Republik zu erobern. Sie können wohl unser Heer ein-, zweimal besiegen, aber uns zu beherrschen, uns in Zaum zu halten, dessen sind sie nicht fähig. – Das weiß auch Karl-Gustav, er will deshalb auch nicht die ganze Republik erobern. Er wird sich mit Preußen und einem Teil Groß-Polens zufrieden geben. Er wird Litauen, wenn ich es nicht aus seinen Händen annehme, irgend jemandem geben. – Habe ich da ein Recht auf die Krone, die Gott und das Schicksal auf mein Haupt setzen, zu verzichten? Soll ich ruhig mit ansehen, wie unser Vaterland dem endgültigen Verderben geweiht wird? Zum hundertsten Male frage ich dich: Wo ist ein anderes Mittel, zeige mir eine andere Rettung? – So geschehe also der Wille Gottes. Ich fühle die Kraft in mir, diese Bürde auf meine Schultern zu nehmen. Ich werde das Land von Feinden säubern; die Regierung meines Hauses wird mit einem Siege und der Erweiterung der Landesgrenzen beginnen. Überall werden Friede und Ruhe einkehren. Aber bei alledem habe ich noch nicht das Ziel meiner Pläne erreicht. – Ich schwöre bei Gott im Himmel, bei diesen verlöschenden Sternen, daß ich das zerfallene Reich wieder aufrichten und fester begründen werde, als es je gewesen.« Die Augen des Fürsten leuchteten; sein Gesicht erstrahlte im Glanze einer höheren Macht. »Durchlaucht,« sagte Kmicic, indem er schwer nach Luft rang, »mein Geist ist nicht imstande, all das, was Sie mir auseinandersetzen, zu fassen. Mein Kopf glüht, und meine Augen wagen es nicht, in die Zukunft zu schauen.« »Und dann – – –,« fuhr der Fürst, seinen Gedanken weiterfolgend, fort, »dann – – – Die Schweden werden Jan-Kasimir weder seiner Würde noch des ganzen Reiches berauben; Masovien und Klein-Polen werden sie ihm lassen. Jan-Kasimir hinterläßt keine Nachkommen. Nach seinem Tode werden die Polen einen anderen König wählen. – Und sie können keinen anderen wählen, als den Beherrscher von Litauen. Sie können nicht, sage ich, denn sie müssen sonst zugrunde gehen. Ein Blinder ist es, der das nicht sieht; ein Dummer, der das nicht begreift! Und dann werden wir sehen, wie die skandinavischen Herrscher sich in ihren preußischen und großpolnischen Besitzungen halten werden. – Dann werde ich sie mit meinen Füßen zerstampfen und beide Länder wieder zu einem Reiche vereinigen. Ich werde eine Macht gründen, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat! – Großer Gott, der du die Bewegungen der Himmelslichter leitest, gib mir die Kraft, dir und deinem Christentume zum Ruhme dieses unglückliche Land zu retten! Schicke mir Menschen, die mich verstehen und mir helfen bei diesem Werke! – Herr Gott! Du siehst mich! Du richtest mich!« Der Fürst erhob flehend seine Arme gen Himmel. »Durchlaucht! Durchlaucht!« rief Kmicic aus. »Geh, verlaß mich! Wirf mir gleich jenen deinen Stab vor die Füße! Brich deinen Schwur! Nenne mich einen Verräter, daß in meiner Dornenkrone nicht ein einziger Dorn fehle! – Geht alle, stürzt das Land ins Unglück, gebt es dem Verderben preis, stoßt den Arm fort, der es retten kann! Und dann geht vor Gottes Richterstuhl; er wird euch richten!« Kmicic sank vor Radziwill in die Knie. »O, Fürst, ich bleibe bei euch bis zum Tode! – Vater des Vaterlandes! Erlöser!« Radziwill legte beide Hände auf Kmicic' Kopf; tiefe Stille trat ein. »Du wirst alles erhalten, was du gewünscht und erstrebt hast,« sagte feierlich der Fürst. »Du wirst mehr erreichen, als dein Vater und deine Mutter sich je haben träumen lassen. – Steh auf! Du zukünftiger Großhetman und Wojewod von Wilna!« – – – Die Morgenröte am Himmel verkündete den Anbruch des neuen Tages. Ende des ersten Buches. Zweites Buch. 1. Kapitel. Pan Zagloba hatte schon einen tüchtigen Rausch, als er dem schrecklichen Hetman dreimal das Wort »Verräter!« ins Gesicht schleuderte. Nach einer Stunde, als er etwas zu sich gekommen war, und er sich mit den beiden Skrzetuskis und Pan Michail im unterirdischen Gefängnis von Kiejdane befand, begriff er, welcher Gefahr er sein Leben ausgesetzt hatte. Und er begann sich stark zu beunruhigen. »Und was wird jetzt?« fragte er den kleinen Ritter, auf den er im Augenblicke der Not große Hoffnungen setzte. »Hol mich der Teufel! Mir ist alles gleich!« entgegnete Wolodyjowski. »Wir werden solche Zeiten und solche Schmach erleben, wie sie die Welt bisher noch nicht gesehen hat!« sagte Jan Skrzetuski. »Schön, wenn wir es nur erleben! – So könnten wir als Beispiele der Tugend für viele andere gelten,« meinte Zagloba. »Ob wir es aber erleben, das ist noch die Frage.« »Es ist schrecklich, kaum glaublich!« rief Stanislaus Skrzetuski aus. »Ist je so etwas mal vorgekommen? Alles fängt an, sich bei mir im Kopfe zu drehen. Rettet mich aus diesem Wirrsal. Zwei Kriege im Lande; der dritte gegen die Kosaken, und zu alledem wütet der Verrat im Lande wie eine Seuche. Das Ende der Welt bricht an; der jüngste Tag naht. Bei Gott, es ist, um den Verstand zu verlieren.« Und seine Hände an den Kopf pressend, begann er auf und ab zu gehen, wie ein wildes Tier im Käfig. »Sollten wir nicht lieber beten: Barmherziger Gott, rette uns!« »Beruhigen Sie sich,« sagte Zagloba, »jetzt ist nicht der rechte Augenblick, um zu verzweifeln.« Plötzlich knirschte Stanislaus Skrzetuski mit den Zähnen; ein Wutanfall packte ihn. »Daß dich der Erdboden verschlucke,« schrie er, auf Zagloba losstürzend. »Das war dein Gedanke, zu dem Verräter zu gehen. Daß euch beide der Erdboden verschlucke!« »Besinne dich,« Stanislaus,« sagte Jan kurz. »Was sich hier ereignete, konnte niemand voraussehen. Dulde still, – du leidest ja nicht allein. – Wisse, daß unser Platz hier ist, gerade hier. – Barmherziger Gott, erbarme dich nicht unser, sondern des unglücklichen Landes!« Alle schwiegen. Nur Pan Michail pfiff ruhig, als ob ihm alles gleichgültig wäre. »Pfeifen Sie nicht, Pan Michail,« sagte Zagloba. »Mir ist alles gleich.« »Wieso denn? Will denn keiner von euch überlegen, ob es keinen Weg zur Rettung gibt? Ich dächte, der Mühe wäre es schon wert, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Sollen wir denn in diesem Keller vermodern, während das Vaterland jeden tapferen Arm nötig hat, wo ein ehrlicher Mann auf zehn Verräter kommt?« »Sie haben recht!« stimmte Jan Skrzetuski bei. »Du allein bist vor Gram nicht dumm geworden. Was, meinst du, wird der Nichtsnutzige mit uns tun? Er wird uns doch nicht hinrichten?« Wolodyjowski lachte höhnisch auf. »Und warum denn nicht? Das wäre mir wirklich interessant zu erfahren. Ist denn nicht das Recht auf seiner Seite? Ihr scheint Radziwill nicht zu kennen!« »Was sagen Sie da? Welches Recht ist auf seiner Seite?« »Über mich – das des Hetmans, – über Sie – das der Macht.« »Für die er die Verantwortung zu tragen hätte.« »Vor wem? Vor dem schwedischen Könige? »Sie verstehen es wirklich gut, mich zu trösten; das muß man sagen.« »Ich denke auch gar nicht daran, Sie zu trösten.« Wieder schwiegen alle. Von draußen vernahmen sie die regelmäßigen Schritte der schottischen Infanteristen, die vor das Gefängnis postiert waren. »So bleibt nichts anderes, als eine List anzuwenden,« sagte nach einiger Zeit Zagloba Niemand antwortete ihm. »Ich glaube nicht, daß er uns zum Tode verurteilen wird. Er muß die öffentliche Meinung wohl beachten und würde der ganzen Schlachta dadurch vor den Kopf stoßen. Wo steht eigentlich Ihr Banner, Pan Michail?« »In Upita.« »Sagen Sie mir nur eins. Sind Sie davon überzeugt, daß Ihre Leute für Sie eintreten werden?« »Wie kann ich das wissen? Sie hängen wohl alle an mir; aber sie wissen auch, daß über mir der Hetman steht.« Zagloba sann einen Augenblick nach. »Befehlen Sie Ihrem Banner, daß es mir in allem gehorcht, wenn ich zu ihm komme.« »Sie tun so, als wenn Sie schon frei wären!« »Es ist für alle Fälle gut. – Ich war schon in schlimmerer Lage und Gott hat mir bisher immer herausgeholfen. Geben Sie jedenfalls mir und den beiden Skrzetuskis den Befehl an Ihr Banner. Und wer von uns zuerst befreit, der macht sich nach Upita auf und holt für die anderen Hilfe.« »Was schwatzen Sie da? Jetzt ist doch wirklich keine Zeit zu solchem Unsinn! Wie sollte jemand sich von hier wegschleichen? Und womit übrigens soll ich Ihnen den Befehl ausstellen ohne Feder und Tinte!« »Wahrhaftig, es ist zum Verzweifeln!« sagte Zagloba. »So geben Sie mir wenigstens Ihren Ring.« »Hier nehmen sie ihn und lassen Sie mich in Ruhe.« Zagloba steckte den Ring an seinen kleinen Finger und begann schweigend auf und ab zu gehen. Das Nachtlicht erlosch, und im Verließ wurde es ganz dunkel; nur durch das Gitter des hoch gelegenen Fensters sah man einige klare Sterne am Himmel erglänzen. Die beiden Skrzetuski und Wolodyjowski legten sich schweigend und tief bedrückt zum Schlafe nieder; nur Zagloba redete noch eine ganze Zeit mit sich selbst. – Es verging eine Stunde, eine andere, endlich begann es zu tagen. Als es ganz hell wurde, vernahmen die Gefangenen vom Schlosse her Schritte von Soldaten, Waffengerassel und Hufschläge. Die Ritter sprangen von ihren Plätzen auf. Auf dem Hofe wurde es immer lauter. Man hörte zornige und entrüstete Stimmen. Kommandorufe erschollen, dann gleichmäßige Schritte von Truppen und das schwere Dröhnen von Kanonenrädern. »Was geht hier vor?« fragte Zagloba. »Vielleicht bringt man uns Hilfe.« »Ich weiß nur eins, daß da etwas Ungewöhnliches vorgeht,« antwortete Wolodyjowski. »Helft mir, ich werde zum Fenster hoch klettern und bald erfahren, was sich dort ereignet.« Pan Skrzetuski nahm Wolodyjowski unter die Arme und hob ihn wie eine Feder hoch. Pan Michail erfaßte das Gitter und sah zum Hofe hinaus. »Ja, ja!« rief er plötzlich. »Ich sehe das ungarische Banner, das Oskierka befehligte. – Er war sehr beliebt bei seinen Soldaten, und ihn hat man auch verhaftet. – Sie sind wohl gekommen, um nach ihm zu fragen. Mein Gott, sie machen sich kampfbereit, Leutnant Stachowicz, Oskierkas Freund, ist mit ihnen.« Der wüste Lärm dort unten verstärkte sich mehr und mehr. »Ganchoff reitet zu ihnen – er spricht mit Stachowicz. – Stachowicz und zwei andere Offiziere treten aus den Reihen heraus, sie scheinen als Delegierte zum Hetman zu wollen. Bei Gott, der Aufstand vergrößert sich. Man hat den Ungarn Kanonen entgegengestellt, und das schlesische Regiment steht in Schlachtordnung.« »Pan Michail,« fragte Zagloba, »hat der Fürst viele polnische Banner zur Verfügung?« »Vier Regimenter sind hier in Kiejdane, dazu kommen noch die Artillerie-Regimenter von Pan Korf. Zwei andere Banner stehen zwei Marschtage von hier entfernt.« »O weh! Das ist ziemlich viel.« »Dann hat er noch das großartig ausgerüstete Banner Kmicic'! – Sechshundert Mann.« »Und mit wem hält es Kmicic?« »Ich weiß es nicht.« »Ach, Kmicic, Kmicic, alles hängt von dir ab! Ist er denn ein kühner Soldat?« »Wie der Teufel ist er, zu allem bereit.« »Dann gibt's doch nicht viel zu überlegen; natürlich steht er zu uns.« »Wartet mal, da geht was Neues vor sich; ein Teil von Charlamps Dragonern ist zu den Ungarn übergegangen.« »Gebt die Obersten heraus! Die Obersten!« lärmten auf dem Hofe drohende Stimmen. Plötzlich hörte man von hinter dem Schlosse her eine kurze Salve. »Jesus Maria!« schrie Wolodyjowski. »Was ist das?« »Wahrscheinlich erschoß man soeben Stachowicz und die beiden Offiziere,« sagte Wolodyjowski schwer atmend. »Beim Heiland! Dann brauchen wir nicht auf Barmherzigkeit zu rechnen.« Eine neue Salve übertönte Zaglobas Worte. Pan Michail hielt sich krampfhaft am Gitter fest und preßte das Gesicht gegen die Scheibe. »Die Ungarn verbergen sich hinter der Mauer und schießen von dort aus. Es sind großartige Soldaten, bei Gott! Auch ohne ihre Offiziere wissen sie, wie sie handeln müssen. – Alles ist in Pulverdampf gehüllt, nichts zu sehen.« Die Schüsse wurden allmählich schwächer. »Nun, was ist jetzt?« fragte Skrzetuski. »Die Schotten attackieren!« »Donner und Blitz! Und wir müssen hier sitzen!« schrie Zagloba. »Da, die Ungarn empfangen sie mit blanken Säbeln.« »Anstatt gegen den Feind zu ziehen, kämpfen sie miteinander.« »Die Ungarn gewinnen die Oberhand! Die Schotten ziehen sich zurück. – Mieleszkas Dragoner gehen zu den Ungarn über! – Die Schotten stehen zwischen zwei Feuern. – Charlamp fällt, jedoch ist er nur verwundet. – Die Tore zum Schloßhof werden geöffnet. – Dichte Staubwolken ergießen sich in den Hof. – Kmicic! Kmicic mit seiner Reiterei sprengt durch das Tor!« »Verloren!« schrie plötzlich durchdringend Wolodyjowski auf. »Wer hat verloren? Wer?« »Die Ungarn. – Kmicic' Reiterei hat sie geschlagen, Kmicic hat die ungarische Fahne in seinen Händen. Nun ist alles verloren, alles!« Pan Michail glitt vom Fenster herunter. »Schlagt mich!« rief er, »schlagt zu! Diesen Menschen hatte ich in meinen Händen, und ich schenkte ihm das Leben. Ich selbst habe ihm den Befehl des Fürsten ausgehändigt. Mir verdankt er es, daß er das Banner zusammenrufen konnte, mit dem er jetzt gegen das Vaterland kämpfen wird. Zu dir, Gott, rufe ich, dieses Verräters wegen laß mich leben; er soll mir ein zweites Mal nicht lebend aus meinen Händen kommen.« – – 2. Kapitel. Pan Michail hatte recht gesehen: Kmicic triumphierte, und die Ungarn und die Dragoner bedeckten mit ihren Leichnamen dicht den Schloßhof von Kiejdane. Nur wenigen war es möglich gewesen zu entkommen. Den größeren Teil der Flüchtlinge holte die Reiterei ein; der Rest kam erst wieder zu sich, als er im Lager Sapiehas, des Witebsker Wojewoden, anlangte und nach dort die Nachricht von Radziwills schrecklichem Verrat und dem Widerstand der Obersten brachte. Mit Staub und Mut bedeckt und der ungarischen Fahne in der Hand erschien Kmicic vor Radziwill, der ihn mit offenen, Armen empfing. Doch Kmicic war nicht siegesfroh; finster und zornig, als wenn er Gewissensbisse empfände, so trat er herein. »Euer Durchlaucht,« sagte er, »mich gelüstet es keineswegs gelobt zu werden. Ich zöge es hundertmal vor, gegen den Feind zu kämpfen, als gegen Soldaten, die dereinst dem Vaterlande von Nutzen sein können. Ich habe das Gefühl, gegen mich selbst ins Feld gezogen zu sein.« »Und ist dies nicht allein die Schuld der Rebellen?« entgegnete der Fürst. »Durchlaucht, was gedenken Sie mit den Gefangenen zu tun?« »Jeden zehnten der Soldaten werde ich erschießen lassen; den Rest werde ich in verschiedenen Regimentern unterbringen. Du wirst heute mit meinem Befehle zu den Bannern von Mirski und Stankiewicz reiten. Ich ernenne dich zum Befehlshaber dieser beiden Banner und des dritten von Wolodyjowski.« »Und was soll ich im Falle eines Widerstandes tun? In Wolodyjowskis Banner steht die Laudaer Schlachta, die mich haßt.« »Teile ihnen mit, daß Mirski, Stankiewicz und Wolodyjowski ohne Verzug erschossen werden.« »So werden sie bewaffnet gegen Kiejdane ziehen und ihre Obersten zu befreien suchen.« »Nimm ein schottisches und ein deutsches Regiment mit, umzingle sie erst und lies dann meinen Befehl vor.« »Wie Euer Durchlaucht befehlen.« Radziwill versank in Gedanken. »Mirski und Stankiewicz würde ich sehr gern erschießen lassen, wenn sie nur nicht so populär im ganzen Lande wären. Ich fürchte einen offenen Aufstand... – Jedenfalls muß gehandelt werden, ehe die Rebellen zu dem Witebsker Wojewoden übergegangen sind.« »Durchlaucht sprachen nur von Mirski und Stankiewicz; wie denken Sie über Wolodyjowski und Oskierka?« »Oskierka muß auch geschont werden; er ist aus hoher Familie und hat große Verbindungen im Lande. Wolodyjowski aber ist aus Klein-Rußland und hat keinen Verwandten hier. – Es ist wahr, er ist ein tapferer Soldat; ich habe sehr auf ihn gerechnet, – aber nach dem, was gestern geschehen, muß er sterben. Ebenso wie die beiden Skrzetuskis und jener dritte Stier, der zuerst zu brüllen begann: »Verräter, Verräter!« Pan Andreas sprang auf, als hätte man ihn mit einem glühenden Eisen berührt. »Euer Durchlaucht, die Soldaten erzählen, Wolodyjowski habe Ihnen das Leben gerettet!« »So tat er seine Pflicht, und ich habe ihm dafür Dydkiemie geschenkt. – Jetzt ist er mir untreu geworden, und dafür werde ich ihn erschießen lassen.« Kmicic' Augen loderten auf; die Nüstern blähten sich. »Euer Durchlaucht,« begann er hastig, »von Wolodyjowskis Haupte darf kein Haar fallen! Verzeihen Sie mir, Durchlaucht, ich flehe Sie darum an! Wolodyjowski verdanke ich vieles. – Er hätte mir Ihren Befehl vorenthalten können; denn Sie überließen dies seiner Einsicht. Er aber hat ihn mir ausgehändigt. – Er hat mich aus dem Abgrund gerissen. Ihm verdanke ich es, daß ich in Ihren Diensten stehe. – Er hat nicht einen Augenblick geschwankt, mich zu retten, obschon er selbst die Hand des Mädchens erstrebte, das ich liebe. – Ich verdanke ihm alles, und ich habe mir zugeschworen, es ihm zu vergelten. Durchlaucht, tun Sie es meinetwegen und verhängen Sie weder über ihn noch über seine Freunde die Todesstrafe. – Kein Haar darf an ihren Häuptern gekrümmt werden, das schwöre ich bei Gott! Ich flehe Sie an, Durchlaucht!« Pan Andreas bat und faltete zwar die Hände; aber in seinen Worten, in seinem Tone lagen ohne Absicht Zorn und Drohung. Seine wilde, unbezähmbare Natur kam zum Vorschein. Er stand erregt und mit funkelnden Augen vor Radziwill. Das Gesicht des Hetmans verzerrte sich vor Wut. Zum erstenmal empfand der Despot, daß er auf dem Wege des Verrates sich mehr als einmal dem Willen anderer beugen müsse. Er fühlte, daß er oft von noch viel bedeutungsloseren Anhängern wie Kmicic war, abhängig sein werde. – Das empörte die stolze Seele Radziwills, und er beschloß Widerstand zu leisten. »Wolodyjowski und jene drei müssen ihre Tat mit ihrem Leben büßen,« sagte er festen Tones. Aber mit Kmicic so zu reden, hieß Funken in ein Pulverfaß schleudern. »Hätte ich die Ungarn nicht geschlagen, so hätten sie nicht zu sterben brauchen!« »Wie! Willst du mir deine Verdienste vorwerfen?« fragte der Hetman. »Durchlaucht!« sagte mit brechender Stimme Kmicic, »ich werfe Ihnen nichts vor, – ich bitte, ich flehe. – Das kann nicht geschehen. – Ich will für Sie ins Feuer gehen, aber schlagen Sie mir dies eine nicht ab!« »Und wenn ich es dir abschlage?« »Dann – lassen Sie mich lieber auch erschießen! – Ich will nicht leben – möge mich ein Himmelsstrahl zerschmettern!« »Besinn dich. Unglücklicher! Mit wem sprichst du?« »Euer Durchlaucht, bringen Sie mich nicht zur Verzweiflung!« »Einer Bitte könnte ich nachgeben, aber Drohungen werde ich gar nicht beachten.« »Ich bitte – flehe!« Pan Andreas fiel vor dem Hetman in die Knie. »Lassen Sie mich Eurer Durchlaucht aus freiem Herzen dienen und nicht gezwungen!« Radziwill schwieg. – Kmicic lag noch immer auf den Knien, auf seinem Gesicht wechselten jäh die Farben. Es war leicht zu sehen, einen Augenblick noch – und er würde zornig emporfahren. »Steh auf!« sagte Radziwill. Pan Andreas erhob sich. »Du verstehst es gut, deine Freunde zu verteidigen,« sagte der Fürst. »Wirst du auch ebenso für mich eintreten? Gott schuf dich aus leicht zündendem Brennstoff, sieh zu, daß du nicht bis auf den letzten Rest verbrennst. Ich kann dir nichts abschlagen. So höre denn: Stankiewicz, Mirski, Oskierka und auch Wolodyjowski und die Skrzetuskis werde ich nach Birze schicken, das ich den Schweden als Pfand überlassen habe. Den Kopf wird man ihnen dort nicht abreißen; aber sie müssen sich während des Krieges ruhig verhalten.« »Ich danke Eurer fürstlichen Durchlaucht, meinem Vater!« rief Pan Andreas. »Warte,« fuhr der Fürst fort, »jenen alten Schlachtschitz, diesen verteufelten Schreihals, der mit den Skrzetuskis hergekommen ist, der mich als erster »Verräter« nannte und mich der Bestechung bezichtigte, für den habe ich schon längst in meinem Innern das Todesurteil unterzeichnet. – Bitte nicht für ihn; das wird zu nichts führen!« Kmicic aber nahm nicht leicht Abstand von dem, was er sich vorgenommen. Nur jetzt drohte er nicht, er entrüstete sich nicht. Er ergriff die Hand des Fürsten, küßte sie und sagte bittenden Tones: »Was der Hetman und Wojewod von Wilna unterschrieben hat, das kann der Großfürst und, so Gott will, der zukünftige König von Polen als gnädiger Herrscher wieder ausstreichen.« Selbst ein geübter Diplomat konnte kein besseres Mittel gewählt haben, seine Freunde zu schützen. Das stolze Gesicht des Magnaten klärte sich bei der Nennung seiner erstrebten Titel hell auf. »Du sprichst so mit mir, daß ich dir nichts abschlagen kann«, sagte er nach einigen Minuten. – »So mögen sie alle nach Birze kommen; sie werden ihre Schuld bei den Schweden abbüßen. Und wenn sich erfüllt hat, was du hier voraussagtest, so kannst du kommen und bei mir um eine neue Gnade für sie bitten.« »Das werde ich tun, bei Gott, wenn sich nur alles bald erfüllen wollte!« antwortete Kmicic. »Nun aber verliere keine Zeit und hole die Banner von Mirski und Stankiewicz her. – Und dann wartet deiner eine Aufgabe, der du dich sicherlich nicht entziehen wirst.« »Und was ist's für eine, Euer Durchlaucht?« »Fahre zu dem Pan Billewicz, dem Miecznik von Rosien, und lade ihn in meinem Namen ein, samt seiner Verwandten nach Kiejdane zu kommen und sich hier während des Krieges aufzuhalten. Hast du verstanden?« Kmicic wurde verlegen. »Das wird er nicht tun wollen, – Er verließ gestern Kiejdane mit großem Zorn im Herzen.« »Jetzt wird er sich aller Wahrscheinlichkeit nach schon beruhigt haben. Jedenfalls nimm genügend Leute mit dir, und wenn er nicht gutwillig kommt, so setze sie beide in eine Kalesche, umringe sie mit Dragonern und führe sie hierher. Ich denke, ich kann mir aus diesem Wachs eine solche Kerze formen, wie ich sie haben will, die ich dem zu Ehren anzünden werde, dem es mir beliebt. – Und wenn das nicht geht, so werde ich sie als Geiseln hier behalten. Die Billewicz' nehmen eine höchst geachtete Stelle in Smudien ein, sie sind fast mit der ganzen Schlachta verwandt. Wenn ich den ältesten von ihnen in den Händen habe, so werden sie es sich zweimal überlegen, ehe sie gegen mich ziehen. Ich werde den Miecznik besänftigen, und er wird dir helfen, das Mädchen zu besänftigen. – Und dann heirate sie schnell. – Oder nimm sie dir auch ohne ihre Zustimmung. Bei Frauen ist das beste Mittel Gewalt. Sie wird erst weinen, dann wird sie sehen, daß der Teufel gar nicht so schlimm ist, wie man ihn malt. Wie seid Ihr denn gestern auseinandergegangen?« »So schlecht wie irgend möglich. Sie hat mich einen Verräter genannt.« »Oho, die Panna ist also nicht ohne Charakter! Wenn du erst ihr Mann bist, so lehre sie, daß es sich für eine Frau besser geziemt zu spinnen, als sich mit öffentlichen Angelegenheiten zu beschäftigen. Halt nur die Zügel gut stramm.« »Durchlaucht, Sie kennen sie nicht; um ihren Geist kann sie ein jeder Mann beneiden. – Ich will Ihnen gewissenhaft bekennen, Durchlaucht, daß ich, obwohl dieses Mädchen zu sehen für mich ein großes Glück ist, es hundertmal vorzöge, gegen die Schweden zu ziehen, als vor ihr Angesicht zu treten. – Denn sie kennt meine reinen Beweggründe nicht und hält mich für einen Verräter.« »Nun, so werde ich jemand anderes hinschicken, Charlamp oder sonst wen.« »Nein, lieber fahre ich selbst. Charlamp ist ja auch verwundet.« »Desto besser. So fahre also zuerst zu dem Miecznik und dann zu den Bannern. Scheue nicht, wenn es nottut, Blut zu vergießen. Wir müssen den Schweden zeigen, daß wir keine Rebellion dulden. Es ist zu Anfang eine schwere Sache, die wir durchkämpfen müssen; denn ich sehe schon, die Hälfte Litauens wird sich gegen uns erklären.« »Das tut nichts, Durchlaucht; wer ein reines Gewissen hat, der braucht nichts zu fürchten.« »Ich glaubte, daß wenigstens die Radziwills zu mir halten werden; aber lies nur, was mir der Fürst-Obermundschenk aus Rieswiez schreibt.« Der Hetman übergab Kmicic den Brief Michail-Kasimirs. »Wenn ich Ihre Absichten nicht kennte, so würde ich ihn für den tugendhaftesten Menschen der Welt halten! – Ich spreche, wie ich denke, Durchlaucht.« »So fahre schon, fahre!« sagte der Hetman ungeduldig. 3. Kapitel. Kmicic aber reiste weder denselben, noch den folgenden, noch den dritten Tag ab, denn von allen Seiten liefen drohende Nachrichten in Kiejdane ein. Boten kamen, die meldeten, daß die Banner Mirskis und Stankiewicz' von selbst auf die Residenz des Hetmans losmarschierten, bereit, mit den Waffen in der Hand die Herausgabe ihrer Obersten zu fordern. Ihre Offiziere hatten zu allen Bannern, die um Kiejdane standen, Abgesandte geschickt mit der Nachricht von dem schmählichen Verrat des Hetmans und mit dem Vorschlag einer allgemeinen Vereinigung gegen den Verräter des Vaterlandes. Es war leicht anzunehmen, daß sich den meuterischen Bannern eine große Zahl der Schlachta anschließen werde, wodurch eine solche Macht entstehen würde, vor der sich das unbefestigte Kiejdane nicht halten konnte. Auch war auf die Radziwill treu gebliebenen Regimenter nicht allzu großer Verlaß. Trotzalledem verlor der Hetman nicht den Mut. Er beschloß, an der Spitze seiner Schotten, der Reiterei und der Artillerie gegen die Rebellen zu ziehen und die Emeute im Keime zu ersticken. Er wollte kein Blut sparen und durch ein Beispiel das Heer, die Schlachta und ganz Litauen in Schrecken versetzen, damit sich niemand mehr erdreiste, unter der eisernen Hand Radziwills aufrührerisch zu werden. Täglich wurden Offiziere nach Preußen gesandt, um neue Soldaten anzuwerben. Kiejdane wimmelte von bewaffneten Leuten. Die Truppen bereiteten sich zum Ausmarsch vor. Radziwill beschloß deshalb die gefangenen Obersten ungesäumt nach Birze zu schicken, wo man sie sicherer in Gewahrsam halten konnte als in Kiejdane. Eines Abends betrat ein Offizier, mit einer Laterne in der Hand, das Gefängnis der Obersten und sagte: »Bereitet euch vor, mir zu folgen.« »Wohin denn?« fragte unruhig Zagloba. »Das werdet ihr schon nachher sehen. – Aber schnell, schneller.« »Gehen wir!« Im Flur empfingen sie mit Musketen bewaffnete schottische Soldaten. Zaglobas Unruhe wuchs mit jeder Minute. »Sollte man uns wirklich ohne Geistlichen, ohne Beichte hinrichten lassen?« flüsterte er Wolodyjowski ins Ohr. Dann wandte er sich an den Offizier. »Mit wem habe ich eigentlich die Ehre?« »Was geht Sie das an?« »Ich habe viele Verwandte in Litauen, und es wäre mir sehr interessant zu wissen, mit wem ich spreche.« »Jetzt ist keine Zeit, Bekanntschaften zu machen! Doch ein Narr, wer sich seines Namens schämt. Ich bin Roch Kowalski, wenn Sie es gern wissen wollen.« »Ein tapferes Geschlecht. Die Männer brave Krieger, die Frauen sanfte, gute Mütter. Meine Großmutter war auch eine Kowalska; sie starb leider schon vor meiner Geburt. Stammen Sie von den Wierusz – oder Korab Kowalskis?« »Haben Sie die Absicht, mich noch lange auszufragen?« »Wissen Sie, Sie scheinen mit mir verwandt zu sein; Sie haben denselben Körperbau wie wir alle. Sie haben starke Knochen und breite Schultern, gerade so wie ich. Ich schlage nämlich nach meiner Großmutter.« »Schon gut, wie wir können uns unterwegs unterhalten; Zeit genug haben wir.« »Unterwegs?« wiederholte Zagloba. Es wurde ihm leichter ums Herz, er faßte sogleich Mut. »Pan Michail,« flüsterte er, »habe ich Ihnen nicht gleich gesagt, daß man uns nicht hinrichten wird?« Sie kamen auf den Schloßhof. Hier und da brannten Fackeln und Laternen, die ein unsicheres Licht auf Gruppen von Soldaten verschiedener Regimenter warfen. Der ganze Hof war von Truppen überfüllt; man bereitete sich augenscheinlich zu einem Marsche vor. Kowalski blieb mit den Gefangenen und der Eskorte vor einem großen Leiterwagen, der mit vier Pferden bespannt war, stehen. »Setzen Sie sich!« sagte er kurz. »Und wer sitzt schon hier?« fragte Zagloba und strengte sich an, die dunklen Gestalten, die auf dem Stroh im Wagen ausgestreckt lagen, zu erkennen. »Mirski, Stankiewicz, Oskierka!« vernahm man vom Wagen. »Wolodyjowski, Jan Skrzetuski, Stanislaus Skrzetuski und Zagloba,« antworteten die Ritter. »Wir werden also in guter Gesellschaft reisen. Und wohin fährt man uns, wissen Sie das nicht?« »Sie fahren nach Birze,« sagte Kowalski und gab den Soldaten Befehl zum Aufbruch. Fünfzig Dragoner umringten den Wagen, und der Zug setzte sich in Bewegung. Die Gefangenen begannen sich leise zu unterhalten. »Man liefert uns den Schweden aus,« sagte Mirski, »das hatte ich mir schon gedacht.« »Ich ziehe es vor, unter Feinden zu leben als unter Verrätern,« sagte Stankiewicz. »Und ich zöge eine Kugel in die Stirn dem vor, während eines Krieges die Hände im Schoße dazusitzen,« rief Wolodyjowski. »Versündigt Euch nicht, Pan Michail,« sagte Zagloba, »aus dem Wagen kann man bei günstiger Gelegenheit entfliehen, aber mit Blei in der Stirn ist es schwer zu entkommen. – Ich wußte es ja im voraus, uns zu erschießen, dazu würde der Verräter nicht den Mut haben.« »Radziwill sollte dazu keinen Mut haben?« wiederholte erstaunt Mirski. »Man merkt, Sie sind von weit hergekommen und kennen ihn nicht. Ich kenne kein Beispiel, wo der Fürst jemals die geringste Beleidigung ungeahndet gelassen hätte.« »Und trotzdem wagte er es nicht Hand an mich zu legen,« entgegnete Zagloba. »Wer weiß, ob ihr alle nicht mir eure Rettung verdankt?« »Wieso denn?« »Nun, der Chan von der Krim schätzt mich sehr, weil ich, als ich mich auf der Krim in Gefangenschaft befand, eine Verschwörung gegen ihn aufdeckte. Und unser gnädiger König Jan-Casimir hält große Stücke auf mich. Der nichtsnutzige Radziwill hat sich gewiß davor gefürchtet, es mit zwei Monarchen mit einem Male zu verderben.« »Was Sie da sagen! Er haßt den König wie der Teufel das Weihwasser, und würde auf Sie noch wütender gewesen sein, wenn er gewußt hätte, daß Sie dem Könige nahe ständen,« sagte Stankiewicz. »Und ich denke,« sagte Oskierka, »daß der Hetman die öffentliche Meinung nicht gegen sich aufbringen wollte, und bin bereit zu wetten, daß der Offizier, der uns begleitet, einen Befehl mit hat, daß man uns in Birze stillschweigend erschießen soll.« »O weh!« rief Zagloba. Alle versanken in Gedanken. »Das ist alles eins!« sagte Zagloba. »Jedenfalls haben wir Zeit gewonnen. Vielleicht kommt uns irgend ein glücklicher Zufall zu Hilfe, vielleicht kommt mir ein guter Gedanke. – Panowie, Sie kennen mich noch wenig, fragen Sie aber hier meine Kameraden, in welch verzweiflungsvoller Lage ich schon gewesen und immer mit heiler Haut herausgekommen bin. – Sagen Sie nur, was ist das für ein Offizier, der uns begleitet. Kann man ihn nicht davon überzeugen, daß es besser sei, dem Vaterlande beizustehen, als dem Verräter zu dienen?« »Das ist Roch Kowalski, von den Korab-Kowalskis,« antwortete Oskierka, »ich kenne ihn. Ebenso leicht können Sie sein Pferd von etwas überzeugen, wie ihn; bei Gott, ich weiß nicht, wer von den beiden der Dümmere ist.« »Und wieso hat man ihn zum Offizier befördert?« »Er gefiel dem Fürsten seiner Stärke wegen; denn er kann ein Hufeisen zerbrechen und mit einem Bären ringen.« »So einer ist er also?« »Das ist es ja, – dazu kommt noch, wenn ihm ein Vorgesetzter befiehlt, mit dem Kopf durch die Wand zu rennen, so wird er es, ohne sich zu besinnen, tun. – Ihm ist befohlen, uns nach Birze zu bringen. Und sollte die Erde sich unter ihm öffnen, er wird es tun.« »Sieh mal an,« rief Zagloba, der mit der größten Aufmerksamkeit zuhörte. »Also ein charakterfester Mensch ist er?« »Seine Charakterfestigkeit fällt mit seiner Dummheit zusammen. Übrigens, wenn er in seinen Freistunden nicht gerade ißt, so schläft er. Sie werden es kaum glauben, einmal hat er im Zeughaus achtundvierzig Stunden hintereinander geschlafen, und als man ihn dann von der Matratze herunterzog, schimpfte er noch.« »Dieser Offizier gefällt mir ungemein,« sagte Zagloba; dann rief er in gebieterischem Tone Kowalski zu: »Komm mal her!« »Was wollen Sie?« fragte Kowalski und wandte sein Pferd um. »Hast du Schnaps da?« »Ja, hab' ich da!« »So gib ihn her!« »Was heißt das, gib ihn her?« »Sieh mal, guter Pan Kowalski, wenn es verboten wäre, so hättest du den Befehl bekommen. Da du solchen Befehl nicht erhalten hast, so kannst du ihn ruhig hergeben.« »Ach,« staunte Roch, »das ist möglich! – Soll ich wirklich?« »Soll oder nicht, denk nur einmal selbst nach! Darf man denn einem alten Verwandten eine Bitte abschlagen, der, wenn er deine Mutter geheiratet hätte, dein Vater sein könnte?« »Was seid Ihr denn für ein Verwandter von mir?« »Höre, es gibt zwei Geschlechter Kowalski. Die einen führen im Wappen einen Ziegenbock mit hochgehobenem Hinterfuß; die anderen ein Schiff (polnisch: Korab), auf dem ihre Vorfahren aus England das Meer durchkreuzten, als sie nach Polen auswanderten. Diese letzteren sind durch meine Großmutter mit mir verwandt. In meinem Wappen selbst ist ein Korab.« »Mein Gott, so sind Sie wirklich ein Verwandter.« »Bist du denn ein Korab?« »Gewiß, ein Korab.« »Also mein eigen Blut, wahrhaftig, Blut von meinem Blut!« rief Zagloba aus. »Gut, daß wir uns begegnen; denn ich bin absichtlich nach Litauen gekommen, um die Kowalskis mal zu sehen. Obschon ich jetzt in Gefangenschaft bin und du in Freiheit, so möchte ich dich doch gern umarmen. – Eigen Blut bleibt doch mal eigen Blut.« »Was kann ich für euch tun? Man hat mir befohlen, euch nach Birze zu bringen, und ich werde euch hinbringen. Blut bleibt Blut, und Dienst bleibt Dienst.« »Nenn' mich man Onkel,« sagte Zagloba. »Hier hast du Schnaps, Onkel, das hat man mir nicht verboten.« Zagloba nahm die Feldflasche und tat einen ordentlichen Zug; es wurde ihm angenehm warm zumute und schön klar im Kopfe. »Steig vom Pferde herunter,« sagte er zu Pan Roch, »und setze dich ein bißchen zu mir in den Wagen, wir wollen uns unterhalten. Ich möchte dich über deine Familie viel ausfragen. Den Dienst achte ich wohl, aber das ist dir doch nicht verboten.« Kowalski überlegte einen Augenblick, aber dann stieg er ab und setzte sich zu Zagloba auf den Wagen. Der alte Schlachtschitz umarmte ihn herzlich. »Nun, wie geht es deinem Alten? – Wie heißt er doch gleich? Ich habe seinen Namen vergessen.« »Auch Roch, wie ich.« »Ach, richtig, ja. – Roch zeugte Roch, nach Gottes Gebot. Du mußt deinen Sohn auch Roch nennen. Bist du eigentlich verheiratet oder nicht?« »Natürlich bin ich verheiratet. Ich bin Kowalski, und das ist Pani Kowalska. – Eine andere will ich auch nicht.« Der Offizier erhob den Griff seines Dragonersäbels bis zu Zaglobas Gesicht und wiederholte: »Eine andere will ich nicht.« »Ein braver Kerl bist du, du gefällst mir ausnehmend. Roch, Sohn Rochs. Für einen Soldaten ist es auch besser, sich keine andere Frau anzuschaffen als diese. Ich prophezeie dir: eher wirst du Witwer werden, als sie Witwe. Du bist ein tapferer, kluger Mensch; es ist wirklich schade, wenn so ein Geschlecht ausstirbt.« »Oho,« sagte Kowalski selbstgefällig. »Wir sind sechs Brüder.« »Bravo! Trinken wir noch eins!« »Schön!« Zagloba führte wieder die Flasche an die Lippen, den Rest gab er dem Offizier. »Trink man aus, bis auf den Grund. – Schade, daß ich dich gar nicht sehen kann! Die Nacht ist so dunkel, daß man die eigene Hand nicht vor Augen sieht. – Hör' mal, Pan Roch, wohin gingen die Truppen von Kiejdane, als wir wegfuhren?« »Sie zogen gegen die Rebellen.« »Nun, das ist noch nicht ausgemacht, wer ein Rebell ist, du oder sie?« »Ich, ein Rebell! – Ich tue, was mir der Hetman befiehlt.« »Der Hetman tut aber nicht, was ihm der König befiehlt; der hat ihm nicht befohlen, mit den Schweden gemeinsame Sache zu machen. – Würdest du es nicht vorziehen, gegen die Schweden zu kämpfen, als mich, deinen alten Onkel, ihnen auszuliefern?« »Vielleicht würde ich es vorziehen; aber wie mir befohlen ist, so muß ich es tun.« »Auch Pani Kowalska würde es vorziehen, ich kenne sie. Unter uns gesagt, ist der Hetman gegen den König und das Vaterland rebellisch geworden. Sage es niemandem; aber tatsächlich ist es so. Und ihr, die ihr ihm dient, seid auch Rebellen.« »So etwas darf ich nicht ruhig mit anhören. Der Hetman hat seine Vorgesetzten, und ich meine. Gott würde mich strafen, wenn ich ihnen den Gehorsam verweigerte!« »Ganz recht, – aber merke dir eins: Wenn du den Rebellen in die Hände fielest, so würde ich frei werden, und dich träfe doch keine Schuld. Ich weiß nicht, wo die Banner stehen, aber du weißt es. – Und siehst du, wir könnten ja ganz zufällig auf sie stoßen.« »Wieso denn?« »Na so – es wäre doch nicht deine Schuld, wenn man uns befreite. – Und dein Gewissen würde mir gegenüber ganz rein sein; es ist keine leichte Sache, einen Verwandten auf dem Gewissen zu haben.« »Ei, ei, Onkel, was redest du da! – Es wird Zeit, daß ich den Wagen verlasse und aufs Pferd steige. – Sonst werde ich noch den Hetman auf dem Gewissen haben, und daraus soll, solange ich lebe, nichts werden!« »Nicht, dann nicht,« beruhigte ihn Zagloba. »Ich ziehe es vor, daß du aufrichtig zu mir bist, obgleich ich eher dein Onkel war als Radziwill dein Hetman. Weißt du eigentlich, Roch, was ein Onkel ist?« »Ein Onkel ist eben ein Onkel.« »Eine sehr präzise und geistreiche Erklärung. Die Heilige Schrift aber sagt: So du keinen Vater hast, so gehorche dem Onkel. Ein Onkel kann die gleiche Gewalt ausüben wie ein Vater, dem sich zu widersetzen doch eine große Sünde ist. Ich bin ja nicht der Bruder deiner Mutter; aber meine Großmutter war die Tante deiner Großmutter; alle Rechte deiner verstorbenen Verwandtschaft sind demnach auf mich übergegangen. Keine Macht, weder die des Hetmans noch die des Königs, kann meine vernichten, hörst du? – Was wahr ist, ist wahr. – Darf denn ein Großhetman auch nur dem geringsten Bauer befehlen, sich dem Vater, der Mutter oder gar der alten Großmutter zu widersetzen? – Antworte doch, Roch, darf er das?« »Wa-as?« fragte Kowalski mit schläfriger Stimme. »Der alten Großmutter frage ich dich? Wer würde dann Lust haben zu heiraten und Kinder zu kriegen, um Enkel zu erhoffen? – Antworte mir doch darauf, Roch!« »Ich bin Kowalski, – das ist Pani Kowalska,« sagte Roch, schon fest schlafend. »Wie du willst, kannst recht haben, 's wird auch besser sein, wenn du kinderlos stirbst, so werden sich weniger Dummköpfe auf der Welt 'rumtreiben! Nicht wahr, Roch?« Zagloba neigte sich dicht an Kowalskis Ohr, aber er hörte keine Antwort mehr. Pan Roch schlief wie ein Toter. »Schläft,« brummte Zagloba. – »Warte mal, ich werde dir den eisernen Topf vom Kopfe nehmen; der ist unbequem beim Schlafen. Und dein Mantel würgt dich ja am Halse, behüte Gott, das Blut wird dir noch zu Kopfe steigen. Ein schöner Verwandter wäre ich, wenn ich nicht für dich sorgte!« Auch im Wagen waren inzwischen alle fest eingeschlafen, die Soldaten nickten auf ihren Sätteln. Die Nacht wurde immer dunkler. Einige Minuten verstrichen; dann sah der Soldat, der des Offiziers Pferd hinter dem Wagen herführte, Kowalski mit Mantel und Helm, ohne anhalten zu lassen vom Wagen springen. Er brachte das Pferd dem Offizier, der sich stillschweigend in den Sattel schwang. »Pan Kommandant, wollen wir Rast machen?« fragte der Wachtmeister. Pan Roch antwortete mit keinem Tone. Er setzte sich in Bewegung, ritt an allen Soldaten vorbei und verschwand in der Dunkelheit. Die Dragoner hörten plötzlich die Hufschläge eines sich schnell entfernenden Pferdes. »Der Kommandant ist vorausgeritten, wird sich wohl nach einer Schenke in der Nähe umsehen,« sagte der Wachtmeister. »Es wird auch wirklich Zeit, daß die Pferde etwas Ruhe haben.« Es verging eine halbe Stunde, eine Stunde, zwei, und Pan Kowalski war noch immer nicht zurückgekehrt. Die Wagenpferde waren schon sehr ermattet und gingen nur langsam vorwärts. »Reit vor, dem Kommandanten entgegen und sage ihm, daß die Pferde sich kaum noch schleppen,« befahl der Wachtmeister einem Soldaten. Der Dragoner ritt vor, kehrte aber nach einer Stunde allein zurück. »Vom Kommandanten ist keine Spur; er muß sehr weit vorausgeritten sein.« Die Soldaten fingen an unzufrieden zu brummen. »Hier in der Nähe,« fuhr der zurückgekehrte Soldat fort, »ist eine Schenke, ich glaubte ihn dort zu finden; aber nein! Weiß der Teufel, wo er hingaloppiert ist!« »So machen wir einfach in der Schenke Rast,« entgegnete der Wachtmeister. Nach einiger Zeit erreichten sie die Schenke. Die Soldaten stiegen ab und klopften an die Tür. Die Gefangenen erwachten, als der Wagen so plötzlich stehen blieb. »Wo sind wir?« fragte der alte Pan Stankiewicz. »Es ist nichts zu erkennen,« antwortete Wolodyjowski. »Ich weiß nur, daß wir nicht in der Richtung nach Upita gefahren sind.« »Von Kiejdane nach Birze kommt man doch aber an Upita vorbei!« meinte Jan Skrzetuski. »Ja, das schon. Aber in Upita steht mein Banner. Der Fürst fürchtete wohl, man würde uns mit Gewalt befreien, und gab Befehl, einen Umweg zu machen. Upita und Poniewiez liegen jetzt rechts von uns.« »Und Pan Zagloba,« sagte Stanislaus Skrzetuski, »schläft und schnarcht, anstatt sich einen Plan für unsere Rettung auszudenken.« »Soll er schlafen; er hat sich wahrscheinlich an der Unterhaltung mit dem Dummkopf von Kommandanten getröstet. Er hoffte wohl, ihn als seinen Verwandten 'rumkriegen zu können. Wer sich des Vaterlandes wegen nicht von Radziwill losgesagt hat, der wird es eines entfernten Verwandten wegen erst recht nicht tun.« »Sind sie wirklich Verwandte?« fragte Oskierska. »Die? Ebensolche wie wir beide,« entgegnete Wolodyjowski. »Das Wappen von Pan Zagloba sieht ganz anders aus, als wie er sagte. – Wo ist denn aber Kowalski?« »Ist wohl bei den Soldaten oder in der Schenke.« »Soldat, wo ist der Kommandant?« fragte Wolodyjowski den zunächst stehenden Dragoner. »Das mag Gott wissen!« »Was soll das heißen? Ich befehle dir, ihn herzurufen, geh!« »Pan Oberst, wir wissen ja selbst nicht, wo er ist. Seitdem er aus dem Wagen gestiegen und fortgeritten ist, haben wir ihn nicht mehr gesehen.« »So sag' ihm, wenn er wiederkommt, daß wir ihn sprechen möchten.« »Zu Befehl, Pan Oberst.« Die Gefangenen schwiegen. Man hörte nur das Schnarchen des Herrn Zagloba und das Kauen der Pferde, denen man Heu gegeben hatte. Da die Schenke von niemandem bewohnt war, setzten sich die Soldaten wieder auf die Pferde, und man ritt weiter. Allmählich begann der Himmel im Osten heller zu werden, die Sterne erloschen einer nach dem anderen, und aus dem Dunkel hoben sich die Bäume, Baumstümpfe und die Gestalten von Menschen und Pferden ab. Pan Wolodyjowski reckte sich und sah Zagloba ins Gesicht. Plötzlich rief er: »O, hol dich! – Panowie, seht mal!« »Was ist geschehen?« »Seht, seht!« fuhr Wolodyjowski fort zu rufen und zeigte auf die schlafende Gestalt. Die Gefangenen sahen nach derselben Richtung und erstarrten: Unter dem Filzmantel und der Mütze Zaglobas schlief Pan Kowalski unschuldig und tief; – Zagloba war nicht im Wagen. »Er ist geflohen, bei Gott! Er ist geflohen!« sagte erstaunt Mirski und sah sich nach allen Seiten um, als ob er nicht seinen Augen traue. »Das ist ein Hauptkerl!« rief Stankiewicz. »Nahm dem Dummkopf den Helm und den gelben Mantel und floh auf seinem eigenen Pferde!« »Und wie vom Erdboden verschwunden!« »Er sagte es vorher, daß er sich auf irgend eine Weise retten werde!« »Panowie!« sagte Wolodyjowski begeistert, »Sie kennen diesen Mann noch nicht; ich bin bereit zu schwören, er wird auch uns alle retten. Wie und auf welche Weise, weiß ich selbst noch nicht; aber er wird es tun.« Bald erfuhren auch die Soldaten von der Sache, und verwundert glotzten sie ihren Kommandanten an, der in dem Kamelmantel und der Luchsmütze noch immer harmlos weiter schlief. Der Wachtmeister weckte ihn ohne weitere Umstände. »Ich bin Kowalski und das Pani Kowalska,« brummte Pan Roch. »Pan Kommandant, ein Gefangener ist entflohen!« Kowalski richtete sich hoch und rieb sich die Augen. »Wa-as?« »Ein Gefangener ist, sage ich, entflohen. Jener dicke Edelmann, der sich mit Ihnen unterhielt.« Der Offizier kam zu sich. »Das kann nicht sein,« rief er mit erschrockener Stimme. »Wie? Was ist vorgefallen? Wieso ist er entflohen?« »Er hat Ihren Helm und Mantel genommen, die Soldaten haben ihn nicht erkannt, die Nacht war dunkel.« »Wo ist mein Gaul?« rief Kowalski. »Ihr Gaul ist auch nicht da. Der Edelmann ist ja auf ihm entflohen!« »Auf meinem Gaul?« »Ja, so ist es.« Kowalski griff an seinen Kopf. »Jesus, Maria! König von Juda! Wo ist der nichtsnutzige, abscheuliche Kerl, der ihm mein Pferd gegeben hat?« »Pan Kommandant, der Soldat ist nicht schuldig. Die Nacht war so dunkel, daß man nichts sehen konnte. Er ist auch bei mir in Ihrem Helm und Mantel vorbeigeritten, und ich habe ihn nicht erkannt. – Hätten Sie sich nicht in den Wagen gesetzt, so wäre das nicht passiert. – Was tun wir aber jetzt?« »Ihn einholen, wieder einfangen!« »Dazu ist es zu spät! Er hat Ihr Pferd, das ist das schnellste von allen. Er ist schon bei dem ersten Hahnenschrei geflohen. Der ist nicht mehr einzuholen.« »Fangen Sie den Wind auf dem Felde!« sagte Stankiewicz. Kowalski brüllte die Gefangenen wütend an. »Ihr habt ihm zur Flucht verholfen! Wartet, ich werde euch!« Er wollte mit seinen ungeheuren Fäusten auf sie losgehen. »Schrei nicht so! und bedenk', mit wem du sprichst!« sagte Mirski laut. Pan Roch fuhr zusammen und machte unwillkürlich Front. »Man muß sagen, Pan Roch,« sprach Oskierka, »Sie haben da einen mächtigen Bock geschossen. Was Sie da von unserer Beihilfe sagen, ist natürlich Unsinn. Erstens schliefen wir alle, und, zweitens wäre jeder von uns dann selbst geflohen. Sie waren wirklich ungeheuer nachlässig! Hier ist kein anderer daran schuld als Sie selbst. – Ich wäre der erste, der Sie erschießen lassen würde, dafür, daß Sie wie ein Murmeltier geschlafen und einen Gefangenen in Ihrem Helm und Mantel und auf eigenem Pferde haben fliehen lassen. Das ist ja einfach unerhört!« »Jesus, Maria! – auch mein Säbel ist fort!« »Den wird er gut gebrauchen können!« lächelte Stankiewicz. »Pan Oskierka hat recht: Sie haben wirklich sträflich leichtsinnig gehandelt. Haben Sie wenigstens noch Ihre Pistole?« »Lieber Gott, auch die ist weg!« antwortete ganz niedergeschlagen Kowalski. »Auch der Brief des Pan Hetman an den Kommandanten von Birze ist weg! Was soll ich Unglücklicher nur anfangen? – Ich bin für alle Ewigkeit verloren! Es wäre mir besser, wenn man mich gleich totschösse!« »Dem werden Sie ja auch nicht entgehen,« erwiderte feierlich Mirski. – »Wie denken Sie uns nun nach Birze zu bringen? – Sie werden sagen, Sie bringen uns als Gefangene, und wir werden Sie als Gefangenen ins Gefängnis abführen lassen. Wem, meinen Sie, wird man mehr Glauben schenken?« »Ich bin verloren! verloren!« stöhnte Kowalski. »Reden Sie keine Dummheiten!« sagte Wolodyjowski. »Was soll geschehen, Pan Kommandant?« fragte der Wachtmeister. »Scher dich zu allen Teufeln!« wurde Kowalski jetzt hitzig. »Woher soll ich wissen, was tun und wohin fahren? Daß doch ein Donnerwetter dreinschlage!« »Fahren Sie, fahren Sie ruhig nach Birze,« sagte Mirski. »Sie werden dann schon sehen ...« »Nach Kiejdane zurück! Umkehren!« schrie Kowalski. »Einen Schafskopf soll man mich nennen, wenn man Sie dort nicht an die Mauer stellt und erschießt,« sprach Oskierka. »Wie können Sie vor den Hetman treten? Schmach und eine Kugel durch die Stirn, das ist das einzige, was Sie zu erwarten haben.« »Ich verdiene auch nichts anderes!« seufzte der arme Pan Roch. »Das sind alles Torheiten, Offizier! Wir allein können Sie retten,« redete Oskierka auf ihn ein. – »Sie wissen selbst, wir waren bereit, dem Hetman bis ans Ende der Welt zu folgen und ihm zu dienen, wie vorher; denn wir dienen ihm schon länger als Sie. Mehr als einmal haben wir unser Blut fürs Vaterland vergossen; aber der Hetman verriet das Vaterland und vereinigte sich mit dem Feinde gegen unseren gnädigen König, dem wir alle Treue geschworen haben. Glauben Sie, daß es einem Soldaten wie mir leicht geworden ist, die Disziplin zu verletzen und sich gegen den Hetman aufzulehnen? Doch wer jetzt zum Hetman hält, der ist wider den König; der ist ein Verräter. Unser Gewissen befahl uns, die Stäbe dem Hetman vor die Füße zu werfen. Und wer hat so gehandelt? Mirski, Stankiewicz, kurz, – die besten Soldaten. – Und wer ist dem Hetman treu geblieben? Der Auswurf, einzig und allein der Auswurf. Und Sie, warum folgen Sie nicht den Wegen der älteren und erfahreneren Offiziere? Wollen Sie Ihren Namen wirklich mit Schmach bedecken? Gehen Sie in sich, und fragen Sie Ihr Gewissen, wie Sie handeln sollen. Verräter sein bei Radziwill oder bei uns dem Vaterlande bis zum letzten Atemzuge dienen?« Diese Rede schien auf Pan Roch großen Eindruck zu machen. »Was wollen Sie von mir?« fragte er etwas später. »Fahren Sie mit uns zusammen zum Witebsker Wojewoden.« »Ich habe aber doch den Befehl, Sie nach Birze zu bringen.« »Geh, red' du mal mit ihm,« sagte Mirski zu Oskierka, eine hoffnungslose Bewegung machend. »Sehen Sie, wir wollen, daß Sie den Hetman verlassen und mit uns gehen, begreifen Sie das nicht?« sagte Oskierka ungeduldig. »Ja, aber reden Sie, was Sie wollen, daraus wird nichts. – Ich bin ein einfacher Mann und verstehe mich nicht auf Ihre Feinheiten. Ich weiß nur, daß ich zu gehorchen habe, und damit basta!« »Nun, so tun Sie, was Sie wollen!« sagte Mirski. »Es ist schon nicht richtig, daß ich befahl umzukehren,« fuhr Pan Roch fort, »aber jener Schlachtschitz hat mir ganz den Kopf verwirrt. Und das will ein Verwandter sein; nicht mal ein Fremder hätte mir so etwas zugefügt, ein schöner Verwandter! Er hat Gott nicht im Herzen. Nimmt mir mein Pferd weg und bringt mich um die fürstliche Gnade. Und trotzalledem werden Sie nach Birze müssen, und nachher mag kommen, was will. – Marsch, kehrt um, nach Birze, Rindviecher ihr,« rief Kowalski den Dragonern zu. Sie kehrten wieder um. Pan Roch befahl einem Soldaten, sich in den Wagen zu setzen; er selbst bestieg dessen Pferd und ritt neben dem Wagen her. Von Zeit zu Zeit wiederholte er klagend: »Ein Verwandter, – und hat mir solch eine Suppe eingebrockt!« Die Gefangenen konnten sich trotz der Gefahr ihrer Lage nicht des Lachens enthalten. Endlich erbarmte sich Wolodyjowski des unglücklichen Offiziers: »Beruhigen Sie sich, Pan Kowalski, dieser Mann hat noch ganz andere als Sie an der Nase herumgeführt. Er hat selbst einen Chmielnicki betölpelt!« Kowalski antwortete nicht; er ritt schweigend aus der Nähe des Wagens, weil er weiteren Spötteleien aus dem Wege gehen wollte. Er war so niedergeschlagen, daß es einem leid tat, ihn anzusehen. In allen Dörfern, durch die die Gefangenen durchritten, herrschte Unruhe. Augenscheinlich hatte sich die Nachricht vom Übergange des Hetmans schon über ganz Litauen verbreitet. Ein großer Teil der Bevölkerung verließ die Häuser und floh mit Weib und Kindern in die naheliegenden Wälder. Die breite Straße, die nach Mitau führte, war dicht von den Kaleschen der Schlachta besetzt. Die Schlachtschitzen eilten, ihre Frauen und Kinder nach Kurland in sicheren Schutz zu bringen. »Halt!« erscholl plötzlich die gebieterische Stimme Pan Rochs. »Was ist los?« fragten die Soldaten. »Halt!« Der Wagen hielt an. Bei den Strahlen der aufgehenden Sonne erkannte man in der Ferne dichte Wolken Staubes. »Das sind Soldaten!« rief Wolodyjowski aus. »Ich sehe die Sonnenstrahlen auf den Spitzen der Lanzen spielen.« »Wahrscheinlich eine schwedische Abteilung.« »Das ist Reiterei, das sind die unsrigen!« »Die unsrigen! Die unsrigen!« wiederholten die Dragoner. »Formiert euch!« donnerte Rochs Stimme. Die Dragoner umzingelten den Wagen; Pan Wolodyjowskis Augen fingen an, Funken zu sprühen. »Das sind meine Laudaer mit Zagloba, – anders kann es gar nicht sein.« Inzwischen näherten sich die Soldaten im Trab. Endlich zerstreute ein leichter Windstoß die Staubwolken, und vor den Augen Pan Rochs erschien ein ganzes Regiment. In der ersten Reihe unter einer Roßschweiffahne ritt der Feldherr mit dem Kommandostabe in der Hand. Kaum hatte Wolodyjowski ihn gesehen, als er ausrief: »Zagloba! Bei Gott, das ist Pan Zagloba!« Das finstere Gesicht Pan Skrzetuskis klärte sich auf. »Wirklich, der unter der Fahne, das ist er. Er hat sich selbst zu einem Hetman befördert. – Schon an dieser Idee kann man ihn erkennen. Er ist unverwüstlich in seinen Einfällen und wird es auch bis zum Tode bleiben.« »Gott schenke ihm noch lange Gesundheit!« sagte Oskierka, dann rief er laut: »Pan Kowalski, Ihr Verwandter ist gekommen, Sie zu besuchen!« Aber Pan Roch hörte nichts; er war ganz mit seinen Dragonern beschäftigt. Und man muß ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen, er war durchaus nicht eingeschüchtert, als er sich mit einer Handvoll Leuten einem ganzen feindlichen Regimente gegenübersah. Die Laudaer wollten augenscheinlich die Sache friedlich beilegen; sie begannen mit Tüchern zu schwenken und zu schreien: »Halt! Halt!« »Vorwärts!« kommandierte Pan Roch. »Gebt Feuer!« Kein einziger Dragoner gab einen Schuß ab. Pan Roch war sprachlos; dann aber stürzte er auf seine Dragoner zu. »Gebt Feuer! Nichtsnutzige!« brüllte er und warf mit einem Faustschlage den zunächst stehenden Soldaten vom Pferde. Die anderen wichen unwillkürlich zurück; aber keiner leistete dem Befehle Folge. Plötzlich zerstreute sich die ganze Abteilung Pan Rochs auf die Felder wie eine Schar aufgescheuchter Rebhühner. Als Kowalski sah, daß alle seine Leute ihn verließen, wandte er sein Pferd und ritt den Laudaern entgegen. »Dort wartet meiner der Tod!« rief er. Aber kaum hatte er den halben Weg zurückgelegt, als in den Reihen Pan Zaglobas ein Schuß erscholl; eine Kartätsche flog pfeifend über den Wagen. Pan Rochs Gaul schwankte, stürzte und begrub den Reiter unter sich. Wohl an zwanzig Hände griffen nach dem sich erhebenden Pan Kowalski, der sich wie ein von Hunden verfolgter Bär wehrte und sich auf keinen Fall in die Hände des Feindes geben wollte. Schließlich verließen ihn die Kräfte, und er wurde ohnmächtig. In diesem Augenblicke befand sich Zagloba schon im Wagen und umarmte der Reihe nach seine früheren Mitgefangenen. »Ha,« schrie er laut, »so war Zagloba doch zu etwas nütze. Jetzt werden wir es dem Radziwill schon zeigen! Panowie, wir wollen uns aufmachen und die Güter und Keller Radziwills plündern! Ha, ha, so ist mir mein Plan doch gelungen! So oder so, aber befreit habe ich mich doch und euch alle auch. – Wohlauf, Panowie! gegen die Radziwills! Noch wißt ihr nicht alles, was geschehen!« Die weiteren Ergüsse Pan Zaglobas wurden durch die Laudaer unterbrochen, die hinzueilten, um ihren Obersten zu begrüßen. »Vivat! Vivat Pan Wolodyjowski!« riefen sie unaufhörlich. »Panowie,« sagte der kleine Ritter, als es um ihn herum etwas ruhiger geworden war, »liebe Kameraden, – ich danke euch allen für die Hilfe! – Es ist eine schreckliche Sache, daß wir dem Hetman den Gehorsam verweigern und gegen ihn die Hand erheben mußten; aber da sein Verrat augenfällig war, so blieb uns kein anderes Mittel. Nie wollen wir das Vaterland und unseren gnädigen König verlassen! Es lebe Jan-Casimir!« »Es lebe Jan-Casimir!« wiederholten an dreihundert Stimmen. »Auf, zu den Gütern Radziwills!« rief Zagloba. »Laßt uns in seine Speicher und Keller hineinsehen!« »Pferde für uns!« befahl der kleine Ritter. Die Soldaten liefen, um seinen Befehl auszuführen. »Pan Michail,« sagte Zagloba, »ich habe bis hierher Ihre Leute befehligt, jetzt aber sind Sie frei, und ich gebe das Kommando wieder in Ihre Hände zurück.« »Sei es, wie Sie sagen.« Pan Michail nahm den Stab aus Zaglobas Händen, ließ das Regiment sich formieren und ritt mit den Kameraden an seine Spitze. »Wohin wollen wir?« fragte Zagloba. »Die Wahrheit gesagt, weiß ich das selber nicht; ich habe es mir noch nicht überlegt,« entgegnete Pan Michail. »Aber wir müssen jetzt gleich beschließen, was wir tun sollen,« sagte Mirski. »Zuerst aber gestatten Sie mir, im Namen aller dem Pan Zagloba den besten Dank zu sagen, daß er unser nicht vergessen und uns alle aus der Gefangenschaft befreit hat.« »Seht ihr,« rief Zagloba und drehte wohlgefällig seinen Schnurrbart, »ohne mich wäret ihr alle in Birze. – Es ist nur gerecht, zuzugestehen, daß, wenn keiner mehr sich etwas Gescheites ausdenken kann, Zagloba doch noch immer was einfällt! – Wir haben uns oft in einem noch schlimmeren Schraubstock befunden. Pan Michail, entsinnen Sie sich noch, wie ich Sie gerettet habe, als ich mit Helene vor den Tataren floh, wie?« Pan Michail entsann sich sehr wohl der Sache; er hätte zwar erwidern können, daß er damals Zagloba und nicht Zagloba ihn gerettet habe; aber er zog es vor, zu schweigen. Der alte Schlachtschitz fuhr fort: »Sie brauchen mir nicht weiter zu danken, das ist überflüssig, Panowie. Heute leistete ich Ihnen einen Dienst, morgen Sie mir einen anderen. Ich bin froh, Sie alle befreit zu sehen, als wenn ich den größten Sieg erfochten hätte.« »Und haben Ihnen meine Leute gleich geglaubt?« »Ja, ohne weiteres. Ich hatte ja Ihren Ring, und dann hatten sie schon von Ihrer Gefangennahme und dem Verrat des Fürsten Kunde erhalten. Von den Bannern Mirskis und Stankiewicz' traf ich eine Abordnung, die den Laudaern vorschlug, gemeinsam gegen den verräterischen Hetman zu ziehen.« »Und woher haben Sie die Roßschweiffahne?« fragte Jan Skrzetuski. – »Wir glaubten von weitem, Sie wären der Hetman.« »Von wem ich die Fahne genommen habe? Pan Szczyt war gerade zu den Laudaern mit dem Befehle des Hetmans gekommen, daß die Laudaer nach Kiejdane marschieren sollten; der hatte der größeren Feierlichkeit wegen die Fahne bei sich. Ich ließ ihn natürlich gleich in Haft nehmen, und die Fahne hatte ich über mir tragen lassen, um bei einer Begegnung die Schweden zu täuschen.« »Wie Sie das alles so weise überlegt haben!« sagte Oskierka. »Ein wahrer Salomo,« fügte Stankiewicz hinzu. Pan Zagloba fühlte sich wie im siebenten Himmel. »Doch wir müssen jetzt endlich besprechen, was wir beginnen wollen,« sagte er. »Wenn ihr mir geduldig zuhören wollt, so werde ich euch sagen, was ich mir unterwegs zurechtgelegt habe. Gleich Radziwill anzugreifen, davon rate ich ab; denn er ist ein Hecht, und wir sind doch nur Barsche. Sollte er uns durch Zufall in seine Hände kriegen, so wartet unser eine solche Rache, daß alle Elstern Litauens ein rundes Jahr darüber schwatzen werden. – Seht nur, was in dem Briefe stand, den Kowalski für den schwedischen Kommandanten von Birze mit sich führte. – Ihr werdet den Pan Wojewod von Wilna kennen lernen, falls ihr ihn bisher noch nicht recht kanntet!« Zagloba holte den Brief heraus und gab ihn Mirski. »Eh! der ist ja deutsch oder schwedisch geschrieben,« sagte der alte Oberst. »Wer von euch kann das lesen?« Nur Stanislaus Skrzetuski verstand deutsch zu lesen, aber auch nur Gedrucktes. »Nun, das ist ja auch gleich,« sagte Zagloba, »ich werde euch die Hauptsache erzählen. In Upita ließ ich mir einen Juden an den Peiß herbeischleppen und befahl ihm, mir den Brief vorzulesen. Die Sache ist die: Der Hetman beauftragt den Kommandanten von Birze, den Konvoi wieder zurückzuschicken und uns der Reihe nach, ohne Aufsehen zu machen, zu Nutzen Seiner Majestät des schwedischen Königs zu erschießen.« – Die Obersten waren alle sprachlos und schlugen vor Erstaunen die Hände zusammen; Mirski allein war ruhig und sagte: »Ich habe mich schon genug darüber gewundert, daß er uns lebend aus Kiejdane herausgelassen hat. Er hatte sicherlich seine besonderen Gründe, daß er uns dort nicht zum Tode verurteilte.« »Wahrscheinlich fürchtete er die öffentliche Meinung!« »Vielleicht, doch wie die Sache auch sein mag; er ist wirklich ein ganzer Mann! Es ist noch nicht solange her, daß ich ihm das Leben rettete!« rief der kleine Ritter. »Und ich habe unter seinem Vater und ihm fünfunddreißig Jahre gedient,« sagte Stankiewicz. »Ein schrecklicher Mensch,« fügte Stanislaus Skrzetuski hinzu. »Diesem schrecklichen Menschen also wollen wir nicht in den Rachen kriechen,« fuhr Zagloba fort. »Wir wollen einem Kampfe mit ihm aus dem Wege gehen und dafür alle seine Güter, die wir unterwegs treffen, verwüsten. Wir gehen gerades Weges zum Witebsker Wojewoden und stellen uns unter seine Führung und seinen Schutz. Überall, wo wir Radziwills Güter plündern können, tun wir es und bringen alles dem Wojewoden Sapieha mit, der wird es gut gebrauchen können.« »Der Rat ist gut, ich wüßte keinen besseren,« stimmte Oskierka bei. »Einverstanden,« sprach Stankiewicz. »Ich auch,« pflichtete Pan Michail bei. »Auf zum Witebsker Wojewoden! Möge er uns der Führer sein, um den wir Gott baten!« Einige Zeit lang ritten die Ritter schweigend ihres Weges. Plötzlich begann der kleine Ritter, sich ganz unruhig auf seinem Sattel umherzudrehen. »Und wenn wir auf Schweden stoßen, werden wir mit ihnen kämpfen oder nicht?« fragte er unschlüssig die alten Kameraden. »Sicherlich,« antwortete Stankiewicz. »Radziwill hat den Schweden wahrscheinlich die Versicherung gegeben, daß er ganz Litauen in seinen Händen habe, und daß alle bereit seien, Jan-Kasimir zu verlassen. Es wäre doch nicht so übel, durch einen Kampf zu beweisen, daß dem nicht so ist.« »Ganz richtig,« erklärte auch Mirski. »Es wäre jedoch ratsam, uns nicht weit von Kiejdane ein wenig aufzuhalten, damit wir möglichst viele Leute um uns sammeln. Vermutlich werden vereinzelte Soldaten von meinem Banner und von Stankiewicz sich uns anschließen.« Mirski hatte mit seiner Annahme recht, und ebenso wie Pan Rochs Dragoner gingen viele von Radziwills Soldaten zu unseren Rittern über. Am Flusse Laweczy machten die Ritter Halt, um der Mannschaft etwas Ruhe zu gönnen. Als es dunkelte, drang der Schall einer fernen Glocke an die Ohren der Soldaten. »Was ist das?« fragte Zagloba. »Für die Abendglocke ist es doch schon zu spät.« Pan Wolodyjowski lauschte aufmerksam. »Dort läutet man Sturm,« sagte er ruhig. Pan Michail gab dem Trompeter ein Zeichen, und bald störten leise Trompetentöne die Stille des Waldes. Das Banner setzte sich in Bewegung. Aller Augen spähten nach der Seite, von der man ein immer stürmerischeres Läuten vernahm. Bald erschien am Horizonte ein heller Feuerschein. »Eine Feuersbrunst!« flüsterte Pan Michail und wandte sich zu Skrzetuski: »Das sind die Schweden!« »Eilen wir hinzu!« erwiderte Pan Jan. »Eigentümlich, warum haben sie Feuer angelegt?« »Wahrscheinlich haben die Bauern ihnen Widerstand geleistet.« »Wir werden ja sehen!« lächelte Pan Michail selbstgefällig. In diesem Augenblicke sprengte Zagloba zu ihm heran. »Pan Michail!« »Was gibt's?« »Ich fühle, es riecht nach schwedischem Blut. Es wird wohl einen Kampf geben, wie?« »Wie Gott will, wie Gott will!« »Und wer wird den Gefangenen bewachen?« »Welchen Gefangenen?« »Mich nicht – den Kowalski. Sehen Sie, Pan Michail, es ist sehr wichtig für uns, daß er nicht entkommt. Vergessen Sie nicht, daß der Hetman nichts von unserer Befreiung ahnt und nie etwas davon erfahren wird, wenn es Kowalski ihm nicht erzählt. Er muß von einem sicheren Mann bewacht werden, denn während des Kampfes kann er leicht Fersengeld geben.« »Ja, – Sie haben recht. Man muß jemand bei ihm zurücklassen. Wollen Sie das nicht übernehmen?« »Hm – 's ist schade um die schöne Schlacht! Aber es ist ja wahr, des Nachts und dann beim Feuerschein kann ich doch nichts Rechtes sehen. – Am Tage würden Sie mich nie dazu überreden können! – Und wenn das allgemeine Wohl es fordert, so will ich's tun.« »Schön, ich lasse Ihnen fünf Mann zur Hilfe zurück. Sollte er versuchen zu entfliehen, so schießen Sie ihn nieder.« »Er wird unter meiner Leitung weich wie Wachs werden, seien Sie unbesorgt. – Doch die Feuersbrunst nimmt mehr und mehr zu. – Wo soll ich mit Kowalski zurückbleiben?« »Wo Sie wollen. – Ich habe jetzt keine Zeit mehr,« sagte Pan Michail und ritt fort. Das Feuer verbreitete sich immer weiter. Ein frischer Wind führte mit dem Glockengeläute auch den Schall von Schüssen mit sich. »Trab!« kommandierte Pan Wolodyjowski. 4. Kapitel. Als die Ritter sich dem Dorfe näherten, mäßigten sie ihren Schritt. Vor ihnen lag eine breite Straße, die durch den Widerschein des Feuers hell erleuchtet war. Auf beiden Seiten der Straße brannten die Häuser und überschütteten die naheliegenden Gebäude mit Funkengarben. Menschliche Stimmen vermischten sich mit dem Gebrüll des Rindviehs, dem Geheul der Hunde und vereinzelten Schüssen. Pan Wolodyjowski bemerkte sogleich mehrere Reiter mit runden Hüten und hohen Stiefeln. Einige kämpften mit den Bauern, die sich mit Heugabeln und Dreschflegeln bewaffnet hatten; andere trieben Stiere, Kühe und Schafe aus den Ställen die Straße entlang; wieder andere konnte man kaum unter dem Berg von getötetem, noch im letzten Todeskampfe liegenden Geflügel erkennen, mit dem sie sich behängt hatten. Einige von ihnen sahen das herannahende Banner. Ein Soldat ritt zum Offizier und teilte ihm, mit der Hand auf Wolodyjowski weisend, etwas mit. Der Offizier gab ein Zeichen, und im gleichen Augenblick übertönte ein scharfer Trompetenstoß alle anderen Geräusche. Bald standen die Schweden in Schlachtordnung. »Nun feuert mal eine Kartätsche da hinein!« sagte der kleine Oberst. Der Schuß erfolgte, aber der Entfernung wegen verfehlte er sein Ziel. »Schießt noch einmal!« rief Wolodyjowski. Der schwedische Offizier gab auch einen Befehl; die Reiter zogen ihre Pistolen heraus. »Vorwärts!« kommandierte Wolodyjowski. Die Laudaer neigten sich tief auf die Halse ihrer Pferde und flogen wie der Wind vorwärts. Die Schweden ließen sie dicht herankommen und begannen dann, mit ihren Pistolen zu schießen, ohne den Reitenden, die durch die Hälse ihrer Pferde geschützt waren, besonderen Schaden zuzufügen. Nun griffen die Laudaer zu den Säbeln und drängten die Schweden, die mit ihren Rapieren die Hiebe der Laudaer abwehrten, zurück. Viele verwundete Schweden fielen zu Boden. Pan Wolodyjowski, der in der ersten Reihe focht, kämpfte so vorzüglich, daß um ihn herum ein schwedischer Hut nach dem anderen in die Tiefe tauchte. Die hart bedrängten Schweden gerieten in Verwirrung und fingen an, sich zu zerstreuen. Wolodyjowski suchte nach ihrem Offizier und fand ihn, sich gegen die wütenden Angriffe zweier Butryms verteidigend. »Fort!« rief er den Butryms zu. Die gehorsamen Soldaten sprangen zur Seite, und der kleine Ritter fiel über den Schweden her. Der Offizier wollte durch einen Hieb den Gegner vom Pferde stürzen, aber Pan Wolodyjowski zog mit Blitzesschnelle einen Halbkreis mit seinem Säbel, und das Rapier des Schweden flog in die Luft. Der Offizier bückte sich, um aus seiner Satteltasche die Pistole herauszuholen, aber im Gesicht verwundet, ließ er die Zügel fallen. »Leben lassen und gefangen nehmen!« rief Wolodyjowski den Butryms zu. Die beiden bemächtigten sich des Offiziers, und der kleine Oberst kämpfte weiter mit anderen Schweden. Der größere Teil mußte der in der Fechtkunst erfahrenen Laudaer Schlachta weichen. Viele übergaben den Laudaern ihre Rapiere und warfen mit dem Rufe »Pardon!« ihre Waffen zu Boden. So endigte der erste Zusammenstoß der Litauer mit den Schweden. – Während dieser Zeit mußte Pan Zagloba, der im Birkenwäldchen neben dem Wagen, in dem Pan Roch lag, Wache hielt, die bittersten Vorwürfe über sich ergehen lassen. »Sie haben mich ins Verderben gestürzt, Onkel. – In Kiejdane erwartet mich der Tod, und mein Name wird auf ewige Zeiten geschändet sein. Von nun an wird man jeden Dummkopf »Roch Kowalski« heißen.« »Und glaube mir, es wird sich kaum jemand finden, der dem widersprechen wird,« entgegnete Zagloba. »Der beste Beweis deiner Dummheit ist dein Erstaunen darüber, daß du dich von mir hast an der Nase herumführen lassen, von mir, der ich mit dem Chan der Krim wie mit einer Puppe spielte. Was hast du dir denn eigentlich gedacht, Unglücklicher? Glaubtest du, daß ich dir gestatten würde, uns nach Birze zu bringen, in den Rachen der Schweden, – uns, die größten Männer der Republik?« »Ich habe sie doch nicht aus eigenem Antriebe hingefahren!« »Aber du warst ein Henkersknecht, pfui! eine schimpfliche Rolle für einen Edelmann.« »Ich habe dem Hetman gedient.« »Und der Hetman – dem Teufel! Da hast du es! Du bist dumm, Roch, merke dir das ein für alle Male. Tritt niemals in Diskussionen ein. So du dich aber an meinen Rockschößen halten wirst, so wirst du Karriere machen. Auf diese Weise ist schon mehr als einer ein vernünftiger Mensch geworden.« Von der Ferne her ertönten Schüsse herüber: die Schlacht im Dorfe hatte begonnen. »Dort ist Pan Michail schon bei der Arbeit,« sagte Pan Zagloba. »Er ist nur klein, aber bissig wie eine Schlange. Er wird diese überseeischen Teufel aushülsen wie Erbsen. Ich möchte wohl gerne dabei sein; aber deinetwegen muß ich hier sitzen und dem Widerhall des Kampfes untätig zuhören. Das ist deine Dankbarkeit! Ziemt es sich, einen alten Verwandten so zu behandeln?« »Und wofür sollte ich denn dankbar sein?« »Dafür, daß es dem Verräter nicht gelungen ist, dich wie einen Stier einzuspannen, obwohl du dich dazu am allerbesten eignest; denn du bist dumm und stark, verstehst du? He? Dort hinten, da entbrennt der Kampf immer hitziger, hörst du? Dort brüllen die Schweden wie Kühe auf der Weide.« Plötzlich blickte Zagloba Pan Roch durchdringend an und fragte ihn: »Wem wünschest du den Sieg?« »Natürlich den unsrigen!« »Siehst du, und warum nicht den Schweden?« »Weil ich es vorziehen würde, sie zu bekämpfen. Die unsrigen bleiben eben die unsrigen.« »Hm, in dir erwacht das Gewissen. – Wie aber wolltest du deine Stammgenossen den Schweden ausliefern?« »Ich habe doch den Befehl erhalten.« »Aber jetzt hast du keinen solchen Befehl mehr.« »Jetzt nicht.« »Dein Vorgesetzter ist jetzt Pan Wolodyjowski.« »Wieso denn eigentlich?« »Nun, du mußt doch jetzt den Befehlen Pan Wolodyjowskis gehorchen.« »Gut.« »Er wird dir zu allererst befehlen, dich von Radziwill loszusagen und dem Vaterlande zu dienen.« »Wieso denn?« wiederholte Pan Roch und kratzte sich am Hinterkopf. »Weil er's befiehlt,« schrie Zagloba ihn an. »Ich gehorche,« antwortete Pan Roch. »Gut also, du wirst bei der ersten Gelegenheit die Schweden verhauen!« »Befehl ist Befehl,« entgegnete Pan Kowalski und holte tief Atem, als wenn er sich von einer ungeheuren Last befreit fühlte. Zagloba war auch zufrieden; denn er hatte mit dem Pan Roch seine besonderen Absichten. Sie begannen dem zu ihnen dringenden Schall des Gefechtes zu lauschen, bis alles still wurde. Zagloba wurde immer unruhiger. »Was, wenn man sie geschlagen hat?« »Sie, Onkel, ein alter Soldat, und sagen solche Torheiten. Hätte man sie geschlagen, so würden sie vereinzelt zurückkommen.« »Das ist wahr, Roch. Ich merke, daß auch dein Geist zu etwas taugt.« »Hören Sie die Hufschläge? Sie kommen zurück, sie werden wohl die Schweden besiegt haben.« »Und was, wenn das nicht die unsrigen sind? Soll ich ihnen nicht entgegenreiten?« Pan Zagloba nahm seine Pistole zur Hand und ritt dem Dorfe zu. Bald sah er eine dunkle Masse auf sich zukommen. Die Soldaten an der Spitze unterhielten sich laut, er hörte Pan Michails Stimme: »Großartige Kerle! Ich weiß nicht, wie die Infanterie ist, aber ihre Reiterei ist prächtig!« Zagloba gab seinem Pferde die Sporen. »Nun, wie? was? Ich brannte schon vor Ungeduld, und wollte euch am liebsten zur Hilfe eilen! Ist niemand verwundet?« rief er den Ankommenden entgegen. »Alles gesund, Gott sei Dank!« antworte Pan Michail. »Aber zwanzig Soldaten haben wir doch verloren.« »Und die Schweden?« »Fast alle getötet!« »Haben Sie viele Gefangenen mit sich?« »Einen Rittmeister und sieben Soldaten.« »Und was wollen Sie mit ihnen tun?« »Ich will sie aufknüpfen lassen, weil sie wie Raubmörder ein armes Dorf überfallen und die Einwohner niedergemetzelt haben; aber Jan rät, es nicht zu tun.« »Hört nur, was mir eingefallen ist. Wir wollen sie nicht hängen, sondern sie sich nach allen vier Seiten zerstreuen lassen.« »Und warum das?« »Bisher kennt Ihr mich nur als Soldaten, jetzt sollt Ihr mich auch als Diplomaten kennen lernen. Die Schweden lassen wir laufen und sagen ihnen, wir seien Anhänger Radziwills und hätten auf Befehl des Hetman gehandelt, und würden mit allen Schweden, denen wir begegnen, ebenso verfahren; denn der Hetman sei nur zum Schein auf die Seite der Schweden getreten. Auf diese Weise werden wir den Kredit des Hetman erschüttern, das wird ein Schreckschuß nach zwei Seiten sein. – Birze ist von Kiejdane weit entfernt, und die Sache wird sich nicht so bald aufklären. Wir veruneinigen die Verräter mit den Raubmördern, Panowie, und die Republik wird daraus den Vorteil ziehen.« »Der Rat ist gut,« sagte Stankiewicz. »Natürlich muß es so gemacht werden,« fügte Pan Michail hinzu. »Ich werde sie morgen früh frei lassen; denn heute bin ich furchtbar ermüdet und will von nichts mehr wissen. Der Offizier könnte so wie so nicht reiten, er ist ja im Gesicht verwundet.« »Wie aber werden wir uns mit ihnen verständigen?« fragte Skrzetuski. »Ich habe schon daran gedacht. Kowalski sagte mir, daß unter seinen Leuten zwei Preußen wären. Die werden den Schweden das alles auseinandersetzen. Soviel deutsch werden sie schon verstehen, sie waren ja mehrere Jahre in Deutschland. Kowalski ist uns übrigens sehr ergeben; er wird uns noch gute Dienste leisten.« »Gut,« sagte Wolodyjowski, »so soll einer von euch das übernehmen. Ich bin jetzt für nichts mehr zu gebrauchen. Wir werden bis morgen hier im Walde bleiben, Essen wird man uns aus dem Dorfe herbringen, und jetzt laßt uns schlafen!« »Nicht weit von hier steht eine Miete,« sagte Zagloba. »Gehen wir hin und legen uns dort schlafen. – In diesen Wald kommen wir erst dann wieder, wenn wir mit Pan Sapieha gegen Radziwill losziehen.« 5. Kapitel. In Litauen wütete der innere Krieg und machte das Unglück des Landes voll, das schon unter dem Überfall zweier Feinde litt. Das litauische reguläre Heer, schon so wie so nicht groß an Zahl, zerteilte sich in zwei Lager. Ein Teil, und zwar zumeist die ausländischen Truppen, blieben Radziwill treu. Der andere erklärte den Fürsten für einen Verräter und protestierte mit den Waffen in der Hand gegen das Bündnis mit den Schweden. So herrschte in ganz Litauen ein furchtbarer Wirrwarr. Radziwill, der sich in seinen Hoffnungen, in betreffs des Heeres, arg getäuscht sah, entschloß sich, die Regimenter mit Gewalt zum Gehorsam zu zwingen. Pan Wolodyjowski befand sich nach dem Gefechte beim Dorfe Klawany in Poniewiez, als zu ihm die Nachricht drang, daß die Banner von Mirski und Stankiewicz völlig vernichtet seien. Einen Teil dieser Banner hatte Radziwill mit Gewalt seinem Heere einverleibt, andere hatte er niedermetzeln lassen, und wieder andere liefen in alle Welt zerstreut als Flüchtlinge umher. Sie verbargen sich in Wäldern und Dörfern, vor der Rache und Verfolgung des Hetman Schutz suchend. Täglich vermehrte sich Pan Michails Banner durch solche Flüchtlinge, die allerlei Nachrichten mit sich brachten. Die wichtigste war die von der Meuterei der regulären Truppen, die in Podlachien um Bialystok und Tykocin standen. Diese Truppen, die nach der Besetzung Wilnas durch die Moskowiter die Grenzen der Kronprovinzen schützen sollten, schlossen, sobald sie vom Verrate des Hetman hörten, eine Konföderation, an deren Spitze die beiden Obersten Horotkiewicz und Jacob Kmicic standen. Dieser letztere war ein Onkel des treuesten Parteigängers Radziwills, Andreas Kmicic, dessen Namen man überall mit Haß und Abscheu aussprach; denn er trug die Hauptschuld an dem Untergange der Banner Mirskis und Stankiewicz', da er alle Gefangenen erbarmungslos hatte erschießen lassen. Der Hetman vertraute ihm blindlings und hatte ihn auch gegen das aufständische Banner Niewiarowskis entsandt. Angesichts dieser Lage berief Pan Wolodyjowski seine Kameraden zu einer Beratung zusammen. »Was meint ihr, Panowie, wenn wir jetzt anstatt zum Witebsker Wojewoden zu marschieren, nach Podlachien zu den Konföderierten gehen würden?« »Sie haben mir das sozusagen aus dem Munde genommen,« meinte Zagloba. Auch Oskierka und Stankiewicz pflichteten diesem Vorschlage bei. »Es ist keine leichte Sache,« sagte der kleine Ritter. »Um nach Podlachien zu gelangen, müssen wir direkt an der Nase des Hetman vorbeischlüpfen, aber wir wollen es trotzdem versuchen.« Pan Wolodyjowski hatte recht geurteilt; es war durchaus nicht so einfach, nach Podlachien zu kommen. Die Straßen und Waldwege, Dörfer und Städte ringsherum waren von den Truppen Radziwills besetzt. Unweit von Kiejdane stand Kmicic mit einem Teile der Infanterie und Artillerie. Der Hetman, der schon von der Flucht der Obersten, dem Abfall des Wolodyjowskischen Banners und von dem Gefecht bei Klawany gehört hatte, erstickte fast vor grimmigem Zorn gegen die aufrührerischen Anführer. Und er hatte Grund genug, verzweifelt zu sein. Dieses unselige Gefecht hatte ihn in eine äußerst unangenehme Situation gebracht. Denn die Bauern und die Schlachta, ermutigt durch Wolodyjowskis Sieg, fingen an, kleine schwedische Abteilungen abzufangen und zu vernichten. Und all dieses Unheil schrieben die Schweden auf Radziwills Rechnung. Der Fürst erhielt vom Kommandanten von Birze einen unwilligen Brief, und einige Tage später schrieb ihm Paulus de la Gardie, der Höchstkommandierende der schwedischen Armee, folgende Zeilen: »Entweder haben Euer Durchlaucht wirklich keine Macht und Bedeutung, oder Sie wollen verräterischerweise das königliche Heer ins Verderben stürzen. Wenn dem so ist, so werden Sie bald hart bestraft werden, es sei denn, daß Sie schnell durch treue Dienste Ihre Schuld gutmachen und Ihre Ergebenheit beweisen.« Radziwill schickte sofort einen Boten mit einer Erklärung zum schwedischen Kommandanten; aber die Eigenliebe des stolzen Magnaten war stark verletzt. Er, dessen Wort noch unlängst Gesetz für dieses Land war, der sich dem Monarchen ebenbürtig erachtete, mußte jetzt Drohungen und Belehrungen über sich ergehen lassen. Die ganze Fülle seines Zornes richtete sich gegen die Urheber dieser Demütigung, gegen Wolodyjowski und seine Kameraden. Er schwor sie zu vernichten, und begann sie rastlos zu verfolgen. Als der Fürst hörte, daß Kmicic das Banner Niewiarowskis vernichtet und einen Teil der Gefangenen in sein Banner einverleibt hatte, forderte er ihn auf, ihm sofort einen Teil seiner Soldaten nachzuschicken. »Die Obersten,« so schrieb er, »für deren Rettung du so gebeten, sind während ihrer Verschickung nach Birze entflohen. Diesen Treulosen werde ich es verdanken, wenn meine ganze Sache verloren geht. Hättest du sie nicht beschützt, so hätte ich sie, bei Gott, alle köpfen lassen. Nun müssen wir unsere Barmherzigkeit schwer büßen. Zwar hoffe ich, daß ich sie bald einfangen und der gerechten Strafe ausliefern werde. – Da Gerüchte zu mir gedrungen sind, daß sich die Schlachta in Billewicze beim Rosiener Miecznik versammelt und eine Verschwörung gegen uns anzettelt, so ist es Zeit, daß du dich mit einigen Dragonern nach Billewicze begibst und den Miecznik nebst seiner Verwandten hierher holst. Wenn ich die in Händen habe, so ist mir das ganze Laudagebiet sicher, das nach Wolodyjowskis Beispiel zu rebellieren anfängt. Schicke mir die Kavallerie her, die Infanterie lasse zum Schutze des Schlosses in Kiejdane. – Dir stets wohlgeneigt bleibend, empfehle ich dich der Gnade Gottes.« Als Kmicic den Brief gelesen hatte, war er sehr froh, daß es den Obersten gelungen war, sich aus den Händen der Schweden zu befreien. Er führte alle Befehle des Fürsten aus und ließ vor seiner Abreise nach Billewicze Wälle zum Schutze des Schlosses und der Stadt aufwerfen. Während dessen setzte der Hetman die Verfolgung der entflohenen Obersten fort. Wolodyjowski und seine Soldaten befanden sich in einer höchst bedenklichen Lage: Aus Birze zogen ihnen große Abteilungen schwedischer Truppen entgegen; im Osten standen die Regimenter des Zaren, und auf der Kiejdaner Straße wartete ihrer der Hetman. Pan Zagloba war sehr unzufrieden und wandte sich stündlich an Wolodyjowski mit der Frage: »Wie wird es werden? – Werden wir uns durchschlagen oder nicht?« »Daran kann kein Gedanke sein!« antworte Wolodyjowski. »Sie wissen, ich bin kein Feigling und nehme es selbst mit dem Teufel auf, aber gegen den Hetman können wir nicht aufkommen. Ich werde alles tun, um uns aus dieser Lage herauszubringen, kommt es aber zum Kampfe, so sind wir verloren.« »Und dann wird er uns aufknüpfen und den Hunden vorwerfen lassen. – Wäre es nicht ratsamer, uns jetzt zu dem Pan Sapieha zu begeben?« »Dazu ist es schon zu spät; die Schweden versperren uns den Weg.« Pan Michail aber verlor trotzdem nicht die Hoffnung. Die Schlachta und die Bauern der Umgegend trugen ihm alle Bewegungen des Hetman zu, denn sie waren alle gegen den Fürsten aufgebracht. Der kleine Oberst hoffte, sich und die Soldaten durch eine Kriegslist zu retten. Als Kmicic' Reiterei noch die Truppen des Hetman verstärkte, war für Wolodyjowski kein Entrinnen mehr möglich. Er befand sich inmitten eines Halbkreises, den die feindlichen Truppen um ihn gezogen hatten, und der auf der anderen Seite durch einen Fluß begrenzt wurde. Immer enger zog sich die feindliche Armee um ihn zusammen, deren Zentrum der Hetman selbst anführte. Da verhinderte ein Orkan und ein furchtbarer Gewitterregen bei hereinbrechender Nacht den weiteren Vormarsch des Hetman. Am anderen Morgen, als der kaum dämmernde Tag die Gegend etwas beleuchtete, setzten sich die fürstlichen Truppen wieder in Bewegung. Sie gelangten an den Fluß und blieben starr vor Staunen stehen. Pan Wolodyjowski und seine Soldaten waren wie vom Erdboden verschwunden. Auf der ganzen umliegenden Wiese, die spärlich mit Gestrüpp bedeckt war, sah man keine lebende Seele. Der Hetman selbst geriet außer sich; ein Unwetter ergoß sich über die Offiziere, die das Flußufer zu bewachen hatten. Und Fürst Radziwill bekam einen seiner gefürchteten Asthma-Anfälle, die stets seinem Leben ein Ende zu setzen drohten. – Aber was half's, Wolodyjowski und sein Banner waren verschwunden. – Es stellte sich heraus, daß sie die Nacht und den Gewittersturm benutzt hatten und solange stromabwärts geschwommen waren, bis sie den rechten Flügel des Radziwillschen Heeres umgehen konnten. Aus den hinterlassenen Spuren sah der Fürst, daß der kleine Ritter die Richtung nach Kiejdane eingeschlagen hatte, und er schloß daraus, daß er sich mit Horotkiewicz und Jacob Kmicic vereinigen werde. »Würde Wolodyjowski an Kiejdane vorbeiziehen, ohne die Stadt anzuzünden und das Schloß zu plündern?« Eine schreckliche Furcht für das Schicksal Kiejdanes schnürte das Herz des Fürsten zusammen: Der größte Teil seiner Geldmittel und Preziosen befand sich in Kiejdane. Auf jeden Fall mußte er eilen, Kiejdane zu retten. In rasender Hast stürmte der Fürst an der Spitze seiner Truppen nach Kiejdane zu. Als er dort anlangte, fand er zwar Kmicic nicht mehr vor; aber er sah mit Freuden die aufgeworfenen Schanzen und die aufgestellten Kanonen, die bei einem Überfall dem Schlosse einen großen Schutz gewähren mußten. Er besichtigte alles in Begleitung Ganchoffs und äußerte sich sehr zufrieden über Kmicic: »Ohne meinen Befehl hat er dieses Schloß verschanzt, daß es gut eine Zeitlang einem Artillerieangriff standhalten kann. Wahrlich, wenn dieser Mensch sich nicht früh das Genick bricht, so wird er es noch weit bringen.« Und noch einen gab es, dem der Fürst widerwillig und mit verhaltener Wut seine Bewunderung nicht versagen konnte. Dieser Mann war Pan Michail Wolodyjowski. »Ich würde diese Rebellion schnell im Keime erstickt haben, wenn mir auch dieser Wolodyjowski treu geblieben wäre,« sagte er zu Ganchoff. »Kmicic ist vielleicht geschickter, aber er hat nicht die Erfahrung. Jener war in der Schule Jeremias und hat die Kämpfe mit den Kosaken und Tataren mitgemacht.« 6. Kapitel. Nachdem Kmicic Kiejdane befestigt und vor einem unerwarteten Überfall genügend gesichert hatte, konnte er seine Fahrt nach Billewicze nicht mehr aufschieben. Es war dem Pan Andreas nicht ganz Wohl zumute, als er sich an der Spitze von fünfzig Dragonern auf den Weg machte. Eine nicht zu bekämpfende Unruhe und das Gefühl, einer gewissen Niederlage entgegenzufahren, beschlich ihn. Er wußte, daß man ihn dort nicht freundlich empfangen würde und zitterte vor dem Gedanken, daß der Schlachtschitz ihn durch seinen Widerstand zwingen würde, seine Zuflucht zu Gewaltmaßregeln zu nehmen. Er war fest entschlossen, dem Miecznik zuerst nur gut zuzureden und ihn zu bitten und nichts unversucht zu lassen, damit er freiwillig nach Kiejdane mitkomme. Um seiner Ankunft das Aussehen eines bewaffneten Überfalles zu nehmen, ließ er seine Dragoner in einer unweit von Billewicze gelegenen Schenke zurück und ritt, nur von einem Wachtmeister und einem Diener begleitet, vor das Herrenhaus. Eine bereit gehaltene Kalesche sollte ihm langsam folgen. Die Sonne war schon merklich im Sinken, und in dem klaren Blau des Himmels schwammen vereinzelt kleine rosige Wölkchen, als Kmicic klopfenden Herzens durch das Dorf ritt. Gleich am Ende des Dorfes stand das Gutshaus, das alte Nest der Billewicz', hinter dem sich große und mit alten Bäumen bewachsene Gärten ausdehnten. Kmicic mäßigte seinen Schritt und betrachtete gedankenvoll die sich vor ihm erhebenden Gebäude. Dem Herrenhaus, das aus vom Alter tief schwarz gewordenen Fichtenstämmen erbaut war, schlossen sich zwei sehr lange Seitenflügel an, in denen sich die Zimmer für die Gäste, die Küchen, Wohnräume der Dienerschaft, Speicher und Pferdeställe befanden. Die Front des Hauptgebäudes zierte eine Veranda, die mit dem Wappen der Billewicz' geschmückt war, das auffälligerweise nicht in der Mitte, sondern an einer Seite angebracht war. Kmicic ritt zögernd durch das weit geöffnete Tor. Mitten auf dem Hofe wuchsen zwei Linden, in denen Störche ihre Nester gebaut hatten. An der einen Linde lag ein Bär angekettet. An der Einfahrt zum Hofe stand ein Kruzifix, und zwei Brunnen an den Seiten des Hofes vervollständigten das Bild der Wohnstätte eines wohlhabenden Schlachtschitzen. Die Hunde, die sich im Hofe umhertrieben, begannen bei der Ankunft des Fremden zu bellen, und mehrere Diener stürzten herbei, um die Pferde in Empfang zu nehmen. Gleichzeitig erschien in der Tür des Herrenhauses eine weibliche Gestalt. Kmicic erkannte sogleich Panna Alexandra, – sein Herz begann stark zu klopfen. Er warf einem Diener die Zügel zu und ging, in der einen Hand den Säbel, in der anderen seine Mütze haltend, auf das Haus zu. Panna Alexandra, die mit der Hand ihre Augen vor den blendenden Strahlen der sinkenden Sonne schützte, stand einen Augenblick still, dann, wie entsetzt durch den Anblick des nahenden Gastes, verschwand sie plötzlich. »Schlimm,« dachte Kmicic, »sie flieht mich!« Ein Gefühl der Bitterkeit und Enttäuschung stieg in ihm auf; tief im Innern hatte er doch gehofft, daß sie ihn mit vor Freude glänzenden Augen und geröteten Wangen empfangen werde. Anstatt Panna Alexandra trat ihm der Miecznik mit unruhigem und finsterem Gesicht entgegen. Kmicic verbeugte sich tief. »Schon längst wollte ich Ihnen meine Ehrfurcht bezeugen; aber bei den jetzigen unruhigen Zeiten wird es einem beim besten Willen schwer, eine freie Minute zu finden.« »Ich bin Ihnen sehr dankbar, daß Sie gekommen sind. Bitte, treten Sie hier ein,« antwortete der Miecznik und fuhr mit der Hand durch sein Haar, eine Bewegung, die er nur in Augenblicken der Unzufriedenheit und Verlegenheit machte. Kmicic wollte zuerst nicht näher treten, aber schließlich mußte er doch nachgeben. Es entstand ein Augenblick verlegenen Schweigens. Pan Andreas begann stark das Unangenehme seiner Lage zu fühlen. Der Pan Miecznik aber fuhr fort, mit der Hand sein Haar zu glätten. »Würden Sie nicht ein Glas Met trinken?« fragte er endlich und zeigte auf einen gefüllten Krug und mehrere bereit stehende Gläser. »Ich bitte sehr!« »Mit Vergnügen, Pan Miecznik,« antwortete Kmicic. »Wie steht es bei Ihnen in Kiejdane?« erkundigte sich der Miecznik aus Höflichkeit. »Wie geht es dem Pan Hetman?« »Nicht sehr gut,« antwortete Kmicic. »Wie sollte das auch anders sein, bei diesen unruhigen Zeiten. – Der Fürst hat viel Gram und Kummer. Nachdem er sich der Beihilfe Seiner Majestät des schwedischen Königs versichert hatte, hoffte er gemeinsam gegen den Feind ziehen zu können, um den Brand von Wilna zu rächen. Sie wissen ja, Wilna ist jetzt eine Ruine: siebzehn Tage hat dort die Feuersbrunst gewütet. Doch die Rebellen haben ihn daran gehindert. Anstatt mit dem Fürsten vereint gegen den Feind zu ziehen, haben sie ihn in seinen edlen Bestrebungen gehindert. Kein Wunder, wenn die Gesundheit des Pan Hetman leidet. In seinen besten Freunden sah er sich getäuscht. Diejenigen, auf die er am meisten gerechnet hatte, haben ihn verlassen, – oder sind gar auf die Seite der Feinde übergegangen.« »Ja – ja,« sagte gewichtig der Miecznik. »Das ist alles sehr traurig,« fuhr Kmicic fort. »Der Fürst hat auch Sie, Pan Miecznik, für den er eine besondere Ehrfurcht hegt, in Verdacht, daß Sie sich zu seinen Feinden zählen. Hätte der Fürst Zeit, er wäre gerne jetzt selbst zu Ihnen gekommen.« »Zuviel Ehre!« erwiderte der Miecznik. »Oh! sagen Sie das nicht! Nachbarn besuchen sich doch gern gegenseitig. Aber der Fürst hat keine freie Minute, daher gab er mir den Auftrag hierher zu fahren: »Sage dem Pan Billewicz, daß ich selbst keine Zeit habe, ihn aufzusuchen und fordere ihn auf, auf jeden Fall mit seiner Nichte zu mir zu kommen, unverzüglich; denn morgen schon weiß ich nicht, wo ich sein werde.« Dies waren seine Worte. Und ich freue mich, daß ich Sie beide in guter Gesundheit angetroffen habe und Ihnen diese Einladung überbringen konnte. Panna Alexandra, die ich vorhin einen Augenblick sah, läßt sich gar nicht mehr blicken.« »Ich fühle mich sehr geschmeichelt,« sagte der Miecznik, »aber, gleich hinkommen, das kann ich nicht. – Bitte, entschuldigen Sie mich beim Fürsten.« »Wenn der Fürst auffordert, so darf man nicht ablehnen.« »Sie wollen mich also zwingen?« fragte der Miecznik. »Pan Miecznik,« begann Kmicic lebhaft, »ich möchte Ihnen gegenüber nicht Gewalt gebrauchen, ich bitte Sie gehorsamst, führen Sie den Willen des Fürsten aus! – Ich stehe im Dienste und habe den Befehl, Sie nach Kiejdane zu bringen. Aber solange ich noch hoffen kann, Sie durch Bitten dazu zu bewegen, will ich nicht aufhören zu bitten. – Ich schwöre Ihnen, daß Ihnen kein Haar dort gekrümmt wird. Der Fürst will Sie sprechen; er will, daß Sie sich in Kiejdane aufhalten. Sie wissen ja selbst, daß die Bauern in der Umgegend plündernd umherziehen; dort aber werden Sie sicher sein. Man wird Sie mit allen Ehren aufnehmen wie einen Gast und Freund, darauf gebe ich Ihnen mein Ritterwort.« »Als Edelmann protestiere ich dagegen, das Recht steht auf meiner Seite. – Das ist die größte Vergewaltigung, das heißt, die Freiheiten und Privilegien des Adelstandes verletzen!« rief der Miecznik mit erhöhter Stimme. »Niemand wird Sie zwingen, wenn Sie freiwillig kommen,« entgegnete Kmicic. »Sehen Sie, meine Dragoner habe ich vor dem Dorfe zurückgelassen und bin allein hierher gekommen, um Sie zu bitten, wie ein Nachbar den anderen. Der Fürst wird sich noch persönlich bei Ihnen entschuldigen.« »Wie kann ich Ihnen glauben, wenn Sie die würdigsten Staatsbürger Litauens ins Gefängnis geworfen haben?« Kmicic atmete erleichtert auf, augenscheinlich begann der Miecznik in seinem Entschluß schwankend zu werden. »Pan Miecznik,« begann er fast heiter, »gute Nachbarn bedienen sich oft sanfter Gewalt, die freundschaftlichen Gefühlen entspringt. Wenn Sie zum Beispiel der Kalesche eines teuren Gastes die Räder abnehmen lassen, ist das keine Vergewaltigung. Und, hören Sie, selbst wenn ich gezwungen gewesen wäre, Sie gebunden nach Kiejdane zu transportieren, so wäre das alles nur in Ihrem eigenen Interesse geschehen. – Der Fürst will nichts als Ihre persönliche Sicherheit. Eine fürstliche Abordnung wird Ihr Hab und Gut hier hüten wie den eigenen Augapfel.« Der Miecznik begann auf und ab zu gehen. »Kann ich Ihren Worten glauben?« Kmicic wollte antworten, als sich die Tür öffnete und Panna Alexandra ins Zimmer trat. Der junge Ritter sprang auf und wollte ihr entgegeneilen, aber ihr kaltes, abweisendes Gesicht fesselte ihn an seinen Platz. Er beschränkte sich darauf, sich schweigend tief zu verneigen. »Wir sollen nach Kiejdane übersiedeln,« sagte der Miecznik. »Und wenn wir es nicht freiwillig tun, so hat dieser Ritter den Befehl, uns mit seinen Dragonern zu umzingeln und uns mit Gewalt fortzuführen.« »Habe ich Ihnen nicht vorausgesagt, Onkel, daß man uns hier nicht in Ruhe lassen wird, und daß wir möglichst weit fort fliehen sollten? Aber freiwillig werden wir nicht das Haus des Verräters betreten. – Mögen uns diese Raubmörder mit Gewalt fortführen! – Wir sind nicht die Einzigen, die den Verfolgungen des Abtrünnigen ausgesetzt sind, nicht uns allein wird seine Rache treffen. – Aber mag er wissen, daß wir tausendmal lieber den Tod erleiden wollen als diese Schmach!« Und zu Kmicic gewandt, sprach sie mit dem Ausdrucke der größten Verachtung: »Greifen Sie uns doch, Pan Offizier oder Pan Henker; binden Sie uns an Ihre Pferde fest, anders werden Sie uns nicht fortschaffen!« Das Blut stieg Kmicic zu Kopfe. Einen Augenblick schien es, als wenn er in fürchterlichen Zorn ausbrechen würde, aber es gelang ihm, sich zu bezwingen. »O, Panna!« sprach er mit dumpfer Stimme, »Sie haben keinen Funken Mitleid mit mir, wenn Sie mich einen Straßenräuber, einen Henker heißen. Gott möge richten, wer von uns beiden im Rechte ist: Ich, der ich dem Hetman diene, oder Sie, die Sie mich so schwer und unverdient beleidigen! – Sie überschreiten jede Grenze! – Ich schwöre, Sie überschreiten jede Grenze!« »Sie spricht recht so,« rief der ermutigte Miecznik. »Wir rühren uns freiwillig nicht von der Stelle!« Aber Kmicic beachtete ihn gar nicht: so tief war er erschüttert und aufgeregt. »Sie haben mich,« fuhr er zu Alexandra gewandt fort, »einen Verräter genannt, Sie haben mich verurteilt, ohne mich anzuhören, ohne mir ein Wort zu meiner Verteidigung zu gestatten. – Schön, mag es so sein! – Aber nach Kiejdane werden Sie doch mitkommen, – mit oder ohne Ihren Willen, das ist gleich! Dort werden Sie meine Beweggründe kennen lernen; dort werden Sie erfahren, ob Sie mich gerecht verurteilt haben. Und Ihr Gewissen wird Ihnen sagen, wer von uns hier der Henker ist: dies sei meine Rache. Eine andere Rache will ich nicht!« »Wir fahren nicht!« sagte entschlossen der Miecznik. In diesem Augenblicke hörte man von draußen her das Aufschlagen vielzähliger Pferdehufe. »Panna! In drei Minuten müssen Sie in der Kalesche sitzen, sonst wird Ihr Onkel erschossen!« sagte Kmicic. Mehr und mehr nahm ein wilder Zorn von seiner Seele Besitz. »Auf den Weg!« brüllte er mit donnernder Stimme, so daß die Fensterrahmen erzitterten. Aber gleichzeitig wurde die Flurtüre leise geöffnet, und eine fremde Stimme fragte: »Und wohin denn eigentlich, Pan Ritter?« Die Augen aller wandten sich zur Türe. An der Schwelle stand ein kleiner Mann im Panzer mit gezogenem Säbel in der Rechten. Kmicic wankte wie vor einer schrecklichen Vision zurück. »Pan – Wolo-dyjowski!« rief er. »Zu Diensten,« antwortete der kleine Ritter und trat mehrere Schritte vor. Ihm folgten: Mirski, Zagloba, beide Skrzetuskis, Oskierka und Roch Kowalski. »Wer ihr auch sein möget, Pan Ritter,« begann der Miecznik, »rettet einen Staatsbürger, den man ungeachtet seiner Stellung und seines Rechtes arretieren und fortführen will. Panowie, tretet für die Freiheiten der Schlachtschitzen ein!« »Fürchten Sie nichts!« antwortete Pan Wolodyjowski, die Dragoner dieses Ritters sind gefesselt, und er selbst bedarf mehr als Sie der Hilfe.« »Und eines Beichtvaters,« setzte Zagloba hinzu. »Nun,« wandte sich Wolodyjowski an Kmicic, »Pan Ritter, es scheint, Sie haben kein Glück mit mir. Zum zweiten Male schon verlege ich Ihnen den Weg. – Sie haben gewiß nicht erwartet, mich hier zu sehen.« »Nein,« entgegnete Kmicic, »ich glaubte Sie in den Händen des Fürsten.« »Ich bin Gott Lob diesen Händen entschlüpft. Das aber ist eine andere Sache und gehört nicht hierher. – Als Sie zum ersten Male diese Panna entführten, habe ich Sie zum Zweikampf herausgefordert, – ist das wahr?« »Es ist wahr,« sagte Kmicic und faßte unwillkürlich an seinen Kopf. »Jetzt aber steht die Sache ganz anders. – Jetzt sind Sie nicht mehr wert, daß sich ein anständiger Mann mit Ihnen schlägt.« »Und warum?« fragte Kmicic und sah mit stolz erhobenem Kopfe Wolodyjowski fest in die Augen. »Weil Sie ein Verräter und Renegat sind, weil sie Tausende von Soldaten niedermetzelten, die dem Vaterlande treu blieben; weil durch Ihre Schuld dieses unglückliche Land unter der Last eines neuen Joches stöhnt! Kurz, machen wir schnell dem ein Ende! Wählen Sie, auf welche Weise Sie zu sterben wünschen! Ich schwöre zu Gott, Ihre letzte Minute ist gekommen!« »Mit welchem Rechte wollen Sie über mich zu Gericht sitzen und mich hinrichten?« fragte Kmicic. »Pan,« sagte Zagloba ruhig, – »beten Sie lieber, anstatt nach unseren Rechten zu forschen. Wenn Sie was zu Ihrer Verteidigung zu sagen haben, so beeilen Sie sich. Wie ich gehört habe, hat diese Panna Sie schon einmal aus den Händen Wolodyjowskis freigebeten. Aber nach allem, was Sie darauf getan haben, wird auch sie sich Ihrer nicht mehr erbarmen.« Unwillkürlich richteten alle ihre Blicke auf Alexandra, deren Gesicht kalt und bleich, wie aus Marmor gemeißelt war. Sie stand unbeweglich, mit gesenkten Augen und sagte kein einziges Wort. Einen Augenblick herrschte tiefe Stille; plötzlich hörte man Kmicic' Stimme: »Ich bitte diese Panna, nicht für mich einzutreten!« Panna Alexandra schwieg. »Hierher!« rief Wolodyjowski. Im Flur erschollen schwere Schritte und Waffengerassel. Sechs Soldaten, Juzwa Butrym an ihrer Spitze, betraten das Zimmer. »Nehmt ihn,« kommandierte Wolodyjowski, »führt ihn aufs Feld und erschießt ihn!« Die schwere Hand Butryms legte sich auf Kmicic' Kragen. »Ich dulde es nicht, daß man mich wie einen Hund führt,« sagte Pan Andreas zu Wolodyjowski, »ich gehe von selbst.« Der kleine Ritter machte eine Handbewegung. Butrym gab den Gefangenen frei; die Soldaten umstellten ihn. Pan Andreas ging ruhig, ohne jemand anzublicken, hinaus. Panna Alexandra schlich durch eine kleine Seitentür in die nebenliegenden Gemächer. Sie durchschritt im Dunkeln mehrere Zimmer. Plötzlich begann sich ihr im Kopfe alles zu drehen, sie rang vergeblich nach Luft und fiel zu Boden. Im ersten Zimmer herrschte mehrere Minuten dumpfes Schweigen, endlich begann zögernd der Miecznik: »Und gibt es für ihn wirklich keine Gnade?« »Er selbst hat viele Leute aus meinem Banner erschossen,« sagte Mirski. »Und aus dem meinigen auch,« fügte Stankiewicz hinzu. »Und Niewiarowskis Leute hat er bis auf den letzten Mann niedergemetzelt.« »Er tat doch aber alles dies auf Befehl Radziwills,« mischte sich Zagloba ein. »Panowie, an mir wird Radziwill diese Tat rächen,« sprach der Miecznik. »Sie müssen sogleich fliehen, Pan Miecznik. Verbergen Sie sich in der Bialowiczer Heide beim Hofjägermeister, einem Verwandten von Skrzetuski,« antwortete Wolodyjowski. »Pan Michail,« unterbrach ihn plötzlich Zagloba, »ich will schnell hinlaufen und nachsehen, ob der Ärmste keine fürstlichen Befehle bei sich hat. Denken Sie daran, was für ein Schreiben ich bei Roch Kowalski fand.« »Steigen Sie schnell auf ein Pferd, Jetzt ist es noch nicht zu spät. Nachher werden die Papiere mit Blut besudelt sein. Ich habe ihn absichtlich auf das Feld führen lassen, damit die Panna nicht die Schüsse zu hören braucht.« Zagloba ging hinaus, und Pan Wolodyjowski wandte sich an den Miecznik: »Wo aber ist Ihre Verwandte?« »Sie betet wahrscheinlich für die Seele dieses Armen, der bald vor Gottes Richterstuhl stehen wird.« – »Er ist unzweifelhaft schuldig und hat seine Hinrichtung wohl verdient,« sagte Stanislaus Skrzetuski. »Wie groß sein Verbrechen ist, können Sie daran ermessen,« fügte Oskierka hinzu, »daß selbst die Panna, die erst seine Braut war, kein Wort zu seiner Verteidigung fand.« »Ich habe es ihr wohl angemerkt, wie sie gelitten hat. – Wie sollte sie aber für einen Verräter Partei nehmen?« »Schon gut, schon gut,« rief der kleine Ritter. »Wir wollen uns nur ein wenig ausruhen, und dann weiter fahren.« »Ja, es ist wahr,« entgegnete der Miecznik, indem er das Zimmer verließ. Nach einigen Augenblicken hörten die Ritter einen markerschütternden Ruf. Sie eilten hinzu und fanden den Miecznik neben Alexandra, die besinnungslos am Erdboden lag. Die Dienerschaft stürzte mit Kerzen in den Händen herbei. – Wolodyjowski und der Miecznik hoben die Panna auf und betteten sie auf ein Sofa. Bald gelang es den Bemühungen der beiden, Alexandra ins Leben zurückzurufen; sie schlug die Augen auf. »Für die Herren ist hier nichts mehr zu tun,« sagte die alte Haushälterin. »Gehen Sie ruhig in ein anderes Zimmer, ich werde schon selbst alles weitere besorgen.« »O Gott, was gäbe ich darum, wenn dieses alles nicht geschehen wäre!« wiederholte der Hausherr ganz außer sich. »Sie hätten den Unglücklichen mitnehmen und ihr Urteil unterwegs vollziehen sollen. – Wie soll ich jetzt die weite Reise mit dem Mädchen machen? Sie wird mir vielleicht noch krank werden.« »Was geschehen ist, ist jetzt nicht mehr zu ändern,« sagte Wolodyjowski ernst, »die Panna kann die von Kmicic mitgebrachte, bequeme Kalesche benutzen. Fort von hier müssen Sie auf alle Fälle. Sagen Sie der Panna, sie müsse alle ihre Kräfte zusammenraffen, denn Radziwills Rache wird niemanden schonen.« »Das ist wahr,« gab der Miecznik zu, »ich gehe!« Nicht lange darauf kehrte er mit seiner Nichte zurück. Panna Alexandra war schon reisefertig angekleidet. Auf ihrem Gesichte lag eine helle Röte, und ihre Augen glänzten fieberhaft. »Laßt uns schnell abfahren!« sagte sie beim Hereinkommen. Nach einer Viertelstunde hörte man Pferdegetrappel und das Gerassel eines ankommenden Wagens. »Fahren wir! fahren wir!« sagte Alexandra. In diesem Augenblicke tat sich die Tür auf und Pan Zagloba kam hereingestürzt. »Ich habe die Hinrichtung aufgehalten!« rief er. Alexandra wurde wieder bleich, es schien einen Augenblick, als wollten sie die Kräfte von neuem verlassen; keiner aber hatte Zeit, in diesem Augenblicke auf sie zu achten. Alle Aufmerksamkeit richtete sich auf Zagloba, der noch ganz außer Atem war, und nach Luft rang. »Sie haben die Hinrichtung aufgehalten?« fragte der erstaunte Wolodyjowski. »Und aus welchem Grunde?« »Aus welchem Grunde? – Laßt mich erst ein wenig zu Atem kommen. Wäre nicht dieser Kmicic, dieser wackere Ritter, so würden wir alle schon an Kiejdaner Bäumen hängen. Uff, unseren Retter wollten wir töten, Panowie. Was sagen Sie dazu? Uff – uff – –« »Wie geht das zu?« riefen alle auf einmal. »Wie das zugeht? – Da, lest mal diesen Brief, dann werdet ihr alles wissen.« Wolodyjowski begann den Brief laut vorzulesen, in dem Radziwill Kmicic bittere Vorwürfe darüber machte, daß er die in Kiejdane gefangengehaltenen Obersten dank seiner Fürsprache nicht zum Tode verurteilt hatte. Der Brief endigte mit dem schon bekannten Auftrag, Alexandra und den Miecznik nach Kiejdane zu bringen. – Allem Anscheine nach hatte Kmicic dieses Schreiben zu sich gesteckt, um es nötigenfalls dem Miecznik vorzuzeigen. Es war außer Zweifel, daß Kmicic die beiden Skrzetuskis, Pan Wolodyjowski und Zagloba vor dem sicheren Tode gerettet hatte. »Panowie!« sagte Zagloba, »wenn Sie jetzt noch Ihren Befehl, ihn zu erschießen, aufrecht erhalten, so will ich wahrhaftig nichts mehr von Ihnen wissen und werde Sie auf der Stelle verlassen!« »Davon kann jetzt natürlich nicht mehr die Rede sein,« sagte Wolodyjowski. »Ei, ei,« rief Pan Skrzetuski aus, »was für ein Glück, daß Sie den Brief noch zur rechten Zeit gelesen haben!« »Sie haben eine ungewöhnlich gute Witterung!« fügte Mirski aufrichtig hinzu. »Gleich, als er mir den Brief gab, und ich ihn bei der Laterne las, war mir, als hätte mir jemand eins über den Kopf gegeben. – »Um Gottes willen, Ritter,« sagte ich, »warum gaben Sie uns den Brief nicht gleich?« »Weil ich nicht wollte,« erwiderte er. – »Dieser unbändige Stolz, nicht einmal vor dem Tode läßt er ihn fahren! – Ich befahl, ihn sofort frei zu lassen und hierher zurückzubringen.« Bald nach diesen Worten erschien Kmicic, von den Soldaten umringt, in der Türe. »Sie sind frei, Pan Kmicic!« sprach Wolodyjowski hastig, »und solange wir am Leben sind, wird keiner von uns sich je an Ihnen vergreifen. – Doch sagen Sie, warum waren Sie so verzweifelt, daß Sie uns den Brief Radziwills nicht von selbst zeigten?« Und dann wandte er sich an die dabeistehenden Soldaten: »Gebt ihn frei und besteigt eure Pferde.« Die Soldaten gingen hinaus, und Pan Andreas blieb mitten im Zimmer allein stehen. Sein Gesicht war ruhig, aber sehr finster. »Sie sind frei!« wiederholte Wolodyjowski: »Sie können gehen, wohin Sie wollen, selbst zu Radziwill zurück. – Es ist schmerzlich zu sehen, daß ein Ritter, ein Nachkomme berühmter Ahnen, Helfershelfer eines Verräters ist.« »Überlegen Sie sich gründlich Ihre Worte,« entgegnete Kmicic. »Ich sage Ihnen im voraus, daß ich zu niemandem anders als zu Radziwill zurückkehren werde.« »Schließen Sie sich doch uns an,« rief Zagloba. »Hol der Teufel diesen Kiejdaner Tyrannen! Sie werden uns stets ein guter Freund, ein teurer Kamerad sein. Und das Vaterland wird Ihnen alle Ihre Vergehen vergeben.« »Auf keinen Fall!« antwortete Kmicic energisch, »Gott allein wird darüber richten, wer von uns dem Vaterlande besser dient. Sie, die Sie auf eigene Gefahr und Verantwortung den Bürgerkrieg entfachen, oder ich, der ich einem Fürsten diene, der allein imstande ist, unsere unglückliche Republik zu retten. – Gehen Sie Ihren Weg; ich werde den, meinen verfolgen. – Mir ist es nicht gegeben, Sie auf den rechten Weg zurückzuführen. Eins aber sage ich Ihnen aus meinem innersten Herzen heraus: Sie sind es, die das Vaterland zugrunde richten, die ihm den Weg zu seiner Rettung durch unüberwindliche Hindernisse versperren. – Ich nenne Sie nicht Verräter, – ich weiß, Ihre Absichten sind rein – aber bedenken Sie, das Vaterland wird zugrunde gehen. Radziwill streckt seinen rettenden Arm darüber aus, und Sie verwunden diesen Arm mit Schwertern, Sie nennen in Ihrer Verblendung ihn und alle, die ihm treu geblieben sind, Verräter!« »Bei Gott!« rief Zagloba aus, »wäre ich nicht Zeuge gewesen, mit welchem Heldenmute Sie in den Tod gingen, ich würde Sie einen Feigling nennen. Wem haben Sie Treue geschworen: Radziwill oder Jan-Kasimir? Den Schweden oder der Republik? Es scheint, Sie haben Ihren Verstand vollkommen verloren.« »Ich wußte, daß Sie meine Worte nicht überzeugen werden. – Lebt wohl!« sagte Kmicic. »Wartet einen Augenblick,« fiel Zagloba ihm ins Wort, »eine sehr wichtige Frage noch. Sagen Sie, Ritter, hat Radziwill Ihnen versprochen, uns zu schonen, als Sie in Kiejdane darum baten?« »Ja,« erwiderte Kmicic, »Sie sollten während des Krieges in Birze bleiben.« »So, nun erkennen Sie Ihren Radziwill. – Er betrügt nicht nur das Vaterland, sondern auch seine Diener. Da ist ein Brief an den Kommandanten von Birze. Ich fand ihn bei dem Offizier, der unseren Convoi befehligte. Lesen Sie!« Pan Zagloba überreichte Kmicic den Brief des Hetman. Dieser nahm und las ihn, und das Blut schoß ihm zu Kopfe. Er schämte sich ob der Hinterlist seines Führers. Dann zerknüllte er den Brief und warf ihn zornig auf den Boden. »Lebt wohl!« wiederholte er. »Es wäre mir besser, ich wäre hingerichtet worden!« Mit diesen Worten verließ er das Zimmer. »Wie der Türke an seinen Mohamed, so glaubt er an seinen Radziwill. Und wir alle glaubten, daß er dem Fürsten aus Eigennutz oder Ehrgeiz dient! Nein! das ist kein schlechter, sondern ein irregeleiteter Mensch.« »Nun, den Glauben an seinen Mohamed, den haben wir stark erschüttert,« bemerkte Zagloba. »Haben Sie gesehen, wie er sich beim Lesen des Briefes gewunden hat? Ich glaube, dieser Ritter ist imstande, nicht nur über einen Radziwill herzufallen, sondern selbst über den Teufel. Ich schwöre bei Gott, dieser Tag ist der schönste in meinem Leben, weil ich ihm das Leben gerettet habe.« »Gott mit ihm!« sagte Wolodyjowski hastig. – »Jetzt aber ist es Zeit, auf die Pferde zu steigen und weiter zu reiten. Fahren Sie mit uns?« wandte er sich an den Miecznik. »Hier kann ich nicht bleiben, das ist schon wahr, aber so schnell kann ich mich nicht reisefertig machen. Die Vorbereitungen zu solch einer Fahrt sind keine Kleinigkeit. Gott allein weiß, wann ich zurückkommen werde. Höchstens morgen in aller Frühe könnten wir aufbrechen, jetzt gleich, das geht wirklich nicht.« »Wir aber können nicht warten, über unseren Köpfen schwebt das Schwert,« entgegnete Wolodyjowski. »Wohin gedenken Sie zu gehen?« »Ich werde Ihren Rat befolgen und nach der Heide gehen. Wenigstens werde ich meine Nichte dort unterbringen. Ich selbst bin noch nicht zu alt, daß ich nicht mit meinem Säbel dem Vaterlande von Nutzen sein könnte!« »Nun denn, so leben Sie wohl! – Mögen wir uns in glücklicheren Zeiten wieder begegnen!« Pan Michail umarmte den Miecznik und verabschiedete sich von Alexandra. »Panna, gedenken Sie zuweilen des Soldaten, der bereit ist, für Ihr Wohlergehen alles zu opfern!« Auch Zagloba und die anderen traten hinzu und verabschiedeten sich von Miecznik. »Grüßen Sie meine Frau und meine Kinder, wenn Sie sie in der Heide treffen, Panna,« sagte Jan Skrzetuski. »Nehmen Sie, reizendes Kind, auch die Huldigung eines alten Mannes entgegen,« sprach Zagloba als letzter, »umarmen Sie Pani Skrzetuski und die beiden kleinen Raufbolde!« Alexandra ergriff statt einer Antwort stillschweigend seine Hand und küßte sie.– – – 7. Kapitel. Zwei Stunden nachdem Wolodyjowski mit seinen Kameraden und dem Banner Billewicze verlassen hatte, kam Radziwill dort an. Er war Kmicic zu Hilfe geeilt, da er befürchtet hatte, daß dieser in die Hände Wolodyjowskis fallen könnte. Als der Hetman erfuhr, was in Billewicze vorgefallen war, kehrte er nach Kiejdane zurück, nicht ohne den Miecznik und Alexandra zu bewegen, mit ihm zu kommen. Der Fürst war mißmutig und aufs äußerste verstimmt. Er hatte, als er Kmicic zu Hilfe eilte, gehofft, Wolodyjowski und sein Banner zu treffen und zu vernichten. Und nun war ihm dieser kleine Ritter schon wieder entgangen. Wolodyjowskis Flucht mußte die ganze Sachlage in Podlachien ändern. Horotkiewicz und Jacob Kmicic besaßen keinen großen Einfluß im Lande, und die Konföderation war daher bis dahin ziemlich bedeutungslos. Sobald jedoch Wolodyjowski mit seinen Kameraden Mirski, Stankiewicz, Oskierka zu den Konföderierten stießen, erwuchsen ihm diese Feinde zu gefährlichen Gegnern. Auch Fürst Boguslaw, der mit seinen Truppen in Podlachien stand, sah sich dadurch mehr und mehr von Rebellen umringt; es war unbedingt nötig, ihm Beistand zu senden. – Dazu kamen drohende Nachrichten von den Maßnahmen des Witebster Wojewoden. Man erzählte von Sapieha, daß er alles, was in seinem Besitze war, in Geld verwandelt habe: sein Familiensilber, seine Teppiche, seine Güter, um soviel Truppen wie irgend möglich um sich zu versammeln. Anfänglich hatte Radziwill diesen Erzählungen nicht geglaubt, denn seine habgierige und materielle Natur hielt es nicht für möglich, daß jemand all sein Vermögen auf dem Altare des Vaterlandes opfern würde. Aber die Tatsachen überzeugten ihn, daß es wirklich so war, denn Sapiehas Truppen vermehrten sich von Tag zu Tag. So war Radziwills Lage immer schlechter geworden. Es war ihm zwar ein leichtes, die Schweden gegen Sapieha zu Hilfe zu rufen, das aber verbot ihm sein Stolz; denn das hieße offen die eigene Ohnmacht eingestehen. – – Kaum war der Hetman in Kiejdane angelangt, als er Kmicic zu sich berufen ließ. »Es ist mir ebensowenig wie dir geglückt,« sagte der Fürst, als Kmicic vor ihm stand. »Der Rosiener Miecznik erzählte mir schon, daß du in die Hände dieses kleinen Teufels gefallen seist.« »Das ist wahr,« antwortete Kmicic. »Mein Brief allein hat dich gerettet.« »Von welchem Briefe geruhen Euer Durchlaucht zu sprechen? Nachdem die Obersten den gelesen hatten, den ich bei mir hatte, haben Sie mir als Revanche einen anderen zu lesen gegeben. Den – den Euer Durchlaucht an den Kommandanten von Birze gerichtet hatten?« Das finstere Gesicht Radziwills wurde dunkelrot. »Du weißt also?« »Ja, ich weiß,« sagte Kmicic zornig. »Wie aber durften Sie mir gegenüber so handeln. Selbst der geringste Edelmann schämt sich, sein Wort zu brechen und Sie, ein Feldherr, ein Fürst –« »Schweig!« unterbrach ihn Radziwill. »Ich werde nicht schweigen. Ihretwegen habe ich vor jenen Männern erröten müssen. Sie redeten mir zu, mich ihnen anzuschließen, ich aber wollte nicht und erwiderte: »Ich diene Radziwill, denn Radziwill vertritt das Recht und die Tugend.« Da zeigten sie mir Ihren Brief: »Lies, was dein Radziwill für einer ist!« – Und ich mußte die Lippen zusammenpressen und schweigend die Schande herunterwürgen!« Des Hetmans Wangen erzitterten vor Wut. Ein wildes Verlangen erfaßte ihn, diesen verwegenen Menschen niederzutreten, und schon erhob er die Hand, um nach der Dienerschaft zu klingeln; seine Vermessenheit wäre Kmicic teuer zu stehen gekommen, als ein furchtbarer Asthmaanfall den Fürsten befiel. Sein Gesicht wurde fast schwarz, die Augen quollen aus ihren Höhlen, er sprang vom Sessel, fuchtelte mit den Armen in der Luft umher, und aus seiner Brust entrangen sich heiser die Worte: »Es würgt mich, – würgt!« Die Dienerschaft eilte herbei, Ärzte wurden gerufen. Der Fürst verlor die Besinnung, und es währte eine Stunde, bis er wieder zu sich kam. Zu dieser Zeit verließ Kmicic das Zimmer. Im Flur traf er auf Charlamp, der sich schon von seinen Wunden erholt hatte. »Was gibt es Neues?« fragte Charlamp. »Er ist wieder zu sich gekommen.« »Hm, und was, wenn er morgen vielleicht nicht wieder zu sich kommt?« »Es steht schlimm um unsere Sache, Pan Oberst. Stirbt der Fürst, so wird man uns für seine Vergehen verantwortlich machen. Die Schlachta wendet sich von ihm ab. »Seine Durchlaucht rächt sich, indem er viele gefangen nehmen läßt. Heute brachte er den Pan Miecznik aus Rosien mit her.« »Ah, er hat ihn also hergebracht?« »Ja, ihn und die Nichte. Die Panna ist schön wie ein Engel Ich beneide Sie, Pan Oberst. – Und wann werden Sie Hochzeit machen?« »Die Sänger sind noch nicht bestellt. – Auf Wiedersehen!« sagte Kmicic. Eine schlaflose Nacht, die aufregenden letzten Ereignisse und der Auftritt mit dem Fürsten hatten Kmicic so mitgenommen, daß er sich kaum auf den Füßen halten konnte. Die einfache Frage Charlamps nach seiner Hochzeit hatte ihn aufs tiefste verletzt. Vor seinen Augen erschien das abweisende, kalte Gesicht Alexandras, ihre zusammengepreßten Lippen, ihr Schweigen, durch das sie in sein Todesurteil willigte. Wahrscheinlich hätte sie mit ihrer Bitte auch nicht sein Schicksal geändert. Pan Wolodyjowski wäre unerbittlich geblieben. Aber das tat nichts zur Sache; es schmerzte ihn tief, daß sie nicht dennoch ein gutes Wort für ihn eingelegt hatte. – Zweimal, nicht lange vordem, hatte sie nicht gezögert, ihn zu retten. War wirklich zwischen ihnen eine so tiefe Kluft entstanden? Sprach in ihrem Herzen nicht die Liebe oder auch nur das Mitleid – das Mitleid mit einem lebenden Wesen? Je mehr Kmicic darüber nachdachte, desto mehr erschien Alexandra ihm hart, desto stärker schnürte seine Entrüstung ihm die Brust zusammen. »Was habe ich denn so Schweres verbrochen,« fragte er sich, daß sie mich wie einen Ausgestoßenen verachten darf? Angenommen, daß es ein Unrecht ist, Radziwill zu dienen, so kann ich doch beschwören, daß ich es nicht aus Ehrgeiz, aus Eigennutz tue. Ich sehe in ihm den einzigen Retter des Vaterlandes. – Wofür hat man mich so verurteilt?« – Seine Seelenpein wuchs von Minute zu Minute. Pan Andreas warf sich auf sein Bett und versuchte einzuschlafen; aber trotz seiner furchtbaren Ermüdung fand er keine Ruhe. Er sprang bald wieder auf und ging im Zimmer ruhelos umher, seine Hände preßte er krampfhaft an die heiße Stirn. So verging eine Stunde, eine zweite. Todmüde legte er sich schließlich wieder hin, und bald schlief er nun auch ein; aber in diesem Augenblicke rief man ihn schon wieder zum Fürsten. Radziwill fühlte sich zwar besser, sein aschfahles Gesicht verriet jedoch eine hochgradige Schwäche. Er saß in einem tiefen Lehnstuhle. Als Kmicic erschien, schickte er seinen Arzt, der neben ihm saß, fort. »Ich stand schon mit einem Fuße im Jenseits,« begann er, »und du trägst die Schuld daran.« »Euer Durchlaucht, ich weiß von keiner Schuld meinerseits; ich sprach das aus, was ich dachte.« »So etwas darf nie wieder vorkommen. Wenigstens du solltest die unerträgliche Bürde, die auf mir liegt, nicht noch vergrößern. – Wisse, ich habe dir verziehen, niemandem sonst auf der Welt hätte ich so etwas vergeben!« Kmicic schwieg. »Wenn ich jene Leute, die ich in Kiejdane auf deine Bitte hin begnadigte, dennoch hinrichten lassen wollte, so geschah dies, nicht um dich zu hintergehen, sondern um dir den Kummer zu sparen. – Ich habe nur zum Scheine deine Bitte gewährt, weil ich für dich eine große Schwäche hege. – Der Tod dieser Obersten war notwendig, unbedingt notwendig. – Hältst du mich denn für einen Henker? Meinst du, ich vergieße das Blut vieler, nur um das schreckliche Schauspiel zu genießen? – Wenn du älter wärest, so würdest du begreifen, welch große Opfer man bringen muß, wenn man ein großes Ziel erreichen will. Siehst du jetzt, was du durch deine Fürsprache angerichtet? Ein innerer Krieg ist entbrannt; die guten Beziehungen zu den Schweden sind getrübt; die Rebellion breitet sich weiter aus wie die Pest. Und damit ist's noch nicht genug. Du hättest beinahe in ihren Händen dein Leben lassen müssen, und ich habe sie auch vergeblich zu fangen gesucht. Jetzt gehen sie nach Podlachien und stellen sich an die Spitze des Aufruhrs. – Du solltest dir wirklich eine Lehre daraus ziehen. – Wären Sie in Kiejdane mit dem Tode bestraft, so wäre von alledem nichts geschehen. Aber du folgtest deinen persönlichen Gefühlen und batest für sie. Ich aber, als ich sie nach Birze schickte, sah weiter, ich sah in die Zukunft! – Wer könnte es glauben, daß ich derselbe bin, vor dem einst Chmielnicki erzitterte. Und dieselben Truppen, die ich einst von Sieg zu Sieg führte, verlassen mich jetzt und erheben ihre Hände gegen mich wie gegen einen Vatermörder.« »Nicht alle tun das; es gibt auch solche, die Eurer Durchlaucht auch heute unbedingt glauben,« sagte impulsiv Kmicic. »Heute glauben sie noch, und dann werden auch sie aufhören!« lächelte Radziwill bitter. – »Bevor man mich mit einer Krone krönen wird, drückt man mir den Dornenkranz tief aufs Haupt. – Des Nachts stört mir etwas den Schlaf, irgend etwas geht in meinem Zimmer um. – Unbekannte Gesichter sehen in meinen Alkoven hinein, und von Zeit zu Zeit umweht mich eine eisige Kälte. – Das bedeutet, der Tod ist um mich. – Unerträglich ist die Qual! – Doch genug davon! Es ist schwer, unsagbar schwer; aber es muß ertragen werden. – Sprich zu niemandem von dem, was du jetzt gehört hast. – Heute will ich ein Fest geben und mit sorglosem, heiterem Gesichte den schwankenden Mut kräftigen. – Sei du auch heiter, doch erzähle niemandem etwas. – Mach' du wenigstens mir keinen Kummer. – Es könnte dir ein andermal den Kopf kosten. – Jetzt habe ich dir vergeben. – Geh und schicke mir den Oberst Mieleszka her, – Leb' wohl! Heute soll es in Kiejdane hoch hergehen!« – – – 8. Kapitel. Der Miecznik hatte scharfe Auseinandersetzungen mit Alexandra gehabt, ehe sie einwilligte, auf dem fürstlichen Bankett zu erscheinen. Mit Tränen in den Augen hatte er das mutige, charaktervolle Mädchen anflehen müssen, mit ihm zu gehen. Erst, als er ihr versicherte, daß sein Leben auf dem Spiele stehe, daß alle, auch die friedlichen Nachbarn von Kiejdane kommen müßten, wenn sie nicht den Zorn des Hetmans auf sich heraufbeschwören wollten, erklärte sich Alexandra bereit. – Sie mochte das Leben ihres Onkels nicht aufs Spiel setzen. In der Tat fuhr am Abend eine große Reihe von Kaleschen in Kiejdane vor. Die benachbarte Schlachta hatte sich fast vollzählig mit den Frauen und Töchtern eingefunden. Natürlich war der größere Teil der Gäste vom Militär, man sah besonders viele ausländische Offiziere, die fast alle dem Fürsten treu geblieben waren. Radziwill hatte nichts gespart, um das Fest so glänzend wie möglich herzurichten. Er wollte, daß sich das Gerücht von seiner zuversichtlichen Stimmung und der seiner Parteigänger weit im Lande verbreiten sollte. Kaum breitete der Abend seine dunklen Schleier über Kiejdane aus, als Hunderte von Teerfässern auf dem Hofe angezündet wurden. Auf der Straße, die zum Schlosse führte, wurden Kanonen abgeschossen, und den Soldaten war es streng geboten, »Vivat!« zu schreien. Die in Samt, Atlas und Pelzen geschmückte Menge erfüllte den sogenannten goldenen Saal. Als der Fürst, strahlend von kostbaren Edelsteinen, mit einem freundlichen Lächeln auf seinem krankhaften Gesichte erschien, riefen die Offiziere einmütig: »Es lebe der Fürst-Hetman! Es lebe der Wilnaer Wojewod!« Radziwill überflog mit seinen Augen die Reihen der versammelten Gäste; er wollte beobachten, ob sich den Rufen der Offiziere auch andere anschlössen. Tatsächlich riefen mehrere nicht besonders Tapfere mit: »Es lebe der Fürst!« Radziwill verbeugte sich schnell nach allen Seiten und dankte seinen Gästen für die »einmütigen« Wünsche. »Mit euch, Panowie, wird es mir gelingen, diejenigen in Zucht zu halten, die das Vaterland zugrunde richten wollen. Vergelt's euch Gott, Panowie!« wiederholte er mehrmals, als er im Saale die Runde machte. Er blieb bei jedem Bekannten stehen und sparte nicht mit freundlichen Anreden: »Lieber Nachbar«, »Pan Bruder«. Mehr als ein düster aussehendes Gesicht verklärte sich unter den heißen Strahlen der Gnade des Magnaten. Der Marschall meldete, daß alles bereit sei, und die Gäste betraten, wie ein Strom dem Fürsten folgend, denselben Saal, in dem vor kurzem die Union mit Schweden verkündet wurde. Der Fürst, der die Tafelordnung vorher bestimmt hatte, hatte Kmicic den Platz zwischen Alexandra und dem Miecznik zugewiesen. Beiden erzitterte das Herz, als sie nebeneinander standen. Sie fühlten, daß das geringste Zögern die Augen sämtlicher Gäste auf sie richten würde, und nahmen deshalb ergeben ihre Plätze ein. Es war ihnen schwer und bitter zumute. Pan Andreas beschloß, gleichmütig zu bleiben, als wenn neben ihm eine ganz Fremde säße, aber er sah bald ein, daß ihm das nicht möglich war. Beide wußten, daß inmitten dieser großen Anzahl Menschen ihre Gedanken sich begegneten, und dies erschwerte es ihnen, die Ruhe zu wahren. – Alle die alten Gefühle, das Vertrauen, die Achtung waren verschwunden. Zwischen ihnen gab es nichts Gemeinsames als das Bewußtsein der erlittenen Kränkung. Es war zu wenig Zeit erst seit ihrer letzten Begegnung verflossen, als daß auch diese letzte Kette gerissen wäre, damit sie sich freier fühlen konnten. Kmicic fühlte sich so unbehaglich in ihrer Gegenwart, daß er sich die Lippen vor innerer Erregung blutig biß, und dennoch hätte er um nichts auf der Welt auf den ihm zugewiesenen Platz verzichtet. Mit Inbrunst beobachtete er, ohne es sich merken zu lassen, jede ihrer Bewegungen, und mit gespanntester Aufmerksamkeit lauschte er auf das Rauschen ihres Kleides, und dies alles schmolz für ihn zu einem quälenden Genuß zusammen. Nach einigen Minuten bemerkte er, daß auch sie ihn beobachtete. Es gelüstete ihn leidenschaftlich, sie anzusehen. – Da sitzt sie neben ihm mit ihrer klaren Stirn, ihren schönen Augen mit den halbgesenkten, dunklen Wimpern und ihrem blassen Gesicht, das für ihn so unendlich viel Anziehendes besaß. Sein Herz krampfte sich schmerzvoll zusammen. Konnte wirklich in dieser himmlischen Hülle eine unerbittliche Seele wohnen? Er sah noch einmal fragend zu ihr hin. In diesem Augenblicke blickte Alexandra ihn auch an. Beider Blicke trafen sich; sie senkten äußerst verlegen ihre Augen, als wenn man sie auf irgend ein Verbrechen ertappt hätte. Auch Panna Alexandra lag mit sich in schwerem Kampfe. Aus alledem, was vorgefallen war, aus Kmicic' Benehmen in Billewicze, aus Zaglobas und Skrzetuskis Worten hatte sie verstanden, daß Kmicic selbst ein Betrogener und keineswegs so schuldig war, daß sie ihn verachten und so schonungslos verurteilen durfte. Hatte er nicht jene braven Leute vom Tode errettet? War er nicht mit stolz erhobenem Haupte in den Tod gegangen, wiewohl es ihm ein Leichtes gewesen wäre, sich zu retten? Sie, als die Tochter eines tapferen Soldaten, schätzte die Todesverachtung höher als viele anderen Tugenden. Sie achtete aus ganzer Seele den Todesmut und konnte nicht genug die Kühnheit und den Stolz des jungen Ritters bewundern, den Stolz, den er bis zum letzten Atemzuge bewahren würde. – Sie begriff jetzt, daß, wenn er Radziwill diente, er es zweifellos nur tat, weil er seine Sache für die gute hielt. – War es nicht ungerecht, ihn des bewußten Verrates zu beschuldigen? Sie aber war die erste, die ihm diese Beleidigung ins Gesicht geschleudert hatte; sie hatte nicht damit gespart, ihm ihre Verachtung zu zeigen, und selbst angesichts des Todes hatte sie kein verzeihendes Wort für ihn. »Mache deine Ungerechtigkeit gut!« flüsterte das Herz ihr zu. »Zwischen euch ist alles zu Ende; aber gestehe ihm, daß du ihn ungerecht verurteilt hast.« Aber ihr Stolz und ihr Eigensinn ließen sie zögern. »Vielleicht liegt dem jungen Ritter gar nichts daran, von dir Genugtuung zu erhalten. Eine helle Röte ergoß sich bei diesem Gedanken über ihr Gesicht. »Ob ihm was daran liegt oder nicht,« sprach das Gewissen, »du mußt ihm gerecht werden.« Sie sah Kmicic an, ob nicht Reue auf seinem Gesichte zu bemerken wäre. Von Reue war nichts zu sehen. Dafür aber gewahrte Alexandra, daß das von Schmerz und Qualen entstellte Gesicht Pan Andreas' so bleich war wie nach einem langen Krankenlager. Er tat ihr unsagbar leid. Tränen traten in ihre Augen, und sie beugte sich über den Tisch, um ihre Verwirrung zu verbergen. Allmählich begann es auf dem Bankett lebhafter zuzugehen. Das Gefühl der Beklommenheit, das zuerst alle Gäste beherrschte, begann zu weichen. Der Met und die starken Weine taten das ihre; eine allgemeine Heiterkeit herrschte im Saale. Der Fürst erhob sich von seinem Platze. »Verehrte Anwesende, ich bitte ums Wort!« »Der Fürst will sprechen!« riefen mehrere Stimmen. »Ich schlage vor, den ersten Toast auf die Gesundheit Seiner Majestät des schwedischen Königs zu trinken. Karl-Gustav wird uns helfen, das Land von allen Feinden zu befreien, bis überall Ruhe und Frieden eintritt. Ich bitte, liebe Gäste, stehen Sie auf; wir wollen diesen Becher stehend leeren!« Man erhob sich und trank den Becher aus, aber ohne Enthusiasmus, ohne Vivatrufe. Als der Fürst ein zweitesmal sein Glas erhob, trank er auf das Wohl seiner teuren Gäste, die sich um ihn versammelt hatten, um ihm ihren Glauben an die Gerechtigkeit seiner Sache zu bekunden. Laute Rufe: »Wir danken, wir danken von ganzem Herzen! Die Gesundheit des Pan-Fürsten! Er lebe!« folgten diesem Toaste. Ein etwas angeheiterter Ritter schrie aus Leibeskräften: »Es lebe Janusz der Erste, der Großfürst von Litauen!« Radziwill errötete bei diesen Worten wie ein Mädchen unter der Traukrone; als er bemerkte, daß die Anwesenden schwiegen, sagte er: »Ja, auch das steht in eurer Macht; aber Sie bedenken mich mit dieser Würde viel zu früh, Pan Jurzyc, – viel zu früh!« »Es lebe Janusz der Erste, der Großfürst von Litauen!« wiederholte mit der Beharrlichkeit eines Trunkenen Pan Jurzyc. Da erhob sich Pan Szczaniecki, der wegen seines scharfen Säbels und seiner spitzen Zunge weit bekannt war, und rief laut: »So ist es, ja! Großfürst von Litauen, König von Polen und deutscher Kaiser!« Für einen Augenblick trat tiefe Stille im Saale ein; dann aber brachen alle in schallendes Gelächter aus. Man lachte laut und ungezwungen und verstummte jäh beim Anblick des fürstlichen Gesichtes. Radziwill, der seinen unbändigen Zorn kaum zügeln konnte, sagte dumpf: »Sie machen zu kühne Scherze, Pan Szczaniecki!« Der Ritter wurde durchaus nicht verlegen. »Auch jenes Reich ist ein Wahlreich,« erwiderte er ruhig. »Könnten wir Eurer Durchlaucht Größeres wünschen? Wenn Sie als Schlachtschitz polnischer König werden können, so können Sie als Fürst des deutschen Bundes auch zum Kaiser erwählt werden. Das eine zu erreichen, liegt ebenso nahe wie das andere.« Obgleich sich weiter nichts ereignete, war das Bankett nach diesen Worten gestört. Radziwill konnte nur schwer seine Wut unterdrücken. Er fühlte, daß Szczaniecki ihn in den Augen der versammelten Schlachta herabgesetzt hatte, daß er ihr die Überzeugung, der Fürst könne es ebensowenig zum großfürstlichen Thron wie zur Kaiserwürde bringen, einimpfen wollte. Er bemerkte ferner, daß Szczanieckis Worte bei vielen seiner Offiziere eine eigentümliche Veränderung hervorgerufen hatten. Ganchoff leerte hastig einen Becher nach dem anderen und mied das fürstliche Auge. Kmicic sah zu Boden, als wenn er mit einem schweren Gedanken kämpfte. Radziwill erschrak. Sollte er wirklich auch diesen Offizier, das einzige Bindeglied zwischen den polnischen Regimentern und sich verlieren, so stand es um seine Sache sehr schlecht. Aber der Fürst irrte in seiner Beobachtung. Pan Andreas war einzig und allein mit Alexandra beschäftigt und der tiefen Kluft, die ihn von ihr trennte. Plötzlich trat ein neuer Gast in den Saal ein; der Fürst erkannte ihn sogleich und rief ihn zu sich. »Willkommen, Pan Suchaniec! Sie kommen von meinem Vetter Boguslaw. Gewiß bringen Sie mir Briefe?« Pan Suchaniec verbeugte sich tief. »So ist es, Euer Durchlaucht.« »Geben Sie her! Und nehmen Sie an der Tafel Platz.« Der Fürst nahm aus Suchaniec' Händen ein Päckchen Briefe und begann eilig die Siegel aufzubrechen, nachdem er sich zuvor bei seinen Gästen entschuldigt hatte. Kaum hatte Radziwill den ersten Brief gelesen, als sein Gesicht vor Triumpf und Freude erstrahlte. »Die Sieradzker Wojewodschaft hat sich den Schweden unterworfen und das Protektorat Karl-Gustavs angenommen,« rief er laut. »Und hier die letzte Post! Lauter gute Nachrichten! Jan-Kasimir ist bei Zarnow geschlagen worden. Seine Truppen verlassen ihn. Er selbst zieht sich nach Krakau zurück; die Schweden folgen ihm auf dem Fuße! Mein Vetter schreibt, daß Krakau auch fallen wird!« »Freuen wir uns, Panowie!« sagte mit eigentümlicher Stimme Pan Szczaniecki. »Ja, freuen wir uns!« wiederholte der Hetman die Worte Szczanieckis, ohne dessen ironischen Ton zu bemerken. Die ganze Gestalt des Fürsten atmete Freude; sein Gesicht war in wenigen Augenblicken um vieles jünger geworden; die Augen erstrahlten hell. Mit zitternden Händen erbrach er das Siegel des letzten Schreibens. »Warschau ist genommen! Es lebe Karl-Gustav!« jubelte er laut auf. Mit einem Male bemerkte der Fürst, daß alle diese Nachrichten auf die Anwesenden durchaus nicht den gleichen Eindruck machten, wie auf ihn. Alle saßen in Schweigen versunken da; einige runzelten die Brauen; andere verdeckten ihre erschrockenen Gesichter mit den Händen. Selbst die Höflinge des Hetmans wagten es nicht, die Freude des Fürsten zu teilen. Der Fürst bemerkte, daß er unvorsichtig gewesen und beeilte sich, so schnell als möglich den schlechten Eindruck wieder zu verwischen. »Meine verehrten Gäste,« sagte er, »ich wäre der erste, der mit euch weinen würde, wenn es sich um das Unglück der Republik handelte; aber die Republik wird durch all dies nicht leiden. Sie wechselt nur ihren Herrscher. An Stelle Jan-Kasimirs, der bei keinem Unternehmen Glück hat, wird sie einen großen, vom Glücke begünstigten Herrscher erhalten. Ich sehe schon alle diese schrecklichen Kriege beendet und alle Feinde besiegt.« »Sie haben recht, Durchlaucht,« fiel Szczaniecki ein. »Genau so haben Radziejowski und Opalinski bei Ujscie gesprochen!« – Geräuschvoll rückte er seinen Stuhl vom Tische und verließ den Saal. »Bringet die besten Weine, die im Keller sind, herauf!« rief der Fürst laut. Der Marschall ließ sogleich den Befehl ausführen. Bald wurden viele Fäßchen mit Wein in den Saal gerollt. Die Stimmung der Gäste fing von neuem an sich zu heben; es wurde laut und lärmend in dem Saale, dessen Luft sich von den verschiedenartigen Ausdünstungen schon bedenklich verschlechtert hatte. »Mir ist schlecht,« wandte sich plötzlich Panna Alexandra an ihren Onkel. In der Tat war ihr Gesicht auffallend bleich und große Schweißtropfen perlten von ihrer Stirne. Gleichzeitig, wie mit Absicht, hörte man die Worte des Hetmans laut durch den Saal tönen: »Der ist mein Feind, der seinen Becher nicht bis auf den Grund leert! Heute wollen wir lustig sein, heute bin ich fröhlich!« »Hörst du?« antwortete der Miecznik Alexandra. »Onkel, ich kann es nicht mehr hier aushalten, mir ist schlecht!« wiederholte Alexandra mit flehender Stimme. »So geh allein!« Die Panna erhob sich vorsichtig, um die Aufmerksamkeit so wenig als möglich auf sich zu lenken. Aber ihre Kräfte verließen sie, sie strauchelte und griff schnell zur Lehne ihres Stuhles. Da umfaßte ein kräftiger Ritterarm ihre Taille und behütete sie vor dem Hinfallen. »Ich begleite Sie, Panna,« sagte Pan Andreas. Und ohne um Erlaubnis zu fragen, trug er Alexandra, die gleich darauf ohnmächtig wurde, aus dem Saale. – – 9. Kapitel. Noch an demselben Abend nach dem Mahle versuchte Kmicic den Fürsten zu sprechen, aber man wies ihn ab, da der Fürst eine wichtige Unterredung mit Pan Suchaniec hatte. Kmicic kam am nächsten Morgen wieder und wurde sofort beim Hetman vorgelassen. »Euer Durchlaucht,« begann Kmicic, »ich komme mit einer Bitte.« »Was willst du von mir?« »Ich halte es hier nicht länger aus. – Jeder Tag hier wird mir zur Qual. Ich bin in Kiejdane ganz überflüssig. Suchen Euer Durchlaucht für mich irgend welchen Dienst aus und schicken Sie mich, wohin Sie wollen!« »Fühlst du dich in Kiejdane wirklich so schlecht? Ist es so schlimm, in meiner Nähe zu leben?« »Durchlaucht, Sie sind stets gütig zu mir, und trotzdem ist es mir hier so unbehaglich, wie ich es gar nicht beschreiben kann. Ehrlich gesagt, ich glaubte, daß hier alles anders zugehen würde – ich glaubte, wir würden kämpfen, Tag und Nacht im Sattel sein. Statt dessen muß ich hier untätig sitzen oder Jagd auf die Eigenen machen, statt über den Feind herzufallen. – Das kann ich einfach nicht aushalten – das kann ich nicht! – Hundertmal zöge ich den Tod einem solchen Leben vor, wahrhaftig! Dies ist ja eine ewige Qual!« »Aber ich kann dir dein Banner nirgend mitgeben, ich brauche es hier gegen den inneren Feind.« »Das eben ist ja das Entsetzliche! Hinter einem Wolodyjowski herzujagen, der doch eigentlich ein Kamerad sein sollte!« »Höre, ich habe für dich einen Auftrag, einen sehr ehrenvollen Auftrag!« »Und um was handelt es sich?« »Du sollst eine weite Reise antreten.« »Ich bin auf der Stelle dazu bereit.« »Und auf eigene Rechnung, denn meine Kasse ist leer. Viel Geld haben mir die Feinde weggenommen, das andere läuft unpünktlich ein, und die Ausgaben sind jetzt sehr groß.« »Euer Durchlaucht, es lohnt sich nicht, darüber zu sprechen. Wenn ich den Auftrag übernehme, so tue ich das auf eigene Kosten.« Das Gesicht des Hetman erstrahlte. Er hatte tatsächlich jetzt wenig Geld, obgleich er erst vor kurzem Wilna geplündert hatte. Und da er von Natur sehr geizig war, so freute er sich, sparen zu können. »Höre gut zu. Zuerst mußt du nach Podlachien. – Das ist ein sehr gefährlicher Weg, doch das wirst du schon selbst einrichten. Gehe nach Zabludow zu Harasimowicz und sage ihm, er solle so viel wie möglich Gelder einziehen und mir herschicken. Dann soll er versuchen, die Konföderierten zu vernichten. Das nähere darüber schreibe ich lieber in einem Briefe, den du ihm übergeben sollst. Von Zabludow fahre dann nach Tykocin zum Fürsten Boguslaw.« Der Fürst machte jetzt eine Pause; das lange Reden schien ihn zu ermüden. »Du mußt dem Vetter alles lebendig und anschaulich erklären, was ich in dem Briefe, den ich dir für ihn mitgebe, nicht so ausführlich tun kann. Wisse, die gestrigen Nachrichten waren zwar gut; aber nicht ganz so, wie ich sie der Schlachta mitteilte. Es ist wahr, die Schweden sind in all ihren Unternehmungen jetzt erfolgreich. Bald werden sie Krakau belagern und nehmen. Festungen zu erobern, das verstehen sie, und für eine sachgemäße Befestigung von Krakau hatte man nicht genügend Zeit. Hält sich aber die Garnison noch zwei bis drei Monate, so kann sich die ganze Sachlage ändern. Jan-Kasimir ist heute in verzweifelter Lage, aber morgen schon kann ihm das Glück hold sein. Im Felde sind die polnischen regulären Regimenter den schwedischen ebenbürtig. Die Tataren sind geneigt, Jan-Kasimir zu helfen und sich gegen die Moskowiter und Kosaken zu werfen. Dann werden Potockis Truppen in der Ukraina frei und können gegen die Schweden ziehen. – Und dann – der Kurfürst hat auch lange nichts von sich hören lassen.« »Wieso das?« »Ich und Boguslaw dachten, er würde sich sogleich mit den Schweden verbünden, aber er ist sehr vorsichtig und denkt nur an den eigenen Vorteil. Wahrscheinlich glaubt er nicht an den Erfolg der Schweden. Sollten nun die Schweden in Klein-Polen Unglück haben, so werden Groß-Polen und Masovien sich erheben, und die Preußen werden ihnen helfen.« »Und was kann dann passieren?« fragte Kmicic. »Daß kein einziger Schwede die Republik verläßt,« antwortete der Fürst finster. Kmicic zog die Augenbrauen zusammen. »Dann,« sagte der Hetman leise, »werden auch wir fallen, ebenso tief, wie wir vordem hofften, hoch zu steigen.« Pan Andreas sprang mit brennenden Augen und geröteten Wangen vom Platze auf und rief: »Euer Durchlaucht, was soll das alles bedeuten! Vor kurzem sagten Sie mir noch, die Republik sei dem Untergange geweiht. Und Sie allein könnten sie vereint mit den Schweden retten! Was soll ich jetzt glauben? Das, was Sie mir damals sagten, oder was Sie mir heute sagen? Wozu stehen wir dann eigentlich auf seiten der Schweden, anstatt über sie herzufallen?« »Wenn die Umstände so zusammentreffen, wie ich es dir eben darlegte,« sagte der Fürst gedehnt, »so werden wir gegen die Schweden ins Feld ziehen. Ich will nur das Wohl des Vaterlandes, weiter nichts. – Was ich dir heute gesagt, ist nur eine Annahme, die höchst wahrscheinlich nie in Erfüllung gehen wird. – Aber ich muß auf alle Fälle die Regimenter des Fürsten Boguslaw hier haben. – Vom Fürsten aus mußt du dich mit Briefen zu Karl-Gustav begeben. – Ich kann mit dem Grafen hier nicht mehr auskommen. Seit dem Klawaner Zusammenstoß hat er mich in Verdacht, daß ich bei geeigneter Gelegenheit die Waffen gegen die Schweden erheben werde.« »Dieser Verdacht ist ja nach dem, was Sie vorher sagten, nicht ganz unbegründet.« »Das mag sein; aber ich will nicht, daß er mir in die Karten guckt. Du wirst die Briefe dem Könige persönlich übergeben. Du darfst natürlich den Grafen nicht direkt beschuldigen. Bei Gelegenheit läßt du fallen, daß man allgemein der Meinung ist, daß die ganze Konföderation schon vernichtet wäre, hätte der Graf mir nur einige Kanonen und etwas Reiterei zur Verfügung gestellt. – Beobachte und behalte alles, was in der Umgebung des Königs gesprochen wird, und gib dem Fürsten Boguslaw durch Boten davon Kunde. Wann denkst du die Reise anzutreten?« »Heute noch, – möglichst bald!« »Und hast du keine weitere Bitte an mich mehr?« »Fürst,« begann Kmicic stockend, sein Gesicht war blaß und sehr erregt. »Nur heraus mit der Sprache!« sagte der Hetman. »Ich bitte Sie, schützen Sie den Rosiener Miecznik und sie – vor jeglicher Beleidigung.« »Sei ohne Sorge. – Ich merke, du liebst das Mädchen noch.« »Nein!« rief Kmicic, »ich weiß es selbst nicht. Bald liebe ich sie, bald hasse ich sie. – Der Teufel allein weiß es! – Zwischen uns ist alles aus, wie ich vorher sagte, – aber ich will nicht, daß ein anderer sie bekommt! Euer Durchlaucht dürfen das nicht zulassen! Ich weiß nicht mehr, was ich rede, – Gott wird mir meinen Verstand wiedergeben, sobald ich die Tore hier hinter mir habe!« »Ich begreife dich vollkommen. – Sei unbesorgt! Ich werde sie dir zur Beruhigung nach Tauroggen schicken, wo die Fürstin weilt.« Kmicic verabschiedete sich und verließ das Zimmer. Radziwill atmete tief auf. Er freute sich über Kmicic' Abreise; um sein Schicksal kümmerte sich der Fürst nicht weiter. Es genügte ihm, seinen Namen als Parteigänger und sein Banner für sich zu behalten. Kmicic' Abwesenheit war ihm stets lieber als seine Nähe. Denn jeden Augenblick fürchtete Radziwill, daß des jungen Ritters Unbändigkeit und sein Jähzorn es zu einem Konflikt zwischen ihnen beiden bringen konnten, der für beide Teile verhängnisvoll sein würde. Der Fürst verfiel tief in Gedanken. 10. Kapitel. Kmicic begann mit den Vorbereitungen zur Reise. Da er zu seiner eigenen Sicherheit und auch, um sich ein größeres Ansehen zu geben, nicht allein reisen wollte, wählte er sich sechs Soldaten aus seinem Banner, die ihn begleiten sollten. Es waren alles sehr waghalsige und tollkühne Leute, die bereit waren, ihm bis ans Ende der Welt zu folgen. An ihrer Spitze stand der ihm treu ergebene Soroka. Nach dem Mittagessen gab der Fürst Pan Andreas die Briefe und Geleitschreiben. Er bekreuzigte ihn und riet ihm mit fast väterlicher Zärtlichkeit, vorsichtig und aufmerksam zu sein. Als die Turmuhr sieben schlug, standen die Pferde schon auf dem Hofe und stampften unruhig mit ihren Hufen das Pflaster. Ein eigentümlich quälendes Gefühl bemächtigte sich Pan Andreas'. Sollte er wirklich ohne Abschied reisen? War es denn möglich, sich, ohne ein Wort zu wechseln, für immer zu trennen? War es wirklich so weit zwischen ihnen gekommen? Wozu aber sollte er hingehen und ihr das sagen, was auch ohne Worte schon klar war? »Ich gehe nicht zu ihr! Komme, was da will!« beschloß Kmicic. Er drückte hastig seine Mütze auf den Kopf und ging in den Korridor. Er wollte sogleich sein Pferd besteigen und möglichst schnell zum Tore hinausreiten. Plötzlich aber zwang ihn das unwiderstehliche Verlangen sie zu sehen und zu sprechen, seinen Vorsatz wieder umzuwerfen. Mit geschlossenen Augen stürzte er vorwärts. Vor dem Quartiere der Billewicz' stieß er auf den Diener des Rosiener Miecznik. »Ist der Pan Miecznik zu Hause?« »Er ist im Zeughause, bei den Offizieren.« »Und die Panna?« »Die Panna ist da.« »So melde ihr, daß Pan Kmicic eine weite Reise antritt und sie vorher zu sprechen wünscht.« Doch bevor der Diener den Auftrag ausführen konnte, drückte Kmicic die Türklinke auf und ging ohne Anmeldung hinein. »Ich komme, um Abschied von Ihnen zu nehmen,« sagte er zu Alexandra. »Wer weiß, ob wir uns je im Leben wiedersehen werden. Ich wollte abfahren, ohne Ihnen Lebewohl zu sagen; aber ich brachte es nicht übers Herz. Gott allein weiß, wann ich zurückkomme, und ob ich überhaupt zurückkehre. Es ist nicht schwer, jetzt ums Leben zu kommen. Darum ist es besser, wir gehen ohne Zorn und Groll auseinander. – Mein Herz möchte Ihnen vieles, vieles sagen; aber die Zunge versagt mir. Klagen Sie mich nicht an, und auch ich werde Ihnen keine Schuld zuschreiben. Kümmern Sie sich nicht mehr um die Bestimmungen des Testamentes; denn Gottes Wille ist stärker als der menschliche. – Gebe Gott Ihnen noch viel Glück im Leben! – Die Hauptsache aber ist, daß wir einander vergeben!« »Möge Gott auch Sie glücklich werden lassen!« antwortete Panna Alexandra. Sie stand wie betäubt durch die Nachricht seiner Abreise vor ihm. Man sah es ihr an, daß sie all ihre Kräfte zusammennahm, um die Fassung zu wahren. Mit weit geöffneten Augen sah sie den Ritter an. »Ich hege für Sie keine feindlichen Gefühle mehr,« fuhr Alexandra fort. »Es wäre besser, wenn Sie das nie getan hätten!« rief Kmicic. »Welch ein böser Geist ist zwischen uns gefahren und trennt uns voneinander wie eine tiefe Kluft, ein großes Meer! Und es gibt keine Möglichkeit, sie zu überbrücken, das Wasser zu durchschwimmen! Wir taten nicht, was wir wollten, eine geheimnisvolle Macht hat uns getrieben. – Aber wenn es auch notwendig ist, daß wir uns aus den Augen verlieren, so wollen wir wenigstens gegenseitig Gottes Schutz auf uns herabflehen. – Das Gefühl des Zornes wohnt nicht in mir; aber ich fühle mich gekränkt, tief gekränkt. Vielleicht sind Sie nicht die Ursache dieses Gefühls, ich weiß es selbst nicht. – Doch ich meine, es wird uns beiden leichter ums Herz sein, wenn wir uns aussprechen. – Sie halten mich für einen Verräter,– das verletzt mich, deshalb, – weil ich bei meiner Seelen Seligkeit schwören kann, das bin ich nie gewesen und werde es niemals sein!« »Ich glaube das auch jetzt nicht mehr von Ihnen,« sagte Alexandra. »Wie aber konnten Sie nur einen Augenblick so etwas denken? Sie wußten, daß ich zu allem Möglichen fähig war, zum Niederbrennen, Niederstechen, – aber des Vorteils wegen zum Verräter werden, niemals! Sie sind ein Weib, Sie können nicht verstehen, worin einzig und allein die Rettung des Vaterlandes liegt. Aber Sie haben kein Recht, jemand zu beschuldigen und zu verurteilen. Über mich haben Sie den Stab gebrochen. – Gott vergebe es Ihnen! Sie sollen aber wissen, daß die Rettung des Vaterlandes in den Händen des Fürsten und der Schweden liegt. Wer anders denkt und gegen den Fürsten auftritt, der stürzt das Vaterland ins Verderben. – Ich habe jetzt keine Zeit, Ihnen das weiter zu erklären; ich muß abreisen. – Glauben Sie mir, daß ich kein Verräter, kein käuflicher Mensch bin! Sie haben mich ungerecht von sich gewiesen. Sie haben mich ungerecht zum Tode verurteilt. Das alles schwöre ich Ihnen zu. – Vergeben Sie mir, wenn ich Sie gekränkt habe, wie ich auch Ihnen von ganzem Herzen vergebe!« Panna Alexandra war inzwischen ganz zu sich gekommen. »Sie haben recht; ich habe Sie ungerecht verurteilt. Können Sie mir das wirklich verzeihen?« »Und ob ich dir das verzeihe!« rief Kmicic begeistert. »Ich würde dir selbst meinen Tod verzeihen!« »Möchte Gott Sie auf den rechten Weg zurückführen!« »Genug, genug,« sprach Kmicic fieberhaft. »Nichts mehr davon, sonst könnte von neuem zwischen uns Zwietracht entstehen. Ob ich irre oder nicht, sprich nicht mehr darüber! Jeder von uns beiden handelt nach seinem Gewissen, und Gott sieht seine reinen Absichten. Wie gut ist es, daß ich hergekommen, um mich von dir zu verabschieden. Gib mir deine Hand; um mehr kann ich nicht bitten. – Morgen wirst du mich nicht mehr sehen, nicht übermorgen, nicht nach einem Monate, vielleicht niemals wieder. – Ach, Alexandra, mir ist ganz wirr im Kopfe, Alexandra, sollten wir uns wirklich nie wiedersehen!« Große Tränentropfen perlten über ihre Wangen. »Pan Andreas, verlassen Sie die Verräter! Und alles kann noch gut werden zwischen uns!« »Still! Still!« antwortete Kmicic mit erstickter Stimme. »Es kann nicht sein! – Ich kann nicht! – Bitte mich nicht mehr darum. Viel tausendmal lieber möchte ich jetzt sterben, – das wäre weniger Qual! – Mein Gott, warum muß ich so leiden? Leb' wohl, zum letztenmal leb' wohl! Möchte der Tod mich von all dem Jammer erlösen. Weine doch nicht! Ich verliere den Verstand darüber, wenn du weinst!« Er nahm sie in seine Arme und überhäufte sie mit Küssen; dann fiel er zu ihren Füßen nieder, sprang schnell wie von Sinnen wieder auf und stürzte aus dem Zimmer mit den Worten: »Selbst der Teufel kann mir nicht mehr helfen!« Alexandra sah durchs Fenster, wie er eiligst aufs Pferd sprang, wie die Schotten am Tore vor ihm präsentierten. Dann schloß sich das Tor hinter ihm; die Wachen kehrten auf ihre Plätze zurück. Nacht, dunkle Nacht senkte sich auf die Erde nieder. – – 11. Kapitel. Eine ganze Zeit lang reiste Kmicic, ohne irgend etwas Besonderes zu erleben: denn die ganze Umgegend, die er durchritt, stand unter dem Einflusse Radziwills. Die Städte und Dörfer waren von den Bannern des Hetmans oder von schwedischen Reiterabteilungen besetzt. Daher war es im ganzen Lande auf dem rechten Ufer der Wilia ruhig. Nichtsdestoweniger beeilte sich die ganze Bevölkerung, in Erwartung des ausbrechenden Krieges, ihr Hab und Gut und sich selbst irgendwo zu verbergen. Pan Andreas begegnete überall verlassenen Dörfern mit unbelebten Straßen und Häusern, deren Fenster fest zugenagelt waren. Nur auf den Waldwegen und breiten Landstraßen herrschte Bewegung und reges Treiben. Alle Einwohner, besonders die, die am linken Ufer der Wilia ihre Besitztümer zu liegen hatten, flohen. Fortwährend stieß Kmicic auf eine Menge Bauern, die mit ihren Frauen, Kindern, Schafen, Kühen, Pferden und allen beweglichen Habseligkeiten fortwanderten. Sie zogen es vor, in den Wäldern besserer Zeiten zu warten, als in den Dörfern stündlich der Gefahr ausgesetzt zu sein, von Feindeshand ermordet zu werden. Doch nicht allein der Tod drohte den Bewohnern der vom Feinde besetzten Dörfer; man marterte sie oft auch auf die abgefeimteste, niederträchtigste Art. Viele Flüchtlinge, die ihren Verstand verloren hatten, erfüllten mit ihrem fürchterlichen Geheul die Stille der Wälder. Am dritten Reisetage hatte Kmicic den Niemen hinter sich gelassen. Von nun an durchreiste er eine noch viel wildere, mit großen Wäldern bewachsene Gegend. Auch hier traf er eine Menge Flüchtlinge und viele Schlachtschitzen, die ausnahmslos nach Preußen hinüberwanderten. Oft stieß er auf Räuberbanden, die sich die Lage des Landes zunutze machten und schutzlose Häuser, Dörfer und Reisende überfielen, vorsichtig jede Begegnung mit den Truppen vermeidend. Viele dieses Raubgesindels waren von der Schlachta besiegt und erhängt worden und zierten die Bäume, die am Wege standen. Um Pilwiszki herum war es etwas ruhiger, obschon die Einwohner Kmicic erzählten, daß sie einige Tage zuvor einen Kosakenüberfall auszuhalten hatten. Fast wären alle dabei umgekommen, wenn nicht ein vorüberziehendes polnisches Banner ihnen Hilfe geleistet hätte. »Was für ein Banner war es denn?« fragte Pan Andreas. »Das können wir nicht sagen. Ein junger, geschickter Ritter von kleinem Wuchse befehligte es, der es vorzüglich verstand, mit dem Säbel umzugehen.« »Wolodyjowski wohl?« sagte Pan Kmicic. »Wolodyjowski oder nicht; möge Gott ihn bald seiner Tapferkeit wegen belohnen und ihn Hetman werden lassen!« Pan Andreas versank in Gedanken. Augenscheinlich nahm er denselben Weg, den mehrere Tage vorher Wolodyjowski mit seinem Banner genommen hatte. Es fuhr ihm durch den Kopf, daß er mitsamt seinen Briefen möglicherweise in die Hände des kleinen Ritters fallen könnte, und daß damit seiner Mission und der Radziwillschen Sache Gott weiß welcher Schaden erwachsen würde. Er beschloß daher, einige Tage in Pilwiczki zu bleiben, um die Entfernung zwischen sich und dem Laudaer Banner möglichst zu vergrößern. Er machte es sich deshalb in einer Schenke, in der er Quartier nahm, bequem. Am nächsten Tage stellte es sich heraus, daß er sehr klug gehandelt hatte. Kaum hatte er sich am Morgen angekleidet, als der Schenkwirt die Tür seines Zimmers öffnete und leise hereintrat. »Ich bringe Euer Gnaden Neuigkeiten,« sagte er. »Gute?« »Weder schlechte noch gute. – Wir haben Gäste bekommen. Im Hause des Starosten sind sie abgestiegen. Ein ganzes Regiment Infanterie mit vielen Gespannen und Equipagen und sehr großer Dienerschaft. Wir meinten, der König selbst wäre gekommen.« »Welcher König?« Der Wirt begann seine Mütze in der Hand herumzudrehen. »Es ist ja wahr, wir haben jetzt zwei Könige, nur ist keiner von ihnen angekommen, sondern der Fürst-Oberstallmeister.« Kmicic sprang von seinem Platze auf. »Der Fürst-Oberstallmeister? Fürst Boguslaw?« »So ist es, Euer Gnaden. Der Vetter des Wilnaer Wojewoden.« Pan Andreas schlug vor Erstaunen die Hände zusammen. »Wenn dem so ist, so möchte ich ihn bald sprechen.« Der Wirt, der dachte, daß sein Gast mit dem Fürsten Boguslaw bekannt wäre, verbeugte sich noch viel tiefer als gestern und verließ das Zimmer. Kmicic begann sich eiligst anzukleiden, und in einer Stunde war er schon vor dem Hause des Starosten. Im ganzen Orte wimmelte es von Soldaten, aber nirgends sah er unter ihnen einen Polen oder auch nur jemand in polnischer Kleidung. Die Offiziere sprachen deutsch oder französisch und sahen neugierig auf Kmicic, der in Samt und Brokat gekleidet war. Auf dem Hofe des Starosten liefen Edelleute in französischen Kostümen umher, Pagen in Baretts mit Federn, Reitknechte in hohen, schwedischen Stiefeln und Waffenträger in Samtkaftans. Kmicic ließ sich von dem diensthabenden Offizier, dem er mitteilte, wer er sei, und wozu er gekommen, melden. Der Offizier entfernte sich sogleich und kehrte bald mit der Mitteilung zurück, daß der Fürst den Gesandten des Hetmans möglichst bald sprechen wolle. Er führte Kmicic ins Haus. Im ersten Zimmer saßen auf Stühlen mehrere Edelleute, die in den verschiedensten Stellungen fest schliefen. Wahrscheinlich waren noch alle von dem zurückgelegten Wege ermüdet. – Vor der Tür des nächsten Zimmers blieb der Offizier stehen; er verbeugte sich tief vor Pan Kmicic und sagte auf deutsch: »Da ist der Fürst.« Pan Andreas ging hinein und blieb an der Schwelle stehen. Der Fürst saß vor einem Spiegel, der in einer Ecke des Gemaches stand, und betrachtete so aufmerksam sein soeben weiß und rot geschminktes Gesicht, daß er dem Eintretenden keine Beachtung schenkte. Zwei Diener knöpften ihm die hohen Reitstiefel zu, und er ordnete mit den Händen sein an der Stirn gerade geschnittenes, goldblondes Haar. Er war ein Mann von fünfunddreißig Jahren, sah aber noch ein ganz Teil jünger aus. Kmicic, der ihn zwar kannte, betrachtete ihn doch wieder mit Neugierde, denn der Ruhmeskranz, der sich um den Namen des Fürsten Boguslaw wand, und seine äußere Erscheinung übten immer wieder einen neuen Reiz auf ihn aus. Der Fürst war groß und kräftig gebaut, aber auf seinen breiten Schultern saß ein winziger Kopf, der zu einem ganz anderen Rumpfe zu gehören schien. Die zarten Farben und die feinen Züge des Gesichtes glichen einem Frauenkopfe. Sein Blick jedoch, der nicht frei von Frechheit und maßlosem Selbstbewußtsein war, ließ es nie vergessen, daß bei ihm leicht ein böses Wort von den Lippen und noch leichter der Degen aus der Scheide flog. In Deutschland, Holland und Frankreich erzählte man wahre Wunder von seinen Kriegstaten, Abenteuern und Zweikämpfen. Er war es, der in Holland den unvergleichlichen spanischen Regimentern Fahnen und Kanonen wegnahm; der an der Spitze der Regimenter des Prinzen von Oranien Festungen eroberte, die bisher als uneinnehmbar galten; der am Rhein mit französischen Musketieren deutsche Regimenter schlug, die im Dreißigjährigen Kriege geschult waren; der den berühmten französischen Fechtmeister Tremouille im Zweikampf verwundete und den Baron von Goetz, ein bekannter Händelsucher, flehentlich beschwor, ihm das Leben zu schenken. Zumeist hielt sich der Fürst im Auslande auf; seine Heimat langweilte ihn. Für gewöhnlich war er nur während der unruhigen Kriegszeiten in der Republik; denn der Krieg war sein Element. Es lag ein merkwürdiges Gemisch von wollüstiger Verweichlichung und unbändigem Wagemut in ihm. Kmicic, der des Fürsten Gesicht genau im Spiegel beobachtet hatte, begann endlich zweimal zu hüsteln. »Wer ist da?« fragte der Fürst, ohne seine Stellung zu ändern. »Ist es der Gesandte des Fürsten-Wojewoden oder nicht?« »Kmicic ist mein Name,« antwortete Pan Andreas. »Kmicic!« rief der Fürst. – »Derselbe berühmte Kmicic, der im letzten Kriege fortwährend dem Chowanski zu schaffen machte und dann auf eigene Faust wider den Feind zog? O, ich habe viel von Ihnen gehört!« Fürst Boguslaw betrachtete Kmicic nicht ohne Vergnügen. Nach den Erzählungen über ihn glaubte er, daß er von gleichem Holze wie er wäre. »Setzen Sie sich, Pan Kavalier,« sagte er. »Ich freue mich, Sie kennen zu lernen. Nun, was gibt es Neues in Kiejdane?« »Ich bringe einen Brief vom Fürsten-Hetman,« antwortete Kmicic. Die Diener, die inzwischen die Stiefel fertig zugeknöpft hatten, verließen das Zimmer. Der Fürst öffnete den Brief und begann ihn zu lesen. Sein Gesicht nahm während des Lesens den Ausdruck der Langweile und Unzufriedenheit an. Er warf den Brief unter den Spiegel. »Nichts Neues. Der Fürst-Wojewod rät mir, mich nach Preußen, nach Tauroggen zu begeben, was ich, wie Sie sehen, ohne seinen Rat von selbst tue. – Sagen Sie übrigens, verstehen Sie französisch oder deutsch?« »Deutsch verstehe ich.« »Nun, Gott sei Dank, – so sprechen wir deutsch. Ich könnte mir sonst an Eurer Sprache die Zunge zerbrechen. Haben Sie noch mehr Briefe?« »Was ich Eurer Durchlaucht zu überbringen hatte, habe ich Ihnen gegeben. Ich habe noch ein Schreiben bei mir an den König von Schweden. Wissen Euer Durchlaucht, wo ich ihn treffen könnte?« »Ich weiß es nicht. In Tykocin ist er nicht. Warschau ist zwar schon in den Händen der Schweden; aber Seine Majestät werden Sie dort nicht finden. Er muß bei Krakau oder in Krakau selbst sein. – In Warschau werden Sie alles erfahren. Meiner Meinung nach müßte Karl-Gustav vor allem danach trachten, die preußischen Städte zu unterwerfen. Wer konnte vermuten, daß, während die Republik ihren König verläßt, die Wojewodschaften sich alle nacheinander mit den Schweden verbünden, – die preußischen Städte, Deutsche und Lutheraner, nichts von den Schweden wissen wollen und sich zur Wehr setzen? Sie allein wollen die Republik retten und Jan-Kasimir treu bleiben. Wir hatten uns die Sache ganz anders vorgestellt. Wir dachten, daß gerade sie uns helfen werden, diesen Kuchen, der sich Eure Republik nennt, zu zerteilen. Und sie rühren sich nicht von der Stelle. Es ist noch ein Glück, daß der Kurfürst sie nicht außer acht läßt. Er hat ihnen schon seine Hilfe gegen die Schweden versprochen; aber die Bevölkerung von Danzig scheint ihm nicht zu trauen und ließ ihm antworten, daß sie sich selbst helfen könne. Der Onkel Kurfürst, glaube ich, interessiert sich ebenso für das Schicksal der Republik wie ich oder der Fürst-Wojewod von Wilna.« »Gestatten Sie, daß ich Ihnen widerspreche,« unterbrach ihn Kmicic ungeduldig. »Der Fürst tut alles im Interesse der Republik. – Er ist bereit, in jedem Augenblicke seinen letzten Blutstropfen für die Republik zu verspritzen.« Fürst Boguslaw brach in ein schallendes Gelächter aus. »Ach, Kavalier, wie jung Ihr noch seid, wie jung! Doch das gehört nicht hierher, also weiter. Der Onkel Kurfürst möchte Polnisch-Preußen für sich nehmen, daher verspricht er uns seine Hilfe. Wenn ihm die Schweden aber heute ein Stück Groß-Polen hinwerfen, so wird er aus Leibeskräften den Schweden beistehen, so lange, bis er auch den Rest in seine Gewalt bekommen hat. Das Unglück aber ist, daß die Schweden es auch auf Groß-Polen abgesehen haben, und da könnte es leicht zwischen dem Kurfürsten und ihnen zu Mißhelligkeiten kommen.« »Mit Staunen höre ich Eurer Durchlaucht zu.« »Und mir, was bleibt mir zu tun übrig? Ich und der Fürst-Wojewod haben beschlossen, daß, solange sich die Sachlage in Preußen nicht geklärt hat, ich nicht offen zu den Schweden übergehen soll. Ich habe sogar geheime Boten zu Jan-Kasimir geschickt, daß ich bereit wäre, den Landsturm in Podlachien einzuberufen, wenn er mir das betreffende Manifest gibt. Der König hätte sich vielleicht täuschen lassen; aber die Königin traut mir nicht und hat ihm abgeraten. Wenn dieses Weib nicht wäre, so stände ich jetzt an der Spitze der ganzen Schlachta von Podlachien, und die Konföderierten hätten keinen anderen Ausweg, als sich unter mein Kommando zu stellen. Ich würde dem Scheine nach ein Parteigänger Jan-Kasimirs sein, tatsächlich aber mit dieser großen Streitmacht den Schweden beispringen und von ihnen möglichst viel zu erhandeln suchen. Aber das Weib ist imstande, auch die feinsten Pläne zu durchschauen. In ihrem kleinsten Finger steckt mehr Geist als in Jan-Kasimirs ganzem Kopfe.« »Der Fürst-Wojewod,« begann Kmicic. »Der Fürst-Wojewod,« unterbrach Boguslaw ungeduldig, »kommt immer zu spät mit seinem Rate. – Da schreibt er: »Die Konföderierten wollen nach Zabludow kommen. Dort gibt's Bier genug; wenn sie sich betrunken haben, soll man sie niedermetzeln. Das ist das beste Mittel, sie los zu werden.« Boguslaw warf den Brief verächtlich auf den Tisch. »Ich soll zu gleicher Zeit nach Preußen eilen und eine Metzelei veranstalten; mich für einen Parteigänger Jan-Kasimirs ausgeben und seine Anhänger, die dem Vaterlande treu bleiben, ermorden. – Liegt da ein vernünftiger Sinn drin?« Einen Augenblick schwieg er; dann kam ihm anscheinend ein neuer Gedanke. Er schlug sich vor die Stirn und fragte: »Und Sie, Sie gehen nicht nach Podlachien?« »Gewiß doch!« antwortete Kmicic. »Ich habe einen Brief für Harasimowicz, den Verwalter von Zabludow.« »So. – Harasimowicz ist bei mir. – Warten Sie, ich werde ihn rufen lassen,« entgegnete der Fürst. Fürst Boguslaw schlug in die Hände und befahl dem eintretenden Diener, Harasimowicz zu rufen. Nicht lange, so erschien Harasimowicz auf der Türschwelle. »Ein Brief für Sie ist hier,« sagte der Fürst zu ihm. Harasimowicz verbeugte sich erst vor dem Fürsten, dann vor Pan Andreas, der ihm das Schreiben überreichte. »Lesen Sie!« sagte Baoguslaw. »Pan Harasimowicz! Die Stunde ist gekommen, wo ein treuer Diener seinem Herrn seine Anhänglichkeit beweisen kann. Raffen Sie alles Geld zusammen, das Sie in Zabludow auftreiben können, und schicken Sie es mir möglichst schnell. Sinnen Sie allerlei Mittel aus; um den Einwohnern der umliegenden Dörfer und Städte soviel als möglich Geld abzufordern; ja, plündern Sie selbst die Staatskassen.« »Das alles haben die Konföderierten schon besorgt,« warf Boguslaw ein, »doch fahren Sie fort.« »Alle wertvollen Geräte, Pferde und besonders die Kanonen, die in Zabludow auf dem Hofe stehen, befördern Sie hierher.« »Das ist nicht mehr gut möglich, die Kanonen haben wir schon mitgenommen,« unterbrach ihn wieder Boguslaw. »Wenn Sie den Wein nicht mehr herschicken können, so verkaufen Sie ihn zu jedem beliebigen Preise, und findet sich kein Käufer, so vergraben sie ihn. Zwei Fässer mit dem süßesten Wein vermischen Sie sorgfältig mit Gift. Den geben Sie den Konföderierten, die Sie ruhig in Zabludow einlassen sollen; denn es sind zu viele, um gegen sie aufzukommen. Und wenn auch nur ihre Obersten an dem vergifteten Weine sterben werden, die anderen werden sich dann von selbst zerstreuen. – Befolgen Sie nur aufs sorgfältigste alle meine Anweisungen.« »Den Wein haben wir auch bei uns,« sagte Fürst Boguslaw ruhig. »Mein Vetter denkt augenscheinlich nur an die Konföderierten, schade nur, daß er wie gewöhnlich mit allen seinen Ratschlägen zu spät kommt. Wäre ihm dieser gute Einfall vor vierzehn Tagen oder vor einer Woche gekommen, so ließe sich alles ausführen. – Pan Harasimowicz, gehen Sie jetzt mit Gott, Sie sind hier nicht mehr vonnöten.« Harasimowicz verbeugte sich tief und entfernte sich. Der Fürst trat vor den Spiegel und betrachtete sich aufmerksam. Er achtete nicht auf Kmicic, der mit dem Rücken zum Fenster gekehrt, im Schatten des Zimmers saß. Ein einziger Blick auf das Gesicht Pan Andreas' hätte genügt, um zu bemerken, daß in dem jungen Ritter etwas Eigentümliches vorging. Kmicic' Gesicht war bleich, große Schweißtropfen standen auf seiner Stirn; seine Hände zitterten krampfhaft. Er erhob sich vom Sessel und ließ sich dann wieder nieder, wie ein Mensch, der mit sich selbst kämpft, um den Ausbruch seines Zornes oder seiner Verzweiflung zu unterdrücken. Endlich gelang es ihm, unter Aufbietung all seiner Kraft und Energie wieder Herr seiner selbst zu werden. »Euer Durchlaucht,« sagte er, »sehen selbst, ich mache kein Hehl aus dem Vertrauen, mit dem mich Ihr Herr Vetter beehrt. Ich gehöre zu ihm mit meiner ganzen Seele, mit meinem Leibe und Hab und Gut. – Ich bin zu allem bereit. Aber, obgleich ich sozusagen am Ausgangspunkte all dieser Pläne stehe, und alle Fäden sich vor meinen Augen ausspinnen, so bleibt doch vieles rätselhaft für mich, was ich mir mit meinem schwachen Verstande nicht erklären kann.« »Was wünschen Sie denn, Pan Kavalier?« fragte der Fürst. »Ich bitte Euer Durchlaucht, mich zu belehren; ich würde mich schämen, wenn ich aus dem Umgange mit einem so großen Staatsmanne nichts lernen würde. Ich weiß nicht, ob Euer Durchlaucht gewillt sind, mir aufrichtig zu antworten?« »Das hängt von Eurer Frage und meiner Laune ab,« erwiderte der Fürst, ohne vom Spiegel fortzutreten. Kmicic' Augen blitzten auf, aber seine Stimme blieb wie vordem ruhig. »Es handelt sich darum: der Fürst-Wojewod von Wilna behauptet, daß alle seine Handlungen nur das Ziel haben, die Republik zu retten. Das Wort Republik geht fortwährend über seine Lippen. Können Sie mir nicht ehrlich sagen, ob das nur zum Scheine geschieht, oder ob der Fürst-Hetman wirklich die Interessen der Republik im Auge hat?« Boguslaw warf einen flüchtigen Blick auf Pan Andreas. »Und wenn ich Ihnen nun sagte, daß das alles nur eine Maske ist, würden Sie uns dann weiter beistehen?« Kmicic zuckte verächtlich mit den Achseln. »Ich sagte Ihnen ja schon, daß ich durch Sie viel zu gewinnen hoffe. – Das ist die Hauptsache für mich. Das andere mag sein, wie es will. Mir ist alles gleich.« »Sie werden es weit bringen. Vergessen Sie nicht, daß ich es bin, der Ihnen das sagt. – Aber warum spricht der Hetman nicht offen mit Ihnen?« »Vielleicht ist er mißtrauisch, vielleicht aber auch fehlte es ihm an der passenden Gelegenheit.« »Sie sind ein guter Beobachter, Der Fürst ist wirklich sehr mißtrauisch und rückt nie gern mit der Wahrheit heraus. Bei Gott! Sogar, wenn er mit mir spricht, kommt es vor, daß er sich vergißt und sich mit dem Mantel der Vaterlandsliebe behängt. Erst, wenn ich ihm dann laut ins Gesicht lache, kommt er wieder zur Besinnung. Das ist wirklich wahr.« »Sie meinen also, das alles wäre nur Schein?« fragte Kmicic wieder. »Hören Sie, Pan Kmicic! Wenn wir Radziwills in Frankreich, Spanien oder Schweden lebten, wo die Königswürde erblich und von Gottes Gnaden ist, so würden wir dem Könige und dem Vaterlande treu dienen und uns mit den höheren Staatsstellungen, die uns kraft unseres Reichtums und unserer Herkunft zukommen, begnügen. Aber hier in diesem Lande, wo der König kein göttliches Recht für sich beansprucht, sondern von der Schlachta gewählt wird, stellen wir uns die Frage: Warum kann nicht ebenso gut wie ein Wasa auch ein Radziwill herrschen? Wer garantiert uns denn, daß die Laune der Schlachta uns nicht gelegentlich einen Harasimowicz auf den Thron setzt? Nein, das muß anders werden! Sehen Sie mal nach Deutschland: Wieviel Herrscher gibt es da? Ihr Besitztum ist oft nicht größer als das eines Unter-Starosten bei uns. Aber jeder hat sein angestammtes Ländchen, trägt auf dem Kopfe eine Krone und nimmt im deutschen Bunde eine hohe Stellung ein, obgleich sie sehr gut die Schleppen unserer Mäntel tragen könnten. – Das muß auch hier anders werden!« Der Fürst wurde lebhafter, erhob sich vom Sessel und begann im Zimmer auf und ab zu gehen. »Ohne Schwierigkeiten wird sich freilich die Sache nicht arrangieren lassen. Jetzt aber ist die Zeit günstig dazu. Die Republik liegt in der Agonie und kann sich nicht zur Wehr setzen. Überall klettert man über ihre Grenzen wie über einen zerbrochenen Zaun. Was jetzt mit den Schweden passierte, ist früher nie vorgekommen! Ein Feind überfällt das Land: er begegnet nicht nur keinem Widerstande, sondern, wer nur kann, verläßt seinen früheren Herrscher und eilt, sich dem neuen zu unterwerfen. Die Magnaten, die Schlachta, das Heer, Schlösser, Städte, alle und alles, – ohne Ehre und Scham! Die Geschichte kennt kein zweites Beispiel! Pfui! In diesem Lande gibt es nur Elende ohne Gewissen und Menschenwürde! – Und dieses Land sollte nicht dem Untergange geweiht sein? – Ein solches Volk muß der Sklaverei verfallen und zum Gespött der Nachbarn werden!« Kmicic erbleichte zusehends und konnte seine Wut kaum zurückhalten. Der Fürst aber, hingerissen von seinen eigenen Worten, beobachtete seinen Zuhörer gar nicht. »In diesem Lande,« fuhr er fort, »gibt es eine Sitte, daß die nächsten Verwandten eines Sterbenden ihm das Kissen unter dem Kopfe wegziehen, um ihm seine langen Qualen zu verkürzen. Ich und der Fürst-Wojewod von Wilna haben beschlossen, der Republik diesen letzten Dienst zu erweisen. Aber leider hat mehr als ein Nachbar auf das Erbe sein Auge geworfen. Alles wollen wir uns auch gar nicht aneignen, wir wünschen nur etwas für uns in Sicherheit zu bringen. Ich kann es Ihnen auch anders erklären: Die Republik ist ein Stück rotes Tuch, an dessen verschiedenen Enden ziehen die Schweden, Chmielnicki, die Tataren, der Kurfürst, kurz, alle, die ringsherum wohnen. Da sagten der Fürst-Wojewod und ich uns, in unseren Händen müsse so viel vom Tuche bleiben, daß es zu einem Mantel reiche. Deshalb hindern wir nicht nur keinen am Ziehen, sondern wir ziehen mit. Mag Chmielnicki in der Ukraine bleiben, mögen die Schweden und der Kurfürst um Preußen und Groß-Polen sich streiten, möge Rakoczy Klein-Polen nehmen, Litauen muß dem Fürsten Janusz zufallen und durch seine Tochter mir!« Kmicic erhob sich schnell von seinem Platze. Ich danke; Euer Durchlaucht, das gerade habe ich wissen wollen!« »Pan Kavalier, Sie gehen?« »Ja, Durchlaucht.« Der Fürst sah Kmicic aufmerksam an und bemerkte erst jetzt seine Blässe und Aufregung. »Was ist Ihnen, Pan Kmicic?« fragte er. »Sie haben sich so verändert.« »Ich bin sehr müde von der Reise und kann mich kaum auf den Beinen halten. Gestatten Sie mir, daß ich vor meiner Abreise komme, um mich von Ihnen zu verabschieden!« »Dann tun Sie das aber bald, denn am Nachmittage breche ich auf.« »In einer Stunde werde ich wiederkommen.« Kmicic verbeugte sich und ging fort. Die Dienerschaft im Vorzimmer stand bei seinem Erscheinen auf; er aber ging wie trunken, ohne jemanden zu sehen, an ihr vorbei. Auf der Schwelle griff er mit seinen beiden Händen an seinen Kopf und stöhnte: »Jesus von Nazareth, König von Juda! Jesus, Maria!« Am Tore standen seine Leute mit dem Wachtmeister Soroka. »Folgt mir!« rief Kmicic. Dann ging er durch den Ort zu seinem Gasthause. Soroka, der langjährige Soldat und Diener Kmicic', hatte sogleich bemerkt, daß mit dem jungen Obersten etwas Besonderes vorging. »Nehmt euch in acht!« flüsterte er seinen Leuten zu. »Wehe dem Haupte, über das sich sein Zorn entlädt!« Die Soldaten beschleunigten ihre Schritte. Kmicic ging nicht, er stürmte vorwärts, fuchtelte wild mit den Händen in der Luft umher und stieß unzusammenhängende Worte aus. Zu Sorokas Ohren drangen vereinzelte Rufe, wie: Mörder! treulose Verräter! Verbrecher und Verräter! alle beide! Nachher rief Kmicic die Namen der alten Kameraden: Kokosinski, Kulwiec, Ranicki und wiederholt Wolodyjowski. Soroka hörte das alles mit Schrecken und begann sich mehr und mehr zu beunruhigen. »Einer wird daran glauben müssen,« dachte er bei sich, »anders kann es nicht sein.« Kmicic schloß sich in seinem Zimmer ein und gab während einer ganzen Stunde kein Lebenszeichen von sich. Die Soldaten machten sich ohne seinen Befehl reisefertig und sattelten die Pferde. »Es schadet nicht, es schadet nicht,« sagte Soroka, »wir müssen auf alles gefaßt sein.« »Das sind wir auch,« entgegneten die alten Tollköpfe, indem sie unternehmend den Schnurrbart zwirbelten. Es zeigte sich, daß Soroka seinen Obersten gut kannte. Dieser erschien plötzlich auf der Schwelle seines Zimmers, nur in Hemd und Beinkleidern. »Die Pferde satteln!« schrie er laut. »Sind schon gesattelt!« »Das Gepäck zurecht machen!« »Ist geschehen!« »Einen Dukaten pro Mann!« rief der junge Oberst, der trotz seiner Aufregung bemerkte, daß seine Soldaten seine Gedanken erraten hatten. »Zwei reiten mit den Gepäckpferden voraus nach Dembowa. Durch die Stadt im Schritt, nachher bis zum Walde Trab reiten.« »Zu Befehl!« »Vier laden die Gewehre mit Kartätschen. Für mich sattelt zwei Pferde, macht beide ganz reisefertig.« »Ich dachte mir schon, daß es so kommt,« brummte Soroka. »Und jetzt, Wachtmeister, folg' mir!« rief Kmicic. Und wie er ging und stand, mit aufgeknöpftem Hemde lief er auf den Hof zum Brunnen, begleitet von Soroka, der ihm gehorsam folgte. Dann blieb er stehen, zeigte auf einen Eimer und kommandierte: »Gieß mir Wasser über den Kopf!« Der Wachtmeister, der aus Erfahrung wußte, daß es nicht ungefährlich war, sich erst zum zweiten Male etwas befehlen zu lassen, griff zum Eimer, schöpfte Wasser und goß es Kmicic über den Kopf. Pan Andreas begann zu schnauben und um sich herumzuspritzen wie ein Walfisch, dann rief er: »Mehr!« Soroka schüttete zum zweiten Male einen Eimer Wasser über den Kopf des Obersten, als wenn er einen großen Brand löschen wollte. »Genug,« sagte endlich Kmicic. »Komm, kannst mir beim Anziehen behilflich sein.« In einer halben Stunde erschien er wieder in einem ledernen Kaftan, hohen Stiefeln, umgürtet mit einem Ledergurt, hinter dem eine Pistole steckte. Die Soldaten bemerkten auch, daß er unter dem Kaftan ein Panzerhemd anhatte. Kurz, er war gekleidet, als wenn er sich geradeswegs zu einem Kampfe begeben wollte. Sein Gesicht war ruhig, aber finster, fast drohend. Nachdem Pan Andreas mit einem Blicke geprüft hatte, ob die Soldaten fertig und gut bewaffnet wären, bestieg er sein Pferd. Er warf dem Schenkwirt eine Goldmünze zu und ritt zum Tore hinaus. Soroka ritt an seiner Seite, drei andere Soldaten mit einem Reservepferde folgten ihm. Bald hatte die kleine Truppe den Markt erreicht, auf dem es von den Soldaten Boguslaws wimmelte. Man sah, daß die Regimenter sich zum Aufbruche vorbereiteten. Die Reiterei sattelte die Pferde, die Infanterie nahm die Musketen aus den Böcken und machte sich an den Wagen zu schaffen. Sie ritten über den Marktplatz und schlugen den Weg zum Hause des Starosten ein, das ungefähr einen halben Kilometer von der Straße entfernt lag. »Halt!« rief plötzlich Kmicic. Die Soldaten hielten an. »Seid ihr bereit, in den Tod zu gehen?« fragte kurz Kmicic. »Wir sind bereit,« antworteten im Chore die Orszaer Waghälse. »Wir sind in den Rachen Chowanskis gekrochen, und er hat uns nicht aufgefressen. Denkt ihr noch daran?« »Ja, wir wissen's noch.« »Heute aber müssen wir noch Größeres wagen. – Gelingt es, so wird der König euch alle zu Pans machen, – darauf mein Wort. – Geht's aber fehl, werdet ihr alle gepfählt!« »Warum soll es nicht gelingen,« sagte Soroka, und seine Augen leuchteten wie bei einem Wolfe. »'s wird schon gelingen,« wiederholten die drei anderen: Bilons, Zawratynski, Lubieniec. »Wir müssen den Fürsten-Oberstallmeister entführen,« sagte Kmicic und schwieg dann, um zu sehen, welchen Eindruck diese tolle Idee auf die Soldaten machen werde. Die Soldaten blieben ganz stumm und sahen einander erstaunt an. Ihre Schnurrbärte stellten sich aufrecht wie Borsten, und auf ihren Gesichtern erschien ein drohender, banditenhafter Ausdruck. »Der Pfahl ist nahe, die Belohnung fern!« sprach Kmicic. »Wir sind wenige,« brummte Zawratynski. »Das ist weit schlimmer, als mit Chowanski!« fügte Lubieniec hinzu. »Die Truppen sind alle auf dem Markte, auf dem Hofe ist nur die Wache und das Gefolge, zusammen ungefähr zwanzig Mann. Sie ahnen nichts von dem Plane und haben nicht einmal ihre Säbel bei sich.« »Euer Gnaden riskieren den Kopf, warum sollten wir nicht den unsrigen wagen?« antworte Soroka. »Hört!« rief Kmicic. »Wir können ihn nur durch eine List gefangen nehmen. Gebt gut acht! Ich gehe ins Zimmer und komme bald mit dem Fürsten wieder heraus. Besteigt der Fürst mein Pferd, so springe ich auf das andere, und wir reiten los. Sobald wir uns hundert bis hundertfünfzig Schritt entfernt haben, müssen zwei von euch ihn unter den Arm nehmen und mit ihm nach Leibeskräften auf und davon rasen.« »Zu Befehl,« sagte Soroka. »Kommen wir beide nicht heraus,« fuhr Kmicic fort, »und hört ihr im Zimmer Schüsse fallen, so schießt mit Kartätschen auf die Wache und haltet mein Pferd bereit, wenn ich herausgestürzt komme.« »Es wird alles so gemacht werden,« antwortete Soroka. »Vorwärts!« Nach einer Viertelstunde hielten sie vor dem Eingange des Starostenhauses. Nach altem Herkommen standen sechs Hellebardisten am Tore und vier im Flure des Hauses. Auf dem Hofe huschten Waffenträger und Vorreiter umher, die von einem vornehmen Herrn, einem Ausländer, kommandiert wurden. Kmicic ließ sich wie am Morgen von dem diensthabenden Offizier melden, und nach einigen Minuten stand er schon im Zimmer des Fürsten. »Nun, wie steht's mit Eurer Gesundheit, Pan Kavalier,« fragte der Fürst heiter. »Ich dachte schon, ich würde Sie nicht wieder zu sehen bekommen.« »Wie könnte ich abreisen, ohne mich von Ihnen zu verabschieden!« sagte Kmicic. »Nun ja! – Ich möchte die Gelegenheit benutzen und Ihnen mehrere Briefe an verschiedene hochstehende Persönlichkeiten und auch einen an den König von Schweden mitgeben. – Sie sind so gerüstet, als wenn es zur Schlacht ginge.« »Bedenken Sie, ich reise zu den Konföderierten. Alle hier und auch Euer Durchlaucht erzählen, daß vor kurzem ein Banner der Konföderierten hier durchgekommen sei. An seiner Spitze steht ein ausgezeichneter Führer.« »Wer denn?« »Pan Wolodyjowski. Ferner sind bei ihm Pan Mirski, Oskierka, beide Skrzetuskis und andere tüchtige Soldaten. Es gibt auch noch Dumme in der Republik, die nicht mit den Schweden und Kosaken zusammen am roten Tuche ziehen wollen.« »Die Dummen werden nie alle, besonders hierzulande nicht,« entgegnete der Fürst. »Hier, nehmen Sie den Brief für den König von Schweden. Sagen Sie ihm, wenn Sie ihn sehen, natürlich ganz im Geheimen, daß ich im Herzen ein ebenso warmer Anhänger von ihm sei, wie mein Vetter. Nur, ich müßte mich noch für eine Zeit lang verstellen.« »Wer müßte sich heutzutage nicht verstellen,« antwortete Kmicic. »Gewiß, gewiß. – Führen Sie meinen Auftrag nur gut aus, und zweifeln Sie nicht an meiner Dankbarkeit.« »Wenn Euer Durchlaucht so gnädig sind, so bitte ich mir im voraus eine Belohnung aus.« »So! Wahrscheinlich war der Fürst-Wojewod nicht besonders freigebig mit den Reiseunkosten?« »Behüte Gott, daß ich Geld verlangen sollte! Ich habe vom Fürsten-Hetman nichts genommen und werde auch von Eurer Durchlaucht nichts annehmen. – Ich reise auf eigene Kosten.« Fürst Boguslaw sah den jungen Ritter erstaunt an. »Fremder Leute Geld scheint Sie nicht zu reizen. Was wünschen Sie denn?« »Die Sache ist die, Euer Durchlaucht. Ohne vorher zu überlegen, nahm ich ein Pferd reinsten Blutes mit auf die Reise, um vor den Schweden damit zu glänzen. Ich glaube, es ist nicht zu viel gesagt, wenn ich behaupte, daß Sie in den ganzen Kiejdaner Pferdeställen kein besseres finden: jetzt aber befürchte ich, das Pferd könne in den Schenken oder auf den sonstigen Rastplätzen Schaden nehmen oder gar in die Hände der Feinde fallen. Ich möchte Euer Durchlaucht bitten, mein Pferd in Verwahrung zu nehmen und es selbst so lange zu benutzen, bis ich meinen Auftrag ausgeführt habe.« »Dann ist es am besten, Sie verkaufen es mir.« »Das kann ich nicht. – Das wäre ebenso für mich, als wenn ich meinen Freund verkaufte. Dieses Pferd hat mich viele Male aus der größten Gefahr herausgetragen. Außerdem beißt es in der Schlacht den Feind.« »Ist es wirklich ein so großartiger Gaul?« interessierte sich der Fürst lebhaft. »Ob er großartig ist! Wenn ich überzeugt wäre, daß Euer Durchlaucht es mir nicht übel nähmen, so würde ich um hundert Dukaten wetten, daß auch Sie so ein Tier nicht besitzen!« »Es fehlt mir an Zeit, sonst würde ich Ihre Wette angenommen haben. Gut, ich werde das Tier in Verwahrung nehmen, obwohl ich es lieber käuflich erworben hätte. – Sagen Sie, wo steckt denn eigentlich dieser Schatz?« »Meine Leute halten ihn am Tore.« »Gehen wir, uns diese Seltenheit anzusehen!« »Zu Befehl, Euer Durchlaucht.« Der Fürst nahm den Hut und ging mit Kmicic auf den Hof. Vor dem Tore hielten Kmicic' Leute zwei vollständig gesattelte Pferde. Eins von ihnen, ein Rassepferd, schwarz wie die Nacht, mit einem Stern auf der Stirn, fing beim Erscheinen seines Herrn leise an zu wiehern. »Aha, dieses ist es, ich errate es schon!« sagte Fürst Boguslaw. »Ich weiß nicht, ob es ein solches Wunder ist, wie Sie erzählen, aber auf alle Fälle ist es ein prächtiges Tier!« »Vorführen!« rief Kmicic, »doch halt, wartet, ich setze mich lieber selbst!« Die Soldaten brachten den Gaul zu Pan Andreas, dieser sprang in den Sattel und ritt vor dem Tore entlang. Unter der erfahrenen Leitung des Reiters erschien das Pferd doppelt so schön. Pan Kmicic beschrieb Kreise, wechselte mehrfach die Gangart und ritt schließlich so nahe zu dem Fürsten heran, daß der Kopf des Tieres nur einen Meter von dessen Gesicht entfernt war. Dann rief er: »Halt!« Der Gaul lieh sich auf allen Vieren nieder und blieb wie angewurzelt stehen. »Nun? Was?« fragte Kmicic. »Wirklich, wie die Dichter singen: die Augen und Beine eines Hirsches, der Gang eines Wolfes, die Nüstern eines Elentieres und die Brüste eines Weibes!« sagte Fürst Boguslaw. »Er hört außerdem auf deutsche Kommandorufe?« »Sein Bereiter war ein Kurländer.« »Und läuft er schnell?« »Euer Durchlaucht können auf ihm den Wind einholen. In der Front geht er so, daß selbst beim Galopp Sie die Zügel frei lassen können, und er wird nicht einen halben Kopf aus der Linie treten. Wenn Euer Durchlaucht es probieren wollen, und er während zweier Meilen sich nur um einen halben Kopf herausrückt, so gebe ich ihn umsonst fort.« »Das ist wunderbar! Nun, und wenn die Linie kehrt macht?« »So macht er, ohne daß man die Zügel ergreift, es mit.« »Das ist nicht möglich!« sagte der Fürst. »Das ist kein Pferd imstande zu tun. – Ich habe in Frankreich die Pferde der königlichen Musketiere gesehen, Pferde, die für die Hofzeremonien abgerichtet waren; aber selbst diesen durfte man die Zügel nicht freigeben.« »Dieser Gaul besitzt den Verstand eines Menschen. Belieben Euer Durchlaucht nicht, sich davon zu überzeugen?« »Sei es,« sagte der Fürst nach kurzer Überlegung. Kmicic hielt selbst den Gaul; der Fürst schwang sich leicht in den Sattel und klopfte das Tier auf seinen glänzenden Rücken. »Zuerst wollen wir Seite an Seite reiten. Wenn es Euer Durchlaucht recht ist, schlagen wir die Richtung zum Walde ein. Der Weg dahin ist eben und breit.« »Nun wohl.« »Wenn wir ein Weilchen nebeneinander geritten sind, lassen Euer Durchlaucht die Zügel los, und dann geht's trab weiter, je zwei von meinen Leuten werden Ihnen zur Seite bleiben. Ich reite in einem gewissen Abstande hinter Ihnen her.« – Auf Kommando des Fürsten raste die Reihe wie ein Wirbelwind dahin. Eine dichte Staubwolke entzog den Fürsten den Augen seines Gefolges, das neugierig dem Rennen am Tore zusah. Schon hatten die Reiter zwei Kilometer zurückgelegt, ohne daß des Fürsten Pferd auch nur einen Zoll aus der Reihe hervorgetreten wäre, als Kmicic sich umwandte. Nachdem er sich überzeugt, daß hinter ihnen Staubwolken lagen, die den Hof des Starosten ganz verhüllten, brüllte er mit fürchterlicher Stimme: »Faßt ihn!« In demselben Augenblicke packten Bilous und der Hüne Zawratynski den Fürsten mit solcher Gewalt an beiden Armen fest, daß die Knochen knackten. Gleichzeitig gaben sie ihren eigenen Pferden die Sporen. Das Pferd des Fürsten paßte sich genau den anderen an und blieb nicht einen Schritt zurück. Erstaunen, Schreck und der Wind, der dem Fürsten Boguslaw ins Gesicht peitschte, schnürten ihm fürs erste die Gurgel fest zu. Er versuchte einige Male sich loszureißen, aber ohne Erfolg. Seine Arme waren wie in eisernen Schraubstöcken festgehalten. »Was soll das, Nichtsnutzige! – Wißt ihr nicht, wer ich bin?« schrie er endlich. In diesem Augenblicke schlug ihn Kmicic leicht mit dem Pistolenlauf auf den Rücken. »Wenn Sie sich widersetzen, schieße ich Ihnen eine Kugel durch den Kopf!« »Verräter!« sagte Fürst Boguslaw. »Und was bist du?« antwortete Kmicic. Und wortlos sprengten sie weiter dahin. 12. Kapitel. Lange rasten unsere Reiter weiter durch den Wald. Die Kiefern, die am Wege standen, schienen erschreckt vor ihnen zurückzufliehen. Schenken, Hütten von Teersiedern, Wagen, die nach Pilwiszki fuhren, alles ließen sie hinter sich zurück. Endlich hörte das tolle Jagen auf. Menschen und Tiere mußten zu Atem kommen, und Pilwiszki war so weit hinter ihnen geblieben, daß eine Verfolgung von dort ausgeschlossen war. Der Fürst, der sich bemühte, zu sich zu kommen und sich zu beruhigen, schwieg lange Zeit. Endlich fragte er: »Und wohin führen Sie mich?« »Das werden Sie am Ziele unserer Reise erfahren,« sagte Kmicic trocken. Einen Moment verstummte Boguslaw, dann begann er von neuem: »Befehlen Sie Ihren Knechten, mich freizulassen; sie haben mir fast die Arme ausgerenkt. Ich werde sie hängen oder pfählen lassen.« »Das sind keine Knechte, das sind Schlachtschitzen. – Und was die Strafe anbelangt, mit der Sie sie bedrohen, so wollen wir es dahingestellt sein lassen, wen von uns der Tod zuerst ereilen wird.« »Befehlen Sie ihnen, mir die Arme freizugeben!« »Ich werde die Hände Euer Durchlaucht auf dem Rücken zusammenbinden lassen. So wird es bequemer sein.« »Nein, so werden sie mir die Arme ganz ausrenken!« »Einen anderen würde ich auf sein Wort hin frei lassen. Aber Sie verstehen es zu gut, Ihr Wort zu brechen!« antwortete Kmicic. »Ich werde Ihnen ein anderes Wort geben, das ich sicherlich halten werde. Ich werde nicht nur die erste Gelegenheit benutzen, mich zu befreien, sondern ich werde Sie durch Pferde zerreißen lassen, sobald ich Ihrer habhaft werde.« »Sei dem, wie ihm sei! Mir ist eine aufrichtige Drohung lieber, als ein falsches Versprechen. Gebt ihm die Arme frei! Den Gaul führt am Zügel. Und Sie, Durchlaucht, nehmen Sie sich in acht. Ein Druck auf den Hahn genügt, um Ihnen eine Kugel durch den Kopf zu jagen. Sitzen Sie also ruhig und versuchen Sie nicht, zu fliehen.« »Sie wagen es nicht, Pan Kmicic, mir in die Augen zu sehen, deshalb bleiben Sie stets hinter mir,« sagte Boguslaw. »Durchaus nicht,« entgegnete Pan Andreas. Er schob Zawratynski bei Seite und sah Boguslaw direkt in die Augen. »Wie finden Sie übrigens mein Pferd? Habe ich übertrieben?« »Ein feines Tier,« pflichtete der Fürst ihm bei. »Wollen Sie, so kaufe ich es!« »Ich danke Ihnen! Zu viel Ehre für den Gaul, auf seinem Rücken einen Verräter zu tragen.« »Sie sind ein Narr, Pan Kmicic!« »Weil ich den Radziwills traute!« »Sagen Sie, Pan Kmicic,« sagte der Fürst nach einer kleinen Pause, »sind Sie überzeugt davon, daß Sie noch bei Verstand sind? Wahnsinniger, haben Sie sich nie gefragt: Was tust du? Ist es Ihnen nie in den Kopf gekommen, daß es für sie besser wäre, Sie wären nie zur Welt gekommen? Weder in Polen, noch in ganz Europa würde sich jemand finden, der eine solche wahnwitzige Tat gewagt hätte.« »Dann ist die Tapferkeit in Europa ausgestorben. Ich aber entführe Euer Durchlaucht, halte Euch fest und geb' Euch nicht frei. Söhnen sich Durchlaucht nur mit dem Gedanken aus, daß Sie in meinen Händen sind, und verschwenden Sie nicht unnütze Worte. Eine Verfolgung haben wir nicht zu befürchten, denn Ihre Leute denken, daß Sie freiwillig mit uns gekommen sind. Zwei Stunden wird man geduldig warten, die dritte und vierte wird man sich beunruhigen, in der fünften erst wird man anfangen, nach Ihnen zu suchen. Wir aber werden unterdessen schon lange hinter Maryampol sein.« »Nun, und was folgt daraus?« »Daraus folgt, daß man uns nicht einholen kann. Dazu kommt noch, daß Ihre Pferde noch von der weiten Reise ermattet sind, unsere aber schon Zeit hatten, sich zu erholen. Doch selbst, wenn man uns einholte, so kann Ihnen das nicht von Nutzen sein. In diesem Falle würde ich Ihnen ohne Zögern den Kopf zerschmettern. – Das alles folgt daraus. – Radziwill hält sich einen Hof, Truppen, Dragoner, – Kmicic hat nur sechs Soldaten, und doch hat Kmicic Radziwill beim Kragen.« »Was aber weiter?« fragte der Fürst. »Weiter nichts. – Wir reiten dorthin, wo es mir beliebt. Danken Sie Gott, Durchlaucht, daß Sie noch am Leben sind. Hätte ich mir heute früh nicht mehrere Eimer kaltes Wasser über den Kopf gießen lassen, so wären Sie schon im Jenseits oder richtiger in der Hölle, wo Sie als Calvinist oder Verräter hingehören.« »Und Sie haben das alles gewagt?« »Ich wiederhole Euer Durchlaucht, ohne zu prahlen, daß es nichts gibt, was ich nicht wagen würde. Der beste Beweis davon sind Sie selbst.« Der Fürst sah dem jungen Ritter aufmerksam ins Gesicht und sagte: »Der Teufel selbst hat es auf Ihr Gesicht geschrieben, daß Sie zu allem bereit sind. – Aber, das sage ich Ihnen, wenn mir auch nur ein einziges Haar gekrümmt wird, die Radziwills werden Sie zu finden wissen, selbst, wenn Sie unter der Erde sind. Wenn Sie auf die augenblickliche Uneinigkeit in unserer Familie zählen, so haben Sie sich sehr verrechnet. Das Blut eines Radziwill wird gerächt werden, man wird an Ihnen ein Beispiel statuieren. – Selbst im Auslande werden Sie vor unserer Verfolgung nicht sicher sein. – Der deutsche Kaiser wird Sie ausliefern, denn ich bin ein Fürst des deutschen Bundes, der Kurfürst von Brandenburg ist mein Onkel, der Prinz von Oranien – sein Schwager, das französische Königspaar und seine Minister sind meine Freunde. – Wo wollten Sie sich also verbergen?« »Es ist doch sonderbar, daß eine so hohe Persönlichkeit, wie Euer Durchlaucht, sich über meine Zukunft so beunruhigen kann, während gegenwärtig ein Schuß aus meiner Pistole genügt, um – – –« »Das vergesse ich auch gar nicht. – Ich weiß sehr wohl, daß es in der Welt schon vorgekommen ist, daß bedeutende Männer durch die Hand eines einfachen Mörders gefallen sind. Aber trotzdem frage ich Sie: »Was nun weiter?« »Ei, was kümmere ich mich darum? Ich habe mich mein Lebtag noch nicht um den nächsten Tag gesorgt. Sollte ich es mit allen Radziwills zu tun kriegen, so ist es noch lange nicht ausgemacht, wer von uns den meisten Verdruß erleiden wird. – Über meinem Haupte hängt schon längst das Schwert. Und dann, genügt mir ein Radziwill nicht, so werde ich mir einen zweiten, dritten langen.« »Wahrhaftig, Kavalier, Sie gefallen mir sehr! Ich wiederhole: Nur Sie allein in ganz Europa konnten so etwas wagen! Wo verbrachten Sie Ihre Jugend, Ritter? Von woher stammen Sie?« »Ich bin der Fahnenträger von Orsza!« »Pan Fahnenträger, es tut mir leid, daß die Radziwills solch einen Mann wie Sie verlieren. – Wenn Sie mich sofort frei lassen, so, das verspreche ich Ihnen, werde ich mich nicht rächen! Sie werden mir nur das Wort geben, daß Sie niemandem von dem, was vorgefallen ist, etwas erzählen. Und auch Ihren Leuten müssen Sie befehlen zu schweigen.« »Das kann nicht sein,« entgegnete Kmicic. »Wollen Sie Lösegeld haben?« »Ich will keins.« »Wozu denn, zum Teufel, haben Sie mich entführt! Ich begreife Sie einfach nicht!« »Es würde zu lange dauern, wenn ich Ihnen das jetzt erkläre. – Später werden Sie schon alles erfahren.« »Zwar sind Sie, Pan Fahnenträger von Orsza, nicht sehr gesprächig, doch möchte ich Sie bitten, mir doch wenigstens eine Frage zu beantworten. Sind Sie nach Podlachien gekommen, mit der Absicht, auf meine Person einen Anschlag zu üben, oder ist Ihnen dieser Gedanke erst später gekommen, erst im letzten Augenblicke?« »Es drängt mich selbst, Ihnen zu sagen, warum ich Ihre Sache verlassen habe und nie wieder zu Ihnen zurückkehren werde. – Der Fürst-Hetman hat mich betrogen. Ich glaubte an den Fürsten-Hetman mehr als ich an den eigenen Vater glaubte. Mit Schmerzen gedenke ich des Banketts, wo er zum ersten Male verkündete, daß er sich mit den Schweden verbündet hätte. Gott allein weiß, was ich damals gelitten habe! Andere ehrliche Männer warfen ihm ihre Kommandostäbe vor die Füße, und ich stand wie unter einem Banne stumm da. Stand mit Schmach und Schande und Verachtung bedeckt, weil man mich ins Gesicht hinein einen »Verräter« nannte. – Aber ihr, ihr seid die Verräter! Ihr seid käufliche Seelen, die mich soweit gebracht haben!« »Fahren Sie nur fort, Pan Kmicic, das alles interessiert mich sehr!« Kmicic ließ die Zügel des fürstlichen Pferdes los und nahm seine Mütze vom Kopfe, der ihm wie Feuer brannte. »Ich ging zu dem Fürsten-Hetman. Ich wollte den Dienst verlassen, meinen Schwur brechen, ihn mit diesen Händen erwürgen, Kiejdane in die Luft sprengen, mochte kommen, was da wollte! – Er wußte auch, daß ich zu allem fähig klar. O, er wußte das sehr gut! Ich sah es wohl, daß er die Hand auf ein Etui mit Pistolen gelegt hatte. Doch ich fürchtete mich nicht; was lag mir daran, noch weiter zu leben. – Aber er begann auf mich einzureden, mir Dummkopf solche großartige Absichten zu eröffnen, sich in einem solchen Lichte zu zeigen, – daß – nun, Sie wissen ja selbst, womit es endete.« »Er hat also den Knaben überzeugt!« sagte Boguslaw. »Ihm zu Füßen habe ich gelegen,« schrie Kmicic, »in ihm habe ich die einzige Rettung des Vaterlandes gesehen, ihm habe ich mich ergeben mit Leib und Seele! Mein Banner habe ich zum Gehorsam gezwungen! Die meuterischen Banner habe ich niedergemetzelt, zertrümmert. Ich habe meine Hände mit Bruderblut besudelt; alles, weil ich glaubte, es wäre zum Wohle des Vaterlandes. Wie schnitt es mir ins Herz, wenn ich sah, wie der Fürst wackere Soldaten erschießen ließ. Aber ich dachte: Ich bin unerfahren, er weiß, es wird wohl nötig sein! Jetzt aber, als ich aus seinen Briefen hörte, daß er ganze Truppen vergiften wollte, da erstarrte das Mark in meinen Knochen! Wie? Das tut ein Hetman? Ein Radziwill? Und ich soll solche Briefe weiter befördern? Was, dachte ich bei mir, wenn er das Vaterland ebenso vergiften will wie diese Soldaten? Und Gott half mir und gab mir Geduld. Obwohl mir der Kopf brannte, und das Herz mir zu zerspringen drohte, bemeisterte ich mich. Zeige nicht, sprach ich zu mir selbst, was in deinem Herzen vorgeht, so wirst du die ganze Wahrheit erfahren. Zeig' dich als einen noch schlechteren Kerl als die Radziwills und locke ihm die Wahrheit von den Lippen.« »Wem? Mir?« »Ja, Ihnen. – Und Gott stand mir bei, daß ich, ein einfacher Mann, Sie, einen gewiegten Staatsmann, täuschen konnte. Da Sie, Durchlaucht, mich für den ärgsten Halunken hielten, eröffneten Sie mir alle Ihre niederträchtigen Pläne. Alles gestanden Sie mir und setzten es mir auseinander, daß es klar wie der Tag vor mir lag. Meine Haare sträubten sich, aber ich hörte geduldig bis zum Ende zu. – O, Verräter! Erzgalgenstricke, Vatermörder! Warum hat euch nicht ein Blitz zu Boden geschmettert? Warum tut sich die Erde nicht auf, um euch zu verschlingen? – Ihr habt euch mit Chmielnicki, den Schweden, dem Kurfürsten, mit Rakoczy, – mit dem Teufel selbst verbunden, um die Republik ins Verderben zu stürzen. – Einen Mantel wollt ihr euch also aus ihr herausschneiden! Verkaufen wollt ihr sie! Teilen, zerfleischen wie Wölfe? Das ist also der Dank für all die Ehren und Würden, mit denen man euch überhäuft hat! Der Dank für all die geschenkten Reichtümer, um die euch selbst fremde Monarchen beneiden! Ihren Tränen und Seufzern schenkt ihr keine Beachtung! Wo bleibt denn euer Gewissen, eure Ehre? Was für Ungeheuer müssen euch gezeugt haben?« »Pan Kmicic,« unterbrach Boguslaw ihn kalt, – »ich bin zwar in Euren Händen, Sie können mich ja töten, nur eins bitte ich Sie, langweilen Sie mich nicht so, daß ich vor Langweile sterbe.« Beide schwiegen einige Zeitlang. Plötzlich hielt Kmicic sein Pferd an. »He!« rief er. – »Und der Brief des Fürsten-Hetman? Haben Sie ihn bei sich, Durchlaucht?« »Wenn ich ihn auch bei mir hätte, so würde ich ihn doch nicht herausgeben,« entgegnete der Fürst. »Die Briefe sind übrigens in Pilwiszki geblieben.« »Durchsucht ihn!« rief Kmicic. Die Soldaten hielten dem Fürsten wieder die Arme fest. Soroka begann in seinen Taschen zu wühlen. Bald fand sich der Brief. »Noch ein Beweismittel wider Sie,« sagte Pan Andreas. »Der König von Polen wird aus diesem Briefe Ihre Pläne erfahren, und auch den Schweden wird ein Einblick nicht ganz uninteressant sein. – Außerdem führe ich selbst noch Briefe an den König von Schweden, an Wittemberg und an Radziejowski mit mir. – Groß und mächtig seid ihr Radzwills. Und doch weiß ich nicht, ob euch nicht zu enge werden wird im Vaterlande, wenn beide Könige euch all eure Verrätereien würdig belohnen werden!« Die Augen des Fürsten Boguslaw entbrannten in einem unheilverkündenden Feuer, aber er unterdrückte seinen Zorn und sagte: »Schön, Kavalier! Zwischen uns ist ein Kampf auf Leben und Tod entbrannt! – Vielleicht begegnen wir uns noch irgend wann mal im Leben. – Sie können uns jetzt viel Böses zufügen; aber ich rufe über Sie und all die Ihren ein furchtbares 'Wehe!'« »Ich selbst verstehe es gut, mich mit meinem Säbel zu verteidigen. Und für die meinigen führe ich etwas bei mir, womit ich sie jederzeit auslösen kann,« sprach Kmicic. »Ah, so, ich diene Ihnen als Geisel!« sagte der Fürst. Trotz seiner Wut atmete er erleichtert auf. Er begriff erst jetzt, daß seinem Leben augenblicklich keine Gefahr drohte, daß ihn Kmicic sehr notwendig gebrauchte, und er beschloß, sich dies zunutze zu machen. Inzwischen hatten sie wieder begonnen, Trab zu reiten. Nach einer Stunde sahen sie zwei Reiter, von denen jeder ein paar gesattelte Pferde mit sich führte. Das waren Kmicic' Leute, die er aus Pilwiszki vorausgeschickt hatte. »Nun, wie steht's?« fragte sie Pan Andreas. »Die Pferde sind sehr ermüdet, Euer Gnaden.« »Wir werden gleich Rast machen.« »Dort an dem Kreuzwege steht eine Hütte, – vielleicht ist's eine Schenke.« »He, Wachtmeister, reitet voran und sorgt für Futter für die Pferde. Eine Schenke oder nicht, wir müssen jedenfalls rasten.« Soroka gab seinem Pferde die Sporen; die anderen folgten ihm im Schritt. Kmicic ritt an der einen Seite des Fürsten, Lubieniec an der anderen. Der Fürst schien völlig beruhigt zu sein, er stellte an Kmicic keine Fragen mehr. Der Ritt hatte ihn wahrscheinlich ermüdet; sein Kopf hing nach vorn über, und seine Augen hielt er geschlossen. Von Zeit zu Zeit jedoch blinzelte er von der Seite zu Kmicic und Lubieniec hin, die die Zügel seines Pferdes hielten. Er überlegte, welchen von beiden er am leichtesten zur Seite stoßen konnte, um das Freie zu gewinnen. Unterdessen hatten die Reiter das Gebäude, das am Waldesrande stand, erreicht. Es war keine Schenke, sondern eine Schmiede, in der Vorüberreisende ihre Pferde beschlagen oder ihre Wagen ausbessern ließen. Soroka hatte sein Pferd schon an einen Pfahl gebunden; er unterhielt sich mit dem Schmied, einem Tataren, und seinen beiden Gehilfen. Kmicic steckte seine Pistole in den Gürtel, sprang aus dem Sattel, übergab das Pferd Soroka und ergriff wieder die Zügel vom Pferde des Fürsten. Lubieniec fuhr fort, das Pferd an der andern Seite zu halten. »Geruhen Durchlaucht vom Pferde zu steigen?« sagte Pan Andreas. »Wozu? Ich kann mich auch im Sattel stärken,« sagte der Fürst, indem er sich zu Kmicic niederbeugte. »Steigen Sie herunter auf die Erde!« rief Kmicic drohend. »Und du in die Erde!« schrie mit eigentümlicher Stimme der Fürst, und mit Blitzesschnelle die Pistole aus Kmicic' Gürtel reißend, schoß er ihm direkt ins Gesicht. »Jesus Maria!« stöhnte Kmicic auf. In diesem Augenblicke bäumte sich das Pferd des Fürsten hoch auf. Der Fürst drehte sich schnell zu Lubieniec und schlug diesen aus allen Kräften mit seiner mächtigen Faust vor die Stirne. Lubieniec schrie gellend auf und fiel vom Pferde. Ehe die übrigen begriffen hatten, was vorgefallen war, ehe noch ein Schrei sich ihren Lippen entringen konnte, raste Fürst Boguslaw schon wie der Sturm in der Richtung nach Pilwiszki dahin. Drei Soldaten, die noch zu Pferde waren, setzten ihm nach. Soroka ergriff seine Muskete und zielte auf den Fliehenden, oder, richtiger gesagt, auf sein Pferd. Das Pferd flog wie ein aus einer Armbrust abgeschossener Pfeil dahin. Ein Schuß fiel. – Soroka stürzte vorwärts, um möglichst schnell das Resultat seines Schusses zu sehen. Dann rief er verzweifelt aus: »Fehlgegangen!« Boguslaw und seine Verfolger verschwanden an einer Biegung des Weges. Soroka befahl dann dem Schmied und seinen Gehilfen, schnell Wasser zu bringen. Der Schmied stürzte zum Brunnen, Soroka ließ sich auf den Boden neben den bewegungslos liegenden Pan Andreas nieder. Kmicic' Gesicht war mit Ruß und Blut bedeckt. Die Augen waren geschlossen, die linke Braue, Wimper und Schnurrbarthälfte waren versengt. Der Wachtmeister betastete lange und vorsichtig seinen Schädel, schließlich brummte er: »Der Schädel ist heil!« Kmicic gab noch immer kein Lebenszeichen von sich. Der Schmied brachte Wasser und einen Lappen, und Soroka begann mit gewohnter Vorsicht, das Gesicht des Verwundeten abzuwaschen. Schließlich zeigte sich unter dem Blute die Wunde. Die Kugel war in die linke Backe gedrungen und hatte ein Stück des Ohrlappens mit fortgerissen. Soroka, der sich bald davon überzeugte, daß der Backenknochen unbeschädigt geblieben war, atmete erleichtert auf. Das kalte Wasser und der Schmerz brachten Kmicic wieder zu sich. Sein Gesicht erzitterte; die Brust begann sich zu heben. »Er lebt! Es ist ihm nichts geschehen!« rief Soroka erfreut. Und eine große Träne rollte über das Gesicht des finsteren Wachtmeisters. In diesem Augenblicke kehrte Bilous, einer von den dreien, die dem Fürsten nachgesetzt waren, zurück. »Nun, was?« fragte Soroka. Der Soldat machte eine abwehrende Handbewegung. »Nichts!« »Und kommen die anderen bald zurück?« »Die anderen kommen nie wieder!« Der Wachtmeister legte Kmicic' Kopf vorsichtig auf die Schwelle der Schmiede nieder und sprang auf. »Wieso?« »Pan Wachtmeister, dieser Mensch ist ein wahrer Hexenmeister! Zawratynski holte ihn als erster ein. Vor unseren Augen entriß der Fürst ihm den Säbel und erstach ihn. Wir hatten kaum Zeit, aufzuschreien. Witkowski, der ihm am nächsten war, stürzte zu Hilfe. – Auch den stach er in einem Augenblicke nieder, gleich, als ob ein Blitz ihn zerschmetterte. – Witkowski schrie nicht einmal mehr auf. – Und ich wartete gar nicht mehr ab, bis die Reihe an mich kam. – Pan Wachtmeister, ich glaube, der wird zurückkehren.« »Wir haben hier nichts mehr zu suchen,« schrie Soroka. »Die Pferde her!« Sie begannen mit vereinten Kräften eine Bahre für Kmicic zurecht zu machen. Auf Befehl Sorokas stellten sich zwei Soldaten mit Musketen in den Händen am Wege auf, um das Herannahen des fürchterlichen Mannes zu melden. Aber Fürst Boguslaw, der überzeugt war, daß Kmicic nicht mehr unter den Lebenden weilte, kehrte ruhig nach Pilwiszki zurück. Gegen Abend begegnete er einer Abteilung Reiter, die ausgesandt war, ihn zu suchen. Als sie Fürst Boguslaw sah, sprengte sie auf ihn zu. »Euer Durchlaucht, wir wußten nicht –« »Hat nichts zu sagen,« unterbrach ihn der Fürst. »Ich habe das Pferd in Begleitung des Kavaliers, von dem ich es gekauft habe, ausprobiert.« Nach einer Weile fügte er hinzu: »Und ich habe es gut bezahlt.« – – – Schluß des zweiten Buches. Drittes Buch. 1. Kapitel. Der treue Soroka ritt mit dem Oberst auf der Bahre durch dichte Wälder; er wußte selbst nicht, wohin er gehen und was er beginnen sollte. Kmicic lag noch immer in tiefer Ohnmacht. Von Zeit zu Zeit rieb ihm Soroka das Gesicht mit einem nassen Tuche ab, er machte an Bächen und Waldseen Halt, um den Oberst durch kaltes Wasser wieder zu sich zu bringen; aber alles vergeblich. Er lag wie tot da, und die noch weniger erfahrenen Soldaten als Soroka fingen an, sich zu beunruhigen, ob er nicht tatsächlich tot wäre. »Er lebt,« antwortete Soroka auf alle Fragen, »in drei Tagen wird er wie wir alle wieder im Sattel sitzen.« Nach geraumer Zeit kam Kmicic wirklich zu sich und verlangte zu trinken. Soroka gab ihm die Feldflasche, doch es war ihm vor Schmerzen nicht möglich, den Mund zu öffnen. Seine weitgeöffneten Augen sahen wie abwesend in das Waldesdickicht und auf seine Soldaten. Er fragte nach nichts und machte den Eindruck eines Menschen, der aus starker Trunkenheit erwacht und sich auf nichts mehr besinnt. Er stöhnte auch nicht, als Soroka den Verband wechselte. Starkes Fieber hatte ihn befallen, trotz der Kälte brannten seine Hände. Er begann, einzelne verworrene Sätze auszustoßen: »Euer Durchlaucht – zwischen uns auf Leben und Tod.« Es fing an ganz dunkel zu werden, und Soroka dachte besorgt daran, wo sie ein Nachtlager finden würden, denn schon mehrere Stunden ritten sie über einen Sumpf, der noch immer kein Ende nehmen wollte. Plötzlich drang der Geruch von Rauch und Teer zu den Reitern. »Wahrscheinlich liegt eine Teersiederei in der Nähe,« sagte Soroka. Wirklich zeigte sich rötlicher Rauch in der Ferne. Beim Näherkommen sah Soroka eine Hütte, einen Brunnen und eine große, aus Kiefernbalken gezimmerte Scheune vor sich stehen. Die erschöpften Pferde fingen bei diesem Anblick an froh zu wiehern; frohes, vielstimmiges Wiehern antwortete ihnen aus der Scheune. Ein Mann in einem Schafpelze, dessen Pelzseite nach außen gekehrt war, kam von der Scheune her. »Hört mal, ist das hier eine Teersiederei?« fragte Soroka. »Was seid ihr für Leute und woher kommt ihr?« fragte der Mann mit einer Stimme, die Schrecken und Staunen zugleich ausdrückte. »Fürchte nichts, wir sind keine Räuber.« »Geht eures Weges, ihr habt hier nichts zu suchen!« »Halte dein Maul und führe uns in die Hütte; siehst du denn nicht, daß wir einen Verwundeten bei uns haben?« »Aber erst antworte, wer seid ihr?« »Nimm dich in acht, daß du keine Antwort aus dem Gewehre erhältst. Führ' uns in die Hütte. Gib uns zu essen und Schnaps. Wir tragen hier einen Pan, der alles bezahlen wird.« In der Hütte brannte ein Feuer im Ofen, und aus den Töpfen stieg der Duft von geschmortem Fleisch empor. Das Zimmer, in das sie der Teersieder geführt hatte, war ziemlich groß. Soroka bemerkte sogleich, daß an den Wänden sechs Betten standen, die mit Schaffellen bedeckt waren. »Hier wohnt irgend eine Bande,« flüsterte der Wachtmeister seinen Leuten zu. »Schüttet frisch Pulver auf und seid auf der Hut! Paßt gut auf den Bauer auf, daß er uns nicht entwischt. – Und du,« sagte er zum Sieder, »schütte schnell Fleisch für uns auf die Schüssel, wir sind sehr hungrig. Und spare keinen Hafer für unsere Pferde!« Die Soldaten legten den schlafenden Pan Andreas auf eins der Betten und setzten sich schnell an den Tisch. Soroka, der in einer Kammer neben dem Zimmer Schnaps fand, trank nur sehr wenig davon, denn er wollte die ganze Nacht über Wache halten. – Die leere Hütte mit den sechs Betten schien ihm verdächtig. Er hielt sie für ein Räubernest, umsomehr, als er in der Kammer viele Waffen, Pulver und allerlei Geräte fand, die anscheinend aus den Häusern der Schlachta geraubt waren. Soroka beschloß, sich der Hütte zu bemächtigen und sich durch Waffengewalt oder friedliche Verhandlungen fürs erste dort festzusetzen. Denn der Gedanke, wieder auf die Landstraße hinaus zu müssen, wo sie wahrscheinlich den sie verfolgenden Soldaten des Fürsten begegnen würden, versetzte selbst den mutigen Wachtmeister in Schrecken. »Es bleibt uns nichts übrig, als uns in der Hütte zu verbergen, bis der Oberst wieder genesen ist, dann ist es seine Sache, das weitere zu bestimmen.« Vor die Hütte stellte er während der Nacht zwei Soldaten auf Posten, die nach Mitternacht von den anderen abgelöst werden sollten. Er selbst warf sich auf das Bett, das neben Kmicic stand. Im Zimmer war es ganz still; nur die Grillen hörten nicht auf zu zirpen, und der Kranke wälzte sich unruhig hin und her. Vereinzelte, unzusammenhängende Worte drangen zu Sorokas Ohren. »Majestät, vergeben Sie. – Sie sind Verräter. – Ich werde alle ihre Geheimnisse verraten.– Die Republik ist ein rotes Tuch. – Gut, Pan Fürst, Sie sind mir ausgeliefert.« Soroka setzte sich in seinem Bette aufrecht und lauschte; Pan Andreas schrie einige Male auf und schlief dann wieder ein. Bald aber fing er von neuem an zu schreien: »Alexandra! Alexandra! zürne mir nicht!« Nach Mitternacht beruhigte sich der Kranke und verfiel in einen festen Schlaf. Soroka fing auch gerade an einzuschlafen, als er es an der Tür klopfen hörte. Der alte Soldat sprang sogleich hoch und trat vor die Tür. »Was ist?« fragte er. »Pan Wachtmeister, der Teersieder ist entflohen.« »Tod und Teufel! Der wird die ganze Räuberbande herholen. Wer hat auf ihn aufgepaßt?« »Bilous.« »Wir beide gingen zusammen, um die Pferde zu tränken,« rechtfertigte sich Bilous. »Ich ließ ihn das Wasser holen und blieb bei den Pferden.« »Nun, was, ist er denn in den Brunnen gesprungen?« »Nein, Pan Wachtmeister, er verschwand zwischen den Baumstämmen, die in Hülle und Fülle um den Brunnen herumliegen. Die Nacht ist dunkel. Der Schelm kennt den Ort und ist ausgerissen.« »Das hilft nun nichts, wir dürfen uns eben nicht schlafen legen. Wir müssen bis zum Morgen wachen; sonst werden sie uns überfallen.« Er setzte sich auf die Schwelle der Hütte mit einer Muskete in der Hand. Die Soldaten lagerten sich im Halbkreise um ihn herum und fingen an, sich leise zu unterhalten. Von Zeit zu Zeit lauschten sie, ob sich irgend etwas in der Nähe hören ließe. Plötzlich vernahmen sie laute Hufschläge. »Pferde!« flüsterte Soroka. Bald ertönten die Hufschläge leiser, als wenn die Tiere sich entfernten, und man hörte den wilden Schrei eines Hirsches. Die Soldaten verstummten und fingen allmählich an einzuschlafen. Nur der Wachtmeister hob noch von Zeit zu Zeit den Kopf hoch und lauschte; aber schließlich fielen auch seine Augen zu, sein Kopf sank auf die Brust herab. Es verging eine Stunde und wieder eine. Die schwarzen Kiefern begannen sich grau zu färben, ihre Spitzen wurden mit jeder Minute weißer, als wenn sie mit flüssigem Silber übergossen wären. – Endlich ging die Sonne auf und beleuchtete die ermüdeten Gesichter der Soldaten, die einen Totenschlaf auf dem kahlen Erdboden schliefen. Die Tür der Hütte knarrte, und auf der Schwelle erschien Kmicic. »Soroka, he!« rief er. Die Soldaten sprangen hoch. »Herrgott, Pan Oberst, Sie sind schon auf den Beinen!« staunte Soroka. »Und ihr schlaft wie Murmeltiere, man hätte euch der Reihe nach die Köpfe abschlagen und sie über den Zaun werfen können, ohne daß einer von euch erwacht wäre.« »Wir hielten bis gegen Morgen Wache, Pan Oberst; wir sind erst eingeschlafen, als es schon tagte.« Kmicic blickte um sich. »Wo sind wir? Wem gehört die Hütte?« fragte er. »Ich weiß es nicht, Pan Oberst.« »Folge mir,« sagte Pan Andreas, indem er wieder in die Hütte eintrat. Soroka folgte ihm. »Hör' mal,« begann Kmicic, sich auf das Bett setzend. »Der Fürst hat also auf mich geschossen?« »Ja, Pan Oberst.« »Und was ist aus ihm geworden?« »Er ist entflohen.« Es trat Stillschweigen ein. »Schlimm,« rief Kmicic, »sehr schlimm! Es wäre besser gewesen, ihn auf der Stelle zu töten, als ihn entwischen zu lassen.« »Das wollten wir auch, aber –« »Was aber?« Soroka erzählte kurz alles, was sich zugetragen hatte. Kmicic hörte mit großer Ruhe zu; nur in seinen Augen entbrannte ein unheilverkündendes Feuer. »Jetzt hat er die Oberhand gewonnen, aber wir begegnen uns doch noch einmal, Fürst Boguslaw.« – Und zu dem Wachtmeister gewandt: »Warum hast du die Landstraße verlassen?« »Ich fürchtete eine Verfolgung.« »Das hast du klug getan. Wir sind jetzt viel zu wenige, um gegen Boguslaws Kräfte aufzukommen, – wahrhaftig verteufelt wenige! – Außerdem, er wird nach Preußen aufbrechen, wo wir ihn doch nicht verfolgen können. Jetzt heißt es abwarten.« Soroka atmete erleichtert auf. So fürchtete also Pan Kmicic nicht die Zauberkraft des Fürsten, da er so ruhig von einer Verfolgung sprechen konnte. Diese Sicherheit teilte sich auch gleich dem Soldaten mit, der gewohnt war, mit dem Kopfe des Obersten zu denken. Pan Andreas erwachte aus seinem tiefen Nachdenken, in das er für einige Zeit verfallen war, und begann eifrigst mit seinen Händen an sich herumzutasten. »Wo sind meine Briefe?« fragte er. »Was für Briefe?« »Die Briefe, die ich bei mir hatte. – Sie waren im Gürtel versteckt. – Wo ist mein Gürtel?« fing er mit fieberhafter Hast an zu suchen. »Ich selbst habe Ihnen den Gürtel abgenommen, damit er Sie nicht am Atmen hindere. Da ist er.« Soroka brachte einen Ledergurt, an dem mehrere Taschen hingen, die durch Schnüre geschlossen waren, Kmicic begann eilig, die Papiere herauszunehmen. »Das sind die Briefe an die schwedischen Kommandanten; wo aber sind die anderen Briefe?« fragte er unruhig. »Welche Briefe?« fragte Soroka. »Zum Teufel! Die Briefe des Hetmans an den König von Schweden, alle die Briefe!« »Wenn sie nicht im Täschchen sind, so werden sie unterwegs verloren gegangen sein.« »So steigt aufs Pferd und sucht sie!« rief Kmicic mit zorniger Stimme. Ehe noch der erstaunte Soroka das Zimmer verlassen hatte, warf Pan Andreas sich aufs Bett, preßte die Hände an den Kopf und stöhnte wiederholt auf: »Meine Briefe! Meine Briefe!« Die Soldaten waren bis auf einen, dem Soroka befohlen hatte, bei der Hütte Wache zu halten, fortgeritten, und Kmicic war allein und begann, über seine nicht sonderlich beneidenswerte Lage nachzudenken. Über ihm schwebte die fürchterliche Rache der mächtigen Radziwills, über ihm und allen denen, die er liebte. Er wußte, daß Fürst Janusz sich nicht scheuen würde, ihn an seiner empfindlichsten Stelle zu treffen, daß er seine Rache an Panna Billewicz auslassen würde. Und Alexandra war in Kiejdane ganz der Macht des gefürchteten Magnaten, dessen Herz kein Mitleid kannte, ausgeliefert. – Je mehr Kmicic nachdachte, desto klarer erkannte er, in welch' unglückseliger Lage er sich befand. Nach Boguslaws Entführung galt er in Radziwills Augen als ein Verräter und Parteigänger Jan-Kasimirs; die Konföderierten und Sapiehas Anhänger sahen in ihm einen Diener Radziwills, also auch einen Verräter, und die fremden Heere, die augenblicklich die Republik besetzt hielten, haßten ihn als ihren größten und erbittersten Gegner. Chowanski hatte auf seinen Kopf einen hohen Preis gesetzt, und Radziwill, die Schweden und vielleicht auch die unglücklichen Parteigänger Jan-Casimirs werden nicht zögern, ein gleiches zu tun. »Da hast du dir eine schöne Suppe eingebrockt, nun löffle sie aus,« dachte Kmicic bei sich. – Er hatte beabsichtigt, den entführten Boguslaw den Konföderierten auszuliefern, um ihnen einen unzweifelhaften Beweis zu liefern, daß er alle Beziehungen zu den Radziwills abgebrochen habe; er wollte sich in ihrer Mitte einen Platz sichern, um für den König und das Vaterland zu kämpfen. Gleichzeitig hatte Boguslaw ihm als Bürge für Alexandras Sicherheit dienen sollen. – Und jetzt war es alles umsonst. Alexandra war in Gefahr, und er konnte durch nichts beweisen, daß er Radziwills Sache verlassen hatte. Die Konföderierten werden glauben, er wolle sie ausspionieren, wolle Mißtrauen unter den Truppen säen und wohl gar Mannschaften für Radziwill anwerben. – »Wie kann ich zu ihnen gehen?« überlegte er. »Die Pest wird ihnen ein lieberer Gast sein, als ich in eigener Person. – Wenn ich nur wenigstens die Briefe hätte, so könnte ich mir durch sie Eintritt in das Lager der Konföderierten verschaffen; ich würde den Janusz in meinen Händen haben, ich könnte den Kredit des Hetmans bei den Schweden erschüttern; ich könnte Alexandra durch diese Briefe loskaufen, – und jetzt hat ein böser Geist mir auch diese letzte Hilfe entrissen!« – Kmicic schlug sich verzweifelt vor seine Stirn. – »Ein Verräter in den Augen der Radziwills, in den Augen Alexandras, der Konföderierten und des Königs! – Alles verloren: die Ehre, den Ruhm, die Braut, alles, alles!« Unerträglicher noch als die Wunde im Gesicht brannten Schmerz und Zorn in seiner Seele. »Blinder Tor,« flüsterte ihm sein Gewissen zu, »nichts von alledem wäre geschehen, hättest du auf Alexandra gehört und das Vaterland und den König nicht verlassen!« Aber die stolze Seele, die gewohnt war, sich vieles zu vergeben, wollte ihre Schuld nicht gleich eingestehen. Das alles hatten ja die Radziwills getan. – Sie hatten ihn betrogen, ihn mit Schmach bedeckt, ihn der Ehre und des geliebten Wesens beraubt. »Rache! Rache!« schrie er zähneknirschend und drohte mit den Fäusten in der Richtung nach Smudien zu. In seiner Verzweiflung fiel er mitten im Zimmer in die Knie. »Jesus Christus, dir verspreche ich es,« begann er, »ich werde diese Verräter vernichten und verderben. Ich werde sie verfolgen mit Feuer und Schwert bis zum letzten Atemzuge, bis zur letzten Minute meines Lebens! Amen!« – – Kmicic' Augen glühten, seine Lippen zitterten, er schlug mit den Armen um sich und sprach laut mit sich selbst. Dann sprang er hoch und rannte unruhig im Zimmer auf und ab. »Christus, hilf mir und rat' mir, was ich tun soll, ich komme um meinen Verstand!« Plötzlich drang der Schall eines Schusses an seine Ohren. Kmicic ergriff den Säbel und lief zum Zimmer hinaus. »Was ist los?« fragte er den Soldaten, der an der Schwelle stand. »Ein Schuß ist gefallen, Pan Oberst.« »Wo ist Soroka?« »Ist fortgeritten, die Briefe suchen.« »Aus welcher Richtung kam der Schuß?« »Von da.« Der Soldat zeigte auf den östlichen Teil des Waldes. Gleich darauf hörte man in der Ferne Hufschläge. »Achtung!« rief Kmicic. Aus dem dichten Gestrüpp, das die Hütte umgab, kam eilends Soroka herausgeritten, gefolgt von dem anderen Soldaten. Beide sprangen von ihren Pferden ab und richteten ihre Musketen nach dem Dickicht. »Wer ist da?« fragte Kmicic. »Ein Haufen Leute,« antwortete Soroka. 2. Kapitel. »Sind es viele?« fragte Kmicic. »Sechs oder vielleicht auch acht,« entgegnete Soroka. »Dann werden sie mit uns nicht fertig werden.« »Fertig werden sie mit uns nicht, Pan Oberst. »Doch müßten wir uns einen heranholen und ihn zwingen, uns den Weg zu zeigen.« »Dazu wird noch Zeit genug sein! Achtung!« Kaum hatte Kmicic »Achtung« gerufen, als sich aus dem Gestrüpp ein Streifen weißen Rauches erhob, der über Kmicic' Kopf hinwegstrich. »Sie schießen mit Schrot,« sagte Kmicic. »Wenn sie keine Musketen haben, können sie uns nichts schaden.« Soroka, der mit der einen Hand seine Muskete hielt, legte die andere trichterförmig vor den Mund und rief: »Kommt einer von euch aus dem Dickicht heraus, so wird er sofort erschossen!« Nach einer kleinen Pause erscholl aus dem Dickicht eine Stimme: »Wer seid ihr?« »Bessere Leute als solche, die auf den Landstraßen räubern gehen!« »Mit welchem Rechte habt ihr unsere Hütte besetzt?« »Ein Räuber, – und fragt nach Recht?« »Was wollt ihr?« »So wie wir hergekommen sind, so wären wir auch wieder weggegangen,« sagte Kmicic. »Warum hast du, Dummkopf, denn angefangen zu schießen?« »Ihr werdet euch nicht hier halten können; abends kommen unsere hundert Mann!« »Und noch vor Abend kommen zweihundert Dragoner.« »Ihr seid also Soldaten?« »Natürlich, – keine Raubmörder. Komm' mal her, es wird dich nicht die Gurgel kosten.« »Darf man zu zweien kommen?« »Ja, man darf.« Bald traten zwei große, breitschultrige Männer aus dem Gebüsche. Der eine ging mit etwas gekrümmtem Rücken und schien schon ziemlich alt zu sein. Beide waren in mit grauem Tuche überzogene Schafpelze gekleidet, wie sie der kleinere Adel für gewöhnlich trägt. Ihre Pelzmützen hatten sie tief bis an die Augen heruntergezogen. »Ei, zum Teufel!« brummte Kmicic und sah die beiden aufmerksam an. »Pan Oberst,« rief Soroka, »das sind doch unsere Leute.« »Und wo ist dein zweiter Sohn, Pan Kiemlicz?« fragte Pan Andreas. »Ist er tot?« »Mein Gott, Vater, das ist ja der Pan Oberst!« rief der jüngere der beiden Männer aus. »Jesus! o süßer Jesus!« legte der Alte los, »das ist also Pan Kmicic?« »Aha, Nichtsnutzige!« lächelte Pan Andreas, »so empfangt ihr mich?« »Kommt alle her! kommt!« brüllte der Alte. Schnell kamen die anderen aus dem Dickicht hervor, unter ihnen war der alte Teersieder und noch ein Sohn des alten Kiemlicz. »Auf die Knie mit euch, ihr Schelme. Das ist Pan Kmicic. Der Dummkopf, der geschossen hat, soll herkommen!« rief der Alte. »Vater, du hast doch selbst geschossen,« sagte der junge Kiemlicz. »Du lügst! lügst wie ein Hund! Wer konnte denken, Pan Oberst, daß Sie zu uns kommen würden! O Jesus! Womit kann ich Sie nur bewirten? Ich bitte, Pan Oberst, kommen Sie in die Hütte. Ich bringe gleich Met herein. Und ihr anderen geht und räumt die Holzstämme vorm Keller weg.« Der Alte war von Riesenwuchs und sehr starkknochig; sein Gesicht sah stets finster und mürrisch aus, Kmicic gegenüber war er unterwürfig, wahrscheinlich gedachte er der früheren Zeiten, in denen er mit seinen beiden Söhnen unter Kmicic in den Kämpfen gegen Chowanski gedient hatte. Auch Kmicic kannte die Kiemlicz' aus dieser Zeit her gut. Er wußte, daß sie tapfere, aber äußerst grausame Soldaten waren. Unter dem verschiedensten Gesindel, das unter seinem Befehle stand, zeichneten sich die Kiemlicz durch furchtbare Habgier aus. Eine besondere Schwäche hegten sie für Pferde, die stahlen sie, wo sie nur konnten, um sie nachher auf den Märkten zu verkaufen. Der Vater, der trotz seines Alters noch ebenso tapfer kämpfte wie seine beiden Zwillingssöhne, verstand es, unter der Androhung des väterlichen Fluches, seinen Söhnen den größten Teil der erbeuteten Schätze fortzunehmen. Die Söhne brummten zwar; aber da sie von Natur einfältig waren, widersetzten sie sich nicht. – Bei den Kameraden waren die Kiemlicz' durchaus unbeliebt, man fürchtete sie; denn in gereiztem Zustande waren sie gefährlich. Kmicic war der einzige, vor dem sie einen unbeschreiblichen Respekt hatten. Man vermutete, daß der alte Kiemlicz große Schätze gesammelt und irgendwo verborgen habe, aber Bestimmtes wußte man nicht. Eines Tages hatte Kmicic sie mit einem Troß Pferde nach einem bestimmten Orte geschickt, seit der Zeit waren sie verschwunden. Kmicic hatte geglaubt, sie seien irgendwo umgekommen, die Kameraden hingegen hatten behauptet, daß sie der Versuchung erlegen wären und einfach das Weite gesucht hätten. – Jetzt sah Kmicic, daß seine Soldaten recht gehabt hatten. Als sie das Zimmer betreten hatten, setzte sich Kmicic auf das Bett und sah dem Alten scharf in die Augen. »Kiemlicz, wo sind meine Pferde?« fragte er drohend. »O Jesus! süßester Jesus!« stöhnte Kiemlicz. »Die Kosaken haben uns sämtliche Pferde abgenommen. Sechzehn Meilen haben sie uns, mit Wunden bedeckt, mit sich geschleppt, schließlich waren wir froh, daß wir mit dem bloßen Leben davonkamen. Hier in diese Wälder sind wir geflüchtet, in diese Hütte. Hunger und Armut sind unser Los. – Gott sei Dank, daß Sie, Pan Oberst, gesund und lebendig sind, obschon Sie augenscheinlich verwundet sind. Hunger und Not ist hier – nichts weiter. Wir nähren uns von Pilzen, aber für Euer Gnaden wird sich schon noch was zu essen und zu trinken finden. – Die Kosaken haben uns die Pferde abgenommen, sie haben uns um den Dienst bei Euer Gnaden gebracht. Kein Stück Brot habe ich mehr auf meine alten Tage, wenn Sie uns nicht wieder in Ihre Dienste nehmen!« In diesem Augenblicke kamen die beiden Söhne des Alten herein, Kosma und Damian. Beide waren groß und stark wie der Vater. »Die Stämme sind weggeräumt,« sagte Damian. »Gut,« entgegnete der Alte, »ich werde gehen und Met holen.« Dann sah er seine Söhne vielsagend an und sagte nachdrücklich: »Ach ja, jene Pferde haben uns die Kosaken genommen.« Als Kmicic mit den jungen Kiemlicz' allein war, fragte er sie: »Was treibt ihr jetzt?« »Stehlen Pferde,« sagten die beiden einstimmig. »Bei wem?« »Wie's trifft, meistens bei den Kosaken.« »Schön, beim Feinde darf man stehlen. Und was macht ihr mit den Pferden?« »Vater verkauft sie in Preußen.« »Und habt ihr bei den Schweden auch schon gestohlen? Na, die haben sich gewiß schön dagegen gewehrt?« »Und wie!« »Aha, also bei den Schweden und bei den Kosaken steht ihr in schlechtem Rufe. Wehe euch, wenn ihr einem von denen in die Hände fallt!« Beide schwiegen. »Auf euch warten wohl schon viele Gerichtsstrafen?« »Nicht gerade wenig.« »Es steht schlecht mit euch. Ihr werdet noch an den Galgen kommen.« Die Tür öffnete sich, und der Vater trat mit einer Flasche und zwei Gläsern in das Zimmer. Er sah seine Söhne unruhig an und sagte: »Geht hin und verbaut den Kellereingang wieder mit den Baumstämmen.« Die Zwillinge gingen sofort; der Alte schenkte ein, in der Hoffnung, Kmicic werde ihn auffordern mitzutrinken. Aber Kmicic konnte selbst nicht recht trinken, die Wunde schmerzte ihn zu sehr. Der alte Kiemlicz bemerkte das. »Wenn Sie erlauben, so werde ich Sie untersuchen. Ich verstehe das ebenso gut wie ein Heilgehilfe.« Kmicic willigte ein, und Kiemlicz nahm ihm den Verband ab. »Hat nichts zu sagen; nur eine Fleischwunde. Brot mit Spinngewebe muß aufgelegt werden.« »So mach' es schnell; ich habe noch Wichtiges mit dir zu besprechen.« Der Alte sah den Oberst mißtrauisch an; er fürchtete, daß er wieder die Rede auf die unglückselige Pferdegeschichte bringen würde. Nichtsdestoweniger ging er rasch an die Arbeit, und bald wurde er auch mit dem Verbande fertig. Kmicic stand auf und ging im Zimmer auf und ab. Oft sah er den Alten wie geistesabwesend an. So verging eine – 348 – halbe Stunde. Kiemlicz wurde es ungemütlich zumute, er begann unruhig zu werden. »Pan Kiemlicz, ruf' mal Soroka her!« Kiemlicz ging hinaus und kehrte gleich darauf mit Soroka wieder. »Haben Sie die Briefe gefunden?« fragte Kmicic. »Nein, Pan Oberst.« »Ach, welch ein Unglück! Kannst gehen, Soroka! Ihr verdientet gehängt zu werden, dafür, daß Ihr meine Briefe verloren habt! – Kiemlicz, hast du vielleicht ein paar Briefbogen hier und eine Feder?« Der Alte verschwand hinter der Kammertür und kehrte lange Zeit nicht wieder. Kmicic sprach inzwischen mit sich selbst. »Ob die Briefe da sind oder nicht– der Hetman weiß es nicht und wird fürchten, daß ich sie veröffentliche. Ich halte ihn also in meinen Händen. – Eine List gegen die andere. Ich werde ihm drohen, daß ich sie dem Witebsker Wojewoden zusende. Will's Gott, so wird er dadurch in Schrecken versetzt werden.« Kiemlicz kam zurück und brachte Papier; Feder und Tinte hatte er nicht finden können. »Keine Feder? Gibt es denn in diesem Walde keine Vögel? So schießt doch einen!« Kiemlicz, der Kmicic' Zorn fürchtete, lief eiligst hinaus. Nicht lange, so kehrte er mit einem Habichtflügel wieder zurück. Kmicic riß eine Feder aus dem Flügel und begann, sie mit einem Dolche zurecht zu stutzen. »Geh!« sagte er. »Es ist leichter, einem Menschen den Kopf abzuschlagen, als eine Feder zuzuspitzen! Nun gebrauche ich noch Tinte!« – 349 – Er streifte seinen Ärmel hoch, stach sich mit dem Dolche in den Arm und tauchte die Feder ins Blut. Der Alte verließ das Zimmer, und Pan Andreas begann zu schreiben. »Ich teile Eurer Durchlaucht mit, daß ich Ihre Sache verlassen habe, da ich keinem Verräter dienen will. Meinen Schwur beim Kreuze, daß ich Sie niemals verlassen werde, wird mir Gott verzeihen. Und selbst wenn nicht, und wenn meine Seele dem Verderben geweiht sein sollte, so ziehe ich es vor, für einen Irrtum im Fegefeuer zu brennen, als für offenkundigen und bewußten Verrat an meinem König und Vaterland. – Euer Durchlaucht haben es gut verstanden, mich zu täuschen. Unter Ihrer Führung war ich nichts als ein Schwert, bereit, Bruderblut zu vergießen. Ich stelle Sie vor Gottes Gericht! Er möge entscheiden, wer von uns schuldig ist. Solange meine Kräfte reichen, werde ich mich an Ihnen rächen. Das ist ebenso wahr, wie daß ich diesen Brief mit meinem eigenen Blute schreibe. – Ich besitze die Briefe Euer Durchlaucht, Briefe, die Sie nicht nur des Verrats an der Republik überführen, sondern die Sie auch in den Augen der Schweden bedenklich herabsetzen werden. Sie dünken sich, sehr mächtig zu sein, und doch halte ich in meinen Händen Ihr Geschick; denn jeder Brief ist mit Ihrer Unterschrift und Ihrem Siegel versehen. – Ich versichere Eurer Durchlaucht folgendes: Sobald jemandem von denen, die ich liebe und die in Kiejdane geblieben sind, nur ein Haar gekrümmt oder das geringste Leid zugefügt wird, so werde ich das Original Ihrer Briefe Pan Sapieha ausliefern. Die Kopien aber werde ich drucken und im ganzen Lande verteilen lassen. Wenn der Krieg beendet ist, so liefern Sie mir die Billewicz' aus, und ich werde Ihnen Ihre Briefe übergeben, – oder aber, ich gebe die Briefe gleich Sapieha und den Schweden. 350 Zwischen diesen beiden Vorschlägen können Sie wählen. – Wie, meinen Sie, wird man die Krone, die Sie erstreben, auf Ihr Haupt setzen können, wenn Ihr Kopf vom Schlage des polnischen oder schwedischen Beiles gefallen ist? – Zum Schlusse möchte ich Sie wohl Gottes Schutze anempfehlen, aber ich weiß zu gut, daß Ihnen die Hilfe des Teufels zu Ihrem Werke lieber ist. – Übrigens sollte es Ihnen schwer werden, die Konföderierten zu vergiften, es werden sich Leute finden, die sie vor Ihren Weinen und Bieren warnen werden.« Kmicic warf die Feder beiseite und sprang auf. Er war schrecklich aufgeregt. Dieser Brief an Radziwill war eine offene Kriegserklärung, aber er fühlte eine gewaltige Kraft in sich. Er war bereit, in diesem Augenblicke schon Brust an Brust mit dem mächtigen Geschlechte zu ringen, das es wagte, an den Grundpfeilern des Staates zu rühren. Er, der einfache Schlachtschitz, der unbedeutende Ritter, er, der vom Gesetze verfolgt wurde, der von keiner Seite auf irgend welche Hilfe rechnen konnte, sah schon im Geiste die Niederlage der beiden verräterischen Fürsten und seinen Sieg. – Wie er den Krieg führen, wo er Verbündete finden würde, das alles wußte er selbst nicht. Das Bewußtsein allein, daß er der Stimme seines Gewissens folgte, machte ihn stark und siegesfroh. – Es wurde ihm leichter ums Herz. Neue Aussichten, neue Wege öffneten sich ihm; – er brauchte nur das Pferd zu besteigen und vorwärts zu stürzen, und Ruhm, Ehre und Alexandra werden wieder ihm angehören. »Dieser Brief wird sie schützen; man wird ihr sicherlich kein Haar krümmen. – Der Hetman hat Grund genug, sie wie sich selbst, wie seinen Augapfel zu behüten!« Plötzlich durchfuhr ihn ein neuer Gedanke: »Wie wär's, wenn ich an sie schreibe? Sollte ich es ihr nicht sagen, daß ich die Radziwills verlassen habe und im Begriff bin, dem Vaterlande zu dienen?« Wieder stach er sich in den Arm und begann, von neuem zu schreiben: »Alexandra, ich stehe nicht mehr in Radziwills Diensten, weil ich endlich eingesehen– –« Er brach jäh im Schreiben ab. »Nein, mögen für mich meine Handlungen sprechen! Ich will nicht schreiben!« Er zerriß den Brief und begann ein kurzes Schreiben an Wolodyjowski aufzusetzen: »Pan Oberst! Unterzeichneter warnt Sie und Ihre Freunde. – Der Hetman schrieb dem Fürsten Boguslaw und dem Harasimowicz, daß man die Ihrigen vergiften und niedermetzeln solle. Ferner weiß ich, daß der Hetman sofort wider Euch loszieht, sobald er vom General de la Gardie Hilfe erhalten hat. – Laßt Euch nicht überraschen und hütet Euch davor, daß er Euch einzeln vernichtet! Ein aufrichtiger, Euch wohlgesinnter Mensch rät Euch das. Glaubt seinen Worten! Haltet fest zusammen. Der Hetman hat nur wenig Reiterei, Dragoner und Kmicic' Leute, auf die er nicht sehr rechnen kann. Kmicic selbst ist mit einem Auftrage fortgeschickt worden, weil der Hetman ihm anscheinend nicht mehr traut. Er ist nicht der Verräter, für den man ihn hält; er ist nur ein bedauernswerter, irregeführter Mensch. – Ich empfehle Euch Gottes Schutze. Babinicz.« Babinicz war der Name eines Dorfes, das schon seit langem im Besitze der Kmicic' war. Als er dieses Schreiben beendet hatte, stand er wieder vor der Frage: Was weiter? Zu den Konföderierten gehen? Was aber, wenn sie ihn als einen Verräter hinrichten, oder, was noch bitterer ist, wenn sie ihn fortjagen? »Lieber in den Tod!« rief Pan Andreas. Er errötete vor Scham in dem Bewußtsein seiner eigenen Schuld. Wodurch anders konnte er seine Schuld sühnen, als durch eine große, uneigennützige, reine Tat? Aber wie sollte er das anfangen? »Wer kann mir helfen? Wer mir raten?« fragte er sich. Seine Kniee beugten sich unwillkürlich, und seiner Brust entrang sich eine laute, aufrichtige Wehklage: »O, barmherziger Gott! Du, der du dich des Mörders am Kreuze erbarmtest, erbarme dich jetzt mein. Ich dürste danach, mich von meinen Sünden reinzuwaschen und ein neues Leben anzufangen. Ich will dem Vaterlande treu dienen; aber ich weiß nicht, wie ich es anfangen soll. Ich irre umher wie im Dunkeln. Herr, erleuchte mich, rette mich und tröste mich um deiner Barmherzigkeit willen!« Pan Kmicic betete inbrünstig, er fühlte nicht, daß aus seinen Augen große, heiße Tränen herniederfielen. Schließlich legte er seinen brennenden Kopf auf das Bett und blieb wie erstarrt in dieser Stellung. – In der Hütte war es ganz still; man hörte nur das Rauschen der mächtigen Kiefern, die vor dem Fenster standen. Plötzlich vernahm man schwere Tritte, und eine Stimme fragte laut: »Was denken Sie, Pan Wachtmeister, wohin geht's jetzt?« »Woher soll ich das wissen?« antwortete Soroka. »Wohin? Vielleicht zum Könige, der jetzt unter dem schwedischen Schwert stöhnt.« »Ist es denn wahr, daß ihn alle verließen?« »Das ist wahr. Aber der Herrgott hat ihn nicht verlassen.« Kmicic sprang auf. Sein Gesicht war klar und ruhig. Er ging an die Tür und rief: »Haltet die Pferde bereit! Es ist Zeit aufzubrechen!« 3. Kapitel. Der alte Kiemlicz trat in die Hütte ein. »Pan Oberst, Sie wollen aufbrechen?« fragte er. »Ja, du sollst uns aus dem Wald herausführen. Die Gegend ist dir doch bekannt?« »Ja, die kenne ich. Doch wohin wollen Sie?« »Zum Könige!« »Heil'ge Jungfrau!« verwunderte sich der Alte, »zu welchem denn?« »Natürlich nicht zu dem schwedischen.« Kiemlicz begann sich zu bekreuzigen. »Wissen Sie denn nicht, daß der König nach Schlesien geflohen ist, daß alle ihn verlassen haben? Sogar Krakau wird schon belagert.« »So gehen wir eben nach Schlesien.« »Wie werden wir aber durch die Schweden durchkommen?« »Als Schlachtschitzen oder Bauern, im Sattel oder zu Fuß, einerlei, durchkommen müssen wir.« Kiemlicz hörte auf zu staunen. Er wußte, welche Stellung Kmicic am Radziwillschen Hofe einnahm, und glaubte, Kmicic wäre von Radziwill zum Zwecke einer Aussöhnung zum Könige geschickt. Warum sollte er sich nicht solch hohen Persönlichkeiten, Radziwill und dem Könige, gefällig erweisen? »Eine Belohnung wird sicherlich nicht ausbleiben, – und kommt es irgendwo zu Kämpfen, so wird Beute genug in deine Taschen kriechen«, dachte Kiemlicz lächelnd bei sich. »Du und deine Söhne, ihr kommt mit mir. Aber versuche nicht, mich irgendwem zu verraten. Ich schwöre dir, ich werde dich überall zu finden wissen; nur Gott allein könnte dich vor mir retten.« »Gott soll mich strafen«, sagte Kiemlicz mit dumpfer Stimme, »wenn mir je solch ein Gedanke kommt. Was befehlen Sie jetzt zu tun?« »Zu allererst müssen diese Briefe besorgt werden. Einer an den Fürsten-Wojewoden; der Bote soll ihn bei dem ersten fürstlichen Banner, das er trifft, abgeben und gleich zurückkehren. Eine Antwort ist nicht nötig.« »Der Teersieder kann das übernehmen; er ist ein erfahrener Mann.« »Gut. – Der andere muß nach Podlachien gebracht werden. – Der Bote muß dort nach dem Laudaer Banner des Pan Wolodyjowski fragen und diesem den Brief persönlich übergeben.« »Wird auch besorgt werden.« »Doch halt, höre jetzt aufmerksam zu.« »Ich höre, höre schon, Pan Oberst.« »Man hat mich als Bösewicht und Verbündeten des Hetmans und der Schweden in Verruf erklärt. Wenn der König erfährt, wer ich bin, wird er mir nicht glauben. Verstehst du, Kiemlicz?« »Verstehe schon, Pan Oberst.« »Deshalb nenne ich mich nicht mehr Kmicic, sondern Babinicz. Verstanden? Meinen richtigen Namen darf niemand erfahren. – Sag' das deinen Söhnen und den Knechten. Daß mir alle das Maul halten! Du bist mir dafür mit deinem Kopfe verantwortlich.« – 355 – »Das soll alles geschehen. Ich werde das den Dummköpfen schon einschärfen. – Aber, Pan Oberst, ich würde Ihnen raten, eine einfache Bauernkleidung oder die eines armen Schlachtschitzen anzulegen. Es ist besser, daß Sie nirgend verraten, was für eine Stellung Sie einnehmen, und daß Sie Ihre Geleitschreiben nur in ganz besonderen Fällen vorzeigen.« »Sehr klug!« rief Kmicic. »So ist es wirklich besser.« »Ich kann Euer Gnaden mit allem dienen. Ich habe Mützen und Schafpelze für Sie und die Soldaten. Wir wollen ein Dutzend Pferde mit uns nehmen und so von Ort zu Ort ziehen, als besuchen wir die Jahrmärkte. Die Schweden werden uns nicht weiter beachten; es fährt ja viel Volk jetzt auf den Landstraßen herum.« »Und was tun wir, wenn man uns die Pferde wegnimmt?« »Kauft man sie uns ab, oder nimmt man sie uns mit Gewalt, so gehen wir eben nicht mit Pferden, sondern um Pferde zu kaufen nach Sobota auf den Jahrmarkt, wohin man sogar aus Preußen Pferde bringt.« »Schön, ich verstehe deinen Plan. – Wir führen Pferde mit uns, und ich werde sie dir im voraus bezahlen, um dich vor Schaden zu bewahren. – Halte alles bereit, wir machen uns gleich auf den Weg. – Warne alle, daß mich niemand Euer Gnaden oder Pan Oberst anredet, sondern einfach Babinicz.« Kiemlicz entfernte sich, und nach einer Stunde saßen alle schon im Sattel. Pan Kmicic war in seiner ärmlichen Kleidung und mit dem verbundenen Gesicht gar nicht wiederzuerkennen. Er sah aus wie ein armer Schlachtschitz nach einer Rauferei in einer Schenke. »Marsch!« rief Pan Babinicz. Die Reiter umringten eine kleine Herde von Pferden, die sie vorwärts trieben. 4. Kapitel. Kmicic zog mit seinen Leuten und den Pferden in der Richtung nach Szczuczyn zu. Daselbst jedoch kehrte er nicht ein; denn er erfuhr, daß dort das Banner Pan Wolodyjowskis stand. Wie sollte er unter die Augen dieses berühmten Kriegers treten, wo er dachte, daß man seinen Worten keinen Glauben schenken würde. Er befahl deshalb, nach Westen abzuschwenken, nach Wonsoszy zu. Mehrere Meilen von Wonsoszy entfernt stand eine Schenke, in der Pan Andreas zu übernachten gedachte, hauptsächlich, weil außer dem Wirt niemand in der Schenke war. – Sobald sich jedoch Kmicic mit den drei Kiemlicz' und Soroka an den Abendtisch gesetzt hatte, hörte man von der Straße her Rädergerassel und Hufschläge. Kmicic ging hinaus, um zu sehen, ob eine schwedische Abteilung ankäme. Vor der Tür hielten eine Kalesche, zwei Gepäckwagen und mehrere bewaffnete Reiter. Kmicic sah gerade, wie aus der Kalesche ein Herr stieg, dann trat er wieder in die Gaststube und setzte sich zu den anderen an sein Abendbrot. Bald kam auch der fremde Herr herein. »Erlauben Sie, daß ich an Ihrem Tische Platz nehme?« fragte er. »Wir bitten darum, obwohl wir nicht wissen, womit wir Sie bewirten können. Wir haben nur Erbsen und Wurst.« »Ich habe zwar Besseres mit; aber für einen Soldatenmagen sind auch Erbsen und Wurst nichts Schlechtes. Besonders, wenn man genügend zu trinken hat, um alles herunterzuspülen.« Mit diesen Worten setzte er sich an den Tisch; als er bemerkte, daß Kmicic ihm Platz machte, sagte er freundlich: »Bitte, bitte, machen Sie sich keine Unbequemlichkeiten. Selbst wenn Sie mich mit dem Ellenbogen anstoßen, die Krone von meinem Kopfe wird dadurch nicht herunterfallen.« Kmicic erwiderte lächelnd: »Wir haben jetzt solche Zeiten, Euer Gnaden, daß selbst von den Köpfen der Allerhöchsten Kronen herunterfallen. Unser König z. B., Jan-Kasimir, der von Rechts wegen zwei Kronen tragen sollte, trägt jetzt nur eine Dornenkrone.« Der Unbekannte sah Kmicic scharf an und seufzte. »Wir haben jetzt solche Zeiten, daß man nur mit bewährten Freunden von ihnen sprechen sollte. – Die Schweden haben wir nun zur Genüge kennen gelernt, es sind blutige Tränen, die ihretwegen vergossen werden. – Sie nehmen den armen Leuten nicht nur ihr Hab und Gut fort, sondern den Kopf auch dazu. – Alles blickt jetzt voller Erwartung auf die Konföderierten; von ihnen allein erwartet man die Rettung für sich und das Vaterland.« »Euer Gnaden scheinen den Schweden nicht sonderlich gewogen zu sein?« fragte Kmicic. Der Fremde sah sich ängstlich um, beruhigte sich aber gleich und entgegnete: »Ich wünsche, daß sie alle krepieren mögen. – Ich verhehle Ihnen meine Ansicht nicht; Sie scheinen mir ein wackerer Mann zu sein. – Selbst wenn Sie mich gefangen den Schweden ausliefern wollten, ich habe meinen Säbel bei mir, und meine Dienerschaft ist auch bewaffnet.« »Sie können ganz beruhigt sein. Es gefällt mir im Gegenteil sehr von Ihnen, daß Sie aus Liebe zum Vaterlande Ihr Besitztum verlassen haben, das unbedingt jetzt den Schweden in die Hände fallen wird.« »O, halten Sie mich wirklich für einen solchen Narren? – Meine erste Lebensregel ist: Was Gott dir gegeben hat, das halte fest. Solange ich den Inhalt meiner Speicher nicht verkauft hatte, saß ich ruhig zu Hause. Ich hatte nämlich ein Gut in Pacht. Jetzt aber ist meine Pachtzeit abgelaufen. Den letzten Zins habe ich noch gar nicht bezahlt und denke auch gar nicht daran, es zu tun, bei Gott! – Man sagt, mein Gutsherr sei ein schwedischer Parteigänger. Lieber soll das Geld bei mir bleiben, als ...« Kmicic lachte hell auf. »O, daß Euch der Teufel hole! – Man sieht, Ihr seid nicht nur ein tapferer Mann, sondern auch ein gescheiter dazu.« »Wie denn sonst? – Warum aber gehen Sie, der Sie doch für König und Vaterland so warme Gefühle hegen, nicht zu den Konföderierten? Sie könnten sich gleichzeitig Gottes Lohn verdienen und Karriere machen. Wie oft kommt es vor, daß jemand vom Kriege reich zurückkehrt. Ich sehe, Sie sind ein kühner und entschlossener Mann. Gibt Gott gute Kriegsbeute, so könnten Sie schnell zu Reichtum gelangen.« Kmicic vermochte kaum, das Lachen zurückzuhalten. »Ich würde Sie unter meine Protektion nehmen. Sie könnten mein Waffenträger sein und meine Dienerschaft beaufsichtigen.« Kmicic konnte nicht mehr an sich halten, er brach in ein schallendes Gelächter aus. »Warum lachen Sie eigentlich?« »Ich freue mich so über Ihr Anerbieten. – Entschuldigen Sie, ich habe bisher nicht die Ehre –« »Ich bin Pan Rzendzian aus Wonsoszy!« unterbrach der Pan ihn stolz. Kmicic öffnete gerade den Mund, um seinen angenommenen Namen zu sagen, als Bilous eintrat. »Pan Kommand-« Kmicic sah ihn drohend an, der Soldat wurde verlegen und sagte: »Leute aus Szczuczyn sind angekommen.« Kmicic sprang auf, besann sich aber gleich. »Achtung! Sind es viele?« »Zehn Mann.« Pan Andreas ging einige Male im Zimmer auf und ab und setzte sich dann in die dunkelste Ecke der Stube. Einige Augenblicke später traten mehrere Menschen herein. Als Kmicic den ersten sah, begann sein Herz heftig zu schlagen. – Es war Juzwa Butrym. »He, Wirt! Hafer für unsere Pferde!« »Ich habe keinen,« entgegnete der Wirt, »vielleicht können diese Herren Ihnen aushelfen.« Und er zeigte auf Rzendzian und Kmicic. »Wer sind die Leute?« fragte Rzendzian. »Laudaer, aus dem Banner des Pan Wolodyjowski.« »So, Pan Wolodyjowski ist also in Szczuczyn?« »Jawohl, die anderen Obersten auch. Dort sind Pan Oskierka, Pan Kowalski, beide Skrzetuskis.« In Kmicic' Kopf jagte ein Gedanke den anderen. Der frühere Kmicic hätte seinen Feind und den Mörder seiner Freunde mit Pferden zerreißen lassen, aber der jetzige, Pan Babinicz, hatte gelernt, sich zu beherrschen. Im Gegenteil, er fürchtete sogar, erkannt und an der Ausführung seines Planes gehindert zu werden. Er barg sein Gesicht in den Händen, als ob er schläfrig sei und flüsterte dem neben ihm sitzenden Soroka zu: »Geh, sag' den anderen, daß sie sich zur Abreise bereit halten; des Nachts brechen wir auf.« Kmicic verharrte in dieser Stellung und gab sich den Anschein eines Schlummernden, während Erinnerungen seine Seele in Scharen bestürmten. Diese Leute zauberten mit einem Male lebendig vor sein inneres Auge: Lauda, Wodokty und all das unlängst Erlebte, das so schnell aufeinander gefolgt war, daß es ihm wie ein Traum vorkam. Plötzlich weckte ihn aus seinem Sinnen der Klang seines Namens, den Juzwa Butrym mehrfach wiederholte. Juzwa erzählte Rzendzian alles, was sich seit dem Tage des schändlichen Vertrages des Hetmans mit den Schweden ereignet hatte. – Er berichtete von der Meuterei der Truppen, von der Verhaftung des Obersten und ihrer glücklichen Rettung. Kmicic' Namen belegte er mehrmals mit nicht gerade schmeichelhaften Beiwörtern. Dann kam das Gespräch auf Pan Wolodyjowski und die in Podlachien stehenden Banner. In diesem Augenblicke öffnete sich die Tür, und Soroka trat ein und blieb einen Augenblick auf der Schwelle stehen. Juzwa sah ihn und fragte Rzendzian: »Ist das einer von Ihren Leuten? Ich habe ihn schon irgendwo gesehen!« »Nein,« antwortete Rzendzian, »es sind Schlachtschitzen, die mit Pferden die Jahrmärkte besuchen.« »Ihre Pferde könnten sie gut in Szczuczyn los werden. Bei uns herrscht großer Mangel an Pferden.« »Ein jeder fährt dahin, wo er es für besser hält,« kam Kmicic Soroka zu Hilfe. »Ich weiß nicht, wo es für Euch besser ist,« entgegnete Juzwa, »aber für uns ist es durchaus nicht vorteilhaft, daß Ihr Eure Pferde an die Schweden verkauft und ihnen obendrein noch alles erzählt, was Ihr hier seht.« »Und wirklich, Pan, Sie ähneln sehr wenig einem Pferdehändler,« wandte sich Rzendzian an Kmicic. – »Sie tragen da einen Ring am Finger, den zu tragen sich kein Edelmann zu schämen brauchte. Zeigen Sie ihn doch mal her!« – »So ziehen Sie ihn sich doch selbst ab; ich bin zu müde.« »He, Brüderchen, man könnte fast meinen, du fürchtest dich, dein Gesicht zu zeigen!« Und ohne ein Wort zu sprechen, schritt Juzwa auf den Kamin zu, nahm ein brennendes Scheit heraus, hielt es hoch über seinen Kopf und ging auf Kmicic zu. Kmicic richtete sich in seiner ganzen Länge auf und starrte Juzwa an. Der ließ das Scheit aus seinen Händen fallen, so daß tausend Funken um ihn herumstoben. »Jesus, Maria!« rief er, »das ist Kmicic!« »Ich bin es,« antwortete Pan Andreas, der einsah, daß es keine Möglichkeit mehr gab, sich zu verstellen. »Halt! Halt!« schrie Juzwa. »Du also bist es, verfluchter Verräter! Du, der personifizierte Teufel! Einmal bist du meinen Händen entschlüpft, und jetzt gehst du verkleidet zu den Schweden!« Er ergriff Pan Andreas am Kragen, aber beide Kiemlicz', Kosma und Damian, erhoben sich schnell. »Vater, losschlagen?« fragte Kosma. »Schlag zu,« antwortete der alte Kiemlicz, indem er den Säbel aus der Scheide zog. Plötzlich öffnete sich die Tür, und Juszwas Leute stürzten ins Zimmer, gefolgt von Kmicic' Soldaten. Während Juzwa mit der einen Hand Kmicic gepackt hielt, fuchtelte er mit der anderen mit einem blanken Säbel herum. Doch der geschicktere Kmicic schnürte ihm schnell die Gurgel zu. Juzwas Augen quollen aus ihren Höhlen, und bevor er noch mit seinem Arm auf Kmicic losschlagen konnte, hieb der ihm mit seinem Säbel aus Leibeskräften eins über den Schädel. Juzwa schwankte und stürzte zur Erde wie eine gefällte Eiche. »Schlagt zu!« rief Kmicic, in dem die alte Gewohnheit wieder erwacht war. Aber auch ohne seinen Befehl wütete in der Stube schon eine Schlacht. Nur Rzendzian stand abseits und zielte mit seiner Pistole auf Kmicic, der jedoch bald hier im Hellen auf-, bald dort im Dunkeln untertauchte. Die Laudaer kämpften immer schwächer; Juzwas Ende und der gefürchtete Name Kmicic' jagte ihnen einen panischen Schrecken ein. Mittlerweile hatte sich der Schenkwirt leise in die Stube geschlichen. Er goß einen Eimer Wasser in den Kamin, dessen Feuer sogleich erlosch. Die Kämpfenden befanden sich im Finstern. Einen Augenblick trat Ruhe ein, dann flohen Rzendzians Leute und die Laudaer ins Freie. Kiemlicz und seine Söhne folgten ihnen und setzten den Kampf draußen fort. Schließlich mußten sich Rzendzians Diener und die Laudaer ergeben. Der alte Kiemlicz befahl seinen Söhnen, Rzendzians Gepäckwagen zu plündern. Schon gingen Kosma und Damian eifrig an die Arbeit, als Kmicic' strenger Befehl sie davon zurückhielt. »Euer Gnaden,« sagte der alte Kiemlicz, »ist denn das nicht erlaubt?« »Es ist eine Schande,« entgegnete Kmicic finster. Eine Viertelstunde später stand Pan Rzendzian vor Kmicic und machte tiefe Bücklinge vor ihm. »Pan Oberst, ich wollte Ihnen nur versichern, daß ich keinen Streit angefangen habe. Zu Verwandten zu reisen, das ist doch niemandem verboten. Ich habe weder den Schweden noch dem Pan Hetman je etwas Böses zugefügt. Ich will nur zu Pan Wolodyjowski, das ist nämlich ein alter Kriegskamerad von mir. – Sie erlauben mir doch, ruhig weiter zu fahren, ich habe ja nichts verschuldet?« »Macht seine Wagen fertig,« befahl Kmicic seinen Leuten. Dann wandte er sich zu Rzendzian. »Nehmen Sie alle Verwundeten und Toten und bringen Sie sie zu Pan Wolodyjowski. Bestellen Sie dem Oberst, daß ich durchaus nicht sein Feind, sondern ein besserer Freund bin, als er es denkt. – Sagen Sie ihm, daß für mich jetzt noch nicht die rechte Zeit sei, zu ihm zu kommen, – vielleicht aber später. – Haben Sie verstanden? – Und dann vergessen Sie nicht, zu erzählen, daß seine Leute mich zuerst überfielen, und ich mich in der Notwehr befand.« »Natürlich! natürlich!« »Halt, noch eins! Die Konföderierten sollen ihre Kräfte auf keinen Fall zersplittern, denn Radziwill wird, sobald seine Kavallerie verstärkt ist, gegen sie ziehen. Radziwill, sein Vetter Boguslaw und der Kurfürst setzen irgend etwas ins Werk, so daß der Aufenthalt an der Grenze nicht ungefährlich ist. Pan Wolodyjowski solle nur versuchen, sich möglichst schnell mit dem Witebsker Wojewoden zu vereinigen.« »Ich werde alles, was Sie mir befehlen, bestellen.« »Obwohl dies alles Kmicic ihnen rät, Kmicic, dem sie mißtrauen, so sollen sie nur diesmal mir Glauben schenken.« Nach einer Stunde war Pan Rzendzian schon auf dem Wege nach Szczuczyn. Drei Tote und mehrere Verwundete, unter ihnen Juzwa Butrym, führte er mit sich. In seinem Geiste überflog er all das, was geschehen. Er konnte nicht umhin, diesen eigentümlichen und schrecklichen Mann zu bewundern, der den Konföderierten soviel Böses zugefügt hatte, sie jetzt aber vor ihrem völligen Untergange retten wollte. Noch ein anderer kam aus seiner Verwunderung über Kmicic nicht heraus; es war der alte Kiemlicz. Immer wieder legte er sich selbst die Frage vor: »Wem eigentlich dient der Oberst? – Er will zum König und schlägt die Konföderierten, die treten doch für den König ein. – Er fürchtet die Schweden und verbirgt sich vor ihnen. – Was soll das alles bedeuten? – Und was wird aus uns Armen werden?« Der junge Oberst ritt während dessen mit einem furchtbar finsteren Gesicht durch die Nacht. Er war ärgerlich, daß er die Leute niederschlagen mußte, mit denen in einer Reihe zu kämpfen er sehnlichst wünschte. Was aber hätte Wolodyjowski gesagt, wenn ich mich nicht verteidigt und sie mich verkleidet mit Geleitschreiben an die schwedischen Kommandanten in der Tasche vor ihn geführt hätten? – »Die alten Sünden sind's, die mich verfolgen,« dachte Kmicic. »Weg von hier, möglichst weit weg von hier! Gott sei mir Sünder gnädig! – Bin ich erst beim König, so wird für mich der rechte Dienst beginnen!« – 5. Kapitel. Als Pan Wolodyjowski Kmicic' Rat erhielt, beschloß er, nach einigem Schwanken, ihn zu befolgen. Er warnte alle seine Kameraden vor der bevorstehenden Gefahr und bestimmte Bialostok zum gemeinsamen Sammelpunkt. Seine Briefe verfehlten auch nicht ihre Wirkung auf die in der ganzen Wojewodschaft Podlachien mit ihren Soldaten stehenden Obersten. Viele von ihnen hatten ihre Truppen bereits zersplittert, um besser überwintern zu können; andere hatten ihren Offizieren und Soldaten zum großen Teil Urlaub gewährt, so daß von manchen Regimentern nur zwei bis drei Offiziere und mehrere Dutzend Soldaten geblieben waren. Die Obersten hatten so gehandelt, teils aus Furcht vor einer ausbrechenden Hungersnot, teils, weil sie nicht imstande waren, die Disziplin in den Regimentern aufrecht zu erhalten. Die Untätigkeit während ihres Aufenthaltes in Podlachien, wo sie nichts taten, als Radziwills Schlösser zu beschießen und seine Güter zu plündern, hatte die Disziplin unter den Regimentern auch in der Tat sehr gelockert. Die Soldaten begannen eigenmächtig zu rauben und die friedliche Bevölkerung Podlachiens aufs ärgste zu bedrücken. Viele waren sogar fahnenflüchtig geworden und hatten auf eigene Faust räuberische Streifzüge unternommen. Auf diese Weise wurde das Heer, auf das der König und die Patrioten ihre ganze Hoffnungen setzten, mit jedem Tage demoralisierter, und die Zersplitterung der Banner zeigte ihre baldige, endgültige Auflösung an. Unleugbar hielt es schwer, die ganzen Truppen mit dem nötigen Proviant zu versehen, aber die Gefahr einer Hungersnot lag in weiter Ferne. Es war Herbst, die Ernte war gut ausgefallen, und Podlachien hatte bisher noch keine feindlichen Einfälle zu erleiden gehabt. Selbst Chowanski war nicht bis nach Podlachien vorgedrungen, weil Litauen unter dem Schutze der in aller Welt gefürchteten Schweden stand. Aber Wolodyjowskis Mitteilungen über den geplanten drohenden Überfall Radziwills erweckten die Obersten wieder aus ihrer Untätigkeit. Sie begannen von neuem die Banner zu organisieren und ihre Soldaten unter Androhung der Todesstrafe einzuberufen. Zyromski, einer der fähigsten Obersten, marschierte als erster nach Bialostok. Ihm folgte in einer Woche Jacob Kmicic und andere Anführer. Die kleine Schlachta der Umgegend schloß sich einzeln oder in Scharen den Soldaten an. Delegierte gingen von Dorf zu Dorf, Proviant sammelnd, für den sie Quittungen ausstellten. – Kurz, die Maschine kam in Bewegung. Und als Wolodyjowski mit seinem Laudaer Banner in Bialostok ankam, standen dort schon mehrere tausend bewaffnete Soldaten. Es mangelte nur an einem Führer. Besonders zufrieden mit der neuen Lage war Pan Zagloba. Er wußte sich bald, dank seiner großen Beredsamkeit und Erfahrung, eine bevorzugte Stellung zu verschaffen. In dem Glanze des Ruhmes, der seinen Namen umgab, verblaßte der aller anderen Obersten. Die Laudaer erzählten überall, wie er Wolodyjowski, Skrzetuski, Mirski und Oskierka aus den Händen Radziwills befreit hatte, und Zagloba selbst verhehlte seine Verdienste durchaus nicht. »Ich liebe es nicht zu prahlen,« begannen seine Erzählungen, »oder von Sachen zu schwatzen, die nicht wahr sind. Die Hauptsache bei mir ist, immer bei der Wahrheit zu bleiben. Fragen Sie nur meinen Neffen.« Und dann erschien Pan Roch Kowalski hinter Zagloba und verkündete feierlich: »Onkel sagt nie die Unwahrheit!« Nach diesen Worten warf er drohende Blicke um sich, als wünschte er den zu sehen, der es wagte, mit ihm zu streiten. Da sich aber niemand fand, der sich erdreistete, ihm zu widersprechen, so begann Zagloba von seinen Heldentaten zu erzählen. Er erzählte, wie er zu Lebzeiten Pan Koniecpolskis zweimal Gustav-Adolf besiegt, wie er Chmielnicki geschlagen habe, und daß der Fürst Jeremias bei Zbaraz nichts ohne seinen Rat unternommen und ihm bei Ausfällen den Befehl übertragen. »Solchen Mann könnten wir jetzt mehr denn je gebrauchen!« tönte es dann voll Bewunderung aus der Menge. So wuchs Zaglobas Ruhm ins Ungeheure und verdunkelte alles in seiner Umgebung. Inzwischen hatte man eine Deputation an den Witebsker Wojewoden geschickt, die ihn bitten sollte, hinzukommen und den Oberbefehl zu übernehmen. Aber die Deputation war spurlos verschwunden. Man sprach davon, daß sie in die Hände der Kosaken gefallen wäre, die sich plündernd in der Nähe von Wolkowysk herumtrieben. Die Obersten beschlossen daher, einen interimistischen Befehlshaber zu wählen, der bis zur Ankunft Sapiehas die Oberleitung übernehmen sollte. Das Heer verlangte an der Wahl unmittelbaren Anteil zu nehmen, was man ihm auch zugestehen mußte. Die Obersten schlugen vor, einen älteren Feldherrn zu wählen, der durch sein Alter und durch seine Stellung dem Heere Respekt einflößen würde. »Wer ist hier der Älteste?« erschollen viele Stimmen. »Onkel ist älter als alle die anderen!« rief Pan Roch so laut, daß er die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich lenkte. Es entstand ein fürchterlicher Lärm. Man schrie: »Abstimmen! abstimmen!« Andere riefen: »Wer kann sich mit Zagloba messen? Wer ist ein größerer, erfahrener Ritter? Wir stimmen für Pan Zagloba! Es lebe Pan Zagloba! Es lebe unser Führer! Erlebe! Er hat Gustav-Adolf besiegt! Seinetwegen hat sich Chmielnicki die Haare ausgerauft! Er hat die Obersten gerettet! Und die Schweden bei Klawany geschlagen! Vivat, vivat Zagloba! Vivat! Vivat!« Und die Menge begann, die Mützen in die Höhe zu werfen und umherzulaufen und Zagloba zu suchen. Dieser war im ersten Augenblicke sehr verwundert, denn er hatte selbst für Jan Skrzetuski agitiert; als aber die tausendköpfige Menge seinen Namen immer lauter und lauter ausrief, stieg ihm diese allgemeine Anerkennung seines Ruhmes zu Kopf. Er stemmte die Hände in die Seiten, erhob stolz das Haupt und nahm die ihm zu seiner Wahl gebrachten Gratulationen mit der seiner neuen Stellung gebührenden Würde entgegen. Die Obersten näherten sich ihm und sprachen ihm, ob sie wollten oder nicht, ihre Glückwünsche aus. Nur Pan Wolodyjowski zuckte unwillig mit seinem Schnurrbarte, und Pan Rzendzian, der es verstanden hatte, seine Begegnung mit dem gefürchteten Kmicic und dessen Mission gehörig auszunützen, stand und starrte mit vor Erstaunen weit aufgerissenem Munde auf Zagloba. Pan Zyromski beglückwünschte Zagloba im Namen aller Obersten, und ein Offizier aus dem Banner Kotowskis hielt im Namen der Truppen eine Ansprache. Zagloba hörte, von Zeit zu Zeit mit dem Kopfe nickend, zu. Dann beantwortete er die Rede. Er sagte, daß er nie nach dieser hohen Stellung gestrebt hätte und empfahl, auf die ihn umgebenden Obersten weisend, doch von diesen Rittern einen zu wählen und die Bürde dieses großen Amtes von seinen Schultern zu nehmen. »Nein! nein!« brüllten Hunderte und Tausende von Stimmen. »Nein!« wiederholten auch die Obersten, die gerne ihre Bescheidenheit zeigen wollten. »Auch ich sehe ein, daß es nicht anders sein kann,« antwortete Zagloba, »so geschehe denn euer Wille. – Ich danke euch von Herzen, Brüder, und hoffe, ihr werdet eure Wahl nie bereuen. Wie ihr für mich euer Leben lassen werdet, so schwöre ich, werde auch ich das meine für euch einsetzen! Selbst der Tod soll uns nicht trennen; denn gemeinsam werden wir nach unserem Tode den Ruhm ernten. – Wir wollen für unseren König, für die Heimat eintreten, für sie leben und sterben! Brüder, auf euch ruht die Hoffnung des Vaterlandes! Auf euch und auf mich sind die Augen der ganzen Republik gerichtet. Zeigen wir ihr, daß sie nicht vergebens ihre Arme hilfesuchend uns entgegenstreckt. Ihr fordert von mir Entschlossenheit und Standhaftigkeit, und ich von euch – Vertrauen und Gehorsam.« Und Pan Zagloba zeigte mit seinen Armen gen Norden und brüllte los: »Komm jetzt, Radziwill! Komm, Pan Hetman. Pan Ketzer, Luzifers Wojewod! Wir erwarten dich nicht zerstreut, sondern in einem gemeinsamen großen Lager; nicht mit Papieren und Verträgen, sondern mit Schwertern in den Händen. Komme her! Schlage dich mit Zagloba im Zweikampfe! Rufe die Hölle zu Hilfe, wir wollen uns miteinander messen!« In der Luft erglänzten mehrere Tausende von Säbeln. Alle drängten sich dicht um Zagloba herum, viele Stimmen hörte man rufen: »Führe du uns zur Schlacht! Führe du uns!« »Morgen,« rief Pan Zagloba, »morgen bereitet euch vor.« – Diese Wahl hatte an einem Morgen stattgefunden, zum Nachmittag war eine Truppenbesichtigung angesetzt worden. Auf dem Felde versammelten sich die Banner, eins neben dem anderen in voller Ordnung mit den Obersten und Fahnenträgern in der Mitte. Und an den Regimentern vorüber ritt der Heerführer, unter einer Roßschweiffahne, mit einem vergoldeten Stab in der Hand und einer Reiherfeder an der Mütze. Ein wahrer Hetman! Er besichtigte die Banner einzeln. Jeder Oberst ritt ihm entgegen, jedem sagte er etwas. Vieles fand seinen Beifall, aber für manches hatte er auch Worte des Tadels. Diejenigen der Neuangekommenen, die zuerst mit der Wahl nicht zufrieden waren, mußten bald zugeben, daß der neue Feldherr ein erfahrener, ans Befehlen gewöhnter Krieger war. – Noch an demselben Tage sandte Pan Zagloba mehrere Abteilungen nach den verschiedenen Richtungen aus. Am folgenden Tage hörte er sich aufmerksam die Berichte über die Exkursionen an. Dann suchte er Wolodyjowski in seinem Logis auf, das dieser mit Skrzetuski zusammen bewohnte. »In Gegenwart der Truppen muß ich meine Würde wahren,« sagte er freundlich, »aber wenn wir allein sind, so wollen wir auf dem früheren kameradschaftlichen Fuße weiter verkehren. – Hier bin ich der alte Bekannte, nicht der Vorgesetzte! Ihre Ratschläge werde ich nie verschmähen, obwohl ich meinen eigenen Verstand habe. Ich weiß aber, ihr seid erfahrene Männer, in der ganzen Republik gibt es nur wenige solcher Soldaten.« Bald war die alte Vertraulichkeit wieder hergestellt, und Jan Skrzetuski fragte Zagloba: »Väterchen, was denken Sie jetzt anzufangen?« »Am allerersten will ich Ordnung herstellen; die Disziplin besser aufrecht erhalten und für die Soldaten irgend welche Beschäftigung finden, – Ich habe ganz gut gehört, Pan Wolodyjowski, wie Sie gestern brummten, als ich verschiedene Truppenabteilungen nach allen möglichen Himmelsgegenden aussandte. Ich mußte das aber tun; denn die Soldaten müssen sich allmählich wieder an einen regelrechten Dienst gewöhnen. Dies war der eine Grund dafür, aber ich hatte noch einen zweiten. Soldaten und Säbel haben wir genug hier; doch uns fehlt es an Proviant. Ohne genügende Vorräte kann kein Heer einen Krieg aushalten. Meine Idee ist nun die: Alles, was uns unter die Hände kommt, wird fortgenommen, Kühe, Schafe, Schweine, Brot, Heu, kurz, alles Eßbare.« »Was aber, wenn die Schlachta darüber Lärm schlägt?« »Das Heer ist mir jetzt wichtiger als die Schlachta. Soll sie Lärm schlagen. Übrigens will ich ja nichts umsonst haben, wir geben für alles Quittungen aus. Geld habe ich nicht. Aber nach Beendigung des Krieges, wenn die Schweden das Land verlassen haben, wird die Republik alles bar bezahlen.« »Euer Gnaden haben wirklich den Kopf eines Senators,« sagte Rzendzian, der gerade bei Wolodyjowski war, und sich bis dahin sehr bescheiden auf das äußerste Ende der Bank gesetzt hatte. »Nicht wahr,« sagte Zagloba selbstzufrieden. »Auch du, Schelm, verstehst dich sehr wohl auf den Vorteil. Sieh zu, daß ich dich nicht einmal zum Statthalter mache, wenn eine Vakanz eintritt.« »Danke gehorsamst, Euer Gnaden.« »Ja, – das sind also meine Absichten,« fuhr Zagloba fort. »Erst Vorräte ansammeln und ein befestigtes Lager einrichten. Mag Radziwill dann mit den Schweden, ja selbst mit den Teufeln kommen! Ein Nichtsnutziger will ich sein, wenn ich hier nicht ein zweites Zbaraz mache.« »Bei Gott, ein großartiger Gedanke!« rief Wolodyjowski, »aber woher nehmen wir Kanonen?« »Pan Kotowski besitzt zwei, Kmicic eine, in Bialostok sind ihrer vier. Pulver ist auch genug da. Wir werden schon fertig werden. Nur helft mir, Panowie, helft mir! – Aber ihr sollt auch nicht vergessen, an euch selbst zu denken. Vielleicht will jemand von euch etwas trinken. Ich will durchaus nicht der Störenfried sein.« Wolodyjowski befahl Met aufzutragen. »Ihr glaubtet wohl, ich werde nur dem Namen nach ein Heerführer sein,« sprach Zagloba weiter, nachdem er einen guten Zug aus seinem Becher getan hatte, »o, nein! Ich habe um dieses Amt nicht gebeten. Doch wenn ihr mich mit ihm bekleidet, so müßt ihr mir auch gehorchen. – Mehr Met, Pan Michail!« Wolodyjowski schenkte ein, Pan Zagloba trank den Becher mit einem Zuge aus, zog die Augenbrauen zusammen und sagte, indem er sich auf etwas zu besinnen bemühte: »Wovon sprachen wir doch? Was wollte ich? – Aha, Met, Pan Michail, mehr Met!« Wolodyjowski schenkte wieder ein. »Ich weiß voraus, daß Sapieha und ich gute Freunde sein werden. Wir gleichen nämlich einander wie ein Pferd dem anderen. Wir sind doch beide Heerführer. – Bis zu seiner Ankunft muß übrigens alles in Ordnung gebracht sein. – Es ist wirklich ein Unglück, daß ich gar keine Kanzlei habe.« »Und wozu gebrauchen Sie eine Kanzlei?« verwunderte sich Skrzetuski. »Wozu braucht der König einen Kanzler? Ich werde wohl irgendwo für mich ein Siegel bestellen müssen.« »Was wollen Sie denn siegeln, lieber Pan Zagloba?« fragte Wolodyjowski. »Ja – ja, unter uns können Sie mich ruhig nach alter Manier lieber Pan Zagloba titulieren. – Nicht ich werde siegeln, sondern mein Kanzler.« Die Anwesenden waren sprachlos. »Wozu ich einen Kanzler brauche? Nun hört mal. – Ihr wißt doch, daß das unerhörte Unglück, das über unser Vaterland hereingebrochen ist, durch Eigenmächtigkeit und Maßlosigkeit hervorgerufen ist. – Met, Pan Michail! Met her! – Die Hauptursache des Unglücks aber sind die Ketzer! Ein Beispiel – der Großhetman von Litauen! Um auf unsere Sache Gottes Segen zu lenken, um Proviant für unsere Truppen zu erlangen, erlasse ich ein Dekret, daß jeder Ketzer sich innerhalb dreier Tage von seiner Verirrung loszusagen habe, widrigenfalls ihm sein Hab und Gut zum Unterhalte des Heeres konfisziert wird.« Die Ritter sahen einander verwundert an. Sie wußten zwar, daß Zagloba reich an Einfällen war, aber solche politische Feinheiten hatten sie ihm nicht zugetraut. »Fragt ihr noch,« sagte Zagloba triumphierend, »woher ich genügend Mittel für das Heer herkriegen werde?« »Das ist wahr,« sagte Pan Michail. »Das ist aber alles nicht genug,« rief der sich mehr und mehr begeisternde Zagloba aus. »Ich gebe noch ein Dekret an die Schlachta von Podlachien, daß sie selbst kommen und ihre Diener bewaffnen soll, damit wir genügend Infanterie haben. Ich weiß, daß viele von ihnen gewillt sind, ins Feld zu ziehen, sie warten nur noch auf meine Befehle!« »Sie haben wirklich den Kopf eines Kronkanzlers!« rief Pan Wolodyjowski. »Met, Pan Michail, Met her! Dann schreibe ich an unseren guten König und tröste ihn in seinem Unglück. Ich werde ihm sagen, daß nicht alle ihn verlassen haben, daß es noch Herzen gibt, die bereit sind, für ihn in den Tod zu gehen. Unser – unser –« Plötzlich erzitterten die Fenster von einem rasenden Gebrüll. Zagloba ging hinaus, um nach der Ursache des Geschreies zu sehen. Man hatte die Kanonen gebracht, von denen Zagloba gesprochen hatte, und die Soldaten waren dadurch in eine große Begeisterung geraten. Zugleich übergab man Zagloba dreihundert Musketen, zweihundert Hellebarden und eine größere Summe baren Geldes. »Pan Oskierka!« rief Zagloba, »nehmen Sie die Musketen und Hellebarden an sich und formieren Sie ein Infanterie-Banner. Also, Panowie, jetzt haben wir Geld, Kanonen und genügend Infanterie. Proviant werden wir auch bald genug haben. Das sind die ersten Resultate meines Oberbefehles.« »Vivat!« riefen die Soldaten. »Und jetzt sollen die Soldaten in die umliegenden Dörfer gehen und sich Schaufeln und Hacken borgen. Wir wollen ein befestigtes Lager, ein zweites Zbaraz, herrichten.« Mit diesen Worten begab sich Zagloba in sein Quartier, begleitet von den begeisterten Rufen des Heeres. »Bei Gott, dieser Mensch trägt nicht umsonst einen Kopf auf den Schultern,« sagte Pan Wolodyjowski zu Jan Skrzetuski. »Alles geht jetzt anders, besser wie zuvor!« »Wenn nur Radziwill fürs erste noch nicht käme,« bemerkte Stanislaus Skrzetuski. »Er ist ein Feldherr, der in der ganzen Republik nicht seinesgleichen hat.« Aber auch Pan Zagloba dachte nicht ohne Unruhe an Radziwill. Er entsann sich zu gut der früheren Siege Radziwills, und die Gestalt des Hetman nahm in seinen Augen unnatürliche Dimensionen an. Er gelobte, sich niemals auf eine große Schlacht mit Radziwill einzulassen. »Es wird zu einer Belagerung kommen,« dachte er bei sich. »Dann nimmt man zu Verhandlungen Zuflucht, bis Sapieha mit seinen Truppen angekommen ist.« Für den Fall jedoch, daß Sapieha ausblieb, beschloß er, in allem dem Rate Jan Skrzetuski zu folgen. Er wußte, daß Fürst Jeremias diesen Offizier und seine kriegerischen Fähigkeiten ganz besonders hoch geschätzt hatte. Eine Zeit verstrich, und die ausgesandten Patrouillen wußten noch immer nichts vom Herannahen Sapiehas oder Radziwills zu melden. Sie brachten nur Gerüchte von den Kosaken, die um Wolkowysk standen und die Stadt einzunehmen versuchten, nachdem die ganze Umgegend schon ein Raub der Flammen geworden war. Einige Flüchtlinge aus Wolkowysk kamen in das Lager und flehten den Heerführer an, ihnen zu helfen. Pan Zagloba ließ Wolodyjowski zu sich rufen. »Nun, Pan Michail,« sagte er, »jetzt ist Ihre Stunde gekommen, Ihre Kunst zu zeigen. Nehmen Sie Ihr Laudaer Banner und noch die Hälfte eines anderen zuverlässigen Banners mit sich und vernichten Sie die Räuberbande bei Wolkowysk. Sie können diesen Auftrag als ein Zeichen meines besonderen Wohlwollens betrachten.« Wolodyjowski und sein Banner zogen mit großer Lust aus; denn die Untätigkeit war allen schon lange verhaßt geworden. Es vergingen drei Tage. – Von allen Seiten brachte man Proviant ins Lager, auch Freiwillige kamen an; aber von Pan Michail traf keine Nachricht ein. Zagloba wurde immer unruhiger, und trotz aller Versicherungen Skrzetuskis, daß Wolodyjowski noch gar nicht zurück sein könne, schickte er hundert Reiter aus, die Erkundigungen einziehen sollten. Wieder vergingen mehrere Tage ohne jede Nachricht. Endlich, am siebenten Tage, meldete man das Herannahen eines bedeutenden Heeres. »Ich reite ihm mit zwanzig Mann entgegen,« bot sich Oberst Lipnicki an. – Und er ritt fort. Einige Stunden später verbreitete sich plötzlich im ganzen Lager das Gerücht: »Radziwill kommt!« Diese Kunde elektrisierte alle und brachte das ganze Lager auf die Beine. – Die Soldaten stürzten in größter Unordnung auf die Wälle: allein Oskierkas Infanterie nahm die ihr angewiesene Stellung ein. Der Freiwilligen bemächtigte sich eine Panik. Gerüchte, eins unwahrscheinlicher als das andere, wurden in tausend verschiedenen Formen weitergegeben. Die Obersten konnten nur mit Mühe die Ordnung wieder herstellen. Pan Zagloba geriet, als an seine Ohren der Ruf »Radziwill kommt!« drang, in große Bestürzung. »Das kann nicht sein! kann nicht sein!« wiederholte er mehrmals und trocknete sich die Stirn, die mit großen Schweißtropfen bedeckt war. »Diese Schlange! Dieser Mörder! Dieser Luzifer, ist er wirklich schon aus Kiejdane ausmarschiert? Naht wirklich die letzte Minute?« Und das Geschrei: »Radziwill kommt! Radziwill kommt!« wurde immer lauter. Pan Zagloba zweifelte nicht mehr daran. Er ergriff seine Mütze und rannte zu Skrzetuski: »Jan rette! Jetzt ist's Zeit!« »Was ist geschehen?« staunte Jan Skrzetuski. »Radziwill naht! Alle meine Hoffnungen ruhen jetzt auf dir. Auch Fürst Jeremias hielt dich für einen geborenen Feldherrn! Ich werde alles persönlich überwachen, aber du mußt handeln!« »Radziwill kann es nicht sein,« sagte Skrzetuski ruhig. »Von welcher Seite kommt denn das Heer?« »Von Wolkowysk her. Man sagt, Wolodyjowski und die von mir ausgesandte Unterabteilung seien umzingelt worden.« »Wolodyjowski hat sich umzingeln lassen? Da kennen Sie ihn schlecht! Er wird es sein, der da zurückkehrt, und kein anderer!« »Du hörst doch aber, große Streitkräfte nahen.« »Gott sei gelobt, dann ist es Sapieha!« »Gott, du Barmherziger! Was redest du da! Man würde uns doch benachrichtigen; Lipnicki ist ihm doch entgegengeritten.« »Wieder dafür ein Beweis, daß es nicht Radziwill ist, sie kommen eben zusammen zurück. Gehen wir auf die Wälle!« »Das dachte ich auch gleich! Vorwärts, Jan! Jenen allen ist das Herz in die Hosen gefallen! Ha, ha, ha!« Auf den Wällen erstrahlte Zaglobas Gesicht vor Standhaftigkeit und Mannesmut. Er blieb jede Minute stehen und schrie aus Leibeskräften: »Panowie, Gäste nahen! Verliert nur nicht die Geistesgegenwart! Ist es Radziwill, so werde ich ihm den Rückzug nach Kiejdane zeigen! Zündet Scheiterhaufen auf den Wällen an! Verstecken wollen wir uns nicht!« Plötzlich krachten in der Ferne Musketenschüsse. Pan Zagloba faßte Jan Skrzetuski am Rockschoß. »Man eröffnet das Feuer!« sagte er bestürzt. Aber den Schüssen folgten bald Ausrufe der Freude. Es war kein Zweifel mehr, Freunde kamen. Einige Minuten später trafen mehrere Reiter auf total erschöpften Pferden ein. »Pan Sapieha! Pan Wojewod von Witebsk!« Bald ritt der Witebsker Wojewod in den Feuerkreis hinein, umgeben von seinen Offizieren. Zu seiner Rechten ritt Pan Wolodyjowski. Sapieha war ein bejahrter, etwas starker Herr. Sein unschönes Gesicht verriet Klugheit und Gutherzigkeit; man konnte bei der ersten Begegnung nicht daran zweifeln, daß man es mit einem ehrlichen Manne zu tun hatte. Pan Zagloba empfing ihn an der Spitze seiner Obersten. Er begrüßte ihn durch eine längere Ansprache, an deren Schluß er seinen Stab hervorhob und feierlich sagte: »Das Heer wählte mich zu seinem Führer, aber ich lege das Zeichen meiner Macht in würdigere Hände, der Jugend ein Beispiel zu geben, wie man zu Gunsten des öffentlichen Wohles auf Würden und Ehren verzichten soll.« Die Soldaten begannen etwas zu rufen; Sapieha aber lächelte nur. »Wenn Radziwill nur nicht glaubt, daß Sie mir den Stab aus Furcht vor ihm abgeben. Darüber würde er sich schon freuen!« »Radziwill kennt mich ja,« antwortete Zagloba, »er wird mich nicht der Feigheit zeihen. Ich war der erste, der ihm in Kiejdane das Wort »Verräter!« ins Gesicht schleuderte, ich habe die anderen durch mein Beispiel mit fortgerissen.« »Und jetzt führen Sie uns ins Lager. Pan Wolodyjowski erzählte mir unterwegs, daß Sie ein musterhafter Wirt wären, und wir sind müde und hungrig.« Der Einzug der Truppen Sapiehas ins Lager ging unter unbeschreiblichen Freudenausbrüchen vor sich. Pan Zagloba fiel es ein, daß Sapieha kein Feind von gutem Essen und Trinken war, und er beschloß, des Wojewoden Ankunft durch ein Festmahl zu feiern. Sapieha kargte nicht mit seinen Beifallsäußerungen: »Ich habe gar nicht erwartet, hier solchen Überfluß zu finden,« sagte er, »ich muß Ihnen für Ihre Umsicht wirklich danken.« Zagloba wurde ganz rot vor Freude. Ihm schien es vorher, daß der Wojewod ihn zwar freundlich, aber doch nicht mit der dem gewesenen Befehlshaber zukommenden Achtung behandelte. Er begann jetzt zu erzählen, wie er Vorräte angesammelt, Kanonen herbeigeschafft und die Infanterie vermehrt habe. Das Festmahl verlief bis zum Schluß sehr glänzend und währte bis Mitternacht. Wohl hätte man noch länger fröhlich beisammengesessen, wenn nicht die Nachricht von dem Nahen Radziwills eingetroffen wäre. – – 6. Kapitel. Schon längst wäre Radziwill nach Podlachien aufgebrochen, hätten ihn nicht verschiedene Umstände in Kiejdane zurückgehalten. Zuerst wartete er auf schwedische Hilfstruppen, die Pontus de la Gardie absichtlich erst so spät absandte. Als endlich die schwedischen Truppen angelangt waren, zögerte Radziwill noch; denn Gerüchte von Streitigkeiten unter den Anführern der Konföderierten waren zu ihm gedrungen. Der Fürst hielt es für ratsam, vor dem Ausmarsch abzuwarten, welche Folgen die Uneinigkeit unter den Konföderierten haben würde. Plötzlich jedoch erhielt der Hetman entgegengesetzte Nachrichten über die Konföderierten. Er erfuhr, daß sie sich in Bialostock vereinigt und dort ein befestigtes Lager errichtet hatten. Radziwill geriet darüber so in Zorn, daß nicht einmal der unerschrockene Ganschoff es wagte, ihm nahe zu kommen. Da endlich gab er seinen Soldaten den Befehl, sich marschbereit zu halten. In einem Tage waren die Vorbereitungen aller Truppen fertig. Es waren: ein deutsches, zwei schwedische und ein litauisches Infanterieregiment; die Artillerie kommandierte Pan Korf, Ganschoff die Kavallerie. Außer Charlamps Dragonern und der schwedischen schweren Reiterei waren noch zum Abmarsch bereit: das leichte Regiment Niewiarowskis und das glänzende Leibbanner des Fürsten. – Während der Feldzüge gegen Chmielnicki hatten dem Fürsten nicht mehr Regimenter zur Verfügung gestanden. Es waren genug Truppen, um mit ihnen glänzende Siege zu erfechten und unsterblichen Ruhm zu ernten. Aber Radziwill selbst fühlte, daß sein Stern im Sinken begriffen war; er wurde von schweren Ahnungen gequält. Die vor ihm liegende Zukunft gab ihm über nichts eine Gewißheit. – Er wird nach Podlachien ziehen, die Rebellen zertrümmern und diesem verhaßten Zagloba die Haut vom Leibe ziehen lassen. – Aber was wird das alles besagen? Was wird dann weiter? – – Das Moskowiter Heer, so sagte man, wolle, geängstigt durch das Anwachsen der schwedischen Macht, den Krieg abbrechen und sich mit Jan-Kasimir vereinigen. Wenn Jan-Kasimir es verstehen würde, Frieden zu schließen und seine früheren Feinde gegen die Schweden zu schicken, so würde das Kriegsglück der Schweden sich wenden und Radziwills Schicksal wäre besiegelt. Augenblicklich stand die Sache der Schweden allerdings noch glänzend. Eine Wojewodschaft nach der anderen ergab sich ihnen. In Groß-Polen regierten sie wie in ihrem eigenen Lande; in Warschau herrschte Radziejowski; Krakau mußte jeden Tag fallen. Der König, verlassen von seinen Truppen, hatte sich mit wundem Herzen nach Schlesien gewandt, und Karl-Gustav staunte selbst darüber, wie mühelos es ihm gelang, die Macht zu brechen, die einstmals den Schweden selbst Furcht einflößte. Aber gerade darin sah Radziwill auch die Gefahr für sich. Er ahnte, daß die vom Kriegsglück geblendeten Schweden ihn nicht brauchen, ihn nicht beachten würden, um so mehr, da sich seine Stellung in Litauen als gar nicht so mächtig erwies, wie alle, und auch er selbst, geglaubt hatten. »Solange ich an der Spitze mehrerer tausend Mann stehe,« dachte Radziwill, »so lange wird man noch mit mir rechnen; aber wenn mir die Mittel ausgehen, wenn die Söldner-Regimenter sich zerstreuen, – was dann?« – – Und die Gelder wurden wirklich immer knapper; denn der Pachtzins seiner zahllosen Güter blieb schon lange aus. Die meisten Besitzungen waren in den Händen der Feinde, und den Rest plünderten die Konföderierten. Zeitweise schien es dem Fürsten, als stehe er im Begriffe, in einen tiefen Abgrund zu stürzen, und alle seine Bemühungen und Intrigen konnten ihm nur den einen Titel »Verräter« verschaffen, weiter nichts. Einen Tag vor dem Ausmarsch der Truppen erhielt der Hetman die Nachricht, daß Fürst Boguslaw nahe. Zuerst wollte Radziwill ihm selbst entgegenfahren, aber die Etikette verbot dies. Er schickte ihm einen vergoldeten Wagen und das Banner Niewiarowskis entgegen und empfing ihn mit Salutschüssen, gleich als ob der König selbst käme. Als nach der zeremoniellen Begrüßung die Fürsten allein blieben, umarmte Janusz Boguslaw und sagte mit erregter Stimme: »Mir ist, als wenn Jugend und Gesundheit mir wiederkehrten!« Fürst Boguslaw betrachtete ihn aufmerksam und fragte: »Was ist Ihnen denn, Euer Durchlaucht?« »Reden wir uns ohne Titel an, wenn wir allein sind. – Was mir ist? Krank bin ich, bald werde ich wie ein unterfaulter Baum umstürzen. – Doch das tut nichts. Was hast du Neues gebracht? Wie steht es mit dem Kurfürsten?« »Du weißt doch schon, daß er sich mit den preußischen Städten ausgesöhnt hat?« »Ja, das weiß ich schon.« »Allein, man traut ihm nicht recht. Danzig läßt keine Garnison von ihm herein. Die Deutschen haben einen guten Riecher.« »Auch das weiß ich. – Hast du ihm nicht geschrieben? Was denkt er von mir?« »Von uns?« wiederholte Boguslaw zerstreut und trat schnell zum Spiegel. »Meine Haut ist rauh geworden auf der Reise, übrigens, morgen wird es schon wieder besser sein. – Er schreibt mir, daß er uns nicht vergessen wird. – Das glaube ich ihm auch, denn das fordert sein Vorteil. – Der Kurfürst kümmert sich um die Republik, ebenso wie ich mich um meine alte Perücke kümmere. Er würde sie gern den Schweden überlassen, wenn er Preußen nur unter die Finger bekäme, aber jetzt beginnt die schwedische Macht ihn zu beunruhigen. Er braucht für die Zukunft einen Bundesgenossen, und das könntest du sein, wenn du den litauischen Thron besteigst.« »Wenn nur etwas daraus werden wollte! – Nicht für mich erstrebe ich den Thron.« »Fürs erste wird es dir nicht gelingen, ganz Litauen zu erhandeln. – Ein guter Bissen davon genügt schon, mit Weiß-Rußland und Smudien mußt du dich begnügen.« »Und die Schweden?« »Die Schweden werden froh sein, ihre Ostgrenze durch dich gesichert zu wissen.« »Ich habe an den schwedischen König und an viele unserer Notabeln geschickt. Du hast wohl auch einen Brief durch Kmicic erhalten?« »Halt! Deswegen bin ich auch hierher gekommen. Was hältst du von Kmicic?« »Ein heißblütiger Mensch ist's, – nicht ungefährlich, ein Tollkopf; – aber einer von denen, die uns treu dienen.« »Sicherlich, sicherlich! – Mich hat er beinahe ins Jenseits befördert.« »Was sagst du?« »Man erzählt, du darfst dich nicht aufregen; die Luft fängt gleich an, dir auszugehen. – Gib mir dein Wort, mir geduldig und ruhig zuzuhören, so werde ich dir alles von deinem Kmicic erzählen, und du wirst ihn besser kennen lernen als bisher.« »Gut, ich werde ruhig bleiben. Um Gottes willen komme aber nun zur Sache!« Boguslaw erzählte alles, was sich in Pilwiszki zugetragen hatte. Es war erstaunlich, daß der Hetman keinen neuen Asthmaanfall bekam; er bebte jedoch am ganzen Leibe vor Wut, knirschte mit den Zähnen und raufte sich sein Haar aus. Schließlich schrie er mit heiserer Stimme: »Ja! schon gut! Aber er hat eins vergessen, – daß ich seine Geliebte in meinen Händen habe!« »Beherrsche dich doch und höre weiter!« unterbrach ihn Boguslaw. »Ich dachte zuerst, er wäre tot, aber jetzt habe ich Beweise in den Händen, daß er lebt.« »Tut nichts, wir werden ihn uns schon holen, selbst aus der Erde heraus! – Jetzt werde ich ihm solch einen Schlag versetzen, daß er es vorzieht, lebend verbrannt zu werden!« »Das wirst du nicht tun; denn du würdest dadurch nur dir selbst schaden. – Auf dem Wege hierher habe ich einem Bauern einen an dich gerichteten Brief abgenommen. Da wir beide keine Geheimnisse voreinander haben, so habe ich ihn gelesen. – Hier hast du ihn!« Boguslaw übergab dem Hetman Kmicic' Brief, den er in Kiemlicz' Hütte geschrieben hatte. Der Fürst durchflog ihn, zerknitterte ihn wütend und schrie: »Es ist wahr! Bei Gott! es ist wahr! Er hat meine Briefe, und in ihnen stehen Dinge, die der schwedische König für eine tödliche Beleidigung halten kann!« Nun bekam der Hetman doch einen Asthmaanfall. Sein Mund verzerrte sich, die Hände faßten konvulsiv zur Kehle. Boguslaw rief mehrere Diener herbei und befahl ihnen: »Bleibt beim Fürsten, bis er zu sich gekommen. Dann sagt ihm, ich erwarte Seine Durchlaucht auf meinem Zimmer!« Nach zwei Stunden klopfte Janusz mit blutunterlaufenen Augen, geschwollenen Lidern und dunkelblau gefärbtem Gesicht an Boguslaws Zimmertür. – Boguslaw lag auf seinem Bette. Sein Gesicht war mit Mandelmilch eingerieben, damit die Haut weich und zart bleiben sollte. Ungeschminkt und ohne Perücke sah er bedeutend älter aus als sonst; aber Fürst Janusz beachtete all dies nicht. »Ich denke,« begann er, »daß Kmicic sich doch nicht entschließen wird, meine Briefe zu veröffentlichen, das gliche einem Todesurteil für seine Braut. Er weiß ausgezeichnet, daß ich ihn in meinen Händen halte, aber auch ich kann mich nicht an ihm rächen. Und dieser Gedanke allein macht mich rasend.« »Zum Glück habe ich ihm eine Lehre gegeben, daß es nicht leicht ist, mit den Radziwills Händel anzufangen. Du mußt zugeben, daß ich ihm gegenüber wie ein echter Radziwill gehandelt habe. – Wenn ein französischer Ritter sich solcher Tat rühmen könnte, so würde er tagelang darüber schwatzen, ausgenommen zu den Zeiten des Schlafens, Essens und Küssens. – Doch, was ist das für ein Mädchen, von der du soeben sprachst?« »Eine Billewicz.« »Billewicz oder sonst wer. – Der Name spielt doch hier keine Rolle. – Sag' mal, ist sie hübsch?« »Ich sehe nicht auf die Weiber, aber ich meine, selbst die Königin von Polen könne sie um ihre Schönheit beneiden.« »Wenn sie wirklich so schön ist, so nehme ich sie mit nach Tauroggen. – Dort werden wir zusammen überlegen, wie wir uns an Kmicic rächen.« Janusz überlegte einen Augenblick. »Nein,« sagte er, »du wirst gegen sie Gewalt gebrauchen, und dann wird Kmicic die Briefe veröffentlichen.« »Ich werde einer Dorfschönen gegenüber Gewalt anwenden? Ohne zu prahlen, – ich hatte es schon mit ganz anderen zu tun, – aber zu Gewalt brauchte ich nie Zuflucht zu nehmen!« »Du kennst dies Mädchen nicht! Sie ist die Tugend selbst, eine wahre Nonne. – Und dann haßt sie uns, – sie ist eine Patriotin, sie hat auch Kmicic' Abfall verschuldet. – Unter unseren Frauen werden sich nicht viele solche finden. – Sie hat den Verstand eines Mannes und ist eine wütende Parteigängern Jan-Kasimirs. – Nein, vorläufig muß ich sie wie meinen Augapfel behüten, – später aber kannst du oder einer deiner Dragoner sie kriegen, – dann ist mir alles gleich.« »Ich gebe dir mein Ehrenwort, daß ich keine Gewalt gebrauchen werde, und ich halte mein Wort, – außer in der Politik. – Schämen müßte ich mich, wenn ich mein Ziel nicht auf anderem Wege erreichen würde.« »Du wirst sicherlich nichts erreichen.« »Im schlimmsten Falle werde ich eine Abweisung herunterschlucken müssen, und eine Abweisung von einem Weibe ist keine Schande. – Du ziehst nach Podlachien, was willst du mit ihr machen? Mitnehmen kannst du sie nicht und hierlassen erst recht nicht; denn die Schweden schicken eine Garnison her, und wir dürfen sie doch nicht aus unseren Händen geben. – Ist es denn nicht besser, wenn ich sie mit nach Tauroggen nehme und von dort an Kmicic schreibe: »Gib du die Briefe her, und ich liefere dir deine Braut aus.« Wenn ich sie nicht so zurückgebe, wie ich sie genommen, so wird das eben der Anfang unserer Rache sein. – Von Kmicic' Tat darf sie natürlich nichts erfahren; dadurch würde er in ihren Augen nur gewinnen. Streite mit mir nicht beim Abendessen, was ich auch behaupten sollte. Du wirst meinen Plan sehen und dich deiner eigenen Jugend erinnern.« Der Hetman machte eine zustimmende Bewegung mit der Hand und ging aus dem Zimmer. Boguslaw legte die Hände unter den Kopf und begann, über seinen Plan zu sinnen. – – 7. Kapitel. Zur Abendtafel erschienen außer dem Rosiener Miecznik und Alexandra mehrere Kiejdaner Offiziere und einige Edelleute aus des Fürsten Boguslaws Gefolge. Er selbst kam so kostbar gekleidet, daß von seiner ganzen Gestalt ein heller Glanz ausging. Er trug eine lange Lockenperücke, sein Gesicht erinnerte an Rosen und Lilien, und seine Augen glänzten wie Sterne. Er hatte einen schwarzen Rock mit aufgeschlitzten Ärmeln an, den ein kostbarer Brabanter Spitzenkragen zierte. Sein Portepee aus holländischem Leder war so reich mit Diamanten geschmückt, daß es wie aus Feuer zu sein schien. Ebenso überschüttet mit Diamanten war der Säbelgriff, und aus den Rosetten seiner Schuhe leuchteten zwei wie Nüsse große Brillanten. Seine ganze Erscheinung atmete Schönheit und Vornehmheit. In der einen Hand trug er ein Spitzentuch, in der anderen den mit ungeheuer großen Straußenfedern garnierten Hut. Alle sahen auf ihn mit Staunen und Entzücken. Bald erschien auch Alexandra mit Pani Korf. Boguslaw warf einen schnellen Blick auf sie. Er verbeugte sich zuerst vor Pani Korf, dann verneigte er sich so tief vor Alexandra, wie er es nicht vor der französischen Königin tiefer gekonnt hätte. Alexandra, die bereits von seiner Ankunft gehört hatte, erriet sogleich, wer vor ihr stand, und sie verbeugte sich gleichfalls sehr tief. Boguslaw trat rasch auf sie zu und bot ihr seinen Arm an. »Ich traue meinen Augen nicht,« begann er, indem er sie zur Tafel führte, »sagen Sie, reizende Göttin, welches Wunder hat Sie vom Olymp nach Kiejdane geführt?« »Ich bin nur ein einfaches Schlachtschitzenmädchen und keine Göttin. – Ich kann die Worte Euer Durchlaucht nur für eine übertriebene Liebenswürdigkeit halten.« »Wie schade, daß in diesem Saale kein Spiegel ist, sonst könnten Sie sehen, daß ich absolut nicht übertreibe.« Er neigte seinen Kopf zu ihr herab, und Alexandra sah seine großen, schwarzen, funkelnden Augen. Sie wurde rot und wich etwas zurück: sie fühlte, daß Boguslaw ihren Arm leicht an sein Herz drückte. Bei Tisch nahm er den Platz neben ihr ein, und man konnte beobachten, daß ihre Schönheit wirklich einen großen Eindruck auf ihn machte. Er hatte geglaubt, ein gesundes, rotbackiges, einfaches Fräulein zu sehen, und fand eine stolze Panna, in deren Augen sich ein reifer Geist und ein unbezwinglicher Wille wiederspiegelten. Eine Gestalt voll von jenem Reize, der unwillkürlich alle Herzen gewinnt. Gleichzeitig aber zeigte sie eine solche Unnahbarkeit und Würde, daß Boguslaw wider Willen dachte: »Ich habe viel zu früh ihren Arm an mich gepreßt; bei solchen darf man sich nicht überstürzen.« Trotzdem schwor er sich, ihr Herz zu erobern, und mit einer wilden Freude empfand er die Wonne des Augenblickes, wo diese jungfräuliche Reinheit und Majestät sich seinem Willen beugen würde. Auf dem Wege zu diesem Ziele stand die drohende Gestalt Kmicic', und gerade das spornte den selbstsicheren Ritter noch mehr an. Das Gespräch an der Tafel wurde allgemein und endete in einem Chor von Lobhymnen, die man dem Fürsten Boguslaw sang. Der glänzende Ritter hörte alles dies lächelnd ohne die geringste Spur von Genugtuung an; er nahm jedes Lob wie etwas Alltägliches und Allbekanntes entgegen. Die Namen der Fürsten, Marquis und Grafen, die er im Zweikampfe besiegt hatte, ertönten unausgesetzt bei der Tafel. Die Zuhörer staunten, Boguslaw schien gleichgültig, aber Fürst Janusz strich mit einem zufriedenen Lächeln seinen langen Schnurrbart. »Soldaten interessieren sich natürlich am meisten für die Zweikämpfe, wir Frauen aber würden gern von anderen Siegen Eurer Durchlaucht hören. Soviele Gerüchte darüber drangen schon zu unseren Ohren!« sagte Pani Korf. »Das ist alles nicht wahr, alles nicht wahr. Richtig allein ist, daß man für mich eine Braut freien wollte. – Ihre Majestät die Königin von Frankreich war so gnädig –« »Die Prinzeß de Rohan,« unterbrach ihn Janusz. »Und die de la Forse. – Aber da auch ein König nicht über fremde Herzen gebieten kann, und da die Radziwills, Gott sei gelobt! es nicht nötig haben, Reichtum in Frankreich zu suchen, so ist daraus nichts geworden. Es ist wahr, die Mädchen waren beide schön; aber bei uns gibt es genug noch schönere.« Hier warf er einen Blick auf Alexandra. Diese tat, als ob sie nichts gehört habe. Pani Korf aber antwortete lebhaft: »Nun ja, solche gibt es viele; aber nicht solche, die sich gleichzeitig mit jenen in Reichtum und vornehmer Abkunft messen können.« »Gestatten Sie, daß ich Ihnen widerspreche,« sagte Boguslaw eifrig. »Zuerst meine ich, daß kein polnisches Edelfräulein niedriger stehe als die Rohans und de la Forses; das ist meine aufrichtige Überzeugung. Und dann, die Radziwills haben schon öfter ein polnisches Edelfräulein geheiratet, und ich versichere Ihnen, daß, wer einen Radziwill geheiratet, sogar am französischen Hof den Prinzessinnen und Fürstinnen den Rang ablaufen kann.« »Ein edler Mann!« flüsterte der Miecznik Alexandra zu. »Das war immer meine Meinung,« fuhr Boguslaw fort, »Obwohl ich mich oft schämen mußte, wenn ich einen Vergleich zwischen polnischen und ausländischen Edelleuten zog. – Kann so etwas im Auslande geschehen, was hier passiert ist? – Sind das Edelleute, die ihren König verlassen können? Verlassen! das ist noch wenig, die ihm nach dem Leben trachten! Ein französischer Edelmann würde nie seinem König die Treue brechen!« Alle sahen den Fürsten verständnislos an. Der Hetman zog seine Brauen zusammen, und Alexandra hielt ihre dankbaren, begeisterten Augen fest auf Boguslaws Gesicht gerichtet. »Verzeihen Sie,« sprach Boguslaw weiter, sich an den Fürsten Janusz wendend, »ich weiß, Euer Durchlaucht konnten nicht anders handeln, – es war der einzige Weg, Litauen zu retten. Und trotzdem ich Sie als den älteren achte, und obgleich ich Sie wie einen Bruder liebe, so bin ich mit Ihnen, was Jan-Kasimir anbetrifft, doch anderer Meinung. Wir sind ja unter uns, und ich sage Ihnen offen, was ich denke. Jan-Kasimir ist ein unvergeßlicher Herrscher, gut, gnädig und meinem Herzen doppelt teuer. Ich habe ihn nach hierher begleitet, als man ihn aus der französischen Gefangenschaft entließ. Zwar war ich damals noch ein Kind; aber nie werde ich das vergessen. Ich bin jeder Zeit bereit, für ihn mein Blut zu opfern, um ihn wenigstens vor den Unmenschen zu schützen, die nach seinem Leben trachten.« Janusz begriff Boguslaws Spiel, doch es schien ihm zu kühn und gewagt für einen so geringen Gewinn. »Mein Gott, von wessen Anschlägen auf das Leben Seiner Majestät sprechen Sie denn?« fragte er, kaum seine Unzufriedenheit verhehlend. »Könnte sich denn wirklich so ein Ungeheuer inmitten des polnischen Heeres finden? So was ist wahrhaftig seit dem Bestehen der Republik nie vorgekommen.« Boguslaw senkte seinen Kopf tief herab. »Vor kaum einem Monat,« begann er mit trauriger Stimme, »erschien bei mir ein Schlachtschitz, – aus einem sehr guten Hause. Da er meine warmen Gefühle für unseren guten König nicht kannte, sondern mich für einen Feind des Königs hielt, so erbot er sich, gegen eine große Belohnung, nach Schlesien zu gehen. Er wollte Jan-Kasimir entführen und ihn lebend oder tot den Schweden ausliefern.« Alle Anwesenden waren starr vor Erstaunen. »Und als ich voll Zorn und Entrüstung sein Angebot ablehnte, sagte er mit frecher Stirn: »Dann gehe ich zu Radziejowski; der wird meinen Vorschlag annehmen und ihn mir mit Gold aufwiegen!« »Obwohl ich nicht zu Jan-Kasimirs Freunden gehöre,« warf Janusz ein, »so hätte ich den Mann ohne weiteres nach seinem Angebot erschießen lassen.« »Im ersten Augenblick wollte ich das auch tun; aber dann überlegte ich, daß man schon ohnedies von der Tyrannei und Härte der Radziwills spricht. Ich drohte ihm damit, daß nicht nur Radziejowski, sondern selbst Chmielnicki und der schwedische König ihn für seine Tat mit dem Tode bestrafen würden. Er wird sicherlich seiner Strafe nicht entgehen, und Euer Durchlaucht können ihn als erster richten; denn er ist einer Ihrer Obersten.« »Was sagen Sie? Einer von meinen Obersten? – Wer ist es, wer? – So sprechen Sie doch!« »Er heißt Kmicic,« entgegnete Boguslaw. »Kmicic?« wiederholten laut alle Anwesenden. »Das ist nicht wahr!« rief plötzlich Panna Billewicz, indem sie vom Stuhl aufsprang, mit funkelnden Augen und wogender Brust. Dumpfes Schweigen folgte diesem zornigen Ausruf. Die einen waren entsetzt über die Erzählung Boguslaws, die anderen wunderten sich ob der Vermessenheit des Mädchens, das es wagte, einen Radziwill einer Lüge zu zeihen. Der Miecznik begann zu brummen: »Alexandra! Alexandra!« Boguslaw aber sprach ohne Zorn: »Wenn das ein Verwandter oder der Bräutigam der Panna ist, so bedauere ich es sehr. – Aber auf alle Fälle reißen Sie die Liebe zu ihm aus Ihrem Herzen. Er ist Ihrer nicht wert.« Alexandra stand noch einen Moment unbeweglich; dann begann ihr Gesicht allmählich die frühere Farbe wieder zu erhalten. Sie ließ sich auf ihren Platz nieder. »Verzeihen Sie, Fürst,« sagte sie. »Ich habe unnötigerweise an Ihren Worten gezweifelt: Von diesem Menschen kann man alles erwarten!« »Gott strafe mich, wenn ich für Sie ein anderes Gefühl als das des tiefsten Mitleides hege.« »Er war der Bräutigam dieser Panna,« mischte sich Fürst Janusz ein. »Ich selbst habe sie beide zusammengefreit. Dummheiten hatte er schon eine Menge auf dem Kerbholz,– aber er ist ein guter Soldat. – Allerdings kannte ich seinen ungestümen Charakter, doch eine solche Freveltat hätte ich nie von ihm erwartet, nein, das konnte ich nicht von ihm erwarten!« »Sprechen wir nicht mehr davon!« rief Boguslaw. »Wenn es schon Ihnen schwer sein wird, das anzuhören, wie muß erst der Panna Billewicz dabei zumute sein!« »Genieren Sie sich meinetwegen nicht,« sprach Alexandra, »ich kann alles anhören.« Das Essen neigte sich seinem Ende zu; man begann Waschbecken für die Hände herumzureichen. Fürst Janusz stand als erster von der Tafel auf und reichte Pani Korf den Arm. Boguslaw folgte mit Alexandra. »Gott hat den Frevler gestraft,« sagte er leise. »Wer Sie verloren hat, hat das Paradies verloren. Erst zwei Stunden sind verflossen, daß ich Sie zum ersten Male sah, und schon möchte ich Sie ewig vor Augen haben. Aber nicht in Schmerz und Trauer, sondern in Freude und Glück.« »Ich danke Ihnen,« sagte Alexandra gedehnt. Nachdem die Damen sich entfernt hatten, kehrten die Herren an den Tisch zu ihren Bechern zurück. Boguslaw sprach dem Weine stark zu, – er war sehr zufrieden mit sich. Nach einiger Zeit verabschiedeten sich auch die anderen Gäste. Die beiden Fürsten blieben allein. »Ich vermute, daß an dieser Erzählung über Kmicic kein wahres Wort ist,« bemerkte Janusz. »Du vermutest? – Ich denke, du weißt das genau. – Aber die Sache ist doch fein erfunden? Mit einem Schlage an dem Feinde Rache zu nehmen und in die schöne Festung eine Bresche zu schlagen! Dieser Intrige braucht sich der größte Diplomat der Welt nicht zu schämen. Diese Panna ist wahrhaftig eine edle Perle! Mein Herz hüpfte vor lauter Freude.« »Denke aber an dein Wort, das du mir gegeben. – Sonst wirst du uns beide ins Verderben stürzen, wenn jener die Briefe veröffentlicht.« »Was für Brauen! Welch ein königlicher Blick! Unwillkürlich fühlt man Hochachtung, Furcht –« »Sieh zu, daß dieser Kmicic –« »O nein!« unterbrach Boguslaw, »zweimal habe ich Kmicic aufs Haupt geschlagen, allein wir sind noch lange nicht miteinander fertig! Hier, ein Page bringt dir einen Brief.« Der Wojewod nahm den Brief und machte das Zeichen des Kreuzes über ihn. – Er tat das immer, um sich vor bösen Nachrichten zu schützen. Plötzlich veränderte sich sein Gesicht. »Sapiehas Siegel!« rief er, »das ist vom Witebsker Wojewoden!« Der Hetman erbrach das Siegel und las den Brief leise, von Zeit zu Zeit unterbrach er sich durch Ausrufe. »Er geht nach Podlachien! – Macht sich über uns lustig! – Noch schlimmer!« – Bald begann er laut vorzulesen: »Euer Durchlaucht wollen also einen Bürgerkrieg! Sie wollen noch ein Schwert in die Brust der Mutter-Heimat stoßen. – So kommen Sie nach Podlachien. Ich erwarte Sie dort und hoffe zu Gott, daß er Sie durch meine Hand strafen wird. Doch sollte sich dennoch ein Funke Mitleid für das Vaterland in Ihnen regen, so rufen Sie den Landsturm zusammen, bewaffnen Sie die Bauernschaft, und schlagen Sie auf die Schweden los. Noch ist es nicht zu spät für Sie, auf den rechten Weg zurückzukehren und Ihre Vergehungen gut zu machen! Möge Gott Sie erleuchten! P. S. Man sagt, Fürst Michail sei im Begriffe, sich uns anzuschließen. Folgen Sie dem Beispiele Ihres ehrwürdigen Verwandten. Bedenken Sie alles; denn der letzte entscheidende Augenblick für Sie ist jetzt gekommen.« »Was sagst du nun?« fragte Janusz. »Und was meinst du?« »Man müßte sich von allem lossagen, mit eigenen Händen die eigene Arbeit vernichten.« »Mit dem mächtigen Karl-Gustav brechen und sich an Jan-Kasimirs Schwanz halten und ihn anflehen, daß er gnädigst geruhe, uns wieder in seinen Dienst zu nehmen; man müßte Sapieha bitten, ein gutes Wort für uns einzulegen!« Janusz' Gesicht wurde blaurot. »Schon jetzt schreibt er in dem Tone eines Monarchen an seinen Untertan!« »Er würde anders schreiben, wenn vor seinen Augen sechstausend Säbel erglänzten!« »Aber –,« und Fürst Janusz hing seinen Gedanken nach. – »Was aber?« »Vielleicht könnte man das Vaterland retten, wenn man Sapiehas Rat befolgte?« »Und dich? Und mich? Und die Radziwills?« Janusz verbarg sein Gesicht in den Händen. »Es sei so!« sagte er nach einigen Minuten. »Morgen breche ich nach Podlachien auf, und in einer Woche schon schlage ich auf Sapieha los.« »Das ist echt radziwillisch gehandelt!« rief Boguslaw und reichte ihm die Hand, um sich zu verabschieden. Die Lichter erloschen allmählich im Schlosse; nur in Alexandra Billewicz' Gemache war es noch hell. Sie allein schlief nicht. Knieend lag sie vor ihrem Bette und rang ihre Hände in tiefer Verzweiflung: »Erbarme dich unser! – Erbarme dich unser!« Zum ersten Male seit Kmicic' Abreise wollte und konnte sie nicht für ihn beten. – – 8. Kapitel. Pan Kmicic entschloß sich, die Schutzbriefe Radziwills an die schwedischen Kommandanten nicht zu benutzen. Er rechnete damit, daß Boguslaw sicherlich nach allen Richtungen von Pilwiszki aus Boten gesandt hatte, die ihn ergreifen oder jedenfalls die Schweden warnen sollten. – Er schlug seinen Weg über Pultusk nach Warschau ein. Das Grenzland war schon zum großen Teile von den Schweden besetzt, die jedoch nur die bedeutenderen Städte einnahmen, da sie nicht in die dichten, undurchdringlichen Wälder vorzudringen wagten. Diese Wälder waren von einem tapferen, bewaffneten Volksstamm bewohnt, der fast nie diese Wildnis verlassen hatte und völlig verwildert und unkultiviert war. Die Königin Maria-Luise hatte deshalb schon in Myszyniec Jesuiten ansässig gemacht, die nach Kräften auf die Sitten der Waldbevölkerung einwirken sollten. Hinter diesen Wäldern lag eine verhältnismäßig dichtbevölkerte Gegend, in der große Bewegung herrschte. Die Straßen waren mit Wagen dicht besät: die Schlachta eilte in die nahen Städte, dem neuen Könige Treue zu schwören. Man hoffte sich dadurch vor Strafen, Verfolgungen oder Plünderungen zu bewahren. Denn auch hier fingen die Schweden wie in Groß-Polen an nach alter Manier zu verfahren. Sie beschuldigten nämlich wohlhabende Leute fälschlich, um ihnen irgend welche ihren Zwecken nützliche Strafen aufzuerlegen. Pan Andreas, der aufmerksam den Unterhaltungen der Schlachtschitzen zuhörte, kam zu der Erkenntnis, daß sogar die intimsten Freunde sich fürchteten, aufrichtig miteinander zu reden. Man klagte zwar auch über die maßlosen Requisitionen, aber nicht ohne gleich darauf beruhigend hinzuzufügen: »Sobald der Krieg beendet ist, werden die Requisitionen aufhören, sobald der König das ganze Land erobert haben wird, wird er anfangen, sanft und väterlich zu regieren.« Die Schlachta, die sich von ihrem Herrscher und Vaterlands lossagte, die noch unlängst den gütigen Jan-Kasimir einen Tyrannen nannte und ihn des Strebens zum Absolutismus beschuldigte, ging jetzt in ihrer Sucht nach Abwechselung sogar so weit, daß sie ohne jeden Widerstand den Feind als ihren Herrscher anerkannte, daß sie sogar nicht einmal murrte; befreite Karl-Gustav sie doch von der Herrschaft eines Tyrannen. »Traurig, sehr traurig ist's, das ist wahr,« sprachen die Schlachtschitzen untereinander, »aber wir müssen stolz sein auf unseren neuen König. Er ist ein herrlicher Monarch und ein großer Feldherr. Er wird den Kosaken die Zähne weisen, die Türken schlagen, die Russen von den Grenzen vertreiben, und das ganze Land wird unter seinem Schütze aufblühen.« »Ob wir stolz sein können oder nicht, das bleibt sich ja alles gleich, es ist ja auch nichts dagegen zu machen. – Was könnten wir gegen eine solche Macht anfangen!« pflegte ein anderer zu erwidern. »Mit leeren Händen kann man nicht gegen Kanonen losgehen.« In Przasnysz wurde Pan Andreas angehalten und vor den schwedischen Kommandanten geführt. Kmicic erzählte ihm, daß er aus dem Preußischen komme und alljährlich mit Pferden auf den Jahrmarkt nach Sobota fahre. Der Kommandant besichtigte die Pferde und sagte: »Ich kaufe sie dir ab. Jedem anderen hätte ich sie einfach abgenommen, aber da du aus Preußen bist, will ich dir kein Unrecht antun.« Kmicic wurde verlegen. Ohne Pferde hatte er keinen Vorwand mehr weiter zu reisen und mußte nach Preußen zurückkehren. Deshalb forderte er einen unmäßig hohen Preis. Aber zu seinem größten Erstaunen versuchte der Offizier gar nicht, davon etwas abzuhandeln. »Gut,« sagte er, »bringe die Pferde in den Stall, ich hole indessen das Geld.« Die Kiemlicz' waren hoch erfreut; Pan Andreas begann jedoch aus Leibeskräften zu schimpfen. Die Pferde mußte er aber, ob er wollte oder nicht, in den Stall bringen. Einige Minuten später erschien der Offizier wieder und brachte Kmicic ein beschriebenes Papier. »Was ist das?« fragte Pan Andreas. »Geld, oder dasselbe, – eine Quittung.« »Und wo wird mir das Geld ausbezahlt?« »Im Hauptquartier, in Warschau.« »Was denn, wie denn? Wir verkaufen nur gegen bar Heilige Mutter Gottes!« begann der alte Kiemlicz zu stöhnen. Kmicic sah ihn drohend an und sagte: »Für mich ist das Wort des Pan Kommandanten ebensogut wie bares Geld. Und nach Warschau müssen wir ja so wie so hin. Wir wollen bei den Armeniern dort vorteilhafte Einkäufe machen, die wir dann in Preußen wieder verkaufen.« Der Offizier entfernte sich, und Pan Andreas begann Kiemlicz zu trösten. »Still doch, du Schafskopf! Eine Quittung ist doch der beste Geleitbrief. Mit ihr werden wir sogar bis nach Krakau gelangen, um unsere Klage, daß wir kein Geld erhalten haben, dort vorzubringen. Eher kann man aus einem Steine Wasser herauspressen, als Geld aus den Schweden. Aber das gebrauchen wir ja gerade. Das dumme Vieh denkt, daß er uns angeführt und ahnt gar nicht, welchen Dienst er uns tatsächlich geleistet hat. – Und das Geld für die Pferde erhälst du ja von mir.« Kmicic beschloß, in Przasnysz zu übernachten, und ohne seinen angenommenen Namen zu ändern, die ärmliche Kleidung für eine Zeit abzulegen. Mit schlecht gekleideten Menschen ließen sich die wohlhabenden Schlachtschitzen ungern in ein Gespräch ein, und Pan Andreas wollte gern über manches von ihnen Auskunft haben. Er kleidete sich um und ging in ein Gasthaus. Das, was er dort zu hören bekam, war freilich nicht sehr erfreulich. Die Schlachta trank auf die Gesundheit des schwedischen Königs und belachte die Spottreden der schwedischen Offiziere über Jan-Kasimir. Alles wurde mit den Füßen getreten, alles dem Hohne preisgegeben, allein die Religion hielt man heilig. Denn als ein schwedischer Unteroffizier ausrief, daß die Religion der Schweden besser sei als die der Katholiken, schlug ihm der neben ihm sitzende Pan Grabowski eins über den Kopf. Es entstand ein großer Tumult, in dem es Pan Grabowski gelang, aus der Schenke zu entkommen. Man setzte ihm nach, aber da ereignete sich etwas, das die Aufmerksamkeit aller nach einer ganz anderen Richtung ablenkte. Es verbreitete sich nämlich die Nachricht, daß sich Krakau ergeben habe und Pan Czarniecki gefangen genommen sei. – Somit war das letzte Hindernis auf dem Wege des siegreichen Vordringens der Schweden gefallen. Im ersten Augenblicke war die Schlachta stumm und starr. Aber als die Schweden befahlen, die Glocken sämtlicher Kirchen zu läuten, und als die Soldaten Fässer mit Branntwein und Met für die Garnison und die Einwohner auf den Marktplatz rollten, vergaß sie ganz ihren ersten Schreck. Inmitten der zechenden Soldaten gingen haufenweise Schlachtschitzen umher, die mit den schwedischen Truppen mittranken und Anteil nahmen an dem allgemeinen Jubel zu Ehren des Falls von Krakau und der Niederlage des Pan Czarniecki. Angeekelt von diesem Treiben, eilte Kmicic sich in sein Quartier zu vergraben. Er legte sich nieder, aber der Schlaf floh ihn. Es durchschauerte ihn wie im Fieber, und arge Zweifel quälten ihn: War er nicht zu spät auf den rechten Weg gegangen, jetzt, wo das ganze Land sich schon in den Händen der Schweden befand? Es schien ihm, daß alles verloren war, daß die Republik nie wieder aus ihren Trümmern auferstehen könnte. »Dieser unglückselige Krieg wird nicht mit dem Verluste einer Provinz enden,« dachte er, »nein, die ganze Republik wird zu einer schwedischen Provinz werden. Und wir, ich mehr als die anderen, tragen selbst die Schuld daran.« Solche Gedanken beunruhigten sein Gewissen, er konnte durchaus nicht einschlafen. – Er wußte selbst nicht mehr, was tun? Weiterfahren, oder in der Stadt bleiben, oder umkehren? Selbst wenn er Leute um sich sammelte und die Schweden überfiel, so würden sie ihn wie einen Raubmörder, nicht wie einen Soldaten verfolgen. Dazu kam, er war in einer ganz fremden Gegend, wo ihn niemand kannte. Wer würde sich ihm hier anschließen? In Litauen vereinigte der Zauber seines Namens Scharen von unerschrockenen Tollköpfen um ihn. Wer hier aber von Kmicic etwas gehört hatte, der hielt ihn für einen Verräter und Parteigänger der Schweden; und sein angenommener Name war für jedermann nichtssagend. »Alles, was ich tue, ist überflüssig,« dachte er, »zu spät. Es hat keinen Zweck nach Podlachien zu fahren, denn die Konföderierten werden mir nicht glauben. Nach Litauen zurückzukehren, ist unnütz, denn dort herrscht Radziwills eiserne Macht. – Es ist zwecklos, hier zu bleiben; hier ist nichts zu tun für mich. – Das beste wäre der Tod! Nichts sehen zu müssen von dieser Welt und frei zu werden von all der Gewissensqual! – Doch wird es im Jenseits besser sein für die, die auf Erden gesündigt und nicht gebüßt haben?« Kmicic wälzte sich unruhig auf seinem Lager hin und her. Seine Seelenpein war unerträglich und noch größer, als wie er sie in Kiemlicz' Hütte empfunden hatte. Er fühlte sich stark und gesund, ihn verlangte heiß nach Tätigkeit, aber alle Wege waren ihm versperrt, kein Ausweg, keine Rettung, keine Hoffnung! – Traurigen Herzens brach Kmicic mit seinen Leuten noch Warschau auf. Das Ziel und den Zweck seiner Reise, er kannte sie beide selbst nicht. – In Pultusk feierte man die Einnahme Krakaus drei Tage lang, übrigens waren die Nachrichten, die nach Przasnysz gedrungen waren, etwas übertrieben: Czarniecki war nicht in Gefangenschaft geraten, sondern hatte mit seinen Truppen und Waffen frei abziehen dürfen. Man vermutete, daß er nach Schlesien gehen würde. Für Kmicic war das, wenn auch nur ein geringer, so doch immerhin ein Trost. In Pultusk war es, wo Kmicic zum ersten Male feindliche Truppen in einer Kirche kampieren sah. In einem herrlichen, gotischen Gotteshause, das vor zweihundert Jahren erbaut war, lag ein Infanterieregiment deutscher Söldner. Die Kirche war im Innern wie an den großen Festtagen hell erleuchtet. Auf dem Steinboden brannten Scheiterhaufen, über denen Kessel hingen. Und fremde Soldaten drängten sich um Bierfässer herum, lauter Räubergesindel, das einstmals das ganze katholische Deutschland verwüstete und aller Wahrscheinlichkeit nach nicht zum ersten Male sein Lager in Kirchen aufgeschlagen hatte. Das heisere Gebrüll einiger Soldaten, die Kriegslieder sangen, mischte sich mit dem Kreischen von Weibern, die der damaligen Sitte gemäß hinter dem Heere herzogen. Einen Augenblick blieb Kmicic an der Tür stehen, dann wandte er sich entsetzt von diesem Anblicke weg. Der Kopf schwindelte ihm, und sein Atem schien zu stocken, – ein Bild der Hölle hätte ihn nicht schrecklicher berühren können. Er griff an seinen Kopf und stürzte wie besessen von dannen, indem er mehrmals wiederholte: »Gott, mildere deinen Zorn! Gott, strafe, Gott, rette uns!« – – 9. Kapitel. In Warschau wirtschafteten schon seit langem die Schweden. Da Wittemberg, der eigentliche Gouverneur der Stadt und Befehlshaber der Garnison, gerade, als Kmicic dort ankam, in Krakau war, so vertrat ihn Radziejowski. Mehrere tausend Soldaten lagen in der Stadt selbst und in den mit herrlichen Palästen bebauten Vororten. Überall sah Kmicic die Spuren räuberischer Hände. Am meisten hatten die Einwohner der Stadt unter den Plünderungen der Schweden zu leiden, die bei ihrem Einmarsch geflohen waren oder ihnen Widerstand entgegengesetzt hatten. In der Weichsel lagen dreißig ungeheure Flußkähne, die die geraubte Beute nach Schweden bringen sollten. Die Physiognomie Warschaus hatte sich völlig geändert. Man hörte auf den Straßen fast gar nicht polnisch reden; immer drangen die Laute fremder Sprachen an Kmicic' Ohr. Wohin er sich wandte, überall stieß er auf Soldaten: auf schwedische, deutsche, französische, englische und schottische. Überall fremde Farben, fremde Gesichter, fremde Lieder! Inmitten dieser vielsprachigen Menge verlor sich die einheimische Bevölkerung fast gänzlich; viele waren geflohen, andere wieder saßen zu ihrer eigenen Sicherheit fest eingeschlossen in ihren Häusern und zeigten sich nur in ganz notwendigen Fällen auf der Straße. Hin und wieder nur erinnerte ein herrschaftlicher, von national polnisch gekleideten Dienern oder Soldaten umringter Wagen Kmicic daran, daß er sich in einer polnischen Stadt befinde. Da Kmicic niemand in Warschau kannte, dem er sein bedrücktes Herz ausschütten konnte, so trieb es ihn bald von dort fort. Zwar hatte er hier und da in öffentlichen Gebäuden mit Schlachtschitzen gesprochen, aber was er von ihnen gehört hatte, hatte ihn aufs tiefste erbittert. Alle Edelleute gaben sich für große Verehrer der Schweden aus, die in Abwesenheit Karl-Gustavs den Schweden um den Bart gingen, in der Hoffnung, bei der Konfiskation privater und geistlicher Güter etwas einzuheimsen. Einzig und allein die Kleinbürger waren es, die das unglückliche Vaterland und den verdrängten, gutherzigen König bedauerten. Man erzählte, daß die Zünfte Waffen versteckt hätten, und daß die Büchsenmacher, Metzger, Gerber und die Schneider mit Ungeduld auf Jan-Kasimirs Rückkehr warteten, und bei der geringsten Hilfe bereit wären, gegen die Schweden vorzugehen. Kmicic traute seinen Ohren nicht. Es war ihm unbegreiflich, daß diese einfachen Leute mehr Vaterlandsliebe und Treue zu ihrem Könige besitzen sollten, als die Schlachta, die dazu durch ihre Stellung vor Gott und ihrem Gewissen verpflichtet war. Aber mehr und mehr mußte er sich davon überzeugen, daß gerade die Schlachta und die Magnaten auf seiten der Schweden standen, während die Bürger mehr Neigung zum Widerstand zeigten. Es kam vor, daß Handwerker, die von den Schweden zu den Befestigungsarbeiten gezwungen wurden, Schläge, Gefängnis, ja selbst den Tod vorzogen, ehe sie die Hand dazu boten, die verhaßte Sache des Feindes zu fördern. Hinter Warschau sah Kmicic nur noch Soldaten und Schlachtschitzen, die in schwedischen Diensten standen. Alle, die den Schweden zu widerstehen gewagt hatten, waren niedergemetzelt oder irgendwie unschädlich gemacht worden. Niemand glaubte an eine Rettung des Vaterlandes; niemand dachte an Widerstand, und Anordnungen der Schweden, die zu jeder anderen Zeit die hartnäckigste Opposition hervorgerufen hätten, wurden mit Eifer und Eile ausgeführt. Die Panik ging so weit, daß selbst schwer Geschädigte den gnädigen Protektor rühmten. Am allerschlimmsten aber trieben es die schwedischen Parteigänger und Verräter des Vaterlandes. Da ihnen alles erlaubt war, so erinnerten sie sich früherer Streitigkeiten und alter Beleidigungen und zahlten sie unter dem schwedischen Schutze hundertfach heim. Räuberbanden, polnisches, schwedisches, deutsches Gesindel überfielen die ruhigen Einwohner und legten überall Feuer an. Auf den Städten lastete die eiserne Hand der Soldaten, und auf dem Lande und in den Wäldern die der Wegelagerer. Solche Marodeure hatten auch das Gut eines Pan Luszczewski überfallen, gerade, als Kmicic' Weg ihn dort vorüberführte. Der Pan Luszczewski, ein alter Soldat, hatte tapferen Widerstand geleistet, aber er wäre doch unterlegen, wenn Kmicic ihm nicht im kritischen Momente zu Hilfe geeilt wäre. Der Gutsherr dankte seinem Befreier herzlich, und Pan Andreas gestand ihm seinen tödlichen Haß gegen die Schweden. Er hoffte in seinem Innern, daß der alte Soldat seine gemarterte Seele durch einen Funken Hoffnung laben würde, aber er sah sich bitter getäuscht. »Ich weiß nicht, was ich Ihnen sagen würde, wenn ich um dreißig Jahre jünger wäre; aber die Erfahrungen eines fünfundsiebzigjährigen Lebens sind nicht spurlos an mir vorübergegangen. An der Schwelle des Grabes stehend, sehe ich alles klar. Und ich sehe, daß nicht Polen allein, sondern auch ganz Europa unfähig ist, die schwedischen Macht zu brechen.« »Was Sie sagen? – Und warum eigentlich?« rief Kmicic aus, »seit wann sind die Schweden denn unbesiegbar? Ist unser Land denn weniger bevölkert? Können wir nicht ein größeres Heer stellen?« »Wie könnten wir die Schweden besiegen, da Gottes Wille dagegen ist, wie die Prophezeiungen es vorher gesagt haben! Ach, nach Czenstochau sollten die Leute wallfahren, ja, nach Czenstochau sollten sie gehen und ihre Sünden bereuen!« Und Pan Luszczewski versank in Schweigen. Die untergehende Sonne beleuchtete mit ihren Strahlen einen Teil des Zimmers, während der übrige Teil in der Dämmerung verschwamm. Kmicic wurde es recht unbehaglich zumute. »Von welchen Prophezeiungen sprechen Sie?« fragte er, um das ungemütliche Schweigen zu unterbrechen. Pan Luszczewski wandte statt einer Antwort seinen Kopf nach der entgegengesetzten Richtung und rief laut: »Alexandra! Alexandra!« »Mein Gott! Wen rufen Sie?« Die Tür tat sich auf, und ins Zimmer trat ein junges Mädchen herein. Es sah sehr bleich aus, wahrscheinlich von der soeben erlittenen seelischen Erregung. Leicht und behende schritt Alexandra durchs Zimmer, so daß sie eher einer Erscheinung als einem lebenden Wesen glich. »Meine Tochter,« stellte Pan Luszczewski vor. »Meine Söhne sind nicht zu Hause, sie sind bei Pan Czarniecki. Mein Kind, danke zuerst diesem Ritter für die Dienste, die er uns geleistet hat, dann lies uns die Prophezeiungen der heiligen Brygida.« Das Mädchen verbeugte sich vor Pan Andreas, ging dann aus dem Zimmer und kehrte gleich darauf mit einer Papierrolle wieder. Mit einer weichen, klangvollen Stimme begann sie zu lesen: »Fünf Könige und ihre Reiche werden zuerst sein: Gustav, Erichs Sohn, ein träger Esel, er wird den heiligen Glauben verlassen und zu dem unrechten übertreten.« »Hören Sie?« fragte Pan Luszczewski, indem er den Daumen der linken Hand umbog. »Das ist der erste.« »Erich, Gustavs Sohn, ein Wolf von unersättlicher Gier. Er wird sich den Haß aller Leute und den seines Bruders zuziehen. Er wird seinen Bruder besiegen und ihn samt seiner Frau vier Jahre gefangen halten. Schließlich wird Jan sich befreien, und nachdem er Hilfe erhalten, wird er Erich für alle Ewigkeit ins Gefängnis werfen.« »Merken Sie sich's gut,« unterbrach Pan Luszczewski wieder das Mädchen, »das ist schon der zweite.« Die Panna fuhr fort zu lesen. »Jan, Erichs Bruder, ist ein mächtiger Adler, der Besieger Erichs, des Dänen. Sein Sohn, Sigmund, wird auf den polnischen Thron gewählt, er ist voll von Tugenden, ein Ruhm für seine Nachkommen.« »Verstehen Sie?« fragte Pan Luszczewski. »Möge Gott Jan-Kasimirs Jahre verlängern!« antwortete Kmicic. »Karl, der Fürst von Sudermanland, ein Hammel; denn wie die Hammel ihre Herde leiten, so leitet er Schweden zum falschen Glauben.« »Das ist also der vierte!« »Der fünfte, Gustav-Adolf, wird getötet werden, sein Blut war die Ursache von viel Kummer und Elend.« »Jetzt, mein Kind, lies den Schluß, er bezieht sich auf die jetzigen Zeiten,« sprach der alte Luszczewski. »Und ich werde dir den sechsten zeigen, der die Erde und das Meer in Aufregung bringen wird, und der die Kleinen verwirren wird. – Der wird mit seiner Hand die Grenze meiner Strafen weisen. Wenn er das Seine nicht erfüllen wird, so wird mein Gericht ihn ereilen, und er wird sein Reich in Verwirrung hinterlassen. Es wird geschehen, wie geschrieben steht: »Man säet Aufruhr und wird Kummer und Verzweiflung ernten. Ich werde dies Reich heimsuchen und seine reichen Städte; ich werde die Hungrigen rufen, daß sie den Überfluß auffressen. Die Unverständigen werden herrschen, die Weisen und Greise werden die Köpfe senken. Ehre und Wahrheit werden im Staub versinken, – aber einer wird kommen, der meinen Zorn erweichen wird, der wird seine Seele der Wahrheit und Liebe halber nicht schonen.« »Das alles ist so wahr, daß auch ein Blinder es glauben muß,« sagte Kmicic. »Deshalb, sage ich, können die Schweden auch nicht besiegt werden.« »Aber es kommt einer, der seine Seele der Wahrheit und Liebe halber nicht schonen wird,« rief Kmicic. »Die Prophezeiung läßt doch eine Hoffnung zu. Unser wartet nicht der Untergang, sondern die Errettung!« »Sodom wäre auch verschont worden, wenn sich zehn Gerechte dort gefunden hätten,« antwortete Pan Luszczewski. »Aber nicht mal soviel waren da. Ebenso wird sich der nicht finden, der seine Seele opfern wird, und die Stunde des Gerichts wird schlagen.« »Das kann nicht sein! Das kann nicht sein!« schrie Kmicic. Er sprang auf und begann, sich zu verabschieden. Er wollte ins Freie, um seinen brennenden Kopf zu kühlen. »Wohin eilen Sie so?« fragte der Greis. »Nach Czenstochau. Ich bin auch ein Sünder.« »Dann will ich Sie nicht aufhalten, obschon ich mich ungern von Ihnen trenne. – Aber man darf nicht säumen, denn die Stunde des Gerichts ist nahe.« Kmicic entfernte sich. Ihm folgte die Panna, um ihn an des Vaters statt hinauszugeleiten; denn der Greis konnte sich nur mühsam fortbewegen. »Möge Gott Ihnen alles Glück schicken!« sagte Kmicic zu dem jungen Mädchen. »Sie glauben gar nicht, wie ich Ihnen dankbar bin.« »Wenn das wahr ist, so erweisen Sie mir einen Dienst. Sie wallfahren nach Czenstochau? – Nehmen Sie dieses Goldstück und lassen Sie dafür eine Messe lesen.« »Und auf welchen Namen?« fragte Kmicic. Die Prophetin senkte die Augen. Ihr Gesicht nahm einen schwermütigen Ausdruck an und ihre Wangen erröteten. »Auf den Namen Andreas, – daß Gott ihn auf den rechten Weg führen möge!« flüsterte sie kaum hörbar. Kmicic taumelte zurück und riß seine Augen weit auf. »Um Gottes willen!« rief er mit stockender Stimme, »was ist das für ein Haus! Wo bin ich? Lauter Voraussagungen, lauter Prophezeiungen! – Sie heißen Alexandra, und Sie lassen für die Seele des armen Andreas eine Messe lesen! – Das alles kann doch nicht nur Zufall sein? – Das ist Gottes Fügung! – Das – das – wahrhaftig, ich komme von Sinnen! Ich verliere wirklich den Verstand!« »Was ist Ihnen?« Er ergriff stürmisch ihre Hände und drückte sie in den seinigen. »Sagen Sie alles, prophezeien Sie zu Ende! – Wenn dieser Andreas sich bessert und alle seine Sünden gut macht, wird Alexandra ihm dann treu bleiben? – Sprechen Sie doch, antworten Sie, eher kann ich nicht fortfahren!« »Was ist mit Ihnen?« »Bleibt Alexandra ihm treu?« wiederholte Kmicic. Der Panna stürzten Tränen aus den Augen. »Bis zum letzten Atemzuge, bis zur Minute des Todes!« sagte sie schluchzend. Kaum verklangen ihre Worte, als Kmicic wie vom Donner getroffen, ihr zu Füßen fiel. Sie wollte von dannen eilen, aber er hielt sie, küßte ihre Füße und wiederholte: »Ich bin auch ein sündiger Andreas und dürste nach Sühne. Auch ich liebe eine Alexandra, einen kostbaren Schatz, den Trost meiner Seele. – Möge der Ihre sich bessern, und die meine mir treu bleiben! Mögen Ihre Worte Prophetenworte sein! Sie gössen Balsam in meine zerfleischte Seele. – Vergelt's Ihnen Gott! Vergelt's Ihnen Gott!« Er stürzte davon, sprang auf sein Pferd und raste von dannen. – – 10. Kapitel. Die Worte der Panna erfüllten Kmicic' Seele mit neuer Hoffnung, und volle drei Tage lang wollte ihm sein Erlebnis nicht aus dem Kopfe. Am Tage im Sattel, des Nachts auf dem Lager dachte er darüber nach, und immer kam er zu dem Schlusse, daß das kein Zufall, sondern eine Fügung Gottes war. Er fühlte, daß, wenn er von dem rechten Wege nicht weichen, Alexandra ihm treu bleiben und ihm wieder ihr Herz schenken würde. Während diese Gedanken seiner Seele Trost gaben, quälte ihn andererseits das traurige Schicksal der Republik um so mehr. Die Macht der Schweden wuchs von Tag zu Tag, und die Gerüchte, daß die kleinen Reste der polnischen Regimenter meuterten und ihren Hetmans drohten, zu den Schweden überzugehen, nahmen an Wahrscheinlichkeit täglich zu. Die Nachricht, daß der Fahnenträger Koniecpolski sich mit seiner Division den Schweden unterworfen habe, hallte in der ganzen Republik wie ein verheerender Donnerschlag wieder; denn Pan Koniecpolski war einer der Zbarazer Helden. Seinem Beispiele folgte Pan Starost Jaworski und Fürst Dymitr Wisniowiecki, den selbst der unsterbliche Ruhm seines Namens von keiner solchen Tat zurückhielt. Man begann sogar an der Verläßlichkeit des Marschalls Pan Lubomirski zu zweifeln. Leute, die ihn kannten, behaupteten, daß sein Ehrgeiz seine Vaterlandsliebe überwiegen und daß er angesichts der schwedischen Erfolge die Republik fallen lassen werde. Und in der Tat begann er dem unglücklichen Jan-Kasimir mehr und mehr zu zeigen, daß es in seiner Macht lag, ihn endgültig untergehen zu lassen, oder ihn zu erretten. Der vertriebene König hielt sich mit einer Hand voll Getreuen in Glogau auf, die willig sein Los teilten. Doch auch diese kleine Schar begann sich zu lichten, und aus ihren Reihen gingen täglich welche zu den Schweden über. Karl-Gustav nahm alle Überläufer mit offenen Armen auf und überschüttete sie mit Wohltaten. Im Osten war der Krieg mit neuer Kraft entbrannt. Der schreckliche Chmielnicki belagerte wieder Lemberg. Litauen befand sich in den Händen der Schweden und Chowanskis, und Radziwill eröffnete den Feldzug in Podlachien. Der Kurfürst zögerte noch, aber man wußte, daß er bereit war, der verendenden Republik den Todesstoß zu versetzen. Abgesandte von aller Herren Länder kamen nach Polen, um dem schwedischen Könige zu seinem Siege zu gratulieren. Inzwischen begann der Winter seinen Einzug zu halten. Das Laub fiel von den Bäumen, die ihre kahlen Äste gen Himmel streckten. Scharen von Raben und Krähen kamen aus den Wäldern heraus und umkreisten mit ihrem heiseren Gekrächze die Städte und Dörfer der Republik. Die letzte Rast auf seiner Reise nach Czenstochau hielt Kmicic in Kruszyn. Kaum wollte er sich zur Ruhe begeben, als neue Gäste dort eintrafen. Zuerst erschien eine schwedische Abteilung unter der Führung eines hohen Offiziers. Dieser war ein Mann in mittleren Jahren, groß, kräftig und breitschulterig. Trotz seiner fremdländischen Kleidung sprach er, als er die Schenke betrat, fließend und fehlerlos polnisch. Er fragte den Pan Andreas, wer er sei, und wohin er reise. Kmicic begann zu erzählen, daß ihn der schwedische Oberst betrogen und ihm statt des Geldes eine Quittung gegeben habe, – daß er jetzt im Begriffe stehe, sich zu dem schwedischen Könige zu begeben, um dort seine Klage vorzubringen. »Es ist recht, daß Sie zum Könige selbst fahren; denn obgleich er Tausende von Angelegenheiten im Kopfe hat, so läßt er doch jeden vor und hört alle an. Und zu dem polnischen Adel ist er sogar so freundlich, daß selbst die Schweden euch beneiden können.« »Wenn nur Geld im Säckel wäre!« »Vergeßt nicht, Karl-Gustav ist nicht wie Euer Jan-Kasimir, der sich bei den Juden so viel als zugänglich zusammenborgte, um es dann dem ersten besten Bittenden mit vollen Händen wegzugeben. – Übrigens, wenn ein gewisser Plan gelingt, so wird es an Geld im Säckel nicht fehlen.« »Von welchem Plane sprechen Euer Gnaden?« »Wir kennen uns zu wenig, Pan Kavalier, als daß ich mich darauf einlassen kann, Sie in geheime Angelegenheiten einzuweihen. Merken Sie sich nur eins; in einigen Wochen wird die königlich-schwedische Kasse ebenso reich sein wie die des Sultans.« »Ich wüßte nicht woher; es sei denn, daß ein Alchymist dem Könige seine Hilfe leihe. Sonst ist aus diesem Teile des Landes nicht viel zu holen.« »Hier zu Lande braucht man nur einen festen Willen zu haben, und an dem fehlt es uns nicht.« Draußen erschollen Hufschläge, der Offizier unterbrach das Gespräch und verließ eiligst die Gaststube. Kmicic folgte ihm und blieb in der Haustür stehen. Vor der Schenke fuhr eine Equipage vor, die von einer Eskorte schwedischer Reiter umringt war. Der Offizier öffnete die Tür des Wagens und nahm seinen Hut ehrfurchtsvoll ab. Der Equipage entstieg ein älterer Herr, der einen schwarzen Pelzmantel trug. Der Offizier nahm aus den Händen eines der Reiter eine Fackel, verbeugte sich tief und sagte: »Hier, Exzellenz!« Kmicic eilte in die Gaststube zurück; die Angekommenen folgten ihm. Der Offizier verbeugte sich abermals. »Exzellenz, mein Name ist Weyhard Wrzeszcowicz, Proviantmeister Seiner Majestät des Königs Karl-Gustav. Ich bin mit einer Eskorte Euer Exzellenz entgegengesandt.« »Sehr angenehm, einen so würdigen Kavalier zu sehen,« antwortete der Mann im schwarzen Mantel. »Zuerst wollte ich der Messe in Czenstochau beiwohnen, doch unterwegs traf mich ein Befehl, mich nicht aufzuhalten. Wir werden hier ein wenig ausruhen und dann weiterfahren. Inzwischen kann meine Eskorte zurückgeschickt werden.« Der Offizier ging hinaus, um den nötigen Befehl zu erteilen. Pan Andreas hielt ihn einen Augenblick an. »Wer ist der Kavalier?« fragte er. »Baron Lisola, der kaiserliche Gesandte.« Dann eilte der Offizier hinaus und kehrte mit der Meldung zurück, daß alles angeordnet sei. »Ich danke,« sagte Lisola, und mit lässiger Liebenswürdigkeit forderte er Wrzesczowicz auf, ihm gegenüber Platz zu nehmen. »'s wird wahrscheinlich Regen geben; ein Wind hat sich draußen erhoben. Wir werden vielleicht gezwungen sein, längere Zeit hier zu weilen. – Doch, was gibt es Neues?« »Eine Wojewodschaft nach der anderen unterwirft sich.« Lisola senkte sein kluges Haupt. »Schrecklich, wirklich unerhört!« entgegnete er. Die Unterhaltung wurde deutsch geführt. Kmicic hörte mit gespannter Aufmerksamkeit zu. »Exzellenz,« bemerkte Wrzeszczowicz, »es geschieht, was geschehen mußte.« »Mag sein, – aber trotzdem kann man nicht frei werden von einem Gefühl des Mitleides für die Macht, die existierte – und mit der es jetzt aus ist. Wer kein Schwede ist, muß ein Bedauern dabei empfinden.« »Ich bin kein Schwede, und wenn die Polen selbst das nicht bedauern, so habe ich gewiß keine Veranlassung dazu.« Lisola sah ihn aufmerksam an. »Es ist wahr. Ihr Name ist kein polnischer. Sagen Sie, welcher Nationalität gehören Sie eigentlich an?« »Ich bin Tscheche.« »So? Untertan des deutschen Kaisers? – Wir sind also Diener ein und desselben Herrschers?« »Ich stehe in Diensten Seiner Majestät des schwedischen Königs,« sprach Wrzeszczowicz, sich verbeugend. »Nun ja, aber wo und wem Sie auch dienen mögen, Ihre Pflichten Ihrem Monarchen gegenüber hören doch nicht auf.« »Das leugne ich nicht.« »So muß ich Ihnen offen gestehen, daß unser Monarch tief traurig ist über das Geschick der Republick. Was haben Ihnen die Polen getan? Warum sind Sie so hart gegen sie?« – »Ich werde Ihnen ehrlich antworten. – Als jüngerer Sohn einer Adelsfamilie mußte ich mein Glück in der weiten Welt suchen. So kam ich hierher in dies Land des verwandten Volkes.« »Nun, und hat man Sie hier schlecht aufgenommen?« »Man betraute mich mit der Aufsicht großer Salzsiedereien. Ich fand Zutritt zur Gesellschaft, ja zum Könige selbst. – Und jetzt diene ich den Schweden. Von Undank kann hier keine Rede sein. – Warum sollte man an mich größere Anforderungen stellen als an die Polen selbst? Wo sind jetzt die Polen? Wo sind die Senatoren, die Fürsten, Magnaten, Schlachtschitzen? Sind sie nicht alle in schwedischen Lagern? Nun, ich folge ihrem Beispiele, und wer hätte das Recht, mich des Undanks zu zeihen? Warum sollte ich, ein Fremder, der Republik und ihrem Könige treuer bleiben, als sie selbst? Weshalb soll ich einen Dienst verschmähen, nach dem sie alle nach besten Kräften streben?« Lisola antwortete nicht. Es schien, als lauschte er dem herbstlichen Regen, der an die Fensterscheiben des Zimmers zu schlagen begann. »Wahrhaftig,« sagte er nach einiger Zeit, »ich bekomme hier merkwürdige Dinge zu hören.« »Ich suche das Glück da, wo ich es zu finden hoffe,« fuhr Wrzeszczowicz fort, »selbst, wenn ich mich dieses Volkes erbarmt hätte, zugrunde müßte es doch gehen.« »Und warum?« »Zuerst, weil es selbst es nicht anders will, und dann, weil es nichts besseres verdient. Gibt es denn in der Welt irgendwo ein Land, wo so viel Willkür und Unordnung herrscht wie hier? Was ist denn hier für eine Regierung? – Der König regiert nicht, denn man läßt ihn nicht. Die Reichstage regieren nicht, denn sie werden gesprengt. Ein Heer gibt es nicht, niemand will Steuern zahlen. Recht und Gesetz existieren nicht, denn niemand hat die Macht, Rechtsurteile zu vollstrecken; jeder tritt das Gesetz mit Füßen. Von Treue hat das Volk hier überhaupt keinen Begriff; alle haben ihren König verlassen, und für das Versprechen, weiter bei dieser Willkür verharren zu können, haben sie ihr Vaterland den Schweden verkauft. – Wo anders könnte so etwas nicht geschehen! Welches Volk würde dem Feinde helfen, sein eigenes Land zu erobern? Wann hätte ein Volk seinen König verlassen, nur weil ein anderer, mächtigerer gekommen ist? – Exzellenz, nennen Sie mir eine Tugend, die dieses Volk besitzt! Beständigkeit, Geist, Vernunft, Zurückhaltung, – von alledem merken Sie hier nichts. – Das einzige, was man hat, ist eine gute Reiterei, weiter nichts. Nun, die Numidier und die Gallier besaßen auch eine gute Reiterei; wo aber sind sie jetzt? Sie sind untergegangen, wie auch diese untergehen werden. Und wer sie retten will, der verliert unnütz seine Zeit, weil sie selbst sich nicht retten wollen! – Hier zu Lande gibt es nur Verrückte, Bösewichte oder Verräter!« Lisola protestierte nicht, er fragte nur: »Pan Wrzeszczowicz, sind Sie Katholik?« Wrzeszczowicz geriet in Verwirrung. »Jawohl, Exzellenz,« erwiderte er. »Ich habe gehört, daß man dem Könige Karl-Gustav geraten habe, das Jasnogorsker Kloster zu besetzen. – Ist das richtig?« »Das Kloster liegt dicht an der schwedischen Grenze, und Jan-Kasimir kann von dort leicht Verstärkungen erhalten. Um das zu verhindern, müssen wir es besetzen. – Ich war der erste, der dies in Erwägung zog, und Seine Majestät hat mich deshalb ermächtigt –« Hier unterbrach der Offizier seine Rede. Er erinnerte sich an Kmicic, der in der anderen Ecke des Zimmers saß, und ging auf ihn zu. »Pan Kavalier, verstehen Sie deutsch?« fragte er. »Kein Wort,« antwortete Pan Andreas. »Schade, wir wollten Sie einladen, an unserer Unterhaltung teilzunehmen.« Und er ging wieder zu Lisola zurück. »Dort sitzt ein Schlachtschitz,« sagte er, »aber da er nicht deutsch versteht, so können wir uns ungestört weiter unterhalten.« »Ich habe keine Geheimnisse,« entgegnete Lisola. »Aber da ich selbst Katholik bin, würde ich ungern eine Entweihung des heiligen Ortes sehen. Auch der Kaiser teilt diese Meinung mit mir, und ich werde deshalb Seine Majestät bitten, die Mönche zu schonen. Auch Sie müssen erst auf einen neuen Beschluß warten.« »Ich habe bestimmte, wenn auch geheime Instruktionen. Exzellenz können völlig beruhigt sein. Der heilige Ort wird keine Verunglimpfung erfahren: Ich bin auch Katholik.« Lisola lächelte und fragte ironisch: »Und in die Schatzkammer der Mönche werden Sie keinen Einblick tun?« »Das ist sehr möglich. Die heilige Jungfrau bedarf der Taler des Priors nicht. – Wenn alle besteuert werden, so sollen auch die Mönche zahlen.« »Und wenn sie sich zur Wehr setzen?« Wrzeszczowicz lachte laut auf. »In diesem Lande hat bisher keiner an Widerstand gedacht. Früher hatte man Zeit dazu, jetzt aber ist es zu spät.« »Zu spät,« wiederholte Lisola. Damit endigte die Unterhaltung. Nach dem Abendessen fuhren Wrzeszczowicz und Lisola fort, Kmicic blieb allein. Diese Nacht war für ihn seit der Abreise von Kiejdane die allerschlimmste. Als er den Worten Wrzeszczowicz' lauschte, mußte er sich Gewalt antun, nicht laut aufzuschreien: »Du lügst, Hund!« und sich mit dem Schwerte auf ihn zu stürzen. Und wenn er sich dennoch beherrschte, so geschah es, weil die Worte des Fremden eine Wahrheit enthielten, eine schreckliche, wie Feuer brennende Wahrheit. »Was hätte ich ihm antworten können?« fragte er sich immer wieder. »Welche Gegenbeweise hätte ich anführen können?« – Unruhig wälzte er sich auf seinem Lager umher. Sobald der Tag anbrach, kleidete er sich an und ging auf den Hof hinaus. Er weckte seine Leute und brach mit ihnen auf. Nach der schlaflosen Nacht war er körperlich und seelisch zerschlagen. Die Hoffnung versiegte in ihm bis auf den letzten Tropfen, und sie erlosch wie das Lämpchen vor dem Heiligenbild, dem es an Öl fehlt. Was wird ihm dieser Tag bringen? Neuen Kummer, neue Schmerzen; wird er die Last, die seine Seele bedrückt, wieder vergrößern? Inzwischen war es heller und heller geworden, und das Grau des Himmels war allmählich in ein lichtes Blau übergegangen. Am Rand des Horizonts zeigte sich ein leuchtender Punkt. »Eigentümlich,« sagte Soroka. »Dort ist doch Westen, aber es sieht aus, als wenn dort die Sonne aufginge.« Und in der Tat nahm der leuchtende Punkt mehr und mehr an Größe zu, er ward zum Kreise. Es sah aus, als ob jemand einen ungeheuren Stern über die Erde gehängt hatte, dessen blendende Strahlen sich ringsum verbreiteten. Kmicic und seine Leute blickten verwundert auf diese eigentümliche Erscheinung. Kmicic ritt einem Bauern nach, der des Weges fuhr. »Höre mal,« rief er, »was leuchtet denn da?« »Das Jasnogorsker Kloster,« sagte der Bauer. »Gelobt sei die heilige Jungfrau!« rief Kmicic und nahm seine Mütze vom Kopfe ab. Nach so vielen qualvollen Tagen des Zweifels fühlte Pan Andreas plötzlich in sich eine sonderbare Veränderung vorgehen. Kaum drangen die Worte »das Jasnogorsker Kloster« an sein Ohr, als sein Gram verschwand, gleich als hätte eine Hand ihn von ihm genommen. Des Ritters bemächtigte sich ein unerklärliches, beängstigendes Gefühl der Ehrfurcht und zugleich eine große, heilige Freude. Von dieser Kirche, die unter den ersten Strahlen der Morgensonne weithin auf der Höhe leuchtete, ging eine Hoffnung aus, wie er sie schon lange nicht empfunden hatte, eine Zuversicht, die er vergebens gesucht hatte, eine unbesiegbare Kraft, auf die er sich stützen wollte. Eine neue Lebenskraft schien sich mit seinem Blute durch seine Adern zu ergießen. Er atmete aus voller Brust auf. Und die Kirche erglänzte heller und heller, als wenn sie sämtliche Strahlen der Sonne in sich aufgesogen hätte. Kmicic blickte lange und ehrfurchtsvoll auf dieses Licht. Die Gesichter seiner Leute wurden auch ernst und andächtig. Plötzlich ergoß sich durch die stille Luft der erste Glockenschlag. »Absteigen!« rief Pan Andreas. Alle sprangen von ihren Pferden und knieten nieder. Pan Andreas sprach laut ein Gebet, das die Soldaten im Chor wiederholten. Nach dieser Andacht ging Kmicic zu Fuß weiter, er fühlte sich wie neugeboren. Je näher sie kamen, desto größer und majestätischer wurde der Anblick des Klosters und der es umgebenden Mauern. Endlich sah man auch in der Ferne die Stadt, die am Fuße des Berges lag, auf dem sich das Kloster erhob. Und ihre Hunderte von Häusern und Hütten schienen im Vergleich zu der ungeheuren Größe des Klosters so klein, als wären sie Nester von Vögeln, die sich dort angesiedelt hätten. Es war Sonntag. Je höher die Sonne auf ihrem Himmelswege stieg, desto mehr Wagen und Fußgänger füllten die Straße, die zur Kirche führte. Alles eilte zur Messe. Von allen Türmen erklang das Geläute der großen und kleinen Glocken. Ringsum die Klostermauern wimmelte es von unzähligen Leuten. Hunderte von Equipagen, Kaleschen und einfachen Wagen standen dort, und die Stimmen der Menschen vermischten sich mit dem vielfachen Wiehern der Pferde. Weiter rechts, den Hauptweg entlang, der auf den Berg führte, stand eine ganze Reihe von Buden, in denen Kerzen, Heiligenbilder und Kreuze feilgeboten wurden. Die Tore des Klosters waren weit geöffnet. Ein jeder konnte hinein- und herausgehen. Niemand stand bei den Kanonen auf der Mauer. Die Heiligkeit des Ortes schützte das Kloster, oder verließen sich die Mönche auf die Briefe Karl-Gustavs, der ihnen gänzliche Sicherheit versprochen hatte? – – 11. Kapitel. Von den Festungstoren aus rutschten Bauern, Schlachtschitzen, Städter aus den verschiedensten Ortschaften, Leute allerlei Stände und verschiedenen Alters auf den Knieen zum Kloster, indem sie fromme Lieder sangen. Dieser Strom von Menschen konnte sich nur sehr langsam fortbewegen. Jedesmal, wenn ein Gesang beendet war, verstummte die Menge und begann, mit der Stirn auf die Erde zu schlagen. Dann vernahm man die flehenden Stimmen der Bettler, die zu beiden Seiten der Menschenmenge saßen und ihre verstümmelten Gliedmaßen zeigten. Ihr Gestöhn mischte sich mit dem Klappern von Münzen, die in hölzerne und bleierne Schüsseln fielen. Dieses Gewoge von Köpfen floß immer weiter. Je näher man der Klosterpforte kam, desto mehr ging die fromme Stimmung in Extase über. Überall sah man zum Himmel gerichtete Augen und flehend gen Himmel gestreckte Arme und Gesichter, die vor innerer Erregung bleich wie der Tod waren. Die Standesunterschiede waren vollständig verschwunden. Bauernkittel mischten sich mit den Gewändern der Pans, Soldatenuniformen mit den gelben Kaftans der Städter. Kmicic, der mit seinen Leuten in den vordersten Reihen dahinrutschte, erreichte als einer der ersten das Kloster. Dann riß ihn der Menschenstrom in die heilige Kapelle hinein. Hier fielen alle mit dem Gesicht zur Erde und küßten den Boden. Auch Pan Andreas tat das, und als er es endlich wagte, den Kopf zu erheben, raubte ihm ein Gefühl der Seligkeit und des Glückes und zugleich der tödlichen Furcht fast die Besinnung. In der Kapelle herrschte eine rötliche Dämmerung, die selbst die vor dem Altar brennenden Kerzen nicht verscheuchen konnten. Durch die bunten Fensterscheiben drangen farbige Strahlen, und all dieser rote, violette, goldige Schein zitterte an den Wänden, lag über den Schnitzereien, drang in die finstersten Vertiefungen und schuf unbestimmte, wie in tiefen Schlaf versunken scheinende Gegenstände. Dieser geheimnisvolle Schein floß auseinander und verschmolz wiederum mit der Dunkelheit so unmerklich, daß jeder Unterschied zwischen Licht und Schatten aufhörte. Der Weihrauch legte sich in purpurroten Wolken auf das weiße Chorgewand des die Messe lesenden Mönches und spielte in den blassen Farben des Regenbogens. Das alles war verschwommen, unklar. Das Licht war nicht irdisch und ebenso wenig die Schatten. Alles war geheimnisvoll, feierlich, getränkt von Erhabenheit und Heiligkeit. Aus dem Hauptschiffe der Kirche drang es wie das Brausen des Ozeans, hier aber herrschte tiefe Ruhe, die allein von der Stimme des Mönches unterbrochen wurde. Das berühmte Czenstochauer Heiligenbild war noch verschleiert, und die Erwartung schnürte den Atem in der Brust eines jeden zusammen. Aller Augen waren nach einer Stelle gerichtet, und die unbeweglichen Gesichter zeigten, daß die Menschen von allen irdischen Gefühlen und Gedanken losgelöst waren. Die Orgel begleitete mit ihren zarten, weichen Tönen die Stimme des Mönches. Bald erklang die Musik rauschend wie das Wasser eines Sturzbaches, dann wieder leise plätschernd wie ein sanfter, erquickender Mairegen. Plötzlich ertönten Trompetenstöße, und eine unerklärliche Angst durchschauerte alle Herzen. Der Vorhang des Heiligenbildes zog sich nach beiden Seiten auseinander, und ein Meer von Licht ergoß sich von oben herab auf die Betenden. In der Kapelle hallte es wieder von Geschluchze, Gestöhn und Wehklagen. » Salve Regina !« brüllte die Schlachta, » monstra te esse matrem !« Und die Bauern riefen: »Heilige Jungfrau! Königin der Engel! Rette, hilf, tröste, erbarme dich unser!« Und lange noch ertönten diese Rufe zugleich mit dem Schluchzen der Frauen, mit den Klagen der Unglücklichen, dem Flehen der Kranken und Krüppel. Kmicic schien es, als wenn seine Seele entschwebe hinein in eine Unendlichkeit, die er weder umfassen noch begreifen konnte, und in der alles Irdische verschwand. Was waren seine Zweifel angesichts dieses Glaubens, was galt sein Gram angesichts solchen Trostes, was die Macht der Schweden angesichts dieses Schutzes? All sein Denken hörte hier auf; er begann nur zu fühlen. Er vergaß alles, wer er war, und wo er war. Sein Körper schien tot zu sein, und seine Seele war mit den Tönen der Orgel ins Unendliche geflogen und verschmolz mit dem Dunst des Weihrauchs. Die Hände, die ans Schwert und Blutvergießen gewöhnt waren, streckten sich unwillkürlich gen Himmel. Inzwischen war die Messe zu Ende. Pan Andreas wußte selbst nicht, wie es zugegangen war; er befand sich mit einem Male im Hauptschiffe der Kirche. Ein Geistlicher predigte dort, Kmicic aber hörte lange nichts, verstand nichts. Er war wie jemand, der aus Träumen erwacht und nicht weiß, wo der Traum aufhört und die Wirklichkeit beginnt. Die ersten Worte, die ihm zum Bewußtsein kamen, waren: »Hier reinigt sich die menschliche Seele von allen Schlacken. Und ebensowenig wie die im Finstern Irrenden das ewige Licht der Wahrheit auslöschen können, ebensowenig kann der Schwede diese Macht besiegen.« »Amen,« sagte Kmicic im Geiste und begann, sich reuig an die Brust zu schlagen. Hatte er sich nicht vorher schwer versündigt, als er glaubte, daß alles schon verloren und keine Hoffnung mehr sei? Nach der Predigt hielt Pan Andreas den ersten ihn begegnenden Mönch an und bat ihn, ihn zum Prior zu führen. Der Prior empfing ihn sogleich. Er war ein Mann in reiferen Jahren, aus dessen ruhigem, bleichem Gesicht, das von einem schwarzen Barte umrahmt war, sanfte, aber klarblickende Augen sahen. In seinem langen, weißen Gewande ähnelte er einem Heiligen. Kmicic küßte ihm ehrfurchtsvoll den Ärmel, und er faßte Kmicic' Kopf mit beiden Händen und fragte: »Wer bist du, und warum bist du hergekommen?« »Ich komme aus Smudien,« antwortete Pan Andreas, »um mich der heiligen Jungfrau, dem unglücklichen Vaterlande und dem von allen verlassenen Könige zu weihen. Ich habe ihnen allen gegenüber viel gesündigt, und meine reuige Seele dürstet danach, alle diese Sünden abzubüßen, bald, möglichst bald, morgen, heute schon. Meine ganze Seele erstirbt vor Kummer. – Ehrwürdiger Vater, meinen richtigen Namen werde ich Euch in der Beichte nennen; denn es gibt böse Menschen, die mich sonst an meiner Besserung hindern könnten. Vor den Leuten nenne ich mich »Babinicz«, so heißt nämlich eins meiner Güter. – Jetzt aber will ich Euch eine wichtige Nachricht bringen, die das ganze Kloster betrifft. – Hört mich geduldig an!« »Sprecht, ich höre,« entgegnete der Prior. »Eine weite Reise liegt hinter mir. Ich habe viel Trauriges gesehen und viel Gram dabei empfunden. – Der Feind hat allenthalben die Oberhand gewonnen, die Ketzer erheben ihre Köpfe. – Aber das ist noch nicht alles! – Die Katholiken selbst gehen in das Lager des Feindes über, der jetzt, nach der siegreichen Einnahme zweier Städte, es wagt, seine ruchlose Hand nach Jasna-Gora zu strecken!« »Woher wißt Ihr das?« fragte der Prior Kordecki. »Gestern übernachtete ich in Kruszyn. Dort traf ich Weyhard Wrzeszczowicz und den kaiserlichen Abgesandten Lisola, der vom Kurfürsten von Brandenburg kam und zum schwedischen Könige wollte.« »Der schwedische König ist nicht mehr in Krakau,« antwortete der Geistliche, indem er Pan Andreas scharf in die Augen blickte. Aber Kmicic senkte die Augen nicht und fuhr fort: »Ich weiß nicht, ob er da ist oder nicht. Ich weiß das eine, Lisola fuhr zu ihm, und den Wrzeszczowicz hatte man ihm entgegengeschickt. Die beiden unterhielten sich in der Gaststube deutsch, ohne zu wissen, daß ich sie verstand. Und da hörte ich, daß Weyhard den Befehl erhalten habe, das Kloster zu besetzen und seine Schätze zu konfiszieren.« »Gottes Wille geschehe!« entgegnete der Prior. Kmicic erschrak. Er fürchtete, Kordecki nähme den Befehl des schwedischen Königs als Gottes Wille an und denke an keinen Widerstand. »Ich habe in Pultusk eine katholische Kirche in den Händen der Schweden gesehen,« begann Pan Andreas unentschlossen, »dort haben die Soldaten Karten gespielt und mit lüderlichen Frauenzimmern Unzucht getrieben.« Der Geistliche hörte nicht auf, ihm fest in die Augen zu sehen. »Eigentümlich,« sagte er, »aus Ihren Augen blicken Wahrheit und Aufrichtigkeit.« Kmicic brauste auf. »Gott möge mich auf der Stelle treffen, wenn ich die Unwahrheit sage!« »Jedenfalls sind die von Ihnen mitgebrachten Nachrichten von großer Wichtigkeit. Sie werden mir gestatten, daß ich die älteren Brüder und die Schlachtschitzen, die sich bei uns aufhalten und uns mit ihrem Rat unterstützen, hierher rufen lasse?« »Ich bin gern bereit, in ihrer aller Anwesenheit meine Nachricht zu wiederholen.« Kordecki ging hinaus und kehrte nach einer Viertelstunde mit vier Mönchen wieder. Bald kamen auch: Pan Rozyc-Zamoyski, der Sieradzker Miecznik, Pan Okielnicki, der Wielunsker Fahnenträger, Pan Piotr Czarniecki und noch mehrere Schlachtschitzen herein. Der Prior stellte ihnen Pan Babinicz aus Smudien vor und erzählte allen Kmicic' Mitteilung. Die Schlachta verwunderte sich sehr und begann, Kmicic mit prüfenden, mißtrauischen Augen zu betrachten. »Gott verhüte, daß ich diesen Kavalier einer Lüge oder einer schlechten Absicht zeihe,« hub Kordecki zu sprechen an, »aber die von ihm überbrachte Nachricht klingt so unglaublich, daß ich es für besser hielt, mit Ihnen, meine Herren, darüber zu beraten. Vielleicht hat sich der Ritter geirrt, sich verhört, oder ist von einem Ketzer getäuscht worden, damit er unsere Herzen mit Angst erfülle, Unruhe an diesem geweihten Orte hervorrufe und den Gottesdienst störe. Denn das sind so ihre Vergnügungen, deren sie nicht entraten können.« »Man müßte die ganze Sachlage einmal klar darlegen«, sagte Pan Zamoyski. »Die Sache ist die,« antwortete der Geistliche, »es sei denn, daß Gott und seine Heilige Mutter unseren Feind mit Blindheit geschlagen hätte, sonst würde er es nie wagen, sein Schwert gegen diese heilige Stätte zu erheben. Nicht durch eigene Kraft hat unser Feind die Republik erobert, unsere eigenen Brüder haben ihm dabei geholfen. Wie tief aber auch unser Volk gesunken sein mag, so gibt es doch selbst darin eine Grenze, die es nicht zu überschreiten wagt. Es hat sich von unserem Vaterlande, von seinem Herrscher losgesagt, aber es hat nicht aufgehört, seine Mutter, Beschützerin und Königin zu verehren. – Der Feind macht sich lustig über uns, er verspottet uns, er fragt uns, welche von unseren alten Tugenden uns noch geblieben sind. Und ich antworte ihm: Wir gehen zugrunde; aber eins ist uns noch geblieben, der Glaube an die heilige Jungfrau, – und auf diesem Fundament wird ein neues Gebäude errichtet werden. – Das sehe ich klar: wird nur eine einzige schwedische Kugel einen einzigen Stein aus diesen Mauern reißen, so werden selbst die Verblendetsten sich von den Schweden abwenden, und ihre gestrigen Verbündeten werden morgen ihre Feinde sein. – Und darum wiederhole ich, Gott müßte sie mit Blindheit geschlagen haben, sonst werden sie keinen Überfall auf Jasna-Gora wagen; denn dieser Tag wäre der Anfang ihres Endes und unserer Genesung.« Kmicic hörte mit Staunen den Worten des Geistlichen zu. Waren sie doch eine Antwort auf Wrzeszczowicz' Angriffe. Er zwang sich, seiner Herr zu werden und sprach: »Und warum, ehrwürdiger Vater, glaubt Ihr, daß der Herr Gott unsere Feinde nicht mit Blindheit geschlagen hätte? Denket an ihren Hochmut, an ihre Habgier, gedenket des unerträglichen Druckes, der Steuern, die sie der unglücklichen Bevölkerung auferlegt haben, und begreift, daß sie nicht vor einer Schändung des Allerheiligsten zurückschrecken werden.« Der Prior wandte sich zur Antwort an alle Versammelten. »Dieser Kavalier sagt, daß er Pan Lisola gesehen habe, als er auf dem Wege zum schwedischen Könige war. Wie aber kann das sein, da man mir von Krakau aus mitgeteilt hat, daß der König sich weder in Krakau noch in Klein-Polen befände, daß er gleich nach der Einnahme von Krakau nach Warschau gegangen sei?« »Das kann nicht sein!« antwortete Kmicic, »er erwartet von den Truppen des Pan Potocki die Erklärung ihrer Ergebenheit.« »Diese Erklärung wird General Douglas im Namen des Königs entgegennehmen,« sagte der Prior. »So hat man mir aus Krakau geschrieben.« Kmicic schwieg, er wußte nichts mehr zu erwidern. »Nehmen wir an,« fuhr Kordecki fort, »der König habe den kaiserlichen Gesandten nicht empfangen mögen und ihn absichtlich gemieden, Karl-Gustav liebt es, unerwartet zu kommen und zu gehen, – so ist es doch immerhin eigentümlich, daß Graf Wrzeszczowicz dem Lisola gleich alle seine geheimen Gedanken eröffnet haben soll, einem Katholiken, der sowohl uns als auch dem vertriebenen König wohlgesinnt ist. Und außerdem bedenken Sie, ich besitze eine Urkunde von Karl-Gustav, in der er verbrieft, daß unser Kloster für alle Zeiten von einer Einquartierung und Besetzung verschont bleiben soll.« »Und was können Sie nun entgegnen, Kavalier?« fragte Zamoyski: »Warum, zu welchem Zwecke wollen Sie die Ruhe der heiligen Väter und die unsere hier stören?« Kmicic stand wie ein vom Gericht Verurteilter. Einerseits quälte ihn der Gedanke, daß, wenn man ihm nicht Glauben schenkte, das Kloster eine Beute der Feinde würde, andererseits aber stieg ihm die Schamröte ins Gesicht bei dem Gedanken, man könne ihn hier für einen Betrüger halten; denn in der Tat widersprachen alle diese Gründe seinen Worten. – Die alte, halbwilde Natur erwachte in ihm, schließlich gelang es ihm doch, sich zu beherrschen, und er sagte mit dumpfer Stimme: »Ich kann nur noch einmal wiederholen, was ich gehört habe. Weyhard Wrzeszczowicz wird das Kloster überfallen. Den Zeitpunkt kenne ich nicht; ich glaube aber, er ist nahe. Ich warne Sie, und wenn Sie nicht hören wollen, so fällt die Verantwortung nicht auf mich.« Hier mischte sich Pan Piotr Czarniecki ein. »Gestatten Sie mir« sagte er, »diesem Ankömmling ein paar Fragen zu stellen.« »Erlauben Sie sich nicht, mich irgendwie zu beleidigen!« brauste Kmicic auf. »Ich habe nicht die geringste Neigung dazu,« erwiderte Pan Piotr trocken. »Hier handelt es sich um die Heilige Mutter Gottes und ihre Stätte, da müssen Sie schon ein wenig Ihre Person vergessen. Wenn es Ihnen beliebt, ich bin jederzeit bereit, Ihnen Genugtuung zu geben. – Sie bringen uns Nachrichten, und wir wollen ihre Richtigkeit prüfen. – Wenn es Ihnen nicht beliebt, uns Rede und Antwort zu stehen, so fühlen wir uns berechtigt zu denken –« »Gut, fragen Sie,« sprach Kmicic mit fest zusammengepreßten Zähnen. »Sie sind aus Smudien, – so müssen Sie also wissen, was im Schlosse des Verräters dort vorgeht. Nun, z. B., so zählen Sie mir die Namen seiner Obersten auf.« Kmicic wurde kreidebleich, aber er nannte mehrere Namen. »Pan Tyzenhaus, mein Freund, erzählte mir besonders viel von einem, dem wichtigsten. – Wissen Sie nichts von diesem Erzhalunken?« »Ich weiß nichts.« »Wie, Sie haben nichts von dem gehört, der wie Kain seiner Brüder Blut vergossen hat? – Sie kommen aus Smudien und haben nichts von Kmicic gehört?« »Heilige Väter!« schrie Pan Andreas aus, indem er sich wie im Fieber schüttelte, »möget ihr mich ausfragen, ich werde alles ertragen! – Aber um Gottes willen erlauben Sie diesem Schlachtschitzen nicht, mich weiter zu quälen!« »Lassen Sie ihn!« rief der Prior. »Noch eine Frage,« griff der Sieradzker Miecznik in das Gespräch ein. »Haben Sie nicht selbst daran gedacht, daß wir Ihren Worten wenig Glauben schenken könnten?« »So wahr Gott lebt!« sprach Pan Andreas. »Was für eine Belohnung haben Sie eigentlich erwartet?« Statt einer Antwort steckte Pan Andreas seine beiden Hände in fieberhafter Erregung in ein kleines Ledertäschchen, das an seinem Gürtel befestigt war, und schüttete zwei Haufen Perlen, Smaragden, Saphire und andere kostbare Steine auf den Tisch. »So eine!« rief er mit erstickter Stimme. – »Nicht des Geldes wegen bin ich hierher gekommen, – nicht eines Lohnes wegen. – Hier sind Perlen und verschiedene Steine, das alles ist meine Beute; – von Bojarenmützen habe ich sie heruntergerissen. – Habe ich denn eine Belohnung gefordert? Der heiligen Jungfrau wollte ich mich weihen dürfen, nachdem ich zuvor mein Herz in der Beichte erleichtert hätte, das sollte mein Lohn sein!« Alle Anwesenden waren verwundert. Was anderes als der Wunsch nach Besitztum konnte diesen Mann verleitet haben, sie irre zu führen! Kmicic stand mit hoch erhobenem Haupte. Der Ausdruck seines Gesichtes glich dem eines wütenden Adlers. Seine Augen brannten. Zornesröte lag auf seinen Wangen, und seine frische Wunde färbte sich dunkelblau. Er war schrecklich anzusehen mit seinem drohenden Blick auf Czarniecki gerichtet, der seine Empörung am meisten wachgerufen hatte. »Selbst durch Ihren Zorn leuchtet die Wahrheit hervor,« sagte der Prior, »aber Sie müssen Ihre Schätze zurücknehmen. Die heilige Jungfrau kann das nicht annehmen, was man ihr im Zorn geopfert hat, selbst wenn es auch in gerechtem Zorn geschah. Ich sagte Ihnen schon vorher, wir zweifeln nicht an Ihrer Person, nur an Ihrer Nachricht. Könnten Sie sich nicht geirrt, nicht irgend etwas falsch gedeutet haben? – Und selbst, wenn nicht, wie können wir die Wallfahrer vertreiben und die Tore geschlossen halten?« »Sie müssen unbedingt geschlossen werden! Gott des Allmächtigen wegen selbst müssen sie geschlossen werden!« rief Kmicic aus. »Wir wollen genau acht geben auf alles, was in der Umgegend geschieht und die Mauern gut ausbessern lassen,« sagte Pan Zamoyski. »Am Tage können wir die Wallfahrer ja hineinlassen, aber vorsichtig müssen wir sein. Wir sehen ja, wie Wittemberg Krakau mit eisernen Händen hält, und wie er die Geistlichen ebenso bedrückt wie die Weltlichen.« »Zwar glaube ich nicht an die Gefahr eines Überfalles, aber dennoch habe ich nichts gegen Vorsichtsmaßregeln einzuwenden,« sprach Pan Czarniecki. »Und ich werde einen Boten zu Wrzeszczowicz schicken und ihn fragen lassen, ob königliche Schutzbriefe für ihn nichts zu bedeuten hätten,« fiel Kordecki ein. »Sie aber, Pan Kavalier,« wandte er sich an Kmicic, »möge Gott für Ihre Absicht belohnen. Wenn Ihre Nachricht richtig ist, so haben Sie dem Vaterlande und der Mutter Gottes einen großen Dienst erwiesen. Sie dürfen sich nicht wundern, daß wir Ihnen zuerst mißtrauten. – Man hat uns schon mehr als einmal unnötig in Schrecken versetzt. Der eine aus Feindschaft, der andere des Lohnes wegen und der dritte aus Irrtum. – Doch jetzt ist es Zeit zur Abendmesse. Gehen wir, und flehen wir die heilige Jungfrau um Barmherzigkeit an, wir wollen uns ihrem Dienste ungeteilt weihen!« Nach dem Abendgottesdienst beichtete Pan Andreas in der leeren Kapelle dem Prior Kordecki lange. Bis Mitternacht lag er reumütig auf der Erde ausgestreckt wie ein Kreuz. Dann ging er zu Soroka und befahl ihm, seine Schultern und seinen Rücken zu geißeln, bis sie vom Blute überströmt waren. 12. Kapitel. Am anderen Tage herrschte im Kloster vom frühen Morgen an ein besonderes Treiben. Obwohl die Tore geöffnet waren, die Wallfahrer ungehindert kommen und gehen durften, und der Gottesdienst in der üblichen Weise abgehalten wurde, begann man doch mit den Vorbereitungen zur Verteidigung. Nach der Mittagsmesse erhielten alle Fremden die Weisung, das Kloster zu verlassen. Der Prior besichtigte selbst in Begleitung des Sieradzker Miecznick und Pan Piotr Czarnieckis die äußeren und inneren Befestigungen. Manches erwies sich als unzureichend und mußte ausgebessert werden. Die Schmiede in der Stadt erhielten den Befehl, möglichst viele Spieße, schwere Keulen und Sensen anzufertigen. In der Stadt verbreitete sich sehr schnell das Gerücht von einer baldigen Belagerung. Gegen Abend waren schon zweihundert Menschen damit beschäftigt, die Mauern auszubessern, und zwölf schwere Kanonen waren auf neuen Lafetten aufgestellt worden. Mönche und Novizen holten aus dem Waffenlager des Klosters Kanonenkugeln und legten sie vor die Kanonen. Kisten mit Pulver wurden herangeschleppt und Musketen verteilt. Die Wachen auf den Türmen waren aufgezogen, und man sandte nach allen Richtungen Kundschafter aus. Das Gerücht von der Belagerung wirkte in der ganzen Umgegend wie ein heftiger Donnerschlag. Städter und Bauern sammelten sich in Haufen und beratschlagten miteinander. Keiner wollte so recht glauben, daß der Feind sich an Jasna-Gora vergreifen könnte. Man vermutete, daß nur die Stadt selbst besetzt werden sollte, aber schon dies regte die Gemüter aufs tiefste auf. Um so mehr, da die Schweden doch Ketzer waren, die nichts davon zurückhalten konnte, die heilige Jungfrau mit Vorsatz zu beleidigen. Die Einwohner, obwohl sie noch an einer Belagerung zweifelten, waren zumeist fassungslos. Die einen rangen die Hände und waren auf Zeichen im Himmel und auf Erden gefaßt, auf sichtliche Zeichen des Zornes Gottes; die anderen versanken in stumme Verzweiflung, und andere wiederum entbrannten in wildem Zorn. Und dann begann die zügellose Phantasie ihre Flügel zu entfalten und Erzählungen kreisen zu lassen, eine merkwürdiger als die andere, eine ungeheuerlicher als die andere. Die Stadt glich einem Ameisenhaufen, der von der Hand eines bösen Buben aufgewühlt worden war. Eine Menge von Städtern und Bauern kam im Laufe des Tages mit ihren Frauen und Kindern an und umringte klagend die Klostermauern. Vor Sonnenuntergang trat Kordecki zu ihnen und fragte: »Kinder Gottes, was wollt ihr?« »Wir wollen ins Kloster, die Mutter Gottes verteidigen!« schrien die Männer, indem sie ihre Heugabeln und Dreschflegel hochschwangen. »Wir wollen noch zum letzten Male die heilige Jungfrau sehen!« jammerten die Frauen. Der Geistliche stellte sich auf einen Vorsprung des Felsens und begann: »Die Höllentore werden die himmlische Macht nicht überwältigen! Beruhigt euch und stärkt eure Herzen durch den Glauben und die Hoffnung. Ich bin nicht gewiß, daß der Feind hierher kommen wird; aber das eine weiß ich, wenn er kommt, so wird er mit Schmach wieder zurückziehen müssen. Seine Macht wird von da ab zusammenbrechen, und das Glück wird von ihm weichen. Das sind nicht meine Worte; Gott leiht mir seine Zunge: Die Schweden werden in diese Mauern nicht eindringen. Die Finsternis wird ebensowenig das Licht auslöschen können, wie diese hereinbrechende Nacht hindern kann, daß Gottes Sonne morgen wieder aufgehe!« In diesem Augenblicke begann die Sonne am Horizont zu sinken. Unten, in der Tiefe, lagen schon dunkle Schatten; nur die Kirche war noch von den purpurroten Strahlen der untergehenden Sonne übergossen. Von den Türmen läutete man den Abend ein. Der Prior begann zu singen, und die Menge folgte seinem Beispiele. Auch die Schlachta und die auf den Mauern stehenden Soldaten stimmten in den Gesang mit ein. Es schien, als wenn der ganze Berg sänge und seine Töne nach allen Richtungen der Welt aussandte. Pater Kordecki segnete die Menge und sagte zum Schlusse: »Wer von euch schon im Kriege war und es versteht, mit Waffen umzugehen, und wer ein mannhaftes Herz hat, der mag morgen früh zu uns ins Kloster kommen.« Die Menschen begannen sich langsam zu zerstreuen. Viele glaubten nicht mehr an die Möglichkeit einer schwedischen Belagerung, obwohl die Schmiede nicht aufhörten, die bei ihnen bestellten Waffen im Kloster abzuliefern, und unablässig Fuhren ankamen, die Lebensmittel in das Kloster brachten. Auch einige Schlachtschitzenfamilien, die durch die Nachricht von dem Nahen des Feindes beunruhigt waren, flüchteten sich in das Kloster. Die Boten, die ausgesandt waren, kehrten zurück, ohne irgend etwas von den Schweden gehört zu haben. Das hinderte jedoch nicht den Fortgang der Ausbesserungsarbeiten. Auf Befehl des Priors wurden die alten Soldaten, die freiwillig in den Dienst traten, Pan Sygmunt Mosinski unterstellt, der den südöstlichen Turm zu bewachen hatte. Pan Zamoyski wies jedem sein Amt an und beratschlagte eifrig mit den Mönchen. Kmicic sah heiteren Herzens die kriegerischen Vorbereitungen, die exerzierenden Soldaten, die Kanonen, die Musketen und Spieße an. Er fühlte, daß er jetzt in seinem eigentlichen Elemente war. Inmitten der drohenden Waffen, der Unruhe und der Vorbereitungen war ihm besonders leicht und froh ums Herz, um so mehr, als er seine Sünden gebeichtet und gegen seine Erwartung Absolution erhalten hatte. Der Prior hatte seine guten Absichten, seinen Durst nach Besserung zu würdigen gewußt. So war von Pan Andreas die Last, unter der er fast erlegen wäre, genommen worden. Man hatte ihm schwere Buße auferlegt, und täglich hinterließ Sorokas Peitsche blutige Spuren auf seinem Rücken. – Aber was noch schwerer für ihn war, man hatte ihm befohlen, sanftmütig zu sein; jedoch in seinem Herzen brannte ein heißes Blut; er war stolz und hochmütig. Durch gute Taten sollte er seine Besserung beweisen, und diese Aufgabe wurde ihm am leichtesten, denn seine hitzige Seele drängte ihn zu Taten. Und welche Tat lag ihm näher als der Krieg und die Vernichtung der Schweden, von Morgen bis zum Abend, ohne Rast, ohne Erbarmen! Und welch ein wunderbarer, herrlicher Weg hatte sich jetzt vor ihm geöffnet! Er konnte die Schweden vernichten, nicht nur dem Staate, dem Könige zuliebe, dem er Treue geschworen, sondern er kämpfte zum Schutze der himmlischen Königin! Und er sah diese Gelegenheit nicht als ein Verdienst, sondern als ein ihm unverdient zufallendes Glück an. Wo waren die Zeiten, wo er am Kreuzwege stand und sich selbst fragte, welchen Weg soll ich gehen? Wo waren die Stunden, in denen er nicht wußte, was er tun sollte, in denen der Zweifel jeden seiner Schritte begleitete, in denen die Hoffnung von ihm gewichen war? Hierher, wo sich die weißen Mönche, eine Hand voll Edelleute und wenige Bauern zur Verteidigung vorbereiteten, zu einem Kampfe auf Leben und Tod, hierher, nach dem einzigen Zufluchtsorte für einen ehrlichen Bürger der Republik, hatte ein glücklicher Stern Pan Andreas geführt. Er glaubte fest an einen Sieg, selbst wenn sämtliche schwedischen Kräfte diese Mauern umzingeln sollten. In ihm war nichts als Freude, Glauben und Dankbarkeit. Mit Befriedigung sah Kmicic, daß man unermüdlich bei den Vorbereitungen war. Mit Kennerblick überzeugte er sich, daß verständige Männer die Befestigung leiteten. Pater Kordeckis Ruhe, die Erfahrenheit und Kenntnis des Sieradzker Miecznik versetzten ihn in Erstaunen. Selbst der Anblick des Pan Czarniecki, dem er noch immer zürnte, konnte ihn nicht verdrießlich stimmen. Auch Pan Czarniecki blickte noch mit scheelen Augen auf Kmicic, und als er ihn am Tage nach der Rückkehr der Kundschafter auf den Mauern traf, redete er ihn an: »Und die Schweden sind noch immer nicht zu sehen, Pan –, wie heißen Sie doch gleich? Nun, was, wenn sie überhaupt nicht kommen? Nicht einmal die Hunde werden dann Ihren Ruf fressen wollen!« »Wenn ihr Kommen dieser heiligen Stätte irgend welchen Schaden bringen sollte, so wäre es mir lieber, daß mein Ruf befleckt bleibe!« antwortete Kmicic. »Sie scheinen keine Lust zu haben, Pulver zu riechen. Man kennt solche Ritter zur Genüge, die nicht schlechter rennen können als Hasen.« Kmicic senkte die Augen. »Ich habe keine Lust, mich in Streitigkeiten einzulassen,« sagte er ruhig. »Ich habe vergessen, daß man mich gekränkt hat; es wäre gut, wenn auch Sie das täten. Und meine Tapferkeit, die werde ich Ihnen beweisen, sobald die Schweden erscheinen.« »Sie hoffen wohl Kommandant zu werden?« Kmicic wurde auf einmal sehr ernst. »Zuerst beschuldigten Sie mich der Habgier, jetzt des Ehrgeizes. Wissen Sie denn noch nicht, daß ich Auszeichnungen wegen nicht hierher gekommen bin. Ich will nichts weiter als ein einfacher Soldat sein und sogar unter Ihrem Befehle stehen.« »Und Sie haben wirklich Lust zum Kämpfen?« »Ich sagte Ihnen ja schon, das wird sich zeigen, wenn die Schweden kommen.« »Nun, und wenn sie nicht kommen?« »Dann, dann werden wir selbst gehen und sie suchen,« rief Kmicic begeistert aus. »Bei Gott, Sie beginnen mir zu gefallen,« sagte Pan Czarniecki. »Man könnte in der Tat eine ganze Schar Leute sammeln. Schlesien ist von hier aus mit der Hand zu erreichen. Dort kann man genügend Soldaten anwerben.« »Ja, und dadurch würde man den anderen ein Beispiel geben,« fiel Kmicic lebhaft ein. »Ich habe auch einige Leute bei mir. Sie sollten sie einmal bei der Arbeit sehen!« »Wahrhaftig, ich möchte Sie umarmen!« rief Pan Piotr. »Das wäre mir ein großes Vergnügen!« Sie umarmten sich beide. In diesem Augenblicke kam der Prior vorbei, er sah die Szene und sagte leise: »Dem Kranken beginnen die Kräfte zurückzukehren.« An diesem Abend waren alle Vorbereitungen beendet. Die Festung war mit allem versehen: mit Vorräten, Pulver und Kanonen; nur die Mauern waren nicht stark genug, und es fehlte an genügender Besatzung. Czenstochau, oder richtiger gesagt, Jasna-Gora, gehörte zu den kleinsten und schwächsten Festungen der Republik. Man konnte die Garnison nach Belieben verstärken, die Mönche schlugen jedoch viele Angebote ab, um die Vorräte möglichst wenig anzugreifen. Viele, besonders deutsche Kanoniere, waren der Meinung, daß Czenstochau überhaupt nicht imstande wäre, sich zu verteidigen. Narren! Sie waren der Überzeugung, daß die Hauptstärke einer Festung in ihren Mauern läge; sie wußten nicht, was starke, vom Glauben beseelte Herzen ausrichten können! Pater Kordecki, der befürchtete, daß diese Zweifler unter den Leuten Unruhe und Angst verbreiten könnten, entließ sie alle außer einem einzigen, der sehr erfahren in seinem Fache war. An demselben Tage kam auch der alte Kiemlicz mit seinen Söhnen. Er bat Pan Andreas, sie alle ihrer Dienste zu entbinden. Kmicic geriet in Zorn. »Hunde,« schrie er, »freiwillig verzichtet ihr auf solch ein Glück! Ihr wollt nicht die Stätte der heiligen Jungfrau verteidigen! Gut, euer Wille geschehe! Eure Pferde habe ich euch schon bezahlt, und das hier nehmt für das übrige!« Er nahm seine Börse heraus und warf sie ihnen vor die Füße. »Da habt ihr euren Lohn! Ihr wollt also außerhalb dieser Mauern auf Raub ausgehen! Schert euch aus meinen Augen! Für euch ist kein Platz hier! Ihr seid nicht würdig, den Tod zu sterben, der unser wartet! Fort!« »Unwürdig sind wir, unwürdig!« jammerte der Alte, indem er den Kopf senkte. »Wir sind es nicht wert, daß unsere Augen auf die Heiligtümer von Jasna-Gora blicken dürfen. Heilige Beschützerin! Zufluchtsstätte der Sünder! Wir sind unwürdig! unwürdig!« Er bückte sich tief, so tief, daß seine gierige Hand bis zur Börse reichte, die auf dem Boden lag. »Aber auch außerhalb dieser Mauern werden wir nicht aufhören, Euer Gnaden zu dienen. – Sobald sich irgendwo etwas Besonderes ereignet, werden wir Ihnen Nachricht geben. Alles, alles ist von Wert. Auch jenseits der Mauern stets bereite Verteidiger zu haben.« »Fort mit euch!« schrie Pan Andreas. Kiemlicz ging mit seinen beiden Söhnen rückwärts hinaus, indem sie sich immer wieder tief verbeugten. – Es war am achten November: eine dunkle, regnerische Nacht brach herein. Mit dem Regen zugleich fielen die ersten nassen Schneeflocken, die den Anzug eines frühen Winters verkündeten. Die Stille der Nacht wurde nur durch die Rufe der Wachen unterbrochen, und im Dunkeln schimmerte bald hier, bald dort der weiße Mönchsrock des Paters Kordecki. Kmicic schlief nicht. Er war mit Pan Czarniecki auf der Mauer, dem er Episoden aus dem Kriege mit Chowanski erzählte. Czarniecki berichtete seinerseits, nicht ohne stark zu übertreiben, von Zusammenstößen mit den Schweden. Plötzlich rief Kmicic: »Sie nahen!« »Wer, was sagen Sie?« »Ich höre Reiter ankommen!« »Das ist der Regen, der auf die Dächer fällt!« »Aber nein doch, Gott! Das ist nicht der Regen, das ist das Trappeln von Pferden. Mein Gehör ist durch Erfahrungen geschärft. Es ist eine große Reiterabteilung, und sie ist nahe, nur der Wind übertönt sie! – Die Wache! Die Wache!« Kaum verhallte Kmicic' Stimme, als von unten, aus der Dunkelheit her, Trompetenstöße erschollen. Die Wachen sprangen von ihren Plätzen auf, die Mönche, die Edelleute und die Soldaten eilten aus ihren Zellen herbei. Bald mischte sich das Geläut aller Klosterglocken in den durchdringenden Schall der Trompeten. Pater Kordecki befahl, die bereit gehaltenen mit Teer gefüllten Fässer anzuzünden. Ihr roter Widerschein beleuchtete den Fuß des Felsens, und vor den Augen der Jasna-Goraer zeigte sich eine Gruppe Trompeter, hinter denen dichte Reiterscharen mit wehenden Fahnen folgten. Die Trompeter bliesen unaufhörlich, als wenn sie durch die durchdringenden Töne ihrer Trompeten die ganze Kraft der schwedischen Macht schildern und die Mönche gänzlich einschüchtern wollten. Endlich ritt einer aus ihren Reihen heraus, und indem er ein weißes Tuch entfaltete und damit umherwehte, nahte er sich den Toren. »Im Namen Seiner Königlichen Majestät,« schrie der Trompeter, »des Königs der Schweden, Goten und Vandalen, des Großfürsten von Finnland, Estland, Karelien, Bremen, Stettin und Pommern, des Herrschers von Ingermanland, Wismar und Bayern, öffnet!« »Man lasse ihn herein!« erscholl die Stimme Kordeckis. Der Reiter hielt eine Minute später vor einer schmalen Pforte im Tore, stieg vom Pferde und näherte sich einer Gruppe von Mönchen, denen er ein versiegeltes Schreiben übergab. »Der Pan Graf wird bei der heiligen Barbara auf Antwort warten,« sagte er. Der Prior berief die ganze Schlachta zur Beratung in den Konferenzsaal. »Gehen wir,« sagte Czarniecki zu Kmicic. »Meinetwegen, nur aus Neugierde. Das Beraten ist nicht meine Sache, ich tue, was man mir befiehlt.« Der Brief des Grafen Wrzeszczowicz lautete: »Ihnen, heilige Väter, ist meine Hochachtung vor Ihrer heiligen Stätte und Ihrem ganzen Orden bekannt. Sie wissen auch, daß ich ständig für Sie eingetreten bin und kennen die Dienste, die ich Ihnen erwiesen habe. Ich möchte Ihnen daher noch einmal versichern, daß ich Ihnen bis auf den heutigen Tag noch ebenso ergeben und gewogen bin wie vordem. Ich komme nicht als Ihr Feind, sondern als Freund. Stellen Sie ohne jedes Bedenken Ihr Kloster unter meinen Schutz; denn die jetzige Lage erfordert dies. Sie werden sich auf diese Weise Ruhe und Sicherheit verschaffen. Ich schwöre Ihnen, daß sämtliche Heiligtümer unangetastet, daß all Ihre Schätze unberührt bleiben werden. Bedenken Sie, welche Vorteile Sie dadurch gewinnen, wenn Sie das Kloster meinem Schutze anvertrauen. Denn schreckliche Gefahren drohen Ihnen durch den General Müller, der ein Ketzer und Feind Ihres Glaubens ist. Wenn er kommt, wird er Sie mit Gewalt unterwerfen, und Sie werden es bereuen, meinen Rat verschmäht zu haben.« Die Mönche gerieten alle in Aufregung, Sie gedachten der freigiebigen Spenden Wrzeszczowicz', und viele waren der Meinung, daß der einzige Weg, allen Gefahren vorzubeugen, der wäre, Wrzeszczowicz' Rate zu folgen. Endlich begann Pater Kordecki: »Kommt ein wirklicher Freund des Nachts und weckt die Diener Gottes durch Trompetenstöße? Erscheint er an der Spitze von Tausenden von bewaffneten Soldaten, wie jetzt vor unseren Mauern stehen? Warum ist er nicht mit einem kleinen Gefolge gekommen? Was bedeuten diese bewaffneten Regimenter, wenn nicht eine Drohung für den Fall, daß wir das Kloster nicht ausliefern? Brüder, bedenkt, daß der Feind nie sein Wort gehalten, daß er weder Schwüre noch Schutzbriefe geachtet hat. Der König hat uns freiwillig einen solchen Brief geschickt, er hat uns versprochen, daß unser Kloster unbehelligt bleiben solle, und dennoch stehen vor unseren Mauern schon Truppen, die mit Trompeten verkünden, daß ein Wort des Königs keine Bedeutung habe. Brüder, betet, daß der heilige Geist uns erleuchte, und sagt eure Meinung!« Die darauf eintretende Stille unterbrach Kmicic' Stimme. »In Kruczyn habe ich gehört, wie Lisola fragte: »Und werden Sie in die Schatzkammer der Mönche keinen Einblick tun?« – Und Wrzeszczowicz, derselbe, der jetzt vor unseren Toren steht, erwiderte: »Die Mutter Gottes bedarf nicht der Taler in der Kasse des Priors.« – Und jetzt schreibt derselbe Mann, daß er die heiligen Schätze nicht berühren wird. Überlegen Sie, wie wenig man ihm trauen darf.« »Der Krieg ist nicht unser Handwerk,« sagte Pater Tomicki, »hören wir die Ritter an, die sich unter den Schutz der Mutter Gottes gestellt haben.« »Hier handelt es sich um Sie und Ihr Schicksal, heilige Väter,« begann Zamoyski: »Vergleichen Sie die Kraft des Feindes mit der unseren, und entscheiden Sie selbst. Dürfen wir, Ihre Gäste, Ihnen denn raten? Wenn Sie uns aber fragen, was zu tun sei, so antworten wir: Jedweder Gedanke an eine Übergabe ist fern von uns. – Schmach und Schande dem, der seine Ruhe mit dem Preise der Ehre und Würde verkauft. Aus freiem Willen haben wir mit Weib und Kindern hier Unterkunft gesucht; wir sind entschlossen, mit euch zu leben, und, wenn Gott es so bestimmt, mit euch zu sterben. Uns ist der Tod lieber als die Schande, der Entweihung der heiligen Stätte beizuwohnen.« Der Pan Miecznik verstummte, und auch die anderen schwiegen alle; nur Kmicic, der gewohnt war, seinen Gefühlsregungen nachzugehen, ging auf den alten Mann zu und drückte seine Hand an die Lippen. »So wollen wir Widerstand leisten,« sagte schließlich Kordecki, »denn noch nie haben Belagerte eine solche Zuflucht gehabt wie wir!« »Opfern wir uns! Glauben wir weder den Ketzern noch solchen Katholiken, die sich in den Dienst des Feindes gestellt haben!« erschollen viele Stimmen. Der Rat beschloß, zwei Mönche zu Wrzeszczowicz zu schicken mit der Meldung, daß die Tore geschlossen bleiben und die Belagerten sich verteidigen werden, wozu ihnen der Schutzbrief des Königs ein volles Recht gäbe. Zugleich sollten die Abgesandten den Grafen bitten, die Belagerung so lange aufzuschieben, bis eine Antwort des Paters Theophil Broniewski, des Ordensoberen, der gerade in Schlesien weilte, eingetroffen wäre. Nach einer halben Stunde kehrten beide Mönche zurück und erschienen wieder im Konferenzsaal. Ihre Köpfe waren gesenkt, ihre Gesichter bleich und traurig. Pater Kordecki entnahm ihren Händen den Brief Wrzeszczowicz' und verlas ihn laut. Der Graf stellte Bedingungen, auf Grund deren die Mönche ihre Kapitulation erklären sollten. Als der Prior zu Ende gelesen hatte, blickte er stumm alle Anwesenden der Reihe nach an, dann sagte er feierlich: »Im Namen des Vater, des Sohnes und des heiligen Geistes! Im Namen der heiligen und unbefleckten Mutter Gottes! Auf die Mauern, liebe Brüder!« »Auf die Mauern! Auf die Mauern!« erscholl der einmütige Ruf. Es vergingen kaum einige Minuten, als eine helle Flamme den Fuß des Klosters erleuchtete. Wrzeszczowicz hatte befohlen, die Gebäude der Kirche der heiligen Barbara anzünden zu lassen. Das Feuer erfaßte schnell all die alten Gebäude und nahm mit jeder Minute an Stärke zu. Beim Scheine der roten Flamme sah man, daß Reiterabteilungen sich hin und her bewegten. Man begann zu plündern. Die Reiter trieben das Vieh aus den Ställen. Die Kühe brüllten klagend, und die Schafe sammelten sich in Haufen und stürzten sich ins Feuer. Die Mehrzahl der Belagerten sah zum ersten Male das blutige Gesicht des Krieges, und ihre Herzen schnürten sich unwillkürlich angstvoll zusammen bei dem Anblick der zu Tode erschrockenen Bevölkerung, die von den Soldaten verfolgt wurde. Alles dies war klar von den Mauern aus zu sehen, sogar Geschrei und einzelne Worte drangen deutlich an die Ohren der Klosterbewohner. Da die Kanonen des Klosters bisher noch schwiegen, so sprangen mehrere Reiter von ihren Pferden und näherten sich dem Fuße des Berges, indem sie ihre Schwerter und Musketen drohend schwangen. Von Zeit zu Zeit rief ein großer Mann in gelber Uniform mit trichterförmig vor den Mund gehaltener Hand ein Meer von Schimpfworten zum Kloster hinauf. Die Belagerten hörten alles geduldig mit an; sie standen mit angezündeten Lunten still bei ihren Kanonen. Pan Kmicic war mit Pan Czarniecki zusammen auf der Mauer. Seine Wangen hatten sich mit heller Röte überzogen, seine Augen brannten wie zwei Lichter, und in seinen Händen drückte er nervös die Armbrust, die sein Vater bei Chocim erbeutet hatte. Er hörte den Schimpfworten des Reiters zu, endlich sagte er zu Pan Czarniecki: »Mein Gott! Jetzt beleidigt dieser Mensch die unbefleckte Jungfrau. Ich verstehe deutsch. Es ist schrecklich mit anzuhören. Ich halte das nicht aus!« Und er griff zur Armbrust und legte an. Pan Czarniecki aber schlug mit der Hand auf die Armbrust. »Gott wird ihn strafen,« sagte er. »Pater Kordecki hat nicht erlaubt, daß wir zuerst schießen; sie sollen den Anfang machen.« Kaum hatte er ausgeredet, als der Reiter seine Muskete abschoß. »Nun ist's erlaubt?« rief Kmicic. »Jetzt, ja,« antwortete Czarniecki. Kmicic wurde sofort ruhiger. Der Reiter, der mit der Hand sein Auge schützte, verfolgte seine Kugel. Kmicic zog seine Armbrust an, und mit den Worten »ein Toter! ein Toter!« schoß er sie ab. Dem Reiter entsank die Muskete; er machte mit den Händen eine verzweifelte Bewegung nach oben und fiel rücklings zu Boden. Eine Minute lang zappelte er wie ein aus dem Wasser gezogener Fisch, dann streckte er sich plötzlich aus und blieb regungslos wie erstarrt liegen. Ein anderer Reiter näherte sich der Leiche, fiel aber bald, von einem zweiten Pfeil Kmicic' getroffen, nieder. Endlich ertönten die Feldgeschütze Wrzeszczowicz'. Pater Kordecki trat zu Pan Czarniecki. Ihm folgte Pater Dobrosz, der in Friedenszeiten der Artillerie des Klosters vorstand und an Festtagen Salute abschoß. Er galt daher als erfahrener Artillerist. Der Prior segnete eine Kanone und wies mit der Hand auf sie. Pater Dobrosz streifte seine Ärmel hoch und begann, sie auf eine Reitergruppe, an deren Spitze ein Offizier mit gezogenem Degen stand, zu richten. Er zielte lange; es handelte sich ja um seinen Ruf. Endlich näherte er die Lunte dem Zündloch. Als sich der Rauch verzog, war kein Reiter mehr auf der Stelle zu sehen. Mehrere lagen mit ihren Pferden auf der Erde, die anderen flohen. Auf den Mauern erscholl der Gesang der Mönche. Es wurde immer finsterer, nur Tausende von Funken fielen, sich langsam drehend, zu Boden. Die Trompeter Wrzeszczowicz' fingen wieder an zu blasen, aber der Schall der Trompeten klang mehr und mehr entfernt. Wrzeszczowicz zog sich mit seinen Soldaten zurück. Pater Kordecki fiel in die Kniee. »Maria! Mutter des einzigen Sohnes!« sprach er mit starker Stimme, »gib, daß der, der nach ihm herkommt, sich mit dem gleichen unbefriedigten Groll zurückziehen muß.« Plötzlich lichteten sich die Wolken über dem Kopfe des Priors. Ein Heller Mondstrahl beleuchtete die Türme, die Mauern, den knieenden Prior und die rauchenden Ruinen der Gebäude. – – 13. Kapitel. Am Fuße von Jasna-Gora trat Ruhe ein, und die Mönche bereiteten sich eifrig weiter zur Verteidigung vor. Aus der Umgegend meldete sich eine Schar von Bauern, die ehemals bei der Infanterie gedient hatten, mit der Bitte, in die Garnison aufgenommen zu werden. Pater Kordecki arbeitete unermüdlich. Er hielt den Gottesdienst ab, präsidierte in den Beratungen, inspizierte die Mauern, unterhielt sich freundlich mit der Schlachta und mit den Bauern und verstand es, überall zu ermuntern und zu trösten. Die Väter fanden ihn oft beim Schreiben von Briefen, die er nach allen Richtungen aussandte. Er schrieb an Wittemberg und bat um Gnade für die heilige Stätte, an Jan-Kasimir, der in Opola die letzten Anstrengungen machte, das undankbare Vaterland zu retten, an Wrzeszczowicz und an den Oberst Sadowski. Dieser, ein Tscheche und Lutheraner, diente unter General Müller, und als Mann mit weitem Blick bemühte er sich, den grimmigen General von der Idee einer Belagerung Jasna-Goras abzubringen. Müller jedoch gab Wrzeszczowicz' Ratschlägen den Vorzug. Der Feldzug gegen Czenstochau war eine beschlossene Sache. Obwohl das Kloster mit seinen Vorbereitungen zum Empfang der Gäste fast fertig war, so regten sich die Hände jetzt noch eifriger, um alles möglichst widerstandsfähig zu machen. Der Sieradzker Miecznik befahl, die Läden, die die Klostermauern dicht umgaben, sowie die Gebäude auf den nächst liegenden Anhöhen niederzubrennen, um den Kanonen einen offenen Ausblick zu verschaffen. Ihre schwarzen, offenen Rachen blickten weit in die Ferne, als wenn sie mit Ungeduld darauf warteten, den Feind mit ihrer schrecklichen Begrüßung empfangen zu können. Inzwischen nahte der Winter mit raschen Schritten. Ein scharfer Nordwind erhob sich, und das Wasser begann sich des Nachts mit einer dünnen Eisschicht zu bedecken. Als Pater Kordecki dies bei seinem Rundgange auf den Mauern sah, rieb er sich seine blau gewordenen Hände und lächelte: »Der Herrgott schickt uns den Frost zu Hilfe! Jetzt ist's mit den Erdarbeiten eine schlechte Sache, und der scharfe Nordost wird dem Feinde auch bald zu viel werden.« Diese Gründe waren es auch, die Burchard Müller trieben, seine Sache so schnell als möglich zu beenden. Er führte neuntausend Mann, zumeist Fußvolk, und neunzehn Kanonen nach Czenstochau. Er hatte auch zwei Banner polnischer Reiterei bei sich, aber es war kein rechter Verlaß auf sie; denn die Polen gingen nur ungern mit und sorgten zumeist dafür, daß sie an den Kämpfen keinen Anteil zu nehmen brauchten. Die Obersten versicherten ihren Soldaten, daß sie zwar den schwedischen Befehlen gehorchen müßten, daß sie aber hauptsächlich deshalb mitzögen, um im Falle einer Übergabe die Festung vor der übermäßigen Raubgier der Sieger zu schützen. Die Belagerung sollte am achtzehnten November ihren Anfang nehmen. Der schwedische General rechnete, daß sie nicht länger als zwei Tage dauere, und daß er die Festung mit Gewalt oder Güte nehmen könne. Währenddessen bereitete der Prior die Seelen der Verteidiger auf den bevorstehenden Kampf vor. Er setzte eine feierliche Messe an und ließ die großen und die kleinen Glocken läuten. Als die Messe beendet war, ging eine Prozession die Festungsmauern entlang. Der Wind hatte sich gelegt, und die Herbstsonne überflutete mit ihrem blaßgoldenen Licht die Erde. Der Prior segnete das Volk, die Truppen, die Fahnen, die in ihren bunten Farben weithin leuchteten. Er segnete die Mauern und Kanonen, die in der Ferne liegenden Dörfer, Nord und Süd, Ost und West, als wollte er über alles Gottes Segen herabrufen. Die Turmuhr schlug zwei, und die Prozession war noch immer auf den Mauern. Plötzlich bewegte sich der Nebel am Horizonte, und es begannen, zuerst undeutlich, dann immer klarer, sich Gegenstände vom Himmel abzuheben. Es erscholl der Ruf: »Die Schweden kommen, die Schweden!« Dann trat mit einem Male Stille ein; es schien, daß irgend eine Macht allen die Kehlen zuschnürte, und nur die Glocken fuhren unentwegt fort zu läuten. Gleich darauf vernahm man die laute, ruhige Stimme des Paters Kordecki: »Freut euch, Brüder! Der Augenblick des Wunders und des Sieges naht!« Die schwedische Armee kroch wie eine ungeheure Schlange immer näher heran. Fast konnte man ihre Glieder unterscheiden. Bald rollte sie sich wie ein Knäuel zusammen, bald streckte sie sich lang aus und leuchtete mit ihren Stahlschuppen. So kroch sie dahin, näher und näher kommend, und sich von dem grauen Hintergrunde des Himmels immer klarer abzeichnend. Zuerst kam die Reiterei; ihr folgten die Vierecke der Infanterie, deren nach oben gerichtete Spieße weit hervorsahen. Dahinter folgten die Kanonen mit ihren nach unten gerichteten Rachen. Auf der holprigen Landstraße klapperte eine endlose Kette von Fuhren, die mit Pulverkisten, Zelten und allerlei Kriegsgepäck beladen waren. Drohend, aber zugleich majestätisch war der Anblick der regulären Truppen, die an den Augen der Jasnogoraer vorbeizogen. Die Kavallerie trennte sich bald von den anderen Soldaten und fing an, im Galopp heranzusprengen. Sie teilte sich in mehrere Abteilungen. Einige näherten sich direkt der Festung, andere ergossen sich auf der Suche nach Beute in die benachbarten Dörfer, und wieder andere besichtigten das Terrain und besetzten die an der Festung liegenden Gebäude. Die Infanterieregimenter marschierten rings um die Mauern herum und suchten sich die besten Positionen aus. Bald fielen sie über Czenstochowka, das Klosterdörfchen, her, wo sich die Bauern in ihren Scheunen versteckt hatten. Ein Finnenregiment machte den ersten Angriff auf die unbewaffneten Bauern. Wer Widerstand leistete, wurde auf der Stelle getötet, die anderen trieb man aufs Feld; wo die Reiterei über sie herfiel und sie nach allen Richtungen zerstreute. An den Toren des Klosters erschienen Müllers Abgesandte, Die Belagerten antworteten jedoch, angesichts der Raserei der Soldaten in Czenstochowka, mit Kanonenschüssen. Salven erschütterten unausgesetzt die Luft, die Mauern zitterten, und die Scheiben der Kirche klirrten in ihren Metallrahmen. Glühende Kanonenkugeln, unheilverkündende Parabeln beschreibend, fielen auf die von den Schweden besetzten Gebäude und zerschmetterten die Dächer. Überall, wo sie hinfielen, hinterließen sie ihre Spuren in von Flammen durchzuckten Rauchsäulen. Das Dorf Czenstochowka fing Feuer und bildete ein Flammenmeer. Die schwedischen Regimenter zogen sich in großer Unordnung zurück. Müller war verwundert. Einen solchen Empfang und solche gute Bedienung der Kanonen hatte er nicht erwartet. Inzwischen brach die Nacht herein. Und da Müller seine Truppen wieder in Ordnung bringen wollte, so sandte er einen Trompeter mit dem Vorschlag um Waffenstillstand. Die Mönche willigten schnell ein. Die Schweden ruhten während der ganzen Nacht nicht. Sie stellten ihre Batterien auf, richteten ihr Lager ein und warfen Schanzen auf. Trotz ihrer langjährigen Erfahrung und Tapferkeit erwarteten die Soldaten den folgenden Tag ohne besondere Freude, da sie am Tage eine so empfindliche Schlappe erlitten hatten. Selbst wenn der nächste Morgen ihnen einen Sieg brächte, so verhieß er ihnen dennoch keinen Ruhm. Was bedeutete die Einnahme einer so schwachen Festung, wie das Kloster war, für den Eroberer so großer Festungen. Allein die Hoffnung auf eine reiche Beute hielt ein wenig die Gemüter aufrecht; denn die quälende Unruhe, mit der die polnischen verbündeten Truppen sich Jasna-Gora näherten, begann sich auch allmählich den Schweden mitzuteilen. Sie unterschied sich nur dadurch, daß die einen bei dem Gedanken an eine Entweihung der Heiligtümer zitterten, während die anderen vor etwas Unbestimmtem, was sie nicht erklären konnten und deshalb einfach für Hexerei hielten, Furcht hatten. Wie sollten auch die einfachen Soldaten anders denken, wenn selbst Burchard Müller so dachte! Alle, hatten bemerkt, daß, als Müller sich der Kirche der heiligen Barbara näherte, sein Gaul plötzlich stehen blieb, zurückwankte, unruhig zu schnaufen begann und um keinen Preis einen Schritt vorwärts gegangen wäre. Der alte General hatte mit keiner Miene gezeigt, daß er dem irgend welche Beachtung schenkte, aber am nächsten Tage stellte er an jene Stelle den Fürsten von Hessen, während er sich selbst mit den schweren Kanonen nach der nördlichen Seite, nach Czenstochowka, zurückzog, wo er die ganze Nacht hindurch Schanzen aufwerfen ließ, um von dort aus am Morgen den Angriff zu beginnen. Kaum brach der folgende Tag an, als die Schweden mit dem Bombardement anfingen. Sie wollten nicht gleich eine Bresche in die Mauer schießen, um im Sturm einzudringen, sondern sie wollten nur das Kloster mit Kanonenkugeln überschütten, Feuer anlegen, die Geschütze zerstören und die Mannschaften, die sie bedienten, töten, kurz, möglichst viel Unruhe und Schrecken verbreiten. Auf den Klostermauern erschien wieder eine Prozession. Nichts stärkte den Mut der Verteidiger mehr, als der Anblick der heiligen Sakramente und der ihnen ruhig folgenden Mönche. – Die Kanonen des Klosters antworteten Schlag auf Schlag, Donner auf Donner, soweit die Kräfte es erlaubten. Ein Meer von Rauch wogte über dem Kloster. Die Erde schien in ihren Fundamenten zu erzittern. Was für Minuten! Was für ein Schauspiel für die Leute, die dem Kriege noch nie ins blutige Antlitz geschaut hatten! Und es gab derer viele im Kloster. Dieses unaufhörliche Dröhnen, das Geknatter der platzenden Bomben, der Rauch, das Heulen der Geschosse, das schreckliche Pfeifen der Granaten, das Klirren springender Fensterscheiben, – ein Chaos, – eine Hölle! – Und keinen Augenblick Ruhe, keine Zeit für die beklommene Brust frei aufzuatmen, immer ein neuer Hagel von Kugeln, und fortwährend markerschütternde Ausrufe an allen Ecken der Festung: »Es brennt! Wasser! Wasser! Auf die Dächer! – Höher die Kanonen! Höher! – Feuer! – – Gegen Mittag wurde es noch schlimmer. Es schien, daß, sobald der Rauch sich verzogen haben werde, die Schweden an Stelle des Klosters nur einen Berg von Kanonenkugeln und Granaten entdecken würden. Das Dröhnen der Schüsse folgte sehr schnell hintereinander und verschmolz zu einem anhaltenden Getöse wie der Atem eines gehetzten, ermüdeten Tieres. Plötzlich erschallten auf dem Turme, der eben erst nach einem vorjährigen Brande ausgebessert worden war, feierliche Fanfaren. Die Töne kamen von oben, und man hörte sie überall, sogar auf den schwedischen Batterien. Bald mischten sich menschliche Stimmen mit den Trompetenklängen, und trotz des Geprassels und Pfeifens vernahm man die Worte: »Mutter Gottes, Jungfrau, gebenedeiete Maria!« Da schlug eine Granate ein, ein Dach stürzte nieder, und ein durchdringender Ruf »Wasser!« ertönte. Aber die Klänge des feierlichen Gesanges schwebten ungestört über all der Vernichtung. Kmicic, der an der Kanone gegenüber von Müllers Position stand, von wo aus das stärkste Feuer kam, stieß den unbewanderten Kanonier zur Seite und machte sich selbst an die Arbeit. Er schaffte so eifrig, daß er trotz der Herbstkälte seinen Pelz abwarf, und nur im Hemd und Beinkleidern dastand. Seine Brauen waren zusammengezogen, seine Augen brannten, und der Ausdruck einer wilden Freude lag auf seinem Gesichte. Jeden Augenblick bückt er sich zur Kanone; auf nichts um sich herum achtend, zielt er, richtet ihren Lauf höher, niedriger und ruft: »Feuer!« Sobald Soroka die Lunte anlegt, eilt er schnell zum Mauerrand und sieht der Kugel nach. Von Zeit zu Zeit ruft er: »Ganze Reihen liegen tot! Ganze Reihen!« Seine Adleraugen dringen durch Rauch und Staub. Sobald er eine Gruppe von Soldaten sieht, wirft er sie mit einem wohlgezielten Schusse, wie vom Blitz getroffen, nieder. Mehrmals hört man ihn froh auflachen, wenn der Schuß besonders gut gelungen ist. Über ihm, rings um ihn herum fliegen Kugeln und Geschosse; aber er achtet ihrer gar nicht. Bis zum Mittag hat er sich keine einzige Ruhepause gegönnt. Der Schweiß rinnt von seiner Stirn, und sein Hemd dampft, sein Gesicht ist dick mit Ruß bedeckt. Selbst Pan Czarniecki bewundert die Treffsicherheit seiner Schüsse und sagt mehrmals zu ihm: »Für Sie ist der Krieg nichts Neues! Das sieht man gleich! Wo haben Sie das gelernt?« Gegen drei Uhr verstummte auf der schwedischen Batterie die zweite Kanone, zerschmettert durch einen gut gezielten Schuß Kmicic'. Die übrigen wurden bald daraus von den Schanzen weggeschleppt. Die Schweden hatten anscheinend ihre Position für ungünstig erkannt. Kmicic atmete erleichtert auf. »Ruhen Sie aus,« sagte Pan Czarniecki zu ihm. »Gut, ich habe Hunger,« antwortete der Ritter. »Soroka, gib mir, was du zur Hand hast.« Der alte Wachtmeister brachte gleich Schnaps und getrockneten Fisch herbei. Pan Kmicic begann ruhig zu essen. Von Zeit zu Zeit blickte er den um ihn herumsausenden Kugeln gleichgültig nach. Auch viele Granaten flogen an ihm vorbei, die meisten trafen jedoch nicht das Kloster, sondern fielen auf das hinter ihm liegende freie Feld. »Schlechte Kanoniere haben die Schweden, sie zielen zu hoch,« sagte Pan Andreas, ruhig weiter essend. »Seht nur, alle Kugeln fliegen über unsere Köpfe hinweg.« Plötzlich kam eine Granate gesaust, die auf der Mauer aufschlug, mehrere Male hochhüpfte, sich herumdrehte und die Mauer entlang bis dicht zu Kmicic rollte, wo sie sich in einen nassen Sandhaufen tief einbohrte. Zum Glück fiel sie mit dem Rohre nach oben, die Lunte aber fuhr fort zu rauchen. »Auf die Erde nieder! Hinlegen!« hörte man verschiedene Stimmen. Kmicic kroch jedoch im gleichen Momente heran; er riß mit einer Bewegung das Zündrohr mit der brennenden Lunte heraus und rief: »Steht auf! Dem Hunde sind sämtliche Zähne herausgerissen, jetzt wird er nicht mehr eine Fliege töten können!« Alle konnten lange Zeit keinen Ton hervorbringen angesichts dieser übermenschlichen Kühnheit. Als erster kam Pan Czarniecki zu sich. »Wahnsinniger! Wäre sie geplatzt, so wären Sie in Stücke zerrissen worden!« Pan Andreas lachte heiter und zeigte seine glänzenden, weißen Zähne. Der Prior, der in diesem Augenblicke gerade seinen gewohnten Rundgang machte, hatte Kmicic' Tat mit angesehen. Er trat zu Pan Andreas und bekreuzigte ihn: »Solche wie Sie werden Jasna-Gora nicht ausliefern,« sagte er, »aber ich verbiete Ihnen, Ihr Leben solcher Gefahr auszusetzen. Das Feuer läßt nach, und der Feind verläßt das Feld. Nehmen Sie die Granate, und legen Sie sie zu Füßen der heiligen Jungfrau. Das wird ihr willkommener sein als Ihre kostbaren Edelsteine und Perlen.« »Vater!« sprach der tiefergriffene Kmicic, »was habe ich Besonderes getan? Für die heilige Jungfrau würde mir keine Marter zu viel sein, für sie würde ich gern sterben!« In Kmicic' Augen glänzten Tränen. »Gehen Sie hin zu ihr, solange Ihre Augen noch feucht sind. Sie wird Sie unter ihren Schutz nehmen, wird Ihnen Ruhm, Glück, alles geben!« Der Pater nahm Pan Andreas unter den Arm und führte ihn zur Kirche. Pan Czarniecki sah beiden nach. »Viele tapfere Ritter habe ich schon gesehen,« sprach er zu sich selbst, »aber dieser Litauer ist einfach der personifizierte Teuf–« Der fromme Pan Piotr schlug sich auf die Lippen, weil er an heiliger Stätte ein so schlechtes Wort hatte sagen wollen. – – 14. Kapitel. Trotz des Kanonenfeuers unterließen die Schweden es nicht, weitere Friedensverhandlungen anzuknüpfen. Müller schickte den Oberst Kuklinowski ins Kloster, der den Mönchen erklären sollte, daß er den Befehl habe, Czenstochau zu nehmen. Pater Kordecki, dem daran lag, Zeit zu gewinnen, erklärte, daß die Schweden besetzen könnten, was ihnen beliebte, sogar Czenstochau, nur Jasna-Gora müßten sie verschonen, da davon nichts im Befehle stände. Müller, der begriff, daß er mit Verhandlungen nicht weiter komme, da er es mit erfahrenen Diplomaten zu tun habe, beschloß daher, am folgenden Tage das Bombardement fortzusetzen. Die Schweden hatten in der Nacht neue Schanzen aufgeworfen, und die Jasna-Goraer ihre Mauern besichtigt. Zu ihrer Verwunderung fanden sie dieselben nicht ernstlich beschädigt. Hier und da war der Putz abgefallen und einige Dächer beschädigt, das war alles. Von den Leuten war niemand verwundet worden. Als der nächste Morgen anbrach, es war ein Sonntag, verkündeten die Kirchenglocken feierlich den Anfang des Gottesdienstes, der ohne jede Störung verlief. Die Schweden erwarteten nämlich bis zum Mittag die Antwort eines zweiten Abgesandten, die jedoch, als sie kam, dasselbe enthielt, wie die dem Oberst Kuklinowski erteilte. Müller geriet in Wut und befahl, die Kanonade sofort wieder zu eröffnen. Die schwedischen Schanzen waren bald in dunkelblaue Rauchwolken eingehüllt, das Kloster beantwortete den Angriff mit der gleichen Energie. Doch diesmal verursachten die schwedischen Kanonen, die in bessere Positionen gebracht worden waren, größeren Schaden. Mit Pulver gefüllte Bomben, brennende Fackeln, mit Teer getränkte Flachsbündel, alles nur Erdenkliche wurde ins Kloster geschleudert. Wie eine vom langen Fluge ermattete Schar Kraniche sich auf einen Hügel niederläßt, so fielen Schwärme feuriger Abgesandter auf die Kirchtürme und Holzdächer der Gebäude. – Alle, die keinen direkten Anteil an der Schlacht nahmen, waren auf den Klostermauern beschäftigt. Die einen schöpften Wasser aus den Brunnen, die anderen löschten die Brände mit nassen Stücken Segeltuch. Viele Geschosse schlugen durch die Dächer hindurch und fielen in das Innere des Klosters, wo eifrige Hände mit Fässern voll Wasser dem Brande zu wehren suchten. Trotz der übermenschlichen Anstrengungen und der Wachsamkeit war es klar, daß das Kloster früher oder später ein Opfer des Feuers werden mußte. Die von den Mauern geschleuderten Fackeln und brennenden Flachsbündel lagen unten in großen, brennenden Haufen. Die Fensterscheiben sprangen von der Glut, und die Frauen und Kinder erstickten fast vor Rauch und Hitze. Kaum hatten die Verteidiger einen Brand gelöscht, als wieder ein Hagel von Geschossen und brennenden Flachses dieselbe Stelle entzündete. An allen Ecken und Kanten des Klosters flammte es, es schien, als hätte der Himmel eine Flut von Blitzen darauf herniedergesandt. Aber trotzdem es brannte, so verbrannte es doch nicht, trotzdem es krachte, so stürzte es dennoch nicht zusammen. Sogar noch mehr: Inmitten des Feuermeers begann es zu singen, wie die Männer im feurigen Ofen sangen. Wie gestern erscholl von einem der Türme Gesang und Trompetenklang. Und den Leuten, die bei den Geschützen auf den Mauern standen, denen es schien, als sei alles zu Ende, als löse sich hinter ihren Rücken alles in Brand und Untergang auf, flößten diese Töne von neuem das Gefühl der Sicherheit ein, daß das Kloster noch unversehrt sei, die Kirche noch stehe, und das Feuer nicht imstande sei, die Standhaftigkeit der Mönche zu besiegen. Selbst auf die Schweden machte dieser Gesang keinen geringen Eindruck. Die Soldaten lauschten, zuerst mit Staunen, dann mit Furcht diesen Klängen. In diesen Hühnerstall hatten sie schon so viel Feuer und Eisen hineingeschleudert, daß jede andere Festung längst dem Erdboden gleich geworden wäre, und diese Mönche sangen noch immer und waren frohen Mutes. Nur Hexerei konnte hier die Hand im Spiele haben. General Müller aber war anderer Meinung; er befahl die Kanonade zu verstärken. Sein Befehl wurde zu hastig ausgeführt. Die Kanoniere richteten das Ziel zu hoch, die Geschosse begannen über das Kloster hinwegzufliegen und in die in entgegengesetzter Richtung liegenden Schanzen einzuschlagen, wo sie nicht geringen Schaden verursachten. Müller stand mit einem Fernrohr in der Hand bei Czenstochau und beobachtete lange Zeit das Bombardement. Die Offiziere, die ihn umgaben, sahen, daß sein Arm immer stärker zu zittern begann. Endlich wandte er sich an seine Umgebung und rief: »Das Feuer fügt dem Kloster keinen Schaden zu!« Und ein schrecklicher, sinnloser Zorn erfaßte den alten General. Er warf das Fernrohr mit allen Kräften zu Boden. »Diese Musik bringt mich von Sinnen!« In diesem Augenblicke sprengte Ingenieur de Fossis heran. »General,« sagte er, »es ist unmöglich Minen zu graben. Unter der Erdschicht liegt ein Felsen. Hier sind Bergarbeiter nötig.« Müller stieß einen Fluch aus, aber kaum hatte er ihn ausgesprochen, als aus Czenstochau ein Offizier kam mit der Meldung, daß das größte Geschütz zerschmettert worden sei. Der General ging, ohne ein Wort zu erwidern, in sein Quartier. Er beschloß, die Belagerten zu erschöpfen. In der Festung waren kaum zweihundert Mann, er aber konnte seine Soldaten des öfteren ablösen. Inzwischen wurde es Nacht. Die Kanonen dröhnten unaufhörlich. Aus dem Kloster feuerte man noch energischer als am Tage; die schwedischen Lichter gaben ein gutes Ziel ab. Diese Nacht kam den Schweden teuer zu stehen. Sie hatten bedeutende Verluste unter der Mannschaft; einige Regimenter gerieten in solche Unordnung, daß sie sich kaum bis zum Morgen wieder formieren konnten. Die Belagerten schossen unaufhörlich, wie um zu zeigen, daß sie des Schlafes und der Ruhe nicht bedurften. Es war schon heller Tag, als der Prior zu der Stellung Czarnieckis und Kmicic' kam. Kmicic war gerade nicht zu sehen; er kroch die Mauer entlang, um eine von einer Bombe beschädigte Stelle in Augenschein zu nehmen. »Wo ist Babinicz?« fragte der Prior lebhaft. »Schläft er oder ist ihm irgend etwas zugestoßen?« »Wie darf man in solch einer Nacht an Schlaf denken?« vernahm man Pan Andreas' Stimme, der gerade mit der Besichtigung fertig war. »Ich habe doch auch ein Gewissen. Alle dienen der heiligen Jungfrau, das will ich auch tun, solange meine Kräfte ausreichen. Den Schweden ging es schlecht in dieser Nacht, hoffentlich werden sie sich am Tage erholen wollen und uns Ruhe gönnen.« Pan Andreas' Hoffnung erwies sich als falsch. Der Tag brachte die gewünschte Erholung nicht. Im Gegenteil, das Feuer hielt mit derselben Lebhaftigkeit an. Noch viele solcher Tage waren den Jasnogoraern beschieden. Allmählich gewöhnten sich die Leute an das ewige Dröhnen der Geschütze, besonders, als sie sich überzeugten, daß dem Kloster nur sehr geringer Schaden zugefügt wurde. Kmicic begann dieses ewigen Einerleis überdrüssig zu werden. Er wollte etwas ganz Besonderes ausführen. Es war Nacht; auf den Schanzen der Schweden war alles still. Die ermüdeten Soldaten schliefen wahrscheinlich bei ihren Kanonen. Pan Piotr saß auf einer Lafette und schlug die Füße aneinander, um sich zu erwärmen. »Es ist kalt,« sagte er zu dem herankommenden Kmicic, »und mein Kopf fängt von dem fortwährenden Gedröhne an zu schmerzen.« »Ja, – schon zwei Tage und zwei Nächte währt dieses Schießen. Heute aber können wir uns ausruhen, dort sind alle fest eingeschlafen. Ein günstiger Augenblick für einen nächtlichen Überfall, – jetzt könnte man dort viel Schaden anrichten; – Geschütze unbrauchbar machen und anderes mehr, denn man ist auf nichts gefaßt.« Pan Czarniecki sprang auf. »Die drüben denken, daß wir schon mürbe geworden sind und uns an den Gedanken einer Übergabe gewöhnt haben, und da – bei Gott! eine großartige Idee, ganz eines Ritters würdig! Warum ist mir das nicht schon früher eingefallen? Zuerst müssen wir aber unseren Plan dem Prior melden. Gehen wir gleich zu ihm.« Und Pan Czarniecki nahm Kmicic unter den Arm. Eine Stunde später verließ eine größere Anzahl von Leuten das Kloster. Alle waren mit Säbeln, Pistolen und Gewehren bewaffnet; die Bauern hatten Sensen bei sich. Pan Czarniecki führte die Reihe an, Kmicic beschloß sie. Die Gruppe bewegte sich möglichst leise vorwärts; alle versuchten den Atem zurückzuhalten, wie Wölfe, die sich zum Schafstalle schleichen. Unten angekommen, hielt Pan Czarniecki an. Er ließ einen Teil der Mannschaft unter dem Befehl des Ungarn Janicz zurück, während er selbst sich mit einigen Leuten nach rechts schlug und in Laufschritt vorwärts eilte. Er beabsichtigte, eine Verschanzung zu umgehen, die Schlafenden von hinten zu überfallen und sie zum Kloster hin, Janicz' Leuten in die Arme zu treiben. Diesen Plan hatte Kmicic ihm entworfen. Die Jasnogoraer setzten ihren Weg in tiefstem Schweigen fort. Plötzlich zerriß ein starker Windstoß die Wolken, und der Mond beleuchtete mit mattem Schein die Gegend. Pan Czarniecki sah, daß er sich schon hinter der schwedischen Schanze befand. Ein Wachtposten war nicht zu sehen. Warum auch sollten die Schweden einen solchen aufstellen zwischen ihrer Hauptarmee und den eigenen Verschanzungen? »Jetzt ganz leise,« flüsterte Czarniecki: »Da sind schon ihre Zelte, in einigen brennt noch Licht. – Paßt auf, daß die Gewehre nicht aneinander schlagen.« Sie gelangten zu einem Wall, der hinter den Schanzen aufgeworfen war. Hier standen viele Lastwagen, die Pulver und Geschosse vom Hauptlager aus zugefahren hatten. Bei den Fuhrwerken war auch niemand zu sehen, und die Jasnogoraer schlichen sich mit bereit gehaltenen Waffen bis zu den Eingängen der Zelte, wo sie stehen blieben. Zwei Zelte waren erleuchtet. Pan Andreas wandte sich an Czarniecki: »Ich gehe zuerst zu denen, die noch nicht schlafen. – Warten Sie, bis ein Schuß von mir fällt, und dann los!« – Mit diesen Worten schritt er vorwärts. Er ging auf ein erleuchtetes Zelt zu, hob das Tuch auf und blieb mit der Pistole in der Hand stehen. Einen Moment lang blendete das helle Licht ihn vollständig. Dann sah er, daß in der Mitte des Zeltes ein Tisch mit einem Leuchter stand, in dem sechs Kerzen brannten. Am Tische saßen drei Offiziere, die aufmerksam mehrere Pläne betrachteten. Als sie Schritte vernahmen, fragte einer von ihnen mit ruhiger Stimme: »Wer ist da?« »Ein Soldat,« antwortete Kmicic. Die beiden anderen Offiziere wandten ihre Köpfe nach dem Eingange des Zeltes zu. »Was für ein Soldat? Von wo kommt er?« fragte der erste wieder, es war de Fossis, der die Belagerung leitete. »Aus dem Kloster,« sagte Kmicic mit einer unheilverkündenden Stimme. De Fossis sprang von seinem Platze auf und beschirmte seine Augen mit der Hand. Kmicic stand aufrecht und unbeweglich wie ein Gespenst; nur der drohende Ausdruck seines Gesichts verkündete eine unabwendbare Gefahr. De Fossis schoß der Gedanke durch den Kopf, daß er es vielleicht mit einem Flüchtlinge aus dem Kloster zu tun habe, und er fragte: »Was willst du?« »Das!« rief Kmicic und schoß ihn mit seiner Pistole durch die Brust. Einen Augenblick später erschallte auf den Schanzen ein schreckliches Geschrei, und eine Salve fiel. De Fossis schlug wie eine vom Blitz getroffene Kiefer hin. Der andere Offizier stürzte mit seinem Säbel auf Kmicic zu, aber er erhielt einen Hieb über den Kopf. Der dritte, der sich aus dem Staube machen wollte, hatte sich auf die Erde geworfen, aber noch bevor er hinausschleichen konnte, nagelte ihn Kmicic mit seinem Säbel auf den Erdboden fest. Während dessen hub draußen ein furchtbares Gemetzel an. Das wilde Geschrei: »Schlag' zu! Töte!« vermischte sich mit dem Winseln der Verwundeten und den Hilferufen der schwedischen Soldaten. Die meisten wußten in ihrer Bestürzung gar nicht, wohin sie sich wenden sollten. Manche stürzten geradeswegs den Jasnogoraern in die Arme und kamen unter ihren Säbel- und Sensenhieben um, noch bevor sie um »Pardon!« bitten konnten. Andere stachen in der Verwirrung die eigenen Kameraden mit ihren Säbeln nieder, und wieder andere, halb bekleidet und unbewaffnet, standen mit hochgehobenen Armen unbeweglich oder warfen sich zu Boden. Plötzlich jedoch, als es ihnen klar wurde, daß der Überfall nicht vom Kloster, sondern von ihrem Rücken her kam, verloren die Schweden den letzten Rest ihrer Besinnung, Sollten die verbündeten polnischen Truppen sie unter dem Dunkel der Nacht überfallen haben? Inzwischen drangen die Jasnogoraer zu den Geschützen vor und begannen, sie unbrauchbar zu machen. Der tapfere Oberst Horn bemühte sich, die verwirrten Schweden zu ordnen. Aber nach vergeblichen Bemühungen fiel der Oberst, getroffen von einem Sensenhieb, nieder, und seine Leute zerstreuten sich nach allen Richtungen. Kmicic und Czarniecki verfolgten und vernichteten sie ohne Ausnahme. Dann ward die Batterie genommen. Im Hauptlager der Schweden begannen die Trompeter Alarm zu blasen. Plötzlich aber hörte man Kanonendonner. Im Kloster fing man an zu schießen, um der Truppe die Rückkehr zu erleichtern. Eine halbe Stunde später waren Kmicic und Czarniecki mit allen Leuten bis auf Janicz wieder im Kloster. Die ganze Nacht hindurch schossen die Kanonen des Klosters unaufhörlich, und die Bestürzung im schwedischen Lager hielt an. Man fand nicht recht heraus, von welcher Seite der Feind gekommen und fürchtete, daß er noch einmal erscheinen werde. Ganze Regimenter irrten in furchtbarer Unordnung bis zum hellen Morgen umher. Und selbst im Hauptlager verließen die Offiziere und die Mannschaften ihre Zelte und warteten unter freiem Himmel das Ende dieser schrecklichen Nacht ab. Bei Tagesanbruch ritt Müller an der Spitze seines Stabes zu der Stelle des nächtlichen Angriffes. Er wollte mit eigenen Augen den angerichteten Schaden sehen. Überall konnte man die Spuren des Gemetzels gewahren: Zwischen den Zelten lagen haufenweise halbnackte Leichen, deren Züge den Ausdruck eines panischen Schreckens trugen. Augenscheinlich waren sie alle im tiefen Schlafe überrascht worden. Müller ritt weiter zu den Geschützen. Sie standen stumm, unbrauchbar, ihrer vernichtenden Kraft beraubt. Der General betrachtete sie alle, ohne ein Wort zu sagen, und auch die ihn umgebenden Offiziere wagten es nicht, sein Schweigen zu unterbrechen. Und womit sollten sie auch den alten General trösten, der aus eigener Unvorsichtigkeit geschlagen worden war wie ein Anfänger. Das war nicht nur eine Niederlage, sondern eine Schmach. Hatte er nicht selbst die Jasnogoraer Festung einen Hühnerstall genannt und versprochen, sie mit seinen Fingern zu zermalmen? Standen ihm, dem Soldaten von Beruf, nicht neuntausend Mann zur Verfügung, gegenüber den zweihundert der klösterlichen Besatzung? Es war für Müller ein unglückseliger Tag, der soeben anbrach. Die Soldaten huben an, die Leichen fortzutragen, Müller stand unbeweglich, wie in die Erde eingegraben; aber plötzlich fuhr er zusammen und rief mit dumpfer Stimme: »De Fossis!« Dann trug man den Oberst Horn an ihm vorüber. Horn war noch am Leben und bei Besinnung. Ein furchtbarer Sensenhieb hatte ihm den Brustkasten zersplittert. Als er Müller und seinen Stab erblickte, lächelte er. Er versuchte etwas zu reden, aber ein Hustenanfall hinderte ihn daran, er verlor die Besinnung. »Horn! Horn!« stöhnte Müller. »Gestern sah ich ihn im Traume! Es ist eine furchtbare, unbegreifliche Sache!« Er verfiel tief in Gedanken. Da, mit einem Male, vernahm er die geängstigte Stimme Sadowskis: »General! General! Sehen Sie! – dort, dort, – das Kloster!« Müller sah hin und wurde starr vor Erstaunen. Der Nebel, der bisher die Spitze Jasno-Goras einhüllte, hatte das Kloster den Blicken aller entzogen, während jetzt das Kloster mit seinen Türmen sich hoch über dem Nebel erhob, als wenn es sich von seinem Fundamente losgerissen hätte und über der Erde schwebte. »Das Kloster! Wahrhaftig, es fliegt nach oben! nach oben!« schrien die Soldaten. Tatsächlich begann der Nebel, der den Felsen umgab, sich wie eine gewaltige Säule zu verziehen und wie auf dem Gipfel dieser Säule thronend hob sich das Kloster höher und höher, bis zu den Wolken und verschwand endlich vollkommen. Müller wandte sich an seine Offiziere. »Ich gestehe,« sagte er, »eine ähnliche Erscheinung habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen. Das alles widerspricht völlig den Naturgesetzen und kann nur auf Zauberei der Papisten beruhen.« »Ich hörte,« begann Sadowski, »wie mehrere Soldaten sich unterhielten: »Wie kann man so eine Festung bombardieren?« – Und, bei Gott! ich weiß es selbst nicht, wie! – Denn, ehrlich gesprochen, so haben wir bis jetzt nur Mißerfolge zu verzeichnen. Die heutige Nacht hat uns unersetzliche Verluste gebracht. Auch die Soldaten verlieren schon den Mut und beginnen alles recht unwillig zu tun. Der Sache muß irgendwie ein Ende gemacht werden. Meiner Meinung nach sollten wir wieder Verhandlungen anknüpfen!« »Und wenn die Unterhandlungen zu nichts führen, so würden Sie wohl raten, die Belagerung einzustellen?« fragte Müller finster. Die Offiziere schwiegen. »Exzellenz wissen besser, was dann zu tun ist,« antwortete nach einer kleinen Pause Sadowski. »Das weiß ich,« sagte Müller stolz. »Aber eins sage ich: Ich verfluche den Tag und die Stunde, wo ich hierher kam, und auch die Ratgeber,« hier warf er einen Blick auf Wrzeszczowicz, »die mich dazu reizten, die Belagerung zu beginnen. Aber nach alle dem, was geschehen ist, trete ich nicht den Rückzug an, ehe ich nicht diese verdammte Festung in einen Haufen Trümmer verwandelt habe; – es sei denn, ich gehe selbst zugrunde!« Müller wandte seinen Gaul um und ritt nach Czenstochau zu. Jedoch bevor er sein Quartier erreicht hatte, sprengte ein Offizier zu ihm heran und übergab ihm einen Brief. Der General las ihn, und sein Gesicht verfinsterte sich. – »Aus Posen,« sprach er, »schlimme Nachrichten! – In Groß-Polen hat sich die Schlachta erhoben, und das Volk schließt sich ihr an. An der Spitze dieser Bewegung steht Christoph Zegocki, der Czenstochau zu Hilfe eilen will.« »Ich habe es vorausgesagt, daß die Schüsse, die hier fallen, von den Karpaten bis zum Baltischen Meer einen Widerhall hervorrufen werden,« brummte Sadowski. »Dieses Volk ändert schnell seine Stimmungen; Sie kennen die Polen nicht, Sie werden sie erst kennen lernen.« »Gut, so werde ich sie kennen lernen!« rief Müller aus. »Ich ziehe einen offenen Feind einem schlechten Verbündeten vor. – Sie haben sich selbst unterworfen, und jetzt rebellieren sie. – Gut, so werden sie unsere Waffen zu kosten kriegen.« »Und wir die ihren,« entgegnete Sadowski. »General, lassen Sie uns Unterhandlungen mit Czenstochau anknüpfen, machen wir denen da soviel wie möglich Konzessionen. Hier handelt es sich nicht um die Festung, sondern um die Herrschaft Seiner Majestät in diesem Landesteile.« »Die Mönche werden sich unterwerfen,« beharrte Müller. »Wenn nicht heute, so werden sie sich morgen unterwerfen!« Im Kloster aber herrschte zu dieser Zeit große Freude. Die Frauen drängten sich um Pan Czarniecki und überschütteten ihn mit ihrem Segen; sie küßten ihm fortwährend die Hände. Er aber wies auf Kmicic. »Danket nur ihm! Seine Hände wird er zwar nicht küssen lassen; denn sie sind mit Feindesblut besudelt. Wer ihm aber einen Kuß auf den Mund geben will, den wird unser Held nicht abweisen.« Aber Pan Andreas' Gedanken waren weit in der Ferne. Er dachte an Alexandra. »Ach, meine Ärmste,« seufzte er bei sich, »wenn du nur wüßtest, daß ich jetzt im Dienste der heiligen Jungfrau stehe und diejenigen vernichte, denen ich zu meinem großen Schmerze einstmals gedient habe.« Und Pan Andreas beschloß, ihr nach der Belagerung einen Brief durch Soroka zu senden. »Möge sie wissen, daß ich einen Teil meiner Sünden schon gut gemacht habe, möge ihr das zum Troste gereichen!« Diese Hoffnung beschäftigte ihn so, daß er nicht hörte, was die Bewohnerinnen von Jasno-Gora von ihm sprachen: »Wahrhaftig, ein tapferer Ritter, das muß man ihm lassen; aber er will von nichts anderem als vom Kriege was wissen!« – – 15. Kapitel. Nach all diesen Fehlschlägen mußte Müller schließlich seinen Offizieren nachgeben und in Unterhandlungen mit dem Kloster eintreten. Er sandte einen polnischen Schlachtschitzen ins Kloster, der durch seine hohe Abstammung und gesellschaftliche Stellung weit bekannt war. Die Jasnogoraer empfingen den Abgesandten freundlich. Sie erwarteten, daß der Pole nur aus Pflichtgefühl die Übergabe Jasno-Goras fordern werde, und daß er ihnen indirekt die Gerüchte von der Erhebung Groß-Polens, von der Unzufriedenheit der Truppen und von der Bereitwilligkeit des Chan der Krim bestätigen werde, um den Belagerten Mut zum Widerstande zu machen. Aber ach! der Schlachtschitz überraschte sie mit der Nachricht, daß Jan-Kasimir freiwillig auf die Krone zu Gunsten Karl-Gustavs verzichtet habe, daß jedweder Widerstand gegen den Willen des neuen Königs einfach Rebellion und ein Verbrechen gegen das Vaterland sei. »Ich erwarte Ihre Antwort, ehrwürdige Väter,« beschloß der vornehme Verräter seine Rede, indem er seinen Blick zu Boden senkte. Der Prior erhob sich, und mit fester Stimme, die nicht den geringsten Zweifel verriet, begann er: »Das, was Sie von der Verzichtleistung Jan-Kasimirs erzählen, ist eine Lüge! – In das Herz unseres Unglücklichen Monarchen ist von neuem Hoffnung eingekehrt; zu keiner Zeit hat er so tätig an der Errettung des Vaterlandes gearbeitet wie jetzt. Wenn Sie bei Ihrer Aussage beharren, so gehen Sie, legen Sie Ihre Hand auf das Kruzifix, und wiederholen Sie Ihre Worte.« Der schwedische Abgesandte erbleichte, dann erhob er sich sogleich, zuckte mit den Achseln und sagte: »Tun Sie, was Sie wollen; ich aber wasche meine Hände –« »Genau so sprach Pilatus,« fügte der Prior hinzu. Der Schlachtschitz stand auf und verließ schnell den Saal. Bald stellte es sich heraus, daß die Aussaat der schlechten Nachrichten ihre Früchte zeitigte. Das Gerücht von der Abdankung Jan-Kasimirs und der Unmöglichkeit eines weiteren Widerstandes gelangte von der Schlachta zu den Frauen, und von diesen zur Dienerschaft. So verbreitete es sich unter der ganzen Garnison. Wenig betroffen darüber waren die Bauern; die Soldaten hingegen begannen sich zusammen zu rotten und über die Hartnäckigkeit der Mönche zu murren. Pater Kordecki blieb unbeugsam, obwohl er sich gegen Unterhandlungen nicht sträubte. Eines Tages erschienen bei Müller zwei Abgesandte aus dem Kloster, Pater Marcell Dobrosz und der gelehrte Pater Sebastian Stawicki. Müller war so erfreut, daß er die beiden fast umarmt hätte. Es handelte sich jetzt nicht mehr um Czenstochau allein, sondern um den ganzen Landesteil. Die Übergabe von Jasno-Gora mußte den Patrioten die letzte Hoffnung rauben und die Republik unbedingt dem schwedischen Könige in die Arme treiben, während ein Widerstand, und noch gar ein erfolgreicher, die ganze Sache ändern und einen neuen fürchterlichen Krieg hervorrufen konnte. Müller war sich dessen wohl bewußt. Er kannte die ganze Verantwortlichkeit seiner Position und begriff, daß ihm entweder die Gunst des Königs und der Marschallstab oder sein endgültiger Sturz bevorstände. Deshalb empfing er die Mönche mit den größten Ehrenbezeugungen wie türkische oder kaiserliche Botschafter. Er lud sie zu einem Mahle ein, auf dem er einen Toast auf den Pater Prior und den Sieradzker Miecznik ausbrachte. Zum Schlusse gab er ihnen Fische für das Kloster und die aufgezeichneten, äußerst nachsichtigen Kapitulationsbedingungen mit, denn der schwedische General zweifelte keinen Augenblick, daß sie vom Kloster angenommen würden. Die Mönche verabschiedeten sich höflichst dankend und gingen mit dem Schreiben von dannen. Einen Tag darauf kam aus dem Kloster eine andere Mission. Es war Pater Maciej Bleszyuski, der Lektor der Philosophie, und Pater Zarachias Malachowski. Der General empfing sie in Gegenwart seines ganzen Stabes und der Obersten, erwiderte liebenswürdig die Verneigung des Pater Bleszyuski, der ihm einen versiegelten Brief übergab. Müller erbrach ihn eiligst und begann zu lesen. Plötzlich stieg Zornesröte in sein Gesicht, das Weiße seiner Augen füllte sich mit Blut. »Genug!« schrie er mit heiserer Stimme, »legt diese Leute hier hinter Schloß und Riegel! Und Sie, Pan Sadowski, verkünden Sie in meinem Namen, daß, sobald aus dem Kloster ein einziger Schuß fällt, ich diese beiden Mönche aufknüpfen lassen werde!« Müllers Zorn hatte eine gewisse Berechtigung, sah er doch alle seine Hoffnungen in Staub zerfallen und die Sachlage auf dem alten Flecke. Pater Kordecki schrieb ihm, daß er sich nur dann von Jan-Kasimir lossagen werde, wenn der Primas einen neuen König verkünde. Müllers Drohung machte auf die Klosterbewohner einen furchtbaren Eindruck. Die Mönche waren zu Tode erschrocken, die Soldaten aufs äußerste empört. Die Kanonen schwiegen. Der zusammengerufene Rat wußte nicht, was zu tun war. Die Abgesandten wollte man nicht in den Händen des Feindes lassen; neue Boten hinschicken konnte man auch nicht, da man annehmen mußte, daß der schwedische General auch diese zurückbehalten würde. Übrigens ließ der General einige Stunden später anfragen, was die Mönche zu tun gedächten. »Bevor man die Väter nicht freigäbe, werde man nicht in Verhandlungen eintreten,« antworteten die Mönche, »denn wie könne man jemandem Glauben schenken, der schlimmer als barbarische Volksstämme das Völkerrecht mit Füßen trete und Abgesandte gefangen nehme!« Als darauf keine Antwort erfolgte, zog in die Herzen der Klosterbewohner Besorgnis und Furcht ein. Pater Kordecki aber schrieb an Müller, daß er bereit sei, zum Wohle des Klosters die beiden Patres zu opfern. Möge der General sie nur ruhig hinrichten lassen, man wisse dann jedenfalls, was man von ihm zu erwarten habe. Inzwischen rückten die schwedischen Soldaten ungehindert mit ihren Schanzen dichter an das Kloster heran. Neue Reihen mit Geschützen wurden aufgestellt, und die Verteidiger mit Spott und Schimpfworten überhäuft. Kmicic erstickte fast vor Wut; endlich faßte er einen Entschluß. Ein Schuß fiel, und viele Schweden stürzten zu Boden. Wie auf Befehl begannen jetzt sämtliche Geschütze des Klosters zu feuern. »Was haben Sie getan?« fragte Czarniecki bestürzt Kmicic. »Wissen Sie denn nicht, daß Sie das mit dem Leben bezahlen müssen?« »Ich weiß wohl, – mir ist alles gleich!« »Nun, wenn Ihnen alles gleich ist, so zielen Sie wenigstens besser.« Und Kmicic begann wieder das Geschütz zu richten. Er ahnte nicht, daß er mit seinem Schusse das Leben der gefangenen Mönche gerettet hatte; denn Müller überzeugte sich durch die Entschlossenheit, daß man im Kloster wirklich zu allem bereit sei. Am nächsten Tage sandte der General die Mönche ins Kloster zurück, die mit Jubel empfangen wurden. Bald folgte ihnen ein neuer Bote Müllers, der Oberst Kuklinowski, der ein mit den Schweden verbündetes Freiwilligenbanner befehligte. In diesem Banner dienten die größten Halunken, Männer ohne Ehre und Gewissen: frühere Raubmörder, flüchtige Verbrecher, die dem Arme des Gesetzes entgangen waren, und dergleichen Gesindel. Sie zogen einen Überfall und das Plündern der Reisenden jedwedem ehrlichen Kampfe vor, und ihr Oberst war ihrer durchaus würdig. Kuklinowskis Gesicht trug den Stempel wahnwitziger Kühnheit und Frechheit. Er gehörte zu denen, in denen durch das vagabundierende Leben des fortwährenden Krieges auch der letzte Funke des Gewissens erloschen war. Vaterlandsliebe, Glaube, Treue, kurz, alles Gute waren für ihn leere Worte. Er kannte nur den Krieg und fand in ihm Vergnügen, Gewinn und Vergessen seiner finsteren Vergangenheit. Dank der Straflosigkeit glaubte Kuklinowski weder an Gerechtigkeit noch an Gottesstrafe; aber er glaubte wie viele seinesgleichen an den Teufel, an Hexerei, Astrologie und Alchemie. Müller, der auch zu den Leuten dieser Art gehörte, schätzte den Oberst sehr hoch. Kuklinowski, der den Pan Czarniecki schon von früher her kannte, näherte sich dem Turme, wo dieser mit Kmicic stand. Pan Piotr aber schlief gerade, und so mußte Kmicic den Gast nach dem Konferenzsaal geleiten. Der Gesandte betrachtete Kmicic mit Kennerblick. Das ritterliche Aussehen des Soldaten gefiel ihm sehr. »Ein Soldat erkennt sofort den echten Soldaten,« sagte er. »Ich glaubte nicht, daß die Pfaffen solche wackeren Offiziere im Dienste hätten. Darf ich fragen, mit wem ich die Ehre habe?« Kmicic, dessen Seele von glühendem Hasse erfüllt war gegen jeden Polen, der den Schweden diente, mußte sich beherrschen, um die geheiligte Person des Gesandten nicht zu beleidigen. Er antwortete kühl, aber ruhig: »Ich heiße Babinicz, war Oberst des litauischen Heeres, jetzt bin ich Freiwilliger im Dienste der heiligen Jungfrau.« »Ich bin Kuklinowski, gleichfalls Oberst; Sie müssen von mir schon gehört haben. Während des vergangenen Krieges sprach man von diesem Säbel,« er schlug bei diesen Worten an seinen Degen, »nicht allein in der Republik, sondern auch im ganzen Auslande.« »Ich verneige mich,« entgegnete Kmicic. »Ich habe von Ihnen gehört.« »So. – Und Sie sind aus Litauen? Auch dort gibt es tapfere Soldaten. Kennen Sie denn nicht einen gewissen Kmicic?« Diese Frage kam so überraschend, daß Kmicic wie angewurzelt stehen blieb. »Und warum fragen Sie mich nach ihm?« »Weil ich ihn liebe, ohne ihn zu kennen. Weil wir beide, ich und er, uns so einander ähneln wie zwei zusammengehörige Stiefel. Zwei rechte Soldaten, ich und Kmicic, bei Gott! Kennen Sie ihn persönlich?« »Daß dich der Teufel hole!« dachte Kmicic bei sich, aber da er sich an Kuklinowskis Würde erinnerte, antwortete er laut: »Nein, persönlich kenne ich ihn nicht. – Doch belieben Sie nicht, in den Konferenzsaal zu treten, es sind schon alle dort versammelt.« Kuklinowski schritt zur Tür, auf der Schwelle jedoch wandte er sich noch einmal um: »Es wäre mir sehr angenehm, wenn Sie mich auch zurückbegleiten würden,« sprach er zu Kmicic. »Gut, ich werde Sie hier erwarten,« entgegnete Pan Andreas. Mit unruhigen Schritten begann er auf und ab zu gehen. Eine furchtbare Wut schnürte ihm die Kehle zusammen. »Pech klebt nicht so an den Kleidern, wie schlechter Leumund an einem Namen!« sprach er zu sich selbst. »Diese verkäufliche Seele, dieser Schurke erlaubt sich, mich seinesgleichen zu nennen, mich in seine Gesellschaft einzureihen! So was muß ich erleben. Alle Spitzbuben halten mich für ihren Genossen, alle ehrwürdigen Leute wenden sich von mir ab! – Na, der soll mich wenigstens nicht so bald vergessen!« Die Konferenz dauerte lange. Es wurde schon dunkel, und Kmicic wartete noch immer. Endlich erschien Kuklinowski. Pan Andreas konnten seinen Gesichtsausdruck nicht erkennen, aber aus des Obersten kurzem Atem schloß er, daß die Mission gänzlich gescheitert war. Kmicic geleitete ihn bis ans Tor. »Hier will ich mich verabschieden,« sagte er dann, »oder wünschen Sie, daß ich Sie noch weiter begleite?« »O, ich würde mich sehr darüber freuen. Ich habe Ihnen noch ein paar Worte zu sagen.« Sie gingen weiter und verschwanden bald in der Dunkelheit. Schließlich blieb Kuklinowski stehen. »Sie scheinen mir ein gewandter und vernünftiger Kavalier und ein Soldat aus Blut und Knochen zu sein. Warum aber halten Sie sich unter Pfaffen auf und nicht unter Kameraden, Soldaten? – Bei uns ist es außerdem viel lustiger. – Würfelspiel, Wein, Weiber, – verstehen Sie, wie?« Er drückte Kmicic vertraulich den Arm. »Dieses Haus,« fuhr er fort, indem er auf das Kloster zeigte, »brennt, und wer ein brennendes Haus nicht verläßt, der ist ein Narr. – Sie fürchten wohl den Namen eines Verräters? – Spucken Sie getrost darauf! – Kommen Sie zu uns; der General wird Sie mit offenen Armen empfangen. – Das eben ist die echte Freiheit des Soldaten, dem zu dienen, dem es ihm gerade beliebt. Zwar beginnt man, sich allerorten gegen die Schweden zu erheben, man spricht, daß der Chan Jan-Kasimir zu Hilfe kommen werde, vorläufig aber sind die Schweden noch die Herren im Lande. Die Schlachta, die Pans und auch die Hetmans schließen sich noch immer uns an. General Müller wartet nur auf die schwere Artillerie, um Jasno-Gora im Sturm zu nehmen. – Nun, wie denken Sie über meinen Vorschlag? Wer steht denn jetzt noch auf Jan-Kasimirs Seite? Allein Sapieha, und der hat alle Hände voll mit Radziwill zu tun!« »Wie? Was? Sie sagen, daß Sapieha mit Radziwill?« »Ja, Sapieha hat Radziwill in Podlachien geschlagen und belagert ihn jetzt in Tykocyn. Wir hindern ihn nicht daran.« »Und warum?« »Ei nun, der schwedische König will, daß sie sich gegenseitig aufreiben. Radziwills Verhalten war immer verdächtig. – Außerdem liegt er wahrscheinlich im Sterben.« »Und die Schweden eilen ihm nicht zu Hilfe?« »Wer soll denn hingehen? – Der König selbst ist in Preußen, er muß den Kurfürsten abfassen. In Groß-Polen tobt der Krieg. Wittemberg ist in Krakau unentbehrlich. Douglas hat mit den Bergvölkern viel zu tun. – Aber lassen wir das. – Was sagen Sie zu meinem Vorschlag? Sie werden diesen Schritt nie bereuen!« »Sie sprechen so als schwedischer Abgesandter, doch wer kann wissen, was in Ihrem Innern vorgeht? Jetzt gibt es genug Leute, die den Schweden dienen und ihnen trotzdem alles Böse wünschen.« »Auf Ehre,« sagte Kuklinowski, »ich spreche die Wahrheit, und nicht, weil ich eine Mission der Schweden übernommen habe. Diesseits der Mauern bin ich kein Abgesandter mehr, und wenn Sie wünschen, wiederhole ich Ihnen dasselbe ausdrücklich als Privatmann: Lassen Sie diese garstige Festung doch zum Teufel fahren!« »Sie sprechen also jetzt zu mir als Privatmann, und ich kann Ihnen als solcher auch antworten?« »O, ich bitte Sie sogar darum.« »So hören Sie mich an, Pan Kuklinowski, Sie sind ein Halunke, ein Verräter, ein Schuft! Genügt Ihnen das, oder soll ich Ihnen noch in das Gesicht spucken?« Kuklinowski zog seinen Säbel; aber Kmicic ergriff seinen Arm mit eiserner Hand, holte mit der anderen weit aus und schlug ihm ein paar mal ins Gesicht, dann drehte er ihn um und versetzte ihm einen Stoß in den Rücken. »Dies dem Privatmann, nicht dem Abgesandten!« rief er hinterher. Kuklinowski rollte nach unten wie ein Stein; Pan Andreas aber ging ruhig zum Tore zurück. – – 16. Kapitel. Schließlich ließ sich auch der gefürchtete Anführer der Schweden, Wittemberg, vernehmen. Ein hoher Offizier überbrachte dem Kloster einen grimmigen Brief von ihm mit dem Befehle, dem General Müller unverzüglich die Festung zu übergeben. Die Mönche beschlossen, ihrer Taktik, die Angelegenheit durch Verhandlungen zu verschleppen, treu zu bleiben. Und wieder strichen Tage dahin, in denen die Friedensverhandlungen oft durch das Getöse der Geschütze unterbrochen wurden. Müller versuchte immer wieder, den Mönchen zu erklären, daß er seine Soldaten ausschließlich deshalb im Kloster unterbringen wolle, um die Klosterbewohner vor räuberischen Überfällen zu schützen. Die Patres jedoch entgegneten ihm, daß, wenn die Garnison stark genug sei, um einem so berühmten Feldherrn Widerstand zu leisten, sie desto eher einer Räuberbande standhalten könnten. Des Generals Geduld war nun erschöpft. Ihm, der zuerst nicht begreifen konnte, warum diese schwache Festung Widerstand leistete, während das ganze Land ringsum sich kampflos unterworfen hatte, ihm, der sich vergeblich gefragt hatte, auf welche Kraft, auf welche Hoffnungen sich diese schwachen Mönche stützten, war von der Zeit eine immer klarere Antwort geworden. Trotz seines beschränkten Geistes begriff der General schließlich, was der Prior Kordecki erstrebte. Oberst Sadowski definierte ihm das ganz klar: Hier handelt es sich nicht um dieses Felsennest, um Jasno-Gora, nicht um die Klosterschätze, sondern um das Geschick der ganzen Republik. Dieser friedliche Mönch hat ganz bestimmte Vorstellungen von seiner Mission; er steht auf wie ein Prophet, um durch seinen Sieg oder auch durch seinen Tod und seine Selbstaufopferung die Schlafenden in der Republik aufzuwecken. Der alte Soldat erschrak bei dieser Erkenntnis sowohl vor seinem Feind selbst als auch vor dessen Mission. Dieser Hühnerstall wuchs plötzlich in seinen Augen ins Unendliche und nahm die Dimensionen eines Berges an, der von Titanen bewacht wird. Er selbst kam sich wie ein Zwerg und seine Armee wie ein Haufen nichtiger Würmer vor. Und Müller verzagte, und Zweifel begannen allmählich sein Herz zu erfüllen. Der Gedanke, daß im Kriege das Glück schnell wechselt, war ihm ein Trost. Was kann nicht alles während solcher Zeiten geschehen! Wunder gibt es nicht, und schließlich muß sich diese Festung doch ergeben. – Die Kanonen, die ihm Wittemberg jetzt nachsandte, hatten schon bei Krakau ihre ungeheure Vernichtungskraft bewiesen. – Das wäre ja Hexerei, wenn solche Mauern unseren sechs weittragenden Kanonen widerstehen könnten! Wenn erst dieses Nest des Aberglaubens und der Zauberei in Staub zerfallen ist, so wird sich auch das Land wieder beruhigen. – Und aus dieser Zuversicht heraus und in der Erwartung der großen Kanonen gab der General den Befehl, wieder das Feuer zu beginnen. Die Belagerung und die Feindseligkeiten nahmen nun wieder ihren Fortgang. Aber vergebens fielen die glühenden Kugeln auf die Dächer der Klostergebäude, vergebens machten die gewiegtesten Kanoniere übermenschliche Anstrengungen; sobald der Wind die Rauchsäulen zerstreute, zeigte sich das Kloster in all seiner Majestät, unversehrt, mit seinen gen Himmel ragenden Türmen. Und es gab noch eine ganze Reihe bloßer Zufälligkeiten, die unter den Belagerern eine große Panik hervorriefen. Bald flogen Geschosse über den Berg herüber und töteten jenseits stehende Schweden, bald fiel ein Kanonier, der das Geschütz richtete, vom Schlage getroffen zu Boden, bald entzündete sich das Pulver in den Kisten aus unbekannten Gründen, und der Rauch und Pulverdampf, der über dem ganzen lagerte, nahm unheimliche, Unheil verkündende Formen an. Soldaten, die sich zu zweien oder dreien weiter vorwagten, kamen, ohne daß man erkannte wie, um. Der Verdacht der Urheberschaft aller dieser Vorgänge richtete sich auf die polnischen Hilfsregimenter, die, außer Kuklinowskis Regiment, sich weigerten, an der Belagerung teilzunehmen und mit jedem Tage eine immer bedrohlichere Haltung annahmen. Müller drohte dem Oberst Zbrozek, ihn und seine Leute vor das Kriegsgericht zu stellen, der aber antwortete in Gegenwart aller Offiziere: »Versuchen Sie das, General!« Die Soldaten der polnischen Regimenter, die nichts zu tun hatten, benutzten ihre Zeit, um mit den schwedischen Offizieren Streitigkeiten anzufangen, die oft Zweikämpfe zur Folge hatten, denen die in der Fechtkunst wenig geübten Schweden meist zum Opfer fielen. Schließlich verbot der General jegliche Zweikämpfe und verwehrte den Polen den Zutritt zu dem schwedischen Lager. Beide Verbündeten standen sich jetzt wie Feinde gegenüber, bereit, jeden Augenblick aufeinander loszustürzen. Und das Kloster verteidigte sich immer energischer. Es erwies sich, daß die vom Krakauer Wojewoden übersandten Geschütze den Müllerschen in nichts nachstanden, und die Kanoniere erreichten durch die lange Übung eine fast unglaubliche Vollkommenheit. Die schwedischen Soldaten schrieben all dies der Hexerei zugute und erklärten einfach ihren Vorgesetzten, daß sie der Macht, die das Kloster beschütze, nicht gewachsen seien. So vergingen wiederum zwei Tage. Unaufhörlich dröhnten die Geschütze, beide Parteien hörten nicht auf zu feuern. Am Abend des zweiten Tages senkte sich eine so finstere Nacht auf die Gegend, daß man trotz der Scheiterhaufen und brennenden Pechfässer die Belagerer nicht sehen konnte. Im schwedischen Lager herrschte ein ungewöhnliches Treiben. Man vernahm das Knarren schwerer Räder, das Gewieher zahlreicher Pferde und ein auffallend lautes Gewirr menschlicher Stimmen. Die Soldaten auf den Mauern errieten, was im feindlichen Lager vorging. »Natürlich sind die Kanonen eingetroffen, anders kann es nicht sein!« Man beriet, ob man nicht einen Ausfall wagen solle; aber der Sieradzker Miecznik war der ganz richtigen Meinung, daß der Feind aller Wahrscheinlichkeit nach die größten Vorsichtsmaßregeln ergriffen habe, und ein Ausfall keinen Erfolg haben könne. So blieb den Belagerten nichts übrig, als nach der Richtung, aus der der Lärm kam, zu feuern. Endlich brach der Tag an, und seine ersten Strahlen beleuchteten die schwedische Arbeit. Von Norden nach Süden erhoben sich Schanzen, zwischen denen die weiten Rachen gigantischer Kanonen und eine unzählige Menge von Soldaten, die einem Schwarme gelber Wespen glichen, zu sehen waren. Der Frühgottesdienst war noch nicht beendet, als eine fürchterliche Salve die Luft erschütterte; die Fensterscheiben fielen aus ihren Rahmen und zersprangen klirrend auf den steinernen Fußböden. Die ganze Kirche war mit dem Staub des herabfallenden Putzes erfüllt. Die schweren Geschütze hatten ihre Tätigkeit eröffnet. Jetzt begann ein so ungeheures Bombardement, wie die Belagerten es noch nicht erlebt hatten; denn die kleineren schwedischen Geschütze unterstützten die großen weidlich. Von allen Seiten kamen Kugeln, Granaten, Bündel mit Teer getränkten Flachses und zwanzig Pfund schwere Geschosse herangeflogen, die gewaltige Löcher in die Mauern schlugen. Die ganzen Klostermauern drohten einzustürzen. Aber die Herzen der Verteidiger waren nach wie vor frei von Furcht. Alle, die im Kloster waren, gingen auf die Wälle, sogar die Frauen, Kinder und Greise. Die Soldaten standen inmitten des Feuers, Rauches und Kugelhagels fest und tapfer und antworteten unentwegt auf das Feuer des Feindes. Mit aufgelösten Haaren und glühenden Gesichtern eilten die Frauen umher und gaben ein glänzendes Beispiel des Mutes. Manche überschütteten die zum Platzen bereiten Granaten mit Wasser. Die Begeisterung wuchs von Minute zu Minute, als wenn dieser Geruch von Pulver und Rauch, als wenn dieses Meer von Flammen und glühendem Eisen die Kraft hatte, den Enthusiasmus noch mehr zu entfachen. Gegen Mittag wurde das Feuer im feindlichen Lager eingestellt. Alle atmeten erleichtert auf. Vor dem Haupttore erschollen Trompetenstöße und Trommelwirbel. Der Trommler fragte im Namen Müllers, ob die Mönche nicht unverzüglich zu kapitulieren gedächten. Pater Kordecki sagte, er wolle sich das bis morgen überlegen. Kaum gelangte diese Antwort zu Müller, als das Bombardement mit noch wilderer Energie wieder einsetzte. Der nächste Tag war ein Sonntag. Lutherische Geistliche hielten im Freien bei den Schanzen den Gottesdienst ab, und die Kanonen schwiegen. Müller ließ die Mönche abermals fragen, ob sie jetzt nicht genug hätten. Sie aber antworteten, sie könnten noch mehr aushalten. Die Sonntagsruhe benutzte man im Kloster, um die Schäden zu besichtigen, die das Bombardement angerichtet hatte. Es stellte sich heraus, daß außer einigen erschossenen Soldaten auch die Mauer stark beschädigt worden war. Den größten Schaden hatte die Riesenkanone, die auf der Südseite aufgestellt war, angerichtet. Sie hatte die Mauer so zerlöchert, daß sie zweifelsohne in einigen Tagen stürzen mußte. Pater Kordecki betrachtete mit Besorgnis die Spuren des gestrigen Tages, um so mehr, als er sich bewußt war, daß ein Ausbessern der Schäden nicht möglich war. Am Montag morgen eröffneten die feindlichen Kanonen dasselbe mörderische Feuer, und die große Kanone vergrößerte mehr und mehr die Löcher in der Mauer. Am südlichen Tore waren schon solche Spalten, daß der Feind sich zu einem Ansturme vorbereitete. Allein die helle Nacht, die Wachsamkeit und die Treffsicherheit der Jasnogoraer Kanoniere hinderten sie daran, ihren Plan auszuführen. Am folgenden Tage hüllte ein so dichter Nebel die Erde ein, daß man vom Kloster aus den Feind nicht sehen konnte. Die Schweden benutzten diese Gelegenheit, um näher an die Mauern heranzurücken. Des Abends, als der Prior seinen gewöhnlichen Rundgang machte, rief ihn Pan Czarniecki zur Seite und sprach: »Es steht schlimm um uns, ehrwürdiger Vater, die Mauer kann nicht länger als einen Tag noch halten.« »Vielleicht wird dieser Nebel auch unsere Feinde hindern, weiter zu feuern,« entgegnete der Prior, »während dessen werden wir unsere Mauern notdürftig ausbessern.« »Der Nebel kann sie nicht daran hindern, weiter zu schießen. Die einmal gerichteten Kanonen können sogar nachts schießen: unsere Mauer aber fällt mehr und mehr zusammen.« »So liegt unsere einzige Hoffnung bei Gott und der heiligen Jungfrau!« »Natürlich, natürlich! Wie aber wäre es, wenn wir einen Ausfall machten. – Es lohnt sich selbst viele Leute zu opfern, um dieser höllischen Schlange das Maul zu stopfen.« In diesem Augenblicke trat Kmicic zu den beiden. »Guten Abend! Und wovon ist hier die Rede?« »Wir sprachen von jener Kanone. Pan Czarniecki schlägt vor, einen Ausfall zu wagen.« »Heiliger Vater!« sagte Pan Andreas, »seit dem ersten Schuß dieser Kanone will sie mir nicht aus dem Kopfe, und ich habe auch schon eine Idee. Ein Ausfall würde zu nichts führen. Kommen Sie mit mir, ich will Ihnen meinen Plan eröffnen.« »Schön, gehen wir in meine Zelle.« Einige Minuten später saßen die drei am Kieferntisch in der ärmlichen Zelle des Priors, und Pan Piotr betrachtete aufmerksam Kmicic' Gesicht. »Ein Ausfall kann nichts nützen,« wiederholte Pan Andreas, »hier kann nur ein einzelner helfen.« »Wieso denn?« fragte Pan Czarniecki. »Ein mutiger Mann muß hingehen und diese Kanone sprengen. Das kann nur jetzt bei diesem Nebel gelingen. Er täte gut, sich zu verkleiden, damit er sich durch die schwedischen Wachen schleichen kann.« »Mein Gott, was kann aber ein einziger Mann machen?« »Man muß nur in die Mündung der Kanone einen mit Pulver gefüllten Darm hineinlegen, einen Zündfaden befestigen und ihn dann anzünden. Sobald das Pulver sich entzündet, wird die Kanone zum Teuf-, ich wollte sagen, bersten.« »Ach, Junge, was du da alles schwatzest? Wieviel Pulver schüttet man täglich in sie, ohne daß sie platzt!« Kmicic lachte und küßte den Ärmel des Priors. »Ehrwürdiger Vater, Sie sind ein heiliger Mann, aber von der Artillerie verstehen Sie recht wenig. Es ist ein großer Unterschied, wo die Pulverladung hineinkommt, von vorn oder von hinten. Fragen Sie nur Pan Czarniecki danach. Wenn man einer Flinte den Lauf mit Heu vollstopft, so zerspringt er beim Schuß unfehlbar in Stücke; wie muß erst eine Kanone zerspringen, wenn man sie mit Pulver verstopft.« »Das ist richtig, das kann jeder Soldat bezeugen,« bemerkte Pan Czarniecki. »Und doch scheint mir das ein unausführbares Unternehmen zu sein,« sagte der Prior in Gedanken. »Zuerst schon die Frage, wer würde das Wagnis ausführen?« »Ein Tollkopf, aber ein entschlossener Mann,« antwortete Pan Andreas, »er heißt Babinicz.« »Sie wollten das?« riefen zugleich der Pater und Pan Czarniecki. »Ei, heiliger Vater, ich habe Ihnen alle meine Abenteuer offenherzig gebeichtet. Sie wissen, daß ich schon manches andere gewagt habe, können Sie noch zweifeln, daß ich auch das riskieren werde?« »Sie sind wahrhaftig ein echter Ritter!« rief Pan Piotr begeistert aus. »Wahrhaftig, ich muß Sie umarmen!« »Wüßte ich ein anderes Mittel, so würde ich nicht gehen,« fuhr Kmicic fort, »aber es gibt kein anderes Mittel. Außerdem verstehe ich deutsch, und sie werden kaum merken, daß ich nicht ins Lager gehöre. Und da vor der Mündung niemand steht, so werde ich mit meiner Aufgabe früher fertig sein, ehe sie erraten, um was es sich handelt.« »Pan Czarniecki, was denken Sie darüber?« fragte der Prior. »Von hundert Menschen würde nur einer aus solchem Unternehmen lebendig zurückkehren,« antwortete Pan Piotr. »Ich bin in noch schlimmeren Lagen gewesen und immer heil daraus hervorgegangen; es wird mir auch diesmal glücken, das sagt mir mein Stern. – O heiliger Vater! welch ein Unterschied zwischen jetzt und früher, wo ich mich einer Laune wegen ins Feuer stürzte, jetzt tue ich es zum Ruhme der heiligen Jungfrau. Selbst wenn ich mein Leben lassen müßte, sagen Sie selbst, kann man jemandem einen rühmlicheren Tod wünschen, als den, der meiner harrt?« Der Prior überlegte lange, endlich sprach er: »Ich habe Sie früher vor waghalsigen Taten zurückgehalten, jetzt aber, wo es sich um die Rettung des ganzen Vaterlandes handelt, kann ich nichts mehr dagegen sagen. – Sie haben recht. – Geh, mein Sohn: Entweder du kehrst glücklich zurück, oder du erhälst die höchste Belohnung, die der Himmel einem Sterblichen geben kann, – die Märtyrerkrone. – Meinem Willen entgegen sage ich dir: Geh! – Ich habe nicht den Mut, dich zurückzuhalten! – Unsere Gebete und Gottes Segen werden dich begleiten!« – »Mit diesem Schutze gehe ich selbst dem Tode entgegen!« »Kehre zurück, Gottes Krieger, kehre zurück zu uns, unversehrt, denn wir haben dich liebgewonnen! – Möge Gott dich uns erhalten, mein Kind, mein geliebter Sohn!« – Eine Stunde darauf, in später Nacht, klopfte Pan Kmicic an die Tür der Zelle des Priors. Pater Kordecki und Pan Piotr erkannten ihn kaum wieder, so sehr glich er einem Schweden. »Bei Gott, man greift unwillkürlich zum Säbel, wenn man Sie so sieht,« rief Pan Piotr. »Die Kerze weg!« rief Kmicic: »Ich will Ihnen noch etwas zeigen!« Als der Pater die Kerze weggestellt hatte, legte Pan Andreas einen armdicken, anderthalb Fuß langen, mit Pulver gefüllten Darm auf den Tisch. An dessen einem Ende war ein Faden befestigt, der mit Schwefel getränkt war. »Nun,« sagte er selbstgefällig, »es wird genügen, der Kanone dieses Säckchen hineinzustopfen und anzuzünden, daß sie in tausend Stücke zerspringt.« »Und womit werden Sie sie anzünden?« fragte der Prior. »Ich habe einen Feuerstein und einen Feuerschwamm mit. Die Gefahr liegt darin, daß man mich beim Feuermachen hören kann. Hoffentlich wird der Schwefelfaden nicht auslöschen; denn dabei bleiben und beobachten darf ich nicht, da man mich sonst abfassen wird. Auch darf ich nicht direkt ins Kloster zurückfliehen.« »Und warum nicht?« »Die Explosion kann mich sonst töten. Ich muß ungefähr fünfzig Schritt von der Kanone entfernt hinter den Schanzen Zuflucht nehmen und kann erst nach der Explosion den Weg ins Kloster einschlagen.« »Gott, Gott! Wie vielen Gefahren sind Sie ausgesetzt!« seufzte der Prior. »Heiliger Vater, ich bin so überzeugt von meiner glücklichen Rückkehr, daß mir selbst die Trennung von Ihnen nicht schwer fällt. Nun, leben Sie wohl, und beten Sie zu Gott, er möge mir auf meinem Wege beistehen!« »Wie, wollen Sie denn gleich jetzt gehen?« staunte Pan Czarniecki. »Was, soll ich vielleicht den Tagesanbruch oder klares Wetter abwarten?« lachte Kmicic. Einige Minuten später standen Pater Kordecki und Pan Czarniecki auf dem Wall und sahen in die nebelige Ferne, die sich vor ihnen ausbreitete. »Er ist gegangen!« flüsterte der Prior. »Ja, er ist gegangen,« antwortete Pan Piotr. »Und er gibt sich nicht einmal die Mühe, leise zu gehen. Hören Sie nicht, der Schnee knirscht unter seinen Tritten.« Allmählich verhallten die Tritte in der Ferne. »Er ist fortgegangen, als gelte es, sich einen Schnaps zu holen. Was für eine Kühnheit dieser Mensch besitzt!« rief Pan Piotr. »Sicherlich, so er nicht vorher sein Leben läßt, so wird er sich noch den Hetmansstab erwerben! Diente er nicht der heiligen Jungfrau, ich hielte ihn wahrhaftig für einen –. Was rede ich, das ist ja alles gleich! – Gebe Gott ihm Glück, einen zweiten solchen Ritter gibt es in der ganzen Republik nicht!« »Wie dunkel, wie dunkel es um uns ist!« sagte Kordecki. »Und die dort sind nach unserem letzten Ausfall sehr vorsichtig geworden. – Er wird noch auf eine ganze Abteilung stoßen.« Plötzlich erschien neben den beiden eine dritte Gestalt; es war der Sieradzker Miecznik. »Was ist denn los? Warum stehen Sie denn hier?« fragte er. »Babinicz ist als Freiwilliger gegangen, um die große Kanone zu sprengen.« »Ja, aber wie denn?« »Er nahm nur einen mit Pulver gefüllten Darm, einen Faden und Feuerstein mit sich, und dann ist er losgegangen.« Pan Zamoyski griff mit beiden Händen an seinen Kopf. »Jesus, Maria! Jesus Maria! Allm! Wer hat ihm denn das erlaubt? Das ist doch Wahnsinn! Das ist ja einfach eine Unmöglichkeit!« »Ich habe es erlaubt,« entgegnete Kordecki. »Bei Gott gibt es nichts Unmögliches; selbst seine glückliche Rückkehr! – Beten wir für ihn!« Und alle drei knieten nieder. Es verging eine Viertel-, eine halbe Stunde, eine Stunde. Den drei Betenden erschien sie wie ein Jahrhundert. »Es scheint nichts zu werden!« sagte Pan Piotr und atmete erleichtert auf. Plötzlich erhob sich in der Ferne eine ungeheure Feuersäule, die der Erde zu entsteigen schien, und ein fürchterliches Krachen erfüllte die ganze Gegend. »Eine Explosion! Eine Explosion!« rief Pan Czarniecki. Der ersten Explosion folgten mehrere andere. Auf den Mauern des Klosters strömten die Leute zusammen. Die Soldaten, da sie nicht wußten, um was es sich handelte, griffen zu den Waffen. Die Mönche kamen aus ihren Zellen. »Was ist denn, was ist los?« hörte man von verschiedenen Seiten. »Die große schwedische Kanone ist explodiert!« schrie einer der Kanoniere. Pater Kordecki lag noch immer auf den Knien und betete. »Babinicz hat sie in die Luft gesprengt!« rief Czarniecki. »Babinicz! Babinicz!« hörte man allerorten. Vom schwedischen Lager her drang gleichzeitig Lärm der Verwirrung herauf; auf allen Schanzen wurden Feuer angezündet. Mittlerweile begann die Dunkelheit zu weichen; – Babinicz aber kam noch immer nicht in die Festung zurück! 17. Kapitel. Als Pan Andreas die Festung verließ, ging er zuerst sich nach allen Seiten umsehend und lauschend. Es war ringsum so still, daß der Widerhall seiner Tritte deutlich zu hören war. Nach einer halben Stunde vernahm er gerade vor sich ein Geräusch. »Aha! Sie haben einen Wachtposten aufgestellt. Unser Ausfall hat sie vorsichtiger gemacht,« dachte er, indem er leise weiterging. Er freute sich, daß er sich trotz der schwarzen Nacht nicht verirrt hatte. Vor den Schanzen selbst hoffte er keine schwedischen Soldaten anzutreffen, sowie daß er sich an einzelnen Patrouillen leicht vorbeischleichen könnte. – Es war ihm ganz leicht ums Herz; seine frühere Kühnheit hatte wieder von ihm Besitz ergriffen. Der Gedanke, die Riesenkanone zu sprengen, den Belagerten einen unschätzbaren Dienst zu erweisen, erfüllte ihn mit großer Freude, und dazu kam noch die Genugtuung, den Schweden einen Streich zu spielen. Wie wird Müller vor Wut mit den Zähnen knirschen! Mit welchem Hasse wird er auf die Festungsmauern blicken! – Er hatte dem Pater Kordecki die Wahrheit gesagt: In seiner Seele war wirklich keine Spur von Furcht oder Unruhe. Es kam ihm gar nicht der Gedanke in den Kopf, daß er sich einer furchtbaren Gefahr aussetzte. Er gedachte der früheren Zeiten, wo er sich mit zweihundert eben solchen Waghälsen in das dreißigtausend köpfige Lager Chowanskis hineingeschlichen hatte. Wie lebend sah er seine Kameraden vor sich. Kokosinski, Kulwiec, den Riesen, den dünnstimmigen Ranicki und die anderen alle. Und er seufzte tief auf. »Wie könntet ihr alle mir jetzt helfen!« flüsterte er unwillkürlich. »Sechs Kanonen würden wir in einer solchen Nacht sprengen!« Das Gefühl der Einsamkeit krampfte bei diesen Erinnerungen sein Herz zusammen. Dann dachte er an Alexandra, und die Liebe erwachte in ihm mit unbezähmbarer Kraft. Er fühlte seine Augen sich mit Tränen füllen. »Wenn sie mich nur einmal jetzt sehen könnte! Wie würde sie sich freuen, sie, die ihn noch in schwedischen Diensten wähnt! Was wird sie sagen, wenn sie das alles erfährt? Was wird sie sagen? – Wahrlich, ein Unsinniger ist er, wird sie sagen, aber er ist imstande das zu wagen, wozu kein anderer den Mut hätte, – so einer ist Pan Andreas.« Bei alledem ließ Kmicic nicht seine Aufgabe außer acht. Er schlich dahin wie ein Wolf, der auf Beute ausgeht. Rings um ihn tiefe Finsternis. Als er sich umwandte, sah er weder die Kirche noch die Klostermauern. Alles war in einen dichten, undurchdringlichen Nebel eingehüllt. Der Zeit nach mußte er schon ziemlich weit vorgeschritten sein; er urteilte, daß die Schanzen nur einige Schritte weit von ihm entfernt sein mühten. »'s wäre interessant zu wissen, ob hier eine Wache steht?« dachte er bei sich. Aber kaum hatte er zwei weitere Schritte getan, als er Hufschläge und Stimmen vernahm: »Wer da?« Pan Andreas blieb wie angewurzelt stehen. Es wurde ihm heiß. »Die Unsrigen,« erscholl eine Antwort. »Die Losung?« »Upsala.« »Antwort?« »Krone.« Augenscheinlich löste man die Wache ab. »Wartet nur, ich werde euch schon Upsala und Krone zeigen,« brummte Kmicic vor sich hin. Sicherlich, die Verhältnisse begünstigten sein Vorhaben. Er konnte jetzt leicht die gefürchtete Linie während der Ablösung der Wache passieren und den abgelösten Soldaten folgen. Da stand er auch gleich vor der Schanze. Die Soldaten schlugen einen Seitenweg ein; Kmicic aber eilte schnell in den Graben hinunter. Mittlerweile begann es zu tagen. Auch dies war gut; denn sonst hätte Kmicic wohl kaum die Kanone finden können. Er bewegte sich vorsichtig vorwärts und gelangte bald zu seiner Kanone. Nun blieb er stehen und begann zu lauschen. Von der Schanze her drang ein Geräusch zu ihm. Wahrscheinlich standen dort Fußsoldaten zur Bedeckung des Geschosses. Die hohe Schanze verdeckte Kmicic; man konnte ihn wohl hören, aber nicht sehen. Seine Aufgabe bestand nun darin, an die Mündung der Kanone, die hoch über ihm lag, zu gelangen. Zum Glück waren die Seiten des Grabens nicht zu abschüssig, und die Erde dank dem Tauwetter nicht zu hart. Kmicic begann nach oben zu klettern. Nach einer Viertelstunde ergriff er endlich mit der Hand die Mündung des Geschützes. Dank seiner Kraft gelang es ihm, mit der anderen Hand den Pulverdarm in den Schlund der Kanone zu schieben. »Da hast du eine Wurst, Hund,« brummte er leise. »Sieh zu, daß du nicht an ihr erstickst.« Er ließ sich wieder auf den Erdboden herunter und suchte das Ende der Schwefelschnur. Nun hieß es Feuer zu schlagen. Er begann, es ganz vorsichtig zu tun, als ihn plötzlich von oben her jemand auf deutsch anrief: »Wer da?« »Ich bin es, Hans,« sagte ohne Zaudern Kmicic. »Der Teufel ließ mich den Ladestock fallen lassen. Jetzt mach' ich Licht, um ihn zu suchen.« »Dein Glück, daß man nicht schießt, könnt' dir sonst den Kopf kosten.« »Aha!« dachte Kmicic, »die Kanone ist also schon ohnehin geladen, desto besser!« In diesem Augenblicke fing die Schnur Feuer, und eine bläuliche Flamme schlängelte sich nach oben. Pan Andreas begann aus Leibeskräften den Graben entlang zu rennen. Kaum war er dreißig Schritte entfernt, als die Neugierde in ihm das Bewußtsein der schrecklichen Gefahr überwog. »Was, wenn die Schnur erlosch? Die Luft ist ja so feucht,« dachte er und drehte sich um. Das Flämmchen war noch zu sehen. Er begann wieder zu rennen; aber er stolperte über einen Stein und fiel. Fast in demselben Augenblicke erscholl ein fürchterliches Krachen. Die Erde erbebte, Steine, Eisstücke, Erde, Holz und Eisen flogen pfeifend um seine Ohren, und er verlor das Bewußtsein. Bald folgten neue Explosionen. Die in der Nähe der Kanone stehenden Kisten mit Pulver hatten sich entzündet. Kmicic aber hörte von alledem nichts mehr; er lag wie tot. Er hörte nicht, wie bald nach der eingetretenen Totenstille Menschengestöhn, Schreie und Hilferufe erschallten. Er sah nicht, wie die Hälfte der schwedischen und polnischen Truppen zur Explosionsstätte eilte, wie General Müller mit seinem Stabe herangesprengt kam. Es währte lange, ehe der General aus den zusammenhanglosen Erzählungen die Wahrheit erfuhr, ehe er begriff, daß die große Kanone wirklich von jemand mit Vorbedacht gesprengt worden war. Man begann die Gegend abzusuchen, und gegen Morgen fanden Soldaten den im Graben liegenden Kmicic. Es zeigte sich, daß Pan Andreas nur betäubt war, aber durch die Erschütterung waren ihm zeitweilig Hände und Beine wie gelähmt. In diesem Zustande verbrachte er den ganzen Tag, gegen Abend konnte der Kranke dank der Bemühungen der schwedischen Ärzte vor Müller erscheinen. Der General empfing ihn in seinem Zelte, am Tische sitzend. Ihm zur Seite saß der Fürst von Hessen und Wrzeszczowicz und andere schwedische und polnische Offiziere, Sadowski, Zbrozek, Kalinski und Kuklinowski. Dieser letztere wurde beim Anblicke Kmicic' vor Zorn dunkelblau, und seine Augen funkelten wie zwei glühende Kohlen. »Ich kenne diesen Burschen,« sagte er, ohne eine Frage des Generals abzuwarten. »Er gehört zur Czenstochauer Garnison. Er heißt Babinicz.« Kmicic schwieg. Sein Gesicht war bleich aber ruhig. Mit stolzem Blicke sah er auf die Anwesenden. »Haben Sie die Kanone gesprengt?« fragte ihn Müller. »Ja, ich,« antwortete Kmicic. »Und wie haben Sie es vollbracht?« Kmicic erzählte es ruhig, ohne etwas zu verhehlen. Die Offiziere sahen sich einander gespannt an. »Ein Held!« flüsterte der Fürst von Hessen Sadowski zu. Sadowski bückte sich zu Wrzeszczowicz: »Graf Weyhard, werden wir die Festung, die solche Verteidiger hat, erobern? Was meinen Sie, werden die sich ergeben?« Kmicic hatte inzwischen seine Erzählung beendet. »Und in der Festung gibt es viele Leute, die zu solchen Taten bereit sind. Sie werden hier keinen ruhigen Tag, keine ruhige Stunde haben!« schloß er seinen Bericht. »In meinem Lager wird sich noch für jeden von ihnen ein Galgen finden,« entgegnete Müller. »Das wissen wir. Aber Jasno-Gora werden Sie nicht nehmen, solange sich dort noch eine lebende Seele befindet!« Es entstand eine Pause. Endlich fragte Müller wieder: »Sie heißen Babinicz?« Pan Andreas überlegte, daß er nach all dem Vorgefallenen, angesichts des nahen Todes, es nicht nötig habe, seinen richtigen Namen zu verheimlichen. »Ich heiße nicht Babinicz,« antwortete er mit stolz erhobenem Kopfe, »ich bin Andreas Kmicic, Oberst der Litauer Landwehr.« Kuklinowski sprang plötzlich wie ein Wahnsinniger hoch, starrte auf Kmicic und rief: »General, ich bitte Sie, mit mir ohne Verzug auf einen Moment herauszukommen!« Die polnischen Offiziere gerieten zur größten Verwunderung der schwedischen Offiziere, denen Kmicic' Name nichts bedeutete, in Aufregung. Sie begriffen sogleich, daß dies kein gewöhnlicher Mensch sein konnte; denn Zbrozek stand auf, näherte sich Kmicic und sagte: »Oberst, ich kann Ihnen in Ihrer Lage mit nichts helfen, aber ich bitte Sie, geben Sie mir die Hand.« Kmicic hob den Kopf und maß ihn mit einem verächtlichen Blicke: »Verrätern gebe ich nicht die Hand!« antwortete er ruhig. Zbrozeks Gesicht bedeckte sich mit flammender Röte, auch Kalinski wich einen Schritt zurück. Während dessen bestürmte Kuklinowski den General Müller im Nebenzimmer. »General, für Sie ist der Name dieses Mannes ohne Bedeutung, aber er ist der beste Soldat in der ganzen Republik. Alle kennen ihn. Früher diente er dem Fürsten Radziwill, aber jetzt ist er anscheinend zu Jan-Kasimir übergetreten. Er allein konnte es wagen, hinzugehen und die Kanone zu sprengen. Er ist der gefährlichste Mensch in diesem Landesteil.« »Was singen Sie ihm da für ein Loblied?« unterbrach Müller ihn zornig. »Daß er gefährlich ist, das weiß ich selbst aus eigener Erfahrung.« »Was wollen Sie mit ihm machen, General?« »Ich würde ihn aufknüpfen lassen, aber ich bin selbst zu sehr Soldat, um solchen Wagemut nicht zu schätzen. Außerdem ist er aus gutem Adelsgeschlecht. – Ich werde ihn erschießen lassen, und nicht später als heute.« »Exzellenz, ich will den berühmtesten Kriegsmann und Politiker unserer Zeit nicht belehren, aber erlauben Sie mir, zu bemerken, daß Kmicic ein zu bekannter Mann ist, um – Wenn Sie das tun, so werden Zbrozeks und Kalinskis Banner sich noch heute davon machen und zu Jan-Kasimir übergehen.« »Wenn sie das tun, so werde ich sie in Stücke schlagen lassen!« schrie Müller. »Exzellenz, die Vernichtung zweier Banner ist schwer zu verbergen: sobald die anderen polnischen Truppen davon erfahren, so werden sie wie ein Mann den schwedischen Dienst verlassen. – Sie kennen ja ihre ohnehin schon schwankende Stimmung. – Den Hetmans kann man kein Vertrauen schenken. Pan Koniecpolski mit seinen sechstausend auserlesenen Reitern gehört zur Leibwache des Königs. Behüte Gott! wenn er uns die Treue bricht. – Zwei Banner niedermetzeln zu lassen, ist schließlich auch keine leichte Sache; sie würden ersuchen, mit der Garnison in Unterhandlungen zu treten.« »Zu tausend Teufeln! Was wollen Sie denn? Wollen Sie, daß ich diesem Kmicic das Leben schenke? – Daraus kann aber nichts werden!« »Ich will, daß Sie ihn mir ausliefern!« »Und was werden Sie mit ihm tun?« »Ich werde ihm bei lebendigem Leibe das Fell über die Ohren ziehen!« »Was haben Sie gegen ihn?« »Ich habe ihn persönlich in Czenstochau kennen gelernt, als Sie mich hinschickten, mit den Mönchen zu unterhandeln.« »Und wofür wollen Sie nun an ihm Rache nehmen?« »Exzellenz, ich versuchte damals, ihn in unser Lager herüber zu locken und sprach deshalb mit ihm als Privatmann; dies benutzte er und beleidigte mich, Kuklinowski, so wie mich noch niemand beleidigt hat!« »Was hat er Ihnen denn angetan?« Kuklinowski stöhnte auf und knirschte mit den Zähnen. »Es ist besser, ich rede nicht davon. – Geben Sie ihn mir, Exzellenz. – Er ist ja so wie so dem Tode geweiht, lassen Sie mich zuvor an ihm meine Rache kühlen. O, wie ich ihn hasse, diesen Kmicic, den ich früher so verehrte, und der mir dafür so schlecht dankte. Geben Sie ihn mir, General! – Auch für Sie wird das besser sein, denn der Zorn Zbrozeks, Kalinskis und der ganzen polnischen Ritterschaft wird sich dann gegen mich richten; und ich werde schon meinen Mann stehen. – Kein Aufruhr, keine Rebellion, nichts derartiges wird sich auf diese Weise ereignen. – Und ich werde mir aus seinem Fell eine Trommel beziehen lassen!« Müller versank in Gedanken; plötzlich tauchte in ihm ein Verdacht auf. »Kuklinowski,« rief er, »Sie wollen ihn vielleicht retten?« Kuklinowski lachte leise, aber es war ein so teuflisches Lachen, daß Müller aufhörte zu zweifeln. »Vielleicht haben Sie recht,« sagte er, »nehmen Sie ihn.« Dann kehrten beide zu den Versammelten zurück, und Müller verkündete: »Für die besonderen Verdienste des Pan Kuklinowski stelle ich ihm den Gefangenen zu seiner freien Verfügung.« Stillschweigen folgte diesen Worten. – Nach einiger Zeit fragte Zbrozek: »Und was gedenkt Pan Kuklinowski mit dem Gefangenen zu tun?« Pan Kuklinowski, der sonst sehr gebückt ging, richtete sich gerade auf, seine Lippen zeigten ein Unheil verheißendes Lachen, seine Augen funkelten. »Wem es nicht gefallen sollte, was ich mit dem Gefangenen tun werde,« sagte er, »der weiß, wo ich jeder Zeit zu finden bin.« Dann näherte er sich Kmicic: »Nun, Freundchen, jetzt folge mir! – Komm, du berühmter Ritter, – du bist etwas geschwächt, du bedarfst zarter Pflege. – Ich werde mich deiner annehmen!« »Schurke!« entgegnete Kmicic. »Schön, schön, stolze Seele, komm!« Kuklinowski befahl einem seiner Leute, Kmicic an einen Strick zu binden und ihn fort zu führen. Pan Andreas wußte, daß ihm der Tod nahe bevorstand, und er begann, inbrünstig zu beten. Er war so in Gedanken vertieft, daß er Kuklinowskis Schmähreden nicht hörte und nicht auf den Weg achtete. Er kam erst zu sich, als er bei einem halbeingestürzten Schuppen, der auf offenem Felde unweit des Quartiers des Kuklinowskischen Regiments stand, Halt machte. »Marsch, geh ins Lager!« kommandierte der Oberst einem Soldaten. »Hol' mir sofort Stricke und eine Teertonne!« Bald war das Gewünschte zur Stelle. »Zieht den schönen Herrn nackt aus!« befahl Kuklinowski. »Schnürt ihm die Arme und Beine zusammen und dann hängt ihn an einen Balken hoch!« »Schurke!« wiederholte Kmicic. »Gut! Gut! Wir werden noch genügend Zeit haben, uns zu unterhalten.« Die Soldaten rissen Kmicic die Kleider vom Leibe herunter, legten ihn auf die Erde, banden ihm Arme und Beine mit dem einen Ende eines Strickes, dessen zweites Ende sie einem Soldaten zuwarfen, der auf einem Balken ritt. »Jetzt zieht ihn hoch!« kommandierte Kuklinowski. Bald hing Pan Andreas mehrere Fuß hoch über dem Erdboden. Kuklinowski tauchte einen Pinsel in den brennenden Teer und trat zu Kmicic heran. »Nun, Pan Kmicic? Ich sagte schon einmal, daß es in ganz Polen nur zwei Soldaten gibt: ich und Sie! Damals verschmähten Sie Kuklinowskis Freundschaft und gaben ihm obendrein einen Fußtritt. – Schön, mein Bürschchen, du hattest recht! Kuklinowskis Gesellschaft ist nicht für dich, denn es zeigt sich, Kuklinowski ist dir weit über. Der Herr Oberst, Pan Kmicic, ist zwar ein berühmter Mann, aber Kuklinowski hält ihn in seinen Händen und wird ihm jetzt die Seite rösten!« »Schurke!« rief Kmicic zum dritten Male. »Ja, ja, die Seite rösten!« wiederholte Kuklinowski, indem er Kmicic mit dem flammenden Pinsel berührte. »Doch nicht zu viel auf einmal, wir haben ja genügend Zeit,« fuhr er fort. In diesem Augenblicke vernahm man in der Scheune Hufschläge, das Tor knarrte, und die Gestalt eines Soldaten erschien. »Pan Oberst,« sagte er, »General Müller wünscht Sie sofort zu sprechen!« »Was willst du, Alter? Was, zum Teufel, braucht mich plötzlich der General? Wer ist denn angekommen?« »Ein schwedischer Offizier. – Er hat sein Pferd fast zu Tode geritten.« »Gut!« sagte Kuklinowski, und er wandte sich zu Kmicic: »Lieber, dir ist wohl ein bißchen heiß, – kühl' dich inzwischen etwas ab. – Ich komme bald wieder. Dann können wir weiter miteinander plaudern!« »Und was sollen wir mit dem Gefangenen tun?« fragte einer der Soldaten. »Laßt ihn, wie er ist. Ich komme gleich zurück. – Einer von euch kann mich begleiten!« Der Oberst ging in Begleitung eines Soldaten hinaus. Es blieben noch drei in der Scheune, bald darauf aber kamen drei neue hinzu. »Ihr könnt schlafen gehen,« sagte derjenige, der Müllers Befehl gebracht hatte. »Der Oberst hat uns befohlen, hier Wache zu halten! Wir bleiben lieber hier!« sagte der erste der drei Soldaten. Plötzlich blieben ihm die Worte in der Kehle stecken. Ein fürchterlicher Schrei entfuhr ihm, er machte mit den Armen einige konvulsive Bewegungen und fiel dann wie vom Blitz getroffen zu Boden. In demselben Augenblick warfen sich zwei von den neu Angekommenen auf die anderen Soldaten Kuklinowskis. Es entbrannte ein fürchterlicher Kampf. Nicht lange, so fielen auch die beiden anderen so unerwartet Angegriffenen, und eine Stimme, die Kmicic bekannt vorkam, sagte: »Euer Gnaden, wir sind es, Kiemlicz mit seinen beiden Söhnen! Vom frühen Morgen an haben wir schon auf Sie aufgepaßt. – Was steht ihr denn so, Rindviecher, nehmt den Oberst herunter, aber schnell!« Und bevor es noch Kmicic klar wurde, was hier vorging, beugten sich die zwei großen, zottigen Köpfe Kosmas und Damians über ihn. Schwankend stand Kmicic gleich darauf auf der Erde. Seine bleichen, zitternden Lippen konnten kaum sprechen: »Ihr seid es? – Dank! Dank!« »Wir sind es!« antwortete der Alte. »Heilige Jungfrau! O! Wollen Sie sich nicht ankleiden, Euer Gnaden? Schnell, helft, Schafsköpfe!« Und er reichte Kmicic die Kleidungsstücke. »An dem Tore stehen schon Pferde! Der Weg von hier aus ist frei! Die Wachen lassen zwar keinen herein, aber jeden heraus. Außerdem kennen wir die Parole. Wie fühlen sich Euer Gnaden?« »Er hat mir die Seite versengt, aber nicht sehr. Doch die Beine wollen mir nicht gehorchen!« »Nehmen Sie schnell einen Schluck Branntwein.« Kmicic ergriff gierig die Feldflasche des Alten, trank die Hälfte aus und atmete tief auf. »Mir war so kalt geworden, – jetzt ist mir besser.« Er ließ sich auf den Rand eines Futterkastens nieder. Die Kräfte begannen ihm wirklich zurückzukehren, und er konnte schon bei vollem Bewußtsein die grimmigen Gesichter der Kiemlicz' betrachten. »Euer Gnaden, es ist Zeit! Die Pferde sind bereit!« mahnte der Alte. Aber in Pan Andreas erwachte der frühere Kmicic. »O nein!« rief er, »jetzt komme ich an die Reihe.« Die Kiemlicz' warfen einander Blicke zu, wagten aber keinen Ton zu erwidern. Das Blut siedete in Pan Andreas' Adern, und seine Augen leuchteten im Dunkeln wie zwei Lichter. Das, was er jetzt tun wollte, war Wahnsinn, denn er konnte es mit seinem Leben bezahlen. Aber war sein ganzes Leben überhaupt etwas anderes als eine Kette ebensolcher sinnloser Taten? Die Seite schmerzte ihn stark; aber er dachte nur an Kuklinowski und war bereit, die ganze Nacht auf ihn zu warten. »Hört mal, hat Müller ihn wirklich zu sich bestellt?« »Nein, das habe ich mir ausgedacht, um besser mit seinen Leuten fertig zu werden. Mit fünfen, das wäre gefährlicher gewesen, einer von ihnen hatte Lärm schlagen können.« »Gut. Er wird allein zurückkehren. Hat er aber mehrere Leute bei sich, so schlagt sofort drauf los. Mich laßt hier. Dann schnell auf die Pferde. Habt ihr Pistolen bei euch?« – »Ja, die haben wir,« antwortete Kosma. »Geladen? Ja? – Gut. – Kommt er allein zurück, so haltet ihn fest, stopft ihm einen Knebel in den Mund, meinetwegen von seiner eigenen Mütze.« »Zu Befehl!« sagte der Alte. »Erlauben Euer Gnaden, daß wir jene Soldaten dort durchsuchen? Wir sind doch arme Leute.« »Nein, haltet euch bereit! Was ihr bei Kuklinowski vorfindet, das gehört euch!« In diesem Augenblicke erschollen Hufschläge. Kmicic sprang zur Seite und verbarg sich in der Dunkelheit. Kosma und Damian postierten sich an den Eingang wie zwei Kater, die einer Maus auflauern. »Er kommt allein!« rief der Alte, indem er sich die Hände rieb. Bald hörte man draußen eine Stimme. »Heda! Komm mal jemand her, mir das Pferd abzunehmen!« Dann trat wieder Stille ein. »Du bist es, Kiemlicz?« hörte Kmicic gleich darauf. »Sag' mal, bist du toll geworden oder dumm? – Es ist tiefe Nacht. Müller schläft. Die Wache will mich überhaupt nicht durchlassen und sagt, daß kein Offizier ins Quartier gekommen sei. Was soll das bedeuten?« »Der Offizier erwartet Euer Gnaden hier in der Scheune; er kam gleich, nachdem Sie fortgeritten.« »Was kann das nur sein? Und der Gefangene?« »Hängt.« Die Tür knarrte, und Kuklinowski trat in die Scheune. Kaum aber hatte er zwei Schritte vorwärts gemacht, als zwei eiserne Arme ihn ergriffen und ihm die Gurgel zusammen schnürten. Mit der Geschicklichkeit zweier geübter Räuber warfen ihn Kosma und Damian zu Boden und stopften ihm einen Knebel in den Mund. Dann trat Kmicic mit dem brennenden Pinsel in der Hand in die Mitte der Scheune. »O, das ist ja Pan Kuklinowski! – Da werden wir manches zu besprechen haben!« Kuklinowskis Gesicht wurde dunkelblau, die Adern auf der Stirn schwollen ihm an: aber in seinen blutunterlaufenen Augen lag mehr Verwunderung als Angst. »Ausziehen und an den Balken hängen!« rief Kmicic. Kosma und Damian begannen mit Feuereifer, den Befehl auszuführen. Kmicic stemmte die Hände in die Seiten und begann spöttisch: »Nun, Pan Oberst, wer ist jetzt über, Kmicic oder Kuklinowski?« Er trat einen Schritt näher zu ihm heran. »Dein Lager ist nur mehrere Schritte entfernt; Tausende von deinen Räubern würden auf deinen Ruf herbeieilen.« Schade, daß dein schwedischer General weit ist. Und du am Balken hängst, gerade an dem Balken, an dem du mich rösten wolltest. – Nun lerne Kmicic kennen! Du wolltest ihm gleich sein, du Nachtvogel, du Sklave? Ich Würde dir mit dem Küchenmesser den Kopf abschneiden, wie einem zänkischen Hahn, aber ich ziehe es vor, dich zu rösten, wie du es mit mir hast tun wollen.« Bei diesen Worten stieß er ihm den Pinsel in die Seite. »Das ist genug; du solltest nur eine Erinnerung an Kmicic haben. Du kannst nun bis morgen so hängen; aber bete zu Gott, daß du nicht erfroren bist, ehe man dich losbindet! – He, die Pferde her!« Eine halbe Stunde später waren unsere vier Reiter schon weit entfernt, und leere Felder breiteten sich rings um sie aus. Kmicic ritt voran. Plötzlich hielt er an und rief: »Komm mal her!« Der Alte gab seinem Pferde die Sporen. »Wieviel Meilen sind es von hier bis zur schlesischen Grenze? – Nicht weit, sagst du? – Und werden wir unterwegs nicht auf schwedische Abteilungen stoßen?« »Nein; denn alle sind vor Czenstochau versammelt. Höchstens könnten wir einzelnen begegnen.« »Habt ihr bei Kuklinowski gedient?« »Nur so ein bißchen. Wir dachten, daß wir in der Nähe den heiligen Brüdern eher helfen könnten, – und auch Euch, Euer Gnaden. – Gegen das Kloster haben wir uns aber nicht im geringsten vergangen, behüte Gott! Wir haben nur die Schweden ausgeplündert.« »Die Schweden?« »Wir wollten auch außerhalb der Mauern der heiligen Jungfrau dienen, und deshalb machten wir des Nachts unsere Runde um das Lager, – manchmal auch am Tage, wie es gerade ging. Und wenn wir eines einzelnen Schweden habhaft werden konnten, so haben wir ihn – – Beschützerin der Sünder! so haben wir ihn – –« »Schön, – und dabei habt ihr Kuklinowski gedient!« lachte Kmicic hell auf. »Wie die Sache auch sein mag, ich werde euch freigebig entschädigen. Das habe ich nicht von euch erwartet!« Plötzlich erdröhnte in der Ferne eine Kanonensalve. Die Schweden begannen von neuem das Kloster zu bombardieren. Kmicic hielt wieder an. Trotz seiner heftigen Schmerzen in der Seite wandte er sich um und sagte spöttisch lächelnd: »Schießt nur, schießt! Was aber macht eure größte Kanone?« – – 18. Kapitel. Das Sprengen der Kanone hatte auf Müller einen niederschmetternden Eindruck gemacht, um so mehr, als er auf sie seine ganze Hoffnung gegründet hatte. Leitern, Faschinen und die ganze Infanterie, alles war zum Sturme bereit gewesen, man wollte nur noch die Bresche ein wenig vergrößern, – und jetzt, – jetzt hieß es wieder auf das Stürmen zu verzichten. Ein Versuch, das ganze Kloster in die Luft zu sprengen, hatte mit einem völligen Mißerfolge geendet. Die herbeigerufenen, erfahrenen Bergarbeiter stießen auf harten Steinboden und fielen zu Dutzenden unter den wohlgezielten Schüssen der Garnison. Das Heer selbst wurde täglich mutloser, und der Glaube an die Uneinnehmbarkeit der Festung wuchs mehr und mehr. Schließlich begann auch der General selbst die Hoffnung aufzugeben. Einen Tag nach dem Sprengen der großen Kanone hielt er einen Kriegsrat ab. Im Grunde seiner Seele hoffte der General, daß man ihm riet, die Belagerung dieser unerschütterlichen Mauern und dieser todesmutigen Verteidiger aufzugeben und vor dem Eintreten eines grimmigen Frostes abzuziehen. Dem Kriegsrate wohnten nur die schwedischen Offiziere bei, die Polen glänzten alle durch ihre Abwesenheit. Müller hörte finster zu, wie Sadowski und der Graf Weyhard in Streitigkeiten gerieten. Wrzezsczowicz schlug unter anderem einen neuen Plan vor. Man sollte unter den Truppen, besonders unter den polnischen, das Gerücht verbreiten, daß die Bergarbeiter einen alten unterirdischen Gang entdeckt hätten, der bis zu dem Kloster und der Kirche führe. »Und wenn dieses Gerücht sich verbreitet, so werden die Polen selbst um die Übergabe dieses Hortes des Aberglaubens flehen.« »Versuchen wir das! Versuchen wir das!« sagte Müller erfreut, denn ihm gefiel der Plan sehr gut. »Ob jedoch Zbrozek oder Kuklinowski bereit sein werden, als Abgesandte nach dem Kloster zu gehen, und ob man dort der Geschichte von dem Gang Glauben schenken wird, daran zweifle ich!« – »Kuklinowski wird den Auftrag auf alle Fälle annehmen,« antwortete Wrezeszczowicz, »aber besser wäre es freilich, wenn er auch selbst an die Wahrheit seiner Worte glaubte.« Plötzlich öffnete sich die Tür geräuschvoll, und Zbrozek stürzte völlig außer Atem in das Zimmer. Sein Gesicht war bleich und vor Schreck verzerrt. »Kuklinowski – tot!« rief er noch auf der Schwelle stehend aus. »Wie? Was? So reden Sie doch! Was ist geschehen?« fragte Müller in großer Besorgnis. »Lassen Sie mich erst zu Atem kommen,« antwortete Zbrozek. »Das, was ich gesehen habe, übertrifft jede Möglichkeit. Kuklinowski tot, drei Gemeine ermordet und von Kmicic keine Spur! – Ich wußte, daß er ein fürchterlicher Mensch ist; aber um sich seiner Fesseln zu entledigen, drei Soldaten niederzumetzeln und Kuklinowski zu Tode zu quälen, dazu bedarf es der Kräfte eines Teufels, nicht der eines Menschen.« Müller ließ seinen Kopf auf die Hände sinken und sagte kein Wort. Als er jedoch seinen Blick wieder hob, brannte in seinen Augen Zorn und Mißtrauen. »Pan Zbrozek!« rief er, »mag er der Satan selbst sein, aber ohne Hilfe, ohne Verrat konnte er das nicht ausführen! Kmicic hatte hier viele Bewunderer. Kuklinowski dagegen – Feinde, – und Sie gehörten zu ihnen!« Zbrozek wurde bei dieser Beschuldigung bleich; er stand von seinem Platze auf und trat auf Müller zu. »Sie haben mich also im Verdacht?« fragte er. Für einen Augenblick trat ein unheilvolles Schweigen ein. Alle Anwesenden zweifelten keinen Moment, daß, wenn Müller bejahend antwortete, sich etwas Schreckliches, Unerhörtes ereignen werde. Alle faßten unwillkürlich an den Griff ihrer Säbel, Sadowski hatte den seinigen bis zur Hälfte aus der Scheide gezogen. Auf dem Hofe hatten sich schon viele polnische Reiter, die wahrscheinlich mit derselben Nachricht über Kuklinowski gekommen waren, versammelt. Es gab keinen Zweifel, sie alle würden nicht zaudern, Zbrozek beizuspringen. Müller begriff das. Und trotzdem es in ihm kochte und gärte, unterdrückte er seinen Zorn und tat so, als wenn er das herausfordernde Benehmen Zbrozeks nicht bemerkt habe. »Erzählen Sie uns doch ausführlich, wie das alles zugegangen!« Zbrozek wollte gerade beginnen, als ein Haufen polnischer Offiziere hereinstürzte. »Kuklinowski ist ermordet! Seine Soldaten haben vollständig den Kopf verloren und fliehen!« riefen alle wirr durcheinander. »Erlauben Sie, meine Herren,« sagte Müller, »daß Pan Zbrozek uns die Sache einmal klar erzählt. Er ist der erste gewesen, der die Nachricht gebracht hat.« Alle verstummten, und Zbrozek begann: »Es ist allen wohl bekannt, meine Herren, daß ich auf dem letzten Kriegsrat Kuklinowski zum Zweikampfe forderte. Ich hatte fest beschlossen, diesen Zweikampf zum Austrag zu bringen und begab mich deshalb heute früh in Kuklinowskis Quartier. Man sagte mir, er sei nicht da. Ich schickte hierher, – auch hier dieselbe Antwort. Im Quartier hatte er auch nicht übernachtet, worüber man sich durchaus nicht gewundert hatte, man glaubte, er wäre hier bei Euer Exzellenz. Da trat ein Soldat zu mir und erzählte, daß der Oberst mit Kmicic in eine nicht weit entfernte Scheune gegangen sei. Ich gehe dort hin und finde die Tür der Scheune offen. Und als ich hineintrete, sehe ich einen nackten, menschlichen Körper an einem Balken hängen. Zuerst denke ich, das ist Kmicic, allein, als ich näher trete, erkenne ich Kuklinowski.« »An einem Balken hing er?« fragte Müller. »Ja, so ist's. Ich bekreuzige mich schnell und denke, das ist Hexerei oder sonst was? Als ich aber die Leichen der drei gemordeten Soldaten erblicke, da begreife ich alles. Dieser schreckliche Mann tötete die drei Soldaten, marterte Kuklinowski zu Tode und machte sich dann aus dem Staube.« »Bis zur schlesischen Grenze hat er es nicht weit!« sprach Sadowski. Wieder trat Stillschweigen ein. Aller Verdacht auf Zbrozek war verschwunden. Müller selbst dachte gar nicht mehr daran. Das tragische Ende Kuklinowski erfüllte seine Seele mit einer unklaren Unruhe. Er sah die Gefahren sich mehr und mehr häufen und wußte nicht, wie er gegen sie ankämpfen konnte. Es war ihm sehr ungemütlich zumute. Mehrere Tage nach diesem Ereignisse verbreitete sich im schwedischen Lager die Nachricht, daß die Minenleger einen unterirdischen Gang gefunden hätten, der direkt zum Kloster führe, und daß es allein von dem Willen des Generals abhänge, die Festung in die Luft zu sprengen oder zu verschonen. Die halb erfrorenen, von großer Überanstrengung stark mitgenommenen Soldaten kamen fast von Sinnen vor Freude. Wrzeszczowicz war überall im Lager zu sehen. Er ermunterte die Soldaten, bestätigte hundertmal die Richtigkeit der Nachricht und schüttete mit vollen Händen Geld aus. Der Jubel und die Freudenausbrüche trugen das Gerücht bis in die Festung. Jetzt erschraken sogar die Tapfersten. Die Frauen kamen mit ihren Kindern weinend zu dem Prior und bestürmten ihn, er möge doch die Unschuldigen vor einem solchen Untergange verschonen. Es waren schwere Tage, die dieser Held im Mönchsgewande jetzt durchlebte. Die Schweden hatten ihr Bombardement eingestellt, um den Belagerten zu zeigen, daß sie ihrer Sache sicher wären. Die Panik im Kloster wuchs mit jedem Tage. Des Nachts vernahm man undeutliche Geräusche unter der Erde, sicherlich erweiterten die Schweden den Gang unter dem Kloster. Auch der größere Teil der Klosterbrüder verlor den Mut und begab sich unter der Führung des Paters Stradomski zu Kordecki, um ihn zum Anknüpfen von Friedensunterhandlungen zu bewegen. Der Prior jedoch blieb unbeugsam. In einer langen, begeisterten Rede bemühte er sich, den Mönchen und der Schlachta zuzureden, die Geistesgegenwart zu bewahren. Unter dem Endrucke seiner leidenschaftlichen Worte begann die Furcht sich allmählich zu legen. Sie zerschmolz langsam wie der Schnee unter den Strahlen der alles neu belebenden Frühlingssonne. Die Brüder wollten schon beruhigt ihre Zellen wieder aufsuchen, als am Fuße des Berges die Trompete eines Unterhändlers ertönte. – Der Bote überbrachte einen Brief von Wrzeszczowicz. Der Graf schrieb, daß, falls die Festung sich nicht bis morgen ergäbe, sie in die Luft gesprengt würde. Aber die Drohung hatte jetzt keine Wirkung mehr. »Bestellt nur, man möchte uns nicht schonen!« schrie die Schlachta. »Mögen sie uns getrost in die Luft sprengen!« Der Bote nahm diesen abschlägigen Bescheid mit. So war die schwedische List zunichte geworden. Und wieder eröffneten die Schweden das Bombardement. Aus allen Batterien wurde zu gleicher Zeit geschossen. Es hagelte glühende Kugeln, Bomben und Granaten. Nie vorher war das Geknatter so betäubend, aber die Belagerten waren schon an das Feuer gewöhnt, und ein jeder blieb ruhig und kam seinen Pflichten nach. So ging die Verteidigung still, ohne Kommando vor sich. Man beantwortete das Feuer mit Feuer; jeden Schuß mit einer wohlgezielten Kugel. Am Abend berief Müller abermals den Kriegsrat zusammen. Der General, der finsterer denn je aussah, eröffnete die Sitzung. »Der heutige Sturm,« sagte er, »brachte keine Resultate. Unser Pulver ist auf der Neige, die Soldaten zur Hälfte umgekommen. Der Rest hat den Mut verloren und erwartet eher eine Niederlage als einen Sieg. Lebensmittel besitzen wir kaum noch, und Hilfe ist von keiner Seite her zu erwarten.« »Und das Kloster steht fast unversehrt wie am ersten Tage unserer Belagerung,« fügte Sadowski hinzu. »Was bleibt uns nun?« »Schimpf und Schande.« »Ich habe den Befehl erhalten, dem allen entweder schnell ein Ende zu machen oder nach Preußen abzumarschieren. – Und dieses Kloster steht noch, – dieses Jasno-Gora! dieser Hühnerstall! – Und ich konnte es nicht nehmen! Ist das Traum oder Wirklichkeit?« »Ja, dieser Hühnerstall steht noch,« wiederholte Wort für Wort der Fürst von Hessen. »Und wir treten den Rückzug an, wir sind geschlagen.« Alle schwiegen. »Mehr als einmal ist es schon dagewesen,« begann mit lauter Stimme Wrzeszczowicz, »daß eine belagerte Festung sich durch Lösegeld frei gekauft hat. Die Belagerer ziehen dann Siegern gleich ab, denn wer ein Lösegeld zahlt, bekennt sich als besiegt.« Die Offiziere, die zuerst dem Redner mit unverkennbarer Geringschätzung zugehört hatten, spitzten die Ohren. »Möge das Kloster uns Lösegeld zahlen,« fuhr Wrzeszczowicz fort, »dann wird niemand behaupten, daß wir die Festung nicht mit Gewalt nehmen konnten.« »Aber sie werden darauf nicht eingehen.« »Ich setze meinen Kopf, ja, noch mehr, meine Ritterehre, dafür ein. Was sagen Sie dazu, Exzellenz?« »Ich habe durch Ihre Vorschläge schon viele Sorgen gehabt,« antwortete Müller, »aber diesen nehme ich mit Dank an.« Alle atmeten erleichtert auf; es blieb wirklich nichts anderes als der schimpfliche Rückzug übrig. Am nächsten Morgen versammelten sich alle in Müllers Quartier, um Kordeckis Antwort auf die Forderung des Lösegeldes abzuwarten. Plötzlich klirrten die Fensterscheiben, durch eine laute Salve erschüttert. »Was heißt das? Schüsse aus der Festung?« rief der General und lief wie toll aus dem Zimmer. Die anderen folgten ihm alle. Wirklich kamen die Schüsse aus der Festung. »Was soll das nur bedeuten? Schlagen sie sich untereinander oder was?« schrie Müller. – »Ich verstehe das nicht!« Aber was er sah, bestürzte ihn aufs äußerste. Bei der ersten Salve verließen die schwedischen Wachen ihre Stellungen auf den Schanzen und stoben in größter Unordnung auseinander. Ein ganzes Regiment auserlesener Schützen flüchtete sich in die Nähe seines Quartiers, und an Müllers Ohren drangen die Worte der Offiziere: »Es ist Zeit, die höchste Zeit, den Rückzug anzutreten!« Allmählich beruhigte man sich draußen; der Feldherr und seine Offiziere gingen wieder in das Zimmer. Bald darauf hörten sie im Flur Sporengeklirr, und ein Trompeter, blaurot vor Kälte, mit bereiftem Schnurrbart, trat ein. »Eine Antwort aus dem Kloster,« sagte er, indem er dem General eine in ein rotes Tuch gehüllte Rolle überreichte. Müller durchschnitt eiligst die Schnur, und begann das Tuch zurückzuschlagen. Die Augen aller waren auf die Rolle gerichtet. Der General riß ungeduldig die Enden des Tuches auseinander, und auf den Tisch fielen – Oblaten. Müller erblich, und obwohl ihn niemand nach dem Inhalt der Rolle fragte, sagte er dumpf: »Oblaten!« Es entstand Grabesstille. »Pan Wrzeszczowicz!« rief der General mit vor Wut entstellter, Unheil verkündender Stimme. »Der Graf ist fort!« antwortete einer der Offiziere. – Und wieder wurde es still. Des Nachts machte sich das ganze Lager auf die Beine. Sobald das Tageslicht erlosch, bemerkte man im Kloster, daß eine lebhafte Bewegung im schwedischen Lager vorging. Man vernahm Pferdegewieher, Rädergeknarre, Kommandorufe und Kettengerassel. »Wahrscheinlich bereiten sie zu morgen einen neuen Angriff vor,« sprachen die Wachen am Tore zueinander. Der Himmel bedeckte sich dichter und dichter mit Wolken; es begann zu schneien. Gegen fünf Uhr morgens war es ganz still im schwedischen Lager. Der Schnee fiel stärker und stärker. Er hüllte schon das ganze Kloster in einen dicken, weichen Mantel ein, als wollte er es vor den Augen der Belagerer, vor ihren Verderben bringenden Kugeln und Bomben schützen. Endlich begann es zu tagen. Man läutete gerade zum Frühgottesdienst, als die Wachen am Nordturm Pferdegewieher vernahmen. Am Tore war ein Bauer, der ganz mit Schnee bedeckt war. Hinter ihm, auf der Straße, stand sein Schlitten, vor den ein magerer Gaul gespannt war. »He! Leute öffnet!« schrie der Bauer. »Wer da?« fragte die Wache. »Ein unsriger. Ich hab' euch Wild gebracht.« »Wie, haben dich denn die Schweden durchgelassen?« »Welche Schweden?« »Die das Kloster belagern!« »He! Sind keine Schweden mehr da.« »Fort! – Gelobt sei Jesus Christus!« »Ihre Spuren hat der Schnee schon längst bedeckt.'' Die Nachricht verbreitete sich mit Blitzesschnelle im ganzen Kloster. Von dem Kirchturme wurde sogleich Sturm geläutet. Kaum war eine Viertelstunde vergangen, als der ganze Hof mit Frauen, Kindern und Mönchen gefüllt war. Die einen stürzten auf die Wälle, um nach den Schweden auszusehen, die anderen schluchzten und lachten abwechselnd vor Freude. Einige Stunden später schon war der Fuß des Berges und die Landstraße mit Leuten überfüllt. Die Tore des Klosters standen weit geöffnet. Die Glocken läuteten unentwegt und sandten ihren Siegesgesang weit, weit hinaus, und verbreiteten die frohe Kunde in der ganzen Republik. Und der Schnee fiel leise und dicht und verschüttete jegliche Spuren des schwedischen Lagers. * * * An diesem Tage las der Pater Kordecki selbst die Messe. Nicht mehr erzitterten die Mauern unter dem Kanonendonner des Feindes; kein von den Wänden abbröckelnder Staub überschüttete heute die Andächtigen; nichts unterbrach das Gebet und jenen Dankgesang, den der heilige Prior inmitten des allgemeinen Weinens der Freude anstimmte: »Te Deum laudamus!« Ende des dritten Buches. Zweiter Band. Viertes Buch. 1. Kapitel. Die Pferde trugen Kmicic und die Kiemlicz' schnell längs der schlesischen Grenze. Pan Andreas schlummerte im Sattel und erwachte erst gegen Tagesanbruch. Mit verwunderten Augen sah er sich um; im ersten Augenblick erschien es ihm, als habe er alle die Begebenheiten der vergangenen Nacht nur geträumt. »Kiemlicz, bist du es? Kommen wir aus Czenstochau?« »Jawohl, Pan Oberst, aus Czenstochau!« »Und wo sind wir jetzt?« »In Schlesien. Jetzt werden uns die Schweden nicht mehr einholen!« »Das ist gut!« Kmicic kam ganz zu sich. »Und wo hält sich unser gnädiger König auf?« »In Glogau.« »So reiten wir zu ihm. Zu Füßen des Königs wollen wir fallen und ihm unser Leben zur Verfügung stellen. Hörst du, Alter?« »Zu Befehl, Pan Oberst.« Kmicic verfiel in Gedanken. Augenscheinlich dachte er über etwas nach. Schließlich sagte er: »Höre, am Hof und vor dem Könige sagt ihr mit keinem Worte, wer ich bin! – Ich heiße Babinicz, und wir kommen aus Czenstochau. Von der Kanone und Kuklinowski könnt ihr erzählen, aber ja niemandem meinen Namen verraten. – Vielleicht wird man sonst meine Absichten mißdeuten und mich für einen Verräter halten, weil ich einstmals in der Verblendung dem Wilnaer Wojewoden gedient habe. Bei Hofe wird man wohl davon unterrichtet sein.« »Pan Oberst, nach dem, was Sie alles bei Czenstochau getan haben –« »Und wer wird die Beweise dazu liefern, solange das Kloster belagert wird?« »Gut, alles soll geschehen, wie Sie befehlen.« Und die Reiter schlugen die Richtung nach Glogau ein. Überall, wo sie unterwegs mit Menschen zusammenkamen, wurden sie nach Czenstochau gefragt. Ob das Kloster sich noch halte? Und ob es die Belagerung aushalten werde? Und Pan Andreas erwiderte allen, daß Czenstochau unbedingt standhalten werde. Die Gasthäuser, die unsere Reiter an der Landstraße berührten, waren alle überfüllt. Die einen waren auf der Flucht begriffen aus den Gebieten, denen schwedische Besetzung bevorstand, andere wieder, und es waren ihrer nicht wenige, die genug von der schwedischen Herrschaft gekostet hatten, eilten, um sich dem geflohenen Könige wieder zur Verfügung zu stellen. Die Nachrichten, die aus Polen kamen, belebten die Hoffnung dieser Flüchtlinge, und viele bereiteten sich schon zu einer Waffenerhebung vor. Boten mit Briefen flogen zum und vom König. Die Hetmans, die Truppen, die Schlachta, alle waren bereit, zu den Waffen zu greifen. Kurz, man befand sich am Vorabend des allgemeinen Aufruhrs, der an manchen Orten schon aufzuflammen begann. Die Schweden verloren mehr und mehr den Kopf; stutzig geworden, fragten sie sich: »Ist denn das dasselbe Volk, das gestern erst seinen König verlassen und sich ohne jeden Widerstand unterworfen hat?« Sie zogen nicht in Betracht, daß dieses Volk sich ein Gefühl bewahrt hatte, dessen irdische Bezeichnung »Czenstochau« war. Und in diesem Gefühl allein lag seine Auferstehung. Der Kanonendonner an den Mauern des Heiligtums hallte in den Herzen aller wieder: in denen der Magnaten, Schlachtschitzen, Kleinbürger und Bauern. Ein Schrei der Empörung erfüllte die Luft von den Karpathen bis zum Baltischen Meere, und der Koloß erwachte aus seiner Erstarrung. »Das ist ein anderes Volk!« sprachen die erstaunten Schweden. Das Manifest Jan-Kasimirs, das vordem keinen Eindruck beim Volke gemacht hatte, ging jetzt von Hand zu Hand. Überall versammelte sich die Schlachta, und man las die rührenden Worte des königlichen Flüchtlings, der niemandem Vorwürfe machte und riet, die Hoffnung nicht zu verlieren und der gedemütigten Republik zu Hilfe zu eilen. Selbst im schwedischen Lager, in den Festungen, in den von Schweden besetzten Schlössern, kurz, überall, wo sich polnische Banner befanden, wurde das Manifest gelesen. Die Schlachta begoß jedes königliche Wort mit Tränen und schwur beim Kreuze, dem Rate des Königs zu folgen. Und um ihre Bereitwilligkeit zu beweisen, solange noch die Begeisterung in ihren Herzen brannte und die Tränen in ihren Augen nicht getrocknet waren, stiegen alle zu Pferde und stürzten sich auf die Schweden. So tat man in Litauen, Smudien, Masovien, Groß- und Klein-Polen. Oft, wenn die Schlachta zu irgend welchen Festlichkeiten versammelt war, überfiel sie zum Schlusse die nächste schwedische Abteilung, die sie dann vernichtete. Auch die Bauern schlossen sich solchen Unternehmungen an und meldeten die Standorte der schwedischen Abteilungen. Gern verkleideten sich die Polen zu diesem Zwecke als Tataren, denn allein das Wort Tatar genügte, um die Herzen der Schweden mit Schrecken zu erfüllen. Von der unerschütterlichen Tapferkeit und der Grausamkeit dieser Söhne der Krymer Steppen, mit denen die Skandinavier noch nie in Berührung gekommen waren, kursierten merkwürdige Märchen unter den Schweden. Ihre Kommandanten und Obersten waren aufrichtig überzeugt, daß das Gerücht von einer hunderttausendköpfigen Armee des Krymer Chans, die Jan-Kasimir zu Hilfe eile, sich bewahrheitete. Und in Furcht zogen sie sich in die größeren Festungen und Lager zurück, überall den blinden Lärm verbreitend. Am schlimmsten jedoch war für die Schweden der Aufstand der Bauern, der sogleich mit dem ersten Tage der Belagerung von Czenstochau seinen Anfang genommen hatte. Die scharfsichtigen schwedischen Generale sahen auf diese schwarzen, heranziehenden Wolken mit der größten Unruhe. Karl-Gustav versuchte noch durch Gnaden und Schmeicheleien die polnischen Banner, die ihm nach Preußen gefolgt waren, an sich zu ketten. Nichts war ihm zuviel für den Pan Fahnenträger Koniecpolski, den berühmten Helden von Zbaraz. Je mehr die Briefe des schwedischen Königs an die Hetmans und Magnaten von Liebenswürdigkeiten und Versprechungen strotzten, desto strikter gab der König seinen Generalen den Befehl, durch Schrecken und Furcht die drohende Gefahr im Keime zu ersticken. Mit Feuer und Schwert sollten sie jeden Widerstand unterdrücken und besonders danach trachten, die Bauernbanden zu vernichten. Ein eisernes Soldatenregiment führten die Schweden ein, sie warfen ihre Maske ietzt vollständig ab. Dörfer, Gasthäuser, Kirchen, alles wurde dem Erdboden gleich gemacht. Gefangene Schlachtschitzen wurden den Henkern ausgeliefert, den Bauern schnitt man den rechten Arm ab und ließ sie dann laufen. Besonders stark wütete der Aufruhr in Groß-Polen, das sich zuerst unterworfen, aber auch zuerst gegen die fremde Macht aufgelehnt hatte. Der Kommandant Stein befahl einmal, dreihundert gefangenen Bauern den rechten Arm abzuhauen. Jeden Tag wurden Galgen aufgestellt, an denen täglich neue Opfer hingen. – Ebenso wirtschaftete Magnus de la Gardie in Litauen und Smudien, wo zuerst einzelne Dörfer, dann aber die ganze Bevölkerung zu den Waffen griff. – Aber das Feuer, das mit Blut gelöscht werden sollte, loderte mit immer größerer Kraft wieder auf. Es begann ein Kampf, in dem es sich nicht mehr um einen Sieg oder um die Einnahme einer Stadt oder Provinz handelte, sondern allein um Leben und Tod. Das war nicht mehr ein Krieg, sondern ein unbarmherziges Schlachten. – – 2. Kapitel. Nach langer, mühseliger Reise langte Kmicic mit den drei Kiemlicz' in Glogau an. Es war schon dunkle Nacht, als sie in die Stadt hineinritten, die von Truppen, Pans, königlichen Dienern und Magnaten ganz überfüllt war. Die Gasthäuser waren alle so besetzt, daß es dem alten Kiemlicz nur mit großer Mühe gelang, für Kmicic außerhalb der Stadt bei einem Seiler Quartier zu bekommen. Den ganzen folgenden Tag lang lag Kmicic in hohem Fieber, er fürchtete schon, einer schweren Krankheit entgegenzugehen. Seine eiserne Natur jedoch gewann die Oberhand. Am nächsten Morgen bereits fühlte er sich besser; er kleidete sich an und begab sich in die Kathedrale. Noch durchdrang das schwache Tageslicht kaum die Dunkelheit der nebeligen und schneeigen Nacht. Alle in der Stadt lagen in tiefem Schlafe. In der Kirche, in der man die Messe las, waren nur sehr wenige. Dicht am Fuße des Altars sah Pan Andreas eine Gestalt, die mit dem Gesichte nach unten, ausgestreckt auf einem Teppiche lag. Hinter dieser Gestalt knieten zwei hübsche Jünglinge. Der Mann lag unbeweglich, und nur an den konvulsiven Bewegungen der Schultern sah man, daß er betete und weinte. Kmicic vertiefte sich auch in sein Gebet; doch unwillkürlich richteten sich seine Augen wieder auf den Unbekannten. Ohne Zweifel war dieser Mann eine hohe Persönlichkeit. Er trug ein schwarzes, mit Zobelpelz gefüttertes Gewand und einen großen, weißen Spitzenkragen, durch den man eine goldene Kette leuchten sah. Neben ihm lag ein schwarzer Hut mit Federn, und ein Page hielt seine Handschuhe und einen blau emaillierten Degen. Das Gesicht des Unbekannten war durch den Teppich und eine lange Lockenperücke verdeckt. Die Betenden und auch der Geistliche blickten mit tiefem Mitgefühl und größter Achtung auf den Mann. Kmicic stieß seinen Nachbar leise an und fragte: »Entschuldigen Sie, wenn ich Sie störe. Wer ist das?« Er richtete seine Augen fragend auf den Unbekannten. »Sie kommen wohl von weit her? – Das ist der König.« »Nicht möglich!« sprudelte Kmicic heraus. In diesem Augenblicke begann der Pater das Evangelium zu lesen, und der König erhob sich. Pan Andreas sah ein gelbes, wie Wachs durchsichtiges, mageres Gesicht. Die Augen des Königs waren feucht, die Lider leicht geschwollen. Das Geschick des ganzen Landes hatte sein Siegel auf diesem edlen Antlitz abgedrückt. Unendlicher Kummer und tiefes Leid, schlaflose, im Gebet verbrachte Nächte, die Bitterkeit eines von allen verlassenen Verbannten, das gekränkte Gefühl der gedemütigte Enkel und Urenkel mächtiger Könige zu sein, der Undank des Landes, für das er bereit war, sein Leben und Blut zu opfern – das alles hatte in seinen Zügen tiefe Spuren hinterlassen. Aber die Augen dieses Mannes blickten so sanft, alles vergebend, daß selbst der schlimmste Verbrecher seiner Gnade gewiß sein konnte. Der Anblick des Königs tat Kmicic bitter weh, er fühlte, daß seine Augen sich mit Tränen füllten. Die Bereitwilligkeit, dieser leidenden Majestät sein Blut, sein Leben und all seine Kräfte zu weihen, wuchs zu einem heftigen Verlangen. In diesem Augenblicke erstarb in ihm der selbstherrliche, ungestüme Schlachtschitz, und der Royalist, der mit ganzer Seele seinem Könige ergeben ist, erwachte. Die Messe war zu Ende, aber weder der König noch Kmicic rührten sich von der Stelle. »Erlauben Sie mir eine Frage, wer sind Sie?« fragte der Nachbar Pan Andreas. Kmicic fuhr zusammen wie jemand, der aus tiefem Schlafe geweckt wird. »Ich? – Ich bin Babinicz aus Litauen.« »Und mein Name ist Lugowski, ein Höfling des Königs. – Sie kommen also aus Litauen?« »Nein, aus Czenstochau!« Pan Lugowski war einen Augenblick starr vor Staunen. »O, wenn es so ist, so kommen Sie mit mir. Seine Majestät grämt sich sehr über das Schicksal Czenstochaus, da er ohne jede bestimmte Nachricht von dort ist. – Ja, ja. – Sie sind gewiß einer aus Zbrozeks oder Kuklinowskis Regiment? Sie kommen also von Czenstochau?« »Ja, direkt aus der Festung.« »Sie scherzen! – Wie steht es da? – Leistet Jasno-Gora noch Widerstand?« »Es verteidigt sich immer noch, und die Schweden sind bald so weit, den Rückzug anzutreten.« »Gott sei gedankt! Der König wird Sie für diese Nachricht mit Gold überschütten. – Sie sagen also, Sie kommen direkt aus dem Kloster? – Wie aber haben denn die Schweden Sie durchgelassen?« »Ich habe sie selbstredend nicht erst darum gebeten. – Aber verzeihen Sie, hier in der Kirche kann ich Ihnen das doch nicht alles erzählen.« »Richtig, richtig!« gab Pan Lugowski zu. »Warten Sie einmal, wir wollen an die Tür treten, dann kann ich Sie gleich dem Könige vorstellen.« Kaum hatten sie den Platz eingenommen, als Jan-Kasimir sich erhob und zur Tür schritt. »Majestät!« rief Pan Lugowski. »Hier bringt jemand Nachrichten aus Czenstochau.« Das gelbliche Gesicht Jan-Kasimirs belebte sich sofort. »Wie? Wer bringt Nachrichten?« fragte er lebhaft. »Dieser Schlachtschitz hier; er sagt, er komme direkt aus Czenstochau.« »Ist das Kloster denn schon genommen?« rief der König erschrocken. Pan Andreas warf sich zu des Königs Füßen; Jan-Kasimir aber bückte sich nieder und hob ihn auf. »Später, später! Jetzt stehen Sie auf, um Gottes willen, stehen Sie auf! Sprechen Sie, – – ist das Kloster genommen?« Kmicic stand auf. »Es ist nicht genommen, gnädiger Herr, und es wird nicht genommen werden. Die Schweden sind geschlagen, ihre größte Kanone ist in die Luft gesprengt worden. Hunger, Unglück und Furcht herrschen im schwedischen Lager. Man beginnt sich mit dem Gedanken eines Rückzuges vertraut zu machen.« »Gelobt sei die Herrscherin der Welt!« sagte der König. Er nahm den Hut ab, und ohne in die Kirche tiefer hineinzutreten, ließ er sich noch einmal auf die Knie nieder. Während Freudentränen seine Augen füllten, betete er lange und inbrünstig. Nach dem Gebet erhob er sich gefaßt und begann Kmicic auszufragen. »Wie heißen Sie, Kavalier? Babinicz? Pan Lugowski mag Sie in unser Quartier führen.« Eine Viertelstunde später stand Kmicic im Gemache des Königs. Eine Reihe hoher Würdenträger war dort versammelt, und der König wartete nur auf die Königin, um das Frühstück einzunehmen. Sobald Marie-Luise erschienen war, rief Jan-Kasimir: »Czenstochau hält sich! Die Schweden treten den Rückzug an! Hier ist Pan Babinicz, er kommt von dort und bringt uns diese Nachrichten!« Die schwarzen, prüfenden Augen der Königin blieben einen Augenblick auf dem Gesichte des jungen Ritters haften, und er sah ihr mutig und aufrichtig in die Augen. »Sie nehmen eine schwere Last von unseren Herzen,« sagte sie; »gebe Gott, daß diese Botschaft ein Vorzeichen einer besseren Zukunft sein möge! – Sie kommen also von Czenstochau?« »Ja, direkt aus Czenstochau, direkt aus dem Kloster. Er ist einer seiner Verteidiger! – Teuerer Gast, erzählen Sie, wie Ihr Euch verteidigt habt, und wie Euch Gottes Hand geschützt hat!« Die Großwürdenträger betrachteten Kmicic mit neugierigen Augen; aber Pan Andreas wurde nicht im geringsten verlegen und begann seinen Bericht. Er sprach klar und kurz, wie ein Soldat, der alles gesehen und mit erlebt hatte. Er sprach vom Pater Kordecki wie von einem, heiligen Propheten, hob Pan Zamoyski und Pan Czarniecki in den Himmel; aber von sich redete er nicht. Alle hörten ihm mit Staunen zu. Der Erzbischof weinte; Pater Wydzga übersetzte die Erzählung dem päpstlichen Nuntius. Als Kmicic von den letzten Stürmen und der schweren Artillerie erzählt hatte, die Müller sich aus Krakau hatte kommen lassen, hielt er plötzlich an. Sein Gesicht überflog eine hohe Röte, seine Brauen zogen sich zusammen, er hob stolz den Kopf und fuhr fort: »Und jetzt muß ich von mir erzählen, obwohl ich es vorzöge zu schweigen; denn was ich sage, könnte leicht wie Selbstüberhebung klingen, und wie ein Streben nach Belobigung und Auszeichnung. Die höchste Auszeichnung für mich ist die, für den König mein Blut zu vergießen.« »Sprechen Sie mutig weiter; wir glauben Ihnen,« sagte der König. »Unter den neu angekommenen Kanonen,« fuhr Kmicic fort, »war eine, der keine Festung auf die Dauer widerstehen konnte, und –« »Nun, was ist's mit dieser Kanone?« fragte Jan-Kasimir. »Diese Kanone, – – ich ging nachts aus der Festung und sprengte sie mit Pulver in die Luft!« »Heiliger Gott!« rief der König. Die anderen konnten kein Wort vorbringen. Sie blickten unverwandt auf den Ritter, der mit funkelnden Augen und flammender Röte im Gesicht vor ihnen stand. In seiner ganzen Erscheinung lag so viel toller Wagemut, daß ihm alle unwillkürlich glaubten. »Wie aber haben Sie das ausgeführt?« fragte endlich Jan-Kasimir. Kmicic erzählte, wie sich alles zugetragen hatte. »Ich traue meinen Ohren nicht,« sagte der Kanzler Pan Korycinski. »Meine Herren,« unterbrach ihn feierlich der König. »Wir wußten bisher nicht, wen wir vor uns haben. Die Republik ist noch nicht verloren, die solche Ritter und Bürger gebärt!« »Aber das klingt ja alles völlig unwahrscheinlich,« begann wieder der Kanzler. »Sagen Sie, Pan Kavalier, wie haben Sie Ihr Leben retten und sich durch die schwedischen Reiter hindurchschlagen können?« Kmicic erzählte, wie man ihn gefunden, vor ein Kriegsgericht gestellt und dann Kuklinowski ausgeliefert hatte. Er erzählte alle Einzelheiten von seiner Errettung und den drei Kiemlicz'. Als er geendet, stand der Kanzler, der vorher mit dem Erzbischof von Gnesen geflüstert hatte, auf und sagte: »Hierher kommen viele solcher Leute, die aus Prahlerei oder einer Belohnung wegen das Blaue vom Himmel schwatzen. Zuweilen sind das einfach feindliche Spione.« Kmicic wurde dunkelrot. »Pan, ich weiß nicht, welche Stellung Sie hier einnehmen,« rief er erregt, »aber ich denke, Sie bekleiden eine hohe Würde. – Aber wissen Sie, es gibt keine Würde, die gestatten könnte, einen Schlachtschitzen ohne jeden Beweis der Lüge zu zeihen!« »Mensch! Sie sprechen zum Kronkanzler!« flüsterte Pan Lugowski Kmicic zu. Dieser aber war ganz außer sich. »Jedem, der es wagt, mich einen Lügner zu heißen, mag er selbst der Kronkanzler sein, werde ich zurufen: Es ist leichter, Beschuldigungen zu erheben, als sein Leben zu opfern; es ist leichter, Tinte zu vergießen, als sein Blut!« Pan Korycinski war gar nicht beleidigt; er sagte ruhig: »Pan Kavalier, ich beschuldige Sie gar nicht der Lüge. Aber wenn Sie die Wahrheit sagen, so muß Ihre Seite verbrannt sein.« »So kommen Sie mit mir in ein anderes Zimmer, und ich werde sie Ihnen zeigen,« entgegnete Kmicic scharf. »Das ist nicht nötig,« rief der König, »wir glauben Ihnen auch so.« »Nein, Majestät,« entgegnete Pan Andreas, »ich bitte selbst um die Gnade, damit mich nachher keiner, er sei noch so hoch gestellt, beleidigen darf. Ich fordere keine Auszeichnung, ich verlange nur, daß man mir glaubt. Schicken Sie jemand mit mir hinaus, es ist für mich unerträglich, unter dem Verdachte eines Lügners zu stehen.« »Ich gehe,« sagte Tyzenhauz, ein junger Edelmann am Hofe des Königs. Er führte Pan Andreas in ein Nebenzimmer. »Ich glaube Ihnen vollständig und gehe nur mit, weil ich Sie manches fragen möchte,« sagte er unterwegs. »Ich habe Sie sicherlich schon irgendwo in Litauen gesehen. Ich kann mich nur nicht Ihres Namens entsinnen.« Kmicic wandte sich ab, um seine Verlegenheit zu verbergen. »Vielleicht trafen wir mal auf einem Provinziallandtag zusammen.« »Vielleicht, Ihr Gesicht ist mir bekannt. Aber ich meine, daß Sie sich damals anders nannten!« »O, Sie verwechseln mich einfach mit irgend jemandem!« antwortete Pan Andreas. Nach einigen Minuten erschien Pan Tyzenhauz wieder vor dem Könige. »Ich habe es gesehen, Majestät,« sagte er, »die ganze Seite Pan Babinicz' ist in der Tat fürchterlich verbrannt.« Als Kmicic wieder das Zimmer betrat, stand der König auf und umarmte ihn. »Wir haben nicht einen Augenblick an der Wahrheit Ihrer Worte gezweifelt, und Ihre Verdienste werden nicht unbelohnt bleiben!« Die Königin reichte Pan Andreas ihre Hand, die er knieend ehrfurchtsvoll küßte. »Und dem Kanzler dürfen Sie seine Worte nicht übelnehmen,« begann Jan-Kasimir wieder. »Es kommen in der Tat genug Maulhelden und Verräter hierher, und es war seine Pflicht, die Wahrheit herauszufinden.« »Was bedeutet der Zorn eines so unbedeutenden Mannes, wie ich es bin, für einen so hohen Würdenträger?« entgegnete Pan Andreas. »Auch ich bekenne mich schuldig, daß ich zu einem ehrwürdigen Senator so gesprochen, der schon durch seine Ergebenheit dem Vaterlande ein Beispiel gibt.« Der Kanzler lächelte gutherzig und reichte Pan Andreas die Hand. »Also ist der Friede wieder hergestellt. Und was Sie vorher bezüglich der Tinte gesagt haben, Kavalier, so wissen Sie, daß die Korycinskis schon oft anderes als Tinte für das Vaterland vergossen haben.« Der König war mit dem ganzen Vorgang sehr zufrieden. »Pan Kavalier,« wandte er sich an Kmicic, »Sie stehen jetzt unserem Herzen so nahe, wie nur wenige. Ich lasse Sie nicht mehr von mir, und so Gott es will, werden wir zusammen in unsere Heimat zurückkehren!« »O, erhabener König!« rief Kmicic begeistert aus, »obwohl ich in der Festung eingeschlossen war, so weiß ich von der Schlachta und von den Truppen, sogar von denen, die unter Zbrozek und Kalinski Czenstochau belagern, daß alle die Tage und Stunden zählen, wo Du zurückkehren wirst. Zeige Dich dem Volke, und in dem gleichen Augenblicke werden Litauen und ganz Polen sich wie ein Mann erheben! Die Schlachta wird ins Feld ziehen, die Bauern! Überschreite heute die Grenze, und in einem Monate wird in ganz Polen kein einziger Schwede mehr sein!« Kmicic' Enthusiasmus begeisterte auch die Königin, die schon längst Versuche gemacht hatte, den König zur Rückkehr zu bewegen. »Durch den Mund dieses Schlachtschitzen spricht dein ganzes Volk zu dir!« sagte sie zum König. »Wir waren immer bereit, unser Leben und unsere Kräfte zu opfern,« entgegnete der König, »wir warten nur auf die Besserung unserer Untertanen.« »Diese Besserung hat schon begonnen,« sprach Marie-Luise. »Und Koniecpolski?« fragte der König. »Und alle die anderen, die auf seiten des Usurpators stehen und ihn ihrer Treue versicherten?« Niemand antwortete ein Wort. – Die Augen des Königs erloschen, sein Gesicht verfinsterte sich wieder. »Gott sieht unser Herz; er allein weiß, daß wir bereit wären, schon heute aufzubrechen. Uns hält nicht die schwedische Macht zurück, sondern die unselige Unbeständigkeit unseres Volkes; das wie Proteus täglich sein Gesicht wechselt. Können wir überzeugt sein, daß die Reue echt und diese Ergebenheit aufrichtig ist? Können wir dem Volke glauben, das uns erst vor kurzem verlassen und sich leichten Herzens mit dem Usurpator gegen seinen König, gegen sein eigenes Land, gegen seine Freiheit verbunden hat? Beschämt und schmerzhaft krampft sich unser Herz zusammen unseres Volkes halber! Weist die Geschichte je ein solches Beispiel auf! Und so traurig es auszusprechen ist, so sind wir inmitten unseres eigenen Heeres nicht unseres Lebens sicher!« »Majestät!« rief Kmicic aus, »unser Volk hat sich schwer versündigt, und Gottes strafende Hand liegt hart auf ihm. Aber bei Christus schwöre ich Ihnen, unter diesem Volke würde sich keiner finden, der es wagen sollte, die Hand zu legen an die heilige Person des von Gott Gesalbten!« »Sie glauben das nicht, und doch besitzen wir leider Beweise. Schlimm haben uns die Radziwills alle die Wohltaten belohnt, mit denen wir sie überschütteten. Schließlich aber erwachte in dem Verräter Boguslaw doch das Gewissen, er wollte nicht nur seine Hand nicht zu einem Attentate leihen, sondern er war der erste, der uns gewarnt hat.« »Von welchem Attentate sprechen Sie?« rief der erstaunte Kmicic. »Fürst Boguslaw teilte uns mit, daß sich ein Mann bei ihm gemeldet, der versprochen hätte, mich für hundert Dukaten zu ergreifen und den Schweden lebend oder tot auszuliefern.« »Wer war es denn? Wie hieß der Mann?« konnte sich Kmicic nicht enthalten zu fragen. »Ein gewisser Kmicic,« entgegnete der König. Das Blut strömte Pan Andreas zu Kopfe, vor den Augen wurde es ihm finster, er faßte mit beiden Händen an seinen Kopf und schrie mit fürchterlicher, wahnsinniger Stimme: »Das ist eine Lüge! Fürst Boguslaw lügt wie ein Hund! Majestät, glauben Sie diesem Verräter nicht. Er hat dieses Märchen absichtlich ersonnen, um an einem seiner Feinde Rache zu nehmen. O Majestät, Kmicic würde so etwas nie tun!« Hier wankte Pan Andreas. Seine durch die lange Belagerung und die Martern Kuklinowskis erschöpften Kräfte verließen ihn, er sank ohnmächtig zu Boden. Man trug ihn in ein Nebenzimmer. Die Würdenträger konnten durchaus nicht begreifen, warum die Worte des Königs einen so furchtbaren Eindruck auf den jungen Schlachtschitzen gemacht hatten. »Wenn er nur kein Verwandter von Kmicic ist,« sagte der Kastellan von Krakau. »Darüber wird man sich Sicherheit verschaffen müssen,« antwortete Korycinski. »Meine Herren!« begann Tyzenhauz. »Gott bewahre mich, daß ich von diesem Schlachtschitzen etwas Schlechtes sagen werde, aber es ist gut, ihm nicht allzusehr zu trauen. Daß er in Czenstochau war, ist wahr, und doch will mir ein unabweisbarer Gedanke nicht aus dem Kopfe und vergiftet mein Vertrauen zu ihm. Sehen Sie, ich bin diesem Manne schon einmal in Litauen begegnet, aber ich weiß nicht wo.« »Nun, und was beweist das?« fragte der König. »Ich dächte, daß er sich damals nicht Babinicz nannte.« »Seien Sie vorsichtig mit Ihren Vermutungen. Sie sind jung, zerstreut, Sie können leicht zwei Menschen miteinander verwechseln. Ob er Babinicz heißt oder nicht, warum sollten wir ihm mißtrauen? Aus seinem Gesichte strahlen Mut und Offenherzigkeit. Wahrhaftig, ich müßte ja aufhören, mir selbst zu glauben, wenn ich einem Soldaten, der für das Vaterland und für uns sein Blut vergossen hat, nicht trauen sollte.« »Er verdient sicherlich mehr Vertrauen als der Brief des Fürsten Boguslaw,« fiel plötzlich die Königin ein. »In diesem Briefe, so behaupte ich, steht nicht die Wahrheit. Die Radziwills würden sehr viel gewinnen, wenn wir den Mut verlören. Es ist leicht möglich, daß der Fürst einen Feind verderben und sich gleichzeitig eine Hintertür zu unserem Vertrauen sichern wollte.« »Wenn wir nicht gewöhnt wären, daß durch den Mund der Königin die Weisheit selbst spricht, so würde ich mich über die Feinheit des ausgesprochenen Gedankens wundern,« sagte der Primas. Die geschmeichelte Königin erhob sich von ihrem Platze und fuhr fort: »Ich will nicht von den Radziwills, nicht von dem Briefe des Fürsten Boguslaw sprechen, der wahrscheinlich seine persönlichen Ziele verfolgte, ich will über die Worte des Königs, meines Gemahls, sprechen, die mich bitter geschmerzt haben. Wer soll sich sonst über die polnische Nation erbarmen, wenn der eigene König sich von ihr abwendet? Es ist wahr, die Nation hat sich schwer versündigt, wo aber findet man eine andere, die so schnell und reuig ihre Schuld bekennt? Jetzt ist sie bereit, für ihren Herrscher ihr Gut, Leben und Blut zu opfern. Wollen Sie sie nun zurückstoßen? Wollen Sie Ihren reuigen, gebesserten Kindern Ihr Vertrauen nicht wieder schenken? Majestät, das können Sie nicht; denn Ihr Volk sehnt sich nach Ihnen und Ihrer weisen Regierung. – Kehren Sie in Ihr Land zurück! – Ich bin nur ein Weib; aber ich fürchte keinen Verrat! Ich sehe die Liebe des Volkes vor mir, ich sehe das wiederhergestellte Reich vor mir, das Sie nach dem Tode Ihres Vaters und Bruders auf den Thron berufen hat. Ich kann nicht eine einzige Minute glauben, daß der allergnädigste Gott unsere Republik dem endgültigen Verderben preisgeben wolle. Er hat seinen Kindern Unglück und Leid geschickt, um sie für ihre Sünden zu strafen, aber er wird wieder die Sonne seiner Gnade über sie leuchten lassen. Majestät, öffnen Sie den Reumütigen Ihre Arme, und stoßen Sie sie nicht von sich! So allein kann sich Böses in Gutes, Niederlage in Triumph verwandeln!« – – Mit leuchtenden Augen und wogender Brust ließ sich die Königin wieder auf ihren Platz nieder. Die Großwürdenträger blickten sie mit Verehrung an; alle waren von ihrer Begeisterung mit fortgerissen worden. Sogar auf des Königs bleichem Gesicht flammte eine Röte auf, und er rief: »An der Seite einer solchen Königin gebe ich mein Königreich nicht verloren! Ihr Wille geschehe. Je eher ich die Reise antrete und wieder die Zügel der Regierung ergreife, desto besser!« – »Ich will mich dem Willen Ihrer Majestät nicht widersetzen,« sagte langsam und feierlich der Primas, »noch will ich Ihnen abraten, Ihre Absichten auszuführen: aber es wäre ratsam, wenn wir uns vorher in Oppeln versammeln und alles mit den Senatoren besprechen würden.« »Gut denn, auf nach Oppeln!« rief Jan Kasimir. »Von dort geht's dann weiter; Gottes Wille geschehe!« »Gott wird uns Sieg und eine glückliche Rückkehr schenken!« fügte die Königin hinzu. »Amen«, sagte leise der Primas. 3. Kapitel. Kmicic rannte in seinem Zimmer wie ein angeschossener Luchs wild umher. Die höllische Rache Boguslaw Radziwills machte ihn geradezu rasend. Genügte es nicht, daß der Fürst seinen Händen entschlüpft war, daß er ihm seine Leute getötet und ihn selbst fast ins Grab gebracht hatte, – mußte er ihm noch diesen gemeinen Schimpf antun? Es gab Minuten, in denen Kmicic auf alles verzichten wollte, auf Ruhm und auf den Dienst beim Könige. Er wollte alle diese Hoffnungen von sich werfen und fortlaufen, einzig und allein, um sich an seinem Feinde zu rächen. Aber sobald er ruhiger geworden, sah er trotz seiner Wut ein, daß der Fürst, solange er lebte, seiner Rache nicht entgehen würde, und daß er am besten die ganze Gemeinheit dieser Verleumdung zunichte machte, wenn er dem Könige treu diente. Kmicic schwelgte in dem Gedanken seiner künftigen Rache. Er sah den Fürsten wieder in seinen Händen und schwor bei dem Andenken seines Vaters, sich seiner zu bemächtigen um jeden Preis. Der König, der mit dem Beschluß der Beratung zu Oppeln sehr zufrieden war, kehrte nach Glogau zurück und berief mehrere Offiziere aus seiner Umgebung, darunter auch Kmicic, zu sich. »Ich bin bereit, noch heute von hier aufzubrechen«, sagte Jan-Kasimir. »Sie, meine Herren, als erfahrene Krieger, sind dazu berufen, einen Plan für unsere nächsten Schritte auszuarbeiten.« »Man muß möglichst schnell handeln«, meinte Oberst Wolf, »solange der Feind nichts ahnt und seine Gegenmaßregeln noch nicht getroffen hat.« »Der Feind ist auch ohnehin schon wachsam genug und hält alle nötigen Wege besetzt«, entgegnete Kmicic. »Wieso denn?« fragte der König. »Majestät, Ihre bevorstehende Rückkehr ist für die Schweden keine Überraschung mehr. In der Republik kursieren täglich Gerüchte, daß Sie entweder schon unterwegs sind oder die Grenze Polens schon überschritten haben. Man muß die größte Vorsicht üben und einen Weg durch die Schluchten des Gebirges wählen, da alle anderen Wege durch die Patrouillen von Douglas besetzt sind.« »Die beste Vorsicht«, mischte sich Tyzenhauz ein, indem er Kmicic herausfordernd ansah, »sind dreihundert treue Degen. Sobald Majestät mir das Kommando über diese übergibt, werde ich Sie wohlbehalten hindurchführen, und wenn der Weg über die Leichen der Douglasschen Soldaten gehen müßte.« »Das ist gut, wenn Sie auf dreihundert, meinetwegen auch auf tausend Schweden stoßen. Was aber wollen Sie tun, wenn zwei- oder dreitausend auf Sie warten?« »Nun, wir können ja auch fünfhundert Soldaten mit uns nehmen.« »Behüte Gott, je mehr, desto auffallender wird es ja sein!« rief Kmicic aus. Pan Tyzenhauz zog die Brauen zusammen und sagte ironisch zu Kmicic: »Nun, jetzt erwarten wir Ihren erfahrenen Rat.« »Meine Meinung ist die«, sprach Kmicic ruhig, »je kleiner der Convoi ist, der Seine Majestät begleitet, desto leichter wird man durch die feindlichen Reihen durchkommen.« »Erklären Sie sich deutlicher.« »Majestät, möge Pan Tyzenhauz mit dreihundert Dragonern vorausreiten und absichtlich das Gerücht verbreiten, daß er den König begleite, um die Aufmerksamkeit des Feindes auf sich zu lenken. Euer Majestät brechen dann einige Tage später in Begleitung einer kleinen Abteilung auf.« Der König klatschte entzückt in die Hände. »Großartig, vorzüglich! Salomo selbst würde keinen besseren Rat wissen. Ich bin ganz Ihrer Meinung. Man wird den König unter den Dragonern suchen, und er wird ihnen an der Nase vorbeireiten. Bei Gott, das ist sehr gut!« »Majestät, das ganze ist eine Farce!« rief Tyzenhauz. »Ja, eine militärische Farce!« parierte der König. »Mag es sein, was es will; ich nehme von dieser Idee nicht Abstand.« Tyzenhauz sprang auf. »Majestät!« sagte er, »ich verzichte auf das Kommando über die Dragoner! Mag sie ein anderer befehligen!« »Und warum das?« fragte der König. »Wenn Sie ohne Schutz reisen, sich allen Gefahren, allen Zufälligkeiten des Schicksals aussetzen, die Ihnen unterwegs begegnen können, so möchte ich wenigstens an Ihrer Seite sein, Sie mit dem eigenen Leibe zu schützen und nötigenfalls mein Leben lassen!« »Ich danke Ihnen für Ihre Ergebenheit; aber Sie machen sich unnötige Gedanken! Wir werden allen Gefahren entgehen, wenn wir Pan Babinicz' Rate folgen.« »So mag Pan Babinicz, oder wie er sich sonst nennen mag, alles auf seine Verantwortung nehmen! Vielleicht paßt es ihm gut, wenn Euer Majestät sich im Walde verirren – Ich rufe Gott und alle Anwesenden zu Zeugen, daß ich Ihnen davon abgeraten habe!« Kmicic sprang von seinem Platze auf und schritt auf Tyzenhauz zu: »Was wollen Sie mit Ihren Worten sagen?« fragte er herausfordernd. Tyzenhauz maß ihn vom Scheitel bis zur Sohle mit einem verächtlichen Blick. »Ich rate Ihnen, mir nicht solche Fragen zu stellen! Ich könnte Ihnen sonst etwas Unangenehmes sagen!« »Schweigen Sie!« rief plötzlich der König, die Brauen zusammenziehend. »Beginnen Sie hier keine Streitigkeiten!« Die beiden Kavaliere wurden verlegen und sahen die Taktlosigkeit eines solchen Benehmens in Gegenwart des Königs ein. »Niemand darf diesen Mann beleidigen, der die feindliche Kanone gesprengt und sich aus den Händen der Schweden losgerissen hat! Pan Tyzenhauz, wenn es Ihr Wunsch ist, so mögen Sie in meiner Nähe bleiben. Das Kommando über die Dragoner kann Wolff oder Denhoff übernehmen. Aber auch Pan Babinicz wird bei uns bleiben, und wir werden seinem Rate folgen; denn er ist gut.« »Ich wasche meine Hände«, brummte Tyzenhauz. »Meine Herren, natürlich bleibt unsere Verabredung geheim«, fuhr der König fort. »Die Dragoner sollen nach Ratibor reiten und überall das Gerücht aussprengen, daß wir bei ihnen sind. Und Sie, seien Sie alle bereit; wir können jede Minute aufbrechen. Tyzenhauz, gehen Sie und bringen Sie dem Dragonerhauptmann meinen Befehl!« An demselben Tage noch verbreitete sich in ganz Glogau die Nachricht, daß der König schon seine Reise in die Republik angetreten habe. Sogar die Mehrzahl der Senatoren war von der Wahrheit dieses Gerüchtes überzeugt. 4. Kapitel. Wie verabredet, so geschah es auch. Zwei Tage nach dem Aufbruche der Dragoner machte sich Jan-Kasimir mit seiner kleinen Eskorte auf den Weg. Die kleine Reitergruppe lenkte nirgend eine besondere Aufmerksamkeit auf sich; denn die Gedanken aller beschäftigten sich mit den kurz vorher vorübergekommenen Dragonern, unter denen sich nach allgemeiner Annahme der König befand. So ging die Reise des Königs, den mehrere Würdenträger, Bischöfe und der Nuntius selbst begleiteten, bis Oderberg ohne jede Gefährdung von statten. Von nun an durchritt der Zug das Gebiet Morawiens. Der König war heiter und voll rosigster Hoffnungen. Nicht wenig trug dazu ein Ereignis bei, das von allen günstig ausgelegt und von zeitgenössischen Geschichtsschreibern besonders vermerkt wurden. Als Jan-Kasimir nämlich aus Glogau herausritt, erschien ein unbekannter, weißer Vogel, der über dem Haupte des Königs zu kreisen begann und die Luft mit Freudengeschrei erfüllte. Man erinnerte sich mit einem Male, daß ein gleichartiger, aber schwarzer Vogel über des Königs Haupte schwebte, als er aus Warschau aufbrach, um gegen die Schweden zu ziehen. Überall erwies es sich,, daß Kmicic' Rat ein sehr guter war. In Morawien sprach man nur von dem unlängst erfolgten Durchritt des polnischen Königs. Mache behaupteten sogar, ihn mit eigenen Augen gesehen zu haben, in einem Panzer, das Schwert in den Händen und die Krone auf dem Kopfe. »Nun«, fragte der König, »was meinen Sie, Pan Tyzenhauz, hatte Babinicz recht?« »Majestät, wir sind erst an der Grenze«, antwortete der junge Magnat. Am meisten zufrieden mit sich und seiner ganzen Umgebung war Kmicic. Zumeist ritt er mit den drei Kiemlicz' dem Zuge voran, um den Weg zu besichtigen, bisweilen schloß er sich auch dem Gefolge an und erzählte zum hundertsten Male Episoden von der Belagerung Czenstochaus. Und mehr und mehr schloß der König den jungen, tollkühnen Ritter in sein Herz. »Sagen Sie, woher rührt die große Narbe in Ihrem Gesichte?« fragte einstmals der König Pan Andreas. »Sie müssen einen guten Säbelhieb erhalten haben.« »Majestät, die Wunde stammt nicht von einem Säbelhieb. Man hat auf mich aus nächster Nähe geschossen.« »Ein Feind oder ein Landsmann?« »Ein Landsmann, aber mein ärgster Feind, mit dem ich noch einmal abrechnen werde; jedoch ehe ich das nicht getan habe, spreche ich nicht gern darüber.« »So nachtragend sind Sie?« »Das bin ich gar nicht, Majestät. Auf meinem Kopfe habe ich eine noch größere Narbe; fast wäre die Seele aus diesem großen Loche entflohen! Aber diese Wunde brachte mir ein wackerer Mann bei, und ich bin ihm absolut nicht gram!« Kmicic nahm seine Mütze ab und zeigte seinen Kopf. »Wer war denn der Mann?« interessierte sich der König. »Pan Wolodyjowski!« »Pan Wolodyjowski? Ja, den kenne ich. Er hat bei Zbaraz Wunder vollbracht. Und dann waren wir zusammen auf Skrzetuskis Hochzeit, derselbe, der mir die erste Nachricht aus dem belagerten Zbaraz brachte. Das sind beide wackere Ritter! Dazumal war in ihrer Gesellschaft noch ein dritter, den das ganze Heer vergötterte. Es war ein dicker Schlachtschitz, der so witzig war, daß wir oft Tränen lachten bei seinen Erzählungen.« »Ich kann's erraten, das war Pan Zagloba,« sagte Kmicic. »Das ist wirklich ein Mann von großem Geiste.« »Was sie jetzt tun, das wissen Sie wohl nicht?« »Wolodyjowski befehligte die Dragoner des Fürsten Wojewod von Wilna.« Der König zog die Augenbrauen zusammen. »So dient er jetzt mitsamt dem Fürsten den Schweden?« »Der? Den Schweden? Nein, Majestät, der ist jetzt bei Sapieha. Ich habe es selbst mit angesehen, wie er dem Fürsten nach dem Verrat seinen Oberstenstab vor die Füße warf.« »O, so ist er ein ehrlicher Soldat!« rief Jan-Kasimir. »Wir haben Kunde aus Tykocin von Pan Sapieha erhalten. Möge Gott ihm beistehen! Wenn alle dem glichen, so würden die Schweden nicht mehr mit ihren Füßen auf unserem Erdboden stehen.« Hier fragte Tyzenhauz, der kein Wort der Unterhaltung außer acht gelassen hatte, plötzlich: »Sie waren also in Kiejdane bei Radzwill?« Kmicic wurde sehr verlegen. »Das war ich.« »Und was taten Sie am Hofe des Fürsten?« »Ich war bei ihm zu Gaste«, antwortete Kmicic, »und aß das fürstliche Brot, bis ich mich infolge seines Verrates von ihm wandte.« »Und warum sind Sie nicht wie andere ehrliche Leute zu Sapieha gegangen? »Weil ich gelobt hatte, nach Czenstochau zu gehen.« Tyzenhauz schüttelte seinen Kopf und seufzte. Der König bemerkte dies und sah Pan Andreas prüfend an. Pan Andreas wandte sich ärgerlich und zornig an Tyzenhauz: »Sagen Sie mal, warum frage ich Sie nicht danach, wo Sie waren und was Sie früher taten?« »Bitte, fragen Sie mich ruhig; ich habe nichts zu verbergen.« »Ich stehe hier nicht vor Gericht, und wenn ich mal vor Gericht stehen sollte, so werden Sie nicht mein Richter sein. Ich rate Ihnen, lassen Sie mich zufrieden, ehe meine Geduld sich erschöpft hat.« Am Abend desselben Tages sprach Tyzenhauz zum Könige: »Majestät, dieser Schlachtschitz gefällt mir mit jedem Tage weniger.« »Und mir immer mehr«, erwiderte Jan-Kasimir. »Heute hörte ich, wie einer seiner Leute ihn Oberst nannte, worauf er ihm einen drohenden Blick zuwarf. Sicherlich, da steckt etwas dahinter.« »Auch mir scheint es manchmal, daß er nicht alles erzählt. Aber, ich denke, das ist seine Sache.« »Nein, Majestät, das ist gar nicht seine Sache allein. Das ist unsere und der ganzen Republik Sache. – Wenn er ein Verräter ist und Euer Majestät ins Verderben führt, so werden auch alle die ihr Leben lassen müssen, die jetzt ihre Waffen erhoben haben. Dann geht die ganze Republik zugrunde, die Sie allein retten können.« »Gut, ich werde ihn morgen selbst verhören.« Der König war nach diesem Gespräch ernst und traurig. Am folgenden Tage gab er Kmicic ein Zeichen, zu ihm näher heran zu reiten. »Wo waren Sie Oberst?« fragte Jan-Kasimir plötzlich. Eine Minute trat Schweigen ein. Kmicic kämpfte mit sich selbst. Er wollte vom Pferde springen, sich dem Könige zu Füßen werfen und ihm die ganze Wahrheit eröffnen, um ein für allemal die unerträgliche Bürde von sich zu wälzen. – Aber welchen Eindruck mußte sein Name nach dem Briefe des Fürsten Boguslaw machen? Wie konnte er, einst die rechte Hand des Wilnaer Wojewoden, er, der unter dem Verdachte stand, ein Attentat auf den König selbst geplant zu haben, den König, die Bischöfe und Senatoren überzeugen, daß er sich gebessert habe und alle seine Vergehen mit dem eigenen Blute abwaschen wolle? Wer wird ihm glauben? Und er beschloß zu schweigen. »Majestät«, begann er endlich. »Die Zeit wird kommen, vielleicht sehr bald, wo ich ihnen meine ganze Seele öffnen werde, wie einem Geistlichen in der Beichte. – Aber ich möchte Ihnen meine grenzenlose Ergebenheit durch Taten und nicht durch leere Worte beweisen. Majestät, ich habe gegen Sie und das Vaterland gesündigt, aber ich suche jetzt nach Möglichkeit, meine Sünden zu sühnen. Majestät, wer von uns ist ohne Sünde? – Vielleicht habe ich schwerer gesündigt als andere, aber ich trage auch schwerere Buße. – Fragen Sie mich jetzt nach nichts, an meinen Taten werden Sie mich kennen lernen. Jetzt kann ich Ihnen nur das eine antworten, daß ich bereit bin, meinen letzten Tropfen Blut für Sie zu opfern.« Pan Andreas' Gesicht war bleich. Er sah freimütig und gerade auf den König. »Gott sieht meine Absichten,« fuhr er fort, »und er wird sie mir beim jüngsten Gerichte zugute schreiben. Aber wenn Sie mir nicht glauben, Majestät, so weisen Sie mich fort, entfernen Sie mich aus Ihrer Umgebung! Ich werde Ihnen in weiter Ferne folgen, um in schweren Augenblicken ungerufen da zu sein und mich für Sie zu opfern. Dann, Herr, werden Sie sehen, daß ich kein Verräter bin, daß ich Ihnen ein Diener bin, wie wenige aus Ihrer Umgebung, trotzdem man mich verschiedener Dinge beschuldigt.« »Ich glaube Ihnen auch jetzt,« sagte der König. »Bleiben Sie wie vordem in meiner Nähe. Verrat spricht nicht in solcher Sprache.« »Ich danke Ihnen, Euer Majestät,« antwortete Kmicic. Dann hielt er sein Pferd an und schloß sich den hinteren Reihen des Gefolges an. Pan Tyzenhauz hatte seinen Verdacht gegen Kmicic nicht allein dem Könige, sondern auch dem ganzen Gefolge mitgeteilt. Deshalb hörten bei Pan Andreas' Kommen laute Gespräche auf, man begann zu flüstern. Kmicic bemerkte das, er bemerkte, daß man anfing, jedes seiner Worte, jede seiner Handlungen scharf zu beobachten. Es wurde ihm unbehaglich unter diesen Leuten. Auch der König behandelte ihn mit der Zeit kühler und nicht wie früher. Kmicic fing an, sich zu grämen, er verlor den Mut, und ließ den Kopf hängen. Gewohnt, immer der erste zu sein, schleppte er sich jetzt mehrere Schritte hinter der Kavalkade her, mit traurigen Gedanken beschäftigt. Endlich zeigten sich den Blicken unserer Reiter die Karpathen. Dichter Schnee bedeckte die Abhänge der Berge, und dunkle Wolken lagerten auf ihren Spitzen. Des Abends, als die Sonne unterging, kleideten sich die Berge in flammende Gewänder, und lange noch, als die Täler schon in Dunkelheit gehüllt waren, schimmerten sie in allen Farben des Regenbogens. Bewundernd betrachtete Kmicic das ihm noch fremde Naturschauspiel. Mit jedem Tage zeigten sich die Bergriesen den Augen der Reiter größer, majestätischer. Dann mit einem Male öffnete sich vor ihnen eine Schlucht, in die sie hineinritten. »Jetzt sind wir dicht an der Grenze«, sagte der König bewegt. Bald trafen die Reiter einen mit einem Pferde bespannten kleinen Wagen. »He, Mann!« rief Tyzenhauz den im Wägelchen sitzenden Bauern an, »sind wir in Polen?« »Hinter dem Felsen dort beginnt die Grenze, und Ihr seid jetzt schon auf polnischem Boden.« Der Bauer fuhr weiter. Tyzenhauz eilte zum König. »Majestät!« rief er begeistert, »Sie sind jetzt in Ihrem Reiche!« Der König antwortete mit keinem Worte; er stieg vom Pferde und fiel in die Knie. Sein Gefolge folgte seinem Beispiele. Und dann begann der flüchtige König die mit Schnee bedeckte Erde zu küssen, die geliebte, undankbare Erde, die im Ungemach ihrem gekrönten Haupte keine Zuflucht gewährt hatte. Es begann schon zu dunkeln, als die königliche Truppe sich in Bewegung setzte. Als sie die Schlucht durchritten hatten, öffnete sich vor ihnen ein großes Tal, das sich weithin erstreckte. Fern am Horizonte schimmerte ein rötliches Licht. »Reiten wir der Abendröte entgegen«, sagte der König. Kmicic sah aufmerksam in die Ferne und rief: »Majestät, das ist nicht das Abendrot, sondern der Schein eines Brandes!« Und wirklich loderte die vermeintliche Abendröte mehr und mehr auf und verbreitete sich weit am Horizonte. »Das wird Zywiec sein, was dort brennt!« rief Jan-Kasimir. »Dort steht gewiß der Feind.« Kaum hatte der König diese Worte ausgesprochen, als man das Schnauben von Pferden und Menschenstimmen vernahm. Mehrere dunkle Gestalten ritten vorüber. »Halt! halt!« schrie Tyzenhauz. »Wer seid Ihr?« »Wir sind Polen!« hörte man schon aus der Ferne. »Wir fliehen aus Zywiec. Dort plündern und morden die Schweden!« »Halt, in Gottes Namen! Was sagt Ihr da? – Warum kamen die Schweden dorthin?« »Sie wollen unserem Könige auflauern. Es sind viele, sehr viele. Behüte die Mutter Gottes unseren König!« Tyzenhauz geriet ganz außer Fassung. »Das heißt mit einer kleinen Begleitung reiten!« rief er Kmicic zu. »Mag der Teufel dich holen für deinen Rat!« – Aber Jan-Kasimir begann die Fliehenden weiter auszufragen. »Und wo ist der König?« »Der König ist mit einer großen Truppe im Gebirge und passierte vor zwei Tagen Zywiec. Man erzählt, sie hatten den König schon gefangen. – Heute gegen Abend sind sie nach Zywiec zurückgekehrt, und jetzt metzeln sie alles nieder, was ihnen in den Weg kommt.« »So geht mit Gott!« erwiderte Jan-Kasimir. »Wie wäre es uns ergangen, wenn wir wirklich bei den Dragonern gewesen wären,« bemerkte Kmicic. »Majestät«, fragte der Bischof Gembicki, »der Feind ist vor uns, was tun wir?« Alle umringten den König, als wenn sie ihn mit ihren Leibern vor einer Gefahr schützen wollten. Der König betrachtete schweigend die Röte am Himmel. Auch die anderen schwiegen alle; es war schwer, in dieser Minute einen guten Rat zu finden. »Als ich das Vaterland verließ, leuchtete mir die Fackel des Krieges, und jetzt bei der Rückkehr flammt der Horizont von einer verheerenden Feuersbrunst«, sagte Jan-Kasimir dumpf. »Wer kann uns jetzt irgend einen Rat geben?« unterbrach Pater Gembicki das Schweigen. Da vernahm man Tyzenhauz' Stimme bitter und spottend: »Wer darauf bestand, daß der König ohne genügenden Schutz fährt, der soll jetzt einen Rat geben.« In diesem Augenblicke ritt ein Reiter aus dem Kreise heraus. Es war Kmicic. »Gut!« sagte er. »Kiemlicz', folgt mir!« Vier Reiter sprengten wie der Wind vorwärts. »Das ist Verrat!« entrang es sich schmerzlich aus Tyzenhauz' Brust. »Die Verräter wollen den Aufenthalt Euer Majestät dem Feinde melden! Majestät, retten Sie sich, solange es noch Zeit ist, bald wird der Feind die Schlucht besetzen. Retten Sie sich, Majestät! Zurück! zurück!« »Zurück!« riefen einstimmig die Bischöfe und Senatoren. Aber Jan-Kasimir zog ungeduldig am Zügel, nahm seinen Degen heraus und sagte: »Behüte mich Gott! Ich werde nicht zum zweiten Male aus meinem Reiche fliehen! Möge sich erfüllen, was das Schicksal mir bestimmt hat!« »Majestät, hören Sie auf das Flehen Ihrer Untertanen!« sprach mit gefalteten Händen der Sandomierer Kastellan. »Wenn Sie auf keinen Fall gesonnen sind, umzukehren, so kehren Sie wenigstens durch die Schlucht zurück, damit man uns den Rückzug nicht abschneidet.« »Gut,« willigte der König ein, »einen vernünftigen Rat weise ich nicht zurück; aber aufs neue ein Wanderleben zu beginnen, des weigere ich mich. Wenn es uns jetzt nicht gelingt, in mein Reich zu kommen, so wird es nie gelingen. Auf alle Fälle meine ich, daß Ihre Befürchtungen übertrieben sind. Da die Schweden uns unter den Dragonern gesucht haben, so ist es doch klar, daß sie keine Nachricht über uns haben. Von einem Verrat sehe ich hier nichts. – Beruhigen Sie sich, meine Herren! Babinicz ist fortgeritten, um auszukundschaften und wird sicherlich bald wiederkehren.« Es verging mehr als eine Stunde; Pan Tyzenhauz war schon äußerst ungeduldig. Plötzlich sah man mehrere Gestalten schnell heranreiten. »Wer da?« rief Tyzenhauz. »Nicht schießen!« donnerte Kmicic' Stimme. Nach einigen Minuten hielt Pan Andreas vor Tyzenhauz an, und da er ihn im Dunkeln nicht erkannte, fragte er: »Wo ist der König?« »Da hinten bei der Schlucht!« antwortete der beruhigte Tyzenhauz. »Und was haben Sie da auf dem Sattel?« Kmicic entgegnete kein Wort und ritt weiter. Er hielt erst an, als er wenige Schritte vor dem Könige stand. »Majestät! Der Weg ist frei!« »Sind die Schweden nicht in Zywiec?« »Sie haben sich nach Wadowice zurückgezogen. In Zywiec war nur eine Abteilung deutscher Reiter. Sie können einen von ihnen selbst verhören.« Mit diesen Worten setzte er ein nicht erkennbares Etwas auf die Erde nieder. »Was ist das?« fragte Jan-Kasimir. »Das? – Ein Reiter.« »Sie haben uns also einen Gefangenen gleich mitgebracht. Wie haben Sie das nur angestellt? Erzählen Sie!« »Majestät, wenn ein Wolf nachts einer Herde folgt, so wird es ihm nicht schwer, ein einzelnes Schaf wegzuschleppen.« Der König war ganz entzückt. »Sie sind ein Soldat! – Ja, ja, mit solchen Leuten könnte ich durch das ganze schwedische Heer hindurchkommen.« Der Reiter lag, ohne sich zu rühren, auf dem Boden. »Befragen Sie ihn, Majestät«, sagte Kmicic, nicht ohne eine Spur von Selbstgefälligkeit. Der Gefangene erzählte, daß er mit seinem Regiment polnische Dragoner überfallen habe, und daß sich dann alle nach Zywiec zurückgezogen hätten. »Sind außer deinem Regiment noch viele schwedische Abteilungen im Gebirge?« fragte Kmicic. »Ich weiß es nicht. General Douglas hat viele Patrouillen ausgeschickt. Aber sie weichen alle zurück, denn die Bauern überfallen sie.« »Und in Zywiec waret ihr nur allein?« »Ja, wir allein.« »Ist Jan-Kasimir schon durch Zywiec gekommen?« »Ja, er war unter den Dragonern. Viele haben ihn gesehen.« »Und warum habt ihr ihn nicht verfolgt?« »Wir fürchteten die Bergvölker.« Hier wandte sich Kmicic auf polnisch an den König. »Majestät, der Weg ist frei; in Zywiec werden wir Nachtquartier finden. Die Räuber haben nicht alles niedergebrannt.« Der mißtrauische Tyzenhauz aber flüsterte dem einen der Bischöfe ins Ohr: »Dies alles kann eine Falle sein; von der Gefangennahme des Reiters an bis zu seinen Aussagen, nicht wahr? Und wenn dem so ist, so werden die Schweden uns in Zywiec auflauern. Was dann, wenn der König ihnen in die Hände fällt?« »Natürlich,« erwiderte der Bischof, »ist es richtiger, sich erst von der Wahrheit zu überzeugen.« Dann wandte sich Tyzenhauz an den König. »Gestatten Sie mir, Majestät, nach Zywiec vorauszureiten, daß ich mich überzeuge, daß der Kavalier und der Gefangene die Wahrheit sprechen.« »Ja, ja, erlauben Sie das, Majestät,« fügte Kmicic eifrig hinzu. »So reiten Sie,« sprach der König nach einiger Überlegung, »aber gleich. Es wird kalt hier.« Pan Tyzenhauz gab seinem Pferde die Sporen; der König folgte ihm mit seinen Begleitern im Schritt, Jan-Kasimir war in heiterster Stimmung, und freundlich plaudernd näherte sich die königliche Gruppe Zywiec. Es währte nicht allzulange, bis Tyzenhauz wieder vor dem Könige erschien. »Majestät,« rief er außer Atem, »der Weg ist frei, und ein Nachtquartier für Sie bestellt.« »Nun, was sagte ich, die Herren haben sich ganz umsonst beunruhigt«, entgegnete Jan-Kasimir erfreut. »Doch jetzt vorwärts! Wir bedürfen wirklich der Ruhe.« Eine halbe Stunde darauf schlief der König fest und ruhig in den Grenzen seines Reiches. Pan Tyzenhauz kam zu Kmicic ins Quartier. »Verzeihen Sie mir, ich würde Ihnen nicht immer mißtrauen, wenn ich den König nicht so sehr liebte.« Mit diesen Worten hielt er Pan Andreas seine Rechte hin. Kmicic zog seine Hand zurück. »Nein«, entgegnete er, »ich kann nicht. Sie haben mich vor allen zum Verräter gestempelt.« »Das habe ich getan; aber nachdem ich mich überzeugt habe, daß Sie dem Könige treu dienen, biete ich Ihnen als erster meine Hand. Nochmals, wollen Sie sie nicht nehmen?« »Hm, – und wenn ich Ihnen zürne?« »So hören Sie auf, mir zu zürnen. Lassen Sie sich von mir umarmen!« Und sie fielen sich in die Arme. – – 5. Kapitel. Am folgenden Tage setzte der König seine Reise nach Lubomla fort. Jan-Kasimir rechnete darauf, daß ihm der Kronmarschall, der über Kräfte verfügte, um die ihn manch regierender Fürst beneiden konnte, entgegeneilen werde. Der Pan Marschall, der von der Ankunft des Königs nichts wissen konnte, sollte durch die Bergbewohner benachrichtigt werden, die nach allen Richtungen ausgesandt wurden, um dem Könige den Weg zu säubern. Diese Bergvölker, die halb verwildert und bettelarm waren, hingen mit der größten Treue an dem König, Als zu ihnen die Kunde von der Einnahme Krakaus und der Belagerung Czenstochaus gedrungen war, hatten sie ihre Beile ergriffen und sich von ihren Bergen auf die Schweden gestürzt. Es war dem General Douglas jedoch leicht geworden, sie zu schlagen und in den Tälern zu zersprengen. Dafür getrauten sich jedoch die Schweden nur mit größter Vorsicht in die Schluchten des Gebirges, wo ein Sieg ihnen gewaltige Opfer kostete, und ihrer Schritt auf Schritt Mißerfolge warteten. Auch jetzt, als die Nachricht von dem Durchzug des Königs sich verbreitete, waren die Bergbewohner wie ein Mann aufgestanden. Ein Wort des Königs hätte genügt, und Tausende dieser wilden Reiter hätten ihn schützend umgeben. Jan-Kasimir aber, der die Schweden fürchtete, zog es vor, inkognito zu reisen. Mehr als einmal schlich sich der König, geleitet durch treue Führer der Bergbewohner, die überzeugt waren, daß sie das Gefolge eines vor den Verfolgungen der Schweden flüchtigen Magnaten führten, durch unbekannte Stege des Gebirges; mehr als einmal gähnten zu des Königs Füßen felsentiefe Abgründe, und Schneelawinen drohten, sich auf sein Haupt zu stürzen. Aber es half nichts, man mußte die offene Fahrstraße meiden, denn auf ihr lauerte überall der Feind. Auf diese Weise drang die kleine Schar bis Nowi-Targ vor. Fast schien es, als ob keine Gefahr mehr zu befürchten sei, obwohl die Bergbewohner behaupteten, daß sich von Zeit zu Zeit feindliche Truppen in der Umgegend zeigten. Nach einem langen, gefährlichen Ritte durch das Gebirge führte der Weg in eine enge, lange Schlucht hinein. Rechts und links erhoben sich Felsen, die mit von Schnee bedeckten Kiefern bewachsen waren. In der Schlucht herrschte Totenstille, nur das Aufschlagen der Pferdehufe auf den hartgefrorenen Boden war zu vernehmen. Plötzlich blieb der Führer stehen, er legte sein Ohr an den Felsen. »Was gibt's?« fragte der König. Der Führer schwieg; aber sein Gesicht wurde zusehends bleich. »Behüte Gott! Ob das Schweden sind?« »Vielleicht sind es die Leute des Pan Marschalls«, erwiderte der König. »Ich werde vorausreiten und nachsehen«, rief Kmicic, indem er seinem Pferde die Sporen gab. Die Kiemlicz' folgten ihm wie die Hunde dem Jäger. Aber kaum hatten sie eine Strecke zurückgelegt, als am Eingange der Schlucht, etwa hundert Schritt von ihnen entfernt, sich vor ihren Augen eine große Truppe Reiter zeigte. Kmicic' Herz krampfte sich zusammen. Es waren Schweden. Sie waren so nahe, daß es eine Unmöglichkeit war, umzukehren und zu fliehen, um so mehr, als die Pferde der königlichen Reiter sehr erschöpft waren. Es blieb nur übrig, sich durchzuschlagen, das Leben zu lassen oder in Gefangenschaft zu geraten. Der unerschrockene König begriff das und legte die Hand auf den Degen. »Zurück! Und den König decken!« rief Kmicic. Tyzenhauz drang in dem Augenblicke mit zwanzig Reitern vor, Kmicic aber schloß sich ihnen nicht an, sondern trabte den Schweden entgegen. Er hatte eine schwedische Reitjacke an, – dieselbe, in der er aus Czenstochau gegangen, und die Schweden hielten augenscheinlich die königliche Abteilung für Landsmänner. Nur der Hauptmann ritt auf Kmicic zu. »Was seid ihr für Leute?« fragte er schwedisch, unverwandt das drohende und bleiche Gesicht des nahenden Reiters anblickend. Kmicic ritt bis zu einem Schritt Entfernung heran, und ohne ein Wort zu sagen, schoß er dem Hauptmann mit einer Pistole ins Ohr. Ein furchtbarer Wutschrei entrang sich der Brust der schwedischen Reiter, aber noch drohender donnerte Kmicic' Stimme: »Schlagt zu!« Und wie ein vom Felsen sich lösender Stein beim Falle alles zerschmettert, was sich ihm in den Weg stellt, so stürzte sich Kmicic auf die erste Reihe, Tod und Verderben bringend. Die beiden jungen Kiemlicz' folgten ihm wie zwei junge Bären. Den erschreckten Schweden schien es zuerst, als hätten drei Hünen sie in der Bergschlucht überfallen. Die ersten Reihen gerieten in Verwirrung und wichen zurück, die hinteren jedoch drängten vor, und die Reiter ballten sich zusammen wie ein Knäuel. Da die hinteren Reiter weder zu Hilfe eilen noch schießen konnten, so erlagen die ersten den Schlägen der drei sich auf sie stürzenden Riesen. Kmicic hatte nur einen Gedanken: das Leben lassen, aber zuvor den Schweden soviel als nur möglich antun. Dieser Gedanke verdreifachte seine Kräfte und gab seinen Bewegungen eine ungewöhnliche Schnelligkeit. Er wandte sich von rechts nach links wie ein wütender Luchs und fällte, wie ein Blitz junge Bäume zersplittert, durch übermenschliche Säbelhiebe viele schwedische Reiter. Die jungen Kiemlicz' kämpften an seiner Seite. Unterdessen bemühten sich die Höflinge, den König nach Kräften zurückzuhalten, der durchaus nicht ein untätiger Zuschauer des Kampfes bleiben wollte. »Laßt mich!« schrie Jan-Kasimir, »um Gottes willen laßt mich!« Aber Tyzenhauz sperrte ihm mit seinem Pferde entschlossen den Weg und rührte sich nicht von der Stelle. Dank der Enge der Schlucht konnten sich die Schweden nicht in breiter Front entfalten, und Kmicic und die Kiemlicz' konnten sich unter vielen Anstrengungen eine Zeitlang halten. Aber allmählich begannen ihre Kräfte zu schwinden. Kmicic hatte schon mehrere Wunden, sein Blick begann sich zu verschleiern, sein Atem ging kürzer und stoßweise. Er fühlte das Nahen des Todes und wünschte nur das eine, sein Leben möglichst teuer zu verkaufen. Die Schweden hatten sich inzwischen von ihrem ersten Erstaunen erholt und begannen sich zu schämen, daß sie solange nicht gegen drei Menschen aufkommen konnten. Sie rückten immer mehr vor und griffen ihre Gegner wütend an. Endlich fiel Kmicic' Pferd, und die Flut deckte sich über den gefallenen Reiter. Eine Zeitlang hielten die Kiemlicz' noch stand, dann aber verschlang auch sie der Strom. Die Schweden stürzten nun wie ein Wind gegen die königliche Abteilung vor. Tyzenhauz warf sich ihnen mit seinen Leuten entgegen, aber was bedeutet diese kleine Schar Tapferer gegen fast dreihundert Reiter? Es gab keinen Zweifel mehr, daß für den König und seine Begleiter die unheilvolle Stunde des Todes oder der Gefangennahme geschlagen hatte. Jan-Kasimir, der anscheinend den Tod der Gefangenschaft vorzog, entriß die Zügel seines Pferdes den Händen der ihn umringenden Bischöfe und sprengte Tyzenhauz nach. Plötzlich blieb er wie angewurzelt stehen. Es geschah etwas Staunenerregendes. Es schien, als wenn die Berge selbst ihrem legitimen Herrscher zu Hilfe eilten. Die Felsen erzitterten, als wenn die Erde in ihren Fundamenten erbebte, als wenn die auf ihren Gipfeln wachsenden Wälder am Kampfe teilnehmen wollten. Baumstümpfe, Eisklumpen, Steine fielen mit fürchterlichem Krachen auf die in der Schlucht eingeengten Schweden, und ein fürchterliches Geheul erscholl von allen Seiten. Und unten, in den Reihen der Schweden, entstand eine Verwirrung, die jede Vorstellung übertraf. Es schien den Schweden, als wenn die Berge über sie zusammenstürzten. Man vernahm Geschrei, Gestöhn, Hilferufe und das Prasseln der von Felssteinen durchlöcherten Panzer. Schließlich wurden Reiter und Pferde zu einer fürchterlichen, formlosen Masse zermalmt. Und unentwegt stürzte ein erbarmungsloser Hagel von Steinen und Felsstücken auf die Schweden herab. »Das sind die Bergbewohner, die Bergbewohner!« rief einer aus der Truppe des Königs. In demselben Augenblicke erschienen auf den Felsen langhaarige Männer mit runden Lederhüten, und mehrere Hundert eigentümlicher Gestalten begannen herunterzuklettern. Ihre weißen und dunkeln Kittel mit weiten Ärmeln gaben ihnen das Aussehen blutgieriger Raubvögel. Wie eine Lawine warfen sie sich grimmig auf die noch lebend gebliebenen Schweden, um mit ihnen aufzuräumen. Vergeblich bemühte sich der König selbst, diesem Schlachten ein Ende zu machen. Die stark verstümmelten Schweden warfen sich in die Knie und flehten um Gnade, – nichts vermochte dieses Bergvolk in seinem blutigen Treiben aufzuhalten. Nach einer Viertelstunde war in der ganzen Schlucht kein lebender Schwede zu sehen. Der Nuntius sah mit Staunen auf diese wunderlichen, großen, kraftvollen Männer, die ihre rauchenden Beile hochhielten. Als die treuen Bergbewohner erfuhren, wen sie gerettet hatten, umringten sie Jan-Kasimir; sie küßten weinend seine Füße, seine Steigbügel, ja sogar die Hufe seines Pferdes. Der König stand in ihrer Mitte wie ein Hirt, umringt von seiner Herde, und große, reine Tränen perlten langsam über seine Wangen. Nun erfuhren die Begleiter des Königs, daß die Schweden sich schon lange in dieser Gegend aufgehalten hatten, als wenn sie jemandem auflauerten, und daß die Bergbewohner sie absichtlich in diese Schlucht gelockt hätten, um sie hier zu überfallen. »Und jetzt,« fuhr einer der Männer fort, »sahen wir drei Reiter auf diese Räuber losschlagen, dann sind wir schnell zu Hilfe gekommen.« Bei diesen Worten griff der König sich an den Kopf. »Herrgott!« rief er erschrocken, »man muß sogleich Babinicz suchen; er soll wenigstens anständig begraben werden! Er, den man für einen Verräter hielt, war der erste, der für mich sein Blut vergossen.« »Ich bereue meinen Irrtum bitter,« fügte Tyzenhauz hinzu. »Sucht ihn nur! Sucht ihn nur!« schrie der König. »Ich gehe keinen Schritt von dieser Stelle, bevor ich ihn nicht gesehen, nicht von ihm Abschied genommen habe.« Alle stürzten zu der Stelle, wo der Kampf stattgefunden hatte, und bald zog man Pan Andreas unter Leichen von Menschen und Pferden heraus. Sein Gesicht war bleich und mit Blut bespritzt: seine Augen fest geschlossen. Sein Panzer, der zwar durch feindliche Säbelhiebe gespalten und von Pferdehufen zerdrückt war, hatte ihm das Leben gerettet. Die Soldaten, die ihn aufrichteten, hörten den Verwundeten leise stöhnen. »Bei Gott! Er lebt!« rief ein Soldat und schnitt ihm die Riemen des Panzers durch. Kmicic atmete freier auf. »Er atmet, er lebt!« wiederholten mehrere Stimmen. Kmicic öffnete langsam die Augen. Ein Soldat flößte ihm Branntwein ein. In diesem Augenblicke ritt der König, der schon gehört hatte, daß Kmicic lebte, heran. Beim Anblicke Jan-Kasimirs kehrte dem Pan Andreas für einen Moment das Bewußtsein wieder. Ein fast kindliches Lächeln erleuchtete sein Gesicht, und die Lippen flüsterten: »Mein Herr, mein König – lebt! – ist frei!« – Und seine Augen füllten sich mit Tränen: »Babinicz! Babinicz! Womit werde ich dir das lohnen!« rief der König. »Ich bin nicht Babinicz! – Ich bin Kmicic!« flüsterte der Ritter. Dann streckte er sich krampfhaft aus und sank wie tot in die Arme der Soldaten zurück. – – 6. Kapitel. Der König, der den Versicherungen der Bergbewohner Glauben schenkte, daß der Weg bis zu Czorsztyn frei sei, machte sich mit seiner Begleitung auf und erreichte den Ort ohne jeden Zwischenfall. Die Nachricht von der Ankunft des Königs hatte sich nach allen Richtungen verbreitet, und von überall her strömten Volksmengen herbei, die mit Dreschflegeln, Sensen und Gewehren bewaffnet waren. Und so umgab Jan-Kasimir jetzt schon ein ganzes Tausend halbwilder Reiter, die bereit waren, für ihn durch Feuer und Wasser zu gehen. Bei Stari Soncz schloß sich dem Könige der alte Oberst Woynillowicz an, der soeben eine größere schwedische Abteilung geschlagen hatte. Bald zogen auch die Truppen des Kronmarschalls Jan-Kasimir entgegen. Voran ritt ein Husarenbanner, das Leibregiment des Marschalls, so glänzend ausgerüstet und bewaffnet, daß selbst ein König ihn um dieses Banner, über das ein Meer grün-schwarzer Fahnen wehte, beneiden konnte. Den Husaren folgte ein an Zahl noch größeres leichtes Kavallerieregiment, das mit gezogenen Degen und Armbrüsten auf den Schultern heranritt. Dann kamen Dragoner, Abteilungen verschiedener Pans, die sich gerade in Lubomla aufgehalten, Heiducken, Ungarn und Janitscharen, die im Dienste verschiedener Magnaten standen. Alle diese Truppen in ihren verschiedenen Ausrüstungen wechselten miteinander ab wie die Farben des Regenbogens und nahten mit Kesselgedröhn, Paukenschlägen und Rufen, mit so stürmischen Rufen, daß es schien, als müsse von dieser Erschütterung der Schnee von den Bergabhängen herunterstürzen. Hinter dem Heere fuhren in Kaleschen und Equipagen geistliche und weltliche Würdenträger. Der Kronmarschall, Pan Jerzy Lubomirski, kam auf einem schneeweißen Pferde angeritten; ihm folgten zwei Leibjäger, die vom Scheitel bis zur Sohle von Gold strotzten. Als der Marschall nur noch einige Schritte bis zum Könige hatte, stieg er ab, warf einem Leibjäger die Zügel zu und ging Jan-Kasimir zu Fuß entgegen. Mit entblößtem Haupte, in der Hand den mit Perlen übersäten Marschallstab, schritt er auf Jan-Kasimir zu. Er trug das polnische Nationalkostüm. Die Brust bedeckte ein Silberpanzer, der mit kostbaren Edelsteinen geschmückt war. Über seiner linken Schulter hing ein Mantel aus dunklem, venetianischem Samt, der am Halse durch eine Schnur mit einer Brillantschnalle gehalten wurde. Auch seine Mütze, die er auf den Säbelgriff gehängt hatte, blendete unerträglich durch die in den Sonnenstrahlen glitzernden Diamanten. Der Marschall stand in der Blüte seiner Jahre; er war von majestätischem Aussehen. Auf seinem Gesichte lagen unendlicher Stolz und unendliche Eitelkeit ausgeprägt. Sein Ehregeiz, seine Sucht nach Macht und sein Neid waren es, die späterhin seinen Namen noch verhaßter als den Janusz Radziwills machten. Denn dieser war ein Mann von großem Geist, der seine Ziele offen und mit der größten Energie verfolgte. Er erstrebte eine Krone, selbst wenn er zu diesem Zwecke über die Ruinen des Vaterlandes schreiten müßte. Lubomirski hätte ein gleiches gern erreicht. Die Krone aus den Händen der Schlachta zu erhalten, war sein höchster Wunsch; aber es fehlte ihm an Wagemut und Energie; er war stets beseelt von der Furcht, an äußerem Ansehen verlieren zu können, was seine Eitelkeit nie verwunden hätte. In dem Augenblicke, als sich der Marschall dem Könige näherte, waren seine Eitelkeit und sein Hochmut vollständig befriedigt. Er war der erste Magnat, der den König auf seinem Boden empfing; er war der erste, der den König unter seinen Schutz nahm. Er sollte ihn wieder auf seinen wankenden Thron erheben; von ihm erwartete der König und das Vaterland alles; auf ihn hatte sich die allgemeine Aufmerksamkeit gelenkt. Und das alles entsprach seinen Wünschen und Neigungen so vollkommen, daß er zu jedem Opfer bereit war. Jan-Kasimir wollte vom Pferde steigen, als Lubomirski auf ihn zuschritt. Dieser sprang schnell hinzu, um den königlichen Steigbügel mit seinen Magnatenhänden zu halten. Dann nahm der Marschall seinen Mantel ab und legte ihn unter die Füße des Königs. Der König, auf tiefste gerührt, umarmte den Marschall. Einen Augenblick konnten beide kein Wort sprechen. »Pan Marschall,« sagte endlich der König, »Ihnen werde ich die Auferstehung meiner alten Macht zu danken haben.« »Majestät!« entgegnete Lubomirski, »mein Leben, meinen Ruf, alles, was ich besitze, – alles lege ich zu den Füßen Euer Majestät nieder.« »Vivat! Vivat König Jan-Kasimir!« donnerte es in den Reihen der Truppen. Der König nahm mit dem päpstlichen Nuntius in einer Equipage Platz, die Bischöfe und Senatoren bestiegen auch einen Wagen, und der ganze Zug setzte sich nach Lubomla zu in Bewegung. Der Pan Marschall ritt neben dem königlichen Wagen, stolz, selbstzufrieden, als wenn man ihn zum Vater des Vaterlandes erklärt hätte. Als man in Lubomla anlangte, ertönten von den Türmen Salutschüsse, und alle Glocken läuteten. Der Schloßhof, die Veranda und die Treppe waren mit rotem Tuch ausgelegt. Aus italienischen Vasen stieg der Rauch orientalischer, wohlriechender Kräuter. Der größte Teil der Lubomirskischen Familienschätze war schon bei der Nachricht von dem Nahen der Schweden nach Lubomla geschafft worden. Silber- und Goldgeräte, Teppiche, kunstvoll gewebte vlämische Gobelins, Statuen, mit Bernstein und Perlmutter ausgelegte Möbel, – das alles blendete jetzt die Augen der Ankommenden und verlieh dem Schlosse ein zauberhaftes Aussehen. Der Pan Marschall hatte absichtlich seine Schätze so ausgebreitet. Der königliche Flüchtling, der ohne Truppen, ohne Geld, ohne Macht zurückkehrte, sollte fühlen, daß die Ergebenheit solcher reichen und mächtigen Untertanen ihm Kräfte verleihen werde. Der König verstand das auch, und er umarmte nochmals den Marschall. Beim Abendmahle, das nach kurzer Rast eingenommen wurde, saß der König auf einer Estrade, und Lubomirski bediente ihn persönlich. Im Nebensaale war der Tisch für den kleineren Landadel gedeckt, und in dem ungeheuer großen Zeughause tafelte das Volk. Am Tage der Rückkehr des Königs sollten alle fröhlich sein. An der königlichen Tafel unterhielt man sich zumeist über die Schweden und den bevorstehenden Krieg. Lubomirski überraschte den König mit der Botschaft, die einer seiner Abgesandten, der vor zwei Tagen vom Krimmer Chan zurückgekehrt war, überbracht hatte. Der Chan hatte erklärt, daß eine Armee von vierzigtausend Tataren zum Abmarsch bereit sei, und daß er diese Zahl auf hunderttausend erhöhen würde, sobald der König in Lemberg eingetroffen wäre und mit ihm ein Bündnis geschlossen hätte. Derselbe Abgesandte erzählte dann, daß die Kosaken unter dem Druck der tatarischen Drohungen gewillt wären, Frieden zu schließen. »Sie haben wahrhaftig an alles gedacht,« sagte der König, »wir selbst hätten es nicht besser machen können.« Jan-Kasimir ergriff seinen Becher und rief: »Die Gesundheit des Pan Kronmarschalls, unseres Wirtes und Freundes!« »O nein, Majestät, nein!« schrie Lubomirski, »der erste Toast, der in diesem Hause ausgebracht werde, gelte allein Euer Majestät!« Er gab ein Zeichen. Diener stürzten heran und füllten die Gläser aufs neue aus goldenen Krügen. Die Gäste erhoben sich alle von ihren Plätzen, und der Marschall rief aus Leibeskräften: » Vivat Johannes-Kasimirus rex! « »Vivat! Vivat! Vivat!« In dem gleichen Augenblicke erdröhnten draußen die Kanonen. Die Schlachta aus dem Nebenzimmer kam mit ihren Bechern herein und gratulierte dem Könige. Als das Festmahl schon fast beendet war, leuchtete es rings um das Schloß herum hell auf, und flackernde Lichtstrahlen drangen durch die Fenster in den Saal herein. »Was ist das?« fragte der König. Der Marschall führte ein wenig schwankend den König ans Fenster. Auf dem weiten Hofe warfen brennende Pechfässer ihr hellgelbes Licht auf das Pflaster, das dicht mit Tannenzweigen bestreut war. Draußen hatte man ein Turnier begonnen. Man hetzte einen Bären mit Hunden. Männer aus den Bergen von gigantischem Wuchs warfen Mühlsteine hoch in die Luft und fingen sie wieder auf. Erst um Mitternacht endeten die Ergötzlichkeiten. So empfing der Pan Kronmarschall den polnischen König, obwohl die polnische Erde noch unter den Fußtritten der schwedischen Eroberer blutete. – – 7. Kapitel. Weder die Festmahle, noch die Ankunft neuer Würdenträger, Ritter und Schlachtschitzen ließen Jan-Kasimir seinen getreuen Diener vergessen, der so opferwillig sein Leben für ihn in der Bergschlucht eingesetzt hatte. An dem der Ankunft in Lubomla folgenden Tage suchte der König Kmicic auf. Er fand ihn, obwohl bleich wie der Tod, fast heiter. Dank einem glücklichen Zufall waren alle Wunden des Ritters nicht lebensgefährlich; er hatte nur einen starken Blutverlust gehabt. »Nun, man hat Sie gut zugerichtet,« sagte der König. »Wie konnten Sie nur sich allein gegen so viele wagen?« »Das tue ich nicht zum ersten Male, Majestät. Ich glaube, daß im entscheidenden Augenblicke persönliche Tapferkeit und ein guter Säbel viel leisten können. – Übrigens, Majestät, habe ich auf meinem Körper schon so viele Narben wie kaum auf ein Stierfell hinaufgehen. So ist nun einmal mein Glück.« »Ihrem Glücke können Sie wirklich keine Vorwürfe machen, – denn Sie stürzen Hals über Kopf dahinein, wo man kaum mit dem Leben davonkommen kann. – Haben Sie auch früher stets so gehandelt? Und wo haben Sie das gelernt?« Kmicic' Wangen überflog eine leichte Röte. »Majestät, als einst alle die Hände sinken ließen, da kämpfte ich gegen Chowanski. Auf meinen Kopf hat Chowanski einen Preis ausgesetzt.« »Erlauben Sie,« unterbrach ihn plötzlich der König, »in der Bergschlucht sagten Sie mir etwas Eigentümliches, ich schrieb das dem beginnenden Fieber zu. – Jetzt aber erzählten Sie von einem Kriege mit Chowanski. – Wer sind Sie? Sind Sie wirklich nicht Babinicz? Wir wissen, wer Chowanski soviel Ungelegenheiten bereitete!« Es entstand einen Augenblick Stillschweigen. Endlich erhob der junge Ritter sein abgemagertes Gesicht und sagte: »Ja, Majestät, – ich sprach damals nicht im Fieber, ich sprach die Wahrheit. – Ich bin Andreas Kmicic, der Bannerträger von Orsza.« Kmicic schloß seine Augen und wurde noch bleicher. Der erstaunte König konnte kein Wort hervorbringen. »Ich, Majestät, bin wirklich jener Verräter, der von Gott selbst und den menschlichen Gerichten für Mord und Gewalttat zum Tode verurteilt ist. Ich stand in Radziwills Diensten und übte mit ihm gemeinsam an Ihnen und an dem Vaterlande Verrat. Und jetzt, von feindlichen Schwertern durchstochen, von Pferdehufen zertreten, unfähig, mich vom Krankenlager zu erheben, schlage ich mich vor die Brust und rufe: Ich habe gesündigt! Ich habe gesündigt! Aber ich flehe um Ihre väterliche Verzeihung! – Vergeben Sie mir, Majestät! Ich habe längst meiner Vergangenheit geflucht, längst jenen Weg der Sünden verlassen!« Tränen quollen aus den Augen des Ritters. Mit zitternden Händen ergriff er die Hand des Königs und preßte sie an seine Lippen. Jan-Kasimir entzog ihm die Hand nicht; aber seine Augenbrauen zogen sich zusammen. »Wer in diesem Lande die Krone trägt,« sprach er, »muß einen unerschöpflichen Vorrat von Barmherzigkeit besitzen. – Sie haben uns treu gedient in Jasno-Gora, Sie opferten für uns Ihr Leben in der Schlucht, und ich bin bereit, Ihnen deshalb zu vergeben.« »So vergeben Sie, Majestät! Kürzen Sie meine Qualen ab!« »Eins aber kann ich Ihnen nicht vergessen,« fuhr Jan-Kasimir fort. »Wie konnten Sie den Namen des ganzen Volkes mit Schimpf bedecken, dadurch, daß Sie Ihre Hand gegen mich erheben wollten. Wie konnten Sie sich dem Fürsten Boguslaw anbieten, mich lebend oder tot den Schweden auszuliefern?« Trotz seiner Schwäche sprang Kmicic vom Bette auf; er ergriff das an seinem Kopfende hängende Kruzifix, und mit brennenden Augen und flammender Röte auf den Wangen begann er fieberhaft: »Ich schwöre bei der Erlösung der Seele meines Vaters und der meiner Mutter, ich schwöre bei den Wunden des Gekreuzigten, das ist nicht wahr! – Wenn ich nur einen einzigen Augenblick an so etwas gedacht habe, so möge mich Gott mit ewigen Qualen strafen! Majestät, wenn Sie mir nicht glauben, so reiße ich meine Verbände ab. Möge das Blut, das die Schweden mir noch gelassen, bis auf den letzten Tropfen ausrinnen. – Ich habe niemals ein solches Angebot gemacht! – Die Erde trägt keine Schätze, für die ich so etwas tun könnte!« Pan Andreas zitterte am ganzen Leibe vor Entrüstung. »So hat der Fürst also gelogen?« fragte der erstaunte König. »Warum? Zu welchem Zwecke tat er das?« »Ja, gütiger Herr, er hat gelogen. – Und hat sich würdig an mir gerächt!« »Und wodurch haben Sie ihn beleidigt?« »Ich habe ihn aus der Mitte seines Hofes, seines ganzen Heeres entführt und wollte ihn gebunden zu Füßen Euer Majestät werfen.« Der König fuhr sich mit der Hand über seine Stirn. »Eigentümlich, eigentümlich!« sagte er. »Ich glaube Ihnen, aber ich begreife das alles nicht! Wie ist denn das? Sie standen in Janusz' Diensten und entführten Boguslaw, um ihn mir auszuliefern. – Schließlich ist er doch viel weniger schuldig als sein Vetter.« »Euer Majestät, Boguslaw ist hundertmal schlimmer als Janusz. In seinem Kopfe ist der Gedanke des Verrats geboren. Er hat als erster den Hetman in Versuchung gebracht, er hat ihm zuerst eine Krone für die Zukunft gezeigt. Boguslaw, der mich für einen Erzhalunken gehalten hat, öffnete mir sogleich seine ganze Seele. Es ist schrecklich, das zu erzählen, was er mir alles sagte. »Eure Republik,« sagte er, »wird sowieso der Teufel holen, und wir werden ihr nicht nur nicht helfen, sondern wir werden sehen, ihren Tod zu beschleunigen, damit wir etwas davon abbekommen. Litauen muß uns Radziwills zufallen, denn nach dem Tode des Fürsten Janusz wird die großfürstliche Krone durch seine Tochter auf mich übergehen.« Der König bedeckte sein Gesicht mit den Händen. »O Gott!« sagte er, »Radziwills! Radzejowski! Opalinski! Wie konnte es anders kommen, als es gekommen ist!« Kmicic wollte fortfahren, aber der König bemerkte seine Blässe und Abspannung. »Erholen Sie sich erst ein wenig, und dann erzählen Sie mir alles von Anfang an. Ich glaube Ihnen und reiche Ihnen zum Zeichen meine Hand.« Kmicic führte sie abermals an die Lippen und schwieg eine geraume Zeit; die Augen des Königs waren mit einem Blick voll unermeßlicher Güte auf ihn gerichtet. Dann begann Pan Andreas wieder. Er erzählte von seinen Kämpfen gegen Chowanski, seiner Rückkehr aus diesem Kriege, vom Tode und Testamente des Oberst Billewicz, von Panna Alexandra, seinen Taten in Upita und Wolmontowicze. Er verbarg keine seiner Schandtaten, sprach von den Diensten, die er Radziwill geleistet, und von dem Tage, an dem Fürst Boguslaw ihm unvorsichtigerweise die Augen über die Radziwillschen Pläne geöffnet hatte. »Möge Gott diese Verräter strafen!« rief er zornig aus, ergriffen von der Erinnerung an die darauf verbrachten Tage. »Vielleicht ist das schon geschehen, und wenn nicht, so wird es sicherlich geschehen,« fiel der König ein. »Haben Sie schon gehört, Opalinski ist bereits vor den Richterstuhl Gottes berufen. Und Radziwill wird ein gleiches in kurzem erwarten. Was aber haben Sie nach Ihrer Verwundung durch den Fürsten Boguslaw getan?« »Ich nahm den Namen Babinicz an und durchreiste als ein Geächteter die ganze Republik. Dann führte mich mein guter Stern nach Czenstochau. Was ich dort getan, das kann Pater Kordecki bezeugen. Tag und Nacht dachte ich nur daran, wie ich das Vaterland entschädigen könne für das Blut, das ich vergossen. Das andere alles kennen Sie, Majestät. Und wenn meine Sünden das Maß Ihrer Barmherzigkeit nicht übersteigen, so schenken Sie mir wieder Ihr Wohlwollen. Mich haben alle, alle verlassen, und niemand ist da, von dem ich Trost erwarten könnte. Sie allein, Majestät, sehen meine Tränen und meine Reue! Ich bin ein Flüchtling, Verräter, Bösewicht; aber ich liebe dennoch mein Vaterland und Sie, Majestät, und will Ihnen beiden bis an mein Lebensende dienen.« Pan Andreas brach in Schluchzen aus. Der König neigte sich über ihn, küßte ihn auf die Stirn, streichelte seinen Kopf und begann, ihn mit freundlichen Worten zu trösten. »Teurer, ich liebe dich wie meinen Sohn. – Was klagst du dich an? Du hast nur unwissentlich gesündigt. Wie viele aber sündigen mit Absicht! Ich vergebe dir alles von ganzem Herzen; denn du hast deine Sünden schon alle gesühnt. Beruhige dich, mein Lieber! Mehr als einer würde stolz sein auf deine Verdienste. Bei Gott! Ich vergebe dir, wie auch das Vaterland dir vergibt! Wir beide werden noch deine Schuldner werden. Höre auf zu weinen!« Kmicic lächelte unter Tränen. »Majestät, vergelte Ihnen Gott Ihre Worte! – Ich schwöre zu Gott, ich werde nicht auf halbem Wege stehen bleiben. Sobald ich mich erst erholt habe, ziehe ich wieder gegen die Schweden los.« »Nun, so machen Sie nur, daß Sie schnell genesen! In Friedenszeiten werde ich selbst als Ihr Verteidiger auftreten.« »Majestät, nach Ihrer Verzeihung kümmern mich alle anderen nur wenig. Was mich allein noch Tag und Nacht betrübt, das ist der Gedanke an meine Braut. – Viel Zeit ist verronnen, seit ich sie nicht gesehen habe. Ich habe viel um sie gelitten, obwohl ich die Liebe zu ihr oft aus meinem Herzen herausreißen wollte. Aber das ging nicht; das war über meine Kräfte!« Jan-Kasimir lächelte heiter und gutherzig. »Und wie kann ich Ihnen in dieser Sache helfen?« »Sie allein, Majestät, können mir darin helfen. Sie wird mir mein Benehmen in Kiejdane nur dann verzeihen, wenn Sie ein gutes Wort für mich einlegen. Wenn Sie bezeugen, daß ich mich völlig geändert und freiwillig, nicht gezwungen, den rechten Weg betreten habe.« »Wenn es sich allein darum handelt, so seien Sie beruhigt. Hoffentlich ist sie frei und hat sie in den Händen der Radziwills kein Unheil getroffen!« »Die Engel des Himmels werden sie beschützen.« »Sie verdient das auch wahrhaftig! – Wir werden jetzt neue Truppen ausheben, und Sie sollen mir dabei helfen, was Sie ja nicht zum ersten Male tun. Da aber viele Gerichtsurteile auf Ihnen lasten, stelle ich Ihnen den Befehl nicht auf den Namen Kmicic, sondern auf Ihren angenommenen Namen aus. Ihre Besserung und Ihre guten Taten begannen mit dem Augenblicke, als Sie sich Babinicz nannten. Nennen Sie sich also weiter so, und die Gerichte werden Sie in Ruhe lassen. Ziehen Sie unter der Führung des Kastellans von Kiew ins Feld. Sie können sich unter seiner Leitung leicht auszeichnen. Und wenn dann der Ruhm Ihrer Taten sich in der ganzen Republik verbreitet hat, dann sollen die Leute erfahren, wer der wackere Ritter war. Man wird sich schämen, einen solchen Helden vor Gericht zu zitieren, und ich werde Ihre Verdienste auf dem Reichstage hervorheben. Ich werde für Sie um eine Auszeichnung bitten; denn in meinen Augen sind Sie ihrer wert.« »Majestät, ich bin so vieler Gnaden nicht würdig!« »Und um die Panna Billewicz grämen Sie sich nicht, mein tapferer Royalist; ich bin sicher, daß Ihnen die Royalistin nicht entgeht. Und dann, so Gott will, werden Sie mir viele, viele kleine Royalisten schenken.« Kmicic sprang trotz seiner Schwäche vom Bette auf und fiel dem Könige zu Füßen. »Um Gottes willen! Was machen Sie da?« sagte der König. »Sie verbluten noch, Wahnsinniger!« Vom Nebenzimmer her ertönten Schritte. »He, wer da?« rief Jan-Kasimir. Ins Zimmer stürzte der Marschall selbst, der den König schon lange im ganzen Schlosse gesucht hatte. »Heiliger Georg! Was ist das?« schrie der Marschall, als er sah, wie der König sich anstrengte, den bewußtlosen Kmicic vom Fußboden aufzuheben. »Das ist Pan Babinicz, mein Freund und treuer Diener. Helfen Sie mir, Pan Marschall, ihn wieder ins Bett zu legen. – – 8. Kapitel. Von Lubomka begab sich der König nach Lemberg, wohin ihn der Kronmarschall und eine Menge Bischöfe, Senatoren und Würdenträger begleiteten. Und wie ein mächtiger Fluß sich durch die ihm zuströmenden Bäche und kleinen Flüßchen allmählich vergrößert, so wuchs auch der königliche Zug mit jeder Minute. Immer und immer wieder schlossen sich ihm Pans, Schlachtschitzen und ganze Trupps von bewaffneten Bauern an, die alle furchtbar gegen die Schweden aufgebracht waren. Jung und alt, alles stieg zu Pferde. Die Frauen opferten willig ihre Kostbarkeiten für die allgemeine Sache, einige wollten sogar mit in den Krieg ziehen. In den Schmieden hämmerten Tag und Nacht Zigeuner, und sie verwandelten Sicheln und Sensen in Waffen. In den Städten und Dörfern wurde es still, weil alle Männer ins Feld gezogen waren. Von den Bergspitzen stiegen Hunderte wilder, bewaffneter Männer herab. Der Witebsker Wojewod, der von dem Falle Tykocins überzeugt war, übertrug die weitere Führung der Belagerung dem Pan Oskierka, während er selbst nach Tyszowiec aufbrach, wo soeben die Hetmans, die wieder mit ihren Truppen aus den schwedischen Diensten getreten waren, zum Schutze des Vaterlandes und des Königs die Tyszowiecer Konföderation schlossen. »Zu mir sind Gerüchte gedrungen,« sagte der Wojewod beim Abschied zu den versammelten Rittern, »daß einige Offiziere beabsichtigen, den Fürsten nach der Einnahme des Schlosses zu zerstückeln. Wenn – was ich für sehr wahrscheinlich halte – das Schloß sich während meiner Abwesenheit ergeben sollte, so verbiete ich Ihnen allen auf das Strengste, Hand an den Fürsten zu legen. Der Verräter verdient zwar nicht das geringste Mitleid; aber sein Leben gehört nicht mir. Ich ziehe es vor, ihn vor das Reichsgericht zu stellen, damit die nachkommende Generation ein Beispiel haben möge, daß weder die hohe Abstammung noch der Reichtum es jemandem ermöglichen, sich den Gerichten und der gerechten Strafe zu entziehen. – Pan Wolodyjowski! Ich reise sogleich ab, Ihnen übertrage ich die Verantwortung für das Leben des Fürsten Wojewoden, wenn das Schloß genommen werden sollte. Sie haften mir für ihn mit Ihrem Kopfe!« »Zu Befehl! Niemand wird dem Wojewoden auch nur einen Finger krümmen«, antwortete der kleine Oberst. Und in diesem selben Augenblicke saß der große Verräter in seinem Schlosse und starrte zwecklos auf die mit Schnee bedeckte Erde und lauschte dem Sausen des Windes. Das Lämpchen seines Lebens brannte langsam seinem Ende entgegen. Nur noch wenige Stunden blieben ihm vergönnt zu leben, und doch hatte er schon zu lange gelebt. Denn er überlebte nicht nur den Glauben an sich und seinen glücklichen Stern, sondern auch seinen Sturz, einen so tiefen Sturz, daß er selbst es nicht fassen konnte. Alles hatte ihn betrogen: sein Glück, seine fein durchdachten Pläne, seine Verbündeten. Er, der sich nicht mit der Würde des mächtigsten polnischen Magnaten, mit dem Titel des Großhetmans und Wilnaer Wojewoden begnügen wollte, er, dem ganz Litauen zu eng schien für die Verwirklichung seiner Pläne, – er war jetzt in einem kleinen, ärmlichen Schlosse eingeschlossen, aus dem heraus es nur zwei Wege gab: entweder den Tod oder die Gefangenschaft. Und ununterbrochen starrte er zur Tür, in der Erwartung, welche der beiden Schreckensgestalten sich zuerst seines sich auflösenden Körpers bemächtigen werde. Noch unlängst konnte man aus seinen Besitzungen sich ein kleines Reich bilden, und jetzt war er nicht einmal Herr dieser Tykociner Mauern! – Vor einigen Monaten noch verkehrte er mit den Königen der Nachbarländer wie mit seinesgleichen, und jetzt hört ein einfacher schwedischer Hauptmann unehrerbietig und ungeduldig seinen Befehlen zu, um nachher dennoch nach eigenem Ermessen zu handeln! Auch König Gustav hatte sich endgültig von ihm gewandt, als der mächtige Magnat, verlassen von allen seinen Truppen, zu einem der Hilfe bedürftigen Bundesgenossen geworden war. Wie man einstmals den Raubmörder Kostka Napierski in Czorsztyn belagerte, so belagerte man jetzt ihn, Radziwill, im Tykociner Schloß. Und sein persönlicher Feind, Sapieha, war es, der das tat. – Verlassen von seinen Verwandten, Freunden, Verbündeten war der stolze Magnat, der dazumal den französischen Hof durch seine Reichtümer blendete, der für mehr denn Zehntausende Gastmähler gegeben hatte, nicht einmal in der Lage, seine schwindenden Kräfte zu stärken. Und – es ist schrecklich zu sagen! er, Radziwill, litt in den letzten Tagen seines Lebens Hunger! Denn schon längst mangelte es in Tykocin an Lebensmitteln, und die gebliebenen kargen Vorräte verteilte der schwedische Kommandant. Der Fürst war zu stolz, um die Vergrößerung der kleinen Rationen zu bitten. Und zu alledem quälten den Fürsten Gewissensbisse. In der ganzen Welt gab es keine Zufluchtsstätte, wohin er sich vor ihnen retten konnte. Sie quälten ihn des Nachts und am Tage, im Freien und unter seinem eigenen Dache. Der Gedanke, daß er bald im Jenseits Rechenschaft zu geben habe über seine Taten, machte seine Haare sträuben. Als er seine Hand wider das Vaterland erhob, kam er sich so groß ihm gegenüber vor, und nun hatte sich alles geändert. Jetzt erschien er sich so klein, und die Republik, die sich aus Staub und Blut emporgerichtet hatte, erschien ihm groß und drohend, schrecklich und voll geheimnisvoller Majestät. Er fühlte sich wie ein winziges Schifflein auf dem großen Meere. Wellen umtosten ihn, die drohend mit ihren weißen Schaumkämmen zu ihm heranstürmten und ihn verschlingen mußten. Er sah, daß sein Untergang unvermeidlich war, daß stärkere Hünen denn er in diesem Kampfe erliegen mußten. Warum nur hatte er vordem von dieser geheimnisvollen Kraft nichts gespürt? Warum mußte er, Tor, sich gegen sie auflehnen? Er wurde mit jeder Minute mutloser, und ein unbekanntes Gefühl der Furcht zog in sein Herz ein. War das noch sein Land? Waren das noch dieselben Leute wie vordem, die ihn jetzt umgaben? Durch die belagerten Mauern drang alles zu ihm, was in der Republik vorging, und es ging etwas Besonderes, Auffallendes vor: es begann ein Krieg auf Leben und Tod gegen die Schweden und die Verräter. Ein Krieg, der um so schrecklicher war, als ihn niemand vorausgesehen hatte. Die Republik selbst nahm das strafende Schwert in die Hand. Es war die Offenbarung des Zornes Gottes für die darniedergetretene Majestät. Als die Nachricht von der Belagerung Czenstochaus sich verbreitete, erschrak selbst Radziwill, der Kalvinist. Und seit der Zeit verließ der Schrecken seine Seele nicht mehr. Damals fühlte er zum ersten Male das Herannahen der geheimnisvollen Flut, die ihn und die Schweden verschlingen würde. Die Binde fiel von seinen Augen, und er hielt den Einfall der Schweden zum ersten Male für einen Diebstahl, für ein Verbrechen. Er sah das veränderte Gesicht seiner Heimat, die fortan keiner Mutter, sondern einer strafenden Gottheit glich. Er verstand die Bergvölker, die von den Bergen stiegen und sich gegen die Schweden warfen; er sah, daß jetzt niemand an seinen Vorteil denken durfte, sondern daß ein jeder alles für das Wohl des Vaterlandes einsetzen mußte. Aber für ihn war es zu spät. Was konnte er noch opfern? Was war ihm noch geblieben außer seiner schimpflichen Vergangenheit? Fürst Radziwill lag in dem tiefen, bodenlosen Abgrund der dunkelsten Verzweiflung, in den ihn sein Ehrgeiz und sein Egoismus gestürzt hatten. – – Es war einige Tage nach der Abreise des Witebsker Wojewoden. Der einunddreißigste Dezember nahte sich seinem Ende. Sapiehas Truppen, die vergeblich versucht hatten, die Tore des Schlosses in die Luft zu sprengen, bereiteten einen neuen Sturm vor. Der Fürst lag in einem Eckzimmer im westlichen Flügel des Schlosses. In dem ungeheuren Kamine brannten dicke Scheite Kiefernholz, deren Licht sich an den weißen Wänden widerspiegelte. Radziwill lag auf einer Ottomane, die dicht an den Kamin gerückt war. Um ihn herum saßen auf Stühlen ein Page, die frühere Haushälterin in Kiejdane, Pani Jakimowiczowa, der Arzt, der zugleich Astrolog war, und Charlamp. Dieser hatte den Fürsten nicht verlassen, obwohl ihm sein Dienst sehr schwer fiel. Sein Herz zog ihn nach außerhalb der Tykociner Mauern, in Sapiehas Lager; aber er wollte seinem Eide und seinem alten Feldherrn nicht untreu werden. Unter den ausgestandenen Entbehrungen war er wie ein Skelett abgemagert. Er war vor kurzem von den Festungsmauern gekommen und schlummerte vor Ermüdung trotz des ununterbrochenen Hustens des Fürsten und des Heulens des Windes im Schornsteine. Plötzlich fuhr der Fürst zusammen und blickte um sich. »Als hätte man mir etwas vom Herzen heruntergewälzt«, sagte er. »Es ist mir leichter geworden.« Dann heftete er seinen Blick auf die Tür; nach einer Minute rief er: »Pan Charlamp!« »Ich bin hier, Durchlaucht!« »Was will Stachowicz von mir?« Charlamps Knie begannen zu zittern. Auf dem Schlachtfelde kannte er keine Furcht; allein er war sehr abergläubisch. »Stachowicz ist ja nicht hier«, antwortete er mit bebender Stimme. »Euer Durchlaucht ließen ihn ja in Kiejdane erschießen.« Der Fürst schloß seine Augen und erwiderte nichts. Es trat Stille ein; von draußen her vernahm man das Heulen und Pfeifen des Sturmes. »Als wenn Menschen schluchzen«, begann der Fürst wieder, indem er die Augen öffnete. »Die Schweden hat aber Radziezowski, nicht ich gerufen.« Niemand antwortete. »Er ist schuldiger als ich, viel, viel schuldiger!« Und der Fürst atmete erleichtert auf, als wenn das Bewußtsein, daß es noch einen Schuldigeren gab als er, ihn erleichterte. Plötzlich hörte man das Knattern von Gewehren, man schoß aus Musketen, zuerst vereinzelt, dann öfter. »Charlamp!« stöhnte Radziwill, »was für ein Datum haben wir heute?« »Es ist der letzte Tag des Jahres, Euer Durchlaucht.« »Gott, erbarme dich meiner sündigen Seele! Das neue Jahr werde ich nicht erleben. – Mir ist schon lange vorher gesagt worden, daß ich am Silvester sterben werde.« »Gott ist barmherzig, Durchlaucht.« »Gott ist mit dem Pan Sapieha!« erwiderte der Fürst, indem er wieder um sich blickte. »Es weht kalt von ihm. – Ich sehe ihn nicht, aber ich fühle, er ist hier.« »Wer, Durchlaucht?« »Der Tod!« »Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes!« »Sagen Sie«, sprach der Fürst mit brechender Stimme, »glauben Sie wirklich, daß nur der seine Seele retten wird, der Ihrem Glauben angehört?« »Auch im Augenblicke des Todes kann man Buße tun«, antwortete Charlamp. Es wurde draußen immer anhaltender geschossen. Die Fensterscheiben klirrten nach jeder Salve in ihrer Fassung. Der Fürst begann sich langsam von seinem Lager zu erheben und sich hinzusetzen. Seine Augen weiteten sich, die Augäpfel funkelten. »Boguslaw! Boguslaw!« schrie er laut. Charlamp floh wie wahnsinnig aus dem Zimmer. Das ganze Schloß erzitterte in seinem Fundament, durch die unaufhörlichen Geschützsalven erschüttert. Plötzlich erscholl ein ohrenbetäubendes Krachen. Charlamp kam eiligst wieder in das Zimmer gestürzt. »Die Tore sind in die Luft gesprengt!« schrie er. »Die Schweden sind in den Turm geflohen! Der Feind ist hier, Durchlaucht!« Die Worte erstarben auf seinen Lippen. Radziwill saß auf dem Diwan. Mit weit geöffneten Augen starrte er furchtsam in die Ecke des Zimmers. Seine Hände hatten sich konvulsiv in den Bezug der Ottomane gekrallt, seinen bleichen Lippen entflohen fortwährend abgerissene Worte: »Radziejowski war das. – Ich nicht! – Sagen Sie, was Sie wollen! – Hier, – nehmen Sie diese Krone! – Das tat Radziejowski! – Leute! helft! Jesus, Jesus, Maria!« Das waren Radziwills letzte Worte. Er bekam einen schrecklichen Hustenanfall, rang vergeblich nach Luft, fiel auf den Rücken und blieb leblos liegen. »Er ist tot!« sagte der Arzt. Charlamp näherte sich der Leiche, nahm das Bild der Mutter Gottes von seinem Halse ab und legte es in Radziwills Hände. Da geschah etwas Entsetzliches. Ein blendend greller Lichtschein erleuchtete den Raum, und zu gleicher Zeit erdröhnte ein solches Krachen, wie Menschenohren noch nicht gehört haben. Die Wände schwankten, die Decke spaltete sich und zeigte klaffende Risse. Die Fensterscheiben fielen mit ihren Rahmen klirrend zu Boden und zersprangen in tausend Splitter. Durch die Risse in den Wänden wehte der Wind und heulte kläglich in den Ecken des Saales. Alle im Zimmer Anwesenden fielen halbtot vor Schreck zu Boden. Zuerst erhob sich Charlamp, sein erster Blick galt der Leiche des Wojewoden. Sie lag noch in derselben Lage, nur das Heiligenbildchen war den Händen entfallen. Charlamp atmete erleichtert auf. Im ersten Augenblicke hatte er geglaubt, daß Höllenscharen sich des Körpers Radziwills bemächtigen wollten. »So haben die Schweden ihre Absicht ausgeführt«, sagte er. »Sie haben sich mitsamt dem Turme in die Luft gesprengt.« Von außen drang nicht das geringste Geräusch zu den Ohren der Versammelten. Augenscheinlich standen Sapiehas Truppen in stummer Erstarrung, oder sie drangen nicht weiter vor, da sie eine neue Explosion fürchteten. Ringsum herrschte Totenstille; nur die Holzscheite im Kamin knisterten, der Wind heulte, und der Schnee fiel mehr und mehr durch die ausgefallenen Fenster in den Saal. Bald aber vernahm man aus der Ferne Menschenstimmen, Sporengeklirr und Fußtritte, die sich allmählich näherten. Die Tür des Saales wurde weit aufgerissen, und ein Haufen Soldaten stürzte herein. Ein kleiner Ritter, ganz in Eisen gehüllt, trat aus der Menge heraus und rief, den gezogenen Säbel in der Hand: »Wo ist der Wilnaer Wojewod?« »Hier!« sagte Charlamp und zeigte auf den Verstorbenen. Pan Wolodyjowski sah hin und sagte: »Tot!« »Tot! tot!« ging ein Flüstern durch die Reihen der Soldaten. »Der Verräter und Treulose ist gestorben!« »Ja,« sagte grimmig Charlamp. »Aber wagen Sie es nicht, seinen toten Körper zu verhöhnen. Vor seinem Tode hat er die heilige Jungfrau angerufen, und sehen Sie, jetzt hat er ihr Bild in den Händen.« Charlamps Worte verfehlten nicht, eine starke Wirkung auszuüben. Die unwilligen Ausrufe verstummten. Die Soldaten umringten den Diwan und betrachteten den Toten neugierig. Er lag finster da, auf seinem Gesichte waren die Würde eines Großhetmans und die Majestät des Todes ausgeprägt. Zagloba entblößte sein Haupt; alle anderen Offiziere folgten seinem Beispiele. »Ja«, sprach Wolodyjowski, »er steht jetzt schon vor dem Richterstuhle Gottes und fürchtet keinen menschlichen Richter. – Und du, Unglücklicher,« wandte er sich an Charlamp, »warum hast du dich seinetwegen vom Vaterlande losgesagt?« »Greift ihn!« erschollen mehrere drohende Stimmen. Charlamp richtete sich auf, nahm seinen Säbel aus der Scheide und warf ihn zu Boden. »Hier bin ich, ihr könnt mich töten!« sagte er ruhig. »Ich habe ihn damals nicht verlassen, als ihr ihn verließt, und als er noch mächtig war. Sollte ich ihn dann verlassen, als sein Glück ihn verließ? Das ging nicht an. – Viel war in diesem Dienste nicht zu erwerben, – seht, wie ich aussehe! – Drei Tage lang habe ich nichts gegessen und kann mich kaum noch auf den Beinen halten. – Doch, was geht euch das an? – Tötet mich! – Ich verhehle ja nicht, daß ich ihn geliebt habe«, vollendete er mit zitternder Stimme. Er schwankte und wäre hingestürzt, wenn ihn Pan Zagloba nicht gestützt und schnell zu einem Stuhle geführt hätte. »Komm nur jemand heran!« schrie der alte Schlachtschitz. »Seht ihr denn nicht, daß der Mann vor Hunger und Ermüdung fast stirbt?« Diese Worte beruhigten die Gemüter der Soldaten. Jemand nahm Pan Charlamp unter den Arm und führte ihn hinaus. Die übrigen begannen auch das Zimmer zu verlassen. Auf dem Wege zu seinem Quartiere sprach Wolodyjowski zu Zagloba: »Panna Billewicz war nicht hier im Schlosse anwesend.« »Woher wissen Sie das?« fragte Zagloba. »Ich habe nach ihr gefragt. Boguslaw hat sie mit sich nach Tauroggen genommen.« »Oh, oh!« runzelte Zagloba die Stirn, »das heißt den Bock zum Wächter eines Kohlkopfes setzen. Übrigens, das ist nicht Ihre Sache, Ihnen hat das Schicksal eine andere bestimmt. Sie wissen doch, das kleine Hoffräulein der Fürstin Wisniowiecka.« – – 9. Kapitel. Mit der Ankunft des Königs in Lemberg wurde diese Stadt zur Metropole der Republik. Zugleich mit dem Könige kamen der größte Teil der Bischöfe und alle jene weltlichen Fürsten, die dem Feinde nicht dienten. Königliche Erlasse riefen die Schlachta der russischen Wojewodschaften unter die Fahnen, und die Herzen der Patrioten freuten sich angesichts dieser Landwehr. Das war eine kriegerische Schlachta, die von Kind auf ans Pferd, an ununterbrochene Überfälle wilder tatarischer Horden, an Blut und Krieg gewöhnt war, und die den Säbel gut zu handhaben verstand. Von allen Seiten strömte die fürchterlich gegen die Schweden erbitterte Schlachta nach Lemberg. Die Kosaken verhinderten auch ihrerseits nicht die Vereinigung der Landwehr, sondern sandten sogar zum Könige Abgesandte mit Versicherungen ihrer Treue. Kein Tag verging, ohne daß irgend eine Deputation erschien, – von den litauischen Krontruppen, von den vom Feinde besetzten Wojewodschaften, die ihre Opferwilligkeit für den König und die leidende Republik erklärten. Die Macht des Königs wuchs stündlich und mit ihr das Ansehen der noch unlängst ganz daniederliegenden Republik. Der König verbrachte ganze Tage in Beratungen mit Senatoren, empfing ausländische Abgesandte und Deputationen. Boten flogen nach allen Provinzen der Republik, nach dem fernen Preußen, nach dem heiligen Smudien, nach Tyszowiec, zu den Hetmans und zu Pan Sapieha, der nach der Einnahme Tykocins in Eilmärschen mit seinen Truppen nach Süden zog, dem Großbannerträger Koniecpolski, der es noch immer mit den Schweden hielt, entgegen. Nachdem Jan-Kasimir die Tyszowieczer Konföderation anerkannt und ihr selbst beigetreten war, nahm er die Zügel der Regierung in seine unermüdlichen Hände. Er arbeitete vom frühen Morgen bis in die tiefe Nacht hinein und vergaß Ruhe und Schlaf. Noch vieles war zu vollbringen, ehe er der Republik eine sichere Zukunft, ein beständiges Gedeihen sichern konnte. Endlich brach diese Minute an. Von den Senatoren aus waren geheimnisvolle Gerüchte zu der Schlachta und zu dem einfachen Volke gedrungen, daß sich während des Gottesdienstes etwas ganz Besonderes ereignen, daß der König ein feierliches Gelübde ablegen würde. Es war ein klarer Frosttag; kleine Schneeflocken, die von den Sonnenstrahlen vergoldet wie brennende Funken aussahen, flogen in der Luft umher. Vor der Kathedrale hatte sich die Lemberger Infanterie in langer Reihe in dunkelblauen Halbpelzen mit goldenen Tressen aufgestellt, und Offiziere mit langen Stöcken in den Händen schritten die Reihe ab. Eine schier unendliche Volksmenge wälzte sich zur Kathedrale. Zuerst kam die Ritterschaft und die Schlachta, dann folgte der städtische Senat mit dem Bürgermeister an der Spitze. Kaufleute und Armenier in grünen Mützen und weiten orientalischen Kaftans. Ihnen schlossen sich die Innungen mit ihren Abzeichen an: Fleischer, Bäcker, Schneider, Schmiede, Büchsenmacher und andere mehr. Nach einiger Zeit begannen Equipagen heranzurollen. Es kam der König mit dem Nuntius Widon, der Erzbischof von Gnesen mit dem Fürst-Bischof Czartoryski, der Bischof von Krakau, der Erzbischof von Lemberg, der Großkanzler, viele Wojewoden und Kastellane. Die Messe hielt der apostolische Nuntius Widon ab, gekleidet in ein purpurrotes Chorgewand und ein mit Gold und Perlen besticktes Priesterkleid. Jan-Kasimir neigte sein gekröntes Haupt vor Gottes heiliger Majestät tief zur Erde, und lange verharrte er so, bis der Nuntius sich ihm mit einer goldenen Schale näherte. Dann erhob sich der König mit verklärtem Gesicht und nahm das heilige Abendmahl ein; mit gen Himmel gerichtetem Blick und gen Himmel weisenden Armen stand er da. In der Kirche wurde es totenstill, alle hielten den Atem zurück; denn sie errieten, daß die feierliche Minute hereingebrochen war. »Heilige Beschützerin der Menschheit!« begann mit klarer, wenngleich tief bewegter Stimme der König, »ich, Jan-Kasimir, der ich nach dem Willen deines Sohnes, des Königs aller Könige, und nach deinem Willen Herrscher dieses Landes bin, falle zu deinen heiligen Füßen und gelobe dir, dich von nun an als meines Reiches König zu erachten. Mich, mein polnisches Königreich, das Großfürstentum Litauen, Preußen, Masovien, Smudien, das Heer und das gesamte Volk empfehle ich deiner Barmherzigkeit und deinem Schutze und bitte um deine Hilfe für mein Reich, das vom Feinde bedrückt ist.« Bei diesen Worten fiel der König auf seine Knie und verharrte einige Minuten in Schweigen, dann fuhr er fort: »Überschüttet mit deinen großen Gnaden, gelobe ich dir in meinem, meiner Minister, Senatoren, der Schlachta und des Volkes Namen, deines Sohnes, unseres Erlösers, Ruhm und Lob in allen Gebieten des polnischen Reiches zu verbreiten. Ich schwöre, daß, wenn ich durch die Gnade deines Sohnes über die Schweden siegen werde, ich alles daran setzen werde, den Jahrestag eines solchen Ereignisses in alle Ewigkeit zu deinem und der heiligen Jungfrau Gedächtnis zu feiern.« Der König sank wieder in die Knie; ein Flüstern ging durch die Kirche, aber Jan-Kasimir hub mit zitternder, trauriger Stimme von neuem an: »Mit Bekümmernis und großem Gram höre ich das Jammern und sehe ich das Kreuz, das die armen Bauern tragen, auf denen seit sieben Jahren alle die Strafen lasten, die deine Gerechtigkeit auf uns herniedergeschickt hat. Ich gelobe hier, nach dem Friedensschluß, mit Hilfe aller Stände der Republik die bedrückte Bauernschaft von jeder Ungebühr zu befreien. Du, heilige Jungfrau, du meine Königin und Herrin, hast mir diesen Schwur eingegeben, und nun bitte du deinen Sohn, daß er mir helfe, mein Gelöbnis zu erfüllen!« Die Geistlichkeit, die Senatoren, die Schlachta und das Volk, alle hörten das königliche Wort. Man vernahm Schluchzen in der Kirche, die Bauern weinten, und alle anderen nach ihnen. Alle hoben ihre Hände nach oben und wiederholten feierlich: »Amen! Amen! Amen!« Ein Sinnesrausch, ein Entzücken ergriff einen jeden und vereinigte die ganze Menge in dem Gefühl der Liebe zur Republik und zu ihrer Beschützerin. Es gab keinen Menschen in der ganzen Kathedrale, der in diesem Augenblicke an einem Sieg über die Schweden gezweifelt hätte. Umtost von den Beifallsrufen des Volkes und von ununterbrochenen Salutschüssen kehrte der König in sein Quartier zurück. 10. Kapitel. Die Nachricht von der Einnahme Tykocins, die in Lemberg mit großer Begeisterung aufgenommen wurde, überbrachte Oberst Wolodyjowski dem König, zugleich mit einem ganzen gutformierten Regiment, das Sapieha Jan-Kasimir zuschickte. Der König empfing Wolodyjowski sogleich und umarmte ihn. »Willkommen, berühmter Ritter«, rief er freudig, – »viel Wasser ist den Berg herabgeflossen, seit wir uns aus den Augen verloren haben. Ich glaube, ich sah Sie zum letzten Male mit Blut bespritzt bei Beresteczek.« »Und später, in Warschau, Majestät!« antwortete Pan Michail, indem er auf die Knie fiel, »ich war mit dem jetzigen Kastellan von Kiew zusammen im Schlosse.« »Und sind Sie die ganzen Jahre hindurch im Dienste gewesen. Lockte Sie nicht das stille Glück des Familienlebens?« »Die Republik bedurfte der Diener, und im Lärm des Krieges kommt man auf andere Gedanken.« »Hätte die Republik mehr solcher Soldaten, so würde der Feind hier nicht herrschen! – So Gott will, werden Sie nicht ohne Belohnung bleiben. – Doch jetzt erzählen Sie mir, was haben Sie mit dem Wilnaer Wojewoden gemacht?« »Der Wilnaer Wojewod steht vor Gottes Richterstuhl. Er starb in dem Augenblicke, als wir das Schloß stürmten. Hier ist der Bericht des Pan Sapieha.« Der König nahm das Schreiben, las mehrere Zeilen und rief: »Pan Sapieha irrt! Er schreibt, daß der Großhetmanstab von Litauen frei sei, dem ist nicht so; denn ich verleihe ihn ihm!« Dann fuhr er fort zu lesen. »Ja – Radziwill konnte die kostbarste Perle in dieser Krone sein, wenn nicht der Hochmut und der Stolz von seiner Seele gänzlich Besitz genommen hätten. – Gottes Wege sind unerforschlich! – Radziwill und Opalinski, – fast zu gleicher Zeit! – Möge sie Gott nicht nach ihren Taten, sondern nach seiner Barmherzigkeit richten! Waren viele Offiziere bei Radziwill?« »In Tykocin fanden wir nur Pan Charlamp, er blieb dem Fürsten bis zur letzten Minute treu. Wohl zog ihn sein Herz in unser Lager; aber er wollte nicht sein einmal gegebenes Wort brechen. Wir fanden ihn fast sterbend vor Hunger. Im Schloß waren die Vorräte so gering, daß Charlamp auf fast alles verzichtete, um dem Fürsten möglichst viel zu lassen. – Jetzt ist er mit nach Lemberg gekommen, um Euer Majestät um Vergebung anzuflehen, und ich meinerseits bitte auch Euer Majestät um Schonung für ihn.« »Er möge hierher kommen«, sagte Jan-Kasimir. »Außerdem hat er Euer Majestät eine sehr wichtige Mitteilung zu machen, die er in Kiejdane aus dem Munde des Fürsten Boguslaw gehört hat. Es handelt sich um die Sicherheit Euer Majestät selbst.« »Spielt hier nicht ein gewisser Kmicic eine Rolle?« »So ist es, Majestät.« »Haben Sie ihn denn gekannt?« »Ja, Majestät, ich kenne ihn, ich hatte einen Zweikampf mit ihm, aber wo er jetzt ist, das weiß ich nicht.« »Und was denken Sie über ihn?« Pan Wolodyjowski erzählte ausführlich die Geschichte seiner Bekanntschaft mit Kmicic, erzählte von der Rolle, die er in Kiejdane gespielt, und wie er ihn und seine Freunde aus Radziwills Händen gerettet hatte. »Es ist schwer, etwas Bestimmtes über diesen Mann zu sagen«, beendete der kleine Ritter seine Erzählung. – »Viele Sünden lasten auf seiner Seele, aber er hat uns soviele Dienste erwiesen, daß, – kurz, Majestät, ich weiß selbst nicht, was ich von ihm halten soll. – Dazu kommt noch die Erzählung Boguslaws, – wenn dieser nun gelogen hätte!« »Darüber werden Sie selbst bald Gewißheit erhalten«, sagte der König und klatschte in die Hände. »Rufe Pan Babinicz her!« rief er dem eintretenden Pagen zu. Der Page verschwand und erschien in einigen Minuten in Begleitung Pan Andreas wieder. Pan Wolodyjowski erkannte den Kommenden nicht sogleich, der junge Ritter hatte sich noch nicht von seinem Kampfe in der Bergschlucht genügend erholt. »Eigentümlich!« sagte Wolodyjowski nach einiger Zeit. »Wenn Euer Majestät nicht einen anderen Namen genannt hätten, so würde ich behaupten, das ist Kmicic.« Der König lächelte. »Soeben hat mir Pan Wolodyjowski eine Menge ruchloser Dinge von dem verworfenen Kmicic erzählt, und ich habe mich bemüht, ihn zu überzeugen, daß das alles nicht wahr ist. Ich hoffe, Pan Babinicz, Sie werden mich jetzt unterstützen.« »Majestät«, begann Kmicic aufgeregt, »ein Wort von Ihnen genügt, um die Ehre dieses Verworfenen schneller wieder herzustellen als alle meine Schwüre!« »Auch diese Stimme ist die seine«, staunte mehr und mehr der kleine Ritter, »nur diese Narbe war nicht in seinem Gesichte.« »Das Gesicht eines Schlachtschitzen ist ein Buch, ein jeder Feindessäbel hinterläßt seine Spur auf ihm«, entgegnete Kmicic. »Auch Ihr Autogramm ist da, erkennen Sie nun, wer ich bin?« Er neigte bei diesen Worten seinen Kopf und wies auf die weiße Narbe, die sich von einem Ohre zum anderen hinzog. »Meine Hand drauf!« rief Pan Wolodyjowski, »das ist Kmicic!« »Und ich sage Ihnen, Pan Wolodyjowski, daß Sie diesen Kmicic nicht kennen«, bemerkte der König. »Und wieso denn, Majestät?« »Sie kannten einen tapferen Ritter, aber zugleich einen Abtrünnigen und Parteigänger Radziwills. – Und vor Ihnen steht hier der Hektor von Czenstochau, denn Jasno-Gora verdankt seine Errettung außer dem Pater Kordecki meinem treuen Diener, der mich in der Bergschlucht aus den Händen der Schweden errettete. Das ist der neue Kmicic! Lernen Sie den kennen und lieben; er ist dessen wert! Und wißt, er hat dem Fürsten Boguslaw nicht nur dieses fürchterliche Angebot nicht gemacht, sondern er war es, der den Fürsten Radziwill verließ und Boguslaw entführte, um ihn mir auszuliefern.« »Und uns hat er vom Tode errettet!« rief der kleine Ritter, »welcher Engel hat Sie denn auf den rechten Weg gewiesen?« Und Pan Wolodyjowski warf sich in Kmicic' Arme. Der König verließ lächelnd das Zimmer und ging zu einer Beratung, zu der ihn die beiden Kronhetmans erwarteten. »Kommen Sie in mein Quartier«, sagte Wolodyjowski; »dort werden Sie die beiden Skrzetuskis und Zagloba vorfinden. Wie wird er sich freuen, wenn er von Ihrer Umkehr hört! Und Charlamp ist auch bei uns.« Doch Kmicic stand unbeweglich auf seiner Stelle und sah unruhig auf den kleinen Ritter. »Und haben Sie viele Leute bei Radziwill gefunden?« entschloß er sich endlich zu fragen. »Von Offizieren nur Charlamp allein.« »Ach, ich frage ja gar nicht nach Offizieren, waren auch Damen dort?« »Ich verstehe, verstehe«, und der kleine Ritter wurde verlegen. »Panna Billewicz hat Fürst Boguslaw mit sich nach Tauroggen genommen.« Kmicic wurde leichenblaß, dann schoß ihm das Blut in den Kopf, und die Gurgel schien sich ihm zuzuschnüren. Er faßte sich an die Schläfen und begann unruhig im Zimmer umher zu laufen. »Kommen Sie mit mir, Charlamp wird Ihnen alles erzählen«, tröstete ihn der kleine Ritter. 11. Kapitel. Die Ritter verließen schweigend das königliche Quartier. Wolodyjowski wollte nicht sprechen, und Kmicic konnte nicht, ihm schnürte die Wut die Kehle zu. Schweigend bahnten sie sich den Weg durch dichte Volksmassen, die herbeigeeilt waren, um sich die erste Tatarentruppe, die in Lemberg gemäß dem Versprechen des Chan eintreffen sollte, anzusehen. In Pan Wolodyjowskis Wohnung besichtigten gerade die Skrzetuskis, Pan Zagloba, Rzendzian und Charlamp Krymer Halbpelze, als die beiden Ritter ankamen. Charlamp, der Kmicic am besten kannte, ließ die Hände sinken und rief: »Jesus, Maria!« Aber Wolodyjowski ließ ihn nicht erst zur Besinnung kommen und begann: »Erlaubt mir, euch den Czenstochauer Hektor, den treuesten Diener des Königs vorzustellen, der sein Blut für seinen Glauben und für das Vaterland vergoß.« Und Pan Michail erzählte mit der ihm eigenen Lebhaftigkeit alle Einzelheiten seiner Unterhaltung mit dem Könige und schloß mit folgenden Worten: »Fürst Boguslaw hat nicht nur diesen Ritter gemein verleumdet, sondern er hat ihm auch seine Braut aus Kiejdane entführt, um ihn mitten ins Herz zu treffen!« »Dieser Ritter hat uns gerettet und die Konföderierten vor einem Überfall des Fürsten gewarnt,« sagte Zagloba. »Dafür allein sind ihm alle Sünden erlassen.« Charlamp griff sich an seinen Kopf und seufzte: »Solche Art Leute ertrinken nie, kommen trocken aus dem Pfuhl heraus und bringen noch Ruhm mit ans Ufer.« Kmicic, der nur daran dachte, Charlamp über Alexandra auszufragen, trat dicht zu ihm heran und flüsterte außer Atem: »Sagen Sie doch schnell, wie hat er die Panna entführt? Hat sie denn eingewilligt oder nicht, und was sagte der Miecznik?« »Ob die Panna freiwillig mitgefahren ist oder nicht, das weiß ich nicht, ich war nicht bei ihrer Abreise zugegen,« antwortete Charlamp. »Ich weiß nur, daß der Rosiener Miecznik dagegen protestiert hat. Zuerst hat man auf ihn eingeredet, dann hat man ihn ins Zeughaus eingesperrt, und später hat man ihm erlaubt, sich frei nach Billewicze zu begeben. Die Panna ist in schlechten Händen, das kann ich Ihnen nicht verhehlen. Man sagt nicht umsonst von dem jungen Fürsten, daß er die Weiber mehr liebt als der schlimmste Türke.« Kmicic stöhnte dumpf auf und knirschte mit den Zähnen. »Mich wundert nur eins«, mischte sich Skrzetuski ein, »daß der Fürst-Wojewod die Panna Billewicz gleich dem Fürsten Boguslaw ausliefern konnte.« »Ich bin kein Politiker«, antwortete Charlamp, »und weiß nichts. Ich hörte nur verschiedene Offiziere darüber sprechen. Der eine sagte: »Nun, Kmicic wird nach dem Fürsten keine Rosen mehr ernten«, worauf Ganchoff erwiderte, daß die Politik hier eine größere Rolle spiele als die Leidenschaft. Wenn die Panna sich Boguslaw widersetzt, so wird er sie nicht zwingen können; denn die Sache wird ruchbar werden und zu Ohren der Fürsten-Wojewodin und ihrer Tochter kommen, die Boguslaw heiraten möchte.« »Nach diesen Worten muß Ihnen ein Stein vom Herzen fallen«, bemerkte Pan Zagloba. »Es ist klar, daß ihr nichts Böses geschehen wird.« »Wozu aber hat er sie denn mitgenommen?« schrie Kmicic außer sich. »Gut, daß Sie sich an mich wenden«, sagte Zagloba wichtig, »ich habe schon öfter Rätsel gelöst, über die sich manch einer jahrelang den Kopf zerbrochen hat. Wozu er sie entführt hat? Ich bezweifle nicht, daß sie ihm gefallen konnte, aber mitgenommen hat er sie, um durch sie alle Billewicz', und es sind ihrer nicht wenige, in seine Hand zu bekommen und sie zurückzuhalten, gegen die Radziwills Feindseligkeiten zu eröffnen.« »Und wo ist er jetzt?« »Eins ist sicher, in Tauroggen ist er nicht«, antwortete Charlamp, »unsere Boten haben ihn dort nicht angetroffen. Wenn Sie auf den Rat eines einfachen Soldaten hören wollen, so kann ich Ihnen folgendes sagen: Ist der Panna Billewicz in Tauroggen ein Unglück zugestoßen, so brauchen Sie Boguslaw jetzt nicht nachzusetzen, ist sie aber mit der Fürstin zusammen nach Kurland gereist, so können Sie ihretwegen ganz beruhigt sein. In den jetzigen unruhigen Zeiten ist keine bessere Zufluchtsstätte für sie zu finden. – Boguslaw steht jetzt wahrscheinlich im Begriff, sich mit Karl-Gustav zu vereinigen und sich gegen Pan Czarniecki zu wenden.« »Es ist in der Tat jetzt das Beste für Sie, mit uns zusammen zu Czarniecki zu ziehen«, fiel Wolodyjowski ein, »dort werden Sie leicht Boguslaw begegnen.« »Ich danke euch, Freunde, für euren guten Rat«, sagte Kmicic und begann sich schnell von allen zu verabschieden. »Ich begleite Sie«, sagte Wolodyjowski. »Ich auch«, fügte Jan Skrzetuski hinzu. »Auch ich«, rief Zagloba. Auf den Straßen war das Gedränge noch ärger geworden als zuvor. Ein jeder wollte die Tataren sehen, die vereinzelt ruhig in den Straßen umherritten. Es war schwer, sich durch die Menge durchzuarbeiten. »Gott hat die Herzen der Heiden erweicht«, bemerkte Zagloba, »jetzt sind sie uns zu Hilfe gekommen. Wirklich, ein Wunder, muß man sagen.« »Sie kommen! Sie kommen!« ertönten in der Menge Ausrufe. In der Tat, die tatarische Abteilung nahte. Man vernahm eine durchdringende Musik. Die Menge gab willig die Mitte der Straße frei. »Seht nur, auch eine Kapelle, – das ist bei den Tataren eine Seltenheit«, sagte Zagloba. Die ersten Reihen des Zuges kamen heran. Voran ritt auf einem bunten Gaule ein dunkelfarbiger Tatar mit zwei Rohrpfeifen im Munde. Ihm folgten zwei Musikanten mit langen, oben mit kupfernen Schellen verzierten Stöcken, dann zwei andere mit kupfernen Tellern. Diese Instrumente klapperten und dröhnten ohne jede Harmonie. Die übrigen Musikanten sangen, oder richtiger heulten, wobei sie ihre weißen, großen Zähne zeigten. Diesem originellen Orchester folgte die Truppe, je vier Reiter in einer Reihe. Dieses Regiment hatte der Chan dem Könige gewissermaßen als Anzahlung geschickt. Der Anführer, Akbah-Ulan, war ein alter, erfahrener Kriegsmann. Er ritt hinter den Musikanten in einem Pelz, dessen rosiger Samtbezug abgenutzt war, und der seine mächtige Figur einengte. Auf seinem hohen Sattel schaukelnd, ritt er dahin und beobachtete von der Seite seine Tataren, als fürchtete er, daß sie angesichts der unbewaffneten Männer und Frauen und der offen stehenden Läden sich nicht würden enthalten können zu plündern. Aber die Tataren ritten ruhig, wie eine angeleinte Meute; nur ihre gierigen Blicke verrieten, was in ihren Seelen vorging. Die versammelte Volksmenge sah die Einziehenden auch recht scheel an, die Tataren flößten den Polen kein besonderes Vertrauen ein. »Diese Verbündeten werden uns teuer zu stehen kommen!« sagte Zagloba. »Sie und die Schweden werden kein ganzes Dach in unserer Republik zurücklassen.« »Unterwegs hörte ich«, entgegnete Wolodyjowski, »daß laut Vertrag jede tatarische Abteilung von fünfhundert Mann einem polnischen Offiziere unterstellt werden solle, der Vollmacht über sie hat. Sonst, glaube auch ich, werden diese Verbündeten nichts als kahle Erde hinter sich lassen.« »Und was will der König mit dieser Abteilung machen?« »Er wird sie wohl dem Pan Czarniecki schicken.« »Nun, Pan Czarniecki wird es schon verstehen, sie im Zaume zu halten. Er wird einen geeigneten Offizier für sie aussuchen.« »Und dieser Offizier wird sie befehligen? Und der dicke Aga, was wird der tun?« »Wenn er kein Dummkopf ist, wird er tun, was man ihm befiehlt.« »Auf Wiedersehen, Freunde, auf Wiedersehen!« rief plötzlich Kmicic. »Wohin eilen Sie denn?« »Zu dem Könige. Ich will ihm zu Füßen fallen und ihn bitten, mir den Befehl über diese Leute zu geben.« 12. Kapitel. An demselben Tage überreichte Akbah-Ulan dem Könige ein Schreiben des Chan. Der Chan wiederholte seine Zusage, eine Horde von hunderttausend Mann gegen die Schweden zu schicken, wenn er vierzigtausend Taler im voraus erhielte, und wenn die Felder sich bald wieder mit Gras bedeckten, da sonst der Marsch durch die vom Kriege verheerten Gegenden unmöglich sei. Diese kleine Abteilung schickte der Chan als Zeichen seiner Liebe für den »liebsten Bruder«, damit die Kosaken, die noch immer an eine Rebellion dachten, verstehen, daß der Zorn des Chan sich mit seiner ganzen Gewalt über sie entladen werde. Der König empfing Akbah-Ulan wohlwollend, schenkte ihm ein Rassepferd und erklärte ihm, daß er die ganze Abteilung sofort zum Pan Czarniecki schicken werde, um den Schweden zu zeigen, wessen Hilfe der Republik jetzt zur Seite stehe. Bei der Nennung von Czarnieckis Namen funkelten die Augen des Tataren; denn er kannte ihn aus den alten Kriegen in der Ukraine und hegte eine unwillkürliche Achtung vor dem Mann. Viel weniger gefiel ihm die Stelle im Schreiben des Chan, wo dieser den König bat, einen tüchtigen Offizier zum Befehlshaber der Abteilung zu stellen, einen, der imstande wäre, Akbah-Ulan von Gewalttaten und Plündereien zurückzuhalten. Der Tatar verbarg seine Unzufriedenheit darüber und entfernte sich mit einer tiefen Verbeugung. Kaum hatte sich die Tür hinter dem Gesandten geschlossen, als sich Kmicic, der während der Audienz in einer Ecke des Saales gestanden hatte, Jan-Kasimir näherte und ihm zu Füßen fiel. »Majestät«, begann er, »ich bin der Gnade nicht wert, um die ich Sie bitte: aber von ihrer Erfüllung hängt mein ganzes Leben ab. Übertragen Sie mir das Kommando über diese Tataren und lassen Sie mich gleich ins Feld ziehen!« »Ich schlage Ihnen diese Bitte nicht ab«, antwortete der erstaunte König. »Ein besserer Kommandeur ist für diese Leute kaum zu finden; denn hier ist ein fester und entschlossener Mann vonnöten. Sonst werden die Tataren sofort beginnen zu sengen und zu morden. Ich kann nur eins nicht erlauben, daß Sie eher aufbrechen, als bis Sie ganz genesen sind. Und warum eilen Sie so?« »Ich will gegen die Schweden ziehen, Majestät. Was soll ich hier noch warten? Alles, was ich zu erhalten hoffte und zu träumen wagte, habe ich erhalten: die Gnade Euer Majestät und die Vergebung der alten Sünden.« »Das ist wohl richtig; aber Sie sagen nicht alles.« »Ich will Euer Majestät alles gestehen und vor Ihnen meine Seele öffnen wie vor dem eigenen Vater. – Fürst Boguslaw hat sich nicht damit begnügt, mich aufs gemeinste zu verleumden: er hat meine Braut aus Kiejdane entführt und hält sie in Tauroggen gefangen. Majestät, mein Herz ist dem Brechen nahe, wenn ich daran denke, in welchen Händen sich die Arme befindet. Barmherziger Gott! Sie denkt bis jetzt, daß ich diesem verworfenen Menschen versprochen habe, die Hand an Euer Majestät zu legen, und zählt mich zu dem Auswurfe des Menschengeschlechtes. – Ich kann nicht frei atmen, ehe ich sie nicht befreit habe. – Geben Sie mir die Führung über diese Tataren, und ich werde nicht nur meine Rachepläne verfolgen, – –« »Gut, gut, – beruhigen Sie sich nur. – Wo liegt denn gleich Tauroggen? Ich denke, dicht an der preußischen Grenze? – Sie haben aber gar nicht daran gedacht, ob die Tataren Ihnen soweit folgen werden!« »Sie sollen sich nur unterstehen!« antwortete Kmicic, »sollen sich nur unterstehen! – Ich werde sie alle nacheinander aufknüpfen lassen – alle fünfhundert.« Der König lachte: »Bei Gott, für diese Schäfchen konnte man keinen besseren Hirten finden. Nun, nehmen Sie sie und führen Sie sie, wohin sie wollen. Und wann gedenken Sie aufzubrechen?« »Es wird mir schwer, hier zu rasten, – morgen schon.« »Vielleicht wird Akbah-Ulan damit nicht einverstanden sein; er wird sagen, die Pferde seien noch zu ermüdet.« »Dann werde ich ihn mit einem Arkan an meinem Sattel festbinden. Mag er zu Fuß gehen, wenn er die Pferde schonen will.« »Nur wenden Sie nicht zu schnell solche entschlossenen Mittel an. Und jetzt, – heute ist es zu spät: ich möchte Sie morgen noch einmal sprechen. – Vorläufig nehmen Sie diesen Ring von mir und sagen Sie Ihrer Braut, daß Sie ihn vom Könige erhalten haben, und daß der König ihr befiehlt, Sie zu lieben, Sie, den treuen Diener des Vaterlandes und des Thrones.« Der König eilte nach diesen Worten schnell durch eine Seitentür hinaus, und der gerührte Kmicic ging in sein Quartier. Lange ging er in seinem stillen Zimmer auf und ab und überlegte den Plan seiner weiteren Unternehmungen. Plötzlich klopfte man an die Tür. »Wer ist da?« rief Kmicic. In der Tür erschien ein Page. »Ein Soldat fordert, sofort bei Ihnen vorgelassen zu weiden. Er sagt, er heiße Soroka.« »Laß ihn sogleich herein!« rief Kmicic und stürzte selbst schnell zur Tür. Soroka kam ins Zimmer und wollte sich zu Füßen seines Herrn werfen, aber er erinnerte sich sogleich an die militärische Disziplin, legte die Hände an die Hosennähte und sagte fest: »Was befehlen Sie, Pan Oberst?« »Willkommen, lieber Kamerad«, sprach Kmicic, »willkommen! Ich dachte, du weiltest nicht mehr unter den Lebenden! Woher kommst du denn?« »Aus Czenstochau, Pan Oberst.« »Hast du mich gesucht?« »Jawohl.« »Und von wem hast du gehört, daß ich noch lebe?« »Von Kuklinowskis Leuten. Sobald Pater Kordecki von Ihrer Errettung hörte, las er eine feierliche Messe. Dann verbreitete sich die Nachricht, daß Pan Babinicz den König durch das Gebirge hindurch geführt habe. Ich habe sogleich erraten, daß das kein anderer als Sie sein konnte. Und da Sie den König begleitet haben, so mußten Sie auch nach Lemberg gekommen sein. Drum eilte ich schnell hierher.« – »Du bist zu rechter Zeit gekommen; morgen breche ich mit den Tataren auf.« »Und ich habe Ihnen zwei Gürtel mit gefüllten Taschen mitgebracht; den einen, den ich bei mir hatte, und dann die Steine, die wir bei Chowanski im Lager erbeutet haben.« »Das waren gute Zeiten! – Von diesen Steinen ist wohl nicht viel übrig geblieben; ich habe eine ganze Handvoll davon dem Pater Kordecki gegeben.« Soroka näherte sich dem Tische und begann die Gürtel abzulegen. »Und die Edelsteine sind in dieser Blechbüchse«, sagte er. Kmicic schüttelte ohne ein Wort zu sagen eine Menge Goldstücke in Sorokas Hand und sprach: »Das ist für dich.« »Schenke Gott Euer Gnaden immer Gesundheit. Ach! wenn ich unterwegs nur einen einzigen solchen Dukaten gehabt hätte! Ich habe viel Hunger leiden müssen. Es hält schwer, jetzt etwas umsonst zu kriegen.« »Mein Gott, du hattest doch aber genug bei dir!« »Ohne Befehl wagte ich nicht etwas zu nehmen.« »Halte!« Und Kmicic warf ihm noch mehr Goldstücke in die Hand. »He! Wer ist da? Bringt diesem Manne zu essen, aber schnell!« Nach einigen Minuten stand vor Soroka eine Schüssel mit geräucherter Wurst und eine Flasche Branntwein.« Der Soldat blickte mit gierigen Augen auf den Tisch, aber er wagte es nicht, sich in Gegenwart des Obersten hinzusetzen und zu essen. »Sitzen und essen!« kommandierte Kmicic. Kaum hatte er diese Worte gesprochen, als der halbverhungerte Soroka sich schnell auf das Essen stürzte. Kmicic maß mit großen Schritten das Zimmer und sprach mit sich selbst: »Ja, ja, es kann nicht anders sein. – Ich werde ihr sagen lassen. – Nein, sie wird es nicht glauben. – Einen Brief wird sie nicht lesen wollen; denn sie hält mich für einen Verräter. Er soll hingehen, alles beobachten und mir dann berichten. – Soroka!« Der Soldat sprang von seinem Platze auf und legte wieder die Hände an die Hosennähte. »Was befehlen Sie, Pan Oberst?« »Du bist ein treuer und geschickter Mensch. Du mußt bald eine weite Reise für mich machen.« »Zu Befehl!« »Du mußt nach Tauroggen, an die preußische Grenze. Dort ist Panna Billewicz – beim Fürsten Boguslaw. – Sieh zu, ob sie wirklich dort ist und beobachte alles. – Aber du darfst ihr nicht absichtlich vor die Augen kommen; sollte sie dich zufällig sehen, so erzähle ihr von mir, was du weißt. Sie wird dir vielleicht nicht glauben; denn der Fürst hat mich verleumdet.« »Zu Befehl!« »Aber hüte dich, daß der Fürst dich nicht bemerkt: er wird dich sonst pfählen lassen. – Ich würde den alten Kiemlicz hinschicken; aber der ist in der Karpatenschlucht gefallen, und seine Söhne sind zu dumm. Bleibe du in Tauroggen, bis du alles erfahren hast, dann komme zurück zu mir. Mich wirst du schon irgendwo finden, frage nur nach den Tataren und dem Pan Babinicz. Jetzt geh, lege dich schlafen! Und morgen, marsch, auf den Weg!« Am folgenden Tage besuchte Pan Andreas Subaghazi-Bey, das Haupt der Gesandtschaft des Chan in Lemberg. Während dieser Unterredung mußte Pan Andreas zweimal seine Hand in die Tasche versinken lassen. Als er aber fortging, tauschte Subaghazi mit ihm die Mützen aus, händigte ihm einen »Piernacz« (Befehlshaberstab) aus grünen Federn und mehrere Ellen grüner, seidener Schnur ein. So ausgerüstet verabschiedete sich Pan Andreas vom Könige und ritt, begleitet von den jungen Kiemlicz', zur Stadt hinaus, wo Akbah-Ulan mit seiner Abteilung biwakierte. Der alte Tatar begrüßte ihn, indem er seine Hand an die Stirn, Lippen und Brust legte; als er jedoch erfuhr, wer Kmicic war und wozu er gekommen, zogen sich seine Brauen zusammen, und er änderte sogleich seine Taktik. »Wenn der König dich als unseren Führer geschickt hat«, radebrechte er auf ruthenisch, »so kannst du mir den Weg zeigen, obwohl ich besser weiß, welchen Weg wir einschlagen müssen.« »Oho!« dachte Kmicic, »dahin zielst du! Solange es geht, werde ich jedoch höflich zu ihm sein.« – Und er sagte laut: »Akbah-Ulan, der König hat mich nicht als Wegweiser hierher geschickt, sondern als Befehlshaber. – Laß dir das eine noch sagen, du wirst gut tun, dich dem königlichen Willen nicht zu widersetzen.« »Über die Tataren regiert der Chan, nicht der König!« entgegnete der Alte. »Akbah-Ulan,« fuhr Pan Andreas nachdrücklich fort, »der Chan hat dich dem Könige geschenkt, wie er einen Falken oder ein Hemd verschenkt, deshalb sprich nicht unehrerbietig vom Könige, damit man dich nicht wie einen Hund an die Leine bindet!« »Allah!« schrie der erstaunte Tatar. »He! reiz' mich nicht!« nahm sich Pan Andreas zusammen. Aber die Augen des Tataren füllten sich mit Blut, und die Hand griff zum Dolche. Pan Andreas vergaß alle seine friedlichen Absichten. Er ergriff den Tatar an seinem spärlichen Bart und riß ihm den Kopf hoch. »Höre, du Vieh,« sagte er durch die Zähne. »Ich weiß, du möchtest keinen Befehlshaber über dir haben, damit du nach Lust unterwegs sengen und plündern kannst. – Du willst mich zu deinem Wegweiser machen; – da hast du einen Wegweiser!« Und er begann des Alten Kopf an die Holzwand zu schlagen. Der Tatar wurde still und ließ den Dolch sinken. Pan Andreas setzte sich die Mütze Subaghazis auf und nahm den unter seinem Rock versteckten grünen Piernaz hervor. »Sieh her, Sklave!« »Allah!« flüsterte der bestürzte Akbah-Ulan. »Und auch hierher!« Kmicic nahm aus seiner Tasche die grüne Schnur heraus. Aber Akbah-Ulan lag schon zu seinen Füßen. Eine Stunde darauf war die Abteilung bereits unterwegs. Lemberg verschwand allmählich in der Ferne. Plötzlich hörte man Hufschläge. Kmicic wandte sich um, und sah Pan Wolodyjowski und Rzendzian im größten Trabe nachsprengen. »Halt! halt!« schrie der kleine Ritter. Kmicic hielt sein Pferd an. »Guter Gott!« rief Pan Michail. »Ich bringe Briefe vom Könige. Einer für Sie, und der zweite für den Witebsker Wojewoden.« »Ich will zu Pan Czarniecki, nicht zu Pan Sapieha.« »So lesen Sie doch erst den Brief.« Kmicic brach das Siegel auf und begann zu lesen: »Ein Bote meldet uns, daß der Witebsker Wojewod nach Podlachien umkehren muß, da Boguslaw mit seinen vereinten Kräften gegen Tykocin und Sapieha losschlagen will. Wir befehlen Ihnen daher, ihm mit Ihren Tataren zu Hilfe zu eilen. In dem zweiten Briefe empfehlen wir Sie, unseren treuen Diener Babinicz, dem Witebsker Wojewoden. – Jan-Kasimir, König.« »Wie gut!« sagte Kmicic. »Ich weiß gar nicht, wie ich Seiner Majestät und Ihnen für diesen Dienst danken soll! – Wann ist der Bote angekommen?« »Wir saßen gerade beim Könige zu Tisch: ich, beide Skrzetuskis, Pan Charlamp und Zagloba. Pan Zagloba erzählte von seinen genialen Eigenschaften und der Unfähigkeit Sapiehas. Der König und die beiden Hetmans lachten Tränen. In demselben Augenblicke übergab man den Brief Sapiehas. Der Wojewod schreibt, daß die Befürchtungen sich verwirklicht haben, daß der Elektor seinen Schwur gebrochen und sich endgültig den Schweden angeschlossen habe.« »Noch ein Feind mehr, als ob es ihrer wenige wären!« antwortete Kmicic. »Nun, mit Boguslaw werden wir schon zusammentreffen! – Wahrhaftig; ein Hetmanstab hätte mich weniger erfreut als diese Botschaft!« »Auch der König sagte: Das ist gerade eine Mission für Babinicz und seine Kräfte! – Doch nehmen Sie sich wohl in acht! Es ist nicht gut Kirschen essen mit Boguslaw!« »Einer von uns muß sterben! – Ich hoffe, Gott wird mir helfen, ihn zu strafen!« »Das gebe Gott! das gebe Gott!« »Auf Wiedersehen!« Kmicic schlug mit seinen Tataren den Weg nach Norden ein. – – 13. Kapitel. Die Schlitzaugen Akbah-Ulans glänzten freudig auf, als er Zamoscies gewahr wurde. Und als er erfuhr, daß diese Festung eine Belagerung der gesamten Kräfte Chmielnickis ausgehalten hatte, wußte sein Staunen keine Grenzen. Der Besitzer der Festung, Pan Jan Zamoyski, erlaubte ihnen die Stadt zu betreten. Selbst Kmicic war überrascht und betrachtete mit Neugier die breiten, geraden Straßen, die großartigen Bauten, die dicken Festungsmauern und die ungeheuren Kanonen. Es war wirklich eine erstklassige Festung. Der Obermundschenk, Jan Zamoyski, gefiel ihm noch besser. Er war ein echter Magnat. Ein Mann in der Blüte seiner Kräfte, von sehr respektablem Äußern. Er war zu der Zeit noch nicht verheiratet; erst später vermählte er sich mit einer Französin, die nicht ahnte, daß einige Jahre darauf sein und ihr Haupt eine Krone tragen würde. Der Besitzer von Zamoscie war kein Mann von hohem und schnellem Geiste; er strebte nicht nach Ehren, obwohl sie ihm alle ohne sein Dazutun angetragen wurden. »Wozu soll ich fremde Türschwellen überlaufen?« entgegnete er, wenn man ihm seines geringen Ehrgeizes wegen Vorwürfe machte. »Hier in Zamoscie bin ich nicht nur Jan Zamoyski, sondern auch Sobiepan (mein eigener Herr) Zamoyski.« Und er liebte es, wenn man ihn Sobiepan nannte. Obwohl er eine durchaus gute Erziehung genossen und seine Jugend an ausländischen Höfen zugebracht hatte, spielte er gern den einfachen Mann von geringem Verstande. Trotz aller seiner Mängel war er im Grunde ein würdiger Mann und besser als viele seinesgleichen in der Republik. Der Obermundschenk fand an Kmicic Gefallen und lud ihn zum Diner ein. Hier hatte Pan Andreas Gelegenheit, die Fürstin Gryselda Wisniowiecka, die Schwester Pan Zamoyskis und Witwe des berühmten Fürsten Jeremias, kennen zu lernen. Fürst Jeremias, einstmals der reichste Mann in der Republik, hatte all sein unermeßliches Besitztum während eines Kosakenaufstandes verloren, und seine Witwe lebte jetzt bei ihrem Bruder. Die Fürstin hatte dennoch ihr ganzes majestätisches Auftreten bewahrt, und Jan Zamoyski fürchtete sie wie das Feuer. Niemals handelte er gegen ihren Willen, und stets holte er in wichtigen Angelegenheiten ihren Rat ein. Bei Tische bemerkte Kmicic hinter den Schultern der Fürstin Gryselda eine ungewöhnlich hübsche Erscheinung. Es war ein Mädchen von blütenweißer Farbe mit rosigen Wangen. Auf ihrem Kopfe schlängelte sich das Haar in launigen Locken, die klugen Augen richteten sich schnell und fest der Reihe nach auf die Offiziere, die neben dem Pan Obermundschenk saßen und blieben schließlich auf Kmicic haften, den sie anstarrte, als wollte sie in der Tiefe seiner Seele lesen. Aber Kmicic kam nicht leicht in Verlegenheit. Er begann sie ebenso scharf zu betrachten, dann fragte er den neben ihm sitzenden Offizier: »Was für eine kleine Meise sitzt denn dort?« »Sprechen Sie nicht so leicht von denen, die Sie nicht kennen,« antwortete der Offizier laut. »Das ist keine Meise, sondern Panna Anna Vorzobohata-Krasienska. – Und auch Ihnen rate ich, sie fortan so zu nennen, wenn Sie für Ihre Unhöflichkeit nicht büßen wollen.« »Sie wissen wohl nicht, daß die Meise ein sehr schönes Vögelchen ist,« lachte Kmicic. – »Aber ich weiß nun, daß Sie zweifelsohne bis über die Ohren in sie verliebt sind.« »Fragen Sie doch lieber, wer hier nicht in sie verliebt ist,« antwortete der Offizier gekränkt. »Der Mundschenk selbst guckt sich nach ihr die Augen aus und sitzt ganz unruhig auf seinem Platze.« »Das sehe ich auch ganz gut.« »Und Ihnen wird es nicht besser gehen. Vierundzwanzig Stunden genügen schon dazu.« »Nun, nun, mit mir wird sie nicht einmal in vierundzwanzig Monaten etwas erreichen können.« »Warum denn das? Sind Sie aus Stahl oder sonst was?« »Nein, – aber Sie verstehen das doch, wer kein Geld hat, der kann nicht beraubt werden!« »Das ist freilich was anderes.« Pan Andreas' Gesicht verfinsterte sich. Seine Liebe zu Alexandra und sein Schmerz um sie bestürmten seine Erinnerung, und er bemerkte es gar nicht, daß die schwarzen Äuglein ihn immer starrer ansahen, als ob sie ihn fragen wollten, woher kommst du und wohin willst du ziehen?« Nach dem Diner nahm Pan Zamoyski ihn unter den Arm und begann mit ihm auf und ab zu gehen. »Pan Babinicz,« sagte er, »Sie stammen, wie mir scheint, aus Litauen?« »Jawohl, Pan Obermundschenk.« »Sagen Sie, bitte, ist Ihnen die Familie Podbipienta bekannt?« »Sie ist mir bekannt; aber sie existiert nicht mehr. Der letzte aus der Familie kam bei Zbaraz um. Er war einer der bekanntesten Ritter Litauens.« »Deshalb eben frage ich Sie. Unter der Obhut meiner Schwester befindet sich eine Panna Borzobohata-Krasienska, – aus sehr guter Familie. Sie war Podbipientas Braut, Und nun hat ihr dieser Podbipienta sein ganzes Vermögen vermacht, das in einer Anzahl Güter besteht.« »Sehr große Güter sogar. Die Podbipientas waren sehr reiche Leute.« »Und wo liegen diese Güter?« »In der Witebsker Wojewodschaft.« »Die gerade vom Feinde besetzt ist.« »Der Feind wird ja nicht immer dableiben. Es wäre am besten, die Panna zu Sapieha zu schicken. Wenn er sich für ihre Sache interessiert, so kann sie ganz beruhigt sein.« »Selbstredend, wenn er sie sehen wird, so wird er eher für sie alles Erdenkliche tun.« Pan Kmicic sah seinen Gesellschafter erstaunt an. »Warum will er sie hier loswerden?« fragte er bei sich. »Im Lager, – in einem Zelte kann sie sich selbstverständlich nicht aufhalten; aber sie könnte bei seinen Töchtern wohnen. Die Schwierigkeit besteht allein darin, wie bringt man sie zu Sapieha? – Übrigens, Sie wollen ja zum Pan Sapieha. Ich würde Ihnen einen Brief an den Wojewoden mitgeben, und Sie geben mir Ihr Ritterwort, sich um die Panna zu kümmern.« »Aber ich reite ja mit Tataren.« »Man sagte mir, die Tataren fürchten Sie mehr als das Feuer. – Nun, wollen Sie?« »Hm, – warum sollte ich nicht, wenn es Ihnen lieb ist, – aber –« »Sie denken, die Fürstin wird nicht einwilligen? Sie wird schon. Bei Gott! Sie wird einwilligen.« Der Obermundschenk wandte sich um und ging ins Nebenzimmer. Kmicic sah ihm nach und dachte: »Du klügelst hier was aus, Pan Obermundschenk, aber obgleich ich dein Ziel nicht kenne, so sehe ich doch eine Falle, denn du bist nicht besonders schlau.« Am folgenden Tage, nach dem Frühstück, suchte der Obermundschenk seine Schwester in ihrem Zimmer auf. Er lobte Kmicic über alle Maßen und legte ihr die Notwendigkeit der Reise der Panna Borzobohata dar. Aber es gelang ihm nur nach großer Mühe, die Einwilligung der Fürstin zu erhalten. – – 14. Kapitel. Nachdem Pan Zamorski die Fürstin verlassen hatte, ließ diese den Pan Kmicic zu sich bitten. Sie hatte mit ihm eine lange Unterredung, die alle ihre Bedenken völlig niederschlug. Pan Andreas' große Augen sahen sie so offen und wahrhaftig an, daß es unmöglich war, an seinen Worten zu zweifeln. Er gestand der Fürstin, daß er eine andere liebe, und sein Herz allein mit jener beschäftigt sei. Endlich gab er sein Ehrenwort, daß er das Mädchen vor jeder Gefahr beschützen, ja, es sogar mit seinem Leben behüten werde. »Ach, junger Ritter,« rief Pan Zamoyski heiter, indem er das Zimmer der Schwester betrat, »Sie berauben Zamoscie seiner schönsten Zierde. Seien Sie vorsichtig! Seien Sie vorsichtig! Jemand könnte versuchen, sie Ihnen zu rauben!« »Er soll es nur versuchen! Ich habe der Pani Fürstin mein Wort verpfändet, und ich halte immer mein Wort!« »Ich scherze auch nur. – Aber Vorsicht schadet niemals.« »Nur wollte ich Sie um eine geschlossene Equipage bitten.« »Sogar zwei! – Sie reisen doch nicht gleich ab?« »Doch. Ich habe Eile und habe mich schon zu lange hier aufgehalten.« »So schicken Sie doch Ihre Tataren voraus; sagen wir nach Krasni-Staw. Ihnen gebe ich dann eine Eskorte mit. Wir wollen noch ein wenig zusammen zechen. Auch habe ich befohlen, aus meinem Gestüt einen passenden Gaul für Sie auszusuchen. Ein guter Gaul ist immer von Nutzen.« Kmicic sah Zamoyski gerade in die Augen und willigte sogleich ein. »Ich danke Ihnen, ich bleibe. Und die Tataren lasse ich sogleich aufbrechen.« Er ging zu den Tataren und rief Akbah-Ulan zur Seite. »Akbah-Ulan, ihr sollt gleich geradeswegs nach Krasni-Staw aufbrechen. Ich bleibe noch hier und komme einen Tag später nach. Jetzt aber gib acht auf das, was ich dir weiter sage: Ihr werdet nicht nach Krasni-Staw gehen, sondern ihr werdet euch im nächsten Walde verstecken, so daß euch niemand zu sehen kriegt. Sobald ihr auf der Fahrstraße einen Schuß fallen hört, eilt sofort zu mir; man will mir hier irgend eine Falle stellen.« »Dein Wille geschehe,« antwortete Akbah-Ulan, indem er seine Hand auf die Stirn und Brust legte. »Ich habe dich durchschaut, Pan Zamoyski!« sagte Kmicic zu sich. – »In Zamoscie fürchtest du die Schwester; nun willst du das Mädchen entfernen und irgendwo in der Nähe unterbringen. Und mich willst du zu deinem Werkzeuge machen! Warte nur! Bist auf den Unrichtigen gekommen. Wenn du nur nicht in die eigene Falle fällst!« – Am nächsten Tage schenkte Pan Zamoyski dem Kmicic ein prächtiges Pferd. Pan Andreas nahm das Geschenk dankbar an; er gedachte im stillen seiner Tataren und konnte nur mühsam ein lautes Lachen zurückhalten. In seiner Tasche hatte er zwei Briefe an Sapieha, einen von der Fürstin, den anderen von Zamoyski. Es lockte ihn gewaltig, den letzteren aufzubrechen, aber er beschränkte sich darauf, ihn ans Licht zu halten: im Kuvert lag ein Bogen reinen Papiers! – So hatte er also die Absichten des Pan Obermundschenk richtig durchschaut. Das Mädchen, das seiner Fürsorge empfohlen wurde, und auch die Briefe sollten ihm unterwegs abgenommen werden. Nach dem Diner verabschiedeten sich Panna Anna und ihre Begleiterin, die alte Panna Suwalska, von der Fürstin, und beide nahmen ihre Plätze in dem Wagen ein. Kmicic bestieg sein Pferd, und der Zug setzte sich in Bewegung. Zweihundert deutsche Reiter Zamoyskis umringten den Wagen. Bald lagen die letzten Häuser, die hinter der Festungsmauer standen, hinter ihnen, und der Zug kam in einen dichten Kiefernwald hinein. Die Nacht senkte sich auf die Erde, eine klare, sternenhelle Nacht. Einem silbernen Bande gleich schlängelte sich der Weg durch den Wald. Ringsum herrschte tiefe Stille, die nur durch das Aufschlagen der Pferdehufe unterbrochen wurde. »Meine Tataren müssen ganz in der Nähe sein,« sann Kmicic bei sich und begann zu horchen. »Was ist das?« wandte er sich dann an den Offizier der Reiter. »Jemand scheint hinter uns her zu setzen.« Kaum hatte er geendet, als sich auf dem weißen Grunde des Weges ein schwarzer Punkt zeigte. Der Punkt wuchs mehr und mehr und verwandelte sich in einen Leibkosaken Zamoyskis. »Pan Babinicz, ein Brief vom Pan Obermundschenk!« rief der Kosak außer Atem. Kmicic näherte sich der Laterne des Wagens, brach das Siegel auf und begann zu lesen: »Verehrter und teurer Pan Babinicz! Gleich nach der Abreise der Panna Borzobohata erfuhr ich, daß die Schweden mein Zamoscie zu überfallen gedenken. Sie können also nicht weiter reisen. Wir sehen die Gefahren voraus, denen Parma Borzobohata auf einer solchen Reise ausgesetzt wäre und wünschen deshalb, daß sie wieder zu uns zurückkehrt. Die Reiter, die Ihre Eskorte bilden, werden sie zurückgeleiten. Sie aber, angesichts Ihrer wichtigen Geschäfte, wollen wir nicht zurückhalten.« Das Köpfchen Panna Annas guckte zum Wagenfenster heraus. »Was gibt es denn?« fragte sie. »Nichts weiter: der Pan Zamoyski empfiehlt Sie nochmals meinem Schutze, weiter nichts.« Hier drehte er sich zu dem Kutscher und zu den Reitern und rief: »Marsch!« Der Offizier aber hielt sein Pferd an und schrie seinerseits: »Halt! – Wieso Marsch?« »Warum sollen wir denn hier mitten im Walde stehen bleiben?« fragte mit gemachter Naivität Kmicic. »Sie haben einen Befehl erhalten, und ich mache keinen Schritt weiter, ehe Sie ihn mir nicht zeigen!« »Den Befehl werde ich Ihnen nicht zeigen, denn er ist nicht für Sie hergeschickt.« »Oh, wenn Sie dem Befehle nicht gehorchen wollen, so werde ich ohne Sie handeln! Reiten Sie mit Gott nach Krasni-Staw, wir aber kehren mit der Panna zurück.« Es war nicht erst nötig, daß der Offizier sich verschnappte; nun war es klar wie der Tag, daß alles eine im voraus abgekartete Sache war. »Gehen Sie mit Gott!« sagte der Offizier mit drohender Stimme, und die Soldaten zogen ohne jeden Befehl ihre Säbel. »Ach, ihr Toren!« lächelte Pan Andreas und schoß mit seiner Pistole in die Luft. In der Tiefe des Waldes erhob sich ein schrecklicher Lärm, als wenn der Schuß eine in der Nähe schlafende Wolfsherde geweckt hätte. Von allen Seiten vernahm man wildes Geheul, Baumäste krachten unter Pferdehufen, und überall am Wege zeigten sich Reitergruppen, die sich mit unmenschlichem Geschrei näherten. Kmicic hielt seine Tataren durch ein Zeichen zurück. Dann wandte er sich an den zu Tode erschrockenen Offizier. »Begreifen Sie jetzt, mit wem Sie es zu tun haben? Der Pan Obermundschenk wollte mich zum Narren halten, und auch Ihnen hat er keinen besonders ehrenvollen Auftrag gegeben. Grüßen Sie ihn von mir und sagen Sie ihm, daß ich alles im voraus durchschaut habe, und daß ich die mir anvertraute Person ohne Zwischenfall zu Sapieha bringen werde.« »Sie können natürlich tun, was Ihnen beliebt,« erwiderte der Offizier mit vor Wut zitternder Stimme, »aber der Pan Obermundschenk wird es schon verstehen, sich an Ihnen zu rächen.« Kmicic lachte hell auf. »Möge er lieber seine Rache gegen Sie kehren. Wenn Sie sich nicht verschnappt hätten, hätte ich Ihnen die Panna wahrscheinlich ausgeliefert. – Grüßen Sie also den Pan Zamoyski und empfehlen Sie ihm, sich für die Zukunft klügere Offiziere auszusuchen.« Der ruhige Ton Kmicic' machte den Offizier sicherer, und er fragte entschlossen: »Wir werden also mit leeren Händen nach Zamoscie zurückkehren?« »Warum mit leeren Händen? Sie kehren mit meinem Briefe zurück, den ich Ihnen auf Ihr Fell schreiben lassen werde.« »Pan Babinicz!« »Greift sie!« rief Kmicic. Einige Augenblicke später lagen alle Reiter Seite an Seite gebunden auf dem Wege, Kmicic befahl jedem von ihnen je hundert, dem Offizier hundertfünfzig Schläge mit einer Riemenpeitsche zu verabfolgen. Selbst das Jammern der Panna Anna, die, nicht ahnend, um was es sich handelte, Kmicic um Einstellung der Strafe flehte, war umsonst. – »Ruhig!« donnerte Kmicic los. »So waren Sie also mit in der Verschwörung, und Sie wußten, daß der Pan Obermundschenk Sie nur zum Scheine wegschickte, um Sie dann in ein einsames Schloß bringen zu lassen?« »Herrgott! Herrgott!« rief die Panna. In ihrer Stimme lag so viel natürlicher, unverfälschter Schmerz, daß Kmicic viel weicher wurde. »Beruhigen Sie sich. – Sie werden ruhig Ihre Reise zu Sapieha fortsetzen, der Pan Obermundschenk hat nicht bedacht, mit wem er es zu tun hat. – Diese Leute, die ich durchprügeln ließ, hatten die Aufgabe, Sie zu entführen.« Panna Borzobohata ergriff Kmicic' Hand und drückte sie an ihre bleichen Lippen. »Nun, nun, – bleiben Sie getrost in Ihrem Wagen. – Fürchten Sie nichts; Sie sind hier sicherer als wie im Vaterhause!« Dann schenkte Kmicic seinen Tataren die Pferde, Kleider und Waffen der Soldaten und schrieb vor seiner Weiterreise folgenden Brief an den Pan Zamoyski: »Erlauchtigster Herr Starost! Großen Männern gibt Gott auch großen Geist. Ich habe sofort begriffen, daß Sie mich nur einer Prüfung unterwerfen wollten, als Sie mir die Panna Borzobohata anvertrauten, um so mehr, als Ihre Soldaten gleich zu verstehen gaben, daß sie Ihren Befehl kannten, obwohl Sie doch zu schreiben geruhten, daß Sie erst nach unserer Abreise zu Ihrem Entschlusse gekommen sind. Indem ich einerseits Ihren großartigen Scharfsinn bewundere, wiederhole ich andererseits, daß ich die einmal übernommene Pflicht heilig erfüllen werde. Da aber Ihre Soldaten augenscheinlich Ihre Ansichten so schlecht verstanden haben, sie erlaubten sich sogar, mein Leben zu bedrohen, so würde ich Ihnen zweifellos einen Dienst erwiesen haben, wenn ich sie alle hätte aufknüpfen lassen. Daß ich das nicht getan habe, darum bitte ich Sie um Verzeihung. – Übrigens habe ich sie alle der Reihe nach durchprügeln lassen, und wenn Sie, erlauchtigster Starost, diese Strafe für zu gering halten, so können Sie sie ja nach Ihrem eigenen Ermessen erhöhen. Indem ich die Hoffnung ausspreche, daß meine Handlungsweise Ihren gnädigen Beifall finden werde, habe ich die Ehre zu verbleiben Ihr treuer Diener Babinicz.« Die Dragoner schleppten sich mühselig nach Zamoscie zurück und kamen in später Nacht dort an. Sie wagten es nicht, Pan Zamoyski unter die Augen zu treten, und dieser hörte erst von dem Vorgefallenen am folgenden Morgen durch den Brief Kmicic', den ihm ein Kosak aus Krasni-Staw überbrachte. Der Obermundschenk schloß sich drei Tage lang in sein Zimmer ein und ließ keinen zu sich. Man hörte ihn auf französisch schimpfen, was bei ihm nur in dem Augenblicke des höchsten Zornes vorkam. Allmählich aber beruhigte er sich. Am vierten und fünften Tage war er zwar noch sehr wortkarg, brummte in den Bart und zog unwillig an seinem Schnurrbart, aber er war immerhin doch zu sehen. Erst nachdem er am Sonntag einen Becher Met zu sich genommen hatte, wurde er heiter und sagte zu seiner Schwester: »Weißt du, ich muß mich meines Scharfsinnes wegen loben. Vor einigen Tagen unterwarf ich jenen Ritter, der Anna Borzobohata zu Sapieha geleiten wollte, einer Prüfung. – Jetzt kann ich dafür garantieren, daß er sie unversehrt abliefern wird.« Nach einem Monat schon war die Aufmerksamkeit des Starosten nach einer anderen Richtung abgelenkt. Und noch etwas später glaubte er selbst, daß alles, was vorgefallen, nach seinem eigenen Willen geschehen war. 15. Kapitel. Pan Sapieha hatte sein Quartier interimistisch in Biala aufgeschlagen. Seine Kräfte bestanden aus Zehntausend Mann regulärer Truppen, Reiterei und Fußvolk. Das waren zum Teil die Reste des litauischen Heeres, die durch Rekruten ergänzt worden waren. Als Kmicic mit seinen Tataren nach Biala kam, fürchtete er, von den früheren Radziwillschen Offizieren und der Litauer Schlachta erkannt zu werden und bösen Anfeindungen und Mißtrauen ausgesetzt zu sein. Freilich hatte sein Äußeres sich seit der Zeit sehr verändert, aber er beschloß doch, mit Sapieha darüber zu sprechen. Der Wojewod empfing ihn freundlich; wie sollte er den nicht freundlich aufnehmen, von dem der König selbst schrieb: »Ich schicke Ihnen unseren treuesten Diener, genannt der Czenstochauer Hektor, weil er die heilige Stätte verteidigt hat, einen Ritter, der mehrere Male für mich und unsere Sache das Leben einsetzte. Ich empfehle ihn Ihrer besonderen Aufmerksamkeit, damit er seitens Ihrer Offiziere keinerlei Kränkungen ausgesetzt ist. Sein Name ist ein angenommener, aber mir ist der richtige bekannt und auch die Gründe, die ihn zwingen, zu einem falschen Zuflucht zu nehmen.« »Und warum tragen Sie einen falschen Namen?« fragte der Wojewod. »Ich bin ein Flüchtling; ich kann dem Könige nicht unter meinem Namen dienen. Aber ich will Ihnen alles gestehen. Mein Name ist Kmicic.« Der Wojewod trat mehrere Schritte zurück. »Jener, der den König entführen und ihn lebend oder tot dem Fürsten Boguslaw ausliefern wollte?« Und nun erzählte Kmicic mit der ihm eigenen Energie seine ganze Vergangenheit. Der Wojewod durfte nicht zweifeln, – bürgte doch für diesen Mann der König selbst. Außerdem war Sapieha in diesem Augenblicke so gut gestimmt, daß er selbst seinen größten Feind umarmt haben würde. Denn der König hatte ihm geschrieben, daß er ihm, vorausgesetzt, daß der Reichstag seine Wahl bestätige, den durch den Tod Radziwills freigewordenen Großhetmansstab verleihe. »Da der König mich zum Großhetman ernannt hat,« sagte Pan Sapieha zu Kmicic, »so bin ich von nun an Ihr Höchstvorgesetzter, und Sie haben nichts zu befürchten. Ich werde außerdem das meinige tun, um Sie in den Augen meiner Offiziere von Boguslaws Verleumdung reinzuwaschen.« Die Nachricht von der Ernennung Sapiehas verbreitete sich schnell im ganzen Lager. Die Offiziere versammelten sich unter den Fenstern des Hetmans und riefen ihn mit Hochrufen heraus. Überall wurden Freudenfeuer angezündet, die Trompeten geblasen und aus Kanonen und Musketen geschossen. Pan Sapieha veranstaltete ein glänzendes Mahl, und die Nacht verging unter fröhlichen Rufen und Trinksprüchen. Pan Kmicic wohnte dem Festmahle nicht bei, und der Großhetman lenkte wie beiläufig das Gespräch auf die Perfidie aller Radziwills im allgemeinen. »Sie alle waren in der Kunst, Intrigen zu schmieden, äußerst geschickt,« sagte Sapieha, »aber Boguslaw übertrifft seinen Vetter darin bei weitem! – Panowie! Sie haben wohl alle von Kmicic gehört? Stellen Sie sich nur vor, das Gerücht, das Boguslaw über ihn verbreitet hat, das ist eine gemeine Lüge!« »Kmicic förderte aber doch Janusz' Pläne!« »Ja, aber später erkannte er die Wahrheit, und als ein Mann von hitzigem Temperament ergriff er Boguslaw, um ihn dem Könige auszuliefern. Der Fürst entkam ihm leider und klügelte sich diese niederträchtige Rache aus. Kmicic floh nach Czenstochau, wo er Wunder der Tapferkeit verrichtete, und später deckte er mit seinem eigenen Leben das des Königs.« Und dieselben Offiziere, die eine Minute vorher bereit waren, Kmicic zu steinigen, begannen jetzt sehr wohlwollend über ihn zu sprechen. »Der Fürst Oberstallmeister warf durch seine Verleumdung einen schwarzen Fleck auf alle Soldaten!« »Und wenn der Pan Hetman die Gewähr übernimmt, so wird sich wohl alles so zugetragen haben. – Die Gesundheit des Pan Hetmem!« Es fehlte nicht viel, und man hätte wahrscheinlich auch die Gesundheit Kmicic' getrunken. Übrigens fielen auch einige feindliche Äußerungen über Kmicic, zumeist aus den Reihen der früheren Radziwillschen Offiziere. Als Sapieha das hörte, bemerkte er ruhig: »Und wissen Sie, Panowie, wieso ich gerade heute an diesen Kmicic gedacht habe? Der königliche Abgesandte Babinicz ähnelt ihm wie ein Tropfen Wasser dem anderen. Im ersten Augenblicke habe ich selbst mich getäuscht.« Hier sah Sapieha seine Gäste der Reihe nach streng an, dann fuhr er fort: »Und wenn Kmicic auch selbst hierher käme, da er sich gebessert, so würde ich ihn vor jeder Unannehmlichkeit zu schützen wissen. Ich hoffe, daß der Abgesandte des Königs, seiner Ähnlichkeit mit Kmicic wegen, keiner solchen begegnet. Das bemerke ich ausdrücklich für die Herren Rittmeister des Landsturms, wo die Disziplin am schwächsten ist.« Anna Borzobohata sandte Sapieha am folgenden Tage in Begleitung des Pan Kotczyc nach Grodno, wo sich des Wojewoden Familie aufhielt. 16. Kapitel. Nach Anna Borzobohatas Abreise verblieb Sapiehas Armee noch eine ganze Woche in Biala. Kmicic ruhte sich mit seinen Tataren in dem benachbarten Dorfe Rokitno aus. Inzwischen war auch der Besitzer von Biala, Fürst Michal-Kasimir Radziwill, ein mächtiger Magnat, der aber seinen Birzaner Verwandten durchaus nicht ähnelte, zu Sapieha gekommen. Nicht weniger ehrgeizig als Janusz und Boguslaw, stand er doch auf seiten des Königs und brachte jetzt dem Hetman eine bedeutende Hilfe, trotzdem seine ungeheuren Besitzungen stark während des letzten Krieges gelitten hatten. Pan Sapieha begrüßte den Fürsten mit großer Freude in seinem Lager. Er wußte, welchen Eindruck es in ganz Polen machen mußte, wenn Radziwill sich gegen Radziwill erhob, und in welchem Lichte Boguslaws Handlungen nun erscheinen mußten. Der Hetman zweifelte nicht mehr an einem Siege, obwohl er seiner Gewohnheit nach langsam überlegte und seine Offiziere täglich zu Beratungen versammelte. Der Fürst riet sogleich nach seiner Ankunft, gegen Boguslaw loszuschlagen und sich in keine Unterhandlungen mit ihm einzulassen. Der Hetman aber dachte anders. Er vermutete, daß Boguslaws Plan dahin ging, ihn aufzuhalten und zu hindern, sich mit Czarniecki zu vereinigen, der während dessen von Karl-Gustav und dem Elektor geschlagen werden sollte. Um dies zu vereiteln, wollte er zwei bis drei Regimenter zurücklassen, die Boguslaw beobachten sollten, während er selbst mit dem Rest des Heeres versuchen wollte, mit Czarniecki zusammen zu kommen. Der Hetman konnte ohne besonderen Schaden für sich mehrere Regimenter entbehren, um so mehr, als nicht alle seine Kräfte in der Umgegend von Biala versammelt waren: So stand der junge Pan Christoph Sapieha mit zwei leichten Bannern und einem Regiment Infanterie in Jaworow, Horotkiewicz bei Tykocin mit einem halben Regiment Dragoner, fünfhundert Freiwilligen und einem Banner, das den Namen des Wojewoden selbst trug. Außerdem lag noch in Bialystok Infanterie. Diese Kräfte genügten, um Boguslaw entgegenzutreten. Der Hetman sandte zu all diesen Boten aus; bald aber trafen Nachrichten ein, die alle wie ein Blitz aus heiterem Himmel überraschten. Im Schloß war man just zu einer Beratung versammelt, als plötzlich der Offizier du jour eintrat und dem Hetman einen Brief überbrachte. Kaum hatte Sapieha ihn geöffnet, als sein Gesicht sich veränderte, und er mit dumpfer Stimme sagte: »Mein Verwandter ist unterhalb Jaworows von Boguslaw aufs Haupt geschlagen.« Im gleichen Augenblicke öffnete sich die Tür von neuem, und ins Zimmer traten zwei mit Schmutz bespritzte Soldaten in gänzlich zerrissener Kleidung. »Ihr seid aus Horotkiewicz' Regiment?« »Jawohl.« »Und wo ist er jetzt?« »Das wissen wir nicht, – vielleicht tot. – Unser Banner ist vom Fürsten Boguslaw zertrümmert. Wir sind aus der Gefangenschaft entflohen!« »Und wo hat man euch überfallen?« »Bei Tykocin.« »Warum habt ihr nicht in der Festung Zuflucht gesucht?« »Die Festung ist genommen.« Der Hetman bedeckte seine Augen mit der Hand, dann fuhr er sich über die Stirn. »Fürst Boguslaw,« fuhren die Soldaten fort, »schlug noch eine Abteilung, die unter der Führung des Pan Kotczyc stand.« »Panna Borzobohata!« entschlüpfte es Kmicic' Lippen. Es entstand eine größere Pause. Boguslaws Erfolge verblüffte alle Anwesenden. So weit hatte es Sapiehas gerühmte Vorsicht gebracht! Sapieha seinerseits fühlte keine Schuld auf sich, er kam zuerst zu sich und sagte: »Das sind alles Zufälligkeiten, die in jedem Kriege vorkommen. Die Banner tun mir leid; aber wir müssen dieses Unglück verschmerzen. Der Fürst kommt zu uns. Ziehen wir dem teuren Gaste entgegen! Man gebe sofort das Signal zum Sammeln! Morgen bei Tagesanbruch brechen wir auf!« 17. Kapitel. Sapieha rückte in Eilmärschen vor, und bald standen sich die beiden Kriegsscharen gegenüber. Eine Schlacht war unvermeidlich. Kmicic umschwärmte mit seinen Tataren Boguslaws Lager von allen Seiten und versetzte dadurch den Fürsten in den Glauben, daß er umzingelt sei. Zu alledem war Boguslaw krank, und obwohl die Astrologen, denen er blindlings glaubte, ihm versicherten, daß ihm nichts Ernstes drohe, konnte er das Gefühl einer Unsicherheit nicht los werden. Kmicic sperrte ihm sämtliche Zufuhrwege zu seinem Lager ab, so daß kein einziger Proviantwagen zu ihm konnte. Der Fürst sah ein, daß er eine Schlacht annehmen müsse, ehe noch seine Soldaten den letzten Zwieback verzehrt hätten. Zuerst jedoch, so beschloß er als ein in Listen und Intrigen geübter Mann, wollte er es mit Unterhandlungen versuchen. Er sandte deshalb den einzigen Mann, für den der sonst niemandem gutgesinnte Fürst eine unbesiegbare Schwäche hatte, seinen Freund Pan Sakowicz, in Sapiehas Lager. Pan Sakowicz betrat das Quartier des Hetman mit stolz erhobenem Kopfe, so wie ein Sieger, der gekommen ist, dem Besiegten die Friedensbedingungen zu diktieren. Sapieha sah sofort, mit wem er es zu tun hatte, und seinen Mund umspielte ein feines Lächeln. »Mein Herr, der Fürst zu Birze, der Oberstallmeister des litauischen Großfürstentums und Hauptbefehlshaber der Armee Seiner Hoheit des Electors, schickt mich, Ihnen seine Hochachtung zu bezeugen und mich nach Ihrer Gesundheit zu erkundigen.« »Danken Sie dem Fürsten in meinem Namen und sagen Sie ihm, daß Sie mich gesund angetroffen haben.« »Ich habe ein Schreiben für Sie.« Sapieha nahm den Brief, brach ihn auf und sagte lässig: »Schade um die Zeit! – Ich verstehe eigentlich nicht, was dem Fürsten beliebt? – Kapituliert er, oder will er das Glück versuchen?« Sakowicz' Gesicht nahm einen erstaunten Ausdruck an. »Wir kapitulieren? Ich denke, der Fürst fordert Ihre Kapitulation. Der Fürst wäre schon längst zum Angriff vorgegangen, wenn er nicht Bruderblut schonen wollte.« »O, das bezweifle ich gar nicht!« »Der Fürst kann die Feindseligkeiten der Sapiehas gegen die Radziwills durchaus nicht begreifen, er wundert sich, wie Sie aus persönlicher Rache einen Bruderkrieg entfachen können.« »Pfui!« sagte Kmicic laut, der hinter dem Sessel des Hetman stand. Der Hetman zog seine Brauen zusammen. »Sie irren, Pan Sakowicz. Ich bin nicht ein Feind der Radziwills, sondern der Verräter. Der beste Beweis dafür ist die Anwesenheit des Fürsten Michael-Kasimir Radziwill in meinem Lager. Sprechen Sie, was wünschen Sie eigentlich?« »Pan Hetman, ich bleibe bei meiner Meinung. Man haßt den, nach dem man geheime Mörder ausschickt.« »Ich soll heimlich zum Fürsten Bguslaw Mörder geschickt haben?« staunte Sapieha. Sakowicz heftete starr seine blauen Augen auf den Hetman und entgegnete fest: »Ja.« »Sie sind von Sinnen!« »Erst kürzlich haben wir einen abgefaßt, der schon einmal einer Bande angehörte, die es auf das Leben des Fürsten abgesehen hatte. Nun, man wird ihn foltern, und dann wird er schon den Namen seines Auftraggebers bekennen.« Kmicic stöhnte dumpf auf; der Hetman aber antwortete mit der ihm eigenen Würde: »Mein Richter ist allein der Herrgott! Ich habe es nicht nötig, mich vor Ihnen und dem Fürsten zu rechtfertigen, – Sagen Sie nun kurz, was Sie eigentlich wollen, sonst befehle ich sofort den Angriff.« Als nach einer kleinen Pause keine Antwort erfolgte, fuhr Sapieha fort: »Es ist gut, Sie können sich zurückziehen.« »Werden Sie mir nicht wenigstens eine schriftliche Antwort geben?« »Gut!« Sakowicz ging hinaus; der Hetman wandte sich an Kmicic. »Warum stöhnten Sie auf, als Sakowicz von dem abgefaßten Manne sprach?« sagte er streng, indem er dem jungen Ritter durchdringend in die Augen sah. »Hat denn Ihr Haß wirklich jeden Begriff von Ehre in Ihnen betäubt, daß Sie geheime Mordbuben zu Hilfe nehmen?« »Ich schwöre bei der heiligen Jungfrau, nein!« rief Kmicic erregt. »Von Lemberg aus habe ich den Mann nach Tauroggen gesandt; denn nach dorthin entführte der Fürst meine Braut, die Panna Billewicz. Der Mann sollte auskundschaften, wo die Panna ist, und wie es ihr geht.« »Beruhigen Sie sich. Haben Sie ihm irgend welche Briefe mitgegeben?« »Nein, – Sie hätte sie wahrscheinlich doch nicht gelesen; denn der Fürst hat mich ja auch bei ihr verleumdet.« »Wahrhaftig, Sie haben Grund, ihn zu hassen! Und kennt der Fürst den Mann?« »Er kennt ihn. Es ist mein Wachtmeister Soroka. – Er half mir, Boguslaw zu entführen.« »Ich begreife. – Und jetzt erwartet ihn Boguslaws Rache,« sagte der Hetman und versank in Gedanken. »Übrigens, dem Fürsten geht es jetzt selbst schlecht, vielleicht willigt er ein, Soroka freizulassen. Ich werde ihm zum Austausch soviel Gefangene bieten, wie er haben will.« »Pan Hetman, er wird ihn nur für einen einzigen austauschen, – für Sakowicz.« »Sakowicz darf ich nicht zurückbehalten; er ist ein Gesandter.« »Behalten Sie ihn wenigstens nur für eine kurze Zeit hier. Ich gehe inzwischen mit Briefen zum Fürsten. Vielleicht gelingt es mir, etwas auszurichten. Ich will sogar im Augenblick auf meine Rache verzichten, nur soll er mir meinen Soldaten freilassen. – Er ist ein alter Diener von mir; er hat mich auf Händen getragen. – Wie viele Male hat er mir das Leben gerettet! Gott wird mich strafen, wenn ich ihn in der Not verlasse!« »Hm, – es ist wirklich kein Wunder, daß Ihre Soldaten so sehr an Ihnen hängen. Warten Sie, Ich werde Sakowicz eine Zeitlang zurückbehalten, und für Sie lasse ich mir vom Fürsten einen Geleitbrief für einen Unbekannten ausstellen.« Eine Viertelstunde später sprengte ein Kosak des Hetman zum Fürsten und kehrte gegen Abend mit dem erbetenen Geleitbrief zurück. An demselben Abend noch nahm Kmicic beide Kiemlicz' mit sich und trat mit ihnen den Weg zum Fürsten an.– 18. Kapitel. Es war späte Nacht, als Boguslaw von der Besichtigung seiner Schanzen zurückkehrte. Das Fieber hatte ihn so erschöpft, daß er sein Pferd nicht besteigen konnte; er hatte eine Tragbahre benutzen müssen. Unterwegs teilte man ihm die Ankunft des Abgesandten des Hetman mit. Es war so stockdunkel, daß er Kmicic nicht erkannte. »Von Pan Sapieha?« fragte er. »Jawohl.« »Wozu brauchten Sie einen Geleitbrief, wenn Sie Sakowicz in Ihren Händen haben? Der Pan Hetman ist wirklich zu vorsichtig!« »Das ist nicht meine Sache,« antwortete Kmicic. »Ich sehe, Sie sind nicht besonders gesprächig.« »Ich bringe einen Brief; über meine persönlichen Angelegenheiten können wir uns ja später unterhalten.« »Ich stehe Ihnen zu Diensten, bitte, folgen Sie mir.« Kmicic antwortete nichts. Unverwandt starrte er auf die unklaren Umrisse des fürstlichen Gesichts. Der Anblick von Boguslaws Stirne erweckte seinen ganzen alten Haß, und der Durst nach Rache entbrannte wieder heiß in seiner Brust. Seine Hand griff unwillkürlich zum Griff des Säbels, den Säbel hatte man ihm beim Betreten der Stadt abgenommen; aber den Stab hatte man ihn gelassen. Dieser Stab, das Zeichen seiner Oberstenwürde, war aber ein kräftig Ding mit einem schweren, eisernen Knopf. – Und der Teufel begann ihm ins Ohr zu flüstern: »Brüll' ihm ins Ohr, wer du bist, und schlag' ihm den Kopf in Stücke. – Die Nacht ist dunkel, wirst dich schon retten können. Hast ja die Kiemlicz' bei dir. Zertritt den Verräter wie ein giftiges Insekt! Zahl' ihm alle die Kränkungen heim! Rette Alexandra und Soroka! Schlag' zu!« Pan Andreas näherte sich noch mehr der Tragbahre, und mit zitternden Händen begann er, den Stab aus dem Gürtel zu ziehen. »Eins, zwei, drei!« flüsterte der Teufel. Da erschrak sein Pferd und tat einen großen Sprung zur Seite; die Sänfte entfernte sich inzwischen um mehrere Schritte. Dem Ritter sträubten sich die Haare; er kam wieder zur Besinnung. »Mutter Gottes, rette mich!« flüsterte er durch die zusammengepreßten Zähne. »Ich bin ein Abgesandter des Hetman und will den Feind meuchlings ermorden. Ich, ein Schlachtschitz, dein Diener! – Mutter Gottes, rette mich vor der Versuchung!« »Was brummen Sie denn da in den Bart?« vernahm man Boguslaws schwache Stimme. – »Hören Sie, die Hähne krähen schon. – Es ist spät, ich bedarf der Ruhe.– Dieses Fieber quält mich zu Tode.« Kmicic steckte den Stab hinter den Gürtel; aber er konnte seine frühere Ruhe nicht wieder gewinnen. Er begriff, daß es nur der größten Selbstbeherrschung gelingen würde, Soroka zu retten, und er überlegte, mit welchen Worten er sich an den Fürsten wenden sollte. Vor allen Dingen nahm er sich vor, nur an Soroka zu denken, und alles andere, selbst Alexandra, zu vergessen. – Aber wehe ihm, wenn er sie von selbst erwähnen sollte; Kmicic fühlte, dann mußte der Fürst sterben! Die Sänfte blieb an der Tür des fürstlichen Quartiers stehen. Boguslaw stützte sich auf die Schultern zweier Edelleute und wandte sich dann zu Kmicic: »Bitte, folgen Sie mir. – Der Anfall wird bald vorüber sein; dann können wir alles besprechen.« Sie traten in ein Zimmer, dessen Kamin hell brannte. Die Edelleute betteten Boguslaw auf einen Diwan, bedeckten ihn mit einer Pelzdecke und gingen hinaus. Der Fürst warf den Kopf Zurück, schloß die Augen und lag mehrere Minuten ohne Bewegung. Kmicic blickte ihn unverwandt an. Boguslaw hatte sich wenig verändert; er war wie früher weiß und rot geschminkt; aber bewegungslos, mit geschlossenen Augen und nach hinten geworfenem Kopfe ähnelte er einem Toten oder einer Wachsfigur. Pan Andreas stand im Lichte eines Kandelabers vor ihm. – Endlich hob der Fürst langsam seine Lider, und plötzlich riß er die Augen weit auf. Ein Schatten von geistiger Verwirrung flog über sein Gesicht. Alles dies währte nur einen Augenblick, dann schloß er wieder die Augen. »Wenn du ein Geist bist,« rief er, »ich fürchte dich nicht! Verschwinde!« »Ich bin mit einem Schreiben des Hetman hier!« antwortete Kmicic. Boguslaw schüttelte den Kopf, als wenn er sich von einem teuflischen Bilde befreien wollte, sah dann Kmicic an und fragte: »Ich habe Sie damals nicht getroffen?« »Nicht sehr,« sagte Kmicic brummig, indem er auf die Narbe an seiner Stirn zeigte. »Da ist der Brief Sapiehas.« Boguslaw las den Brief, und seine Augen erglänzten eigentümlich. »Gut,« rief er, »es ist genug Blindekuh gespielt! – Morgen soll die Schlacht beginnen. – Ich bin froh: Morgen werde ich kein Fieber haben!« »Auch wir sind froh!« fügte Kmicic hinzu. Es entstand Schweigen. Die unerbittlichen Feinde betrachteten sich einander. Der Fürst begann zuerst: »Jetzt errate ich es, – Sie waren es, der mich mit den Tataren fortwährend umschwärmt hat.« »Ich war es.« »Und hatten Sie gar keine Bedenken, hierher zu kommen? Wir beide, Kavalier, haben doch noch miteinander abzurechnen. – Ich kann Ihnen jetzt die Haut vom Leibe ziehen lassen.« »Das können Sie.« »Freilich, Sie sind mit einem Geleitbrief gekommen. – Ich verstehe jetzt, warum Sapieha sich ihn ausbat! – Aber Sie haben auf mein Leben einen Anschlag gemacht. – Den Sakowicz hat Sapieha zurückbehalten, aber der Pan Wojewod ist dazu nicht berechtigt, – ich hingegen Ihnen gegenüber – ja.« »Ich komme zu Euer Durchlaucht mit einer Bitte.« »So? Sie können sicher sein, daß ich für Sie alles tun werde, was in meiner Macht liegt! – Und um was bitten Sie?« – »Sie haben einen Soldaten aufgegriffen, einen von denen, die mir dazumal halfen, Euer Durchlaucht zu entführen. Ich habe dem Manne damals befohlen, es zu tun; er war ein Werkzeug in meinen Händen. Belieben Sie, ihn jetzt freizugeben?« Boguslaw schwieg. »Ich bitte nicht umsonst um die Befreiung dieses Mannes.« »Und was bieten Sie mir denn für ihn?« »Mich selbst.« »Oho, was für ein Lösegeld! Sie sind sehr freigebig. – Aber Sie werden vielleicht noch jemand anderes auszulösen haben!« Kmicic näherte sich dem Fürsten um einen Schritt; er war schrecklich bleich geworden, so daß der Fürst unwillkürlich zur Tür sah und trotz seines Wagemutes das Gesprächsthema wechselte. »Pan Sapieha wird kaum auf diesen Tausch eingehen,« bemerkte er. »Mir wäre es sehr angenehm, aber ich verpfändete mein fürstliches Wort für Ihre Sicherheit.« »Ich werde dem Hetman durch jenen Soldaten einen Brief zustellen, daß ich freiwillig geblieben bin.« »Und er wird trotz Ihres Wunsches Ihre Freilassung fordern! Sie haben ihm viel Nutzen gebracht. – Auch wird er Sakowicz nicht entlassen: Sakowicz aber schätze ich höher als Sie!« »Dann entlassen Sie uns beide. Und ich gebe Ihnen mein Wort, dahin zurückzukehren, wohin es Ihnen beliebt.« »Morgen harrt meiner vielleicht der Tod! Die Zukunft interessiert mich wenig.« »Ich flehe Sie an! – Für diesen Mann will ich –« »Was denn?« »Will ich auf meine Rache verzichten!« »Hören Sie, Pan Kmicic, ich bin viele Male in meinem Leben mit dem Jagdspieß auf Bären losgegangen, nicht etwa in der Notwehr, sondern aus freiem Willen. – Ich liebe es, daß mir eine Gefahr droht, – dann erscheint mir das Leben nicht so langweilig. Auch Ihre Rache sehe ich als eine Zerstreuung für mich an, denn, ich muß Ihnen gestehen, Sie sind auch so ein Bär, der von selbst auf den Jäger zurennt.« »Fürst,« rief Kmicic, »der Herrgott erläßt auch für eine kleine Guttat große Sünden. Wir wissen nicht, wann wir vor den Richterstuhl Christi berufen werden.« »Genug!« unterbrach ihn Boguslaw, »wenn ich einen Prediger gebrauchen sollte, werde ich mir einen kommen lassen. – Sie verstehen es nicht, mit der nötigen Unterwürfigkeit um etwas zu bitten und versuchen es mit Umwegen. Ich stelle Ihnen folgende Bedingung: Morgen während der Schlacht treten Sie auf unsere Seite über, und übermorgen ist Ihr Soldat frei, und alle Ihre Vergehungen sind Ihnen vergeben. – Den Radziwills haben Sie die Treue gebrochen, warum sollten Sie jetzt nicht Sapieha untreu werden?« »Ist das Ihr letztes Wort? Ich flehe Sie bei allen Heiligen an!« »Nein! – Was zum Teufel sind Sie so blaß geworden! Kommen Sie mir nicht zu nahe! Sehen Sie dies hier! Sie sind wirklich zu mutig!« Und Boguslaw zeigte die Mündung einer Pistole. »Durchlaucht!« rief Kmicic, er faltete flehentlich bittend seine Hände, aber sein zorniger Gesichtsausdruck änderte sich nicht. »Sie bitten und drohen zu gleicher Zeit«, erwiderte Boguslaw, »Sie biegen Ihren Rücken, aber hinter ihm fletscht der Teufel seine Zähne auf mich! Wenn man einen Radziwill um etwas bittet, so wirft man sich ihm zu Füßen, Verehrtester, ja! Mit der Stirn auf der Diele! Dann werde ich Ihnen vielleicht meinen Entschluß mitteilen!« Pan Andreas' Gesicht war kreidebleich. Er führte seine Hand über seine feuchte Stirn und sagte mit gebrochener Stimme: »Wenn Sie meinen Soldaten freilassen, – werde ich – Ihnen – zu – Füßen – fallen.« Über Boguslaws Lippen flog ein selbstgefälliges Lächeln. Sein Feind war gezähmt und gedemütigt. Eine bessere Befriedigung seiner Rache konnte er sich selbst nicht wünschen. Kmicic stand vor ihm mit zerzaustem Haar, wie im Fieber zitternd. Boguslaw fuhr fort, ihn unverwandt ansehend: »Auch vor Zeugen, vor meinen Leuten?« Er klatschte in die Hände. Die Tür öffnete sich, und mehrere Edelleute und Offiziere traten ein. »Meine Herren,« sagte der Fürst, »Pan Kmicic, der Bannerträger von Orsza und Abgesandte des Pan Sapieha, bittet mich um eine Gnade und will Sie zu Zeugen haben.« Kmicic schwankte wie betrunken, stöhnte auf und fiel zu Boguslaws Füßen. Und der Fürst streckte absichtlich seinen Fuß so aus, daß die Spitze seines Reiterstiefels die Stirne des Ritters berührte. Alle sahen der eigentümlichen Szene erstaunt zu und begriffen nicht, um was es sich handelte. Endlich stand der Fürst auf und ging ohne ein Wort zu sagen in das Nebenzimmer. Kmicic erhob sich. Auf seinem Gesichte lag weder Zorn noch Haß, seine Augen waren erloschen und blickten leer in den Raum um sich. Es schien, als wäre er sich dessen nicht bewußt, was um ihn her vorging, seine Energie war völlig gebrochen. So verging eine halbe Stunde, eine Stunde. Hinter den Fenstern erschollen Hufschläge und die regelmäßigen Schritte der Posten, und Kmicic saß noch immer wie versteinert. Plötzlich öffnete sich die Tür, und ein Offizier trat ins Zimmer, ein alter Bekannter Pan Andreas'! Acht Soldaten begleiteten den Offizier. »Pan Oberst, – stehen Sie auf,« sagte er weich. Kmicic sah ihn verwirrt an. »Ah, Sie sind es, Glowbicz?« »Man hat mir befohlen, Ihnen die Hände zu binden, und Sie aus dem Weichbild der Stadt herauszuführen. Ich versichere Sie, daß es nicht lange dauern wird, dann werden Sie frei sein. – Bitte, leisten Sie mir keinen Widerstand.« Kmicic ließ sich ohne zu murren fesseln. Der Offizier führte ihn zur Stadt hinaus. Endlich kamen sie auf das freie Feld, wo Pan Andreas eine Abteilung von Boguslaws polnischen Reitern sah. Die Soldaten umringten einen leeren Raum, in dessen Mitte zwei Infanteristen zwei Wagenpferde hielten. Mehrere Soldaten standen mit brennenden Fackeln in den Händen dabei. Pan Andreas' Blick fiel auf einen eben frisch geschnittenen Pfahl, der auf der Erde lag. Der Ritter erschauerte unwillkürlich. »Das ist für mich,« dachte er, »mit den Pferden wird man mich auf den Pfahl pfählen. Boguslaw opfert Sakowicz.« Er irrte: die Pferde waren für Soroka bestimmt. Bei dem flackernden Lichtschein der Fackeln erblickte Pan Andreas bald Soroka. Der alte Soldat saß auf einer Bank, barhäuptig, mit gebundenen Händen. Ein Mann in einem ärmellosen Halbpelz reichte gerade dem Wachtmeister eine Flasche mit Schnaps. Soroka trank; aber in demselben Moment erkannte er Kmicic und machte Front wie auf der Parade. Einen Augenblick sahen sich die beiden wortlos in die Augen. Wovon sollten sie in dieser Minute auch sprechen? Der Henker, der Soroka Schnaps gegeben hatte, schritt auf ihn zu: »Nun, Alter,« sagte er, »deine Stunde hat geschlagen!« »Könnten Sie es nicht etwas rascher machen?« »Hab' keine Angst!« Soroka hatte wirklich keine Angst; aber er forderte noch mehr Branntwein. »Ist keiner mehr da!« Da trat ein Soldat aus der Reihe und reichte dem Henker seine Feldflasche. »Zurück auf deinen Platz!« kommandierte Glowbicz. Der Mann im Halbpelz führte dennoch die Flasche an die Lippen des alten Soldaten. Soroka trank und seufzte: »Ja,« sagte er, »das ist für den Dienst! – Für dreißigjährigen Dienst. Eine schöne Zeit!« Ein anderer Henker trat an ihn heran und begann ihm die Kleider herunterzuziehen. Es entstand Stille. Die Fackeln zitterten in den Händen der Soldaten. Allen war es schauerlich zumute. Plötzlich erhob sich in den Reihen der Truppe ein Murren, zuerst leise, dann lauter und lauter. Man hörte deutlich: »Ein Soldat ist kein Henker, er wird den Feind in der Schlacht töten: aber langwierige Qualen sieht er nicht gern mit an.« »Ruhe!« rief Glowbicz. Das Murren wurde immer lauter: »Zum Teufel! Daß euch die Hölle verschlucke! Verfluchter Dienst hier!« Plötzlich donnerte Kmicic, als wenn man ihn selbst pfählte: »Halt!« Die Henker blieben unwillkürlich stehen, aller Augen wandten sich auf Kmicic. »Soldaten!« rief Pan Andreas, »Fürst Boguslaw ist ein Verräter: er hat dem Könige und der Republik die Treue gebrochen! Jetzt ist er umzingelt, und ihr alle mit ihm, und morgen werdet ihr alle niedergeschossen werden. Ihr dient dem Feinde des Vaterlandes! Aber dem, der den Verräter verläßt, dem verspreche ich die Vergebung des Königs. – Wählt, Tod und Schimpf oder Belohnung! Ich zahle einen Dukaten, – zwei Dukaten pro Mann Sold. Wählt! Ihr wackeren Soldaten solltet nicht dem Verräter dienen! Es lebe der König! Es lebe der Großhetman von Litauen!« Das Murren ging in einen ohrenbetäubenden Lärm über. Mehrere Stimmen riefen: »Es lebe der König! Tod dem Verräter! Halt! halt! Der Fürst ist ein Verräter. Er führt gegen den König Krieg. Halt!« Jemand schnitt in der Erregung den Strick durch, mit dem Kmicic' Hände gefesselt worden waren. Im Augenblicke sprang Pan Andreas auf eins der Pferde, mit denen Soroka gepfählt werden sollte und rief: »Folgt mir zum Hetman!« »Ich komme!« schrie Glowbicz. »Es lebe der König!« »Er lebe!« antworteten an fünfzig Stimmen, und ebenso viele Säbel erglänzten in der Luft. »Ein Pferd für Soroka!« kommandierte Kmicic. Es gab auch einige, die Widerstand leisten wollten, aber bei dem Anblick der gezogenen Degen verstummten sie. Ein Soldat jedoch wandte stillschweigend sein Pferd um und verschwand in der Dunkelheit. »Folgt mir!« wiederholte Kmicic. Und die Reiter sprengten in der Richtung von Sapiehas Lager davon. »Pan Oberst,« sagte Glowbicz, als sie mehrere hundert Klafter hinter sich hatten, »ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll. Schon längst war mir der Dienst da über, schon längst wollte ich das vollführen, was ich jetzt tue.« »Und Sie werden es nicht zu bereuen haben. – Sagen Sie aber, warum hat der Fürst gerade Sie mit der Exekution betraut und nicht eine deutsche Abteilung?« »Er wollte Sie in den Augen der Polen mit Schimpf bedecken. Die Fremden kannten Sie ja nicht.« »Und was befahl er, mit mir zu tun?« »Sie sollte ich freilassen, wenn Sie keine Versuche gemacht hätten, Soroka zu befreien, sonst drohte auch Ihnen die Hinrichtung.« »So,– Sakowicz wollte er also auch nicht schonen!« dachte Kmicic bei sich. 19. Kapitel. Man kann sich leicht Sapiehas Erstaunen vorstellen, als Kmicic nicht nur unversehrt wiederkehrte, sondern auch noch seinen alten Diener und mehrere Dutzend weiter mit sich brachte. Trotz seiner fürchterlichen Ermüdung beschloß Pan Andreas, sofort seine Tataren aufzusuchen, die die Wälder und Straßen im Rücken von Radziwills Heer besetzt hielten. Übrigens verstanden es die Leute jener Zeit sehr gut im Sattel zu schlafen. Pan Andreas war mit Akbah-Ulan sehr zufrieden. Alle seine Befehle waren exakt ausgeführt, – Brücken unbrauchbar gemacht und Dämme aufgerissen worden. Und das Frühjahrswasser hatte das seinige getan, um die Felder und Wiesen und Straßen in weite Sümpfe zu verwandeln. Boguslaw blieb nichts übrig, als eine Schlacht anzunehmen. Am nächsten Morgen besichtigte Kmicic die feindlichen Stellungen. Er fand, daß die Verschanzungen leicht von der Infanterie genommen werden könnten. Er befahl daher seiner kleinen Abteilung Freiwilliger, die er außer den Tataren noch befehligte, den Feind von der Front her zu beunruhigen, während er mit seinen Tataren ihn umgehen wolle. Und wirklich, kaum war er fortgeritten, so hörte er schon zuerst vereinzelt, dann mehr und mehr Schüsse fallen. »Gut,« sagte Pan Andreas. »Sie attackieren da.« Als es dunkelte, wälzte sich Kmicic mit seinen Tataren wie eine schwarze Masse lautlos vorwärts. Kein Pferdegewieher, kein Säbelgeklirr war zu vernehmen. Die Tataren verstehen es, sich wie die Wölfe heranzuschleichen. Das Gewehrgeknatter wurde immer lauter, augenscheinlich rückte Sapieha auf der ganzen Linie vor. Die Tataren waren inzwischen schon bis auf fünfzig Schritt an den Feind herangerückt. Plötzlich ertönte ein schreckliches Geheul, und die Horde wilder Reiter stürzte sich wie eine Lawine auf die feindliche Infanterie. Man vernahm Gestöhn und Ausrufe: »Allah! Herr Jesus! Mein Gott!« Währenddessen stürmten die Freiwilligen, die durch Kmicic' Erfolg angespornt waren, wütend auf die feindliche Reiterei ein. Zu dieser Zeit begann ein strömender Regen herniederzufallen. Die brennenden Scheiterhaufen erloschen, und die Schlacht wurde im Dunkeln fortgesetzt. Übrigens währte der Kampf nicht lange. Die überrumpelte Infanterie wurde in kurzer Zeit gänzlich vernichtet. Die Reiterei, in der zumeist Polen dienten, streckte bald die Waffen. Eine Viertelstunde später zündete Kmicic das nächstliegende Dorf an, um dem Hetman die Einnahme der Schanzen anzuzeigen. Dann ordnete er seine Tataren, um weiter vorzustürmen. Plötzlich erschien eine große Reiterabteilung des Kurfürsten. An ihrer Spitze ritt ein Ritter in silbernem Harnisch auf weißem Gaul. »Boguslaw!« schrie Kmicic auf und stürzte mit seinen Tataren vorwärts. Die Feinde flogen wie zwei vom Sturme gepeitschte Wellen aufeinander zu. Noch trennte sie ein gewaltiger Raum, aber die Pferde, angetrieben durch die Sporen der Reiter, streckten sich aus und jagten dahin, kaum die Erde berührend. Auf der einen Seite Hünen in glänzenden Kürassen, mit geraden, gezogenen Säbeln in den Händen, auf der anderen, – eine große, dunkle Wolke Tataren. Da stoßen beide Wellen aufeinander, und jetzt ereignet sich etwas Fürchterliches. Die Tataren fallen wie Halme unter der Sichel des Schnitters. Die Kürassiere reiten über sie hinweg und sausen weiter, als wenn ihnen Flügel an den Schultern gewachsen seien. – Einige Minuten später jedoch erheben sich einige Tataren und nehmen die Verfolgung auf. Die wilden Reiter der Steppen kann man niedertreten, aber man kann sie nicht durch einen Ansturm vernichten. Bald erheben sich einige andere und wieder einige, und sie sausen hinter den sich entfernenden Kürassieren her, und ihre Lassos pfeifen in der Luft. An der Spitze der Fliehenden befindet sich immer noch der Ritter im silbernen Harnisch, aber Kmicic ist unter den Verfolgern nicht zu sehen! – Erst bei Tagesanbruch begannen die Tataren zurückzukehren, fast jeder hatte einen gefangenen Kürassier im Lasso. Nach langem Suchen fanden sie auch Kmicic und brachten den Bewußtlosen zu Pan Sapieha. Der Hetman saß unentwegt an seinem Lager; erst gegen Mittag öffnete Pan Andreas die Augen. »Wo ist Boguslaw?« war seine erste Frage. »Aufs Haupt geschlagen. Zuerst war ihm das Glück günstig; dann aber stieß er auf die Infanterie Oskierkas und verlor seine ganze Armee. Ich glaube kaum, daß er noch fünfhundert Mann für sich gerettet hat.« »Und er selbst?« »Ist geflohen.« Kmicic schwieg einen Augenblick. »Es ist schwer, sich mit ihm zu messen. Durch einen einzigen Hieb stürzte er mich vom Pferde. – Zum Glück rettete mich mein Helm! – Aber es ist gleich, – ich werde ihn verfolgen bis ans Weltende!« »Lesen Sie nur den Brief, den ich nach der Schlacht erhalten habe,« sagte der Hetman, indem er Kmicic ein Schreiben überreichte.« Kmicic las laut: »Der schwedische König rückt gegen Zamoscie, Lemberg und dann gegen unseren König vor. Kommen Sie mit Ihrer ganzen Armee, den König und das Vaterland zu retten! – Ich allein kann gegen den Feind nicht aufkommen. Czarniecki.« Es trat Stillschweigen ein. »Gehen Sie mit uns, oder wollen Sie mit den Tataren nach Tauroggen?« fragte nach einiger Zeit der Hetman. Kmicic schloß die Augen. Er gedachte der Worte Pater Kordeckis und der Tat Skrzetuskis. »Ich ziehe gegen den Feind fürs Vaterland. Die Rache später!« Der Hetman umarmte ihn. »Sei du mein Bruder!« sagte er. »Ich bin ein alter Mann; empfange meinen Segen.« – – Ende des Vierten Buches. Fünftes Buch. 1. Kapitel. Während in der Republik die ganze Bevölkerung aufs Pferd stieg, verweilte Karl-Gustav in Preußen, um mit dem Elektor Unterhandlungen zu führen. Nach der ungeheuer leichten Eroberung des fremden Landes begann der erfahrene Feldherr jetzt zu bemerken, daß der schwedische Löwe mehr gefressen habe, als sein Bauch beherbergen konnte. Mit der Rückkehr Jan-Kasimirs verlor Karl-Gustav die Hoffnung, die Republik behalten zu können. Er hätte sich gern nur mit einem Teile, insbesondere mit Polnisch-Preußen begnügt, einer reichen, fruchtbaren und mit großen Städten besäten Provinz. Aber diese Provinz hatte sich zuerst gegen ihn erhoben und war stets auf seiten ihres legitimen Herrschers und der Republik geblieben. Da nun die Rückkehr Jan-Kasimirs und der von der Tyszowiecer Konföderation begonnene Krieg den Geist dieser Provinz noch stärken mußte, so beschloß Karl-Gustav, den Aufstand gegen ihn möglichst schnell zu unterdrücken und den Preußen jede Hoffnung auf Hilfe zu rauben. Dazu kam noch, daß der schwedische König den Kurfürsten gut durchschaut hatte und nicht daran zweifelte, daß dieser nach den ersten schwedischen Mißerfolgen zu Jan-Kasimir übergehen würde. Deshalb wollte Karl-Gustav gegen die Republik vorrücken, um unter allen Umständen mit Jan-Kasimir zusammenzustoßen. Wie immer führte der Schwedenkönig seinen einmal gefaßten Plan mit Blitzesschnelle aus. Ehe noch die Nachricht von dem bevorstehenden Feldzuge des schwedischen Königs in die Republik dringen konnte, passierte er schon Warschau. Wie ein Sturm, von Zorn und Rache und Wut erfüllt, durchzog Karl-Gustav die Republik. Zehntausend Reiter zogen mit ihm über die noch mit Schnee bedeckten Felder. Die Infanterie wurde aus den Besatzungen der nächstliegenden Festungen gesammelt und rückte auch gegen die Republik vor. Das war nicht mehr der frühere Karl-Gustav, der gütige Herrscher, gnädig und heiter, der die polnische Reiterei bewunderte und den polnischen Offizieren schmeichelte. Jetzt vergoß man auf sein Geheiß das Blut der Schlachta und Bauern in Strömen; überall wurden Galgen errichtet. Niemand hatte auf Schonung zu rechnen, kein einziger entging seiner Verfolgung. Aber wie in einem dichten Walde dem mächtigen Bären eine Schar furchtsamer Wölfe folgt, so schlich hinter Karl-Gustavs Armee die Menge der Verfolgten. Und unsichtbare Hände zerstörten die Brücken, die er zu passieren hatte, und vernichteten die Vorräte, so daß der König sich wie in einer Wüste vorwärts bewegen mußte. Schließlich erkannte auch Karl-Gustav die Gefahr, der er ausgesetzt war. Rings um ihn herum toste der Krieg wie die See um ein vom Sturm zersplittertes Schiff: In den befestigten Lagern und großen Städten vermochten sich zwar die Schweden noch zu halten; aber die Dörfer, Wälder, Felder und Flüsse waren alle schon in polnischen Händen. Vergebens ließ Karl-Gustav in den kleineren Städten und Dörfern bekannt machen, daß er einem jeden Bauern, der ihm einen bewaffneten Schlachtschitzen tot oder lebendig ausliefere, Freiheit und ewigen Grundbesitz zusichern werde, – die Bauern, gleich der Schlachta und den Städtern, flohen in die Wälder, legten den Schweden Hinterhalt, überfielen kleinere Garnisonen und vernichteten Patrouillen. Dreschflegel, Heugabeln und Sensen bedeckten sich nicht minder mit schwedischem Blut als die Säbel der Schlachtschitzen. Karl-Gustavs Zorn wuchs mehr und mehr. Fast jeden Tag berief er seine Offiziere zu Beratungen zusammen. Der Umgebung des Königs flößte der Mangel an Lebensmitteln, die übermäßige Anstrengung und Beschwerlichkeit des Feldzuges große Besorgnis ein. Der alte Wittemberg riet nachdrücklich vom Feldzuge ab; aber Karl-Gustav hörte auf keinen Rat und rückte weiter vor, Czarnieckis Armee verfolgend. Dieser, der über wenig und schlecht organisierte Kräfte verfügte, wich zurück, jedoch wie ein Wolf, jede Minute bereit, sich umzuwenden und die Zähne zu zeigen. Er schnitt ganze schwedische Regimenter von der Hauptmacht ab, nahm Proviantzüge fort und überfiel die, die sich vom Heere losgetrennt hatten. Die Schweden wußten nie, wo er sich befand, von welcher Seite er einen Überfall machen würde, und oft begannen sie in der Dämmerung die vor ihnen liegenden Büsche zu beschießen, in der Annahme, der Feind könne sich dort versteckt halten. Karl-Gustavs Truppen waren zu Tode ermüdet; sie litten an Hunger und Kälte, und bange Furcht herrschte unter ihnen. Endlich stießen die Schweden bei Golemb, unweit der Mündung der Wieprz in die Weichsel, mit dem polnischen Heere zusammen. Mehrere polnische Banner stürzten sich mit Wut auf den Feind. Aber bald eilte Karl-Gustav mit seiner Hauptmacht herbei, und die Schlacht war entschieden. Die wenig geschulten und disziplinlosen Regimenter Czarnieckis konnten nicht lange standhalten und mußten den Rückzug antreten. Im schwedischen Lager herrschte unbeschreibliche Freude. Augenscheinlich folgte die Siegesgöttin wieder den schwedischen Spuren. Das Erscheinen Karl-Gustavs genügte, um den Sieg über Czarniecki, auf den die Hoffnungen Jan-Kasimirs und der Republik ruhten, voll zu machen. Selbstredend übte diese Niederlage einen entmutigenden Eindruck auf alle die aus, die, dem Aufruf der Tyszowiecer Konföderation folgend, zu den Waffen gegriffen hatten. »Das ist der größte Sieg, den ich im Laufe dieses Jahres erfochten habe,« bemerkte Karl-Gustav zu seiner Umgebung, »er kann dem ganzen Kriege ein Ende bereiten.« »Majestät,« erwiderte der halbkranke Wittemberg, »danken wir Gott, daß er uns die Fortsetzung des Feldzuges gesichert hat, obwohl Czarnieckis Truppen sich ebenso schnell wieder sammeln können, wie sie sich zerstreuten.« »Ich halte Sie nicht für einen schlechteren Feldherrn als Czarniecki, aber ich denke, auch Sie würden nach dieser Niederlage nicht imstande sein, die zerstreuten Truppen in zwei Monaten wieder zu sammeln und zu ordnen.« Wittemberg verneigte sich schweigend; der König fuhr fort: »Ja, jetzt können wir beruhigt unseren Feldzug fortsetzen. Allein Czarniecki vermochte uns aufzuhalten. Nun gibt es keinen Czarniecki, also keine Hindernisse mehr!« Die Generale hörten den königlichen Worten mit Begeisterung zu. Die vom Siege trunkenen Truppen defilierten singend vor Karl-Gustav. Czarniecki hing nicht mehr drohend wie das Schwert des Damokles über ihren Häuptern! Czarniecki war geschlagen, vernichtet! Der Morgen des folgenden Tages war klar, trocken und schön. Der Frost hatte die Pfützen mit einer starken Eisdecke überzogen und die Äste der Bäume mit weißem, daunenartigem Reif verziert. Die Truppen, die an keine Gefahr dachten, marschierten vereinzelt weiter, so daß sie die Fühlung miteinander verloren. Zwei Regimenter Dragoner wurden unter der Führung des Franzosen Dubois von der Hauptstraße abseits auf Kundschaft ausgeschickt. Gestern noch hätte man das nicht getan; aber Czarniecki war ja geschlagen und mit ihm alle Gefahr auf lange hinaus verschwunden. Abends langte Karl-Gustav in heiterster Stimmung in Grabowo an. Er wollte sich gerade zur Nachtruhe begeben, als Aszemberg sich durch den diensttuenden Offizier anmelden ließ. »Was gibt es Neues, Freed?« fragte sogleich der König. »Ist Dubois zurück?« »Dubois ist tot!« antwortete Freed. Der König geriet in Verwirrung. Erst jetzt bemerkte er den bleichen, erschöpften Aszemberg, der mit zerzaustem Haar und in zerfetzten Kleidern dastand. »Und die Dragoner? – Zwei Regimenter Dragoner?« »Sind alle niedergemetzelt. Nur mich allein hat man freigegeben.« Das ohnehin dunkle Gesicht des Königs verfärbte sich noch tiefer. Er strich mit der Hand über sein Haupthaar. »Wer hat das getan?« »Czarniecki!« Das Gesicht Karl-Gustavs drückte die größte Verständnislosigkeit aus. »Das ist unmöglich!« rief er. »Haben Sie ihn gesehen?« »So wie ich jetzt Euer Majestät sehe. Er hieß mich, Sie zu grüßen und Ihnen zu melden, daß er fürs erste die Weichsel zu überschreiten gedenke, um dann wieder Euer Majestät zu folgen.« »Gut,« sagte Karl-Gustav. »Czarniecki ist also nicht vernichtet, er hat seine Truppen wieder gesammelt. Um so schneller müssen wir dem polnischen Darius entgegeneilen. Das ist die Hauptsache. – Sie können gehen!« Karl-Gustav blieb mit seinen wenig trostreichen Gedanken für eine sichere Zukunft allein. Ihm war zumute wie einem Menschen, der vom Ufer aus ins Meer steigt und allmählich den Boden unter seinen Füßen verschwinden fühlt. 2. Kapitel. Zwei polnische Regimenter, die am meisten bei dem Treffen mit Karl-Gustav gelitten hatten, bedurften der Erholung, und Pan Czarniecki hielt es für nötig, sie nach Zamoscie zu schicken. Pan Sobiepan empfing die Offiziere sehr freundlich, und als er ihre Namen Wolodyjowski und Skrzetuski hörte, geriet er in Begeisterung und bat sie, an seiner Tafel teilzunehmen. Die Schweden näherten sich inzwischen auch Zamoscies, und in der Festung traf man Vorbereitungen zur Verteidigung. Skrzetuski und Wolodyjowski, die beide mit der schwedischen Taktik vertraut waren, postierten sich auf den Mauern. Besonderen Gefallen fand der Pan Obermundschenk an Zagloba, dessen Rat er des öfteren einholte. Bei der Tafel erzählte Zagloba den andächtigen Zuhörern von den Kriegen mit den Kosaken, von Radziwills Verrat und davon, wie er Sapieha protegiert habe. Eines Morgens, als Wolodyjowski von einer nächtlichen Visitation der Umgebung zurückkehrte, brachte er mehrere schwedische Gefangene mit sich, die alle bestätigten, daß sich der König persönlich bei der Armee befinde und bald Zamozcie belagern würde. Pan Zamoyski freute sich ungemein: es reizte ihn schon längst, die Wirkung seiner Kanonen an den Schweden auszuprobieren. »Wenn es mir zuteil wird, dem Könige und dem Vaterlande einen Dienst zu erweisen,« sagte er auf dem einberufenen Kriegsrat, »so versichere ich euch im voraus, daß ich die Festung eher in die Luft sprengen werde, als sie dem Feinde zu übergeben. – Sie wollen Zamozcie mit Gewalt nehmen, – mögen sie es probieren! Und jetzt, Panowie, gehen wir auf die Wälle!« Die Mauern der Festung strotzten von Soldaten. Infanterieregimenter, wie sie die ganze Republik nicht aufweisen konnte, standen schußbereit mit den Musketen in den Händen und den Blick ins Feld gerichtet da. Bei den Geschützen, die ihre langen Hälse aus Neugierde weit auszustrecken schienen, gingen Vlämen auf und ab, die man für die erfahrensten im Artilleriewesen hielt. Außerhalb der Festung waren unter dem Schutze der Kanonen mehrere Regimenter leichter Kavallerie postiert. Pan Zamoyski ritt im Harnisch, mit einem goldenen Stabe in der Hand, die Mauern entlang und fragte jede Minute: »Sind die Schweden noch nicht zu sehen, wie?« Und wenn er eine verneinende Antwort erhielt, so schimpfte er. Endlich verkündete jemand: »Sie kommen!« Und Pan Zamoyski, begleitet von Zagloba, eilte auf einen Turm. Vom Turm aus bot sich den beiden ein bezauberndes Bild. Die Schweden nahten in dichten Massen. In der Mitte jedes Infanterieviereckes marschierten Bogenschützen. Über ihnen flatterten verschiedenfarbige Fahnen, vorzüglich himmelblaue mit weißen Kreuzen oder mit goldenen Löwen. In einer Entfernung von doppelter Schußweite machten die Schweden vor der Festung Halt. Einige der Vierecke zerstreuten sich nach verschiedenen Seiten; andere schienen Zelte aufschlagen und Schanzen aufwerfen zu wollen. »Das sind sie also!« sagte Pan Zamoyski. »Man kann sie an den Fingern abzählen.« »Solche erfahrenen Praktiker wie ich brauchen nicht erst zu zählen, ein Blick genügt schon,« antwortete Zagloba. »Es sind ihrer zehntausend Mann Reiter und achttausend Mann Infanterie und Artillerie.« Nach einiger Zeit meldete man dem Pan Obermundschenk, daß ein Abgesandter des schwedischen Königs, Pan Jan Sapieha, ihn zu sprechen wünschte. Pan Zamoyski zog die Brauen zusammen und antwortete stolz: »Sage dem Pan Sapieha, daß Zamoyski nicht mit Verrätern spricht. Wenn der schwedische König mit mir in Unterhandlungen treten will, so mag er mir einen Schweden hersenden. Polen jedoch, die den Schweden dienen, werde ich zu meinen Hunden schicken; denn ich achte sie ihnen gleich.« »Das ist eine Antwort!« rief Zagloba mit ungekünstelter Begeisterung. – »Gestatten Sie mir, daß ich selbst sie ihm bringe?« Und ohne die Erlaubnis abzuwarten, stürzte er davon und bestellte dem Pan Sapieha die Antwort, nicht ohne einiges von sich selbst noch hinzuzufügen. Sapieha kehrte bleich und mit zusammengepreßten Lippen zu Karl-Gustav zurück. »Nun, was?« fragte der König. »Nichts! Zamoyski will mit Polen, die Euer Majestät dienen, nicht unterhandeln. Er schickte mir seinen Narren, der mich so mit Beleidigungen überhäufte, daß ich es nicht wage, Euer Majestät auch nur die Hälfte davon wieder zu erzählen.« »Mir ist es ganz gleich, mit wem er unterhandeln will. Ich werde Forgell zu ihm schicken.« Der schlaue schwedische General, der den Reichtum und den Luxus bemerkte, die Zamoyski umgaben, begann, Pan Sobiepan wie einen Karl-Gustav ebenbürtigen Monarchen zu behandeln. Pan Zamoyski bemerkte jedoch die Absicht und gab ihm zu verstehen, daß er kein selbständiger Herrscher sei. »Hoheit,« fuhr Forgell unverdrossen fort, »mein König ist nicht als Feind, sondern als Gast hierher gekommen und hegt die Hoffnung, daß Sie ihm und seinen Truppen die Festungstore öffnen werden.« »Es ist bei uns die Sitte, selbst einem ungebetenen Gast die Gastfreundschaft nicht zu versagen,« entgegnete Pan Zamoyski. »Für eine so hohe Persönlichkeit wird sich stets ein Platz an meiner Tafel finden, sogar der beste. Ich bitte Sie, melden Sie Seiner Majestät, daß ich ihn höflichst zu mir lade, um so mehr, als er in Schweden ein ebensolcher Herrscher ist, wie ich in Zamoscie. Aber, wie Sie selbst sehen, gebricht es mir durchaus nicht an Dienerschaft, und Seine Majestät braucht nicht seine eigene mitzubringen.« »Mein Herrscher wird seinerseits unzufrieden sein über das Mißtrauen, das Ihre Hoheit ihm bezeigen, indem Sie seine Garnison nicht in Ihre Festung einlassen wollen. Ich gestatte mir, Ihnen zu versichern, daß der König nicht die Absicht hat, Zamoscie lange besetzt zu halten. Nur, weil Jan-Kasimir, ohne die Folgen seiner Handlungen abzuwägen, sich gegen uns mit den Tataren und Türken verbunden hat, gedenkt Seine Majestät, Zamoscie als Stützpunkt zu benutzen, von wo aus er die Rebellen verfolgen kann. Da Karl-Gustav jedoch weiß, daß sich der Besitzer von Zamozcie nicht allein durch seine edle Abstammung und seinen Reichtum und Scharfblick auszeichnet, sondern vor allem durch seine Vaterlandsliebe, so sagte er zu mir: »Dieser wird meine Bestrebungen, dem schwergeprüften Lande wieder Frieden und Ruhe zurückzugeben, verstehen. Er wird mir seine Hilfe nicht versagen.« – Ja, Hoheit, von Ihnen hängt das Schicksal Ihres Landes ab. Der König erwartet, daß Ihre Weisheit Sie bewegen wird, mit ihm in einer Richtung zu handeln. Daher will er nicht befehlen, sondern nur bitten. Ohne zu Drohungen Zuflucht zu nehmen, bietet er Ihnen seine Freundschaft an: er will sich Ihnen gegenüber nicht wie ein Herrscher zum Untertanen, sondern wie gleich zu gleich stellen.« Hier machte General Forgell dem Pan Obermundschenk eine so tiefe Verbeugung, als wenn er sich wirklich vor einem regierenden Fürsten verneigte. Es trat tiefes Schweigen ein. Pan Zamoyski wandte sich in seinem vergoldeten Sessel um, stemmte beide Handflächen gegen die Kniee und antwortete: »So ist es! – Ich bin Seiner Majestät für seine schmeichelhafte Meinung über meinen Geist und meine Vaterlandsliebe sehr verbunden. Für mich kann es nichts Angenehmeres geben, als die Wohlgeneigtheit eines solchen mächtigen Herrschers. Aber ich denke, wir könnten uns gegenseitig ebenso hoch achten, wenn Seine Majestät in Stockholm geblieben wäre. Meine Liebe zur Republik bestreite ich nicht; aber ich meine, die Schweden würden der Republik einen großen Dienst erweisen, wenn sie sich aus ihren Grenzen entfernen würden. Ich bezweifle auch durchaus nicht, daß Zamoscie Seiner Majestät wirklich helfen könnte, Jan-Kasimir zu besiegen; aber, hören Sie, ich habe nicht dem schwedischen Könige, sondern gerade Jan-Kasimir Treue geschworen. Und deshalb wünsche ich auch diesem den Sieg. Zamoscie gebe ich nicht her! Das ist alles, was ich Ihnen zu erwidern habe.« Forgell geriet in Verwirrung und schwieg einen Augenblick. Er sah ein, daß er zu entschiedeneren Mitteln greifen müsse. Und indem er eine Pergamentrolle aufwickelte, sagte er laut und feierlich: »Für die Öffnung der Festungstore verleiht Ihnen Seine Majestät die Lubelsker Wojewodschaft zu erblichem und ewigem Besitze.« Alle waren bei diesen Worten sprachlos; einen Augenblick lang war selbst Pan Zamoyski ganz verblüfft. Plötzlich vernahm man Zaglobas Stimme. Er sprach polnisch: »Versprechen Sie ihm dafür, Pan Obermundschenk, die Niederlande!« Und ohne lange zu überlegen, schmetterte Pan Zamoyski auf lateinisch laut in den Saal hinein: »Und ich schenke Seiner Majestät dem Könige von Schweden die Niederlande!« Im Saale erscholl lautes, unbezähmbares Gelächter; Forgell wurde blaß und zog die Brauen zusammen. Als das Lachen sich gelegt hatte, fragte er mit hocherhobenem Kopfe und funkelnden Augen: »Ist das Ihr letztes Wort?« »Nein,« sagte Zamoyski, den Kopf noch höher erhebend, »auf meinen Mauern befinden sich noch Kanonen!« Zwei Stunden später eröffneten die Schweden das Bombardement. Zamozcie antwortete mit derselben Energie. Aber während die schwedischen Geschosse ohne jedes Resultat in die mächtigen Festungsmauern einschlugen, fügten Zamoscies Geschosse dem Feinde großen Schaden zu. Gegen Abend mußten die Schweden die vorderen Positionen räumen. Der bis aufs äußerste gereizte Karl-Gustav befahl, die umliegenden Dörfer und Städtchen anzuzünden. Pan Zamoyski nahm gar keine Notiz von alledem und gab seinen Offizieren ein glänzendes Festmahl. Wolodyjowski und einige Offiziere ersuchten Zamoyski um die Erlaubnis, einen Ausfall machen zu dürfen, aber der Obermundschenk verbot dies. Er wollte unnützes Blutververgießen soviel als möglich vermeiden, denn er meinte, daß es dadurch leicht zu einer offenen Schlacht kommen könnte, weil ein so erfahrener Stratege wie Karl-Gustav sich nicht überrumpeln lassen werde. Während des ganzen schwedischen Angriffs blieb Zagloba auf den Festungsmauern und unterhielt die Soldaten, indem er ihnen erlebte und erdichtete Geschichten aus seinem Leben erzählte. Das Herz des alten Schlachtschitzen wollte vor Freude zerspringen angesichts der allgemeinen Opferfreudigkeit, die die polnischen Gemüter jetzt beherrschte. »Ja, Pan Michail,« sprach er zu Wolodyjowski, »andere Zeiten sind für die Republik angebrochen. Erinnern Sie sich, vor einem Jahre noch hörte man nur, der hat die Treue gebrochen, jener hat das schwedische Protektorat angenommen, und jetzt brauchen die Schweden selbst die Hilfe des Teufels. Unsere Leiber sind voll und stramm wie eine Trommel, und sie sterben fast Hungers.« Pan Zagloba hatte mit seiner letzten Bemerkung recht. Die Schweden hatten nur wenig Vorräte und konnten von nirgend her welche bekommen. Alles, was die umliegenden Dörfer an Lebensmitteln hatten, hatte Pan Zamoyski vorher in die Festung schaffen lassen. In den entfernteren Orten hielten sich aber die Konföderierten und bewaffnete Bauernparteien auf, so daß die Schweden sich nur mit Lebensgefahr von der Hauptarmee entfernen konnten. Dazu kam noch, daß Czarniecki nicht über die Weichsel zog, sondern fortfuhr, die schwedische Armee zu umschleichen, wie ein Wolf den Schafstall. Wieder begannen nächtliche Überfälle, und ganze Truppenteile verschwanden spurlos für immer. Unbekannte polnische Abteilungen schnitten dem schwedischen Heere jegliche Verbindung mit der Weichsel ab. Endlich kam auch die Nachricht, daß Pan Paul Sapieha mit einer starken litauischen Armee auf Zamoscie zu marschiere, daß er unterwegs Lublin genommen und die schwedische Garnison vernichtet habe. Der alte Wittemberg sah die ganze Trostlosigkeit der Lage ein und verhehlte dem Könige seine Bedenken nicht. In seinem Innern war Karl-Gustav wohl mit ihm einverstanden; aber er hörte nicht auf, auf irgend einen glücklichen Zufall zu hoffen. Nach mehreren Tagen fürchterlichen Feuerns schickte der Schwedenkönig nochmals Forgell in die Festung. »Seine Majestät,« begann der General, sich zu Zamoyski wendend, »denkt, daß der von unseren Kanonen Ihnen zugefügte Schaden Sie weicher gestimmt habe, und daß Sie jetzt geneigt seien, in Unterhandlungen einzutreten.« »Ja, ja,« gab Zamoyski zu, »einen Schaden haben Sie uns wirklich zugefügt. Die Splitter einer Ihrer Granaten töteten ein auf dem Marktplatz spazierendes Schwein. – Schießen Sie ruhig noch eine Woche weiter, so werden Sie vielleicht auch ein zweites töten.« Forgell brachte diese Antwort dem Könige. Abends hielt Karl-Gustav einen Kriegsrat ab, und am folgenden Morgen wurden die Zelte gepackt und die Geschütze von den Schanzen heruntergenommen. In der Nacht setzte sich die ganze schwedische Armee in Bewegung. Wittemberg riet dem Könige, nach Warschau zu gehen, da darin allein das einzige Rettungsmittel liege, aber der schwedische Alexander war fest entschlossen, den polnischen Darius bis an die äußersten Reichsgrenzen zu verfolgen. – – 3. Kapitel. Es war ein eigenartiger Frühling, der in jenem Jahre seinen Einzug in Polen hielt: Während im Norden der Republik der Schnee schon weggetaut war, und die Flüsse ihre Winterdecke abwarfen, herrschte im Süden der Winter noch in seiner ungebrochenen Kraft. Endlich kam auch hier der langersehnte Frühling; aber er kam plötzlich und überraschend. Fluten heißer Strahlen sandte die Sonne auf die Erde, und die Eisrinde, die auf den Wiesen und Feldern lag, zerschmolz in wenigen Stunden; Bächlein verwandelten sich in wasserreiche Flüsse, Straßen in unwegbare Sümpfe. Und auf diesen Wegen, von dem unbeugsamen Willen ihres Feldherrn geführt, zogen die schwedischen Reiter weiter und weiter gen Süden. Aber wie wenig ähnelte diese Menge, die ihrem Untergange bewußt entgegeneilte, der glänzenden Armee, die einstmals unter der Führung Wittembergs in Groß-Polen einbrach! Der Hunger hatte den Gesichtern der alten Krieger seinen Stempel aufgedrückt. Sie marschierten ermüdet, erschöpft und wohl wissend, daß ihnen am Schlusse des Marsches keine Ruhe, es sei denn die des Todes, winke. In Eisen geschmiedet saßen Skelette von Menschen auf Pferdeskeletten. Die Infanteristen konnten sich kaum noch auf den Füßen halten, konnten kaum mit ihren zitternden Händen die Spieße und Musketen regieren. Ein Tag folgte dem anderen, und immer ging es vorwärts. Krankheiten wüteten im Heere; Soldaten, vom Fieber erschöpft, fielen tot zu Boden. Und der schwedische Alexander verfolgte noch immer den polnischen Darius. Wie einem kranken Büffel Dutzende von Schakalen nachziehen, die abwarten, wann er zusammenbricht, so folgten auch den Schweden Schlachtschitzen und Bauern-Parteien, die mit jedem Tage frecher und wagemutiger wurden. Dann erschien auch der schrecklichste der Feinde: Czarniecki. Die schwedische Avantgarde sah seine Reiter bald hinten am Horizonte, bald ganz in der Nähe, nur mehrere Musketenschüsse entfernt, auftauchen. Die Schweden ersehnten leidenschaftlich eine Entscheidung, eine Schlacht; aber Czarniecki wich ihnen noch aus. Er wartete auf den günstigen Moment; vorläufig ließ er einzelne Abteilungen auf den Feind los, die sich wie Geierfalken auf Wasservögel stürzten. Zuweilen umging Czarniecki die Schweden und verlegte ihnen den Weg. Dann hörte man im schwedischen Lager fröhliche Trompetenstöße, und es schien, daß neue Kräfte, neuer Wagemut die Reihen der Skandinavier durchströmte. Krank, entkräftet, durchnäßt stellten sie sich mit glühenden Gesichtern und brennenden Augen in Reihen auf. Aber sobald die schwedischen Kanonen zu sprechen begannen, trat Czarniecki den Rückzug an, nichts als getäuschte Hoffnungen und tödliche Mattigkeit als Beute zurücklassend. Und wieder begann Wittemberg den König anzuflehen, zurückzugehen und die Truppen nicht dem gänzlichen Untergange zu weihen, aber als Antwort wies Karl-Gustav mit zusammengepreßten Lippen und funkelnden Augen gen Süden, wo er Jan-Kasimir und eine offene Arena für Siege und Ruhe und Beute zu finden hoffte. Um das Unglück voll zu machen, fingen die polnischen Regimenter, die bis dahin in Karl-Gustavs Diensten standen, an ihn zu verlassen. Zbrozek ging, ihm folgte Kalinski, und Sapieha wurde immer unzufriedener und versank tief in Gedanken; er selbst blieb zwar noch, aber seine Banner schmolzen mit jedem Tage zusammen. Jan-Kasimir jedoch zeigte keine Neigung, den Schweden den rettenden Sieg zu verschaffen. Er blieb in Lemberg und wartete auf Sapieha. Seine Regimenter wuchsen von Tag zu Tag, während Karl-Gustavs Kräfte zusehends abnahmen. »Keine Armee mehr, sondern ein Trauerzug kommt durchs Land gezogen,« sprachen die alten Soldaten des polnischen Königs, und die Schweden mußten widerwillig dem zustimmen. Karl-Gustav selbst behauptete, er zöge nach Lemberg; aber er täuschte sich selbst und seine Armee. An Lemberg durfte er nicht mehr denken, sondern nur an seine eigene Rettung. Und stand es denn fest, daß er Jan-Kasimir in Lemberg treffen würde? Konnte dieser sich nicht nach Podlachien zurückziehen und den Feind nach sich locken, bis in die Steppen, wo er sicherlich umkommen mußte? Ein Versuch des Generals Douglas, die kleine Festung Przemysl zu nehmen, scheiterte gänzlich. Die Katastrophe nahte langsam, aber unerbittlich ihrem Ende. Früher, wenn der König vor seinen Truppen erschien, pflegte man ihn mit Jubel zu begrüßen, jetzt aber empfingen ihn die Regimenter mit unheilvollem Schweigen. Desto mehr unterhielten sich die Soldaten über Czarniecki, als wenn er ihr König wäre. – Überall war Czarniecki mit seinen Truppen zu sehen. Und merkwürdig, als während zweier Tage keine einzige Abteilung vernichtet wurde, als mehrere Nächte ohne Überfall verflossen, wuchs die Unruhe im schwedischen Lager noch mehr. »Czarniecki ist verschwunden und bereitet Gott weiß was vor!« sprachen die Soldaten untereinander. In Jaroslaw machte Karl-Gustav mehrere Tage Rast; er schickte den Oberst Kanneberg mit tausend Reitern auf Erkundigungen aus. »Vielleicht hängt von Ihnen unser ganzes Schicksal ab,« sagte der König zu dem Obersten beim Abschied. Und wirklich hing von dem Erfolg dieses Streifzuges vieles ab. Man hoffte, daß Kanneberg zum wenigsten das schwedische Lager mit Proviant versorgen, oder vielleicht gar auskundschaften würde, wo sich der Polenkönig aufhalte. Dann wollte sich der schwedische König mit seiner ganzen Macht auf ihn stürzen und seine Armee zertrümmern. In heiterster Stimmung, beim Abschiede mit den Kameraden scherzend und ihnen versprechend, Czarniecki einzufangen, machte sich Kanneberg mit seinen Reitern auf den Weg. – Toren! Sie wußten nicht, daß sie wie Stiere zur Schlachtbank gingen! Sie überschritten auf einer unfertigen Brücke die San. Kaum hatten sie das andere Ufer erreicht, als schwedische Pioniere die Bretterbrücke auseinandernahmen, um eine starke, auch für den Übergang der schweren Artillerie geeignete zu bauen. Die Abteilung verschwand in der Tiefe des angrenzenden Waldes. Ringsum herrschte Schweigen, der Wald schien in diesem tiefen Schweigen wie versunken. Diese Ruhe begann Kanneberg zu quälen. Plötzlich entdeckten zwei der vordersten Soldaten einen Reiter. Es war ein klarer, sonniger Tag; der Reiter war deutlich zu erkennen. Er war von kleiner Statur und ritt langsam, als wüßte er nicht, daß der Feind in der Nähe wäre. »Das ist ein Hund aus dem polnischen Hundezwinger,« sagte einer der schwedischen Reiter. Der kleine Ritter warf sein Pferd herum, als wenn er den Weg versperren wollte. »Da ist noch einer, ein dritter, ein vierter!« erscholl es in den schwedischen Reihen. Wirklich, von beiden Seiten der Straße kamen Reiter. Die vorderen ritten je zu zweien, die Hinteren zu dreien, alle gesellten sich dem ersten Reiter zu. In diesem Moment kamen Kanneberg und Major Sweno zu den Soldaten. »Ich kenne diese Leute,« rief der Major, »sie gehören zu Czarnieckis Armee. Er selbst muß dann auch hier in der Nähe sein! Herr Oberst, kehren wir um!« Kanneberg zog die Brauen zusammen. »Sie geben mir da einen schönen Rat! – Vorwärts!« Die Schweden bewegten sich in größter Ordnung weiter vor. Die Entfernung zwischen den Feinden wurde immer kleiner. Plötzlich sprengten die Polen, sich nach allen Richtungen zerstreuend, fort. »Vorwärts!« rief Kanneberg. Der Wald hallte von den Rufen der Verfolger und Verfolgten wieder. Aber auf einmal geschah etwas Merkwürdiges. Die Polen trafen wieder alle zusammen und nahmen eine geordnete Aufstellung ein. Sweno bemerkte das und ritt zu Kanneberg. »Herr Oberst, das ist keine Schar, sondern eine reguläre Truppe, die absichtlich flieht, um uns in den Hinterhalt zu locken.« »Aber welcher Deubel soll sich denn hier verstecken?« antwortete Kanneberg unwillig. Plötzlich beschrieben die Polen einen mächtigen Halbkreis und wandten sich in tadelloser Ordnung den Schweden zu, so daß sie sogar die Bewunderung des Feindes hervorriefen. »Ja,« sagte Kanneberg, »das ist eine reguläre Truppe. – Wie auf dem Paradefelde! – Was wollen sie nur hier, zum Teufel?« »Sie rücken gegen uns vor!« rief Sweno. Wirklich, das Banner ritt im Trab vorwärts. Der kleine Reiter, auf einem Falben sitzend, rief seinen Leuten etwas zu und fuchtelte mit dem Säbel in der Luft. Er war augenscheinlich der Kommandeur. »Gott mit uns! Feuer!« kommandierte Kanneberg, indem er den Säbel zog und ihn hochhielt. Musketenschüsse krachten; aber schon im gleichen Augenblick warf das polnische Banner die vorderen schwedischen Reihen noch rechts und links und schob sich, wie ein Keil in ein gespaltenes Stück Holz, in ihre Mitte. Das Geschrei und Gestöhn der Sterbenden erweckte das im Walde schlafende Echo. In dem ersten Augenblicke waren die Schweden verwirrt, dann kamen sie aber bald zu sich und nahmen den Kampf tapfer auf. Die beiden Flügel schlossen sich zusammen, und das polnische Banner war schnell von allen Seiten umringt. Die Mitte der Schweden wich zurück, die Seiten drangen mehr und mehr gegen das Banner vor, vermochten es jedoch nicht zu zersprengen: im Handgemenge war die polnische Reiterei fast unbesiegbar. Und dennoch fing der Sieg an, sich allmählich den Schweden zuzuwenden, als plötzlich aus der Waldestiefe ein zweites Banner erschien und sich auf die Schweden stürzte. Der rechte schwedische Flügel unter dem Befehl Major Swenos wandte seine Front dem neuen Feinde zu, in dem die erfahrenen Soldaten gleich die Husaren erkannten. Dieses Banner führte ein auf einem Schimmel reitender Mann an, der mit einem Filzmantel und einer mit Reiherfedern geschmückten Luchsmütze bekleidet war. »Czarniecki! Czarniecki!« ging es durch die schwedischen Reihen. Bald erschien noch ein drittes und viertes Banner. Pan Czarniecki wies einem jeden mit dem Stab seinen Platz an, und als endlich ein fünftes erschien, stellte er sich selbst an seine Spitze und führte es ins Gefecht. Kanneberg begriff, daß er in einen Hinterhalt gelockt worden war und befahl, das Signal zum Rückzuge zu geben. Die Schweden sprengten den soeben gekommenen Weg zurück, die Polen hinter ihnen her. Unter solchen Umständen konnte der Rückzug nicht geordnet vor sich gehen. Die besten Pferde galoppierten bald voraus, und schnell verwandelte sich die glänzende Abteilung Kannebergs in eine formlose Menge. – Schweden und Polen mischten sich untereinander, und der Weg bedeckte sich mit Hunderten von Leichen. Einige Schweden sprangen von ihren Pferden und flohen in den Wald, wo sie in die Hände der polnischen Bauern gerieten, die sie unter schrecklichen Martern töteten; andere baten um Gnade, aber zumeist vergeblich. Ein jeder zog es vor, den Feind niederzumetzeln, um einen neuen zu verfolgen. Die Jagd ging mit fürchterlicher Erbitterung vor sich. Wolodyjowski sprengte mit seinen Laudaern voran. Er war der Reiter, der sich zuerst den Schweden gezeigt hatte, er warf sich zuerst auf sie und badete in Feindesblut, die Golember Niederlage zu rächen. Von der glänzenden, tausendköpfigen Abteilung Kannebergs blieben allmählich nur noch hundertfünfzig Mann, die übrigen lagen in langer Reihe den Waldweg entlang. Endlich kamen die Schweden aus dem Walde heraus. An dem blauen Himmel zeichneten sich die Umrisse der Jaroslawer Türme ab. In den Herzen der Fliehenden regte sich eine Hoffnung. In Jaroslaw steht ja der König selbst; er kann ihnen jede Minute zu Hilfe kommen. Sie hatten vergessen, daß die Brücke nach ihrem Übergange auseinandergenommen wurde. Wußte Pan Czarniecki das durch seine Spione, oder wollte er der Abteilung vor den Augen Karl-Gustavs den Rest geben? Kurz, er stellte die Verfolgung nicht ein, als beabsichtigte er, auf Jaroslaw loszuschlagen. Schließlich erreichten die Fliehenden die Stelle, wo vorher die Brücke lag. Aus dem Lager waren Soldaten und Offiziere an das gegenüberliegende Ufer geeilt. »Kannebergs Abteilung,« riefen mit einem Male Tausende von Stimmen, »geschlagen, vernichtet!« Im gleichen Augenblick erschien der König in Begleitung von Wittemberg, Forgell, Müller und anderen Generalen. »Kanneberg!« rief dumpf der erbleichende Karl-Gustav. »Mein Gott!« schrie Wittemberg, »die Brücke ist noch nicht fertig, sie werden alle bis auf den letzten Mann niedergemetzelt werden!« Der König blickte zum Flußbett hinunter. Das gelbe Wasser des angeschwollenen Flusses flutete dahin; man konnte nicht daran denken, ihn zu überschreiten. – Und jenseits, am anderen Ufer, mordeten die Polen die Kannebergsche Abteilung. Die ganze schwedische Armee sah wie in einem alten römischen Zirkus dem grausigen Schauspiel mit zusammengepreßten Zähnen zu, Verzweiflung und das Bewußtsein der eigenen Machtlosigkeit im Herzen. Zuweilen hörte man gellende Schreie und wehes Schluchzen herüberhallen. Nach einiger Zeit trat tiefes Schweigen ein, die Ruhe des Todes, die nur von dem schweren Atem der hilflos Zusehenden unterbrochen wurde. Kannebergs Reiter waren die Blüte und der Stolz der schwedischen Armee gewesen; es waren alles Kriegshelden, die sich in Gott weiß wie vielen Schlachten und Ländern mit Ruhm bedeckt hatten. Und jetzt waren sie wie eine Herde auf einer weiten Wiese herumgejagt worden und dem Messer des Schlächters zum Opfer gefallen. Am meisten hatte auf der polnischen Seite der kleine Ritter auf dem prächtigen Falben gewütet. Jeder, der seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte, war unvermeidlich eine Beute des Todes geworden. Pan Michail war sehr zufrieden mit sich; er erntete auch am Schlusse des Gefechtes das größte Lob. Dann blies man bei den Polen zum Rückzuge. Ein jeder nahm seinen Platz ein. Die polnischen Truppen stellten sich am Rande des Waldes auf, als wenn sie dem Feinde eine Schlacht anbieten wollten. Auf einem Schimmel ritt ein Mann mit goldenem Stabe in der Hand die Reihen entlang. Die Schweden erkannten ihn gleich und riefen: »Czarniecki! Czarniecki!« Man sah, wie er zu dem kleinen Ritter, der Kanneberg verwundet und gefangen genommen hatte, heranritt, ihm seine Genugtuung aussprach und freundlich die Hand auf seine Schulter legte. Schließlich gab er mit seinem Stabe ein Zeichen, und die Regimenter verschwanden wieder im Walde. 4. Kapitel. An diesem Abend legten sich die Schweden hungrig schlafen und ohne die geringste Hoffnung, sich irgendwie am nächsten Morgen stärken zu können. Bevor die Hähne zu krähen anhuben, begannen die Soldaten einzeln und in Haufen das Lager zu verlassen, um in den umliegenden Dörfern auf Plünderung auszugehen. Niemand von all diesen kehrte wieder zurück. Sie wurden von den bewaffneten Bauernscharen aufgegriffen und vernichtet. Die bewaffnete Schar des Pan Strzalkowski trieb eine kleinere Abteilung Schweden sogar bis zu ihrem Lager zurück. Die erschrockenen Schweden glaubten, daß ein starkes Heer, wohl gar der Chan mit einer ganzen Horde, auf sie einen Überfall mache. Es entstand eine fürchterliche Verwirrung im Lager, und eine noch nie dagewesene Panik, die die Offiziere kaum unterdrücken konnten, brach aus. Der König, der die ganze Nacht hindurch nicht vom Pferde gestiegen war, begriff, was daraus folgen könnte, und rief deshalb bei Tagesanbruch einen Kriegsrat zusammen. Die Sitzung währte nicht lange; es gab ja keine Wahl mehr. Der Geist in der Armee war gesunken, die Soldaten hatten nichts zu essen, und die feindlichen Kräfte wuchsen mit jeder Stunde. Der schwedische Alexander, der der ganzen Welt gelobt hatte, den polnischen Darius sogar bis in die tatarischen Steppen zu verfolgen, mußte jetzt unbedingt an seine eigene Rettung denken. »Soviele Siege, soviele Opfer! – Und doch bleibt uns nichts anderes als zurückgehen!« sagte Douglas, sich verzweifelt an den Kopf fassend. »Sie können keinen anderen Rat geben?« fragte Wittemberg. »Ich kann nicht,« erwiderte Douglas. Karl-Gustav, der bis dahin kein Wort gesprochen hatte, erhob sich zum Zeichen, daß die Beratung beendet wäre, und sprach: »So befehle ich den Rückzug anzutreten!« Dieser Befehl wurde im ganzen schwedischen Lager mit Begeisterung aufgenommen. Noch befanden sich genügend Festungen und Schlösser in den Händen der Schweden, so daß man auf dem Rückzuge Speise und Ruhe finden konnte. Generale und Mannschaften gingen mit solchem Eifer an die Vorbereitungen zum Rückzuge, daß diese Begeisterung, wie Douglas bemerkte, an Schmach grenzte. Douglas selbst marschierte auf königlichen Befehl mit einer Abteilung voraus, um den Übergang über die San zu sichern und die Wälder zu untersuchen. Bald folgte ihm das Gros des Heeres in Schlachtordnung, mit den Geschützen in der Front und der Infanterie an den Flügeln. Die Kriegsvorräte und Zelte schwammen in Böten auf dem Flusse. Alle diese Vorsichtsmaßregeln waren auch durchaus nicht überflüssig. Kaum setzte sich das Heer in Bewegung, als die Arrieregarde hinter ihrem Rücken polnische Reiter bemerkte, die ihnen unablässig folgten. Czarniecki hatte alle seine Regimenter und auch die in der Nähe befindlichen »Parteien« gesammelt und folgte den Schweden auf dem Fuße. Jan-Kasimir, den der Feldherr um weitere Verstärkung gebeten hatte, schickte ihm zwei prächtige Kavallerie-Regimenter mit der Zusicherung, daß die Hetmans bald mit ihren Truppen ins Feld ziehen würden, und daß er selbst die Beendigung der Unterhandlungen mit dem Chan, Rakoczy und dem römischen Kaiser beschleunigen wolle. Czarniecki war über diese Botschaft sehr erfreut, und als die Schweden am folgenden Tage weiter in den Keil eindrangen, der durch die San und Weichsel gebildet wird, äußerte er zu dem Oberst Polanowski: »Das Netz ist ausgeworfen, der Fisch geht in die Falle! Möchte nur Pan Marschall Lubomirski mit seinen Truppen herbeieilen!« »Heute sind mehrere Schlachtschitzen eingetroffen,« mischte sich Zagloba ins Gespräch, »die versicherten, daß der Marschall aufgebrochen sei. Es ist nur die Frage, ob er einwilligen wird, sich mit uns zu vereinigen, oder ob er selbständig vorgehen will?« »Warum sollte er das?« fragte Czarniecki scharf. »Weil dieser Mann eine unerhörte Eigenliebe und Ruhmessucht besitzt.« Pan Czarniecki dachte über Zaglobas Worte nach. Er kannte Lubomirskis Stolz und zweifelte nicht daran, daß dieser ihm entweder seinen Willen aufzwingen oder selbstständig operieren würde, wenn es auch der Republik zum Schaden gereichen sollte. Der Pan Kastellan wurde ärgerlich und begann seinen Bart zu streichen. »Meine Herren,« begann er endlich, »einer von Ihnen muß zum Pan Lubomirski mit einem Briefe von mir.« »Ich kenne ihn und bin bereit, ihm den Brief zu überbringen,« sprach Pan Skrzetuski. »Gut, desto bester, wenn der Gesandte ihm bekannt ist.« »Er spricht schon durch die Nase,« flüsterte Zagloba Wolodyjowski ins Ohr, »dann steht es schlimm.« In der Tat wurde Pan Czarnieckis Stimme, der nach einem Kugelschuß in den Mund einen silbernen Gaumen trug, in den Augenblicken des Zornes scharf und näselnd. Plötzlich wandte der Kastellan sich zu Zagloba um und sagte: »Vielleicht begleiten Sie Pan Skrzetuski?« »Gern,« entgegnete Zagloba, »und wenn ich keinen Erfolg habe, so wird keiner etwas ausrichten.« Eine halbe Stunde später waren Zagloba und Skrzetuski schon mit dem Briefe unterwegs. »Jan,« sagte Zagloba, »tu mir den Gefallen, laß mich allein mit dem Marschall reden. Ich kenne ihn wie meine fünf Finger und werde es schon verstehen, ihn zu nehmen. Nur bitte ich dich, sage nichts von Czarnieckis Brief, den ich mithabe. Erwähne ihn gar nicht, bis ich selbst auf ihn zu sprechen komme. »Wieso denn? Wollen Sie, daß ich meinen Instruktionen zuwiderhandeln soll? Um keinen Preis der Welt!« »Hast du schon mal gesehen, daß ich mich getäuscht habe? Ich versichere dir, daß dieser Brief eher Schaden als Nutzen anstiften wird. Der Pan Kastellan hat beim Schreiben zwei Federn zerbrochen. Schließlich, sobald du siehst, daß ich mich in meinen Berechnungen getäuscht habe, kannst du ihn ja erwähnen.« Pan Skrzetuski mußte widerwillig Zagloba recht geben, und beide Ritter gaben ihren Pferden die Sporen. Bald hatten sie ihr Ziel erreicht; denn der Pan Marschall hatte mit seinen Hauptkräften in Jaroslaw Quartier bezogen, wo noch vor kurzem der schwedische König weilte. Pan Lubomirski saß gerade beim Diner, umringt von seinen Offizieren, als unsere Ritter anlangten. Der Marschall ließ die Abgesandten sofort eintreten und fragte freundlich: »Steht vor mir der berühmte Ritter, der dem König aus dem belagerten Zbaraz Nachrichten gebracht hat?« »Ja, der bin ich,« antwortete Pan Jan. »Und ich bin Zagloba,« sagte der alte Ritter, indem er hervortrat und stolze Blicke um sich warf. Der Marschall, der stets bestrebt war, alle Herzen für sich zu gewinnen, rief sofort: »Wer kennt nicht den Mann, der Burlay besiegt und die Radziwillschen Truppen zur Rebellion angestiftet hat!« »Und der dem Pan Sapieha ein ganzes Heer gebracht hat. – Wenn ich die Wahrheit sagen soll, so hat das Heer nicht ihn, sondern mich zum Feldherrn gewählt,« fügte Zagloba hinzu. »Und Sie haben freiwillig auf einen so hohen Posten verzichtet und sind bei Pan Czarniecki in den Dienst eingetreten?« Zagloba warf einen Seitenblick auf Skrzetuski und antwortete: »Durchlauchtigster Pan Marschall, sowohl ich wie auch das ganze Heer haben uns an Ihnen ein Beispiel genommen, der Sie zum Wohle des Vaterlandes auf eigenen Nutzen verzichten.« Lubomirski wurde rot vor Vergnügen. Zagloba fuhr fort: »Pan Czarniecki schickt mich extra zu Ihnen, um Sie in seinem und im Namen seiner Truppen zu grüßen und Ihnen gleichzeitig die Meldung zu überbringen von einem von uns erfochtenen, bedeutenden Sieg.« »Ich weiß, ich weiß,« antwortete der Marschall trocken, denn der Neid regte sich schon in ihm. »Aber wir werden gern noch einmal davon aus dem Munde eines Augenzeugen hören.« Pan Zagloba ließ sich nicht zweimal bitten und hub sofort an zu erzählen. Er berichtete alles, nur mit einigen kleinen Änderungen. Bei ihm wuchs die Abteilung Kannebergs zu zweitausend Mann an, und den Major Sweno hatte er niedergestreckt. Ein großer Teil des königlichen Trains und dreihundert Gardisten waren in die Hände der Sieger gefallen, – kurz, die Schweden hatten eine furchtbare Niederlage erlitten. Alle Anwesenden lauschten aufmerksam, auch der Pan Marschall hörte andächtig zu; aber seine Augenbrauen zogen sich mehr und mehr zusammen, und sein Gesicht rötete sich zusehends. »Ich zweifle nicht,« sagte er endlich, »Pan Czarniecki ist ein berühmter Kriegsmann; aber er allein wird doch nicht sämtliche Schweden aufessen, er wird doch noch einige anderen zum Imbiß überlassen.« »Durchlauchtigster Pan Marschall,« antwortete Zagloba, »nicht Pan Czarniecki hat diesen Sieg erfochten.« »Wer denn?« »Lubomirski!« Im Saale trat tiefe Stille ein. Der Marschall öffnete den Mund und fing an, mit den Augen zu blinzeln und Zagloba anzusehen, als wenn er sagen wollte: »Verehrtester, du bist wohl nicht recht bei Sinnen!« Aber Pan Zagloba wurde durchaus nicht verlegen. »Ich hörte selbst, wie Pan Czarniecki vor der ganzen Armee sagte: »Diesen Sieg verdanken wir nicht unseren Säbeln, sondern Lubomirskis Namen. Als die Schweden hörten, daß der Pan Marschall nahe, sank sofort ihr Mut, und sie krochen von selbst wie Schafe unter das Messer.« Wenn sämtliche Sonnenstrahlen auf das Gesicht des Pan Marschall gefallen wären, so hätte es nicht heller aufleuchten können als jetzt. »Wie?« rief er, »das sagte Czarniecki selbst!« »Ja, und noch vieles andere, nur weiß ich nicht, ob ich es wieder sagen darf, da es im Freundeskreise gesagt worden ist.« »So reden Sie nur, reden Sie! Jedes Wort des Pan Czarniecki ist wert, hundertmal wiederholt zu werden. Das ist wirklich ein ganz ungewöhnlicher Mann, und ich war längst dieser Meinung.« Zagloba blickte den Marschall an und brummte in den Bart: »Der Angelhaken hat gefaßt; warte, ich werde dich gleich ans Ufer ziehen.« »Was sagen Sie?« fragte der Marschall. »Ich sage, die Truppen schrieen Ihnen zu Ehren so laut »Hurra!« wie sie es nicht einmal bei Seiner Majestät dem Könige getan haben. Und in Przeworsk, wo wir die ganze Nacht hindurch die Schweden beunruhigten, bewirkte der Ruf »Lubomirski!« wahre Wunder!« »Ich habe stets an die Wohlgeneigtheit des Pan Czarniecki geglaubt, aber jetzt gibt es nichts, was ich nicht für ihn täte!« rief der Marschall in höchster Begeisterung. Den Pan Zagloba ergriff auch die Begeisterung, und er fuhr fort: »Erlauchtigster Pan Marschall! Gibt es denn in der ganzen Welt einen Menschen, der für Sie nicht die größte Hochachtung hegte! Einen, der Ihren Gerechtigkeitssinn nicht höher als den von Aristides, Ihren Wagemut nicht höher als den von Scipio gestellt hätte. Ich habe vieles in meinem Leben gelesen und über vieles nachgedacht. Und meine Seele erfüllte sich mit Grauen bei dem Anblicke alles dessen, was jetzt in der Republik geschieht. Was mußten meine Augen nicht alles sehen. Die Opalinskis, Radziejowskis, Radziwills, die alle bereit waren, das Vaterland um ihres eigenen Vorteils willen zu verraten. Und ich dachte, die Republik geht unter. Aber ein Mann fand sich, der mich tröstete, der mir in der Ferne einen hellen Rettungsstein zeigte, der Mann war Czarniecki: »Nein!« sagte er zu mir, »die Republik geht nicht unter, wenn sie einen Lubomirski zu ihren Söhnen zählt. Mögen die Radziwills und Opalinskis das Vaterland ruhig verlassen. Ein Lubomirski wird all sein Hab und Gut opfern und es retten. Er wird den anderen Kindern der Republik ein glänzendes Beispiel geben. Jetzt naht er mit einem mächtigen Heere, und Gerüchten zufolge will er es meinem Oberbefehle unterstellen, um der Welt zu zeigen, wie man den eigenen Ehrgeiz zum Wohle des Vaterlandes eindämmen soll. Reiten Sie zu ihm, und sagen Sie ihm, ich will dieses Opfer nicht, ich kann es nicht annehmen. Ich habe ihn immer für den besten Feldherrn der Republik gehalten! Gebe der Herr unserm Kasimir ein langes Leben, – bei einer neuen Königswahl sind wir bereit, für Lubomirski unsere Stimmen abzugeben.« Zagloba erschrak bei diesen Worten selbst, er fühlte, daß er jedes Maß überstiegen habe. Und wirklich, nach seinem letzten Ausrufe war im Zimmer Totenstille eingetreten. Die Befürchtungen des alten Schlachtschitzen waren jedoch unbegründet. Pan Lubomirski erblaßte zuerst ein wenig, dann errötete er, und vor Erregung kaum Atem holend, antwortete er: »Die Republik war, ist und bleibt für immer die Herrin ihres Willens und ihres eigenen Schicksals; denn auf diesem Fundamente ruhen alle unsere Überlieferungen und Rechte. Ich bin nur ein Diener ihrer Diener, und Gott ist mein Zeuge! – ich wage es nicht, meine Augen auf Dinge zu richten, die einem einfachen Bürgersmann nicht zukommen! – Ich will all denen ein Beispiel geben, die denken, daß sie ihrer hohen Geburt wegen keine Gewalt über sich anzuerkennen brauchen. Also, ohne aus unangebrachter Bescheidenheit meine militärischen Verdienste zu verleugnen, stelle ich, Lubomirski, mich unter den Oberbefehl des Pan Czarniecki und bitte zu Gott, uns den Sieg über die Feinde zu schenken!« »Ein echter Römer! Ein Vater des Vaterlandes!« rief Zagloba, indem er die Hand des Marschalls ergriff und an seine Lippen preßte. »Wein her!« rief der Marschall. Und als die Becher gefüllt waren, wurde zuerst ein Toast auf Czarniecki ausgebracht: dann ließ man die Abgesandten leben. Zagloba blieb keine Antwort schuldig. Er versetzte alle in hohe Begeisterung, so daß der Marschall ihn beim Abschiede bis zur Schwelle begleitete; seine Offiziere brachten ihn sogar bis zum Weichbilde von Jaroslaw. Als Zagloba mit Skrzetuski allein geblieben war, hielt er sein Pferd an und sagte: »Nun, was?« »Bei Gott!« antwortete Skrzetuski, »ich traue einfach nicht meinen Augen.« »Na also! Czarniecki selbst, glaube ich, dachte höchstens daran, sich mit Lubomirski die Macht zu teilen. Und weißt du, was er erreicht hätte? Lubomirski würde seine eigenen Wege gegangen sein. Denn, wenn im Briefe, wie ich bestimmt annehme, Beschwörungen im Namen des Vaterlandes gestanden haben, so hätte der Marschall sofort die Backen aufgeblasen: »Was? Er will mich belehren, wie ich dem Vaterlande dienen soll?« – Ich kenne diese Art Leute. Es ist nur ein Glück, daß der alte Zagloba die Sache in die Hände bekommen hat. Kaum hat er seinen Mund aufgetan, als Lubomirski sich sogar unter fremden Oberbefehl begibt! – Was, versteht Zagloba nicht mit Magnaten umzugehen?« »Ich gestehe Ihnen, daß ich vor Staunen kein Wort hervorbringen kann.« »Ich kenne sie, diese Magnaten! Zeig' ihnen eine Krone und den Rand eines Hermelinmantels, und du kannst sie streicheln wie ein Hündchen. Sie werden ihren Rücken noch vor dir krümmen. Dem ehrlichsten von ihnen springen die Augen vor Lüsternheit heraus, und jeder von ihnen ist dabei, wie der selige Wojewod von Wilna, das Vaterland zu verraten. Gebe Gott unserem Könige ein langes Leben, aber im Falle einer Königswahl werde ich eher für mich als für Lubomirski meine Stimme abgeben! Roch Kowalski wird als zweiter für mich stimmen, und Pan Wolodyjowski wird meine sämtlichen Gegner zum Zweikampf fordern. Bei Gott! Dich würde ich sofort zum Kronhetman und Pan Michail an Stelle Sapiehas zum litauischen Hetman machen! Es ist ja natürlich alles nur Unsinn. Die Hauptsache ist, daß ich diesen Lubomirski gefangen und die Strippen in Czarnieckis Hände gelegt habe. Der Baum ist gefällt, und seine Späne werden den Schweden auf die Köpfe fliegen. Und wer hat das alles gemacht? Von einem anderen würden die Geschichtsschreiber Gott weiß was für ein Wesen machen; aber solch ein Glück blüht mir nicht. Ich bin schon zufrieden, wenn Czarniecki den alten Mann nicht ausschilt, daß er den Brief nicht abgegeben hat. – Undank ist der Welt Lohn!« 5. Kapitel. Pan Czarniecki hatte in der Tat nicht im entferntesten daran zu denken gewagt, daß der Kronmarschall sich seinem Oberbefehle unterstellen würde. Es hätte ihm genügt, wenn er eingewilligt hätte, mit ihm Hand in Hand zu gehen; denn auch selbst dies stand sehr zu bezweifeln. Der stolze Magnat hatte mehrmals zu seinen Offizieren geäußert, daß er selbstständig operieren wolle, um nicht den Ruhm seiner Siege mit Czarniecki teilen zu müssen. Der Pan Kastellan las deshalb immer und immer wieder die Abschrift seines Schreibens an Lubomirski, um sich zu überzeugen, ob auch kein einziges Wort die Eigenliebe des Kronmarschalls verletzen konnte. Ohne Zweifel, solche Worte waren im Briefe, und Czarniecki begann schon zu bedauern, daß er überhaupt geschrieben habe. Er fand keine Ruhe in seinem Zimmer und ging in den Hausflur, wo er Wolodyjowski und Polanowski begegnete. »Nun, sind die Abgesandten noch nicht zu sehen?« fragte der Pan Kastellan. »Nein, noch nichts zu sehen. Wahrscheinlich hat man sie gastlich aufgenommen,« äußerte Wolodyjowski. Pan Czarniecki zuckte ungeduldig mit den Achseln. In diesem Augenblicke vernahm man Hufschläge und Pan Zaglobas Stimme, der ein fröhliches Liedchen sang. »Ein gutes Zeichen! Sie kehren heiter zurück!« sagte Polanowski. Die Abgesandten stiegen von ihren Pferden; Zagloba warf seine Mütze hoch in die Luft und rief, indem er die Stimme des Kronmarschalls meisterhaft nachahmte: »Vivat Pan Czarniecki, unser Feldherr!« Der Kastellan zog ungeduldig die Brauen zusammen und fragte schnell: »Ist ein Brief da?« »Nein,« antwortete Zagloba, »etwas viel Besseres, der Marschall stellt sich mit seinem ganzen Heere freiwillig unter Ihren Befehl!« Czarniecki warf dem Sprecher einen grimmigen Blick zu und wandte sich an Skrzetuski, als wenn er sagen wollte: »Sprich du, jener ist ja betrunken.« Zweifelsohne war Zagloba etwas angeheitert, aber als Skrzetuski seine Worte bestätigte, drückte Czarnieckis Gesicht völlige Verständnislosigkeit aus. »Gehen wir ins Haus,« sagte er, »Pan Wolodyjowski, Pan Polanowski, bitte, kommen Sie auch.« Czarniecki ließ sich nicht erst die Zeit zum Hinsetzen, er begann sogleich sein Verhör: »Was sagte der Marschall auf meinen Brief?« »Nichts hat er gesagt,« erwiderte Zagloba, »und Sie werden am Schlusse meines Berichtes auch sehen, warum. Jetzt hören Sie nur.« »Bei Gott! Ich habe Sie bis jetzt nicht gekannt,« rief der Kastellan, als Zagloba seine Erzählung beendet hatte. »Ich traue meinen Ohren nicht.« »Man nennt mich schon lange den schlauen Odysseus,« bemerkte Zagloba bescheiden. »Wo ist mein Brief? Geben Sie ihn her! Ich muß Ihnen schon verzeihen, daß Sie meinen Befehl nicht ausgeführt haben. Sie müßten Kanzler werden! Wäre ich der König, so hätte ich Sie sofort nach Konstantinopel geschickt; dann würden wir sicherlich bald über hunderttausend Türken verfügen. – Aber durchschaute der Pan Marschall Sie denn nicht?« »Der Pan Marschall schluckte alle meine Liebenswürdigkeiten herunter und blinzelte nur und lächelte dazu. Ich fürchtete, er würde vor Freude platzen wie eine schwedische Granate. Diesen Mann kann man durch Schmeicheleien in die Hölle locken!« »Wenn nur die Schweden dafür bluten würden! Ich muß sagen, ich bin überzeugt, daß es so kommen wird!« antwortete hocherfreut Czarniecki. »Ja, vom Pan Marschall hängt vieles ab. – Ich werde Ihnen Ihren Dienst bis zu meinem Tode nicht vergessen; aber zu gleicher Zeit muß ich dem Pan Marschall meine Anerkennung zollen.« Bei diesen Worten klatschte Czarniecki in die Hände und rief: »Mein Gaul soll sofort gesattelt werden! Man muß das Eisen schmieden, solange es warm ist. – Meine Herren, Sie kommen alle mit mir, – ich gebrauche ein glänzendes Gefolge.« Der Marschall empfing Czarniecki mit offenen Armen. Er bewirtete ihn glänzend und hielt ihn bis zum folgenden Morgen zurück. Dafür vereinigten sich an diesem Tage beide Armeen und marschierten unter Czarnieckis Oberbefehl weiter. Es ist unbekannt, ob es Ruhmsucht oder Vaterlandsliebe beim Marschall war, aber er schonte in dem nun folgenden Kriegszuge weder seine Gesundheit noch sein Leben. Er führte persönlich seine Truppen an, verfolgte den Feind und ließ ihm keine Minute Ruhe. Mit ihm wetteiferte zugleich Pan Witowski, der Sandomierer Kastellan, ein alter und erfahrener Soldat. Unter dem fortwährenden Druck der polnischen Truppen verloren die Schweden mehr und mehr den Mut. Der kleinste Zufall genügte, um in der Arrierrgarde eine Panik ausbrechen zu lassen. Karl-Gustav sah sich deshalb genötigt, selbst in der Arrieregarde zu bleiben, um durch seine Anwesenheit die stark gelockerte Disziplin wieder zu bessern. Aber fast hätte er dafür mit seinem Leben büßen müssen. Es war in dem Dorfe Rudnik. Der König machte dort an der Spitze eines Leibgarderegiments Rast. Ermüdet von einer vorangegangenen, schlaflosen Nacht, legte Karl-Gustav sich zur Ruhe. Dies benutzte ein Junge, der als Stallknecht beim Dorfpfarrer diente. Er fing sich heimlich auf der Wiese ein Fohlen ein und sprengte zu Czarniecki. Die polnische Avantgarde, die unter dem Befehle des Oberleutnants Szandarowski stand, war den Schweden dicht auf den Fersen, kaum eine halbe Meile entfernt. Gerade, als der Oberleutnant sich mit Roch Kowalski unterhielt, der einen Befehl von Czarniecki überbracht hatte, tauchte die Gestalt eines jungen Reiters auf, der in schnellem Trabe heransprengte. Der Junge hielt erst an, als sein Pferd bei dem Anblick einer Menge Menschen und Pferde sich erschrocken aufbäumte und auf keinen Fall mehr weiter wollte. »Was willst du?« fragte Szandarowski den Knaben. »Bei unserem Pfarrer sind Schweden, man sagt, der König sei unter ihnen.« »Sind viele dort?« »Gegen zweihundert Mann.« Szandarowskis Augen loderten auf. Dann aber kam ihm der Gedanke, daß er in einen Hinterhalt gelockt werden solle; sein Gesicht verfinsterte sich wieder, und er fragte drohend: »Wer hat dich hergeschickt?« »Wer sollte mich herschicken? Ich bin von selbst auf ein Fohlen gesprungen und habe mir dabei fast den Hals gebrochen. Meine Mütze habe ich auch verloren. – Gott sei Dank, daß die verteufelten Schweden mich nicht bemerkt haben!« Die Augen des Knaben blickten offen und ehrlich. Er hielt, sich mit der Hand an der Mähne des Pferdes haltend, mit roten, erhitzten Backen und zerzausten Haaren vor den Offizieren. »Und wo ist die übrige Armee?« »Sie hat das Dorf am Morgen passiert. Nur die Reiter sind geblieben. Einer schläft bei uns im Hause, das, sagt man, sei der König.« »Bengel, wenn du lügst, so werde ich dich hängen lassen, sprichst du aber die Wahrheit, so verlange von mir, was du willst,« sagte Szandarowski. »Lüg' ich, soll ich auf der Stelle sterben! Ich brauche nichts! Nur laßt mir einen Säbel geben!« »Gebt ihm einen Säbel!« rief Szandarowski, ganz von der Wahrheit überzeugt. Und gleich machte er sich mit seinem Banner in der Richtung nach Rudnik auf. Der Knabe ritt voran, indem er sein Pferd mit den Beinen antrieb und von Zeit zu Zeit den blanken Säbel mit leuchtenden Augen ansah. Das Dorf war schon in Sicht, als der Junge von der Fahrstraße abwich, und zur Seite ausbog. »Still!« rief er. »Da hinter dem Erlenwäldchen, etwas rechts, stehen die Schweden.« Das Banner ritt in das Wäldchen hinein und bewegte sich langsam auf einem schmalen, schmutzigen Wege vorwärts. Bald begann sich das Wäldchen zu lichten, und vor den Augen der Polen lag eine größere Ebene mit dem Hause des Pfarrers in der Mitte. Zweihundert Schweden in Harnischen, mit bootartigen Helmen auf den Köpfen, standen dort in Bereitschaft. Über ihnen wehte eine prächtige, himmelblaue Fahne mit einem goldenen Löwen. Kaum seine Erregung zurückhaltend, begann Szandarowski sein Banner zum Kampfe zu formieren. Roch Kowalski benutzte die Zeit und ritt an den Jungen heran. »Höre mal, hast du den König selbst gesehen?« »Habe ihn gesehen, gnädiger Herr.« »Wie sieht er aus, woran erkennt man ihn?« »Er ist ganz schwarz gekleidet.« »Hast du seinen Gaul gesehen?« »Ja, er ist schwarz mit einer Blässe.« Pan Roch begann zu Gott zu beten, daß er es füge, daß er sich mit Karl-Gustav im Kampfe messen könne, und daß ihm Gott dann beistehe. In diesem Augenblicke schnaubte Szandarowskis Pferd. Einer der Schweden schoß seine Pistole ab. »Allah! schlagt zu!« erscholl es im Wäldchen. Und das ganze Banner stürzte sich auf die Schweden. Es begann ein fürchterlicher Kampf, der bald mit der Zerstreuung der Schweden endete. Plötzlich vernahm man verzweifelte Stimmen: »Den König! Den König! Rettet den König!« Karl-Gustav stürzte beim ersten Schusse zum Hause heraus. Er sprang auf sein Pferd und war bald mitten in einer Gruppe, die sich vor den Polen verteidigte. »Vorwärts!« rief Karl-Gustav, und mit einer Handbewegung warf er einen polnischen Reiter vom Pferde, der schon seinen Säbel über ihn erhoben hatte. Die Schweden durchbrachen den Ring, den die Polen um sie gebildet hatten, und sprengten wie ein Rudel Hirsche, das von Hunden verfolgt wird, davon. Der Knabe, der Pan Kowalski den König zeigen sollte, war verschwunden: aber Pan Roch erkannte Karl-Gustav nach der Beschreibung. Er gab seinem Pferde die Sporen und sauste wie ein Wind hinter ihm her. Die Entfernung zwischen den beiden wurde immer geringer. Plötzlich jedoch warf ein Schwede sein Pferd herum und stellte sich fest zwischen den König und Pan Roch. Das hinderte aber Kowalski wenig. Bald stürzte der Schwede vom Pferde, und die Verfolgung ging weiter. Karl-Gustav verlor seinen Hut, schließlich warf er absichtlich seine Börse von sich, in der Hoffnung, dadurch seinen unerbittlichen Verfolger zu ködern. Kowalski trieb sein Pferd immer stärker an. Da stolperte der Gaul des Königs, und es kostete diesem große Mühe, im Sattel zu bleiben. Pan Kowalski erhob sich im Steigbügel und holte zu einem Hiebe aus. Er war schrecklich anzusehen. Seine Augen sprangen fast aus den Höhlen, seine weißen Zahne glänzten blendend unter dem rotblonden Schnurrbart. Noch eine Minute, und die Geschicke Schwedens und der Republik waren besiegelt. Doch jäh wandte der König sich um und schoß seine beiden Pistolen ab. Eine der Kugeln zerschmetterte die Kniescheibe von Kowalskis Pferd. Das Tier bäumte sich hoch auf und fiel zu Boden. Karl-Gustav neigte sich tief auf die Mähne seines Pferdes und raste wie ein aus einer tatarischen Armbrust entsandter Pfeil dahin. Roch sah wie besinnungslos dem dahinsprengenden Könige nach, er schwankte wie trunken und brach in bitterliches Weinen aus. In diesem Augenblicke sprengten Rochs Kameraden heran. Einer von ihnen hielt die Börse des Königs in der Hand, ein anderer den königlichen Hut, der mit einer schwarzen Straußfeder und einer Brillantschnalle verziert war. »Nimm, das gehört dir!« rief einer der Reiter. »Du hast es verdient.« »Weißt du eigentlich, wen du so verfolgt hast?« fragte der andere. »Der König selbst war es. Du hast dich mit großem Ruhme bedeckt!« Roch sah beide an und brüllte plötzlich los: »Ich bin Kowalski, und das ist Pani Kowalska. – Schert euch zum Teufel!« 6. Kapitel. Nach dem Überfall in Rudnik marschierte der Schwedenkönig weiter dem von der Weichsel und San gebildeten Keile zu. Czarniecki, Witowski und Lubomirski folgten ihm unverwandt und ließen ihm und seiner Armee weder bei Tag noch bei Nacht Ruhe. Endlich erreichten die Schweden die Mündung der San, und sie beschlossen, sich dort auszuruhen. An zwei Seiten boten die Flüsse ihnen einen Schutz, die dritte ließ Karl-Gustav durch Schanzen gut befestigen. Nachdem Czarniecki dem Pan Marschall den Befehl über sämtliche Truppen übergeben, überschritt er mit dem Laudaer Banner die Weichsel, um mit Sapieha zusammenzutreffen. Jetzt war Zaglobas Vermittelung zwischen den beiden Feldherren nicht mehr vonnöten. Beide liebten das Vaterland, und beide waren bereit, ihren Ehrgeiz seinem Wohle zu opfern. Auch Sapieha und Czarniecki begrüßten sich bei ihrem Zusammentreffen aufs herzlichste. »Seht, wie heiß und aufrichtig sie sich umarmen!« sagte Zagloba zu Wolodyjowski und Strzetuski. »Das Herz hüpft einem ordentlich vor Freude. Die Republik lebt allmählich auf, die Republik kommt in würdige Hände! Da, seht ihr, wer dort in der Menge steht? Das ist Pan Babinicz! – Wie der Arme abgemagert ist! – Ich glaube, er hat uns auch bemerkt.« Wirklich, Pan Andreas hatte seine alten Freunde gesehen und drängte sich durch die Menge, lächelnd und schon von weitem mit der Mütze grüßend. »Nun, was gibt es Neues? – Ist es Ihnen gelungen, dem Fürsten zu begegnen?« fragte Zagloba. »Aber wie sehen Sie aus! Waren Sie denn krank?« »Hier ist kein Platz sich zu unterhalten, kommen Sie doch alle zu mir ins Zelt.« Nach einer Viertelstunde saß die ganze Gesellschaft in Pan Andreas' Zelt bei einem Becher Met. Kmicic erzählte ihnen von seinem Treffen mit Boguslaw. »Sie sagten doch, Sie wollten ihm mit Ihren Tataren bis zum Baltischen Meere folgen?« unterbrach ihn Wolodyjowski. »Ja, das sagte ich; aber wiederum haben Sie mir erzählt, daß Pan Skrzetuski seinen Posten seiner eigenen Sache wegen nicht verließ und fortfuhr, dem Vaterlande zu dienen.« »Auch Sie wird Gott belohnen, wie er Skrzetuski belohnt hat,« fügte Zagloba hinzu. »Ich bin sicher, daß auch Sie Ihre Braut finden werden!« Pan Kmicic seufzte. »Ihr wißt ja alle nicht, was für ein entsetzlicher Mensch das ist! Erst kürzlich hat er noch ein Mädchen, das unter dem Schütze Sapiehas stand, entführt.« »Wen denn?« »Das Hoffräulein der Fürstin Wisniowiecka, die Verlobte des verstorbenen Podbipienta. Ich glaube, ihr habt sie alle beide gekannt?« »Anna Borzobohata!« rief Wolodyjowski aus, indem er von seinem Platze aufsprang. »Wer von uns den Fürsten zuerst trifft, der wird ihm für beide heimzahlen!« »So möchte ich nicht an Boguslaws Stelle sein!« sagte Zagloba. »So einen wie Kmicic zum Gegner zu haben, ist schon an und für sich genug, und dazu noch einen Wolodyjowski! Aber auch ich schließe mich Eurem Bunde an. Mein Kopf, euer Säbel! Ich weiß nicht, ob es in ganz Europa jemand gibt, den solche Macht nicht in Schrecken versetzte!« Kmicic lieh noch mehr Met bringen und begann zu erzählen, wie er Soroka aus Boguslaws Händen befreit hatte. »Bei Gott! Mit Ihnen würde ich mich nicht fürchten, selbst gegen den Teufel zu ziehen! Schade, daß wir in verschiedenen Armeen dienen; mich kann man nach der einen, Sie nach der anderen Stelle schicken. – Wer weiß, wer von uns zuerst Boguslaw treffen wird?« »Der Gerechtigkeit nach ich,« entgegnete Kmicic. »Wenn ich mich nur nicht mit Schmach bedecken werde; denn ich muß zu meiner Beschämung gestehen, ich kann mit diesem Halunken nicht fertig werden!« »So werde ich Ihnen sämtliche Geheimnisse meiner Fechtkunst beibringen,« bot sich Wolodyjowski an. »Abgemacht!« rief Kmicic hocherfreut. 7. Kapitel. Es vergingen mehrere Tage. Der schwedische König blieb mit seinem Heere auf derselben Stelle; er sandte nach allen Richtungen Boten aus mit dem Befehle, ihm Verstärkung und Proviant zu bringen. Proviant wurde auf der Weichsel herbeigeschafft, aber er war nicht ausreichend. Nach einer Woche schon mußten die Pferde geschlachtet werden, und der König geriet bei dem Gedanken, daß seine Reiter und seine Kanonen bald ohne Pferde bleiben würden, in Verzweiflung. Von allen Seiten liefen sehr ungünstige Nachrichten ein. Das ganze Land brannte, als ob man es mit Teer begossen und dann angezündet hätte. Überall herrschte die Überzeugung, daß, wenn nicht schon in einer Woche, so spätestens doch in einem Monate das ganze schwedische Lager sich in einen Friedhof verwandelt haben würde, dem Volke zum Ruhme und allen denen, die in die Republik einfallen wollen, zur Lehre. Man behauptete, daß Karl-Gustav die einzige Rettung bliebe, der Republik eine schwedische Provinz als Lösegeld zu überlassen. Aber plötzlich besserte sich die Lage der Schweden. Im März fiel Malborg, das bis dahin der Belagerung Steinbocks standgehalten hatte. Die bedeutende Armee der Belagerer konnte sich jetzt mit Karl-Gustav vereinigen. Andererseits eilte der Markgraf von Baden den Schweden mit einem starken Heere zu Hilfe. In dem Kriegsrate der polnischen Anführer beschloß man daher, daß Pan Sapieha mit den litauischen Truppen die Schweden beobachten, Parni Czarniecki aber dem Markgrafen entgegeneilen und im Falle eines Sieges auf seinen alten Platz zurückkehren solle. Niemals flogen die Tataren mit solcher Schnelligkeit über die Steppen wie Pan Czarniecki mit seinen leichten Kavallerieregimentern. Die Soldaten saßen, tranken und schliefen im Sattel, sie fütterten die Pferde aus ihren Händen und machten nur so viel Rast als unumgänglich nötig war, um den erschöpften Pferden Ruhe zu gönnen. Nicht weit von Magnuszew entfernt, erhielt Czarniecki durch Spione die Nachricht, daß der Markgraf sich mit seinem Heere in Warka befinde. Pan Wolodyjowski bekam den Befehl, nachts die Gegend auszukundschaften, um Näheres über die Lage in Erfahrung zu bringen. Pan Michail brach sofort auf und verschwand bald mit seiner Abteilung in einem kleinen Wäldchen. Plötzlich erschienen auf dem vom Monde beleuchteten Waldwege gegen dreißig schwedische Reiter. Sie unterhielten sich laut und sangen fröhliche Lieder, nicht ahnend, daß der Feind in ihrer Nähe sei. Wolodyiowski wartete, bis die Schweden in der Ferne verschwanden und wandte sich dann zu Skrzetuski: »Jetzt wollen wir sie wie Gänse direkt in das Lager des Kastellans treiben; kein einziger darf uns entrinnen!« Gesagt, getan. In Czarnieckis Lager waren alle munter; das ganze Heer stand in Bereitschaft. Der Kastellan kam Wolodyjowski entgegen und fragte ungeduldig: »Nun, was gibt's?« »Ich habe fünfundzwanzig Gefangene gebracht.« »Ist einer entkommen?« »Keiner.« »Das ist ja großartig! Lassen Sie sie zu mir kommen; ich werde sie selbst ausfragen.« Die Gefangenen erzählten, was ihnen über das markgräfliche Heer bekannt war. Czarniecki versank in Gedanken. Die feindliche Armee war um mehrere hundert Mann stärker als die seine, und sie bestand zum großen Teile aus Soldaten, die schon in Gott weiß wie vielen Schlachten gekämpft hatten. Zum Glück aber hatte der Markgraf keine Ahnung, daß der Feind in der Nähe war. Er war fest überzeugt, daß die ganze polnische Armee Karl-Gustav bei Sandomier belagerte. Der Kastellan stand auf und rief: »Witowski! Lassen Sie das Signal zum Aufsitzen geben!« Nicht lange, und das ganze polnische Heer war wieder auf den Beinen. Hinter den Ruinen von Warka – die Stadt war sechs Jahre vorher total niedergebrannt – öffnete sich freies Feld. Die polnischen Truppen konnten sich nicht mehr den Blicken des Feindes entziehen; aber der Markgraf hielt sie für zusammengelaufene »Parteien«. Als jedoch aus dem Walde immer mehr Regimenter herausgeritten kamen, gerieten die Schweden in Unruhe. Die polnische Infanterie stellte sich in die Mitte der Ebene, ein Regiment nach dem anderen reihte sich auf wie eine Schar roter Vögel. Über ihren Köpfen glänzten die Stiele der dicken Spieße, mit denen sich die Infanterie vor dem Anprall der Reiterei schützte. Endlich kamen auch die Regimenter der gepanzerten Reiterei und stellten sich an die beiden Flügel der Armee. Die Artillerie machte ihre Kanonen kampfbereit. Die feindlichen Heere waren durch die Pilica getrennt. Pan Czarniecki sprengte auf das Banner Wansowicz' zu, das voran stand, und rief: »Alter Freund! Geh' zur Brücke, laß absitzen und eröffne ein Musketenfeuer. Auf euch wird sich die ganze Macht des Feindes werfen. Vorwärts!« Wansowicz wurde rot vor Freude und hob sich im Sattel. Das Banner stürzte mit Geschrei hinter ihm her, wie Staub, der vom Sturme getrieben wird. Dreihundert Schritte vor der Brücke stiegen Wansowicz' Reiter ab und eilten im Laufschritt zur Brücke. Von der anderen Seite taten die Schweden ein gleiches. Die Musketen begannen zu knattern, zuerst langsam, dann schneller und schneller, wie Tausende von Dreschflegeln auf der Tenne. Die Aufmerksamkeit beider Heere richtete sich auf die Brücke, eine schmale, hölzerne Brücke, die leicht zu verteidigen und schwer zu nehmen war. Aber der einzige Weg in das schwedische Lager führte über diese Brücke. Nach einer Viertelstunde schickte Czarniecki Lubomirskis Dragoner Wansowicz zu Hilfe. Die Schweden eröffneten ein Geschützfeuer. Der Markgraf beobachtete den Kampf durch ein Fernrohr und rief mehrmals seinem Stabe zu: »Der ist, wie es scheint, ganz von Sinnen! Mehrere Geschütze und zwei bis drei Regimenter können die Brücke mit Leichtigkeit gegen eine ganze Armee halten!« Aber Wansowicz stürmte immer stärker und stärker gegen die Brücke an, und auch die Schweden mußten mehr Soldaten zur Verteidigung hinschicken. Die Brücke wurde zum Mittelpunkte des Kampfes, und nach und nach wandte sich die ganze schwedische Front ihr zu. Die Schweden überschütteten die Brücke mit einem dichten Hagel von Feuer und Blei; Wansowicz' Leute fielen zu Dutzenden. Czarnieckis Ordonnanzen aber überbrachten immer wieder den Befehl, weiter vorwärts zu dringen. Jan Witkowski konnte sich nicht enthalten, er gab seinem Pferde die Sporen und ritt zu Czarniecki. »Pan Kastellan!« rief er, »unser Blut fließt umsonst; die Brücke können wir nicht nehmen.« »Ich will sie ja auch gar nicht nehmen!« entgegnete Czarniecki: »folgt mir zum Fluß!« Die Augen des Feldherrn funkelten so, daß Witkowski ohne weiteres zurücksprengte. Unterdessen hatten die polnischen Regimenter den Fluß erreicht und blieben stehen. Die Offiziere sahen sich gegenseitig verständnislos an. Da erschien Czarniecki vor der Front seiner Regimenter. Sein Gesicht glühte, die Augen brannten. Ein starker Wind hob die Schöße seines Filzmantels wie die Flügel eines Raubvogels. Er riß seine Mütze vom Kopf und rief so laut, wie seine Kräfte es ihm erlaubten: »Panowie! Der Feind schützt sich vor uns durch diesen Fluß und macht sich über uns lustig! Übers Meer ist er gekommen, um unser Vaterland mit Schmach zu bedecken. Er denkt, daß wir es nicht wagen werden, dieses Flüßchen zu überschreiten und mit ihm zu kämpfen.« Czarniecki warf seine Mütze zur Erde und wies mit dem Säbel auf das brausende Wasser. Er erhob sich im Steigbügel und rief noch lauter: »Wem Gott, das Vaterland und sein Glaube teuer ist, der folge mir!« Und seinem Pferde die Sporen gebend, warf er sich in den Fluß. Für einen Augenblick war er im Wasser verschwunden, bald aber tauchten Roß und Reiter wieder auf der Oberfläche auf. »Folgt mir!« rief mit dünner Stimme Wolodyjowski. »O Gott! Gott!« murrte Zagloba, aber er folgte dem Beispiel seiner Kameraden. Hunderte von Reitern hatten bald das andere Ufer erreicht. Ein Regiment wollte das andere überholen. Das Geschrei der Soldaten übertönte die Kommandoworte; ein jeder aber verstand instinktiv, was er zu tun hatte. Czarniecki, der als erster das andere Ufer erreicht hatte, gab mit seinem Stabe ein Zeichen und rief Wolodyjowski mit dem Laudaer Banner zu sich. »Marsch auf den Feind! Schlagt los!« Darauf langte das Banner Wisniowieckis an. »Folgt ihnen!« kommandierte der Kastellan. Nachdem er sämtliche Regimenter in die Schlacht geschickt hatte, stellte Czarniecki sich an die Spitze des letzten und stürzte sich in den Kampf. Zwei sich in der Arrieregarde befindende schwedische Regimenter wurden das erste Opfer der anstürmenden Polen. Ihre Reihen gerieten bald in Verwirrung und flohen in Unordnung auf die Hauptarmee zu; die meisten wurden aber eingeholt und getötet. Jetzt wurde es allen klar, warum Czarniecki den Sturm auf die Brücke befohlen hatte. Die ganze Aufmerksamkeit der schwedischen Armee hatte sich nach diesem Punkte gelenkt, niemand hatte an eine Überschreitung des Flusses durch Schwimmen gedacht. Alle Kanonen, die ganze Front war der Brücke zugewandt; jetzt mußte alles schnell umformiert werden, damit man den unerwarteten Überfall abweisen konnte. Deshalb begann in der schwedischen Armee ein fürchterlicher Wirrwarr zu herrschen. Vergebens machten die Offiziere übermenschliche Anstrengungen, vergebens ließ der Markgraf seine bisher untätigen Regimenter vorrücken: ehe sie ankamen, ehe noch die Artillerie ihre neuen Positionen einnehmen konnte, sprengte das Laudaer Banner in die Mitte des schwedischen Heeres hinein. Ihm folgte ein zweites, drittes, viertes Banner. Pulverdampf verhüllte wie eine Wolke das ganze Schlachtfeld. Von Zeit zu Zeit schimmerte in dieser Wolke die Fahne irgend eines Regimentes: aber bald verschwand sie wieder, von dichtem Rauche eingehüllt. Und der Lärm und das Geschrei der Kämpfenden wurde stärker und stärker. Plötzlich erschallte ein furchtbares Gepolter. Wansowicz hatte die Brücke erobert und überschritten. Jetzt eilte er mit seinen Soldaten dem Feinde entgegen. Aus der Rauchwolke heraus begannen in der Richtung nach dem Walde zu kleinere und größere Menschenmengen aufzutauchen. In größter Unordnung, ohne Helm und ohne Waffen, ergoß sich bald ein ganzer Menschenstrom über die Ebene, der dem Walde zueilte. Die einen schrien aus Leibeskräften, die anderen schützten ihre Köpfe vor vermeintlichen Hieben, die dritten wieder hielten die Fliehenden zurück und kämpften miteinander. Und wie die Lava eines wütenden Vulkans verfolgten die polnischen Reiter die fliehenden Regimenter. Der größere Teil der Schweden verteidigte sich erst gar nicht; sie gingen ohne Murren unter das Messer. Die Schlacht verwandelte sich in eine rohe, erbarmungslose Metzelei. Und wieder harrten im Walde der Geflohenen die aus der Umgegend zusammengelaufenen Banden, aus deren Händen es kein Entrinnen gab, die kein Erbarmen kannten. Zweimal versuchte der junge Markgraf Adolf sein fliehendes Heer zum Stehen zu bringen, aber schließlich geriet er selbst in Gefangenschaft. Ehe die Sonne unterging, hatte die Armee Friedrichs, des Markgrafen von Baden, zu existieren aufgehört. Erst gegen Abend kehrte die polnische Reiterei von ihrer Verfolgung zurück, fröhliche Lieder singend, aus den Pistolen schießend und die Gefangenen vor sich her treibend. Pan Czarniecki kam als erster mit den königlichen Regimentern an. Er nahm mitten im Felde Aufstellung: die Truppen begrüßten ihn mit begeisterten Rufen. Alle lagen unter dem Banne des soeben erfochtenen. Sieges. Lubomirski allein war finster. Des Marschalls Seele war von Neid erfüllt. Bald trafen auch die anderen Regimenter ein. Sie defilierten alle vor Czarniecki, und jeder Befehlshaber legte dem Kastellan feindliche Fahnen zu Füßen. Endlich erschien auch das Laudaer Banner, das den Feind am längsten verfolgt hatte. »Sind viele geflohen?« fragte der Pan Kastellan. Wolodyjowski schüttelte verneinend mit dem Kopfe; er war so ermüdet, daß er nicht imstande war zu sprechen. Da trat Zagloba pustend und zähneklappernd vor. »Bei Gott,« begann er, »das ist der einfachste Weg, sich eine Erkältung zu holen! Reißt doch irgend einem Schweden die Kleider vom Leibe herunter, ich habe keinen trockenen Faden an mir. Das ist wahr, wir haben einen großen Sieg erfochten; aber zum zweiten Male werfe ich mich nicht mehr ins Wasser. Dazu bin ich zu alt geworden. Zum Himmelkreuzdonnerwetter, Schnaps her!« Pan Czarniecki reichte ihm seine Feldflasche. »Sie sollten sich wirklich umziehen,« sagte er. »Ich suche Ihnen irgend einen dicken Schweden heraus,« fügte Pan Roch hinzu. »Wozu soll ich mit Blut besudelte Kleider anziehen?« entgegnete Zagloba. »Zieh nur den General aus, den ich gefangen genommen habe.« »Sie haben einen General gefangen genommen?« fragte Czarniecki lebhaft. »Der Markgraf Adolf, Graf Falkenstein, General Wegier und viele andere Offiziere sind gefangen,« antwortete Wolodyjowski, der sich inzwischen etwas erholt hatte. Es war schon Nacht, als Pan Czarniecki wieder in Warka einzog, vielleicht die glücklichste Nacht seines Lebens. Niemand hatte den Schweden seit Beginn des Krieges eine größere Niederlage beigebracht. Alle Kanonen waren genommen, alle Anführer, außer dem Markgrafen Friedrich selbst, waren gefangen worden. Die feindliche Armee war aufs Haupt geschlagen, und ihre Trümmer mußten ein Opfer der Bauernbanden werden. Die Hauptsache aber war, daß die Schweden, die bisher im offenen Felde als unbesiegbar galten, den regulären polnischen Truppen nicht stand gehalten hatten. Pan Czarniecki war sich bewußt, welchen Eindruck dieser Sieg deshalb in der ganzen Republik machen mußte. Triumphierend sah er Polen in nicht zu ferner Zeit befreit von allen feindlichen Truppen. Vielleicht auch träumte er von dem goldenen Stabe des Großhetmans, den er sich gerechterweise auch verdient hatte. Pan Czarniecki konnte kaum seine Freude zügeln und sagte zu dem an seiner Seite reitenden Lubomirski: »Jetzt geht's nach Sandomier, möglichst schnell nach Sandomier! Uns werden weder die San noch die Weichsel Furcht einjagen. Unsere Truppen verstehen es, Flüsse zu durchschwimmen.« Der Marschall antwortete kein Wort und blickte finster zur Erde. 8. Kapitel. Des Kastellans Freude war indessen nicht von langer Dauer. Kaum hatten sich seine Truppen einigermaßen erholt, als Pan Charlamp mit Nachrichten von Sapieha aus Sandomier eintraf und bei Wolodyjowski abstieg. Wolodyjowski ging sofort zu Czarniecki und meldete ihm, daß nach den Worten des Pan Charlamp der schwedische König der ihm bereiteten Falle entronnen sei. »Und wo ist der Abgesandte?« fragte Czarniecki. »Bei Ihnen? Gut, so gehen wir zu Ihnen.« Der Kastellan war von der Botschaft so betroffen, daß er keine Geduld hatte, abzuwarten, bis Pan Charlamp vor ihm erscheine. Zagloba und Charlamp, die bei Wolodyjowski sahen, sprangen von ihren Plätzen, als sie des Hetmans ansichtig wurden. Czarniecki nickte ihnen kaum mit dem Kopfe zu und sagte sogleich: »Geben Sie mir den Brief!« Charlamp überreichte Sapiehas Brief. Der Kastellan schritt zum Fenster und erbrach das Siegel, Beim Lesen wurde sein Gesicht immer zorniger. »Kommen Sie her,« sagte er endlich zu Charlamp in scharfem Tone. »Sagen Sie mir die volle Wahrheit. – Der Bericht ist so kunstvoll abgefaßt, daß man absolut nicht aus ihm klug werden kann. Die Truppen sind also geschlagen?« »Nein, das sind sie nicht, Pan Kastellan.« »Und wieviele Tage gebraucht ihr, um euch wieder zu sammeln?« Czarnieckis List glückte nicht. »Wenn das Heer nicht geschlagen ist, so hat es nicht nötig, sich wieder zu sammeln,« antwortete Charlamp ruhig. »Das Heer ist völlig intakt und folgt den Schweden auf den Fersen.« »Und Kanonen habt ihr, sagen Sie, keine verloren?« »Das sage ich nicht; wir haben vier verloren. Die Schweden haben sie unbrauchbar gemacht.« »Nun wohl, – ich sehe, Sie sprechen die Wahrheit. – Erzählen Sie, wie die Sache sich abgespielt hat.« »Als wir allein blieben, bemerkte der Feind bald, daß an der Stelle der weggezogenen Truppen nur mehrere »Parteien« geblieben waren, Pan Sapieha nahm an, daß der Feind diese angreifen werde und schickte ihnen Verstärkung, nur eine unbedeutende Verstärkung, um sich selbst nicht zu sehr zu schwächen. Gegen Abend bemerkte man, daß die Schweden sich an dem Ufer der San sammelten. Wir waren gerade im Quartier des Hetman, als Pan Babinicz kam und uns das meldete. Pan Sapieha, der sich gerade zu Tisch setzen wollte, antwortete: »Sie tun nur, als wenn sie die Offensive ergreifen wollten. In Wirklichkeit werden sie das nicht wagen. Wir wollen uns daher unser Vergnügen nicht stören lassen,« Nach dem Mahle begann man zu tanzen; es war eine Menge Damen aus der Umgegend geladen worden. Da bis zum Tagesanbruch getanzt wurde, schliefen wir bis zum Mittag. Um diese Zeit bemerkte der Hetman, daß die Schweden unter starker Artilleriebedeckung eine Brücke zu bauen begannen. An dieser Brücke arbeiteten sie auch am folgenden Morgen. Jetzt fing der Hetman an, Truppen zusammenzuziehen.« »Und Sie haben euch getäuscht und haben den Fluß an einer anderen Stelle überschritten – und sind euch in den Rücken gefallen?« unterbrach Czarniecki Charlamp, der große Augen machte und verwundert ausrief: »Sie sind also schon von allem unterrichtet!« »Sprechen Sie weiter!« »Der Abend brach herein, die Truppen standen in Bereitschaft. Aber des Nachts gab man wieder ein Fest. Und am nächsten Morgen überschritten die Schweden den Fluß über eine andere Brücke und überfielen uns! Hätte der König mehr Infanterie und Geschütze bei sich gehabt, so wären wir in eine sehr üble Lage geraten; aber der größte Teil der schwedischen Armee schwamm bereits in Böten über den Fluß, wovon bei uns niemand eine Ahnung hatte. Wir fanden nachher eine königliche Korrespondenz, aus der wir ersahen, daß der König sich nach Preußen gewandt hat, um mit der Armee des Elektors zurückzukehren, da die schwedischen Kräfte nicht mehr ausreichen.« »Ich weiß,« entgegnete Pan Czarniecki, »Pan Sapieha hat mir das Schriftstück mitgesandt.« Und für sich fügte er hinzu: »Auch wir müssen ihm nach Preußen folgen.« »Das habe ich schon längst vorgeschlagen!« rief Zagloba. »Das ist ein großes Unglück,« sagte Czarniecki, »Wäre ich zur rechten Zeit nach Sandomier gekommen, so hätten wir mit dem Hetman keinen einzigen Schweden lebend herausgelassen. – Nun ist es vorbei; das Geschehene läßt sich nicht rückgängig machen! – Der Krieg wird sich dadurch hinziehen; aber die Räuber werden ihrem Schicksale doch nicht entgehen!« Pan Zagloba flüsterte Rzendzian etwas ins Ohr, der darauf verschwand und mit einer Flasche Met zurückkehrte. »Pan Kastellan,« begann Wolodyjowski, »Sie erwiesen mir die größte Ehre, wenn Sie einwilligen würden –« »Mit Ihnen gemeinsam eins zu trinken,« vollendete Czarniecki. »Gern, und wissen Sie auch warum, – weil wir uns jetzt trennen müssen.« »Wieso denn?« staunte Wolodyjowski. »Pan Sapieha schreibt, daß das Laudaer Banner doch zum litauischen Heere gehöre, und daß es ihm an Offizieren fehle. Mein Freund, Sie wissen, wie ich Sie schätze, und wie mir die Trennung von Ihnen leid tut; aber in diesem Briefe steht der Befehl für Sie, zum Hetman zu gehen. Freilich, als höflicher Mann stellt Sapieha mir das frei; aber, kurz, man entreißt mir den besten Säbel. Ihre Gesundheit! guter Kamerad!« Wolodyjowski merkte nicht, daß seine Augen in Tränen schwammen. »Eher möchte ich sterben!« rief er. »Ich habe mich so an Sie gewöhnt, und was dort meiner wartet, ist mir unbekannt.« »Pan Michail leistet dem Befehle keine Folge!« fiel erregt Zagloba ein. »Ich schreibe persönlich an Sapieha und werde schon die Sache ordnen.« Aber Pan Michail war doch zu sehr Soldat. »Eh! Was reden Sie da!« entgegnete er voll Entrüstung. »Man merkt Ihnen sofort den alten Freiwilligen an. Schweigen Sie lieber, wenn Sie von solchen Sachen nichts verstehen. Das ist Sache des Dienstes.« »Das ist es in der Tat,« fügte Czarniecki hinzu. 9. Kapitel. Nach der Einnahme von Lublin – die Festung hatte nur kurze Zeit Widerstand geleistet, – ließ Sapieha seine Truppen auf Warschau zu marschieren. An einem schönen Frühlingsabend erblickte das Laudaer Banner, das in der Avantgarde marschierte, die Türme der Hauptstadt. Bald tauchte die Stadt selbst mehr und mehr aus der blauen Ferne aus; die hohen Dächer erglänzten in den hellen Strahlen der untergehenden Sonne. Die Litauer hatten in ihrem Leben noch nichts Schöneres gesehen, als diese hohen, weißen Mauern, die mit ihren unzähligen Fensterchen in die Spiegelfläche des Wassers guckten. Die Häuser schienen sich gegenseitig überragen zu wollen, und über all den Dächern, Fenstern und Mauern erhoben sich ins Unendliche die vielen gotischen Türme. Zagloba erklärte seinen Kameraden die Gebäude. »Sehen Sie den Turm, ganz in der Mitte der Stadt? Das ist das königliche Palais! Könnte ich noch so vielmal ein Jahr leben, wie ich dort beim Diner gesessen habe, so würde ich noch älter als Methusalem werden müssen. An niemand wandte sich der König so oft um Rat als an mich; ich konnte Starosteien austeilen wie Nüsse.« »Und links vom Schloß, was ist das für ein schöner Bau?« – »Das ist das Palais der Radziejowskis, das früher den Kazanowskis gehörte. Man hält es für das achte Wunder der Welt. Möge es einstürzen, denn in seinen Mauern keimte der Untergang der Republik auf.« »Wieso denn?« fragte Roch Kowalski. »Als zwischen dem Pan Radziejowski und seiner Frau der Unfriede begann, fing Jan-Kasimir an, der Pani den Hof zu machen. Man erzählt, daß die Pani Radziejowska in den König verliebt war, und der Unterkanzler sei aus Rache zu den Schweden übergetreten und habe sie angestachelt, den Krieg zu eröffnen.« Die Sonne war schon fast ganz untergegangen, es dämmerte bereits. Pan Sapieha beschloß, den Einwohnern von Warschau seine Ankunft anzuzeigen und ließ deshalb Musketen abfeuern. Die Truppen begannen über die Weichsel überzusetzen. Zuerst das Laudaer Banner, ihm folgte das Banner des Pan Kotwicz und dann Kmicic' Tataren, – im ganzen waren es achttausend Mann. Die Schweden waren auf diese Weise samt der von ihnen geplünderten Beute eingeschlossen, und Pan Sapieha blieb nur übrig, auf die Ankunft des Königs und Czarnieckis zu warten und zu verhindern, daß die Festung irgend welche Verstärkungen erhalte. Die Nachrichten, die von Pan Czarniecki kamen, waren nicht sonderlich befriedigend. Der Kastellan schrieb, daß seine Truppen und Pferde so erschöpft seien, daß er fürs erste keinen Anteil an der Belagerung nehmen könne. Das einzige, was ihm möglich sei zu tun, wäre, die schwedische Armee, die unter dem Oberbefehle des Bruders des Königs und der Generale Douglas und Radziwill bei Narew stand, und die den Belagerten zu Hilfe kommen wollte, aufzuhalten. Indessen bereiteten sich die Schweden auf die Belagerung mit der ihnen eigenen Entschlossenheit und Kunst vor. Noch vor der Ankunft Sapiehas hatten sie Praga verbrannt, und jetzt überschütteten sie sämtliche Vorstädte mit einem Hagel von Granaten. Alle Gebäude und Kirchen wurden ein Raub der Flammen. Hinter den Mauern irrten Haufen von Einwohnern ohne Zuflucht, ohne Nahrung umher. Hunderte von Frauen bestürmten das Heer Sapiehas und flehten um Barmherzigkeit. Überall sah man Menschen, die vom Hunger ausgedörrt und trocken geworden waren wie Holzspäne, Kinder, die an den versiegten Brüsten ihrer Mütter starben. Die Umgegend der Hauptstadt hatte sich in ein Tal des Jammers und der Tränen verwandelt. Da Sapieha keine Kanonen und keine Infanterie bei sich hatte, konnte er nichts beginnen. Voller Unruhe blickte er auf Warschau, das die schwedischen Ingenieure in eine starke Festung verwandelt hatten. Hinter den Mauern waren dreitausend vorzüglich geschulte Soldaten versammelt. Pan Sapieha suchte seine Unruhe durch tägliche Gelage – der Hetman liebte fröhliche Gesellschaft – zu ersticken, und oft vergaß er beim kreisenden Becher seine Pflicht. Des Tags über war er zwar auf den Beinen, inspizierte die Wachen, verhörte die Gefangenen und schickte nach allen Seiten Boten aus; aber sobald der Abend hereinbrach, begann er Trinkgelage abzuhalten. Der angeheiterte Hetman schickte nach seinen Offizieren, denen er selbst eben erst wichtige Aufträge erteilt hatte, und war gekränkt, wenn jemand einer Einladung nicht sogleich Folge leistete. Einige Offiziere taten zwar auch ohne die Aufsicht ihren Dienst; andere aber erfüllten, da sie fühlten, daß keine Kontrolle da war, ihre Pflichten höchst lässig. Die Schweden ließen natürlich diese gute Gelegenheit nicht unbenutzt. Einstmals, zwei Tage vor der Ankunft des Königs und der Hetmans, schickte Sapieha eine besonders liebenswürdige Einladung an die beiden Strzetuskis, Kmicic, Zagloba, Wolodyjowski und Charlamp. »Wie kann ich denn zum Hetman gehen? Ich stehe eben im Begriffe, mit meinen Tataren einen Streifzug zu unternehmen,« entgegnete Kmicic, der schon einen Fuß im Steigbügel hatte. »Der Pan Hetman befiehlt, Akbah-Ulan damit zu beauftragen,« antwortete der Abgesandte Sapiehas. Das Mahl nahm einen sehr lebhaften und fröhlichen Verlauf. Pan Sapieha toastete auf den König, auf die Hetmans, auf Pan Czarniecki und auf die anwesenden Gäste. Von Toasten ging man zu fröhlicheren Liedern über, kurz, es herrschte bald große Heiterkeit und eine recht schwüle Atmosphäre im Zimmer. Plötzlich vernahm man von draußen Rufe. »Was ist das?« fragte einer der Obersten. »Ruhig, bitte!« rief der besorgte Hetman. »Man muß erfahren, um was es sich handelt.« Kaum hatte er geendigt, als alle Fensterscheiben von Geschütz- und Musketensalven erzitterten. Alle sprangen von ihren Plätzen auf, stürzten hinaus und fanden nur mit Mühe ihre Pferde. »Der Feind hat Pan Kotwicz überfallen!« Glücklicherweise war der Oberst einer Unpäßlichkeit wegen dem Gelage fern geblieben, so daß er sofort zur Stelle war; aber er konnte sich nur mit Mühe gegen die wütend anstürmenden Schweden halten. Endlich erschien der Hetman mit seiner ganzen Macht und brachte bald die in Verwirrung geratenen Massen in Ordnung. Es entbrannte auf der ganzen Linie ein heißer Kampf. Da erschien mit einem Male Akbah-Ulan vor dem Hetman. »Effendi!« rief er, »eine Heeresabteilung will in die Stadt hinein, sie führt einen ganzen Wagenzug mit sich!« Nun wurde es Sapieha klar, was der Ausfall der Schweden zu bedeuten hatte. Man wollte einfach die Aufmerksamkeit des Feindes von dem Proviantzuge ablenken, um diesen in die Festung schlüpfen zu lassen. »Schnell zu Wolodyjowski! Die Laudaer, Kmicic und Wansowicz sollen der Kolonne den Weg abschneiden; ich schicke ihnen bald Verstärkung!« Leider aber kam dieser Auftrag schon zu spät. Gegen zweihundert Wagen mit Proviant waren schon in die Stadttore eingefahren, und die sie begleitende Abteilung schwerer Kavallerie befand sich im Bereiche der Festungsgeschütze. Nur die Arrieregarde war etwas zurückgeblieben, aber auch sie ritt in schnellstem Trabe vorwärts. Als Kmicic die Reiter beim Scheine einiger brennender Gebäude sah, konnte er sich eines wilden Aufschreies nicht enthalten. Er erkannte Boguslaws Soldaten. Außer sich vor Wut stürzte er sich mit seinen Tataren auf ihre Reihen und begann schrecklich zu rasen, Wolodyjowski kam ihm bald zu Hilfe. Der Kampf dauerte nicht lange. Da Boguslaws Leute auf keinerlei Hilfe rechnen konnten, warfen sie die Waffen von sich und streckten den Siegern um Gnade flehend die Arme entgegen. »Leben lassen! Gefangen nehmen!« erscholl Kmicic' Stimme. Die Tataren hatten bald alle gefesselt und eilten, aus dem Feuer der Festungsgeschütze herauszukommen. In diesem Augenblicke rief einer der Gefangenen: »Pan Kmicic, retten Sie einen alten Bekannten. Lassen Sie mir die Stricke auf mein Ehrenwort hin abnehmen!« Kmicic wandte sich um. »Ketling!« staunte er. Haßling-Ketling war ein Schotte, ein Offizier des verstorbenen Wilnaer Wojewoden. Er genoß einstmals die Zuneigung Kmicic'. »Laß den Gefangenen frei!« rief er dem Tataren zu, »Steig' vom Pferde und gib es ihm!« Mit Mühe bestieg Ketling den hohen Sattel des Tatarenpferdes. Kmicic ergriff ihn fest bei der Hand und fragte mit stockender Stimme: »Woher kommen Sie? Sprechen Sie, um Gottes willen, schnell!« »Aus Tauroggen,« antwortete der Offizier. »Oh! – Ist Panna Billewicz dort?« »Ja, Pan Oberst.« »Und was hat der Fürst mit ihr getan?« entrang es sich mühsam Kmicic' Kehle. »All seine List und Ränke haben zu nichts geführt.« Diesen Worten folgte ein langes Schweigen. Dann nahm Kmicic seine Luchsmütze ab, fuhr sich mit der Hand über die Stirne und sagte: »Es ist nicht zu verwundern, daß ich so schwach bin; ich bin erst vor kurzem schwer verwundet worden und habe viel Blut verloren.« 10. Kapitel. Zum großen Schmerze Kmicic' hatte Haßling-Ketling so stark unter der alles eher als delikaten Behandlung der Tataren gelitten, daß er von einem Nervenfieber aufs Krankenlager geworfen wurde. Kmicic mußte notgedrungen mit seinen weiteren Fragen abwarten. Währenddessen folgten sich neue Ereignisse mit staunenswerter Schnelligkeit. Das Gerücht von dem Nahen des Königs mit einer fünfzigtausendköpfigen Armee behauptete sich mit zunehmender Hartnäckigkeit. Eines Tages, als Kmicic mit Zagloba, Wolodyjowski und Roch Kowalski bei sich in seinem Quartiere sah, stürzte Akbah-Ulan herein und rief: »Effendi! Hinter der Weichsel erscheinen die Vortruppen des Königs!« Und es war wirklich die königliche Armee! Zuerst trafen die Tataren unter Subaghazi-Bey ein, dann folgten die vorzüglich bewaffneten Truppen der Krone. Gegen Abend hatte die ganze Armee die von Oskierka erbaute Brücke überschritten. Sapieha erwartete den König an der Spitze eines in Schlachtordnung aufgestellten Regimentes. Die königlichen Banner nahmen den litauischen gegenüber Aufstellung, eine ungefähr hundert Schritt breite Straße zwischen sich lassend. Den Hetmanstab in der Hand eilte Sapieha, begleitet von seinen höheren Offizieren, dem Könige zu Fuß entgegen. Jan-Kasimir trug einen leichten Panzer über einem schwarzen Atlaskaftan, einen schwedischen Hut mit schwarzen Federn und lange Schlachthandschuhe. Ihm folgten der Nuntius, der Lemberger Erzbischof, der Krakauer Wojewod, Baron Lisola, Graf Pöttingen, Pan Kameniecki, der Moskowiter Botschafter, Pan Grodzicki, der Befehlshaber der Artillerie, Tyzenhauz und andere mehr. Sapieha wollte dem Könige den Steigbügel halten, Jan-Kasimir aber sprang schnell vorher vom Pferde und umarmte, ohne ein Wort zu sagen, den Hetman. Der König fühlte nicht, wie Tränen aus seinen Augen stürzten, und lange, lange hielt er den treuen Diener des Vaterlandes, der trotz seiner Mängel viele hochwürdige Magnaten um Haupteslänge überragte, der nicht einen Moment gezögert hatte, sein Leben und all sein Hab' und Gut dem Vaterlande zu opfern, in den Armen. Die Litauer, die befürchtet hatten, daß der König Sapieha seiner Sandomierer Nachlässigkeit wegen kalt empfangen würde, gerieten jetzt in helle Begeisterung. »Es lebe der König!« erschollen donnernde Rufe. »Es lebe das Kronheer!« »Es leben die Litauer!« Die lauten Freudensausbrüche machten nicht nur die Mauern der Festung erzittern, sondern auch die bis dahin unerschrockenen Herzen der Schweden. »Ich weine gleich los!« rief der gerührte Zagloba, »ich halte das nicht aus! Da steht er, unser Herr, Vater, unser König! Vor kurzem von allen verlassen – und jetzt – seht nur, hunderttausend Säbel sind da zu seinem Schutze! – O großer Gott! – Gestern war er noch obdachlos, und heute schon verfügt er über mehr Kräfte als der römische Kaiser!« Pan Zagloba übertrieb ein wenig: Unter Warschaus Mauern standen nur siebzigtausend Mann, ohne die Mannschaften, die außerhalb der Front gebraucht wurden, die aber nötigenfalls auch ins Feuer geschickt werden konnten. Von der großen Macht des Königs bestürzt, wagten es die Schweden nicht, irgend welche Feindseligkeiten zu eröffnen. Und so konnte Pan Grodzicki unbehelligt Stellungen für seine Artillerie aussuchen. Am folgenden Tage wuchsen hier und da Erdbefestigungen auf. Die Kanonen konnten erst in vierzehn Tagen eintreffen. Jan-Kasimir ließ Wittemberg auffordern, unter sehr milden Bedingungen zu kapitulieren. Wittemberg jedoch lehnte, wie man vorausgesehen hatte, alle Vorschläge ab, entschlossen bis zum letzten Blutstropfen Widerstand zu leisten. Eher wollte er sich unter den Ruinen der Stadt begraben lassen, als sich freiwillig in die Hände der Polen geben. Man mußte annehmen, daß die Schweden sich tatsächlich bis zum äußersten wehren würden; denn Warschau diente ihnen als Lager all ihrer geraubten Schätze. Die ganzen in den Schlössern, Kirchen und Städten geraubten Reichtümer hatte man nach Warschau gebracht, von wo aus sie per Wasser nach Preußen und Schweden transportiert wurden. Und der schwedische Soldat opferte lieber sein Leben als seine Beute. Das arme Volk hatte bei dem Anblicke der Reichtümer eines fruchtbaren Landes jegliches Ehrgefühl verloren und zeigte der Welt bis dahin noch unbekannte Proben von Räubereien und Plündereien. Seine Gier war ins Unendliche gewachsen. Der König selbst war durch seine Habsucht berühmt, und die Generale, Wittemberg an der Spitze, folgten seinem Beispiele. Wenn es sich um die Bereicherung durch Beute handelte, hielt der alte General weder auf seine Ritterehre noch auf die hervorragende Stellung, die er einnahm. In Warschau schämten sich sogar Befehlshaber größerer Abteilungen nicht, ihren Soldaten Tabak und Branntwein zum Nutzen ihrer eigenen Taschen zu verkaufen. Die Schweden hatten noch einen Grund, Warschau mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln zu halten: waren doch ihre bedeutendsten Staatsmänner dort eingeschlossen: Wittemberg selbst, der Kanzler Oxenstierna, ein Mann von hervorragenden Geistesgaben, der die Achtung der ganzen Welt genoß, die Generale Wrangel und Horn, der trotz seiner Verwundung bei Jasno-Gora mit dem Leben davongekommen war, Erskin, Löwenhaupt und viele Damen des schwedischen Adels, die mit ihren Männern nach Polen wie auf ein neu erworbenes Gut gezogen waren. Dies alles stärkte Jan-Kasimirs Meinung, daß die Belagerung eine sehr schwierige und langwierige sein werde. Die Schweden versuchten den Gang der Belagerungsarbeiten aufzuhalten. Jeden Tag machten sie einen Ausfall, der aber immer ungünstig für sie endigte. Beide Teile hatten jedoch in diesen Kämpfen soviele Verluste an Menschenleben, daß bald keine Zeit mehr blieb, die Gefallenen zu beerdigen, und ganze Haufen Leichen lagen umher, die Luft in fürchterlicher Weise verpestend. Die Städter fanden trotz aller Hindernisse Gelegenheit, ins königliche Lager zu gelangen, und sie baten Jan-Kasimir um Beschleunigung des Generalsturms. Die Schweden besaßen genügend Proviant, um eine lange Belagerung auszuhalten, aber die Einwohner starben auf den Straßen Hungers. Täglich drangen Musketensalven an das Ohr des Königs, denn man erschoß alle Einwohner, die unter dem Verdachte standen Jan-Kasimir wohlgeneigt zu sein. Man erzählte, daß die ganze Bevölkerung, kranke Frauen, Neugeborene, Greise, – alle im Freien auf den Straßen übernachten mußten, da man sie aus den Häusern, die im Falle eines erfolgreichen Sturmes zur Verteidigung hergerichtet wurden, vertrieben hatte. Die Sonnenstrahlen brannten erbarmungslos auf die obdachlose Bevölkerung hernieder; der Regen durchnäßte sie. Feuer anzuzünden war streng untersagt; warmes Essen zu bereiten war unmöglich. Verschiedene ansteckende Krankheiten brachen aus, die Hunderte von Opfern forderten. Die Tränen traten dem Könige in die Augen, wenn er solchen Berichten zuhörte. Er sandte einen Boten nach dem anderen aus, um die Ankunft der schweren Artillerie zu beschleunigen. Aber die Zeit floß dahin, Tage und Wochen verstrichen, die Geschütze blieben noch immer aus, und die ganze Armee war dazu verurteilt, nur die verschiedenen Ausfälle der Schweden abzuschlagen. Endlich wagte man den ersten Sturm. Sechstausend Mann versammelten sich an der Stelle, die dem Festungsgraben am nächsten lag. Als es dämmerte, begann man zu stürmen. Die wachsamen Schweden empfingen die Angreifer mit einem tödlichen Geschütz- und Musketenfeuer. Es begann ein heißer Kampf. Nicht lange, so hatte man den Graben an einer Stelle zugeschüttet, und die Polen rückten bis zu den Festungsmauern vor. An der Spitze von zweitausend Freiwilligen warf sich Kmicic auf das aufgeworfene Fort, das von den Polen »Maulwurfshöhle« genannt wurde. Und trotz des verzweifelten Widerstandes eroberte er es mit einem Schlage. Pan Andreas befahl, einen Teil der eroberten schwedischen Kanonen auf das Tor zu richten, die übrigen auf die Mauer, um die Freiwilligen zu decken, die sie erklettern wollten. Dieser Versuch mißlang jedoch vollständig. Fast fünfhundert Freiwillige fielen, die anderen traten den Rückzug zu den polnischen Schanzen an. Der Sturm war abgeschlagen worden, aber das Fort blieb in den Händen der Polen. Vergebens richteten die Schweden das Feuer ihrer schwersten Mörser darauf, Kmicic antwortete ihnen mit gleicher Energie aus den eroberten Geschützen. Gegen Morgen jedoch waren alle seine Geschütze zerschmettert. Nun schickte Wittemberg eine Abteilung Infanterie aus, die das Fort zurückerobern sollte. Kmicic hatte aber auch Verstärkung erhalten; er schlug nicht nur die Attacke ab, sondern verfolgte die Angreifer noch weit. Pan Grodzicki eilte zum König, um ihm Bericht zu erstatten. »Majestät,« sagte er, »ein Fort ist den Schweden entrissen, und wenn wir jetzt unsere schwere Artillerie zur Stelle hätten, so könnten wir mit dem Generalsturme beginnen.« »Wer hält jetzt das Fort?« fragte der erfreute König. »Pan Babinicz.« Jan-Kasimir ließ sich sein Pferd vorführen, nahm sein Fernrohr mit sich und ritt ins Feld. Das Fort lag so nahe an den Festungsmauern, daß die Schweden es nicht nur mit ihren Geschützen bestreichen konnten, sondern es auch mit Musketengeschossen überschütteten. Granaten fielen zu Hunderten auf die unglücklichen Verteidiger. »General, wir müssen ihm gleich Verstärkungen zuschicken,« wandte sich Jan-Kasimir an seinen Begleiter. »Dann lassen Sie auf der ganzen Linie das Geschützfeuer eröffnen, damit wir die Aufmerksamkeit der Schweden vom Fort ablenken.« Grodzicki gab seinem Pferde die Sporen und sprengte zurück. Nach einigen Minuten eröffnete die ganze polnische Artillerie ein heftiges Geschützfeuer, und etwas später kam aus den Verschanzungen eine Abteilung masurischer Infanterie, die im Laufschritt der »Maulwurfshöhle« zueilte. Der König stand und beobachtete alles. »Babinicz muß abgelöst werden,« sagte er plötzlich. »Wer von euch, Panowie, will ihn ersetzen?« »Ich!« rief Pan Grylewski, ein Offizier aus der leichten Kavallerie. »So gehen Sie hin!« erwiderte der König. Pan Grylewski bekreuzigte sich, tat einen Schluck aus der Feldflasche und ritt davon. Das Geschützfeuer hatte inzwischen etwas nachgelassen. Die Musketen schwiegen aber dafür keine Minute. »Ich zöge es vor, die Position zu verlieren, als daß Pan Babinicz verwundet werden sollte,« sprach Jan-Kasimir. »Gott wird ihn erhalten!« entgegnete Pater Cieciszowski. Es verging eine halbe Stunde peinvoller Erwartung. Plötzlich rief Tyzenhauz, der vorzügliche Augen hatte: »Grylewski kehrt zurück! Babinicz ist wahrscheinlich gefallen, und die Schweden haben das Fort zurückerobert. Des Pulverdampfes wegen kann man nichts erkennen.« Jan-Kasimir bedeckte sein Gesicht mit den Händen und sprach kein Wort. Inzwischen hatte Grylewski den König erreicht, und ganz außer Atem sagte er: »Majestät! Babinicz bestellt, daß es ihm gut geht, daß er nicht der Ruhe bedarf; er bittet nur, ihm Nahrungsmittel zu schicken. Seit gestern sind sie dort ohne Nahrung.« »Er lebt also?« rief der König erfreut. »Er sagt, es gehe ihm gut,« wiederholte Grylewski. »Aber Sie hätten doch da bleiben müssen, ihn abzulösen. Schämen Sie sich! Sie bekamen wohl Angst? Dann mußten Sie den Auftrag nicht erst annehmen, wenn er über Ihre Kräfte ging!« »Majestät!« begann mit zitternder Stimme Grylewski, »jeder Sterbliche, der mich einen Feigling nennt, würde diese Beleidigung mit Blut abwaschen müssen. Aber bei Euer Majestät bleibt mir nur das eine, mich zu rechtfertigen. – Ich war in der Maulwurfshöhle, was nur wenige gewagt hätten; aber Pan Babinicz empfing mich recht unfreundlich. »Scheren Sie sich zum Teufel,« rief er mir zu. »Ich habe genug zu tun und keine Zeit zum Schwatzen. Wir haben Hunger; statt uns Essen zu schicken, wartet man uns mit einem Kommandanten auf! Wenn Sie nicht in Güte weggehen, so werde ich Sie über die Verschanzungen hinaus befördern lassen!« Was blieb mir da anderes übrig, als zu gehen?« »Und wird er sich da halten können?« fragte der König. »Babinicz, ja! Ich habe vergessen zu melden, daß er mir zurief: »Ich werde mich hier eine Woche lang halten, nur schickt uns Nahrungsmittel her.« »Ist es denn überhaupt möglich da zu bleiben?« »Dort, Majestät, ist wahrhaft der Tag des jüngsten Gerichtes angebrochen. Eine Granate fällt nach der anderen, sie pfeifen und heulen in der Luft wie die Teufel. Der ganze Erdboden ist durch Gruben zerrissen, und der Pulverdampf beschwert einem das Atmen. Von den Unsrigen sind schon viele gefallen; die am Leben Gebliebenen liegen in den Gruben und sind guter Dinge. Noch während meiner Anwesenheit ist die Verstärkung eingetroffen, und der Kampf ist von neuem entbrannt.« »Wenn wir die Mauern nicht attackieren können, solange keine Bresche gelegt ist,« sagte der König, »so werden wir noch heute die Krakauer Vorstadt stürmen. Das wird das beste Mittel sie abzulenken sein.« Jan-Kasimir nahm bei diesen Worten aus den Händen des Paters Cieciszowski ein goldenes Kreuz, hob es hoch in die Luft und bekreuzigte mit ihm das ferne Fort, das von dem Rauche der Kanonenschüsse eingehüllt war. »Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs! Erbarme dich deines Volkes und schicke den Untergehenden Hilfe! Amen! Amen! Amen!« 11. Kapitel. Der Sturm auf die Krakauer Vorstadt brachte wenig Nutzen; allein er lenkte die Aufmerksamkeit der Schweden von dem von Kmicic genommenen Fort ab und verschaffte den Soldaten wenigstens die Möglichkeit, sich mehrere Stunden auszuruhen. Endlich erschienen die sehnlichst Erwarteten: Pan Jamoyski und Czarniecki. Zamoyski brachte seine prächtige Infanterie mit und Geschütze, die den schweren schwedischen Kanonen weit überlegen waren. Czarniecki ließ einen Teil seiner Truppen zur Beobachtung der Schweden zurück und schloß sich mit dem anderen dem Könige an, um an dem bevorstehenden allgemeinen Sturme teilzunehmen; denn er hoffte, daß dieser Sturm der letzte sein werde. Zamoyskis Geschütze wurden auf dem von Kmicic eroberten Fort aufgestellt, und bald brachten sie die schwedischen Mörser zum Schweigen. Alsdann übernahm General Grodzicki diese Position selbst, und Kmicic ging zu seinen Tataren zurück. Der König ließ Pan Andreas gleich zu sich kommen und überschüttete ihn in Anwesenheit seines ganzen Stabes mit Lobpreisungen, in denen er es nicht an schmeichelhaften Ausdrücken fehlen ließ. Auch Czarniecki, Sapieha und Lubomirski stimmten dem Könige zu, und Pan Andreas stand glücklich und zufrieden vor der glänzenden Versammlung, in zerrissener Kleidung, mit von Pulverdampf geschwärztem Gesicht. »Sie können sich keine Vorstellung machen, wie hoch der König Sie schätzt,« sagte Pan Michail zu Kmicic, als sie beide in ihr Quartier gingen. »Gestern war ich auf dem Kriegsrate. Man sprach von Litauen, in wie schrecklicher Weise Pontus da wütet. Sapieha riet, man sollte zwei Banner nach dorthin schicken, mit einem Manne an der Spitze, der die gleiche Taktik, die Czarniecki zu Beginn des Krieges verfolgte, anschlagen würde. Da rief Jan-Kasimir sogleich: »So einer ist nur Babinicz!« und alle anderen gaben das auch zu.« »Mit Freuden werde ich hingehen!« rief Kmicic. »Ich hatte schon selbst vor, den König darum zu bitten. Zuerst aber nehmen wir Warschau. Und wie steht es mit Ketling?« »Er erholt sich. Das Fieber ist gewichen. Und nun fordert er sich fortwährend Essen. Sie werden noch Zeit haben, ihn zu sprechen. Jetzt legen Sie sich lieber zur Ruhe.« Pan Andreas befolgte diesen Rat, – er legte sich schlafen. Als er gegen Abend wieder erwachte, saßen Zagloba und Wolodyjowski in seinem Zelte. »Wissen Sie,« sagte Pan Michail, sobald Kmicic die Augen geöffnet hatte, »es ist Befehl gegeben, die Positionen morgen einzunehmen.« »Hören Sie nur, wie die Geschütze dröhnen,« fügte Zagloba hinzu. »Die Signale zum Sammeln werden schon gegeben. – Morgen wird der heilige Peter viel zu tun haben!« 12. Kapitel. Am ersten Juli wurde vor den versammelten Truppen eine feierliche Messe gelesen. Dann gingen die Führer mit ihren Soldaten zu den ihnen angewiesenen Stellungen. Man zögerte noch mit dem Anfange des Sturmes, da man die letzte Antwort Wittembergs auf das Schreiben des Großkanzlers erwarten wollte. Gegen Mittag kehrte der Abgesandte zurück. Wittemberg hatte die Übergabe abgelehnt, und man begann Warschau zu stürmen. Die Krontruppen Czarnieckis, die königlichen Regimenter, Zamoyskis Infanterie, die Litauer und die Landwehr stürzten wie eine grimmige Meereswelle zu den Mauern. Bald verhüllte Pulverdampf die Festungsmauern, die Ströme von Feuer und Eisen ausspieen. Bomben, Granaten und Kugeln richteten in den Reihen der Soldaten fürchterliche Verwüstungen an; aber die Polen stürmten, ohne den Gefahren irgend welche Beachtung zu schenken. Bald waren die Masuren und Großpolen in die Krakauer Vorstadt eingedrungen, wo die Schweden fast jedes Haus in eine Festung verwandelt hatten. Aber ein Palais nach dem anderen, ein Haus nach dem anderen wurde genommen. Die Truppen drangen auf allen Seiten unaufhaltsam vor und verdrängten die Schweden aus ihren Stellungen. Plötzlich erscholl von dem Turme einer eben gewonnenen Kirche eine Stimme: »Czarniecki ist in das Innere der Stadt eingedrungen! Unsere Fahnen sind dort zu sehen!« Das schwedische Feuer beginnt langsam schwächer zu werden und hört schließlich fast ganz auf. In diesem Augenblicke sieht man auf dem Krakauer Tor eine weiße Fahne wehen. Wirklich, nachdem Czarniecki eine wichtige Stellung nach der anderen genommen hatte und ins Innere der Festung eingedrungen war, wohin die Litauer ihm gefolgt waren, sah Wittemberg ein, daß jeder weitere Widerstand zwecklos war. Freilich konnten sich die Schweden in den befestigten Häusern der alten und neuen Stadt eine Zeitlang halten; aber es war gar keine Aussicht auf einen Sieg der Schweden vorhanden, ihre völlige Vernichtung war unvermeidlich. Auf den Mauern erschienen Parlamentäre mit weißen Fahnen. Die polnischen Feldherren stellten den Sturm ein, und schon eine Viertelstunde später ritt General Löwenhaupt in Begleitung mehrerer Obersten zum Könige, um Unterhandlungen mit ihm einzuleiten. Die Stadt war zwar in Jan-Kasimirs Händen, aber der gutherzige König wollte das unnötige Vergießen christlichen Blutes verhindern. Er willigte daher in die von Wittemberg angegebenen Bedingungen ein: Die Schweden lieferten den Polen die Stadt mit aller darin befindlichen Beute aus; die Garnison erhielt das Recht des freien Abzuges mit den Waffen und den Verwundeten. Den Polen, die auf seiten der Schweden gefochten hatten, wurde Amnestie gewährt, mit Ausnahme von Boguslaw Radziwill, den Wittemberg leichten Herzens fallen ließ. Diese Kapitulationsbedingungen wurden sofort unterzeichnet. Alle Glocken der Stadt läuteten und verkündeten, daß die Hauptstadt wieder in die Hände des rechtmäßigen Königs übergehe. Jan-Kasimir ritt, umgeben von einer glänzenden Suite hinaus, um dem Abzuge der schwedischen Garnison beizuwohnen. Zuerst erschien die Reiterei, dann die Feldartillerie mit den leichteren Geschützen, neben denen die Kanoniere mit brennenden Lunten und stolz erhobenem Kopfe marschierten, als wenn sie den polnischen Rittern zurufen wollten: »Bald begegnen wir uns wieder.« Dann folgten Fuhren mit verwundeten Offizieren, In den ersten lag der Kanzler Benedikt Oxenstierna, Jan-Kasimir befahl, ihm die militärische Ehre zu erweisen. Endlich erschien eine Abteilung prachtvoll gekleideter Reiter, die vom Scheitel bis zur Sohle in Stahl gehüllt waren. Über ihnen wehte eine himmelblaue Fahne, auf der ein goldener Löwe gestickt war. Diese Reiter umgaben den Hauptstab. »Wittemberg! Wittemberg!« durchlief ein Murmeln die Reihen der polnischen Truppen. In der Tat, es war Wittemberg selbst, der von dem jüngeren Wrangel, Horn, Löwenhaupt und Forgell begleitet wurde. Die Augen aller polnischen Ritter waren auf Wittemberg gerichtet. Sein Äußeres harmonierte bei weitem nicht mit dem Bilde, das man sich von einem so bedeutenden Feldherrn gemacht hatte. Er war ein äußerst hagerer Mann mit einem kränklichen Gesicht, unter dessen langer Habichtsnase ein dünner, nach oben gekämmter Schnurrbart wuchs. Ganz in schwarzen Samt gekleidet und mit einem schwarzen Hute auf dem Kopfe glich er eher einem gelehrten Astrologen oder Medikus als einem Kriegsmanne. Allein eine goldene Kette um den Hals und ein Brillantstern auf der Brust verrieten seine hohe Würde. Mit unruhigen Blicken betrachtete er das Gefolge Jan-Kasimirs und die unzähligen Reihen der Truppen. Ein schwaches, ironisches Lächeln huschte über seine blassen Lippen. Als die polnischen Regimenter Wittembergs gewahr wurden, verstärkte sich das Murren und wuchs zu einem Brausen des Meeres vor dem Sturme an. Die Hochwürdenträger erschraken und sahen den König unruhig an. »Was soll das bedeuten?« fragte Jan-Kasimir. In diesem Augenblicke erscholl aus den Reihen der Polen ein zorniges, betäubendes Geschrei. Mehrere Landwehrregimenter rückten vor, und plötzlich erglänzten viele Tausende von Säbeln in der Sonne. »Was bedeutet das?« fragte der König wieder. Pan Wolodyjowski, der in der Nähe Sapiehas stand, erriet es sofort. »Das ist Pan Zaglobas Werk!« Er irrte sich nicht. Sobald die Kapitulationsbedingungen dem Pan Zagloba bekannt wurden, geriet der alte Schlachtschitz in einen solchen Zorn, daß er einen Augenblick kaum sprechen konnte. Als er zu sich gekommen war, stürzte er zu der Landwehr und begann sie aufzureizen. Und man hörte ihm dort gern zu. Alle waren überzeugt, daß sie für das unter den Mauern von Warschau vergossene Blut das Recht hatten, ordentliche Rache an dem Feinde zu nehmen. Pan Zagloba umringte bald eine Menge zuchtloser, ungestümer, wütender Schlachtschitzen, und er versäumte nicht, weiter glühende Kohlen auf das angefachte Feuer zu werfen, das ohnehin schon bereit war, hervorzubrechen. Und Pan Zagloba hatte richtig gerechnet. Bei dem Anblicke des Erbfeindes Polens geriet die erregte Schlachta in Raserei. Aus vierzigtausend Kehlen erschollen die Rufe: »Tod dem Wittemberg! Her mit ihm!« Der König und seine Leute waren ratlos. Was tun? Man mußte die Schweden retten, schützen! – Eine Schande wäre es, das gegebene Wort nicht zu halten ! – Inzwischen drängte sich die rasende Menge durch die vorstehenden Regimenter hindurch, sie stürmte auf sie ein, und die ersten Reihen gerieten in Unordnung. Rings um sie herum erhobene Säbel und vor Zorn gerötete Gesichter und funkelnde Augen. Der Lärm und das wilde Geschrei verstärken sich von Minute zu Minute. Wittemberg begriff, was um ihn vorging. Sein Gesicht wurde noch bleicher, und große Tropfen kalten Schweißes traten auf seine Stirn. Der alte Soldat erschrak bis zur Fassungslosigkeit angesichts dieser tobenden Masse. Und näher und näher kamen die Rasenden – eine Minute noch, und alle die unglücklichen schwedischen Generale wären von ihnen zerfleischt worden. Auch die Schweden hatten schnell ihre Säbel gezogen, um mit den Waffen in der Hand zu sterben, wie es sich Rittern geziemt. Der alte Feldmarschall war ganz ohne Besinnung, er hatte, ohne ein Wort zu sprechen, seine Augen geschlossen. In dieser Not kam Wolodyjowski mit seinen Laudaern dem schwedischen Stabe zu Hilfe. Er umringte ihn von allen Seiten und kommandierte: »Zum Könige!« Die von allen Seiten herangesprengte Menge versperrte zwar den Weg zum Könige; aber die Laudaer bewegten sich trotz aller Hindernisse vorwärts. Ihnen ritten Woinillowicz, die königliche Leibgarde und Fürst Polubinski entgegen, und mit vereinten Kräften wurde der schwedische Stab glücklich zu Jan-Kasimir gebracht. Die Unordnung verstärkte sich noch mehr. Zeitweilig schien es, als wolle die sinnlose Menge ungeachtet der Majestät des Königs versuchen, die schwedischen Befehlshaber seinen Händen zu entreißen. Wittemberg war wieder zu sich gekommen, und, seine Stellung und Würde vergessend, sprang er aus seinem Wagen und warf sich dem Könige zu Füßen. »Retten Sie uns, Majestät! retten Sie!« rief er, den Steigbügel Jan-Kasimirs ergreifend. »Sie haben Ihr königliches Wort gegeben, haben den Vertrag unterzeichnet! Erbarmen Sie sich unser! Schonen Sie mein Leben!« Der König wandte voll Widerwillen seine Augen zur anderen Seite und sagte: »Beruhigen Sie sich, Feldmarschall, ich bitte!« Wittemberg seufzte erleichtert auf. »Majestät!« rief er, »wir glauben Ihnen wie unserem Herrgott!« »Denken Sie an die vielen Kapitulationen und Verträge, die Sie selbst gebrochen haben,« wandte sich der alte Hetman Potocki zu Wittemberg. »Wer hat das ganze Regiment Wolfs niedergemetzelt?« »Ich nicht, das tat Müller!« antwortete Wittemberg eilig. Der Hetman warf ihm einen verächtlichen Blick zu und sprach dann zum Könige: »Majestät, wir bestehen nicht darauf, daß Sie Ihr Wort brechen sollen. Möge der Treubruch auf schwedischer Seite bleiben!« »Was sollen wir aber tun?« »Geben Sie ihn unter meinen Schutz,« sagte Pan Zamoyski. »Mag er in Zamoscie abwarten, bis die Gemüter sich beruhigt haben. »Ein anderes Mittel wüßte ich nicht,« meinte der König. »So nehmen Sie ihn mit sich, Pan Obermundschenk.« Der Kanzler ließ den Truppen erklären, daß Wittemberg in Zamoscie interniert werden würde. Die Erregung legte sich darauf bald. Die Freude Jan-Kasimirs über die Zurückeroberung Warschaus war durch den Gedanken getrübt, daß er nicht alle Bedingungen des Vertrages eingehalten hatte, und Czarniecki ging finster umher, wie eine Gewitterwolke. »Mit einem solchen Heer kann man nicht des nächsten Tages sicher sein. Bald kämpfen sie wie die Löwen, bald rennen sie beim ersten Schusse wie die Feiglinge fort, – alles hängt von ihrer Laune ab. Und ereignet sich mal irgend etwas Ungewöhnliches, gleich ist Rebellion da!« grollte der Kastellan. »Wie Majestät belieben; aber der Urheber des heutigen Aufruhres muß auf alle Fälle hingerichtet werden, trotz seiner früheren Verdienste!« Es wurde ein strenger Befehl erlassen, den Pan Zagloba ausfindig zu machen; aber er war verschwunden, als hätte der Erdboden ihn verschluckt. Man sandte überall nach ihm, immer vergebens. Tyzenhauz erzählte später, daß Jan-Kasimir nichts sehnlicher gewünscht hätte, als daß man Zagloba nicht finden möchte. Eine Woche später sagte der König inmitten einer heiteren Unterhaltung bei Tische: »Man soll überall verkünden, daß Pan Zagloba sich nicht mehr versteckt halten solle; denn ich muß sagen, mir fehlen seine spaßigen Einfälle!« Als Czarniecki dagegen Einwendungen machte, unterbrach ihn Jan-Kasimir mit den Worten: »Wer hier in der Republik immer streng nach dem Gesetz urteilen will und nicht nach der Barmherzigkeit, der muß ein Beil in seiner Brust an Stelle des Herzens haben. Hier sündigen die Leute schneller; aber sie bereuen auch leichter als anderswo!« Jan-Kasimir dachte in diesem Augenblicke wohl weniger an Zagloba als an Kmicic. Am Tage vorher hatte sich der junge Ritter dem Könige zu Füßen geworfen und ihn gebeten, daß er ihn nach Litauen senden möge. Er wollte dort weiter gegen die Schweden kämpfen. Und da der König ohnehin einen im Kleinkrieg geübten Offizier nach Litauen senden wollte, so gab er ihm sofort seine Einwilligung. Pan Andreas brach ohne lange zu zögern auf. Durch ein freigebiges Geschenk erlangte er von Subaghazy-Bey die Erlaubnis, fünfhundert Tataren mitzunehmen. Nun führte er im ganzen fünfzehnhundert guter Soldaten mit sich, mit denen er schon wagen konnte, etwas anzufangen. Seine Phantasie malte ihm schon Bilder neuer Schlachten und großer Siege vor. Er hörte, wie ganz Litauen seinen Namen mit Begeisterung und Bewunderung nannte. – Und schließlich mußte doch auch sie von ihm hören, – – und sein Herz schlug vor Freude höher. Und außerdem konnte er doch überall, wo er hinkam, verkünden, daß die Schweden geschlagen und Warschau zurückerobert worden. Warschau genommen! Wo nur seine Hufschläge gehört werden, da begrüßt man ihn mit Freudentränen, da werden die Glocken geläutet, da wird das » Te Deum « gesungen. Im Walde wiederholen die Kiefern, im Felde die vom Wind bewegten Ähren immer die gleiche, fröhliche Kunde: »Der Schwede ist geschlagen! Warschau ist genommen! Warschau genommen!« Ende des Fünften Buches. Sechstes Buch. 1. Kapitel. Trotzdem Haßling-Ketling in der Umgebung des Fürsten Boguslaw gelebt hatte, konnte er Kmicic nicht genügend über die Ereignisse in Tauroggen aufklären; denn der Fürst besaß nur einen Vertrauten, den Pan Sakowicz. Nur der allein wußte, wie weit die Gefühle des Fürsten zu der schönen Gefangenen gingen. Es war eine wilde, glühende Leidenschaft zur Panna Billewicz, von der Boguslaw ergriffen war. Diese Leidenschaft war so mächtig, daß der sonst in Liebesintrigen so Erfahrene gänzlich den Kopf verlor. Mehr als einmal, wenn Boguslaw mit Sakowicz allein war, griff er verzweifelt in seine Haare und schrie: »Sakowicz, ich verliere den Verstand!« Und Sakowicz antwortete immer dasselbe: »Der Medikus Euer Durchlaucht hat doch genug Schlafmittel zur Hand. Ein Wort von Ihnen, und alles wird heute erreicht sein!« Aber der Fürst wollte aus verschiedenen Gründen nicht zu diesem Mittel greifen. Er hatte vor kurzer Zeit im Traume den alten Oberst Billewicz, Alexandras Großvater, gesehen, der ihn bis zum frühen Morgen unverwandt drohenden Blickes angesehen hatte. Boguslaw, der vor nichts in der Welt Angst hatte, fürchtete alles Übernatürliche wie das Feuer. Und er hatte eine Heidenangst bei dem Gedanken, daß die Erscheinung wiederkommen würde, sobald er Sakowicz' Rat befolgte. Ferner fürchtete Boguslaw den Skandal, der sich unfehlbar in ganz Litauen erheben würde. Die Billewicz' waren einflußreich genug und würden nicht versäumen, einen Prozeß zu beginnen. Und das Gesetz ahndete solche Verbrechen durch Todesstrafe und mit Verlust des Gutes und der Ehre. Freilich waren die Radziwills mächtig genug, um den Gesetzen zu trotzen; aber was, wenn der Krieg sich zu Jan-Kasimirs Gunsten entschied, wenn der Fürst alle seine Freunde und Beschützer verlöre? Obgleich Boguslaw eine stark leidenschaftliche Natur war, so war er doch gleichzeitig genügend Politiker, um mit den gegebenen Verhältnissen zu rechnen und sich zu beherrschen, wenn dies nötig war. Dazu kam noch die undenkbar hohe Meinung, die er von sich selbst hatte. Er, der große Politiker, große Stratege, große Ritter und unbesiegbare Eroberer weiblicher Herzen, sollte zu solchem Mittel seine Hilfe nehmen! Er, der eine schwere Kiste mit Liebesbriefen von hochstehenden Damen mit sich führte! Genügten wirklich seine Reichtümer, seine fast königliche Macht, seine Titel, sein weithin berühmter Name, seine Schönheit und Ritterlichkeit nicht, um ein einfaches Schlachtschitzenmädchen zu erobern? Aber mit der Zeit begann des Fürsten Geduld sich zu erschöpfen. Er vergaß die schreckliche Vision und fing an, über Sakowicz' Rat nachzudenken. Seine Leidenschaft entbrannte immer mehr. Da ereignete sich plötzlich etwas, was die Lebensweise in Tauroggen ganz änderte. Boguslaw erhielt die Nachricht, daß Sapieha Tykocin eingenommen habe, und daß der Fürst-Großhetman unter den Trümmern des Schlosses umgekommen sei. In Tauroggen herrschte größte Erregung. Der Fürst brach an demselben Tage auf, um sich mit den Ministern des schwedischen Königs und dem Elektor zu beraten. Seine Abwesenheit von Tauroggen währte länger, als Boguslaw selbst gedacht hatte. Inzwischen begannen nicht nur des Kurfürsten, sondern auch des schwedischen Königs Truppen in die Stadt einzuziehen. Die nackte Wahrheit seines Verrates, die Boguslaw bis dahin zu verbergen gesucht, indem er immer und immer wieder versicherte, auf seiten des rechtmäßigen Königs zu stehen, kam jetzt zutage. Seine Angaben, daß er nur mit dem Schwedenkönig und dem Elektor unterhandle, um sie mit Jan-Kasimir zu versöhnen, erwiesen sich jetzt als entschieden erlogen. Alexandra erkannte, daß Boguslaw ebenso wie sein verstorbener Vetter ein Parteigänger der Schweden war. Zu der gleichen Zeit erhielt auch der Miecznik die Botschaft, daß General Löwenhaupt, der mit seiner Abteilung gegen die aufrührerischen Smudier gezogen war, jetzt alles auf seinem Wege verwüstet und auch Billewicze niedergebrannt habe. Der Miecznik, der sich von der Größe des erlittenen Schadens selbst überzeugen wollte, reiste ab. Und Panna Alexandra blieb mit Panna Kulviec in Tauroggen allein zurück. Alexandra, die zuerst nicht glauben wollte, daß Boguslaw gegen die polnische Armee rüstete, entbot Haßling-Ketling zu sich. Der junge Schotte, der Alexandra innig liebte, kam sofort, hocherfreut, in ihrer Nähe einige Zeit weilen zu dürfen. »Kavalier, sagen Sie mir die Wahrheit,« begann Panna Alexandra. »Wir irren hier umher wie in einem finsteren Walde, ohne einen Lichtschimmer zu sehen. Die einen sagen, der Fürst-Wojewod starb eines natürlichen Todes, die anderen wieder, man hätte ihn mit dem Säbel erschlagen. Was war die Ursache seines Todes?« Ketling wurde verlegen und errötete, dann raffte er seinen Mut zusammen und sagte: »Die Ursache des Todes des Fürst-Wojewoden sind Sie, Panna.« »Ich?« staunte Panna Billewicz. »Ja, Sie. Weil Fürst Boguslaw, anstatt seinem Vetter zu Hilfe zu eilen, es vorzog, hier zu bleiben. – Er hat alles in Ihrer Nähe vergessen.« Jetzt war es an Alexandra zu erröten. »Wenn meine Worte Sie gekränkt haben,« begann Ketling schüchtern und ehrerbietig, »so bin ich bereit, auf den Knien um Vergebung zu flehen.« »Lassen Sie das!« rief Alexandra. »Ich weiß, Sie haben mir die Wahrheit gesagt. – Ich habe längst bemerkt, daß Sie mir wohlwollen. – Ich bin hier allein,« fuhr sie dumpf fort, »ohne Schutz, ohne Hilfe. – Wollen Sie mein Bruder sein? Wollen Sie meine Feinde beobachten und mich im Augenblicke der Gefahr warnen?« Ketling ließ sich auf die Kniee nieder und küßte die Fingerspitzen ihrer Hand, die sie ihm gereicht hatte. »Sagen Sie, was geht hier um mich vor?« »Ich werde Ihnen die volle Wahrheit sagen, soweit ich sie erfahren konnte. – Der Fürst liebt Sie bis zur Besinnungslosigkeit. Aber es ist nur eine wilde Leidenschaft, – er will Sie entehren; denn heiraten kann er Sie nicht. Er wird die Fürstin Anna heiraten, um ihr Vermögen mit dem seinigen zu vereinigen. Trauen Sie nicht dem Fürsten und seiner Bescheidenheit, – Verrat lauert hier auf jedem Schritt in seiner nächsten Umgebung. Sie sind alle Schufte, und einen solchen, der dem Sakowicz gleicht, gibt es in der ganzen Welt nicht mehr. Hätte ich mich nicht durch einen Schwur verpflichtet, das Leben des Fürsten zu beschützen, so würde dieser Arm und Degen Sie schon längst von der Ihnen drohenden Gefahr befreit haben! – Zu allererst aber würde ich den Sakowicz umbringen, ihn zuerst. Sogar eher als diejenigen Menschen, die meinen Vater getötet, die ihm sein Hab und Gut geraubt und mich zu der kläglichen Rolle eines Söldners verdammt haben.« Der erregte Ketling preßte seine Hand fest auf den Griff seines Degens und erzählte Alexandra, was Sakowicz dem Fürsten geraten hatte. Zum großen Erstaunen des Schotten blieb Alexandra ganz ruhig; sie erbleichte nur, und ihr Gesicht nahm einen harten Ausdruck an. »Ich werde es schon verstehen, mich zu schützen,« entgegnete sie, »und Gott wird mir beistehen.« »Bisher scheute sich der Fürst, dem Vorschlage Sakowicz' zu folgen,« fiel Ketling ein, »aber sobald er sehen wird, daß der von ihm gewählte Weg zu nichts führt, –« Alexandra unterbrach ihn: »Noch eine Frage. Auf wessen Seite steht der Fürst?« »Für uns ist es kein Geheimnis,« antwortete der junge Offizier, »daß der Fürst um jeden Preis bei der Aufteilung der Republik Litauen einheimsen will. – Der Kurfürst und der schwedische König sind ihrerseits bereit, ihm dabei zu helfen.« »Noch eins! – Sie kannten den Pan – Andreas Kmicic?« »Ja, ich kenne ihn schon von Kiejdane her, zum letzten Male habe ich ihn in Pilwiszki gesehen.« »Ist es wahr, – hat der Fürst die Wahrheit gesagt, – daß Pan Kmicic sich ihm für Geld angeboten hat, den König zu entführen?« »Ich weiß es nicht. – Ich weiß nur das eine, daß die beiden zusammen in Pilwiszki konferiert haben. Dann ritt der Fürst mit ihm zusammen in den Wald und kehrte solange nicht zurück, daß Paterson begann unruhig zu werden und ihm einige Reiter entgegenschickte. Ich war unter diesen; wir trafen den Fürst unterwegs, und ich habe bemerkt, daß er sehr aufgeregt wie nach einem schweren, innerlichen Kampfe war. Er sprach mit sich allein, was er sonst nie tut. Ich hörte ihn sagen: »Der Teufel allein konnte so etwas wagen« – Erst später fiel mir ein, daß der Fürst mit seinem Ausspruche schon recht haben konnte. Panna Billewicz preßte die Lippen fest zusammen. »Ich danke Ihnen,« sagte sie, indem sie dem Kavalier die Hand reichte. Als Alexandra allein blieb, beschäftigte sie nur der eine Gedanke: zu fliehen. Um jeden Preis aus diesen verräterischen Mauern heraus! Fort von diesen Tieren in Menschengestalt! Aber wohin sollte sie? Die Städte und Dörfer befanden sich noch in den Händen der Schweden. Das ganze Land wimmelte von Soldaten und Räuberbanden, – wer sollte sie begleiten? Panna Kulviec, der Miecznik mit einigen seiner Diener, – waren diese wenigen imstande, sie zu schützen? Was tun also? – Hier und dort erwartete sie das Verderben, – hier und dort wartete ihrer die Schande. In ihrer Verzweiflung gedachte sie mit einem Male der Heide, in der sie die ungetrübten Jahre ihrer Kindheit verbracht hatte, und der Gedanke, daß allein die Heide ihr einen sicheren Unterschlupf gewähren könnte, durchzuckte wie ein Blitz ihren Kopf. Alexandra atmete tief auf; sie hatte gefunden, was sie gesucht. »Ja, ja, – nach Zielonka, nach Rogowska! Dorthin kommt der Feind nicht. Dort werden die Domaszewicz' und Stakjans mich aufnehmen, und sollten sie mit Wolodyjowski in den Krieg gezogen sein, so wandere ich weiter, durch dieselben Wälder weiter, in anderen Wojewodschaften Schutz zu suchen! – Also nach der Bialowiczer Heide! Morgen! Heute schon! – Wenn nur der Onkel bald zurückkehrte!« In dem dunklen Dickicht des Waldes wollte sie sich verbergen, bis das Gewitter vorübergezogen war, und dann, – ins Kloster. – Nur da gab's für sie Ruhe und Frieden, nur da konnte sie die Menschen und ihren Kummer und Gram vergessen! – – 2. Kapitel. Der Pan Miecznik kehrte finster und in höchstem Grade erbittert zurück. Billewicze war in der Tat gänzlich geplündert und verbrannt worden; die Bauern und Dienerschaft waren geflohen. Alexandra zog ihn nach der Ankunft sogleich in ihr Zimmer und erzählte ihm, was Ketling ihr gesagt hatte. Der alte Schlachtschitz, der selbst kinderlos war, liebte Alexandra wie seine eigene Tochter. Bei ihrer Erzählung geriet er in die größte Aufregung und schrie zornig: »Warte nur, du Galgenstrick! Du Verräter! Noch habe ich Arme! Noch ist mein Säbel nicht verrostet!« »Wir müssen an eine Flucht denken,« sagte Alexandra. Und sie teilte ihm ihren Fluchtplan mit. Der Miecznik beruhigte sich allmählich und meinte schließlich: »Gut, ich sammle eine »Partei« zusammen. Meine Besitzung hat man mir niedergebrannt, schön; ich werde die Leute aus anderen Dörfern zusammenrufen. Alle Billewicz' werden sich uns anschließen. Wir werden dem da zeigen, wie man unsere Ehre antasten darf! Du denkst, du, Radziwill, darfst alles! Ausgezeichnet! – Wir werden ja sehen, wem ganz Smudien folgen wird!« Dann faßten die beiden zusammen folgenden Plan: Der Miecznik sollte einen Vertrauensmann zu den Verwaltern mit dem Auftrage schicken, sämtliche Bauern, die ihm und den anderen Billewicz' gehören, zu versammeln und zu bewaffnen. Sechs treue Diener sollten alsdann so tun, als ob sie nach Billewicze fahren, um die mit Gold- und Silbergeld gefüllten, dort vergrabenen Krüge zu holen. In Wirklichkeit aber verbargen sie sich an einer bestimmten Stelle der Girlakolsker Wälder, um den Miecznik und Alexandra mit Pferden und Proviant zu erwarten. Der Miecznik wollte angeblich mit seiner Nichte zum Pan Kuczuk fahren, bei dem sie schon öfter zu Besuch waren, und wo sie sogar auch übernachtet hatten. Auf diese Weise würden sie einen Vorsprung von mehreren Tagen gewinnen; dazu kam, daß Boguslaw gerade von Tauroggen abwesend war. Am folgenden Tage ritt ein Junge mit Briefen aus dem Schlosse hinaus. Drei Tage später sprach der Miecznik mit Paterson über seine verborgenen Schätze und über die Notwendigkeit, sie nach dem sicheren Tauroggen zu bringen. Paterson glaubte seinen Worten ohne jedes Bedenken; der Miecznik galt ja für einen sehr reichen Mann. »Bringen Sie sie nur möglichst schnell her!« sagte Paterson, »wenn es nötig ist, werde ich Ihnen einen Konvoi mitgeben.« »Je weniger Leute darum wissen, desto besser! Meiner Dienerschaft kann ich vertrauen!« »Schön! Und das Geld werden Sie gegen eine Quittung dem Fürsten aushändigen. Ich weiß, er braucht Geld, die Einkünfte gehen nur spärlich ein.« »Gewiß, – sowohl ich selbst als alles, was ich besitze, steht Seiner Durchlaucht zur Verfügung!« entgegnete der Miecznik. Damit war die Unterhaltung beendet. Die Dienerschaft des Miecznik reiste sogleich ab, der Miecznik selbst wollte morgen nachkommen. Plötzlich kehrte Boguslaw an der Spitze zweier preußischer Regimenter zurück. Die Dinge mußten schlecht stehen; denn sein Gesicht war außergewöhnlich finster. An demselben Tage hielt er noch mit dem Grafen Seydewitz, dem Bevollmächtigten des Elektors, Paterson, Sakowicz und Oberst Kyritz eine Beratung ab. »Der Kurfürst und der schwedische König haben mir Verstärkung gegeben,« sagte der Fürst. – »Entweder wir treffen Sapieha noch in Podlachien, dann müssen wir ihn schlagen, oder er ist nicht mehr dort, und wir besetzen Podlachien ohne Widerstand. Aber wir gebrauchen zu einem und dem anderen Geld. Und das hat mir weder der Elektor noch der schwedische König gegeben, weil sie selbst keins haben.« »Ich bin in der glücklichen Lage, Eurer Durchlaucht einen guten Rat geben zu können,« bemerkte Paterson. »Besser wäre es, wenn Sie mir Geld gäben.« »Mein Rat ist so gut wie Geld. Gestern teilte mir Pan Billewicz mit, daß bei ihm in Billewicze eine bedeutende Summe Geldes vergraben sei, und daß er Ihnen dieses Geld mit Vergnügen gegen eine Quittung aushändigen würde.« »Das ist wirklich sehr angenehm! Wie soll ich Ihnen danken, Paterson! Ich muß gleich morgen mit Billewicz sprechen.« »Dann beeilen Sie sich; denn morgen früh will er mit seiner Nichte zum Pan Kuczuk.« »Sagen Sie ihm, daß er nicht abreisen solle, ohne mich vorher gesprochen zu haben. Bei Gott, das heißt zu rechter Zeit eintreffen. Es wird wirklich sehr amüsant werden, wenn ich mit dem Gelde dieses halbverrückten Patrioten Podlachien von der Republik abtrenne!« Trotzdem sich der Miecznik und Alexandra bemühten, gelang es ihnen nicht, den Fürsten in derselben Weise wie früher zu empfangen. Boguslaw bemerkte das gleich. Und da er sich dachte, daß sie von seinem Bündnis mit den Schweden gehört haben werden, so beschloß er, eine List anzuwenden. Nach den üblichen Begrüßungsworten sagte er: »Sie haben wohl von dem Unglück gehört, das mir zugestoßen ist?« »Sie belieben vom Tode des Fürst-Wojewoden zu sprechen?« fragte der Miecznik. »Nicht davon allein. Das ist ein harter Schlag, aber ich habe mich schon in den Willen Gottes gefügt. – Eine neue Bürde ist mir zugefallen. Ich muß einen Bruderkrieg führen, und das ist für einen jeden Bürger, der sein Vaterland liebt, unerträglich.« Der Miecznik antwortete nichts; er sah nur Alexandra von der Seite an. Der Fürst fuhr fort: »Mit übermenschlichen Anstrengungen und Gott weiß welchen Opfern war ich mit meinem Versöhnungswerk schon fast zu Ende. Es blieben nur noch die Verträge zu unterzeichnen. Die Schweden wollten Polen ohne Entschädigung verlassen, allein mit dem Versprechen des Königs und des Reichsrates, daß man nach dem Ableben Jan-Kasimirs Karl-Gustav auf den polnischen Thron wählen würde. Sie versprachen sogar dafür, uns gegen die Kosaken und Russen Hilfstruppen hier zu lassen. Dann hätten wir getrost unsere Grenzen erweitern können. Aber das alles paßt natürlich Pan Sapieha durchaus nicht. Auf diese Weise kann er ja nicht den endgültigen Untergang der ihm verhaßten Radziwills herbeiführen! Alle waren schon mit einem solchen Vertrage einverstanden, nur der Pan Hetman widersetzt sich mit den Waffen in den Händen. Was gilt ihm das Vaterland im Vergleiche zu seinen eigenen persönlichen Angelegenheiten! Jetzt heißt's, gegen ihn die Waffen zu richten. Und diese traurige Misston ist einem geheimen Übereinkommen zwischen Jan-Kasimir und Karl-Gustav zufolge mir übertragen worden. Ich habe niemals dem Vaterlande meine Dienste verweigert und werde es auch jetzt nicht tun, wenn auch viele, die den wahren Sachverhalt nicht kennen, mich verurteilen werden.« »Wer Sie so gut kennen gelernt hat wie wir,« sagte der Miecznik, »der kann nicht an Ihnen irre werden. Der wird stets die Beweggründe Eurer Durchlaucht richtig zu schätzen wissen.« Pan Billewicz war selbst entzückt über seine Geschicklichkeit und nickte seiner Nichte befriedigt zu. »Man traut mir nicht,« dachte der Fürst, den Blick des Miecznik auffangend. Und er fühlte sich bis ins Innerste seiner Seele hinein verletzt, obwohl er äußerlich ganz ruhig blieb. Er war aufrichtig davon überzeugt, daß niemand es wagen dürfe, einem Radziwill zu mißtrauen, selbst dann, wenn dieser Radziwill eine Lüge ausspräche. »Paterson teilte mir mit,« fuhr er fort, »daß Sie mir Ihr Geld gegen eine Quittung aushändigen wollen. Ich werde das sehr gern annehmen; denn ich gebrauche jetzt notwendig Geld.« Dann wandte der Fürst sich zu Alexandra: »Verzeihen Sie, Panna, daß wir in Gegenwart eines so reizendes Wesens von so prosaischen Dingen sprechen! – Was aber hilft's! Es sind solche Zeiten hereingebrochen.« Alexandra schlug die Augen zu Boden und verneigte sich schweigend. Der Miecznik hatte inzwischen einen Aktionsplan entworfen, einen möglichst plumpen Plan; aber er war nichtsdestoweniger sehr zufrieden mit sich. »Die Nichte entführe ich, und Geld bekommt er auch nicht,« dachte er. Dann räusperte er sich und begann laut: »Ich freue mich sehr, Eurer Durchlaucht nützlich zu sein. Natürlich konnte ich Paterson nicht alles sagen. – Ich habe nämlich noch an einer anderen Stelle einen Krug mit Gold vergraben, damit, wenn der erste Platz entdeckt wird, mir noch dieses Geld bleibt. – Übrigens haben auch die anderen Billewicz' Krüge mit Geld vergraben. Alexandra und ich allein kennen die Plätze. Wenn Sie uns gestatten würden hinzufahren, so würden wir alles hierher bringen.« Boguslaw starrte den Sprecher an. »Wieso denn? Paterson sagte mir doch, Sie hätten schon Ihre Diener hingeschickt? Und wenn dem so ist, so müssen diese doch wissen, wo das Geld vergraben liegt.« »Aber sie wissen nicht alles.« »Das Geld liegt doch sicherlich an einer bestimmten, auffindbaren Stelle, – neben einem Baume oder sonstwo. – Das ist doch leicht zu beschreiben, oder auf dem Papiere aufzuzeichnen.« »O, das ist keineswegs leicht,« rief der Miecznik, dem die Geduld ausging. – »Pläne zu entziffern werden meine Diener nicht imstande sein.« »Mein Gott, sie werden doch Ihre Gärten gut kennen! – Fahren Sie doch allein! Wozu soll sich Panna Alexandra beunruhigen?« »Allein fahre ich nicht,« sagte der Miecznik entschlossen. »So?« fragte Boguslaw, indem er mit seiner Reitgerte, die er in der Hand hielt, ärgerlich an seinen Stiefel schlug. – »Gut denn! Ich werde Ihnen eine Militäreskorte mitgeben.« »Wir brauchen Ihre Eskorte nicht. Wir können allein hin und zurück fahren. Unter den unsrigen haben wir nichts zu befürchten!« »Als Wirt habe ich die Pflicht, für die Sicherheit meiner Gäste zu sorgen. Ich kann nicht zulassen, daß Panna Alexandra ohne Bedeckung fährt. Wählen Sie: entweder Sie reisen allein oder mit einer Eskorte!« Pan Billewicz, nachdem er bemerkt, daß er sich in seiner eigenen Falle gefangen hatte, vergaß alles um sich und schrie heftig: »Nun, dann wählen Sie selbst: entweder wir fahren beide ohne Ihre Bedeckung, oder ich gebe Ihnen kein Geld.« Boguslaw blickte ihn aufmerksam an, ohne jede Spur von Zorn; nur die Reitgerte schlug immer öfter an seinen Stiefel. Hätte der Pan Miecznik sich besser auf ihn verstanden, so würde er gewußt haben, daß er sich einer großen Gefahr aussetzte. Mit Boguslaw war nicht gut Kirschen essen. Niemand wußte, wo bei ihm die Grenze zwischen dem geschickten Höfling, dem reservierten Diplomaten und dem durch nichts gezähmten Magnaten lag, der es verstand, mit der Brutalität eines asiatischen Despoten jeden Widerstand zu brechen. Der Miecznik verlor immer mehr seine Selbstbeherrschung und schrie: »Sie legen sich umsonst eine Maske vor! Man hat Sie schon längst durchschaut, – und weder Ihr Fürstentum, noch der schwedische König, noch der Elektor, denen Sie Ihr Vaterland verkauft haben, werden Sie vor dem Strafrichter schützen!« Mit einer konvulsiven Bewegung zerbrach Boguslaw die Gerte und warf ihre Stücke dem Miecznik vor die Füße. Mit drohender, gepreßter Stimme sprach er: »Soviel sind alle Ihre Rechte und Ihre Strafrichter wert! Schweig', Wurm; wisse, daß ein Fußtritt von mir dich zu Staub zermalmen kann!« Er ging auf den Miecznik zu, aber plötzlich stellte sich Panna Alexandra zwischen sie. »Was wollen Sie tun?« fragte sie. Der Fürst blieb angewurzelt stehen. Vor ihm stand Alexandra mit flammendem Gesicht, mit funkelnden Augen, wie die zornige Minerva. Ihre Brust hob sich ungestüm, wie die Meereswelle während der Flut; sie war so bezaubernd anzusehen, daß Boguslaw seinen ganzen Zorn vergaß. Er beugte sein Haupt und flüsterte: »Verzeihen Sie mir, – ich hatte in der letzten Zeit soviel zu ertragen, daß ich nicht mehr imstande bin, mich zu beherrschen!« Dann verließ er das Zimmer und ließ sich im Laufe des ganzen Tages nicht mehr sehen. Zu Mittag speiste er nur mit Sakowicz allein. Der Fürst schüttelte sich wie im Fieber, das er seiner Liebe zu Panna Alexandra zuschrieb. Es war ihm zumute, daß er sterben müßte, wenn er sein Ziel nicht erreichte. »Meine Hände und Füße glühen mir,« klagte er zu Sakowicz. »Es ist mir, als wenn Ameisen über meinen ganzen Körper laufen! – Was, zu tausend Teufeln, soll das bedeuten? Noch nie im Leben war mir so.« »Weil Sie wie ein gefüllter Kapaun mit allerlei Vorurteilen vollgepfropft sind. – Ha, ha, ha!« »Schafskopf!« »Auch gut!« »Deine Witze sind hier nicht vonnöten.« »Durchlaucht, nehmen Sie doch eine Laute und gehen Sie unter das Fenster Ihrer Geliebten. – Fürchten Sie, daß Ihnen der Miecznik die Faust zeigt? Ist das die berühmte Tapferkeit des Fürsten Boguslaw?« »Schafskopf!« »Schön, schön. – Ich sehe, Euer Durchlaucht belieben, mit sich selbst zu sprechen und sich bittere Wahrheiten ins Gesicht zu sagen. Genieren Sie sich nur nicht!« »Hör' mal, Sakowicz, wenn mein Kastor mir bisweilen zu familiär wird, so traktiere ich ihn mit einem Fußtritte. Sieh zu, daß dir nicht etwas Schlimmeres passiert.« Sakowicz sprang von seinem Platze auf und schrie laut, indem er die Stimme des Miecznik vorzüglich nachahmte: »Ich bin also bei Ihnen in Gefangenschaft? Sie wollen also einen freien Bürger in Haft nehmen? Heilige Rechte mit den Füßen treten?« »Genug, genug« rief fieberhaft der Fürst. »Dort, den alten Narren, den hat sie mit ihrer Brust geschützt. Hier aber ist niemand da, dich zu schützen!« »Nun, wenn sie sich hervorwagte, warum haben Sie denn gezögert? Sie hätten sie doch nehmen sollen!« »Und ich werde das auch! – Aber etwas ist hier nicht in Ordnung. – Entweder sie hat mich verhext, oder in ihr selbst steckt etwas, was mich schwindlig und unbeholfen macht. – O, wenn du sie gesehen hättest, wie sie diesen Esel verteidigte! – Aber ach! Du bist ja dumm! – Fühl' nur, wie mir die Hände brennen! Ach, wenn ich von ihr –« »Nachkommen hätte!« vollendete Sakowicz. »Ja, ja, was ist da zu machen. Ich berste vor Leidenschaft wie eine Granate. – Schließlich werde ich sie heiraten! Was, zum Teufel, soll ich sonst tun!« Sakowicz zog die Brauen zusammen. »Daran dürfen Euer Durchlaucht nicht einmal denken!« »Was ich will, das tue ich auch! Und wenn eine ganze Herde von Sakowicz' dagegen sagen sollte: »Daran dürfen Euer Durchlaucht nicht einmal denken!« »Warum wollen Sie nicht meinem Rate folgen?« »Das tue ich schon! Mag der Teufel alle die Billewicz', ganz Litauen dazu und auch Jan-Kasimir holen! – Es geht nicht anders. – Es ist genug gewartet. – Und ich, Narr, habe bisher geschwankt! Ich fürchtete Träume, die Billewicz´, die Rache der Schlachta, Jan-Kasimir! – Nenn' mich einen Narren, hörst du; ich befehle dir, mich einen Narren zu nennen!« »Und jetzt gehorche ich nicht; denn nun steht vor mir ein echter Radziwill! – Warten Sie, lassen Sie mir ein wenig Zeit, alles zu überlegen!« Mit finster zusammengezogenen Brauen saß Sakowicz da und schwieg. »So sprich doch! Was raunt der Teufel dir in die Ohren?« rief der Fürst ungeduldig aus. »Halt! – Hier in der Gegend lebt ein gewisser Plaska, oder wie der Kerl sonst heißt! – Er war ein katholischer Pfarrer, später wurde er lutherisch und floh unter den Schutz des Kurfürsten. Jetzt handelt er mit gedörrten Fischen.« »Was geht das mich an! Schwatz' doch keinen Unsinn!« »Was Sie das angeht? Sehr viel sogar. – Nun, der wird Sie beide zusammen nähen wie ein Pelzfutter mit dem Stoff. Da er aber kein rechter Meister ist, so werden die Nähte sich bald auftrennen. Habe ich recht? Alle die anderen Meister werden seine Naht nicht anerkennen. Man wird ihm den Schädel einschlagen, und Sie selbst werden zuerst klagen, daß Sie betrogen worden sind. Nun, haben Sie begriffen? Ich gebe Ihnen als erster meinen Segen.« »Begriffen und nicht begriffen!« sagte in Gedanken der Fürst. – – »Verteufelt! Jetzt habe ich ausgezeichnet begriffen! Sakowicz, du bist wahrhaftig als ein Hecht mit Zähnen auf die Welt gekommen. Dem Galgen wirst du sicherlich nicht entgehen! Aber solange ich lebe, soll dir kein Haar gekrümmt werden, und eine Belohnung sollst du auch erhalten. Ich aber –« »Sie aber werden bei der Panna Billewicz und bei ihrem Onkel feierlich um ihre Hand anhalten. Lassen Sie sich aus meinem Felle Riemen schneiden für die Sandalen, mit denen Sie nach Rom pilgern werden, wenn Sie einen Korb erhalten. Nur sagen Sie dem Miecznik, daß der Kurfürst und der schwedische König Ihnen eine Prinzessin aus einem regierenden Hause bestimmt hätten, und daß deshalb alle Unterhandlungen über Ihre Heirat geheim bleiben müßten. Setzen Sie getrost einen beliebigen Ehekontrakt auf, beide Kirchen werden ihn für ungültig erklären.« »Ich habe wenig Zeit,« begann nach einer Pause Boguslaw, »In drei Tagen muß ich unbedingt gegen Sapieha vorrücken.« »Ausgezeichnet! Wie anders sollte Ihre Eile erklärt werden, als durch diese äußerste Notwendigkeit! Wie natürlich, daß man schnell den ersten besten Pfarrer zur Trauung wählt. – Selbst, wenn Sapieha Sie schlägt, so haben Sie doch immerhin einen Sieg errungen!« »Schon gut! Schon gut!« entgegnete der Fürst. »Geh!« 3. Kapitel. Um anderen Tage ging Boguslaw sofort zum Miecznik. »Pan Miecznik,« begann er, noch an der Schwelle stehend, »ich habe mir gestern vor Ihnen etwas zuschulden kommen lassen; ich gestattete mir im eigenen Hause in Zorn zu geraten. Mea culpa! Um so mehr, als ich einen Mann beleidigt habe, der von jeher den Radziwills sehr ergeben war. Aber wie die Dinge auch stehen, ich hoffe, Sie werden mir angesichts meiner aufrichtigen Reue verzeihen. – Sie, ein alter Freund unseres Hauses, werden doch meine Hand nicht zurückweisen, wenn ich sie Ihnen reiche.« Der Miecznik antwortete trocken: »Geben Sie uns unsere Freiheit zurück, und unsere Rechnung ist beglichen.« »Sie können abreisen, wann Sie wollen, ich halte Sie nicht. Ich bitte Sie nur, hören Sie mich an.« »Ich bin bereit, Ihnen sogar bis zum Abend zuzuhören.« »Sie erhalten Ihre Freiheit, obwohl ich nicht sicher bin, daß Sie von ihr Gebrauch machen werden, ob Sie willens sein werden, mein Haus zu verlassen. Ich würde mich freuen, wenn Sie sich in Tauroggen wie zu Hause fühlten! – Hören Sie weiter. – Wissen Sie, warum ich mich der Abreise der Panna Alexandra widersetzte? Weil ich Ihre Absicht erriet, für immer von hier fort zu gehen. Und ich habe Ihre Nichte so lieb gewonnen, daß ich bereit bin, für sie jeden Tagen den Hellespont zu durchschwimmen, wie einst Leander für Hero.« Der Miecznik brauste auf: »Und Sie wagen es, mir das zu sagen!« »Gerade Ihnen kann ich es sagen, mein guter Freund!« »Fürst, suchen Sie Ihre Befriedigung bei einer Ihrer Hofdamen, aber wagen Sie es nicht, die Tochter eines Schlachtschitzen anzurühren! Sie können sie gefangen halten, – Sie können sie hinter sieben Schlösser legen, aber sie zu entehren, das erdreisten Sie sich nicht!« »Entehren! nein!« rief der Fürst gedehnt, – »aber ich könnte ihren Onkel, den alten Billewicz, inständig bitten, mir die Hand seiner Nichte zu schenken. Denn ich kann ohne das Mädchen nicht leben!« Der Miecznik sah sich ganz verblüfft um, strich mit der Hand über sein Gesicht und sagte stotternd: »Schlafe ich, oder bin ich wach?« »Sie sind wach, lieber Pan Billewicz. Und um Sie davon zu überzeugen, wiederhole ich Ihnen: Ich, Boguslaw, Fürst Radziwill, Oberstallmeister des Großfürstentums Litauens, bitte Sie, Tomasz Billewicz, den Rosiener Miecznik, um die Hand Ihrer Nichte Panna Alexandra.« »Erlauben Sie, – lassen Sie mich erst zu mir kommen. – Und der Unterschied unserer Stellung?« »Kommen Sie doch zur Besinnung. Spreche ich nicht mit dem Pan Billewicz?« »Fürst, ich weiß, daß der Stammbaum unseres Geschlechtes im alten Rom zu suchen ist, – aber –« »Aber in Ihrem Geschlechte gab es weder einen Hetman noch einen Kanzler, meinen Sie? – Das ist jedoch Unsinn! Sobald in unserer Republik jeder Schlachtschitz zum Könige gewählt werden kann, verschwindet jeder Unterschied der Stammbäume. Meine Mutter, lieber Pan Miecznik und künftiger Onkel, war eine brandenburgische Prinzessin, – meine Großmutter, eine Fürstin Ostrogska, – aber mein Großvater, Krysztof I., der Großhetman, Kanzler und Wilnaer Wojewod, hatte zur ersten Frau eine Panna Sobek. Seine fürstliche Krone ist ihm deshalb nicht vom Kopfe gestürzt, weil er nur eine Schlachcianka geheiratet hat. – Nun, was meinen Sie, wodurch sind die Billewicz' schlechter als die Sobeks? Wie?« »Vergelte Ihnen Gott Ihre Großmut! – Mir ist wirklich eine schwere Last von den Schultern genommen. – Aber der Glaubensunterschied?« »Ein katholischer Pater wird uns trauen, einen anderen will ich selbst nicht.« Hierbei lächelte Boguslaw. »Auch wegen der künftigen Nachkommen will ich nicht streiten, mögen sie Katholiken bleiben. – Kurz, es gibt nichts, was ich Ihrer reizenden Nichte zuliebe nicht opfern würde!« Des Mieczniks Gesicht strahlte unter einem zufriedenen Lächeln. »Cha, cha, cha! Das wird ein Gerede in ganz Smudien, geben! Was werden die Licinskis, unsere Feinde, sagen, wenn den Billewicz' so eine Ehre zuteil wird?« »Ihre Feinde, lieber Pan Miecznik, verjagen wir aus Smudien.« »Großer Gott, barmherziger Gott! Deine Wege sind unerforschlich; aber wenn du vorher bestimmt hast, daß die Licinskis vor Neid platzen sollen, so möge dein Wille geschehen!« »Amen!« fügte Boguslaw hinzu. »Wie bin ich Ihnen für Ihre Zustimmung dankbar! Mein ganzes Leben wird nicht hinreichen, um Ihnen meine Schuld abzutragen. – Sie erinnern sich wohl noch, daß ich Ihnen gesagt habe, der schwedische König habe mich zum Vermittler seiner Unterhandlungen mit Jan-Kasimir gewählt? – Und warum bin ich dieser Ehre teilhaftig geworden? – Früher durfte ich Ihnen das nicht verraten, jetzt aber brauche ich keine Geheimnisse mehr vor dem künftigen Verwandten zu haben. – Nur das bitte ich, daß alles unter uns bleibt! – Karl-Gustav besitzt zwei Schwestern; die eine ist mit de la Gardie verheiratet, und die andere will er mir geben. Durch mein Haus will er auf Litauen einwirken. Deshalb zögere ich noch und ergreife keine entschlossenen Maßnahmen.« »Wie ist denn das?« fragte der Miecznik unruhig. »Aber mein Täubchen tausche ich um keine Prinzessin ein! Nur darf ich den schwedischen Tiger nicht reizen, und daher bemühe ich mich, die Sache noch möglichst hinzuziehen. Sobald aber der Friedensvertrag unterzeichnet worden ist, – dann wollen wir sehen!« »Sie werden doch wahrscheinlich nicht unterzeichnen, wenn sie erfahren, daß Sie inzwischen geheiratet haben.« »Pan Miecznik,« begann der Fürst ernst, »geben Sie mir einen Rat, was ich tun soll. Man macht mir Vorwürfe, daß ich die Interessen der Heimat meinen Wünschen opfere. Gott allein sieht, wie ungerecht diese Beschuldigung ist! Jetzt, wo ich entweder mein Glück oder die Ruhe des Vaterlandes opfern muß, – jetzt frage ich Sie, was soll ich tun?« Der Miecznik schwieg. »Überlegen Sie, und sagen Sie, was ich tun soll?« »Was bleibt Ihnen da zu tun übrig? – Sie werden die Hochzeit verschieben müssen.« »Nein, das kann ich nicht. Die Zukunft liegt zu ungewiß vor mir. Ich kann krank werden, gestern erst hatte ich einen Anfall, von dem ich mich kaum erholen konnte. Endlich, ich kann sterben und in dem Kampfe mit dem Verräter Sapieha mein Leben lassen.« »Um Gottes willen, so finden Sie selbst einen Ausweg!« »Wie soll ich das?« lächelte der Fürst traurig. »Ich wäre selbst zu glücklich, die süßen Fesseln anzulegen!« »Dann lassen Sie sich, mag kommen, was da will, trauen.« Boguslaw sprang von seinem Platze auf. »Beim Evangelium! Sie müßten Kanzler von Litauen sein! Wenn ich drei Nächte und drei Tage darüber nachgedacht hätte, das wäre mir nicht in den Kopf gekommen, was Ihnen in einer Minute klar wurde. Ja, gerade so machen wir es. Sich trauen lassen und dann abwarten! Welch ein Geist in Ihnen steckt! In zwei Tagen muß ich gegen Sapieha ziehen, – daran ist nichts zu ändern. Ich lasse in dieser Zeit schnell einen geheimen Gang zu den Zimmern der Panna durchlegen, und dann frisch auf! Zwei oder drei zuverlässige Leute nehmen wir als Zeugen mit uns, damit alles streng formell gemacht wird. Ich sichere der Panna den Witwenanteil. Vorläufig aber muß alles ganz geheim bleiben. – Mein Lieber, von Herzen danke ich Ihnen! Kommen Sie in meine Arme, und dann zu ihr. – Ich werde auf ihre Antwort warten wie ein Gefangener auf seine Freiheit. – Inzwischen werde ich Sakowicz zu einem Pfarrer senden! Auf Wiedersehen!« Der Fürst ließ den Miecznik aus seinen Armen und stürzte zum Zimmer hinaus. »Was ist das?« fragte der Miecznik sich selbst, als sich seine erste Erregung etwas gelegt hatte. »Mir scheint, ich habe da einen Rat gegeben, dessen sich selbst Salomo nicht zu schämen brauchte. Aber ich fühle, die Sache ist nicht ganz geheuer. Alles Geheimnis und wieder Geheimnis.– Andererseits geht es ja doch nicht anders. – Ach, daß der Teufel alle diese Schweden holen möchte! – Wären nicht diese wichtigen Unterhandlungen, so könnten wir eine Hochzeit machen, daß ganz Smudien zusammenliefe. – Jetzt muß der Mann sich zur eigenen Frau hinschleichen wie ein Dieb. Pfui Teufel! Die Licinskis werden nun nicht sobald vor Neid bersten; aber mit Gottes Hilfe werden sie ja dem nicht entgehen.« Und mit diesen Gedanken ging er zu Alexandra. Der Fürst pflog zu gleicher Zeit Rat mit seinem Vertrauten Sakowicz. »Dieser Schlachtschitz hat mich zu Tode gequält. – Sobald er nur das Wort »Onkel« hörte, wurden seine Augen feucht. Warte! Ich werde dich zu einem solchen Onkel machen, wie ich Hunderte in der Welt herumlaufen habe. – Sakowicz, ich schließe die Augen und sehe im Geiste, wie sie mich an der Schwelle ihres Zimmers empfängt. Sakowicz, ich schenke dir mein Gut Prudy zum lebenslänglichen Besitz. – Wann kann Plaska hier sein?« »Gegen Abend. Ich danke Ihnen für Ihre Schenkung.« »Ist nicht nötig. – Gegen Abend also? Dann kann er jede Minute eintreffen. – Hast du den Ehekontrakt ausgefertigt?« »Ja, der ist fertig. – Ich war in Ihrem Namen sehr freigebig, ich habe ihr Birze vermacht.« Der Fürst trat vor den Spiegel. »Dieser Fouret, der Schafskopf, hat mir heute die Brauen schief gezogen. – Sieh nur, sind sie schief? Ich werde ihm die Finger abhauen und seinen Affen zu meinem Kammerdiener machen. – Warum der Miecznik solange ausbleibt? Wie gern möchte ich zu ihr! – Hoffentlich gestattet sie mir wenigstens, einen Kuß vor der Hochzeit zu rauben! – Wie schnell es heute dunkel wird! – Ich glaube, da kommt jemand.« Wirklich, die Tür öffnete sich, und der Miecznik trat, begleitet von Panna Kulwiec, ins Zimmer. Der Fürst ging schnell auf sie zu. Sakowicz stand von seinem Platze auf. »Darf ich zu Panna Alexandra?« fragte Boguslaw. Der Miecznik zuckte nur mit den Achseln und senkte die Augen. »Fürst, meine Nichte sagt, daß der Wille des verstorbenen Oberst Billewicz ihr verbietet, über ihr Schicksal zu verfügen. Aber selbst, wenn sie frei wäre, könnte sie Ihnen nicht ihre Hand reichen, weil sie Euer Durchlaucht nicht liebt.« »Sakowicz, hörst du?« rief Boguslaw mit drohender Stimme. »Allerdings kannte auch ich dieses Testament,« fuhr der Miecznik fort, »aber ich legte ihm keine besondere Bedeutung bei.« »Ich spucke auf alle Eure Schlachtschitzen-Testamente,« brauste der Fürst auf. »Verstanden?« »Wie, was?« erhitzte sich auch nun seinerseits der Miecznik. »Wie können Sie das wagen?« Und er ging drohend auf den Fürsten zu. Boguslaw aber versetzte ihm mit aller Kraft einen Stoß vor die Brust. Der Miecznik stöhnte auf und fiel zu Boden. Der Fürst stieß ihn mit dem Fuße zur Seite und lief aus dem Zimmer. »Jesus, Maria!« schrie Panna Kulwiec. Sakowicz ergriff sie bei den Schultern und näherte ihrer Brust einen Dolch. »Still, Täubchen, still! Sonst schneide ich dir die Gurgel durch wie einem lahmen Huhn. Setze dich ruhig hierher und gehe nicht nach oben. Dort oben geht die Hochzeit deiner Nichte vor sich.« Aber in den Adern der Panna Kulwiec floß ritterliches Blut, daher erschreckten sie Sakowicz' Worte wenig. »Halunke, Nichtsnutziger!« schrie sie, »morde mich; sonst werde ich es in der ganzen Republik ausschreien, daß der Miecznik hier ermordet und meine Nichte entehrt worden ist! Ich will auch nicht leben! Töte mich! Zu Hilfe, Leute, kommt und seht!« Sakowicz schnürte ihr die Gurgel mit seinen eisernen Händen zu. »Still! Ermorden werde ich dich nicht, – wozu auch sollte ich dem Teufel das schicken, was er früher oder später doch erhält? Damit du aber nicht schreist wie ein Pfau, so werde ich dir deine Korallenlippen mit deinem eigenen Tüchelchen zubinden.« Mit der Geschicklichkeit eines echten Mordgesellen umhüllte Sakowicz den Kopf Panna Kulwiec' mit einem Tuche, fesselte ihr die Hände und Füße mit einem Gürtel, warf sie auf einen Diwan und setzte sich in ungezwungener Stellung neben sie. »Nun, wie fühlen Sie sich? Ich glaube, daß auch Boguslaw mit der oben ebenso leicht fertig geworden –« Er kam nicht zu Ende. Die Tür wurde hastig aufgerissen, und auf der Schwelle zeigte sich Panna Alexandra. Ihr Gesicht war bleich wie Linnen, ihr Haar zerzaust, ihre Augen brannten. Als sie des am Fußboden liegenden Miecznik' gewahr wurde, bückte sie sich nieder und befühlte ihm Herz und Kopf. Der Miecznik atmete auf, öffnete die Augen und kroch mit Hilfe des Mädchens bis zum nächsten Sessel. Dann erst bemerkte Alexandra die Anwesenheit ihrer Tante. »Sie haben sie getötet?« fragte sie Sakowicz. »Behüte Gott!« »Ich befehle Ihnen, ihr die Fesseln zu lösen!« In Alexandras Stimme lag ein so gebieterischer Ton, daß Sakowicz sich sofort an die Befreiung der ohnmächtigen Panna Kulwiec machte. »Und jetzt,« sagte die Panna, »gehen Sie zu Ihrem Herrn. Er liegt da oben.« »Was ist mit ihm?« rief Sakowicz. »Sie werden dafür zur Verantwortung gezogen werden!« »Nicht von dir, Knecht! Hinaus, marsch!« Sakowicz rannte wie besessen nach oben. 4. Kapitel. Während der ganzen folgenden Nacht wich Sakowicz nicht vom Bette des Fürsten. Der Fieberanfall Boguslaws trat diesmal so heftig auf, daß man ihm die Zähne mit einem Dolche öffnen mußte, um ihm Medizin einflößen zu können. Schließlich ließ das Fieber nach, der Fürst schlief ein und wachte gegen Mittag, bis zum äußersten geschwächt, auf. – »Wie fühlen Sie sich?« fragte Sakowicz. »Mir ist besser. Sind Briefe da?« »Ja, vom Kurfürsten und von Steinbock: sie liegen dort auf dem Tische. Aber sie zu lesen, müssen Sie aufschieben; denn Euer Durchlaucht sind noch nicht bei Kräften.« »Gib sie, – hörst du?« Sakowicz reichte die Briefe. Boguslaw las sie durch, sann eine Zeitlang nach und sagte dann: »Morgen rücken wir ins Feld.« »Morgen werden Sie wie heute im Bette liegen.« »Zu Pferde werde ich sein wie du! – Schweig' und streite nicht mit mir!« Im Zimmer trat Stille ein, die nur von dem »Tick-Tack« der Danziger Uhr unterbrochen wurde. »Der Rat war dumm – und die Idee war dumm,« begann plötzlich der Fürst. – »Und auch ich war dumm, daß ich dir folgte.« »Ich wußte im voraus, daß im Falle des Mißlingens die ganze Schuld auf mich fallen wird. Der Rat war nicht dumm; aber wenn denen der Teufel selbst beisteht, so kann ich natürlich nichts dafür.« Der Fürst richtete sich im Bette hoch. »Denkst du das wirklich?« fragte er, Sakowicz starr ansehend. »Als wenn Sie die Papisten nicht kennten! – Ich habe gestern vorsichtshalber die alte Hexe, ihre Tante, gefesselt und richtete, um sie einzuschüchtern, den Dolch auf sie. – Stellen Sie sich nur vor, – heute sehe ich, – die Spitze des Dolches ist ganz stumpf.« »Zeig' mal!« »Ich habe ihn sofort in den Brunnen geworfen, obwohl in seinem Griffe ein schöner Saphir saß.« »Nun, ich werde dir auch mein Abenteuer erzählen. – Also, ich stürzte wie von Sinnen zu ihr. – Was ich alles geredet habe, das weiß ich nicht mehr. – Ich weiß nur, daß sie ausrief: »Lieber werfe ich mich in dieses Feuer!« Du kennst doch den ungeheuer großen Kamin in ihrem Zimmer? Und wirklich, sie rannte zum Feuer, und ich ihr nach. Ihre Kleider flammten schon auf, und ich mußte die Flammen löschen und sie zu gleicher Zeit festhalten. Da bekam ich plötzlich meinen Anfall. Es war mir, als wenn mir jemand meine Gurgel zuschnürte. Dann schienen sich die um uns fliegenden Funken in Bienen zu verwandeln, die um meinen Kopf summten.« »Und was weiter?« »Was weiter geschehen, darauf kann ich mich nicht besinnen. Mich erfaßte eine solche Angst, als wenn ich in einen tiefen Brunnen, in einen tiefen Abgrund stürzte. – Was für eine fürchterliche Empfindung! Noch jetzt sträuben sich mir die Haare. Es war nicht die Angst allein, wie soll ich dir das beschreiben? – Eine beängstigende Leere, eine unermeßliche Sehnsucht und eine unbegreifliche Müdigkeit erfüllten mich. Zum Glück stand mir die Kraft des Himmels bei, sonst könnte ich mich nicht jetzt wieder mit dir unterhalten!« »Sie hatten eben einen Anfall. Welche Visionen kommen einem nicht während der Hitze des Fiebers? – Wenn wir morgen aufbrechen, so wäre es doch besser, wir ließen fortan Panna Alexandra in Ruhe.« »Ich muß wohl; – aber meine Leidenschaft zu ihr ist dann ganz erloschen.« »Lassen Sie sie laufen; mag die Gesellschaft sich zum Teufel scheren!« »Das geht nicht. Der Miecznik hat mir gestanden, daß auf seinem Gute Billewicze eine große Summe Geldes vergraben liegt. Lasse ich sie von hier fort, dann graben sie das Geld aus und fliehen damit in die Wälder. Ich ziehe es vor, sie hier zurückzuhalten und ihre Gelder als Requisition zu nehmen. Jetzt ist Krieg, da ist alles erlaubt. – Nun, und die Truppen? Hast du sie meinem Befehle gemäß vorausgesandt?« »Jawohl. Paterson ist hier geblieben. Er pflegt Ketling, der sich mit seinem Degen zufällig verwundet hat. Wäre ich nicht von Ketlings Tapferkeit überzeugt, so würde ich denken, er hätte sich absichtlich verwundet, um nicht mit ins Gefecht zu brauchen.« Am Abend fühlte sich Boguslaw schon so wohl, daß er mit seinen Offizieren ein Gelage veranstaltete. Die ganze Nacht durch kneipte er und hörte mit Vergnügen dem Wiehern der Pferde, dem Klirren der Waffen und dem Lärmen der Soldaten zu, die sich zu dem Feldzuge vorbereiteten. »Mir ahnt, dieses Unternehmen wird mir die Gesundheit wiedergeben,« sagte er, sich im Sattel hochreckend. »Ich bin hier fast verschimmelt inmitten all der Sorgen und Unterhandlungen.« Am nächsten Morgen, lange vor Tagesanbruch, brach der Fürst an der Spitze seiner Truppen auf. Nach ihm begannen die Gäste, die sich bei ihm aufgehalten hatten, sich zu zerstreuen. Es blieben nur der Miecznik, Panna Kulwiec, Alexandra, Ketling und der alte Kommandant der winzigen Garnison, Braun. Nachdem der Miecznik mehrere Tage lang das Bett gehütet hatte, begann er sich wieder zu erholen und neue Fluchtpläne zu entwerfen, als ein Bote ihm einen Brief vom Fürsten brachte. Pan Billewicz wollte den Brief zuerst gar nicht öffnen, aber Alexandra redete ihm zu, es zu tun, da man, ihrer Meinung nach, alle Pläne des Feindes kennen müsse. »Erlauchter Pan Billewicz! Das Schicksal wollte es, daß wir uns nicht so freundschaftlich trennen konnten, wie es meinen Gefühlen zu Ihnen und zu Ihrer reizenden Nichte gemäß wäre. Aber ich kann beim besten Willen diese Schuld nicht auf mich und mein Gewissen nehmen; Sie wissen ja selbst, mit welchem Undank mir meine Gefühle belohnt werden. Ein zorniger Mensch ist nicht für seine Handlungen verantwortlich. Ich hoffe, daß Sie meine schroffe Handlungsweise, die sich durch die Unmöglichkeit des Verhältnisses, in dem ich mich befand, erklärt, entschuldigen werden. Ich meinerseits verzeihe Ihnen von ganzem Herzen, wie es die christliche Liebe gebietet. Ich bin bereit, unsere freundschaftlichen Beziehungen wieder aufzunehmen. Und um Ihnen einen Beweis für die Aufrichtigkeit meiner Worte zu liefern, will ich das Geld von Ihnen annehmen, das Sie mir angeboten haben.« Der Miecznik schlug mit der Faust auf den Tisch und rief: »Nun, das soll er aber nie bekommen!« »Lesen Sie nur weiter,« sagte Alexandra. »Da ich Sie jedoch nicht beunruhigen und Ihre kostbare Gesundheit nicht schädigen möchte, habe ich selbst Ihr Geld ausgraben und zählen lassen.« Den Miecznik verließen seine Kräfte; seine Arme fielen schlaff herunter, und die Augen wurden ihm trübe. »Schlag' zu, wer an Gott glaubt!« schrie er plötzlich los. »Je mehr Ungerechtigkeit, desto näher Gottes Strafe,« tröstete ihn Alexandra. 5. Kapitel. Nach diesem Schreiben Boguslaws sahen der Miecznik und Alexandra mehr und mehr ein, daß ihnen nur eins blieb: sich durch Flucht zu retten. Was wartete ihrer hier, wenn Boguslaw als Sieger zurückkehrte? Alexandra wollte aber auf jeden Fall ihre Flucht bis zur Wiederherstellung Ketlings verschieben; denn auf Braun, einen mürrischen, verschlossenen Soldaten, war nicht zu rechnen. Alexandra wußte sehr wohl, daß Ketling sich die Wunde nur beigebracht hatte, um in ihrer Nähe zu bleiben. Und sie hoffte, daß er bereit sei, für sie alles zu tun, was sie ihm befehlen würde. Wiederholt fragte sie sich selbst, ob sie das Recht habe, über ein fremdes Geschick, ein fremdes Leben zu verfügen. Aber sie gelangte stets zu dem Schlusse, daß ihre Gefahr eine viel größer sei, als die, der Ketling ausgesetzt würde. Er konnte, wenn er den Fürsten verlassen hatte, sofort einen besseren Dienst finden und auch starke Beschützer, – den König, Sapieha oder Czarniecki. Der Tod drohte ihm ja nur dann, wenn er unglücklicherweise in Boguslaws Hände fiele; aber noch war Boguslaw ja nicht in der ganzen Republik mächtig. Als der junge Offizier genesen war, ließ ihn Alexandra bald zu sich rufen. Ketling erschien vor ihr, blaß, abgemagert, aber wie immer voller Ehrfurcht und schweigender Anbetung. Tränen füllten Panna Billewicz' Augen, als sie ihn nach seiner Gesundheit fragte. »Leider erholte ich mich, und ich wollte so gern sterben!« »Sie müssen Ihren jetzigen Dienst verlassen,« sagte die Panna, ihn voller Teilnahme anblickend. »Solchen Menschen wie Sie ist der Glaube nötig, daß sie einer gerechten Sache dienen. – Wann ist Ihr Vertrag abgelaufen?« »Nicht so bald, erst in einem halben Jahre.« »Hören Sie mich an, Pan Kavalier, ich werde mit Ihnen wie mit einem Bruder, wie mit einem Freunde sprechen. Wir müssen fort von hier.« Und sie teilte ihm ihren ganzen Fluchtplan mit. Sie drückte ihm die Hoffnung auf seine Hilfe aus und schloß so: »Ich werde Ihnen bis zu meinem Tode dankbar sein. Ich will in ein Kloster gehen und mich dem Dienste Gottes weihen: aber wo Sie auch sein mögen, nah oder fern, ich werde nie aufhören, Gott anzuflehen, er möge Ihnen Ruhe und Glück schenken!« Ketling war bei ihren Worten noch bleicher geworden. »O, Sie wissen nicht, was für einen Soldaten ein Befehl bedeutet. Im Gehorsam liegt nicht nur seine Pflicht, sondern auch seine Ehre und sein Stolz. Ich habe dem Fürsten geschworen und ihm mein ritterliches Ehrenwort gegeben, daß ich seinen Dienst vor Ablauf der Frist nicht verlassen und blindlings alles ausführen werde, was er mir befiehlt. Ich bin Soldat und Edelmann, soll ich in die Fußstapfen derer treten, die bereit sind, für Geld ihr Gewissen zu verkaufen? – Selbst auf Ihren Befehl, auf Ihre Bitte hin, werde ich mein Wort nicht brechen, obwohl Gott sieht, was es mich kostet! – Wenn ich mit dem Befehl, niemand aus dem Schlosse herauszulassen, auf Wachtposten gestellt werde, so werden selbst Sie das Tor nur über meine Leiche hinweg passieren können. Sie kannten mich nicht, als Sie mir so etwas vorschlugen. – Und jetzt flehe ich Sie an, erbarmen Sie sich meiner. Begreifen Sie, daß ich nichts mehr von Ihrer Flucht hören darf, weil ich den bestimmten und klaren Befehl erhalten habe, Sie nicht aus dem Schlosse herauszulassen!« »So geschehe Gottes Wille!« sagte Alexandra nach langem Schweigen. Ketling fühlte, daß er jetzt fortgehen müsse, trotzdem aber rührte er sich nicht von der Stelle. Er wollte ihr zu Füßen fallen, sie um Vergebung bitten, doch sah er ein, daß sie des eigenen Kummers genug hatte. Schließlich verbeugte er sich und ging schweigend hinaus. Auf dem Flur jedoch riß er seinen Verband von der noch nicht geheilten Wunde und fiel zu Boden. Nach einer Stunde fand ihn die Wache und trug ihn halbtot in das Zeughaus. Alexandra erzählte dem Miecznik schmerzlich bewegt von dem fehlgeschlagenen Versuche, Ketling zu einer Flucht zu überreden. »Alle hier sind Halunken und Schurken!« brach Pan Billewicz los. »Bei Gott, ich würde es vorziehen, es mit dem Wilnaer Wojewoden selbst oder mit Kmicic zu tun zu haben, – nur nicht mit dieser geschminkten Gesellschaft! – Warum weinst du? Nun, höre auf! Dieser Kmicic hätte uns wenigstens aus dieser babylonischen Gefangenschaft befreit. – Mit Tränen ist uns jetzt nicht geholfen: wir müssen irgend einen anderen Plan ausdenken.« Nach vielem Überlegen beschlossen sie, erst in Tauroggen Nachrichten von Boguslaw abzuwarten. Vielleicht konnte er umkommen, krank oder von Sapieha besiegt werden, und dann würde die Aufsicht über die Gefangenen nicht mehr so streng sein. Ein langer, trostloser Monat verfloß, ehe ein fürstlicher Bote in Tauroggen erschien. Ketling, der nach seiner Unterredung mit Alexandra sich nicht mehr entschließen konnte, vor sie zu treten, sandte ein Blatt mit folgendem Inhalt an sie: »Fürst Boguslaw brachte dem Christof Sapieha eine Niederlage bei; mehrere Regimenter Infanterie und Reiterei sind vernichtet. Jetzt marschiert er auf Tykocin zu.« Diese Botschaft traf Alexandra wie ein Donnerschlag. Ihre Hoffnung auf eine Niederlage Boguslaws schwand vollständig. Vergebens tröstete der Miecznik sie damit, daß der Fürst sich noch nicht mit dem alten Hetman Sapieha gemessen habe. – Alexandra glaubte nicht, – wagte nicht zu glauben. Die weiteren Nachrichten schienen ihre Befürchtungen zu bestätigen. Mehrere Tage später meldete Ketling die Einnahme von Tykocin. Er schrieb: »Ganz Podlachien ist in den Händen des Fürsten, der, ohne auf Sapieha zu warten, ihm selbst entgegenzieht.« »Auch Pan Sapieha wird geschlagen werden,« dachte das betrübte Mädchen. Um diese Zeit kam, wie die Schwalbe als Vorbote des nahenden Frühlings, von einer anderen Seite eine Nachricht nach Tauroggen. Sie kam spät; aber sie erfüllte die Bevölkerung dieses äußersten Gebietes der Republik mit ungeheurer Freude. »Czenstochau! Czenstochau!« klang es von Mund zu Mund. Menschen, die einander ganz fremd waren, fielen sich vor Jubel in die Arme. »Wer wird Boguslaw unterkriegen? so fragtest du,« sagte einmal der Miecznik zu Alexandra. »Weißt du nun, wer?« Von der Zeit an traf lange keine Kunde von dem Fürsten ein; es war, als wenn er mit allen seinen Truppen ins Wasser gefallen wäre. Die Offiziere, die in Tauroggen zurückgeblieben waren, begannen unruhig zu werden. Sie hätten die schlimmsten Nachrichten diesem beängstigenden Schweigen vorgezogen. Aber von Boguslaw konnten keine Nachrichten kommen; zu dieser selben Zeit verfolgte ihn der schreckliche Babinicz, der alle seine Boten abfing. 6. Kapitel. Panna Anna Borzobohata kam, von mehreren Soldaten eskortiert, nach Tauroggen. Braun nahm sie, soweit er dessen fähig war, liebenswürdig auf. Anna verlor ihre Geistesgegenwart durchaus nicht. Sie begann zu allererst Braun und seinen Offizieren freundliche Blicke zuzuwerfen und in Tauroggen wie in ihrem eigenen Hause zu schalten und zu walten. Bald wurde sie mit Alexandra bekannt, die ihr jedoch zuerst mit Mißtrauen entgegentrat, obwohl sie hoffte, viel Neues von ihr zu erfahren. Und es waren auch genug der Neuigkeiten, die Anna mitbrachte. Der Miecznik hörte mit beiden Ohren eifrigst zu und fürchtete, daß ihm ein einziges Wort entgehen könnte. Fast in jeder Minute rief er: »Gott sei Dank! Gott sei Dank!« »Eigentümlich,« bemerkte Anna, »daß Sie fast gar nichts von dem Mißerfolge der Schweden gehört haben! Das ist doch schon eine alte, alte Geschichte. Zu uns, nach Zamoscie, gelangte sie schon lange, mehrere Tage vor der Ankunft des Pan Babinicz. – Nachher begann man die Schweden überall zu schlagen, – in Groß-Polen und auch bei uns, meist war es Czarniecki. – Gott wird es geben, daß wir mit dem Feinde fertig werden!« Erst jetzt bemerkte Anna, daß über Alexandras Gesicht Tränenströme flossen. »Weinen Sie nicht!« sagte sie und legte freundlich ihren Arm um die Schultern der Weinenden. »Ich kann wirklich nicht ruhig Ihre Tränen mit ansehen! Was ist Ihnen denn?« Es lag soviel Aufrichtigkeit in dem Klange ihrer Stimme, daß Alexandras Mißtrauen gänzlich verschwand. »Ich weine vor Freude. – vielleicht auch vor Schmerz, solange hier gefangen zu sein, ohne zu wissen, was der nächste Morgen bringt.« »Wie? Sie werden vom Fürsten Boguslaw gefangen gehalten? Er schien doch ein so liebenswürdiger und zuvorkommender Mann zu sein. – Ich kenne ihn zur Genüge. – Er ist mit den Zamoyskis und den Wisniowieckis verwandt. Ich erinnere mich noch genau, wie er zu uns nach Lubni kam, um mir dem Fürsten Jeremias gegen die Tataren zu ziehen. – Ich war damals noch ganz klein. – Herrgott! Wer konnte denken, daß Fürst Boguslaw sein Vaterland verraten würde! Aber beunruhigen Sie sich nicht; wir werden schon versuchen, hier irgendwie rauszukommen.« »Das haben wir auch schon getan; doch ist es uns gänzlich mißlungen,« antwortete der Miecznik. »Wir eröffneten unseren Plan einem Offizier, aber es zeigte sich, daß wir auf seinen Beistand nicht rechnen können. Nun bleibt allein der Kommandant Braun, mit dem jedoch wird der Teufel selbst nicht fertig!« Anna schlug bescheiden die Augen nieder. »Vielleicht gelingt es mir. – Möchte nur Pan Sapieha erst näher herangerückt sein; wo sollten wir uns sonst verbergen!« »Das gebe Gott!« rief Pan Billewicz. »In seiner Armee stehen viele Freunde und Verwandte von mir! – Pan Zagloba, Skrzetuskis, Wolodyjowski. Sie sind doch bei ihm?« »Nein, die sind nicht bei Sapieha. Aber ein anderer Ritter steht bei ihm, der diese alle aufwiegt!« »Wer ist es denn?« »Pan Babinicz, aus der Witebsker Wojewodschaft. – Sie haben wohl schon von ihm gehört?« »Nein, – und das eben wundert mich.« Anna erzählte die Geschichte ihrer Abreise aus Zamoscie und alles, was ihr unterwegs passiert war. Babinicz wuchs in ihrem Berichte zu einem solchen Helden an, daß der Miecznik sich aufs höchste für ihn interessierte. »Aber ich bitte Sie, ich kenne ja ganz Litauen,« sagte er schließlich. »Doch den Namen Babinicz habe ich nie gehört. – Ich denke, dieser Name ist einfach ein angenommener. Hm, – Babinicz! – Muß wohl ein geschickter Mann sein, wenn er sogar den Zamoyski hintergehen konnte!« »Ach, wenn Sie ihn nur kennten!« rief Anna. »Warum aber sehen Sie mich so an? Sie denken wohl Gott weiß was?« »Gott behüte mich!« »Kaum waren wir aus Zamoscie 'raus, da eröffnete mir Pan Babinicz, daß sein Herz einer anderen gehöre. Er schenkte mir durchaus keine Beachtung.« Panna Anna schwatzte noch lange und schied erst spät in der Nacht von ihren neuen Bekannten. Bald entstand zwischen den beiden jungen Mädchen eine Freundschaft, die mit jedem Tage wuchs, vielleicht gerade, weil ihre Charaktere sich so unähnlich wie möglich waren. Ketling hegte vom ersten Tage an mit der ganzen Kraft der melancholischen Seele eines schottischen Bergbewohners einen tiefen Haß gegen Anna Borzobohata und sie zahlte ihm mit der gleichen Münze wieder. Desto mehr hielt sich die lebenslustige Kleine an Braun und allen anderen schadlos. Trotz vielfacher Bemühungen gelang es Alexandra nicht, ihrer neuen Freundin das leichtsinnige Kokettieren abzugewöhnen. Das kränkte Panna Billewicz sehr, um so mehr, als Anna ihr bald ihre Gefühle für Babinicz eingestanden hatte. »Andere seufzen,« plauderte sie, »der aber schenkte seinen Tataren mehr Aufmerksamkeit als mir. Zu mir sprach er immer in kurzem, befehlendem Tone: »Stehen Sie auf! So essen Sie doch! Trinken Sie!« Als wenn er gar nicht wüßte, was sich schickt! Und dabei kann ich nicht einmal sagen, daß er für mich schlecht gesorgt hätte, nein, im Gegenteil. Wie oft habe ich zu mir selbst gesprochen: »Will er nicht auf dich blicken, denn nicht!« Und doch habe ich immer nur seine grauen Augen angesehen, und wenn er lachte, so wurde ich froh, just, als wenn ich seine Sklavin wäre.« Alexandra senkte den Kopf: Auch sie mußte an ein Paar liebe, graue Augen denken. Auch er sprach in barschem Tone; auch er beherrschte alle in seiner Umgebung; aber in seiner Seele lebte weder Gott noch ein Gewissen. Und Panna Anna, hingerissen von ihren Erinnerungen, fuhr fort: »Wenn er übers Feld ritt, mit dem Stabe in der Hand, so dünkte es mich immer, daß er kein einfacher Offizier, sondern ein Hetman wäre. Die Tataren fürchteten ihn mehr als das Feuer. Viele berühmte Ritter habe ich schon gesehen, aber vor keinem noch habe ich gezittert!« »Wenn Gott ihn dir bestimmt hat, so werdet ihr früher oder später auch zusammen kommen; denn ich kann nicht glauben, daß er dich nicht liebte.« »Lieben tat er mich schon, – aber nur so ein wenig, – die andere liebte er mehr. – Mehr als einmal sagte er zu mir: »Es ist Ihr Glück, daß ich die andere weder vergessen noch zu lieben aufhören kann. Sonst wäre es besser, dem Wolf ein Schafherde anzuvertrauen, als mir ein solch schönes Mädchen!« »Und du, was antwortetest du?« »Ich fragte ihn: »Woher wissen Sie denn, daß ich Ihre Liebe auch erwidern würde?« »Danach würde ich nicht erst fragen!« antwortete er. Mit so einem fang' mal was an! – Dumm muß die sein, die seine Liebe zurückgewiesen und sein Herz verschmäht hat! Einmal fragte ich ihn, wie sie heiße. »Es ist besser, Sie rühren daran nicht,« sagte er, »das ist die eine Wunde in meinem Herzen, – und die andere, – das sind die Radziwills, – die Verräter!« – Bei diesen Worten sah sein Gesicht so schrecklich aus, daß ich mich am liebsten in die Erde verkrochen hätte. – Wahrhaftig, ich fürchtete mich vor ihm. Doch was soll ich noch viel schwatzen, für mich ist er ja doch nicht da!« »So bete zum heiligen Nikolaus. Die Tante sagt, daß in solchen Angelegenheiten er der beste Helfer ist. Aber hüte dich, daß du ihn nicht gegen dich aufbringst, – du wirfst nach allen Seiten Blicke aus.« »Doch nur ein wenig, – so wenig.« Und Anna zeigte auf ein winziges Stückchen ihres einen Fingernagels. »Ich tue es ja nicht zu meinem eigenen Vergnügen,« rechtfertigte sie sich vor dem Miecznik, dem ihr Leichtsinn auch nicht gefiel. »Wenn wir die Offiziere hier nicht für uns gewinnen, so werden wir auch nie von hier fliehen können.« »Braun wird uns so wie so um keinen Preis hier herauslassen.« »Braun ist bis über die Ohren in mich verliebt,« sagte Anna leise, indem sie die Augen niederschlug. »Und Fitz-Gregory?« »Auch!« »Und Ottenhagen? von Leben?« »Die auch.« »O daß Sie! – Also nur mit Ketling sind Sie nicht fertig geworden?« »Ich mag ihn nicht ausstehen. Übrigens wird mit dem eine andere fertig werden. Schließlich wird sich die Sache auch ohne seine Erlaubnis bewerkstelligen lassen.« »Mein Gott, warum sitzen wir denn noch hier? Ich bin bereit, noch heute zu fliehen!« Aber zu fliehen war gar nicht so leicht, solange das Schicksal Boguslaws sich nicht entschieden hatte und Pan Sapieha sich nicht Smudien näherte. Selbst von den eigenen Leuten drohte ihnen der Tod, da das Volk durch die Anwesenheit der fremdländischen Offiziere so erbittert war, daß es einen jeden, der nicht polnische Kleidung trug, ohne Schonung niedermetzelte. Lange mußten die Gefangenen warten. Einmal aber teilte Braun der Panna Anna mit, daß sich Boguslaw in verzweifeltester Lage befände. Alle seine Kräfte waren erschöpft, seine Soldaten zum großen Teil erkrankt. Vorräte waren nicht genügend vorhanden, und der schreckliche Feind, der ihn verfolgte, gab ihm weder am Tage noch des Nachts Ruhe. »Wer aber verfolgt ihn?« fragte Panna Anna. »Sapieha?« »Nein, ein gewisser Babinicz,« antwortete Braun. Anna schrie auf und stürzte zu Alexandra ins Zimmer. »Was sagte ich dir?« brach sie los. »Wer hat den Fürsten Boguslaw geschlagen? Sapieha vielleicht? Warum nicht gar! Wer besiegt die Schweden? Wer ist der tapferste, der schneidigste Ritter? Pan Andreas und wieder Pan Andreas!« »Was für ein Pan Andreas?« fragte die bleich gewordene Alexandra. »Habe ich dir denn nicht gesagt, daß er Andreas heißt? Er sagte mir das selbst. Pan Babinicz! – Es lebe Pan Babinicz! Doch, was ist dir denn?« Alexandra fuhr sich mit der Hand über die Stirn. »Nichts! – Ich dachte, nur allein Verräter tragen diesen Namen. – Es erbot sich jemand, den König zu entführen und ihn lebend oder tot den Schweden auszuliefern, – auch der hieß – Andreas.« »Verflucht sei er!« rief der Miecznik. »Möge uns Gott diesen Pan Babinicz schnell hierher schicken!« sagte Anna. »Gut, ich werde mir Mühe geben, dem Braun ganz den Kopf zu verdrehen, damit er die Garnison zur Rebellion anstiftet und mit seinen Leuten zu Babinicz übertritt.« »Tun Sie das, bitte!« rief aufgeheitert der Miecznik. »Und dann nachher gebe ich all den Freunden den Laufpaß. – Vielleicht vergißt auch er die Treulose und gewinnt mich lieb!« Sie bedeckte ihre Augen mit der Hand; dann plötzlich, unter dem Einflusse eines Gedankens, stampfte sie heftig mit dem Fuße auf und sagte: »Wenn aber nicht, so heirate ich den Pan Wolodyjowski!« 7. Kapitel. Einige Wochen später herrschte in Tauroggen eine fürchterliche Unruhe und viel Lärm. Eines Abends zogen Haufen früherer Boguslawscher Truppen ungeordnet ein; die Soldaten waren abgemagert, abgerissen und sahen kaum menschenähnlich aus. Boguslaw hatte in einem Kampfe mit Sapieha alles verloren: die Armee, die Geschütze, das Lager. Sechstausend Mann der auserlesensten Truppen waren mit dem Fürsten ausgezogen, zurück kehrten nur zweihundert Reiter. Außer Sakowicz kam von den Polen keiner lebend wieder. Alle, die nicht in der Schlacht gefallen waren, waren zu Sapieha übergetreten. Auch viele ausländische Offiziere hielten es für vorteilhafter, sich dem Wagen des Siegers anzuschließen. Kurz, niemals war ein Radziwill in solchem Zustande vom Kriegsplatze wiedergekommen. Und in dem Maße, wie früher die Schmeichelei der Höflinge keine Grenzen kannte, um Boguslaws Kriegstüchtigkeit zu preisen, in demselben Maße nahm die Unzufriedenheit mit Boguslaw in der zertrümmerten Armee zu. Der Fürst hielt es daher für ratsam, in der Arrieregarde zu bleiben. Als Ketling den ganzen Sachverhalt erfuhr, ging er sofort zu Alexandra und teilte ihr alles, was er von den Zurückkehrenden erfahren hatte, mit. »Doch ich wollte mit Ihnen über etwas anderes reden,« schloß er. »Der Fürst, krank und durch die letzten Mißerfolge gereizt, könnte Gott weiß was wagen. – Trennen Sie sich nie von Ihrer Tante und der Panna Borzobohata, insbesondere willigen Sie nicht darin ein, daß man den Miecznik nach Tylce schickt, wie man es unlängst getan hat.« Alexandra antwortete nichts. Nach der letzten Begegnung mit dem Fürsten war der Miecznik sehr krank geworden, und Sakowicz hatte deshalb absichtlich das Gerücht verbreitet, daß man den Pan Billewicz nach Tylce geschickt habe. Alexandra wollte einem Fremden nicht eingestehen, daß man ihren Onkel wie einen Hofhund behandelt hatte, und sie erwiderte deshalb nichts. Ihr Herz war voll Bitterkeit gegen den jungen Offizier, in dessen Händen allein es lag, die ihr drohende Gefahr von ihr abzuwenden. Hätte er sich nicht geweigert, ihr beizustehen, so wäre sie längst außer dem Machtbereich Boguslaws. »Ich danke Ihnen, Kavalier«, entgegnete sie endlich, »welch' Glück, daß diese Warnung Ihre Ehre nicht schädigt. – Der Fürst konnte Ihnen doch unter all den vielen anderen Befehlen auch verbieten, mich jemals vor irgend etwas zu warnen.« Ketling lächelte traurig. »Alles, wozu mich mein Schwur und mein einmal gegebenes Wort verpflichtet, alles das halte ich heilig. Aber verbrecherischen Plänen zu helfen, dazu habe ich mich nicht verpflichtet. Und nun, jetzt, als ehrlicher Mann, überlasse ich Ihnen diese Pistole. Verteidigen Sie sich, – die Gefahr ist nahe. – Wenn es nötig ist, so töten Sie ihn! Dann ist meine Verpflichtung zu Ende, und ich werde Ihnen beistehen!« Er verbeugte sich und wollte gehen, aber Alexandra hielt ihn zurück. »Kavalier, verlassen Sie Ihren Dienst! Verteidigen Sie eine gerechte Sache! Treten Sie für ein unterdrücktes Volk ein. – Mit reinem Herzen und reiner Seele können Sie sich dieser Sache weihen!« »Ich hätte schon längst um meinen Abschied gebeten«, antwortete Ketling, »wenn ich nicht gewußt hätte, daß Sie dann hier ohne jeden Schutz wären. Jetzt aber ist es dazu zu spät! – Kehrte der Fürst als Sieger zurück, so würde ich keine Minute schwanken, nun aber, wo er geschlagen und der Feind ihm vielleicht auf den Fersen folgt, wäre ich ein Feigling, wenn ich ihn verließe. – Leben Sie wohl! Diese Pistole durchdringt selbst den stärksten Panzer!« An demselben Abend kam der Fürst mit Sakowicz in Tauroggen an, wo er zwei bis drei Tage zu verweilen gedachte. Dann wollte er nach Preußen zum Kurfürsten und zu Steinbock, die ihn mit frischen Truppen versehen konnten. Am folgenden Morgen trat Sakowicz beim Fürsten Boguslaw ein; der Fürst sah ihn an und sagte: »Nun, alles ist zum Teufel gegangen!« »Alles ist zum Teufel gegangen!« wiederholte Sakowicz. »Hätte ich mehr leichte Reiterei gehabt und wäre dieser Babinicz nicht erschienen, so hätte die Sache eine andere Wendung genommen. – Hör', schwatz aber zu niemandem etwas davon. Es ist nicht nötig, seinen Ruhm zu verbreiten.« »Ich werde es schon keinem erzählen; aber für die Offiziere stehe ich nicht ein. Sie haben ja beliebt, den Orszaer Fahnenträger allen vorzustellen, als er Ihnen zu Füßen lag.« – »Die Deutschen behalten doch nicht die polnischen Namen »Kmicic« oder »Babinicz«, das ist ihnen egal. – Wenn ich ihn nur zu fassen bekäme. Und er war in meinen Händen, und ich habe ihn herausgelassen, das ärgert mich mehr noch als die verlorene Schlacht.« »Ja, Sie hatten ihn in Ihren Händen, aber mich hatten Sie für ihn als Pfand gegeben.« »Mein Lieber, ich muß dir offen gestehen, man kann dir ruhig das Fell über die Ohren ziehen, wenn ich mir dafür mit Kmicic' Fell meine Trommel beziehen lassen kann.« »Ich danke dir, mein Freund. Auf besseres konnte ich bei dir auch nicht rechnen.« Der Fürst lachte. »Und wie du gequietscht hättest auf Sapiehas Bratenspieß! Alle deine Schelmenstücke wären dir aus dem Leibe geschmolzen worden! Ma foi! Das hätte ich gern mit ansehen mögen!« »Und ich meinerseits möchte dich gern in Kmicic' Händen sehen. Eure Gesichter sind ja verschieden, aber sonst seid ihr euch einander ganz ähnlich. Und ihr macht auch beide ein und derselben den Hof. – Nur hat sie einen feinen Instinkt; sie merkt sehr wohl, daß er kräftiger und im Kriegswesen erfahrener ist als du.« »Du warst ja immer dumm. Freilich, deiner Dummheit wegen habe ich dich auch liebgewonnen. Aber jetzt ist dein Verstand dir schon ganz in die Hacken gerutscht!« »Ja, bei uns leider sitzt der Verstand immer in den Fersen. Erinnere dich nur, wie du erst unlängst dem Pan Sapieha, um vor ihm zu glänzen, deine Fersen zeigtest. – Bei Gott! Ich glaube, ich gehe bald von dir zu ihm über.« »Gewiß, damit man dich an einen Strick knüpft!« »Ja, an denselben, mit dem man alle Radziwills zusammen fesselt.« »Genug!« »Zu Befehl, Euer Durchlaucht!« »Mehrere Soldaten müssen erschossen werden, – die am meisten krakehlen, – und Ordnung muß hergestellt werden.« »Ich habe schon befohlen, sechs Mann zu hängen!« »Da hast du gut getan! Höre mal, willst du in Tauroggen bleiben?« »Wen sollten Sie sonst hier lassen? Die Soldaten fürchten mich und wissen, daß mit mir nicht gut Kirschen essen ist.« »Wirst du aber auch mit den Konföderierten fertig werden?« »Ich werde jede Kiefer Smudiens mit mehreren von ihnen schmücken. Zwei Regimenter werde ich neu aus Bauern formieren und ihnen die nötige Schulung beibringen. Nur gebrauche ich dazu etwas Geld.« »Was ich entbehren kann, werde ich dir hier zurücklassen.« »Aus der Mitgift? Das heißt, aus dem Gelde des Miecznik?« »Wenn ich diesem Miecznik unbemerkt das Genick umdrehen könnte, so wäre ich sehr zufrieden. Wie unvorsichtig war es von mir, ihm den Brief zu schreiben!« »Vielleicht gelingt es mir, ihm den Brief abzujagen. Wenn er ihn nur nicht einem seiner Freunde zur Aufbewahrung zugeschickt oder die Panna Alexandra ihn an sich genommen hat! – Wollen Sie nicht eine Attacke auf sie machen?« »Später, jetzt muß ich fort. – Außerdem hat mich das verdammte Fieber zu Tode erschöpft.« »Beneiden Sie mich nicht, daß ich in Tauroggen bleibe?« »Wieso? – Wenn du es wagtest! – Aber nein; du kennst mich ja zur Genüge! – Warum willst du eigentlich hier bleiben?« »Ich möchte heiraten!« »Wen denn?« Der Fürst interessierte sich so, daß er sich im Bette hochrichtete. »Die Panna Borzobohata.« »Ja, das ist nicht übel«, entgegnete Boguslaw nach einiger Überlegung. »Ich habe irgend etwas von einem Testamente gehört.« »Vom Testamente des Pan Longin Podbipienta. Er war ein sehr reicher Mann und hat gegen zehn Güter hinterlassen. Freilich haben sich einige seiner Verwandten ihrer bemächtigt, andere wieder sind von den moskowitischenTruppen besetzt. – Scherereien und Prozesse wird es genug geben. – Aber ich werde schon mit allen fertig werden. Außerdem gefällt mir das Mädchen, und wenn ich hier bleibe, so werde ich meine Zeit nicht umsonst verlieren.« »Nur eins: heiraten darfst du sie; aber die Sache muß mit allem Anstand zugehen. Zamoyski und seine Schwester, die verwitwete Fürstin Wisniowiecka, protegieren sie.« »Natürlich, selbstredend. Ich habe Ihnen ja gesagt, daß meine Absichten ganz ernste sind.« »Ich wünschte, daß sie dir einen Korb gäbe.« »Ich weiß, wer erst unlängst eine Absage hat herunterschlucken müssen, – der, – aber solch fürstliches Gericht ist nicht für meinen Magen.« »Du tust gut, den nicht aufzuziehen, der eine Absage bekommen hat, er könnte dir sonst noch Hörner aufsetzen. Dann würde man dich den »gehörnten Sakowicz« nennen, und ich werde der Schöpfer dieses Beiwortes sein.« Sakowicz brauste auf, dann beherrschte er sich und sagte: »Du, Armer, kannst selbst nicht ohne fremde Hilfe gehen und drohst anderen! Du hättest lieber an Deine Panna Alexandra denken sollen! Hör' auf meine Worte, du wirst noch einmal Babinicz' Kinder warten müssen.« »Du höhnst über meine Krankheit; ich wünschte, daß man auch dich mal verhexte.« »Hexerei! Zuweilen, wenn ich darüber nachdenke und sehe, daß doch im Grunde alles mit rechten Dingen zugeht, so sehe ich ein, daß der Glaube an Hexerei eine Dummheit ist.« »Du bist selbst dumm! Schweig'! Reiz' mich nicht, du wirst mir immer widerwärtiger!« »Ich bin es gewohnt, solche Worte von Ihnen zu hören, und erwarte keine andere Belohnung für meine Hingebung. Wirklich, es wäre besser für mich, mich irgend wohin zurückzuziehen und das Ende des Krieges abzuwarten.« »Schwatz' nicht! Du weißt, daß ich dich gern habe.« »Weiß, weiß, – der Teufel selbst hat uns beide mit einer unzerreißbaren Kette zusammengekoppelt!« Sakowicz sprach die Wahrheit, – er liebte den Fürsten wirklich. Und Boguslaw dankte ihm, wenngleich nicht durch Liebe, so doch durch Anhänglichkeit. Er willigte deshalb auch leicht ein, Sakowicz' Pläne zu fördern. Gegen Mittag sprach er persönlich bei Panna Anna vor. »Wie sind Sie mit Ihrem Aufenthalte in Tauroggen zufrieden?« fragte er sie. »Ein Mensch, der in Gefangenschaft ist, muß mit allem zufrieden sein,« antwortete Anna. Der Fürst lachte. »Sie sind keineswegs hier in Gefangenschaft. Es ist wahr. Sie sind mit Sapiehas Gesindel zusammen abgefangen worden, und ich befahl, – Sie zu Ihrer eigenen Sicherheit nach Tauroggen zu bringen; aber das bedeutet doch nicht, daß Sie gefangen sind. Sie können abreisen, wohin Sie wollen; ich werde Ihnen sogar Begleitung mitgeben, trotzdem ich selbst nicht viele Soldaten habe. Man erzählte, Sie reisen, um eine Erbschaft zu regeln? Sie haben eine schlechte Zeit dazu gewählt; denn auch Sapieha wird Ihnen wenig helfen können. In der Witebsker Wojewodschaft hat er ja eine gewisse Bedeutung, hier jedoch nicht. Sie brauchen die Hilfe eines erfahrenen, Ihnen wohlgesinnten Mannes, der hier die allgemeine Achtung genießt.« »Wäre es denn möglich, daß der Fürst selbst Anteil an meiner Sache nähme!« rief Anna, indem sie Boguslaw einen Blick zuwarf, für den er zu jeder anderen Zeit nicht unempfänglich gewesen wäre. Jetzt jedoch war ihm nicht zum Hof machen zumute. »Leider muß ich bald von hier fort,« erwiderte er, »statt meiner bleibt Pan Sakowicz hier, ein Mann, der, wenn er sich einmal Ihrer Sache angenommen hat, sie auch zu Ende führen wird. Er ist mein Freund, ein in jeder Hinsicht ehrenwerter Mann.« »Wird aber Pan Sakowicz seine Hilfe einem armen Mädchen leihen wollen?« »Weisen Sie ihn nur nicht ab, so ist er bereit, für Sie alles zu tun. Sie haben einen starken Eindruck auf ihn gemacht.« »Darf ich Ihnen denn glauben, Fürst? – Ich soll jemandes Herz verwundet haben?« »Das ist eine schlaue Bestie!«, dachte Boguslaw bei sich, laut aber sprach er: »Möge Sakowicz seine Sache selbst verfechten. Ich wiederhole Ihnen nur, daß er ein Mann aus guter Familie ist; einen solchen darf man nicht verschmähen!« 8. Kapitel. Am darauf folgenden Tage erhielt der Fürst einen Brief vom Kurfürsten mit dem Befehl; nach Krolewec zu eilen, um das Kommando über neu formierte Regimenter zu übernehmen. Der Elektor, der von dem kühnen Versuche Karl-Gustavs, ins Innere der Republik vorzudringen, wußte, sammelte mit fieberhafter Hast Truppen, um nötigenfalls seine Hilfe einer der kriegsführenden Parteien so teuer als möglich zu verkaufen. In Tauroggen blieb als unbeschränkter Herrscher Sakowicz zurück, der nur eine Macht anerkannte, – die Macht der Panna Anna Borzobohata. Und wie einst Boguslaw bemüht war, dem kleinsten Wunsche Alexandras zuvorzukommen, so las jetzt Sakowicz den Augen Panna Annas ihre Wünsche ab. Der Panna gefiel das Leben in Tauroggen ganz gut. Es war ihr ein angenehmes Gefühl, zu wissen, daß beim Einbrüche des Abends überall im Schlosse, in den Korridoren, in den Sälen, Seufzer der jungen und der alten Offiziere erschallten. Es seufzte der Astrolog, wenn er auf seiner Warte einsam nach den Sternen ausschaute, und selbst der alte Miecznik ließ den Rosenkranz mit einem Seufzer aus seinen Händen gleiten. Sakowicz machte der Panna Anna einen Monat nach der Abreise des Fürsten einen Heiratsantrag. Aber die Schelmin verstand es, ihm eine ausweichende Antwort zu geben. Sie sagte, sie könne einen so wichtigen Schritt nicht ohne die Einwilligung der Fürstin Gryzelda tun; auch kenne sie ihn zu wenig, um ihn lieben zu können. Deshalb wolle sie ihm ein Jahr lang Probezeit geben. Sakowicz bekämpfte in ihrer Gegenwart seine Wut. Als aber an demselben Tage ein Soldat einen kleinen Fehler verübte, ließ er ihn zu Tode prügeln. Hätte Panna Anna gewußt, wie teuer abseits stehende Leute ihre Antwort bezahlen mußten, so hätte sie Sakowicz vielleicht nicht so gereizt. Die Soldaten und die Einwohner Tauroggens zitterten vor ihm; Gefangene starben zu Dutzenden an Hunger und grausamen Martern. Es schien, als müßte der wilde Kommandant zuweilen seine erregte Seele in Menschenblut abkühlen. Dann sprang er auf sein Pferd und unternahm kleinere, militärische Exkursionen. Fast immer war er in seinen Kämpfen siegreich. Er schlug mehrere Parteien der Konföderierten, ließ den Gefangenen den rechten Arm abschlagen und schickte die so Verstümmelten nach Hause. Sein blutiger Name umgab Tauroggen wie mit einer Mauer, und selbst größere Parteien wagten sich nicht über Rosien hinaus. Unaufhörlich formierte der Kommandant neue Regimenter, um sie dem Fürsten im Falle der Not zu Hilfe senden zu können. Boguslaw hätte in der ganzen Welt keinen treueren Diener finden können. Und mehr und mehr sah er mit seinen drohenden, hellblauen Augen begehrlich auf Panna Anna, und öfter und öfter spielte er auf seiner Laute. So floß das Leben in Tauroggen dahin, – fröhlich und mannigfaltig für Anna Borzobohata, bedrückend und langweilig für Alexandra. Die erstere strahlte vor Freude, das Gesicht Alexandras wurde mit jedem Tage blasser und finsterer. Die Falte zwischen ihren Augen wurde immer tiefer, so daß ihre Brauen fast zusammenstießen. Ein jeder nannte sie kurzweg die Nonne, und sie selbst begann sich mit dem Gedanken vertraut zu machen, daß Gottes Hand sie durch Leiden und Kummer früher oder später zu dem stillen Zufluchtsorte des Klosters führen werde. Sie war nicht mehr jenes Mädchen, das einst mit roten Wangen und funkelnden Augen mit ihrem Verlobten durch den vom Schnee verwehten Wald rannte, das fröhlich und sorglos zu lachen wußte. Inzwischen hatte der Frühling seinen Einzug gehalten. Immer wärmere Strahlen sandte die Sonne auf die Erde, die Bäume standen im Blütenschmucke, – und das arme Mädchen wartete umsonst auf die Befreiung aus ihrer Gefangenschaft. Anna lehnte es entschieden ab zu fliehen; denn im Lande wüteten mehr und mehr die Schrecken des Krieges. Man sprach in Tauroggen von der Erhebung des ganzen polnischen Volkes. Sakowicz stellte seine Expeditionen ein; er schrieb nur noch Briefe, die er nach allen Richtungen aussandte. Der Miecznik verlor ganz den Kopf und benahm sich im höchsten Grade absonderlich. Eines Abends, als er Alexandra »Gute Nacht!« sagte, brach er in Schluchzen aus und stürzte eiligst aus dem Zimmer. Am folgenden Tage war er verschwunden, als wenn ihn die Erde verschluckt hätte. Alexandra fand nur einen Brief, der also lautete: »Liebes Kind, möge Gott dich segnen, und möge er mich verurteilen, wenn ich unrichtig gehandelt habe. Aber ich litt schon lange vielen Kummer und schwöre, daß ich mir nicht mehr anders zu helfen wußte. Bei dem Gedanken, daß da draußen Ströme polnischen Blutes für die Freiheit und für das Vaterland fließen, und kein Tropfen von meinem Blute diesen Strom vergrößert, schien es mir, als habe sich Gottes Antlitz von mir abgewendet. Ich müßte kein Schlachtschitz, kein Billewicz sein, wenn ich jetzt bei dir bliebe, um dich zu schützen. Wärest du ein Mann, du handeltest genau wie ich, und deshalb wirst du mir verzeihen, daß ich dich allein lasse wie Daniel in der Löwengrube.« Alexandra weinte; aber sie fühlte, daß die Liebe zu ihrem Onkel in ihr größer wurde. Als sich in Tauroggen die Nachricht von der Flucht des Miecznik verbreitete, erhob sich ein großer Lärm. Der wütende Sakowicz stürzte in das Zimmer von Alexandra und fragte, ohne die Mütze vom Kopfe zu nehmen: »Wo ist Ihr Onkel?« »Da, wo alle sind, ausgenommen die Verräter! – Im Felde!« »Sie wußten davon?« rief der Kommandant. »O«, wäre nicht der Fürst, so – – Sie werden dem Fürsten dafür Rede stehen!« »Weder dem Fürsten noch seinem Söldner! – Und jetzt –« Und sie wies mit dem Finger auf die Tür. Sakowicz knirschte mit den Zähnen und ging. Übrigens erhielt Sakowicz an demselben Tage einen kleinen Trost. Ein Brief vom Fürsten Boguslaw traf ein mit der Nachricht, daß der schwedische König sich glücklich aus der ihm gestellten Falle gerettet habe. Gleichzeitig forderte Boguslaw, daß man ihm sämtliche Truppen, mit Ausnahme einer winzigen Garnison, die in Tauroggen bleiben mußte, nachsenden solle. Die Reiterei verließ am nächsten Tage schon Tauroggen. Ihr folgte Ketling, Öttingen, Fitz-Gregory, kurz, alle außer Braun, der entschieden unabkömmlich war. Nach einer ziemlich langen Zeit des Wartens traf endlich dann wieder ein Brief von Boguslaw ein. »Warschau ist den Schweden genommen!« schrieb er. Und dann teilte er Einzelheiten über den Sturm von Warschau mit. »Der schwedische König«, fuhr er fort, »ist jetzt seiner Sache sicher. Er will vereint mit des Kurfürsten und meinen Kräften Jan-Kasimirs Truppen gänzlich vernichten. Ich verstehe vollkommen, daß, wenn wir die bevorstehende Schlacht verlieren, der Kurfürst sich gleich gegen die Schweden wenden wird, um sich dadurch Jan-Kasimirs Gunst zu sichern. Auch ich werde dann dafür sorgen, meine Haut und mein Hab und Gut zu retten. Es müssen Vorsichtsmaßregeln ergriffen werden. Verkaufe daher alles, was du zu Geld machen kannst, selbst wenn du zu diesem Zwecke mit den Konföderierten in Beziehungen treten müßtest. Du selbst geh nach Birze, von dort ist es näher nach Kurland. Ich würde dir raten, dich nach Preußen zu begeben, aber nach dorthin hat man vor kurzem Babinicz geschickt, und du mußt dich hüten, ihm zu begegnen.« Sakowicz überlegte, was er tun solle. Der Weg nach Birze war ihm durch die Partei Billewicz' und andere größere und kleinere Parteien verlegt. In Tauroggen zu bleiben war auch gefährlich. Jeden Augenblick konnte der gefürchtete Babinicz mit seinen Tataren kommen und schreckliche Rache nehmen. Der noch bis eben so selbstsichere Kommandant fühlte plötzlich das Bedürfnis, sich mit jemandem zu beraten und ließ Braun zu sich bitten. Beide beschlossen nun, in Tauroggen zu bleiben und dort erst weitere Nachrichten zu erwarten. Braun ging sogleich nach diesem Beschlusse zu Panna Anna. Sie sprachen lange miteinander, dann trat Braun mit erregtem Gesicht aus dem Zimmer, und Anna flog wie ein Wind zu Alexandra. »Fliehen wir!« rief sie, noch auf der Schwelle stehend. »Morgen, morgen schon! Die Garnison kommandiert Braun, Sakowicz übernachtet in der Stadt. Braun sagt, daß er auch weggeht und noch fünfzig Mann mit sich nimmt. – O, wenn du wüßtest, wie glücklich ich bin!« Anna warf sich Panna Billewicz um den Hals und umarmte sie. »Ich habe dir noch nicht alles gesagt. Ahnst du nichts? Pan Babinicz kommt hierher! Sakowicz stirbt fast vor Furcht. – Zu wem mag er nur eilen?« »Zu wem er auch eilen mag, möge Gott ihn segnen und ihm seinen Weg leicht machen!« 9. Kapitel. Kmicic hatte keine leichte Aufgabe zu erfüllen, als er von Warschau nach Polnisch-Preußen und Litauen zog; denn überall standen größere schwedische Abteilungen. Eine dieser Abteilungen stand sogar unter dem Befehle des berühmten Douglas und zweier polnischer Verräter, Radziejowski und Boguslaw Radziwill. Sie alle warfen ihre Netze weit aus, um Kmicic abzufangen. Der aber kümmerte sich wenig um ihre Netze und hoffte, in der Not noch immer durch ihre Maschen hindurchschlüpfen zu können. Auch begnügte sich Pan Andreas keineswegs mit einer passiven Rolle. Einmal hatte ihn Douglas mit seinen Truppen eingeschlossen, Pan Andreas aber warf sich, anstatt zu fliehen, auf die feindliche Reiterei, schlug sie und durchschwamm vor den Augen der Schweden die Narwa. Douglas wartete am Ufer auf die nötigen Prahme. Aber ehe er sie geliefert bekam, überschritt Kmicic in einer dunklen Nacht wieder den Fluß und richtete in der ganzen Douglasschen Division eine arge Verwüstung an. Kmicic war trotz aller Versuche der Feinde unfaßbar. Es gab Tage, wo man ihn beständig am Horizonte sah, aber die Schweden waren nicht imstande, ihn einzuholen. Die Soldaten wurden umsonst erschöpft, und unter den polnischen Bannern Radziejowskis wuchs die Unzufriedenheit stündlich. Um so mehr diente die umliegende Bevölkerung mit Begeisterung dem berühmten Partisan. Jede Bewegung des Feindes wurde ihm zugetragen. Es schien, als wenn er mit den Schweden spielte; aber es war doch das Spiel eines blutdürstigen Tigers. Denn alle Gefangene ließ er nach schwedischem Beispiele hängen. Plötzlich erhielt Douglas die Nachricht, daß Jan-Kasimir gegen ihn den Feldhetman Gosiewski mit sechstausend polnischen und tatarischen Reitern ausgesandt habe. »Gut«, sagte Douglas erfreut. »Wir werden Pan Gosiewski einen Denkzettel geben.« Den Sinn dieser Mission Gosiewskis konnte General Douglas nicht verstehen. Karl-Gustav marschierte mit dem Kurfürsten auf Warschau zu, wo es zu einer großen Schlacht kommen sollte. Und es war ihm unbegreiflich, daß der polnische König seine Armee um sechstausend Mann schwächte. Auch Karl-Gustav äußerte in einem Brief an Douglas seine Unruhe darüber. Er vermutete, daß der Hetman nach Litauen geschickt worden sei, um den dortigen Konföderierten Hilfe zu leisten und das des Schutzes beraubte Ostpreußen zu überfallen. »Man beabsichtigt,« so schrieb der König, »den Kurfürsten in seiner Treue zu uns zu erschüttern und ihn zu einem Bruche des Malborger Vertrages zu bewegen. Und das kann nicht schwer halten; denn der Kurfürst ist bereit, sich seines Vorteils wegen zu gleicher Zeit mit dem Teufel gegen Gott und mit Gott gegen den Teufel zu verbinden.« Das Schreiben endigte mit dem Befehle, den Hetman auf keinen Fall nach Preußen durchzulassen. Babinicz verlor von der Zeit an für den schwedischen General an Interesse. Douglas' ganze Aufmerksamkeit richtete sich jetzt auf den Pan Gosiewski. 10. Kapitel. Eine Woche später brach Kmicic bei Rajgrod in Preußen ein, ohne daß er es nötig hatte, große Anstrengungen zu machen; denn Douglas verfolgte Pan Gosiewsti, der sich nach Warschau zurückgezogen hatte. Auch dachte der schwedische General, daß Kmicic sich mit Gosiewski vereinigt haben werde. So konnte sich Babinicz indessen auf verborgenen Waldwegen nach Litauen einschleichen. Kmicic, wütend, daß es ihm nicht vergönnt war, seinem Feinde ins Angesicht zu schauen, rächte sich fürchterlich an den Untertanen des Kurfürsten. Noch in derselben Nacht, in der seine Tataren den Grenzpfahl passiert hatten, flammte an dem preußischen Himmel ein heller Feuerschein, und die Erde hallte von dem Wehklagen der Menschen wieder, die von den schweren Tritten des Krieges niedergetreten wurden. Wer es verstand, auf polnisch um Gnade zu bitten, konnte auf Erbarmen rechnen, aber alle deutschen Dörfer, Flecken und Kolonien wurden dem Erdboden gleich gemacht, und die von sinnloser Angst befallene Bevölkerung kam zu Hunderten um. Die Tataren, die Kmicic bis dahin mit eiserner Hand in guter Disziplin gehalten hatte, bekamen jetzt völlige Freiheit von ihm. Wie eine Schar blutgieriger Vögel stürzten sie sich auf die schutzlosen Einwohner. Es war, als wenn sie sich für die lang auferlegte Zurückhaltung entschädigen wollten, und sie badeten in des Wortes wahrem Sinne in Strömen menschlichen Blutes. Kmicic selbst nahm an dem entsetzlichen Morden keinen Anteil; aber er sah ohne Zittern den grausamsten Szenen zu. Sein Mitgefühl versagte völlig; sein Gewissen regte sich nicht: es war ja das Blut von Ketzern, das seine Soldaten vergossen. Und die zu vernichten, das war eine Gott wohlgefällige Sache. Der Kurfürst, der Lehnsherr und Diener der Republik, hatte ja zuerst seine gotteslästerliche Hand auf Polen gelegt, und er sollte gehörig dafür bestraft werden. Warum sollte er, Pan Andreas, nicht das Werkzeug Gottes sein? – Daher konnte er ruhigen Herzens beim Scheine der brennenden Dörfer den Rosenkranz abbeten, und wenn das Gejammer der Sterbenden ihn dabei störte, so begann er von neuem. Aber inmitten all seiner blutigen Taten dachte er mehr und mehr an Alexandra. Je tiefer er in Preußen vordrang, je mehr Wunden er schlug, desto stärker brannte die Wunde seines Herzens. »Täubchen, liebstes«, dachte er, »vielleicht hast du mich vergessen oder gedenkst gar mein mit Zorn und Abscheu! Ich aber, ob ich nah oder fern von dir bin, denke Tag und Nacht nur an dich. Für das Vaterland und für dich opfere ich gern mein Blut, und wehe mir, wenn du mich für immer aus deinem Herzen vertrieben hast!« Eine fürchterliche Sehnsucht trieb ihn immer weiter vorwärts; am liebsten wollte er schon morgen in Tauroggen sein. Aber es war noch sehr weit bis dahin und äußerst schwierig vorzudringen; denn ganz Preußen hatte sich wie ein Mann erhoben. Alles griff zu den Waffen. Aus den benachbarten Städten wurden die Garnisonen zusammengezogen und neue Regimenter wurden schnell formiert. Bald konnten die Preußen jedem von Kmicic' Tataren zwanzig Mann entgegenstellen. Kmicic überfiel diese improvisierten Regimenter so schnell wie der Blitz; er schlug sie, hängte die Gefangenen und verschwand spurlos, um erst wieder auf dem blutigen Hintergrund einer Feuersbrunst aufzutauchen. Aber es ging nicht so schnell vorwärts, wie er wollte. Oft mußte er sich nach Tatarenart wochenlang im Gebüsch oder Schilf an Seeufern versteckt halten. Erholt und mit neuen Kräften brach er alsdann wieder von neuem in dieselbe Gegend ein, die er erst dann verließ, wenn er sie meilenweit im Umkreise durch Schwert und Feuer verwüstet hatte. Und überall wurde sein Name genannt, von Flüchen begleitet hallte er wider bis zum Baltischen Meere. Freilich konnte er in forcierten Märschen sich durch die schwache schwedische Garnison durchschlagen und auf Tauroggen zueilen. Aber war er denn dazu hierher geschickt worden? Da, mit einem Male erhielt Pan Andreas Nachrichten, die sein Herzblut erstarren ließen und die Bevölkerung Preußens wieder aufmunterte: »Warschau,« so hieß es, »ist zurückerobert. Karl-Gustav und der Elektor haben Jan-Kasimirs Truppen eine schwere Niederlage beigebracht. – Das Ende der Republik ist nahe!« »Sollte das wirklich das Ende sein? War die wiedergeborene, sich erhebende Republik nur ein Gespenst gewesen? War soviel Macht, soviel Kraft, soviel Mannesmut, war alles das vergeudet worden? Die Hetmans, der König, Pan Czarniecki, das zum Schutze seines verunglimpften Vaterlandes sich bewaffnende Volk, waren sie alle auseinandergestoben wie Rauch? War niemand mehr im Lande, die Republik zu schützen, außer diesen kleinen Banden ungestümer Leute?« Kmicic raufte seine Haare und rang die Hände. »Ich will auch umkommen!« sprach er zu sich. »Aber vorher will ich diese ganze Erde von Blut getränkt sehen!« Er begann sich wie ein Wahnsinniger zu gebärden. Jetzt versteckte er sich nicht mehr in den Wäldern und im Schilfe wie vordem, nein, er suchte den Tod. Er stürzte sich auf dreimal stärkere Truppenabteilungen wie die seine und sprengte sie auseinander wie der Blitz. Bei seinen Tataren erstarben die Reste menschlicher Gefühle, und tierischer Blutdurst bemächtigte sich ihrer. So verging wieder ein Monat unter Anstrengungen, die jedes Maß überstiegen. Sowohl die Menschen wie auch die widerstandfähigsten tatarischen Pferde bedurften wenigstens einiger Tage Ruhe. Und der junge Oberst zog sich an die Grenzen der Republik zurück. Hier erwartete ihn eine frohe Botschaft, über die Pan Andreas fast den Verstand verlor. Wohl war es wahr, daß der tapfere, wenngleich unglückliche Jan-Kasimir eine dreitägige Schlacht bei Warschau verloren hatte, aber Pan Andreas hörte, daß es mit der regulären Armee durchaus nicht schlimm stand. Die Truppen hatten sich tadellos gehalten und waren unentwegt von kriegerischem Geiste beseelt. Die Niederlage, die nur durch unvorhergesehene Zufälligkeiten, wie die Auflösung der Landwehr und anderes mehr, herbeigeführt worden war, hatte die Armee keineswegs deprimiert. Die Schweden hatten in ihren Reihen große Verluste erlitten, ansteckende Krankheiten rafften viele dahin. Der Kurfürst war wankelmütig geworden und wußte nicht, was er tun sollte. Und währenddessen überfielen die Großpolen Brandenburg und wüteten dort wie eine Gottesgeißel. »Warte nur, auch ich werde mich jetzt nützlich machen,« dachte Kmicic bei sich. Und da sich seine Leute und die Pferde wieder erholt hatten, fiel er von neuem in Preußen ein. Und immer frohere Kunde, der Pan Andreas nicht so recht trauen wollte, kam aus Polen. Man erzählte, daß Karl-Gustav plötzlich einen eiligen Rückzug angetreten habe. Was war da geschehen? Noch niemals hatte man von einem Rückzuge des Siegers, der fast einer Flucht glich, gehört! Da sandte ihm eines Tages Pan Wolodyjowski durch einen Schlachtschitzen einen Brief. »Wir marschieren mit dem Pan Feldhetman von Litauen und mit dem Fürsten Michail Radziwill gemeinsam hinter Boguslaw und dem Schweden Waldeck her,« schrieb der kleine Ritter. »Schließen Sie sich uns an. Der Augenblick der Rache ist gekommen!« Kmicic fragte den Schlachtschitzen ausführlich aus, wo sich die Truppen des Feldhetman jetzt befänden, und brach mit seinen Tataren eiligst auf. Nach zwei Tagen schon hielt er Wolodyjowski in seinen Armen. »Graf Waldeck und Boguslaw stehen in Prostki, wo sie sich verschanzen,« sagte Wolodyjowski. »Morgen greifen wir sie an. Mein Gott, wie mager und schwarz Sie geworden sind,« fuhr er fort. »Dafür aber haben Sie Ihren Namen mit großem Ruhme bedeckt! Wir alle bewundern Sie. Nichts als Leichen und Ruinen haben Sie hinter sich zurückgelassen. Das nennt man richtig Krieg führen! Selbst Pan Zagloba, wenn er hier wäre, könnte sich nicht größerer Resultate rühmen.« »Wo ist denn Pan Zagloba?« »Er blieb bei Pan Sapieha. Er kann noch nicht recht zu sich kommen und weint immerzu.« »Was ist denn los? Was ist ihm denn passiert?« »Er beweint Roch Kowalski, den Fürst Boguslaw niedergestochen hat! Roch Kowalski starb einen rühmlichen Tod. Selbst Karl-Gustav erkannte seinen Mut an; er ließ ihn mit allen militärischen Ehren begraben. Es war in der Schlacht bei Warschau. Am ersten Tage kämpften wir erfolgreich; am zweiten begann das Glück zu schwanken. In diesem Augenblicke rückten die litauischen Husaren vor, bei denen Roch diente. Es waren im ganzen ihrer zwölfhundert Mann. Ich beobachtete ihre Attacke von einem Hügel aus. Die Husaren sausten dahin, alles, was ihnen im Wege war, niederwerfend. – Schließlich griffen sie ein schwedisches Garde-Regiment an, bei dem der König selbst stand. Man bat, man flehte Karl-Gustav an, sich zu retten, da niemand den waghalsigen Husaren standhalten konnte. Der König jedoch achtete der Ratschläge nicht und kämpfte tapfer bei seiner Garde. Endlich aber sah er sich doch genötigt, mit einem Adjutanten zu fliehen. Kowalski verfolgte die beiden. Der Adjutant, der den König decken will, wird von Kowalski durch einen Säbelhieb in zwei Hälften geteilt. Karl-Gustav wendet sich nun selbst gegen Kowalski. – Plötzlich aber stürzt der König mit seinem Roß zur Erde; er feuert zwar schnell seine Pistole auf Kowalski ab, doch der Schuß geht fehl. Die Schweden sind bei diesem Anblick wie erstarrt; denn Pan Roch hat schon sein Schwert erhoben, – der König war unrettbar verloren. – In diesem Augenblicke, wie aus dem Erdboden gewachsen, erscheint Fürst Boguslaw und schießt Kowalski direkt ins Ohr, so daß sein Schädel zersplittert.« »Mein Gott, hatte er denn nicht genügend Zeit, sich gegen Boguslaw zu wenden?« rief Pan Andreas, sich an den Kopf fassend. »Gott wollte das nicht«, entgegnete Michail. »Nachher begriffen Zagloba und ich, warum das alles so geschah. Roch stand seit seinen jungen Jahren bei den Radziwills in Diensten; das plötzliche Erscheinen Boguslaws, seines einstigen Befehlshabers, muß ihn wahrscheinlich gänzlich verwirrt haben. Der Gedanke, Hand an einen Radziwill zu legen, kam ihm gewiß nicht in den Kopf. – So muß es gewesen sein. – Ja, und er mußte mit seinem Leben dafür zahlen. – Ein merkwürdiger Mensch, dieser Pan Zagloba! Er war doch nicht einmal entfernt mit Roch verwandt, aber er beweint ihn, wie man nur seinen eigenen Sohn beweinen kann.« Durch das schmale Fenster der ärmlichen Hütte, in der sich Wolodyjowski und Kmicic unterhielten, schlich sich der erste bleiche Schein des anbrechenden Tages. »Und morgen greifen wir an!« sagte Pan Michail. 11. Kapitel. Es war am sechsten September, als Pan Gosiewski Kmicic, da dieser die Gegend gut kannte, auf Erkundigung ausschickte. »Und kehren Sie ja nicht ohne Gefangene, die wir gut ausfragen können, zurück«, schloß er seinen Auftrag. Kmicic lächelte. Auch ohne diese Bitte hätte er Gefangene mitgebracht, und wenn er sie von den Verschanzungen von Prostki herholen müßte. Zwei Tage später kehrte Pan Andreas zurück. Er führte mehrere Dutzend Preußen und Schweden bei sich, darunter den Hauptmann eines unter Boguslaws Kommando stehenden preußischen Regimentes. Aus dem Verhöre ergab sich, daß bei Prostki nicht nur die Truppen des Grafen Waldeck standen, sondern zugleich sechs schwedische Regimenter unter dem Oberbefehle des General-Majors von Israel, von denen vier Reiterregimenter waren, die Peterson, Frytjotson, Tauben und Ammerstein kommandierten, und zwei Infanterieregimenter, die die Brüder Engel befehligten. Außerdem war Fürst Boguslaw da mit vier Bannern. Graf Waldeck führte über diese ganze Armee den Befehl, jedoch nur nominell; denn in Wirklichkeit folgte er in allem dem Rate Boguslaws, ebenso wie es auch der schwedische General Israel tat. Die wichtigste Aussage des gefangenen Offiziers war die, daß zweitausend auserlesene Infanteristen zur Verstärkung erwartet wurden, und daß Graf Waldeck, da er fürchtete, daß sie auf Kmicic' Tataren stoßen könnten, beschlossen hatte, das befestigte Lager zu verlassen, sich mit der Verstärkung zu vereinen und sich dann neu zu verschanzen. Boguslaw war zwar zuerst gegen diese Maßnahme, aber er begann, sich allmählich Waldecks Ansicht anzuschließen. Hierüber freute sich Pan Gosiewski sehr. Er wußte nur zu gut, daß der Feind sich im befestigten Lager lange halten würde, daß aber weder die schwedische noch die preußische Reiterei den Litauern im offenen Felde widerstehen konnte. Dasselbe war auch dem Fürsten Boguslaw bekannt, aber seine Eigenliebe litt unter der Beschuldigung einer übertriebenen Vorsicht zu sehr, und man konnte annehmen, daß es ihm schnell lästig werde, im Lager zu sitzen, und daß er sich bald vorwagen werde. Auf alle Fälle mußte Gosiewski sich beeilen, um die Schweden gleich beim Verlassen der Schanzen anzugreifen. Derselben Meinung waren auch alle die anderen Obersten: Korsak, der Kavallerie-Oberst, Woinillowicz, Wolodyjowski, Kmicic und Hassan-Bey, der Befehlshaber einer Tatarenhorde. Es wurde beschlossen, noch in derselben Nacht aufzubrechen. Pan Korsak schickte den Fahnenträger Bieganski nach Prostki voraus, damit er das schwedische Lager scharf beobachte. Kaum hatten Gosiewskis Truppen zwei Meilen zurückgelegt, als ein Bote mit einem Briefe von Pan Bieganski ankam. Der Fahnenträger meldete, daß nach Aussagen mehrerer Gefangenen die Schweden Prostki schon am nächsten Morgen um acht Uhr verlassen werden, wozu die nötigen Befehle schon gegeben seien. »Danken wir Gott, und geben wir unseren Pferden die Sporen«, sagte der Hetman. – »Bis zum Abend werden wir sie geschlagen haben!« Er sandte sofort die Tataren mit der Weisung voraus, der ankommenden preußischen Infanterie den Weg zu den Truppen des Grafen Waldeck zu verlegen. Den Tataren folgten bald die litauischen Banner. Kmicic befand sich in den ersten Reihen der Tataren und feuerte nach Kräften seine Abteilung an. Unterwegs beugte er sich tief herab auf den Hals seines Pferdes, und seine Lippen flüsterten ein Gebet: »Herrgott! Nicht für mich will ich Rache nehmen, sondern für das gekränkte Vaterland. Gib den Ketzer in meine Hände! Und ich verspreche dir, zu fasten und mich wöchentlich einmal bis an mein Lebensende zu peitschen!« Und eine neue Kraft erfüllte seine Seele, eine Kraft, vor der alles in den Staub fallen mußte. An seinen Schultern schienen ihm Flügel zu wachsen, und er flog an der Spitze seiner Tataren wie ein Wind und hinter ihm, bis zum Sattel niedergebückt, sausten Tausende wilder Söhne der Steppen. Die Mondsichel begann schon bleich zu werden und nach Westen zu sinken, als die Tataren Halt machten, um sich und den Pferden etwas Erholung zu gönnen. Man war nur noch eine halbe Meile von Prostki entfernt. Kmicic bestieg ein Reservepferd und ritt weiter, um auf das feindliche Lager einen Blick zu werfen. Eine halbe Stunde später traf Pan Andreas die Abteilung des Fahnenträgers, die Pan Korsak vorausgeschickt hatte. »Nun, was?« fragte Kmicic den Fahnenträger. »Gibt es Neues?« »Die Schweden schlafen nicht und summen im Lager wie die Bienen im Bienenstock.« »Kann man nicht von irgendwo aus das Lager besser übersehen?« »Da, von jenem Hügel aus. Ihr Lager liegt dicht am Flusse.« Der Fahnenträger und Kmicic ritten auf die Spitze einer kleinen Anhöhe. Es begann zu tagen, im Tale war es jedoch noch dunkel. Allmählich lichtete sich die Dunkelheit, und Kmicic sah mit Hilfe eines Fernrohres nicht nur die Zelte des Feindes, sondern er konnte auch die hellblauen schwedischen Fahnen von den gelben preußischen unterscheiden. Ringsum herrschte tiefe Stille, die nur von dem Rauschen der Sträucher und von fröhlichem Vogelgezwitscher unterbrochen wurde. Vom Lager her drangen unklare Geräusche herüber. Augenscheinlich waren dort alle wach und bereiteten sich zum Aufbruche vor. Ganze Regimenter waren in Bewegung, die Artillerie holte die Geschütze von den Wällen herunter. Kmicic befahl den Soldaten, auf ihrem Platze zu bleiben, während er selbst in rasendem Trabe zurücksprengte. Pan Gosiewski bestieg gerade sein Pferd, als er den herankommenden Babinicz sah. Sobald er seinen Bericht entgegengenommen hatte, ließ er die Regimenter vorrücken. Voran ritt Kmicic mit einem kleinen Teile der Tataren, dann folgten die Banner Woinillowicz', die Laudaer und das eigene des Pan Hetman. Hassan-Bey blieb mit den übrigen Tataren hinten, da er befürchtete, daß seine Leute der feindlichen schweren Reiterei nicht standhalten könnten. Außerdem hoffte er im stillen, sich des feindlichen Lagers bemächtigen zu können und dort reiche Beute einzuheimsen. Der Hetman verstand das auch, aber er willigte trotzdem darin ein. Die Tataren, die bei einem Angriffe auf offenem Felde nur wenig ausrichten konnten, verwandelten sich, sobald sie das feindliche Lager betraten, völlig in wilde Tiere, so daß sie fürchterliche Verwirrung in den Reihen des Feindes hervorriefen. Zwei Stunden später machten die polnischen Truppen an dem Hügel, wo die voraus gesandte Abteilung wartete, Halt. Der Fahnenträger berichtete, daß der Feind bereits das Lager verlassen habe, und jetzt nur noch die letzten Wagen herausfuhren. »Dann können sie nicht mehr zurück; der Train wird sie daran hindern«, sagte Pan Gosiewski. »Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes! Wir brauchen uns nicht mehr zu verstecken!« Und er gab mit seinem Stabe das Zeichen zum Vorrücken. Der Fahnenträger der Roßschweiffahne begann mit der Flagge nach allen Seiten zu wehen, sämtliche Fahnen fingen nun an zu flattern. Es erschollen Trompetenstöße, in der Luft erglänzten sechstausend Säbel und sechstausend Stimmen riefen auf einmal: »Jesus, Maria! – Allah! – Il Allah!« Die Schweden hatten diese Gäste nicht so bald erwartet. Die Regimenter begannen sich schnell mit der Front nach dem Flusse hin zu formieren. Bald waren die feindlichen Heere nur tausend Schritte voneinander entfernt. Eine große Wiese, in deren Mitte ein Fluß war, trennte sie. Eine Minute darauf fiel auf der schwedischen Seite der erste Kanonenschuß. Die Schlacht begann. Der Hetman sprengte zu Kmicic heran. »Pan Babinicz, greifen Sie das Reiterregiment dort an!« – »Folgt mir!« befahl Pan Andreas. Er gab seinem Pferde die Sporen und sauste zum Flusse. Die Tataren überschritten an einer flachen, sandigen Stelle den Fluß und rasten weiter. Das schwedische Reiterregiment ritt ihnen zuerst langsam entgegen, dann begann es zu traben und blieb schließlich ganz stehen. Als die Tataren bis auf zwanzig Schritt herangekommen waren, erscholl das Kommando: »Gebt Feuer!« Und Hunderte von mit Pistolen bewaffneten Händen streckten sich nach der Richtung der Tataren aus. Dieser Salve folgte der Zusammenstoß der beiden Feinde. Die Mitte der von den Reitern gebildeten geraden Linie gab dem Anpralle der Tataren nach, die beiden Flügel standen fest. Jetzt begann eine schreckliche Metzelei. Es verteidigten sich hochgewachsene, in Eisen geschmiedete Männer gegen eine graue Wolke Tataren, die mit unheimlicher Schnelligkeit auf sie einhieben. Diese rasch die Luft durchsausenden Säbel von Kmicic' Tataren blendeten einfach die Schweden. Vergebens erhoben die schwedischen Hünen ihre Schwerter; noch bevor sie ausholen konnten, fühlten sie schon den kalten Stahl des Feindes in ihren Körper eindringen, und das Schwert entsank ihren Händen. Und wie ein Schwarm Stechfliegen trotz aller Abwehr einen Menschen umschwärmt und wie sie ihn mit ihren Stacheln stechen, so stachen die wütenden, in so vielen Kämpfen geübten Tataren Kmicic' auf den Feind los, und sie brachten Tod und Verderben in die Reihen der Schweden. Die in Eisen gepanzerten Reiter fielen zu Dutzenden, und Kmicic drang immer weiter vorwärts. Plötzlich bemerkte er, daß den geschlagenen Schweden eine Abteilung roter Dragoner zu Hilfe eilte. »Tut nichts«, dachte er, »bald kommt uns Wolodyjowski zu Hilfe.« Plötzlich erscholl eine Kanonensalve, die Musketen begannen zu sprechen. Das ganze Feld wurde in Pulverdampf eingehüllt. Es schien, als wenn die Schweden Kmicic und seine Tataren absichtlich den Fluß überschreiten ließen, um sie desto leichter bis auf den letzten Mann vernichten zu können. Und Hilfe kam von jenseits des Flusses noch immer nicht! Pan Korsaks Leute versuchten es, den Tataren nachzukommen, aber sie gerieten in Unordnung und mußten sich zurückziehen. Woinillowicz' Banner erreichte fast die Mitte des Flusses, sah sich dann aber auch zur Umkehr gezwungen; denn die Schweden beschossen unaufhörlich die einzige Stelle, die eine Überschreitung zuließ. Schließlich mußte der Hetman sich selbst überzeugen, daß es nicht möglich sei, über den Fluß zu gehen. Und doch hing von Kmicic der ganze Ausgang des Kampfes ab. Die Brauen des Hetman zogen sich finster zusammen. Er rief seiner Ordonnanz zu: »Reite zu Hassan-Bey, er soll den Fluß so schnell als möglich schwimmend überschreiten und versuchen, ins Lager einzudringen. Alles, was er dort erbeutet, soll ihm gehören! Geschütze sind an der Stelle nicht aufgestellt; der Fluß ist das einzige Hindernis. – Was denken Sie?« wandte er sich an Wolodyjowski, »werden die Tataren herüberkommen?« »Das werden sie schon, aber Babinicz kommt um«, antwortete dumpf Wolodyjowski. »Mein Gott!« rief der Hetman. »Wenn dieser Babinicz nur einen Kopf auf seinen Schultern hätte, so könnte er die ganze Schlacht gewinnen helfen!« Pan Gosiewski nahm wieder sein Fernrohr und richtete es auf den Fluß. Schließlich hielt es Wolodyjowski nicht mehr aus. Er nahm seinen ganzen Wagemut zusammen, räusperte sich und sagte: »Pan Hetman, wenn Sie es erlauben, würde ich es versuchen, den Fluß zu durchwaten!« »Sie gehen nicht vom Platze!« erwiderte der Hetman scharf. »Es genügt, daß jene umkommen.« »Sie kommen ja alle um!« antwortete der kleine Ritter. Und wirklich, der Lärm auf der anderen Seite wurde immer größer, augenscheinlich trat Kmicic den Rückzug an. »Gott sei Dank! Darauf habe ich nur gewartet!« rief der Hetman aus, und er sauste wie der Wind zu Woinillowicz' Banner. Kmicic zog sich zurück. Seine Leute hatten sich im Kampfe mit den Dragonern gänzlich erschöpft, und allein die Hoffnung auf Verstärkung hatte sie solange standhalten lassen. Als aber noch eine halbe Stunde verging, die keine Hilfe gebracht hatte, wurde die Verteidigung immer aussichtsloser. Besonders, da die Dragoner durch ein schweres Reiterregiment Boguslaws unterstützt wurden. »Der Tod naht!« dachte Kmicic. Aber keine Minute lang wurde ihm bange zumute. Soviele Male war er schon in solcher Lage, und niemals hatte er die Hoffnung auf einen Sieg und auf seine eigene Rettung ausgegeben. Plötzlich durchschoß ein neuer Gedanke seinen Kopf: »Den Fluß können die unsrigen nicht durchwaten, – so werd' ich ihnen dazu verhelfen.« Boguslaws Regiment war nur hundert Schritt von ihm und seinen Leuten entfernt. Pan Andreas nahm seine Rohrpfeife an die Lippen und pfiff so durchdringend, daß die zunächst stehenden Dragonerpferde sich hoch aufbäumten. Andere Rohrpfeifen der Tataren wiederholten das Signal; eine Sekunde, und die Tataren warfen ihre Pferde herum. Die roten Dragoner und das Boguslawsche Regiment setzten ihnen nach. Auf der weiten Wiese flogen wie auf Flügeln des Windes die Tataren in Reih und Glied direkt zu der von der feindlichen Artillerie beschossenen Furt. – Immer näher kommen sie der verhängnisvollen Stelle. – Augenscheinlich lassen die Kräfte der tatarischen Pferde nach; die Entfernung zwischen ihnen und dem nachsetzenden Feinde wird immer kleiner. Die vordersten Reiter haben die Fliehenden erreicht und schlagen schon los. Noch einige Schritte, und das Flüßchen ist da. – Da aber ereignete sich etwas Überraschendes. Kaum hatte die Tatarenabteilung den Fluß erreicht, als wieder der durchdringende Pfiff der Rohrpfeifen auf beiden Flügeln erscholl. Und die ganze Abteilung, anstatt in den Fluß zu sprengen, teilte sich in zwei Teile und zerstreute sich nach rechts und links längs des Ufers. Die schweren feindlichen Regimenter konnten ihre Pferde nicht so schnell zum Stehen bringen und rasten in den Fluß hinein. Die schwedische Artillerie verstummte, um nicht die eigenen Soldaten zu treffen. Auf diese Minute hatte Gosiewski wie auf seine eigene Rettung gewartet. Er ließ das königliche Banner Woinillowicz', dann das Laudaer, Korsaks, zwei hetmansche und das Panzer-Banner des Fürsten Michail Radziwill los. Ehe der Feind sich noch formieren konnte, sprengte Woinillowicz' Banner die roten Dragoner auseinander, schnitt Boguslaws Regiment in zwei Teile und jagte sie alle der Hauptmacht des Feindes zu. Der Fluß färbte sich rot von Blut. Die Geschütze dröhnten wieder los, aber zu spät. Denn schon rasten acht litauische Banner über die Wiese dahin, und die Schlacht begann auf der anderen Seite des Flusses. Graf Waldeck, Boguslaw und Israel führten ihre ganze Kavallerie ins Treffen, um den ersten Sturm aufzufangen und die Infanterie sich formieren zu lassen. Aber der Anprall der litauischen Banner war so heftig, daß ein Widerstand nicht möglich war. Die Infanterie, die Karrees gebildet hatte, konnte auch dem rasenden Angriffe nicht standhalten. Und inmitten des Pulverdampfes der Musketenschüsse, die die zweiten und dritten Reihen der Karrees abgaben, erblickten die ersten Reihen Tausende von Pferdehufen über ihren Köpfen. Die Luft erzitterte von tausendstimmigen Rufen. Ein Regiment nach dem anderen ward zertrümmert. Noch brauchten die Schweden die Hoffnung nicht aufzugeben, noch konnte der Sieg sich ihnen wieder zuwenden, da im Lager noch zwei frische Regimenter lagen, die in jeder Minute herangezogen werden konnten. Graf Waldeck hatte völlig den Kopf verloren. Fürst Boguslaw übernahm den Befehl und leitete die ganze Schlacht. Die Gefahr erkennend, schickte er eine Ordonnanz zu den Reserveregimentern. Nach einer halben Stunde kehrte der Bote bleich, ohne Mütze, mit verzweifeltem Gesicht zurück. »Im Lager sind die Tataren!« schreit er schon aus der Ferne Boguslaw zu. Gleich darauf nahten Dutzende von schwedischen Reitern in völliger Auflösung. Die Infanteristen hatten ihre Waffen von sich geworfen. Vollgepackte Fuhren, deren vorgespannte Pferde scheu geworden waren, rasten nach allen Seiten dahin. Überall herrschte völlige Verwirrung. »Hassan-Bey ist ins Lager eingedrungen!« ruft Gosiewski erfreut. Und dann schickt er seine zwei letzten Banner ins Feuer. Boguslaw, der sieht, daß alles verloren ist, will am allerersten sich und einen kleinen Teil seiner Reiterei retten. Mit übermenschlicher Anstrengung sammelt er eine Anzahl Reiter um sich und reitet links das Ufer entlang. Aber da überfällt ihn mit seinen Husaren Fürst Michail, und mit einem Schlage vernichtet er die ganze Abteilung. Boguslaw rast auf dem schwarzen Gaul Kmicic' wie der Wind davon und bemüht sich von neuem, durch Rufe mehrere Reiter um sich zu sammeln. Niemand hört auf ihn, ein jeder ist froh, mit dem Leben davongekommen zu sein und keinen Feind vor sich zu haben. Doch vergebens die Freude! Kaum haben sie sich einige tausend Schritt entfernt, als hinter ihnen und vor ihnen ein wildes Geheul erschallt. Aus dem Schilfe taucht ein ganzer Haufe Tataren auf. Es war Kmicic mit seiner Abteilung. Er hatte sich mit seinen Leuten im Schilf verborgen, um, nachdem sie sich von dem ersten Zusammenstoß erholt hatten, dem fliehenden Feinde den Rückzug abzuschneiden. Kmicic erkannte Boguslaw sofort an dem Gaul und an dem Hute mit den schwarzen Straußenfedern. Sobald der Fürst Kmicic' und seiner wilden Schar gewahr wurde, gab er seinem Pferde die Sporen und flog wie ein von der Meute verfolgter Hirsch dahin. Er beugte sich bis zum Sattel herab; sein Pferd berührte kaum mit den Hufen den Erdboden. Kmicic setzte ihm nach, die Tataren blieben weit zurück. Um seinem Pferde das Rennen zu erleichtern, warf Pan Andreas die Pistolen aus den Satteltaschen. Er blickte unverwandt auf Boguslaw und schlug mit seinen Sporen erbarmungslos auf das Pferd ein, das ohnehin schon nicht mehr bei Kräften war. Trotz aller Bemühungen wurde die Entfernung zwischen Kmicic und dem Fürsten immer größer. »Ich hole ihn nicht ein,« dachte Pan Andreas voller Wut, und indem er sich im Sattel hochrichtete, rief er so laut wie möglich: »Fliehe nur, Verräter, vor Kmicic! Wenn nicht heute, so kriege ich dich morgen! Du sollst mir nicht entgehen!« Kaum verhallten diese Worte, als der Fürst sich umdrehte. Da er sah, daß Pan Andreas allein war, wandte er sein Pferd um und stürzte sich mit gezogenem Säbel auf ihn. Sie stießen beide zusammen. Schon nach den ersten Schlägen hörte Boguslaw auf, den Gegner gering zu schätzen. Alle Hiebe, die er von den französischen Fechtmeistern gelernt hatte, wurden pariert. Der Schweiß rann in Strömen über sein Gesicht und vermischte sich mit der weißen und roten Schminke. Sein rechter Arm wurde ihm steif. Er begann sich zu ärgern und beschloß, die letzte Anstrengung zu machen, um den Gegner niederzuhauen. Kmicic aber parierte mit solcher Wucht, daß dem Fürsten der Säbel aus der Hand flog. Dann versetzte Pan Andreas ihm einen Hieb über die Stirn. »Christus!« rief der Fürst und stürzte vom Pferde. Pan Andreas stieg auch ab und näherte sich mit dem Säbel in der Hand dem Fürsten. Er war kreidebleich, und auf seinem Gesichte lag der Ausdruck eines unerbittlichen Hasses. Sein Todfeind lag jetzt zu seinen Füßen, noch lebend und bei vollem Bewußtsein. Boguslaw sah Kmicic mit weitgeöffneten Augen an und rief ihm zu: »Töte mich nicht! Ich gebe Lösegeld!« Statt jeder Antwort setzte Kmicic seinen Fuß auf des Fürsten Brust und die Spitze seines Säbels auf die Gurgel. Die geringste Bewegung, und der Fürst war verloren. – Aber Pan Andreas wollte sich an seiner Rache sättigen. Er blickte Boguslaw fest in die Augen, wie der Löwe den zu Tode verwundeten Büffel ansieht. Unablässig rann das Blut aus der Stirnwunde Boguslaws und bildete auf der Erde eine kleine Lache. Pan Andreas' Fuß stellte sich immer schwerer auf seine Brust. »Höre,« begann Boguslaw mit gebrochener Stimme, »Alexandra –« »Sprich!« sagte er. Fürst Boguslaw atmete freier auf und wiederholte lauter: »Alexandra, – sie ist verloren, wenn du mich tötest! Der Befehl ist gegeben.« »Was hast du mit ihr getan?« fragte Kmicic. »Gib mich frei, – und ich händige sie dir aus, – ich schwöre, ich schwöre beim Evangelium!« Pan Andreas schlug sich an die Stirn; augenscheinlich kämpfte er mit sich. »Höre, Verräter,« sagte er schließlich, »ich gäbe mit Freuden hundert solcher Ausgeburten wie du für ein einziges ihrer Haare hin. Aber ich glaube dir nicht, du Eidbrüchiger!« »Ich schwöre beim Evangelium! Ich gebe dir einen Schutzbrief und einen unterzeichneten Befehl!« »Mag es so sein! Ich schenke dir das Leben; aber aus den Händen gebe ich dich nicht. Du gibst mir den versprochenen Brief, und ich übergebe dich bis auf weiteres den Tataren, – du bleibst in ihrer Gefangenschaft.« »Einverstanden!« erwiderte der Fürst. »Merke dir es, weder dein Fürstentum noch deine Truppen haben dich vor meiner Rache geschützt, – und wisse, wenn du es je wagen solltest, meinen Weg zu kreuzen oder dein Wort zu brechen, so gibt es nichts auf der Welt, was dich retten könnte. Einmal warst du schon in meinen Händen; jetzt habe ich dich unter meiner Ferse, – vergiß das nie!« »Mir ist schlecht,« sagte der Fürst. »Pan Kmicic, hier in der Nähe muß Wasser sein, geben Sie mir zu trinken und verbinden Sie meine Wunde.« »So stirb! Verräter!« sagte Kmicic. Aber der Fürst, der jetzt seines Lebens sicher war, gewann seine ganze Selbstbeherrschung wieder. »Sie sind dumm! Wenn ich jetzt stürbe, – was geschähe mit ihr?« – – Nach diesen Worten erblaßte er und verlor das Bewußtsein. Kmicic stürzte davon, um Wasser zu holen. Boguslaw kam bald wieder zu sich, gerade in dem Augenblicke, als ein Tatar sich ihm näherte. Der Tatar wollte schon seine Lanze erheben, um den verwundeten Feind an den Erdboden festzunageln, als Kmicic ihm von der Ferne zurief: »Halt! Laß ihn leben!« Der Tatar stand unbeweglich. Kmicic sandte ihn nach Wasser aus, während er selbst beim Fürsten blieb, da er die Kiemlicz', Soroka und seine ganze Abteilung herannahen sah, die alle auf der Suche nach ihrem Befehlshaber waren. Als die treuen Tataren Pan Andreas erblickten, begannen sie unter lauten Rufen ihre Mützen hoch in die Luft zu werfen. »Akbah-Ulan,« sagte Kmicic, »da liegt der Befehlshaber der geschlagenen Truppen, Fürst Boguslaw Radziwill. Ich schenke ihn euch, aber behütet ihn gut; denn, lebend oder tot, ihr werdet für ihn ein gutes Lösegeld erhalten. Jetzt aber verbindet ihm die Wunde, fesselt ihn und bringt ihn in das Lager.« Kmicic ließ sich sein Pferd geben, bestieg es und ritt, begleitet von einigen Tataren, zu den Seinen. Pan Gosiewski stand mit dem Fürsten Michail, Woinillowicz, Wolodyjowski und einem Dutzend anderer Offiziere auf einer Schanze. Kmicic gab seinem Pferde die Sporen und ritt auf den Hetman zu. Dieser, ein Mann von aufrichtigem Charakter, der durchaus nicht neidisch war, rief schon von weitem: »Da kommt er ja, der eigentliche Sieger! Ich bin der erste, der es offen erklärt, daß dieser Sieg nur Ihnen zu verdanken ist. Meine Herren, danken wir dem Pan Babinicz; ohne ihn konnten wir das andere Ufer nicht erreichen!« »Vivat Babinicz!« riefen mehrere Stimmen. »Vivat! Vivat!« »Wo haben Sie denn diese Kriegskunst erlernt?« fragte der Hetman begeistert. »Woher wußten Sie, was nötig war zu tun?« Kmicic antwortete nicht; er war schrecklich ermüdet, – er verbeugte sich nur nach allen Seiten. Seine Augen erstrahlten vor Zufriedenheit. Die Vivatrufe wollten nicht verstummen und hallten immer weiter. Plötzlich stand Pan Andreas im Sattel auf, und indem er seine Hände hoch hob, brüllte er mit Donnerstimme: »Vivat Jan-Kasimir, unser Herr und Vater!« Jetzt erhob sich ein solches Geschrei, als wenn die Schlacht von neuem losginge. Ein ungeheurer Enthusiasmus ergriff alle Herzen. Fürst Michail hakte seinen Säbel mit der Scheide, die mit Brillanten übersät war, ab und reichte ihn Kmicic. Der Hetman nahm seinen kostbaren Mantel und warf ihn Pan Andreas um. Der aber erhob wieder seine Hände und rief: »Vivat unser Hetman, unser Feldherr und Sieger!« Von allen Seiten kamen die Soldaten und trugen die eroberten Fahnen herbei, die sie vor den Führern in die Erde einpflanzten. Es waren preußische und schwedische Fahnen und die von Boguslaw; denn der Feind hatte keine einzige gerettet. »Das ist einer der größten Siege des ganzen Feldzuges!« sagte der Hetman. »Israel und Waldeck sind gefangen, das Heer ist aufs Haupt geschlagen.« Dann wandte er sich an Kmicic: »Pan Babinicz, Sie mußten auf jener Seite auf Boguslaw gestoßen sein. – Wo ist er?« »Den Fürsten Boguslaw hat Gott durch diesen Arm gestraft!« erwiderte Kmicic, indem er auf seinen rechten Arm wies. – »Mein Vetter ist tot?« fragte schnell Fürst Michail, in dem verwandtschaftliche Gefühle erwachten. »Nein, er ist nicht tot. Ich habe ihm das Leben geschenkt; aber er ist verwundet und gefangen. Sehen Sie, dort führen ihn meine Tataren!« Eine Abteilung Tataren näherte sich. Einer von ihnen führte einen Gefangenen. Alle erkannten den Fürsten Boguslaw. Aber in welch trauriger Verfassung war er! Er, einer der mächtigsten Magnaten der Republik, er, der noch gestern von einer unabhängigen Krone geträumt hatte, er, – ein Fürst des Deutschen Bundes, – ging jetzt mit einem Lasso um den Hals, ohne Hut, mit blutigem, mit einem schmutzigen Lappen verbundenem Kopfe. Fürst Michail bedeckte sein Gesicht mit seinen beiden Händen. – Wie Boguslaw auch sein mochte, – er war doch ein Radziwill. »Panowie!« rief er, da er es nicht länger aushielt, »dieser ist mein Vetter, mein Blut! Und ich habe nicht gezögert, weder mein Leben noch mein Vermögen dem Vaterlande zu weihen. – Wer die Hand auf diesen Märtyrer hebt, der ist mein Feind!« Alle liebten den Fürsten Michail. Als ganz Litauen der Macht des Feindes erlag, leistete er allein in Nieswiez Widerstand. Er war der erste, der sich der Tyszowiecer Konföderation angeschlossen hatte. »Entreißen wir ihn den Händen der Tataren!« vernahm man vereinzelte Stimmen. »Möge ihn die Republik richten!« »Ja, nehmen wir ihn den Tataren weg!« wiederholte der Fürst. »Eine Geisel wird sich bald finden, und Lösegeld wird er selbst zahlen. Pan Woinillowicz, gehen Sie mit Ihren Leuten hin und gebrauchen Sie Gewalt, wenn sie ihn nicht willig herausgeben!« Kmicic sprang wie ein verwundeter Tiger hoch. »Erlauben Sie, Fürst!« rief er, »das ist mein Gefangener! Ich habe ihm das Leben unter einer Bedingung geschenkt. Und er hat auf das Evangelium geschworen, diese Bedingung einzuhalten. Eher lasse ich mich umbringen, als daß ich dulde, daß er den Tataren entrissen wird, bevor er seinen Verpflichtungen nachgekommen ist!« Fürst Michail unterdrückte seine Erregung und sagte: »Sprechen Sie, was verlangen Sie?« »Daß er seine Versprechungen hält, ehe er aus der Gefangenschaft entlassen wird.« »Er wird alles tun.« »Nein, nein! Ich glaube ihm nicht!« »Dann schwöre ich für ihn und stehe Ihnen mit meinem Ritterwort dafür ein, daß alles, was er Ihnen versprochen, auch ausgeführt wird. – Widrigenfalls können Sie mich zur Verantwortung ziehen.« »Das genügt,« entgegnete Kmicic. »Ich danke Ihnen, Pan Kavalier!« schloß der Fürst. »Sie können ruhig sein; auch ich gebe ihm nicht die Freiheit. Ich liefere ihn dem Hetman aus, daß er sich später vor dem Gericht des Königs verantworten soll!« Schon am Abend befand sich Boguslaw im Zelte des Pan Gosiewski. Seine Wunde erwies sich als nicht sehr gefährlich, man konnte auf seine baldige Wiederherstellung rechnen. Pan Wolodyjowski konnte es Kmicic durchaus nicht verzeihen, daß er den Fürsten lebend aus seinen Händen gelassen hatte. »Fürchten Sie denn nicht Gott?« fragte der kleine Ritter Pan Andreas, als dieser spät in der Nacht sein Zelt aufsuchte. »Von jedem anderen hätte ich das erwartet, aber nicht von Ihnen. – Wie konnten Sie einen Verbrecher lebend aus Ihren Händen lassen?« »Erst hören Sie mich an, und dann urteilen Sie,« sagte Kmicic finster. »Schon hatte ich meinen Fuß auf ihn gesetzt, schon berührte meines Säbels Spitze seine Gurgel, da sagte er mir – wissen Sie, was er mir da sagte? – Er sagte, er hätte den Befehl gegeben, Alexandra in Tauroggen Zu töten, sobald er selbst umkäme. – Was blieb mir Unglücklichem nun zu tun übrig? – Ich kaufte ihr Leben mit dem Preis des seinigen. – Was sollte ich tun? – Um Gottes willen, was konnte ich tun?« Pan Andreas griff verzweifelt mit beiden Händen in seine Haare. Wolodyjowski versank in Gedanken. »Ich verstehe Ihre Verzweiflung,« sagte er nach einiger Zeit, »aber trotzdem haben Sie einen großen Verbrecher aus Ihren Händen gelassen, der späterhin der Republik noch viel Böses zufügen kann. – Heute haben Sie sich über alle Maßen ausgezeichnet, doch zu guter Letzt haben Sie das Wohl des Vaterlandes Ihren eigenen Interessen geopfert.« »Und Sie, was hätten Sie selbst getan, wenn Sie gewußt hätten, daß über dem Kopfe der Panna Anna Borzobohata das Schwert schwebt?« »Ich stelle mich nicht als Muster auf. – Hm, – was ich getan hätte, – das weiß ich nicht. Aber das eine weiß ich, Skrzetuski hätte dem Feinde nicht das Leben gelassen. Außerdem bin ich davon überzeugt, daß Gott das Vergießen dieses unschuldigen Blutes nicht zugelassen hätte.« »O, so möge die ganze Schuld auf mich allein fallen! Richte mich, Gott, nicht nach meinen schweren Sünden, sondern nach deiner Barmherzigkeit! Konnte ich denn das Todesurteil meiner Taube unterschreiben?« Kmicic bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen. »Engel im Himmel, beschützt mich! Das konnte ich nicht! Niemals! niemals!« »Nun, beruhigen Sie sich,« tröstete ihn Wolodyjowski. Pan Andreas holte aus seiner Brust ein Blatt Papier heraus. »Sehen Sie, das habe ich ihm abgerungen! Es ist ein Befehl an Sakowicz und an den schwedischen Kommandanten. Den mußte er unterschreiben, obwohl er kaum die Hand führen konnte. – Das ist ihre Freiheit! Ihre Sicherheit! Ich schwöre, ich werde mich allwöchentlich peitschen lassen, ich werde eine neue Kirche errichten lassen; aber ihr Leben riskieren, das konnte ich nicht! Gut, ich besitze nicht die opfermütige Seele eines Römers, – ich bin kein Cato wie Pan Skrzetuski! Gut! Ihr Leben riskieren, das kann ich nicht! Nein, zum Teufel, selbst wenn meiner ewige Martern im künftigen Leben warten sollten!« Hier schloß Wolodyjowski den Mund Pan Andreas' und rief mit erschrockener Stimme: »Führen Sie keine gotteslästerlichen Reden! Sie werden noch Gottes Strafe auf sich rufen. Büßen Sie lieber, schnell, schnell!« Kmicic begann sich vor die Brust zu schlagen und mehrmals zu wiederholen: » Mea culpa! Mea maxima culpa !« Dann fing er an wie ein Kind zu schluchzen. Der arme Pan Andreas wußte wirklich nicht, was er tun sollte. Wolodyjowski ließ ihn sich ruhig ausweinen, dann erst fragte er ihn: »Und was denken Sie jetzt zu tun?« »Ich gehe mit meiner Abteilung, wohin man mich schickt. Am liebsten nach Birze! – Doch die Leute und die Pferde müssen sich erst erholen. Jetzt ist Preußen ganz wehrlos; es stehen nur wenige kleine Garnisonen dort.« Pan Michail seufzte. »He, ich würde gern mit Ihnen gehen, aber was kann ich tun? Der Dienst geht vor! – Hören Sie, Freund, wenn Sie beide auffinden, dann – beschützen Sie auch die andere.« Und der kleine Ritter warf sich Pan Andreas in die Arme. 12. Kapitel. Nachdem Alexandra und Anna glücklich mit Hilfe des Kommandanten Braun aus Tauroggen herausgekommen waren, gelang es ihnen bald, die Partei des Miecznik zu erreichen, die sich noch in der Nähe von Tauroggen aufhielt. Der alte Schlachtschitz wollte zuerst seinen Augen nicht trauen. Er weinte vor Freude, dann aber geriet er in die denkbar kriegerischste Stimmung. Mochte nicht nur Boguslaw, sondern auch der schwedische König selbst mit seiner ganzen Macht kommen, der Pan Miecznik wollte die Mädchen bis zum letzten Blutstropfen verteidigen. Pan Billewicz hatte sich in der Tat ganz verändert; er schien jünger geworden zu sein. Seine Energie war wieder aufgelebt. Im Felde und zu Pferde fühlte er sich wie zu Hause. Seine Partei bestand aus fünfhundert Reitern und dreihundert Mann Fußvolk. Und sie alle waren mit den verschiedensten Waffen ausgerüstet, zumeist mit Zaunpfählen, Säbeln und Waffen vergangener Jahrhunderte. Eine solche Partei konnte es wohl mit Räuberbanden und kleinen schwedischen Abteilungen aufnehmen, aber größere Kriegsoperationen vorzunehmen, das war ihr unmöglich. Inzwischen waren alle Dörfer und Flecken wieder in die Hände der Polen gekommen, da die Schweden sich aus Vorsicht in die größeren Städte zurückzogen, von wo aus sie Streifzüge in die Umgebung unternahmen. Auf der Grenze von Livland fühlten sich übrigens die Konföderierten schon so stark, daß sie es wagten, Birze zu belagern, das nach dem zweiten Sturme auch in ihre Hände fiel. Der Fall Birzes erklärte sich durch die Abwesenheit von de la Gardie, der alle in der Umgegend liegenden Truppen sammelte, um Riga gegen die Angriffe des zarischen Heeres zu verteidigen. Die glänzenden Siege de la Gardies ließen die Annahme zu, daß der Krieg in Livland bald beendet sein werde, und daß die siegestrunkenen Schweden alsdann Smudien überschwemmen würden. Für alle Fälle zogen sich die Konföderierten in die Tiefe der Jahrhunderte alten Wälder zurück, wo sie sicher waren, von den Schweden nicht aufgesucht zu werden. Auch der Miecznik zog es vor, mit seiner Partei in den Wäldern zu bleiben und gab den Gedanken an die Bialowiczer Heide auf. »Gott hat uns einen trockenen Herbst geschickt,« erklärte er den beiden Mädchen, »also wird es uns nicht schwer werden, » sub Jove « zu leben. Ich lasse für euch ein Zelt aufschlagen, gebe euch eine Frau zur Bedienung, und dann könnt ihr bei uns bleiben. Kommt ein Unwetter, so suchen wir für euch irgend eine Hütte.« Der Vorschlag gefiel der Panna Borzobohata. Es gab in der Partei mehrere Billewicz', große und gutgewachsene Gestalten. Und dann sprach man auch davon, daß Pan Babinicz bald ankommen mußte. Zuerst wird er alle Schweden niedermetzeln; dann aber, – dann wird kommen, was Gott vorher bestimmt hat! – Alexandra war auch mit dem Plane des Miecznik einverstanden, nur schlug sie vor, um den Verfolgungen Sakowicz' zu entgehen, sich noch etwas weiter zu entfernen, vielleicht bis nach Wodokty. Der Miecznik, der im Innern seiner Seele vor Sakowicz zitterte, sträubte sich nicht lange. Noch an demselben Tage schickte er sein Fußvolk unter dem Befehle des jungen Jur Billewicz voran, während er selbst zwei Tage später mit seinen Reitern aufbrach. Nach sieben Tagen erreichte die Partei des Miecznik Lubicz, das dicht an der Grenze von Lauda lag. Die Pferde waren so erschöpft, daß Pan Billewicz trotz aller Bitten Alexandras seine Abteilung dort übernachten lassen mußte. Lubicz verdankte es einem glücklichen Zufalle, daß es während des Krieges nicht zerstört worden war. Alles stand noch, wie es vordem gewesen, und mit dem Gefühle eines starken Schmerzes und mit einer großen Bitterkeit im Herzen überschritt Alexandra die Schwelle des Lubiczer Hauses. Alles hier war ihr bekannt: Der Flur, das mit Porträts und Schädeln von Auerochsen geschmückte Speisezimmer. Die von Kugeln durchbohrten Schädel schwebten noch an ihren Nägeln; die von Säbeln zerstochenen Porträts ihrer Ahnen sahen streng auf das Mädchen herab, als wollten sie sagen: »Sieh, Enkelin, was man mit uns gemacht hat!« Alexandra fühlte, daß sie in diesem beschimpften Hause nicht einen Augenblick schlafen könne. Es schien ihr, als wenn in den dunklen Ecken der Zimmer sich die Schatten seiner Kameraden bewegten. Und er? Wie schnell sank der von ihr grenzenlos geliebte Mann von Stufe zu Stufe. – Der Überfall auf Upita und Wolmontowicze, – der Dienst bei Radziwills, – der Verrat, – und endlich der Anschlag auf den König, den Vater der Republik. Die Nacht verstrich, und kein Schlaf wollte die Augen der armen Alexandra schließen. Die Wunden ihrer Seele öffneten sich alle wieder und brannten schrecklich. Ihre Augen waren trocken, ihre Wangen glühten vor Scham, aber das Herz schlug unruhig und heiß unter dem plötzlichen Erwachen des Mitleids. Und was bemitleidete sie? Alles konnte sein, wenn er bei all seinem wilden Ungestüm wenigstens ein reines Herz in seiner Brust getragen hätte, – ein Herz, das nicht rücksichtslos alle Grenzen überschritten hätte. – O, was hätte sie ihm dann nicht alles verziehen! Welche Schande wäre sie nicht bereit mit ihren Tränen abzuwaschen! Anna Borzobohata, der der Miecznik das Leid Alexandras verraten hatte, kam auf Alexandra zu und umfaßte ihren Hals mit ihren Armen. »Liebste,« sagte sie, »ich sehe, daß dir in diesem Hause sehr schwer ums Herz ist.« Alexandra wollte zuerst nichts erwidern, dann aber brach sie wider Willen in Schluchzen aus, und ihr Kopf sank an die Brust der Freundin. »Beten wir für ihn!« flüsterte Anna leise. »Nein, – das kann ich nicht, kann ich nicht! –Was forderst du von mir? – Dein Babinicz hat sich vor Gott und den Menschen mit Ruhm bedeckt, – du bist glücklich. – Und ich wage es nicht einmal, für ihn zu beten. – Hier sind überall Blut und Trümmer um mich, die er verschuldet hat! – Wenn er nur nicht so offenkundig sein Volk verraten hätte! – Ich habe ihm schon einmal alles vergeben, alles, – in Kiejdane, weil ich dachte, – weil ich ihn von ganzem Herzen liebte. – Und jetzt kann ich es nicht mehr! O barmherziger Gott, ich kann es nicht!« »Für jeden Menschen muß man beten können,« sagte Anna. »Gott ist barmherziger als die Menschen.« – Und sie sank auf die Knie nieder. Auch Alexandra fiel zu Boden und verharrte so bis zum Morgen. Als der Morgen anbrach, verbreitete sich die Nachricht von der Ankunft des Miecznik in Lauda. Wer noch am Leben war, ging, um den Angekommenen zu begrüßen. Aus den Wäldern kamen hundertjährige Greise heraus und Frauen mit kleinen Kindern; die Männer waren alle dem Rufe Wolodyjowskis gefolgt. Die Dörfer waren entweder niedergebrannt oder von ihren Bewohnern verlassen. Zwei Jahre lang hatte niemand sein Feld bestellt. Der Pan Miecznik wurde überall wie ein Retter begrüßt. Die armen, zu Tode gequälten Leute glaubten, daß, wenn der Pan Miecznik nicht allein, sondern mit der »Panna« auf seinen Stammsitz zurückkehrte, der Krieg und alle Leiden beendet sein müßten. Freilich waren in der Nähe, in Poniewiez, noch Schweden. Aber der Pan Billewicz fürchtete sie nicht und wollte selbst die Offensive ergreifen, um die ganze Gegend zu säubern. Vorläufig warb er neue Krieger an und bereiste die umliegenden Dörfer. Und was er da zu sehen bekam, war überaus traurig. In Wodokty waren alle Wirtschaftsgebäude und auch die Hälfte des Dorfes niedergebrannt. Wolmontowicze war wieder aufgebaut und wie durch ein Wunder unversehrt geblieben. Die Bevölkerung ringsum war bis zur Hälfte niedergemetzelt, und den überlebenden Greisen und Knaben war auf Befehl des Obersten Roß der rechte Arm abgeschlagen worden. Das waren die Früchte des Verrates von Janusz Radziwill. Noch bevor der Miecznik seine Besichtigung des Distriktes beendet hatte, kamen teils frohe, teils schreckliche Nachrichten, die in der ganzen Gegend lauten Widerhall fanden. Jur Billewicz, der mit einigen Soldaten nach Poniewiez geschickt worden war, hatte einen Schweden abgefangen, von dem er die letzten Nachrichten ausforschte. »Pan Gosiewski hat Waldeck, Israel und den Fürsten Boguslaw geschlagen. Ganz Preußen steht in Flammen. Babinicz kommt nach Smudien und vernichtet alles, was sich ihm in den Weg stellt.« Nach einigen Tagen schon wurden die Nachrichten bestimmter. »Babinicz hat Tauroggen niedergebrannt; Sakowicz ist geflohen und verbirgt sich in den Wäldern.« Anna Borzobohata befand sich in großer Aufregung. Sie erzählte allen Bekannten und Unbekannten wiederholt: »Ich kenne den Pan Babinicz. Er ist der größte Held in der ganzen Welt. Es ist fraglich, ob selbst Czarniecki sich mit ihm messen kann. Er wird schon dem Sakowicz und all den Seinen heimzahlen! Und sicherlich, in einem Monate ist in ganz Smudien kein einziger Schwede mehr.« Diese Prophezeiungen begannen sich schnell zu bewahrheiten. Es war kein Zweifel mehr, daß der gefürchtete Führer, der Babinicz hieß, sich von Tauroggen aus in das Innere des Laudagebietes bewegte, daß er alle schwedischen Abteilungen, die er unterwegs traf, schlug und gänzlich aufrieb. Der Name »Babinicz« hallte in ganz Smudien wieder. Man erzählte von schrecklichen Strafen und Hinrichtungen, die er den besiegten Schweden auferlegte. Hunderte von Freiwilligen kamen zu ihm, und er schuf mit eiserner Hand aus diesen ungeordneten Massen eine reguläre Armee. Alle Gemüter waren so mit ihm beschäftigt, daß sogar Gosiewskis Niederlage bei Philippowo nur wenig Eindruck machte. Babinicz war näher, und daher interessierte man sich in erster Reihe für ihn. Anna flehte jeden Tag den Miecznik an, er möchte doch Babinicz entgegengehen. »Ich habe Ihnen schon mehrmals auseinandergesetzt, daß wir nicht zu ihm durchkommen können,« verteidigte sich der Miecznik. Rings um uns herum stehen Schweden, und man sagt auch, daß sich Sakowicz mit seiner Abteilung in der Nähe gezeigt habe. Es ist schon viel, wenn wir uns bei einem Angriffe hier halten können.« »So kann Babinicz selbst hierher kommen. Wenn ich ihm schreibe, so wird er hierher eilen. Er liebt mich und wird uns seine Hilfe nicht versagen.« »Nun, versuchen Sie das,« sagte nach einiger Überlegung der Miecznik. »Selbst wenn wir uns inzwischen in den Wald flüchten müssen, so wird Babinicz gut tun, die Gegend zu säubern. Aber, wen wollen Sie zu ihm schicken?« Anna wußte schon, wen sie schicken konnte. Es meldeten sich bei ihr dazu zwei: Braun und Jur Billewicz. Sie erhielten beide Briefe desselben Inhalts, damit im Falle eines Unglückes Babinicz wenigstens einen von ihnen erhalte. Das Schreiben der Briefe kostete der Panna Anna viel Überlegung, schließlich brachte sie folgendes zustande: »Ich schreibe Ihnen, indem ich mich in verzweifelter Lage befinde. Sollten Sie sich meiner noch erinnern, so eilen Sie mir zu Hilfe! Ich befinde mich bei der »Partei« des Pan Billewicz, der mir Zuflucht dafür gewährt, daß ich seine Nichte aus der Gefangenschaft des Fürsten Boguslaw befreite. Sowohl ihn, wie uns beide umringt der Feind. – Gefahr droht uns von überall, besonders von seiten Sakowicz', des Freundes und Vertrauensmannes des Fürsten. Wäre es nicht möglich, daß Sie sich zweier wehrloser Mädchen erbarmen und sie vor dem bevorstehenden Untergange erretten?« Als die Boten zur Abreise bereit waren, begriff Anna, welcher Gefahr sie sich ihretwegen aussetzten, und mit Tränen in den Augen redete sie ihnen zu, lieber da zu bleiben. Aber sie blieben fest. Beide wollten dem geliebten Mädchen gern einen Dienst erweisen, obwohl beide im voraus ahnten, was ihrer harrte. Eine Woche darauf fiel Braun in die Hände Sakowicz', der ihm die Haut vom Leibe ziehen ließ; der arme Jur fiel bei Poniewiez in einem Kampfe mit den Schweden. So gelangten beide Briefe in die Hände des Feindes. 13. Kapitel. Nachdem Sakowicz den Kommandanten Braun so unmenschlich bestraft hatte, trat er mit dem schwedischen Kommandanten in Poniewiez in Unterhandlungen ein, und bestimmte ihn, gemeinsam auf Billewicz' Partei loszuschlagen. In den letzten Tagen hatte Sakowicz von Babinicz nichts mehr gehört, dem gegenüber er, trotz seiner Tapferkeit, von einem instinktiven Angstgefühl beherrscht wurde. Augenblicklich jedoch war Sakowicz auch bereit, sein Leben zu lassen, denn er wollte sich rächen. Seit Annas Flucht beherrschte ihn eine maßlose Wut, die seine Seele völlig zermarterte. Die vereitelten Hoffnungen und seine verschmähte Liebe hatten ihn zur Verzweiflung gebracht. Zuerst war es nur die reiche Erbin gewesen, die ihn lockte, Anna zu heiraten; dann aber hatte er sich in das Mädchen so sinnlos und blindlings verliebt, wie es nur ein Mensch seines Schlages tun konnte. Es war soweit gekommen, daß er, vor dessen Blick sich selbst mutige Menschen fürchteten, bemüht war, wie ein folgsamer Hund dem Mädchen in die Augen zu sehen. Er gehorchte ihr, er ertrug jeden Spott und gab sich die größte Mühe, ihre Gedanken zu erraten. Und sie hatte ihre Gewalt über ihn gemißbraucht, sie hatte ihn jetzt betrogen! Sakowicz gehörte zu jenen Leuten, die alles, was ihnen nützlich ist, auch für gut und richtig halten; – schlecht – ist alles, was ihnen Schaden bringt. In seinen Augen war Anna die größte Verbrecherin, die die schwerste Strafe verdiente. Über jeden anderen, den so etwas betroffen, hätte Sakowicz gelacht; er selbst aber gebürdete sich wie ein verwundetes Tier. Er dachte nur an Rache. Lebend oder tot, die Schuldige mußte in seine Hände fallen. Um ganz sicher zu gehen, schickte Sakowicz zu dem Miecznik einen Boten mit einem Briefe, in dem er im Namen Babinicz' versprach, im Laufe der Woche nach Wolmontowicze zu kommen. Der Miecznik, der von der Unbesiegbarkeit Babinicz' überzeugt war, glaubte dieser Nachricht und siedelte nach Wolmontowicze über. Währenddessen rückten die Schweden, die in Poniewiez standen, nach Wolmontowicze vor, und Sakowicz schlich sich nach Wolfsart eben dahin, ohne zu ahnen, daß ihm ebenfalls auf Wolfsart nur wenig entfernt ein dritter nachschlich. Kmicic wußte nicht, daß sich Alexandra bei der Partei des Pan Billewicz befand. Nachdem er Tauroggen durch Feuer und Schwert verwüstet hatte, erfuhr er, daß Alexandra und Panna Anna Borzobohata aus der Gefangenschaft geflohen waren. Wohin? – Natürlich in die Bialowiczer Heide, wo sich Pani Skizetuski und viele andere Frauen aufhielten. Wenigstens hatte der Miecznik schon vor langer Zeit die Absicht geäußert, sich dort während des Krieges niederzulassen. Pan Andreas war sehr betrübt, Alexandra wiederum nicht zu treffen, aber da es für ihn unmöglich war, sich nach der Heide zu begeben, so beschloß er, Smudien ganz vom Feinde zu säubern. Das Glück war ihm dabei günstig. Er hatte schon aus dem westlichen Teile von Smudien alle Schweden vertrieben, als er von Sakowicz erfuhr. Und um mit diesem abzurechnen, folgte er seinen Spuren. So geschah es, daß beide vor Wolmontowicze erschienen. Eines Abends meldete man dem Miecznik, daß eine unbekannte Truppenabteilung von Süden her heranrücke. Pan Billewicz, als alter und erfahrener Soldat, traf sofort Vorsichtsmaßregeln. Er postierte seine Infanterie, die jetzt schon mit Gewehren bewaffnet war, in die neu erbauten Häuser und an die Tore. Er selbst nahm mit der Kavallerie Aufstellung auf einer Wiese, die sich bis an ein kleines Flüßchen erstreckte. Plötzlich ertönten aus dem Walde her Schüsse, und die von dem Miecznik ausgesandte Patrouille kam in höchster Unordnung zurückgesprengt, gefolgt von dem Feinde, der fortwährend auf sie schoß. Die Schweden wollten mit dem ersten Anprall das Tor nehmen und in den Hof eindringen, aber sie wurden von der Infanterie zurückgewiesen. Es begann ein reges Gewehrfeuer. Die Schweden sahen bald ein, daß sie mit ihrer Reiterei allein nichts ausrichten konnten. Alle ihre Angriffe wurden abgeschlagen, die Tore standen unerschütterlich. Da versuchten sie eine Umgehung von links; jedoch der Miecznik bemerkte das zu rechter Zeit, und so begann links ein neues Gefecht. Pan Billewicz begann sich zu beunruhigen. Seine rechte Flanke war geschützt, – dort zog sich die Wiese hin, die von dem breiten und tiefen Flüßchen, das rasch und unbemerkt zu überschreiten unmöglich war, begrenzt wurde. Plötzlich kam Pan Chrzonstowski, der die Reiterei befehligte, zum Miecznik herangeritten und meldete: »Von der Flußseite her kommt schwedische Infanterie!« »Das ist Verrat!« schrie der Miecznik. »Um Gottes willen, reiten Sie mit Ihrer Schwadron hin und halten Sie die Infanterie wenigstens eine Stunde auf. Inzwischen werden wir versuchen, in den Wald zu fliehen!« Der Miecznik zweifelte nicht allein an dem Siege, sondern auch an der Möglichkeit, seine Infanterie zu retten. Freilich konnte er mit den beiden jungen Mädchen und den Resten der Reiterei in dem naheliegenden Wald Rettung suchen. Aber dann mußte unvermeidlich die ganze Laudaer Bevölkerung, die sich bei der ersten Nachricht von der bevorstehenden Ankunft Babinicz' in Wolmontowicze versammelt hatte, untergehen. Es blieb nur die eine Hoffnung übrig, daß Pan Chrzonstowski die schwedische Infanterie vernichten werde. Mittlerweile brach die Nacht herein; doch im Dorfe wurde es immer heller, die Wirtschaftsgebäude hatten Feuer gefangen. In dem blutigen Wiederschein der Feuersbrunst, der alles ringsum hell beleuchtete, erblickte der Miecznik die in Unordnung zurückkehrenden Reiter Chrzonstowskis, hinter ihnen kam in dichten Reihen die schwedische Infanterie. Jetzt blieb nur noch die Flucht auf dem allein noch freien Wege zum Walde. Der Miecznik kommandierte schon den Resten seiner Reiter: »Zurück!« als plötzlich auch in seinem Rücken Schüsse fielen, und man das Gestöhn von Verwundeten vernahm. Der Miecznik war von allen Seiten umzingelt; sie gerieten in eine Falle, aus der es kein Entrinnen mehr gab. Als Pan Billewicz das sah, ritt er voraus, hob seinen Säbel hoch in die Luft und rief: »Panowie! Fallen wir einer nach dem anderen! Schonen wir nicht unser Blut! Es geht ums Vaterland und um den Glauben!« Das Feuer seines Fußvolkes, das die Tore und die linke Seite des Dorfes verteidigte, wurde immer schwächer und die triumphierenden Rufe des Feindes immer lauter. Aber was bedeuten die durchdringenden Töne einer Signaltrompete in den Reihen Sakowicz'? Was bedeutet der Wiederhall dieses Signals bei den Schweden? Die Trompetensignale erklingen immer stärker, und zeitweise scheint es, daß sie nicht Triumph, sondern nahendes Unheil verkünden. Das Schießen am Tore hört jäh auf, wie abgeschnitten. Sakowicz' Reiter sprengen Hals über Kopf der Hauptstraße zu, und die Infanterie beginnt anstatt vorwärts zu stürmen, sich zurückzuziehen. »Was soll das bedeuten? – Um Gottes willen, was soll das bedeuten?« ruft der Miecznik aus. Und die Antwort kommt aus dem Walde, von derselben Seite her, von der soeben erst Sakowicz' Leute gekommen waren. Jetzt nahen von dort Leute, Pferde, ganze Banner. Sie kommen herangebraust wie ein Orkan. Es sind ihrer Tausende; beim Lichte der Feuersbrunst ist es deutlich zu sehen. Einem Ungeheuer gleich kriechen sie aus dem Walde heraus und scheinen das ganze Dorf verschlingen zu wollen. – Da sind sie, näher und immer näher! – das Ende Sakowicz' bricht herein. »Mein Gott!« schreit der Miecznik wie wahnsinnig. »Das sind die unsrigen! Das ist Babinicz!« »Babinicz!« wiederholten erschrockene Stimmen in Sakowicz' Truppe. Und gleich darauf macht sie nach rechts kehrt, um sich mit der Infanterie zu vereinigen. Bald füllt sich die Wiese mit Fliehenden, denen die Verfolger auf den Fersen sind, und die ohne Barmherzigkeit niedergemetzelt werden. Endlich verschwindet alles in der Dunkelheit. »Panowie!« ruft der Miecznik, »wollen wir hier still sitzen, ohne unserem Feinde den Rückzug abzuschneiden!« Einige Minuten später blieben in Wolmontowicze nur Greise, Frauen, Kinder und Panna Alexandra mit ihrer Freundin zurück. Die Frauen erhoben ihre Arme schluchzend gen Himmel und riefen wiederholt nach der Richtung zu, in der Babinicz verschwand: »Möge Gott dich segnen! Ohne dich würde von Wolmontowicze nichts übrig geblieben sein!« Alexandra widmete sich schnell den Verwundeten, die bald alle verbunden und untergebracht waren. Niemand in Wolmontowicze schloß in dieser Nacht die Augen; alle erwarteten die Rückkehr des Miecznik und des Pan Babinicz. Gegen Morgen kehrte Pan Villewicz siegestrunken, mit Blut bespritzt, zurück. Aber Pan Babinicz war nicht bei ihm. Der Mittag kam, – die Sonne begann zu sinken, jedoch Pan Babinicz war noch immer nicht zu sehen. »War es ihm wirklich nur um die Schweden zu tun?« fragte sich leise Panna Anna, »Er mußte doch meinen Brief erhalten haben, wenn er hierher kam?« Es verging wieder ein Tag, da schickte Pan Villewicz mehrere Mann auf Erkundigung aus. Die Boten kehrten bald wieder und meldeten, daß Pan Babinicz Poniewiez genommen und sämtliche Schweden vertrieben habe. Dann habe er sich entfernt, – niemand wußte, wohin. »Nun, und jetzt wird man ihn nirgend finden, bis er von selbst irgendwo auftaucht!« entschied der Miecznik. Anna war außer sich. Sie ließ niemand von den Schlachtschitzen und Offizieren in Ruhe. Fünf Tage später sagte sie zu Alexandra: »Pan Wolodyjowski ist ein ebenso berühmter Soldat wie er, aber kein solcher Grobian.« »Mag sein,« entgegnete Alexandra in Gedanken, »daß Pan Babinicz der treu geblieben ist, von der er zu dir gesprochen.« »Nun ja, mir ist das auch sicherlich ganz egal!« lachte Panna Anna gezwungen. 14. Kapitel. Sakowicz erlitt eine so schwere Niederlage, daß er sich kaum mit vier Soldaten, – dem Reste seiner ganzen Truppe, – in den Wald retten konnte. Babinicz aber stürzte sich auf Poniewiez, vertrieb von dort die schwedische Garnison, die unter dem Befehle des Engländers Hamilton stand, und trieb sie nach Wilkomir zu. Daher kehrte Pan Andreas nicht nach Wolmontowicze zurück. Er interessierte sich auch gar nicht dafür zu erfahren, wen er dort vom Untergange gerettet hatte. Der Rückzug der von Kmicic unablässig verfolgten Schweden wurde immer beschwerlicher. Schon bedeckte sich des Morgens die Erde mit einer dünnen Reifschicht. Die Soldaten und die Pferde litten fürchterliche Hungersqualen; denn man wagte es nicht, in die Dörfer einzukehren, weil man stets einen Überfall des unerbittlichen Feindes befürchten mußte. Die Not der schwedischen Truppen überstieg alle Grenzen. Man nährte sich von Blättern, von Baumrinde und von dem Fleische der vor Erschöpfung verendeten Pferde. Nach Verlauf einer Woche begannen die Leute selbst ihren Oberst zu bitten, Babinicz eine Schlacht anzubieten. Sie zogen den Tod durch das Schwert dem Hungertode vor. Hamilton willigte ein und traf die nötigen Vorbereitungen. Seine Kräfte waren so winzig, daß dem Engländer keinen Augenblick der Ausgang des Gefechtes zweifelhaft war. Aber auch er war des ewigen Rückzuges überdrüssig. Er fiel von der Hand der Tataren, die über seinen langen Widerstand wütend waren. Jedoch auch Babinicz' Truppen waren von dem fortwährenden Nachjagen so erschöpft, daß sie diesmal den Resten des fliehenden Heeres nicht weiter nachsetzen konnten. Am Tage nach dem Gefechte mit Hamilton stand Kmicic sehr zeitig auf, um seine Verluste festzustellen und die Beute unter seine Soldaten zu verteilen. Bald nachdem er gefrühstückt hatte, ritt er auf einen Hügel, an dessen Fuße ein Kreuz stand. Die Befehlshaber der polnischen und tatarischen Abteilungen kamen der Reihe nach zu ihm und erstatteten ihm über die Zahl der Gefallenen Bericht. »Effendi,« sagte Akbah-Ulan, herankommend und sich verbeugend, »beim schwedischen Befehlshaber hat sich ein Brief gefunden, da ist er!« Kmicic, der ein für allemale befohlen hatte, daß alle bei Gefallenen vorgefundenen Papiere ihm abgeliefert werden sollten, nahm, dem Tataren freundlich zunickend, den mit Blut besudelten Brief ab und steckte ihn in seine Tasche. Augenblicklich hatte er keine Zeit, ihn zu lesen. Vor ihm defilierten seine Soldaten in so tadelloser Ordnung, daß selbst reguläre Truppen es nicht besser konnten. Voran ging die Tatarenabteilung, die nicht mehr ganz fünfhundert Mann zählte. Ihnen folgte ein Dragoner-Regiment, das Pan Andreas mit großer Mühe aus Freiwilligen gebildet hatte. Den Befehl über sie führte Pan Soroka, sein einstiger Wachtmeister, den er zum Hauptmann befördert hatte. In den zwei folgenden Bannern dienten ausschließlich Schlachtschitzen. Es waren Leute mit unruhigem Blut, die ebensogut einer Räuberbande angehören konnten, die aber, von der eisernen Hand Kmicic' gezähmt, jetzt kaum von der Kronreiterei zu unterscheiden waren. Alle zogen beim Defilieren am Kreuzwege die Säbel aus der Scheide und begrüßten Kmicic durch Zurufe. Pan Andreas war sehr zufrieden. – Soviele Soldaten standen unter seinem Befehle! So großen Nutzen hatte er schon mit ihnen seinem Vaterlande gebracht! Und Gott weiß, was er alles noch wagen konnte! Groß waren seine früheren Vergehen, aber nicht weniger groß waren seine jetzigen Verdienste. Nicht in der Mönchszelle, sondern auf dem Schlachtfelde hatte er Buße getan. Er verteidigte die heilige Jungfrau, das Vaterland, den König, das eigene Volk. Und jetzt fühlte er es in seiner Seele licht werden. Ein Gefühl des Stolzes schlich leise in sein Herz, – nicht jeder konnte das leisten, was er geleistet hatte! Gibt es denn so wenige berühmte Soldaten, Magnaten, Schlachtschitzen in der Republik? Warum steht an der Spitze einer solchen Macht weder Wolodyjowski noch Skrzetuski? Wer hat Czenstochau gerettet? Wer hat Boguslaw gefangen genommen? Wer hat zuerst Feuer und Schwert in das dem Kurfürsten gehörende preußische Gebiet getragen? Wer hat jetzt Smudien fast ganz vom Feinde gesäubert? Hier fühlte sich Pan Andreas wie ein Falke, der mit ausgebreiteten Flügeln sich höher und höher in die Lüfte schwingt. Die vorüberziehenden Truppen jubelten ihm zu, und er fragte sich selbst: »Werde ich noch höher steigen?« – Sein Gesicht glühte; er sah sich im Geiste als Hetman. Aber mit seinem Blute und mit übermenschlichen Anstrengungen wollte er den Stab bezahlen, den Stab, den ihm sein Vaterland auf Wunsch des Königs selbst in die Hand geben sollte! Die Regimenter waren alle vorübergezogen, Pan Andreas entsann sich des Briefes, den ihm der Tatar übergeben hatte. Er zog ihn aus seiner Tasche. Auf dem Briefe stand mit kleinen Buchstaben: »Pan Babinicz, dem Oberst der Tataren-Abteilung.« »An mich?« staunte Pan Andreas. Das Siegel war aufgebrochen. Er entfaltete eiligst den Bogen und begann zu lesen. Plötzlich erblaßte er, seine Hände fingen an zu zittern. »Barmherziger Gott! Sei gelobt und gepriesen! Da ist sie, die Belohnung für alles, was ich getan habe!« Er fiel nieder und begann seinen blonden Kopf an den Stein des Kreuzes zu schlagen. In der gegenwärtigen Minute war er nicht imstande, seinem Gotte anders zu danken; – er fand keine Worte zum Gebet, so sehr war sein Herz von Freude erfüllt. Alexandra ist also nicht in der Heide, sondern bei der Partei Villewicz'! Und er hat sie gerettet und zugleich auch Wolmontowicze, das einst durch sein Verschulden abbrannte! Sicherlich hatte Gottes Hand seine Wege so geleitet, daß er mit einem Schlage seine Schuld an Alexandra und an die Laudaleute gut machen konnte. Das war die Sühne für seine Sünden. Konnte sie oder die rauhen Laudaer Brüder jetzt noch seine Werbung ausschlagen? Und was wird sie sagen, wenn sie erfährt, daß jener Babinicz, der Boguslaw besiegt, der bis an die Knie in Feindesblut gewatet, und der Smudien gesäubert hat, kein anderer ist als Kmicic? Pan Andreas Kmicic, kein Bösewicht, kein Verbannter, sondern ein Kämpfer für den Glauben und für das Vaterland! Schon längst wollte Pan Andreas seinen richtigen Namen wieder annehmen; aber die Sorge, daß die Smudier ihm alsdann mit Mißtrauen entgegentreten könnten, daß sie ihm bei seinem Werke ihre Beihilfe versagen würden, hatte ihn davon zurückgehalten. Noch waren nicht zwei Jahre verstrichen, seitdem er, von Radziwill geblendet, die Banner zertrümmerte, die dem Vaterlande treu bleiben wollten, noch waren nicht zwei Jahre vorüber, seit der Zeit, wo er die rechte Hand des Verräters war. – Aber jetzt ist alles anders geworden. Jetzt, nach so vielen Siegen, umkränzt mit so vielen Ruhmestaten, konnte er in ganz Smudien hinausschreien: »Ich bin Kmicic; aber ich habe dich vom Feinde befreit!« Und Wolmontowicze lag so nahe! Babinicz hatte eine Woche lang mit Windeseile Hamilton verfolgt, Kmicic aber wollte noch schneller zurückfliegen, um seiner Alexandra zu Füßen zu fallen! Wankend erhob sich Pan Andreas von der Erde und bestieg sein Pferd. In diesem Augenblicke näherten sich ihm zwei Reiter, Der eine von ihnen nahm seine Luchsmütze ab und entblößte seinen rotblonden Kopf. »Ich glaube, ich habe die Ehre, mit Pan Babinicz zu sprechen,« begann der Angekommene. »Ich freue mich, daß es mir gelungen ist, Sie so schnell zu finden.« »Mit wem habe ich die Ehre?« fragte Kmicic ungeduldig. »Ich heiße Wierszull, früherer Rittmeister aus dem tatarischen Banner des Fürsten Jeremias Wisniowiecki. Ich komme hierher, um Soldaten für den neuen Krieg anzuwerben. Außerdem aber bringe ich Ihnen einen Befehl vom Pan Großhetman Sapieha.« »Für einen neuen Krieg?« fragte Kmicic, indem er die Brauen zusammenzog. – »Was ist das für ein Unsinn?« Fieberhaft erbrach er das Siegel und begann zu lesen: »Teurer Pan Babinicz! Über unser Vaterland ist ein neues Unglück hereingebrochen! Das geplante Bündnis zwischen den Schweden und Rakoczy ist zur Tatsache geworden, und die Aufteilung der Republik ist beschlossen. Achtzigtausend Ungarn, Siebenbürgler, Walachen und Kosaken werden jede Minute die Grenze überschreiten. In dieser Stunde des Verderbens müssen wir alle unsere Kräfte anspannen, um wenigstens einen unbefleckten Namen zu hinterlassen. Daher befehle ich Ihnen, keine einzige Minute zu verlieren, die Pferde umzuwenden, und auf den großen Landstraßen schnell zu uns zu kommen. Sie werden uns in Brest antreffen, von wo aus wir Sie weiter schicken werden. Fürst Boguslaw ist aus der Gefangenschaft entflohen, – aber Pan Gosiewski wird ihn in Litauen und Smudien im Auge behalten. Ich bitte Sie zum Schlusse nochmals, sich zu beeilen und hoffe, daß die Liebe zum Vaterlande Sie am besten lehren wird, richtig zu handeln.« Kmicic ließ die Hand mit dem Briefe sinken und fuhr sich mit der anderen über seine kalte Stirn. Mit trüben Augen sah er Wierszull an. »Warum bleibt Pan Gosiewski in Smudien, während ich nach dem Süden soll?« fragte er leise, mit gepreßter Stimme. »Fragen Sie den Pan Hetman! Ich kann Ihnen nicht darauf antworten,« erwiderte der Rittmeister. Plötzlich erfaßte Pan Andreas wilder Zorn. Seine Augen erglänzten in einem Unheil verkündenden Feuer, sein Gesicht wurde dunkelblau. »Und ich gehe doch nicht von hier!« rief er laut. »Verstehen Sie?« »Wirklich?« fragte Wierszull noch einmal. – »Meine Sache war es, Ihnen den Befehl zu übergeben. Und Sie können handeln, wie Sie wollen. – Ich habe die Ehre! – Ich wollte Sie zu einem Becher Met zu mir bitten, aber nach dem, was ich gehört habe, werde ich mich bemühen, meine Zeit in besserer Gesellschaft zu verbringen.« Er wandte sein Pferd um und ritt fort. Pan Andreas setzte sich wieder am Fuße des Kreuzes nieder und blickte ziellos in den Himmel, als wenn er die dahinziehenden Wolken verfolgen wollte. Es war ein herrlicher, bleicher Herbstmorgen, der den kommenden Winter ahnen ließ. Kein Wind wehte, und dennoch fielen Hunderte von gelbgewordenen Blättern leise von den Bäumen. Über den Wald flogen Vogelscharen und krähend ließen sie sich auf das mit Leichen besäte Feld nieder. Pan Andreas begann die Vögel zu zählen, er verwirrte sich, schloß die Augen und saß lange so da, ohne jede Bewegung. Endlich fuhr er hoch, zog die Brauen zusammen und brummte vor sich hin: »Natürlich, anders kann es auch nicht sein! In zwei Wochen breche ich auf, aber nicht jetzt! Mag sein, was da will! Ich habe doch Rakoczy nicht hergeschickt! Ich kann nicht! Die Kräfte eines Menschen haben auch ihre Grenzen. – Habe ich mich vielleicht noch zu wenig herumgetrieben, – noch zu wenig schlaflose Nächte im Sattel verbracht, – noch zu wenig eigenes und fremdes Blut vergossen? – Hätte ich jenen Brief nicht erhalten, so würde ich mich gleich auf den Weg machen. – Mag die ganze Welt untergehen, – ich bleibe! – Das Vaterland wird in diesen zwei Wochen auch ohne meine Hilfe auskommen. Und schließlich lastet augenscheinlich Gottes Zorn auf ihm, der durch keine menschliche Kraft abzuwenden ist. – Gott! Gott! – Schweden, Preußen, Ungarn, Walachen, Kosaken, – alle auf einmal! Wer kann gegen sie alle aufkommen? O Gott! Wodurch hat dieses unglückliche Land, dieser fromme König, dieses friedliche Volk dich erzürnt? Warum wendest du dein Angesicht von ihnen und schickst ihnen Strafe auf Strafe? In diesem unglückseligen Lande haben die Menschen schon längst zu lachen verlernt, – hier wehen die Winde nicht, – sie stöhnen; – auf diese Fluren strömen die Wolken nicht in segenbringendem Regen hernieder, – sondern sie weinen große Tränen! – Du aber geißelst und geißelst uns noch! Verzeihung, barmherziger Gott! Wir haben gesündigt, aber die Stunde der Reue ist angebrochen. – Wir haben unser Hab und Gut geopfert, wir haben bei Tag und bei Nacht die Waffen ergriffen. Wir haben unserem Eigenwillen entsagt und unser selbst über die große Sache vergessen! – Warum kannst du uns nicht vergeben? Warum willst du uns keine Ruhe schicken?« Plötzlich jedoch krampfte sich Pan Andreas' Herz schmerzhaft zusammen. Eine drohende Stimme vom Himmel schien ihm zuzurufen: »Ihr wollt euer vergessen haben! Und du, Unglücklicher, was tust du in dieser Minute? Du rühmst dich deiner Verdienste, und in dem Augenblicke der Prüfung, da bäumst du dich auf wie ein tolles Pferd und schreist: »Ich gehe nicht!« Die Heimat steht am Abgrunde des Verderbens, die Schwerter ihrer Feinde durchbohren ihre Brust. Du aber wendest dich von ihr ab; du willst ihr nicht helfen; du jagst deinem persönlichen Glücke nach und rufst: »Ich gehe nicht!« Sie streckt ihre mit Blut bedeckten Hände dir flehend entgegen; sie fällt nieder vor dir und ruft mit bis zum Tode geschwächter Stimme: »Kinder, helft, rettet!« Du aber antwortest: »Ich gehe nicht!« – Wehe euch! Wehe solchem Volke! Wehe der Republik! – – –« Kmicic' Haare sträubten sich vor Entsetzen. Er fiel mit dem Gesicht zur Erde und brach in Schluchzen aus. »Gott, strafe mich nicht! Gott, erbarme dich mein! Dein Wille geschehe!« Als er sich wieder erhob, waren seine Gesichtszüge traurig, aber gefaßt. »Gott, der du ein barmherziger Richter bist, du wirst meine Qual begreifen, mein Schwanken. – Ich stand an der Schwelle meines Glückes. Aber dein Wille soll geschehen! – Jetzt begreife ich, daß du mich prüfen wolltest, daß du mich deshalb auf den Kreuzweg stelltest. Ohne zu Wanken, werde ich deinen Weg gehen, ich werde nicht zurückschauen. Herr, dir zu Füßen lege ich den Kummer und den Schmerz, die an meiner gequälten Seele nagen. Möge das meinen früheren Sünden angerechnet werden. – Noch einmal will ich diese vielgeprüfte Erde küssen und den Fuß deines Kreuzes berühren. – Ich gehe, ich gehe!« – – Und er ging. Im Himmelsbuche aber, wo alle guten und schlechten Taten der Menschen verzeichnet werden, wurden in diesem Augenblicke alle seine Vergehen gestrichen, Andreas Kmicic stand auf vom Kreuzesfuße – ein Wiedergeborener. – – 15. Kapitel. Keine Geschichte verzeichnet auf ihren Blättern, wieviele Schlachten die Republik noch mit ihren Feinden auszufechten hatte. Man kämpfte in den Wäldern, auf den Feldern, in den Dörfern, Flecken und Städten; in Preußen, Masovien, in Klein- und Groß-Polen, in Litauen und Smudien. Man rang um die Freiheit, ohne zu rasten, weder am Tage noch in der Nacht. Jeder Zoll der Erde tränkte sich mit Blut. Die Namen der Ritter, die übermenschliche Tapferkeit, die Selbstlosigkeit des Volkes, alles ging spurlos verloren, – kein Chronist hat es verzeichnet. Aber im Volke selbst singt und erzählt man von diesen Helden, deren tapferer Verteidigung die feindliche Macht schließlich weichen mußte. Und wie ein mächtiger Löwe, der von den Schlägen des Feindes zu Boden gestürzt eine Zeitlang wie tot daliegt, sich plötzlich erhebt, seine königliche Mähne schüttelt und durch sein Gebrüll Schrecken in die Herzen der Jäger einflößt, so erhob sich die Republik, bereit, der ganzen Welt Trotz zu bieten. Ihre Feinde hörten auf, an Beute zu denken, und fingen an zu sinnen, wie sie sich retten und unversehrt wieder nach Hause kehren könnten. Alle neuen Bündnisse waren vergeblich, das Eindringen von neuen Heeren von Ungarn, Siebenbürglern, Kosaken und Walachen half nichts. Jeder neue Ansturm prallte an den Brüsten der Polen ab. Nachdem Karl-Gustav sich von der Nutzlosigkeit, den Krieg fortzusetzen, überzeugt hatte, zog er sich als erster nach Dänemark Zurück. Der wetterwendische Kurfürst warf sich der Republik zu Füßen und begann selbst gegen die Schweden zu kämpfen. Die räuberischen Regimenter Rakoczys, die von Pan Lubomirski verfolgt wurden, rannten aus Leibeskräften in ihr schilfreiches Land zurück. Friede und Ruhe begann wieder in die Ebenen Polens einzuziehen. Der König belagerte preußische Festungen, und Pan Czarniecki traf für einen Feldzug nach Dänemark Vorbereitungen, da die Republik sich nicht darauf beschränken wollte, nur den Feind aus ihrem Gebiete zu verjagen. Städte und Dörfer fingen an wieder aus ihrer Asche aufzuerstehen; die Einwohner kehrten in ihre Häuser zurück, und der Pflug begann die verwilderten Fluren zu durchfurchen. Der Herbst des Jahres 1657, nach dem ungarischen Kriege, verlief still. Still war es auch in Smudien. Die Laudaer, die mit Pan Wolodyjowski fortgezogen waren, waren noch im Felde; aber man erwartete sie stündlich zurück. Währenddessen pflügten in Wolmontowicze und Pacunele die Greise und der halberwachsene Nachwuchs beider Geschlechter den Acker. Sie säten Winterkorn und bauten mit vereinten Kräften die durch den Krieg verheerten Dörfer wieder auf, damit die Krieger bei ihrer Rückkehr irgend welche Zuflucht und ein Stück Brot vorfänden. Alexandra wohnte seit einiger Zeit in Wodokty mit Anna Borzobohata und dem Miecznik zusammen. Pan Billewicz wollte die jungen Mädchen nicht allein lassen und baute eifrig Wodokty wieder auf. Denn Wodokty mußte in möglichst guten Zustand gebracht werden, da es mit Mitruni zusammen die Einzahlung der Panna Alexandra für das Benediktinerkloster werden sollte. Zu Neujahr schon gedachte Alexandra den Nonnenschleier anzulegen. All ihr Kummer und all die erlittenen Schicksalsschläge hatten das junge Mädchen zu der Überzeugung gebracht, daß es Gottes Wille sei, daß sie den Freuden der Welt entsage. Sie fühlte sich von einer unbekannten Hand in die Nonnenzelle gestoßen, und eine unbekannte Stimme redete ihr zu: »Nur da wirst du Ruhe und das Ende aller deiner Qualen finden.« Sie hatte beschlossen, dieser Stimme zu folgen. Aber da sie fühlte, daß ihre Seele noch nicht imstande war, mit allem Irdischen abzubrechen, so wollte sie sich durch Gebete und gute Taten für die Zukunft vorbereiten. Doch die verschiedenartigsten Nachrichten, die von allen Seiten nach Smudien kamen, störten wieder ihre guten Absichten, der Welt zu entsagen. So begann man zu munkeln, daß der berühmte Babinicz kein anderer als der berüchtigte Kmicic wäre. Alexandra glaubte das nicht. In ihr lebte noch frisch die Erinnerung an all seine Vergehen und an seinen Dienst bei Radziwill, so daß sie sich Pan Andreas keinen Augenblick in der Rolle eines solchen Patrioten denken konnte. Nichtsdestoweniger war ihre Ruhe wieder dahin, und Bitterkeit und Schmerz erwachten von neuem auf dem Grunde ihrer Seele. Gern wäre sie nun so schnell als möglich in ein Kloster eingetreten, aber alle Klöster der Umgegend waren zerstört, und die Nonnen, die sich gerettet hatten, begannen erst jetzt, sich langsam wieder zu sammeln. Und je mehr die innere Unruhe Panna Alexandras wuchs, desto eifriger suchte sie sie durch rastlose Tätigkeit zu ersticken. Sie begleitete oft den Miecznik, der die Vorwerke und umliegenden Güter bereiste, um überall nach dem Rechten zu sehen. Einmal kehrten sie beide durch Wolmontowicze und Lubicz nach Hause zurück. Kaum sah Alexandra die ersten Häuser von Lubicz, als sie ihre Augen senkte, und zu beten anfing, um ihre schmerzlichen Gedanken zu verjagen. »Eine Prachtbesitzung!« sagte der Miecznik nach langem Schweigen. »Sie ist zweimal so viel wert als Mitruni.« Alexandra fuhr fort leise zu beten. Aber in dem Miecznik erwachte der leidenschaftliche Landwirt, vielleicht auch die allen Schlachtschitzen eigne Sucht zu prozessieren. »Mit ruhigem Gewissen kann man sagen, daß das unser ist, altes Eigentum der Billewicz', die Früchte unserer Mühen. Jener Ärmste wird wohl längst umgekommen sein, da er ja bis jetzt nicht wieder erschienen ist. Und selbst wenn er käme, so wäre das Recht doch auf unserer Seite. – Wie denkst du darüber?« »Eine verfluchte Stätte ist das! Mag aus ihr werden, was will!« »Aber siehst du, das Recht ist auf unserer Seite. – Verflucht war sie in bösen Händen, gesegnet wird sie in guten sein! – Das Recht ist für uns.« »Niemals! Ich will nichts dergleichen mehr hören! Der verstorbene Großvater hat sie ihm vermacht, – ihm, – ohne jede Bedingung.« Sie schlug ihr Pferd mit der Gerte und schwieg, bis sie das offene Feld erreichten. Es war schon spät; über dem Walde stieg der Mond auf und beleuchtete das Feld mit seinem silbernen Licht. Plötzlich erschien an einer Biegung des Weges ein Wagen, vor den ein paar Pferde gespannt waren. Mehrere Reiter umgaben das Gefährt. »Wen fahrt ihr da?« rief der Miecznik. Einer der Reiter hielt sein Pferd an und antwortete: »Den Pan Kmicic. Er ist in einer Schlacht mit den Ungarn verwundet worden.« Alexandra wurde es dunkel vor den Augen, ihr Herz zog sich krampfhaft zusammen. »Jesus, Maria!« flüsterte sie und verlor fast die Besinnung. Sie faßte krampfhaft an die eine Seite des offenen Lastwagens und sah hinein. Ja, wahrhaftig, da lag er, Pan Andreas Kmicic, der Bannerträger von Orsza. Er lag mit dem Gesichte nach oben, der Kopf war verbunden, aber beim Lichte des Mondes konnte man seine schönen Züge erkennen, die von dem kalten Hauche des Todes erstarrt zu sein schienen. Seine geschlossenen Augen waren tief eingefallen, die blassen Lippen bewegten sich nicht. »Lebt er oder ist er tot?« fragte Alexandra fieberhaft. »Noch lebt er, aber er wird bald sterben.« Der Miecznit blickte auf Kmicic' Gesicht und sagte: »Ihr werdet ihn wohl nicht mehr lebend bis nach Lubicz bringen.« »Er befahl uns, ihn nach dort zu bringen. Dort wollte er sterben.« »Dann mit Gott! Verliert keine Zeit!« Der Wagen setzte sich in Bewegung. Der Miecznik und Alexandra ritten nach der entgegengesetzten Seite. Alexandra schwieg während des ganzen Weges. Als sie zu Hause anlangten, sagte sie: »Man muß einen Geistlichen zu ihm schicken. Es soll jemand gleich nach Upita fahren.« Pan Billewicz ging, um den Befehl zu geben; Alexandra aber eilte auf ihr Zimmer und fiel vor dem Bilde der heiligen Jungfrau nieder. Zwei Stunden später hörte sie am Tore ihres Hauses ein Glöcklein klingen, es war der Geistliche, der mit dem heiligen Abendmahl nach Lubicz fuhr. »Gott! Vater! rechne es seinen Sünden an, daß er von Feindeshand stirbt! Herr, vergib ihm! Erbarme dich sein!« wiederholte sie fortwährend. Der Geistliche blieb bis zum Morgen in Lubicz, und auf dem Rückwege kehrte er in Wodokty ein. Alexandra lief ihm entgegen. »Ist alles –« Weiter kam sie nicht, ihre Kräfte versagten. »Er lebt noch!« antwortete der Geistliche. Einige Tage vergingen. Mehrmals am Tage wurden aus Wodokty Boten nach Lubicz gesandt, und immer brachten sie dieselbe Antwort: »Er lebt noch!« Endlich kam einer von ihnen mit der Nachricht, daß der extra aus Kiejdane verschriebene Heilgehilfe gesagt habe, Pan Andreas sei auf dem Wege der Besserung. Die Wunden heilten, und die Kräfte des Ritters kehrten zurück. Panna Alexandra schickte der Kirche zu Upita eine große Gabe; aber von dem Tage an hörte sie auf, sich nach der Gesundheit des Kranken zu erkundigen. Und eigentümlich, – im Herzen des Mädchens erwachte von neuem die Bitterkeit gegen Pan Andreas. Seine Verbrechen bestürmten wieder ihr Gedächtnis, – seine Verbrechen, für die es kein Verzeihen gab, kein Verzeihen geben konnte. Nur der Tod allein konnte sie löschen. – Nun aber, wo er zu genesen begann, hingen seine Sünden wieder wie eine drohende Wolke über ihm. Alexandra erwog alles, was zu seiner Verteidigung sprechen konnte, aber es wollte und wollte nicht ausreichen. Diese letzten Tage hatten die Gesundheit Alexandras so mitgenommen, daß sie sehr krank aussah. Der Miecznik geriet in große Sorge, und eines Abends, als er mit der Nichte allein war, fragte er: »Liebste, sage mir offen, was denkst du über den Orszaer Bannerträger?« »Gott sieht es, daß ich an ihn nicht denken will,« antwortete Alexandra. »Sieh nur, wie du dich verändert hast. Du bist abgemagert, – hm, – vielleicht willst du noch, – ich bestehe auf nichts. Ich möchte nur wissen, was mit dir vorgeht? Denkst du nicht, daß du verpflichtet wärest, den Willen des Verstorbenen –?« »Niemals!« rief Alexandra erregt. »Der Großvater ließ mir eine Tür offen, und ich werde sie zu Neujahr benutzen. Auf diese Weise werde ich seinen Willen erfüllen.« »Ehrlich gesagt,« sprach der Miecznik in Gedanken, »mir wollte es nie in den Kopf, daß Babinicz und Kmicic dieselbe Person sein sollten. – Aber, was du auch sagst, er ist für das Vaterland eingetreten, er hat in dem Kampfe mit dem Feinde sein Blut vergossen. Das zeigt doch seine Reue; wenn sie auch spät kommt, so ist es doch immerhin eine Reue.« »Auch Fürst Boguslaw dient jetzt dem Könige und der Republik,« lächelte bitter Alexandra. »Möge Gott ihnen beiden verzeihen, besonders ihm, der sein Blut jetzt für sie vergoß. – Doch jedermann hat das Recht, von ihnen zu sagen, daß sie im Augenblicke des Verderbens ihre Hand wider das Vaterland erhoben haben, und daß sie erst dann bereuten, als dem Feinde das Glück untreu wurde. Das ist ihre Schuld! Jetzt gibt es keine Verräter mehr, – denn es ist unvorteilhaft, Verrat zu üben. Aber liegt denn darin irgend welches Verdienst? Ist das nicht gerade ein Beweis, daß solche Leute immer bereit sind, dem Stärkeren zu dienen? Gebe Gott, daß ich mich irre, aber ich glaube nicht, daß diese Wunden eine ausreichende Sühne für seine Schuld sind! »Ich kann nicht streiten. Es ist wahr, was du sagst,« gab der Miecznik zu. »Eine traurige Wahrheit; aber Wahrheit muß Wahrheit bleiben. Alle Verräter sind jetzt wieder auf die Seite des Königs getreten.« »Auf dem Orszaer Bannerträger lastet eine noch größere Schuld als auf dem Fürsten Boguslaw. Er wollte Hand an den König selbst legen, worüber sogar Boguslaw erschrak. Kann eine zufällig erhaltene Wunde das alles gut machen? – Ich würde mir die Hand abhauen lassen, wenn das nicht gewesen, – aber es war, war und bleibt für alle Ewigkeit! Onkel, Onkel, wir würden uns selbst betrügen, wenn wir ihn von Schuld freisprächen! Und welchen Nutzen hätten wir davon? Wird unser Gewissen sich mit dieser Lüge aussöhnen? Möge Gottes Wille geschehen! Was einmal auseinander gerissen, das darf und kann nicht wieder zusammengebunden werden. Ich bin froh, daß der Pan Bannerträger wieder genest. Augenscheinlich hat Gott sich doch nicht ganz von ihm abgewendet und will noch seine Reue sehen. – Doch genug davon! – Ich werde glücklich sein, wenn ich höre, daß er seine Sünden gut gemacht hat. Mehr verlange, mehr wünsche ich nicht. Selbst wenn ich auch noch mehr ertragen müßte als das, was ich schon durchgemacht habe.« Alexandra brach in Schluchzen aus; aber das waren ihre letzten Tränen, die sie über Pan Andreas vergoß. – Sie hatte alles, was sie auf ihrem Herzen trug, ausgesprochen, und seitdem begann wieder Ruhe in ihre Seele einzukehren. 16. Kapitel. Die Hünenseele Pan Andreas' wollte sich entschieden nicht von ihrer körperlichen Hülle trennen. Einen Monat nach seiner Rückkehr nach Lubicz kam er wieder zu sich. Er begriff, wo er sich befand, und rief seinen treuen Diener Soroka zu sich. »Soroka,« sagte er. »Gott hat sich meiner erbarmt. Ich fühle, ich werde am Leben bleiben.« »Zu Befehl, Pan Oberst,« antwortete der alte Soldat, indem er die niederströmenden Tränen mit seiner Faust abtrocknete. »Die Prüfung ist zu Ende,« fuhr Kmicic fort. »Ja, ja, das ist klar. Soroka, wer wohnt in Wodokty?« »Die Panna und der Pan Miecznik von Rosien.« »Dank dem Herrn! Ist jemand von dort gekommen, nach mir zu fragen?« »Man schickte täglich aus Wodokty her, bis wir sagten, Sie wären außer aller Gefahr.« »Und dann hörte man auf zu schicken?« »Dann hörten sie auf.« »So wissen sie noch nichts, – sie werden es von mir selbst erfahren. Hast du niemandem erzählt, daß ich mich Babinicz genannt habe?« »Ich habe keinen Befehl erhalten!« »Und sind die Laudaer mit dem Pan Wolodyjowski noch nicht zurückgekehrt?« »Noch nicht; aber man erwartet sie täglich.« Hiermit endete die Unterhaltung. Zwei Wochen später ging Kmicic schon auf Stöcken, und am folgenden Sonntage beabsichtigte er in die Kirche zu gehen. »Fahren wir nach Upita,« sagte er zu Soroka. »Man muß bei Gott anfangen, von dort geht's nach Wodokty.« Soroka getraute sich nicht zu widersprechen. Und zwei Wochen darauf trat Pan Andreas auf Sorokas Schultern gestützt noch vor Beginn des Gottesdienstes in die Kirche zu Upita ein und ließ sich an der ersten Bank auf die Kniee nieder. Er hatte sich sehr verändert. Sein durch die lange Krankheit bleiches und abgemagertes Gesicht war von einem langen Vollbart umrahmt. Allmählich begann sich die Kirche zu füllen. Zuerst kam die geringere Schlachta, dann begannen höhere Persönlichkeiten zu erscheinen, denn man kam von weit her, da rings um Upita herum alle Gotteshäuser geplündert oder niedergebrannt waren. Kmicic, der tief in seine Andacht versunken war, schenkte niemandem Aufmerksamkeit. Er erwachte erst aus seinen Gedanken, als ihn der Saum eines Kleides berührte. Pan Andreas hob den Kopf und erblickte das wunderschöne, wenngleich traurige Gesicht Alexandras. Sie hatte ihn augenscheinlich auch erkannt; denn sie wich ein wenig wie vor einer schrecklichen Vision zurück. In ihrem Gesichte flammte eine heiße Röte auf, dann jedoch erbleichte sie wieder. Aber mit übermenschlicher Willensanstrengung beherrschte sie sich und kniete neben ihm nieder. Ihr zur Seite kniete der Miecznik. So knieten sie nebeneinander mit gesenkten Köpfen, doch sie konnten hören, wie ihre Herzen klopften. Endlich sagte Pan Andreas: »Gelobt sei Jesus Christus!« »In alle Ewigkeit!« antwortete Alexandra halblaut. Und mehr Worte wechselten sie nicht miteinander. Der Pater trat heraus und begann seine Predigt. Kmicic verstand trotz aller seiner Bemühungen nichts. Die Heißersehnte, Teure, derentwegen er so viele Jahre Qualen gelitten hatte, die er niemals aus seinem Kopfe und aus seinem Herzen vertreiben konnte, war jetzt neben ihm! Er fühlte ihre Nähe; aber er wagte es nicht, seinen Kopf nach ihr umzudrehen, – er hörte nur mit Inbrunst ihren Atem. »Alexandra ist hier!« dachte er. »Gott bestimmte es, daß wir uns hier wiedersehen, – hier in der Kirche. – In der Kirche aber muß man beten, – alle sündigen Gedanken lassen.« Aber sowohl seine Lippen wie seine Seele wiederholten immer wieder denselben Namen: Alexandra! Alexandra! Bald wollte er weinen wie ein kleines Kind, bald beten, heiß beten, und Gott danken für alles, alles, alles! – Er war sich selbst nicht klar, was mit ihm vorging. – Sie aber lag auf den Knieen still neben ihm und hatte ihr Gesicht auf die Bank gelegt. Der Geistliche beendigte seine Predigt und ging dann von der Kanzel herunter. Plötzlich vernahm man in der Kirche von draußen her Waffengeklirr und Hufschläge. Jemand rief an der Schwelle: »Die Laudaer sind zurückgekehrt!« Und in der ganzen Kirche tönte es zuerst leise, dann lauter und lauter: »Die Laudaer, die Laudaer!« Die Menge kam in Bewegung. Alle wandten ihre Köpfe den Eingangstüren zu. In einer der Türen erschien Pan Wolodyjowski und Zagloba. Alle traten zurück und ließen die beiden durch, die zuerst vor dem Altar niederknieten und dann in die Sakristei gingen. Die Laudaer blieben vorn am Eingange stehen. Sie wagten es nicht, im Gotteshause ihre Freunde und Verwandten aufzusuchen und zu begrüßen. Was für ein Schauspiel bot sich hier den Blicken! Kriegerische Gestalten mit von der Sonne verbrannten und von den Kriegsmühen abgemagerten Gesichtern, auf denen die ganze Geschichte des Krieges mit dem Schwerte niedergeschrieben war! Da sind sie, die finsteren Butryms, da die Stakjans, die Domaszewicz'! Einige nur von allen. Kaum der vierte Teil von denen, die einst unter der Fahne des Pan Wolodyjowski zur Verteidigung des Vaterlandes ausgezogen, war zurückgekehrt. Dutzende von Frauen suchen vergebens ihre Männer, Dutzende von Vätern ihre Söhne. Das Weinen wird lauter, denn auch die, die die Ihrigen gefunden, weinen vor Freude. Die ganze Kirche hallt vom Geschluchze wieder. Von Zeit zu Zeit ruft eine Stimme irgend einen teuren Namen. Die Zurückgekehrten stehen auf ihre Schwerter gestützt, und über ihre rauhen Gesichter rinnen die Tränen. Da ertönt die Glocke in der Sakristei, der Lärm legt sich. Alle lassen sich auf die Kniee nieder. Mit zitternder Stimme verliest der Geistliche die Messe. Und als die Menge die Kirche verlassen will, erhebt er, zum Zeichen, daß er noch etwas zu sagen wünsche, das Evangelium. – Zuerst segnet er die zurückgekehrten Krieger, dann teilt er den Versammelten mit, daß er noch ein königliches Schreiben zu verlesen habe, das ihm vom Obersten des Laudaer Banners überbracht worden sei. In der Kirche wurde es lautlos still. Der Geistliche begann: »Wir, Jan-Kasimir, König von Polen, Großfürst von Litauen, Masovien und Preußen. Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes! Amen! Ebenso wie die Missetaten böser Menschen gegen die königliche Majestät und das Vaterland, ehe sie von dem Himmelsrichter bestraft werden, schon auf Erden ihre Vergeltung finden, ebenso darf auch die Tugend nicht ohne Belohnung bleiben. Denn die Tugend und der Ruhm segnen die Nachkommen und lehren sie, den heldenmütigen Vorbildern zu folgen. – Daher bringen wir dem ganzen Rittertum, dem Militär und den weltlichen Hochwürdenträgern, sowie der ganzen Bevölkerung des litauischen Großfürstentums und unserer Smudier Starostei zur Kenntnis, daß, welche Vergehen auch auf dem hochgeborenen und unserem Herzen so teuren Pan Andreas Kmicic, dem Orszaer Bannerträger, lasten mögen, diese seiner Verdienste und seines Ruhmes wegen aus dem Gedächtnisse aller Menschen ausgestrichen werden sollen. Denn nichts darf die Ehre und den Ruhm des Orszaer Bannerträgers schmälern.« Der Geistliche hörte auf zu lesen und blickte zu Pan Andreas hin. Kmicic erhob sich für einen Augenblick, dann ließ er sich wieder auf seinen Platz nieder. Er senkte den Kopf und schloß die Augen. »Pan Kmicic! Kmicic! – Da, neben den Billewicz'!« ging ein Flüstern durch die Kirche. Aber der Pater gab ein Zeichen mit der Hand, alle verstummten, und er fuhr fort zu lesen: »Der Orszaer Bannerträger war zu Anfang des unglücklichen schwedischen Krieges im Dienste des Wilnaer Wojewoden, jedoch nicht seines persönlichen Vorteils wegen, sondern aus Liebe zum Vaterlande; denn durch die Überredungskunst des Fürsten ward er irregeführt. Zum Fürsten Boguslaw gesandt, der ihn auch für einen Verräter hielt, und der ihm alle seine gottlosen Pläne eröffnete, versprach der Bannerträger nicht nur nicht Hand an uns zu legen, sondern er entführte den Fürsten, um uns und das mit Füßen getretene Vaterland zu rächen.« »Herr, erbarme dich meiner, der Sündigen!« erklang eine weibliche Stimme neben Pan Andreas. Der Geistliche las weiter: »Vom Fürsten verwundet und noch in seinen Kräften geschwächt, ging er nach Czenstochau, um an geweihter Stätte der heiligen Jungfrau zu dienen. Er gab allen dort ein Beispiel von unerschütterlichem Mut und Beständigkeit. Mit Gefahr seines Lebens sprengte er die größte feindliche Kanone in die Luft. Hierbei wurde er ergriffen, zu Tode verurteilt und schweren Martern unterworfen.« In der Kirche erscholl Schluchzen, Alexandra zitterte wie im Fieber. »Aber auch aus dieser Gefahr durch die Gnade der Himmelskönigin befreit, kam er zu uns nach Schlesien. Bei unserer Rückkehr in das geliebte Vaterland schützte er unser Leben, indem er sich mit nur drei Soldaten der ganzen feindlichen Macht entgegenwarf. Von Schwerten durchbohrt, in seinem ritterlichen Blute schwimmend, haben wir ihn wie tot auf dem Schlachtfelds aufgelesen.« Alexandra preßte ihre Hände an die Schläfe, der Atem verging ihr fast. »Als er sich durch unsere Pflege wieder erholt hatte, begann er mit großem Heldenmute, von den Hetmans den Rittern als glänzendes Beispiel hingestellt, gegen den Feind zu kämpfen. Nach der Einnahme von Warschau wurde er von uns unter dem angenommenen Namen Babinicz nach Preußen geschickt.« Kaum verhallte dieser Name, als sich in der Kirche Lärm und Ausrufe erhoben: »Also er ist Pan Babinicz! Also der Schrecken aller Schweden, der Retter von Wolmontowicze ist Pan Kmicic!« Die Unruhe wurde größer, die Menge begann sich zum Altar zu drängen, um den Helden besser zu sehen. »Herr, segne ihn! Herr, erlöse ihn!« hörte man überall erregte Stimmen. Der Geistliche bekreuzigte Kmicic, der eher einem Toten als einem Lebenden ähnelte. Seine von Glück erfüllte Seele schien gen Himmel zu schweben. »Eben derselbe Bannerträger verwüstete das feindliche Land durch Feuer und Schwert. Er ist es hauptsächlich gewesen, der den Sieg bei Prostki errang. Er nahm mit eigener Hand den Fürsten Boguslaw gefangen. Und dann erwies er uns in Smudien unermeßliche Dienste. Wieviele Städte und Dörfer er von dem Feinde befreit hat, das wissen die dortigen Einwohner selbst am besten! Stets sollten sie sich dessen erinnern!« »Das werden wir! Das werden wir!« hallte es in der ganzen Kirche. »Da wir alle seine Verdienste, die er uns, dem Vaterlande und dem Volke geleistet hat, wohl erwogen haben, so beschlossen wir, in diesem Schreiben zu verkünden, daß wir ihn all seiner früheren Vergehen ledig sprechen, damit, fernerhin dieser berühmte Ritter und Verteidiger des Vaterlandes nicht mehr unter menschlicher Mißgunst und Bosheit zu leiden habe. Und bevor wir ihn noch mit der Smudier Starostei belohnen, bitten wir die lieben Bewohner Smudiens, dies alles ihren Köpfen und Herzen einzuprägen.« – Der Geistliche hatte zu Ende gelesen, er wandte sich zum Altar und begann zu beten. Plötzlich fühlte Pan Andreas, daß jemand seine Hand ergriff und sie in Gegenwart aller an seine Lippen preßte. »Alexandra!« rief Kmicic staunend. Aber sie stand auf, und indem sie ihr Gesicht mit dem Schleier verhüllte, sagte sie schnell: »Onkel, komm, gehen wir fort von hier!« Und sie gingen durch die Tür der Sakristei hinaus. Pan Andreas versuchte aufzustehen, um ihr nachzueilen. Aber er konnte es nicht, seine Kräfte hatten ihn völlig verlassen. Eine Viertelstunde darauf stand er auf dem Platze vor der Kirche, einerseits auf Zagloba, andererseits auf Wolodyjowski gestützt. Rings um ihn drängte sich die Menge. Kleinere Schlachtschitzen und Bauern, alle wollten sie den einst so gefürchteten Kmicic, den Retter des Laudalandes und den künftigen Starosten, in der Nähe sehen. »Pan Andreas,« sagte Zagloba, »haben wir Ihnen nicht eine feine Überraschung mitgebracht? Das haben Sie wohl selbst nicht erwartet? Und jetzt, auf nach Wodokty! Nach Wodokty! Zur Verlobung und Hochzeit!« Die weiteren Worte Zaglobas wurden durch laute Rufe übertönt: »Es lebe Pan Kmicic! Es lebe der Pan Starost!« »Nach Wodokty, nach Wodokty!« rief Pan Zagloba, alle seine Kräfte anstrengend, um die Menge zu übertönen. »Nach Wodokty, nach Wodokty!« wiederholten Tausende von Lippen. Viele Laudaer bestiegen ihre Pferde, andere nahmen in Wagen Platz, und wieder andere liefen quer durch die Felder und Wälder nach Wodokty. Pan Kmicic fuhr in einem Wagen zwischen Zagloba und Wolodyjowski. Ihnen folgten Dutzende von verschiedenartigsten Fuhrwerken. Als sie die Hälfte des Weges zurückgelegt hatten, flüsterte Wolodyjowski Kmicic ins Ohr: »Wissen Sie nicht, wo jene, die andere, ist?« »Auch in Wodokty,« antwortete der Ritter. – – Anna Borzobohata war an diesem Sonntage nicht in der Kirche gewesen, da sie die kranke Tante Kulviec pflegen mußte. Erst spät am Morgen kam sie dazu, sich zum Gebet zurückzuziehen. Kaum hatte sie das letzte »Amen!« gesprochen, als vor dem Hause Rädergerassel erscholl. Gleich darauf wurde die Tür weit aufgerissen, und Alexandra stürmte wie ein Wind ins Zimmer. »Mein Gott! Was ist denn los?« rief Panna Borzobohata. »Weißt du, wer Babinicz ist? – Kmicic ist es!« Anna sprang auf. »Wer hat dir das gesagt?« »In der Kirche wurde ein königliches Schreiben verlesen. – Pan Wolodyjowski hat es mitgebracht. – Die Laudaer –« »Pan Wolodyjowski ist also zurück?« fragte Anna, indem sie sich der Freundin in die Arme warf. Alexandra war furchtbar erregt. Sie begriff nicht recht, was um sie her vorging. Helle, rote Flecke kamen auf ihrem Gesichte zum Vorschein, ihre Brust wogte ungestüm. Sie begann mit stockender Stimme alles, was in der Kirche geschehen war, zu erzählen. Dabei rannte sie unruhig im Zimmer umher und wiederholte jede Minute: »Ich bin seiner nicht wert! Ich bin seiner nicht wert!« Sie überhäufte sich mit Vorwürfen dafür, daß sie ihn einst gekränkt hatte, daß sie für ihn nicht beten wollte, während er sein Blut für die heilige Jungfrau und das Vaterland vergoß. Vergebens bemühte sich Anna, ihr gut zuzureden und sie zu trösten. Sie wiederholte immer dasselbe, daß sie seiner nicht wert sei, daß sie nicht wagen werde, ihm in die Augen zu blicken. Dann wieder begann sie von den Heldentaten Babinicz zu erzählen, von Boguslaw, von Prostki und Wolmontowicze, um sich gleich darauf zu erinnern, daß sie ihre Hartherzigkeit und ihre Sünden ihr Lebelang im Kloster werde büßen müssen. Als sie noch so miteinander sprachen, kam der Miecznik herein und rief: »Ganz Upita wälzt sich zu uns. Am Dorfe sind sie schon alle vorübergefahren, und Babinicz ist mit ihnen.« Wirklich drang von draußen her das Getöse einer vielköpfigen Menge zu ihnen. Der Miecznik nahm Alexandra bei der Hand und ging mit ihr auf die Veranda, Anna folgte ihnen. Auf dem Hofe standen schon viele Menschen. Bald zeigte sich eine Kalesche, die von Laudaern umringt war. In ihr saßen: Pan Kmicic, Pan Wolodyjowski und Pan Zagloba. In einiger Entfernung von der Veranda hielt der Wagen an, denn es war des Gedränges wegen nicht möglich, weiter vorzufahren. Zagloba und Wolodyjowski sprangen schnell aus dem Wagen, dann halfen sie Kmicic, indem sie ihn von beiden Seiten stützten. »Macht Platz!« rief Zagloba. »Platz machen!« schrieen die Laudaer. Die Menge ging zurück und ließ einen breiten Gang frei, auf dem die Ritter Kmicic zur Veranda führten. Er wankte, aber er schritt mit erhobenem Kopfe und einem glücklichen Lächeln auf dem Gesichte auf Alexandra zu. Diese hatte sich an den Türpfosten gelehnt, ihre Arme hingen kraftlos hernieder. Aber als er schon nahe war, als sie in das Gesicht des Leidenden blickte, der sich ihr nach so vielen Jahren der Trennung näherte, schnürte sich ihr die Kehle krampfhaft zusammen. Und auch er wußte vor Schwäche, vor Verlegenheit und Freude nicht, was er sagen sollte, und wiederholte mehrmals mit brechender Stimme: »Nun, was, Alexandra? – Nun, was?« Plötzlich fiel sie ihm zu Füßen und brach in Schluchzen aus: »Liebster, ich bin nicht würdig, deine Wunden zu küssen!« Da mit einem Male kehrten dem erschöpften Ritter seine Kräfte wieder. Er hob das Mädchen von der Erde auf und preßte es an seine Brust. Donnernde Hochrufe erschollen. Die Laudaer begannen aus ihren Büchsen zu schießen und ihre Mützen hoch in die Luft zu werfen. Ringsum sah man fröhliche Gesichter und glänzende Augen. Fortwährend ertönten die Rufe: »Vivat Kmicic! Vivat Panna Billewicz! Es lebe das junge Paar!« »Es leben zwei junge Paare!« bemühte sich Zagloba die anderen zu überschreien, aber seine Stimme verlor sich in dem allgemeinen Lärm. Wodokty verwandelte sich in ein wahres Heereslager. Den ganzen Tag lang schlachteten Diener des Pan Miecznik Hammel und Ochsen, andere wieder gruben Fässer mit Bier und Wein aus der Erde heraus. Am Abend ließen sich alle zu einem Festessen nieder. Überall wurde getafelt, in den Zimmern, auf dem Flur und im Hofe. Als die Stimmung ihren höchsten Punkt erreicht hatte, brachte Pan Zagloba folgenden Trinkspruch aus: »An euch wende ich mich, heldenmütiger Pan Andreas, und an dich, alter Freund Michail! Glaubt ihr, ihr habt dem Vaterlande genug gedient, wenn ihr eure Brust den feindlichen Schwertern darbotet? Eure Arbeit ist noch nicht beendet; es genügt nicht, unser Blut dem Vaterlande zu opfern. Während des schweren Krieges ist viel Volk ums Leben gekommen, und an euch ist es, möglichst viel Bürger und Verteidiger der Republik zu erzeugen! Ich hoffe, daß es euch dazu nicht an Lust und Tapferkeit gebricht! Panowie! Ich trinke auf das Wohl der kommenden Generationen! Möge Gott sie segnen. Möge er ihnen helfen, das Erbe, das wir ihnen durch unsere Mühen und unser Blut erworben, unversehrt zu erhalten. Mögen unsere Nachkommen unser gedenken, wenn wieder einmal schwere Zeiten hereinbrechen sollten, daß sie nicht in Verzweiflung geraten; denn es gibt keine Lage, aus der man sich nicht mit Gottes Beistand und Einmütigkeit heraushelfen könnte!« * * * Bald nach der Hochzeit mußte Pan Andreas noch einmal ins Feld ziehen, da an der östlichen Grenze wieder ein Krieg entbrannte. Doch den glänzenden Siegen Czarnieckis und Sapiehas über Chowanski und Dolgoruki und denen der Kronhetmans über Schermetjew gelang es bald, die Ruhe wieder herzustellen. Kmicic kehrte wieder zurück, von neuem mit Ruhm gekrönt. Er wählte zum ständigen Aufenthalt Wodokty und lebte dort still und ruhig und in Frieden mit allen Laudaleuten. Böse Zungen behaupteten freilich, daß er sich viel zu sehr dem Willen seiner Frau füge, aber Pan Andreas schämte sich dessen nicht. Er gestand allen selbst, daß er sich in wichtigen Angelegenheiten stets durch den Rat seiner Frau bestimmen lasse. – –